
                                Fontane, Theodor

                                 Vor dem Sturm

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                                Theodor Fontane

                                 Vor dem Sturm

                        Roman aus dem Winter 1812 auf 13

                                  Erster Band

                                        

                                  Hohen-Vietz

                                 Erstes Kapitel

                                  Heiligabend

Es war Weihnachten 1812, Heiliger Abend. Einzelne Schneeflocken fielen und
legten sich auf die weie Decke, die schon seit Tagen in den Straen der
Hauptstadt lag. Die Laternen, die an lang ausgespannten Ketten hingen, gaben nur
sprliches Licht; in den Husern aber wurde es von Minute zu Minute heller, und
der Heilige Christ, der hier und dort schon einzuziehen begann, warf seinen
Glanz auch in das drauen liegende Dunkel.
    So war es auch in der Klosterstrae. Die Singuhr der Parochialkirche setzte
eben ein, um die ersten Takte ihres Liedes zu spielen, als ein Schlitten aus dem
Gasthof Zum grnen Baum herausfuhr und gleich darauf schrg gegenber vor
einem zweistckigen Hause hielt, dessen hohes Dach noch eine Mansardenwohnung
trug. Der Kutscher des Schlittens, in einem abgetragenen, aber mit drei Kragen
ausstaffierten Mantel, beugte sich vor und sah nach den obersten Fenstern
hinauf; als er jedoch wahrnahm, da alles ruhig blieb, stieg er von seinem Sitz,
strngte die Pferde ab und schritt auf das Haus zu, um durch die halb
offenstehende Tr in dem dunklen Flur desselben zu verschwinden. Wer ihm dahin
gefolgt wre, htte notwendig das stufenweise Stapfen und Stoen hren mssen,
mit dem er sich, vorsichtig und ungeschickt, die drei Treppen hinauffhlte.
    Der Schlitten, eine einfache Schleife, auf der ein mit einem sogenannten
Plan berspannter Korbwagen befestigt war, stand all die Zeit ber ruhig auf
dem Fahrdamm, hart an der ffnung einer hier aufgeschtteten Schneemauer. Der
Korbwagen selbst, mutmalich um mehr Wrme und Bequemlichkeit zu geben, war nach
hinten zu, bis an die Plandecke hinauf, mit Stroh gefllt; vorn lag ein
Hckselsack, gerade breit genug, um zwei Personen Platz zu gnnen. Alles so
primitiv wie mglich. Auch die Pferde waren unscheinbar genug, kleine Ponies,
die gerade jetzt in ihrem winterlich rauhen Haar ungeputzt und dadurch ziemlich
vernachlssigt aussahen. Aber wie immer auch, die russischen Sielen, dazu das
Schellengelut, das auf rot eingefaten, breiten Ledergurten ber den Rcken der
Pferde hing, lieen keinen Zweifel darber, da das Fuhrwerk aus einem guten
Hause sei.
    So waren fnf Minuten vergangen oder mehr, als es auf dem Flur hell wurde.
Eine Alte in einer weien Nachthaube, das Licht mit der Hand schtzend, streckte
den Kopf neugierig in die Strae hinaus; dann kam der Kutscher mit Mantelsack
und Pappkarton; hinter diesem, den Schlu bildend, ein hochaufgeschossener
junger Mann von leichter, vornehmer Haltung. Er trug eine Jagdmtze, kurzen Rock
und war in seiner ganzen Oberhlfte unwinterlich gekleidet. Nur seine Fe
steckten in hohen Filzstiefeln. Frohe Feiertage, Frau Hulen, damit reichte er
der Alten die Hand, stieg auf die Deichsel und nahm Platz neben dem Kutscher.
Nun vorwrts, Krist; Mitternacht sind wir in Hohen-Vietz. Das ist recht, da
Papa die Ponies geschickt hat.
    Die Pferde zogen an und versuchten es, ihrer Natur nach, in einen leichten
Trab zu fallen; aber erst als sie die Knigsstrae mit ihrem Weihnachtsgedrnge
und Waldteufelgebrumm im Rcken hatten, ging es in immer rascherem Tempo die
Landsberger Strae entlang und endlich unter immer munterer werdendem
Schellengelut zum Frankfurter Tore hinaus.
    Drauen umfing sie Nacht und Stille; der Himmel klrte sich, und die ersten
Sterne traten hervor. Ein leiser, aber scharfer Ostwind fuhr ber das
Schneefeld, und der Held unserer Geschichte, Lewin von Vitzewitz, der seinem
vterlichen Gute Hohen-Vietz zufuhr, um die Weihnachtsfeiertage daselbst zu
verbringen, wandte sich jetzt, mit einem Anflug von mrkischem Dialekt, an den
neben ihm sitzenden Gefhrten. Nun, Krist, wie wr es? Wir mssen wohl
einheizen. Dabei legte er Daumen und Zeigefinger ans Kinn und paffte mit den
Lippen. Dies wir war nur eine Vertraulichkeitswendung; Lewin selbst rauchte
nicht. Krist aber, der von dem Augenblick an, wo sie die Stadt im Rcken hatten,
diese Aufforderung erwartet haben mochte, legte ohne weiteres die Leinen in die
Hand seines jungen Herrn und fuhr in die Manteltasche, erst um eine kurze Pfeife
mit bleiernem Abgu, dann um ein neues Paket Tabak daraus hervorzuholen. Er nahm
beides zwischen die Knie, ffnete das mit braunem Lack gesiegelte Paket, stopfte
und begann dann mit derselben langsamen Sorglichkeit nach Stahl und Schwamm zu
suchen. Endlich brannte es; er tat, indem er wieder die Leine nahm, die ersten
Zge, und whrend jetzt kleine Funken aus dem Drahtdeckel hervorsprhten, ging
es auf Friedrichsfelde zu, dessen Lichter ihnen ber das weie Feld her
entgegenschienen.
    Das Dorf lag bald hinter ihnen. Lewin, der sich's inzwischen bequem gemacht
und durch festeren Aufbau einiger Strohbndel eine Rckenlehne hergerichtet
hatte, schien jetzt in der Stimmung, eine Unterhaltung aufzunehmen. Ehe des
Kutschers Pfeife brannte, wr es ohnehin nicht rtlich gewesen.
    Nichts Neues, Krist? begann Lewin, indem er sich fester in die
Strohpolster drckte. Was macht Willem, mein Pth?
    Dank schn, junger Herr, he is ja nu wedder bi Weg.
    Was war ihm denn?
    He hett sich verfiert. Un noch dato an sinen Gebortsdag. Et is nu en
Wochner drei; ja, up 'n Dag ht, drei Wochen. Oll Doktor Leist von Lebus hett em
aber wedder torecht bracht.
    Er hat sich verfiert?
    Ja, junger Herr, so glwen wi all. Et wihr wol so um de fiefte Stunn, as
mine Fru seggen dd: Willem, geih, un hol uns en paar ppels, awers von de
Renetten up 'n Stroh, dicht bi de Bohnenstakens. Un uns Ltt-Willem ging ooch,
un ick hrt em noch flten un singen un dat Klapsen von sine Pantinen mmer den
Floor lang. Awer dunn hrt ick nix mihr, un as he nu an de olle wackelsche Dr
km un in den groten Saal rinn wull, wo uns ppels liggen und wo de Lt seggen,
dat de oll Matthias spken deiht, da mt em wat passiert sinn. He km nich un
km nich; un as ick nu nahjung un sehn wull, wo he bliwen dd, da lg he, glieks
achter de Schwell, as dod up de Fliesen.
    Das arme Kind! Und Eure Frau...
    De km ooch, un wi drgen em nu torgg in unse Stuv un rewen em in. Mine
Fru htt mmer en beten Miren-Spiritus to Huus. As he nu wedder to sich km,
biwwerte em de janze ltte Liew, un he seggte man mmer: Ick hebb em sehn.
    Lewin hatte sich zurechtgerckt. Es geht also wieder besser, warf er hin,
und wie um loszukommen von allerhand Bildern und Gedanken, die des Kutschers
Erzhlung in ihm angeregt hatte, fuhr er hin und her in Erkundigungen, worauf
Krist mit soviel Ausfhrlichkeit antwortete, wie ihm die Raschheit der Fragen
gestattete. Dem Schulzen Kniehase war einer von seinen Braunen gefallen; bei
Hoppenmarieken hatte der Schornstein gebrannt; bei Witwe Grbschen hatte
Nachtwchter Pachaly einen mittelgroen Sarg, mit einem Myrtenkranz darauf, vor
der Haustr stehen sehn, un wihl et man en mittelscher Sarg west wihr, so
hedden se all an de Jngscht, an Hanne Grbschen, 'dacht. De is man kleen und
piept all lang.
    Die Sterne traten immer zahlreicher hervor. Lewin lupfte die Kappe, um sich
die Stirn von der frischen Winterluft anwehen zu lassen, und sah staunend und
andchtig in den funkelnden Himmel hinauf. Es war ihm, als fielen alle dunklen
Geschicke, das Erbteil seines Hauses, von ihm ab und als zge es lichter und
heller von oben her in seine Seele. Er atmete auf. Zwei, drei Schlitten flogen
vorber, grten und sangen, sichtlich Gste, die im Nebendorf die Bescherung
nicht versumen wollten; dann, ehe fnf Minuten um waren, glitt das Gefhrt
unserer zwei Freunde unter den Giebelvorbau des Bohlsdorfer Kruges.
    Bohlsdorf war drittel Weg. Niemand kam. An den Fenstern zeigte sich kein
Licht; die Krgersleute muten in den Hinterstuben sein und das Vorfahren des
Schlittens, trotz seines Schellengelutes, berhrt haben. Krist nahm wenig
Notiz davon. Er stieg ab, holte eine der Stehkrippen heran, die beschneit an dem
Hofzaun entlang standen, und schttete den Pferden ihren Hafer ein.
    Auch Lewin war abgestiegen. Er stampfte ein paarmal in den Schnee, wie um
das Blut wieder in Umlauf zu bringen, und trat dann in die Gaststube, um sich zu
wrmen und einen Imbi zu nehmen. Drinnen war alles leer und dunkel; hinter dem
Schenktisch aber, wo drei Stufen zu einem hher gelegenen Alkoven fhrten,
blitzte der Christbaum von Lichtern und goldenen Ketten. In diesem
Weihnachtsbilde, das der enge Trrahmen einfate, stand die Krgersfrau in
Mieder und rotem Friesrock und hatte einen Blondkopf auf dem Arm, der nach den
Lichtern des Baumes langte. Der Krger selbst stand neben ihr und sah auf das
Glck, das ihm das Leben und dieser Tag beschert hatten.
    Lewin war ergriffen von dem Bilde, das fast wie eine Erscheinung auf ihn
wirkte. Leiser, als er eingetreten war, zog er sich wieder zurck und trat auf
die Dorfstrae. Gegenber dem Kruge, von einer Feldsteinmauer eingefat, lag die
Bohlsdorfer Kirche, ein alter Zisterzienserbau aus den Tagen der ersten
Kolonisation. Es klang deutlich von drben her, als wrde die Orgel gespielt,
und Lewin, whrend er noch aufhorchte, bemerkte zugleich, da eines der kleinen,
in halber Wandhhe hinlaufenden Rundbogenfenster matt erleuchtet war. Neugierig,
ob er sich tuschte oder nicht, stieg er ber die niedrige Steinmauer fort und
schritt, zwischen den Grbern hin, auf die Lngswand der Kirche zu. Ziemlich
inmitten dieser Wand bemerkte er eine Pforte, die nur eingeklinkt, aber nicht
geschlossen war. Er ffnete leise und trat ein. Es war, wie er vermutet hatte.
Ein alter Mann, mit Samtkppsel und sprlichem weien Haar, sa vor der Orgel,
whrend ein Lichtstmpfchen neben ihm eine kmmerliche Beleuchtung gab. In sein
Orgelspiel vertieft, bemerkte er nicht, da jemand eingetreten war, und
feierlich, aber gedmpften Tones klangen die Weihnachtsmelodien nach wie vor
durch die Kirche hin.
    bte sich der Alte fr den kommenden Tag, oder feierte er hier sein
Christfest allein fr sich mit Psalmen und Choral? Lewin hatte sich die Frage
kaum gestellt, als er, der Orgel gegenber, einen zweiten Lichtschimmer
wahrnahm; auf der untersten Stufe des Altars stand eine kleine Hauslaterne. Als
er nher trat, sah er, da Frauenhnde hier eben noch beschftigt gewesen sein
muten. Ein Handfeger lag da, daneben eine kurze Stehleiter, die beiden
Seitenhlzer oben mit Tchern umwunden. Das Licht der Laterne fiel auf zwei
Grabsteine, die vor dem Altar in die Fliesen eingelegt waren; der eine zur
Linken enthielt nur Namen und Datum, der andere zur Rechten aber zeigte Bild und
Spruch. Zwei Lindenbume neigten ihre Wipfel einander zu, und darunter standen
Verse, zehn oder zwlf Zeilen. Nur die Zeilen der zweiten Strophe waren noch
deutlich erkennbar und lauteten:

Sie sieht nun tausend Lichter;
Der Engel Angesichter
Ihr treu zu Diensten stehn;
Sie schwingt die Siegesfahne
Auf gldnem Himmelsplane
Und kann auf Sternen gehn.

Lewin las zwei-, dreimal, bis er die Strophe auswendig wute; die letzte Zeile
namentlich hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, von dem er sich keine
Rechenschaft geben konnte. Dann sah er sich noch einmal in der seltsam
erleuchteten Kirche um, deren Pfeiler und Chorsthle ihn schattenhaft umstanden,
und kehrte, die Tre leise wieder anlehnend, erst auf den Kirchhof, dann, mit
raschem Sprung ber die Mauer, auf die Dorfstrae zurck.
    Der Krug hatte indessen ein verndertes Ansehen gewonnen. In der Gaststube
war Licht; Krist stand am Schenktisch im eifrigen Gesprch mit dem Krger,
whrend die Frau, aus der Kche kommend, ein Glas Kirschpunsch auf den Tisch
stellte. Sie plauderten noch eine Weile auch ber den alten Kster drben, der,
seitdem er Witmann geworden, seinen Heiligen Abend mit Orgelspiel zu feiern
pflege; dann, unter Hndeschtteln und Wnschen fr ein frohes Fest, wurde
Abschied genommen, und an den stillen Dorfhtten vorbei ging es weiter in die
Nacht hinein.
    Lewin sprach von den Krgersleuten; Krist war ihres Lobes voll. Weniger
wollt er vom Bohlsdorfer Amtmann wissen, am wenigsten vom Petershagener Mller,
an dessen abgebrannter Bockmhle sie eben vorberfuhren. Aus allem ging hervor,
da Krist, der allwchentlich dieses Weges kam, den Klatsch der Bierbnke
zwischen Berlin und Hohen-Vietz in treuem Gedchtnis trug. Er wute alles und
schwieg erst, als Lewin immer stiller zu werden begann. Nur kurze Ansprachen an
die Ponies belebten noch den Weg. Die regelmige Wiederkehr dieser Anrufe, das
monotone Schellengelut, das alsbald wie von weit her zu klingen schien, legte
sich mehr und mehr mit einschlfernder Gewalt um die Sinne unseres Helden.
Allerhand Gestalten zogen an seinem halb geschlossenen Auge vorber; aber eine
dieser Gestalten, die glnzendste, nahm er mit in seinen Traum. Er sa vor ihr
auf einem niedrigen Tabouret; sie lachte ihn an und schlug ihn leise mit dem
Fcher, als er nach ihrer Hand haschte, um sie zu kssen. Hundert Lichter, die
sich in schmalen Spiegeln spiegelten, brannten um sie her, und vor ihnen lag ein
groer Teppich, auf dem Gttin Venus in ihrem Taubengespann durch die Lfte zog.
Dann war es pltzlich, als lschten alle diese Lichter aus; nur zwei Stmpfchen
brannten noch; es war wie eine schattendurchhuschte Kirche, und an der Stelle,
wo der Teppich gelegen hatte, lag ein Grabstein, auf dem die Worte standen:

Sie schwingt die Siegesfahne
Auf gldnem Himmelsplane
Und kann auf Sternen gehn.

S und schmerzlich, wie kurz vorher bei wachen Sinnen ihn diese Worte berhrt
hatten, berhrten sie ihn jetzt im Traum. Er wachte auf.
    Noch eine halbe Meile, junger Herr, sagte Krist.
    Dann sind wir in Dolgelin?
    Nein, in Hohen-Vietz.
    Da hab ich fest geschlafen.
    Dritthalb Stunn.
    Das erste, was Lewin wahrnahm, war die Sorglichkeit, mit der sich der alte
Kutscher mittlerweile um ihn bemht hatte. Der Futtersack war ihm unter die Fe
geschoben, die beiden Pferdedecken lagen ausgebreitet ber seinen Knien.
    Nicht lange, und der Hohen-Vietzer Kirchturm wurde sichtbar. An oberster
Stelle eines Hhenzuges, der nach Osten hin die Landschaft schlo, stand die
graue Masse, schattenhaft im funkelnden Nachthimmel.
    Dem Sohne des Hauses schlug das Herz immer hher, sooft er dieses
Wahrzeichens seiner Heimat ansichtig wurde. Aber er hatte heute nicht lange
Zeit, sich der Eigentmlichkeit des Bildes zu freuen. Die beschneiten Parkbume
traten zwischen ihn und die Kirche, und einige Minuten spter schlugen die Hunde
an, und zwischen zwei Torpfeilern hindurch beschrieb der Schlitten eine Kurve
und hielt vor der portalartigen Glastre, zu der zwei breite Sandsteinstufen
hinauffhrten.
    Lewin, der sich schon vorher erhoben hatte, sprang hinaus und schritt auf
die Stufen zu. Guten Abend, junger Herr, empfing ihn ein alter Diener in
Gamaschen und Frackrock, an dem nur die groen blanken Knpfe verrieten, da es
eine Livree sein sollte.
    Guten Abend, Jeetze; wie geht es?
    Aber ber diesen Gru kam Lewin nicht hinaus, denn im selben Augenblick
richtete sich ein prchtiger Neufundlnder vor ihm auf und berfiel ihn, die
Vorderpfoten auf seine Schultern legend, mit den allerstrmischsten
Liebkosungen.
    Hektor, la gut sein, du bringst mich um. Damit trat unser Held in die
Halle seines vterlichen Hauses. Ein paar Scheite, die im Kamin verglhten,
warfen ihr Licht auf die alten Bilder an der Wand gegenber. Lewin sah sich um,
nicht ohne einen Anflug freudigen Stolzes, auf der Scholle seiner Vter zu
stehen.
    Dann leuchtete ihm der alte Diener die schwere doppelarmige Treppe hinauf,
whrend Hektor folgte.

                                Zweites Kapitel



                                  Hohen-Vietz

In der Halle schwelen noch einige Brnde; schtten wir Tannpfel auf und
plaudern wir, ein paar Sessel an den Kamin rckend, von Hohen-Vietz.
    Hohen-Vietz war ursprnglich ein altes, aus den Tagen der letzten Askanier
stammendes Schlo mit Wall und Graben und freiem Blick ostwrts auf die Oder. Es
lag auf demselben Hhenzuge wie die Kirche, deren schattenhaftes Bild uns am
Schlo des vorigen Kapitels entgegentrat, und beherrschte den breiten Strom wie
nicht minder die am linken Fluufer von Frankfurt nach Kstrin fhrende Strae.
Es galt fr sehr fest, und jahrhundertelang hatten sie einen Reim im
Lebusischen, der lautete:

De sitt so fest up sinen Sitz
As de Vitzewitz' up Hohen-Vietz.

Die Pommern lagen zweimal davor; die Hussiten berannten es, als sie sengend und
brennend in Lebus und Barnim vordrangen, aber die Heilige Jungfrau im
Kirchenbanner schtzte das Schlo, und als der damalige Vitzewitz, ber dessen
Vornamen die Urkunden verschiedene Angaben bringen, ein griechisches Feuer in
das Lager der Hussiten warf, zogen sie ab, nachdem sie alle umhergelegenen
Drfer verwstet hatten. Die Kunst des griechischen Feuers aber hatte der
Schloherr von Rhodus mit heimgebracht, wo er unter den Rittern an zwei
Feldzgen gegen die Trken teilgenommen hatte.
    Das war 1432. Ruhigere Zeiten kamen. Der hohe Ruf von Hohen-Vietz lebte
fort, ohne da er Gelegenheit gehabt htte, sich neu zu bewhren. Erst der
Dreiigjhrige Krieg brachte neue und schwerere Prfungen.
    Am 29. Mrz 1631 fast genau zweihundert Jahre nach der
Hussitenberschwemmung, erschienen von Frankfurt aus sechs Compagnien
Kaiserlicher vor Hohen-Vietz, das am Tage vorher, den Protesten des Schloherrn
Rochus von Vitzewitz zum Trotz, von den von Stettin und Garz her heranziehenden
Schweden besetzt worden war. Oberst Maradas, der die Kaiserlichen fhrte,
forderte die bergabe des Schlosses. Als diese verweigert wurde, legten die
Kaiserlichen, die aus je zwei Compagnien der Regimenter Butler, Lichtenstein und
Maradas zusammengesetzt waren, die Leitern an, strmten das Schlo, brannten es
bis auf die nackten Mauern aus und lieen die schwedische Besatzung ber die
Klinge springen.
    Einen Augenblick stand Rochus von Vitzewitz in Gefahr, das Schicksal der
Besatzung zu teilen; seine beiden halberwachsenen Shne aber, sie mochten
siebzehn und sechzehn Jahre zhlen, warfen sich dazwischen und retteten ihn
durch ihre Geistesgegenwart. Oberst Maradas, an den jungen Leuten Gefallen
findend, bot ihnen an, im kaiserlichen Heere Dienst zu nehmen, ein Anerbieten,
das von seiten des jngeren, Matthias, ohne langes Sumen, auch ohne Widerspruch
des Vaters angenommen wurde. Es waren nicht Zeiten, um ber erfahrene Unbill,
wie sie der Lauf des Krieges fr Freund und Feind gleichmig mit sich brachte,
lange zu grbeln. Matthias trat als Cornet in das Regiment Lichtenstein ein,
Anselm aber, der ltere, erklrte, bei dem Vater ausharren und demselben bei
Wiederaufbau des Schlosses zur Seite stehen zu wollen.
    Dieser Wiederaufbau jedoch verzgerte sich. Als er endlich nach dem Abzug
der feindlichen, nunmehr Sddeutschland zum Schauplatz ihrer Kmpfe whlenden
Heere beginnen sollte, hatten sich unter den fortwhrenden Opfern des Krieges
die Verhltnisse derart verschlechtert, da es an den ntigen Mitteln zu einem
Schlobau gebrach. Rochus entschied sich also, von der Hohen-Vietzer-Hhe, von
der aus die Seinen dreihundert Jahre und lnger ins Land geblickt hatten,
herabzusteigen und zu Fen derselben, am Nordrande des sich hier hinziehenden
alten Wendendorfes, ein einfaches Herrenhaus herzurichten. Dies war 1634.
    Anselm ging ihm dabei in allen Stcken zur Hand, und schon Sonntag Exaudi,
elf Monate nach Beginn des Baues, konnte die neue Heimsttte der Vitzewitze
bezogen werden.
    Es war ein Fachwerkhaus, lang, niedrig, mit hohem Dach. In dem Balken aber,
der ber der Tre hinlief, war ein Spruch eingeschnitten:

Dies ist der Vitzewitzen Haus,
Aus dem alten zog es aus;
Gottes Segen komm herein,
Wird es wohl geschtzet sein.

Und fast schien es, als ob der Spruch sich erfllen und inmitten aller
Kriegstrbsal, die ber dem Lande lag, an dieser neugegrndeten Sttte ein neues
Glck erblhen solle. Von Matthias, der aus dem Regiment Lichtenstein in das
Regiment Tiefenbach bergetreten, bei Nrdlingen verwundet und ein halbes Jahr
spter, erst zwanzig Jahre alt, zum kaiserlichen Hauptmann aufgestiegen war,
trafen Nachrichten ein, die des alten Rochus Herz, trotzdem es den Schweden
zuneigte, mit Stolz und Freude erfllten. Anselm, ohne darum nachgesucht zu
haben, sah sich an den Hof gezogen und trat in dieselbe Leibtrabantengarde, in
der schon seit hundert Jahren alle Vitzewitze ihrem Herrn, dem Kurfrsten,
gedient hatten; was aber vor allem zu Dank und Hoffnung stimmte, das waren zwei
gesegnete Fruchtjahre, die der Himmel der Hohen-Vietzer Feldmark schenkte, wahre
Prachternten, aus deren Ertrgen nunmehr die Mittel zur Auffhrung eines
stattlichen, rechtwinklig an das eigentliche Wohnhaus sich anlehnenden Anbaues
entnommen werden konnten. Dieser Anbau, eine einzige mit Emporen, Wappen und
Hirschgeweihen geschmckte Halle, richtete das Gemt des alten Rochus, der eine
hohe Vorstellung von den Reprsentationspflichten seines Hauses hatte, wieder
auf und gemahnte ihn an alte gastliche Zeiten. Als er das erste Mal den
Nachbaradel in diesem Bankettsaal, wie er die Halle gern nennen hrte,
bewirtete, hielt er eine Ansprache an die Versammelten, die der berzeugung
Ausdruck gab, da das Haus Vitzewitz auch wieder bergan ziehen und nicht immer
geduckt unterm Winde stehen werde. All Ding, so etwa schlo er, habe seine
Zeit, auch Krieg und Kriegesnot, und der Tag werde kommen, wo seine lieben
Freunde und Nachbaren wieder auf der Hhe bei ihm zu Gaste sein und frei
ostwrts mit ihm blicken wrden.
    Alles stimmte ein. Aber wenn jemals unprophetische Worte gesprochen wurden,
so waren es diese. Der Krieg kam wieder, mit ihm Hunger und Pest, und zerstrte
entweder den Wohlstand der Drfer oder diese selbst. Ganze Gemarkungen wandelten
sich in eine Wste, und die Hlfte der Hohen-Vietzer Hofestellen stand leer,
weil ihre Insassen verflogen oder verstorben waren. Inmitten dieses Elendes, ehe
noch der Schimmer besserer Zeiten heraufdmmerte, schlo Rochus die mden Augen,
und sie trugen ihn bergan in die Gruft unterm Altar und stellten den kupfernen
Sarg, mit Beschlgen und Wappentafeln und mit aufgeltetem silbernen Kruzifix,
in die lange Reihe der ihm vorangegangenen Ahnen. Nichts fehlte; denn der Zeiten
Not hatte dem Vater die Ehren des Begrbnisses nicht krzen sollen. So wollte es
der lteste Sohn: der jngere, mit seinem Regiment an der frnkischen Saale
stehend, hatte der Bestattung nicht beiwohnen knnen.
    Anselm war nun Herr auf Hohen-Vietz.
    Es war nicht frohen Herzens, da er das erste Korn in den nur schlecht
gepflgten Boden warf: aber siehe da, die Saat ging auf, ohne da Freund oder
Feind - denn zwischen beiden war lngst kein Unterschied mehr - die jungen Halme
zerstampft htte: der Krieg, so schien es, hatte sich ausgebrannt wie ein Feuer,
das keine Nahrung mehr findet, und ehe das Jahrzehnt schlo, ging die Mr von
Mund zu Mund, die Mr, da Friede sei.
    Und es war Friede. Was niemand mehr mit Augen zu sehen gehofft hatte, es war
da. Und als abermals zwei Jahre ins Land gezogen waren, ohne da Schwede oder
Kaiserlicher im Lebusischen gelagert und geplndert htte, und jeder, selbst der
Unglubigste, seiner Zweifel sich entschlagen mute, da traf ein Brief im
Hohen-Vietzer Herrenhause ein, der fhrte die Aufschrift: Dem wohledlen,
gestrengen und festen Anselm von Vitzewitz, erbsessen auf Hohen-Vietz im Lande
Lebus. Der Brief selbst aber lautete: Mein insonders vielgeliebter Bruder! Von
heut ab in zween Wochen, so Gott seinen Segen zu meinem Plane gibt, bin ich bei
Dir in Hohen-Vietz. Ich erwarte nur noch die Permission aus Wien, die mir
Kaiserliche Majestt nicht refsieren wird. Vielleicht, da uns tempora futura
wieder zusammenfhren, wie uns die Tage der Kindheit und adolescentia zusammen
sahen. Wir Lutherischen - trotzdem sie zu Mnster und Osnabrgge den
Religionsfrieden mit vollen Backen proklamieret haben - sind wenig gelitten im
kaiserlichen Heere, und kein Tag vergeht ohne Andeutung, da man uns nicht mehr
braucht. Ich hre, da Unser gndigster Herr Kurfrst, dem ich nie sumig
gewesen, als meinen Lehns- und Landesherren zu konsiderieren, eine
brandenburgische Armee wirbt, derowegen er aus schwedischem und kaiserlichem
Heer Offiziers und Generals im betrchtlichen herbernimmt. Es sollte mir eine
rechte Freude sein, so die Reihe auch an mich kme; denn da ich es sage, es
zieht mich wieder heimb in mein liebes Land Lebus. Unsere Vettern und Nachbarn,
die Burgsdorffs, die post mortem Schwarzenbergii das A und das O bei Hofe sind,
werden doch etwas tun wollen fr eine alte Kriegsgurgel, die den Dienst kennt
wie den Catechismum Lutheri. Interim bene vale. Der ich bin Dein Bruder Matthias
von Vitzewitz, kaiserlicher Oberst.
    Und Matthias kam wirklich und hielt die angegebene Zeit. Ein Fest sollte
seine Anwesenheit feiern. In dem groen Anbau waren drei Tische gedeckt: zwei
standen unten und liefen, der Lnge des Saales nach, nebeneinander her, der
dritte Tisch aber stand quer auf einer mit Wappen und Bannern geschmckten
Empore, zu der drei Stufen hinanfhrten. Die ganze Freundschaft aus Barnim und
Lebus war geladen: die Brder saen einander gegenber; neben ihnen, an der
Quertafel: Adam und Beteke Pfuel von Jahnsfelde, Peter Ihlow von Ringenwalde,
Balthasar Wulffen von Tempelberg, Hans und Nikolaus Barfus von Hohen-und
Nieder-Predikow, dazu Tamme Strantz, Achim von Kracht, zwei Schapelows, zwei
Beerfeldes und fnfe von Burgsdorff. Sie waren alle, schon um Glaubens willen,
mehr schwedisch als kaiserlich, besonders Peter Ihlow, der - ein Neffe
Feldmarschall Ihlows - einen Groll gegen den Wiener Hof hatte, ihn anklagend,
seinen Oheim in Schlo Eger meuchlings gemordet zu haben. Er wiederholte auch
heute seine Anklage, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob er die Gegenwart des
Gastes momentan verga oder sie vergessen wollte.
    Matthias von Vitzewitz, als er seinen Kriegsherrn, den Kaiser, in so
herausfordernder Weise schmhen hrte, erhob sich und rief:
    Peter Ihlow, htet Eure Zunge. Ich bin kaiserlicher Offizier.
    Du bist es, rief jetzt Anselm, aus dem der Wein, aber noch mehr das
protestantische Herz sprach, ber den Tisch hinber: du bist es; aber besser
wre es, du wrest es nie gewesen.
    Besser oder nicht, ich bin es. Des Kaisers Ehre ist meine Ehre.
    Ein Glck, da du die Ehre satt hast. Die Fremden sind wenig gelitten im
kaiserlichen Heere.
    Matthias, der sich bis dahin mhsam bezwungen hatte, verlor alle Herrschaft
ber sich, als er sich, durch Vorhaltung seiner eigenen Briefworte, in so wenig
gromtiger Weise besiegt und gefangen sah. Die Augen traten ihm aus der Stirn,
und sein Kinn auf den Knauf des Degens sttzend, schrie er: Wer das sagt, der
lgt.
    Wer es leugnet, der lgt.
    In diesem Augenblicke zogen beide. Die Zunchstsitzenden sprangen auf, aber
ehe noch ein Dazwischenspringen mglich war, hatte des jngeren Bruders Degen
die Brust des lteren durchdrungen. Anselm war tdlich getroffen.
    Matthias, auer sich ber das Geschehene, wollte sich dem Kurfrsten
stellen; nur widerwillig gab er den Vorstellungen derer nach, die auf Flucht
drangen. In seine Garnisonstadt Bhmisch-Grtz zurckgekehrt, machte er nach
Wien hin Meldung von dem Vorgefallenen; dabei hatte es sein Bewenden. Ihm zu
zeigen, wie wenig die Kriegskanzelei den Vorfall beanstande, der ja in
Verteidigung kaiserlicher Ehre seine erste Veranlassung hatte, lie man ihn zum
General aufsteigen und gab ihm ein Kommando in Ungarn. Aber diese
Gnadenbezeugungen, dankbar, wie er sie entgegennahm, gaben ihm doch die Ruhe
nicht wieder, nach der er drstete, und von Peterwardein aus, wo er im Feldlager
lag, schrieb er an den Kurfrsten und rief seine Gnade an, um dessentwillen,
der aller Menschen Heil und Gnade sei.
    Der Kurfrst schwankte; als aber durch die eidlichen Aussagen von Peter
Ihlow, Beteke Pfuel und Ehrenreich von Burgsdorff erwiesen war, da beide Brder
zu gleicher Zeit gezogen htten, kam es zu einem Generalpardon, gleichweis als
ob die Geschichte nie geschehen wre, und Matthias kehrte nach Hohen-Vietz
zurck, das er seit dem Tage, an dem Maradas das Schlo gestrmt hatte, nur
einmal, in jener unheilvollen Festesstunde, wiedergesehen hatte.
    Er kam und brachte, wie die Hohen-Vietzer noch lange erzhlten, eine Tonne
Goldes mit sich; denn Dotationen und Landerwerbungen, wie sie damals
herkmmlich waren, hatten ihn reich gemacht. Der Kurfrst empfing ihn in
ausgezeichneter Weise und setzte ihn, unter Innehaltung herkmmlicher Formen, in
den Vollbesitz des verfallenen Gutes ein. Unmittelbar darauf schritt der
Neubelehnte zur Auffhrung eines schloartigen, mit breiter Treppe und hohen
Stuckzimmern reich ausgestatteten Renaissanceneubaues, der, mit dem rmlichen
Fachwerkhaus parallel laufend, einen hufeisenfrmigen Gebudekomplex herstellte,
in dem die Banketthalle, der mehrgenannte Saalanbau des alten Rochus, die
verbindende Linie war. Diesen Saalanbau selbst aber, eingedenk dessen, was hier
geschah, schuf Matthias von Vitzewitz in eine Kapelle um. ber dem Altar
stiftete er ein Bild, dessen Inhalt der Erzhlung vom verlorenen Sohn entnommen
war; daneben hing er die Klinge auf, mit der er den Bruder erstochen hatte. Er
betrat die Kapelle nie anders als in der Dmmerstunde, er liebte nicht, da man
es wute oder gar davon sprach, aber wer auf dem anstoenden Fliesenflur des
alten Fachwerkhauses zu tun hatte oder mig lauschte, der hrte seine lauten
Gebete.
    Seine Bue whrte sein Leben lang, und sein Leben kam zu hohen Jahren. Noch
spt hatte er sich vermhlt. Im Herbste desselben Jahres, das seinen Herrn den
Kurfrsten hinscheiden sah, schied auch er aus dieser Zeitlichkeit, und die
Hohen-Vietzer, an ihrer Spitze der achtzehnjhrige Sohn des Hauses, trugen ihn
bis zur alten Hgelkirche hinauf und setzten ihn in die Gruft neben den
Kupfersarg des Vaters derart, da Anselm zur Rechten, Matthias aber zur Linken
stand.
    Er war in der Zuversicht gestorben, da Gott seine Bue angenommen habe;
auch die, die nach ihm kamen, waren dieses Glaubens voll. Aber dieser Glaube,
wie festen Lebensgrund er ihnen gab, konnte ihnen doch den Frohsinn des Lebens
nicht wiedergeben. Sie blickten ernst um sich her. Und dieser Zug begann sich
fortzuerben. Der Familiencharakter, der in alten Zeiten ein joviales Aufbrausen
gewesen war, wich einem Grbeln und Brten, und ihr Hang zu Festen und Gelagen
schlug in einen Hang zur Selbstpein und Askese um. Auch sahen sie sich durch
manchen Vorgang, durch Spuk und Wirklichkeit, in diesem Hange genhrt und
gefestigt. In dem zur Kapelle umgeschaffenen Saalanbau, der, verstaubend und
verfallend, lngst wieder den Kapellencharakter abgestreift hatte und zu einem
Vorratsraum fr die kleinen Leute des Hauses geworden war, ging der alte
Matthias um wie zu Lebzeiten und kniete vor dem Altar, den er gestiftet. Niemand
im Hause zweifelte daran. Aber wenn auch ein einzelner den Spuk verneint und,
sei es aus Glauben oder Unglauben, die Erscheinung als ein aberglubisch Gebilde
verworfen htte, so htten doch andere Zeichen zu ihm gesprochen. Seit
anderthalbhundert Jahren stand das Geschlecht auf zwei Augen; es sah darin einen
Finger Gottes; zwei Brder sollten nicht wieder in Waffen gegeneinander stehen.
    Die Dorfbewohner, wie kaum versichert zu werden braucht, hegten dies alles
wie einen Schatz, und in den Spinnstuben wurde nichts eifriger verhandelt als
die Frage, ob der alte Matthias gesehen worden sei oder nicht. Es war eine Art
Ehrensache, ihn gesehen zu haben. Man scherzte ber ihn und frchtete sich. Die
Bauern selbst waren nicht anders wie ihre Mgde. Auf dem Hhenzuge, dicht neben
der Kirche, stand eine alte Buche, die teilte sich halbmannshoch ber der Wurzel
und wuchs in zwei Stmmen nach rechts und links. Das pate den Hohen-Vietzern,
und die Sage ging, da beide Brder, als sie noch Kinder waren, diesen Baum
gemeinschaftlich gepflanzt htten. Als aber Anselm von der Hand des jngern
gefallen sei, da habe sich der Stamm geteilt. Und noch andere wuten, da
Matthias, wenn er unten in der Kapelle gebetet, die groe Nubaumallee bis zur
Kirche hinaufsteige und den Buchenstamm da, wo er sich teilt, zu umfassen und
zusammenzupressen suche. Aber umsonst. Er sitze dann zu Fen des Baumes und
klage laut.
    Aber wenn sich das nach dem Spukhaften und Schauerlichen drngende
romantische Bedrfnis in diesen trben Bildern mit Vorliebe aussprach, so
drngte doch auch ein anderer Zug in den Herzen der Hohen-Vietzer ebenso
entschieden auf endliche Vershnung hin, und einen Reimspruch kannte jung und
alt, der dieser Hoffnung auf Vershnung Ausdruck gab. Auch im Herrenhause
kannten sie ihn sehr wohl, und der Reimspruch lautete:

Und eine Prinzessin kommt ins Haus,
Da lscht ein Feuer den Blutfleck aus,
Der auseinander getane Stamm
Wird wieder eins, wchst wieder zusamm',
Und wieder von seinem alten Sitz
Blickt in den Morgen Haus Vitzewitz.


                                Drittes Kapitel

                                Weihnachtsmorgen

An Lewins Seele waren inzwischen unruhige Trume vorbergegangen. Die Fahrt im
Ostwind hatte ihn fiebrig gemacht, und erst gegen Morgen verfiel er in einen
festen Schlaf. Eine Stunde spter begann es bereits im Hause lebendig zu werden:
auf dem langen Korridor, an dessen Nordostecke Lewins Zimmer gelegen war,
hallten Schritte auf und ab, schwere Holzkrbe wurden vor die Feuerstellen
gesetzt und groe Scheite von auen her in den Ofen geschoben. Bald darauf
ffnete sich die Tr, und der alte Diener, der am Abend zuvor seinen jungen
Herrn empfangen hatte, trat ein, einen Blaker in der Hand. Hektor blieb liegen,
reckte sich auf dem Rehfell und wedelte nur, als ob er rapportieren wolle: Alles
in Ordnung. Jeetze setzte das Licht, dessen Flamme er bis dahin mit seiner
Rechten sorglich gehtet hatte, hinter einen Schirm und begann alles, was an
Garderobestcken umherlag, ber seinen linken Arm zu packen. Er selbst war noch
im Morgenkostm; zu den Samthosen und Gamaschen, ohne die er nicht wohl zu
denken war, trug er einen Arbeitsrock von doppeltem Zwillich. Als er alles
beisammen hatte, trat er, leise wie er gekommen war, seinen Rckzug an, dabei
nach Art alter Leute unverstndliche Worte vor sich her murmelnd. An dem
zustimmenden Nicken seines Kopfes aber lie sich erkennen, da er zufrieden und
guter Laune war.
    Die Tre blieb halb offen, und das erwachende Leben des Hauses drang in
immer mahnenderen, aber auch in immer anheimelnderen Klngen in das wieder still
gewordene Zimmer. Die groen Scheite Fichtenholz sprangen mit lautem Krach
auseinander, von Zeit zu Zeit zischte das Wasser, das aus den na gewordenen
Stcken in kleinen Rinnen ins Feuer lief, und von der Korridornische her hrte
man den sichern und regelrechten Strich, mit dem Jeetzes Brste der Hacheln und
Hrchen, die nicht loslassen wollten, Herr zu werden suchte.
    Alles das war hrbar genug, nur Lewin hrte es nicht. Endlich beschlo
Hektor, der Ungeduld Jeetzes und seiner eigenen ein Ende zu machen, richtete
sich auf, legte beide Vorderpfoten aufs Deckbett und fuhr mit seiner Zunge ber
die Stirn des Schlafenden hin, ohne weitere Sorge, ob seine Liebkosungen
willkommen seien oder nicht. Lewin wachte auf; die erste Verwirrung wich einem
heiteren Lachen. Kusch dich, Hektor, damit sprang er aus dem Bett. Der
Morgenschlaf hatte ihn frisch gemacht; in wenig Minuten war er angekleidet, ein
Vorteil halb soldatischer Erziehung. Er durchschritt ein paarmal das Zimmer,
betrachtete lchelnd einen mit vier Nadeln an die Tischdecke festgesteckten
Bogen Papier, auf dem in groen Buchstaben stand: Willkommen in Hohen-Vietz,
lie seine Augen ber ein paar Silhouettenbilder gleiten, die er von Jugend auf
kannte und doch immer wieder mit derselben Freudigkeit begrte, und trat dann
an eines der zugefrorenen Eckfenster. Sein Hauch taute die Eisblumen fort, ein
Fleckchen, nicht grer wie eine Glaslinse, wurde frei, und sein erster Blick
fiel jetzt auf die eben aufgehende Weihnachtssonne, deren roter Ball hinter dem
Turmknopf der Hohen-Vietzer Kirche stand. Zwischen ihm und dieser Kirche erhoben
sich die Bume des hgelansteigenden Parkes, phantastisch bereift, auf einzelnen
ein paar Raben, die in die Sonne sahen und mit Gekreisch den Tag begrten.
    Lewin freute sich noch des Bildes, als es an die Tre klopfte.
    Nur herein!
    Eine schlanke Mdchengestalt trat ein, und mit herzlichem Ku schlossen sich
die Geschwister in die Arme. Da es Geschwister waren, zeigte der erste Blick:
gleiche Figur und Haltung, dieselben ovalen Kpfe, vor allem dieselben Augen,
aus denen Phantasie, Klugheit und Treue sprachen.
    Wie freue ich mich, dich wieder hier zu haben. Du bleibst doch ber das
Fest? Und wie gut du aussiehst, Lewin! Sie sagen, wir hnelten uns; es wird mich
noch eitel machen.
    Die Schwester, die bis dahin wie musternd vor dem Bruder gestanden hatte,
legte jetzt ihren Arm in den seinen und fuhr dann, whrend beide auf der breiten
Strohmatte des Zimmers auf und ab promenierten, in ihrem Geplauder fort.
    Du glaubst nicht, Lewin, wie de Tage wir jetzt haben. Seit einer Woche
flog uns nichts wie Schneeflocken ins Haus.
    Aber du hast doch den Papa...
    Ja und nein. Ich hab ihn und hab ihn nicht; jedenfalls ist er nicht mehr,
wie er war. Seine kleinen Aufmerksamkeiten bleiben aus; er hat kein Ohr mehr fr
mich, und wenn er es hat, so zwingt er sich und lchelt. Und an dem allen sind
die Zeitungen schuld, die ich freilich auch nicht missen mchte. Kaum da
Hoppenmarieken in den Flur tritt und das Postpaket aus ihrem Kattuntuch wickelt,
so ist es mit seiner Ruhe hin. Er geht an mir vorbei, ohne mich zu sehen. Briefe
werden geschrieben; die Pferde kommen kaum noch aus dem Geschirr; zu Wagen und
zu Schlitten geht es hierhin und dorthin. Oft sind wir tagelang allein. Ein
Glck, da ich Tante Schorlemmer habe, ich ngstigte mich sonst zu Tode.
    Tante Schorlemmer! So findet alles seine Zeit.
    Oh, sie braucht nicht erst ihre Zeit zu finden, sie hat immer ihre Zeit,
das wei niemand besser als du und ich. Aber freilich, eines ist meiner guten
Schorlemmer nicht gegeben, einen den Tag minder de zu machen. Mchtest du,
eingeschneit, einen Winter lang mit ihr und ihren Sprchen am Spinnrad sitzen?
    Nicht um die Welt. Aber wo bleibt der Pastor? Und wo bleibt Marie? Ist denn
alles zerstoben und verflogen?
    Nein, nein, sie sind da, und sie kommen auch und sind die alten noch; lieb
und gut wie immer. Aber unsere Hohen-Vietzer Tage sind so lang, und am lngsten,
wenn im Kalender die krzesten stehen. Marie kommt brigens heute abend; sie hat
eben anfragen lassen.
    Und wie geht es unserm Liebling?
    In den drei Monaten, da du nicht hier warst, ist sie voll herangewachsen.
Sie ist wie ein Mrchen. Wenn morgen eine goldene Kutsche bei Kniehases
vorgefahren kme, um sie aus dem Schulzenhause mit zwei schleppentragenden Pagen
abzuholen, ich wrde mich nicht wundern. Und doch ngstigt sie mich. Aber je
mehr ich mich um sie sorge, desto mehr liebe ich sie.
    So weit waren die Geschwister in ihren Plaudereien gekommen, als Jeetze -
nunmehr in voller Livree - in der Tre erschien, um seinen jungen Herrschaften
anzukndigen, da es Zeit sei.
    Wo ist Papa?
    Er baut auf. Krist und ich haben zutragen mssen.
    Und Tante Schorlemmer?
    Ist im Flur. Die Singekinder sind eben gekommen.
    Lewin und Renate nickten einander zu und traten dann heiteren Gesichts und
leichten Ganges, ein jeder stolz auf den andern, in den Korridor hinaus. In
demselben Augenblick, wo sie an dem Treppenkopf angelangt waren, klang es
weihnachtlich von hellen Kinderstimmen zu ihnen herauf. Und doch war es kein
eigentliches Weihnachtslied. Es war das alte Nun danket alle Gott, das den
mrkischen Kehlen am gelufigsten ist und am freiesten aus ihrer Seele kommt.
Wie schn, sagte Lewin und horchte, bis die erste Strophe zu Ende war.
    Als die Geschwister im Niedersteigen den untersten Treppenabsatz erreicht
hatten, hielten sie abermals und berblickten nun das Bild zu ihren Fen. Die
gewlbte Flurhalle, gro und gerumig, trotz der Eichenschrnke, die
umherstanden, war mit Menschen, jungen und alten, gefllt; einige Mtterchen
hockten auf der Treppe, deren unterste Stufen bis weit in den Flur hinein
vorsprangen. Links, nach der Park- und Gartentr zu, standen die Kinder, einige
sonntglich geputzt, die anderen notdrftig gekleidet, hinter ihnen die Armen
des Dorfes, auch Sieche und Krppel; nach rechts hin aber hatte alles, was zum
Hause gehrte, seine Aufstellung genommen: der Jger, der Inspektor, der Meier,
Krist und Jeetze, dazu die Mgde, der Mehrzahl nach jung und hbsch, und alle
gekleidet in die malerische Tracht dieser Gegenden, den roten Friesrock, das
schwarzseidene Kopftuch und den geblmten Manchester-Spenzer. In Front dieser
bunten Mdchengruppe gewahrte man eine ltliche Dame ber fnfzig, grau
gekleidet mit weiem Tuch und kleiner Tllhaube, die Hnde gefaltet, den Kopf
vorgebeugt, wie um dem Gesange der Kinder mit mehr Andacht folgen zu knnen. Es
war Tante Schorlemmer. Nur als die Geschwister auf dem Treppenabsatz erschienen,
unterbrach sie ihre Haltung und erwiderte Lewins Gru mit einem freundlichen
Nicken.
    Nun war auch der zweite Vers gesungen, und die Weihnachtsbescherung an die
Armen und Kinder des Dorfes, wie sie in diesem Hause seit alten Zeiten Sitte
war, nahm ihren Anfang. Niemand drngte vor; jeder wute, da ihm das Seine
werden wrde. Die Kranken erhielten eine Suppe, die Krppel ein Almosen, alle
einen Festkuchen, an die Kinder aber traten die Mgde heran und schtteten ihnen
pfel und Nsse in die mitgebrachten Scke und Taschen.
    Das Gabenspenden war kaum zu Ende, als die groe, vom Flur aus in die Halle
fhrende Flgeltre von innen her sich ffnete und ein heller Lichtschein in den
bis dahin nur halb erleuchteten Flur drang. Damit war das Zeichen gegeben, da
nun dem Hause selber beschert werden solle. Der alte Vitzewitz trat zwischen
Tre und Weihnachtsbaum, und Lewins ansichtig werdend, der am Arm der Schwester
dem Festzug voraufschritt, rief er ihm zu: Willkommen, Lewin, in Hohen-Vietz.
Vater und Sohn begrten sich herzlich; dann setzten die Geschwister ihren
Umgang um die Tafel fort, whrend drauen im Flur die Kinder wieder anstimmten:

Lob, Ehr und Preis sei Gott,
Dem Vater und dem Sohne,
Und auch dem Heil'gen Geist
Im hohen Himmelsthrone.

Der Zug lste sich nun auf, und jeder trat an seinen Platz und seine Geschenke.
Alles gefiel und erfreute, die Shawls, die Westen, die seidenen Tcher. Da
lagerte kein Unmut, keine Enttuschung auf den Stirnen; jeder wute, da schwere
Zeiten waren und da der viel heimgesuchte Herr von Hohen-Vietz sich mancher
Entbehrung unterziehen mute, um die gute Sitte des Hauses auch in bsen Tagen
aufrechtzuerhalten.
    Zu beiden Seiten des Kamins, ber dessen breiter Marmorkonsole das
berlebensgroe Bild des alten Matthias aufragte, waren auf kleinen Tischen die
Gaben ausgebreitet, die der Vater fr Lewin und Renaten gewhlt hatte.
Lieblingswnsche hatten ihre Erfllung gefunden, sonst waren sie nicht
reichlich. An Lewins Platz lag eine gezogene Doppelbchse, Suhler Arbeit,
sauber, leicht, fest, eine Freude fr den Kenner.
    Das ist fr dich, Lewin. Wir leben in wunderbaren Tagen. Und nun komm und
la uns plaudern.
    Beide traten in das nebenangelegene Zimmer, whrend in der Halle die
Weihnachtslichter niederbrannten.

                                Viertes Kapitel



                              Berndt von Vitzewitz

Der Vater Lewins war Berndt von Vitzewitz, ein hoher Fnfziger. Mit dreizehn
Jahren bei den zu Landsberg garnisonierenden Knobelsdorff-Dragonern eingetreten,
hatte er, nach beinahe dreiigjhrigem Dienst, das Kommando des berhmten
Regiments eben bernommen, als ihn, im Frhjahr 1795, der Abschlu des Basler
Friedens veranlate, seinen Abschied zu fordern. Voller Abscheu gegen die
Pariser Schreckensmnner sah er in dem Paktieren mit den Regiciden ebenso eine
Gefahr wie eine Erniedrigung Preuens. Er zog sich verstimmt nach Hohen-Vietz
zurck. Vielleicht war es ein Ausdruck seiner Verstimmung, da er es, wenigstens
im geselligen Verkehr, vorzog, seinen militrischen Rang ignoriert und sich
lediglich als Herr von Vitzewitz angesprochen zu sehen. Das Gut selbst war ihm
schon sieben Jahre frher zugefallen, unmittelbar fast nach seiner Vermhlung
mit Madeleine von Dumoulin, ltesten Tochter des Generallieutenants von
Dumoulin, der bei Zorndorf, als jngster Offizier in der Schwadron des
Rittmeisters von Wakenitz. Wunder der Tapferkeit verrichtet und nach zweimaligem
Durchbrechen der russischen Carrs den Pour le mrite auf dem Schlachtfelde
empfangen hatte.
    Madeleine von Dumoulin, gro, schlank, blond, eine typische deutsche
Schnheit, wie so oft die Tchter des altfranzsischen Adels, war der Abgott
ihres Gemahls. Und doch sah sie zu ihm hinauf; ohne Prtensionen, fast ohne
Laune, beugte sie sich vor der berlegenheit seines Charakters. Die Geburt eines
Sohnes, noch in der Garnisonstadt des Regiments, schuf ein gesteigertes Glck,
das aus beider Augen noch lebhafter sprach, als ihnen, bald nach ihrer bernahme
von Hohen-Vietz, auch eine Tochter geboren wurde. Es war im Mai 1795, ein
Frhlingsregen sprhte, und das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den
Menschen, ein Regenbogen, stand verheiungsvoll ber dem alten Hause. Aber die
Verheiung, wenn sie dem Kinde gelten mochte, galt nicht dem Vater. Ein
Allerschmerzlichstes blieb auch ihm, wie so vielen seiner Ahnen, unerspart. Es
traf ihn anders, aber nicht minder schwer.
    Der Tag von Jena hatte ber das Schicksal Preuens entschieden; elf Tage
spter hielten bereits angemeldete franzsische Offiziere vor dem Herrenhause in
Hohen-Vietz, zu deren Bewillkommnung, um nicht Ansto zu geben, auch die kaum
von einem hitzigen Fieber wiederhergestellte, noch die Blsse der Krankheit
zeigende Dame vom Hause erschienen war. In der Halle war gedeckt. Frau von
Vitzewitz blieb und schien ihren Zweck, ein leidliches Einvernehmen zwischen
Wirt und Gsten herzustellen, erreichen zu sollen, als sich, whrend schon der
Nachtisch aufgetragen wurde, ein ihr gegenber sitzender Kapitn, von der
spanischen Grenze, olivenfarbig, mit dnnem Spitzbart, erhob und in
unziemlichster Huldigung Worte lallte, die der schnen Frau das Blut in die
Wangen trieben. Berndt von Vitzewitz fahr auf den Elenden ein, andere Offiziere,
dazwischenspringend, trennten die miteinander Ringenden, und Partei ergreifend
fr den beleidigten Gemahl, steckten sie drauen im Park den Platz ab, wo der
Handel auf der Stelle ausgemacht werden sollte. Berndt, ein Meister auf den
Degen, verwundete seinen Gegner schwer am Kopf, und die Franzosen, in der ihnen
eigenen ritterlichen Gesinnung, beglckwnschten ihn, ohne die geringste
Verstimmung zu zeigen, zu seinem Triumph. Aber es war ein kurzer Sieg, zum
mindesten ein teuer erkaufter. Die heftigen, von solchen Vorgngen
unzertrennlichen Erregungen warfen die schne Frau aufs Krankenbett zurck, am
dritten Tag war sie aufgegeben, am neunten trugen sie sie die alte Nubaumallee
hinauf, bis an die Hohen-Vietzer Kirche, und senkten sie unter Innehaltung aller
von ihr gegebenen Bestimmungen ein. Nicht in die Gruft, sondern in Gottes
mrkische Erde, wie sie so oft gebeten hatte. Die Glocken klangen den ganzen
Tag ins Land, und als der Frhling kam, lag ein Stein auf der Grabesstelle, ohne
Namen, ohne Datum, nur tief eingegraben: Hier ruht mein Glck.
    Berndts Charakter hatte sich unter diesen Schlgen aus dem Ernsten vllig
ins Finstere gewandelt. Die Lage des zerbrckelten, nahezu aus der Reihe der
Staaten gestrichenen Vaterlandes war nicht dazu angetan, ihn aufzurichten. Sein
eigner Besitz entwertet, die Ernten geraubt, das Gehft von Ruberhnden halb
niedergebrannt - so verfiel er auf Jahr und Tag in brtenden Trbsinn und lebte
erst wieder auf, als Sorge und Migeschick, die beinahe unausgesetzt auf ihn
eindrangen, einen groen Ha in ihm gezeitigt hatten. Er wurde rhrig, regsam,
er hatte Ziele, er lebte wieder.
    Der Ha, dem er dieses dankte, richtete sich gegen alles, was von jenseit
des Rheines kam, aber doch war ein Unterschied in dem, was er gegen den
Machthaber und gegen die franzsische Nation empfand. Fr diese letztere, deren
Mut, Begeisterung und Opferfhigkeit er so oft gepriesen, so oft vorbildlich
hingestellt hatte, hatte er, wie fast alle Mrker, im tiefsten Herzen eine nicht
zu erttende Vorliebe, und aller Ha, den er, dieser Liebe zum Trotz, stark und
ehrlich zur Schau trug, war viel mehr Absicht und Kalkl als unmittelbare
Empfindung, emporgewachsen aus der unablssigen, mit Geflissentlichkeit gehegten
Betrachtung, da - um ihn selber sprechen zu lassen - das undankbarste aller
Vlker einen guten Knig geschlachtet habe, um sich vor den Triumphwagen eines
freiheitsmrderischen Tyrannen zu spannen. Ganz anders sein Ha gegen den
Bonaparte selbst. Ungemacht und ungeknstelt sprang er wie ein heier Quell aus
seinem Herzen. Schon der Name widerte ihn an. Er war kein Franzos, er war
Italiener, Korse, aufgewachsen an jener einzigen Stelle in Europa, wo noch die
Blutrache Sitte und Gesetz; und selbst die Gre, die er ihm zugestehen mute,
war ihm staunens-, aber nicht bewundernswert, weil sie alles himmlischen Lichtes
entbehrte. Er sah in ihm einen Dmon, nichts weiter; eine Geiel, einen Wrger,
einen aus Westen kommenden Dschingis-Khan. Als Mitte November bekannt wurde, da
der Kaiser Kstrin passieren werde, um bis an die Weichsel zu gehen fhrte
Berndt seine beiden halberwachsenen Kinder, Renate zhlte elf, Lewin eben
sechzehn Jahre, nach der alten Oderfestung und nahm Stand an dem Mncheberger
Tore, um ihnen den zu zeigen, den Gott gezeichnet habe. Und als dieser nun
unter dem gewlbten Portal hin in die stille Stadt einritt und das gelbe
Wachsgesicht wie ein unheimlicher Lichtpunkt zwischen dem Bug des Pferdes und
dem tief in die Stirn gerckten Hute sichtbar wurde, da schob er die Kinder in
die vorderste Reihe und rief ihnen vernehmlich zu: Seht scharf hin, das ist der
Bseste auf Erden.
    Aber wer zu hassen versteht, so es nur der rechte Ha ist, der wei auch zu
lieben, und die leidenschaftliche Zuneigung, die Berndt so viele Jahre lang
gegen die zu frh Heimgegangene als sein hchstes irdisches Glck im Herzen
getragen hatte, er bertrug sie jetzt auf die Kinder, die als die Ebenbilder der
Mutter heranwuchsen. Schlank aufgeschossen, blond und durchsichtig, wichen sie
in jedem Zuge von der ueren Erscheinung des Vaters ab, zu dessen gedrungener
Gestalt sich dunkelster Teint und ein schwarzes, kurzgeschnittenes, mit nur
wenig Grau erst untermischtes Haar gesellte. Und wie verschieden die
Erscheinung, so verschieden auch waren die Charaktere. Leichtbeweglich und
leichtglubig, immer geneigt, zu bewundern und zu verzeihen, hatten die Kinder
das heitere Licht der Seele, wo der Vater das dstere Feuer hatte. Demtig und
trostreich, angelegt, um zu beglcken und glcklich zu sein, leuchtete ihren
Wegen die alles verklrende Phantasie. Der Vater freute sich dessen. Er trumte
von einer Wandlung, die mit ihnen ber das Haus kommen werde.
    Berndt von Vitzewitz, wie alle, die ihr Herz an etwas setzen, machte wenig
davon; er hatte das Schamgefhl der Liebe. Aber ebensowenig gefiel er sich
darin, eine rauhe Auenseite herauszukehren. Weil er Autoritt hatte, durfte er
darauf verzichten, sie jeden Augenblick geltend zu machen. Er liebte es, im
Gesprch den Unterschied der Jahre zu berspringen, und bespttelte jene Vter
und Mtter, die, aus der Not eine Tugend machend, ihre Gefhls- und Gedankenwelt
in zwei Rubriken, in eine fr die Intimen und in eine andere fr die Kinder
bestimmte Hlfte, zu teilen pflegen. Er war offen, entgegenkommend gegen Lewin,
reich an Aufmerksamkeiten gegen Renate. Nur in den letzten Wochen, wie die
Schwester dem Bruder bereits geklagt hatte, war eine nderung eingetreten; er
mied jede Begegnung, sprach wenig und sa halbe Nchte lang, wenn ihn nicht
Besuche in die Umgegend fhrten, an seinem Schreibtisch oder durchschritt im
Selbstgesprch das einfensterige Cabinet, das sein Arbeitszimmer bildete.
    Dies Arbeitszimmer war ebenso tief wie schmal, so da die gelben, von Tabak-
und Lampenrauch lngst grau gewordenen Wnde, bei dem wenigen Licht, das
einfiel, noch dunkler erschienen, als sie waren. Von Luxus keine Spur. Nur fr
Bequemlichkeit war gesorgt, fr jenes Alles-zur-Hand-Haben geistig beschftigter
Mnner, denen nichts unertrglicher ist, als erst holen, suchen oder gar warten
zu mssen. Die beiden Tren des Cabinets, von denen die eine nach der Halle, die
andere nach dem Damenzimmer fhrte, lagen dem Fenster zu, wodurch zwei breite
Wandflchen zur Aufstellung eines Schreibtisches und eines Ledersofas, beide von
betrchtlicher Lnge, gewonnen waren. Ein dazwischen stehender
gartenstuhlartiger Holzschemel wrde die Kommunikation vollstndig geschlossen
haben, wenn nicht die Tischplatte eine entsprechende Einbuchtung gehabt htte.
ber dem Schreibtisch hing ein schnes Frauenportrt, Brustbild, nachgedunkelt,
ber dem Sofa ein schmaler, lnglicher Spiegel, dessen vllig verblaktes Glas
ber seine Nutzlosigkeit an dieser Stelle keinen Zweifel lie. Ein
Schlsselbrett, dazu zwei, drei Hirschgeweihe mit allerhand Mtzen und Hten
daran, vollendeten die Einrichtung. In den Ecken standen Stcke umher, eine
Entenflinte und ein Kavalleriedegen, whrend an den Paneelen der Fensternische
mehrere Spezialkarten von Ruland, mit Oblaten und Ngelchen, je nachdem es sich
am bequemsten gemacht hatte, befestigt waren. Zahllose rote Punkte und Linien
zeigten deutlich, da mit dem Zeitungsblatt in der Hand zwischen Smolensk und
Moskau bereits viel hin und her gereist worden war.
    Dies war das Zimmer, in das, wie am Schlusse des vorigen Kapitels erzhlt,
Vater und Sohn eintraten. Beide nahmen auf dem Sofa Platz, gegenber dem
Frauenportrt, das jetzt auf sie niedersah. Berndt, der in seinem gewhnlichen
Hauskostm war: weite Beinkleider von schottischem Stoff, dunkler Samtrock, dazu
ein rotseidenes Tuch leicht um den Hals geschlungen, streckte den rechten Fu
auf ein hohes, tabouretartiges Doppelkissen. Lewin, aus Respekt und Gewhnung,
sa gerade aufrecht neben ihm.
    Nun, was gibt es, Lewin, was bringst du?
    Vielleicht eine Neuigkeit. Morgen werden unsere Bltter das Bulletin
bringen, das die Vernichtung des Heeres zugesteht. Ladalinskis hatten den
franzsischen Text; Kathinka las uns die Hauptstellen vor. Es hat mich
erschttert.
    Auch mich, aber noch mehr hat es mich erhoben.
    So kennst du schon den Inhalt? und ich komme wieder zu spt.
    Tante Amelie empfing den Zeitungsausschnitt schon gestern; du kennst ihre
alten Beziehungen. Graf Drosselstein, der gestern bei ihr war, erbot sich, mir
persnlich die Nachricht zu bringen. Wir haben wohl eine Stunde geplaudert. Und
glaube mir, das Bulletin sagt nicht die Hlfte. Wir haben Briefe aus Minsk und
Bialystock; sie sind total vernichtet.
    Welch ein Gericht!
    Ja, Lewin, du sprichst das Wort. Die groe Hand, die beim Gastmahl des
Belsazar war, hat wieder ihre Zeichen geschrieben und diesmal keine
Rtselzeichen. Jeder kann sie lesen: Gezhlt, gewogen und hinweggetan. Ein
Gottesgericht hat ihn verworfen. Und doch frchte ich, Lewin, wir haben
Neunmalweise am Ruder, die dem zornigen Gott in den Arm fallen wollen. Sie
drfen es nicht. Wagen sie es, so sind sie verloren, sie und wir. - Wie ist die
Stimmung?
    Gut. Es ist mir, als wre eine Wandlung ber die Gemter gekommen. Das
ganze Fhlen ist ein hheres; wo noch Niedrigkeit der Gesinnung ist, da wagt sie
sich nicht hervor. Was fehlt, ist eins: ein leitender Wille, ein
entschlukrftiges Wort.
    Das Wort mu gesprochen werden, so oder so. Wenn die Menschen stumm sind,
so schreien es die Steine. Gott will es, da wir seine Zeichen verstehen. Lewin,
wir alle sind hier entschlossen. Wir alle stehen hier des Wortes gewrtig; wird
es nicht gesprochen, so folgen wir dem lauten Wort, das in uns klingt. Es
begrbt sich leicht im Schnee. Nur kein feiges Mitleid. Jetzt oder nie. Nicht
viele werden den Njemen berschreiten, ber die Oder darf keiner.
    Lewin schwieg eine Weile; er mied es, dem Blick des Vaters zu begegnen. Dann
sprach er halb vor sich hin: Wir sind die Verbndeten des Kaisers. Wir wollen
das Bndnis lsen, Gott gebe es, aber -
    So mibilligst du, was wir vorhaben?
    Ich kann nicht anders. Das, was du vorhast und was Tausende der Besten
wollen, es ist gegen meine Natur. Ich habe kein Herz fr das, was sie jetzt mit
Stolz und Bewunderung die spanische Kriegsfhrung nennen. Alles, was von
hintenher sein Opfer fat, ist mir verhat. Ich bin fr offenen Kampf, bei
hellem Sonnenschein und schmetternden Trompeten. Wie oft habe ich in Entzcken
geweint, wenn ich auf der Fubank neben Mama sa und sie von ihrem Vater
erzhlte, wie er, kaum achtzehnjhrig, in die russischen Vierecke einbrach und
wie dann Rittmeister von Wakenitz vor der Schwadron ihn kte und ihm zurief:
Junker von Dumoulin, lassen Sie uns die Degen tauschen. Ja, ich will Krieg
fhren, aber deutsch, nicht spanisch, auch nicht slawisch. Du weit, Papa, ich
bin meiner Mutter Sohn.
    Das bist du, und ein Glck, da du es bist. ber deiner Mutter Kindheit
haben helle Sterne gestanden, und ich bitte Gott, da der Segen ihres Hauses
ber dir und ber Renaten sei.
    Lewin sah wieder vor sich hin. Berndt von Vitzewitz aber fuhr fort: Ich
wei, was eine Natur zu bedeuten hat; alles An- und Eingeborene, das nicht gegen
die Gebote Gottes streitet, ist mir heilig; gehe deinen Weg, Lewin, ich zwinge
dich in nichts. Aber ich, in stillen Nchten habe ich mir's geschworen, ich will
den meinen gehen!
    Eine kurze Pause folgte, whrend welcher Berndt in dem schmalen Zimmer auf
und nieder schritt. Dann, ohne des Schweigens zu achten, in dem Lewin verharrte,
sprach er weiter: Ihr in den Stdten, und du bist ein Stadtkind geworden,
Lewin, ihr wit es nicht, ihr habt es nicht recht erlebt. Unter den Augen der
Machthaber nahm die Unterdrckung Ma und das Ungesetzliche gesetzliche Formen
an. Sie rhmen sich dessen sogar und glauben es beinahe selbst, da sie unsere
Ketten gebrochen haben. Aber wir auf dem Lande, wir wissen es besser, und ich
sage dir, Lewin, die rote Hand, die Feuer an die Scheunen legte, die die
Goldringe von den Fingern unserer Toten zog, sie ist unvergessen hierherum, und
eine rtere Hand wird ihr die Antwort geben.
    Lewin wollte dem Vater antworten; aber dieser, die Heftigkeit seiner Rede
pltzlich umstimmend, fuhr mit ersichtlicher Bewegung fort: Du warst noch ein
Knabe, als der bse Feind ins Land kam: der Glanz seiner Taten ging vor ihm her.
Was er damals im bermut seines Glckes unsere Knigin zu fragen sich
erdreistete: Wie mochten Sie's nur wagen, den Kampf gegen mich aufzunehmen?,
diese Frage ist seitdem von tausend Schwachen und Elenden im Lande selber
nachgesprochen worden, als ob sie das A und das O aller Weisheit wre. Und in
dieser Vorstellung unserer Ohnmacht bist du herangewachsen, du und Renate. Ihr
habt nichts gesehen als unsere Kleinheit, und ihr habt nichts gehrt als die
Gre unseres Siegers. Aber, Lewin, es war einst anders, und wir Alten, die wir
noch das Auge des groen Knigs gesehen haben, wir schmecken bitter den Kelch
der Niedrigkeit, der jetzt tglich an unseren Lippen ist.
    Und ich bin es sicher, fiel jetzt Lewin ein, er wird von uns genommen
werden. Wir werden einen frohen, einen heiligen Krieg haben. Aber zunchst sind
wir unseres Feindes Freund, wir haben mit und neben ihm in Waffen gestanden; er
rechnet auf uns, er schleppt sich unserer Tre zu, hoffnungsvoll wie der
Schwelle seines eigenen Hauses; das Licht, das er schimmern sieht, bedeutet ihm
Rettung, Leben, und an der Schwelle eben dieses Hauses fat ihn unsere Hand und
wrgt den Wehrlosen.
    In diesem Augenblick begannen die Glocken zu klingen, die von dem alten
Hohen-Vietzer Turm her zur Kirche riefen. Sie klangen laut und voll in dem
klaren Wetter, Berndt horchte auf; dann mit der Hand nach Osten deutend, von wo
die Klnge herberhallten, fuhr er seinerseits fort: Ich wei, da geschrieben
steht, die Rache ist mein, und in menschlicher Gebrechlichkeit, das wei der,
der in die Herzen sieht, bin ich allezeit seinem Wort gefolgt. Ich frchte
nicht, da ich lstere, wenn ich ausspreche: Es gibt auch eine heilige Rache. So
war es, als Simson die Tempelpfosten fate und sich und seine Feinde unter
Trmmern begrub. Vielleicht, da auch unsere Rache nichts anderes wird als ein
gemeinschaftliches Grab. Sei's drum; ich habe abgeschlossen; ich setze mein
Leben daran, und, Gott sei Dank, ich darf es. Diese Hand, wenn ich sie aufhebe,
so erhebe ich sie nicht, um persnliche Unbill zu rchen, nein, ich erhebe sie
gegen den bsen Feind aller Menschheit, und weil ich ihn selber nicht treffen
kann, so zerbreche ich seine Waffe, wo ich sie finde. Der groe Schuldige reit
viel Unschuldige mit in sein Verhngnis; wir knnen nicht sichten und sondern.
Das Netz ist ausgespannt, und je mehr sich darin verfangen, desto besser. Wir
sprechen weiter davon, Lewin. Jetzt ist Kirchzeit. La uns Gottes Wort nicht
versumen. Wir bedrfen seiner.
    So trennten sie sich, als die Glocken zum zweiten Mal ihr Gelut begannen.

                                Fnftes Kapitel



                                 In der Kirche

Das Summen der Glocken war noch in der Luft, als Berndt von Vitzewitz, Renaten
am Arm, aus einem in den Schnee gefegten Fusteig in die groe Nubaumallee
einbog, die, leise ansteigend, von der Einfahrt des Herrenhauses her in gerader
Linie zur Hgelkirche hinauffhrte. Dem voraufschreitenden Paare folgten Lewin
und Tante Schorlemmer. Alle waren winterlich gekleidet; die Hnde der Damen
steckten in schneeweien Grnlandsmuffen; nur Lewin, alles Pelzwerk
verschmhend, trug einen hellgrauen Mantel mit weitem berfallkragen.
    Die mehrgenannte Hgelkirche, der sie zuschritten, war ein alter
Feldsteinbau aus der ersten christlichen Zeit, aus den Kolonisationstagen der
Zisterzienser her; dafr sprachen die sauber behauenen Steine, die Chornische
und vor allem die kleinen hochgelegenen Rundbogenfenster, die dieser Kirche, wie
allen vorgotischen Gotteshusern der Mark, den Charakter einer Burg gaben. Wenig
hatten die Jahrhunderte daran gendert. Einige Fenster waren verbreitert, ein
paar Seiteneingnge fr den Geistlichen und die Gutsherrschaft hergerichtet
worden; sonst, mit Ausnahme des Turmes und eines neuen Gruftanbaues der
nrdlichen Langwand, stand alles, wie es zu den Mnchszeiten gestanden hatte.
    War nun aber das uere der Kirche so gut wie unverndert geblieben, so
hatte das Innere derselben alle Wandlungen eines halben Jahrtausends
durchgemacht. Von den Tagen an, wo die Askanier hier ihre regelmig
wiederkehrenden Fehden mit den Pommerherzgen ausfochten, bis auf die Tage
herab, wo der groe Knig an eben dieser Stelle, bei Zorndorf und Kunersdorf,
seine blutigsten Schlachten schlug, war an der Hohen-Vietzer Kirche kein
Jahrhundert vorbergegangen, das ihr nicht in ihrer inneren Erscheinung Abbruch
oder Vorschub geleistet, ihr nicht das eine oder andere gegeben oder genommen
htte.
    Ein Gleiches, was hier eingeschaltet werden mag, gilt von der Mehrzahl aller
alten mrkischen Dorfkirchen, die dadurch ihren Reiz und ihre Eigentmlichkeit
empfangen. Besonders im Gegensatz zu den weltlichen oder Profanbauten unseres
Landes. berblickt man diese, so nimmt man alsbald wahr, da die eine Gruppe
zwar die Jahre, aber keine Geschichte, die andere Gruppe zwar die Geschichte,
aber keine Jahre hat. Burg Soltwedel ist uralt, aber schweigt. Schlo Sanssouci
spricht, aber ist jung wie ein Parven. Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns
vielfach als die Trger unserer ganzen Geschichte dar, und die Berhrung der
Jahrhunderte untereinander zur Erscheinung bringend, besitzen und uern sie den
Zauber historischer Kontinuitt.
    Die Hohen-Vietzer Kirche hatte drei Eingnge, der erste fr die Gemeinde von
Westen her. Der Turm, durch den dieser Eingang ging, war aus Feldstein roh
zusammengemrtelt; es fehlte die Sauberkeit, die den lteren Bau auszeichnete.
Von der Decke herab hing ein Seil, an dem die Betglocke gelutet wurde. Rechts
an der Wand hin stand ein Grabscheit, eine Totenbahre; auf ihr lagen
Leinentcher, um die Srge hinabzulassen. An der Wand gegenber waren
wurmstichige Holzpuppen, berreste eines Schnitzaltars aus der katholischen Zeit
her, zusammengefegt; daneben aufgeschichtetes Knubbenholz, wahrscheinlich um die
Sakristei zu heizen. Das eigentliche Schaustck dieser Vorhalle war aber die
Trkenglocke, berhmt wegen ihres Tones und ihrer Gre, die, nachdem sie
lange oben im Turm gehangen und die Oder hinauf und hinabgeklungen hatte, jetzt
gesprungen aus ihrer Hhe herabgelassen war. Sie war - so wenigstens ging die
Sage - aus Geschtzen gegossen, die Isaschar von Vitzewitz (des alten Matthias
Sohn) aus dem Trkenkriege mit heimgebracht hatte. Inschriften bedeckten den
Rand; eine lautete:

Ruf ich, ffne deinen Sinn,
Gott zu dienen ist Gewinn.

