 XVIII. Märchenhafte Zustände. Die Bergstadt Eisleben. Der Beuchlitzer Weinberg. Die Pfarre in Giebichenstein. Secretariat des thüringisch-sächsischen Alterthumsvereins. Neue Zeitschrift für die Geschichte der Germanischen Völker. Hofrath Dorow. Die Gesellschaft vom ungelegten Ei. Studentencultur.  [442] Diese der Religionswissenschaft gewidmeten Studien wurden von neuen Umgestaltungen meiner geselligen Verhältnisse begleitet, die zuletzt in eine bedenkliche Breite ausliefen. Sie waren sehr mannichfaltig. Genthe[442] hatte sich Ostern 1831 mit meiner Schwester verheirathet. Ich war zur Hochzeit nach Magdeburg gefahren. Zu Pfingsten wanderte ich, angethan mit meiner grünen Studentenblouse, über den süßen und salzigen See am Fuß des alten Schlosses Seeburg nach Eisleben und wurde in der alten Lutherstadt, da ich diese kleine Reise auch schon das Jahr zuvor, zum ersten Mal noch als Student 1826 gemacht hatte, sie auch noch einige Male wiederholte, sehr einheimisch. Mit Bequemlichkeit konnte ich auch einer näheren Kenntnißnahme des Berg- und Hüttenwesens mich hingeben. Unter der Stadt Eisleben selber zieht sich ein langer Schacht hin, der bis auf siebenhundert Fuß Tiefe geht. ? Umgekehrt besuchte mich auch Genthe, theils allein, theils mit meiner Schwester in Halle, da meine gefällige Wirthin Raum zum Logiren bot. Auch Freund Bohtz wohnte bei mir, wenn er von Göttingen, wo es ihm nach Wunsch erging, zu seinem jährlichen Besuch der Seinigen in Dresden durch Halle kam. Ich ließ dann sofort Besser und Hinrichs von seiner Anwesenheit benachrichtigen, und Bohtz belustigte uns nun wie sonst mit seiner unerschöpflichen Komik und mit seiner Kunst, Personen zu copiren und zu carikiren. Es waren noch harmlose, glückliche Tage! Einmal fuhr ich auch mit Hinrichs und Besser auf einige Tage nach Leipzig, lediglich, um dort das Gefühl eines eleganten Comforts zu genießen, woran damals in Halle noch großer Mangel war. Wir logirten im Birnbaum (Hôtel de Pologne), machten an der Wirthstafel die Bekanntschaft der Leipziger Journalisten, unter denen Herloszon besonders hervorstach, tranken mit ihnen Kaffee im Rosenthal, besahen die Gemäldegallerie des Barons von Speck, schlenderten auf der Esplanade umher und schlossen am Abend im Theater. Wir suchten eben Alles auf, was uns, im Gegensatz zu Halle, die Empfindung großstädtischer Existenz geben konnte. ? Ein andermal wanderten Hinrichs, Besser, Lorentz, Scherk, der Mathematiker, Wilhelm Weber, der Physiker, und meine Wenigkeit über den Kamm der fetten Henne nach Naumburg, wo wir den schönen Dom besahen, dann nach Schulpforta, wo Professor Koberstein uns zu Mittag bei sich behielt. Ueber Kösen ging es hierauf nach Freiburg an der Unstrut. Unterwegs hatten wir ein furchtbares Gewitter zu bestehen, das uns bis auf die Haut durchnäßte. Im Gasthof zu Freiburg mußte der Wirth uns[443] Pantoffeln und alte Röcke und Mäntel borgen, um unsere Kleider am Feuer zu trocknen. Wir nahmen uns in den Trachten, die uns schlottrig um den Leib hingen, drollig genug aus und geriethen in die tollste Ausgelassenheit, in welcher Scherk es uns Allen zuvorthat und selbst seinen Freund, den sonst so gesetzten Weber, mit fortriß. Andern Tags kehrten wir über Merseburg nach Halle zurück. Mit Hinrichs setzte ich meine Gänge in die Umgebungen von Halle fort. Es blieb wohl kein Punkt von uns unbesucht, und die Namen Trotha, Giebichenstein, Kröllwitz, Bardt'scher Weinberg, Rabeninsel, Diemitz, klingen noch heute süß in meinen Ohren. Unser Hauptgang aber war zur Sommerzeit nach dem Weinberge von Beuchlitz, eine Meile vor dem Clausthor. Man kann dahin die Chaussee über Niedleben oder die Wiese über Passendorf gehen. So lange die Jahreszeit es erlaubte, schlugen wir diesen Weg ein. Erst wenn wir die Pulverweiden und die lange Saalbrücke mit ihrem Wahrzeichen, dem Saalaffen, hinter uns hatten, wurde uns ganz wohl. Der Braunkohlenstaub und die Salzdampfatmosphäre Halle's lagen hinter uns. Kein Mensch störte uns nun weiter in unsern rücksichtslosen Gesprächen. Der Weinberg liegt auf einer Anhöhe, die sich in ein kleines Plateau fortzieht, das sich nach hinten zu in eine von Kaninchen bevölkerte Senke abdachte. Hier befand sich das mit großen rohen Steinen überdeckte Grab eines Herrn von Witzleben, der sich aus Melancholie selber getödtet hatte, unter einem Rund von Bäumen. Das Plateau enthielt einen Wein- und Gemüsegarten, woran sich nach der freien Feldseite Kartoffel- und Getreideäcker anschlossen. Vorne, nach der Kante des Hügels zu, stand ein einfaches Haus. Hierin wohnte der Weinbauer, der alte Günther. Er war ein Wittwer und hatte einen einzigen Sohn, Wilhelm, der sich, während wir dort verkehrten, mit einem schmucken Mädchen verheirathete. Eine Magd und ein paar Hunde vervollständigten das Hauswesen. Wilhelm war zugleich der Jäger der Frau von Witzleben auf dem Gute in Passendorf, von welcher Günther den Berg in Pacht hatte. Hier saßen wir denn in einer kleinen Laube, tranken Kaffee oder Erlanger Bier und lebten ein seliges Leben, denn wir schwebten in unserer Unterhaltung wie Olympische Götter, die von der Höhe des Ida bei Nektar und Ambrosia über die weite Erdscheibe[444] dahinschauen, wirklich im Aether der Ideen, als ächte Platonische Enthusiasten. O himmlische Stunden, in denen wir den buntesten Wechsel der Vorstellungen durchliefen! Je länger wir zusammen waren, um so unerschöpflicher schien uns, was wir durchzusprechen hätten. Zwischendurch belustigte sich Hinrichs auch damit, dem alten Günther von der Pracht und Herrlichkeit Wiens zu erzählen, wozu derselbe ungläubig den Kopf schüttelte. Ich ging auch wohl allein auf den Weinberg, wenn Hinrichs verhindert oder, was öfter vorkam, sehr unpäßlich war. Ach, wie fehlte er mir dann und wie wehmüthig sah ich dann die Sonne sinken! Ich nahm dann einen Band von einer Taschenausgabe Byron's mit, in der Laube zu lesen. Ich hatte Byron seit 1824 liegen lassen, aber nun ihn mit der innigsten Hingabe wieder aufgenommen. Nächst Homer und Shakespeare, nächst Göthe und Schiller, hat kein Dichter meine Seele so, wie Byron, ergriffen. Bei einer unendlich reichen, concreten Anschauung von Natur und Menschenleben besitzt er eine unvergleichlich metaphysische Tiefe, die alle Räthsel unseres Daseins durchwühlt. Ich habe schon früher den Dualismus geschildert, der in Hinrichs waltete. Einerseits war er voll von den lebendigsten Anschauungen, andererseits, sobald er im engeren Sinne philosophirte oder schrieb, unterlag er einer Neigung zu einem methodischen Fanatismus, der von der Mannichfaltigkeit seines Innern wenig zu Tage kommen ließ. Er fühlte selber diese Doppelheit seines Wesens, die eine Folge seines eigenthümlichen Bildungsganges war, und suchte darüber hinauszukommen. Die kritischen Arbeiten, die er sehr fleißig für die Berliner Jahrbücher schrieb, wurden für ihn eine gute stylistische Schule, weil sie ihn zwangen, aus dem System herauszugehen, sich in andere Individualitäten zu vertiefen und auf die Lesbarkeit für das Publicum eine billige Rücksicht zu nehmen. Er machte darin mit der Zeit Fortschritte, die für ihn erstaunlich zu nennen waren. Für mich, einen polyhistorischen, zur Ausschweifung nach allen Seiten geneigten Geist, der im Grunde Alles interessant fand, sobald man sich nur genau damit befreunden wollte, war sein Dringen auf Festhalten der Methode wohlthätig. Umgekehrt wirkte die freie Beweglichkeit der Form, die mir eigen war, günstig auf ihn zurück. Während der Zeit, in welcher wir uns so innig in[445] einander hineinlebten, kam nun sein Dualismus in zwei Arbeiten zum Vorschein, mit denen er sich lange trug. Die eine war ein pures Gemächte der gewaltsamsten Abstraction. Hinrichs wollte eine Genesis des Wissens als ein Werk totaler Reform der Philosophie schreiben. Er wurde sich aber nicht klar, daß für das Hegel'sche System, dem er doch anhing, durch die Phänomenologie des Geistes dies bereits geschehen, ja von ihm selber theilweise schon im zweiten Abschnitt seiner Logik ausgeführt war. Was er hier das immanente Denken genannt hatte, war doch nichts, als der Nachweis, wie wir von der sinnlichen Gewißheit bis zum begriffsmäßigen Wissen gelangen. Jetzt wollte er das unmittelbare, das reflectirte und das absolute Wissen unterscheiden. Stellenweis kamen vortreffliche Expositionen darin vor, aber das Ganze blieb ein eben so mühsames, als todtes und unfruchtbares Product. Wenn ich ihm, sobald er mir von dem Fortgang seiner Arbeit Mittheilung machte, in aller Bescheidenheit opponirte, so behauptete er natürlich, daß ich ihn nicht genugsam verstände. Später würde ich es einsehen. Das Buch kam 1834 wirklich heraus, ohne in der Entwickelung der Wissenschaft die geringste Spur zu hinterlassen. Es ist diesem ersten Theil kein zweiter gefolgt. ? Die andere Arbeit, welche Hinrichs damals unternahm, war eine Darstellung der Schiller'schen Dichtungen. Er trug sie in einem großen Publicum mit gutem Erfolge vor. Als ich nun 1833 von Halle wegging, schenkte er mir das Manuscript mit der Absicht, daß ich es stylistisch zurecht machen sollte. Das Heft war ein ganz kleines Format, mit ganz kleinen Buchstaben bis an den Rand beschrieben. Ich war gerührt von seinem Vertrauen, aber ich wußte nicht recht, was ich mit dem Geschenk anfangen sollte. Endlich ließ ich es in Folio mit breitem Rande abschreiben, versuchte hier und da eine formelle Aenderung und machte Anmerkungen auf dem breiten Rande. Aber eine gänzliche Umschreibung, wie Hinrichs sie sich als möglich vorstellte, konnte ich nicht erzwingen. Ich war ja eben eine ganz andere Individualität, und wenn ich über Schiller hätte schreiben wollen, würde es eben in ganz anderer Weise geschehen sein. Hinrichs meinte, er habe die Sache, d.h. die philosophische Durchdringung des Dichters, gelöst und für mich käme es nur darauf an, seine abstracten Gestalten mit warmem Colorit zu[446] illuminiren. Jetzt machte ich ihm nun wieder diese Abschrift mit ihren Noten zum Geschenk und forderte ihn auf zur größeren Belebung doch auch die Urtheile von Göthe, W.v. Humboldt, Tieck und Anderen heranzuziehen. Amazon.de Widgets Nun warf sich Hinrichs mit Eifer in diese Lectüre und schrieb ein dreibändiges Werk über Schillers Dichtungen, das er mir am Schluß der Vorrede zum ersten Bande widmete. Hierin finden sich nun sehr gelungene Untersuchungen in einer bereits vom Schuljargon emancipirten Sprache, aber eine gewisse Unfreiheit und Sonderbarkeit der Behandlung blieb doch noch zurück. Wie ist es möglich, ein Werk über Schiller mit den Worten anzufangen: »Die Liebe ist die Rosenzeit der Jugend« und zu glauben, damit auf populäre Weise die Gedichte, welche Laura feiern, eingeleitet zu haben! Hinrichs sehnlichster Wunsch war immer, mit mir eine Reise über Wien nach Konstantinopel, von da nach Athen und zurück über Venedig und Innsbruck zu machen. Das Stange'sche Reisebüreau, mit welchem heut zu Tage eine solche große Tour so bequem und wohlfeil gemacht wird, existirte noch nicht. Es gehörten bedeutende Mittel dazu. Der berühmte Reisende Seetzen war Hinrichs Oheim gewesen. Er war in Syrien ermordet. Seine Papiere waren gestohlen und verschleppt. Hinrichs, als Erbe, bemühte sich Jahre lang um ihre Wiederentdeckung und es gelang endlich der Oestereichischen Polizei, sie ausfindig zu machen. Hinrichs kannte meine Vorliebe für Geographie und meine Belesenheit in Reisebeschreibungen. Er sandte mir die Manuscripte nach Königsberg, weil er ohne Weiteres annahm, daß ich dieselben für den Druck bearbeiten und mit einer Biographie Seetzen's einleiten könnte. Für das Geld, was das Unternehmen abwerfen müßte, sollte dann jene Reise von uns gemacht werden. Allein abgesehn von dem Zeitaufwande, den eine solche Arbeit erforderte und den ich in meinen damaligen Verhältnissen und Studien nicht aufbringen konnte, fehlte es mir auch an den dazu nothwendigen exacten historischen und geographischen Kenntnissen. Hinrichs war schwer zu überzeugen, daß ich der Redaction nicht gewachsen sei. Er hat sich dann an den Professor Kruse in Dorpat gewendet und mit ihm die Manuscripte herausgegeben. Als er in vorgerückten Jahren schwere häusliche Leiden durchzukämpfen[447] hatte, munterte ich ihn auf, sich in eine große Arbeit zu stürzen, die ihn aus sich herauszugehen zwänge. Ich schlug ihm die von der Hegelschen Schule so sehr vernachlässigte Naturphilosophie vor. Er ging auch darauf ein. Wie er aber statt einer Religionsphilosophie nur ein Buch über das Verhältniß von Religion und Wissenschaft, statt einer Psychologie eine Genesis des Wissens, statt einer Philosophie der Geschichte ein Buch der Könige schrieb, so auch statt einer Naturphilosophie zunächst eine kleine Schrift über die Entwicklung von Pflanze, Thier und Mensch und sodann ein Buch, das er, im Gegensatz zu Humboldt's Kosmos, Tellus benannte. Im Grunde mußte er doch dabei alle Hauptpunkte der Naturphilosophie berühren, aber er verzwergte gleichsam die Natur in die Entwicklung nur unsres Planeten. Es kamen, wie in allen Arbeiten von Hinrichs, angezeichnete Momente darin vor, aber zweierlei machte das Ganze unzugänglich. Das Eine war ein stetes Reflectiren auf den Gegensatz von Empirie und Spekulation, das Andre eine Vermischung von Resten der alten Schelling'schen Naturphilosophie, von der auch Hegel noch nicht ganz frei war, mit den Resultaten der neuern Forschungen, die er sich gewissenhaft anzueignen trachtete. Er schickte mir nun sein Werk zweimal nach Königsberg zur Revision. Ich verfolgte das erste Mal die Punkte, die ich in thatsächlicher Hinsicht für irrig oder für wenigstens bedenklich hielt und rieth ihm, die Einleitung über die Methode, die einen heutigen Leser nur abschrecken würde, ganz fortzulassen. Er hatte die Ausdauer, das ganze Werk umzuschreiben. Ich empfing es zum zweiten Mal. Jetzt konnte ich mich mehr auf die Formseite beschränken. Er ging nun an eine theilweise Umgestaltung über die er leider plötzlich dahin starb. Ich bekam nun nach seinem Tode die Arbeit zum dritten Mal, ob ich sie druckfertig machen könnte, allein ich überzeugte mich bald, daß es nicht möglich war. Meine Schreibart war zu disparat mit der seinigen, als daß ich stückweise Einschaltungen und Aenderungen hätte vornehmen können. Die Geologie aber ist bei uns in einer so heftigen und rapiden Umgestaltung begriffen, daß die Abführungen von Hinrichs veraltet erscheinen mußten, bevor sie zum Druck gelangten. Ich konnte, bei der Zwiespältigkeit meiner Ansichten, die Redaction nicht übernehmen. Ich war mit Hinrichs 1859 eine Woche hindurch in[448] Marienbad zusammen, wohin ich gereist war, uns noch einmal wiederzusehen und ungestört zu sprechen. Hier ging ich eines Tages mit ihm nach dem Podhorn, in welchem, wie im Kammerbühl bei Franzensbad, der Granit und Basalt in so merkwürdiger Weise neben einander auftreten. Hier kam denn die Unvereinbarkeit unserer Meinungen ganz klar zum Vorschein. Hinrichs fühlte sich in Halle nie glücklich. Er sehnte sich nach dem deutschen Süden, besonders nach Wien, das er leidenschaftlich liebte. Er hat auch viel dort gelebt, zumal seine Frau eine sehr angesehene und ansehnliche Verwandtschaft in Wien besaß. Er machte aber auch längere Aufenthalte in Paris, London und Italien. So wie die Sommerferien kamen, litt es ihn nicht mehr in Halle und doch mußte er sein ganzes Leben darin zubringen. Die Erinnerung läßt mir den Beuchlitzer Weinberg wie ein Märchen in der sonstigen Halleschen Prosa erscheinen. Aber auch auf der andern Seite der Saale, in Giebichenstein sollte sich für mich unerwartet eine märchenhafte Welt aufthun. Unter den Studirenden, die sich mir anzuhängen pflegten, war ein Schweizer, Rudolph Müller aus Lenzburg im Aargau. Er schwärmte für mich und hat dies noch 1836 öffentlich in einer Widmungsepistel an mich ausgesprochen, die er einer Schrift: Studien im Fache der Dramatik, vorsetzte. Er war ein großer, hagrer Mensch mit einem Knebelbart. Er trug eine Brille, weil er sehr kurzsichtig war. Er war ein edles Gemüth, aber nicht ohne eine gewisse krankhafte Reizbarkeit, die ihn später in den Parteikämpfen der Schweiz zu einem wechselvollen, oft sehr kümmerlichen Leben verdammte, in dessen kleinlichen Reibungen sein an sich großer Sinn die schmerzlichsten Qualen erduldete. Dieser Müller also kam eines Morgens zu mir, und brachte mir von dem Pfarrer Neide und seiner Familie in Giebichenstein Grüße mit einer Aufforderung zum Besuch. Wie Müller dort bekannt geworden war, habe ich vergessen. Ich hatte nichts davon gehört, daß mein alter Rector aus Magdeburg als Pfarrer nach Giebichenstein versetzt war. Das erste Mal ging ich am Abend mit Müller zusammen hinaus. Ja, es war mein alter Rector, den ich so oft durch mein schlechtes Rechnen geärgert hatte. Er hatte sehr gealtert, schnupfte noch mehr Tabak als sonst und[449] brachte, wie sonst, den größten Theil des Tages in seiner Studirstube zu. Dagegen waren die Kinder, die ich ganz klein gekannt hatte, herangewachsen. Die älteste Tochter, Luise, war ein schönes, höchst anziehendes Mädchen geworden. Ihre Schwestern, Marie und Sophie, befanden sich in jenem reizenden Stadium zwischen Kindhaftigkeit und Damenhaftigkeit, welches man das Backfischalter zu nennen pflegt. Der älteste Bruder August, mit dem ich 1826 in Halle noch zusammen studirt hatte, war bereits in Magdeburg als praktischer Arzt etablirt. Aber es war noch ein jüngerer Bruder, das jüngste Kind, ein ganz pudelnärrisches Subject mit den drolligsten Einfällen, vorhanden. Die Frau Pfarrer war eine stattliche, heitere Frau. Da ich nun von der Schule her mit den früheren Zuständen der Familie bekannt war, da wir außerdem über Magdeburg und viele seiner Inwohner reden konnten, so kamen wir dadurch bald in eine große Vertraulichkeit des Umgangs. Der Hund wedelte mir entgegen, die Kinder sprangen mit Halloh auf mich zu, wenn ich gegen Abend eintraf. Dann wurden von uns die tollsten Scherze getrieben, in deren kräuselnder Fluth besonders die beiden Backfische sich als in ihrem rechten Element mit Uebermuth tummelten. Die Mutter hielt uns, ohne uns in unsern schlechten Witzen zu hindern, in Ordnung und die schöne Luise war gewöhnlich die heimliche Anstifterin der Richtung, welche wir einschlugen. Oft lachten wir über eine Hecke von Unsinn, sogar über ein Nichts, aber wir lachten mit einer unbeschreiblichen Seligkeit. War dies nicht märchenhaft? Da oben über uns in seiner Stube saß mein alter Rector, vor dem ich gebebt hatte, wenn er meine Rechentafel in die Hand nahm. Hier, dicht neben mir, saß die gute Luise, die ich als kleines Mädchen mit dem Korb an dem wohlgerundeten Arm so oft hatte zur Schule wandern sehen. Da saß auf dem Sopha die Mutter, vor welcher ich sonst die Mütze in scheuer Ehrfurcht abgezogen, und ermuthigte mich, mich als ein Glied der Familie, als ein Kind unter Kindern zu fühlen. Wie aus dieser heitern Geselligkeit, die im herbstlichen Wurstfest culminirte, endlich auch sehr elegische Laute hervorbrechen sollten, das zu erzählen ist mir unmöglich. Der alte Herr starb schon nach einigen Jahren. Die Mutter zog mit den Kindern in die Stadt. Hier besuchte ich sie auf einer Reise 1838. Die Backfische[450] waren nun zu jungen Damen herangewachsen, Luise war die Verlobte eines Candidaten geworden; die Mutter hatte mit manchen Sorgen zu kämpfen. Ein ernster Ton überschwebte jetzt das ganze Familiengemälde. Wir brachen alle in Thränen aus, als wir uns unwillkürlich der glücklichen Stunden in Giebichenstein erinnerten. Zwanzig Jahre später war ich wieder auf einer Reise in Halle. Jetzt war die ganze Familie zerstoben. Mit welchen Empfindungen schlich ich den Weg am Pfarrhause hin, dessen mir ganz fremde Insassen nicht ahnen konnten, was mir das Herz bewegte, als ich einen Augenblick in Wehmuth verloren vor der kleinen Pforte still stand, wo die drei Mädchen mir so manchmal die freundliche, liebe Hand zum Abschied gereicht hatten. Außer mit den Familien Hinrichs und Neide habe ich in Halle keinen Familienumgang und daher auch weder mit Frauen noch mit Mädchen einen genaueren Verkehr gehabt. Da man wußte, daß ich verlobt war, so war ich für alle Mütter im Besitz heirathsfähiger Töchter kein Gegenstand. Nur Eine Frau war es, mit welcher mich allmälig innige Freundschaft verband. Es war die Frau Hofräthin Karoline Pfaff, die Wittwe des Mathematikers, die Mutter des Historikers Karl Pfaff, von welchem früher die Rede gewesen ist und der auch das Leben seines Vaters ausführlich beschrieben hat. Karoline Pfaff stammte aus dem Würtembergischen Adel. Ein Bruder von ihr, der General von Brandt, war eine Zeitlang Würtembergischer Kriegsminister. In dieser Frau habe ich alle vorzüglichen Eigenschaften des Schwäbischen Naturells im Verein mit einer seltenen Bildung des Geistes und Herzens lieben gelernt. Als ich mich verheirathete, war es mir sehr angenehm, daß meine Frau, obwohl eine prononcirte Berlinerin, sich unwiderstehlich von ihr angezogen fand. Ich stand noch Jahre lang mit ihr von Königsberg aus in brieflichem Verkehr, bis derselbe, wie die meisten meiner persönlichen Verhältnisse zu Deutschland, bei der Weite der Entfernung und dem immer größeren Auseinandergehen unserer Schicksale allmälig abstarb. Ich übergehe eine Menge von untergeordneten oder vorübergehenden Beziehungen, wie sie von einem akademischen Lehramt unzertrennlich zu sein pflegen. Man hatte mich, ohne daß ich irgend darum[451] angesucht hätte, am 18. Juli 1831 zum außerordentlichen Professor mit zweihundert Thalern Gehalt ernannt. Heffter, der Professor des Staats- und Völkerrechts, mit welchem ich 1848 zu Berlin unter ganz anderen Verhältnissen wieder zusammentreffen und auf dem Leipziger Platz nachbarlich wohnen sollte, vereidigte mich. Auch Freund Ritschl wurde zum Professor ernannt und die Fakultät wählte uns Beide als Commissarien für die Erledigung der Gesuche von Studirenden um Stundung der Honorare, denn sie that jetzt erst den Schritt, nach dem Beispiel der theologischen Fakultät, sich ebenfalls der Quästureinrichtung anzuschließen, während man bis dahin das widrige Geschäft der Honorarerlegung und des dabei vorkommenden Marktens persönlich hatte durchmachen müssen. Ich erwähne diese Thatsache, weil sie beweist, daß wir jungen Leute bei aller Excentricität, welche unser Treiben für die älteren Professoren haben mochte, doch eines sehr soliden Rufes uns erfreuen mußten, wenn man uns das Vertrauen schenkte, ein solches Finanzgeschäft mit Einsicht, Billigkeit und Gerechtigkeit zu verwalten. Es entstand damals überhaupt eine Bewegung, die man als das Vorspiel der späteren ansehen kann, die sich unter Arnold Ruge und den von ihm redigirten Halleschen Jahrbüchern vollzog. Während des Sommers 1830 hatte Hinrichs mit Besser Mittags bei mir gegessen, weil seine Familie in Giebichenstein eine Sommerwohnung bezogen hatte. Von Michaelis 1830 hatte ich mich wieder zur Stadt Zürich gewendet und mit Rosenberger, dem Professor der Astronomie, mit Ritschl, Lorentz, Besser, Blasius, Professor der Chirurgie, und einem Mathematiker, Dr. Bahrt aus Königsberg, eine eigene Tischgesellschaft in einem großen, nach dem Hof zu gelegenen Zimmer gebildet. Scherk, Professor der Mathematik, Friedländer, Professor der Medicin ? beide von Haus aus Königsberger ? kamen häufig zu uns, wenn wir noch Kaffee tranken, eine Cigarre rauchten und plauderten. Dies gab Veranlassung, daß wir nun auch zuweilen Abendzusammenkünfte verabredeten, woran sich allmälig Leo, Meier, Ullmann, der Germanist Wilda, Dr. von Madai, ein Jurist, derselbe, der durch seine Ereignisse als Professor in Dorpat später bekannt wurde, Hinrichs, Rödiger, Ruge und ich weiß nicht, wer sonst noch, betheiligten. Als der Sommer kam, zogen wir schon als eine geschlossene Gesellschaft[452] alle zwei Wochen an einem bestimmten Tage nach dem Schmidt'schen Garten vor dem Ranschen Thore. Die Gesellschaft wählte mich zu ihrem Vorstande. Ich hatte den Umlauf zur Einladung und die Handhabung des Mechanismus der äußeren Ordnung zu besorgen. ? Es wurden humoristisch sein sollende Vorträge gehalten und Jeder konnte, was er für besonders interessant hielt, mittheilen. Die Stadt gab uns den Spottnamen der »Gesellschaft vom ungelegten Ei.« Lorentz und Besser verloren wir leider bald, da sie als Professoren an das pädagogische Hauptinstitut nach Petersburg abgingen. Im Sommer 1832 siedelten wir die Gesellschaft nach dem Gasthaus »zur Traube« in Giebichenstein über. Als sich nun aber Leo, Blasius und ich verheiratheten, gab dies Veranlassung, im Sommer 1833 auch Damen zum Abendessen mitzubringen, und damit war die Gesellschaft, welche Ruge in seinen Memoiren der Burgundergesellschaft in der Sonne zu Jena verglichen hat, schon so gut als aufgelöst. Als ich im Sommer 1833 Halle verließ, kam zwar Herr von Madai an meine Stelle, aber die Epoche, welche jene sociale Welle erzeugt hatte, war vorüber, und es entstand eine ganz neue Parteibildung in Halle. Leo verfaßte einmal komische Statuten einer Verfassung der Gesellschaft vom ungelegten Ei, die er in alterthümlicher Weise mit einem Titel in rothen und schwarzen Buchstaben drucken ließ. Er faßte ihre Weisheit zuletzt in die Generalregel des alten Sprüchworts zusammen: O Jüngling, wasch den Pelz, doch mach' ihn dir nicht naß! Das konnte man von der Gesellschaft überhaupt sagen. Es herrschte in ihr eine dumpfe geistige Gährung, die zu keiner Klarheit gelangte, kein irgend bedeutendes Resultat ergab, doch aber Regsamkeit genug besaß, durch ihr Treiben die alten Herren zu beunruhigen. ? Ich war von dem Buchhändler Reineke mit meinem Verlag zu Anton übergegangen, dessen Laden am Markt, dicht neben der Waage lag und der selber noch ein junger, unternehmender Mann war. Er wurde auch der Verleger von Lorentz, Leo und Burmeister. Von Zeit zu Zeit lud er uns Sonntags zu kleinen Mittagessen ein, nach deren Beendigung wir zur sommerlichen Zeit den Kaffee bei ihm im Garten tranken. Dies waren oft sehr vergnügte Stunden, in denen es auch zu recht ernsten Gesprächen kam. Anton besaß auch eine schöne Muschelsammlung,[453] die mich, da ich selber Sammler in diesem Fach gewesen war, lebhaft interessirte, und Burmeister, obwohl er sich damals mehr mit den Insekten beschäftigte, zu manchen lehrreichen Auseinandersetzungen veranlaßte. Anton faßte eine große Neigung zu mir, die er mir durch sein ganzes Leben bewahrt und gelegentlich auch bethätigt hat. Als Lorentz nach Petersburg abging, überredete er mich, das Secretariat der Thüringisch-Sächsischen Alterthumsgesellschaft, das er bis dahin bekleidet hatte, zu übernehmen. Er schlug mich dem Präsidium vor, auf dessen Antrag ich einging. An der Spitze des Vereins stand als Protector der Kronprinz Friedrich Wilhelm. Dann folgte der Präsident, Oberberghauptmann von Veltheim; diesem der Vicepräsident Dr. Weber, ein Arzt. Unter mir hatte ich einen besoldeten Secretariatsadjuncten, einen alten Candidaten der Theologie, Wiltzsch, und eine Botenfrau Gesner, welche das Geschäft ihres verstorbenen Mannes für den Verein fort setzte. Auf einem langen Corridor der schon mehrfach erwähnten Residenz befand sich eine Reihe von Zimmern, in denen die Sammlungen des Vereins aufgestellt waren. Ein großes salonartiges Zimmer enthielt die Bibliothek, einige mittelalterliche Kunstwerke und einige Oelgemälde, unter denen ? mir unerklärlich, wie sie dahin gekommen ? sich auch eine Copie der Jo Coreggio's befand. Die kleinen Gemächer waren mit Repositorien angefüllt, auf deren Brettern die Aschenkrüge, Waffen, Zierrathen aufgestellt waren, die sich bei Ausgrabungen gefunden hatten. Es war die Romantik des Mittelalters, welche mich verführte, mich auf diese Welt einzulassen. Anfangs gab mir auch die Musterung der Bibliothek und der alterthümlichen Gegenstände eine anregende Unterhaltung. Ich fand den Verein in gänzlicher Verwahrlosung, die mich anreizte, ihn neu zu organisiren. Das Präsidium kümmerte sich um nichts. Es ließ mich schalten und walten, wie ich wollte. Dr. Weber bezeigte noch am meisten ein sachliches Interesse. Der Verein hatte früher unter dem Secretariat des Professors Kruse eine Zeitschrift herausgegeben. Mit seinem Abgang nach Dorpat hatte sie aufgehört, und seitdem war der Verein so verfallen, daß die spärlich einlaufenden Beiträge kaum hinreichten, die Kosten für Herrn Wiltzsch, Frau Gesner und die Bibliothek zu tragen. Ich beschloß also, den Verein durch ein neues Organ wieder[454] zu beleben und überredete Anton, dasselbe unter dem Titel: »Neu Zeitschrift für die Geschichte der Germanischen Völker« in vier jährlichen Heften herauszugeben. Im ersten Heft motivirte ich mein Vorhaben ausführlich. Sofort zeigte sich auch die Wirkung. Eine Menge von Vereinen ? bis nach Kopenhagen hin ? ernannte mich zu ihrem Ehrenmitglied. Amazon.de Widgets Auch an Beiträgen fehlte es nicht, aber das Wenigste davon war zu gebrauchen. Aus Westphalen namentlich wurde ich mit Nachweisen von Pastoren und Gutsherren überschüttet, daß in ihrer Gegend die Hermannsschlacht stattgefunden haben müsse. Eine Hauptrolle spielt dabei der Name Blutbach (Blootbeek), welchen die Herren auf eine Stelle im Tacitus, auf das vom Blut der Kämpfenden geröthete Wasser bezogen. Allein dieser Name kommt oft vor, weil er von dem Blut der Opferthiere herrührt, das von einer Rinne am Altar in den nächsten Bach abfloß. Ohne Wasser in der Nähe war ein Opferplatz für Thiere nicht möglich. Viele Briefe forderten auch Unterstützung, um Hügel aufgraben zu lassen, in denen man Gräber vermuthete. Da der Verein aber so gut wie keine Mittel besaß, so verdroß es mich bald, immer ablehnend antworten zu müssen. Diese breite und inhaltlose Correspondenz, die oft vergeblichen Versuche zur Einziehung der restirenden Beiträge, die Anordnung und Correctur der Hefte der Zeitschrift nahmen mich so in Anspruch, daß ich nicht dazu kam, selber eine Arbeit beizusteuern, obwohl ich mich mit einigen sehr schönen Entwürfen, namentlich mit dem einer Archäologie des Deutschen Mittelalters, trug. Auch eine Vergleichung der noch vorhandenen Glaubensbekenntnisse der Germanischen Völker lag mir am Herzen. Eines Morgens erschien im schwarzen Frack, einen Orden im Knopfloch, ein Herr von sehr eleganten, weltmännischen Manieren bei mir, mit der Bitte, ihm die Sammlungen des Vereins zu zeigen, was auch geschah, und wobei er vielerlei Kenntniß solcher Dinge an den Tag legte. Es war der Hofrath Dr. Dorow. Dieser Mann war aus Königsberg gebürtig, wo er mich auch späterhin noch besucht hat. Er hatte eine abenteuerliche Laufbahn durchmessen, halb Diplomat, halb Gelehrter. Er hatte sich immer auf Reisen in Europa umhergetrieben und überall, nach Oben wie nach Unten, Bekanntschaften gemacht.[455] Er war ohne alle Productivität, aber er verstand es, Briefe und Manuscripte zu sammeln und Andere arbeiten zu lassen. Diese Miscellen übergab er dann dem Druck und gelangte dadurch auch zu einem literarischen Rufe. So war er z.B. in Toscana gereist, hatte dort viele Gräber untersucht und beschrieben, die Berichte hierüber nebst den Zeichnungen, die er hatte machen lassen, an den berühmten Archäologen Raoul Rochette in Paris gesandt, und sie dann mit gelehrten Bemerkungen, sowie mit einem Heft von lithographirten Zeichnungen als eine Voyage en Etrurie drucken lassen. Dieser Mann nun lebte im Sommer 1832 zu Merseburg bei seinem Freunde, dem Hofrath Römer, mit welchem er unter Hardenberg's Ministerium gemeinschaftlich beschäftigt gewesen war. Im Schloßgarten von Merseburg befindet sich ein altes Grab, das auch schon viel gezeichnet und beschrieben war. Als Dorow es kennen lernte, verlieh er ihm eine ganz außerordentliche Wichtigkeit. Er bewog den Verein, eine neue, größere und vollständigere Zeichnung in farbigem Steindruck machen zu lassen und sandte sie an seinen Freund, Freiherrn August von Haxthausen in Westphalen. Dieser schrieb ihm darüber, daß das Grab kein Germanisches, sondern das eines Heerführers Attila's sei, als derselbe auf seinem Zug nach Frankreich durch Thüringen gekommen. Als Honorar für diese Arbeit, welche Dorow in meiner Zeitschrift herausgab, wurden hundert Separatabdrücke nebst den Zeichnungen ausbedungen, welche Dorow und Haxthausen in die weite Welt versandten. Auch hier hatte Dorow nur eine formelle Thätigkeit geübt, allein sein Name hatte sich wieder geltend gemacht. Da die Kosten dieses Unternehmens durch die Steindrücke zuletzt weit über die Mittel des Vereins hinausliefen, so war das Ende vom Liede, daß ich, um nur Frieden zu haben, noch einige sechszig Thaler aus meiner Tasche opferte. Diese Erfahrung war nicht sehr ermuthigend. Anton kam mit dem Verlag auch auf keinen grünen Zweig. Aus den Sammlungen konnte ich auch keinen geistigen Gewinn ziehen. Da stand ich manchmal vor den Todtenurnen. Meine Hand hielt den Staub einer vor Jahrhunderten verbrannten Leiche zwischen den Fingern. Dieser Zusammenhang der Gegenwart mit einer weit entlegenen Vergangenheit war romantisch, aber inhaltlos. Ich nahm die Kopfringe und Spangen[456] in die Hand, welche das Haupt eines Priesters geschmückt haben konnten. Ich berührte die angebrannten Getreidekörner, die in den Spalten eines Altarsteins gefunden waren, mit Gedanken an die von mir beschriebene Naturreligion. Aber das war auch Alles. Die weißen oder rothen Streifen und Zickzacklinien auf den Aschenkrügen, aus denen Dorow so viel machte, ließen mich in ihrer Rohheit ganz kalt. Die Schlüsse, welche Dorow aus ganz kleinen Modificationen derselben für die Unterscheidung verschiedener Stämme ziehen wollte, schien mir äußerst problematisch. Wir treffen solche rohe Anfänge einer linearen Ornamentik auf einer gewissen Culturstufe in ganz ähnlicher Form bei allen Völkern. Eine Zeitschrift, welche kein Honorar zahlt, sondern von zufälligen Beiträgen abhängt, kann nur unter sehr günstigen Umständen etwas Gutes leisten. Von allen namhaften Gelehrten, die mir zuerst ihre Theilnahme zugesagt hatten, war Freund Leo der einzige, der mir eine Abhandlung über die Ahnen Karl's des Großen beisteuerte. Ich verschwor es, je wieder die Redaction einer Zeitschrift zu übernehmen und habe von so vielen guten Vorsätzen, denen ich doch wieder untreu wurde, wenigstens diesen gehalten, obwohl mir später oft sehr lockende Anerbietungen gemacht wurden. Ich beschloß die Zeitschrift mit dem vierten Heft und legte auch das Secretariat am Ende des Jahres 1832 nieder. Indessen hatte mein Versuch wenigstens eine frische Anregung gegeben, so daß der Bibliothekar, Dr. Förstemann, der an meine Stelle trat, die Zeitschrift unter etwas veränderter Gestalt wieder aufnehmen konnte. Halle sollte nun auch ein Universitätsgebäude erhalten. Die Feier seiner Grundsteinlegung habe ich noch mitgemacht. Der Bauführer Stapel, ein Berliner, ein sehr liebenswürdiger Mann, der auch ein guter Landschaftmaler war und von seinen Reisen ein interessantes Album zusammengebracht hatte, wurde mir und dann auch meiner Frau befreundet. Auch ein Museum mit einem Lese- und Sprechzimmer, wo auch das Rauchen erlaubt war, wurde durch Professor Blume, dem bekannten Juristen, eingerichtet. Auch Ballabende schlossen sich im Winter diesem geselligen Institute an. Das war für Halle, wo bis dahin der Berg an der Moritzburg der einzige Vereinigungspunkt der besseren Gesellschaft gewesen war, ein großer Fortschritt. Das Museum miethete die oberen Räume des Rathskellers und wir Jüngeren unterstützten[457] Blume aus allen Kräften. Er wollte auch die Studirenden zur Theilnahme heranziehen, stieß aber hier bei den Corps auf Widerstand, weil sie darin eine Absicht witterten, ihrem wilden Gebahren in Trinkgelagen und Raufereien entgegenzutreten. Blume sollte gesagt haben, er hoffe, daß das Museum die Sitten der Studirenden geschliffener machen würde. Die Corps ließen nun einen Pfeifenkopf mit einer Caricatur verfertigen. In der Mitte des Bildes stand ein Schleifstein. Links von ihm Blume im schwarzen Frack, hinter dem Schleifstein die Gesenia, d.h. die hübsche Tochter des Professors Gesenius, die eine sehr beliebte Tänzerin war. Rechts stand der Pedell Hänisch und bog einen Studenten im Flauschrock zum Schleifstein hinab. Sein Cereviskäppchen lag neben ihm auf dem Boden und seine langen Haare strudelten auf den Stein hinab. Fräulein Gesenius drehte die Kurbel desselben. Unter dem Bilde standen die Worte: »Wie ein Hallenser Student geschliffener wird.« 
 Vorwort.  [5] Mein Leben zerfällt in zwei Hälften. Die erste reicht von Magdeburg bis Königsberg, die zweite verläuft seit vierzig Jahren in Königsberg. ? Diese Stadt ist so sehr meine zweite Heimath geworden, daß ich mich nach ihr, wenn ich einmal längere Zeit von ihr entfernt war, immer wieder zurücksehnte. Die Freude an meinem Lehramt, die Anhänglichkeit meiner Zuhörer, die Liebe meiner Collegen und die Freundschaft so vieler ausgezeichneter Menschen haben mich die bekannten Unbilden der hiesigen Localität längst vergessen lassen. ? Als ich nun vor mehreren Jahren durch eine Reihe sehr schmerzlicher Ereignisse ganz in mich hineingescheucht wurde, reagirte ich, nach meiner Weise, durch wissenschaftliche Arbeiten. Mein Gemüth suchte aber nach einer noch anderen Genugthuung. In dieser Stimmung fiel ich darauf, das vorliegende Buch zu schreiben. Als ich es im vorigen Sommer vollendet hatte, schien es mir nicht unwerth, auch veröffentlicht zu werden, weil es sittengeschichtlich, pädagogisch und literarisch einen Beitrag zu derjenigen Entwickelung in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts giebt, welche wir jetzt mit dem Namen der Romantik zu bezeichnen pflegen. Man sieht, wie ich allmälig ganz in sie versinke und wie ich mich dann allmälig durch die Philosophie aus ihr herauszukämpfen anfange. Ich sage: anfange, denn auch hier in Königsberg dauerte der Kampf fort. Waren der[5] Romantik doch von hier durch Hamann, Hippel und Werner starke Elemente zugeführt worden, die auf einem Dualismus zwischen nüchterner Verständigkeit und phantastischer Ueberschwänglichkeit beruhen. Die Personen, die ich erwähnen mußte, sind großentheils dahingeschieden; doch lebt noch eine kleine Anzahl meiner alten Freunde, fast von jeder Station noch der eine oder andere Repräsentant. Auch meine gute Schwester Henriette, die Gefährtin und Vertraute meiner Jugend, habe ich das Glück, noch am Leben zu besitzen. Meine Frau erlebte noch die Niederschrift dieses Buchs. An dem Tage aber, an welchem der erste Correcturbogen desselben von Berlin anlangte, legten wir sie, nach langen und schweren Leiden, in den Sarg. Die ehrwürdige Anstalt, welcher ich die Grundlagen meiner gelehrten Bildung verdanke, das Pädagogium Kloster Lieben Frauen in Magdeburg, habe ich 1866 wiedergesehen. Von der Straßenseite her fand ich die zu ihm gehörigen Häuser unverändert, im Innern dagegen große Umbauten, Erweiterungen und Verschönerungen. Mein ehemaliger College, Herr Professor Dr. Schulze, hatte die Güte, mich umherzuführen. Mit Wehmuth betrat ich die Stufen der großen Treppe, beschritt ich den Classensaal mit seinen nach dem Kreuzgang gerichteten Fenstern und das Zimmer, worin jetzt noch, wie zu meiner Zeit, die Abiturientenarbeiten gefertigt werden. Die Menge der Classen, die Ausdehnung des Alumnats, der überall herrschende Comfort der Einrichtung, gaben mir eine Anschauung von der Blüthe, deren sich das Kloster gegenwärtig erfreut. Amazon.de Widgets Die Ueberschriften, welche ich den einzelnen Capiteln gegeben habe, sollen den Inhalt derselben nicht, wie es jetzt üblich ist, erschöpfen. Sie sollen dem Leser nur einen chronologischen und topographischen Leitfaden mit einer ungefähren Andeutung der Hauptsache darbieten. Wenn ich in der Ueberschrift zum[6] dreizehnten Capitel sage: ich reiße mich von der Theologie los, so hätte ich mich vielleicht anders ausdrücken sollen, nämlich: ich reiße mich von dem Beruf für den geistlichen Stand los. Denn das Nachdenken über die Frage, ob ein Wesen existirt, wie die Menschen es sich unter dem Worte Gott vorzustellen pflegen, ist im Grunde das Problem, welches mich unaufhörlich beschäftigt und auf welches ich von jeder besonderen Wissenschaft aus zurückkomme. Alle sogenannte positive Theologie macht die Existenz Gottes schon zur Voraussetzung, die Philosophie aber hat diese Hypothese selber kritisch zu analysiren. Der Glaube beruhigt sich bei dem Zeugniß der Auctorität; die Wissenschaft, um zur absoluten Gewißheit vorzudringen, kann des Zweifels an der Wahrheit des Glaubens nicht entbehren. Ich habe einfach, ohne allen künstlichen Aufputz, die Geschichte meiner Jugend erzählt. Die Zusammenhäufung der romantischen Elemente in ihr ist von mir rein thatsächlich, ohne Tendenzmacherei, geschildert. Ich habe der Versuchung widerstanden, diese Elemente über das Maaß meiner Wechselwirkung mit ihnen in eine Breite auszudehnen, zu welcher die biographische Form so leicht verlockt. Ich habe daher z.B. von dem Bergbau in Eisleben nur gesagt, daß ich durch einen öfteren Aufenthalt in dieser Stadt eine genauere Kenntniß des Berg- und Hüttenwesens erlangt habe. Der Bergmann galt nach Novalis' Osterdingen auch als eine poetische Figur der Romantik. Als ich aber in Eisleben mich auf eine gründlichere Anschauung seiner Arbeiten einließ, stand ich schon nicht mehr auf dem Standpunkt, in ihm mit der Romantik nur die geheimnißvolle Seite seines unterirdischen Reiches zu bewundern. Es überwog bereits die rationelle Auffassung. Nichts desto weniger gehört es zu der Vollständigkeit meiner romantischen Erfahrung, daß ich auf ganz natürliche, ungesuchte Weise auch den Betrieb des Bergbaus kennen lernte.[7] Unter den Druckfehlern dieser Schrift sind manche sehr lächerliche, z.B. ein Operprimaner statt eines Oberprimaners; oder boshafte, wie eine Phrase statt Phase der Begeisterung. Einen Fehler aber muß ich hier ausdrücklich denunciren, weil er eine historische Unrichtigkeit enthält. Seite 277 steht: Reinhard's Garten; es muß aber heißen: Reichhard's Garten. Eine gerechte Kritik darf ich wohl nicht daran erinnern, daß in diesem Buche nicht mein ganzes Leben, sondern nur dessen erste kürzere Hälfte vorliegt, welche zeigt, wie ich aus dem labyrinthischen Irrgarten der Romantik mich bis zur Freiheit der Philosophie fortgearbeitet habe, deren Cultus in Lehre und Schrift das höchste Glück meiner Existenz ausmacht. Königsberg, im Mai 1873. Karl Rosenkranz.[8] 
 XIX. Die Cholera. Berlin. Hegel's letzter Geburtstag. Choleraquarantaine im Gasthof Mailand vor Wittenberg. Halle. Hegel's Tod. Winterreise nach dem Harz. Halle. Die Cholera bringt mich dem Tode nahe.  [458] In diesen märchenhaften Zustand sollte nun eine fürchterliche Prosa, die Cholera, einbrechen. Ich übergehe eine Beschreibung der Beängstigung der Gemüther, welche das Herannahen dieser geheimnißvollen Krankheit damals verbreitete. Sie wurde der unaufhörliche Gegenstand der Unterhaltung. Die Regierung faßte sie bekanntlich als eine contagiöse Krankheit auf und traf darnach ihre Einrichtungen. Da nun auch die Gespräche unserer Tischgesellschaft in der Stadt Zürich gar[458] nicht von dem leidigen Thema loskommen konnten, so beschlossen wir, nach dem Essen, statt uns zu unterhalten, Karte zu spielen. Wir wechselten mit Whist und Boston. Gegen Ende August reiste ich nach Berlin und erlebte hier den Ausbruch der Cholera. Wer irgend die Stadt hatte verlassen können, war entflohen. Dr. Matthies, später Professor in Greifswald, wollte sich als Licentiat der Theologie habilitiren. Da es an Opponenten mangelte, that ich ihm den Gefallen, ihm bei der Disputation in der großen Aula der Universität zu opponiren. Die Thesen dazu hatte ich Tags vorher per Stadtpost durchstochen und durchräuchert zugeschickt erhalten. Marheineke fungirte bei der Feierlichkeit als Dekan. Hegel wohnte vor dem Halleschen Thor im sogenannten Schlößchen am Kreuzberge, und ich erlebte die Feier seines letzten Geburtstages in Tivoli, die ich in seiner Biographie beschrieben habe. Ich war ganz sorglos und beobachtete mit Interesse die Wirkungen, welche die Krankheit in der Stadt hervorbrachte. Ich nahm sie als eine sociale Studie und hatte mich bald an den Anblick der in schwarze Wachsleinwand gehüllten Männer gewöhnt, welche die Kranken in verhüllten Körben zu den Hospitälern trugen. In dieser traurigen Zeit war es, wo ich Hegel und Marheineke persönlich näher trat, weil die meisten ihrer Bekannten verreist waren und sie deshalb mir eher ein Stündchen schenken konnten. ? Ende September nahm ich wohlgemuth Abschied von ihnen und reiste mit der Schnellpost bis nach der Stadt Mailand, d.h. bis zu einem Gasthof dieses Namens auf einer Anhöhe vor Wittenberg, wo die Regierung eine Quarantaineanstalt eingerichtet hatte, die sich, wie ich erfuhr, unter der Leitung eines meiner ehemaligen Schulkameraden vom Kloster, des Regierungsrathes Danneil, befand. ? Der Gasthof war ein großes viereckiges Gebäude, das einen Hof einschloß, in dessen Mitte eine kleine Fontaine plätscherte. Sie sollte vielleicht die Italienische Benamsung des Hôtels rechtfertigen; denn ? gewisse Schmuzereien ausgenommen ? erinnerte sonst nichts hier an Italien. Neben diesem Hauptgebäude lagen Stallungen und Scheunen. Die letzteren waren zur Aufnahme der Handwerksburschen eingerichtet, die hier mit einem Strohlager vorlieb nehmen mußten. An jeder Ecke des Gasthofs und[459] der Scheunen stand ein Wachtposten mit scharf geladenem Gewehr. Ich war von Berlin aus der einzige Passagier in der Post gewesen. Im Dämmergrauen des Morgens, bei einem kalten Herbstnebel, langte ich an. Mein Koffer war schon in Berlin desinficirt und mit einem Kreuz von Chlorkalk bemalt. Ich selber wurde sogleich in eine Kammer geführt, die man hinter mir zuschloß. Man entwickelte darin Chlordämpfe. Ich mußte so lange darin bleiben, bis ein an Erstickung grenzender Husten aufmerksam machte, mich herauszulassen, wenn man mich nicht tödten wollte. Nun wurde ich in das mir bestimmte Zimmer geführt, wohin mein Koffer bereits gebracht war. Hier fand ich zwei Personen vor, die nicht sehr zufrieden waren, sich so früh in ihrem Schlaf gestört zu sehen. Ich setzte mich stillschweigend auf einen Stuhl vor dem dritten, mir bestimmten Bett. Es verflossen nun ein paar sehr unerquickliche Stunden, bis wir beim Kaffee Bekanntschaft mit einander machten. Da ergab es sich denn, daß wir, im Ganzen genommen, gut zu einander paßten. Der eine der Herren war ein Pädagoge, Dr. Friedmann, der von einer Reise nach Rom und Neapel zurückkam, der andere ein Assessor Grimm. Wir hielten nun in unserer Gefangenschaft zusammen, gingen auf den Hof und die Chaussee, so weit die Schildwachen es erlaubten, zusammen spazieren, beobachteten die neu Ankommenden und die Abreisenden, kritisirten die Einrichtungen, rauchten viel Cigarren und tranken viel Rothwein, den wir uns durch einen Boten von Wittenberg bringen ließen. Zuweilen erwischten wir auch ein Exemplar der Zeitung, die uns von der übrigen Welt und von dem weiteren Vorrücken der Cholera Kunde gab. Wenn wir Abends von dem steilen Rande der einen Chausseeseite die Stadt Wittenberg in der Ferne vom Sonnenschein überglänzt als ein verbotenes Paradies vor uns erblickten, so hätte ich nie geglaubt, daß sie mir so poetisch erscheinen könnte, als meine Situation mir jetzt ihre Mauern und Thürme vorführte. Acht Tage lang mußte ich in derselben aushalten. Am fünften Tage reiste Dr. Friedmann, am sechsten Assessor Grimm ab, so daß ich am siebenten das Gefühl der Gefangenschaft in meiner Vereinsamung noch stärker empfand, bis ich am achten mit der Schnellpost nach Halle abfahren durfte. Amazon.de Widgets Hier trat ich nun in den gewöhnlichen Lauf der Dinge ein, bis[460] Leo mir am sechzehnten November die Nachricht brachte, daß Hegel am vierzehnten an der Cholera gestorben sei. Dies war ein harter Schlag, der mich in's Innerste traf, denn Hegel war nicht nur ein großer Philosoph und großer Lehrer, er war auch ein höchst rechtschaffener, liebevoller Mensch, den ich bei meinem letzten Aufenthalte in Berlin, wo ich ihn auch in seinem glücklichen Familienleben kennen lernte, tief in mein Herz geschlossen hatte. Auch Leo fühlte den Verlust des Lehrers und Freundes, der sich seiner bei den Schwierigkeiten seiner Lage, seit er von Berlin nach Halle übergesiedelt war, mit warmer und wirksamer Theilnahme angenommen hatte, auf das schmerzlichste. Mich rührte die Sympathie, welche Leo mir bei dieser Gelegenheit zeigte. Er hatte mir sein Lehrbuch der Geschichte des Mittelalters geschenkt. Da nun meine theologische Encyklopädie eben herausgekommen war, so schickte ich ihm den Tag nach diesem Besuch ein Exemplar derselben, welches ich mit folgenden Versen begleitete, weil ich sie sowohl für den Zeitmoment, wie für unser persönliches Verhältniß als charakteristisch ansehen muß: In einsamer Klause saß ich gestern Abend trüb' gestimmt, Was das Leben giebt, bedeutend, und wie es der Tod uns nimmt; Wie so wohl es thut im Leben, nicht zu sein verwaist, verlassen: Mitgefühl, es stärkt zum Lieben, Mitgefühl, es stärkt zum Hassen. Und tief fühlt' ich das Vertrauen, was Du gestern mir gezeigt, Als Du jener Trauerkunde herben Kelch mir dargereicht; Und ich dachte, wie so Vieles Du bei mir gewirkt im Stillen, Angeregt entschied'ne Bildung, Kräftigung dem schwanken Willen. Hieroglyphisch Dir zu zeigen, was ich stets für Dich empfunden, Send' ich dieses Buch Dir jetzo, Frucht von arbeitsel'gen Stunden, Denn es ist von dem Geliebten, der dahin nun, ausgegangen, Und zugleich von Deiner Forschung hat es manchen Keim empfangen. Lebe wohl und denk' bei diesem Buch an das, was wir verloren, Denke, wie durch seine Weihe viel im Geiste neugeboren, Und wie alles Thun und Wissen doppelt uns durchdringt das Herz, Wenn ein Andrer theilt des Wissens, wie des Lebens Freud' und Schmerz. Im Verlauf der Zeit konnte es nicht fehlen, daß die große Verschiedenheit unserer Individualität, trotz unserer starken Sympathien, immer entschiedener hervortrat. Im Frühjahr 1833 gab ich diesem[461] Gefühl auch in einem Gedicht an Leo einen ahnungsvollen Ausdruck. Er hatte die Sammlung holländischer Volkslieder, die von Hoffmann von Fallersleben herausgegeben war, in den Berliner Jahrbüchern zu einer ganz vortrefflichen Anzeige gebracht, die mich, da ich damals noch so tief in das Germanische Volksthum versunken war, entzückte und die geheimsten Empfindungen meines Gemüths berührte. Ich setze daher zur weiteren Charakteristik die ersten Strophen jenes Gedichtes hierher: Einen Menschen muß ich haben, dem ich widme meine Klagen, Drum verzeih', daß ich in Versen, was mich dränget Dir muß sagen. Wenn ich scheu, auch wohl befangen, oft in Deiner Näh' erscheine, Doch im Stillen desto tiefer Deinem Geist ich mich vereine. Tausendfache Widersprüche mögen zwischen uns sich heben, Beide mögen wir geharnischt, feindlich uns entgegenstreben, Dennoch wohnt im Herzensgrunde ein geheimes Liebeswalten, Das mich, wie ich fern Dir stehe, immer treu Dir wird erhalten. Denn von Allen, die mich kennen, kannst Du meine Schmerzen deuten Weil Dich gleiche Leiden trafen, gleiche Wonnen Dich erfreuten, Weil Du zwischen Volk und Kirche Deine Seele auch getheilet, So daß sie in beiden Sphären liebesehnsuchtsvoll verweilet. Und so ist es in der That zwischen uns geblieben. ? Ich kann nicht umhin, mich hier unwillkürlich einer merkwürdigen Scene zu erinnern, die sich öfter auf der Stube des Professors Meier in jener Zeit wiederholte. Dieser lud nämlich uns drei ? Leo, Ruge und mich ? gern zu einer Whistpartie zu sich ein. Da saßen wir denn ganz friedlich unter Scherz und Lachen zusammen. Ruge war mit Leo schon seit 1821 bekannt, wo Ruge ihn zuerst auf einer Fußwanderung von Halle aus in Erlangen getroffen hatte. Beide waren damals Burschenschafter. Leo gehörte schon zu den Berühmtheiten der Verbindung und hatte sich auch sonst durch seine Schrift über Othin hervorgethan. Ich hatte inzwischen sowohl mit Leo als mit Ruge Brüderschaft getrunken, so daß wir drei uns in sehr cordialer Weise unterhielten. Und gerade wir drei sollten es sein, in deren Person sich die spätere Entwickelung der Hegel'schen Schule am schärfsten ausprägte. Ich wurde das Centrum derselben. Leo wurde der Sprecher der rechten Seite, welcher die Anklage auf Atheismus gegen die Jung-Hegelianer erhob, die er, um sie von den alten Hegelianern zu unterscheiden, die Hegelingen taufte.[462] Ruge wurde der Chef des Jung-Hegelianismus, dem er durch die Stiftung der Halleschen Jahrbücher ein so mächtiges und geistreiches Organ schuf. Nun sitze ich hier in der äußersten Peripherie Deutschlands, in Königsberg, Leo in Halle und Ruge in Brigthon bei London. Um Weihnachten ließ ich mich durch Freund Volk verführen, eine Reise nach Hädersleben und nach der Domaine Kloster Gröningen zu machen. Es reizte mich, den Harz auch einmal im Schnee- und Eisgewande zu sehen. Ich fuhr mit der Post über Quedlinburg, wo ich wieder in der Pölle logirte, und wohnte bei Strebe in Hädersleben. Auf einer unserer Excursionen hatte ich das Unglück, bei dem Versuch, über die erst leicht zugefrorene Bode zu springen, mitten in dieselbe zu stürzen. Ich konnte damals nicht nur im figürlichen, sondern im wirklichen Sinne noch über Tisch und Bänke springen, hatte aber nicht berechnet, daß der große Wintermantel, den ich trug, den Sprung verkürzen müßte. Eben dieser Mantel rettete mich aber, denn er legte sich, indem er sich aufsteifte, wie ein Wulst auf dem Eise um mich herum und verhinderte ein tieferes Untersinken. Volk und Strebe hatten vorsichtiger nach einer schon fester zugefrorenen Stelle gesucht und waren glücklich auf das andere Ufer gekommen, von wo sie mir nun zu Hülfe eilten und mich, nicht ohne Anstrengung, aus dem Wasser zogen. Die Bode ist ein Bergfluß, der, je nach den Jahreszeiten, zwar tief, aber der Breite nach nur schmal ist. Zunächst ergriff ich einen Stock, den mir Strebe darreichte. Volk gelang es dann, meinen Mantelkragen zu packen, und so kam ich auf's Trockene, wo meine Freunde mich unter den Arm nahmen und noch eine Viertelmeile etwa nach Haus geleiteten. Sie brachten mich zu Bett und ich schlief auch alsbald ein. Als ich am andern Morgen erwachte, fühlte ich heftige Schmerzen an den Hüften, die ganz zerschunden waren, war aber gegen Mittag wieder ziemlich im Schick. Amazon.de Widgets Dies war nur einer der vielen Fälle in meinem Leben, in denen ich aus Unbedachtsamkeit mich in die Gefahr des Todes stürzte. ? Ich schäme mich noch jetzt, es einzugestehen, daß das Kraftgefühl, welches mich beseelte, mich trotz der üblen Folgen, die mein Leichtsinn mir öfter zuzog, doch immer von Neuem zu einer Verwegenheit hinriß, die im höchsten Grade tadelnswerth war. Ich könnte eine ganze[463] Reihe von Fällen erzählen, in denen ich mich an den Rand des Todes brachte und ihm dann nur mit Aufbietung aller meiner Kräfte entging. Furcht kannte ich nicht. Meinen Leib beherrschte ich als reines Werkzeug und ich konnte schwindelfrei am Rande eines Abgrundes hingehen. Daß ich von den mancherlei Fällen, aus denen nur ein kleiner Umstand mich vor dem Untergang bewahrte, diesen herausgehoben und ihn statt aller andern erzählt haben will, hat seinen Grund in den Folgen, wie sich weiter ergeben wird. In den ersten Tagen des Januars 1832 fuhr ich über Aschersleben nach Halle zurück. In Aschersleben war Loof Lehrer der Mathematik und Physik an der dortigen Realschule geworden und zeichnete sich so aus, daß er einige Jahre darauf als Schulrath nach Gotha berufen ward. In Halle nahm ich den gewöhnlichen Gang meiner Thätigkeit wieder auf, fühlte aber eine mir ganz fremde Dumpfheit im Kopf und fiel am siebzehnten Januar an der Cholera krank. Sie war bei mir, wie ich glaube, durch den Sturz in die eiskalte Bode vorbereitet. Ich war statistisch der dritte Mensch, der damals in Halle der furchtbaren Krankheit anheimfiel. Man wußte sie noch nicht recht zu behandeln und ich schwebte einige Tage zwischen Himmel und Erde. Daß ich leben blieb, verdankte ich, außer meiner guten Constitution, der treuen Abwartung, welche mir Brockhaus, mein Diener, den ich mir zum Reinigen meiner Kleider und Stiefel, zur Besorgung meiner Wäsche und zum Auslaufen hielt, mit liebevoller Pflege angedeihen ließ. Er ließ es sich nicht nehmen, die ersten schlimmen Nächte bei mir zu wachen und mir alle jene Dienste zu leisten, welche in dieser abscheulichen, noch immer räthselhaften Krankheit vielleicht noch wichtiger sind, als die Heilmittel, die uns aus den Büchsen der Apotheke verabreicht werden. Ich hatte den Ausbruch der Cholera in Berlin erlebt; ich hatte die Choleraquarantaine vor Wittenberg mit leidlichem Humor überstanden; ich hatte natürlich für möglich gehalten, von dem unheimlichen Asiatischen Gaste ergriffen zu werden, aber ich hatte in meiner Lebensweise nichts geändert und in Halle am wenigsten gedacht, eins der ersten Opfer zu sein. Als die Symptome schon sehr deutlich dafür sprachen, glaubte ich es noch nicht, bis meine Wirthin zum Arzt schickte. Daher kam[464] es nun wohl, daß ich bis zum Sterben krank wurde. Ich fühlte mich in manchen Augenblicken so elend, daß ich den Tod erwartete. Der Zustand war furchtbar, aber am dritten Tage trat Besserung ein. Nun dauerte es jedoch Wochen lang, bis ich wieder zu Kräften kam. Als Freund Ritschl mich das erste Mal unter den Arm nahm und in der kleinen Ulrichsstraße ein paar Mal auf- und abführte, fühlte ich mich der Realität so entfremdet, daß die Hunde, die auf der Straße umherliefen, mir Scheu, wie einem Kinde, einflößten. Die Krankheit hatte in meinem innersten Mark gewühlt und alle Bekannten, die meine Erscheinung vorher und nachher vergleichen konnten, stimmten später darin überein, daß das elektrische Feuer, in welchem ich bis dahin gesprüht hatte, wenn nicht erloschen, doch sehr gedämpft war. Mir selbst scheint Alles, was ich von eigentlichen Ideen mein nennen könnte, jenseits jener traurigen Wochen zu liegen. Ich habe zwar noch Vieles gelernt; ich habe noch Vieles gearbeitet; ich bin als öffentlicher Lehrer noch vierzig Jahre hindurch ununterbrochen thätig gewesen, allein de productive Drang, in dessen Effulgurationen ich geschwelgt hatte, war seitdem auf ein geringeres Maaß herabgesetzt. Das Arbeiten am Abend, auch wohl in die Nacht hinein, gab ich von hier ab auf. Mit großem Dank erinnere ich mich, daß ich während meiner Genesung Abends ein Buch las, welcher Professor Friedländer mir geliehen hatte. Es waren die Briefe eines Verstorbenen, als deren Verfasser der Fürst Pückler-Muskau bekannt wurde. Sie bieten so frische und anmuthige Schilderungen von Land und Leuten in Frankreich, England und Irland, daß der Reiz zum Leben im höchsten Grade durch sie angefacht wird. Der Fürst, ein vollendeter Virtuose der Lebenskunst, widmete auch dem Comfort der Küche eine ausgedehnte Rücksicht, die mir damals außerordentlich zusagte. Im Ankampf gegen die Erschöpfung, welche die Cholera bei mir zurückgelassen, wurde ich eine Zeit lang im Essen und Trinken sehr materiell. 
 VIII. Magdeburg. Kritik der Berliner Hof- und Dom-Agende. Berlin. Wie Schleiermacher und Steffens mich bezauberten. Die Renaissance.  [192] Nach der Mitte August reiste ich mit Müller nach Hause. Er blieb einige Tage bei uns. Dann wanderte ich mit ihm nach dem mir so lieb gewordenen Neuhaldensleben, wo ich eine Woche bei ihm zubrachte. Zufällig traf es sich, daß Karl Immermann dort zum Besuch bei einer sehr gebildeten Dame, der Frau Mertens, anwesend war. Ihre beiden Söhne waren mir vom Gymnasium her befreundet. Auch Bernhard Nöldechen war bei Verwandten zum Besuch gekommen. So fand sich eine kleine Schaar Studenten zusammen. Freund Grubitz war nicht zu Hause, weil er anderweit verreist war. Frau Mertens veranstaltete[192] nun einige ästhetische Abende, wo Immermann als Vorleser in der Tieck'schen Manier glänzte. Ich hatte bis dahin Immermann zwar oft genug gesehen, aber ich war ihm persönlich fern geblieben. Jetzt machte ich auch seine Bekanntschaft, in deren Folge ich ihn von nun ab auch zuweilen in Magdeburg, so lang er dort war, besuchte. Ich konnte ihm auch kleine Gefälligkeiten erweisen. Ich nahm einmal ein Säckchen mit Diamanten im Werthe von mehreren tausend Thalern nach Berlin mit, welche er im Auftrage der Frau Gräfin von Ahlefeld an die Frau Professor Dieffenbach, ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang, schickte. Ich besorgte ihm von der königlichen Bibliothek ein Exemplar der Werke von Gryphius, dessen Trauerspiel »Cardenio und Celinde« er umarbeiten wollte. Ich bestellte für ihn eine Büste Göthe's bei Rauch, dessen Atelier im Lagerhause, dicht bei meiner Wohnung war, und was solcher kleinen Liebesdienste mehr waren, die mich auch in eine oberflächliche vorübergehende Correspondenz mit ihm brachten. Von einem Dichter, wie Immermann, einige Zeilen zu erhalten, war aber für einen Studenten immerhin schon ein Ereigniß. Die Gespräche mit ihm drehten sich damals besonders um die Theorie der Tragödie, weil er eine Abhandlung über den rasenden Ajax des Sophokles schrieb, um von der philosophischen Fakultät in Halle, wo er studirt hatte, zum Doctor promovirt zu werden. In der Kunst der prosaischen Erzählung verehrte er Cervantes, in der poetischen Erfindung Göthe, in der theatralischen Technik und dramatischen Sprache Shakespeare als seine Muster. Es konnte nicht fehlen, daß wir jungen Leute mit Ehrfurcht und Staunen zu einem Manne aufblickten, der in einem verhältnißmäßig kurzen Leben eine so reiche Folge bedeutender Dichtungen schuf. Wir begleiteten seine Entwickelung Schritt vor Schritt mit steigendem Antheil. Jedes seiner Werke: Die Papierfenster eines Eremiten, Periander und sein Haus, die schelmische Gräfin, Das Trauerspiel in Tyrol, Friedrich II., der Hohenstaufe, Das Auge der Liebe, seine Gedichte u.s.w. wurden von uns mit einer gewissen Andacht gelesen und besprochen. Seine Freundschaft mit Heinrich Heine, der einmal auf ein paar Tage ihn in Magdeburg besuchte, sein Streit mit Platen, sein Verhältniß in Düsseldorf zu Grabbe, seine Bestrebungen daselbst für die idealere Gestaltung der deutschen Bühne wurde von[193] uns Magdeburgern stets mit wärmstem Interesse verfolgt. Im persönlichen Verkehr konnte er sehr heiter und liebenswürdig werden, hatte aber eine Neigung zu sarkastischen Wendungen und eine gewisse Strenge der Haltung, der gegenüber man wohl fühlte, daß man sich zusammen zu nehmen habe und sich nicht in Trivialitäten fallen lassen dürfe, wollte man sich nicht seinen Epigrammen aussetzen. Er hat unter sein Portrait geschrieben: Das Leid, die Freude einer Welt empfinden, Und unerschüttert, in geheimem Stand Verborg'ne Dinge schau'n, dazu schuf Mein Stern mich in der Laune seiner Bahn. In diesen Versen scheint sich mehr der Criminalrichter jener Zeit, der den inquisitorischen Proceß bei verschlossenen Thüren zu führen hatte, als der Dichter auszusprechen. Indem ich weiterhin nur noch einmal Veranlassung haben werde Immermann's in bestimmter Beziehung auf mich zu erwähnen, kann ich nicht umhin, einen Uebelstand in unserer Literatur zu berühren, der durch die Zersplitterung derselben hervorgerufen wird. Wir besitzen von den Schriften unserer hervorragenden Geister sehr selten wirkliche Gesammtausgaben, die uns in den Stand setzen, uns von ihnen mit leichter Zugänglichkeit eine adäquate Anschauung ihres Wirkens zu machen. Wir sind unermüdlich, Blumenlesen aus unsern Classikern zu drucken, in denen ein Dutzend ihrer Gedichte und einige Fragmente ihrer Prosa in herkömmlicher Weise wiederholt werden und eine höchst einseitige Vorstellung von ihnen befestigen. Wollen wir aber einen Geist seiner Totalität nach zu unserer Anschauung bringen, so müssen wir uns hierhin und dorthin wenden, seiner Schriften habhaft zu werden. Von Immermann existirt, soviel ich weiß, keine Gesamtausgabe, nur eine Auswahl aus seinen Schriften. Viele kennen jetzt nur noch seinen Münchhausen, der allerdings als sein selbstständigstes Product gelten muß. Aber auch hier hat man sich zuletzt auf die Dorfgeschichte vom Hofschulzen, seiner anmuthigen Tochter Lisbeth beschränkt. Verdient denn aber, was Immermann sonst noch geleistet hat, nur noch die Aufmerksamkeit des Literaten vom Fach, der sich damit nur kritisch zu thun macht? Bei den Franzosen und Engländern ist dies ganz anders.[194] Sie haben von allen ihren Autoren, welche die Mittelmäßigkeit durchbrechen und den Fortschritt der Nation nach irgend einer Seite hin entschieden fördern halfen, Gesammtausgaben. Es ist von mir zu diesem Wort oben noch das Prädikat »wirklich« hinzugefügt. Zuweilen nämlich besitzen wir Gesammtausgaben, die es thatsächlich doch nicht sind. Von Göthe z.B. wird man der Meinung sein, daß von seinen Werken eine Gesammtausgabe existirt, da er ja selber eine solche veranstaltet hat. Göthe selber hat ganz richtig darin nur dasjenige aufgenommen, was er als eine Aeußerung seiner poetischen oder wissenschaftlichen Produktivität ansehen durfte. Gehört aber in weiterem Betracht sein Briefwechsel nicht zu seinem vielseitigen und ersprießlichen Wirken? Finden wir in Voltaire's Werken nicht seinen Briefwechsel mit d'Alembert, mit Friedrich dem Großen? Man hat nicht ermangelt, die kleinsten Billete Göthe's drucken zu lassen, aber eine chronologisch nach der Epoche, welche diese Correspondenzen bei ihm bezeichnen, wohlgeordnete Ausgabe aller seiner Briefe giebt es nicht. Ich meine das so, daß sich seine Briefe mit Merk, mit Lavater, mit Sömmering, mit Jacobi, mit der Gräfin Stollberg, mit Frau von Stein, mit Schiller, Reinhard, Boisserée, Zelter, abgeschlossen als chronologische Gruppen einander folgen sollten. ? Ich nenne hier nur die vorzüglichsten Sammlungen. Sehr leicht würden sich kleinere als Ergänzungen oder Uebergangsglieder zwischen ihnen einschieben lassen. In jedem dieser Briefwechsel tritt eine Hauptangelegenheit der Göthe'schen Thätigkeit und Sinnesweise hervor: Physiognomik, Anatomie, Spinozismus, Liebe, Poesie, Farbenlehre, Baukunst, Musik ? Alles umrahmt von dem reichen Weltleben, in dessen Mitte der Dichter sich stets fortstrebend bewegte. In jedem tritt eine besondere Seite seines Charakters, in jedem eine besondere Stufe seines Alters hervor. ? Als ein gelungenes Beispiel, wie man die Werke eines Dichters in ihrer Gesammtheit behandeln kann, möchte ich die Ausgabe anführen, welche die Cotta'sche Buchhandlung in Stuttgart von Platen's Schriften in Einem Bande veranstaltet hat. Jetzt hat sich die Concurrenz auf den Druck unserer Classiker geworfen. Man kann den ganzen Schiller für einen einzigen Thaler kaufen. Ob man aber diese Ausgabe auf sehr[195] dünnem Papier mit einer die Augen verderbenden Kleinschrift mehr als kaufen, ob man sie auch lesen wird, ist mir sehr zweifelhaft. Man verzeihe diese Abschweifung, die sich mir bei dem Andenken an Immermann aufdrängte. Ich machte in den Ferien einen Ausflug nach Quedlinburg, wo ich im Gasthaus »zur Pölle« mich festsetzte und von hier aus Streifereien in die Umgegend unternahm. Volk hatte hier einen Onkel, welcher die Apotheke des Ortes besaß. Er war unverheirathet, recht wohlhabend und ich brachte mit Volk einige Abende bei ihm in großer, etwas burschicoser Heiterkeit zu, welche der vortreffliche Weinkeller des alten jovialen Herrn manchmal zur Ausgelassenheit steigerte. Mit Volk, unter Führung eines Vetters von ihm, Adolf Heine, der die Wege gut kannte, bestiegen wir eines Tages den damals noch recht wilden Hexentanzplatz, kletterten ? oft auf Händen und Füßen ? das Gerölle der sogenannten Schurre in's Bodethal hinab, gingen dasselbe bis zum Bodekessel aufwärts, kamen dann oberwärts auf die Roßtrappe zurück und stiegen dann den Weg nach Thale hinunter. Diese Partie mit den weithin ragenden, wildgezackten Felsen, in deren Mitte der Bodefluß sich schäumend hinwälzt, mit dem Gegensatz von Thalenge und offener Fernsicht über eine große, fruchtbare, von kleinen Städten und Dörfern übersäete Ebene ist unstreitig einer der schönsten Punkte des Harzgebirges. Dennoch gewährte mir ein Gang, den ich ein paar Tage später ganz allein machte, einen viel größeren, unauslöschlichen Eindruck, weshalb ich ihn dankbar erwähne. Ich ging früh von Quedlinburg aus, ging nach der Lauenburg, von welcher damals noch malerische Ruinen übrig waren, verlor mich in dieser Umgebung in phantastische Träumereien, wanderte dann nach Gernrode, bestieg den Stubenberg und kam spät Abends über den Kamm der Kalkhügel, die sich von hier nach Quedlinburg hinziehen, zurück. Wie selten sind ganze selige Tage in unserem Leben! Diesen Tag rechne ich zu ihnen. Ich war jung, voll von Gedanken, die mich angenehm beschäftigten, von innigster Empfindlichkeit für alle Schönheiten der Natur, die mich umgaben, und schlürfte die balsamische Luft der Wälder und Felder mit Wonnegefühl. Das Wetter war herrlich und der Uebergang der Farben der Landschaft vom Strahl der Morgensonne[196] bis zum Roth des glühenden Abendhimmels von bezauberndem Wechsel. Alles schien mein Entzücken zu theilen, und selber der alte, weitläufige Gasthof, worin ich wohnte, mit seinen langen Corridoren, dunkelschattigen Zimmern und alterthümlichen Möbeln erschien mir des Pinsels eines Callot-Hoffmann nicht unwürdig. Von Quedlinburg ging ich, auch allein, nach Hädersleben auf dem Huy, einem Vorberg des Harzes, wo Strebe damals Pfarrer war. Ich blieb einige Tage bei ihm und lernte seine Frau und deren Schwester, Tante Auguste, kennen, die mir im Laufe des Lebens noch manchmal die zärtlichste Pflege angedeihen ließ. Als ich auf dem Rückmarsch durch Egeln kam, war in der Stadt gerade eine heftige Feuersbrunst ausgebrochen, deren angstvolles Schauspiel zu dem Frieden der Natur, aus welchem ich kam, wie der Pessimismus zum Optimismus contrastirte. Als ich von Berlin nach Hause gekommen war, fand ich den Vater bei dem dritten Bande der Raumer'schen Hohenstaufen, den ich auch sofort durcharbeitete und auch die Karte Europa's vom zwölften Jahrhundert, die ihn begleitet, abzeichnen mußte. Während ich hiermit noch beschäftigt war, vertiefte sich der Vater schon wieder in ein anderes, neues Werk, Sieber's malerische Fußreise durch die Insel Kreta, worin ich ihm ebenfalls nachfolgte. Ich erwähne dies Buch, weil es uns so viel Vergnügen und Belehrung gewährte, daß wir es später noch gar manchmal mit Dankbarkeit gegen den Verfasser in unsern Unterhaltungen von Neuem durchwanderten. Alles, was sich auf Griechenland bezog, hatte damals noch wegen des Kampfes, welchen die Hellenen gegen die Türkei bestanden hatten, ein doppeltes Interesse. Kreta liegt nicht auf dem Wege, den die Touristen auf Reisen nach Griechenland zu nehmen pflegen. Wir wußten nur das Allgemeinste von dieser schönen und großen Insel, der Wiege des Zeus und der bewunderten Geseßgebung des Minos. Sieber schildert die Insel mit ihren Bergen und Thälern, ihren schattigen von Oleanderbüschen bedeckten Buchten, ihren Eichenwäldern, Weinbergen, ihren Klöstern, Schaafheerden und schiffkundigen Bewohnern so anschaulich, daß man völlig einheimisch darin wird. Die große Bedeutung der Griechischen Kirche, deren Studium mich später recht ernstlich in Anspruch nehmen sollte, wurde mir hier zum ersten Mal enthüllt.[197] Amazon.de Widgets Doch der größte Theil der Ferien in Magdeburg wurde durch das Interesse hingenommen, welches der Streit über die Einführung der Hof- und Domagende von Berlin damals in der ganzen Gesellschaft hervorrief. Die Magdeburger waren gute Royalisten. Sie verehrten den König mit aufrichtiger Hingebung, aber mit der Zumuthung, die vom Könige und einem seiner Adjutanten selbst verfaßten Agende anzunehmen, konnten sie sich nicht vertragen. Es entstand ein heftiges Hin- und Herreden darüber. Die Geistlichen, welche geneigt schienen, sie ihren Gemeinden zu empfehlen, wurden angefeindet. Da das Reformationsfest 1817 die Union der Lutherischen und Reformirten Kirche zu ihrem eigentlichen Inhalt gehabt hatte, so kann man die Agende als den ersten rohen Versuch betrachten, dieser Union einen bestimmteren Ausdruck zu geben. Die eigentliche Aufgabe wäre gewesen, ein neues Glaubensbekenntniß zu schaffen, worin die zwischen jenen beiden Confessionen obwaltenden Gegensätze aufgelöst und aus welchem eine neue ihm entsprechende Form des Cultus abgeleitet wäre. Statt dessen sollte der Formalismus eines blos liturgischen Werks die Basis einer unirten evangelischen Landeskirche abgeben. Als Privatmann gehörte der König der reformirten Confession an; als König stand ihm für die protestantische Kirche in seinem Staat die bischöfliche Macht als Aufsichtsrecht zu. In der reformirten Kirche ist das liturgische Element ein ganz untergeordnetes; in der lutherischen ist es sehr ausgebildet, aber auf ganz individuelle Weise, so daß in verschiedenen Gemeinden die mannigfaltigsten Abweichungen vorkommen. Die Reformirten bedurften einer solchen Agende gar nicht und die Lutheraner sträubten sich gegen die Uniformirung, welche die Eigenthümlichkeit der Form bedrohte, an welche sie seit lange gewöhnt waren. Der König verwickelte sich daher mit beiden Confessionen in einen Kampf, für welchen es keinen Richter gab. Die Folge davon war, daß er, der sich den Beinamen des Gerechten erworben, durch die Opposition, die überall erwachte, gereizt und selbst zur Ungerechtigkeit und Härte hingerissen wurde. Die Entstehung der sogenannten Altlutheraner im Unterschied von denen, welche die Agende annahmen, war hievon die Folge. Scheibel in Breslau trat als gewichtiger Vorkämpfer für sie auf. Mein Vater war eigentlich ein wahrhaft evangelischer Christ, der den Gedanken[198] der Union mit Freuden begrüßt hatte. Er war ursprünglich Lutheraner gewesen, aber, als er meine Mutter heirathete, ohne alles Bedenken über die dogmatische Differenzen zur Reformirten Kirche übergetreten. Da er aber auch ein treuer Anhänger des Preußischen Königthums geworden war, so fand er sich durch jenen Streit schmerzlich berührt und wußte nicht recht, was er daraus machen sollte. Ich bat ihn, mir ein Exemplar der Hof- und Domagende zu verschaffen, was er auch that. Nun warf ich mich dahinter und schrieb binnen einigen Wochen eine ausführliche Kritik derselben, die ganz zu ihren Ungunsten ausfiel. Sie schien mir ein höchst unerquickliches Aggregat von Gebet und Gesang zu sein. Bei den Gebeten tadelte ich, daß sie abgelesen werden sollten. Ein Gebet muß urkräftig aus dem Herzen kommen, wenn es zum Herzen dringen soll. Ein abgelesenes Vaterunser dünkte mich die beseligende Kraft seiner Worte zu ertödten. Ebenso stieß ich mich daran, daß die Antiphonien von einem Chor gesungen werden sollten. Ich hatte in lutherischen Kirchen bei festlichen Gelegenheiten wohl Cantaten aufführen und von den Geistlichen, oft nicht ohne feierliche Empfindung die Worte der Einsetzung des Abendmahls absingen gehört, aber die passive Haltung der Gemeinde einem Chorgesange gegenüber streifte für mich fast an die katholische Messe. Auch wollte ich den Herrn Zebaoth, dessen Heiligkeit vom Chor gepriesen wird, nicht dulden, weil er uns Christen doch ein gar zu entlegenes an den Sternendienst der Kleinasiaten erinnerndes Wesen sei. An Inhalt und Form der Gebete fand ich vielerlei auszustellen, was mir jedoch entschwunden ist. Ich erinnere mich nur, daß ich mich auch z.B. gegen die Bitte auflehnte, Gott soll alle königlichen Länder und das königliche Kriegsheer beschützen; er soll ein Heiland aller Menschen, besonders aber der Gläubigen sein u.s.w. Die erstere Stelle kam mir, Gott gegenüber, zu speciell vor, und bei der zweiten behauptete ich, daß der Zusatz heißen müsse, besonders derer, die noch nicht so glücklich sind, von der Wahrheit des Evangeliums erleuchtet zu sein. Daß Gott ein Heiland aller Menschen sein soll, war mir ganz aus der Seele gesprochen, daß aber die Gläubigen, die durch ihren Glauben schon selig sind, noch einer aparten Bevorzugung empfohlen wurden, widerstand mir. So[199] wollte es mir auch nicht in den Sinn, daß Gott die Soldaten und Beamten lehren solle, stets, wie Christen, ihres Eides eingedenk zu sein. Hat nicht, entgegnete ich, Christus ausdrücklich das Schwören verworfen? Die Rede eines Christen soll Ja und Nein sein; was darüber ist, ist vom Uebel. Und nun soll Gott, im Widerspruch mit diesen Worten, das Militair und die Bureaukratie lehren, wie Christen, ihres Eides zu gedenken? Ist es nicht auch vielleicht, fügte ich hinzu, ganz unklug, sie jeden Sonntag daran zu erinnern, daß sie ihren Eid brechen können? Ich stellte dies, da ich Student war, mit der Unterschrift der Reverse in Parallele, durch welche wir uns beim Eintritt in die Universität verpflichten mußten, uns in keine verbotene Verbindung einzulassen. Ich fand dies aber so überflüssig als gefährlich; überflüssig, weil Niemand im Staat ohnedem schon einer verbotenen, geheimen Gesellschaft angehören darf; gefährlich, weil man durch den Revers dem Studenten eine Wichtigkeit beilegte, die in ihm eine Macht fürchtete, an die er selber bis dahin wohl nie gedacht hatte. Als ich mit meiner Kritik fertig war, übergab ich sie dem Vater. Er las sie, tadelte die Heftigkeit einiger meiner Ausdrücke, wollte sie aber erst genauer prüfen, bevor er mir über ihren Inhalt seine Meinung mittheilte. Wir haben aber nie wieder darüber gesprochen und ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, denn nach seinem Tode habe ich sie unter seinen Papieren nicht gefunden. Ich denke, er hat sie vernichtet, weil ich später Theologie studiren wollte und weil er die Existenz eines solchen Schriftwerks für mein Fortkommen als gefährlich erachten mochte. Als ich es verfaßte, hielt ich mich noch für einen Philologen. Ich hatte meine Arbeit noch ohne alles theologische Pathos ganz in dem Sinne aufgeklärter Humanität gemacht, worin ich erzogen war und welchem bis dahin auch die Romantik nichts angehabt hatte. Meine Eltern verkehrten mit Menschen der verschiedensten religiösen Ueberzeugung, sofern sie sonst rechtschaffene Leute waren, mit gleicher Freundlichkeit. In der Neustadt waren Mönche und Nonnen in unserm Hause aus- und eingegangen und ich war mit meiner Schwester im Nonnenkloster von den Schwestern Cäcilie und Agathe nur mit Liebkosungen gehätschelt und mit Zuckerwerk und Bildern beschenkt. Mein[200] Verkehr mit der jüdischen Familie Simon wurde nur mit allgemein menschlichen Augen betrachtet. Niemals war von ihrem Glauben die Rede und höchstens wurde erwähnt, daß sie den Mazzekuchen anders backen, als Christen ihren Osterfladen. Es gab im Kreise unserer Bekanntschaft einige Personen, über deren religiösen Standpunkt zuweilen gesprochen wurde. Da war z.B. Professor Seiffert. Er war Mönch gewesen, hatte das Kloster verlassen, geheirathet und ernährte sich von einem doppelten Unterricht. Er unterrichtete theils in der Miniaturmalerei, die er wohl in einem Benedictiner-Kloster erlernt haben mochte; theils in der lateinischen Sprache, über welche er eine größere und kleinere Grammatik herausgegeben hatte, die sehr geschätzt wurden und von einer großen Belesenheit in den römischen Classikern zeugten. Er galt als eine kirchliche Merkwürdigkeit, weil er Mönch gewesen war und sich säcularisirt hatte. Da war ein Freund meines Vaters, Vokel, ein kleiner buckliger Mann mit einem großen Kopf, hoher Stirn, unterbuschigen Augenbrauen, grauen Augen mit scharfem Blick, mit einem etwas negerartigen Munde, aber mit einer höchst einnehmenden Stimme und mit höchst geschmackvoller Diction. Alles, was er sagte, hatte ein eigenthümliches Gepräge und verrieth sich als ein Product tieferen Nachdenkens. Er neigte zur Satire, ohne boshaft zu sein. Zu gewissen Zeiten ward er Sonntags als Mittagsgast eingeladen und ich lauschte dann seiner Rede, die sich so hoch über den gewöhnlichen Bildungsdurchschnitt erhob, mit gespannter Aufmerksamkeit. Er war in der neueren Literatur sehr bewandert und wußte über Dichter ganz originell zu sprechen. Nun wußten wir durch den Vater, daß er nie eine Kirche besuchte. Er hatte sich in religiöser Hinsicht ganz an Klopstock hingegeben. Der Messias desselben war bei ihm an die Stelle der Bibel getreten. Er las ihn immer von Neuem, indem er die zwölf Gesänge auf die zwölf Monate des Jahres vertheilte. Er behauptete, daß Klopstock das in den Evangelien zerstreute und verschieden gefaßte Bild des Erlösers zu einer lebendigen Einheit zusammen geschmolzen und durch seine Psychologie wie durch seine Poesie zu einer Vollendung erhoben habe, die nicht mehr übertroffen werden könne. Er hielt Klopstock für eben so wohl inspirirt als die Apostel. Wenn er beim Glase Wein des Nachtisches manchmal auf dies Thema kam,[201] so wurde er begeistert. Der Satiriker, der gerne mit Heiterkeit spottete, verschwand in dem Enthusiasten, und nicht nur wir Kinder, auch der Vater, hörten ihm dann mit einer gewissen Andacht zu, als ob er im Besitz einer höheren Religiosität sei. Doch auch dieser Mann galt eben nur als eine Merkwürdigkeit, in welcher wir besonders die Macht bewunderten, welche ein Dichter, wie Klopstock, über das menschliche Gemüth auszuüben vermochte. Da war ferner Vetter Brennecke, ein alter Candidat der Theologie, der von den Zinsen eines Capitals ganz behaglich lebte. Auf diesen Vetter, wenn er zuweilen vorsprach, blickten wir Kinder mit einer gewissen Scheu, weil sein Hauptbestreben darauf gerichtet war, in der Geschichte Christi die größten Irrthümer nachzuweisen. Wenn Freund Bokel Christus in den Glorienschein des Klopstock'schen Messias stellte, so zerarbeitete sich der kritische Verstand des Vetters Brennecke, aus der Bibel selber den Beweis zu führen, daß Christus nach seiner Kreuzigung noch 27 Jahre auf Erden gelebt habe. Er war Jahre lang mit einem gelehrten Buch hierüber beschäftigt, das er endlich auch drucken ließ und großen Anstoß damit erregte; denn, wenn Christus durch die Kreuzigung nicht gestorben war, so fiel damit auch die Auferstehung vom Ostermorgen, sein geheimnißvolles Erscheinen bei seinen Jüngern und die Himmelfahrt hinweg. Darüber schüttelten Vater und Mutter bedenklich den Kopf, behandelten den gelehrten Vetter übrigens nur als eine Merkwürdigkeit, als einen Theologen, der sich durch seine Studien verwirrt habe. Da er seine Ueberzeugung mit Aufrichtigkeit aussprach und sich für ihre Begründung auf das Neue Testament selber stützte, so mußte man ihn immer noch als Protestanten gelten lassen. Er protestirte gegen einen Irrthum der ganzen Christenheit, den er entdeckt zu haben glaubte. So könnte ich noch manche Figur aus meiner Erinnerung heraufbeschwören, zu zeigen, wie sich die Toleranz in Preußen befestigt hatte. Nunmehr aber trat, zunächst durch den Streit über die Agende, eine kritische Unruhe in die Gesellschaft. Es wurde zwischen wahrem und falschem Glauben unterschieden, und die Cultusformen wurden auf die Dogmen, von denen sie ausgingen, zurückbezogen. Mein Interesse an der Theologie erwachte, und ich glaubte, als ich Mitte October nach Berlin zurückkehrte, recht klug zu handeln, wenn[202] ich ihr Studium neben dem der philosophischen Wissenschaften versuchte. Wie ich dieses mit dem der Encyklopädie eröffnet hatte, so nahm ich nun bei Marheinecke ein Collegium über theologische Encyklopädie, außerdem aber bei Schleiermacher Exegese der Paulinischen Briefe an die Kolosser, Epheser und Tessalonicher, so wie der theologischen Moral an. In der Philosophie fuhr ich bei Raumer mit der Geschichte des Zeitalters der Revolution, bei Herrn von Henning mit der Logik und Metaphysik fort, glaubte aber die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen zu dürfen, ein Publicum über Religionsphilosophie bei einem Dr. von Kayserling dreistündig anzunehmen. Ich besuchte alle diese Collegia mit regelmäßigem Fleiß, stürzte mich aber, nach meiner Gewohnheit, neben ihrem Betrieb in eine Arbeit, die mir viel Zeit kostete und mit welcher ich zuletzt doch nicht zu Ende kam. Ich fand am schwarzen Brett eine Aufforderung der philosophischen Fakultät an ihre Studirenden, die Geschichte Heinrichs VII., des Lützelburgers, aus den Quellen darzustellen. Sofort zweifelte ich gar nicht, daß dies Thema für mich ganz wie gemacht sei und beschloß, um den dafür ausgesetzten Preis zu concurriren. Damit Andere mir nicht zuvor kommen möchten, eilte ich auf die Königliche Bibliothek und schleppte mir von ihr die nöthigen Folianten zusammen. Unter den Quellenschriftstellern für Heinrich VII. ist Albertus Mussatus, der sogenannte zweite Livius, von besonderer Wichtigkeit. Ich war so glücklich, ihn zu erhalten. Reuberi Scriptores Rerum Germanicarum und andere secundäre Quellen wurden mir auch zugänglich. Ich hatte keine Anleitung zu solchen kritisch historischen Arbeiten, traute mir aber zu, Herr des Stoffes werden zu können, der in lateinischer Sprache dargestellt werden sollte, was mir keine Schwierigkeit machte und sogar angenehm war, da ich es mit lauter lateinischen Autoren zu thun hatte. Von der Mühsamkeit einer solchen geschichtlichen Forschung hatte ich anfänglich noch gar keine Vorstellung. Als ich den trefflichen Albertus Mussatus in die Hand nahm, entdeckte ich im Anhange des Folianten ein Trauerspiel desselben: Eccerinus, welches die Geschichte des berüchtigten Ezzelino in einer dem Seneca nachgeahmten Form behandelte. Das war mir eine ganz neue Entdeckung. Noch nirgends hatte ich von dieser, wie mir schien, so merkwürdigen Thatsache gehört,[203] und am liebsten hätte ich gleich hierüber eine Abhandlung geschrieben, welche diese erste Vereinigung der Form des antiken Dramas mit einem mittelaltrigen Gegenstande in das würdigste Licht setzen sollte. Doch unstreitig ging der Kaiser vor: Ich las und las, aber das Lesen allein fruchtete mir nicht. Ich mußte die Quellen vergleichen, Uebereinstimmung und Widersprüche zwischen ihnen ausfindig zu machen. Da Heinrich nicht lange regiert hatte, so war dies Geschäft, wie es mir vorkam, nicht zu schwierig. Ich fiel auf den ganz richtigen Gedanken, mir zunächst Annalen anzulegen, diese wieder in Monate, diese abermals in Wochen zu theilen und nun alle Thatsachen aus den Quellen, für welche ich neben einander Columnen herstellte, einzutragen. So glaubte ich der Wahrheit bald auf den Grund zu kommen. Doch wie oft gerieth ich wegen verschiedener Angaben der chronologischen Daten, weiterhin sogar wegen der Personen, die als Träger einer Thatsache angegeben wurden, in Verzweiflung. Um einen allgemeinen Leiter zu haben, hielt ich mich an Häberleins deutsche Reichsgeschichte. Man muß bedenken, daß die Geschichte des Luxemburgers damals noch sehr zurück war. Barthold's ausführliche Monographie über seinen Römerzug erschien erst zehn Jahre später. Albertus Mussatus verdient als Zeitgenosse des Kaisers gewiß das größte Vertrauen, aber es hätte doch der Aufgabe der Fakultät nicht entsprochen, ihn ohne Controle zu lassen. Auch reicht er nicht für die Anfänge des Luxemburgers und noch weniger für sein Ende hin, über welches ich, je mehr ich las und verglich, immer unsicherer wurde, ob er nämlich durch eine Hostie vergiftet worden oder nicht? Um die kolossale Arbeit zu bewältigen, stand ich, in einem sehr harten Winter, jeden Morgen um fünf Uhr auf und opferte mich der Lectüre und dem Excerpiren lateinischer Chronisten bis zum Kaffee. Die Folge meines Ueberfleißes war, daß ich nach Neujahr 1825 ein paar Wochen krank wurde. Ich erholte mich zwar rasch von dem fieberhaften Zustande, aber ich mußte die Arbeit aufgeben. Ich that dies zwar mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend, doch nicht ohne Schmerz, weil die zusammenhängende Darstellung, nachdem ich die dornigen Vorarbeiten ziemlich im Rücken hatte, mir als der schönste Lohn dafür erschienen war. Ich hatte aber[204] durch mein Unwohlsein zu viel Zeit verloren, um den rechtzeitigen Termin der Ablieferung der Arbeit einhalten zu können. Doch es war auch wohl ein anderes, ganz entgegengesetztes Interesse, das mich unerwartet gepackt hatte und das mich gegen den Eifer, mit welchem ich die historische Arbeit begann, gleichgültiger werden ließ. Henrik Steffens, dieser von mir so hoch verehrte Mann, war nach Berlin gekommen. Er hatte seine norwegische Heimath besucht, sich mit der Rückkehr nach Breslau, wo er damals Professor war, verspätet, konnte dort seinen regelmäßigen Cursus nicht mehr eröffnen und wollte den Ausfall der Honorare durch Vorlesungen in Berlin ersetzen, zu denen ihm auch die Erlaubniß ertheilt ward. Er richtete zwei Cyclen ein; einen dreistündigen in der Universität zur Mittagszeit, einen dreistündigen für die Berliner Aristokratie zur Abendzeit in dem Saal des Gouvernementshauses. Dies war ein Ereigniß für die gebildete Welt Berlins, das ich nur mit den späteren Vorlesungen Alexanders von Humboldt über den Kosmos zu vergleichen wüßte. Nicht nur die Studenten, auch die Professoren, wurden von der regsten Theilnahme ergriffen. Steffens kündigte Naturphilosophie als Theil der allgemeinen Bildung an. Wenn man durch den Flur der Berliner Universität in das Kastanienwäldchen nach hinten hin ausschreitet, so befindet sich zur Linken ein Auditorium, welches amphitheatralisch aufgerichtete Bänke hat und in der Mitte von vier hölzernen Säulen getragen wird. Es diente zu Vorlesungen, die mit Demonstration verbunden sind, und, zu meiner Zeit wenigstens, zu den Uebungen des homiletischen Seminars, was ich äußerst zweckmäßig fand, weil dadurch die Kirchen mit der unvollkommenen Beredtsamkeit der Studenten verschont blieben. Hier eröffnete Steffens seine Vorträge. Der Saal war gedrängt voll. Der größte Theil der Zuhörer mußte stehen. Als Steffens sich endlich zum Katheder hindurchgearbeitet hatte, konnte ich ihn die ganze Stunde nicht sehn, weil ich hinter eine jener Säulen gepreßt war. Um so wunderbarer, um so geisterhafter wirkte seine Sprache auf mich ein. So etwas hatte ich noch nie vernommen. Kraft und Wohlklang der Stimme vermählten sich hier mit einer Fülle der Phantasie, mit einem Reichthum von Kenntnissen, mit einer Frische urlebendigster Erzeugung, daß ich zum höchsten Entzücken fortgerissen wurde. Steffens sprach ganz[205] frei und überließ sich mit völlig naiver Genialität dem begeisterten Drange seiner Gedanken. Ich habe ja viel vortreffliche Lehrer gehabt, aber einen solchen Genuß, wie Steffens, hat mir keiner gewährt. Ich mußte Schleiermacher's Methode für die wahrhaft wissenschaftliche Bildung vorziehen, aber die malerische und pathetische Manier seines Freundes Steffens war für mich damals überwältigend. Er mußte, da auch in der zweiten Stunde der Saal überfüllt war, nach Nummer VIII wandern, wo ich neben dem Katheder ein Plätzchen erhielt, von welchem aus ich ihn nur seitwärts ansehn konnte, dafür aber mir gegenüber auf der ersten Bank die interessanten Köpfe und Mienen der Professoren Ermann, Link und Anderer hatte, welche Steffens zuweilen als seine Gegner polemisch heranzog. Leopold von Henning, den ich auch in den beiden ersten Stunden bemerkt hatte, wollte uns Studenten in der Logik gegen Steffens einnehmen. Er sprach sehr kühl von den zwar funkelnden, aber nur blendenden Blitzen rhetorischen Schwulstes, jedoch ohne Steffens Namen zu nennen. Wir versenken uns hier, pflegte er zu sagen, in die Nacht des reinen Gedankens. Da dieser reine Gedanke für mich damals noch voller Finsternisse war, mit deren Aufhellung Herr von Henning sich allerdings redlich abmühete, so verfing seine Warnung bei mir nichts. Dem Inhalt nach trug Steffens, wie ich später erkannte, ausgewählte Capitel aus seiner Anthroprologie vor. Da er aber frei sprach, so gewann Alles eine eigenthümliche, zuweilen gewiß ihn selbst überraschende Gestalt, zu welcher der Blick in das Auge der Gegner, die er vor sich hatte, beitrug. Gerade in solchen polemischen Ergüssen wurde er höchst interessant. Ich erinnere mich namentlich einer Stunde, worin er die Hypothese bestritt, daß am Nordpol in der Urzeit ein großes Thal mit tropischer Flora und Fauna sich befunden habe und durch Massenerhebung aus dem gluthflüssigen Innern der Erde vernichtet sei, was seiner Ansicht von einem festen, magnetischen Eisenkern der Erde widersprach. Die Wogen seiner Beredtsamkeit brausten donnernd über das nach seiner Meinung fictive Werk des Plutonismus hin und er schloß triumphirend die Stunde mit der Frage an die Zuhörer, ob man den Urhebern jener Hypothese nicht sagen müsse: Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo. Manchmal[206] verlor er sich in Visionen. Er hatte vom Gehör und von dessen unendlicher Bedeutung ? dies war eine oft wiederkehrende Phrase bei ihm ? gehandelt. Schon hatte es voll geschlagen. Schon entstand die in den Auditorien bekannte Unruhe des Aufbruchs. Steffens selber nahm seinen Hut in die Hand, sprach aber fort. Dann setzte er sich den Hut auf, sprach aber fort. Er malte nämlich aus, wie die unendliche Bedeutung des Ohrs sich schließlich darin zeige, daß wir bei dem Eintritt des jüngsten Gerichts den Schall der Posaune in den Gräbern vernehmen würden. Er vergaß offenbar Alles um sich her und versenkte sich ganz in das Gemälde der Nacht des Grabes, des in sie hinein dröhnenden Posaunenschalls und der nun entstehenden Bewegung. Bei Raumer, Schleiermacher, Marheinecke schrieb ich ganz gute Hefte nach. Bei Steffens versuchte ich anfänglich auch nachzuschreiben, überzeugte mich aber bald von der Unzulänglichkeit meiner Notizen, welche mir überdem die rücksichtslose Hingabe an seinen Vortrag verdarben. Ich wollte nachher zu Haus die Hauptsache niederschreiben, aber auch dieser Versuch mißlang, weil der Inhalt ohne die Fülle der rednerischen Ausführung zu schwierig darzustellen war. Ich begnügte mich daher zuletzt mit epigrammatischen Andeutungen; z.B. die Urgebirge stellen uns in ihrer Bildung den Titanenkampf der Erde vor; oder die Ewigkeit des Kusses u. dgl. Ich wußte wohl im Allgemeinen, daß Steffens aus der Schelling'schen Philosophie herkomme, aber eben diese Philosophie hatte ich noch gar nicht studirt. Durch Novalis Schriften hatte ich ihr Princip auch schon kennen gelernt, allein ohne ein historisches Bewußtsein über diesen Zusammenhang zu haben. Für den romantischen Standpunkt, auf welchem ich mich befand, war Steffens Naturphilosophie eben recht. Die Parallele, welche sie beständig zwischen den Stufen der Entwickelung der Natur und denen des Geistes zog, regte mich mit geheimnißvollen Ahnungen an; daß Natur und Geist an und für sich Eines, oder, wie man sagte, daß sie identisch seien, glaubte ich zu verstehen. Das Absolute offenbart sich sowohl in der Natur als in der Geschichte. Eben deswegen ist es an und für sich ihre Indifferenz. Die Differenz fällt nur in die Erscheinung. Ich hatte noch die Vorstellung, daß Hegel mit Schelling denselben Standpunkt einnahm und wunderte mich daher, wenn ich Herrn von[207] Henning in der Logik und Metaphysik gelegentlich gegen Schelling polemisiren hörte. Ich hatte, trotz meines mangelhaften Verständnisses, noch ein sehr günstiges Vorurtheil für die Hegel'sche Philosophie. Die große Wichtigkeit der Kategorien von Qualität und Quantität, von Wesen und Erscheinung, von Begriff und Realität, fing mehr und mehr an, mir aufzudämmern, aber die Uebergänge von Kategorie zu Kategorie, auf deren Dialektik vom Katheder her gerade ein so großer Nachdruck gelegt wurde, blieben mir noch außerordentlich dunkel. Das Collegium wurde mir immer schwerer und ich beschloß es mit einer Ermüdung, die an starke Abneigung grenzte. Neben Steffens Naturphilosophie, in welcher Metalle und Felsarten, urweltliche Pflanzen und Thiere, die Sinne in ihrer Wechselwirkung mit einer ihnen correlaten Welt, die Temperamente und Anlagen des Menschen, die Anfänge der Geschichte durch die Rassenbildung, dem erstaunten Auge vorschwebten, konnte mir die Welt des logischen Begriffs mit ihrer Dialektik nur als eine öde Abstraction erscheinen. Von logischer Behandlung war allerdings bei Steffens nichts zu finden. Er hatte natürlich das Bedürfniß derselben, aber er konnte es immer nur auf Umwegen, durch Analogie, befriedigen. Ich war daher gar nicht im Stande, der Aufforderung meines Oheims zu genügen, ihm doch von Zeit zu Zeit über Steffens Vorträge zu berichten. Was ich daraus vorbrachte, wurde von ihm als Phantasterei gescholten und er gab mir Fries' mathematische Naturphilosophie, die 1822 erschienen war, in die Hände, mir zu zeigen, wie man diesen Gegenstand wissenschaftlich behandeln müsse. Ich blätterte das Buch durch, kam aber erst, aus ganz anderen Ursachen, im nächsten Winter dazu, es wirklich durchzulesen und zu excerpiren. Ich hielt nun meinem Oheim gegenüber, der ganz in Newton und Kant abgeschlossen war, mit meinem Enthusiasmus für Steffens zurück, ließ demselben aber für mich im Stillen um so mehr die Zügel schießen. Ich schaffte mir die kleinen Schriften desselben an, die er 1821 aus Zeitschriften gesammelt hatte. Aus ihnen wurde mir Vieles klarer, weil sie mich mit der wissenschaftlichen Bildungsgeschichte von Steffens, mit der successiven Entstehung seiner besondern Ansichten, bekannt machten. Was man auch, wie ich es später ja auch selber gethan habe, an Steffens Philosophie auszusetzen habe, so wird ihm doch immer zugestanden[208] werden müssen, daß er für die Natur einen tiefen Blick besaß, der stets auf ihre Totalität und Einheit hingerichtet war. Als ein ganz ausgezeichnetes Beispiel seines ursprünglichen Natursinns will ich aus jener Sammlung nur den Aufsatz über die Farben nennen, welcher durch die Forschungen des Malers Runge hervorgerufen war. Das Studium von Steffens begleitete mich bis spät in den Frühling von 1825, indem ich aus der Werkmeister'schen Leihbibliothek in der Jägerstraße, die einen Reichthum wissenschaftlicher Schriften besaß, wie er in solchen Anstalten sich selten findet, auch noch seine Caricaturen des Heiligsten erlangte, die ich mit andächtiger Hingebung las und excerpirte. Meine Liebe zu Steffens ist sich immer gleich geblieben. Ich habe sein letztes größeres wissenschaftliches Werk, die Religionsphilosophie, zwölf Jahre später in den Berliner Jahrbüchern streng beurtheilt, aber die Liebe zu dem Verfasser wird man in dieser Kritik nicht vermissen. Amazon.de Widgets Den größten Contrast zu den poesiereichen Schilderungen der Natur von Steffens bildete das Collegium über Religionsphilosophie, welches Herr von Kayserling las. Ich hatte dasselbe noch in dem naiven Glauben angenommen, daß jede Wissenschaft doch ein ganz bestimmtes Gebiet beherrsche, daß ihr allgemeiner Begriff feststehe, daß ihre Ausführung eine eigenthümliche sein könne, daß sie jedenfalls aber alle wesentlichen Elemente der Wissenschaft überliefern müsse. Auf dem Gymnasium gewöhnen wir uns, die Resultate der Forschung als ein abgeschlossenes, zur Geltung gelangtes Ganze überliefert zu erhalten, wie ich auf solche Weise die empirische Psychologie, die Poetik, die philosophische Sprachlehre und formale Logik überkommen hatte. Auf der Universität tritt aber die Forschung selber an uns heran und der Lehrer ist berechtigt, uns in neue Bahnen fortzuleiten. In der Philosophie wird die Originalität solcher Bestrebungen den Docenten sogar zum Ruhm ausschlagen, wenn er durch sie ein in der That vorhandenes Bedürfniß der Wissenschaft befriedigt. Herr von Kayserling hatte soeben einen Abriß seiner Religionsphilosophie drucken lassen, den er seinen Vorträgen zu Grunde legte. Das konnte um so mehr Vertrauen einflößen. Die mündliche Erörterung konnte von diesen elementaren Bestimmungen mit um so größerer Sicherheit und Freiheit in das Detail sich einlassen. Aber wie fand ich mich getäuscht! Herr von[209] Kayserling kam nicht über das, was er hatte drucken lassen, hinaus. Er wußte offenbar nicht mehr von seinem Gegenstande. Wir waren nur etwa sechs bis sieben Studenten in einem kleinen Auditorium, welches in dem nach der Akademie zu gelegenen Flügel des Universitätsgebäudes nach der Straße hinaus lag. Herr von Kayserling, zwar noch Privatdocent, allein ein Mann von schon vorgerückterem Alter, pflegte spät zu er scheinen. Ueber einen blauen Leibrock mit goldbesponnenen Knöpfen trug er einen großen, schweren, braunen Flauschrock, mit welchem er sich nachlässig auf den Lehnsessel hinwarf, seine goldene Uhr herauszog, auf den Tisch legte, sein Buch mit einigen Papierrollen eröffnete und nun in seiner monotonen Weise zu sprechen anhub, indem er uns Studenten keines Blickes würdigte, sondern gewöhnlich auf das bunte Treiben hinausschaute, welches die Straße an diesem frequentesten Punkte Berlins belebte. Er erging sich in den wenigen Kategorien, die ihn beschäftigten, mit Geläufigkeit und unendlichen Wiederholungen, so daß nach einigen Wochen schon einige der Studenten wegblieben und ich zuletzt oft nur mit einem einzigen älteren Theologen, Olleroth, einem stillen, ernsten Commilitonen, allein mich einfand, mehr aus Mitleid, als aus Interesse. Das ganze Collegium war nichts, als eine heftige Polemik gegen eine Aeußerung Hegel's über Schleiermacher's Dogmatik. Hegel hatte 1822 in einem Vorwort zu dem Buche eines seiner Schüler, Hinrichs, die Religion im innern Verhältniß zur Wissenschaft, ohne Schleiermacher's Namen zu nennen, das Princip des Gefühls der Abhängigkeit des Menschen von Gott angegriffen, auf welches Schleiermacher seine Glaubenslehre begründete. Hegel hatte darin gesagt, daß, wenn es sich so verhielte, der Hund der beste Christ sei, da in ihm das Gefühl der Abhängigkeit am stärksten sei und auch, wenn dem Hungrigen ein Knochen vorgeworfen werde, Erlösungsgefühle dem Hunde nicht fremd blieben. Hiergegen empörte sich nun Dr. von Kayserling, und dies war der eine Punkt, der mich wegen meiner Verehrung Schleiermacher's bei ihm festhielt. Er suchte diesen durch die Jacobi'sche Philosophie zu unterstützen. Er stellte den Begriff Gottes als den des Unbedingten, den der Welt und des Menschen als den des Bedingten auf, das also nothwendig von dem Unbedingten abhängen müsse. Diese Kategorie des[210] Unbedingten und des Bedingten war es, die er nun ausführlich hin- und herwälzte. In der entsetzlichen Langenweile, welche diese dürftige Metaphysik bei uns hervorbrachte, fing ich an, zu erkennen, daß der Begriff Gottes doch noch ganz andere Kategorien erfordere. So lieb mir Schleiermacher's Vertheidigung war, so regten sich doch gerade bei den nachdrücklichen Accentuationen der Abhängigkeit des Menschen von Gott Erinnerungen an Stellen des Neuen Testaments, worin die Freiheit des Menschen als der Zweck der Religion hervorgehoben wird. Christus sagte, wir sollen die Wahrheit erkennen, denn sie werde uns frei machen. Die Liebe zu Gott und zu den Menschen als das Princip der Religion soll alle Furcht, also das Gefühl der Abhängigkeit, austreiben. Wir sind nicht Knechte Gottes, sondern Kinder seines Hauses. Wir sind Brüder Christi, welche durch ihn zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes erzogen werden u.s.w. Dergleichen Stellen, wie gesagt, fielen mir ein, aber ich vermochte doch noch nicht, gegen die gewaltige Kategorie des Unbedingten, die jede Stunde als schweres Geschütz vorgeführt wurde, den rechten Hebel einzusetzen. Ich tröstete mich, daß bei Schleiermacher sich Alles wohl noch ganz anders verhalten werde, als Herr von Kayserling selber wisse. Allmälig ging ihm offenbar der Stoff aus, und doch war noch nicht einmal der Februar erschienen. Ein Halsübel, das ihn schon vor Weihnachten einmal glücklich von einigen Wochen Vortrag dispensirt hatte, war nicht so gefällig, sich wieder einzustellen. Da fiel er auf einen neuen Punkt, der mich wieder anzog. Er brachte eines Tages große Papierstöße mit und fing an, die Streitigkeiten über die Agende, deren Gegner Schleiermacher war, vorzunehmen. Da ich selber über die Agende geschrieben hatte, so freute ich mich, weiter und gründlicher darüber nachzudenken, um mich mit Herrn von Kayserling in bester Uebereinstimmung finden zu können. Da er nun hier aus der Tagespresse frisches Material genugsam empfing, so lavirte er sich bis Anfang März noch mit Anstand durch. Dieser Mann, ein ostpreußischer Baron, hatte gewiß den redlichsten Willen, aber es fehlte ihm theils an Gelehrsamkeit, theils an Lehrgeschicklichkeit, und so ist der Verlauf seines weiteren Lebens ein höchst trauriger geworden, den er selber in einem Bändchen Denkwürdigkeiten bis in das Einzelste hin beschrieben hat.[211] So unvollkommen Hermann von Kayserling's Religionsphilosophie war, so blieb mir doch ein Stachel von ihr zurück, der sich immer tiefer in meine Seele senkte. Dies war das Problem, ob der menschliche Geist Gott so wissen könne, wie er an sich ist? Daß ein Absolutes, oder, wie der Glaube es nennt, ein Gott sei, wurde nicht in Frage gestellt, wohl aber, ob wir das Wissen des Absoluten von sich selber zu unserem eigenen, also unser Wissen zu einem absoluten machen könnten? Hegel, so hörte ich versichern, bejahte diese Frage; von Kayserling verneinte sie. Er gestand den Menschen allerdings die Möglichkeit eines Wissens von Gott, aber eines nur relativen, approximativen zu. Suchte ich für diese Frage in Hegel's Encyklopädie Aufschluß, so fand ich mich in der Antwort, die ich herauslesen konnte, unbefriedigt. Die Philosophie, hieß es, habe nur mit dem Absoluten zu thun, dessen absolute Form der Begriff sei. Religion und Philosophie hätten denselben Gegenstand, nur daß er für jene als Vorstellung, für diesen als Begriff im Bewußtsein erscheine. Das klang sehr beruhigend. Ich vermißte aber in der Encyklopädie ein Kapitel, welches ausdrücklich von Gott handelte. Ich erfreute mich an dem Gedanken, daß in dem System der Wissenschaft jede Bestimmung eine Stufe in der fortschreitenden, immer wahrhafteren Definition des Absoluten sein sollte. Wenn ich aber am Ende anlangte, wo alle vorangehenden Definitionen sich in eine einzige, letzte, schlechthin absolute aufheben und vereinigen sollten, so traf ich, statt des absoluten Subjectes, nach welchem ich mich sehnte, den Begriff der Philosophie aufgestellt. Und in diesem Begriff war weiter kein besonderer Inhalt gegeben, vielmehr hieß es, daß das absolute Wissen, zu welchem der Geist hier gelangt sei, schon in allen früheren Stufen seine Entwickelung gefunden habe, also nur ein Rückblick auf sie eintreten könne. Herrn von Henning's Logik und Metaphysik zeigte mir doch immer nur eine Dialektik von Begriffen, und ich konnte mich, was er auch sagte, schlechterdings nicht überzeugen, daß ich in ihm mit der Natur Gottes selber zu thun hätte. Ich fing daher an, den Commentar, den er uns zu den Paragraphen des ersten Theils der Encyklopädie vortrug, mit stetem Zweifel zu begleiten, ob er Recht habe, oder ob ich ihn unrichtig verstände. Ich gab, besser folgen zu können, endlich auch das Nachschreiben auf, finde aber in[212] meinem Heft, so weit es läuft, schon bei Paragraph 17 ein sehr komisches Intermezzo. Statt Henning's Erläuterungen steht ein heftiger, sehr schwülstiger Erguß gegen die Hegel'sche Dialektik. Ich spotte über ihren Dreischlag der Begriffsmomente; ich er blicke mich in diesen Abstractionen auf einem öden Felsen, der von unfruchtbaren Winden umtobt wird; ich spotte über den Spott, mit welchem die empirischen Wissenschaften von dem spekulativen Hochmuth herabgesetzt wurden; man meine Faust zu sein und sei selber nur ein trockener Wagner, der Famulus eines Pseudo-Faust; ich dürstete nach Leben und Liebe. Doch hoffte ich immer noch weitere Aufklärung und hielt das Collegium gewissenhaft aus. ? Es ist keine Frage, daß Steffens mir unendlich mehr zusagte und daß von ihm aus jene Reaction gegen die Hegel'sche Logik ihre vorzüglichste Nahrung empfing. Wenn Steffens darüber sprach, daß sich jetzt eine neue Ansicht der Natur vorbereite, deren höhere Ahnungen die Wissenschaft schon als ein Frühlingsgefühl durchziehe, so war es mir, als brächen tausend Knospen in meinem Gemüth hervor. Wenn ich aber von Herrn von Henning vernahm, wie das Sein nicht das Sein, sondern das Wesen, das Wesen nicht das Wesen, sondern der Begriff sei, so wurde mir oft ganz trostlos zu Muthe. Daß die Kategorien durch sich selber von Innen her zusammenhängen müßten, hatte meinen völligen Beifall, aber das Wie dieses Zusammenhangs blieb mir oft räthselhaft. Schleiermacher's Verfahren sagte mir unendlich mehr zu, und ich ließ von Ostern 1825 bis Ostern 1826, mit Ausnahme vorübergehender Anregungen durch Gespräche mit Diesem und Jenem, das Studium der Hegel'schen Philosophie völlig ruhen. Ich hatte den Winter hindurch so gut wie gar keinen Umgang. Müller war zwar noch in Berlin, allein ich verkehrte viel weniger mit ihm, je mehr er in die Familie meines Oheims Eingang gefunden hatte, wo er durch seine Freundlichkeit und Gefälligkeit sich bald zu einem allbeliebten Gast gemacht hatte, der bei Allem dabei sein mußte. Es wurde in dem Hause meines Oheims viel Musik gemacht. Wenn junge Leute der Bauakademie, die bei meinem Oheim Zutritt hatten, Violine oder Flöte zur Begleitung des Claviers zu handhaben wußten, oder wenn sie gesanglustig waren, so hieß man sie willkommen. Ich suchte mich diesem Treiben so viel als möglich zu entziehen und bekam[213] auch im zweiten Jahre eine Stube nach der Straße hinaus, die dicht neben der Bibliothek lag und in welcher ich von dem musikalischen Lärm nichts mehr vernahm und lieber die eintönigen Hammerschläge des Ciseleurs hörte, der mir gegenüber im Lagerhause die Statue Blücher's für Breslau bearbeitete. Ich fand mich mit der Geselligkeit, die zuweilen stark in's Rauschende überging, durch Composition von Gelegenheitsgedichten ab, die mir bei meiner großen Leichtigkeit, Verse zu machen, nicht schwer wurden. Ich dichtete in jenem Winter zu solchem Zwecke auch zwei kleine dramatische Impromptu's: »Oberon und die drei Perlen« zu einem Polterabend und »Federico und Cäcilie«, ein Singspiel, zur Geburtstagsfeier einer älteren Verwandtin, die auf ein paar Wochen zum Besuch gekommen war. Müller vergnügte sich in diesem Gesellschaftstumult umsomehr, als er sich in eine meiner Cousinen leidenschaftlich verliebte. Als er Ostern 1825 die Universität verlassen wollte, in die Praxis überzugehen, machte er ihr einen Heirathsantrag, fand aber keine Erhörung. Bleich, zitternd, Thränenströme vergießend, stürzte er eines Abends in mein Zimmer, mir diesen unglücklichen Ausgang mitzutheilen. Er jammerte mich und ich entschloß mich, ihn nach Hause zu begleiten, um den Wahnsinn seiner grenzenlosen Verzweiflung einigermaßen beschwichtigen zu helfen. Er wohnte sehr weit von mir, in der Mauerstraße. Da es ein naßkaltes, windiges Wetter war, durch welches wir gingen, so ließ er eine kleine Bowle Punsch machen, die ungeheure Spannung des Gemüths, worin wir uns befanden, etwas zu lösen. Müller war ein so guter, liebevoller Mensch, wie ich wenige gekannt habe. Ich hatte mich aus Grundsatz bei seiner Liebschaft, die mir nicht entgangen war, ganz neutral verhalten und stand daher seinem Affect mit reinem Antheil gegenüber. Hundertmal, wie alle Leidenschaftlichen, wiederholte er mir dasselbe, erzählte mir in aller Breite die Geschichte seiner Empfindungen, fiel mir zwischendurch um den Hals, verlor sich in die Vergegenwärtigung von Schönheit und Liebenswürdigkeit seiner Angebeteten, ermüdete sich aber eben mit diesem pathetischen Erguß, so daß ich nach Mitternacht ihn beruhigter verlassen konnte. Wie traurig war mir dieser Gang durch die stillen Straßen zwischen den hohen,[214] finstern Häusern unter dem wolkendunklen Himmel! Müller reiste nach zwei Tagen in seine Heimath ab. Er konnte aber seinen Schmerz nicht überwinden und starb nach einem Jahre an der Auszehrung. Amazon.de Widgets So sehr ich mich nun auch zurückzog, so konnte ich doch bei der Breite der geselligen Verhältnisse, mit denen ich mich ungesucht berührte, nicht vermeiden, vielerlei oberflächliche Bekanntschaften zu machen. Zu diesen gehörte auch ein Französischer Sprachmeister. Er klagte mir, daß seine Beschäftigung ihm noch nie die Muße gegönnt habe, eine Abhandlung zu schreiben, um auf Grund derselben von einer Universität zum Doctor der Philosophie promovirt zu werden, durch welchen Titel er sich in seiner Stellung, namentlich bei Schulen, höchst vortheilhaft verbessern würde. Dies reizte mich zu dem Vorschlag, ihm eine solche Abhandlung zu verfertigen. Ich verlangte dafür nichts, als, im Fall des Gelingens, ein Exemplar seines Diploms. Der Mann, ein Familienvater, that mir leid, aber die Eitelkeit, meine Kräfte an einer solchen Aufgabe zu versuchen, hatte wohl größeren Antheil. Die Verantwortlichkeit für die Täuschung schob ich seinem Gewissen zu. Nun kam es darauf an, ein Thema zu finden, welches doch mit dem Treiben eines Französischen Sprachlehrers in den Augen einer Fakultät homogen erscheinen konnte. Ich verfiel auf den Begriff der Renaissance. Wie oft hatte ich nicht von der Zeit der Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften gelesen. Die Göttinger Professoren gaben ja viele Jahre hindurch eine große Geschichte derselben seit jenem Zeitpunkt heraus: Bouterweck, die Geschichte der Poesie und Beredtsamkeit; Buhle, die Geschichte der Philosophie u.s.w. Das war ein Thema, worin ich mit der nöthigen Vorsicht gegen die Vorurtheile der Gelehrten eine glänzende Apologie des Mittelalters anbringen konnte, für das ich noch immer schwärmte. Mit Hülfe von Meusel's Leitfaden zur Geschichte der Gelehrsamkeit konnte ich die Arbeit mit dem Vorrath von Namen und Jahreszahlen versehen, welche den Fakultäten als Beweis positiver Kenntnisse bei den Bewerbern um akademische Würden so angenehm sind, weil sie doch einen gewissen Anhalt dafür bieten, daß sich dieselben mit dem Gegenstande eingehender beschäftigt haben. Ich griff nun jenen Ausdruck zunächst von der Seite an, daß er nur eine relative Berechtigung[215] habe, denn man verstehe unter ihm das Studium und die Nachahmung der antiken Kunst und Literatur, als ob diese der absolute Inbegriff aller wahren Kunst und Wissenschaft sei, was doch eine viel zu weit gehende Behauptung sei. Sodann behauptete ich, daß das Germanische Mittelalter niemals aufgehört habe, sich, obwohl in beschränktem Maaße, mit der antiken Literatur zu beschäftigen. Freilich seien es vorzugsweise Römische Autoren gewesen, denen man Aufmerksamkeit schenkte. Terenz sei sogar von einer Nonne, Hroswitha, nachgeahmt; Virgil, Lucan, Ovid seien beständig gelesen. Bei den Historikern sei das Bestreben, dem Livius oder Sallust oder Curtius nachzueifern unverkennbar. Bei den Philosophen stehe Seneca als Muster voran; doch verriethen sich auch die Spuren der Lectüre Cicero's. Aristoteles habe die Philosophie lange nur in lateinischer Uebersetzung beherrscht, aber endlich sei man doch auch zur Kenntniß des Originals übergegangen. Scotus Erigena habe schon unter Karl dem Kahlen das Werk des Areopagiten über die Hierarchie aus dem Griechischen übersetzt. An Lateinischen Lehrgedichten über die mannichfaltigsten Lehrgegenstände, sogar über das Schachspiel, sei kein Mangel. Hierauf spielte ich den Haupttrumpf aus, daß man doch dem Mittelalter nicht deswegen Kunst und Wissenschaft absprechen könne, weil es die Alten nicht copirt habe. Vielmehr sei die Selbständigkeit anzuerkennen, mit welcher es in der Scholastik eine ihm eigenthümliche Philosophie, in der Epik, Lyrik und in den Mysterien eine ihm eigenthümliche Poesie hervorgebracht habe. Hier, wo ich die meisten Kenntnisse besaß, ließ ich mich nun weitläufiger aus. Ich fragte, ob man denn ohne diese Fülle origineller Schöpfungen, die sich unabhängig von den Vorbildern der Griechen und Römer entwickelt hätten, nicht einer unendlichen Armuth und Einförmigkeit preisgegeben sein würde, wenn statt jener Ursprünglichkeit Philosophen und Dichter immer nur Sclaven der Alten hätten bleiben sollen? Dante sei gewiß ein großer Dichter. Er sei 1321 gestorben, müsse also ohne Widerrede zum Mittelalter gerechnet werden. Wolle man nun ihn und auch Petrarca ihrer Originalität halber verwerfen? Dann ging ich auf die übrigen Künste über. Von der Musik sei es klar, daß eine Nachahmung der antiken unmöglich gewesen sei, da wir zu wenig von ihr wüßten. Und doch[216] habe gerade diese Kunst aus den Anfängen des Mittelalters heraus einen so gewaltigen Aufschwung gewonnen. Für die Baukunst bezweifle wohl Niemand mehr, daß das Mittelalter Großes in ihr geleistet habe, seitdem das Vorurtheil gegen die Gothik überwunden sei. Und nicht nur Kirchen habe das Mittelalter gebaut, sondern auch Burgen von außerordentlicher Schönheit, wie das Alhambraschloß in Spanien, wie die Marienburg in Preußen. Mit der Architektur habe sich zugleich von den decorativen Elementen derselben und von den Grabmonumenten aus eine allerdings strenge Sculptur hervorgebildet, die nur, um sich zur höchsten Reife zu vollenden, von der Nachahmung der Antike zu früh unterbrochen wurde. Für die Malerei könne man die Glasmalerei, Fresken, musivische Werke und Miniaturbilder anführen. Die so wichtige Erfindung der Oelmalerei könne man dem Mittelalter nicht streitig machen. In der Bearbeitung von Waffen, Rüstungen, Zeugen, Teppichen habe das Mittelalter dem Alterthum nicht nachgestanden. Dies ungefähr war der Gedankengang, dem ich mich mit Begeisterung überließ und den ich sehr rasch zu Papier brachte, da er schon lange in mir gährte. ? Der Sprachmeister wurde auf Grund dieses studentischen Elaborats von einer der kleineren Deutschen Universitäten wirklich zum Doctor promovirt, was mir natürlich viel Vergnügen machte. Um die Fiction aufrecht zu halten, daß ein französischer Sprachmeister der Verfasser sei, war ich zum Schluß noch einmal auf die französische Literatur eingegangen, welche das Princip der Nachahmung der Alten auf die Spitze getrieben habe. Sie habe dadurch auch eine große formale Reinheit gewonnen, aber in der Freiheit und Frische der Production sei sie auch seitdem durch pedantische Einseitigkeit verkümmert und habe ihr goldenes Zeitalter hinter sich. Seit Lessing und Winkelmann werde Niemand, außer den Franzosen, glauben, daß sie die Alten nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen hätten. Das Resultat des Ganzen war also, daß der beliebte Ausdruck: Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften, insofern unrichtig sei, als ob im Mittelalter nur Barbarei geherrscht habe, und weder Kunst noch Wissenschaft vorhanden gewesen sei; während doch thatsächlich eine große bildende Kunst, die noch in tausenden von herrlichen Denkmälern vor Augen stehe, eine umfangreiche und bedeutende Poesie und eine nicht[217] zu unterschätzende Wissenschaft existirt hätten, welche letztere der antiken Philosophie so wenig fremd gewesen sei, daß sie vielmehr die Aristotelische als den classischen Zeugen der menschlichen Vernunft zur Auctorität auch für die Kirche erhoben habe. Jener Ausdruck sei aber auch insofern schief, als er mit der Wiederherstellung nur die Nachahmung des antiken Standpunktes ohne originelle, schöpferische Thätigkeit bezeichne, gegen deren Erfindungslosigkeit die selbstständige Produktivität des Mittelalters noch im Vortheil sei. Diese Arbeit war für mich wohlthätig, weil sie mich zum ersten Male veranlaßte, mich aus einer grenzenlosen Zerstreuung zu concentriren und wenigstens für eine der vielen Regionen, in die mein wissensdurstiger Geist sich auslegte, zu sammeln. Ich war nur zu sehr mir selbst überlassen. Meine Empfänglichkeit war ganz universell, und viele Umstände trugen dazu bei, mich bald hier- bald dorthin zu ziehen. Die Antiquare wurden mir besonders gefährlich. Gleich bei der Universität, auf der Seite nach der Hauptwache zu, hielt ein Bücherverkäufer unter freiem Himmel seinen Markt; auf dem unteren Sims des Schlosses, an der Ecke der Stechbahn, stellte ein alter Büchertrödler seine Lockungen aus; in der Neuen Königsstraße war es die Handlung des Bücher-Antiquars Franz, die mich bald bei sich heimisch machte. Ich kämpfte oft längere Zeit mit meinen Gelüsten, in der Regel aber erlag ich der Versuchung und gab mehr Geld aus, als ich gesollt hätte. Ich kaufte auch gar Manches, was ich sehr wohl entbehren konnte, z.B. Feßler's Geschichte von Spanien, Machiavelli's Florentinische Geschichte, sein Leben des Castruccio Castracani, eine alte Ausgabe des Decameron und was es sonst Ueberflüssiges gab. Dazu kamen noch andere Zerstreuungen, die mich mit neuen Gedanken erfüllten. Ich selber, ein obscurer Student, würde es wohl z.B. nicht gewagt haben, einer öffentlichen Sitzung der Akademie der Wissenschaften beizuwohnen, aber an der Seite meines Oheims wagte ich mich in den Saal. So kam es, daß ich Wilhelm von Humboldt nicht nur zu sehen bekam, sondern ihn auch seine berühmt gewordene Abhandlung über die Bhagavatgita vorlesen hörte, in welcher er beweisen wollte, daß dem Indischen Pantheismus ein Monotheismus zu Grunde gelegen habe. Solche Eindrücke verwischen sich nicht. 
 VII. Meine erste Bekanntschaft mit der Hegel'schen Philosophie durch Leopold von Henning.  [184] Ich hatte Philologie studiren wollen. Was aber hatte ich gethan? Ich hatte etwas Herodot getrieben, den Ktesias übersetzt, zwei Monate hindurch Mathematik studirt, durch die Bibliothek meines Oheims eine oberflächliche Bekanntschaft mit der gesammten mathematischen und physikalischen Literatur gemacht, eine Geschichte Islands verfaßt, die nichts als eine pomphafte Stylübung war, ein Drittel von Raumer's Handbuch, merkwürdige Stellen aus den lateinischen Geschichtsschreibern des Mittelalters übersetzt und zuletzt einen schwülstigen, phantastischen Roman gedichtet. Daneben hatte ich noch eine Reihe kleiner Arbeiten gemacht, welche sich auf die Geschichte der deutschen Sprache und Literatur bezogen. Ich hatte z.B. einen genauen Auszug aus Adelung's Werk zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur von 1801 gemacht; ich hatte Göthe als Lyriker gegen einen Oesterreicher, Herrn v. Spaun, vertheidigt, der in einem Wiener Conversationsblatt sieben lyrische Gedichte als unlogisch, ungrammatisch, nachlässig und stylwidrig corrigirt hatte; ich hatte den Faust von Maler Müller gegen eine Verunglimpfung in der Jenaischen Literatur-Zeitung in Schutz genommen u.s.w. Unfehlbar würde ich nun mit einem so chaotischen Durcheinander gänzlich in's Wüste gerathen sein, wenn ich nicht eine Grundlage gewonnen hätte, über deren Bedeutung ich nicht das geringste Bewußtsein gehabt hatte. Dies war die Bekanntschaft mit der Hegel'schen Philosophie. Bis ich nach Berlin kam, hatte ich kaum den Namen Hegel gehört. Von der Stellung, die er zur deutschen Philosophie oder gar zur Philosophie[185] überhaupt einnahm, hatte ich nicht die geringste Vorstellung. Ich wollte ja auch nicht Philosophie studiren und betrachtete daher die speciell philosophischen Collegia nur als Nebenfächer. Es mußte doch aber, dem Herkommen nach, ein Collegium angenommen werden, welches in die Philosophie einleitete. Mein Oheim war Kantianer und gegen Hegel durchaus eingenommen, weil derselbe sich über Newton sehr bitter angelassen hatte. Allgemein vernahm ich die Versicherung, daß Hegel gar nicht oder doch sehr schwer zu verstehen sei. Es wurde aber ein junger Professor, Leopold von Henning, als ein Docent gerühmt, der die Gabe besitze, Hegel für Anfänger verständlich zu machen. Er hatte Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften angekündigt. Was konnte ich Besseres thun, als mich an ihn wenden und mir Hegel's Encyklopädie, die von 1817, welche er voraussetzte, anschaffen. Ich glaubte zuerst, dies Buch eben so gut lesen zu können, als ich andere philosophische Bücher gelesen hatte Ich war doch nicht unvorbereitet. Ich hatte von der empirischen Psychologie, von der philosophischen Grammatik, von der formalen Logik durch die Schule eine nicht zu verachtende Uebersicht mitgebracht. Meine allgemeine Bildung war eine sehr ausgedehnte, und es war mir eigentlich keine Wissenschaft ganz fremd geblieben, da ich, wie man sich erinnern wird, stark in die encyklopädische Zerstreuung gefallen war. Auch hatte ich von Platon und Cicero, von Lessing und Herder doch so Manches gelesen und auch, wie ich glaubte, verstanden. Aber dies Buch von Hegel war mir ein Räthsel. In den Einleitungen zu den Haupt-Abschnitten, sowie in den Anmerkungen fand ich mich nothdürftig zurecht, allein die Paragraphen, welche Hegel's eigenes System darstellten, waren mir ganz unzugänglich. Sie stießen mich jedoch nicht ab, sondern reizten mich, ihren Sinn zu entziffern. Eine ganz neue, von mir kaum geahnte Welt schien sich mir aufzuthun. Zuweilen glaubte ich eine Verwandtschaft mit den Fragmenten von Novalis zu entdecken, die ich auch als höchste Offenbarung des Geistes verehrte, ohne sie verdaut zu haben. Amazon.de Widgets Ich hörte daher das Collegium mit größtem Fleiß und betheiligte mich an den philosophischen Unterhaltungen, welche sich für Freiwillige daran knüpften. Leopold von Henning, ein großer, schlanker Mann,[186] voller Lehreifer, Geduld und Freundlichkeit, gewann bald meine ganze Zuneigung. Wenn ich etwas nicht verstand, schob ich es auf die Schwäche meiner Fassungskraft, gerade wie ich bei der Empfindung der Langenweile oder gar des Mißbehagens, die mich im Studium der altdeutschen Gedichte zuweilen überkam, die Schuld nicht ihnen, sondern der Mangelhaftigkeit meiner Einsicht zurechnete. Nach Allem, was ich von ihrer Vortrefflichkeit las, durfte ich nicht daran zweifeln. So lebte ich mich ganz unbefangen in ein unbedingtes Vertrauen zu Hegel's Philosophie hinein, worin mich Buschmann, der mir so viel voraus war, mit geheimnißvollen Andeutungen, wie er sie liebte, bestärkte. Müller's Abneigung gegen Hegel's Naturrecht verschlug wenig bei mir, da er nur ein praktisches, kein philosophisches Interesse besaß. Meinem Oheim war es zuletzt angenehm, von der neuen Lehre, die so viel Aufsehen zu machen begann, durch mein Referat eine nähere Vorstellung zu bekommen; sowie es ihm auch Vergnügen machte, mit mir darüber zu streiten. Leopold von Henning hatte seiner Darstellung auch eine kurze Geschichte der Philosophie einverleibt, die mir ganz neue Gesichtspunkte gab. Ich bekam durch ihn, so zu sagen, alle Stichwörter der Hegel'schen Philosophie überliefert und hatte an der systematischen Gliederung des Ganzen die größte Freude. Consequent hätte ich von dieser Propädeutik Henning's zu Hegel's Vorlesungen selber weiterhin übergehen müssen. Dies geschah aber nicht, weil ich allmälig ganz in Schleiermacher versank. Ich habe daher bei Hegel nur einige Male hospitirt, mich zu überzeugen, wie er, dem glatten, gewandten Vortrag Schleiermacher's gegenüber, sich in mühsame und schleppende Perioden erging, die er seltsam umherwarf, mit Husten und Tabacksschnupfen unterbrach und eine Sprache redete, die mir Sterblichem verschlossen schien. Ich bewunderte die Studenten, welche lautlos, als ob die Sphinx ihren mysteriösen Mund geöffnet habe, zu seinen Füßen saßen und offenbar, was er sagte verstehen mußten, da sie von dem nach meiner Meinung sich wiederkäuenden Vortrage sogar ganz ordentliche Hefte nachzuschreiben vermochten. So kümmerte ich mich denn um Hegel bei allem Respect vor ihm nicht weiter, sondern blieb bei dem redegeläufigen Herrn von Henning stehen. Von der inneren Differenz zwischen Hegel und Schleiermacher hatte ich noch[187] weniger eine Ahnung. Ich glaubte, die schönen philosophischen Abhandlungen des Letzteren, die ich in den Schriften der Akademie gefunden hatte, ganz naiv mit Hegel's Philosophie vereinigen zu können. Noch weniger aber konnte ich eine Ahnung haben, wie sehr mein ganzes Schicksal durch diese beiden Männer bestimmt werden sollte. Wie wenn in dem Winkel eines Gebäudes ein unbeobachteter Funke gezündet hat und sich nun die verzehrende Gluth zuerst heimlich durch die Balken schleicht, bis sie plötzlich in helle Flammen ausbricht; so war der Funke der dialektischen Methode und der Begriff des Geistes still und unbewacht in meine Seele gefallen und glimmte im Verborgenen rastlos nagend weiter. Die ganze Signatur meines Lebens wurde in jenem fröhlichen Sommer festgestellt, während ich auf ganz andere Ziele loszugehen wähnte. Ich möchte einige bekannte Verse aus Göthe's Wilhelm Meister in Bezug darauf so parodiren: Wer nie sich mit dem Zweifel maß, Wer nie die unruhvollen Nächte In seinem Bette grübelnd saß, Der kennt euch nicht, ihr Geistesmächte! Ihr führt in's Denken ihn hinein, Versprecht den Himmel ihm auf Erden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein, Wie Alles soll Gedanke werden. Durch Herrn von Henning kam aber noch ein anderer Sauerteig in mich, der das Verhältniß zu meinem Oheim die ganzen zwei Jahre über, die ich in Berlin zubrachte, immer von Neuem in Gährung versetzte. Dies war die Göthe'sche Farbenlehre, über welche von Henning Vorlesungen hielt. Diese schienen mir von meinen damaligen philologischen und historischen Zwecken so weit ab zu liegen, daß ich sie nicht annahm, nur zuweilen darin hospitirte und mich damit begnügte, mir eine Brochüre zu kaufen, welche er über diesen Gegenstand herausgegeben hatte. Diese Brochüre verfehlte ich nicht, meinem Oheim mitzutheilen und versetzte ihn dadurch in einen wüthenden Affect. Er war der gutmüthigste Mensch von der Welt, aber die Verachtung, mit welcher in jenem Büchlein von Newton gesprochen wurde, empörte ihn grenzenlos. Als ich ihm nun gar aus Hegel's Encyklopädie die Stellen vorlas, worin sich derselbe über Newton ausgesprochen, gerieth er vollends[188] außer sich. Er hatte von dieser Polemik längst gehört, sich aber nicht besonders darum gekümmert. Nun er sie durch mich kennen lernte, überstiegen sie noch bei Weitem das Maaß der Verwegenheit, welches er darin vorausgesetzt hatte. Alle Jugend ist zur Neuerung und damit zur Opposition gestimmt. Ich war daher schon von dieser Seite geneigt, für Göthe Partei zu nehmen, um mich für die Langeweile zu rächen, die ich bei der Physik des Procurators Meyer erduldet hatte. Dazu kam aber die unendliche Verehrung, die ich für Göthe hegte und das Vertrauen, welches mir von Henning zu Hegel's Philosophie eingeflößt hatte. Es wäre Vermessenheit gewesen, wenn ich gegen meinen Oheim persönlich hätte streiten wollen. Dazu war er mir in der Kenntniß der exacten Wissenschaften zu entschieden überlegen. Ich begnügte mich, nicht unbescheiden zu sein, die Gründe gegen Newton's Optik nach den Aeußerungen des Herrn von Henning zu wiederholen. Daß das Gespräch sich häufiger zwischen uns erneute, hatte unter Anderem eine ganz zufällige Ursache. Ich trank, wie schon erwähnt, den Morgenkaffee mit der Familie gemeinschaftlich in einem großen Zimmer, von dessen Decke ein schöner krystallener Kronleuchter herabhing, der in den Strahlen der aufgehenden Sonne oft die reizendsten Regenbogenfarben spielte. Die unschuldige Freude an der Pracht dieses Schauspiels genügte, mit zwei, drei Worten auf die unselige Farbenlehre zu kommen. Mein Oheim hatte nun einmal seine Unterhaltung daran, den Frevel eines bloßen Dichters und bloßen Philosophen gegen einen mathematisch so hochstehenden Physiker zu verspotten und zu züchtigen. Hatten wir Beide Zeit, wie öfter am Sonntag, so wurde auch wohl ein Band von Newton's Optik aus der Bibliothek hervorgeholt, damit ich die unübertrefflichen Definitionen und Propositionen Newton's selber anhören und bewundern sollte. Amazon.de Widgets Ein halbes Jahrhundert ist seit diesen Gesprächen verflossen, und wenn man die Physiker befragt, so sollte man glauben, daß Göthe's Farbentheorie als der Einfall eines poetischen Dilettanten längst beseitigt und Newton's Optik unverrückt aufrecht erhalten sei. Ich werde mich hier nicht weiter auf diesen Streit einlassen, über den ich in späteren Jahren mich wiederholt habe äußern müssen. Ich will hier nur die Erfahrungen andeuten, die ich damals machte.[189] Die vornehmste war, daß mein Oheim Göthe's Farbenlehre nie gesehen hatte. Er, der eine so reiche Bibliothek gesammelt hatte, worin auch viel überflüssige Spreu vorhanden war, hielt Göthe's Werk für unwerth, darin einen Platz einzunehmen. Diese Erfahrung der Unkenntniß der Göthe'schen Auffassung aus seinen eigenen Experimenten und Beschreibungen habe ich hinterher, mit seltenen Ausnahmen, wiederholt gemacht. Da nun Göthe seine Behauptung nicht a priori, vielmehr auf Grund der Erfahrung aufgestellt hatte, so erschien es mir immer als eine unverzeihliche Nachlässigkeit seiner Gegner, seine Experimente zu ignoriren. Ich selber befand mich damals in dem gleichen Falle, wie mein Oheim. Auch ich hatte Göthe's Farbenlehre noch nie gesehen. Als ich sie einige Jahre später in Halle kennen lernte, nahm mich der historische Theil nicht weniger in Anspruch, als der systematische. Göthe zeigt darin, daß seine Ansicht durch die ganze Entwickelung der Optik als ein constantes Element sich hindurchzieht und insofern als Resultat vieler sie vorbereitenden Beobachtungen und Gedanken erscheint. Umsonst sehen wir uns nach einem Werk um, durch welches diese Geschichte widerlegt wäre. Die exacte Physik hätte eine Gegengeschichte liefern müssen, vornehmlich um die urkundliche Darstellung zu entkräften, welche Göthe von Newton selber gegeben hat. Der Haupteinwand meines Oheims, wie seiner Fachgenossen, war, daß Göthe nicht hinreichend mathematisch gebildet gewesen sei, Newton zu verstehen. In der Physik handelt es sich aber doch zuerst um Thatsachen, zu deren Wahrnehmung gute Sinne und gesunder Menschenverstand erforderlich sind. Beide Gaben konnte man Göthe doch gewiß nicht absprechen. Die Rechnung, dieser Stolz der Mathematiker, muß doch in der Physik von Thatsachen ausgehen. Sind diese irrig aufgefaßt, so hilft alle Rechnung nicht nur nichts, sondern kann nur Verwirrung erzeugen, welche den Schein exacter Forschung annimmt. Wo wäre denn aber in Newton's Optik die Mathematik? Newton verfährt hauptsächlich logisch. Die Angabe über Größenverhaltnisse der Farbensäume, über die Geschwindigkeit des Lichts, über den Grad des Einfallswinkels und die sich daran knüpfenden sehr einfachen Berechnungen wird man doch nicht für große Mathematik ausgeben können. Newton geht von der Thatsache der Existenz des Spectrums, nicht aber von einer[190] algebraischen Formel oder gar von einer geometrischen Figur aus. Er hat ganz recht, so zu verfahren, aber das Gerede von den Schwierigkeiten, welche seine hohe mathematische Bildung für das Verständniß seiner Optik erzeuge, ist nur erfunden, die gedankenlose Menge glauben zu machen, daß der wahre Begriff der Optik von der Mathematik abhängig sei, während sie doch eine physikalische Wissenschaft ist, in welcher der Calcul nur eine secundäre Rolle zu spielen vermag. Amazon.de Widgets Fragte ich meinen Oheim, wer Göthe's Farbenlehre widerlegt habe, so wurde ich auf einen Artikel in Gehler's physikalischem Wörterbuch und auf die Schrift eines Berliner Gelehrten, Fischer, verwiesen. Fand ich hier eine Widerlegung? Keineswegs! Es wurde auf Göthe's Vermessenheit, sich Newton entgegenstellen, gescholten. Es wurde seine Unfähigkeit behauptet, Newton richtig verstehen zu können. Es wurde Newton's Theorie als die allein mögliche wiederholt und endlich der Farbenkreisel als das Experiment angeführt, welches zeige, wie die sieben Farben durch die Schnelligkeit der Bewegung für das Auge sich zur weißen Farbe neutralisirten. So sehr ich die wirkliche Genialität meines Oheims im Fache der Mathematik, und so sehr ich seine Begeisterung für Newton respectirte, so konnte er mich doch nie überzeugen, daß das einfache Licht eine Zusammensetzung von sieben Farben, und daß zur Erzeugung der Farbe außer dem Licht nicht noch ein dasselbe trübendes Agens nothwendig sei. Die Interferenz von Licht und Licht kann wohl Verdunkelung, nicht aber Farbe hervorbringen. Noch eines Punktes muß ich hier erwähnen, der mir für den Gang der Wissenschaft sehr merkwürdig erscheint. Wir finden bei Newton auch schon der Aether. Zur Zeit aber, als ich mit meinem Oheim disputirte, war diese Hypothese bei den Männern der exacten Forschung nicht nur vergessen, vielmehr völlig in Mißcredit gekommen, weil Oken in seiner Naturphilosophie den Aether wieder gelehrt und das Licht als die Spannung einer Aethersäule zwischen einem Planeten und seinem Centralkörper definirt hatte. Oken aber galt meinem Oheim und seinen akademischen Genossen für ein wissenschaftliches Monstrum. Göthe's Verdienste um die Hebung der deutschen Literatur konnte man nicht fortleugnen, und so wurde über seine Farbenlehre mitleidig als[191] über die Verirrung eines Dichters gesprochen. Für Oken aber, der nur Naturforscher sein wollte, hatte man nur Verachtung. Seine Aether-Hypothese wurde lächerlich gefunden. Und wie steht es jetzt? Der Aether ist der augenblickliche Liebling der exacten Wissenschaften geworden. Sie können ihn zwar nicht wahrnehmen; sie können seine Atome weder sehen, noch wiegen, noch messen. Aber nichts soll gewisser sein, als die Existenz des Aethers. Seine Atome sollen wirkliche Atome, also materiell, und doch sollen sie sich nicht attrahiren, sondern repelliren. Ihre Bewegung soll es sein, die wir als Licht empfinden. Was würde mein Oheim wohl zu diesem Aether sagen, der, obwohl aus Atomen bestehend, doch alle sinnlich wahrnehmbare Materie allgegenwärtig durchdringen soll? Ich glaube, er würde sich zu seiner Anbetung bekehrt haben, weil man mit den fictiven Atomen, die imponderabel sein sollen, so schön rechnen kann. 