Der schwere Eisenklppel stand in einer Ecke daneben. Aus dem Turm trat man in
den Mittelgang der Kirche; dicht an der Schwelle lag ein granitner Taufstein,
ohne Fu oder Trger, mitten durchgebrochen, noch aus der Zeit der Zisterzienser
her. Weiter links, in der Ecke, wo Turm und Kirchenschiff zusammenstieen, war
eine Nische in die nrdliche Lngswand gehauen: an einem Eisenstab hing eine
Maria (das Christkind war ihrem Arm entfallen), und ihr zu Hupten stand einfach
die Jahreszahl 1431. Das war das Hussitenjahr. Kein Zweifel, da die Vitzewitze
diesen Votivaltar nach Abzug des Feindes gestiftet hatten. Rechts und links vom
Mittelgange, bis ber die Hlfte der Kirche, liefen die Kirchensthle hin, alle
sauber und verschlossen; nur die Tr des vordersten stand halb offen und hing in
den Angeln. Dieser hie der Majorsstuhl seit den Tagen, die der Kunersdorfer
Schlacht unmittelbar gefolgt waren. Bis hierher, durch Flucht und Graus, hatten
Grenadiere vom Regiment Itzenplitz ihren verwundeten Major getragen, auf diese
Bank hatten sie ihn niedergelegt, hier hatte er sich aufgerichtet und die Binden
abgerissen. Kinder, ich will sterben. Die Bank hatte einen Blutfleck seitdem,
und jeder mied die Stelle.
    Einen Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildeten ihre Grabsteine. Einst
hatten sie vom Altar an bis mitten in das Kirchenschiff hinein gelegen; seitdem
aber das alte Gewlbe zugeschttet und die neue Gruft, deren wir schon
erwhnten, angebaut worden war, standen sie aufrecht an der Nordwand der Kirche
hin. Es waren meist einfache Steine, je nach der Sitte der Zeit mit langen oder
kurzen Inschriften versehen, die von Malplaquet und Mollwitz erzhlten oder auch
von stilleren Tagen, in Hohen-Vietz begonnen und beendet.
    An zwei dieser Steine knpfte die Sage an. Neben der Mariennische stand
einer, grer als die andern und dicht beschrieben. Wer die Inschrift las, der
wute, da Katharina von Gollmitz, eine Freundin des Hauses, einst unter diesem
Steine gelegen hatte. Grete von Vitzewitz, der Verstorbenen in besonderer Liebe
zugetan, hatte ihr, als sie whrend eines Besuches in Hohen-Vietz erkrankte und
starb, einen Ehrenplatz in der Kirche angewiesen; aber die Freundin im Grabe
hatte kein Gefhl fr diese Auszeichnung und sehnte sich nach Haus. Immer wenn
Grete Vitzewitz ber den Grabstein hinschritt, hrte sie eine Stimme: Grete,
mach auf! Da machten sie endlich auf und brachten den Sarg nach Jargelin, wo
Katharina von Gollmitz ihre Heimat hatte. Nun wurde es still. Den Grabstein aber
mauerten sie in die Wand.
    Ein anderer Stein, dessen Inschrift lngst weggetreten war, lag noch dicht
vor dem Altar. Er war der einzige, den man an alter Stelle belassen hatte,
vielleicht weil er zerbrochen war. Er weigerte sich hartnckig, mit den neben
ihm liegenden Fliesen gleiche Linie zu halten, und bildete nach und nach eine
Mulde. Wie oft auch seine zwei Hlften aufgenommen und Sand und Gerlle in die
Vertiefung hineingestampft wurden, der Stein sank immer wieder. Das Volk sagte:
Da liegt der alte Matthias; der geht immer tiefer.
    Dies war nun freilich ein Irrtum, der alte Matthias lag an anderer Stelle,
wohl aber gehrte ihm das groe Grabmonument an, das, nach der knstlerischen
Seite hin, den Hauptschmuck der Hohen-Vietzer Kirche bildete. Es war ein
Marmordenkmal, berladen, rokokohaft, dabei jedoch von groer Meisterschaft der
Arbeit. Dem Gegenstande nach zeigte es eine gewisse Verwandtschaft mit dem
Altarbilde des Saalanbaues. Matthias von Vitzewitz und seine Gemahlin kniend,
dabei voll Andacht zu einer Kreuzigung Christi emporblickend. Alles Basrelief,
nur die Knienden fast in losgelster Figur. Darunter ihre Namen und die Daten
ihres Lebens und Sterbens. Ein niederlndischer Meister hatte das Werk gefertigt
und es persnlich zu Schiff bis in die Oder hinauf gebracht.
    Als die Bewohner des Herrenhauses die Kirche betraten, begann eben der
Gesang der Gemeinde. Eine schmale Treppe, an einem der kleinen Seiteneingnge
ausmndend, fhrte zu dem herrschaftlichen Stuhle hinauf. Dieser, ein auf
Pfeilern ruhender, sehr einfacher Holzbau, war ursprnglich durch hohe
Schiebefenster geschlossen gewesen, lngst aber waren diese beseitigt, und nur
noch zwei schmale Bretter, die von der Brstung bis zur vollen Hhe der Decke
aufstiegen, teilten den Raum in drei groe Rahmen ab. Vorn an der Wandung war
das Vitzewitzsche Wappen angebracht, ein Andreaskreuz, wei auf rotem Grunde.
    In Front dieses herrschaftlichen Stuhles, hart an der Brstung hin, nahmen
die Eintretenden geruschlos Platz: erst Berndt von Vitzewitz, links neben ihm
Renate, dann Tante Schorlemmer. Lewin stellte seinen Stuhl in die zweite Reihe.
So vernachlssigt alles war, so war es doch nicht ohne einen gewissen Reiz.
Gleich zur Rechten Altar und Kanzel; in Front des Altars das Taufbecken, eine
silberne, mit allegorischen Figuren und unentzifferbaren Inschriften reich
ausgeschmckte Schssel, die nur mit groer Mhe vor den Hnden des Feindes
gerettet worden war. An der Wand gegenber das vorerwhnte Marmordenkmal des
alten Matthias und seiner Gemahlin. Das Beste aber, was dieser unscheinbaren
Stelle eigen war, war doch das groe, fast einen Halbkreis bildende Fenster, das
einen Blick auf den Kirchhof und weiter hgelabwrts auf einzelne zerstreute,
wie Vorposten ausgestellte Htten und Huser des Dorfes gestattete. Neben diesem
Fenster, hart an der Kirchwand, stand ein Eibenbaum, der von der Seite her die
lngsten seiner Zweige vorschob und regelmig an die Scheiben klopfte, wenn
Pastor Seidentopf seine dreigeteilte Predigt den Hohen-Vietzern ans Herz legte.
Lewin setzte sich immer so, da er einen Blick auf das Fenster frei hatte. Er
stand wohl fest auf dem Catechismo Lutheri, wie alle Vitzewitze, seitdem die
gereinigte Lehre ins Land gekommen war, aber da war doch ein anderes in ihm, das
ihn von Zeit zu Zeit trieb, mehr auf den Eibenbaum drauen als auf die Stimme
von der Kanzel her zu achten, wre diese Stimme auch mchtiger gewesen als die
seines alten Lehrers und Freundes, dem die sonntgliche Erbauung oblag.
    Die Sonne schien hell, und ein einfallendes Streiflicht erleuchtete in
pltzlichem Glanz die halbe Nordwand, vor allem das groe Grabdenkmal dem
herrschaftlichen Chorstuhl gegenber. Die lebensgroen Figuren waren wie von
rosigem Leben angehaucht. Lewin hatte die Schnheit dieses Bildwerkes nie so
voll empfunden; er las die langen Inschriften, wie er sich gestand, zum ersten
Mal.
    Der Gesang schwieg; schon whrend des letzten Verses war Prediger Seidentopf
auf die Kanzel getreten, ein Sechziger, mit sprlichem weien Haar, von wrdiger
Haltung und mild im Ausdruck seiner Zge. Lewin hing an der wohltuenden
Erscheinung, senkte dann den Blick und folgte in andchtiger Betrachtung dem
stillen Gebet. Die Gemeinde tat ein Gleiches, neigte sich und schaute voll
herzlichem Verlangen zu ihrem Geistlichen auf, als dieser sein Gebet beendet und
sein Haupt wiederum erhoben hatte. Denn die Gemter waren damals offen fr Trost
und Zuspruch von der Kanzel her und rechneten nicht nach, ob die Worte
lutherisch oder kalvinistisch klangen, so sie nur aus einem preuischen Herzen
kamen. Das wute Seidentopf, der in gewhnlichen Zeiten manche Widersacher unter
den strengglubigen Konventiklern seines Dorfes zu bekmpfen hatte, und ein
heller Glanz, wie ihn ihm die innere Freude gab, umleuchtete seine Stirn, als er
nach Lesung des Evangeliums die Textesworte zu erklren begann. Er sprach von
dem Engel des Herrn, der den Hirten erschien, um ihnen die Geburt eines neuen
Heiles zu verknden. Solche Engel, so fuhr er fort, sende Gott zu allen Zeiten,
vor allem dann, wenn die Nacht der Trbsal auf den Vlkern lge. Und eine Nacht
der Trbsal sei auch ber dem Vaterlande; aber ehe wir es dchten, wrde
inmitten unseres Bangens der Engel erscheinen und uns zurufen: Frchtet euch
nicht, siehe, ich verkndige euch groe Freude. Denn das Gericht des Herrn habe
unsere Feinde getroffen, und wie damals die Wasser zusammenschlugen und
bedeckten Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao, da nicht einer aus ihnen
brigblieb, so sei es wiederum geschehen.
    An dieser Stelle, auf das Weihnachtsevangelium kurz zurckgreifend, htte
Pastor Seidentopf schlieen sollen; aber unter der Wucht der Vorstellung, da
eine richtige Predigt auch eine richtige Lnge haben msse, begann er jetzt, den
Vergleich zwischen dem alten und dem neuen Pharao bis in die kleinsten Zge
hinein durchzufhren. Und dieser Aufgabe war er nicht gewachsen. Dazu gebrach es
ihm an Schwung der Phantasie, an Kraft des Ausdrucks und Charakters. Schemenhaft
zogen die gypterscharen vorber. Die Aufmerksamkeit der Gemeinde wich einem
toten Horchen, und Lewin, der bis dahin kein Wort verloren hatte, sah von der
Kanzel fort und begann seine Aufmerksamkeit dem Fenster zuzuwenden, vor dem
jetzt ein Rotkehlchen auf der beschneiten Eibe sa und in leichtem Schaukeln den
Zweig des Baumes bewegte.
    Nur Berndt folgte in Frische und Freudigkeit der Rede seines Pastors. Seine
eigene Energie half nach; wo die Konturen nicht ausreichten, zog er seine
scharfen Linien in die unsicher schwankenden hinein. Was als Schatten kam, wurde
zu Leben und Gestalt. Er sah die gypter. Bataillone mit goldenen Adlern,
Reitergeschwader, ber deren weie Mntel die schwarzen Roschweife fielen, so
stiegen sie in endlos langem Zuge vor ihm auf, und ber all ihrer Herrlichkeit
schlossen sich die Wellen des Meeres. Nur ber einem schlossen sie sich nicht;
er gewann das Ufer, ein nrdliches Eisgestade, und siehe da, ber glitzernde
Felder hin flog jetzt ein Schlitten, und zwei dunkle, tiefliegende Augen
starrten in den aufstubenden Schnee. Pastor Seidentopf hatte keinen besseren
Zuhrer als den Patron seiner Kirche, der - und nicht heute blo - die
freundlich schne Kunst des Ergnzens zu ben verstand. Aus der Skizze schuf er
ein Bild und glaubte doch dies Bild von auen her, aus der Hand seines Freundes,
empfangen zu haben.
    Nun war der Sand durch die Uhr gelaufen, die Predigt selbst geschlossen. Da
trat der Pastor noch einmal an den Rand der Kanzel, und mit eindringlicher
Stimme, der sofort alle Herzen wieder zufielen, hob er an: Mit Christi Geburt,
die wir heute feiern, beginnt das christliche neue Jahr. Ein neues Jahr; was
wird es uns bringen? Es wissen zu wollen wre Torheit; aber zu hoffen ist
unserem Herzen erlaubt. Gott hat ein Zeichen gegeben; mgen wir es zum Rechten
deuten, wenn wir es deuten: er will uns wieder aufrichten, unsere Bue ist
angenommen, unsere Gebete sind erhrt. Die Geiel, die nach seinem Willen sechs
lange Jahre ber uns war, er hat sie zerbrochen; er hat sich unserer
Knechtschaft erbarmt, und die Weihnachtssonne, die uns umscheint, sie will uns
verkndigen, da wieder hellere Tage unserer harren. Ob sie kommen werden mit
Palmen oder ob sie kommen werden mit Schwerterklang, wer sagt es? Wohl mischt
sich ein Bangen in unsere Hoffnung, da der Sieg nicht einziehen wird ohne
letzte Opfer an Gut und Blut. Und so lat uns denn beten, meine Freunde, und die
Gnade des Herrn noch einmal anrufen, da er uns die rechte Kraft leihen mge in
der Stunde der Entscheidung. Das Wort des Judas Makkabus sei unser Wort: Das
sei ferne, da wir fliehen sollten. Ist unsere Zeit kommen, so wollen wir
ritterlich sterben um unserer Brder willen und unsere Ehre nicht lassen
zuschanden werden. Gott will kein Weltenvolk, Gott will keinen Babelturm, der in
den Himmel ragt, und wir stehen ein fr seine ewigen Ordnungen, wenn wir
einstehen fr uns selbst. Unser Herd, unser Land sind Heiligtmer nach dem
Willen Gottes. Und seine Treue wird uns nicht lassen, wenn wir getreu sind bis
in den Tod. Handeln wir, wenn die Stunde da ist, aber bis dahin harren wir in
Geduld.
    Er neigte sich jetzt, um in Stille das Vaterunser zu sprechen; die Orgel
fiel mit feierlichen Klngen ein; die Gemeinde, sichtlich erbaut durch die
Schluworte, verlie langsam die Kirche. Auf den verschiedenen Schlngelwegen,
die von der Kirche ins Dorf herniederfhrten, schritten die Bauern und
Halbbauern ihren halbverschneiten Hfen zu. Die Frauen und Mdchen folgten. Wer
von der Dorfstrae aus diesem Herabsteigen zusah, dem erschlo sich ein
anmutiges Bild: der Schnee, die wendischen Trachten und die funkelnde Sonne
darber.
    Die Gutsherrschaft nahm wieder ihren Weg durch die Nubaumallee. Als sie,
einbiegend, an die Hoftr kamen, stand Krist an der untersten Steinstufe und zog
seinen Hut. Die silberne Borte daran war lngst schwarz, die Kokarde verbogen.
Berndt, als er seines Kutschers ansichtig wurde, trat an ihn heran und sagte
kurz:
    Fnf Uhr vorfahren! Den kleinen Wagen.
    Die Braunen, gndiger Herr?
    Nein, die Ponies.
    Zu Befehl! Mit diesen Worten traten unsere Freunde ins Haus zurck.

                                Sechstes Kapitel



                                    Am Kamin

Punkt fnf Uhr war Krist vorgefahren; Berndt liebte nicht zu warten. Von den
Kindern hatte er kurzen Abschied genommen, um seiner Schwester auf Schlo Guse,
oder der Tante Amelie, wie sie im Hohen-Vietzer Hause hie, einen
nachbarlichen Besuch zu machen. Da er noch am selben Abend zurckkehren werde,
war nicht anzunehmen; er hatte vielmehr angedeutet, da aus der kurzen Ausfahrt
eine Reise nach der Hauptstadt werden knne. Die Unruhe seiner Empfindung trieb
ihn hinaus. Den Weihnachtsaufbau, wie seit Jahren, hatte er sich auch heute
nicht nehmen lassen wollen, aber kaum frei, im Gefhl erfllter Pflicht,
schlugen seine Gedanken die alte Richtung ein. Es drngte ihn nach Aktion oder
doch nach Einblick in die Welthndel; ein Bedrfnis, das ihm die Enge seines
Hauses nicht befriedigen konnte. In der Unterhaltung, das hatte Lewin bei Tische
empfunden, tat er sich Zwang an, und das Gefhl davon nahm auch dem Gesprch der
Kinder jede freie Bewegung. Eine gewisse Befangenheit griff Platz.
    So kam es, da man die Abwesenheit des Vaters, bei aufrichtigster Liebe zu
ihm, fast wie eine Befreiung empfand; Herz und Zunge konnten ihren Weg gehen,
wie sie wollten. Unsere Hohen-Vietzer Geschwister empfanden brigens, wie kaum
erst versichert zu werden braucht, nicht kleiner oder selbstschtiger als andere
im Lande; sie wollten nur nicht gezwungen sein, ber den Bsesten der Menschen
immer wieder und wieder zu sprechen, als wre nichts Sprechenswertes in der Welt
als dieser eine.
    Sie hatten sich samt Tante Schorlemmer im Wohnzimmer eingefunden und saen
jetzt, es mochte die siebente Stunde sein, um den hohen altmodischen Kamin. Mit
ihnen war Marie, die Freundin Renatens, des reichen Kniehase dunkelugige
Tochter, deren Besuch fr diesen Abend angekndigt war. Jede der drei Damen war
nach ihrer Weise beschftigt. Renate, dem Kamin zunchst sitzend, hielt einen
Palmenfcher in der Rechten, mit dem sie die Flamme bald anzufachen, bald sich
gegen dieselbe zu schtzen suchte; Tante Schorlemmer strickte mit vier groen
Holznadeln an einem Shawl, der wie ein Vlies neben ihrem Lehnstuhl niederfiel;
Marie bltterte neugierig in einer grnlndischen Reisebeschreibung, die ihr
Tante Schorlemmer zum Heiligen Christ beschert und mit einem Widmungsverse aus
Zinzendorf ausgestattet hatte. Zwischen Marie und Lewin, aber keineswegs als
eine Scheidewand, stand der Weihnachtsbaum, den Jeetze von der Halle her
hereingetragen hatte. Das Plndern, das Sache Lewins war, nahm eben seinen
Anfang. Jede goldene Nu, die er pflckte, warf er in hohem Bogen ber die
Spitze des Baumes fort, an dessen entgegengesetzter Seite Marie mit glcklicher
Handbewegung danach haschte. Im Werfen und Fangen jedes gleich geschickt.
    Lewin freute sich dieses Spieles; zudem war er von alters her nie besserer
Laune, als wenn er sich den Sigkeiten des Weihnachtsbaumes gegenbersah. Das
Naschen war sonst nicht seine Sache, aber die Pfennigreiter, die Nonnen, die
Fische machten ihn kritiklos und lieen ihn einmal ber das andere versichern,
da in dem plattgedrcktesten Pfefferkuchenbild immer noch ein Tropfen vom
himmlischen Manna sei.
    Die gute Laune Lewins steigerte sich bald bis zu Neckerei, unter der niemand
mehr zu leiden hatte als Tante Schorlemmer. Du sollst den Feiertag heiligen,
rief er ihr zu und wies dabei auf die vier hlzernen Stricknadeln, die, wie sich
von selbst versteht, nach dieser scherzhaften Reprimande nur um so eifriger zu
klappern begannen. Endlich wurde es ihr zuviel. Sie verfrbte sich und
resolvierte kurz: Meine Grnlnder knnen nicht warten.
    Da wir nun im langen Verlauf unserer Erzhlung nirgends einen Punkt
entdecken knnen, der Raum bte fr eine biographische Skizze unter dem Titel
Tante Schorlemmer, so halten wir hier den Augenblick fr gekommen, uns unseres
Pflicht gegen diese treffliche Dame zu entledigen. Denn Tante Schorlemmer ist
keine Nebenfigur in diesem Buche, und da wir ihr, nach flchtiger Bekanntschaft
in Flur und Kirche, an dieser Stelle bereits zum dritten Male begegnen, so hat
der Leser ein gutes Recht, Aufschlu darber zu verlangen, wer Tante Schorlemmer
denn eigentlich ist.
    Tante Schorlemmer war eine Herrnhuterin. Eines Tages, das lag nun dreiig
Jahre zurck, war ihr, der damaligen Schwester Brigitte, Mitteilung gemacht
worden, da Bruder Jonathan Schorlemmer, zur Zeit in Grnland, eine eheliche
Gefhrtin wnsche, bereit, ihm in seinem schweren Werke zur Seite zu stehen. Sie
hatte diesem Rufe gehorsamt, ihre Wsche gezeichnet und war mit dem nchsten
dnischen Schiff von Hamburg aus gen Norden gefahren. An einem Tage, der keine
Nacht hatte, war sie in Grnland gelandet, Bruder Schorlemmer hatte sie
empfangen und ihren Bund persnlich eingesegnet. Die Ehe blieb kinderlos, dessen
sich jedoch beide in christlicher Ergebung getrsteten. So vergingen ihnen zehn
glckliche Jahre. Zu Beginn des elften starb Jonathan Schorlemmer an einem
Lungenkatarrh und wurde in einem mit Seehundsfell beschlagenen Sarge begraben.
Seine Witwe aber, nachdem sie die Bevlkerung mit allem, was sie hatte,
beschenkt und jedem einzelnen versichert hatte, ihn nie vergessen zu wollen,
kehrte mit dem Grnlandschiff zunchst nach Kopenhagen und von dort aus in die
deutsche Heimat zurck.
    In die deutsche Heimat, aber nicht nach Herrnhut. Auf der weiten Rckreise
Berlin berhrend, wo ihr einige Anverwandte lebten, beschlo sie, im Kreise
derselben zu verbleiben, und bezog in jenem Stadtteile, der fnfzig Jahre frher
den einwandernden Bhmischen Brdern und Herrnhutern als Wohnplatz angewiesen
worden war, ein bescheidenes Quartier. In diesen kleinen Husern der
Wilhelmsstrae wrde sie ihr stilles und treues Leben sehr wahrscheinlich
beschlossen haben, wenn ihr nicht eines Tages ein Blatt ins Haus geflogen wre,
auf dem sie das Folgende las: Eine ltere Frau, am liebsten Witwe, wird zur
Fhrung eines Haushaltes auf dem Lande gesucht. Eine Tochter von zwlf Jahren
soll ihrer besonderen Obhut anvertraut werden. Bedingungen: Vertrglichkeit und
Christlichkeit. Anfragen sind zu richten an: B.v.V., poste restante Kstrin.
Tante Schorlemmer schrieb; alles Geschftliche erledigte sich schnell. Um
Weihnachten 1806 traf sie in Hohen-Vietz ein, in dessen Herrenhause gerade
damals ein trbes Christfest gefeiert wurde. Man trat sich gegenseitig
vertrauungsvoll entgegen, und nach wenig Wochen schon begann der Einflu unserer
Freundin sich geltend zu machen. Nicht das Glck, aber Ruhe und Friede waren in
ihrem Geleit. Renate hing ihr an, Lewin verehrte ihre Frsorge, Berndt von
Vitzewitz hatte einen tiefen Respekt vor ihrem Herrnhutertume.
    Und darin unterschied er sich freilich von seinen Kindern. Diese beugten
sich wohl vor der Aufrichtigkeit, aber nicht vor der Tiefe von Tante
Schorlemmers christlichem Gefhl. Ihre Leidenschaftslosigkeit, die dem Vater so
wohl tat, erschien den Geschwistern einfach als Schwche. Nach Ansicht beider
gebrauchte sie ihr Christentum wie eine Hausapotheke; und darin lag etwas
Wahres. Fr alle mehr gewhnlichen Flle hatte sie das Sal sedativum einer
frommen Alltagsbetrachtung, wie Rechte Treu kennt keine Scheu oder So dunkel
ist keine Nacht, da Gottes Auge nicht drber wacht; fr ernstere Flle jedoch
griff sie nach dem starken und nervenerfrischenden Sal volatile irgendeines
Kraftspruches: Was will Satan und seine List, wenn mein Herr Jesus mit mir
ist. Das unterscheidende Merkmal zwischen den schwachen und starken Mitteln
bestand im wesentlichen darin, da in den letzteren jedesmal der Bse
herausgefordert und ihm die Nutzlosigkeit seiner Anstrengungen entgegengehalten
wurde. Alle diese Sprche aber, ob schwach oder stark, wurden ebensosehr im
festen Glauben an ihre innewohnende Kraft wie mit der uersten Seelenruhe
vorgetragen. Und da steckte die Schuld oder doch das, was den Geschwistern als
Schuld erschien. Diese Seelenruhe, die sich neben dem Ma geforderter Teilnahme
oft wie Teilnahmlosigkeit ausnahm, reizte die jungen Gemter und stellte ihre
Geduld auf manche harte Probe. Berndt verstand dies stille Christentum besser
und hatte an sich selbst erfahren, da der Trost aus dem Worte Gottes mehr war
als der Wortetrost der Menschen.
    So war Tante Schorlemmer. - Das Scherzen ber ihre vorgeblich freie Stellung
zum dritten Gebot hatte sie einen Augenblick ernstlich verdrossen; Lewin aber,
ohne dessen zu achten, fuhr in seinen Neckereien fort: Unsere Freundin scheint
brigens keine Ahnung zu haben, welch hoher Besuch inzwischen vor dem Herrnhuter
Gemeindehaus gehalten hat.
    Wer? riefen die beiden Mdchen.
    Niemand Geringeres als Napoleon selbst. In der Nacht vom elften zum
zwlften. Und die Herrnhuter haben wieder versumt, sich heroisch in die
Weltgeschichte einzufhren. Sie haben den Kaiser angegafft, soweit es bei Nacht
und Schneetreiben mglich war, und haben ihn weiterfahren lassen. Das macht,
weil der herrnhutische Mut im Auslande lebt, in China, in Grnland, in
Hohen-Vietz. berall ist er, nur nicht daheim. Tante Schorlemmer, dessen bin ich
gewi, htte ihn verhaften und als Weltfriedensbrecher vor Gericht stellen
lassen.
    Die Angeredete drohte mit einer ihrer groen Nadeln zu Lewin hinber, dem es
brigens nahe bevorstand, sich aus dem Angriff in die Verteidigung gedrngt zu
sehen. Der Empereur war nicht umsonst zitiert worden; einmal in das Gesprch
hineingezogen, gleichviel ob im Ernst oder Scherz, begann er seine Macht zu
ben, und Lewin, wenigstens momentan des neckischen Tones vergessend, begann ein
Bild jener fluchtartigen Reise zu geben, die den zum ersten Mal von seinem Glck
verlassenen Kaiser in vierzehntgiger Fahrt von Smolensk bis in seine Hauptstadt
zurckgefhrt hatte. Er gab Altes und Neues, bei einzelnen Punkten lnger
verweilend, als vielleicht ntig gewesen wre.
    Tante Schorlemmer und Marie waren der Erzhlung aufmerksam gefolgt; Renate
aber warf hin: Vorzglich, und wie belehrend! Ein wahrer Generalbericht ber
russisch-deutsche Poststationen. Oh, ihr grostdtischen Herren, wie seid ihr
doch so schlechte Erzhler, und je schlechter, je klger ihr seid. Immer
Vortrag, nie Geplauder!
    Sei's drum, Renate; ich will nicht widersprechen. Aber wenn wir schlechte
Erzhler sind, so seid ihr Frauen noch schlechtere Hrer. Ihr habt keine Geduld,
und die Wahrnehmung davon verwirrt uns, lt uns den Faden verlieren und fahrt
uns, links und rechts tappend, in die Breite. Ihr wollt Guckkastenbilder: Brand
von Moskau, Rostoptschin, Kreml, bergang ber die Beresina, alles in drei
Minuten. Die Erzhlung, die euch und euer Interesse tragen soll, soll bequem wie
eine gepolsterte Staatsbarke, aber doch auch handlich wie eine Nuschale sein.
Ich wei wohl, wo die Wurzel des bels steckt: der Zusammenhang ist euch
gleichgiltig; ihr seid Springer.
    Renate lachte. Ja, das sind wir; aber wenn wir zuviel springen, so springt
ihr zuwenig. Eure Grndlichkeit ist beleidigend. Immer glaubt ihr, da wir in
der Weltgeschichte weit zurck seien, und wir wissen doch auch, da der Kaiser
in Paris angekommen ist. Oh, ich knnte Bulletins von Hohen-Vietz aus datieren.
Aber lassen wir unsere Fehde, Lewin. Was ist es mit den roten Scheiben im
Schlohof von Berlin? In der Zeitung war eine Andeutung; Kathinka schrieb
ausfhrlicher davon.
    Was schrieb sie?
    Wie du nur bist. Nun kmmert dich wieder, was Kathinka schrieb. Da ich so
tricht war, den Namen zu nennen.
    Lewin suchte seine flchtige Verlegenheit zu verbergen. Du irrst, ich
schweife nicht ab; mich hat das Phnomen lebhaft beschftigt. Es kam dreimal; am
dritten Tage habe ich es gesehen.
    Und was war es?
    An allen drei Tagen, etwa eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, erglhten
pltzlich die oberen Fenster des alten Schlohofes. Die Wachen meldeten es. Da
die Sonne lngst unter war, so dachte man an Feuer. Aber es fand sich nichts.
Auf dem neuen Schlohof blieben die Fenster dunkel. Die Leute sagen, es bedeute
Krieg.
    Ein leichtes Prophezeien, bemerkte Tante Schorlemmer ruhig. Wir hatten
Krieg in diesem Jahre und werden ihn mit in das neue hinbernehmen.
    Ich glaube, fuhr Lewin fort, der ganze Vorgang wre schnell vergessen
worden, wenn nicht eines unserer Bltter, das euch nicht zu Hnden kommt, am
zweitfolgenden Tage schon eine Geschichte gebracht htte, die bei allem Dunklen
ersichtlich darauf berechnet war, der Erscheinung im Schlo eine tiefere
Bedeutung zu geben, so etwas wie Zeichen und Wunder.
    O erzhle!
    Ja. Aber du darfst nicht ungeduldig werden.
    Bist du empfindlich?
    Wohlan denn. Es ist eine Geschichte aus dem Schwedischen. Die berschrift,
die das Blatt ihr gab, war: Karl XI. und die Erscheinung im Reichssaale zu
Stockholm. Ich brge nicht dafr, da ich alles genauso wiedergebe, wie's in dem
Blatte stand, aber in den Hauptstcken bin ich meiner Sache gewi. Was man gern
hat, behlt man. Gedchtnis ist Liebe, sagte Tubal noch gestern, und selbst
Kathinka stimmte bei.
    Bei dem Namen Tubal kam das Errten an Renate. Lewin aber, als ob er es
nicht bemerkt habe, fuhr fort: Karl XI. war krank. Er lag schlaflos zu spter
Stunde in seinem Zimmer und sah nach der anderen Seite des Schlohofes hinber,
auf die Fenster des Reichssaales. Bei ihm war niemand als der Reichsdrost
Bjelke. Da schien es dem Knig, da die Fenster des Reichssaales zu glhen
anfingen, und darauf hindeutend, fragte er den Reichsdrosten: Was ist das fr
ein Schein? Der Reichsdrost antwortete: Es ist der Schein des Mondes, der gegen
die Fenster glitzert. In demselben Augenblick trat der Reichsrat Oxenstierna
herein, um sich nach dem Befinden des Knigs zu erkundigen, und der Knig,
wieder auf die glhenden Scheiben deutend, fragte den Reichsrat: Was ist das fr
ein Schein? Ich glaube, das ist Feuer. Auch der Reichsrat antwortete: Nein,
gottlob, das ist es nicht; es ist der Schein des Mondes, der gegen die Fenster
glitzert. Die Unruhe des Knigs wuchs aber, und er sagte zuletzt: Gute Herren,
da geht es nicht richtig zu; ich will hingehen und erfahren, was es sein kann.
Sie gingen darauf einen Korridor entlang, der an den Zimmern Gustav Erichsons
vorberfhrte, bis da sie vor der groen Tre des Reichssaales standen. Der
Knig forderte den Reichsdrosten auf, die Tr zu ffnen, und als dieser bat, in
dieser Nacht die Tr geschlossen zu lassen, nahm der Knig selbst den Schlssel
und ffnete. Als er den Fu auf die Schwelle setzte, trat er hastig zurck und
sagte: Gute Herren, wollt ihr mir folgen, so werden wir sehen, wie es sich hier
verhlt; vielleicht da der gndige Gott uns etwas offenbaren will. Sie
antworteten: Ja.
    Hier wurde Lewin unterbrochen. Jeetze trat ein, um eine Schale mit Obst auf
den Tisch zu stellen, Erdbeerpfel und Gravensteiner, die in Hohen-Vietz
vorzglich gediehen. Tante Schorlemmer benutzte die Unterbrechung, um einige
wirtschaftliche Ordres zu geben, Renate aber bemerkte: Ich vermisse die
Beziehungen; aber freilich, je geheimnisvoller, desto anregender fr die
Phantasie.
    Lewin nickte zustimmend. Dieser Eindruck wird sich bei dir steigern. Dann
fuhr er fort: Als Knig Karl und die beiden Rte eingetreten waren, wurden sie
eines langen Tisches gewahr, an dem eine Anzahl ehrwrdiger Mnner saen, in
ihrer Mitte ein junger Frst; als solchen bezeichnete ihn der Thron, der, mit
Wappenschildern und roten Teppichen behangen, unmittelbar in seinem Rcken
aufgerichtet war. Es war ersichtlich, man sa zu Gericht. Am unteren Ende des
Tisches stand ein Richtblock, und um den Block her, in weitem Halbkreis, standen
Angeklagte, reich gekleidet, aber nicht in der Tracht, die damals in Schweden
getragen wurde. Die zu Gericht sitzenden Mnner zeigten auf die Bcher, die sie
in Hnden hielten; sie wollten dem jungen Frsten nicht zu Willen sein, der aber
schttelte hochmtig den Kopf und wies an das untere Ende des Tisches, wo jetzt
Haupt um Haupt fiel, bis das Blut lngs dem Fuboden fortzustrmen begann. Knig
Karl und seine Begleiter wandten sich voll Entsetzen von dieser Szene ab; als
sie wieder hinblickten, war der Thron zusammengebrochen. Der Knig aber, indem
er des Reichsdrosten Bjelke Hand ergriff, rief laut und bittend: Welche ist des
Herren Stimme, die ich hren soll? Gott, wann soll das alles geschehen?
    Und als er Gott zum dritten Male angerufen hatte, klang ihm die Antwort:
Nicht soll dies geschehen in deiner Zeit, wohl aber in der Zeit des sechsten
Herrschers nach dir. Es wird ein Blutbad sein, wie nie dergleichen im
schwedischen Lande gewesen. Dann aber wird ein groer Knig kommen und mit ihm
Frieden und eine neue Zeit. Und als dies gesprochen war, schwand die
Erscheinung. Knig Karl hielt sich mhsam. Dann, ber denselben Korridor, kehrte
er in sein Schlafgemach zurck. Die beiden Rte folgten.
    Lewin schwieg. Im Wohnzimmer war es still geworden; der Fcher ruhte, selbst
die Stricknadeln ruhten; jeder blickte vor sich hin. Nach einer Pause fragte
Renate: Wer war der sechste Herrscher in Schweden?
    Gustav IV.; sein Thron ist zusammengebrochen.
    So hltst du das Ganze fr echt und ehrlich, fr eine wirkliche Vision?
    Ich sage nicht ja und nicht nein. Das Schriftstck, das ber diesen Hergang
berichtet, liegt im Stockholmer Archiv. Es ist von des Knigs Hand in selbiger
Nacht geschrieben; seine beiden Begleiter haben es mit unterzeichnet. Die
Handschriften sind beglaubigt. Ich habe weder das Recht noch den Mut, solchen
Erscheinungen die Mglichkeit abzusprechen. La mich sagen, Renate, wir haben
nicht das Recht.
    Lewin betonte das wir. Dann aber wandte er sich, einen scherzhaften Ton
wieder aufnehmend, an Tante Schorlemmer und Marie und drang in sie, ihren
Glauben oder Unglauben solchen Erscheinungen gegenber auszusprechen.
    Marie stand auf. Jeder sah erst jetzt, welchen tiefen Eindruck die Erzhlung
auf sie gemacht. Sie drckte die Tannenzweige, die sie mittlerweile, ohne zu
wissen warum, zerpflckt hatte, zu einem Knuel zusammen und warf alles in die
halb niedergebrannte Glut. Der rasch aufflackernden Flamme folgte eine
Rauchwolke, in der sie nun, einen Augenblick lang, selbst wie eine Erscheinung
stand, nur die Umrisse sichtbar und die roten Bnder, die ihr ber Haar und
Nacken fielen. Es bedurfte ihrerseits keines weiteren Bekenntnisses; sie selber
war die Antwort auf die Frage Lewins.
    Tante Schorlemmer aber, die Stricknadeln wieder aufnehmend, schttelte
unmutig den Kopf und zitierte dann, als ob sie ein Gespenster beschwrendes
Vaterunser vor sich hin bete, mit rascher und deutlicher Stimme:

Unter Gottes Schirmen
Bin ich vor den Strmen
Alles Bsen frei.
La den Satan wittern.
La den Feind erbittern,
Mir steht Jesus bei.


                               Siebentes Kapitel

                                    Im Kruge

Dorf Hohen-Vietz (es hatte auch ausgebaute Lose) beschrnkte sich in seinem
Innenteil auf eine einzige langgestreckte Strae, die, dem Fue des Hgels
folgend, nach Norden hin mit dem Vitzewitzeschen Rittergute, nach Sden hin mit
einem groen Mhlengehft abschlo.
    Das Rittergut, soweit seine Baulichkeiten in Betracht kommen, bestand aus
zwei hufeisenfrmigen Hlften, von denen die eine sich aus den drei Flgeln des
Herrenhauses, die andere aus Stllen und Scheunen des gutsherrlichen Gehftes
zusammensetzte. Die offenen Seiten beider Hufeisen waren einander zugekehrt,
zwischen beiden lief ein zugleich als Auffahrt dienender Steindamm, der in
seiner Verlngerung hgelansteigend in die mehrgenannte Nubaumallee berging.
    Freundlicher noch als das Rittergut lag die Mhle, die eine l- und
Schneidemhle war. Ein Wasser, das mit starkem Geflle am Dorf vorberflo,
trieb beide Werke. Jetzt war der Bach gefroren. Schnee und Eis aber, die in
phantastischen Formen an den groen Triebrdern hingen, steigerten, wenn nicht
den idyllischen, so doch den malerischen Reiz des weitschichtigen, aus Husern,
Schuppen und Lagerrumen bunt zusammengewrfelten Gehftes.
    Rittergut und Mhle die Flgelpunkte; dazwischen die Strae, die ihre
dreiig Huser oder mehr ziemlich unregelmig auf beide Seiten verteilt hatte.
Die linke Seite, die stliche, war die bevorzugte. Hier lagen die Pfarre, die
Schule, der Schulzenhof, whrend die rechte Seite, die fast ausschlielich von
Bdnern und Tagelhnern bewohnt wurde, nur ein einziges stattliches Gebude
aufwies: den Krug.
    In diesen treten wir jetzt ein. Er hatte nicht das Ansehen wie sonst wohl
Dorfkrge, dazu fehlte ihm der auf Holzsulen ruhende, jedem vorfahrenden Wagen
als Wetterdach dienende Giebelbau, vielmehr sprang eine doppelarmige, aus
Backsteinen aufgemauerte Treppe vor, die fast ein Dritteil der unteren Hausfront
ausfllte. Auch das Gelnder war von Stein. Dieser ueren Erscheinung, die mehr
Stdtisches als Drfisches hatte, pate sich auch die innere Einrichtung an. Von
den zwei Gastzimmern, die durch den fliesenbedeckten Flur getrennt waren, zeigte
das eine mit seinen blankgescheuerten Tischen und hochlehnigen Schemelsthlen,
in die ein Herz geschnitten war, allerdings noch den Krugcharakter, das andere
aber mit Mullgardinen und eingerahmten Kupferstichen, darunter Schill und der
Erzherzog Karl, glich fast in allem einer Brgerressourcenstube und hatte sogar
einen Lesetisch, auf dem, neben dem Lebuser Amtsblatt, der Beobachter an der
Spree und die Berlinischen Nachrichten von Staats und gelehrten Sachen
ausgebreitet lagen. Alles verriet Behagen und Wohlhabenheit und durfte es auch,
denn ber beides verfgten die Hohen-Vietzer Bauern, die hier ihr Solo spielten,
in ausgiebigster Weise. Ihre Hrigkeit, wenn sie je vorhanden gewesen war, hatte
in diesen Gegenden, wo dem herrenlosen Bruch- und Sumpflande immer neue Strecken
fruchtbaren Ackers abgewonnen wurden, seit lange glcklicheren Verhltnissen
Platz gemacht, und Berndt von Vitzewitz, weil er selbst frei fhlte, freute sich
nicht nur dieser wachsenden Selbstndigkeit, sondern kam ihr berall entgegen.
Ein Ereignis aus seinen jngeren Jahren her hatte dazu beigetragen. Kurz vor dem
zweiundneunziger Feldzug, als er - noch von seiner Garnison aus - einen Besuch
in der Salzwedler Gegend machte, hatte ein Schlo-Tylsener Knesebeck, ein
ehemaliger Regimentskamerad, ihn vom Schlo aus ins Dorf gefhrt und dabei die
Worte zu ihm gesprochen: Seht, Vitzewitz, hier werdet Ihr etwas kennenlernen,
was Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen habt: freie Bauern. Und diese Worte,
dazu die Bauern selbst, hatten eines tiefen Eindrucks auf ihn nicht verfehlt.
Das lag nun zwanzig Jahre zurck, war aber unvergessen geblieben und den
Hohen-Vietzern mehr als einmal zugute gekommen.
    Auch heute, am Weihnachtstage 1812, hatten sich einige buerliche
Honoratioren, alles Mnner von Mitte Fnfzig und darber, in der Gaststube
versammelt. Es waren ihrer vier: Ganzbauer Kmmeritz, Anderthalbbauer Kallies,
Ganzbauer Reetzke und Ganzbauer Krull, lauter echte Hohen-Vietzer, die, seit
unvordenklichen Zeiten an dieser Stelle sssig, mit den Vitzewitzen das alte
Hhendorf bewohnt und verlassen, dazu auch gemeinschaftlich mit ihnen die guten
und schlechten Zeiten durchgemacht hatten. Alle waren festtglich gekleidet,
trugen lange, dunkelfarbige Rcke und saen, mit Ausnahme eines von ihnen, grade
aufrecht in den breiten, gartenstuhlartigen Holzsesseln, die zu acht oder zehn
um einen groen, rotbraun gestrichenen Rundtisch herum standen.
    Als fnfter hatte sich ihnen der Wirt selber, der Krger Scharwenka,
zugesellt, der durch Erbschaft von Frauensseite her ein Doppelbauer und
berhaupt der reichste Mann im Dorfe war, nichtsdestoweniger aber, trotz seiner
sechshundert Morgen Bruchacker unterm Pflug, nicht fr voll und ebenbrtig
angesehen wurde. Das hatte zwei gute Bauerngrnde. Der eine lief darauf hinaus,
da erst sein Grovater, bei Urbarmachung des Oderbruchs, mit andern bhmischen
Kolonisten ins Dorf gekommen war; der andere wog schwerer und gipfelte darin,
da er, allem Abmahnen zum Trotz, von dem wenig angesehenen Geschft des
Krgerns nicht lassen wollte. Scharwenka, sooft dieser heikle Punkt zur
Sprache kam, pflegte sich auf seinen Grovater selig zu berufen, der ihm von
Kindesbeinen an beigebracht habe: Dukaten seien nie despektierlich. Der
eigentliche Grund aber, warum er den Bierschank und das Knechte Bedienen nicht
aufgeben wollte, lag keineswegs bei den Dukaten. Es war dem reichen Doppelbauer
viel weniger um den hbschen Krugverdienst als um die tagtgliche Berhrung mit
immer neuen Menschen zu tun; das Plaudern, vor allem das Horchen, das
Bescheidwissen in anderer Leute Taschen, das war es, was ihn bei der
Gastwirtschaft festhielt. Er setzte seinen Stolz darin, die Nachricht von einer
buerlichen, durch die Verhltnisse notwendig gewordenen Mesalliance
vierundzwanzig Stunden frher zu haben als jeder andere. Subhastationen konnte
er voraus berechnen wie die Kalendermacher das Wetter; seine eigentliche
Spezialitt aber waren die der Feuerlegung verdchtigen Windmller. Die Liste,
die er darber fhrte, umfate so ziemlich das ganze Gewerk.
    So Krger Scharwenka.
    Seinen Platz hatte er gerade der Tre gegenber genommen, um jeden
Eintretenden sehen und begren zu knnen. Unmittelbar neben ihm saen Reetzke
und Krull, die schon seit einer Stunde rauchten und schwiegen, ganz im Gegensatz
zu Kmmeritz und Kallies, die beide von den Gesprchigen waren. Auch von ihnen
ein Wort.
    Ganzbauer Kmmeritz, trotz seiner Fnfzig, hatte durchaus die Haltung und
das Ansehen eines alten Soldaten. Und beides kam ihm zu. Er war erst Grenadier,
dann Gefreiter im Regiment Mllendorf gewesen, hatte die Rheinkampagne
mitgemacht und zweimal die Weienburger Linien mit erstiegen. War dann bei
Kaiserslautern verwundet worden und hatte den Abschied genommen. Er vertrat in
diesem Kreise, neben dem Schulzen Kniehase, der heute zufllig ausgeblieben war,
die Traditionen der preuischen Armee, kontrollierte den Kaiser Napoleon, malte
seine Schlachten auf den Tisch und hielt die Ansicht aufrecht, da Jena, wo wir
den Sieg ja schon in Hnden hatten, nur durch einen Schabernack
verlorengegangen sei.
    Das volle Gegenteil von Kmmeritz war Anderthalbbauer Kallies, ein
schmalschultriger, langaufgeschossener Mann. Geistig regsam, aber schwach und
widerstandslos von Charakter, mute er es sich gefallen lassen, geneckt und
gehnselt zu werden, wozu schon, alles andere unerwogen, sein Beiname
herauszufordern schien. Er war nmlich, als er kaum laufen konnte, in eine groe
Rahmbutte oder Sahnenschssel gefallen und hie seitdem in sehr bezeichnender
Weise Sahnepott. Denn es war ihm sein lebelang etwas Milchernes geblieben.
    Alle fnf dampften jetzt aus langen hollndischen Pfeifen; neben jedem lag
ein Zndspan. Kallies hatte das Wort. Aus allem ging hervor, da eben ein
anderer Gast, ein Reisender, ein Kaufmann, wie es schien, das Zimmer verlassen
haben mute.
    Immer, wenn ich ihn so stehen sehe, sagte Kallies mit Wichtigkeit, fllt
mir sein Vater, der alte Tiegel-Schultze, ein; der stand auch immer so da, mit
beiden Hnden in den Hosentaschen, und war auch so ein schnackscher Kerl und sah
aus, als htt er den Gottseibeiuns beim Dreikart betrogen. Scharwenka, du mut
ja den alten Tiegel-Schultze auch noch gekannt haben.
    Scharwenka nickte; Kmmeritz aber, der eben eine neugestopfte Pfeife
anrauchte, sprach in kurzen Pausen vor sich hin: Tiegel-Schultze? Soll mich das
Wetter, wenn ich den Namen all mein Lebtag gehrt habe. Und bin doch auch ein
Hohen-Vietzer Kind.
    Das war, als du bei den Soldaten warst, Kmmeritz. So um die achtziger
Jahre. Nachher war Tiegel-Schultze tot, wenn er berhaupt gestorben ist.
    Kmmeritz, der wenigstens einen Teil seines wendischen Aberglaubens bei den
Soldaten gelassen hatte, schmunzelte vor sich hin und sagte dann: Sahnepott,
keine Dummheiten. Immer rsonabel. Wer tot ist, ist tot. Spuken kann er; aber
sterben mu er. Warum hie er Tiegel-Schultze?
    Er hie Schultze. Aber alle Welt nannt ihn Tiegel-Schultze. Ich bin oft bei
ihm gewesen, wenn ich ihm den Rbsen brachte. Immer bar Geld. Die Schwedter
sagten: Der hat gut bezahlen. Er stand dann hinterm Tisch, immer die Hnde in
den Hosen, und sah einen so verflixt an, da man ganz irre wurde. Aber nie kein
Handel. Scharwenka, das mut du ja wissen.
    Scharwenka nickte wieder. Sahnepott fuhr fort: Die Comptoirstube sah aus
wie ein Gefngnis, hoch, wei und Eisenstangen am Fenster. Nichts war drin als
drei Wandbretter, und auf den Brettern standen viele hundert Tiegel, groe und
kleine, irdene und tnerne, darum hie er Tiegel-Schultze. Ein paar sahen
schwarz aus und waren aus Kohle geschnitten.
    War er denn ein Schmelzer, ein Goldmacher?
    Das war er, und fr den Schwedter Markgrafen hat er manchen blanken Klumpen
ausgeschmolzen. Als aber der Markgraf dachte, er knnt es nun selber und htte
Schultzen alles abgesehen, da wollt er ihn beiseite schaffen, lud ihn aufs
Schlo, suchte Streit mit ihm und feuerte die beiden Lufe seines Suhler
Doppelgewehrs auf ihn ab, die mit zwei goldenen Zwickeln geladen waren. Es waren
solche, wie die pohlschen Edelleute an ihren Rcken tragen. Tiegel- aber lachte,
fing die beiden Zwickel mit seiner Linken auf, denn er war eine Linkepoot,
zeigte sie dem Markgrafen und sagte: Die trag ich nun zum Andenken an meinen
gndigen Herrn.
    Es war ersichtlich, da Kallies, der jetzt volles Fahrwasser unterm Kiel
hatte, den Zeitpunkt fr gekommen hielt, sich ber das Geschlecht der
Tiegel-Schultzen, ber Raps, Goldmachen und die Undankbarkeit des Schwedter
Markgrafen des weiteren verbreiten zu drfen. Aber ehe es geschehen konnte, trat
ein neuer Gast ein, der nun der Unterhaltung eine andere Wendung gab.
    Der Neueintretende war der Mller Miekley, dem die l- und Schneidemhle am
Sdende des Dorfes zugehrte. Er war unter Mittelstatur, trug einen hellgrauen
Rock und hatte in seinem Gesicht jenen eigentmlichen Ausdruck, den man bei fast
allen Landleuten findet, die innerhalb der religisen Kontroverse stehen,
Sektierer sind oder es werden wollen. Wo geistige Arbeit von Jugend auf ihre
Zge in das Antlitz schreibt, da ist der Sektiererzug nur ein Zug unter anderen
Zgen, einer unter vielen, in deren Gesamtheit er wie verlorengehen oder doch
bersehen werden kann; bei Landleuten aber tritt er ganz unverkennbar hervor,
und um so mehr, je weniger er die Herrschaft zu teilen hat. Dieser Sektiererzug,
in dem sich Sinnlichkeit und Entsagung, Hochmut und Demut mischen, lag auch in
Mller Miekley ausgesprochen, der im brigen ein gewissenhafter Mann war, auf
Hausehre hielt und sich der besonderen Protektion Tante Schorlemmers zu erfreuen
hatte. Es konnte dies geschehen, ohne nach irgendeiner Seite hin Ansto zu
geben, da Miekley nicht eigentlich aus der Landeskirche ausgetreten war,
vielmehr regelmig die Predigten Seidentopfs hrte und nur alle Vierteljahr
einmal aus dem tieferen Quell des Kandidaten Uhlenhorst schpfte, wenn dieser,
das Bruch und die Neumark bereisend, in Hohen-Sathen alle Konventikler von
diesseits und jenseits der Oder um sich versammelte. Das war denn freilich ein
Fest- und Ehrentag. Alles ruhte, das beste Gespann kam aus dem Stall, und wenn
die Wege grundlos gewesen wren, unser altlutherischer Mller htte sich's zur
ewigen Snde gerechnet, das Manna versumt zu haben.
    Miekley setzte sich links neben Kmmeritz. Dieser, wohl wissend, da jetzt
ein geistlicher Diskurs unvermeidlich geworden sei, kam ihm zuvor und fragte:
Nun, Miekley, wie hat Euch heute die Predigt gefallen?
    Gut, Kmmeritz, von Herzen gut, trotzdem er nichts davon gesagt hat, da
uns an diesem Tage zu Bethlehem im judischen Lande das Heil geboren wurde. Noch
weniger hat er von dem eingeborenen Sohne Gottes gesprochen. Uhlenhorst wrde
den Kopf geschttelt haben. Aber er hat gesprochen wie ein braver Mann. Ich kenn
ihn wohl, er hat ein preuisches Herz.
    Und ein christliches dazu, riefen die anderen alle wie aus einem Munde.
    Er zetert nicht, nahm Kallies das Wort, er verdammt nicht; er ist kein
Phariser. Er hat die Demut, Miekley, und das ist die Hauptsache.
    Sahnepott hat recht, bekrftigte Kmmeritz. Da ist kein zweiter hier
herum, der sich mit unserm Seidentopf messen knnte. Er hat nur einen Fehler, er
ist zu gut und zu leichtglubig und sieht alles, wie er es wnscht. ber der
gypter Heer, so sagte er, seien die groen Wasser zusammengeschlagen. Aber
Knig Pharao sitzt wieder in seiner Hauptstadt und spinnt die alten Fden. Noch
sind wir im Bndnis mit ihm, und der Himmel mag wissen, ob wir gndig von ihm
loskommen. Geb uns Gott einen ehrlichen Krieg.
    Den wirst du haben, Kmmeritz, warf hier Miekley ein, der sich trotz
seines Luthertums einen starken Glauben an Spuk- und Gespenstergeschichten
bewahrt hatte, den wirst du haben und wir alle mit dir. Die Alt-Landsberger
Mher haben wieder gemht, und jeder von euch wei, was das bedeutet. Sie haben
sieben Tage gemht, ehe der Alte Fritz in den Krieg zog, und die Stoppeln waren
damals so rot, als ob es Blut geregnet htte. In diesem November haben sie
wieder gemht auf kahlem Felde.
    Und von Sonnenuntergang her, rief Scharwenka dazwischen, das will sagen,
da der Feind von Westen kommt. Wir werden die Franzosen wieder im Lande haben,
neues, frisches Volk, mit all seinen alten Kniffen und Pfiffen, und wer eine
Tochter im Hause hat, der mag sich vorsehen. Sie haben eine freche Art, und die
Weiber laufen ihnen nach.
    Das sollen sie nicht, versicherte Miekley, und wo sie's tun, da falle die
Schande auf uns. Wo bse Lust ber Nacht in die Halme schiet, da lag von Anfang
an eine schlechte Saat in den Herzen; wo aber Zucht ist und Sitte und Gebet, da
hat der Bse keine Macht, auch wenn er sich in einen schlechten Franzosen
verkleidet.
    Alle nickten zustimmend. Aber, fuhr Mller Miekley fort, sie sind doch
ein Greuel, nicht weil sie leichtfertig sind, nein, weil sie ein unheiliges Volk
sind. Sie haben sich vermessen, den ewigen Gott des Himmels und der Erde von
Thron und Herrschaft abzusetzen, und beinahe schlimmer noch sie haben sich
vermessen, ihn wieder einzusetzen. Nun haben sie wieder einen Gott, aber er ist
auch danach; es ist kein rechter Christengott, es ist blo ein franzsischer
Gott, ein ab- und eingesetzter. Sie kennen nur den Gtzendienst ihres Kaisers,
aber keinen Gottesdienst, und sooft ich all die Jahre ber einen Franzosen in
unseren Kirchen gesehen habe, so war es nur, um Unheil anzurichten.
    Sie haben die Fransen von der Altardecke getrennt, sie haben die goldenen
Stickereien ausgeschnitten; sie haben die Leuchter eingeschmolzen, riefen
mehrere dazwischen.
    Oh, sie haben Schlimmeres getan, nicht hier, aber in unserer Nachbarschaft.
Den Grlsdorfer Pastor, der das Kirchen gut versteckt hatte, haben sie bis unter
die Achselhhlen eingegraben und sind erst in sich gegangen, als er sie bat, ihn
totzuschlagen, anstatt ihn zu martern. In Hohen-Finow haben sie den
Abendmahlswein getrunken und schlechte Lieder gesungen; dann haben sie den
Altartisch aus der Kirche auf der Kirchhof getragen, haben ihre Teufelsknchel
in den Abendmahlskelch getan und haben gewrfelt. In die Gruft sind sie
hinabgestiegen und haben der jungverstorbenen Frau die seidenen Kleider
abgerissen.
    Das haben sie getan, fiel jetzt Sahnepott mit Wichtigkeit ein, der wie
alle schwachen Naturen eine Neigung zum bertrumpfen hatte, aber in Haselberg
haben sie es ben mssen, wenigstens einer. Die Haselberger Gruft ist, was sie
eine Mumiengruft nennen, es soll ihrer mehrere auf dem Hohen-Barnim geben. Die
Franzosen nun, als sie die Srge aufbrachen, da sahen sie, da die Toten
unverwest waren. Das gab ein Lachen. Da trugen sie den einen Sarg aus der Gruft
in die Kirche, nahmen den Toten heraus, und da seine Arme beweglich waren,
beschlossen sie, ihn zu kreuzigen. Sie stellten ihn an die Altarwand und
schlugen zwei Ngel durch seine Hnde. Die eine Hand aber lste sich wieder ab
und gab im Niederfallen dem einen der Missetter einen Backenstreich. Das
entsetzte ihn, da er tot zu Boden strzte.
    Den hat Gott gerichtet, rief Miekley. Und solch Schlag wird sie alle
treffen, und mten die Toten auferstehen.
    Ehe aber Gott seine Wunder tut, so schlo Kmmeritz das Gesprch, sollen
wir uns seiner Wunder wrdig machen. Nicht wahr, Miekley? Wir sollen die Hnde
nicht in den Scho legen. Die Alt-Landsberger Mher haben gemht; wenn der Knig
ruft, wer von uns noch Kraft hat zu mhen, der mhe mit. Ich bin's entschlossen.
Das Letzte fr Preuen und den Knig.
    Die Bauern standen auf und gingen nach entgegengesetzten Richtungen die
Dorfgasse entlang. Nach Norden hin glhte ein roter Schein am Himmel auf.
    Ist das Feuer? fragte Krull.
    Nein, sagte Miekley, es ist ein Nordlicht, der Himmel gibt seine
Zeichen.

                                 Achtes Kapitel



                                 Hoppenmarieken

Hoppenmarieken wohnte auf dem Forstacker, an dessen Rande sich, seit hundert
Jahren und lnger, eine aus bloen Lehmkaten bestehende Strae gebildet hatte.
Diese Strae, von den Hohen-Vietzern immer als etwas Fremdes angesehen, stand
rechtwinklig zu dem eigentlichen Dorf, nahm hundert Schritt hinter dem
Mhlengehft ihren Anfang und stieg hgelan, in Parallellinie mit der
mehrerwhnten, die Auffahrt zum Herrenhause fortsetzenden Nubaumallee. Es war
das Armenviertel von Hohen-Vietz, zugleich die Unterkunftssttte fr alle
Verkommenen und Ausgestoenen, eine Art stabil gewordenes Zigeunerlager, das
Abgang und Zugang erfuhr, ohne da sich die Dorfobrigkeit im einzelnen darum
gekmmert htte. Der Forstacker war immer so. So lie man es gehen und griff
nur ein, wenn grober Unfug eine Bestrafung durchaus erforderte.
    Wie der moralische Stand des Forstackers, so war auch seine Erscheinung. Die
Htten seiner Bewohner unterschieden sich von den in Front und Rcken derselben
stehenden Kofen in nichts als in dem Herdrauch, der aus ihren Dchern
aufwirbelte. Der Schnee, der jetzt alles berdeckte, stellte vollends eine
Gleichheit her.
    In der letzten, schon auf halber Hhe des Hgels gelegenen Lehmkate wohnte,
womit wir unser Kapitel begannen, Hoppenmarieken. Die Kofen fehlten; statt
dessen fate ein Heckenzaun das Huschen ein, welches letztere nach vornhin eine
Tr und ein Fenster, sonst aber nirgends einen Eingang oder eine Lichtffnung
hatte. Ein Wrfel mit blo zwei Augen. Das Innere bestand aus wenig Rumen. Der
Flur, der nach hinten zu zugleich die Kochgelegenheit hatte, war ebenso schmal
wie tief, dazu vllig dunkel; in Sommerszeit aber erhielt er Licht durch die
offenstehende Tr, whrend im Winter das auf dem Herd brennende Feuer aushelfen
mute. Neben dem Flur lag die Stube; hinter dieser der Alkoven.
    So war Hoppenmariekens Haus. Wer aber war Hoppenmarieken?
    Hoppenmarieken war eine Zwergin. Wo sie eigentlich herstammte, wute niemand
mit Bestimmtheit zu sagen. Die lteren Hohen-Vietzer erzhlten, da sie vor etwa
dreiig Jahren ins Dorf gekommen und als eine halbe Landstreicherin, wie manche
andere vor ihr und nach ihr, mit wenig gnstigen Augen angesehen worden sei. Der
damals lebende Gutsherr aber, Berndt von Vitzewitz Vater, habe Mitleid mit ihr
gehabt und die entgegenstehenden Bedenken mit der halb scherzhaften Bemerkung
niedergeschlagen: Dafr haben wir den Forstacker. Schon damals, so hie es,
habe sie so ausgesehen wie jetzt, ebenso alt, ebenso hlich, habe dieselben
hohen Wasserstiefel, dasselbe Kopftuch getragen und sei, damals wie heute, schon
auf weithin kennbar gewesen durch den roten Friesrock, die Kiepe auf ihrem
Rcken und den mannshohen, krummstabartigen Stock in ihrer Hand.
    Hoppenmarieken, soviel stand fest, hatte sich seitdem auf dem Forstacker
eingebrgert und war in der ganzen Sdhlfte des Oderbruchs die allergekannteste
Person. Dafr sorgte neben ihrer Erscheinung auch ihr Geschft. Sie hatte deren
mehrere. Zunchst war sie Botenluferin. Dreimal die Woche, wie immer auch Weg
und Wetter sein mochte, brach sie, je nach dem Postengange, frh morgens oder
spt abends auf, empfing Briefe, Zeitungen, Pakete und kehrte zwlf Stunden
spter, sei es von Frankfurt oder von Kstrin, nach Hohen-Vietz zurck. Und
dieser Botendienst, wie er sie berall bekannt gemacht hatte, machte sie
schlielich, trotz allem, was dann und wann gegen sie laut wurde, auch
wohlgelitten. Jedes freute sich, Hoppenmarieken ber den Hof kommen und durch
eine eigentmliche Bewegung ihres Stockes, die etwas Tambourmajorhaftes hatte,
angedeutet zu sehen: Ich bringe Neuigkeiten. Alle Landposten sind
wohlgelitten.
    Diese Botendienste bildeten aber nur die Basis ihrer Existenz; wichtiger fr
sie oder doch wenigstens eintrglicher war das Kommissionsgeschft, das sie
nebenbei betrieb. Der Eierhandel aller Drfer anderthalb Meilen um Hohen-Vietz
herum lag eigentlich in ihrer Hand, wobei sie sich doppelter Provisionen zu
versichern wute. Dies ermglichte sich dadurch, da das ganze Geschft auf
Tausch beruhte. Eine Bauerfrau in Zechin oder Wuschewier, die sich ein neues
Kopftuch wnschte, setzte sich, wenn Hoppenmarieken des Weges kam, mit dieser in
Verbindung, packte ihr einen bereitgehaltenen Hahn samt ein paar Stiegen Eier in
die Kiepe und berlie es nun ebenso ihrem Genius wie ihrer Diskretion, das
Kopftuch zu beschaffen. Es kam vor, da in diesem oder jenem Artikel
Hoppenmarieken den ganzen Markt bestimmte. Man sah in diesen Vorteilen, die ihr
zufielen, einen ehrlichen Verdienst und hatte recht darin. Aber nicht all ihr
Verdienst war so ehrlicher Natur. Auf dem Forstacker wohnten Leute, die, selbst
bel beleumdet, ihr bse Dinge nachsagten. Aber auch im Dorfe selbst wute man
davon zu erzhlen. Die liederlichen Dirnen schlichen sich abends in ihr Haus;
sie wahrsagte, sie legte Karten. Sonntags war sie immer in der Kirche und sang
mit ihrer rauhen Stimme die Gesangbuchlieder mit, von denen sie die bekanntesten
auswendig wute; aber niemand glaubte, da sie eine ehrliche Christin sei. Man
hielt sie fr einen Mischling von Zwerg und Hexe. Selbst im Herrenhause, wo man
ihr als einer Dorfkuriositt, zum Teil aber auch um ihrer Brauchbarkeit willen
manches nachsah, dachte man im ganzen genommen wenig gnstiger ber sie. Nur
Lewin stand ihr mit einer gewissen poetischen Zuneigung zur Seite. Er liebte
scherzhaft ber sie zu phantasieren. Ihr Alter sei unbestimmbar, sie sei ein
geheimnisvolles berbleibsel der alten wendischen Welt, ein Bodenprodukt dieser
Gegenden, wie die Krppelkiefern, deren einige noch auf dem Hhenrcken stnden.
Bei anderen Gelegenheiten wieder, wenn ihm vorgehalten wurde, da die Wenden
sehr wahrscheinlich schne Leute gewesen seien, begngte er sich, sie als ein
Gtzenbild auszugeben, das, als der letzte Czernebogtempel fiel, pltzlich
lebendig geworden sei und nun die frher beherrschten Gebiete durchschreite. Er
fgte auch wohl hinzu: Hoppenmarieken werde nie sterben, denn sie lebe nicht.
Sie sei nur ein Spuk. Darin versah er es nun aber ganz und gar; sie lebte nicht
nur, sie lebte auch gern und gut und dabei ganz mit jener sinnlichen Lust, wie
sie den Zwergen immer und den Geizigen in der Regel eigen ist. Und sie war
beides, zwergig und geizig.
    Die Bauern hatten sich nach ihrem Diskurs im Scharwenkaschen Kruge kaum
getrennt, als Hoppenmarieken in dem schweren Schritt ihrer Wasserstiefel die
Dorfgasse heraufkam. Sie ging rasch wie immer, nsterte und sprach
unverstndliche Worte vor sich hin. Ihr langer Hakenstock bewegte sich dabei
taktmig auf und ab, und ihr roter Friesrock leuchtete.
    Als sie das Mhlengehft passiert hatte, schwenkte sie links und schritt nun
die verschneite Lehmkaten-und Kofenstrae hinauf auf ihr Huschen zu. Die Tr
desselben war nur eingeklinkt, und mit Recht, denn alles, was sich drinnen
befand, stand im Schutze seiner eigenen Unheimlichkeit. Vlliges Dunkel empfing
sie; sie tappte, sich mit dem Stocke fhlend, bis in die Mitte des Flurs,
stellte hier Stock und Kiepe beiseite und fuhr dann mit ihrer Hand, die eine
Hornhaut hatte, in der Herdasche umher, bis ein paar glhende Kohlen zum
Vorschein kamen. Sie blies nun, nahm einen Schwefelfaden und zndete mit Hilfe
desselben eine Blechlampe an, ohne brigens von dem bescheidenen Lichte, das
dieselbe gab, zunchst Gebrauch zu machen. Sie kroch vielmehr in ein groes,
unmittelbar neben dem Herd befindliches Ofenloch hinein, rhrte auch hier mit
einem langen, halb verkohlten Scheit in der tief nach hinten liegenden Glut,
warf Reisig, Tannenpfel und ein paar Stcke steinharten Torfes auf und trat nun
erst in die Stube.
    Diese war gerumig. Hoppenmarieken leuchtete darin umher, sah in alle
Winkel, tat einen Blick in den nach hinten zu gelegenen Alkoven und drckte
zuletzt, bestndig vor sich hin sprechend, ihre Zufriedenheit mit dem
Sachbefunde aus. Die Lampe gab gerade Licht genug, um alles in der Stube
Befindliche erkennen zu knnen. Neben dem Fenster, dicht an die Ecke geschoben,
stand ein Wandschapp mit Tassen und Tellern; der eichene Tisch war blank
gescheuert; an der Alkoventr hing ein groer, mitten durchgeborstener
Rundspiegel, von dem es zweifelhaft bleiben mochte, ob er um Eitelkeits oder
Geschfts willen an dieser Stelle hing. Denn er sah aus, als ob er beim
Wahrsagen und Kartenschlagen notwendig eine Rolle spielen msse. Im brigen war
eine gewisse weihnachtsfestliche Herrichtung, fr die Hoppenmarieken selber am
Tage vorher gesorgt zu haben schien, unverkennbar. Das Himmelbett hatte frische
Vorhnge, die Dielen waren mit Tannenzweigen bestreut, und an dem Deckenhaken
hing ein Ebereschenzweig, dessen Beeren, trotz vorgeschrittener Winterzeit, noch
ihre schne rote Farbe zeigten. Alles dies htte fast einen gemtlichen Eindruck
machen mssen, wenn nicht dreierlei gewesen wre: erstens Hoppenmarieken in
Person, dann ihre Vogelkfige und drittens und letztens der Alkoven.
Hoppenmarieken selbst kennen wir; aber von den beiden anderen noch ein Wort.
    An allen vier Wnden hin, dicht unter der Decke, lief eine Reihe von
Vogelgebauern. Wohl zwanzig an der Zahl. Nur wo Bett und Ofen standen, war die
Reihe unterbrochen. Was eigentlich in den Bauern drinsteckte, war nicht klar zu
erkennen gewesen, als Hoppenmarieken mit der Lampe daran hingeleuchtet hatte.
Nur allerhand dunkle Vogelaugen hatten gro und schlfrig in das Licht gestarrt.
Es mute sich einem aufdrngen, das seien wohl die Augen, die bei Abwesenheit
der Herrin hier Wache hielten.
    Dieser seltsame Fries von Vogelbauern, in denen blo schweigsames Volk zu
Hause zu sein schien, war unheimlich genug, aber unheimlicher war der Alkoven.
Schon der Rundspiegel, der an der Tre hing, bedeutete nichts Gutes. Drinnen war
alles leer: Nur Kruterbschel zogen sich hier in hnlicher Weise um die Wnde
herum wie nebenan die Vogelkfige.
    Es waren gute und schlechte Kruter: Melisse, Schafgarbe, Wohlverleih, aber
auch Allermannsharnisch, Sumpfporst und Klosterwacholder. Dazwischen Bndel von
Roggenhalmen, deren gesunde Krner lngst ausgefallen waren, whrend das giftige
blaue Mutterkorn noch an den hren haftete; der Geruch im ganzen war betubend.
Was einem schrferen Beobachter vielleicht mehr als alles andere aufgefallen
wre, war, da smtliches Kruterwerk, statt an einfachen Ngeln, an dicken
Holzpflcken hing, deren mehrere Zoll betragender Durchmesser in gar keinem
Verhltnis zu der winzigen, von ihnen zu tragenden Last stand.
    Hoppenmarieken, die es sich mittlerweile bequem gemacht und die hohen
Wasserstiefel mit ein Paar aus Filztuch genhten Schuhen vertauscht hatte, holte
jetzt die Kiepe vom Flur herein und schien, ihrem ganzen Hantieren nach,
gewillt, einen Schmaus fr sich selber vorzubereiten. Sie whlte behaglich in
ihrer Kiepe, bis sie die Gegenstnde, die sie suchte, gefunden hatte. Was zuerst
aus der Tiefe heraufstieg, war eine blaue Spitztte, dann kamen zwei Eier, die
sie prfend gegen das Licht hielt, zuletzt ein altes bedrucktes Sacktuch, in das
aber etwas Wichtigeres eingeschlagen war. Wenigstens hielt sie das Paket mit
beiden Hnden ans Ohr und schttelte. Der Ton, den es gab, beruhigte sie. Sie
legte nun alles auf den Tisch, eines neben das andere, und holte vom Schapp her
einen alten Fayencetopf mit abgebrochenem Henkel, dazu einen Quirl und einen
Blechlffel. Jetzt war alles beisammen. Sie tat aus der blauen Tte einen Lffel
Zucker in den Topf, schlug die beiden Eier hinein, wickelte aus dem Sacktuch
eine Rumflasche heraus, liebugelte mit ihr, go ein und quirlte. Nur etwas
fehlte noch: das siedende Wasser. Aber auch dafr war gesorgt. Sie trat in den
Flur, kroch abermals in das Ofenloch und kam mit einem ruigen Teekessel zurck,
dessen Inhalt zischend und sprudelnd in dem groen Fayencetopf verschwand.
    Hiermit waren die Vorbereitungen als geschlossen anzusehen. Das eigentliche
Fest konnte beginnen. Sie machte den Tisch wieder klar, baute sich einen groen,
braunen Napfkuchen auf und sah, whrend sie den Kopf in beide Arme sttzte, mit
sinnlicher Zufriedenheit auf das hergerichtete Mahl. Auch jetzt noch war sie
beflissen, nichts zu bereilen. War es nun, da sie in der Hinausschiebung des
Genusses eine Steigerung sah, oder hatte sie so ihre eigenen Hoppenmariekeschen
Vorstellungen davon, wie nun einmal ein erster Weihnachtstag gefeiert werden
msse, gleichviel, sie begngte sich vorlufig damit, den aufsteigenden Dampf
von der Seite her einzusaugen, und zog dabei den Tischkasten weit auf, in dem,
durch eine Scheidewand getrennt, links das Gesangbuch, rechts die Karten lagen.
Sie nahm das Gesangbuch, schlug das Christlied auf: Vom Himmel hoch, da komm
ich her, las in rezitativischer Weise, die sie selber fr Gesang halten mochte,
die drei ersten, dann die letzte Strophe, klappte wieder zu und tat einen ersten
tchtigen Zug. Gleich darauf ging sie zu einem allerenergischsten Angriff auf
den Napfkuchen ber, der nun innerhalb zehn Minuten von der Tischflche
verschwunden war. Sie strich die Krmel in ihre linke Handflche zusammen und
schttete alles sorgfltig in den Mund.
    Jetzt, wo der Fayencetopf keinen Nebenbuhler mehr hatte, war sie erst in der
Lage, ihm zu zeigen, was er ihr war. Sie legte streichelnd und patschelnd ihre
Hnde um ihn herum, untersuchte mit den Kncheln alle Stellen, die einen kleinen
Sprung hatten, bog sich ber ihn und nippte, schlrfte und tat dann wieder volle
Zge. Nachdem sie so den ganzen Kursus des Behagens durchschmarutzt hatte, zog
sie den Schuhkasten zum zweiten Male auf, nahm jetzt aber, statt des
Gesangbuches, das Kartenspiel heraus. Es waren deutsche Karten: Schippen,
Herzen, Eichel; sie lagen in Form einer Mulde fest aufeinander, was jedoch fr
Hoppenmariekens Hnde keine Schwierigkeiten bot. Als sie wohl eine halbe Stunde
lang aufgelegt, gemischt und wieder aufgelegt hatte, ohne da die Karten kommen
wollten, wie sie sollten, stieg ihr das Blut zu Kopf.
    Der Schippenbube wich ihr nicht von der Seite. Das mifiel ihr; sie wute
ganz genau, wer der Schippenbube war. Was?
    Da lag er wieder neben ihr. Sie stand unruhig auf, nahm die Lampe, leuchtete
hinter den Ofen, sah zwei-, dreimal in den Alkoven hinein und setzte sich dann
wieder. Aber die Beklemmung wollte nicht weichen. Sie schnrte deshalb das
grogeblumte Kattunmieder auf, das sie trug, nestelte, zerrte, zupfte und fhlte
nach einem Tschchen, das sie an einem Lederstreifen auf der Brust trug. Es war
da. Sie nahm es ab, zhlte seinen Inhalt und fand alles, wie es sein mute.
    Dies gab ihr ihre Ruhe wieder. Sie wollte es noch einmal versuchen und
begann abermals die Karten zu legen. Diesmal traf es; der Schippenbube lag
weitab. Ein hliches Lachen zog ber ihr Gesicht; dann tat sie den letzten Zug,
schob einen groen Holzriegel vor die Tre und lschte das Licht.
    Als eine Stunde spter der Mond ins Fenster schien, schien er auch auf das
verwitterte Antlitz der Zwergin, das jetzt, wo sich das schwarze Kopftuch
verschoben und die weien Haarstrhnen blogelegt hatte, noch hlicher war als
zuvor. Der Mond zog vorber; das Bild gefiel ihm nicht. Hoppenmarieken selbst
aber trumte, da Schippenbube sie am Halse gepackt habe und an dem Lederriemen
zerre, um ihr die Tasche abzureien. Sie rang mit ihm; der Angstschwei trat ihr
auf die Stirn; dabei aber rief sie: Wart, ich sag's: Diebe! Diebe!
    Durch das de Haus hin klangen diese Rufe. Die Vgel stiegen langsam von
ihren Sprossen und starrten durch ihre Gitter auf das Bett, von wo die Rufe
kamen.

                                Neuntes Kapitel



                                Schulze Kniehase

Dem Kruge gegenber lag der Schulzenhof. Er bestand aus einem Ziegeldachhaus, an
das sich nach rckwrts zwei lange, schmale Stallgebude anlehnten, die durch
eine Scheune miteinander verbunden waren. Ein hinter dieser Scheune gelegenes,
mit Obstbumen und Himbeerstruchern besetztes Ackerstck streckte wieder zwei
schmale Blumenstreifen bis dicht an die Dorfstrae vor, so da in Sommerszeit,
wenn man vom Kirchhgel aus auf das Schulzengehft herniedersah, alles einem
groen Garten glich, der Haus und Hof wie zwischen zwei ausgebreiteten Armen
hielt. Selbst Miekleys Mhle war dann nicht freundlicher. Bis unter das Dach
blhten die Malven, die Bienen summten um den Stock, die Trauben hingen am
Spalier, whrend sich von dem alten, rechts an der Hoftr wachestehenden
Birnbaum von Zeit zu Zeit die schweren Frchte lsten und mit Geklatsch auf die
Schwellsteine niederfielen. Von den Insassen des Hauses achtete niemand dieses
Tones; nur ein Mdchen, das auf der vorgebauten Steintreppe des Hauses unter
einem Gerank von Flieder und Geiblatt sa, sah einen Augenblick horchend auf,
ehe es fortfuhr, das Garn zu wickeln oder die Naht zu sumen.
    So war es im Sptsommer. Aber auch im Winter bot der Schulzenhof ein
freundliches Bild, auch heute am zweiten Weihnachtsfeiertage. Auf dem Hofe war
der Schnee zusammengeschippt, so da er eine Mauer bildete; die Stalltren
standen auf, aus denen die warme Luft wie ein Nebel ins Freie zog. An der
Schwelle saen Sperlinge und pickten einzelne Krner auf. Sonst alles still;
auch der Hofhund feierte. In einer der Ecken zwischen Stall und Scheune stand
seine Htte; etwas von seinem Lagerstroh hatte er vor die ffnung geschoben, und
auf diesem Kissen lag nun sein spitzer Wolfskopf und sah behaglich in den Morgen
hinein.
    Und still und festtglich wie drauen auf dem Hofe, so war auch das Haus.
Schon seine Treppe war mit Sand bestreut; in den Ecken der Vordiele standen
junge Kiefern und fllten die Luft mit ihrem Harzgeruch; an einem Haken in der
Mitte des Flurs aber hing ein Mistelbusch. Die Wohnstuben waren schon geheizt
und die Kamintren geschlossen; nur zur Rechten, wo das groe Besuchszimmer lag,
knisterte noch ein Feuer und warf seinen Schein. Eine Katze strich ihre Flanken
an den warmen Ecken, schnurrend mit gekrmmtem Rcken, zum Zeichen ihres
besonderen Behagens.
    In dem vordersten Wohnzimmer, um einen schweren Eichentisch herum, befanden
sich drei Personen. Dem Fenster zunchst, und diesem den Rcken zukehrend, sa
ein breitschultriger Mann, ein Fnfziger. Sein Gesicht drckte Kraft, Festigkeit
und Wohlwollen aus. Sprliches blondes Haar legte sich an seine Scheitel, er war
sonntglich gekleidet und trug einen langen, schwarzbraunen Rock. Die Frau zu
seiner Linken, trotz ihrer Vierzig, war noch hbsch, von dunklem Teint und
wendisch gekleidet. Ein breiter Kragen fiel ber ihr Mieder von schwarzem Tuch,
und der kurze Friesrock war in hundert Falten gelegt. Unter der engen Tllmtze
versteckte sich nur halb das glnzend schwarze Haar. Aller Schmuck war silbern.
Um den Hals schlang sich eine starke, vorn auf der Brust durch einen Schieber
zusammengehaltene Kette; die Ohrgehnge glichen groen, silbernen Tropfen.
    Dies war das Schulze Kniehasesche Paar. Dem Alten gegenber, im vollen
Fensterlicht, sa die Tochter des Hauses, Maria, ebenso aufrecht wie Tages zuvor
am Kamin des Herrenhauses. Sie trug dasselbe Taftkleid, dasselbe rote Band im
Haar; und mit derselben Aufmerksamkeit, mit der sie gestern den Erzhlungen
Lewins gefolgt war, folgte sie heute der Vorlesung ihres Vaters, der zuerst das
Weihnachtsevangelium, dann das achte Kapitel aus dem Propheten Daniel las. Der
alte Kniehase hatte dies Kapitel mit gutem Vorbedachte gewhlt. Mariens Hnde
lagen still in ihrem Scho. Und als die Stelle kam: Und nach diesem wird
aufkommen ein frecher und tckischer Knig, der wird mchtig sein, doch nicht
durch seine Kraft, und nur durch seine List wird ihm der Betrug geraten, und er
wird sich auflehnen wider den Frsten aller Frsten; aber er wird ohne Hand
zerbrochen werden - da wurden ihre Augen grer, wie sie es bei der Erzhlung
von dem Feuerschein im Schlosse zu Stockholm geworden waren, denn erregbaren
Sinnes, nahm jegliches, wovon sie hrte, lebendige Gestalt an. Sonst blieb alles
in gleichem Schlag. Das Rotkehlchen, mit leisem Gezirp, hpfte aus dem Ring auf
die Sprossen und wieder von den Sprossen in den Ring; in gleichmigem Takt ging
der Pendel der Gehuseuhr. Und so ging auch des Schulzen Kniehase Herz.
    Kniehase war ein Pflzer. Wie kam er in dieses Wendendorf? Und wie war er
der Schulze dieses Dorfes geworden?
    Um dieselbe Zeit, als die Scharwenkas mit anderen tschechischen Familien von
Bhmen her bersiedelten, wanderten die Kniehases mit rheinischen Familien ein.
Das war um 1750, als Friedrich der Groe zur Trockenlegung der Sumpfstrecken des
Oderbruches und zu ihrer Kolonisierung schritt. Die tschechischen Familien, weil
ihrer nur wenig waren, fanden in den altwendischen Drfern ein Unterkommen, und
so kamen die Scharwenkas nach Hohen-Vietz. Die rheinischen Kolonistenfamilien
aber, die, ohne Rcksicht darauf, ob sie aus dem Cleveschen oder Siegenschen,
aus Nassau oder der Pfalz stammten, smtlich Pflzer genannt wurden (etwa wie
in Irland alle Herbergekommenen Sachsen heien), grndeten eigene Drfer,
unter denen Neu-Barnim das grte war. In diesem Dorfe wurde unser Kniehase
geboren, und zwar am Tage des Hubertusburger Friedens. Der Vater schlo daraus,
da der Sohn ein Prediger werden msse, und lie ihn nach den bescheidenen
Mitteln, die sich darboten, etwas Tchtiges lernen. Aber der junge Kniehase war
weitab davon, ein Mann des Friedens werden zu wollen; nur das Soldatische hatte
Reiz fr ihn, und mit zwanzig Jahren schon, nachdem er den Widerstand des Vaters
unschwer besiegt, trat er in die Grenadiercompagnie des Regiments Mllendorf
ein, das damals zu Berlin in Garnison stand. Der Dienst, trotz aller Strenge,
gefiel ihm wohl, und schon 1792, bei Ausbruch der Rheinkampagne, war er unter
den Fahnenunteroffizieren des Regiments. Bei Valmy erhielt er ein Ehrenzeichen,
bei Kaiserslautern ein zweites. Das kam so. Die Compagnie von Thadden sah sich
gezwungen, eine Hgelstellung zu rumen, auf der sie sich seit Beginn des
Kampfes behauptet hatte; feindliche Artillerie fuhr auf und beherrschte jetzt
das abgeschrgte, wohl 1500 Schritt breite Terrain, auf dem die zurckgehende
Compagnie, zum Teil in bloe Trupps aufgelst, ihren Rckzug bewerkstelligte. In
Mittelhhe des Abhanges lag ein durch einen Schenkelschu verwundeter Gefreiter
und beschwor seine Kameraden, ihn nicht liegen zu lassen. Einige hielten inne;
aber das Karttschenfeuer brach wieder den guten Willen; auch den Tapfersten
versagte der Mut. Da sprang Unteroffizier Kniehase vor, lief eine Strecke
zurck, lud den Verwundeten auf die Schulter und trug ihn aus dem Feuer.
Stabskapitn von Thadden, als die Compagnie sich wieder sammelte, trat an
Kniehase heran und schttelte ihm die Hand; die Grenadiere aber brachen in Jubel
aus und nahmen eine halbe Stunde spter die verlorengegangene Hhenstellung
wieder.
    Dieser Tag fhrte unseren Kniehase, wenn nicht gleich, so doch im
regelrechten Lauf der Ereignisse, nach dem alten Wendendorfe, dessen Obrigkeit
er jetzt bildete. Denn der Gefreite, den er so mutig aus dem feindlichen Feuer
getragen hatte, war niemand anderes als unser Freund aus dem Hohen-Vietzer Kruge
her: Peter Kmmeritz. Invalide geworden, erhielt er seinen Abschied; zwei Jahre
spter aber kam der Frieden, und die ganze Rheinarmee kehrte in ihre Garnisonen
zurck. Mit ihr das Regiment Mllendorf.
    Es war nach der Ernte, Anno 95; die Sommerfden flogen schon durch die Luft,
als an einem jener klaren Tage, wie sie der September bringt, an Miekleys Mhle
vorbei, ein breitschultriger Mann in seines Knigs Rock in die Hohen-Vietzer
Dorfstrae einbog. Auf seiner Brust blitzten ein paar Medaillen, und wer sich
auf Litzen und Rabatten verstand, der sah, da es ein Chargierter vom Regiment
Mllendorf war. Es war aber kein anderer als unser Unteroffizier Kniehase. Als
er, gefolgt von der halben Dorfjugend, die scheubeflissen auf seine Fragen
Antwort gab, in das Gehft seines ehemaligen Gefreiten eintreten wollte, trat
ihm an der Schwelle des Hauses nicht Peter Kmmeritz in Person, wohl aber Trude
Kmmeritz, seine Schwester, entgegen. Nach allem, was folgte, mu angenommen
werden, da diese Stellvertretung den Wnschen unseres Kniehase nicht
zuwiderlief, denn ehe er nach Wochenfrist den gastlichen Kmmeritzschen Hof
verlie, um zu seinem Regiment zu retournieren, hatte er nicht nur mit Peter die
Kriegskameradschaft erneuert, sondern auch mit Trude sich zu ehelicher
Kameradschaft versprochen. Er ging berhaupt nur in seine Garnison zurck, um
aus dem Urlaub einen Abschied zu machen, demnchst aber einen Neu-Barnimschen
Hof zu kaufen und seine Trude aus dem Wendendorf in das Pflzerdorf
hinberzuziehen. Es kam aber umgekehrt. Eine Hohen-Vietzer Stelle wurde
unerwartet frei, die Truhen der Huser Kmmeritz und Kniehase steuerten
zusammen, und als im Sommer 96 der Raps blhte und sein Duft auf allen Feldern
lag, da stieg ein Hochzeitszug den Kirchenhgel hinan, die Glocken luteten, und
die Musikanten bliesen, bis das Brautpaar ber die Schwelle war. Kniehase trug
seine Uniform, Trude die reiche wendische Tracht, und alt und jung waren einig,
da Hohen-Vietz ein solches Brautpaar seit Menschengedenken nicht gesehen habe.
Seit Menschengedenken kein stattlicheres, aber auch kein glcklicheres Paar. Vor
allen Dingen kein besseres. Neid und ble Nachrede schwiegen, und wenn anfangs
dieser und jener klagte, da nun ein Pflzer ins Dorf gekommen sei, so
verstummte diese Klage doch bald, als sie den Pflzer kennenlernten. Wo es einen
Rat galt, da war er da, und wo es eine Tat galt, da war er zweimal da. Er
verstand sich aufs Schreiben und Eingabenmachen, aufs Rechnen und Registrieren,
und als Anno 1800 der alte Schulze Wendelin Pyterke starb, der seit dem
Siebenjhrigen Krieg volle vierundzwanzig Jahre im Amte und nach der
Kunersdorfer Schlacht, als die Russen kamen, die Rettung des Dorfes gewesen war,
da whlten sie den Kniehase zu ihrem Schulzen, ohne sich ums Herkommen zu
kmmern, das nur zwei oder drei unter ihnen gewahrt wissen wollten. Berndt von
Vitzewitz aber sagte: Meine Bauern waren immer gescheit, doch fr so gescheit
hab ich sie all mein Lebtag nicht gehalten.
    Kniehase hatte keinen Feind; selbst die Forstackersleute sprachen gut von
ihm. Im Herrenhause hie es: Er ist ein tchtiger Mann, in der Mhle hie es:
Er ist ein frommer Mann, Peter Kmmeritz aber mit immer wachsendem Respekt sah
zu seinem Schwager auf, als ob er den Tag von Kaiserslautern durch eigenes
Eingreifen entschieden habe. Er schlo dann wohl ab: Ich schulde ihm mein
Leben, und meine Schwester schuldet ihm ihr Glck.
    Die Kniehases waren ein glckliches Paar; aber kein Glck ist vollkommen:
sie blieben kinderlos. Da traf es sich, da auch eine Tochter ins Haus kam, kein
eigenes Kind und doch geliebt wie ein solches.
    Es war um Weihnachten 1804, zwei Jahre frher, als die Frau von Vitzewitz
starb, da kam ein starker Mann ins Dorf, einer von jenen fahrenden Knstlern,
die zunchst in rotem Trikot mit fnf groen Kugeln spielen und hinterher ein
Taubenpaar aus einem Schubfach auffliegen lassen, in das sie vorher eine Uhr
oder ein Taschentuch gelegt haben. Der starke Mann schien bessere Tage gesehen
zu haben; seine ganze Haltung deutete darauf hin, da er nicht immer in einem
Planwagen von Dorf zu Dorf gefahren war. Er hielt jetzt vor dem Scharwenkaschen
Kruge, fhrte das magere Pferd in den Stall, und am Abend war Vorstellung. Ein
kleines Mdchen, das zehn Jahre sein mochte, wechselte mit ihm ab, sang Lieder
und deklamierte; zuletzt erschien sie in einem kurzen Gazekleid, das mit
Sternchen von Goldpapier besetzt war, und fhrte den Shawltanz auf. Die
Hohen-Vietzer Bauern, ganz besonders die alten, waren wie benommen und
streichelten das Kind mit ihren groen Hnden. Es sollte ihnen bald Gelegenheit
werden, ihr gutes Herz noch weiter zu zeigen.
    Der starke Mann war lngst kein starker Mann mehr; er war siech und krank.
Er legte sich, und es ging rasch bergab. Pastor Seidentopf sa an seinem Bett
und sprach ihm Trost zu: der Sterbende aber, der wohl wute, wie es mit ihm
stand, schttelte den Kopf, zog den Pastor nher an sich heran und sagte fest:
Ich bin froh, da es zu Ende geht. Dann wies er mit einer leisen
Seitwrtsbewegung des Kopfes auf die Kleine, die am Fenster sa, prete beide
Hnde aufs Herz und setzte mit halberstickter Stimme hinzu: Wenn nur das Kind
nicht wre. Dabei brach er, alle Kraft ber sich verlierend, in ein
krampfhaftes Schluchzen aus. Die Kleine, als sie das Weinen hrte, kam
herzugesprungen und kte in leidenschaftlicher Liebe die Hand des Sterbenden.
Dieser streichelte ihr das Haar, sah sie an und lchelte. Es war, als ob er in
eine lichte Zukunft geblickt htte. So starb er. Auf dem Tische neben ihm stand
die kleine Zauberkommode, aus der immer die Tauben aufflogen. Pastor Seidentopf
war tief erschttert.
    An die Hohen-Vietzer aber traten jetzt zwei Fragen heran, von denen es
schwer zu sagen, welche die Gemter mehr beschftigte. Die erste Frage war: Was
machen wir mit dem Toten?
    Die alten Wendenbauern waren gutmtig, aber sie dachten doch ernst in
solchen Sachen. Den starken Mann blo einzuscharren erschien ihnen als
untunliche Hrte, ihn aber auf ihrem christlichen Kirchhofe zu begraben, als
noch untunlichere Entweihung. War er berhaupt ein Christ? Die Mehrzahl
zweifelte. Da fand Pastor Seidentopf unter dem Kopfkissen des Toten eine Tasche
mit allerhand Papieren, auch Tauf-und Trauschein. Die Briefe gaben weiteren
Aufschlu. Es zeigte sich, da er Schauspieler gewesen war, da er eine Tochter
aus gutem Hause wider den Willen der Eltern geheiratet hatte und da die Frau
schlielich hingestorben war in Gram und Elend, aber ohne Vorwurf und ohne Reue.
Die letzten Briefe, viel durchlesene, waren aus einem schlesischen
Klosterspitale datiert. Ein gescheitertes Leben sprach aus allen, aber kein
unglckliches, denn was sie zusammengefhrt, hatte Not und Tod berdauert.
    Pastor Seidentopf, als er die Briefe gelesen, trat wieder unter seine
Bauern, die unten im Krug seiner harrten, und am dritten Tage hatte der starke
Mann ein christliches Begrbnis, als ob er ein Kmmeritz oder ein Miekley
gewesen wre. Die Schulkinder sangen ihn hgelan, trotzdem ein groes
Schneetreiben war, Frau von Vitzewitz, gtig wie immer, stand mit am Grabe und
warf dem Toten die erste Handvoll Erde nach, Berndt von Vitzewitz aber lie ihm
ein Kreuz errichten, darauf folgender, vom alten Kster Jeserich Kubalke
gedichteter Spruch zu lesen war:

Ein Strkrer zwang den starken Mann,
Nimm ihn Gott in Gnaden an.

So erledigte sich die erste Frage. - Die zweite Frage war: Was machen wir mit
dem Kinde? Pastor Seidentopf erwog die Frage hin und her; hundert Plne gingen
ihm durch den Kopf, aber keiner wollte passen. Die Bauern waren scheu und
schwierig. Da trat Schulze Kniehase dazwischen, und das weinende Kind vom Krug
aus in sein Haus hinberfhrend, sagte er: Mutter, die schickt uns Gott.
    Und am anderen Tage, weil es dicht vor dem Christfest war, begann er ihr
einen Baum zu putzen und nannte sie seine Weihnachtspuppe und sein Zauberkind.
    Die Bauern sahen anfangs ngstlich zu; sie wird ihm wegfliegen, meinten
die einen, und das wre noch das beste, versicherten die anderen. Aber sie
flog nicht fort, und Pastor Seidentopf sagte: Sie wird ihm Segen bringen, wie
die Schwalben am Sims.

                                Zehntes Kapitel



                                     Marie

Sie wird dem Hause Segen bringen, wie die Schwalben am Sims, so hatte Prediger
Seidentopf gesprochen, und seine Worte sollten in Erfllung gehen. Das
Kopfschtteln der Bauern nahm bald ein Ende. Es geschah das, was unter hnlichen
Verhltnissen immer geschieht: dunkle Geburt, seltsame Lebenswege, wie sie den
Argwohn wecken, wecken auch das Mitgefhl, und ein schner Trieb kommt ber die
Menschen, ein unverschuldetes Schicksal auszugleichen. Der Zauber des
Geheimnisvollen untersttzt die wachgewordene Teilnahme.
    Das erfuhr auch Marie. Ehe noch der erste Winter um war, war sie der
Liebling des Dorfes; keiner spttelte mehr ber das Gazekleid mit den
Goldpapiersternchen, in dem sie zuerst vor ihnen aufgetreten war. Vielmehr
erschien ihnen jetzt dieser bloe Hauch einer Kleidung als ihr natrliches
Kostm, und wenn Schulze Kniehase, der das Kind von Anfang an ber die Maen
liebte, drben im Kruge sa und halb ernsthaft, halb scherzhaft versicherte,
sie sei ein Feenkind, so widerredete niemand, weil er nur aussprach, was alle
lngst schon an sich selbst erfahren hatten. Da sie fortfliegen wrde, daran
glaubte freilich niemand mehr, mit alleiniger Ausnahme der Mdchen in den
Spinnstuben, die voll Spuk- und Gespensterbedrfnis immer Neues und Wunderbares
von ihr zu erzhlen wuten. Und nicht alles war Erfindung. So hatte sie wirklich
eine unbezwingbare Vorliebe fr den Schnee. Wenn die Flocken still vom Himmel
fielen oder tanzten und stberten, als wrden Betten ausgeschttet, dann
entfernte sie sich aus dem Vorderhause, kletterte die lange Schrgleiter hinauf,
die bis auf den First des Scheunendaches fhrte, und stand dort oben
schneeumwirbelt. Die Mdchen versicherten auch, sie htten sie singen hren. Es
bedarf keiner Ausfhrung, welche phantastisch weitgehenden Schlsse daraus
gezogen wurden.
    So war es im Winter. Als der Sommer kam, der eine freiere Bewegung gnnte,
gewann sie vollends alle Herzen. Sie besuchte nicht nur die einzelnen Bauerhfe,
sondern auch die ausgebauten Lose, die weiter ins Bruch hinein lagen, spielte
mit den Kindern und erzhlte Geschichten. Das Fremde und Geheimnisvolle, das sie
von Anfang an gehabt hatte, blieb ihr, aber niemand wunderte sich mehr darber.
Auch die Dorfmdchen nicht. Einmal verirrte sie sich; im Kniehaseschen Hause war
groe Aufregung; alles lief und suchte bis an die Oder hin. Endlich fand man
sie, keine tausend Schritt vom Dorfe. Sie lag schlafend im Korn, ein paar
Mohnblumen in der Hand; ein kleiner Vogel sa ihr zu Fen. Niemand kannte den
Vogel, als er aufflog und aller Augen ihn verfolgten. Der hat sie beschtzt!
sagten die Hohen-Vietzer.
    In der Regel spielte sie auf dem Abhange zwischen der Kirche und dem Dorfe,
am liebsten auf dem Kirchhofe selbst.
    Sie las die Inschriften, umarmte den Rasen von ihres Vaters Grabe, kletterte
auf die hohe Feldsteinmauer und sah auf die Segel der Oderkhne nieder, die,
angeglht von der sich neigenden Sonne, unten auf dem Strome vorberzogen. Kam
dann des alten Ksters Kubalke Magd, um zu Abend zu luten, so folgte sie
dieser, zog ein paarmal mit an dem Glockenstrang und huschte dann in die schon
halbdunkle Kirche hinein. Hier setzte sie sich mit halbem Krper auf das
uerste Ende der Frontbank, auf der am Tage nach der Kunersdorfer Schlacht der
Major vom Regiment Itzenplitz verblutet war, blickte seitwrts scheu nach dem
dunkeln Fleck, den alles Putzen nicht hatte wegschaffen knnen, und sah dann, um
das selbstgewollte Grauen wieder von sich zu bannen, nach dem groen
Vitzewitzschen Marmorbilde hinber, das die Inschrift trug: So du bei mir bist,
wer will wider mich sein. So blieb sie, bis der Glockenton verklang. Dann trat
sie wieder auf den Kirchhof hinaus, sah der Magd nach, die den Schlngelpfad ins
Dorf herniederstieg, und umkreiste bang, aber immer enger und enger die alte
Buche, deren zweigeteilter Stamm, der Sage nach, an den Bruderzwist der
Vitzewitze gemahnte. Fiel dann ein Blatt oder flog ein Vogel auf, so fuhr sie
zusammen.
    Es waren schne Tage, dieser erste Sommer in Hohen-Vietz; aber diese schnen
Tage konnten nicht dauern. Die Schulzenleute, Mann wie Frau, hatten lngst ihre
Sorge darber. All dies Umherstreifen whrte schon zu lange; Arbeit, Ordnung,
Schule muten an seine Stelle treten. Aber wie? Beide Kniehases waren weitab
davon, ein Prinzechen aus ihrem Pflegekind machen zu wollen, aber ebenso
bestimmt fhlten sie auch, da die Dorfschule kein Platz fr sie sei. Sie pate
nicht unter die Holzpantoffelkinder, ganz abgesehen davon, da sie, ohne je eine
Schulstunde gehabt zu haben, um ein betrchtliches besser lesen konnte als der
alte Jeserich Kubalke, zumal wenn er seine Hornbrille vergessen hatte.
    In dieser Not half die gute Frau von Vitzewitz. Sie hatte lngst daran
gedacht, das sonderbare Kind, von dessen phantastischem Wesen sie so manches
gehrt hatte, als Spiel- und Schulgenossin Renatens in ihr Haus zu ziehen,
allerhand Erwgungen aber, die dagegen sprachen, hatten es damals nicht dazu
kommen lassen. Der Kniehasesche Pflegling, so gewinnend er sein mochte, war doch
immer eines Taschenspielers, im gnstigsten Falle eines verarmten Schauspielers
Kind, und sowenig sie persnlich einen Ansto daran nahm, so glaubte sie dennoch
in Erziehungsfragen weniger ihr eigenes, durchaus freies und vornehmes Empfinden
als vielmehr allgemeine, aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu
Rate ziehen zu mssen. So zerschlug es sich denn wieder. Pastor Seidentopf htte
es freilich wohl schon damals in der Hand gehabt, einen andern Ausgang
herbeizufhren; er wollte jedoch, in einer so verantwortungsvollen
Angelegenheit, nicht ungefragt eingreifen und zog es vor, sich die Dinge selber
machen zu lassen.
    Und sie machten sich auch, und zwar in sehr eigentmlicher Weise. Am Rande
des Vitzewitzschen Parks, schon in einiger Erhhung, stand eine Florastatue und
sah einen breiten Kiesweg hinunter auf die Gartenfront des Herrenhauses. Zu
Fen der Statue waren fnf dreieckige Blumenbeete angelegt, die in ihrer
Gesamtheit einen einfassenden Halbkreis bildeten. An dieser Stelle hatte Marie,
bei ihren tglichen Streifereien, hufig ein paar Blumen gepflckt, Balsaminen
oder Reseda, und war dabei niemals einem Verbot begegnet. Im Gegenteil. Der
Grtner, des zierlichen und fremdartigen Kindes sich freuend, hatte ihr
zugenickt und einmal sogar ihr ein paar Fuchsia-Knospen ber das linke Ohr
gehngt. Nun war es September geworden; die roten Verbenen blhten, und
dazwischen, aus eingegrabenen Tpfen, wuchsen ein paar unscheinbare Blumen auf,
die dem spielenden Kinde als dunkle Vergimeinnicht erschienen. Sie pflckte sie
ab. Es war aber Heliotrop, damals noch etwas Seltenes, und Frau von Vitzewitz
wollte wissen, wer ihr das angetan und sie um den Anblick ihrer Lieblingsblume
gebracht habe. Als Marie davon hrte, fate sie rasch einen Entschlu. Sie
setzte sich auf eine Bank, in unmittelbarer Nhe der Statue, und als Frau von
Vitzewitz auf ihrem Spaziergang den breiten Kiesweg hinaufschritt, sprang sie
auf, eilte der Herankommenden entgegen, kte ihr die Hand und sagte: Ich habe
es getan. Sie war dabei hochrot und zitterte, aber sie weinte nicht. Von diesem
Augenblick an war die Freundschaft geschlossen. Frau von Vitzewitz streichelte
ihr das Haar und sah sie fest und freundlich an; dann fhrte sie sie zu der Bank
zurck, von der sie aufgestanden war, stellte Fragen und lie sich erzhlen.
Alles besttigte ihr den ersten Eindruck. So trennten sie sich. Noch am selben
Nachmittage aber sagte Frau von Vitzewitz zu Seidentopf: Das ist ein seltenes
Kind, und ehe acht Tage um waren, war sie die Spiel- und Schulgenossin
Renatens.
    Sie war anfangs zurck; alles, was sie konnte, war eben Lesen und
Deklamieren. Aber ihre schnelle Fassungsgabe, durch Gedchtnis und glhenden
Eifer untersttzt, gestattete ihr, das Versumte wie im Fluge nachzuholen, und
ehe noch ein halbes Jahr um war, war sie in den meisten Disziplinen Renaten
gleich. Und wie sie den von Frau von Vitzewitz an ihre Fhigkeiten geknpften
Erwartungen entsprach, so auch denen, die sich auf ihren Charakter bezogen. Sie
war ohne Laune und Eigensinn; etwas Heftiges, das sie hatte, wich jedem
freundlichen Wort. Die beiden Mdchen liebten sich wie Schwestern.
    Nichts war miglckt, ber Erwarten hinaus hatten sich die Wnsche der Frau
von Vitzewitz erfllt, dennoch stellten sich immer wieder Bedenken bei ihr ein,
die freilich jetzt nicht mehr das Glck Renatens, sondern umgekehrt das Glck
Mariens betrafen. Es galt, nicht nur den Augenblick, sondern auch die Zukunft
befragen. Wie sollte sich diese gestalten? War es recht, dem Schulzenkinde die
Erziehung eines adeligen Hauses zu geben? Wurde Marie nicht in einen Widerspruch
gestellt, an dem ihr Leben scheitern konnte? Sie teilte diese Bedenken ihrem
Gatten mit, der, von Anfang an dieselben Skrupel hegend, sofort entschlossen
war, mit Schulze Kniehase, zu dessen Verstndigkeit er ein hohes Vertrauen
hatte, die Sache durchzusprechen.
    Berndt ging in den Schulzenhof, traf Kniehase mitten in
Rechnungsabschlssen, die das nach Kstrin hin gelieferte Stroh- und
Haferquantum betrafen, rckte mit ihm in die Fensternische und stellte ihm alles
vor, wie er es mit der Frau von Vitzewitz besprochen hatte.
    Schulze Kniehase hrte aufmerksam zu, dann sagte er, als sein Gutsherr
schwieg: er habe sich's, als von der Sache zuerst gesprochen wurde, auch
berlegt, ob er dem Kinde nicht die Ruhe nehme, die doch mehr sei als alles
Lernen und Wissen. All sein berlegen aber habe doch immer wieder dahin gefhrt,
da es das Beste sein wrde, die gndige Frau, die es so gut meine, ruhig
gewhren zu lassen. So sei es ein halbes Jahr gegangen. Es jetzt nun nach der
entgegengesetzten Seite hin zu ndern, sei nur ratsam, wenn es der
ausgesprochene Wille der gndigen Frau sei. Sein eigener Wunsch und Wille sei es
schon seit Monaten nicht mehr; die Bedenken, die er anfangs gehabt, seien mehr
und mehr von ihm abgefallen. Er wisse auch wohl warum. Das Kind, das ihm die
Hand Gottes fast auf die Schwelle seines Hauses gelegt habe, sei kein buerlich
Kind; es sei nicht buerlich von Geburt und nicht buerlich von Erscheinung. Er
se so mitunter in der Dmmerstunde und mache sich Bilder, wie auch wohl andere
Leute tten, aber wie vielerlei auch an ihm vorberzge, nie she er seine Marie
mit geschrztem Rock und zwei Milcheimern, unter dem Zurufe lachender Knechte,
ber den Hof gehen. Er liebe das Kind, als ob es sein eigen wre; aber er
betrachte es doch als ein fremdes, das eines Tages ihm wieder abgefordert werden
wrde. Nicht von den Menschen, wohl aber von der Natur. Es wird so sein wie mit
den Enten im Hhnerhof, die eines Tages fortschwimmen, whrend die Henne am Ufer
steht.
    Als Kniehase so gesprochen, hatte ihm Berndt von Vitzewitz die Hand
gereicht, und im Herrenhause schwiegen von jenem Tage an alle Bedenken.
    Auch der Tod der Frau von Vitzewitz, schmerzlich wie er von Marie empfunden
wurde, nderte nichts in ihrem Verhltnis zu den Zurckgebliebenen. Tante
Schorlemmer kam ins Haus, und frei von jener Liebedienerei, die sich in
Bevorzugung Renatens htte gefallen knnen, betrachtete sie vielmehr beide
Mdchen wie Geschwister und umfate sie mit gleicher Herzlichkeit.
    Nach der Einsegnung hrten die Unterrichtsstunden auf, aber die beiden
Mdchen waren zu innig aneinander gekettet, als da der Wegfall dieses
uerlichen Bandes das geringste an ihrer Verkehrs- und Lebensweise htte ndern
knnen. Der Geburts- und Standesunterschied wurde von Renate nicht geltend
gemacht, von Marie nicht empfunden. Sie sah in die Welt wie in einen Traum und
schritt selber traumhaft darin umher. Ohne sich Rechenschaft davon zu geben,
stellten sich ihr die hohen und niederen Gesellschaftsgrade als bloe Rollen
dar, die wohl dem Namen nach verschieden, ihrem Wesen nach aber gleichwertig
waren. Es war im Zusammenhange damit, da unter allen Bildern, die sich im
Vitzewitzeschen Hause befanden, eine Nachbildung des Lbecker Totentanzes, bei
allem Erschtternden, doch zugleich den erhebendsten Eindruck auf sie gemacht
hatte. Die Predigt von einer letzten Gleichheit aller irdischen Dinge sprach das
aus, was dunkel in ihr selber lebte. Dabei war sie ohne Anspruch und ohne
Begehr. Alles Schne zog sie an; aber es drngte sie nur, daran teilzunehmen,
nicht, es zu besitzen. Es war ihr wie der Sternenhimmel; sie freute sich seines
Glanzes, aber sie streckte nicht die Hnde danach aus.
    Diese Unbegehrlichkeit hatte sich auch an ihrem sechzehnten Geburtstage
gezeigt. Bei dieser Gelegenheit erhielt sie als groes Geschenk des Tages ihr
eigenes Zimmer. Beide Kniehases fhrten sie, mit einer gewissen Feierlichkeit,
in die nrdliche Giebelstube, die geradeaus den Blick auf den Park, nach rechts
hin auf die Kirche hatte, und sagten: Marie, das ist nun dein; schalte und
walte hier; erflle dir jeden kleinen Wunsch; uns soll es eine Freude sein.
    Marie, im ersten Sturm des Glckes, hatte ein Hin-und Herschieben mit
Schrank und Nhtisch, mit Bcherbord und Kleidertruhe begonnen, aber dabei war
es geblieben. Es kam ihr nicht in den Sinn, ihrem alten, ihr liebgewordenen
Besitz etwas Neues hinzuzufgen. Was sie hatte, freute sie, was sie nicht hatte,
entbehrte sie nicht.
    Sie hat Mut, und sie ist demtig, hatte nach jener ersten Begegnung im
Park Frau von Vitzewitz zu Pastor Seidentopf gesagt. Sie htte hinzusetzen
drfen: Vor allem ist sie wahr. Jenes Wunder, das Gott oft in seiner Gnade
tut, es hatte sich auch hier vollzogen: innerhalb einer Welt des Scheins war ein
Menschenherz erblht, ber das die Lge nie Macht gewonnen hatte. Noch weniger
das Unlautere. Tante Schorlemmer sagte: Unsere Marie sieht nur, was ihr frommt,
fr das, was schdigt, ist sie blind. Und so war es. Phantasie und
Leidenschaft, weil sie sie ganz erfllten, schtzten sie auch. Weil sie stark
fhlte, fhlte sie rein.
    Im Hohen-Vietzer Herrenhause - es war im Winter vor Beginn unserer Erzhlung
- sang Renate ein Lied, dessen Refrain lautete:

Sie ist am Wege geboren,
Am Weg, wo die Rosen blhn...

Sie begleitete den Text am Klavier.
    Weit du, an wen ich denken mu, sooft ich diese Strophen singe, fragte
Renate den hinter ihrem Stuhl stehenden Lewin.
    Ja, antwortete dieser, du gibst keine schweren Rtsel auf.
    Nun?
    An Marie.
    Renate nickte und schlo das Klavier.

                                 Elftes Kapitel



                              Prediger Seidentopf

In der Mitte des Dorfes, neben dem Schulzenhof, lag die Pfarre, ein ber hundert
Jahre altes, etwas zurckgebautes Giebelhaus, das an Stattlichkeit weit hinter
den meisten Bauerhfen zurckblieb. Es war das einzige grere Haus im Dorfe,
das noch ein Strohdach hatte. Zu verschiedenen Malen war davon die Rede gewesen,
dieses der Dorfgemeinde sowohl um ihres Pastors wie um ihrer selbst willen
despektierlich erscheinende Strohdach durch ein Ziegeldach zu ersetzen: unser
Freund Seidentopf aber, der in diesem Punkte wenigstens ein gewisses Stilgefhl
hatte, hatte bestndig gegen solche Modernisierung protestiert. Es sei gut so,
wie es sei. Und darin hatte er vollkommen recht. Es war eben ein Dorfidyll, das
durch jede nderung nur verlieren konnte. Der Giebel des Hauses stand nach vorn;
dicht unter dem Strohdach hin lief eine Reihe kleiner, beraus freundlich
blickender Fenster, whrend die Fachwerkwnde bis hoch hinauf mit Brettern
bekleidet und den ganzen Sommer ber mit Wein, Pfeifenkraut und Spalierobst
berdeckt waren. Neben der Haustre stand ein Rosenbaum, der, bis an den First
hinaufwachsend, im ganzen Oderbruche berhmt war wegen seines Alters und seiner
Schnheit. Auch das winterliche Bild, das die Pfarre bot, war nicht ohne Reiz.
Eine mchtige Schneehaube sa auf seinem Dache, whrend die niedergelegten, mit
Stroh umwundenen Weinranken, dazu die Matten, die sich schtzend ber dem
Spalierobst ausbreiteten, dem Ganzen ein sorgliches und in seiner Sorglichkeit
wohnlich anheimelndes Ansehen gaben.
    Dem entsprach auch das Innere. Die Haustr, wie oft in den mrkischen
Pfarrhusern, hatte eine Klingel, keine von den groen, lrmenden, die den
Bewohnern zurufen: Rettet euch, es kommt wer, sondern eine von den kleinen,
stillgestimmten, die dem Eintretenden zu sagen scheinen: Bitte schn, ich habe
Sie schon gemeldet. Der Tr gegenber, an der entgegengesetzten Seite des
langen, fast durch das ganze Haus hinlaufenden Flurs, befand sich die Kche,
deren aufstehende Tre immer einen Blick auf blanke Kessel und flackerndes
Herdfeuer gnnte. Die Zimmer lagen nach rechts hin. An der linken Flurwand, die
zugleich die Wetterwand des Hauses war, standen allerhand Schrnke, breite und
schmale, alte und neue, deren Simse mit zerbrochenen Urnen garniert waren;
dazwischen in den zahlreichen Ecken hatten ausgegrabene Pfhle von versteinertem
Holz, Walfischrippen und halbverwitterte Grabsteine ihren Platz gefunden,
whrend an den Querbalken des Flurs verschiedene ausgestopfte Tiere hingen,
darunter ein junger Alligator mit bemerkenswertem Gebi, der, sooft der Wind auf
die Haustr stand, immer unheimlich zu schaukeln begann, als flge er durch die
Luft. Alles in allem eine Ausstaffierung, die keinen Zweifel darber lassen
konnte, da das Hohen-Vietzer Predigerhaus zugleich auch das Haus eines
leidenschaftlichen Sammlers sei.
    Machte schon der Flur diesen Eindruck, so steigerte sich derselbe beim
Eintritt in das nchstgelegene Zimmer, das einem Antikencabinet ungleich
hnlicher sah als einer christlichen Predigerstube. Zwar war der Bewohner
desselben ersichtlich bemht gewesen, Amt und Neigung in ein gewisses
Gleichgewicht zu bringen, war aber damit gescheitert. Es sei gestattet, einen
Augenblick bei diesem Punkte zu verweilen.
    Die Studierstube besa zwei nach dem Garten hinaussehende Fenster, zwischen
denen unser Freund eine bis in die Mitte des Zimmers gehende Scheidewand gezogen
hatte. So waren zwei groe, fast cabinetartige Fensternischen gewonnen, von
denen die eine dem Prediger Seidentopf, die andere dem Sammler und
Altertumsforscher gleichen Namens angehrte. Innerhalb dieser Nischen war das
Balanciersystem, das sich schon in ihrer ueren Anlage zu erkennen gab,
ebenfalls festgehalten, indem auf dem Arbeitstische in der Camera archaeologica
Bekmanns historische Beschreibung der Kurmark Brandenburg, Berlin 1751 bis 53,
auf dem Arbeitstisch in der Camera theologica Dr. Martin Luthers
Bibelbersetzung, Augsburg 1613, aufgeschlagen lag. Beides Prachtbcher, wie
sie nur ein Sammler hat, gro, dick, in festem Leder, mit hundert Bildern. ber
eine uerung des Kandidaten Uhlenhorst, der auf einer Versammlung in
Hohen-Sathen gesagt haben sollte: Prediger Seidentopf greife mitunter fehl und
schlage in Bekmann statt in der Bibel nach, gehen wir wie billig an dieser
Stelle hin.
    Es war dies ein rechter Uhlenhorstscher Sarkasmus, wie ihn die Konventikler
wohl zu haben pflegen; aber darin hatten sie recht, da nicht nur der in der
archologischen Abteilung stehende Lehnstuhl viel tiefer eingesessen, sondern
da auch der ganze, diesseits der Fensternischen verbliebene Rest des Zimmers
ein heidnisches Museum, eine bloe Fortsetzung alles dessen war, was schon der
Flor geboten hatte. Nur die Walfischrippe und der Alligator fehlten. Zwei
mchtige, rechts und links neben der Tr stehende, ber den Sims hin durch einen
Mittelbau verbundene Glasschrnke bildeten eine Art Arcus triumphalis, durch den
man in die Studierstube eintrat; und alles, von dem Steinmesser und dem
Aschenkrug an, was die mrkische Erde nur je an Altertumsfunden herausgegeben
hat, das fand sich hier zusammen. Daneben konnte freilich die theologische
Bibliothek des Zimmers nicht bestehen, die, ihrer uersten Verstaubung ganz zu
geschweigen, auf einem schmalen, zweibrettrigen Real zwischen Wandvorsprung und
Ofen ihre Unterkunft gefunden hatte.
    Unser Seidentopf war ein archologischer Enthusiast trotz einem und
ausgerstet mit all den Schwchen, die von diesem Enthusiasmus so unzertrennlich
sind wie die Eifersucht von der Liebe. Er phantasierte, er lie sich hinters
Licht fhren; aber in einem unterschied er sich von der groen Armee seiner
Genossen: er sammelte nicht, um zu sammeln, sondern um einer Idee willen. Er war
Tendenzsammler.
    Innerhalb der Kirche, wie Uhlenhorst sagte, ein Halber, ein Lauwarmer, hatte
er, sobald es sich um Urnen und Totentpfe handelte, die Dogmenstrenge eines
Groinquisitors. Er duldete keine Kompromisse, und als erstes und letztes
Resultat aller seiner Forschungen stand fr ihn unwandelbar fest, da die Mark
Brandenburg nicht nur von Uranfang an ein deutsches Land gewesen, sondern auch
durch alle Jahrhunderte hin geblieben sei. Die wendische Invasion habe nur den
Charakter einer Sturzwelle gehabt, durch die oberflchlich das eine oder andere
gendert, dieser oder jener Name slawisiert worden sei. Aber nichts weiter. In
der Bevlkerung, wie durch die Sagen von Fricke und Wotan bewiesen werde, habe
deutsche Sitte und Sage fortgelebt, am wenigsten seien die Wenden, wie so oft
behauptet werde, in die Tiefen der Erde eingedrungen. Ihre sogenannten
Wendenkirchhfe, ihre Totentpfe niedrigeren Grades, wolle er ihnen
zugestehen, alles andere aber, was sich, mit instinktiver Vermeidung des
Oberflchlichen, eingebohrt und eingegraben habe, alles, was zugleich Kultur und
Kultus ausdrcke, sei so gewi germanisch, wie Teut selber ein Deutscher gewesen
sei. Um diese Stze drehte sich fr ihn jede Debatte von Bedeutung. Er war sich
bewut, in seinem archologischen Museum durchaus unanfechtbare Belege fr sein
System in Hnden zu haben, unterschied aber doch zwischen einem kleinen und
einem groen Beweis. Der kleine war ihm persnlich der liebere, weil er der
feinere war; er kannte jedoch die Welt genugsam, um dem blden Sinn der Masse
gegenber je nach einem andern als nach dem groen Beweis zu greifen. Die
Stcke, die diesen bildeten, befanden sich smtlich in den zwei groen
Glasschrnken des Arcus triumphalis, waren jedoch selbst wieder in
unwiderlegliche und ganz unwiderlegliche geteilt, von denen nur die letzteren
die Inschrift fhrten: Ultima ratio Semnonum. Es waren zehn oder zwlf Sachen,
alle numeriert, zugleich mit Zetteln beklebt, die Zitate aus Tacitus enthielten.
Gleich Nr. 1 war ein Hauptstck, ein bronzenes Wildschweinsbild, auf dessen
Zettel die Worte standen: Insigne superstitionis formas aprorum gestant, ihren
Gtzenbildern gaben sie (die alten Germanen) die Gestalt wilder Schweine. Die
anderen Nummern wiesen Spangen, Ringe, Brustnadeln, Schwerter auf, woran sich
als die Sanspareils und eigentlichen Prachtbeweisstcke der Sammlung drei Mnzen
aus der Kaiserzeit schlossen, mit den Bildnissen von Nero, Titus und Trajan. Die
Trajansmnze trug um das lorbeergekrnte Haupt die Umschrift: Imp. Caes.
Trajano Optimo, auf dem danebenliegenden Zettel aber hie es: Gefunden zu
Reitwein, Land Lebus, in einem Totentopf. Das in einem Totentopf war dick
unterstrichen. Und vom Standpunkte unseres Freundes aus mit vollkommenem Recht.
Denn es fhrte den Beweis, oder sollte ihn wenigstens fhren, da nicht alle
Totentpfe wendisch, vielmehr die Totentpfe hherer Ordnung ebenfalls
deutsch-semnonischen Ursprungs seien.
    Auflehnung gegen so beredte Zeugen erschien unserem Seidentopf unmglich,
und dennoch hatte er sie zu befahren, wobei es sich so glcklich oder so
unglcklich traf, da sein heftigster Angreifer und sein ltester Freund ein und
dieselbe Person waren. Es sprach fr beide, da ihre Freundschaft unter diesen
Kmpfen nicht nur nicht litt, sondern immer wurzelfester wurde; allerdings
weniger ein Verdienst unseres Pastors als seines gutgelaunten Antagonisten, der,
weltmnnisch ber der Sache stehend, nicht gewillt war, die Semnonen- und
Lutizenfrage unter Drangebung vieljhriger herzlicher Beziehungen
durchzufechten. In Wahrheit interessierte ihn die Urne erst dann, wenn sie
anfing, die moderne Gestalt einer Bowle anzunehmen.
    Dieser alte Freund und Gegner war der Justizrat Turgany aus Frankfurt a. O.,
der, ein Feind aller Prozeverhandlungen bei trockenem Munde, speziell in dem
Proze Lutizii contra Semnones manche liebe Flasche ausgestochen hatte,
gelegentlich im Pfarrhause zu Hohen-Vietz, am liebsten aber im eigenen Hause,
nach dem Grundsatze, da er ber seinen eigenen Weinkeller am unterrichtetsten
sei. Schon die Studentenzeit hatte beide Freunde, Mitte der siebziger Jahre, in
Gttingen zusammengefhrt, wo sie unter der deutschen Eiche Schwre getauscht
und, Klopstocksche Bardengesnge rezitierend, sich dem Vaterlande Hermanns und
Thusneldas auf ewig geweiht hatten. Seidentopf war seinem Schwure treu
geblieben. Wie damals in den Tagen jugendlicher Begeisterung erschien ihm auch
heute noch der Rest der Welt als bloer Rohstoff fr die Durchfhrung
germanisch-sittlicher Mission; Turgany aber hatte seine bei Punsch und Klopstock
geleisteten Schwre lngst vergessen, schob alles auf den ersteren und gefiel
sich darin, wenigstens scheinbar, den Apostel des Panslawismus zu machen. Die
Mglichkeit europischer Regeneration lag ihm zwischen Don und Dnjepr und noch
weiter ostwrts. Immer, so hatte er bei seiner letzten Anwesenheit in
Hohen-Vietz versichert, kam die Verjngung von den Ufern der Wolga, und wieder
stehen wir vor solchem Auffrischungsproze߫; halb scherz-, halb ernsthaft
vorgetragene Paradoxien, die von Seidentopf einfach als politische Ketzereien
seines Freundes bezeichnet wurden.
    Aber dieser Freund war nicht halb so schwarz, wie er sich selber malte. Er
debattierte nur nach dem Prinzip von Stahl und Stein; hart gegen hart; das gab
dann die Funken, die ihm wichtiger waren als die Sache selbst. Zudem wute der
panslawistische Justizrat, da Streit und immer wieder in Frage gestellter Sieg
lngst ein Lebensbedrfnis Seidentopfs geworden waren, und gefiel sich deshalb
in seiner Oppositionsrolle mehr noch aus Rcksicht gegen diesen als aus
Rcksicht gegen sich selbst.

                                Zwlftes Kapitel



                              Besuch in der Pfarre

Und es war der Justizrat Turgany, der heute, am zweiten Weihnachtsfeiertage 1812
in der Hohen-Vietzer Pfarre erwartet wurde; auch Lewin und Renate hatten
zugesagt, mit ihnen Tante Schorlemmer und Marie.
    Vier Uhr war vorber; es dunkelte schon, der Besuch konnte jeden Augenblick
kommen. In den Zimmern war alles festlich vorbereitet. Wo noch ein Stubchen
lag, fuhr unser Freund mit einem Federwedel darber hin; dann wieder zog er das
Taschentuch und polierte an den Scheiben seiner geliebten Schrnke. Wer auf
Waffen hlt, der sorgt auch, da sie blank sind. Nur an das theologische
Bcherbrett, wo der Staub zu dicht lag, vermied er es heranzutreten. Ein
Zwischenfall lie ihn einen Augenblick aufsehen von seiner Arbeit. An ihm
vorbei, als wre eine Welt versumt, drang in ziemlich herrischer Weise eine
Frau mit rotem Gesicht und weier Haube in das Studierzimmer ein, go auf ein
vorgehaltenes Schippenblech eine Rucheressenz, wie sie damals Mode war, fuhr
ein paarmal durch die Luft und scho dann in das Nebenzimmer weiter, um ihre
Bewegungen, die zwischen Stoffechten und Weihrauchfaschwenken eine gute Mitte
hielten, in den dahintergelegenen Rumen fortzusetzen. Pastor Seidentopf
lchelte, als er ihr nachsah, ein scherzhaftes Wort schien ihm eben auf die
Lippe zu treten, aber ehe es laut werden konnte, klingelte die Haustr, und das
Aufstampfen auf Dielen und Strohdecke, um den Schnee und die Klte
abzuschtteln, verriet deutlich, da der Besuch gekommen sei.
    Aber nicht der Frankfurter Justizrat. Es waren zunchst die Freunde aus dem
Herrenhause. Lewin fhrte Tante Schorlemmer, Renate und Marie folgten. Man
begrte sich herzlich. Renate, die es warm fand, nahm ihr Shawltuch ab und
stand einen Augenblick mit der Broschnadel in der Hand, wie in Verlegenheit, wo
sie dieselbe hintun solle. Dann ffnete sie den Glasschrank und legte die Nadel
in eine der zerbrochenen Urnen. Sie war wie Kind im Hause. Alles lachte;
Seidentopf stimmte mit ein.
    Sehen Sie, teuerster Prediger, hob Renate an, wenn das nun ein
Aschenregen wre, was jetzt in Flocken vom Himmel fllt, welche Hypothesen gbe
das bei den Seidentopfs der Zukunft, diese Gemmenbrosche in einem wendischen
Totentopf!
    Nicht wendisch, ganz und gar nicht. Aber meine schne Renate lockt mich
nicht heraus, erwiderte Seidentopf gut gelaunt. Ich erwarte Turgany noch und
darf meine Krfte nicht an Plnkeleien setzen, auch nicht an die verlockendsten.
Aber wo nehmen wir unseren Kaffee?
    Hier, hier, im Studier- und Rauchzimmer, riefen die Stimmen durcheinander,
mit besonderer Betonung des letzten Worts. Seidentopf lehnte ab. Renate aber
bestand darauf. Wir wollen keine Opfer.
    Und wenn es ein solches wre, je mehr Opfer, je mehr Glck.
    O wie verbindlich! Ganz die gute alte Zeit. Und da bilden sich unsere
Residenzler ein (ein schelmischer Blick Renatens streifte dabei Lewin), uns
feine Sitte lehren zu wollen; hier ist ihr Lehrstuhl, hier im Pfarrhause zu
Hohen-Vietz.
    Sthle wurden gestellt; man nahm Platz an einem Rundtisch, der in die Camera
archaeologica gerckt worden war, und die schon erwhnte Frau erschien, um den
Kaffeetisch zu servieren. Sie wurde sofort und in einer Weise von allen
Anwesenden begrt, die ber ihre Wichtigkeit innerhalb der Hohen-Vietzer Pfarre
keinen Zweifel lie. Ihrer Geburt und Haltung nach htte sie freilich noch den
Friesrock und das schwarzseidene Kopftuch tragen mssen; alle Haushlterinnen
aber wachsen schlielich ber sich hinaus, und die Hohen-Vietzer machte keine
Ausnahme.
    Sie nahm allerhand kleine Huldigungen in Anspruch und erwartete
beispielsweise von seiten der Gste ein auszeichnendes Entgegenkommen, spter
von seiten ihres Pastors die Aufforderung, an der festlichen Tafel teilzunehmen.
Aber hiermit war ihrem Selbstgefhl Genge getan. Sie lehnte regelmig ab und
war befriedigt, da die Aufforderung berhaupt stattgefunden hatte.
    Sie legte jetzt die Kaffeeserviette, stellte zwei doppelarmige Leuchter,
zugleich auch eine Zuckerdose mit kleinen Lwenfen in die Mitte des Tisches
und flankierte diese stattliche Zentrumsposition mit zwei silbernen Krben, von
denen der eine allerhand Krausgebackenes, der andere eine Pyramide von
Kaffeekuchen enthielt; zuletzt kam die Meiner Kanne selbst, auf deren Deckel
Gott Amor sich schelmisch auf seinen Bogen lehnte. Der Pastor hatte nie Ansto
daran genommen, vielleicht es nie bemerkt.
    Renate machte die Wirtin, verteilte den Zucker sogleich in die Tassen (die
groen Blockstcke waren noch nicht Mode) und handhabte dabei die Zuckerzange
mit jener Grazie, die allein ausshnen kann mit diesem Werkzeuge der
Unbequemlichkeit. Die Unterhaltung nach den ersten kecken Plnkeleien lenkte
sehr bald wieder ins Regelrechte ein und begann mit dem Wetter. Das hatte im
Jahre 1812 noch eine ganz besondere Bedeutung. Man knnte sagen, vom Wetter
sprechen war damals patriotisch. Schnee und Klte waren die groen russischen
Bundesgenossen.
    Der Schnee, der anfangs in kleinen Federchen umhergestubt war, wirbelte
allmhlich dichter an den Fenstern vorbei, und aus der Geborgenheit von Pastor
Seidentopfs Studierstube doppelt geborgen, nachdem sie auch zum Kaffeezimmer
geworden war - sahen jetzt Wirt und Gste in den Wirbeltanz hinaus.
    Es entstand eine Pause. Immer mehr Schnee, begann Lewin, der den Platz
zunchst dem Fenster hatte, es ist doch, als ob Gott selber sie alle begraben
wolle. Die Vernichtung kommt ber sie; sie fllt in leisen Flocken vom Himmel.
Und dazwischen hre ich eine Stimme, die uns zuruft: Drngt euch nicht ein,
wollt nicht mehr tun, als ich selber tue; ich vollbringe es allein. Ich wei es
wohl, teuerster Pastor, die Stimme, die ich hre, ist nur die Stimme meines
Mitleids. Mu ich mich ihr verschlieen? Ist dieses Mitleid Schwche? Mu ich es
abtun?
    Nein, Lewin, dein Herz hat den rechten Zug wie immer. Wenn es etwas gibt,
dem zu folgen uns nicht reuen darf, so ist es das Mitleid. Zudem, unsere Feinde
sind unsere Verbndete. Und so lehren uns denn diese Tage treu sein, treu auch
gegen den Feind, wie diese Jahre uns gelehrt haben, demtig zu sein. Harren wir.
Es werden Zeiten kommen, wo uns sein wird, als lege Gott selber sein Schwert in
unsere Hnde. Aber dieser Tag, der vielleicht nahe ist, ist noch nicht da. Eins
aber gilt heute und immerdar: Offen sei unser Tun. Das ist deutsch.
    Lewin wollte antworten, aber Peitschenknall und Schellengelut, das eben die
Dorfgasse heraufkam, unterbrach die Unterhaltung, und Seidentopf rief: Da sind
sie.
    Es waren drei Herren, von denen zwei, in grauen Mnteln und schwarzen
Tuchmtzen, den Polsterstuhl des Schlittens innehatten, whrend der dritte, in
Pelzrock und Filzkappe, auf der Pritsche sa. Dieser sprang zuerst von seinem
Holzbock herunter, reichte dem herbeigekommenen Pfarrknecht die Leinen und war
dann den beiden anderen, viel jngeren, aber schwerflligeren Herren behilflich,
aus ihren Fuscken heraus und glcklich ans Land zu kommen.
    Alles das verfolgten unsere Freunde, soweit die fallenden Schneeflocken es
zulieen, vom Fenster aus mit jenem ungeheuchelten Interesse, das nur der kennt,
der die Winterstille der Drfer an sich selber erfahren hat.
    Wer sind nur die beiden Fremden, die Turgany sich aufgeladen hat? fragte
Lewin; in seinem eleganten Nerzpelz pat unser justizrtlicher Freund schlecht
zum Kmmerer dieser Graumntel.
    Es sind Amtsbrder von mir, erwiderte Seidentopf, dem errtenden Lewin die
kleine Verlegenheit gnnend, ein halber und ein ganzer. Der ganze, den du
kennen solltest, ist unser Nachbar, der Dolgelinsche Pastor; der halbe
konrektort vorlufig noch, rckt aber nchstens in die Heilige-Geist-Pfarre ein.
Konrektor Othegraven, ein besonderer Freund Turganys.
    Die neuen Gste hatten inzwischen aus Pelz und Mnteln sich ausgewickelt,
und auf dem Flur erklang die Stimme des Justizrats mit jener Deutlichkeit, die
immer auf ein halbes Zuhausesein deutet. Dann ffnete sich die Tr, und alle
drei traten ein. Nach vorgngiger Begrung rckte man dichter zusammen, schob
rechtwinkelig einen zweiten Tisch heran und war sofort im Fahrwasser einer
lebhaften Unterhaltung. Turgany, wie er selber mit Stolz zu versichern liebte,
duldete keine Pausen.
    Er hatte sich mit jenem Feldherrnblick, der ihn in solchen Dingen
auszeichnete, den besten Platz gewhlt und sa nicht blo unter einem Urnenreal
seines Freundes, worauf er schlielich verzichtet haben wrde, sondern auch
zwischen Renate und Marie, was er durch geschickte Beseitigung von Tante
Schorlemmer - ihr zuflsternd, da sein Freund Othegraven glcklich sein wrde,
sich mit ihr ber grnlndische Mission unterhalten zu knnen - herbeizufhren
gewut hatte. Othegraven habe selber Missionar werden wollen. In den durch
diese Kriegslist eroberten Platz war er ohne weiteres eingerckt und unterhielt
nun die beiden Damen von den eben berstandenen Abenteuern. Er verfuhr dabei
nicht mit sonderlicher Diskretion, die berhaupt nicht seine starke Seite war,
und nahm nicht den geringsten Anstand, den durch seine Gesamterscheinung
freilich dazu herausfordernden Dolgeliner Pastor zum komischen Helden seiner
Erzhlung zu machen. Ein Windsto habe seines Reisegefhrten Kopfbedeckung
querfeldein gefhrt, und eine Art Mtzentreiben sei natrlich die Folge davon
gewesen. Er werde dieses Anblicks nie vergessen. Der Wind, in den hochgeklappten
Doppelkragen sich setzend, habe den unter Segel genommenen Pastor, als ob er in
gerader Linie vom Doktor Faust abstamme, immer weiter und weiter getragen, bis
endlich das phantastische Bild in den Tiefen eines Oderbruchgrabens verschwunden
sei. In diesen sei nmlich der Pastor hineingefallen. Aber die Auserwhlten
fielen immer nur, um ihr Glck zu finden. So auch hier. In eben diesem Graben
habe die Mtze gelegen.
    Der Dolgeliner Pastor war inzwischen in einer Kornpreisunterhaltung mit
Lewin begriffen; Tante Schorlemmer und der Konrektor ergingen sich in Parallelen
zwischen Nordpol- und Sdpolmission, whrend Turgany eben einen improvisierten
Kinderball zu schildern begann, den er am Heiligabend mitgemacht hatte. Er lie
die kleinen Mdchen in ihrer Sprache sprechen und ahmte mit einem gewissen
Darstellungstalent, das er hatte, die Wichtigkeit ihrer Mienen und ihrer Haltung
nach. So ging die Unterhaltung. Des Justizrats Ideal war erreicht: keine Pausen.
    Turgany, um sein Bild um ein paar Striche weiter auszufhren, war ein
starker Fnfziger und wute sich etwas auf die Jugendlichkeit seiner
Erscheinung. Abwehrend gegen alle Schmeichelei, duldete er doch die eine, die
ihn nach dem Siebenjhrigen Kriege geboren sein lie. Es ergab dies fr ihn
einen Reingewinn von zehn Jahren. Er hielt sich gerade, trug eine goldene Brille
und ein Toupet von flachsblonden Locken. Diese Locken hatten einst um andere
Schlfen gespielt, und unser Freund, wenn ihn die Laune anwandelte, spttelte
selbst ber diese blonde Flle, die den echten Flachs seiner Jugend weit aus dem
Felde schlug: er scherzte darber, aber liebte es keineswegs, wenn andere seinem
Beispiel folgten. Sein frisch erhaltenes Gesicht wre regelmig zu nennen
gewesen, wenn nicht sein linker Nasenflgel, der ihm abgehauen und von einem
Paukdoktor schlecht angenht worden war, eine Art Portal gebildet htte, gerade
gro genug, um einen gewhnlichen Nasenflgel darunterzustellen. Das Kecke, das
sein Wesen hatte, wuchs dadurch und pate zu dem Zug bermtiger Laune, der um
seine Mundwinkel spielte.
    Die beiden Geistlichen waren von sehr anderem Geprge und ebenso verschieden
untereinander wie von ihrem Freunde, dem Justizrat. Sie hatten nichts gemeinsam
als den schwarzen Rock und das weie Halstuch. Der Konrektor gehrte einer
Richtung an, wie sie damals in mrkischen Landen nur selten betroffen wurde:
Strengglubigkeit bei Freudigkeit des Glaubens. Ein mehrjhriger Aufenthalt im
Holsteinschen, wo er den Wandsbecker Boten und spter auch Claus Harms auf
seiner dithmarsischen Pfarre kennengelernt hatte, war nicht ohne Einflu auf ihn
geblieben. Er sprach wenig ber Christentum und Glaubensfragen, aber auch dem
Profanen gab er eine Weihe durch die Art, wie er es behandelte. Er sah alle
Dinge in ihrer Beziehung zu Gott; das gab ihm Klarheit und Ruhe. Wenn er sprach,
war etwas Helles um ihn her, das mit seinem sonst steifen und pedantischen
ueren vershnen konnte.
    Der Dolgeliner Pfarrer entbehrte vieler Gaben, aber was er am gewissesten
entbehrte, das war die Leuchtekraft des Glaubens. Er war fr praktische
Seelsorge, worunter er verstand, da er den Bauern ihre Prozesse fhrte, und
mute sich's gefallen lassen, von Turgany abwechselnd als Kollege, Dolgeliner
Orakel und Lebuser Markt- und Kurszettel bezeichnet zu werden. Er war weder
Orthodoxer noch Rationalist, sondern bekannte sich einfach zu der alten
Landpastorenrichtung von Whist  trois. Und nicht immer mit der ntigen
Vorsicht. Einmal, so wenigstens erzhlte Turgany, hatte er einer lteren
unverheirateten Dame geklagt, da er in Dolgelin keine Partie finden knne,
was zu den ergtzlichsten Miverstndnissen Veranlassung gegeben hatte. Im
brigen war er ebenso brav wie beschrnkt und wohlgelitten. Es fehlte nur der
Respekt.
    Solcher Art waren die neuen Ankmmlinge. Der Justizrat erhob sich eben, um
vor Renate und Marie den kleinen verwachsenen Musikenthusiasten zu kopieren, der
an jenem Frankfurter Kinderballabend drei Stunden lang das Violoncell gespielt
hatte, als Tante Schorlemmer, einen der Doppelleuchter ergreifend, das Zeichen
gab, die Studierstube von den Verpflichtungen gesellschaftlicher Reprsentation
frei zu machen. Die alte Dame selbst schritt erst dem angrenzenden, dann einem
zweiten dahintergelegenen Zimmer zu; alle jngeren Elemente der Gesellschaft
folgten, Othegraven und selbst Pastor Zabel nicht ausgeschlossen.
    Nur Turgany und Seidentopf, die alten Freunde und Gegner, blieben in der
Studierstube zurck.

                              Dreizehntes Kapitel



                                Der Wagen Odins

Die Stunde vor Tische - nach einem alten Herkommen, von dem brigens Turgany
heute nicht ungern abgegangen wre gehrte dem wissenschaftlichen Austausch,
will sagen, der Kriegsfhrung. In dieser kurzen Spanne Zeit wurden jene
Schlachten geschlagen, denen der Justizrat mit heiterer Entschlossenheit, der
Pastor, bei allem Verlangen danach, doch zugleich mit immer erneutem Bangen
entgegensah. Denn so laut er auch die Unerschtterlichkeit seines Systems
proklamieren mochte, gerade hinter seinen bestimmtesten Versicherungen barg sich
der qulendste Zweifel. Alle Systeme sind gefallen, sagte er zu sich selbst, und
vor jeder neuen Debatte beschlich ihn die Vorstellung: wenn nun jetzt dein Bau
zusammenstrzte!
    Diese Vorstellung kam ihm auch heute, und das entsprechende Bangen wuchs
einen Augenblick, als Turgany, der inzwischen eine kleine Kiste vom Flur
hereingeholt hatte, diese mit einer gewissen Feierlichkeit auf den Tisch stellte
und einfach die Worte sprach: Dies ist nun fr dich, Seidentopf. Nimm es, so
unchristlich sein Inhalt ist, als eine Christbescherung von mir an. Ob du in dir
und auer dir einen Platz dafr finden wirst, steht freilich dahin. Wenn es in
dein System pat, so schmiede Waffen daraus gegen mich; es soll dann mein Stolz
sein, dir selbst zum Siege verholfen zu haben. Entgegengesetzten Falls aber habe
den Mut eines offenen Bekenntnisses. Und nun ffne.
    Seidentopf zog den Deckel und nahm aus der Kiste einen kleinen Bronzewagen
heraus, der auf drei Rdern lief und eine kurze Gabeldeichsel hatte, auf der,
dicht an der Achse, sechs ebenfalls bronzene Vgel saen, alle von einer
Haltung, als ob sie eben auffliegen wollten. Das Ganze, quadratisch gemessen,
wenig ber handgro, verriet ebensosehr technisches Geschick wie Sinn fr
Formenschnheit.
    Der Pastor war geblendet; auf einen Augenblick ging alles, was kritisch oder
systematisch an und in ihm war, in der naiven Freude des Sammlers unter, und die
Hand des Justizrats ergreifend, sagte er: Das ist ein Unikum; das wird die
Zierde meiner Sammlung.
    Dann lie er den Wagen ber den Tisch rollen mit einem Gefhl und einem
Gesichtsausdruck, als ob er um fnfzig Jahre jnger gewesen wre.
    Turgany freute sich des Glckes, das er geschaffen; aber rasch wieder von
seinem alten Widersachergeist erfat, ri er unseren Seidentopf durch ein kurzes
Und nun? aus seiner Unbefangenheit.
    Der Pastor, zunchst noch in jener weichen Stimmung, wie sie Freude und Dank
hervorrufen, versuchte dem inquisitorischen Und nun? durch allerhand
Zwischenfragen ber Erwerb und Fundort auszuweichen. Aber vergeblich. Die
letztere Frage griff schon in das kritische Gebiet hinber, und Turgany bemerkte
deshalb mit nachdrcklicher Betonung einzelner Worte: Er ist von jenseit der
Oder; Wegearbeiter fanden ihn zwischen Reppen und Drossen; er steckte im Mergel;
Drossen ist wendisch und heit: Stadt am Wege. Die Oder war immer Grenzflu.
    Das ist ohne Bedeutung, bemerkte Seidentopf ruhig. Du weit, es gab eine
Zeit, wo diesseits und jenseits des Flusses Deutsche wohnten; nur die Stmme
waren verschieden. Welche Stmme hben und drben, darber mag gestritten
werden; ich betone nur das Germanische berhaupt.
    Turgany lchelte. So glaubst du wirklich, da deine Semnonen oder
ihresgleichen, die nachweisbar unter Fichten und Eichen wohnten und sich in
Tierfelle kleideten, der Schpfung solcher Kunstwerke fhig gewesen wren? Er
wies dabei auf den Wagen. Wie ich dir oft gesagt habe, sie sind hingegangen wie
das Laub an ihren Bumen, wie der Ur, der mit ihnen gemeinschaftlich die Wlder
bewohnte. Es ist mglich, da der Welt die berraschung vorbehalten ist, hier
oder dort, in Moor oder Mergel, einmal einem durch Erdsalze petrifizierten
Semnonen zu begegnen; ich wrde mich freuen, solchen Fund noch zu erleben, er
wrde jedoch nach der Seite hin, die hier in Frage kommt, nicht das geringste
beweisen. Es gab Semnonen, gewi, aber sie schufen nichts. Sie pflanzten sich
fort, das war alles. Ein Schaffen im Sinne der Kunst, der Erfindung kannten sie
nicht. Dieser Wagen ist Produkt hherer Kultur. Wer brachte die Kultur in diese
Gegenden? so stellt sich die Frage. Du kennst meine Antwort.
    Seidentopf schwieg.
    Ich habe dir so oft gesagt, fuhr Turgany fort, und ich mu es
wiederholen, es zhlt bei mir zu den Unbegreiflichkeiten, da ein Mann von
deinem wissenschaftlichen Ernst, der sich in hundert anderen Stcken durch
Vorurteilslosigkeit auszeichnet, die Kultur der slawischen Vorlande bestreiten
kann. Dein System ist eine Anhufung von Sophistereien. Von unserer alten
Priegnitz an, in der wir geboren wurden, bis zu diesem Lande Lebus, in dem wir
jetzt beide wohnen, tragen sowohl die Landesteile selbst wie ihre Stdte und
Drfer, zum ewigen Zeichen dessen, da sie aus wendischen Hnden hervorgingen,
gutslawische Namen; in erster Reihe dies alte Hohen-Vietz, dessen Bewohner,
neben ihren vielen anderen Tugenden, auch die der Langmut in Stammes- und
Rassefragen ben. Ich meinerseits kann ihnen darin nicht folgen. Es bleibt, wie
es ist. Die Deutschen dieser Gegenden waren Wilde; sie hatten Menschenopfer, sie
schlitzten ihren Feinden die Buche mit Feuersteinen auf. Sie aber, die
gesitteten Wenden, die du verleugnest, sie hatten Tempel, trugen feine Gespinste
und schmckten sich und ihre Gtter mit goldenen Spangen. Was hat dein ganzes
Semnonentum aufzuweisen, das heranreichte an die sagenhafte Pracht Vinetas, an
die phantastische Tempelgre Rethras und Oregungas?
    Sagenhafte Pracht, wiederholte Seidentopf, mir knnte das Zugestndnis,
das in diesem Beiwort liegt, gengen; indessen ich verzichte gern auf den
Gebrauch von Waffen, die mir, verzeihe, eine Unachtsamkeit meines Gegners in die
Hand gibt. Und so gedenke ich nicht an der Kultur von Rethra und Julin
herumzudeuteln. Aber dieses sptere, unter den Anregungen unserer germanischen
Welt ber sich selbst hinauswachsende Wendentum ist ein Wendentum dieses
Jahrtausends, whrend dieser bronzene Wagen augenscheinlich bis in die ersten
Skula unserer Zeitrechnung zurckdatiert. Ich setze ihn drittes Jahrhundert,
vielleicht noch frher.
    Gut. Und wofr hltst du ihn? Was ist er? Was bedeutet er?
    Ich htte es gewnscht, diesen Streit gerade heute, wo ich mich dir so tief
verpflichtet fhle, vermieden zu sehen. Da sich dies nicht tun lt, so nehme
ich nicht Anstand, ihn, mit jedem erdenklichen Grade von Bestimmtheit, als ein
Symbol des altgermanischen Kultus zu bezeichnen. Er versinnbildlicht nichts
anderes als den Wagen Odins.
    Du greifst etwas hoch, setzte jetzt Turgany mit schrfer werdender Stimme
ein. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es wieder heraus. Und so
nehme ich denn nicht Anstand, auch meinerseits mit jedem erdenklichen Grade von
Bestimmtheit zu behaupten, da dies ein Odinswagen etwa mit demselben Rechte
ist, wie ein in irgendeinem Mergellager aufgefundenes Wiegenpferd eine
sinnbildliche Darstellung der wendischen Sonnenrosse sein wrde. Du darfst den
Bogen nicht berspannen. Dieser Wagen ist einfach das Kinderspielzeug eines
lutizischen oder obotritischen Frstensohnes, irgendeines jugendlichen Pribislaw
oder Mistiwoi.
    Seidentopf wollte antworten, aber Turgany fuhr fort: Ein Bild heiteren
Familienlebens tut sich vor meinen Blicken auf. Holzsulen mit reichgeschnitzten
Kapitlen tragen die phantastisch gezierte Decke, und an den Tischen entlang,
bei Wrfel und Wein, sitzen die wendischen Schwertmnner, zuoberst der Frst. Er
trinkt auf das Wohl seines einzigen Sohnes, zu dessen Geburtstagsfeier heute die
Gste so zahlreich erschienen sind. Durch die Halle hin, nach rechts und links
sich verneigend, schreitet Pribislawa, die Frstin, und bei jeder grenden
Bewegung blitzen die goldenen Franzen ihres weien Gewandes. An ihrer Rechten
fhrt sie den Knaben, dessen Locken unter seiner Otterfellmtze hervorquellen,
whrend hinter ihm her das reiche Spielzeug rollt und rasselt, das dieser
Glckstag ihm bescherte. Und dieses Spielzeug ist hier. Damit hob Turgany den
vorgeblichen Odinswagen auf und setzte ihn wieder auf den Tisch.
    Der Pastor lchelte. Auch Turgany, dem im Anschauen seines durch ihn selbst
heraufbeschworenen Bildes heiterer ums Herz geworden war, sah wieder ruhiger
drein und sagte in vershnlichem Tone:
    Seidentopf, ich habe Trumpf gegen Trumpf gesetzt. Du hast mich
herausgefordert. Wenn ich, dir folgend, von jedem erdenklichen Grade von
Bestimmtheit sprach, so wirst du wissen, was ich damit gemeint habe. Es fehlt
uns beiden nur eine Kleinigkeit: der Beweis.
    Ich kann ihn geben.
    Wohlan, so gib ihn.
    Du gibst zunchst die Bronze zu?
    Der Justizrat nickte.
    Du gibst ferner zu, da die Bronze der germanischen Zeit mit derselben
Ausschlielichkeit angehrt wie das Eisen der wendischen?
    Turgany nickte wieder, aber unter Zeichen wachsender Ungeduld.
    Gut. Dies von deiner Seite zugegeben, fuhr Seidentopf fort, scheint mir
unser Streit durch dein eigenes Entgegenkommen geschlichtet. Ich danke dir fr
diesen Akt der Unparteilichkeit und Selbstbeherrschung. Dieser Wagen ist
bronzen; und weil er bronzen ist, ist er germanisch. Das ist der Punkt, auf den
es ankommt. Was er innerhalb der germanischen Welt war, das ist erst von zweiter
Bedeutung. Doch mu ich dabei bleiben, da auch darber nicht wohl ein Zweifel
sein kann. Hier diese Vgel auf Achse und Gabeldeichsel fhren den Beweis. Es
sind die Raben Odins. Sie fliegen vor ihm her; wenn ich mich des Ausdrucks
bedienen darf, sie ziehen das rtselvolle Gefhrt.
    Du hltst dies also fr Raben?
    Der Augenschein berhebt mich jeder weiteren Ausfhrung, erwiderte der
Pastor.
    Nun, so erlaube mir die Bemerkung, da nach meiner ornithologischen
Kenntnis, die wenigstens auf dem ganzen zwischen Fasan und Bekassine liegenden
Gebiete der deinigen berlegen ist, diese sogenannten Raben Odins nicht mehr und
nicht weniger als alles sein knnen, was je mit Flgeln schlug, vom Storch und
Schwan an bis zum Kernbeier und Kreuzschnabel. Und so ruf ich dir denn zu: Heil
diesem Isis- und Osiriswagen, denn sechs Ibis sitzen auf seiner Deichsel, Heil
diesem Jupiterwagen, denn sechs Adler fliegen vor ihm her.
    Whrend dieser Kontroverse hatte die Haushlterin nebenan mit Tellern und
Tassen geklappert und die Beine des Ausziehtisches mit jener rcksichtslosen
Lautheit eingeschraubt, die seit alter Zeit her das Vorrecht des von seiner
Wichtigkeit berzeugten Kchendepartements bildet. Trotz dieses Lrmens indes
waren die scharfen Tne Turganys bis in das dahintergelegene Gesellschaftszimmer
gedrungen und veranlaten hier um so rascher einen allgemeinen Aufbruch, als das
immer gern gehrte Zu Tisch ohnehin jeden Augenblick gesprochen werden konnte.
Renate und Marie, die den Zug fhrten, erschienen auf der Schwelle des
Studierzimmers, als der Justizrat eben seine letzten spttischen Trmpfe
ausspielte.
    Willkommen! rief Turgany. Unsere jungen Freundinnen, die Vertreter
heiterer Unbefangenheit in diesem Kreise, sollen einen Gerichtshof bilden und
zwischen dir und mir entscheiden. Cour d'amour, Sngerstreit; Seidentopf und
Turgany in den Schranken.
    Seidentopf war es zufrieden. Alles versammelte sich um den Tisch, und
Renate, den Vorsitz nehmend, forderte die streitenden Parteien auf, ihre Sache
zu fhren. Turgany sprach zuerst; dann schlo Seidentopf: Und so spitzt sich
denn die Frage einfach dahin zu: ist dieser Wagen ein Gegenstand des Kultus,
oder ist es ein bloer Tand? Wurde andchtig zu ihm aufgeschaut, oder wurde mit
ihm gespielt? Und nun, ihr Raben Odins, zieht eure Kreise und kndet das rechte
Wort.
    Renate warf einen Blick auf die Streitenden, dann sagte sie: Welche
Blindheit, ihr Freunde, da ihr den Wald vor Bumen nicht seht! War je eine
Frage leichter zu entscheiden? Wozu das Suchen in dunkler Ferne? Dieser Wagen,
von allerdings symbolischer Bedeutung, ist nichts anderes als ein Streitwagen,
das zwischen Drossen und Reppen aufgefundene Bild eurer eigenen urewigen Fehde.
    Alles stimmte heiter zu, und die gemeinschaftlich Verurteilten reichten sich
die Hand. Renate aber, den Winken der im Hintergrunde beschftigten Alten
endlich die gebhrende Aufmerksamkeit schenkend, nahm jetzt den Arm Seidentopfs
und schritt dem Nebenzimmer zu, darin auf gastlich hergerichteter Tafel das
Linnen glnzte und die Lichter brannten.