 XI. Halle. Pfingstreise nach Schloß Mansfeld. Kampf zwischen Rationalismus und Supranaturalismus. Schlauch's Wanderungen Gottes und des Teufels zur Entdeckung der besten Dogmatik. Hinrichs gewinnt mich für die Hegel'sche Philosophie.  [272] Ich bekam in Halle eine Wohnung, die mitten in der Stadt gelegen war, in Klein-Schmieden. Dies ist ein Platz, der dicht am Markte liegt, von welchem eine breite, kurze Straße zu ihm führt. Außerdem münden drei Straßen auf ihn. Die Steinstraße hatte ich meinem Fenster gerade gegenüber. Rechts, wo ich hinaussah, erblickte ich den[272] rothen Thurm mit der Hauptwache und einen Theil des Marktes. Ich hatte ein großes dreifenstriges Zimmer mit einem Alkoven in der belle Etage des Hauses eines Schankwirthes Thiem. Mit Ausnahme des unteren Stocks, worin sich die Gastwirthschaft befand, war das ganze Haus an Studenten vermiethet. Es bestand aus einem Vorder- und Hintergebäude, zu welchem man durch Galerien gelangte, die vom Vorderhause über den Hof auf dessen entsprechende Stockwerke hinführten. In dem meiner Wohnung correlaten wohnte Genthe, so daß wir, zu einander zu kommen, nur über die Galerie zu gehen hatten. Wir Beide verkehrten nicht mit den übrigen Studenten, die sämmtlich Hanseaten waren und zu Landsmannschaften gehörten. Ich war schon in dem dritten Jahre meiner Studien und daher über die Zeit hinweg, in welcher der junge Student als sogenannter »Fuchs« den lebhaftesten Reiz empfindet, in eine Verbindung zu treten. Genthe war im zweiten Jahre seiner Studienzeit. Wir hielten uns als Renonce zur Burschenschaft, die zwar nicht als anerkannte, statutarisch geschlossene Verbindung existiren durfte, aber als eine freie Vereinigung geduldet wurde. Genthe's Mutter war Zschokke's Schwester. Dieser Zusammenhang brachte uns in ein Verhältnis zu den Schweizern, die sämmtlich der burschenschaftlichen Tendenz anhingen. Ich war durchaus auf den Betrieb der Wissenschaft gerichtet, vermied daher die Theilnahme an den größeren Gelagen, schloß mich jedoch keineswegs gegen die akademische Geselligkeit pedantisch ab und gestehe, daß die schönen Lieder, die bei unsern Zusammenkünften gesungen wurden, für mich etwas tief Ergreifendes hatten. Der Sinn für Freiheit, Freundschaft, Liebe, Brüderlichkeit, Mannheit, Vaterland ist darin oft mit so vielem Adel in so warmen Worten ausgedrückt, daß die Seele eines gutgearteten, strebenden Jünglings ganz davon erfüllt werden muß. Dazu kommen die schönen Melodieen, welche diese Lieder ja auch außerhalb des Kreises der Studirenden bei der Nation beliebt und theilweise zu Volksliedern gemacht haben. Keine andere Nation kann sich in dieser akademischen Sangeslust mit den Deutschen messen. Ich fand unter den Studirenden eine Unzahl von ehemaligen Bekannten aus Magdeburg, wie Münich, Schwalbe, Willimann, Behrendsen, Werner u.A. Ich berührte mich mit ihnen in Collegien, in[273] Restaurationen, in öffentlichen Gärten. Ich machte mit Einigen auf ein paar Tage eine Fußreise nach Leipzig, das Treiben der weltberühmten Messe kennen zu lernen; um Pfingsten eine Fußreise über Seeburg und Eisleben nach Mansfeld, wo das Schloß der alten Grafen mich sehr interessirte; ein Theil der starken Trümmermanern wird auf den Sachsenherzog Wittekind als Erbauer zurückgeführt. Auch dadurch kam ich in manchen äußeren Verkehr, daß ich einige Monate hindurch Unterricht bei einem Stallmeister nahm, mich in der edlen Reitkunst zu vervollkommnen. Aber alle diese Beziehungen griffen nicht tief. Ich blieb den Sommer über schwermüthig und ich hing am liebsten auf einsamen Spaziergängen, zu denen die anmuthigen Umgebungen der Saale einladen, meinen Grübeleien nach. Wie es geschehen, daß ich an die Lectüre Dante's gerieth und dadurch zu dem Stoff mystischer Elemente, die ich in meinem Geiste herumwälzte, noch immer neuen Zusatz empfing, weiß ich nicht mehr. Ich habe eben nur die Erinnerung, daß ich mehrere Wochen hindurch wenn ich, in Schweiß gebadet, von der Reitschule kam, mich sofort, nachdem ich mich kaum umgezogen, auf das Sopha warf, mit Dante durch Hölle, Fegefeuer und Himmel zu wandern, und daß diese Lectüre mich in der Annahme bestärkte, alle Vorstellungen von einer jenseitigen Welt für phantastisch zu halten. Dante stellt z.B. die Hölle als ein trichterförmiges Gefängniß dar, dessen unterste Verengung eisig ist und wo Judas Ischarioth auf dem Eise ausgestreckt liegt. Symbolisch konnte ich mir ja nun diese Construction ganz wohl als ein Bild der sich immer mehr in sich verengenden Selbstsucht gefallen lassen. Ich konnte eine ideale Wahrheit in der Dichtung erblicken. Judas, der Verräther der aufopferndsten Liebe, zum Mittelpunkt des Infernums gemacht und die selbstische Isolirung seiner Gesinnung, die ihn bis zum Selbstmord trieb, durch eine Eiszone ausgedrückt zu sehen, aber von Realität dieser Dante'schen Vorstellungen konnte doch so wenig die Rede sein, als von der Realität des Teufels, der mir in den Schriften Böhme's auf jeder Seite begegnete. Ich will hier eines Tages erwähnen, der eben so vollendet für mich war, als der Gang von Quedlinburg nach Gernrode. Es war ein wunderschönes Wetter. Ich sehnte mich aus der staubigen Stadt[274] in's Freie und entschloß mich plötzlich, ganz allein nach Merseburg zu wandern, wo ich noch nicht gewesen war. Es ist zwei Meilen von Halle entfernt. Der Weg dahin wird durch eine Chaussee gebildet. Er ist nicht besonders malerisch; doch führt er durch fruchtbare Fluren und über einige Brücken. Das lachende Grün der Felder, die weiche Luft, die goldene Sonne, der blaue Himmel erfüllten mich bei jedem Schritt vorwärts mit immer seligeren Empfindungen. Eine für mich neue Stadt, die noch dazu, wie Merseburg, eine so ehrwürdig alte ist, hat auch ihr Interesse. Ich besah den Schloßgarten, den Dom und in dessen Kreuzgang den Raben, der hier noch in einem großen Käfig zum Andenken an eine unglückselige Begebenheit stiftungsmäßig gehalten wird. Bei herrlichem Mondschein langte ich gegen Mitternacht wieder in Klein Schmieden an. Warum sollte, was die Menschen Himmel nennen, nicht schon jetzt wirklich sein können? Uns erscheinen die Gestirne in der gleichen Glorie ihres Lichtschimmers. Wir träumen uns auf ihnen selige Welten. Muß nicht die Erde den übrigen Planeten, wenn sie Bewohner haben, ebenfalls in solcher Glorie erscheinen? Auf dem Mond vernimmt man nicht den Angstschrei der Thiere, welche wir zu unserem Nutzen tödten, nicht das Gewinsel neugeborener Kinder, nicht das Seufzen und Wimmern der Kranken und Sterben den, nicht das Geheul Irrsinniger, nicht die Klagen der Hungrigen, nicht das Knattern des Gewehrfeuers und den Donner der Kanonen, womit wir uns gegenseitig in den Massenmord stürzen, und noch weniger erblicken wir die Bewegung der Gesten und der Gesichtszüge, in denen sich die Leidenschaft ausprägt. Für ihn erscheint die Erde gerade so als ein friedlicher, seliger Stern, wie der Mond für die Erdbewohner. Himmel, sagte ich mir, ist überall, wo Seligkeit, Hölle überall, wo unselige Zerrissenheit des Geistes herrscht. Die letztere hatte ich auch hinreichend kennen gelernt, aber konnte sie hindern, mich auch nicht blos glücklich, sondern selig, d.h. mit Gott Eins zu fühlen? Was sollte mich denn von ihm trennen, wenn ich mich ihm völlig hinzugeben von innigster Sehnsucht durchdrungen war? Warum sollte ich denn außer Gott, warum sollte die Erde, trotz ihrer Hölle, nicht auch der Himmel sein? O wie oft habe ich hier in Ostpreußen, hier bei Königsberg, als noch die prachtvollen Wälder der Wilkien bestanden, im Samlande, in[275] Buchten und Schluchten des Meeresufers, in den köstlichen Thal-und Waldgründen, die sich hinter ihnen erheben, auf einsamen Wanderungen die Wonne der Seligkeit gefühlt! Statt der Offenbarung Gottes in Natur und Geschichte, damit aber auch die Seligkeit zu genießen, reden sich die Menschen ein, daß noch eine ganz an dere Wonne existiren müsse, von welcher sie nur keine Vorstellung hätten. ? Die Qual, welche durch Schleiermacher in mich gekommen war, lag doch hauptsächlich darin, daß ich der Gnade Gottes gewiß werden wollte. Gnade ist das Verhalten eines Subjekts gegen ein anderes. Von Gott als Subjekt konnte ich durchaus keine directe Erfahrung machen; eben so wenig von Christus, durch welchen die Gnade vermittelt sein sollte. Es war unmöglich, mir ein objektives Zeugniß, eine äußerliche Beglaubigung zu schaffen, daß ich mich im Zustande der Gnade befände. Sobald ich versucht wurde, diesem Bedürfniß nachzugehen, erkannte ich, daß ich auf dem besten Wege zu völlig abergläubischen Vorstellungen war. Was blieb also als objektiver Halt übrig? Nur die Beschaffenheit meiner Empfindungen selber. Das Wahre, das Gute, das Schöne, sie allein konnten mich beseligen; sie allein konnten mir die Gewißheit geben, mit ihnen in Gott selber zu leben, mit ihm Eins zu sein. Der Inhalt jeder drei Ideen allein genügte mir nicht, sondern erst das persönliche Verhältniß zu dem absoluten Subjekte, welches diese Ideen als sein eigenstes Wesen ewig denkt und will. Eben daher übermannte mich das Gefühl der Seligkeit am gewaltigsten auf meinen einsamen Wanderungen, und tausendmal habe ich mir auf ihnen die Worte jenes Volksliedes zugerufen, welche sagen: Wenn Gott mich freundlich grüßet Aus blauer Luft und Thal, Mein Herz voll Dank zerfließet Im warmen Sonnenstrahl. Es war nicht Pantheismus, was mich in solchen Stunden beseelte, als hätte ich mich für Gott gehalten, sondern es war Liebe zu Gott, das Gefühl der absoluten Vereinigung mit ihm, das durch nicht gehemmt, vielmehr durch Alles in meinem Zustande gefördert war. Ich war auch noch kirchlich fromm und besuchte sehr häufig den Gottesdienst[276] der reformirten Gemeinde im Dom, wo zwei vortreffliche Prediger, Blanc und Rienäcker, mich oft unendlich erquickten, besonders der letztere. Es waren zugleich gelehrte Männer. Blanc hatte ein Handbuch des Wissenswürdigsten für Hauslehrer herausgegeben, das sehr viel gebraucht ward. Er hat sich später durch seine Forschungen über Dante einen ehrenvollen Namen für die Italienische Literatur gemacht. Ich wurde mit ihm persönlich bekannt und habe ihn stets als einen der edelsten, liebenswürdigsten Menschen verehrt. Rienäcker neigte sich zu archäologischen Studien und übersetzte sogar das Werk eines Engländers über Athen mit Anmerkungen. Halle hatte auch seinen Antheil an der Romantik gehabt. Schleiermacher und Steffens waren hier Professoren gewesen, Reichhard's, des Musikers Haus und Garten in Giebichenstein hatte eine Zeitlang einen geselligen Mittelpunkt für die Romantik abgegeben, worin Tieck hervorstach. Louise Brachmann hatte sich hier in den Fluthen der Saale ertränkt. Ein Denkmal auf einer kleinen Insel erinnerte an sie. Das nur zwei Meilen entfernte Bad Lauchstädt bildete den Uebergang zur Weimar'schen Gruppe. Damals, als ich Student in Halle wurde, war von den Berühmtheiten der früheren Periode nur noch die Frau Händel-Schütz übrig, die als Wittwe im Hause ihres Schwiegervaters, des Philologen Hofrath Schütz lebte und ihm die Wirthschaft führte. Sie war immer noch eine stattliche, schöne Frau. Hinter dem Haus war ein Garten mit schönen, großen Bäumen und in diesem war das Bett der Penelope und des Odysseus nachgeahmt, indem die Aeste in einigen Bäumen so ausgehauen waren, daß ein Bettgestell hineinpaßte, um hier laue Sommernächte unter dem Duft der Lindenblüthen wollüstig zu verträumen. Ich habe diese Einrichtung selber gesehen und mußte dabei, wie bei so manchen andern, nicht wohl mittheilbaren Vorkommnissen in diesem Hause, lachen, wie sich die Romantik darin mit der Antike verbunden hatte. ? Halle war damals noch nicht so schmuck, wie heutigen Tages. Das Erbauen von Landhäusern in Giebichenstein hatte erst einen sparsamen Anfang genommen. Die heutige Leipziger Straße, die nach den Bahnhöfen führt, hieß damals noch Galgenstraße, weil vor dem Galgenthor, in welches sie mündete, der Galgen gestanden hatte. Ein Sandsteinmonument,[277] auf welchem Christus am Kreuz zwischen den beiden Schächern dargestellt war, bezeichnete die Stelle. Die Universität war noch in dem nomadenhaften Zuschnitt, wie Göttingen und Jena, daß die Studenten von Auditorium zu Auditorium in die Häuser der Professoren wanderten. Im Gebäude der Rathswaage auf dem Markt hatte sie den ersten Stock gemiethet. Die Zimmer nach vorn heraus dienten zu den Versammlungen des Senats, nach hinten zu, den Hof entlang, zog sich ein großer Saal, der zum Abhalten der größten Collegia benutzt ward. Man kann sich nichts Oederes, Düstereres, Profaischeres, als diesen Saal vorstellen, der von dem Vorflur nur durch eine Bretterwand abgeschieden war. Die Romantik hat auch ihn verewigt. Achim von Arnim hat ein Trauerspiel: Cardenio und Celinde, oder Halle und Jerusalem, gedichtet, worin das ganze damalige Studentenleben Halle's, durch eine Disputation im Saal der Rathswaage, geschildert ist. Rechts vom Eingang des Thorwegs der Waage stand ein kleiner Vorbau, in welchem sich ein Papierladen befand. Hier thronte die sogenannte Papierfritzin mit ihren Töchtern. Ich war nach Halle gegangen, Theologie zu studiren. Ich nahm bei Tholuck die Dogmatik an, weil ich eingesehn hatte, daß ich mit der Schleiermacher'schen zum Examen nicht ausreichen würde. Sie war zu individuell, um nicht zu sagen, zu heterodox. Tholuck war an Stelle des verstorbenen Knapp gekommen und erfreute sich auch einer dichtgedrängten Zuhörerschaar. Er gab sich viele Mühe und ging, namentlich für den Begriff der Freiheit, auch auf philosophische Begründung ein. Bei dem Schwiegersohn Knapp's, Professor Thilo, hörte ich den zweiten Theil der Kirchengeschichte. Die Plätze der Auditorien wurden von den Amanuensen der Docenten vermiethet. Gegen Erlegung von zehn Silbergroschen klebten sie einen Zettel mit dem Namen auf die Tische. Im Winter zahlte man ihnen außerdem für die Besorgung von Blechleuchtern und Talglichten bei abendlichen Vorlesungen. Tholuck las auch ein zweistündiges Publikum über die Messianischen Weissagungen, das ich ebenfalls hörte. Da ich das Hebräische vernachlässigt hatte, so mußte ich mich endlich entschließen, ein großes Hebraicum zu hören und nahm den Jesaias bei Gesenius an. Er war[278] ein ausgezeichneter Lehrer und gehörte zu denen, die auch zu Scherz und Humor aufgelegt sind. Wegscheider, dessen Name so oft mit dem seinigen zusammen genannt worden, war ganz das Gegentheil. Er war die Säule des dogmatischen Rationalismus. Ich habe bei ihm nur zuweilen hospitirt und ihn immer so gelehrt als langweilig gefunden. Er bemühete sich, seine Zuhörer für die Trockenheit seiner Lehre dadurch schadlos zu halten, daß er Stellen aus Werken seiner Gegner, besonders von speculativen Philosophen, wie Schelling, zum Besten gab. Der Unsinn dieser Fragmente leuchtete den Studenten jedesmal eben so sehr, wie Wegscheider selber, ein und es war Ton, dies durch ein beifälliges Grunzen kund zu geben. Ich besuchte auch sonst als Hospitant die übrigen damaligen Celebritäten Halle's, wie Schütz, Reisig, der mir gegenüber wohnte, Mühlenbruch, Sprengel, fühlte mich aber vorzüglich zu Hofrath Gruber hingezogen. Dieser wahrhaft humane, liebenswürdige Mann las auch ein Publikum über Deutsche Literaturgeschichte, welches ich eine Zeitlang versuchte, bis ich mich überzeugte, daß ich gar nichts darin lernen konnte. Gruber war durch und durch ein Eklektiker, der ganz dazu gemacht war, ein solches encyklopädisches Werk zu unternehmen, wie er es mit dem Bibliothekar Ersch angefangen hatte. Ich war durch jenes Collegium mit ihm in Berührung gebracht und habe von unserer ersten Unterhaltung ab stets die freundlichste Aufnahme gefunden. Er gestattete mir, seine gute Bibliothek, die größtentheils vor seinem Arbeitszimmer aufgestellt war, Stundenlang zu durchmustern und borgte mir auch, um was ich bat. Ich habe ihn daher stets als meinen Gönner dankbar verehrt. Amazon.de Widgets Gruber las Anthropologie, Geschichte der Philosophie und Aesthetik, außerdem einige literarische Publica. Er hatte das Verdienst, den Studirenden vielerlei positive Kenntnisse in einer äußerlich geschmackvoll zugerichteten Form zu überliefern. Wer Vieles bringt, wird Jedem Etwas bringen! Das galt von ihm und so gehörte er zu den geliebten Lehrern. Neben ihm standen noch drei ordentliche Professoren der Philosophie: Tieftrunk, Gerlach und Hinrichs. Tieftrunk war ein alter Kantianer, der Logik vortrug und sich durch seine Censur des protestantischen Lehrbegriffs, so wie durch seine Ausgabe der kleinen Schriften Kant's, die er in drei Bänden sammelte, einen gewissen Namen gemacht[279] hatte. Er konnte als ein Mustermann der Aufklärung gelten. Er lebte schlicht und recht, besaß ein kleines Haus in der Galgenstraße und huldigte in seiner Sitte dem Princip der Spartanischen Einfachheit und Abhärtung. Ein Steckenpferd von ihm war das Bestreben, die Terminologie der Logik durchaus Deutsch zu gestalten. Meine Vertrautheit mit den Bestrebungen der Puristen brachte mich ihm von diesem Punkt aus bald näher. Ich durfte ihn zuweilen besuchen. Wir plauderten dann über dies Thema und ergötzten uns an Versuchen. Diese gingen bei ihm nicht weniger, als bei Krause in's Komische, z.B. wenn er für: sich orientiren, sich ostnen gesagt wissen wollte, oder für Reflexion: Bewissen vorschlug. Er verstand aber Scherz, ich kam ganz gut mit ihm aus. Gerlach dagegen blieb mir ganz fremd. Er repräsentirte den Jacobi'schen Standpunkt. Er trug Fundamentalphilosophie, Logik und Psychologie vor. Desto inniger schloß ich mich allmälig an Hinrichs an. Er war der erste Professor, der die Hegel'sche Philosophie in Halle vortrug. Er war ein geborner Ostfriese, der Sohn eines Predigers in Jever, hatte in Straßburg und Heidelberg die Rechte studirt, war aber hier von Hegel zur Philosophie hinübergezogen und hatte sich nach dessen Abgang in Heidelberg als Privatdocent habilitirt. Von hier war er zuerst nach Breslau, dann 1824 nach Maaß' Tode als Professor nach Halle berufen. Ich habe oben erzählt, daß ich von ihm zuerst durch Herrn von Kayserling hörte, der unaufhörlich gegen ihn polemisirte. Die Studenten betrachteten ihn als eine Curiosität und seine Collegen waren gegen ihn systematisch eingenommen, weil sie die Hegel'sche Philosophie für einen Geist und Seele verderblichen Widersinn hielten. Es liefen mancherlei Anekdoten von ihm umher, ihn lächerlich zu machen, und die Abgeschlossenheit seiner kräftigen Individualität war nicht dazu angethan, ihn mit seiner Facultät in ein freundliches Vernehmen zu setzen. Die Schroffheit, mit welcher er auf dem Katheder den Rationalismus der Theologen und den Kantischen Kriticismus verfolgte, aus welchem Gruber, Tieftrunk und Gerlach ihre wissenschaftlichen Kategorien schöpften, konnte die Bitterkeit und Verstimmung gegen ihn nur steigern. Die Folge war, daß er auch seinerseits sich gegen Halle vergrollte, immer sich fortwünschte, selbst späterhin, als der Junghegelianismus sich dort aufthat,[280] sich niemals recht behagte und, sofern es ihm irgend möglich war, Reisen machte, die er öfter zu längern Aufenthalten in Wien, Jever, Paris, in Badeorten u.s.w. ausdehnte. Ich war neugierig, den Mann kennen zu lernen, von dem ich so viel Schlimmes sagen gehört hatte. Ich hospitirte bei ihm Nachmittags 4 Uhr bei dem Anfang seiner Aesthetik und wurde sofort so sehr von ihm angezogen, daß ich, obwohl ich die Aesthetik schon bei Schleiermacher gehört hatte, das Collegium annahm und es mit eben so viel Nutzen als Vergnügen hörte. Unter den wenigen Zuhörern befand sich auch Karl Hahn, ein Schwager von Hinrichs, der bei ihm wohnte. Er warf sich auf das Altdeutsche und ist als ein sehr tüchtiger Bearbeiter desselben in Prag gestorben, wo er Professor geworden war. Es war sehr natürlich, daß ich mit ihm bekannt wurde. Mit Hinrichs selber kam ich jedoch den Sommer über in kein persönliches Verhältniß. Desto mehr beschäftigten mich seine Schriften, die ich mir anschaffte. Hinrichs hat viel geschrieben, aber wenig Glück mit seinen Büchern gehabt, selbst dann, als er einen gewandten Styl gelernt hatte und es darauf anlegte, auch von dem größeren Publikum verstanden zu werden. Er war ein Doppelmensch. In der Unterhaltung war er reich an den interessantesten Anschauungen, Charakteristiken, Anekdoten; so wie er aber schrieb, schien diese ganze Fülle der Bildung, die er in sich aufgespeichert hatte, zu verschwinden. Hier und da brach sie zuweilen mit leisen Andeutungen, mit blasser Färbung hervor, um sogleich wieder einer eigenthümlichen Trockenheit Platz zu machen. Hinrichs war nicht ohne künstlerischen Sinn für die wissenschaftliche Darstellung. Er arbeitete mit gewissenhafter Genauigkeit, er trug sich immer mit großen Problemen, allein es fehlte seinen Schriften an jenem poetischen Hauch, an jener sprachschöpferischen Originalität, die wir bei den Philosophen, welche die Wissenschaft bahnbrechend gefördert haben, auch da bewundern, wo sie sich in die kühlen Fluthen der Abstraction versenken. Je tiefer sein Geist war, um so hemmender wurde für seine Aeußerung der Mangel an stylistischer Leichtigkeit und Klarheit. Ich kann dies merkwürdige Mißverhältniß zwischen der Lebendigkeit seines unmittelbaren Wesens und zwischen der Fahlheit seiner immer die Methode herauskehrenden[281] Schreibweise durch einen Fall erläutern, bei welchem ihm diese Zwiespältigkeit zum Bewußtsein kam. Er war bei mir. Auf dem Tische lag ein Band von Göthe's Werken, die Wanderjahre, aufgeschlagen. Hinrichs zog ihn an sich heran. Seine Augen fielen auf diese Worte: »Der Reitknecht ging im Hofe hin und her.« Er las sie und sagte nun: »Wie ich dazu kommen sollte, jemals diese und ähnliche Worte zu schreiben, wäre mir unmöglich zu denken. Ich brächte sie nicht aus der Feder.« Auf dem Katheder hatte er demgemäß zwei Tonarten: eine scholastische, an der Dialektik der Methode sich fortspinnende, und eine erzählende. Da er frei vortrug, so fiel er bald in die eine, bald in die andere; die Ausgleichung war selten. Hinrichs war von kleiner Statur, aber wohlgebaut. Er trug das dunkle, herabwallende Haar gescheitelt. Sein Gesicht hatte Aehnlichkeit mit dem Portrait Spinoza's, das sich vor der Ausgabe der Werke desselben von Paulus findet, nur daß Nase, Mund und vorzüglich Kinn viel gerundeter waren. Er hatte schöne Hände. Seine Aussprache des Deutschen war etwas vom Friesischen Dialekt gefärbt. Trotzdem, daß er von Hause aus kräftig organisirt war, litt er doch häufig an Krankheiten. Er hatte für die Bedürfnisse einer andern Individualität gar keinen Sinn und konnte daher, ohne es zu wissen und zu wollen, in Verlegenheit setzen. Als ich mit ihm bekannt wurde, kam es vor, daß ich mir die Freiheit nahm, ihm, wenn er mich zur Unzeit besuchte und ich von Arbeiten gedrängt war, geradezu zu sagen, daß ich jetzt nicht Zeit für ihn habe, nachdem die Andeutungen für meine Bedrängniß umsonst gewesen waren. Dann nahm er den Hut, stand auf, wollte gehen, stand still, sprach weiter, ergriff endlich die Thürklinke, sprach aber nun auf der Schwelle zuweilen noch eine halbe Stunde. Da ich umgekehrt mich sehr leicht in jede fremde Individualität versetzen kann, so bestand zwischen uns persönlich ein sehr gutes Vernehmen, denn bei seiner außerordentlichen Gutmüthigkeit nahm er es mir gar nicht übel, wenn ich, der Jüngere, in äußerlichen Dingen mir allmälig eine Art Regierung über ihn erlaubte, Richtung und Maaß einzuhalten. Seine Frau hat mir oft die Versicherung gegeben, ich sei der einzige Gelehrte gewesen, in dessen Umgang er sich stets behaglich gefühlt habe. Seinen Hauptgrund hatte dies zunächst aber wohl darin, daß ich ihn endlich[282] wie einen Bruder liebte, wie auch er mir bis zum Grabe ein treuer Freund geblieben ist. Doch ich will nicht vorgreifen und komme auf seine ersten Schriften zurück, die mich im Sommer 1826 beschäftigten. Es war dies zunächst die Schrift: über die Religion im innern Verhältniß zur Wissenschaft, die er 1822 herausgegeben und zu welcher Hegel ein empfehlendes Vorwort geschrieben hatte. Sie sollte, wie der Titel in aller Breite angab, eine Darstellung und Beurtheilung der Versuche sein, welche Jacobi, Kant, Fichte, Schelling über den Begriff der Religion gemacht hatten. Sah man aber das Buch an, so fand man nirgends den Namen dieser Philosophen, nirgends den Titel einer ihrer Schriften, nirgends ein Citat aus denselben, sondern eine streng dialektische Entwickelung des Standpunkts der Religion des Gefühls, des Verstandes u.s.w., so wie der ihm correlaten Form der Wissenschaft. Es war der erste Ausläufer der Hegel'schen Phänomenologie, wie ich später wohl einsah. Das Buch ist nur durch die größte Anstrengung zu bewältigen. Als ich damit fertig war, wagte ich den ersten Besuch bei Hinrichs zu machen, ihn zu fragen, ob die historische Beziehung der fünf Standpunkte, die er unterschied, von mir richtig aufgefaßt wären. Wem sollte wohl eine so mühsame Arbeit zu Gute kommen? Ich glaube nicht, daß mehr als ein Dutzend Menschen sich den Kopf daran zerbrochen haben. Hegel's Vorwort war ein Manna gegen die gestaltlose Wüste dieser unfruchtbaren Speculation. Hinrichs hatte untersuchen wollen, wie Glaube und Wissen in ihrem Unterschied von einander doch Eins sein können. Er hatte sich überzeugen wollen, ob dies möglich sei. Er erklärte, von der Speculation nichts mehr wissen zu wollen, wenn sie ihm das Opfer des Glaubens abfordere. Er war also im Voraus entschlossen gewesen, dem Glauben seines Inhalts wegen den Vorzug vor dem Wissen zu geben. Er behauptete nun, sich glücklicher Weise überzeugt zu haben, daß die Wissenschaft die absolute Wahrheit des Glaubens der Religion des absoluten Geistes zur absoluten Form der Gewißheit erhebe und durch ihre Methode den absoluten Beweis für die absolute Wahrheit des Glaubens führe. Hinrichs schloß seine Untersuchung mit dem Urtheil, daß das Absolute der Geist und der Geist das Absolute sei. Das Prädikat sei also dem Subjekt[283] vollkommen adäquat geworden. Statt dieses tautologischen Urtheils hätte er aber sagen oder vielmehr das Urtheil finden müssen: Gott ist der absolute Geist. Das Urtheil lautet umgekehrt: Der absolute Geist ist Gott. Hier ist auch die Einheit von Subjekt und Prädikat, aber das Subjekt und das Prädikat sind in ihrer Identität verschieden. Hinrichs unterschied den Weltgeist als den menschlichen Geist der Weltgeschichte vom absoluten Geist; das that Hegel auch, denn die Weltgeschichte fällt bei ihm in den Ausgang des objektiven Geistes. Der absolute Geist erscheint bei ihm als Kunst, Religion und Philosophie. Geht nun, was absoluter Geist genannt wird, in diese Erscheinung auf oder ist derselbe, wenn auch dem Wesen nach mit ihm identisch, doch als Subjekt noch von ihm für sich unterschieden? Hinrichs, das sieht man wohl, bejaht diese Frage, aber die nur phänomenologische Art und Weise seiner Abhandlung läßt den Zweifel hierüber bestehen. Hätte Hinrichs statt seiner Kritik der von Jacobi bis Hegel durchlaufenen Standpunkte eine speculative Theologie in der Weise geschrieben, wie der jüngere Fichte sie später versuchte, so konnte er eine große Wirkung hervorbringen. Ja auch wenn er nur die Geschichte in ihrer thatsächlichen Wirklichkeit berücksichtigt hätte, statt sie in eine Folge dialektischer Stufen aufzulösen, würde er tiefer eingegriffen haben. Als das Wunderbarste mußte den Gegnern Hegel's erscheinen, daß jeder Standpunkt bei Hinrich's ganz nach der Trichotomie des Hegel'schen Begriffs sich entwickelte, Jacobi, Kant, Fichte, Schelling also ihr Prinzip unbewußt nach der Hegel'schen Methode ganz concret gestaltet hätten. Den Begriff der christlichen Religion als der absoluten entwickelte Hinrichs in einem Buche, dessen Titel diesen Inhalt zunächst nicht erwarten ließ. Dies waren seine ästhetischen Vorlesungen über Göthe's Faust, die er 1825 »als einen Versuch zur Anerkennung wissenschaftlicher Kunstbeurtheilung« herausgab. Sie waren der Anfang einer Richtung in der Hegel'schen Schule, welche die allgemeine geistige Bedeutung des Inhalts eines Kunstwerks in übertriebener Weise zu bevorzugen, als die der höchsten Norm ästhetischer Betrachtung geltend machen wollte. Hinrichs drückte dies auch so aus, daß die Kunst den Gedanken in der Form der sinnlichen Vorstellung darstellen und die Kunstkritik daher aus dem Element der Vorstellung auf den in ihr enthaltenen[284] Gedanken zurückgehen müsse. Hieraus sollte dann die Einheit von Inhalt und Form begriffen werden. Man wird sehen, wie ich auch dieser Tendenz meinen Tribut zollen mußte, aber es ist klar, daß sie eine einseitige ist, welche die schöpferische Thätigkeit der Phantasie in der Gestaltung des Kunstwerks nicht zu ihrem Rechte kommen läßt. Hinrichs entwickelte sehr gut den Proceß der Entzweiung sowie der Versöhnung des menschlichen Geistes mit dem göttlichen. Gott Vater mit den Engeln im Vorspiel, Faust, Mephisto, Gretchen, die Walpurgisnacht geben ihm den Anhalt, die Hauptpunkte der christlichen Dogmatik philosophisch zu erörtern. Das Pathos von Faust, Mephisto und Gretchen wurde phänomenologisch abgeleitet, und diese Ableitung gerade war es, die mich damals sehr lebhaft ergriff, weil ich die Phänomenologie selber noch nicht kannte. Kein Capitel der Schleiermacher'schen Glaubenslehre hatte mir mehr Scrupel gemacht, als das von der Rechtfertigung vor Gott. Wer sollte zu einer objectiven Ueberzeugung gelangen, daß Gott, sofern ich meine Sünde innig bereute, mir dieselbe vergeben wolle? Wie sollte ich es anfangen, den hier vielleicht möglichen Täuschungen zu entgehen? Diese Qual, die mich auch in Halle auf den Felsen des Saalethales oft unselig umhergetrieben hatte, fing an, sich zu erleichtern. Der Zustand meiner Zerrissenheit wurde mir verständlicher. Ich fand ihn in dem Bewußtsein Faust's abgespiegelt und durfte, wie er, auf die Versöhnung hoffen, weil die Entzweiung selber sie zu verbürgen schien. Während ich so dieser Schrift viel Dank schuldig wurde, war ihr Erfolg für die Hegel'sche Philosophie nach Außen hin ein sehr ungünstiger. Die Reduction der poetischen Vorstellung auf den Gedanken als ihre sie bewegende Seele, wie Hinrichs sich ausdrückte, wurde als eine neue Scholastik aufgefaßt. Platen, in der Philosophie ein Anhänger Schellings, sprach dies sehr bitter in einem Chor seines romantischen Oedipus aus und ertheilte Hinrichs den Namen eines »Obertollhausüberschnappungsnarrenschiffes.« Das dritte Buch von Hinrichs erschien während meines Aufenthalts in Halle. Er nannte es: »Grundlinien einer Philosophie der Logik, als einen Versuch zur wissenschaftlichen Umgestaltung ihrer bisherigen Principien.« Dies Buch war in jedem Betracht ein verfehltes. Von[285] einer Philosophie der Natur, der Sprache u.s.w. war man zu hören gewohnt, aber eine Philosophie der Logik klang absurd, weil die Logik immer als Philosophie behandelt worden. Wenn Hinrichs die Principien derselben umzugestalten versuchte, wie er auf dem Titel versicherte, so mußte er in seiner Vorrede dem Leser selber sagen, daß diese Umgestaltung nicht von ihm, sondern von Hegel ausgehe. Aber indem er dies ausdrücklich zugestand, wollte er doch für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, die Logik aus einem todten Leichnam zu einem lebendigen Organismus umgebildet zu haben. Das war, Hegel gegenüber, eine Anmaaßung, denn dieser hatte die speculalive Regeneration der Logik nicht etwa nur versucht, sondern wirklich geleistet. In der Behandlung selber war Hinrichs vollends unglücklich. Er wollte ein genetisches und ein immanentes Denken unterscheiden. Jenes lief auf den Inhalt der logischen Formen, dies auf eine Theorie des Erkennens hinaus. Wenigstens hätte diese den Anfang machen sollen, statt der Lehre vom Begriff zu folgen. Die Bezeichnung: immanentes Denken, war sehr übel gewählt, denn das Immanente steht dem Transcendenten gegenüber, sollte hier aber dem Genetischen entgegengesetzt sein, dessen Gegensatz der Formalismus der mechanischen Composition ist. Noch schlimmer jedoch war es, daß Hinrichs die Logik wieder von der Metaphysik losriß, oder vielmehr diese unter der verbrauchten Kategorie der Dingheit mit der Lehre vom subjektiven Begriff ganz unnatürlich verband; ich sage unnatürlich im Sinne der Hegel'schen Logik, welche den Begriff des Dinges zu der ontologischen Kategorie der Wesenheit rechnet. Und doch war überall und mit Emphase von der Identität des Denkens mit dem Sein die Rede. Da ich zwar Hegel's große Logik noch nicht selber studirt, jedoch die Grundgestalt der Logik durch Herrn von Henning schon ausführlich überliefert erhalten hatte, so setzte mich das Buch von Hinrichs in die größte Verlegenheit. Es verwirrte mich. Ich nahm im Winter Hinrichs Vorlesungen über die Logik an, allein sie vermehrten meine Verwirrung. Es konnte nicht anders sein. Die Zugeständnisse, welche Hinrichs der herkömmlichen Weise des Vortrags der Logik offenbar gemacht hatte, konnten durch allen Aufwand an Dialektik den innern Zwiespalt seiner Auffassung nur verstärken. Das Collegium schleppte sich traurig hin. Trotz aller Polemik gegen[286] die formale Logik konnte man doch zuletzt, auch aus den Dictaten, die Hinrichs gab, nichts Anderes herauserkennen, als die Lehre vom Begriff, Urtheil und Schluß, ganz ähnlich wie in der gewöhnlichen Logik, nur schärfer und dialektischer formulirt. Dazu kam noch manche Sonderbarkeit, die von Gegnern Hegel's, wie z.B. Bachmann in Jena, benutzt wurde, seine Philosophie lächerlich zu machen. Hegel hatte in seiner Logik ganz richtig gesagt, daß die Wissenschaft als System mit dem Begriff des Anfanges selber anfangen müsse. Hinrichs wollte dies überbieten und schrieb eine sich selbst einleitende Einleitung zum Begriff des Anfangs. Ueber meine Unruhe und Verwirrung kam ich erst im Sommer 1827 hinaus, als ich sie Daub mittheilte und dieser ganz entschieden das Buch als einen Mißgriff, als eine gefährliche Verirrung bezeichnete. Ein anderes Collegium von Hinrichs über die Geschichte der Philosophie wirkte dagegen sehr wohlthätig auf mich, weil ich bis zu ihm hin einer tieferen und zusammenhängenderen Erkenntniß derselben entbehrt hatte. Die äußern Umstände, unter denen ich dies Collegium hörte, verdienen wohl erwähnt zu werden, weil sie ein Bild der barbarischen Zustände geben, welche den Cultus der Wissenschaft damals noch auf unsere Universitäten begleiteten, Zustände, wie ich sie auch in Königsberg auf dem alten Albertinum theilweise noch Jahre lang durchzumachen gehabt habe. Man stelle sich das große düstere Auditorium auf dem Hof der Waage vor. Nachmittags von 4 bis 5 Uhr war die Heizung des Morgens schon sehr verflogen. Die Atmosphäre war oft eisig. Von Ueberziehern wußten wir Studenten damals so wenig als von Ueberschuhen. Wir saßen da in unsern oft durchfeuchteten Flauschröcken mit durchnäßten Stiefeln. Wir waren nur etwa sechs bis sieben an der Zahl auf der ersten Bank, vor uns schaurige Beleuchtung mit qualmenden Talglichtern, die wir alle Augenblicke zu schneuzen hatten. Hinrichs auf dem Bretterkasten des Katheders hatte rechts und links ebenfalls Talglichter, mit deren Pflege er sich beschäftigen mußte. Das Stearinlicht war noch nicht erfunden. Von den Wachslichtern, welche August Wilhelm Schlegel in Bonn auf silbernen Armleuchtern brannte, war als von einem beispiellosen Luxus unter uns eine märchenhafte Tradition vorhanden. Ueber die Reihe unserer Talglichter hin blickte Hinrichs in[287] eine Wüste, die sich zuletzt in ein gespenstisches Dunkel verlor. Regen und Schnee schlugen klirrend an die Fenster und der Wind drang oft empfindlich durch die losen Scheiben. Das Collegium war aber so interessant, daß wir Studenten, mit Ausnahme eines einzigen, welcher erkrankte, Stunde für Stunde mit dem Professor voller Andacht aushielten. Wie hat sich dies Alles jetzt geändert! Ueberall sind große, ja schöne Gebäude, auch in Halle, entstanden, welche der Wissenschaft eine wohnliche, würdige Stätte bieten. Wenn ich jetzt zur Winterzeit um fünf Uhr in mein Auditorium hierselbst trete, so finde ich es von zwei großen, zierlichen Oefen angenehm erwärmt. Doppelfenster schützen es gegen den Grimm der Atmosphäre. Schwere dunkelgelbe Vorhänge verbergen sie noch oben ein. Einige zwanzig mit Glocken von Milchglas bedeckte Gaslampen erhellen den Raum mit einem strahlenden Lichte, wie wir es in Halle damals auf keinem Ballsaal zu Stande brachten. Kleiderhaken laufen die Wand entlang, Ueberzieher in Empfang zu nehmen. Eiserne Gestelle sind bereit, triefende Schirme aufzunehmen. Der Docent auf dem Katheder kann das Pult desselben durch einen Mechanismus nach Bedürfniß mit leichter Hand sich bequem höher oder niedriger stellen. In seinem Rücken hängt eine schwarze Tafel mit einem Blechkasten, worin er Schwamm und Kreide findet, falls er etwas durch Zeichnung zu illustriren hätte. Welch' ein Comfort gegen jene für das jüngere Geschlecht bereits antediluvianische Armseligkeit! Ich wurde durch Hinrichs Lehre und Schriften ganz in das Studium der Philosophie hineingezogen. Alles, was ich von dem Hegel'schen System in Berlin schon in mich aufgenommen hatte, fing an unter der Decke der Schleiermacher'schen Weltansicht, welche sich darüber gelagert hatte, wieder lebendig emporzukeimen. Ich nahm nur noch bei dem Kanzler Niemeyer ein Collegium über praktische Theologie an, besuchte es jedoch nur vier Wochen lang. Dagegen hörte ich ein ausführliches Collegium über Experimentalchemie bei Schweigger mit großem Fleiß, weil ich inne geworden war, daß mir im Bereich der Naturwissenschaften gerade in der Chemie positive Kenntnisse sehr mangelten. Schweigger legte das Handbuch der Chemie von Döbereiner in Jena zu Grunde. Er war von Geburt ein Nürnberger, liebte seine Wissenschaft mit Begeisterung und schloß sich in vielen Punkten der Schelling'schen[288] Naturansicht an, namentlich in der Mythologie. Er versuchte in einer gelehrten Schrift nachzuweisen, daß die Alten bereits den Begriff des Magnetismus und der Elektricität, überhaupt den der Polarität gekannt und für die Tradition durch Symbole und durch symbolische Figuren dargestellt hätten. Zu diesen Figuren rechnete er vorzüglich den Herakles und die Dioskuren. Schweigger war eine sinnige, kindliche Natur, die mich sehr anzog. Er wurde beim Experimentiren durch einen Schwager, den Apotheker Bach, unterstützt. Wenn manchmal, sei es durch ein Versehen im Maaß der erforderlichen Quanta, sei es durch zufällige Umstände der Temperatur oder der Erschütterung, die von ihm vorherverkündigten Processe ausblieben, so war es rührend, ihn zu sehen, wie er vor den Retorten und Mischgläsern dastand, auf Hülfe sann, die Verwandlung herbeizuführen und, wenn sie dennoch versagte, mit lächelndem Munde, doch mit wehmüthigem Ton, die schwarzen Locken seines Albrecht Dürer-Gesichts schüttelnd, zu uns sagte: »Es mag ihm nicht.« Unter den Schriften, die ich las, muß ich die Studien von Daub und Creuzer als eine für mich Epoche machende hervorheben. Sie enthalten vorzügliche Arbeiten von Daub, von Marheinecke und Böckh, von Creuzer, von Görres, von Schneider u.A. Mit großer Gediegenheit des Inhalts verbinden sie Schönheit der Form. In der Geschichte unserer Journalistik folgen sie dem Athenäum. Sie sind aus den Principien der damaligen Romantik entsprungen, aber das classische Alterthum und was mit ihm in der Kunst und Wissenschaft zusammenhängt, war darin schon stärker vertreten. Ich wurde durch sie mit einer Menge neuer Kenntnisse und Ansichten bereichert. Die Aufsätze von Daub über theologische Gegenstände, unter denen sich auch eine Einleitung in die Dogmatik befindet, brachten den heftigsten Gegenstoß gegen Schleiermacher's Theologie in mir hervor. Ich hatte außer dem Collegium, welches ich den Sommer über bei Tholuck über Dogmatik hörte, mich auch mit Wegscheider's Institutionen bekannt gemacht, die damals in Halle das unbestrittenste Ansehn genossen. Durch die Widersprüche, in welche so verschiedene, ja entgegengesetzte Anregungen mich stürzen mußten, wurde ich immer unglücklicher. In unsäglicher Melancholie schweifte ich nicht selten auf den Bergen des Saalethales oder[289] im Walde der Dölhauer Haide umher. Endlich im Herbst 1826 raffte ich mich zusammen und schrieb, um für mich zur Klarheit zu kommen, eine Kritik der Schleiermacher'schen Glaubenslehre. Sie ward mir sehr sauer, aber sie wirkte sehr wohlthätig auf mein Gemüth. Doch kaum war ich etwas ruhiger geworden, so sollte ich in eine ganz neue Welt geworfen werden. Ich bekam von der Bibliothek der Universität das Kritische Journal für Philosophie geliehen, welches Schelling mit Hegel in Jena herausgegeben hatte. Von Schelling hatte ich schon verschiedene Schriften, von Hegel aber noch nichts, als seine Encyklopädie gelesen. Seine Kritik von Kant, Fichte und Jacobi, seine Darstellung des antiken Skepticismus im Verhältniß zum neueren, seine Auseinandersetzung des Naturrechts, bezauberten mich gerade so, wie früher Schleiermacher's philosophische Abhandlungen. Ich konnte mich den ganzen Winter über nicht daran ersättigen. Wenn ich das Buch der Bibliothek zurückgegeben hatte, holte ich es nach einigen Wochen wieder. Nun wurde ich immer begieriger auf Hegel und ließ mir seine Schrift über die Differenz von Schelling und Fichte, sowie seine Phänomenologie des Geistes von Jena und Bamberg kommen. Das Studium dieser letzteren bewirkte bei mir eine Revolution, die ich mit Nichts vergleichen kann, was ich im Gange meiner Bildung Aehnliches erfahren habe. Ich widmete ihr im November und in der ersten Hälfte des Dezembers alle Zeit, die ich erübrigen konnte. Wenn meine Commilitonen mich besuchten, so ließ ich sie in meinem Zimmer gewähren, bat mir aber aus, mich an meinem Tisch unbehelligt zu lassen. Sie öffneten den ihnen wohlbekannten Wandschrank, in welchem meine Speisekammer war, holten Brod und Butter, auch wohl Schinken hervor, mit welchem meine Schwester mich zeitweise versorgte, klingelten nach einer Flasche Bier, stopften sich eine Pfeife, schauten zum Fenster nach den hübschen Mägden am Röhrbrunnen des Platzes hinaus und belustigten sich, schlechte Witze auf mich zu machen. Ich hielt mir zuweilen die Ohren zu und hatte für keine Duellgeschichten, Fuchsweihen und was es sonst Wichtiges in der Studentenwelt gab, Sinn. Ich befand mich die ganze Zeit in einer intellectuellen Ekstase. Natürlich verstand ich Vieles noch gar nicht oder verstand es auch falsch. Aber[290] der Gesammteindruck war überwältigend und riß mich auf bis dahin ungeahnte Höhen. Und noch in diesem Augenblicke behaupte ich, daß es bis jetzt keine tiefere Auffassung und schönere Darstellung des Geistes giebt, als diese Phänomenologie. Die Schule Hegel's hat sich ganz begreiflich vorzugsweise an die Encyklopädie und Rechtsphilosophie gehalten, wer aber den eigentlichen Hegel kennen lernen will, der muß dies unvergleichliche Werk der Phänomenologie studiren. Unvergleichlich? Nicht doch. Es giebt zwei Werke, die sich auf dem Boden der Philosophie mit ihr vergleichen lassen: Platon's Republik und Kant's nicht genug zu bewundernde Kritik der reinen Vernunft. Auch sie graben sich tief in die Mysterien des Geistes und beweisen in dem ruhigen Fortschritt vom Niedern zum Höhern eine unendliche Kunst der Darstellung. Der Standpunkt aber, welchen Hegel einnimmt, ist ein beiden überlegener und demgemäß mußte auch die Form eine vollendetere werden. Die Phänomenologie ist, wie Kant's Kritik, in keine Schulkategorie zu zwingen, wie wenn man gefragt hat, ob sie Logik oder Psychologie oder Philosophie der Geschichte sei? Sie ist von diesem Gesichtspunkt aus ein hybrides Werk. Sie ist incommensurabel und ich habe sie in diesem Betracht mit Dante's Comedia divina und mit Byron's Pilgerfahrt Harold's auf dem poetischen Gebiet verglichen, die auch gegen die formalen Gattungsbegriffe incommensurabel und doch poetische Riesenwerke sind. Nachdem ich mich mit schweren Mühen durch das seltsame Buch hindurch gerungen hatte, war ich ein neuer Mensch. Ich besaß für Natur und Geschichte, auch für meine eigene kleine Individualität und Vergangenheit, einen ganz neuen Maaßstab. In den glücklichen Jahren unseres Deutschen Studentenlebens, wo man sich mit unbedingter Freiheit allen Impulsen überlassen, in der sorgenfreien Muße zumal, welche ich der Freigebigkeit eines guten Vaters verdankte, die mir alle wünschenswerthen Mittel zu meinen Studien heranzuziehen erlaubte, fiel ich nun bald auf eine Arbeit, die Anschauungen, die mir als neuer Stern am Himmel der Wissenschaft aufgegangen waren, an einem concreten Gegenstand zu erproben. Man sagt jetzt gewöhnlich, daß Hegel durch die Phänomenologie des Geistes mit der Romantik der damaligen Naturphilosophie öffentlich gebrochen[291] habe. Das ist auch richtig, aber ich selber hatte hierüber noch kein klares Bewußtsein. Denn theils betrachtete ich Schelling noch immer als einen völlig gleichen Sinnesgenossen Hegel's theils steckte ich selber noch tief in der Romantik und hatte an meinem Hausgenossen Genthe einen intimen Umgang, der mich noch lange recht lebhaft und gründlich in der Sphäre der krankhaften Romantik festhalten sollte. Genthe war der Sohn eines Magdeburger Stadtchirurgen. Seine Mutter war eine Schwester Zschokke's, die mit Recht stolz darauf war, einen so berühmten Bruder zu besitzen. Die Lectüre seiner Schriften und die Unterhaltung über sie und ihren Verfasser machte früh die Nahrung Genthe's aus und reizte ihn an, im Schriftstellerthum eine höchste Befriedigung zu erblicken. Er war ein außerordentlich begabter Mensch von scharfem Verstande, glänzendem Gedächtnis, schnell fertigem Witz, leichtgeflügelter Phantasie. Er hätte viel mehr leisten können, als geschehen, wenn er nicht einen Hang zu Curiositäten der Literatur, ein übermäßiges Wohlgefallen am Barocken gehabt und sich mit seinen Arbeiten nicht zu bald befriedigt hätte. Wenn sie nur gedruckt wurden, dann war er schon glücklich. Cervantes und Jean Paul waren seine Ideale. Von Letzterem war es aber vorzüglich die Kleinmalerei, die aus beschränkten Zuständen etwas Anderes zu machen und sich durch Ironie, Parodie, Humor aus dem Druck und der Enge des Moments zu retten versteht, wodurch er angezogen wurde. Da durch den Tod seines Vaters, der bei seinem Abgang vom Gymnasium eingetreten war, seine Mittel knapp waren, so suchte er durch Unterricht sich Geld zu erwerben und übernahm aus diesem Grunde auch die Stelle eines Amanuensis bei der Universitätsbibliothek. Auf dem Gymnasium war er mein Nachfolger in der Schulbibliothek gewesen und hatte eine große Bücherliebe eingeimpft empfangen. Auch hier war es das Aparte, Seltene, was für ihn besonderen Werth hatte. Ein solcher Trieb läuft leicht Gefahr, sich in Ueberschätzung von Einzelheiten zu verrennen. Auch auf anderen Gebieten, als dem literarischen, trat diese Neigung zum Seltenen, Aparten bei ihm hervor. Als er in späteren Jahren dazu kam, sich einen kleinen Weinvorrath im Keller zu halten, waren es immer ganz absonderliche Sorten, die sein Vergnügen ausmachten. Oder er reiste auch nach Orten, die sonst außerhalb der gewöhnlichen[292] Reiseziele des Touristen lagen, z.B. nach Kopenhagen. Als er, kurz vor seinem Tode, mich hier in Königsberg noch einmal besuchte, hatte er sich wieder eine ganz aparte Unterhaltung zugelegt. Er hatte angefangen, Schiller'sche Gedichte in's Plattdeutsche zu übertragen. Wir kamen nicht aus dem Lachen heraus, als er beim Glase Wein uns z.B. die Theilung der Erde und andere Gedichte mit urkomischem Pathos in diesem Idiom vortrug. Im Kleinverkehr des Gesprächs wimmelte er von wunderlichen Redensarten, die er von fünf zu fünf Jahren mit neu erfundenen ersetzte. Man kann sich kaum verschiedenere Naturen vorstellen, als er und ich waren. Speculative Philosophie, mein Hauptstudium, war ihm ein Greuel. Er nahm nur obenhin von ihr Notiz, hauptsächlich seinen Witz an ihrer Verspottung zu üben. Seine Mutter hatte einen Mops mit einem ernsten, etwas doggenartig aussehenden Kopf. Von diesem Mops behauptete er scherzhaft, daß er der denkendste aller Hunde sei und wohl der Hegel derselben genannt zu werden verdiene. Wenn der Mops auf dem Fensterbrett saß und auf die Straße schaute, so konnte er denselben eine humoristische Hundephilosophie vortragen lassen, welche die Schlagwörter der Hegel'schen Schulsprache auf das Drolligste verwendete. Ich behielt leicht den Gang eines abstracten Raisonnements, er behielt die Pointen guter Anekdoten. Ich war von den tiefsten und schmerzlichsten religiösen Kämpfen bewegt. Ihm, obwohl er auch als Theologe immatrikulirt war, auch theologische Collegia hörte, war mein Zustand völlig fremd. Er empfand das innigste Mitleid mit mir, ehrte auch meine jeweilige Verzweiflung durch stille Schonung, entbehrte aber eines inneren Verständnisses dafür. Da ich damals heftig zwischen den äußersten Extremen schwankte, so wirkte die Nähe einer solchen Gemüthsart, wenn sie mich auch nicht befriedigen konnte, insofern wohlthätig, als sie mich vor einem einseitigen Versinken in Pietismus oder Atheismus, in dialektische Ueberspanntheit der romantischen Scholastik bewahrte. Wir lasen im Sommer 1826 Dante's divina Comedia zusammen, und hierbei wurden wir uns gegenseitig über unsere verschiedene Stellung zur Religion und Philosophie ganz klar. Genthe interessirte lediglich die poetische Form, mich nicht weniger der theosophische Inhalt. Genthe liebte mich grenzenlos und behandelte mich persönlich auch mit aller Zärtlichkeit eines[293] Liebenden, wozu freilich kam, daß er sich auch in meine Schwester verliebt hatte und sich mit ihr um Weihnachten verlobte. Weil er nun für Poesie und Aesthetik die lebhafteste Theilnahme hatte und weil ich für seine unerschöpfliche Komik ihm Empfänglichkeit entgegenbrachte, so vertrugen wir uns doch sehr gut. Ein Hauptgegenstand unserer Gespräche war die Kritik der Jean Paul'schen Vorschule der Aesthetik, eine noch bessere Definition des Lächerlichen und des Humors zu finden. Diese Untersuchungen führten uns auch auf die Komik des Aristophanes. Hinrichs wollte nämlich in seiner Aesthetik den Humor nur als ein Product der christlichen Weltanschauung gelten lassen. Aristophanes sollte sich nach ihm nur auf dem Standpunkt der Satire befunden haben. Hiervon konnten wir uns, je mehr wir von Aristophanes lasen, je vertrauter wir mit seiner Manier wurden, durchaus nicht überzeugen, und ich war schon durch Bohtz in Berlin zu einer günstigeren Auffassung gelangt. Amazon.de Widgets Man wird es nach dem Gesagten begreiflich finden, daß meine literarischen Studien durch Genthe nicht nur keinen Abbruch erlitten, vielmehr recht vielseitig und lebhaft angeregt wurden. ? Als ich die Universität Halle bezog, war ich schon geneigt, mich in meiner Melancholie fast ausschließlich auf religiös-philosophische Studien zu beschränken. Durch den Verkehr mit Genthe aber wurde der Reiz literarischer Forschung wieder hervorgelockt. Die Bekanntschaft mit Hofrath Gruber trug das Ihrige dazu bei, und so nahm ich auch das Altdeutsche von Zeit zu Zeit wieder auf. Hier lag mir nun vor Allem der Parcival im Sinn. Lachmann's Preisworte desselben brannten in meiner Seele. Ich hatte so Vielerlei über den Gral gelesen, daß ich keine Ruhe hatte, das Original kennen zu lernen. Die Universitätsbibliothek besaß zum Glück die Müller'sche Sammlung, welche Veldeck's Eneidt, Crimhilden's Rache, den Parcival und Konrad's von Würzburg Trojanischen Krieg enthält. Genthe reiste in den Weihnachtsferien nach Magdeburg. Ich war allein und warf mich nun mit jener staunenswerthen Energie, die wir in der Jugend aufzubieten vermögen, hinter die Lectüre. Ich verschlang gleichsam Wolfram's Verse. Dann ging ich an eine Ueberlegung, in welchen Versen die Hauptpunkte der Composition zu suchen seien. Diese schrieb ich mir sodann ab. Vor Mittennacht,[294] oft darüber hinaus, kam ich nicht zu Bette. Was sollte ich aber weiter mit der neuen Eroberung anfangen? Ich wußte es nicht. Der Sylvester war inzwischen gekommen. Ich hatte unter den alten Schulkameraden, die auch in Halle studirten, einen treuen Menschen, Namens Minich, einen Theologen, der zu Ostern das Kandidatenexamen ablegen wollte und dem zu Liebe ich in festgesetzten Stunden mit ihm Kirchen- und Dogmengeschichte repetirte. Er wohnte neben der Moritzburg auf einer der Dachstuben der sogenannten Residenz. Er hatte große Angst vor der Prüfung, weil sein Gedächtniß nicht besonders prompt war. Er hatte die Thür seiner Schlafkammer mit großen Bogen beklebt, auf welchen nach der Kammerseite zu die Namen der Kirchenväter, der Päpste, die Jahreszahl ihrer Regierung und die ökumenischen Concile verzeichnet waren. Nach der Zimmerseite zu waren die verschiedenen Confessionen des Protestantismus, ihre Stifter, Reichstage und Religionskriege chronologisch mit großen Buchstaben verzeichnet, damit er Namen und Zahlen immer vor Augen haben konnte. Am Sylvesterabend veranstaltete Minich für seine Freunde einen großen Punsch, bei dem stark getrunken, viel geraucht und gesungen wurde. Spät kam ich nach Hause, schlief schlecht und wachte mit den bekannten katzenjämmerlichen Empfindungen auf. Es war ein frischer, kalter Wintermorgen. Statt, wie ich sonst wohl gethan hätte, zu Rienecker in die Domkirche zu gehen, lief ich zum Thor hinaus in die Seebenschen Berge. Tausend Gedanken wälzten sich in meinem wüsten Kopfe durcheinander. Ich versuchte, mir die Capitel der Phänomenologie des Geistes von der ersten Stufe der sinnlichen Gewißheit bis zur letzten des absoluten Wissens zu recapituliren. Je wohler mir aber auf den schneebedeckten Bergen ward, um so mehr drängte sich mir das Bild Parcival's auf, das ich in den Wochen zuvor so tief eingesogen hatte. Plötzlich kam ich auf das Problem, welche Stelle dann ein Mensch, wie Parcival, in der Stufenreihe der Phänomenologie einzunehmen hätte und sofort dämmerte mir die Bedeutung auf, welche diese mystische Gestalt für das mittelalterliche Ritterthum haben könnte. Parcival wächst bei seiner Mutter Herzelaude in lieblicher Waldeinsamkeit als ein vollkommen Rousseau'scher Wildling auf. Als er zufällig die Entdeckung einer ganz anderen Welt macht, kann die Mutter ihn nicht[295] mehr zurückhalten. Er beginnt seine abenteuerlichen Züge und bildet sich auf ihnen allmälig zu einem vollkommenen Ritter aus. Er gelangt in die Burg des Grals, er erblickt den seltsamen Cultus desselben, aber, von Staunen überwältigt, fragt er nicht nach dem Geheimniß, das sich ihm offenbart. Hätte er gefragt, so würde er an Stelle des kranken Anfortas selber zur Würde eines Gralkönigs gelangt sein. Erst als er von der Burg wieder abreitet, erst als der Knappe, der die Thorflügel hinter ihm zuwirft, ihn eine Gans schilt, wird er inne, ein Versehen gemacht zu haben. Nun beginnt bei ihm die Entzweiung mit Gott und er fällt in einen völligen Unglauben an dessen Vorsehung. Sein Oheim Trevricent giebt ihm eine ausführliche Aufklärung und Parcival arbeitet sich nun schrittweise zur Versöhnung mit Gott hindurch und gelangt durch die Reinheit seiner Gesinnung zum Königthum im Gral. Ueber den Gral selber blieb ich noch sehr im Unklaren, aber der Proceß des Bewußtseins in Parcival lag mir offen. Natürlich mußte sich die Hegel'sche Dialektik für mich auch in diesem Stoff bewähren. Unmittelbare Einheit, Entzweiung und Versöhnung stellten sich zu deutlich heraus. Es kam nur darauf an, die besonderen Momente dieser Stufe zu entdecken, und das gelang mir schneller, als ich erwartete. So dauerte es nicht die erste Woche des neuen Jahres 1827 und die Grundzüge einer Abhandlung über Parcival waren fertig. Ich war so glücklich, Hegel's Phänomenologie mit Wolfram's Parcival verknüpft zu haben! Einen nicht geringen Antheil an der Inbrunst, womit ich arbeitete, hatte aber der Zustand meines eigenen Gemüths. Auch ich war nach einer in religiöser Beziehung ungetrübten Jugend in die furchtbarste Entzweiung zwischen Glauben und Wissen gerathen. Schleiermacher's Dogmatik, de Wette's größeres Werk über die christliche Ethik, das ich mir im Sommer angeschafft und durchstudirt hatte, Tholuck's Collegium über Dogmatik und sein Roman: »Die wahre Weihe des Zweiflers«, den er gegen de Wette's Roman »Theodor« richtete, hatten mich durch die vielen Widersprüche zwischen ihnen nur immer unglücklicher gemacht. ? Die Bekanntschaft mit Hinrichs und seinen Schriften hatten angefangen, mir wieder einigen Halt zu geben, aber erst die Phänomenologie Hegel's schwemmte gleichsam meine ganze Vergangenheit weg, erhob mich über meinen empirischen Menschen und[296] stellte mich auf einen ganz neuen Boden. Die Ahnung, daß auch ich, wie Parcival, vom Zweifel zur Versöhnung werde durchdringen können, hauchte ich meiner Darstellung ein. Wie wunderlich auch dies Beginnen war, so war es doch ein sittlich und religiös reines und zum höchsten Ziel treibendes. Als Genthe nach Neujahr von Magdeburg zurückkam, brachte er mir von meinem Freunde Eduard Hänel eine Aufforderung mit, die auch an ihn ergangen war, ihm etwas zum Druck zu geben. Hänel faßte seinen Beruf als Buchdrucker vielseitig auf. Nachdem er längere Zeit in Hamburg und England verweilt hatte, den Farbendruck zu studiren, in welchem er sich später zu Berlin für den Druck unserer Staatspapiere auszeichnete, war er bei der Buchhandlung Heinrichshofen in Magdeburg als Volontär vorübergehend eingetreten, um auch das Geschäft des Verlags und Sortiments fachmäßig kennen zu lernen. Unter der Firma Heinrichshofen verlegte er nun einige Druckwerke, die er bezahlte und in seiner Officin druckte. Genthe hatte einen ganzen Roman fertig liegen. Er verrieth schon in seinem Titel: »Don Enrique von Toledo« die Nachahmung des Cervantes, aber er enthält in der That viel Eigenartiges, viel tief und wahr Empfundenes, viel gut erfundene Züge, und war in einer ruhigen, vortrefflichen Prosa erzählt. Hier und dort war auch ein Gedicht eingeflochten. Genthe widmete dies Buch mir und meiner Schwester. Er hat poetisch nie wieder etwas Besseres hervorgebracht. Dies erste, längst vergessene Buch blieb auch sein Bestes. Was sollte ich aber Freund Hänel anbieten? Ich hatte mich auch wieder mit einem Roman getragen, den ich »Wolfhart« betitelte. Ich hatte es auf diesem Felde mit einer Fortsetzung des Ofterdingen versucht. Ich hatte in Tieck-Hoffmann'scher Manier einen Roman, »Graf Gundolf«, geschrieben. Jetzt wollte ich die Idee der Religion recht universell dar stellen. Es fehlte mir aber an dichterischer, an epischer Erfindung. Die Reflexion überwog in mir. Es blieb bei einer Skizze. In den Begebenheiten und Gefühlen dieses Wolfhart schlug ein Theil meiner Berliner Erfahrungen nieder. Das war der Hauptgewinn, den ich davon hatte. Für einen Andern war das Product wenig genießbar. Natürlich konnte diese Skizze kein Buch füllen. Ich mußte also noch für weiteren Druckstoff sorgen. So schrieb ich[297] denn eine Abhandlung über den Begriff des Romans, die ich der Skizze voranschickte. Dann machte ich eine Auswahl aus meinen Gedichten und gab zuletzt eine Abhandlung über Wolfram's Parcival, die, trotz ihrer phänomenologischen Einkleidung, welche die ganze altdeutsche Schule billig mit Staunen erfüllen mußte, doch noch, am Ende des Büchleins, das Gescheiteste darin war. Diese bunte Sammlung betitelte ich recht prosaisch: »Aesthetische und poetische Mittheilungen von Karl Rosenkranz.« Eine Widmung fehlte selbstverständlich auch nicht. Sie war an meine Freunde Volk, Simon, Genthe und Nöldechen gerichtet. Zum ersten Male genossen wir nun, Genthe und ich, die Freuden und Leiden der Correcturbogen und zur Ostermesse waren unsere literarischen Erstlinge in elegantem Umschlag für den Buchhandel fertig. Hänel gab Jedem von uns funfzig Thaler Honorar, und so waren wir über die ganze Angelegenheit sehr vergnügt. So sehr war die ganze Zeit noch in die Romantik versunken, daß meine schwachen Experimente von den Journalen nicht ohne Gunst und Ermunterung aufgenommen wurden. ? Eine Folge wenigstens hatte mein Buch, die Erwähnung verdient. Ich hatte einen Landsmann Schulze in Magdeburg, mit dem ich auch einigermaßen verkehrte. Er war Jurist. Ein ernster, sittlich und religiös tiefer Sinn und rege Theilnahme an der Literatur zeichneten ihn vortheilhaft aus. Dieser treffliche Mensch wurde durch meine Abhandlung über den Parcival veranlaßt, sich genauer mit ihm zu beschäftigen und hat ihm in der Folge den besten Theil seines Lebens gewidmet. ? Ein Beamter fürchtete damals sich mißliebig zu machen, wenn er neben seinem Beruf merken ließ, daß er literarische Allotria treibe. Man verübelte ihm dies als eine Beeinträchtigung seiner Amtspflichten. Immermann hatte sich freilich darüber hinweggesetzt, indessen gerade die Art und Weise, wie die höheren Vorgesetzten in Magdeburg eine solche Unschicklichkeit besprachen, schüchterte die jungen Leute ein. Mein Freund Volk hat, auch als er schon wohlbestallter Regierungsrath in Erfurt war, auf keiner seiner vielen Schriften seinen Namen genannt. Er schrieb anonym oder pseudonym. Zuletzt hatte er den Namen Ludwig Clarus angenommen, um damit zwei Damen, Luise und Clara, zu verherrlichen, denen er sich zum Ritter geweiht hatte. Mein wackerer[298] Freund Schulze nannte sich San-Marte, und unter diesem Namen hat er sich durch eine große Thätigkeit, welche stets Wolfram von Eschenbach und dem Gral zugewandt blieb, einen wohlverdienten Ruhm erworben. So war nun mein Triennium zu Ende, d.h. die Zeit, welche ein Theologe gewöhnlich zu studiren pflegt. Hinrichs aber hatte mir so viel von Daub in Heidelberg vorgesprochen, wie derselbe der größte Deutsche lebende Theologe sei, der Schleiermacher bei Weitem überbiete, daß ich die größte Sehnsucht hatte, diesen Mann persönlich kennen zu lernen. Nicht wenig trug natürlich auch das Verlangen dazu bei, das romantische Heidelberg zu schauen und die Orte zu besuchen, in denen die Geschichte des Deutschen Mittelalters vorzüglich gespielt hatte. Ganz speciell aber war es die Unruhe, die mich über den Titurel erfaßt hatte. Den Druck von 1477 konnte ich mir nicht verschaffen. Auf der Heidelberger Bibliothek aber waren zwei Handschriften vom Titurel, eine ältere und eine jüngere. Was für Entdeckungen ließen sich da vielleicht machen? Die große Güte meines lieben Vaters setzte meiner Uebersiedelung nach Heidelberg kein Hinderniß entgegen. Ich könnte nun noch Mancherlei von dem Studentenleben in Halle erzählen, allein ich will es übergehen, da dasselbe in seiner damaligen Gestalt oft genug geschildert worden ist, ich auch, obwohl ich viel Bekannte hatte, doch verhältnißmäßig zurückgezogen lebte. Nur eines Studenten will ich noch gedenken, weil er mir für die Signatur der ganzen Zeit zu charakteristisch erscheint. Es war ein Pommer, ein Theologe, ein hochgewachsener, blasser Mensch, mit grauen, erloschenen Augen und langen Haaren. Er konnte in's Unendliche hin trinken, ohne betrunken zu werden, weshalb er den Namen Schlauch empfangen hatte. Nur unter diesem habe ich ihn gekannt. Für gewöhnlich war er still und in sich versunken. Wenn er aber einige Gläser oder auch Flaschen getrunken hatte, fing er an, gesprächig zu werden. Die fahlen Augen begannen zu phosphoresciren und plötzlich pflegte er uns dann zu fragen, ob er uns nicht etwas erzählen solle? Das war seine Leidenschaft. Er erzählte mit der höchsten Behaglichkeit, indem er die Personen der Geschichte oft ganz dramatisch mit einander reden ließ. Allmälig hatte er gewisse Themata, auf die er immer wieder zurückging,[299] sie jedoch bei einem neuen Vortrag auch nach Laune, Gelegenheit und Bedürfniß veränderte, wozu vorzüglich die Episodenerfindung beitrug. Gern hörte man ihm zu und es war unter uns ausgemacht, daß wir, da er ein armer Schlucker war, stets die Zeche für ihn bezahlten. Dieser akademische Rhapsode, Schlauch geheißen, hatte nun vorzüglich einen Cyklus von Geschichten ausgebildet, den er: »Reisen unseres Herrgotts mit Herrn Satanas zur Erkundung der besten Dogmatik« betitelte. Früherhin habe ich selber noch gar Mancherlei daraus vortragen können. Leider sehe ich jetzt, daß ich fast Alles vergessen habe und mich darauf beschränken muß, eine allgemeine Vorstellung von diesem echt Halle'schen Studentenwitz zu geben. Er fing damit an, den Satanas sich bei dem Herrgott über die schlechte Behandlung beklagen zu lassen, die ihm jetzt von den Rationalisten zu Theil werde. Er ließ den Herrn mit »Sie« vom Satan tituliren, während er von ihm per »Er« tractirt wurde. Gott fragte, womit er seine Klage beweise? Sie erlauben, antwortete der Teufel, daß ich Ihnen zunächst aus Wegscheider's dogmatischen Institutionen die mich betreffenden Stellen mittheilen darf. Nachdem dies geschehen, erkennt Gottvater die Berechtigung seiner Beschwerde an, will sich aber selber von dem Zustande der Dogmatik auf den Deutschen Universitäten überzeugen und schlägt dem Satanas vor, mit ihm eine Revisionsreise zu machen. Dieser macht allerlei komische Einwendungen, nimmt jedoch schließlich an. Sie werfen sich nun in die Maske zweier Studenten und fangen ihre Wanderung auf der Erde an. Vor den Menschen verkehren sie mit einander im Duzcomment, für sich allein jedoch wieder per Sie und per Er. Hierdurch entstand eine sehr wirksame Abwechselung. ? Schlauch war nun in der Erfindung ergötzlicher Verlegenheiten, in welche die Reisenden gerathen, unerschöpflich. Sie kommen z.B. in ein Wirthshaus, worin nur ein Bett vorhanden ist, welches ihnen als ein zweischläfernes angewiesen wird. Als sie nun zur Ruhe gehen wollen, behauptet Gottvater, daß er unmöglich mit dem Satan dasselbe Bett theilen könne. Dieser sucht zu beweisen, daß er als ermüdeter Fußreisender dasselbe Recht darauf habe. Gottvater will aber nur dogmatische Gründe gelten lassen. Er citirt Bibelstellen, Auctoritäten der Theologie. Satanas opponirt mit andern Stellen. So[300] disputiren sie, bis zuletzt Satanas überführt wird, daß er mit der Gnade zufrieden sein müsse, auf dem Teppich vor dem Bett schlafen zu dürfen. ? Zum Kranklachen für uns Studenten waren nun die Scenen, worin Schlauch Gottvater und Satanas ihre Nachschriften von Vorlesungen der Professoren, bei denen sie hospitirten, vergleichen ließ, oder worin Satanas dem Herrgott die Entdeckung glaubte mittheilen zu müssen, daß die Menschen nicht blos nicht mehr an ihn, sondern sogar nicht mehr an Gott selber glaubten. Amazon.de Widgets Bei solchen Bemerkungen drückte sich Satanas immer mit einer gewissen Schüchternheit aus, denn Schlauch verstand nicht ohne Kunst das Verhältniß der beiden Hauptpersonen seiner lustigen Schnurren so zu halten, wie es die Bibel im Eingang des Hiob darstellt. Satan blieb immer ein Diener des Höchsten. Er war in der Oekonomie des Heils von ihm als der Versucher der Menschen angestellt, Gottvater behandelte daher seine dünnen Einfälle mit Nachsicht. Die Pointe des Ganzen wurde im Wintersemester die Frage nach dem Verhältniß der rationalistischen Dogmatik von Wegscheider zur supranaturalistischen von Tholuck, wobei Schlauch nicht verfehlte, beide Professoren, die auch in ihrer äußeren Erscheinung völlige Extreme waren, auf dem Katheder selber vorzuführen und drastisch zu copiren. Was meinen Sie, ließ er Satan den Herrn fragen, wenn ich dem verstockten Wegscheider in meiner infernalen Figur einmal auf seinem Studirzimmer erschiene, ihn von meiner Persönlichkeit zu überzeugen? ? Würde Ihm gar nichts helfen, brummte Gottvater; dieser Verblendete würde Ihn nur für eine Sinnestäuschung halten. ? Aber, fuhr Satan fort, bei Professor Tholuck sollte ich mich doch wohl bedanken, sich, nach Kräften wenigstens, meiner persönlichen Existenz angenommen zu haben. ? Er ist und bleibt doch, entgegnete der Herr, ein dummer Teufel. Sieht Er denn nicht, daß dieser Tholuck sich sogleich an Luther's Beispiel erinnern und Ihm das Tintenfaß an den Kopf werfen würde? Manche von meinen damaligen theologischen Bekannten haben hinterher theils große Carrière gemacht, theils im Kampfe der Systeme sich wunderlich genug umhergeworfen. Ich gerieth jedoch mit Keinem von ihnen in Conflict, wahrscheinlich weil ich zu sehr mit mir selber und mit der Philosophie beschäftigt war. Nur ein einziger Student[301] verleidete mir im Winter gar manche Stunde. Es war ein Philologe, ein Verwandter von mir. Er war ein Plagegeist unserer ganzen Familie. Ich habe hinterher noch öfter die Beobachtung machen können, daß in großen, vielverzweigten Familien sehr gewöhnlich ein mißrathenes Subjekt vorkommt, welches unaufhörlich die unangenehmsten Verlegenheiten erzeugt und sich Jedem zur Unzeit und zur peinlichsten Belästigung aufdrängt. Als Menschen verabscheut man solche Buben, aber der Ehre der Familie halber hilft man ihnen, so gut es geht, fort, manchmal auch nur aus Ekel, um sie los zu werden. An Besserung ist selten zu denken. In späteren Jahren habe ich jedoch erlebt, daß ein solcher Verwahrloster dem Rauhen Hause bei Hamburg übergeben und dort wirklich zu einem sittlichen Menschen umgewandelt wurde. In der Regel verräth sich das böse Genie solcher Individuen schon auf der Schule. Auch jener Student war als Schüler bereits von Gymnasium zu Gymnasium geschickt. Mein Vater hatte ihn endlich in Magdeburg aufgenommen. Als er hier aber in einer Nacht ein Attentat auf eine hübsche Magd machte, und diese am Morgen bei meinem Vater klagbar ward, warf ihn dieser, der in solchen Dingen keinen Spaß verstand, sofort aus dem Hause. Er machte dann in Berlin bei der Universität das Abiturientenexamen und wurde immatriculirt. Ich vermied seinen Umgang und berührte mich nur einige Male mit ihm bei Verwandten. Nach einigen Monaten wurde er religirt. Seine Mutter kam nach Berlin und bewirkte durch ihre Bitten, daß das Ministerium ihm die Erlaubniß gab, eine andere Universität beziehen zu dürfen. Darüber war es Michaelis 1826 geworden, wo er nach Halle kam. Bevor er aber hier noch immatriculirt wurde, betrank er sich mit Sinnesgenossen und warf eine geleerte Kümmelflasche durch ein Fenster des Senatszimmers auf der Waage. Er wurde als der Thäter ermittelt und zu sechs Wochen Carcer verurtheilt, nachdem es seinem Vater, der selber in Halle studirt hatte, mit vieler Mühe gelungen war, die schon für ihn beschlossene Exclusion rückgängig zu machen. Dieser Student, ein großer, starker, nicht unbegabter Mensch, wurde meine Qual. Da ich ihm nach einer in Berlin mit ihm gemachten Erfahrung kein Geld borgte, so entlieh er Bücher von mir, namentlich einen schön[302] eingebundenen Tacitus, um sie, wie ich später erfuhr, zu verkaufen. Er kam von Zeit zu Zeit zu mir, wenn er ganz ausgehungert war und stopfte sich dann mit Brod und Bier bei mir voll. Er verdarb mir durch seine Planmacherei, in die Armee zu treten, oder nach Rußland zu gehen u.s.w. schöne Stunden. Als ich in den Weihnachtsferien dem Studium des Parcival oblag, schloß ich mich, aus Furcht vor seinem Besuch, ein, was ich sonst nie thue. Seit ich Halle verlassen, habe ich ihn nicht wieder gesehen. Ich hörte, daß er bald auch Halle hatte meiden müssen und nach Kiel gegangen war. Er war inzwischen mündig geworden und sein Vater weigerte sich, die Schulden, die er stets von Neuem anhäufte, zu bezahlen. Er sank daher in äußerste Dürftigkeit herab, die ihn zwang, zeitweise durch niedrige Handleistungen bei den Studenten sich zu ernähren. Manchmal raffte er sich auf, ihnen einen Vortrag im Saal einer Kneipe zu halten und nahm dafür eine Pränumeration von ihnen auf, welche sie ihm theils aus Mitleid, theils des Jocus halber gewährten. So soll er unter Anderem ein Lustspiel vorgetragen haben, worin er die Caricatur eines Preußischen Lieutenants schilderte, den er jeden Augenblick die unsinnige Kraftformel: »Haar und Karbatschenstiel« anbringen ließ. ? Ich bin, da ich als Professor zwar nicht so excentrische, aber doch ähnliche dem Untergang zutaumelnde Subjekte kennen gelernt habe, über die Unverwüstlichkeit derselben oft erstaunt und kann sie mir nur dadurch erklären, daß sie, von Mutter Natur ursprünglich mit einer gewissen Ueberfülle ausgestattet, viel ursprüngliche Kraft in sich bergen. Ihr Leichtsinn läßt sie in den Tag hinein leben. Sie kommen selten zu einer tieferen Empfindung ihrer moralischen Unwürdigkeit. Stärkere Anwandlungen der Reue werden durch den Trunk gescheucht. Das unfreiwillige Fasten, welchem sie sich periodisch unterwerfen müssen, wirkt reinigend auf ihre Gesundheit. Wenn sie wieder zu Geld gelangen, genießen sie mit einer Lust, die man gesehen haben muß, ihre thierische Intensität zu fassen. Sie sind in ihrem Müssiggang doch stets mit Entwürfen von anständig scheinenden Plänen beschäftigt, durch deren Vorspiegelung sie von der Gutmüthigkeit der ehrlichen Tröpfe Nutzen zu ziehen hoffen. Die Fußwanderungen, zu denen die Noth sie zwingt, erhalten ihre Rüstigkeit noch bis zu einem gewissen Punkt, wo sie, physisch und moralisch ausgehöhlt,[303] plötzlich zusammenbrechen. ? Ich hatte jenen Verwandten fast aus dem Gedächtniß verloren, sollte aber 1848 ganz unerwartet an ihn erinnert werden, als ich nach Berlin berufen ward, in das Ministerium zu treten. Er war, wie dies häufig bei so verlorenen Menschen der Fall ist, nach mancherlei Irrfahrten doch wieder in seine Heimath zurückgekommen. Er preßte seinen Eltern ab und zu Geld ab und lebte zuletzt als Winkelschreiber in Magdeburg. Daß ich es so weit bringen sollte, sogar Minister zu werden, versetzte ihn in die äußerste Wuth gegen mich. Er hatte mich als Gymnasiast und Student gekannt, und nun setzte er sich hin, Alles, was er von mir und meiner Familie wußte, in der scheußlichsten Weise zu entstellen und mich durch die infamsten Verdächtigungen und Verleumdungen, durch die elendesten Schmähungen, in demokratisch radicalen Blättern zu discreditiren. Er rächte sich dafür, daß mein Vater ihn, seiner Lüderlichkeit halber, aus dem Hause geworfen, und daß ich ihm in Halle Wohlthaten erzeigt hatte. Er starb bald darauf in cynischer Verkommenheit. Von Halle nach Magdeburg sind nur eilf Meilen Wegs. Man konnte sie mit der Post oder auch mit Journalieren zurücklegen, die vom Gasthof zum goldenen Ring am Markt in den frühesten Morgenstunden abfuhren und gegen zehn Uhr in Magdeburg anlangten. Das war für uns Studenten die gewöhnliche Reisegelegenheit. In der Haupt- und Residenzstadt des Herzogthums Anhalt-Bernburg wurde eine Stunde Mittag gemacht. Die Gesellschaft war sehr gemischt, oft sehr langweilig oder geradezu unangenehm. Als ich nun gegen Ostern in dieser Weise nach Hause fuhr, suchte ich nach einem Thema, welches mich die langen Stunden im Stillen beschäftigen und von meiner Umgebung abziehen könnte. Bald fiel ich auf ein solches. Karl Immermann hatte mir zum Dank dafür, daß ich ihm das Original von Gryphius Theater aus Berlin besorgt hatte, seine Bearbeitung von dessen Trauerspiel, Cardenio und Celinde, geschenkt. Es versteht sich nach Allem, was ich früher über mein Verhältniß zu Immermann gesagt habe, daß ich seine Arbeit damals für eine sehr bedeutende hielt. Ich beschäftigte mich nun auf der so prosaischen Fahrt von Halle nach Magdeburg mit dem Gedanken zu einer kleinen Schrift, durch welche ich das Publikum in ein besseres Verständniß der Dichtung einführen[304] wollte, und zauderte auch nicht, gleich in der ersten Woche meines Aufenthalts im väterlichen Hause die Abhandlung zu Papier zu bringen. Was that ich aber? Verständigerweise hätte ich auf Gryphius selber zurückgehen müssen, was in sofern keine Schwierigkeiten bot, als Ludwig Tieck das Stück 1817 im zweiten Theile seines Deutschen Theaters hatte abdrucken lassen, woher es mir auch bekannt war. Sodann hätte ich die Behandlung zu besprechen gehabt, welche Achim von Arnim zu Anfang dieses Jahrhunderts dem Stoff unter dem Titel: Halle und Jerusalem, hatte angedeihen lassen. Diese weitläufige Composition war wohl einer der wildesten Schößlinge der Romantik. Das Halle'sche Studentenleben wird darin getreulich conterfeit, denn Cardenio studirte in Halle. Die Zauberin Tiche wurde in eine intriguante Kriegsräthin umgewandelt. Die Missionsanstalt des Halle'schen Waisenhauses machte die Brücke von Halle nach Jerusalem, wo der ewige Jude zu größerem Effekt herbeigezogen wurde. Zuletzt hätte ich zeigen müssen, wie Immermann wieder mehr auf die psychologischen Motive zurückging, welche Gryphius in seinem Vorwort mehr andeutet, als ausführt. Nichts von alle dem! Ich interpretirte, in der Manier von Hinrichs Erklärungen zum Faust, lauter Kategorien der Hegel'schen Phänomenologie in die Personen hinein. Ich glaubte, etwas recht Schönes zu Stande gebracht zu haben, aber meine Bekannten, denen ich das Machwerk vorlas, lachten mich geradezu aus. Besonders meine halb naturphilosophische Construction der Hexe Tiche verfiel ihrem Spott. Ich hatte das Schriftchen drucken lassen wollen, kühlte mich aber bald ab, und endete damit, es noch vor meiner Abreise von Magdeburg den Flammen als eine Verirrung zu übergeben. 
 XVI. Reise nach Berlin. Halle. Calderon's wunderthätiger Magus. Neue Bekanntschaften. Lafontaine. Vorlesungen des Teufels über sich selbst.  [387] Hinrichs trieb mich unaufhörlich an, nach Berlin zu reisen, die persönliche Bekanntschaft Hegels und der dortigen Hegelianer zu machen. Es sei dies für mein Fortkommen nothwendig. Mir wollte das gar[387] nicht einleuchten, denn ich hatte ja noch nichts geleistet, aber seine Autorität war damals so groß über mich, daß ich mich endlich dazu entschloß. Ich ging Michaelis 1828 über Magdeburg nach Berlin. Es war eine durch und durch verfehlte Reise. Von den widrigen Abenteuern der buntesten Art, die ich auf ihr erlebte, ließen sich leicht Bogen füllen. Ich unterdrücke die Erzählung derselben, da sie ohne weitläufiges Detail gar kein Interesse haben können. Als Großvaterchronik an langen Winterabenden lassen sie sich eher verarbeiten. Ich erwähne also nur, daß ich natürlich vor Allem Hegel besuchte. Was sollten wir aber zusammen reden? Ich hatte ihn zwar als Student schon genug gesehen; ich hatte ihn auch schon auf dem Katheder einige Mal sprechen gehört; allein ich hatte nie ein Collegium bei ihm gehört und war ihm also ein wildfremder Mensch, der ihn plötzlich an seinem Schreibtisch störte. Ich wüßte schlechterdings nicht zu sagen, was ich in der Viertelstunde Unterhaltung mit ihm gesprochen hätte. Ich erwähnte Hinrichs und Daub's, ich erwähnte meiner Habilitation, aber ich war schüchtern und er, der von so vielen Menschen überlaufen wurde, gewiß herzlich froh, als ich wieder aufstand, mich zu empfehlen. Wie hätte ich ahnen können, daß ich zehn Jahre später in Berlin seiner Familie das Versprechen geben würde, seine Biographie zu schreiben und wie hätte er ahnen können, daß dieser junge, frisch gebackene Doctor der Philosophie aus Halle, der etwas verlegen vor ihm saß, sein Biograph werden würde! ? So wunderbar sind unsere Lebensläufe. Ich blieb nun acht Tage in Berlin und war recht froh, als ich über Wittenberg wieder nach Halle zurückgekehrt war. Am liebsten hätte ich nun noch einige Jahre dem Studium der Wissenschaft gewidmet, bevor ich als öffentlicher Lehrer aufgetreten wäre. Das war aber unmöglich. Mein Vater betrachtete meine Habilitation als den Abschluß meiner Studien. Ich mußte, nach seiner Meinung, nunmehr im Stande sein, mich selbst zu unterhalten, nachdem ich so viel Geld gekostet hatte. Das Privat-Docententhum ist aber zunächst ein sehr problematisches Experiment, seine Subsistenz zu gewinnen. Ich verglich es für meinen Vater mit dem Candidatenthum, das ja auch auf andern Erwerb zu sinnen hat, bevor man zu einer Pfarre gelangt.[388] Der Vater setzte mir daher, bis ich eine Professur erlangen würde, noch ein mäßiges Jahrgeld aus. Was ich darüber hinaus verbrauchte, sollte ich mir selber verdienen. ? Das Leben war damals noch einfacher, bedürfnißloser, wohlfeiler, als jetzt, und so konnte ich mit jenem Zuschuß wenigstens die nothwendigsten Ausgaben bestreiten. Es half also nichts. Ich mußte den Versuch machen, als öffentlicher Lehrer zu wirken. Was sollte ich aber vortragen? Worin wußte ich wirklich etwas? Hier zeigten sich nun zwei Extreme, von denen ich ausgehen mußte, weil sie die Substanz meiner bisherigen Bildung in sich schlossen. Es war die Beschäftigung mit der altdeutschen Literatur einerseits, mit der Theologie andererseits. Ich kündigte daher ein Publicum über die Nibelungen und ein Privatcollegium über die Religionsphilosophie an. Als der Tag heranrückte, wo ich das erstere Mittwoch Nachmittag fünf Uhr eröffnen sollte, wurde ich von der äußersten Unruhe ergriffen. Nach Tisch lief ich auf die Merseburger Chaussee, allein zu sein und meine Gedanken zu ordnen. Um fünf Uhr ging ich auf die Waage, wo ich im größten Auditorium das Katheder bestieg, auf welchem ich Gesenius, Tholuck, Hinrichs als meine Lehrer sitzen gesehen hatte. Das Auditorium war bis zu den letzten Bänken gefüllt, weil die Burschenschaft die Nibelungen zu den Traditionen ihres Studiums zählte. Gott weiß, wie ich meinen Vortrag durchbrachte. Aber ich mußte den Studenten doch zugesagt haben, denn als ich andern Tages die Religionsphilosophie um dieselbe Stunde eröffnete, fand ich auch zwar eine kleinere Zuhörerschaft, doch wenigstens über Hundert. Das letztere Collegium brachte ich auch ziemlich in derselben Stärke glücklich durch, während das erstere, sobald ich nach Neujahr zur Interpretation ausgewählter Capitel überging, immer mehr zusammenschmolz. Diese ersten, meine Erwartung weit übertreffenden Erfolge gaben mir die Zuversicht, mich in dem Glauben an meinen Beruf zum akademischen Lehrer nicht geirrt zu haben. Dies ist für den Anfang einer so problematischen Laufbahn unstreitig das Wichtigste. Diese beiden Collegia, die Nibelungen und die Religionsphilosophie, habe ich in den nächsten Jahren ganz ebenso wiederholt. Den historischen Stoff, der mir aus dem fortgesetzten Studium der Religion in einem größeren Maaße[389] zuwuchs, lagerte ich zuletzt in einem zweistündigen Publicum über Mythologie ab, das sich schnell eine große Popularität erwarb, so daß auch ältere Männer aus der Stadt es besuchten. Für den Sommer setzte ich als Publicum eine einstündige Vorlesung über die Deutschen Volksbücher und ein vierstündiges Privatcollegium über die Ethik an; mit dieser Wissenschaft hatte ich mich doch wenigstens nächst der Religion am Ausführlichsten und Gründlichsten beschäftigt und durfte also hoffen, meinen Zuhörern darin einigermaßen etwas Befriedigendes zu bieten. Ich las es früh Morgens in einem kleinen Auditorium auf der Residenz und hatte auch nur etwa zehn bis funfzehn Zuhörer darin, die mir aber treu blieben. Man sieht, daß ich mich mit Vorlesungen nicht übernahm und daher Zeit genug zu meiner Selbstbildung übrig behielt. Die ungemeine Leichtigkeit, in Halle etwas zum Druck zu ringen, fing an, auf mich ihre Wirkung zu äußern und mich in diesem Betracht an einen gewissen Leichtsinn zu gewöhnen, den ich zu meinem Verderben nicht wieder los geworden bin. Reinecke hatte mit meiner Dissertation über Spinoza ein ganz leidliches Geschäft gemacht. Wenn ich kein Honorar begehrte, war er sehr bereit, von mir weiter zu verlegen. Ich gab ihm zunächst meine Abhandlung über den Titurel. Ich fügte aber noch eine Untersuchung über die geistlichen Ritterorden hinzu. Dies war meine erste geschichtsphilosophische Arbeit. Das Mittelalter mußte im geistlichen Ritterthum sein höchstes Ideal erblicken, weil es die Extreme des Mönchthums und des Ritterthums in sich vereinigte. Ich blieb aber nicht bei dieser Vereinigung stehen, sondern glaubte auch ihre Auflösung zeigen zu müssen. Dies führte mich von Seiten des Mönchthums zum Jesuitismus, der die Kunst verstanden hat, das Mönchthum zu verweltlichen. Sein Ziel ist nicht mehr ein particuläres Geschäft, wie bei den übrigen Orden, sondern die Eroberung der Weltherrschaft. Dieser Gedanke hat etwas dämonisch Begeisterndes. Der Jesuitismus tritt daher in der Form weltmännisch auf. Er wirft allen Cynismns der Möncherei bei Seite. Er macht sich in der Tracht salonfähig. Er baut nicht mehr einsame, düstere Klöster, sondern palastartige Profeßhäuser und Collegien mitten in das Gewühl der Weltstädte[390] hinein. Er nennt sich nicht mehr Congregation, sondern Societät. Er organisirt sich militärisch und unterwirft den Einzelnen einem unbedingten, kritiklosen Gehorsam gegen die Befehle seiner Oberen. Er cultivirt die Wissenschaft, um durch Einsicht Meister der Bewegung bleiben und die Massen durch ein Voraus seiner Bildung leiten zu können. Er ist den Künsten nicht abhold; seine Kirchen mit einer gewissen koketten Ueppigkeit ausschmücken und in ihnen der Phantasie der Gläubigen einen sinnlichen Vorgeschmack des Himmels geben zu können. Nun führte mich aber die Erinnerung an die Tradition der Freimaurer, mit den Templern im Zusammenhang gestanden zu haben, von den Templeisen des Grals zur Erwähnung des Freimaurerordens. Ich stellte ihn ganz richtig als denjenigen hin, dessen Tendenz als die der Aufklärung und Humanität, der des Jesuitismus entgegengesetzt sei. Ich behauptete demgemäß auch, daß seine Religion des Weltbaumeisterthums Deismus sei. Ich glaube noch jetzt, daß das nicht unrichtig ist, allein die Art, wie ich mich ausdrückte, hatte wohl einen Anflug von romantischer Abgeneigtheit gegen den Theismus, wie er als Deismus Gott in dem Abstractum eines höchsten Wesens verehrte. Genug, mir wurde meine nicht gerade polemisch gemeinte Aeußerung zwar nicht in Halle, aber in Leipzig sehr übel genommen. Der dortige Professor der Philosophie, Wendt, schrieb in einigen Journalen gegen mich. Ich schwieg, und das war sehr weise, denn ich hätte von diesem unbedeutenden Anlaß aus leicht in eine höchst unangenehme Stellung gerathen können. Ich habe einige Jahre später aus dem Leben des Philosophen Krause gesehen, wie gefährlich es ist, sich mit einem so mächtigen Orden, als dem der Freimaurer, in einen Conflict gebracht zu finden, der bei seinen Mitgliedern die Vorstellung verbreitet, daß man ihrem Institut feindselig gesinnt sei. Da bei uns die meisten Buchhändler Freimaurer zu sein pflegen, so ist eine solche Situation für einen angehenden Schriftsteller doppelt gefährlich. Die zweite Schrift, die ich 1829 bei Reinecke drucken ließ, war eine weitere Wirkung des großen Interesses, welches ich fortwährend an der Faustsage und Faustdichtung nahm. Ich verfolgte ihre Spuren durch die gesammte Literatur. So war ich dazu gekommen, in Calderon's Magico prodigioso dasselbe Thema, wie im Deutschen Faust zu[391] erkennen. Sobald dies geschehen, ließ es mir keine Ruhe, mich daran in ähnlicher Weise, wie Hinrichs am Göthe'schen Faust, als Commentator zu versuchen. Hinrichs war mir noch eine starke Auctorität. Wenn er aber in seiner Auslegung der Göthe'schen Tragödie die Personen fast zu bloßen allegorischen Repräsentanten der Idee gemacht und das eigentlich ästhetische Element über dem philosophischen einer Exposition der Begriffe Wissenschaft, Glaube, Zweifel, Volkssitte, Gemeinde, vernachlässigt hatte, so verfuhr ich in meiner Nachahmung schon menschlicher. Doch blieb noch ein gutes Stück Scholasticismus hangen. Ich erzählte z.B. den Fortgang des Drama's in pretiöser Manier, daß ich von dem anschauenden Bewußtsein, vulgo Publicum, sprach, welches auf der Scene diesen oder jenen Vorgang erblicke. Als Gruppe daher einige Jahre später, 1831, seine Komödie: die Winde, gegen die Hegel'sche Philosophie herausgab, hatte er ganz Recht, mich zu verspotten. Er ließ einen katholischen Rosenkranz, der auf einem Tisch lag, durch diese Verse erklären: Amazon.de Widgets Der Rosenkranz hier, käm', Ihr Herrn, Zum anschauenden Bewußtsein gern; Er betet pünctlich jede Stunde Sich selbst im Stillen in die Runde, Daß sich mehre des Absoluten Heil Und werd' auch Ungläubigen zu Theil. Ich nannte meine kleine, anspruchslose Schrift: »Ueber Calderon's Tragödie vom wunderthätigen Magus. Ein Beitrag zum Verständniß der Faustfabel.« Dieser Zusatz muß irgend einem Schriftsteller Veranlassung gegeben haben, sich eine besondere Schrift darunter vorzustellen. Genug, ich habe in vielen literarischen Uebersichten zur Faustliteratur von mir zwei Schriften angeführt gefunden, obwohl ich nur diese eine habe drucken lassen, wenn ich auch später noch verschiedene Abhandlungen über Göthe's Faust geschrieben habe. Ich protestirte öffentlich ein paar Mal gegen meine Autorschaft eines gar nicht existirenden Büchleins. Es hat mir aber nichts geholfen. Ich traf den Titel immer von Neuem. Da es gar nicht existirte, konnte es Niemand gelesen haben, allein, um nicht der Unvollständigkeit bezüchtigt zu werden, schrieb Einer es immer wieder dem Andern nach. Calderon's Tragödie war ganz dazu gemacht, mich damals zu[392] befriedigen. Sie behandelte die Legende vom Märtyrer Cyprianus. Zu Anfang des Drama's tritt er noch als Heide auf, der jedoch durch die Philosophie zum Zweifel an der Wahrheit des Polytheismus gelangt ist. Er führt den Beweis aus, daß Gott nur Einer sein könne. Hier wird er von einem Dämon unterbrochen, der als ein Reisender erscheint, mit ihm sich in philosophische Disputationen einläßt, und ihn, gegen das Versprechen der Hingabe seiner unsterblichen Seele, welches durch ausdrücklichen Vertrag besiegelt wird, in die Magie einzuweihen verheißt. Er zeigt ihm die Kraft der Magie z.B. dadurch, daß er einen Berg versetzt. Er reizt aber auch seine Sinnlichkeit durch ein schönes, junges Mädchen, Justine, die schon Christin geworden ist. Sie widerstrebt ihm. Der Dämon versucht, ihn durch ein Trugbild zu täuschen. Tief erschüttert durch diesen Vorgang, wendet Cyprianus sich selber dem Glauben Justinens zu, wird aber eben deswegen vom Römischen Statthalter in's Gefängniß geworfen. Hier trifft er mit Justine zusammen, die aus gleichem Grunde gefangen worden. Jetzt vereinigen sich ihre Seelen durch die Gemeinschaft ihres Glaubens, der alle sinnliche Begier von ihnen abstreift und sie zur höchsten Andacht erhebt. Sie werden zusammen hingerichtet. Gott zwingt den Dämon, auf einer Schlange reitend, über dem Schaffot zu erscheinen und die Heiligkeit der Liebenden allem Volk zu verkünden. Dies ungefähr sind die Grundzüge der Tragödie, deren philosophischer Tiefsinn mich unwiderstehlich anzog. Durch den Uebergang des Cyprianus vom heidnischen Volksglauben zum christlichen Weltglauben vermöge der Vermittelung der Philosophie war sie einer phänomenologischen Behandlung durchaus günstig. Hegel's Phänomenologie beherrschte mich noch völlig, doch hatte ich mir die erste Rohheit ihrer Anwendung auf einen concreten Stoff schon in der Analyse von Immermann's Cardenio und Celinde abgearbeitet, wie ich früher erzählt habe. Ich habe mich daher sehr gefreut, als ich nach vielen Jahren in der classischen Geschichte des Spanischen Drama's von Herrn von Schack meine kleine Schrift noch mit einer mich überraschenden Anerkennung erwähnt fand. Ich kann mich jetzt nicht genug wundern, daß ich in der ästhetisch-literarischen Einleitung, die ich schrieb, bei Erwähnung des Englischen Faust von Marlowe nicht darauf eingegangen bin, den Gegensatz in der Gestaltung[393] der Faustfabel, Verschreibung der Seele an den Teufel gegen Dienstleistungen desselben, von dem katholischen und protestantischen Standpunkt aus genauer zu erörtern. Die Tendenz Calderon's ist, zu zeigen, wie gegen die Macht des christlichen Glaubens sogar das Recht eines förmlichen Vertrages mit dem Teufel hinfällig wird, und wie die Liebe Gottes den Teufel selber zwingt, Zeugniß für die Wahrheit des Glaubens abzulegen. Meine äußeren Verhältnisse änderten sich allmälig. Bohtz war nach Göttingen, Loof nach Berlin gegangen. Genthe war ein Versuch, sich in Halle zu habilitiren, mißglückt. Er war bei der Disputation durch einen unerwarteten Angriff ganz außer Fassung gebracht worden. Er gab den Gedanken an eine akademische Laufbahn auf, ging zunächst nach Magdeburg, wo er am Pädagogium Kloster Lieben Frauen sein Probejahr absolvirte und dann nach Eisleben versetzt ward, wo er als Lehrer am Gymnasium bis zu seinem Tode 1865 gewirkt hat. Ich zog Ostern 1829 aus dem Hause der Frau von Jacob in das einer Wittwe Deibald in der kleinen Ulrichsstraße und kam dadurch in eine neue Bekanntschaft, die mir ganz unerwartete Anregungen bringen sollte. August Lafontaine nämlich, der bekannte Romandichter, wohnte jetzt in diesem Hause zu ebener Erde. Er hatte etwa zehn Jahre zuvor sein reizend gelegenes Landhaus bei Giebichenstein verkauft und sich bei der Wittwe Deibald in Pension gegeben. Er bewohnte ein großes Zimmer, hinter welchem eine Schlafkammer lag. Die Repositorien seiner Bibliothek machten den einzigen Schmuck des Zimmers aus, in dessen Mitte ein großer viereckiger Tisch stand, der mit Büchern, Zeitungen und Papieren bekramt war. Er selber saß gewöhnlich auf einem großen Lehnstuhl am Fenster, wo er fleißig las und rauchte. Er war ein großer, behäbiger Mann, leutselig, freundlich, zum Disputiren und Scherzen aufgelegt. Die Güte seines Herzens war unerschöpflich und man konnte ihn als Menschen nur lieben und verehren, wie dies auch von allen seinen Freunden geschah. Als ich ihn kennen lernte, war er schon zweiundsiebzig Jahre alt, aber, eine gewisse Schwäche des Gedächtnisses abgerechnet, noch durchaus voll geistiger Frische. Das Gehen fing an, ihm beschwerlich zu werden. Er machte nur noch kleine Spaziergänge in der nächsten Umgebung, bis auch diese, weil[394] ihm die Füße zu schwellen begannen, aufhörten. Er lebte theils von den Zinsen des Capitals, das er aus dem Verkauf seines Grundstücks erhalten hatte, theils von einer Präbende, die er als Canonicus bezog. Dies war der Titel, unter welchem man mit ihm verkehrte. Er hatte sein Predigeramt schon 1802 aufgegeben und seitdem theils der Poesie, theils dem Cultus der Wissenschaften in freier Muße gelebt. Als ich sein Hausgenosse wurde, hatte er die meisten seiner Freunde schon durch den Tod verloren. Die Professoren Wegscheider, Voigtel und Gruber waren fast allein übrig geblieben und der letztere besonders, der auch seine Biographie geschrieben hat, besuchte ihn häufig. Er selber ging zu Niemand. Einfach in seinen Sitten, lebte er wie ein antiker Philosoph. Das Humanitätsideal der Aufklärung war in ihm auf die liebenswürdigste Weise verkörpert. Hatte ich zwei Jahre zuvor durch Daub in Heidelberg mich in einen Mittelpunkt der Romantik versetzt gefunden, so trat mir nun in Lafontaine das achtzehnte Jahrhundert mit der ausgesprochensten Energie seiner revolutionären Tendenzen entgegen. Lafontaine hatte als Feldprediger der Preußischen Armee die Wirkungen der Französischen Revolution in nächster Nähe gesehen und für die sittlichen Bedürfnisse, die ihr zu Grunde lagen, eine unleugbare Sympathie eingesogen. Seine ersten Romane bewegten sich auch auf Französischem Boden in den Schicksalen aristokratischer Familien. Lafontaine behandelte die Vorurtheile der Aristokratie mit feiner Satire. Er läßt z.B. seinen Quintus Heymeran von Flaming eifrige genealogische Studien machen, die ihn zu der Ueberzeugung führen, daß die Celtische Race die vorzüglichste in Europa sei. Er läßt ihn consequent eine Ehe nur mit einer Celtin als wünschenswerth suchen. Aber Flaming verliebt sich schließlich in eine Negerin. Er verliebt sich nicht nur in sie, sondern er heirathet sie auch. Und er heirathet sie nicht nur, sondern lebt auch mit ihr sehr glücklich. Diese Schalkheit war ächt Lafontainisch. Die Gesetze, die Triebe, die Rechte der Natur waren die Hauptkategorien, auf die er fußte. Seine Naturkinder erfahren die Macht der Natur, welche sie zum Widerspruch mit dem System der conventionellen Schranken führt. Wenn sich nun die Resultate zeigen, d.h. wenn die jungen unschuldigen Mädchen durch ihre jungen unschuldigen Liebhaber auf dem natürlichsten Wege von[395] der Welt in interessante Umstände versetzt sind, so bricht der sentimentale Jammer los. Frühe Gräber und heiße Thränen, welche ihren Rasen benetzen, pflegen das Ende auszumachen. Der Contrast zwischen Lafontaine und mir war ein ungeheurer. Ich war zwar durch Hegel's Phänomenologie bereits principiell von der Romantik losgerissen, aber ich steckte doch noch tief in ihr. Wenn Lafontaine durch Grube gehört hatte, daß ich ein Hegelianer sei, daß ich über Spinoza, über den Titurel und Dante, über den Faust und Calderon geschrieben habe, daß ich ein Collegium über die Nibelungen lese, so konnte er meinen Besuch zuerst nur mit einem mißtrauischen Vorurtheil empfangen. Und ebenso brachte auch ich aus den Erinnerungen des Schlegel'schen Athenäums zunächst nur Vorurtheile gegen ihn als einen längst antiquirten sentimentalen Romanschreiber mit. Aber es sollte unter uns ganz anders kommen. Erstlich war ich mit Lafontaine in der Anerkennung des Humanitätsideals durchaus einverstanden. Seine Denkweise war ja im Wesentlichen dieselbe, wie bei meinem Vater, wie bei meinem Oheim. Ich war ja ganz rationalistisch erzogen und erst allmälig in die Romantik hineingerathen. ? In meinen Vorlesungen über Religion und Ethik war ich weit davon entfernt, der Vernunft das Geringste vergeben zu wollen, wenn ich auch oft die Beschränktheit des Kant'schen Standpunktes bekämpfte. Feudale Anmaßung, Ungleichheit der Bürger vor dem Gesetze, Preßzwang, Censur, Aberglauben, Pfaffenherrschaft, haßte ich von ganzem Herzen so gut als Lafontaine. Es war die Zeit dicht vor der Julirevolution, deren Ausbruch Lafontaine noch erlebte. Als er sah, daß ich zwar ein Hegelianer, allein kein Obscurant, kein Serviler sei, faßte er bald große Neigung zu mir, wie ich sie kaum verdiente. Er ließ nun Manches, das ihn in meinen Äußerungen befremdete, hingehen, oder stritt darüber mit mir in naivster Offenheit. Zweitens aber liebte Lafontaine die Griechen im höchsten Grade. Im Homer, in den Tragikern, in Platon, in Xenophon und Lucian war er gründlich zu Hause. Er las sie beständig im Original. Als er Romane zu schreiben aufhörte, warf er sich sogar auf die Kritik des Textes der Tragiker. Er behauptete, daß die Abschreiber die Poesie derselben oft nicht verstanden und durch höchst prosaische Lesarten entstellt hätten. Er glaubte nun,[396] diese besseren Lesarten vorschlagen zu können. Seine gelehrten Freunde suchten vergeblich ihn abzuhalten, die Resultate seiner Studien zu veröffentlichen. Warum sollte ich nicht so gut, als ein Zunftphilologe, das Recht der Textemendirung haben? Warum soll mein poetisches Gefühl schlechter sein, weil ich nicht den Titel Professor habe? So pflegte er zu sagen. Den Abmahnungen seiner Freunde zum Trotz hatte er 1822 den Agemonon, 1824 die Choëphoren des Äschylus, 1826 die Hekuba des Euripides herausgegeben. Er hatte erwartet, wenigstens heftig angegriffen zu werden, allein man zog gegen den Neuerer das Mittel des Todtschweigens vor. Das ärgerte ihn. Gegen seine älteren Freunde, die selber wohlbestallte Professoren und Kritiker waren, äußerte er sich weniger hierüber, aber gegen Jüngere ließ er seinem Unmuth freien Lauf. ? Er hatte sich für seine Griechischen Lieblinge Animadversarien angelegt. Er buchte auch die Fehler, die er in Wieland's Uebersetzung des Lucian zu finden glaubte. Da er selber ein Neuerer war, so interessirte er sich auch lebhaft für alle Forschungen, welche die Philologie von Seiten der Geschichte betrafen. Gegen mich, einen Philosophen, der nicht Philologe von Profession, nur ein Dilettant der Philologie war, äußerte er sich, wenn ich auf sein Ersuchen Abends zu ihm kam, ohne allen Rückhalt. Er verglich sich scherzhaft auch wohl mit der Lage, in welcher sich Göthe durch seine Farbenlehre der Zunftwissenschaft gegenüber befand. ? Diese Studien Lafontaine's gaben ein reiches, mannichfaltiges Material zu unserer Unterhaltung. Zuweilen wurde auch wohl ein Chor aus Aeschylus durchübersetzt. Sokrates in den kleinen Platonischen Dialogen im Verhältniß zu Xenophon's Memorabilien kam auch häufig auf's Tapet. Vor Allem aber wurde Lucian bevorzugt, nicht nur, weil er selber ihn damals täglich las, sondern auch, weil ich ihn noch gar nicht kannte. Ich hatte nur eine allgemeine Vorstellung von ihm, wie man sie aus Literaturgeschichten überkommt. Lafontaine lieh mir nun einen Band nach dem andern und dann sprachen wir darüber. Wie dankbar muß ich ihm bis auf den heutigen Tag dafür sein, denn ich bekam dadurch eine viel genauere Anschauung der Auflösung des Polytheismus und der Stellung der Philosophie zu derselben. Lucian wurde aber auch der Schriftsteller für mich, durch welchen ich den Kampf des[397] Gedankens mit den Vorstellungen meines religiösen Glaubens viel besser verstehen lernte. Bei Aristophanes, den ich schon kennen gelernt hatte, waltet dieser Kampf auch schon. Aristophanes aber ist Romantiker. Er steht selber noch auf Seiten der alten Sitte und des alten Glaubens. Er will die Aufklärung durch cynische Uebertreibung ihrer Consequenzen lächerlich machen. Lucian hingegen steht umgekehrt auf Seiten der Aufklärung und macht die Romantik des Wunderglaubens lächerlich. Parny's Guerre des Dieux, den ich zufällig in dieser Zeit bei einem Antiquar kaufte, schloß sich dieser Lectüre höchst sympathisch an. Die Vorstellung sucht den allgemeinen Inhalt der Religion für das Bewußtsein faßlich auszudrücken. Hierin liegt ihre Berechtigung und ihr hoher Werth. Allein gegen die Kritik des reinen Gedankens kann sie ihre Form nicht erhalten. Sobald diese Entdeckung gemacht ist, wird es nicht schwer, sie gerade dadurch, daß man sie ganz buchstäblich nimmt, in's Lächerliche zu ziehen. Was Lucian mit den Griechischen Göttern, das that Parny mit den Personen der christlichen Trinität in Verbindung mit den Vorstellungen von der Mutter Maria und den Engeln. Lucian ist aber viel anmuthiger und bei weitem weniger frivol, als der Franzose. Lafontaine erzählte nach Greisenart gern von den früheren Ereignissen seines Lebens. Die Erinnerungen an den Feldzug in Frankreich, an eine Reise mit dem Kanzler Niemeyer nach Wien, sowie an die Schicksale seiner Romane stachen darin hervor. Aus den ersteren schien mir der Eindruck, den er vom Beginn der Schlacht bei Valmy empfangen hatte, fast der höchste Moment seines Lebens. Der Morgen der Schlacht war gekommen. Die Preußen standen den Franzosen auf einem niedrigeren Terrain gegenüber. Sie gaben das übliche Signal zum Beginn des Kampfes durch ein paar Kanonenschüsse. Die Franzosen erwiderten mit keinem Schuß, aber plötzlich fing die ganze Armee die Marseillaise zu singen an. Dieser ganz unerwartete geisterfüllte Gegengruß machte, wie Lafontaine versicherte, einen furchtbaren Eindruck. Wenn er, wie mehrmals geschah, auf dies Ereigniß zurückkam, so gerieth er in die höchste Aufregung, stand auf und sang die Marseillaise. Als er am 19. April 1831 sehr schwach wurde und wir, auch nach den Andeutungen des Arztes, seinen[398] Tod fürchteten, der in der That bald nach Mitternacht eintrat, war von seinen Freunden Professor Gruber noch bis nach eilf Uhr zugegen und hat in seiner Biographie die Thatsache mitgetheilt, daß Lafontaine, den wir in seinem Lehnstuhl sitzen gelassen hatten, weil er zu unruhig war, im Bett auszuhalten, sich auf einmal erhob und den ersten Vers der Marseillaise sang. Erschöpft lehnte er sich in die Kissen zurück und sprach nichts mehr der Erwähnung Werthes. Gruber giebt als Ursache an, er hätte uns zeigen wollen, daß er noch genug bei Kraft und Stimme sei, singen zu können, uns über seinen Zustand zu beruhigen. Das sieht ihm ähnlich; allein ich habe nur die Vorstellung behalten, daß eben das Ereigniß, das ihn im Leben auf das Tiefste gepackt hatte, sich ihm zum Schluß noch einmal vergegenwärtigte. Die Reise mit dem Kanzler Niemeyer nach Wien war ein komisches Cabinetsstück und wäre werth gewesen, von einem Jean Paul beschrieben zu werden. Sie machte mir so viel Vergnügen, daß ich Lafontaine zuweilen absichtlich darauf zurückbrachte. Niemeyer war sein Freund gewesen, aber das hinderte Lafontaine nicht, die Schwäche desselben, überall als berühmter Mann eine hervorragende Rolle zu spielen, von ihrer lächerlichen Seite zu fassen. Die kleinen Züge, durch welche diese Schilderung erst volles Leben erhielt, kann ich hier nicht wiedergeben. Zum Theil habe ich sie sogar vergessen. Ich begnüge mich, eine kleine Probe zu geben. Amazon.de Widgets Wenn die Reisenden in einem Gasthof abgestiegen waren und ihren Namen in das Fremdenbuch eingezeichnet hatten, so erstaunte Niemeyer, wie sehr er von der Bedienung bei Seite gelassen, Lafontaine dagegen von Kellnern, Stubenmädchen, Wirth und Wirthin auf das Freundlichste und Aufmerksamste, fast wie ein alter verehrter Freund, bedient ward. Natürlich, sagte Lafontaine mit schelmischem Schmunzeln, Niemand kannte in Süddeutschland den Professor der Theologie, den Kanzler der Universität Halle, aber meine Romane, einen oder den andern, hatten selbst die Kellner und Kammerkätzchen gelesen. Glauben Sie mir, ich war einmal berühmt. In Wien steigerten sich die Contraste zwischen Niemeyer und Lafontaine. Jener machte die Runde bei allen Berühmtheiten und Fürstlichkeiten, dieser zog sich in den Genuß des behaglichen Wiener Stilllebens zurück und verkehrte im[399] Prater und im Augarten wochenlang ganz gemüthlich mit Bürgern, die gar nicht nach seinem Namen fragten, was ihm eben recht war. Endlich wurde Lafontaine gleichsam entdeckt. Niemeyer war, wie gewöhnlich, ausgefahren, Lafontaine allein zu Hause geblieben, als eine fürstliche Equipage vorfuhr, dem Kanzler der Universität Halle den schuldigen Gegenbesuch zu machen. Lafontaine entschloß sich, seinen Bedienten zu spielen. Er entschuldigte die Abwesenheit Niemeyer's, aber in einer so interessanten Weise, daß der Fürst sich mit ihm längere Zeit einließ und einige Tage später Niemeyer die größten Complimente machte, was er für einen ausgezeichneten, wahrhaft gebildeten Bedienten besitze. Bei seinen literarischen Erinnerungen beschuldigte er sich vorweg des sträflichen Leichtsinns, mit welchem er seine Romane geschrieben habe. Er hatte eine Epoche gehabt, in welcher er so gelesen war, daß die Buchhändler nicht genug von ihm drucken konnten. Da kam es denn vor, daß er, weil man ihm das nasse Manuscript zur Druckerei wegholte, beim Schreiben des zweiten Bandes vergessen hatte, was im ersten Alles angelegt war. Er hatte z.B. im ersten Theil einen Ring theilen und den beiden Hälften eine besondere Bedeutung geben lassen. Während des Niederschreibens des zweiten hatte er diesen Umstand ganz vergessen. Glücklicher Weise erinnerte ihn die Aeußerung einer Dame, welche den ersten Theil schon gelesen hatte, wieder daran, indem sie ihm ihre große Neugier kund gab, zu erfahren, was aus dem Ringe werden würde. Zur Zeit, als ich mit Lafontaine verkehrte, las er einen seiner Romane, die er vergessen hatte, in Holländischer oder Französischer Uebersetzung. So, behauptete er, wären sie ihm wirklich neu und könne er ihren Werth unbefangen schätzen. Lafontaine war ein feiner Beobachter des Zeitgeistes. Er hielt sich die Augsburger Allgemeine Zeitung selber, weil sie ihm das vorzüglichste Organ der allgemeinen Weltanschauung, auch für das Culturleben, zu sein schien. Als wir einst über die Fortschritte gesprochen hatten, welche der literarische Verkehr gemacht habe, schenkte er mir das Exemplar des Vertrages, den er 1798 mit der Allgemeinen Jenenser Literaturzeitung, damals unter Bertuch und Hufland, geschlossen hatte, Recensionen für das schönwissenschaftliche Fach zu liefern. Ich habe[400] diesen Vertrag zum Andenken an Lafontaine bis jetzt aufbewahrt. Man kann sich jetzt kaum eine Vorstellung von solchem Pedantismus und Egoismus einer Redaction machen, als er auf den acht Folioseiten dieses mit fünf Siegeln beurkundeten Vertrags zum Vorschein kommt. Von Lafontaine's außerordentlicher Gutherzigkeit könnte ich mancherlei Thatsachen anführen. Um ihre Art und Weise zu schildern, will ich mich auf ein paar Beispiele beschränken. Wenn es im Sommer sehr heiße Tage gab, so pflegte er sich damit zu beschäftigen, aus Selterwasser, Zucker und verschiedenen Weinsorten erfrischende Getränke zusammenzubrauen. Glaubte er nun eine recht schöne Mischung erfunden zu haben, so lief er damit zu mir und brachte mir ein großes Glas voll. Wenn es mir recht mundete, so freute er sich wie ein Vater, der seinen schmachtenden Sohn erquickt hat. Einmal hatten wir scharf über die Beweise für das Dasein Gottes disputirt. Er verwarf sie ganz nach der Kant'schen Theorie. Ich suchte gerade den ontologischen Beweis aufrecht zu halten. Endlich gingen wir auseinander. Ich hatte anfänglich im oberen Stock des Hauses gewohnt, war aber nach Unten gezogen, so daß nur der Hausflur uns trennte. Ich ging sofort in mein Schlafzimmer, zog mich aus und legte mich nieder. Kaum lag ich, so hörte ich die Thür meines Arbeitszimmers, das vor dem Schlafzimmer lag, sich öffnen. Ich horchte auf, wer da noch kommen könnte, da die Hausthür nicht geklingelt hatte. Bald klopfte es an meine Schlafftubenthür. Ich springe auf, den Riegel, den ich vorgestoßen hatte, wegzuziehen. Als ich, im Hemde, öffne, steht Lafontaine vor mir, einen brennenden Wachsstock in der einen Hand. »Mein junger Freund«, sagte er, »ich habe da zwar eifrig disputirt, daß man das Dasein Gottes nicht beweisen könne. Seien Sie aber versichert, daß ich an ihn glaube und noch eben recht innig zu ihm gebetet habe. Ich kann nicht schlafen gehen, ohne Ihnen dies gesagt zu haben. Nun schlafen Sie ruhig.« Dabei liefen ihm die Thränen über die Backen. Er drückte meine Hand, die ich ihm mit bewegtem Gemüth reichte und verschwand. Welch eine himmlische, rührende, liebevolle, wahrhaft religiöse Seele, dieser Lafontaine! Welch eine humoristische Scene für einen Maler, wie Chodoviecki, ich im Hemde, barfuß,[401] Lafontaine im Schlafpelz, mit dem Wachsstock in der Hand, wir Beide zwischen Thür und Angel! Einerseits die unausgesetzten Studien für die Religionsphilosophie, bei denen ab und zu auch Jacob Böhme wieder vorgenommen wurde, andererseits die Beschäftigung mit Lucian, welche Lafontaine veranlaßte, brachten mich auf einen sonderbaren, höchst romantischen Einfall. Jacob Böhme stand mir immer noch unendlich hoch. Der Teufel spielt, wie man weiß, eine große Rolle bei ihm. Ich hatte aber niemals an einen persönlichen Teufel geglaubt, weil ich erkannte, daß wir Menschen, auch ohne Voraussetzung eines solchen Subjectes, das Böse aus unserer Freiheit auf das Vollkommenste hervorzubringen, daß wir selbst leider das Diabolische zu erzeugen im Stande wären. Daub's Judas Ischariot war für mich eben dadurch so wichtig geworden, daß ich sah, wie Daub's Versuch, die orthodoxe Satanalogie zu retten, gescheitert war. Lucian's Verspottung der schönen Götter Griechenlands eröffneten mir die tiefsten Einblicke in den Proceß des Untergangs der mythischen Vorstellungen einer Religion. Im Uebermuth satirischer Laune fiel ich eines guten Tages darauf, Vorlesungen des Teufels über sich selbst zu schreiben. Es war eine Anwandlung ähnlicher Art, wie die, aus welcher ich im Sommer 1827 das geistliche Nachspiel zu Faust, im Sommer 1828 das satirische Gemälde auf die Geschichte der Deutschen Philosophie entworfen hatte. Mit großer Leichtigkeit schrieb ich binnen einer Woche drei Vorlesungen. Weiter kam ich nicht, wahrscheinlich, weil ich hiermit auch das Wesentliche des flüchtigen Einfalls erschöpft hatte. Wie Diderot mit seinen petits papiers, amüsirte ich mich und meine nächsten Freunde damit. Was aus dem Manuscript geworden, weiß ich nicht. Der Teufel, könnte ich sagen, von dem es handelte, hat es geholt. Hierher, nach Königsberg, habe ich es nicht mehr gebracht. Doch besitze ich noch eine ziemlich lebhafte Erinnerung davon, aus welcher ich eine kleine Vorstellung der Manier geben kann. Ich ließ den Teufel etwa so beginnen: Meine Herren! Indem ich die Ehre habe, das erste Mal zu Ihnen zu sprechen, werde ich zunächst die Motive darlegen, die mich zu diesem außerordentlichen Schritt bewegen, damit wir uns gegenseitig über unser[402] Verhältniß ganz klar werden. Meine Herren! Einige von Ihnen erinnern sich unstreitig noch der Erzählungen, welche unser geehrter Commilitone Schlauch vor mehreren Jahren hier in Halle über mein Wanderungen zur Entdeckung der besten Dogmatik in Gemeinschaft mit Serenissimo unternommen hatte. Ich wurde, wenn ich auch die Bemühungen einiger Professoren um die Erhaltung des Glaubens an meine Existenz dankbar anzuerkennen hatte, doch keineswegs befriedigt. Ich wohnte hierauf incognito auch den Vorträgen bei, welche der Professor Hinrichs hierselbst über Göthe's Faust zu halten pflegt. Er nahm eine Miene an, als ob er ganz und gar mit meinem Wesen vertraut sei. Er deducirte sogar meine Nothwendigkeit. Diese Bemühungen schmeichelten mir und da Hinrichs ein Hegelianer ist, glaubte ich, die Hegel'sche Philosophie an der Quelle studiren zu müssen, weil ich von ihr die größte Unterstützung hoffte. Ich begab mich also nach Berlin, den großen Hegel selber zu hören. Aber wie wurde ich enttäuscht! Denken Sie, meine Herren, dieser Philosoph erdreistete sich, mich in einen bloßen Begriff aufzulösen, den er mit Emphase die Negativität nannte. Die Zuhörer schienen ganz hingerissen von dieser dialektischen Taschenspielerkunst. Ich war über diese Frechheit empört. Arme Jugend, sagte ich zu mir, wie betrügt man dich! Aber dir soll geholfen werden. Ich selber werde sie über mich belehren. Aber nicht in Berlin, in Halle werde ich dies thun, denn Berlin ist schon zu verweltlicht. Hier in Halle ist noch classischer Boden für die Theologie; hier ist noch ein wahres Bedürfniß vorhanden, sich über meine Person zu orientiren. Hier schlagen noch Herzen in bangen Zweifeln über mein Sein oder Nichtsein. Hier ist noch ein Publicum, welches von dir selber mit Erbauung die Berichtigungen empfangen wird, welche der traurige Zustand des locus de diabolo in der heutigen Dogmatik erfordert. Hier, in Halle, wirst du einem tief gefühlten Bedürfniß entgegenkommen. Ich bin zwar nicht von einer Facultät zum Doctor der Theologie promovirt worden, allein ohne unbescheiden zu sein, glaube ich mich berechtigt, mich als Mitglied der theologischen Facultät betrachten zu dürfen. Fragen Sie sich selbst, was man in der Anthropologie, Soterologie und Eschatologie der Dogmatik ohne mich anfangen will. Amazon.de Widgets Ich habe dieses Collegium als ein Privatcollegium angekündigt,[403] denn es ist mir um solide Zuhörer, denen die Sache Ernst ist, nicht um den Beifall einer Menge zu thun, die ich leicht mit rednerischem Floskelthum zu gewinnen vermöchte. Ich verachte auch das Geld keineswegs, da ich, wie einmal der Welt Lauf ist, beständig ungeheure Summen verbrauche und daher, trotz der Mittel, über die ich verfüge, nicht mit Unrecht von Volkes Gnaden der »arme Teufel« genannt zu werden pflege. Ich habe den Reinertrag dieses Collegiums zur Unterstützung meiner alten Freunde, der Jesuiten, bestimmt. Lange waren dieselben höchst ungerecht unterdrückt. Erst seit einiger Zeit dürfen sie sich wieder frei hervorwagen, allein ohne Geld, das glauben Sie mir, würden sie wenig ausrichten. Mit Geld aber, mit immer mehr Geld, werden sie die Welt sich unterthan machen, denn das Geld ist kosmopolitisch. Alle Nationen, alle Confessionen sind von gleicher Liebe zu ihm beseelt. Wenn Sie mir aufmerksam folgen, so werden Ihnen die albernen Vorurtheile gegen meine Person wie Spinnwebe zerreißen. Sie werden den organischen Zusammenhang der dogmatischen Paragraphen mit Klarheit durchschauen. ? Ich werde nämlich, um nunmehr zur Sache zu kommen, erstens von meiner Entstehung durch mich selbst, zweitens von der Modalität meiner Wirksamkeit, drittens von den wunderbaren Wirkungen derselben handeln. Ich werde dabei mit aller Aufrichtigkeit zu Werke gehen. Um sogleich einen Mißverstand abzuschneiden, bemerke ich, daß ich mit den soeben gebrauchten Worten: Entstehung durch mich selbst, keineswegs leugnen will, von Serenissimo erschaffen zu sein. Dies hat seine volle Richtigkeit. Ich will damit nur sagen, daß ich, sofern ich Teufel bin, mich selbst hervorgebracht habe und hervorbringe. Diese meine specifische Qualität verdanke ich mir selber. In der modernen Sprache ausgedrückt, könnte ich sagen, ich entstand in demselben Augenblick, als ich den Muth hatte, Revolutionär zu werden u.s.w. So ungefähr ließ ich den Teufel über sich selbst dociren. 