                              Vierzehntes Kapitel



                     Alles, was fliegen kann, fliege hoch

Das Nebenzimmer war das Ezimmer, das von dem Vorrecht aller Speiserume, kahl
und schmucklos sein zu drfen, den ausgiebigsten Gebrauch machte. Nur zweierlei
unterbrach die vorherrschende Nchternheit: ber der nach dem Korridor
hinausfhrenden Tr hing eine groe, stark nachgedunkelte, von irgendeinem
Niederlnder aus der Rubensschule her rhrende Brenhatz, whrend am
Spiegelpfeiler der gegenber gelegenen Schmalwand eine hohe Nubaumetagere
stand, auf deren oberstem Brett ein durchbrochener Korb mit bemaltem
Alabasterobst, Birnen, Orangen und Weintrauben, paradierte. Die Brenhatz
hatte sich, vor mehr als fnfzig Jahren, bei Renovierung des Vitzewitzeschen
Speisesaales, aus dem Herrenhause nach dem Predigerhause verirrt, in dem damals
ein lebelustiger Amtsvorgnger Seidentopfs, soweit ihn nicht Fuchs- und
Hasenjagd in Anspruch nahmen, der Hohen-Vietzer Seelsorge oblag.
    So kahl und nchtern das Zimmer war, einen so entgegengesetzten Eindruck
machte es von dem Augenblick an, wo die Seidentopfschen Gste dasselbe zu fllen
und zu beleben begannen. Die Armleuchter, die grnen und weien Glser, vor
allem ein die Mitte der Tafel einnehmender, in der Flle seiner langen und
braunen Zacken eine Hohen-Vietzer Pfarrspezialitt bildender Baumkuchen gaben
ein beraus heiteres Bild, das aus seiner wunderlich komponierten Umrahmung:
kahle Wnde, nachgedunkelter Rubens und Alabasterobst, eher Vorteil als Nachteil
zog.
    Turgany, der sich wieder des Platzes zwischen den beiden jungen Damen zu
versichern gewut hatte, flsterte, nachdem eine Tasse Tee glcklich an ihm
vorbergegangen war, der in Person aufwartenden Alten einige Worte ins Ohr, die
von dieser, wie es schien, verstndnisvoll aufgenommen und mit Kopfnicken
erwidert wurden.
    Neue Anschlge im Werke? fragte Renate.
    Vielleicht, bemerkte Turgany. Aber doch nur solche, die die Neugier
meiner schnen Nachbarin nicht lange auf die Probe stellen werden. In jedem
Falle berraschungen von allgemeinerem Interesse als der Wagen Odins.
    Whrend dies Gesprch noch gefhrt wurde, erschien die Haushlterin wieder
zu Hupten der Tafel, eine flache Schssel herumreichend, deren schwarzkrniger,
mit Zitronenschnitten reich garnierter Inhalt ber die Art der berraschung
nicht lnger einen Zweifel lassen konnte.
    Aber Turgany, murmelte Seidentopf mit liebevollem Vorwurf.
    Keinen vorzeitigen Dank, nahm der Justizrat das Wort. Du ahnst nicht,
Freund, die geheime Tcke, die hinter diesen schwarzen Krnern lauert. Allen
Tafelparagraphen zum Trotz, die schon jede lebhafte Debatte von den Freuden des
Mahles ausgeschlossen wissen wollen, trage ich den alten
Turgany-Seidentopf-Streit an diesen deinen gastlichen Tisch und entnehme neue
Waffen gegen dich diesem berraschungsgericht, das ich mir, im Vertrauen auf
deine Nachsicht, einzuschieben erlaubt habe. Ja, Freund, hier ist das Salz der
Erde, das einzige, das noch nicht dumpf geworden. Diese schwarzen Krner, was
sind sie anders als ein Vortrab aus dem Osten, als eine Avantgarde der groen
slawischen Welt. Sendboten von der Wolga her: Astrachan rckt ein in dieses alte
Land Lebus. Ein tiefsinniges Symbol dieses alles! Schon folgen die
Steppenreiter, die dieselbe Heimat haben; erwarten wir sie, bereiten wir unsere
Herzen. Es lebe das Salz der neuen Zeit; es lebe die groe Slawa, die Urmutter
unserer wendischen Welt, es lebe Ruland!
    Seidentopf, viel zu liebenswrdig, um nicht fr Neckereien wie diese ein
bereitwilliges Verstndnis zu haben, erhob sich sofort. Ich bitte die Glser zu
fllen, begann er, versteht sich, die grnen. Unser Freund hat das Salz
unserer Zeit, hat Ruland, hat die astrachanische Prrie leben lassen. Ich
knnte hervorheben, da optische Tuschungen, riesenmige Vergrerungen zu den
charakteristischen Zgen jener Steppengegenden gehren, von denen uns
beispielsweise Reisende berichten, da einfache Heidekrautbschel das Ansehen
stattlicher Bume gewnnen; aber ich verzichte auf Bemerkungen, die unseren
Streit nur schren knnten. Ich drste nicht nach Fehde, sondern nach
Vershnung. Gut denn, es lebe das Wolgasalz, das erfrischt, aber zugleich
durchglhe uns dieser deutsche Wein, der erheitert und erhebt. Zu dem Herben
geselle sich das Feuer, zu der Kraft die Begeisterung. So vermhle sich die
slawische und germanische Welt. Es ist ein alter Wein noch, der in unseren
Glsern perlt, und die Gelnde waren unser, die ihn trugen und reiften. Sie
sollen es wieder sein. Mge der Most des nchsten Jahres in deutschen Keltern
stehen.
    Die Glser klangen zusammen, auch die Turganys und Seidentopfs. Beide Gegner
umarmten sich, alles schttelte sich die Hnde, und das Gefhl patriotischer
Erhebung wuchs, als, unter Zugrundlegung des neunundzwanzigsten Bulletins, die
Tischunterhaltung in das Gebiet der Konjekturalpolitik hinber glitt.
    Erst der Schlu der Tafel machte dem Gesprch ein Ende, an dem sich auch die
Damen um so lieber beteiligt hatten, als die Abwesenheit eigentlich
zuverlssigen Materials es sowohl je dem reichlich eingestreuten On dit wie
nicht minder dem Fluge der Einbildungskraft erlaubte, alles Fehlende aus eigenen
Mitteln zu ersetzen. Und auf derartig schwachen Fundamenten aufgefhrte
Unterhaltungen pflegen meist mehr zu befriedigen als solche, die durch oft
unbequeme Tatsachen in ihrem Gange bestimmt werden.
    Die Gesellschaft begab sich jetzt aus dem Ezimmer in die die Zimmerreihe
abschlieende Putzstube, die im wesentlichen noch die Einrichtung zeigte, die
ihr die vor zehn Jahren, beinahe unmittelbar nach der Feier ihrer silbernen
Hochzeit, aus der Zeitlichkeit geschiedene Frau Pastorin Seidentopf gegeben
hatte. An der einen Lngswand standen ein Sofa und ein Birkenmaser-Klavier,
jenes hochlehnig, mit fnf harten, groblmig berzogenen Seegraskissen, dieses
auf schmalen, ellenartigen Beinen, deren Dnne nur noch von der seines Tones
bertroffen wurde. Dem Sofa gegenber befand sich der Jubilumsschrank, in dem
alles ein Unterkommen gesucht und gefunden hatte, was bei Gelegenheit der mit
seiner silbernen Hochzeit zusammenfallenden fnfundzwanzigjhrigen Amtsfhrung
unserem Seidentopf an Geschenken und Huldigungen dargebracht worden war. Auer
dem Kranz und dem Ehrenpokal standen hier: zwei Blumenvasen mit Zittergras, ein
Fidibusbecher, ein Album, eine Briefmappe, mit zwei groen Perlenarbeiten
geschmckt, von denen die eine die Hohen-Vietzer Kirche, die andere das
Landsberger Korrektionshaus darstellte, an dem unser Seidentopf einige Jahre
lang amtiert hatte. Aus eben dieser Zeit her stammte auch ein kleines, aus
Brotkrume geformtes Kruzifix, das, unscheinbar an sich selbst, in ebenso
unscheinbarer Umrahmung hart ber der Sofalehne hing. Es war die Arbeit eines in
Ketten geschlossenen, auf Lebenszeit verurteilten Strflings, der, einfach um
Beschftigung willen beginnend, unter dem Tun seiner Hnde sich zum glubigen
Christen herangebildet hatte. Turgany pflegte die Bemerkung daran zu knpfen,
da es ein neuer Beweis sei, wie sich jeder seinen Gott und seinen Glauben
schaffe; Seidentopf aber, weil hier sein Innerstes mitspielte, lie sich in
seinen entgegenstehenden Anschauungen nicht beirren, war vielmehr fest
berzeugt, da auch diesem Schcher das Wort erklungen sei: Noch heute wirst du
mit mir im Paradiese sein, und pries sich glcklich, dies Brotkrumenkruzifix
aus den Hnden eines glubig Sterbenden empfangen zu haben. Er sah es fr nichts
Geringeres als einen Talisman oder, um christlicher zu sprechen, als einen
segenspendenden Hort seines Hauses an.
    So war das Zimmer. Tante Schorlemmer nahm Platz auf dem Sofa, die beiden
jungen Damen neben ihr, whrend die Herren um den Tisch herum den Kreis
schlossen.
    Was spielen wir? fragte Renate. Wir haben die Wahl zwischen Tellerdrehn,
Talerwandern und Tuchzuwerfen.
    Also doch jedenfalls ein Pfnderspiel, fragte Pastor Zabel, dem etwas
bange werden mochte.
    Gewi߫, antwortete Turgany.
    Dann bin ich, entschied Renate, alles in allem erwogen, fr Lewins
Lieblingsunterhaltung: Alles, was fliegen kann, fliege hoch! Er hlt dies
nmlich fr das Spiel aller Spiele.
    Da wre ich doch neugierig, bemerkte Turgany.
    Ich bekenne mich, nahm Lewin jetzt das Wort, allerdings zu dem Geschmack,
den mir Renate zugeschrieben. Es ist, wie sie sagt. Alle Spiele sind gut, wenn
man sie richtig ansieht, aber mein Lieblingsspiel ist doch der besten eines. Es
hat zunchst eine natrliche Komik, die sich freilich dem nur auftut, der ein
bescheidenes Ma von Phantasie und plastischem Sinne mitbringt. Wem die Tiere,
gro und klein, die genannt werden, nur Worte, nur naturhistorische Rubrik sind,
wem sozusagen erst nachtrglich als Resultat seiner Kenntnis und berlegung
beifllt, da die Leoparden nicht fliegen, dem bleibt der Zauber dieses Spiels
verschlossen. Wer aber in demselben Augenblick, in dem der Finger zur Unzeit
gehoben wurde, inmitten von Kolibris und Kanarienvgeln einen Siamelefanten
wirklich fliegen sieht, dem wird dieses Spiel, um seiner grotesken Bilder
willen, zu einer andauernden Quelle der Erheiterung.
    Sehr gut, sehr gut, sagte Turgany, sichtlich angeregt durch diese
Betrachtung.
    Und doch ist diese Seite des Spiels, fuhr Lewin fort, nur eine
nebenschliche. Viel wichtiger ist eine andere. Es diszipliniert nmlich unseren
Geist und lehrt uns eine rasche und straffe Zgelfhrung. In krperlichen wie in
geistigen Dingen herrscht dasselbe Gesetz der Trgheit. Aus Trgheit rollt die
Kugel weiter. So genau auch hier. Siebenmal, in wachsender Geschwindigkeit,
haben wir den Finger gehoben, er ist in eine rotierende Bewegung geraten, er
fliegt beinahe selbst; da drngt sich das schwerfllig Kompakteste in die
Gesellschaft uns leicht und zierlich umschwirrender Vgel ein, und siehe da,
unser Finger tut das, was er nicht sollte, und fliegt weiter. Da liegt es! Diese
dem Gesetz der Trgheit entstammende Bewegung, unter dem Eindruck eines rasch
entstehenden Bildes, mit gleich rascher Willenskraft zu hemmen, das ist die
geistige Schulung, die wir aus diesem Spiel gewinnen. Ich kann mir denken, da
wir durch bungen wie diese unserer Charakterbildung zu Hilfe kommen.
    Der Konrektor lchelte. Er schien die pdagogische Seite des Spiels doch
etwas geringer zu veranschlagen. Nur Turgany wiederholte seine Zustimmung. Das
Spiel begann und nahm seinen Gang, dabei seine alte Anziehungskraft bewhrend.
Der alte Streit, ob Drachen fliegen knnen oder nicht, wurde den Mitspielenden
nicht geschenkt. Als man abbrach, lag eine ganze Zahl von Pfndern in einem
flachen Arbeitskorb, den Marie herbeigeholt hatte.
    Unser Freund Lewin, nahm jetzt Turgany das Wort, hat von dem Spiel der
Spiele gesprochen, dabei seinen Gegenstand vom knstlerischen, vom pdagogischen
und moralischen Standpunkte, also von drei Seiten her beleuchtend, wie es sich
in einem Predigerhause geziemt. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich
ber ein verwandtes Thema in hnlich eindringlicher Weise zu verbreiten. Wollen
Sie es glauben, meine Damen, da sich die tiefsten Geheimnisse der Natur in der
Abgabe der Pfnder offenbaren.
    Das wre! bemerkte der Dolgeliner Pastor, der nach dieser Seite hin kein
ganz reines Gewissen haben mochte.
    Etwas dezent Indifferentes whlen, fuhr Turgany fort, ohne dabei der
Trivialitt zu verfallen, das ist die Kunst. Ein Batisttuch, ein Notizbuch, ein
Flakon, eine Broche drfen als wahre Musterstcke gelten. Sie sind nur selten zu
bertreffen. Ich kannte freilich eine fremdlndische, aus dem Sden her an unser
Oderufer verschlagene Dame, die lchelnd eine groe Perlennadel aus ihrem
schwarzen Haare nahm und diese Nadel dann berreichte. Ich htte die Hand kssen
mgen. Das war ein Ausnahmefall nach der glnzenden Seite hin. Desto leichter
ist es, hinter der goldenen Mitte des Flakons und der Broche zurckzubleiben.
Ich entsinne mich einer im Embonpointalter stehenden Professorenfrau, die Mal
auf Mal ihren Trauring als Pfand vom Finger zog. Erlassen Sie mir, Ihnen das
eheliche Glck des Hauses zu schildern. In derselben Gesellschaft befand sich
ein Herr, der nicht mde wurde, sein englisches Taschenmesser, zehn Klingen mit
Korkzieher und Feuerstahl, in den Scho der Damen zu deponieren, bis das
Klingenmonstrum, nach Zerreiung mehrerer Seidenkleider, endlich vor dem
allgemeinen Entrstungsschrei verschwand.
    Der Justizrat hatte diesen Vortrag halten drfen, ohne Furcht, dadurch
anzustoen. Er war nmlich der Abgabe der Pfnder mit besonderer Aufmerksamkeit
gefolgt und kannte genau die Resultate. Selbst Pastor Zabel hatte nichts
Schlimmeres eingeliefert als einen groen Karneoluhrschlssel, den er nicht an
der Uhr, sondern selbstndig, wie eine Art Sackpistole, in einer seiner groen
Taschen trug.
    Man schritt nun zur Einlsung.
    Lewin, der am meisten verschuldet war, hatte Steine zu karren, mute
Brcke baun und Kette machen, whrend es dem Dolgelinischen Pfarrer zufiel,
als polnischer Bettelmann sein Glck zu versuchen.
    Endlich hie es: Was soll der tun, dem dies Pfand gehrt?
    Schinken schneiden!
    Es war ein Knpftuch Maries. Diese erhob sich, trat in die Mitte des Zimmers
und begann: Schneide, schneide Schinken, wen ich liebhab, werd ich winken.
    Dabei winkte sie dem Frankfurter Konrektor und bot ihm in voller
Unbefangenheit ihren Mund. Othegraven, der sonst Gewalt ber sich hatte, fhlte
sein Blut bis in die Schlfe steigen. Er kte ihr die Stirn: dann kehrten beide
auf ihre Pltze zurck.
    Auer Renaten hatte nur Turgany die flchtige Verlegenheit Othegravens
bemerkt.

                              Fnfzehntes Kapitel



                             Schmidt von Werneuchen

Das letzte einzulsende Pfand, ein Notizbuch, gehrte Renaten, die nunmehr
aufgefordert wurde, ein Lied zu singen. Sie war dazu bereit, aber wie immer
entstand die Frage: was? Zum Glck lagen auf dem kleinen Birkenmaser-Klavier
allerhand Noten aufgeschichtet, unter denen Renate zu suchen begann. Es waren
Liederkompositionen, die, soweit der Text in Betracht kam, mit einer Art von
gesellschaftlicher Diplomatie beiden Dichterschulen entnommen waren, die damals
in beinahe unmittelbarer Nhe von Hohen-Vietz ihre Geburts-, jedenfalls ihre
Pflegesttte hatten. Die eine Schule, vom Lokalstandpunkt aus angesehen, war die
Nieder-Barnimsche, die andere die Lebusische, jene, die derb-realistische, durch
Pastor Schmidt von Werneuchen, diese, die aristokratisch-romantische, durch
Ludwig Tieck und den in Ziebingen ansssigen Mzenatenkreis der Burgsdorffs und
ihrer Freunde vertreten. Zwischen beiden Schulen suchte der Hohen-Vietzer
Pfarrherr, der es berhaupt mit Ausnahme der Semnonen zu keiner entschiedenen
Parteinahme bringen konnte, nach Mglichkeit zu vermitteln, hatte abwechselnd
Worte der Anerkennung fr Werneuchen, Worte der Bewunderung fr Ziebingen und
gab dieser seiner Halbheit, die, sobald es sich um kirchliche Fragen handelte,
den Spott Miekleys und Uhlenhorsts herausforderte, auch auf literarischem
Gebiete durch Anschaffung heute des Schmidtschen Kalenders der Musen und
Grazien, morgen des Tieckschen Zerbino oder Phantasus Ausdruck. brigens
stammten die Klaviernoten meist noch aus der Zeit der verstorbenen Frau her,
die, selbst auf dem Barnim gebrtig, zugleich auch minder abwgend als ihr
Eheherr, den Werneuchener Poeten um ein weniges bevorzugt hatte.
    Renate, nachdem sie hin und her geblttert, whlte schlielich, um dem
Suchen ein Ende zu machen, einige Pastor Schmidtsche Strophen, die sich an den
Freund aller unglcklich Liebenden richteten, an den Mond. Der berschrift war
die Klammerbemerkung hinzugefgt: Abends elf Uhr am Fenster.

So manchen Abend traur ich hier
In stummer Liebe Leid;
In meiner Schwermut blickst du dann
Mich freundlich durch die Weiden an,
Da mich's im Herzen freut.

Wenn doch, wie du, mein Mdchen mild,
Wie du so freundlich wr!
O such sie, lieber Mondenschein,
Und schau ihr ernst ins Aug hinein
Und mach das Herz ihr schwer.

Renate, die das Lied in Text und Komposition zu kennen schien, sang es mit
groer Sicherheit, aber zugleich auch mit jenem bertriebenen Aufwand von Stimme
und Gefhl, wodurch der Vortragende auszudrcken wnscht, da er ber der Sache
stehe.
    Dies war den Zuhrern nicht entgangen, von denen die Mehrzahl dieser
ironischen Behandlung des Liedes zuzustimmen schien. Nur Seidentopf trat an das
Klavier und sagte: Unser Barnimer Freund scheint vor unserem Lebusischen
Frulein keine Gnade zu finden.
    Wie kann er auch, nahm Renate das Wort; wie bescheiden er sich stellen
mag, er hat die Prtension, ein Poet zu sein, und er ist keiner. Es ist sinnig,
sich den Dichter auf einem geflgelten Pferde zu denken, weil es die erste
Aufgabe aller Poesie ist, das platt Alltgliche hinter sich zu lassen; und nun
frag ich Sie, teuerster Pastor, auf welchem Pferde, geflgelt oder nicht, sind
Sie imstande sich unsern Schmidt von Werneuchen vorzustellen? Ist es vielleicht

der weie knigliche Zelter,
Mit Federbschen bunt im Winde flatternd,
Die Brust, wie Schnee, mit blauem Schleier schmckend?

Nein, liebe Renate, antwortete Seidentopf, dieser weie knigliche Zelter ist
es sicherlich nicht. Die Kreuzzugs-Jahrhunderte, die drben bei den Ziebinger
Freunden fast nur noch Geltung haben, sind nicht das Zeitalter unseres einfachen
und, wie nicht bestritten werden soll, an Haus und Hof gebundenen Schmidt: er
ist ganz Gegenwart, ganz Genre, ganz Mark. Er ist so unromantisch wie mglich,
aber er ist doch ein Dichter.
    Das ist er, fiel jetzt der Dolgeliner Pastor ein, zu dessen kleinen
Eitelkeiten es gehrte, seine Bekanntschaft mit dem Werneuchener Amtsbruder ins
rechte Licht zu stellen. Auerdem hatte er den Wunsch, doch endlich auch
seinerseits in den Gang der Unterhaltung einzugreifen, und der rechte Augenblick
dafr schien ihm gekommen. Unser viel angefochtener Freund, fuhr er fort, ist
ein Poet trotz einem; aber ich sehe wohl, unser Frulein Renate hat zuviel da
drben nach Frankfurt hin verkehrt und ist aus der Barnimer Schule, die so recht
eigentlich eine brandenburgische Schule ist, in die neue Lebuser bergegangen,
wo sie nur noch spanische Stcke lesen und mit dem Herrn Tieck einen
Gtzendienst treiben, als htt es vor seiner mondbeglnzten Zaubernacht noch gar
keine Dichtung und noch gar keinen rechten Mond gegeben. Und dieser Hochmut
reizt mich, und wiewohlen Dolgelin ein alt-lebusisches Dorf ist, so steh ich
doch in dieser Dichterfehde ganz auf seiten von Nieder-Barnim, und wenn sie mir
sagen wollen, da noch nie so Schnes gedichtet worden ist wie:

Ihr kleinen goldnen Sterne,
Ihr bleibt mir ewig ferne,

was sie jetzt auf allen Leiern spielen, so sag ich: nein, ihr Herren, euer
Geschmack ist nicht mein Geschmack, und es fllt mir ganz anders auf die Sinne,
wenn unser Werneuchner Freund in seiner drallen Dichterweise anhebt:

Auf seinem Waldhorn blst des Dorfes Hgereiter,
Die Paare treten an, die Augen werden heiter,
Des Amtmanns Schreiber kommt, die Bauern rufen: Tusch,
Fort mit den Tischen, itzt beginnt der Kiekebusch!

Das nenn ich Sprache. Ich sehe den Brutigam mit der rotkalmankenen Weste und
hre, wie sie mit den Hacken zusammenschlagen. Da ist echtes Gold drin, gegen
das sich die kleinen goldnen Sterne verstecken knnen.
    Turgany lachte herzlich. Im brigen trat eine kleine Verlegenheitspause ein,
die Seidentopf endlich - mit geflissentlicher Umgebung des ganzen Intermezzos,
als welches die Dolgeliner Verteidigungsrede anzusehen war - unterbrach, indem
er sich an seine schne Widersacherin wendete: Sie unterschtzen ihn, liebe
Renate, wie so viele mit Ihnen tun. Vielleicht, da ich meinerseits in den
entgegengesetzten Fehler verfalle, weil ich die Vorzge seines Herzens auch in
seinen Dichtungen wiederfinde. Man mu ihn eben kennen.
    Nun, so lassen Sie uns an Ihrer Kenntnis teilnehmen, erzhlen Sie von ihm.
    Das mu Turgany tun, fuhr der Pastor fort, er hat die Gabe eindringlicher
Schilderung, er kennt ihn, er schtzt ihn auch, wenn ich mich frherer Gesprche
recht entsinne.
    Turgany machte zunchst eine ablehnende Handbewegung und setzte dann
erklrend hinzu: Lieber Seidentopf, es mu eine Verwechselung vorliegen,
vielleicht mit deinem Amtsbruder Pastor Zabel, den wir soeben in dankbarer
Erinnerung an die rotkalmankene Weste sich enthusiasmieren sahen. An ihn wre
dein Appell in der Ordnung gewesen.
    Aber diese Ablehnung, wie vorauszusehen, war umsonst; alles drang in
Turgany, der endlich, wohl oder bel, dem allgemeinen Wunsche nachgeben mute.
Vielleicht nicht ungern. Denn er tat nichts lieber als medisieren. Nun denn,
so hob er an, Sie wissen alle, da unser Werneuchener Freund ein Prediger und
Dichter ist, aber was Sie vielleicht nicht wissen und was so recht eigentlich
den Schlssel zum Verstndnis seiner Dichtungen bildet, das ist das, da er auch
Gatte und Vater ist. Die Kanzel steht ihm nahe, aber die Wiege steht ihm nher.
Sein Haus ist eine Kinderstube oder, wie es hierlandes heit: mehr Quarre als
Pfarre. Versteht sich, ist er kreuzbrav. Er zchtet Bienen und Blumen und ldt
seine Gste statt in Prosa in Versen, meist in Sonetten, ein. Er ist bescheiden
und selbstbewut, nachgiebig und eigensinnig, harmlos und schlau, in summa ein
Mrker. Nicht zufrieden damit, fr sein eigen Teil der Pastor Schmidt von
Werneuchen zu sein, ist sein bester Freund auch noch der Pastor Schultze von
Dbritz. Nomen et omen. Er raucht aus langer Pfeife und trgt Kppsel und
Schlafrock, und wenn er den letztern ausnahmsweise nicht trgt, so macht er den
Eindruck, als trge er zwei. Unter seinen Dichtungen hat mir die kleine Gruppe,
die die berschrift aufweist: Lieder fr Landmdchen, abends beim Melken zu
singen, immer den grten Eindruck gemacht. In einer angefgten Notiz findet
sich nmlich die Bemerkung, da er sie gedichtet habe, um verschlafene
Milchmdchen beim Melken wach zu erhalten. Ich bezweifle, da er seinen Zweck
erreicht hat.
    Seidentopf mhte sich, einen kleinen Unwillen zu zeigen. Das fhrt uns
nicht weiter, Turgany: du selbst wirst nicht behaupten wollen, in deiner
Schilderung auch nur einigermaen Gerechtigkeit gebt zu haben.
    Ich wei doch nicht, fiel Lewin hier ein. Wir kennen alle den lebhaften
Farbenauftrag unsers justizrtlichen Freundes, aber einer gewissen drastischen
Ausdrucksweise entkleidet, hat er nichts gesagt, was ich nicht von ganzem Herzen
unterschreiben mchte. Diese Werneuchener Poesie hat in der Tat kein anderes
Ideal als den bekppselten Familienvater, und die Abfertigung, die ihr von
Weimar her zuteil wurde, war wohlverdient. Es ist wahr, manches glckt ihm. Wie
hbsch klingt es:

Was lieb sich hat mit Treuen,
Das sucht ein einsam rtchen gern,
Wo's heimlich sich kann freuen,
Von Lrm und Lauschern fern.

Da hat sich's lieb im stillen,
So inniglich, so minniglich,
Da hat es seinen Willen,
Sein Wesen ganz fr sich.

Das ist sinnig: aber daneben liegen Abgrnde. Er hat eine gefllige Gabe fr den
Reim und ein Auge fr die Natur. Das ist alles. Seine Schilderungen mgen
gelegentlich als Oasen gelten, seine Gedanken sind die Wste. Sand und wieder
Sand. Aber wie denkt nur Marie ber ihn? Ich glaube mich zu entsinnen, da sie
seine Lieder mehr als einmal gelesen, auch zu Renate darber gesprochen hat.
    Die Angeredete wurde rot bis an die Schlfe. Es konnte nicht wohl anders
sein. Lewin, der von manchem Plauderabend her die Schrfe ihres Urteils kannte,
bersah, da es ein grerer Kreis war, vor dem zu sprechen er sie so pltzlich
aufgefordert hatte. Sie sammelte sich aber schnell und sagte dann fest und
schchtern zugleich: Ich gehe ganz mit Renaten; er ist kein Dichter, weil er
nichts als die Wirklichkeit kennt.
    Und seine Gabe der Schilderung? unterbrach Seidentopf.
    Auch sie erquickt mich nicht. Sie ist das Beste an ihm, gewi, aber les ich
dann bis auf am Himmelsbogen die goldnen Sterne zogen, so fhle ich pltzlich
den unendlichen Unterschied zwischen diesen Sternen und den Alltags-Sternen
unseres Schmidt. Freilich ich zweifle, ob ich diesen Unterschied werde
aussprechen knnen.
    Du wirst es knnen; beginne nur, riefen ihr Lewin und Renate zu.
    Ich will es versuchen. Der Dichter soll ein Spiegel aller Dinge sein.
Schmidt aber spiegelt nichts; er gibt nur die Natur selber.
    Gut, gut, fiel Turgany ein, ich habe mehr als eine Untersuchung gelesen,
die zurckbleibt hinter diesem kritischen Debut. Der Schmidtsche Spiegel, wenn
ich recht verstanden, ist gar kein Spiegel, sondern nur ein Spiegelrahmen, und
die Bilder, die er gibt, sind nichts anderes als eingefate Stcke leibhaftiger
Natur. Natur, wie wir sie vor uns haben, wenn wir, zurcktretend, sauf drei
Schritt Entfernung durch ein offenstehendes Fenster sehen. Sehr gut.
    Seidentopf, immer unruhiger werdend, wollte antworten; Turgany aber, als
merke er nichts von der Verstimmung seines Freundes, fuhr jetzt in der ihm
eigenen Weise fort: Wir haben nun unser Verdikt abgegeben, und Inkulpat, trotz
der gnstigen, aber als durchaus parteiisch anzusehenden Aussagen seiner
Amtsbrder von Hohen-Vietz und Dolgelin, ist als schuldig befunden worden.
Othegravens zustimmendes Kopfnicken, als die goldenen Sterne der Brgerschen
Lenore heraufzogen, hab ich, hoffentlich nicht mit Unrecht, im Sinne der
Anti-Schmidt-Partei gedeutet. Ausstndig ist nur noch eine gewichtige Stimme.
Ich erhebe hiermit die bestimmte Frage: Wie stellt sich Herrnhut zu Werneuchen?
    Tante Schorlemmer schttelte den Kopf hin und her und klapperte lebhafter
denn zuvor mit ihrem Strickzeug, das sie, nach Auslsung der Pfnder, wieder zur
Hand genommen hatte. Sie schien auch jetzt noch jede Antwort verweigern zu
wollen.
    Turgany aber, uneingeschchtert, fuhr in Nachahmung richterlicher Wrde
fort: So mssen wir denn zu den strksten Mitteln greifen. Im Namen Zinzendorfs
...
    Die so feierlich Beschworene, eine der eben abgestrickten Nadeln erhebend,
drohte bei dieser Formel scherzhaft zu dem Justizrat hinber und sagte dann:
Renate und Marie haben recht; er ist garstig.
    Er ist garstig, wiederholte Turgany. Mit Hilfe dieser verspteten
Zeugenaussage, in der ich beilufig einen Saxonismus zu erkennen glaube, tritt
unsere Verhandlung in eine neue Phase ein. Es scheint sich der sthetischen
Anklage, wenn auch nur leise, ein moralisches Element beigesellen zu sollen.
    Das nicht, fuhr jetzt Tante Schorlemmer mit Entschiedenheit fort, aber er
mifllt mir ganz und gar. Er mifllt mir, weil er sein geistlich Kleid ohne
geistliche Wrde trgt. Der Justizrat hat es getroffen: die Wiege steht ihm
nher als die Kanzel. Selbst das heilige Weihnachtsfest ist ihm kein Fest des
Kindes Gottes, es ist ihm nur ein Fest seiner eigenen Kinder. Er scheut selbst
vor Anstigkeiten nicht zurck, und ich schme mich dann in seine Pastors-Seele
hinein. Nein, nein, das ist nichts fr ein herrnhutisch Herz, dem noch die
Weihnachtslieder der eigenen Kindheit im Ohre klingen.
    Turgany schwieg. Renate trat an Tante Schorlemmer heran und sagte: Gib uns
das Lied, das du den ersten Weihnachten sangst, als du zu uns gekommen warst.
Ich lieb es so. Bitte, ich sing auch mit.
    Tante Schorlemmer strickte eifrig weiter. Dann sagte sie: Gut, ich will es;
sind wir doch hier in einem christlichen Predigerhause. Damit stand sie auf und
setzte sich an das Klavier.
    Mit zitternder Stimme hob sie an, bis die schne Altstimme Renatens wie eine
Glocke einfiel. Leise begleitend klang das Klavier. So sangen sie beide:

Holder Knabe
Mit dem Stabe,
Der die Lwen weiden kann,
Denk der kleinen
Armen deinen,
Der du Jngling warst und Mann.

La sie weiden
In den Freuden
Deiner Kindheit, Jesu Christ!
Lehr sie stndlich,
Treu und kindlich
Sein, wie du gewesen bist.

Und damit schlo der zweite Weihnachtstag im Pfarrhause zu Hohen-Vietz.

                              Sechzehntes Kapitel



                                Ein Zwiegesprch

Es mochte halb elf sein, als halblauter Peitschenknall und ein jedesmal
pltzliches Erklingen des Schellengelutes, wenn die beiden Braunen ungeduldig
ihre Hlse zur Seite warfen, die Frankfurter Gste des Pfarrhauses daran
gemahnte, da der Schlitten vorgefahren sei.
    Nicht lange, so ward es auf dem Flur lebendig, und das Lachen Turganys -
der, aus dem zweiten Zimmer tretend, eben an den Alligator gestoen und das
Ungetm in eine unheimlich schwankende Bewegung gesetzt hatte - klang bis auf
die Strae hinaus, wo der Pfarrknecht, auf und ab stampfend, die Fahrleine hielt
und durch Hauchen und Blasen seine halbverklammten Finger vor dem vlligen
Starrwerden zu schtzen suchte. Gleich darauf ffnete sich die Tr, sofort den
dnnen Ton ihrer Klingel mit dem Schellengelute des drauen harrenden
Schlittens mischend, auf dessen niedriger Polsterbank Turgany und der Konrektor
sich nunmehr rasch zurechtrckten. Ein Gru noch nach dem Flur hin, ein Schlag
mit der Leine auf den Rcken der Pferde, und fort ging es auf verschneiter
Strae dem Ausgange des Dorfes zu. Der Dolgeliner Pastor, der noch
Geschftliches mit Seidentopf zu erledigen hatte, war bei seinem Amtsbruder
zurckgeblieben.
    Hohen-Vietz schlief schon. Alle Gehfte lagen im Dunkel; nur bei Mller
Miekley war noch Licht, und ein heller Schimmer fiel auf einen wrfelfrmigen,
wohl seit hundert Jahren an dieser Stelle liegenden Stein, von dem aus der
Fuweg nach dem Forstacker hin abzweigte.
    Der Mller hat noch Licht, sagte Turgany, wahrscheinlich ein Konventikel,
Uhlenhorst in Person.
    In demselben Augenblick aber scheuten die Pferde und bogen prustend nach
rechts hin aus, so da es einiger Anstrengung bedurfte, die Stelle zu passieren.
Als sie glcklich vorber waren, sah sich der Justizrat neugierig um und
erkannte nun erst Hoppenmarieken, die auf dem Stein gesessen und beim
Ansichtigwerden des Schlittens, sehr zur Unzeit, mit ihrem Hakenstock salutiert
hatte.
    Wer ist der Kobold? fragte Othegraven.
    Hoppenmarieken, antwortete Turgany, ihres Zeichens Hohen-Vietzer
Botenfrau, auch wohl sonst noch allerlei. Man munkelt dies und das, aber die
Beweise fehlen. Sie geht oft nachts und ist am andern Morgen wieder da.
    Ein unheimliches Wesen.
    Das ist sie. Aber auch ein Original, und das kommt ihr zustatten. Der alte
Vitzewitz sieht ihr manches durch die Finger. Ihr eigentlicher Anwalt aber ist
Lewin.
    Turganys Schlitten flog rasch dahin, bei jeder Seitwrtsbewegung den Schnee
fuhoch zusammenschaufelnd. Gekrpfte Weiden, abwechselnd mit hohen Pappeln,
faten von rechts und links her den Weg ein und bezeichneten die Richtung, in
der sich die Fahrt, im brigen auf gut Glck hin, vorzubewegen hatte. Dann und
wann flog eine Krhe auf, stumm, verschlafen, um sich auf dem nchsten
Baumwipfel wieder niederzulassen. Darber stand der Sternenhimmel, funkelnd in
aller winterlichen Pracht. Ein trumerischer Zustand berkam die beiden
Reisenden. Es war ihnen, als erstrbe das Schellengelut ihres Schlittens,
whrend der leise Widerhall von weit, weit her immer lauter, immer brausender zu
werden schien. Die Nhe verlor ihre Macht ber das Ohr; nur das Ferne, das kaum
Hrbare lutete wie Glocken.
    Turgany gewann es zuerst ber sich, diesen lhmenden Halbtraum
abzuschtteln.
    Eine herrliche Nacht! hob er an.
    Der schne Abschlu eines schnen Tages, antwortete Othegraven, der nun
auch, als ob das Befreiungswort gesprochen sei, aus dem Banne heraus war. Welch
eine liebenswrdige Natur, Ihr Freund Seidentopf! Welche Frische, welche
Teilnahme an jedem Kleinen und Allerkleinsten, und wenn es ein Pfnderspiel
wre.
    Dem Justizrat konnte nichts lieber kommen als diese Wendung des Gesprchs.
Seidentopf, so nahm er jetzt das Wort, ist ein Mann wie ein Kind. Ich habe
ihn nun ein Leben lang bewhrt gefunden. Vierzig Jahre immer derselbe. Dieselbe
Treue. Aber warum zhlen Sie Pfnderspiele zum Allerkleinsten? Da haben Sie
unrecht; Pfnderspiele sind eine groe Sache.
    Othegraven sah, soweit seine Mantelverpackung es zulie, den Justizrat
fragend an.
    Dieser legte seinen linken Pelzarm auf des Konrektors Schulter und fuhr dann
mit einer Herzlichkeit, die sonst nicht zu seinen Eigenheiten gehrte, fort:
Ich htte die Frage nicht tun sollen, oder doch nicht in dieser Form. Die Sache
verbietet's und Ihre Person. So denn rundheraus, Othegraven: Sie lieben Marie.
    Othegraven schwieg einen Augenblick und sagte dann mit fester Stimme, in der
auch kein leisester Ton von Verlegenheit mitklang: Ja, von Herzen.
    So weit waren Frage und Antwort gediehen, als die Fortsetzung des Gesprchs
beider Freunde durch ihre Einfahrt in das nchstgelegene Dorf unterbrochen
wurde. Schon bei den ersten Husern hrten sie Ba und Klarinette vom Kruge her,
unter dessen Erkervorbau, ja bis auf den Fahrdamm hinaus, einzelne Paare trotz
bitterer Klte standen. Die Mdchen kurzrmelig. Ein verzeihlicher Leichtsinn,
denn aus der Tanzstube, deren Fenster ausgehoben waren, quoll eine dicke Wolke
von Qualm und Rauch. Da drinnen sind sie beim Kiekebusch, sagte Turgany,
schade, da wir unsern Dolgeliner Pastor nicht mit uns haben.
    Derweilen war der Schlitten an dem Kruge vorbei; der Lrm verhallte, und das
weite Schneefeld lag wieder vor ihnen. Turgany, auch bei Othegraven
voraussetzend, da er mit seinen Gedanken an alter Stelle haftengeblieben sei,
fuhr, als ob berhaupt keine Unterbrechung stattgefunden htte, ohne weiteres
fort: Und wie gut sie sprach. Jedes Wort ein Treffer.
    Sie wird immer das Richtige treffen.
    Ei, Konrektor, schon so tief in Bewunderung! Aber kennen Sie denn die
Vorgeschichte dieses Kindes? Sie wissen doch, sie ist eine Waise.
    Ich wei alles, erwiderte der Konrektor. Ich war vor drei Wochen auf dem
Schulzenhofe, und das Kniehasesche Paar hat mir ohne Rckhalt von seinem
Pflegling erzhlt. Ich wei, da sie getanzt und deklamiert hat und da sie mit
einem Tellerchen herumgegangen ist, um die Mnzen einzusammeln. Ich bekenne, da
ich keinen Ansto daran nehme. Es steigert nur meine Teilnahme.
    Auch die meinige, sagte Turgany. Aber, lieber Othegraven, wir sind sehr
verschiedene Leute. Ich bin ein Lebemann, nicht viel besser als ein Heide. Sie
sind ein Geistlicher, vorlufig noch in der Konrektorverpuppung, aber der
Schmetterling kann jeden Augenblick ausfliegen.
    Othegraven schwieg einen Augenblick. Dann nahm er das Wort: Lassen Sie mich
offen sein, lieber Freund: es drngt mich dazu, und ich finde, es spricht sich
gut unter diesen Sternen. Sie nennen sich einen Heiden; ich habe meine Zweifel
daran. Aber wie immer auch, Sie irren, wenn Sie das Christentum, zumal nach
dieser Seite hin, als eng und befangen ansehen. Im Gegenteil, es ist frei. Und
da es diese Freiheit ben kann, ist im Zusammenhang mit dem tiefsten Punkte
unseres Glaubens.
    Der Justizrat schien antworten zu wollen. Othegraven aber fuhr fort: Wir
sind alle in Snde geboren, und was uns hlt, ist nicht die eigene Kraft,
sondern eine Kraft auer uns, rundheraus die Barmherzigkeit Gottes. Sie kennen
unsere schne Schildhornsage? Nun, wie mit dem Wendenfrsten Jaczko, so ist es
mit uns allen: wir sinken unter in der schweren Rstung unseres eiteln Ichs,
unseres selbstischen Trotzes, wenn uns der Finger Gottes nicht nach oben zieht.
    Turgany nickte. Sie werden mich nicht in Verdacht haben, Othegraven, fr
die Selbstgerechtigkeit der Menschen und fr das Unkraut von Vorurteilen, das
aus ihr spriet, eine Lanze brechen zu wollen. Ich wei seit lange, wie wenig es
mit dem Stolz unserer Tugend auf sich hat, und wenn ich irgendeines Bibelwortes
gedenke, so ist es das: der hebe den ersten Stein auf sie. Es wrde gerade mir
schlecht anstehen, die Lebenslufe meiner Mitmenschen durch ein Examen rigorosum
gehen zu lassen. Und nun gar die Vergangenheit dieses liebenswrdigen Kindes!
Alles, was ich mit meiner Frage sagen wollte, ist etwa das: Es ist ein Glck,
aus einem guten Hause zu sein. Und an der einfachen Wahrheit dieses Satzes ist
nicht wohl zu rtteln. Kniehases Haus ist ein gutes Haus. Das Haus des starken
Mannes aber, der oben auf dem Hohen-Vietzer Kirchhof unter dem Holzkreuz liegt,
ist schwerlich ein solches Haus gewesen.
    Es fragt sich, bemerkte Othegraven. Ich mchte fast das Gegenteil
glauben. Es war ein Haus schwerer Prfungen, wachsender Demtigung; aber wo
soviel Liebe, soviel schner Eifer waltete, von einem jungen Leben den drohenden
Makel der Geburt, jeden Verdacht des Ungesetzlichen fernzuhalten, das kann kein
Haus der Unsitte gewesen sein. Ich habe die Geschichte von dem starken Mann
nicht ohne Rhrung gehrt. Unglck, nicht Unsegen; Heimsuchung, nicht Fluch.
    Sie berraschen mich, nahm der Justizrat wieder das Wort. Ich bin Ihnen
dogmatisch nicht gewachsen; aber wrden Sie, auch ohne Neigung zu Marie,
zwischen Unglck und Unsegen immer so scharf unterscheiden wie in diesem
Augenblick? Wrden Sie nicht geneigt sein, die Heimsuchung als eine Folge der
Verschuldung, als Strafe, als Verwerfung anzusehen? Irr ich darin, wenn ich
annehme, da gerade Mnner Ihrer Richtung Gewicht legen auf Patriarchalitt?
    Nein, darin irren Sie nicht, erwiderte Othegraven. Gewi ist ein
Unterschied zwischen dem Hause des Lot und dem Hause von Sodom, und diesen
Unterschied, ohne ein klarsprechendes Zeichen, miachten zu wollen wre
Auflehnung gegen Sitte und Gebot. Aber was entscheidet, ist doch immer die Gnade
Gottes. Und diese Gnade Gottes, sie geht ihre eigenen Wege. Es bindet sie keine
Regel, sie ist sich selber Gesetz. Sie baut wie die Schwalben an allerlei
Husern, an guten und schlechten, und wenn sie an den schlechten Husern baut,
so sind es keine schlechten Huser mehr. Ein neues Leben hat Einzug gehalten.
Die Patriarchalitt ist viel, aber die Erwhltheit ist alles.
    Und diese finden Sie in Marie?
    Ich brauche diese Frage gerade Ihnen, teuerster Freund, nicht erst zu
beantworten, denn wir empfinden gleich, jeder von uns auf seine Weise. Und wenn
die Vergangenheit dieses Kindes dunkler und verworrener wre, als sie ist, ich
wrde diese Verworrenheit nicht achten. Es gibt eben Naturen, ber die das
Unlautere keine Gewalt hat; das macht die reine Flamme, die innen brennt. Ich
habe Marie nie gesehen, ohne mit einer Art von freudiger Gewiheit die
Empfindung zu haben: sie wird beglcken und wird glcklich sein.
    Turgany drckte dem Freunde die Hand. Othegraven, ich habe immer groe
Stcke von Ihnen gehalten, von heute ab lasse ich Sie nicht wieder los.
    So ging die Unterhaltung; das Schlittengelute klang ber die Schneefelder
hin; in den Drfern war alles still; kein Licht als die glitzernden Sterne.
    Dieselben Sterne schienen auch in ein Giebelfenster von Schulze Kniehases
Haus. Marie schlief; die Bilder des letzten Abends, wie sie Leben und Dichtung
geboten hatten, zogen in einem phantastischen Zuge an ihr vorber: vorauf der
Dolgeliner Pastor mit dem Schmidt von Werneuchenschen Hgereiter, der jetzt sein
Waldhorn, statt es zu blasen, ber der Schulter trug; dann der Wagen Odins,
riesig vergrert, auf dessen Achse Prediger Seidentopf stand. Den Schlu aber
machte der Knabe mit dem Stabe, und das Weihnachtslied, das Tante Schorlemmer
und Renate gesungen hatten, klang im Traume nach.

                              Siebzehntes Kapitel



                                 Tubal an Lewin

Der dritte Feiertag fiel auf einen Sonntag. Es war ein klarer Morgen. Die
Scheiben, nach der Parkseite hinaus, standen im goldenen Schein der eben ber
den Kirchhgel steigenden Sonne, berall aber, selbst wo sonst Schatten lag,
leuchtete der am Abend vorher frisch gefallene Schnee.
    Es mochte neun Uhr sein. In dem groen Wohnzimmer, in das wir unsere Leser
schon in einem frheren Kapitel fhrten, saen Lewin und Renate, aber nicht um
den Kamin herum, wie am Abend des ersten Weihnachtstages, sondern in der Nhe
des eine tiefe Nische bildenden Eckfensters. Sie hatten hier nicht nur das beste
Licht, sondern vermochten auch mit Hilfe der mehrgenannten breiten Auffahrt auf
die Dorfstrae zu blicken, deren Treiben in der Einsamkeit des lndlichen Lebens
immer eine Zerstreuung und oft den einzigen Stoff der Unterhaltung bietet.
    Das Frhstck schien beendet; die Tassen waren zurckgeschoben, und Lewin
legte eben ein elegant gebundenes Buch aus der Hand. Ich frchte, Renate, wir
haben ihm doch unrecht getan. Aber diese unglckliche Begeisterung des
Dolgeliner Pastors! Da reit einem die Geduld. Und doch ist viel Sinniges darin.
Nun hinke ich mit meiner Ehrenerklrung nach; amende honorable retarde oder
moutarde aprs le diner, wie Tante Amelie mit Vorliebe sagen wrde.
    Renate nickte.
    Apropos die Tante, fahr Lewin fort, ich habe den kleinen Schlitten
bestellt, zwei Uhr; in einer Stunde sind wir drben, ich fahre selbst. - Und
Marie war noch immer nicht in Guse? fgte er nach einer kurzen Pause hinzu.
    Nein, erwiderte Renate.
    Du schriebst aber doch, sie habe einen guten Eindruck auf die Tante
gemacht. Wenn die Grfin Pudagla nicht Anstand nahm, unserem Liebling in diesem
Zimmer zu begegnen, so sollte ich meinen, das Eis mte gebrochen sein.
    Die Begegnung war unabsichtlich; Marie, die mir ein Buch unseres Seidentopf
brachte, trat unerwartet ein. Im brigen solltest du nicht immer wieder
vergessen, da die Tante alt ist und einer anderen Zeit als der unserigen
angehrt. Warum willst du Standesvorurteile nicht gelten lassen?
    Die lasse ich gelten, vielleicht mehr, als recht ist. Aber was ich nicht
gelten lasse, das sind die Halbheiten. Tante Amelie - die Vitzewitze mgen mir
diese Bemerkung verzeihen - ist durch ihr Hineinheiraten in die Pudaglafamilie
in gewissem Sinne ber uns selbst hinausgewachsen, sie ist eine vornehme Dame,
und wenn es ihre grfliche Gewohnheit wre, fchernd und ein Bologneserhndchen
im Arm, ber das Zweimenschensystem geheimnisvolle Unterhaltungen zu fhren, so
wrde ich ihr respektvollst die Hand kssen und am allerwenigsten eine
Widerlegung versuchen. Ich wiederhole dir, ich kann all das wrdigen, wenn meine
eigenen Empfindungen auch andere Wege gehen. Aber Tante Amelie gehrt nicht zu
diesen Grfinnen aus der alten Schule. Sie hlt sich fr aufgeklrt, fr
freisinnig. Da vergeht kein Tag, keine Stunde, wo nicht aus Montesquieu, aus
Rousseau zitiert, wo nicht freiheitlich-erhaben von der vaine fume gesprochen
wird, que le vulgaire appelle gloire et grandeur, mais dont le sage connait le
nant, und wenn nun nach all dieser Philosophenherrlichkeit die Probe auf das
Exempel gemacht werden soll, so erweist sich alles als leere, pomphafte
Redewendung, als bloe Maske, hinter der sich der alte Dnkel birgt.
    Die Schwester wollte antworten, Lewin aber fuhr fort: Nein, nein, Renate,
suche davon nichts abzudingen; ich kenne sie, so sind sie samt und sonders,
diese Rheinsberger Komtessen, denen die franzsischen Bcher und Prince Henri
die Kpfe verdreht haben. Humanittstiraden und dahinter die alte eingeborene
Natur. Es ist mit ihnen, wenn du das prtentise Bild verzeihen willst, wie mit
den Palimpsesten in unseren Bibliotheken, alte Pergamente, darauf ursprnglich
heidnische Verse standen, bis die frommen Mnche ihre Sprche darber schrieben.
Aber die Liebesseufzer an Chloe und Lalage kommen immer wieder zum Vorschein.
Rundheraus: das Vorurteilsvolle lasse ich gelten; nur das Unwahre verdriet
mich.
    Da ich dir's nur bekenne, nahm jetzt Renate das Wort, ich hatte ein
Gesprch mit der Tante ber eben diesen Gegenstand. Sie hat sich zu dem
Widerspruchsvollen, das in ihrer Haltung liegt, bekannt, und dies Bekenntnis,
das sie sehr liebenswrdig gab, wird dich schlielich auch entwaffnen mssen.
Ich mte dich nicht kennen.
    Lewin lchelte. Wo war es, hier oder in Guse drben?
    Hier. Es war bei Gelegenheit derselben Begegnung, von der du aus meinem
Briefe weit; nur ber das Gesprch, das folgte, ging ich kurz hinweg. Wir waren
zu dreien, Papa, die Tante und ich. Unsere gute Schorlemmer fehlte wie
gewhnlich; die beiden Tanten, wie du weit, stimmen nicht gut zusammen. Marie
trat ein und stutzte einen Augenblick. Sie ist zu klug, als da sie nicht lange
schon empfunden htte, wie die Tante zu ihr steht. Rasch fate sie sich aber,
verneigte sich, richtete des Pastors Auftrag an mich aus und entfernte sich
wieder unter einer freimtigen Entschuldigung, unser Beisammensein gestrt zu
haben.
    Und die Tante?
    Sie schwieg, wiewohl ihre scharfen Augen jede Bewegung gemustert hatten.
Erst als Papa fort war, sagte sie, ohne da ich es gewagt htte, eine Frage an
sie zu richten: Die Kleine ist charmante, eine Beaut aus dem Mrchen, welche
Wimpern! - Wir lieben sie sehr, wagte ich schchtern zu bemerken, worauf die
Tante nicht ohne Herzlichkeit, zugleich in ihrem allerfranzsischsten Stil, den
ich dir erspare, fortfuhr: Ich wei, ich wei, und jetzt, wo ich sie gesehen
habe, begreife ich, was ich bisher fr eine Laune hielt. Bei Lewin hielt ich es
fr mehr. Kann sein, da ich mich irre, setzte sie hinzu, als sie bemerkte, da
ich den Kopf schttelte. Eine kurze Pause folgte, in der die Tabatire ein
paarmal auf- und zugemacht wurde; dann sagte sie lebhaft: Ich habe mir's diese
Minuten berlegt, ob ich euch auffordern sollte, die Kleine mit nach Guse
hinberzubringen; es fehlt uns dergleichen, und sosehr ich alte Damen hasse, so
sehr liebe ich junges Volk. Aber Renate, ma chre, es geht nicht. Ich nehme
wahr, da gewisse Vorstellungen und Geschmacksrichtungen in mir strker sind als
meine Grundstze. Es besttigt sich: On renonce plus aisment  ses principes
qu' son got. Wohl entsinne ich mich des Tages, wo uns Prince Henri durch ein
hnliches Gestndnis berraschte. Der Prinz und der Philosoph lagen immer in
Fehde. Nun sieh, dieses Kind hat einen Zauber; aber ich fhle doch, da, wenn
sie selbst im lngsten Kleide kme, ich mich des Gedankens nicht erwehren
knnte, jetzt verkrzt sich die Robe, und sie beginnt den Shawltanz zu tanzen.
Ich will dem Kinde durch solche Gedanken nicht wehe tun, ich denke also, wir
lassen's beim alten.
    Lewin, der aufmerksam gefolgt war, war eben im Begriff, im
allervershnlichsten Sinne zu antworten, als das Erscheinen Hoppenmariekens, die
von der Dorfstrae her in den Hof einbog, die Unterredung unterbrach. In ihrer
herkmmlichen Ausrstung kurzen Friesrock und hohe Stiefeln, Kiepe und
Hakenstock, kam sie geraden Weges auf das Herrenhaus zu, salutierte die jungen
Herrschaften, die sie gleich hinter dem Eckfenster erkannte, und in der nchsten
Minute lagen Briefe und Zeitungen ausgebreitet auf dem Tisch.
    Die Zeitungen, so wichtig ihr Inhalt war, enthielten nichts, was Lewin nicht
schon gewut htte; von den Briefen war einer vom Papa, der in aller Krze
anzeigte, da er am Abend in Schlo Guse zu sein hoffe, der andere vom Vetter
Ladalinski, dem Studiengenossen und Herzensfreunde Lewins. Dieser strahlte, als
sein Auge auf die engbeschriebenen zwei Bogen fiel; Renate errtete leise und
sagte: Nun lies.
    Und Lewin las.

Lieber Lewin! Vielverwhnter, der Du bist, werden diese Zeilen, die in sich
selber schon eine Huldigung bedeuten, Deiner Eitelkeit keinen unerheblichen
Vorschub leisten. Aber ich habe eine rechte Plauderlust und empfinde stndlich,
da Du mir fehlst. Bist Du doch der wenigen einer, die das Talent des Zuhrens
haben, doppelt selten bei denen, die selber zu sprechen verstehen.
    Wir haben einen prchtigen Weihnachtsheiligabend gehabt, und um dieses
Abends willen schreibe ich. Du wirst nun zunchst denken, da der Christbaum,
wie es ja auch sein sollte, uns so recht hell ins Herz hineingeschienen htte;
aber so war es nicht. In einem Hause, in dem die Kinder fehlen, wird das
Christkind immer einen schweren Stand haben, so nicht etwa der Kindersinn den
Erwachsenen verblieben ist. Und Kathinka, die so vieles hat (vielleicht weil sie
so vieles hat), hat diesen Sinn nicht. Was mich angeht, so bin ich von der
Segenshand, die diese Gabe leiht, wenigstens leise berhrt worden. Gerade genug,
um eine Sehnsucht darnach zu fhlen.
    Wir waren allerengster Kreis: Papa, Kathinka, eine neue Freundin von ihr,
die Du noch nicht kennst, und ich. Als die Tren eben geffnet wurden, kam Graf
Bninski. Er hatte Aufmerksamkeiten fr uns alle, zu weitgehende fr mein Gefhl;
aber Kathinka schien es nicht zu empfinden. Der erleuchtete Saal, der flimmernde
Baum lachten mir ins Auge, aber, wie ich Dir wiederholen mu, es drang nicht
weiter. Es hatte alles den Charakter einer reichen Dekoration. Selbst der
Spitzenberwurf  la Reine Hortense (Notiz fr Renate), den Papa von Paris her
bezogen hatte, konnte an diesem Eindruck nichts ndern. Die Unterhaltung, nach
den ersten Auswechslungen gegenseitigen Dankes, war nicht frei. Der Graf kannte
den Inhalt des Bulletins; wir vermieden ein Gesprch darber, um ihn nicht zu
verletzen.
    Unter diesen Umstnden war es fast wie Erlsung, als ein lose
zusammengeschrzter Zettel an mich abgegeben wurde, der in der lapidaren
Schreibweise unseres Jrga lautete: Heute, Donnerstag, den 24., Weihnachtsbowle
. Mundts Weinkeller, Knigsbrcke 3. Neun Uhr; besser spt als gar nicht. Gste
willkommen. v. J. Ich reichte dem Grafen, der erst tags vorher den Wunsch
geuert hatte, unseren Klub kennenzulernen, den Zettel hin, wies auf die beiden
Schluworte und fragte ihn, ob es ihm genehm sein wrde, mich zu begleiten. Er
sagte zu, fast zu meiner berraschung, da seine Stimmung wenig gesellig schien.
brigens hatte ich spter keine Ursache, seine Zusage zu bedauern.
    Bald nach neun Uhr waren wir am Rendezvous, das nicht glcklicher gewhlt
sein konnte. In solchen Sachen kann man sich auf Jrga verlassen. Du entsinnst
Dich, da die Fluufer der Knigsbrcke zu beiden Seiten einen hohen Quai
bilden, auf dem die Giebel und Seitenflgel einzelner alter Gebude stehen. So
auch das Mundtsche Haus. Wir stiegen, von der Strae her, in den Weinkeller
hinunter, tappten uns in einem dunklen Gange vorwrts und traten endlich in
einen groen, aber niedrigen und holzgetfelten Salon, der, alte Bilder in mir
weckend, mich lebhaft an die Kajten englischer Kriegsschiffe erinnerte. Einige
Freunde waren schon versammelt: v. Schach, Bummcke, Dr. Sanitz und Buchhndler
Rabatzki. Jrga fehlte noch. Ich stellte Bninski vor; dann nahmen wir Platz.
Ich hatte nun erst den vollen Eindruck von dem Anheimelnden des Lokales, eine
gute Beleuchtung, ein Feuer im Ofen, ein langer, weigedeckter Tisch, dessen
Pltze so gelegt waren, da sie den Gsten einen freien Blick auf die Spree
gnnten.
    An den Fenstern vorbei, die fast die ganze Hhe des Zimmers hatten und bis
auf den Fuboden niedergingen, bewegte sich ein bunter Weihnachtsverkehr, eine
Art Newamesse. Schlittschuhlufer mit Stocklaternen, Waldteufeljungen, kleine
Mdchen mit Wachsengeln, alles zog wie eine Erscheinung, mal hell, mal dunkel,
an unseren Fenstern vorber, und von der Knigsbrcke her klang das
Schellengelute der Schlitten und der gedmpfte Lrm der Stadt.
    Endlich kam Jrga; in der Hand hielt er eine groe blaue Tte. Hier bring
ich Weihnachten; die Hauptsache aber, die ich meinen Gsten bringe - denn ich
bitte, Sie heut als solche betrachten zu drfen -, ist selber ein Gast. Versteht
sich, ein Poet. Damit wies er auf einen Herrn, der mit ihm zugleich eingetreten
war. Ehe ich noch Zeit hatte, Bninski und Jrga miteinander bekannt zu machen,
fuhr dieser fort: Ich habe die Ehre, Ihnen hier Herrn Grell oder, mit seinem
vollen Rang und Namen, den Theologie-Kandidaten Herrn Detleff Hansen-Grell
vorzustellen, eine Art Hintersassen von mir, einen Hrigen derer von Jrga auf
Gantzer. Genealogisches ber die Grells, beziehungsweise ber die Hansen-Grells,
behalte ich mir vor. Alles sah lachend, wenn auch einigermaen berrascht, auf
Jrga, der, ohne eine Antwort abzuwarten, in demselben Tone fortfuhr: Unsere
Kastalia vertrocknet; es fehlt ihr frisches Blut. Man knnte die Herren Poeten
unseres Kreises in Verdacht haben, sie scheuten die Rivalitt neu auftretender
Krfte. Wenn ich nicht wre und Bummcke und hier unser Freund Rabatzki, der, um
die letzte Spalte seines Sonntagsblatts zu fllen, dann und wann einen jungen
Lyriker einfngt, so wr es mit dem Sprudeln unseres Musenquells, trotz seines
hochtnenden Namens, bald vorbei. Ist es nicht unerhrt, da ich, um die
drohendste Gefahr abzuwenden, von meines Vaters Gtern einen lyrischen Sukkurs
verschreiben mu?
    Das Eintreten eines Kfers, in vorschriftsmiger Lederschrze, unterbrach
die Rede. Er trug eine Bowle auf, und die groe Weihnachtstte begann zu
kursieren, die, neben rheinischen Walnssen, einige Pakete franzsischer
Pfefferkuchen enthielt. Jrga hatte den Vorsitz. Ich heie Sie willkommen, nahm
er abermals das Wort. Hinsichtlich der Tte empfehl ich weise Sparsamkeit; ihr
Inhalt ist momentan unersetzlich. Aber die Bowle hat einen Zuschu zu
gewrtigen, eventuell mehrere.
    Die Glser klangen zur Begrung zusammen. Ich hatte gleich bei unserem
Eintritt an einer der Schmalseiten des Tisches Platz genommen; Bninski mir
gegenber. Dieser Platz gestattete mir, den lyrischen Sukkurs, der unserer
Kastalia wieder aufhelfen sollte, ohne Aufflligkeit zu beobachten. Er war,
trotz eines guten Profils, eher hlich als hbsch. Das Haar strohern, die
blassen Augen vorstehend, und wenig Wimpern. Dabei die Lider leicht gertet und
etwas Stoppelbart. Sein Schlimmstes war der Teint. Gesamteindruck: alltglich.
    Mein Auge glitt zu Bninski hinber, der ihn auch gemustert haben mochte. Ich
erriet seine Gedanken.
    Wir hatten leichte Konversation. Bummcke beklagte lebhaft, da Du fehltest;
auerdem wurde Kandidat Himmerlich am meisten vermit; aus welchem Grunde, konnt
ich nicht erraten. Vielleicht glaubte man, da einem Kandidaten der Theologie
wie Grell nichts Besseres vorgesetzt werden knne als seinesgleichen. Ich
bezweifle aber, da dieser Satz richtig ist.
    Es war wohl elf Uhr, und das Schellengelute von Brcke und Strae her
schwieg bereits ganz, als Jrga anhob: Ich denke, wir improvisieren eine
Kastalia-Sitzung. Herr Hansen-Grell wird die Gte haben, uns einiges vorzulesen.
    Diese Mitteilung wurde mit bemerkenswerter, aber freilich auch verzeihlicher
Khle aufgenommen. Der Gast sah so unpoetisch wie mglich aus, und die
Empfehlung unsers Jrga, wie Du nachempfinden wirst, war nicht eben dazu
angetan, ihm Vorschub zu leisten. Er zog nun ein Manuskript von bedenklichem
Umfang aus der Tasche; ich glaube, da ein Bangen durch alle Herzen ging.
    Aber wir sollten bald anderen Sinnes werden. Er bat unbefangen um die
Erlaubnis, uns eine Ballade: die einen norwegischen Sagen- oder Mrchenstoff
behandle, vorlesen zu drfen: Hakon Borkenbart. Du mut nmlich wissen, er hat
eine Zeitlang in Kopenhagen gelebt. Wie das so gekommen, das erfhrst Du, neben
manchem anderen, zu anderer Zeit. Er hob nun an und las ausdrucksvoll, fest, mit
wohltnender Stimme und wachsendem Feuer. Es waren wohl an zwanzig Strophen.
Gleich die erste, die bei der Debatte wiederholt wurde, ist mir im Gedchtnis
geblieben:

Der Knig Hakon Borkenbart
Hat Ro und Ruhm, hat Waff' und Wehr,
Und hat allzeit zu Krieg und Fahrt
Viel hohe Schiff auf hohem Meer,
Es prangt sein Feld in Garben,
Er aber prangt in Narben,
In Narben von den Dnen her.

In der zweiten Strophe zieht Hakon aus, um, trotz seiner fnfzig Jahre, um
Schn-Ingeborg zu freien. Ich mhe mich vergeblich, die Reime zusammenzufinden,
aber mit der dritten Strophe, die mir besonders zusagte, wird es mir wieder
gelingen. Wenigstens ungefhr.

Schon grt ihn fern so Turm wie Schlo,
Und stolz und lchelnd blickt er drein;
Er spricht herab von seinem Ro:
Und bin ich alt, so mag ich's sein!
Und wr ich alt zum Sterben,
Auch Ruhm und Narben werben,
Und werben gut wie Jugendschein.

An dieser Stelle, wie Du Dir denken kannst, brach unser alter Bummcke in lautes
Entzcken aus. Ich bin ganz sicher, da er sich in dem Augenblicke als Hakon
Borkenbart fhlte. Das Gedicht verluft nun so, da die schne Ingeborg ihn
abweist, wofr er Rache gelobt. Er verkleidet sich als Bettler und setzt sich
mit einer goldenen Spindel vor Ingeborgs Schlo. Sie begehrt die Spindel; er
verweigert sie ihr. Ihre Begierde entbrennt so heftig, da sie sich dem Bettler
hingibt, um die Spindel zu besitzen. Nun kommen die bekannten Konflikte; der
Vater in Zorn; Verstoung. Zuletzt entpuppt sich der Bettler als Hakon
Borkenbart, und alles gelangt zu einem glcklichen Schlu.
    Es war mir ein Genu gewesen, dem Gedicht zu folgen, und ich darf sagen, uns
allen. Neben dem Dichter selbst interessierte mich Bninski am meisten. Er wurde
immer ernster. Seltsam, so las ich auf seiner Stirn, welche Prosa der
Erscheinung und dahinter welch heiliges Feuer!
    Dies Feuer war nun in der Tat der Zauber des Gedichts und des Vortrags.
Sonst bot es angreifbare Punkte die Menge. Doktor Sanitz, auch an diesem Abend
der Avantgardenfhrer unserer Kritik, nahm zuerst das Wort. Er hob mit Recht
hervor, da unser verehrter Gast sein groes Darstellungsvermgen an einen
Gegenstand gesetzt habe, dem mit einem geringeren Kraftaufwand mehr gedient
gewesen wre. Das Ganze sei, wie er selber bemerkt habe, ein Mrchenstoff. Ein
solcher aber msse in der Schlichtheit, die seinen Reiz bilde, nicht durch
Pracht des Ausdrucks gestrt werden. Das Gedicht, bei unbestreitbaren Vorzgen,
sei zu lang und namentlich zu schwer.
    Htte unser Gast in unser aller Augen noch gewinnen knnen, so wr es durch
die Art gewesen, wie er den Tadel aufnahm. Er nickte zustimmend und sagte dann
zu Sanitz: Ich danke Ihnen sehr; Ihre Ausstellungen haben es getroffen. Ich
wute nicht, woran es lag, da mich die eigene Arbeit nicht befriedigte; nun
wei ich es.
    Das Gesprch setzte sich fort. Bald danach war die Bowle geleert, und
Jrga, der wenigstens des Ausharrens von Bummcke sicher war, befahl eine
zweite. Bninski und ich aber warteten ihr Erscheinen nicht ab; Mitternacht war
ohnehin bald heran. Als wir auf den stillen Platz hinaustraten, lag der
Sternenschein fast wie Tageslicht auf den Straen. Ich sah hin auf; mir war zu
Sinn, als stiege das Christkind aus diesem Sternenglanz in mein armes Herz
hernieder. Bninski begleitete mich; wir sprachen kein Wort. Beim Abschied sagte
er mit einem Ton, den ich bis dahin nicht an ihm gekannt hatte: Ich danke Ihnen,
Tubal, fr diesen Abend; es wrde mich freuen, Ihre Freunde fter zu sehen.
    Da hast Du die jngste Sitzung der Kastalia, noch dazu eine improvisierte.
    Und nun lebe wohl. Renate sei mit Dir. Die Form dieses Glckwunsches wiegt
hoffentlich tausend Gre an meine schne Cousine auf. Dein
                                                                           Tubal

Nachschrift. Eben ist Dein Papa bei dem meinigen. Sie politisieren viel,
vielleicht zu viel. Er grt und hofft, wie er Dir schon geschrieben habe,
morgen abend auf Schlo Guse zu sein. Einen Platz in seinem Wagen, den er mir
angeboten, habe ich abgelehnt. Es ist mir zuviel Freundschaft um Tante Amelie
versammelt. Aber ich sehne mich nach Hohen-Vietz und seiner Stille. Kann ich
Kathinka bestimmen, mich zu begleiten, so drft Ihr uns ehestens erwarten.
                                                                        Dein T.


                                  Zweiter Band

                                        

                                  Schlo Guse

                                 Erstes Kapitel

                                  Schlo Guse

Der Lauf unserer Erzhlung fhrt uns whrend der nchsten Kapitel von
Hohen-Vietz und dem stlichen Teile des Oderbruchs an den westlicher Hhenzug
desselben, zu dessen Fen, heute wie damals, die historischen Drfer dieser
Gegenden gelegen sind, altadelige Gter, deren meist wendische Namen sich schon
in unseren ltesten Urkunden finden. Hier saen, um Wrietzen und Freienwalde
herum, die Sparrs und Uchtenhagens, von denen noch jetzt die Lieder und Sagen
erzhlen, hier hatten zur Reformations- und Schwedenzeit die Barfus, die Pfuels,
die Ihlows ihre Sitze, und hier, in den Tagen, die dem Siebenjhrigen Kriege
unmittelbar folgten, lebten die Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich
beieinander; Prittwitz, der bei Kunersdorf den Knig, Lestwitz, der bei Torgau
das Vaterland gerettet hatte. Oder wie es damals in einem Kurrentausdruck des
wenigstens sprachlich franzsierten Hofes hie: Prittwitz a sauv le roi,
Lestwitz a sauv l'tat.
    Alle diese Gter begannen bald nach der Trockenlegung des Oderbruchs, also
etwa dreiig Jahre vor Beginn unserer Erzhlung, zu ihren sonstigen Vorzgen
auch noch den landschaftlicher Schnheit zu gesellen. Wer hier um die
Pfingstzeit seines Weges kam, wenn die Rapsfelder in Blte standen und ihr Gold
und ihren Duft ber das Bruchland ausstreuten, der mute sich, weit aus der Mark
fort, in ferne, beglcktere Reichtumlnder versetzt fhlen. Die Triebkraft des
jungfrulichen Bodens berhrte hier das Herz mit einer dankgestimmten Freude,
wie sie die Patriarchen empfinden mochten, wenn sie, inmitten menschenleerer
Gegenden, den gottgeschenkten Segen ihres Hauses und ihrer Herden zhlten. Denn
nur da, wo die Hand des Menschen in harter, nie rastender Arbeit der rmlichen
Scholle ein paar rmliche Halme abgewinnt, kann die Vorstellung Platz greifen,
da er es sei, der diesen armen Segen geschaffen habe; wo aber die Erde
hundertfltige Frucht treibt und aus jedem eingestreuten Korn einen Reichtum
schafft, da fhlt sich das Menschenherz der Gnade Gottes unmittelbar gegenber
und begibt sich aller Selbstgengsamkeit. Es war an diesem westlichen Hhenrande
des Bruches, da der groe Knig, ber die goldenen Felder hinblickend, die
Worte sprach: Hier habe ich in Frieden eine Provinz gewonnen.
    Ein Bild, das diesen Ausruf gerechtfertigt htte, bot die Niederung am
dritten Weihnachtstage 1812 freilich nicht. Alles lag begraben im Schnee. Aber
auch heute noch war ein Blick von der das Bruch beherrschenden Seelower Hhe
aus nicht ohne Reiz; ber den zahlreichen ausgebauten Hfen und Weilern zog ein
Rauch, die Stelle menschlicher Wohnsttten verkndend, whrend auf Meilen hin
die nur halbverschneiten Kirchtrme der greren Drfer im hellen Sonnenschein
blitzten.
    Einer dieser Kirchtrme, der nchste, zeigte sich in kaum
Bchsenschuentfernung von der ebengenannten Hhe, und eine Allee alter Eichen,
deren braunes Laub, wo der Wind den Schnee abgeschttelt hatte, klar zu erkennen
war, lief in gerader Richtung auf die Kirche zu. Neben dieser, weit ber den
Wetterhahn der Turmspitze hinaus, erhoben sich mchtige, zum Teil fremdartig
aussehende Bume, allem Anscheine nach einem groen Parke zugehrig, der von
links her das Dorf umfate.
    Dieses Dorf war Guse.
    Wie sein Name bekundet, wendischen Ursprungs, fhrten es doch erst
begleitende Vorgnge des Dreiigjhrigen Krieges, um welche Zeit die Schaplows
hier ansssig waren, in unsere Landesgeschichte ein. Zwei Jahre vor Abschlu des
Osnabrcker Friedens vermhlte sich Georg von Derfflinger, damals noch General
in schwedischen Diensten, mit Margarethe Tugendreich von Schaplow und bernahm
das Gut. Nicht als Frauenerbe, sondern gegen Kauf; die verschuldeten Minorennen
konnten es nicht halten.
    Zunchst war die Erstehung des Gutes wenig mehr als eine Kapitalsanlage,
vielleicht auch ein Versuch, sich im Brandenburgischen territorial und politisch
festzusetzen; aber schon in den sechziger Jahren, lange bevor der Tag von
Fehrbellin, der pommersche und der ostpreuische Feldzug den Ruhm Derfflingers
auf seine Hhe gehoben hatten, sehen wir den Alten beflissen, hier nicht nur die
Schden vieljhriger Verwahrlosung auszugleichen, sondern auch durch Bauten und
Anlagen - in allem dem Beispiele seines kurfrstlichen Herren folgend - eine
Musterwirtschaft herzustellen. Abzugsgrben wurden gezogen, Dmme und Wege durch
den Sumpf gelegt, das Schlo entstand; die Kirche, zunchst erweitert, erhielt
eine Gruft, und ein Kasernenbau, bis diesen Tag erkennbar, nahm die
Dragonerabteilung auf, die zu tglichem Dienst bei ihrem Chef und General aus
dem benachbarten Garnisonsort nach Guse hinbeordert war. Das eigentlichste
Augenmerk des Alten war aber der Park, der ihn bald glcklicher machte als der
Ruhm seiner Taten. Ein guter Wirt und Haushalter, wie fast alle diejenigen, die
das Schwert mit der Pflugschar vertauschen, war er doch freigebig, wenn es die
Beschaffung schner Bume galt. Zypressen und Magnolien wurden unter groen
Kosten herbeigeschafft, und noch jetzt fhrt ein Zedernhain des Parkes den Namen
Neulibanon.
    In Zurckgezogenheit zu leben und sich seiner Anlagen zu freuen wurde mehr
und mehr das einzige Verlangen des nun achtzigjhrigen Feldmarschalls, der, wie
er sich selber ausdrckte, bei Hofe viel Saures und Ses gekostet hatte,
aber des Sauren mehr. Die Zeiten, wo er seinem Freunde, dem Grafen Baudissin,
ins Stammbuch schreiben konnte:

Wind und Regen
Sind mir oft entgegen;
Ich ducke mich, la es vorbergahn,
Das Wetter will seinen Willen han,

diese Tage beinahe heiterer Resignation lagen fr ihn weit zurck, und er war
versteift, eckig und reizbar geworden. Endlich gab der Kurfrst, der ihn trotz
seiner hohen Jahre im Dienste festhalten wollte, nach, und der Alte hatte nun
seinen Willen und seine Freiheit; er gab die Stadt auf und ging nach Guse. Hier,
eine kleine Weile noch, sah er auf alles, was er geschaffen, und freute sich des
Segens in Feld und Haus. Aber er war mde, mde auch seines Glckes. Noch vor
Ablauf des Jahrhunderts schlo sich sein reiches Leben. Er wurde, wie er es
angeordnet, ohne Geprnge beigesetzt, in der Gruft, die er selbst gebaut hatte.
Auch der Geistliche mute sich auf den Nachruf beschrnken Gott habe den
Entschlafenen innerhalb des Kriegsdienstes von der niedersten bis zur hchsten
Stufe gelangen lassen. Der Alte hatte Ruhmes genug im Leben erfahren, um den
Klang desselben im Tode entbehren zu knnen.
    Sein einziger berlebender Sohn, Friedrich von Derfflinger, trat die reiche
Erbschaft an, die auer Dorf und Schlo Guse noch fnf andere Oderbruchgter
umfate. Er war Reiterfhrer und Chef eines Dragonerregiments wie sein Vater;
aber nur in Rang und uerer Stellung ihm verwandt, besa er wenig von dem
kriegerischen Sinn und der feldherrlichen Einsicht, die den Vater zu so hohen
Ehren gebracht hatten.
    Der Wechsel der Zeiten konnte nicht wohl die Ursache davon sein, denn das
neue Jahrhundert, nach einer kurzen Epoche des Friedens, begann mit einem der
schlachtenreichsten Kriege, und bei Turin und Malplaquet lagen die Brandenburger
gehuft unter den Toten. Aber wenn die Kriegsannalen nicht von ihm sprechen, so
doch Guse, wo er nicht nur die Schpfungen seines Vaters fortzusetzen, sondern
auch diesen Vater selbst zu ehren vom ersten Augenblick an beflissen war. Er
erweiterte den Park, er verschnte das Schlo, vor allem aber lie er dem Toten
ein Monument errichten. Die besten Krfte, wie sie das Berlin der Schlterzeit
aufwies, waren bei Ausfhrung dieses Denkmals ttig. ber einem offenen
Steinsarkophag, in den die Hand des Sohnes den Feldmarschallstab legte, wurde
die Bste des Vaters aufgestellt, eine Fama blies in die Posaune, und zwei
Derfflingerstandarten mit blauseidenen Fahnentchern und der Inschrift agere
aut pati fortiora kreuzten sich zu einer Waffentrophe. Bis diesen Tag ist der
Guser Kirche dieses Denkmal erhalten geblieben.
    Drei Jahrzehnte nach dem Tode des Vaters starb auch Friedrich von
Derfflinger, und mit ihm erlosch der berhmte Name, der kaum lnger als ein
halbes Jahrhundert geglnzt hatte, aber whrend dieser kurzen Dauer hell genug,
um auch den Namen Dorf Guses fr immer der Dunkelheit zu entreien. Das alte
Derfflingererbe ging durch verschiedene Hnde, bis es in Besitz des Grafen von
Pudagla kam. Der Graf lie es zunchst verwalten, und um diese Zeit, wo sich
zuerst wieder das Nationale zu regen begann, war es auch, da die Wallfahrten
nach der Derfflingergruft ihren Anfang nahmen. Nicht zum Vorteil dessen, der in
ihr ruhte. Jeder, nach einem Andenken lstern und seine Piettslosigkeit mit der
Vorgabe historischen Interesses deckend, vergriff sich an der Kleidung des
Toten, so da dieser, vor Ablauf eines Jahrzehntes, wie ein nackt
Ausgeplnderter in seinem Sarge lag, nur noch mit dem angeschnallten
Brustharnisch und seinen hohen Reiterstiefeln bekleidet.
    So kam das Jahr 1790. Graf Pudagla starb, und seine Witwe, das Gut
bernehmend, machte dem Unfug ein Ende.
    Diese Witwe war Tante Amelie.