 IV. Schule der Altstadt Magdeburg. Das Pädagogium Kloster der lieben Frauen. Harzreise und die Universität Göttingen.  [72] Die Schule des Kantors der wallonischen Gemeinde, die ich schon früher im Allgemeinen schilderte, versank immer mehr. Die Zahl der Schüler und Schülerinnen verminderte sich bis zu einem kleinen Rest, der nur noch von der Familie des Kantors bearbeitet wurde und zu welchem unglücklicherweise auch ich gehörte. Alle Disciplin hörte vollends auf, als der Kantor von einem Augenleiden heimgesucht ward, die Frau nun, zwischen Schulzimmer und Küche getheilt, die Leitung des Ganzen übernahm und ein Sohn, der zugleich das Klemptnerhandwerk betrieb, für den Vater vicarirte. Das Lateinische wurde nur nebenher für solche Schüler, die es wünschten und die auch besonders dafür bezahlten, von einem Candidaten Namens Schwenzler höchst nachlässig gelehrt. Andere, Seele und Leib verderbende Stunden, als ich in dieser Unterrichtszeit in einem oft sehr frostigen Lokal verbracht habe, sind mir kaum erinnerlich. Mein Vater überwand endlich den Respect, den meine Mutter vor dem Kantor aus kirchlicher Angewohnheit hatte, nahm mich aus der Schule heraus und brachte mich Ostern 1816 auf die Schule der Altstadt Magdeburg, welche damals unter dem Rector Neide und dem Prorector Werkner stand. Diese Schule würden wir heutzutage eine höhere Bürgerschule nennen. Sie bereitete vorzüglich für das praktische Leben vor, dem meine Eltern mich widmen wollten. Auf dieser Anstalt machte ich nun in der Geographie und Geschichte, im Deutschen, in der Mathematik und Physik große Fortschritte. Von den letzteren[73] Wissenschaften hatte ich noch so gut als gar keine Vorstellung gehabt, und ich mußte darin ganz von vorn anfangen. In der zweiten Klasse, die mit der ersten combinirt war, wurde den ganzen Donnerstag Nachmittag hindurch sogenannte praktische Stunde in einer sehr eigenthümlichen Weise abgehalten, die mich lebhaft interessirte und der ich für mein ganzes Leben Vieles schuldig geworden bin. Es wurde nämlich die Fiction zu Grunde gelegt, daß die ganze Klasse eine Gesellschaft bilde, die in mannichfachem praktischem Verkehr stände. Diese Gesellschaft wählte jeden Monat unter dem Protectorat des Lehrers, des zuvor schon genannten Prorectors Werkner, einen Vorstand, bestehend aus einem Ordner, der alle Papiere und Schreibmaterialien der Gesellschaft zu verwalten und ein Journal über alle Arbeiten zu führen hatte, aus einem Secretair, der ihm und dem Protector untergeben war, aus einem Cassirer und einem Rechnungsrevisor. Den übrigen Mitgiedern wurde eine imaginäre Verwaltung zugetheilt. So habe ich z.B. ein Haus in der grünen Armstraße in der Art administrirt, daß ich dasselbe vermiethete. Nun mußte ich die Vertäge entwerfen, mußte Reparaturen beantragen, die Abgaben entrichten und was sonst bei Leitung eines Hauswesens vorkommt in bestimmter Frist fungiren; bei einer Reparatur größerer Art, z.B. Anbau eines Holzgelasses, mußte ich die Zeichnung beifügen. Als ich dies gelernt hatte, wurde mir das fictive Landgut Wederingen zur Verwaltung übergeben, bei welchem ich eine Scheune bauen und einen Graben durch den von verschiedenen Holzarten bewachsenen Wald ziehen lassen mußte, von welcher Unternehmung ebenfalls die Pläne einzureichen waren. ? Den Unterricht ertheilte der Prorector in der Art, daß er zu Anfang jeden Halbjahres in der Kunst unterwies, Briefcouverts zu schneiden, Briefe zu siegeln, Adressen zu schreiben, Rechnungen zu liniiren und auszufüllen, zu quittiren, zu dechargiren, Acten zu heften und zu signiren und an eine obere Behörde, die er repräsentierte, eine Vorstellung im üblichen Kanzleistyl einzureichen. Das Material: Papier, Zwirn, Sigellack, Heftnadeln, Wachs wurden aus einer gemeinschaftlichen Kasse bestritten, die wir durch monatliche Beiträge erhielten. Die Acten der Gesellschaft wurden vom Ordner förmlich registrirt. Wenn ein Schüler abging und da durch die Administration eines der fictiven Besitzthümer der Societät vacant wurde,[74] so trat durch Bestimmung des Prorectors oder durch Wahl ein Anderer an seine Stelle, der die Acten durchzusehen und zunächst Bericht über den vorgefundenen Zustand zu erstatten hatte. Der Gedanke zu einer solchen Uebung mochte noch aus der Aufklärungsperiode des vorigen Jahrhunderts stammen. In der Ausführung war manches Spielende, manches Pedantische. Allein das Nützliche war nicht zu leugnen. Wie wichtig ist nicht dem Kleinbürger, dem Handwerker, dem Kaufmann, dem Gutsbesitzer die Fertigkeit in jenen formellen Thätigkeiten. Wie wichtig ist sie heutzutage nicht für jeden Andern? Ich darf versichern, daß wir Alle, mit einigen unverbesserlichen Ausnahmen, diese »praktischen Stunden« sehr gern hatten, daß ein munterer Geist in der Klasse herrschte, daß die Wichtigthuerei mit unsern Häusern und Capitalien ein komisch-dramatisches Leben hervorbrachte und daß wir uns besonders gespannt fühlten, wenn wir nach Ablauf von vier Wochen durch Stimmzettel unsern Vorstand wieder zu erwählen hatten. Der Realismus des Weltlaufs wurde von uns hier im Kleinen vorgebildet, und ich bin überzeugt, daß Viele, gleich mir, im späteren Leben dankbar auf jene Stunden zurückgeblickt haben. Als ein Resultat dieser Uebungen kann man auch ansehen, daß ein Theil von uns eine Zeit lang im Sommer 1817 bei einem Feldmesser Namens Villaume Unterricht empfing. Es war ein freundlicher alter Mann mit seinem Sohne, die sich bei dem Prorector gemeldet hatten und ein billiges Honorar forderten. Uns Knaben war das Herumstreichen mit den Fähnchen, mit der Meßkette und Boussole schon recht. Der Alte hatte einen glücklichen Humor. Gelernt haben wir nicht viel; ich wenigstens nicht. Alls wir die geometrischen Vorbegriffe überliefert erhalten hatten und mit den Handgriffen bekannt geworden waren, bestand unsere Hauptleistung darin, daß wir die Werderinsel aufnahmen, wo wir uns dann, wenn wir im Gedränge der Spaziergänger das Alignement vornahmen und die Meßkette weiterschleppten, recht bedeutend vorkamen. Eine sauber ausgeführte Zeichnung vom Werder ? das letzte Resultat dieser Bemühung ? habe ich noch lange unter meinen Papieren bewahrt gehabt, denn die Seite der Anschauung lag mir wohl nahe, aber das Rechnen gelang mir nicht; im Rechnen bin ich immer zurückgeblieben.[75] Ein Theil der Schuld fällt meinem Unfleiß, ein Mangel an Interesse für solche Art der Verstandsthätigkeit zu. Allein ein Theil der Schuld gehört auch wohl der schlechten Methode an, welche die einfachste Operation durch nebensächlichen Ausputz unzugänglich und verworren machte. Mein Vater war einer der vorzüglichsten Rechner; es wurmte ihn, daß ich so schwach darin blieb. Er wollte mich aufmuntern und schenkte mir daher ein schönes Rechenbuch in Quart, in welches er selbst ein köstliches Titelblatt mit den künstlichsten Schriftarten gemacht hatte. Auf dunklem Grunde hatte er seine Lieblingssprüche eingeschrieben: »Fürchte Gott, thue Recht, scheue Niemand, ehre den König!« Tief haben sich mir diese Worte eingeprägt, mit Ehrfurcht betrachtete ich das dicke Buch; die erste Seite brachte leidliche Rechnungen, weil sie leicht waren, aber bald erscholl über mich die alte Klage. In der ersten Klasse der Altstadt betrog ich gewöhnlich den Rector Neide, indem ich von einem Nachbar abschrieb, oder bewegte ihn durch meine Confusion zu solchem Mitleid, daß er sich zu mir setzte, die Aufgabe mit mir durchrechnete, viel Taback dabei verstreute und endlich, wenn er fertig war, mit der selbstbefriedigten Bemerkung aufstand, ich hätte es doch nun schon besser gemacht und es würde recht bald noch besser gehen. In der Prima war eine große schwarze Tafel aufgehängt, auf welcher mit rother und weißer Farbe die verschiedenen Städte zu oberst aufgeschrieben waren, die das Recht hatten, einen Cours zu machen; zur Linken waren alle wichtigen Geldsorten aufgeführt und in der Quere rubrikenweis die durchschnittlichen Differenzen der Aequivalente in den verschiedenen Städten. Wenn nun am Ende des Semesters aus der sogenannten Gesellschaftsrechnung zur Coursrechnung übergegangen wurde, so verfiel ich mit einigen Andern in einen völligen Unverstand. Einige Auserwählte, gewöhnlich Kinder aus kaufmännischen Häusern, fanden sich zu unserem Erstaunen zurecht, beschäftigten und befriedigten den Rector, während wir Uebrigen die ärgsten Allotria's trieben. Manche Städte haben von diesen Courstafeln her eine finstere Physiognomie für mich gehabt, z.B. das freundliche, so schön gelegene Botzen, dem früher auch das Recht zustand, einen Cours zu machen. Der Hauptfehler bei der Methode, der mir das Rechnen so unendlich erschwerte, scheint mir der gewesen zu sein, daß man, die vier Species[76] ausgenommen, von der Regeldetri ab, Alles in benannten Zahlen rechnen ließ, weil man glaubte, daß dadurch eine frischere Theilnahme und für das Leben eine große erleichternde Vorbildung gegeben werde. Es sind aber diese Specificationen sehr gleichgültig. Sie ändern nichts an der Zahl und können in der Wirklichkeit doch nicht gerade so wieder vorkommen, als das Exempel sie angiebt. Für ein Kind von lebhafter Phantasie, wie ich mich wohl bezeichnen darf, wurde durch die concrete Benennung der Zahlen der Antheil an diesen Gegenständen rege gemacht und die Richtung auf das Abstracte vermindert, während die Operation an sich gegen das Concrete völlig indifferent ist, denn ob ich sage: Wenn drei Birnen sechs Pfennige kosten, was kosten siebzehn? oder ob ich statt Birnen Aepfel, Pflaumen u. dgl. setze, ändert an der arithmetischen Bestimmtheit nichts, die auf der 3 und 6 und 17 beruht. Namentlich aber bei der sogenannten Gesellschaftsrechnung verwirrte ich mich immer durch ein dramatisches Ausmalen des Projectes. Wenn es z.B. hieß, daß zwei Kaufleute gemeinschaftlich ein Schiff befrachten wollten, der eine aber nur mit so und so viel von dieser, der andere mit so und so viel von einer andern Waare, womit verschiedene Raum- und Gewichtverhältnisse gegeben waren, so beschäftigte mich sofort wohl die Vorstellung der beiden Kaufleute des Schiffes und der verschiedenen Waare, aber das Interesse hieran ließ das an den Zahlen zurücktreten. Die Bestimmtheit von Gewicht, Maaß und Münze wurde nur gelegentlich ohne alle Erklärung angegeben, so daß sie unendlich oft wiederholt werden mußte, statt daß eine Erläuterung und eine in der Klasse befestigte Tabelle das Verfahren sehr gefördert hätte. So habe ich z.B. Jahre lang mit Schiffs- und Liespfunden mich umhergeschlagen, ohne einen rechten Begriff davon zu haben. Desto mehr Sinn hatte ich ursprünglich für alle Raumverhältnisse, und ich machte in der Altstadt große Fortschritte in ihrer Auffassung, bis ich nach der ersten Klasse kam. Auf der zweiten nämlich trug der Prorector für diese allein eine Art praktischer Stereometrie vor, an welche sich Physik und Mechanik anschloß. Der Vortrag befolgte eine genaue Ordnung, war aber nur beschreibend, nicht beweisend, und wurde von Experimenten und Modellen unterstützt. Ich arbeitete das sauberste Heft aus, wiewohl sehr spielerisch. Ich colorirte z.B. die Raumfigurationen,[77] ich unterließ nicht, bei der Dampfmaschine den kupfernen Kessel roth, den einen seiner Kolben schwarz, das Wasser blau und den Dampf grau zu malen u.s.w. So sehr dies nun überflüssig war, so verband sich doch bei mir ein wirkliches Interesse an der Sache damit, und wie hoch ist es nicht anzuschlagen, wenn ein solches nur überhaupt erst erregt wird. In einem Anhang zur Mechanik wurden auch die Grundsätze der bürgerlichen Baukunst vorgetragen, an welche sich noch als höchster Ausläufer die Fortificationskunst anschloß. Ich kann mich von diesem Unterricht nur erinnern, daß er mir der Zeichnungen halber viel Vergnügen machte, z.B. das Balkendach, das Tonnen-und Spitzbogengewölbe, die Säulenordnung, die Zeichen für Brückenkopf, spanische Reiter u. dgl. zu erlernen. Wie es möglich gewesen, in zwei Jahren, die ich auf der Schule zubrachte, von Combinationen einfacher Punkte und Linien, mit denen ich den Unterricht nach Pestalozzi'scher Methode noch empfangen mußte, bis zu solchen Anschauungen fortzuschreiten, ist mir gegenwärtig unbegreiflich, und ich kann mir diese Thatsache nur dadurch erklären, daß das Zeichnen eben die Hauptsache war, auf welche der Prorector hielt, denn auch in der Geographie beschäftigte er uns vorzugsweise mit Kartenzeichnen. Von dem übrigen Unterricht wirkte besonders der eines Lehrers Schulze im Deutschen, der eines Lehrers Vocke in der Geschichte auf mich ein. Dieser Letztere, der erst anzog, trug uns die griechische Geschichte vom Homerischen Zeitalter bis zu Alexanders Feldzuge hin mit Begeisterung vor und hinterließ bei uns einen großen, unvergeßlichen Eindruck. Wenn ich nun durch solche Anregungen viel gewann, so wurde ich durch einen andern Unterricht sehr verderbt, durch den französischen. In diesem war ich mit noch einem Knaben, der mit mir die wallonische Kantorschule besucht hatte und mit mir von ihr ausgeschieden war, den Schülern der Altstadt überlegen. Obwohl wir in den Realien niedrigeren Klassen zugewiesen werden mußten, so erzeigte man uns doch die Ehre, uns im Französischen der ersten zu würdigen, in welcher wir sogar, da viele Schüler, wie auch auf unsern heutigen Bürgerschulen, nur bis zur Secunda überhaupt die Schule frequentirten, ein Jahr hindurch ganz allein saßen. Diese Sonderstellung wirkte auf mich sehr[78] übel ein, denn sie nährte bei mir einen Dünkel. Ich bildete mir insgeheim doch etwas darauf ein, in der Mathematik, Geschichte u.s.w. zwar noch zurück, im Französischen dagegen bereits so weit voraus zu sein. Die Folge war, daß ich im Französischen träge wurde und zurückkam, indem ich mir einbildete, schon genug und übergenug darin zu wissen. Aber es waren mit diesem Unterricht noch viel schlimmere Umstände verbunden. Der Lehrer, der in der ersten Klasse den Unterricht ertheilte, Illiger, war ein echter Franzose, persönlich liebenswürdig, elegant im Anzuge, galant im Betragen ? ein Lebemann, der die Abende in Gesellschaft, beim Kartenspiel u.s.w. verlebte und Morgens gern lange schlief. Da ich nun mit jenem andern Knaben ein Jahr hindurch ganz allein den Unterricht bei ihm hatte, der viermal in der Woche Morgens auf die zweite Stunde, im Sommer also um acht Uhr fiel, so machte er es sich bequem, kam nicht in die Klasse, sondern beorderte uns einfür allemal auf sein Zimmer. Wenn wir aber kamen, so war er oft noch gar nicht aufgestanden. Die Haushälterin ließ uns dann in ein Vorderzimmer ein, worin er seine große, aber unordentlich gehaltene Bibliothek hatte, in der sich fast alle Schriften der französischen Epikuräischen Literatur fanden. In dieser blätterten wir nun oft, besahen uns die frivolen Kupferstiche, wunderten uns über die Titel, oder wir gingen auch wohl noch wieder herunter und trieben uns in dem großen Gehöft, in allen Gängen und Küchen umher, die im Untergeschoß unbenutzt offen standen, bis es uns endlich gefiel, zu unserem Franzosen hinaufzugehen. Er selbst benutzte nun die Stunde mehr zu seiner Unterhaltung, als zu unserer Belehrung und las mit uns cursorisch erst die meisten der Molière'schen Lustspiele, sodann Mercier's Tableau de Paris. Molière's Werke gefielen mir ungemein und ich schaffte sie mir selbst an; von Mercier hatte er ein doppeltes Exemplar, von dem er uns das eine vorlegte, während er am Fenster uns mit dem andern folgte. Wenn uns nun auch die detaillirte Beschreibung von Paris ganz interessant war, so verstanden wir doch nicht nur Vieles davon noch gar nicht, oder ? was noch schlimmer ? ganz schief, sondern ich brauche wohl auch gar nicht erst zu sagen, daß eine solche Lectüre für einen zwölfjährigen Knaben durchaus unangemessen war. Als späterhin noch einige andere Schüler hinzukamen, gab er diese Lectüre auf[79] und fiel in einen andern Schlendrian, indem er uns etwas dictirte und in der Stunde übersetzen ließ, währenddessen er in einem Roman las und sich nicht das Geringste um uns kümmerte. Zu den öffentlichen Prüfungen wurden wir dann unmittelbar zuvor etwas schärfer zugerüstet. O wie viel Schlaffheit und Wüstheit ging aus jenen Stunden bei uns hervor! Wir vergeudeten die edle Zeit mit lauter Nichtswürdigkeiten, und wenn ich auch einen inneren Widerwillen gegen die systematische Faulheit und gegen die ungesalzenen und cynischen Späße hatte, so weiß man doch, wie sehr in einer Klasse der Einzelne von dem Geist oder Ungeist der Gesammtheit afficirt wird; Jahre hindurch müssen wir dann später, wenn wir zu besserer Erkenntniß und reinerem Willen gelangen, daran arbeiten, die Nachwirkungen solcher frühen Verdumpfungen auszurotten. Da ich mit diesen Confessionen die Entwickelung eines Lebens darlegen will, welches durch die verschiedensten Irrnisse und Versuche hat hindurchgehen müssen, sein eigentliches Ziel zu finden, so kann ich mir nicht ersparen, sie zu einer biographischen Kritik vieler unserer pädagogischen Einrichtungen zu machen. So rechne ich denn nach meiner Erfahrung zu den demoralisirenden Elementen größerer Anstalten auch den gemeinschaftlichen Schulgottesdienst vor Anfang der Stunden und die Schreibstunden, wenn sie nicht von einem Klassenlehrer, sondern von einem eigens dazu angestellten Lehrer ertheilt werden. Es hört sich ganz vortrefflich an, wenn gesagt wird, daß die Schüler vor dem Unterricht sich mit Gesang und Gebet gemeinsam zu Gott erheben und daß sie hierdurch sich für das Tagewerk des Lernens gleichsam die Weihe geben. Allein mit diesem Vorhaben vergleiche man die Ausführung, wie sie unvermeidlich ausfällt. Der wahre Zweck der Schule ist das Lehren und Lernen. Für die Andacht existirt einmal bei uns auch eine Institution, die sich dieselbe zu ihrem besondern Zweck macht, die Kirche. Der Schüler geht des Morgens von Hause weg mit dem Ueberdenken seiner Lectionen, seiner Präparationen, mit der Erwartung, wie er wohl bestehen werde. Manches ist noch nicht recht befestigt und er benutzt noch jeden Augenblick, Vocabeln zu überlesen, Städtenamen sich einzuprägen, ein Exercitium, das er abgeben soll, noch einmal zu übersehen, wegen der neuen Pensa sich noch genauer[80] zu erkundigen u.s.w. Diese Sorgen erfüllen sein Bewußtsein. Nun soll er aber, statt an die Sache zu kommen, singen und beten. Er thut es, weil er muß, aber er ist zerstreut. Sein Herz ist nicht recht dabei; selbst wenn er an sich nicht unfrommen Sinnes ist. Da wird denn ohne rechte Sammlung und Vertiefung der Schulgottesdienst abgemacht. Glücklich genug, wenn nicht der Vortrag des Gebets durch die Lehrer Anlaß zu Spöttereien giebt. Glücklich genug, wenn nicht statt des Gesangbuchs Grammatik und Lehrbuch vor den Augen sind! Glücklich genug, wenn nicht das Zusammensein der verschiedenen Klassen in einem gewöhnlich sehr beschränkten Raume Anlaß zu Reibungen giebt! Ich spreche hier nicht nur meine Erfahrung, sondern die Erfahrung aller Schüler aus, die ich über diesen Punkt gesprochen habe. Ich erinnere mich Niemandes, der nicht ähnlich geurtheilt hätte. Die Frömmigkeit auch der Schüler ist gewiß eine vortreffliche Sache, aber man muß sie am rechten Ort und zur rechten Zeit cultiviren. Die Kirche müßte in ihrem Interesse besonders darauf hinwirken, den Gottesdienst nicht entwerthen zu lassen. Sie hat eine besondere Zeit, den Sonntag, einen besonderen Ort, den Tempel, für den Cultus. Wenn nun der Schüler aber jeden Morgen schon einen »Gottesdienst« die Woche über in der Schule gefeiert hat, so wird er am Sonntag Morgen sich oft, wenn die Kirchenglocken ihn rufen, das Zuhausebleiben damit beschönigen, daß er ja in der Schule schon genug gesungen und gebetet habe, während im andern Falle der sonntägliche Cultus einen Reiz für ihn haben müßte, der nicht durch die peinlichen Sorgen für die irregulären Verba oder die asiatischen Gebirge oder der Congruenz der Dreiecke gestört würde. Ich halte diesen Morgengottesdienst nach dem, was ich auf der Altstadt und sechs Jahre hindurch auf dem Pädagogium in Magdeburg beobachtet habe, nicht nur für überflüssig, sondern auch sowohl für die Religion, als für die Disciplin schädlich. Auf dem Pädagogium verzehrte ein großer Theil der Schüler in dem weitläufigen Saal das Frühstück während des Gebets und Gesangs. In England ist es selbst in Oxford und Cambridge unter den Studenten auch so. Eine ähnliche Auflockerung der Disciplin bringen die Schreibstunden hervor, wenn sie nicht von dem Klassenlehrer ertheilt werden. Das Schreiben ist eines der wichtigsten Bildungsmittel und eines der[81] einfachsten. Ist es aber nicht fabelhaft, wie viel Zeit die Jugend damit hinbringt, um nach Jahre langem Papierverderben endlich doch nur im Durchschnitt eine sehr mittelmäßige Hand davonzutragen? Man summire einmal von jeder Woche nur zwei Schreibstunden, so macht das in einem Jahr über hundert, in zehn Jahren über tausend Stunden. Die Leichtigkeit, schreiben zu lernen, zeigt sich thatsächlich bei uns darin, daß wir Griechisch und Hebräisch auf den Schulen ohne allen besonderen Unterricht darin oft ganz erträglich gut und rasch schreiben lernen. Mit dem Deutsch- und Lateinisch-Schreiben aber geht unsägliche Zeit verloren, weil kein Ernst dahinter ist, und der Ernst fehlt, weil der Lehrer gewöhnlich mit der Anstalt nicht enger verbunden ist und daher der Autorität ermangelt. Da wird denn an den Buchstaben gemalt, gekritzelt; da wird radirt, da werden Caricaturen auf den Löschblättern gezeichnet, Zettelchen einander zugeschoben, Federn verschnitten, geplaudert, der Lehrer gehänselt. So war es auch auf der Altstadt, wo der Schreibunterricht alle Klassen in einen großen Saal versammelte, zu welchem noch die Thür nach der Prima geöffnet ward. Der Schreiblehrer war ein gutmüthiger Mann, der eine schöne Hand schrieb, aber die Massen nicht bewältigen konnte, die einen systematischen Unfug organisirten. Von Zeit zu Zeit, wenn die Noth zu groß geworden war, erschien dann der Rector, um es natürlich in seiner Gegenwart mäuschenstill zu finden. Im Gesangunterricht erging es mir schlecht. Auch in ihm waren alle Klassen combinirt. Ein Positiv, das auch bei dem Morgengottesdienst gespielt ward, half den Gesang leiten. Schon bei den Scalaübungen entdeckte sich, daß von der Bank aus, auf welcher ich saß, immer falsche Töne erklangen. Bald ermittelte es sich auch, daß ich sie hervorbrachte. Der Lehrer, Reyher, ein sehr würdiger Mann, hoffte eine Weile auf Besserung. Umsonst. Da ich nun etwas Clavier spielen gelernt hatte, wollte er mich dadurch beschäftigen, daß ich mich an die Orgel setzte und Scala und Accorde spielen mußte. Das ging jedoch auch nur so lange, als die Accorde einfach waren. Als schwierigere Tonsätze anfingen, versagte meine geringe Geschicklichkeit. Nun wurde ich verurtheilt, die Bälge der Orgel zu treten. Ich that es, allein nicht ohne großen Widerwillen. Bis dahin hatten wir Schüler in[82] diesem Bedientengeschäft gewechselt. Nun wurde ich aber gleichsam der Diener der ganzen Klasse und mußte mich von den andern Schülern darob hänseln lassen. Das verdroß mich. Ich klagte es meinem Vater, der durch eine Rücksprache mit dem Lehrer mich nunmehr von der Theilnahme an dem Gesangunterricht gänzlich entbinden ließ. Da derselbe die letzte Stunde am Mittwoch und Sonnabend Vormittag einnahm, so konnte dies ohne alle sonstige Störung geschehen und ich gewann für mich zwei schöne Mußestunden. Als ich einst Vorstand der zweiten Klasse in der praktischen Stunde war, kletterte mein Vetter Pietge und ein Schüler Rohde eines schönen Sommertags zum Fenster auf das Dach eines unterhalb vorspringenden Gebäudes hinaus. Ich hätte dies nicht leiden sollen. Zufällig kam der Rector unten durch, erblickte die beiden Kletterer in den gefährlichsten Lagen, die ihnen die köstlichste Aufregung gewährten, schalt sie, zwang sie zur Rückkehr durch das Fenster, ging aber auch sogleich zum Prorector, über den Unfug in seiner Klasse zu klagen. Es gab nun eine heftige Scene, in welcher ich derb von ihm heruntergescholten wurde. Ich fühlte mich tief beschämt. Die Schule hatte einen großen Hof. Links lief das Klassengebäude; rechts waren unterhalb einige neue Klassen errichtet; oben wohnten die Lehrer Schulze und Illiger; geradezu war das Haus, in welchem der Prorector wohnte und der Durchgang zur Wohnung des Rectors, die auch einen schönen Garten besaß; gegenüber war der Flügel der städtischen Armenschule, die sehr zahlreich war und für welche der erste Hof, gleich nachdem man durch den Thorweg getreten, als Spielplatz dienen sollte. Es gab zwischen beiden Schulen ewige Reibereien, aber auch die verschiedenen Klassen lebten in ewigem Kampf, der zu endlosen Prügeleien führte. Ich verwilderte von neuem in Gesellschaft von Knaben, die meist den unteren und mittleren Schichten der bürgerlichen Gesellschaft entstammten. Eine liebliche Erscheinung war Luise Neide, die älteste Tochter unseres Rectors, wenn sie, ein kleines Mädchen, mit ihrem Körbchen durch uns tobende Knabenmassen zur Schule ging.[83] Eine große Aufregung entstand in der Stadt durch die Feier des Reformationsfestes, das mit dem höchsten protestantischen Pathos gefeiert ward. Ich war ganz außer mir über die Feier des Abendmahls in der Johanniskirche, als hier alle lutherischen und reformirten Prediger zusammen dasselbe in beiderlei Riten genossen. Im Saal der Stadtschule declamirte ich die eine Hälfte der Cramer'schen Riesenode auf Luther; Borchard, einer meiner Mitschüler, die andere. Welche Abgeschmacktheit! Hier sah ich meinen Namen zum ersten Male auf dem Programm des Festactes gedruckt. Meine Eltern waren Ostern 1817 vom goldenen A nach dem Katzensprunge in das Haus des Tuchhändlers Defoy gezogen. Wir Kinder verloren damit unendlich viel Freiheit. Dagegen rückten wir dem städtischen Treiben näher, weil wir dicht am Markt wohnten. Unser Wirth hatte viele Kinder, denen ich an Alter und Einsicht überlegen war und mit denen ich mich überviel abgab; ihnen vorspiegelte, daß ich zu zaubern vermöchte, deshalb öfter einen Theil meines Frühstücks opferte, indem ich es in einer alten Waschküche bald hier, bald dort versteckte, um es von Louis oder Pauline, Marie u.s.w. finden zu lassen. Ich hackte das Holz zu sogenannten Calfactoren klein; ich klopfte meine Kleider selbst aus; ich putzte meine Schuhe ? bis zu meiner Einsegnung. Immer werde ich meinen Eltern dafür dankbar sein, denn ich habe gelernt, mich selbst zu bedienen. Auf demselben Flur mit uns wohnte lange Zeit eine Familie Botzon, eine Wittwe mit einem Sohn und einer Tochter. Ihr Mann hatte dem Kaufmannsstande angehört, dem sich auch der Sohn Louis widmete. Die Tochter Amalia zeichnete und malte recht hübsch. Ich malte Sonntags mit ihr zusammen Blumen, Lichtschirme u. dgl. Es waren sehr gebildete, treffliche Menschen, die auch einen Vorrath guter Bücher besaßen, namentlich auch ethnographische Bildergallerien. Sie zogen später fort in eine andere Straße. Wir blieben aber im Verkehr, bis die Mutter starb und die Tochter sich verheirathete.[84] Sie erbten einst den Nachlaß eines Geistlichen, Namens Weise aus Zerbst, unter demselben befand sich auch eine Bibliothek, die versteigert werden sollte. Ich machte, etwa 1822, den Katalog derselben und erbat mir als Geschenk dafür Jablonski's Lexikon der Wissenschaften und Künste. Ich lernte hierbei recht viele Bücher kennen. Der Katalog war das Erste, was von mir gedruckt wurde. Louis ist später in Danzig Buchhändler geworden und ich habe seinen Sohn, einen Philologen, hier geprüft. In die von der Familie Botzon verlassene Wohnung zog ein Buchhalter Pfeffer ein, der in seinen Mußestunden unermüdlich im Waldhornblasen war und häufig Sonntags Quartette gab, bei denen er auch den Wein und die Austern nicht sparte. Durch die Verlegung unserer Wohnung von der hohen Pforte nach dem Mittelpunkt der Stadt war ich dem Umgange mit vielen meiner früheren Spielgenossen entrückt, die sich auf dem Kirchhofe der Jakobikirche zusammengefunden hatten. Nur mit Eduard Buschmann, dem Sohne eines Töpfers, wurde, wie sich bald zeigen wird, das Verhältniß sogar ein lebhafteres. Nanni Lhermet blieb nach wie vor das höchste Ideal weiblicher Schönheit, Würde und Anmuth für mich, und wenn ich ihr einmal wieder begegnete, war ich überglücklich. Man berathschlagte nunmehr, ob ich nicht zum Studiren tauge und brachte mich daher Ostern 1818 nach dem Pädagogium Kloster Lieben Frauen, in das ich als Stadtschüler aufgenommen ward und zunächst nach Oberquinta unter dem strengen Lehrer Nebelung kam. Der Rector der Anstalt war damals Stoephasius, der einige Zeit darauf einen Ruf nach Posen annahm. Ihm folgte der Rector Solbrig aus Langensalza, ein sehr gelehrter, redlicher Mann, aber von den sonderbarsten Manieren, die ihn vorzüglich in seinem Jähzorn lächerlich werden ließen, so daß fast das ganze Kloster ihn copirte. Der Prorector Valet, der Procurator Mayer, die Lehrer Koch und Wilke waren schon ältere Herren. Die jüngeren Lehrer Brederlow, Münchhof, Reuscher u.A. wechselten[85] rasch, weil das Kloster viele Pfarrstellen zu vergeben hatte, die zu seinem Patronat gehörten. Es war überhaupt eine reich ausgestattete Anstalt, deren Alumnat mit fast englischem Comfort im Essen und Trinken gehalten wurde, weshalb hier die Söhne reicher Edelleute, die Herren v. Alvensleben, v. Schulenburg, v. Bismarck, v. Zerbst, die Söhne höherer Beamten und Rentiers zusammenströmten. Der Procurator, als Physiker, war auch der Culinarius. Dem Ganzen stand ein Probst vor, Dr. Röttger, der ein stattliches Haus bewohnte, in dessen Hof wir von den Fenstern der Prima hineinschauen konnten. Er war ein großer Mann von imposanten Manieren und einer für uns Schüler hohen Beredsamkeit. Wenn er in das Kloster kam und Einen von uns anredete, so erbebte man wie vor einem Gotte, namentlich aber, wenn er bei der öffentlichen Vorlesung der halbjährigen Schlußcensuren Jemand vorrief und ihm einen besonderen Tadel, zuweilen auch ein besonderes Lob zuertheilte. Er war an eine würdige Dame verheirathet und hatte einen Sohn, der Landwirth war und sich als Physiker einen Namen gemacht hat, weil er zuerst den Newton'schen Principien entgegentrat. Herr von Drieberg schloß sich ihm an. Interessanter war den Primanern das hübsche Kammermädchen Suschen, welches drüben in einem Hinterzimmer der Frau Pröbstin nähete. ? Im Sommer machte das Kloster einen ganzen Tag hindurch einen Ausflug nach einem ihm gehörigen Walde, die Kreuzhorst; im Winter gab es einen splendiden Ball, bei dem auch der Champagner nicht fehlte. Ich rückte nun ordnungsmäßig von Klasse zu Klasse. In der Quarta hatte Brederlow das Latein. Er lebte später in Halberstadt und hat auch Vorträge über die deutsche Literaturgeschichte drucken lassen. Er war heftig, allein ein vorzüglicher Lehrer. Weil ich einmal das Perfectum sustuli von Sustulere herleiten wollte, bekam ich diesen selbstfabricirten Infinitiv als Beinamen und verlor ihn erst in Secunda. Amazon.de Widgets Während ich in Quarta saß, wurde Strebe als Lehrer angestellt. Er war als Cavallerist freiwillig mit in den Krieg gezogen, hatte sich[86] das eiserne Kreuz verdient, seine Studien erst später absolvirt und ward von dem größten Wissenseifer getrieben. Dieser Mann, dessen Gemüth eines der tiefsten und reinsten war, hat auf mich einen großen Einfluß geübt. Er gab den Unterricht in der Religion in Quarta und erklärte uns den Katechismus des Quedlinburger Superintendenten Ziegenbein. Er faßte eine Vorliebe für mich, die ich ihm erwiderte bis zu seinem Tode. Er war lange Pfarrer und Superintendent zu Barleben bei Magdeburg. Ich »war und blieb« sein kleiner Rosenkranz. In Tertia war Valet Klassenlehrer. Er hatte hier das Französische, worin ich außerordentlich zurückkam. Das Deutsch hatte Reuscher, ein humoristischer Mann, der es gern hatte, wenn wir seine Witze belachten, was wir mit einer systematischen Organisation ausführten. Einst hatte er das Thema gestellt: »Ein Spaziergang in die Unterwelt.« Ich hatte das tollste Zeug geschrieben. Er gab Proben meiner schriftstellerischen Delirien. Die Klasse wieherte vor Wonne. Er schloß sein Urtheil über meine Arbeit mit den Worten: »Dies ist der schlechteste rhetorische Eierkuchen, den Rosenkranz geliefert hat!« In diesen deutschen Stunden hatte ich, da wir darin nicht certirten, einen beständigen Nachbar, v. Schulenburg, der mich heimlich furchtbar mißhandelte, mich kniff, stach, kitzelte. Da er doppelt so stark war, als ich, so hatte ich ein wahres Martyrium zu bestehen. Während ich durch Quarta und Tertia hindurchging, gab es mancherlei Nebenbeschäftigung und Zerstreuung. Da ich im Lateinischen zurück war, so erhielt ich zusammen mit meinen drei Vettern, Carl, Wilhelm und Gottlieb Hüttmann, Privatunterricht darin, Mittwoch und Sonnabend Nachmittag bei dem zweiten Prediger unserer wallonischen Kirche, Salzmann, der ein phlegmatischer, aber sehr unterrichteter und denkender Mann war. Er blieb während zweier Jahre mein Berather auch in anderen Arbeiten, wo es auf Begriffsbestimmungen ankam und lieh mir manche Bücher aus der theologischen Moral. Er war Wittwer mit mehreren unerzogenen Kindern, denen die älteste selbst noch unerwachsene Tochter schon ein seltener Vorstand war. In jovialer Laune genirte er sich nicht, zuweilen nach den Stunden auf seinem Hofe mit uns im Schlafrock zu[87] rappiren, was ihn in seine glücklichen Studentenzeiten zurückversetzte. Ueber seinen Collegen, den Prediger Remy, übte er eine scharfe, leider begründete Kritik. Diese raubte mir jedoch alle Ehrfurcht vor demselben. Remy war ein sehr gewandter Redner, ein Mann von weltmännischen Formen, der meine Mutter ganz für sich eingenommen hatte, indem er ihr zeitweise einen Besuch machte, wobei nie verfehlt ward, ihn mit Kuchen und Wein zu bewirthen. Da nun meine Schwester bei Salzmann eingesegnet war, so wurde ich, nach dem Princip der distributiven Gerechtigkeit, bei Remy eingesegnet. Der Unterricht wurde von ihm in einer Stube unseres Waisenhauses gegeben, das unter dem Waisenvater Legromme, später unter Souchon stand. Der Unterricht war ein ganz trockener im Sinne des rationalistischen Deismus. Vor der Stunde prügelten wir Knaben uns gewöhnlich und ich erhielt durch einen Wurf auf eine scharfe Stuhlkante eine nicht unerhebliche Verletzung an der linken Brust, von der ich noch die Narbe trage. Uebrigens galt ich als der beste Schüler und meine schöne Cousine, Caroline Seiffert, als die beste Schülerin. Wir bestanden die Prüfung vor dem Consistorium und der Gemeinde zur Zufriedenheit. Als nun der Tag der Einsegnung kam, rüstete sich meine selige Mutter mit zwei Taschentüchern, weil sie glaubte, unendlich viel weinen zu müssen. Aber selbst sie blieb ungerührt. Ich war nicht blos nicht gerührt, sondern empört, als ich mich vor diesem Schurken hinknieen mußte, seinen Segen zu empfangen und er mir die Hand auf das Haupt legte. Ich wußte schon, daß er sich in der Kameelstraße eine Maitresse aushielt, daß er, als Freimaurer, die Verwaltung der Wittwenkasse derselben in seiner Eigenschaft als Meister vom Stuhl Jahre lang betrogen hatte u.s.w. Bald darauf wurde er denn auch von der Loge ausgeschlossen und seiner Stelle als Prediger mit einer kleinen Pension, die man ihm ließ, entsetzt. Er hatte eine unverwüstliche Lebenskraft bis in das höchste Alter. Als ich im Herbst 1826 mit Genthe nach Neuhaldensleben ritt, begegnete er uns als Fußgänger in grüner Blouse und weißem Filzhut ganz wohlgemuth desselben Weges. Es sind von Magdeburg bis dahin[88] über drei Meilen. Zufällig aßen wir in der Steingutfabrik bei seinem Schwiegersohn, mit dem Genthe bekannt war, zusammen Mittag und er sprudelte beim Wein von frivolen Anekdoten. Eine andere Beschäftigung folgte dem Latein, das Zeichnen und Malen. Leider erhielt ich auch in ihm, wie in dem Clavierspiel, das immer noch fortgesetzt ward, einen schlechten Unterricht, weil er wohlfeil war. Ich hatte die höchste Lust am Zeichnen, aber in der Zeichenschule eines Herrn Albert, dem Sohne eines Schneiders, der sich einen Ruf zu machen gewußt hatte, fehlte es an tüchtigen Vorlagen. Ich kam eigentlich nur dazu, Landschaften tuschen zu lernen, aber dies war für mich schon ein ganz entzückender Genuß. Gegenden vom Harz und von der sächsischen Schweiz, wie der Plauensche Grund, der Lilienstein, Dresden von der Bautzener Straße u.s.w. waren meine Lieblinge. Mit einem Nachbarssohn, Kühne, der selbst Maler wurde, jedoch früh in Berlin starb, malte ich um die Wette. Ein Stück Tusche, Berliner Blau, ein Kreidestift, ein Blatt schönen Papiers bezauberten mich. Ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich einst mit meiner Schwester auf der Michaelismesse mir ein großes Stück schwarzer Tusche gekauft hatte und mit ihr auf dem Fürstenwall auf einer Bank saß, die chinesischen blauen und goldenen Charaktere anzustaunen und schon alle Wunder zu ahnen, die mir dadurch möglich wurden. Sehr viel malte ich auch für ein Puppentheater, das ich in seiner technischen Einrichtung zu großer Vollkommenheit brachte, ohne eigentlich, wie ich schon oben bemerkte, jemals ein Stück darauf aufzuführen. Ich malte Landschaften, Wälder, Paläste, Kirchen, Prachtsäle, Einsiedlerhütten und zahlreiche Figuren, vorzüglich aus der Ritterwelt. Eine andere Liebhaberei war das Sammeln von Mineralien und Conchylien. Letztere lagen mir vorzüglich am Herzen. Ihre interessanten, oft schönen Formen, Farben und Zeichnungen entzückten mich. Ich sparte mir von meinem Taschengelde ab, Admirale, Perspectivschnecken, Teufelskrallen u.s.w. zusammenzukaufen; ich klebte blaue Kästchen, in welche ich die Exemplare mit einem Zettelchen legte, das ihren Namen enthielt, ich ordnete sie in einem großen Kasten, den ich aus starker Pappe fertigte; ich studirte Hellmuth's Naturgeschichte, zur Gewißheit[89] zu gelangen, welche Schätze ich besäße. Vier bis fünf Jahre betrieb ich die Sammlung, bis ich sie eines Tags in einer Anwandlung fürstlicher Laune dem jüngern Kersten schenkte, der gerade periodisch mein Liebling war. Unter meinen Mineralien prangten viele, die ich aus den Geschieben der Elbe und von den Solenschen Bergen bei Salze heimbrachte. Hier fand ich auch Versteinerungen. Aber ein wissenschaftliches Verständniß ging aus diesen Sammlungen nicht hervor. Das Büchersammeln fing an, das Interesse für die Naturalien zu schwächen. Ein Buchbinder Curtius, der bei unserm Nachbar Kühne eingezogen war, wußte uns Knaben den Geschmack an schönen Einbänden einzuflößen und diese Eitelkeit vereinte sich mit der Begierde nach Büchern. Sehr erbärmliche Ausgaben der römischen Classiker, sehr inhaltlose popularphilosophische Schriften, die ich vom Trödel oder auf Auctionen zusammenkaufte, wurden über Gebühr, öfter ohne Noth, schön eingebunden und ich weidete mich am Anblick meines glänzenden Bücherrücks. Eine höhere Anregung verdankte ich der Wittwe des Hutmachers Favereau nebst ihren Töchtern Heinriette und Auguste. Sie waren von Berlin nach Magdeburg gezogen und kauften sich ein Haus in der Jakobsstraße unweit der hohen Pforte. Heinriette hatte in Berlin eine kleine Mädchenschule gehalten. Sie war sehr gebildet und besaß eine auserlesene Bibliothek. Wie oft habe ich von ihr Bände des Conversationslexikons entlehnt, das damals noch eine Seltenheit war! Wie oft eine Ausgabe der Schiller'schen Gedichte in zwei Bänden, die ich noch nie gesehen hatte! Ich konnte mich besonders an den Gedichten, welche das Hellenenthum feiern, nicht satt lesen, obwohl ich sie erst unvollkommen verstand. Eine Sammlung schöner mythologischer Figuren in guten Kupferstichen, welche ebenfalls in der Favreau'schen Bibliothek sich vorfand, steigerte meine Phantasie für den Kreis des griechischen Idealismus.[90] Wie glücklich bin ich doch in der Stube gewesen, wo diese Bücher standen. Favereau's hatten einen weißen Pudel. Um ihm Bewegung zu machen und ihn zu baden, gingen wir vier, Heinriette, Auguste, meine Schwester und ich, Sommers oft gegen Abend vor der hohen Pforte nach dem Elbufer, indem wir uns zugleich dem Genuß der Natur mit fröhlicher Laune überließen. Es war das unschuldigste, heiterste Vergnügen. Zuweilen sprachen wir auch auf der Holzstrecke ein, die Vetter Schwarzkopf hier am Wege wieder errichtet hatte. Die Mutter Favreau starb nach einigen Jahren. Bald darauf folgte Heinriette. Auguste zog zu einer alten Tante Vatier auf der Werderinsel, die dort ein Haus und einen großen Garten besaß. Hier bin ich auch oft mit meiner Schwester gewesen. Auguste blieb uns immer freundlich gesinnt und fütterte uns stets mit den schönsten Kirschen, Pflaumen, Birnen, Aepfeln und Weintrauben. Nach dem Tode der Tante blieb sie wohnen, ward aber sehr melancholisch und kränklich, so daß sie auch nach einigen Jahren starb. Den Bruder dieser trefflichen Mädchen, den Vetter Pierre, einen tüchtigen Ingenieuroffizier, der lange in Schlesien und am Rhein stand und öfter zum Besuch kam, habe ich im Herbst 1859 zufällig in Dresden in der Stadt Paris, wo ich logirte, mit seiner Familie getroffen. Er wohnte in Magdeburg. Eine Phrase höchst eigenthümlicher Schwärmerei sollte ich mit Eduard Buschmann durchleben. Wir hatten immer einen gewissen Verkehr von früher her unterhalten. Als nun der Freiheitskampf der Hellenen ausbrach, begeisterten wir uns leidenschaftlich für denselben. Die Namen Marko Bozzaris, Ypsilanti, Odysseus; die Schlachten, welche diese Helden kämpfen, wurden von uns besungen. Buschmann ging so weit, daß er in prophetische Träume verfiel, die er mir dann mit höchster Emphase mittheilte. Das Haus seines Vaters hatte einen kleinen Garten mit einem Gartenhause. Dies wurde uns zur Bemalung mit symbolischen Figuren und Zeichen überlassen. Wir malten auf die Hauptwand einen[91] Phönix, der sich verbrennt, aus dem Flammengrabe schöner wieder zu erstehen. Hier zeigte sich nun zuerst Buschmanns Genie für Sprachenerlernung, denn er rastete nicht, bis er sich ein kleines neues Testament in neugriechischer Sprache verschafft hatte, aus dem er sofort das Neugriechische lernte. Später dichtete Buschmann auch noch viele schauerliche Balladen und Tragödien, die er mir immer im Vertrauen zu meiner Kritik vorlegte. Ich rappirte auch viel mit ihm. Zu solchen Anregungen, die mir außerhalb der Schule zu Theil wurden, muß ich noch zwei Aufenthalte in Neuhaldensleben rechnen, wohin mich mein Vetter Grubitz Michaelis 1821 zuerst auf acht Tage, in den Hundstagsferien 1822 noch einmal auf drei Wochen mitnahm. Sein Vater war Bürgermeister in Neuhaldensleben. Er bewohnte mit seiner Familie ein großes Haus, in welchem die sehr gebildete Hausfrau die anmuthigste Ordnung hielt. Eine auserlesene Bibliothek machte mich hier mit den Werken Göthe's, Wieland's und Klopstock's in ihrem ganzen Umfange bekannt; besonders aber fand ich auch die großen Welthistorien von Müllin und von Baumgarten, sowie das Musée Napoleon, das mir von der Sculptur und Malerei eine ganz neue Anschauung eröffnete. Nachmittags gingen wir baden, oder streiften in der Gegend umher, besonders nach Althaldensleben, wo Nathusius seine Fabriken angelegt hatte und für eine Art Wundermann galt, und nach Hundisburg, welches von der Familie Alvensleben an Nathusius verkauft war. Es war das erste Schloß, das ich sah. Erste Eindrücke sind immer die mächtigsten. Ich besang Schloß und Garten in einer Art Elegie. Diese Wochen, die ich bei der liebenswürdigen Familie Grubitz zugebracht habe, gehören zu den schönsten, reinsten, genußvollsten meines ganzen Lebens. Grubitz war verwachsen. Er pflegte im Traum zu sprechen, woran ich mich erst gewöhnen mußte, da ich mit ihm in demselben Alkoven schlief. Er wurde ein seiner Kenntnisse wie seines Charakters wegen höchst geschätzter Rechtsanwalt in Magdeburg, ist aber schon lange verstorben. Er hatte einige Schwestern. Die älteste, Emilie,[92] war sehr hübsch, heirathete aber einen sehr häßlichen Mann, was mir damals unbegreiflich war. Auf dem Pädagogium sollte ich auch durch einen besondern Umstand zu einer eigenthümlichen Thätigkeit gelangen. Wir hatten eine Schulbibliothek, die unter der Verwaltung Reuscher's stand. Als dieser abging, übernahm Strebe dieselbe. Er fand aber große Unordnung vor. Viele Bücher waren ganz zerlumpt. Es fehlte an einem Verzeichniß. Er beschloß daher, alle Bücher durchzugehen, die zerlesenen neu binden zu lassen und einen nach Fächern geordneten Katalog anzulegen. Die Bücher wurden in dickes graues Papier geschlagen und auf dem Rücken mit einem gelben Zettel beklebt, der das Fach durch einen Buchstaben, außerdem die Zahl der fortlaufenden Nummern mit den Unterabtheilungen a, b, c u.s.w. für die einzelnen Bände enthielt. Die Bibliothek war aus Secunda, wo sie gestanden hatte, nach dem alten Refectorium der Mönche geschafft, dort die Arbeit ungestört vorzunehmen. Strebe hatte mich zu ihr herangezogen. Die Hundstagsferien riefen ihn aber zu einer Reise ab. Er vertraute mir daher die Schlüssel an. Ich nahm mir einen Buchbinderburschen vom Königshof mit und arbeitete drei Wochen lang fast jeden Tag von 8?12 und von 2?7, so daß ich ziemlich fertig war, als die Ferien zu Ende waren. Die Arbeit selbst war mir, da ich büchergierig war, sehr interessant. Allein in den kalten Gewölben ? es war ein sehr heißer Sommer ? erkältete ich mich jedesmal und legte den Grund zu jahrelangem katharrhalischen Leiden, von denen ich bis dahin nichts gewußt hatte. Die Bibliothek wurde späterhin nach dem Zimmer über Sexta im Vorhof geschafft. Nach Strebe's Abgang wurde Wilke Bibliothekar. Ich blieb zur Ausgabe der Bücher drei Jahre bei der Anstalt. Mein Nachfolger in diesem Amt wurde W. Genthe. Hier war es, wo ich mit Wilke so genau bekannt ward. Er hatte auf der Universität Halle sehr gute Studien gemacht. Er war ein trefflicher Philologe, ein außerordentlicher Kenner der romanischen Sprachen und Literaturen, ein Mann von großem ästhetischen Geschmack, ein[93] feiner witziger Kopf, aber auch heimlich ein ausschweifender Mensch, von dem allerlei Sagen umliefen. Er regte uns in vielfacher Weise an, namentlich auch dadurch, daß er in religiösen Dingen dem Skepticismus huldigte, über den er sich zuweilen in vertrauten Stunden zu uns äußerte und den wir als etwas Furchtbares anstaunten. Ich war schon Student, als er auf dem Klosterball einen hübschen Schüler auf seine Stube lockte und ihn zur Päderastie verführen wollte, dieser aber Zeter schrie, so daß er seine Beute wieder fahren lassen und selbst das Weite suchen mußte. Er ging, sehr zweckmäßig für seine Gelüste, nach Kleinasien, trat zur griechischen Kirche über und starb als Secretair eines griechischen Bischofs. Unter meinen Mitschülern hatte ich anfangs von Quinta her mit dem Sohn eines Landgeistlichen, Werner, zusammengehalten und namentlich mit ihm das kleine Lexikon von Scheller und die griechische Grammatik, den kleinen Buttmann, auswendig gelernt, was mir sehr viel Vergnügen machte. Der kleine Scheller enthält alle Wurzelwörter und deren Composita, so daß man eine treffliche Uebersicht über die ganze Sprache gewinnt. Ich hatte immer recht viel Anhänglichkeit von Anderen. Rufe ich mir jetzt die Schüler zurück, in deren Mitte ich lebte, so ist es mir merkwürdig, wie ausgesprochen mir damals schon die Individualität eines Jeden erschien. Der große von Benningsen, der bleiche Lademann, der wilde, immer mit den Armen säbelnde v. Ragotzki, der zierliche Willimann, der edle Richard von Zerbst, der dicke Michaelis u.s.w. u.s.w., mit welcher Bestimmtheit schieden sie sich mir von einander. Das Prügeln in der Klasse, auf dem Spielplatz, auf der Treppe, war, wie überall unter Knaben, die Lieblingsunterhaltung. Ich wehrte mich so gut ich vermochte, erlag aber oft, weil ich schwächer war; wie ich schon erwähnte, vermochte ich dem dicklippigten v. Schulenburg, wenn er mich peinigte, nur einen passiven Widerstand entgegenzusetzen. Der starke Heuke von der Schumacherbrücke verdammte mich und Willimann in der Cäsarstunde bei Wilke dazu, seine Menagerie auszumachen. Wir saßen rechts und links neben ihm und oft riß er uns mitten in der Stunde, indem er uns ein Bein unterstellte, plötzlich von der Bank, so daß wir auf Minuten verschwanden. Einmal nahm er mich und[94] kletterte mit mir die Bibliotheksleiter in Secunda zu einem Sims über der Thür empor, wo er mich absetzte und nun, trotz meines Sträubens, die Leiter wieder fortzog, so daß ich noch oben saß, als der Lehrer hereintrat, der mich mit einem Verweise herunterholen ließ. Ein großer Nachtheil erwuchs mir daraus, daß für die Versetzungen das Fachsystem herrschte. Man konnte daher in einem Gegenstande in einer höheren, in einem andern in einer niedrigeren Klasse sitzen. So war ich im Lateinischen zurück, aber im Deutschen, im Französischen, kam ich bald in höhere Klassen. Mir zum Verderben, denn ich war doch nun schon auch Tertianer, Secundaner, während ich doch in den Gegenständen, welche dem Gymnasium seine Qualität geben, im Lateinischen und Griechischen, noch in Quarta oder Tertia saß. Es scheint nur gerecht zu sein, Jemand nach dem Fachsystem zu behandeln. Aber das Klassensystem ist gewiß in intellectueller und ethischer Hinsicht das praktischere. Der Schüler wird gleichmäßiger ausgebildet; die Schüler derselben Klasse sind körperlich und geistig gleichmäßiger. Ist der eine, was unvermeidlich, in einem Fache vorgeschrittner, so gewinnt er dadurch Zeit, nachzuholen, was ihm in einem andern fehlt. Im Gymnasium sollte die Bestimmung der Reife zu einer Versetzung immer nach dem Lateinischen und Griechischen, in der Realschule nach dem Rechnen und der Mathematik gemacht werden. In sittlicher Hinsicht wirkte eine Einrichtung verderblich, welche die Sittlichkeit befördern sollte. Es gab drei Sittenklassen. Die zur dritten gehörigen wurden gar nicht genannt. Von der zweiten ab jedoch wurden die Namen öffentlich in einem vergitterten schwarzen Brett auf dem Klassensaal mit Fracturschrift ausgehängt. Da konnte man nun täglich lesen, auf welch' hoher Stufe man stehe. Ich gelangte ziem lich früh zur zweiten, bald sogar, von Secunda ab, zur ersten. Ich wüßte nun in der That nicht, daß ich mich im Geringsten besser betragen hätte, als Andere. Oft urtheilte ich über mich selbst, schlechter gewesen zu sein. Aber in den Censuren, die ich erhielt, wurde mein Betragen stets außerordentlich gelobt. Und zweifelte ich zu sehr an meinem Werth, so durfte ich mich ja nur, wenn der Klassensaal einmal leer war, an das schwarze Brett schleichen; da konnte ich ja schwarz auf weiß lesen,[95] daß ich ein außerordentlich sittlicher Mensch war. Dadurch wurde bei mir eine gewisse Eitelkeit, ja eine gewisse Heuchelei genährt. Was nun meine Bildung anbetrifft, so fing ich im Winter von 1820 auf 1821 an, mich ernstlicher mit den Alten zu beschäftigen. Ich hatte bis dahin gar keine besondere Richtung gehabt. Alles Wissenswürdige in Natur und Geschichte hatte mich fast gleichmäßig angezogen. Ich machte mir aus den verschiedensten Schriften, die ich mir verschaffen konnte, Auszüge. Ich zeichnete mir Landschaften, Karten, Thiere, Waffen, Alterthümer ab. Von 1819 auf 1820 brachte ich einen ganzen Band zusammen, den ich zierlich binden ließ und noch besitze. Aber in dieser Zeit wurde ich durch Strebe vorzüglich zu einem Interesse für die ältere deutsche, durch Wilke zu einem Interesse für die allgemeine Literaturgeschichte herangezogen, das der Gründlichkeit meiner Studien in den alten Sprachen sehr nachtheilig wurde, weil es mich zu sehr von ihrem Betrieb ablenkte und meine Mußestunden mit sehr inhaltlosen Lesereien und Schreibereien erfüllte. Durch die Freiheitskriege war eine Neigung entstanden, unsere eigene Literatur und Sprache im Gegensatz zur französischen hervorzuheben. Die romantische, damals herrschende Schule, hatte das Studium des deutschen Mittelalters in den Vordergrund gestellt. Fr. v.d. Hagen hatte die Nibelungen als das Evangelium deutscher Tapferkeit gepriesen. Strebe, ganz der patriotischen Richtung der Freiheitskriege und der Sentimentalität der Romantik ergeben, ging mit höchstem Eifer darauf ein, uns Schülern Bewunderung für die Nibelungen einzuflößen. Er errichtete ein Nibelungenkränzchen, das auf seiner Stube zusammenkam. Wir lasen dort die Nibelungen, übersetzten sie nothdürftig. Er versuchte, uns, nach Anleitung der Grimm'schen Grammatik, die eben erschienen war, die Sprache zu erklären, das Versmaß begreiflich zu machen, die Schönheiten dieser alten Dichtung aufzufinden. Bei Vielen schlug dies nicht an. Die Frau »Uete« wurde ein[96] Gespött. Ich aber zwang mich zur Bewunderung, weil ich so viel von der Herrlichkeit dieser alten Zeit und ihrer Poesie hörte und las. Im tiefsten Innern fühlte ich keine rechte Befriedigung. Dann aber glaubte ich, es läge an mir, es fehle mir der rechte Sinn für die Einfachheit, Naivetät, Ursprünglichkeit. Ich las mir dann laut die Verse vor und bildete mir nun ein, einen Wohllaut herauszuhören, der mit dem der römischen und griechischen Dichter zu wetteifern vermöchte. Die Hülfsmittel zu diesen Studien waren sehr unvollkommen. Heinsius Teut der Bardenhain, Adelungs Magazin, Eschenburgs Denkmäler, Graeters Iduna, Hagens und Büschings Altdeutsches Museum, Docens Miscellaneen, Jördens Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten, Schilters Thesaurus, der sich auf der Klosterbibliothek vorfand, Franz Horns Geschichte der deutschen Poesie, Tieks Minnelieder, Küttners Charaktere deutscher Dichter, v.d. Hagen Grundriß zur Geschichte der ältern deutschen Poesie, und ähnliche Schriften waren die Quellen, aus denen ich schöpfte und die ich mir größtentheils zusammenkaufte. Ich schrieb vom März bis Juli 1821 einen kurzen Ueberblick der Literatur der deutschen Poesie, der von 300 bis 1600 reichen sollte, aber nur bis zum dreizehnten Jahrhundert, bis zu den Nibelungen gelangte. In demselben Jahre schrieb ich vom August bis zum November eine 84 große Quartseiten enthaltende sehr gelehrt scheinende kurze geschichtliche Uebersicht »der Sprache der Teutschen«, die schon einen höheren Flug nahm, aber mit der Hroswitha abbrach. Es ist gar nicht zu beschreiben, in welcher Einseitigkeit ich das ganze altdeutsche Wesen auffaßte, zumal es mir an einer gründlichen grammatischen und historischen Vorbildung fehlte. Ich trieb mich wochenlang mit dem Erforschen der größten Kleinigkeiten umher. Namen von Titeln, von Dichtern, Bestimmung von Jahreszahlen, Beschreibung von Handschriften beschäftigten mich oft überernstlich. Es war ein Glück, daß Cäsar und Tacitus doch nicht für die älteste Zeit vorbeigegangen werden konnten. Die germanischen Stämme galten mir als die edelsten Heldengeschlechter und die wüste Geschichte der Völkerwanderung wurde lange ein Mittelpunkt von[97] Studien, bei denen zu bedauern ist, daß sie ziel-und rathlos ausschweiften. Man muß sich ganz in jene Zeiten der burschenschaftlichen Romantik zurückversetzen, wie sie damals das Leben beherrschte. Als Zeune z.B. einst mit Fichte's Sohn, dem spätern Tübinger Philosophen, nach Magdeburg kam, besuchte er die ihm befreundete Familie Favreau in der Jakobsstraße. Dadurch wurde ich mit ihm bekannt. Man gab mich ihm zum Begleiter, ihm die Merkwürdigkeiten Magdeburgs zu zeigen. Zeune ging im kurzen schwarzen Rock, bloßem Hals, übergeschlagenen Hemdkragen, langen Haaren und sprach »reines teutsch«. Als ich ihm nun in dem Dome Tilly's Commandostab in die Hand gab und dabei dies Wort gebrauchte, verwies er es mir heftig und rief mir wiederholt zu: »Befehlshaberstab, Befehlshaberstab!« Das vaterländische Museum, das bei Perthes in Hamburg 1810?12 im Sinne der Gegenwirkung gegen den Gallicanismus in jeder Gestalt erschienen war, war mir früh bekannt geworden, und hatte mich ganz der romantischen, der patriotischen und zum Theil juristischen Bestrebung gewonnen. Aus derselben Quelle, der Leihbibliothek der Buchhandlung Kretzschmar am breiten Wege, stammte auch eine für meine Bildung überfrühe Bekanntschaft mit den Heidelberger Jahrbüchern der Literatur, die in ihrem ersten Decennium die entschiedensten Träger der romantischen Anschauungsweise waren. Goerres namentlich schrieb viele Kritiken darin, die mich um so mehr berauschten, je weniger ich sie zu verstehen vermochte. Der prophetische Ton, der bilderreiche Styl, entzückte mich. Mein geschichtlicher Sinn war jedoch nicht ohne Neigung zur Universalität. Da ich mir selbst so ganz überlassen war und da meine guten Eltern, ? ich bewundere es jetzt mit höchster Dankbarkeit, ? mir die Mittel gewährten, so raffte ich viele und vielerlei Bücher zusammen. Durch Bredow's kleineres Handbuch der Weltgeschichte hatte ich einen guten Grund auf der Altstadt gelegt. Mein Vater schenkte mir einige Jahre später die ausführliche Darstellung der wichtigeren Weltbegebenheiten von demselben Verfasser, die ich oft und mit großem Nutzen durchgelesen habe. Sie sind ein classisches Buch, das noch jetzt ein[98] großes Publikum besitzen würde, wenn bei uns nicht die Zerspaltenheit der Nation in Katholiken und Protestanten, in Baiern, Sachsen, Preußen u.s.w. das Aufkommen einer einheitlichen Auffassung der Geschichte zu sehr hinderte. In meiner Begierde nach einer immer vollständigeren Uebersicht kaufte ich mir von andern Schülern, die im zufälligen Besitz waren, oder auf Auctionen, allmälig eine Menge Compendien zusammen. Ein Quartant, die Statua Danielis, machte mich mit den vier Monarchieen bekannt, welche die unter Melanchthon herrschende Eintheilung der Weltgeschichte war. Das Compendium von Hilmar Curas, in der verbesserten Gestalt von Schrökh, schloß sich noch daran an. Die Compendien von Zopf und Essig schlugen etwas andere Wege ein. Gatterer's ethnographische Manier gehörte schon einer Periode der Göttinger geläuterten Gelehrsamkeit an. Ebenso ist ein Quartant von Achenwall zu nennen. Pölitz sogenannte große Weltgeschichte imponirte mir Jahre lang, obwohl ich gleichzeitig Uebersichten, wie von Carl Stein, immer liebte. Ich besaß ein mit Papier durchschossenes Exemplar von Kohlrausch's vortrefflichen chronologischen Tabellen, denen ich Vieles einverleibte, was ich in den übrigen Büchern fand. Ich bedauere, dies Exemplar, ich weiß nicht wie, verloren zu haben. Ich hatte z.B. eine genaue Uebersicht aller Khalifate darin aufgezeichnet. Die höchste Befriedigung aber gewährten mir Dippold's Skizzen, die aus Vorträgen desselben in Danzig entstanden waren. Ich laß sie wiederholt und besitze noch die Abschrift, die ich mir aus ihnen von der alten griechischen Geschichte machte. Auch sie sollten zu den classischen Büchern der Nation gehören. Daß ich später auch die Monographie Dippold's über Carl den Großen mit Andacht las, brauche ich wohl kaum zu sagen. Dippold's Skizzen standen damals in meinem Bewußtsein als das Seitenstück zu einem andern Buche da, das ich auch, jedoch ohne hinreichendes Verständniß, mehrfach las. Es waren Richter's Phantasieen über die Religionen des Alterthums; oder Sammlung der mythologischen[99] Sagen der Hellenen, Römer und Aegyptier. Ich wurde dadurch zuerst mit der Creuzer'schen Ansicht bekannt. Eine solche höhere, wenn auch oft irrige Auffassung der heidnischen Religionen that mir sehr Noth; denn einerseits strahlten durch Schiller's Dichtungen und durch Homer die griechischen Götter bei mir in ätherischem Glanze; andererseits aber, wo es auf ein bestimmteres Wissen ankam, besaß ich unter meinen Büchern nur das Pantheum mythicum von dem Jesuiten Pomey; ein scheußliches Buch mit noch scheußlicheren Kupfern. Das Handbuch der Mythologie von Moritz, das ich in der Favreau'schen Bibliothek, wie so viel Anderes, vorfand, erschien mir dagegen schon als ein ideales Werk. Auf dem Pädagogium ward für die alte Geschichte Bredow's Handbuch in den oberen Klassen zu Grunde gelegt. Für die neuere Geschichte führte Strebe in Prima Heeren's Handbuch der Geschichte der neueren europäischen Staatensysteme ein. Das Buch war unzweckmäßig. Es enthielt zu wenig Thatsachen und zu viel Reflexionen, die als Anhalt zu akademischen Vorträgen brauchbar, für Schüler, auch wenn sie Primaner, noch nicht passend waren. Ueberdem war es zu theuer. Zuletzt führte er Wachler's Handbuch der allgemeinen Weltgeschichte ein, das ebenfalls zu wenig thatsächlichen Stoff und zu viel abstracte Combinationen, zu viel bloße Andeutungen und zu viel über den Gymnasialstandpunkt hinausgreifende Literatur enthielt. Strebe selbst trug uns die nordische Geschichte mit Einschluß des Freiheitskrieges, besonders aber die Geschichte Englands recht gut vor. Ich besitze noch das Heft, das ich bei ihm hierin nachgeschrieben und ausgearbeitet habe. Als charakteristisch für die Zeit erwähne ich, daß die Schlacht von Leipzig mehrere Wochen lang bis in die kleinsten Details vorgetragen wurde. Das Terrain, die Stellung jedes Armeecorps, die einzelnen Gefechte, das Schwanken des Sieges während der drei Tage und Napoleons meisterhafter Rückzug wurden genau durchgenommen. Wir waren darin so zu Hause, wie auf der Ebene von Troja in der Ilias. Die Bekanntschaft mit den alten Dichtern führte mich zuerst zu[100] Uebersetzungen in Prosa, dann in Versen, dann zu Nachahmungen. Dies war ein ganz natürlicher Gang. Vom Virgil übersetzte ich die Eklogen, die Georgika und zwei Bücher der Aeneis metrisch; von Horaz eine Anzahl Oden. Diese Uebersetzungen waren höchst unvollkommen, wie ich jetzt sehr wohl erkenne, da ich sie theilweise noch besitze. Die hexametrische Form fing bei mir an, zu grassiren. Ich las zahllose Gedichte in diesem Metrum: Klopstock's Messias, Bodmer's Noachide, Sonnenberg's Donatoa, Kunze's, eines Predigers im Quedlinburgischen, Heinrich den Löwen, ein Heldengedicht in drei Bänden von 21 Gesängen, Bielefeld's Thuiskon, Vossen's Louise, Baggesen's Parthenais und vieles Andere. Küttner's Kurona, welche Idyllen aus den Baltischen Uferländern boten, gefielen mir sehr. Wie hätte ich ahnen können, einst selbst dort zu wohnen und so oft in den Wellen der Ostsee mich zu baden. Einen besonderen Gebrauch von der erlangten Fertigkeit im Hexameterschmieden machte ich bei dem Jubiläum der funfzigjährigen Dienstzeit unseres Probstes Röttger, das sehr glänzend gefeiert ward. Wir Schüler führten Wallenstein's Lager auf. Ich hielt einen poetischen Vortrag, der fast eine Stunde dauerte, gewiß höchst langweilig war, mir aber viel Bewunderung eintrug, eben der Länge halber und weil ich ihn selber verfaßt hatte. Es war eine Idylle in der Manier von Vossen's siebenzigstem Geburtstag: des Vaters Heimkehr betitelt. Ich habe nur noch eine dunkle Vorstellung von diesem Machwerk. Bei diesem Jubiläum eröffnete der Rector Solbrig die Feierlichkeiten mit einer lateinischen Rede. Der anwesende Gouverneur Magdeburgs, Graf von Haake, verstand kein Latein. So oft nun das Wort hac vorkam, z.B. hac die, stand er auf und verbeugte sich gegen den Redner, weil er sich erwähnt glaubte. Dies Quid pro quo drohte die ernste Stimmung der Versammlung in unwillkührliche Lachlust aufzulösen, bis Wilke sich entschloß, ihm seinen Irrthum artig bemerklich zu machen. Als nun alle Anreden vorüber waren, hielt Röttger seine Gegenrede. Er hob an: »Der Schmerz ist stumm«. Kaum gesagt, griff er aber in die Tiefe seiner Brusttasche und zog ein dickes Manuscript[101] hervor, das er ablas und das vom Wortreichthum eines Schulnestors überströmte. Beim Nachtisch eines schwelgerischen Mittagessens, an welchem auch eine Auswahl der Stadtschüler Theil nahm, wurde ich von Wilke dem von Halle herübergekommenen Kanzler Niemeyer vorgestellt, der mir sehr freundlich alles Mögliche von Unterstützung verhieß, falls ich einmal in Halle studiren sollte. Niemeyer hatte im Magdeburgischen und darüber weit hinaus etwa den Nimbus, den später Humboldt in Berlin besaß. Seine Charaktere der Bibel, seine Deportation und Gefangenschaft unter Napoleon, seine Vorträge über theologische Moral und praktische Theologie, seine stattliche Figur und seine angenehme Unterhaltung machten ihn in Verbindung mit seiner einflußreichen Stellung zu einem der bedeutendsten Männer jener Zeit. Eine große Veränderung wurde in mir durch eine Bekanntschaft bewirkt, die ich mit Wilhelm Volk, dem Sohn des Hofrath Volk, 1819/20 machte. Er war mir an Kenntnissen voraus. Er bestach keineswegs durch ein angenehmes Aeußere, aber er verstand Jeden, wenn er es wollte, durch ein eigenthümliches Gemisch von sentimentaler Hingebung und von herrischem Zwang sich zu unterwerfen. Seine Eltern und seine einzige Schwester, Rosalie, waren die liebenswürdigsten Menschen. Das gesammte Hauswesen des Hofraths hatte einen vornehmen Anstrich. Die Familie war sehr wohlhabend und mit vielen Gutsbesitzern im Halberstädtischen, namentlich mit der Familie Heyne, verwandt. Volks wohnten in der goldenen Apfelstraße in der belle étage der Restauration Belle Alliance in unserer Nähe, wo mein Vater Abends häufig Billard zu spielen pflegte. Mit Volk verwandt und befreundet war Eduard Oppermann, der Sohn eines Oberlandesgerichtsraths, der ein herrlicher Mann war. Wir drei wurden, da Oppermann auch in der Nähe des alten Marktes wohnte, auf dem Rückwege von der Schule bald unzertrennlich. In der Stube des Pförtners Knopp, wo wir unsere Mützen und Mäntel ablegen und wieder holen mußten, fanden wir uns immer zusammen, falls wir in den Klassen getrennt gewesen waren.[102] Volk brachte nun bald ein Journal unter uns zusammen, das wir gemeinschaftlich in der Art schrieben, daß wir ihm unsere Arbeiten gaben, die er dann in einen Bogen zusammenschrieb, den wir unter uns umlaufen ließen und ihm zuletzt zurückgaben. Er war der Redacteur, der auch zuerst seine Bemerkungen machte. Er hatte eine erstaunliche Arbeitskraft und Hartnäckigkeit. Seine Vielleserei übertraf die meinige noch unendlich. Wenn von unserer Seite Arbeiten ausblieben, so wußte er immer Rath, die Spalten zu füllen, namentlich durch Uebersetzungen aus den romanischen Sprachen, in denen er es bald zu außerordentlicher Kenntniß brachte. Das Italienische betrieb ich eine Zeit lang mit ihm gemeinschaftlich. Auch das Spanische fing ich mit ihm an, arbeitete Wagner's Grammatik durch, ließ es dann aber liegen. Diese Zerstreuung schadete meinem classischen Studium nicht weniger, als das Altdeutsche. Damit die übrigen Schüler nicht wissen sollten, wovon wir sprächen, wenn wir in der Schule uns Mittheilungen in Betreff unseres Journals machten, schlug Volk vor, es den »Tischkasten« zu nennen. Ich habe sehr kindische und werthlose Arbeiten zu demselben geliefert. Ich erinnere mich nur noch, daß ich eine komisch sein sollende »Geschichte des Flohkönigs Albroscher«, mehrere Gedichte und ein dreiactiges Drama: »Die Bürgschaft«, nach der Schiller'schen Ballade verfertigte. An Uebersetzungen werde ich es auch nicht haben fehlen lassen. Es schwebt mir noch vor, daß ich Voltaire's Henriade in Hexameter zu übersetzen anfing. ? Wir nahmen späterhin noch Heuke in unsere Gesellschaft auf. Dieser Kraftmensch, der mir später ganz verschollen ist, schrieb einen Aufsatz: »Keine Rose ohne Dornen.« Er wollte darin die Nothwendigkeit des Uebels als eine von allem Dasein unabtrennliche beweisen. Volk opponirte. Heuke beschränkte sich mit seinem Satze auf die »sublunarische Welt.« Aber das Journal, nachdem es zwei Jahre bestanden, hörte damit auf. Ich selbst wurde durch diesen Streit zum ersten Male auf eigentlich philosophische Betrachtungen geführt.[103] Diese verknüpften sich bei mir mit dem tiefen Eindruck, den die Lectüre von Sonnenbergs Donatoa auf mich gemacht hatte. Noch besitze ich den Auszug, den ich mir aus diesem weitläufigen Epos fertigte. Der Kampf von Heroal und seiner geliebten Herkla zur Ueberwindung des Antichrists beschäftigte mich Monate lang und versetzte mich in eine religiöse Schwärmerei. Der Gedanke, daß, wenn alles Böse getilgt worden, auch alles Uebel verschwinden müsse, lief bei Sonnenberg consequent in das Aufhören aller Geschichte aus. Dies Ende des Weltgerichts stellt er sehr erhaben in einem Vaterunser dar, welches alle erlösten Geister zu Gott in der Version beteten, daß nun alle Bitten erfüllt wären: »Du vergiebst uns unsere Schuld, wie wir unsern Schuldigern vergeben haben.« Sonnenbergs Weltgericht ist der Ausläufer der geistlichen Epik, die mit Miltons Paradies begonnen hatte. Ihm war in Klopstocks Messias die Erlösung gefolgt. Der Erlösung mußte wieder das Resultat, der Schluß der Geschichte, im Weltgericht folgen. Sonnenberg war Katholik und Romantiker. Er beendete sein excentrisches Werk in Jena und stürzte sich dann aus dem Fenster. Im Herbst 1859 hat mir Kuno Fischer in Jena das Haus gezeigt, vor welchem er den Tod fand. Volk und Heuke verspotteten mich in meiner religiösen Melancholie; so oft ich davon zu reden anfing, verlachten sie mich und erfanden eigene Wendungen, mich zu verhöhnen. Wir gingen an Sonnabenden oft vor das Sudenburger Thor nach dem Militärkirchhof. Auf diesen Abendgängen erfaßte mich denn meine Traurigkeit mit besonderer Gewalt und reizte dann umsomehr ihre Satyre zu allerlei groteskem Hohn. Es mag dies Betragen ganz passend gewesen sein, mich von meinem Gegenstande abzubringen, aber es riß mich nur von ihm los, ohne mir ein Resultat zu geben. Volk liebte mich unstreitig, wie ich ihn; aber in unserem Verhältniß war eine Ungleichheit. Er war mir übermächtig und wünschte, bewundert zu werden. Sein Ton fiel bald in eine sentimentale Zärtlichkeit, bald in eine sarkastische Krittelei oder in die halb schadenfrohe Mystification von räthselhaften Anspielungen, so daß im Umgang mit ihm nicht eine einfache Gleichheit herrschte, sondern sich immer ? auch[104] Andere machten diese Erfahrung ? eine gewisse Aufgespanntheit kundgab. Er hatte eine ganz eigene Gattung des Barocken, womit er unfehlbar Lachen zu erregen vermochte. Nicht weniger verstand er, bedeutsam zu schweigen, den Andern wie in Ekstase anzustarren, zu seufzen, plötzlich die Hand krampfhaft zu drücken, unerwartet eine zarte Aufmerksamkeit zu erweisen und mit all' diesem sich vorzüglich Mädchen und Frauen zu unterwerfen. Während ich so mit Volk, Oppermann und Heuke verkehrte, wurde ich doch meinen alten Freunden nicht gerade untreu. Mit Buschmann namentlich führte mich die Liebe zu einem Dichter wieder näher zusammen, der auf uns Beide großen Einfluß gewann. Dies war Ernst Schulze, der früh gestorbene Verfasser der bezauberten Rose, der Cäcilie, vieler zarten Sonnette und Episteln. Schulze war der romantische Ausläufer der Wieland'schen Schule. Er hatte eine außerordentliche Sprachgewandtheit und eine blumenduft-gewürzte Phantasie, wie sie jener weichlich-träumerischen Epoche unendlich zusagte. Seine Verse mit ihren vielen adjectivischen Füllwörtern, mit ihrem Sinnen und Minnen, Hangen und Bangen, mit ihrer Sonne und Wonne, mit ihren Herzen und Schmerzen ließen sich leicht nachahmen. Statt des Hexameters wurden von uns nun freie Stanzen gemacht. Auch die Sonnette fingen an, neben den Stanzen etwa so gedichtet zu werden, wie wir auch neben den Hexametern zuweilen eine Sapphische oder Alkäische Ode gemacht hatten. Schulze's Dichtung hatte in ihrer Naturanschauung einen lieblich träumerischen Zug, der gern in Ruinen, in Mondschein, in Nachtigallgebüschen, bei Elfentänzen, an Wasserfällen verweilte. Sie hatte aber auch einen nordischen Zug, der uns »Teutschgesinnten« sehr zusagte. Die Klopstock'sche Poesie hatte zuerst den Versuch gemacht, die Edden für eine deutsche Mythologie in's Spiel zu bringen. Der Wingolf, Bragur, Tyr, Frigga, Odin, Thor, Walhalla und Niflheim hatten eine gewisse Popularität er langt. Eine Zeit hindurch hatten unsere Dichter sich selbst Barden genannt. Kretzschmar hatte sich als Barde Rhingulph benannt. Fouqué hatte nun zwar die Götterwelt der Asen bei Seite gelassen, hingegen sich ganz der nordischen Helden- und Ritterwelt zugewendet. Seine Romane wurden[105] mit Begeisterung verschlungen. Sein Zauberring, seine Fahrten Thiodolfs des Isländers, seine Geschichte von Sintram und dessen Gefährten, seine Undine, seine Aslauga waren fast zu Volksbüchern geworden. Das Gespenstische, was schon manchmal bei ihm auftauchte, war ganz im Geschmack der Zeit. Das eisige Island und das glühende Italien, der riesige Heidenrecke und der zierliche Saracene, die schöne stahlgepanzerte Walkyrie und die marmorbleiche, schleierumflossene Nonne waren die Extreme, zwischen denen sich seine christgläubigen Ritter auf ihren Wallfahrten bewegten. Fonqué hatte bei seiner dramatischen Behandlung der Nibelungensage 1809 eine höhere künstlerische Begabung gezeigt, als er anfänglich unter dem Namen Pellegrin verrathen. Seine Tragödie: »Sigurd der Schlangentödter«, ist in einem reineren Geschmack, in einem echteren Pathos gedichtet, als Viele, die ihn nur vom Hörensagen kennen, ihm zutrauen würden. Es ist aber bei uns das Geschick des Guten, oft unbekannt zu bleiben. Als Fouqué sein 1814 geschriebenes Rittergedicht »Corona« veröffentlicht hatte, war ich, als ich es mir endlich verschaffte, nebst meiner Schwester, die ihn, wie ich, verehrte, so entzückt, daß ich Ende Juli 1821 einen Panegyrikus in regelrechten Stanzen darauf dichtete. Er schien uns Ansprüche auf den Namen eines nordischen Tasso oder Ariost zu haben. Allein Schulze's »Cäcilie« übertraf ihn an Frische der Phantasie, an Innigkeit des Gefühls, an Anschaulichkeit der Malerei und an einer Structur, die einen epischeren, an die Kämpfe der Ilias erinnernden Typus hatte. Wir fanden hier in Aganthyrs Geschichte Fouqué'sche Elemente, aber wir fanden sie zu höherer Idealität fortgebildet. In der elegischen, duftigen Manier Schulze's habe ich nun viele Gedichte gemacht, die zum Theil wohl nur Rückklänge aus seiner Lectüre waren. Das psychologisch wahrste entsprang bei mir dem Gefühl einer Zerflossenheit, worin ich mich befand. Ich dichtete es im August 1822 und betitelte es: »Unstät.« Strebe, unter welchem ich den größten Theil meiner stylistischen Fortbildung absolvirte, begünstigte, da er ein weiches Gemüth hatte, das Gefühl und die Phantasie. Die Cultur des Gedankens trat bei ihm entschieden zurück. Von Philosophie war bei ihm gar nicht die Rede.[106] Ich erinnere mich, bei ihm von Unten nach Oben folgende Themata behandelt zu haben: Sprich nicht von dem, was du thun willst. Die eitle Karoline. Ein Charaktergemälde. Commentar zu Schiller's Glocke. Schilderung einer glücklichen Insel im Ocean. Die Ruinen. Eine Betrachtung. Der Frühling. Eine Vision am Hellespont in der Neujahrsnacht. (Wurde selbstverständlich in Hexametern bearbeitet.) Ueber den Unglauben. (Natürlich gegen denselben.) Wie wünsch' ich mir mein Leben nach dem Tode? (In Hexametern.) ? Ich besitze es noch und sehe, daß ich einige rationalistische Anmerkungen zur Rechtfertigung der Vorstellungen, die ich vortrug, hinzuzufügen für nöthig erachtete. Rede Alexanders bei der Umkehr am Hydaspis. Charakteristik Attila's, November 1821. Mit Benutzung von Gibbon u.s.w. Ueber die Nibelungen. Eine recht gut geschriebene Vertheidigung ihres Werthes. Kritik von Houwald's Drama: »Fluch und Segen«, Februar 1822. Sehr scharf. Die Verdienste Alfred des Großen und England, Juli 1822. Musik und Poesie. Die Begleiterinnen des Menschen. Ein Gedicht in freien Stanzen von ziemlichem Umfang. Es ist ganz in der Schulze'schen Manier. Strebe war so davon entzückt, daß er es dem Probst vorlegte, der mir eine höchst lobende Kritik darüber schrieb, die nur einige Formfehler tadelte. Dies war, im August 1822, die letzte Arbeit, die ich bei Strebe lieferte, weil er bald darauf die Anstalt verließ. Bei dieser großen Einseitigkeit, die überall das Gefühl, die Phantasie, die geschichtlichen Kenntnisse in den Vordergrund stellte, ist es nicht zu verwundern, wenn ich mich selbst in der Werthschätzung meiner poetischen Versuche und kleinen historischen Skizzen bestärkte. Wurde ich doch im Deutschen fast immer als der Erste proclamirt. Zum Glück hatten wir im Lateinischen andere Themata. Im Französischen durften wir uns in Prima sogar selbst Themata[107] wählen. Von diesen ist mir nur eines in Erinnerung geblieben, an das ich oft gedacht habe. Es hieß: Sous quelle forme de gouvernement voudrais je vivre, si je ne vivais pas à présent en Prusse? Diese Frage beschäftigte mich lebhaft. Mein erstes politisches Bewußtsein erwachte mit ihr. Jeder Gymnasiast ist durch den Enthusiasmus für die Griechen und Römer Republikaner in der Theorie. Als Sohn seines Landes und Volkes aber erklärt er, unter einer gemäßigten Monarchie sich glücklich zu fühlen. Einer solchen genieße er unter dem Scepter der Hohenzollern. Das ist die politische Praxis, wie sie anerzogen wird. Nun gerieth ich in dieser Arbeit, ich weiß nicht mehr wie, auf Polen, und führte die Nothwendigkeit aus, daß Polen zwischen dem despotischen Rußland und zwischen dem freien Preußen als eine schützende Zwischenmacht fortbestehen und daß Preußen, ja Deutschland, wenn Rußland Polen etwa aller Selbstständigkeit berauben wollte, Polen zu Hülfe kommen müßte, es in seiner Integrität zu erhalten. Der alte Koch, bei dem ich die Arbeit eingereicht hatte, strich mir meine Versehen an und sagte mit ironischem Lächeln: »Nun, lieber Rosenkranz, über Ihre Politik will ich nicht mit Ihnen streiten. Suchen Sie vor der Hand nur so gut französisch zu schreiben, als die Polen es sprechen!« Da in den altdeutschen Epen die Burgunder eine so große Rolle spielten, so ging ich an die Erforschung ihrer Geschichte. Ich fing aber von hinten her an. Boso, der Gründer des Arelatensischen Königreichs, fesselte mich so, daß ich eine ziemlich ausführliche Geschichte desselben aus allen mir zugänglichen Quellen zusammenschrieb, die vielleicht nicht schlecht war. Ich habe sie verloren. Ostern 1823 kam ich dazu, die Geschichte der alten Burgunder, ebenfalls quellenmäßig, zu bearbeiten. In diesem Versuch, sowie in einem etwas früheren, über die Cimbern und Teutonen, ging ich dann bis auf das erste Erscheinen der Germanen zurück. Doch dies Alles sollte noch nicht Zerstreuung genug sein. Ich war in meinem Gemüth fromm. Ich glaubte auf das Lebendigste an den allmächtigen, allwissenden, allgegenwärtigen, allweisen und allliebenden Gott. Ich betete zu ihm mit höchster Inbrunst.[108] In der Zeit vor meiner Einsegnung hatte ich mindestens alle vierzehn Tage die Predigt in unserer Kirche besuchen müssen. Wir hatten einen Stuhl, zu welchem auch der alte Onkel Lefevre vom breiten Wege gehörte, der nie einen Sonntag versäumte und mich sofort, wenn ich gefehlt hatte, zur Rede stellte. Nach meiner Einsegnung durfte ich gehen, wohin ich wollte. Oft ging ich mit meinem Vater zusammen. Wir besuchten im Laufe des Jahres fast alle Kirchen. Es gehörte zum Vergnügen meines Vaters, die Gaben der Kanzelredner zu vergleichen. Koch und Westermeier im Dom, Dennhardt in der Heiligengeist-Kirche, Fritze in St. Ulrich, Jasper in St. Catharinen, Reinhard in St. Jakob, Mellin und später Mänsz in der deutsch-reformirten Kirche u.s.w. wurden genau geprüft. Das Gespräch darüber begleitete gewöhnlich den Genuß des Sonntagsbratens. Der Vater war dann in der besten Stimmung. Nach der Kirche besuchte er gewöhnlich eine der Conditoreien oder den Volkmar'schen Weinkeller auf dem neuen Markt, wohin er mich auch mitnahm. Nur am Charfreitag unterblieb dies grundsätzlich und wir machten einen stillen Gang durch das Glacis, von welchem mir unvergeßliche Eindrücke wahrer Sabbathruhe zurückgeblieben sind. Die ersten Frühlingslüfte pflegten sich zu regen, die ersten Lerchen mit ihrem Gesang sich zu melden und die ersten Schwalben sich einzufinden. Die jungen Baumknospen sahen so verheißend aus und alle Menschen, wie sie im Sonntagsstaate dahinschritten, schienen im tiefsten Innern der Versöhnung sich mit gerührtem Dank zu freuen, welche der Tod des Erlösers ihnen gebracht. Gewiß verdanke ich dem Anhören so vieler, oft guter Predigten, viel geistige Anregung. Es wurde damals aber auch ganz anders gepredigt, als jetzt, wo man sich oft auf Paraphrasen des Bibelworts, auf Dogmen-Interpretation, auf Declamation von Gesangbuchversen beschränkt. Das Predigen galt für eine Kunst und wurde im Bewußtsein der Rivalität geübt. Der Blick auf das gesammte Weltwesen machte es sehr mannichfaltig. Dennhardt gab in der Neujahrspredigt z.B. immer eine politische Rundschau Europa's. Ich ward mit allen Resultaten der Aufklärung bekannt. Ich glaubte nicht an Gespenster. Aber in meinem zehnten Jahre etwa hatte[109] ich die Geschichte eines Schlosses gelesen, in welchem ein Ritter, dessen Bild im Ahnensaal hing, dazu verurtheilt war, die Kinder seiner Nachfolger durch einen Kuß dem Tode zu weihen. Es war vortrefflich geschildert, wie der gespenstische Ritter mit trauriger Miene in einem dunklen Mantel sich zum Bett des schlafenden Kindes schlich. Diese Vorstellung setzte sich bei mir fest, so daß ich in unserer Schlafstube im goldenen A aus der Thür, die nach einer alten unbenutzten Küche führte, oft den Ritter fürchtete heraustreten zu sehen, und deshalb das Deckbett über die Augen zog. Am Tage lachte ich mich aus. Nachts aber glaubte ich doch halb und halb an die Möglichkeit eines solchen Spuks. Ich war aber nicht blos im theistischen Sinne fromm, ich war auch abergläubisch. Ich konnte mich lange Zeit immer noch nicht von der Knechtschaft gewisser Vorzeichen losmachen. Ich glaubte noch immer zuweilen, daß die Art, wie ich meine Kleider Abends vor dem Bett auf den Stuhl legte, nicht ganz ohne magischen Zusammenhang mit den großen Feuersbrünsten sei, welche damals oft ganze Quartiere der Stadt hinrafften. Ich glaubte, daß es für die Fehler, die ich im Lateinischen oder Griechischen den Tag über in der Schule machen würde, nicht gleichgültig sei, durch welche Straße ich zum Pädagogium ging. Ich glaubte, daß ein gewisser Schnörkel, mit welchem ich meine Arbeiten am Schluß verzierte, einen Einfluß auf ihre Werthabschätzung habe. Ich glaubte sogar Ahnungen zu haben. Dies Alles war mir auch wieder lächerlich. Aber wenn ich mich entscheiden mußte, fühlte ich doch oft die Gewalt der abergläubischen Gewohnheit, denn unstreitig ist es die Gewohnheit, die uns in solche alberne Abhängigkeiten versetzt. Vom sogenannten specifischen Christenthum war nichts in mir. Auch das Abendmahl hatte ich bei meiner Einsegnung nicht als einen mystischen, sondern als einen nur mnemonischen, zur strengeren Tugendhaftigkeit anregenden Act genommen. Im Herbst 1822 dichtete ich zum Geburtstage meines Schulfreundes Bernhard Nöldechen aus Schönebeck, der Theologe werden wollte, eine Art Cantate, die ich meinen Eltern vorlas, bevor ich sie verschickte. Sie vergossen Freudenthränen darüber, zumal die Mutter, denn es schien[110] ihnen daraus ein unzweifelhaftes Talent für das geistliche Fach hervorzuleuchten. Die Mutter besonders wünschte mich zum Theologen. Ich hatte daher auch das Hebräische angenommen. Aber der Unterricht, den ich darin successiv von Händler, Thiemann, Immermann und Hennig erhielt, war ein zu wechselnder, zu unterbrochener, zu oberflächlicher. Auch lagen die Stunden ? im Winter von 7 bis 8, im Sommer von 6 bis 7 Uhr ? zu ungünstig dafür. Nur zu oft trafen wir den Lehrer noch im Bette. Es verging einige Zeit, bis er sich ankleidete. Unterdessen trieben wir Allotria, waren aber auch oft selber noch schläfrig und verdrossen, in gleich übler und unheiliger Stimmung mit dem Lehrer. Das Erlernen des Hebräischen an und für sich war mir interessant, weil es mir eine von den übrigen mir bekannten Sprachen ganz abweichende Sprachform eröffnete. Als ich das Hebräische unter Händler zuerst anfing, lernte ich auch den Charlatanismus kennen. Händler, ein Sächsischer Magister, verschrieb uns ein kurzgefaßtes Compendium: »Die Kunst, in vierundzwanzig Stunden Hebräisch zu lernen.« Wochen und Wochen würgten wir daran! Im Rechnen und in der Mathematik blieb ich schwächer, als in Sprachen, obwohl ich die Planemetrie gut lernte. Für die Stereometrie machte ich eine wirkliche Anstrengung und repetirte sie mit Oppermann und mit Lettgau, der gegenwärtig Baumeister hier in Ostpreußen ist. Alle stereometrischen Gestalten entzückten mich durch ihre Proportionen. Das Lehrbuch von Lorentz wurde dem Unterricht zu Grunde gelegt. Der elementare Unterricht wurde von Valet recht gut gegeben. Der Unterricht in Prima fiel über ein Jahr dem höchst gutmüthigen, edlen, aber schwachen Thiemann zu. Wir benutzten die Stunden nur zum Skandalmachen. Das »Beweisen« namentlich an der Tafel wurde zu einer Possenreißerei. Ich war mir bewußt, das eigentliche Geheimniß in den Beweisen der sogenannten höheren Mathematik nie recht zu verstehen. Ich lernte die Formeln der Algebra auswendig und gebrauchte sie ganz mechanisch.[111] Noch weniger begriff ich, weshalb man in der Algebra so ganz willkürlich sagen durfte: Ich substituire die Werthe so und so, ich verwandle diese Formel in jene u.s.w. Ich verwunderte mich im Stillen immer, wie aus solcher Willkür schließlich eine »exacte Evidenz« hervorgehen konnte oder sollte. Zu meinem Schrecken wurde ich aber für so tüchtig in der Mathematik gehalten, daß ich sogar in die Selecta unter dem Procurator Meyer versetzt ward, die aus etwa 8 bis 9 Primanern bestand. Hier wurde ebene und sphärische Trigonometrie getrieben. An die Stelle von Lorentz' Lehrbuch trat Mathias', des Directors des Domgymnasiums, Leitfaden nach analytischer Methode. Was dies eigentlich heiße, habe ich auf der Schule nie begriffen. Für das Berechnen mußten wir uns Vega's Logarithmische Tabellen anschaffen. Das Zutrauen, welches die Versetzung zu meiner mathematischen Fähigkeit aussprach, munterte mich auf. Ich gab mir einige Monate hindurch die äußerste Mühe. Aber Meyer beschäftigte sich bald nur mit zwei, drei der hervorragendsten Schüler, namentlich mit Roloff, dem jetzigen Apellationsgerichtsrath in Marienwerder, der für mich dadurch sehr verhängnißvoll wurde, daß er, ein großer starker Mensch, mich einst in der Zwischenstunde der Art herumtrug, daß ich mit der Handfläche und gesteiftem Arm mich auf seine Schultern stützte. Ich büßte aber bei einer seiner Bewegungen das Gleichgewicht ein und stürzte kopfüber auf den Boden. Ich hatte die Besinnung verloren. Voller Schrecken packten mich meine Mitschüler, legten mich hinter eine Bank an den Boden, setzten sich, mich unsichtbar zu machen, mit dichtgedrängten Füßen davor und ließen mich so bis zum Ausgang der Stunde liegen. Ich kam allmälig wieder zu mir, schlich unter der Assistenz Einiger mit einer fürchterlichen Beule und entsetzlichen Schmerzen nach Hause und konnte erst nach einigen Tagen die Schule wieder besuchen. In der Physik war es ähnlich. Auch in ihr gab Meyer den Unterricht, beschränkte sich aber, wozu fast alle Lehrer der Mathematik und Physik neigen, auch hier auf eine Elite und ließ uns Uebrige treiben, was wir wollten. Gewöhnlich lasen wir Romane. Nur zuweilen richtete er an uns Pöbel einige Fragen, mit offenbarem Humor, uns[112] etwas einzuschüchtern, damit wir nicht zu weit in den Freiheiten gingen, die uns unser Unverständniß gestattete. Ich höre noch seine Stimme: »Wenn das Licht aus einem dünneren Medio in ein dickeres übertritt, was geschieht?« Hierauf oder auf die umgekehrte Frage antworteten wir stereotyp: »Es bricht sich.« Damit waren wir abgefunden. In der Naturgeschichte wurde nur bis Tertia hin Unterricht gegeben. Valet zeigte uns Kupfer von Thieren und las uns aus Büchern vor. Nach der utilistischen Auffassung der Natur, wie die Aufklärung sie geschaffen hatte, wurden die Vertilgungsarten schädlicher Thiere sehr weitläufig vorgetragen. Ich erinnere mich, daß der Vortrag über die Mäuse und Ratten nach Bechstein Monate lang dauerte. Ich hatte für die organische Natur vielen Sinn. Ich besaß Stein's große Naturgeschichte. Ich zeichnete mir aus Kupferwerken viele Pflanzen und Thiere ab. Aber es fehlte mir an wissenschaftlichem Einblick. Blumenbach's Handbuch der Naturgeschichte hatte ich mir erst von einem Vetter Wilhelm Hüttmann geliehen und excerpirt und kaufte mir es später selbst, weil es mir am meisten eigentliche Erkenntniß schaffte. Ohne weitere Anleitung und Erklärung half es mir jedoch auch nicht viel. Mit derselben Zeit würde man bei richtiger Auswahl der charakteristischen Formen und vorsichtiger Anwendung der vergleichenden Methode sehr Vieles leisten, während das Interesse für die Naturwissenschaft auf den Gymnasien durch den langweiligen Vortrag gewöhnlich getödtet wird. Die Schüler merken schon früh, daß es für die Entscheidung der Reife zum Abgang nicht auf sie ankommt. Mit der Geographie, die im Grunde doch auch Naturwissenschaft, verhält es sich ähnlich. Ich hatte eine große Liebe zu ihr, die sich in dem Eifer kund gab, mit welchem ich Reisebeschreibungen las, aber der Unterricht darin war sehr mangelhaft, selbst bei Wilke. Er dauerte auch nur bis Tertia. In Secunda wurde nur für die Geschichte die alte Geographie von Griechenland und Rom genauer durchgenommen. Die philosophische Bildung erwuchs mir eigentlich unbewußt aus dem Religionsunterricht, aus der philosophischen Propädeutik und aus enzyklopädischen Werken.[113] Der Religionsunterricht war, wie schon erwähnt, auf Quarta Erklärung von Ziegenbein's Katechismus mit Auswendiglernen vieler Bibelverse und Gesangbuchstrophen. In Tertia trug Valet den ersten Theil der Kirchen-und Dogmengeschichte vor, dem in Secunda der zweite folgte. Er hielt sich, wie ich später erkannte, an Henke mit Zuhülfenahme seiner akademischen Hefte. Ich hatte viele Mühe, die Namen der Ketzer, der Concilien, der Bischöfe, Päpste und Ausbreiter des Christenthums zu behalten. Es blieb damals diese ganze Welt des Monophysitismus und Dyophysitismus, der Nestorianer und Arianer u.s.w. für mich ein Räthsel. Ich halte eine solche abgesonderte Darstellung der Kirchen- und Dogmengeschichte für einen Fehler auf dem Gymnasium. Das Wesentliche davon kann in dem Vortrag der Weltgeschichte erwähnt werden. Ja, es muß dort erwähnt werden. In Secunda fing die Lectüre des neuen Testaments in der Ursprache an, die in Prima fortgesetzt ward. Auch sie halte ich für einen Fehler. Sie macht den Schüler mit einem andern Griechisch bekannt, als er es in den Classikern findet, mit dem sogenannten Hellenistischen Idiom, das sich in hebraisirenden Formen bewegt. Wer nicht auch Hebräisch lernt, kann sie nicht verstehen. Amazon.de Widgets Der Schüler wird zerstreut, gestört. Der theologische Nutzen aber ist gering. Die Lehrer machen sich breit mit den Commentaren, welche sie auf der Universität gehört haben. Händler trug uns die ganze Eichhorn'sche Hypothese vom Ur- Evangelium vor. Die Kritik einzelner Stellen führt durch die Varianten der Codices zum Skepticismus. Ich habe nichts gegen diesen, allein ich glaube, daß das Gymnasium noch nicht reif genug für sein Verständniß ist. Außerdem war Niemeyer's Lehrbuch der Religionswissenschaft eingeführt. Es enthielt eine kurze Geschichte der Wissenschaften überhaupt von Thales an, eine Kirchen- und Dogmengeschichte und eine Moral und schloß sich Kant'schen Grundsätzen an. Redlich, kann ich sagen, habe ich mich bemüht, aus ihm zu lernen.[114] Hundertfältig habe ich es in die Hand genommen. Aber es ließ mich kalt. Am meisten interessirte mich noch jene Einleitung, welche einen Ueberblick der Schicksale der Philosophie brachte. Die Namen, die ich hier fand, suchte ich mir durch Nachschlagen in Jöcher's Gelehrtenlexikon, das ich besaß, in Bouginé's Handbuch der allgemeinen Literaturgeschichte und zuletzt im Conversationslexikon zu beleben. Der Trieb, mir eine vollständigere Kenntniß der Literatur zu schaffen, warf sich erst auf Specialwerke. Die Encyklopädie der classischen Alterthumskunde von Schaaf, Prediger in Schönebeck, hatte 1820/21 eine neue Auflage erhalten, die ich von meinen Freunden Hänel, in deren Offizin sie gedruckt war, zum Ge schenk empfing. Dies Buch ist eines der wahrhaft classischen Schulbücher, die eine Nation nicht sowohl durch immer neue zu verdrängen, als vielmehr in neuen Auflagen nur zu verbessern suchen sollte, um ihren Gebrauch immer allgemeiner zu machen. Der erste Band enthält die Geschichte der Literatur und die Mythologie, der zweite die Archäologie der Griechen und Römer. Ich lernte viel daraus. Für die romanische Literatur hielt ich mich an Bouterweck und Sismondi, die ich in unserer Schulbibliothek vorfand. Es glückte mir, für einen umfassenden Ueberblick Meusel's Leitfaden zur Geschichte der Gelehrsamkeit, drei Bände, zu kaufen; ein für jene Zeit ganz vorzügliches Werk! Wachler's allgemeine Geschichte der Literatur, die ich mir später kaufte, ist in vieler Beziehung nur eine Reproduction desselben in jener kräftig scheinenden Sprache, die Wachler sich zurecht gemacht hatte und von deren Schimmer ich durch seine Vorlesungen über die teutsche Nationalliteratur bestochen war. Eichhorn's Literaturwerk lernte ich nur theilweise kennen, soweit es sich auf das Mittelalter bezieht. Eine unendliche Menge von Büchertiteln aus allen Zweigen des Wissens notirte ich mir, weil ich meinte, ich könnte ihrer einmal bedürfen. Es war gar kein bestimmtes Ziel, das ich verfolgte.[115] Selbst in Noltenii Lexicon antibarbarum, das ich einst erhandelte, las ich die angehängte Geschichte der aetates der römischen lingua mit einer stupiden Andacht. Es war daher ein großes Glück, daß bei uns eine philosophische Propädeutik gelehrt ward, die mir doch bestimmtere Begriffe gab. Brederlow trug in Secunda eine empirische Psychologie und eine Rhetorik vor, welche die Poetik mit in sich schloß. Ich wurde ihnen viel Aufklärung schuldig. In Prima trug Solbrig die philosophische Grammatik vor. Zuletzt endlich hörte ich bei Solbrig Logik, die er nach Krug vortrug. Sie war uns Allen entsetzlich langweilig und unverständlich, weil der Rector, wie ich glaube, zwar den besten Willen hatte, jedoch selber in dieser abstracten Materie nicht recht zu Hause war. Die Spielerei mit den Buchstaben für die logischen Begriffe und mit den Kreiszeichnungen für die Urtheile und Schlüsse zerstörte vollends die Ansätze, die unser Denken zur Aneignung der Kategorien und der Denkformen machte. ? Nie hätte ich damals geahnt, daß ich selbst eines Tages sogar eine ausführliche Logik schreiben würde. Indessen wurden wir wenigstens mit der Terminologie vertraut. Unstreitig lebte in mir ein wahrhafter Erkenntnißdrang, allein in meiner ganzen Umgebung war Niemand, der mir zu rathen vermocht hätte. Ich war ganz mir selbst überlassen. Es ging mir im Philosophischen, wie im Altdeutschen. Ich verirrte mich in leere Aeußerlichkeiten, während ich innerlichst nach dem Wesen seufzte. Das Symptom, welches bei mir den Hang zur Wissenschaft schlechthin damals verrieth, war der Encyklopädismus. Ich hätte gern Alles gewußt. Immer weiter aber dehnten sich die Grenzen. Immer unermeßlicher häufte sich der wissenswürdige Stoff. Ein altes Buch von Sulzer, ein anderes von dem Hamburger Büsch über allgemeine Wissenschaftskunde, das ich irgendwo auflas, gaben mir den ersten Anstoß zu dem Versuch einer systematischen Ueberschau aller Wissenschaften.[116] Ich las und las diese Bücher ohne alle Kritik. Eine Wissenschaft schien mir so wichtig, als die andere. Da schenkte mir mein Vater zu Weihnachten 1821 Klügel's Encyklopädie der Wissenschaften, prachtvoll gebunden. Ich war entzückt, einen solchen Schatz zu haben. Die Encyklopädie enthielt eine deutsche Sprachlehre von Klügel; eine Arithmetik, Geometrie, Mechanik und Statik von demselben; eine Astronomie, Naturlehre und Naturgeschichte auch, wenn ich nicht irre, von ihm. Von Andern war eine bürgerliche Baukunst und Schiffszimmerkunst. Die theoretische und praktische Philosophie, halb Wolffisch, halb Kantisch, war wieder von Klügel. Die Geschichte hatte Remer in Helmstädt, die Geographie der außereuropäischen Länder Bruns, die Geographie Europas Stein gearbeitet. Mit dieser schloß das Werk. Man kann sich vorstellen, mit welchem Eifer ich an seine Lectüre ging. Bald aber zeigte sich, daß die Behandlung der Wissenschaften darin eine ganz andere war, als sie in dem Pädagogium herrschte. Ich verstand die Definitionen der Begriffe, welche Klügel gab, nur mühsam oder gar nicht. Die Ordnung war eine andere, als diejenige, an welche ich mich schon gewöhnt hatte. Die deutsche Sprachlehre ward bei uns nach dem sogenannten kleinen Adelung, die Mathematik, wie schon erwähnt, nach Lorentz, die Geschichte nach Kohlrausch und Wachler vorgetragen. Die Folge war, daß dies umfangreiche Werk, statt, wie der Vater beabsichtigte, mich aufzuklären, mich nur noch gründlicher verwirrte und mich noch mehr zerstreute. Ich fiel daher auf Thorheiten. Ich wandte z.B. einst eine ganze schöne Ferienzeit dazu an, zu Remer's Weltgeschichte ein Register zu fertigen, das ich dann, quasi re bene gesta, schön einbinden ließ und neben der Encyklopädie auf das Bücherbrett hinstellte. Das ganze Werk wurde mir endlich verhaßt. Ich entdeckte allmälig so viel, daß es eigentlich einem schon antiquirten Standpunkt der Bildung angehöre, mich also mehr hemmen als fördern müsse. Diese Ueberzeugung wuchs, als ich in Berlin studirte. Alls ich diese Stadt Ostern 1826 verlassen wollte, verkaufte ich die ganze Encyklopädie[117] einem Antiquar, der unter den Colonnaden der Alexanderbrücke sein Gewölbe hatte. Der schöne Einband bewirkte, daß ich es leidlich bezahlt erhielt. Als ich 1828 um Michaelis wieder nach Berlin kam, ging ich eigends nach der Colonnade hin, die abgestellten Bücher des Antiquars mir anzusehen. Und siehe, da stand die Encyklopädie noch in einem Glasschrank in aller Pracht, welche der geschickte Curtius ihr gegeben. Ich fand also keine Befriedigung, wie ich sie suchte. 1823 kaufte ich mir daher ein Taschenconversationslexikon in vier Bänden, das zugleich eine systematische Generalkarte aller Wissenschaften enthielt. Dies Werk war schon mehr im modernen Geist abgehalten und gab mir manche gute Anregung. Da es aber alphabetisch abgefaßt war und die systematische Uebersicht nur die Namen der Wissenschaften tabellarisch ohne Entwicklung der Begriffe angab, so vermehrte auch dies Buch nur meine Verworrenheit. Ich weiß nicht, wo ich es gelassen habe, aber manchmal habe ich mir seinen Besitz zurückgewünscht, weil es in der That einer höheren Auffassung huldigte. Wenn ich jetzt nach so langer Zeit auf jene Irrsale meines Jugendstrebens zurückblicke, so erkenne ich als einen Hauptfehler, daß ich so Vieles immer von Neuem aufnahm, ohne es wenigstens bis zu einem gewissen Grad zu erledigen. Hätte ich mir selbst für alle Wissenschaften die ersten Hefte, die ich für sie schrieb, so angelegt, daß ich zu den fundamentalen Bestimmungen die weiteren Kenntnisse, die ich erwarb, mit einer gewissen Leichtigkeit hätte hinzuschreiben können, etwa so, wie ich es lange mit Kohlrausch's chronologischen Tabellen wirklich machte, so hätte ich viel gediegenere Kenntnisse sammeln, viel schärfere Begriffe bilden müssen. Wie unendlich oft wiederholen wir nicht auf Schulen, auf Universitäten, im Lernen und Lehren, denselben Kreis. Man erwäge, daß im Thatsächlichen Vieles sich doch nicht ändern kann, wenn gleich die Ansichten darüber sich ändern. Die Ilias und Odyssee sind, was sie sind, mag man ihren Ursprung so oder so erklären.[118] Die römischen Könige sind, was sie sind, mag man, was wir von ihnen wissen, als Historie oder als Mythe ansehen. Eben so ist es mit Begriffen. In der Geometrie sind der Punkt, die Linie, der Winkel, das Dreieck u.s.w. in ihrer Bestimmtheit über alle Versuche hinaus, welche die Geometer gemacht haben und machen werden, uns die Genesis dieser Raumformen zu erklären. In der Poetik sind das Epos als heroisches, sei es religiöses oder nationales, als romantisch erotisches und als idyllisches feste Begriffe, in welcher Ordnung oder aus welcher Ableitung heraus man sie auch darstellen möge. Diese einfache Substanz sollte man festzuhalten versuchen. Statt dessen besteht ein großer Theil gerade unseres gelehrten Wissens darin, von zahllosen Büchern zu wissen, in denen die Gegenstände unserer Erkenntniß in der That oft nur so verschoben sind, wie die bunten Glasstücke und Perlen in einem Kaleidoskop, wenn man es ein wenig dreht. Man frage sich doch, welches denn zwischen so vielen Grammatiken, Lehrbüchern der Arithmetik und Geometrie, der Naturlehre, der Geographie und Geschichte, der Logik u.s.w. der wahrhafte Unterschied sei? Man wird, ganz Unwesentliches abgerechnet, keinen zu finden vermögen. Es wäre also ganz überflüssig gewesen, solche Bücher zu schreiben. Oft unterscheiden sie sich nur durch das größere Ungeschick und den schlechteren Styl. Die Kenntniß der Literatur hat nur dann einen Werth, wenn sie mit Kritik verbunden ist und wenn sie in eine Geschichte des Erkenntnißprozesses übergeht, der in seinen Wandlungen seine Selbstkritik vollzieht. Davon aber wußte ich damals nichts, und stopfte mein Hirn mit einer Menge inhaltloser Namen voll. Wie es möglich gewesen, daß ich so Vieles zugleich habe betreiben können, begreife ich jetzt kaum, und erkläre es mir nur durch meinen großen Fleiß. Im Sommer stand ich zwischen vier und fünf Uhr auf und diese[119] stillen Stunden bis nach sechs Uhr, wo Kaffee getrunken wurde, hatten etwas himmlisch Ideales. Ich sehe noch, wie die ersten Strahlen der Morgensonne beim Aufsehen hoch oben auf dem Giebel von Kerstens Hinterhause glänzten, bevor sie senkrechter herunterstiegen, das rege Leben des Marktgetümmels zu wecken. Und Abends hörte ich in unserer großen Schlafstube zur Winterzeit alle meine Lieben ? oft nur mit Ausnahme der guten kranken Mutter ? sanft im Schlummer athmen, während ich noch bis Mitternacht arbeitete. Die Füße froren mir oft, der Kopf glühte. Der Schirm einer kleinen Studirlampe war niederschlagen, Schatten zu verbreiten. Heut zu Tage würde ein junger, an Gaslicht gewöhnter Mensch glauben, sich die Augen dabei zu verderben. Noch eine andere Bemerkung über die Vereinfachung des Schulunterrichts kann ich mir hier nicht versagen. Sie betrifft die Ausgaben der Classiker. Ich halte nämlich für wünschenswerth, daß sie von den Schülern nur in ganz einfacher Gestalt besessen werden. Der Lehrer möge sich mit den verschiedenen Lesarten der Handschriften, mit den verschiedenen Conjecturen und Auslegungen, mit den Parallelstellen bei demselben Autor und bei andern, gründlich bekannt machen, aber für den Schüler ist dieser ganze kritische Apparat ein verderblicher Luxus, der ihn die Sache zu sehr aus den Augen verlieren läßt. Ich besaß den Virgil in der Heyne'schen, den Horaz in der Zeune'schen Ausgabe. Wie oft habe ich da nicht das Argumentum, die Animadversiones, die Excursus gelesen, ohne etwas Anderes, als Zerstreuung davon zu tragen. Das Verständniß wurde oft von der Wahrheit abgelenkt. Die Bemerkungen waren oft so überraschend trivial, daß ich mich zweifelnd fragte, ob ich sie auch recht verstanden? Selbst beim Platon, den ich nur in der Schäfer'schen Ausgabe von Tauchnitz besaß, konnte ich nicht unterlassen, die angehängten Griechischen Scholien nachzusehen, weil ich mir einbildete, in ihnen die rechte Tiefe Platons erschlossen zu finden. Darüber wurde dann dem Studium des eigentlichen Textes Zeit, Kraft und Vertiefung entzogen. Ich habe aus dem Gymnasium, abgesehen von den Wörtern und Redensarten, von Platon, der in Prima[120] bei Koch gelesen wurde, nichts verstanden, trotz oder vielmehr wegen der Scholien. Was der gute kranke Koch, auf dessen Stube wir uns versammelten, zur Erklärung sagte, verstand ich noch weniger als die Scholien. Wenn nun heutzutage sogar elementare Lesebücher, die nicht zum Selbstunterricht, sondern für die Schule bestimmt sind, mit Anmerkungen überladen werden, die Alles und Jedes erklären, so halte ich das für einen höchst unpraktischen Mißgriff. Der Schüler wird bequem, denkt nicht nach, lernt nicht das Lexikon gebrauchen und nicht seine anderweitig erlernten Kenntnisse in's Spiel setzen. Er vergißt daher ebenso schnell, als er lernt. Wenn es nach dem bisher Erzählten den Anschein gewinnen muß, als sei ich ganz in das Bücherwesen aufgegangen, so sorgte doch das Leben dafür, daß sich auch der Sinn für die Wirklichkeit entwickeln konnte. Bald war es die Familie, die zu Festlichkeiten sich vereinte, z.B. wenn der Bruder meiner Mutter, Philipp Grüson, Professor der Mathematik in Berlin, mit seiner Frau zum Besuch kam; oder wenn es eine Hochzeit von Verwandten gab; oder wenn, wie eine Zeitlang bei Onkel Hüttmann, eine Tanzstunde arrangirt war; oder wenn wir Kinder Winterszeit als Anhang zu einem Kartenkränzchen mitgenommen wurden; das mein Vater mit einigen Steuerbeamten hielt und wo wir namentlich sehr gern zum Steuerdirektor Daubert in der Accise am breiten Wege gingen, weil hier große Höfe und Bodenräume waren, in denen wir uns recht austoben konnten. Sommers hatten die Familien ein Gartenkränzchen, das in verschiedenen Gärten der Stadt, zuweilen auch vor dem Ulrichsthor, im Gummert'schen Garten, abgehalten wurde. Die Herren kegelten dann, während wir Kinder alle möglichen Spiele trieben und die Mütter für die leibliche Pflege sorgten. Aber auch das öffentliche Leben ließ es nicht an Aufregung fehlen. Zuweilen kam der König nach Magdeburg. Da gab es denn großen Zapfenstreich, große Parade, Illumination, auch des Domes (an welchem der deshalb bewunderte Glasermeister Beck die Lampen bis[121] zur Blumenkrone des Thurmes hinaufbrachte), Feuerwerk auf dem Anger vor dem Biederitzer Busch. Das waren immer köstliche Tage. Zuweilen waren es auch schreckliche Dinge, wel che die Phantasie in Anspruch nahmen. Magdeburg, als eine Festung, hatte auch sogenannte Baugefangene, die in graugelber Kleidung, mit Ketten belastet, zu öffentlichen Arbeiten verwendet wurden und denen man daher oft in den Straßen begegnete. Was erzählte man sich nicht Alles von diesen finstern Gesellen! Früherhin war der Uebergang über den Hof der Citadelle erlaubt. Wie scheu blickten wir da nicht in die Casematten, in denen die Gefängnisse der Verbrecher waren! Wie furchtbar war das Entsetzen, wenn man zufällig über den Hof kam, während eine Prügelstrafe vollstreckt ward und der Sträfling mit abgezogenen Oberkleidern das Hemd heruntergeschlagen, auf den nackten Rücken die Kantschuhiebe mit stummem Grimm oder lautschreiend empfing! Es war nur in der Ordnung, daß dieser Durchgang später verboten ward. Eines Tags kam ich mit meinem Vater über die Strombrücke. Unweit vor uns ging ein Strafgefangener, von einem Soldaten begleitet. Plötzlich schwang sich der Gefangene über das Geländer, seinen Tod in dem Wasser zu finden. Es entstand sofort ein allgemeines Halloh. Kähne stießen von den in der Nähe gelegenen Wassermühlen ab. Der Gefangene war zwar untergesunken, aber die Mächtigkeit des hier zusammengezwängten Stromes hatte ihn wieder emporgebracht. Genug, er ward wieder aufgefischt und war zwar bewußt- aber nicht leblos. In einem Eckhause, bei welchem mein Schulweg mich oft vorbeiführte und in welchem ein Schulkamerad Ziegler als Pensionär lebte, war eine gräßliche That geschehen. Zwei alte Damen, die hier zu ebener Erde wohnten, waren beraubt und ermordet gefunden. Der Mörder hatte sie theils mit Betten erstickt, theils mit der Spitze einer Kaffeetrommel schrecklich getödtet. Bald wurde der Mörder ermittelt. Es war ein Soldat, der Bruder unserer Waschfrau, die auf dem rothen Horn wohnte und eine durchaus rechtliche Frau war. Sie war außer sich über die Beschimpfung ihrer Familie. Oft begegneten wir nun dem Unglücklichen Mittags in der Klosterstraße, wenn er vom Inquisitoriat mit einer Wache wieder nach der[122] Citadelle zurückgeführt wurde. Man hatte ihm zwei Hörner von Holz auf den Kopf gesetzt, an welchem sich Schellen befanden. Endlich wurde er zum Tode durch das Rad verurtheilt. Er war reumüthig und sehnte sich zu sterben. Das Schaffot ward vor dem Krökenthor aufgerichtet. Man durfte es Tags zuvor besehen. Ich ermangelte nicht, mit einigen Kameraden hinzugehen, um von der Vorrichtung zum Rädern einen Begriff zu bekommen, denn die Balken mit den Austiefungen zum Zerbrechen der Knochen waren schon befestigt. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Am andern Morgen herrschte eine feierliche Dumpfheit in der Stadt. Ich lief noch nach dem breiten Wege, wo der Zug vorüber kam, der in seiner Mitte den bleichen, langbärtigen, elenden, armen Sünder auf einer Schleife hatte, die mit einer Kuhhaut bedeckt war. Ich schauderte, ich weinte, ich wollte dem Zuge folgen, aber ich konnte es doch nicht über mich gewinnen und schlich wieder nach Hause, wo ich in einer unbeschreiblichen Seelenangst zubrachte, bis die rückkehrenden Menschenmassen, die sich erzählend durch die Straßen drängten, das Geschehensein der Hinrichtung ankündigten. Erst allmälig legte sich bei mir die Aufregung. Auch eine mehrere Jahre später erfolgende Hinrichtung durch das Beil konnte ich mich nicht entschließen, anzusehen. Von dem mannigfaltigen Aberglauben, der sich bei diesen Gelegenheiten in Betreff der fabelhaften Wirkungen kund gab, welche ein Stückchen in das Blut der Hingerichteten eingetauchtes Zeug oder gar ein Haar oder Knochen von ihnen haben sollte, kann man sich jetzt kaum noch eine Vorstellung machen. Sie bildeten wochenlang das Tagesgespräch. Die Festung hatte auf ihren beiden Thoren einen kurzen Thurm. In dem nördlichen wurde ein großes Feuerwerk zubereitet, das am 3. August, dem Geburtstage des Königs abgebrannt werden sollte. Durch irgend einen Zufall entzündete es sich. Der Thurm flog in die Luft und das explodirende Pulver schleuderte die großen Sandquadersteine, mit denen er an den Ecken eingefaßt war, weit umher. Der Krach war ungeheuer. Alle Fenster erbebten. Es war Morgens etwa um 9 Uhr. Wir Schüler stürzten mit den Lehrern auf den Spielplatz, bis wir den Grund erfuhren. Als ich Mittags nach Hause kam, hörte[123] ich, daß mein Vater sich gerade, weil er Holz auf einer Holzstrecke bestellt hatte, auf dem außen vorüberführenden Wege befunden hatte. Einer der mächtigen Quadersteine war unweit von ihm durch das Dach eines Hauses niedergeschlagen, das einem Bäcker gehörte. Er war ganz unbeschädigt davon gekommen. Bei solchen Gelegenheiten mag man nun von Zufall reden, so viel man will, so wird man ein Dankgefühl für die Gunst des Zufalls nicht unterdrücken können. Bei uns aber, da wir alle fromm waren, verwandelte sich dies Gefühl in den gerührtesten Dank gegen Gott und wir umarmten und küßten den lieben Vater mit Inbrunst, daß er einem schrecklichen Tode entgangen und uns gleichsam neu geschenkt war. Eine eigenthümliche Welt wurde mir auch durch den Umgang erschlossen, in dem ich mit Jacob Simon, dem Sohn eines jüdischen Wattenfabrikanten am breiten Wege, trat. Es war ein vortrefflicher Mensch, den ich sehr geliebt habe, obwohl wir in späteren Jahren außer allem Verkehr kamen. Seine Eltern waren ebenfalls ganz ausgezeichnete Menschen; der Vater aufgeklärt, die Mutter orthodox. Zwei Schwestern, Emma und Julie, waren sehr liebenswürdige Mädchen; die ältere etwas sentimental, die jüngere, die nach orientalischem Typus schön war, schalkhaft und mit großem musikalischen Talent ausgestattet. Der erste Commis, Fröhlich, gehörte gleichsam zur Familie. Es war ein kleiner beweglicher Mann, der an Bildungseifer mit den Kindern seines Prinzipals um die Wette sich bemühte. Er war ein Rigorist in der Moral, aber gegen Andere voller Freundlichkeit und Dienstfertigkeit. Ein eigener trockener Witz stand ihm zu Gebot. In dieser Familie lernte ich nun erst alle die Widersprüche kennen, in welche das moderne Judenthum inmitten einer christlichen Bevölkerung verfällt. Welche seelenzerreißende Kämpfe entspinnen sich daraus! Ich dachte anfänglich gar nicht an den confessionellen Unterschied. Ich kam und ging mit höchster Unbefangenheit und wurde stets mit der größten Freude empfangen. Ja, man trug mich auf Händen und widmete mir eine Zärtlichkeit weit über mein Verdienst, die mich rührte, indem sie mir schmeichelte. Nie ist es mir im entferntesten eingefallen, meinerseits das christliche Element hervorzukehren. Erst nach mehreren[124] Jahren, sehr allmälig, wurde ich inne, wie die Mutter, festhaltend am mosaischen Glauben, sich zu grämen anfing, als die Kinder zum Christenthum sich hinzuneigen begannen und wie der Vater, wenn er auch als aufgeklärter Mann tolerant war, doch sehr empfindlich berührt ward, als sein Sohn entschieden zum Christenthum übertrat und sich taufen ließ. Emma, die älteste Tochter, ließ sich ebenfalls taufen, um einen christlichen Beamten zu heirathen. Julie mußte der Mutter versprechen, wenigstens so lange sie lebe, in dem Glauben der Synagoge zu verharren. Als die Mutter endlich gebrochenen Herzens starb, wurde auch sie Christin und heirathete ebenfalls einen christlichen Beamten. Fröhlich hatte sich in Emma verliebt. Als sie einem Christen die Hand gab, wurde er menschenscheu und starb plötzlich. Er hatte in den letzten Jahren seines Lebens viel Sonderbarkeiten gezeigt. So gehörte es zu seinem größten Vergnügen, zur Sommerzeit mit Sonnenaufgang nach dem Biederitzer Walde zu gehen, einen Band von Jean Paul in die Tasche zu stecken, sich einen recht einsamen Fleck auszusuchen, auf einen Baum zu klettern und in dieser vogelartigen Situation sich Jean Paul laut vorzulesen. Mein geliebter Jacob war von großer Empfänglichkeit. Schnell reizte ihn Alles. Schnell assimilirte er. Schnell ahmte er nach. Aber es fehlte ihm an Ausdauer, um es in einer Kunst oder Wissenschaft zu etwas Bedeutenderem zu bringen. Auch neigte er in der Ausführung zu extremen Formen. Er hatte, wie die meisten Juden, musikalisches Talent; er lernte zuerst die Violine, dann auch das Clavier. Erstere spielte er gut. Auch dem Cello wandte er sich zu. Alle Sprachen lernte er leicht. Mit Leidenschaft warf er sich auf das Griechische, als Primaner auch auf die Kunstgeschichte, in welcher er mir mit dem Studium Winkelmann's imponirte, den ihm sein Vater schenkte. An Geld zu Büchern und Kunstgenüssen ließ dieser überhaupt es ihm nicht fehlen. Es steckt im modernen Juden ein ungeheurer Drang nach Bildung, denn durch sie kann er thatsächlich beweisen, daß er werth ist,[125] in gesellschaftlicher Beziehung jedem Andern gleichgestellt zu werden. Der Jude entwickelt daher eine ungemeine Rührigkeit. Das energische Naturell seiner Race unterstützt ihn in seinem Bemühen. Hat er aber einen gewissen Grad von Fertigkeit erreicht, durch den es ihm gelingt, sich mit Erfolg geltend zu machen, so wird er oft stehen bleiben. Seinen Arbeiten auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft haftet daher oft im Inhalt etwas Eklektisches, in der Form etwas Aeußerliches an. Die reine, sich in sich vertiefende Originalität, die continuirliche Tendenz in's Unendliche, ist daher unter den jüdischen Talenten eine seltene und in Erwägung aller Umstände, welche den Juden in älterer Zeit hemmten, um so ruhmvoller anzuerkennende. Aus den vielfachen Studien meines Freundes Simon ist zuletzt nichts besonderes hervorgegangen, so große Erwartungen ich oft von ihm hegte. Er ist gestorben, ohne etwas Anderes, als ein paar Bände Predigten, zurückzulassen. In seiner Jugend war er der heiterste Mensch, der für das Komische vielen Sinn hatte, so daß ich mich kaum erinnern kann, mit irgend Jemand mehr als mit ihm gelacht zu haben. Ich mußte oft über sein Lachen lachen. Wurde ich so mit dem jüdischen Element in eine Berührung gesetzt, die sich in meinem Leben noch unendlich oft wiederholen sollte, da ich stets mit vielen ungetauften und getauften Juden und Jüdinnen Umgang gehabt habe, so wurde ich nach einer andern Seite auch einmal wieder, jedoch sehr vorübergehend, mit dem Katholicismus der mir in meiner Kindheit vom Neustädter Nonnen-Kloster her nicht fremd war, in ein näheres Verhältniß gebracht. Eine Cousine von mir, die Oberamtmann Schulz, eine reiche Wittwe, war mit dem Hauptpfarrer der katholischen Kirche, Döleker, sehr befreundet. Durch sie lernte mich dieser Mann kennen und fand an mir einen gewissen Geschmack, weil ich mich des Mittelalters wegen auch der ästhetischen Seite des Katholicismus zuwendete, die ja in der Romantik stets außerordentlich gefeiert ward. Die Burgen nicht nur, auch die Klöster, und die gothischen Kirchen, der Cultus der Messe, der Mariendienst, waren ja Lieblingsgegenstände der Romantiker. Der Pfarrer Döleker hatte die Güte, mich mit der Einrichtung der Kirche genau bekannt zu machen. Er[126] wies mir auch den Mechanismus des Beichtstuhls. Er schloß die großen Schränke auf, in denen die Prachtgewänder des fungirenden Priesters hingen und erklärte mir ihre Farben, ihren Schnitt, ihren Gebrauch. Er borgte mir auch den Prudentius, nachdem ich ihm einige Bekanntschaft mit Boethius verrathen hatte. Aber diese Eindrücke hafteten nicht tief. So poetisch mir das katholische Element immer von Außen her erscheint, wenn ich nicht selbst dabei betheiligt bin, so beklommen macht es mich, wenn ich mich innerhalb seines magischen Kreises stellen soll. Dann empört sich sofort mein Verstand gegen alle Wunder seiner Heiligen, gegen den Exorcismus seiner Sacramente, gegen die Apotheose der Maria. Mein Freiheitsgefühl aber empört sich gegen die Abhängigkeit des Laien vom Priester. Ich war zu tief aus der reformirten Kirche hervorgegangen, als daß ich zwischen mir und Gott irgend eine menschliche Vermittelung hätte ertragen können. So sehr ich daher die berechnete Ordnung des Kirchendienstes, die Symbolik des Cultus in ihren Kleidern, Gefäßen, Rauchopfern, Weihwassern und Ceremonien, so sehr ich kirchliche Baukunst, Malerei und Musik bewunderte, so empfand ich doch dies Alles nicht anders, als ich auch die Schönheit des antiken Hellenischen Cultus genoß, dessen Wirklichkeit mich noch weniger zu befriedigen vermocht hätte. Mein Erstaunen, meine zustimmenden Aeußerungen über Zweckmäßigkeit und Schönheit dessen, was der gefällige Mann mir zeigte, erreichten bald eine Grenze, wo ich fühlte, daß ich unwahr zu werden anfing. Ich hörte daher bald auf, zumal auch meine Neugier gesättigt war, den Herrn Pfarrer zu besuchen. Einige Jahre später sollte ich allerdings selbst einmal von Innen heraus in eine katholisirende Anwandlung verfallen. Sie hing mit meinem theologischen Studium zusammen, wurde aber bald überwunden. Aus dem bisher Gesagten erhellt schon, daß das kirchliche Leben mich in meiner Jugend viel beschäftigte. Von Hause aus gehörte ich der reformierten Kirche an; diese stellte sich mir aber in dreifacher Gestalt dar: als wallonische am Petersberge, wo ich getauft und confirmirt ward und in welche die Familie meiner Mutter, das zahlreiche Geschlecht der Grüson's, eingepfarrt war; als französische in einem nicht sehr großen Gebäude auf einem von Häusern eingeschlossenen Hofe im[127] Jacobiviertel, und als deutsch-reformirte am breiten Wege, in der Nähe des Sudenburger Thores. Die Familien dieser drei Kirchen, die sogenannten Colonisten oder Réfugiés, waren aber alle unter einander verwandt. Unser Wirth, Defoy, war ein Vorsteher der deutsch-reformirten Kirche. In diesen drei Kirchen betrachtete ich mich daher als zu Hause, und ein Besuch des Gottesdienstes in der französisch- oder deutsch-reformirten Kirche ward selbst von der Mutter ziemlich ebenso gerechnet, als wenn ich in die wallonische ging. Ueberall fand ich in diesen Gemeinden Verwandte und Bekannte aus den Familien Coqui, Lhermet, Ravia, Seiffert, Bonte u.s.w. Die lutherische Kirche war mir durch die Jacobikirche ganz vertraut geworden, weil wir über fünf Jahre ihr gegenüber gewohnt hatten und ich durch unsern Wirth, den Zimmermeister Struve, der die Holzbau-Reparaturen besorgte, sowie durch die Familie des Todtengräbers und Glockenläuters Wittich ganz mit allen Einzelheiten mich befreundete. In der Zeit der Erhebung gegen Frankreich hörte ich hier auch oft die Predigten der alten Pfarrer Treuding und Breytung im Abendgottesdienst. In die katholische Kirche kam ich nur selten, mit Ausnahme der geschilderten Episode. Sie war mir mehr als malerisches Schauspiel merkwürdig. In die Synagoge der Juden bin ich aber trotz meiner genauen Bekanntschaft mit dem Simon'schen Hause gar nicht gekommen. Amazon.de Widgets Nun sollte ich aber auch noch eine evangelische Secte kennen lernen. Unter meinen Schulkameraden waren drei Brüder Nöldchen, Söhne eines Salinen-Inspectors aus Schönebeck. Sie zeichneten sich durch Talent und Betragen aus, und ich sowohl als Volk und Simon wurden mit ihnen befreundet. Der zweite von diesen Brüdern, Julius, wurde von Volk vorzüglich geliebt, während ich mich mehr zu Bernhard, dem ältesten, hingezogen fühlte. Julius hatte gegen mich immer ein sonderbar neckendes Benehmen, das mir zuweilen albern erschien. Er vernachlässigte sich auch oft, aber epochenweis trat er wieder mit merkwürdiger geistiger Energie hervor, sowie auch seine seltsamen Neckereien gegen mich, die sogar in cynische Töne herunterfielen, gewiß nur ein barocker Ausdruck seiner Anhänglichkeit an mich waren. An einem Sonntage, wo die Klosterschüler zur Kreuzhorst gewallfahrtet[128] waren, ging ich mit Volk und Oppermann vor der hohen Pforte das Elbufer entlang hinter dem Trümmerberg der Neustädter Kirche bis zu dem dicken Weidicht. Dies liebten Oppermann und ich besonders. Wir gingen gern dorthin, zogen uns aus, badeten in dem flachen Uferwasser, gruben uns nackt in den warmen Sand und ergötzten uns in tausendfältigem Muthwillen, wie junge Wilde von Otaheiti oder Nukahiva. Oppermann konnte unerschöpflich in burlesken Späßen sein. Volk theilte unsere Badelust nicht. Jener Nachmittag war schwül; der Himmel war verschleiert. Ein traurig gedämpftes Licht lag mit falber Erstorbenheit auf allen Gegenständen. Es kam keine Laune unter uns auf. Wir kehrten bald wieder um, wurden müde in der Hitze und setzten uns zum Ausruhen auf einen Kahn, der am Ufer lag, indem wir den Blick über den Strom bis nach dem schräg gegenüberliegenden Herrnkrug schweifen ließen. Da gewahrte Volk in der Ufernähe eine todte Wasserratte, die auf dem trägen Spiegel unbeweglich zu liegen schien, weil das Schwanzende unterhalb von einem Stein festgehalten werden mochte, oder weil die Wellenbewegung hier zu schwach war. Sofort schlug er vor, diesen Gräuelanblick zu tilgen und das Thier mit Steinen zu bewerfen, bis es untersänke. Es geschah; wir schleppten Steine zusammen und brauchten fast eine Viertelstunde, bis das Wasser über den Leichnam hinspülte. Es war ein wunderlich widriges Beginnen, das uns nicht aufheiterte. Mißgestimmt schlichen wir nach Hause, wo ich noch von 6 bis 8 Uhr tüchtig arbeitete, aus der trüben Lässigkeit, die mich gefesselt hielt, herauszukommen. Am andern Morgen, als ich zum Kloster kam, erfuhr ich, daß Julius, weil er sich nicht recht wohl gefühlt, nicht mit zum Kreuzhorstforste gezogen war. Am Nachmittag hatte er aber Lust zum Ausgehen verspürt und war mit noch einem Schüler nach dem Herrnkrug gewandert. Hier hatte die übermäßige Hitze sie zum Baden verlockt und Julius war ertrunken ? gerade in derselben Zeit, als wir am gegenüberliegenden Ufer uns bemüht hatten, jene Thierleiche mit Steinwürfen unter das Wasser zu versenken. Wir Alle waren schwer von dem Unglück betroffen, Volk aber besonders, da er Julius so sehr bevorzugt hatte. Er wurde eine Zeit lang ganz melancholisch und wollte nun durchaus in unserem Spaziergang,[129] in unserer unlustigen Stimmung und in unserem kindischen Beginnen, weil es der Zeit nach mit dem Tode des hoffnungsvollen Jünglings zusammentraf, etwas Ahnungsvolles, Mystisches sehen. Mein Rationalismus sträubte sich gegen solche Annahme, allein Volk hatte eine so große Uebermacht über mich und sein Schmerz ging mir so nahe, daß ich seinen leidenschaftlichen Ergüssen gegenüber verstummte. Der Wohnort Nöldechen's, Schönebeck, ist von Magdeburg zwei Meilen entfernt. Das Salzwerk mit einer großartigen Gradiranstalt war allein schon eines Ausfluges werth. Die Solenschen Berge lockten mich wegen ihrer Mineralien, weil ich mehrfach, wie schon erwähnt, versteinerte Muscheln auf ihnen fand. Wir wanderten daher zuweilen Sonntags hin und her. Bei Schönebeck aber liegt eine Herrnhuter-Colonie, Gnadau, die wir auch gelegentlich besuchten. Mit dem Herrnhuter Gesangbuch war ich aus dem kleinen Bücherapparat meines elterlichen Hauses bekannt. Die Namen der über den ganzen Erdboden verstreuten Herrnhutischen Gemeinden waren mir ganz geläufig; der süßliche Ton in der Liederdichtung der Brüder ein unverstandenes Räthsel. Daß aber eine einfache Gesellschaft frommer Menschen zu einer solchen Ausbreitung und Macht gelangen konnte, war mir an der Secte höchst merkwürdig. Ich betrat daher Gnadau das erste Mal mit wahrer Ehrfurcht. Wir besahen uns das Bethaus. Die einfache Tracht der Brüder und Schwestern, das stillfreundliche Betragen derselben, ihre Betriebsamkeit in Industrie und Handel, die überall herrschende Ordnung und Sauberkeit machten einen sehr wohlthätigen Eindruck auf uns. Wir tranken im Gasthause vortrefflichen Kaffee und kauften für unsere Schwestern noch in einer Conditorei einige Näschereien zum Geschenk. Nach dem Tode von Julius wandte Volk seine Neigung theils dem jüngsten Nöldechen, Wilhelm, vorzüglich aber einem Mitschüler, Klee, zu, mit welchem auch ich, nachdem Volk abgegangen, ebenfalls sehr innig mich verband und das ganze Leben über in Freundschaft blieb, zumal wir durch seine Verheirathung sogar weitläufig verwandt wurden. Klee gehörte zu den frühreifen Menschen. Er war klein von Gestalt, aber sehr lebhaft und von den angenehmsten Sitten. Mit[130] sechszehn Jahren war er in Oberprima und nach Volk's und Oppermann's Abgang war er, als ein ausgezeichneter Lateiner, längere Zeit der einzige Operprimaner. Klee vergötterte Jean Paul, dem ich damals noch keinen rechten Geschmack abgewinnen konnte, obwohl Strebe ihn uns sehr empfahl und mein eigener Vater sich aus der Lectüre seiner Romane ein Fest machte. ? Von Jean Paul wurde Klee zu Jacobi's Philosophie geführt, worauf ich später zurückkommen werde. Ich bewunderte Klee's Fassungskraft, daß er Jean Paul so gründlich zu verstehen schien, während mir mehrere Anläufe, die ich damals machte, gänzlich mißglückten. Noch mehr aber bewunderte ich Klee, als er eigentlich philosophische Schriften förmlich zu studiren begann, denn ich selbst bildete mir ein, daß sie für mich noch viel zu schwer seien. Klee wollte Jurist werden und im letzten Semester seines Schulaufenthaltes fing er an, das Naturrecht von Schmalz vorzunehmen, um sich für die Universität damit vorzubereiten. Auf unsern Spaziergängen referirte er mir von seinen Studien. Ich bekenne, daß mir diese Definitionen von Person und Sache, von Erwerbung des Eigenthums, von der Verschiedenheit der Verträge, vom Verbrechen und den Strafarten u.s.w. unendlich dunkel waren. ? Schmalz war Kantianer, und so kam denn das Princip der Kant'schen Philosophie, die Unterscheidung von Erscheinung und von Ding-an-sich, unter uns zur Sprache, mit welcher auch der Rector Solbrig uns jeweilig imponirte. Ich gerieth über solche Bestimmungen in Beängstigung. Der Kant'sche Ausdruck, daß unsere Vernunft gesetzgebend sei, wollte mir durchaus nicht einleuchten, theils weil ich vom Religionsunterricht und von den vielen Predigten her, die ich hörte, Gott als den alleinigen Gesetzgeber anzusehen gewohnt war, theils weil ich, in meiner großen Liebe zur Natur, trotz des schlechten Unterrichts, den ich in ihrer Wissenschaft empfing, doch überall in ihr, sowohl in ihrer physikalischen, als in ihrer organischen Gestalt, die allgemeinste und folgerichtigste Gesetzmäßigkeit zu erkennen und zu verehren gelernt hatte. Wie es nun möglich sein konnte, daß unser Selbstbewußtsein die Gesetze enthalten solle, nach denen die Erscheinung sich zu richten habe, war mir damals ganz unverständlich. Ich begriff sehr wohl, daß die Gesetze unseres Denkens, die uns in der Philosophie der Sprache und in der[131] Logik vorgetragen wurden, die nothwendige Form sein müßten, in welcher wir die Erfahrungs-Thatsachen zu erfassen genöthigt seien, aber ich begriff nicht, wie man, Gott und der Natur gegenüber, behaupten dürfe, daß unsere Vernunft gesetzgebend sei! Im Stillen wunderte ich mich, da ich doch sonst meinen Gefährten nicht eben nachstand, über meine Beschränktheit. Ich vermuthete auch hier, wie in der Mathematik, ganz aparte Geheimnisse, die zu durchdringen mir versagt seien. Ich rückte mitunter, wenn mir die Widersprüche zu klar schienen, mit meinen Einwürfen dreist hervor. Dann aber fing Klee an, die Wörter Subject und Object, transscendent und transscendental, Begriff und Idee, Verstand und Vernunft mit solchem Nachdruck spielen zu lassen, daß ich einsah, mich in Demuth fügen zu müssen. In diesen Gesprächen mit Klee über das Naturrecht wurde mir die Nothwendigkeit, mich mit der neueren Philosophie zu beschäftigen, zum ersten Male klar. Mit welch' erhöhter Ehrfurcht staunte ich nun erst den Prediger Mellin an, wenn ich ihm auf der Straße begegnete oder wenn ich eine Predigt bei ihm hörte; denn dieser dicke, wohlhäbige Mann hatte ja ein vielbändiges Wörterbuch der Kant'schen Philosophie geschrieben. Er war also im Besitz aller der Dinge, die für mich so quälerische Räthsel waren. Was mußte aber nicht Kant selbst erst für ein Riese gewesen sein! Die ersten Gedanken, die ich gehabt hatte, waren, wie ich erzählt habe, bei mir aus dem Erschrecken über die Unendlichkeit der Welt entsprungen. Ich wußte nicht, daß es Gedanken waren. Eine zweite Hauptanregung ward mir durch den Streit gegeben, den Heuke's Aufsatz: »Keine Rose ohne Dornen« in unserem Journal hervorgerufen. Bei dieser Angelegenheit war das innere Verhältniß des Negativen zum Positiven lebhaft zur Sprache gekommen, aber in einer noch ganz eudämonistischen Fassung der Begriffe von Lust und Unlust. Unwillkürlich hatten wir auch die Veränderung der Dinge berühren müssen und bei dieser Wendung war mir ganz deutlich geworden, daß das Quantum der Materie an sich im Weltall nicht vermehrt und nicht vermindert werden könne, sich also, wie es sich auch im Besondern durch chemische Processe und Formgestaltung verändere,[132] gleich bleiben müsse. Ohne anzunehmen, daß eine neue Schöpfung zur gegebenen neue Materie hinzufüge, kann die Materie an sich weder größer noch kleiner werden. Dies war mir mehrere Wochen lang eine ganz interessante Betrachtung. Eine weitere Hauptanregung zu tiefem Nachsinnen hatte mir die erwähnte Lectüre von Sonnenberg's Donatoa gegeben. Der Gedanke der Zukunft der Geschichte hatte sich dadurch bei mir festgesetzt. Welche Kämpfe stehen unserem Geschlecht noch bevor? Wird die Geschichte sich in's Unendliche hin fortpflanzen? Wird sie ein Ende haben durch eine Zerstörung dieses Planeten? Wird sie gleichsam von Innen aus durch Selbstvollendung des Menschengeschlechts sich abschließen? Haben auch andere Gestirne eine Geschichte? Darf die Geschichte des Menschengeschlechts sich für den Mittelpunkt des Universums halten, auf welche die Geschichte anderer Welten, wenn sie eine haben, sich nur ergänzend bezieht? O Heroal und Herkla, ihr hohen Menschen der Zukunft, wie trug ich Euch in meinem Herzen, wie erschient ihr mir in meinen Träumen! Wie malte ich mir die Majestät des Weltgerichts aus! Aber diese Gedanken waren noch zu gewaltig für meine damalige Bildung. Sie drückten mich nieder; sie machten mich melancholisch. Volk und Heuke ironisirten mich. Es mag mir zum Glück gewesen sein. Ich schlug sie mir endlich aus dem Sinn oder barg sie wenigstens tief, tief in meiner Seele, wo sie von Zeit zu Zeit sich zu regen versuchten, wie die erdumwälzenden Titanen, über welche die neuen Götter Berglasten hingethürmt hatten. So weit war ich in Leben und Wissenschaft gekommen. Ich war immer gesund gewesen, aber nun sollte ? im Frühjahr 1822 ? eine schreckliche Krankheit mich eine Zeit lang gänzlich niederwerfen und einen wichtigen Abschnitt bei mir bilden. Es war um Pfingsten. Ich hatte in der Frühe einen Freund, der in die Ferien ging, auf dem Wege nach Oschersleben begleitet und kam Mittags sehr erhitzt nach Hause. Bei Tische wurde mir außerordentlich unwohl, so daß ich aufstehen mußte, ohne etwas genießen zu können. Man schickte zum Arzt. Dies war nicht mehr jener alte, joviale Hausfreund Hoppe, sondern ein junger, ernster Mann, Namens Weinschenk. Er verordnete einen Aderlaß und Bettruhe. Den andern Tag erklärte er den Ausbruch eines[133] gastrisch-nervösen Fiebers. Ich lag mehrere Wochen, magerte zum Skelett ab und mußte doch noch, als ich genas, Bitterwasser trinken, was mich andauernd schwächte, so daß, als ich die ersten Ausgänge versuchte, mein guter, lieber Vater mich unter den Arm nahm, mit ihm den Fürstenwall zu besuchen, der die einzige Promenade innerhalb der Stadt ist und die reinste Luft bietet. Seit dieser Krankheit habe ich eine Geneigtheit zu gastrischen Affectionen behalten, und bis ich mich verheirathete, verlief selten ein Jahr ohne eine solche. Als ich, mit Noth dem Tode entronnen, wieder zu Kräften kam, was sehr allmälig geschah, war ich in allen meinen Gefühlen unendlich reizbar geworden. Meine romantische Excentricität steigerte sich. Meine Handschrift veränderte sich. Ich habe diese Thatsache noch ganz deutlich vor Augen. Ein Freund unseres Hauses, der Registrator Kämmerer, hatte mir zur leichten Lectüre während des Fiebers den Gil Blas geliehen, den ich mit großem Vergnügen las und mir darüber ein kritisches Referat in meine mir noch vorliegenden Excerptbücher schrieb. Dies Urtheil hat noch die Züge meiner älteren Handschrift. Einige Wochen darauf übersetzte ich metrisch aus Euripides Iphigenie in Tauris die Wiedererkennungs-Scene zwischen Iphigenie und Orest; diese Uebersetzung hat die umgewandelten Züge. Meine Stimmung war eine so zu sagen hyperidealische, die sich ganz dem Mittelalter zuwandte. Einige Bücher, auf die ich verfiel, nährten meine Schwärmerei, wie Tieck's Phantasus, Tieck's Octavian, die Bekanntschaft mit des Knaben Wunderhorn, mit der Wilkina- und Niflungasage, eine im burschenschaftlichen Sinne abgefaßte Sammelschrift: Des Knaben Luftwald, worin die Herrlichkeit des alten deutschen Reiches, das Zunftwesen, das Turnen, der Schlangentödter Sigfried u.s.w. überschwänglich gepriesen war. Wohlthätiger wirkte eine andere Sammelschrift aus Wien: Beiträge zur Bildung für Jünglinge, in welcher die Gedichte eines gewissen Ottenwalt mich im höchsten Grade ansprachen, weil sie meine eigensten Empfindungen ausdrückten. Mittelmäßige Schriften können uns, sofern sie uns über uns aufklären helfen, doch sehr förderlich sein. Von diesem Ottenwalt, der eine Fahrt in's Gebirge so reizend beschrieb und die Wehmuth und Sehnsucht des[134] Jünglingsherzens mir so ganz aus der Seele schilderte, erwartete ich einen großen Dichter der Nation. Ich schrieb mir Vieles aus seinen Gedichten ab, das ich oft wieder las. Ossian's nebelgraue Sagen in der Stollberg'schen Uebersetzung entzückten mich nicht weniger und förderten die sentimentale Auflösung meines Gemüths über alle Schranken. Da war es denn ein Glück, daß ich auch zur Lectüre eines Buches kam, durch welches ich doch einigermaßen wieder auch einem höheren Gedankenleben zugeführt ward, wenn es auch theilweise dem romantischen Dämmer entsprungen war. Dies Buch war Steffens treffliche Schrift: Die gegenwärtige Zeit und wie sie geworden. Steffens war ein herrlicher Mensch, eine geniale Natur. Wenn man aus dem Kreise der Schelling'schen Schule einen Philosophen nennen soll, der Natur und Geschichte mit wirklich intellectueller Anschauung auffaßte und das höchste Talent besaß, seine Anschauung auch vortrefflich auszudrücken, so darf man Steffens nennen. Sein Fehler war eine zu große Breite. Er hatte sich nicht in der Gewalt und wiederholte sich auch zu häufig in gewissen Lieblingswendungen. Seine Bücher schwollen gewöhnlich zu sehr auf und trieben zu viel üppige Wildschößlinge, allein Alles kam bei ihm aus dem tief bewegten Geist und dem vollen Herzen. Er hatte sich in Deutschland, in Preußen eingelebt und begleitete die verschiedenen Wandlungen der Zeit als ein aufmerksamer Beobachter. Das obengenannte Buch rollte zuerst ein farbenhelles Gemälde der Weltgeschichte auf, worin der Nationalcharakter der verschiedenen Gruppen der europäischen Völkerfamilie und die Hauptepochen ihrer Entwickelung zwar nicht immer richtig, aber doch im Ganzen treu skizzirt sind, umschließ lich die Gegenwart einer eingehenden Kritik zu unterwerfen. Ich wurde hier zum ersten Mal mit der Wichtigkeit der Frage der Preßfreiheit bekannt gemacht. Später habe ich eingesehen, daß Steffens Werk eine Wiederholung und Nachahmung der Fichte'schen »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters«, jedoch von einem andern Standpunkte aus, war. Fichte erblickte in dem Stadium zwischen der Revolution und den Freiheitskriegen in der Gegenwart das Zeitalter der absoluten Sündhaftigkeit und geißelte seine Gebrechen mit scharfer Satire. Steffens, zwischen dem Freiheitskriege und der Restauration, fühlte sich von der Erhebung der Nation, welche Fichte durch seine Reden so mächtig hatte[135] fördern helfen, ermuthigt, war aber nicht ohne Besorgniß über den Gang, den die Entwickelung im Frieden einschlagen würde. Der Horizont meines Blickes wurde durch Steffens sehr erweitert, allein das hinderte nicht, daß ich nebenher in den elendesten Subjectivismus verfiel und in ihm viel Stimmung und Zeit verschleuderte. ? Meine Schwester hatte eine Freundin, die Tochter eines Brauers auf der Stephansbrücke. Da ich nun meine Schwester, wenn sie dort zum Besuch war, Abends abholte, oder umgekehrt, wenn Fräulein Caroline bei meiner Schwester gewesen war, diese nach Hause brachte, so wurde auch ich mit ihr und ihrer Familie, und dadurch mit einem Vetter derselben, dem Sohne eines Predigers aus der Gegend von Brandenburg, Kersten, bekannt, der unter seinen Verwandten für ein Genie galt und der bei einem Besuch in Magdeburg eine schwärmerische Zuneigung zu mir faßte. Er war noch auf dem Gymnasium in Brandenburg und sollte Theologie studiren. Wir traten in Briefwechsel, voll von himmlischen Freundschaftsversicherungen. Da aber kein realer Gehalt vorhanden war, der uns ernstlich verbunden hätte, so artete der Briefwechsel bald in's Leere aus. Ohne das Interesse der hübschen Caroline Hoyer an unserer Correspondenz würde dieselbe auch gewiß sehr bald in's Stocken gerathen sein. Kersten bezog ein Jahr vor meinem Abgang vom Pädagogium die Universität Berlin, wo er bei einer Schwester wohnte. Als ich nun Ostern 1824 dorthin kam und ihn besuchte, zeigte sich sogleich, daß wir uns eigentlich nichts zu sagen hatten. Ich fand gar keinen tieferen Berührungspunkt mit ihm heraus und er schien mir überhaupt ein ganz anderer Mensch, als der zu sein, an welchen ich so viel überschwängliche Briefe gerichtet hatte. Es waren etwa zwei Jahre, daß wir uns persönlich nicht gesehen hatten, und in der Jugend sind zwei Jahre eine lange Zeit, während welcher die Individuen sich schnell umgestalten. Gewiß machen fast alle Jünglinge ähnliche Erfahrungen und verwundern sich über den Contrast ihrer Vorstellungen mit der Realität. Die halb künstlich gespannte, idealisirte Correspondenz hatte uns über unser eigenstes Wesen getäuscht. Nachdem Kersten meinen Besuch erwidert hatte, war unser Umgang beendet. Wenn wir uns zufällig einmal sahen, grüßten wir freundlich, aber ohne weitere Anziehung auf einander zu üben.[136] Viele meiner Bekannten verließen vor mir das Pädagogium, theils um die Universität zu beziehen, theils um sich dem Kaufmannsstande, dem Baufach oder sonst einem Betriebe zu widmen. Zu den Ersteren gehörten außer Bernhard Nöldechen, der sich der Theologie ergab, Volk und Oppermann, die Ostern 1823 nach Göttingen abgingen, die Rechte zu studiren. Das war nun ein großes Ereigniß für uns, und fast noch mehr für mich, den Zurückbleibenden, als für meine Freunde, mit denen ich in Briefwechsel trat. Es war Alles so unerhört, was sie mir schrieben, daß der lebhafteste Wunsch entstand, sie zu besuchen und dies fabelhafte Göttingen selber zu sehen. Meine guten Eltern gewährten mir die Mittel, in den Hundstagsferien 1823 diesen Wunsch zu befriedigen. Ich machte mich mit Simon und Klee unter der Anführung des Lehrers Wilke zu Fuß nach dem Harz auf, den ich so oft am Horizont als eine dunkle blaue Linie gesehen hatte. Wir besuchten zuerst den Unterharz, Ballenstädt, Blankenburg, Quedlinburg, Thal, die Roßtrappe, das Selkethal, den Falkenstein. Dann wandten wir uns durch das Rübethal der Richtung auf den Brocken zu, besahen unterwegs die Biels- und Baumannshöhle mit ihren seltsamen Tropfsteinbildungen, ergötzten uns an den Schnarcherfelsen zwischen Schirke und Elend und gelangten über die Heinrichshöhe auf den Brocken, wo indessen die Aussicht sowohl am Abend als am andern Morgen durch trübes, mitunter regnerisches, kaltes Wetter sehr verkümmert ward. Das Bewußtsein aber, uns auf dem höchsten Punkt von ganz Norddeutschland zu befinden, tröstete uns hierüber, wie über alle ausgestandenen Strapazen. Auf dem Brocken sahen wir nun selber jene ungeheuren, wild umhergestreuten Granitblöcke, die seinen Gipfel zu einem geeigneten Schauplatz für den Sabbath der Hexen machten, welche der Volksaberglaube, d.h. die Verzerrung, welche die alte Religion der Deutschen unter dem Christenthum empfangen hat, am ersten Mai hier tanzen läßt. Ich trennte mich hier mit Simon von Wilk und Klee, die eine andere Tour einschlugen, und wanderte mit ihm nordwestlich über den Rehberger Graben auf Nörthen und Göttingen zu. Der Harz war damals noch nicht so gangbar, wie heutzutage, wo man sogar die Roßtrappe in einem recht bequemen Zickzackpfade gemächlich besteigen kann und wo aller Orten stattliche Hôtels dem Reisenden[137] allen möglichen Comfort bieten. Die Berliner haben den Harz ganz umgearbeitet. Mit Ausnahme der Gegend von Ellrich ist das Wilde seiner Physiognomie, was er damals noch hatte, sehr verschwunden. ? Wie hätte ich mir träumen lassen, einige vierzig Jahre später im Eingang des Bodethals Kellner im schwarzen Frack, die Serviette unter dem Arm, vor den Thüren riesiger Gasthäuser, wie das Zehnpfund-Hôtel, wie der große Waldkater u.s.w. herumspazieren zu sehen! ? Der Harz ist ein reizendes Gebirge, das, nach meiner Meinung, sich vorzüglich dadurch auszeichnet, daß es eine so große Mannichfaltigkeit der verschiedensten Formen vereinigt. Die Anmuth der Vorberge, wie des Ziegenrückens u.s.w. ist eben so groß, als die einiger Thäler, namentlich des Selkethales mit seinen schönen Bäumen. Das Bodethal wirft bei der Roßtrappe eine gigantische Felsenmasse auf. Der Ilsenstein bei Stollberg-Wernigerode bietet wieder eine ganz andere Gestalt dar, und die Blechhütte von Thale, die Eisenhammer von Mägdesprung, die Marmorschneidemühlen des Rübelandes, die Kohlenbrennereien von Andreasberg, die Kupfer- und Silberwerke von Goslar und Clausthal geben uns eine Kenntniß der verschiedensten Betriebszweige eines Berg- und Waldlandes. Da nun der Harz inmitten einer großen Ebene als ein isolirtes Gebirge liegt, so öffnet er nach allen Weltgegenden hin die anziehendsten Fernsichten, und wie wir von Magdeburg nach dem Brocken auszuspähen liebten, so suchten unsere Blicke von seiner Spitze den Magdeburger Dom. Man kann sich vorstellen, mit welcher Befriedigung ein so ganz auf die Romantik präparirtes Gemüth, als das meinige, die fürstlichen Schlösser und Gärten am Unterharz, die Burg des Falkensteins, die Ruinen der Lauenburg, die Teufelssteine zwischen Halberstadt und Quedlinburg u.s.w. aufnahm. Es war die höchste Zeit, daß ich all dergleichen als greifliche Wirklichkeit zu schauen bekam. Ich wanderte, den Tornister auf dem Rücken, den Ziegenhainer in der Hand, mit meinem Gefährten in Göttingen ein, wo unsere Freunde, die in der breiten Weender Straße wohnten, uns freundlich beherbergten. Wir hörten nun von nichts, als von Duellen und von Schlägereien mit den Nachtwächtern und Pedellen erzählen. Heinrich Heine hat das damalige Göttingen ? denn er studirte gerade dort ? in einigen[138] Aufsätzen humoristisch, aber treffend geschildert, so daß ich mich enthalte, ihn ergänzen zu wollen. Unsere Freunde waren aber, bei allem Reiz, welchen das studentische Treiben für sie hatte, sehr fleißige Leute, die auf den pünktlichen Besuch der angenommenen Collegia hielten. Auch waren sie von allgemeinem Interesse beseelt, so daß sie nicht blos auf sogenannte Fachcollegien sich beschränkten, sondern auch philosophische Vorträge hörten. Es war für mich von hoher Bedeutung, mit ihnen in die Auditorien gehen zu können. Ich besuchte mit meinen Freunden die Collegia, welche sie hörten. Mit Nöldechen ging ich in die theologischen. Hier hinterließ der alte Eichhorn, der gerade bei der Kritik der Hypothesen über den Verfasser der Mosaischen Genesis stand, bei mir einen großen Eindruck. Er wußte so überzeugend zu sprechen, als ob er beim Niederschreiben des letzten Textes zugegen gewesen sei. Es war unmöglich, seinen Beweisen zu widerstehen. Und diesen Mann hatte ich bis dahin nur als allgemeinen Literarhistoriker bewundert, während ich nun vernahm, wie er mit dem Hebräischen und Arabischen ganz vertraut war. Nöldechen nahm mich aber auch in ein Collegium mit, welches er aus besonderem Interesse für die Mathematik hörte. Dies war eine Vorlesung über Mathematik von Thibaut, welche von sehr vielen Studenten aus allen Fakultäten besucht ward, weil Thibaut es versuchte, die mathematischen Bestimmungen genetisch zu erklären. Ich schaffte mir später sein Lehrbuch an und lernte auch Manches daraus, ohne jedoch die erwartete Befriedigung zu finden. Er ging nicht philosophisch genug zu Werke, sondern wollte durch Beweglichkeit der Linie die Gestaltabänderung erklären. Mit Volk und Oppermann ging ich ein paarmal, den großen Romanisten Hugo zu bewundern. Er galt für den Matador unter den damaligen Göttinger Berühmtheiten. Auch Blumenbach, mit dessen Lehrbuch der Naturgeschichte ich bekannt war, wurde in der Physiologie besucht. Er handelte gerade vom Pulsschlage und ermangelte nicht, sein Auditorium durch scurile Späße aufzuheitern, z.B. durch eine launige Kritik der Versuche, das Wort Puls durch ein deutsches Wort, Praller u. dgl. zu ersetzen. Das besuchteste Auditorium hatte damals der Historiker Sartorius, wo sich wohl an dreihundert Studenten zusammenfanden. Mit großer Ehrfurcht kam ich zu Heeren, da ich dessen[139] kleine historische Schriften, namentlich seine berühmte Preisschrift über die Ursachen der Kreuzzüge, kannte und Strebe sein Handbuch der neueren Staatengeschichte in Prima eingeführt hatte. Er hatte einen ganz vorzüglichen Vortrag. Er sprach in der Ethnographie, die Volk bei ihm hörte, gerade über die Insel Madagascar und entwarf ein so anschauliches Bild von ihr, daß ich ganz entzückt war. Von den eigentlichen Philosophen wurden Schulze in der Anthropologie und Bouterweck in der Religionsphilosophie besucht. Bouterweck hatte ich bis dahin nur als Literarhistoriker und als Verfasser eines Romans: Donamar, kennen gelernt. Wie imponirte es mir, ihn nun über den Pantheismus reden zu hören! Er war der eleganteste Docent in Diction, Manieren und Kleidung. Die Aesthetik war sein stärkstes Collegium, aber auch die Religionsphilosophie erfreute sich zahlreicher Zuhörerschaft, selbst an dem berüchtigten Grafentisch dicht vor dem Katheder. Die Professoren lasen alle in ihren Häusern. Jeder hatte sich sein Auditorium nach Gelegenheit und nach seinem Geschmack eingerichtet. Die Individualität des Docenten, der oft nur aus seiner Studirstube durch eine Tapetenthür in seinen Hörsaal trat, wurde dadurch zu einer viel breiteren und behäbigeren Erscheinung gemacht. Nicht weniger, als dieser erste Einblick in die akademische Lehrthätigkeit, von der ich damals nicht die geringste Ahnung hatte, ihr selber das ganze Leben hindurch anzugehören, fesselte mich die Bibliothek. Durch mein mehrjähriges Amt bei der Schulbibliothek des Klosters war ich mit dem Formalismus des Bibliothekwesens wohl vertraut. Aber die riesenhaften Verhältnisse, die mir hier entgegentraten, überwältigten mich. Ein Saal nur für die Folianten der Kataloge! Und nun die Lokalität der Benutzung. Ich, ein Fremder, ich, noch ein Gymnasiast, durfte frei in den Büchersälen umhergehen und die Titel der Bücher lesen. Ich durfte ein Buch sogar zum Lesen herausnehmen, mich damit an einem mit grünem Tuch behangenen Tisch setzen und hatte weiter keine Verpflichtung, als es, nach gemachtem Gebrauch, auf dem Tisch liegen zu lassen. Ich wollte es kaum glauben, als ich auf diese Weise Grimm's Ausgaben des Hildebrand- und Hadubrand-Liedes, wonach ich so lange geschmachtet hatte, in den Händen hielt. Wir ließen uns zwar auch von einem Bibliothekdiener die Merkwürdigkeiten[140] der Bibliothek zeigen, aber ich habe sie bald vergessen, denn ich hatte nur Sinn für das, was ich von Schriften zur altdeutschen Literatur sehen konnte. Ich wagte es, nach einigen Besuchen, den Professor Beneke, der zugleich Bibliothekar war, um manche Nachweisung anzugehen, welche er mir mit großer Freundlichkeit ertheilte. So verliefen vierzehn Tage in angestrengtester Thätigkeit. Ehe wir aber von Göttingen schieden, sollte noch ein größerer Ausflug nach Cassel gemacht werden. Wir vier, Volk, Oppermann, Simon und ich mietheten uns einen Wagen, der uns erst mitten in der Nacht bis zu einer Vorstadt brachte. Das Thor der eigentlichen Stadt war geschlossen und wir mußten froh sein, in einer Ausspannung unter Fuhrleuten auf Stroh ein Lager zu finden, bis wir am Morgen nach dem Hof von England fuhren. Es war Sonntag und wir hatten den Nachmittag, als wir Wilhelmshöhe besuchten, das Vergnügen, die Wasser springen zu sehen. Wir besahen auch die Löwenburg mit ihrer künstlichen Mittelalterphysiognomie und was sonst Merkwürdiges sich darbot. Mir war Cassel deshalb besonders interessant, weil mein Vater, wie ich erzählt habe, hier drei Jahre als Beamter Jerome's gelebt hatte. Ich konnte nun das Theater seiner Schwelgerei mit eigenen Augen schauen, auch das Marmorbad, in welchem er Kraftbäder, wie ein Tiberius auf Capri, genommen haben sollte. Oppermann hatte auf dieser Fahrt einen köstlichen Humor. Er persiflirte mich und Simon beständig, wenn wir in romantische Schwärmerei verfallen wollten, mit den treffendsten und barocksten Witzen. Es regte sich darin schon die Ironie gegen die Romantik, die von Göttingen durch Heine ausging. Ueber Clausthal, Goslar, Stollberg-Wernigerode und Halberstadt, von hier ab in dem damals noch schauerlich unbequemen Postwagen, kehrte ich mit Simon nach Magdeburg zurück. 
 X. Die Ironie der romantischen Schule. Otto von Ravensberg. Ich versinke in einen speculativen Mysticismus. Meine erste und letzte Predigt.  [244] Die traurige Beschäftigung mit der Reflexion auf meine Sündhaftigkeit war aber nur die eine Seite des Gegensatzes, in welchen Schleiermacher mich stürzte. Die andere Seite war die Gnade. Unter ihr verstand er die Theilnahme an der Erlösung von der Sünde, welche durch Christus in der Kirche gestiftet worden ist. Ich war ja auch Glied einer Kirche, und so hätte ich also den Factor der Gnade auch in meinem religiösen Bewußtsein finden müssen. In dem Sinne war dies auch der Fall, daß ich in den Momenten, in welchen mir die Gebrechlichkeit und Sündigkeit meines Verhaltens zum Bewußtsein kam, mich der Heiligkeit Gottes gegenüber, seiner Gnade mit dem unbedingten Glauben anvertraute, daß er mir als dem Bereuenden meine Sünde vergeben werde. Mit unendlicher Erquickung hatte ich dann bei dem Gottesdienst die Segensworte des Predigers vernommen, daß Gott sein Angesicht auf mich erheben und mir Frieden geben wolle. An Christus hatte ich hierbei niemals gedacht. Daß ich mit solchem Glauben mich zu Gott wenden konnte, erkannte ich wohl als geschichtlich durch ihn vermittelt, aber zu seiner Person hatte ich kein religiöses Verhältniß. Ich hätte nicht vermocht, mein Gebet an ihn zu richten. Ich war im reformirten Bekenntniß erzogen. Nun sagt man gewöhnlich, daß nach demselben das Sacrament des Abendmahls nur ein mnemonischer Act sei. Ich gestehe aber, daß der Ritus der reformirten Kirche bei der Spendung dieses Sacraments mir die Beziehung auf Christus viel lebhafter und schöner auszudrücken scheint, als die Form in der Lutherischen[244] Kirche, die ich in späteren Jahren auch persönlich erfahren habe. In der reformirten Kirche erinnert der einfache Altartisch lebhafter an die ursprüngliche Einsetzung, obwohl diese unstreitig in ganz anderer Form, als man sich vorzustellen pflegt, stattgefunden haben wird; denn Christus wird mit seinen Schülern auf einem Teppich am Boden gesessen und ? wie die Araber noch heutigen Tags ? mit den Händen ohne Gabel und Messer gegessen haben. In der reformirten Kirche wird wirkliches Brod, in kleine Stücke zerschnitten, auf einem Teller hingestellt. Man empfängt keine Oblate mit dem Bilde eines Lammes, das die Siegesfahne hält. Der Geistliche reicht uns ein Stück Brod, das wir selbstständig ergreifen und in den Mund stecken, während nach dem Lutherischen Ritus die Oblate uns vom Prediger in den Mund gesteckt wird, was mir noch als eine ganz katholisirende Bevormundung vorkommt. Des gleichen reicht uns der Geistliche den Kelch und wir führen ihn selbst zu unsern Lippen, während nach dem Lutherischen Ritus der Geistliche uns, wie ein Kind, mit dem Wein tränkt. Der Geistliche vermittelt auch hier durch Darreichung des Brodes und Weins und durch das sie begleitende Aussprechen der Einsetzungsformel die Gegenwart Christi; allein ich bleibe ihm gegenüber persönlich eben so frei, als die Apostel es Christus gegenüber waren. Ich lege den höchsten Werth auf diese symbolische Handlung. Wir bekennen uns durch sie öffentlich vor der Gemeinde als Sünder, wir bekennen durch sie, daß wir durch die Gnade Gottes Vergebung der Sünde erwarten, und wenn wir mit dieser demüthigen Hingebung das Sacrament genießen, kann es fruchtbar in uns zu unserem Heil wirken. Da wir aber Alle in der Gemeinde, arm oder reich, alt oder jung, roh oder gebildet, von demselben Brode essen, aus demselben Kelche trinken, so bekennen wir uns auch Alle als Brüder in dem Bewußtsein, daß vor Gott kein Ansehen der Person gilt. Endlich indem wir Brod und Wein als den Leib und das Blut Christi genießen, bekennen wir, daß die Natur für Gott nichts Fremdes, wohl gar der Gemeinschaft mit ihm Feindseliges, und daß die Versöhnung mit ihm eine rückhaltlose, absolute sei. Wenn der Glaube das Brod zum Leibe, den Wein zum Blute des Gottmenschen umwandelt, so ist damit von der Sinnlichkeit alles Niedrige, Verächtliche hinweggenommen.[245] Der Mensch stellt sich nicht nur vor, daß Gott sich mit ihm versöhne, sondern diese Vorstellung wird zur lebendigen, unaussprechlichen Empfindung. Aller Druck der Natur und Geschichte zerschmilzt in diesem feierlichen Act, der uns irdische Menschen mit dem Himmel absoluter Versöhnung durchdringt. Die Schwierigkeit, in die mich der zweite Theil der Schleiermacher'schen Dogmatik versetzte, war, um sie in den einfachsten Worten auszusprechen, folgende: Die Frömmigkeit sollte das Gefühl der Abhängigkeit des Menschen von Gott sein. In der Wirklichkeit dieses Gefühls sollte immer der Gegensatz von Sünde und Gnade vorhanden sein. Die Abhängigkeit von Gott als Gott überhaupt sollte nur empfunden werden können, sofern der Mensch von jenem Gegensatz absähe. Es war also ein künstliches Product, das Resultat einer Abstraction. In dem wirklichen frommen Gefühl sollten Sünde und Gnade immer ineinander sein, nur sollte bald die eine, bald die andere Seite überwiegen. Das Gefühl der Gnade aber sollte durch die Beziehung auf Christus als auf das Urbild der Menschheit vermittelt sein, d.h. an die Stelle der Abhängigkeit von Gott trat das Gefühl der Abhängigkeit von Christus. War das Gefühl der Abhängigkeit von Gott das Werk einer Abstraction, so war das Gefühl der Gnade das Werk einer Reflexion auf Christus. Das Gefühl sollte weder ein Wissen noch ein Thun sein; es war aber klar, daß es als frommes von einem Wissen abhing, als allgemeines von dem Gedanken des Absoluten als der Bedingung alles endlichen Seins; als besonderes von der Vorstellung, welche sich der religiöse Mensch von dem Menschen Christus machen kann. Die Frömmigkeit war also im Princip nicht Gefühl, sondern Bewußtsein, und dieser Widerspruch kam bei Schleiermacher auch dadurch zum Vorschein, daß er das Gefühl unmittelbares Selbstbewußtsein nannte. Das Gefühl der Sünde wird als christlich specifisches in mir entstehen, wenn ich durch Vergleichung meines Zustandes mit der Vorstellung von Christus mich als im Widerspruch mit ihm entdecke. Umgekehrt wird sich das Gefühl der Gnade erzeugen, wenn ich in dieser Vergleichung mich mit ihm, und zwar auch durch ihn in Uebereinstimmung finde. Die Vorstellung Christi wird folglich hier zur wesentlichen Macht.[246] Das verstand ich auch ganz wohl, und schon seit der Ethik im verflossenen Winter hatte ich angefangen, diese Richtung auf Christus immer emsiger zu cultiviren. Ich hatte deshalb das Johanneische Evangelium, welches Schleiermacher am höchsten stellt, mit einem Commentar durchgemacht. Ich hatte auch seine kritische Beleuchtung des Lukasevangeliums gelesen. Verstand und Phantasie mußten arbeiten, um in ergänzender Wechselwirkung das Bild Christi immer deutlicher vor meine Seele zu führen. Röhr's Geographie von Palästina wurde zu Hilfe genommen, um für die Localität einen sicheren Anhalt zu haben. Die Kreuzfahrtlieder der Dichter des Mittelalters, die ich bis dahin lediglich als historische Denkmäler betrachtet hatte, wurden jetzt von Neuem mit bewegtem Sinn gelesen. Wie ich die Liebesnoth, von der ich, wie jeder junge Mensch, zu leiden hatte, in verschwiegene Sonette und Lieder aushauchte, so fing ich auch an, meine Sehnsucht nach Christus in Verse zu ergießen. Wenn ich in jener Zeit Abends noch spät vor dem Prenzlauer und Landsberger Thor, durch die ich zunächst in's Freie gelangen konnte, auf den Feldern einsam umherirrte, so hatte ich im Geist keinen andern Begleiter, als Christus. War er doch mit seinen Jüngern so gern durch die Ackerfluren gegangen und hatte von ihnen so viel schöne Gleichnisse entlehnt. Aber auch in meinem Zimmer wollte ich mir seine Gestalt lebendiger vergegenwärtigen. Es war damals in Berlin eine Industrie aufgekommen, Reliefbilder nach guten Mustern von Christus, von Maria, von den Aposteln, vom Abendmahl etc. in Gyps zu formen. Da sie nicht theuer waren, so konnte ich mir diesen Luxus gestatten und mein Zimmer mit ihnen schmücken. ? Meine leidenschaftliche Natur war auf dem besten Wege, in Schwärmerei überzugehen. Schmidt's Geschichte des Mysticismus im Mittelalter, Heinroth's Anthropologie, welche die Geisteskrankheiten aus der Sünde ableitete, die mystischen Schriften des Hofraths Eckartshausen, die Brochüren Baader's, die Bekanntschaft mit Görres' in Flammenworten geschriebenem Buch: »Europa und die Revolution«, die Versenkung in die sentimentale Aufgespanntheit des Jean Paul'schen Titan, endlich die hinreißenden Predigten Schleiermacher's, die mich immer gewaltiger bewegten, waren wohl Elemente genug, religiöse Schwärmerei zu fördern.[247] Noch bewegte ich mich ganz in dem Schleiermacher'schen Gedankenkreise und dachte an nichts, als mich immer tiefer in ihn einzuleben. Ganz passiv jedoch konnte ich mich nicht hingeben. Wie ich aus dem Studium des ersten Theils der Dogmatik mit der Abhandlung über die Mystik herausgetreten war, so schrieb ich Anfangs September, als ich den zweiten Theil im Rücken hatte, eine Abhandlung über die Gestaltung der protestantischen Kirche in der Zukunft. Dies war eine seltsame Verbindung Hegel'scher Kategorien mit Schleiermacher'schem Inhalt. Ich bewies zuerst dialektisch, daß der Gegensatz, in welchen der Protestantismus als Lutherische und Reformirte Confession übergegangen sei, sich nothwendig in eine höhere Einheit auflösen müsse. Der Protestantismus werde sich nicht in eine atomistische Anarchie zersplittern, wie man oft aus seinem subjectiven Prinzip der Glaubens- und Gewissensfreiheit gefolgert habe, denn eben durch diese sei der Gedanke in seine Rechte eingesetzt; der Gedanke aber könne nicht anders, als sich eine objective Gestalt geben, in welcher der Buchstabe überwunden sei. Die negative Kritik, deren Zerstören des Falschen unvermeidlich sei, müsse nicht nach extremen, sondern nach den positiven Bedürfnissen gemessen werden, die sich in ihr ausdrückten. Da nun die Religion in der Form des Gefühls erscheine, so müsse auch die neue, höhere Gestaltung der protestantischen Kirche in dem frommen Gefühl eines bestimmten Protestanten zur Existenz gelangen. Es müsse ein Mensch da sein, der den neuen Glauben als individuelles Gefühl besitze. Indem er dies in ihm als geschichtliche Thatsache vorhandene Gefühl ausspreche, werde er Religionsstifter. Dies sei durch Schleiermacher geschehen, und man könne also über die Zukunft der protestantischen und damit der christlichen Kirche überhaupt nicht zweifelhaft sein. Nun bewies ich nach Hegel's Logik, daß das Allgemeine durch das Besondere sich im Einzelnen realisiren müsse. Der christliche Glaube, das Allgemeine, sei nach den Grundsätzen der Evangelischen, d.h. sowohl der Lutherischen als der Reformirten Kirche, also nach seiner protestantischen Besonderung, von Friedrich Schleiermacher, diesem einzelnen Protestanten des neunzehnten Jahrhunderts, im Zusammenhange dargestellt. Die neue Religion sei nicht neu in dem Sinne, als enthalte sie etwas, das nicht schon in Christi Selbstbewußtsein gesetzt wäre,[248] sondern nur insofern, als sie den absoluten Inhalt dieses Bewußtseins von Irrthümern gereinigt und in einer Weise ausgesprochen habe, welche mit der heutigen Bildung im Einklang sei, welche nicht mehr an Engel und Teufel oder an Wunder glauben könne. Den Dämonen und Wundern hatte ich schon in der Abhandlung über die Mystik den Abschied gegeben, indem ich eine wahre und falsche unterschied und zur letztern eine magische rechnete. Das Festhalten Schleiermachers an dieser Seite der Aufklärung war mir immer eben so willkommen gewesen, als sein Protest gegen ihre einseitige und verstandesdürre Moralisation der Religion. Diese Abhandlung war schon besser, d.h. einfacher und logischer geschrieben, als die über Mystik, in welcher die Nachahmung von Steffens, Schleiermacher und Hegel ganz verschiedene Tonarten durcheinander hatte laufen lassen. Die romantische Ziererei, die ich darin mit Behagen zur Schau trage, war verschwunden. Am schwarzen Brette war uns ausdrücklich gesagt, daß wir uns im Fall privater wissenschaftlicher Bedürfnisse oder Arbeiten an den Dekan der Facultät wenden sollten. Ich siegelte also meine Abhandlung mit einem Schreiben ein, worin ich um kurze Beurtheilung bat. Ich wollte nur wissen, ob ich auf rechtem Wege sei oder mich irre. Ich gab die Schrift bei dem Dekan ab, reiste aber ein paar Tage darauf nach Magdeburg. Hier verlor ich sie bald aus dem Sinn. Als ich zurück kam, war ein Wechsel im Dekanat eingetreten. Der Dekan hatte wahrscheinlich erwartet, daß ich wieder zu ihm kommen würde, von ihm seine Belehrung zu empfangen. Ich hingegen wartete immer auf eine Citation. Da sie nicht erfolgte, nahm ich an, daß meine Arbeit kein Interesse zu erregen vermocht habe und kümmerte mich nicht weiter darum. Es erging mir mit ihr, wie mit meiner Arbeit über die Agende ein Jahr zuvor. Ich habe sie nie wieder zu Gesicht bekommen. Der Aufenthalt während der Herbsttage in Magdeburg bei meinem herrlichen Vater und bei meiner vortrefflichen Schwester, sowie der Verkehr mit meinen alten Bekannten daselbst, hatte mich einigermaßen wieder beruhigt. Nach Berlin ging ich diesmal nicht allein zurück, sondern Simon und Volk kamen mit mir. Sie mietheten sich in der Dorotheenstraße ein für Studentenverhältnisse sehr elegantes und[249] geräumiges Quartier. Dies ermöglichte ihnen, im November mehrere Wochen hindurch einen Besuch bei sich aufzunehmen, von dem ich damals nicht ahnen konnte, wie aus ihm für mich gerade eine neue Freundschaft eingeleitet werden sollte, die sich durch mein ganzes Leben forterhalten hat. Volk hatte uns schon in Magdeburg von einem ganz außerordentlichen jungen Mann erzählt, den er in Göttingen kennen gelernt habe. Es war dies ein dort promovirter Doctor der Philosophie, Bohtz aus Stettin. Eines Tages entdeckte er mir auf der Universität, daß derselbe in Berlin eintreffen und einige Zeit bei ihm verweilen werde. Er kam und überbot noch durch seine Erscheinung die Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte. Er sprach sehr gut, hatte aber vorzüglich ein so lebhaftes, so energisches Mienenspiel, eine so dramatisirende Gesticulation und eine so merkwürdige Manier kritischer Superiorität, daß er bald uns Alle zu seinen Bewundern gemacht hatte. Er hatte nichts Bitteres, Herrisches, wie Beifuß es herauskehrte, sondern Humoristisches, heiter Parodirendes. Er steckte offenbar selber noch in einem Werdeproceß, wodurch er uns Studenten homogen war, allein er stand doch schon auf einer viel höheren Stufe der philosophischen, namentlich der ästhetischen Bildung. Wenn wir nicht in's Theater gingen, brachten wir nun die Abende gemeinschaftlich bei Volk und Simon zu. Bohtz führte Manuscripte bei sich, die er vorlas. Außer allgemein ästhetischen Aphorismen, die sich an Jean Pauls Vorschule der Aesthetik und an Solgers Ervin anschlossen, dessen Studium er uns dringend empfahl, waren es besonders Commentare zu den Fröschen und zu den Vögeln des Aristophanes, von denen er auch große Stücke gut übersetzt hatte. Dies war eine große Anregung für mich. Ich kannte von Aristophanes noch so gut wie nichts und hatte selbst die Wolken noch nicht gelesen. Ich verdanke es Bohtz, die hohe sittliche Gesinnung und den unvergleichlichen Humor seiner großartigen Komik mit Inbegriff ihrer cynischen Formen richtig aufzufassen gelernt zu haben. Er verstand es meisterhaft, Bouterweck und Schulze in Göttingen zu copiren und diese beiden Philosophen komische Dialoge mit einander halten zu lassen. Er copirte auch andere Personen oder erfand ideale Masken, und konnte uns Stundenlang mit phantastischen Vermummungen und wunderlichen[250] Capriolen unterhalten. Er liebte auch, grausige, gespenstische Töne anzuschlagen, nur mußten wir seinen Productionen lauten Beifall zollen, sonst wurde er verstimmt und konnte dann zuweilen recht lange ganz stumm da sitzen, indem er nur die Stirn runzelte, die Augen umher rollte, seufzte, brummte, bis er etwa plötzlich ein helles Lachen aufschlug. Als er mich ein paar Mal besuchte, war er ruhiger und ließ sich auf mein Studium ein, indem er mir de Wette's Schriften dringend an's Herz legte. Amazon.de Widgets Als er wieder abgereist war, folgte der Anspannung, in die er uns versetzt hatte, zunächst eine natürliche Abspannung. Ich hatte nur zwei Collegia, Apostelgeschichte und Kirchengeschichte, bei Schleiermacher angenommen, denn ich hatte für nichts weiter Sinn, als für ihn. Anfänglich hörte ich noch bei Böckh sein ausgezeichnetes Collegium über die Platonische Republik, brach es aber ab, als es zur speciellen Erklärung kam, was sehr unrecht von mir war. In dem Hause meines Vetters Filhès war ich mit dem Sohn eines Predigers Mannowski im Oderbruch bekannt geworden, der in Berlin auch Theologie studirte. Er veranlaßte mich, einem theologischen Kränzchen beizutreten, worin gewissermaßen die handwerksmäßige Seite der Theologie cultivirt ward. Ich kann mich schlechterdings auf nichts Besonderes aus ihm erinnern, auch von Arbeiten nicht, außer einer Predigt, welche ich über den Text schrieb: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Geberden, sondern ist inwendig in Euch. Es war von mir dabei auf eine Verherrlichung des mystischen Standpunkts abgesehn, den ich gegen meine theologischen Commilitonen direct zu äußern nicht Lust hatte. Er hätte in die sonstige Gelehrsamkeit der Unterhaltung nicht gepaßt. Ein Kränzchen von ganz entgegengesetzter, schlechthin idealer, romantischer Tendenz wurde durch eine Bekanntschaft Volk's herbeigeführt. Es war dies der Referendarius des Kammergerichts, Otto Jacobi, ursprünglich aus Ravensberg in Westphalen. Er lebte mit einer hochgebildeten Mutter und mit einer sehr musikalischen, liebenswürdigen Schwester ein außerordentlich glückliches Stillleben. Hatte er seine Geschäfte abgethan, so gehörte alle übrige Zeit dem Betrieb und Genuß der Literatur und Kunst. Ich sage absichtlich, dem Betrieb, denn Jacobi dichtete und componirte. Er war ein durch und durch braver, gemüthlicher,[251] im Innern und Aeußern reinlicher, sauberer Mann. Sein Streben war dem Vorsatz nach gigantisch. Er wollte nichts weniger, als die ganze deutsche Kaisergeschichte von Karl dem Großen bis zum dreißigjährigen Kriege in einem Cyklus von Tragödien durchführen. Die Hohenstaufen, mit denen so Viele damals sich abmüheten, waren nur ein Moment in diesem Riesenpanorama. Rastlos studirte er sein Leben lang Deutsche Geschichte, rastlos reiste er in den Ferien des Kammergerichts nach Süddeutschland, nach der Schweiz, nach Italien, den Schauplatz seiner Dramen an Ort und Stelle zu studiren; rastlos arbeitete er an den fünfaktigen Trauerspielen; rastlos ließ er, unter dem pseudonymen Namen Otto von Ravensberg, diejenigen von ihnen auf seine Kosten drucken, von denen er sich vorzüglichen Erfolg versprach; rastlos suchte er dies oder jenes Stück bei dem Hoftheater in Berlin zur Aufführung zu bringen und ließ sich keinen sauren Gang verdrießen. Alles umsonst. Er brachte es zu Nichts. Sein edles Bemühen, sein Talent wurde zugestanden, allein seine Leistungen verloren sich, weil sie, es mit einem Wort zu sagen, zu kraftlos waren. Seine Figuren waren Bleistiftzeichnungen ohne die Wärme eines Colorits, das sie auch im Lampenlicht des Theaters als mögliche Menschen hätte können erscheinen lassen. Wir sahen uns in späteren Jahren zuweilen wieder, wir schrieben uns auch zuweilen; aber es war immer eine gewisse Beklemmung zu unterdrücken schwer, welche das Gespräch über seine großen Unternehmungen bei mir hervorrief. Es war mir unmöglich, ihm, dem guten, liebevollen, emsig bestrebten Menschen, in's Gesicht zu sagen, daß seine Dichtungen zu schwächlich wären. Eben so wenig konnte ich mich entschließen, gegen das Publikum unwahr zu sein und sie in öffentlicher Kritik aufzuloben. Schlecht war nicht das Prädikat, das ihnen gebührt hätte; so gut aber waren sie auch nicht, einen höhern und allgemeinen Antheil zu erregen. Sie waren eben mittelmäßig. Wehmüthiges Loos! Als ich 1853 mit einem Sohn meines Collegen Bobrik, damals Professor der Philosophie in Zürich, von dieser Stadt auf den Hütli gegangen war, schritten wir auf dem Plateau des Berges, auf welchem das Gasthaus steht, am Rande umher, die fernen Felshörner der Alpenkette zu mustern. Ein Mann stand in tiefe Betrachtung des in dunkle Wälder absinkenden Thales verloren. Um ihn[252] nicht zu stören, gingen wir hinter seinem Rücken durch. Plötzlich höre ich meinen Namen rufen, drehe mich um und erblicke Jacobi, der mit ausgebreiteten Armen auf mich zukommt. Er hatte meine Stimme gehört und mich daran wieder erkannt. Wir hatten uns seit 1849 nicht gesprochen und brachten nun den Nachmittag und Abend mit einander zu. Auf der Limmatbrücke schied ich von ihm, ihn nie wieder zu sehen, denn er starb einige Jahre darauf. In jenem Kränzchen, von dem ich oben erzählte, war er der glänzende Mittelpunkt, denn seine große Tragödie stellte die kleinen Producte, mit denen wir Andere uns hervorwagten, gänzlich in Schatten. Ich brachte nichts zu Stande, als eine blasse Nachahmung Ossians und als eine episch sein sollende Bearbeitung der Geschichte von Alboin und Rosamunde. Immer noch konnte ich nicht davon loskommen, in der Völkerwanderung poetische Stoffe zu suchen, und habe nun in meinem Alter erlebt, daß der Dichter Lingg diesen Knäuel wirrer Völkergeschichten in der That zu einem kolossalen Epos verarbeitet hat. Es läßt sich aus dieser fürchterlichen Geschichte kräftiger, aber roher Naturvölker, die sich mit einer alten Civilisation und mit einer dogmatisch schon abgeschlossenen Religion berühren, bei allem Aufwand von Phantasie keine rechte poetische Befriedigung gewinnen. Ich wurde in meinem Innersten immer unglücklicher, vermochte jedoch nicht, den verworrenen Zustand, der mich durch die unablässige Reflexion auf den Gegensatz von Sünde und Gnade bedrängte, gegen meine Freunde zu äußern. Noch weniger vermochte ich über das Verhältniß zu sprechen, welches ich zur Person Christi zu gewinnen strebte. Ich nahm an dem theologischen wie an dem ästhetischen Kränzchen nicht den Antheil, den sie herausforderten, und sehe dies auch jetzt noch daran, daß ich so wenig der Erinnerung Werthes aus ihnen gegenwärtig habe. Nur zwei Punkte treten mir noch entgegen. In dem erstern war die Hauptsache das Gespräch über den Glauben. Ich erkannte nur zu deutlich, daß mir der Glaube, wie die Kirche ihn voraussetze, fehle. Ich konnte das Wunderbare nicht, wie meine glücklicheren theologischen Commilitonen, als empirische Thatsache hinnehmen. Ich machte mir deshalb Vorwürfe, ich flehte zu Gott, mir den Glauben zu schenken; ich war auch mit genugsamer Phantasie ausgestattet,[253] das, was man die Poesie des Wunders nennen kann, in mir nachzubilden; allein zuletzt, nach unseligem Schwanken, konnte ich doch, wollte ich mich in meinem Gewissen nicht selbst betrügen, die Wundergeschichte nicht glauben. Hierin sagte Schleiermacher mir durchaus zu. Die Apostelgeschichte konnte mich in meinem Rationalismus nur bestärken. Schleiermacher dröselte alle Wundergeschichten in ihr entweder durch subtile Texkritik auf, indem er fragte, aus welcher Quelle der Berichterstatter die Erzählung wohl geschöpft haben könne, oder er fand eine psychologische Auflösung, oder er sprach auch, nachdem er verschiedene Ansätze zur Bewältigung des Irrationalen gemacht hatte, sein non liquet aus. Aus dem Streit der Anhänger Schleiermachers und Neanders war in der ganzen theologischen Studentenschaft eine heftige Gährung entsprungen. Sie gewann von Seiten der Opposition des Glaubens gegen die Wissenschaft in Hengstenberg für das alte Testament, in Tholuck für das neue eine besondere Gestalt. Hengstenberg habilitirte sich damals erst und ich habe seiner Probevorlesung vor der Universität über Hiob noch selber beigewohnt. Von Tholuck wurde unter den Studenten wie von einem Berliner Saulus gesprochen, den die Bekehrung der göttlichen Gnade zu einem neuen Paulus gemacht habe. Der ganze Kreis, in welchem er lebte, war von einer ungeheuren Exaltation ergriffen. Ich hörte außer Schleiermacher als Prediger auch Strauß, Theremin, Ehrenberg an der Domkirche, Ritschl an der Marienkirche, Couard an der Georgenkirche, mitunter auch Marheinecke. Es waren dies tüchtige Kanzelredner mit sehr verschiedener Begabung. Wenn Tholuck aber zuweilen predigte, so war es, als vernähme man einen Urchristen, der die Begeisterung seines Glaubens mit einer solchen Innigkeit, mit einer so flammenden Beredtsamkeit aussprach, der ich nichts zu vergleichen wüßte. Schleiermacher war der Prediger einer großen Gemeinde, die sich aus ganz Berlin, aus den verschiedensten Ständen und Altern, zu ihm fand. Er war der Priester der romantischen Bildung. Er predigte einen Sonntag schon ganz früh um sieben Uhr, den nächsten um neun Uhr. Da ich so weit von der Dreifaltigkeitskirche entfernt wohnte, besuchte ich nur diese letzteren Predigten. An den Zwischensonntagen ging ich in andere Kirchen. Schleiermacher hatte die sehr zweckmäßige Einrichtung getroffen, daß er[254] für die eklektische Versammlung dieser Sonntage an dem Eingang der Kirchenthüren einen Abdruck der Lieder, welche gesungen werden sollten, auf einem Blatt vertheilen ließ, welches das Gesangbuch ersetzte. Ich sammelte allmälig ein Heft von ihnen, das ich noch besitze. Die Kirche war in der Regel überfüllt, selbst als Schleiermacher wegen eines Umbaues in der Dreifaltigkeitskirche einige Monate 1825 in der großen Deutsch reformirten Kirche auf dem Gensd'armenmarkt predigte. Schleiermacher beschäftigte zunächst den Verstand, aber im Verlauf der Predigt wußte er in die innerste Tiefe der Seele hinabzudringen und das Gefühl mit nachhaltiger Wirkung zu erschüttern. Tholuck ist als Prediger durch verschiedene Phasen hindurchgegangen, die ich in Halle sich zu immer vollkommnern Leistungen entfalten sah. Damals aber war er ganz in der Gewalt des Gefühls, sich als einen Wiedergebornen betrachten zu dürfen. Dies unendliche Glück, durch den Glauben von der Verwerfung vor dem heiligen Angesicht Gottes zu ewiger Seligkeit gerettet zu sein, brach aus ihm mit einer Energie hervor, die, so lange man ihn hörte, keinen Widerstand duldete. Wenn man diesen hochaufgeschossenen jungen Mann mit dem bleichen Gesicht, mit den schwimmenden Augen, mit schlottrigem Gange, erblickte, so ahnte man nicht, welche Kraft in der Seele dieses schwächlichen Leibes, welche markige Stimme in dieser hagern Brust wohnte. Seine Gebete namentlich waren überwältigend. In Mannowski's Kränzchen wurden Wunderdinge von ihm erzählt. Marheinecke stand sowohl Schleiermacher als Neander gegenüber. Er war ein schöner, großer Mann, mit einem vornehmen Zustande, den wir Studenten daher den Cardinal zu nennen pflegten. Er repräsentirte den Standpunkt des confessionellen Christenthums in Verbindung mit der Philosophie, hatte im Vergleich mit seinen genannten Collegen nicht gerade viel Zuhörer, außer in der Symbolik, d.h. in der Geschichte und vergleichenden Kritik des katholischen und protestantischen Lehrbegriffs. Die Hauptsache in dem ästhetischen Kränzchen wurde der Begriff der Ironie. Er beschäftigte in dieser Sphäre die ganze Zeit, aber specieller hatte Bohtz uns mit der Bestimmung bekannt gemacht, welche Solger ihm gegeben hatte. Sie war uns jedoch schwer durchdringlich. Wir wurden von Solger auf die beiden Schlegel, besonders auf Friedrich[255] zurückgewiesen. Es gelang Simon, ein Exemplar des Schlegel'schen Athenäums, der eigentlichen Geburtsstätte der Ironie, antiquarisch aufzutreiben. Die gemeinsame Lectüre desselben war für uns drei, Simon, Volk und mich, ein Göttergenuß. Wir schwelgten in der Aneignung und Wiederholung der Hauptpointen. Schleiermacher fanden wir hier als den Hierophanten der neuen Zeit gepriesen, und was wir von ihm selber antrafen, war ganz in dem titanischen Sinn der Monologe oder in dem symbolischen seiner Novelle: Die Weihnachtsfeier. Wir erbauten uns an der höhnischen Manier, mit welcher Schmidt-Werneuchen, Kotzebue, Merkel, Nicolai, überhaupt die Philister der Aufklärung abgetrumpft wurden. Bernhard Nöldechen nahm an diesen tumultuarischen Unterhaltungen zuweilen lebhaften Antheil und hatte sich die Verspottung der philanthropischen Pädagogik zur besondern Zielscheibe seiner Sarkasmen erlesen, in denen er die nach romantischem Maaßstabe innere Armseligkeit der Pestalozzischen Richtung und die Auswüchse ihrer naturgemäß sein sollenden Methode durch Caricaturen, die er mit dramatischer Lebendigkeit vorführte, auf das Ergötzlichste persiflirte. Man kann sich keinen größern Contrast vorstellen, als den zwischen diesen Orgien geistigen Uebermuths und zwischen den trockenen, nach Gelehrsamkeit haschenden, öfter schon in eine gewisse Salbung übergehenden Gesprächen meiner Fachcommilitonen im theologischen Kränzchen. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß der Begriff der Ironie von uns in allen erdenklichen Wendungen gebraucht und durch Beziehung auch auf das Unbedeutendste zuletzt ganz trivialisirt wurde. Alles Excentrische war uns willkommen. Volk ermüdete nicht, für immer neuen Stoff in diesem Artikel zu sorgen. Er hatte mir Tiecks Gesammtausgabe von Maler Müller's Werken geschenkt; er schaffte Klinger's Theater an, er übersetzte aus der Literatur der Romanischen Sprachen, worin er wohl bewandert war. Das erste Buch, das er 1829 drucken ließ, war eine Uebersetzung des Portugisischen Preistrauerspiels: Osmia. Eine Sympathie für den Katholicismus, zu welchem er in höherm Alter förmlich übertrat, machte sich jetzt schon bei ihm bemerklich. Er veranlaßte uns z.B., Weihnachten die eigenthümliche Feier desselben nach dem katholischen Brauch in der Hedwigskirche in der noch ganz nächtlichen Morgenfrühe zu besuchen.[256] Simon studirte Philosophie und hörte auch bei Hegel Geschichte der Philosophie. Nach Neujahr aber kündigte er uns seinen Entschluß an, nicht nur Christ zu werden, sondern auch Theologie zu studiren. Er wandte sich an Hoßbach, einen Schüler Schleiermachers, welcher Prediger an der Jerusalemer Kirche war. Dieser unterrichtete und taufte ihn Mitte März. Nöldechen, Volk und ich waren die Taufpathen. Ich werde über diesen ganzen Hergang, der viel Aufregendes und Schmerzliches mit sich brachte, nichts weiter sagen, als daß ich mich völlig neutral zu ihm verhielt und durch ihn noch tiefer in mich zurückgescheucht wurde. Solger hatte mir den Weg gezeigt, wie die Ironie gar wohl mit der Mystik zusammen bestehen könne, ja daß die höchste Mystik nicht ohne absolute Ironie denkbar sei. Er faßte sogar den Begriff des Opfers unter den der Ironie. Ich gerieth nun immer tiefer in die Abgründe mystischer Schriften. In der Bibliothek meines Oheims hatte ich von einem alten Venetianischen Philosophen ein Buch über die Pythagoräische Zahlenlehre, ein anderes von Hofrath Eckartshausen, eine Zahlenlehre der Natur, gefunden. Dies letztere kehrte zur Kabalah mit ihren Sephiroth zurück. Burnet's Archäologie und ich weiß nicht welche andere Schriften in der Bibliothek, worin die Zahlenmystik verhandelt war, reizten meine Neugier, ohne sie aufzuklären. Die Vermischung scharfer Abstractionen mit ganz phantastischen Conceptionen hat in der Kabalistik eine wüste Speculation erzeugt, deren wissenschaftlicher Gehalt gering ist. Ich habe auf Veranlassung von Studien zur Geschichte der Philosophie in spätern Jahren wiederholte Ansätze gemacht, ihr etwas abzugewinnen; ich habe den auf diesem Felde Epoche machenden Werken von Frank und von Molitor, besonders dem letztern, große Aufmerksamkeit gewidmet, allein das letzte Resultat des Mühens war auch hier, trotz der modernen Einkleidung, welche diese Forscher dem Gegenstande gegeben haben, die Sehnsucht, mich aus dem Labyrinth dieser Zwittergestalten eines träumerischen Verstandes herauszuretten und durch die Versenkung in eine ganz empirische Forschung zu erfrischen. Aehnlich erging es mir schon damals, ohne daß ich ein Bewußtsein über diesen psychologischen Vorgang hatte. Nachdem ich mich längere Zeit in den geheimnißvollen vier Welten der Kabalah, in den Seltsamkeiten des Adam Kadmon, in gewaltsamen[257] Verbindungen von Zahlen mit moralischen Eigenschaften u.s.w. umhergetrieben, fiel ich eines Tages mit Begierde über Fries' Mathematische Naturphilosophie her. Mochte sie auch gegen den Glanz der Schelling'schen Naturphilosophie, wie Steffens dieselbe mit der Fülle seiner reichen Anschauung ausstattete, nüchtern erscheinen, mochte sie auch, um das Prädikat mathematisch zu rechtfertigen, der Erscheinung der Thatsachen gar manchen Zwang anthun, ich athmete hier doch die Luft der Wissenschaft. Ich hielt diese Studien geheim, nicht, weil ich ihrer mich geschämt hätte, sondern weil sie allen anderen Bildungselementen, in deren Umgebung ich lebte, zu fremdartig waren, als daß ich auch nur einiges Verständniß für sie hätte erwarten dürfen. Es wäre mir sehr schwer gewesen, von ihnen zu sprechen. Die vortreffliche Darstellung der Gnostiker, die ich von Neander in seiner Kirchengeschichte empfangen hatte, machte mir es leichter, mich in diesen mystischen Regionen zu bewegen. Ganz konnte ich doch aber diese dunkle Seite meines Treibens nicht verbergen, weshalb mir Simon den Spitznamen des Schwarzkünstlers ertheilte, den ich in diesem Kreise den Winter über behielt. Geht man die Geschichte der Deutschen Mystik bis auf Jacob Böhme zurück, so stellt sich in Gichtel und in der von ihm gestifteten Secte die praktische Consequenz dar, außerhalb welcher sporadische Ansätze zu ihrer theoretischen Fortbildung mit großer Zufälligkeit auftreten. Ihr Hauptgedanke ist immer, die göttliche Dreieinigkeit als den Urtypus alles Geschöpflichen vorauszusetzen und die Wiederholung des Ternarius sanctus in allen Erscheinungen zu suchen. Dies finden wir z.B. im System der Ewigkeit 1767 von Berger, einem Schlesischen Arzt. Wir finden es auch bei Eckartshausen. Von diesem Mann giebt es ein asketisches Buch: Gott ist die reinste Liebe; außerdem aber zwei wissenschaftlich sein sollende Werke, die zu Leipzig 1794 und 1795 erschienen, mystische Vorboten der damals eben von dieser Stadt aus beginnenden Schelling'schen Naturphilosophie. Das eine hieß: Zahlenlehre der Natur; das zweite: Probaseologie oder praktische Zahlenlehre der Natur. Weil in der Trinität die Einheit und Dreiheit zusammen gefaßt sind, so liegt die Anwendung der Pythagoräischen Zahlenlehre der Auslegung dieses Dogmas nahe.[258] Die Eins, die Monas oder Henas, wird, als die Urzahl und Unzahl, aus welcher alle andern Zahlen stammen, mit Gott dem Vater verglichen; die Zwei, die Dyas, worin die Monas sich zum ersten Mal wieder erzeugt, mit Gott, dem eingebornen Sohn; die Drei, die Trias oder der Ternarius, worin 1 + 2 gesetzt sind, mit Gott, dem heiligen Geist; die Vier, Tetras oder Quaternarius, soll diese drei als Ganzes in sich zusammenschließen, und wegen der vier Elemente, wegen der vier Weltgegenden, wegen der vier Jahreszeiten und der vier Temperamente, wegen der vier Altersstufen, wegen der vier Monarchien, die Fundamentalzahl der irdischen Welt ausmachen. Diese vier Grundzahlen werden sodann in geometrische Gestalten übersetzt. Die Eins wird zum Kreise, die Zwei zum Winkel, die Drei zum Triangel, die Vier zum Quadrat. Drittens werden die Zahlen und Formen mit metaphysischen Kategorien verknüpft. So gelangt man zur Einheit, die Alles in sich faßt und, als in sich unendlich, über alle Mannigfaltigkeit hingreift; zum Unterschied, worin die Endlichkeit wurzelt; zur Rückkehr aus dem Gegensatz in die Einheit, zur Reduction und zur Vollkommenheit, weil im Quadrat alle Seiten und Winkel einander vollkommen gleich sind. Mit der Fünf, Pentas, beginnt eine neue Tetras, die sich in der Zehnzahl, der Dekas, vollendet. Bis zu ihr hin reichen die Analogien nothdürftig aus, obwohl die Willkür der Beziehung und die Härte der Vorstellungen, die man in den Zahlen erblicken soll, schon sehr widerstrebend wird. Eckartshausen geht bis zur Zahl 16. Diese ersten 16 Zahlen nennt er die Progessivzahlen. Die Kabalah nimmt nur zehn an, welche sie mit Kleidern der Gottheit, als des in sich unendlichen Einen, des Ensoph, vergleicht, die immer gröber werden, bis sie zuletzt als Materie erscheinen. Die Kabalah ist in der That ein emanatorisches System. Das Wort Scpiroth, dessen sie sich zur Bezeichnung der Stufen der Emanation bedient, ist der Plural von saphar, d.h. Zahl, welches Wort in dem Arabischen zifra und in dem davon abstammenden jetzt bei uns eingebürgerten Worte Ziffer wieder erscheint. Eine wissenschaftliche Befriedigung kann die Beschäftigung mit der Zahl nur in der sogenannten Theorie der Zahlen gewinnen, wie Fermat sie zuerst entworfen hat. Hier hört die Spielerei auf, durch welche die Mystik blendet. Wir erkennen sofort, daß irgend eine Zahl, die in der Reihe[259] der Zahlen ihren ganz bestimmten Platz einnimmt, ihrem concreten Ursprung nach nur als Summe oder Product, d.h. durch Addition oder Subtraction, durch Multiplication oder Division entstehen kann und daß hierin der Ursprung der arithmetischen oder der geometrischen, sowie der potenzirenden Progression der Zahl liegt. Die Zahl Neun z.B. kann auf sehr verschiedenem Wege entstehen, denn 8 + 1, 6 + 3, 7 + 2, 4 + 5, 12 ? 3, 18 ? 9 u.s.w., oder 2 x 4 + 1 oder 3 x 3 u.s.w. geben 9. Nun kommt aber die Mystik und belehrt uns, daß in der Neunzahl der Ternar sich dreimal wiederholt habe und damit zu seiner höchsten Offenbarung gelangt sei. Indem sich diese Totalität wieder als Einheit setze, sei die Zehnzahl die höhere Construction der Vierzahl; die Dekas sei das Pleroma. Darunter soll man sich nun etwas recht Hohes, Herrliches, Ueberschwängliches vorstellen, und eben durch diese Forderung wird das, was von Gedankenansatz noch darin ist, gänzlich verdorben. Die Zahl als Zahl ist nur eine quantitative Bestimmung, qualitative Eigenschaften werden ihr angedichtet. Als Größe hat die Zahl auch qualitative Eigenschaften der Quantität selber, wie z.B. die Primzahlen ihre eigene Qualität haben. Diese machen das Studium der Zahlentheorie so außerordentlich interessant, aber es sind dies keine realistischen Functionen der Zahl, wie die Mystik in sie hinein interpretirt. Aristoteles hat in seiner Metaphysik das Falsche an der Pythagorik schon gründlich nachgewiesen, weil die Zahl als Zahl nicht Ursache der vier Weltgegenden u.s.w. sei. Es ist aber merkwürdig, wie auch die Irrthümer in der menschlichen Gesellschaft fortleben, weil sie für eine gewisse Bildungsstufe die ihrem Bewußtsein entsprechende Form darbieten. Fries' Mathematische Naturphilosophie war wohl einigermaßen ein Gegenhalt gegen die Abwege der Mystik, in die ich zu verfallen drohte, allein doch nicht in dem Grade, als man erwarten könnte. Fries unterschied auf's Schärfste zwischen Naturwissenschaft und Anthropologie. Für die erstere forderte er die Vereinigung von Speculation, Mathematik und Empirie; die erstere sollte sich als Vernunftwissenschaft mit dem Begriff des Wesens beschäftigen, welches den verschiedenen Zuständen eines Dinges als das immer gleiche zu Grunde liege. Die zweite sollte es mit der Gestalt und Bewegung, die dritte mit der[260] bestimmten sinnlichen Form der Dinge zu thun haben. Die Naturwissenschaft sollte nur Somatologie sein, d.h. sich nur mit Körpern und mit deren Verhältnissen befassen. Alles, was aus der Empfindung des Menschen hervorgeht, nannte er ästhetisch. Das Gute und Schöne war für ihn die ästhetische Idee, unter welche er auch die Religion subsumirte, deren Glauben sich nach ihm in die noch höhere Stufe der Ahnung verlor. Die Anthropologie als die Wissenschaft von der Erkenntniß des Menschen in seinem Denken und Wollen war ihm durch den Begriff der Vernunft und des Verstandes der Schlüssel der gesammten Wissenschaft. Da er nun die Idee, die er ästhetische nannte, aus dem Gefühl ableitete, so konnte ich ganz wohl die Schleiermacher'sche Dogmatik, die vom Gefühl der Abhängigkeit alles endlichen Seins vom unendlichen ausging, damit vereinigen. In der Naturwissenschaft selber jedoch wurde es mir nicht möglich. Daß er die Mathematik zu den Propyläen der Naturwissenschaft machte, gefiel mir ganz wohl. Er hatte sich eben hiermit auch den Beifall meines Oheims gewonnen, durch welchen mir sein Buch als Antidoton gegen Steffens empfohlen worden war. Er unterschied in der Mathematik drei besondere Wissenschaften: Syntaktik, Arithmetik, Geometrie. Auch dies sagte mir zu. Die erstere hatte er offenbar hereingenommen, weil sie seit Hindenburg's Bearbeitung am Ende des vorigen Jahrhunderts eine Zeit lang Epoche machte und auch auf Schelling's Naturphilosophie, wie wir jetzt mit Bestimmtheit aus seinen Briefen wissen, als er in Leipzig sich aufhielt, einen großen Einfluß übte. Sie ist aber nur ein Moment der Arithmetik selber, denn die Combination und Permutation der syntaktischen Elemente setzt nicht nur den Begriff der Größe überhaupt, sondern auch den der Reihe und damit des quantitativen Werthes der Stelle voraus. Wenn ich vier Elemente habe: a, b, c, d, so ist a das Erste, b das Zweite u.s.w. Sie sollen, der Hypothese nach, ganz gleichgültig gegen einander sein. Ihre Combination soll sie nur in eine andere Ordnung versetzen. Ich kehre sie z.B. um: d, c, b, a. Es sind an sich dieselben Größen, allein d, vorher das vierte und damit letzte Glied der Syntaxis, ist nunmehr das erste, c, das dritte,[261] ist das zweite u.s.w., aber b und c empfangen mit ihrer veränderten Stellung einen veränderten Werth. Um zu wissen, wie viel Elemente vorhanden sind, bedarf ich der Cardinalzahl; um zu wissen, welche Stellung sie zu einander haben, der Ordinalzahl. Ohne die Zahl komme ich also nicht ab. Die Syntaktik ist nichts, als die intuitive Form zur Veranschaulichung der äußeren Mannichfaltigkeit, in welche das in sich einfache Dasein übergehen kann. Nächst der mathematischen Grundlage unterschied Fries die Mechanik, die Stöchiologie und die Morphologie, unter welche letztere er die organische Natur subsumirte. Hier war es nun, wo ich durch ihn zum ersten Male mit dem Gegensatz der sogenanten efficienten und der finalen Causalität bekannt wurde, der mich in immer wachsendem Grade bis auf diesen Augenblick durch seine unermeßlichen Consequenzen auf das Lebhafteste beschäftigen sollte. Fries behauptet, daß die Naturwissenschaft sich jeder Einmischung des Zweckbegriffs zu entschlagen, daß sie nur nach der directen causalen Nothwendigkeit zu verfahren habe. Diese Ansicht gilt auch gegenwärtig wieder als die allein zulässige. Man muß sich ihre Berechtigung klar machen, um den Werth zu erkennen, der ihr von den Naturforschern beigelegt wird. Die wirkende Ursache enthält den realen Zusammenhang zwischen Dasein und Dasein; die Zweckursache dagegen ordnet im Voraus ein Dasein einem anderen als eine Ursache unter, durch welche die Realität von diesem vermittelt wird. Sie ist insofern der ideelle und ideale Grund, aus welchem das Dasein desjenigen Daseins, das als Mittel für die Verwirklichung des Zweckes dient, erst recht verständlich wird. Aber die Entstehung der Realität des Mittels wird hierdurch nicht begreiflich. Sie erscheint vielmehr als ein von dem Zweck für sich unabhängiges, gegen ihn an sich gleichgültiges Dasein. Die Elemente der Mineralien geben den Stoff her, aus welchem die Pflanze sich erbaut, aber sie sind vollkommen gleichgültig gegen diese Verwendung. Die Pflanze bietet den herbivoren Thieren die ihnen gemäße Nahrung, aber eben sie wächst nicht, um von ihnen gefressen zu werden. Ob sie gefressen wird oder nicht, ist ein für sie zufälliges Schicksal. Thier und Thier verhalten sich auf gleiche Weise. Das Schaaf lebt unmittelbar für sich, nicht für den Wolf. Die Wärme, welche die Sonne erzeugt, wird als Quell[262] des Lebens gepriesen. Wo aber kein Leben ist, wie auf dem Monde, da scheint die Sonne umsonst. Man soll also nicht sagen, daß die Sonne den Zweck habe, das Leben anzufachen und zu erhalten. Sie ist, als Sonne, schlechthin gleichgültig gegen diese Wirkung. Von Unten nach Oben hat also jener Kanon Recht. Umgekehrt aber läßt sich die Natur ohne die Zweckursache nicht begreifen. Betrachten wir ein fleischfressendes Thier, so sehen wir, daß es durch und durch zum Fleischfressen organisirt ist. Dasselbe gilt von Pflanzenfressern im Verhältnis zu den Pflanzen, sowie von den Pflanzen im Verhältniß zu den elementaren Stoffen. Der Wolf entsteht nicht aus dem Schaaf, aber ohne das Dasein warmblütiger Thiere vorauszusetzen, sind die Extremitäten, das Gebiß, die Eingeweide der carnivoren Thiere unerklärlich. Ich konnte mich daher mit dem Ausschließen der Teleologie aus der Naturwissenschaft nicht befreunden, vollends nicht in der Betrachtung eines Organismus in sich selbst. Hier schien mir die Wechselwirkung der Organe eine so sehr durch den Zweck bestimmte zu sein, daß ich in dem Auszug, den ich aus Fries machte, die gegentheiligen Versicherungen überall mit Fragezeichen begleitet finde. Nach Fries sollte der Zweckbegriff lediglich der ästhetischen Weltansicht zufallen; sie sollte, wie er sich ausdrückte, den Werth der Dinge bestimmen. Ein junger Mensch ist darin glücklich, daß er mit allem Neuen, was ihm in den Wurf kommt, sich bald möglichst in's Gleiche zu setzen sucht. Die Veränderungen seines Bewußtseins folgen sich noch schnell. Immer Neues drängt sich ihm zu, über welchem er, was ihn bis dahin in Anspruch nahm, eine Zeit lang, zuweilen auch für immer, liegen läßt. So nahm ich auch die Philosophie von Fries auf. Er war für mich, den Studenten, eben so gut ein Professor, der Recht haben konnte, als Schleiermacher oder Hegel. Ich lebte noch in einer unkritischen Unschuld und wußte noch nichts, weder von der bitteren Verachtung, mit welcher Hegel, noch von der hartnäckigen, oft höhnischen Bekämpfung, mit welcher Herbart Fries begegnet ist. Noch weniger konnte ich im Geringsten ahnen, welche Stellung ich selber im weiteren Verlauf meines Lebens zu diesen Philosophen einnehmen würde. Ich hatte in diesem Winter viel Zeit für mich, da ich, nachdem ich die Platonische Republik bei Böckh aufgegeben hatte, nur zwei[263] Stunden ? von 9 bis 11 Uhr ? bei Schleiermacher hörte. Und doch erarbeitete ich nichts Nennenswerthes. Es war schon etwas, daß ich, der mystischen Zahlenlehre halber, den kleinen Timäus in's Deutsche übersetzte. Das Bedürfnis, über die Person Christi zu größerer Klarheit und Bestimmtheit zu gelangen, brachte mich dazu, das Matthäusevangelium commentiren zu wollen. Ich ging auch nach der resoluten Art, die mir eigen war, sofort mit dem Vorrath von kritischen Wendungen daran, wie ich sie besonders dem Lucasevangelium von Schleiermacher abgelernt hatte. Als ich aber mit der Versuchungsgeschichte fertig war, ließ ich die Arbeit fallen, weil ich gerade durch sie immer mehr dazu gedrängt ward, mir von dem Leben Christi eine einheitliche Vorstellung zu schaffen. Ich wollte also eine Harmonie der Evangelien herstellen. Ich hielt mich für dieselbe lediglich an meine eigene Lectüre des neuen Testaments und benutzte außerdem nur die Nachweisungen, welche Hug, Professor der katholischen Fakultät in Tübingen, in seiner Einleitung zu den Neutestamentischen Schriften gab. Ich hatte mir dieselbe zugelegt, weil ich für Hug schon lange durch sein Werk über den Ursprung der Buchstabenschrift vortheilhaft eingenommen war. Das Leben Christi ist nun in der That höchst einfach. Die Schwierigkeiten für seine Darstellung liegen in der großen Verschiedenheit der drei ersten sogenannten synoptischen Evangelien und des vierten Johanneischen Evangeliums. Jene sind aus verschiedenen Berichten kunstlos zusammengefügt, während dies mit tiefer Absichtlichkeit auf dem Grunde einer philosophischen Idee und mit unverkennbarer Beiseitelassung aller von den Synoptikern schon beigebrachten Thatsachen und Aeußerungen als ein historisches Kunstwerk componirt ist. Obwohl ich diese Differenz genügend kannte, so kehrte ich mich doch für meine Zwecke nicht daran, sondern setzte den Werth aller vier Evangelien auf Eine Note. Ich verfuhr gerade so, wie ich den Winter zuvor bei der Geschichte Heinrichs des Luxemburgers gethan hatte. Ich folgte der Zeit und dem Ort und registrirte die Handlungen und Reden Christi bald aus diesem, bald aus jenem Evangelium, indem ich nur da, wo dieselbe Thatsache oder Aeußerung von mehr als Einem überliefert wird, die Uebereinstimmung oder Abweichung des andern Berichts ganz kurz bemerkte. Ich enthielt mich aller Kritik, denn ich wollte nur wissen,[264] was von der Person Christi wirklich geschrieben steht. Es kam mir nur darauf an, Christi öffentliches Leben Jahr für Jahr, womöglich Woche für Woche, zuletzt Tag für Tag seinem objektiven Verlauf nach zu verfolgen. Ich polemisirte daher nicht gegen die Wunder; ich untersuchte nicht, woher ein Evangelist seine Kunde wohl geschöpft haben könne; ich verdächtigte den Text keiner Interpolationen; ich bevorzugte keinen der Synoptiker vor dem andern, wie es später mit dem Markusevangelium geschehen ist, sondern ich benahm mich mit naiver Gläubigkeit, weil ich nur das Interesse hatte, mir die Persönlichkeit Christi so, wie sie thatsächlich erschienen war und wie sie ihr Bewußtsein mündlich geäußert hatte, so lebhaft, so anschaulich als möglich zu vergegenwärtigen. Ich war mir dabei wohl bewußt, daß es eigentlich unmöglich sei, bis zu einer vollkommenen Unmittelbarkeit der Vorstellung Christi durchzudringen, weil er offenbar Aramäisch gesprochen habe, während wir Berichte von ihm nur im Hellenistischen Idiom vor uns haben. Eine Veränderung im Bewußtsein Christi anzunehmen, einen Fortgang von der beschränkten Messiasidee der Juden bis zur Vorstellung eines Erlösers der Menschheit zu verfolgen, fiel mir nicht ein. Ich wollte nur wissen, was man denn, nach den Evangelien, von der Person Christi als einem historischen Individuum wissen könne. Mein Bedürfniß bei dieser Arbeit war nicht sowohl ein wissenschaftliches, als ein gemüthliches. Die Wirkung dieser Beschäftigung war asketisch. Die Heiligkeit Christi, die Unerschöpflichkeit seiner Liebe zu den Menschen, die Strenge seiner Wahrhaftigkeit, die Gleichgültigkeit seines Verhaltens gegen Hab und Gut, seine Verachtung des Reichthums prägten sich mir tief ein. Ich erkannte, wie in der unbedingten Hingabe an seine Person das Princip der mönchischen Abstraction nahe gelegt sei, auf Eigenheit des Willens, auf Besitz, auf Befriedigung des Geschlechtstriebes zu verzichten, um der Gemeinschaft mit ihm ganz würdig zu sein. Die Neigung zur Mystik und die durch Schleiermacher selber hervorgerufene Vertiefung in die Vorstellung der Person Christi waren offenbar schon Symptome, daß mir sein Standpunkt nicht genügte. Doch war ich weit davon entfernt, dies zu ahnen. Ich fühlte nur, daß ich unter dem Einfluß der Berliner Verhältnisse immer unglücklicher[265] werden würde, und bat meinen Vater, mich Ostern 1826 nach Halle zu schicken, was er auch that. ? Ich hatte zu Schleiermacher gar kein unmittelbares Verhältniß. Ich hatte Collegia bei ihm angenommen und von ihm testiren lassen. Sonst hatte weder ich zu ihm, noch er zu mir ein Wort gesprochen, und daher erkläre ich mir, daß das Scheiden von ihm mir nicht schwer ward. Auch hatte die Apostelgeschichte so wenig als die Kirchengeschichte mich in solches Entzücken versetzt, wie die theologische Moral und die Aesthetik. Jene ließ die große Gestalt des Paulus zu sehr unter kleinen kritischen Bedenken verschwinden und diese war nicht sowohl Kirchen- als Dogmengeschichte. Sie war reich an vielen einzelnen feinsinnigen Zügen, aber der geschichtliche Tiefblick ließ sich nur selten verspüren. Das Mittelalter zumal schien er mir nicht richtig zu verstehen. Ich brachte nun wieder einige Wochen in Magdeburg zu, blieb aber diesmal trübsinnig und verschlossen, so daß meine gute Schwester ihre Noth mit mir hatte und ich in der Gereiztheit meiner religiösen Selbstquälerei manchmal recht ausschweifende, ja ungerechte Forderungen an ihr Betragen machte. Den ganzen vergangenen Winter über hatte ich sehr viel gelesen, sehr viel mit Commilitonen durchgesprochen, vor Allem sehr viel gebrütet, aber sehr wenig gearbeitet. Ich wollte nun doch ein gewisses Resultat gewinnen. Wie ich ein Jahr zuvor, als Student der Philosophie, das Experiment gemacht hatte, doch schon zum Doctor der Philosophie promovirt werden zu können, so wollte ich jetzt versuchen, wie es mir wohl mit der höchsten Leistung des geistlichen Berufs, der Predigt, glücken würde. Ein Schwiegersohn meines Oheims, Hergetius, war Pfarrer und Superintendent an der Hauptkirche zu Wanzleben, einer kleinen Stadt, zwei Meilen westlich von Magdeburg. An ihn schrieb ich, mir einen Sonntag zu verstatten. Er bestimmte mir den Sonntag nach Ostern, wo ich am Vormittag über das Evangelium vom ungläubigen Thomas predigen sollte. Dies Thema war mir ganz recht, denn ich konnte bei ihm den Kampf schildern, der in mir selber zwischen Glauben und Zweifel stürmisch genug hin-und herwogte. Ich versetzte mich selbst an die Stelle des Apostels Thomas und pries mit glänzender Beredtsamkeit die Wonne des Glaubens, in welche der Zweifel sich auflöst, wenn auch wir die Hände in[266] die Hände des gekreuzigten und wiedererstandenen Heilandes legen. Die Predigt wurde mir ganz leicht, eben so leicht memorirte ich sie, und Freitag nach Ostern wanderte ich, das Manuscript in der Tasche, nach Wanzleben. Ich wohnte bei meinen Verwandten. Das Zimmer, in welches ich logirt ward, lag der Kirche gerade gegenüber, die von den Gräbern des Friedhofs umzäunt war. Ich übergab meine Predigt zur Durchsicht. Am Sonnabend gegen Mittag ließ mich der Superintendent auf sein Arbeitszimmer rufen und erklärte mir, daß er mit der Predigt zwar zufrieden sei, daß sie jedoch, da die Liturgie bei ihm eingeführt sei, bedeutend abgekürzt werden müsse. Er habe sich selbst der Mühe unterzogen, am Rande die Stellen, welche ausfallen könnten, mit Bleistift anzustreichen. Das war mir höchst unangenehm, aber ich mußte mich fügen. Das Gescheiteste wäre gewesen, die Predigt sofort mit den Auslassungen noch einmal abzuschreiben, sie als Ganzes einheitlich vor mir zu haben, statt jeden Augenblick über eine otroyirte Lücke zu springen. Darauf fiel ich nicht, sondern machte mich daran, die castrirte Predigt zu memoriren. Gegen Abend wollte ich die Probe machen, ob ich sie inne hätte und mich zugleich auf der Kanzel orientiren. Ich bat also meinen Vetter um den Schlüssel zur Kirche, ging hinein und schloß die Thür wieder hinter mir zu. Da war ich nun allein in dem großen Gotteshause. Laut hallten meine Tritte. Mit klopfendem Herzen öffnete ich die Thür zur Kanzeltreppe und stieg hinauf. Als ich oben anlangte, erschien mir der grüne Flauschrock, den ich trug, ganz profan für den Ort. Ich erblickte an dem Pfeiler, der die Kanzel trug, das Bild des dornengekrönten Christus, ein Rohr als Scepter in den gebundenen Händen haltend. Ueber mir, am Schalldeckel, schwebte der heilige Geist als Taube. Links von einem kleinen Pulte, welches zum Auflegen der Bibel diente, stand eine Sanduhr. Die Sonne warf ihre langen rothen Lichter durch die Fenster; die Pfeiler zeichneten schwarze Schatten auf die weiß getünchte Mauer; die Kappen der Gewölbe fingen an zu dunkeln. Ich blickte mit einem gewissen Schauer auf die leeren Bänke unter mir und auf das große Crucifix am Altar, dessen Christus mir das einzige Wesen schien, welches jetzt meine Worte vernehmen sollte, denn ich recitirte nun die Predigt mit lauter Stimme, zu sehen, wie[267] ich wohl die Kirche damit fülle. Die Aufmerksamkeit auf meine Gedächtnißarbeit ließ mich augenblicklich das ganz Abnorme meiner romantischen Situation vergessen. Als ich jedoch das Amen endlich gesprochen hatte, war ich froh, die Kanzel verlassen zu können. Als ich mich umdrehte, hinabzusteigen, blickte mich das Bild des gekreuzigten Christus vom Altar her so schmerzlich, so wehmüthig an, daß ich noch einen Moment stehen blieb und die Thränen mir in die Augen traten. Amazon.de Widgets Es war inzwischen in der großen Kirche immer dämmeriger geworden. Es wurde mir etwas unheimlich und mit Hast drehte ich den knarrenden Schlüssel in der schwarzen, eisenbeschlagenen, großen Pforte, die mich wieder in die freie Luft entließ. Ich sagte beim Abendessen nichts von meinen Empfindungen und von meinem Gebahren in der Kirche, sondern erzählte nur, daß ich mir Alles recht genau angesehn hätte. Da sich die Kunde, daß ein Verwandter des Superintendenten predigen werde, im Orte verbreitet hatte, so sah ich am andern Morgen schon von den Fenstern meiner Stube die Neugierigen zahlreich in die Kirche strömen. Der Superintendent nahm mich in die Sakristei, von wo der Küster mich bei dem letzten Liederverse zur Kanzel führte. Wenn man so zum ersten Mal vor einer großen, uns unbekannten Menge steht und noch dazu mit der Anmaaßung, ihr die höchste Wahrheit verkündigen zu wollen, die allein den Menschen zu beseligen vermag, so ist dies für jeden Empfänglichen gewiß ein Augenblick tiefster Bewegung. Und doch kann man dem Gefühl sich nicht überlassen. Als der letzte Ton der Orgel verklungen war, half es doch nichts, ich mußte zu sprechen anfangen. Ich that es. Das Manuscript meiner Predigt lag in der Bibel, fest gehalten durch ein seidenes Bändchen, unter welches es hindurch geschoben war. Als ich den Text verlesen hatte, schwankte ich eine Secunde, was ich thun sollte. Sollte ich die Bibel aufgeschlagen mit dem Manuscript auf das kleine Pult oder sollte ich sie zur Seite auf den Rand der Kanzel nach rechts hin legen. Ich entschloß mich zu letzterem und klappte die Bibel zu. Nun konnte ich nicht durch Hinschielen auf das Manuscript mich unterstützen, aber auch nicht durch etwaige Mischung erlaubter und verpönter Stellen verwirren. Ich predigte also ganz frei. Es dünkten mich aber nur zehn Minuten vergangen zu sein, als ich schon fertig war. Es half[268] wieder nichts, als, nachdem einmal das Amen unwiderruflich gesprochen war, die Kanzel zu verlassen. In höchster Aufregung gelangte ich zur Sakristei, wohin der Superintendent mir folgte. Hatte ich wirklich gesprochen, was ich sprechen sollte, oder hatte ich nur einige Fragmente der Predigt citirt? Ich wußte es nicht. Zu meinem Staunen erfuhr ich, daß ich die normalmäßig mir zugestandene Frist innegehalten und die Predigt, wenn auch mit einigen freien Variationen, glücklich zu Ende gebracht hatte. Seit dieser Zeit habe ich entweder, nach vorangängiger Ueberlegung, ganz frei gesprochen oder ich habe einen vollkommen ausgearbeiteten Vortrag abgelesen. Memorirt habe ich nie wieder. Denn wenn ich es auch wiederholt versuchte, so tödtete doch die Abhängigkeit von der schon im Voraus fixirten Rede die Freiheit meines Bewußtseins. Das Memoriren machte mich unsicher und ich gab es daher immer wieder auf, wenn die Erkenntniß der Mängel, die mit einem freien Vortrag verbunden waren, mich zeitweise zu einer neuen Aufnahme des Auswendiglernens veranlassen konnte. Mein Gedächtniß selber war sehr gut, aber wo es nicht blos auf Namen und Jahreszahlen ankam, war mein Geist zu thätig, um nicht eine Form, in die er einen Stoff redigirt hatte, bei seiner Reproduction je nach der Stimmung, nach den Umständen, nach hinzuströmenden neuen Gedanken umzugestalten. So wie ich eine Entwicklung von Begriffen nach einer schon vorher abgeschlossenen Ausdrucksweise gedächtnißmäßig darstellen will, wird Alles todt, weil das Interesse, die schon fixirte Form zu vergegenwärtigen, das Interesse an dem Inhalt entseelt. Der Superintendent fertigte mir ein förmliches Zeugniß über meine Predigt aus. Wenn er auch Manches tadelte, worin ich gegen die Gesetze der Homiletik verstoßen haben sollte, so fiel es doch im Ganzen recht günstig aus, so daß ich meinem guten Vater eine Freude damit machen konnte. Ich reiste nach der Predigt nicht sogleich wieder ab, sondern blieb noch einige Tage bei meinen gastfreundlichen Verwandten. Hergetius war philologisch und musikalisch sehr unterrichtet. Er war sehr ehrgeizig und geneigt, sich mit Brochürenschreiben in alle Kirchenhändel der Zeit zu mischen. Der Aerger, den er in der Regel davontrug, schien, wie bei so vielen Menschen, ein Bedürfniß für ihn zu sein.[269] Seine Bibliothek war in einem kleinen Wartezimmer vor seiner Amtsstube aufgestellt. Mit ihr beschäftigte ich mich sofort in allen Stunden, die nicht in der Familie verbracht wurden. Und siehe da, ich fand unter seinen Büchern eines, welches der Genius der Romantik mir huldvoll hier entgegenzubringen schien. Ich fand die Gesammtausgabe der Werke Jacob Böhmes in Amsterdam 1682, vier starke Oktavbände mit hübschen symbolischen Titelkupfern. Wie glücklich war ich, den Philosophus Teutonicus, von dessen Herrlichkeit und Weisheit die Romantiker nicht genug zu sagen und zu singen wußten, nunmehr gleichsam von Angesicht zu Angesicht zu schauen, nachdem ich bis dahin nur Fragmente von ihm citirt gefunden hatte. Ich entlieh die Werke erst von meinem Vetter, konnte mich aber nicht wieder von ihnen trennen und kaufte sie ihm später ab. Wie viel Zeit und Kraft habe ich nicht epochenweise im weitern Verlauf meines Lebens an das Studium dieses Theosophen gesetzt! Ich will hier im Voraus nur hervorheben, daß dasselbe überhaupt zwar anregen, aber nicht bilden kann, weil Böhme zwar ein tiefer, aber wissenschaftlich ungebildeter Mensch war. Es erging mir mit ihm, wie mit dem Studium der Völkerwanderung, zu welchem mich die Erforschung der geschichtlichen Wurzeln unserer Heldensage verleitete. Wenn auch einzelne Charaktere, Begebenheiten, sittenbilderische Momente darin ganz interessant sind, so ist das Ganze doch ein Chaos kriegerischer Kämpfe. Edle Züge der Germanischen Race brechen aus ihm allerdings sowohl in Handlungen als in den Bestimmungen der Gesetzbücher hervor, die wir noch in Lateinischer Sprache übrig haben. Allein die Wildheit einer ungebändigten Kraft, die sich namentlich in leidenschaftliche Rachsucht austobt und die fürchterlichsten Gräuel verführt, waltet vor. So gähren auch in Jacob Böhme's Gemüth die tiefsten Anschauungen mit ungeheurer Gewalt. Er kann sich ihrer gar nicht erwehren und beschreibt nun, was seiner Phantasie vorschwebt, in einer seltsamen Sprache, welche sich aus Ansätzen zu einer wirklichen Gedankenformation und aus Bildern mischt, deren Stoff Böhme von überall her ohne alle Kritik, ohne allen Geschmack auffaßt. Diese Mischung ist es, die ihn den Romantikern empfahl. Die Befriedigung, mit welcher Ludwig Tieck über Böhme spricht, zeigt, daß er ihn Allen[270] vorzieht, was für Philosophie gilt. Das Geheimnißvolle, das Aegyptische, möchte ich sagen, was bei Böhme dadurch entsteht, daß er Lateinische, Griechische und Arabische Wörter, aus der Ueberlieferung der Alchymie, mit halbem Verständniß oder gar mit gewaltsamer Umdeutung gebraucht, trug dazu bei, das Wohlgefallen an ihm zu steigern. Man vermuthete hinter solchen Wörtern ganz absonderliche Tiefen der Einsicht. Dazwischen spielen dann die Vorstellungen von Himmel und Hölle, von Gott und Teufel, von einer paradiesischen und einer irdischen Natur, mit den wunderlichsten Schlaglichtern. Selbst die Geschichte der Bibel verarbeitet er mit theosophischer Zuversicht zu allegorischen Verbildlichungen, bei denen zuletzt alle Sinnigkeit, womit sie etwa noch anfangen, in's Leere, Willkürliche, Abgeschmackte ausgeht. Er hat eine gewisse genialische Größe, welche den Buchstaben der Schrift oder der kirchlichen Bekenntnisse nicht im geringsten respectirt, denn er will immer das Ewige als unmittelbar gegenwärtig anschauen. Die Geburt aller Dinge aus Gott ist ihm kein Geschehen, das für uns in eine unvordenkliche Zeit fiele, sondern sie ist ihm vollkommen in aller Erscheinung offenbar. Die sieben Quellgeister der Gottheit, aus denen er alles natürliche Leben ableitet, arbeiten gleichsam vor seinen Augen. Wenn die glänzende, kalte, finstere Kohle die Luft gierig im Verbrennen in sich saugt und feuerhauchend verglüht, so erblickt Böhme in diesem Proceß die Concurrenz aller kosmogonischen Mächte. Diese vertrauliche Nähe, in welche er sich das Absolute rückt, hat mich immer von Neuem an Böhme herangezogen. In seinen Streitschriften und theosophischen Sendbriefen gewinnt er, dem öden Buchstabenglauben gegenüber, oft eine erhabene Begeisterung, die Verleugnung der Manifestation Gottes in Natur und Geschichte zu bekämpfen. Er hat eigentlich nur den einen Gedanken von dem Ursprung, von der Zerstörung und Wiedergeburt aller Dinge, aber er wälzt ihn in unendlichen Umschreibungen und Wiederholungen umher, die zuletzt ermüden. Für einen jungen Menschen ist die Bekanntschaft mit ihm höchst gefährlich. Viel besser für ihn ist es, wenn er Platon studirt, der ihm mit der Tiefe des Inhalts zugleich eine gebildete Form entgegenbringt. Wenn ein Mann, wie Hegel oder Schelling, wie Baader oder Feuerbach, von einem höheren Standpunkt aus an Böhme's Schriften herantritt und aus der[271] barbarischen Umhüllung seiner Sprache den ideellen Kern herausschält, so kann man sich daran erfreuen. Wenn man aber eben diese barbarische Gestalt um ihrer philosophischen Barbarei willen zum Gegenstand der Bewunderung macht, wie es in der damaligen Romantik geschah, so kann daraus nur trübe Phantasie entstehen, welche sich gegen wahrhafte Bildung hemmend verhält. Mir sollte der Durchgang auch durch diese Krankheit der Romantik nicht erspart bleiben. Ich hatte nun die ideale Verklärung des Herrnhuthianismus, der die Grundlehre der Schleiermacher'schen Glaubenslehre ausmacht, in mich aufgenommen. Wie konnte ich damit die Böhme'sche Theosophie vereinigen? Bei Schleiermacher findet sich die Trinität am Ende der Dogmatik als eine Collectivvorstellung, als eine Synthese des combinirenden Verstandes; bei Böhme geht Alles von der Trinität aus, alle Creatur spiegelt sie wieder; auch in der teuflischen Verzerrung entdecken sich noch ihre Rudimente, um die einstige Wiedergeburt zum ewigen Freudenreiche der Gottheit zu ermöglichen. Mit solcher Antithese in Kopf und Herzen bezog ich die Universität Halle, welche damals der Vorort der rationalistischen Theologie. war. 
 XV. Mußmann und Bohtz. Philosophisches Satirspiel. Habilitation.  [369] Um das, was sich nun ereignete, einigermaßen begreiflich zu machen, muß ich schon etwas weiter ausholen. Das Jahr 1828 schien dazu bestimmt, die Universität Halle mit einer Fluth von Docenten in der philosophischen Fakultät zu überschwemmen. Bis dahin war ein einziger Privatdocent der Philosophie vorhanden gewesen, Dr. Luther, ein Nachkomme von Martin Luther. Er war ein Anhänger Gerlach's, wohnte sehr romantisch in einem der alten Thürme am Rosenthal, litt an den Augen, mit denen er unaufhörlich zwinkerte, schrieb viel für sich, war aber ? eine Seltenheit in Halle ? nicht drucksüchtig und machte die Pädagogik zu seiner Specialität. Als Docent hatte er fast gar keine Wirkung. Wir vermieden uns nicht, wenn wir gerade aufeinander trafen, aber wir suchten uns auch nicht. Er heirathete später eine wohlhabende Wittwe, wurde aber ganz melancholisch und erhängte sich in der Döhlauer Haide. Nun kam 1828 im März zunächst Dr. Georg Mußmann von Berlin nach Halle und etablirte sich sofort als Privatdocent der Philosophie. Er war der Sohn eines Schmiedes aus der Umgegend von Danzig. Er hatte als Freiwilliger noch den Feldzug von 1815 gegen Frankreich mitgemacht. Hierauf hatte er studirt, war dann Lehrer und Erzieher des ältesten Sohnes des Professors der Mathematik, Pfaff, in Halle geworden, von hier nach Berlin gegangen, hatte dort seine Studien fortgesetzt und zugleich der Tochter eines reichen Rentiers Unterricht ertheilt, der damit endete, daß er mit seiner liebenswürdigen[370] Schülerin sich verlobte. Er gewann den Preis für eine Schrift über den Idealismus, welche von der philosophischen Fakultät aufgegeben war. Dieser Erfolg ermuthigte ihn, selbst Lehrer der Philosophie zu werden. In Berlin aber war Alles schon von Hegelianern überfüllt. Er wandte daher sein Augenmerk auf Halle, kam hierher, miethete sich eine reizende Wohnung am Markt der Frau Conditor Schelling, etablirte sich als Privatdocent und fing bereits im Mai an, ein Publicum über die Geschichte der alten Philosophie zu lesen. Noch in Berlin hatte er schon ein Lehrbuch der Psychologie herausgegeben und, kaum angelangt in Halle, ließ er ein Compendium der Logik drucken, das ein noch stärkerer Abfall von Hegel's Logik war, als Hinrichs Philosophie der Logik. Mußmann hatte die Aristotelischen Bestimmungen mit Hegel'schen, er hatte die metaphysischen und logischen Kategorien mit psychologischen derartig durch eine völlig barocke Sprache zusammengeschweißt, daß man aus dem krausen Gewirr keinen reellen Nutzen ziehen konnte, auch wenn man mit gutem Willen an das Buch heranging, wie auch ich es zuerst unbefangen versuchte. Mußmann war auf eine Umgestaltung der Philosophie gerichtet. Er schrieb noch ein Compendium, eine Geschichte der christlichen Philosophie, worin er, nach Schelling und Hegel, mit unverkennbaren Worten auf sich als den Vollender der Philosophie hindeutete. Mußmann hatte viel gelernt, hatte auch in untergeordneten Dingen gegen Hegel zuweilen nicht Unrecht, aber es fehlte ihm alle Productivität. Eine Schrift über das akademische Studium, in welcher er mit Schelling's classischen Vorträgen über denselben Gegenstand zu rivalisiren suchte, konnte, gegenüber Schelling's Größe und Kühnheit, nur seine Kleinmeisterei und anmaßliche Schwäche aufdecken. Mußmann hatte natürlich Hinrichs seinen Besuch machen müssen. Durch diesen wurde ich mit ihm bekannt. Wir machten uns ein paar formelle Visiten. Er schenkte mir auch ein Exemplar seiner Psychologie, aber wir kamen uns nicht näher. Ich verstand nicht, was er eigentlich wollte. Daß er sich für den größten Philosophen hielt, war aus seinem Urtheil über alle andern Philosophen leicht zu erkennen. Wie er es aber sein wollte, war ihm, wie es mir schien, selber unklar. Er war gutmüthig, gefällig, arbeitsam, aber die Eitelkeit, originell zu sein, war[371] der hervorstechende Charakterzug an ihm. Da er der Lehrer des Dr. Karl Pfaff gewesen war, so wurde ich durch ihn auch mit diesem bekannt. Pfaff war Historiker. Er war ein junger, schöner Mann, der in seiner Erscheinung wirklich ein geniales Wesen offenbarte, welches zu Mußmann's erquälter Genialität den schneidendsten Contrast bildete, wie denn Pfaff auch der unerbittlichste Kritiker der Leistungen Mußmann's war. Dieser so hochbegabte Jüngling verfiel leider einer wüsten Lebensart, die ihn seinen gut vorbereiteten Studien entfremdete und ihn allmälig durch ein Jahr langes Krankenlager dem Untergang nahe brachte. Dr. Karl Pfaff erhielt wegen seiner vornehmen Manieren den Beinamen des »Spanischen Gesandten.« Als ich nun eines Morgens im Gartenhause dem Studium Spinoza's oblag; kam durch die Büsche plötzlich unser Hausmeister und führte nur einen Fremden zu, der kein Anderer, als der mir wohlbekannte Dr. Bohtz war, der, als er mich erblickte, sofort mit tausend Capriolen auf mich zustürzte, mich umarmte und umtanzte, so daß der Nachtwächter Milradt vor Erstaunen über diese seltsame Scene ganz verblüfft dastand. Bevor noch irgend etwas Weiteres unter uns gesprochen war, hatte er einen Band des Spinoza ergriffen, zu sehen, was ich triebe. Sofort schrie er: Rosenkränzchen studirt den großen Judenphilosophen! Ha ha! Sagen Sie, Rosenkränzchen, verstehen Sie wirklich den Spinoza? Hören Sie, was Bouterweck von ihm sagte. Und nun warf er sich in die mir bekannte Copirung Bouterweck's und ließ diesen den Pantheismus Spinoza's schelten. Kaum war er damit fertig, so sprang er in die mir ebenfalls schon von ihm geläufige Caricatur des Aenesidemus Schulze und ließ diesen Alles, was Bouterweck vorgebracht hatte, als ungewaschenes Zeug, als ästhetische Schönfärberei widerlegen. Ich lachte aus vollem Halse. Als er sich etwas ausgetobt hatte, lenkten wir auf das ruhige Fahrwasser persönlicher Mittheilungen über unsere Erlebnisse ein. Auch er war nach Halle gekommen, Docent der Philosophie zu werden. Nun, sagte ich, das wird interessant; Sie sind nun, mich eingerechnet, der dritte Privatdocent, der sich hier anfthun will. Und wer ist der zweite? Dr. Mußmann, antwortete ich. Kaum hatte ich diesen Namen genannt, so verwandelte sich Bohtz in diesen und copirte[372] ihn in seinen Gesten und in seiner Sprachweise. Als ich hierüber mich verwunderte, erfuhr ich, daß er und Mußmann, einschließlich des Dr. Paff, alte Bekannte waren. Bohtz bezog nun in der Rathhausgasse, wo ich wohnte, nur wenige Häuser entfernt, ein Quartier bei der Wittwe des Professors König. Es lag zu ebener Erde nach hinten hinaus, wo man unmittelbar vor den Fenstern den Garten vor sich hatte. Es war ein alterthümliches Haus. Die unteren Zimmer waren gewölbt. Durch ein einfenstriges Vorgemach trat man bei Bohtz in ein ziemlich großes Zimmer, das mit seinen Schwibbogen einer Capelle nicht unähnlich sah. Für den Sommer war es eine ganz poetische Wohnung. Wegen ihrer gothischen Gewölbe und einsamen Lage bekam Bohtz unter uns den Spitznamen Dr. Faust, und die alte Rieke der Frau Professor König, welche seine Aufwartung besorgte, den Namen des Famulus Wagner. Die tollste Wirtschaft hub nun an. Meinem Hausgenossen Loof war eine so elektrische Natur, wie die des Dr. Bohtz, noch nicht vorgekommen. Er fiel von einer Verwunderung in die andere, und Bohtz, als er den Effect seiner Komödie merkte, that sein Möglichstes, ihn darin zu erhalten. So dauerte es nicht zu lange, daß Loof von ihm gleichsam einexercirt wurde, ihn bei seinen Pantomimen und Rollenfächern durch eine entsprechende, von Zeit zu Zeit mit gewissen Stichwörtern eingreifende Manier zu unterstützen. Auch für Hinrichs war diese excentrische Natur ein ganz neues Schauspiel. Die Streitigkeiten zwischen den Philosophen Bouterweck und Schulze, in deren Vortrag Bohtz wirklich Außerordentliches leistete, ergötzten ihn ungemein. Nach und nach bildete die Caricatur Mußmann's die dritte Figur, die mehr und mehr Gestalt gewann. Mußmann überkam in diesen Possen die Rolle, als Hegelianer durch das absolute Wissen die Streitigkeiten von Bouterweck und Schulze zu entscheiden. Hier wurde nun die Hegel'sche Terminologie von Bohtz auf das Barockste verwendet. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Verspottung auch bis in cynische Elemente heruntersank. Augenblicklich aber belustigten wir uns an diesen komischen Expectorationen unsterblich. Bohtz war entweder sehr schweigsam, sehr einsilbig, oder er sprudelte über. Zum Glück bot der stille, von Hinterfronten eingeschlossene Garten bei uns das Haupttheater[373] für diese Scenen, so daß man sich ungenirt gehen lassen konnte, denn außerhalb des Hauses war es Freund Bohtz oft schwierig, ihn in seiner Lebhaftigkeit zu bändigen. ? Ich hatte z.B. meinen Mittagstisch, seit ich wieder in Halle war, im Gasthof »zur Stadt Zürich« genommen. Als Bohtz im Anfang Juni anlangte, folgte er mir dahin nach und wurde mein Tischnachbar. Sobald ihm nun etwas an einem der Tischgäste auffiel, konnte er die Kritik nicht lassen, raunte sie mir in's Ohr, machte Witze darüber und setzte mich zuweilen in gelinde Verzweiflung. Die Eitelkeit Mußmann's war für ihn eine unerschöpfliche Fundgrube zur Satire und zuweilen mischte sich einige Bosheit in dieselbe, obwohl er himmelweit davon entfernt war, Mußmann irgend schaden zu wollen. Es war ihm nur um den Scherz und Spaß zu thun. So versprach er uns einst, Muß mann dahin zu bringen, sein Leben für verfehlt zu erklären, weil er eigentlich hätte Bildhauer werden sollen. Wie fing er das an? Er dutzte sich mit Mußmann. Bohtz. Amazon.de Widgets Höre, Mußmann, ich glaube heute früh eine Entdeckung gemacht zu haben, die ich Dir nicht verschweigen kann. Mußmann. In der That, mein Lieber, was könnte das sein? Bohtz. Ich habe die Vorrede zu Deiner Psychologie gelesen. Mußmann. Nun, in der That, Du hast wohl Druckfehler darin entdeckt? Bohtz. Ach, von solchen Lappalien rede ich nicht. Es handelt sich um etwas Großes. Mußmann. Also ist es die Größe meiner Auffassung des psychologischen Problems? Bohtz. Nein, nein, es ist ganz etwas Anderes. Mußmann. In der That, mein Lieber, Du spannst meine Erwartung sehr hoch. Was kann es sein? [374] Bohtz. Ich glaube in Deinem Styl etwas Plastisches entdeckt zu haben. Mußmann. Das freut mich; denn in der That, mein Lieber, bemühe ich mich, anschaulich zu schreiben. Hegel hat wohl zuweilen ein Bild, allein im Ganzen schreibt er viel zu abstract. Bohtz. Gewiß. Aber, Mußmann, solltest Du nicht überhaupt Anlagen zur Plastik haben? Könnte das Gerundete, Vollgestaltige des Styls nicht die Folge davon sein? Mußmann. In der That, mein Lieber, habe ich daran noch nicht gedacht. Die psychologische Wissenschaft würde nicht widersprechen, wenn mein Talent, ohne zur Reife gekommen zu sein, sich gleichsam in meinen Styl geflüchtet hätte. Bohtz. Siehst Du, das ist es, was ich meine. Bedenke doch, daß Du in der Umgebung einer Schmiede aufgewachsen bist, in welcher Hammer und das Eisen tausendförmig gestalten. Sollte also nicht von Hause aus etwas Hephästisches in Dir angelegt sein? Mußmann. In der That, mein Lieber, fällt mir ein, daß ich gern Figuren aus Brodkrume geknetet habe. Bohtz. Nun, sieh' einmal, das ist ja ein ganz unverkennbares Zeugniß. Deines plastischen Talents. Wer weiß, was für ein großer Bildhauer aus Dir hätte werden können. Mußmann. In der That, mein Lieber, ich möchte jetzt selber wohl glauben, daß, wenn ich zeitig einen Lehrer, wie Rauch, gefunden hätte, meine plastische Begabung sich vortheilhaft hätte entwickeln können. Wir Andern hatten Mühe, während diese Komödie sich abspielte, ernsthaft zu bleiben. Sie schloß damit, daß Mußmann »in der That«, wie er nämlich zu sagen pflegte, uns aufforderte, doch bei der Lectüre seiner Schrift etwas darauf zu achten, ob auch wir einen solchen[375] plastischen Grundzug entdeckten. Loof, der mit Bohtz immer unter einer Decke spielte, ermangelte nun nicht, zu versichern, daß er »in der That«, wenn er das Eigenthümliche von Mußmann's Schreibart bezeichnen solle, kein anderes Wort, als plastisch dafür finden könne. Er müsse Bohtz' Entdeckung völlig beistimmen. Wenn Bohtz manchmal noch spät Abends im Schlafrock zu mir kam, traf es sich wohl, daß er den Hausschlüssel vergessen hatte. Dann blieb, bei der Taubhörigkeit seiner Aufwärterin, nichts übrig, als ihm auf meinem Sopha ein Lager zurecht zu machen. Es hing ihm eben ein burschikoses, tumultuarisches Element an. ? Meine Beschäftigung mit Spinoza, welche die äußerste Concentration forderte, wußte ich nur dadurch zu schützen, daß ich ausmachte, den Vormittag über allen Besuch auszuschließen. Eine gewisse systematische Ordnung in meinen Spaziergängen, wie im Sommer zuvor, herzustellen, war unmöglich. Es blieb dem Zufall überlassen, ob ich allein, oder mit wem ich ging. Ein paar Gänge mit Bohtz zeichneten sich durch ihre Romantik aus. ? In Merseburg spielte ein Wandertheater, welches seine Zettel auch in Halle anschlagen ließ. Als ich eines Mittags mit Bohtz zum Essen ging, sahen wir, daß »Don Juan« angezeigt war. Sofort beschlossen wir, da schönes Wetter und Abends Mondschein war, gleich nach Tisch hinüber zu wandern. Es geschah. Die Aufführung der Oper war scheußlich, allein gerade dadurch belustigte sie uns auf's Höchste. Als wir, nachdem Don Juan im obligaten Feuerregen von den Teufeln geholt war, uns wieder auf der Merseburger Chaussee befanden, brach unsere so lange zurückgehaltene Lachlust hervor und Bohtz copirte und caricirte nun die Caricaturen der Schauspieler. Dies hielt die erste Meile hindurch vor. Nun aber war er überreizt und fiel in eine Furchtsamkeit, Ängstlichkeit und Graulichkeit, die ich zwar an ihm schon von Berlin her kannte, in solchem Grade aber noch nicht beobachtet hatte. Bald glaubte er Schritte von einem uns Nachschleichenden zu hören; bald glaubte er einen Schwarm Feldmäuse vor uns wimmeln zu sehen; bald glaubte er in der Ferne einen Feuerschein zu erblicken. Ein Wagen, der rasch uns entgegenfuhr, machte ihn zittern und er wich ihm bis zum äußersten Rande der Chaussee aus. Es war eine krankhafte Nervenüberreizung, von welcher ich, trotz meiner guten Nerven, zuletzt fast angesteckt worden[376] wäre. Ich mußte ihn endlich unter den Arm nehmen, denn er fühlte sich ganz erschöpft. Hingegen war ein anderer Gang nach Lauchstädt, dem bekannten Badeorte, einer der köstlichsten, den ich je in meinem wanderreichen Leben gemacht habe. Wir waren gleich früh Morgens aufgebrochen. Die Erinnerungen an Göthe und Schiller, deren Namen mit dem Theater von Lauchstädt so eng verknüpft sind, umschwebte uns den ganzen Tag. Wir hatten die wundervollsten Gespräche. Ein frugales Mittagessen, das wir in einer Laube des Gasthauses mit einer Flasche Wein verzehrten, aus welcher wir den Manen Göthe's und Schiller's eine Libation darbrachten, schien uns ein Göttermahl. So oft wir uns im späteren Leben wiedergesehen haben, ist uns das Andenken an diesen »vollkommen« zu nennenden Tag zurückgekommen. Wenn ich mit Bohtz allein war, fiel unsere Unterhaltung gewöhnlich auf Kant, Tieck und Daub. Kant machte Bohtz in der Vernunftkritik schwer zu schaffen und ich wunderte mich oft, daß ich ihm, der mir fast in Allem voraus war, ihm, der Solger's Erwin so inne hatte, durch meine Auseinandersetzung hülfreich werden konnte. Mit Tieck war Bohtz seit zwei Jahren, die er in Dresden verlebt hatte, sehr genau bekannt geworden. Sie paßten vortrefflich zu einander. Bohtz unterrichtete Tieck's älteste Tochter, Dorothee, im Griechischen. Mit Tieck wurde über Euripides, welchen derselbe sehr liebte, über Aristophanes, über den Begriff der Ironie u.s.w. gesprochen. Wenn die Abendgäste sich entfernt hatten, mußte Bohtz, der gleichsam zur Familie gerechnet ward, noch dableiben, und nun hechelte man die Eigenheiten, Sonderbarkeiten, Manieren der Gäste durch, indem man sie oft copirte. War von Philosophie gesprochen, so mußte Bohtz seine Göttinger Professoren spielen und durch Bouterweck und Schulze die vorgebrachten Albernheiten abtrumpfen lassen. Ich dagegen mußte Bohtz von Heidelberg und besonders von Daub erzählen, etwa wie ich es 1837 in dem Büchlein über ihn gethan habe. Bohtz hatte zwar ursprünglich auf dem Standpunkt von Jacobi, Fries, de Wette, Salat, Jean Paul gestanden, war aber noch durch Solger gemach auch zur Aufnahme Schelling'scher Ideen herübergezogen und fing an, Daub als den größten romantischen Theologen zu verehren. Bohtz sah bald, daß neben Mußmann und neben mir ein Aufkommen[377] in Halle schwierig sein dürfte, weil wir als Privatdocenten uns Concurrenz machen mußten. Er faßte daher den Entschluß, sich in Göttingen zu habilitiren. Um sich für die öffentliche Disputation, die er auch dort zu bestehen hatte, vorzubereiten, bat er mich, das Lateinischsprechen mit ihm zu üben. An festgesetzten Tagen ging ich den August über mit ihm nach Tisch in seine Wohnung, wo wir bei einer Tasse Kaffee bis vier Uhr de rebus omnibus et quibusdam aliis Lateinisch disputirten. Die Fenster des Gothischen Studirzimmers standen offen; die Weinranken und Blumen nickten vom Garten herein und Bohtz erheiterte unser scholastisches Geschäft mit irgend einer seiner Schnurren. Wir kamen z.B. die Steintreppe im Hause herauf. Er schrie nach seinem Famulus Wagner, Fräulein Riecke. Sie war harthörig und er mußte daher sehr laut mit ihr verkehren. Schlurfte sie nun, ein altes, hochgewachsenes Frauenzimmer, von oben herab, so rief er wohl zuerst: Riecke, ich schieße mich todt. ? Ei, Herr je, der Herr Doctor werden doch nicht? ? Ja, Riecke, es ist beschlossen. Erst aber machen Sie uns noch einmal einen recht guten Kaffee. ? Na ja, da werden der Herr Doctor wohl auf bessere Gedanken kommen. Bohtz ging wirklich Ende August nach Göttingen, wo er noch jetzt, indem ich dies schreibe, als ordentlicher Professor der Philosophie lebt. Wir sind immer Freunde geblieben und haben uns von Zeit zu Zeit in Halle, in Berlin oder Dresden auch wieder gesprochen. Ich wurde tief in die Streitigkeiten unserer philosophischen Bewegung verwickelt, während Bohtz ihnen fern blieb und sich in immer engeren Kreisen einer stillen, aber fruchtbaren Thätigkeit erfreute. Als Schriftsteller hat er sich nur durch ein paar sehr geschätzte Abhandlungen über das Tragische und Komische, wie durch eine vollständige und revidirte Ausgabe von Bürger's Werken bekannt gemacht. Die Geschichte unserer Philosophie war seit Kant von satirischen Reactionen begleitet. Nicolai hatte Kant's Apriorität und Aposteriorität in einigen Romanen verspottet. Fichte verspottete wiederum Nicolai, indem er seinen Lebenslauf a priori deducirte. Falk verspottete die ganze philosophische Bewegung in seinem satirischen Taschenbuch. Schelling verspottete Jacobi im Anhang zu seinem Denkmal der Jacobi'schen Schrift von göttlichen Dingen und ihrer Offenbarung. Was Wunder,[378] daß ich darauf verfiel, den Extract der Witze, mit denen wir uns umtrieben, in ein großes satirisches Bild zusammenzufassen. Ich konnte damals noch etwas zeichnen. Ich entwarf ein großes, symbolisch-allegorisches Bild der Geschichte unserer Philosophie von Kant ab. Binnen einigen Nachmittagen, im Beisein der sanften Louise, die ganz verwundert meinem Beginnen zuschaute, malte ich mit schwarzer Kreide und Rothstift auf einige zusammengeklebte Bogen ein abenteuerliches Bild, von welchem mir jedoch fast Nichts in der Erinnerung geblieben ist, als nur, daß Kant auf einer Wolke schwebte, welche die Transscendenz andeuten sollte. Ueber ihm war wieder eine Wolke, aus welcher eine Hand ? es sollte die Jehova's sein ? ihn an seinem Haarzopf festhielt. ? Kant war als eine Analogie Friedrichs des Großen mit seinem dreieckigen Hut und mit seinem Rohrstock gemalt, durch welchen ich den kategorischen Imperativ ausdrückte. Unterhalb Kant breitete sich eine große Landschaft aus. Rechts nach Oben hin erblickte man die Ostsee. Um sie zu markiren, ließ ich einen Seehund neugierig auf das Ufer schauen. Unten in die linke Ecke hatte ich einen Weinstock mit schönen Trauben gemalt, das gesegnete Schwabenland anzudeuten. Auf diesem Terrain waren nun die großen und kleinen Philosophen in verschiedenen Gruppen mit charakteristischen Stellungen und symbolischen Beiversen vertheilt. In der Mitte des Vordergrundes er blickte man die Scene, welche Schilling am angeführten Orte beschreibt, wie Jacobi, indem er sich die Augen verbindet, Anstalt macht, über den großen Graben vor ihm zu springen. Krug war als an einer Brochürendiarrhöe leidend dargestellt, spähete aber zugleich a priori mit einem Operngucker nach der Entdeckung von Jesuiten. Schelling brachte einer vollbrüstigen Isis ein Rauchopfer dar u.s.w. u.s.w. Ich mußte zu allen den kleinen Künsten greifen, welche die satirische Malerei von jeher für solche Compositionen hat in Anwendung bringen müssen, namentlich auch zu Büchern mit ihren Titeln. Als das Bild fertig geschmiert war, versammelte ich Hinrichs, Bohtz und Loof vor demselben im Gartenhause, wo ich es an einer Wand mit Nägeln befestigt hatte, nahm eine Fischbeingerte von Louisens Nähtisch, tippte damit immer auf die Gegenstände, die ich erklären wollte und hielt nun eine[379] Rede in bänkelsängerischer Manier. »Hier, meine Herren, sehen Sie die wahrhaftige und getreue Abschilderung der Deutschen Philosophie. Hier, in der Mitte, erblicken Sie einen kleinen Mann, den großen Kant von Königsberg, wie es ihm gelungen ist ? nicht durch ein Wunder, sondern durch seine drei Postulate ? in den Himmel zu kommen« u.s.w. Ist bei solchen satirischen Bildern der erste Prickel der Ueberraschung vorbei, so werden sie bald schaal. Nachdem ich meine bänkelsängerische Erklärung noch einmal an einem andern Tage mit einigen Varianten wiederholt hatte, wurde das Bild bei Seite gelegt. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Es waren eben Späße, mit denen wir uns belustigten, uns von der angestrengten Arbeit der Vormittage zu erholen. Es waren harmlose Hanswurstiaden. Eines Nachmittags gegen fünf Uhr ging ich mit Hinrichs zu Bohtz, ihn zu einem Spaziergang abzuholen. Wir fanden die Thür seines Vorzimmers verschlossen, hörten ihn aber in seiner Stube sehr laut reden. Wir fragten die alte Riecke, ob er Besuch habe? Nein, sagte sie, der Herr Doctor sind allein und sprechen mit sich selber. Wir möchten nur in den Garten gehen; die Fenster wären dorthin offen und wir könnten ihm dann zurufen. Wir gingen leise in den Garten und lauschten zurückhaltend, was es gäbe. Wir sahen Bohtz vor einem Tische, auf welchem eine Reihe Bücher aufgestellt war. Jedes gehörte einem lebenden Philosophen. Wir entdeckten bald, daß er eine Schule fingirte. Die Bücher betrugen sich wie lebendige Philosophen auf der Schulbank. Salat saß neben Schelling, Köppen neben Jacobi, Fries neben Reinhold, Bouterweck neben Schulze, Mußmann neben Hegel. Jeder spielte seine Rolle. Bohtz examinirte. Sag' einmal, Schulze, was ist das Ding-an-sich? Schulze behauptet, es sei gar nichts. Nun wurde Mußmann aufgefordert, ihm zu sagen, was das Ding-an-sich sei. Er antwortete, er könne weder mit Kant's Ding, noch mit Hegel's Ding sich einverstanden erklären. Sein Ding sei ein ganz anderes Ding. In der That sei es kein gewöhnliches Ding. In der That unterscheide es sich von den Dingen aller andern Philosophen auf das Vortheilhafteste u.s.w. Bohtz spielte den Schulmeister eben so komisch, wie die Schüler. Als Salat ihm einmal ein paar[380] zu schlechte Antworten gab, wurde er aus der Schule herausgeworfen, d.h. Bohtz packte das von ihm verfaßte Buch und schleuderte es auf den Boden. Bei diesem Anblick mußten wir laut auflachen. Fast erschrocken wandte er den Kopf nach dem Fenster, lachte aber auch aus voller Kehle, als er uns erblickte und scherzte, welche Noth er in seinem Privatseminar mit den berühmten Philosophen habe. Inzwischen ging ganz leise, ganz allmälig eine große Veränderung in mir vor, die unstreitig schon lange vorbereitet war, nunmehr aber zum Durchbruch kam. Das Studium der Hegel'schen großen Logik und das ihm folgende des Spinoza gaben mir eine Befriedigung, die mich unendlich beglückte. Ich erkannte, daß ich in dasjenige Element gekommen sei, welches meinem Streben die rechte Nahrung böte. ? Es vollzog sich in mir eine Umwälzung meiner bisherigen religiösen Denkungsweise. Ich konnte nicht mehr daran zweifeln, daß das Absolute in der Natur und Geschichte sich offenbare. Dies widersprach ja auch keineswegs dem christlichen Glauben, welcher die Gottheit selber in menschlicher Gestalt zur Wirklichkeit der Erscheinung kommen läßt. Ich fand im Neuen Testament, in den Aussprüchen Christi, namentlich nach dem Johanneischen Evangelium, die ausdrückliche Lehre, daß die Erkenntnis der Wahrheit uns frei mache und daß, was man Seligkeit nenne, wesentlich in dem Zustande bestehe, der in uns durch das Leben in der Wahrheit und Freiheit hervorgebracht werde. Die Bergpredigt spricht von der Seligkeit ganz unzweideutig als von einem für uns schon jetzt möglichen Zustande. Die Hegel'schen Lehren von dem Zusammenhang des Unendlichen mit dem Endlichen, des Jenseits mit dem Diesseits, des Göttlichen mit dem Menschlichen, hatten schon längere Zeit in mir gewühlt. Durch das Studium Spinoza's wurde gleichsam der letzte Vorhang weggezogen, der mir das Allerheiligste noch durch angewöhnte Vorstellungen verhüllte. Sein Satz, daß die Seligkeit nicht die Belohnung der Tugend, sondern die Tugend selber sei, traf mich auf das Tiefste. Die Seligkeit kann uns also nicht von Außen kommen. Kein Gott kann sie uns schenken. Sie ist der Zustand, der das Erkennen des Wahren, das Schauen des Schönen, das Vollbringen des Guten begleitet. Was man sich außerhalb der Einheit mit dem Wahren, Schönen und Guten als Seligkeit vorstellt, ist eine ganz[381] unbestimmte Phantasmagorie, in welche sich mehr oder weniger ein sinnlicher Zug einschleicht, wie die Beschreibung genugsam darthut, welche die verschiedensten Religionen von der Seligkeit im Jenseits gemacht haben. Spinoza sagt sogar paradoxer Weise, daß wir nicht selig sind, weil wir tugendhaft handeln, sondern daß wir tugendhaft handeln, weil wir selig sind. Die Noth der Endlichkeit, durch welche, wie Christus sagt, jeder Tag seine eigene Plage hat, kann uns nicht hindern, selig zu sein. Nicht wollüstige Extase in einem Lichtmeer mit musicirenden Engeln kann die Seligkeit sein, sondern allein das Leben in der Wahrheit, Schönheit und Freiheit. Die Schönheit auszuschließen, fand ich keinen Grund, denn das, was die Menschen sich ungefähr bei dem Worte Himmel vorzustellen pflegen, ist wesentlich auch vom Genuß überschwänglicher Schönheit erfüllt. Ohne den absoluten Inhalt des Wahren, Schönen und Guten ist unser Leben nur ein sinnliches, oberflächliches, geistloses, unseliges. Amazon.de Widgets Verhält es sich aber so, dann ist, so schien es mir, ein Leben nach dem Tode, die sogenannte Unsterblichkeit, etwas sehr Gleichgültiges, ja Ueberflüssiges. Von dieser Unsterblichkeit hatte ich zwar nun sehr viel gehört, aber ein deutliches Bild konnte ich nirgends gewinnen. Sie kam auf eine Fortsetzung des diesseitigen Lebens mit dem Unterschiede hinaus, daß dieselbe durch Befreiung von allen Uebeln der lieben Endlichkeit ein sehr angenehmer Zustand sei. Mein Vater z.B. war gewiß ein wahrhaft frommer Mann. Für die Unsterblichkeit aber, an die er fest glaubte, war ihm die Hauptsache, durch sie mit seiner Frau wieder vereinigt zu werden. Ein Himmel ohne die Gesellschaft meiner Mutter wäre ihm kein Himmel gewesen. Ist das Gute, weil es dies ist, zugleich in sich selig und ist die allein die Seligkeit, außer welcher alles Andere, was man sich als solche vorstellt, Wahn und Täuschung, so folgt, daß auch das Böse unmittelbar mit der Unseligkeit behaftet ist und daß es nicht erst des Apparates einer Hölle bedarf, es zu strafen. Weil das Wesen Gottes in der Wahrheit und Freiheit, oder, wie die christliche Religion es nennt, in der Liebe besteht, so entzweien wir uns durch das Böse mit ihm. Das Gefühl dieser Entzweiung ist Verdammniß, gegen deren[382] unendlichen Schmerz alle sinnliche Qual, wie die Phantasie dieselbe in den Bildern von der Hölle vorstellt, verschwindet. Der Glaube an Unsterblichkeit schien mir damals sogar eine Hemmung für die Verwirklichung der wahren Freiheit, denn die Menschen, so glaubte ich wahrzunehmen, entleerten durch die Voraussetzung eines Jenseits das Diesseits von dem vollen Ernst, von der rechten Achtung der Gegenwart, von der Aufmerksamkeit auf die Qualität des Inhalts ihres Treibens. Besonders aber schien es mir, als wenn der Aberglaube ganz vorzüglich durch den Glauben der Unsterblichkeit befördert würde. Wie grausam hat man Thiere, Sclaven und Frauen am Grabe von Männern hingeschlachtet, um sie denselben im Jenseits zur Begleitung zu geben! Wie sehr stützt sich der Aberglaube an Gespenster, an den Verkehr mit Geistern auf den Glauben der Unsterblichkeit! Würde der Aberglaube an Seelmessen, würde die Tyrannei eines Pfaffenthums ohne ihn möglich sein? Hat für einen despotischen Polizeistaat dieser Glaube einen andern Werth, als den des physischen Zwanges, die Massen durch den Terrorismus oder auch Quietismus der Zukunft nach dem Tode zu bändigen? Der gläubige Mensch stellt sich vor, er werde nach dem Tode zu einer unmittelbaren Anschauung der Gottheit gelangen; er stellt sich ein Local vor, wenn er vom Himmel spricht. Dies schien mir, zumal Angesichts unserer heutigen Astronomie, ganz unmöglich. Wie kann ich Gott, den absoluten Geist, das absolute, allgegenwärtige Subject, als eine endliche Person in einem endlichen Raum mir gegenüber haben? Und was hindert mich, hier und jetzt schon mit ihm in Einheit zu leben? Nur das Böse in mir ist es, das mich von ihm entfernt, mich von ihm ausschließt. Durch das Wahre, Schöne und Gute aber lebe und webe ich in ihm. Warum soll die Erde schlechter sein als andere Gestirne? Warum soll mein Verhalten zu Gott, um mit ihm mich versöhnt zu wissen, erst auf den Tod warten? Warum suchen die Menschen, wenn sie so gewiß sind, durch den Tod den Uebergang zur Seligkeit zu machen, dies, wie sie sich auszudrücken belieben, elende Leben so lange als möglich zu erhalten? Mit voller Ueberzeugung stimmte ich Spinoza bei, daß wir Gott, sofern wir ihn erkennen, nur zu lieben vermögen und daß unser Denken[383] als Wahres, unser Wollen als Gutes, von seinem Denken und Wollen nur der Form nach verschieden sein kann. In diesen Vorstellungen habe ich mich über fünf Jahre lang, wie man sehen wird, immer mehr befestigt. Ich habe von jener Epoche her das Bedürfniß der Unsterblichkeit für meine Person ganz verloren. Ich habe wegen des Glaubens an sie später schwere philosophische Kämpfe durchgemacht, aber ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß das Aufhören meiner Existenz mit dem Tode, dem ich nun so nahe gekommen bin, mir als ein Unglück erschiene. Da ich mich in jener Epoche Jahre lang gewöhnte, den Zweck des menschlichen Lebens unmittelbar in ihm selber zu finden, da mir das, was die Orthodoxie aller Confessionen Seligkeit nennt, mit dem Hervorbringen und dem Genuß des Wahren, Schönen und Guten zusammenfiel, da ich für die Begründung der Sittlichkeit allem Eudämonismus längst den Abschied gegeben hatte, so wurzelte sich diese Gleichgültigkeit gegen eine Fortdauer meiner Person nach dem Tode so tief bei mir ein, daß ich sie nicht wieder verloren habe, obwohl ich jetzt keineswegs mehr, wie damals, mich erdreiste, die Nichtunsterblichkeit beweisen zu können. ? Aus der Vorstellung des Pantheismus, von einem Aufgehen unserer Seele in die Einheit des Alls, in ein Verschwimmen des Ichs in eine Weltseele konnte ich durchaus nichts machen. Soll einmal Unsterblichkeit sein, so muß sie die Individualität und das Selbstbewußtsein in sich schließen. Gegen die Kant'schen Postulate der praktischen Vernunft schien mir Spinoza's Ethik unendlich erhaben. Ich schrieb nun eine Lateinische Dissertation über die Philosophie Spinoza's. Der Buchhändler Reinecke nahm sie in Verlag, so daß ich die Kosten für ihren Druck nicht zu bestreiten brauchte. Er verkaufte sie für sechs Silbergroschen. Sie hat aber Glück gehabt und wurde, wie ich höre, später antiquarisch mit einem Thaler bezahlt. Am 28. Juli 1828, einem heißen Sommertage, vertheidigte ich sie öffentlich. Drei Magdeburger Landsleute, ein Theologe Dannhauer, ein Philologe Hesse und der Physiker Loof waren meine bestellten Opponenten. Ich hatte für sie auch fünf Thesen angehängt. Doch fand keine Verabredung unter uns statt. Es war wirklich eine freie Disputation. Als ich mit ihnen fertig war, forderte ich, dem Gebrauch gemäß, die Professoren[384] auf, mir zu oppponiren, falls ich ihnen dazu Anlaß gegeben hätte. Der Professor der Kirchengeschichte, Guericke, trat gegen mich auf. Er griff eine These an, in welcher ich gesagt hatte, daß die Einrichtung eines Königthums bei den Juden mit ihrer Theokratie im Widerspruch gestanden habe und daß folgerichtig der Jüdische Staate an diesem Widerspruch zu Grunde gegangen sei. Guericke machte mir wohl eine Stunde lang zu schaffen. Ich war von der Richtigkeit meiner Behauptung so durchdrungen, daß ich mich durchaus nicht ergab. Guericke, ein strenger Lutheraner, that dies eben so wenig. Wir ermüdeten uns endlich gegenseitig. Der Streit war halb philosophisch, sofern es auf den Begriff der Theokratie ankam; halb historisch, sofern das Verhältnis des Prophetenthums zum Königthum auch thatsächlich durchgenommen werden mußte. Daß ich gegen einen gelehrten und orthodoxen Theologen mich muthig und tapfer gehalten hatte, brachte in einer Universität, wie das damalige Halle, wo die theologischen Interessen noch alle andern überwogen, mir schnell eine gewisse Popularität zu Wege. ? Kaum hatte ich in den bekannten Lateinischen Höflichkeitsphrasen Guericke für seine Opposition gedankt und das Vergnügen ausgedrückt, welches eine Fortsetzung unseres Streites mir privatim gewähren würde, trat zu meinem Schrecken, als ich die Zuhörer außerhalb der Schranken zur Opposition aufforderte, noch ein ganz Unbekannter auf. Er trieb sich aber nur eine Viertelstunde lang in Aeußerlichkeiten umher, denn es war ihm gar nicht, wie sich gleich darauf ergab, um eine ernstliche Bekämpfung, sondern nur darum zu thun, von mir ein Zeugniß zu erhalten, daß er mir opponirt habe, weil er eines solchen bedurfte, um ein Stipendium zu erhalten, das eine solche Bedingung in sich schloß. Es herrschte damals in Halle die Sitte, daß der Doctor, welcher sich habilitiren wollte, auf ein Zimmer in der Waage, wo man sich versammelte, einige Torten nebst genügendem Weinvorrath schicken mußte. Es wurde vor und nach der Disputation getrunken. Was übrig blieb, fiel den Pedellen anheim. Für den Abend hatte ich meine Freunde zu einem frugalen Imbiß nach dem Weinberge von Seeben eingeladen. Auch in der Conversation haben wir unsern Silberblick. An diesem Abend war es Karl Pfaff, der durch eine Fülle von Gedanken, durch schlagenden Ausdruck und[385] glücklichen Witz uns Alle, selbst Mußmann, zur Bewunderung hinriß. Ich weiß nicht mehr, was er vorbrachte, aber ich weiß, daß wir die größten Erwartungen von ihm zu hegen anfingen. Amazon.de Widgets Als Dekan der philosophischen Fakultät fungirte bei meiner Habilitation der Professor Wahl, ein sehr gelehrter Orientalist, von welchem die Sage ging, daß er auch Alchymist sei. Ich habe zu diesem wunderlichen Manne weiter kein Verhältniß gehabt, allein er hat auf mein Studium einen unglücklichen Einfluß geübt. Er gab damals Boysen's Uebersetzung des Koran mit einer Biographie Muhamed's und mit erläuternden Anmerkungen von neuem heraus, die sich allerdings theilweise auf die richtige Lesart, theilweise aber auf den Inhalt beziehen. Wahl tritt hier als ein fanatischer Gegner Muhamed's auf. Er ereifert sich in seinem Zorn bis zu Schimpfreden. Betrüger ist das gelindeste Wort, das er von Muhamed gebraucht. Wir hatten damals noch keine andere Deutsche Uebersetzung. Ich schaffte mir daher das dickleibige Wahl'sche Werk an, da mir die Kenntniß des Koran zu wichtig war. Ich verdankte also auch Wahl diese Kenntniß, allein ich sog zugleich eine Menge schiefer Vorstellungen durch ihn ein. Ich fand zwar seine Wuth gegen Muhamed lächerlich; ich ärgerte mich über seinen beschränkten Standpunkt; ich begriff nicht, wie ein Mann, der sich auch mit der Uebersetzung Firdusi's beschäftigte, für die Poesie des Koran gar kein Auge zu haben schien; allein schließlich ging doch ein großer Theil seiner verächtlichen Behandlung des Koran und des Islam überhaupt auf mich über. Es hat noch Jahrzehnte bedurft, bis ich durch immer erweitertes und vertieftes Studium der Cultur und Sitte der Muhamedanischen Völker die theologische Befangenheit, um nicht zu sagen feindselige Gesinnung gegen den Islam, welche Wahl's Behandlung des Koran mir eingeimpft hatte, durch eine gerechtere und liberalere Auffassung überwinden lernte. Was nun meine Arbeit über Spinoza betrifft, so lag ihr Schwerpunkt darin, daß ich Spinoza als die Mitte zwischen Descartes und Leibnitz faßte. Spinoza hob den Dualismus der Cartesianischen Substanz in den Monismus der Einen Substanz auf, in welcher Ausdehnung und Denken nur Attribute sind. Er nennt die Substanz Gott. Insofern ist sein System Pantheismus oder, da eine Welt im Unterschiede[386] von Gott bei ihm nicht existirt, Akosmismus, Weltlosigkeit, wie Hegel es betiteln wollte. Aber zu Anfang des dritten Buches seiner Ethik, wo er zur Untersuchung des Ursprungs der Affecte übergeht, stellt er den Satz auf, daß jedes Ding in seinem Wesen zu beharren strebe. Um Thun und Leiden, Freude und Trauer, Liebe und Haß erklären zu können, konnte er den Begriff des Individuums, wenn er ihn auch nur als einen bloßen Modus der Substanz nahm, nicht umgehen. Hierin erblickte ich den Keim der Liebnitz'schen Monade. Sie war es, welche gegen die Nothwendigkeit der Ein und Alles bestimmenden Substanz die Freiheit der Individualität errettete. Ich kann wohl sagen, daß das Studium Spinoza's für meine weitere Entwickelung zur größten Wohlthat für mich wurde, weil die Wirksamkeit Spinoza's in unserem Jahrhundert zu einer immer größeren Macht und Wichtigkeit gelangt ist. Da ich seine Philosophie vier Monate hindurch Tag und Nacht zum Gegenstand meines Nachdenkens gemacht hatte, so gewann ich hiedurch eine gewisse Sicherheit in Ansehnung der fundamentalen Bestimmungen, um die es sich bei diesem großen Philosophen handelt. Ich vermochte die so verschiedenen Schilderungen, die man von ihm zu entwerfen nicht aufgehört hat, aus ihm selber zu beurtheilen. Ich war dadurch auch ausgerüstet, Hegel's Polemik gegen Spinoza, daß die Substanz als Subject gefaßt werden müßte, richtiger zu verstehen. 
 XXI. Uebergang in die Prosa. Entscheidung für Königsberg. Abreise von Halle.  [477] Mit dieser Geschichte der Poesie beschloß sich auch die Geschichte der Poesie meines Lebens, denn es erfolgte mit raschen Schritten der Uebergang in die Prosa des Mannesalters. Der erste Schritt dazu war meine Verheirathung. Mit der Ehe erst lernt man die ganze Endlichkeit und Unendlichkeit des Lebens, den absoluten Ernst der Geschichte kennen. Der zweite Schritt zur Prosa war eine Thorheit, zu welcher ich mich durch meine Tischfreunde hatte hinreißen lassen. Dr. Bahrt, der seiner Augen halber das stürmische und kalte Königsberg mit Halle vertauscht hatte, wollte eine sogenannte höhere Töchterschule begründen, für welche sich ein Bedürfniß geregt hatte. Um ihm aufzuhelfen, wurde in unserer Tischgesellschaft, deren Mitglied er war, beschlossen, daß wir das erste halbe Jahr unentgeltlich als Lehrer bei ihm eintreten wollten. Rosenberger und Scherk übernahmen das Rechnen und ich weiß nicht, was sonst noch, ich in der ersten Klasse das Französische. Ich hatte vier Stunden jede Woche zu geben und jede zweite Woche die Correctur eines Exercitiums. Die Wittwe des Linguisten Professor Vater übernahm das Protectorat der Schule und ertheilte mit ihrer Tochter Julie ebenfalls Unterricht. Als das erste Semester Ostern 1833 geschlossen wurde, veranstaltete Dr. Bahrt eine öffentliche Prüfung im Saal des Kronprinzen, welcher damals das vornehmste Hôtel in Halle[477] war, und ich führte hier auch mein Dutzend Schülerinnen vor. Die ganze Stadt konnte sich nun überzeugen, ob sie etwas bei mir gelernt hätten. Eine kleine Gräfin von Schulenburg, die mich auch später noch zuweilen hat grüßen lassen, zeichnete sich vorzüglich aus. Ich bin also auch Schulmeister in optima forma gewesen. Der Unterricht wurde mir ganz leicht und machte mir Vergnügen, aber er war insofern eine Thorheit, als ich die Zeit für meine übrigen Arbeiten viel besser hätte gebrauchen können, zumal meine Verheirathung sehr begreiflich gar mancherlei Zerstreuung mit sich brachte. Der dritte Schritt zur Prosa war, daß ich vom 1. Januar 1833 ab Mitglied der wissenschaftlichen Prüfungscommission für die Fächer der Philosophie, der Pädagogik und der Deutschen Sprache wurde. Bernhardy, der Philologe, der in Berlin mein Lehrer gewesen war, Kämpz, der Physiker, Leo, der Historiker, Guericke, der Theologe, der mir so scharf bei meiner Habilitation opponirt hatte, wurden meine Collegen. Wie wunderbar war mir das! Ich mußte mich tüchtig zusammennehmen, die neuen Aufgaben, die sich mir hier stellten, richtig aufzufassen und zu lösen. Ich hatte Themata zu geben, Arbeiten zu beurtheilen, Examina und Probelectionen abzuhalten, Schulacten mit den Berichten von den Abiturientenprüfungen zu lesen und zu begutachten und sogenannte Wilde zu prüfen, d.h. solche jung Leute, die von keinem Gymnasium entlassen waren, sondern, was damals noch gestattet war, die Prüfung bei der Commission machten. Die Deutsche Clausurarbeit wurde von den Wilden auf der Waage im Senatszimmer gemacht. Es waren einige zwanzig. Ich mußte sie überwachen. Nur während ich zum Essen ging, löste mich der Universitätssecretär, Herr von Leonhardi, ab. Es war aber schwer, fast unmöglich, Durchsteckereien zu verhüten. Neben dem Senatszimmer war nämlich ein langes Zimmer. Hier war ein Apparat für die Bedürfnisse der jungen Leute aufgestellt. Bei der schmorenden Julihitze mußte das Fenster geöffnet bleiben, da man es sonst vor üblem Geruch nicht aushalten konnte. Die Praxis bestand nun darin, daß die Wilden unter dem Vorwand der Nothdurft sich in das Nebenzimmer begaben und das Thema einem auf der Straße lauernden guten Freunde zuwarfen, der zur Disposition oder auch Ausarbeitung des Thema's geschickter war und dieselbe durch[478] den bestochenen Wärter unter allerlei Formen dem Abgesperrten zugehen ließ. Es war wohl nicht gerade leicht, solche Verhältnisse, ohne Fehler zu begehen, zu behandeln, und ich glaube namentlich, daß ich als Neuling anfänglich bei den Probelectionen zu hohe Forderungen machte. Doch half mir meine natürliche Unbefangenheit, und ich muß den Erwartungen der Behörden genügt haben, weil ich sonst schwerlich im Januar 1834 zu Königsberg dasselbe Amt überkommen hätte, welches ich dort gerade dreißig Jahre lang verwaltet habe. Ich bin im Dociren und Examiniren grau geworden. Endlich der vierte Schritt zur Prosa bestand darin, daß ich Halle verließ und eine ordentliche Professur der Philosophie in Königsberg annahm. Hier hatte Herbart vierundzwanzig Jahre gelehrt. Er hatte erwartet, nach Hegel's Tode nach Berlin berufen zu werden. Als dies nicht geschah, nahm er einen Ruf nach Göttingen an, wo Schulze gestorben war. Er kehrte zu der Universität zurück, an welcher er im Anfang des Jahrhunderts als Privatdocent aufgetreten war. Aber so einfach, als ich hier erzähle, machte sich die Sache bei mir nicht. Ich hatte einen schweren Kampf zu bestehen, das Anerbieten des Ministeriums anzunehmen. Amazon.de Widgets Das Anerbieten schien zunächst ein großes Glück. Vom außerordentlichen Professor nach wenigen Jahren zum ordentlichen befördert zu werden und im Gehalt von zweihundert Thalern auf tausend Thaler zu steigen, war jedenfalls ein unleugbarer Fortschritt. Was jedoch den ersten Punkt anbetraf, so reizte er mich wenig, da ich niemals nach äußerer Macht und Ehre gestrebt habe. Ich bin zu großen Ehren gelangt. Ich bin Inhaber hoher Orden, ich bin Rath erster Classe, ich bin Doctor der Theologie, Mitglied vieler gelehrten Gesellschaften, selbst in Nordamerika, geworden, allein ich habe dies Alles nie gesucht. Es ist mir ohne mein Zuthun zugefallen. Was den zweiten Punkt betrifft, so war er für einen verheiratheten Mann von unbestreitbarer Wichtigkeit. Meine Frau wurde durch ihn ganz entschieden für die Annahme der Professur gewonnen. Ich wußte aber durch meine Freunde Rosenberger, Friedländer, Scherk, die in Königsberg studirt hatten, daß die Honorareinnahme des Philosophen daselbst gleich Null war. Die Anzahl der Studenten betrug nur zwischen drei- bis vierhundert. Die[479] meisten derselben waren arm und bezogen die Universität, um von ihr als einer wahrhaften alma mater mit Freitischen und Stipendien ernährt zu werden. Mediciner und Juristen, welche durchschnittlich vermögenden Kreisen der Gesellschaft angehörten, kümmerten sich wenig um die Philosophie. Logik und Psychologie wurden von Herbart nach einer Bestimmung der Vocation, die auch auf mich überging, unentgeltlich gelesen, indem darin gesagt ist, daß der Professor gehalten sei, in jedem Semester einen Hauptzweig seiner Wissenschaft gratis zu lesen. Ich habe dies Alles auch vollkommen bestätigt gefunden, denn ich habe es im Honorar im Maximum das ganze Jahr hindurch nie über hundert Thaler gebracht, obwohl es mir keineswegs an Zuhörern gemangelt hat. Den fleißigen Theologen und Philologen, die sich hauptsächlich um das Studium der Philosophie kümmern, wird hier in einem Umfang das Honorar gestundet, wie es in Deutschland unbekannt ist. ? Herbart suchte den Ausfall der Collegiengelder dadurch zu ersetzen, daß er in seinem Hause eine Erziehungsanstalt für Söhne der reichen und vornehmen Familien einrichtete. Die Zeit, wo reiche Kur- und Liefländer in Königsberg studirt hatten, war längst vorüber. In Halle dagegen war ich in der baaren Honorareinahme bereits bis über fünfhundert Thaler gekommen, so daß der Quästor Leißring mir von der Annahme in Königsberg abrieth. Nun aber Königsberg und Halle als Wohnsitz verglichen, schwankte ich keinen Augenblick, das letztere vorzuziehen. Ich wohnte hier im Mittelpunkt Deutschlands. Halle war kein Paradies, aber man konnte von hier bald nach dem Harz und dem Thüringerwalde, nach der Sächsischen Schweiz und Böhmen, nach Leipzig und Jena, nach Dresden und Berlin gelangen. Königsberg liegt an der äußersten Grenze Deutscher Cultur in einer kahlen Umgebung, die nicht zum Fußwandern, das ich so sehr liebte, verlockt. Es wird immer als eine Merkwürdigkeit angeführt, daß Kant von Königsberg nie weiter, als bis nach Pillau, seiner Hafenstadt, d.h. nur sieben Meilen weit fortgekommen ist. Wer aber Königsberg kennt, welches damals mit Berlin nicht einmal durch eine Chaussee verbunden war, die erst nach den Freiheitskriegen gebaut wurde, wird dies ganz begreiflich finden. ? Ullmann, ein Badenser, klagte schon über das rauhe Klima in Halle und ging auch von ihm[480] nach Heidelberg zurück. Aber verglichen mit dem Klima Königsbergs ist es ein Italienisches. Königsberg liegt auf einer Wetterscheide, hat daher ein höchst unbeständiges Wetter und macht in einem Tage die extremsten Absprünge in der Temperatur. Schlimmer als dieser Wechsel ist jedoch der naßkalte Untergrund der Stadt, worin überdem viele morastige, mit faulen Dünsten freigebige Stellen vorhanden sind, welche es erklären, daß Königsberg schon funfzehn Choleraepidemien gehabt hat. Der berühmte Professor Dieffenbach, ein geborener Königsberger, sagte mir in Berlin, ich solle mir das Klima der Stadt als feuchte Kellerluft vorstellen. Damit es aber nicht den Anschein gewinnt, als wolle ich das mir sonst so werthe Königsberg verrufen, bemerke ich, daß ich nun vierzig Jahre hier lebe, ohne krank gewesen zu sein. Nur an Augenentzündung habe ich in Folge schrecklicher Kälte und orkanartiger Stürme zu leiden gehabt. Schwerer als Gegend und Klima wog jedoch bei mir der Gedanke, mich von meinen Verwandten und Freunden in eine so weite Ferne hin trennen zu sollen. Von Halle aus hatte ich meine einzige geliebte Schwester in Eisleben vier Meilen, meine Vaterstadt Magdeburg eilf Meilen, meine übrigen Verwandten in Berlin einige zwanzig Meilen nahe, während von Berlin bis Königsberg noch über achtzig Meilen sich hinziehen. Es war mir, zumal bei der damaligen Schwerfälligkeit und Theurung des Postverkehrs, als sollte ich mich von ihnen für das Leben scheiden. Und in der That ist es auch mit Vielen so gekommen. Ich trat in eine ganz neue, ganz andere Welt ein, welche meine Freunde in Deutschland nicht kannten, während ich theils durch mein Amt als öffentlicher Lehrer, das mich mit einer großen Menge von Personen in Berührung brachte, theils durch meine Kinder, die hier aufwuchsen, immer enger mit Preußen verschmolz. ? Wie Göthe's Leben in zwei Perioden zerfällt, welche durch Frankfurt und Weimar bezeichnet werden, so ist auch mein Leben in zwei Hälften zerfallen, deren eine mein poetisches Jugendleben in Magdeburg, deren andere mein prosaisches Wirken in Königsberg umfaßt. In Königsberg selbst kannte ich Niemand, war aber durch meine von dorther stammenden Freunde gewissermaßen darauf präparirt. Durch sie hatte ich auch eine flüchtige Berührung mit dem Philologen Lehrs[481] gehabt, als er auf einer Reise nach der Schweiz durch Halle kam und Scherk und Rosenberger besuchte, welcher letztere ihn zu unserem Mittagstisch in der Stadt Zürich mitbrachte. Wie hätte ich ahnen können, daß mit diesem großen Gelehrten, mit diesem herrlichen Menschen mich in Königsberg die innigste Freundschaft verbinden sollte, welche im Wandel der Zeiten auch die schwersten Prüfungen der Meinungsverschiedenheit glücklich bestanden hat. Einige Wochen wurde nun in Halle über meine Berufung lebhaft hin- und hergesprochen. Die alte Partei, um sie kurz so zu nennen, sah mich gern fortgehen, da ich immer weiter ging und ohne schroffe Polemik gegen die Personen, wie Hinrichs sie geübt und sich dadurch gänzlich isolirt hatte, allmälig auch auf sie einen sachlichen Einfluß gewann, indem ich z.B. in der Halleschen Literaturzeitung auch philosophische Schriften, wie Weiße's Mythologie, Ruge's Platonische Aesthetik zu recensiren, oder für die Encyklopädie von Ersch und Gruber Artikel, wie Ontologie, Opfer u.a. übernahm, zu denen mich Meyer, als Dirigent der dritten Section, aufforderte. Ein Landsmann von mir, Schaller aus Magdeburg, war durch meine Collegia zur Hegel'schen Philosophie herangezogen und habilitirte sich 1833 als Privatdocent, indem er durch eine Dissertation über Leibnitz sich an die meinige über Spinoza anschloß. Durch meine Vorträge über Geschichte der Philosophie und über Aesthetik hatte ich angefangen, meinem sehr verehrten Hofrath Gruber, der mir persönlich wohlwollte, eine nicht unbedeutende Concurrenz zu machen. Durch meine Mitgliedschaft in der wissenschaftlichen Prüfungscommission war mir ein wichtiger Einfluß auf die Schulen und Pädagogen eröffnet, wie Hinrichs ihn nie gehabt hatte. Die Studenten, vorzüglich Westphalen und Schlesier, waren mir sehr gewogen. So war es denn in der Ordnung, daß man mich los zu werden wünschte, da die verhaßte Hegel'sche Philosophie durch mich eine gefährliche Propaganda machte. Die junge Partei sah mich gewiß, und zum Theil aus denselben Gründen, sehr ungern scheiden. Meine Freunde waren jedoch in dem Urtheil einstimmig, daß ich die Professur annehmen müsse, theils um die Hegel'sche Philosophie nach Königsberg zu verpflanzen, wo sie eben so unbekannt war, als die Herbart'sche in Halle,[482] theils weil ich durch eine abschlägige Antwort das Ministerium gegen mich verstimmen und abgeneigt machen würde, für mich weiter etwas zu thun. ? Preußen lag aber in so nebelgrauer Ferne. Es gehörte damals noch nicht zu Deutschland. Wenn den Hohenzollern die Deutschen Besitzungen einmal wieder verloren gingen, so besaßen sie in Ost- und Westpreußen, wohin sie ja schon einmal geflüchtet waren, noch ein ganz anständiges Königreich. Um mir eine genauere Vorstellung von der Stadt Königsberg zu machen, hatte mir Freund Rosenberger eine Beschreibung derselben vom Buchhändler Nicolovius mit Kupfern geliehen. Sie vermochte mir aber kein besonderes Interesse einzuflößen. Herbart, dessen Nachfolger ich werden sollte, war mir von meinen Freunden als eine so bedeutende Persönlichkeit, als ein so genialer und beredter Lehrer, als ein so gelehrter, vielseitiger Forscher, gewandter Pädagoge und eleganter Gesellschafter geschildert worden, daß ich mich recht klein und schwach gegen ihn fühlte. Ich hatte mich wenig um ihn gekümmert. Ein sonderbarer Zufall hatte mich 1831 aufmerksam auf ihn gemacht. Da mein Freund Anton keine theologischen Schriften verlegte, so hatte ich meine theologische Encyklopädie an Schwetschke gegeben. Während sie in seiner Officin gedruckt wurde, brachte ich eines Morgens selber eine Correctur ab, fand das ganze Personal im Laden neugierig um ein Poststück versammelt, das man soeben, von einer Matte und Leinwand enthülste, worauf ein blanker metallner Kern, ein Blechkasten, zum Vorschein kam, in welchem sich ein höchst sauber geschriebenes, zierlich aussehendes Manuscript befand. Es war Herbart's Philosophische Encyklopädie, welche Schwetschke gleichzeitig mit meiner theologischen verlegte und auf demselben Papier mit denselben Lettern druckte. Sehr komisch schwitzten wir beide also, jeder mit einer Encyklopädie, unter demselben Preßbengel. Ich las nun auch diese Encyklopädie, durch welche Herbart in der Lehre vom Widerspruch eine gewisse Annäherung an Hegel's Dialektik versuchte. Sonst aber blieb mir Herbart eine sehr unbekannte Größe, die ich, wo ich auf sie gestoßen war, angestaunt, aber nie begriffen hatte. Hinrichs, als Oldenburger ein Landsmann von Herbart, hatte 1829 die Metaphysik desselben zur Kritik übernommen, mir fleißig daraus berichtet und lange Gespräche[483] darüber, namentlich im Garten von Trotha, gepflogen. Aber die realen Wesen Herbart's waren mir undurchdringlich geblieben und nun sollte ich in eine Welt eintreten, in welcher die Auctorität Herbart's durch Jahre lange Herrschaft befestigt war. Hinter Herbart aber stand in weiterer Perspective noch die große Gestalt Kant's, denn Herbart saß auf dessen Lehrstuhl. Zwischen Kant und Herbart war der Leipziger Krug drei Jahre hindurch Kant's unmittelbarer Nachfolger gewesen. Ich kam also durch Annahme der Professur in eine Beziehung zu Kant, die mich erschreckte. War ich auch gewohnt worden, ihn von der Hegel'schen Schule aus sehr polemisch, sogar geringschätzig behandelt zu sehen, war namentlich Hinrichs ein heftiger Gegner seiner kritischen Philosophie, so war ich doch von höchster Ehrfurcht vor seinem Genie und seinem Charakter durchdrungen. Und ich Zwerg sollte nun auf den Lehrstuhl treten, der durch diesen Riesen weltberühmt geworden? Amazon.de Widgets Ich werde nun aufrichtig erzählen, wie die Sache weiter verlief. Gegen den Wunsch meiner Frau, gegen den Wunsch meiner Gegner, gegen den Rath meiner Freunde, gegen die Erwartung der öffentlichen Meinung ? schrieb ich dem Ministerium einen Absagebrief. Ich trug ihn selbst auf die Post. Als ich nach Haufe zurückkehrte, sagte ich meiner Frau, daß unser Bleiben in Halle nunmehr entschieden sei. Dies gab Veranlassung, den gethanen Schritt noch einmal durchzusprechen, und diesmal siegte meine Frau. Außer den für die Annahme auf der Hand liegenden Gründen setzte sie dem schlechten Klima Königsbergs die Annehmlichkeit entgegen, daß es doch eine große Stadt sei; denn sie stellte sich als Berlinerin, da es eine Haupt- und Residenzstadt genannt wurde, etwas wenigstens Aehnliches, wie Berlin, vor. Gegen meine Scheu aber, einen Lehrstuhl zu betreten, wo ich so große Vorgänger gehabt, machte sie theils meine bisherigen Erfolge geltend, theils appellirte sie an meine Zukunft. Als Herbart nach Königsberg gegangen sei, sei er doch auch noch ein junger Mann gewesen. Ich gab nach, eilte auf die Post, meinen Brief zurückzunehmen, was noch möglich war, schrieb dann einen Zusagebrief und trug ihn sogleich, um alles Schwanken zu verhindern, selber noch vor Postschluß fort. ? So war denn mein Schicksal entschieden und ich verfiel zunächst einer unendlichen Wehmuth. Meine Frau konnte diese Empfindung[484] nicht theilen, da sie erst seit kaum einem Jahr in Halle lebte, allein für mich war diese Stadt voll von den interessantesten Erinnerungen, die von dem Augenblicke ab, wo ich sie für immer verlassen sollte, mit zauberischer Gewalt mein Herz bedrängten. Selbst die Wohnung, worin wir uns befanden, war für mich ein kleines Monument meiner ganzen Halleschen Geschichte. Hier hatte Hinrichs bis Ostern 1832 gewohnt, wo er sie verließ, weil er für seine Kinder eine Wohnung mit einem Garten suchte. Ich hatte sie nach ihm gemiethet. Hier war ich als Student, als Privatdocent, als Professor aus- und eingegangen und blickte aus den Fenstern des Seitenflügels in den Garten des Hauses der Staatsräthin von Jacob, wo ich die Dissertation über Spinoza geschrieben und worin ich noch mit Genthe, Loof und Bohtz so tolle Späße getrieben hatte. Doch, es half nichts. Das Schicksal hatte mich einmal gepackt und wir mußten endlich fort. Von Beuchlitz und Giebichenstein, von der Frau Hofräthin Pfaff, von Leo und Hinrichs, von Rosenberger und Scherk, von Ritschl und Meier riß ich mich mit manchem Ach und Weh los. Die Studenten, die mir anhingen, brachten mir einen Fackelzug und ich hielt meine erste öffentliche Rede zum Fenster hinaus. Mit meiner Frau fuhr ich nach Eisleben, meiner Schwester und ihrem Mann Lebewohl zu sagen. Zurückgekommen, gaben wir unsern Freunden und Freundinnen im Saal der Stadt Zürich ein Mittagessen zum Abschied und rollten am andern Morgen in einem schwerbeladenen Reisewagen zum Thor hinaus. Der getreue Brockhaus, den ich beibehalten hatte, Hanne, unser redseliges Mädchen, gaben uns noch eine Stunde das Geleit, reichten uns dann die Hand, wischten sich die Augen und überließen uns dem Gefühl der Vereinsamung. Es ist eine ganz müßige Frage, was aus mir geworden wäre, wenn ich in Halle blieb. Jedenfalls setzte mich das Amt, welches ich in Königsberg übernahm, in ein bestimmtes Verhältniß zu den centralen Wissenschaften der Philosophie, zur Logik und zur Psychologie. Ich hatte sie nicht vernachlässigt, allein ich hatte sie nur studirt, nicht vorgetragen. Da ich Hegel selber nicht gehört hatte und seine Vorlesungen über Weltgeschichte, Religion, Kunst und Geschichte der Philosophie noch nicht gedruckt waren, so kam ich auf diesen Gebieten zu einer selbstständigeren Auffassung, welche die Streitigkeiten erklärt, in welche ich[485] später mit der Schule Hegel's gerieth, sofern sie im Dogmatismus der Hegel'schen Traditionen stehen blieb und nur die Wiederholung desselben für correct ansah. Als eine weitere heilsame Folge meiner Lage in Königsberg muß ich die entschiedene Concentration auf philosophische Arbeiten im engeren Sinne betrachten. Ich war in Halle durch die allseitige Empfänglichkeit meiner Natur nach zu vielen Richtungen hin zerstreut. Mir wurde noch kurz vor meiner Abreise das Extrem von literarischer und theologischer Thätigkeit, worin ich mich bewegt hatte, recht anschaulich zum Bewußtsein gebracht. Der Bischof Tegner, der Dichter der romantischen Frithjofssage, kam von einer Badekur in Teplitz durch Halle und hielt sich hier einige Tage auf. Er besuchte mich und sprach mit mir über meine Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter, die er mit Interesse gelesen hatte. Von hier aus kamen wir auch auf die Edda und auf Saxo Grammaticus. Wir vertieften uns in den alten Norden. Als Tegner nach einigen Stunden lebhafter Unterhaltung aufstand, um zu gehen, fragte er mich, ob ich mit dem Theologen Rosenkranz verwandt sei, der eine Encyklopädie der theologischen Wissenschaften herausgegeben habe, die er noch nicht kenne, von der er aber schon Manches gehört habe? Als ich ihm nun sagte, daß ich der Verfasser derselben sei, wollte er dies anfänglich kaum glauben. Die Verschiedenartigkeit dieser Leistungen schien ihm zu groß und ich erinnerte gegen sein offenbar bedenkliches Erstaunen zu meiner Entschuldigung an Herder, der ja auch literarische, theologische und philosophische Arbeiten durcheinander gemacht habe. Ich kam noch in einigen Gesellschaften mit ihm zusammen, mußte ihm beim Abschied versprechen, ihn einmal von Königsberg aus in Schweden auf seinem Bischofssitz zu besuchen, woraus, wie aus so vielen andern schönen Vorsätzen, trotz einer wiederholten Mahnung Tegner's, leider nichts geworden ist. Ich begreife jetzt nicht, wo ich damals den Muth und die Kraft hergenommen habe, Alles zu bewältigen. Ich kann es nur dem leichten Sinn der Jugend und dem Ungestüm meiner Neigungen zuschreiben. Wenn ich mit meinem Leben verschwenderisch umging, so geschah es, weil mein jedesmaliges Thun mir im Augenblick durchaus nothwendig erschien. Ich bemerkte z.B., als ich an dem dritten Theil meiner allgemeinen Geschichte der Poesie schrieb, wie sehr ich doch im Englischen zurückgeblieben[486] sei. Kaum hatte ich nun den Französischen Unterricht in Dr. Bahrt's Töchterschule um Ostern aufgegeben, als ich sofort selber Unterricht im Englischen nahm, vorzüglich meiner schlechten Aussprache nachzuhelfen. Mir wurde ein Herrnhuter empfohlen, der lange mit seinem Vater, einem Herrnhutischen Buchhändler, in Norwegen und England gelebt hatte. Wir lasen Mittwoch und Sonnabend Nachmittag den Ossian zusammen, bis dieser Unterricht Anfangs Juni ein plötzliches Ende dadurch fand, daß mein trefflicher, von der gemüthvollsten Frömmigkeit erfüllter Lehrer an einem schönen Sonntag Morgen ertrank. Er war mit einigen Knaben botanisiren gegangen, hatte sich, die Blüthe einer Wasserpflanze zu pflücken, von einer Felsplatte bei Kröllwitz zu weit übergebogen, das Gleichgewicht verloren und war in die Saale gestürzt, die hier sehr tief ist. Amazon.de Widgets Ich schied von Halle mit den besten Vorsätzen, mich nicht durch neue Thorheiten zu einer unruhigen Vielthätigkeit verlocken zu lassen. Die neuen Thorheiten aber, in die wir verfallen, sind listig genug, uns zunächst als sehr vernünftig zu erscheinen. Ich trat in Königsberg in einen mir ganz fremden Kreis von Erscheinungen, die mir den Stoff zu frischen Verirrungen und Verkehrtheiten lieferten, obwohl ich nun in der Stadt der reinen Vernunft lebte; ? denn es irrt der Mensch, und ? wie ich zu dem Wort des Dichters hinzusetze ? besonders der Philosoph, so lang' er strebt.[487] 
 II. Altstadt Magdeburg. Belagerung. Meine Verwilderung durch den Krieg und seine Folgen.  [28] Eine neue Welt that sich mir auf! So schloß ich meine erste Erzählung. Eine neue Welt, denn wir wohnten nun selbst in der für uns Neustädter Kinder mysteriösen Altstadt und ? wir wohnten zur Miethe. Zwar unsere Wohnung war geräumig genug. Der obere Stock des Hauses zum goldenen A bot nach vorn hin den Anblick der großen Jakobikirche und ihres von einer Mauer im Quadrat umgebenen Friedhofes dar. Links zogen sich die Häusermassen der blauen Beilsstraße, rechts die des Thrönberges hin. Uns Kindern wurde eine Stube in einem hintern Seitenflügel angewiesen, neben welcher sich das Schlafzimmer der Eltern befand. Wir hatten von hier den mit einigen Nußbäumen geschmückten Hof vor uns, der zu den verschiedensten Zimmerarbeiten benutzt wurde und deshalb auch nach zwei Seiten hin mit großen Schuppen versehen war, Balken, Bretter und Arbeiter vor Nässe zu schützen. Das war nun Alles recht gut: allein das Gefühl der Unbedingtheit des Schaltens und Waltens, das ein eigenes Haus gewährt, war dahin. Keine Veränderung konnte nun ohne den Willen des Vermiethers vorgenommen werden. Es entspannen sich Streitigkeiten wegen des Gesindes. Wir Kinder wußten nicht recht, wie weit wir unsere Berechtigung zum Spiel auf dem Hofe, auf dem Heuboden, im Pferdestall ausdehnen durften und gaben dem Hauswirth wegen unseres Benehmens zu mancher Beschwerde Veranlassung. Für die Selbständigkeit der Familien wäre es wünschenswerth, daß jede ein eigenes Haus besäße. Nur in einem solchen werden Verbesserungen[29] gern und für die Dauer vorgenommen. Nur in einem solchen ist eine consequente Erziehung der Kinder möglich, weil fremdartige Einflüsse sich nicht so unberufen eindrängen können. Nur in einem solchen gewinnen die Zimmer und Oertlichkeiten eine bestimmte Physiognomie, weil die Eigenthümlichkeit der Bewohner Raum und Zeit hat, das Lokal mit sich zu durchdringen und weil eine Tradition der Vorfälligkeiten entsteht, wie sie mit dem Lokal verwachsen sind. Und so sollte auch zur Vollständigkeit des menschlichen Daseins jedes Haus etwas Natur, einen Hof und Garten haben; wenn keinen Garten, mindestens einen Hof mit einigem Rasen und einigen Bäumen, damit die Kinder sich darauf tummeln mögen, damit frische Luft geathmet und so manche größere wirthschaftliche Arbeit, namentlich das Waschen auf ebener Erde vorgenommen werden könnte; überhaupt damit auch Handarbeit mannichfaltigster Art möglich sei. Bei den conservativen Engländern herrscht bekanntlich dieser Sinn für eigene Häuslichkeit und ist gewiß nicht ohne Einfluß auf den gemüthvollen Untergrund, der ihre Sitte und ganze Literatur trägt. Jene großen, auf Speculation des Vermiethers erbauten Häuser unserer modernen Städte schichten bereits ihre Bewohner casernenartig zusammen und erzeugen im steten Wechsel der Ein- und Ausziehenden eine Art von flüchtiger und neuerungssüchtiger Wirthshausstimmung. Wir wohnten also zur Miethe. Doch hatten wir noch die Ruine unseres Hauses in der Neustadt; denn es dauerte lange, bevor auch die Kellergewölbe und das Fundament ausgebrochen waren. Eine halbe Meile von der Stadt hatten wir einen Bauplatz angewiesen bekommen. Hierhin, wo die neue Neapolis erstehen sollte, wurden die Baumaterialien unseres abgerissenen Hauses gefahren. Der Vater miethete deshalb einen Mann, der sich eine Hütte erbaute, worin er zum Schutz der Baumaterialien wohnte, da natürlich die Lust zum Stehlen in jener Zeit noch größer als gewöhnlich war. Doch wurde aus Rücksicht auf das Amt des Vaters, das ihn an die Altstadt band, der Verkauf des Bauplatzes und der Materialien beschlossen. Es ist der Platz der jetzigen Apotheke der neuen Neustadt. Da man uns Kinder den Winter von 1812 auf 1813 nicht zur Schule schickte, sondern nur zu Hause beschäftigte, so hatten wir zum[30] Hinausschweifen in die alte und neue Neustadt, wie zum Herumgaffen in der Altstadt viel Zeit übrig und wurden nicht müde, die Veränderungen zu verfolgen, die von Tag zu Tag Neues brachten. Im Frühjahr wurde auch der kleine Wald bei der Neustadt neben dem Vogelgesang, kurzweg der Busch geheißen, von den Franzosen niedergehauen. Auch dies war für uns ein ungeheures Schauspiel, denn dieser Wald hatte für uns Kinder eine solche Ewigkeit der Existenz gehabt, wie unser väterliches Haus, wie der Elbstrom, wie die Sterne. Wenn solch eine majestätische Eiche am Fuß fast durchgeschlagen war, wurden Stricke um die Aeste der Krone geschlungen und sie nach einer Seite hingerissen. Der krachende Sturz des Baumes fesselte mich nun zwar höchlich, schmerzte mich aber auch unsäglich. Wie oft hatten wir Kinder zur sommerlichen Zeit im Schatten dieser ehrwürdigen grünen Bäume geruht, gespielt, Eicheln gelesen, Kränze gewunden! Mit Fahnen und Trommeln waren die Schulen hierher zum jährlichen Schulfest gezogen. Den einzelnen Baum, der sich zu überleben anfing, fällen zu lassen, fanden wir in der Ordnung; allein einen ganzen Wald auf den Befehl eines fremden Volkes, nur wegen kommender Möglichkeiten vom Boden vertilgt zu sehen, das erschien uns fast noch barbarischer, als die Zertrümmerung unserer Häuser. Denn von diesen sahen wir wenigstens klärlich, daß sie dicht vor den Kanonen der Festung gestanden hatten und vermochten also die Nothwendigkeit ihrer Entfernung zu verstehen. Aber auch den schönen Busch und die zu ihm führende Allee zu zerstören, dünkte uns grausam. Wie kahl, wie prosaisch ist seitdem jene Gegend nach Rothensee, Bardeleben und Glindenberg zu geworden! Magdeburg liegt schon in einer äußerst unmalerischen, wenngleich sehr fetten Gegend; um wie viel nöthiger ist ihm Busch und Wald! Dem Gräuel der Verwüstung hatte bisher noch die Kirche der Neustadt mit ihrem Thurme widerstanden, als die Franzosen im Sommer auch diesen in die Luft zu sprengen beschlossen. Dies Schauspiel anzusehen, waren Tausende von Menschen auf dem innersten und höchsten Wall der Altstadt, zwischen dem Krökenthor (d.h. Kerken- oder Kirchenthor) und dem Thor der hohen Pforte zusammengeströmt. In banger Erwartung stand ich mit meiner Schwester auf dem Balkon des Gartenhauses der Lhermet'schen Seidenstrumpfwirkerei. Immer noch wollten[31] wir an das schreckliche Attentat nicht glauben. Plötzlich ertönten drei Kanonenschüsse, die das Signal gaben. Wie bei einer Hinrichtung vor dem zuckenden Streich schwieg die Menge athemlos. Da mit einem Mal ein weißer Dampf, ein gelb-rother Blitz, eine nach allen Seiten geschleuderte Wolke von Steinen, ein fürchterlicher Krach. Man sah die schieferschwarze Spitze des Thurmes gehoben und dann seitwärts als einen dunklen Schatten im Pulverdampf stürzen. ? Es war geschehen. Das Volk schrie auf; der Rauch verzog sich und man erblickte die zusammengesunkenen gewaltigen Trümmer, die noch viele Jahre hinterher unter dem Namen des Kirchberges dalagen. Vor dem Sudenburger Thor, zwischen der Stadt und dem nahen freundlichen Dorfe Bukau, wurde das berühmte Lyceum, Kloster Bergen, auf dem die Concordienformel einst abgeschlossen worden, auf welchem Wieland seine Erziehung genossen, ebenfalls zerstört, und auch hier standen die Ruinen noch viele Jahre, bis sie geräumt und die Anlagen des heutigen Friedrich-Wilhelmsgartens dort begründet wurden. Ein Act der Gewalt, der Zerstörung, der Auflösung der bisherigen Ordnung der Dinge folgte dem andern und riß seine Furchen durch die empfängliche Kinderseele. ? Die Stadt mußte sich auf anderthalb Jahre verproviantiren. Wer sich nicht zu erhalten vermochte, durfte auswandern, was uns Kindern abermals eine ganz neue Erscheinung war. Wir hörten unsere Eltern von diesen und jenen uns näher stehenden Familien sprechen, wie dieselben, aller Anstrengung ungeachtet, sich doch nicht lange mehr würden halten können, bis wir es zu unserer Verwunderung wirklich erlebten, daß diese uns wohlbekannten Menschen eines Tages mit Tornistern und Säcken auf dem Rücken, mit Wanderstäben in der Hand, mit kleinen Handwagen, worin Betten und Kinder gefahren wurden, zum Thor hinauszogen, um nicht wiederzukommen. So verschwanden vor meinen Augen die halbe Vorstadt, ein Wald, eine hohe Schule, eine Kirche, ganze Familien. War das nicht genug! Und doch sollte sich mir die gewohnte Anschauung des Lebens noch ganz anders verkehren und erschüttern: denn auch die Kirchen der Stadt, auch unsere wallonische, wurden mit wenigen Ausnahmen zu Heu- und Strohmagazinen, zur Aufbewahrung von Sätteln und Waffen, ja zu Viehställen verwendet. Dies letztere Schauspiel bot mir, so oft ich bis[32] zum Georgenplatz den langen Weg zur Schule wanderte, die Katharinenkirche am breiten Wege, und so jung ich war, so empfand ich doch hierüber einen unendlichen Schmerz. Ochsen und Schafe da, wo gläubige Menschen Trost und Erhebung durch die göttliche Gnade gefunden. Mist, stinkender Mist, und ? als eine Seuche einriß ? Aas und Verwesung da, wo die Andacht sonst Alles auf's Beste und Reinlichste geschmückt hatte. Ob überhaupt damals anderwärts Gottesdienst gehalten ward, entsinne ich mich nicht und weiß nur, daß Sonntags der Chor der Glocken sein himmelflehendes Gebet nicht mehr über die Stadt zu den Wolken emporsandte. Amazon.de Widgets Und immer enger ward der Kreis gezogen, immer düsterer und verzagter wurden die Menschen. Alle Festlichkeiten hörten auf. Spaziergänge außerhalb der Stadt waren unmöglich, da der Blokadezustand eintrat und die Wälle die Stadt mit tyrannischem Zwang umklammerten. Man empfand das Gefühl einer großartigen Gefangenschaft. Die Lebensmittel wurden unendlich theuer und die lieben Eltern hatten ihre Noth, auf so viele Monate hinreichenden Vorrath von Mehl, Butter, Häringen, Käse, Syrup, Kartoffeln, Speck u.s.w. zusammen zu schaffen. Die Kost wurde einförmiger, geringhaltiger und genauer zugemessen. Jene Wundermänner, jene Favreau, hatten nach langem vergeblichen Sträuben ihr Haus auch mit dem Rücken ansehen müssen. Abraham ging nach Amerika. Dem Alten und Friedrich überließen meine Eltern einen Theil der vorderen Wohnung. Viele ihrer Sachen und Maschinen wurden auf unseren Bodenkammern aufgestellt. Durch solche Nähe verloren diese außerordentlichen Menschen nur wenig von ihrem Nimbus und wirkten für die Belebung unseres Hauswesens sehr anregend, zumal die kranke Mutter an Friedrichs wirklichen Talenten einen willkommenen Anhalt fand. Auch hier im Hause kam der Alte Nachmittags drei Uhr, wie immer, zum Kaffee; eine wohlthuende Unerschütterlichkeit der süßen Gewohnheit des Daseins. Magdeburg befand sich in einer eigenthümlichen Lage. Die Heere der Alliirten zogen nach der Schlacht bei Leipzig immer weiter westwärts und ließen vor Magdeburg nur ein aus Russen und Preußen gemischtes Beobachtungscorps unter Tauenzien zurück. Die Franzosen aber waren Napoleon getreuer, als der General von Kleist 1806 dem[33] König von Preußen gewesen war. Sie schränkten sich auf's kärglichste ein, so daß einzelne Soldaten bei den Bürgern hungernd um Essen flehten. Krankheit raffte Viele hin. Frisches Pferdefleisch wurde gegessen. Es fehlte eigentlich, wie sich beim Abmarsch ergab, nicht an Vorräthen, weder an Mehl, noch an gesalzenem Fleisch; allein im Angesicht einer ungewissen Zukunft war man haushälterisch damit umgegangen. Von Zeit zu Zeit machte man Ausfälle in die Umgegend und kehrte zuweilen mit glücklicher Beute an Gemüse und Schlachtvieh aus den benachbarten Dörfern heim. Diese Gefechte verdünnten die Mannschaft der Franzosen und sie zogen daher zu Schanzarbeiten die Bürger ohne Ansehen der Person heran. Dennoch ergaben sie sich nicht und capitulirten erst, nachdem Napoleon im April 1814 abgedankt hatte, im Mai dieses Jahres. Die Magdeburger waren entschieden preußisch gesinnt und diese Gesinnung stärkte sich, seitdem man, wenn auch dunkel, von den Niederlagen des Weltkaisers hörte und nachdem so manche schlachtengraue Krieger als Invaliden aus Rußland zurückkamen, haarsträubende Dinge erzählten und allerlei Pretiosen verkauften, um sich nur rasch weiter nach Frankreich zu helfen. Die Philologen können für Leonidas' Thermopylentod und für die Schlacht bei Marathon nicht begeisterter sein, als wir es für Rostopschin's Selbstverbrennung Moskau's und für die Völkerschlacht bei Leipzig waren. Monate lang schwebte die Stadt in todtenstiller Angst und heimlich verzehrender Unruhe. Bald hieß es ? besonders nachdem einmal am Ulrichsthor im Hauptgraben eine Pulverremise in die Luft geflogen war ? die Franzosen würden im äußersten Falle die Stadt in die Höhe sprengen, und vom Stern aus, einem der festesten Punkte am Sudenburger Thor, sei bereits ein Theil der Stadt unterminirt. Bald hieß es, die Verbündeten würden, wie zu Wittenberg, stürmen und die Stadt vielleicht unter den Kosaken und Baschkiren zum zweiten Male ein Geschick erdulden, das sie im dreißigjährigen Kriege unter Tilly's Panduren und Kroaten zu einem zweiten Troja gemacht hatte. Fielen die Franzosen aus, so eilten wir auf den Boden, von dem aus wir uns weit umschauen konnten, und verfolgten mit dem Fernrohr die Bewegungen der Truppen so weit als möglich. Wir hörten oft das Knattern des Gewehrfeuers, den Donner des Geschützes; wir sahen[34] oft Häuser, Windmühlen, Dörfer brennen; ja im Winter, als die Verbündeten jenseits der Elbe bis in den Biederitzer Busch vordrangen, erblickten wir sogar einige Male Gefechte in ziemlicher Nähe bei der Stadt. Sehr lebhaft ist mir hieraus die Anschauung eines Kampfes um einen Kahn mit Heu zurückgeblieben, der, da das Gefecht unentschieden blieb und Keiner ihn dem Andern gönnte, von beiden Seiten her in Brand geschossen wurde. Diese Stunden mit ihrer eigenthümlichen Bangigkeit waren köstlich für uns Kinder. Wonneschauer durchrieselten uns, wenn Jemand in der Stube plötzlich aufhorchte, ob man nicht schon wieder schießen höre? Dann war kein Halten. Man stürzte auf den Boden und freute sich kindisch, wenn das Schießen sich der Stadt näherte, weil man dann wußte, daß die Franzosen geschlagen wurden und sich zurückziehen mußten. Wenn die Franzosen mit einigen Kanonen in verschiedenen Truppengattungen über den großen Anger sich hinzogen, den Biederitzer Busch nach Jerwisch zu vom Feind zu säubern; wenn zuerst in dem dunklen Hintergrunde des Gehölzes Alles still war, dann aber mit einem Male eine Salve hervorkrachte, hier ein Pferd, dort ein Mensch stürzte, nun besonders die von uns vergötterten Kosaken mit ihren Riesenspeeren auf kleinen Pferden pfeilschnell auf die Franzosen losstürmten und, nachdem sie mit großer Verwegenheit oft einzelne Soldaten niedergestochen, auch wohl mit ihren Pistolen niedergeschossen hatten, eben so schnell sich wieder zur Flucht wandten und im Waldesdickicht verschwanden ? so waren wir vor Jubel außer uns. Wenn ich sagte: die von uns vergötterten Kosaken, so ist das buchstäblich wahr. In der landläufigen Anschauung der heutigen Tage gilt der Kosak mit seiner Knute als der Repräsentant systematischer Barbarei und Verknechtung. Wie ganz anders damals! Der Russe war unser Kampfgenosse, unser Freund, und der Kosak die naturwüchsige Poesie des Krieges. Mit dem Wort: »Die Kosaken kommen!« schüchterte man die Franzosen ebenso ein, wie Kinder mit dem Ruf des schwarzen Mannes. Die von den Franzosen gefangen eingebrachten Russen wurden von der Bürgerschaft verpflegt. Wir mußten der Reihe nach für sie mitkochen und die Magd trug das Essen selbst nach dem Gefängniß. Alle Anstrengung wurde aufgeboten, gut und reichlich für[35] sie zu sorgen, namentlich ihnen ihr Lieblingsgericht, Kohl mit Speck, zu bereiten. Auf dem alten Markt, in den oberen Gemächern des alten Gildehauses waren ebenfalls russische Gefangene einquartiert, die sich oft am Fenster zeigten und denen die Schildwache es nachsah, wenn sie durch die Eisenstäbe an Bindfaden kleine Leinwandbeutel herabließen, die ihnen oft mit Eßwaaren gefüllt wurden, wofür sie sehr freundlich mit Kußfingern dankten. Dies Geschäft übernahmen auch wir Schulbuben, weil es uns schmeichelte, mit den Vaterlandsvertheidigern auf solche Art in unmittelbare Berührung zu kommen. Die beste Semmel, die beste Salzbrezel meines Frühstücks sparte ich gewiß für sie auf. Große Freude machte mir Cousin Friedrich, als er einst einem Franzosen einen Bogen und zwei buntbefiederte, eisenspitzige Rohrpfeile abgehandelt hatte und sie mir schenkte. Der Franzose hatte sie bei der Gefangennahme einiger Baschkiren erbeutet. Eine solche Waffe von einem wilden Volk, wofür die Baschkiren galten, zu besitzen, war für mich ein außerordentliches Ereigniß. Unweit unserer Wohnung lag eine Kaserne, in welche die Sachsen einquartiert wurden, bis sie über eine Schiffbrücke zur Schlacht bei Mökkern abmarschierten. Diese Truppen wurden unendlich bedauert. Sie betrugen sich höchst artig und sangen Abends im Chor oft schwermüthige, oft aber auch lustige Lieder. Auch spielten sie theils auf dem Hofe der Kasernen, theils auf der Straße, zwischen dem Abendessen und dem Zapfenstreich, mit vielem Humor allerhand Spiele, wie »Jakob, wo bist Du?« u. dgl., woran wir Kinder uns höchlich ergötzten. Die Elasticität des menschlichen Geistes ist zum Glück unzerstörbar. Der einzelne Mensch kann geknickt werden, aber eine Familie, eine Corporation, eine Partei, ein Volk richtet sich immer wieder auf und schöpft Hoffnung auch aus einem Nichts. Instinktiv strebt die Natur nach Ausgleichung und durchbricht die Monotonie trister Zustände mit unterhaltenden Erfindungen. So hatte unser Nachbar zur Linken, ein Müller, einen Sohn, der das Domgymnasium besuchte und demnach schon eine höhere Cultur besaß. Dieser hatte sich mit anderen jungen Leuten zusammengethan, kleine Stücke aufzuführen und durch sie die Phantasie mit anderen Bildern, als den trübseligen der nächsten Gegenwart zu erfüllen. Ich hatte noch nie eine theatralische Darstellung gesehen und[36] war daher sehr erfreut, als ich mit meiner Schwester, da wir Nachbarskinder waren, auch eingeladen wurde. Die Bühne war beschränkt und ärmlich genug und anstatt der Stühle waren großentheils Mehlsäcke verwendet. Mit feinem Takt hatten die jungen Leute ein Stück gewählt, welches rührend und doch frei von aller schlechten Sentimentalität, unbefangen und doch patriotisch war. Sie führten Engel's Edelknaben auf. Ich enthalte mich der Ausmalung des gewaltigen Eindrucks, den dies erste Schauspiel, das ich sah, auf mich ebenso gut machte, als es damit jeder einigermaßen empfänglichen Natur zu gehen pflegt. ? Der letzte Tag des Jahres 1813 sollte für mein Gemüth unerwartet eine besondere Wichtigkeit bekommen. Der Vater hatte mich gegen Abend mitgenommen, Honigkuchen zu tragen, den er für die Feier des Sylvesters einkaufte, die unter den damaligen Umständen nur sehr spärlich und einsam erfolgen konnte. Man zog sich in's Innerste der Familien zurück und vertraute sich nur den nächsten Freunden an, denn man hatte nur Wünsche für die Preußen im Herzen und Gebete für sie auf den Lippen. Ganz ohne Feier sollte aber der Abend doch nicht hingehen, und würde der Kuchen auch nur durch Honigkuchen und der Punsch, da Citronen unendlich theuer waren, auch nur durch schwachen Grog repräsentiert. ? Die Straßen waren ungewöhnlich menschenleer; kein Fahren, Laufen, Singen, wie sonst am Sylvester. Nirgends festlich erleuchtete Fenster, nirgends ein Ball. Düster und in sich gekehrt, schlichen einzelne Menschen über die Straße, durch die eine grimmige Kälte hinstrich. Der Himmel war trübe und der Vater stumm und mißgelaunt. So kamen wir wieder nach Hause und fanden schon die beiden Favreau in der Schlafstube der Eltern, in welcher, als der wärmsten im Hause, der Abend zugebracht werden sollte. Während nun der Tisch gedeckt ward, stand ich am Fenster, wischte den Schweiß von den Scheiben, blickte in den grauen, schneedunklen Himmel, brütete in unbestimmter Nachdenklichkeit und fühlte, so jung ich war, tief den grenzenlosen Druck, unter dem wir Alle, namentlich aber die Erwachsenen, schmachteten. Der Vater er zählte, wie öde er es auf den Straßen gefunden. Da entgegnete der gute Friedrich halb scherzend: »Ja, für uns Magdeburger ist jetzt die Welt mit Brettern vernagelt!«[37] Diese Redensart fiel mir ungemein auf. Den Spott des Volkswitzes auf alle Bornirtheit merkte ich noch nicht darin. Ich hielt mich an die Vorstellung. Gelernt hatte ich bereits, daß die Welt ein unendlicher Raum sei, worin unendlich viele Sterne schwebten, aber gefühlt hatte ich diese Unendlichkeit noch nicht. Ich starrte in den Himmel hinaus, wie er sternlos einem großen Leichentuch glich. Ich stellte mir die Welt vor, wie sie weit, weit in's Unendliche hin sich ausdehnt. Ich machte nun das Experiment, irgendwo in ihr eine sinnliche Grenze zu ziehen. Umsonst! Das Experiment gelang nicht, denn hinter den Brettern war ja wieder ein Raum, hinter dem Ende wieder ein Anfang. Ich mußte mir gestehen, daß der Raum, wenn er einmal existirte, nur als unendlicher existiren könne. Diese Einsicht war mir gräßlich und der Abgrund des Universums klaffte mir wie ein Nichts entgegen. Ich erschrak heftig als über eine furchtbare Entdeckung, schwieg ganz still, war den Abend über unlustig und wiederholte insgeheim immer den Versuch, mir eine Grenze der Welt vorzustellen, mit demselben Erfolg der Unmöglichkeit. Die Wüste des unendlichen Raumes erfüllte mich mit kaltem Entsetzen. Hatte sich mir die Gebrechlichkeit unseres Daseins durch die Vorstellung eines immer und überall möglichen Erdbebens und die Verantwortlichkeit für unser Handeln durch die Vorstellung einer Hölle früherhin sehr lebhaft eingeprägt, so war doch hierbei die Phantasie sehr thätig gewesen, mir die Qual zu vergegenwärtigen, von aufgähnenden Erdspalten verschlungen, lebendig begraben, zermalmt, oder von Teufeln in einem Flammenpfuhl ewig gemartert zu werden. Bei dieser neuen Vorstellung aber, die mir, wie es Kindern so im Verkehr mit den Erwachsenen geschieht, aus einer unschuldigen Frage zufiel, die wohl nur unter den geschilderten Umständen so eigenthümlich zünden konnte, hatte die Phantasie nur wenig Stoff. Sie eilte von Stern zu Stern, von Raum zu Raum, und konnte damit nicht fertig werden, konnte es zu keiner Abschränkung bringen. Ich verstand noch nicht, was eigentlich in mir vorging; ich ahnte nicht, daß ich zu denken und der fleischlichen Sicherheit des gewöhnlichen unkritischen Bewußtseins mich zu entreißen angefangen hatte und besaß noch nicht einmal das Geschick, aussprechen zu können, was mir eigentlich vorschwebte. Ich verbrachte mehren Tage in einer gewissen Betroffenheit[38] und versuchte nur, meine Schwester aufmerksam zu machen, was für eine sonderbare Redensart Cousin Friedrich am Sylvesterabend gebraucht habe. ? Allein die Zeit war nicht dazu angethan, solchen Grübeleien nachzuhängen. Eingeengt in eine blokirte Festung, abgeschnitten vom Verkehr mit der übrigen Welt, in welcher, während uns der Alp eines eisernen Quietismus drückte, Schlacht auf Schlacht geschlagen wurde; umgeben von Kummer, Elend und Tod, nahmen die kleinsten Vorfälligkeiten unsere gespannte Theilnahme und Erwartung in Anspruch. Endlich am 24. Mai 1814 marschirten die Franzosen frühmorgens zum Sudenburger Thor mit klingendem Spiel ab, während fast gleichzeitig vom Krökenthor her die Verbündeten einrückten. Uns Kindern hatte der Vater in der Mitte des breiten Weges auf dem alten Accisegebäude ein Plätzchen zu sichern gewußt, von dem aus wir das interessante Schauspiel, das von schönem Wetter begünstigt war, bequem genießen konnten. Die erste und überraschendste Erscheinung war ein Kosakenhettmann, der in rother Nationaluniform mit Blitzesschnelle den breiten Weg heruntergaloppirt kam. Ihm folgten einige Regimenter regulärer Don'scher Kosaken in brauner Uniform, mit schwarzledernen, breiten, silberverzierten Gürteln, in denen sie schöne Pistolen stecken hatten. Sie standen mehr in den Steigbügeln, als daß sie saßen. Als Instrument diente ihnen das Tamburin, zu dessen Klängen sie Nationallieder sangen. Hurrah auf Hurrah jauchzte diesen eigenthümlichen und wirklich schönen Truppen entgegen und aus allen Fenstern wehten die Taschentücher der Damen. Es folgte russische Infanterie und Artillerie, bis der Ruf erscholl: »Die Preußen kommen!« Hatte ich nun auch schon Preußen als Gefangene und in der Ferne bei Gefechten gesehen, so war doch meine Erwartung auf's Höchste gespannt, weil ich sie nun in der Nähe und im Paradeanzug erblicken sollte. Hatte mein Vater doch selbst so lange im preußischen Heere gedient und hatte ich doch die Geschichte Friedrichs des Großen nicht blos so oft vernommen, sondern auch in vielen Bildern angeschaut, auf denen mir die gewaltigen Figuren der Grenadiere immer sehr wohl gefallen hatten. Diese martialischen Gestalten mit ihren zugeknöpften Gamaschen, ihren langen Schooßwesten, ihren breitschößigen Leibröcken,[39] mit ihren großen Patrontaschen, ihren dreieckigen Hüten oder Blechhauben sollten nun leibhaftig an mir vorübermarschiren. Wie wurde ich enttäuscht! Männer von gewöhnlichem Wuchs, zum Theil Jünglinge, im kurzen blauen, oft sehr abgeschabten Rock, der sogenannten Kutka, eine kleine blaue Tuchmütze auf dem Kopf, woran ein weißes Blechkreuz mit den Worten: »Mit Gott für König und Vaterland!« befestigt war ? das waren die Preußen. Ich konnte mich erst nicht recht darein finden, hörte, daß dies Landwehrregimenter seien und hoffte also auf die Linie, von der aber nichts kam, als einige Artillerie und Husaren. Nach dem Vorbeimarsch der Truppen eilten wir auf den alten Markt, wo sich die Bürger zur Huldigung versammelten. Der preußische Bevollmächtigte trat, vom Bürgermeister begleitet, auf den Balkon des schönen Rathhauses und las eine feierliche Ansprache des Königs von Preußen vor, welche durch den tausendstimmigen Schwur der Bürger mit erhobenen Händen beantwortet wurde ? eine Scene, die mich im Innersten bewegte. Innigere Liebe, als von den Magdeburgern damals Preußens König entgegengebracht wurde, ist kaum denkbar. Die Jahre 1814 bis 1816 verliefen in steter Aufregung. Die beiden Söhne unseres Wirthes, obwohl der eine erst sechszehn Jahre zählte, zogen als Freiwillige in's Feld, und ihre, wenn auch seltenen Briefe wurden vom ganzen Hause mit Andacht vernommen. Die freiwilligen Jäger nebst den schwarzen Husaren wurden die besonderen Lieblinge des Publikums, und Körner's »Leier und Schwert« wurde gleichsam das Gesangbuch der neuen Zeit. Das Lied: »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los; wer legt noch die Hände feig in den Schooß?« war in Aller Munde. Ein Umschlag der öffentlichen Meinung aber ward mir unfaßlich. Carricaturen auf Napoleon füllten die Schaufenster der Kunsthändler. Bald ritt er auf einem Krebs nach Rußland; bald steckte sein Sohn, der König von Rom, in einem Tintenfaß; bald sah man ihn auf Elba eine Compagnie Ratten commandiren; bald brach er auf der obersten Stufe einer Leiter ein und verlor, rückwärts stürzend, eine Menge Kronen vom Haupte; bald floh er über eine Schneefläche zu Fuß in großen Reiterstiefeln mit einer langen Nase vor einem gemeinen Kosaken u.s.w.[40] Diese oft sehr triviale Verspottung zog mich, als etwas Neues, zwar an, ließ aber einen Zweifel bei mir zurück. Napoleon, dieser große Krieger, dieser Halbgott, dem alle Fürsten Deutschlands gehuldigt und geschmeichelt hatten; Napoleon, vor dem ganz Europa, das stolze Albion nicht ausgenommen, gezittert hatte; Napoleon, dem wir Knaben selbst Vive l'Empereur! zugeschrieen hatten ? er sollte mit einem Male nicht nur ein Tyrann, sondern auch ein Dummkopf, ein Wicht, ein Feigling sein? Er sollte nur ein politischer Charlatan gewesen sein? und doch hörte ich die Erwachsenen selber urtheilen, daß nur der strenge Winter eigentlich seine Armee vernichtet, nur York's Abfall ihn gelähmt habe. So sehr ich Preuße war, so ahnte ich doch in dem Spott über Napoleon, wie er beinahe modisch wurde, die in's Unwahre übertreibende, lang niedergehaltene, nun zurückschlagende Rache des Patriotismus. Doch kam man zu keiner ruhigen Besinnung und erschien sich als Unpatriot, wenn man nicht in den allgemeinen Haß einstimmte. Ich folgte dem Strom und suchte diesen Napoleon, dessentwillen das große Moskau in Feuer aufgegangen, dessentwillen in Leipzigs Ebenen die Völkerschlacht drei Tage lang geschlagen war, ebenfalls mit meinem jungen Herzen recht gründlich zu hassen. Amazon.de Widgets Der Patriotismus war zur Religion geworden und nahm selbst kirchliche Gestalt an. Landwehrpiken, Kosakenlanzen, Offizierschärpen wurden in den Kirchen aufgestellt. Am 18. Oktober brannten zur Nacht Feuer auf den Hügeln, Tausende und wieder Tausende sangen: »Heil Dir im Siegerkranz!« und sämmtliche Glocken der Stadt wurden dazu geläutet. Als Napoleon 1815 von Elba wieder losgebrochen war, wurde in der Jakobikirche, an welcher wir wohnten, von den ehrwürdigen Pfarrern Treuding und Breitung jeden Abend Betstunden gehalten, für das Glück unserer Waffen den Segen des Himmels zu erflehen und Trost in die Herzen Derer zu gießen, die Söhne, Brüder oder Gatten draußen im Felde stehen hatten. Diese Abendgottesdienste waren mir wieder etwas Neues und ich besuchte sie eifrig. Die Verklärung der Kirche durch das Licht der Abendsonne war oft wunderschön. Rosig glänzten die Pfeiler von der einen Seite, während von der andern schwarze Schlagschatten sich entfalteten, die dann mehr und mehr sich abdämpften. Nie schien mir die Orgel so süß, so wehmüthig,[41] so überirdisch geklungen zu haben. Die Andacht der Menschen war echt und das Gebet ein wirklich einmüthiges. Beim Schluß-Vaterunser vermochte die Stimme des selbst bewegten Geistlichen das Schluchzen der Frauen und Mädchen oft kaum zu übertönen. Damals waren die Deutschen wirklich auf dem Wege, sich als eine Nation zu fühlen. Kein Opfer war zu groß, das nicht die Einzelnen an Arbeit, an Geld, an Gut und Blut brachten. Alle Reflexion in dieser Hinsicht hatte aufgehört; der Egoismus war einen Augenblick vernichtet. Die Fürsten konnten lernen, wie gern die Völker für sie kämpfen, wenn sie nur das Bewußtsein haben dürfen, daß auch die Fürsten das Interesse ihrer Völker zu ihrem eigenen machen. ? Daß in einer so bewegten Zeit ein lebhafter Knabe wenig im Hause zu halten war, zumal die Mutter größtentheils krank lag und der Vater draußen auf seinem Bureau sich befand, wird man begreiflich finden. Es war zu reizend, bei Allem dabei zu sein. Da wurden dem alten Blücher die Pferde ausgespannt, ihn nach dem Hôtel »zur Stadt London« hinzuziehen; da passirten Kalmucken oder muhamedanische Baschkiren die Stadt; da gab es wegen irgend einer militärischen oder fürstlichen Notabilität einen großen Zapfenstreich; da ward ein Te deum gefeiert; da ward Fort Scharnhorst, eine von den Franzosen angelegte, von den Preußen fertig gemauerte Redoute am Sudenburger Thor, mit einer prachtvoll anzuschauenden Scheinvertheidigung eingeweiht; da brannte man im Herrenkrug am 3. August, als am Geburtstage des geliebten Königs, ein großes Feuerwerk ab, und so ging es fort, von Aufregung zu Aufregung. So sehr nun meine Knabenseele in der lebhaften Theilnahme an all' diesen Vorgängen sich ausweitete, so darf ich doch nicht verschweigen, daß ich in dieser glorreichen Periode auch sehr verwilderte. Das Herumlaufen und Herumlungern auf den Straßen und Plätzen, das zufällige Zusammentreffen mit fremden Knaben, die Lust an allem Geräuschvollen und Massenhaften, die Anschauung gar mancher Rohheiten und Gewaltsamkeiten blieb nicht ohne üble Einwirkung auf meine Sitten. Unter den Knaben, die in der Nähe unseres Hauses wohnten, fand ich leider keinen, der mir durch Bildung überlegen gewesen wäre. Mit besonderer Leidenschaftlichkeit trieben wir das Exerciren und Ballspiel,[42] wozu der Kirchhof uns einen bequemen Raum bot. Längere Zeit zogen wir auch nach der Neustadt hinaus, wo uns die Ruinen des Nonnenklosters und der Kirche den Schauplatz zu großartigen Schlägereien lieferten, die endlich von der Polizei mit Gewalt unterdrückt werden mußten. Die im stehen gebliebenen Theil der Neustadt lebende Jugend hielt sich nämlich für die rechtmäßigen Besitzer jener Trümmer und uns Stadtknaben für Usurpatoren. Sie fing daher an, die Ruinen zu besetzen und uns das Spielen von Räuber und Gensd'arm u. dgl. zu verbieten. Wir wollten uns das nicht gefallen lassen, weil die Ruinen, da wir keinen Stein entwendeten, uns ein ebenso gemeinsames Eigenthum zu sein schienen, als der Boden der Landstraße. Da nun so viele meiner Verwandten, ja meine Eltern selbst Grund und Boden in der Neustadt besessen hatten, so dünkte es mich erst recht eine Anmaßung der Zurückgebliebenen, uns vom Spiel auf diesen Plätzen auszuschließen, und ich warb daher immer mehr zum Auszug gegen die alten Neustädter, der in einer gewissen Regelmäßigkeit am Sonntag Nachmittag mit Stöcken, Schleudern u. dgl. stattfand. Längere Zeit hatte man mit unserem tumultuarischen Gebahren viel Nachsicht, bis eines Tages einem Lehrburschen durch einen Steinwurf der Arm zerschmettert, einem Schüler die Nase zerschlagen wurde und nun die Wache von der hohen Pforte zur Gefangennahme der Tumultuanten vorrückte. Ich entkam zeitig und glücklich durch das Krökenthor, während viele Andere sich im Weidicht am Elbufer versteckten, die Neustädter aber eiligst in ihre Häuser flohen. ? Ich muß bemerken, daß in einer kriegerisch so aufgeregten Zeit Manches nicht auffiel, was im tiefen und gewohnten Frieden strenger Ueberwachung nicht entgeht. Pulver z.B. wußten wir uns stets zu verschaffen, wandten es aber meist nur zu kleinen künstlichen Vulkanen an, die wir mit Branntwein einfeuchteten, mit Eisenfeilspänen ausstatteten, auf Brettern in den Gärten losbrannten und die wir »Zündskerle« zu nennen pflegten. Da aus der Werkstatt des Großvaters Ziehbanken, Ziehmesser, Hobel, Meißel und Bohrer in meinen Händen waren, so fertigte ich besonders an, was wir von Armbrüsten, hölzernen Dolchen u. dgl. brauchten. Ganz ruchlos aber benahmen wir uns auf den Klosterruinen. Hier fanden wir viele Schädel und Gebeine, da der ganze Kirchhof umgewühlt[43] und ? wie wir selbst beim Ausgraben gesehen hatten ? den Gerippen die etwaigen Ringe, Ohrgehänge, Perlenschnüre etc. von den Franzosen entrissen waren. Mit diesen Gebeinen nun prügelten wir, mit den Todenköpfen warfen wir uns; ja wenn der Frost die Elbe mit Eis überdeckte, fanden wir ein absonderliches Vergnügen daran, mit den Todtenköpfen zu kugeln, so daß sie mit hohlem Schall auf der Eisfläche dahinkollerten. Während dieser durch den Krieg und den patriotischen Enthusiasmus so sehr beunruhigten Zeit blieb meine Bildung in der regelmäßigen Erwerbung von Fertigkeiten und Kenntnissen außerordentlich zurück. Die französische Kantorschule, die ich besuchte, war nicht sonderlich und voll des ärgsten Unfugs. Zwei große Zimmer neben einander, von denen das eine nach der Straße, das andere nach dem Hofe zu ging. Zwischen beiden war eine Verbindungsthür ausgehoben, an ihre Stelle ein Katheder gesetzt und über diesem ein Schieber befestigt, den der Lehrer aufziehen konnte. Im vorderen Zimmer befanden sich die Mädchen, im hinteren die Knaben. Sollten die Classen combinirt werden, was mit Ausnahme des Unterrichts zu Nachmittag in weiblichen Handarbeiten, Vormittag beständig der Fall war, so wurde der sinnreiche Schieber aufgezogen, im Gegenfall und in den Zwischenviertelstunden heruntergelassen. Man kann sich leicht denken, welch' unwiderstehlichen Reiz es für beide Geschlechter hatte, Beziehungen durch den Schieber hin anzuknüpfen, Löcher in den Schieber zu bohren, ihn selbst in die Höhe zu ziehen, die Lehrer zu parodiren, wie sie von dieser Wetterscheide aus nach rechts und links donnerten und tausenderlei Narrenspossen zu treiben, die sich bei den älteren Zöglingen auch in Liebeleien verloren. Der Unterricht lief in seiner Spitze lediglich auf das Französische hinaus, das erlernen zu müssen wir Deutsche uns einmal zum aromatischen Vorurtheil gemacht haben. Alle übrigen Unterrichtszweige waren unter aller Kritik. Die Geographie z.B., eine der angenehmsten Wissenschaften, die sich denken läßt, wurde uns auf das Aeußerste verhaßt gemacht, weil man das Unwesentliche zum Wesentlichen erhob. Es wurde nur politische Geographie gelehrt. Jede Beschreibung eines Landes fing mit den Quadratmeilen des Flächeninhaltes und mit abstracter Herzählung der Grenzen an. Dann folgten trockene Angaben[44] der Gebirge und Flüsse ohne alle Veranschaulichung und ein Durcheinander von Produkten, von denen man sich nur die Südfrüchte gern einprägte; endlich ein Katalog von Städtenamen mit Hinzufügung ihrer Einwohnerzahl; diese war uns natürlich sehr gleichgültig, aber sie gerade wurde unerbittlich abgefragt, während wir von merkwürdigen Einrichtungen und Gebäuden der Städte nichts erfuhren; nur daß eine Stadt auch Festung war, schärfte man mit Nachdruck ein. Ein Glück war noch, daß als Haupt-Lesebuch die französische Bearbeitung des Campe'schen Robinson Crusoe gehalten wurde, der meiner Phantasie die willkommenste Nahrung bot und ihr zuerst den transatlantischen Zug einimpfte, den wir Europäer in unserem Jahrhundert wohl mehr oder weniger alle fühlen. Ich faßte von hier ab eine Vorliebe für alle Fortsetzungen und Nachahmungen des Robinson, unter denen mir der schweizerische Robinson am besten gefallen hat. Auch die Insel Felsenburg lernte ich schon damals durch einen Mitschüler, der sie besaß, kennen, und verschlang sie, trotz ihrer breiten Schreibart, mit heißer Begier, wenn ich auch in den Lebensbeschreibungen ihrer Helden Vieles noch nicht verstand. Amazon.de Widgets Doch Alles im Leben hat seinen Höhepunkt, und so sollte auch die Verwilderung, in die ich gerathen war, ein Ende mit Schrecken nehmen. ? Vom Kutscher unseres Wirthes hatte ich Binsenruthen geschenkt bekommen und saß damit an einem Spätnachmittage auf der Bank vor dem Hause, die Blätter von ihnen abzustreifen und sie zu recht schwippen Gerten zu gestalten. Da kam der Sohn eines Strumpfwirkers aus der Nachbarschaft, Louis L., und bat mich um eine der schönen Weidenruthen. Ich schlug ihm seine Bitte ab. Er bat noch einmal. Ich blieb bei meiner Weigerung. Nun drohte er. Ich spottete und verlachte seine Reden und Geberden. Nun griff er nach den Ruthen. Ich schlug ihn. Da mit einem Male hatte er doch eine erwischt und lief damit fort. Voller Wuth, eine Gerte in der Hand schwingend, stürze ich ihm nach. Endlich gelingt es mir, ihn an der Kirchhofsmauer zum Stehen zu bringen. Zornschnaubend, nur durch den Rinnstein getrennt, blicken wir uns an. Ich drohe, ihm meine Gerte um den Kopf zu schlagen, wenn er nicht sofort die geraubte zurückgäbe. Er hebt die Weide zum Schlag gegen mich. Außer mir, vollführe[45] ich den gedrohten Hieb, und zwar mit solcher Heftigkeit, daß die glatte Ruthe sogleich meiner Hand entgleitet. Da ? welch ein Anblick für mich! ? da läßt er plötzlich aus der gehobenen Hand die Gerte fallen, bedeckt sich mit beiden Händen die Augen, stößt einen furchtbaren, mich zermalmenden Schrei aus und wankt auf mich los. Ich pralle zurück. Er taumelt mir nach. Ich sehe Blut fließen. Da, bei der Bank, dicht am Laternenpfahl, hebt er die Hand vom rechten Auge und brüllt: »Du hast mir das Auge ausgeschlagen!« Schaudernd sah ich, wie eine trübe, blutige Masse da hervorquoll, wo sonst der Stern seines Auges geschimmert hatte, und noch jetzt, nach so vielen Jahren, schreibe ich diese Worte nicht ohne Entsetzen. Aber damals! Ein Kainsgefühl kam über mich. Mein nächster Gedanke war nicht, dem Unglücklichen zu helfen, sondern recht egoistisch und recht kindisch, zu fliehen und mich zu verbergen. Doch wohin? Ich stürze in das Haus, eile über den Hof, wo gerade Niemand von den Zimmerleuten arbeitet, krieche in den dicksten Haufen der Stangen, Karren und Fässer, die auf der rechten Seite des hinteren Schuppens in buntem Gewirr standen, und wühle mich unter die Hobelspäne, die hier mehrere Fuß hoch lagen. In diesem Versteck, das mir wie eine Art von freiwilligem Begräbniß vorkam, lag ich in gräßlicher Angst, bald mich anklagend, bald mich entschuldigend. Mit gespanntem Ohr, in meiner Gruft, von Angstschweiß gebadet, lauschte ich auf alle Vorgänge im Hause. Ich hörte den Zusammenlauf und das Geschrei der Menschen. Ich hörte, wie die klingelnde Hausthür geöffnet ward, wie man nach einem Napf mit Wasser, nach einem Leinentuche zum vorläufigen Verbinden des Auges rief. Ich hörte, wie man den Unglücklichen in seine nahe Behausung abführte und wie man mich beschrieb, wie man meine Nankinghosen, meine blaue Berkanjacke, meine blanken Messingknöpfe, meinen weißen Ueberklappkragen als Kennzeichen des Thäters angab. Ich hörte meinen Namen rufen, hörte auch, wie die Suchenden zuweilen an meinem Versteck vorüberschritten. Ich lag still, von unendlichen Qualen gefoltert. Ich fühlte mich in jener Hölle, vor welcher mein sanfter Jakob sich immer so sehr gefürchtet hatte.[46] Die arme Mutter lag krank im Bett und der Vater war nicht zu Hause. Aber der Vater des Knaben erschien nun, und ich vernahm seine laut klagende Stimme aus dem Schlafzimmer der Eltern, denn die Mutter hatte seinen Besuch annehmen müssen. Unterdessen kam auch mein Vater, und nun stieg meine Verzweiflung. Kinder haben schon eine gewisse psychologische Berechnung. Ich wollte gewiß nur nicht bei der ersten Entdeckung, bei der ersten Mittheilung gegenwärtig sein. Ich wollte mich selbst erst vermissen, bei der zärtlichen Mutter vielleicht Sorge um den Vermißten entstehen und den Schreck und Zorn des Vaters sich mäßigen lassen. Doch interpretire ich dies jetzt in mein damaliges Betragen hinein, während ich damals zu gar keinem deutlichen Bewußtsein kam, sondern in dumpfer Angst hinbrütete. ? Endlich aber, als es ganz dunkel ward und ich wohl schon an vier Stunden in meinem Versteck zugebracht hatte, kam meine Schwester mit Nanni Lhermet (später die Gattin des Kunsthändlers Sachse in Berlin), einer Verwandten und Gespielin von uns, die eine große Macht über mich hatte meine Wildheit mit einem Blick besänftigen konnte. Sie riefen meinen Namen so klagend, sie stöberten überall so mitfühlend umher, daß ich endlich mich zu verrathen beschloß. Sie bedauerten mich liebevoll, halfen mich reinigen und riethen mir, nur ohne Weiteres zum Vater zu gehen, denn ? Prügel würd' ich doch und Abendessen nicht bekommen. Und so geschah es auch. Die Eltern aber mußten für den Unglücklichen einen Arzt annehmen und, so lange die Behandlung dauerte, das Mittagsessen schicken. ? Mit Zittern macht' ich mich am folgenden Tage auf, den Kranken zu besuchen, der mir gar nicht grollte und ? auch seiner Schuld sich bewußt ? mir die Hand reichte. In Folge des Schreckens und wohl auch der Vergrabung unter den Hobelspänen wurde ich bald nach diesem Vorfall krank. Das Fieber schlug in eine Hautkrankheit, ich glaube den Scharlach, aus. Ich war bis dahin noch niemals krank gewesen, und Bett und Stube zu hüten, zumal in noch schöner Jahreszeit, war mir daher ein sehr ungewohnter Zustand, während dessen ich denn recht in mich ging, meine Heftigkeit und Habgier verwünschte, mich über den armen Louis erst gar nicht trösten konnte und die besten Vorsätze zu einem gegen alle Menschen[47] sanften, liebreichen und zuvorkommenden Betragen faßte; ernstlich gemeinte Vorsätze, die aber natürlich, sobald ich wieder gesund war, oft genug gebrochen wurden. Meine Lebhaftigkeit riß mich immer wieder zu den tollsten Ausgelassenheiten hin. Hatte mich die schlechte Schule innerlich, die unruhige Zeit äußerlich verwildert, so bedurfte ich zur Rettung des Besseren in mir einer Hülfe. Und diese blieb auch nicht aus, denn dem redlich Strebenden sind die Götter hold. 