                                Zweites Kapitel



                                  Tante Amelie

Tante Amelie war die ltere Schwester Berndts von Vitzewitz. Um die Mitte des
Jahrhunderts, also zu einer Zeit geboren, wo der Einflu des Friderizianischen
Hofes sich bereits in den Adelskreisen geltend zu machen begann, empfing sie
eine franzsische Erziehung und konnte lange Passagen der Henriade auswendig,
ehe sie wute, da eine Messiade berhaupt existiere. brigens wrde schon der
Name ihres Verfassers sie an der Kenntnisnahme des Inhalts gehindert haben.
    Sie war ein sehr schnes Kind, frh reif, der Schrecken aller nachbarlichen,
in Wichtigkeit und Unbildung aufgebauschten Damen und erfllte mit zwanzig
Jahren die auf eine glnzende Partie gerichteten Hoffnungen beider Eltern: im
Herbst 1770 wurde sie Grfin Pudagla.
    Graf Pudagla, ein Vierziger, hatte die Feldzge mitgemacht, am Tage von
Leuthen sich ausgezeichnet und stand bei Schlu des Krieges als Rittmeister im
Dragonerregiment Anspach und Bayreuth. Eine glnzende militrische Laufbahn
schien ihm gesichert. Bei der zweitfolgenden Revue aber sah er sich vom Knig,
der einen groben Fehler wahrgenommen zu haben glaubte, mit harten Worten
berhuft, in Folge dessen der Graf den Abschied nahm. Er zog sich auf seine
reichen, die halbe Insel Usedom einnehmenden Besitzungen zurck, besuchte
whrend mehrerer Jahre die westeuropischen Hauptstdte und gab bei seiner
Rckkehr, durch Annahme eines Prinz Heinrichschen Kammerherrntitels, seiner
Unzufriedenheit einen offenen Ausdruck. Er wollte zu den Frondeurs gezhlt
sein, die der Prinz bekanntermaen um sich versammelte. Einige Wochen spter
vermhlte er sich mit der schnen Amelie von Vitzewitz, woran sich nach einem
kurzen Aufenthalt auf den pommerschen Gtern die bersiedelung nach Rheinsberg
schlo.
    Die Vorteile, die der kleine Hof aus der Anwesenheit des Grafen zog, waren,
soweit seine eigene Person in Betracht kam, gering. Er hatte, wie seine Gemahlin
ihm gelegentlich vorwarf, au fond du coeur eine Abneigung gegen den Prinzen,
nahm Ansto an den Sitten, an dem Schmeichelkultus und der hochmtigen Kritik,
die hier ihre Sttte hatten, und war jedesmal froh, wenn er nach Wochen kurzen
Dienstes wieder auf seine heimatliche Insel zurckkehren, der paterna rura sich
erfreuen und in die englischen Parlamentskmpfe sich vertiefen konnte. Denn er
liebte England und sah in seinem Volk seiner Freiheit, seiner Gesetzlichkeit das
einzige Staatenvorbild, dem nachzueifern sei.
    Aber soviel an Anregung und Huldigung der Graf versumen mochte, die Grfin
glich diese Versumnisse mehr als aus. Sie war in krzester Frist die Seele der
Gesellschaft und beherrschte wie den Hof, so auch die Spitze desselben, den
Prinzen, eine Erscheinung, die nur diejenigen berraschen konnte, die den
gefeierten Bruder des groen Knigs einseitiger und uerlicher nahmen, als er
zu nehmen war. Denn whrend er die Frauen hate, fhlte er sich doch ebenso zu
ihnen hingezogen. Voll Abneigung gegen das Geschlecht als solches, sobald es
allerhand ihm unbequeme Forderungen stellte, war er doch sthetisch geschult und
feinsinnig genug, um die eigentmlichen Vorzge des weiblichen Geistes:
Unmittelbarkeit, Witz und gute Laune, Schrfe und Treffendheit des Ausdruckes,
herauszufhlen. So vollzog sich das Widerspruchsvolle, da an einem Hofe, der
die Frauen als Frauen negierte, eben diese Frauen doch herrschten, und zwar
herrschten, ohne auch nur einen Augenblick auf ihre allerweiblichsten Eigenarten
und Unarten verzichten zu mssen. Der Prinz hatte nur das Bedrfnis persnlichen
Verschontbleibens; im brigen tolerierte er alle den Sittenpunkt nicht ngstlich
wgenden Lebens- und Umgangsformen, die ihm, weil einen unerschpflichen Stoff
fr seine sarkastische Laune, eben deshalb einen bevorzugten Gegenstand der
Unterhaltung boten. Die Liebesintrige stand in Blte; an unsere junge Grfin
aber knpfte ihn neben manchem anderen auch die Wahrnehmung, da sie, an
Khnheit der Anschauungen mit ihm wetteifernd, auf die Bettigung dieser
Anschauungen verzichtete und keinen Augenblick dem Verdachte Nahrung gab, ihre
Grundstze nach ihrer Lebensbequemlichkeit gemodelt zu haben. Denn wie alle
auerhalb des sittlichen Herkommens Stehende barg auch der Prinz, hinter dem
Unglauben an einen reinen Wandel, doch schlielich nur den im tiefsten ruhenden
Respekt vor demselben. Unerschttert in seinen Allgemeinanschauungen, sah er in
der Grfin den Ausnahmefall, der ihm die Regel besttigte, und beglckwnschte
sich, weit ber landlufig-kleine Verhltnisse hinaus, intimste Beziehungen zu
einer Frau unterhalten zu drfen, die, mit allen Vorzgen der weiblichen Natur
ausgestattet, zugleich frei von allen Schwchen derselben war. Eine
Spezialfreude gewhrte ihm die Grfin noch dadurch, da sie fr ihren Gemahl
dieselbe heitere Khle hatte wie fr alle andern Mitglieder des Rheinsberger
Hofes und die Frage nach der Fortdauer des Hauses Pudagla mit nie gestrter
Gleichgiltigkeit behandelte.
    Einer ihrer hervorstechendsten Zge war die Offenheit. Sie wute, da sie
mehr sagen durfte als andere, und sie bediente sich dieses Vorrechts. Eine
Mischung von Pikanterie und Grazie, ber die sie Verfgung hatte, gestattete ihr
Gewagtheiten, die vielleicht keinem anderen Mitgliede des Hofes mit gleicher
Bereitwilligkeit verziehen worden wren; das eigentliche Geheimnis ihrer
andauernden Gunst aber war, da sie die verschiedenen Gebiete der Unterhaltung
auch verschieden zu behandeln und genau zu unterscheiden wute, wo Gewagtheiten
allenfalls noch am Platze waren und wo nicht. Wenn ihre Offenheit gro war, so
war ihre Klugheit doch noch grer. Das philosophische Gebiet, die Kirche, die
Moral bildeten einen weiten, nirgends durch Schnurleinen eingeengten
Tummelplatz, whrend die Politik bereits einzelne, das militrische Gebiet aber,
weil mit den Eitelkeiten des Prinzen zusammenhngend, eine ganze Anzahl von mit
Dfendu bezeichnete Partien hatte. Dieser Unterschiede war sich die Grfin
jederzeit bewut, und whrend sie vielleicht eben noch in Beurteilung einer
voltairisch aufgefaten Jeanne d'Arc bis an die Grenze des Mglichen gegangen
war, unterlie sie doch nicht, bei diskursiver Behandlung irgendeiner
prinzlichen Schlachtengrotat sofort den Ton zu wechseln und an die Stelle
unerschrockenster Behauptungen die allerloyalsten Huldigungen treten zu lassen.
Im Darbringen solcher Huldigungen - sei es von ungefhr im Gesprch oder sei es
vorbereitet in groen Festlichkeiten - war sie unerschpflich, und wenn sich der
Prinz selbst nach eben dieser Seite hin eines wohlverdienten Rufes erfreute, so
zeigte sie sich mindestens als seine gelehrige Schlerin. Ihre vollkommene
Gleichgiltigkeit gegen militrische Schaustellungen und kriegerische Aktionen
besa sie Kraft genug hinter einem erheuchelten und deshalb um so lebhafter sich
gebrdenden Interesse zu verbergen. Sie wute, da, wer den Zweck wollte, auch
die Mittel wollen mute, und so waren denn die Prinzenschlachten ihrem
Gedchtnisse bald sicherer eingeprgt als die Feste des christlichen Kalenders.
Nie verging der sechste Mai, der Jahrestag der Prager Affaire, ohne irgendeine
solenne Bezugnahme darauf. Da gab es immer neue berraschungen: gestickte
Teppiche mit dem Hradschin und der Moldaubrcke, samt vier Grenadiermtzen in
den Ecken; Tableaux vivants, in denen Mars und Minerva, sich berholt fhlend,
vor der hheren Rheinsberger Gottheit ihr Knie beugt; Dialoge, ganze Stcke, mit
Griechen- und Rmerhelden, mit Myrmidonen und Legionen, die sich dann
schlielich immer als Prinz Heinrich und das die Prager Hhen erstrmende
Regiment Itzenplitz entpuppten.
    Sprach sich in diesem allen eine Kunst der Erfindung aus, so war die Kunst
des Schweigens, des Unterdrckens und Verleugnens, die bestndig gebt werden
mute, kaum geringer. Schwerins mit der Fahne durfte nie gedacht werden; ein
Hinweis auf diesen groen Prager Rivalen wrde nur zu den ernstesten
Verstimmungen gefhrt haben, und der Prinz, von dem Wunsche erfllt, einen
solchen strenden Zwischenfall von vornherein ausgeschlossen zu sehen, hatte
nicht Anstand genommen, den auf allen Jahrmrkten besungenen Heldentod einfach
als eine Btise zu bezeichnen.
    All diesen Eigenarten, auch wo sie sich bis zur Laune und Ungerechtigkeit
steigerten, wute sich die Grfin zu bequemen, und ihrer Mhen Lohn war eine
sechzehnjhrige Herrschaft. Erst das Jahr 1786, ohne diese Herrschaft zu
beseitigen, schuf doch einen Wandel der Verhltnisse berhaupt. Der groe Knig
starb, und sein Hinscheiden ermangelte nicht, auch das Rheinsberger Leben
empfindlich zu berhren. Der kleine Hof wurde wie auseinandergesprengt; alle
freieren Elemente desselben, die groenteils mehr aus Opposition gegen den Knig
als aus Liebe zum Prinzen sich um diesen geschart hatten, schlossen wieder ihren
Frieden mit der Staatsautoritt und waren froh, aus einem engen und
aussichtslosen Kreis in den ffentlichen Dienst zurcktreten zu knnen. Unter
diesen war auch Graf Pudagla. Er ging in demselben Herbst noch nach England,
wozu ihn, neben seiner Vertrautheit mit Politik und Sprache, seine
freundschaftlichen Beziehungen zu mehreren einflureichen Familien befhigten.
Als ihm diese auszeichnende Mission angetragen wurde, stellte er, besserer
Reprsentation halber, an die Grfin das Ansinnen, ihn zu begleiten. Sie lehnte
jedoch ab, zum Teil aus wirklicher Anhnglichkeit an den Prinzen, mehr noch aus
einer ihr angeborenen Abneigung gegen England.
    Sie blieb also, blieb und huldigte, ohne ihres Bleibens und ihrer
Huldigungen noch recht froh zu werden. Die glcklichen Tage lagen eben zurck.
Alles war verndert, nicht nur der Hof, auch der Prinz. Seine Mistimmungen
wuchsen. Die staatlichen Interessen, so viele Jahre zurckgedrngt, traten
wieder in den Vordergrund und beunruhigten ihn. Namentlich von dem Augenblick
an, wo sich in Paris erkennbar die Gewitter zusammenzogen. Vor seinem groen,
nun heimgegangenen Bruder, sowenig er ihn geliebt, soviel er ihn bekrittelt
hatte, hatte er doch schlielich allem Besserwissen zum Trotz einen
tiefgehenden, ganz ungeheuchelten Respekt empfunden; nichts davon flten ihm
die neuen Verhltnisse ein, noch weniger die Personen. Die Weiberherrschaft,
weil alles Feinen und Geistigen entkleidet, war ihm ein Greuel, und unserer
Grfin huldvoll die Hand kssend, sagte er, als der Name der Madame Rietz in
seiner Gegenwart genannt wurde: Je la dteste de tout mon coeur; mes
attentions, comme vous savez bien, appartiennent aux dames, mais jamais aux
femmes.
    Dies waren uerungen besonderen Vertrauens: nichtsdestoweniger berkam die
Grfin das Gefhl, da ihre Rheinsberger Tage gezhlt seien. Sie sehnte sich
nicht fort, aber sie bereitete sich in ihrem Herzen darauf vor. Und der
Augenblick kam eher, als sie erwartet. Anno 1789 war der Graf auf kurzen Urlaub
zurck. Er erkrankte, von einem Schlaganfall getroffen, im Vorzimmer des Knigs;
am anderen Tage war er tot. Die Nachricht davon erschtterte die Witwe mehr, als
diejenigen, die ihre Ehe kannten, erwartet hatten; sie wurde sich jetzt bewut,
in Hochmut und Caprice nicht seine Liebe, aber den Wert seiner edelmnnischen
Gesinnung unterschtzt zu haben. Sein Testament, das aufs neue ein vollkommener
Ausdruck dieser Gesinnung war, konnte die Vorstellung ihres Unrechts, so frei
sie ihrer ganzen Natur nach von sentimentaler Reue blieb, nur steigern. Schlo
Guse, das, aus freier Hand erstanden, nicht zu den Familiengtern zhlte, war
der Grfin samt einem bedeutenden Barvermgen zugeschrieben worden. Sie
beschlo, ihr Erbe anzutreten und die Verwaltung des Gutes selbst in die Hand zu
nehmen. Nur noch den Winter ber wollte sie am Rheinsberger Hofe verweilen; bei
Ablauf desselben schied sie nicht ohne Bewegung von dem Prinzen, der ihr neben
andern Souvenirs ein eigens gedichtetes Akrostichon berreicht hatte.
    Am Osterheiligabend 1790 traf sie in Schlo Guse ein.
    Das Schlo konnte zunchst nur den allerunwohnlichsten Eindruck machen. Die
Administrationsjahre hatten es, einige wenige Rume abgerechnet, in eine Art
Korn- und Futtermagazin umgewandelt; Raps und Weizen lagen aufgeschttet in den
Zimmern, whrend Heu- und Strohmassen die Korridore fllten. Am strendsten
wirkte der ganze linke Flgel, aus dessen zerbrckelten Dielen berall die Pilze
hervorwuchsen. Alte Bilder aus der Derfflingerzeit, stockfleckig und
eingerissen, die meisten ohne Rahmen, hingen schief und vereinzelt an den Wnden
und mehrten nur den Eindruck des Verfalls.
    Die Grfin indessen lie sich durch den Anblick dieser Unbilden und
Schdigungen, die das Schlo erfahren hatte, nicht beirren; im Gegenteil, die
Aussicht auf Ttigkeit, die sich fr sie erffnete, hatte fr ihre energische
Natur einen Reiz. Sie bezog zwei kleine Zimmer im ersten Stock, die von der
allgemeinen Zerstrung am wenigsten gelitten, zugleich auch eine gute Luft und
einen freien Blick auf den schnen Park hatten. Von hier aus mit allen
Handwerkern der nchsten Ortschaften, bald auch mit ihr bekannten
hauptstdtischen Knstlern in Verbindung tretend, leitete sie den inneren Um-
und Ausbau, der, soweit berhaupt beabsichtigt, in verhltnismig kurzer Zeit
beendigt war. Am 31. Dezember 1790 zog sie, aberglubisch und tagewhlerisch,
wie sie war, in die neuen Rume ein, den Silvestertag jedes Jahres, aus
allerhand heidnisch-philosophischen Grnden, in denen sich Tiefsinn und Unsinn
paarte, zu den ausgesprochenen Glckstagen zhlend.
    Die neuen Rume lagen smtlich auf der rechten Seite und bestanden aus einem
Billard-, einem Spiegel- oder Blumen- und einem Empfangszimmer, woran sich dann,
in den entsprechenden Seitenflgel bergehend, der Speisesaal und das Theater
schlossen. Denn ohne Vorhang und Kulissen konnten sich Personen, die aus der
Schule des Rheinsberger Prinzen kamen, eine behagliche Lebensmglichkeit nicht
wohl vorstellen. Die ganze linke Hlfte des Schlosses, von Lftung der Rume und
Beiseiteschaffung alles Ungehrigen abgesehen, hatte baulich keine Vernderungen
erfahren, whrend die groe, zwischen beiden Hlften gelegene Flurhalle zum
Stapelplatz fr alle Derfflingerreminiszenzen gemacht worden war. Hier befanden
sich zwei Falkonetts, zwei ausgestopfte Dragoner mit Glasaugen und die
besterhaltenen jener Portrts und Schlachtenbilder, die bis dahin in den Rumen
des Schlosses zerstreut gewesen waren. In Front der beiden Dragoner, ziemlich
die Mitte der Flurhalle einnehmend, stand ein der Antike nachgebildeter Faun,
dessen spttisches Lachen die beste Kritik alles dessen war, was ihn umstand.
    Am folgenden Tage, dem Neujahrstage 1791, gab die Grfin zur Einweihung der
neubezogenen Rume ihre erste Soiree. Der benachbarte Adel war geladen, und
Tante Amelie machte die Honneurs ganz auf dem vornehmen Fue, den ihr ihre
Mittel, ihr Geist und die hfische Gewohnheit gestatteten. Alles war entzckt.
Wirtin wie Gste versprachen sich ein anregendes, vielleicht selbst ein
freundschaftliches Beieinanderleben; Plne wurden entworfen; die Zukunft
erschien als eine lange Reihe von musikalisch-deklamatorischen Matineen, von
L'hombre-Partien und Auffhrungen franzsischer Komdien.
    Aber es kam anders.
    Schon vor Ablauf des Jahres muten sich beide Parteien berzeugen, da man
nicht freinander passe; die Grfin war zu klug, der Nachbaradel nicht klug
genug. Besonders die Frauen. Ihr Franzsisch (nur noch bertroffen durch ihr
Deutsch), die geheuchelten literarischen Interessen, das bestndige Sprechen
ber Dinge, die ihnen ebenso unbekannt wie gleichgiltig waren, muten den feinen
Sinn einer Dame verletzen, die zwischen dem persnlichen Umgang mit einem
Prinzen und dem geistigen Verkehr mit hervorragenden Geistern ihr Leben geteilt
hatte. Nur die Flchtigkeit erster Begegnungen hatte ber diese Verhltnisse
tuschen knnen. Die Grfin, als sie den Tatbestand berschaute, brach allen
Umgang ab und beschrnkte sich, ihre Lesepassion wieder aufnehmend, mehrere
Jahre lang auf einen allerengsten Kreis, der sich aus ihrem Bruder Berndt auf
Hohen-Vietz, aus dem auf Hohen-Ziesar lebenden Grafen Drosselstein und dem
dreiundachtzigjhrigen Seelower Superintendenten, der schon die Schlacht bei
Mollwitz als Feldprediger mitgemacht hatte, zusammensetzte. Ihrem tiefen
Bedrfnisse nach Moquerie und Klatsch, dem in diesem frauenlosen Kreise (Berndts
Gemahlin schlo sich aus) nur sehr unvollkommen entsprochen wurde, suchte sie
durch ein briefliches Geplauder mit dem Prinzen zu Hilfe zu kommen, der, ein
Feinschmecker auf dem Gebiete der chronique scandaleuse, nicht mde wurde, sie
zur Fortsetzung einer beiden Teilen gleich gewinnbringenden Korrespondenz zu
ermutigen.
    Das ging bis 1802, wo der Prinz starb. Erst nach dieser Zeit empfand sie
wieder den Hang, aus ihrer Einsamkeit, die ganz und gar gegen ihre Natur und ihr
durch die Verhltnisse nur aufgezwungen war, herauszutreten. Und so geschah es.
Die Frauen, gegen die sie, mit den Jahren sich steigernd, eine fast zur Manie
gewordene Abneigung hegte, blieben nach wie vor ausgeschlossen; aber den kleinen
Mnnerkreis, der bis dahin ihren Umgang gebildet hatte, suchte sie zu erweitern.
Der Wechsel im Besitz auf mehreren der ihr benachbarten Gter bot dazu eine
bequeme Gelegenheit, und jener Gesellschaftszirkel begann sich zu bilden, der,
schon ein Jahrzehnt vor Beginn unserer Erzhlung, zu allerhand kritischen
Bemerkungen von seiten ihres Bruders Berndt, zugleich aber auch zu dem
Verteidigungs-Konklusum der Grfin: Tous les genres sont bons, hors
l'ennuyeux, gefhrt hatte.
    Gut, hatte Berndt geantwortet, aber dann erflle auch die Bedingung. Du
wirst doch nicht den Kammerherrn von Medewitz als hors l'ennuyeux bezeichnen
wollen?
    Doch, hatte die Schwester repliziert und eine Unterredung abgebrochen, in
der beide Geschwister, jeder von seinem Standpunkte aus, im Rechte waren. Die
Grfin, selbstisch in all ihrem Tun, verfuhr nicht nach allgemeinen
Gesichtspunkten, sondern nach allerpersnlichstem Geschmack. Ihr Umgangskreis,
den Berndt ziemlich spitz als allerlei Freunde bezeichnete, war nicht darnach
gewhlt worden, ob er andern, sondern lediglich darnach, ob er ihr gefiele. Was
sie am meisten verachtete, waren herkmmliche Anschauungen; ihre Laune war
souvern. Wer ihr ein Lcheln abntigte, ihr Gelegenheit zu einem Sarkasmus bot,
war ihr ebenso unterhaltlich als derjenige, der ihr eine Flle von Esprit, einen
Schatz von Anekdoten entgegenbrachte. Nur die unausgesprochenen Menschen waren
ihr interesselos, whrend alles Aparte, gleichviel, ob es nach der
Beschrnktheits- oder der Klugheitsseite hin lag, einen prickelnden Reiz fr sie
hatte.
    Sehen wir im folgenden Kapitel des nheren, welcher Art diese allerlei
Freunde von Schlo Guse waren.

                                Drittes Kapitel



                                Allerlei Freunde

Die allerlei Freunde bildeten einen weiteren und einen engeren Kreis. Der
engere Kreis war eine Siebenzahl und bestand aus folgenden Personen: Graf
Drosselstein auf Hohen-Ziesar, Prsident von Krach auf Bingenwalde, Generalmajor
von Bamme auf Quirlsdorf, Baron von Pehlemann auf Wuschewier, Domherr von
Medewitz auf Alt-Medewitz, Hauptmann von Rutze auf Protzhagen, Doktor Faulstich
in Kirch-Gritz.
    Es wird unsere nchste Aufgabe sein, der bloen Vorstellung dieser Herren,
die mit Ausnahme Doktor Faulstichs alle das sechzigste Jahr erreicht oder
berschritten hatten, eine kurze Charakterisierung folgen zu lassen. Wenn dies
ein Versto gegen die Gesetze guter Erzhlung ist, so mge der Leser Nachsicht
ben, und um so mehr, als der zu begehende Fehler vielleicht mehr scheinbar als
wirklich ist. Denn mit wie groem Recht auch die Vorfhrung abgeschlossener, ihr
Tun und Denken zettelartig am Mantel tragender Gestalten verworfen und statt
dessen jene Erzhlungskunst gepriesen werden mag, die die Phantasie des Lesers
in den Stand setzt, das nur eben Angedeutete schpferisch auszubilden und zu
vollenden, so mgen doch Ausnahmen berall da gestattet sein, wo, wie hier, das
Nebeneinanderstellen fertiger Figuren nicht viel mehr bedeuten will als eine
weniger um der Bildnisse selbst als um des Ortes willen, wo sie sich finden, dem
Leser vorgefhrte Portrtgalerie.
    Die vornehmste Erscheinung in Schlo Guse, zugleich dem Zirkel am lngsten
angehrig, war Graf Drosselstein. In Knigsberg geboren, in dessen Nhe auch die
Familiengter lagen, war er, trotzdem er die Provinz gewechselt hatte, ein
vollkommener Reprsentant des ostpreuischen Adels. Dieser Adel, dem Hofe und
dem Dienste ferner stehend, hatte freilich - wenigstens damals noch - darauf
verzichten mssen, seinen Namen gleich ruhmreich wie die mrkisch-pommerschen
Familien in unsere bis dahin wenig mehr als eine Reihe von Schlachten
darstellende Geschichte einzutragen, aber was ihm dadurch an Volkstmlichkeit
und historischem Klang verlorengegangen war, war wieder aufgewogen worden durch
das Bewutsein gewahrter Unabhngigkeit. Weniger ein- und untergeordnet in das
Rderwerk des militrisch-bureaukratischen Staates, hatte sich ganz Ostpreuen
und besonders sein Adel - im einzelnen zu seinem Nachteil, im ganzen zu seinem
Vorzug - eine ausgesprochene provinzielle Eigentmlichkeit zu bewahren gewut.
    In dieser provinziellen Eigentmlichkeit, die sich vielleicht am besten als
ein mitunter herber Ausdruck des Freiheitlichen bezeichnen lt, stand auch Graf
Drosselstein, und wenn er an der Tafel seiner Freundin, der Guser Grfin, dem
sbelbeinigen Generalmajor von Bamme gegenbersa, der zweideutige Anekdoten
erzhlte und von Pferden, Prinzen und Tnzerinnen, weniger aus Renommisterei als
aus bermut und schlechter Erziehung, in krhstimmigem Jargon perorierte, so
mochte er sich, nicht ohne Anwandlung ostpreuischen Stolzes, des Unterschiedes
zwischen seiner heimatlichen Provinz und dem mrkischen Stammlande bewut
werden. Aber solche Anwandlungen schwanden so rasch, wie sie kamen. Von seltener
Unparteilichkeit, allem Engen und Selbstischen fern, in welcher Form es auch
auftreten mochte, stand es fr seine Erkenntnis lngst fest, da die Mark, trotz
aller ihrer Unleidlichkeiten, als das Kern- und Herzstck der Monarchie
anzusehen sei, mit oder ohne Bammes, ja zum Teil wegen derselben.
    Der Graf hatte nur kurze Zeit dem Staate gedient. Mit zwanzig Jahren in das
erste Bataillon Garde tretend, aber schon nach Ablauf eines Jahres
gesundheitshalber den Abschied nehmend, war er froh gewesen, den Anblick des
Potsdamer Exerzierplatzes mit dem der Marine von Nizza vertauschen zu knnen.
Wiederhergestellt, durchzog er Italien, lebte, ganz dem Studium der Kunst
hingegeben, erst in Rom, dann in Paris und beschlo seine groe Tour durch
einen Ausflug nach Holland und England.
    Er war ausgangs der Dreiig, als ihn um 1788 Familienangelegenheiten an den
Petersburger Hof fhrten. Hier machte er die Bekanntschaft einer Komtesse
Lieven, die ihn durch ihre durchsichtige Alabasterschnheit in demselben
Augenblicke gefangennahm, in dem er sie sah. Seine Werbung wurde nicht
zurckgewiesen; die Kaiserin selbst beglckwnschte dasschne Paar, das sich,
unmittelbar nach der mit groer Pracht und unter Teilnahme des Petersburger
Hofadels gefeierten Vermhlung, auf die ostpreuischen Gter des Grafen
zurckzog.
    Aber das stille Glck der Flitterwochen erschien der jungen Grfin bald zu
still. Sie sehnte sich nach dem zerstreuenden Leben der Gesellschaft, und da
weder die politischen Verhltnisse noch die Gesinnungen des Grafen ein erneutes
Auftreten am russischen Hofe - das die junge Grfin allerdings am liebsten
gesehen haben wrde - ausfhrbar erscheinen lieen, so wurde die bersiedelung
nach Hohen-Ziesar, einem ursprnglich den mrkischen Drosselsteins zugehrigen
Gute, das erst vor zwei oder drei Jahren an die ostpreuische Linie gekommen
war, beschlossen.
    Von Hohen-Ziesar aus ermglichte sich ein verhltnismig leichter Verkehr
mit der Hauptstadt, wo das Hofleben, das whrend der Friderizianischen Zeit
beinahe vllig geruht hatte, eben damals einen neuen Aufschwung zu nehmen
begann. Es war nicht Petersburg, aber es war doch Berlin. Die junge Grfin,
wiewohl zeitweise von einem halb ermdeten, halb zerstreuten Ausdruck, als ob
ihre Seele nach etwas Fernem und Verlorenem suche, gab sich nichtsdestoweniger
den Zerstreuungen ohne Rckhalt hin. Sie galt fr glcklich; sie schien es auch.
Aber der durchsichtige Alabasterteint hatte nichts Gutes bedeutet; ein Blutsturz
berraschte sie kurz vor einer Opernhausvorstellung; eine Abzehrung folgte, sie
starb vor Ausgang des Winters.
    Der Graf war wie niedergeworfen. Er mied auf lange Zeit hin jeden Umgang;
selbst in Schlo Guse, wo er damals schon verkehrte, blieb er aus. Als er wieder
in der Gesellschaft erschien, war seine Selbstbeherrschung vollkommen; aber er
hatte jenen lebemnnischen Frohsinn und die gesprchige Heiterkeit eingebt,
die ihn frher ausgezeichnet hatten. Er lachte nicht mehr. Er hatte nur noch das
Lcheln derer, die mit dem Leben abgeschlossen haben. Hier und dort hie es, da
es nicht der Tod der jungen Grfin allein sei, der diesen Wandel in seinem Wesen
geschaffen habe. Er wandte sich groen Bauten zu; besonders waren es
Parkanlagen, die ihn zu zerstreuen begannen. Hohen-Ziesar bot ein gutes
Material, und so entstand im Geschmack jener Zeit eine kostspielige Schpfung,
die sich, vom Flachdach des Schlosses oder noch besser vom Kirchturm aus
angesehen, als eine groe in Stein und Erde ausgefhrte Alpenreliefkarte
darstellte. Granitblcke wurden zu irgendeinem Rigi aufgetrmt, ber den Grat
des Gebirges liefen zwei Psse, die nach Altdorf oder Knacht fhrten, whrend
ein aus unsichtbaren Quellen gespeister See einen kataraktreichen Bergstrom in
die Tiefe schickte. Sennhtten und Matten lsten sich untereinander ab; zu Fen
dieser Knsteleien aber, in das wirkliche Oderbruch bergehend, dehnte sich eine
reizende Flachlandszenerie mit Feld und Wiesen, mit Flu, Bach und Brcken und
einem stillen, weidenumstandenen Teich, dessen japanisches Inselhuschen die
Schwne umzogen.
    An der Herstellung dieses Parkes nahm unsere Guser Grfin, die sich zu allem
Rokokohaften hingezogen fhlte, den regsten Anteil, der Verkehr wuchs, Briefe
wurden gewechselt, Konferenzen abgehalten, deren endliches Resultat nicht nur
der Aufbau der Hohen-Ziesarschen Schweiz, sondern auch die Etablierung einer
Freundschaft war, die sich seitdem, namentlich von seiten der Grfin, zu einer
wirklichen, ber Laune und Zerstreuungsbedrfnis weit hinausgehenden Intimitt
gesteigert hatte.
    Dies konnte kaum ausbleiben. Denn so gewi die Grfin am Aparten hing,
sowenig sie der Originalfiguren ihres Zirkels entraten mochte, sosehr empfand
sie doch auch, was der Mehrzahl derselben fehlte: Schliff, Bildung, Ton, vor
allem jegliches Verstndnis fr Kunst und Schnheit. All dies besa der Graf. Er
hatte nicht nur die Hhe der Rheinsberger Gesellschaft, er bertraf dieselbe
sogar durch jenes nachhaltig wirkende Ansehen, das allein aus
Selbstsuchtlosigkeit und reinem Wandel spriet.
    Ein bestimmtes Ereignis gab der schon gefestigten Freundschaft ein neues
Band. Der Graf nahm Veranlassung, die Grfin ins Geheimnis zu ziehen; er
erzhlte ihr die Geschichte vom Hinscheiden seiner Frau, auch von dem, was
diesem Hinscheiden unmittelbar vorausgegangen war. Es war das Folgende.
    Die junge Grfin, nach einem heftigen Hustenanfall, schien in einen Zustand
tiefen Schlummers zu verfallen, auch der Graf, ermdet von tagelangem Wachen,
schlief in seinem Lehnstuhl ein. Es war spt, nur eine Schirmlampe brannte. Als
er erwachte, bemerkte er, da die Kranke aufgestanden war und sich der
Tapetentr eines Wandschrankes nherte. Eine lethargische Schwere, zugleich ein
dunkeles Gefhl, da er die Kranke in ihrem Tun nicht stren drfe, hielten ihn
in seinem Lehnstuhl fest. Er sah nun, da sie zunchst ein Kstchen aus dem
Schranke, dann aus einem verborgenen Fach des Kstchens eine Anzahl Briefe nahm,
die mit einer roten Schnur zusammengebunden waren. Sie schritt wieder zurck, an
ihm vorbei, glaubte sich zu berzeugen, da er schlafe, und trat dann an den
Kamin. Sie berhrte die Briefe mit den Lippen, lste die Schnur und warf dann
jeden einzelnen Brief vorsichtig, damit die Flamme nicht zu hell aufschlge, in
das halberloschene Feuer. Als alles verglimmt war, kehrte sie an ihr Lager
zurck, hllte sich in die Decken und atmete hoch auf, wie befreit von einer
bangen Last. Es war ihr letztes Tun. Ehe der Morgen kam, war sie nicht mehr.
Welch ein Tag fr den berlebenden! Er hatte sich geliebt geglaubt; nun war
alles Wahn und Traum. Wessen Hand hatte die Briefe geschrieben, die die
Empfngerin bis zuletzt wie ein Allerteuerstes gehegt hatte? Er frug es immer
wieder; aber keine Antwort. Das Geheimnis war bei der Toten und der Asche im
Kamin.
    So hatte der Graf erzhlt. Die Erzhlung selbst aber, wie schon angedeutet,
besiegelte die Freundschaft, die von jenem Tage an unauflslich zwischen dem
Witwergrafen und Hohen-Ziesar und der Grfinwitwe auf Schlo Guse bestand.
    Schlo Guse hatte jedoch nur einen Drosselstein; alles andere, was sich von
allerlei Freunden daselbst versammelte, konnte so ziemlich als Revers des
Grafen gelten.
    Ihm im Range am nchsten stand Prsident von Krach, ein Mann von Gaben und
Charakter. Er galt als ein bedeutender Jurist, hatte durch hartnckige
Opposition den Zorn des groen Knigs herausgefordert und seinerseits, in tiefer
Verstimmung ber die bei dieser Gelegenheit erfahrene Unbill, sich nach
Bingenwalde zurckgezogen. Er war hager, gro, scharf, wenig leidlich. Sein
hervorstechender Zug war der Geiz. Er beanstandete jede Rechnung und bezahlte
sie, nach dem Grundsatze: Zeit gewonnen, Zins gewonnen, immer erst nach
eingeleitetem prozessualischen Verfahren. Die Betroffenen spotteten, da es aus
alter Anhnglichkeit an die Gerichte geschhe, zu denen sich sein juristisches
Paragraphenherz doch immer wieder hingezogen fhle. Eines besonderen Rufes
genossen auch seine Diners, die, wiewohl alljhrlich nur einmal wiederkehrend,
ein wahres Schrecknis der gesamten Oderbruch-Aristokratie bildeten. Einzig und
allein der alte Bamme - den seine Trinkgelder und Kordialequivoken zum Liebling
aller als Livreediener eingekleideten Kutscher und Grtner machten - hatte sich
bisher unter Anwendung von Flascheneskamotage diesem Schrecknis zu entziehen
gewut, so da beispielsweise Baron Pehlemann auf das ernsthafteste versicherte:
Nie, whrend smtlicher Krachschen Diners, sei seitens des Generals ein Tropfen
anderen Weines als aus seinem eignen, Bammeschen, Keller getrunken worden.
Bamme selbst, ohnehin von einer beinahe krankhaften Neigung erfllt, sein
Husarentum cote que cote zur Geltung zu bringen, lie sich solche Huldigungen
gern gefallen, ermangelte aber andererseits nie, natrlich nur zugunsten neuer
Malicen gegen Krach, seinen Schlauheitstriumph ber diesen entschieden in Abrede
zu stellen. Krach, so schwur er, sei viel zu scharf, um getuscht werden zu
knnen; er habe den Kriminal- und Inquisitorialblick einer dreiigjhrigen
Praxis, er sehe alles, er wisse alles; aber freilich, er schweige auch, weil er
bei kleinem rger die groen Vorteile der Situation sofort berblicke und in
Wahrheit nur von einer Frage bestrmt werde: Warum sind sie nicht alle Bammes?
    Die Grfin, persnlich von groer Freigibigkeit, nahm wenig Ansto an diesem
Geiz. Sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, da das gegen sich selbst und
andere gleich erbarmungslose Sparen den Krper fest und zh, den Geist scharf
und schneidig mache, vor allem auch der Ausbildung von Originalen gnstig sei,
freilich keiner angenehmen. Aber darauf kam es ihr nicht an. Was schlielich den
Ausschlag zugunsten Krachs gab, war, da auch der Prinz einen starken Hang zum
konomisieren gehabt hatte.
    Die dritte Figur des Kreises war der schon mehrgenannte Generalmajor von
Bamme oder der General, wie er kurzweg in Schlo Guse genannt wurde, ein
kleiner, sehr hlicher Mann mit vorstehenden Backenknochen und Beinen wie ein
Rokokotisch; die ganze Erscheinung husarenhaft, aber doch noch mehr Kalmck als
Husar.
    Er gehrte einem alten havellndischen Geschlechte an, Haus Bamme bei
Rathenow, das mit ihm erlosch. Die Wahrheit zu gestehen, erlosch nicht viel
damit. Seine eigene Jugend war hingewstet worden; wunderbare Geschichten gingen
davon um. Ein adliges Frulein, das sich von ihm geliebt glaubte, Tochter eines
Nachbars, hatte er in Unehre gebracht; den Bruder, der auf Eheschlieung drang,
jagte er vom Hofe. Das Mdchen selbst, brigens im Hause der Eltern bleibend,
wurde irrsinnig.
    Ein Jahr spter starb der alte Bamme; Vater und Sohn waren einander wert
gewesen. Sie setzten des Alten Sarg auf eine Gruftversenkung, und neben den
Sarg, eine Fackel in der Hand, stellte sich der Sohn. Er trug die rote Uniform
des Husarenregiments Zieten; die kleine Kirche war schwarz ausgeschlagen. In dem
Augenblicke, in dem der Sarg niederstieg, rief die Irrsinnige, die sich auf dem
Orgelchor versteckt hatte: Seht, nun fhrt er in die Hlle. Alles entsetzte
sich; nur der, an den sie die Worte gerichtet hatte, lchelte. Er war brigens
ein ausgezeichneter Soldat, das hielt ihn.
    Als er nach dem Basler Frieden, der ihn wurmte, seinen Abschied nahm, zog er
aus dem Havellande ins Oderbruch und kaufte sich in der Nhe von Schlo Guse an.
Die Gro-Quirlsdorfer hatten sich wenig ber ihn zu beklagen. Er setzte zwar das
alte Leben fort; aber die Oderbrcher, selber nicht diffizil, legten ihm durch
Mibilligung keinen Zwang auf. Sein Geschmack wurde immer wunderlicher. Starb
wer Junges im Dorf, Bursch oder Mdchen, so lie er ein groes Begrbnis
anrichten, vorausgesetzt, da die Leidtragenden ihre Zustimmung gaben, die
Leiche zu schminken und in einem mit vielen Lichtern geschmckten Flur
aufzubahren. Dann stellte er sich zu Fen, rauchte aus einem Meerschaumkopf und
sah, halb zugekniffenen Auges, die Leiche eine halbe Stunde lang an. Was dabei
durch seine Seele ging, wute niemand. Er galt fr einen Tckebold, auch noch
fr Schlimmeres; indessen er war General, mrkisch und soldatisch vom Wirbel bis
zur Zeh und von einem humoristisch verwegenen Mut. Erst vor drei Jahren hatte
sein letztes Rencontre stattgefunden. Die Veranlassung war ganz in seiner Art.
Eine Scheune auf einem Nachbargute brannte nieder; Bamme, der den Besitzer nicht
leiden konnte, sagte bei offener Tafel: Hochversicherte Scheunen brennen immer
ab. Er sollte zurcknehmen. Statt dessen ma er seinen Gegner und krhte nur:
Jede Feuer-Assekuranz sagt dasselbe.
    Nun kam es zum Duell; Hauptmann von Rutze sekundierte. Der Beleidigte scho
Bammen den rechten Ohrzipfel samt dem kleinen goldenen Ohrring weg, den er
Rheumatismus halber trug. Er lie sich nun einen neuen Ring durch die
stehengebliebene Ohrhlfte ziehen und sah seitdem skurriler aus denn je.
    Eine gewisse Schelmerei, wie zugestanden werden mu, shnte manchen seiner
Gegner mit ihm aus; dazu kam, da er sich gab, wie er war, und sein eigenes
Leben rckhaltlos in den pikantesten Anekdoten aufdeckte. Seine geistigen
Bedrfnisse bestanden in Necken, Spotten und Mystifizieren, weshalb er, wie kein
zweiter, von allen Sammlern und Altertumsforschern in Barnim und Lebus
gefrchtet war. Um seine Tcke besser ben zu knnen, war er Mitglied der
Gesellschaft fr Altertumskunde geworden. Feuersteinwaffen, bronzene
Gtzenbilder und verrucherte Topfscherben lie er aussetzen und verstecken, wie
man Ostereier versteckt, und war ber die Maen froh, wenn nun die groen
Kinder zu suchen und die Perioden zu bestimmen anfingen. Turgany, wie sich
denken lt, zog den mglichsten Nutzen aus diesen Mystifikationen, und
jedesmal, wenn Seidentopf etwas Urgermanisches aufgefunden haben und zum letzten
Streiche gegen den zurckgedrngten Justizrat ausholen wollte, pflegte dieser
wie von ungefhr hinzuwerfen: Wenn nur nicht etwa Bamme..., ein Satz, der nie
beendet wurde, weil schon die Einleitung desselben zur vollstndigen Verwirrung
des Gegners ausreichte.
    Alles in allem war der General eine Lieblingsfigur auf Schlo Guse, auch
der Hecht im Karpfenteich. Die Gefahren und Unbequemlichkeiten, die sich daraus
ergaben, wurden durch das frische Leben, das er brachte, wieder aufgewogen. Es
kam nicht in Betracht, da er ber Sittlichkeit seine eigenen Ansichten hatte.
Man lie dies gehen. Die Grfin schlug jede Kritik darber mit der Bemerkung
nieder: L'immoralit ouverte, c'est la seule garantie contre l'hypocrisie.
    Nur den Vitzewitzes, alt und jung, war mit solcher Bemerkung nicht
beizukommen; sie verharrten, bei uerlich leidlicher Stellung zu dem alten
Schabernack, in ihrer Abneigung gegen ihn, und Berndt pflegte zu sagen: Bamme
und Hoppenmarieken, das htt ein Paar gegeben!
    Neben Bamme, zugleich als sein natrlicher Gegensatz, stand Baron Pehlemann,
die vierte Figur des Guser Kreises. Was Bamme an Mut zuviel hatte, hatte
Pehlemann zuwenig. Da er der Grfin dadurch ein kaum geringeres Interesse
einflte als sein encouragiertes Widerspiel, braucht nicht erst versichert zu
werden, aber auch der Kreis selbst war weit entfernt davon, dies Manko an
Herzhaftigkeit ernstlich zu beanstanden. Am wenigsten die Militrs. Es lt sich
hnliches auch heute noch beobachten. Alle Stubenhocker dringen bestndig auf
Opfertod; alte geschulte Soldaten aber, die aus fnfzig Schlachten her wissen,
einerseits, welch ein eigen und unsicher Ding der Mut ist, andererseits, welche
niedrige Organisation, welch bloer, wer wei woher genommener Taumelzustand
ausreicht, um ein Heldenstck gewhnlichen Schlages zu verrichten, alle diese
denken sehr ruhig ber Bravourangelegenheiten und haben in der Regel lngst
aufgehrt, alles, was dahin gehrt, in einem besonderen Glorienschein zu sehen.
So kam es, da Bamme und Pehlemann die besten Freunde waren. Natrlich fehlte es
nicht an Hnseleien. Erst einige Wochen vor Beginn unserer Erzhlung hatte
Pehlemann, der mitunter ein ihn pltzlich berkommendes Zutrauen zu sich selbst
fate, die Versicherung abgegeben: seine Abneigung gegen Schuwaffen beruhe
lediglich auf einer allzu feinen Organisation seines Ohres, worauf von seiten
Bammes mit soviel Ernst wie mglich erwidert worden war: Gewi, dergleichen
kommt vor; so lassen Sie uns, wie alte Corpsburschen, einen Gang auf krumme
Sbel machen; das ist ein stilles Geschft; Ihr Ohr bleibt unbelstigt.
Hchstens hau ich es Ihnen ab. Solches Schrauben und Aufziehen war an der
Tagesordnung, strte aber keinen Augenblick das gute Einvernehmen, da der
Wuschewierer Baron, wie er in der ganzen Umgegend hie, bei aller sonstigen
Grundverschiedenheit von Bamme, wenigstens eine gute Seite mit ihm gemein hatte:
er war nicht empfindlich. Auch nicht als Dichter, wozu ihn, seinem eigenen
Gestndnisse nach, das Podagra gemacht hatte. Er wollte nmlich beobachtet
haben, da das Podagra seine Muse jedesmal weiche, eine vetrauliche Mitteilung,
die seitens des Guser Kreises zu folgendem Verse benutzt worden war:


                                  Cedo majori

Als des Barones Podagra
Nun seine Muse kommen sah,
Erschrak es sehr und sagte: Ach,
Daneben bin ich doch zu schwach,
Und packte schnell das Zwickzeug ein
Und lie die beiden ganz allein.

Es hie angeblich, Bamme habe diesen Vers gemacht; in Wahrheit wute jeder, da
er von Doktor Faulstich herrhre, der immer bereit war, seine kleinen
Piratenboote unter fremder Flagge segeln zu lassen.
    Der fnfte des Kreises war der Kammerherr von Medewitz auf Alt-Medewitz, ein
langweiliger, pedantischer Herr, sehr durchdrungen von der Bedeutung der
Medewitze, trotzdem die Bltter der vaterlndischen Geschichte den Namen
derselben nirgends aufzeichneten. Seine Spezialitt waren Erfindungen, in
betreff deren er, nach Art der Philosophen, nichts Groes und Kleines kannte. Er
hatte fr alles die gleiche Liebe. Sparheizung, luftdichter Fensterverschlu,
Zerstrung des Mauersalpeters in Schaf- und Pferdesthlen, knstliche
Morchelzucht, das waren einige der Fragen, die seinen bestndig auf Lsungen und
Verbesserungen gerichteten Geist beschftigten. Den Militrbehrden war er
wohlbekannt durch seine mehrfach eingereichten Abhandlungen ber erleichtertes
Gepcktragen und praktische Mantelrollung. Immer mit beigefgter Zeichnung. Sein
eigentliches Steckenpferd aber waren die Dosen. Er war ein Sammler, und man
durfte fglich sagen, was Seidentopf fr die Urnen war, das war von Medewitz fr
die Tabatieren und alles ihnen Anverwandte. In bezug auf die Friderizianische
Zeit war seine Sammlung so gut wie komplett. Von der Mollwitzdose an, auf der
der junge Knig am Gattertor von Ohlau mit Flintenschssen empfangen wurde, bis
zur Hubertsburgdose, auf der ein Kurier, mit einem wehenden Tuche und dem Worte
Friede darauf, durch die Welt flog, hatte er sie alle, einzelne sogar doppelt.
    Soweit war alles gut. Er begngte sich aber nicht mit der stillen Dose, er
war vor allem auch ein leidenschaftlicher Verehrer jener damals auf der Hhe
ihres Ruhmes stehenden, in Gold und Schildpatt ausgefhrten Miniaturleierksten,
die unter dem Namen der Spieldosen ihre Reise um die Welt gemacht haben. Solche
mit Musik geladene berfallwerkzeuge fhrte von Medewitz bestndig bei sich, und
mit ihnen war es, da er seine gesellschaftlichen Attentate verbte. Wie es
Menschen gibt, vor deren Anekdoten man, und wenn man in einer Begrbniskutsche
mit ihnen se, nie ganz sicher ist, so war man nie sicher vor einer
Medewitzschen Spieldose. Er war sich dieser Macht bewut und bte sie, mitunter
glcklich und taktvoll, durch Ausfllung ngstlicher Pausen; aber viel hufiger
noch folgte er den Eingebungen bloer Laune oder verletzter Eitelkeit. Unfhig,
aus eigenen Mitteln zur Gesellschaft beizusteuern, wachte er eiferschtig ber
allem, was durch Wissen oder Darstellungsgabe sich auszeichnete, und wenn
vielleicht der glnzend aufgebaute Satz eines guten Sprechers eben seinen
Abschlu erhalten sollte, durfte man sicher sein, aus bloer Neidteufelei eine
Papageno-Arie oder die Schlacht bei Marengo dazwischentreten zu sehen. Was das
Niederdrckendste war, war, da das Mittel, wenn nur ein einziger Fremde bei
Tische sa, trotz seiner Verbrauchtheit immer wieder wirkte. Der Grfin wre es
ein leichtes gewesen, dieser Migunstsmusik ein Ende zu machen; aber so
abgeschmackt sie das Gebaren fand, so freute sie sich doch jedesmal, den
verlegenen rger der um ihren Redetriumph Betrogenen beobachten zu knnen.
    Der Unbedeutendste des Guser Zirkels war von Rutze, leidenschaftlicher
Jger, ein langer, sehniger, ziemlich schweigsamer Mann, ehemals Hauptmann im
pommerschen Regiment von Pirch. Er hatte Protzhagen, das brigens uralter
Rutzescher Besitz war, erst vor etwa zwanzig Jahren gekauft. Die Veranlassung
dazu wurde wie folgt erzhlt:
    Nach Stargard hin, wo das Regiment von Pirch in Garnison lag, verirrte sich
eine Topographie des Oderbruchs. In dem Kapitel Buckow und seine Umgebung hie
es auf Seite 114: Bei Protzhagen, einem Gute, das drei Jahrhunderte lang den
Rutzes angehrte, zieht sich eine tiefe Schlucht, die Junker Hansens Schlucht.
Sie fhrt diesen Namen, weil Junker Hans von Rutze hier strzte und
verunglckte; dies war 1693. Es war der letzte Rutze. Kaum war von einem der
Kameraden diese Notiz entdeckt worden, so hie es in nicht endenden Scherzreden:
Rutze sei untergeschoben; es gbe keine Rutzes mehr: der letzte lge lngst in
der Protzhagener Kirche begraben. Unser Hauptmann, kein Meister im Repartie,
wurde mimutig; er nahm den Abschied und kaufte Protzhagen, um nunmehr an Ort
und Stelle die Beweisfhrung anzutreten, da es mit dem letzten Rutze noch
gute Wege habe. Aber er verbesserte sich dadurch nur wenig. Die Stargarder
Neckereien waren bekannt geworden und hatten nun auf Schlo Guse ihren Fortgang.
Bamme verschwor sich hoch und teuer, da es mit einem der beiden letzten
Rutzes, dem jetzigen oder dem frheren, notwendig eine sonderbare Bewandtnis
haben msse. Entweder sei der selige Hans von Rutze nichts als eine
gespenstische Vorerscheinung, eine Spiegelung von etwas erst Kommendem gewesen,
oder aber der unter ihnen wandelnde Freund, ohnehin beinahe fleischlos, sei ein
Revenant. Was ihn (Bamme) persnlich angehe, so gbe er der ersteren Annahme den
Vorzug, weil ihm darnach die Wirklichkeit der Dinge noch eine Hirschjagd, einen
Schluchtensturz und einen den Hals brechenden Rutze schuldig sei.
    Der alte Hauptmann folgte diesen Auseinandersetzungen jedesmal mit ssaurem
Gesicht, hatte sich aber lngst aller Proteste dagegen begeben. Dann und wann
schritt er seinerseits zum Angriff, ohne jedoch mit Hilfe dieses Kunstgriffs dem
gewandten Bamme beikommen zu knnen.
    Unter seinen sonstigen kleinen Schwchen war die bemerkenswerteste die, da
er sich, in Anbetracht seines aus Schluchten und Abhngen bestehenden
Protzhagener Territoriums, fr eine Art Gebirgsbewohner hielt. Wir auf der
Hhe zhlte zu seinen Lieblingsredewendungen.
    Der Grfin war er wert durch einen besonderen Respekt, den er ihr
entgegenbrachte. Denn wie sehr sie vorgeben mochte, ber Huldigungen und
Schmeicheleien hinweg zu sein, so war sie schlielich doch nicht unempfindlich
dagegen.
    Der siebente und letzte des engeren Zirkels war Doktor Faulstich Ein
spteres Kapitel wird von ihm ausfhrlicher erzhlen.

                                Viertes Kapitel



                                   Vor Tisch

Der ganze Freundeskreis, mit Ausnahme Doktor Faulstichs, welcher nach altem
Herkommen den dritten Feiertag in Ziebingen zuzubringen pflegte, war nach Schlo
Guse geladen. Auch Lewin und Renate, wie wir wissen.
    Diese waren die ersten, die eintrafen. Die Einladung hatte auf vier Uhr
gelautet, aber eine volle Stunde frher schon bog der Schlitten Lewins in eine
der groen Avenuen ein. Es war nicht mehr die Planschleife mit Strohbndeln und
Hckselsack, in der wir zuerst die Bekanntschaft unseres Helden machten; Tante
Amelie, fr sich selbst gelegentlich salopp, hielt auf Eleganz der Erscheinung
bei anderen. Dem bequemten sich die Hohen-Vietzer nach Mglichkeit. Der
Schlittenstuhl, mit einem Brenfell berdeckt, zeigte die bekannte Muschelform,
blaugesumte Schneedecken blhten sich wie seitwrts gespannte Segel, und statt
des rostigen Schellengelutes, das am Heiligabend unseren Lewin in Schlummer
gelutet hatte, stand heute ein Glockenspiel auf dem Rcken der Pferde, und zwei
kleine Haarbsche wehten rot und wei darber hin. Die krnerpickenden Sperlinge
flogen zu Hunderten in der Dorfgasse auf; so ging es auf das Schlo zu. Jetzt
war auch die Sphinxenbrcke passiert, und der Schlitten hielt. Lewin, rasch die
Decke zurckschlagend, reichte Renaten die Hand, die nun mit der Raschheit der
Jugend aus dem Schlitten auf eine ber den harten Schnee hin ausgebreitete
Binsenmatte sprang. So schritt sie dem Eingange zu. Sie erschien grer als
sonst, vielleicht infolge des langen Seidenmantels, grau mit roten Paspeln, aus
dessen aufgeschlagener Kapuze ihr klares Gesicht heute mit doppelter Frische
hervorleuchtete. Denn die Fahrt war lang, und es ging eine scharfe Luft.
    Der Flur umfing sie mit wohltuender Wrme; in dem altmodisch hohen Kamin,
den die beiden Derfflingerschen Dragoner flankierten, brannte seit Stunden schon
ein gut unterhaltenes Feuer.
    Ein Diener in Jgerlivree, der seinen Hirschfnger zu tragen wute, nahm
ihnen die Mntel ab und meldete, da sich die Grfin auf wenige Minuten
entschuldigen lasse. Dies war die regelmig wiederkehrende Form des Empfanges.
Lewin und Renate sahen verstndnisvoll einander an und schritten durch das
Billard- und Spiegelzimmer in den Salon. Sich selbst berlassen, traten sie
hier an das in einer breiten und tiefen Nische befindliche Eckfenster, dessen
untere Hlfte aus einer einzigen Scheibe bestand. Damals etwas Seltenes und sehr
bewundert. Die Eisblumen waren halb weggeschmolzen und gestatteten einen Blick
ins Freie. ber das Schwanenhuschen hin, das nur noch mit seinem Spitzdach aus
dem verschneiten Schlograben emporragte, sahen sie gradaus in eine kahle
Kirschallee hinein, die sich bis an die Grenze des Parkes zog. An den vordersten
Stmmen waren einige Dohnensprengsel mit ihren roten Ebereschenbschelchen
sichtbar, whrend am Ausgange der Allee der dunkele Carzower Kirchturm stand,
dessen vergoldete Kugel eben in der untergehenden Sonne leuchtete. Um die
Geschwister her war alles still; sie hrten nur, wie das mehr und mehr abtauende
Eis in einzelnen Tropfen in die Blechbehlter fiel.
    Dieser Platz am Fenster war anheimelnd genug; jeder andere Besucher aber
wrde es doch vorgezogen haben, das letzte Tageslicht noch zu einem Umblick in
dem Salon selbst zu benutzen. Es war ein quadratischer Raum, der in seiner
Einrichtung fr ebenso geschmackvoll wie wohnlich gelten konnte. Die den
Fenstern gegenbergelegene Seite wurde von einem halbkreisfrmigen Diwan
eingenommen, der, in der Mitte geteilt, einen Durchgang zu den Flgeltren des
Esaales offen lie. In den ebenfalls freibleibenden Ecken standen Lorbeer und
Oleanderbsche, nach links und rechts hin verteilt. Neben der Oleanderecke stieg
eine Wendeltreppe auf, das zierlich durchbrochene Gelnder von Nubaumholz. Ein
dicker Teppich, in dem das trkische Rot vorherrschte, deckte den Fuboden;
sonst war alles blau: die Wnde, die Gardinen, die Mbelstoffe. Ringsumher, auf
Sulen und Konsolen, erhoben sich Bsten und Statuetten, deren leuchtendes Wei
beim Eintreten den ersten Eindruck gab. Erst spter traten auch die Bilder
hervor, die, stark angedunkelt, in kaum geringerer Zahl als jene Marmor- und
Alabasterarbeiten das Zimmer schmckten. Es waren smtlich Erinnerungsstcke aus
den Rheinsberger Tagen her. Da war zunchst das Portrt des Prinzen selbst,
etwas barock in Auffassung und Behandlung, die Aufschlge von Tigerfell, die
Hand auf ein Felsstck und einen Schlachtplan gesttzt. Gegenber Schlo
Rheinsberg, seine Front im Wasser spiegelnd, und ber den See hin glitt ein
Kahn, darin eine schne Frau mit aufgelstem Haar, blond wie eine Nixe, am
Steuer sa. Es hie, es sei die Grfin. An den Fensterpfeilern, im Schatten und
wenig bemerkbar, hingen die Pastellportrts der prinzlichen Tafelrunde:
Tauentzien, die Wreechs, Knyphausen, Knesebeck; meistens Geschenke der Freunde
selbst.
    Lewin und Renate sahen noch der untergehenden Sonne nach, als sie aus der
Tiefe des Zimmers her den Zuruf hrten: Soyez les bienvenus. Sie wandten sich
und sahen die Tante, die von der Wendeltreppe her auf sie zuschritt.
    Die Geschwister eilten ihr entgegen, ihr die Hand zu kssen.
    Die Grfin trug sich schwarz, selbst die Stirnschnebbe fehlte nicht. Es war
dies, dem Beispiele regierender Huser folgend, die Witwentracht, die sie seit
dem Hinscheiden des Grafen nicht wieder abgelegt hatte. Im brigen htten Haube
und Krause frischer sein knnen, ohne den Eindruck zu schdigen.
    In der Nhe des Eckfensters stand eine Causeuse, die denselben
Bleu-de-France-berzug hatte wie alle brigen Mbel. Eines war der
Lieblingsplatz der Grfin; Renate schob ein hohes Kissen heran, whrend Lewin
sich der Tante gegenbersetzte. Das Gesprch war bald in vollem Gange, mit
franzsischen Wrtern und Wendungen reichlich untermischt, die wir in unserer
Erzhlung nur sparsam wiedergeben. Die Tante schien gut gelaunt und tat Frage
ber Frage. Der Hohen-Vietzer Weihnachtsmorgen, sogar der Wagen Odins muten
ausfhrlich besprochen werden. Dies letztere war das berraschendste, denn in
Sachen der Altertmlerei blieb die Guser Grfin wenig hinter Bamme zurck. Auch
Maries wurde gedacht, aber nur kurz, dann lenkte das Gesprch zu den Ladalinskis
hinber, an die das Haus Vitzewitz durch eine Doppelheirat zu ketten der
sehnlichste Wunsch der Tante war. Ihr in diesem Wunsche nach Mglichkeit
entgegenzukommen wrde sich, da sie die Erbtante war, unter allen Umstnden
empfohlen haben; es traf sich aber so glcklich, da der Guser Familienplan und
die Herzenswnsche der Hohen-Vietzer Geschwister zusammenfielen.
    Wie verlieest du Tubal? fragte die Tante.
    In bestem Wohlsein, erwiderte Lewin, und ein Brief, der heute frh von
ihm eintraf, lt mich annehmen, da die Feiertage nichts verschlimmert haben.
    Was schreibt er?
    Ein langes und breites ber literarische Freunde. Aber eine kurze
Schilderung des Christabends, und wie die Weihnachtslichter bei den Ladalinskis
ziemlich trbe brannten, schickt er voraus. Er sagt auch einiges ber Kathinka.
Darf ich es dir mitteilen?
    Je vous en prie.
    Lewin entfaltete den Brief. Es dunkelte schon im Zimmer. Er rckte deshalb
nher an das Fenster, dessen Scheiben in dem letzten Rot erglhten. Dann las er,
ber die Eingangszeilen hinweggehend: In einem Hause, in dem die Kinder fehlen,
wird das Christkind immer einen schweren Stand haben, so nicht etwa der
Kindersinn den Erwachsenen verblieben ist. Und Kathinka, die so vieles hat
(vielleicht weil sie so vieles hat), hat diesen Sinn nicht.
    Lewin schwieg einen Augenblick, weil es ihm schien, da die Tante sprechen
wolle. Dann sagte diese: Es ist eine richtige Bemerkung, aber es berrascht
mich, sie von Tubal zu hren. Es ist, als ob Seidentopf sprche. Kathinka ist
eine Polin, a dit tout, und gerade das macht sie mir wert. Kindersinn! Betise
allemande. Wie mag nur ein Ladalinski so tief ins Sentimentale geraten. C'est
tonnant! Ich wrde die deutsche Mutter darin zu erkennen glauben, wenn nicht
durch ein Spiel des Zufalls, par un caprice du sort, in eben dieser Mutter mehr
polnisch Blut lebendig gewesen wre als in einem halben Dutzend itzkis oder
inskis. Kindersinn! Dieu m'en garde! Ich bitte euch, meine Teuren, verschliet
euch der eitlen Vorstellung, als ob diese deutschen Gefhlsspezialitten die
unerllichen Requisiten in Gottes ewiger Weltordnung wren.
    Renate fate sich zuerst und sagte: Ich glaube, da mir diese Vorstellung
fremd geblieben ist, aber schon die Bibel preist den Kindersinn als etwas
Kstliches.
    Die Tante lchelte. Dann nahm sie, wie sie zu tun pflegte, die Hand der
Nichte, streichelte sie und sagte: Du hast diesen Sinn, und Gott erhalte ihn
dir. Aber mu ich euch, die ihr mich kennt, noch erst Erklrungen geben? A quoi
bon? Gewi ist es etwas Schnes um ein kindlich Herz, wie um alles, was den
Vorzug des Natrlichen und Reinen hat. Aber das stete Sprechen davon oder das
Geltendmachen, das immer nur da sich einfindet, wo der Schein an Stelle der
Sache getreten ist, das ist kleinbrgerlich deutsch, et voil ce qui me fche.
Und das war es auch, was den Prinzen verdro. In seinem Unmut unterschied er
dann nicht, ob er die Frommen oder die Heuchler traf; sonst so vorsichtig, wog
er nicht lnger ab, und auch ich, je n'aime pas  marchander les mots. Ihr mt
Abzge machen, wo es not tut. Inzwischen la uns weiter hren, Lewin.
    Lewin fuhr im Lesen fort: Als die Tren eben geffnet wurden, kam Graf
Bninski. Er hatte Aufmerksamkeiten fr uns alle, zu weitgehende fr mein Gefhl,
aber Kathinka schien es nicht zu empfinden.
    Aber Kathinka schien es nicht zu empfinden, wiederholte die Grfin,
langsam den Kopf schttelnd. Dann fuhr sie fort: Oh, cet air bourgeois, ne se
perdra-t-il jamais? Mit neuen Karten das alte Spiel. Je ne le comprends pas.
Solange die Welt steht, haben sich Jugend und Schnheit an Geschenken erfreut,
an Pracht der Blumen, am Glanz der Steine. Sie passen zusammen. Aber Tubal
erschrickt davor und wird nachdenklich, als ob er eine durch Broche und Nadel in
ihrer Tugend bedrohte Epiciertochter zu hten htte. Und das heit Sitte! Sitte,
Kindersinn, je les respecte, mais j'en dteste la caricature. Und davon haben
wir hierlandes ein gerttelt und geschttelt Ma.
    Ich glaube, nahm jetzt Lewin das Wort, Tubal empfindet wie du, wie wir
alle. Sein Bedenken, wenn ich ihn recht verstehe, wurde nicht der Gabe, sondern
des Gebers halber ausgesprochen. Graf Bninski nhert sich Kathinka, er bewirbt
sich um ihre Hand. Vielleicht, da ich mich irre, aber ich glaube nicht.
    Die Tante war sichtlich berrascht. Dann fragte sie hastig: Und der Vater?
    Er steht dagegen, auch Tubal. Sie schtzen den Grafen persnlich, er ist
reich und angesehen. Aber du kennst die Gesinnungen beider Ladalinskis oder doch
des Vaters. Und Bninski ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh.
    Und Kathinka selbst?
    Es blieb bei dieser Frage, denn ehe Lewin antworten konnte, wurden im
Spiegelzimmer Stimmen laut, und dem zwei Doppelleuchter vorantragenden Jger
paarweis folgend, traten jetzt Krach und Bamme, dann Medewitz und Rutze bei der
Grfin ein.
    Nach kurzer Begrung wurde auf dem groen Sofa Platz genommen, und die
Grfin, abwechselnd an den einen oder andern ihrer Gste sich wendend, teilte
denselben mit, da Baron Pehlemann wegen eines neuen heftigen Podagraanfalles
abgeschrieben, Drosselstein aber - durch Geschfte zurckgehalten - erst fr 4
1/2 Uhr sein Erscheinen zugesagt habe. Ich denke, so schlo sie, wir warten
auf ihn. Der ersten Viertelstunde, die das Recht jeden Gastes ist, legen wir die
zweite zu. Alles verneigte sich, wenn auch unter geheimem Protest.
    Eine solche Wartehalbestunde pflegt der Unterhaltung nicht gnstig zu sein.
Die Schweigsamen schweigen mehr denn je, aber auch die Beredten halten ngstlich
zurck, unlustig, ihre vielleicht nur noch des Abschlusses harrende glnzende
Anekdote durch die Meldung des eintretenden Dieners unterbrochen und zu ewiger
Pointelosigkeit verurteilt zu sehen. Bamme gehrte dieser letzteren Gruppe an,
bezwang sich aber und war der einzige, der den ersichtlichen Bemhungen der
Grfin hilfreich entgegenkam. Freilich nur mit teilweisem Erfolg. ber eine
sprungweise Konversation kam man nicht hinaus, und die Fragen drngten sich,
ohne da eine rechte Antwort abgewartet wurde. Das Baron Pehlemannsche Podagra
gab den dankbarsten Stoff. Warum mute er beim letzten Dachsgraben wieder
zugegen sein? Ein Podagrist und zwei Stunden im Schnee! Warum ri er wieder den
Rauenthaler an sich? Aber das ist so Pehlemannsche Bravour: ein freudiger
Opfertod auf dem Altar der Gourmandise! Im brigen, wo blieb Cedo majori? Warum
hat er nicht seine Muse zitiert?
    Er hat, entgegnete die Grfin und nahm aus einer vor ihr stehenden
Alabasterschale ein zierlich zusammengefaltetes Billet. Aber die beiden
Stutzuhren, auf deren gleichen Pendelgang Tante Amelie mit peinlicher
Gewissenhaftigkeit hielt, schlugen eben halb, die gewhrte Frist war um, und die
Flgeltren des hell erleuchteten Esaals ffneten sich pnktlich und lautlos
nach innen zu.
    Die Grfin und Krach fhrten sich. In demselben Augenblick trat auch
Drosselstein ein. Mit der Linken hinbergrend, wie um anzudeuten, da er die
Tischprozession nicht zu stren wnsche, bot er Renaten seinen Arm. Bamme und
Lewin folgten, dann Medewitz. Rutze machte den Schlu.
    Dieser, ein leidenschaftlicher Schnupfer, benutzte die Gelegenheit, um aus
der stehengebliebenen Tabatiere der Grfin zu naschen. Nicht ungestraft. Ehe er
noch die Schwelle des Saales berschritten hatte, war schon das Gewitter herauf.
Alles lachte, und Bamme rief: Ertappt! Nur Krach bewahrte wie gewhnlich seine
Haltung.

                                Fnftes Kapitel



                                    Le diner

In dem Speisesaale herrschte, trotz Kaminfeuers, die im Ezimmer sich ziemende
niedrige Temperatur. An einem ovalen Tische war gedeckt. Die Grfin sa, wie
herkmmlich, zwischen Krach und Drosselstein, ihr gegenber Renate. Jger und
galonierte Diener waren geschftig; ein Kronleuchter brannte.
    Der Graf berblickte, whrend er das Serviettentuch einknotete, den Saal,
dessen architektonische Verhltnisse, durch einfache Ausschmckung untersttzt,
auch heute wieder den angenehmsten Eindruck auf ihn machten. Es waren vier
Stuckwnde, gelblich getnt, von Goldleisten eingefat, am Plafond ein
Deckenbild, das Gastmahl der Gtter darstellend, eine Kopie nach dem bekannten
Fresko der Farnesina. Krach und Rutze, wie sich klarmachend zum Gefecht, schoben
die Glser hin und her, Drosselstein aber wandte sich jetzt der Grfin zu, um,
nach einigen der Erbauerin des Saales und ihrem Geschmacke geltenden
Verbindlichkeiten, nach dem Grafen Narbonne, dem ersten Adjutanten des Kaisers,
zu fragen, der, wie die Zeitungen gemeldet, am Weihnachtsheiligabend auf seiner
Rckkehr von Ruland beim Knige gespeist habe.
    Ich hrte davon, erwiderte die Grfin; auch General Desaix war zugegen.
Graf Narbonne, oh je me le rapelle trs bien. Er gehrte dem alten Hofe an, war
ein Liebling Marie Antoinettens und lancierte sich geschickt in das Empire
hinber, Wissen Sie, was ihm das Herz des Kaisers eroberte?
    Drosselstein verneinte.
    Eine Sache der Etiquette. Also eine Bagatelle, ein Nichts, wie die Leute
von heute sagen wrden. Aber die Parvenus sind auf keinem Gebiete so
bereitwillig, zu lernen und zu belohnen, als auf diesem. Ich habe die Anekdote
aus Graf Haugwitz' eigenem Munde. Es war unmittelbar nach der Kaiserkrnung, als
Narbonne, damals Oberst, dem Kaiser eine Depesche berbrachte. Er lie sich auf
ein Knie nieder und prsentierte den Brief auf seinem Hute. Eh bien, rief der
Kaiser, qu'est ce que cela veut dire? Der Oberst antwortete: Sire, c'est ainsi
qu'on prsentait les dpches  Louis XVI. - Ah, c'est trs bien, antwortete der
Kaiser, und Narbonne war als Gnstling installiert. brigens sind auch die
Desaix vom ancien rgime, alter Adel aus der Auvergne.
    Rutze hatte gleich anfangs aufgehorcht, als General Desaix genannt worden
war. Jetzt, wo die Grfin den Namen wiederholte, wandte er sich mit der
bestimmten und doch zugleich von einer Unglcksahnung durchzitterten Bemerkung
zu ihr hinber: da seines Wissens General Desaix im Kriege gegen die
sterreicher gefallen sei. Er entsinne sich eines Musikstckes: Die Schlacht bei
Marengo, in dem es am Schlu in einer Parenthese geheien habe: Desaix fllt.
    Selbst ber Krachs unerschtterliches Antlitz flog ein Lcheln; Drosselstein
wollte aufklren, Bamme jedoch kam ihm zuvor und begann mit jener erknstelten
Feierlichkeit, in der er Meister war: Ja, Rutze, es ist eine tolle Welt. Da
fllt einer Anno 1800 bei Marengo in voller Junihitze, und am Heiligen Abend
1812 sitzt er bei Seiner Majestt von Preuen zu Tisch. Es sind unglaubliche
Kerls, diese Franzosen. Nicht mal ihre Toten ist man los. Sie drngen sich in
Diners ein; wer wei, was wir heute noch zu erwarten haben. Im brigen wird es
wohl ein lterer oder jngerer Bruder gewesen sein.
    Der Protzhagener Hauptmann verfrbte sich und antwortete pikiert: er danke
dem General von Bamme fr die schlieliche Lsung des Rtsels, msse sich aber
die Bemerkung erlauben, da es hierzu keiner besonderen Husarenschlauheit
bedurft htte. Aufschlsse wie diese lgen auch noch innerhalb des
Infanteriebereichs.
    Bamme lachte; jede Form der Entgegnung war ihm recht. Er nahm nichts bel
und befand sich in der glcklichen Lage, um eines Mutes willen, den niemand
bezweifelte, seine Pistolen nicht erst laden zu mssen.
    Der Zwischenfall whrte nicht lange; die Grfin beschwichtigte, und ein
vorzglicher Chablis, der gereicht wurde, kam ihr zu Hilfe, whrend von
Medewitz, ohne Furcht, dem Streite dadurch neue Nahrung zu geben, die Namen
Narbonne und Desaix noch einmal in die Debatte zog. Es sind doch Mnner von
Familie, der eine wie der andere, so hob er an, aber mit wie sonderbaren
Leuten hat Seine Majestt vom ersten Tage seiner Regierung an zu Tische sitzen
mssen! Mit einem war ich im Weien Saale selbst zusammen, mit dem Abb Sieys.
Ich erschrak, als ich seinen Namen hrte. 1793 sprach er einem Knige von
Frankreich das Leben ab, und 1798 sa er einem Knige von Preuen als
Ambassadeur gegenber. Er trug eine trikolore Schrpe; ich sah nur das Rot
darin, und sooft er sagte: Votre Majest, war es mir immer, als hrte ich: La
mort sans phrase.
    Ich habe ihn auch gesehen, bemerkte Krach, mit Wichtigkeit an seinem
Halstuch zupfend. Medewitz will ihn nicht gelten lassen, aber er war doch
wenigstens ein Abb. Auch gehrt etwas dazu, einem Knige von Frankreich das
Leben abzusprechen. Doch diese Marschlle! Gastwirts- und Bttchershne.
    Je nun, fiel Drosselstein ein, Bttchershne oder nicht, sie haben von
halb Europa so viele Reifen abgeschlagen, da die Dauben nach rechts und links
hin auseinandergefallen sind. Ich liebe diese Marschlle nicht, an denen die
Korporalslitzen immer wieder zum Vorschein kommen, aber eines sind sie:
Soldaten.
    Das sind sie! rief jetzt Bamme, sein Ragout en coquille schrfer in
Angriff nehmend, und wer nur je einen Halbzug ins Feuer gefhrt hat, der hat
Respekt vor ihnen, Schelme und Beutelschneider, wie sie sind.
    Wie sie sind, wiederholte der Domherr, eingedenk jener schweren Tage, in
denen er seine Dosensammlung nur mit Mhe vor den Hnden Soults gerettet hatte.
    Nur einem trag ich einen Groll im Herzen, fuhr Bamme fort.
    Davoust? fragte Lewin.
    Nein, Seiner neapolitanischen Majestt dem Knig Murat. Der will im groen
und kleinen etwas Besonderes sein, unter anderen auch ein gewaltiger
Reitergeneral, weil er das Mamelukengesindel in den Sand geritten hat. Aber ein
Zietenscher hat ihm einen Streich gespielt, noch dazu ein Invalide. Ich meine
den alten Kastellan Kettlitz in Charlottenburg.
    Alles zeigte Neugier und drang in ihn, zu erzhlen.
    Es htte dessen nicht bedurft. Die Geschichte ist seinerzeit wenig bekannt
geworden, hob er an; ich habe sie von Kettlitz selber. Am 14. Oktober hatten
wir die Affaire von Jena, und zehn Tage spter war die franzsische Avantgarde
in Berlin, Murat aber, damals noch Herzog von Berg, in Charlottenburg. Er hatte
sich in den Zimmern eingerichtet, die nach der Parkseite hin liegen, dieselben,
in denen Kaiser Alexander ein Jahr vorher gewohnt hatte. Der alte Kettlitz war
auer sich und machte sich einen Plan. Um fnf Uhr war Diner im groen Saale,
und das Bild Knig Friedrich Wilhelms I. sah ernst und unwirsch auf den
neugebackenen Herzog, der neben Berg auch die altpreuisch-cleveschen Lande
regierte. Es waren noch nicht viel franzsische Truppen in der Stadt. Da mit
einem Male - die Trffelpastete war eben aufgetragen - beginnt ein Geschmetter,
und zwanzig Trompeten, mit Paukenschlag dazwischen, blasen den Hohenfriedberger
Marsch. Ist es unter den Fenstern? Sind preuische Schwadronen in den Schlohof
eingeritten? Murat springt auf, um sich durch die Flucht zu retten. Aber keine
Schwadronen sind da; endlich schweigt der Lrm, und alles klrt sich auf. Im
Nebenzimmer, ein ganzes Trompetercorps in seinem Innern bergend, stand ein
musikalischer Schrank, an dessen verborgener Feder der alte Kettlitz gedrckt
hatte. Ich wrde mich freuen, zur Vervollstndigung seiner Sammlung diese
Monstrespieluhr in die Hnde unseres von Medewitz auf Alt-Medewitz bergehen zu
sehen, freilich unter der einen Bedingung, in unserer Gegenwart nie die geheime
Feder springen zu lassen. Ich liebe Trompeten, aber nur im Feld und
Sonnenschein.
    Der Domherr, unfhig, auf die Neckereien Bammes einzugehen, begleitete sie
nur mit einem verlegenen Lcheln und fragte dann nach dem Schicksale des
Kastellans.
    Nun, der htte kein Zietenscher sein mssen. Er log sich heraus, so gut er
konnte. Unter allen Umstnden hatte er das Gaudium gehabt, den groen
Reiterfhrer, den Mamelukenvernichter, vor dem Hohenfriedberger Marsch auf der
Flucht zu sehen. Das war im Oktober 1806. Damals hatte es noch was auf sich mit
einem Marschall. Ich hoffe, sie sind seitdem billiger geworden. Aber billiger
oder nicht, an dem Tage, wo mir meine Quirlsdorfer den ersten Marschall tot oder
lebendig einbringen, leg ich dem Pfarracker zehn Morgen zu, obschon ich Seine
Hochwrden nicht leiden kann.
    Aber Bamme, was haben Sie bestndig mit Ihrem Geistlichen? bemerkte Krach,
der mit seinem eigenen Prediger auf einem guten Fue stand, seitdem ihm dieser
einen Streifen Gartenland ohne Entschdigung abgetreten hatte.
    Er ist mir noch nicht gefllig gewesen, antwortete Bamme scharf. Diese
Pckchentrger sind malizise Kerle, und je glauer sie aussehen, desto mehr. Der
meinige ist ein Anspielungspastor.
    Das klingt, als ob Sie die Kirche besuchten, Bamme, schaltete die Grfin
ein. Ich wette, Sie haben seit zehn Jahren keine Predigt gehrt.
    Nein, gndigste Grfin. Aber ich habe ein Tendre fr Begrbnisse. Jeder hat
so seine Andacht, ich habe die meinige; und es rgert mich, durch allerhand
plumpes Zeug darin gestrt zu werden. Mit dem Jngling zu Nain oder dem
bekannten weiblichen Pendant desselben fngt er an, aber ehe fnf Minuten um
sind, ist er bei Babel, bei Sodom und hnlichen schlecht renommierten Pltzen,
starrt mich an, lt etwas Schwefel vom Himmel fallen und sagt dann mit
erhobener Stimme: Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott
schauen. Und das alles an meine Adresse. So hat er es fnf Jahre getrieben. Aber
seit letzte Ostern habe ich Ruhe.
    Nun? fragte die Grfin.
    Wir hatten wieder ein Begrbnis, eine hbsche junge Dirne; es war also
Jairi Tchterlein an der Reihe. Aber ihre Herrschaft whrte nicht lange; schon
auf halbem Wege war Pastor loci wieder bei Lot und seinen Tchtern und sah mich
an, als wre ich mit in der Hhle gewesen. Ich dachte, nun mu Rat werden. Und
so lud ich ihn aufs Schlo, nicht zu einer Auseinandersetzung, sondern einfach
zu Tisch. Als wir bei der zweiten Flasche waren - trinken kann er -, sagte ich:
Und nun, Pastorchen, einen Toast von Herzen; stoen wir an: Es lebe Lot! Ein
guter Kerl. Schade mit den beiden Tchtern. Und die Mutter kaum in Salz.
Apropos, wie hie doch der Sohn der ltesten Tochter? Nun denken Sie sich meinen
Triumph, er wut es nicht. Vielleicht war er blo verwirrt. Ich aber, mich an
seiner Verlegenheit weidend, schrie ihm ins Ohr: Bamme. Wir haben seitdem schon
drei Leichen gehabt, aber er verhlt sich ruhig.
    Lewin und Renate, die den Bammeschen Ton mehr von Hrensagen als aus eigener
Erfahrung kannten, wechselten Blicke miteinander; sie sollten indessen bald
gewahr werden, da der bermut des alten Husaren auch vor keckeren Sprngen
nicht zurckschreckte.
    Die Grfin wandte sich an den Domherrn, der, bis dahin wenig ins Gesprch
gezogen, eine leise Mistimmung zu verraten schien, und erbat sich seinen Rat
zugunsten baulicher Vernderungen, die vorerst einen dem Einsturze nahen
Derfflingerschen Bankettsaal im gegenbergelegenen Flgel, dann aber ganz
allgemein die Frage Kamin oder Ofen, ein entschiedenes Lieblingsthema des
Domherrn, betrafen. Er hatte sogar darber geschrieben. Medewitz war fr Kamine,
wobei er jedoch behufs Herstellung eines verbesserten Luftzuges auf
Wiedereinfhrung der mit Unrecht verbannten portalartigen Flgeltren dringen zu
mssen glaubte. Er setzte nunmehr weitschweifig auseinander, wie nach den
Ergebnissen neuerer Forschung alles Brennen auf einem starken Zustrom
sauerstoffreicher Luft beruhe und wie Kamine berall nur da gediehen, wo Tren
und Fenster solchen Luftstrom gestatteten. Er schlo dann mit folgendem
zugespitzten Satz: Das dichte Moosfenster ist der Tod, aber die zugige alte
Portaltr ist das Leben des Kamins.
    Bamme, der, wie wir wissen, selber gern sprach und vor allem einen Ha gegen
wissenschaftliche Begrndungen hatte, glaubte jetzt den Zeitpunkt gekommen, die
Unterhaltung wieder an sich reien zu drfen. Gndigste Grfin, hob er an,
scheinen geneigt, auf die Herstellung solcher Portaltren einzugehen. Darf ich
Sie warnen. Ich lege kein Gewicht darauf, da die groe, zweiflgelige Rundtr
doch eigentlich nichts anderes ist als das uralte, aus dem Wirtschaftshof in den
Salon transponierte Scheunentor, aber worauf ich glaube hinweisen zu mssen, das
sind die sozialen, um nicht zu sagen, die sittlichen Gefahren, die von dieser
Trform mehr oder minder unzertrennlich sind. Im hchsten Grade solide von
Erscheinung, ehrbar, wrdig und gesetzt, fhren sie zu Konsequenzen, die das
gerade Gegenteil von dem allen bedeuten. Ich bitte, nach dem Vorgange des
Domherrn auch mir eine wissenschaftliche Auseinandersetzung gestatten zu
wollen.
    Da sich kein Widerspruch erhob, fuhr er fort: Jedes Ding hat in einem
bestimmten Etwas die Wurzeln seiner Existenz. Bei dem Kamine, wie wir soeben
vernommen haben, ist es der Luftzug, bei der Klapptre meines Erachtens der
Bolzen. Nun mssen Sie mir die Versicherung gestatten, da der Bolzen ein hchst
diffiziler Gegenstand ist; ein Gegenstand, der seine besondere Abwartung
fordert, eine Pflichttreue ohnegleichen. Man knnte sagen: mit ihm steht und
fllt die Klapptre.
    Er machte eine Pause. Medewitz schttelte den Kopf.
    Es ist, wie ich sage, perorierte Bamme weiter. Sie mgen schlieen,
riegeln, klinken, soviel Sie wollen, Sie mgen sich noch so sehr in der
Sicherheit wiegen, alles fest, Sie werden diese Sicherheit als trgerisch
erkennen, wenn die einzigen wirklichen Garanten derselben, die groen
Haltebolzen, unbeachtet bleiben, wenn strflicher Leichtsinn es versumte, diese
rettenden Anker zu guter Stunde auszuwerfen. Und dieses Versumnis ist die
Regel. In neunundneunzig Fllen von hundert hat der Diener, dessen Armlnge
nicht ausreichte, darauf verzichtet, den Oberbolzen in seine ffnung zu
schieben, und in neunzehn Fllen von zwanzig ist er zu bequem gewesen, sich des
Unterbolzens halber zu bcken. Er hat sich mit dem leichteren begngt, hat sich
darauf beschrnkt, den Schlssel im Schlo zu drehen, und so eine blo
scheinbare Sicherheit geschaffen, hinter der alle Mchte des Verderbens lauern.
Ich habe selbst dergleichen erlebt. Darf ich davon erzhlen?
    Nicht ohne Zgern antwortete ihm ein zustimmendes Kopfnicken der Grfin.
    Bamme wartete dieses Kopfnicken aber nicht ab und fuhr, immer lebhafter
werdend, fort: Nun, die Leibkarabiniers zu Rathenow gaben uns einen Ball. Der
groe Gasthaussaal lief durch die halbe Etage, sieben Fenster Front, an der
unteren Schmalseite aber befanden sich in Gestalt einer Portaltre zwei jener
Scheuntorflgel, auf deren Wiedereinfhrung unser Domherr dringen zu mssen
glaubt. Ein Reisender, todmde, fhrt vor, und da alle Rume besetzt sind, ist
er schlielich froh, unmittelbar neben dem Saal ein Zimmer zu finden. Das Bett
steht an der Tr entlang. Schlaf! so seufzt er einmal ber das andere, und so
gering seine Chancen sind, er will es wenigstens versuchen. Mitunter kommt der
Gott, wenn man ihn ruft. Nur nicht, wenn die Leibkarabiniers tanzen. Der
Unglckliche schttelt endlich alle Mdigkeit von sich; Tanzmusik und rauschende
Kleider verwirren ihm die Sinne; die Neugier, die Wurzel alles bels, kommt ber
ihn, und siehe da, er richtet sich auf, um durch die nie fehlende Trritze
hindurch ein stiller Zeuge des Balles zu sein. Leichtsinnig Ahnungsloser!
Hingegeben ser Betrachtung, dringt er krftiger mit Stirn und Schultern vor;
er sieht, er lauscht; die Schelmereien kichernder Paare finden in ihm einen
unbemerkten Vertrauten, da, o Unheil, gebiert sich pltzlich jene Tcke, deren
unter allen Tren der Welt nur die groe Portaltre fhig ist, und langsam
nachgebend, aber mit einer Feierlichkeit, als handele es sich um den Einzug
eines Triumphators, ffnen sich jetzt die beiden groen Flgel nach rechts und
links hin, und huldigend liegt der Reisende zu unseren Fen. Erlassen Sie mir
die Einzelnheiten. Ich werde den Aufschrei hren bis an den letzten meiner Tage.
Und solche Klapptren, blo um verbesserten Luftzuges willen, will unser
Medewitz...
    Er kam nicht weiter. Die Grfin, persnlich nicht abgeneigt, den alten
General auf seinen gewagtesten Exkursionen zu begleiten, war sich doch
andererseits ihrer gesellschaftlichen Pflichten, insonderheit gegen ihre Nichte,
zu voll bewut, als da sie noch htte zgern mgen, den Rckzug einzuleiten.
Sie erhob sich, und dem Grafen ihren Arm reichend, bat sie die sich mit
erhebenden Gste, ihre Pltze behalten und sich die bevorzugte Stunde des
Desserts um keine Minute verkrzen zu wollen. Renate folgte mit Krach. Am
Eingange des Salons verneigten sich beide Damen gegen ihre Kavaliere, die, der
dadurch angedeuteten Weisung folgend, an die Tafelrunde zurckkehrten.