 V. Melancholie des Jünglings. Karl Immermann.  [141] Die Reise nach Göttingen hatte mir einen großen Stoff neuer Anschauungen gegeben, den ich aber damals nicht weiter verarbeitete. Ich verfiel in eine ganz melancholische Stimmung. Buschmann war Ostern nach Berlin, Nöldechen, Volk und Oppermann nach Göttingen abgegangen. Eben hierhin ging Michaelis auch Klee ab. Ich fühlte mich mit Simon vereinsamt. Das Pädagogium war in einem tiefen Verfall. Hennig liebte es, statt mit uns hebräisch zu treiben, den größten Theil der Stunde mit uns über die andern Lehrer zu sprechen und uns durch seine hämisch witzige Kritik zu corrumpiren. Er erschütterte unsere Achtung und unser Vertrauen allmälig bis dahin, daß wir uns recht mißbehaglich fühlten und uns danach sehnten, aus diesem Zustand herauszukommen. Ich halte diese Bekrittelung der anderen Lehrer von einem Lehrer mit Schülern, welche er durch seinen Vorgang auffordert, ihm alle von ihnen ausgespäheten Schwächen und Lächerlichkeiten seiner Collegen zuzutragen, für eine pädagogische Sünde. Selbst wenn sie die Wahrheit trifft, nützt sie dem Schüler nichts. Wohl aber raubt sie ihm die Ehrfurcht vor aller Autorität und reizt ihn zu einem falschen Uebermuth. Ich suchte nach einem höheren Anhalt, als mir die Schule bot. Ich war von der Lectüre und Nachahmung Ernst Schulze's zu Schiller fortgeschritten. Cotta veranstaltete in jener Zeit die erste Gesammtausgabe seiner Werke in Duodez. Mein Vater pränumerirte sofort darauf. Es war ein nationales Ereigniß, von welchem man jetzt, wo Schiller's Werke für ein paar Thaler zu kaufen sind, gar keine Vorstellung[142] hat. Ein Schauspiel: die Bürgschaft, hatte ich nach Schiller's Ballade in drei Acten schon hinter mir. Buschmann war schon zur Tragödie vorgeschritten. Ich wollte nicht zurückbleiben und nichts Geringeres, als eine Nachahmung des Wallenstein versuchen. Wo aber den Stoff hernehmen? Da für mich die germanischen Stämme der Völkerwanderung damals so hoch standen, so ist es nicht zu sehr zu verwundern, daß ich darauf kam, die Geschichte des westgothischen Königs Wamba zu dramatisieren. Der Contrast dieses tapfern und edlen Mannes mit seinem pietistischen Vorgänger Reckared, sein Kampf gegen die Saracenen, welche Spanien schon mit einer Landung bedrohten, sein früher Untergang, schienen mir sehr günstige Momente darzubieten. Ich fing im Herbst 1822 mit einem Vorspiel an: das Lager der Westgothen vor Toledo. Es war ein Abklatsch des Schiller'schen Wallensteinschen Lagers. Ein Volkssänger, welcher die Thaten des jugendlichen Ostgothen Theodorich gegen Byzanz pries, und ein Soldatenlied, als Pendant zu dem Schiller'schen Reiterliede, fehlte natürlich auch nicht. Das Stück selbst aber bekam ich nicht fertig, weil ich noch nicht hinlängliche Erfahrung für dramatische Arbeit hatte. Da es im Drama vor Allem auf Handlung ankommt, so muß der Dichter den Plan des Ganzen, Act vor Act, Scene vor Scene, fertig machen, bevor er an die Ausführung geht. Diese muß er in continuirlicher Folge niederschreiben, weil immer Scene aus Scene entspringen soll. Jedes Wort, das gesprochen wird, gestaltet sich zu einer Bedingung für den weiteren Verlauf. Nun entwarf ich auch einen Plan, ließ mich aber verführen, diejenigen Scenen, die eine vorzügliche Wirkung versprachen, außer dem Zusammenhang zu bearbeiten. Ich fing die Ausführung z.B. mit einem, nach meinem Sinne, prachtvollen Monolog Wamba's an, der den Schluß des dritten Actes ausmachen sollte. Wenn ich ihn mir mit wanderschütterndem Pathos vordeklamirt hatte, bildete ich mir ein, die Zuhörer müßten ebenso davon ergriffen werden, als ich es selbst war. Im weiteren Verlauf der Arbeit stockte ich jedoch so oft, daß ich sie zuletzt aufgab. In eben jener Zeit war ich auch mit Novalis bekannt geworden Galt er doch in der romantischen Schule für den Propheten, in welchem Philosophie, Religion und Poesie sich auf das Tiefste vereinigten.[143] Die Hymnen an die Nacht, die Lehrlinge von Sais und Heinrich von Ofterdingen übten auf mich einen grenzenlosen Zauber. Auch die schwärmerische Mystik der religiösen Lieder Hardenbergs ging mir zu Herzen. Die Fragmente desselben beschäftigten mich dermaßen, daß ich nach meiner encyklopädischen Art später damit umging, aus ihnen die verschiedenen Wissenschaften herzustellen. Ich kaufte mir Novalis Werke und fing an, die Fragmente mit Nummern und mit Buchstaben zu versehen, welche die jedesmalige Wissenschaft bezeichnen sollten, wohin das Fragment gehörte. Bald aber zeigten sich unerwartete Schwierigkeiten. Einmal wußte ich oft nicht in welche Kategorie ein Satz eigentlich zu bringen sei. Novalis durchbrach mit seinem Standpunkt die Grenzen, welche die Wissenschaft der Aufklärung für die verschiedenen Gebiete des menschlichen Erkennens gezogen hatte, mit revolutionärer Ahnung. Sodann aber zeigte es sich, daß ich die Fragmente, die ich einer gewissen Provinz als gemeinsam zuweisen konnte, unter sich selbst wieder ordnen mußte, wenn sie einen Zusammenhang gewinnen sollten. Hier befand ich mich in größter Verlegenheit, weil ich offenbar noch nicht gebildet genug war, das Rechte zu treffen. Ich wußte ja noch gar nicht, daß ich hier mit Schelling'scher Naturphilosophie zu thun hatte. Das bloße Zusammenstellen der Sätze gab auch noch nicht, was ich eigentlich in einem dunklen Drange ersehnte, nämlich eine Erkenntniß, denn es fehlte die Entwickelung. Ich hatte in den Sätzen mit lauter Resultaten zu thun, die mich unendlich frappirten, mir in ihrem Ursprung jedoch unklar blieben. Z.B. Novalis sagt: »Das Thier ist eine brennende Pflanze«. Ungefähr verstand ich dies, aber ich wußte doch nicht, was ich wissenschaftlich daraus machen sollte. Ich wurde leider bei diesem Mysticismus durch gar manche Einwirkungen lange festgehalten. In damaliger Zeit war es ein Amtmann Eisfeld, der wegen eines Staatsvergehens auf der Citadelle saß, jedoch die Stadt besuchen durfte und meinem Vater empfohlen war. Dieser Mann kam nun öfter Sonntags zu uns und ließ sich auch mit mir ein. Seine Hauptidee war, in den Tönen einer Sprache auch die Bedeutung der Wörter wiederzufinden, d.h. das sogenannte onomatopoetische Prinzip auf die gesammte Wortbildung auszudehnen. Dies ist ein Irrthum, der sich[144] von Zeit zu Zeit immer wieder erneuerte. Die Versuchung im einzelnen Laut als dem einfachsten Element des Wortes eine Verwandtschaft mit dem Inhalt der Vorstellung zu finden, welche das Wort bezeichnet, liegt nahe. Schon zu Plato's Zeit, wie uns sein Dialog Kratylos zeigt, hat es nicht an solchen Experimenten gefehlt. Innerhalb einer einzelnen Sprache, oder, wenn man weiter gehen will, innerhalb eines Sprachstammes, der sich in mehrere Sprachen verzweigt, wird sich eine gewisse Analogie der Lautgestaltung für gewisse Gruppen von Vorstellungen befestigen können, allein in anderen Sprachen werden dieselben Vorstellungen durch ganz andere, oft entgegengesetzte Laute ausgedrückt werden. Die Klangnachahmung selber hat nur einen beschränkten Umfang für alles Hörbare. Das Sichtbare, welches nicht zugleich hörbar ist, wie die Farbe oder die in sich ruhende Gestalt, geht schon über die Klangnachahmung hinaus. Der noch höhere Kreis aber von rein psychischen Affecten und der noch abstractere von reinen Verstandesbegriffen ist schon völlig gleichgültig gegen seine Lautform. Der Amtmann Eisfeld hatte sich aus einem beschränkten Sprachgebiet einen Vorrath von Wörtern gesammelt, mit dem er mir zuerst imponirte; weil mir überhaupt der ganze Gedanke durch ihn als ein neues Problem entgegengebracht wurde. Ich ward ihm bald unbequem, weil ich etwas Hebräisch wußte; während er nur die alten Sprachen, das Romanische und Deutsche zur Beweisführung verwenden konnte. Wären die Vorstellungen mit gewissen Lauten ursprünglich homogen, so müßten folgerecht alle Sprachen im Grunde die nämlichen Laute für die nämlichen Vorstellungen erzeugen, was keineswegs der Fall ist. Amazon.de Widgets Eisfeld legte einen großen Nachdruck auf die Vocale. Gerade für sie aber konnte ich ihm aus dem Hebräischen nachweisen, daß der Vocal gegen die Bestimmtheit des Consonanten als ein sehr flüssiges, verwandelbares Moment untergeordnet ist. Die Vocale schwanken in einander hinüber. Ich brachte schließlich aus diesen Sonntagsunterhaltungen, die sich einige Monate hindurch erneuerten, nichts als eine geschärfte Aufmerksamkeit auf die musikalische Seite der Sprache heraus. Die Art und Weise aber, wie Eisfeld seine Ansicht vortrug, hatte etwas Geheimnißvolles, was mit den Mysterien des Novalis sich sehr wohl vertrug.[145] Da Novalis selber für die Fortsetzung seines Heinrich von Ofterdingen ein Programm hinterlassen hatte, so stand der Entschluß, diesen Roman fortzusetzen, sehr bald bei mir fest. Es fiel mir gar nicht ein, daran zu zweifeln, daß ich dies vermöchte. Da ich mich so viel mit dem Mittelalter beschäftigte, so schien mir diese Aufgabe recht für mich gemacht, mein Wissen vom Orient und Occident an den Mann zu bringen und in eben so schönen Worten und Perioden, wie Novalis, Begebenheiten, Charaktere und Gegenden zu schildern. Ich wollte die Fortsetzung gleich im Morgenlande beginnen lassen. Das Kaschemirthal war damals der Ort, wohin man den paradiesischen Anfang der Menschheit zu verlegen pflegte. Diese Scenerie wurde auch ausgeführt, da ich in Reisebeschreibungen wohl bewandert war. Ich ließ Ofterdingen hier, an den Ufern des Behatstromes, in dem Palast eines indischen Fürsten als Gefangenen auftreten und hier mit der uralten Weisheit des Morgenlandes, von welcher ich durch Friedrich Schlegel's Buch von der Weisheit und Sprache der Inder, die höchste Vorstellung hegte, mit Brahmanen in Verkehr treten. Ueber diesen glänzenden Anfang kam ich aber nicht hinaus. Novalis hatte seinen Heinrich zu einem idealen Culturmenschen machen wollen, der auch dem Handel, überhaupt dem werkthätigen Leben, nicht fremd bleiben sollte. Auch die Arbeit sollte als ein priesterliches Amt idealisirt werden. So sollte nun Heinrich bei mir mit einer Karavane als der Urform des orientalischen Völkerverkehrs weiter gelangen, ich weiß nicht mehr wohin, aber dabei blieb es auch. Es war dies im Herbst 1822 nach meiner Krankheit. Die weiche Stimmung, welche ihre Schwäche bei mir zurückgelassen hatte, harmonirte mit der Sehnsüchtigkeit der romantischen Muse. Es war mir aber fast gleichzeitig noch ein anderes Element eingeimpft worden, welches sich mit dem Mystischen und Orientalisirenden von Novalis nicht vertrug. Dies war das Heinse'sche. Heinse war von Wieland ausgegangen. Von diesem hatte ich Oberon, Idris und Zenide, Geron den Adlichen, Pervonte, Musarion und noch einiges Andere gelesen, weil es mit meiner Vorliebe für die mittelalterliche Dichtung zusammenhing. Auch von seinen Nachahmern, Müller und Alxinger, hatte ich die Rittergedichte gelesen. Daß sie mich im Innersten recht ergriffen hätten,[146] müßte ich lügen. Nun gerieth ich aber auf Heine's Briefwechsel mit Gleim und Wieland. Der wilde Drang dieses Kraftgenies entzückte mich. Seine Beschreibung der Bilder der Düsseldorfer Gallerie namentlich der Amazonenschlacht von Rubens, seine Schilderung des Rheinfalls u.s.w. rissen mich hin. Als ich daher auf einer Auction Ardinghello in der Originalausgabe kaufen konnte, zögerte ich nicht. Ich verschlang seine Lectüre. Der Erdgeist fuhr in alle meine Sinne. Die Macht der bildenden Kunst, die Schönheit der antiken Statuen, entschleierte sich zuerst meinem Blick, aber auch der Genuß, welchen der Reiz der nackten Gestalt gewährt. Heinse unterrichtete mich, hier mit ganz anderen Augen zu sehen, als ich bis dahin gewohnt war, wo ich entweder ganz unbefangen geblieben war, oder dem weiblichen Geschlecht gegenüber bei näherer Berührung mit ihm, z.B. beim Tanz, mich mit Verschämtheit benommen hatte. Er malte nicht mit schelmischer Lüsternheit, wie Wieland, sondern predigte das Naturevangelium mit einer gewissen Andacht und Kühnheit, die mich verwirrte. Er machte nicht viel Worte, aber er entflammte die Sinnlichkeit durch die Offenheit und Keckheit seiner üppigen Situation. In den vielen Betrachtungen über die Sculptur, welche seinem Ardinghello einverleibt sind, zog er das Winkelmann'sche Kunstideal zu einem naturalistischen Zerrbilde herunter. Er trat aber mit einer solchen Sicherheit, ich möchte sagen, Unschuld und Begeisterung auf, daß ich ihn damals weit über Wieland stellte, dessen Agathon ich wiederholt angelesen hatte, ohne ihn je zu Ende zu bringen. Man kann sich vorstellen, in welche Kämpfe ich verstrickt wurde. Heinse predigte Natur, Novalis predigte Natur. Bei jenem aber wurde sie Fleisch in der schönen Göttin der Liebe, während sie bei diesem in einer mir zwar unbegreiflichen, eben deswegen aber um so spannenderen Verklärung endigen sollte. Ich schwankte zwischen dem sanften Druck einer warmfühlenden Mädchenhand und zwischen dem ekstatischen Seherblick der Augen der himmlischen Sophie unglückselig hin und her. Jetzt ist es mir nicht mehr zweifelhaft, daß in der Religion, wie Novalis sie faßt, auch die Wollust, selbst in der Form des Schmerzes, ein sehr bedeutender Factor ist. Seine Hymnen an die Nacht, die ich so oft mit tausend unbestimmten Ahnungen las, ohne sie je recht verstehen[147] zu können, athmen eine ungeheure Wollust, die sich nur im Zeugen von Welten, wie eine indische Gottheit, genug thun könnte. In dieser Noth erschien mir eine außerordentliche Hülfe. Es war die nähere Bekanntschaft mit Göthe's Schriften. Von diesen hatte ich bis dahin nur oberflächlich Notiz genommen. Der Cultus unseres ganzen Hauses war Schiller zugewendet, der uns auch auf dem Theater zugänglich war, wohingegen von Göthe auf einer Provinzialbühne, wie die Magdeburger, damals gar nichts aufgeführt wurde. Volk hatte sich den Faust gekauft, eine auf schlechtem Papier mit lateinischen Lettern schlecht gedruckte Originalausgabe von 1809 in Duodez. Kurz zuvor, ehe er nach Göttingen abging, borgte er sie mir Ende April 1823, nachdem er mir Wunderdinge von dem Gedicht mitgetheilt hatte. Ich brachte zwei Tage hinter einander an der Lectüre zu, die mich, wie auf Flügeln, in eine neue Welt erhob. Ohne, daß ich ein Bewußtsein darüber gehabt hätte, ergriff mich die Situation, von welcher Faust ausgeht, die Verzweiflung des Idealismus, dessen Magie Geister beschwört, und der Uebergang von hier zum Realismus der Wirklichkeit, wie sie einmal ist, auf das Tiefste. Hier schlugen Worte an mein Ohr, die mich ermuthigten, durch äußerste Entzweiung hindurch Versöhnung zu hoffen. Von hier ab habe ich, wie man weiter sehen wird, der ganzen Faustliteratur eine stete Aufmerksamkeit zugewendet. Ich fing aber auch an, ruckweise mehr von Göthe zu lesen. Es mag das auch ganz gut gewesen sein, da er mir viel schwerer als Schiller zu fassen war. Göthe's Productionen sind von einer so großen Mannichfaltigkeit, daß ein Gymnasiast, der noch dazu, wie ich, durch tausend andere Eindrücke zerstreut wurde, sie sich nur im geringen Grade aneignen kann. Zu Göthe's Romanen kam ich erst in Berlin. Bald nach dem Faust las ich in einer alten Ausgabe von 1787 Gedichte, die Mitschuldigen, Iphigenie, den Triumph der Empfindsamkeit und im Herbst die Elegien. Was mir sogleich auffiel, war die ganz andere Behandlung der griechischen Mythologie, als bei Schiller. Bei diesem ist sie zur höchsten denkbaren Wiedergeburt durch das Humanitätsideal gelangt. Noch jetzt, in meinem Greisenalter, kann mich die malerische und zugleich seelenvolle Weise, wie Schiller die griechischen Götter uns vergegenwärtigt,[148] mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllen. Bei tausend Anlässen kommen mir seine Worte in's Gedächtniß. Auch ein Gymnasiast, welcher mit der Ilias und Odyssee viel Arbeit hat, wird überwältigt und auf die Höhen der Menschheit gerissen, wenn er den Schluß des Spazierganges liest: »Und die Sonne Homers, siehe, sie lächelt auch uns.« Die melancholische Stimmung, von der ich oben sprach, wurde durch unsere häuslichen Zustände sehr gefördert. Meine gute, geliebte Mutter war immer kränklich gewesen. Wir waren daran gewöhnt. Ihr Geist erhob sich immer siegreich über ihre Leiden. Sie las viel; zuletzt einen Roman von Benzel-Sternau: der alte Adam, eine neue Familiengeschichte. Um sich mit uns darüber unterhalten zu können, mußten wir Kinder ihn auch lesen. Der Jesuitismus, dessen Schleichwege darin mit großer Sachkenntniß geschildert werden, interessierte sie auf das Lebhafteste. Wir sprachen von dem Jesuiten Bleimann endlich wie von einer Person, die wir selber gekannt hätten. Der Haß, mit welchem ich stets gegen die Jesuiten erfüllt gewesen bin, hat bei mir hier seine ersten kräftigen Wurzeln geschlagen. Die Mutter wurde nun so krank, daß sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Sie litt an einem Blutkrebs in der Milz. Ich ziehe einen Schleier über die schrecklichen Stunden, die wir voll Angst und Sorgen verlebten. Meine Schwester und eine Wartefrau nahmen nun mit der Kranken die eine Hälfte der Wohnung ein, ich mit dem Vater die andere. Unsere ganze Hausordnung änderte sich nun, bis die arme Dulderin Ende Januar 1824 erlöst wurde. Sie war um Mitternacht gestorben. Der am Morgen herbeigerufene Arzt erklärte, daß sie wirklich todt sei. Am Nachmittag trug ich mit der Frau Torges, der Wärterin, den Leichnam aus dem Wohnzimmer in eine große anstoßende Stube, wo wir ihn auf eine große Matratze legten und mit einer weißen Decke umhüllten. O, wie furchtbar war mir dieser Gang! Ich hatte den Leichnam am Kopfende gefaßt und blickte nun auf die lieben Augen hinunter, die sich für immer geschlossen hatten auf die lieben Lippen, die für immer verstummt waren. Nie habe ich später in Kirchen oder Bildergalerien Gemälde von der Grablegung Christi sehen können, ohne an diese schmerzliche Scene erinnert zu werden. Die Mutter hatte stets eine[149] große Angst vor dem lebendig Begrabenwerden geäußert. Als nun die Nacht kam, befiel mich in den schlaflosen Stunden der Zweifel, ob die Mutter auch wirklich todt sei, obwohl der Arzt sie dafür erklärt hatte. Ich schlief mit dem Vater in derselben Stube. Ich wagte aber nicht, ihm meine Besorgniß zu äußern. Oft war ich versucht, eine Lampe zu ergreifen, die wir schwachbrennend in eine Ecke gestellt hatten. Ich hätte aber durch mehrere Zimmer oder durch die Küche über den Hausflur gehen müssen und damit Alles allarmirt. So lag ich denn, bis der Morgen dämmerte. Kaum hörte ich aber, daß meine Schwester und die Magd aufgestanden waren, so litt es mich nicht mehr im Bett. Ich stand auf und schlich mich so unbemerkt als möglich nach dem Leichenzimmer. Mit Bangigkeit und Schaudern trat ich ein. Mit Thränen näherte ich mich dem Leichnam. Bebend erfaßte ich die Decke, die wir über ihn gebreitet hatten und hob sie zitternd ab. Nun beugte ich mich, Augen und Lippen, sowie die Finger der hingestreckten Hände ganz genau zu untersuchen, ob auch nicht irgend eine Bewegung der Lage sichtbar wäre, die eine Regung des Lebens verriethe. Außer einer Veränderung der Farbe des Gesichts, die noch bleicher geworden war, konnte ich aber nichts entdecken, was mich beunruhigt hätte. Nachdem ich der Mutter zum leßten Mal die kalte Hand geküßt, die mich ja oft gestreichelt hatte, deckte ich den Leichnam wieder zu und schlich mich wieder zur Hinterstube zurück. Dem Vater sagte ich nie etwas von diesem fürchterlichen Gange, und meiner Schwester erst, nachdem der Tag des Begräbnisses vorüber war. Während der monatelangen Dauer der Krankheit der Mutter war von außen her eine ganz neue Anregung an mich gekommen. Der Klosterpforte gegenüber in der Klosterstraße war das Haus des Kriegsraths Immermann. Dieser treffliche Mann hatte drei Söhne. Mit dem jüngsten, Hermann, rückte ich von Klasse zu Klasse. Der mehrere Jahre ältere Bruder Ferdinand war in der oberen Klasse einer der ausgezeichnetsten Schüler, zu dem wir mit Bewunderung emporblickten. Er machte seine Studien in Halle, kam zurück und wurde noch in Prima unser Lehrer für das Deutsche. Auch das Hebräische überkam er. Der älteste Bruder, Karl, war Auditeur in Münster. Hier hatte er 1822 drei Trauerspiele herausgegeben, die sofort eifrig von uns[150] Schülern gelesen wurden. Es war: »Die Schlacht von Ronceval«, »Laura und Petrarca«, »Edwin«; das letztere ein Stoff aus der Angelsächsischen Geschichte. Man konnte unschwer die Muster auffinden, denen Immermann nachgestrebt hatte. Das Thal oder die Schlacht von Ronceval war im Styl von Ludwig Tieck's Romantik, Laura und Petrarca nach Göthe's Tasso, Edwin nach Shakespeare's historischen Dramen gedichtet. Daß aber ein Magdeburger, ein ehemaliger Schüler des Pädagogiums, sich mit solchen Productionen hervorwagte, war eine für uns ganz außerordentliche Thatsache. Das prosaische Magdeburg hatte einen Dichter hervorgebracht. Ein Vetter von mir, Heinrich Zschokke, war freilich auch ein Magdeburger. Er hatte einen Abellino, ein Seitenstück zu Schiller's Räubern, drucken lassen. Dieser Abellino, der große Bandit, wie er im Nebentitel hieß, wurde sogar noch zuweilen gegeben. Aber Zschokke war lange schon seiner Vaterstadt entfremdet. Er war Schweizer Bürger geworden. Dieser Carl Immermann dagegen kam jetzt von Münster als Criminalrath nach Magdeburg und wohnte wieder bei seinem Vater, dem Kloster gegenüber; wir sahen ihn bei seinem Bruder Ferdinand aus- und eingehen. Wir trafen ihn öfter, da dieser zu ebener Erde nach der Straße hinaus wohnte, im Zwiegespräch mit demselben vor dem Fenster; wir vernahmen von Hermann die Einzelheiten seiner Lebensweise und gelegentliche Aeußerungen. Er war sehr fleißig. Wenn ich Mittwoch und Sonnabend Morgens zwischen sechs und sieben Uhr in der Finsterniß des Winters zu seinem Bruder ging, die hebräische Bibel zu übersetzen, so sah ich schon immer sein Licht schimmern. Ich wußte, daß er dann, sich im Englischen zu üben, den Ivanhoe von Walter Scott übersetzte. Er dichtete auch zu einem Familienfeste ein kleines Lustspiel: »Die Prinzen von Syrakus«, worin er sich selbst mit seinen Brüdern schilderte. Es war ganz in der Art des Tieck'schen »Zerbino« mit der beliebten Ironie und mit ganz ungeheuerlichen Wortspielen componirt, deren wir uns alsbald bemächtigten. Die persönliche Erscheinung Immermann's hatte eine gewisse Herbheit an sich. Man fühlte, daß in dieser kräftigen Gestalt ein ernster Geist waltete, der alles Unbedeutende, Gemeine von sich abstieß und zum unerbittlichen Spott dagegen neigte. Amazon.de Widgets Die Folge der so unmittelbaren Nähe dieses Mannes, mit welchem[151] ich weiterhin noch in engere Berührung kommen sollte, war, daß ich nun noch mehr Verse als sonst machte. Die Melancholie, die in mir brütete, lagerte sich auch um die Weihnachtszeit 1823 in einer Anzahl Elegien ab, worin sich der Ton des Schiller'schen Spaziergangs mit dem Ton der Göthe'schen Elegien vermischte. Als ich 1847 in einem Bande meiner Studien auch eine Auswahl aus meinen Gedichten unter dem Titel: »Metamorphosen des Herzens« drucken ließ, habe ich unter der Ueberschrift: »Antik-romantisches Aufdämmern« fünf von jenen Elegien aufgenommen. Aber trotz dieser Elegien, trotz meiner melancholischen Stimmung, trotz des Kummers über die Todeskrankheit der lieben Mutter machte sich im Laufe des Winters bei mir auch die Lust am Komischen geltend. Ich schrieb eine Satire auf mich selbst. Ich hatte so Vieles angefangen und so Weniges vollendet. Jeder neue große Eindruck hatte mich zur Nachahmung gereizt. Ich hatte nach Voß Idyllen in Hexametern, Alcäische Oden nach Horaz, Stanzen und Sonette nach Schulze, eine nordische Erzählung mit eingemischten Versen, nach der Manier von Fouqué's Zauberring, gedichtet. Ich hatte die Hermannsschlacht in der Nibelungenstrophe besungen. Ich hatte im Winter ein Trauerspiel nach Schiller's Wallenstein angefangen. Ich hatte Novalis' Ofterdingen vollenden wollen. Und was hatte ich nicht außerdem von Arbeiten zur Geschichte der Völkerwanderung und unserer altdeutschen Literatur unternommen! Wenn nicht noch sauber geschriebene Trümmer aller dieser Tendenzen vor mir lägen, würde ich es jetzt kaum für möglich halten. Ich kann nur bedauern, so viel Kraft und Zeit an so unfruchtbare Themata verschwendet zu haben, aber der Wahn, in diesem Wust der Völkerwanderung und des Mittelalters den frischen Spuren des germanischen Geistes zu begegnen, ließ mich die Dürftigkeit des Inhalts übersehen. Ich gewann wenigstens die Freiheit, mein Treiben von seiner formellen Seite her zu verspottten. Ich dichtete nach der Art der kleinen Körner'schen, damals sehr beliebten Lustspiele auch ein solches: »Der Projectmacher«, in Alexandrinern. Ich theilte es meinem verehrten Lehrer Ferdinand Immermann mit. Und als dieser dasselbe recht beifällig aufnahm, bat ich ihn, es als Andenken von mir zu behalten, was er auch that.[152] Es herrschte damals in Magdeburg, wie an so vielen anderen Orten, eine heftige Gährung, die nicht recht wußte, was sie wollte. Die Freiheitskriege waren vorüber, die Burschenschaft, die von einem deutschen Kaiser träumte, wurde polizeilich verfolgt; die weichlichste Empfindelei wucherte in aller Breite empor; Clauren und van der Velde wurden die Helden der Literatur, wenn auch Körner, Fouqué und Arnim neben ihnen noch viel gelesen wurden. Mein Freund Eduard Hänel, der älteste Sohn des Hofbuchdruckers in der Klosterstraße, wollte gern etwas für diejenigen thun, die höher hinausstrebten, als der Horizont des »Magdeburger Wochenblatts« damals der einzigen Zeitschrift neben der einzigen Zeitung, der Faber'schen, es erlaubte. Er begann eine Zeitschrift: »Phantasus«, gedruckt auf schönem Papier mit schöner Titelvignette. Aber bald zeigte sich, daß es an productiven Kräften in Magdeburg fehlte, das Unternehmen zu halten, und es ging nach einem halben Jahre wieder ein. Ich selbst habe nichts darin drucken lassen. In den letzten Monaten fristete das Blatt sich nur durch Auszüge aus andern Zeitschriften und aus Büchern. In jene Elegien hauchte ich allen Schmerz einer redlich strebenden Jünglingsseele, welche mit Bangen in ihre Zukunft blickt. Einerseits lachte die Welt mich an. Ich sehnte mich, die Lust, welche sie bieten kann und welche ich so oft von den Dichtern geschildert gelesen hatte, selbst zu erfahren. Andererseits stieß mich der Zustand der Welt, so weit ich ihn schon in Erfahrung gebracht hatte, zurück. Er empörte mich durch die Niedrigkeit der Gesinnung, die ich bei so vielen Mitlebenden wahrzunehmen glaubte. Wie Hölderlin hielt ich die Griechen für das einzige Volk, welches frei und glücklich und in schöner Ausgestaltung seiner Sitte und Religion existirt habe. Dies war unstreitig eine Nachwirkung der Beschäftigung mit den alten Classikern, so wie der Lectüre der Gedichte Schiller's und seiner Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts. Vom Christenthum war nichts, als eine trübe Confusion in mir, die ich in einen Winkel meines Bewußtseins zurückschob. Ich war allerdings Romantiker, sofern ich mich für die Poesie des Mittelalters leidenschaftlich interessirte. Das Ritterthum war es, dessen Glanz mich anzog. Die Burgen und Dome wurden ästhetisch bewundert, aber es verstand sich so zu sagen von selbst, daß[153] der Glaube des Mittelalters mir als Aberglaube galt. Ein Magdeburger ist ein geborener Antipapist. Die Schriften von Herder, von Meiners, von Heeren, von Meusel ließen noch keine andere Auffassung bei mir aufkommen, trotzdem daß ich Calderon, Tasso und die Jesuiten Friedrich Spee und Jakob Balde als Poeten höchlich verehrte. Die Dogmen von der Trinität, die subtilen Unterscheidungen der Homoiusie und Homousie u.s.w. waren für mich ein undurchdringliches Dunkel. Ich hatte in der Kirchengeschichte alle dogmatischen Streitigkeiten als einen Kampf von Meinungen äußerlich in mein Gedächtniß aufgenommen, blieb aber im Innern vollkommen gleichgültig gegen sie. Als ich mich daher zum Abiturienten-Examen meldete und angeben sollte, was ich auf der Universität studiren wolle, erklärte ich mich für die Philologie. Ich staunte, daß ich trotz meiner Unsicherheit und Verworrenheit, wie ich sie wenigstens lebhaft genug emfand, aus der Prüfung mit einem glänzenden Zeugniß hervorging. Man beschenkte mich auch mit einer Prämie, welche mich in meinen philologischen Studien hülfreich und anspornend begleiten sollte. Es war die deutsche Uebersetzung von Dodwell's Reisen in Griechenland. Da ich ein Bücherliebhaber war, so erfreuten mich die beiden stattlichen Bände. Amazon.de Widgets Ich muß aber das Geständniß ablegen, daß ich die selben, obwohl ich sie aus Pietät bis diesen Augenblick bewahrt habe, nie durchzulesen vermochte. Ich setzte gar manchmal an. Es schien mir eine Verpflichtung, die ich überkommen hätte. Allein die trockenen topographischen Untersuchungen, die von Hypothesen starrten und sich in's Kleine verloren, ermüdeten mich bald. Man könnte nun nach dem Vorigen erwarten, daß ich, wie meine nächsten Freunde, nach Göttingen gegangen wäre, aber mein Vater schickte mich nach Berlin, weil dort ein Bruder meiner verstorbenen Mutter, Philipp Grüson, Professor war und weil er mich in dessen Hause am besten aufgehoben glaubte. Er bezahlte für mich ein Jahrgeld. So fuhr ich denn Ende April 1824, neunzehn Jahre alt, zwei Tage lang mit einem Hauderer, wie damals üblich, über Brandenburg, Potsdam nach der preußischen Hauptstadt. 
 I. Neustadt Magdeburg. Die Colonie der Reformirten. Das Paradies der Kindheit. Die Wunderfamilie Favreau.  In der nördlichen Vorstadt Magdeburgs, die Neustadt geheißen, bin ich am 23. April 1805 geboren. Mein Vater bekleidete damals das Amt eines Steuersecretairs am Packhof. Er war am 6. December 1757 in der Gemeinde Buchholz bei Rostock in Mecklenburg geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Leinweber gewesen, der ein eigen Haus mit einem großen Garten befaß. Mein Vater war der einzige Sohn. Bis zu seinem siebenten Jahr hatte er sehr einsam auf dem Gehöft zugebracht. Ein großer, schwarzer Hund war sein vornehmlicher Spielgefährte gewesen, denn das Haus lag auf einem weitumschauenden Hügel, wie das Vorwerk eines Gutes, sehr allein. Mit dem siebenten Jahr mußte mein Vater in die nächste Dorfschule einen langen Weg wandern, weshalb ihn seine Eltern bald in die Stadt Rostock zu einem Geistlichen in die Pension gaben, wo er in allen Schulwissenschaften Unterricht empfing. Dieser Geistliche gehörte zu den strengsten Pietisten. Täglich wurde mehrmals gebetet. Jeder Hausgenosse hatte einen lederüberzogenen Stuhl, vor dem er hinkniete und auf welchem Bibel und Gesangbuch lag. Der Gottesdienst wurde mit peinlicher Regelmäßigkeit besucht und die Selbsterforschung der Sündhaftigkeit mit finsterm Ernst betrieben. Die Mutter wünschte, daß mein Vater sich einer Wissenschaft oder wenigstens einem nicht handwerksmäßigen Erwerb widmen möchte und[1] wußte es zu veranstalten, daß er nach seiner frühzeitig erfolgten Confirmation zu einem Advocaten als Schreiber kam. Allein mein Großvater war ihr entgegen und bestand darauf, daß der Sohn das Leinweberhandwerk erlernen müsse, weshalb mein Vater im fünfzehnten Jahr Rostock verließ und in das einsame Haus mit dem schönen Garten zurückkehrte. Hier aber hatte sich viel verändert. Mein Großvater hatte sich mit heruntergekommenen Candidaten, mit Alchymisten und Schatzgräbern eingelassen und mit ihnen sein Vermögen allmälig in unsinnigem Streben verbracht. Mein Vater mußte mit ihm eine Reise nach Hamburg machen, allerlei mystische, höllenzwingende Bücher bei Antiquaren aufzusuchen. Durch eben diese Reise, sowie durch die immer sichtlicher werdende Zerrüttung seines sonstigen Wohlstandes ward man auf sein unglückseliges Treiben aufmerksam und das Consistorium setzte ihn wegen Schatzgräberei und Geisterbeschwörung in Anklagezustand. Die Mutter, von Entsetzen ergriffen, glaubte es recht klug zu machen, wenn sie den Sohn überredete, die Schuld auf sich zu nehmen und nach Hamburg zu fliehen. Achtzehn Jahr alt, übernahm es mein Vater, den seinigen in dieser Weise zu retten. Dem Consistorium sollte vorgespiegelt werden, nicht der alte, sondern der junge Rosenkranz habe die Schatzgräberei betrieben und die Hamburger Reise des Alten habe sich bei diesem auf die Linnenfabrikation bezogen. Aus Furcht, in Hamburg reclamirt zu werden, hielt mein Vater sich sehr still und wagte sich Niemandem anzuvertrauen. Er miethete sich bei einem Schneider ein und schlenderte am Tage in den Straßen umher, hoffend, der Sturm, der ihm, dem Schuldlosen, in der Heimath drohte, werde nun an dem getäuschten, abergläubischen Vater vorübergehen und dann in einiger Zeit auch seine völlige Nichtbetheiligung an diesen Dingen sich ergeben, so daß er vielleicht nach mehreren Jahren würde zurückkehren können. Allein allmälig wurde diese Aussicht zweifelhaft. Das Geld, welches die Mutter ihm mitgegeben und einige Male schon nachgesandt, zehrte sich auf. Mit der immer größeren Beschränkung, die er sich auferlegen mußte, schwand sein Muth, und in solch niedergeschlagener Stimmung fiel er eines Tages preußischen Werbern in die Hände, die ihn von Hamburg wegführten. So geschah es, daß[2] er am 26. Oktober 1776 in Crossen bei dem Arnstedt'schen, vom General von Natalis commandirten Regiment zur Fahne schwor. Während er hier nun in Garnison stand, entwickelten sich die Folgen seiner künstlichen Flucht. Die Mutter, den Sohn durch ihren Rath zu Hause mit einem in damaliger Zeit sehr gefährlichen Proceß bedroht, auswärts aber ihn der preußischen Armee einverleibt und so wie so des einzigen Kindes sich beraubt sehend, starb bald, und der Vater folgte gebrochenen Herzens ihr rasch nach, so daß die Gerichte die Hinterlassenschaft der Eltern versteigerten. Als das Arnstedt'sche Regiment 1788 aufgelöst wurde, kam mein Vater zum Regiment von Braunschweig und blieb bei demselben, bis er 1793 in dem Städtchen Burg bei Magdeburg als Kreiscontroleur angestellt ward. Hier heirathete er, allein die Ehe war kinderlos und, wie es scheint, durch Schuld der Frau unglücklich, so daß sie mit dem Ablauf des Jahrhunderts getrennt werden mußte. Sehr willkommen war es daher meinem Vater, 1799 nach Magdeburg als Steuerbeamter versetzt zu werden. Er hatte noch vom Regiment her einen Kameraden, der Feldscheer gewesen war und nunmehr eine Anstellung als Packhofsinspector in Magdeburg erhalten hatte. Dieser Mann war in vielen Stücken das gerade Gegentheil meines Vaters. War dieser ein ernster, stiller, einfacher, aufrichtiger, bis zur höchsten Aufopferung pflichttreuer, fleißiger und bescheidener Mensch, so war jener ein lebenslustiger, jovialer, pompliebender, jähzorniger, zur Intrigue geneigter, dünkelhafter Mann, dabei jedoch äußerst gastfrei, gefällig und beredt. Durch diese Gegensätze des Charakters erklärt sich wohl ihre Zuneigung. Sie bedurften einander. Der lockere Lebemann erholte sich in dienstlichen und geschäftlichen Verlegenheiten Raths bei meinem Vater, während dieser sich durch ihn zum Genuß des Lebens anfeuern, durch seine übertreibende Geschwätzigkeit unterhalten ließ. Sie nannten sich Herr Bruder, redeten sich immer mit Ihr an und luden sich zuweilen ein. Mein Vater besuchte jedoch das Haus seines Kameraden und Collegen nur bis zum Tode von dessen Frau. Als Feldscheer nämlich hatte derselbe noch immer eine stille und sehr gesuchte Praxis, nicht nur im Verbinden von offenen Schäden, im Behandeln frischer Wunden, sondern vornehmlich in der Kur geheimer[3] Krankheiten. Er hatte sich gerade für diese einen besonderen Ruf zu erwerben gewußt und fand an den Handlungsgehülfen des Packhofs und den vielen damals durch Magdeburg ziehenden Offizieren ein großes und dankbares Publikum, so daß er ein bedeutendes Vermögen erwarb. Von großer, schöner Statur, mit feurigem Blick, edlen Zügen, galantem Betragen, wußte er sich bei den Frauen sehr beliebt zu machen, zumal er auch ein ebenso geschickter als leidenschaftlicher Jäger war, dessen Geschenke von Hafen und Rebhühnern den Wirthinnen stets angenehm erschienen. Nach dem Tode seiner Frau verstrickten ihn eben diese chevaleresken und persönlich liebenswürdigen Eigenschaften in verderbliche Verhältnisse, die wohl der Grund sein mochten, weshalb mein Vater den Besuch seines Hauses vermied. Er hatte mehrere Kinder. Mit diesen bestand zwischen mir und meiner Schwester ein steter Verkehr. Wir Kinder begriffen die eigenthümlichen Beziehungen unserer Eltern nicht und lernten sie erst in reiferem Alter verstehen. Mit jenem Kameraden nun besuchte mein Vater in Magdeburg häufig die Gaststube eines großen Brauhauses an der Ecke des breiten Weges und der Domstraße der Neustadt gelegen, »Das rothe Haus« genannt. Hier lernte er meine Mutter, Marie Katharine, die Tochter des Eigenthümers, Grüson, kennen. Dieser gehörte zur wallonisch-reformirten Gemeinde, deren Mitglieder vorzüglich in der Neustadt wohnten, und dort als Brauherren, als Oelpresser, als Holzhändler unter den Privilegien der preußischen Könige zu bedeutendem Vermögen und Ansehen gelangt waren. In der Altstadt Magdeburg wohnten mehr die Fabrikanten der Réfugiés, wie man die nichtdeutschen Reformirten damals noch zu nennen pflegte. Diese Fabrikanten waren meistentheils reine Franzosen und betrieben vorzüglich die Seidenstrumpfwirkerei, die Hutmacherei und Zuckerraffinerie. Die wallonischen und französischen Gemeinden unterschieden sich wenig, außer daß in letzterer eine größere Feinheit der Sprache und des Umgangs herrschte. Jede Gemeinde hatte in der Altstadt eine besondere Kirche. Neben diesen beiden reformirten Gemeinden existirte in Magdeburg noch eine dritte deutsche, von der ich später Erwähnung zu thun habe. Als mein Vater heirathete, trat er, ursprünglich lutherischer Confession,[4] zur reformirten über. Da meine Großmutter mütterlicherseits schon todt war und meine Mutter dem Großvater die Wirthschaft geführt hatte, so setzte sich derselbe nunmehr zur Ruhe, verkaufte das rothe Haus und zog zu meinen Eltern, die in der Neustadt am breiten Wege, nicht zu fern von der hohen Pforte der Altstadt, ein reizendes, sehr geschmackvoll gebautes Haus besaßen. In demselben bewohnte der Großvater im oberen Stockwerk nach dem Hof hinaus eine Stube und Kammer. Er war ein schlichter, würdiger Mann, der mit der Mutter gewöhnlich in einem patoisartigen Französisch sprach. Im Hause trug er eine schwere Sammtkappe, eine große dunkelbraune Schooßjacke, schwarze Manchesterhosen, Kniestiefel und eine weiße Schürze. Er war sehr geschickt in Holzarbeiten, weil er für den bessern Betrieb des Braugewerks es für räthlich erachtet hatte, auch das Böttcherhandwerk zu erlernen. In einem Hintergebäude des Hofes hatte er eine vollständig eingerichtete Werkstatt, worin er zu seinem Vergnügen alle in der Wirthschaft vorkommenden Holzgefäße, wie Eimer, Bütten, Zober, aber auch künstlichere Arbeiten fertigte. Er stand früh auf, als der Erste im Hause, kam die Treppe herunter und ging in das gemeinschaftliche, nach vorn gelegene Wohnzimmer, worin von der ganzen Familie das Frühstück genommen wurde. Bis wir uns nun Alle versammelten, spazierte er in der langen Stube auf und ab und sang ein geistliches Morgenlied. Seine beiden Lieblingslieder waren: »Befiehl Du Deine Wege« und »Wer nur den lieben Gott läßt walten.« Meine Mutter sang dann oft mit. Nachmittags arbeitete er nicht in der Werkstatt, die immer sehr aufgeräumt aussah. Die Schneidebank, die großen und kleinen Hobel, die Schraubstöcke, der Nagelkasten u.s.w. waren stets an ihrem Ort. Diese Pfälzer, wie die Wallonen auch hießen, waren in der That recht zum Erwerb gemacht. Sie hatten einen äußerst regen Sinn für Schicklichkeit, Ordnung, Fleiß, Ausdauer, Rechtlichkeit in Handel und Wandel, und Gefälligkeit der Form. Mein Großvater war noch ein rechter Mustercolonist, dessen ernstes und doch behäbiges Wesen, dessen Würde und Leutseligkeit ihn allgemein geachtet und beliebt gemacht hatten. Nach Tische schlief er oben in seinem Zimmer, nahm wieder den Kaffee unten mit uns und zog sich dann wieder zurück, um einige[5] Stunden in der großen Nürnberger Bibel mit Luther's Erklärungen zu lesen. Diese Bibel, mit den schönen Kupfern von J. Sandrart, lag immer unter dem Spiegel auf seinem Tisch. Vor ihr stand ein Ledersessel. Die Stube war sonst ganz einfach gehalten; ein großer nußbrauner Kleiderschrank war das Hauptmöbel, welches für mich dadurch merkwürdig war, daß auf ihm eine Gypsbüste Friedrichs des Großen stand, der von Allen im Hause, auch von meinem Vater, immer als ein höheres Wesen verehrt wurde. Nächst den religiösen Gegenständen hätten diese Menschen gewiß keinen zu nennen gewußt, der ihnen interessanter und bedeutender gewesen, als der alte Fritz. Wir Kinder blickten daher zu jener Büste immer als zu einer Art Gottheit hinauf. Nach der Lectüre der Bibel ging der Großvater entweder mit einem compère aus, in einen langen Oberrock gekleidet, ein großes spanisches, silberbeschlagenes Rohr in der Hand; oder er setzte sich vor die Hausthür, mit den Nachbarn und Vorübergehenden zu plaudern und aus einer langen Pfeife zu rauchen. Diese Hausthür war von dunkelbrauner Farbe und mit schönen Messingblechen verziert. Zu ihr führte eine breite Steintreppe von einigen Stufen. Rechts und links von diesen waren Bänke angebracht, und neben den Eckpfählen, die ebenfalls mit Blech beschlagen und mit einem dicken Messingknopf geschmückt waren, standen zwei köstliche Linden, deren Zweige die Sitze höchst anmuthig überschatteten. Abends nach Tische, so lange die Jahreszeit es erlaubte, pflegte die ganze Familie hier im Genuß der freien Luft und in traulichen Gesprächen zuzubringen. Von meinen ersten Kinderjahren ist mir nichts erinnerlich. Bei der Berennung Magdeburgs durch die Franzosen flüchteten meine Eltern in die Altstadt zu guten Freunden in der Klosterstraße, die einen trefflichen Keller besaßen, der in dem erwarteten Bombardement die besten Dienste zu leisten versprach. Meine Eltern erzählten oft von dieser Flucht, wie sie das Silberzeug in der Werkstatt des Großvaters vergraben, sich Goldmünzen in die Hemden eingenäht, Nachts im Keller geschlafen hätten u. dgl. m. Kleist's Verrath machte der Angst bald ein Ende. Ich lernte inzwischen laufen. Die Schlacht von Jena war, so viel ich mich entsinnen kann, in der Anschauung meiner Eltern das[6] größte Unglück aus der ganzen Profangeschichte; denn obschon die Mutter und ihr Vater für französische Sprache und Sitte eine natürliche Vorliebe besaßen, so war ihnen doch Preußen das gelobte Land geworden. Ihre Dankbarkeit gegen seine Gastlichkeit und die ihrer Industrie gewährte Bevorzugung hatte sich in die innigste Loyalität umgebildet. Wir kamen nun unter die Herrschaft Jérome's, da Magdeburg zum Königreich Westphalen geschlagen ward. Mein Vater wurde als ein höchst correcter Rechner auf ein Commissorium sofort auf die Oberrechnungskammer nach Cassel berufen. Die Mutter blieb mit dem Großvater und uns Kindern zwei Jahre allein. Ich erinnere mich aber auch hieran nur aus den Erzählungen der Eltern und weiß nur, daß wir dem rückkehrenden Vater entgegenfuhren und daß er mir hier gleichsam zum ersten Mal zum Bewußtsein gelangte. Ich hatte nun auch wirklich einen Vater, nachdem ich bis dahin nur von ihm reden gehört und meine Mutter bei seiner Erwähnung oft weinen gesehen hatte. Ich wurde nunmehr mit meiner um fast anderthalb Jahr älteren Schwester in die unserem Hause gegenüberliegende Cantorschule geschickt, wo ich in der gewöhnlichen Weise lesen, schreiben und rechnen lernte. Diese Schule war noch ganz in dem Styl eingerichtet, der jetzt nur als eine antediluvianische Tradition bei uns existirt. Eine ungeheure, saalartige Stube. Zwei durch einen großen Zwischenraum getrennte Reihen von Bänken und Tischen, die amphitheatralisch aufstiegen, so daß der Lehrer alle Schüler übersehen konnte. Auf der einen Seite nach den Fenstern zu, die nach einem Hof wiesen, saßen die Knaben, auf der andern die Mädchen. Die A-B-C-Schützen saßen auf einer sehr niedrigen Bank voran, unmittelbar vor dem Lehrer. Sie hatten sich nur mit Stillsitzen zu beschäftigen. Am angenehmsten war es, wenn sie schliefen, denn ihre fast einzige Thätigkeit bestand darin, daß sie am Schluß der Schule auf einer Papptafel, die neben der Thür hing, die Buchstaben des großen und kleinen, deutschen und lateinischen Alphabets nebst den Zahlen, auf welche der Lehrer mit einem Rohrstöckchen wies, theils einzeln, theils im Chor hersagten. Da nun die Erwachsenen aus Ungeduld, herauszukommen, fleißig vorsagten, so ist es Wunder genug, daß die Kinder überhaupt wirklich lesen lernten. Von Schulbüchern erinnere ich mich nur der Bibel, des Gesangbuchs[7] und eines französischen Lesebuchs. Ich habe in dem kleinen Druck meiner Halleschen Handbibel lesen gelernt und erinnere mich noch, welch schwierige Leseprobe die vielen Namen der Geschlechtsregister im alten Testament waren. Die Disciplin wurde in einer Zeit, in welcher das Spießruthenlaufen noch in der preußischen Armee bestand, mit vielem Prügeln gehandhabt. Manche Jungen erwarben im Geprügeltwerden einen gewissen Ruf, indem sie bei der Execution sich gewaltig sträubten, so daß ihre Bestrafung für die Schule immer ein grausenerregendes und doch sehr unterhaltendes Fest war, ähnlich wie Hinrichtungen die Massen anziehen. Die Strampelnden und Abwehrenden mußten an Füßen und Händen gehalten und über einen Reitsessel gelegt werden, wo sie dann ihre weitschallenden Bullenfinkenhiebe erhielten. Wenn uns dergleichen barbarisch erscheint, so muß man deshalb noch nicht meinen, daß in einer solchen Schule auch nicht viel Munterkeit und Regsamkeit hätte sein können. Ich lernte ganz gut in der Bibel lesen und legte auch im Schreiben einen guten Grund. Die Zeit, die mir außer den Schulstunden übrig blieb, verbrachte ich in sehr wilden Spielen. Ich war überhaupt ein heftiges und unruhiges Kind, das in dummen Streichen und Schlägereien sehr ergiebig war und deshalb auch vom Großvater wie vom Vater öfters derb gezüchtigt wurde. Wir Kinder bildeten gewissermaßen für die Erwachsenen eine anarchische Räuberschaar, gegen die man immer auf der Hut sein mußte. Die großen Häuser unserer Verwandten und Bekannten, der Seiffert, Bailleu, Düvigneau, Coqui, Favreau, Bonte, Navia, Costenoble u.s.w. boten auf den Kornspeichern, in den Holzlagern, in den Brauhäusern, in den Stellungen, Höfen und Gärten einen ungeheuren Spielraum dar. Die ganze Jugend der Vorstadt war sich ungefähr bekannt, und der Platz um die Kirche herum, wo die Spritzenhäuser standen und welcher der »Thie« (wahrscheinlich von Thing) hieß, war ihr Sammelplatz zu gemeinschaftlichen Spielen und Kämpfen. In lichten Haufen zogen wir nicht selten nach der Elbseite zu in die Felder, thaten uns hier in den jungen Erbsen, in den Mohrrüben, in den Mohnköpfen und dergleichen gütlich und kamen dabei gelegentlich auch mit dem »Pannemann« (dem auspfändenden Flurschützen) in Conflict.[8] So erinnere ich mich, daß ich einst gewaltig vor ihm lief, weil ich meiner hölzernen Waffen durch ihn verlustig zu gehen fürchtete, zumal ich auch in meiner Patrontasche geraubte Mohnköpfe trug. Aber auch in die Gärten stahlen wir uns. Kirschen, Birnen, Nüsse, Maulbeeren (die der Seidenzucht halber unter Friedrich dem Großen mehr angebaut waren). Aepfel, nichts war vor uns kleinen Communisten sicher, und je gefährlicher eine solche Obstdieberei gewesen war, desto süßer schmeckte uns die Frucht, wenn wir sie endlich in einem sicheren Winkel aufschmausen konnten. Vor dem Eigenthum in den Häusern hatten wir Respect, aber die freiwachsenden Früchte, zu deren Genuß auch die Vögel des Himmels sich einfanden, wurden uns als Sondereigenthum schwer begreiflich. Außer den Kindern unserer Verwandten ging ich vorzüglich mit dem Sohne eines Schlossers um, der neben uns an, und mit den Söhnen eines Schmieds, der neben der Schule wohnte. Der Erstere war ein guter, sinniger Knabe, Jakob Hövel, der jedoch seltsamer Weise durch phantastische Vorstellungen, die er von der Hölle empfangen hatte, fast schwermüthig gemacht war. Melancholie bei den Kindern ist eine Seltenheit, aber dieser weiche Knabe litt wohl schon daran. Er sprach am liebsten von den Höllenstrafen und ängstigte sich vorzüglich wegen des Stuhls mit glühenden Nadeln, worauf die Lügner sitzen müßten. Als der Lehrer in der Schule einmal von den Erdbeben erzählte, zog er sich diese Vorstellung zu Gemüth, indem er sich grauete, unter die Erde viele Klafter tief lebendig verschlagen zu werden und dann in gräßlicher Finsterniß ersticken und verhungern zu müssen. Da wir Nachbarskinder waren, so wurde ich sein natürlicher Vertrauter und er konnte mich so in seine Angst hineinziehen, daß ich ebenfalls von jenen Schreckbildern mich auf das Entsetzlichste gepeinigt fühlte und doch nicht zu meinen Eltern, nur zu meiner Schwester davon zu sprechen wagte. Dies war der erste düstere Schatten, der in den Sonnenschein meiner Kindheit vom Innern aus hereinkroch. Die Hölle im Jenseits und die Hölle des vulkanischen Erdfeuers im Diesseits ? diese beiden Vorstellungen wurzelten sehr tief in mir seit jenem Anstoß. Wenn ich auch nicht, wie Jakob, trübsinnig dadurch gestimmt ward, so machten sie mir doch viel zu schaffen und reizten[9] meine Phantasie immer von Neuem zu weiterer Ausbildung, so daß mein Nachdenken zuerst an diesem Stoff zu haften begann und ich stets von Frischem auf ihn als den anziehendsten zurückkam. Es blieb mir hiervon eine tiefe Empfindung der Vergänglichkeit unserer Existenz, denn konnte nicht all augenblicklich die Erde mich verschlingen? ? sowie der Verwerflichkeit des Bösen, denn welch entsetzliche Qualen warteten nicht seiner in der Hölle! ? Nun muß ich aber bemerken, daß in der Neustadt und in damaliger Zeit überhaupt noch viel Aberglauben, viel sinnliche Färbung der religiösen Ideen existirte. Ganz ernstlich wurde noch von den »Unterirschken«, d.h. Unterirdischen, gesprochen, kleinen Männern mit schwarzen Mänteln und großkrämpigen Grauhüten, die unter den Viehställen wohnen und großen Einfluß auf das Vieh üben sollten. Schreckliche Beispiele ihrer Rache wurden erzählt, wenn man sie beleidigt hatte. Sie wanderten dann aus, kündigten dies dem Hausherrn durch einen Abgesandten an und sagten ihm den Tod der Thiere vorher. Der Plutus, der Gott des Reichthums, der Mehrung des irdischen Gutes, hat einmal seinen Sitz in der Erde. So wurde auch von den »Nickelmännern« im Wasser gesprochen. Namentlich wenn wir Knaben nach dem Elbufer an die sogenannte Kufferecke nach der Gegend der Bastion Cleve hin zum Baden gingen, warnte uns das Gesinde, uns doch ja vor dem Nickelmann, der in der Tiefe lauere, in Acht zu nehmen. Daß man an Hexen glaubte, versteht sich von selbst. Von diesem und jenem tiefäugigen alten Weibe ging die Rede, wie sie hier oder dort nicht aus der Thür zu gehen vermocht habe und in schreckliche Verlegenheit deshalb gerathen sei, weil nämlich ein Besen vor der Schwelle gelegen habe, auf welchem sie in der Walpurgisnacht zum Hexensabbath auf den Brocken gefahren sei. Einen solchen sollte die Hexe nicht überschreiten können. Da der Harz nur sechs Meilen von Magdeburg liegt, so ist begreiflich, daß dort diese Erinnerung des Altsassenschen Heidenthums lebendiger geblieben, und es war üblich, auf die Fahrt zum Blocksberg in der Nacht zum ersten Mai am Morgen des andern Tages scherzhafte Anspielungen zu machen. Wenn die bisher genannten Elemente des Volksglaubens einen mehr mythischen Charakter hatten, so daß die Aufgeklärteren schon nicht recht mehr daran glaubten, so[10] war es doch in Betreff der Gespenster anders. Diese wagten Wenige zu leugnen. Mein Vater war ein offener Leugner derselben, wie er auch jene andern Volkssagen als selbstbewußter Rationalist verwarf. Die Mutter, eine nervenzarte, phantasiereiche Frau, konnte die Gespenster nicht recht aufgeben. Noch mehr verfocht sie den Glauben an Ahnungen und wußte aus ihrem eigenen Leben sehr merkwürdige und poetische Erfahrungen anzuführen. Uns Kindern gefielen diese Gespenstergeschichten außerordentlich, besonders die Sage von dem Reiter ohne Kopf, der in der Ritterstraße Nachts zwischen zwölf und ein Uhr zuweilen auf schwarzem Rosse zu sehen sein sollte. Wagner's Gespensterbuch, worin, wie einst in des Cartesianers Becker's bezauberte Welt, solche Gespensterhistorien natürlich erklärt wurden, machte daher in unserer Familie großes Aufsehen. Noch erinnere ich mich der Titelvignetten und Titelkupfer, wo nachtwandelnde Wirthstöchter den Fremden schrecken, ein Scheintodter wieder erwacht, ein Wolf einem Menschen auf den Rücken gesprungen ist, Frösche ausgebrochen werden u. dgl. Meine Mutter war eine echte Französin, voll von Geist, Leben, Redseligkeit und voller Religiösität. Die Phantasie und der Witz stachen bei ihr hervor. Sie war ungemein kunstreich in allen weiblichen Arbeiten. Sie nähte und stickte zum Entzücken. Das Sticken trieb sie mit Leidenschaft und stickte auch Gemälde, Vögel und schöne Landschaften, von denen einige eingerahmt in unsern Zimmern hingen. Auch Blumen verstand sie zu machen und erfand die reizendsten Bouquets, die damals auf Arbeitsbeutel u. dgl. gestickt wurden. Ihre Hauben und Hüte garnirte sie sich selbst und wir Kinder hatten an der sauberen und anmuthigen Thätigkeit, welche die Blumen mit Hülfe der Stempel, Nadeln, Zangen und Eisen hervorzauberte, immer große Freude. Aber so lebhaft das schwarze Auge der geliebten Mutter brannte, so freundliche Beredsamkeit ihrem Munde entströmte, so schön sie uns Kindern von der singenden Bohne oder anderen Märchen erzählte, so war die Arme doch im Innersten krank, und diese Krankheit sollte sich schrecklich entwickeln und sie noch schrecklicher tödten. In der Verzweiflung an ärztlicher Hülfe neigte sie dann auch zu sympathischen Kuren und zu sogenannten Besprechungen. Sie glaubte an das Verschwinden von Warzen durch Knoten, die in Zwirnfaden eingebunden und mit abnehmendem[11] Mond unter eine Dachtraufe vergraben wurden; sie glaubte an das Verschwinden von Ausschlägen, Balggeschwülsten, Geschwüren u. dgl. durch Bestreichen mit einer Todtenhand, wobei man aber mit der Leiche allein im Zimmer sich befinden und die Worte: »Im Namen des Vaters, Sohnes und Geistes« sprechen mußte; sie glaubte an das Besprechen des Feuers, an das Vernageln des Zahnschmerzes; sie glaubte an die Macht des »bösen Blickes«, an die Macht von Liebestränken; sie ließ sich die Gesichtsrose, von der sie auch zuweilen geplagt war, »beeten«, d.h. wegbeten. Alte Frauen in großen dunklen Capuzen schlichen zur Dämmerung ein. Wir Kinder mußten die Stube verlassen und brachten nur heraus, daß die Frau mit Kreuzschlagen die Rose dreimal anhauchte und dabei die Worte sprach: Amazon.de Widgets Mutter Maria und hill'ge Ding Stritten sich um en' golden Ring, Mutter Maria gewannd, Dat hill'ge Ding verschwand. Das heilige Ding war eine volksthümliche Benennung für die Rose. Der Mutter half diese Ceremonie wirklich. Dem Vater aber mußte solche Winkelpraxis verborgen gehalten werden, da er einmal in Folge seiner Jugenderlebnisse ein abgesagter Feind alles Aberglaubens war. Auf mich ging diese Gesinnung über und ich konnte daher auch z.B. eine Warze am kleinen Finger der linken Hand durch keinerlei Sympathie, nur durch Höllenstein wegbeizen. Als ich in die Entwickelungsjahre kam, litt ich im Frühling und Sommer gewöhnlich außerordentlich an Nasenbluten, das oft kaum zu stillen war und sehr lästig wurde, da es oft mitten auf der Straße, auf Spaziergängen, in fremden Häusern mich befiel. Die Mutter bestand bei solchen Gelegenheiten darauf, daß ich auf kreuzweis gelegte Strohhalme das Blut niederrieseln ließ. Ich spottete, älter werdend, über dergleichen und ließ mir Weinessigumschläge um den Kopf und die Kühlung durch einen in den Nacken gelegten Schlüssel besser gefallen. Bei der Mutter hing diese Richtung auf die Nachtseite der Natur auch wohl mit ihrem poetischen Wesen zusammen. Sie träumte viel, träumte von vermißten Dingen, wobei sie uns öfter in Erstaunen setzte, daß sich z.B. eine silberne, lang gesuchte Strickscheide endlich in der That da fand, wo sie dieselbe[12] im Traume erblickt hatte; sie war überhaupt voll von einem echt weiblichen Ahnungsvermögen und kehrte gern die geheimnißreichen Beziehungen der Dinge hervor. Der Einfluß gewisser Mondesphasen war bei ihr über allen Zweifel erhaben und ebenso hielt sie auf gewisse Tage. Die Nägel durften z.B. nur am Freitag beschnitten werden. Wie ich aus Gedichten schließe, die ich noch von ihr als Reliquie besitze, hatte sie ihre Mutter, die auch fast immer krank gewesen, unendlich geliebt, sie aber gerade in einer Zeit verloren, wo sie eines mütterlichen Beistandes sehr bedürftig gewesen. Sehr rührend sprechen jene Gedichte die Sehnsucht nach Vereinigung mit der theuren Verstorbenen, zugleich aber auch das Gefühl der Entsagung auf jede Lebensfreude und die Gewißheit baldigen Todes aus. Sie hatte nämlich, wie sie uns öfter erzählte, nach dem Verlust der Mutter in einem Traum ihr eigen Herz im Busen mit drei schwarzen Punkten erblickt und sich dies dahin ausgelegt, daß sie nach drei Jahren sterben müsse. Hierüber war sie in eine tiefe Schwermuth verfallen; denn so sehr sie nach der Hingeschiedenen sich sehnte, so sehr hing sie doch am Leben. Jene düstern Verse entsprangen aus diesem Kampf. Da ihre Melancholie einen gefährlichen Charakter annahm, so schickte der Großvater sie nach Berlin zu Verwandten, wo sie denn in anderer Umgebung, in geselliger Zerstreuung, im Besuch des Theaters u.s.w. nach einigen Monaten von ihrem Trübsinn genas. In unserem Hause lebte damals ein Bruder meiner Mutter, David Grüson, der zu Breslau 1848 an der Cholera als ein sehr geschätzter Portraitmaler gestorben ist. Er hatte ursprünglich das Posamentirgeschäft erlernt. Bei demselben hatten die Farben und Zeichnungen der Bänder sein Talent für die Malerei so lebhaft angeregt, daß er zu dieser selbst überging. So lange er damals bei uns wohnte, widmete er sich dem Portraitiren mit großem Fleiß. Die schönen Farbenstoffe, das Mischen der Farben, die allmälige und doch ziemlich schnell vorschreitende Entstehung eines Gemäldes, endlich auch die vielen Herren und Damen, die zu ihm kamen, ihm zu sitzen, unterhielten uns Kinder außerordentlich und gaben mir frühzeitig einen Trieb, ebenfalls zu zeichnen und zu malen. Der Onkel David war ein heiterer Mann, der gern in Mußestunden mit uns schäkerte und uns auch der Ehre[13] würdigte, unsere kleinen Personen in Lebensgröße in Oel zu malen. Meine Schwester in weißem Kleide hielt einen Blumenkorb in der linken Hand; ich, in einem gelben Nankinghabit, hielt meine linke Hand in ihrer rechten und in der rechten eine uns umschlingende Epheuranke. Neben mir lagen meine Kinderwaffen. Ueber uns wölbte sich ein kräftiger Eichbaum hin. In der Ferne erblickte man die Neustadt mit dem Thurm der Kirche. Das Bild war sehr gut ausgeführt und fand bei allen Verwandten billige Anerkennung. Bei uns Kindern brachte es ein gewisses Selbstgefühl hervor. Wir erschienen uns durch diese Abschilderung als einigermaßen distinguirte Wesen, und ich erinnere mich, daß ich späterhin auf den sechsjährigen, blondgelockten, pausbäckigen Knaben im Bilde öfters träumerisch hingeschaut habe, ob mir wohl eine Andeutung meiner Zukunft aus dieser ersten Fixirung meiner Existenz entgegenblitzen möchte. Mit diesem Bilde schloß der Onkel seinen Aufenthalt bei uns ab, indem er sich seiner höheren Ausbildung halber nach Dresden auf die Akademie begab. Der große Familienzusammenhang unseres Hauses hatte einen sehr lebhaften Verkehr mit vielen und sehr verschiedenartigen Menschen zur Folge. Als der Mittelpunkt dieses ausgebreiteten Umganges erschien der Markt, der zur Herbstzeit in der Neustadt abgehalten ward, weil dann alle Bekannten und Freunde aus der Altstadt und Umgegend die Vorstadt besuchten und bei uns einsprachen. Dieser Markt dauerte eigentlich nur einen Tag und war vorzüglich ein Viehmarkt. Doch fehlte es nicht an Buden mit Putzwaaren, Spielzeug und Naschwerk, die den breiten Weg hinunter aufgestellt waren. Zwischen der Reihe der Buden und zwischen den Häusern wimmelte es von Viehgruppen, und das Feilschen um Rindvieh, Pferde und Schweine schallte vom frühen Morgen bis späten Abend dicht vor unsern Fenstern. In unserem Hause war für diesen Tag Alles festlich geschmückt. Die ein- und ausströmenden Gäste wurden je nach ihrem Stande und Geschmack bewirthet. Die näheren Freunde blieben Abends bei uns zu einem Mahle versammelt, das in einem Saal des oberen Stockwerks abgehalten ward. Dieser Saal war nur bei großen Feierlichkeiten für uns Kinder zugänglich. Für mich hatte er durch den Ofen, der in einer halbrunden Nische stand, einen besonderen Reiz, indem derselbe mit[14] einer großen Gypsstatue der Minerva geziert war, die auf einem viereckten Würfel sich erhob, der den eigentlichen Ofen bildete. Diese Göttin mit ihrem Helm, ihrem Brustharnisch, in der Rechten den Speer, in der Linken den Medusenschild, den sie auf den Boden stützte, war für mich eine ganz außerordentliche Erscheinung, die mir völlig fremdartig, wie aus einer andern Welt, entgegentrat. Wie edel und sinnig blickte ihr Antlitz, wie schwermüthig das schlangenumgürtete Haupt der Medusa! Wenn der Kronleuchter die Statue recht hell beleuchtete und sich die Wellenlinien der schönen Gestalt von dem dunklen Grunde der Nische schärfer abhoben, schien mir die Göttin fast lebendig zu sein. Wer hätte wohl damals geahnt, daß diese Göttin mich für mein ganzes Leben in ihren Dienst nehmen würde! Wäre ich ein Jean Paul oder ein Bogumil Golz, so würde ich diesem Markttage der Neustadt mit seinem Glanz und Rausch, der sich mir unter dem fröhligen Klang der Gläser, unter dem Duft der Blumenaufsätze der Tafel, unter dem Scherz und Lachen der geputzten Herren und Damen, unter dem durch die Süßigkeiten des Mahles sinnlich gesteigerten Behagen endlich in den lebhaften und unverstandenen Cultus der Göttin der Weisheit verklärte, eine eigene Idylle widmen. Zu den bedeutenderen Gestalten aus dem Kreise des elterlichen Verkehrs gehörten auch zwei Nonnen, Agnes und Cäcilie, aus dem Nonnenkloster der Neustadt, das nur eine Straße von uns entfernt lag. Wir Kinder durften nur um die Ecke des blauen Sterns, unseres linken Nachbarhauses, huschen, so waren wir bald die Klosterstraße entlang. Jene Nonnen waren Freundinnen meiner Mutter. Große Geschicklichkeit in allen feineren weiblichen Arbeiten und in Miniaturmalerei zeichnete sie aus. Ich erinnere mich ihrer Züge nur dunkel, aber ihrer Freundlichkeit gegen uns Kinder und der Begleitung ihrer Liebkosungen mit zartem Obst, mit Blumen, Zuckerwerk, Bildern von Heiligen sehr deutlich. Besonders gefielen uns die sogenannten Hauchbilder, die oft eine Art von frommen Rebus enthielten und die wir auch von dem Pater geschenkt empfingen, der für das Kloster Huy bei Halberstadt jährlich einmal zum Terminiren bei uns einsprach. Das Kloster war für uns Kinder eine eigenthümliche Welt. Wir waren zu jung, um eine Vorstellung von dem Unterschied der christlichen Glaubensarten zu haben,[15] uns interessirten die phantastischen Eindrücke, die sich uns hier in den Zellen der Nonnen, in den langen Corridoren, im Kreuzgang, in der Kapelle beim Gottesdienst und in dem melancholischen Garten darboten, der mit herrlichen dunkelschattigen Alleen hinten nach dem Elbufer zu lag. Vom Katholicismus wußten wir nur den Namen. Daß Schwester Agnes und Cäcilie uns, denen sie so viel Freiheit gestatteten, uns, die wir von ihnen so geherzt und geküßt wurden, uns, deren Mutter ihre Freundin war, bei welcher sie von Zeit zu Zeit Kaffee tranken, für Ketzer, für Verdammte hätten halten sollen, würde uns, selbst wenn man es uns gesagt hätte und wir es hätten verstehen können, als Lüge erschienen sein. Um so weniger würden wir dies geglaubt haben, als auch die Bürger der Neustadt in der großen Gaststube der Bierbrauerei des Klosters täglich im friedlichsten und heitersten Verkehr aus- und eingingen, da das »Klosterbier« eines vorzüglichen Rufes genoß. Für besonders katholisch hätt' ich damals nur den eigenartigen Geruch gehalten, der von dem Meßräucherwerk her sich in dem eigentlichen Kloster überall festgesetzt hatte. Wie geheimnißvoll uns auch die Stille des Klosters ansprechen mochte, so bot doch unsere eigene Verwandtschaft uns ein Wunder dar, das alles Uebrige in unserem Kreise überwunderte, das war der Cousin Favreau. So lange ich zurücksinnen kann, stellte sich derselbe regelmäßig jeden Nachmittag Schlag drei Uhr bei uns ein, mit meinen Eltern und dem Großvater Kaffee zu trinken und Schlag vier wieder zu gehen. Erst galt dieser Besuch wohl mehr dem Großvater, seinem alten compère, mit dem er auch spazieren ging. Nach dessen Tode aber übertrug er diese Sitte auch auf meine Eltern und harrte darin aus bis an seinen eigenen Tod. Er war nicht sehr groß, trug einen einfachen braunen Oberrock und einen braunen Stock, der oben in eine schön gearbeitete Hand auslief, die einen Todtenkopf hielt. Er rauchte nicht, schnupfte aber, wie mein Vater. Dieser Mann hatte weite Reisen gemacht, namentlich im südlichen Europa, von denen er gern erzählte, vor Allem von seinen Abenteuern in Ungarn. Doch ist mir keines im Gedächtniß geblieben, wahrscheinlich weil mir doch noch zu viel Voraussetzungen zu ihrem Verständniß fehlten. Er betrieb einen großen Holzhandel, hatte eine Holzstrecke unmittelbar an der Elbe und eine[16] andere hinter seinem Hause am breiten Wege. Dies Haus war nur Parterrewohnung, dehnte sich aber nach hinten zu in einen gewaltigen Hof und Garten aus. Der alte Favreau war Wittwer, ein weibliches Wesen habe ich nie in der Wirthschaft gesehen. Zwei Söhne, Friedrich und Abraham, besorgten mit männlichem Gesinde das ganze Hauswesen und Friedrich war ein Meister in der französischen Küche. Vor dem Alten hatten wir Kinder immer eine große Scheu; selbst wenn er mit uns scherzte, fürchteten wir ihn. Die Söhne dagegen liebten wir unendlich, und sie boten stets Alles auf, uns angenehm zu unterhalten. Beide waren in der Physik, in der Mechanik, in allen Handwerken, im Drechseln, Schmieden, Schnitzeln, aber auch im Gebrauch der Waffen sehr erfahren und geschickt. Wenn wir kamen, so wurden wir bald in den Garten geführt, wo Abraham mit einer Windbüchse uns Sperlinge zusammenschoß, die Friedrich uns dann zum Abendbrod briet und köstlichen Salat dazu machte, mit Schwenkgabeln, die er selber geschnitten, aus Pflanzen, die er selber gezogen hatte. Oder wir fuhren mit Abraham die Seejungfer hinauf. So hieß ein großer Schiffsmast, der inmitten des Hofes stand und oben mit einer kolossalen aus Blech geschnittenen Figur, einer sich nach dem Winde drehenden Seejungfer, verziert war, deren langes schwarzes Haar lustig in der Luft flatterte. An diesem Maste waren in der Mitte und ganz oben kleine, mit Gallerien umgebene Söller befestigt, zu denen man sich in einem hölzernen Stuhl mit einem Kettengewinde hinaufziehen konnte. Es war ein nicht ganz ungefährliches Vergnügen; allein es war zu schauerlich süß, da oben auf den schmalen Brettern zu stehen und über die ganze Neustadt zum Elbufer hin aus der Vogelperspective einen Blick werfen, besonders aber der mysteriösen Seejungfer nahe kommen zu können. Und so ließen wir uns denn gern von Abraham auf den Schooß nehmen und himmelan fahren. Als er später auf mehrere Jahre nach Quebeck reiste, wollte er, Unglück zu verhüten, vorher den Ziehstuhl und das Gewinde abnehmen, stürzte bei dieser Gelegenheit selbst von oben herunter, kam jedoch noch glücklich mit dem Bruch einer Rippe davon, der nach einigen Wochen verheilte. Ging es nicht die Seejungfer hinauf, so warfen wir uns auf die riesige Strickschaukel, die unter der Einfahrt zu einer großen Scheuer[17] befestigt war; oder Friedrich drechselte uns ein Spielwerk; oder wir ergötzten uns an den Bildern einer Camera obscura, die in einer Kammer nach der Straße zu angebracht war. Die Lebendigkeit der kleinen vorüberschwebenden Figuren hatte für uns etwas Geisterartiges. Oder Abraham spielte uns auf einem von ihm selbst erbauten Orgel-Fortepiano mit Pauke und Becken lustige Märsche und Tänze. Oder er setzte sich mit uns in den Wagen, den er ebenfalls selbst gebaut und den er von innen aus durch einen Mechanismus bewegte, worüber wir als Kinder uns denn kindisch freuten. Dieser Wagen hieß auch der »sich selbst fahrende«. Oder wir neckten uns mit den mancherlei Thieren umher, die es hier gab, denn gleich im Hause wurde man von einem angeketteten Affen begrüßt, der ? in rother Livree ? einen Schein-Thürhüter vorstellte. In der Stube war in der einen Ecke ein großes Rollhaus für ein Eichhörnchen, das sich darin drillte. In einer andern Ecke stand ein Häuschen für weiße Mäuse, die mit ihren hellrothen klugen Augen allerliebst aus den Fenstern herausschauten und die Treppen zierlich auf- und abtrotteten. Zwischendurch flog das fliegenschnappende Rothkehlchen oder krächzte der Rabe sein heiseres »Jakob«. Auf dem Hofe trafen wir gravitätische Pfauen und zierliche Tauben und ergötzten uns unbeschreiblich an ihren Bewegungen. Hühner, Enten und Gänse fehlten nicht; ein flügellahm gemachter Reiher stolzirte unter ihnen mit einsamer Grandezza umher. Daß Hunde aller Art dies bunte Spiel des Thierlebens noch erhöhten, brauche ich kaum zu sagen, da ich schon erzählt habe, daß meine Vettern treffliche Schützen waren und so weitläufige Besitzungen nicht ohne den nächtlichen Schutz von Hunden sein konnten. An Regentagen, gegen Abend nahm der vielkünstige Abraham die Electrisirmaschine hervor, ließ Funken aus unseren Haaren sprühen, ließ Puppen eine kleine Treppe auf- und abtanzen oder den Blitz in ein Papierhäuschen schlagen. Am erfreulichsten aber war es uns, wenn er sich erbitten ließ, uns den magischen Spiegel zu zeigen. Dieser bestand aus einem starken Vergrößerungsglase, das, eingerahmt, aber beweglich, frei aufgestellt wurde. Dahinter auf Rollen wurden illuminirte Kupferstiche gelegt, die, mit einer Kurbel gedreht, dem staunenden Auge in der Größe vollkommener Wirklichkeit erschienen. Diese Rollen enthielten[18] Prospecte der vornehmsten Hauptstädte Europa's, Thierhetzen, Hofjagden, Stiergefechte, merkwürdige Gebäude und waren in jener sinnlich-kräftigen Manier gedacht und gemalt, die aus der niederländischen Schule noch auf die damalige handwerksmäßige Kunst übergegangen war. Welche Lust wir Kinder bei Anschauung der fremden Städte, der Paläste und Kirchen derselben, der See- und Berglandschaften empfunden, ist unsäglich. Nicht selten trat mir in meinem spätern Leben, wenn ich mit Entzücken auf Reisen eine Stadt, ein Gebäude begrüßte, dennoch unwillkürlich die Vorstellung entgegen, daß sie doch an Reiz die Trunkenheit hinter sich ließen, die mir im magischen Spiegel ihr erstes Bild erweckt hatte. Das ist die Macht der »Morgenröthe im Aufgang«, mit deren dämmerungscheuchender Beleuchtung die Mittagssonne nicht wetteifern kann. Man wird zugeben, daß eine solche Fülle interessanter Gegenstände, als das Dach unserer Verwandten umschloß, dargeboten überdies mit so hingebender Liebenswürdigkeit, als meine Vettern zierte, schon hinreichend gewesen sein würde, Kinder unwiderstehlich zu fesseln. Allein durch einen noch nicht bemerkten Zug stellte sich uns dies Alles in einem Tone dar, welcher unsere kindliche Einbildungskraft in ein Jenseits seltsamer und dunkler Vorstellungen hinüberriß. Der alte Favreau nämlich, den wir kurzweg den »Alten« hießen, hatte eine Art von Grabphantasie. Er selbst schon, wenn er, umgeben von Damascenersäbeln, Pistolen und Doppelpistolen, die mit Schiebeschlössern versehen, deren Griffe mit Silber in mythologischen Figuren ausgelegt waren, auf einem Armstuhl am Fenster saß und durch ein Leseglas in Herder's »Ideen der Menschheit« oder in Young's »Nachtgedanken«, seinen beiden Lieblingsbüchern, las, machte auf uns Kinder immer einen wahrhaft ägyptischen Eindruck. Wir wagten dann nicht laut zu sein und schlichen uns durch das Zimmer mehr, als daß wir gingen, fürchtend, daß die großen Figuren der Tapetenwände, welche venetianische Masken in der Umgegend des Marcusplatzes vorstellten, auf sein zauberisches Geheiß etwa gar auf uns zuschreiten möchten. Ging man nun von seinem Zimmer durch eine Tapetenthür in ein längliches Gemach nach dem Hofe hinaus, so fand man in demselben Oelbilder mit Lichteffecten, Köpfe von Mönchen und alten Herren, die vielleicht historisch merkwürdig[19] waren, was ich natürlich noch nicht verstehen konnte. Ich besinne mich nur auf die großen Kahlstirnen, auf die kräftigen Formen, angeleuchtet von grellrothem Schein von Lichtern oder Lampen. Aus diesem Gemach, das in uns Kindern immer eine düster beklommene Stimmung erregte, trat man links in Friedrichs Werkstatt, rechts in den Garten, oder vielmehr noch nicht in den Garten, sondern in eine Art von Kirchhof. Auf dieser Thür war nach außen ein Kater gemalt, der eine brennende Kerze in der Pfote hielt. Es führte aus dem Hofe auch ein großes Gitterthor in den Garten, zunächst in dessen heitere Partien, die sich um einen Hügel concentrirten, auf welchem eine Venusstatue aus Sandstein, und in welchem eine Eremitage sich befand. Jene kirchhofartige Anlage war nach der einen Seite hin durch einen langen Baumgang gewissermaßen abgesondert. Hier standen nun, aus Sandstein gehauen, mit Oelfarbe übermalt, Säulen, Pyramiden, Obelisken, bedeckt mit mysteriösen Figuren und Symbolen. Der Todtenkopf mit kreuzweis übereinander gelegten Knochen darunter war hier besonders häufig. Aber auch Dreiecke, Pentagramme und Schmetterlinge als Symbole der Unsterblichkeit kamen hier vor, und den griechischen Tod, den Jüngling, der die Fackel umkehrt und mit dem einen Arm auf den Schlaf als seinen Bruder sich lehnt, habe ich, meines Wissens, hier zum erstenmal gesehen. Auf mich wirkte die Abtheilung des Gartens, in welcher kein Obst, kein Gemüse, keine Blumen gezogen wurden, wo nur jene Steinsäulen zwischen Laubbäumen und Lärchen auf moosigem Rasengrunde ernst und mystisch dastanden, mit ungemeiner Anziehung. Offenbar sollte sie zum andern Theil des Gartens, den die lebenslustige Liebesgöttin beherrschte, einen Gegensatz bilden, und noch jetzt fühle ich lebhaft die heiligen Schauer, die mich in dieser Umgebung durchrieselten. Hatte ich im Umgang mit dem stillen Jakob die Qualen der Hölle und eines Untergangs im Erdbeben, hatte ich bei Onkel David den Reiz der reinen Farben und Formen, hatte ich im Anschauen der Minerva unseres Saalofens die erste Begeisterung für plastische Schönheit empfunden, hatte ich im Kloster bei den Nonnen eine süße, tändelnde Heimlichkeit genossen, so überkam mich hier zum erstenmal das Gefühl eines tiefen, unergründlichen Mysteriums. Und doch war dies noch nicht das Letzte, was der Alte uns darbot.[20] An der Elbe hatte er, wie ich oben erzählt, eine Holzstrecke, in welcher er einen besonderen Verwalter hielt. Hier hatte er ein Haus mit einem flachen Dache erbaut, das getheert und von der Landseite her mit Nußbäumen umringt war, die ihre köstlichen Blätter und Früchte auf das Geländer und über dasselbe hinneigten. Nach der Wasserseite zu war das Dach offen und gewährte eine herrliche Aussicht auf den Elbspiegel und auf die Segel der von Hamburg kommenden, nach Hamburg fahrenden Schiffe. Hier auf diesem platten Dache gab der reiche Mann im Sommer einige Gesellschaften mit ausgesuchtem Luxus, zu denen auch meine Eltern mit uns Kindern geladen waren. So himmlisch uns nun oben im Genuß aller Weltfreuden zu Muthe war, so benutzten wir doch diese Gelegenheit, aus den überirdischen Regionen auch in die unterirdischen zu kommen, die an diesem Tage offen standen, weil sie für den gesellschaftlichen Apparat mitbenutzt werden mußten. Von diesen Gemächern flüsterte man Allerlei und wir Kinder wollten wissen, was daran wäre. Als Hauptresultat ist mir Folgendes erinnerlich. In dem einen gewölbten Zimmer waren die Wände mit dichtem Gebüsch bemalt. Aus dem Dickicht sahen Eulen und Raubthiere hervor, oder Spinnengewebe hatten sich über Blätter und Früchte gezogen und die Spinne lauerte auf ihren Raub. Inmitten dieser Scenerie aber stand ein großer Sarg, der Sarg, in welchem der Alte einst begraben sein wollte und in welchem er schon von Zeit zu Zeit schlief. An Leichen und Särge waren wir Kinder gewöhnt, denn in einer solchen Vorstadt nimmt man an allen Vorkommnissen in den Familien des Gemeinwesens regen Antheil. Die Leichen wurden mit Gepränge ausgestellt, besonders die von Kindern und Jungfrauen. Wenn wir irgend konnten, liefen wir hin, die »schöne Leiche« zu sehen. Jedes Leichenbegängniß war für uns ein Fest, das uns sehr fröhlich stimmte, weil es dabei oft viel zu schauen und zu hören gab. Daß aber Jemand schon bei Lebzeiten sich seinen Sarg machen ließ, daß er, von Raubthieren und Raubvögeln umringt, schon darin schlief, schien uns überseltsam. In reiferen Jahren habe ich dann wohl eingesehen, wie der Alte in jenen Raubthieren und Raubvögeln die Gefahren hat symbolisiren wollen, die dem in ihre Mitte gestellten Leben allaugenblicklich drohen, und wie er mit dem Schlafen im Sarge wohl hat[21] ausdrücken wollen, daß der Tod gar nicht ein nur plötzlich eintretendes, vielmehr im Proceß des Lebens schon immer gegenwärtiges Ereigniß sei. Noch Mancherlei könnte ich nun nach einzelnen Seiten hin berichten, z.B. von dem erschütternden Eindruck, den der Anblick und das Geschrei der Menschen auf mich machte, die auf dem Hofe unseres Nachbars zur Rechten, des Schlossers, »von Rechtswegen« geprügelt wurden. Hier wohnte nämlich im oberen Stock ein trefflicher Mann, der Friedensrichter Hecht, mit dessen Familie wir ebenfalls Umgang hatten. Nach der damals bei uns als im Königreich Westphalen geltenden französischen Verfassung hatte der Friedensrichter die Abmachung der kleinen Polizeisachen, und so wurden denn Herumtreiber, lüderliches Gesindel kurzweg abgeurtelt und bestraft. Allein ich übergehe solche Einzelheiten, um von dem Gegenstande zu sprechen, der am Ende in der Phantasie des Knaben alle anderen für sich noch so bedeutsamen Anschauungen überfluthete. Dieser Gegenstand war die französische Armee. Man versetze sich in jene Zeiten zurück, in denen die Napoleonische Herrschaft das gesammte continentale Europa umfaßte und alle Völker desselben an ihren Triumphwagen gekettet hatte. Man versetze sich in jene Zeiten zurück, in denen wir ganze Regimenter hatten nach Spanien senden müssen, weshalb man in einer plattdeutschen Litanei sang: Unse Söhne mötten wi na Spanje schicken, Wo se sick de Näse an de Festunge flicken! mit dem steten Refrain: Wi hängen uns alle upp! Et deit man jar to weh, O jeh, o jeh! Die Amme, die mich genährt hatte, war die Frau eines Soldaten Namens Stein, der in Spanien focht und blieb, wie die Sage ging, nicht in der Schlacht, sondern im Schlaf von den Spaniern erdolcht. Meine Eltern hatten stets Einquartierung, zum Glück Offiziere, denen das Zimmer mit dem Alkoven, links vom Hausflur, eingeräumt war. Ich kann mich in meinem Gedächtniß irren, allein nach demselben schweben mir diese Offiziere nur als freundliche Männer vor, die uns Kinder lieb und gut behandelten, uns einzelne Vocabeln vorsprachen[22] und uns mit Kleinigkeiten beschenkten. Daß die Mutter und der Großvater mit ihnen sich französisch unterhalten konnten, mag zu dieser Freundlichkeit des Benehmens viel beigetragen haben. Durch den einen dieser Offiziere habe ich zum ersten Male etwas von Paris gehört. Er erzählte meinen Eltern nicht nur viel davon, sondern er zeichnete auch mit einer Feder auf Papier Plätze und Gebäude leicht und sicher hin; Zeichnungen, die noch mehrere Jahre lang in unserer Familie aufbewahrt blieben. Durch sie ist mir wohl diese Erinnerung erhalten und das Bild der Hauptstadt des europäischen Continents als eines der bedeutungsvollsten früh in meine Seele gesenkt. Die französische Armee gab uns Kindern ein stets sich veränderndes, mannichfaltiges und glanzreiches Schauspiel. Ich will es hier nicht wieder schildern, denn Andere, unter denen ich nur Heine mit seinem Tambourmajor, Le Grand, erwähnen will, haben dasselbe oft und treffend genug gemalt. Jene phantastischen Uniformen der großen Armee, jene Sappeure mit ihren Bärmützen, langen Bärten und breiten Beilen, die uns wie moderne Lictoren erschienen, jene riesigen Tambourmajore, die ihren goldbeknopften Stab so kunstfertig zwischen den Fingern umwirbelten und ihn wie einen Federball emporwarfen und wieder fingen, jene Träger des Halbmonds mit seinen Roßschweifen, jene Neger, die den Triangel schlugen ? das Alles ist bei uns ein schon stereotypes Bild geworden. Weniger hat man vielleicht andere Züge bemerkt, die sich unserer Knabenphantasie ebenfalls tief einprägten. Hierher rechne ich z.B. die Häufigkeit der Duelle, die bei Streitigkeiten so oft angezettelt und sofort ausgeführt wurden, indem die Kämpfer sich in den Garten hinter den Häusern, in eine Scheune oder in eine große Hofstube sich zurückzogen. Vor uns Kindern genirten sie sich nicht und stachen auf einander los, bis eine leichte Verwundung die Aussöhnung herbeiführte. Doch habe ich diese Duelle nur von Gemeinen und Unteroffizieren gesehen. Wie ich väterlicherseits von einem echten Deutschen, mütterlicherseits von einer germanisirten Französin abstamme, so ist in meinem ganzen Leben eine Mischung dieser Elemente sichtbar, und meine bösen wie meine guten Eigenschaften mögen in dieser Dualität ihren Ursprung haben. Ich mußte aber diese Naturirung meines Temperaments außerordentlich[23] durch den doppelten Umstand verstärkt sehen, einmal, daß die Vergangenheit der wallonisch-reformirten Gemeinde, zu der sich die Eltern hielten, nach Frankreich als ihrem heimathlichen Boden hinwies und demgemäß auf die französische Sprache und Literatur ein großer Accent gelegt ward; sodann dadurch, daß ich von 1806 bis 1814 in einer Umgebung lebte, in welcher das französische Element zwar nicht in die politische Gesinnung, die stets preußisch blieb, wohl aber in den gesammten Lebensverkehr tief eindrang. Alle Gegenstände des gemeinen Bedürfnisses wurden doppelnamig. Was unter pain, unter eau de vie, unter pain blanc, unter viande u. dgl. zu verstehen sei, wußte in Magdeburg zuletzt fast Jedermann. Ebenso allgemein wurden gewisse conventionelle Redensarten, wie: comment vous portez; avez vous bien dormi; il fait beau temps u.s.w. Noch mehr bürgerte sich das Französische dadurch ein, daß ursprünglich französische Wörter gar nicht mehr als französische betrachtet, sondern endlich als deutsche genommen wurden, für welche Sprachweise das Zeitalter Friedrichs des Großen und die schändliche Zurücksetzung unserer Literatur und Sprache gegen die französische bei unserem Adel schon vorgearbeitet hatte. So sprach man von einem Plaisir, das man sich machen wollte; so von einer Bataille, die geliefert worden; einer Affaire, die man gehabt; so von den Acteurs des Spectacles u.s.w. Daß wir Knaben das bezaubernde »Vive l'Empereur!« mit Wonne brüllten, wenn die Gelegenheit sich dazu bot, brauche ich nicht erst zu sagen. Dieser Ruf hatte dazumal etwas Electrisches, wie mir Jedermann zugeben wird, der sich mit mir in jene Tage zurückversetzen kann. Die ganze Zukunft schwebte um diesen Namen; er war der wunderthätige Talisman, dem nichts zu widerstehen vermochte. Wie fern liegt diese ganze Zeit jetzt von uns! Welche mächtige Reaction des Deutschthums ist nicht gegen sie erfolgt! Wie tief, bis zur Krankhaftigkeit tief, sollte ich nicht selbst davon ergriffen werden! Und doch habe ich erfahren müssen, mit welcher Zähheit erste Jugendeindrücke haften. Als ich im Sommer 1846 den lang gehegten Wunsch befriedigte, nach Paris zu reisen, fuhr ich von Mainz mit der Mallepost ganz allein. Hinter dem lothring'schen Homburg schlief ich Abends ein. Plötzlich wurde ich von dem Ruf geweckt: »Eh bien, Monsieur,[24] votre clef!« Ich erwachte beim Schein von Laternen, antwortete träumerisch sogleich französisch, stieg aus dem Wagen, der gewechselt wurde und erfuhr nun, daß ich in Forbach, dem Grenzort angekommen, wo mein Koffer visitirt wurde. Erst als ich, wieder allein, nach Mitternacht im Wagen saß und weiter auf Metz zufuhr, machte sich in mir die Reflexion geltend, daß mir die blauen Blousen der Douaniers, das Benehmen der Postbeamten und des Conducteurs, besonders aber das Französischsprechen selber, gar nicht ungewöhnlich erschienen sei. Es war mir, als wäre ich durch den Traum in eine Scene meiner Kindheit zurückversetzt worden. Und so fand ich mich auch in Paris außerordentlich schnell zurecht, weil ich überall einen Grundton meiner Existenz anklingen hörte. Mit dem Jahre 1812 beendigte sich die glückselige Idylle meiner Kindheit. Schon 1811 war als ein unheilverkündendes Jahr vom Volkssinn aufgefaßt, denn ein großer Komet, der mit bloßen Augen vollkommen sichtbar war, wurde als eine Zornruthe Gottes betrachtet. Noch erinnere ich mich, wie der Großvater mich vor die Hausthür öfter am Abend berief, daß ich doch ja das Wunder sehen möchte. An ihm selbst sollte sich die düstere Ahnung widriger Dinge, die durch den Irrstern den Zug der Franzosen nach Rußland angeregt war, zunächst bewähren. Bei einem Spaziergang auf dem Elbeise mit compère Favreau war er heftig auf den Hinterkopf gefallen, wurde krank und redete mehrere Tage irre. In diesen Tagen war uns Kindern entsetzlich zu Muthe. Der Großvater saß auf dem Sopha in der großen Wohnstube und wollte bald diese, bald jene Geschäfte vornehmen. Bald wollte er anspannen lassen, um auf den Camp zu fahren, wo wir etwas Busch besaßen, dessen Weiden er selbst jährlich kröpfte; bald suchte er ein Messer und rief nach unserm Fleischer, dem alten Kunert, der im Spätherbst bei unserem Wurstfest die Schweine abstach, die der Großvater selber fett fütterte und am Schlachttage bewältigen half; bald verlangte er hinaus in seine Werkstatt; bald versank er in Schweigen und wir Kinder vernahmen einige Tage, wie die Erwachsenen sich die für uns schauerliche Redensart zuriefen: der Tod kämpfe bereits mit dem alten Herrn, aber er sei noch zu stark und leiste ihm noch zu großen Widerstand. Da stellten wir uns denn vor, wie das Beingerippe mit der[25] großen Sichel in der einen, mit dem Stundenglase in der andern Hand auf den Großvater eindränge, wenngleich uns seine Angriffe nicht sichtbar wären. Eines Mittwochs früh, als ich in der Schule eben meinen Spruch aufsagen sollte, klopfte es an der Schulstubenthür. Der Schulmeister ward herausgerufen, kam aber sogleich wieder herein und rief mich und meine Schwester, daß wir nach Hause kommen sollten, weil soeben der Großvater gestorben. Wir eilten hinüber und kamen dazu, wie man ihm ein weißes Tuch um den Kopf band, die Kinnladen zu schließen. Der Schlag hatte ihn getroffen. Die Mutter war vor Schmerz außer sich. Wir Kinder weinten auch, jedoch mischte sich in unser Gefühl mehr Aufregung von dem Außerordentlichen unseres nunmehrigen häuslichen Zustandes. Wir hatten nun selbst eine Leiche im Hause. Es war bei uns etwas »los«. Wir blieben natürlich aus der Schule, fürchteten uns, obgleich es der liebe Großvater war, der da drüben todt lag, Abends beim Einschlafen doch ganz gewaltig und horchten mit Aengsten auf jedes Knistern und Poltern. Bei dem Begräbniß blieb die sehr gebeugte Mutter mit meiner Schwester zu Hause, und nur ich wurde in einer Kutsche mitgenommen. Wie aber der Komet dem Tode des Großvaters voranging, so ging dieser Tod einem noch größeren Leidwesen voran, das er, wie die Mutter hinterher so oft erwähnte, doch nicht überlebt haben würde. Ich war mit meiner Schwester bei den Kindern jenes trefflichen Mannes, des Friedensrichters Hecht, zum Besuch, als er, nach Hause kommend, mit großer Aufregung uns sofort nach Hause zu gehen bat, um den Eltern die Nachricht zu bringen, daß die Vorstadt aus militärischen Rücksichten, um die Festung bei einer etwaigen längeren Belagerung noch mehr zu sichern, zum größten Theil weggebrochen werden sollte. Zu diesem Theil gehörte nun sowohl das rothe Haus als unser gegenwärtiges Haus. Voller Staunen über so unerhörte Dinge eilten wir nach Hause und versetzten die Eltern in die heftigste Trübsal. Sie liebten das Haus, dessen Fenster mit ihren grünen Marquisen schon von außen her so freundlich lächelten, auf das Zärtlichste und sollten nun von ihm sich trennen. Nicht blos die Mutter weinte und rang die Hände, auch der Vater ? was uns neu war ? weinte, und wir Kinder weinten an[26] jenem Abend um die Wette mit. Dumpf und trübe schlichen ein paar Wochen hin, bis eines Morgens die Zimmerleute kamen, das Werk der Zerstörung zu beginnen. Der Vater hatte indessen in der Stadt, unweit der hohen Pforte, der Jakobikirche gegenüber, bei einem Zimmermeister Struve, im goldenen A, eine Wohnung gemiethet und unsere Meubles und Sachen wurden nun allmälig dorthin geschafft. Welch ein Moment! Wenn ich daran zurückdenke, wie ich vor meinen Augen alle diese großen schönen Häuser am breiten Weg, in der Domstraße, in der Kloster- und Sandstraße unter der Axt des Zimmerers und dem Hammer des Maurers verschwinden sah, so überkommt mich noch die damalige Empfindung, daß ich auch meinem Bewußtsein Gewalt angethan fühlte. Diese Häuser waren für mich so unendlich groß gewesen, ihre Stuben, Flure, Böden und Ställe waren uns Kindern oft so labyrinthisch erschienen. Und siehe da! Axt und Hammer ließen uns plötzlich in das Innerste aller Winkel blicken. Das profane Licht drang in alle Heimlichkeit. Diese Häuser waren für mich so fest mit der Erde verwachsen, daß ich mir die Welt ohne eine Neustadt und ohne einen breiten Weg mit diesen Häusern gar nicht als möglich vorstellen konnte, und doch deckten sich die Dächer ab, und doch verlor sich ein Giebel, ein Stockwerk nach dem andern, und die Welt sah binnen wenigen Wochen ? zu meinem Erschrecken ? ganz anders aus. Diese Häuser, in denen wir so lange, gegen Wind und Wetter geschützt, in allem Kriegslärm sicher gewohnt hatten, diese festen Mauern, diese starken Balken ? sie mußten dem Eisen weichen. Und die Häuser nicht allein, die den Privaten angehörten, nein, auch die Schule, auch das Kloster, auch das Rathhaus, ja auch die Kirche! Das war fast zu viel für das kindliche Gemüth. Wäre die Stadt zerschossen oder abgebrannt, das hätte ich eher gefaßt; aber dies Zerstören inmitten der Ruhe, diese Vernichtung des Glücks so vieler Familien, wie aus Laune, war mir unfaßlich. Die verschiedenartigsten Empfindungen wurden in mir wach. Eine Erbitterung gegen die Franzosen setzte sich bei mir fest. Unruhe, Leichtsinn, Lust an der Zerstörung, eine gewisse Verwilderung bemächtigte sich meiner. So sehr ich an jenem Abend der ersten Trauerkunde mit den Eltern geweint hatte, so ausgelassen und übermüthig wurde meine Stimmung, als bei uns vom Dach herunter[27] das Haus mit Beilen und Brechstangen zerlegt wurde. Ich half selber mit zerstören und trieb tolle Possen, namentlich mit gefährlichen Klettereien. Als deshalb einst von der goldenen Sonne, uns gegenüber, die Cousine Hammer zu meiner Mutter schickte, weil ich zu waghalsig mit den Füßen zu den Fenstern des oberen Stockwerks herausbaumelte, mußte ich eine scharfe Strafpredigt erdulden, in welcher die Mutter mir die Thränen jenes Abends als eine Lüge vorwarf und meine Lustigkeit als abscheulich und unmenschlich tadelte. Ich suchte mich zu schämen, aber das Gefühl der rauschartigen Aufregung dauerte fort, denn mit dem Anblick des allgemeinen Untergangs war Alles, was in meiner Kinderseele als ein Festes und Unantastbares dagestanden hatte, wankend geworden. Gewiß ist, daß durch dies gewaltsame Verschwinden des objectiven Daseins meiner Kinderwelt mein Geist einen ungeheuren Anstoß empfing. Das Abbrechen einer Existenz und das Aufbauen einer neuen war von mir im kolossalsten Maßstabe empfunden und die verwüstenden Folgen dieses Erlebnisses entwickelten sich in den nächsten Jahren bis zu bedenklichen Ausartungen, wenn auch meine Intelligenz eine größere Schärfe durch die totale Veränderung gewann, die mit unserer ganzen Lage vorging. Amazon.de Widgets Die Mutter krankte von hier ab. Es war gegen Ende October des Jahres 1812, als wir Kinder mit ihr in einen Kutschwagen gesetzt waren, der uns in unsere neue Wohnung nach der Altstadt bringen sollte. Die Mutter war in Betten gehüllt, hustete, fieberte, weinte. In stummer Trübheit saßen wir Kinder ihr gegenüber. Eine neue Welt that sich mir auf. 
 XVII. Hotho. Varnhagen. Friedrich Lorentz. Moritz Besser und Heinrich Leo. Das Problem der persönlichen Unsterblichkeit. Friedrich Richter von Magdeburg. Kritik der Schriften [404] de tribus impostoribus. Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter. Pfingstreise nach Dresden. Besuch bei Tieck. Die Naturreligion. Kritik der Schleiermacherschen Glaubenslehre. Encyclopädie der theologischen Wissenschaften. Choluck.  Während dieses zweijährigen stillen Verkehrs mit Lafontaine erfuhr mein Leben im Innern wie im Aeußern die heftigsten Umwandlungen. Ich war Ostern 1829 über Magdeburg nach Berlin gereift und hatte mich dort mit einer meiner schönen Cousinen verlobt. Hierdurch wurde ich veranlaßt, jedes Jahr die großen Herbstferien in Berlin zuzubringen. Ich lebte dann mit meiner Braut in den Zerstreuungen der Hauptstadt und in kleinen Exkursionen in deren Umgegend, wozu Familienverhältnisse den Grund legten, namentlich nach Potsdam, wo eine Schwester meiner Braut an einen Oberbaurath Verring verheirathet war. Aber ich kam durch diesen Aufenthalt auch mit fast allen Berliner Hegelianern, sowie allmälig mit Hegel selber und mit Marheineke in nähere persönliche Beziehung. Unter den Hegelianern war einer, der für mich die größte Anziehungskraft ausübte. Es war Hotho, der Kunsthistoriker. Er sowohl als seine von mir hochverehrte Frau, eine Tochter des Geheimen Raths Uhden, haben mir mein ganzes Leben hindurch so unendlich viel Liebes und Gutes erwiesen, daß ich gegen Beide nie dankbar genug sein kann. Ohne daß ich meinerseits jemals das geringste Verdienst mir um sie hätte erwerben können, haben sie mich mit einer[405] Uneigennützigkeit und Zartheit, wie ich sie sonst von Niemandem erfahren habe, in reinstem Wohlwollen gehegt und gepflegt. Hotho hat den Gang seiner Bildung in einem Buche geschildert, welches er mir 1835 zugeeignet hat. Es führt den Titel: Vorstudien für Leben und Kunst. Es ist selber ein ausgezeichnetes Kunstwerk, in welchem eine Analyse von Mozart's Don Juan, eine Darstellung der Niederländischen Malerei und eine Schilderung Hegel's besondere Glanzpunkte bilden, welche das Buch zu einem damals sehr viel gelesenen machten. Es wird seinen Werth auch ferner behaupten. Hotho war, wie ich, aus den Kreisen der Reformirten hervorgegangen; er war, wie ich, in die unvermeidliche Romantik gefallen; er hatte, wie ich, Verse und Dramen gedichtet, aber er war ursprünglich Jurist gewesen und war, da er nur in Berlin studirte, einer der eifrigsten Zuhörer Hegel's geworden, der ihn zum ausschließlichen Studium der Philosophie hinüberzog, in welcher er sich der Aesthetik widmete. Welch eine Fülle von gediegenem Wissen, welch eine geschmeidige Phantasie, welch ein tiefer, sittlicher Ernst, welch eine unendliche, mich stets bezaubernde Feinsittigkeit und persönliche Anmuth fand ich in diesem neuen Freunde vereinigt. Er stand schon auf einer viel höheren Stufe der Gesammtcultur, als ich, und ich wurde durch jedes seiner Worte, durch jeden seiner Briefe, durch Alles, was er drucken ließ, stets auf das Wohlthätigste angeregt. Wenn wir drei Menschen, Hotho, seine Frau Louise und ich, in seiner Wohnung, dicht am Garten von Monbijou zusammen waren, so habe ich geradezu die höchste Seligkeit geisterfüllter Freundschaft und Geselligkeit genossen. So wie ich nur Hotho's Studirzimmer betreten, so wie ich nur in sein liebes Gesicht geblickt, so wie ich nur den Ton seiner Stimme vernommen hatte, so war ich elektrisirt. Alle Musen und Grazien umschwebten mich. Hotho und seine Frau wirkten magisch auf mich ein und versetzten mich sofort in idealische Ekstase, deren Sturm und Drang ich in meiner aufsprudelnden Rede oft kaum zu bändigen wußte. Wie schonend, wie entgegenkommend, wie Alles zum Guten auslegend haben diese herrlichen Menschen die Unarten meiner ungestümen Lebhaftigkeit ertragen und mir, wenn die Gewalt meiner Affecte mich hinriß, das Gefühl des Maaßes und der Harmonie eingeprägt. Ich wurde nun auch der Societät für wissenschaftliche Kritik[406] präsentirt und von ihr als Mitglied aufgenommen, wie die nächste Nummer ihres Journals verkündete. Ich wohnte auch einer Sitzung derselben im Hôtel du Nord bei und staunte Hegel an, als er mit Varnhagen wegen eines Werkes, welches sich auf die Feldzüge der Freiheitskriege bezog, in einen lebhaften Streit über die Darstellung einer Schlacht gerathen war. Varnhagen, der Offizier gewesen war, konnte als Sachverständiger gelten. Er ging scharf gegen Hegel's Ansichten heraus, aber dieser war schwer zu überzeugen, daß er Unrecht haben sollte und schien mit seinen Gründen unerschöpflich zu sein. Der Streit wurde zuletzt für die Uebrigen peinlich, bis Herr von Henning, der den Krieg selbst mitgemacht hatte, mit seiner glücklichen Gabe zu calmiren, zu vergleichen, zu begütigen, die beiden Kämpfer zu einem heiteren Austrag brachte. Ich habe in späteren Jahren manchmal mit Varnhagen mich dieser Scene wieder erinnert, allein er versicherte mich, daß die Heftigkeit, wie ich sie damals an Hegel gesehen, nur ein geringer Grad derselben gewesen sei und daß sein Zorn und sein Schelten in der That fürchterlich habe werden können. Mit Varnhagen trat ich damals noch in keinen besonderen Verkehr; erst als er das Buch zum Andenken Rahel's herausgegeben und mir geschenkt hatte, fing eine Correspondenz unter uns an. Zwischendurch besuchte ich ihn auch manchmal. ? Daß ich mit meinen alten Freunden, Buschmann und Kugler, in Verbindung blieb, habe ich schon erwähnt. Man könnte vielleicht erwarten, daß Kugler auch mit Hotho einen Zusammenhang gehabt hätte. Dies war aber nicht der Fall. Schon die äußere Weitläufigkeit der Stadt trennt in Berlin Menschen, die sich sonst in ihren Bestrebungen sehr nahe berühren. Kugler heirathete eine Tochter des bekannten, höchst verdienten Criminalrathes Hitzig und wohnte in dessen Hause in der großen Friedrichsstraße, unfern vom Halleschen Thore; Hotho wohnte dicht am Garten von Monbijou. Kugler hielt sich von der Hegel'schen Schule entfernt, ohne sie vermeiden zu wollen. Er verkehrte mit mir und Droysen auf das Innigste und nahm eben so an unsern Arbeiten, wie wir an den seinigen, Theil. Hotho war in der damaligen Hegel'schen Schule der Hauptrepräsentant der Aesthetik. Er hatte in der Societät für wissenschaftliche Kritik die spezielle Redaction dieses Fachs übernommen und lieferte in die Jahrbücher eben[407] so gehaltvolle als elegant stylisirte Kritiken, von denen namentlich eine über Heinrich von Kleist das größte Aufsehen machte, weil sie einer der ersten öffentlichen Angriffe auf die Schwächen und Auswüchse der romantischen Schule von Seiten der Hegel'schen Philosophie war. Die wahrhafte Romantik suchte Hotho dagegen in Göthe's Romanen nachzuweisen. In seinen zuvor erwähnten Vorstudien gab er dann eine Analyse der Tieck'schen Poesie, welche der Anfang einer sich immer mehr erweiternden Opposition der Hegel'schen Schule gegen die romantische wurde. Ich folgte 1838 in den Halleschen Jahrbüchern mit einer Abhandlung: Ludwig Tieck und die romantische Schule. Ihr folgte dann in denselben Jahrbüchern das bekannte Manifest von Ruge und Echtermeyer gegen die Romantik, aus welchem abermals das umfassende Werk von Julian Schmidt über die romantische Poesie hervorging. Den Standpunkt für die in allen diesen Arbeiten herrschende Auffassung hatte Hegel selber durch seine Kritik von Solger's nachgelassenen Schriften in den Berliner Jahrbüchern gegeben. Ich wohnte in Berlin als Chambregarnist gewöhnlich bei einer Wittwe Golde am Alexanderplatz, wo ich ein großes, helles, wanzenfreies Zimmer im dritten Stock mit einer schönen Aussicht theils auf den Alexanderplatz, theils auf die Brücke hatte, die von ihr zur Neuen Königsstraße führt. Ich habe hier Gelegenheit gehabt, das Kleinleben der Berliner nach vielen Seiten hin kennen zu lernen. Die Mannichfaltigkeit der Erwerbszweige, mit deren Hülfe man sich durchzubringen sucht, war mir ganz interessant zu beobachten. Die Komik, die sich oft daraus ergab, ergötzte mich. Ich hatte z.B. einen Stiefelputzer, der zugleich am Königsstädter Theater Statist war. Es machte mir nun den größten Spaß, Morgens mit ihm über den vorigen Theaterabend zu plaudern und ihn von seinem Standpunkt aus die Stücke nie die Aufführungen beurtheilen zu hören. Daß er nur Statist war, hinderte ihn nicht, sich doch für einen Künstler zu halten, und er setzte mir manchmal im reinsten Berliner Jargon auseinander, wie ohne seine Mitwirkung in der und der Scene der ganze »Krempel« unmöglich gewesen wäre. ? Madame Golde hatte eine kleine Schule, d.h. es kamen sieben bis acht kleine Kinder zu ihr, welche sie im Stillsitzen, im Lesen, Schreiben und Zählen unterrichtete. Sie hatte aber auch[408] eine wunderschöne Tochter, Nanni geheißen, welche sich auch außerordentlich geschmackvoll zu kleiden verstand. Sie war stets mit einem jungen Manne von elegantem Aeußern verlobt, mit welchem sie die öffentlichen Promenaden, Concerte, Theater, Kaffeegärten u.s.w. Arm in Arm besuchte. Jedes Jahr aber, wenn ich wieder kam, war die Verlobung des vorigen Jahres aufgelöst. Es wurde mir nun von der Mutter eine famose Geschichte erzählt, wie das Betragen des jungen Mannes ihre Tochter gezwungen habe, ihm den Abschied zu geben. An seine Stelle war aber schon wieder ein anderer junger eleganter Mann getreten, auf den man die größten Hoffnungen baute. Wenn ich so durch meinen wiederholten längeren Aufenthalt in Berlin mit den dortigen Hegelianern, Michelet ausgenommen, verwuchs, so erweiterten und veränderten sich auch meine persönlichen Verhältnisse in Halle. Die Frau Staatsrath von Jacob starb. Fräulein Therese verheirathete sich mit Professor Robinson. Sie bezogen eine Wohnung in der Märkerstraße, wohin sie mich, bis sie nach Amerika abreisten, noch manchmal zum Thee einluden. Mußmann wurde zum außerordentlichen Professor ernannt, heirathete und starb einige Monate nachher. Erdmann sagt in seinem Grundriß der Geschichte der Philosophie ganz richtig von ihm, daß er, nachdem er in Berlin Hegel's Größe mit Ueberschwänglichkeit gepriesen, in Halle damit endete, auf das Kleinlichste daran herumzumäkeln. Lorentz, ein Rheinländer, der in Berlin bei dem Ministerialrath Johannes Schulze Hauslehrer gewesen war, habilitirte sich als Privatdocent der Geschichte, vorzüglich der Deutschen. Er war ein offener, braver Mensch. Wir gewannen uns lieb und sind zeitlebens Freunde geblieben. Als er viele Jahre später von Petersburg nach Bonn hin durch Königsberg kam, hat er mich noch mit Frau und Kind auf einige Tage besucht. Moritz Besser aus Zeitz habilitirte sich als Privatdocent für Naturrecht und Nationalökonomie. Er war ein äußerst liebenswürdiger Mensch, der auch einen poetischen Fond hatte. Wir befreundeten uns auf das Innigste und sind auch Freunde geblieben. Lorentz wie Besser hielten sich von Seiten der Philosophie zu Hegel, was unsern Verkehr wesentlich belebte und förderte. Besser gab 1830 ein Naturrecht heraus. Er war mit Echtermeyer bekannt, weil dieser sein Landsmann aus Zeitz war. Durch ihn[409] wurde ich nun auch mit Echtermeyer bekannt, der damals Lehrer am Pädagogium war und sich ebenfalls zur Hegel'schen Philosophie hielt. Echtermeyer ist von Arnold Ruge in seinen Memoiren: Aus früherer Zeit, ausführlicher geschildert worden, so daß ich darauf verweisen kann. Er war ein reiner, sinniger Mensch, dessen tiefes und poetisches Gemüth für mich eine starke Aehnlichkeit mit dem meines geliebten Kugler hatte. Durch Echtermeyer wurden wir wieder mit Dr. Adolf Stahr bekannt, der ebenfalls Lehrer am Pädagogium war und philosophisch sich ebenfalls an Hegel anschloß. So schlang sich unter uns Jüngern Bekanntschaft in Bekanntschaft. Mit Ritschl, der sich ebenfalls als Privatdocent für Philologie habilitirte, wurde ich erst etwas später genauer bekannt und im weiteren Verlauf befreundet, so daß wir bis diesen Augenblick uns noch desselben freundschaftlichen Verhältnisses erfreuen. ? Leo war in Folge einer eigenthümlichen Katastrophe von Berlin über Jena fast gleichzeitig mit Arnold Ruge nach Halle gekommen, wo er bald als mündlicher Lehrer ein ganz neues Leben in die historische Wissenschaft brachte und zunächst sein Lehrbuch der Geschichte des Mittelalters schrieb. Er verkehrte anfänglich besonders mit Reisig und Ritschl. Mein Studium über die Poesie des Mittelalters brachte mich allmälig in eine wissenschaftliche Beziehung zu ihm, die immer mehr auch eine freundschaftliche wurde, vorzüglich nachdem wir uns Beide verheirathet hatten und auch unsere Frauen sich eng aneinander anschlossen. Trotz der großen Kluft, die sich später zwischen uns durch meinen Rationalismus und Liberalismus aufthat, sind wir doch Freunde geblieben. Damals war Leo noch ein Anhänger Hegel's, correspondirte mit diesem und schrieb fleißig für die Berliner Jahrbücher die Kritiken. ? In Raumer hatte ich einen Historiker kennen gelernt, der zwar durch seine Geschichte der Hohenstaufen der dichtenden und malenden Romantik einen großen Stoff geliefert hatte, selber aber kein Romantiker war. In Leo dagegen fand ich einen Historiker, der durch und durch Romantiker war oder, richtiger ausgedrückt, wurde; denn in der Periode, in welcher wir uns kennen lernten, lag er noch mit sich im Kampf und wurde eben dadurch eine um so anziehendere Erscheinung. Man kann sich den Unterschied des damaligen und des späteren Leo hauptsächlich durch die verschiedene[410] Behandlung klar machen, welche er der Geschichte des Jüdischen Volkes in Vorlesungen, die er darüber herausgab, und im ersten Bande seiner Universalhistorie angedeihen ließ. Dort steht er auf dem Standpunkt de Wette's, hier auf dem Hengstenberg's. Seine Darstellung der Geschichte des Herodischen Hauses im ersteren Buche wird immer ein Meisterwerk bleiben. Leo schloß sein im Inhalt wie in der Form classisches Werk über die Italienische Geschichte in Halle ab. Die Niederländische Geschichte, die er hier einige Jahre später herausgab, steht derselben, wie ich glaube, schon bedeutend nach. Seine offene Parteinahme für die Spanische Politik und für Alba's Fanatismus stießen mich ab. Er schrieb nun noch ein Lustrum hindurch sein großes Lehrbuch der Universalgeschichte, welches sehr ungleiche Theile enthält. Hier war es nun, wo seine Polemik gegen die Deutsche Reformation, wie gegen die Französische Revolution mich noch weiter von seinen Ansichten entfernte. Ich wußte aber, wie dies Alles in ihm zusammenhing. Leo war es ernstlich um historische Wahrheit zu thun und er fiel in ein, nach meiner Meinung, selber wieder unwahres Extrem nur deshalb, weil ihn das Extrem einer seichten Lobhudelei der Reformation und der Revolution, wie sie sich von Seiten des Liberalismus oft breit machte, anekelte. Als ich noch persönlich mit ihm in Halle verkehrte, brach der barocke Cynismus, dem er später so oft in Journalartikeln huldigte, erst in der mündlichen Unterhaltung blitzartig hervor, eine wohlthätige und kräftige Anregung zu geben. Seine Leidenschaftlichkeit, von der ich mit Staunen einige sehr wilde Ausbrüche erlebte, hatte für mich eine gewisse originelle Größe, wie ich sie noch niemals erfahren hatte. Ich war auch noch sehr leidenschaftlich, aber wie zahm erschien mein Affect gegen den Sturm und Drang des Leo'schen. Wie sehr ich oft ganz anders dachte, als er, so fühlte ich doch, daß er mich, sobald ich mit ihm zusammen war, beherrschte. Ich kam dann gegen seine Entschiedenheit, Beredsamkeit, Ironie und Satire nicht auf. Er war dann immer so neu, so interessant für mich, daß ich ihn bewunderte und hinterher, wenn ich wieder mit mir allein war, gegen seine Uebermacht durch Verse reagirte, die ich ihm zuschickte. Ich finde unter den wenigen vergilbten Papieren, die mir aus jener romantischen Zeit verblieben sind, z.B. noch den Entwurf einiger Verse, die ich ihm[411] am 2. Juni 1830 sandte, als ich von ihm Rückert's Uebersetzung der Makamen Hariri's geliehen erhalten hatte und ihm das Buch zurückschickte. Ich setze sie zur Charakteristik jener Epoche hierher und bemerke nur noch, daß ich damals mit der Ausarbeitung meiner Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter beschäftigt gewesen war und darauf anspiele. Ich schrieb also: »Hiemit sende ich Ihnen den zierlichen ? manierlichen ? Ebu Seid von Serug zurück ? und preise das Glück ? was ihn mir gerade jetzt gegönnt. ? Denn wenn man immer Einem Volk nachrennt ? und darüber dies endlich am meisten verkennt, ? so wird einem die Welt so klein, ? daß man nicht länger möchte darinnen sein ? und hätte man beständig vom besten Wein. Und so hat mich die stets gleiche Unruhe und die stets wechselnde Ruhe in Damask und Merjad, in Mekka und Bagdad, über die Maaßen ergötzt, wenn mich auch zuweilen verletzt, daß Ebu Seid immer dasselbe Messer wetzt, seiner Kost wegen sich wenig in Unkosten setzt und den Durstigen immer dasselbe Getränk vorsetzt, daß der Reiche solle geben dem Armen vom Ueberfluß in seinem Leben. Aber die wunderbaren Gestalten, worin sich der Alte weiß zusammenzufalten und die er plastisch versteht auseinander zu halten, ohne in seiner Rolle je zu erkalten; die Weite der Weltbetrachtung, die kühne Menschen- und Gottesverachtung, die pfiffige Befrachtung mit dem ungerechten Gut der Gerechten. ? Das Grauen von trüben Mächten, welche durch sonnige Tage sich flechten, ? das Morgenroth schönerer Tage, als das Abendroth späterer Klage; ? das Colorit, schön prangend, alle Sinne umfangend, mir immer noch im Rhythmus anhangend, daß ich im Deutschen noch lange nicht bin wieder anlangend; ? des Reimes klingende Wellen, wie silberne Blüthen emporquellen, wie sich Sterne zu Sternen gesellen; ? die spielende Sicherheit, edle Geschmeidigkeit, Tüchtigkeit, Richtigkeit ? es ist unbeschreiblich und unsagbar, nur von eines Rückert's Rücken ertragbar. Unwidertreiblich will ich nun schließen, und Ihnen sollen meines Dankes Blumen sprießen, daß Sie diesen Genus mich ließen genießen.«[412] Während sich meine persönlichen Verhältnisse auf die angedeutete Weise in Berlin und Halle erweiterten, sollte sich in der letztern Stadt eine sehr eigenthümliche Situation gestalten, welche durch ihre Consequenzen in meine ganze Folgezeit eingriff. Ich hatte in Magdeburg, als meine Eltern der Jacobikirche gegenüber wohnten, unter den Knaben, mit denen ich spielte, auch Friedrich Richter, der sich später von Magdeburg zubenannt hat, als Genossen gehabt. Ich war zwei Jahre älter, besuchte eine andere Schule und stand daher mit nur in losem Verkehr. Er war der Sohn eines originellen Mannes, der sich als Schaafzüchter in Sachsen ein Vermögen erworben und von dort nach Magdeburg zurückgezogen hatte, wo er sein Geld vielerlei kleinen Geschäften anlegte. Friedrich Richter war ein sehr mannichfaltig begabtes Kind. Anfänglich sollte er Musiker werden und lernte die Violine spielen. Schon hatte er hier einen guten Grund gelegt, als sein Vater den Plan änderte und ihn zum Apotheker bestimmte. Er kam als Lehrling nach Calbe an der Saale, wo er einige Jahre verblieb. Dann trat er zu Magdeburg in die große Heukenkamp'sche Apotheke am Markt ein. Die Hintergebäude derselben gingen auf einen kleinen Platz hinaus, der vor der Wohnung meiner Eltern lag. Hier war es nun, wo zwischen uns dadurch ein Verkehr sich anspann, daß Richter sich in der Cultur des Deutschen Styls üben wollte und Sonntags während der Kirche oder wenn er sonst abkommen konnte, mich besuchte, mir seine Arbeiten vorzulegen und meinen Rath einzuholen. ? Richter hat dem Publikum in mehrfachen Schilderungen, namentlich in einem Anhang zu seinen Vorträgen über die persönlich Fortdauer 1854 seine Biographie erzählt. Aus dieser habe ich ersehen, daß damals schon ein starker Zug in ihm sich geregt hat, sich für eine außerordentliche Mission bestimmt zu halten. Er sagt, daß er in der Apotheke, in schlaflosen Nächten, den Ruf vernommen habe: »Mache dich auf! Gott hat einen Plan mit dir!« d.h. er gab, als ich Ostern 1824 nach Berlin zur Universität abging, die Apothekerkunst auf, um noch das Gymnasium zu beziehen. Durch den Verkehr mit Leuten aus allen Ständen, wie die Apotheke ihn mit sich bringt, hatte er eine große Kenntniß des Details des Lebens erworben. Er hatte gelernt, die verschiedensten Menschen nach ihrer Eigenthümlichkeit zu behandeln.[413] Er war aber auch über die Verhältnisse eines Gymnasiasten, welcher sich der Disciplin zu fügen hat, schon herausgewachsen. Er interessirte sich z.B. sehr für das Talent einer Sängerin bei der Magdeburger Oper, die eine Katholikin war, welcher Umstand vielleicht die ersten Keime in Richter erweckte, Katholicismus und Protestantismus zu vereinigen. Er schrieb zu Gunsten jener Sängerin Theaterkritiken für das Magdeburger Wochenblatt, verwickelte sich dadurch in Streit und sah sich genöthigt, das Gymnasium zu verlassen, ohne das Abiturientenexamen gemacht zu haben. Er ging nun 1826, als ich in Halle war, nach Berlin, machte das Examen bei der dortigen Prüfungskommission, studirte Theologie und horte bei Marheineke und Hegel. Dort sah ich ihn Michaelis 1828 wieder, als ich nach Berlin gereist war, Hegel's persönliche Bekanntschaft zu machen. Ich wohnte im Gasthof »zum schwarzen Adler« in der Heiligengeiststraße. Richter ließ mir keine Ruhe, bei ihm zu logiren. Er wohnte bei dem Küster der Jerusalemer Kirche. Ich erfahre nun aus dem, was er über mich hat drucken lassen, daß er das für ihn Wichtigste von meinen damaligen Aeußerungen zunächst mit Kreide an seine Kammerthür schrieb, wie einst mein guter Münich in Halle die Kirchenväter, Päpste und Concilien. Er schwärmte für mich und kam Ostern 1829 zu mir nach Halle, wo ich ihm neben meiner Wohnung ein Zimmer hatte miethen müssen. Dies brachte uns in sehr enge Gemeinschaft. Er hörte auch meine Vorlesungen. Ich war neben denselben das ganze Jahr hindurch bis Ostern 1830 mit einer Arbeit beschäftigt, welche dem Gesichtskreise Richter's gänzlich fern lag, nämlich mit meiner Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter. Richter nahm mit Dr. Besser auf meiner zweiten Stube den Mittagstisch, den uns meine Wirthin bereitete. Dies waren sehr vergnügte Stunden. Nach Tisch gingen wir auf meine Arbeitsstube, Kaffee zu trinken und etwas gemeinschaftlich zu lesen, wobei Richter uns aus seinen bei Hegel und Marheineke nachgeschriebenen Heften öfter recht interessante Mittheilungen machte. Zuweilen gingen wir auch, nach Verabredung, Abends zusammen vor's Thor in einen Garten. Einmal ging ich, bei wunderschönem Wetter, mit Richter allein nach dem Petersberge, der anderthalb Meilen von Halle sich als eine isolirte Bergkuppe erhebt, die von einer Ruine bekrönt ist. Man sieht ihn in der Flachlandschaft[414] von überall, etwa so, wie die Landeskrone bei Görlitz. Dieser Gang war ein eben so vollendeter, an Naturgenuß, wie an geistiger Unterhaltung überschwänglich reicher, wie der mit Bohtz nach Lauchstädt. Unser Hauptthema war der Unsterblichkeitsglaube. Ich fand, wie ich schon gebeichtet habe, damals denselben überflüssig, weil ich außer dem Leben in Wahrheit, Güte und Schönheit, keines Himmels, außer der Qual des Gewissens keiner Hölle mehr bedurfte, weil der Werth der Gegenwart mir unendlich erhöht schien, wenn wir nicht erst auf den Tod warteten, zur Vollkommenheit zu gelangen; endlich weil es mir unmöglich blieb, mir von der Art und Weise unserer Fortexistenz eine Vorstellung zu machen. Den Inhalt der Eschatologie löste ich in den Prozeß der Geschichte auf. Ich suchte Tod und Auferstehung als perennirende Momente in der Idee der Wiedergeburt zu vereinigen. Zu der Wirkung, welche Spinoza ein Jahr zuvor auf mich gehabt hatte, kam jetzt noch die eines Buches von Blasche, einem Sächsischen Pädagogen, welches den Titel führt: Das Böse im Einklang mit der Weltordnung. Es bestärkte mich in meinem Glauben, das Gericht Gottes sich schon in der Geschichte vollziehen zu sehen. Wie ich damals gedacht, und was und wie ich zu Richter gesprochen habe, ist in einem Buch enthalten, welches 1834 zu Heidelberg unter dem Titel: »Erfahrungen eines jungen Magisters« erschien. Ich erfuhr von seiner Existenz zuerst durch eine briefliche Mittheilung Richter's, worin er ausdrücklich hervorhob, wie merkwürdig es sei, daß der Inhalt fast ganz mit den Gesprächen übereinstimme, die wir 1829 in Halle geführt hätten. 1854 hat er drucken lassen, daß nur Jemand, der ihn sehr genau kenne, nur Jemand, der seine Correspondenzen und Tagebücher benutzt habe, Verfasser des Buches sein könne. Ich zweifle nicht im Geringsten, daß er selber der anonyme Autor ist. Das Verhältniß, worin er in einer Jean Paulisirenden Einkleidung seinen Helden Quartus zu einem Privatleuten Sextus Kranz treten läßt, ist auf ein Haar das, in welchem wir standen, und zu den mir in den Mund gelegten Aeußerungen kann ich mich noch jetzt als zu den meinigen bekennen. Daß Richter das Wesentlichste von dem, was ich mit ihm gesprochen, oft noch bis spät in die Nacht hin aufzeichnete, hat er mir selber einmal in Halle gesagt.[415] Die ersten Monate hindurch war mein Verhältniß zu Richter ein ganz ungetrübtes, gemüthliches. Allmälig aber trat die Verschiedenheit unserer Meinungen und Charaktere hervor. Ich war nur auf die Wissenschaft und Kunst gerichtet. Was durch sie mittelbar in der Weltverbesserung hervorgebracht werden würde, ließ ich als problematisch dahingestellt sein. Richter hingegen hatte einen Hang zum Praktischen. Er wollte auf die Menschen direct einwirken. Die Resultate der Wissenschaft sollten durch ihn die Gesinnung der Menschen reformiren. Diese Neigung zeigte sich in meiner nächsten Nähe zuerst darin, daß er anfing, sich für die Bildung eines kleinen Kreises junger Mädchen zu interessiren, welche Nachmittags bei der Tochter meiner Wirthin Schneidern und Putzmachen lernten. Er konnte dem Drange nicht widerstehen, mit ihnen Gespräche anzuknüpfen und ihnen Wilhelm Meister's Lehrjahre vorzulesen und pausenweise zu erläutern. Richter war in allen solchen Situationen von einer Geschicklichkeit, die großes pädagogisches Talent verrieth. Er hatte auch schon viel durchgemacht und war sogar schon einmal ein ganzes Jahr hindurch verlobt gewesen. Auch einen Roman, »Celöstine«, in Jean Paul'scher Manier, hatte er bereits geschrieben. Nun wollte er auch als Träger einer neuen Aera des Geistes auftreten. Er concipirte den Plan eines großen Romans: »Der Himmel, wie er ist.« In demselben wollte er die christlichen Confessionen, außerdem Religion und Kunst mit einander versöhnen. Er konnte aber später nur ein Programm dazu unter dem Titel: »Der Vorhof zum Himmel, wie er ist«, zum Druck bringen. Auf eigene Kosten ließ er im August und September 1829 sieben Predigten, die er in Berlin und Magdeburg gehalten hatte, unter dem Titel: »Gott unter Menschen« drucken und stellte in der Vorrede dazu den Plan, den er verwirklichen wollte, in einer Reihe von Sätzen zur öffentlichen Prüfung auf. Diese aufgeregte, hastige Weise, die Wissenschaft, die nach meiner Ansicht noch in den schwierigsten Kämpfen begriffen war, zu popularisiren, stieß mich ab. So sehr ich Richter liebte, so sehr ich seine Begeisterung für die Veredelung des religiösen Glaubens schätzte, so vermochte ich doch diesem herausfordernden Ton, der sich an das große Publicum wandte, keinen warmen Antheil zu schenken und fing an, mich in satirischen und ironischen Formen dagegen auszusprechen,[416] wodurch ich Richter oft verletzte, so daß er sich, wie er mir andern Tages manchmal gestand, über mein hartes Gebahren heimlich ausweinte. In der Reaktion gegen mich fing er nun an, nach der Art solcher auf sichtbare Wirksamkeit gerichteten Naturen, mich des Mangels an Muth zu zeihen, offen und entschieden hervorzutreten. Eines Tages kam es daher zwischen uns schon zu einem Bruch. ? Richter hatte ein Bad im Reil'schen Badehause genommen. Er hatte längere Zeit im Wartesaal harren müssen. Da fand er nun über dem Sopha die Bilder von Luther und Melanchthon hängen. Sofort, nach seiner schwärmerischen Anlage, wurde ihm klar, daß er zum Luther, ich zum Melanchthon der neuen Reformation bestimmt sei. Ich sollte die esoterische Rolle der Bearbeitung der theologischen Wissenschaft übernehmen, während er sich der exoterischen, der praktischen Bearbeitung der Massen gewachsen glaubte. Mit strahlendem Angesicht kam er auf meine Stube, fiel mir um den Hals, weinte und konnte vor Erregung kaum das Wort finden. Als er endlich sich ausgesprochen hatte, ich aber seine Emphase ziemlich kühl anhörte, kränkte ihn mein Verhalten schmerzlich. Je mehr er sich erhitzte, um so kälter wurde ich und sagte endlich: »Nun ja, wir müßten auf den Jahrmärkten mit einer Bude à la Reformation umherziehen, mit einem Bureau für die Angelegenheiten der Wissenschaft, mit einem zweiten für die des Kirchenthums.« Diese sarkastische Ablehnung eines Bündnisses mit ihm, das er mir so enthusiastisch angetragen, verwundete ihn im Innersten. Da wir uns aber persönlich liebten, so überwanden wir nach einigen Tagen die Verstimmung und er hielt sich mit seinem Andringen zurück. Dennoch hatte sich die Vorstellung, daß wir Beide zusammen zur Reformation der Zeit berufen seien, bei ihm so fest gesetzt, daß er späterhin, wie er in jener Druckschrift 1854 sagt, mich dadurch heranziehen wollte, wenn er zuerst allein die That vollbrächte, denn er hielt es für einen Mangel an Muth bei mir, daß ich ihm nicht sofort beipflichtete. In dieser Auffassung hat er sich dann von mir so zu sprechen gewöhnt, als ob ich ein Apostat seiner Sache geworden sei. Hierin hat Richter mich aber gänzlich verkannt. Mir war das Bedürfnis eines solchen tumultuarischen Handelns, als worin er sich stürzen wollte, völlig fremd. Ein Versprechen, ihm darin zu helfen, habe ich ihm nie gegeben. Meine[417] Ueberzeugungen habe ich nie verhehlt, aber Lärm damit zu machen oder unreife, noch sehr zweifelhafte Ansichten auf den Markt der Oeffentlichkeit zu bringen und mit Ostentation die Sympathie der Massen dafür herauszufordern, ist mir zuwider. In Richter hingegen waltete jenes prophetische Element, welches eine ganze Zeitlage von dem Individuum auf sich beziehen läßt, um den großen Schlag auszuführen, zu dem es sich von Gott prädestinirt glaubt. Der Sectirer Edelmann hat dies Gefühl, als er sich zum ersten Mal Berlin näherte, im vorigen Jahrhundert in diese Kraftworte zusammengefaßt, die mir immer für den Affect solcher Naturen höchst treffend erschienen sind: Amazon.de Widgets Gieb mir heute, gieb mir heute Der Propheten Geist, Der die Leute, der die Leute In die Wahrheit reißt; Gieb mir Eifer, gieb mir Lust, Einen Harnisch vor die Brust, Eine Kraft, die Alles niederreißt. Richter erzählt am angeführten Ort, daß er, nach Erwägung aller Zeitumstände, die zu erforschen er eigens eine Reise durch Deutschland unternahm, noch 1848 nicht daran habe zweifeln können, wie Gott ihn berufen habe, seinen Finger auf die Zunge der Waage zu legen. Doch will ich nicht weiter vorgreifen, und bemerke daher nur, daß Richter, noch bevor sein akademisches Triennium abgelaufen war, plötzlich schon im Herbst 1829 von Halle nach Magdeburg abreiste und nicht zurückkam, so daß ich ihm seine Sachen nachsenden mußte. Er schickte eine Abhandlung nach Jena und ließ sich zum Doctor der Philosophie promoviren, wie mir ein großes Schild schon an der Hausthür verkündigte, als ich ihn in Magdeburg 1830 wieder aufsuchte. Es war mir nun klar, daß das engere Zusammensein mit mir, das er erst so lebhaft gewünscht hatte, ihm für seine großartigen Entwürfe hemmend, ja drückend geworden war. In der Verschiedenartigkeit unserer Individualität lag der Keim zu unserem späteren Mißverhalten. Ich erkannte in weiteren Verlauf meiner wissenschaftlichen Bildung, daß ich die unbedingte Negation der Unsterblichkeit nicht festhalten könne. Ich gestand hier dem Glauben[418] eine mystische Berechtigung zu, während Richter auf dem polemischen Standpunkt beharrte. Sein Streben ging auf Massenwirkung aus. Er beobachtete die Zeitumstände, um ihre Gunst oder Ungunst für seine Thätigkeit zu berechnen. Er besaß ein vorzügliches rhetorisches Talent, das ihn sehr wohl zum Volksredner geschickt gemacht hätte. ? Eine neue Sammlung Predigten, die er unter dem Titel: »Der Gottmensch« zusammenfaßte, beurkundete dies. ? Aber sein Drang, für eine reformatorische That einen localen Ausgangspunkt zu gewinnen, führte ihn zu falschen Voraussetzungen und zu localen Beschränktheiten, welche der Allgemeinheit seines eigentlichen Thema's widersprachen. ? Als 1831 die dreihundertjährige Feier der Zerstörung Magdeburgs bevorstand, brachte ihn dies zu der Vorstellung, daß die radicale Wiedergeburt der Menschheit, die er beabsichtigte, von Magdeburg ausgehen müsse. Er arbeitete während des Jahres 1830 eine Schrift aus, welche ihn den Magdeburgern als den Propheten der Neuzeit insinuiren sollte. Er machte einen Auszug aus Gerhard's »Chronik der Stadt Magdeburg« und fügte eine Censur der Sitten der Magdeburger, sowie eine Art Nachweis hinzu, daß Magdeburg der Ausgangspunkt einer großen weltgeschichtlichen Reform werden müsse. Er betitelte das Buch: »Magdeburg, die Stadt Gottes auf Erden« und benannte sich von hier ab auf dem Titel seiner Schriften Richter von Magdeburg. Diese Manier war gar nicht nach meinem Geschmack und erschien mir als eine schwärmerische Ueberstürzung. Sie war aber auch nicht nach dem Geschmack der Magdeburger, die es dem jungen Doctor der Philosophie sehr übel nahmen, sie mit catonischer Strenge zu censuriren. Für die hohe Ehre, die er ihrer Stadt zugedacht hatte, zeigten sie nicht die geringste Empfänglichkeit. Sie spotteten nicht nur über ihn, sondern gingen zu einer so ernsten Verstimmung gegen ihn fort, daß er 1831 Magdeburg aufgab und sich nach Breslau wandte, dem er nunmehr dieselbe Rolle, wie Magdeburg, zutheilte und als Prophet darin auftrat, auch ein Journal mit diesem Titel herausgab. Aber auch Breslau bewährte sich nicht als das erhoffte Jerusalem, und so sollte 1848 Berlin die Stadt sein, von wo Richter seine Reform glaubte bewerkstelligen zu können. Da er jedoch immer auf eine Initiative der Vorsehung wartete, die ihn speciell berufen sollte, die Bewegung der Lichtfreunde,[419] der Deutschkatholiken, der Dissidenten überhaupt, zu concentriren, so verlief auch diese Epoche für ihn ohne das gewünschte Resultat. Durch alle Aeußerungen, welche Richter seit unserer Trennung in Halle über mich hat drucken lassen, tönt der Vorwurf, daß, wenn ich nur gewollt hätte, Alles anders gekommen wäre. Ich weise diese Beschuldigung zurück, denn ich habe stets nur die Wissenschaft im Auge gehabt. Suchte ich auch in dieser eine Form zu gewinnen, welche sie für alle Gebildete genießbar machen sollte, so war mir doch der Hang, das Publicum zu bearbeiten, um eine Massenbewegung zu erzeugen, gänzlich fremd. Richter's Gehülfe zu werden, wie er es sich träumte, hätte ich meine Eigenthümlichkeit der seinigen opfern müssen, wozu gar kein Grund vorhanden war. Ich meinerseits habe von Richter nie die geringste Unterstützung meiner Wirksamkeit gefordert. Mir ist aus diesem gesammten Dissensus eine lange Reihe von Unannehmlichkeiten und Verbitterungen erwachsen, die mich oft schmerzlich bewegt haben. Was ich mit Richter erlebte, sollte ich oft auch mit Andern erleben, daß sie mir die Schuld zuschoben, ihr Schicksal gemacht zu haben. Wenn ich nur gewollt hätte, so lautete der Refrain, so wäre es anders gekommen. Man kam an mich heran, man suchte meinen Beistand. Ich ging auf eine Theilnahme ein, wie sie die persönlichen Umstände, die Noth des Augenblicks, die mir zu Gebote stehenden Hülfsmittel und meine wissenschaftliche Bildung ermöglichten. Im weiteren Verlauf mußte aber nur zu oft eine Grenze meiner Theilnahme eintreten, die ich nicht überschreiten durfte, ohne höhere Pflichten zu verletzen. Ich war doch nicht allmächtig, aber man genirte sich nicht, mir eine Macht zuzuschreiben, die ich gar nicht besaß. So lange ich freundlich, entgegenkommend, förderlich war, so lange war ich ein humaner, liebenswürdiger Mensch. Sobald ich aber ablehnend zu werden anfing, sobald ich mich, weil ich das fremde Treiben nicht mehr billigen konnte, zurückzog, sobald ich wohl gar die Ausschreitungen, in die man sich fallen ließ, scharf zu tadeln und das Verkehrte der Hypothese, die man in Betreff meiner an Sympathie und Thätigkeit machte, als entschiedenen Irrthum zurückwies; ja, da war es aus. Da wurde ich für schwach und treulos erklärt; da wurde mir das Mißlingen, das ich voraussagte, als Schuld zugeschoben; auf meine Individualität aber,[420] auf meine Bedürfnisse, auf meine Stellung, auf meine sonstigen Verpflichtungen wurde keine Rücksicht genommen. Jeder hatte nur seine Sache im Sinn und wollte eine Nothwendigkeit der Begrenzung meiner Theilnahme für dieselbe nicht gelten lassen. Wenn Richter in dem Büchlein von den Erfahrungen eines jungen Magisters dem Publicum die Gespräche mitgetheilt hat, die ich 1829 in Halle mit ihm geführt habe, so sollte er auch die zufällige Veranlassung werden, daß ich die religiöse Ueberzeugung, die mich damals beseelte, zu Anfang des Jahres 1830 selber öffentlich aussprach. Dies hing wunderlich zusammen. Ich war in der Festwoche zu Weihnachten 1829 zum Besuch bei meinen Lieben in Magdeburg gewesen. Der Vater hatte sich pensioniren lassen, war aber noch immer mit kleinen statistischen Arbeiten zur Verbesserung unserer merkantilen Gesetzgebung beschäftigt, die er dem Handelsministerium als freiwillige Beiträge von Zeit zu Zeit einsandte. Daß er noch mehr als sonst las, war natürlich. Er war für sein hohes Alter noch recht rüstig und besuchte mit mir sogar noch zuweilen den Volkmar'schen Weinkeller am Neuen Markt. ? Da empfing ich von meiner Schwester in den ersten Tagen des Februars 1830 einen kurzen Brief, der mich beschwor, sogleich zu kommen, wenn ich den Vater noch lebend treffen wolle, da er plötzlich sehr schwach geworden sei. Wer mir bis hierher gefolgt ist, wird ermessen können, welch ein furchtbarer Schmerz mir der Gedanke war, meinen geliebten Vater verlieren zu sollen. Ich setzte mich sofort auf die Post und eilte im heftigsten Frostwetter nach Magdeburg. Als ich ankam, fand ich den Vater, der im Bette lag, schon so krank, daß er mich nicht erkannte, was mir entsetzlich war. Am andern Morgen aber hatte er noch einige Stunden vollkommenen Bewußtseins. Er nahm Abschied von mir. Ich konnte seine liebe, schon stark geschwollene Hand nur mit Küssen bedecken und mit Thränen überströmen. In der folgenden Nacht, vom sechsten auf den siebenten Februar, schlief er sanft gegen Morgen ein. Seine Grabstätte konnte nicht neben der meiner Mutter bereitet werden, weil unterdessen die Kirchhöfe aus der Stadt nach Außen hin verlegt waren. Der Anfang war soeben erst am ersten Januar 1830 gemacht und das Grab meines Vaters war erst das neunte. Diese Veränderung hatte natürlich noch andere im Gefolge,[421] denn der Sarg konnte nun nicht mehr getragen, sondern mußte gefahren werden. Ach! wie lang wurde mir der Weg durch die öden Festungswerke am Krökenthor nach dem mit Eis und Schnee bedeckten Friedhof, der gegenwärtig wie ein großer Park aussieht, damals aber höchst ungastlich als eine kahle Ebene mich anstarrte. So wunderbar ist das menschliche Leben! Wie hätte mein Vater, als wir in der Neustadt wohnten, sich jemals können einfallen lassen, daß er unserem Hause ungefähr gegenüber einst würde begraben werden! Standen doch hier nichts als hohe, stattliche, vom Reichthum des Lebens gesättigte Häuser. Volk, Simon und Genthe begleiteten mich in einer Kutsche zur Bestattung des lieben Todten. ? Während der schmerzlichen Unruhe dieser Tage war mir durch Genthe ein Manuscript in die Hände gerathen, welches Richter gehörte und auf einer Auction in seinen Besitz gelangt war. Es war das ein Quartband in Leder, aus der Bibliothek des Prinzen Eugen von Savoyen, wie ein Stempel und ein eingeklebter Kupferstich auf der Innenseite des Vorderdeckels bezeugte, der das Wappen des Prinzen darstellte und die Worte enthielt: Ex bibliotheca Eugenii Principis Sabaudiae. Wie es von da auf jene Auction gekommen, ist mir gänzlich unbekannt. Es enthielt zwei verschiedene Schriften über denselben Gegenstand, nämlich über den Gedanken, daß die Religion nichts als ein Selbstbetrug der Menschen, und daß die Stifter der Weltreligion, Moses, Christus und Muhamed, Betrüger seien. Die eine Schrift, offenbar die ältere, einfachere und gemäßigtere, war Lateinisch unter dem Titel: De impostura religionum; die andere, weitläufigere, fanatischere Französisch unter dem Titel: Le Livre des trois imposteurs, abgefaßt. Die eine mag am Anfang, die andere am Ende des siebzehnten Jahrhunderts entstanden sein. In einem Augenblick, wo mein Gemüth von den tiefsten religiösen Empfindungen am Sarge und am Grabe meines so unbeschreiblich geliebten Vaters heftig durchbebt wurde, packte mich die Lectüre dieser verrufenen Schriften auf das Gewaltigste. So unumwunden hatte ich die Sprache des Materialismus und Atheismus noch nicht vernommen. Ich konnte mir jedoch nicht verhehlen, daß ich keineswegs ein orthodoxer Christ im Sinne der kirchlichen Bekenntnisse sei, wenn man sie buchstäblich verstehen wolle. Hierdurch entstand ein Kampf in mir, der die Schrift:[422] Der Zweifel am Glauben; Kritik der Schriften de tribus Impostoribus, hervorrief, welche ich nach ihren Grundzügen noch in Magdeburg niederschrieb und in Halle vollendete, so daß Freund Reinecke sie noch auf die Ostermesse bringen konnte. Mich interessirte nur der Inhalt, der eine bestimmtere Ausführung der Ueberzeugungen war, welche ich 1827 von Wippermann in Heidelberg zuerst eindringlicher vernommen hatte, als sie uns in der Form von literarischen Berichten anzusprechen pflegen. Ueber die Unsterblichkeit ließ ich mich, so offen ich sonst mit meiner Heterodoxie vorging, nicht aus, weil sie in den betreffenden Schriften selber nicht besonders betont wird. Strauß hat meine kleine Schrift, wie er mir einmal in einem Briefe erzählte, eine Zeit lang als sein theosophisches Taschenbuch mit sich herumgetragen. Wenn er aber in einer der Anmerkungen zu seiner christlichen Glaubenslehre dieselbe in dem Sinne erwähnt, als ob ich damals einer größeren Kühnheit des Zweifels gehuldigt hätte, so kann ich dies nicht finden. Durch Schwankungen bin ich allerdings eben so gut, wie er selber, fortgegangen und es wäre lächerlich, mir einzubilden, als ob ich jetzt etwa, nach so vielen Jahren, nach so heißen Kämpfen, Natur und Geschichte vollkommen durchschaute, als wenn ich nicht noch immer durch den Zweifel zu neuem Nachdenken und Prüfen angeregt würde, aber von dem Standpunkt der kritischen Freiheit, auf welchem ich damals stand, bin ich nicht wieder abgefallen. Richter und Strauß haben mir meine wissenschaftliche Beschränkung der Negation der Unsterblichkeit als einen Moderatismus zum Vorwurf gemacht, der eine Inconsequenz sei. Weil ich aber die Schwierigkeiten nie unterschätzte, welche das Problem der Unsterblichkeit in sich schließt, so hatte ich mich auch niemals in einer Druckschrift für den Unglauben an die Unsterblichkeit ausgesprochen, obwohl ich sein Bekenntniß, wenn es von mir gefordert wurde, persönlich nicht verhehlte. Ich hatte also nichts zurückzunehmen und nur die Polemik Richter's gegen mich, als ob ich einem Vertrage gegen ihn untreu geworden sei, zwang mich 1836 zu einer offenen Darlegung meines Verhältnisses zu dieser Frage. Alles, was die Theologie von Ludwig Feuerbach später Negatives vorbrachte, hatte ich in der Kritik jener berüchtigten Schriften in der concentrirtesten Gestalt vorgenossen. Die Arbeit jedoch, welche mich seit Ostern 1829 unausgesetzt[423] beschäftigt hatte und welche ebenfalls Ostern 1830 zum Abschluß gelangte, war die Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter. Jahre lang hatte ich mich mit ihr in aller Breite von den verschiedensten Punkten her wie mit einem Räthsel bemühet, dessen Auflösung ich suchte. Vergeblich blickte ich nach einem Buche umher, das mir als Ariadnefaden in dem Labyrinth ihrer Erscheinungen hätte dienen können. Einzelne Gegenstände waren zwar von vorzüglichen Forschern eingehend beleuchtet worden, allein die Masse des Ganzen war eine formlose, chaotische. Die Behandlung, welche ich mit den Gedichten von der Gralsage vorgenommen, brachte mich auf den Gedanken, sie auf die Totalität des Stoffes auszudehnen. Ich hatte dabei eine Nebenabsicht. Mir schien das, was Hegel in der Phänomenologie des Geistes in den beiden Capiteln vom unglücklichen Bewußtsein und von der Welt des sich entfremdeten Geistes mit Beziehung auf das Mittelalter gesagt hatte, zu einseitig und ungenügend, weshalb ich den Versuch machen wollte, es zu ergänzen und zu vervollständigen. Der Verfolg der Geschichte des Bewußtseins, wie sie in den poetischen Erzeugnissen des Mittelalters sich abspiegelt, wurde daher mein leitender Gesichtspunkt. Handschriften, Drucke, Chronologie, Biographie blieben für mich untergeordnete Momente. Ich war mit ihnen, so weit es damals möglich war, ziemlich vertraut, aber ich machte diesen großen empirischen Apparat, über den ich gebot, nur zu einer materiellen Voraussetzung, die Seele des Bewußtseins darin aufzusuchen. Für den Zweck, die literarischen Resultate meiner vieljährigen Studien nützlich und fruchtbar zu machen, war dies die größte Verkehrtheit. Ich hätte es nicht schlimmer anfangen können, mein Buch für das größere Publicum unzugänglich und ungenießbar zu machen. Es gehörte meine ganze Befangenheit in Hegel's Phänomenologie dazu, ein solches Verfahren für das schönste zu halten. Die Kühnheit, mit welcher ich vorging, war nur dem jugendlichen Enthusiasmus möglich. Da ich aber die Thatsachen, um die es sich handelte, kannte, so gab dies meiner Darstellung einen realistischen Zug, der sie nicht in's Leere ausirren ließ. Und da ich diese Thatsachen so lange mit so vieler Liebe gehegt hatte, so entsprang daraus ein dichterischer Hauch, der die Gestalten des Bewußtseins, wie sie sich entwickelten, farbenhell für die Phantasie erscheinen ließ. Dieser[424] malerische Duft war es, welcher den Leser meiner Abstractionen, meiner zuerst vielleicht sonderbar aussehenden neuen Kategorien, mit dem Nachdruck objectiver Wahrheit erfüllte und allmälig eine Wirkung hervorbrachte, welche meine Erwartung übertraf. Von Hegel hatte ich keine directe Erwähnung gemacht, da eine bestimmte Anknüpfung an ihn nicht möglich war. Noch war ich selber nicht als eines jener Monstra verrufen, welche man Hegelianer zu nennen pflegte. Noch hatte Lachmann meine kleine Schrift über den Titurel in der Halleschen Literaturzeitung zwar nicht beistimmend, aber doch anerkennend recensirt. Das Vorurtheil, daß ich einen historischen Gegenstand durch Anwendung der Hegel'schen Philosophie verdorben haben müßte, war daher noch nicht stark genug, dem Aufsehen meines Buches in unbefangenen Kreisen, die nicht zur Schule der exacten altdeutschen Philologie gehörten, hemmend entgegenzutreten. Ferdinand Wolf, der Scriptor der kaiserlichen Hofbibliothek in Wien, gab in den Wiener Jahrbüchern einen Auszug, der mit Begeisterung für mich geschrieben war und mich mit dem trefflichen Manne in ein persönliches, freundschaftliches Verhältniß brachte, das bis zu seinem Tode fortgedauert hat. Ohne mein Buch, ohne meinen Namen zu nennen, wurden meine Anffassungen in den folgenden Decennien überall wiederholt und Echtermeyer hat noch in den Halleschen Jahrbüchern bei Gelegenheit von Laube's Deutscher Literaturgeschichte ein ausführliches und interessantes Beispiel davon bemerklich gemacht. Im Brockhaus'schen literarischen Conversationsblatt zu Leipzig erschien freilich eine Beurtheilung, welche dem Publikum die Augen öffnete, daß es hier mit einem Mißproduct der widerspruchvollen Modephilosophie zu thun habe. Sie machte den Mangel eines literarischen Apparats zum Grund einer völligen Verwerfung meines Buches. Allein dieser ganz geschickte Angriff hat doch die im Stillen fortdauernde Wirksamkeit meiner Arbeit nicht aufhalten können. Es steckte ein zu sachlicher Kern in ihr, welcher dem Bedürfniß, jene hingeschwundene Welt in ihrem Wesen zu begreifen, zu hülfreich entgegenkam. Ich selber schloß mit ihr eine große Periode meiner Entwickelung ab. Was ich späterhin auf diesem Gebiet noch gethan habe, ist im Vergleich zu ihr nicht der Rede werth. Aber ich machte nun auch bald die Erfahrung, was es auf sich hat, wenn man, dem Publicum gegenüber,[425] nicht in demselben Fach, in welchem man sich ihm zuerst präsentirt hat, fortarbeitet. Die Erwartung, daß dies geschehen werde, ist eine zu natürliche, als daß der Uebergang eines Schriftstellers zu andern Fächern ihm nicht für die Bequemlichkeit, ihn in sein Tagesbewußtsein unterzubringen, störend werden müßte. Diejenigen namentlich, die als Fachmänner zuerst eine Aufmerksamkeit auf den Neuling gewendet hatten, ihn als Zunftgenossen zu begrüßen und weiterhin neben sich zu hegen, lassen ihn bald als ein Meteor fallen, welches ihre Atmosphäre nur zufällig und vorübergehend gekreuzt habe. Sobald es später durch meine Anstellung als Professor der Philosophie fest stand, daß die Philosophie mein Fach sei, wurde mein Name nicht mehr neben den ihrigen genannt, wurden meine Arbeiten ignorirt, wurden Citate derselben, die Andere gemacht hatten, bei neuen Auflagen gestrichen. Ich wurde nunmehr eben als ein Laie betrachtet, der als Philosoph das Recht verwirkt habe, mitsprechen zu dürfen. Obwohl ich kryptischer Weise durch Hegel'sche Philosophie der Begrifflosigkeit der Romantik in meinem Buche entgegenzutreten versuchte, so fand dasselbe doch bei den Romantikern selber noch die günstigste Aufnahme, weil ich auch noch tief in dem romantischen Elemente steckte. Ich kämpfte schon mit ihm, allein ich hing ihm noch mit Begeisterung an. Dieser Zustand fand einen sehr bestimmten Ausdruck durch eine Reise, die ich Pfingsten nach Dresden unternahm, mich etwas zu zerstreuen. Ein Student der Theologie, Closter aus Oldenburg, der sich mir näher angeschlossen hatte, begleitete mich. Es war ein schöner, liebenswürdiger, junger Mann, der sich dem Orientalischen Sprachstudium widmen wollte und deshalb Michaelis von Halle nach Erlangen ging, unter Rückert's Leitung das Arabische und Persische zu studiren. Er machte auch recht hübsche Gedichte. In Halle erschien er als ein Bild blühendster Gesundheit, in Erlangen aber verfiel er einem schrecklichen Siechthum, welches ihn zwang, seine wissenschaftlichen Pläne aufzugeben und sich mit einer Pfarre auf der Insel Nordernay zu begnügen. Merkwürdiger Weise kam er aber von hier als Pfarrer eines Patronats des Grafen Dohna doch in die Nähe von Dresden. Wir brauchten damals drei Tage, dahin zu gelangen. Den ersten Tag kamen wir nach Leipzig, wo wir im Hôtel de Pologne[426] mit einem Italienischen Professor der Magie, Conte di Petorelli, gemeinschaftlich einen Hauderer nach Dresden mietheten. Die Unterhaltung mit ihm und seinem Gehülfen verkürzte uns die langdauernde Fahrt. In Oschatz übernachteten wir. Am dritten Tage kamen wir gegen Mittag nach Meißen, wo wir die Porzellanfabrik und den Dom besahen, von dessen Thurm wir eine herrliche Aussicht auf das Elbthal genossen. In dem großen Saal eines Gasthauses wurde ein heiteres Mittagsmahl an einer zahlreichen Wirthstafel eingenommen. Beim Dessert unterhielt der Graf, um Reklame für sich zu machen, die Gesellschaft mit einigen Proben seiner Kunst. Endlich langten wir Abends in Dresden an, wo wir im bekannten kleinen Rauchhause logirten. Hier hatte ein wunderschönes Frauenzimmer, angeblich die Frau seines Gehülfen, bereits Quartier für den Grafen bestellt. Sie hatte bei seinen Vorstellungen an der Casse den Billetverkauf zu besorgen. Uns wurde nicht zu wohl in dieser etwas zweideutigen Gesellschaft und wir suchten uns, so viel wie möglich von ihr zu isoliren. ? Ich werde natürlich nichts von Dresden und seinen Kunstschätzen sagen. Ich bin später noch dreimal in Dresden gewesen und habe die reizende Stadt nie ohne die vielseitigste Anregung verlassen. Ich komme nun zur Romantik zurück. Ich hatte ein Exemplar meiner Geschichte der Deutschen Poesie des Mittelalters in Kalbleder binden lassen und eilte damit zu Ludwig Tieck, es ihm ehrfurchtsvoll und dankbar zu überreichen. Tieck empfing mich mit der größten Freundlichkeit. Da ich durch Bohtz ganz genau mit seinem Hauswesen bekannt war, so orientirte ich mich rasch mit dem Local, wie mit den Personen. Die Erinnerung an Bohtz brachte mich schnell auch der ältesten Tochter Tieck's, Dorothea, näher. Mit der jüngeren, Franziska, kam ich durch Scherz und Lachen auch bald in gute Beziehung. Mit der Mutter blieb ich bei dem Austausch der gewöhnlichen Höflichkeiten stehen. Ebenso mit der Gräfin von Finkenstein. Nur mit der Frau Professor Solger hatte ich einige tiefer gehende Gespräche, welche sich auf ihren verstorbenen, von mir hochverehrten Mann bezogen. Es traf sich, daß Tieck's Geburtstag in meine Anwesenheit fiel. Ich wurde zu seiner Feier eingeladen. Sie ist mir unvergeßlich geblieben. Tick las Göthe's kleine Singspiele vor. Ich schweige auch hierüber, denn[427] seine Kunst, zu lesen, ist ebenfalls oft genug geschildert worden. ? Ich brachte die ganze Pfingstwoche in Dresden zu. Ich schwelgte in dem Reichthum ästhetischer Genüsse und im Entzücken über die persönliche Bekanntschaft mit dem Haupt der romantischen Schule. Als bei der Abreise der Hausknecht schon mein Felleisen schnürte, ergriff mich die Zärtlichkeit und Dankbarkeit gegen Tieck so heftig, daß ich nicht ohne ein poetisches Lebewohl von ihm scheiden wollte. Da es aber rasch gehen mußte, so schrieb ich eine Ode im Alcäischen Metrum, das mir ganz geläufig war und nicht durch Reimschwierigkeiten verzögern konnte. Das ist der Humor des Lebens! In antiker Form huldigte ich dem romantischen Dichter. Obwohl ich nun später von ihm mich in gar manchem Betracht entfernte, so bin ich doch stets persönlich sein Verehrer geblieben und habe ihn auch noch in Berlin besucht, als er dort, schon gelähmt, in der großen Friedrichsstraße wohnte. Ach, wie wehmüthig war es mir, ihn hier eigentlich vereinsamt zu finden! Alle jene Frauen, in deren Mitte ich ihn zuerst gesehen hatte, waren todt. Nur Franziska lebte noch. Sie war verheirathet, aber nicht in Berlin, und es war ein Zufall, daß ich sie einst traf, als sie auf ein paar Tage zum Besuch gekommen war. Tieck ist der einzige Dichter, welchen Berlin in der classischen Epoche hervorgebracht hat. Wird man ihm nicht ein Denkmal setzen, damit doch unter den Feldherren und Fachmännern, welche durch Monumente verherrlicht sind, auch ein Dichter repräsentirt sei? Ich kann meine Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter nicht verlassen, ohne noch eine Bemerkung hinzuzufügen, welche die Stimmung der Zeit charakterisiert. Ich schrieb sie in dem Gefühl, mit ihr für die Nation zu arbeiten, ein Gefühl, das mir von hier ab verblieben ist. ? Der Horizont eines Faches oder einer Schule ist mir immer zu eng gewesen. Als ich nun, voll von meinem Unternehmen, meinen Freunden mittheilte, daß ich ein Werk für die Nation schaffen wolle, fanden sie diese Kategorie bei einer gelehrten Arbeit höchst sonderbar und fingen in ihrer alten Weise an, mich deshalb zu verspotten. In meiner nächsten Umgebung war es nur Moritz Besser, der mich verstand. Sein Studium der Volkswirthschaft war geeignet, ihm den nationalen Standpunkt der Arbeit überhaupt aufzuschließen. Aber er[428] war auch sonst ein für die Poesie und ihre Geschichte zugängliches Gemüth. Ich wollte sogar mit ihm gemeinschaftlich eine eigenthümliche Arbeit ausführen. Ich hatte bei dem Antiquar Lippert ein Exemplar der Nordischen Geschichte des Saxo Grammaticus gekauft und wurde durch die Lectüre der ersten acht Bücher des selben zu dem Entschluß angeregt, sie mit Besser in's Deutsche zu übersetzen. Wir wollten immer ein um das andere Buch vornehmen, so daß auf Jeden vier Bücher fielen. Die Verse der alten Lieder, welche Saxo citirt, wollten wir aus den Horazischen Metren, worin er sie verkünstelt hat, in alliterirende Skaldenmaaße übertragen. Leider wurde dies für die Auffassung der Nordischen Sagengeschichte sehr nützliche Unterfangen durch Besser's Abgang nach Petersburg im Keim erstickt, denn für mich allein war es zu zeitraubend. Wenn Dergleichen nicht im ersten Stadium der Begeisterung durchgesetzt wird, so ist es schwer, es pausenweise zu verwirklichen. Ich habe dies später bei einer ähnlichen Arbeit erfahren. Mone gab den Reinhardus vulpes heraus. Ich schrieb 1834 eine Recension desselben für die Hallesche Literaturzeitung und faßte eine große Liebe zu dem Gedicht. Als ich nun späterhin sah, wie Wenige dasselbe gelesen hatten, so wollte ich es der Nation durch eine Deutsche Uebersetzung zugänglich machen. Das Verständniß der Wolfs- und Fuchssage mußte dann auch unendlich an Klarheit gewinnen. Da Göthe den Sassischen Reineke de Voß im antiken Metrum populär gemacht hatte, so war diese Form des Gedichts kein Hinderniß. Es ist aber nicht nur in Hexametern, sondern in elegischem Versmaaß abgefaßt. Ich machte nun den Fehler, dasselbe nachbilden zu wollen. Das war aber bei der Schwierigkeit, das mönchische Latein treu und doch poetisch zu übersetzen, sehr schwer. Die Arbeit, die ich nur von Zeit zu Zeit, wenn mein Amt und die Philosophie mir einmal Muße und Stimmung gönnten, durch Jahre fortschleppen konnte, ging langsam und stockte endlich ganz. Da wurde mir plötzlich klar, daß ich den Pentameter ganz aufgeben und nur Hexameter dichten sollte, wodurch der epische Charakter der Sage sich offenbar noch vortheilhafter herausstellen mußte. Als ich nun aber die Umgestaltung mit den schon gemachten Versen vornehmen wollte, fand ich sehr begreiflich große Schwierigkeiten, da ich mir Mühe genug hatte geben müssen, die Pentameter[429] herauszubringen. Darüber wurde ich verdrießlich, und die ganze schöne Arbeit unterblieb. Von meinen älteren Freunden lebte damals Wilhelm Klee als Regierungsreferendarius zu Merseburg einige Jahre in meiner Nähe. Wir veranstalteten durch briefliche Verabredung Zusammenkünfte am Sonntag Nachmittag in einer Schänke bei der langen Brücke, die ziemlich in der Mitte zwischen Halle und Merseburg über die Saale führt, so daß Jeder die Hälfte des Weges zu machen hatte. Jean Paul, Heinrich Jacobi, Tennemann's große Geschichte der Philosophie blieben die Hauptthemata unserer Unterhaltung. Klee hat später lange in Posen als Regierungsrath gelebt. Er wurde kirchlich orthodox und hat auch als Schriftsteller in diesem Sinn gewirkt. Wir blieben aber, trotz unserer großen Differenzen auf dem kirchlich-politischen Gebiet, immer Freunde. Ich sah den guten Menschen, dessen aufrichtige Frömmigkeit nichts Düsteres an sich hatte, zuletzt 1849 in Berlin, wo er sich einige Tage aufhielt und ich noch am letzten Abend mit ihm einem Concert in Sommer's Local beiwohnte. Ich sollte ihn nicht wiedersehen, denn er starb einige Jahre später an einem Hirnleiden. Die Julirevolution erschütterte 1830 ganz Europa und äußerte auf das jüngere Geschlecht einen gewaltigen Einfluß, der von Heine wohl am Treffendsten geschildert ist. Besser übersetzte Delavigne's Nationalhymne in Deutsche Verse. Bei meinem Aufenthalt in Berlin im September wurde ich Augenzeuge der revolutionären Bewegung, welche sich hier als ein Rückschlag der Pariser in den Massen vollzog. Ich war mit meiner Braut und einer Schwester derselben nach Tivoli, einem damals sehr beliebten Vergnügungsort am Kreuzberge, gefahren. Wir fanden die sonst so stark besuchten Gärten und Hallen trotz des schönen Wetters menschenleer. Als wir eben beim Abendbrod saßen, bemerkten wir eine eigenthümliche Unruhe. Die wenigen Menschen, die im Local vorhanden waren, sprangen von ihren Sitzen auf. Man drängte sich um einzelne Personen, die aus der Stadt kamen und den Zustand in derselben geradezu als den Ausbruch einer Revolution schilderten, die zu einem Kampf mit den Truppen führen würde. Tausende von Menschen seien mit wildem Geschrei vom Thiergarten die Linden herab nach dem Schloßplatz gezogen. Sie hätten die Laternen zerschlagen[430] und Steinwürfe gegen die Fenster des Schlosses gerichtet. Bäckerläden würden gestürmt. Der Generalmarsch werde geschlagen. Schon fange man an, Barricaden zu bauen. Ich war in der größten Verlegenheit. Sollte ich die Unsrigen in der Stadt in Ungewißheit lassen, was aus uns geworden? Der Kutscher weigerte sich, zu fahren, da er fürchtete, daß man ihm die Pferde ausspannen und seinen Wagen auf eine Barricade werfen werde. Meine Begleiterinnen waren voll unbeschreiblicher Angst in dieser für sie so neuen und drohenden Situation. Ich entwarf endlich einen Fahrplan, der uns von dem Hauptstrom der Bewegung so viel wie möglich entfernen mußte, und bewog den Kutscher, gegen das Versprechen eines hohen Trinkgeldes, zu fahren. Mit Noth und Mühe, nicht ohne Gefahr, kamen wir auf Umwegen durch das in allen Straßen wogende Gewühl nach Hause. Als es Mitternacht war, wagte ich mich zu Fuß in meine Wohnung am Alexanderplatz. Hier fand ich die Truppen marschbereit aufgestellt. Sie hatten ihre Gewehre in Piquets zusammengesetzt und gingen zwischen ihnen in fieberhafter Spannung umher, jeden Augenblick zum Antreten commandirt zu werden. Das Volk wußte noch nicht, was es wollte. Es war noch kein bestimmter Ruf formulirt; es fehlte noch an Führern; bei Vielen war es nur die Neugierde, welche sie auf die Straße trieb. Aber die unsinnigsten Gerüchte fanden Glauben. Von Zeit zu Zeit kamen starke Patrouillen, die Massen zu durchbrechen und einzelne Verhaftungen vorzunehmen. ? Als ich auf meinem Zimmer bei der Wittwe Golde angelangt war, blickte ich noch eine Stunde lang aus dem Fenster, bis die Natur durch das Bedürfniß des Schlafes mich in's Bett trieb. Auch in Revolutionen muß man schlafen, muß man essen und trinken! Während ich erschöpft in Schlummer versank, hörte ich noch den Hufschlag der Pferde einer Cavalleriepatrouille, welche über die Alexanderbrücke ritt. Da die Perspective meines Zimmers zu verlockend war, so hatte ich am nächsten Morgen den Besuch der Herren zu erdulden, die ebenfalls als Chambregarnisten bei Madame Golde, aber tiefer am Canal hinab, wohnten. Einer derselben, ein Weinreisender, überbot die Anderen in den fabelhaftesten Hypothesen über diese sogenannte »Schneiderrevolution.« Diese dumpfe Gährung dauerte ein paar Tage, bis die Berliner sie[431] langweilig fanden. Sie war jedoch ein unverkennbares Symptom der Sympathieen, deren sich die liberale Partei im Volk erfreute. ? Ich hatte nebenher im Sommer 1829 auf Ersuchen Reinecke's eine vierte Ausgabe von Maaß' Rhetorik veranstaltet und eine Vorrede dazu geschrieben, worin ich auch die politische Beredsamkeit erwähnte. Diese Worte legen Zeugniß von dem Interesse ab, welches auch in mir sich für die Entwickelung des Verfassungslebens zu regen begann. Doch überwog noch das religiöse und kirchliche, und erst in Königsberg fing ich an, tiefer in das politische Element mich einzulassen, namentlich seitdem ich zu dem Oberpräsidenten von Preußen, Theodor von Schön, in ein persönlich intimes Verhältniß getreten war. Zufällig wurde ich in Berlin mit einem jungen Buchhändler Langewiesche aus Iserlohn bekannt. Er war ein sehr ernster, vielseitig gebildeter, liebenswürdiger Mann, der sich später auch als lyrischer Dichter vortheilhaft bekannt gemacht hat. Er wünschte Verlag von mir zu übernehmen. Ich fiel darauf, ihm mein geistliches Nachspiel zum Faust anzubieten. Er nahm es an. Es wurde in Leipzig gedruckt. Als es aber in Iserlohn die Censur passirte, verweigerte der Censor, Consistorialrath Hasenclever, das Imprimatur, weil er in dem kleinen Drama eine Verhöhnung der Religion erblicke. Langewiesche sandte mir dies Decret zu, damit ich mich an das Obercensurcollegium in Berlin, damals unter dem Directorium eines Herrn von Raumer, wenden sollte. Ich that dies, indem ich ausführte, daß der Herr Consistorialrath Religion und Theologie mit einander verwechsele. Nicht die Religion, sondern die theologischen Parteien, welche die Idee derselben zu Zerrbildern herabgebracht hätten, seien von mir lächerlich gemacht. Die Rothstiftstriche des Censors, der immer nur Tagespointen der Rationalisten, Supranaturalisten und Mystiker angemerkt hätte, seien der thatsächliche Beweis dafür. Nach einigen Wochen empfing ich den Bescheid, daß es bei dem Urtheil des Herrn Hasenclever sein Bewenden haben müsse. Ich war außer mir, denn ich hatte eine solche Blindheit in Berlin nicht für möglich gehalten. Dies war mein erster Kampf mit der Censur. Es blieb nun nichts übrig, als daß Langewiesche das Büchlein einer Leipziger Firma zum Vertrieb übergab. Verboten wurde dasselbe in Preußen nicht. Ich staune jetzt, daß ich[432] damals gewagt habe, es Göthe zu widmen, ohne bei ihm vorher anzufragen, indem ich ganz einfach nur die Worte: An Göthe, gefolgt von einem Dedicationssonnet, drucken ließ. Ich hatte in dem Sonnet gesagt, daß Göthe mir erlauben wolle, seinem Dom eine kleine Capelle anbauen zu dürfen. Wolfgang Menzel, der mich als einen Hegelianer stets feindselig behandelt hat, sagte in seinem Literaturblatt ganz witzig, ich hätte dem Göthe'schen Faust eine theologische Nachtmütze aufgesetzt, und Zelter schrieb an Göthe, ich käme ihm wie ein Glöckner vor, der die Glocke läutet, damit die Leute sich das Heil rechten Orte selbst holen möchten. Da ich die theologischen Parteien so keck angegriffen hatte und als Philosoph für einen Hegelianer galt, so durfte ich auf wenig Gunst rechnen. Doch wurde sie mir im Stillen zu Theil, denn mein kleines Drama war, wenn auch einseitig, der Anfang der Fortsetzungen des Faust in einem zweiten Theil, woran sich hinterher so Viele versucht haben. Ich gab Langewiesche aber auch eine wissenschaftliche Arbeit in Verlag. Es war dies eine Schrift über die Naturreligion; ein philosophisch-historischer Versuch über die Religion der sogenannten wilden Völker. Mein Interesse für dieselben war durch die vielen Reisebeschreibungen, die ich gelesen hatte, stets ein sehr großes gewesen. Ich verfügte über ein bedeutendes empirisches Material. Ich zeigte, daß die Elemente der Religion bei den Naturvölkern, wie sehr sie durch Race, Klima und Localität verschieden seien, doch im Wesentlichen übereinstimmte, und führte dies besonders im Begriff der Zauberei durch. Ich behauptete aber auch, daß diese Gestaltung der Religion als ihre primitive auch ihre nothwendige Urgestalt sei. Hierdurch trat ich mit dem Supranaturalismus in den schroffsten Widerspruch, allein die weitere Entwickelung der Geschichte der Religion hat meine Ansicht bestätigt. Ich will von den jüngeren Forschungen auf diesem Gebiet nur die von Waitz in Marburg und Gerlandt in Magdeburg anführen. Uebrigens war mein Buch, obwohl im Geiste der Hegel'schen Philosophie gedacht, doch in einer Sprache geschrieben, welche den Schulstaub bereits von den Füßen abgeschüttelt hatte. Es war und ist für jeden Gebildeten lesbar und ist, trotz des halben Jahrhunderts, das seit seiner Abfassung verflossen ist, noch jetzt weder dem Inhalt, noch der Form nach, veraltet.[433] Amazon.de Widgets Ich würde jetzt über ein viel größeres und noch interessanteres Material, besonders für Afrika, verfügen können, aber in der Bestimmung und Darstellung der Grundbegriffe wenig zu ändern vermögen. Bei einigen jüngeren Theologen, wie z.B. Usteri's Paulinischer Lehrbegriff zeigt, zündete es, allein das wohlfeile Vorurtheil, welches die Theologen verbreiteten, daß ich dem Stoff durch die Hegel'sche Dialektik Gewalt angethan, verdrängte das Buch bald von der Bühne des Tages. Nur einzelne Forscher, Fallati, Wuttke, Schulze, haben es von Zeit zu Zeit wieder in Erinnerung gebracht. Wenn ich vorhin sagte, daß ich durch meine Arbeit mit dem Supranaturalismus in den schroffsten Widerspruch getreten sei, so will ich dies noch kurz erläutern. Der Supranaturalismus betrachtet die Religion der Naturvölker nicht als eine nothwendige Form, welche die Religion auf der Stufe anfänglicher Bildung annehmen müsse. Er erblickt nur Aberglauben und Abirrung von der geoffenbarten Religion darin. Nun ist keine Frage, daß wir von unserem Standpunkt aus Recht haben, die sogenannten Wilden als abergläubisch, d.h. als Menschen anzusehen, welche sich mit ihren religiösen Vorstellungen im Irrthum befinden. Ist denn aber in diesem Irrthum gar keine Wahrheit? Wenn wir alle Jahrtausende hindurch, aus denen wir eine geschichtliche Ueberlieferung besitzen, wenn wir bei allen Naturvölkern überall dieselben religiösen Elemente: den Glauben an weissagende Träume, an die Aussprüche und transcendente Macht der Zauberer, an Fetische, an die Geister der Verstorbenen, an die Kraft der Opfer, antreffen, und wenn sich diese nämlichen Elemente auch auf höheren Stufen der Religion wieder als Momente derselben darbieten, so werden wir doch wohl eine so constante Erscheinung nicht für zufällig halten können. Der religiöse Proceß, wie er aus dem Bewußtsein und aus der Freiheit der Menschen entspringt, ist in seinem Wesen überall und zu allen Zeiten derselbe. Mein Bemühen ging nun dahin, aus den psychologischen und ethischen Gesetzen der menschlichen Natur den wahrhaft religiösen Inhalt auch in der uns zunächst fremd erscheinenden Form der Naturreligion nachzuweisen. Das Bizarre und Groteske, das Wilde und Grause, das Dürftige und Verkommene in diesen Gestalten darf uns[434] das Princip nicht verkennen lassen, aus welchem sie hervorgehen. Unsere Missionare gehen an die Bekehrung der Naturvölker oft mit der ganz rohen und unwahren Vorstellung, im Glauben derselben nur ein Werk des Teufels zu erblicken, der sie in den Banden eines verächtlichen Aberglaubens gefangen halte. Eine richtigere philosophische Auffassung würde ihnen ihr Geschäft sehr erleichtern. Nicht selten tauschen die Bekehrten für ihren naturalistischen Aberglauben auch nur einen andern ein, der sich den Namen des Christenthums giebt. Umgekehrt werden die Zauberer und Priester von den Missionaren in der Regel für aufgeklärte, hab- und herrschsüchtige Subjecte gehalten, welche absichtlich den Aberglauben des Volkes pflegen, im Stillen aber darüber lachen. Sie sind aber selbst in dem Glauben befangen, aus welchem heraus sie Wunder thun, und es ist ein Irrthum, sie, weil sie erfahrene und kluge Männer sind, für Betrüger zu halten. Erst im Verkehr mit Europäern bilden sich Einzelne zu solchem Jesuitismus fort. Während ich mich nun in die elementarsten Anfänge aller Religionen versenkte, beschäftigte mich zugleich die neueste Gestalt, welche das Christenthum im Protestantismus angenommen hatte, auf das Lebhafteste. Dies war wiederum Schleiermacher's Glaubenslehre. War ich auch durch Hegel's Phänomenologie principiell von ihr losgerissen, so war sie doch zu tief in mein Gemüth eingelebt, als daß ich nicht unaufhörlich noch den Kampf mit ihr fortzusetzen gehabt hätte. War doch auch nicht Weniges in ihr, dem ich aus voller Ueberzeugung zustimmen mußte. Ich krankte noch immer an der Schönseligkeit, wie Hegel sie in dem Kapitel der Phänomenologie beschrieben hat, welches betitelt ist: »Das Gewissen, die schöne Seele, das Böse und seine Verzeihung.« Wer dies nicht gelesen hat, kann sich von der moralischen und religiösen Tiefe Hegel's gar keine adäquate Vorstellung machen. Mich hatte es im Innersten gepackt. Der Zustand, in welchem ich mich befand, war darin mit einer Klarheit geschildert, die mich zermalmte. Aber es war nicht leicht, aus ihm herauszukommen; denn es handelte sich darin um das Höchste, um die Reinheit der Gesinnung. Was die alte Persische Religion ihren Bekennern zugerufen hat, rein zu sein in Gedanke, Wort und That, das schwebte mir in dem Vorbilde[435] Christi als Ideal vor, dem gegenüber ich mich nur als einen Sünder verwerfen mußte, der bald so, bald so sich befleckt hatte. So lange ich am frühen Morgen für mich allein war, so lange ging es leidlich. Sowie ich aber im Laufe des Tages in's Handeln hineinkam, ließ ich mich bald in diese, bald in jene Schwäche und moralische Verirrung fallen, die, wie subtil sie oft sein mochten, doch der Heiligkeit widersprachen, die ich als meine Pflicht anerkennen mußte. Das Bewußt sein hierüber machte mich selbst höchst unglücklich, und ich sah ein, daß, gar nicht zu handeln, der naheliegende Ausweg war, wie Hegel ihn richtig geschildert hatte. Da aber Thatlosigkeit unmöglich war, so kam ich aus der Entzweiung immer nur relativ und momentan heraus. ? Ich hatte in Heidelberg in meinem kleinen Faustdrama die schöne Seele bitter zu persifliren nicht vergessen, allein das verschlug nichts. Die Sehnsucht, mein ganzes Dasein zu einem göttlichen Kunstwerk zu machen, flammte immer wieder in mir auf. Ebenso aber hörte die Reflexion nicht auf, mir, wenn ich mich mit meinem Urbilde, mit Christus, verglich, in meiner empirischen Wirklichkeit das Zerrbild zu zeigen. Wie oft mußte ich mir mit Paulus sagen, daß ich that, was ich nicht wollte, und daß ich nicht that, was ich wollte. Der Ausdruck: schöne Seele, hat auch einen guten, positiven Sinn, in welchem, wie ich später gefunden habe, Hegel ihn auch gebraucht, dann aber das Wort: wahrhaft, hinzufügt. Am angeführten Ort hat er ihn aber unstreitig mit Anspielung auf die Bekenntnisse einer schönen Seele in Göthe's Roman von Wilhelm Meister's Lehrjahren negativ genommen, die furchtbare Seelenqual zu bezeichnen, welche dadurch entsteht, daß man, statt einfach seine Pflicht zu thun und sich an die Sache zu halten, immer in die Bespiegelung seiner Innerlichkeit zurückfällt und, um mit Hamlet zu reden, der Farbe der Entschließung die Blässe des Gedankens ankränkelt. Die große Gesinnung, mit welcher Hegel das Bekenntniß und die Vergebung des Bösen aufgefaßt hat, war ein Balsam für mein wundes Herz gewesen. Hegel zeigt, wie die Schönseligkeit die Eitelkeit in sich berge und selber böse werde. Ich mußte ihm Recht geben, daß die anhaltende polizeiliche Beschäftigung mit unsern Sünden uns in die Gefahr eines sentimentalen Pharisäismus wirft. Trotz alledem kam ich von dem Kampfe überhaupt nicht[436] los, und als Menschen können und sollen wir's auch nicht. Wir beten im Vaterunser alle Tage, daß Gott uns nicht versuchen, sondern vom Bösen erlösen wolle. Aber die Schönseligkeit als eine Abstraction von Leben und Handeln soll nicht sein. Sie soll, als Kritik, in unserem Gewissen nur ein Moment ausmachen und uns nicht mit dem Wahn einer Unfehlbarkeit theils schmeicheln, theils ängstigen. Als Schriftsteller war ich mit dem resoluten Ton aufgetreten, der aus der Ueberzeugung entspringt, daß man dem Bösen, als einem in sich selbst Nichtigen, keinen falschen Werth geben solle, aber als Mensch war ich noch in einen schönseligen Pietismus, in den härtesten Kampf meines Bewußtseins zwischen Sünde und Gnade eingetaucht. Es ist entsetzlich, daß die empirische Existenz des Bösen nie wieder ungeschehen gemacht werden kann und mit ihren Folgen in alle Zukunft fortwirken muß. Es ist noch entsetzlicher, daß das Böse, was wir gethan, von uns nie vergessen werden kann. Es ist daher das einzige Glück, daß wir das Böse geistig zu vernichten, d.h. zu bereuen und daß Andere, welche wir dadurch gekränkt, uns unsere That vergeben vermögen. Die christliche Kirche erklärt sogar den Zweifel an der Möglichkeit der Vergebung der Sünden selber für Sünde. Als nun Schleiermacher 1830 seine Glaubenslehre auf's Neue herausgab, erbat ich mir von der Redaction der Berliner Jahrbücher für Kritik ihre Beurtheilung. Ich wollte, was mich so tief bewegte, öffentlich im Kampf mit Schleiermacher selber zur Sprache bringen und hoffte dadurch in meiner Selbstbefreiung einen großen Schritt vorwärts zu thun. Damals war mir dieser Schritt so natürlich, daß ich gar nicht daran dachte, wie vermessen es von mir war, mit dem großen Schleiermacher mich in einen Kampf einzulassen. Im Gegentheil erwartete ich sehnlichst eine Replik von ihm, wie herbe sie auch ausfallen mochte. Ich nahm übrigens die Gelegenheit wahr, ein möglichst vollständiges Bild von Schleiermacher aufzustellen, um die Entstehung seiner Glaubenslehre genetisch nachzuweisen. Dies mit Liebe ausgeführte literarische Bild des trefflichen Mannes hat auch jetzt noch seinen Werth und hat, seit ich meine Kritik 1836 in einem Sonderabdruck habe erscheinen lassen, vielen ähnlichen Schilderungen den Weg gebahnt.[437] Weder Schleiermacher, noch einer seiner Schüler haben meine Kritik widerlegt. ? Ich war in den Berliner Jahrbüchern 1829 zuerst mit einer Kritik über eine Apolegetik des Professors und Consistorialraths Sack in Bonn aufgetreten. Ich hatte Glück damit gehabt. ? Alle ersten Schritte sind für uns von größter Wichtigkeit. ? Man vertraute mir Schleiermacher's Glaubenslehre an. Nach Allem, was ich früher über die Stellung von Schleiermacher und Hegel an der Berliner Universität gesagt habe, wird man mir wohl zugeben, daß meine Kritik eine für Hegel und seine Philosophie entscheidende Bedeutung hatte. Die psychologische Analyse, die ich vom Wesen des Gefühls machte, mußte hier den Ausschlag geben, weil Schleiermacher's Standpunkt der des Abhängigkeitsgefühls war. In Betreff der einzelnen Dogmen hätte ich ebenfalls den psychologischen Unterschied von Vorstellung und Gedanke zum leitenden Kriterium machen sollen, fiel aber mehr in's Dogmatische, weil Schleiermacher auf dem Titel seines Buches von den Grundsätzen der evangelischen Kirche auszugehen behauptete. Als Schleiermacher auf Veranlassung der Feier der Uebergabe der Augsburger Confession 1830 in einen Streit über die Bekenntnißtreue der Geistlichen gerieth, beurtheilte ich denselben ebenfalls in den Jahrbüchern. Jetzt wundere ich mich, daß ich auch hier nicht auf jenen Unterschied als den eigentlichen Grund des ganzen Streites, zurückging. Schleiermacher hatte behauptet, daß ein Geistlicher die Symbole einer Kirche recitiren könne, ohne von ihrer Wahrheit überzeugt zu sein, indem er sich sagen müsse, Worte zu verlesen, die für ihn gar keinen Sinn hätten. Er handle hier nur als ein von der Gemeinde zu einem liturgischen Act Beauftragter, der privatim eine ganz andere Meinung haben könne. Ja, er ging so weit, die Aufstellung eines Symbols überhaupt zu verwerfen. Seine Freunde wandten gegen ihn ein, daß sein Indifferentismus gegen die Bekenntnißschriften einer Gemeinde zuletzt den Protestanten berechtigen würde, bei den Katholiken Messe zu lesen. Die Lage der Dinge war und ist hier in der That eine schwierige. Die Union hat die schroffe Entgegensetzung der Lutherischen und reformirten Kirche aufgehoben, aber noch keine neue, positive Einheit derselben hervorgebracht, die sich in einem Symbol hätte darstellen müssen.[438] An die Stelle eines solchen war die königliche Agende getreten. Wie ich dies liturgische Werk ansah, habe ich früher berichtet. Nachdem sie so großen Erfolg gehabt, begriff ich, daß sie ein Bedürfniß befriedige. Sie war der Ausdruck der gemeinschaftlichen Indifferenz der beiden Confessionen. Auch Schleiermacher, der sie als Pacificus sincerus kräftig bekämpft hatte, konnte ihre historische Berechtigung nicht mehr leugnen, stieß sich nun aber an die Aufnahme des Apostolischen Symbolums in dieselbe, weil er hier die Empfängniß Christi durch den heiligen Geist und die Höllenfahrt Christi mit seiner Theologie unvereinbar fand. Hier müsse der Geistliche etwas öffentlich aussprechen, was er gar nicht verstehe. Ich behauptete nun, daß man sich bei jenen Worten sehr wohl eine Idee denken könne, welche dem Begriff des Christenthums nicht widerspräche. Ich gab dabei Schleiermacher zu, daß meine Auslegung eine allegorische sei, da ich so wenig wie er dabei an eine sinnliche Thatsache denken könne. Christus, der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, lehrt ausdrücklich, daß der heilige Geist von dem Vater und von ihm zugleich ausgehe, und hier wird er ? der heilige Geist ? als derjenige vorgestellt, der ihn im Schooß Maria's hervorbringt. Wir sehen, wie der Anstoß, den Schleiermacher genommen, bis auf unsere Tage, bis auf Lisco und Sydow in Berlin, fortdauert. Aber er wird auch weiterhin fortdauern, weil die Vorstellung der Phantasie zwar nicht dem Inhalt, wohl aber der Form nach, dem Begriffe widerspricht. Die Orthodoxie will die sinnliche Thatsache retten, welche für die Religion gar keinen Werth hat. Sie ist in diesem Punkt von äußerster Reizbarkeit. Das Aufgeben des Glaubens an den sinnlichen Vorgang scheint ihr ein Aufgeben des Glaubens an die Wahrheit selber zu sein. Hier wird es noch vielen Kampf kosten, die Denk- und Gewissensfreiheit der protestantischen Kirche mit der Tradition auszusöhnen, denn das Apostolische Symbolum, obwohl es keineswegs von den Aposteln herrührt und erst später in Umlauf gekommen ist, würde nie kanonisch geworden sein, wenn es nicht den Cyklus der ursprünglichen Vorstellungen der Christen in eine für die Phantasie allgemein faßliche Form zusammengefaßt hätte. Wie oft sollte ich in meinem Leben noch dem Dualismus der Phantasie und des Verstandes auf dem religiösen Gebiet begegnen![439] In Halle selber hatte ich damals an Tholuck interessante Erfahrungen darüber zu machen. Tholuck war ein Jahr lang in Rom interimistischer Prediger bei der dortigen Gesandtschaft gewesen. Er hatte sich in dieser Zeit außerordentlich fortgebildet. Ich erregte seine Aufmerksamkeit. Er besuchte zuweilen mein Collegium über Religionsphilosophie, lud mich öfter zu sich ein und holte mich auch einige Male zu Spaziergängen ab. Hier kam es bald zum theoretischen Bruch zwischen uns, denn persönlich sind wir einander nie feindselig entgegengetreten, und bei meinem Fortgang von Halle habe ich ihm meinen freundschaftlichen Abschiedsbesuch gemacht. Es ist bekannt, wie Tholuck auch für Scherz und Witz empfänglich, wie witzig er selber war und wie glücklich er dahin strebte, der Unterhaltung stets einen anregenden, geistlich oder gemüthlich fruchtbaren Inhalt zu geben. Sein Studium der Persischen Mystiker, von denen er so treffliche Uebersetzungen gegeben, führte uns häufig auf den Pantheismus und auf das Verhältniß der Hegel'schen Philosophie zu demselben. Eines Tages aber, als wir auf der Merseburger Chaussee einherwanderten, bediente ich mich des Ausdrucks, vom alten Protestantismus zu sprechen. Tholuck fragte mich, was ich denn für den neuen hielt? Nun rückte ich kurzweg mit dem Bekenntniß vor, daß ich denjenigen Protestantismus den neuen nenne, der weder an Wunder, noch an Engel und Teufel glaube. Tholuck blieb sofort bei dem letzteren stehen und wir geriethen nun in eine lebhafte Controverse, welche die zwischen unserem Glauben bestehende Kluft bloß legte, so daß wir an eine weitere Verständigung nicht denken konnten. Tholuck erklärte sich für das unbedingte Festhalten an der Confessio Augustana. Wir gingen nicht wieder zusammen spazieren. Wir disputirten auch nicht mehr, wenn wir uns einmal zufällig, z.B. beim Abendessen in der Montagsgesellschaft, trafen. Tholuck gab auch einen Literarischen Anzeiger heraus, für welchen er meine Betheiligung dringend wünschte. Ich gab ihm eine Kritik von Friedrich Schlegel's Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, die ihm zusagte, weil ich darin gegen Schlegel's reformationsfeindlichen Katholicismus Front machte. Hierauf bat er mich um eine Kritik der zweiten Ausgabe der Logik von Heinrich Ritter. Ich übernahm sie. Er schickte aber meine Recension an Ritter, mit dem er befreundet war,[440] zu hören, ob er nicht Einwendungen dagegen zu machen habe. Natürlich hatte er sie zu machen. Tholuck theilte mir die mit Randglossen beschriebene Recension wieder mit, Remeduren vorzunehmen. Dazu konnte ich mich nicht verstehen. Die Recension blieb ungedruckt und ich schrieb nichts weiter für den Anzeiger. In Halle war damals die ganze Atmosphäre von theologischen Interessen inficirt. Mein vorzüglichstes Collegium war und blieb dort die Religionsphilosophie. Nur langsam ging ich dazu fort, auch ein Collegium über allgemeine Geschichte der Philosophie zu versuchen, und erst im Sommer 1833 gelangte ich dazu, auch die Aesthetik in Angriff zu nehmen. Die Gegenstände, welche ich für die Berliner Jahrbücher behandelte, betrafen ebenfalls ? mit Ausnahme einiger auf die altdeutsche Literatur bezüglichen ? die speculative Theologie, und so ist es denn wohl erklärlich, daß ich darauf verfiel, eine Encyklopädie der theologischen Wissenschaften zu verfassen und 1832 herauszugeben. Schon der Titel verräth, daß ich damit ein Seitenstück zu Hegel's Encyklopädie der philosophischen Wissenschaften liefern wollte. ? Ich staune jetzt in meinem Alter auch über diese Kühnheit, aber damals schien mir nichts natürlicher und nothwendiger. Wenn ich mich einmal in eine Idee verloren hatte, so verschwand bei mir jede äußere Rücksicht. Das Neue meiner Arbeit bestand darin, daß ich die gesammte Theologie ihrem Inhalt nach als ein organisches Ganze darzustellen versuchte und die einzelnen Wissenschaften nicht blos, wie man zu thun pflegte, methodologisch und literar-historisch besprach. Das war nun zwar einerseits keine ganz geringe Leistung, andererseits aber, für den pädagogischen Zweck der Encyklopädie, eine ganz ungeschickte Auffassung. Nichtsdestoweniger machte das Buch durch seine Frische und seinen Freimuth eine gewisse Epoche. Ich habe 1845 eine zweite Ausgabe davon veranstaltet, die im Inhalt wie in der Form viel gediegener und worin namentlich die speculative und die praktische Theologie ganz umgearbeitet ist; allein sie hat trotzdem nicht den Erfolg der ersten gehabt, welche von dem Protestanten Pelt und dem Katholiken Staudenmaier nachgeahmt wurde. Als ein literarisches Curiosum will ich erwähnen, daß David Strauß in den Berliner Jahrbüchern mein Recensent wurde. Dies erste kritische Debut Strauß' zeigte schon die[441] ganze Weite und Tiefe seiner Richtung und markirte schon leise die Punkte, wo wir später auseinandergehen würden. ? Tholuck konnte nun schwarz auf weiß lesen, was ich unter dem neuen Protestantismus dachte, denn ich hatte in meinem Buche gleichsam ein motivirtes Bekenntniß desselben abgelegt. Amazon.de Widgets So hatte ich mich nun durch die Arbeit über die Geschichte der Deutschen Poesie im Mittelalter von der Romantik meiner Jugendträume, durch die theologische Encyklopädie aber von der Romantik der Theologie befreit und vermochte nunmehr um so unbefangener und selbstbewußter mich der philosophischen Wissenschaft zuzuwenden, wie dies auch in der Erweiterung des Kreises meiner Vorträge zur Erscheinung kam. Wenn es gewöhnlich ist, daß junge Docenten der Philosophie mit dem Vortrag der Logik, auch wohl der Psychologie, anfangen, so habe ich einen ganz umgekehrten Weg der Bildung genommen. Ich begann von den höchsten Gebieten her. Religion, Ethik, Geschichte der Philosophie, Aesthetik, folgten sich bei mir im Laufe von fünf Jahren, und erst in Königsberg ging ich, weil mein Amt es forderte, zur Logik und Psychologie über. 
 XX. Heinrich Stieglitz. Die Geschichte der Poesie.  [465] Ich war zuerst mit poetischen und literarischen Arbeiten aufgetreten. Durch Hofrath Gruber war ich sodann veranlaßt worden, Schriften aus diesem Gebiet in der Halleschen Literaturzeitung zu recensiren. Hiervon war die weitere Folge, daß auch die Berliner Jahrbücher mir solche Aufgaben zumutheten. ? Von hier ab hat mich die Deutsche Belletristik nicht wieder losgelassen, mir ihre Producte zur Kritik unterzubreiten, bis ich vor etwa zehn Jahren jedes Ansinnen solcher Art ganz entschieden ablehnte. Ich war es müde geworden, Manuscripte zu lesen und Erstlingsversuche zu beurtheilen. Ich war es noch müder geworden, den Dichtern oder Philosophen Verleger für ihre Schöpfungen zu empfehlen. Von allen Bitten, die im Leben eines Schriftstellers zu den unangenehmen gerechnet werden müssen, sind die unangenehmsten die, welche die Noth um einen Verleger hervorruft. Nur die Bitte dramatischer Autoren, ihre Trauerspiele auf einer Bühne zur Aufführung bringen zu helfen, übertrifft sie noch an Peinlichkeit. ? Es ist übrigens unglaublich, wie viel Verse in Deutschland gemacht werden, und noch unglaublicher, wie viel von diesen Versen wirklich zum Druck gelangen. Der größte Theil dieser Dichtungen ist nur eine mehr oder weniger geschickte Reproduction schon vorhandener, als classisch anerkannter Muster. Das Genie ist, der Natur der Sache nach, selten. Nun halten sich aber die Dichter in der Regel für Genie's. Sie haben über den Werth ihrer Production, was auch ganz begreiflich, kein klares Urtheil, sondern nur das Vorurtheil, daß man sie vortrefflich finden müsse. Dies ist der schwierige Punct für den Kritiker. Wenn er lobt, ist man mit ihm zufrieden. Tadelt er aber, oder verwirft er wohl die[466] ganze Poeterei, so hat er sich damit einen unversöhnlichen Feind geschaffen. Man hat zwar von dem Kritiker die Wahrheit zu hören gewünscht, allein wenn er sie aufrichtig ausspricht ? sei es auch im höflichsten Ton ? so fühlt man sich beleidigt. Das verletzte Selbstgefühl reagirt, und der Kritiker, dessen Urtheil man soeben noch mit größter Bescheidenheit, mit unbedingtem Vertrauen als maaßgebend anrief, wird plötzlich zum beschränkten Menschen, der das Neue, das Große, das Bedeutende, das Geschmackvolle der höchst interessanten Dichtungen nicht zu fassen vermag. Man geht auch wohl noch weiter und beschuldigt ihn des üblen Willens. ? Ich kann mir nun das Zeugniß geben, daß ich mit aller Höflichkeit der Wahrheit treu zu bleiben gestrebt habe. Hiervon aber ist die Folge gewesen, daß sehr viel Personen, die meine Auctorität erbeten hatten, gegen mich, um es ganz gelinde auszudrücken, verstimmt wurden. Zuweilen gerieth ich mit den Verfassern ganz unmittelbar in üble Lage. So mit einem Mann, Namens Heidelberg, der ein großes Gedicht: »Orpheus« hatte drucken lassen, das von der Leipziger Kritik günstig aufgenommen war. Dieser Mann kam nun mit einem zweiten epischen Gedicht im Manuscript: »Jesus Christus«, zu mir. Er besuchte mich wiederholt, aber ich konnte seinem Werke keinen Geschmack abgewinnen, worüber er schließlich ganz außer sich wurde. Nach einer heftigen Scene kam er glücklicher Weise nicht wieder. Schlimmer erging es mir mit einem Studenten, der unstreitig Talent für das Drama besaß. Ich hatte ein Trauerspiel von ihm gelobt. Er brachte mir ein zweites. Ich ersuchte ihn, zu mir zu kommen, es mit ihm durchzugehen. Es hatte einzelne Schönheiten, allein auch viel Verfehltes und bedurfte starker Remeduren. Als ich ihm dies auseinanderzusetzen suchte, wurde er, weil er vielleicht nur Lob zu hören gekommen war, allmälig so wüthend und unmanierlich gegen mich, daß ich, so schwer es mir wurde, ihm die Thür wies. Ich war auch in Affect gerathen und hatte zuletzt mit fürchterlicher Stimme auf ihn losgescholten. Ich erwartete nun einige Tage nach dem Zuschnitt des damalige Studentenlebens in Halle, daß mir, wie es Leo wiederholt gegangen war, die Fenster eingeworfen werden würden, und bereitete meine junge Frau darauf vor. Doch verzog sich die Sache wieder. Auch verließ ich Halle bald nach diesem Auftritt für immer.[467] Doch sind mir aus der Theilnahme an den Arbeiten Anderer auch sehr erfreuliche Verhältnisse erwachsen, die öfter zu lebenslänglicher Freundschaft sich befestigten. Sehr begreiflich waren es gerade die Talentvolleren, mit denen sich solche Verbindungen schlossen. Ich besaß die Gabe der productiven Kritik, d.h. ich erkannte nicht nur passiv das Gute an, ich tadelte nicht nur polemisch, was mißlungen und verwerflich schien, sondern ich hatte auch eine sympathische Erfindungsgabe, durch welche ich positiv nützlich und förderlich werden konnte. Sobald die Besseren dies wahrnahmen, wuchs ihr Vertrauen zu mir bis zur Rückhaltlosigkeit eben so sehr, als die Schwächeren und mit dem Dünkel der Originalität Behafteten sich gerade hierdurch abgestoßen fühlten. Meine Theilnahme war immer sachlich und uneigennützig, aber sie erblickten in meinen Verbesserungsvorschlägen eine schulmeisterliche Bevormundung, die ihnen unbequem war. Sie zogen sich daher von mir zurück, während die Gemeinschaftlichkeit des Suchens und Gestaltens mit Andern nicht selten zu den interessantesten Gesprächen oder Briefwechseln führte. Manchmal war mir die individuelle Lage des Andern zu fremd, um ihm, trotz meines guten Willens und trotz seiner hingebenden Offenheit, hülfreich werden zu können. So erging es mir mit Enk. Dies war ein Oesterreichischer Mönch, der als Lehrer am Lyceum in Mölk wirkte. Er war ein Freund von Ferdinand Wolf in Wien, und durch diesen wurde er mit mir in Zusammenhang gebracht. Ich empfing von ihm sehr ausführliche Briefe. Ich recensirte seinen Roman: »Don Tiburzio«; seine Theorie der Tragödie, die er unter dem Titel: »Melpomene« herausgab; ich versuchte, auf seine Fragen und Pläne einzugehen, allein es blieb mir immer etwas Undurchdringliches bei ihm zurück, wie es ihm wahrscheinlich umgekehrt mit mir eben so ergangen ist. Nachdem er noch eine recht gründliche Schrift über Lope de Vega und Calderon hatte drucken lassen, stürzte er sich aus Melancholie in die Wellen der Donau, die an dem Felsen vorüberrauschten, auf welchem das Kloster Mölk erbaut ist. Amazon.de Widgets Die Hegel'sche Schule hatte damals auch eine poetische Phase, die sich theils an Göthe, theils an Heine anschloß. Wegen meines Nachspiels zum Faust konnte man mich selber dazu rechnen. Es waren aber vorzüglich zwei Dichter in Berlin, welche sie vertraten: Heinrich[468] Stieglitz und Karl Werder. Den letzteren habe ich persönlich erst 1848 kennen gelernt, mit dem ersteren jedoch war ich durch meinen häufigen Aufenthalt in Berlin schon früher in näheren Verkehr gerathen. Da er mich zuweilen zum Thee zu sich einlud, so machte ich auch die Bekanntschaft seiner höchst liebenswürdigen Frau, die ein so unglückliches Ende nehmen sollte. Stieglitz gab mit Werder einen Berliner Musen-Almanach heraus. Sie luden mich zur Theilnahme daran ein, die ich ablehnen mußte, jedoch den ersten Jahrgang in der Halleschen Literaturzeitung recensirte. Nach dem Vorgang von Göthe und Rückert in ihren Westöstlichen Dichtungen gab Stieglitz in vier Bänden Bilder des Orients heraus, worin er eine Gallerie seiner Nationen von China bis zur Türkei schilderte. Ich recensirte sie in den Berliner Jahrbüchern. Es steckt eine gewaltige Arbeit darin. Ihre Physiognomie trägt einen unverkennbaren Zug aus Hegel's Auffassung der Weltgeschichte. Was er später noch hervorgebracht hat, reicht nicht an sie heran. Seine Frau Charlotte hatte durch ihren Tod ihn auf einen höheren Standpunkt zu erheben gehofft. Der Schmerz über das Opfer, welches sie ihm brachte, sollte seinem krankhaften Streben nach Größe eine entsprechende Kraft verleihen, allein er wurde nur gänzlich dadurch gebrochen. Zwar kämpfte er redlich mit seinem Geschick, allein er siechte in geistiger Schwindsucht hin, irrte unstät umher und starb einsam in Venedig, ohne sich genug gethan zu haben. Obwohl Stieglitz ein Hegelianer geworden war, so blieb er doch als Dichter wesentlich ein Romantiker. Auch sein Schicksal war ein romantisches, ganz im Sinne der Tieck'schen Ironie, denn der Selbstmord seiner Frau, den sie mit heroischer Resignation vollbrachte, ihren Gatten von seiner Hypochondrie zu heilen und ihn mit einer Begeisterung zu erfüllen, wie etwa Dante für seine Beatrice empfand, bewirkte nicht, was er bewirken sollte. Die ganze Zeit war eben noch von der Romantik erfüllt. Gruppe bekämpfte die Hegel'sche Philosophie noch kurz vor Hegel's Tode 1831 mit einer Komödie: »Die Winde oder die absolute Construction«, die halb nach Platen's Romantischem Oedipus, halb nach Tieck's Zerbino organisirt war. Die romantischen Dichter lebten ja auch noch. Lernte ich doch noch Fouqué persönlich kennen, als er sich nach Halle übersiedelte. Wie hätte ich gedacht, als[469] ich mit meiner Schwester in seinen Dichtungen schwelgte, einst die Ehre zu haben, daß der Dichter des Zauberrings mir in der Uniform eines Preußischen Obristen die Visite machen würde, wie dies eines Tages geschah. Fouqué beschäftigte sich in Halle auch mit Philosophie, insofern er eine Biographie des romantischen Philosophen Jakob Böhme drucken ließ, die ich auf seine Bitte in der Halleschen Literaturzeitung anzeigte. ? Es war eine sehr gut gemeinte, aber ganz oberflächliche Arbeit, in welcher von einem Verständniß der Speculation Böhme's keine Spur zu finden war. Aus Verehrung für den Dichtergreis, dem meine Jugend so köstliche Stunden verdankt hatte, behandelte ich sie kurz und mit zarter Schonung. Nun sollte ich aber nicht nur mit werdenden und fertigen Poeten verkehren, sondern ich sollte auch durch eine eigenthümliche Entdeckung zu einer anhaltenden Beschäftigung mit der Geschichte der Poesie vom Sommer 1831 bis zum Sommer 1833 bestimmt werden. Als ich das erste Mal den Versuch machte, die Geschichte der Philosophie vorzutragen, boten mir die Handbücher von Tennemann und von Rixner, die ich früher erwähnt habe, einen sehr willkommenen Anhalt. Eines Tages fiel ich darauf, ob von der Geschichte der Poesie nicht ähnliche Handbücher existirten. Zu meinem Erstaunen konnte ich solche nicht entdecken. Ich fand diese Geschichte theils nur als Specialgeschichte der Poesie der einzelnen Völker, theils als Moment in den Geschichten der Literatur von Meusel und Wachler, theils in den allgemeinen Weltgeschichten, wo sie den Uebersichten der Culturentwickelung der Völker incorporirt waren. Ich fand, daß die Geschichtschreiber in der Regel so verfuhren, daß sie eine kurze biographische Notiz über die Dichter, eine Titelangabe ihrer Werke und ein ästhetisches Urtheil über ihren Styl mittheilten, welches letztere gewöhnlich sich auf bloße Prädikate, wie kühn, glänzend, anmuthig, trocken, schwülstig und dergleichen beschränkte. Von einem höheren Gesichtspunkte, von einer inneren Entwickelung war keine Spur zu finden! Ich entdeckte ferner, daß am Ende des vorigen Jahrhunderts ein Rector des Gymnasiums zu Herford, Hartmann, 1797 und 1798 den ersten Versuch einer allgemeinen Geschichte der Poesie mit äußerster Schüchternheit und Befangenheit gemacht hatte. Er kann in seiner Vorrede sich nicht genug entschuldigen,[470] einen solchen Versuch zu wagen, indem er sich hinter die Kategorie der Nützlichkeit und Brauchbarkeit eines solchen Unternehmens verschanzt. Im Gefühl, wie dürr seine eigene Erzählung ausfiel, wollte er durch Uebersetzung sogenannter Proben aus den Dichtern nachhelfen. Er theilte die ganze Geschichte in drei Perioden; die erste von der Schöpfung bis zur Gründung des Jüdischen Staates 1516 vor Christus; die zweite von hier bis zur Völkerwanderung 496 nach Christus; die dritte von hier bis auf die Gegenwart. Innerhalb dieser Perioden betrachtete er die Völker synchronistisch. Bei der zweiten Periode sah er sich jedoch genöthigt, 336 vor Christus mit dem Macedonischen Reiche noch einen besonderen Abschnitt zu machen. Er hielt dann innerhalb eines jeden Zeitraumes eine Heerschau über die verschiedenen, neben einander hingestellten Völker, d.h. er befolgte die synchronistische Methode. Er blieb aber bei der Völkerwanderung mit dem zweiten Bande stehen. Der dritte Band erschien nicht. Wenn ich nun dies unvollständig gebliebene Buch mit dem Standpunkt verglich, zu welchem sich inzwischen die Deutsche Philosophie für den Begriff der Kunst und besonders der Poesie erhoben hatte, so konnte sich mir nur ein schreiendes Mißverhältniß für die Darstellung der Geschichte der Poesie ergeben. Es ist jetzt Mode geworden, von der romantischen Schule nur verächtlich zu sprechen, allein man wird ihr das Verdienst nicht ableugnen können, die Geschichte der Poesie poetischer, inniger, tiefer, würdiger aufgefaßt zu haben. Herder und Schiller legten den Grund zu der neuen Anschauung; Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Jean Paul, Solger, Wilhelm von Humboldt, hatten dann nach verschiedenen Seiten hin weiter gearbeitet. Meine Belesenheit auf dem ästhetischen und literar-historischen Gebiet war damals wirklich sehr ausgedehnt, und so fiel ich auf den Gedanken, ein Handbuch der allgemeinen Geschichte der Poesie zu schreiben, welches dem Standpunkt der Gegenwart entspräche. Dies geschah auch, und so wurde dies Werk in drei Bänden mit einem Register das erste vollständige Gemälde der Geschichte der Poesie. Ich würde vielleicht nicht den Muth gehabt haben, es zu unternehmen, wenn es mir nicht einerseits unendliches Vergnügen gemacht, andererseits auch eine gute Summe Geld eingebracht hätte, dessen ich gerade sehr bedurfte, weil ich mich im September 1832 verheirathete.[471] Ich habe ökonomisch eigentlich immer nur ein negatives Princip verfolgt, nämlich keine Schulden zu haben, welches durchzusetzen mir auch gelungen ist. Die Kunst des Geldsammelns habe ich nie verstanden. Es ging mir, wie Lessing. Wenn ich Geld hatte, schien es mir höchst entbehrlich, wenn ich es aber nicht hatte, das Unentbehrlichste. Ich war kein Verschwender, allein ich versagte mir eigentlich wenig. Reisen, Bücher, Kupferstiche, Theater und Concerte waren die Gegenstände, für welche ich einen verhältnißmäßig großen Aufwand machte. Auch die Gastfreiheit, die ich gegen Fremde nach damaliger Sitte üben mußte, welche mir ihren Besuch schenkten, verursachte manche Kosten. ? In der humoristischen Vorrede, die ich zum ersten Bande jenes Handbuchs schrieb, habe ich eine verblümte Schilderung meiner damaligen Situation gemacht. Hätte Hegel noch gelebt, so fragt sich, ob ich mich so leichtsinnig in die zu Halle grassirende Schreibseligkeit hätte fallen lassen, um mit einer bloßen Compilation hervorzutreten, in welcher die Philosophie sich auf eine Construction des Stoffes beschränkte. Mit Hegel war die Auctorität verschwunden, die er auf seine Schule übte. Die Anarchie der Schüler begann. Die Strenge der Forderungen kehrte zwar ein Schüler gegen den andern hervor, allein gegen sich selbst wurde man immer nachsichtiger. Ich hatte von der Kritik, so weit sie den vorhegel'schen Standpunkt vertrat, genug zu leiden gehabt. Das unaufhörliche Gerede gegen die Dialektik brachte mich jetzt dahin, sie zwar in der Sache walten zu lassen, sie jedoch nach Außen hin aller Schulform und methodischen Feierlichkeit zu entkleiden. Es kam darauf an, die Resultate der vielen Specialarbeiten mit kritischem Tact richtig auszuwählen und sie in der Einheit der gesammten Anschauung so zu verarbeiten, daß eine harmonische Ausgleichung des Mannichfaltigen, das ich von Andern entlehnte, möglich wurde. Ich citirte die jedesmalige Quelle, aus welcher ich schöpfte und rechtfertigte bei wichtigen Puncten die Gründe, die mich zu meiner Beurtheilung bestimmten. Die außerordentliche Gewandtheit, die ich damals in der Anwendung der dialektischen Methode auf concrete Gegenstände besaß, erleichterte es mir, den ungeheuren Stoff mit glücklichem Instinct zu durchdringen. ? Alles hat in uns seine Epoche, und so bewegte ich mich einige Jahre in einer unendlich fruchtbaren Reflexion[472] über die Erzeugnisse der Poesie. Meine Arbeit war einerseits eine durchaus gelehrte, sofern man unter Gelehrsamkeit ein die Thatsachen einer Sphäre umfassendes, reiches Wissen versteht. Andererseits war sie eine philosophische, sofern ich an die Stelle der rohen Begrifflosigkeit, die ich vorfand, eine Entwickelung setzen wollte, welche in der Erscheinung das Wesen der Idee offenbar machte. Für den inneren Proceß der Poesie verfolgte ich überall ihren Gang von der Naturpoesie zur Kunstpoesie. Die Naturpoesie hebt sich auf, sobald ein Volk zur Schrift gelangt. Sie dauert aber neben der Kunstpoesie als Volkspoesie fort. Wenn die Kunstpoesie sich nicht der Ursprünglichkeit des Volkslebens entfremdet, wie es durch eine einseitige Hofpoesie zu geschehen pflegt, so kann sie als Nationalpoesie den individuellen Gehalt der Volksdichtung mit der Vollendung der höfischen Form vereinigen. Diese classische Popularität ist die höchste Stufe der Ausbildung der Dichtkunst. Für die Eintheilung hielt ich mich an die weltgeschichtliche Trias des Orients, der antiken und der christlichen Welt. Die Orientalische und die Hellenische Poesie sind einander entgegengesetzt. In jener kämpft der Verstand mit der Phantasie. Der Verstand wird didaktisch, die Phantasie phantastisch. Gegen das Zerfließen in diese Extreme macht die Griechische Individualität die schöne Mitte derselben, die absolute Einheit von Inhalt und Form, aus. Das Maaß überwindet die Maaßlosigkeit und setzt sie im Kolossalen zu einem Moment herab, wie die schönen Götter die hunderthändigen Titanen in den Tartarus werfen, über dessen Dunkel sie auf den heiteren Höhen des Olympos thronen. Die christliche Welt macht die Innerlichkeit des Gemüths, die absolute Versöhnung Gottes mit dem Menschen zum Princip. Schon in seinem er sten Auftreten nimmt das Christenthum durch seine heilige Schrift das Orientalische und das Hellenische Element in sich auf. Jedes Volk aber, welches von der christlichen Religion als der Weltreligion einverleibt wird, muß seine Besonderheit mit der Allgemeinheit des Menschlichen durchdringen. In diesem Kampf erneut sich das absolute Ideal in einer höheren Gestalt. Im Orient unterschied ich die Chinesische, die Indische und die Vorderasiatische Poesie. Die erstere ist verständig, die zweite phantastisch,[473] die dritte gemüthvoll. Die beiden ersteren Völker stehen gleichsam als besondere Menschheiten neben einander, bis der Buddhismus aus ihrem Gegensatz, aber in einer nur negativen Weise, zum Gedanken des allgemein Menschlichen in allen Völkern vordringt. In Vorderasien geht die Poesie in der vorchristlichen Zeit von der Hebräischen, in der nachchristlichen von der Muhamedanischen Theokratie aus, welche die Volkspoesie der Arabischen Lyrik und der Persischen Epik in sich aufzehrt, die dramatische Dichtung aber, zu welcher China und Indien gelangten, von sich ausschließt. Amazon.de Widgets In der antiken Poesie ist die Griechische in der Totalität aller Gattungen die wahrhaft schöpferische, die Römische nur eine formelle Fortsetzung derselben. Die Hellenische Kunstdichtung war zugleich Nationalpoesie. In Alexandrien kam sie durch die Kritik zum Bewußtsein über ihre Form und wurde zugleich unter den Ptolomäern Hofpoesie. Die Alexandrinische Poesie macht die Mitte zwischen der volksmäßigen Griechischen Poesie und zwischen ihrer Römischen Nachbildung aus. In der Erotik der Idylle, der Elegie und des Romans, in der Abschilderung des Privatlebens durch das Drama und im theils gnomischen, theils descriptiven Lehrgedicht starb die antike Poesie dahin. Die moderne Poesie ist viel schwerer zu fassen, weil sie aus sehr verschiedenen Elementen entspringt. Die nationale Individualität wird überall durch das Ideal der Humanität durchbrochen, welches die christliche Religion aufstellt. Mit ihrem Glauben verbreitet sich aber zugleich überall eine gewisse Kenntniß der antiken Poesie, welche die Nachahmung der gelehrten Kleriker und später der Humanisten zur Folge hat. Bis zum funfzehnten Jahrhundert überwiegen noch Stoff und Form der ursprünglichen Celtischen oder Germanischen Volkspoesie. Dann steht diese eine lange Zeit der gelehrten Lateinischen oder in der Form der Nationalsprache sich ihr eng anschließenden künstlichen Dichtung gegenüber, bis die moderne Poesie mit selbstständiger Kraft als nationale hervorbricht. ? Ich ging nun von den Romanischen Völkern zu den Germanischen, und von diesen zu den Slavischen über. Unter den ersteren stellte ich die Franzosen voran, weil sie am selbstständigsten ? sowohl dem Inhalt als der Form nach ? die ungeheure Mannichfaltigkeit der neuen Stoffe gestalteten. Durch das verständige Geschick,[474] mit welchem sie sich dabei benahmen, sind sie die Meister der Europäischen Poesie geblieben. Die Italiener erhoben die Poesie zur reinsten Kunstform. Dante bezwang in seinen Terzinen die ganze Scholastik, Petrarca in seinen Sonetten den Minnegesang, Boccaccio in der Prosa seines Decamerone die Novelle, Bojardo, Ariosto und Tasso in der schön gebauten Stanze das heroische Epos zur durchsichtigen Klarheit der Gestalten. Die Plastik des Italienischen Styls war zugleich musikalisch vollendet. Die Oper, das eigenthümlichste Product der modernen Kunst, ging von Florenz und Venedig aus. Die Spanier und Portugiesen nahmen die Italienische Form auf. Die Dialektik des alleinseligmachenden katholischen Glaubens, der ritterlichen Ehre der Vasallen und der Leidenschaft der Liebe wurde der Inhalt ihrer Romanzen und Dramen, bis ihre originelle Productivität mit Calderon ihre höchste künstlerische Verklärung erreichte. Die Englische Poesie hat im Gegensatz zur Spanischen einen skeptischen Zug, der sich zur absoluten Befreiung im Humor forttreibt. Die Deutschen fangen zwar mit nationalen Dichtungen an, fallen aber bald in Abhängigkeit von den Franzosen und Engländern und gelangen erst durch Lessing und Klopstock, Göthe und Schiller zu einer selbstständiger Poesie. An Erfindung bleiben Franzosen und Engländer ihnen überlegen, so daß die Abhängigkeit von denselben in Drama und Roman nicht aufhört. Dies ungefähr war der Gang, den ich nahm. Da derselbe das ethnographische Princip stark betonte, so gab ich am Schluß eine Uebersicht des genetischen Verlaufs nach allgemeinen Perioden und Epochen. Diese Uebersicht ist eine nach Inhalt wie nach Form gelungene Arbeit, welche fortzuleben verdient, wenn auch alles Uebrige der Vergessenheit anheimfällt. Ich bin selbst Schuld, daß ein so mühsames Werk, welches die Geschichte der Poesie durch Verarbeitung der vorzüglichen Leistungen von den Gebrüdern Schlegel, von Görres, Wilson, Hammer-Purgstall, Schlosser, Valentin Schmidt, Jakob und Wilhelm Grimm, Franz Horn, Tieck, Solger, Göthe, Schiller und so vielen Anderen auf eine ganz neue Stufe gehoben und mit einer glänzenden Gallerie inhaltvoller Anschauungen bereichert hatte, ein Werk, welches der erste vollständig durchgeführte Versuch auf diesem Felde nach festen ästhetischen Principien[475] und mit weltgeschichtlichem Sinn geschrieben war, nicht den Erfolg hatte, der ihm hätte zufallen sollen. Ich schrieb nämlich die Geschichte hinter einander fort und machte, wenn ich mit einem Volk zu Ende war, nur einen dünnen Strich. Dann ging es weiter. Den Ueberblick der Entwickelung nach Perioden, Epochen und Namen gab ich, sehr genau mit Zahlen und Buchstaben gesondert, in einer vor jedem Bande abgedruckten Inhaltsanzeige. Wie dumm! Ich mußte diese Architektonik im Innern des Buches durch Ueberschriften markiren. Dann hätte sich diese schöne Organisation, die mein Hauptverdienst war, dem Auge des Lesers einladend päsentirt und ich hätte für die Poesie ein Buch geschaffen, wie mein Freund Kugler für die Geschichte der Malerei. Kugler hat mir selber manchmal erzählt, wie sehr mein Buch ihm geholfen habe, dem Proceß der Entwickelung auf die Spur zu kommen, wenn er um die Auffindung von Perioden und um die Charakteristik des Geistes der Nationen und Zeitalter sich in Verlegenheit befand. Das Lesen in meinem Buche brachte sein Denken in Fluß und half ihm, auf richtige Fährten zu kommen. ? Außer dem Fehler, die Eintheilung nicht überschriftlich für das Auge des Lesers in das Innere des Buches aufgenommen zu haben, machte ich, wie ich glaube, noch einen andern. Ich schrieb öfter zu poetisch und zu pathetisch. Aber ein Handbuch verlangt einen gleichmäßigen Ton, einen mittleren Styl, der ruhig und klar, nur den Verstand beschäftigt. Es ist nicht nöthig, deshalb so langweilig zu werden, wie der Rector Hartmann, allein man sollte, was er Nützlichkeit und Brauchbarkeit nennt, im Auge behalten. Amazon.de Widgets Ich widmete mein Buch meinen Freunden Hotho in Berlin und Besser in Petersburg. Ich bin nun ein so großer Liebhaber der Poesie aller Völker, daß ich die in jener Compilation behandelte Aufgabe während meines spätern Lebens immer von Neuem aufgenommen, zweimal sogar ein Collegium darüber gelesen und 1855 von einem ganz andern Standpunkte aus noch ein Buch darüber geschrieben habe, über welches ich auch schon wieder fort bin. Ich werde in der Regel bald nachdem ich etwas abgeschlossen habe, damit unzufrieden. Die Kritik, die ich an mir selber[476] übe, ist unerbittlich. Ich verwünsche daher oft, daß ich etwas hab drucken lassen und kann mich nur durch den Gedanken trösten, daß ich ohne den relativen Abschluß nicht zur Kritik, nicht zur Unzufriedenheit mit mir, nicht zum Fortschritt hätte gelangen können. 
 IX. Seltsame Geschichten mit den Juden Beifuß und Auerbach. Verzückung in Jean Pauls Titan.  [218] Während ich mich in so mannichfaltigen Beschäftigungen umherwarf, fing eine Veränderung meiner ganzen Sinnesart sehr allmälig an, mich zunächst kaum unbewußt zu durchdringen. Es war die Einwirkung Schleiermacher's. Schon hatte ich ihn als Uebersetzer Platon's, als Philosophen, als Prediger zu bewundern angefangen. Nun sollte ich ihn auch als akademischen Docenten kennen lernen. Die Exegese der Paulinischen Briefe war mir etwas ganz Neues. Die Sprachkenntniß und der kritische Scharfsinn Schleiermacher's interessirten mich, allein im Ganzen ließ mich das Collegium kalt. Das über theologische Moral hingegen riß mich je länger je mehr hin. Ich hatte geglaubt, mich gut auf dasselbe vorzubereiten, wenn ich noch in den Ferien Schleiermacher's Grundlinien zur Kritik aller bisherigen Sittenlehre durchmachte. Schon der Titel dieses Buches versprach eine ganz andere Ethik, als sie bis auf Schleiermacher existirt hatte. Ich gestehe, daß das Buch dieser Erwartung leider nicht entsprach. Ich maß die Schuld jedoch mir zu, weil ich zu wenig Kenntniß von den Philosophemen besaß, über welche Schleiermacher urtheilte. Für die des Alterthums war ich noch ungefähr orientirt; allein für die englischen Moralisten, auf welche Schleiermacher weitläufiger eingeht, für Kant und Fichte, war ich ohne festen Anhalt. Am besten verstand ich noch die letzte Abhandlung, worin Schleiermacher den Unterschied eines systematischen und tumultuarischen Verfahrens auseinandersetzt. Ich überzeugte mich bald, daß das Collegium ganz unabhängig von dieser Kritik durch sich selbst verstanden werden konnte. Schleiermacher's[219] Verfahren war ein Gemisch von constructiver und heuristischer Methode. Das Heuristische überwog der Form nach in allen Detailuntersuchungen, aber dem Ganzen lag ein voraus bestimmender Plan zu Grunde. Es wurde eine Definition gegeben, dann eine Eintheilung gemacht, hierauf ein Kanon abgestellt, der als Maaß für alle besonderen Bestimmungen gelten sollte, die unter einen allgemeinen Begriff subsumirt werden durften. Dann wurde gefragt, wie das Ganze auf das Einzelne, und umgekehrt, wie das Einzelne auf das Ganze wirke. Bei der Analyse der Wirksamkeit wurde einmal die extensive, dann die intensive Seite durchgenommen. Schließlich wurde die Continuität eines specifischen Processes innerhalb eines andern erforscht und die Grenze gesucht, wo er erlösche. Dieser Schematismus war nicht schwer zu fassen. Für einen Studenten ist es aber äußerst vortheilhaft, mit solchen Kategorien bekannt und in ihrer Anwendung geübt zu werden. Die Anregung, welche Schleiermacher dadurch unserem Denken gab, war außerordentlich. Bei der Hegel'schen Dialektik, wie ich sie von Herrn von Henning vortragen hörte, fand ich meine Selbstthätigkeit ausgeschlossen. Wenn die Qualität in die Quantität, wenn das Wesen in die Erscheinung, wenn das Allgemeine in das Besondere überging, so blieb ich zur Rolle eines passiven Nachdenkers verurtheilt. Hier wurde ich selber mit herangezogen. Die Frage, was für ein Kanon sich wohl für irgend ein Gebiet werde finden lassen; die Frage, wo ein gewisser Proceß anfange, wo er culminire und wo er endige; die Frage, ob und wo eine Thätigkeit in eine andere übergehe, die Entdeckung der Schwierigkeiten, die sich bei solchen Analysen entgegenwerfen, die Versuche, sie zu beseitigen ? das Alles versetzte uns Zuhörer in den lebhaftesten Antheil und forderte uns heraus, auch selber auf die Lösung bedacht zu sein. Jedenfalls lag diese Methode meinem damaligen Bildungspunkt unendlich näher, als die feierliche Objectivität der Hegel'schen Dialektik, die mir oft unbegreiflich war, wenn sich auch die Wahrheit ihrer Kategorien bei mir unvermerkt einschmeichelte und befestigte. Zu einer wirklich kritischen Vergleichung des einen und des andern Verfahrens war ich natürlich noch ganz unfähig und dachte um so weniger daran, als sich zu ihm noch das intuitive Verfahren von Steffens gesellte, den man wohl als die personificirte intellectuelle Anschauung[220] des Schelling'schen Systems betrachten kann. Ein Student weiß gar nicht, was mit ihm Tag für Tag, Stunde für Stunde in seinem Bewußtsein vorgeht. Er lebt im Genuß der interessanten Gegenwart. Er freut sich der großen Unterschiede, die sich in der Lehre der Wissenschaft für ihn aufthun, allein erst nach und nach, erst wenn sich die neue Gestalt des Bewußtseins, in die er mit sorgloser Hingebung eintritt, zu verdichten, erst wenn sie ihm Verlegenheiten zu bereiten anfängt, kommt er dazu, ihre Bedeutung zu ahnen. Schleiermacher sprach nicht poetisch, nicht pathetisch, wie Steffens, aber wie er so da saß, den Kopf gewöhnlich durch die eine Hand stützend, vor sich nur Papiere mit den Hauptsätzen, alles Uebrige aber erst im Augenblick aus freiem Denken schaffend, immerfort arbeitend, immerfort klar und anmuthig redend, war er ein Lehrer von unvergleichlicher Kraft und Würde, dem der treffende Ausdruck nie versagte. Nicht selten wurde er geradezu trocken; da wir aber jeden Sonntag uns überzeugen konnten, welcher gewaltigen Beredtsamkeit er fähig war, so rechneten wir es ihm zum Verdienst, den didaktischen Styl des Katheders nicht, wie es von Steffens geschah, mit den Effecten der Beredtsamkeit zu vermischen. Das Collegium, welches ich unter dem Titel theologische Moral hörte, ist von Jonas unter dem Titel: Christliche Sitte, herausgegeben. Da auch Schleiermacher's philosophische Ethik durch Schweizer veröffentlicht ist, so kann man jetzt wohl erkennen, wie er die Principien von dieser auf jene übertragen hat, denn es ist nicht zweifelhaft, daß, was er hier das organische Handeln nennt, dort zum wirksamen, und, was hier als symbolisirendes auftritt, dort zum darstellenden wurde. Es geht aus den Mittheilungen von Jonas hervor, daß er mit der Stellung des reinigenden Handelns vielfach geschwankt hat. Als ich die Moral hörte, theilte er jedoch schon das wirksame Handeln in das reinigende und verbreitende, oder, wie er auch sagte, erweiternde. Die philosophische Sittenlehre habe ich nach ihrem Erscheinen ausführlich in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik 1836 beurtheilt und von der theologischen will ich nur so weit sprechen, als sie sich auf den Gang meiner Bildung bezieht. Ich wurde durch sie nicht nur, was die Form, sondern auch was den Inhalt betrifft, in eine ganz neue Welt versetzt. Da Schleiermacher überall die Einwirkung der[221] christlichen Sitte auf die volksthümliche untersucht, so wurde seine Ethik zu einer Kritik der in Europa herrschenden bürgerlichen und politischen Verfassung der Völker. Wie wurden wir überrascht, wenn plötzlich aus dem reinigenden oder verbreitenden Handeln eine brennende Frage der Gegenwart hervorsprang, z.B. über die Erlaubtheit der Todesstrafe, über das Recht der Intervention in einem andern Staat u. dgl.! Gar Manches kam mir sonderbar, ja gezwungen vor, wie wenn die Ehe oder das System der Tugenden, der Besonnenheit und Beharrlichkeit, der Langmuth und Demuth zum darstellenden Handeln gemacht wurde. Eben deshalb aber fing es an, mein Nachdenken zu beschäftigen. Wie Kant in seiner Tugendlehre jedem Capitel casuistische Fragen anhängt, so kamen auch bei Schleiermacher viele Probleme vor, die er unentschieden ließ und dem Forum des eigenen Gewissens überwies, z.B. ob ein Christ Aequilibrist werden dürfe. Die nächste Wirkung der Schleiermacher'schen Kategorien war, daß ich sie in meinem eigenen Handeln zu entdecken suchte. Je mehr ich aber suchte, desto weniger fand ich. Die weitere Wirkung gegen Ende des Semesters war daher der Zweifel, ob ich überhaupt bis dahin ein Christ gewesen sei? Ich war zwar getauft, ich war im Christenthum unterrichtet, confirmirt, ich war zum Abendmahl gegangen und hatte viele Predigten gehört, aber ich hatte nie daran gedacht, mein Handeln zu einem specifisch christlichen zu machen. In meiner Erziehung war immer nur von Tugend überhaupt, nicht aber von christlicher Tugend, von Sitte überhaupt, was sich schicke oder nicht schicke, nicht aber von christlicher Sitte die Rede gewesen. Als ich auf Tertia saß, gelangte ich zuerst zu einem gewissen Bewußtsein über meine Untugenden und über die Versuchungen, aus denen sie entsprangen. Ich fiel daher auf den Gedanken, einen ganz individuellen Dekalog für mich auszusinnen. Es war nicht schwer, den nöthigen Vorrath zu zehn Lastern zu finden, die mir Gefahr drohten. Ich schrieb sie mit römischer Zifferbezeichnung auf ein Quartblatt von Velinpapier. Dies legte ich in einen schönen, mit eingepreßten Figuren und Golddecoration verzierten Lederkasten, der von einem verbrauchten Reißzeuge herrührte und inwendig mit rothem Tuch ausgeschlagen war. Er schien mir würdig, eine Bundeslade für meine Gesetzestafel zu bilden und ich verwahrte ihn in einem Schubfach[222] meines Pultes, ihn vor profanen Augen zu schützen. Jeden Sonntag früh nahm ich ihn heraus, las die Gesetze durch und prüfte mich über mein Verhalten zu ihnen. Manchmal war ich recht pharisäisch mit mir zufrieden, häufiger aber mußte ich erröthen, bald gegen diese, bald gegen jene Regel verstoßen zu haben. Dann bat ich Gott um Verzeihung und faßte den aufrichtigen Vorsatz der Besserung. Dies heimliche Judenthum cultivirte ich ungefähr zwei Jahre hindurch. Während dieser Zeit hatte ich mich jedoch sehr verändert. Neue Versuchungen waren entstanden, neue Fehler hatten sich eingeschlichen; manche Unsitte schien überwunden. Ich hätte also meinen Dekalog verändern, vielleicht erweitern müssen. Die Romantik, in die ich nun schon hineingerathen war, endigte die Reflexion mit der Verwerfung des ganzen Instituts als eines philiströsen Pedantismus. Ich verbrannte meine Gesetztafel. Ich verfiel nun darauf, im Gegensatz gegen die moralische Kleinmeisterei, mit welcher ich mich controlirt hatte, mich einem recht unbestimmten Ideal von Größe der Seele, Hoheit der Gesinnung, Adel des Herzens und wie ich es sonst benennen mochte, hinzugeben. So erhob ich mich gemach zu dem Dünkel, mich sogar für besser als viele der Alltagsmenschen zu halten. Diese romantische Vornehmheit spiegelte sich in den Elegieen, deren ich oben Erwähnung gethan habe. In dieser Verfassung kam ich nach Berlin. Hier beschäftigten mich anfänglich tausend neue Eindrücke so lebhaft, daß ich an mich selbst wenig dachte, was eigentlich immer ein glückseliger Standpunkt ist. Ich hielt mich im Allgemeinen für einen guten Menschen, war ganz in die vielen interessanten Gegenstände, die auf mich eindrangen, verloren und ließ mich mit heiterem Sinn gehen. Gerade diese Sorglosigkeit war es, die mich disponirte, in unüberlegter Weise zu handeln und Dummheiten zu begehen, die zuweilen recht schlimm hätten auslaufen können. Da ich aber schon glücklich war, mit der Angst über den Ausgang davon zu kommen, so vergaß ich sie bald wieder und verfehlte nicht, nächstens in andere zu verfallen. Es war nicht Bosheit, aber es war Uebermuth, Ausgelassenheit, Mangel an Umsicht, vorschnelles Zutrauen zu meiner Kraft, verkehrte Aufopferung für Andere. Ich hatte z.B. einst für meinen Vater sechshundert Thaler in Berlin einzuziehen. Ich that dies, schickte ihm aber das Papiergeld in einem[223] Briefe ohne Werthangabe. Andern Tages fiel mir ein, daß ich gar keinen Beweis in Händen hatte, den Auftrag ausgeführt zu haben. Ich schrieb in höchster Unruhe an meine Schwester, mir Nachricht zu geben, ob mein Brief angekommen sei. Er war angekommen. Da mein Vater das Geld empfangen hatte, so war er zufriedengestellt gewesen und hatte nicht einmal daran gedacht, mir Vorwürfe über mein leichtfertiges Verfahren zu machen. ? Eines Abends war ich in lustiger Gesellschaft eine Wette eingegangen, als Dame verkleidet in den Straßen zu spazieren. Unter großem Jubel staffirte man mich aus. Ich ging in der tollen Laune des Augenblicks, allein bis heute kann ich die Marter nicht vergessen, welche diese Dummheit mir verursachte, als ich, nachdem ich mich ernüchtert hatte, in dem Menschengewühl der Neuen Königsstraße hinschritt und jeden Augenblick schon wegen meiner alle Frauenzimmer überragenden Größe von einem Polizeicommissär als verdächtig angehalten zu werden fürchtete. Amazon.de Widgets Man kann sich vorstellen, wie auf einen jungen Menschen, der mit zwanzig Jahren noch so viel Unbesonnenheit verband, der sittliche Ernst eines Schleiermacher einwirken mußte. So rasch jedoch ging es nicht mit mir, denn obschon ich guten Willen entgegenbrachte, so wurde ich doch durch die Arbeit über Heinrich VII., dann durch Steffens Naturphilosophie, dann durch die Arbeit über die Renaissance von einer Vertiefung in Schleiermacher's Ideen noch abgehalten. Erst in den Ferien, als ich dazu kam, die Moral in ihrem Zusammenhange zu wiederholen, spürte ich ihre Kraft. Der theoretische Affect, der mich durch das Collegium begleitet hatte, schlug in den Versuch praktischer Bewahrung um. Ich fand hier allerdings eine große Schwierigkeit. Schleiermacher ging auch in der Ethik vom Gefühl aus. Lust und Unlust oder deren Indifferenz wurden die Factoren, die Alles in Bewegung setzten. Die Unlust z.B. am Nichtchristlichen wurde als Princip des reformatorischen, oder, wie Schleiermacher sagte, reinigenden Handelns aufgestellt. Worin bestand denn aber das Christliche selber? Hier wurde, namentlich in allen casuistischen Fragen, das Zurückgehen auf die Vorstellung Christi empfohlen. Ich hatte nichts dagegen; allein die Vorstellung Christi im Allgemeinen reichte doch für den besonderen Fall noch nicht aus. Es mußte in seinem Leben die Weisung, die[224] Parabel, das Begegniß aufgesucht werden, welches Aufschluß gewähren konnte. Directe Auskunft war aber oft unmöglich. Es mußte also die indirecte, die Vermittelung, die Ableitung eintreten. Ich hielt nun für das Gerathenste, mir alle vorzüglichen Schriften Schleiermacher's anzuschaffen und die Ferien auf ihr Studium zu verwenden. Zuerst las ich die Monologe. Sie sind eigentlich ein Lehrgedicht in fünffüßigen Jamben. Ihre Wirkung auf mich war unbeschreiblich. Sie entrückten mich auf eine schwindelnde Höhe. Ihren Betonung der eigenen Kraft, ihr Cultus der Individualität, ihr Preis der Phantasie als einer Göttergabe, von welcher so wenig Menschen den rechten Gebrauch zu machen wüßten, ihre Gleichgültigkeit gegen die Altersstufen im Verhältniß zur ewigen Jugend des Geistes, ihre Unersättlichkeit in der Aneigung des Universums, ihre sittliche Vornehmheit, dies Alles war meinem damaligen Zustand höchst willkommen. Ich erhob mich zu einer idealen Ungebundenheit, die sich in Schleiermacher's Worte zusammen faßte, worin er mit Verachtung der herkömmlichen Moral ausruft: Was sie Gewissen nennen, kenn' ich nicht mehr! Die Reden über die Religion, deren Lectüre der der Monologe folgte, thaten diesem Standpunkt ethischer Genialität keinen Abbruch. Das Princip der Individualität war auch in ihnen der Ausgang, die Anschauung des Universums das Ziel. Das war eine ganz an dere Religionsphilosophie, als die des Herrn von Kayserling, die mir sehr herabstimmend stets nur die Bedingtheit, Endlichkeit der menschlichen Natur vorgehalten hatte. Schleiermacher schien mir die Entstehung der Religion wie der Religionen in ihrem innersten Geheimniß belauscht zu haben. Und welch' eine edle philosophische und doch auch poetische Sprache! Es kam mir vor, als hätte ich noch nie gewußt, was Religion sei und als erführe ich es zum ersten Mal durch einen ihrer Propheten. Ich hatte die Religion nie verachtet, konnte mich also nicht zu den Gebildeten unter ihren Verächtern zählen, an welche Schleiermacher seine Reden gerichtet hatte. Alles aber, was er gegen die Aufklärung sagte, welche in Allem, auch in der Religion, nur die beschränkten Zwecke einer egoistischen Nützlichkeit verfolge, war mir aus der Seele gesprochen. Die Verwechselung des Eudämonismus mit der göttlichen[225] Seligkeit lag schon hinter mir. Ich dürstete danach, wie Schleiermacher es ausdrückt, ewig zu sein in jedem Moment. Den Reden folgte die kurze Darstellung des theologischen Studiums. Sie wurde mir, trotz ihrer meisterhaften Fassung, schwer und ich nahm auch schon an manchen Begriffen Anstoß, z.B. an der Aufstellung eines theologischen Ideals als eines Kirchenfürsten, worin ein Maximum theoretischer Bildung sich mit einem Maximum praktischer Virtuosität vereinigen sollte. Es schmeckte mir dies etwas nach Papismus. Zuletzt gelangte ich an die Dogmatik, welche Schleiermacher in zwei stattlichen Bänden 1821 und 1822 unter dem Titel: Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, herausgegeben hatte. Hier stand ich vor einem großen systematischen Lehrgebäude, wie ich noch keines durchgemacht hatte. Ich kannte historisch die Eintheilung der kirchlichen Dogmatik in Theologie, Anthropologie, Soterologie und Eschatologie, aber ich hatte noch nie eine Dogmatik Schritt vor Schritt durchdacht, nicht einmal das kleine lateinische Handbuch der dogmatischen Institutionen von Morus, das ich schon lange besaß. Es war mir immer zu langweilig vorgekommen. Ich kann auch nicht sagen, daß mir das Schleiermacher'sche Werk sehr einladend erschienen wäre. Ich begnügte mich zunächst, mir von seiner Eintheilung durch Lesung der groß gedruckten Paragraphen eine vorläufige Uebersicht zu verschaffen, denn es stand jetzt bei mir fest, Theologie zu studiren und im Sommersemester die Dogmatik bei Schleiermacher zu hören. Am 25. April trat ich aus der philosophischen Fakultät in die theologische über. Das Studium der Philologie wollte ich noch nicht ganz aufgeben und nahm daher im Sommersemester bei Böckh die philologische Encyklopädie an, ein ganz ausgezeichnetes Collegium. Hätte ich diese Encyklopädie statt der philosophischen im ersten Semester hören können, so wäre ich vielleicht der Philologie treu geblieben. Um Ernst mit der Theologie zu machen, nahm ich auch Exegese des Hebräerbriefs und den ersten Theil der Kirchengeschichte bei Neander an. In dem letztern Collegium war mein Nachbar zur Rechten der Licentiat Rheinwald, der Neander bei der Correctur und bei der Fertigung der Inhaltsangaben seiner im Druck befindlichen Kirchengeschichte behülflich war und nur aus diesem Grunde[226] zu genauerer Vergleichung dem Vortrag beiwohnte. Ich wurde mit ihm bekannt und er hat mich noch ein paar Jahre vor seinem unglücklichen Tode hier in Königsberg besucht. Er war ein Verwandter Schelling's und wußte von diesem sowohl als von Hegel recht interessante Einzelheiten zu erzählen. Durch Rheinwald wurde ich veranlaßt, einem theologischen Leseverein beizutreten, und lernte nun die damals gangbaren theologischen Zeitschriften, die Streitigkeiten der Berühmtheiten auf diesem Felde und ihre Manieren kennen. Bei vielen meiner Commilitonen war es auch üblich, Thee bei Neander zu trinken, aber ich konnte mich nie entschließen, den Aufforderungen dazu Folge zu leisten. Es überkam mich in der Kirchengeschichte, wenn Neander von den neuen Bekehrungen heidnischer Fürsten, von den Verfolgungen der Christen und von der Glorie der Märtyrer handelte, immer ein Katakombengeruch. Neander, selber ein zum Christenthum bekehrter Jude, kam mir mit seiner ungeheuren Gelehrsamkeit in der Exegese und in den gnostischen Systemen, mit seiner wahrhaft evangelischen Sanftmuth und Aufrichtigkeit, mit seiner Vernachlässigung der äußern Erscheinung, immer wie ein Mann vor, der sich aus der Epoche des Urchristenthums nach Berlin in das neunzehnte Jahrhundert verirrt hatte. Wie ganz anders erschien mir Schleiermacher, der, trotz seiner großen Gelehrsamkeit, doch zugleich als Prediger wirkte, der alle politischen und kirchlichen Kämpfe der Gegenwart mit lebendiger, tief in sie eingreifender Theilnahme begleitete und der, außer der Theologie, die Philosophie nach allen Seiten hin förderte. Als Akademiker stand ihm das Recht zu, auch philosophische Vorlesungen zu halten. Er trug, ohne, wie die meisten Professoren, einen bestimmten Cyklus zu haben, je nach seinem Bedürfniß oder auch nach dem ihm kund gegebenen Verlangen der Studirenden Geschichte der Philosophie, Dialektik, Psychologie, Ethik, Pädagogik, Politik und Aesthetik vor. Diese letztere war ich so glücklich, im Sommer 1825 Morgens von 7 bis 8 Uhr zu hören. Ich kann wohl sagen, daß sie der höchste Genuß gewesen ist, den mir je ein Collegium bei Schleiermacher gewährt hat. Die frühe Morgenstunde brachte mir eine noch unzerstreute Sammlung des Geistes bei ihm wie bei uns mit. Lommatzsch hat nach seinem Tode diese Vorträge drucken lassen. Sie haben sich in dieser Gestalt wenig[227] bemerkbar gemacht, weil unterdessen die Aesthetik von andern Gesichtspunkten aus schon weiter vorgeschritten war. Damals aber waren sie eine im Inhalt wie in der Form durchaus originelle Leistung, wie man überhaupt Schleiermacher zugestehen muß, daß er auf allen Gebieten, in die er sich einließ, neu und anregend thätig war. Nie wanderte er im Schlendrian der breit getretenen Heerstraße. Er war in einem steten Suchen nach der Wahrheit, in einem unaufhörlichen Streben nach Fortgestaltung begriffen. Auch seine Mängel und Schwächen haben stets viel Lehrreiches, namentlich in der Theologie, in welcher er viel selbstständiger als in der Philosophie war, wo Platonische, Fichtesche und Schellingsche Elemente ihn stärker bedingten. Es läßt sich ihm in unserm Jahrhundert kein Theologe an Productivität vergleichen. Die Ausdehnung seiner Arbeiten war jedoch zu groß, um jeder einzelnen diejenige Vollendung zu geben, durch welche sie nachhaltiger hätte eingreifen können. Die Herausgeber seines schriftlichen Nachlasses haben sich unstreitig viel Verdienste erworben, allein sie sind oft in Verlegenheit gewesen, den Stoff, welchen ihnen so verschiedene Gestaltungen derselben Wissenschaft aus verschiedenen Jahrgängen darboten, einheitlich zu durchdringen und zu einer vollkommnern Gliederung durchzuführen. Aus dem Bestreben, nichts, was ihnen werthvoll schien, aufzuopfern, ist für ein und denselben Gegenstand die Aufnahme der abweichenden Entwürfe und Ausführungen entstanden, durch welche Schleiermacher in seiner Fortbildung hindurchschritt. Die Breite dieser Wiederholungen, die zugleich eben so viel Differenzen enthalten, hat theils eine gewisse Unförmlichkeit des Ganzen, theils eine skeptische Wirkung im Einzelnen hervorgebracht. Der Tod riß Schleiermacher hin, bevor er selber, wie bei der Dogmatik, die Gliederung abschließen und die Darstellung harmonisch ausprägen konnte. Er hat hierin das Schicksal seines Collegen Hegel getheilt. Ich werde von der Aesthetik nichts weiter sagen, da nunmehr jüngere Kräfte, wie Dilthey, daran gegangen sind, Schleiermacher in seiner Totalität zu schildern. Ich hatte in diesem Collegium einen Nachbar, Sengebusch, von dem ich weiter gar nichts weiß. Da das Leben der Studenten damals in Berlin durch die Verfolgung der Genossenschaften ganz atomistisch war und die Weitläufigkeit des Wohnens in der Stadt engere Zusammenhänge sehr[228] erschwerte, so hatte ich in Berlin fast keinen andern Verkehr mit Studenten, als den, welchen die Nachbarlichkeit im Collegium hervorrief. Ich kam auf diese Weise auch mit recht tüchtigen jungen Leuten, namentlich Würtembergern, zusammen, ohne daß diese Berührungen weitere Folgen gehabt hätten. So weiß ich denn von jenem Sengebusch nichts weiter zu sagen, als daß er eine durchaus idealische Natur war. Er war ein schöner, kräftiger Jüngling mit schwarzem, lang herabwallendem Lockenhaar, hoher Stirn, schwärmerischen Augen, weicher Stimme, eigenartig im Ausdruck. Wir freuten uns, in der Bewunderung Schleiermacher's innigst zusammenzutreffen. Wenn wir vor und nach dem Collegium die Gedanken Schleiermacher's wiederholten und den Zauber der Sprache und Dialektik nachkosteten, so zweifelten wir nicht, unter dem Schatten der Kastanien hinter der Universität eben so hoch zu stehen, eben so glücklich, eben so begeistert zu sein, als einst Platon's Schüler in dem Garten seiner Akademie. Es war die reinste philosophische Trunkenheit, die man sich vorstellen kann. Wir verhielten uns zum Collegium wie zwei Liebhaber der Malerei, die vor einem Gemälde stehen, dessen Schönheit ihre ganze Seele erfüllt und die nicht müde werden, sich immer auf neue Schönheiten, welche der liebende Blick entdeckt, aufmerksam zu machen. Nachdem ich später als Docent und Schriftsteller mich hervorgethan, habe ich von manchen meiner damaligen Commilitonen, namentlich von einigen Würtembergern, die inzwischen Diakonate überkommen hatten, freundschaftliche Zuschriften empfangen. Von diesem wunderbaren Sengebusch aber habe ich nie wieder etwas vernommen. Ich hörte in jenem Sommer fünf Tage hinter einander von 7 bis 1 Uhr sechs Stunden Collegia. Nachmittag und Abends hatte ich frei. Die Dogmatik trug Schleiermacher in zwei auf einander folgenden Stunden, mit einer Zwischenpause, von 8 bis 10 Uhr vor. Bei aller Rüstigkeit meiner Jugend, bei aller Verehrung für Schleiermacher, bei allem Interesse für den Gegenstand war es doch, zumal in der Sommerwärme, nicht leicht, hier durchzukommen. Es waren besonders zwei Punkte, die mich abspannten. Der eine war, daß ich das ganze Lehrgebäude gedruckt in Händen hatte. Wären nur die Lehrsätze gedruckt gewesen, so hätte der Beweis eine größere Theilnahme[229] herausgefordert. Je sorgfältiger ich mich präparirte, um so weniger Neues konnte mir der Vortrag bringen. Lehrbücher sollten immer nur kurz abgefaßt sein in der vortrefflichen Art, wie Schleiermacher's kurze Darstellung des theologischen Studiums in der ersten Ausgabe gehalten ist. Der zweite Punkt war, daß Schleiermacher in seinen Erläuterungen auf die Polemik, die gegen ihn eröffnet war, weitläufiger sich einließ. Es waren hier die Generalsuperintendenten von Gotha und Weimar, Bretschneider und Rohr, die er bekämpfte. Namentlich gegen den Letzteren war er aufgebracht. Anfänglich waren mir die scharfen, auch wohl witzigen Gegenäußerungen Schleiermacher's etwas Neues, aber bald stumpfte sich dieser Reiz ab und der Name Röhr wurde mir hier eben so verhaßt, als es den Sommer zuvor der Schweighäuser's in Bernhardy's Collegium über den Herodot geworden war. Wie in der Ethik und Aesthetik gab ich mich Schleiermacher auch in der Dogmatik mit unbedingtem Vertrauen hin. Ich hatte vorerst genug zu thun, mich ihres ganzen großartigen Baues zu bemächtigen. Auch hier war es ja eine ganz neue Welt, die sich mir aufthat. Das Princip des Abhängigkeitsgefühls des Menschen von Gott, das mir bei Herrn von Kayserling oft so langweilig geworden war, erschien mir hier, wo auch Begriffe, wie Schöpfung und Erhaltung der Welt, aus ihm abgeleitet wurden, doch in ganz anderem Licht. Ich nahm vorerst die Seite der Einheit des Menschen mit Gott aus ihm heraus. Wir sollen durch das Bewußtsein Gottes continuirlich in unserem Gefühl bestimmt werden. Das sei Frömmigkeit, die weder ein Wissen noch ein Thun sei, aber sowohl in jenes als in dieses übergehen könne. Dies Verhalten des Menschen schien mir mystisch zu sein. Da aber die Ursächlichkeit dieses Bestimmtwerdens in Gott fällt, der allmächtig und allwissend, ewig und allgegenwärtig ist, so folgerte ich, daß die Mystik zugleich Pantheismus sein müsse. Unter diesem Namen verstand ich die stetige Gegenwart Gottes im Menschen. Nach den Reden Schleiermacher's über die Religion, wie nach Allem, was ich bis dahin von der Hegel'schen Philosophie verstanden zu haben glaubte, konnte nur ein pantheistischer Mysticismus den Menschen beseligen. In diesem Sinne schrieb ich einen Aufsatz über Mystik, den ich 1848 im fünften Bande meiner Studien habe abdrucken lassen. Dort[230] ist die Jahreszahl falsch angegeben. Nicht 1826, sondern 1825 ist er verfaßt, wie auch aus dem Journal, was ich über meine Arbeiten geführt habe, hervorgeht. Dieser Aufsatz ist ein rechtes Prachtstück der Romantik, in deren über meinem Geist zusammenschlagenden Wogen ich versunken war. Auch eine Stelle aus Jacob Böhme, die ich irgendwo aufgelesen haben mußte, wird schon citirt. Dieser stolze Pantheismus, der sich offen, ja herausfordernd als Pantheismus bekennt, diese Mystik im Sinne einer absoluten, wiewohl geheimnisvollen Einheit Gottes mit dem Menschen war noch möglich, so lange ich mich im ersten Theil der Dogmatik befand, in welchem Schleiermacher von dem Gegensatz abstrahirt, der in unserem frommen Gefühl als der der Sünde und Gnade vorkommt. Je weiter ich in den zweiten Theil vordrang, desto mehr fühlte ich mich von ganz neuen Vorstellungen bedrängt. Das Resultat der Ethik war für mich gewesen, daß ich nur erst ein sehr oberflächlicher, noch kein specifischer Christ sei. Nunmehr aber schrie es mich aus jeder Seite des weiten, dicken Theiles der Dogmatik an: Du bist ein Sünder! Durch die Sünde bist Du von Gott getrennt. Doch um den Seelenzustand, in den ich nach und nach verfiel, verständlicher zu machen, muß ich hier noch einige Veränderungen erwähnen, die in meinen persönlichen Verhältnissen eingetreten waren. Ich war im Laufe des Winters mit drei jungen Männern aus Westphalen bekannter geworden, die in Berlin dem Studium des Baufaches oblagen und viel mit meinem Oheim verkehrten. Sie hießen Wette, Willmans und Bömke. Der erstere war Katholik. Der zweite, aus Halle in Westphalen, leitete die Arbeiten für die Fundamentirung des Museums, welche die Legung eines Pfahlrostes erheischte. Von den Fenstern seiner Wohnung am neuen Packhof hatte man einen reizenden Ausblick auf den Lustgarten, links vom Dom, geradezu vom Schloß, rechts vom Zeughaus eingerahmt. Bömke wohnte nicht weit an der neuen Promenade. Er war ein tiefer Mensch, der sehr gut Englisch verstand und auf philosophische Gespräche sich einzulassen geneigt war. Er war der einzige Sohn eines Predigers in Dortmund. Er liebte die Unterhaltung bei einem Glase Bier oder Wein, und wir pflegten von Zeit zu Zeit gemeinschaftlich ein Lokal zu besuchen. Von diesen[231] Gesprächen blieb alle Theologie fern. Sie betrafen die Weltereignisse, die Baukunst, das Theater, oder ergingen sich auch in Erzählungen der Schicksale uns bekannter Personen, bis wir gewöhnlich mit dem endigten, was die Studenten »schlechte Witze« zu nennen pflegen. Bömke hatte einen Hang zur Schwermuth, der sich bei ihm in seiner Liebe zu Thomson's Jahreszeiten und zu Young's Nachtgedanken abspiegelte, aus denen er häufig Citate anführte, aber eben deswegen vielleicht besaß er vielen Sinn für das Komische und konnte uns durch neckische Einfälle, die er selber herzlich belachte, ungemein erheitern. Er behauptete z.B., wie eine Krähe hüpfen zu können, was er dann, die Pfeife in der linken Hand, mit Gestikulation ausführte, die uns bis zu einem krampfhaften Lachen erschütterte. Wir genossen in solchen Stunden, was die Deutschen vorzugsweise Gemüthlichkeit zu nennen pflegen. Bömke war auch sehr musikalisch, war ein Virtuose auf der Flöte und war daher auch in der musikschwärmerischen Familie meines Oheims sehr beliebt. Diese hatte sich seit Michaelis 1824 dadurch sehr erweitert, daß ein Schwiegersohn nach Berlin gezogen war. Er hieß Filhès und stammte von Reformirten ab, die ursprünglich von Carcassone im südlichen Frankreich nach Deutschland eingewandert waren. Er war ein recht wohlhabender Mann, dessen ganzes Leben im Kaufen und Verkaufen von Besitzungen verlief. Erst hatte er ein großes Grundstück in der Stadt, das er ererbt hatte, verkauft, um ein Rittergut in Schlesien zu kaufen. Dies verkaufte er, um ein Gut im sogenannten Oderbruch zu kaufen. Das verkaufte er wieder im Sommer 1824, kam nach Berlin und lebte ein paar Jahre in der Stadt, bis er eine große Besitzung im Thiergarten kaufte, die er wieder an den in Berlin wohlbekannten Herrn Heinzelmann verkaufte, der dort das Elysium begründete. Filhès kaufte ein anderes großes Grundstück in der Nähe, das einen weitläufigen Complex von Gebäuden enthielt, die als Sommerwohnungen vermiethet wurden. Ein bedeutender Garten dehnte sich hinter ihm bis zum Schaafgraben aus. Es war dies ein höchst angenehmer Ort, in welchem ich, bei meinem späteren häufigen Aufenthalt in Berlin, viele heitere Stunden verbracht habe. Aber auch diese Besitzung verkaufte er endlich wieder, um eine andere in der Karlsbadstraße zu kaufen, wo der Tod seinem Kaufen und Verkaufen[232] ein Ziel setzte. Da er nur mit dem Abschneiden von Coupons, mit dem Einziehen von Miethszins, mit der Aufsicht über die Cultur seiner Gemüsefelder, mit der Reparatur und Verschönerung der Wohnungen zu thun hatte, so blieb ihm viel freie Zeit. Man kam ihm selten ungelegen. Eine liebenswürdige Frau und drei talentvolle Töchter, von denen die jüngste, Bertha, sich als pädagogische Schriftstellerin einen Namen gemacht hat, gaben der Geselligkeit dieses Kreises eine wohlthuende Mannichfaltigkeit. Ostern 1825 kam Simon von Göttingen nach Berlin. Wir schlossen uns sogleich wieder eng aneinander. Er studirte damals Philosophie sans phrase und hatte in Göttingen den Winter hindurch bei Krause Philosophie der Geschichte gehört. Von diesem Manne empfing ich durch ihn die erste Vorstellung. Er schilderte mir die edle hochsinnige Persönlichkeit desselben, aber auch die bedrängte, knappe Lage, in welcher er sich befand. Die Aristokratie der Göttinger Hofräthe wollte einen Mann, der für einen entarteten Schellingianer galt und der sich mit den Freimaurern überworfen hatte, nicht aufkommen lassen. Krause hatte nur wenig Zuhörer, die er bei sich in seinem Wohnzimmer versammelte. Er war sehr musikalisch und Simon erzählte mir, daß er selbst Claviere baute. Ich war nun sehr lüstern nach der Philosophie der Geschichte, aber die Berichte über sie, welche ich Simon abfragte, waren sehr verworren und ungenügend. Ein Heft hatte er nicht nachgeschrieben. Es ging nur soviel daraus hervor, daß Krause auf allen Planeten, ja Gestirnen, die Existenz einer Menschheit voraussetzte, die sich nach der Analogie der Altersstufen ausleben sollte. Die Unterhaltung über diesen Gegenstand brachten mir zwei Abhandlungen über eben denselben in's Gedächtniß, die ich im Sommer zuvor in den Schriften der Berliner Akademie bemerkt hatte. Sie waren von M. Weguelin. Die erste Abhandlung stand im Jahrgang 1770, die zweite in dem von 1772. Ich nahm sie nun vor und fing an, sie zu übersetzen. Nachdem ich mit den Principien fertig war, begnügte ich mich für das Uebrige mit der Uebersetzung der Capitelüberschriften, welche die Hauptgedanken des Inhalts ziemlich vollständig ausdrücken. Diese Arbeit habe ich in meiner Abhandlung über das Verdienst der Deutschen um die Philosophie der Geschichte 1835 als Beilage abdrucken[233] lassen. Sie verdient wohl, in der Geschichte der Wissenschaft ein Andenken zu bewahren. Ich muß jedoch bemerken, daß in späteren Bänden der Schriften der Akademie noch vier Abhandlungen Weguelin's über denselben Gegenstand gefolgt sind. Weguelin, ein Würtemberger von Geburt, hat den Versuch gemacht, die Gesetze der Physik auf den Proceß der Geschichte zu übertragen. Er unterscheidet todte und lebendige Kräfte, die er auch als Centripetal- und Centrifugalkraft behandelt. Für die Form der Begebenheiten unterscheidet er die Assimilation als die qualitative Seite von der Verkettung der Thatsachen als der quantitativen. Die Geschichte strebt einerseits nach der Verähnlichung der Erscheinungen, andererseits nach der Erweiterung der Herrschaft eines Princips. Was mich besonders anzog, war, daß Weguelin für die Gesetze, die er zunächst in sehr abstracter Weise aufstellt, hinterher recht anschauliche Beispiele bringt, welche den Beweis liefern, daß er wirklich die Geschichte vor Augen hat. Zu den todten Kräften der Geschichte rechnet er z.B. die Gewohnheit, deren Mechanismus die Sitte der Völker fixirt; zu den lebendigen Kräften die Eigenthümlichkeit des Talents, des Charakters, die Erfindung des Neuen u.s.w. Das Wohl der Staaten verlangt die Ausgleichung der centripetalen und der centrifugalen Kräfte. Ueberwiegen jene, so entsteht die Despotie; überwiegen diese, die Anarchie. Diese schätzbare Arbeit liegt in den Memoiren der Verliner Akademie, die damals noch Französisch schrieb, begraben. In unserer Zeit, welche den Gegensatz der todten und der lebendigen Kraft zum Schlüssel der gesammten Wissenschaft zu erheben bestrebt ist, würde Weguelin vielleicht mehr Glück gehabt haben. Simon brachte von Göttingen, durch Volk bestimmt, auch noch den Betrieb des Spanischen mit. Er wollte eine Uebersetzung der Chronik von den Kriegen der Abencerragen und Zegris herausgeben. Er übersetzte die Prosa. Ich sollte, da Verse mir leicht wurden, die Uebersetzung der darin vorkommenden Romanzen übernehmen. Drei oder vier hatte ich auch übersetzt, als Simon plötzlich an heftigen Congestionen erkrankte, die ihm ein gar nicht zu stillendes Nasenbluten verursachten. Dieser Zufall stellte sich zuerst sehr unangenehm bei einem Concert ein, welches er in seiner schönen, geräumigen Wohnung in der Heiligengeiststraße veranstaltet hatte. Er spielte nämlich Violine und[234] Violoncell sehr gut und hatte sich mit einigen andern Musikern zu einem Quartett verbunden, zu dem er mich auch als Zuhörer einlud. Etwa nach einer Stunde fing das Nasenbluten an. Die üblichen Hausmittel wurden versucht, verfingen aber nichts, und das Concert mußte aufgegeben werden. Simon consultirte einen Arzt und reiste ein paar Tage später, Mitte Juni, nach Marienbad ab. Es kam dies plötzlich und unerwartet, denn ein paar Wochen zuvor, um Pfingsten, hatte ich noch mit ihm eine Fußreise nach Freienwalde gemacht. Wir waren dort im Gasthof mit zwei Theologen zusammengetroffen, die ich aus dem Collegium von Marheineke her kannte. Der eine, Berkau, war schon etwas in Jahren vorgerückt. Er hatte längere Zeit in Griechenland als Philhellene gekämpft und wußte Mancherlei daher zu erzählen. Der andere, Schröder, war ein weiches Gemüth, das ganz in die Orthodoxie aufging. Er war ein guter Mensch, der später in Westpreußen als tüchtiger Prediger wirkte und mir, als ich schon Professor in Königsberg war, aus Anhänglichkeit zärtliche Briefe schrieb, in denen er mich beschwor, mich doch durch die Speculation nicht vom wahren Glauben, der allein die Seligkeit sichere, abtrünnig machen zu lassen. Sein Lieblingsdichter war der Wandsbecker Claudius, von dem er oft recht passende Verse citirte. Hatten wir den Tag über in der schönen Berg- und Waldgegend uns müde gelaufen, so ließen wir Abends Tisch und Stühle vor das Wirthshaus setzen, saßen und plauderten zusammen, bis die Sterne am Himmel erglänzten und Schröder mit den Versen von Claudius schloß: Amazon.de Widgets Schwarz steht der Wald und schweiget, Und aus der Wiese steiget Ein weißer Nebel wunderbar. Bei dem Rückmarsch nach Berlin wurden wir auf der obdachlosen Chaussee von einem furchtbaren Gewitter mit einem wolkenbruchartigen Regen überfallen, der sich dann in einen allgemeinen Landregen auflöste, so daß wir, bis auf die Haut durchnäßt, in Berlin ankamen. Mir schadete das weiter nichts, aber Simon bekam wohl den Anstoß zu dem Leiden, welches ihn in der folgenden Woche zur Abreise nach Marienbad zwang. Kaum war er fort, so begann für mich ein neues, höchst eigenthümliches[235] Verhältniß. In der philologischen Encyklopädie bei Böckh hatte ich einen Nachbar gehabt, der sich Beifuß nannte. Er war ein Jude aus Hamburg und wohl schon dreißig Jahre alt. Die ser Mann fehlte nach Pfingsten. Da erschien eines Tages ein anderer Jude, Auerbach, aus der Provinz Posen, der mir noch bejahrter schien, bei mir, mich zu bitten, Herrn Beifuß, welcher krank liege, zu besuchen. Ich ging zu ihm. Er wohnte ebenfalls in der neuen Friedrichsstraße in einem jener großen Miethhäuser, worin Hunderte von Menschen zusammengedrängt sind. In einem kleinen Zimmer nach dem Hof hinaus fand ich den Kranken fiebernd im Bett liegen. Sein Kopf war mit einem weißen Tuch turbanartig umwunden. Seine schwarzen Augen funkelten wie Kohlen. Er sagte mir, daß er bemerkt habe, ich schriebe ein gutes Heft und ersuchte mich um die Gefälligkeit, ihm dasselbe, damit er nicht zu sehr aus dem Zusammenhang käme, vorzulesen. Ich ging darauf ein. Manchmal versagte ihm heftiger Kopfschmerz die Anstrengung und dann sprach ich mit ihm, ihn zu zerstreuen, über Allerlei, von dem ich glauben konnte, daß es ihn unterhielt. Als ich ihm mittheilte, daß ich bei Schleiermacher Aesthetik höre, wurde er sehr neugierig auf dieselbe und ich mußte ihm von ihr, so gut ich konnte, berichten. Bald wurde dieser Bericht eben so regelmäßig fortgesetzt, als die Vorlesung von Böckh. Seine Krankheit zog sich in die Länge. Er hatte auch bei Hegel Naturphilosophie angenommen. Da Hegel den Paragraphen seiner Encyklopädie folgte, so konnte er hier eher den Besuch verschmerzen. Auf seine Bitte machte ich das Experiment, bei Hegel für ihn nachzuschreiben. Einige Stunden setzte ich es zwar durch, allein meine Nachschrift fiel bei dem mir so gänzlich ungewohnten Vortrag Hegel's sehr ungenügend aus, abgesehen davon, daß es mir auch zu schwer fiel, nachdem ich Vormittags sechs Stunden hinter einander gehört hatte, am Nachmittag in der Sommerwärme so viel Zeit zu opfern. Dies Experiment wurde also aufgegeben. Als ich mit Herrn Beifuß bekannter wurde, theilte er mir seine Absicht mit, zu promoviren, um sich in Berlin der Journalistik zu widmen. Er hatte schon längere Zeit sich an mehreren Zeitschriften betheiligt und ließ mich diese Aufsätze, meist ästhetischen Inhalts, nach und nach lesen. Sie nahmen mich schon für ihn ein. Er war mir an Welterfahrung und an Reife[236] des Urtheils entschieden überlegen, wenn ich auch in den Wissenschaften und in Kenntniß der alten Sprachen ihm offenbar voraus war. Es entspann sich dadurch eine wunderliche Situation, sofern ich ihm gegenüber unwillkürlich die Rolle eines Belehrenden überkam, während ich doch im Allgemeinen mich ihm, als dem Aelteren, unterzuordnen geneigt war. Er imponirte mir nicht nur durch ein gewisses herrscherisches Wesen, das immer stärker hervortrat, je mehr seine Genesung fortschritt, sondern vorzüglich durch seine große Kenntniß der Englischen Sprache und Literatur, sowie dadurch, daß er Jean Paul einen abgöttischen Cultus darbrachte, der ihn endlich so weit geführt hatte, mit ihm einige Briefe zu wechseln, die ich mit Ehrfurcht in die Hand nahm. Die gemeinsamen Studien, denn so kann ich es wohl am besten nennen, dehnten sich immer weiter aus. Ich las mit ihm Stiedenroth's vortreffliche Psychologie, auf welche er durch eine Empfehlung derselben durch Göthe aufmerksam geworden war. Der Genuß dieses mit außerordentlicher Sorgfalt stylisirten Buches, so wie die sich daran knüpfende Besprechung seiner eigenthümlichen Begriffsbestimmungen machten uns ein außerordentliches Vergnügen. Nachdem wir mit Stiedenroth fertig waren, konnte Beifuß schon wieder aufstehen, wenn er auch noch das Zimmer hüten mußte. Nun wollte er sich im Lateinischen üben und fiel, ich weiß nicht mehr warum, auf die Lebensbeschreibung der Römischen Kaiser von Suetonius. Ich hatte die drei ersten auf dem Gymnasium gelesen und fand daher keine Schwierigkeit, sie mit ihm durchzugehen. Er fing an bei Correcturen, die ich machen mußte, bei entstehendem Streit über den richtigen Ausdruck der Uebersetzung, zänkisch zu werden, und diese Unart nahm zu, je gesunder er wurde. Von seiner Heftigkeit war ich schon zuweilen in seinem Verhalten zu Herrn Auerbach Zeuge geworden. Dieser mußte für ihn allerlei Gänge und Geschäfte besorgen, die sich, wie ich allmälig inne wurde, auf seine Subsistenzmittel bezogen. Mir war das Zugegensein bei solchen Scenen sehr peinlich, die beiden Juden genirten sich aber nicht im Geringsten. Auerbach war auf einer Talmudschule im Posen'schen gebildet, hatte sich, als er zu andern Vorstellungen gelangte, von ihr losgerissen, war nach Berlin gekommen, empfing hier kleine Unterstützungen[237] von reichen jüdischen Familien und wollte durchaus ein Philosoph nach dem Muster Spinoza's werden, der sich ja auch erst durch den Wust des Rabbinismus hatte durcharbeiten müssen. Hätte er nur auch, wie Spinoza, die Kunst verstanden, Gläser zu schleifen, um sich selbst einen, wenn auch kärglichen Unterhalt zu schaffen! So aber war seine Lage höchst bedauerlich. Ein unbefriedigtes, hoch hinaus wollendes Streben fand sich nach allen Seiten durch Mangel an elementaren Vorkenntnissen, durch Mangel an zweckmäßigem Unterricht, auch Mangel an den nöthigen Hülfsmitteln gehemmt. Ich habe später hier in Königsberg noch mehrfach mit ähnlichen Unglücklichen zu thun gehabt, welche der Meinung waren, man könne eben Philosophie studiren und sich durch sie berühmt machen, ohne sonst in den positiven Wissenschaften sich umgethan zu haben. Auerbach faßte ein grenzenloses Zutrauen zu mir, das ich als Gesinnung schätzte, ohne ihm eigentlich helfen zu können. Beifuß lohnte ihn für seine Mühewaltungen durch eine gewisse Nachhülfe und Leitung, die er ihm für seine Cultur zuwendete. Ich kann dies am Besten durch ein Beispiel verdeutlichen. Auerbach borgte von mir Wilhelm Meisters Lehrjahre, von denen er so viel gehört hatte und von denen er sich wahrscheinlich, dem Titel nach, besondere Förderung versprach. Hier mußte ihm nun Beifuß erklären, was unter Exequien, Sarkophag, Sphinx u. dgl. zu verstehen sei. Auerbach schrieb solche ihm räthselhafte Wörter auf Zettel, welche er Beifuß vorlegte. Man kann sich hiernach vorstellen, wie wenig Nutzen ihm das Hospitiren in Vorlesungen der Professoren, zu denen er theils aus Wissenstrieb, theils aus Langeweile, großen Hang hatte, bringen konnte, ja wie es seine Verwirrung steigern mußte. Er wollte immer schon auf der Höhe der Bildung stehen. Als er mir den Wilhelm Meister zurückbrachte, sollte dies doch nicht geschehen, ohne mir ein gewisses Resultat seines Eindrucks auf ihn zu geben. Er faßte dies in diese Worte zusammen, die er wohl zehnmal wiederholte: »Herr Rosenkranz, ich sage Ihnen, Jott, in welchem Aether muß doch dieser Göthe leben, daß er hat schreiben können ein solchen Wilhelm.« Mitunter beklagte er sich bei mir mit Thränen in den Augen über die Härte der Behandlung, die er von Beifuß zu erdulden hatte, allein dieser stand in der That so hoch über ihm, daß er, wie er sich auch verletzt fühlte,[238] doch immer wieder, im Gefühl seiner geistigen Abhängigkeit, als sein gehorsamer Meschores fungirte. Ueber die religiösen Kämpfe, die mich gleichzeitig im Innersten bewegten, sprach ich nie ein Wort mit ihm, aber sonst war ich über den Gang meiner Bildung, über meinen Geschmack und Neigungen ganz offen. Hier schlug nun Beifuß gegen mich einen immer vornehmeren, oft sarkastischen Ton an, in welchem nicht selten auch ein vollkommen begründeter Tadel enthalten war, so daß ich nichts zu entgegnen wußte. Sobald er eine Unwissenheit oder falsche Auffassung entdeckte, über die er hinaus war, konnte ich mich auf herbe Zurechtweisung gefaßt machen. Mit scharfem Verstande, mit witzigen Worten wurden Halbheiten meines Betragens, Schiefheiten meines Urtheils getadelt. So fand ich eines Tages auf seinem Tisch einige Hefte von Baaders Schriften. Es waren die Fermenta cognitions und der Blitz als Vater des Lichts. Als sich nun herausstellte, daß ich von Baader bis dahin nur den Namen kannte, erfolgte seinerseits ein höhnender Ausbruch über meine Unwissenheit. Ich bat ihn, mir die Brochüre über den Blitz zu leihen, was er auch that, jedoch im Voraus bezweifelte, ob ich sie auch werde verstehen können. Hierin hatte er auch ganz Recht, aber doch öffnete mir diese Lectüre den Blick in eine mir ganz neue Denkungsart und machte mich immer begieriger, Jacob Böhme's Schriften, auf wel che Baader sich berief, kennen zu lernen. Unter so intensiven, mannichfaltigen Anregungen vergingen fast drei Monate. Beifuß war inzwischen ganz gesund geworden. Ich reiste im September nach Magdeburg. Als ich Mitte October nach Berlin zurückkam und Beifuß aufsuchte, fand ich ihn nicht mehr in der kleinen Stube mit dürftigen Möbeln. Er wohnte Unter den Linden, freilich auch nach dem Hof hinaus, aber in einem großen, elegant möblirten Zimmer. Seine Kleidung war verfeinert und seine Stellung die eines Mannes, der in Berlin wachsenden Einfluß gewinnen werde. Er empfing mich freundlich, jedoch mit einer gewissen Herablassung zum Studenten, den er vor sich erblickte. Er war Mitarbeiter an der »Schnellpost«, einem Journal geworden, welches den theatralischen Angelegenheiten gewidmet war und dem sogar Hegel einige Kritiken beigesteuert hat, die in dem zweiten Theil seiner vermischten Schriften[239] wieder abgedruckt sind. ? Beifuß bedurfte meiner nicht mehr, um sich zur Promotion vorzubereiten. Er hatte diesen Gedanken als überflüssig aufgegeben. Er verkehrte jetzt mit Rellstab, mit Saphir, mit Schauspielern, mit Hegel selbst wie er mir sagte, wenn er darunter auch wohl nur ein paar Besuche verstand, die er ihm im Interesse der »Schnellpost« gemacht hatte. Genug, er imponirte mir durch die Stellung, die er über Nacht in der Berliner Gesellschaft gewonnen hatte. Wenn ich ihn jetzt besuchen wollte, fand ich ihn entweder nicht zu Hause oder er sagte mir nach einer kurzen Unterhaltung, daß er sehr beschäftigt sei. Ich zog mich daher zurück. Doch schenkte ich ihm noch zu seinem Geburtstag, den ich zufällig durch Auerbach erfahren hatte, ein schön gebundenes Exemplar einer Gesammtausgabe Shakespeare's in Einem Bande, das huldreich angenommen wurde. Die Beziehungen zwischen uns stockten von hier ab gänzlich bis auf einige kleine Anleihen, die er durch Auerbach bei mir machen ließ, anfänglich auch, obwohl nach längeren Fristen, als er versprochen, zurückgab, endlich aber eine größere schuldig blieb. Als ich ihn im nächsten Jahre von Halle aus brieflich darum zu mahnen wagte, weil ich das Geld zu einer Reise in die Sächsische Schweiz verwenden wollte, bekam ich eine Antwort, welche den Styl, worin ich ihm geschrieben, ironisch durchhechelte, aber das Geld bekam ich nie zurück. Dieser gewiß talentvolle, aber eitle und zur Behauptung einer nachhaltigen Wirksamkeit nicht genugsam ausgerüstete Mann ging einige Jahre später in einem unordentlichen, stets von Geldverlegenheiten bedrängten Treiben zu Grunde und starb in einem Hamburger Hospital. Amazon.de Widgets Durch Beifuß war ich bestimmt worden, mich auch nach Jean Paul umzuthun, dessen er so oft mit Bewunderung erwähnte. Obwohl mein Vater Walter Scott allen übrigen Romanschriftstellern vorzog, so las er doch auch Jean Paul mit Vergnügen. Die Elemente der zeitgenössischen Atmosphäre mögen es ihm erleichtert haben, sich in Stimmungen, Charakteren, Bildern, Anspielungen dieses Autors zurecht zu finden. Ich war daher auch nicht gerade unbekannt mit ihm geblieben, allein ich bekenne, daß ich ihm bis dahin keinen sonderlichen Geschmack hatte abgewinnen können. Er war mir zu dunstig. Der Aufwand der Phantasie, mit welchem er auch die einfachsten Vorgänge,[240] die geringsten Empfindungen ausmalte, erschien mir oft unnatürlich. Die Erfindung der Situation, die er zu Grunde legte, dünkte mich eher sonderbar, als wahrhaft interessant. Ich hatte daher nur so viel von ihm gelesen, mir von seinem Styl, von seiner Manier überhaupt, im Unterschiede von andern Autoren, eine Vorstellung machen zu können. Beifuß trieb mich, sofort das größte Werk Jean Paul's, den Titan, in Angriff zu nehmen. Dies geschah. Die Wirkung war eine außerordentliche. Albano und Cesara, Spener und Schoppe, Liane und Linda, Roquairol und Rabette verkörperten sich für meine Einbildungskraft zu einer so plastischen Deutlichkeit, wie ich sie von Jean Paul gar nicht erwartet hatte. Die reizenden landschaftlichen Gemälde, der Wechsel der erhabenen und komischen Scenen, die philosophischen Betrachtungen boten mir eine unendlich reiche Nahrung. Ich sprach, wie ich im Lesen vorrückte, auch mit Beifuß über die Composition. Was mich aber bei diesem Roman im Innersten traf, verhehlte ich ihm, denn es hing mit der Qual zusammen, welche Schleiermacher's Glaubenslehre allmälig in mir zu bereiten anfing. Dies war die Entdeckung, daß ich, abgesehen von der äußeren Verschiedenheit der Lage, in meinem Wesen die größte Aehnlichkeit mit Roquairol besäße. Schleiermacher zeigte mir, daß in mir die Sünde existire, daß sie mich von Gott entfremde. Der absoluten Heiligkeit Gottes gegenüber hatte ich nie angestanden, mich als einen sündigen Menschen zu erkennen und zu bekennen, aber von einer solchen Unaufhörlichkeit der Sünde, von einer solchen totalen Infection meines Gemüths mit dem Bösen, als seine Dogmatik mir zumuthete, war ich weit entfernt gewesen. Im Gegentheil hatte ich bis dahin mich vieler Momente meines Lebens erfreut, in denen ich mich für durchaus selig hielt. Vor Wonne wußte ich den entzückten Ueberschwang meines Gefühls oft kaum zu bändigen. Und gerade in solchen Momenten hatte ich keinen beruhigenderen Ausweg gefunden, als die Verklärung meines Gefühls durch die Erhebung zu Gott, dem ewigen Urquell alles Wahren, Schönen und Guten. Nur die innigste Dankbarkeit gegen ihn schien mich vor dem Uebermaaß retten zu können, mit welchem die himmlischen Gewalten sich meiner bemächtigten. Selbst die Poesie des Titan, die eine so tiefe Wunde in mir aufreißen sollte, war doch so wundervoll, daß ihr Genuß mich[241] mit den süßesten Empfindungen durchdrang. ? Gern ging ich in jenem Sommer nach der sogenannten Rousseauinsel im Thiergarten. Sie liegt abseits von den lärmenden Fahrwegen, von den breiten Spazierpfaden, wo sich die bunten, plaudernden Menschenhaufen bewegen, in lieblicher Einsamkeit innerhalb eines kreisförmigen Gewässers, an dessen Ufer schöne große Bäume sich hinziehen, wie man sie dem Berliner Sande kaum zutrauen sollte. Eine kleine Brücke führte zu ihr hinüber. Zwischen Trauerweiden und Birken, unter überhängenden leichten Gebüschen stand auf ihr eine Bank mit einer rohen Lehne von Baumzweigen. Hierher flüchtete ich mich, die köstlichsten Stellen des Titan noch einmal zu lesen. Die Sonne warf schon lange Schatten auf den Rasen; ihr dunkel glühendes Gold zitterte zwischen den Blättern; fern her rauschte das Rollen der Wagen, welche die Thiergartenstraße oder die Charlottenburger Chaussee belebten; Hunde bellten, Menschenstimmen näherten und entfernten sich wieder; silberne Wolken schoben sich, wie überirdische Ahnungen, über die Wipfel der Bäume und spiegelten sich in dem trüben, melancholischen Wasser, auf dessen Oberfläche hier und da die gelbe Blüthe einer Lilie träumerisch sich hinlagerte. War dies Alles nicht himmlisch! Mein Herz wollte vor Wehmuth und Sehnsucht zerspringen. Je mehr ich aber in das Verständniß des Titan eindrang, um so mehr glaubte ich in der Gestalt Roquairol's den Schlüssel zu der Form zu finden, welche das Böse als ein wahrhaft teuflisches in mir angenommen habe. Ich verdächtigte alle Regungen meiner Seele, in ihnen den bitteren Beigeschmack der Sünde zu finden. Ich hatte zwar kein Verbrechen begangen, welches der bürgerlichen Gesellschaft ein Recht zu meiner Bestrafung gegeben hätte; auch konnte man mir keine grobe Lasterhaftigkeit vorwerfen; ich konnte sogar behaupten, daß ich in der That immer das Gute gewollt hätte; allein ich glaubte nunmehr immer schärfer die Täuschungen zu entlarven, mit denen ich mich über die Selbstsucht betrogen habe, die zuletzt das entscheidende Princip meines Handelns gewesen sei. Ich beschuldigte mich, die Aufgabe meines religiösen Wandels nicht ernst genug genommen, unreine Gelüste hinter vornehmen Motiven versteckt, Fehltritte durch die Zufälligkeit der Umstände zu leicht entschuldigt zu haben. Verdüsterte ich mir so den[242] Rückblick auf meine Vergangenheit, so machte ich mein Verhalten in der Gegenwart zu einem unsicheren, beängstigten. Hat man erst angefangen, die Lauterkeit seiner Gesinnung zu bezweifeln, hat man erst einige Uebung in der casuistischen Kunst erworben, für sein Handeln die Fundamente des Egoismus in den geheimen Falten seines Herzens auszuspüren, so ist für die Selbstanklage keine Grenze mehr. Roquairol war ja auch in seiner Reflexion ein Tugendheld, er war ja auch der Freund eines Albano, der Geliebte einer Rabette geworden, und doch zeigt Jean Paul, daß er im Innersten unwahr, verlogen, ein bloßer Komödiant der Sittlichkeit war und daß die Bildung seines ästhetischen Geschmacks ihm in ethischer Hinsicht nicht nur nichts nütze, sondern durch Verfeinerung der Sinnlichkeit eher schadete. Meine Verhältnisse waren ganz andere, als die des Hauptmannes in einer höfischen Umgebung, allein zur Interpretation der meinigen nach der Analogie blieb Stoff genug übrig. ? Natürlich siegte zunächst die jugendliche Kraft und Lust noch über die Hypochondrie. Man hatte mich gern in der Gesellschaft gehabt, weil ich heiter und durch Erzählen, Disputiren, lustige Einfälle und Eulenspiegeleien unterhaltend war. Zu allen größeren Unternehmungen wurde ich aufgefordert. In Charlottenburg, Pankow, Schönhausen, Treptow, in der Hasenhaide, im Wollank'schen Weinberg und wo sonst noch wurden Partieen arrangirt, bei denen wir junge Männer mit den jungen Damen alle herkömmlichen Spiele im Freien vornahmen, groteske Improvisationen aber, zu denen ich geneigt war, sich großen Beifall und Dank verdienten. In solchen Stunden vergaß ich mich völlig. Erwachte ich dann am andern Morgen, so wurde die Kritik an mein Betragen vom vorigen Tage gelegt und ich beendete sie dann gewöhnlich mit dem Geständniß, daß ich, nach der Sprache Schleiermacher's in den Monologen, von meinem Urbilde zu einem Zerrbilde stark heruntergesunken sei. Die Gesundheit im Leben eines Volkes wird hauptsächlich durch alle Menschen unterhalten, die so glücklich sind, in die Arbeit ihres Tagewerkes aufzugehen und nicht Zeit haben, sich in Grübeleien über ihre Seelenzustände zu verlieren. Mit der mikroskopischen Selbstbetrachtung kommt die Verdrießlichkeit und Ungewißheit. Ich suchte mich noch mehr, als ich aus Liebe zur Wissenschaft schon gethan, von dem großen gesellschaftlichen Verkehr[243] abzuziehen, weil er meiner Sinnlichkeit und Eitelkeit zu viel gefährliche Nahrung zu bieten schien. 