                                Sechstes Kapitel



                          Nullum vinum nisi hungaricum

Hier waren inzwischen, neben anderem Dessert, Schalen mit Obst sowie Ungar-,
Port- und alter Rheinwein aufgestellt worden. Vor Bamme stand eine langhalsige
Flasche Ruster Ausbruch in Originalverpackung. Er schenkte zunchst ein
Spitzglas bis zur Hlfte voll, befragte das Bouquet, zog einen Schluck langsam
ein, und allen Kennzeichen der Echtheit begegnend, setzte er das Glas mit einem
Ausdruck der Zustimmung wieder vor sich nieder. Lewin, Rutze, Medewitz rckten
nher, alle zu derselben Ungarfahne schwrend. Das ist recht; sagte Bamme und
fllte die Glser bis an den Rand, so was wchst nur in einem Husarenlande.
    An der anderen Tischhlfte saen jetzt Drosselstein und Krach, jener einen
Gravensteiner Apfel schlend, dieser auf eigene Hand mit einer Flasche
Liebfrauenmilch beschftigt. Er gehrte zu denen, die nchtern bleiben und sich
begngen, erst znkisch, dann zynisch und schlielich apathisch zu werden.
brigens stand er heute von Innehaltung seines Turnus ab.
    Da diesen Rheinhessen so was in die Fsser luft! hob er an und lie den
Inhalt seines Glases im Lichte spielen. Die schlechtesten Kerle den schnsten
Wein. Von allen Blutsaugern, die Anno 1806 und nun wieder in diesem Jahre durch
Bingenwalde gekommen sind, sind keine so verschrien wie diese. Man kann die
Kinder mit ihnen zu Bette jagen.
    Sie haben toller gehaust als die Schweden, erhob Medewitz von der andern
Seite des Tisches her seine Stimme, sie haben meinen Amtsverwalter ber Stroh
gesengt; sie taugen nichts, aber sie sind zh und tapfer.
    Tapfer wie alles, was auf Bergen wohnt, schaltete Rutze bekrftigend ein.
Auch bloe Hhenzge schon geben Charakter.
    Hauptmann! rief jetzt Bamme und schob den vor ihm stehenden Dessertteller
zurck, wir sind noch nicht tief genug in Wein, um Sie in Ihrem Protzhagener
Schweizerbewutsein ruhig hinnehmen zu knnen. Ist der Potsdamer Exerzierplatz
eine Gebirgsgegend?
    Rutze machte Augen und schien antworten zu wollen; seine Geisteskrfte
lieen ihn aber im Stich, so da der Handschuh von anderer Seite her aufgenommen
werden mute.
    ber die Berechtigung des Protzhagener Schweizergefhls, bemerkte
Drosselstein, whrend er dem immer noch nach Worten suchenden Hauptmann
freundlich zunickte, wird sich streiten lassen; aber was mir unbestreitbar
scheint, ist die besondere Tapferkeit der Gebirgsvlker. Nur die hart an der See
wohnenden Stmme sind ihnen ebenbrtig. Auch vollzieht sich darin nur ein
Natrliches. Der stete Kampf mit den Elementen erzeugt Kraft und Mut, und aus
Kraft und Mut wird die Kriegstchtigkeit geboren. Bedarf es der Beispiele? Die
Normnner umfuhren Europa, grndeten Staaten und eroberten Byzanz, und wenn die
Kuhhrner der alten Urkantone von den Bergen zu Tale klangen, so kam ein
Schrecken ber ganz Burgund. Vor dem Stoe der Gebirgsclane zitterte London. So
war es immer, und so ist es bis diesen Tag. Als alles demtig zu Fen des
Eroberers lag, stieg der erste Widerstand von den Bergen nieder: Spanien und
Tirol wagten den Kampf. Die ganze Geschichte dieses Jahrhunderts pldiert fr
Berg und See.
    Ich wei doch nicht, Herr Graf, nahm jetzt Lewin unter verbindlicher
Handbewegung gegen Drosselstein das Wort. ob ich Ihnen zustimmen darf. Der
Mensch ist und bleibt ein Sohn der Erde. Und wo er seine Mutter Erde am reinsten
und unmittelbarsten hat, da gedeiht er auch am besten, weil ihm hier die
Bedingungen seines Daseins am vollkommensten erfllt werden. Und so mchte ich
denn vermuten, da der scheinbare Triumph von Berg und See auf Ausnahmefllen
oder zum Teil auch auf bloen Tuschungen beruht. Berge sind natrliche
Festungen, und alle Festungen wollen belagert sein. Wer sie glaubt voreilig
strmen zu knnen, der scheitert, aber er scheitert mehr noch an Wall und Graben
als an der Tapferkeit ihrer Verteidiger. Das Gebirge reprsentiert die
Defensive, das Element der Eroberung ist in der Ebene zu Hause. Unseres Freundes
Seidentopf Semnonen, die Besieger einer Welt, wo stammten sie her, wo saen sie?
Hier, zu beiden Seiten der Oder, vielleicht in Guse, wo wir jetzt selber
sitzen.
    Bamme nickte; Lewin fuhr fort: Kein Land wird von den Bergen aus regiert.
Rom, als es Rom zu werden gedachte, stieg von der Hhe freiwillig an das
Tiberufer nieder. Keine Hauptstadt liegt im Gebirge; aus groen
Flachlandsterritorien wachsen die regierenden Zentren auf. Und in und mit ihnen
die Feldherrn und die Helden, von Hannibal und Csar bis auf Gustav Adolf und
Friedrich.
    Bravo! rief Bamme. Vom Standpunkte meines Metiers aus knnte ich mich
sogar bis zu dem Satze versteigen, da Weltgeschichte groen Stils, wie sie sich
in Hunnen- und Mongolenzgen darstellt, immer und ewig vom Sattel herab, also,
rundheraus gesagt, durch eine Art von urzustndlichem Husarentum gemacht worden
sei, aber ich entschlage mich aller persnlich eitlen Gedanken und proklamiere
lieber den Frieden! Entfalten wir unser Preuenbanner: Suum cuique! Bei Lichte
besehen, gilt von Vlkern und Stmmen dasselbe, was von den Menschen gilt: sie
sind alle zu brauchen. Aber freilich jeder an seiner Stelle. Da liegt's. Wer in
der Takelage des Victory bei wtender See und feuernden Breitseiten die
Trafalgaraffaire ausfechten will, der mu auf anderen Wassern geschwommen haben
als auf dem Schwilow-oder Schermtzelsee; wer aber umgekehrt bei Zorndorf durch
die russischen Vierecke hindurch will, leicht und gewandt wie ein Kunstreiter
durch den Papierreifen, dem hilft es nichts, und wenn er auf smtlichen
indischen Ozeanen den Haifischen die Buche aufgeschnitten hat. Es ist immer
wieder die alte Fuchs- und Storchengeschichte; dem einen pat der Teller, dem
andern die Flasche. Ich persnlich bin vielleicht der einzige Fuchs, zu dem auch
die Flasche pat. Vor allem solche. Stoen wir an. Es ist etwas Schnes um ein
ausgiebiges Latein: Nullum vinun nisi hungaricum.

                               Siebentes Kapitel



                                   Nach Tisch

Der Kaffee wurde im Spiegelzimmer genommen. Als auch die Herren hier erschienen,
um die nchste halbe Stunde wieder in Gesellschaft der Damen zu verplaudern,
fanden sie die Szene anders, als sie erwarten durften. Renate, von einem
leichten Unwohlsein befallen, hatte sich zurckgezogen; statt ihrer kam ihnen
Berndt von Vitzewitz entgegen, der, eben von Berlin her eingetroffen, die
Aufforderung seiner Schwester, der Grfin, an dem Schluakte des Diners
teilzunehmen, lchelnd abgelehnt hatte. Er war alt genug, um das Miliche
solchen verspteten Eintretens aus Erfahrung zu kennen.
    Lewin begrte den Vater. Auch die anderen Gste gaben ihrer Freude
Ausdruck, am lebhaftesten Bamme, der, ohne jede Spur von Kleinlichkeit, seine
Schtzung anderer nicht davon abhngig machte, wie hoch oder niedrig er
seinerseits taxiert wurde. Nur auf das, was er seine gesellschaftlichen Gaben
nannte, war er eitel. Und nach dieser Seite hin, wenn auch mit Einschrnkungen,
lie ihn Berndt von Vitzewitz gelten.
    Das Spiegelzimmer in seinem zurckgelegenen Teile wurde von drei
rechtwinkelig zueinander stehenden Estraden eingenommen, die, mit Blumen und
Topfgewchsen dicht besetzt, einen hufeisenfrmigen Separatraum bildeten, der
sich in den Trumeaux der gegenbergelegenen Fensterpfeiler spiegelte. Innerhalb
dieses Raumes, um einen lnglichen, auf vier Sulen ruhenden Marmortisch, der
fast die Form eines Altars hatte, nahmen die Gste Platz und waren, whrend die
kleinen Tassen prsentiert wurden, alsbald in einem Gesprch, das an
Lebhaftigkeit die kaum beendigte Tischunterhaltung noch bertreffen zu wollen
schien. Berndt hatte das Wort, alles war begierig, von ihm zu hren, er hatte
den Minister gesprochen.
    Schlagen wir los? fragte Bamme.
    Wir? Vielleicht. Oder wenn ich zu entscheiden habe: gewi! Aber die Herren
im hohen Rate? Nein. Am wenigsten der Minister. Er treibt Diplomatie, nicht
Politik. Unfhig, feste Entschlsse zu fassen, sucht er das Heil in Halbheiten.
Er spricht von Negociationen, ein Lieblingswort, das ihm noch aus alten Zeiten
her auf den Lippen sitzt. Wir haben nichts von ihm zu erwarten. Er lt uns im
Stich.
    Ich glaubte dich anders verstanden zu haben, bemerkte die Grfin. Er sei
dir entgegengekommen.
    Entgegengekommen! Ja persnlich, und solange es sich um Worte handelte.
Unter vier Augen schlgt er jede Schlacht. In der Idee sind wir einig: der
Kaiser mu gestrzt, Preuen wiederhergestellt werden. Aber ? wie? Da werden die
Herzen offenbar. Er will es auf dem Papier ausfechten, nicht mit der Waffe in
der Hand am grnen Tisch, nicht auf grner Heide. Er hat keine Ahnung davon, da
nur ein rcksichtsloser Kampf uns retten kann. Rcksichtslos und ohne Besinnen.
Noch haben wir das Spiel in der Hand; aber wie lange noch! Es fehlt ihm das
Erkennen der Wichtigkeit dieser Tage. Jede Stunde, die unbenutzt vorbergeht,
schreit gen Himmel und klagt ihn an als einen Schdiger und Verrter. Nicht aus
bsem Willen, aber aus Schwche.
    Und schilderten Sie ihm die Stimmung des Landes? fragte Drosselstein.
    Gewi, und mit einer Dringlichkeit, die jeden anderen fortgerissen htte.
Aber er! Als ich ihm unsere Gedanken eines Volksaufstandes entwickelte, als ich
ihn beschwor, das Wort zu sprechen, erschrak er und suchte sein Erschrecken
hinter einem Lcheln zu verbergen. Rsten wir rief ich ihm zu. Das gefiel ihm.
Ich hatte jetzt selber das Wort gesprochen, durch das er mich in geschickter
Ausnutzung, worin er Meister ist, zu beschwichtigen hoffte. Er trat mir nher
und sagte mit geheimnisvoller Miene, meine Worte wiederholend: Vitzewitz, wir
rsten. Aber auch dieses Nichts war ihm schon wieder zuviel. Wir rsten, fuhr er
fort, ohne hchstwahrscheinlich dieser Rstungen zu bedrfen, Napoleon ist
herunter, er mu Frieden machen, und wir werden ohne Blutvergieen zu unserem
Zwecke kommen. Englands und Rulands sind wir sicher. Ich war starr. Wir
trennten uns in gutem Vernehmen, scheinbar selbst in Einverstndnis, whrend
doch jeder die Kluft empfand, die sich zwischen unseren Anschauungen aufgetan
hatte. Als ich die Treppe hinabstieg, sagte ich mir: Also noch nicht belehrt!
Die Zeit noch nicht begriffen! Napoleon noch nicht kennengelernt!
    Drosselstein, Bamme, Krach, den Unmut Berndts teilend, schttelten den Kopf;
Medewitz aber, der seiner Unbedeutendheit gern ein Loyalittsmntelchen umhing,
glaubte jetzt den Moment zur Geltendmachung seiner ministeriellen
Rechtglubigkeit gekommen.
    Ich kann Ihre Entrstung nicht teilen, Vitzewitz, Ihre Hitze reit Sie
fort. Die Kuriere und Stafetten, die beinahe stndlich aus allen Hauptstdten
Europas eintreffen - wissen wir, was sie bringen? Nein. Sie, wie wir alle, sehen
die Dinge von einem Standpunkt mittlerer Erkenntnis aus. Der Minister aber hat
jenen berblick ber die Gesamtverhltnisse, der uns fehlt. Er ist gut
unterrichtet, ein Netz unserer Agenten umspannt Paris, der Kaiser ist auf
Schritt und Tritt beobachtet. Wenn Seine Exzellenz ausspricht: Er ist herunter,
er mu Frieden machen, so finde ich keine Veranlassung, dem zu widersprechen. Er
ist Minister. Er mu es wissen, und verzeihen Sie, Vitzewitz, er wei es auch.
    Berndt lachte. Es ist mit dem Wissen wie mit dem Sehen. Ein jeder sieht,
was er zu sehen wnscht, darin sind wir alle gleich, Minister oder nicht. Seine
Exzellenz wnscht den Frieden, und so erfindet er sich einen friedensbedrftigen
Kaiser. Das Netz seiner Agenten ist ihm dabei mit entsprechenden Berichten
gefllig; Kreaturen widersprechen nicht. Ein heruntergekommener Napoleon! O
heilige Einfalt! Er ist rhriger denn je und keck und herausfordernd wie immer.
An den sterreichischen Gesandten trat er whrend des letzten Empfanges heran.
Es war ein Fehler von mir, dies Preuen fortbestehen zu lassen, so warf er hin,
und als der Angeredete, den diese Worte verwirren mochten, vor sich hin
stotterte: Sire, ein Thron..., unterbrach er ihn mit einem Ah bah und setzte
bermtig hinzu: Was ist ein Thron? Ein Holzgerst, mit Sammet beschlagen.
    Bamme lchelte; die Grfin aber bemerkte ruhig: Darin hat er nun eigentlich
recht, il faut en convenir. Wir machen zuviel von solchen uerlichen Dingen und
sehen Erhabenheiten, wo sie nicht sind. Wer so viele Throne zusammengeschlagen
hat, kann nicht hoch von ihnen denken; a se dsapprend. Ich liebe ihn nicht,
aber in einem hat er meine Sympathien, il affronte nos prejugs. Er fhrt durch
unsere Vorurteile wie durch Spinneweb hindurch.
    Das tut er, erwiderte Berndt, und es ist nicht seine schlimmste Seite.
Aber von dir, Schwester, eine Zustimmung dazu zu hren, berrascht mich. Denn
wem verdanken wir diesen Fetischdienst, in dem auch wir drinstecken, diese
tgliche Versndigung gegen das erste Gebot: Du sollst nicht andere Gtter haben
neben mir, wem anders als deinen gefeierten Franzosen, vor allem jenem
aufgesteiften Halbgott, dem auch du die Schleppe trgst: Louis quatorze.
    Ce n'est pas a, Berndt, sagte die Grfin mit einem Anflge von
Heiterkeit, dem sich abfhlen lie, wie erfreut sie war, einen Irrtum
berichtigen zu knnen. Es ist das Gegenteil von dem allen. Ich hasse diese
Doktrinen, et ce Louis mme, ce n'est pas mon idole. Sachez bien, ich liebe die
franzsische Nation, aber ihren grand monarque liebe ich nicht, weil er seine
Nation in seinem pomphaften Gebaren verleugnet. Denn das Wesen des Franzsischen
ist Scherz, Laune, Leichtigkeit. In diesem Ludwig aber spukt von mtterlicher
Seite her etwas Schwerfllig-Habsburgisches bestndig mit. Und so waren alle
Bourbons. Nur einer unter ihnen, der keinen Tropfen deutschen Blutes in seinen
Adern hatte, und dieser ist mein Liebling.
    Le bon roi Henri, ergnzte Berndt.
    Ja er, fuhr die Grfin fort, der liebenswrdigste und zugleich der
franzsischeste aller Knige, ein gallischer Kampfhahn, kein radschlagender
Pfau, naiv, ritterlich, frei von Grandezza und gespreizten Manieren.
    Freier vielleicht, als einem Knige geziemt, scherzte Berndt weiter. Er
spielte Pferd mit dem Dauphin, als der spanische Gesandte bei ihm eintrat, und
Frau von Simier, nach dem Eindruck befragt, den der Knig auf sie gemacht habe,
konnte nur erwidern: J'ai vu le roi, mais je n'ai pas vu Sa Majest.
    Was du als einen Tadel nimmst oder wenigstens comme un demi-reproche, war
eher als ein Lob gemeint. Jedenfalls hielt es sich die Waage. Und wie konnt es
auch anders sein? Er ruhte sicher in sich selbst und gab sich offen in seinen
Schwchen, weil er den berschu von Kraft fhlte, den ihm die Gtter mit in die
Wiege gegeben hatten, in seine Wiege, die beilufig eine Schildkrtenschale war.
Er verschwieg nichts und persiflierte sich selbst in dem heiteren Darberstehen
eines Grandseigneurs. Jeder kleinste Zug, den ich von ihm kenne, entzckt mich.
Er hatte die Angewohnheit, berall Sachen mitzunehmen, und versicherte mit
gascognischer Schelmerei, que s'il n'avait pas t roi, il et t pendu.
    Dies wurde von Krach, der sich nach Art aller Geizigen in Mein- und
Deinfragen zu den rigorosesten Grundstzen bekannte, mit soviel Indignation
aufgenommen, wie die Rcksicht gegen die Erzhlerin irgendwie gestattete. Er
begann mit unkniglich und frivol und wrde sich noch hher hinaufgeschraubt
haben, wenn nicht Bamme gereizten Tones dazwischengefahren wre: Wer im groen
gibt, mag im kleinen nehmen. Freilich erst geben; da liegt die Schwierigkeit.
    Krach bi sich auf die Lippen, die Grfin aber sprach verbindlich zu ihm
hinber: Sie verkennen mich, Prsident, ich gebe Ihnen meinen Liebling in
Moralfragen preis. Es sind ganz andere Dinge, die mich an ihm entzcken. Hren
Sie, was Tallemant des Raux in seinen Memoiren von ihm erzhlt. Einer der
Hofleute, Graf Beauffremont, wute von der Untreue der schnen Gabriele. Er
sagte es dem Knige. Dieser aber bestritt es und wollt es nicht glauben; er
liebte sie zu sehr. Der Graf erbot sich schlielich, den Beweis zu geben, und
fhrte den Knig bis an das Schlafzimmer Gabrielens. In dem Augenblick, wo sie
eintreten wollten, drehte sich le roi Henri um und sagte: Non, je ne veux pas
entrer; cela la fcherait trop.
    Medewitz, der selbst Trauriges erlebt hatte, bemerkte, da er den Knig
nicht begreife; die Grfin aber fuhr fort: In dieser Anekdote haben Sie den
Knig tout  fait. Er hielt zu dem Wahlspruch, den Franz I. in ein Fenster zu
Schlo Chenonceaux einschnitt:

Souvent femme varie
Et fol est qui s'y fie.

berhaupt erinnert er an diesen Knig; nur bertrifft er ihn. Unser Geschlecht,
in seinen Schwchen und seinen Vorzgen, ist nie besser verstanden, nie
ritterlicher behandelt worden, und die Frauen aller Lnder sollten ihm
Bildsulen errichten. Freilich wrde es an Neidern nicht fehlen, wie sein
eigenes Frankreich einen solchen erstehen sah.
    Einen Neider? fragte der in der franzsischen Memoirenliteratur glnzend
bewanderte Graf und schien durch diese Frage einen Zweifel ausdrcken zu wollen.
    C'est a, fuhr die Grfin fort, und zwar in Gestalt seines eigenen
Enkels, des grand monarque. Als die Stadt Pau ihrem geliebten Henri eine Statue
errichten wollte, suchte sie bei Hofe darum nach. Ludwig XIV. sagte nicht ja und
nicht nein, sondern schickte statt aller Antwort sein eigenes Bildnis. Aber er
hatte den Witz der guten Brger von Pau nicht gebhrend mit in Rechnung gezogen.
Diese richteten das Denkmal auf und gaben ihm die Inschrift: Celui-ci est le
petit-fils de notre bon Henri.
    Und wie lief es ab? fragte Rutze, der, nach Kinderart, zwischen Anekdote
und Erzhlung keinen Unterschied machend, an dem Hergange selbst ein greres
Interesse nahm als an der Pointe. Die Grfin lchelte.
    Es ist eine Erzhlung ohne Schlu, lieber Rutze. Der Knig wird schwerlich
von dieser Inschrift gehrt, noch weniger sie gelesen haben. Es ist immer
milich, solche Scherze zu hinterbringen. brigens sorgte gerade damals der
Feldzug am Rhein fr Aufregungen, die das Auge des Knigs nach anderer Seite hin
abzogen. Es war die Erntezeit seines Ruhmes, auch seines kriegerischen. Und doch
war keine Spur von einem Feldherrn in ihm. Le bon roi Henri schlug die
Schlachten, le grand roi Louis lie sie schlagen; aber Dichter und Maler sind
nicht mde geworden, Olymp und Heroenwelt nach Vergleichen fr ihn zu
durchsuchen.
    Ich glaube gehrt zu haben, bemerkte Berndt, da er eines gewissen
militrischen Talentes, wie es hohe Lebensstellungen sehr oft ausbilden, nicht
entbehrte.
    Graf Tauentzien war der entgegengesetzten Meinung. Und ich darf annehmen,
da seine Meinung bereinstimmend mit dem Urteil des Prinzen war.
    Das Urteil des Knigs wrde mir kompetenter sein.
    Die Grfin schwieg pikiert, aber nach kurzer Weile fuhr sie fort: Du weit,
Berndt, da der Knig selber aussprach: Le prince est le seul qui n'ait jamais
fait de fautes. Es scheint mir darin zugestanden, da er in der Theorie des
Krieges, in allem, was Wissen und Urteil angeht, der Bedeutendere war.
    Berndt zuckte. Wer die Praxis hat, hat auch die Theorie. Was entscheidet,
sind die Blitze des Genies.
    Aber das Genie hat mannigfache Formen der Erscheinung. Der Prinz wrde bei
Hochkirch nicht berrascht worden sein.
    Und bei Leuthen nicht gesiegt haben. Du berschtzest den Prinzen.
    Du unterschtzest ihn.
    Nein, Schwester, ich weise ihm nur die Stelle an, die ihm zukommt: die
zweite. Zu allen Zeiten ist die Neigung dagewesen, in solchen Personalfragen die
Weltgeschichte zu korrigieren. Aber Gott sei Dank, es ist nie geglckt. Das
Volk, allem Besserwissen der Eingeweihten, allem Spintisieren der Gelehrten zum
Trotz, hlt an seinen Gren fest.
    Aber es sollte de temps  temps diese Gren richtiger erkennen.
    Gerade hierin erweist es sich als untrglich, wenigstens das unsere, das in
seiner Nchternheit vor berrumpelungen gesichert ist. Es zweifelt lange und
strubt sich noch lnger. Aber zuletzt wei es, wo seine Liebe und seine
Bewunderung hingehrt. Ich habe dies in den letzten Jahren des groen Knigs,
wenn Dienst oder Festlichkeiten mich nach Berlin riefen, mehr als einmal
beobachten knnen.
    Ich meinerseits habe von entgegengesetzten Stimmungen gehrt, und mir sind
Drohreden des untrglichen Volkes hinterbracht worden, die sich hier nicht
wiederholen lassen.
    Es wird auch an solchen nicht gefehlt haben. Ein gerechter Knig, whrend
er sich Tausende zu Dank verpflichtet, wird von Hunderten verklagt. Aber was er
den Tausenden war, das lie sich erkennen, wenn er, von der groen Revue
kommend, seiner Schwester, der alten Prinze Amalie, die er oft das ganze Jahr
ber nicht sah, seinen regelmigen Herbstbesuch machte.
    Rutze, der sich solcher Besuche erinnern mochte, nickte zustimmend mit dem
Kopf; Berndt aber fuhr fort: Ich seh ihn vor mir wie heut, er trug einen
dreieckigen Montierungshut, die weie Generalsfeder war zerrissen und schmutzig,
der Rock alt und bestaubt, die Weste voll Tabak, die schwarzen Sammethosen
abgetragen und rot verschossen. Hinter ihm Generale und Adjutanten. So ritt er
auf seinem Schimmel, dem Cond, durch das Hallesche Tor, ber das Rondel, in die
Wilhelmsstrae ein, die gedrckt voller Menschen stand, alle Hupter entblt,
berall das tiefste Schweigen. Er grte fortwhrend, vom Tor bis zur Kochstrae
wohl zweihundertmal. Dann bog er in den Hof des Palais ein und wurde von der
alten Prinzessin an den Stufen der Vortreppe empfangen. Er begrte sie, bot ihr
den Arm, und die groen Flgeltren schlossen sich wieder. Alles wie eine
Erscheinung. Nur die Menge stand noch entblten Hauptes da, die Augen auf das
Portal gerichtet. Und doch war nichts geschehen: keine Pracht, keine
Kanonenschsse, kein Trommeln und Pfeifen; nur ein dreiundsiebzigjhriger Mann,
schlecht gekleidet, staubbedeckt, kehrte von seinem mhsamen Tagewerk zurck.
Aber jeder wute, da dieses Tagewerk seit fnfundvierzig Jahren keinen Tag
versumt worden war, und Ehrfurcht, Bewunderung, Stolz, Vertrauen regte sich in
jedes einzelnen Brust, sobald sie dieses Mannes der Pflicht und der Arbeit
ansichtig wurden. Chre Amlie, auch dein Rheinsberger Prinz ist eingezogen.
Hast du je Bilder wie diese vor Augen gehabt oder auch nur von ihnen gehrt?
    Die Grfin wollte antworten, aber der eintretende Jger meldete, da die
Schlitten vorgefahren seien. So wurde das Gesprch unterbrochen. Es erfolgte nur
noch eine Einladung auf Silvester, bis zu welchem Tage Baron Pehlemann
hoffentlich von seinem Anfall wiederhergestellt, Doktor Faulstich aber seiner
Ziebinger Umgarnung entzogen sein werde. Eine Viertelstunde spter flogen die
Schlitten auf verschiedenen Wegen ins Oderbruch hinein. Berndt, behufs
Erledigung von Kreis- und anderen Amtsgeschften, begleitete Drosselstein nach
Hohen-Ziesar. Den weitesten Weg hatten Lewin und Renate, quer durch das Bruch
hindurch. Als sie vor dem Hohen-Vietzer Herrenhause hielten, berichtete Jeetze
mit einem Anflug von Vertraulichkeit, da die jungen Berliner Herrschaften vor
einer Stunde angekommen, aber, ermdet von der Reise, schon zur Ruhe gegangen
seien.
    Also auf morgen! Damit trennten sich die Geschwister.

                                 Achtes Kapitel



                                    Chez soi

ber dem Salon, aus dem die Wendeltreppe mit dem Nubaumspalier ins obere Stock
fhrte, befand sich das Schlafzimmer der Grfin. Ein stiller Raum, hoch und
gerumig, die Fenster nach Norden zu. Unter gewhnlichen Verhltnissen htte man
diese Lage tadeln drfen; hier aber, wo die Neigung vorherrschte, sich erst
durch die Mittagssonne wecken zu lassen, gestaltete sich, was anderen Orts ein
Fehler gewesen wre, zu einem Vorzug. In der Mitte des Zimmers, nur mit der
einen Schmalseite die Wand berhrend, stand das Bett, ein groer, mit schweren
Vorhngen ausgestatteter Behaglichkeitsbau und nicht eine jener sargartigen
Kisten, die das Schlafen als eine Nebensache oder gar als eine Strafe erscheinen
lassen. Ein zuverlssiger Mensch wacht aber nicht nur ordentlich, sondern
schlft auch ordentlich, und es war eine Feinheit unserer Sprache, das richtig
drapierte Grobett ohne weiteres zum Himmelbett zu erheben.
    Die Grfin, noch unter dem Einflu des Streits, den sie mit dem Bruder
gehabt hatte, und verstimmt, an einer, wie sie nicht zweifelte, siegreichen
Entgegnung verhindert worden zu sein, stieg die Wendeltreppe langsam hinauf,
whrend ihr ihre Jungfer, ein hbsches, blutjunges Ding von entschieden
wendischem Typus, mit einem Ausdruck von Schelmerei und Schlauheit folgte. Es
war Eva Kubalke, des alten Hohen-Vietzer Ksters jngste Tochter und Schwester
von Maline Kubalke.
    Beide nahmen dieselbe bevorzugte Stellung ein. Eva war Liebling und
Vertraute bei Tante Amelie, Maline bei Renaten.
    Es verging eine geraume Zeit, whrend welcher die Grfin nicht sprach.
Endlich schien sie ihrer Verstimmung Herr geworden zu sein; sie setzte sich vor
einen Spiegel und begann ihre Nachttoilette zu machen. Die Kleine sah ihr
bestndig nach den Augen. Endlich sagte die Grfin unter freundlichem Zunicken:
Nun, Eva?
    Gndigste Grfin sind so still.
    Ja. Aber nun sprich. Nimm den Kamm. Was gibt es?
    O vielerlei, gndigste Grfin. Frulein Renate war wieder so gut. Sie hat
mir alles erzhlt. Ich freue mich immer, wenn sie Kopfweh hat und aus dem Salon
nach oben kommt. Da hre ich doch von Hohen-Vietz und meiner Schwester Maline.
    Wie steht es mit dem Brutigam? War es nicht der junge Scharwenka?
    Ja, aber sie hat ihm abgeschrieben.
    Ihm abgeschrieben? Dem reichen Krgerssohn?
    Das war es eben. Es sind harte Leute, die Scharwenkas, hart und
bauernstolz. Er hat ihr vorgeworfen, da sie arm sei. Aber da war es vorbei. Sie
machte sich auch nicht viel aus ihm. Sie will nun in die Stadt.
    Wenn es nur gut tut.
    Aber wissen denn gndigste Grfin, da der Hathnower Pastor Hochzeit gehabt
hat?
    Der Hathnower?
    Ja, gestern, am zweiten Feiertage. Es sollte was Apartes sein.
    Und mit wem denn?
    Mit einer Berlinerin. Und wie er dazu gekommen ist! Es ist eine ganze
Geschichte.
    Nun, so erzhle doch.
    Er war letzten Sommer in Berlin auf Besuch bei einem Freunde, auch
Prediger. Den Namen habe ich vergessen, aber ich besinne mich noch.
    La ihn.
    Nun, der Freund wohnte in einem groen Hause, zwei Treppen hoch. Ein
Gewitter zog herauf, und es go wie mit Kannen. Als es vorber war und der Regen
nur noch leise fiel, legten sich beide Freunde ins offene Fenster und sahen auf
die Strae, die unter Wasser stand, so da die Brckenbohlen umherschwammen.
Aber soll ich weiter erzhlen?
    Gewi.
    Sie sahen also auf die Strae und die Brckenbohlen, aber auch auf ein paar
groe Rosenstcke, die Regens halber umgelegt waren und gerade unter ihnen aus
dem Fenster herausguckten. Die Freunde sprachen noch, und der Hathnower wollte
sich eben nach den eine Treppe tiefer wohnenden Wirtsleuten erkundigen, als ein
Arm herausgestreckt wurde, der dicht ber den Rosenstcken hin einen kleinen
irdenen Blumentopf, in dem nur zwei, drei Bltter wuchsen, in den Regen
hinaushielt. Ein paar Tropfen fielen auf die Bltter und auch auf den Arm; und
dann verschwand er wieder. Es war wie eine Erscheinung, soll der Hathnower
gesagt haben. Den zweiten Tag hielt er an. Es ist eine Steuerratstochter.
    Das htte ich dem Kleinen nicht zugetraut. Er ist sonst so schchtern.
    Die Leute wissen auch nicht recht, was sie daraus machen sollen. Die einen
meinen, es habe ihn so gerhrt, die Liebe zu den drei kleinen Blttern, und er
habe gleich gesagt, die mu jeden glcklich machen; die andern aber meinen, Frau
Grfin verzeihen, der Arm habe es ihm angetan.
    Es wird wohl der Arm gewesen sein bemerkte die Grfin mit ruhiger
berzeugung.
    Eva, die ein Schelm war, erwiderte, da es ja doch ein Prediger sei, und
fuhr dann in ihrem Abendrapporte fort: Auf der Manschnower Mhle ist
eingebrochen.
    Beim alten Kriele?
    Ja, gndigste Grfin. Sie haben ihm all sein Gespartes genommen, und das
Pferd aus dem Stall dazu. Sie mssen die Gelegenheit gut gekannt haben, denn das
Geld lag unter dem Fuboden; aber sie brachen die Dielen auf.
    Hat man auf wen Verdacht?
    Die Diebe hatten alte Soldatenrcke an, halb zerrissen, so da man nichts
Bestimmtes erkennen konnte. Die Manschnower meinen, es wren Marodeurs gewesen,
Franzosen, die das Mitnehmen noch immer nicht lassen knnten. Ihre Gesichter
hatten sie schwarz gemacht.
    Dann waren es keine Franzosen. Wer sein Gesicht schwrzt, der frchtet
erkannt zu werden. Und du sagtest selbst, sie wuten Bescheid in der Mhle.
    Aber die Soldatenrcke.
    Das wird sich aufklren.
    Damit brach das Gesprch ab. Die Toilette war beendet, das Haar leicht
zusammengesteckt, und die Grfin bot Eva gute Nacht. Diese, bevor sie das Zimmer
verlie, trat noch an einen groen Stehspiegel heran und lie, wie man ein
Fensterrouleau herunterlt, einen grnseidenen Vorhang ber den Trumeau
herabrollen.
    Dies geschah jeden Abend, und es ist ntig, ein Wort darber zu sagen. Wie
alle alten Schlsser, so hatte auch Schlo Guse sein Hausgespenst, und zwar eine
Schwarze Frau. Diese Weien und Schwarzen Frauen gelten bei Kennern als die
allerechtesten Spuke, gerade weil ihnen das fehlt, was dem Laien die Hauptsache
dnkt: eine Geschichte. Sie haben nichts als ihre Existenz; sie erscheinen blo.
Warum sie erscheinen, darber fehlen entweder alle Mitteilungen, oder die
Mitteilungen sind widerspruchsvoll. So war es auch in Guse. Die Erzhlungen
gingen weit auseinander, nur das stand fest, da das Erscheinen der Schwarzen
Frau jedesmal Tod oder Unglck bedeute. Die Grfin, sonst eine beherzte Natur,
lebte in einem steten Bangen vor dieser Erscheinung; was ihr aber das
peinlichste war, war der Gedanke, da sie mglicherweise einmal einem bloen
Irrtum, ihrem eignen Spiegelbilde zum Opfer fallen knne. Da sie sich immer
schwarz kleidete, so hatte diese Besorgnis eine gewisse Berechtigung, und sie
traf ihre Vorkehrungen darnach. Die Anlage der mehrerwhnten Wendeltreppe stand
im Zusammenhange damit; sie wollte das Spiegelzimmer nicht passieren, wenn sie
sich sptabends aus dem Salon in ihr Schlafzimmer zurckzog. In diesem letzteren
war nun natrlich der groe Trumeau ein Gegenstand ihrer besonderen
Aufmerksamkeit und Besorgnis, und ein durch Eva auch nur einmal versumtes
Herablassen des Vorhanges wrde schwerlich ihre Verzeihung gefunden haben.
    Es war heute noch frh, kaum elf Uhr, und die Grfin, die ohnehin die Nacht
am liebsten zum Tage gemacht htte, hatte keinen Grund, die Ruhe vorzeitig
aufzusuchen. Es waren noch Briefe zu schreiben.
    Sie setzte sich an einen mit Schildpatt und Boulearbeit ausgelegten Tisch,
der zwischen Bett und Fenster stand, berflog einen kurzen Brief, der ihr zur
Linken lag, und schrieb dann selbst:

Mon cher Faulstich. Tout va bien! Demoiselle Alceste, wie sie mir heute in
einem unorthographischen Billet (le style c'est l'homme) anzeigt, hat
akzeptiert. Sie wird am 30. in Guse sein et, comme j'espre, den Dr. Faulstich
bereits hier antreffen. Sie drfen mich nicht im Stiche lassen.
    Meinen Dank fr die Vorschlge, die Sie gemacht. Ihre Begeisterung fr de la
Harpe, den Sie zu favorisieren scheinen, kann ich nicht teilen, weder fr die
Barmecides noch fr den Comte de Warwick. Die rot angestrichenen Stellen (Tome
VII erfolgt zurck) lasse ich gelten.
    Ich habe mich, aprs quelque hsitation, fr Lemierre entschieden, nicht fr
den Barnevelt, der soviel Aufsehen gemacht hat und der reifer ist, sondern fr
den Guillaume Tell, justement parcequ'il n'a pas cette maturit. Er hat dafr
Schwung, Feuer, Leidenschaft. Demoiselle Alceste, ohne da ich ihr Urteil
kaptiviert htte, ist mir beigetreten. Ich leugne brigens nicht, da auch
Rcksichten auf den Effekt meine Wahl bestimmt haben. Clofs Paraphrasen an die
Freiheit sind genau das, was man jetzt hren will, et comme Intendant en Chef du
Thtre du chteau de Guse habe ich die Verpflichtung, Neues, Zeitgemes zu
bringen und mich dem Geschmacke meines Publikums anzubequemen. S'accomoder au
got de tout le monde, c'est la demande de notre temps. Das Beste wird
Demoiselle Alceste tun mssen et encore plus la surprise. Also Verschwiegenheit,
auch gegen Drosselstein.
    Aber eines fehlt noch, cher Docteur, et c'est pour cela que je recours 
votre bont. Es fehlt ein Prolog, ein Epilog, ein Chorus, ein Irgendetwas, das
vorwrts oder rckwrts oder seitwrts weist, denn so knnte man den Chorus
vielleicht definieren. Sie werden schon das Richtige finden. J'en suis sre.
Vielleicht tte es auch ein Lied. Aber es mte etwas Leichtes sein, das Renate
vom Blatte singen knnte.
    N'oubliez pas que je vous attends le 30. Je suis avec une parfaite estime
votre affectionne
                                                                          A. P.

Ein zweiter Brief war an Demoiselle Alceste gerichtet. Er enthielt nur den
Ausdruck der Freude, sie mit nchstem zu sehen. Die Grfin siegelte beide
Briefe, lschte die auf dem Schreibtische stehenden Kerzen und legte sich
nieder. Nur noch die italienische Lampe brannte. Sie band, wie sie seit vielen
Jahren tat, ein safranfarbenes Tuch um ihre Stirn und versuchte zu lesen, aber
das Buch entfiel ihrer Hand. Die Eindrcke des Tages zogen an ihr vorbei; sie
hrte die heftigen Reden Berndts, dann klangen sie ruhiger, und die groen
Portaltren, die Bamme mit soviel Eindringlichkeit geschildert hatte, ffneten
sich langsam und leise. Aber in den Saal, in dem die Leibkarabiniers tanzten,
trat niemand anderes als Mademoiselle Alceste, die Worte Lemierres auf den
Lippen, den Sieg auf der Stirn. Alles applaudierte.
    Der Traum spann sich weiter; die Grfin schlief.

                                Neuntes Kapitel



                               Untreuer Liebling

Der andere Morgen sah die beiden Geschwisterpaare, Lewin und Renate und Tubal
und Kathinka, beim Frhstck versammelt. Nach herzlicher Begrung und sich
berstrzenden Fragen, die teils der Christbescherung im Ladalinskischen Hause,
teils der gestrigen Reunion in Schlo Guse galten, wurden die Dispositionen fr
den Tag getroffen. Kathinka und Renate wollten auf der Pfarre vorsprechen, dann
Marie zu einer Plauderstunde abholen, whrend die beiden jungen Mnner einen
Besuch in dem benachbarten Stdtchen Kirch-Gritz verabredeten. Die Anregung
dazu ging von Tubal aus, der in der Jenaer Literaturzeitung einen mit dem vollen
Namen Doktor Faulstichs unterzeichneten Aufsatz Arten und Unarten der Romantik
gelesen und sofort den Entschlu gefat hatte, bei seiner nchsten Anwesenheit
in Hohen-Vietz den Doktor aufzusuchen.
    Erst nach Regelung aller dieser Dinge kam das bis dahin hastig und
sprungweise gefhrte Gesprch in einen ruhigeren Gang, und die Hohen-Vietzer
Geschwister drangen jetzt in Tubal, ihnen von der durch Jrga improvisierten
Weihnachtssitzung, besonders aber von Hansen-Grell, dieser jngsten Akquisition
der Kastalia, zu erzhlen. Auch Kathinka wollte von ihm hren.
    Ich werde schlecht vor eurer Neugier bestehen, begann Tubal. Es geht mein
Wissen, trotzdem ich Jrga am ersten Feiertage gesprochen, nicht wesentlich
ber das hinaus, was ich in meinem langen Weihnachtsbriefe bereits geschrieben
habe. Er ist unschn, von schlechtem Teint und hat wenig Grazie. Aber dieser
Eindruck verliert sich, wenn er spricht. Manches an ihm erklrt sich aus seinem
Namen, der als ein Abri seiner Lebensgeschichte gelten kann. Sein Vater, ein
einfacher Grell, in Gantzer gebrtig und ursprnglich Soldat, wurde, wer wei
wie, nach Dnemark verschlagen. Er heiratete daselbst, und zwar im
Schleswigschen, eines wohlhabenden Handwerkers Tochter. In jenen Gegenden heit
alles Hansen; zugleich ist dort die Sitte verbreitet, den Kindern einen aus dem
Familiennamen des Vaters und der Mutter gebildeten Doppelnamen mit auf den
Lebensweg zu geben. So entstanden die Hansen-Grells. Einige Jahre spter zog es
den Vater, der inzwischen geschulmeistert, sich als Turmuhrmacher und
Orgelspieler versucht hatte, wieder in sein mrkisches Dorf zurck, und er
schrieb an die Gutsherrschaft in Gantzer, in einem langen Briefe schildernd, wie
gro sein Heimweh sei. Der alte Jrga, als er das las, war an seiner schwachen
Stelle getroffen, und vier Wochen spter trafen Grell und Frau nebst einer
ganzen Kolonie von Hansen-Grells in Gantzer ein.
    Und der alte Jrga schaffte Rat; dessen bin ich sicher, warf Lewin
dazwischen. Es ist eine Familie, wie wir keine bessere haben. Ohne Lug und
Trug. Sie sind mit den Zietens verschwgert und mit den Rohrs; von den einen
haben sie die Hand, von den anderen das Herz.
    Es ist, wie du sagst, fuhr Tubal fort. Es fand sich ein Haus, ein Amt,
ein Streifen Land, und unser Hansen-Grell kam auf die Havelberger Schule. Als er
aber halbwachsen war, wurde seiner Mutter Blut und Namen in ihm lebendig, und er
erschien eines Tages bei den Groeltern in Schleswig. Er hatte die ganzen
fnfzig Meilen zu Fu gemacht. Es war ein gewagtes Ding, aber es schlug ihm zum
Guten aus, selbst in Gantzer, wo der alte Jrga dem alten Grell
auseinandersetzte, da jeder Mensch, aus dem etwas geworden sei, der eine
frher, der andere spter, eine Desertion begangen habe. Selbst Kronprinz
Friedrich. In der Groeltern Haus wuchs inzwischen unser Hansen-Grell heran und
ging nach Kopenhagen; es war dasselbe Jahr, in dem die Englnder die Stadt
bombardierten. Einzelne Vorgnge, die seiner Umsicht wie seinem Mut ein gleich
glnzendes Zeugnis ausstellten, fhrten ihn als Erzieher in das Haus eines
Grafen Moltke, in dem er glckliche Jahre verlebte. Seine skandinavischen
Studien fallen in diese Zeit. Als aber Schill, dessen Auftreten er mit glhendem
Patriotismus verfolgt hatte, von dnischen Truppen umstellt und dann in den
Straen Stralsunds zusammengehauen wurde, kam der Grell in ihm so nachdrcklich
heraus, da er, brigens unter Fortdauer guter Beziehungen zu dem Moltkeschen
Hause, seine Kopenhagener Stellung aufgab und ins Brandenburgische
zurckkehrte.
    Es berrascht mich, bemerkte Lewin, nie frher von ihm gehrt zu haben.
Wo war er all die Zeit ber? Unser Jrga zhlt sonst nicht zu den
Schweigsamen.
    Ich mchte vermuten, da er seine Zeit zwischen literarischen
Beschftigungen in Berlin und Aushilfestellungen auf dem Lande teilte. Dann und
wann war er in Gantzer. In Stechow, wenn ich recht verstanden habe, hat er
gepredigt. Im brigen wird er vor Ablauf einer Woche meine Mitteilungen
vervollstndigen knnen. Und wenn nicht er, so doch jedenfalls Jrga, der,
whrend er ihn ironisch zu behandeln scheint, eine fast respektvolle Vorliebe
fr ihn hat. Er rhmt vor allem sein Erzhlertalent, wenn es sich um
skandinavische Naturbilder oder um die Schilderung persnlicher Erlebnisse
handelt. Schon in dem Hakon Borkenbart, den er uns vorlas, trat dies hervor. Es
war mir interessant, mit welcher Aufmerksamkeit Bninski folgte, erst dem
Gedichte, dann dem Dichter, vielleicht noch mehr dem Menschen. Aber ich entsinne
mich, ich schrieb schon davon.
    Es will mir scheinen, Tubal, nahm hier Kathinka das Wort, da du dem
Grafen deine persnlichen Empfindungen unterschiebst. Er verlangt Schnheit,
Form, Esprit, alles das, was dieser nordische Wundervogel, in dem ich
schlielich eine Eidergans vermute, nicht zu haben scheint. Bninski ist durchaus
fr sdliches Gefieder. Er hat gar kein Verstndnis fr preuische Kandidaten-
und Konrektoralnaturen, die nie prosaischer sind, als wo sie poetisch oder gar
enthusiastisch werden.
    Da verkennst du den Grafen doch, erwiderte Tubal, und Lewin setzte mit
einer Verbeugung gegen die schne Cousine hinzu: Ich mu auch widersprechen,
Kathinka; Bninskis Neigungen gehen den Weg, den du beschrieben hast, aber er ist
zugleich eine tiefer angelegte Natur, und es dmmert in ihm die Vorstellung, da
es gerade die Hansen-Grells sind, die wir vor den slawischen
Gesellschaftsvirtuosen, vor den Mnnern des Salonfirlefanzes und der endlosen
Liebesintrige voraushaben. brigens ist es Zeit, unser Thema abzubrechen.
Kirch-Gritz ist eine Stunde, und die Tage sind kurz. Wir nehmen doch die
Jagdflinten? Mglich, da uns ein Hase ber den Weg luft.
    Tubal stimmte zu. Ihr Adieu fr den Moment ihres Aufbruchs sich
vorbehaltend, verlieen beide Freunde das Zimmer, um sich fr ihre Jagd- und
Gesellschaftsexpedition zu rsten.
    Auch die jungen Damen standen auf, und Renate begann die Brotreste zu
verkrumeln, mit denen sie jeden Morgen ihre Tauben zu fttern pflegte.
    Kathinka, in einem enganschlieenden polnischen berrock von dunkelgrner
Farbe, der erst jetzt, wo sie sich erhoben hatte, die volle Schnheit ihrer
Figur zeigte, war ihr dabei behilflich. Alles, was Lewin fr sie empfand, war
nur zu begreiflich. Ein Anflug von Koketterie, gepaart mit jener leichten
Sicherheit der Bewegung, wie sie das Bewutsein der berlegenheit gibt, machten
sie fr jeden gefhrlich, doppelt fr den, der noch in Jugend und Unerfahrenheit
stand. Sie war um einen halben Kopf grer als Renate; ihre besondere Schnheit
aber, ein Erbteil von der Mutter her, bildete das kastanienbraune Haar, das sie,
der jeweiligen Mode Trotz bietend, in der Regel leicht aufgenommen in einem
Goldnetz trug. Ihrem Haar entsprach der Teint und beiden das Auge, das,
hellblau, wie es war, doch zugleich wie Feuer leuchtete.
    Sieh, sagte Renate, whrend sie mit einer Schale voll Krumen auf das
Fenster zuschritt, sie melden sich schon. Und in der Tat hatte sich drauen
auf das verschneite Fensterbrett eine atlasgraue Taube niedergelassen und pickte
an die Scheiben. Das ist mein Verzug, setzte sie hinzu und drehte die Riegel,
um die Krumen hinauszustreuen. Kathinka war ihr gefolgt. In dem Augenblick, wo
das Fenster sich ffnete, huschte die schne Taube herein, setzte sich aber
nicht auf Renatens, sondern auf Kathinkas Schulter und begann unter Gurren und
zierlichem Sich drehen ihren Kopf an Kathinkas Wange zu legen.
    Untreuer Liebling! rief Renate, und in ihren Worten klang etwas wie
wirkliche Verstimmung.
    La߫, sagte Kathinka. Das ist die Welt. Untreue berall; auch bei den
Tauben.
    In diesem Momente traten die beiden Freunde wieder ein, um sich, wie
angekndigt, bei den jungen Damen bis auf Sptnachmittag zu empfehlen. Sie
trugen Jagdrcke, Pelzkappen, hohe Stiefel, dazu die Flinten ber die Schulter
gehngt. Nehmen wir einen Hund mit? fragte Tubal.
    Nein. Tiras lahmt, und Hektor scheucht alles auf und bringt nichts zu
Schu. Das beste Tier und der schlechteste Hund. So brachen sie auf.

                                Zehntes Kapitel



                                  Kirch-Gritz

Kirch-Gritz liegt an der andern Seite der Oder, sdstlich von Hohen-Vietz. Es
standen zwei Wege zur Wahl, und die beiden Freunde beschlossen, auf dem
Hinmarsche den einen, auf dem Rckmarsche den andern einzuschlagen. Sie
passierten zuerst das Dorf, dann den Forstacker. Als sie bei Hoppenmariekens
Huschen vorberkamen, das stumm und verschlossen dalag, standen sie neugierig
still und lugten hinein. Sie sahen aber nichts. Dann schlugen sie einen Fusteig
ein, der diesseitig in halber Hhe des Oderhgels hinlief. Dann und wann flog
eine Schack-Elster auf; nichts, was einen Schu verlohnt htte.
    Sie sprachen von Faulstich, und Tubal skizzierte den Artikel aus der Jenaer
Literaturzeitung, den Lewin nicht gelesen hatte. Ich frchte fast, sagte
dieser, da der Verfasser hinter dem Eindruck, den seine Arbeit auf dich
machte, zurckbleiben wird. Er ist ein kluger und interessanter Mann, aber doch
schlielich von ziemlich zweifelhaftem Geprge.
    Desto besser. Ich bin, wie du brigens wissen knntest, unserer Tante
Amelie gerade verwandt genug, um alles, was einen Stich hat, zum Teil um dieses
Stiches willen zu bevorzugen. Und Faulstich wird keine Ausnahme machen. Er ist
mir schon interessant dadurch, da er in Kirch-Gritz lebt, ein Mann, der sich
an die sublimsten Fragen wagt. Welche Schicksalswelle hat ihn an diesen Strand
geworfen?
    Wir wissen wenig von ihm, und das wenige bedarf wahrscheinlich auch noch
der Korrektur. Er ist ein Altmrker, wenn ich nicht irre, aus der Gardelegener
Gegend, wo sein Vater Prediger war, ein strengglubiger, was dem Sohne von
Jugend auf widerstand. Nichtsdestoweniger ging er, dem Willen des Vaters
nachgebend, nach Halle und begann theologische Studien. Er kam aber, durch
literarische Liebhabereien abgezogen, nicht recht vorwrts. Eine Art sthetische
Feinschmeckerei war schon damals seine Sache. Er lernte den um mehrere Jahre
jngeren Ludwig Tieck kennen, spielte den Beschtzer, zugleich das oberste
kritische Tribunal, und diese Bekanntschaft, so kurz und oberflchlich sie war,
war es doch, was ihn schlielich nach allerhand Zwischenfllen nach Kirch-Gritz
fhrte.
    Und diese Zwischenflle la mich hren.
    Gewi; denn sie sind charakteristisch fr den Mann. Es kam endlich zum
vlligen Bruch zwischen Vater und Sohn, und schon erwog dieser, ob er sich nicht
einer herumziehenden Schauspielergesellschaft anschlieen solle, als er sich
durch in Berlin angeknpfte Verbindungen in den Kreis der Rietz-Lichtenau
gezogen sah. Dieser Kreis, wie du von deinem Papa oft gehrt haben wirst, war
besser als sein Ruf. Die Rietz, zu manchem anderen, das sie besa, hatte gute
Laune, scharfen Verstand und ein natrliches Gefhl fr die Knste. Sie pate
fr ihre Rolle. Es war eben allerlei Verwandtes zwischen ihr und Faulstich, der
sich bald unentbehrlich zu machen wute. Er stellte Bilder, erfand Bonmots
frstlicher Personen, sorgte fr Klatsch und Anekdoten und machte die
Festgedichte. All dies hatte natrlich ein Ende, als die Seifenblase der
Lichtenauschen Gre zerplatzte, und Faulstich, wie vier Jahre frher in Halle,
sah sich zum zweiten Male den bittersten Verlegenheiten gegenber.
    ... Aus denen ihn nun Tieck, wie der besternte Frst in der Komdie,
befreite.
    Du sagst es. Die gelockerten Beziehungen knpften sich wieder an; Faulstich
tat den ersten Schritt. Tieck seinerseits, der eben damals den Gestiefelten
Kater gebracht hatte und mit dem Zerbino und der Genoveva in Vorbereitung war,
begriff leicht, was ihm Faulstich in den zu fhrenden Fehden wert sein mute.
Denn er war kein gewhnlicher Kritiker. Voller Phantasie verstand er es, den
Intentionen, selbst den Capricen der jungen Schule zu folgen. So halb aus
Interesse, halb aus Gutmtigkeit empfahl ihn Tieck an die Burgsdorffs nach
Ziebingen hin. Den Rest errtst du leicht.
    Doch nicht, gib wenigstens eine Andeutung.
    Gut. Er kam also nach Ziebingen, was im weiteren zur Bekanntschaft mit Graf
Drosselstein und bald auch zur bersiedelung nach Hohen-Ziesar fhrte. Ich kann
mich dessen noch entsinnen. Es fiel ihm zu, in der etwas wst gewordenen
Bibliothek wieder Ordnung zu schaffen, und der Graf, soweit ihm die Parkanlagen
Zeit lieen, ging ihm dabei zur Hand. Sie entdeckten alte, mit Initialen reich
ausgestattete Drucke, Ritterbcher aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, die nun,
im Triumphe nach Ziebingen geschafft, einen erwnschten Stoff zu neuen
Dichtungen und noch mehr zu kritischen Untersuchungen boten. Etwa um 1804 wurde
die zweite Lehrerstelle in Kirch-Gritz frei. Dem Familieneinflu erwies es sich
nicht schwer, das Einrcken Faulstichs in diese Stelle durchzusetzen. Auch Tante
Amelie wirkte mit. Es ist eine halbe Sinekure, und die paar pflichtmigen
Lektionen fallen gelegentlich noch aus. Die Kirch-Gritzer mssen sich eben
damit trsten, da jede Stunde, die ihrer Stadtschule verlorengeht, der
romantischen Schule zugute kommt.
    Ob es ihnen leicht wird?
    Ich zweifle. Von dem Brombeerstrauche kleinstdtischer Magistrate sind eben
keine Trauben zu pflcken. Auch lt sich nicht behaupten, da Doktor Faulstich
es ihnen leicht macht.
    Ist er hochmtig?
    Im Gegenteil, er hat das Verbindliche, das allen Leuten innewohnt, die
ihren ethischen Bedarf aus dem sthetischen Fonds bestreiten. Er ist
entgegenkommend, immer scherzhaft, zum mindesten kein Spielverderber. Dem
allerkrausesten Zeuge hrt er nicht nur geduldig zu, sondern antwortet auch mit
einem verbindlichen, Ihrem Gedankengange folgend, unter welchem
Hflichkeitsdeckmantel er dann entweder erst Klarheit in das Chaos bringt oder
auch gerade das Gegenteil von dem Gesagten festzustellen wei. Seine Klugheit
und seine affablen Manieren sind es, die ihn halten, aber er gibt Ansto durch
sein Leben, seinen Wandel.
    So war sein Sich-heimisch-Fhlen im Hause der Rietz mehr als ein Zufall?
    Ich frchte, da es so ist. Er lebt mit einer kinderlosen Witwe, einer Frau
von beinahe Vierzig; du wirst sie sehen. Sie beherrscht ihn natrlich, und seine
gelegentlichen Bestrebungen, ihr den bescheidenen Platz anzuweisen, der ihr
zukommt, scheitern jedesmal.
    Aber warum schttelt er sie nicht ab?
    Dazu gebricht es ihm an Kraft. Er ist eine schwache Natur. Und in dieser
schwachen Natur steckt auch das, was mehr Ansto gibt als alles andere: sein
Mangel an Gesinnung.
    Ist denn Kirch-Gritz der Ort, solche Schden aufzudecken?
    Ein jeder Ort, mcht ich meinen, ist dazu geschickt. Und Faulstich hlt
nicht hinterm Berge. Er bekennt sich offen zu seinem Sybaritismus, zu einer
allerweichlichsten Bequemlichkeit, die von nichts so weit ab ist als von
Pflichterfllung und dem kategorischen Imperativ. Er kennt nur sich selbst. Alle
Grotat interessiert ihn nur als dichterischer Stoff, am liebsten in
dichterischem Kleide. Eine Arnold-von-Winkelried-Ballade kann ihn zu Trnen
rhren, aber eine Bajonettattacke mitzumachen wrde seiner Natur ebenso unbequem
wie lcherlich erscheinen.
    Das teilt er mit vielen. Es liee sich darber streiten, ob das ein Makel
sei.
    Ich wrde dir unter Umstnden zustimmen knnen. Aber wenn wir im
allgemeinen in der Aufstellung unserer Grundstze strenger sind als in ihrer
Bettigung, so gibt es doch auch Ausnahmen, wo wir dem Leben und seiner Praxis
das nicht gestatten mgen, was uns der Theorie nach noch als statthaft
erscheint. Ich wei es nicht, aber ich gehe jede Wette ein, da das, was in
diesen Weihnachtstagen alle preuischen Herzen bewegt hat, von unserem Kirch-
Doktor entweder einfach als eine Strung empfunden oder aber gar nicht beachtet
worden ist. Meine Shakespeareausgabe gegen ein Uhlenhorstsches Trakttchen, da
er vom neunundzwanzigsten Bulletin auch nicht eine Zeile gelesen hat. Eine
Einladung nach Guse oder Ziebingen erscheint ihm wichtiger als eine
Monarchenzusammenkunft oder ein Friedensschlu. Er ist in nichts zu Hause als in
seinen Bchern; Volk, Vaterland, Sitte, Glauben - er umfat sie mit seinem
Verstande, aber sie sind ihm Begriffs-, nicht Herzenssache. Heute als Kustos an
die Pariser Bibliothek berufen, wrde er morgen bereit sein, den Kaiser zu
apotheosieren. Und das empfinden die kleinen Leute, unter denen er lebt. Es wird
jetzt ein Landsturm geplant; ber kurz oder lang werden auch die Kirch-Gritzer
ausrcken. Doktor Faulstich aber? Er wird ihnen nachsehen, lachen und zu Hause
bleiben.
    Whrend dieses Gesprches hatten die beiden Freunde den Punkt erreicht, wo
der am diesseitigen Abhang sich hinziehende Weg scharf ansteigend nach links hin
abzweigte. Sie folgten dieser Abzweigung und standen nach wenigen Minuten auf
dem Rcken des Hgels, den Flu zu Fen, jenseits desselben das neumrkische
Flachland. Alles in Schnee begraben, die vereinzelten Terrainwellen in der
weien Flche verschwindend. Auch das Oderbett htte sich kaum erkennen lassen,
wenn nicht inmitten desselben eine durch den Schnee hin abgesteckte Kiefernallee
die Fahrstrae von Frankfurt bis Kstrin und dadurch zugleich den Lauf des
Flusses bezeichnet htte. Rechtwinklig auf diese Fahrstrae stieen Queralleen,
welche die Kommunikation zwischen den Ufern unterhielten und in ihrer
Verlngerung, hben wie drben, auf sprlich verstreute Ortschaften zufhrten.
    Die Freunde freuten sich des Bildes, das, trotz seiner Monotonie, nicht ohne
Reiz und einen gewissen Anflug von Feierlichem war.
    Wozu gehrt der Kirchturm dort drben, mit den groen Schallchern und der
goldenen Kugel? fragte Tubal.
    Zu Dorf tscher.
    tscher! Ich habe nie den Namen gehrt.
    Und doch spielt er in unserer Geschichte mit. Zwei Meilen weiter sdlich
liegt Kunersdorf, wo Kleist fiel und der Knig in die historischen, besser als
alles andere den Moment schildernden Worte ausbrach: Will denn keine verdammte
Kugel mich treffen? Hierher, auf tscher zu, zogen sich an jenem furchtbaren
Augusttage die zu Compagnien zusammengeschmolzenen Regimenter, Schiffbrcken
wurden geschlagen, und angesichts der Stelle, wo wir jetzt stehen, gingen die
Trmmer ber den Strom. Das hier zur Rechten ist Reitwein. Ein Finkensteinsches
Gut. Dort bernachtete der Knig.
    Es ist ein Glck, dich hier als Fhrer zu haben. Ich htte dieser de jeden
historischen Moment abgesprochen.
    Sehr mit Unrecht. Es liegen hier Schtze auf Schritt und Tritt. Da ist
Kriegsrat Wohlbrck drben in Frankfurt, der seit Jahren die Materialien zu
einer Historie des Landes Lebus sammelt und auch in Hohen-Vietz war, um unser
Gutsarchiv zu durchforschen. Den hab ich mehr als einmal sagen hren: Es fehlt
uns nicht an Geschehenem, kaum an Geschichte, aber es fehlt uns der Sinn fr
beides. Sieh hier drben den verschneiten Huserkomplex hinter den zwei
schiefstehenden Weiden, das ist unser Ziel: Kirch-Gritz dans toute sa gloire.
Es wirkt in diesem Augenblick wie eine Biberkolonie, und doch war es ein
Bischofssommersitz, der im 14. Jahrhundert eine berhmte Wallfahrtskirche und im
16. Jahrhundert ein noch berhmteres Marienbild hatte. Aber la uns jetzt
hinabsteigen; der Habicht, der dort fliegt, ist auer unserm Bereich. Ich
erzhle dir, so du noch hren willst, von dem Neste vor uns. Ohnehin spielen
deine Landsleute vom Bug und der Weichsel her eine Rolle in der Geschichte der
Stadt.
    Da bin ich neugierig, erwiderte Tubal, obschon ich frchten mu, wenig
Schmeichelhaftes zu hren.
    Die Geschichte schmeichelt selten, fuhr Lewin fort, whrend sie den
Weitermarsch antraten.
    Eines Tages, ich gehe gleich in medias res, waren also die Polen im Lande,
sengten, plnderten, mordeten und brachen auch in ein Frauenkloster ein, das
hierherum in unmittelbarer Nhe von Kirch-Gritz stand. Eine der Nonnen, hart
bedrngt, suchte sich des Anfhrers zu erwehren und beschwor ihn, von ihr
abzulassen; sie wollte ihn zum Dank dafr einen festmachenden Spruch lehren,
dessen Kraft er gleich an ihr selbst erproben mge. Dabei kniete sie nieder. Er
war auch bereit und hieb zu, whrend sie die Worte sprach: In manus tuas,
Domine, commendo spiritum meum. Er aber entsetzte sich, als der Kopf vom Rumpfe
flog.
    Eine kurze Pause folgte; dann sagte Tubal: Aber du sprachst von noch
anderen Vorkommnissen; la mich hoffen, da sie polnischer Zutat entbehren.
    Es ist so. Was noch brigbleibt, mag als ein neumrkisches Lokalereignis
gelten; doch eben deshalb ist es um so niederdrckender. Die Kirch-Gritzer
hatten ein wunderttiges Marienbild, und dieses Bild schien allen Wechsel der
Zeiten berdauern zu sollen. Auf allen Nachbarkanzeln wurde bereits die neue
Lehre gepredigt, aber die Pilgerfahrten zur Heiligen Jungfrau, deren Mirakel in
der eigenen Bedrngnis mit jedem Tage stiegen, hatten ihren Fortgang. Das reizte
den Kstriner Markgrafen, einen scharfen Protestanten, und er gab dem
Landeshauptmann im Lande Sternberg, Hansen von Minkwitz, Befehl, dem Unfug ein
Ende zu machen. Minkwitz nahm zehn oder zwlf bewaffnete Brger aus der Stadt
Drossen, die zu seinem Amtsbezirke gehrte, und rckte mit ihnen auf
Kirch-Gritz zu. Er gedachte das wunderttige Bildnis einfach wegzufhren. Aber
es kam anders, als er wollte und sollte. Unterwegs schlossen sich nmlich in
allen Drfern, die er zu passieren hatte, Bauern und loses Gesindel seinem Zuge
an, Leute, die noch vor wenig Wochen zu der allerheiligsten Jungfrau gebetet und
ihre Pfennige zu den Fen derselben niedergelegt hatten. Und so brachen denn in
Folge dieses Zuwachses die Minkwitzschen nicht mehr als ein geordneter Trupp,
sondern als ein wilder, regelloser Haufen in Kirch-Gritz ein. Das
Muttergottesbild sah sich von seinem Standort gestrzt und in unzhlige Stcke
zerschlagen; alles andere: Chorsthle, Schnitzereien, Trauerfahnen, wurden
zerrissen oder verbrannt. In die goldgestickten Megewnder aber, die diesem
Schicksal entgingen, kleidete sich schlielich das Gesindel und zog in wstem
Mummenschanz in seine Drfer heim. Der ganze Hergang ein zum Himmel schreiendes
Beispiel, wie wenig in den sogenannten Glaubenszeiten der Glaube und wieviel die
Roheit bedeutet. Nur da sich jener in diese kleidet, gilt als ein Beweis seiner
Kraft.
    Ich mchte dir widersprechen, warf Tubal ein.
    Es sei darum, aber nicht jetzt. Dies hier vor uns sind die ersten Huser
von Kirch-Gritz. Und wir knnen nicht mit Pro und Contras auf den Lippen bei
Doktor Faulstich eintreten.

                                 Elftes Kapitel



                                Doktor Faulstich

Kirch-Gritz bestand aus wenig mehr als einer einzigen Strae, die sich in ihrer
Mitte zu einem schmalen, ein unregelmiges Dreieck bildenden Platz mit nur zwei
Eckhusern erweiterte.
    In einem dieser Eckhuser wohnte Doktor Faulstich. Es war zweistckig, mit
hohem Dach, und gehrte der verwitweten Seilermeister Griepe, die den oberen
Stock an den stdtischen Rentamtmann, das nach dem Platze zu gelegene
Frontzimmer des Erdgeschosses aber an unsern Doktor vermietet hatte. Eine
dahintergelegene groe Stube mit Kochgelegenheit bewohnte sie selbst. Was sonst
noch an Raum da war, wurde durch einen tiefen, gewlbten Torweg eingenommen, in
dem die harkenartigen Stnder aus der ehemaligen Reeperbahn des seligen Meisters
umherstanden.
    Tubal und Lewin traten in den Torweg ein und klopften an der ersten Tre
links. Eine etwas hohe, aber im brigen wohlklingende Stimme rief Herein, und
im nchsten Augenblicke sahen sich unsre Freunde durch Doktor Faulstich begrt.
Dieser entsprach auch in seiner uern Erscheinung dem Charakterbilde, das Lewin
von ihm entworfen hatte. Trotz allem auf den ersten Blick Gewinnenden fehlte
doch mancherlei, und wenn das leicht gekruselte Haar und mehr noch die weiten
Beinkleider aus grokariertem Stoff ihn momentan als einen Mann erscheinen
lieen, der sich daran gewhnt hatte, mit seinen Ansprchen nicht allzuweit
hinter denen seines Umgangs zurckzubleiben, so kennzeichneten ihn daneben
Chemise und Halstuch und ein hervorguckender Rockhngsel als einen Gelehrten von
herkmmlicher Parure, der gegen Sauberkeit au fond gleichgiltig und fr seine
Scheineleganz zu grerem Teile dem Drosselsteinschen Schneider verpflichtet
war.
    Er schien aufrichtig erfreut, die beiden jungen Mnner zu sehen, und ber
die Lobsprche leicht hinweggehend, die Tubal seiner kritischen Arbeit spendete,
schob er mit einem scherzhaften: Sie sehen, meine Herren, die Ehrenpltze des
Sofas sind okkupiert, zwei Binsensthle an den Tisch. Tubal und Lewin nahmen
Platz, whrend der Doktor, ber den eine gewisse Wirtlichkeitsunruhe gekommen
war, an die Hinterwand des Zimmers eilte und, mit dem Zeigefingerknchel dreimal
anklopfend, zugleich aufmerksam hinhorchte, ob drinnen auch geantwortet wrde.
Diese Antwort schien nicht auszubleiben, denn er kehrte, befriedigten Gesichts,
zu seinen Gsten zurck, ihnen mit einem Anfluge von Ironie mitteilend, da er
vor kaum einer Stunde einen Brief aus dem Cabinet der Frau Grfin Tante
erhalten habe. Inhalt: Silvestergeheimnis.
    Es wrde nun dies Geheimnis das Schicksal aller hnlichen gehabt haben,
nmlich das, sofort ausgeplaudert zu werden, wenn nicht das Erscheinen der Witwe
Griepe das eben anhebende Gesprch unterbrochen htte.
    Sie blieb in der Tre stehen, und mit einem Ausdruck uerster
Respektlosigkeit, der ihr im brigen immer noch hbsches Gesicht geradezu
verzerrte, auf den ngstlich dasitzenden Doktor blickend, fate sie alles, was
sie zu sagen hatte, in ein halb wie Frage und halb wie Drohung klingendes Na?
zusammen.
    Ich mchte Sie bitten, Frau Griepe, uns etwas Obst zu bringen, Hasenkpfe,
Reinetten. Auch Brot und Butter.
    Gleich?
    Ich bitte darum. Die Herren kommen von Hohen-Vietz.
    Diese halbe Vorstellung blieb nicht ohne Wirkung, um so weniger, als Tubal,
der es in solchen Dingen nicht genau nahm, sich leise gegen Frau Griepe
verbeugte. Eine solche Huldigung gefiel ihr, noch mehr der, von dem sie ausging.
Sie musterte Tubal mit jenem Blicke suchenden Einverstndnisses, in dem, je
nachdem, der Reiz und die Widerwrtigkeit Frau Griepes lag, und verschwand dann
wieder, ohne die Bitte Faulstichs mit einem Ja oder Nein beantwortet zu
haben.
    Lewin hatte sich inzwischen in dem Zimmer des Doktors umgesehen, das,
trotzdem es gerumig war, nirgends Platz und Bequemlichkeit bot. Eine durchweg
vorherrschende Unordnung sorgte noch mehr dafr als Anhufung von Sachen. Auf
dem runden Tische nicht blo, auch auf den umherstehenden Sthlen lagen
Schulhefte, Bcher, samt ganzen Haufen durcheinandergeschobener belletristischer
Bltter; am buntesten aber sah es auf dem mit einem hlichen blaugelben
Wollenstoff berzogenen Schlafsofa aus, in betreff dessen Faulstich selbst mit
nur allzu groem Rechte bemerkt hatte, da die Ehrenpltze bereits okkupiert
seien. Nur von der einen Ecke zu sprechen, die sich unmittelbar neben dem
Arbeitsschemel des Doktors befand, so stand hier ein rasch beiseite gesetztes
Kaffeegeschirr, auf dessen porzellanener Zuckerdose ein eleganter Einband lag.
Ein Teelffel als Lesezeichen. Erfreulicher als dieser Anblick wirkte die kleine
Portrtgalerie, die sich in zwei Reihen ber der Sofalehne hinzog. Es waren
Silhouetten, Kalenderbilder, auch in Gips- oder Wachsmasse ausgefhrte
Medaillons, die Lewin in ihrer Gesamtheit leicht als einen Parna unsrer
romantischen Dichter erkannte; die Kpfe der beiden Schlegel, auch Tiecks und
Wackenroders traten ihm in ihren charakteristischen Profilen entgegen.
    Er begann eben Fragen an einzelne dieser Bildnisse zu knpfen und hrte mit
Interesse, wie schwer es dem Doktor geworden sei, diese Sammlung in einiger
Vollstndigkeit herzustellen, als ein Klappern drauen an der Tr die Rckkehr
der Frau Griepe verkndete. Sie trat ein, setzte den erbetenen Imbi, in dem sie
einen Haufen Bltter mit wenig verhehlter Geringschtzung beiseite schob, auf
den Tisch, lie dem Na! und Gleich? ihrer ersten Unterhaltung jetzt ein
ebenso kurzes So folgen und entfernte sich dann wieder mit jenem berheblichen
Gesichtsausdruck, den gewhnliche Frauen ihrem Opfer nie schenken, wenn sie aus
diesem oder jenem Grunde ihre Herrscherrolle momentan mit der Rolle einer
Dienerin vertauschen mssen.
    Faulstich atmete auf, er begann ungezwungener zu werden und bat, das durch
Frau Griepe Gebotene nunmehr seinerseits auf eine hhere Stufe heben zu drfen.
Ich bin nicht immer so gut assortiert wie heute, damit trat er an einen
Wandschrank heran, der, einem scheuen Blicke nach, womit Lewin darber
hinstreifte, ein Chaos zu enthalten schien, und kam mit einem ganzen Arm voll
Sachen, die sich unschwer als Ziebinger Weihnachtsreste erkennen lieen, an den
Tisch zurck. Es waren Gewrzkuchen, Marzipan und eine langhalsige Flasche
Maraschino in Originalverpackung. Auch ein paar Spitzglser brachte er herbei.
Aber die Flasche Maraschino war noch nicht geffnet. Er nahm also ein kleines
Karlsbader Messer, an dem sich ein Duodezkorkenzieher befand, und begann zu
ziehen. Was sich voraussehen lie, geschah; der Korkzieher brach ab. Was tun? Er
warf das Messerchen beiseite, besann sich einen Augenblick und sagte in ziemlich
bedrckt klingendem Scherz: Ich habe nicht den Mut, die Sanftmut Frau Griepens
auf eine letzte Probe zu stellen; wir mssen es anderweitig versuchen. Und
damit setzte er zwei Gabeln ein und zog den Kork.
    Er nahm nun selber Platz, fllte die Spitzglschen und stie an auf das Haus
Hohen-Vietz. Lewin dankte, Tubal aber lie die Arten und Unarten der
romantischen Schule leben. Faulstich war nicht unempfindlich gegen solche
Huldigungen und lchelte, whrend Tubal fortfuhr: Ich mchte sie, geehrtester
Herr Doktor, nicht gern in ein Gesprch ber Dinge verwickeln, die Sie abgetan
haben; Roma locuta est; aber eine Bemerkung mssen Sie meiner Neugier zugute
halten: Haben Sie nicht Novalis auf Kosten Tiecks berschtzt?
    Ich glaube kaum, erwiderte Faulstich, der klug genug war, in solchen
Fragen eher ein Lob als einen Tadel zu erblicken; ich zweifle, da er berhaupt
berschtzt werden kann. Die ganze Schule vereinigt sich in dieser Anschauung.
    Auch Tieck? Empfindet er nicht solche Neudekretierung als eine
Thronentsetzung?
    Keineswegs, denn diese Neudekretierung geht von ihm selber aus. Er ist
Kritiker genug, um in Novalis die Spitze, die Vollendung der Schule zu erkennen,
und er ist ehrlich genug, das, was er erkannt hat, auch auszusprechen. Selbst
auf die Gefahr hin einer Einbe eigenen Ruhms.
    Es berrascht mich doch, einer so besonderen Wertschtzung des zu frh
Verstorbenen zu begegnen.
    Es bedarf einer besonderen Organisation und kaum minder einer
allereingehendsten Beschftigung mit ihm, um diesem Lieblinge der Schule, wie
ich ihn nennen darf, folgen zu knnen. Es gilt dies gleichmig von seiner Prosa
wie von seinen Versen. Aus dem Eindruck, den ich von Ihnen gewonnen habe, mchte
ich schlieen, da Sie von Natur darauf angelegt sind, in die kleine
Novalisgemeinde einzutreten. Und das ist die Hauptsache. Ob andererseits Ihre
Beschftigung mit dem Dichter Ihrer natrlichen Beanlagung fr ihn entspricht,
ist mir nach mehr als einmal gemachter Erfahrung zweifelhaft. Ich wei, wie
selbst die zurckschrecken, die sich zu ihm bekennen.
    Ich kann keinen Grund haben, erwiderte Tubal in guter Laune, mit dem
Bekenntnis einer Oberflchlichkeit zurckzuhalten, die hier wie berall eine
meiner Tugenden ist. Ich kenne seinen Roman und zwei, drei Lieder: Kreuzgesang,
Bergmannslied und hnliches.
    Das alles zhlt zu seinen besten Sachen, aber das Beste ist nicht immer das
Eigentlichste. Als ich Sie die Strae heraufkommen sah, las ich eben in seinen
Hymnen der Nacht. In diesen Hymnen haben Sie den eigentlichen Novalis.
    Bei diesen Worten nahm der Doktor das elegant gebundene Buch, legte das
sonderbare Lesezeichen ohne jeglichen Anflug von Verlegenheit beiseite und sagte
dann, in dem Buche bltternd: Ich widerstehe nicht der Versuchung, Sie mit
einigem, was ich eben las, bekannt zu machen.
    Die beiden Freunde stimmten zu.
    Wir gelten ohnehin als Fanatiker, fuhr Doktor Faulstich fort, und wo
Fanatismus ist, da ist auch Proselytenmacherei. brigens werde ich Ihre Geduld
nicht ungebhrlich in Anspruch nehmen. Es sind nur wenige Zeilen, eine
Verherrlichung des Griechentums. Faulstich las nun die betreffende Stelle und
sagte dann, als er das Buch wieder aus der Hand legte: Ist die griechische Welt
je tiefer und treffender geschildert worden? Und doch ist diese Schilderung nur
der bergang zu der des Christentums. Hren Sie selbst. Jede Zeile berhrt mich
wie Musik.
    Und er las weiter: Im Volke, das vor allem verachtet und der seligen
Unschuld der Jugend trotzig fremd geworden war, erschien mit nie gesehenem
Angesicht die neue Welt: in der Armut dichterischer Htte der Sohn der Ersten
Jungfrau und Mutter. Einsam entfaltete sich das himmlische Herz zu einem
Bltenkelch allmchtiger Liebe, und mit vergtternder Inbrunst schaute das
weissagende Auge des blhenden Kindes auf die Tage der Zukunft, unbekmmert ber
seiner Tage irdisches Schicksal.
    Der Doktor schwieg. Die beiden Freunde waren aufmerksam gefolgt.
Sonderbar, bemerkte Lewin, es berhrt mich fast, als ob diese Schilderung,
innig, wie sie ist, hinter der Verherrlichung des Griechentums zurckbliebe.
Sollte die Sehnsucht nach der Schnheit doch mchtiger in ihm gewesen sein als
die christliche Legende samt dem Glauben an sie?
    Tubal schttelte den Kopf. Ich empfand hnliches wie du, ohne dieselben
Schlsse daraus zu ziehen. Die Kraft des poetischen Ausdrucks ist kein
Gradmesser fr unsere berzeugungen, kaum fr unsere Neigungen. Ich liebe den
Frieden de tout mon coeur, aber ich wrde den Krieg um vieles leichter und
besser verherrlichen knnen. Alles Farbige hat den Vorzug, und selbst schwarz
ist besser als wei. Nimm unsere frmmsten Dichter; wo Gott und der Teufel
geschildert werden, kommt jener zu kurz.
    Doktor Faulstich, der, whrend Tubal sprach, in dem Novalisbande, als ob er
eine bestimmte Stelle suche, weitergeblttert hatte, nickte zustimmend und
bemerkte dann zu Lewin: An einer allerintimsten Stellung unseres Dichters zum
Christentum ist gar nicht zu zweifeln; kme dieser Zweifel aber auf, so wr es
mit seiner Suprematie vorbei. Denn es ist nicht das Ma seines Talents, sondern
das Ma seines Glaubens, was ihn ber die Mitstrebenden erhebt. Es gibt auch
eine Romantik des Klassischen, aber die wirkliche Wiege und Wurzel alles
Romantischen ist eben die Krippe und das Kreuz. In allem Schnsten, was die
Schule geschaffen hat, klingt laut oder leise dieser Ton, und die Sehnsucht nach
dem Kreuz ist ihr Kriterium. In keinem ist diese Sehnsucht lebendiger als in
Novalis; er hat sich in ihr verzehrt. Sie nannten schon den, Kreuzgesang; aber
schner, tiefer sind die Strophen, mit denen er die Reihe seiner, Geistlichen
Lieder einleitet. Ich lese Ihnen wenige Zeilen, weil ich der Wirkung derselben
sicher bin:

Wenn alle untreu werden,
So bleib ich dir doch treu,
Da Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sei.
Fr mich umfing dich Leiden,
Vergingst fr mich in Schmerz,
Drum geb ich dir mit Freuden
Auf ewig dieses Herz.