 XII. Heidelberg. Daub's Einwirkung auf mich. Mein Verkehr mit Wippermann, Wunderlich, Franz Kugler und Theodor Parow. Geistlich Nachspiel zur Tragödie Faust. Rheinreise.  [305] Nach Heidelberg konnte man damals nicht so rasch, wie heutiges Tags, gelangen. Ich fuhr mit der Schnellpost zunächst bis Cassel. Als ich einstieg, war ich von dem Abschiedsfrühstück sehr ermüdet, welches ich mit Volk, Simon und Genthe unter Oberleitung meiner guten Schwester genossen hatte. Ich schlief bald ein und erwachte erst in Nordhausen. Ein freundlicher Herr, mir gegenüber, begrüßte mich mit einem Scherze. Es war Herr von Olfers, der nach Brasilien ging. Wir kamen bald in's Gespräch und logirten in Cassel in demselben Hôtel. Ich saß Mittags an der Wirthstafel neben ihm. Er unterhielt sich zuweilen querüber mit einem ganz stattlich aussehenden Mann, der einen stark wattirten großen grünen Oberrock, nach Art der Engländer, trug. Ich entnahm daraus so viel, daß derselbe nach Cassel gekommen, im numismatischen Cabinet Münzen nachzusehen, die ihm für die Römische Geschichte von Wichtigkeit waren. Ich vermuthete also einen Alterthumsforscher. Ich erfuhr nach Tisch durch Herrn von Olfers, daß es August Wilhelm von Schlegel gewesen war. Ich erwähne dies, weil es natürlich für mich ein Ereigniß war, auch diesen Koryphäen der Romantik persönlich geschaut zu haben. Olfers ging auf Cöln weiter, ich über Marburg, Hanau nach Frankfurt, wo ich, für meine Verhältnisse viel zu elegant und viel zu theuer, in dem neu eröffneten Hôtel zum Russischen Kaiser auf der Zeile logirte. Von hier miethete ich mit einem Gießner Studenten, einem Juristen, einen[306] kleinen Wagen, auf welchem wir an einem entzückenden Frühlingsmorgen die reizende Bergstraße über Darmstadt nach Heidelberg fuhren, wo ich Abends im Gasthof zum Prinzen Karl an der Ecke der Hauptstraße und des Kornmarktes abstieg. Ich unterlasse es, den Eindruck zu schildern, den das Thal von Heidelberg mit der schönen Ruine des Schlosses auf mich machte. Es ist dies tausendfältig von Andern geschehen. Ich war überselig, mich in diesem Mittelpunkt der Romantik zu befinden, und konnte mich an den Bergen, welche die Stadt überragten, an den blühenden Mandel- und Kastanienbäumen, an dem Neckarstrom, der durch die schöne Brücke rauschte, nicht ersättigen. Ich miethete an der Ecke des Marktes und der Mittelbadgasse bei dem Kupferschmied Breßler im dritten Stock eine Wohnung, von deren Fenstern aus ich eine unvergleichliche Aussicht genoß. Vor mir hatte ich den großen Markt mit der Hauptkirche und den Röhrbrunnen. Gegenüber winkten die Häupter der grünen Weinberge. Nach links blickte ich die Hauptstraße hinab bis zum Mittelthorthurm, der noch stand, aber, während meiner Anwesenheit in Heidelberg, abgerissen wurde. Nach rechts schweifte der Blick über das Karlsthor auf die röthlich schimmernde Terrasse des Schlosses. An sonnigen Tagen war die Wohnung zum zerschmelzen heiß, und bei Nachtgewittern, die nicht zu selten waren, erglühete sie vom infernalischen Schein der Blitze wie eine Hölle. Die blendende Helligkeit des elektrischen Lichtes deckte dann die entferntesten Gegenstände mit zauberischer Deutlichkeit auf. Glückliche Jugend! Mit welcher Kraft und Raschheit bildet sie den Menschen um! In Wochen, in Monaten, vollzieht sie die erstaunlichsten Prozesse, während im Alter die Zeit als solche zwar immer schneller zu fliehen scheint, aber die Seele sich nicht mehr verwandelt. Einer nach dem andern von den Menschen, mit denen wir eigentlich gelebt haben, stirbt uns ab. Wir werden die großen Umwälzungen der Natur und Geschichte gewohnt. Wir suchen die kleinen Eigenschaften, zu denen wir es gebracht haben, zu erhalten und erwarten als nächstes und wichtigstes Ereigniß nur noch den Tod. Um uns herum verändert sich Alles. Wälder verschwinden, die Straßen der Städte schmücken sich mit neuen Häusern, die Kleidung und Sitte der[307] Menschen nimmt ungeahnte Gestalten an, neue Namen erklingen in Wissenschaft und Kunst, neue Helden werden vergöttert, aber wir selber erleiden keine neue Metamorphose. Diese elegische Betrachtung drängt sich mir beim Eintritt in meine Heidelberger Epoche zu unwillkürlich auf, wenn ich die Erschütterungen meines Bewußtseins überdenke, welche ich dort in wenigen Monaten durchlebte. Ich feierte dort ganz allein meinen zwei und zwanzigsten Geburtstag. Ich glaubte noch immer, mich für ein Predigtamt vorzubereiten und beschäftigte mich doch, wie man schon weiß, mit ganz andern Dingen, wenn dieselben auch nicht ganz ohne Zusammenhang mit der Theologie waren. Hinrichs hatte mir ein Exemplar seines neuesten Buchs: über das Wesen der antiken Tragödie, dargestellt an der Sophokleischen Oedipodie, mit einem Empfehlungsschreiben an Daub, F. Schlosser und Creuzer mitgegeben. Ich machte daher diesen Herren meinen ehrfurchtsvollen Besuch. Sie nahmen mich freundlich auf, aber, außer zu Daub, gewann ich kein Verhältniß zu ihnen, was auch ganz natürlich war, da ich als Theologe immatrikulirt war und keine Collegia bei ihnen hörte, sondern nur zuweilen bei ihnen hospitirte, eine nähere Vorstellung von ihrer Persönlichkeit und Methode zu erlangen. Da ich noch einige Wochen vor dem Anfang der Collegia gekommen war, so benutzte ich die Zeit, mich topographisch zu orientiren. Ich lief nach allen schönen Punkten der Umgegend. Der Blick vom Kaiserstuhl ließ mich die ganze Scenerie umfassen, auf welcher von Straßburg bis Frankfurt sich ein großer und wichtiger Theil der Deutschen Geschichte abgespielt hatte. Welche Erinnerungen umschwebten nicht die Städte Speier und Worms! War doch hier, am Rhein, auch der Schauplatz der Nibelungen, die so tief in mein jugendliches Gemüth eingesenkt waren! Wie wunderbar gemahnte es mich, den Weg, den man zum Kaiserstuhl aufsteigt, noch den Römerweg genannt zu hören, denn zuletzt stößt man in diesen Gegenden doch überall auf die Spuren der einstigen Römerherrschaft. Diese einsamen Gänge, worin ich die ersten Eindrücke einer mir neuen Stadt und Gegend, unbeirrt durch fremde Reflexion, mit Begierde in mich aufzunehmen geliebt habe, worin ich, nach Art der Romantiker, die Wirklichkeit als Märchen genoß, worin ich die successiv auftauchenden Gegenstände nach[308] der ungefähren Kenntniß, die ich von ihnen mitbrachte, zu enträthseln suchte, gehörten stets zu meinen höchsten Genüssen. So wanderte ich auch eines Morgens früh nach Schwetzingen, den dortigen Schloßgarten zu sehen. Es war ein unvergleichlich schöner Frühlingstag. Beim Hingang hatte ich die blauen Linien der Vogesen, beim Rückgang am Abend die dunkeln des Odenwaldes vor Augen. Ich schwelgte in Wonne. Natur und Geschichte drängten sich in üppigster Fülle an mich heran und mein Herz erzitterte von tausend hohen Ahnungen, wie auf jenem Gang von Quedlinburg nach dem Stubenberge oder von Halle nach Merseburg. Diese Zeit vor Anfang der Collegia benutzte ich auch, um zwei Bücher durchzumachen, die ich mir sogleich am dritten Tag nach meiner Ankunft gekauft hatte. Das eine war die Ausgabe des Lohengrin von Görres, das andere der Judas Ischariot von Daub. Der Lohengrin war mir jetzt des Grals halber wichtig. Das Gedicht selber entsprach nicht meinen hochgespannten romantischen Erwartungen. Es ließ mich über die mysteriöse Seite des Grals ohne weiteren Aufschluß, da es sich in die Sagengeschichte von Cleve und sogar in die historische Zeit von Heinrich dem Finkler und seinen Kämpfen gegen die Avaren verliert. Desto mächtiger und nachhaltiger war der Eindruck, welchen die köstliche Einleitung von Görres bei mir hinterließ. Welch ein Riese mannichfaltigster Kenntnisse, welch ein Genie fruchtbarster Combination, welch ein sprachgewaltiger Darsteller ist doch dieser Görres gewesen! Er gehörte damals zu den Schriftstellern, die ich vergötterte. Hier in Heidelberg hatte er sein herrliches Buch über die Deutschen Volksbücher, hier hatte er seine Asiatische Mythengeschichte, hier sein Heldenbuch von Iran verfaßt! Daub hat mir erzählt, wie Görres in einer äußerlich fast dürftig zu nennenden Lage stets mit heiterm Humor hier unverdrossen seinen kolossalen Arbeiten oblag. Als er alt wurde, artete die Romantik bei ihm aus, und ich selber bin es gewesen, der seine Geschichte der christlichen Mystik hart angriff. Aber was er in seiner Heidelberger Periode schuf, war zwar enthusiastisch, wie Alles, was er schrieb, aber es war noch ohne die Verbitterung, die sich später bei ihm festsetzte, und ohne jene falsche Ueberschwänglichkeit, die ihn in den Aberglauben[309] hineingerathen ließ. Ich kann dies nicht deutlicher machen, als wenn ich zwei Arbeiten von ihm vergleiche, welche denselben Gegenstand haben. In den Studien von Daub und Creuzer findet sich von Görres eine Einleitung in die Weltgeschichte, deren tief geschöpfter Inhalt sich in hinreißend schöner Diction entfaltet. Die heutigen Historiker und Geschichtsphilosophen wissen nichts mehr davon und würden auch, wenn man sie darauf hinwiese, es gar nicht der Mühe werth halten, sich darum zu kümmern. Aber es soll ihm deshalb sein Ruhm unverkümmert bleiben. Es gab für mich damals nur noch eine Abhandlung, die ich eben so hoch stellte. Es ist das Vorwort, mit welchem Arnim die Volksliedersammlung eröffnete, die er mit Brentano unter dem Titel: »Des Knaben Wunderhorn« herausgab. Görres' Abhandlung ist eine von Poesie durchhauchte concentrirte Anschauung der Weltgeschichte, die von Arnim eine eben solche von dem Wesen der Deutschen Geschichte. Es herrscht darin die innigste Empfänglichkeit für die Eigenart und Sitte unseres Volkes, wie sie nur aus der größten Liebe zu ihm und aus der sorgsamsten Beobachtung hervorgehen konnte. Es ist jetzt Mode geworden, auf jene Männer mitleidig herunterzublicken, weil sie Romantiker waren. Ich habe die Krankheiten der Romantik schwer genug durchmachen müssen, aber nie werde ich vergessen, wie ohne jene Romantik wir Deutsche uns niemals unter der Französischen Gewaltherrschaft so tief auf unsere wahre Individualität zurückbesonnen, Achtung vor unserer Vergangenheit, Vertrauen zu unserer Kraft gewonnen hätten. Als Görres später in München Weltgeschichte vortrug, ließ er die Einleitung dazu drucken. Wie geistreich auch hier noch einzelne Züge sind, so ist doch das Ganze in der Grundauffassung verfehlt. Die Scheidung der Völker in Semiten, Hamiten, Japhetiten, nach Anleitung der Mosaischen Sage, soll ihm hier mit einer abenteuerlichen Zahlenmystik den Schlüssel zur Weltgeschichte geben. Ich habe Görres in München auf dem Katheder gesehen. In einem großen Auditorium saßen ein Dutzend katholischer Theologen in ihren schwarzen Röcken, außerdem eine kleine Anzahl Belgischer Studenten. Görres, ein schlanker, magerer Mann, schritt festen Fußes auf das Katheder. Er hatte nicht einmal ein Blättchen vor sich, sondern sprach ganz frei. Seine Stimme hatte einen wunderbar vibrirenden Ton von großer[310] Kraft, jedoch ohne Modulation. Sie strömte in immer gleichem Wogenschlag weiter. Er stand und stemmte die Arme trotzig auf die Ecken des Pultes. Sein Blick war nach dem Fenster gerichtet. Die Zuhörer beachtete er nicht. Er schien in eine Vision verloren. Er entwarf eine prachtvolle, wie man nicht anders von ihm erwarten konnte, sehr günstige Schilderung vom heiligen Bernhard von Clärvaux und von den Wundern seiner Beredtsamkeit, durch welche er das Feuer der Kreuzzüge entzünden half. Er hätte selber sofort Aehnliches zu leisten vermocht. Während er so in unnachahmlichen Worten die Vergangenheit, als hätte er sie selbst erlebt, hervorzauberte, spuckte er unaufhörlich, wie ein Matrose, sobald er einen Satz beendigte, quer über die ganze Hälfte des Zimmers rechts nach dem Fenster hin, was mich zuerst sehr störte, woran die Zuhörer jedoch sich offenbar so gewöhnt hatten, daß sie es gar nicht mehr bemerkten, wie es mir selber in Berlin mit Neander ergangen war, der auch unausgesetzt, obwohl leise, vor sich hinspuckte. Der Hauptaffect zur Einleitung von Görres zum Lohengrin bei mir war, daß ich auf die Bedeutung von Byzanz für die Cultur des Mittelalters mit ganz an dern Augen, als bis dahin, aufmerksam wurde. Jetzt ist dies auf den verschiedensten Gebieten anerkannt, aber in meiner Jugend war diese Erkenntniß mit Ausnahme der Geschichte der Philologie, noch außerordentlich zurück. Daub's Judas Ischariot, oder das Böse im Verhältniß zum Guten, hatte ich gleich den dritten Tag nach meiner Ankunft in Heidelberg in Angriff genommen. Das Buch wurde mir leicht und schwer. Leicht, sofern ich die einzelnen Abschnitte: Judas und Christus, die Widersacher Christi, das Evangelium als Wunder, Kaiphas und Christus oder das Evangelium, endlich die Wunder des Teufels gar wohl zu verstehen glaubte; schwer aber, sofern ich mich sträubte, die eigentliche Tendenz des Buches anzuerkennen. Diese ging, wie ich mir schließlich nicht verhehlen konnte, auf die Construction eines Beweises dafür hinaus, daß das Böse sein Princip in einem intelligenten Urbösen habe. Daub stellte zuerst den Begriff des Gesetzes auf. Ihm entgegen sollte dann das Gesetzwidrige als das Widernatürliche, Unvernünftige, ein seinem Prinzip nach Uebernatürliches sein. Daub wollte also die supranaturalistische Auffassung des Bösen rechtfertigen. Tiefe Blicke in den Abgrund[311] des Bösen, vortreffliche Ausführungen einzelner Seiten desselben, z.B. der Lüge, glänzende Ausschweifungen, z.B. über Kant's Kriticismus, über Lessing's Nathan, sowie die geistvolle, markige Sprache, fesselten mich ungemein, allein das Ganze war für mich unfaßlich. Daub selber hatte das Werk handschriftlich zu Ende geführt, aber er hat nur zwei Hefte drucken lassen; das dritte, worin die Rettung des Teufels als Person, um es kurz auszudrücken, zum unzweideutigen Vorschein kam, hatte er zurückgenommen, was er nicht hätte thun sollen, da er damit den Werth der vorgängigen Untersuchung schmälerte. Daß er es aber that, war durch Hegel's Anwesenheit in Heidelberg veranlaßt worden. Gerade während derselben ? 1816 bis 1818 ? wurde das Buch in Heidelberg gedruckt. Daub wurde durch Hegel zu einer erneuten Aufnahme des Studiums seiner Philosophie bewogen, und mit dieser konnte jener Supranaturalismus nicht mehr bestehen. Um den Ursprung des Bösen aus der Freiheit des Menschen zu begreifen, bedarf es keines fictiven Lucifers außer ihm, in welchem der Proceß der Genesis des Bösen doch zuletzt gerade nur eben so, wie in der Seele des Menschen, sich zu vollziehen vermag. Die Vorstellung eines Teufels außer dem Menschen, als eines grundbösen, der ihn zum Bösen versuche, ist nur die mythische Projektion des Vorganges der Selbstsucht im eignen Gefühl, Bewußtsein und Willen. Daub's Judas ist das extremste Product der romantischen Theologie. Daher wurde auch Lessing's Nathan, das poetische Evangelium der religiösen Toleranz, darin scharf censurirt und des Indifferentismus gegen das Christenthum beschuldigt. Daher werden auch Verbildungen der Natur, wunderliche Gestalten derselben in der antediluvianischen Zeit u.s.w. dem Wirken des Teufels zugeschrieben. Alle Monstrosität wird ihm als Ursacher aufgebürdet. Was hat der Teufel mit den unschuldigen Dickhäutern zu thun, die vor tausenden von Jahren in der damals üppig wuchernden Flora der Erde hausten? Zu meiner großen Verwunderung entdeckte ich auch, daß eine lange Diatribe über Raum und Zeit offenbar gegen den Anfang der Hegelschen Phänomenologie gerichtet war. Hier war Daub dicht daran gewesen, das Endliche in der Bedingung seiner Existenz zu fassen, aber sein theologischer Dogmatismus hatte ihm damals noch die richtige[312] Auffassung unmöglich gemacht. Ich selber habe mit Daub nie über seinen Judas zu sprechen gewagt, da er die Hypothese, auf welcher derselbe beruhte, zur Zeit, als ich mit ihm verkehrte, aufgegeben hatte. Ich wußte aber von seiner Frau, daß er einen Kampf auf Leben und Tod durchgemacht hatte, als er, in Folge eines Studiums der Hegel'schen Logik, sich von der wissenschaftlichen Unhaltbarkeit seiner Hypothese überzeugte. Was ich jetzt hier mit vollkommener Einsicht in Daub's Verirrung sage, war mir damals natürlich noch nicht so klar, sondern konnte es erst allmälig werden. Zu erst mußte mir das gewaltige, wundersame Buch imponiren und mich namentlich auch durch sein hohes sittliches Pathos heilsam erschüttern. Ich glaube, daß es hier der Ort sein wird, über mein Verhältniß zu Daub eine allgemeine Vorbemerkung zu machen. Ich habe, als Krüger in Hamburg mit Bewilligung Daub's die Entwickelung, welche derselbe von den Hypothesen über die Willensfreiheit zum Druck befördert hatte, in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik, 1835, im Anfang des Jahrgangs, bei einer Anzeige dieses Buches eine Charakteristik von Daub als Schriftsteller gegeben. Ich habe dann im Frühjahr 1837, als Daub im Jahre zuvor gestorben war, Erinnerungen an Carl Daub zu Berlin drucken lassen und Daub darin als Menschen wie als Lehrer geschildert, so weit ich selbst Gelegenheit hatte, ihn kennen zu lernen. Die Einwirkung seiner großartigen Persönlichkeit auf mich war, wie man auch hier sehen wird, außerordentlich gewesen. Ich stellte ihn hoch über alle gleichzeitig lebenden Theologen, auch über Schleiermacher, und habe dies auch öffentlich wiederholt ausgesprochen. Ich gestehe jedoch jetzt, nachdem Schleiermacher's gesammte wissenschaftliche und homiletische Thätigkeit uns vorliegt, daß ich ihn doch als den genialeren, produktiveren und vielseitigeren Theologen und Philosophen anerkennen muß. Es ist Alles wahr, was ich über die speculative Tiefe, über die gelehrte Bildung und über die wissenschaftliche Kunst Daub's gesagt habe, allein Schleiermacher ist eigenthümlicher, fruchtbarer, und, um es so zu nennen, dogmatisch liberaler gewesen. Daub's Einwirkung auf unsere Theologie ist längst vorüber; auf die Umgestaltung unserer Kirche hat sie sich gar nicht erstreckt; Schleiermacher's Einfluß dauert noch immer fort und ist auf allen[313] Gebieten der theoretischen wie praktischen Theologie, sowie in der Philosophie, Geschichte derselben und in der Pädagogik noch überall sichtbar. Der Gegensatz beider Männer kam schon äußerlich zur Erscheinung. Der eine lebte in Berlin in einer nach allen Richtungen hin unbeschreiblich anregenden Thätigkeit, die nur einem so genialen Menschen in solcher Ausgiebigkeit und Mannichfaltigkeit möglich war. ? Diese beispiellose Expansion, welche die verschiedensten Formen des Wirkens und Darstellens mit Virtuosität, wie es schien, spielend auseinander hielt und die ich als unmittelbarer Zeuge derselben nicht genug anzustaunen vermochte, wurde von Zeit zu Zeit durch Reisen unterbrochen, welche die Fülle der persönlichen Verbindungen in das Grenzenlose zu erweitern drohte. Daub lebte einsam im Heidelberger Thal, ein Jahr wie das andere. Creuzer und Thibaut waren fast sein einziger Umgang. Daub concentrirte sich ganz in die Intensität seines contemplativen Denkens. Reisen machte er nicht, brauchte es auch insofern nicht, als die Reisenden, die das schöne Heidelberg lockte, zu ihm kamen. ? Ohne seine große Gelehrsamkeit und philosophische Bildung hätte er, nach seinem Judas zu urtheilen, ein Theosoph, wie Jacob Böhme, werden können. Daub hatte in Paulus den schärfsten Contrast neben sich. Paulus war in Heidelberg, was Wegscheider in Halle, das gefeierte, unbestrittene Haupt der rationalistischen Theologie. Alle Badenser, Schwaben und Schweizer hörten bei ihm, während Daub's theologische Collegia nur von sehr wenigen Zuhörern, meist Norddeutschen, besucht wurden. ? Paulus war, in Verbindung mit Voß, der erklärte Gegner von Daub. Sie hatten ihn des Cryptokatholicismus verdächtigt und es war deshalb in Karlsruhe zur Untersuchung gekommen, die 1826 zu Gunsten Daub's geendet hatte. Voß, der in diesem Jahre starb, hatte noch auf dem Todtenbett das Urtheil erfahren. In diesem Jahre hatte auch Paulus die traurige Geschichte der Mißheirath seiner einzigen, schönen, gelehrten Tochter mit August Wilhelm von Schlegel erleben müssen. Heine hat sie unter dem Mythus von Osiris und Isis erzählt. War es nicht schon an sich eine Monstrosität, daß der nüchterne, kahlverständige Paulus Schwiegervater eines Romantikers, wie Schlegel, werden sollte. Paulus rächte sich für den Schimpf, welchen der impotente Romantiker seiner[314] Tochter angethan, durch eine energische Verfolgung der romantischen Schule, die er in der mannichfachsten Form betrieb. An einem literarischen Lexikon, das er »Geisterrevue« betitelte, soll seine Tochter selber starken Antheil gehabt haben. Göthe, gegen welchen die Schlegel, nachdem sie ihn zuerst vergöttert, sich polemisch gewendet hatten, wurde darin besonders gefeiert. ? Für Gutzkow, als er der Gotteslästerung halber angeklagt wurde, trat Paulus öffentlich in die Schranken, ohne seine Verurtheilung hindern zu können. Schelling und Hegel verfolgte er in Brochüren unter dem Namen: »Magis Amica Veritas« gegen Schelling riß ihn die Leidenschaft bis zu dem unwürdigen Schritt fort, daß er sich ein Heft der Vorlesungen desselben in Berlin kaufte und diese Nachschrift mit einer boshaften Einleitung und vielen hämischen gelehrten Anmerkungen drucken ließ. Schelling verklagte ihn, verlor aber den Proceß und Paulus erreichte, was er wollte. Er legte Schelling in Berlin lahm. Der geheimnisvolle Reiz, der bis dahin seine Offenbarungsphilosophie umschwebt hatte, war durch jene Veröffentlichung vernichtet. Schelling hörte auf zu dociren. Amazon.de Widgets Ich habe Paulus, der noch sehr rüstig war, oft genug gesehen, aber ich habe nichts bei ihm gehört, da ich in Halle den Rationalismus genugsam kennen gelernt hatte. Ich hospitirte nur einige Male in seinen Vorlesungen, mich zu überzeugen, wie er in schwäbischem Dialekt von den Pfiffen der Pfaffen und von dem Abendmahl als einer Zusammenkunft sprach, bei der man eben auch gegessen und getrunken habe. Auch zu Umbreit und Ullmann, mit welch letzterem ich später in Halle befreundet wurde, hatte ich kein Verhältniß. Eben so wenig zu Schwarz, dessen berühmte Pädagogik ich versuchte, aber entsetzlich langweilig fand. Der Professor der Philosophie, Erhardt, ließ mich ganz kalt. Niemals wurde unter uns Studenten von ihm gesprochen. Die bedeutende medizinische Fakultät lag mir damals zu fern. Ich habe bei ihren Koryphäen nicht einmal hospitirt, wie ich es doch gerne that, große wissenschaftliche Auctoritäten auch persönlich kennen zu lernen. Die Juristen Mittermaier, Zachariä, Thibaut dagegen habe ich wiederholt besucht. Ihre Hörsäle waren überfüllt. Daub empfahl mich an Thibaut, so daß ich diesem auch in seinem Hause meine Aufwartung machte und von ihm, ein für alle Male, zu den Concerten eingeladen[315] wurde, die er an bestimmten Tagen in einem Saal seiner Wohnung aufführte. Ich machte auch Gebrauch von seiner Güte, zumal auch Daub diese Concerte besuchte, in denen Volksmelodieen und ausgewählte Stücke der altitalienischen Kirchenmusik vorgetragen wurden. In den Pausen des Gesangs bewirthete Thibaut seine zahlreichen Gäste mit Wein. Er war für mich eine höchst anziehende Persönlichkeit. Für zwei sehr verschiedene Gegenstände war er begeistert, für die Reinheit der Tonkunst, wie der Titel seines berühmten Buches lautete, und für die Herstellung eines einheitlichen nationalen Rechtes. Da ich bald ein paar Juristen zu meinen näheren Bekannten zählte, so mußte ich oft auf eine Besprechung der Juristen eingehen. Genthe hatte mir beim Abgang aus Halle Hegel's Rechtsphilosophie zum Andenken geschenkt, und es war mir ganz angenehm, meine frisch aus ihr erlernte Weisheit an den Einsichten meiner geschulten Freunde prüfen zu können. Ich habe auch nicht verfehlt, meinen ältesten Sohn, der Jurist war, nach Heidelberg zu schicken, Mittermaier und Vangerow zu hören. Von der philosophischen Fakultät war es nur ein Mann, mit dem ich in nähere Berührung trat. Dies war Mone. Er war für mich wegen des Studiums der Handschriften wichtig, derentwegen ich nach Heidelberg gekommen war, weil er das Amt des Oberbibliothekars bekleidete. Mone hatte ein Collegium angekündigt, das allen meinen Wünschen entgegenzukommen schien. Es war betitelt: »Geschichte der Cultur und Literatur des Mittelalters.« Die Anlage war in ihren Grundzügen wirklich großartig, allein die Ausführung entsprach nicht den durch sie erregten Erwartungen. Sie verlief sich in eine sehr summarische Uebersicht der Literatur, bei welcher die gelehrte Bildung zwar erwähnt, allein gegen die Volkspoesie ganz vernachlässigt wurde. Für mich war nun zwar die Bevorzugung der nationalen Dichtung ganz willkommen, allein auch sie kann ohne genauere Berücksichtigung der Lateinischen Geschichtschreibung und Dichtung nicht gründlich verstanden werden. Mone hat einige Decennien später in seiner Geschichte der Hymnen der Römischen Kirche sehr schöne Kenntnisse auch in der Lateinischen Literatur des Mittelalters bekundet und namentlich auch den großen Einfluß nachgewiesen, welche die Hymnen der Byzantinischen Kirche[316] auf die der Römischen geäußert haben. In jenem Collegium kam jedoch nichts davon vor. Es wurden wohl auch Namen, wie Saxo Grammaticus, genannt, aber es wurde nicht darauf eingegangen. Recht lebendig wurde Mone nur bei den Liedern der alten Edda, bei den Triaden der Celtischen Barden, bei den Liedern des Finnischen Stammes. Von der Deutschen Dichtung erhielten wir zu unserer Verwunderung nur eine magere Nomenclatur in sehr allgemeinen Kategorien. Mone war Katholik, behandelte aber die Religion der nichtchristlichen Völker mit wahrhafter Ehrfurcht, und war weit davon entfernt, in ihr etwa nur verwerflichen Aberglauben zu erblicken. Er war ein Schüler und Anhänger Creuzer's und hatte zur Vervollständigung der Symbolik desselben die Geschichte des Nordischen Heidenthums in zwei Bänden geschrieben. Diesem Buche bin ich viel Anregung schuldig geworden. Ich wurde dadurch von dem Irrthum befreit, die Zauberei der Naturvölker nur als Verirrung der Unwissenheit aufzufassen. Sie ist in den primitiven Entwickelungen der Religion die erste rohe Aeußerung des Idealismus des Geistes, die von ihm selber zunächst noch unbegriffene Reaction seiner Freiheit gegen die Nothwendigkeit der Natur. Ich habe früher erzählt, wie die Bekanntschaft mit Mone's Otnit auf mich wirkte, die Auseinandersetzung jedoch mit seiner Theorie bis hierher verspart, wie ich sie aus seinem eigenen Munde vernahm. Sie bestand in der Behauptung, daß die Heldensage eines Volks die Wiederholung seiner Göttersage sei. Ich konnte mich von der Wahrheit dieses Satzes nicht überzeugen. Daß zwischen der Göttersage und Heldensage eines Volkes verwandte Züge vorkommen können, ist durch ihre gemeinschaftliche Abstammung aus dem Geiste des Volkes begreiflich. In der Germanischen Sage ist zwischen Baldur's Schicksal und dem von Sigurd oder Siegfried eine unverkennbare Aehnlichkeit darin, daß Beide das Opfer eines tückischen Verrathes werden. Das ist aber auch Alles; denn sobald man die Analogie weiter verfolgen will, verfällt man in's Gezwungene, wo nicht Abgeschmackte. Mone betrachtete die Sonne als den großen Wanderer, der den Tag, das Jahr, den Thierkreis durchläuft. Dieser große Wanderer stirbt täglich am Abend, um am Morgen wieder aufzustehen. Er stirbt auch mit dem Winter, um im Frühjahr[317] sich wieder zu verjüngen. Die Germanen sind daher, wie die Sonne, Wandervölker und verachten den Tod, weil sie der Wiedergeburt zu neuem Leben gewiß sind. Baldur's Tod geht dem Weltuntergange voran, aber Baldur überdauert ihn und wird der Gott der neuen Erde und des neuen Himmels. Wo ist denn aber bei Sigurd, nachdem er gestorben, von einer Rückkehr desselben die Rede? In der Indischen Heldensage wird Karna durch eine List, in der Persischen Rusthm durch einen meuchlerischen Mord, in der Griechischen Achilleus durch einen Pfeilschuß getödtet. Sind deswegen Karna, Rusthm, Achilleus mit Sigurd dasselbe? Sind sie, wie man jetzt oft hört, aus einer gemeinsamen Arischen Ursage entsprungen? Sind sie, in der Religion jener Nationen, die heroischen Repräsentanten der Sonne? Keineswegs. Die Religionen fassen alles Physische zugleich ethisch auf. Hierdurch wird eben die Mythologie möglich. Je reiner und mannichfaltiger ihre ethische Individualisirung ausfällt, um so reicher und schöner wird die Poesie der Mythenschöpfung der Völker, deren ganzes Gemüth sich darin legt. Wenn man vermeint, mit der Reduction der Mythen auf einen Naturproceß die Religion begriffen zu haben, so irrt man sich. Wind, Wolke, Blitz, Regen sind nur äußerliche Grundlagen, nicht die Sache selber. Mone trug uns vor, daß ein Held, wie die Sonne, nicht ohne Kampf untergehen könnne. Geht dann aber der schöne Baldur, die Freude aller Asen, durch Kampf unter? Wird er nicht in übermüthigem Spiel der Götter von dem blinden Hödur durch Loki's Verrath getödtet? Stirbt Siegfried im Kampf? Wirft Hagen ihm nicht den Speer meuchlings in die Schulter, als er sich bückt, um zu trinken? Mone hatte noch eine besondere Theorie vom Heldenliede, daß es nämlich Brautfahrt, Hochzeit und den ihr folgenden Untergang des Geschlechts, die Noth, darstelle. Diese Theorie war lediglich von den Nibelungen abstrahirt, denn bei Gudrun sehen wir sogleich, daß die Hochzeit der Noth erst nachfolgt. In Baldur's Geschichte hat seine Gattin gar keinen Antheil an seinem Tode. Mone hatte einige tiefe Blicke in die Bedeutung des Weibes für die Mythenbildung gethan. Man findet sie in der Einleitung, die er zu Groote's Ausgabe des Tristan verfaßt hat, aber er hat diese Psychologie und Ethik des weiblichen Naturells mit seiner sonstigen Theorie nicht ausgeglichen. In der Tristansage[318] kommt auch Brautfahrt, Hochzeit und Untergang vor, aber in einer Weise, welche Mone wohl sehr starke Bedenken gegen seine Hypothese hätte einflößen können. Ist nicht Liebe das eigentliche Thema aller wahren Dichtung? Warum sie in solche Kategorien, wie Brautfahrt, Hochzeit, Noth zerlegen? Der Kampf kommt natürlich auch ganz unabhängig von der Liebe zum Weibe vor, wie der Kampf des alten Hildebrand mit seinem Sohn, oder wie der Kampf der Helden in Chrimhildens großem Rosengarten, oder wie Alphart's Fahrt auf die Warte u.s.w. Für die Gralsage konnte mir Mone keine Hülfe leisten, da er mit ihr sich nicht speciell beschäftigt hatte. Er ließ mir aber durch den Bibliothekdiener Bachmann die beiden Handschriften des Titurel, nach dem mein Verlangen stand, zur Benutzung im Arbeitszimmer der Bibliothek überweisen. Ich bekam dadurch für die ersten fünf Tage der Woche eine feste Einrichtung. Von 9 bis 10 Uhr hörte ich Moral bei Daub, von 10 bis 11 Uhr Literaturgeschichte des Mittelalters bei Mone, von 11 bis 1 Uhr arbeitete ich auf der Bibliothek, von 1 bis 2 Uhr ging ich zu Tisch, von 2 bis 5 Uhr brachte ich auf meinem Zimmer zu, von 5 bis 6 Uhr hörte ich Anthropologie bei Daub, von 6 bis 7 Uhr ging ich häufig auf das akademische Lesekabinet, dessen Mitglied ich geworden war. Dann ging es mit Bekannten in's Freie oder, wenn Regenwetter war, in das Kaffeehaus neben der Brücke, das damals nach seinem Besitzer de Dupréz genannt wurde. Hier las man Zeitungen, hier rauchte und plauderte man oder schaute träumerisch auf den Strom und die Berge. ? Als ich nach einigen Monaten mit dem Durchlesen und Excerpiren der kolossalen Handschriften fertig war, blieb ich doch meiner Tagesordnung getreu, weil die Bibliothek zu viel Schätze enthielt, die mir damals von höchster Wichtigkeit waren. Da ich so regelmäßig erschien, so hatte ich bald an dem langen Arbeitstische einen bestimmten Platz. Und mir gegenüber saß nun der herrliche Mensch, den ich hier kennen lernte und den ich so unbeschreiblich geliebt habe, Franz Kugler. Wir hatten uns im Collegium bei Mone getroffen. Da derselbe nur sechs bis sieben Zuhörer hatte, so waren wir schon aufmerksam auf einander geworden. Als wir uns aber auch in der Bibliothek zusammenfanden, entstand rasch ein Austausch zwischen[319] uns, der unsern Umgang und unsere das ganze Leben hindurch bewahrte treue Freundschaft zur Folge hatte. Kugler excerpirte weniger, als daß er die Zeichnungen der Handschriften durchzeichnete. Wir theilten von hier ab die Resultate unserer Lectionen und Arbeiten einander mit. Das Rolandslied, Veldeck's Eneidt und der Wälsche Gast waren hervorstechende Punkte in Kugler's Arbeiten. Kugler war ein Stettiner von Geburt und hatte auch schon, wie ich, in Berlin studirt. Er war Philologe, befand sich aber nicht weniger als ich in der größten Gährung, die jedoch bei ihm völlig anders bedingt war. Er war eine durch und durch künstlerische Natur. Er dichtete, zeichnete, spielte mehrere Instrumente, componirte. Er hatte sich auch ein Fortepiano gemiethet. Unter zwei gekreuzten Hiebern nebst den Fechthandschuhen hing ein Waldhorn an der Wand. Sein Stock war zugleich eine Flöte, und wenn wir manchmal spät Abends von dem Schloß herunterkamen, ging er scherzhaft vor uns her, einen Marsch blasend. Er wußte noch nicht recht, was er mit der Ueberfülle seiner Anlagen und Neigungen machen sollte. Zuweilen wanderte er, die Zeichenmappe unter dem Arm, Freitag Nachmittag weg und trieb sich bis Sonntag Abend in der ganzen Gegend umher, Skizzen für sein Album zu sammeln. Einmal war er verschwunden, ohne daß ich wußte, wohin. Nach einigen Tagen kam er zurück und vertraute mir, daß er in Mannheim gewesen war, wo er zuvor eingeleitet hatte, unter fremdem Namen auf dem Theater ? ich habe vergessen, in welcher Rolle ? aufzutreten. Der Versuch war aber mißglückt und er war nun sehr zufrieden, diese Erfahrung gemacht zu haben, die ihn von einer falschen Richtung befreite, zu welcher er auch Talent zu haben glaubte. Kugler besaß viel mehr poetische Gestaltungskraft, als ich, und wurde nicht, wie ich, durch theologische und philosophische Skepsis gemartert. Kunst und Literatur waren die Gebiete, auf denen wir uns mit gleich leidenschaftlicher Liebe zu ihnen begegneten. Wir waren am liebsten allein und kletterten gern in unerschöpflichem Gespräch in der Einsamkeit der Berge und Wälder umher. Auch in den Trümmern des Schlosses verweilten wir gern und machten es zum Mittelpunkt unserer Ahnungen über die Geschichte der Baukunst, welche Kugler in seinem Mannesalter mit so großem Erfolg cultiviren sollte. Kugler war ein anscheinend stiller, innerlich[320] aber stets vom höchsten Ringen nach Schönheit und Güte bewegter Mensch. Seine Sanftmuth, seine Sinnigkeit, seine künstlerische Plastik contrastirte scharf gegen meine Heftigkeit, Unruhe und Reflexionssiechheit, die Alles der Herrschaft des Hegel'schen Begriffs unterwerfen wollte. Eben unserer großen Verschiedenheit halber ergänzten wir uns in gegenseitig vollkommener Weise. Daß ich Kugler fand, war für mich ein außerordentliches Glück, weil ich durch ihn die eine Seite meines Wesens, die schlechthin auf den Genuß und die Erforschung des Schönen gerichtet ist, lebendig auswirken konnte. Es sollte aber noch die andere Seite, die rein spekulative und politische, für mich ihre Repräsentanten finden. Ich hatte, auf Anrathen meines Hauswirthes, meinen Mittagstisch in der Pension, wie er es nannte, eines Schneidermeisters Gallmann in der Fischergasse genommen. Seine Frau und eine recht hübsche Tochter besorgten die Küche. In einem großen, hellen Zimmer nach der Straßenseite stand eine lange Tafel, an der einige zwanzig Studenten Platz fanden. Es waren lauter Norddeutsche, Westphalen zumeist und Hanseaten, deren Dialekt und Sitten mir von Berlin und Halle her schon geläufig waren. Meister Gallmann besorgte die Aufwartung bei Tisch. Das Essen war ganz vorzüglich. Es wurde nicht, wie in Göttingen, Berlin und Halle zu geschehen pflegte, nach der Karte, sondern gemeinschaftlich gegessen, und zwar von jedem Gericht so viel man wollte. Zwischen Suppe und Braten gab es stets ein saftiges, kerniges Rindfleisch mit Salat, wie ich es schöner weder vorher noch nachher wieder zu genießen bekommen habe; nach dem Braten gab es einen Nachtisch von köstlichen Kuchensorten, in deren Abwechselung Frau Gallmann sehr erfinderisch war. Wein wurde bei Tisch nicht getrunken, auch nicht Bier, sondern nur Wasser, da wir Abends in Wein oder Bier uns genug zu thun pflegten. ? Wenn man die Treppe des Hauses heraufkam und in den Flur trat, so hatte man einen eigenthümlichen Anblick. Es war damals unter den Studenten, die etwas renommiren wollten, Ton, sich große Hunde zu halten. Eine Anzahl solcher Köter kam nun auch hier zusammen, weil ihre Herren sie von den Küchenabgängen füttern ließen. Damit sie nicht in die Stube dringen sollten, wurden sie von einem starken, aber verwachsenen Sohne Gallmann's[321] in Empfang genommen, der ihnen ein Seil um den Hals schlang und dies durch einen Ring an der Mauer zog. Von da ab habe ich mir den Zwerg Alberich in den Nibelungen immer unter der Figur dieses Gnomens vorstellen müssen, wie er die Koppel der gewaltigen Bestien mit nerviger Faust und Herrscherblick zusammenhielt. An diesem Tisch erfuhr ich nun zur Genüge, was gerade unter den Studenten, wie man zu sagen pflegt, los war. Ich hatte nicht die geringste Lust, mich an diesen Angelegenheiten zu betheiligen. Die Borussen bildeten damals in Heidelberg ein sehr angesehenes Corps, welches auch den Geburtstag Friedrich Wilhelms III. am 3. August durch einen großen Commers in Neckargemünd zu feiern pflegte, wohin das Corps unter Musik auf einem ausgeflaggten Schiffe fuhr und ebenso am Abend von dort zurückkehrte. Allein ich war nur noch auf Kunst und Wissenschaft gerichtet und widerstand den Anforderungen, als bemoostes Haupt in das Corps zu treten. An unserem Mittagstisch präsidirte ein Westphale, Wippermann aus Lemgo, ein Jurist, der schon hoch in den dreißiger Jahren war. Er genoß ein reichliches Familienstipendium, bei dessen Vermächtniß der Stifter keine Frist des Genusses festgesetzt hatte, weil er das Triennium wohl als selbstverständlich dafür angenommen hatte. Wippermann aber fußte darauf, es unbeschränkt zu beanspruchen. Er hatte schon in Göttingen und Jena studirt und lebte nun seit einigen Jahren in Heidelberg. Er hatte das Recht ganz tüchtig studirt, war aber ein Lebemann geworden, der gern dem Wein huldigte. Zunächst neben Wippermann saß ein anderer Jurist, Wunderlich, der Sohn eines reichen Senators und Weinhändlers von Lübeck. Er war auch fast dreißig Jahre alt, hatte ebenfalls in Jena studirt, dort Wippermann's Bekanntschaft gemacht und war mit ihm nach Heidelberg gezogen. Er war ein höchst liebenswürdiger, durchaus ideal angelegter Mensch, der mit dem realistischen Wippermann des Abends zu kneipen sich gewöhnt hatte. Wippermann saß allein an der Querseite des Tisches obenan, neben ihm an der einen Ecke saß Wunderlich, ihnen gegenüber an der andern Ecke kam ich zu sitzen. So machte es sich von selbst, daß wir drei, als die Aeltesten am Tisch, uns auch vorzugsweise unterhielten, und hiervon war wieder die Folge, daß wir auch oft für den Abend[322] uns verabredeten oder auch wohl Sonnabends gleich nach Tisch einen kleinen Wagen mietheten, nach Ladenburg oder sonst wohin zu fahren. Bald fanden Wunderlich und ich ein so großes Gefallen aneinander, daß wir häufig am Abend auch ohne Wippermann kneipten, weil er auf vielerlei Themata nicht eingehen mochte, da es ihm vorzüglich nur um angenehme Unterhaltung zu thun war. Auch verleitete er uns wohl, mehr zu trinken, als wir eigentlich mochten. Ich erinnere mich, daß, als Melisse, schwarze Johannisbeeren und Waldmeister im schönsten Wuchse standen, von ihm kleine Trinkgelage mit Maitrank in der sogenannten Steppei am Neckar arrangirt wurden. Der Invalide im Schloßgarten mußte uns die Kräuter pflücken, Wippermann kaufte Orangenschale und Zucker, übergoß in einer Bowle dies Material mit Rheinwein und bereitete, wenn der Wein die Kräuter ausgelaugt hatte, den Maitrank. Er präfidirte beim Trinken mit vieler Laune und komischer Grandezza. Da noch einige andere Studenten von unserem Tisch an diesen Improvisationen Theil nahmen, so arteten sie nach einigen Stunden, wenn das erste Feuer verraucht war, in sehr große Gewöhnlichkeit aus, die mir mehr als langweilig war. Ich habe das seltene Glück gehabt, niemals, bis in mein jetziges hohes Alter hin, an Kopfschmerz zu leiden, aber von dem Waldmeister, der, wie Wippermann scherzte, bald Meister wird, bekam ich Kopfschmerz und Zittern in den Händen. Ich erklärte daher, nach einigen im Maitrank vergeblich gemachten Versuchen, mich zu gewöhnen, daß ich mich an solchen Gelagen nicht weiter betheiligen werde. Ich hatte zu meiner Tagesarbeit einen freien Kopf, klare Augen und eine feste Hand nöthig. Von hier ab geschah es, daß ich meine Abende zwischen Kugler und Wunderlich zu wechseln pflegte, ohne das Zusammensein mit Wippermann zu vermeiden. Waren wir drei zusammen, so wurde gewöhnlich über die Philosophie von Fries und Hegel gestritten, denn Wippermann sowohl als Wunderlich waren von Jena her für Fries eingenommen. Der Begriff der Causalität spielte in diesen Gesprächen die Hauptrolle. Wippermann war aber von dem Standpunkte der Fries'schen Philosophie längst zum Materialismus und Atheismus übergegangen, wenn er auch für die Erkenntnißtheorie sich noch der Fries'schen Kategorien bediente. Wunderlich hingegen war geneigt, sich auf Schelling's Seite[323] zu schlagen und wurde darin durch dessen Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums, die ich ihm zu lesen gab, außerordentlich bestärkt. Die Einheit von Sein und Denken, von Realismus und Idealismus, von Natur und Geist, von einem parallelen Stufengange der Entwickelung beider wurde ihm in einem ganz anderen Lichte dargestellt, als er sie bisher durch die Polemik von Fries, Salat u.s.w. aufgefaßt hatte. Wippermann ging nicht darauf ein, sondern blieb dabei stehen, daß er den Spinozismus und Pantheismus in der Identität des Realen und Idealen festhielt. Die wahre Identität erblickte er in der Materie. Wenn wir über die Causalität hin und her gestritten hatten, so pflegte er mich zuletzt einer komischen Katechesation zu unterziehen. Er nahm sein Taschentuch, faßte es an einem Zipfel, ließ es frei schweben und fragte mich, ob es sich von selbst bewege? Ich antwortete: Nein. Bewegt es die Luft? Ja. Bewegt die Luft sich selbst? Nein. Was bewegt die Luft? Die Wärme. Bewegt die Wärme sich selbst? Nein. Was bewegt sie? Entweder die Friction oder das Licht. Ist Friction oder Licht ohne Materie möglich? Nein. Also, war nun der Schluß, geht die Bewegung von der Materie aus. Wodurch aber bewegt sich die Materie? Durch die Schwere. Ist die Schwere eine Kraft außerhalb der Materie? Nein. Sie ist also in der Materie unmittelbar enthalten? Ja, sofern die Materie in die Vielheit verschiedener Quanta zerfällt. Also, war nun der letzte Schluß, bewegt die Materie sich selbst und ist das Alles bewegende Princip. Dies suchte er auch durch die Wirkung des Weins nachzuweisen. Ist der Wein etwas Materielles? Ja. Ist das Gehirn etwas Materielles? Ja. Wirkt der Wein auf das Gehirn? Ja. Kann diese Wirkung, da sie die von Materie auf Materie ist, eine andere als materielle sein? Nein. Ist jeder Wein dem andern gleich? Nein. Wird also nicht die Wirkung einer Sorte eine andere sein, als die einer andern? Gewiß. Wird folglich der Rüdesheimer eine andere Wirkung haben, als der Geisenheimer? Ja. Kann der Wein aber die Vorstellung einer Zahl, einer Figur, eines Verhältnisses, wie Gleichheit und Ungleichheit, Centrum und Peripherie, Größer oder Kleiner u.dgl.m. verändern? Nein, die einzelnen Vorstellungen als solche scheinen unveränderlich. Wenn der Wein sie nicht in sich selber zu verändern vermag, so kann er[324] vielleicht ihre Richtung im Gehirn ändern, indem er das Blut, und durch dasselbe die Nerven in eine ander Bewegung versetzt? Nun behauptete Wippermann, an sich selbst die verschiedene Wirkung des Weins zu beobachten. Nach gewissen Sorten finde er sich z.B. zu den höchsten Ideencombinationen aufgeregt, die ihm das Einschlafen erschwerten, so daß er, weil sie ihm auch zu bedeutungsvoll erschienen, sie gern aufgezeichnet hätte. Er fing dann an, auf großen Bogen mit großer Schrift zuerst ganz leidliche Sätze zu schreiben. Da ihm dies jedoch im Zustande der Halbtrunkenheit, worin er sich befand, zu langsam ging, auch zu mühsam war, so folgten zunächst nur einzelne Wörter und, da auch diese zu schreiben ihm lästig wurden, so malte er zuletzt in Umrissen einzelne Figuren hin, die ihn an seine sublimen Einfälle erinnern sollten. Da war ein Baum, ein Haus, ein Kopf, eine Leiter, ein Hundeschwanz u.s.w. Aber was bedeuteten sie? ? Wir sollten ihm zuweilen helfen, nach der Richtung, die er in den noch ganz ausgeschriebenen Sätzen genommen, diese Hieroglyphen zu deuten, was natürlich für uns nur willkommener Stoff zu schlechten Witzen war, uns und ihn, da er Spaß verstand, zu amüsiren. Wenn man einen solchen Bogen von Wippermann vor sich hatte, so konnte man deutlich den Uebergang der Seele vom wachen Bewußtsein zum Träumen beobachten. Da wir unserem sokratisirenden Silen nicht bestreiten konnten, daß wir, wenn wir die Absicht haben, uns in eine recht heitere Stimmung zu versetzen, nicht schweren Portwein, sondern perlenden Champagner trinken, so gestanden wir die Veränderung in der Richtung unserer Vorstellungen durch den Wein zu. Aber weiterhin geriethen wir in Widersprüche, die uns zu immer neuen Streitigkeiten ohne Resultat führten. Es war besonders die Teleologie als eine Form der Causalität. Wippermann leugnete die Erscheinung nicht, welche wir Zweck nennen, aber er behauptete, daß auch sie ein Produkt der Nothwendigkeit der materiellen Causalität sei und wollte den Schluß von ihr auf die Existenz der Freiheit nicht gelten lassen. Wunderlich war nicht abgeneigt, die Freiheit anzuerkennen, aber durch ein ausschweifendes Vorurtheil für die Germanische Race, als für diejenige, welcher allein weltgeschichtlich die Idee der Freiheit zukomme, gab er Wippermann[325] Veranlassung, ihn zu widerlegen. Wunderlich behauptete, daß nur den Germanen der wahre Begriff der Freiheit, allen andern Racen aber der der Knechtschaft angeboren sei. Die Geschichte des Deutschen Kaiserthums war ihm nichts, als die Geschichte der Vernichtung der ursprünglichen Freiheit des Deutschen Mannes durch die absichtliche Einschleppung des Römischen Rechts und der Imperatorenwürde. Da er einer Republik, Lübeck, angehörte, so konnte man ihm nicht verargen, daß er für diese Staatsform eingenommen war. Und zwar war er es hauptsächlich aus einem ethischen Grunde, weil sie allein die Verantwortlichkeit für alle Glieder des Staates möglich mache, während der Monarch, auch in der Englischen Verfassung, unverantwortlich sein soll. Den Griechen und Römern sprach er den Besitz der wahren Freiheit ab, weil sie Sclaven gehabt haben und daher auch aus dem Republikanismus, dem sie nur vorübergehend sich ergaben, in den Despotismus fielen. Er war manchmal mit Russen längere Zeit nur deshalb umgegangen, um an ihnen die Aeußerungen des ihnen angeborenen sclavischen Sinnes zu studiren. War aber die Unfreiheit den Nichtgermanen, die Freiheit den Germanen angeboren, so war ja die Freiheit etwas Physisches, Materielles, und man konnte dem Nichtgermanen keinen Vorwurf machen, wenn er von Hause aus die Knechtschaft liebte. ? Wunderlich bemühte sich sehr um die Statistik der Mischung der Racen, um aus den Procenten derselben Schlüsse auf ihre Tauglichkeit für freie Staatsformen zu machen. Da nun die Franzosen durch die Beimischung starker Elemente Germanischer Stämme wie der Westgothen, Burgunder, der Franken und Normannen noch mehr Deutsches Blut in sich aufgenommen hatten, als die Romanisirten Bretonischen Celten durch die Angelsachsen und Normannen, so hielt er sie für vorzüglich befähigt, den politischen Fortschritt zu leiten. Er war auch Mitarbeiter an einer Neuen Pariser Zeitung, die zu Paris in Deutscher Sprache erschien. Das enthusiastische Interesse Wunderlich's für das Deutschthum war zwischen ihm und mir ein starkes Band. Meine speciellen Kenntnisse aus dem Gebiet des Deutschen Mittelalters dienten dazu, uns Baustoff für unsere Reflexionen zu schaffen. Er folgte in der Politik im Allgemeinen Luden, dessen Buch er mir auch zu lesen gab. Luden's Deutsche Geschichte kannte ich schon vom Gymnasium[326] her. Von Hegel's Rechtsphilosophie wollte Wunderlich als eingefleischter Jenenser nichts wissen. Er hielt sie, weil sie die vollkommenste Form der Souverainetät des Staates in die fürstliche Erbmonarchie setzt, für servil. Unvermeidlich kamen wir in unsern Gesprächen von der Betrachtung einzelner juridischer oder politischer Begriffe auf ihre Entwickelung in der Geschichte und dann auf die Frage, ob in ihr ein Zweck vorhanden sei, zurück. Hier war es, wo die religiöse Fassung dieses Begriffs als göttliche Vorsehung zu den lebhaftesten und spitzfindigsten Erörterungen führte. Wippermann leugnete consequent den Begriff der Zweckmäßigkeit. Für ihn gab es nur mechanische Nothwendigkeit, weil die Materie für ihn das Absolute war. Wunderlich wollte die Freiheit des Menschen erhalten wissen. Er konnte sein Dogma von der Prädestination der Völker durch ihre natürliche Individualität sehr wohl mit der Annahme der Freiheit des Willens dadurch vereinigen, daß er zugab, in ihr nur eine Schranke, keine Grenze zu sehen. Sie blieb dann das psychische Princip der nationalen Originalität. Hiermit war ich im Grunde auch ganz einverstanden. Jede Race, jedes Volk, jeder Stamm, ja jede Familie hat eine seelische Besonderheit, aus welcher ihr eigenthümliches Schicksal entspringt. Die Natur ist innerhalb ihrer selbst eine Totalität, welche gegen die Geschichte des Menschen sich von ihrer Seite her ganz gleichgültig verhält, während das Handeln des Menschen von der Gesetzmäßigkeit der Natur abhängig bleibt, obwohl es von seiner Seite als eine spontane Thätigkeit den Ursprung seiner Causalität aus sich selber entnimmt. Jede Handlung des einzelnen Menschen, ein Product seiner Freiheit, steht aber im Verhältniß zum Handeln aller übrigen. Jede wird ein Moment der Geschichte, d.h. alle Menschen haben eine solidarische Verantwortlichkeit für den gemeinsamen Zweck der ganzen Menschheit. Der Einzelne handelt innerhalb seines beschränkten Standpunkts, aber die That, die er vollbringt, gewinnt ihre wahre Bedeutung nur im Zusammenhang der Totalität. Was bleibt nun einem Gott zu thun übrig? Die Causalität der Natur scheint ihn eben so auszuschließen, als die der Geschichte. Die Religion läßt ihn daher auf zweierlei Weise thätig sein. Einmal soll er den Plan der ganzen Entwickelung entwerfen, so wird er zur Vorsehung.[327] Sodann soll er durch seine Macht zuweilen plötzlich in den Verlauf des Naturprocesses im Interesse eines menschlichen Geschehens eingreifen. So entsteht die Vorstellung des Wunders. Das Wunder in diesem supranaturalistischen Sinne leugneten wir alle drei. ? Ich war durch meine Erziehung ganz und gar von den Grundsätzen der Aufklärung durchdrungen. Das Studium der Theologie, namentlich der exegetischen, hatte mir viele heftige Anwandlungen gebracht, das Wunder glauben zu wollen; aber das Studium der dogmatischen Theologie, welche den Beweis seiner Möglichkeit liefern sollte, hatte diese Anläufe immer wieder zerstört. Man glaube jedoch nicht, daß ich schon damals zu einer völlig abgeschlossenen Theorie in dieser Hinsicht gelangte. Nur die Fundamente zu später befestigten Ueberzeugungen wurden gelegt. Es war ein Widerstreben gegen den Eudämonismus, der mich damals vorzüglich gegen den Wunderglauben in Opposition warf. Jedem Menschen, der in bittere Noth geräth, würde es angenehm sein, durch die außerordentliche Veranstaltung der Allmacht eines mitleidigen Gottes daraus erlöst zu werden. Daß die Menschen in solcher Erwartung beten, d.h. daß sie von dem Gott ein Wunder, das für ihn ja eine Kleinigkeit, zu ihrem Nutzen erbitten, ist Thatsache. Diesen egoistischen Glauben verwarf ich. Hingegen nahm ich an, daß Gott in dem realen Zusammenhang sowohl der Natur mit der Geschichte, als der Handlungen der Menschen untereinander, innerhalb der Geschichte theils durch seine Gerechtigkeit, theils durch seine Gnade auf eine unserem Verstande unbegreifliche Weise die Wahrheit der Geschichte vermittele. Ich verehrte in der Entwickelung der Geschichte selber den in ihren Schicksalen sich offenbarenden Gott. In diesem Sinne war die Geschichte für mich voll von den wunderbarsten Ereignissen, obwohl sie nicht Wunder im Verstande eines transscendenten Mirakels, sondern auf immanente Weise durch Natur und Freiheit hervorgebracht, und insofern für uns vollkommen begreifliche Thatsachen sind. Wippermann machte sich ein besonderes Vergnügen aus der Kritik der Vorsehung, wie sie vom Eudämonismus genommen zu werden pflegt. Hierin konnte ich ihm nur beistimmen. Die Zeitungen lieferten ihm zu seinem spöttischen Gebahren fast täglich ausreichenden Stoff.[328] Es war z.B. gesagt worden, daß bei dem Scheitern eines Schiffes durch die Gnade der Vorsehung die Menschen größtentheils gerettet seien. Warum aber, fragte er, hat die Vorsehung nicht lieber das Schiff überhaupt, oder von den Menschen alle gerettet? Oder wenn ein Verbrechen mit vielem Scharfsinn, unter Combination zahlloser Nebenumstände, glücklich vollbracht war, so fragte er, ob auch hier die Vorsehung Alles im Voraus gewußt und angeordnet habe, oder ob man etwa zwei Vorsehungen, eine göttliche und eine teuflische, annehmen solle? Ich sollte mit diesem höchsten Problem später noch in ganz anderer Härte zu ringen bekommen. Damals war die Beschäftigung mit ihm noch überwiegend theoretischer Art. Da ich mich noch mit Theologie beschäftigte, lebte ich auch in der Einbildung, Theologe werden zu wollen. Ich arbeitete aber fast gar nichts. Die Zerstreuung, die sich mir täglich aufdrang, war zu groß. Da war es der Abbruch des Mittelthorthurms, der uns reizte, vor Beginn seiner Ausführung ihn noch einmal zu besteigen und die herrliche Aussicht von ihm auf Stadt und Thal noch einmal zu genießen. Wir ließen uns aus dem nahe gelegenen Hôtel, »zum König von Portugal« Wein heraufbringen und schwärmten nun in jenem poetischen Uebermuth, wie er nur bei der sorglosen Jugend möglich ist. Der alte Wippermann war, trotz seines Materialismus, trotz seiner Verständigkeit, bei solchen Gelegenheiten köstlich. Er hielt eine Rede aus dem Stegreif, worin er dem Mittelalter der Stadt, das mit dem Mittelthorthurm seinen gänzlichen Abschied nahm, ein Pereat, und der neuen Zeit, die sich nun frei und ohne Anstoß zwischen Stadt und Vorstadt bewegen werde, ein Vivat ausbrachte. Da war es die Feier des Frohnleichnamstages, die, bei günstigem Wetter, von der ganzen Stadt begangen wurde und der ich von früh bis spät in allen Wendungen, welche sie nahm, beiwohnte. Die Parität der Confessionen vereinigte hier die Menschen zur glücklichsten Heiterkeit. Vor der von den Jesuiten erbauten Kirche, worin der Hauptgottesdienst stattfand, war die Bürgerwehr aufgestellt, unter ihr auch Meister Gallmann in blanker Uniform. Er war Protestant, aber so oft vom Altar in der Kirche aus das Signal durch einen Glockenzug gegeben wurde, schoß er mit Vergnügen zu Ehren des Tages, zu Ehren[329] seiner katholischen Mitbürger, sein Gewehr ab. Bei der Procession auf der Straße gingen die schaulustigen Protestanten unbedeckten Hauptes auf den Bürgersteigen fast eben so andächtig, als die Katholiken in der Mitte der Straße, von Altar zu Altar. Alle Fenster waren mit Damen besetzt, und Nachmittags ging es zu Fuß, zu Wagen, zu Schiff nach Ziegelhausen, wo großer Tanz war. Da kam ein andermal eine Schaar von Wallfahrern durch die Stadt. Sie übernachteten in ihr und den Aermsten wurde die katholische Capelle in der Marktkirche zum Nachtlager eingeräumt. Um Unzucht zu verhüten, brannte, wie ich vom Fenster meiner Stube sehen konnte, die ganze Nacht Licht darin. Wippermann vertheidigte die Wallfahrten, welche Wunderlich aus sittlichen und aus volkswirthschaftlichen Gründen angriff. Er behauptete, die Wallfahrten seien für das Volk dasselbe, was die Badereisen für die sogenannten Gebildeten. ? Da kam auch der acht Tage lang dauernde Jahrmarkt, der auf dem Markt und in der Hauptstraße meine Wohnung mit seinem Geschrei und mit seinen Sängern und Leierkasten, die außerdem von der Stadt verbannt waren, umtobte. Zu studiren war bei dem Lärm unmöglich. Ich reagirte gegen ihn durch eine poetische Arbeit. Ich fiel darauf, die Parteien der Theologie, Mystiker, Rationalisten, Supranaturalisten mit Faust als speculativem Philosophen durch Mephistopheles zusammen zu hetzen. Faust, der Repräsentant des wahren Christenthums, triumphirte über die Parteien, weil Glaube und Wissen in ihm versöhnt sind. Ich stand jeden Morgen früher als gewöhnlich auf. Es war dann noch ziemlich still. Bis ich gegen 9 Uhr in's Collegium ging, hatte ich immer eine Anzahl Verse fertig gebracht. Bis zum Sonnabend hatte ich die Arbeit, die mir das größte Vergnügen gewährte, beendet. Ich machte nun eine saubere Abschrift und lud am folgenden Sonnabend meine nächsten Bekannten zu einem Fäßchen Bier ein, das ich auf meiner Stube auflegen ließ, um ihnen meine Satire vorzulesen. Da ich hier mit diesem geistlichen Nachspiel zu Faust, wie ich das kleine Drama später nannte, einigen Effect erzielte, so war ich keck genug, es auch Daub mitzutheilen, der jedoch mit Faust nicht zufrieden war. Er fand ihn noch zu sentimental, zu schwächlich. Darin hatte er auch ganz Recht, denn dieser Faust war doch am Ende mein Conterfei.[330] Wenn die große Stoffzufuhr der mannichfaltigsten Anregungen mich in Heidelberg zu keiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit kommen ließ, so war die kurze, jedoch intensive Concentration meiner ganzen Stimmung in dieser poetischen Composition, dem romantischen Boden, auf dem ich mich befand, durchaus entsprechend. Sie förderte mich entschieden in der Befestigung des Standpunkts, zu dem ich bis dahin gelangt war. Die erste rohe Assimilation so vieler neuer Vorstellungen und Gedanken, die mich außerhalb des theologischen Gebiets bewegten, mußte ich dem Gespräch mit Kugler und Wunderlich überlassen. Uebrigens muß ich bemerken, daß wir Studenten im Allgemeinen, obwohl wir jeden Abend außer dem Hause zubrachten, doch auf einen fleißigen und regelmäßigen Besuch der Collegia hielten. Ich erinnere mich z.B., daß, als der berühmte Schauspieler Eßlair in Mannheim Gastrollen gab, wir uns so einzurichten wußten, daß der Collegienbesuch nicht darunter litt. Als er an einem Sonntag in Wallenstein's Tod auftrat, ging ich am frühen Morgen mit einer ganzen Schaar Commilitonen zu Fuß nach Mannheim. Am Tage trieben wir uns in der Stadt und Umgegend umher, alles Merkwürdige zu besehen. Das Andenken an Sand's Hinrichtung gab unserer Unterhaltung vorzügliche Nahrung. Der Scharfrichter Braun, der ihn hingerichtet hatte, wohnte auf einem Berge, links von der Landstraße, wenn man von Heidelberg nach Rohrbach geht. Wenn wir unten auf dem Wege dahin vorbeikamen, gab der Anblick seines Hauses öfter Veranlassung, von ihm zu sprechen. Er war schwermüthig geworden, weil er es sich zu Gemüth zog, einen so frommen, edlen Menschen, der aus patriotischer Schwärmerei ein Verbrechen begangen hatte, hingerichtet zu haben. ? Die Bilder von Sand's Ermordung Kotzebue's, von seiner Kerkerhaft, von seiner Hinrichtung waren überall verbreitet. Die Geschichte Sand's war bei den Heidelbergern das conträre Seitenstück zu der Geschichte des Räuberhauptmanns Schinderhannes geworden, der mit seiner Bande die Stadt einmal förmlich belagert hatte, so daß die Bürger aus Angst zwei Nächte illuminirten. ? Unser Meister Gallmann war voll von Anekdoten aus dem Leben des Schinderhannes. Er war als Bürgerwehrmann selber auf dem Schaffot bei seiner Execution gegenwärtig gewesen, und wenn er hiervon erzählte, schien das der interessanteste[331] Moment seines ganzen Lebens gewesen zu sein. Den Kopf des Räubers kann man noch jetzt in Spiritus auf der Heidelberger Anatomie sehen. Gallmann war aber auch nach Mannheim gegangen, die Hinrichtung Sand's mit eigenen Augen zu schauen und konnte uns daher das ganze rührende Detail erzählen. Mannheim ist eine schöne Stadt mit breiten Straßen und stattlichen Häusern. Um so greller stach gegen diese heitere und glänzende Localität die Erinnerung jener traurigen Geschichte ab, deren Vorgang wir uns an Ort und Stelle vergegenwärtigten. Zur Tragödie von Wallenstein's Tod war es immerhin eine passende Vorbereitung. Nach dem Theater begab ich mich mit einem Theil der Studenten in den »Hof von Zweibrücken«, wo wir übernachteten, aber früh am Montag Morgen mit einem sogenannten Bagagewagen nach Heidelberg zurückfuhren, so daß ich Schlag 9 Uhr auf meinem Platz im Collegium saß. So war Mai, Juni und Juli verflossen, als eine Katastrophe nach der andern eintrat, die gesammte Gesellschaft in meinem nächsten Verkehr gewaltsam zu ändern. Wunderlich hatte seinem Vater von Zeit zu Zeit einen Bericht über die Resultate seiner Studien gegeben. Er hatte ihm nun auch geschrieben, daß er geneigt sei, die Schelling'sche Philosophie anzunehmen, weil sie den Gegensatz des Realismus und Idealismus durch die Indifferenz des Absoluten zur Identität auflöse, indem die Natur durch den Menschen zur Geschichte übergehe, die Geschichte aber durch die Kunst in die Natur zurückgehe. ? Auf diesen Brief, auf den er großes Gewicht legte, hatte er, gegen seine hochgespannte Erwartung von seinem Eindruck, keine Antwort erhalten. Eines Mittags nun, zu Ende Juli, fehlte Wunderlich bei Tisch. Gallmann sagte uns auf unsere Erkundigung, daß er für die ganze nächste Zeit habe absagen lassen, weil sein Vater gekommen sei. Wir erfuhren durch ihn selber am andern Tage den genaueren Zusammenhang. Sein Brief hatte seinen Vater erschreckt. Der Sohn, der nun schon so lange studirte, sollte praktischer Jurist in Lübeck werden und beschäftigte sich leidenschaftlich mit der verrufenen Schelling'schen Philosophie? Das ging nicht. Der Alte ordnete seine Angelegenheiten, setzte sich auf, kam zum Sohn und erklärte ihm, nicht eher zu weichen, als bis er promovirt[332] habe. Es blieb dem Sohn nur der Gehorsam übrig. Er aß nun mit dem Vater im »König von Portugal« und begleitete ihn Abends am Neckarufer in der Richtung auf Handschuchsheim. Sein Vater war ein dicker, wohlbeleibter Herr, dem der Gang auf den Schloßberg zu sauer wurde. Wunderlich nickte uns stillschweigend zu, wenn wir ihm mit seinem Vater begegneten. Er überredete ihn, einen Ausflug nach Baden, Basel und Straßburg zu machen, um ungestört arbeiten zu können. Während dieser paar Wochen vollendete er seine Vorbereitung zum Examen, das er glänzend bestand, denn er hatte seine Wissenschaft nie vernachlässigt. Die Hanseaten erwarben mit der Promotion zum Doctor der Rechte sofort die Befugniß, in ihrer Heimath als Rechtsanwälte die Praxis üben zu dürfen. Ich gratulirte ihm noch in der Eile. Wir umarmten uns, da wir uns aufrichtig liebgewonnen hatten, zum ersten und zum letzten Male, schieden von einander und haben später nie die geringste Beziehung zu einander gewonnen. Wie mir Wunderlich verschwand, so sollte es auch mit Wippermann gehen. Dieser amüsirte sich nach der Ankunft von Wunderlich's Vater über die Halbgefangenschaft, worin er den Sohn halte, über den Belagerungszustand, in welchen er ihn versetzt habe, über die schlaue Speculation des republikanischen Weinhändlers, und wie er sonst sich ausließ, ohne zu ahnen, daß das Schwert des Damokles bereits auch über seinem Haupte hing, seinem Genußleben ein Ende zu machen. Auch er war eines Tages im Anfang August verschwunden, ohne wieder zum Vorschein zu kommen. Er hatte ganz plötzlich nach Lemgo abreisen müssen, weil sich dort, wie er Gallmann in aller Eile noch mitgetheilt hatte, ein Familienrath versammelte, durch einen gemeinschaftlichen Beschluß eine Bestimmung der Frist für die Vergebung des Stipendiums herbeizuführen, da Wippermann's in's Endlose fortgesetzte Studium die nachwachsenden Aspiranten der Familie von dem Genuß des Stipendiums aus schloß. Er wollte nun schleunigst und mit Nachdruck interveniren, allein es wird ihm nichts geholfen haben, denn er kehrte nicht zurück und ich habe von ihm nie wieder etwas gehört. Seltsam genug sollte ich aber auch meinen herrlichen, geliebten Romantiker Kugler verlieren. Es war zwischen dem Senat und zwischen[333] den Schwaben und Schweizern ein Streit ausgebrochen. Die Studenten drohten mit Arbeitseinstellung, wenn man ihren Forderungen nicht nachgäbe. Ein Theil von ihnen wanderte sogar nach Mannheim aus. Der Senat suchte die Unruhe dadurch zu entkräften, daß er plötzlich am schwarzen Brett Badeferien ausschrieb. Kugler hörte zwar, soviel ich mich entsinne, weiter kein Collegium, als das bei Mone, weil er vorzüglich der schönen Natur und der Handschriften halber gekommen war. Da er sich jedoch an beiden schon ersättigt hatte, so fiel er darauf, ganz fortzugehen, um noch in der schönen Jahreszeit eine große Fußreise durch Schwaben und Baiern zu machen. Ich begleitete ihn bis Neckargemünd, von wo er weiter auf Heilbronn marschirte. Da stand er vor mir in der Tracht, wie er sich selber gezeichnet und in Kupfer auf den Umschlag seiner ersten Gedichtsammlung gestochen hat, auf der Vorderseite im Revers, auf der Rückseite im Avers. In diesem gelbbraunen Rock, den Tornister auf dem Rücken, den Stock in der Hand, prägte er sich mir für's Leben ein. Wir schieden auf das Zärtlichste, mit Thränen in den Augen, haben aber das Glück gehabt, uns später oft in Berlin, wo Kugler erst Professor, dann Ministerialrath wurde, wieder gesehen zu haben. Als ich auf dem Rückwege zur Burg von Neckarsteinach aufblickte, fielen mir unwillkürlich Kugler's schöne Verse ein, mit denen er die Burgen bei Jena, Saaleck und Rudelsburg besungen hat: Amazon.de Widgets An der Saale hellem Strande Stehen Burgen stolz und kühn, Ihre Dächer sind gefallen Und der Wind streicht durch die Hallen, ? Wolken ziehn darüber hin. Während ich nach Neckarsteinach emporblickte, ahnte ich gar nicht, daß man sich dort oben mit mir beschäftigte. Und doch hatte ich dazu, recht in der Weise der damaligen Romantik, Veranlassung gegeben. Als die Badeferien die Collegia eine Zeit lang unterbrachen, war ich eines Tages früh Morgens nach Neckarsteinach gewandert, denn ich liebte es, ab und zu ganz allein umherzustreifen, theils um meinen Gedanken nachzuhängen, theils um die schöne Gegend unzerstreuter zu genießen. Ich kam in glühender Hitze auf der Burg an, wo sich eine[334] kleine Gastwirthschaft befand. Das Bellen eines kleinen Hundes meldete mich. Ich trat in das große, dunkle, kühle Hauptzimmer der zwischen den Ruinen hergerichteten Wohnung, und fand Mutter und Tochter mit Plätten beschäftigt. Der Dialekt verrieth mir sogleich, daß sie aus Sachsen stammten, und ich führte mich, da ich der Provinz Sachsen entsprossen, als halben Landsmann ein. Die Mutter erzählte mir in kurzen Umrissen, wie es gekommen, daß sie vom Königreich Sachsen bis hierher in den Odenwald, in eine ganz märchenhafte Umgebung verschlagen seien. Ich bestellte mir einen Eierkuchen und eine Flasche Wein und ging in die Weinlaube, welche mir die Tochter in dem kleinen Garten zeigte. Man hatte von hier eine ganz entzückende Aussicht auf das gegenüberliegende Ufer und auf eine kleine Würtembergische Grenzveste, den Dillsberg. Das Mädchen kam und deckte den kleinen Tisch, um welchen drei Bänke umherliefen. Es war eine hübsche Blondine mit blauen Augen, ganz wie das Bild der Kirchengängerin von Blanc, das in Norddeutschland so viel Verbreitung fand. Ich erfuhr, daß sie Karoline Schneegast hieße. Nachdem ich gegessen und getrunken, streckte ich mich im Schatten des Weinlaubes auf die Bank und schlief. Als ich nach einer Stunde erwachte, ging ich, mir Kaffee zu bestellen. Während ich diesen erwartete, fiel ich darauf, den poetischen Moment auch durch ein Gedicht zu verherrlichen. Ich brachte heraus, daß ich, wenn ich Sch als Einen Buchstaben nähme und ebenso von Schnee nur ein e setzte, die Buchstaben in Karoline Schneegast gerade das Material zu einem anagrammatischen Sonnet hergeben. Ich besang die reizende Gegend und die freundliche Aufnahme, die ich in der alten Ritterburg genossen. Ich versicherte zum Schluß, wie ich stets mit Freude und Wehmuth daran zurückdenken würde. Von dem Mädchen sagte ich kein Wort, aber ich schrieb die Buchstaben ihres Namens als Akrostichon in horizontaler Lage, so daß mein Kunststück nicht übersehen werden konnte. Sie erschien mithin als die vorzugsweise Gefeierte. Rasch schrieb ich das Sonnet mit Bleistift auf ein Stück Briefpapier. Als ich nun fortging und das gute Mädchen mich noch etwas begleitete, mir einen bequemeren Weg nach dem Orte zu zeigen, wo ich mit einem Boot auf das jenseitige Ufer übersetzen wollte, drückte ich ihr die Hand, dankte noch einmal für die gütige Bewirthung, versprach, da es mir[335] so sehr gefallen, meinen Besuch zu wiederholen und übergab ihr zum Andenken an mich das leidige Gedicht, unter welchem mein Name nicht vergessen war. Das war so ganz im Geschmack von Sternbald's Wanderungen, ächt romantisch, aber höchst leichtsinnig; denn es war von meiner Seite nur poetisches Spiel ohne tieferen Hintergrund. Auch hatte ich der anmuthigen Karoline kein Wörtchen von Liebe geäußert. Als ich 1838 bei einem Besuch in Halle eines Mittags bei meinem Freunde Hinrichs aß, fragte mich seine Frau, die aus Heidelberg gebürtig und dort vor einiger Zeit zum Besuch gewesen war, ob ich eine Karoline Schneegast kenne? Ich bejahte die Frage, da ich den Namen, weil er von mir anagrammatisch verarbeitet war, nicht vergessen hatte. Nun erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß das arme Mädchen immer auf meinen Wiederbesuch gewartet und, als ich nicht gekommen war, wieder und wieder das Blatt vorgenommen hatte, wo ihr Name so deutlich zu lesen war. Sie hatte dann ab und zu Norddeutsche Studenten nach mir gefragt und von ihnen gehört, daß ich in Halle lebe. Genug, sie hatte die Hoffnung lange nicht aufgeben können, daß ich eines Tages wieder auf der Burg erscheinen würde. Als Frau Professor Hinrichs jene Frage an mich richtete und mir nun der Moment auf Neckarsteinach lebhaft zurückkam, wurde mir ganz so zu Muthe, wie Tieck in seinem blonden Eckbert die Scene schildert, in welcher dieser ganz unerwartet nach der kleinen Hütte mit dem Papagei und dem Hunde Stromian gefragt wird. Ich verwünschte alle Romantik, alle Anagrammenkunst und Sonnettenschmiederei. Solche einsamen Gänge in Wald und Berg, die mich unwiderstehlich anzogen, waren zuweilen nicht ohne Gefahr der Verirrung, wie sie mir namentlich auf dem Rückwege von der sogenannten Glashütte in der Nacht, trotz des hellen Mondscheins, begegnete. Wenn man so ganz allein im Dickicht des Waldes geht, keinen menschlichen Laut, kein Hundegebell mehr hört, kein Licht oder Feuer blinken sieht, das Rascheln des dürren Laubes vernimmt, das aufgehäuft zwischen den Stämmen modert, durch aufsteigende weiße Nebel in Thalspalten geneckt wird, so erfährt man, wie die Sagen von Wald- und Berggeistern haben entstehen können. Ich verirrte einmal sogar in der Gesellschaft eines[336] aus Heidelberg gebürtigen Studenten, Namens Nagel, der zu mir eine absonderliche Zuneigung gefaßt hatte und mir, wo er nur konnte, wie mein Schatten anhing, obwohl ich umgekehrt für den guten Menschen kein tieferes Interesse gewinnen konnte. Wir waren nach der Hirschgasse gegangen und kamen von ihr, weil wir nicht am Neckar, sondern durch die Berge zurück wollten, statt auf Heidelberg ganz entgegengesetzt auf Schriesheim heraus. Wir hatten zuletzt schlechterdings nicht mehr gewußt, welche Richtung wir einhalten sollten. Wir trafen endlich einen Wegweiser, der aber, trotz des Mondscheins, uns nichts half, weil er im Schatten stand. Zum Glück waren aber im Odenwalde die Namen auf den Armen der Wegweiser eingeschnitten. Nagel machte einen krummen Buckel, ich stellte mich darauf und tastete nun mit den Fingern den Namen glücklich heraus, so daß wir uns wieder orientiren konnten. Während ich mit Kugler, Wunderlich und Wippermann in einer gewissen Regelmäßigkeit gelebt hatte, war auch zwischen mir und Daub allmälig ein engeres Verhältniß zu Stande gekommen. Da er am Sonnabend Nachmittag nicht las, so wurde derselbe ein für allemal mir von 4 bis 6 Uhr zum Besuch freigestellt. Daub bewohnte ein eigenes Haus in der Hauptstraße, dessen Hinterfront nach der Neckarseite zu gerichtet war. Wir waren zuweilen im Garten, gewöhnlich aber auf seiner Studirstube. Er bewohnte zwei freundliche Mansardzimmer, von denen das eine nach der Straße, das andere nach dem Garten lief. In dem letzteren hauste er. Vor seinem langen Sopha hatte er ein Tischchen stehen, auf welchem sich der Kalender, ein Neues Testament im Urtexte und Hegel's Phänomenologie des Geistes befanden, die er für das bedeutendste aller philosophischen Bücher hielt. Er rauchte sehr stark. Niemals hat eine menschliche Persönlichkeit so energisch auf mich eingewirkt, als Daub. Ehrfurcht, Bewunderung und Liebe verschmolzen sich in meinen Gefühlen. Ich kam mir, seiner hohen Gesinnung, seiner gediegenen Bildung, seinem tiefen Ernste gegenüber, oft ganz kleinlich und erbärmlich vor. Seine große Güte und aufmunternde Freundlichkeit ließen mich allmälig meine anfängliche Beklommenheit überwinden. Waren wir erst im Zuge, so verlor sich bei mir oft der Professor und Kirchenrath, der mir beim Eintritt in die Stube zunächst[337] vorschwebte. Es war endlich kein Gegenstand, den wir nicht besprochen hätten. Was zwischen uns als ein gleichsam äußerliches Band wurde, war die Correctur der zweiten Ausgabe der Hegel'schen Encyklopädie, die in Heidelberg bei Mohr herauskam. Alle Veränderungen und Zusätze wurden durchgesprochen. Ich konnte Daub viel von Berlin und Halle, von dem dortigen Zustande der Philosophie und Theologie erzählen, wogegen er mir wieder von Hegel, von Jacobi, von Jean Paul, von Görres u.A. Mittheilungen machte. Was mir zuerst befremdlich vorkam, das war die ungeheure Gleichgültigkeit, welche Daub gegen die Tagesliteratur besaß. Die Zeitungen las er Abends im Museum, aber auf das Lesecabinet, Journale zu lesen, was doch fast alle seine Collegen thaten, kam er nicht. Literarische Neuigkeiten ließ er sich vom Buchhändler nicht zusenden. Ich steckte desto tiefer in der Gegenwart und hatte überhaupt einen polyhistorischen Hang zur Gelehrsamkeit, wovon Daub ganz frei war. Selber im schönen Heidelberg, konnte ich nicht widerstehen, mit dem Antiquar Wolf in der Nähe der Universität anzubinden. Ich kaufte zuerst ein schönes Exemplar der Studien von Daub und Creuzer, dann die Lateinische Quartausgabe der Werke des Cartesius bei ihm. Nach diesem Anfang war ich verloren, denn nun sprach ich bei Wolf von Zeit zu Zeit ein. Ich habe diese Neigung zum Antiquariat, die ich mir in Berlin angewöhnt hatte, nie wieder los werden können, und, von der Gelegenheit verführt, viel Geld unnütz darin verthan. ? Meine Beschäftigung mit dem Titurel auf der Bibliothek war für Daub so gut wie gar nicht da. Diese ganze Literatur des Mittelalters, die mir so schwer am Herzen lag, war ihm völlig gleichgültig. Aber auch, was, nach meiner Meinung, ihn aus der Gegenwart hätte interessiren sollen, ließ er ungelesen. Görres hatte z.B. eine Flugschrift über Voß nach dessen Tode herausgegeben. Ich hatte sie mir sogleich gekauft, gelesen, ihm davon erzählt und sie ihm angeboten. Obschon ihn dies so nahe persönlich anging, so lehnte er doch mein Anerbieten ab, weil er, da er Voß sowohl als Görres genugsam gekannt, sich schon vorstellen könne, wie dieser die Sache angegriffen habe. Noch mehr erstaunte ich, als er gar kein Verlangen zeigte, das Werk von Carové über die alleinseligmachende Kirche kennen zu lernern. Auch dies hatte ich mir angeschafft[338] und mit Begierde verschlungen. Carové, selber ein Katholik, war doch zugleich principiell ein Hegelianer, und setzte ich voraus, daß eine solche Erscheinung ihn höchlich interessiren müßte. Den Gipfel erreichte meine Verwunderung eines Tages, als ich entdeckte, daß er Novalis' Schriften noch nicht gelesen habe, die für mich eine so unendliche Wichtigkeit gehabt hatten. Was las er denn aber? Es waren nur große Werke. In jenem Sommer z.B. war David Hume's Englische Geschichte, die er im Original las, seine Hauptlectüre. Doch hatte sich Daub, wie ich jetzt glaube, zu sehr in sich verloren, um auf seine Zeitgenossen nachdrücklicher zu wirken. Es kam dies in einer Arbeit zu Tage, welche er in jenem Jahre verfaßte. ? Hegel hatte 1827 die Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik begründet, während gleichzeitig Hengstenberg die Evangelische Kirchenzeitung stiftete. Die philosophische Tendenz und die pietistisch-orthodoxe Partei hatten durch diese Zeitschriften sehr wichtige Organe gefunden. Daub wurde als das Haupt der speculativen Theologie zur Theilnahme an den Jahrbüchern aufgefordert, nahm sie an und sollte über die zweite Ausgabe von Marheineke's Grundlehren der christlichen Dogmatik gleichsam eine Normalkritik liefern. Marheineke hatte sich alle Mühe gegeben, die Trichotomie des Hegel'schen Begriffs in seiner neuen Bearbeitung durchzuführen, und diesem Streben, nach meinem Bedünken, sogar zu viel von wahrhaft priesterlicher Salbung der ersten Auflage geopfert. Daub hätte nun zeigen sollen, wie die dogmatische Theologie von der Stufe, auf welche sie durch die Schelling'sche Philosophie erhoben war, durch die Hegel'sche Philosophie zu einer neuen fortgetrieben werden mußte. Er mußte die Veränderung entwickeln, welche hierdurch in der Fassung der Dogmen unvermeidlich wurde. Er wollte dies auch unstreitig, allein er vergrübelte sich in eine breite, für das größere Publikum ganz ungenießbare Arbeit über die Selbstsucht in der dogmatischen Theologie der jetzigen Zeit. Er ahmte den Styl Hegel's in der Phänomenologie nach. Von Marheineke und von seiner Arbeit, deren Titel über seinem Artikel stand, sagte er kein Wort. In Berlin war man aber damals voll von Bewunderung für Daub's Tiefsinn und druckte die endlose Recension wenigstens zum Theil ab, denn man überzeugte sich bald, daß es unmöglich war, sie ganz aufzunehmen.[339] Daub hat sie ein paar Jahre später als ein eigenes Buch erscheinen lassen. Ich staunte natürlich damals diese mysteriöse Abhandlung, welche bald dem Rationalismus, bald dem Supranaturalismus in ihren geheimsten Wendungen nachspürt, als ein Meisterwerk an, allein ich erkenne jetzt vollkommen das Unfruchtbare dieser Manier. Daub hat später noch zwei Abhandlungen drucken lassen, eine in den Studien von Ullmann und Umbreit, über den Begriff des Logos, eine andere in Bruno Bauer's Zeitschrift für speculative Theologie und Philosophie, über den Begriff der Tradition. Beide waren mit gleicher Unzugänglichkeit behaftet. Die letztere war wohl gegen Strauß' Leben Jesu gerichtet, aber so abstrus, daß nur Wenige sie gelesen und noch Wenigere diese Absicht gemerkt haben. Die Tiefe des Gedankengehalts und die stellenweise Trefflichkeit des Ausdrucks waren von einer undurchdringlich scholastischen Kruste überdeckt. Als mündlicher Lehrer war Daub viel faßlicher. Ich habe in meinem oben erwähnten Schriftchen: »Erinnerungen an Karl Daub« eine Schilderung seiner Vortragsweise versucht, die ich hier nicht wiederholen will. In der Anthropologie am Nachmittage hatte er viele Zuhörer aus allen Fakultäten. In der theologischen Moral am Vormittag kaum ein Dutzend. Dies Collegium war vorzüglich durchgearbeitet. Die Begriffe der Sittlichkeit, der Persönlichkeit des Willens, des Gesetzes, der Freiheit, der Nothwendigkeit und der Einheit, dieser beiden letzteren wurden ohne alle supranaturale Geheimnißthuerei, wie sie Judas Ischarioth erwarten lassen konnte, Schritt vor Schritt mit einer Klarheit und Würde entwickelt, in der sich eine eben so große didaktische Meisterschaft, als hohe und reine Gesinnung kund gab. Als es zum Bösewerden des Willens kam, erinnere ich mich, daß wir vor der Stunde bebten, worin es nun, wie wir nach der Entwickelung wußten, zur wirklichen Begehung der bösen That und der durch sie bewirkten absoluten Vereinsamung des bösen Subjekts kommen mußte. Mir war so zu Muthe, wie ich mir ungefähr die Stimmung in einem göttlichen Weltgericht vorstellte. Judex ergo cum se debit Nil inultum remanebit Quidquid latet, apparebit.[340] Quid sum misertunc dicturus Cum nec justus sit securus? Die Geburt des Bösen in der menschlichen Seele ist mir seitdem vollkommen begreiflich geworden und diesem Verständniß verdanke ich, daß ich seitdem die Gewißheit der Freiheit des Willens nie wieder verloren habe. Das Collegium war im Grunde ein rein philosophisches. Das theologische Element in ihm beschränkte sich auf den Nachweis, daß die Lehre Daub's mit den Aussprüchen der Neutestamentischen Schriften übereinstimme. Durch Daub sollte ich nun mit einem Studenten bekannt werden, der schon ein Jahr lang sein Zuhörer gewesen war. Daub lud mich zuweilen am Sonntag zum Mittagessen ein. Nach Tische gingen wir mit der Familie in den Garten, wo ich bis gegen 6 Uhr mit der höchst liebenswürdigen Kirchenräthin und ihrer Tochter Julie zu plaudern pflegte. Es mochte im Anfang August sein, als ich an einem solchen Mittag Gans und Brandis bei Daub traf. Sie kamen aus Nord und Süd, Gans von Berlin, Brandis aus Rom. Ich blieb von hier ab mit beiden trefflichen Männern in guten Beziehungen und habe Brandis noch 1846 zu Bonn in seinem schön gelegenen Hause besucht. An dieser Mittagstafel fand ich auch einen Studenten, welchen Daub mir als den Sohn des Professors der Theologie Parow aus Greifswald vorstellte, indem er zugleich den Wunsch aussprach, daß wir mit einander bekannter werden möchten. Ich brachte auch sogleich den Abend mit diesem Theodor Parow zu und er trat gleichsam in die Lücke ein, welche mir der Weggang von Wunderlich und Kugler gerissen hatte. Parow war ein hochbegabter, vielseitig gebildeter Jüngling, der mir namentlich in der Mathematik und im Griechischen überlegen war. Er war groß, schlank, an sich starkgliedrig, aber er war krank. Schon seine fahle Gesichtsfarbe sprach mit ihren Falten und Runzeln ein ungeheures Leiden aus. Oft litt er an unerträglichem Kopfschmerz, den ich gar nicht kannte, außer nach schlechtem Punsch oder Wein. Er neigte auch zur Klage und ich hatte ihn oft zu trösten. Parow war eine jener unglücklichen nordischen Naturen, die einen Drang zum Höchsten besitzen, in diesem Streben jedoch sich überspannen und daher[341] zuletzt nichts Rechtes vor sich bringen. Ihr productives Vermögen steht in einem Mißverhältniß zu den Forderungen, welche sie an sich machen. Sind sie nun obenein, wie Parow, ungesund, so erzeugt sich bald ein trauriger Zustand, der zwischen Exaltation eines riesigen Kraftgefühls, eines alle Grenzen überströmenden Selbstgefühls, und zwischen Niedergeschlagenheit, Zweifel, Kleinmuth, ja Verzweiflung hin-und herschwankt. Der Wechsel dieser zerrütteten Contraste spiegelte sich bei Parow auch in seiner Lebensweise. Manchmal durchwachte er halbe Nächte und schlief dann in den Sonnenschein hinein, was mir stets unmöglich gewesen ist. Manchmal genoß er weniger Speise und Trank, als ein Anachoret, und dann konnte er wieder, wie ein Ausgehungerter, massenhaft essen und trinken. Mir waren die geistigen Kämpfe Parow's keineswegs fremd. Ich krankte ja auch an herben Widersprüchen, aber ich war gesund, konnte angestrengt ohne Erschöpfung arbeiten und reagirte gegen die Qualen romantischer Entzweiung durch Arbeiten, die theils einen realistischen Charakter hatten, theils, wenn auch unvollkommen, zu einem gewissen Abschluß gebracht wurden, während bei Parow Alles Fragment blieb. Als er, nach vielen Leiden und nach vielen vergeblichen Experimenten, eine Stellung im Leben zu gewinnen, 1837 starb, gab 1838 sein Schwager Mätzner, der spätere Director einer höheren Töchterschule in Berlin, ein ausgezeichneter Pädagoge und gründlicher Kenner der Altfranzösischen Sprache und Literatur, eine Gedächtnißschrift für den so früh Heimgegangenen heraus, worin er den Lebensgang Parow's beschrieb und Fragmente aus seinem Nachlaß mittheilte, die uns ein Bild seines ringenden, in die letzten Tiefen sich versenkenden Geistes dar stellen. Daub hielt mit Recht viel auf Parow. Er hoffte, daß aus seiner Trübsinnigkeit allmälig größere Leistungen hervorgehen würden. Ich selber fand an seinem Umgang zwar kein so unbedingtes Behagen, wie im Verkehr mit Wunderlich und Kugler, aber er fesselte mich doch als eine sehr bedeutende und interessante Erscheinung, zumal ihm auch das Lachen humoristischer Selbstverspottung nicht fremd war. Um uns recht auszutauschen, schlug ich ihm vor, am nächsten Sonntag, bei gutem Wetter, mit einem Einspänner nach Speier zu fahren, dessen Dom, den ich so oft von fern sah, mir schon lange im[342] Sinn lag. Dies geschah auch. Wir kutschirten unser Miethsfuhrwerk selber und hatten Zeit genug, uns gegenseitig Alles, was uns von unserem Leben und Streben wichtig schien, mitzutheilen. So ein Reisetag, wo die persönlichen Ergüsse immer wieder durch Anschauung sehenswürdiger Gegenstände, von den kleinen Aufmerksamkeiten auf Pferd, Weg, Unterkunft im Gasthof u.s.w. unterbrochen werden, bringt zwei junge Seelen rasch aneinander, bis zur rückhaltlosen Vertraulichkeit nahe. Alle Fremdheit war von uns gewichen, als wir bei funkelndem Sternenlicht wieder in Heidelberg einfuhren. Amazon.de Widgets Parow war durch Daub zwar auch zum Studium der Hegel'schen Philosophie herangezogen, trug aber viele Elemente in sich, welche derselben widerstrebten. Sie führten sich besonders auf den Einfluß eines Philosophen Muhrbeck in Greifswald zurück, der als Schriftsteller zwar wenig bekannt geworden ist, durch seine persönliche Lehre dagegen begeisternd auf einen kleinen Kreis empfänglicher Jünglinge einwirkte. Um so vorurtheilsfreier konnten unsere Unterhaltungen sich mit Hegel beschäftigen. Es folgte aber eine trübe Zeit. Wochenlang strömten starke Regengüsse herab. Ich konnte nur selten auf die Berge hinaus. Das Nervenfieber verbreitete sich epidemisch in der Stadt und auch die älteste Tochter meines Wirthes erkrankte schwer daran, kam jedoch zuletzt, als man sie schon aufgegeben hatte, glücklich durch. Parow wurde durch ein Duell verstimmt, das er schon vor einigen Monaten contrahirt, allein nicht ausgeführt hatte. Er hing, wie man studentisch sagt, mit einem Andern. Endlich aber mußte er doch losgehen. Er war in allen gymnastischen Künsten wohl geschult, mußte aber, da er das Fechten seit einem Jahre liegen gelassen, sich noch ein paar Wochen wieder einschlagen, denn das Duell war auf Hieber abgeschlossen. Das Duell wurde in dem Lokal der Hirschgasse ganz regelrecht abgemacht. Parow hatte das Unglück, einen Hieb quer über den Mund zu erhalten, der ihm die Oberlippe ganz, die Unterlippe zum Theil spaltete. Die Wunden wurden sofort vernäht und Parow in seine Wohnung zurückgeschafft. Er fieberte stark. Ich übernahm es, die Nacht über bei ihm zu wachen. Parow sollte sich vor allen Dingen ruhig verhalten, allein er konnte es nicht lassen, schlechte Witze zu machen und selber[343] über sie zu lachen, wodurch die Heilung der Wunde verzögert und nach dem Verlauf des Heilungsprocesses eine recht augenfällige Narbe zurückgelassen wurde. Parow war jetzt anderthalb Jahre in Heidelberg und wollte es verlassen. Ich bekam eine Aufforderung, mich zum October in Magdeburg zur Cantonrevision zu stellen, die für mich entscheidend war, wenn ich mir, da ich schon im dreiundzwanzigsten Lebensjahre stand, das Vorrecht des Freiwilligendienstes erhalten wollte. Auch erschien mir ein Aufenthalt während des Winters in Heidelberg nicht gerade reizend. Genug, ich beschloß, mit Parow abzugehen. Nur von Daub zu scheiden, wurde mir sehr schwer, aber das Vorhaben einer Rheinreise half mit ihrer Spannung auch darüber hinweg. Mitte September verließen wir Heidelberg auf einem Einspänner, der uns bei herrlichem Wetter nach Frankfurt am Main brachte, von wo wir zu Schiff nach Mainz fuhren. Von hier ab begann die abenteuerlichste Reise, die man sich vorstellen kann. Wir hatten uns gar keinen Plan gemacht, sondern hielten es für sehr weise, je nach den Umständen, je nach den Lockungen des Augenblicks, je nach dem Vortheile der Gelegenheit zum Fortkommen uns einzurichten. Wir setzten uns zunächst im »weißen Roß« zu Mainz fest und schweiften nun von hier zu Fuß bald auf das linke, bald auf das rechte Rheinufer über. Dampfschiffe gab es auf dem Rhein nur erst sehr wenige; sogenannte Jachten beförderten den Verkehr der Reisenden. Mit einer solchen Jacht fuhren wir endlich nach Coblenz, wo alle Gasthöfe so überfüllt waren, daß wir mit Mühe im »schwarzen Bären«, hoch oben, eine Unterkunft fanden. Von Coblenz marschirten wir auf dem linken Rheinufer bis Andernach, wo wir wieder bei einem sehr freundlichen Wirth, dicht am Ufer des Flusses, einen so schönen und wohlfeilen Wein fanden, daß wir uns etwas fest tranken und auch einen Abstecher auf das Gegenufer machten. Der Wirth schien an unserer Gesellschaft Gefallen zu finden und trank Abends in einer Laube mit uns um die Wette. Es waren himmlische Abende, denn Alles, was ein romantischer Sinn begehren konnte: der alte Rheinstrom, Berge, Wälder, Ruinen, fröhliche Herzen, köstlicher Wein, Blumenduft ? was konnte ich mir Romantischeres wünschen? Doch mußten wir endlich den Tornister wieder auf den Rücken nehmen und[344] weiter ziehen. Wir gingen, als die Gegend flacher wurde, wieder auf eine Jacht, mit welcher wir, an Bonn vorüber, eines Abends sehr spät in Cöln anlangten und im Gasthof »zum heiligen Geist« logirten, wo wir ein großes, schönes Zimmer nach dem Rhein hinaus erhielten. ? Cöln war damals noch weit von dem entfernt, was es jetzt geworden ist. Der Dom namentlich war noch ganz von andern Gebäuden umschränkt und von seinem Bau nur erst der hohe Chor vollendet. Die Schädel der heiligen drei Könige, die höchste Reliquie Cölns, schien uns Ungläubigen eine große Merkwürdigkeit, daß wir einen Preußischen Thaler daran setzten, sie zu sehen. Es amüsirte uns sehr, daß der Küster, als er mit einem seidenen Tuche uns einen der stark gebräunten Schädel vorhielt, zu uns sagte: »Meine Herren, Sie sehen hier die Schädel, von denen unsere frommen Vorfahren geglaubt haben, daß sie den Königen aus dem Morgenlande angehört haben.« ? Also die frommen Vorfahren hatten daran geglaubt. Er, unstreitig ein aufgeklärter Mann, dispensirte sich von diesem Glauben. Obwohl wir Romantiker nun gerade eben so ungläubig waren, so galt uns doch die Legende wieder als vortreffliche Poesie, und ich kaufte auf dem Heumarkt von einem Tische, auf welchem deutsche Volksbücher feil geboten wurden, ein Exemplar der vier Heimonskinder, deren Sage mit der Geschichte der Stadt Cöln so eng verflochten ist. Ich kaufte auch das Volksbuch vom ewigen Juden, denn ein Volksbuch mit seinem schlechten Papier, mit seinem nachlässigen Druck und mit seinen rohen Holzschnitten war für meinen damals romantischen Geschmack etwas Unschätzbares, das ich in meinem Tornister, wie ein Handwerksbursche, gern bis nach Hause schleppte. Parow theilte diese Neigung nicht. Das Mittelalter lag ihm fern und er konnte, obwohl er auch Verse machte, Kirchen und Burgen, die wir zu sehen bekamen, nur vom malerischen Standpunkt auffassen. Ihre historische Bedeutung blieb ihm fremd. Wir hatten zu unserer Rheinreise das schönste Wetter gehabt; in Westphalen aber verfolgte uns der Regen. Wir wurden oft bis auf das Hemd durchnäßt und fuhren einmal eine Strecke, um in dem Schmutz der Chaussee nur fortzukommen, sogar mit Extrapost, weil das Lungern im Gasthof zu Hagen, wo wir nicht aus dem Zimmer[345] heraus konnten, uns endlich eben so viel Geld kostete. Wir kamen doch vorwärts. In der Nähe von Elberfeld wurden wir so heftig von einem Regen und Sturm durchpeitscht, daß wir uns schon am Nachmittag in den Gasthof »zum Deutschen Hause« flüchteten, wo wir eine sehr behagliche Stube und äußerst freundliche, wohlwollende Bedienung fanden. Wir legten uns sofort zu Bett, um uns zu durchwärmen. Gegen Abend fühlten wir uns wieder menschlich. Parow stand auf und schnupperte im Hause herum, wo ihm ein köstlicher Duft aus der Küche in die Nase prickelte. Er brachte mir die Nachricht, daß man Rebhühner brate. Sofort stand auch ich auf und wir begaben uns nach Unten in die Gaststube, wo wir bei gutem Rheinwein einen sehr heiteren Abend verlebten. Am andern Morgen wanderten wir bei schönem Sonnenschein weiter, der aber nicht lange anhielt. Parow wurde sehr unwohl und fing an, sich lebhaft nach Hause zu wünschen, so daß die Gegenstände ihm wenig Interesse mehr ablockten. Von Cassel und Göttingen ab waren mir die Gegenden schon bekannt, weshalb ich auf ein längeres Verweilen und genaueres Eingehen nicht drang. Wir gingen über den Harz, welchen Parow noch nicht kannte, aber, außer dem Ilsenstein bei Stolberg-Wernigerode, ließ ihn die Scenerie ziemlich gleichgültig, weil er, von Kopfschmerz und Verdauungsbeschwerden geplagt, ganz in sich versank. Um ihn zu zerstreuen, war ich, während wir zu Hagen im Gasthof vergeblich auf besseres Wetter gewartet hatten, auf den Einfall gerathen, uns dadurch zu unterhalten, daß wir Versuche mit der Hegel'schen Methode anstellten. Wir fingen also an, alles Mögliche, wie es uns gerade in den Sinn kam, oder wie die Umgebung und die Umstände es uns aufdrängten, in die Dreitheilung des Begriffes als das Abstracte, Negative und Concrete, oder als das Allgemeine, Besondere und Einzelne, oder als Sein, Wesen und Begriff u.s.w. zu classificiren. Ich will nur ein Beispiel dieser Unterhaltung geben, mit welcher wir uns den Weg verkürzten. Wir nahmen also eines Tages die Kleidung vor. Nun wurde vom nackten, unbekleideten Menschen angefangen, dann zum halb, endlich zum ganz bekleideten fortgegangen. Es waren drei unverkennbare Stadien. Nun wurde die Kleidung ihrem Stoff nach durchgenommen. Es wurden die rohen Thierfelle, die schon bearbeiteten, schon geformten Felle und[346] die von Menschen durch Weben hervorgebrachten Stoffe aufgefunden. Hierauf ging es an die Form. Das Hemd erschien uns als die Urform. Schneidet man dasselbe vorn in der Mitte von oben nach unten durch, so erhält man den Oberrock; schneidet man es quer in der Mitte durch, so erhält man die Jacke. Die Jacke ist folglich der Gegensatz des Vollhemdes, das negative Moment, das bald verlängert, bald verkürzt werden kann. Wird ihr hinten ein Schooß angefügt, das Gesäß zu decken, so entsteht der Leibrock. Wir erkannten daher philosophisch die Berechtigung dieses sonderbar erscheinenden modernen Kleidungsstücks. Nun hatten wir aber eigentlich erst die Oberkleidung gefunden, eigentlich erst den Mann bekleidet. Wir machten uns weiter an die Unterkleidung und an die Modification, welche der weibliche Körper erheischt. Hier geriethen wir jedoch bei den Hosen in's Enge und verfielen in Streitigkeiten, die oft so possirlich ausarteten, daß selbst mein melancholischer Theodor herzlich mit mir lachen mußte. Bei der Fußbekleidung waren durch Sandalen, Schuhe und Stiefel die drei Momente gleich gefunden worden, allein mit den Hosen kamen wir nicht überein, obwohl im Orient auch die Frauen welche tragen. Wie zuletzt über die Hosen, hatten wir anfänglich viel über den Mantel gestritten, ob er schon als eigentliche Kleidung anzusehen sei. Schließlich waren wir überein gekommen, ihn als das charakteristische Moment der Halbbekleidung anzusehen, die wirkliche Bekleidung aber erst damit anzufangen, daß der Mantel durch Einschneiden von Löchern zum Durchstecken des Kopfes und der Arme zum Hemde umgeformt wäre. Schlechtes Wetter kann Fußreisende in der That zu den sonderbarsten Experimenten bringen. Zuweilen spielten wir Schach. Was mir aber jetzt, indem ich mich dieser langweiligen Stunden erinnere, sehr auffällt, ist, daß wir uns die ganze Zeit über gar nicht um die Lectüre der Zeitungen kümmerten, was heut zu Tage gewiß unmöglich wäre. Wir kamen endlich über Quedlinburg und Halberstadt, von wo wir wieder mit der Post fuhren, nach Magdeburg, wo Parow mich verließ. Wir unterhielten noch mehrere Jahre einen Briefwechsel, dem jedoch eine recht zusammenhaltende Seele fehlte, da unsere Lebensläufe sehr verschiedene Wendungen nahmen. Parow machte mehrfache Ansätze,[347] eine öffentliche Thätigkeit zu gewinnen, wurde aber durch Krankheit beständig wieder unterbrochen. Sein edler Geist kämpfte sich heroisch mit seinen Leiden ab, bis er denselben 1837 unterlag. Ich habe ihn in der Zwischenzeit noch einmal bei einem Aufenthalt in Berlin wiedergesehen, als er dort Hauslehrer bei dem Banquier Eberty war. Ach! wie schmerzlich bewegte mich sein Anblick. Seine Gesichtszüge waren noch ruinenhafter, als vormals. Kopf- und Zahnschmerzen marterten ihn. Je idealer sein Streben war, um so tiefer fühlte er die Hemmung, welche die Natur ihm auferlegte. Er hatte auch noch Vorlesungen bei Hegel gehört, allein nicht den gehofften Erfolg von ihnen gehabt. Hegel schien ihm zu sehr darauf bedacht gewesen, sich verständlich zu machen. Ueber solche elementare Belehrung war Parow aber schon fort, und die blitzenden Schlaglichter, die Hegel zu werfen im Stande war, kamen ihm zu selten, um ihm größere Anregung zu schaffen. ? 
 VI. Berlin. Ich stürze mich in die heterogensten Studien und Verhältnisse. Der Mathematiker Grüson. Professor Zeune. Der Jurist Müller. Die Hoffmann'sche Romantik und mein Roman: »Graf Gundolf.«  [154] So war ich denn in Berlin. Ich wohnte in der neuen Friedrichsstraße in einem großen Gebäude, welches zu den Pertinenzen des Cadettenhauses gehörte, an welchem mein Oheim, ein alter Akademiker, auch Professor war. Er war außerdem auch Lehrer an der Bau-Akademie und an der Universität. Ich bezog eine Stube nebst Kammer nach dem Hofe hinaus, welcher an den des Cadettenhauses grenzte, von dem er durch eine Mauer getrennt war. Ich vernahm nun jede Stunde den Trommelwirbel, welcher hier die Glocke vertrat und erblickte die Cadetten, wie sie sich mit Turnübungen an Barren und Reck tummelten. Zunächst beschäftigte mich die Stadt und ihre Umgebung. Berlin war damals weder so groß, noch so prächtig, als heute. Ich habe 1849 eine Topographie von Berlin geschrieben, welche gewissermaßen den Uebergang aus jener älteren Periode in die neuere schildert. Auf mich wirkte es damals auf zweierlei Weise ein. Einerseits drückte es auf mich mit seinen langen, gleichförmigen Straßen bis zur ödesten Langweiligkeit. Andererseits hatte das Hervortreten antiker Formen, wie der Colonaden am Alexanderplatz, wie am Opernhause, an der Hauptwache, am Brandenburger Thor etwas Idealisches für mich, das mich entzückte. Statuen gab es nur erst wenige, aber es gab doch welche, und das war schon etwas Erbauliches. Mein Lieblingsgang war durch das Gewühl die Königsstraße entlang bis zur Kurfürstenbrücke, dann dem mächtigen Bau des Schlosses gegenüber, die Burgstraße hinauf,[155] über die Herkulesbrücke nach dem Garten von Monbijou, dessen Schlößchen damals das ägyptische Museum unter der Direction von Passalaqua in sich schloß. Es war ein anmuthiger, schattiger Aufenthalt. Die eine Langseite des Gartens zieht sich am Ufer der Spree hin. Gegenüber am Kupfergraben wohnte Hegel. Mit der Stadt beschäftigten mich auch die Bewohner, deren verschiedene Typen ich allmälig unterscheiden lernte. Das Militär und die Bureaukratie überwog noch. Die Demokratie kündigte sich erst in einzelnen Zügen an, welche noch ein Decennium brauchten, bevor sie sich zu ihrem ersten Berliner Typus, dem Eckensteher Nante Strumpf, verdichteten. Theater hatte Berlin damals erst zwei, das königliche und das Actien-Theater am Alexanderplatz, das sogenannte Königsstädtische. Hier machte in den Opern Henriette Sonntag Furore. In der Wiener Posse aber waren es zwei ausgezeichnete Komiker, Schmelka und Spitzeder, die mich unwiderstehlich anzogen. Da ich dem Theater nahe wohnte und da seine Preise nicht so hoch, als die des königlichen waren, so gewöhnte ich mich stark hierher. Für die Reinheit meines Geschmacks war dies nicht gerade zuträglich. Ich behielt eine Vorliebe für dieses Theater, dessen ganzer Zuschnitt für mich etwas Gemüthliches hatte und habe es auch bei späteren Aufenthalten in Berlin immer wieder aufgesucht. Ich habe die berühmte Hähnel, welche nach der Sonntag aufkam, darin die Opern Bellini's und Donizetti's singen gehört und mich an der Komik von Pohl und Beckmann mit äußerstem Behagen ergötzt. Bei meinen Verwandten begegnete ich in dieser Neigung einer recht scharfen Opposition. Sie ließen nur die königliche Bühne gelten, und die Königsstädter erschien ihnen als eine Neuerung, welche ? mit Ausnahme des Gesanges der vergötterten Sonntag ? nur untergeordnete ästhetische Bedürfnisse befriedigen könne. Es war die Gewöhnung, welche sie in einem Hofopernsänger, in einem Hofschauspieler sofort auch einen höheren Künstler, als in den von Herrn Director Cerf angestellten Sängern und Schauspielern der Königsstadt erblicken ließ. Das königliche Theater stand auch zu jener Zeit auf einer außerordentlichen Höhe. Ich habe damals noch die Schröder, die Unzelmann, die Stich, ich habe Beschort, Lemm, Wolf, Rebenstein, Krüger, Ludwig Devrient, wenigstens in ihren Hauptrollen, gesehen. Schiller, Calderon, Shakespeare[156] machten den Kern des Repertoires aus. Neben ihnen standen ausgewählte Stücke von Raupach und Auffenberg. Gern glänzte als Komiker. Die große Oper war mir zu theuer. Ich konnte sie nur selten besuchen. Doch habe ich die Milder und Blum in einigen ihrer Hauptrollen gehört. Manchmal spielte auch Devrient in kleinen Rollen der Oper mit, z.B. im Don Juan, wo er den Alkalden mit ganz unübertrefflicher Laune gab. Ich enthalte mich, mehr über diese Epoche zu sagen, weil sie tausendmal beschrieben ist. Erwähnen mußte ich sie, da ich immer ein großer Freund des Theaters gewesen bin und ihm viele der genußreichsten Stunden meines Lebens verdanke. In Berlin hatte der Besuch des Theaters für mich auch noch den besonderen Reiz der Anwesenheit interessanter und berühmter Persönlichkeiten, die man hier bequem von Angesicht zu Angesicht anschauen konnte. So traf es sich z.B., daß wir Studenten bei einer Aufführung von Molière's »Tartüffe« Hegel in einem Sperrsitz erblickten und nun erlebten, daß er Devrient eben so gut beklatschte, als wir Studenten im Parterre. Auf der Straße unterhielt mich das bunte Durcheinander der Menschenmassen, die vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Thor hin wogten. Mein Weg zur Universität führte mich stets über die Kurfürstenbrücke durch das Schloß nach den Linden. Die Schaufenster der Kunsthändler boten eine unerschöpfliche Quelle interessanter Anschauungen. Die ästhetische Seite des Lebens war in Berlin schon viel mehr ausgebildet, als in meiner Vaterstadt Magdeburg. In meinem elterlichen Hause waren die Hauptkategorien gut und schlecht, wahr und falsch, nützlich und schädlich gewesen. Hier fiel mir zunächst im Kreise meiner Verwandten auf, daß sie besonders die Kategorien angenehm und unangenehm, schön und häßlich gebrauchten. Als ich aber längere Zeit in Berlin gelebt hatte, erkannte ich wohl, daß dies überhaupt die Kategorien waren, welche sich im Urtheil der Berliner vorwiegend geltend machten. Mein Oheim, Dr. Grüson, cumulirte verschiedene Aemter, den Aufwand für seine große Familie zu bestreiten. Ihre verschiedenen Titel gingen in dem Titel eines Geheimen Rathes unter. Er trug diesen Titel mit mehr Recht, als so manche Andere. Er hatte einst den Auftrag ausgeführt, für den Hof ein neues System zum Chiffriren[157] und Dechiffriren der geheimen Berichte zu entwerfen und war dafür zum Geheimen Hofrath ernannt worden. Er war Mathematiker und für seine Wissenschaft von höchster Begeisterung erfüllt. Ich vermochte ihn als Fachmann nicht zu beurtheilen, aber ich glaube, daß er ursprünglich eine genialische Natur war. Die Nothwendigkeit eines großen Erwerbs hatte ihn gezwungen, sich vorzüglich dem Unterricht zu widmen. Es blieb ihm fast nur der Sonntag zu selbständigen Studien übrig. Auch als Schriftsteller war er sehr thätig gewesen, ohne über eine gewisse brauchbare Mittelmäßigkeit sich zu erheben. Von andern Mathematikern habe ich später gehört, daß in den Schriften der Akademie sich eine Arbeit von ihm befindet, welche vortrefflich sein soll. Diese Urkunde seines ausgezeichneten Talents führt den Titel: »Vereinfachung der Euklideischen Geometrie.« Er selber hat sie nie gegen mich erwähnt und ich muß zu meiner Beschämung gestehen, daß ich sie nie gelesen habe. Von Gemüth war er ein heiterer, kindlicher Mann mit bequemen Umgangsformen. Er ließ sich anfänglich viel mit mir ein, mir ein höheres Interesse für die Mathematik einzuflößen. Er hatte einige Monate zuvor, eh' ich nach Berlin zu ihm kam, den einzigen schon erwachsenen Sohn durch einen plötzlichen Tod verloren und übertrug nun die Liebe zu diesem gleichsam auf mich, als einen willkommenen Ersatz. Er schenkte mir einen Leitfaden der Mathematik, den er für seinen Unterricht hatte drucken lassen, sowie ein größeres Werk in drei starken Bänden, welches den Titel trug: »Die Mathematik nach der Erzeugung der Begriffe.« Dieser Titel gefiel mir außerordentlich, denn er schien mir Aufschluß über so viele Räthsel zu versprechen, die ich bis dahin auf der Schule in der Aneignung der Mathematik getroffen hatte. Doch fing ich, auf seinen Rath, mit der Durcharbeitung des Leitfadens in den Frühstunden, bis zum Kaffee, an. Mai und Juni setzte ich dieses Studium ziemlich regelmäßig fort und gewann dadurch eine größere Annäherung an ihn. Mit dem größeren Werk machte ich später einige Male Ansätze, es zu bewältigen, aber vergebens, trotz der Einhülfe, die er mir ab und zu gewährte. Ich fand gar nicht, was ich nach dem verlockenden Titel erwartet hatte. Nach diesem sollte wenigstens etwas Aehnliches darin vorkommen, als ich von Thibaut in Göttingen gehört hatte; aber statt einer genetischen Ableitung der[158] arithmetischen und geometrischen Begriffe fand ich, wenn auch in anderer Ordnung und mit anderen Wendungen, im Grunde doch wieder die alten kategorischen Definitionen, die von Formel zu Formel, von Form zu Form einen Sprung machten. Der Beweis war auch großentheils apagogisch oder, wie es mir vorkam, künstlich. Es sollte z.B. eine gerade Linie auch als ein Winkel gefaßt werden können, der dann ein gestreckter genannt wurde. Dies wurde so bewiesen: Man postulirte einen rechten Winkel; dann postulirte man, daß die Verticale sich über 90 Grad hinaus bewegte. Diese Bewegung wurde continuirlich fortgesetzt, bis der Punkt eintrat, wo die Verticale den Winkel überhaupt aufhob, d.h. horizontal geworden war. Dieser Winkel, der kein Winkel mehr war, mußte dann mit der Horizontale des ursprünglichen Winkels zusammenfallen. Ich habe mit meinem Oheim noch sehr viele Gespräche über viele mathematische, mechanische und physikalische Begriffe gehabt, die mir immer anziehend und auch lehrreich waren, aber ich habe leider ein eigentliches Studium der Mathematik von jenem Sommer ab aufgegeben, weil ich, wie man sehen wird, in ganz andere Bahnen fortgerissen ward. Unsere Lieblingsunterhaltung wurden die Kegelschnitte, die er nach Lacroix bearbeitet hatte. Ich habe erst in viel späteren Jahren, als ich ernstlicher mit der Astronomie und mit den Formen der organischen Natur mich zu beschäftigen anfing, ihre unermeßliche Wichtigkeit besser verstehen gelernt, allein ich habe auch zuvor schon nie aufgehört, sie zu bewundern. So unvollkommen meine mathematische Bildung geblieben ist, so verdanke ich ihr doch die Ueberzeugung, daß die Existenz solcher Formen und, was die quantitative Bestimmtheit angeht, solche Formeln, wie die analytische Geometrie sie darbietet, unmöglich ein Werk des Zufalls sein können, sondern eine berechnende Intelligenz voraussetzen. Wie sollten zufällige Aggregate von Atomen ein System von Ordinaten und Coordinaten hervorbringen können! Und doch sind auch solche Verhältnisse, wie die lebendige Wechselwirkung der konischen Sektionen sie entwickelt, nur ein Moment in dem ungeheuren Formenspiel der Natur! Mein Oheim hatte eine große, aber unförmliche Bibliothek. Er hatte sich in jüngeren Jahren zuweilen verleiten lassen, den gesammten Büchernachlaß verstorbener Collegen anzukaufen, wodurch er mit einem[159] Wust auch sehr untergeordneter, ja werthloser und außerdem sehr heterogener Schriften belastet wurde. Er besaß alle Hauptwerke seines Faches in der reinen wie in der angewandten Mathematik und war in ihnen vollkommen zu Hause. Er besaß aber auch eine Menge Lehrbücher aller Gattungen, welche denselben Inhalt nur mit formellen Modificationen wiederholten. Dann fanden sich aber auch seinem Fach ganz fremdartige vor, wie Krünitz' technologische Encyklopädie, Campe's und Resewitzen's Revisionswerk der Erziehung, Jakob Twinger von Königshofen Straßburger Chronik, Carmer's Preußisches Landrecht in einer Folio-Ausgabe, die gar prachtvoll in Leder gebunden war, Wiegleb's natürliche Magie und was weiß ich. Von deutschen Classikern war auch nicht ein einziger vorhanden, denn mein Oheim las nur die französischen. Aber auch von diesen besaß er nur Racine, den er sehr liebte und aus welchem er mir manchmal einige Scenen mit großem Pathos vorlas, mir zu beweisen, daß die französische Sprache die deutsche, für welche ich so eingenommen war, an Wohlklang übertreffe. Die Schilderung vom Untergang Hippolyt's in der Phädra galt ihm fast als der Gipfel aller Verskunst. Zu seiner Erholung pflegte er aus der Schlesinger'schen Leihbibliothek die gewöhnlichsten Romane zu lesen. Da ich ein großer Bücherliebhaber war, und die Bibliothek sich in nicht geringer Unordnung befand, welche durch Wohnungswechsel herbeigeführt war, so bat ich um die Erlaubniß, sie besser aufzustellen. Bei dieser Arbeit lernte ich sie zugleich ihrem ganzen Umfange nach kennen. Sie enthielt wesentlich nur mathematische Werke. Von philosophischen fand ich nur Leibnitz, Wolf und Kant nebst einigen Ausläufern desselben, wie Kiesewetter, Fries, Jenisch, Bendavid, Mellin, dessen ganzes Wörterbuch der Kant'schen Philosophie vorhanden war. Die organische Natur war auch nicht durch ein einziges Buch vertreten. Die Schriften von Kepler, Newton, La Place, Le Gendre, Poisson, Euler u.s.w. kamen mir hier im Original zu Gesicht, so daß ich mir von ihnen wenigstens eine allgemeine Vorstellung machen lernte, was immer bei so wichtigen Erzeugnissen der Wissenschaft ein nicht gering anzuschlagender Gewinn ist. Die Principien der Naturphilosophie, z.B. von Newton, sind Vielen nur vom Hörensagen bekannt. Wie wichtig ist es aber, von der Anordnung des Stoffes und von der Art[160] seiner Behandlung durch eigene Einsicht einen Ueberblick erhalten zu haben. Von diesen Autoren war Euler mit seinen Briefen an eine deutsche Prinzessin derjenige, welcher eine Darstellung der Physik begründete, die populär war, ohne doch den wissenschaftlichen Charakter zu verlieren. Schriften, wie die von Poisson, waren mir wegen meiner mangelhaften Vorbildung undurchdringlich, aber die schön geschriebene Méchanique céleste von La Place konnte ich mir in ihrer Hauptidee mit Nachhülfe durch die Erklärungen meines gern belehrenden Oheims aneignen. Amazon.de Widgets Von Geschichte enthielt die Bibliothek nichts, außer einem Abriß der Geschichte der Philosophie von Deslandes und eine von Formey. Nur was sich berechnen ließ, war, oft überreich, vertreten. Zeitrechnung, Kalenderwesen, Mortalitätscalcul, Geodäsie, Gnomonik, Nautik, Tontinenrechnung, Berechnung von Schiffslasten, von Maaßen und Gewichten, nichts fehlte. Von Allem, was man damals unter dem Namen der angewandten Mathematik zu befassen pflegte, empfing ich die vollständigste Uebersicht. Außer diesen Büchern der Fachwissenschaft fand ich aber noch eine große Menge von Zeitschriften des achtzehnten Jahrhunderts, französische sowohl als deutsche. Meine literarische Neugier wurde durch sie eben so sehr gereizt, als mein armer Kopf ohne sonderliche Resultate zerstreut. Namentlich war es die Bibliothek der schönen Wissenschaften, sowie Nicolai's allgemeine deutsche Bibliothek, die ich immer von Neuem zu durchblättern und hier und da zu haften nicht müde werden konnte. Doch wurden zum Glück die Schriften der Berliner Akademie die anziehendsten für mich. Die französischen Jahrgänge derselben ließ ich bald liegen, wohingegen die deutschen seit 1811 mich lebhaft zu fesseln anfingen, so daß ich während der zwei Jahre, die ich in Berlin als Student zubrachte, viele ihrer Abhandlungen gelesen habe. Die Arbeiten von Hirt über ägyptische Mythologie, von Karl Ritter über Geographie eröffneten mir ganz neue Gesichtspunkte, allein die höchste Bewunderung erregte mir Schleiermacher. Indem ich diesen Namen hier zum ersten Male nenne, erfüllt mich das Andenken an diesen wunderbaren Mann mit Dankbarkeit und Wehmuth. Ich konnte damals nicht im Entferntesten ahnen, wie tief er in mein Geschick eingreifen sollte. Ich fand in den Schriften der Akademie Abhandlungen[161] von ihm über Anaximenes, über Diogenes von Apollonia, über den Werth des Sokrates als Philosophen, über Auswanderungs-Verbote, über den Begriff der verschiedenen Staatsformen, über die Kunst des Uebersetzens, in einer Sprache, die mich hinriß. Alle diese Themata waren mir auch dem Inhalte nach ziemlich neu, allein die elegante und doch gründliche Art und Weise ihrer Behandlung eröffnete mir eine Schönheit und Klarheit der deutschen Sprache für die wissenschaftliche Darstellung, wie ich sie nie, auch bei Novalis nicht, bis dahin gefunden hatte. Die Abhandlung über den Werth des Sokrates als Philosophen konnte ich nicht genug lesen. Ich war in der Auffassung dieses Philosophen an das Bild gewöhnt, welches Eberhard für den Standpunkt der Aufklärung von ihm entworfen hatte. Da war er der praktische Mann, der die Methaphysik von sich ablehnt und sich auf die Tugendlehre wirft, rechtschaffene Menschen mit gutem Gewissen zu bilden. ? Welche ganz andere Anschauung gab Schleiermacher von ihm! Ich sah nun, daß Sokrates ein spekulatives Genie gewesen und daß der Tiefsinn der Ideen, die Platon von ihm vortragen läßt, nicht blos Dichtung, sondern auch Wahrheit sei. Da Schleiermacher den Xenophontischen Sokrates als den Philister, welchen eben die Aufklärung in ihm verehrte, dem Platonischen scharf entgegensetzte, so verfiel ich darauf, gleichsam die Probe zu machen, indem ich von Jedem die Schrift las, worin sie Sokrates in derselben Situation behandeln. Jeder hat eine Symposion geschrieben. Als ich die Lectüre beendet hatte, stand es mir fest, daß nur der Platonische Sokrates der wahre sein könne. Sokrates endigt bei Platon im Gespräch über Tragödie und Komödie mit Aristophanes, während er bei Xenophon erst zum Nachtisch Seiltänzerkünste bewundert und dann einer Hetäre seinen Besuch macht. ? Das war meine erste Bekanntschaft mit Schleiermacher, von dem ich bis dahin wenig mehr als den Namen gewußt hatte. Wie ganz anders blickte ich nun auf ihn, wenn ich ihm auf der Universität begegnete! Mein Oheim, der als Akademiker oft genug persönlich mit ihm zusammentraf, mußte mir von ihm mittheilen, was er nur irgend wußte. Es war im Grunde wenig, aber es war Alles lobwürdig. Endlich entschloß ich mich, eines Sonntags Morgens den weiten Weg zur Dreifaltigkeitskirche zu wandern, ihn predigen zu hören. Da[162] war es, wie man weiter sehen wird, um mich geschehen. Er bezauberte mich ganz und gar. Durch die weitverzweigte Familie meines Oheims kam ich in Berlin mit vielen Menschen unvermeidlich in vorübergehende Berührungen, die ich unerwähnt lassen will. Hingegen hatte ich geraume Zeit hindurch ein näheres Verhältniß zu Zeune und seiner Familie. Ich hatte ihn, wie erzählt, schon in Magdeburg kennen gelernt, erhielt von Cousine Favreau eine Empfehlung an ihn, besuchte ihn und wurde von dem trefflichen Mann auf das Freundlichste aufgenommen. Sonntags Nachmittag oder gegen Abend sollte ich immer willkommen sein. Er war Director des Blindeninstituts bei der Georgenkirche am Alexanderplatz und wohnte also nicht weit von mir. Er machte mich mit der Unterrichtsweise der Blinden bekannt, die sich mit Sicherheit in Haus und Garten bewegten. Das war ganz interessant und belehrend, aber die Hauptsache zwischen ihm und mir war die altdeutsche Literatur. Er hatte auch eine Ausgabe der Nibelungen in Duodez veranstaltet. Das größte Zimmer seiner Wohnung war mit den schönen Kupferstichen geschmückt, welche Cornelius zu den Nibelungen gezeichnet hatte. Es hieß der Nibelungensaal. In einer Ecke stand eine Lanze oder, wie Zeune sagte, Gere, die von einem der Minnesänger herstammen sollte. Für die Koryphäen der altdeutschen Literatur, wie Lachmann, galt Zeune nur als ein Dilettant, wie er denn auch als Fachmann eigentlich Geograph war. Seine Gäa, ein Handbuch der Erdbeschreibung, schloß sich den Bestrebungen von Ritter und Gutsmuths an. Unser Lieblingsgespräch war der Kampf gegen das Welschthum. Zeune streifte in demselben, wie ich früher schon angedeutet habe, an das Pedantische, ohne jedoch in's Geschmacklose zu fallen. Ich war damals sehr geneigt, ihm beizustimmen. Ich überzeugte mich zwar, daß die Terminologie der Wissenschaften als ein gemeinsames Gut der gebildeten Völker ihre Griechische oder Lateinische Abkunft nicht verleugnen könne. Was sollte wohl aus dem wissenschaftlichen Verkehr werden, wenn jede Nation die allgemeinen Begriffe nur in ihrer Sprache darstellen wollte! Wie verworren und wie weitläufig würde der ganze Erkenntnisprozeß werden! Jeden Augenblick müßte man von einer Sprache in die andere übersetzen und würde doch oft ungewiß sein,[163] ob man das Rechte getroffen habe. Ebenso muß man zugeben, daß viele Französische Wörter sich bei uns als technische Ausdrücke eingebürgert haben. Es gehört hierher das Gebiet des Kriegswesens, der Diplomatie, der Formen des gesellschaftlichen Lebens, der Kleidermode, des Haarschnitts, der Kochkunst, der Tanzkunst und der Finanzverwaltung. Es würde dies nicht möglich gewesen sein, wenn die Franzosen nicht in allen diesen Richtungen seit Ludwig XIV. den Vorgang gemacht und durch ihn auch den Vorrang behauptet hätten. Durch Friedrich den Großen und durch die Einwanderung so vieler reformierter Familien aus Frankreich ist, wie es mir auf meinen Reisen erschienen ist, in Norddeutschland eine größere Anzahl Französischer Worte im Umlauf, als in Süddeutschland. In Norddeutschland ist besonders merkwürdig, wie sich sogar das plattdeutsche Idiom mit Französischen Wörtern gesättigt hat. Man sollte glauben, daß der bäuerliche Stand sich eine größere Reinheit der Sprache bewahrt haben müsse, weil doch zunächst die Aufnahme des Französischen nur von Seiten der höheren Stände, namentlich des Adels, erfolgen konnte, allein es ist ganz unglaublich, wie viel Franzosenthum in die bäuerliche Sprache eingedrungen ist. Die Wörter sind oft sehr komisch, bis zur gegentheiligen Bedeutung, corrumpirt z.B. reuniren statt ruiniren. Oder es wird auch dem Französischen Ausdruck der Deutsche, der dasselbe sagt, hinzugefügt z.B. Plaiseervergnögen. Nur selten kommt es vor, daß das Fremdwort zwar ungefähr dem Klange nach gebraucht, aber durch ein deutsches oft ganz sinnig ersetzt wird, z.B. Schossweg für Chaussee, denn die Chaussee kann nicht, ohne daß Geld dafür geschoßt wird, befahren werden. Wenn man nun auch allen oben angeführten Umständen Rechnung trägt, so bleiben doch unzählige Fälle zurück, in denen wir Deutsche ganz ohne Noth unsre Muttersprache verleugnen und uns in Französische Tracht kleiden. Man achte auf sich selbst und man wird erstaunen, wie jeden Augenblick ein Französisches Wort uns über die Zunge läuft. Man wird bei näherem Betracht auch finden, daß es ganz überflüssig gebraucht worden, daß man ein ebenso gutes, ja vielleicht bezeichnenderes Deutsches Wort dafür hätte setzen können. Wir glauben aber, mit dem Französischen Wort uns gebildeter, eleganter, treffender auszudrücken. Wir sagen z.B. es sei Jemand von einer Reise retour gekommen oder[164] retournirt. Wäre denn zurück nicht wirklich dasselbe? Das Deutsche klingt uns nicht vornehm genug. Wir hören auf unseren Bällen die Commandowörter: à droite, à gauche, en avant, chaine, changez les dames u.s.w. Wie gemein würden wir uns vorkommen, wenn wir rechts und links, vorwärts u.s.w. sagten, während der Franzose doch bei dem Worte: à droite sich in der That weiter nichts, als auch rechts, vorstellen kann. Diese Ueberschwemmung des Deutschen mit Französischen Wörtern, ja Redensarten, muß bei den Franzosen den Dünkel nähren, daß sie uns an Bildung weit überlegen seien, weil wir doch sonst nicht in ihrer Sprache reden würden. Zuweilen müssen wir ihnen wegen solcher grundlosen Verachtung unsrer volksthümlichen Sprache selbst verächtlich, oft geradezu lächerlich erscheinen. Man stelle sich einen Franzosen vor, der in einer Deutschen Stadt von einer Gesellschaft hört, welche den Namen: »Deutsche Ressource« führt. Erst kommt also ausdrücklich das Deutsche, aber dann kommt die eigentliche Sache französisch. In unseren Tagen wird die Zeit, welche wir zum Lesen von unseren Geschäften übrig haben, zu einem viel größeren Theil, als früher, durch die Beschäftigung mit Zeitschriften aufgezehrt. Die Tageblätter sind es daher ganz vorzüglich, welche den Vorrath der Wörter verbreiten, deren sich das Publikum zu bedienen pflegt. Sie vorzüglich haben es in der Gewalt, der Muttersprache die ihr gebührende Herrschaft zu sichern. Sie vorzüglich können die Befreiung des Deutschen Geistes und noch mehr der Deutschen Gesinnung von dem Druck der Verwelschung befördern. Obwohl ich durch meine Abkunft mütterlicher Seits, sowie durch die ersten zehn Jahre meines Lebens, die ich steter Berührung mit Soldaten der Napoleonischen Armee verbracht hatte, stark in das Französische Element eingetaucht war, so theilte ich doch von ganzem Herzen die vaterländischen Gesinnungen der deutschen Puristen. Moritz Arndt besonders hatte mich durch seine Schrift: »Ansichten und Aussichten der deutschen Geschichte« noch mehr, als Klopstock durch seine Gelehrtenrepublik, für die Pflege der Reinheit unserer Sprache eingenommen: Ich war sogar einige Male bis zur Albernheit darin vorgegangen. Ich[165] hatte z.B. einmal aus dem Herodot die Beschreibung der Schlacht der Thermopylen, welche mir als das innerste Heiligthum seiner Geschichte erschien, für mich übersetzt. Ich hatte dabei aber auch die Eigennamen der Griechischen Krieger gedeutscht; wodurch die Begebenheit sich wie ein Stück aus einer Deutschen Chronik ausnahm. Mit Professor Zeune konnte ich jedoch über dies Thema mich so unterhalten, daß, was ich darüber vorbrachte, auch für ihn nicht ohne Interesse zu sein schien. In der Geographie war ich ebenfalls durch die vielen Reisebeschreibungen, die ich gelesen hatte, nicht übel orientirt. Der Unterricht der Blinden in ihr durch Vermittelung von Reliefkarten richtete meine Aufmerksamkeit zuerst auf die Wichtigkeit, welche die plastische Darstellung der Bodenform überhaupt für die geographische Anschauung einnimmt. Ich fiel nun eines Tages auf eine Arbeit, worin ich die Geographie mit dem Deutschthum, wie es mir schien, so zu verknüpfen gedachte, daß Zeune sich darüber sehr freuen mußte. Ich besaß schon mehrere Jahre die Uebersetzung, welche Rühs von dem mythologischen Theil der jüngeren Edda gemacht und mit einer ausführlicheren Einleitung über die Geschichte von Norwegen und Island begleitet hatte. In der Geschichte des Mittelalters war ich damals sehr zu Hause. Die Werke von Rühs, von Hallam, von Luden waren eifrig von mir gelesen und excerpirt worden. Das Studium der Mythen, welche Snorre Sturleson uns in der jüngeren Edda aufbehalten hat, gab mir von ihnen eine viel genauere Vorstellung, als die gewöhnlichen Schilderungen, wie sie nach dem Vorgange Klopstocks in der Bardenpoesie landläufig geworden waren. Ich habe mich zu verschiedenen Zeiten viel mit dieser Sagenwelt beschäftigt, weil mir ihr Verhältniß zu den übrigen Religionen des Arischen Stammes dunkel blieb; bald erinnerte sie mich durch märchenhafte Züge an die Indische Mythologie, bald durch manche ausgeführtere Gestalten an die Griechische. In der innersten Organisation aber war doch wieder ein ganz verschiedener, origineller Geist thätig, der sich in den Kampf der Asen und Einheriar gegen Loki und die mit ihm verbündeten Mächte der Hel und Niflheim concentrirte. Ohne die Gesänge der älteren Edda, die ich erst durch Mone 1827 kennen lernte, lassen sich die compendiarischen Ueberlieferungen Sturlesons nur sehr unvollkommen verstehen. Auf meinem damaligen Standpunkt[166] jedoch genügte er mir schon und ich schätzte ihn außerordentlich hoch. Noch muß ich bemerken, daß mir damals, in meiner deutschthümelnden Epoche die Art und Weise, wie Johannes von Müller den ersten Band seiner Schweizergeschichten verfaßt hatte, als unübertreffliches Muster deutscher Geschichtschreibung galt, dem nachzuringen die würdigste Aufgabe sei. Er schien sich einem Tacitus, dessen Styl ich vergötterte, am nächsten anzuschließen. Von Tacitus hatte ich die Germania und den Agrippa, wegen meiner Forschungen für die Völkerwanderung, mehrfach gelesen. Auch seine weniger beachtete Schrift über die Grammatiker hatte ich durchgenommen, weil ich daraus des Tacitus eigene Ansichten über den Styl kennen zu lernen glaubte. In der Bibliothek meines Oheims fand ich unter so manchen Zufälligkeiten, die sich ihrem mathematischen Kern angesetzt hatten, die Reise eines Herrn von Troil, eines Franzosen, nach Island, mit Kupfern. Das Buch brachte mich auf den Gedanken, die Geschichte Islands zu schreiben. Um Kritik war es mir dabei nicht zu thun, nur um Uebung im historischen Styl und um Verherrlichung der alten Scandinavier. Gedacht, gethan. In Müller'schen Perioden mit Hinneigung zu Archaismen, wurde vor allem eine malerische Beschreibung der norwegischen Fjorde und Thäler, sowie der Eisgefilde, der Vulcane und heißen Quellen Islands gemacht. Dann kam die Geschichte der Einwanderung der Normänner in das wundersame Eisland. Für die weitere Geschichte fand sich aber bald, daß ich eigentlich nur von Sämund Sigfuson und von Snorre Sturleson etwas zu erzählen wußte. Als ich sehr rührend erzählt hatte, wie der letztere in seinem Beruf als Lagmann erschlagen worden, ergoß ich mich in eine pathetische Schilderung der Ruinen, die bei Reikiavik von seiner Wohnung übrig geblieben waren. Ich fand sie bei Troil ausführlich beschrieben und abgebildet. Damit aber war mein Vorrath von Kenntnissen, sowie mein Antheil an der Geschichte Islands erschöpft. Und wirklich ist auch die ganze spätere Zeit höchst einförmig. Hungersnöthe oder heftigere Ausbrüche des Hekla sind darin die einzig hervorragenden Begebenheiten. Die Glanzzeit Islands, in welcher seine Seehelden bis nach Byzanz fuhren, hat Snorre noch selber in[167] seiner Heimskringla vortrefflich beschrieben. Dies Werk lernte ich aber erst zwanzig Jahre später kennen. Mit dieser flüchtigen, lediglich auf den Pomp des Styls hinauslaufenden Arbeit schloß sich aber auch, ich weiß selber nicht wie, mein Verkehr mit Zeune ab. Ich machte wohl noch zuweilen einen Besuch, aber die näheren Beziehungen, die ich anfänglich zum Zeune'schen Hause gehabt hatte, starben gemach ab, weil die Persönlichkeit Schleiermachers mich von Michaelis ab immer mehr zu unterjochen begann. Von meinen älteren Freunden fand ich nur Eduard Buschmann in Berlin, wo er schon seit länger als einem Jahr Philologie studirte. Er hatte sich schon in das Sanskrit gestürzt und bereits solche Fortschritte darin gemacht, daß er zu Bopp in ein näheres Verhältniß getreten war. Wir liebten uns noch immer und sind auch zeitlebens treue Freunde geblieben. Damals aber war unsere Lage zu ungleich. Ich konnte ganz sorglos leben und hatte Geld nicht nur zum Nothwendigen, sondern auch zum Entbehrlichen. Die persönliche Freiheit und Unabhängigkeit, deren ich mich durch die Güte meines Vaters erfreute, begünstigte bei mir die Befriedigung so vieler neu entstehender Bedürfnisse. Buschmann war genöthigt, seiner Subsistenz wegen viel Privatunterricht zu ertheilen. Da er nun bei seinem ungeheuren Wissensdrang doch auch noch viel Collegia mit großer Gewissenhaftigkeit hörte, so blieb ihm zu einem freien Umgang nur sehr wenig Zeit übrig. In den Ferien kam er auch nur selten und auch nur auf kürzere Fristen nach Magdeburg. Da wir uns nun weder in gemeinsamen Collegien begegneten, da er zudem weit von mir am Ende der Leipziger Straße wohnte, so sprachen wir uns damals nur selten und flüchtig. Ich staunte ihn immer von Neuem an, so oft ich ihn wieder gesehen hatte, denn die Fortschritte, die er in den Sprachen machte, waren kolossal. Er übertraf mich auch in der Genauigkeit, mit welcher er die Sprachstudien betrieb. Ich wollte durch das Erlernen einer Sprache immer nur gern an die Lectüre ihrer Schriftsteller herankommen und hatte ganz in diesem Sinn das Englische mit einem jungen Berliner Kaufmann, Namens Baudoin, angefangen, mit welchem ich den Vicar of Wakefield las. Buschmann aber konnte sich für die bloßen Wörter und Formen einer[168] Sprache interessieren. Wenn ich bedenke, daß er so viele, Amerikanische, Afrikanische und Polynesische Sprachen gelernt hat, die gar keine Literatur besitzen, so erkenne ich, wie nöthig ihm dies Talent war. Als er sein Triennium vollendet hatte, ging er nach Mexiko, wo er drei Jahre hindurch Hauslehrer bei einem Herrn von Uslar war, der dort einer norddeutschen Bergwerkgesellschaft vorstand. Im Sommer lebte die Familie in einem Landhause im Thal von Oaxaca, wo Buschmann die Sprache der Otomiten, eines alten herabgekommenen aztekischen Indianerstammes erlernte. Als er über Paris nach Magdeburg zurückkam, wo er sich bei seinen Eltern einige Wochen aufhielt, war ich glücklicher Weise auch zu Hause. Wenn ich ihn nun von seinen Erlebnissen zu Land und Meer, von Mexiko, von den Spaniern und Indianern u.s.w. erzählen hörte, so mußte ich meine Rolle des Erstaunens in noch höherem Grade, als früher, wieder aufnehmen. Die Art und Weise vollends, wie er die politischen Kämpfe in Centralamerika auffaßte und beurtheilte, war mir etwas ganz Neues. Eine kleine Schrift, welche er über die Revolution in Mexiko drucken ließ, erstaunte mich noch mehr; denn ihm waren die Standpunkte der politischen Parteien ganz geläufig, während ich die größte Mühe hatte, auch nach seinen mündlichen Erläuterungen, die Sachlage deutlich zu fassen. Er ging wieder nach Berlin und wurde hier der wissenschaftliche Gehilfe erst von Wilhelm, dann, nach dessen Tode, von Alexander von Humboldt. Jedermann weiß, welche Verdienste er sich um die durch mehrere Aufsätze erweiterte Ausgabe der »Ansichten der Natur« und um die des Kosmos erworben hat. Zu letzteren hat er auch das musterhafte Register gemacht. Von dem Antheil, den er an den Arbeiten Wilhelm von Humboldt's gehabt hat, besitzt man keine Vorstellung und es ist auch schwer, denselben abzuwägen. Da ich mich später, als ich nicht mehr in Berlin lebte, doch noch häufig wochenlang darin aufgehalten habe, so habe ich, wenn ich Buschmann zuweilen aufsuchte, Einblicke in die sinnreichen Methoden thun können, welche dieser Sprachforscher sich erfinden mußte, um aus Katechismen,[169] oder Orts- und Personennamen, aus Waarentarifen und ähnlichem dürftigen Material fruchtbare Resultate zu ziehen. W.v. Humboldt wollte mit Buschmann ein Lexikon der aztekischen Sprache herausgeben. Die ersten fünf bis sechs Bogen davon wurden auch gedruckt. Ich habe sie durch eine zufällige Veranlassung gesehen. So grenzenlos gelehrt Buschmann war, so hatte ihn doch seine große Thätigkeit immer gehindert, Muße zu finden, sich den Doktorgrad der Philosophie zu erwerben. Als ich nun schon Professor in Königsberg war, sandte er mir einige schriftliche Arbeiten, aber auch zwei schon gedruckte Bogen des Lexikons, sie meiner Fakultät vorzulegen, um promovirt zu werden. Ich übernahm gern die Erfüllung seines Wunsches und die Königsberger Fakultät wird es sich immer zur Ehre schätzen können, Buschmann graduirt zu haben. Er wurde später Bibliothekar der königlichen Bibliothek zu Berlin und Mitglied der dortigen Akademie. Konnte ich mit Buschmann wegen seiner eigenthümlichen Lage und wegen seiner ganz anderen Zielen zustrebenden polyglottischen Tendenzen meine früher so innige Verbindung mit ihm nicht erneuern, so schloß sich mir dagegen unerwartet ein junger Mann an, den ich das Jahr zuvor oberflächlich in Göttingen gesehen hatte. Es war ein Jurist, Wilhelm Müller, der einzige Sohn wohlhabender Leute in Neuhaldensleben. Er hatte schon zwei Jahre studirt und ging also der Beendigung seiner akademischen Laufbahn entgegen. Er war von Herzen ein seelenguter, aber zu einer extremen Sentimentalität neigender Gefühlsmensch. Die Wissenschaft als Wissenschaft interessirte ihn nicht. Er wollte, wie die meisten Studirenden, durch sie nur hindurchgehen, um sich für ein Staatsamt vorzubereiten. Er nahm z.B. bei Hegel das Naturrecht an, vernachlässigte jedoch bald dessen Besuch, weil er Hegel's Vortrag zu ungenießbar und wegen des schwäbischen Dialekts, wie er behauptete, sogar unverständlich fand. Er liebte mich schwärmerisch. Ich durchstrich in seiner Gesellschaft die Umgegend von Berlin. Pfingsten machte ich mit ihm eine Fußreise nach Potsdam. Die Gasthöfe waren überfüllt. Wir kamen endlich in einem kleineren Hause unter und machten hier bei Tisch die angenehme Bekanntschaft des Justizraths Pinder aus Naumburg, der in Gesellschaft seines ältesten Sohnes Reinhold eben falls die Herrlichkeiten der reizenden Havelstadt genießen wollte.[170] Wir gefielen uns gegenseitig so sehr, daß wir drei Tage hindurch, die vom schönsten Wetter begünstigt waren, alle Partieen zusammen unternahmen. Diese Tage, in denen der Genuß von Kunstwerken aller Art mit dem der Gärten und landschaftlichen Prospekte, woran Potsdam so reich ist, abwechselte, gehören zu den ungetrübtesten und entzückendsten meines Lebens. Ich behielt von hier ab eine Vorliebe für Potsdam und bin später, so oft als ich konnte, mehrmals auch unter höchst sonderbaren Conjuncturen, dort gewesen. Potsdam war, wie Berlin, damals noch eine viel einfachere Stadt, als gegenwärtig. Ich habe es Schritt vor Schritt wachsen gesehen. Als ich 1849 mit meinen Söhnen auch einmal einen herrlichen Tag daselbst verlebte, traf es sich, daß wir nach einem tüchtigen Marsch an einem Tisch vor demselben Kaffeehause uns erfrischten, wo ich damals mit Freund Müller, Rath Pinder und seinem Sohne ein köstliches Gabelfrühstück eingenommen hatte. Sie waren alle drei todt. Nur ein junger Bruder Reinhold's, der nun auch schon verstorbene Rath Pinder im Cultusministerium, der die Angelegenheiten der Künste in demselben vertrat, lebte noch. Ich wurde mit ihm dadurch befreundet, daß wir in einigen philosophischen Vorlesungen Banknachbaren wurden. Wenn es nun auch ein glückliches Loos ist, so geliebt zu werden, als Müller mich liebte, und wenn es auch ganz unterhaltend war, mit ihm durch die Kornfelder bei Lichtenberg und Pankow zu spazieren oder im Rummelsburger See zu baden und nachher ein gutes Gericht Aal mit einigen Flaschen Josty'schen Biers zu verzehren, so konnte ich mir doch eine gewisse Inhaltlosigkeit dieses Umgangs nicht ableugnen. Ich suchte daher nach einem Mittel, geistigere Stoffe in unsere Unterhaltung zu ziehen. Mit meinen altdeutschen, mittelalterlichen Neigungen durfte ich bei ihm, der ganz auf das Praktische gerichtet war, nicht kommen. Ich schlug daher vor, die Institutionen mit mir durchzulesen und sie mir, wo ich sie nicht verstünde, zu erklären. Von diesem Buch hatte ich so viel durch meine juristischen Freunde gehört, daß ich vor Begierde brannte, mir ein klares Bild von ihnen zu machen, um der ganz verworrenen Vorstellung von ihm, die mich quälte, den Abschied geben zu können. Es wurde ausgemacht, daß ich an bestimmten Tagen, wenn ich um fünf Uhr Nachmittags aus einem Collegium kam, mich bei[171] ihm in der Charlottenstraße, wo er bei einem Destillateur wohnte, einfinden sollte. Dies wurde in der That trotz der schrecklichen Hitze auf dem kleinen Zimmer ausgeführt, und wenn wir auch nicht ganz zu Ende kamen, so verdanke ich doch dieser cursorischen Lesung der Institutionen eine gewisse Vertrautheit mit der römischen Definition der Grundbegriffe des Privatrechts, die mir hinterher eine große Erleichterung bei dem Studium der praktischen Philosophie gewährte. Was Euklid für die Mathematik, das sind die Institutionen für die Rechtswissenschaft. In den oberen Räumen des Universitätsgebäudes war die zoologische Sammlung aufgestellt, die ich von Zeit zu Zeit durchlief, mich zu überzeugen, daß all die Thiere, die ich beschrieben gelesen oder auch in Abbildungen gesehen hatte, wirklich existirten. Ein weiteres Resultat kam aber für mich nicht heraus. Dagegen überraschte mich im mittleren Stock die Giustinianische Gemäldegallerie, welche dem König gehörte, hier aber aufgestellt und zu gewissen Stunden dem Publikum geöffnet war. Sie ist später dem Museum einverleibt worden. Diese Gallerie fesselte mich unwiderstehlich. Ich besaß ein tiefes Gefühl für Schönheit in allen Formen der Natur, wie der Kunst. Noch jetzt überwältigt mich der Geist eines wahrhaft schönen Gegenstandes mit einer unbeschreiblichen Rührung. Wenn ich auf dem Katheder von großen Kunstwerken Analysen mache, so wird es mir oft schwer, Thränen der höchsten Beseligung zurückzudrängen. Die Stimme zittert mir, und ich reiße meine Zuhörer mit Feuerworten in den Strom der Bewunderung, welche meine ganze Seele erfüllt. Die ersten Jugendeindrücke haften gewaltig in uns, und so habe ich jene Gemälde, ob wohl sie größtentheils nicht zu den Werken des rein classischen Styls, sondern der eklektischen Richtung angehören, immer geliebt und sie, so oft ich dieselben später im Museum unter ganz anderen Umgebungen wieder erblickte, stets mit Freude und Dankbarkeit begrüßt. Ich war damals noch durch keine Theorie eingenommen und gab mich auch den Caracci's mit rückhaltloser Unbefangenheit hin. Wenn ich schüchtern in den Saal trat und nun langsam von Bild zu Bild einen Umzug hielt, so erstaunte ich, daß ein solcher Genuß mir so ganz frei geboten ward. Ich schwelgte in Wonne und vermied es sorgfältig, mit irgend Jemand in ein Gespräch[172] mich zu verwickeln, um die Seligkeit dieses Anschauens durch nichts Fremdartiges zu stören. Die Universität selber gefiel mir außerordentlich, und sie schien mir der Götter würdig, die oben auf ihrem flachen Dache standen. Ich hatte nur drei Privatcollegia angenommen und daher Zeit genug, als Hospitant alle die großen Männer von Angesicht kennen zu lernen, welche damals die Zierden der Universität waren. Ich machte keinen Unterschied zwischen den Fakultäten. Rudolphi, Link, Ermann, Karl Ritter waren mir ebenso wichtig, als Savigny, Böckh, Lachmann, Heinrich Ritter. Ich war ohne alle Führung und überließ mich mit Sorglosigkeit meinen Bedürfnissen. Ich dachte an keinen Plan und glaubte in den drei Jahren, die man gewöhnlich der akademischen Bildung zu widmen pflegt, eine Ewigkeit vor mir zu haben. Ich sollte und wollte auch Philologie studiren. Ich nahm aber nur ein einziges philologisches Collegium an, die Erklärung einiger Bücher Herodot's, den ich sehr liebte, bei Professor Bernhardy. Die ersten Wochen, so lange die Einleitung dauerte und die Kunst der kritischen Interpretation mir noch etwas Neues war, ging es ganz gut. Als Bernhardy jedoch weiterhin einen unaufhörlichen Zweikampf mit Schweighänser's Ausgabe des Herodot eröffnete, verlor ich alle Lust. Ich wollte Herodot und nicht Schweighäuser, dessen Conjecturen der gelehrte Professor Stunde für Stunde mit höhnischem Ton abstrafte. Ich blieb daher weg und hatte nun noch mehr freie Zeit. Um doch aber etwas zu thun, mein Gewissen zu beschwichtigen, fiel ich auf ein ganz sonderbares Auskunftsmittel. Ich besaß von der Schule her die alte Borheck'sche Ausgabe des Herodot. Dieser sind die Indica des Ktesias angehängt. Indien gehörte zu den von der Romantik verehrten Wunderländern und hatte meine unbedingte Gunst. Wie anziehend also, zu erfahren, was Ktesias vor zweitausend Jahren den Griechen darüber berichtet hatte. ? Nachdem ich in der Frühe zunächst so manche andere Studien getrieben hatte, setzte ich mich zu derselben Morgenstunde, wo ich bei Bernhardy hätte erscheinen sollen, hin, den Ktesias zu lesen, und übersetzte auch die Abschnitte von den Wunderthieren und Wundermenschen schriftlich, weil sie in den Gedichten des Mittelalters von Alexander und im Herzog Ernst wieder vorkommen.[173] Amazon.de Widgets Ich glaubte auch Philologie zu treiben, wenn ich bei Friedrich von der Hagen ein Publikum über Gothische Grammatik hörte. Man kann sich vorstellen, daß dieser Mann mir unendlich wichtig war, da seine Nibelungen, sein Grundriß der altdeutschen Literatur und seine Zeitschrift: »Das deutsche Museum« mir schon so viel Zeit gekostet hatten. Auch seine Briefe in die Heimath hatten mich für ihn nach anderer Seite hin eingenommen. Sie sind inhaltreicher, als so viele italienische Reisebeschreibungen, und ich verdankte ihnen namentlich über die Entwickelung des Romanischen und Deutschen Baustyls viel neue Aufklärung. Ich besuchte ihn und er nahm mich auch sehr freundlich auf. Da er mich in der Literatur des deutschen Mittelalters gut unterrichtet fand, zeigte er mir im Verlauf des Gesprächs einige alte Drucke und Handschriften, mit denen er sich gerade speciell beschäftigte. Ich gewann aber kein Verhältniß zu ihm, weil er bei dem Vortrag zu sehr im Formellen stehen blieb und weil ich schon bald nach meiner Ankunft in Berlin einen Anstoß nach einer ganz andern Seite hin empfangen hatte. Ich war nämlich kaum einige Tage heimisch geworden, so eilte ich, mir Mone's Ausgabe des Otnit zu kaufen. Das Gedicht gefiel mir ganz wohl, vorzüglich der Zwerg Elberich. Nun fand ich aber auch eine Einleitung Mone's, die mir eine ganz neue Auffassung unseres alten Epos brachte. Mone verwarf die poetische, er verwarf die historische Erklärung. Jene war durch Grimm, diese durch Göttling vertreten, welcher in Otnit den Odenat der Königin Zenobia hatte wiederfinden wollen. Gegen beide Hypothesen stellte er die mythologische auf, welche Otnit mit Othin identificirte, Othin selber aber mit Osiris, Adon, Attys in eine Verbindung brachte, die zuletzt aus einer gemeinsamen Quelle, aus der asiatischen Urheimath der Völker stammen sollte. Ich werde hierauf zurückkommen, wenn ich erzählen werde, wie ich in Heidelberg mit Mone selber in Berührung kam. Jetzt begnüge ich mich mit der Bemerkung, daß ein junges, strebendes Gemüth durch jede neue Perspective, die sich ihm für die Erforschung der Wahrheit öffnet, lebhaft ergriffen wird. Vom Schimmer der mythologischen Hypothese geblendet, verschwendete auch ich nun viel Zeit und Kraft, in unserer Heldensage die Spuren der germanischen Götterwelt aufzusuchen. Da es mir nicht an Phantasie fehlte, so war ich in dieser unglücklichen[174] Tendenz durch Häufung scheinbarer Analogien leider oft nur zu glücklich, mich zu betrügen. Eine andere Opposition gegen v.d. Hagen lag für mich in Lachmann. Ich versuchte, auch bei ihm zu hören, aber seine trockene, kaustische Manier hatte für mich, trotz der Gediegenheit seines Wissens, nichts Ansprechendes. Ich las aber jetzt seine Schrift über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungennoth. Sie wendete die Wolf'sche Hypothese über die Entstehung des Homer auf unsere alte Sage an. Daß die Heldensage bei einem Volk durch ihre lebendige Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht mannichfaltigen Abänderungen unterliegt, und daß diese Schwankungen erst zu verschwinden beginnen, wenn die Lieder aufgeschrieben werden, war mir ganz begreiflich gewesen. In diesem Sinn hatte ich Wolf's Prologomena verstehen zu müssen geglaubt. Ich hatte aber daran nie gezweifelt, daß die Ilias und Odyssee aus der schon vor ihnen vorhandenen Tradition als ein einheitliches Kunstwerk ebenso componirt wären, wie die Tragiker die umlaufenden Sagen von den Atriden und Laiden auch zu selbstständigen Formen verarbeiteten. Für die poetische Kraft des Dichters der Nibelungen verhielten sich die Lieder, die er vorfand, nur als Stoff, auch wenn er sie theilweise aufnahm und gerade durch eine solche Aufnahme hier und dort in thatsächliche Widersprüche verfiel. Daß ein solches Werk aber, wie die uns vorliegenden Nibelungen, nur im Sinne eines Aggregats aus poetischen Atomen sollte aufgefaßt werden können, schien mir ganz unmöglich. Gerade was ich als eine Arbeit des Dichters erkannte, Harmonie in die Sage zu bringen, mußte ich als unecht verwerfen hören. Ich war auf dem Gymnasium durch die Interpretation des Virgil und besonders des Horaz mit der Kunst der Dubitation, Emendation und Conjectur hinreichend vertraut geworden, die Nützlichkeit einer solchen Kritik zu würdigen. Da aber Lachmann von der Seite her Recht hatte, daß die Nibelungen nach ihren so verschiedenen Elementen als freies, gemeinsames Gut der Deutschen Heldensage und ihres volksmäßigen Gesanges existirt haben mußten, bevor sie durch die Vermittelung der Schrift zum Abschluß gelangten, so war doch nicht so leicht mit ihm fertig zu werden. Ich trug mich eine Zeit lang mit dem Gedanken, seiner Schrift eine andere entgegenzusetzen, welche den[175] Titel führen sollte: »Ueber die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von Reineke Fuchs.« Auch hier waren ja die einzelnen Fabeln von dem Wolf, vom Bock, dem Hasen, dem Hahne, dem Bären, dem Dachs, dem Kater, dem Pferde u.s.w. in ihrem Verhältniß zum Fuchs Jahrhunderte lang in mannichfacher Wandelung überliefert worden, bevor sie zu solchen Totalitäten, wie im mittelhochdeutschen Reinhart oder im niederdeutschen Reineke von einem Dichter zusammengefaßt wurden. Eine solche Einheit des Plans, eine solche gleichmäßige Gestaltung aller Theile des Ganzen in einer individuellen Sprache konnte doch nur die That eines einzigen Genies sein. Diese Schrift konnte ganz ernsthaft verfaßt werden, allein doch nicht vermeiden, als eine Parodie von Lachmann's Hypothese zu erscheinen. Lachmann aber stand mir so unendlich hoch, daß ich bei allem Leichtsinn dies nicht wagte und den Gedanken, nachdem er mich einige Zeit beschäftigt hatte, nur zu sehr fallen ließ, denn ich hätte in späteren Jahren wohl Gelegenheit gehabt, von ihm Gebrauch zu machen. Lachmann ist für mich ein sehr verhängnißvoller Mensch gewesen. Ich hatte in der Vorrede zu seiner Auswahl mittelhochdeutscher Gedichte das überschwängliche Lob von Wolfram's Parcival gelesen. Die Scene aus demselben, welche er hatte abdrucken lassen, Parcivals erster Besuch des kranken Anfortas auf der Burg des Grals, hatte sich mir tief eingeprägt. Es stand bei mir fest, daß hier etwas ganz Außerordentliches existiren müsse. Die geheimnißvollen Andeutungen, die ich im deutschen Museum und sonst noch über den heiligen Gral gelesen hatte, entzündeten meine Phantasie mit einer krankhaften Lüsternheit nach einer genaueren Bekanntschaft mit jenen Schätzen. Ich kaufte mir jetzt sofort auch Docen's Fragmente des älteren Titurel, die er 1810 in Berlin herausgegeben hatte. Sie nützten mir damals zu weiter nichts, als meine Spannung und Verwirrung zu steigern. Ich habe mich, wie vielleicht kein Anderer, durch alle Irrgänge unserer damaligen Romantik hindurchwinden müssen. Da der Durchbruch meines Gralcultus aber durch die Intervention, welche Schleiermacher meinem ganzen Denken gab, noch einige Jahre verzögert ward, so will ich mich hier nur auf die Bemerkung beschränken, daß Lachmann merkwürdiger Weise bei dem Parcival im geraden Gegensatz zu seiner Behandlung der Nibelungen[176] die gestaltende Kraft des Künstlers auf die Spitze getrieben hat. Wolfram hat die Parcivalsage nicht erfunden. Sie ist eine ganz undeutsche. Er selber hat zwei verschiedene französische Darstellungen gekannt, von denen er die eine als die echte der andern als einer verfälschten vorgezogen hat. Und dennoch soll nun Wolfram nach Lachmann die Sage so originell aufgefaßt, er soll sie mit seinem sittlichen Ernst, mit seinem religiösen Sinn so selbstständig umgedichtet haben, daß das französische Original in dieser deutschen Wiedergeburt gleichsam verschwunden sei. Da wir das französische Vorbild Wolfram's nicht kennen, so ist hierüber kein sicheres Urtheil möglich. Wenn die Erfindung Wolfram's bei dem Parcival in so hohem Grade, als Lachmann annimmt, thätig gewesen wäre, warum ist dann sein Wilhelm von Oranse gegen den Parcival gehalten, fast langweilig zu nennen? Wenn Wolfram aus französischen Vorlagen ein gutes Gedicht schaffen konnte, warum sollte man dann dem Dichter der Nibelungen nicht zugestehen, als ein wahrhafter Künstler die rhapsodischen Elemente der Volkssänger zu einer organischen Einheit umgedichtet zu haben, die vor ihm nur als eine ungefähre Anlage vorhanden war? Weil bei der Homerischen Odyssee die Einheit eines mit künstlerischer Absichtlichkeit geschlossenen Ganzen schwer zu verkennen ist, so hat sich die Atomistik vorzüglich an die Ilias gehalten. Wie ist es aber möglich, zu glauben, daß eine Beschreibung, wie Homer sie von dem Schilde des Achilleus macht, nicht aus dem Genie eines Dichters entsprungen sei, der das Ganze vor sich hatte? Homer schildert in der Ilias die Kämpfe der Helden. Der größte derselben, Achilleus, soll jetzt wieder in das Schlachtgetümmel eintreten, dem er grollend sich lang entzogen hat. Er soll mit dem künstlichsten Schilde ausgerüstet sein, welches sorgliche Mutterliebe ihm zuwendet. Aber auf diesem Schilde bildet der Feuergott alle Hauptscenen des friedlichen Lebens der Menschen ab, Ackerbau, Weinlese, Jagd, Tanz, Hochzeit. O wie schön contrastiren diese reizenden Gemälde mit den blutigen Kämpfen der Krieger und wie wird durch sie innerhalb der Ilias die Totalität des ganzen Menschenlebens, Friede und Krieg, vor Augen gestellt! Professor v.d. Hagen und Professor Lachmann waren ganz entgegengesetzte Naturen. Dies spiegelte sich auch in ihrer äußeren Erscheinung[177] ab. Jener war schwarzhaarig und die Locken seines Hauptes schüttelten sich langwallend bis auf seine Schultern herab. Seine Sprache war zwar volltönend, aber nicht ohne eine gewisse Dumpfheit. Dieser war blond und hatte eine schroffe, schneidende Stimme. Der dritte Professor, den ich in seinem Hause aufsuchte, war Friedrich von Raumer. Er wohnte damals in einem Hause auf dem Durchgang von dem Spittelmarkt nach dem Dönhofsplatz. Er hatte 1823 seine Geschichte der Hohenstaufen herauszugeben angefangen. Mein Vater, der große Geschichts- und Reisewerke bevorzugte, hatte sogleich dasselbe zu lesen begonnen und wurde auf das Aeußerste dafür eingenommen, weil ihm eine solche Schilderung des deutschen Mittelalters noch nicht vorgekommen war. Ich durfte mit der Lectüre nicht zurückbleiben. Daß ich in Berlin einen solchen Mann hören müsse, war selbstverständlich. Der Vater hatte mir aufgetragen, ihm, wenn es sich schicklich machte, seinen Dank und seine Bewunderung auszusprechen, was ich auch that, da Raumer mich sehr freundlich empfing. Ich habe dann auch ein ganzes Jahr lang erst die Geschichte des reformatorischen Zeitalters bis 1648, dann die des revolutionären bis auf das Napoleonische Kaiserthum mit höchstem Interesse gehört. Bei dem letzteren Collegium, im Winter-Semester von 1824 auf 1825, waren auch die Polen stark ver treten. Wir saßen in dichtgedrängten Reihen. Das Collegium über das Mittelalter im Sommer 1825 entsprach aber meinen zu hoch gespannten Erwartungen nicht, so daß ich es auch nicht annahm. Raumer hatte nicht viel Zuhörer in demselben und machte es sich öfter bequem, indem er aus Büchern, z.B. Manso's Geschichte der Ostgothen, ja aus seinen eigenen Hohenstaufen recht lange Abschnitte vorlas. Aus dem Antrittsgespräch mit ihm hatte ich erfahren, daß er ein Handbuch merkwürdiger Stellen aus den lateinischen Geschichtsschreibern des Mittelalters herausgegeben hatte, welches er mir zur größeren Vertrautheit mit dem Styl der Quellenschriften empfahl. Ich schaffte es mir sogleich an und verschlang es gleichsam, da es eine chronologisch geordnete Sammlung der Hauptbegebenheiten von der Völkerwanderung bis 1204 enthielt. Auf dem Gymnasium hatte ich ein Buch kennen gelernt, das mir sehr gefallen hatte. Es war von dem Professor Hegewisch in Kiel; Charaktere und Sittenschilderungen zur deutschen Geschichte aus den[178] Geschichtsschreibern des Mittelalters. Hegewisch fing mit Eginhard's Leben Karl's des Großen an und hörte mit der vortrefflichen Sachsen-Chronik Bruno's auf. Er hatte zu jedem Schriftsteller eine kritischliterarische Einleitung gemacht und dann ein bedeutsames Capitel zur Uebersetzung ausgewählt. Das Buch war 1785 erschienen und seitdem, mit Ausnahme einer Bearbeitung Otto's von Freysingen, nichts Aehnliches versucht worden. Ich fiel daher darauf, Raumer's Handbuch zu übersetzen und kam damit bis auf Ermoldus Nigellus. Die schön geschriebene Arbeit habe ich mit besonderer Gunst aus dem Untergang so vieler meiner Papiere gerettet und blicke jetzt mit Wehmuth auf dieselbe, denn auch sie wurde durch die Katastrophe, in welche Schleiermacher mich hinriß, abgebrochen. Ich war damals sehr ernstlich auf historische Studien, natürlich nur für das Mittelalter, gerichtet. Und so finde ich denn unter den Trümmern meiner Studien aus jener Zeit auch einen Auszug aus einem Handbuch der Diplomatik, welches ein Benedictiner Gruber im vorigen Jahrhundert herausgegeben hatte. Von der Wichtigkeit, welche Raumer's Hohenstaufen für jene Epoche hatten, kann man sich jetzt kaum eine genügende Vorstellung machen. Die Regierungen hatten durch die Carlsbader Beschlüsse die Burschenschaft, welche sich mit dem Wiederbau eines deutschen Kaiserreichs trug, geächtet. Professoren und Studenten, welche diese Richtung theilten, wurden als Demagogen verfolgt. Die Mainzer Commission übte einen scheußlichen Terrorismus. Gegen ein Werk solider Wissenschaft aber, wie Raumer's Hohenstaufen, konnte man doch, ohne sich vor ganz Europa zu prostituiren, nichts einwenden. Man mußte es dulden. Ja, man sah es vielleicht gern, daß die politische Begeisterung sich in den Enthusiasmus historischer Forschung verwandelte. Raumer's Werk diente auch bald den Dichtern zur Fundgrube tragischer Stoffe. Schon Klinger hatte Konradin's Geschichte dramatisirt. Jetzt begann es von Hohenstaufen-Tragödien zu wimmeln, unter denen die von Raupach obenan standen. Waren die Deutschen hiermit aus dem historischen Studium in die ästhetische Verarbeitung seiner Resultate übergegangen, so konnten die Regierungen ihnen das kindliche Vergnügen überlassen. Im Streit der Journale über die Dichter und Schauspieler verpuffte alle Gefahr. Spätere Historiker haben die Geschichte der Hohenstaufen gründlicher[179] als Raumer geschrieben, aber keiner hat die Wirkung erreicht, die er ausübte. Ohne es zu wollen, war Raumer der Historiker der damaligen Romantik. Amazon.de Widgets Ich sage, der damaligen, um auszudrücken, daß man die Romantik überhaupt von derjenigen Gestalt unterscheiden müsse, welche sie zu jener Zeit in Deutschland gewonnen hatte. Heut zu Tage verstehen die Meisten unter Romantik nur eine verwerfliche Richtung der Phantasie. Sie verfolgen die Romantik schlechtweg als eine nicht sein sollende Tendenz. Arnold Ruge hat diesen negativen Begriff zuerst in den Halleschen Jahrbüchern aufgestellt. Julian Schmidt und Rudolph Gottschall sind ihm darin gefolgt. Ich habe mich, um für diese Sphäre nicht in's Nebelhafte zu gerathen, immer an Schiller's Unterschied der naiven und sentimentalen Dichtung gehalten. Die naive fühlt sich mit der Natur in unmittelbarer Harmonie, die sentimentale hat mit der Natur gebrochen und kann nur durch Ueberwindung des Bruches zur Versöhnung mit der Natur zurückkehren. Statt des Wortes Natur muß man freilich, wie ich glaube, Realität, Wirklichkeit überhaupt setzen, um nicht in eine überflüssige Beschränkung zu gerathen. Jedes dieser Ideale hat sein Recht. Es ist nicht abzusehen, warum das sentimentale oder romantische Ideal nicht eben so gut als sein Gegentheil, das naive, solle existiren dürfen. Sehnsucht, Wehmuth, Ahnung, Geisterschauer, dämonische Stimmungen liegen auf der Seite des sentimentalen Ideals. Schiller selber hat es schon ausgesprochen, daß mit diesen Gefühlen oft eine Krankhaftigkeit des Gemüths verbunden ist, der gegenüber das naive Ideal uns die positive Heiterkeit eines gesunden Muthes zeigt. Romantik ist ein Element aller Kunst, weil das Wesen des Geistes, die Freiheit ihn mit Nothwendigkeit dazu führt, sich der Natur, aus welcher er herkommt, entgegenzusetzen. Die Romantik stellt der Kunst die tiefste Aufgabe, weil sie sich in die tiefste Entzweiung des Geistes einlassen muß. ? Wie will man Dichtungen, wie Dante's göttliche Komödie, Cervante's Persiles und Sigismunda, Shakespeare's Hamlet, Göthe's Werther und Faust, anders als romantisch nennen? Sind sie, weil sie romantisch sind, häßlich? Die Häßlichkeit entsteht mit der Ausartung des Sentimentalen in die Sentimentalität als Empfindelei, als leeres und selbstsüchtiges Spielen mit der Empfindung, als phantastische[180] Uebertreibung. In diese Phase war die deutsche Poesie damals allerdings eingetreten. Als Sturm- und Drangperiode hatte die Romantik sich bei uns zuerst der Plattheit und Nüchternheit der Aufklärung entgegengesetzt. Heinse, Maler Müller, Lenz, Klinger bezeichnen diese Periode. Göthe und Schiller gaben der Romantik den wahren Gehalt der Aufklärung zurück und wurden eben dadurch unsere classischen Dichter. Göthe ist in seiner Lyrik, in seinem Drama und Roman wesentlich romantisch, unterscheidet sich aber von den Stürmern und Drängern durch das Maßvolle einer edlen Form. In der Stella, im Triumph der Empfindsamkeit, in dem vergötterten Satyr, in den Göttern, Helden und Wieland, im Faust selber, zeigt er uns noch Excentricitäten genug, die ganz im Sinne der Sturm- und Drangperiode componirt sind. Schiller's Lyrik enthielt ganz naive oder antik gedachte Producte, aber die Anzahl der romantisch gefühlten Compositionen ist die bei weitem überwiegende. Manchmal hat er antike Mythen mit romantischem Duft durchhaucht, wie z.B. in der Klage der Ceres. Der holde Lenz ist erschienen; die Erde hat sich verjüngt, aber die schöne Natur be friedigt die Göttin nicht. Ihr-Mutterherz ist gebrochen und sie sehnt sich nach der Tochter, die unten im Reiche der Schatten weilt. ? Aus dem Eleusinischen Fest hingegen strahlt uns die Freude an der Natur aus jedem Wort entgegen. Die thurmgekrönte Göttin, deren Wagen von Panthern und Löwen gezogen wird, hat durch Ackerbau und Städtegründung die Gesittung der Menschen herbeigeführt, aber die Feier dieser Wohlthat wird nicht als ein Gegensatz der Cultur zur Natur, sondern als die folgerichtige Vollendung der Natur selber ausgesprochen. Schiller hat seinen Spaziergang Elegie betitelt, aber diese Elegie ist ganz antik gedacht. Sie breitet sich zu einem Panorama aus, in welchem der Dichter vom Gipfel des Berges im Glanz der sinkenden Sonne die Wechselwirkung von Natur und Geschichte anschaut. Da ist nichts von moderner Verdrießlichkeit, nichts von Weltschmerz zu spüren, sondern so wie's ist, so ist es recht, und die Sonne Homers, siehe, sie lächelt auch uns. Wie man Schiller's Dramen, die bürgerlichen wie die politischen, anders als romantisch nennen will, ist mir unerfindlich. Im Roman hat er aber wohl durch seinen Geisterseher einen starken Schritt zur Romantik in der Gestalt gethan, die man jetzt vorzugsweise vor[181] Augen hat, wenn man sie verwirft. Diese Gestalt war diejenige, in deren Entwickelung meine Jugend fiel. War die Sturm- und Drangperiode von Frankfurt und Straßburg ausgegangen, war die classische Poesie, die ideale Verklärung der Romantik die That Weimar's gewesen, so wurde die Romantik in krankhafter Manier von Jena und Berlin aus verbreitet. Ludwig Tieck, Novalis, Friedrich Schlegel, Achim von Arnim, Hoffmann, Werner, Fouqué waren ihre Koriphäen. Welch einen Einfluß Göthe's Wilhelm Meisters Lehrjahre, sowie die Spukgeschichten nebst dem Märchen von der Schlange in seinen Erzählungen der Ausgewanderten auf die romantische Schule gehabt haben, liegt zu offenkundig da, es leugnen zu können. Nicht weniger tief griffen Schiller's Braut von Messina, Maria Stuart und Jungfrau von Orleans ein. Das, was die Modernen an der romantischen Schule vorzüglich bekämpfen, ist nicht sowohl das poetische Element in ihr, als ihre Hinneigung zum Feudalismus und Katholicismus des Mittelalters. In dieses aber hatte sich der Geist jener Epoche versenkt, weil er von dem Bedürfniß getrieben wurde, sich durch die Vergegenwärtigung deutschen Lebens in seiner früheren Selbstständigkeit und Herrlichkeit gegen die Uebermacht des gallischen Siegers zu schützen. Das patriotische und religiöse Pathos wurde von jenen Männern mit Begeisterung geltend gemacht. Man muß die Verirrungen, in welche sie damals verfielen, nicht zum absoluten Maaßstab für ihre poetischen Leistungen machen. Wir kennen jetzt das nach allen Richtungen durchforschte Mittelalter viel gründlicher als sie, allein es lebte in ihnen eine Kraft der Liebe zu unserer Nation, der wir viel schuldig geworden sind. Es soll doch Jemand unternehmen, heut zu Tage solche Vorrede zu schreiben, wie Arnim sie des Knaben Wunderhorn, Görres sie seiner Sammlung von Minne- und Meisterliedern vorsetzte. Welch' innige Vertiefung in unser gesammtes Volksleben gehört dazu, um dasselbe mit so lebendigen Farben, als hier geschehen, zu schildern! Eben diese Vergangenheit mit ihren Burgen und Rittern, mit ihren Klöstern und Mönchen, mit ihren Städte-Republiken und zünftigen Bürgern, mit ihren Domen und Priestern, mit ihrem Glauben an Wunder und Zauberei war undwiederbringlich dahin. Die Glorie, in welcher die Berliner Romantik das Mittelalter erscheinen ließ, mußte[182] daher eine Reaction zur Folge haben, welche das Ideal der Gegenwart in seinem absoluten Recht gegen den Feudalismus und gegen die Hierarchie durchsetzte. Das ist der Ursprung von Ruge's und Echtermeyer's bekanntem Manifest gegen die Romantik in den Halleschen Jahrbüchern. Was mich selber betrifft, so habe ich alle guten wie alle schlechten Seiten der damaligen Romantik durchlebt. Ich bin von keiner ihrer Verirrungen frei geblieben. Ich habe ihren Verkehrtheiten mit einer Inbrunst nachgehangen, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Ich habe, als ich sehr langsam zum Bewußtsein über den wahren culturgeschichtlichen Werth des Mittelalters kam, einen furchtbaren Kampf zu bestehen gehabt, der das eigentlich Bedeutungsvolle meiner Geschichte ist. Nach dem Kampfe, wie die Deutschen ihn gegen Napoleon gestritten hatten, schien es unglaublich, daß sie einerseits von der süßlichen und gemein realistischen Romandichtung Clauren's, andererseits von der träumerischen und spukhaften Welt von Tieck's Phantasus und Hoffmann's Serapionsbrüdern ein Genüge hätten finden können. Und doch war dem so. Und gerade in Berlin culminirte dieser Opiumrausch. Man trieb sich mit den albernsten Narrheiten als mit poetischen Wichtigkeiten herum. Ich erinnere mich z.B., daß zwei meiner schönen Cousinen eines Tages auf den Einfall kamen, die Lectüre einer Hoffmannschen Schauergeschichte, welche sie mit Freund Müller und mit mir gemeinschaftlich lasen, dadurch zu erhöhen, daß am hellen Tage in einem abgelegenen Zimmer neben der Bibliothek die Fensterladen geschlossen und Spiritusflammen angezündet wurden, weil durch sie unsere Gesichter einen gespenstischen, bläulichen Schimmer empfingen. So erklärt sich denn, daß ich selber darauf verfiel, eine solche ungeheuerliche Erzählung zu schreiben. Mai und Juni hatte ich jeden Morgen zwei Stunden Mathematik getrieben. Im Juli warf ich diese Studien, deren Fortsetzung ich leider nicht wieder aufnahm, bei Seite und machte mich daran, einen Roman: »Graf Gundolf«, zu schreiben, mit welchem ich August über auch zu Ende kam. Es war die Geschichte zweier Brüder, in deren entgegengesetztem Naturell ich den Zwiespalt meiner eigenen Seele conterfeite. Die Erfindung war sehr schwach. Die Reflexion überwog. Poetisch genommen, war das Beste wohl die Beschreibung[183] einer Episode aus dem Leben Agrippa's von Nettesheim, die ich in den Roman verflochten hatte. Ich entnahm sie aus dem ersten Band von Meiner's Lebensbeschreibungen berühmter Männer aus dem Zeitalter der Reformation. Diese Biographie ist sehr vollständig und mit einer großen Menge sehr anziehender Beweisstücke aus Agrippa's Schriften ausgestattet, so daß sie mir eben so viel Belehrung als Vergnügen gewährt hatte. Agrippa war ganz und gar eine Figur im Hoffmann'schen Geschmack, wie ich sie zu den übrigen Zauberwesen brauchen konnte. Ich beschränkte mich zunächst auf das Abenteuer seiner Jugend, als er einmal französischer Hauptmann war und im südlichen Frankreich auf dem sogenannten schwarzen Schloß eine Belagerung durch aufrührerische Bauern auszuhalten hatte. Ich schickte den Roman einige Monate später an die Arnold'sche Buchhandlung in Dresden, welche sich auch bereit erklärte, ihn zu drucken, falls ich auf Honorar verzichtete. Ich ging natürlich darauf ein. Während dieser Verhandlungen aber, die sich etwas hinzogen, war ich tiefer in Schleiermacher gerathen. Ich wurde von Reue ergriffen, ein so abnormes Product, wie dieser Gundolf war, drucken zu lassen. Diese Reue war das erste Symptom meiner verdüsternden Stimmung, die sich meiner so lebenslustigen, heiteren Natur immer steigend bemächtigen sollte. Ich schrieb daher nach Dresden, mir das Manuscript sofort auf meine Kosten zurückzusenden, was auch geschah. Zu verbrennen, wie ich es später so oft mit meinen Arbeiten gethan habe, wagte ich das Manuscript noch nicht. Dazu hing ich ihm noch zu sehr an. Ich ergriff einen Ausweg, es von mir zu entfernen, indem ich es meiner Schwester schenkte, die ein ebenso geschicktes und wirthschaftliches Mädchen, als in der gesammten romantischen Literatur, mit Einschluß Calderon's, belesen war. Sie heirathete später den Dr. Wilhelm Genthe. So kam das Manuscript durch sie in seine Hände. Er machte es zum Ausgang eines Romans, den er in Magdeburg 1831 unter dem Titel: »Graf Gundolf« herausgab und mir zueignete. In der Zueignung sagt er, daß ich wohl bekannte Stellen mit Bleistift anzeichnen würde. Dies bezieht sich auf die Fragmente, die er aus meinem Roman dem seinigen einschaltete. 
 XIV. Halle. Promotion. Durchgang durch den Spinozismus. Therese von Jacob, genannt Talaj.  [355] Am andern Morgen eilte ich zu Genthe. Dieser wohnte in der Rathhausgasse im Hause der Frau Staatsrath von Jacob. Er hatte zu ebener Erde eine Stube und Kammer gemeinschaftlich mit einem Landsmann Loof inne, welcher Mathematik und Physik studirte. Ich fand in demselben Hause im zweiten Stock eine Wohnung, ein großes, helles Zimmer mit Alkoven, das nur den Uebelstand hatte, sich schwer ausheizen zu lassen. Die Frau Staatsrath war die Wittwe des kürzlich verstorbenen Staatsraths und Professors v. Jacob, der längere Zeit in Russischen[355] Diensten gestanden hatte. Er war es, der mich noch zwei Jahre zuvor als Prorektor zum akademischen Bürger vereidigt hatte. Er hinterließ drei Töchter. Die jüngste war an den Musikdirektor Löwe in Stettin verheirathet gewesen und bereits todt. Julian, ein Sohn derselben, ward von der Großmutter erzogen. Die zweite Tochter, die augenblicklich verreist war und erst im Früjahr sichtbar wurde, Emilie, war eine sehr liebenswürdige, höchst musikalische, mehr nach Innen gewendete Persönlichkeit. Die dritte älteste Tochter, Therese, war ein außerordentlich begabtes, geistvolles und zur lebhaftesten Unterhaltung geneigtes Frauenzimmer. Sie verstand die meisten der lebenden Europäischen Sprachen und hatte durch einen jungen Wallachen, der das Haus ihres Vaters frequentirte, sogar Serbisch gelernt. Dies setzte sie in den Stand, die Serbischen Volkslieder zu übersetzen und sie mit einer vortrefflichen Einleitung herauszugeben. Sie hatte sich als Schriftstellerin den Namen Talyj gegeben. Als ich sie kennen lernte, war sie schon eine literarische Celebrität. Ich kann wohl sagen, daß ich nur die angenehmste Erinnerung an die mit ihr verbrachten Stunden behalten habe. Die Frau Staatsrath bat mich, als ich meinen Antrittsbesuch machte, so oft es mir beliebe, zum Thee herunterzukommen. Ich wartete indessen gewöhnlich eine ausdrückliche Aufforderung ab, der ich immer gern Folge gab, denn das Gespräch war stets anregend und ich lernte auch manche interessante Menschen kennen, welche mit Therese verkehrten. Der nächste von diesen war der Amerikanische Professor der Theologie Robinson aus Boston, der sogar den Januar hindurch in einem Zimmer neben dem meinigen wohnte, dann aber auszog, weil er sich, etwas später, mit Therese verlobte. Robinson war ein sehr ernster, sehr gelehrter, aber durchaus freundlicher Mann. Seine republikanische Sitteneinfalt und Ungenirtheit waren gerade nicht im Geschmack der Frau Staatsräthin und es gab von dieser Seite manche drollige Scenen. Robinson hat sich durch seine Topographie von Palästina einen bleibenden Namen in der biblischen Literatur erworben. Als er sich 1838 deshalb in Palästina aufhielt, hatte er seine Frau von Boston mit nach Deutschland herübergebracht, wo sie in Dresden mit ihren beiden Töchtern verweilte. Hier hielt ich mich in demselben Jahre zufällig einige[356] Tage auf. Ich wohnte in der Neustadt, im Hotel zur Stadt Wien. Sie las meinen Namen in dem Fremdenrapport und gab mir durch ein Billet Nachricht, daß sie nur wenige Häuser von mir entfernt wohne. Ich eilte alsbald zu ihr und verlebte mit ihr einige genußreiche Stunden, in denen wir Altes und Neues in kaleidoskopischem Wechsel durchliefen. Ich habe sie nicht wiedergesehen, aber wir haben noch einige kleine Schriften ausgetauscht. Doch zurück aus diesen schönen Erinnerungen zu meiner Promotion. Ich schrieb Vormittags binnen ein paar Wochen eine Lateinische Dissertation über die Periodisirung der deutschen Nationalliteratur. Die Nachmittage und einen Theil des Abends verwendete ich auf einen Auszug aus Kants Kritik der reinen Vernunft, der praktischen Vernunft, und der Urtheikskraft. Ich wußte, daß Professor Tieftrunk, ein Kantianer, mich unfehlbar hierin examiniren würde, denn er hatte mir bei meinem Besuche, den ich ihm machte und in welchem ich ihm mein Vorhaben kund gab, dies selber in Aussicht gestellt. Dekan der philosophischen Fakultät war gerade der Professor der Geschichte, der Oberbibliothekar Voigtel. Er war ein sehr ehrgeiziger Mann, der viel auf äußerliche Formen hielt. Er war kein Forscher, hatte aber einmal einen Genealogischen Atlas verfaßt und für dessen Widmung vom Könige von Dänemark den Dannübrogorden erhalten, dessen Decoration er bei Gelegenheit geltend zu machen nicht verfehlte. Als ich meine Papiere eingereicht hatte, setzte er zum Examen den zweiten Februar 1828 fest. Nach damaliger Sitte mußte ich Vormittags die sogenannte Bellaria einsenden d.h. einige Torten und diejenigen Weinsorten, die mir vom Dekan nach vorgängiger Rücksprache als wünschenswerth bezeichnet waren. Das Examen fand in seinem großen Bibliothekzimmer statt. Torte und Wein standen auf einem langen Tisch, um welchen herum die Professoren mit mir Platz nahmen. Zuerst waren nur Voigtel und Tieftrunk anwesend. Dann kamen noch successive Schütz, Schweigger und Jacobs, der Philologe, der damals außer an der Universität auch Professor am Pädagogium war. Gruber und Hinrichs, auf die ich eigentlich gerechnet hatte, kamen nicht. Voigtel, Tieftrunk und Schütz examinirten in Lateinischer, Schweigger und Jacobs in Deutscher Sprache. Bei Schweigger hatte ich Chemie[357] gehört, bei den andern aber nur, aus Neugierde, zuweilen hospitirt. Jacobs war mir völlig fremd. Bei allen Prüfungen kommt es auch auf Glück an. Wie grenzenlos ist das Uebergewicht des Examinators über den Examinanden! Wenn ich in meinem spätern Leben hunderte von jungen Leuten examinirt habe, so bin ich immer der Gefahr eingedenk gewesen, mit welcher ich diese Stunden durchlebte. Ich hatte aber insofern Glück, als in der Prüfung, welche der Herr Oberbibliothekar, der als Dekan den Anfang machte, mit mir anstellte, ein Moment vorkam, der ganz zufällig ein günstiges Vorurtheil für mich erwecken konnte. Voigtel ließ mich unter anderm die Geschichte der Phönicier erzählen. Ich fing an und sagte, sie wären vom rothen Meer nach der Küste des Mittelmeeres gewandert. Dies beanstandete Voigtel. Ich beharrte bei meiner Behauptung. Können Sie dies beweisen? Ich bejahete. Aus welcher Quelle? Aus dem Herodot. Ich sah, wie der alte Hofrath Schütz bei diesen Worten, indem er ein Glas Rothwein schlürfte, schmunzelte. Das ermuthigte mich noch mehr. Nun, sagte Voigtel, indem er sich an seine Collegen richtete, wir wollen doch sehen, ob der Candidat den Beweis führen kann? Hiermit wandte er sich zu einem Fache seiner Bibliothek und holte ein Exemplar des Herodot herab. Mit höhnischer Miene übergab er mir dasselbe und forderte mich auf, die Stelle beizubringen. Amazon.de Widgets Daß sie im Herodot stand, wußte ich, aber den Ort konnte ich nicht mit Genauigkeit angeben. Ich wußte nur noch, daß sich die Stelle in einem der ersten Bücher und zwar gleich zu Anfang eines Capitels finden müsse. Dieser letzte Umstand war offenbar der für mich günstigste. Fand ich die Stelle nicht, so war ich blamirt. Ich hatte dann nicht nur nach Voigtels Meinung falsche Antwort gegeben, sondern auch eine Kenntniß der Quellen mir angedichtet, die ich nicht besaß. Es war ein verhängnisvoller Augenblick. Doch ich hatte, wie gesagt, Glück. Nach einigen Minuten lachten mir die Worte Herodots: die Phönicier, gekommen vom rothen Meer, entgegen. Ich reichte den Herodot, nachdem ich sie gelesen, an Voigtel, der sofort einen Ton anstimmte, als ob er nichts Anderes erwartet hätte, im Herodot zu finden. Tieftrunk und Schütz wechselten verstohlen lächlende Blicke und ich war auch bei ihnen durch diesen kleinen Triumph über den eiteln Mann in[358] guten Credit gekommen. Voigtel kürzte nun sein Examen ab. Meine Abhandlung über den Titurel, welche ich meiner Lateinischen Dissertation beigegeben hatte, lag auf dem Tisch. Auch eine nur flüchtige Durchsicht derselben konnte wohl erkennen lassen, daß ich in der Geschichte des Mittelalters gut zu Hause war. Er deutete also auf dieselbe und sagte, er wolle, durch sie bewogen, das Mittelalter überspringen und nur noch einige Fragen aus der neuern Geschichte an mich richten, die ich ziemlich richtig beantwortete. Dann überließ er mich dem Philosophen Tieftrunk, der sich ausführlich auf die Kant'schen Kritiken einließ und eine sehr gute Art zu fragen hatte. Die vortreffliche Uebersicht, die Kant selber von seiner Kritik der reinen Vernunft gemacht hat, kam mir hier außerordentlich zu Statten. Hofrath Schütz, der Philologe, legte mir die Wolken des Aristophanes vor. Ich mußte eine Scene übersetzen und interpretiren. Wenn ich zuweilen stockte, drängte er auch nicht, gewährte mir Muße zum Nachdenken, nahm das Glas, nickte mir zu und sagte: Interim aliquid bibamus! Bei Schweigger beantwortete ich die Fragen nach den positiven Bestimmungen der chemischen Stoffe und Prozesse sehr mangelhaft. Doch nahm die Sache bald eine Wendung, die mir vortheilhaft war, nämlich auf die Geschichte der Chemie. Nachdem ich den Zusammenhang von Stahls Phlogiston einerseits mit der Alchemie, andererseits mit Lavoisier glücklich zu Stande gebracht hatte, erklärte er sich für befriedigt, da ich ja nicht Chemiker von Fach sei, sondern nur eine allgemeine Bildung zu documentiren habe, wie sie einem Philosophen wohl gezieme. Nun aber kam Jacobs an die Reihe. Dies war ein fein gebildeter Mann, der bald nachher von Halle nach Lübeck kam. Was wollte er von mir? Ich war schon etwas wüst im Kopf, wie es den meisten Examinanden gegen Ende zu ergehen pflegt, nachdem sie in wenigen Stunden durch so viele Gebiete, gegenüber sehr verschiedenen Persönlichkeiten, sich haben hindurchbewegen müssen. Ich erwartete natürlich ein philologisches Thema. Statt dessen kam ein philosophisches, woran ich gar nicht gedacht hatte, nämlich die Sprachphilosophie. Hatte ich auch stets ein Interesse dafür gehabt, waren mir auch die Hauptmomente ihrer bisherigen Geschichte nicht unbekannt geblieben, so hatte ich doch auf der Universität mich nie speciell mit ihr beschäftigt. Allein[359] hier kam mir nun zur Hilfe, daß sie uns auf dem Gymnasium einmal ein ganzes Semester hindurch ausführlich vorgetragen war. Die Erinnerung hieran ermuthigte mich, was bei einem Examen von unendlichem Werth ist. Auch machte ich im weitern Verlauf die Erfahrung, wie unschätzbar es in der Wissenschaft sei, durch einen Unterricht darin mit ihrem Material, mit ihrer Terminologie, mit ihren Hauptproblemen und mit den verschiedenen Versuchen zu ihrer Lösung vertraut geworden zu sein. Die Fragen, welche mir Professor Jacobs verlegte, überraschten mich nicht. Ich fand sie vielmehr ganz in der Ordnung und bemühete mich sie so gut es ging zu beantworten. Da er Deutsch mit mir verhandelte, so wurde der Ausdruck meiner Gedanken mir erleichtert und ich gerieth zuletzt mit ihm mehr in eine Unterhaltung gemeinschaftlichen Nachdenkens, die ihm selber Vergnügen zu machen schien. So kam ich auch hier glücklicher durch, als ich es hätte erwarten können. Das Examen war beendet. Die Lichter brannten herunter. Ich wurde nun in ein anderes Zimmer verwiesen, wo ich in Gegenwart eines Pedells eine ängstliche Viertelstunde zubrachte, während die Herren Professoren über den Ausfall der Prüfung beriethen. Dann wurde dem Pedell geklingelt, der gleich darauf zurückkehrte, mich hereinzuführen. Voigtel empfing mich mit Feierlichkeit, mir den glücklichen Ausgang zu verkünden und nahm, wie es damals üblich war, sofort die Vereidigung vor, worauf mit Glückwünschen und Champagner geendet ward. Weil ich zuweilen gestritten hatte, setzte man mir in mein Diplom die Worte: et postquam in consessu ordinis examine rigoroso studium philosophiae acerrimum comprobaverat. So war ich denn Doctor der Philosophie und Magister der freien Künste und richtete mein Augenmerk auf den nächsten Schritt, den ich zu thun hatte, nämlich mich bei der Universität zu habilitiren. Doch sollte darüber noch ein halbes Jahr vergehen, das von den mannichfaltigsten Erlebnissen erfüllt wurde. Ich erkannte sehr wohl, daß, wenn ich in der Philosophie vor wärts kommen wollte, das Studium der Hegel'schen Logik unvermeidlich und daher die nächste Aufgabe in einer Zeit sein müsse, wo ich noch ganz[360] frei über dieselbe verfügen konnte. Ich widmete ihm daher die Monate Februar und März. Obwohl ich in ihr bereits den Unterricht des Herrn von Henning erhalten hatte, so war sie mir doch sehr schwer zu bezwingen und es blieben, auch nachdem ich alle drei Bände absolvirt hatte, genug Stellen zurück, die mir noch völlig dunkel waren. Eine besondere Hemmung erwuchs mir durch die Logik, welche Hinrichs herausgegeben und die ich auch bei ihm gehört hatte. Ich habe schon oben von ihr gesprochen. Sie war, wie billig man sie auch beurtheilen mochte, eine Anbequemung an die formale Logik des herkömmlichen Cursus. Der Grundbegriff der Hegel'schen Logik war darin fallen gelassen. Die Ontologie, welche Hegel die objektive Logik nannte, war mit der subjectiven, mit der Lehre vom Begriff, sogar in unklarer, gezwungener Weise äußerlich vermischt. Der Begriff selber war aus seiner subjektiven Form nicht zur objektiven und absoluten als Idee erhoben und, um die Verwirrung zu vollenden, war noch ein zweiter Abschnitt hinzugefügt, der offenbar der Phänomenologie d.h. der Wissenschaft vom Begriff des Bewußtseins, angehörte. Jetzt sehe ich dies Alles nur zu klar ein, damals aber war Hinrichs, trotz Daub's Zustimmung zu meinem Bedenken, noch eine so große Autorität für mich, daß ich irre wurde, zumal wenn ich den zuversichtlichen Ton seiner Vorrede vernahm, worin er sich geradezu als den Regenerator der Logik bezeichnete. Es hat viele Jahre gedauert, bevor ich deutlich den Zusammenhang begriff, in welchen Hegel's Logik zu Kant's Kritik der reinen Vernunft steht. Aus dieser ist sie Schritt vor Schritt erwachsen. Es ist dies vorzüglich aus dem zweiten Theil, aus der Lehre vom Wesen, erkennbar. Hier hat Hegel noch viel Kampf zu bestehen gehabt, bevor er zu der einfacheren und logischeren Form durchdrang, die er später in der zweiten Ausgabe seiner Encyklopädie aufstellte. Weil wir Menschen denkende Subjecte sind, so blieben die meisten dabei stehn, die Bestimmungen des Denkens, gewöhnlich seine Gesetze genannt, als nur subjektive Funktionen zu betrachten und jene Bestimmungen nicht an und für sich zu nehmen, wie sie durch ihren eigenen Inhalt ein System ausmachen. Die Kategorien haben aber ein inneres Verhältniß zu einander. Qualität und Quantität, Wesen und Erscheinung, Inhalt und Form, Substantialität und Causalität, Allgemeinheit und Besonderheit[361] u.s.w. hängen durch ihren eigenen Begriff mit einander zusammen. Hat man diese Einsicht einmal erreicht, so wird man auch begreifen, daß das abstracte Denken von einem relativ niedrigsten bis zu einem relativ höchsten Punkt sich entwickeln müsse. Ich setze das Wort relativ hinzu, um anzudeuten, daß jede Bestimmung als solche absolut, schlechthin nothwendig und wahr ist, daß sie aber, als nur ein Moment der totalen Vernunft, das, was sie ist, nur durch ihre Beziehung auf alle andern Kategorien sein kann. Wenn die Philosophie auch in ihren Disciplinen eine selbstständige Wissenschaft ist, so ist sie es durch die Logik, von welcher alle realen Wissenschaften, um Wissenschaft zu sein, abhängig sind. Die Denkbarkeit eines Gegenstandes ist das absolute Kriterium der Wahrheit und Gewißheit. Die Denkbarkeit selber ist aber an den Begriff der Kategorien gebunden. Daher kommt es, daß das Logische, obwohl es nichts Materielles ist, doch die Herrscherrolle in der Wissenschaft übt. Bleibt man beim Begriff des Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen stehen, d.h. beschränkt man die Logik auf die Lehre vom Begriff, Urtheil und Schluß, so läßt man die ontologischen Kategorien als Voraussetzungen außerhalb stehen, wie Kant es in seiner analytischen Logik machte. Ohne sie kann man im Begreifen, Urtheilen und Schließen nichts anfangen. Also, schloß Hegel ganz richtig, müssen sie vorher entwickelt werden. Die Ontologie, die Lehre von Sein und Wesen, muß der Lehre vom Begriff vorausgehen. Der Begriff aber ist nicht blos eine Form unseres subjectiven Denkens, sondern diese Form hat in der uns gegenständlichen Welt reale Existenz. Das Logische ist aller Realität immanent. Als ich Hegels Logik durchgearbeitet hatte, wurde mir klar, daß ich noch eines andern Studiums bedürfe, um sie richtig verstehen zu können. Dies war das Spinoza's. Die Schriften des Cartesius hatte ich mir in Heidelberg gekauft und wenigstens die wichtigsten Abhandlungen darin über die Methode, die Affecte und Leidenschaften gelesen. Von Spinoza aber hatte ich bis dahin nur durch die Geschichte der Philosophie, so wie durch seine Schilderungen von Bayle, Jacobi, Schelling, Göthe, eine Vorstellung. Hegel aber gab sich zu ihm eine ganz entschiedene Stellung. Er gestand Spinoza den Begriff der Substanz zu, allein er behauptete, daß das Absolute nicht nur als[362] Substanz, sondern zugleich als Subject gefaßt werden müsse. Dies hatte ich oft genug vom Katheder her gehört; das hatte ich auch in Hegels Vorrede zu seiner Phänomenologie gelesen; das fand ich nun in der Logik selber weiter begründet. Ich wurde jedoch gerade durch diese Auslassungen in immer größere Verwirrung gestürzt. Der Begriff der Substanz konnte doch nur ein allgemeiner ontologischer Begriff sein. Von einer besonderen Substantialität konnte die Logik doch nicht handeln. Es war aber unzweifelhaft, daß auch Hegel in der großen Logik von der Substanz in dem Sinne sprach, darunter das Absolute an und für sich, also in gemeinem Deutsch, Gott zu verstehen. War dies der Fall, so bedeutete seine Polemik gegen Spinoza die Ablehnung des Pantheismus und die Forderung, die Substanz zugleich als Subject zu setzen, die Anerkennung des Theismus. Dies war mir, da ich den Glauben an die Persönlichkeit Gottes nicht verloren hatte, ganz recht. Allein wie sollte ich damit vereinigen; daß der Begriff der Subjectivität sich in die logischen Formen des Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen auflöste? Es blieb mir nichts übrig, als Spinoza selber zu studiren; um zu wissen, wie ich mit Hegels Polemik gegen ihn daran sei. Es glückte mir auch, ein schönes Exemplar der Ausgabe seiner Werke von Paulus zu kaufen. So warf ich mich denn mit aller Begierde in dies neue Studium. Während ich so für mich in die Abgründe der Metaphysik versank, wurde ich nebenher von einer ganz andern Welt, nämlich von der Komischen, umspielt. Hierzu gab Genthe die Veranlassung. Als ich ihn wiedersah, war er damit beschäftigt, eine Schrift über das einzige uns aus dem Alterthum erhaltene Satyrdrama, den Kyklops des Euripides, drucken zu lassen, die eine Uebersetzung desselben mit einer historisch kritischen Einleitung enthielt. Nach seiner communicativen Art zog Genthe nicht nur mich, sondern auch den Physiker Loof, der sehr gut Griechisch verstand, in seine Beschäftigung hinein. Das Drama wurde so oft Abends sowohl Griechisch als Deutsch durchgenommen, daß einzelne Stellen daraus bald zu sprichwörtlicher Anwendung unter uns dreieu sich fixirten, die wir, nach Art junger Leute, die Kreuz und Quer anbrachten. Für einen vierten wäre dieser Jargon, der uns köstlichen Spaß bereitete, ganz ungenießbar, eine hermetisch[363] verschlossene Welt, gewesen. Als der Kyklops beseitigt war, kam ein anderes Thema an die Reihe. Genthe hatte sich schon seit längerer Zeit auf die Geschichte der Macaronischen Poesie geworfen und alle Denkmale derselben gesammelt. Er hatte eine grenzenlose Vorliebe für diese groteske Poesie. Theophilo Folengo, ein Italienischer Mönch, der Hauptdichter dieser Gattung, wurde von ihm vergöttert. Ihm zu Liebe ließ ich mich nun zwar auch auf dieselbe ein, vermochte jedoch sein Behagen an diesen Späßen und Künsteleien nur in sehr mäßigem Grade zu theilen, obwohl ich ihm bei der Abfassung einer einleitenden Betrachtung und literarischen Geschichte, so viel ich konnte, hülfreich war. Das Macaronische verbindet die Lateinische Sprache mit einer neueren und behandelt die Wörter der letzteren nach dem Zuschnitt der Lateinischen Grammatik. Dies ist ein Scherz, mit welchem sich Mönche in der Muße eines Klosterlebens wohl unterhalten können. In kürzerem Umfange, wie in dem bekannten Deutsch-Macaronischen Gedicht: Floïa, kann man sich auch wohl daran ergötzen. Karl Immermann hatte dies Gedicht unter dem Namen Aeander wieder herausgegeben und von hier hatte Genthe den Anstoß zu seiner Schwärmerei für diese spielende Dichtung empfangen. Er hat sie sein ganzes Leben über bewahrt und auch die Deutsche Uebertragung von Folengo's Mückenkrieg (Moschea) herausgegeben. Für den Verlag seiner Schriften hatte Genthe einen Verleger in dem Buchhändler Reinecke gefunden. Dieser Mann, ein ächter Sachse, hatte im schon vorgerückten Alter noch eine junge Frau geheirathet. Sie war eine Magdeburgerin und ich hatte sie als Schuljunge oft gesehen, da ihre Eltern im oberen Stock der Französischen Schule wohnten, die ich frequentirte. Durch Genthe wurde ich auch mit Reinecke bekannt. Er lud uns öfter auf den Sonntag zu kleinen Mittagessen ein und wußte uns Mancherlei von den Deutschen Autoren zu erzählen. Er hatte als Commis lange in Dresden conditionirt und hier Schiller zuweilen im Theater gesehen, was geradezu die größte aller seiner Erinnerungen war. Dieser Enthusiasmus kleidete ihn gut. Er wurde auch mein Verleger; bis ich von ihm zu Anton überging. Genthe schrieb im Frühjahr auch noch einen Roman: Don Fernando von Toledo, in zwei Bändchen, die er Reinecke zum Verlage[364] aufredete. Es waren einige hübsche Erfindungen darin, aber das Ganze war flüchtig und stand seinem ersten Roman außerordentlich nach. Die romantische Willkür erlaubte sich die unmotivirtesten Combinationen. Es war sogar eine Anzahl Märchen darin eingeschaltet, die aus einer Französischen Sammlung des vorigen Jahrhunderts übersetzt waren. Im zweiten Theil hatte Genthe die Hegel'sche Terminologie zum Gegenstande seines Spottes gemacht. Hier fanden sich einige glückliche, heitere Wendungen, die von Hinrichs, Loof und mir füglich belacht wurden, die jedoch dem großen Publikum, vor allem dem Roman lesenden, gänzlich unverstanden bleiben mußten. Das Buch kam daher schon als Maculatur zur Welt. Genthe verließ uns bald darauf, Reisen nach Thüringen und in die Marck zu Verwandten zu machen. In meinen äußeren Verhältnissen gingen auch mancherlei Veränderungen vor. Mein Zimmer war nur durch eine Bretterwand von der Nachbarwohnung getrennt. Professor Robinson, ein stiller Mann, war Ende Januar ausgezogen. Während des Februars wohnte ich ganz allein in der weitläufigen Etage. Hier hatte ich zuweilen romantisch schauerliche Momente zu durchleben. Wenn ich öfter spät in der Nacht die dunkle Treppe hinaufgetastet war, hatte ich, oben angelangt, zur Rechten den Blick auf eine große Kammer, deren Thür zur obern Hälfte aus einem Glasfenster bestand, welches den vollen Einblick gestattete. In dieser Kammer war einige Monate zuvor ein Dachdecker gestorben, der einen unglücklichen Fall gethan hatte. Mir war die traurige Scene mit allen Einzelheiten öfter geschildert worden. Kam ich nun herauf, so wurde die Erinnerung an diesen Vorgang zuweilen so lebendig in mir, daß ich, vorzüglich bei Mondschein, mich nicht enthalten konnte, dicht an die Thür zu treten und in die leere Kammer zu blicken, gleichsam als ob ich den in Todesschmerzen sich Krümmenden und Angstseufzer Ausstoßenden noch gegenwärtig antreffen müßte. Hier habe ich an mir selber beobachtet, wie nahe solche Situationen daran sind, in Visionen überzugehen und Spukgestalten entstehen zu lassen. Ich blieb mir aber, auch wenn mich Gespensterschauer durchrieselten, völlig klar. Zog ich dann den Schlüssel, die große Flügelthür des Saales zu öffnen, den ich durchschreiten mußte, zur Thüre meines Zimmers zu gelangen, so hallten meine Tritte geisterhaft durch den öden[365] Raum. Hier hatte der Staatsrath von Jacob Concerte und Bälle veranstaltet. An den Wänden liefen noch rothgepolsterte Divane ringsum, auf denen man sich den reizenden Flor der Damenwelt vorstellen konnte. Den Fenstern gegenüber, in Mitten der linken Wand, stand der Ofen, ganz ebenso gestaltet, wie der im Saal meines elterlichen Hauses. Es war dieselbe lebensgroße Gypsstatue der Minerva, mit Helm, Speer und Schild, die mir hier entgegen schimmerte. Ich begrüßte sie immer als eine mir wohlwollende Göttin. Was die Seele Alles in solchen Momenten empfindet, ist unbeschreibbar. Die Romantik eines Arnim, Heinrich von Kleist, Tieck hatte nicht verfehlt, solche zwischen Wachen und Traum verdämmernde Momente zu belauschen und hatte das Grauen, welches sie begleitet, oft vortrefflich beschrieben. Obwohl ich ein ganz rationalistisch aufgeklärter Mensch in solchen Dingen war, so hat es mir doch nicht an mysteriösen Anwandlungen und nicht an Erlebnissen gefehlt, die mich bis zum Abgrund führten, wo die Nachtseite des Lebens sich unserer mit unheimlicher Gewalt zu bemächtigen droht. Ich bin, wie gesagt, in solchen Augenblicken, immer Herr meines Bewußtseins geblieben. Oft sind es an sich höchst einfache Vorgänge, welche uns in unserem Innersten zu erschüttern, und uns bis zu der Grenze zu führen vermögen, wo wir unsere Ohnmacht, eine Welt mit solchen Zuständen zu durchdringen, schmerzlich empfinden. Ich habe oben z.B. erzählt, wie ich bei meinem im Duell verwundeten Freunde Parow Nachtwache hielt. Während er im Alcoven fieberhaft stöhnte, trafen noch ganz andere Laute mein Ohr. Parow wohnte nicht weit von dem Irrenhause. Es war eine wunderschöne, mondhelle Nacht. Ich konnte das Gebäude und die Fenster deutlich sehen. Da ertönte nun von einer der Zellen das wüthende Geschrei eines tollen Weibes, das sich in Schimpfwörtern gegen eine verhaßte von ihr nur vorgestellte Person Luft machte. Pausenweise erstarb das Gebelfer, dann brach es wieder los, bis es mit der aufgehenden Sonne verstummte. Alles um mich herum lag in Lethe bringendem Schlummer, nur der Verwundete hier mit seinen Seufzern, die Wahnsinnige dort mit ihren heisern Flüchen, klangen als schrille Dissonanzen durch die Harmonie, die ihren beseligenden Hauch über alles Dasein auszubreiten schien. Pessimismus und Optimismus rangen in meiner jungen Seele mit einander[366] und ich flüchtete mich in Göthes Verse, die eigends für mich gemacht schienen: Amazon.de Widgets Füllest wieder Berg und Thal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz. Was von Menschen nicht gewußt Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht. Anfangs März zog in die Zimmer neben mir ein Baron von Münchhausen ein. Er war etwa dreißig Jahre alt, in seinen Sitten ein feiner Cavalier, die mit dem erwüchsigen Benehmen des Amerikanischen Robinson zuweilen komisch kontrastirten, wenn wir zum Thee bei der Frau Staatsrath zusammentrafen. Dieser junge Mann war hypochondrisch. Er glaubte schwindsüchtig zu sein. Er hatte alle Aerzte aufgegeben und behandelte sich selbst homöopathisch nach Hahnemann'schen Grundsätzen. Er konnte daher in keinem öffentlichen Gasthaus speisen, sondern mußte eigends für sich kochen lassen, hauptsächlich schlichte Bouillon und Rindfleisch. Glaubte er mitunter in der Bouillon ein Fäserchen Petersilie oder Zwiebel zu entdecken, so gerieth er außer sich. Seine Cur schien ihm dann rückgängig gemacht und er versank, wenn er sich ausgetobt hatte, in eine menschenfeindliche Schwermuth. Um seine Brust zu stärken, blieb er in steter Bewegung. Er ritt spazieren, er rappierte, er hielt sich einen Unteroffizier, der im Auditorium des Staatsraths, das am Ende des Hofes in einem Hintergebäude lag, mit ihm exerciren mußte. Das war aber nicht genug. Sowie er auf sein Zimmer kam, warf er sich in einen Sessel, ergriff ein Buch, und fing an, laut zu lesen. Da uns nur eine Bretterwand schied, so wurde mir dies oft bei meinem Studium der Hegel'schen Logik sehr lästig und ich entschloß mich, am Anfang April in das große Zimmer zu ebener Erde zu ziehen, welches bis dahin ein Candidat inne gehabt hatte. Es war damit die Berechtigung verbunden, den Garten zu benutzen, zu welchem man durch ein Seitengebäude vom Hof aus gelangte. Da es auch an einer großen Gartenstube nicht[367] fehlte, so brachte ich, so bald es wärmer wurde, einen großen Theil des Tages darin zu, fast immer mit dem Studium Spinoza's beschäftigt. Die Frau Staatsrath und ihre Töchter kamen niemals in den Garten. Sie genossen die frische Luft nur in einer Spazierfahrt, welche regelmäßig Nachmittags erfolgte. Das weitläufige Anwesen der Frau Staatsräthin wurde durch einen Hausmeister, Namens Milradt, in Ordnung gehalten. Er hatte die untere Wohnung auf dem linken Flügel des Hofes inne. Dieser Mann war von Geburt ein Danziger, von Profession ein Schneider, von Amtswegen Nachtwächter und im Hause das Factotum, ohne dessen Beirath die Frau Staatsräthin kein Gesinde, keinen Kutscher kein Kammermädchen anstellte. Er schloß mit den Miethern die Verträge ab, zog den Miethzins ein, besorgte die Aufwartung der Insassen, die Reinigung und Lüftung der Zimmer, die Reparatur der Möbel. Er war ein sehr verständiger Mann, der viel erfahren hatte. Er stellte in seiner Familie gleichsam das vereinigte Deutschland dar. Er, ein geborner Westpreuße, hatte eine Frau aus dem Reich, d.h. aus Bayreuth, geheirathet. Er sprach den scharfen Preußischen Dialekt, der, gegen die Naturwüchsigkeit der anderen Deutschen Dialekte gehalten, nach der Erlernung des Deutschen klingt. Seine Frau sprach den Fränkischen Dialekt und die einzige Tochter, Louise, sprach den Hallischen d.h. Thüringschen Dialekt. Das Concert dieser drei Mundarten zu hören, machte mir das größte Vergnügen. Die Tochter, Louise, ein nicht gerade schönes, aber sehr anmuthiges, wohlunterrichtetes, gutgesittetes Mädchen, kam Nachmittags nicht selten in die Gartenstube, dort, bei offnen Fenstern und Thüren zu nähen. Vormittags gab sie in mehreren Schulen Unterricht. Wir gewöhnten uns aneinander und es genirte mich nicht, in ihrer Gegenwart zu lesen und zu schreiben. Natürlich plauderten wir auch dazwischen und gingen auch im Garten zusammen, die aufgeblühten Blumen zu mustern. Da sie mit dem Candidaten, dessen Stube ich bezogen hatte, verlobt war und auf dem Sprunge stand, ihn zu heirathen, sobald er von einer Adjunctur, die er übernommen hatte, zur Pfarre gelangen würde, so war unser Verkehr vor aller Versuchung gewahrt, in Liebeleien zu verfallen. Wir leisteten uns eben gute Gesellschaft. Dies treffliche Mädchen sollte schon[368] im nächsten Jahre, in Folge einer heftigen Erkältung, binnen wenigen Wochen hingerafft werden. Ich besuchte die arme Louise, da ich aus diesem Hause verzogen war, noch ein paar Mal. Wie wehmüthig ist doch ein solches Sterbelager einer Jungfrau, einer Braut! Ihre Augen brannten von dem Zehrfieber; ihre Wangen glühten von dem trügerischen Roth des Todes; ihre ganz vermagerte Hand zitterte in der meinigen. Ich konnte nur mühsam die Thränen zurückhalten, aber sie selber war still und ergeben, wie meine Cousine Lefevre in Magdeburg, an deren ganz ähnlichem Sterbebette ich auch gesessen hatte. Genthe war fort. Der Baron von Münchhausen ging Ende Mai auf seine Güter. Mit Hinrichs fing ich an, weite Spaziergänge in die Umgegend von Halle zu machen. Die Hinterfront eines Seitengebäudes seiner Wohnung begrenzte die eine Seite des Gartens, in welchem ich mich größtentheils aufzuhalten pflegte. Durch ein kleines Fenster konnte er mir zurufen und sich mit mir verabreden. Mit Loof, dem Physiker, einem fleißigen, braven Menschen, der in der unteren Wohnung, mir gegenüber, geblieben war, hatte ich meine besonderen Gespräche über Naturphilosophie, namentlich über Licht und Wärme. Es war ein ganz idyllischer Zustand, der aber unerwartet von sehr stürmischen Momenten gefolgt und durchkreuzt werden sollte, die mir große Noth machten, weil ich, um mich im Lehrvortrage zu üben, einige Studirende bewogen hatte, drei Mal in der Woche früh von 7 bis 8 Uhr zu mir zu kommen, ihnen Religionsphilosophie vorzutragen. Zu diesem Geschäft bedurfte ich der Ruhe und Sammlung eben so sehr, als zu dem Studium Spinoza's. Es sollte aber eine Unruhe in meine Idylle von einer Seite hereinbrechen, von welcher ich sie niemals erwartet hätte. 
 XIII. Magdeburg. Abhandlung über den Titurel. Ich reiße mich von der Theologie los.  [348] So war ich also wieder in Magdeburg bei meinem herrlichen Vater, bei meiner geliebten Schwester. Aber es hatte sich seit dem Tode der Mutter viel verändert. Mein Vater war nach dem breiten Wege in die belle Étage des Hauses gezogen, welches, Genthe's Mutter gehörend, der Schulstraße gerade gegenüber lag. Vorn war es wegen der Aussicht auf das bunte Straßentreiben ganz unterhaltend und insofern für ein Greisenalter wohl gemacht. Im Innern aber war es beschränkt und ich fand, um allein zu sein, nur ein Stübchen nach dem Hof hinaus, der von den Nachbarhäusern so umbaut war, daß ich aus den Fenstern gleichsam in einen großen Schornstein hinaufblickte. Das[348] Zimmer war sehr dunkel, sonnenlos, und heizte sich überdem schwer. Um von ihm zu den anderen Zimmern zu gelangen, mußte ich über eine offene Gallerie gehen. Welch ein Contrast gegen meine Wohnung am Markt zu Heidelberg! Nach dem regelrechten Lauf der Dinge hätte ich nun mein theologisches Examen machen sollen. In der That glaubte ich, in der Exegese, Kirchen- und Dogmengeschichte, in der Dogmatik und Moral genug zu wissen, um es leidlich bestehen zu können. An meiner Fähigkeit, zu predigen, zweifelte ich nicht; allein ich beeilte mich nicht. Da auch in der Philosophie examinirt wurde, so durfte ich mich mit dieser ausdrücklich beschäftigen. Und das geschah nun im vollen Maaße. Ich kaufte vor Allem Hegel's dreibändige Logik, die ich noch gar nicht kannte, deren Wichtigkeit mir aber schon lange eingeleuchtet hatte. ? Michelet's System der Moral, welches gerade als eine der ersten Arbeiten aus Hegel's Berliner Schülerschaft Aufsehen machte, wurde ebenfalls angeschafft. Ebenso Rixner's dreibändiges Handbuch der Geschichte der Philosophie. Ich hatte mich bis dahin mit dem sogenannten kleinen Tennemann beholfen, einem in literarischer Hinsicht musterhaften Lehrbuche. Tennemann ging von der kritischen Philosophie aus. Rixner war ein moderirter Schellingianer und, wie ich wußte, von Hegel selber empfohlen. Er empfahl sich mir besonders dadurch, daß er die Hauptstellen der Originalschriften, auf die es ankam, im Urtext aus denselben abdrucken ließ. Für das Alterthum und das Mittelalter hatte er sogar ausführliche Urkunden angehängt. Ich lernte durch ihn z.B. Parmenides, Heraklit, Empedocles, Abälard u.A. zuerst in ihrer eigenen Sprache kennen. Dies war mir unschätzbar und ich arbeitete diese Data gemeinschaftlich mit Freund Simon durch, der Michaelis Berlin verlassen hatte und wie ich, bei seinen Eltern in freier Muße lebte, sich auf das Candidatenexamen vorzubereiten. Ich habe seit jener Zeit eine Reihe von Lehrbüchern der Geschichte der Philosophie erlebt, allein ich glaube, daß das Rixner'sche verdient hätte, erhalten, wenn auch berichtigt und verbessert zu werden. Bei der ungeheuren Breite, welche die philosophische Literatur gewonnen hat, bei der Schwierigkeit, viele Werke aus eigener Anschauung kennen zu lernen, da selbst Universitäts-bibliotheken sie oft nicht besitzen, sind Originalauszüge, wie Rixner sie[349] lieferte, von außerordentlichem Werth. Man empfängt durch sie ein authentisches, concretes Bild, durch welches man einigermaßen in den Stand gesetzt wird, die Darstellung der Geschichtsschreiber, in welche sich ihre eigene philosophische Denkart einmischt, zu controliren. Ich will aus meiner eigenen Erfahrung die Eleaten hervorheben. Wer hätte nicht von ihnen gehört und gelesen! Aber wie ganz anders erfaßte ich sie, als ich die Hexameter las, in denen Xenophanes und Parmenides ihre Weltansicht ausgesprochen hatten. Wie naiv und verständlich erschien mir der Standpunkt dieser hochsinnigen Menschen in ihren poetischen Worten! Amazon.de Widgets Anfangs November fiel mir bei einem Besuch der Creutz'schen Buchhandlung eine Novität in die Hände: Ségur: histoire de la grande armée. Ich blätterte darin, las, haftete und wurde so angezogen, daß ich das Buch auf der Stelle kaufte und mit nach Hause nahm. Es entstand hierdurch eine eigenthümliche Eintheilung meiner Zeit. Den Vormittag wendete ich vorzüglich einer Abhandlung über den Titurel zu, der Nachmittag wurde dem Rixner'schen Handbuch der Geschichte der Philosophie gewidmet. Mit einbrechender Dämmerung ging ich spazieren. Dann wurde, bei der Zurückkunft, mit Vater und Schwester geplaudert. Nach dem Abendessen pflegte der Vater früh schlafen zu gehen und auch meine Schwester gegen halb zehn Uhr sich auf ihre Stube zurückzuziehen. Ich blieb in der großen Wohnstube allein zurück, weil ich mit dem Vater in einem Alkoven schlief, der neben ihr sich befand. Alles wurde nun stille. Auch der Straßenlärm verstummte allmälig, nachdem das in der Nähe gelegene Theater seine Besucher entlassen hatte. Dann las ich die Geschichte der großen Armee mit einer unsäglichen Andacht. War doch dieselbe der größte Vorgang, den ich bis dahin selber erlebt hatte. Napoleon und Ney wurden Gegenstände meiner höchsten Bewunderung. Wie kolossal waren die Leiden, wie schmerzlich die Empfindungen, welche Napoleon seit dem Brande von Moskau durchzumachen hatte! Von dem Muth, von der Geistesgegenwart, von der militärischen Genialität, von der Unerschöpflichkeit des rastlos arbeitenden Geistes Napoleon's bekam ich erst jetzt eine genauere Anschauung, Ich reinigte mich von einer gewissen Verachtung, die ich sehr natürlich aus den[350] Freiheitskriegen gegen ihn eingesogen hatte. Dies nächtliche Zusammenleben mit Napoleon gab mir damals eine geheime Kraft, mich zu einem Schritte zu ermuthigen, der nun unvermeidlicher für mich wurde und der mir doch noch sehr unklar war. Ich fühlte nämlich bereits sehr schmerzlich den Widerspruch, in welchen ich durch meine Beschäftigung schon seit einem Jahre mit dem officiellen Aushängeschild meiner Existenz gerathen war, Candidat der Theologie zu werden. Titurel, Hegel's Logik, Geschichte der Philosophie, Geschichte der großen Armee ? das waren schöne Vorbereitungen für das theologische Examen! Es graute mir vor dem Augenblick, wo ich mich bei dem Consistorium melden sollte. Sehr trübsinnig schlich ich öfter zum Krökenthor nach der alten Neustadt hinaus. Diese öde Fläche, hier und da noch mit Trümmern bedeckt, sagte meiner melancholischen Stimmung zu. Hier, wo Alles mich unwirthlich anstarrte, hatte ich eine so glückliche, genußreiche Kindheit durchlebt. Und jetzt irrte ich hier mit Gefühlen und Vorstellungen umher, die zwischen jener heiteren Bilderwelt des Kindheitsparadieses und der unbestimmten Zukunft, der ich entgegenging, eine tiefe Kluft gerissen hatten. Ich konnte nicht ahnen, wie bald und auf welche Weise sich diese bangen Zweifel lösen sollten. Einstweilen stürzte ich mich Morgens wieder in die Arbeit. Je mehr ich aber über den Titurel nachdachte, um so mehr drang sich mir die Erkenntniß auf, daß ich in Betreff seines Werthes meine Illusion opfern mußte. Ich war mit den gespanntesten Erwartungen nach Heidelberg gegangen, Schätze in ihm aufzufinden, allein ich konnte mir nicht verhehlen, daß das Gedicht gar nicht die außerordentliche Bewunderung verdiene, von der ich überall hatte lesen müssen. Ich mußte mir gestehen, daß das Gedicht sehr langweilig sei, wagte dies aber, da ich es immer noch mit Wolfram selber als ursprünglichem Dichter zu thun zu haben glaubte, der von einem späteren Versifex nur überarbeitet sei, nur schüchtern zu äußern. Die Traditionen des allgemeinen Vorurtheils lasteten noch zu schwer auf mir. Ich erkannte deutlich genug, daß von meinen Zeitgenossen wohl nur sehr wenige, vielleicht nur Docen, den Titurel selber gelesen haben konnten. Fr. Schlegel hatte den Titurel mit Dante's göttlicher Komödie verglichen. Ich untersuchte diese Parallele und sie fiel gänzlich zum Nachtheil des Titurel[351] aus. Noch deutlicher erkannte ich, daß die Bewunderung, mit welcher man von dem geheimnißvollen Gral zu sprechen sich gewöhnt hatte, ein Product purer Gedankenlosigkeit sein müsse, wagte jedoch auch diese Einsicht nur sehr bescheiden zu äußern, wie es mir auch als einem jungen, erst auftretenden Manne zukam. Der Gral sollte bekanntlich die Schüssel sein, aus welcher Christus das Abendmahl gespendet hatte. Diese Schüssel sollte als ein Kleinod gehütet werden. Das konnte doch nichts Anderes heißen, als sie sollte, wie das heilige Grab, nicht in die Hände von Ungläubigen gerathen. Die Hut forderte also einen streitbaren Orden. Dafür spendete der Gral den Mitgliedern desselben Nahrung und Kleidung. Er wurde also ein magischer Fetisch, wie der Sampo im Finnischen Kalewala, der Salz, Mehl und Geld auswirft. Um aus einer solchen Grundlage ein Epos zu machen, hätten die Saracenen wenigstens einen Angriff auf den Berg Montsalvatsch, wo sich der Gral befand, machen müssen. Davon ist aber keine Spur vorhanden. Im Gegentheil sehen wir die christlichen Helden mit den Muhamedanischen im freundlichsten Verkehr und sehen sie sogar mit ihnen gegen die Griechen kämpfen. Der Hauptheld in dem ganzen mittleren Theil des Gedichtes ist der junge Tschionatulander, der Geliebte Sigunens, der Fürstin von Catalonien. Aber eben dieser Held hat gar kein Verhältniß zum Gral. Es handelt sich bei ihm nur um seine Liebesgeschichte, die in ihrer Mischung von Sinnlichkeit und Enthaltsamkeit, von launischem Eigensein und ritterlicher Tapferkeit wohl ein Aeußerstes mittelalterlicher Romantik ist. ? Der dritte Theil des Gedichts wird hauptsächlich durch Parcival's Geschichte ausgefüllt, die jedoch, da sie bereits von Wolfram vorweggenommen war, hier nur in einem verkürzten Maaßstabe erzählt werden konnte. Die Stadt Genua hat noch heut zu Tage eine Schüssel aus Serpentin, il sacro catino, welche für diejenige gilt, aus welcher Christus das Abendmahl gespendet habe. Im Widerspruch hiermit erzählt der Titurel, daß Parcival den Gral von Europa nach Asien gebracht habe, weil die Sünde im Abendlande überhand genommen habe. Christus suchte die Ungläubigen, die Zöllner und Sünder auf, ließ sich mit ihnen ein, hielt sich durch ihre Berührung und Gemeinschaft nicht für befleckt; denn sie zu erlösen, war ja der Hauptzweck seiner Mission.[352] Der Gral aber, das Besitzthum einer ritterlichen Aristokratie, hielt sich für zu vornehm, unter den Sündern zu verweilen. Ein Wunder versetzte ihn, nachdem er bis Arles gebracht worden, durch die Lüfte über das Meer nach Asien, wo die Religion, d.h. im Sinne des Mittelalters, die Hierarchie in voller Integrität unter der Herrschaft des Priesterkönigs Johannes florirte. ? Wenn ich in meiner Abhandlung behauptete, daß im Titurel die damalige christliche Weltanschauung vollständiger, als in irgend einem andern Deutschen Gedicht geschildert sei, und wenn ich dies ausdrücklich durch Auszüge dogmatischen Inhalts zu beweisen suchte, die ich in der Form von Beilagen anhängte, so ist das nicht unwahr und kann auch meine Vergleichung mit Dante rechtfertigen. Allein sie bleibt gänzlich auf dem Niveau der allgemeinen scholastischen Theologie, ohne die scholastische Lehre, wie es Dante thut, zu einer selbstständigen, von innen heraus durchdrungenen Fassung zu erheben. Die Vergleichung schlug also völlig zum Nachtheil des Titurel aus. Die verherrlichende Ueberschwänglichkeit, mit welcher die Romantik von ihm zu reden sich gewöhnt hatte, war ein Irrthum, den einzugestehen mir damals sehr schmerzlich wurde, dessen Bekenntniß abzulegen ich aber doch genöthigt war, wenn ich nicht meiner Ueberzeugung widersprechen wollte. Dies war mein erster Bruch mit der Romantik. Dieser Bruch war jedoch nur ein erst unbewußter. Es dauerte noch Jahre und Jahre, bevor ich mich aus der romantischen Confusion herausarbeiten konnte. Nur durch eine Wechselwirkung mit der Bewegung des jungen Deutschlands kam ich dazu. Dies kehrte sich gegen die Romantik, steckte aber, so gut als ich, noch selber darin. Es war eine Scene in Gutzkow's Wally, durch welche mir das ganze Verständniß klar wurde. Im Titurel wird erzählt, wie Tschionatulander jedes Mal, wenn er von Sigunen Abschied nimmt, sich in einen Kampf zu stürzen, sie bittet, sich ihm ganz nackt in all ihrer natürlichen Schönheit zu zeigen. Sie gewährt ihm diese Bitte, indem sie nur die Mitte des Leibes mit einem Schleier verhüllt, übrigens ihm sogar gestattet, ihren Busen und ihre Hüften zu betasten. Diese Scene ahmte Gutzkow in seiner Wally, unter sonst völlig abweichenden, sehr bedenklichen Umständen, nach. Ich hatte mir damals, als ich in der Analyse des Epos an diese Scene gekommen war, durch eine Erinnerung an eine ähnliche[353] in Friedrich Schlegel's Lucinde zu helfen gesucht, war aber noch weit davon entfernt gewesen, diese Nuditäten anzugreifen. Als ich mit meiner Abhandlung fertig war, schrieb ich sie sauber in's Reine und ließ sie vom Buchbinder ganz stattlich wie ein Buch einbinden. Hierüber war Weihnachten herangerückt, als Briefe von Genthe aus Halle eintrafen, in denen er meldete, daß er zum Doctor der Philosophie promovirt sei. Er wollte die akademische Laufbahn einschlagen und forderte mich auf, das Gleiche zu thun. Dieser Vorschlag traf mich in einem Moment, wo mir nichts erwünschter erscheinen konnte. Simon und Volk machten mir alle Bedenken gegen einen solchen Schritt geltend, aber ich war sogleich entschlossen, ihn zu wagen, denn ich fühlte mich durch ihn plötzlich von dem geheimen Druck befreit, der seit einigen Monaten mich schwer belastete, weil mein ganzes Treiben am Morgen mich mit dem Titurel, Nachmittags mit der Geschichte der Philosophie, Abends mit Napoleon zu beschäftigen, in der That eine höchst sonderbare Vorbereitung zum Candidatenexamen war. Die Abhandlung über den Titurel konnte ich freilich nicht zur Promotion einreichen, da sie Deusch geschrieben war, aber ich konnte sie einer Lateinischen Abhandlung über die Perioden der Deutschen Literatur in Lateinischer Sprache, die ich mir sofort entwarf, als einen Beweis beilegen, wie ernstlich und umfassend ich mit diesem Gegenstand mich beschäftigt hatte. Nun war kein Halten mehr. Der gute Vater gab mir einige hundert Thaler und ich reiste gleich nach den Feiertagen in der schon geschilderten Landkutsche nach Halle ab. Amazon.de Widgets Es war eine traurige, langweilige Fahrt! Nur zwei Personen fand ich noch als Reisegefährten, eine unbekannte, sehr triviale Dame, die sich unaufhörlich mit Essen und Trinken beschäftigte, und einen Bekannten, den Dr. Rättig, Custos an der Universitätsbibliothek, mit welchem ich denn wenigstens über Bücher, über Halle und über die äußerliche Procedur meines vorhabenden Promotionsexamens plaudern konnte. Nun begegnete uns ein kleines Ereigniß, das mich, wäre ich abergläubisch gewesen, wohl hätte stutzig machen können. Wir verfuhren uns. Auf den Feldern lag weit und breit Schnee. Es war bitter kalt. Der Mond stieg zur Nacht auf. Wir Passagiere versanken in Schlaf. Plötzlich wachten wir alle drei fast zugleich dadurch auf, daß[354] wir fühlten, der Wagen stehe still. Aber der Kutscher auf dem Bocke schlief fest. Wir weckten ihn endlich durch Pochen und Zuruf auf und fragten, wo wir wären. Er wußte es nicht. Der Wagen stand einem einsamen Gehöft gegenüber, auf dessen von Mauern umschlossenem Hof die Hunde zu bellen begannen. Wir waren von der Chaussee auf einen Feldweg abgekommen. Es blieb nichts übrig, als im Gehöft Leute zu wecken, um zu erfahren, wo wir uns befänden. Der Kutscher mußte absteigen und Lärm machen. Es dauerte ziemlich lange, bis sich Jemand regte und verdrossen Antwort gab. Wir waren anderthalb Stunden von der Chaussee entfernt, mußten umkehren und gelangten mit den sehr ermüdeten Pferden Nachts zwischen zwei und drei Uhr in Halle an. Ich stieg im Gasthof »zur Stadt Zürich« ab und legte mich sogleich zu Bett, denn ich war durch und durch erstarrt und mein Kopf wüst und leer. ? Das war mein wenig verheißender zweiter Anfang in Halle. 
 Seinen hochverehrten Freunden und Collegen, den Professoren der Philologie Herren Dr. Karl Lehrs und Dr. Ludwig Friedländer als dankbare Gegengabe in treuer Anhänglichkeit gewidmet vom Verfasser.[3]  
 III. Errettung des höheren Sinnes in mir durch die Eindrücke der bildenden Kunst.  [48] Habe ich im ersten Abschnitt dieser Erzählung eine idyllische, mit phantastisch anregenden Elementen versetzte Kindheit, und im zweiten die Verwilderung geschildert, welche der Belagerungszustand Magdeburgs mit seinen Folgen in mir hervorbrachte, so will ich jetzt eine Reihe von wohlthätigen Wirkungen anführen, die ich hauptsächlich der bildenden Kunst verdankte. Während ich mich, fortgerissen von den Unruhen der Epoche, in den Straßen der Altstadt umhertrieb, bot sie selber zunächst mir eine Beschäftigung dar. In der heiteren Vorstadt war der Uebergang von der Stadt selbst frei und unmerklich gewesen, in der Altstadt dagegen fühlte ich mich von dem Harnisch der Festung umhüllt, deren »Werke«, wie man in Magdeburg par excellence sagt, sich zwischen Häuser und Feld wie ein künstliches Gebirge hinlagern. Die Altstadt Magdeburg bildet im Großen ein ungefähres Parallelogramm, das nach Süden, Westen und Norden von den Basteien der Festung, nach Osten von dem Elbstrom umschlossen wird, nach welchem hin die Ufer ziemlich steil abfallen und am Jakobs-, Peters-und Johannisföder Einschnitte haben. Im Elbstrom selbst liegen zwei langgedehnte, aus der Verwachsung[48] mehrerer Sanddünen entstandene Inseln, deren schmälere in ihrer Mitte die berühmte Citadelle trägt, welche mit ihren Kanonen den Fluß und die gegenüberliegende Stadt beherrscht, und die Gefängnisse der Baugefangenen und der Staatsgefangenen in sich schließt. Südlich von der Citadelle streckt sich der sogenannte Horn, nördlich der sogenannte Werder hin. Auf ersterem befinden sich vorzüglich Bleichen und Schießplätze, auf letzterem Kaffeegärten mit anmuthigen Baumgängen. Die Stadt selbst läßt sich daher bequem übersehen. Eine einzige lange Straße, der sogenannte breite Weg, zieht sich durch sie von Norden nach Süden hin. Von dieser Mitte laufen die Querstraßen einerseits westlich auf die Festungswerke, andererseits östlich auf den Elbstrom zu. Zwei große Plätze, der alte Markt in der Mitte, der neue am Südrande der Stadt, sowie große, in alle Stadtviertel vertheilte Kirchen erleichtern die Orientirung. Magdeburg gehört zu den Städten, die ihre gegenwärtige Physiognomie aus einer weitgreifenden Zerstörung ableiten müssen. Wie London durch seine Riesenfeuersbrunst 1666 sein Mittelalter nur auf wenige Reste zusammengedrängt und sich daher in der Architektur einen ganz modernen Charakter geschaffen hat, so ist auch Magdeburg in seiner Außenseite bis auf die Kirchen vom Mittelalter losgerissen. Allein auch selbst die Kirchen sind großentheils, weil sie viel gelitten hatten, modernisirt, und nur der Dom, wenn auch von der Süd- und Westseite stark zerschossen, in seiner Gesammtheit mittelalterlich geblieben. Die Pfeiler und Thürme eines solchen Steingiganten ragen als ein steter Protest gegen die Gemeinheit banausischer Gesinnung gen Himmel und flößen auch dem geringsten Bewohner der Stadt ein gewisses ideales Selbstgefühl ein. Der Magdeburger Dom wird von den Aesthetikern nicht gerade bevorzugt, besitzt aber die seltene Eigenschaft, eine Einheit des Plans und diese Einheit ziemlich fertig darzustellen. Die Begründung des Doms geht bis auf Kaiser Otto I. zurück, welcher erste Bau aber, zum Theil aus Holz, 963 niederbrannte. Der jetzige Bau wurde 1208 vom Bischof Adelbert unternommen und durch den Werkmeister Bonsack von der Chorseite her angefangen, jedoch in der Hauptsache erst 1363 vollendet. Seine Grundform ist ein lateinisches Kreuz, welches in der Länge fünf, in den Armen desselben drei[49] Einheiten enthält. Auf jeder Seite des Schiffs stehen daher fünf schlanke Pfeiler, so wie auch der Schluß des Chores fünf Seiten und an jeder Seite eine Kapelle hat. In der mittleren Kapelle befindet sich das Grabmal Editha's, der Gemahlin Otto's I., einer englischen Prinzessin. Die dem Chor gegenüberliegende Vorhalle zwischen den beiden Thürmen ließ der Erzbischof Ernst von Sachsen 1493 zu seiner Grabkapelle einrichten, so daß beide Monumente gewissermaßen Anfang und Ende des Baues darstellen, denn die Grabkapelle des Bischofs sperrte den Zugang in die Kirche von der großen, reich verzierten Thorpforte her, so daß eine Seitenpforte dafür geöffnet ward, die letzte wesentliche, an dem Bau vorgenommene Veränderung. Einen andern Ersatz für jene Beschränkung gab Ernst von Sachsen auch dadurch, daß er sein Monument von Vischer in Nürnberg ausführen ließ. Vom Schiff der Kirche ist dasselbe durch ein großes Eisengitter abgesperrt, das ? wenigstens so lange ich in Magdeburg war ? eigens geöffnet werden mußte, eine Umständlichkeit, die vielleicht dazu beigetragen hat, dies Grabmal nicht so bekannt werden zu lassen, als das ähnliche des heiligen Sebaldus in Nürnberg. Unstreitig steht dies als Kunstwerk noch höher, denn es ist freier, weicher, idealischer gehalten, und die Apostelgestalten daran sind bis zu einer unübertrefflichen Charakteristik herausgearbeitet, während das Magdeburger Monument noch den zwar markigen, aber auch schrofferen und eckigeren Typus der Krafft'schen Schule an sich trägt. Nichtsdestoweniger bleibt es ein vorzügliches Werk, das anzuschauen mir stets hohen Genuß gewährte und dessen genauer eingehende Vergleichung mit dem Nürnberger sehr interessant und lehrreich sein müßte. Da der Magdeburger Dom noch viele andere Denkmale aus Stein oder Metall, oft in Verbindung mit Gemälden, enthält, so konnte selbst meiner noch ungeschulten Phantasie der große Unterschied ihrer Behandlung von der idealen Bedeutendheit der Vischer'schen nicht entgehen. Der Magdeburger Dom hat noch einige Eigenthümlichkeiten, die ihn bemerkenswerth machen. Ich will absehen von dem Reichthum, den das nordwärts gelegene Seitenschiff mit seiner Gallerie und seinem Spitzgiebeln entfaltet; ich will absehen von der freien Umgebung eines großen Platzes, der die Auffassung des Baues begünstigt und der so[50] vielen Kathedralen mangelt; ich will absehen von dem imposanten Schauspiel, welches der Dom von der Chorseite her darbietet, wenn man dieselbe über Gärten und Häuser hinweg von der Höhe des Fürstenwalles aus anschaut; ich will absehen von dem schönen Kreuzgang, der sich unmittelbar an die Südseite anschließt; ich will nur auf den Umstand aufmerksam machen, daß dieser Dom wenigstens zwei vollständig ausgebaute Thürme besitzt. Zwei kleinere Thürme auf der Ostseite, wo Chor und Schiff sich schneiden, sind nicht vollständig zu Ende geführt, die Thürme auf der Abendseite dagegen in einer Höhe von beinahe viertehalbhundert Fuß (die bestimmte Zahl ist mir entfallen). Die Thürme, welche das Atrium zwischen sich einschließen, bestehen aus einem dreigliedrigen Parallelepipedon, worauf ein Polygon gesetzt ist, das von einer Pyramide beschlossen wird, die in einen breiten Blumenkelch ausläuft. Die Verhältnisse dieser Thürme sind nicht so kühn, wie die mancher anderen, es fehlt ihnen eine gewisse ätherische Leichtigkeit, jene zierliche, blumendurchwirkte Wipfelung, die wir anderwärts bewundern müssen. Dennoch sind die Formen edel und in ihrer Beziehung zur Totalität des Gebäudes vom schönsten Ebenmaß. Die Mehrzahl der Kirchen in Deutschland hat nur einen Thurm fertig gebaut, wovon der Straßburger Münster das bekannteste Beispiel ist; oder die Thürme sind oft nur bis zur gleichen Höhe mit dem Dach des Mittelschiffs fortgeführt und dann oft mit architektonisch-heterogenen Kappenaufsätzen nur äußerlich beendet, während der Magdeburger Dom ein Vollbild der Großartigkeit solcher Thurmbauten gewährt. Das Dach des Atriums geht bis dahin, wo der viereckte Stamm der Thürme abschließt. Im Glühen des Sonnenuntergangs, wenn die Fenster des Atriums in Purpurflammen brennen und der braune Pirnaer Sandstein, in welchem der Bau ausgeführt ist, mit schönen Tinten gegen das Himmelblau absticht, bieten die Thürme einen prächtigen Anblick dar, wogegen die Langseite ihren schönsten Effect im Mondlicht zeigt. Magdeburg ist nicht, wie die Rhein- und Donaustädte, aus einem römischen Lagerplatz hervorgegangen. Es reicht mit seiner Entstehung noch in unmittelbar deutsche Zustände und ist aus einem Fischerdorf zu einer großen Handelsstadt erwachsen. Die Ottonenzeit ist die Zeit seiner wahren Begründung, ihr folgt die kriegerische Zeit des Kampfes[51] der Magdeburger Bischöfe mit den Brandenburgischen Markgrafen und Bischöfen; es folgt die Zeit der Reformation, die an Magdeburg eine lebhafte Unterstützung fand und seine Zerstörung im dreißigjährigen Kriege zur Folge hatte. Es folgt die Einverleibung des Herzogthums Magdeburg in die preußische Monarchie. Alle diese Zustände haben an dem Dom, an seinem Bau im Großen, wie an seinen Denkmalen, Beschädigungen und Restaurationen im Einzelnen sich reflectirt. Seine Thürme beherrschen die große fruchtbare Ebene der langen Börde, wo die Longobarden ihren Ursitz gehabt haben sollen. Für dies Bauwerk nun habe ich in meiner Jugend geschwärmt und dasselbe von Außen und Innen oftmals liebevoll betrachtet, wenngleich ich erst in viel späteren Jahren zu einer begründeten Einsicht in die Stellung gelangte, die es in der Geschichte der deutschen Baukunst einnimmt, indem es von dem Chor ab, der seinen Kapellengürtel noch durch einen schönen Umgang absondert, bis zu den Thürmen hin, den Uebergang vom romanischen Styl zum germanischen darstellt und in der Ornamentik byzantinische und deutsche Formen selbst mit antiken mischt. Von den Eltern wurde zwar als Regel angenommen, daß ich Sonntags in unsere wallonisch-reformirte Kirche ging, doch hatten sie auch nichts dawider, wenn ich von Zeit zu Zeit auch andere Kirchen besuchte; ja der Vater selbst nahm mich zuweilen in den Dom mit, weil er zur Abwechselung die philosophische Manier in den Predigten des Consistorialraths Koch, der sich durch eine Schrift über den Magdeburger Dom und eine solche über das Schachspiel auch literarisch bekannt gemacht hat, sowie dem pomphaften Vortrag des Bischofs Westermeier gern hörte. Da ging ich denn vor Allem gern in den Dom und hing mit träumerischen Blicken, mit romantisch angehauchten Gefühlen an seinen Schwibbogen und Fenstern, Statuen und Bildern, Fahnen und Waffen. Während meines unruhigen Umhertreibens beschäftigte mich auch die Individualität der Straßen. Es liegt in der Jugend ein poetischer Trieb, der mir selbst die verschiedenen Wochentage gleichsam personificirte, so daß mir z.B. der Montag nicht blos Zeit, sondern ein ganz apartes Wesen war, und ich aus solcher Anschauung heraus auch zu jedem Tage eine andere Stimmung mitbrachte. Die Woche war mir vom Montag bis Sonntag ein gegliedertes Ganze, das seine totale[52] Färbung für mich durch das jedesmalige Sonntags-Evangelium des Kirchenjahres empfing. Und so war mir denn auch jede Straße gewissermaßen ein anderes Individuum. Die eine, von hochgethürmten Häusern besetzt, erschien so düster, wie ein grämlicher, schweigsamer Alter; die andere, von bunten, fensterhellen Häusern gebildet, erschien so heiter, wie eine liebliche Kokette. Gewiß wirkten auch die Namen der Straßen auf die Phantasie; allein die Hauptsache blieb doch der wirkliche Eindruck, den die Straße nach ihrer Lage und Bauart und nach der Beschaffenheit ihrer Bevölkerung auf mich machte und den ich selbst auf einen gewissen specifischen Duft jeder Straße, sowie ich nur um die Ecke in sie einbog, zu spüren glaubte. Und noch jetzt ergeht es mir ähnlich. Die Häuser Magdeburgs sind zwar modern und gewöhnlich, doch besitzt es noch eine Anzahl im siebzehnten Jahrhundert erbauter, mit Sandsteinornamenten, mit großen Bogenthüren und mit stattlichen Giebeln ausgestatteter. Der breite Weg und der alte Markt enthalten besonders viel Häuser in diesem nicht reinen, allein immerhin kräftigen Styl, wie auch das Rathhaus mit einer Pfeilerhalle unten, einer luftigen Gallerie oben und einem säulengestützten geräumigen Balkon in der Mitte sich recht würdig ausnimmt. Vor ihm versetzt die einfache Sandstein-Rei terstatue Otto's I. auf einem von Statuen in knappen Rüstungen umgebenen Piedestal in die Wiegenzeit der Stadt, ein Effect, der noch größer sein würde, wenn die kleine Kaiserstatue zum Schutz nicht mit einem modernen Tempelchen überdacht wäre, dessen wulstige Thurmhaube und griechisch sein sollende Säulchen zu dem schlichten Wesen der alten Bildhauerei gar nicht passen. Diese Statue erfreute sich von den Fischer- und Hökerfrauen eines gewissen Cultus, indem dieselben am Morgen des ersten Mai dem Kaiser Blumensträuße und einige Gläser Liqueur auf den Rand der Plattform, die ihn trägt, hinstellten. Der alte Markt war die Gegend des weltlichen Verkehrs, und die hinter dem Rathhaus nach der Elbseite liegende mächtige Johanniskirche führte in den Urkunden den Namen ecclesia mercatorum. Der dem directen bischöflichen Dominium unterworfene Stadttheil konnte gegen diesen weltlichen durch ein Thor abgeschlossen werden, welches sich da befand, wo jetzt der sogenannte Schwibbogen vom alten Markt[53] nach dem Königshof führt. Und nach so vielen Jahren läßt sich wahrnehmen, daß die Stadt um den alten Markt herum die der Nothdurft des Lebens dienenden Gewerke und den Kleinhandel concentrirt, während die Luxusarbeiten, der Großhandel, das Kapital, das vornehmere Beamtenthum und das Vergnügen mehr in derjenigen Stadthälfte wohnen, die vom alten Markt bis zum neuen sich hinzieht. Die ärmste und in sittlicher Hinsicht verrufenste Gegend war die der sogenannten Baracken zwischen der Stadt und den Wällen der Westseite, namentlich zwischen dem Ulrichs-und dem Schrotdorfer Thor. Vom Wall aus gewährten sie einen sehr malerischen Anblick. Verwohnte Häuser mit bauchigen Mauern, mit zerbröckelnden moosgrünen Dächern, mit schlotternden Fenstern und Thüren. Mehrere Familien in eine Stube zusammengepreßt, doch Blumentöpfe in den Fenstern, Bohnen und spanische Kresse an Bindfaden aus erdgefüllten Schachteln emporgerankt, dazwischen Vogelbauer mit Wachteln und Zeisigen. Schmale, schmutzige Treppen, aus den Fenstern auf Stangen trocknende Lumpen hängend, das Glas in allen Regenbogenfarben schillernd, halbnackte Kinder mit Gelärm umhertollend, eisgraue Mütterchen Lieder summend am Spinnrade sitzend, verdächtig aussehende Männergestalten in lebhaftem Zank mit einander oder gedankenlos eine kurze Pfeife schmauchend, Hunde und Katzen aller Rassen und Farben fehlten selbstverständlich nicht. ? Ob dieser Wunderhof Magdeburgs noch existirt, vermag ich nicht zu sagen, in meiner Jugend aber reizte er mich öfter zu seiner Anschauung. Diese Baracken schienen mir zwischen dem Wall und den soliden Bürgerhäusern eine Art socialer Hölle abzulagern, die sich aber in ihrem Elend mit Zigeunermuth lustig genug benahm. Amazon.de Widgets Viele Häuser Magdeburgs hatten noch symbolische Namen. Gewöhnlich war das Symbol, in Stein ausgehauen, über der Thür zu sehen, wie z.B. der steinerne Tisch, der Lindwurm, das goldene Scepter, der schwarze Bock, der schwarze Bär, der grüne Arm, die fleißige Hand, die goldene Axt, der lange Hals, das Weinfaß u.s.w.; oder es war in Blech geformt und hing schwebend über dem Eingange, wie: die Stadt Braunschweig, die Weintraube u.a. Diese an sich oft roh gearbeiteten Bildwerke verfehlten doch nicht, der Phantasie Ruhepunkte und Beschäftigung zu verleihen, und gaben auch wohl der ganzen[54] Straße, worin sie sich fanden, den Namen. Lebhaft erinnere ich mich, daß man es als etwas Neues ansah, als nach den Befreiungskriegen das Hôtel »zur Stadt London« am breiten Wege eingerichtet wurde und nun kein Bild der Stadt London als Schild erschien, sondern ein langes Brett, auf dessen streusandblauem Grunde mit goldenen Lettern zu lesen war: »Zur Stadt London.« Wie kahl, wie prosaisch gegen die Stadt Braunschweig, die in Blech ausgeschnitten, ganz natürlich bemalt, ihre Thürme aus einem reichen Frucht- und Aehrenkranze hervorstreckte! ? Lange Zeit führte mich mein Schulweg von dem goldenen A über den breiten Weg an der Katharinenkirche vorbei, über deren Eingange die heilige Katharina mit dem Rade, das sie hingemartert, zu ihren Füßen und mit dem Palmsiegerzweige in den Händen stand. In einem Winkel am Thurme hatte ein Steinmetz seine Werkstatt aufgeschlagen. Viele Arbeiten wurden bei halbweg günstigem Wetter im Freien ausgeführt. Diese Beschäftigung zog mich ungemein an und ich konnte mit innigster Lust zusehen, wie Meißel und Schlägel die Steinblöcke gestalteten. Die Arbeiten waren meistentheils nur gewöhnlicher monumentaler Art, aber tiefes Entzücken durchdrang mich, wenn ich die vorgezeichnete Form, den Epheukranz, die Lampe, den Anker, die Fackel, die Kugel u.s.w. sich aus dem Stein als eine palpable Wirklichkeit reinlich und glatt hervorheben sah. Selbst das Einhauen der Inschriften unterhielt mich, und wäre ich noch einige Jahre dort vorübergegangen, würde ich vielleicht der Begierde nicht haben widerstehen können, mich dieser strengen und edlen Kunst zu widmen. Für die Malerei wurde mein Interesse dadurch erhöht, daß mein Oheim David Grüson nach mehrjährigen Studien, namentlich in Dresden, uns besuchte und, um in den schlesischen und böhmischen Bädern als Portraitmaler ein ungehindertes Reiseleben führen zu können, den größten Theil seiner Zeichnungen, Modelle und Oelbilder unserem Verwahrsam übergab, aus welchem er sie erst im Anfang der Zwanziger Jahre, als er sich in Breslau niedergelassen hatte, wie der fortnahm. Unter diesen Schätzen befand sich auch eine italienische Prachtausgabe des Vignola, aus welcher ich den Schlüssel aller antiken und aller ihnen nachgeahmten Bauwerke, die fünf Säulenordnungen, kennen lernte.[55] Diese schönen Kupferstiche ließen mich auch im höchsten Grade empfinden, wie wundervoll die einfachen Gestalten des Würfels und der Kugel, des Prisma's und des Cylinders, der Pyramide und des Kegels sind, aus welchen Grundformen doch am Ende mehr oder weniger alle sichtbare Erscheinung besteht. Die vorzüglichsten Antiken, welche das japanische Palais und die Mengs'sche Abgußsammlung zu Dresden enthält, hatte mein Oheim in trefflichen Zeichnungen mit Kreide auf farbigen Papieren copirt, so daß ich auch hier frühzeitig und unbefangen zu einer reichen Anschauung der unendlichen Schönheit der menschlichen Gestalt und des antiken Faltenwurfs gelangte, deren unermeßlichen Werth ich erst in späteren Perioden meines Lebens nach Gebühr sollte schätzen lernen. Die Primogenitur dieser Anschauung war so unverwüstlich, daß die großen Ausschweifungen meines Geistes im Studium und in der Verehrung des christlichen Mittelalters sie doch nicht zu absorbiren vermochten. Unter den Oelbildern griffen mir einige tief in die Seele. Wir hatten bis dahin, außer mehreren Familienportraits und Kupferstichen, unter denen der damals sehr beliebte vom Tode des General Wolf in der Schlacht bei Quebeck das vorzüglichste Blatt war, nur kleine in Oel gemalte Landschaften an den Wänden des Schlafzimmers und auf dem Flur ein lebensgroßes Brustbild gehabt, das einen Mönch darstellte, der mit lüsternen Mienen einem schlafenden Mädchen einen Maikäfer auf den Busen setzte. Jene Landschaften mit ihren Baumgruppen, ihren Hafenprospekten, Thurmruinen, ihren Mühlen und Viehmatten waren mir allerdings auch eine Nahrung gewesen. Denn der lungernde, in die Welt sich erst einlebende Kindersinn nimmt sich die Nahrung aus Allem, weil das stoffartige Interesse bei ihm noch überwiegt, wie denn selbst ganz untergeordnete Kupferstiche mir unvergeßlich geworden sind, weil ich sie täglich vor Angen hatte und weil sie etwas Merkwürdiges darstellten, z.B. Trenck und Stahlberg im Gefängniß, das Leichenbegängniß des edlen Herzogs Leopold von Braunschweig, der bei einer Ueberschwemmung ein Opfer seiner Menschenliebe ward, u. dgl. Ja sogar allegorische, im Kunstwerth ganz geringe Darstellungen prägten sich mir scharf ein, weil sie etwas Paradoxes hatten, an das zu denken der Kampf des späteren Lebens mich oft bewegte. So blickte aus einem[56] Bilde in unserer Schlafstube mich von früh bis spät Jahre hindurch das wehmüthige Auge eines Mannes an, der mit einem Hut auf dem Kopf, im langen Oberrock, wie die Tugendhelden der Cramer'schen Romane gehalten, an einem Felsblock stand, aus welchem ein Quell schäumend hervorrauschte. Unter dem Kreis, der diese Scene umschloß, standen die Worte: Ich stehe am Quell und dürste! O wie oft ist mir diese elegische Gestalt wieder aufgetaucht, wie oft habe ich nicht, bald resignirend, bald zornig, jene Worte ausgerufen! Wie oft stehen wir Menschen am Quell und dürsten, weil wir nicht trinken dürfen, nicht trinken können, nicht trinken wollen, oder gar den Quell, dessen Krystall uns lockt, für vergiftet halten! Doch zurück zu jenen Oelbildern. Denn nun wurden unsere Wände, außer durch mehrere bessere Thierstücke, noch durch einige größere Werke geziert, die einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterließen. Das eine war das Portrait des italienischen Malers Tibaldi, Kniestück in Lebensgröße, eine edle, ernste Künstlergestalt; das zweite war eine Copie des bekannten Portraits von Rembrandt in Dresden, die mich zuerst auf diesen Maler und seine eigenthümliche, schattendunkle Manier hinlenkte; das dritte eine in etwas kleinerem Maßstabe ausgeführte Copie der büßenden Magdalena, von Battoni in Dresden; das vierte eine Copie des Christus im Disput mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, von Leonardo da Vinci, in gleicher Größe als das Original. Nach dem damaligen Zeitgeschmack galt, wie ich oft vernehmen mußte, die Magdalena für das bedeutendste dieser Bilder, ähnlich wie die Mediceische Venus, die als Gypsstatuette bei uns auch auf einer Console stand, für das absolute Ideal weiblicher Schönheit genommen wurde, bis die Melische Aphrodite sie nunmehr dethronisirt hat. Die Reue erscheint bei Battoni so anmuthig, daß wir ohne die halbwilde Umgebung und ohne den im Vordergrunde liegenden Todtenkopf vielmehr eine Schöne zu erblicken glauben würden, die in einem interessanten Roman liest, und, der Sommerschwüle zu entgehen, sich im leichten Ueberwurf auf das weiche Moos in dieser dämmernden Einsamkeit träumerisch hingebettet hat. Pompeo Battoni kämpfte im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts mit Energie gegen den Verfall der Malerei, kam jedoch über den Standpunkt der Eklektiker nicht hinaus. Die[57] Weichheit seiner correcten Formen, die Lieblichkeit seines Colorits verdienen alle Anerkennung, aber der höhere Gedanke fehlte ihm. Als ich später in Dresden das Original seiner Magdalena zu sehen bekam, wollte es mich fast bedünken, als ob die Lebensgröße des Formates seiner sentimentalen Auffassung im Wege stünde und als ob der kleinere Umfang, an den ich mich bei unserer Copie gewöhnt hatte, seinem Pinsel hier angemessener gewesen wäre. Leonardo da Vinci's Bild wurde nicht so geschätzt, ich selbst aber fühlte mich von ihm unwiderstehlich immer auf's Neue angezogen. Christus steht in der Mitte zwischen vier Pharisäern, kraftvollen Männergestalten in Kapuzen und Kappen; links im Hintergrunde ein greises Haupt mit grauem Barte, die gehörten Worte mit empfänglichem Sinn in sich beherbergend; vor ihm ein soeben sprechender, mit Zeigefinger und Daumen demonstrirender ernster Schriftgelehrter. Beide stellen die geheime Sympathie mit Christus dar, wogegen rechts im Hintergrunde eine schwarzbärtige, energische Physiognomie mit hierarchisch-finsterer Miene sich von Christus ab-, ihrem Nachbar zuwendet, der bartlos, mit pfiffigen Augen, mit herabgebogener starker Nase, mit dünnen, zugekniffenen Lippen und sinnlich ausgerundetem Unterkinn den kühlen Zweifelmuth ausdrückt. Zwischen diesen beiden zum Glauben und zum Unglauben geneigten Gruppen Christus mit bloßem Haupte, in einem herrlichen, oberhalb gestickten Purpurmantel, über den zwei Riemen, auf das Kreuz hindeutend, vor der Brust sich kreuzen. Die rothe Farbe ist hier gegen die dunkleren Farben der anderen Gewänder von außerordentlicher Wirkung, wahrhaft majestätisch. Das Gesicht Christi hat noch einen Nachhall vom byzantinischen Typus, in den mandelartig geschlitzten Augen, in der langen, schmalen Nase, im reichen Gelock des nußbraundunklen Haares, das gescheitelt auf den freien Hals herniederfällt. Die Hände sind wunderzart und eigenthümlich gehalten, indem der Zeigefinger der rechten Hand sich auf den Mittelfinger der linken legt, neben welchem aber auch der Zeigefinger derselben ausgestreckt ist ? unstreitig als symbolische Bezeichnung der Dreieinigkeit. Der Ausdruck in den Zügen Christi ist bei aller ruhigen Milde, die vorzüglich aus der offenen Stirn und den klaren Augen hervordringt, nicht ohne eine erhabene Ironie auf den Lippen, die soeben das Alles[58] erklärende, Alles belebende, Alles erlösende Wort sprechen wollen. Das Bild ist in mehreren Exemplaren vorhanden, das als Original geltende befindet sich jetzt auf der Nationalgallerie in London und gilt nunmehr bei den Kunstkennern als ein Werk von Bernardo Luini. Mir ist bei den Bildern, die ich von da Vinci in Wien und Paris gesehen habe, weder in der Composition noch im Colorit etwas aufgefallen, weshalb das Original nicht von ihm sollte herrühren können. Luini war sein Schüler, und wie weit der Meister ihn hier inspirirt habe, läßt sich natürlich gar nicht entscheiden. Doch bescheide ich mich gern, daß die Macht eines Jugendeindrucks mich beschränkt, da ich für Leonardo von diesem Bilde aus stets die höchste Verehrung empfand und darin durch Alles, was ich von diesem reinen und universellen Geiste vernahm, immer mehr bestärkt worden bin. Dies schöne Bild machte mich aber auch nach einer andern Seite hin aufmerksam. Ich war gewohnt, Christus mir durchschnittlich als einen reifen Mann vorzustellen, während er hier noch dem Jünglingsalter nahe erschien. Jene Gewohnheit entsprang nicht nur daraus, daß ich in den Kirchen und auf den Grabmälern Christus in solcher Männlichkeit dargebildet fand, sondern vornehmlich daraus, daß ich mich an die Sandrart'schen Kupfer der großväterlichen Nürnberger Bibel gewöhnt hatte. Diese Bibel, deren ich schon im ersten Abschnitte dieser Selbstschau Erwähnung gethan, ist nicht nur als Schriftwerk durch die aufgenommenen Erklärungen des Bibeltextes aus Luthers Schriften, nicht nur durch die Darstellung der sächsischen Churfürsten, sondern auch durch die Kupfer Sandrart's ein überaus würdiges Product des Protestantismus. Sandrart gehörte zwar völlig dem siebzehnten Jahrhundert an, allein er brachte noch in die Composition eine frische Naivität und in die Zeichnung die Traditionen einer besseren Zeit mit. Manches ist flüchtig, besonders in den Schlachten, in denen er oft nur Merian nachahmt, aber gerade in Aufgaben, die eine größere geistige Tiefe verlangen, hat er ein so treffendes psychologisches Talent entwickelt, daß seine Entwürfe einen bleibenderen Werth ansprechen dürfen. Da ist weder die falsche Ueberschwänglichkeit eines pietistisch gereizten Gefühls, noch die historische Dürre einer selbstklugen Aufklärung, sondern der Hauptpunkt, auf welchen es dem wahren Glauben ankommen muß, ist[59] mit Sinnigkeit ergriffen. Im Costüm und in den Beiwerken ist auf die geschichtliche Treue eine mäßige Rücksicht genommen, ohne dabei, wie die heutigen Franzosen, in Pedanterie zu verfallen; das Wesentliche ist immer die ethisch-religiöse Bedeutung einer Handlung geblieben, wodurch die malerische Motivirung ebenso bestimmt als mannichfaltig geworden ist. Unwillkürlich habe ich mich oft an diese Bibel erinnern müssen, theils wenn ich neuere Holzschnitt- oder Stahlstichsudeleien illustrirter Bibeln, theils wenn ich auf Kunstausstellungen so manche Fratze unserer frommen Maler sah. Wie leer, wie steif, wie verzwickt, gemüthlos, verfehlt sind in der Regel diese Machwerke! wie oft habe ich bei ihrem Anblick an Sandrart denken müssen, der das menschlich-göttliche Interesse so lebendig als würdig zu fassen und die ganze heilige Geschichte von der Schöpfung der Welt an bis zu den dämonischen Gestalten der Apokalypse hin aus einem Geist und aus einem Style mit der Sicherheit einer glaubensvollen Anschauung vollkommen individuell darzustellen wußte! Er componirte nicht mehr mit der Schlichtheit, aus welcher die Holzschnitte der ersten Laienbibeln hervorgingen, die sich noch an die Miniaturmalereien anlehnten. Sandrart hatte die Raphaelischen wie die Dürer'schen Bilder studirt, sich jedoch eine große Selbstständigkeit und Freiheit der Phantasie bewahrt, die nach meiner Meinung in der Behandlung der Propheten Jonas und Elias und der Parabeln Christi sich wirklicher Originalität nähert. Aus ihm hatte ich mir für Christi Antlitz den bärtigen Typus früh angeeignet. Leonardo's jünglinghaftes Antlitz mit schwach unter dem Kinn sich kräuselndem Bart gab mir den Anstoß auch zu einer andern Auffassung welcher die wirkliche Geschichte insofern zu Hülfe kam, als Christus in der That schon als Mannjüngling starb. Diese Doppelgestalt, ich möchte sagen, die Herakleische und Appollinische, trug ich viele Jahre neben einander in mir herum, bis ich inne ward, daß Christus in allen Lebensaltern, in allen allgemein menschlichen Situationen, in allen nationalen Nüancen gemalt werden müsse, um jedem einzelnen Menschen in jeder Lage des Lebens unter allen Völkern auch durch die Malerei Alles in Allem zu werden. Die Ewigkeit seines Wesens kommt für die Malerei äußerlich darin zur Erscheinung, daß sie ihn nicht nur als Kind und Jüngling, sondern auch als Mann und Greis malt.[60] In der Umgebung solcher Bilder war es natürlich, daß die Malerei sich frühzeitig in mir einen innigen Verehrer erwarb; dem daher auch zur Zeit der Michaelismesse die Bilderhändler unsägliche Freude bereiteten, wenn sie auf den Durchgängen des Landschaftsgebäudes und auf den Hausfluren der Regierungsstraße ihre Kupferstiche aushingen. Auch zeichnete und malte ich selbst sehr viel, leider ohne alle Anleitung, weil man für gut fand, mich vielmehr im Klavierspiel unterrichten zu lassen, zu welchem ich weder Neigung noch Talent hatte. Drei Jahre mühete sich der Lehrer mit mir herum und ich lernte endlich die Noten, lernte allerlei Tänze, Märsche, Rondos mechanisch spielen. Immer hoffte man, daß mit der wachsenden Geschicklichkeit auch die Lust kommen würde, da man bemerkte, daß ich an Musik, namentlich an melodischer, großen Gefallen hatte und konnte sich gar nicht darin finden, daß ich endlich meine Untauglichkeit und Unlust entschieden erklärte. Wie viel edle Zeit und Kraft vergeuden wir Moderne nicht wirklich an dem unseligen Clavierspiel, vor dessen Beunruhigung man sich aus den Städten kaum noch auf das Land hinausretten kann, weil es auch da bereits grassirt! Leidlich Clavierspielen gilt fast schon so viel, wie Anspruch auf den Namen eines gebildeten Menschen machen, während die eigentliche Bildung oft unverantwortlich zurückbleibt und mit dem vielen Sitzen und der verweichlichenden Nervenaufregung der Grund zu vielen schleichenden Krankheiten gelegt wird. Die schönsten Stunden des Tages werden mit dem »Ueben« hingebracht und dadurch eine erschreckende Gedankenlosigkeit, namentlich in unseren jungen Mädchen, herangezogen. Die Clavierspielseuche hat auch die Cultur der einfachen Instrumente sehr in Abnahme gebracht; Guitarre und Harfe, Flöte und Violine sind viel seltener geworden. Ueberall diese Monotonie des Claviers! Und flöhest Du in die entlegensten Straßen der Stadt, in die verborgensten Häuser, siehe, so würde das Gehämmer der Tasten dein Ohr doch von irgend einem ungeahnten Winkel aus zu erreichen und Deine Gedanken zu belästigen wissen! Musik ist, wie alle Kunst, himmlisch: aber diese Einseitigkeit ist entsetzlich. ? Der Mutter zu Liebe versuchte ich es später noch einmal mit der Musik, indem ein trefflicher Musiker, der in Magdeburg so hochgeschätzte Registrator Kämmerer, sich der Mühe unterzog, mich im Generalbaß zu unterrichten, um durch eine wissenschaftlich begründete[61] Einsicht mein Interesse an der Musik zu beleben. Wie dankbar ich ihm für seine Geduld und Freundschaft war, und wie sehr ich mich stachelte, ihrer werth zu sein, so mußte doch auch dieser Versuch nach einem Vierteljahr als mißlingend aufgegeben werden. Hätte man statt dessen meiner entschiedenen Neigung zum Zeichnen eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet, so würde ich darin wenigstens mehr geleistet haben, als geschehen ist. Die Eltern erblickten darin aber nur eine Erholung, die man der Schule halber sogar beschränken müsse, und der Vater richtete sich nach dieser technischen Seite hin nur darauf, daß ich eine gute Hand schreiben lernen mußte, in welcher Beziehung er mich sehr ernstlich anhielt, so daß ich endlich auch in der Kalligraphie mich zu seiner Zufriedenheit auszeichnete. Literarisch reizte mich damals nur dasjenige, was die Phantasie befruchtete. Bücher mit Bildern hatten bei mir, wie wohl bei allen Kindern, den Vorzug, weil sie meine Anschauung nährten. Ich blieb nicht verschont mit dem Gewöhnlichen, worin die deutsche Kinderliteratur so ausgiebig ist. Die erbärmlichsten Pfuschereien, die gedankenlosesten Aggregate seichter Erzählungen und tändelnder Gedichte, die elendsten Fratzen und Farbenklecksereien werden den Kindern zugemuthet, ohne zu erwägen, wie sehr man ihnen gerade das zwar ihrem Standpunkt Angemessene, aber doch nachhaltig Anregende schuldig wäre. Kohl erzählt in seinen biographischen Selbstbetrachtungen, die er unter dem Titel: Aus meinen Hütten, herausgegeben, daß er nach mehreren verunglückten Schriftstellerversuchen mit ernsten Büchern, wie einer Geschichte der ursprünglichen, in die mythische Zeit der Völker fallenden Erfindungen, bei seinem Verleger in Königsberg angefragt habe, was denn eigentlich in deutschen Landen gekauft würde, worauf dieser ihm erwidert habe: Kinderbücher. Als nun aber Kohl ein Elfenreisemärchen mit komischer Romantik und niedlichen Interlinearzeichnungen in Druck gab, hatte er doch wieder keinen Erfolg, weil dieser Versuch wieder zu neu und geistreich ausfiel. Unsere polypenförmige Vielthuerei in der Kinderliteratur ist größtentheils nur formell und tautologisch. Das Unkraut herrschender Plattheit erstickt das Weizenkorn origineller Erfindung. Wie selten ist es, daß ein Mann, wie Kohl, oder ein Mann von so gereifter[62] Bildung, wie der Gymnasialdirektor Gotthold in Königsberg, sich die Mühe nimmt, für Kinder zu schreiben! Wie selten ist die Originalität eines Fröhlich, eines Struwelpeter Hofmann! Wie bleibt die Kindesunterhaltungsliteratur meistens das Werk einer diebischen, wohlfeilen Industrie, und wie schnell sehen wir auf diesem Gebiete selbst solche Autoren ausarten und in eine plagiatorische Freibeuterei übergehen, die, wie Nieritz, glücklich begannen! Unter den Büchern, deren ich mich erinnere, war wenigstens ein orbis pictus, war Salzmann's Elementarbuch, war Funke's Lesebuch, welches letztere wohl zu dem Vorzüglichsten gehört, was die deutsche Kinderliteratur in jener Zeit aufzuweisen hatte. So war z.B. im ersten Theil auch eine Fibel. Auch war der Gedanke derselben festgehalten, das Gedächtniß des Buchstabens an einen hervorragenden Gegenstand zu knüpfen, dessen Name mit dem des gerade einzuprägenden Buchstabens beginnt. Dieser Gegenstand war nun aber auf das Sauberste in Kupfer gestochen. Die alte Fibel hatte in ihren Bildern, wie Jean Paul bekanntlich nachgewiesen hat, die Regel, immer einen todten und einen lebendigen Gegenstand in Bild und Vers zusammenzubringen, wo natürlich oft nur ein Nebeneinander herauskam und nicht immer der Zusammenhang, den die ersten Verse zeigen, herrscht. Der Affe gar possirlich ist, zumal wenn er vom Apfel frißt. Im Walde geht und brummt der Bär, wenn er vom Honig-Baum kommt her. Hier wird das B schon durch das vorgesetzte H versteckt. Nun aber nehme man z.B. den Buchstaben N. Da finden wir eine Nonne und einen Nagelbohr, und im Verse heißt es: Die Klosternonne muß thun Buß Ein Nagelbohr man haben muß. Da hört aller Zusammenhang auf oder kann doch nur humoristisch hineingedichtet werden. Das wollte Funke's Lesebuch vermeiden. Bei ihm ruft jedes Bild gleichsam mit allen Gegenständen uns denselben Laut in einem wirklichen Zusammenhang zu. Zum Beispiel unter dem Buchstaben Z erinnere ich mich, daß ein Zwerg dargestellt war, der sich in einem Zimmer gegen Zahlung eines Eintrittgeldes einer zahlreichen Gesellschaft sehen läßt. Oder das W zeigte einen Wanderer, der, im Walde von einem Wolf angefallen, durch das Streichen einer Violine denselben von sich abhält. Der zweite, ebenfalls[63] mit Kupfern ausgestattete Theil dieses Lesebuchs, das wir ruhig immer wieder hätten auflegen können, enthielt Lesestücke, die sehr anregend die freie Poesie, die fictive Wirklichkeit und die factische Wahrheit sonderten. Jene war durch zweckmäßig bearbeitete Märchen von der Prinzessin mit der langen Nase, d.h. vom Fortunat, vom dankbaren Gespenst, von Elmire oder der Blume, die nimmer welkt, vom Rübezahl u. dergl. vertreten. Die Scheinwirklichkeit stellte sich in Anekdoten von Taschenspielern und Bauchrednern, die prosaische Realität in Menzikoff's Geschichte, in Auszügen aus Lessep's sibirischer Reise und dergleichen dar. Sehr vielen Dank für die spielende Erwerbung einer Menge instructiver Anschauungen bin ich der deutschen Bearbeitung eines französischen kosmographischen Werkes von Allain Manesson Mallet schuldig, die zu Frankfurt am Main von 1684 ab in fünf Quartbänden mit vielen, an Werth sehr ungleichen Kupfern unter dem Titel einer Beschreibung des ganzen Weltkreises erschienen war. Sie enthielt eine Geschichte der verschiedenen Versuche, sich das Universum und die Stellung der Erde in demselben vorzustellen; eine Meteorologie; eine Beschreibung der Welttheile, ihrer Bewohner, der Religion und der Sitten derselben, der vornehmsten Städte und der merkwürdigsten Gebäude und Plätze. Sie verfolgte mithin den Weg, den die Natur der Sache selber vorschreibt; Uranalogie, Meteorologie, physische und politische Geographie, Ethnographie und Culturhistorie folgten einander. Die Menschheit hat immer solcher Uebersichten bedurft, die Fülle neuer Erfahrungen von Zeit zu Zeit wieder mit der traditionellen Anschauung auszugleichen, worin ja auch der vorzüglichste Werth des Humboldt'schen Kosmos liegt. Indem Humboldt in der Anlage des Planes dem Platonischen Timäos ein Seitenstück geschaffen hat, unterscheidet er sich als der moderne Naturforscher wesentlich dadurch, daß er die präcisen Bestimmungen der exacten Wissenschaft zu einem anschaulichen Bilde verdichtet hat. Burnet's Archäologie der Erde, Büffon's Epochen der Natur, Bernardin's de St. Pierre Naturstudien, Kant's Naturgeschichte des Himmels, Kant's physische Geographie, Ritter's meisterhafte Einleitung in seine Erdkunde sind der Tendenz nach ganz dasselbe, wie Humboldt's Kosmos, gewesen. Als eine untergeordnete Erscheinung gehört das Mallet'sche Buch in dieselbe Reihe und folgte in Deutschland der Kosmographie, die Münster[64] in einem Folianten, ebenfalls mit Karten, Stadtprospecten und eingedruckten Holzschnitten herausgegeben hatte und die wir als unsere älteste deutsche Universalgeographie, als das Seitenstück zu Sebastian Francke's Universalgeschichte, ansehen dürfen. Die bildliche Darstellung des Malett'schen Werkes war flüchtig, doch nicht ohne Phantasie und mit einer außerordentlichen Verschwendung ausgestattet. So nahm z.B. die Abbildung eines jeden Planeten ein Quartblatt ein, auf welchem er selbst oben in Pfenniggröße dargestellt war. Unter ihm aber breitete sich eine Landschaft aus, die seinen vermeintlichen Einfluß auf die Erde in symbolischen Phänomenen charakterisiren sollte. So erblickte man bei dem Merkur einen Fluß, auf welchem Schiffe segelten, über welchen eine schlangenförmig gewundene Brücke Reiter und Fußgänger einer Stadt zuführte u.s.w., um den vom Merkur beschützten Weltverkehr zu versinnbilden. So erblickte man bei dem Mars eine Stadt im Belagerungszustande; bei der Sonne Kühe, die unter dem Schatten einer Brücke in den Fluß hinabwaten, sich gegen die Mittagsschwüle zu schützen u.s.w. Manche dieser landschaftlichen Prospekte waren von wirklich malerischem Verdienst in der Art der Vinkebrom und Lingelbach. Die Karten waren in der Manier der Vogelperspektive. So viel nothwendig Falsches dabei vorkam, weil die Größe der Oerter, Kirchen, Bäume u. dergl. zur Terraingröße in keiner angemessenen Proportion stand, so erwuchsen doch auch wieder entschiedene Vortheile. In jener Zeit war beispielsweise bei den Erwachsenen viel von St. Helena die Rede. Von dieser Insel gab Mallet zwei Ansichten, die eine von der Seite her, wo die Portugiesen die Kirche auf einem kleinen Plateau angelegt haben, die andere von der Vogelschau aus, wo man die Zerklüftung der Insel, die von Ferne ein einziger Fels zu sein scheint, in viele Bergkuppen und Thäler übersieht. An Palmbäumen auf der Insel, an vorübersegelnden Schiffen auf dem Meere fehlt es natürlich auch nicht. So unrichtig nun in diesem großen Kupferstich vieles Detail war, so konnte ich doch merken, daß meine Vorstellung viel genauer und charakteristischer war, als die mancher Erwachsenen! die Helena nur als kleinen Kreis auf der Landkarte kannten. Das siebzehnte Jahrhundert verlor sich noch in einen Luxus mit dem Nebensächlichen, weil es noch die Richtung auf Vollständigkeit der Anschauung hatte. Die spätere[65] Zeit warf sich mehr auf die abstrakt begriffliche Behandlung, auf eine verständige Nothdürftigkeit und entfernte auch alles symbolische Beiwerk als ein für den Begriff störsames Moment, bis man, seit Rousseau, Basedow und Pestalozzi, dem intuitiven Element doch wieder größere Aufmerksamkeit gewidmet hat. Unsere Kartographie namentlich hat sich aus dem bloßen Linearumriß durch Vermittelung der Reliefplastik zu natürlich farbigten Formen mit außerordentlichem Glück durchgearbeitet, wie die Atlanten von Sydow und Berghaus beweisen. Von der Bekanntschaft mit dem Mallet'schen Buche datirt sich bei mir die Neigung zur Geographie und Topographie. Der ursprüngliche Büchervorrath unseres Hauses war arm. Bibeln, Erbauungsbücher, wie Tiede's Andachten auf alle Tage im Jahr, Witschel's Morgen-und Abendopfer, einige Predigtsammlungen, Gesangbücher, Rechenknechte, genealogisch-statistische Kalender, Nelkenbrecher's Comptoirtaschenbuch, das große Magdeburger Kochbuch, Stein's Geographie, einige Grammatiken der französischen und eine der italienischen Sprache, Hartung's Gedichtsammlung, Moser's Herr und Diener, Gellert's Mann nach der Uhr, eine Geschichte der Rosenkreutzer, Dusch's moralische Briefe zur Bildung des Geschmacks, ein Herrnhutisches und ein freimaurisches Liederbuch, die Statua Danielis zur Erklärung der vier Weltmonarchien, und sonst noch einige Almanache, wie der interessante Kotzebue'sche Almanach der Chroniken, das war ziemlich der ganze Vorrath von Büchern, den wir bei den Eltern vorfanden. Und wie bei uns, war es bei den meisten Bürgerfamilien. Für weiteres Lesebedürfniß half man sich auf andere Weise, theils durch Abschreiben, theils durch die Leihbibliotheken, deren steigende Vermehrung in Magdeburg den besten Maßstab für die Zunahme der Lectüre seit dem Pariser Frieden abgab. Denn anfänglich existirte nur die Hagemann'sche Leihbibliothek auf der Tischlerbrücke; ihr folgte die der Creutz'schen Buchhandlung auf dem breiten Wege; sodann eben dort die Rubachsche und seitdem noch manche andere. Die erstere Manier, das Abschreiben, dürfte heut zu Tage, wo die Kinder frühzeitig mit Büchern überschwemmt werden, wo in den Schulen fast jede Klasse ihre Bibliothek hat, wo die Heftlieferungen das Bücherkaufen scheinbar so wohlfeil machen, Vielen recht antediluvianisch erscheinen. Und doch war es gar so übel nicht[66] weil die Aneignung eine intensivere wurde. Der Lieblingsdichter beider Eltern war Bürger. Allein eine Ausgabe seiner Gedichte besaßen sie nicht; sondern die besten und berühmtesten Balladen und Lieder waren in ein Buch geschrieben, aus welchem auch wir Kinder Lenore, den Abt und den Kaiser u.s.f. kennen lernten. Alle Gedichte, Anekdoten, Räthsel, Predigten, die gerade Aufsehen erregten, wurden, wenn man ihrer habhaft werden konnte, abgeschrieben, woraus denn eine Art Familienbücher entstanden. Für mich hatte diese löbliche Sitte auch die gute Folge, daß ich mir von hier aus das Excerpiren angewöhnte. ? Die andere Manier, die Benutzung der Leihbibliotheken, hatte bei uns ganz dieselben Folgen, wie überall. Die Bücher sollten zunächst nur für die Eltern da sein: allein weil dergleichen Bücher keine feste Stelle im Hause haben, sondern von den Lesenden je nach ihrer Bequemlichkeit von einem Sopha auf's andere, von einem Zimmer in's andere umhergetragen und daher als ein Freigut nicht streng beaufsichtigt werden, so habe auch ich zahllose Bücher im Vorbeigehen als eine literarische Näscherei kennen gelernt. Die Gefahren, die mit der Zufälligkeit einer solchen Lectüre verbunden sind, hat man so oft geschildert, daß es überflüssig ist, noch Worte darüber zu verlieren. Manche Produkte der heutigen Welt sind nur aus dem Umstande des Romanlesens zu erklären, welches uns der Lectüre der classischen Schriftsteller, der echten Poesie, dem idealen Kunstwerk und der objectiven Realität der Dinge entfremdet. So ist z.B. die Ausführung des Socialsystems von Charles Fourier bekanntlich im höchsten Grade phantastisch; es kommen Züge darin vor, die für eine wissenschaftliche Darlegung unbegreiflich sein würden, wüßte man nicht, daß ihr Autor ein unersättlicher Romanleser gewesen. So erblickte Metternich in der Weltgeschichte nur eine espéce großartiger Intrigue, weil er nach Herrn von Hormayr's Bericht in keiner Lectüre, außer in der der Romane, gründlich zu Hause war. ? Ein Glück für mich war die Doppelrichtung der Eltern in ihrer Lectüre. Die Mutter, durch ihre Kränklichkeit an das Haus gefesselt, behielt, bei sorgfältig wirthschaftlicher Thätigkeit, doch viel Zeit und las Romane aller Nationen und aller Gattungen durcheinander. Der Vater dagegen war ein Freund von Reisebeschreibungen, von Memoiren, großen historischen Werken, politisch-satirischen Schriften. Von Romanschriftstellern[67] liebte er nur Jean Paul und Walter Scott, den er sich in einer Gesammtübersetzung selbst anschaffte. Eine mir natürliche Achtung vor aller Realität und ein dunkler Wissensdrang zogen mich auf die Seite des Vaters und ließen mich allmälig jene große historische Belesenheit namentlich in Reisebeschreibungen erwerben, ohne welche ich meinen Versuch über die Naturreligion der wilden Völker nicht hätte schreiben können. Als ich mehr heranwuchs, forderte der Vater selbst mich auf, seine Lectüre, wenn er sie mir nützlich erachtete, zu theilen, zumal es ihm auch angenehm war, dann mit mir darüber sprechen zu können. Je weniger Bücher in unserem eigenen Besitze waren, um so stärker wirkten diese wenigen auf mich. Ich kann mir nach meiner eigenen Erfahrung sehr wohl vorstellen, wie die sogenannten Volksbücher eben dadurch ein so unsterbliches Leben führen, weil auf der Spinnstube im einsam gelegenen Pachthof, auf der Windmühle im Blachfeld, auf der Försterei im Walde eben nur wenige Bücher existiren, die man aber zu lesen nicht müde wird und bei denen man sich in die Geschichte ihrer Helden bis zur Illusion der Anschauung wirklicher Vorgänge vertieft. Da ich nun in einer zwar lebensvollen, aber bücherarmen Umgebung aufwuchs, so gewöhnte ich mich, auf Bücher einen großen, sogar falschen Werth zu legen: gerade wie ich umgekehrt sehe, daß meine eigenen Kinder, da ich Bücher genug besitze und sogar selber deren schreibe, in einem Buch etwas höchst Alltägliches erblicken. Amazon.de Widgets Das Theater konnte in der Zeit, von welcher ich hier spreche, noch keine weitere Wirkung auf mich üben, als daß ich es mit einem Puppentheater nachbildete, bei welchem ich, meinem Triebe zum Zeichnen und Malen folgend, mich besonders mit der Anfertigung der Decorationen und der Puppen beschäftigte, weniger aber zum Spielen selber kam. Bis zu meinem sechszehnten Jahre nämlich durfte ich das Theater nicht allein besuchen und der Vater führte uns selten hin. Es war damals die ganz sinnreiche Sitte, daß Kinder gewöhnlich zum ersten Mal am 10. Mai in das Theater mitgenommen wurden, weil dann die Zerstörung Magdeburgs durch Tilly von Schmidt gegeben zu werden pflegte. Dies fürchterliche Ereigniß war dazumal wenigstens für die heranwachsenden Kinder noch immer ein Gegenstand größter Theilnahme, dessen Spuren man gern nachspähte und von welchem die detaillirtesten[68] Beschreibungen zu lesen man nicht satt werden konnte. Durch das Theater wurden die Kinder recht lebhaft auf den geschichtlichen Anfang des heutigen Magdeburgs zurückversetzt, und so nahm denn der Vater am 10. Mai 1815 auch uns in dasselbe mit, als das Stück, nachdem die Stadt wieder so schwere Kriegsnöthe überstanden, mit besonderem Nachdruck und mit einem mythologisch-allegorischen Vorspiel von Neuem auf der Bühne erschien. Es machte einen großen Eindruck auf uns, das, was unsere Phantasie so oft sich vorgestellt hatte, nunmehr von der Hostovsky'schen Truppe mit dem Schein unmittelbaren Lebens vorgeführt zu sehen. Der Tanz der Kroaten im Tilly'schen Lager entzückte uns. Als zuletzt im Hintergrunde der Dom erschien, Tilly zu Pferde seinen Einzug hielt, der ehrwürdige Prediger Bake aus dem Dom, der noch unfern des Atriums seinen Grabstein enthält, mit einer Schaar Hülfeflehender hervorschritt, sich dem Sieger zu Füßen warf und die bekannten Virgilianischen Worte ausrief: »Fuimus Troés, fuit Ilium!« zerschmolzen wir in Thränen und fühlten zugleich nach Kinderart mit geheimem Stolz das Glück, einer Stadt anzugehören, in der so schreckliche Dinge geschehen. Dauernden Einfluß aber auf meine Bildung gewann schon damals der Verband unserer Familie mit der des Hofbuchdruckers Hänel. Sie trat in der Altstadt für uns gewissermaßen an die Stelle des Favreau'schen Hauses in der Neustadt. Die Favreau'sche Familie hatte nach Beendigung der Belagerung unser Haus wieder verlassen und sich vor der hohen Pforte ein kleines zwischen den Wällen gelegenes Haus mit einem Garten gekauft, in welchem nach einigen Jahren erst der alte Mann, bald darauf auch der gute Friedrich starb. Sie blieben sich gegen uns Kinder in ihrer Güte gleich und wußten unserem fortschreitenden Verstande immer neue Freuden zu bereiten. So stellte z.B. Friedrich an schönen Abenden uns ein großes Fernrohr auf dem Wall auf, durch welches wir Sterne und den aufsteigenden Mond zu sehen liebten, dessen Berge und Thäler sich mir tief einprägten. So gern wir nun hinausgingen, so zog uns doch die Stadt, jemehr wir uns in sie einlebten, allmälig von ihnen ab. Das Hänel'sche Haus in der Klosterstraße, ein Muster werkthätiger und wohlhäbiger, sauberer und freundlicher Bürgerlichkeit, wurde der neue Anziehungspunkt, da[69] überdem zwei Söhne, Albert und Eduard, sich uns als unsere liebsten und treuesten Jugendgespielen zugesellten. In diesem Hause nun, woselbst mir jederzeit nur Liebes und Gutes widerfahren ist, lernte ich das literarische Handwerk an der Quelle kennen. Die verschiedenen Arten der Lettern, die Papiersorten und Formate, Manuscripte, Correcturen und Aushängebogen wurden mir hier geläufige Dinge. Bei einem Besuch verfehlten unsere jungen Freunde selten, uns in der Druckerei herumzuführen, wo es immer etwas Neues und Interessantes zu sehen gab, wo wir dem stillen Proceß der Bücherentstehung lauschten, wo wir zum Scherz unsere Namen selbst setzten und druckten, wo uns die Handschriften berühmter Männer gezeigt wurden und wo wir in einem Schrank alle Werke bewunderten, welche die Officin schon gedruckt hatte. Folgerecht ist es denn auch mein Freund Eduard Hänel gewesen, der mich zuerst zum Druckenlassen aufmunterte und 1827 ein confuses Buch von mir bei Heinrichshofen in Magdeburg in Commission gab, das er sehr schön gedruckt und mir sogar recht gut bezahlt hatte. Später, als mein unermüdlicher Freund in seinem weltbekannten Etablissement zu Berlin hinter der reizenden Villa an der Potsdamer Straße unsere preußischen Staatspapiere druckte und für Nordamerika Lettern goß, machte er, dem Himmel sei Dank, ganz andere Geschäfte, als mit meinen damaligen ästhetischen und poetischen Mittheilungen. Zum Schluß dieser Vergegenwärtigung aller der Hülfen, die dem höheren Menschen in mir gegen das Versinken in Rohheit und Trivialität Beistand leisteten, muß ich hier noch eines jener contemplativen Momente erwähnen, die bei mir von Zeit zu Zeit als tiefe Erschütterungen meines Gemüths, öfter bei ganz unscheinbaren Anlässen, eintraten und eine qualvolle Betroffenheit in mir erzeugten, welche mich die Beschränktheit und Zufälligkeit meines Daseins auf das Tiefste empfinden ließ. In der »Stadt London« war ein Naturalien-Cabinet zu sehen. Ich ging hin und erfreute mich an den ausgestopften und in Spiritus aufgestellten Thieren, an den Insekten und Conchylien außerordentlich. Aber ich fand auch eine Reihe Mißgeburten von Hunden und Katzen und eine Sammlung von menschlichen Embryonen. Waren nun schon unter den Thieren manche, deren Gestalt die Phantasie sehr aufzureizen vermochte, wie der spitzkropfige Leguan, wie die[70] haarige Buschspinne, die warzige Pipa, die auf jeder Rückenwarze ihr schauerliches Miniaturbild zeigte, so war mir doch der Anblick der Thier-Mißgeburten und der Kinder in Spiritus, unter denen auch monströs wasserköpfige, etwas ganz Neues. Diese ineinandergewachsenen Katzen, diese affenartigen Kindchen! Wie ist so etwas möglich? wie kann die Natur, von deren göttlichen Gesetzen ich immer reden hörte, so schwanken, daß sie ein Doppelhaupt auf einen Leib setzt, daß sie Kinder mit so platten, geistlosen Köpfen, mit einem cyklopischen Auge existiren läßt? Die gedruckte Beschreibung gab nur an, was zu sehen war; auch war ich zu ungebildet, mein Gefühl aussprechen zu können. Die großen Schildkröten, die Eidechsen und Schlangen, die riesige Vogelspinne, die unförmlichen Mißgeburten und die stupiden, zusammengekauerten Embryonen, wie sie aus den Gläsern mit feuchtem Glanz hervorschimmerten, fingen an, mich so entsetzlich zu beängstigen, daß ich auf die Straße stürzte, nach Hause eilte, vor der Thür aber Halt machte und noch weiter zur hohen Pforte hinaus an den Strand der Elbe lief. Der blaue Himmel, der blinkende Fluß, das Grün des fernen Waldes erquickten allmälig mein Gemüth, doch nicht sogleich. Sonne, rief es in mir, wie kannst Du so hell, so ruhig scheinen, wenn es hier auf Erden so dunkle Räthsel giebt? wenn Schaafe mit acht Füßen, zwei Katzen mit einem Leibe, wenn solche Kinder möglich sind, wie diese mit ihren dicken Bäuchen, ihren dummen Köpfen, ihren zugekniffenen Augen? Sind denn diese Kinder Menschen, sind sie Geister, sind sie unsterblich?! ? Während diese Fragen mich dumpf bewegten, stieß mein Fuß an eine jener vielen hier zerstreuten Hirnschalen, mit denen wir zur Winterzeit so ruchlos gespielt hatten. Ich nahm sie aus dem Sande auf und betrachtete den hellgebleichten, blanken Knochen, bewunderte die feinen Zacken der Stirnnähte und stellte mir das Gehirn vor, das unter diesem Knochen, den ich nun als ein ganz gewöhnliches Ding in der Hand hielt, einst gelebt, gefühlt, gedacht hatte. Der Tod war mir als Erscheinung nichts Fremdes. Leichen anzuschauen war ich in der Kindheit schon gewohnt geworden und auf dem Kirchhofe vor unserem Hause hatte ich auch jetzt das Schauspiel des Einsargens oft genug vor Augen. Dem Todtengräber und seinen bei den Töchtern waren wir Kinder befreundet.[71] Wie oft stand ich dabei, wenn der alte Wittich wieder ein frisches Grab grub und die Reste des früheren Erdbewohners, der seine gesetzmäßige Frist dort gelegen, herauswarf! Wie oft half ich den Töchtern diese Knochen in das Beinhaus tragen, wo sie fortirt und auf Brettern aufgeschichtet wurden! Ein Skelett oder Todtenkopf brachte daher bei mir gar keine besondere Wirkung mehr hervor. Heute aber, wo ich das Häßliche und mit dem Häßlichen den Anfang des menschlichen Lebens geschaut hatte, packte mich auch die Vorstellung seines Ausgangs in den Tod. Da, wo ich mit dem Finger den kalten Knochen berührte, da hatte in den Hirnfibern das freud- und leidbewegte Blut pulsirt, da, wo ich den Rand der Augenhöhlen durchgriff, hatte das seelenvolle Auge gestrahlt; da, wo dünne, zersplitterte Wände die Nasenhöhle schieden, hatte lebendiger Odem geblasen! Und nun fand ich diesen Schädel daliegen, wie einen Stein, und warf ihn endlich, des Anschauens müde, auch wie einen Stein wieder in den Sand. Die Sonne sank in rother Pracht; der Fluß plätscherte mit leisen Wellen an das flache Ufer, sonst war Alles still um mich her; der Abendstern flimmerte am Firmament und träumerisch schlich ich nach Hause, unfähig, ein Wort von dem Mysterium zu sagen, das ich geschaut hatte. Die Empfindung des Widerspruchs von Leben und Tod, von Form und Unform, wie sie mich hier durchdrang, haben die Alten auf einigen Pompejanischen Bildern unübertrefflich dargestellt. Perseus sitzt mit der befreiten Andromeda auf einem Felsen am Wasser. Sie halten sich zärtlich umschlungen. Andromeda, der weiblichen Neugier folgend, hat dem Geliebten abgeschmeichelt, ihr das Haupt der Medusa zu zeigen. Aber dies entsetzliche Haupt tödtet auch noch den, der es anschaut. Wie soll er den frivolen Wunsch Andromeda's erfüllen? Er wird ihr nur das Bild der Medusa im Wasserspiegel zeigen. Da sitzen nun Beide, so jung, so schön, so liebeglühend, so allein in der Einöde und doch so glücklich und im Glück doch so frivol. In schauersüßem Beben schmiegen sie sich aneinander und Perseus hält das gräßliche Haupt über ihren Köpfen. Läßt sich, wie das Häßliche die Schönheit, wie der Tod das Leben in ihrer Fülle bedrohen, herrlicher malen, als die Alten es in diesem tiefsinnigen Bilde gethan haben? 