Oft mu ich bitter weinen,
Da du gestorben bist
Und mancher von den Deinen
Dich lebenslang vergit.
Von Liebe nur durchdrungen,
Hast du soviel getan,
Und doch bist du verklungen,
Und keiner denkt daran.

Der Doktor, der mit von Zeile zu Zeile bewegter werdender Stimme gelesen hatte,
legte das Buch aus der Hand; dann fuhr er fort: Seit dem Paul Gerhardtschen. "O
Haupt voll Blut und Wunden" ist nichts hnliches in deutscher Sprache gedichtet
worden. Und das in diesen Zeiten des Abfalls!
    Tubal war bewegter als Lewin; er stand, wie alle sinnlichen Naturen, unter
dem Einflu schwrmerischen, sich anschmiegenden Wohllauts. So schritt er,
whrend Lewin das Novalisgesprch mit dem Doktor fortsetzte, auf das Fenster zu
und sah hinaus. Schulknaben und Mdchen in Pelzmtzen und roten Kopftchern
kamen die Straen herauf und jagten und schneeballten sich, whrend Hunderte von
krnerpickenden Sperlingen hin und her hpften, aber nicht aufflogen. Alles
atmete Frieden, und Tubal, der im Anblick dieses Bildes das in einer stillen
Sehnsucht wurzelnde Glck, wie es die Vorlesung der Strophen in ihm angeregt
hatte, wachsen fhlte, trat jetzt vom Fenster her wieder an den Tisch und sagte,
dem Doktor die Hand reichend: Wie beneide ich Ihnen diese Kirch-Gritzer Tage!
Statt des Geschwtzes der Menschen Schnheit und Tiefe, und dabei die Mue, sich
beider zu freuen.
    Lewin schwieg. Er kannte zuviel von der Wirklichkeit der Dinge, um
zuzustimmen; der Doktor aber antwortete: Sie haben aus dem Becher nur gekostet;
wer ihn leeren mu, der schmeckt auch die Hefen. Und immer hher steigt dieser
Bodensatz. Die Bcher sind nicht das Leben, und Dichtung und Mue, wieviel
glckliche Stunden sie schaffen mgen, sie schaffen nicht das Glck. Das Glck
ist der Frieden, und der Frieden ist nur da, wo Gleichklang ist. In dieser
meiner Einsamkeit aber, deren friedlicher Schein Sie bestrickt, ist alles
Widerspruch und Gegensatz. Was Ihnen Freiheit dnkt, ist Abhngigkeit; wohin ich
blicke, Disharmonie: gesucht und nur geduldet, ein Klippschullehrer und ein
Champion der Romantik, Frau Griepe und Novalis.
    Er war aufgesprungen und durchschritt das Zimmer. Beneiden Sie mich nicht,
fuhr er fort, und vor allem hten Sie sich vor jener Lge des Daseins, die
berall da, wo unser Leben mit unserem Glauben in Widerspruch steht, stumm und
laut zum Himmel schreit. Denn auch unsere berzeugungen, was sind sie anders als
unser Glauben! Die Wahrheit ist das Hchste, und am wahrsten ist es: Selig sind,
die reinen Herzens sind.
    In diesem Augenblick erschien Frau Griepe, die sich mittlerweile geputzt
hatte, wieder in der Tr, vorgeblich, um anzufragen, ob sie abrumen solle, in
Wahrheit aus Neugier und um sich zu zeigen. Ein Blick innerlichsten Grolls scho
aus dem Auge des Doktors, aber sofort seine Kette fhlend, verzog er den Mund zu
einem freundlichen Lcheln. Wir wollen es lassen, Frau Griepe, spter. Damit
zog sich die Frau wieder zurck.
    Die Freunde hatten sich erhoben; der Nachmittag, der lngst angebrochen war,
mahnte zum Aufbruch. Tubal reichte dem Doktor die Hand. Ich habe nichts
berhrt; Ihre Worte haben mich mehr getroffen, als Sie wissen knnen. Der
Doktor lchelte: Novalis ist tief, aber das Evangelienwort, das ich eben
gesprochen, ist tiefer. Ihnen, lieber Lewin, hat es die Mutter Natur ins Herz
geschrieben. Und das ist die Gewhr Ihres Glcks.
    Berufen wir es nicht.
    Damit trennte man sich. Frau Griepe stand in der Haustr, um noch einen Gru
zu erhaschen, und sah beiden Freunden nach und lachte.

                                Zwlftes Kapitel



                                   Helpt mi!

Es schlug vier Uhr, als Lewin und Tubal den Ausgang des Stdtchens erreicht
hatten. Wenige Minuten spter standen sie am Flu, und Tubal, der um einige
Schritte voraus war, schickte sich bereits an, das steile Ufer hinabzusteigen,
als ihm Lewin zurief:
    La uns diesseits bleiben; wir haben hier die groe Strae; erst zwischen
Neu-Manschnow und dem Entenfang bei der Hohen-Vietzer Kirche gehen wir ber.
    Tubal war es zufrieden. Sie schritten also eine kleine Strecke zurck, bis
sie wieder inmitten einer breiten Pappelallee standen, die sie schon fnf
Minuten vorher passiert hatten, und nahmen nun ihre Richtung erst auf die
Rathstocker Fhre, dann auf das Neu-Manschnower Vorwerk zu. Dieses Vorwerk war
halber Weg. Die Strae stieg ein wenig an. Als sie den hchsten Punkt erreicht
hatten, wurden sie des Hohen-Vietzer Kirchturms ansichtig, der auf dem
jenseitigen Hhenzuge wie ein Schattenri im Abendrote stand.
    In einer Viertelstunde ist es dunkel, sagte Lewin, aber wir knnen nicht
fehlen; jetzt haben wir die Strae, nachher den Turm.
    Tubal nickte zustimmend; aber ihn gesprchig zu machen wollte nicht
gelingen. Die Worte des Doktors von dem Widerspruch des Daseins klangen ihm
noch im Ohr. Er war dadurch in seinem eigenen Tun getroffen worden, mehr noch in
dem seines Hauses, und es lag ihm jetzt daran, die kaum angeknpfte
Bekanntschaft fortzusetzen. Denn so verhat ihm alles Predigerhafte war, so tief
ergriffen ihn Stze, die reicher Erfahrung und einer lebhaften Empfindung
entstammten.
    In Schweigen schritten die beiden Freunde nebeneinander her. Als sie die
Rathstocker Fhre zur Linken hatten, war es Abend geworden. Einzelne Sterne
blinkten matt; in nrdlicher Richtung begann ein Flimmern.
    Ich glaube, der Mond geht auf, bemerkte Lewin und wies auf eine helle
Stelle am Horizont.
    So frh? fragte Tubal gleichgltig und sah sich weiterer Antwort
berhoben, als ein Fuhrwerk herankam, dessen eiserne Kummetkette an der Deichsel
klapperte. Lewin kannte das Gespann. Es war der Manschnower Mller.
    Guten Abend, Kriele. Noch so spt bei Weg?
    Man mt wull, Jungeherr. Se weten doch, wat mi passiert is?
    Ja, Kriele. Aber wie konnten Sie nur das Geld unter die Diele legen?
    Ja, wo sull man mit hen, Jungeherr? De een Stell is so schlecht as de
anner. Ick will nu nach Frankfurt. Morgen is Verhr.
    Haben sie denn die Diebe schon?
    Se hebben Paschken und Pappritzen, de immer mit dabi sinn. Awers Justizrat
Turgany hett mi seggen laten: Pappritz is et nich. Un mit Paschken wihr et ooch
man soso.
    Nun, der Justizrat versteht es. Gren Sie ihn von mir.
    Dat will ick utrichten, Jungeherr.
    Dabei zogen die Pferde wieder an; eine Weile noch hrte man das H! des
Mllers und dazwischen das Klappern der Kette. Dann war alles still.
    Die Begegnung, unbedeutend, wie sie war, hatte wenigstens die Zungen gelst.
Tubal fragte, Lewin antwortete, und ehe noch die Familiengeschichte des
Manschnower Mllers auserzhlt war, hielten die beiden Freunde dem Hohen-Vietzer
Kirchturm gegenber. Sie bogen aus der Pappelallee links ein, folgten dem Laufe
eines kleinen Grabens, der sich quer durch den Acker hinzog, und standen alsbald
an einem verschneiten, wohl zwanzig Fu hohen Abhang, von dem aus nicht Weg,
nicht Steg zum Flu hinunterfhrte. Zum Gehen war es zu steil, zum Springen zu
hoch, so legten sich beide, Gewehr im Arm, auf den Rcken, drckten die
Schultern fest in den Schnee und glitten glcklich hinab; freilich nur, um
sofort vor einem neuen, ernsteren Hindernisse zu stehen. Inmitten des Flusses
lieen sich einige Tannen erkennen, die den Lngsweg bezeichneten, aber kein
Querweg, der sie bequem und sicher hinbergefhrt htte, war abgesteckt. Tubal
schritt nichtsdestoweniger vorwrts und wollte den bergang forcieren, Lewin
indessen litt es nicht.
    Du weit nicht, was du tust. Es ist das diffizilste Terrain. berall hier
herum hauen die Dorfleute groe Lcher in das Eis; es ist der Fische halber, die
sonst ersticken. Das berfriert dann, und der Schnee verweht die Stelle.
    Aber wir mssen doch hinber?
    Gewi, aber nicht hier. Es wird sich schon ein bergang finden. Tausend
Schritte weiter aufwrts zweigt der Weg nach Gorgast ab. Das ist ein groes
Dorf. Ich bin sicher, da sich die Gorgaster eine Kuschelallee abgesteckt
haben.
    Nun gut, du mut es wissen. Damit schritten beide Freunde am Flurande
hin, der oft so schmal war, da sie mit ihrer rechten Schulter den verschneiten
Abhang streiften. Es war ein beschwerlicher Marsch, namentlich da, wo groe
Bsche von rotem Werft berklettert werden muten. Endlich sahen sie die Stelle,
von wo rechts her eine Art von Hohlweg einmndete und sich quer ber das Eis hin
fortsetzte.
    Unsere Irrfahrt geht zu Ende, sagte Lewin und wies auf die schwarzen,
zugespitzten Bumchen, die sich bald deutlich als die Kiefern einer Querallee
erkennen lieen. Mehr Abenteuer, als ich zwischen Kirch-Gritz und Hohen-Vietz
fr mglich gehalten htte.
    Und wir sind noch nicht im Hafen, antwortete Tubal. Ein russischer
Feldzug im kleinen. Schnee, Schnee. Et voil la Brsine.
    Aber keine Brcke wird unter uns zusammenbrechen, scherzte Lewin und bog
voranschreitend in den abgesteckten Weg ein, der die beiden Freunde nach wenigen
Minuten schon sicher ans andere Ufer fhrte.
    Hier berstiegen sie zunchst den Hhenzug, auf dem sie nach links hin den
Hohen-Vietzer Kirchturm noch eben erkennen konnten, und sahen sich nun
gezwungen, dieselben tausend Schritte wieder zurckzumarschieren, die sie
jenseits ber das Ziel hinausgeschossen waren. Der Weg, den sie noch zu machen
hatten, lief zunchst am Fue des Hgels, dann aber an einer dichten Schonung
hin, von deren vorderstem Eck aus hchstens ein Bchsenschu bis zum Dorf und
kaum halb so weit bis zur groen, von Kstrin auf Hohen-Vietz zu fahrenden
Strae war.
    Als sie dies Eck erreicht hatten, hrte der Fupfad auf oder war in der
Dunkelheit nicht mehr bestimmt zu erkennen. Sie schwankten noch, ob sie wieder
umkehren und den eben aufgegebenen Hgelweg (der sie in den Hohen-Vietzer Park
gefhrt haben wrde) fortsetzen oder, quer ber den verschneiten Sturzacker hin,
auf die groe Strae zuschreiten sollten, als sie zwischen den Bumen eben
dieser Strae verschiedener Gestalten ansichtig wurden. Gleich darauf war es
auch, als ob gesprochen, und im nchsten Augenblicke schon, als ob ein heftiger
Streit gefhrt wrde. Plattdeutsche Schmh- und Scheltworte lieen sich
unterscheiden, bis es pltzlich ber das Feld hin zu ihnen herberklang: He
wrgt mi; helpt mi, Ld!
    Lewin, um sich rascher zurechtzufinden, war auf einen groen Feldstein
gesprungen, der hier am Waldeck als Grenzzeichen lag, aber schwerlich wrd er
seinen Zweck erreicht haben, wenn nicht in demselben Augenblick der Mond aus dem
Gewlk, das ihn seit einer Stunde verdeckt hatte, hervorgetreten wre. Er sah
jetzt alles deutlich.
    Das ist Hoppenmarieken! rief er. Zugleich sprang er von dem Steine
herunter, ri das Gewehr von der Schulter und scho den einen Lauf ab, um zu
zeigen, da Hilfe da sei. Das wird wenigstens eingeschchtert haben; vorwrts,
Tubal! Und damit setzten sich beide Freunde quer ber das Feld hin in Trab.
Lewin strzte, raffte sich aber schnell auf und war im nchsten Augenblick
wieder an Tubals Seite.
    Als sie den halben Weg bis zur Strae hinter sich hatten konnten sie die
Szene deutlich erkennen. Einer von den Strolchen war nach dem Dorf zu als Posten
ausgestellt, whrend der andere mit Hoppenmarieken rang und an ihrem Halse ri
und zerrte.
    Halt aus! rief Lewin, der jetzt einen Vorsprung hatte, aber es bedurfte
des Zurufes nicht mehr. Der Straenruber lie von ihr ab und lief, einen weiten
Bogen beschreibend, auf dasselbe Wldchen zu, von dessen entgegengesetztem Eck
aus Tubal und Lewin ihren Lauf ber den Sturzacker hin begonnen hatten. Der
andere, als Posten aufgestellte, verschwand nach der Dorfseite hin.
    Als Lewin und dann Tubal den Fahrdamm erreicht hatten, war auch
Hoppenmarieken verschwunden. Aber gleich darauf fanden sie dieselbe. Sie lag
hinter einem aufgeschichteten Steinhaufen, zwischen diesem und einer
Pappelweide, deren oberes Gest voller Krhennester war. Die Kiepe war noch auf
ihrem Rcken, der Stock in ihren Hnden.
    Ist sie tot? fragte Tubal.
    Lewin, ohne sich vom Gegenteil berzeugt zu haben, schttelte den Kopf,
bckte sich zu ihr nieder und zog ihre beiden Arme aus den leinenen Tragebndern
heraus. Als er sie so von der Kiepe frei gemacht und sich vergewissert hatte,
da es nichts als eine Ohnmacht war, hob er sie vom Boden auf und setzte sie mit
dem Rcken an den Baum.
    Gib etwas Schnee, rief er Tubal zu, whrend er selber ihr das enge
Tuchmieder ffnete, dessen oberste Haken ohnehin bei dem Ringen und Zerren
abgerissen waren. Er sah jetzt deutlich an dem rot und blutrnstig gewordenen
Hals und Nacken, da alle Anstrengungen des Strolchs keinen anderen Zweck gehabt
hatten, als ihr die Geldtasche zu entreien, die sie herkmmlich an einem harten
und engen Lederriemen um den Hals trug. Der Riemen hatte aber weder reien noch
auch sich ber den Kopf fortziehen lassen wollen.
    In diesem Momente schlug Hoppenmarieken die Augen auf. Ihr erstes war, da
sie nach der Tasche fate; dann erst musterte sie die Personen, die um sie
beschftigt waren. Ein ihr sonst nicht eigenes, gutmtiges Lcheln, das mit
ihrer Hlichkeit ausshnen konnte, flog ber ihr Gesicht, als sie Lewin, ihren
Liebling, erkannte, den einzigen Menschen, an dem sie wirklich hing. Sie
streichelte und patschelte ihn; als aber Tubal auch jetzt noch fortfuhr, ihr in
einer ihr lstigen Weise die Stirn mit Schnee zu reiben, wurde sie ungeduldig,
stie ihn zurck und wies mit dem Zeigefinger immer heftiger auf die neben ihr
stehende Kiepe. Lewin verstand ihr Gebaren einigermaen und begann in der Kiepe
umherzukramen. Als er, gleich in der obersten Lage, eine mit einem Sacktuche
umwickelte Flasche fand, wute er, was Hoppenmarieken gemeint hatte. Er machte
Miene, whrend er sich ber sie bog, etwas von dem Branntwein in seine Hand zu
gieen; aber jetzt richtete ich ihr Unmut selbst gegen diesen, und ihm rgerlich
die Flasche aus der Hand reiend, tat sie einen tchtigen Zug. Sofort hatte sie
all ihre Lebenskrfte wieder, drckte den Kork in die Flasche und rief Lewin zu:
Nu helpt mi up, Jungeherr. Dann setzte sie die Kiepe auf den Steinhaufen,
legte den langen Krummstock daneben und fuhr mit ihren kurzen Armen durch die
leinenen Kiepenbnder. So stand sie wieder marschfertig da. Willst du nicht mit
uns zurck? fragte Lewin. Wir begleiten dich.
    Sie schttelte den Kopf und setzte sich nach der entgegengesetzten Seite hin
in Marsch, im Selbstgesprch allerhand Unverstndliches vor sich hin murmelnd.
    Die Freunde sahen ihr nach. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und drohte mit
ihrem Stock nach dem Wldchen hinber, in dem der eine der Strolche verschwunden
war.

                              Dreizehntes Kapitel



                         In der Amts- und Gerichtsstube

Berndt von Vitzewitz war, whrend Tubal und Lewin ihren Besuch in Kirch-Gritz
machten, nach Hohen-Vietz zurckgekehrt. Es lagen anstrengende Tage hinter ihm,
zugleich Tage voller Enttuschungen. Der Minister, wie wir wissen, hatte sich
mit glatten Worten jeder bindenden Zusage zu entziehen gewut, und auch in
anderen einflureichen Kreisen der Hauptstadt, soweit ihm dieselben zugnglich
waren, war er der ihm verhaten Wendung begegnet: Wir mssen abwarten.
Nirgends ein Verstehen des Moments. Nur in Guse hatte sich Hauptmann von Rutze,
mit dem er unmittelbar vor dem Aufbruch noch ein Gesprch herbeizufhren wute,
seinen auf rcksichtsloses Vorgehen gerichteten Plnen geneigt gezeigt.
Drosselstein schwankte; aber auf der Fahrt von Guse nach Hohen-Ziesar war er
unter dem Einflusse, den Berndts Beredsamkeit ausbte, anderen Sinnes geworden
und hatte schlielich nicht nur einer allgemeinen Volksbewaffnung, sondern auch,
wenn kein regelrechter Krieg erklrt werden sollte, dem Plane eines auf eigene
Hand zu fhrenden Volkskrieges zugestimmt.
    Bei seinem Eintreffen in Hohen-Vietz war Berndt angenehm berrascht, Besuch
vorzufinden. Er hatte das Bedrfnis, von Zeit zu Zeit seinen ihn mit der Macht
einer fixen Idee beherrschenden Plnen entrissen zu werden, und niemand war dazu
geschickter als Kathinka, die, whrend sie die politischen Gesprche vermied,
zugleich geistvoll genug war, den entstehenden Ausfall durch glckliche
Impromptus oder durch Pikanterien aus den Hof- und Gesellschaftskreisen zu
decken. Ihre Erscheinung wirkte mit. Er berlie sich auch diesmal ihrem
Geplauder, verga ber der Schilderung eines Ballabends bei Exzellenz
Schuckmann, wo der bayrische Gesandte dies und das gesagt oder getan hatte,
momentan alle Plne und Sorgen und sah sich der heiteren Zerstreuung dieses
Geplauders erst wieder entzogen, als das Erscheinen Tubals und Lewins und ihre
Erzhlung des eben gehabten Abenteuers seine Gedanken in das alte Geleise
zurckdrngten. Er klingelte.
    Jetzt, rief er dem eintretenden Diener zu, schicke Krists Willem zum
Schulzen. Oder gehe lieber selbst. Ich mt ihn sprechen. Morgen frh halb elf.
    Er wollte nach diesem Zwischenfall, schon um Kathinkas willen, das Gesprch
in den Ton leichter Unterhaltung zurckfhren, aber es miglckte, da auch Tubal
und Lewin eine rechte Heiterkeit nicht finden konnten.
    Das war abends.
    Am anderen Morgen finden wir Berndt in seiner im ersten Stock gelegenen
Amts- und Gerichtsstube, einem groen Eckzimmer, von dem aus, nachdem eine
Seitentr vermauert worden war, nur ein einziger Ausgang auf den Korridor
fhrte. An eben diesem Korridor lagen auch die Fremdenzimmer.
    Die Amts- und Gerichtsstube zeigte nur weniges, was der Feierlichkeit ihres
Namens entsprochen htte. Sie war eine Schreib- und Arbeitsstube wie andere
mehr, in die sich Berndt, namentlich um die Sommerzeit, wenn die beiden groen
Fenster von Spalierwein berwachsen waren, gern zurckzog. Es war dann hier
luftig und schattig, und in dem dichten Weinlaub zwitscherten die Vgel und
sahen in das gerumige Zimmer hinein. Denn gerumig war es geblieben, trotzdem
es an Urvterhausrat, an Regalen mit Bchern und Akten, an eisenbeschlagenen
Truhen und einem altmodischen, bis fast an die Decke reichenden Kachelofen nicht
fehlte. Eine der Truhen stand rechts neben der Tr und hatte ein Vorlegeschlo,
whrend auf den Simsen der Regale, in chaotischem Durcheinander, wendische
Totenurnen und italienische Alabastervasen, zwei Dragonerkasketts und eine in
rtlichem Ton ausgefhrte Portrtbste Friedrich des Groen standen. Man sah
deutlich, es fehlte der Schnheits- und Ordnungssinn. Es hatte sich
zusammengefunden; weiter nichts.
    An dem mit allerhand Schriftstcken berhuften Schreibtische, dessen eine
Schmalseite den Fensterpfeiler berhrte, sa Berndt, einen groen Bogen
Kartenpapier vor sich, den er, mit Hilfe von Lineal und Reifeder, in Rubriken
teilte. Er begann eben die ntigen berschriften zu machen, als er drauen auf
der Besendecke ein sorgliches Putzen und gleich darauf ein Klopfen an der Tre
hrte, leise genug, um artig, und laut genug, um nicht ngstlich zu sein.
    Herein! Es war der Erwartete.
    Guten Tag, Kniehase. Auf die Minute. Das sitzt uns Alten nun einmal im
Blut. Die Jungen sind nicht mehr dazu zu bringen. Nehmen Sie Platz, da den Stuhl
am Ofen, und nun rcken Sie heran.
    Der so Begrte legte Hut und Handschuh auf die groe Truhe mit dem
Vorlegeschlo und tat im brigen, wie ihm geheien.
    Ich habe Sie rufen lassen, Kniehase, nahm Berndt wiederum das Wort, weil
etwas geschehen mu. Und Sie sind der Mann, den ich brauche. Aber ich will
nicht vorgreifen. Erst das Nchstliegende. Sie haben von dem berfall gehrt,
der unserer alten Hexe fast das Leben oder doch die Geldtasche gekostet htte.
    Kniehase nickte.
    Fnfhundert Schritt vom Dorf, auf offener Strae, der Abend kaum
angebrochen. Und wenn dies alleinstnde! Aber in einer Woche der dritte Fall. Am
Heiligen Abend dem Golzower Schmidt die Kuh aus dem Stall getrieben, am zweiten
Feiertage dem Manschnower Mller die Dielen aufgebrochen, gestern Hoppenmarieken
fast gewrgt. Wohin sind wir gekommen?
    Es ist Quappendorfer Gesindel, gndiger Herr. Miekley war am dritten
Feiertag in Frankfurt, er sah noch, wie sie Paschken und Pappritzen
einbrachten.
    Nicht doch, Kniehase. Das ist es eben, was mich reizt und rgert, dieses
trichte Zugreifen ohne Sinn und Verstand. Immer dieselben armen Teufel, in fnf
von sechs Fllen mssen sie wegen fehlenden Beweises wieder entlassen werden,
und das heit Justiz! Es ist zum Erbarmen. Und das alles aus Bequemlichkeit; die
Gerichtsherren wollen nicht denken, und die Schulzen wollen nichts tun. Von den
Bauern sprech ich gar nicht; sie lschen immer erst, wenn das eigene Dach
brennt. Das mu aber anders werden, und wir mssen anfangen. Unsere
Hohen-Vietzer sind die besten. Kein Kolonistenpack, das ber Nacht reich
geworden. Nichts fr ungut, Kniehase, Sie sind selbst ein Pflzer.
    Kniehase lchelte. Gndiger Herr haben ganz recht, die alten Wendischen
sind besser, strrig, aber zh und zuverlssig.
    Und gescheit dazu, sonst htten sie den Neu-Barnimer Pflzer nicht zum
Hohen-Vietzer Schulzen gemacht. Das ist mein alter Satz. Aber nun horchen Sie
auf, Kniehase: was Sie Quappendorfer Gesindel nennen, ist fremdes Volk,
Franzosen.
    Nicht doch, gndiger Herr. Ich war eben mit bei Pastor Seidentopf heran.
Die Franzosen, so meint er, stehn oben an der Grenze, und wenn es hoch kommt, an
der Weichsel.
    Es ist so. Und doch hab ich recht. Ich spreche nicht von der klein
gewordenen Groen Armee, nicht von den aus Moskau herausgerucherten Corps, die
jetzt wie Novemberfliegen ber die weie Wand kriechen, ich spreche von dem
kleinen verzettelten Zeug, das hier an fnfzig Pltzen zurckgelassen wurde: ein
paar Tausend in Kstrin, fnftausend in Stettin, die meisten aber stecken in den
kleinen polnischen Nestern. Wie weit ist es bis an die Grenze? Zehn Meilen,
wie die Krhe fliegt.
    Da haben Sie es, Kniehase. Dieses verzettelte Zeug, das nicht in Festungen
untergebracht werden konnte, das luft jetzt weg wie Wasser, wenn die Reifen von
der Tonne fallen. Neapolitaner, Wrzburger, Nassauer, das hlt ohnehin nicht
zusammen. Und wenn erst mal das eiserne Band fehlt, so ist nur ein Schritt noch
vom Soldaten- bis zum Ruberleben. Was hier herumspukt, sind Deserteure aus dem
Polnischen, vielleicht auch Marodeurs von den Zuzugsregimentern, die der Kaiser
jetzt als vorlufige kleine Mnze in allen Taschen Deutschlands zusammenkratzt.
Und mit diesem Gesindel, ob aus Polen oder sonstwoher, mssen wir ein Ende
machen: zum wenigsten darf es uns nicht ber den Kopf wachsen. Und kommen dann
die Reste von der Groen Armee heran, heute hundert und morgen tausend, so haben
wir's bei den Einern und Zehnern gelernt. Wer das Kleine nicht achtet, ist des
Groen nicht wert, so sagt das Sprichwort. Also vorwrts. Und je eher, je
lieber.
    Der Hohen-Vietzer Schulze reckte sich in die Hhe und schien antworten zu
wollen, aber der Gutsherr hatte sein letztes Wort noch nicht gesprochen.
    Was ich meine, Kniehase, ist das: wir mssen uns fertigmachen; Landsturm,
Dorf bei Dorf.
    Und wenn dann der Knig ruft...
    So sind wir da, ergnzte Berndt, zugleich mit scharfer Betonung
hinzufgend: Und wenn er uns nicht ruft, so sind wir auch da. Und das ist es,
Kniehase, weshalb ich Sie habe rufen lassen.
    Es geht nicht ohne den Knig.
    Der alte Vitzewitz lchelte. Es geht; die Zeiten wechseln. Es gibt Zeiten
des Gehorchens und Abwartens, und es gibt andere, wo zu tun und zu handeln erste
Pflicht ist. Ich liebe den Knig; er war mir ein gndiger Herr, und ich habe ihm
Treue geschworen, aber ich will um der beschworenen Treue willen die natrliche
Treue nicht brechen. Und diese gehrt der Scholle, auf der ich geboren bin. Der
Knig ist um des Landeswillen da. Trennt er sich von ihm oder lt er sich von
ihm trennen durch Schwachheit oder falschen Rat, so lst er sich von seinem
Schwur und entbindet mich des meinen. Es ist ein schndes Unterfangen, das Wohl
und Wehe von Millionen an die Laune, vielleicht an den Wahnsinn eines einzelnen
knpfen zu wollen; und es ist Gotteslsterung, den Namen des Allmchtigen mit in
dieses Puppenspiel hineinzuziehen. Wir haben drben gesehen, wohin es fhrt; zu
Blut und Beil. Weg mit dieser Irrlehre, von hfischen Pfaffen grogezogen; es
ist Menschensatzung, die kommt und geht. Aber unsere Liebe zu Land und Heimat,
die dauert wie das Land selber.
    Kniehase schttelte den Kopf. Es geht nicht ohne den Knig, wiederholte
er. Der gndige Herr sind hier geboren und kennen das Bruch und seine Bauern.
Aber, mit Permission, ich kenne die Bauern besser. Der Knig ist ihnen alles.
Der Knig hat ihnen das Bruch eingedeicht, der Knig hat ihnen die Kirchen
gebaut, der Knig hat ihnen die Grben gezogen. So wissen sie es von Vater und
Grovater her, und so wissen sie es von sich selber. Wenn ich mit Kallies und
Kmmritz und den anderen Ganzbauern drben bei Scharwenka sitze, so ist, der
Alte Fritz das dritte Wort. Er ist ihr Herrgott, und sie sprechen von ihm, als
wenn er noch lebte. Nur eins ist dem Bauer noch mehr ans Herz gewachsen: sein
Haus und Hof.
    Und um Haus und Hof willen soll er jetzt die Waffe in die Hand nehmen. Es
ist nicht das erste Mal in diesem Lande. Als der Schwede jenseit der Elbe in der
Altmark hauste, haben sich die Bauern aufgemacht, ohne viel zu fragen. Und das
ist es, was sie wieder sollen.
    Ich wei davon, antwortete Kniehase, es waren Drmlinger Bauern. Aber sie
hatten Fahnen, darauf geschrieben stand:

    Wir sind Bauern von geringem Gut
    Und dienen unserm Kurfrsten und Herrn mit unserm Blut.

Der alte Vitzewitz, der sich seines Schulzen und der Zhigkeit freute, mit der
er seine Sache zu fhren wute, gab ihm die Hand und sagte: Eine solche Fahne,
Kniehase, wollen wir auch haben, und wir wollen sie hoch in Ehren halten. Aber
wenn uns der Knig diese Fahne verbietet, so mssen wir sie tragen auch ohne
seinen Namen, um des Landes willen, und dieser Rechtstitel ist nicht der
schlechteste. Denn unser Land ist unsere Erde, die Erde, aus der wir selber
wurden.
    Kniehase schttelte wieder den Kopf. Die Erde tut es nicht, gndiger Herr.
    Doch, Kniehase, fuhr Berndt fort, die Erde tut es, mu es tun, weil sie
unser Erstes und Letztes ist. Und, irdisch gesprochen, auch unser Bestes. Wir
sind Erde, und wir sollen wieder Erde werden, und das ist es, was uns die Erde
so teuer macht. Ein jeder ahnt es von Anfang an, aber das rechte Wissen davon,
das kommt uns erst, das will erfahren sein. Ich hab es erfahren. Sie waren
dabei, Kniehase, wie wir den Sarg hinauftrugen; Sie wissen schon, welchen. Es
war Winterzeit, und der Schnee fiel. Als aber der Schnee schmolz und im Mrz der
erste Krokus kam, da hab ich die Erde da oben, die mein Glck barg, mit meinen
Lippen berhrt und immer wieder berhrt. Und seit dem Tage wei ich, was eine
teure und geliebte Erde ist.
    Berndt fuhr bei dieser Erinnerung mit der Hand ber Augen und Stirn.
    Kniehase wute wohl, warum, aber er wollt es nicht wissen, denn er war eine
schamhafte Natur und sah stumm vor sich hin.
    Das war im Frhjahr Anno sieben, nahm der alte Vitzewitz nach kurzer Pause
wieder das Wort, ich sollt es aber noch besser erfahren. Ich hatte noch nicht
ausgelernt, was Erde sei. Es war um dieselbe Zeit, Sie entsinnen sich, Kniehase,
da sie den Kyritzer Kmmerer, der so unschuldig war wie Sie und ich, vor eins
ihrer feigen und feilen Kriegsgerichte stellten und ihn aburteilten und
niederschossen. Was sage ich, niederschossen? Hinwrgen war es. Denn so schlecht
wie das Urteil, so schlecht war seine Vollstreckung. Er lag am Boden, der
unglckliche tapfere Mann, und konnte nicht sterben. Da sprang ein mitleidiger
Westfale vor und scho ihm ins Herz: Aus Liebe zu dir, du unschuldig Blut, will
ich dir zum Tode helfen.
    Kniehase nickte. Er entsann sich des Hergangs, der damals alles mit
Entsetzen erfllt hatte.
    Sehen Sie, Kniehase, von dem Tage an hrte ich immer die fnf Schsse, und
mir war, als fhlte ich sie an meinem eignen Herzen. Ich hatte keinen Schlaf
mehr, aber ich wute, was mich ruhig machen wrde, und endlich macht ich mich
auf in die Priegnitz. Als ich in der kleinen Stadt ankam, fragt ich nach und
lie mich hinausfhren. Es war vor einem der Tore, eine Pappelallee und ein
wstes Feld daneben. Da schickt ich das Kind wieder fort, das mich
hinausbegleitet hatte, und als ich nun allein war, da warf ich mich nieder an
den Hgel und ri eine Handvoll Erde heraus und hob sie gegen Himmel. Und mein
Herz war voller Ha und voller Liebe. Da hab ich zum anderen Mal erfahren, was
Erde ist, Heimaterde. Es mu Blut drin sein. Und berall hier herum ist mit Blut
gedngt worden; bei Kunersdorf ist eine Stelle, die sie das, rote Feld nennen.
Und das alles soll preisgegeben werden, weil ein Knig nicht stark genug ist,
sich schwacher Ratgeber zu erwehren? Nein, Kniehase, mit dem Knig, solange es
geht, ohne ihn, wenn es sein mu.
    Berndt schwieg. In diesem Augenblicke klopfte es, und der eintretende Jeetze
bergab einen Brief, groes Format mit groem Siegel. Berndt erkannte Turganys
Handschrift. Er berflog den Inhalt und las dann laut: Ich bitte Sie,
hochverehrter Herr und Freund, in Ihrer Umgegend, vielleicht auch auf dem
Forstacker, recherchieren zu lassen. Alles deutet darauf hin, da die
Sippschaft, die wir suchen, irgendwo zwischen Hohen Vietz und Manschnow steckt.
Wir haben heute ein zweites Verhr, der Manschnower Mller ist vorgeladen. Aber
es wird nur das Resultat des ersten besttigen, und unsere zwei herkmmlichen
Sndenbcke werden, wie gewhnlich, wieder entlassen werden mssen. Ich behalte
mir weitere Mitteilung fr die nchsten Tage vor. Ihr Turgany.
    Berndt lachte. Sie sehen, Kniehase, Transport und Gefangenenkost sind
abermals vergeudet. Aber Turgany ist auf falscher Fhrte. Hier herum sitzen sie
nicht. Es wird sich zeigen, wo. Wer brachte den Brief, Jeetze?
    Konrektor Othegraven.
    Ist er noch da?
    Ja, Frulein Renate hat ihn hereingebeten. Sie sind mit dem anderen
gndigen Frulein im Wohnzimmer.
    Ich lasse den Herrn Konrektor bitten.
    Jeetze ging, der Schulze wollte folgen.
    Nein, Kniehase, Sie bleiben, ich will mir den Sukkurs, den mir ein
glcklicher Zufall schickt, nicht entgehen lassen.
    Gleich darauf trat der Konrektor ein, von Berndt mit besonderer
Freundlichkeit empfangen. Einige kurze Begrungsworte wurden gewechselt. Dann
fuhr der Hohen-Vietzer Gutsherr fort: Ich will Sie, lieber Othegraven, nicht
mit Auftrgen an Turgany belstigen, wir haben morgen ohnehin Frankfurter
Botentag. Aber gegen meinen alten Kniehase hier mcht ich mich Ihrer versichern.
Er will mich im Stich lassen, er kennt in diesem kniglichen Lande Preuen kein
anderes Losschlagen, als was von oben her gebilligt worden ist. Seidentopf
stimmt ihm zu. Auch Sie?
    Nein, und dreimal nein, antwortete Othegraven, und ich schtze mich
glcklich, endlich einmal statt vor tauben Ohren vor einem gleichgestimmten
Herzen Zeugnis ablegen zu knnen.
    Kniehase, der die strengkirchliche Richtung des Konrektors kannte, horchte
auf; Othegraven selbst aber fuhr fort: Es ist ein knigliches Land, dieses
Preuen, und kniglich, so Gott will, soll es bleiben. Es haben es groe Frsten
aufgebaut, und der Treue der Frsten hat die Treue des Volkes entsprochen. Ein
Volk folgt immer, wo zu folgen ist; es hat dem unseren an freudigem Gehorsam nie
gefehlt. Aber es ist fluchwrdig, den toten Gehorsam zu eines Volkes hchster
Tugend stempeln zu wollen. Unser Hchstes ist Freiheit und Liebe.
    Berndt war im Zimmer auf und abgeschritten. Er stellte sich vor Othegraven:
Ich wut es. So sind wir einig, und ich darf auf Sie rechnen. Dieser Moment,
der nicht wiederkommt, darf nicht versumt werden. Ist man an oberster Stelle
verblendet genug, sich der Waffe, die wir schmieden, nicht bedienen zu wollen,
nun, so fhren wir sie selbst.
    So fhren wir sie selbst, wiederholte Othegraven. Aber der Bruch, den wir
frchten, er wird sich nicht vollziehen. Es kommen andere, bessere Tage. Die
Schwche wird der Entschlossenheit weichen, und das sicherste Mittel, dahin zu
wirken, ist, da wir selber Entschlossenheit zeigen. Es ist, wie ich wohl wei,
ein Mitrauen da in unsere Kraft, selbst in unseren guten Willen. Zeigen wir dem
Knig, da wir fr ihn einstehen, auch wenn wir ihm widersprechen. Auch die
Schillschen setzten sich in Widerstreit mit seinem Willen und starben doch unter
dem Rufe: Es lebe der Knig. Es gibt eine Treue, die, whrend sie nicht
gehorcht, erst ganz sie selber ist.
    Kniehase sah vor sich hin. Er fhlte den Boden, auf dem er stand,
erschttert, aber noch war er nicht besiegt.
    Ich habe meinen Eid geschworen, sagte er, um ihn zu halten, nicht, um ihn
zu brechen oder auszulegen. Die Obrigkeit ist von Gott. Aus der Hand Gottes
kommen die Knige, die starken und die schwachen, die guten und die schlechten,
und ich mu sie nehmen, wie sie fallen.
    Aus der Hand Gottes, rief jetzt Berndt, kommen die Knige, aber auch viel
anderes noch. Und gibt es dann einen Widerstreit, das letzte bleibt immer das
eigene Herz, eine ehrliche Meinung und - der Mut, dafr zu sterben.
    Es ist so, Schulze Kniehase, nahm Othegraven wieder das Wort, und sich
entscheiden ist schwerer als gehorchen. Schwerer und oft auch treuer. Ihr
Gutsherr hat recht. Sehen Sie sich um, das Ganze versagt den Dienst; berall
fast ist es der einzelne, der es wagt. Ein Mann wie Sie, Kniehase, war auch der
Hofer, treu wie Gold. Aber als sein Kaiser Frieden machte, da sagte der
Sandwirt: Der Franzl hat's gewut, ich mu es nicht; ich halt ihm dies alte Land
Tirol. Und als er so sprach und handelte, da brach er seinem Kaiser den Frieden
und war schuldig bei Freund und Feind. Er hat es mit dem Tode bezahlt. Aber
glauben Sie, Kniehase, da der Kaiser, wenn er den Namen Hofer hrt, an Eidbruch
und Untreue denkt? Nein, das Herz schlgt ihm hher, und gesegnet Land und
Frst, wo die Liebe lebendig ist und auf sich selber mehr hrt als auf Amtsblatt
und Kommandowort.
    Kniehase war jetzt aufgestanden. Er streckte Berndt seine Hand entgegen.
Gndiger Herr, ich glaube, der Konrektor hat es getroffen. Sich entscheiden ist
schwerer als gehorchen. Ich habe mich entschieden. Wir machen uns fertig hier
herum, und wir schlagen los, ohne nach, ja oder, nein zu fragen. Denn Fragen
macht Verlegenheit. Es darf keiner ber die Oder. Und kommt es anders und soll
uns dies fremde Volk auf ewig unter die Fe treten, nun, so geb uns Gott Kraft,
zu sterben, wie Hofer und die Schillschen gestorben sind.
    Das dank ich Ihnen, Othegraven, sagte Berndt, ich allein htte meinen
Schulzen nicht bezwungen. Ich hoffe, wir sehen uns jetzt fter. Der Plan ist mit
Graf Drosselstein durchgesprochen. Ein Netz ber das Land. Lebus beginnt; wir
sind die Vorhut. Hier zwischen Frankfurt und Kstrin treffen die groen Straen
zusammen. Ich zhle die Stunden, bis es sich entscheidet.
    Sie blieben noch eine Weile; dann verabschiedeten sich der Konrektor und
Kniehase und schritten die Treppe hinunter, ber den Flur. Hektor, unter Zeichen
besonderer Freude, als er den Schulzen sah, begleitete beide Mnner ber den
Hof.
    Sie nahmen ihren Weg auf den Scharwenkaschen Krug zu, immer noch in
lebhaftem Gesprch. Doch schien es andere Fragen als Krieg und Landsturm zu
betreffen. Sie trennten sich erst, nachdem sie die Front des Krgergebftes wohl
ein dutzendmal ausgemessen hatten.
    Als des Konrektors kleines Fuhrwerk wieder auf der Frankfurter Strae
sdlich trabte, sa Schulze Kniehase bei seiner Frau. Sie plauderten lange, und
wiewohl Frau Kniehase Verschwiegenheit gelobte, war doch vor Ablauf des Tages
alles Geplauderte in Hohen-Vietz herum.
    Nur eine wute nichts davon: sie, die der Gegenstand dieses Plauderns
gewesen war.

                              Vierzehntes Kapitel



                               Es geschieht etwas

Sankt Jonathan, der 29. Dezember, war von alter Zeit her der Tag der Umzge in
Hohen-Vietz, allerhand Mummenschanz wurde getrieben, und bei Beginn des
Nachmittags zogen auer Knecht Ruprecht und dem Christkinde auch Joseph und
Maria und die Heiligen Drei Knige von Haus zu Haus. Zu diesem alten Bestande
traten aber auch neue Figuren hinzu, so heute der Sommer und der Winter von
denen jener zu seinem leichten Strohhut Harke und Sense, dieser zu Pelz und
Holzpantinen einen Dreschflegel trug. Sie fhrten ein Zwiegesprch:

Ich bin der Winter stolz,
Ich baue Brcken ohne Holz-

und rhmten sich ihrer gegenseitigen Vorzge, bis zuletzt Vershnung und
Segenswnsche fr das jedesmalige Haus, in dem sie sich befanden, ihren lang
ausgesponnenen Streit beendeten.
    Ein besonderes Glck machten heut auch die Schulkinder, deren mehrere als
Schneewittchen und ihre Zwerge ihren Umzug hielten; Schneewittchen mit langem
blonden Haar, die Zwerge mit Flachsbrten und braunen Kapuzen. Als sie zuletzt
auf den Gutshof kamen, fanden sie die jungen Herrschaften samt Tante Schorlemmer
in derselben groen Halle, in der auch der Weihnachtsaufbau stattgefunden hatte,
versammelt, und nach kurzer Ansprache, worin Schneewittchen fr ihre Begleiter
um die Erlaubnis zum Rtselaufgeben gebeten hatte, traten die Zwerge vor und
taten ihre Fragen:
    Was kann kein Mensch erzhlen?
    Da er gestorben ist.
    Wer kann alle Sprachen reden?
    Der Widerhall.
    Wer ist strker, der Reiche oder der Arme?
    Der Arme; denn er hat Not, und Not bricht Eisen. So gingen die Fragen,
aber die hier gegebenen Antworten blieben aus, und Maline Kubalke, die mit in
der Halle war, mute manchen Teller voller pfel und Nsse herbeischaffen, um
die Querscke der Zwerge zu fllen.
    So verging der Nachmittag. Als es dunkelte, wurd es still in Hohen-Vietz,
weil alt und jung zu Tanz und festlichem Beisammensein im Scharwenkaschen Krug
sich putzte, und erst um die sechste Stunde, als von den ausgebauten Losen her,
die zum Teil weit ins Bruch hineinlagen, Wagen und Schlitten unter
Peitschenknall und Schellengelut herangefahren kamen, war es mit dieser Stille
wieder vorbei.
    Auch auf dem Herrenhofe rstete sich alles zum Aufbruch, Herrschaft und
Dienerschaft, und wer eine halbe Stunde nach Beginn des Tanzes von der
Dorfstrae her auf die lange Front des Vitzewitzschen Wohnhauses geblickt htte,
htte nur an zwei Fenstern Licht gesehen. Diese zwei Fenster lagen neben der
Amts- und Gerichtsstube und zogen die Aufmerksamkeit nicht blo dadurch auf
sich, da sie die einzig erleuchteten waren, sondern mehr noch durch das dunkele
Weingest, das sich von dem starken Spalier aus in zwei, drei phantastischen
Linien quer ber die Lichtffnung ausspannte. Hinter diesen Fenstern, an einem
mit einem roten Stock Fries berdeckten Sofatisch, saen Renate und Kathinka, zu
denen sich seit einer Viertelstunde, um den Abend mit ihnen zu verplaudern, auch
Marie gesellt hatte. Allen dreien, selbst Kathinka nicht ausgeschlossen, war es
eine herzliche Freude, sich einmal allein und ganz unter sich zu wissen, und um
diese Freude noch zu steigern, hatten sie sich aus dem groen
Gesellschaftszimmer des Erdgeschosses in diese viel kleinere Stube des ersten
Stockes zurckgezogen.
    Tante Schorlemmer fehlte. Sie war gegen ihre Gewohnheit ausgeflogen und sa
plaudernd in der Pfarre, whrend der alte Vitzewitz, abwechselnd vom Schulzen
Kniehase und dann wieder von Lewin und Tubal untersttzt, im Kruge seinen
politischen Diskurs hatte. Die Bauern zeigten sich in allem willig; es war so
recht ein Abend, um das Eisen zu schmieden.
    Sehr anders, wie sich denken lt, verliefen mittlerweile die Plaudereien
unserer drei jungen Mdchen, von denen Renate durch besondere Lebhaftigkeit,
Marie durch besondere Zurckhaltung sich auszeichnete. Sie hatte - aller
Herzlichkeit unerachtet, mit der sich ihr Kathinka, wie schon bei frheren
Gelegenheiten, so auch diesmal wieder genhert hatte - doch ein bestimmtes
Gefhl, da es sich fr sie zieme, ihre schwesterlichintime Stellung zu Renaten
sowenig wie mglich geltend zu machen und nur bei gegebener Veranlassung, am
liebsten, wenn aufgefordert, sich an dem Gesprche der beiden Cousinen zu
beteiligen. Dieses Gesprch selbst war ihr Freude genug und wurd es mit jedem
Augenblicke mehr, seit Kathinka, die, halb sitzend, halb liegend, den rechten
Fu auf die Sofapolster gezogen hatte, von Berliner Gesellschaftszustnden und
zuletzt von einer groen Soiree bei dem alten Prinzen Ferdinand zu sprechen
begann.
    Das ist der Vater von dem Prinzen Louis, der bei Saalfeld fiel? fragte
Renate. Was gb ich drum, fuhr sie fort, nachdem ihre Frage bejaht worden war,
wenn ich einer solchen Soiree beiwohnen knnte, Papa hat es mir fr diesen
Winter versprochen; aber die Zeiten sehen nicht darnach aus.
    Du verlierst weniger dabei, als du meinst. Es sind Gesellschaften wie
andere mehr. Du siehst Generale, Grafen, Prsidenten, als wrest du in Ziebingen
oder in Guse; die Schleppen sind etwas lnger, und ein paar hundert Lichter
brennen mehr. Das ist alles.
    Aber der Prinz wird doch keine Krachs und Bammes um sich versammeln?
    Nicht ausschlielich; aber ebensowenig kann er sie vermeiden. Er hat keine
Wahl; Stellung und Geburt entscheiden, nicht der Mann. Du siehst auf die
Auserwhlten von Schlo Guse mit so wenig Respekt, weil du sie kennst; aber la
deine Neugier und Eitelkeit erst einen einzigen Winter lang befriedigt sein, und
es ist mit dem Zauber dieser Hofgesellschaften fr immer vorbei.
    Ich zweifle daran, wenn ich auch glaube, da du persnlich nicht anders
sprechen kannst. Du erhebst eben Ansprche, die mir fremd sind. Ich fr mein
Teil wrde zufrieden sein, einen Blick in diese Welt tun zu drfen, in der jeder
etwas bedeutet. Nimm den alten Prinzen selbst; er ist der Bruder Friedrich des
Groen; das allein gengt, ihn mir wert zu machen; ich knnte nicht ohne
Ehrfurcht auf ihn blicken. Er wrde mich vielleicht ignorieren oder ein an und
fr sich gleichgiltiges Wort an mich richten, aber es wrde mir nicht
gleichgiltig sein, ihn gesehen oder gesprochen zu haben.
    Kathinka lchelte.
    Du lachst mich aus, fuhr Renate fort, aber denke, da ich das Leben eines
armen Landfruleins fhre, de und einsam, und statt der Mutter nur die gute
Schorlemmer im Haus. Gib mir die Hand, Marie; du bist mir Trost und Freude, aber
du kannst mir keinen Hofball ersetzen. Wie das alles blitzen und rauschen mu!
Und dann der Knig selbst. Nenne mir ein paar Namen, Kathinka, da ich mir eine
Vorstellung machen kann.
    O da ist der alte Graf Reale, der Gemahl der Oberhofmeisterin, der vor zwei
Jahren auf Besuch in Guse war, und der Hofmarschall von Massow auf Steinhfel
und der Herr von Eckardtstein auf Prtzel und Herr von Burgsdorff auf Ziebingen
und Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar.
    Aber die kenn ich ja alle.
    Eben darum hab ich sie dir genannt.
    Und die fremden Gesandten! sagte Renate, der kurzen Unterbrechung nicht
achtend. Wie gern sh ich den Grafen von St. Marsan und den Minister
Hardenberg, an dem Papa bestndig zu mkeln und zu tadeln hat. Ich denke mir ihn
liebenswrdig. Apropos! Ist auch dein Graf Bninski, verzeihe, da ich ihn so
nenne, bei Hofe vorgestellt worden?
    Nein. Er lehnte es ab.
    Ach, nun wei ich, warum die Hofgesellschaften so wenig Gnade vor dir
finden. Lewin hat mir den Grafen beschrieben; aber ich mcht ihn gern von dir
geschildert hren.
    Denk ihn dir als das Gegenteil von dem Konrektor, dem ich heute vormittag
das Glck hatte vorgestellt zu werden. Wie hie er doch?
    Othegraven.
    Richtig, Othegraven. Ein hbscher Name, ursprnglich adlig. Aber diese
brgerliche Abart, welche pedantische Figur! Er hlt sich gerade, aber es ist
die Geradheit eines Lineals.
    Du mut ihn auf das hin ansehen, was er ist.
    Dann kann er als vollkommen gelten; denn er ist der Schuhmeister, wie er im
Buche steht.
    Ich sehe doch, wie recht Tante Amelie hatte, als sie neulich von dir sagte:
Kathinka ist eine Polin. Nur die Deutschen, wie mir erst gestern wieder unser
Seidentopf versicherte, verstehen es, von uerlichen Dingen abzusehen. Meinst
du nicht auch?
    Nein, Nrrchen, ich meine es nicht; es ist nur deutsch, sich in diesen und
hnlichen Eitelkeiten zu gefallen. Und ich will auch nicht daran rtteln,
ebensowenig wie an den Verketzerungen, die ber uns Polen von langer Zeit her im
Schwunge sind. Nur zweierlei wird man uns lassen mssen: Leidenschaft und
Phantasie. Und nun la dir sagen, Schatz, wenn es etwas in der Welt gibt, das
imstande ist, ber uerlichkeiten hinwegzusehen, so sind es diese beiden. Der
Graf ist ein schner Mann, aber ich versichere dich, er wre mir derselbe, wenn
er auch diesem Othegraven wie sein leiblicher Zwillingsbruder gliche. Denn bei
der vollkommensten ueren hnlichkeit wrde diese hnlichkeit doch aufhren,
weil er eben innerlich von Grund aus ein anderer ist.
    Ein anderer. Aber ob ein besserer?
    Es gengt ein anderer. Es gibt prosaische und poetische Tugenden. La uns
ber den Wert beider nicht rechten. Ich mchte dich nur dahin bekehren, da es
nicht Form und Erscheinung ist, wiewohl ich beide zu schtzen wei, was mir den
Grafen wert und angenehm macht.
    Und so wr es denn was?
    Beispielsweise seine Treue. Denn, unglaublich zu sagen, die Polen knnen
auch treu sein.
    Es gilt wenigstens nicht als ihre hervorragendste Eigenschaft.
    Um so mehr ziert sie den, der sie hat. Und ich mchte Bninski dahin zhlen.
Als Kosciuszko im letzten Treffen, das ber Polen entschied, am Saume eines
Tannenwldchens lag, das er drei Stunden lang gegen bermacht verteidigt hatte,
stand ein Fahnenjunker, ein halbes Kind noch, neben ihm und deckte den von
Blutverlust ohnmchtig Gewordenen mit seinem jungen Leben. Er htte sich retten
knnen, aber er verschmhte es. Endlich berwltigt, bat er um eines nur: seinen
gefangenen General pflegen und dieselbe Zelle mit ihm teilen zu drfen. Dieser
Fahnenjunker war der Graf.
    Marie, die bis dahin von ihrer Handarbeit nicht aufgeblickt hatte, sah
Kathinka mit ihren groen Augen an.
    Kathinka aber, den Blick freundlich erwidernd, fuhr fort: Siehe, Renate,
das war Treue; nicht solche, wie ihr sie liebt, die jeden heimlichen Ku zu
einer Kette fr Zeit und Ewigkeit machen mchte, aber doch auch eine Treue und
nicht der schlechtesten eine. Und wie der Fahnenjunker war, so blieb er. Er war
mit in Spanien. Das polnische Lancierregiment, das er fhrte, Tubal hat mir
davon erzhlt, nahm einen Engpa; den Namen hab ich vergessen; aber sie sagen,
der Fall stehe einzig da in der Kriegsgeschichte. Unter den wenigen, die den Tag
berlebten, war der Graf. Nach Paris schwerverwundet zurckgeschafft, empfing er
aus des Kaisers Hand das rote Band der Ehrenlegion. Und ich darf sagen, es
kleidet ihn... Nein, Renate, du verkennst mich und dich nicht minder. Wir
empfinden gleich. Alles Poetische reit uns hin, und Steifheit und Pedanterie,
auch wenn sie Othegraven heien, lassen uns kalt. Das ist nicht polnisch, das
ist weiblich. Frage Marie.
    Ich werde die Frage nicht tun, scherzte Renate, denn du mut wissen -
    So will ich antworten, ohne gefragt zu sein, unterbrach Marie mit
Unbefangenheit. Alle Welt schtzt den Konrektor, unser Pastor liebt ihn.
    Aber du, knntest du ihn lieben?
    Nein. Nie und nimmer, und wenn er Kosciuszko verteidigte oder einen Engpa
strmte. Er ist vielleicht mutig, aber ich kann ihn mir nicht als Helden
vorstellen. Ich bedauere, wenn ich ihm unrecht tue. Wen ich lieben soll, der mu
mich in meiner Phantasie beschftigen. Er beschftigt mich aber berhaupt
nicht.
    Aber du ihn desto mehr. Othegraven hat Heimlichkeiten, flsterte mir noch
gestern unser alter Seidentopf zu. - Doch es schlgt neun, und wir vergessen
ber dem Plaudern unser Abendbrot.
    Damit erhob sich Renate und schritt auf eine Rokokokommode zu, auf deren
berall ausgesprungener Perlmutterplatte Maline, ehe sie das Haus verlie, ein
groes Cabaret mit kaltem Aufschnitt samt Tischzeug und Teller gestellt hatte.
    Das Sofa und die Kommode standen an derselben Wand, und zwischen ihnen war
nur der Raum frei, wo sich die frher aus diesem Fremdenzimmer in die Amts- und
Gerichtsstube fhrende Tr befunden hatte. Diese Trstelle, weil nur mit einem
halben Stein zugemauert, bildete eine flache Nische und war deutlich erkennbar.
    Renate, in ihrer Plauderei fortfahrend, war eben - whrend Kathinka die
Lampe aufhob - im Begriff, das Cabaret, das nach damaliger Sitte in einer
Holzeinfassung stand, auf den Tisch zu setzen, als sie etwas klirren hrte.
    Sie sah die beiden anderen Mdchen an. Hrtet ihr nichts?
    Nein.
    Es klirrte etwas.
    Du wirst mit dem Cabaret an die Teller gestoen haben.
    Nein, es war nicht hier, es war nebenan.
    Damit legte sie das Ohr an die Wand, da, wo die vermauerte Tr war.
    Wie du uns nur so erschrecken konntest, sagte Kathinka. Aber ehe sie noch
ausgesprochen hatte, hrten alle drei deutlich, da in dem groen Nebenzimmer
ein Fensterflgel aufgestoen wurde. Gleich darauf ein Sprung, und dann
vorsichtig tappende Schritte, vielleicht nur vorsichtig, weil es dunkel war.
    Es schienen zwei Personen. Und in dem weiten Hause niemand auer ihnen,
keine Mglichkeit des Beistandes; sie ganz allein. Marie flog an die Tr und
riegelte ab; Kathinka, ohne sich Rechenschaft zu geben, warum, schraubte die
Lampe niedriger. Nur noch ein kleiner Lichtschimmer blieb in dem Zimmer.
    Renate legte wieder das Ohr an die Wand. Nach einer Weile hrte sie deutlich
den scharfen, pinkenden Ton, wie wenn mit Stahl und Stein Feuer angeschlagen
wird; sie horchte weiter, und als der Ton endlich schwieg, war ihre Phantasie so
erregt, da sie wie hellsehend alle Vorgnge im Nebenzimmer zu verfolgen
glaubte. Sie sah, wie der Schwamm angeblasen wurde, wie der Schwefelfaden
brannte und wie die beiden Einbrecher, nachdem sie auf dem Schreibtisch
umhergeleuchtet, das Wachslicht anzndeten, mit dem der Vater die Briefe zu
siegeln pflegte. Alles war Einbildung, aber einen Lichtschein, whrend sie den
Kopf einen Augenblick zur Seite wandte, sah sie jetzt wirklich, einen hellen
Schimmer, der von der Amtsstube her auf das Schneedach des alten
gegenbergelegenen Wohnhauses fiel und von dort ber den dunkelen Hof hin
zurckgeworfen wurde.
    Die Mdchen sprachen kein Wort; alle unter der unklaren Vorstellung, da
Schweigen die Gefahr, in der sie sich befanden, verringere. Sie reichten sich
die Hand und lugten nach der Auffahrt und, soweit es ging, nach der Dorfgasse
hinber, von der allein die Hilfe kommen konnte.
    Nebenan war es mittlerweile wieder lebendig geworden. Es lie sich erkennen,
da sich die Strolche sicher fhlten. Sie warfen ein Bndel Nachschlssel wie
mit absichtlichem Lrmen auf die Erde und fingen an, sich an der groen, neben
der Tr stehenden Truhe, darin das Geld und die Dokumente lagen, zu schaffen zu
machen. Sie probierten alle Schlssel durch, aber das alte Vorlegeschlo
widerstand ihren Bemhungen.
    Ein Fluch war jetzt das erste Wort, das laut wurde; dann sprangen sie, die
bis dahin grerer Bequemlichkeit halber vor der Truhe gekniet haben mochten,
wieder auf und begannen, wenn der Ton nicht tuschte, an der inneren, die beiden
Stuben voneinander trennenden Wand hin auf den Realen umherzusuchen. Sie rissen
die Bcher in ganzen Reihen heraus und fegten, als sie auch hier nichts ihnen
Passendes entdeckten, mit einer einzigen Armbewegung den Sims ab, so da alles,
was auf demselben stand: chinesische Vase, Bste, Dragonerkasketts, mit lautem
Geprassel an die Erde fiel. Ihre Wut schien mit der schlechten Ausbeute zu
wachsen, und sie rttelten jetzt an der alten Tr, die nach dem Korridor
hinausfhrte. Wenn sie nachgab!
    Die Mdchen zitterten wie Espenlaub. Aber das schwere Trschlo widerstand,
wie vorher das Truhenschlo widerstanden hatte.
    Die Gefahr schien vorber; noch ein Tappen, wie wenn in Dunkelheit der
Rckzug angetreten wrde; dann alles still.
    Renate atmete auf und schritt auf den Tisch zu, um die Lampe wieder
hherzuschrauben; aber im selben Augenblicke fuhr sie zurck; sie hatte deutlich
einen Kopf gesehen, der von der Seite her sich vorbeugte und in das Zimmer
hineinstarrte.
    Keines Wortes mchtig und nur mhsam an der Sofalehne sich haltend, wies sie
auf das Fenster, vor dem jetzt wie ein Schattenri eine Gestalt stand, die mit
der Linken an dem Weingest sich klammerte, whrend die mit einem Fausthandschuh
berzogene Rechte die Scheibe eindrckte und nach dem Fensterriegel suchte, um
von innen her zu ffnen.
    Alle drei Mdchen schrien laut auf und stoben auseinander; Kathinka, aller
sonstigen Entschlossenheit bar, faltete die Hnde und versuchte zu beten, Renate
ri an der Klingelschnur, gleichgiltig gegen die Vorstellung, da niemand da
sei, die Klingel zu hren, whrend Marie, von uerster Angst erfat, in die
Gefahr hineinsprang und, ohne zu wissen, was sie tat, zu einem Sto gegen die
Brust des Drauenstehenden ausholte. Aber ehe der Sto traf, knackte und krachte
die Spalierlatte, und die dunkele Gestalt drauen strzte auf den Schnee des
Hofes nieder.
    Keines der Mdchen wagte es, einen Blick hinaus zu tun, aber sie hrten
jetzt deutlich den Ton der Flurglocke, die Renate fortfuhr zu luten, und gleich
darauf das Anschlagen eines Hundes. Es war ersichtlich, da Hektor seine neben
der Herdwand liegende warme Binsenmatte dem Tanzvergngen im Krug vorgezogen
und, ohne da jemand davon wute, das Haus gehtet hatte. Er stand jetzt unten
auf der Flurhalle, unsicher, was das Luten meine, und sein Bellen und Winseln
schien zu fragen: wohin? Aber er sollte nicht lange auf Antwort warten. Renate,
die Tr ffnend, rief mit lauter Stimme den Korridor hinunter: Hektor!, und
ehe noch der Ton in dem langen Gange verklungen war, hrte sie das treue Tier,
das in mchtigen Stzen treppan sprang und im nchsten Augenblicke schon der
jungen Herrin seine Pfoten auf die Schulter legte. Jegliche Angst war jetzt von
ihr abgefallen; sie fate mit der Linken das Halsband des Hundes, um Halt und
Sttze zu haben, und flog dann mit ihm treppab ber den Hof hin. Als sie eben
von der Auffahrt her in die Dorfgasse einbiegen wollte, stand der alte Vitzewitz
vor ihr.
    Gott sei Dank, Papa - Diebe - komm!
    Im nchsten Augenblick war der Alte in dem Zimmer oben, wo sich Kathinka
weinend an seinen Hals warf, whrend Marie ihm mit noch zitternden Lippen die
Hnde kte.

                              Fnfzehntes Kapitel



                                   Die Suche

Der andere Morgen sah die Familie samt ihren Gsten wie gewhnlich im Eckzimmer
des Erdgeschosses versammelt. Nur Renate fehlte; sie hatte Fieber, und ein Bote
war bereits unterwegs, um den alten Doktor Leist von Lebus herbeizuholen. Das
Gesprch drehte sich natrlich um den vorhergehenden Abend, und Kathinka, die
sich in bertriebener Schilderung ihrer ausgestandenen Angst gefiel, suchte
hinter Selbstpersiflierung ein Gefhl gekrnkter Eitelkeit, das sie nicht
loswerden konnte, zu verstecken. Sie geriet dabei in einen halb scherzhaften
Ton, der aber dem alten Vitzewitz durchaus nicht zuzusagen schien. Er schttelte
den Kopf und wurde seinerseits immer ernster.
    Aus den Einzelheiten der Unterhaltung war so viel zu ersehen, da Berndt, um
den Tanz im Kruge nicht zu stren, alles Alarmschlagen verboten, selbst ein
Revidieren der Amts- und Gerichtsstube hinausgeschoben und sich damit begngt
hatte, Hof und Park durch einen aus Kutscher Krist und Nachtwchter Pachaly
gebildeten Wachtposten abpatrouillieren zu lassen. Jeetze, der sich auch dazu
gemeldet hatte, war wegen Alter und Hinflligkeit und unter Anerkennung seines
guten Willens zu Bette geschickt worden.
    Es schlug neun, als unser Freund Kniehase, der erwartet war, von der
Auffahrt her ber den Hof kam. Tubal und Lewin, die am Fenster standen, sahen
und grten ihn. Gleich darauf meldete Jeetze: Schulze Kniehase.
    Soll eintreten.
    Berndt ging ihm entgegen, gab ihm die Hand und schob einen Stuhl an den
Tisch.
    Setzen Sie sich, Kniehase. Was wir zu sprechen haben, ist kurz und kein
Geheimnis. Kathinka, bleib! Es kommt alles schneller, als ich erwartete, aber
vorbereitet oder nicht, wir drfen nichts hinausschieben. Es ist keine Stunde zu
verlieren, wir mssen wissen, wen wir vor uns haben. Unser eigenes Gesindel
htte sich nicht an Hoppenmarieken gemacht. Ich bleibe dabei, es ist fremdes
Volk; Marodeurs von der Grenze.
    Kniehase schttelte den Kopf.
    Gut, ich wei, da Sie anders denken. Es wird sich zeigen, wer recht hat,
Sie oder ich. Auf wieviel Leute knnen wir rechnen? Haben wir zehn oder zwlf,
so rcken wir aus. Heute noch, gleich.
    Bis auf zehn werden wir kommen, wenn der gndige Herr sich selber
mitrechnen und die jungen Herren. Ich habe Nachtwchter Pachaly auf die Lose
geschickt, zu Schwartz und Metzke und auch zu Dames, das sind die jngsten. Aber
er kann vor Mittag nicht wieder da sein. Wir mssen also nehmen, was wir hier im
Dorfe finden.
    Und das sind?
    Nicht viele.
    Kmmritz?
    Kann nicht, hat wieder das Reien.
    Mller Miekley?
    Der will nicht. Er hat etwas von Aufstand gehrt und von Krieg fhren ohne
den Knig, das hat ihn stutzig gemacht: Wer das Schwert nimmt, der soll durch
das Schwert umkommen. Wir mssen uns hinter Uhlenhorst stecken, der hat die
Altlutherischen in der Tasche.
    Und Kallies?
    Der will, aber ich kenne Sahnepott, er hat das Zittern und kann kein Blut
sehen.
    Nun, denn Krull und Reetzke?
    Ja, die kommen, und Dobbert und Roloff auch, das sind vier Gute. Und dann
die beiden Scharwenkas, der Alte und der Jungsche, und auch Hanne Bogun, der
Scharwenkasche Htejunge.
    Der Htejunge? fragte Lewin, er hat ja nur einen Arm.
    Aber vier Augen, junger Herr, den mssen wir haben. Er sieht wie ein
Habicht und klettert.
    Gut, Kniehase, so wren wir unser zehn. Es mu ausreichen fr eine erste
Suche, und nun wollen wir, ehe die Bauern kommen, die Amtsstube revidieren;
vielleicht, da wir etwas finden, das uns einen Fingerzeig gibt.
    Sie stiegen in das erste Stockwerk, auch Kathinka folgte, dem alten
Schulzen, neben dem sie ging, auf Flur und Treppe vorplaudernd, da seine
Pflegetochter die mutigste von ihnen und zugleich die erste Ursache ihrer
Rettung gewesen sei.
    So waren sie, der alte Vitzewitz immer um ein paar Schritte vorauf, bis an
die Tre der Amtsstube gekommen, die sie jetzt nicht ohne ein gewisses und, wie
sich im nchsten Augenblicke zeigen sollte, nur allzu gerechtfertigtes Grauen
ffneten. Eine grenzenlose Verwstung starrte ihnen entgegen; Bcher und
Scherben, alles durcheinander, ber das ganze Zimmer hin Flecke von abgetropftem
Wachs, und auf der Platte des groen Schreibtisches ein Brandfleck, von dem
Schwamm oder Schwefelfaden herrhrend, den die Strolche hier sorglos aus der
Hand geworfen hatten. Neben der Truhe lag noch ein Stemmeisen und auf dem
Fensterbrett ein dicker, halb zerrissener Fausthandschuh.
    Es waren nicht Gegenstnde, die, wie sie auch von Hand zu Hand gingen, auf
eine bestimmte Spur htten hindeuten knnen, und so in gewissem Sinne
enttuscht, schritten alle wieder in das Erdgescho zurck, wo sie jetzt die
Bauern samt dem jungen Scharwenka und Hanne Bogun, dem Htejungen, bereits
versammelt fanden. Es wurde beschlossen, zunchst auch noch den Hof abzusuchen
oder wenigstens die Stelle, von wo aus der Einbruch ausgefhrt worden war. Hier
stand noch die vom Wirtschaftshof herbeigeschleppte Leiter, deren sich die Diebe
bedient hatten. Lewin stieg die Sprossen hinauf und revidierte das uere
Fenstersims, whrend Tubal und der junge Scharwenka unten im Schnee
nachforschten; aber selbst von den zahlreichen Fustapfen, die, um den Giebel
des Hauses herum, nach der Parkallee und dem Parke selber fhrten, konnte
schlielich nicht festgestellt werden, ob sie von den Dieben oder von Krist und
Pachaly herrhrten.
    So geben wir es auf, sagte Berndt, und sehen, ob wir auf Gorgast und
Manschnow zu etwas finden.
    Jeetze brachte die Flinten, und der abmarschierende Mnnertrupp war eben im
Begriff, vom Hofe her auf die Dorfgasse zu treten, als sie hinter sich einen
Schferpfiff hrten und, sich wendend, des Scharwenkaschen Htejungen ansichtig
wurden, der, vorlufig noch zurckgeblieben, mittlerweile die Leiter von dem
Amtsstubenfenster an das Fenster der Nebenstube gestellt und auf eigene Hand
weitergesucht hatte.
    Er winkte jetzt lebhaft mit dem losen rmel seines Stummelarmes und gab
Zeichen, aus denen sich schlieen lie, da er einen Fund gemacht habe.
    Die Mnner kehrten um. Als sie dicht heran waren, hielt ihnen Hanne Bogun
einen Messingknopf entgegen.
    Wo lag er? fragte der alte Vitzewitz in lebhafter Erregung.
    Der Htejunge, ohne Antwort zu geben, sprang wieder die Leiter hinauf und
legte den Knopf auf dieselbe Stelle, von wo er ihn weggenommen hatte. Es war das
Querholz, das dicht unter dem Fenster hinlief, und so konnte nicht wohl ein
Zweifel sein, da bei dem Zusammenbrechen des unteren Spaliers die scharfe Kante
der oberen Latte den Knopf abgestreift hatte. Er war von einer franzsischen
Uniform. In der Mitte ein N, whrend der Rand der Innenseite die Umschrift
zeigte: 14e Rg. de ligne.
    Berndt triumphierte, seine Vermutungen schienen sich besttigen zu sollen,
die Bauern stimmten ihm bei. Nur Kniehase schttelte nach wie vor den Kopf. Es
kam aber zu weiter keinen Auseinandersetzungen, und nachdem der Knopf reihum
gegangen war, brachen alle wieder auf. Der Htejunge, der zwei Jagdtaschen trug,
folgte.
    Sie hielten zunchst die groe Strae in der Richtung auf Kstrin zu. Als
sie bis zu der Stelle gekommen waren, wo vor zwei Tagen Hoppenmarieken
angefallen und fast erwrgt worden war, bogen sie rechts ab auf dasselbe
Wldchen zu, von dem aus Tubal und Lewin ihren Wettlauf ber den verschneiten
Sturzacker hin gemacht hatten. Die Bauern kannten aber ihr Terrain besser und
whlten einen festgetretenen Fuweg, der auf die Mitte des Gehlzes zulief.
    Hier angekommen, wurde beratschlagt, ob man dasselbe absuchen solle. Der
alte Scharwenka, der seit fnfundzwanzig Jahren immer nur in einem hohen
Federbett geschlafen hatte, hielt es fr unmglich, da man bei zwlf Grad Klte
unter freiem Himmel nchtigen und sich mit einer Zudecke von Schneeflocken
behelfen knne; Kniehase war aber anderer Meinung und setzte, sich auf seine
Feldzugserfahrungen berufend, auseinander, da es nichts Wrmeres gebe als eine
mit Stroh ausgelegte Schneehtte. Daraufhin wurde denn das Absuchen beschlossen;
aber sie kamen bis an den jenseitigen Rand, ohne das geringste gefunden zu
haben. Nirgends weggeschaufelter Schnee, kein Reisig, keine Feuerstelle.
    Man mute sich nun schlssig machen, ob man sich auf das diesseitige,
zwischen Gorgast, Manschnow und Rathstock gelegene Terrain beschrnken oder aber
zugleich auch auf das andere Fluufer bergehen und die ganze Strecke von den
Kstriner Pulvermhlen an bis zum Entenfang und vom Entenfang bis Kirch-Gritz
hin abpirschen wolle. Man entschied sich fr das letztere, so da im
wesentlichen dieselben Punkte berhrt werden muten, an denen Tubal und Lewin,
als sie den Doktor Faulstich besuchten, auf ihrem Hin- und Rckwege
vorbergekommen waren. Dies festgestellt, einigte man sich dahin, da, um
grerer Bequemlichkeit willen, die Mannschaften in zwei, nach rechts und links
hin abmarschierende Trupps geteilt werden sollten, was - wenn nichts vorfiel und
an vorausbestimmter Stelle richtig eingeschwenkt wurde - zu einem
Mittagsrendezvous in Nhe des Neu-Manschnower Vorwerks fhren mute. Den einen
Trupp fhrte Kniehase, den anderen Berndt. Bei diesem letzteren waren, auer
Tubal und Lewin, der junge Scharwenka und Hanne Bogun, der Htejunge.
    Der Berndtsche Trupp hielt sich rechts. Um einen freien berblick zu haben,
gaben sie den am diesseitigen Abhang sich hinschlngelnden Fupfad auf und
erstiegen die Hhe. Das Wetter war klar, aber nicht sonnig, so da kein Flimmern
die Aussicht strte. Berndt und Tubal hatten einen Vorsprung von fnfzig Schritt
und waren alsbald in einem Gesprch, das selbst die Aufmerksamkeit des ersteren
mehr als einmal von den Auendingen abzog. Tubal erzhlte von seinen
Kinderjahren, seiner in Paris lebenden Mutter, von Kathinka und schttete sein
Herz aus ber das unruhige und widerspruchsvolle Leben, das er von Jugend auf
gefhrt habe.
    Ich habe kein Recht, die Motive zu kritisieren, die meinen Papa bestimmt
haben mgen, sich zu expatriieren, aber er hat uns durch diesen Schritt, den er
tat, keinen Segen ins Haus gebracht. Unser Name ist polnisch und unsere
Vergangenheit und zu bestem Teil auch unser Besitz, soweit wir ihn vor der
Konfiskation gerettet haben. Und nun sind wir Preuen! Der Vater mit einer Art
von Fanatismus, Kathinka mit abgewandtem, ich mit zugewandtem Sinn, aber doch
immer nur mit einer Liebe, die mehr aus der Betrachtung als aus dem Blute
stammt. Und wie wir nicht recht ein Vaterland haben, so haben wir auch nicht
recht ein Haus, eine Familie. Und das ist das Schlimmste. Es fehlt uns der
Mittelpunkt. Kathinka und ich, wir sind aufgewachsen, aber nicht auferzogen. Was
wir an Erziehung genossen haben, war eine Erziehung fr die Gesellschaft. Und so
leben wir bunte Tage, aber nicht glckliche, wir zerstreuen uns, wir haben halbe
Freuden, aber nicht ganze, und sicherlich keinen Frieden.
    Dem alten Vitzewitz war kein Wort verlorengegangen. Er kannte das Leben der
Ladalinskis bis dahin nur in den groen Zgen, und das Ansehen, das der Vater in
einzelnen prinzlichen Kreisen geno, sein auch jetzt noch bedeutendes Vermgen,
vor allem aber das jeder Engherzigkeit Entkleidete, das alle Mitglieder dieses
Hauses gleichmig auszeichnete, hatte ihn eine Verbindung mit demselben stets
als etwas in hohem Mae Wnschenswertes erscheinen lassen. Heute zum ersten
Male, whrend er doch zugleich den Bekenntnissen Tubals mit gesteigerter
Teilnahme folgte, beschlich ihn ein Zweifel, ob es geraten sein wrde, das
Schicksal seiner beiden Kinder an das dieser Familie zu ketten.
    Auch Lewin und der junge Scharwenka plauderten lebhaft. Sie waren
gleichalterig, weshalb denn auch Lewin, dem Wunsche des alten Spielkameraden
nachgebend, das ehemalige Du beibehalten hatte. Hanne Bogun schritt pfeifend
hinter ihnen und unterhielt sich damit, Vogelstimmen nachzuahmen.
    Wie steht es mit Maline? fragte Lewin.
    Schlecht oder gar nicht, sie hat mir abgeschrieben.
    Ich habe davon gehrt. Aber du sollst sie ja gekrnkt haben; du httest ihr
ihre Armut vorgeworfen.
    Das erzhlt Frulein Renate, die alles glaubt, was ihr Maline sagt. Sehen
Sie, junger Herr, das ist nun das Allerhlichste an ihr, da sie nicht die
Wahrheit sagt und mich verschwatzt. Und ich litt' es auch nicht, blo da ich
denke, man kann doch nicht wissen, wie es kommt. Und dann will ich die, die
vielleicht doch noch meine Frau wird, nicht schon vorher in aller Leute Muler
gebracht haben.
    Aber du mut ihr doch etwas zuleide getan oder ihr irgendwas gesagt haben,
das sie dir belnehmen konnte.
    Ja, weil sie alles belnimmt. In dem Briefe, worin sie mir abschrieb,
stand: Wir Scharwenkas htten einen Bauernstolz; aber, junger Herr, wenn wir den
Bauernstolz haben, dann haben die Kubalkes den Ksterstolz. Ihr Vater, der alte
Kubalke, hat ja den Kirchenschlssel, und dann und wann sonntags, wenn der
Pastor Abhaltung hat, liest er uns auch das Evangelium vor. Und er kann auch
Grabschriften machen und Verse zu Hochzeiten und Kindelbier. Daneben mssen sich
denn freilich die Bauern verstecken; wenigstens glauben das alle Kubalkes, als
ob es selber ein Evangelium wre. Und die kleine Eve drben in Guse, das ist die
schlimmste, denn die gndige Grfin verwhnt sie jeden Tag mehr.
    Aber Maline?
    Ja, Maline! Sie ist nicht so schlimm wie die Eve, aber eitel und hochmtig
ist sie auch. Und seit Martini, wo der alte Justizrat hier war und zu ihr sagte:
Maline sei ein wendisches Wort und heie Himbeere, und sie heie nicht blo so,
sie sei auch eine, seit diesem Tage ist mit ihr kein Auskommen mehr. Und wie kam
es denn? Und was hat sie mir denn belgenommen? Ich sollte ihr das groe
karierte Tuch holen, und als ich es ihr nun wirklich geholt hatte, da wollte
sie, da ich es ihr auch umhngen sollte. Da sagte ich zu ihr: Du bist keine
Prinze, Maline, du bist eines armen Schulmeisters Tochter. Und da verschwatzt
sie mich nun und klagt den Leuten vor, ich htte ihr ihre Armut vorgeworfen! Und
was war es? Ihren Hochmut hab ich ihr vorgeworfen. Aber Worte verdrehen und
Lgen aufputzen, als ob es die Wahrheit wre, darauf versteht sie sich. Und wenn
ich ihr nicht so gut wre - denn der alte Justizrat hat eigentlich recht -, so
wr es schon lange mit uns aus gewesen. Nun ist es auch wirklich vorbei; aber
ich denke doch immer noch, es soll wieder einklingen.
    Unter solchem Geplauder, das den mitteilsamen Krgerssohn ganz und gar und
den ihm zuhrenden, meist nur Fragen stellenden Lewin wenigstens halb in
Anspruch genommen hatte, hatten beide junge Mnner nicht darauf geachtet, da
das Pfeifen hinter ihnen still geworden war. Als sie sich von ungefhr
umwandten, sahen sie den eine gute Strecke zurckgebliebenen Hanne Bogun, wie
er, die beiden Jagdtaschen von der Schulter streifend, eben im Begriff stand,
eine Kiefer zu erklettern, die sich nach oben hin in zwei weit
voneinanderstehende ste teilte. Es war dies der hchste Punkt der ganzen
Gegend, und die Absicht des Htejungen, von hier aus Umschau zu halten, lag klar
zutage. Aber jede Betrachtung ber das, was er wolle oder nicht wolle, ging in
dem Schauspiel unter, das ihnen jetzt die Klettergeschicklichkeit des Einarmigen
gewhrte. Er klemmte den Stumpf fest, als ob er den Arm selbst gar nicht
vermisse, und geschickt die am schlanken Stamm hin kurz abgebrochenen Aststellen
benutzend, auf denen er sich wie auf Leitersprossen ausruhte, war er noch eher
oben, als die beiden jungen Mnner den Weg bis zu der Kiefer hin zurckgelegt
hatten.
    Was gibt es, Hanne?
    Er machte von der Gabel aus, in der er jetzt stand, eine Handbewegung, als
ob er nicht gestrt sein wolle, und sah dann erst die Fluufer auf- und abwrts,
zuletzt auch ins Neumrkische hinber. Er schien aber nichts zu finden und
glitt, nachdem er sein Auge den ganzen Kreis nochmals hatte beschreiben lassen,
mit derselben Leichtigkeit wieder hinab, mit der er fnf Minuten vorher
hinaufgestiegen war.
    Er blieb nun, whrend die beiden jungen Mnner rasch weiterschritten, in
gleicher Linie mit ihnen und gab auf die kurzen Fragen, die Lewin von Zeit zu
Zeit an ihn richtete, noch krzere Antworten.
    Nun, Hanne, was meinst du, werden wir sie finden?
    Der Htejunge schttelte den Kopf in einer Weise, die ebensogut Zustimmung
wie Zweifel ausdrcken konnte.
    Ich begreife nicht, da die Gorgaster und Manschnower ihnen nicht besser
aufpassen. Es gibt doch hier keine Schlupfwinkel, kaum ein Stckchen Wald; dabei
liegt Schnee. Ich glaube, sie haben ihre Helfershelfer; sonst mte man doch
endlich Bescheid wissen.
    Manch een mack et wol weeten? sagte der Htejunge.
    Ja, aber wer ist manch een?
    Der Htejunge lchelte pfiffig vor sich hin und fing wieder an, eine
Vogelstimme nachzuahmen, vielleicht aus Zufall, vielleicht auch, um eine
Andeutung zu geben.
    Du machst ja ein Gesicht, Hanne, als ob du etwas wtest. An wen denkst
du?
    Hanne schwieg.
    Es soll dein Schaden nicht sein. Nicht wahr, Scharwenka, wir kaufen ihm
eine Pelzmtze und hngen ihm einen blanken Groschen an die Troddel! Nun, Hanne,
wer ist manch een?
    Hanne schritt ruhig weiter, sah nicht links und nicht rechts und sagte vor
sich hin: Hoppenmarieken.
    Lewin lachte. Natrlich, Hoppenmarieken mu alles wissen. Was ihr die
Karten nicht verraten, das verraten ihr die Vgel, und was die Vgel nicht
wissen, das wei der Zauberspiegel. Dieselben Kerle, die sie gewrgt haben,
werden ihr doch nicht ihren Zufluchtsort verraten haben.
    Der Htejunge lie sich aber nicht stren und wiederholte nur mit einem
Ausdruck von Bestimmtheit: Se weet et.
    Whrend dieses Gesprches hatten alle drei den Punkt erreicht, wo sie, nach
der am Wldchen getroffenen Verabredung, den auf der Hhe laufenden Fuweg
aufgeben, nach links hin niedersteigen und ber den Flu gehen muten. Ihnen
gegenber schimmerte schon der Kirch-Gritzer Turm, aber doch noch gute
fnfhundert Schritt nach rechts hin, woran Lewin deutlich erkannte, da der
ihnen zu Fen liegende, mit jungen Kiefern abgesteckte Weg nicht derselbe war,
den er vorgestern mit Tubal passiert hatte, sondern ein Parallelweg, der
wahrscheinlich auf die Rathstocker Fhre zufhrte.
    Der alte Vitzewitz und Tubal waren schon halb hinber, als Lewin erst in den
Kuschelweg einbog. Er sprach nicht, aber desto mehr beschftigte ihn
Hoppenmarieken. Es erschien ihm jetzt hinfllig, was er seinerseits gegen ihre
Mitwissenschaft gesagt hatte; Streitigkeiten zwischen Diebsgenossen waren am
Ende nichts Ungewhnliches, und wenn ein Rest von Unwahrscheinlichkeit blieb, so
schwand er doch vor der Bestimmtheit, mit der Hanne Bogun sein Se weet et
ausgesprochen hatte. War doch der Htejunge, so sagte sich Lewin, zu dieser
Bestimmtheit mutmalich nur allzu berechtigt. Denn wenn es jemanden auf der
Hohen-Vietzer Feldmark gab, der Hoppenmarieken in ihren Schlichen und Wegen
nachgehen oder doch ihr Treiben auf der Landstrae, ihre Begegnungen und
Tuscheleien beobachten konnte, so war es eben Hanne, der sommerlang das
Scharwenkasche Vieh htete und entweder in einem ausgetrockneten Graben oder
versteckt im hohen Korne lag.
    Unter solchen Betrachtungen hatte Lewin die Mitte des Flusses erreicht, der
alte Vitzewitz und Tubal waren schon am jenseitigen Ufer und kletterten eben den
steilen Rand hinauf. Zur Linken Lewins ging der junge Scharwenka, beide nach wie
vor im Schweigen und des Htejungen nicht achtend, der wieder ein paar Schritte
hinter ihnen zurckgeblieben war.
    Aber in diesem Augenblick drngte sich Hanne, rasch ber das Eis
hinschlitternd, an die Seite seines jungen Herrn, zupfte ihn am Rock und sagte,
mit seinem losen rmel nach links hin zeigend: Jungschen Scharwenka, kiek
eens.
    Des Krgers Sohn blieb stehen, Lewin auch, und beide lugten nun scharf nach
der Richtung hin, die ihnen Hanne bezeichnet hatte.
    Ich sehe nichts, rief Scharwenka und wollte weiter.
    Aber Hanne hielt ihn fest und sagte: Tf en beten, grad ut, mang de
Pappeln; jitzt.
    Hanne hatte recht gesehen. Zwischen zwei Pappeln, die mitten auf dem Eis zu
stehen schienen, wirbelte ein dnner Rauch auf. Dann und wann schwand er, aber
im nchsten Augenblicke war er wieder da.
    Jetzt haben wir sie! Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Vorwrts!
    Damit bogen beide junge Mnner aus dem querlaufenden Kuschelweg in die
groe, die Mitte des Stromes haltende und fr Schlitten und Wagen bequem
fahrbare Lngsallee ein, whrend Hanne, zu Meldung des Tatbestandes und mit der
Aufforderung umzukehren, an den alten Vitzewitz und Tubal abgeschickt wurde.
    Lewin und der junge Scharwenka setzten inzwischen ihren Weg fort, machten
aber lange Pausen, bis sie wahrnahmen, da Hanne die beiden bereits am anderen
Ufer Befindlichen eingeholt und ihnen seine Meldung ausgerichtet hatte. Nun
schritten auch sie wieder schneller vorwrts. Bald entdeckten sie, da das, was
sie kurz vorher noch fr eine mit zwei hohen Pappelweiden besetzte Landzunge
gehalten hatten, eine jener kleinen Rohrinseln war, denen man in der Oder so
hufig begegnet. Das einfassende Rohr, wenn auch hier und dort durch die
Schneemassen niedergelegt, lie sich deutlich erkennen; alles aber, was
dahinterlag, war durch eben diesen Einfassungsgrtel verborgen.
    Sie gaben nun auch die groe Lngsallee auf, hielten sich halb links und
tappten sich durch den auerhalb der Fahrstrae fuhoch liegenden Schnee auf die
Insel zu. Als sie dicht heran waren, verschwanden ihnen zuerst die
Rauchwlkchen, bald auch die beiden Pappeln, und im nchsten Augenblicke standen
sie vor dem Schilfgrtel selbst. Lewin wollte den Durchgang forcieren,
berzeugte sich aber, da dies unmglich sei. Auch war es berflssig. Whrend
seiner Anstrengungen hatte der junge Scharwenka einen mannsbreiten Gang
entdeckt, der mit der Sichel durch das Rohr geschnitten war; er winkte Lewin
heran, und beide drangen nun vor, nicht ohne Schwierigkeiten, da der Wind
zahllose Halme in den Gang hineingeweht und diesen an manchen Stellen wieder
verstopft hatte. Endlich waren sie durch den Rohrgrtel, der eine Tiefe von
fnfzehn Schritt haben mochte, hindurch, und das wenige, was noch verblieb, als
eine Art Schirm benutzend, sahen sie jetzt, von gesicherter Stelle aus, auf das
Innere der Insel.
    Das Bild, das sich ihnen bot, war berraschend genug und berhrte sie, als
ob sie auf einen leidlich instand gehaltenen Wirtschaftshof blickten. Alles war
von einer gewissen Ordnung und Sauberkeit. Der Schnee lag zusammengefegt zu
beiden Seiten; eine Kuh, die mit dem linken Vorderfu an eine der beiden Pappeln
gebunden war, nagte von einem durch Strohbnder zusammengehaltenen Heubndel,
whrend in der Nhe der anderen Pappel ein hochbepackter Schlitten stand, der
unter seiner mit Stricken umwundenen Segelleinwand den Ertrag des letzten Fanges
bergen mochte.
    So der Hof, dessen friedliches Bild nur noch von dem Anblick des als
Wohnhaus dienenden Holzschuppens bertroffen wurde. Dieser Holzschuppen, von
beiden Seiten her mit Schnee umkleidet, nicht viel anders, als ob er in einen
Schneeberg hineingebaut worden wre, schien aus drei Rumen von verschiedener
Gre zu bestehen. Die beiden kleinen, die als Stall und Kche dienten, waren
offen, whrend der dritte, grere Raum mit zwei alten Brettern und einer
funkelnagelneuen Tr zugestellt war, deren Klinke, Haspenbeschlag und roter
lfarbenanstrich ber ihren Gorgaster oder Manschnower Ursprung keinen Zweifel
gestattete. Vor dem aufgemauerten Herd, auf dem ein miges Reisigfeuer brannte,
stand, mit Abschumen und Tpfercken beschftigt, eine noch junge Frau, dann
und wann zu einem Blondkopf sprechend, der auf einem Futtersack dicht an der
Schwelle sa. Als Rauchfang, wie Lewin deutlich erkennen konnte, diente ein
Ofenrohr, das zwei Handbreit ber das Schneedach hinausragte. In dem offenen
Stalle stand ein Pferd und klapperte mit der Eisenkette.
    Das ist Mller Krieles Brauner, sagte Scharwenka.
    Beide junge Mnner zogen sich nach dieser ihrer Rekognoszierung wieder an
den ueren Rand des Schilfgrtels zurck, um hier auf die Ankunft ihres
Sukkurses zu passen. Sie hatten nicht lange zu warten. Berndt und Tubal, von dem
Htejungen gefolgt, waren bereits dicht heran, und gleich darauf drngten alle
fnf, durch den schmalen Gang hin, wieder auf den Punkt zu, von wo aus Lewin und
der junge Scharwenka ihre Beobachtungen angestellt hatten. Im Flstertone wurde
Kriegsrat gehalten und das Abkommen getroffen, da Tubal und Hanne Bogun auf die
Frau losspringen, die beiden Vitzewitze samt ihrem Krgerssohn aber in den mit
den zwei Brettern und der roten Tr zugestellten Raum eindringen sollten.
    Es war sehr wahrscheinlich, da sich die Strolche, um den auf ihren
nchtigen Streifzgen versumten Schlaf wieder einzubringen, hier zur Ruhe
niedergelegt hatten; erwies sich diese Voraussetzung aber auch als Irrtum, so
hatte man wenigstens die Frau, mit deren Hilfe es nicht schwerhalten konnte, die
etwa ausgeflogenen Vgel einzufangen.
    Eins, zwei, drei! ein Sprung ber den Hof hin, und im nchsten Moment
schrie die Frau auf, whrend Berndt und Scharwenka, gefolgt von Lewin (der
Bretter und Tr mit leichter Mhe niedergerissen hatte), in den mit Blak- und
Branntweindunst angefllten Raum hineindrngten. Das hell einfallende Tageslicht
lie alles rasch erkennen. An den Wnden, links und rechts hin, standen zwei
kienene Bettstellen, die, wie drauen die rotangestrichene Tr, einst bessere
Tage gesehen haben mochten. Jetzt waren sie mit Strohscken bepackt, auf und
unter denen, in voller Kleidung, zwei Kerle mit brigens noch mehr gedunsenem
als verwildertem Gesicht in festem Schlafe lagen.
    Ausgeschlafen? donnerte Berndt und setzte dem an der rechten Wand
Liegenden den Kolben auf die Brust.
    Der so Angeschriene fuhr sich schlaftrunken ber die Augen und starrte dann
mit einem Ausdruck, in dem sich Schreck und Pfiffigkeit zu einer Grimasse
verzogen, auf den alten Vitzewitz, der, als er den guten Effekt sah, den die
berraschung ausgebt hatte, das Gewehr wieder ruhig ber die Schulter hing und
beiden Strolchen zurief. Macht euch fertig!
    Im Nu waren sie auf den Beinen; beide mittelgro und Mnner von Vierzig. Der
eine war nach Landessitte in eine dickwollene Tagelhnerjacke, der andere in
einen franzsischen Soldatenrock gekleidet, beide mit Holzschuhen an den Fen,
aus denen lange Strohhalme heraussahen. Ihren Anzug aufzubessern, dazu war nicht
Zeit noch Gelegenheit. Auf einer als Tisch dienenden Kiste stand ein Blaker mit
niedergeschweltem Licht; daneben zwei bauchige Flaschen von grnem Glase, drin
ein Korbmuster eingedrckt war, auch ein Czako und eine Filzmtze. Sie bedeckten
sich damit, lieen die Flaschen, in denen noch ein Rest sein mochte, in ihre
Tasche gleiten und stellten sich dann in eine Art von militrischer Positur, wie
um ihre Marschbereitschaft auszudrcken. Berndt machte eine Handbewegung:
Vorwrts!
    Drauen drngte sich der im Soldatenrock an die Seite des jungen Scharwenka
und fragte mit einer halben Vertraulichkeit: Wohenn geiht et?
    An den Galgen!
    Der Strolch grinste. Na, Jungschen Scharwenka, so dull sall et ja woll nich
wihren!
    Ihr kennt mich?
    Wat wihr ick Se nich kennen? Ick bin ja Muschwitz von Groen-Klessin.
    So, so; und der andere?
    Rosentreter von Podelzig.
    Der junge Scharwenka warf den Kopf in die Hhe, als ob er sagen wollte: So
sieht er auch aus. Damit schritten sie ber den Hof auf den schmalen Gang zu,
der durch das Schilf fhrte.
    Eine halbe Stunde spter hatte die kleine Kolonne den vorausbestimmten
Rendezvousplatz, das Neu-Manschnower Vorwerk, erreicht. Sie fanden den
Kniehaseschen Trupp, der keinen Aufenthalt gehabt hatte, schon vor. Krull und
Reetzke, nachdem alles erzhlt worden, was zu erzhlen war, erboten sich, den
Gefangenentransport, der auf Frankfurt ging, zu bernehmen: eine Verstrkung
dieser Eskorte war nicht ntig, da sowohl Muschwitz wie Rosentreter froh
schienen, ihre Winterhtte mit unfreieren, aber bequemeren Verhltnissen
vertauschen zu knnen. Die Frau, in betreff deren Zweifel herrschten, wem von
den beiden sie zugehrte, folgte stumm, einen kleinen Schlittenkasten ziehend,
in den sie das Kind hineingesetzt hatte.
    Die Hohen-Vietzer traten gleichzeitig mit dem Abmarsch der Gefangenen ihren
Rckweg an. Und zwar ber das am diesseitigen Ufer liegende Manschnow. An der
Mhle vorberkommend, teilten sie dem alten Kriele mit, in welchem Stalle er
seinen Braunen wiederfinden wrde; auf dem Schulzenamte aber wurde Befehl
zurckgelassen, da die Manschnower, zu deren Revier die Insel gehrte, den
Schuppen durchsuchen und durchgraben und alles geraubte Gut, das sich etwa
finden wrde, nach Frankfurt hin abliefern sollten.

                              Sechzehntes Kapitel



                          Von Kajarnak, dem Grnlnder

Um zwei Uhr waren unsere Hohen-Vietzer wieder in ihrem Dorf und eine halbe
Stunde spter wute jeder bis auf die letzten Lose hinaus, da die Strolche
gefunden und auf dem Wege nach Frankfurt seien. Im Kruge, wo sich bald einige
Bauern, auch Kallies und Kmmritz, versammelten, entsann man sich Muschwitzens
sehr wohl, der immer ein Tagedieb und Taugenichts gewesen sei, und erging sich
in Vermutungen, woher er den franzsischen Soldatenrock genommen haben knne,
Vermutungen, die mit Totschlag begannen und ber qualifizierten Diebstahl hin
einfach bei Tausch oder Kauf endigten. Dies letztere war denn auch das
wahrscheinlichste. In Kstrin, wo der Typhus jeden Tag die Reihen der
franzsischen, zum Teil aus Hessen und Westfalen bestehenden Garnison lichtete,
war zu solchen Geschften unter der Hand die reichlichste Gelegenheit gegeben.
Von Rosentreter wute niemand. Das Lob des Htejungen war auf aller Lippen.
    Auch im Herrenhause ri das Erzhlen gar nicht ab. Kathinka und Tante
Schorlemmer wollten alles bis auf die kleinsten Zge wissen, und als es unten im
Wohnzimmer nichts mehr zu berichten gab, wurde oben in Renatens Krankenzimmer
das Berichterstatten fortgesetzt. Lewin sa eine Stunde lang an ihrem Bett und
lie der Reihenfolge nach erst das Absuchen des Wldchens, dann den berfall und
den Transport der Gefangenen an ihrem Auge vorberziehen. Nichts wurde
vergessen; namentlich hob er aus seinem Gesprche mit dem jungen Scharwenka
hervor, da Maline unrecht habe, pries Hanne Boguns Umsicht und schilderte
schlielich den Eindruck, den die auf dem Rohrwerder mitgefangene Frau auf ihn
gemacht habe.
    So kam die Tischstunde heran. Der alte Vitzewitz war in bester Laune, und so
unbequem es ihm sein mochte, mit seiner Hypothese von den Marodeurs und
Deserteurs eine arge Niederlage erlitten zu haben, so gewann er es doch ber
sich, was sonst nicht seine Art war, ber sich selbst und seinen Rechnungsfehler
zu scherzen. Wute er doch, da er schlielich recht behalten wrde. Alles war
nur Frage der Zeit.
    Gleich nach Tisch sollte zu Graf Drosselstein nach Hohen-Ziesar
hinbergefahren werden; Tubal und Kathinka schuldeten ihm ohnehin noch ihren
Besuch, der, wenn er berhaupt noch gemacht werden sollte, nicht hinausgeschoben
werden konnte. Denn am andern Tage schon sollte von Schlo Guse aus die Rckkehr
beider Geschwister nach Berlin angetreten werden. Krist mit den Ponies hielt
schon vor der Treppe, als die Tafel aufgehoben wurde; wenige Minuten spter bog
der Wagen von der Auffahrt her in die Dorfstrae ein. Kathinka, einer ihrer
Passionen folgend, hatte die Leinen genommen und fuhr. Als sie an Miekleys Mhle
vorberkamen, begegnete ihnen Doktor Leist von Lebus, der sich getreulich
einstellte, um nach seiner Kranken zu sehen. Nur kurze Gre wurden gewechselt.
    Alte-Doktor Leist, der seit zwanzig Jahren im Hohen-Vietzer Herrenhause so
gut Bescheid wute wie in seinem eigenen, stieg, nachdem er ein paar Worte mit
Jeetze gewechselt und von dem groen Ereignis des Tages gehrt hatte, treppan
und trat bei Renaten ein.
    Nur Maline war bei ihr. Das Schlafzimmer, jetzt auch Krankenzimmer, lag auf
der der Gerichtsstube entgegengesetzten Seite des Hauses und war nur durch eine
Giebelwand von dem mehrgenannten alten Querbau getrennt, der ehedem als
Bankettsaal, dann als Kapelle gedient und nun lngst schon seine frheren
Bestimmungen mit der bescheidenen einer groen Obst- und Rumpelkammer vertauscht
hatte. Am Ende des Korridors befand sich eine schmale Tr, die mit Hilfe einer
hochstufigen Treppe die Verbindung mit diesem alten Querbau unterhielt. Doktor
Leist trat an das Bett der Kranken, fhlte den Puls und sagte dann, whrend er
eine fieberstillende Arzenei auswickelte:
    Hier bring ich etwas. Der alte Doktor Leist ist wie der Weihnachtsmann; er
bringt immer etwas mit.
    Nur der Weihnachtsmann bringt Ses, und Doktor Leist bringt Bitteres.
    Nicht doch, nicht doch, Renatchen. Da sollten Sie den alten Leist doch
besser kennen. Der wei, was sich schickt, und kennt seine deutschen
Sprichwrter. Gleich und gleich gesellt sich gern. Und fr so liebe kleine
Fruleins ist das Bittere gar nicht da.
    Also sauer?
    Sauer und s; eine Doppellimonade.
    Das ist recht. Ich frchte mich vor jedem Lffel Medizin. Aber eine
Doppellimonade, das mag gehen. Und wie ist es mit der Dit, Doktorchen?
    Nicht zu streng. Sagen wir ein Biskuit und etwas gestowtes Obst.
    Nicht auch frisches?
    Allenfalls auch frisches. Aber mit Auswahl. Etwa einen mrben Gravensteiner
oder eine Kalville.
    Danke, danke. Die lieb ich gerade sehr. Und darf ich mir auch etwas
vorplaudern lassen? Von Maline?
    Gut, gut.
    Oder von Tante Schorlemmer?
    Noch besser. Sie wird, denk ich, mehr kalmieren als irritieren. Und das ist
genau, was wir brauchen.
    Damit empfahl sich Doktor Leist und versprach, am andern Tage
wiederzukommen.
    Der Alte war kaum fort, als Renate Malinen heranwinkte.
    Nun nimm eine Fubank und setze dich zu mir; hier dicht an mein Bett. Wir
haben ja des Doktors Erlaubnis. Und nun gib mir deine Hand. Ach, wie schn khl
du bist. Wenn ich nur eine ruhige Nacht htte! Aber ich habe immer Bilder vor
den Augen.
    Das ist das Fieber.
    Ja, das Fieber. Und das qult mich, da ich den Anblick der armen Frau
nicht loswerden kann.
    Welcher Frau?
    Die sie heute mittag auf dem Rohrwerder mit aufgesprt haben. Lewin sagte
mir, da kein rohes Wort, nicht einmal eine Klage ber ihre Lippen gekommen
sei.
    Aber, Frulein, es ist ja eine Diebin. Und keiner wei, wem sie zugehrt.
Krist sagte mir: sie hat zwei Mnner oder keinen. Und das ist doch schlimm, das
eine wie das andere.
    Ich habe doch Mitleid mit ihr, und so recht eigentlich schlecht kann sie
nicht sein; denn sieh, sie hat nicht an sich gedacht, sondern erst an ihr Kind
und hat es in einen kleinen Schlittenkasten gepackt und es mit sich genommen.
Und nun seh ich immer die lange Frankfurter Pappelallee vor mir, die kein Ende
nimmt und weit, weit am Horizonte zu einem Punkte zusammenluft. Und zwischen
den Pappeln geht die Frau und zieht den Schlittenkasten, in dem das Kind sitzt,
und wenn sie aufwrts, abwrts an den Punkt kommt, wo die Pappeln ein Ende zu
nehmen schienen, dann tut sich eine neue Allee auf, die noch lnger ist und
wieder in einem Punkte zusammenluft. Und die Frau wird immer matter und mder.
Es peinigt mich. Ich wollte, da ich das Bild loswerden knnte.
    Krull und Reetzke sind ja gute Leute und werden ihr nicht mehr auflegen,
als sie tragen kann.
    Es sind Bauern, und Bauern sind hart und taub. Ich wollte, der junge
Scharwenka htte den Transport bernommen. Der ist schon anders und lt mit
sich reden.
    Der? fragte Maline.
    Ja, der. Und du mut dich nicht gleich verfrben, wenn ich blo seinen
Namen nenne. Er hat mit Lewin gesprochen und ihm seine Not geklagt.
    Er verklagt mich berall.
    Das sagt er auch von dir. Und nun hre mich an, Maline, und wirf nicht den
Kopf. Wir waren immer gute Freunde; so la dir raten und sei nicht eigensinnig.
    Aber ehe Renate weitersprechen konnte, barg Maline den Kopf in ihrer Herrin
Bettkissen und fing heftig an zu schluchzen.
    Und nun wirst du gar noch weinen! Aber weine nur. Es ist das erste
Zugestndnis, da du unrecht hast und da der kleine Trotzkopf es nur noch nicht
eingestehen will.
    Er hat mir meine Armut vorgeworfen.
    Nein, das hat er nicht. Er hat dir deinen Hochmut vorgeworfen. Und da hat
er recht. Und er hat auch recht in allem, was er von euch Kubalkoschen Mdchen
sagt. Das ist ein ewiges Nasenrmpfen und Vornehmtun von dir und der kleinen Eve
drben, und das lassen sich die Bauern nicht gefallen. Ihr wollt beide wie
Stadtmdchen sein.
    Maline nickte.
    Und was httest du denn in der groen Stadt? Ein bichen Putz und ein paar
Anbeter mehr. Aber was kme fr dich dabei heraus? Ein stdtisches Elend und
eine Stabstrompeter oder Kassenbotenfrau. Nein, Maline, bleib in Hohen-Vietz; es
ist ein Glck, das du machst; sind doch die Scharwenkas die reichsten Leute im
Dorf, und nicht die schlechtesten. Und er liebt dich und kann nicht von dir los,
trotzdem er eigentlich mchte. Und siehe, das ist so recht die Liebe, wie ich
sie mir auch immer gewnscht habe, da man einen vor rger umbringen und
zugleich vor Sehnsucht totkssen mchte.
    Wie gut Frulein Renate das alles beschreiben knnen. Aber er mu kommen.
    Nein, du mut kommen.
    Maline seufzte. Dann aber pltzlich bedeckte sie Renatens Hand mit Kssen,
und aufatmend, als ob eine groe Last von ihr genommen wre, sagte sie: Wie
leicht mir wieder ums Herz ist! Ach, Frulein, Frulein, er ist ja doch der
beste Mensch von der Welt. Und es ist auch hbsch von ihm, da er sich nicht
alles gefallen lt. Ein Mann mu doch ein Mann sein. Und eigentlich kann ich
ihn ja doch um den Finger wickeln.
    Es schlug sieben, und Maline erhob sich, um der Kranken ihre Medizin zu
geben.
    Doktor Leist hat recht; es schmeckt wie eine Doppellimonade. Und nun hole
mir noch ein paar Kalvillen. Hier schrg unter uns aus dem alten Saal. Aber nimm
den Wachsstock und sieh dich vor auf der Treppe; die Stufen sind so ausgelaufen.
Und verfitze dich auch nicht in dem Bohnenstroh.
    Maline sah vor sich hin. Dann sagte sie verlegen: Ich mchte die pfel doch
lieber aus der Speisekammer holen, nicht aus dem alten Saale.
    Aber wozu den weiten Weg? Wir sind ja hier Wand an Wand. Ein paar Stufen
und du bist unten. Die Kalvillen liegen links neben dem Altar.
    Ich kann nicht gehen, Frulein Renate.
    Was ist dir?
    Ich frchte mich.
    Weshalb?
    Er betet wieder.
    Wer?
    Der alte Matthias.
    Renate schlo einen Augenblick die Augen und sagte dann mit erknstelter
Ruhe: Ich bin ihm nie begegnet. Glaubst du daran?
    Ich wei es nicht. Ich wei nur, was mir die Ruschen, die alte Jtefrau,
immer gesagt hat: Wer den Spuk verschwrt, dem erscheint er.
    Und wer hat ihn gesehen?
    Nachtwchter Pachaly.
    Wann?
    Letzte Nacht.
    Erzhle, was du gehrt hast.
    Ich mag nicht. Frulein Renate werden sich erschrecken und krnker werden.
    Nein, nein, ich will es wissen.
    Nun gut denn. Also Krist und Pachaly hatten die Wache. Jeetze kam auch; ich
sah ihn, als ich um die zehnte Stunde nach Hause kam, denn es gefiel mir nicht
im Krug, und ich wollte nicht tanzen. Das gndige Frulein werden schon wissen,
warum ich nicht tanzen wollte. Aber das mu ich sagen, er tanzte auch nicht.
    Renate nickte, whrend Maline die Hand ihrer jungen Herrin kte und dann
fortfuhr:
    Jeetze hatte sich Krists grauen Mantel angezogen und einen alten Sbel
darbergeschnallt. Es war zum Lachen. Als der gndige Herr ihn sah, wurd er
rgerlich und sagte: Das ist nichts fr dich, Jeetze. Du hast deine Zeit gehabt.
Und dann trat er zu Krist und Pachaly und befahl ihnen, da sie sich immer in
Nhe des Hauses halten sollten. Krist, du nimmst die Parkseite, und Pachaly, Ihr
nehmt die Dorfseite, und bei dem groen Mittelfenster des alten Saales trefft
ihr zusammen. Und haltet euch immer so, da ihr euch anrufen knnt. Das alles
hrt ich noch mit meinen eigenen Ohren. Aber das andere hab ich von Pachaly.
    Nun?
    So gingen sie denn wohl zwei Stunden. Es war ganz still. Nur vom Krug her,
wo man noch nichts wute, hrten sie Musik. Krist, den jetzt zu frieren anfing,
trat in die Hoftr und schlug Feuer an, um sich eine warme Pfeife zu stopfen.
Dadurch kam es, da sie sich fr dies eine Mal bei dem groen Mittelfenster
nicht trafen und da Pachaly den langen Querbau allein passieren mute. Als er
an das letzte Fenster kam, sah er Licht; er trat nher heran und hob sich auf
die Fuspitzen. Da sah er, da das alte Bild erleuchtet war, und vor dem Altar
kniete einer und betete. Er hatte aber keine Stimme zum Rufen. Indem kam Krist
heran, und er winkte ihm. Dieser sah auch noch den Schein; als er aber an die
Stelle treten wollte, wo Pachaly eben gestanden hatte, losch alles aus, und es
war wieder dunkel. Sie hrten nur noch Schritte und ein Knistern im Stroh, das
vor den Stufen lag.
    Renate hatte sich hher aufgerichtet. Die Wand, an der sie lag, war die
Giebelwand, an deren anderer Seite - nur um eine Treppe tiefer - der alte Altar
sich befand. Eine Herzensangst befiel sie. Sie hatte das Bedrfnis eines
Zuspruchs, den ihr Maline nicht geben konnte; so sagte sie: Du solltest mir
Tante Schorlemmer rufen.
    Maline ging. Als sie aber eben die Tr ffnen wollte, rief ihr Renate nach:
    Nein, bleib! Und dann wieder ihrer Furcht sich schmend, setzte sie hinzu:
Nein, geh; ich will mich bezwingen.
    Es vergingen Minuten. In dem nur matt erleuchteten Zimmer bewegten sich die
Schatten hin und her; ihr fiebriges Auge folgte diesem Tanz und haftete zuletzt
auf der Bilderreihe, die an der anderen Wand des Zimmers hing. Es waren
englische Buntdruckbilder, eines ein gotisches Portal darstellend, in dem eine
Ampel hing und durch das hindurch man auf einen Altar blickte. Alles in
vorzglicher Perspektive und der Altar nur ein Punkt. Sie sah ihn nicht, sie
wute nur, da er da war. Und vor ihrem Auge wuchs jetzt das Portal, und der
Altar wuchs, und vor den Stufen des Altars kniete wer. Es schlug ihr das Herz,
und sie konnte doch von dem Bilde nicht lassen.
    Da hrte sie Schritte drauen, und gleich darauf trat Tante Schorlemmer ein,
noch die Wirtschaftsschrze vor, ein sicheres Zeichen, da sie von Herd oder
Kche abgerufen worden war. Maline, die wegen ihrer Spukgeschichte ein
schlechtes Gewissen haben mochte, war zurckgeblieben.
    Wie gut, da du kommst, liebe Schorlemmer. Ich habe eine rechte Sehnsucht
nach dir gehabt. Du mut ein bichen mit mir plaudern. Aber erst gib mir deine
Hand; so - und nun gib mir zu trinken.
    Gott, wie du fieberst, Kind. Man darf euch auch keine halbe Stunde allein
lassen. Und ich mute doch die Hasen spicken. Auf Stinen ist kein Verla; das
nennt sich Kchin und wei kaum, da der Hase sieben Hute hat. Nun trink, mein
Renatchen. Ich werde noch einen Lffel Himbeeressig hineintun; das khlt. Hast
du denn auch eingenommen?
    Renate leerte das Glas, das ihr Tante Schorlemmer gereicht hatte, und sank
dann erschpft in ihre Kissen. Aber die Angst, die sie bis dahin beherrscht
hatte, war doch von ihr gewichen, und als ob sie pltzlich im Schutze guter
Geister sei, sagte sie ruhig: Glaubst du an Gespenster?
    Dacht ich's doch. Hat die Maline wieder nicht reinen Mund halten knnen. In
der Kche plappert das auch den ganzen Tag schon. Und da ist einer wie der
andere. Nur den Pachaly htt ich fr gescheiter gehalten. Denn er hlt sich zu
Uhlenhorst; und das mu man den Altlutherischen lassen, da sie von solcher
Schwachheit und Narrheit nichts wissen wollen. Sie haben eben den Glauben, und
der lt den Aberglauben nicht aufkommen.
    Liebe Schorlemmer, sagte Renate, du bist so gut, aber einen kleinen
Fehler hast du doch. Alles, was dir nicht pat, das ist fr dich nicht da, und
wenn es doch da ist, so glaubst du es mit einem guten Spruch aus der Welt
schaffen zu knnen.
    Ja, mein Renatchen, das kann ich auch. Mit einem guten Spruch ist viel
auszurichten. Und wer an Gott und Jesum Christum glaubt, der frchtet keine
Gespenster.
    Du mut mir nicht ausweichen wollen. Ich will nicht wissen, wer sich vor
Gespenstern frchtet und wer nicht; ich will nur wissen: Gibt es Gespenster?
    Nein.
    Und doch lebst du hier unter uns, die wir seit hundert Jahren, wie so viele
alte Huser, ein Hausgespenst haben. Wenigstens erzhlen es die Leute. Lewin ist
berzeugt, da sie recht haben; du lchelst; nun gut, das soll nicht viel
bedeuten. Aber auch der Papa glaubt daran, und du weit besser als ich, da er
fest im Glauben steht. Es ist keine sechs Wochen, da wir den Fall mit Krists
Wilhelm hatten. Und nun Pachaly! Er ist doch ein verstndiger Mann. Ich sage
nicht, ja, wo du, nein sagst, aber ich mag wenigstens die Mglichkeit nicht
bestreiten.
    Ich tue es. Wo es nicht Lug und Trug ist, ist es Sinnentuschung. Die Toten
sind tot.
    La dir etwas erzhlen. Ich fand einmal ein Buch, in dem las ich, da
nichts unterginge und da an einem bestimmten Tage alles wiederkme, die groe
und die kleine Welt, Mensch und Tier, auch die sogenannten leblosen Dinge. Ich
wrde also nicht nur dich wiedersehen und Malinen, auch Hektor und den
englischen Buntdruck mit dem gotischen Portal und dem Altar, der dort drben an
der Wand hngt. Und diese durch ein Reinigungsfeuer gegangene Welt, diese
verklrte Spiegelung von allem, was je dagewesen ist, wrde die Seligkeit sein.
Es war ein frommes Buch, in dem ich das alles fand, und ich habe nichts gelesen,
das einen tieferen Eindruck auf mich gemacht htte. Und nun frag ich dich, was
ist ein Gespenst anders als ein vorausgesandter Bote dieser verklrten Welt?
    Es ist doch, wie ich sage: die Toten sind tot. Und die verklrte Welt, die
kommen wird, ist eben keine Welt von dieser Welt. Sie harret unserer, aber nicht
hier, nicht in der Zeitlichkeit. Nur einer ist, der wieder unter den Menschen
erschienen, das war auf dem Wege nach Emmaus. Aber dieser eine war Christus der
Herr, der Sohn des allmchtigen Gottes. Sieh, Renatchen, es mu doch einen Grund
haben, da sich die Gespenster nur an bestimmten Orten finden. In Hohen-Vietz
gibt es ihrer, in Herrnhut nicht. Und auch da nicht, wo Herrnhut am Nord- oder
Sdpol seine Htten und Huser baut. Wenigstens in diesen Htten und Husern
nicht. So hab ich es selbst erfahren. In Grnland, rings um uns herum, sahen die
Grnlnder, die wohl hundert Spuke haben, ihre Gespenster ruhig weiter, aber in
unserem Missionshause hat sich keins blicken lassen. Ein Herrnhuter und ein
Spuk, das vertrgt sich nicht. Und das, mein Renatchen, machen doch die Sprche,
von denen du meinst, da ich mir einbildete, alles Bse damit aus der Welt
schaffen zu knnen.
    Sei wieder gut, Schorlemmerchen. Und zum Zeichen, da du es bist, erzhle
mir etwas von den Grnlndern. Du bist nun sechs Jahre in Hohen-Vietz, und ich
wei kaum, wie der Ort hie, an dem du so lange gelebt und geschafft und Liebes
begraben hast. Erzhle mir davon, aber nichts von den grnlndischen
Gespenstern; ich habe an unseren Hohen-Vietzern ber und ber genug. Plaudere
mir etwas Stilles und Heiteres vor, etwas Frommes, das mich erhebt und mich
anweht wie mit himmlischer Khlung. Denn mich verlangt nach Khle. Aber gib mir
erst von der Medizin. Es mu acht Uhr vorber sein.
    Tante Schorlemmer tat, wie ihr geheien; dann nach Renatens Strickzeug
suchend, um Beschftigung fr ihre Hnde zu haben, setzte sie sich, als alles
gefunden und vorbereitet war, in den hohen Lehnstuhl und sagte: Nun, womit
beginnen wir?
    Natrlich mit dem Anfang; also mit dem Lande selbst. Ich habe mal ein Bild
gesehen: Felsen und Wasser und Eisberge und Schnee; am Ufer lag eine Robbe;
daneben um den Vorsprung sa ein weier Fuchs, whrend auf der Felsenkante
dicke, kurzbeinige Vgel hockten. Ich glaube, sie hieen Pinguine.
    Es ist nicht ganz so, aber es mag passieren, und ich verzichte darauf, an
deinem Bilde zu verbessern.
    Doch, doch, ich will nicht blo unterhalten sein, ich will auch lernen.
    Nun gut denn. So denke dir einen endlosen Kstenstrich, viele hundert
Meilen lang, aber nur wenige hundert Schritte breit. Vor diesem Streifen liegt
das Meer, mit tausend Inselchen betpfelt, und hinter diesem Streifen liegt das
Gebirge, das der Quere nach geborsten und zerklftet ist, und aus diesen Klften
strzen die Wasser dem Meere zu.
    Ich mcht es sehen.
    In einer solchen Kluft lag auch unsere Kolonie. Ich sage lag; sie liegt
aber noch da und wird, so Gott will, noch manchen Tag ber dauern. Und diese
Kolonie hie Neu-Herrnhut. Zu meiner Zeit hatte sie zwanzig Huser.
    Das ist wenig.
    Wenig und viel. Aber wie wrdest du erst staunen, wenn du diese Huser
gesehen httest. Als Lewin heute mittag den in den Schnee hineingebauten
Holzschuppen auf dem Rohrwerder beschrieb, stand auf einmal das Haus vor mir,
das ich mit meinem lieben Seligen zehn Jahre lang bewohnt habe. Es war auch in
drei Teile geteilt, Stall und Stube, und eine Kche dazwischen. Und was nannten
wir unser? Ein Bett und eine Truhe, und darber ein paar Pflcke und Riegel, an
denen unsere Habseligkeiten hingen. Auf dem Tische stand eine Lampe, und daneben
lag Gottes Wort. Das fehlte nun freilich auf dem Rohrwerder und war doch unser
Bestes, unser einziger Trost in Not und Gefahr.
    Und waret ihr denn in Gefahr?
    Nicht vor den Menschen, oder doch nur selten. Denn die Grnlnder sind ein
sanftes, stilles und sittsames Volk und verstehen es, ihre Leidenschaften zu
verbergen.
    Ich dachte mir, sie wren verzwergt und aberglubisch und shen aus wie
Hoppenmarieken.
    Da hast du es wieder halb getroffen. Aber zur andern Hlfte nicht. Denn
Hoppenmarieken ist roh, und die Grnlnder sind fein. Man hrt keinen Zank und
keinen Streit, ja ihrer Sprache fehlen die Schimpf-und Schelteworte.
Beleidigungen rchen sie durch Witz und Spttereien, zu denen der Klger den
Beklagten wie zu einem Zweikampf herausfordert, und wer die meisten Lacher auf
seiner Seite hat, der hat gesiegt. Es ist ihnen berhaupt die Gabe verliehen,
sich leicht und zierlich auszudrcken. Sie sind gastfrei und gesellig, und zur
Zeit der Wintersonnenwende gibt es Tnze und Ballspiel und Gesnge unter
Begleitung einer Trommel. Sie sind sich brigens ihrer guten Manieren wohl
bewut, und wenn sie einen Fremden loben wollen, so sagen sie: Er ist so sittsam
wie wir.
    Da mt ihr ihrem Selbstgefhl gegenber oft einen schweren Stand gehabt
haben. Denn ich entsinne mich, da Pastor Seidentopf, als wir noch zum
Unterrichte gingen, zu Marie und mir sagte: Ein schlichter und ein groer Sinn
passen gleich gut zu den Offenbarungen des Christentums, aber ein eitler Sinn
widerstrebt ihnen hartnckig.
    Dafr mu ich ihm eigens noch danken, denn die Wahrheit dieses Satzes haben
wir manchen lieben Tag in unserer Kolonie erfahren mssen. Es ging nicht
vorwrts. Wenn wir heut einen Zollbreit gewonnen zu haben glaubten, so verloren
wir ihn morgen wieder an die Angekoks.
    An die Angekoks?
    Ja. Das sind nmlich die Wahrsager und Zauberer, meist listige Betrger,
unter denen aber auch Schwrmer vorkommen, die Visionen haben oder sich dessen
wenigstens rhmen. Sie vermitteln den Verkehr mit den beiden groen Geistern;
indem sie den guten Geist anrufen und den bsen Geist bannen, von denen brigens
der gute Geist mnnlich und der bse weiblich ist.
    Ei, ei, das ist aber doch ein Mangel an Galanterie, der an so feinen Leuten
wie die Grnlnder, die nicht einmal Schimpf- und Scheltworte haben, mich
berrascht.
    Und doch, mein Renatchen, geduldig von uns hingenommen werden mu, denn
berall ist es Eva, die verfhrt und aus dem Paradiese treibt. Aber ich sprach
von den Angekoks. Ihr natrlicher Scharfsinn kam ihnen in ihrem Widerstande
gegen uns zustatten, und an Verspottungen, wie sie schon unser Herr und Heiland
zu tragen hatte, fehlte es auch uns nicht, die wir uns in Demut zu ihm
bekannten. Aber da erbarmte sich Gott unserer Not, und das ist denn nun die
Geschichte von Kajarnak, die ich dir, wenn du noch Geduld hast, wohl erzhlen
mchte.
    Was ist Kajarnak?
    Ein Name. Der Name eines Grnlnders aus dem Sden. Denn es gibt sdliche
und nrdliche Grnlnder, die, nach Art aller Halbnomaden, ihre Zelte bald hier,
bald dort im Lande aufschlagen, um nach einer bestimmten Zeit an ihre alten
Wohnpltze zurckzukehren. Und so kam denn, auf einem solchen Jagd-und
Wanderzuge, ein sdlndischer Trupp in unsere Kolonie, um einen Tag oder eine
Woche unter uns zu rasten. Es waren hundert oder mehr. Wir hieen sie
willkommen, und Matthus Stach, der damals an der Spitze unserer Kolonie stand
und dem noch Friedrich Bhnisch und mein guter Schorlemmer als Gehilfen
beigegeben waren, lie bei ihnen anfragen, ob sie an einer unserer
Missionsstunden teilnehmen wollten. Dies wird dich vielleicht wundern; aber du
mut wissen, da sie es ber die Maen lieben, einen Wortstreit zu fhren und
sich mit Hilfe des Witzes, den sie haben, ihrer berlegenheit bewut zu werden.
Es kamen denn auch viele. Wir hatten eben unsere Pltze eingenommen, und
Matthus Stach las ihnen ein Kapitel aus dem Evangelium Johannis vor, das er
kurz vorher ins Grnlndische bersetzt hatte. Sie hrten aufmerksam zu; die
meisten lchelten; aber einige zeigten doch eine Teilnahme. An diese wandte sich
jetzt unser Bruder und fragte sie, ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten.
    Aber du wolltest ja von Kajarnak erzhlen.
    Ich bin schon mitten in seiner Geschichte. Also Matthus Stach fragte sie,
ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten? Sie antworteten: Ja! Und nun begann
er zu ihnen vom Sndenfall und von der Erlsung zu sprechen. Ich hre noch seine
Stimme, denn er war ein Mann von besonderen Gaben. Da tat der Herr einem unter
ihnen das Herz auf, und von so vielen Erweckungen ich auch gehrt und gelesen
habe, keine hat mich je tiefer bewegt. Das macht, weil sich alles so schlicht
und einfach gab. Matthus Stach, der wohl sah, da sein Wort auf guten Boden
fiel, sprach immer eindringlicher, und als er eben Christi Leiden am lberg
geschildert hatte, da trat ein Grnlnder an den Tisch und sagte mit lauter und
bewegter Stimme, in der schon das Heil zitterte: Wie war das? Ich will das noch
einmal hren. Diese Worte gingen uns, die wir sie mithrten, durch Mark und
Bein, und sie sind in Neu-Herrnhut unvergessen geblieben. Von der Stunde an war
der Segen Gottes ber unserem Tun.
    Es konnte nicht wohl anders sein. Solche Worte verklingen nicht. Empfind
ich doch in diesem Augenblick noch ihre Wirkung.
    Tante Schorlemmer kte Renatens Stirn und fuhr dann fort: Eine Woche
verging, und der Grnlndertrupp war immer noch in unserer Kolonie. Dann aber
brachen sie auf, um weiter nrdlich ihren Jagden nachzugehen, und nur Kajarnak
blieb zurck; mit ihm seine beiden Schwger samt ihren Frauen und Kindern, alles
in allem vierzehn Personen. Wir lobten ihr Bleiben und hatten Betstunde mit
ihnen. Die Kinder empfingen Unterricht, was sehr schwer war, da die Grnlnder
das, was wir Erziehung nennen, gar nicht kennen. Sie lieben nmlich ihre Kinder
mit ffischer Zrtlichkeit und lassen sie aufwachsen, ohne Gehorsam zu fordern
oder Ungehorsam zu strafen. Als ein halbes Jahr um war, stellte Matthus Stach
die Frage, ob es Zeit sei, die nun Vorbereiteten zu taufen; aber mein guter
Schorlemmer, der den Unterricht geleitet hatte, meinte doch, da es ihm geboten
scheine, noch zu warten. Und so geschah es. Erst am zweiten Ostertage wurden
vier Angehrige dieser grnlndischen Erstlingsfamilie von der Macht der
Finsternis losgerissen; Kajarnak erhielt den Namen Samuel, seine Frau wurde
Anna, sein Sohn Matthus, seine Tochter Anna genannt. Darber war groe Freude
in der Kolonie. Aber die Freude sollte nicht lange whren. Vier Wochen spter
kam Nachricht, da der ltere Schwager, der sich auf kurze Zeit von uns entfernt
und einem Jagdzuge nach dem Norden angeschlossen hatte, auf eine hinterlistige
und grausame Weise ermordet worden sei, weil er den Sohn eines heidnisch
gebliebenen Grnlnders mit Christensprchen totgehext habe. Zugleich wurde
hinzugesetzt, da die Angekoks in einer groen Verschwrung seien, um auch dem
jngeren Schwager Kajarnaks dasselbe Los zu bereiten. Da bemchtigte sich
unserer kleinen grnlndischen Gemeinde, sowohl der Getauften wie derer, die
noch in Vorbereitung waren, ein Zittern und Zagen, und sie beschlossen, in den
Sden zurckzukehren, wo sie unter ihren Verwandten sicherer zu sein hofften.
Ach, wir muten sie ziehen lassen, so schwer es uns auch wurde, und ich sehe
noch Kajarnak, wie er bitterlich weinte und immer wieder uns Festigkeit gelobte
und sich dann losri; und wie dann die Schlitten in langer Linie an uns
vorberfuhren, ber Fiskens und Frederikshaab auf den Sden zu.
    Und hielt er Wort?
    Wir hatten wenig Hoffnung, denn es war ein neuer Abfall ber die Gemter
gekommen, und selbst solche, die sich in unserer Nhe hielten, gehorchten wieder
den Angekoks. Wir waren betrbten Gemtes, auch ich, die ich nach meiner
schwachen Kraft all die Zeit ber meinem guten Schorlemmer getreulich zur Seite
gestanden hatte. Ein Jahr verging, ohne da Kunde von Kajarnak gekommen wre, am
wenigsten er selbst. Da feierten wir, es war am Johannistag, die Hochzeit von
Anna Stach und Friedrich Bhnisch, und als wir bei unserem Mahl waren und
erbauliche Lieder sangen, die, was dich vielleicht verwundern wird, von drei
Violinen und einer Flte begleitet wurden, da trat Kajarnak in den Brdersaal
und begrte uns. Die Freude war so gro, da, wie von selber, aus dem
Hochzeitsfest ein Fest des Wiedersehens wurde. Wir hatten ja unsern verlornen
Sohn wieder oder doch den, den wir schon als einen solchen betrachtet hatten.
Und nun mute Kajarnak erzhlen, alles Groe und Kleine, und wie die Seinen ihn
aufgenommen htten. Er verschwieg uns nichts. Sie htten ihn anfangs oft und mit
sichtlichem Vergngen angehrt; als sie dann aber seines Wortes berdrssig
geworden wren, habe er sich in die Stille begeben und seine Erbauung allein
gehabt. Zuletzt habe es ihn sehr verlangt, wieder bei uns, seinen Brdern, zu
sein, immer mehr und mehr, bis ihm die Sehnsucht nicht Ruhe und Rast gelassen
habe; und da sei er nun. Mein guter Schorlemmer, der ihn so recht eigentlich in
das Heil eingefhrt hatte, weinte vor Freuden, und Friedrich Bhnisch sagte, das
sei ihm eine unvergeliche Stunde und sein Ehrentag habe nun eine doppelte
Weihe.
    Das durft er sagen. Es war ein Hochzeitstag, wie ihn sich jeder wnschen
mag! Mir wrde dieses Wiedersehen ein Zeichen froher Vorbedeutung gewesen sein.
    Und das war es auch. Das junge Paar wurde glcklich. Auch Kajarnak. Aber
seine Tage waren gezhlt. Ich glaube fast, da er sich in seiner Treue nicht
genugtun konnte und da er sich (er war nur von schwachem Krper) in seinem
Eifer bernahm. So wurd er denn von einem heftigen Lungen und Seitenstechen
befallen, das seinem Leben rasch ein Ende machte. In den grten Schmerzen
bewies er ein gesetztes Wesen, und wenn die Seinigen anfingen, um ihn zu weinen,
sagte er: Betrbet euch nicht. Ihr wisset, da ich von euch der erste gewesen
bin, der sich zu dem Sohne Gottes bekehrt hat, und nun ist es sein Wille, da
ich der erste sein soll, der zu ihm kommt. Wenn ihr ihm treu seid, so werden wir
uns wiedersehen und uns ber die Gnade, die er an uns getan hat, ewiglich
freuen. Danach schlief er ein, whrend unsere Gebete seine scheidende Seele dem
Erbarmer empfahlen. Seine Frau bestand darauf, da er nicht nach Landessitte,
sondern nach christlicher Weise begraben wrde. Und so geschah es. Nicht nur die
Brder und ihre Angehrigen, auch die Kaufleute von der Kolonie fanden sich zu
seinem Begrbnis ein, mit dem unser neuer Gottesacker eingeweiht wurde. Die
Grnlnder wunderten sich ber alles, was sie sahen; unseren Brdern aber ging
dieser Tod sehr nahe. Denn sie verloren viel in ihm: einen erweckten, begabten
und gesegneten Zeugen des Evangeliums.
    Und da hast du nun meine Geschichte von Kajarnak, dem ersten Getauften.
    Renate ergriff die Hand ihrer alten Freundin und sagte: Ach wie ich dir
danke, liebe Schorlemmer. Es ist nun alle Furcht wie verflogen, und ich fhle
mich, als htt ich nie von Spuk und Gespenstern gehrt. Und nun will ich
schlafen. Aber sage mir noch erst den Spruch von den vierzehn Engeln. Wir wollen
ihn zusammen sprechen:

Abends bei Zubettegehn
Vierzehn Engel bei mir stehn;
Zwei zu Hupten,
Zwei zu Fen,
Zwei zu meiner rechten Seit,
Zwei zu meiner linken Seit,
Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich strecken,
Zwei, die fhren mich sogleich
In das liebe Himmelreich.

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Renate: Und nun geh. Ich habe ja nun
Schutz. La nur die Seitentr auf, da mich Maline hrt.
    Gute Nacht, Renatchen!
    Gute Nacht, liebe Schorlemmer!

                              Siebzehntes Kapitel



                                 Ein Rabennest

Der nchste Tag war Silvester.
    In aller Frhe schon brach Hoppenmarieken auf, um womglich bis Mittag
wieder zurck zu sein und alles putzen und scheuern, auch ihre Vorbereitungen zu
einem Silvesterpunsch treffen zu knnen. Sie machte heute die kurze Tour und
schritt auf Kstrin zu. Es war erst sieben Uhr, als sie an dem Herrenhause
vorbeikam und ber den Hof hin sich mit Jeetze begrte, der eben die nach
beiden Seiten hin einklappenden Laden des groen Eckfensters ffnete. Aus der
Unbefangenheit ihres Grues lie sich erkennen, da ihr die Gefangennehmung der
beiden Strolche, von der sie aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu sehr
mitbetroffen wurde, nicht bekannt geworden war. Erst nach Mitternacht von einer
Wanderung quer durch das Bruch in ihre Wohnung zurckgekommen, hatte sie, selbst
bei den Forstackersleuten, die doch sonst wohl die Nacht zum Tage zu machen
liebten, niemand mehr wach getroffen und war, als sie aufstand, wahrscheinlich
die einzige Person in ganz Hohen-Vietz, die von dem Ereignis des vorigen Tages
nichts wute.
    Erst zwei Stunden spter versammelten sich Wirt und Gste des Herrenhauses
am Frhstckstisch. Auch Berndt, wenn ihn nicht Geschfte riefen, war kein
Frhauf, und die nicht vor vier Uhr nachmittags angesetzte Fahrt nach Guse
konnte keinen Grund bieten, die bequeme, lngst zu einer Art Hausordnung
gewordene Gewohnheit zu unterbrechen. Tante Schorlemmer, bei Renate
festgehalten, erschien noch etwas spter und beantwortete die Fragen, die ber
das Befinden der Kranken an sie gerichtet wurden.
    Das Gesprch, nachdem auch noch Doktor Leists beruhigende Worte mitgeteilt
worden waren, wandte sich dann dem am Abend vorher in Hohen-Ziesar gemachten
Besuche zu, dessen einzelne Momente in dem Hin und Her einer immer muntrer
werdenden Plauderei noch einmal durchlebt wurden. Aus allem ging hervor, da
Drosselstein sich als der liebenswrdigste der Wirte, voll Entgegenkommen gegen
Berndt, voller Aufmerksamkeiten gegen Kathinka gezeigt hatte. Als diese, die
sich zum ersten Mal in Hohen-Ziesar befand, ihre Verwunderung ber die sonst
nirgends in der Mark vorkommende Groartigkeit der Schloanlage geuert hatte,
hatte der Graf ohne Rcksicht auf die spte Stunde noch Veranlassung genommen,
sie samt den anderen Gsten durch die lange Zimmerflucht des ersten Stockes: den
Ahnensaal, die Rstkammer und die Bildergalerie, zu fhren, whrend zwei Diener
mit Armleuchtern voranschritten. Unter dieser halb dsteren Beleuchtung war
alles, an dem man bei hellem Tageslicht gleichgiltig vorberzugehen pflegte, zu
einer Art Bedeutung gekommen, und die seitabstehenden Ritter mit halb
geschlossenem Visier, die ber Kreuz gelegten Lanzen, dazu die Ahnenbilder
selbst, die zu fragen schienen: Was strt ihr unser stilles Beisammensein?,
hatten eines tiefen Eindrucks auf Kathinka nicht verfehlt. Vor allem ein
jugendliches Frauenportrt, das ihr seitens des Grafen als das Bildnis Wangeline
von Burgsdorffs, einer nahen Anverwandten seines Hauses, bezeichnet worden war,
war ihr in der Erinnerung geblieben.
    An dies von einem Niederlnder aus der Van-Dyck-Schule herrhrende Bildnis,
dessen unheimlich hellblaue Augen schon manchen frheren Besucher von
Hohen-Ziesar bis in seine Trume hinein verfolgt hatten, knpften die am Abend
vorher nur flchtig beantworteten Fragen Kathinkas wieder an, und Berndt, ein
wahres Nachschlagebuch fr alle Schlo- und Familiengeschichten der ganzen
Umgegend, war eben im Begriff, die Neugier der schnen Fragstellerin durch
eingehende Mitteilungen ber Wangeline, die von vielen mrkischen Forschern
als der historisch beglaubigte Ursprung der Weien Frau angesehen werde, zu
befriedigen, als ein Klopfen an der Tr das kaum begonnene Gesprch unterbrach.
Ein ltlicher Mann mit sprlichem, nach hinten gekmmtem Haar, den sein
spanisches Rohr und mehr noch der lange blaue Rock mit einem Wappenblech auf der
Brust als Gerichtsdiener kennzeichneten, trat ein, bergab einen Brief an den
alten Vitzewitz und machte dann wieder einige Schritte zurck, bis in die Nhe
der Tr. Alles verriet den alten Soldaten. Berndt erbrach das Schreiben und las:
Hochgeehrter Herr und Freund! Ich sume nicht, Ihnen von dem Resultat eines
ersten Verhrs, das ich gestern nachmittag noch mit der durch Ihre Umsicht
entdeckten und eingelieferten Diebessippschaft angestellt habe, Kenntnis zu
geben. Aus den beiden Strolchen, hinsichtlich deren sich Hohen-Klessin und
Podelzig in den Ruhm der Geburtssttte teilen, war, aller Kreuz- und Querfragen
unerachtet, nichts zu extrahieren; die Frau aber, die jenen beiden erst seit
kurzem zugehrt und mehr noch durch anderer als durch eigene Schuld unter die
Rohrwerder Sippschaft geraten ist, hat umfassende Gestndnisse abgelegt, die
sich einmal auf die zumeist in den Kstriner Vorstdten ausgefhrten Diebsthle,
sodann aber auch auf die Hehlereien beziehen, die dieses Treiben untersttzt
haben. Am schwersten belastet ist unsere Freundin Hoppenmarieken. Ich bitte Sie,
eine Haussuchung bei ihr veranlassen oder selbst leiten zu wollen, wobei ich,
mit Rcksicht auf die besondere Schlauheit der vorlufig unter Verdacht
Stehenden, Ihre Aufmerksamkeit auf Dielen und Wnde des Hauses hingelenkt haben
mchte. Der Einlieferung des geraubten Gutes, an dessen Auffindung ich nicht
zweifle, sehe ich ehemglichst entgegen. Ob es geboten oder in Erwgung ihrer
Geisteszustnde auch nur zulssig sein wird, der Bezichtigten gegenber die
volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen, darber sehe ich seinerzeit Ihrer
geflligen Rckuerung entgegen.
                                                                        Turgany

Berndt legte den Brief, den er mit halblauter Stimme gelesen hatte, vor sich
nieder und sagte dann, zu dem alten Gerichtsdiener sich wendend: Lieber
Rysselmann, mein Kompliment an den Herrn Justizrat, und ich wrde nach seinen
Angaben verfahren. Dann zog er die Klingel, Jeetze, sorge fr einen Imbi.
Frankfurt ist weit, und unser Alter da wird wohl die Mitte halten zwischen dir
und mir. Nicht wahr, Rysselmann, sechzig? Der Alte nickte. Und dann schicke
Krist zu Kniehase; er soll Nachtwchter Pachaly rufen lassen und mich auf dem
Forstacker erwarten.
    Da klagt nun Renate, fuhr der alte Vitzewitz fort, als Jeetze und
Rysselmann das Zimmer verlassen hatten, ber de Tage in Hohen-Vietz! Sage
selbst, Kathinka, leben wir nicht, seit du hier bist, wie im Lande der
Abenteuer? Erst ein Raubanfall auf offener Strae, dann ein Einbruch in unser
eignes Haus, dann ein regelrechtes Diebstreiben unter Innehaltung
taktisch-strategischer Formen und nun eine Haussuchung im Revier einer Zwergin -
nenne mir einen friedlichen Ort in der Welt, wo in drei Tagen mehr zu gewrtigen
wre! Im brigen bin ich neugierig, ob sich die Aussagen, die die
Rohrwerder-Frau gemacht hat, auch bewahrheiten werden.
    Ich zweifle nicht daran, bemerkte Lewin. Nach allem, was mir Hanne Bogun
gestern sagte, und noch mehr nach dem, was er mir verschwieg, konnt ich kaum
etwas anderes erwarten, als was Turgany jetzt schreibt. Wann willst du nach dem
Forstacker hinaus?
    Gleich, oder doch bald. Es darf nicht ber den Vormittag hinaus dauern.
    Drfen wir dich begleiten?
    Gewi. Je mehr Augen, desto besser; wir werden sie der Schlauheit der alten
Hexe gegenber ohnehin ntig haben.
    So trennte man sich. Berndt empfahl sich mit einigen Worten bei Kathinka,
die sich nunmehr ihrerseits treppauf begab, um mit Renaten ber die wunderlich
widersprechendsten Themata, ber Graf Drosselstein und den alten Rysselmann,
ber Wangeline von Burgsdorff und Hoppenmarieken, zu plaudern.
    Eine Viertelstunde spter brach der alte Vitzewitz auf, in seiner Begleitung
Tubal und Lewin. Sie gingen rasch. Noch ehe sie Miekleys Gehft erreicht hatten,
berholten sie Kniehase und Pachaly, die schon auf dem Wege waren, und bogen nun
gemeinschaftlich mit ihnen in den Forstacker ein. Gleich darauf standen sie vor
Hoppenmariekens Haus. Man war schon vorher bereingekommen, ganz regelrecht
vorzugehen, das heit, mit dem Kchenflur zu beginnen und mit der Kammer
abzuschlieen, jedenfalls aber nichts bereilen zu wollen.
    Die Tr war nur eingeklinkt. Sie wurde geffnet und der Holzkloben
vorgelegt, um mit Hilfe des nun einfallenden Tageslichts bis in alle Winkel
hineinsehen zu knnen. In der steinharten Lehmdiele des Fubodens konnte nichts
vergraben sein; so blieb nur noch der Herd und gegenber dem Herde der Kamin,
von dem aus der Stubenofen geheizt wurde. Aber die Nhe des Feuers lie ein
Versteck an dieser Stelle nicht als wahrscheinlich annehmen. Ebenso war der nach
innen zu liegende Schwellstein, der durch diese seine verwunderliche Lage
Verdacht erwecken konnte, viel zu gro und schwer; Lewin und Kniehase mten
sich umsonst, ihn von der Stelle zu rcken.
    In der Kche war also nichts; so trat man denn in die Stube. Die groen
Vgel in den Bauern saen schon an den Vorderstben und blickten auf die fremden
Besucher. Diese fingen jetzt an, ihre Aufgabe zu teilen. Pachaly, das rot und
wei karierte Deckbett zurckschlagend, fhlte mit der Hand in den Kissen, dann
in den Strohscken umher, whrend Berndt ringsum die Wnde, Tubal die Fliesen
des verhltnismig hohen Ofenfundaments beklopfte. berall nichts. In das
offenstehende Tellerschapp, in Schrank-und Tischksten hineinzusehen verlohnte
sich kaum; die frischgescheuerten Dielen waren aus einem Stck und liefen vom
Fenster bis an die Wand gegenber; nirgends ein Einschnitt oder sonst
Verdchtiges. Es mute also in der Kammer sein.
    Die Kammer, ein dunkler Alkoven, hatte nur wenig ber sieben Fu im Quadrat.
Es war darum fr fnf Personen fast unmglich, sich darin zu drehen und zu
bewegen, weshalb Berndt und Kniehase, beide ohnehin belstigt durch die stickige
Luft des berheizten Zimmers, vor die Tr traten, wohin ihnen Lewin, nachdem er
vergebliche Versuche gemacht hatte, sich mit einem schwarzen, auf der Brust
rotbetpfelten Vogel anzufreunden, einige Minuten spter folgte.
    Nur Tubal und Pachaly waren noch in der Kammer. Sie zndeten ein Licht an
und begannen auch hier mit Klopfen an den Lehmwnden hin. An der einen Seite, wo
die groen Kruterbschel an vier oder fnf dicken Pflcken hingen, hatte dies
seine Schwierigkeiten. Es gelang aber; freilich ohne besseres Resultat als in
Flur und Stube.
    Wir werden den Scharwenkaschen Htejungen holen mssen, sagte Tubal, der
hat die besten Augen.
    Nicht doch, sagte Pachaly, dem ist sein Ruhm und die versprochene
Pelzmtze schon zu Kopf gestiegen. Ich kenne den Jungen. Er sieht nicht besser
als andere, er wei nur besser Bescheid, denn er ist selber vom Forstacker und
kennt alle Schliche und Wege, die das Gesindel geht.
    Mag sein. Aber wo sollen wir noch suchen? An den Wnden keine hohle Stelle;
die Dielen aufgenagelt, und in dem ganzen Alkoven nichts drin als diese
rotgestrichene Kommode mit zwei leeren Schubksten. Es kann doch nichts hier
ber uns in der Decke stecken? Hoppenmarieken ist ein Zwerg und reicht mit ihrer
Hand keine fnf Fu hoch.
    Nicht in der Decke, junger Herr; aber hier um die Kommode herum mu es
sein. Solche Kreaturen wie Hoppenmarieken sind eitel, putzen sich und zeigen
allen Leuten gern, was sie haben. Warum hat sie die Kommode in die dunkle Kammer
gestellt, wo sie niemand sieht? Das bedeutet was!
    So sehen wir nach, sagte Tubal, schob den Gegenstand von Pachalys Verdacht
rechts weg gegen den groen Gundermannsbschel, der bei dieser Gelegenheit
raschelnd vom Pflock fiel, und trat nun, dicht an der Wand, auf die breite
Mitteldiele, deren linkes Ende gerade hier durch die darberstehende Kommode
verdeckt gewesen war. Im selben Augenblicke senkte sich das Brett, dem an dieser
Stelle die Balkenunterlage fehlte, um mehrere Zoll und hob sich, nach Art eines
in der Mitte aufliegenden Wippbrettes, an der entgegengesetzten Seite in die
Hhe.
    Dacht ich's doch, sagte Pachaly, sprang herzu und stellte die Diele, die
sich unschwer entfernen lie, beiseite. Was sich jetzt zeigte, war immer noch
berraschend genug. Der ganzen Lnge des Brettes entsprechend, war das Erdreich
herausgenommen und bildete eine ziemlich flache Rinne, die sich nur nach links
hin, wo das Brett aufwippte, zu einer mehr als zwei Fu tiefen Grube vertiefte.
Zwischen beiden war alles derartig geschickt verteilt, da sich die flache Rinne
als das Schnitt- und Kurzwarengeschft, die vertiefte Grube aber als das
Kolonialwarenlager Hoppenmariekens ansehen lie.
    Pachaly begann jetzt auszupacken und reichte, was sich an Gegenstnden
vorfand, Tubal zu, der es in Ermangelung eines besseren Platzes auf
Hoppenmariekens Bett legte. Es waren Schrzenzeuge, ein Stck roter Fries, ein
Rest von geblmtem Sammetmanchester, bunte Haubenbnder und schwarzseidene
Tcher, wie sie die Oderbrcherinnen als Kopfputz tragen. In der Grube fanden
sich Beutel mit Zucker, Kaffee, Reis, darber in Stangen geschnittene Seife und
Talglichte, die oben an den Dochten wie zu einer groen Puschel zusammengebunden
waren. Aus allem ergab sich, da Hoppenmarieken mit Hilfe dieses Warenlagers
einen Handel trieb und Gegenstnde, die sie von Kstrin oder Frankfurt aus
mitbringen sollte, so weit wie mglich aus ihrem eignen Hehlervorrat zu nehmen
pflegte. Das Brett wurde nun wieder aufgelegt, es pate wie ein Deckel. Auch die
Ngel, die einer rechtmigen Diele zukommen, fehlten nicht; sie waren aber vor
dem Einschlagen mit der Zange kurz abgekniffen und hatten keinen anderen Zweck,
als nach oben hin die Kpfe zu zeigen.
    Die drauen Auf- und Abschreitenden hatten inzwischen ihre Promenade
unterbrochen und waren wieder eingetreten. Berndt musterte alles und sagte dann:
Ich kenne Hoppenmarieken, hiermit zwingen wir's nicht. Sie wird all dies fr
ihr Eigentum ausgeben, und es wird schwerhalten, ihr das Gegenteil zu beweisen.
Denn sie steckt mit allerhand schlechtem Handelsvolk zusammen, das jeden
Augenblick bereit ist, ihr den rechtmigen Erwerb zu besttigen. Ich bin aber
sicher, da es gestohlenes Gut ist; es fehlt nur noch das Eigentliche, so etwas
ausgesprochen Privates, das ihr alle Ausflucht abschneidet. Suchen wir weiter.
Muschwitz und Rosentreter, von unserem eigenen Gesindel, das wir hier auf dem
Forstacker haben, gar nicht zu reden, werden sich auf Schrzenzeug und
Seifenstangen nicht beschrnkt haben.
    Indem war Pachaly, der, whrend Berndt sprach, in seinen Nachforschungen
nicht nachgelassen hatte, auf die Schwelle der kleinen Tr getreten und winkte
Lewin, der ihm zunchst stand, in die Kammer hinein. Er trat, als dieser ihm
gefolgt war, ohne weiteres an den dicken Holzpflock, von dem der
Gundermannsbschel herabgefallen war, hob das Licht in die Hhe und sagte:
Passen S' Achtung, junger Herr, der Pflock sitzt nicht fest; der Lehm ist
rundum abgesprungen; dahinter steckt was.
    Das wre! rief Lewin lebhaft, fate den Pflock und ri ihn ohne die
geringste Mhe heraus.
    Es zeigte sich ein tiefes Loch in der Lehmwand, viel tiefer, als das
verhltnismig nur kurze Holzstck erheischte. Das mute einen Grund haben.
Lewin suchte deshalb in der Hhlung umher und fand ein Pckchen, nicht viel
grer als eine halbe Faust, das erst in ein Stck blaues Zuckerpapier, dann,
wie sich ergab, in einen Lappen grober Leinwand eingewickelt war. Als er beides
entfernt hatte, lag der Inhalt vor ihm wie der Raub eines Rabennestes: ein
silbernes Nadelbchschen, eine Taschenuhr in einem Schildpattgehuse, eine
Kinderklapper, eine mit kleinen Rauchtopasen eingefate Amethystbroche, von der
die Nadel abgebrochen war, ein Petschaft mit nicht entzifferbarem Namenszug und
ein kleiner ovaler Goldrahmen, in dem sich wahrscheinlich ein Miniaturbild
befunden hatte. Alles ohne sonderlichen Wert, aber gerade das, dessen die
Beweisfhrung bedurfte.
    Nun haben wir sie, sagte Berndt ruhig, wickelte die Gegenstnde wieder ein
und steckte sie zu sich.
    Auch noch die anderen Pflcke wurden untersucht, saen aber fest im Lehm. Es
lie sich annehmen, da nichts unentdeckt geblieben war, und so beschlo man,
von weiterer Nachsuchung abzustehen. In der Kche fand sich eine alte Kiepe vor,
und Pachaly erhielt Ordre, alles, was aufgefunden war, in diese hineinzupacken
und nach dem Herrenhause zu schaffen. Er gehorchte nicht gern, da es ihm gegen
die Ehre war, an hellem lichten Tage mit einer Kiepe ber die Dorfstrae zu
gehen; der Dienst aber lie ihm keine Wahl, und seinem rger in kurzen
Selbstgesprchen Luft machend, tat er schlielich, wie ihm geheien.
    Berndt und Kniehase, von den beiden jungen Mnnern unmittelbar gefolgt,
hatten inzwischen die Auffahrt zum Herrenhause erreicht und waren eben im
Begriff, von der Dorfgasse her auf den Vorhof einzubiegen, als sie, keine
dreihundert Schritt mehr entfernt, Hoppenmarieken auf der groen Kstriner
Strae herankommen sahen. Die kleine Figur, der rasche Schritt und die lebhaften
Bewegungen lieen sie leicht erkennen.
    Da kommt sie, sagte Berndt, und sich an Pachaly wendend, der schon vor dem
Pfarrhause die Voranschreitenden eingeholt hatte, fgte er hinzu: Nun eile
dich; schiebe zwei, drei Sthle vor meinen Schreibtisch oben und baue auf, was
du hast.
    Hoppenmarieken grte schon von weitem. Sie schien in sehr guter Stimmung
und berreichte, als sie heran war, ihrem Gutsherrn einen Brief, den sie schon,
als sie der Gruppe ansichtig geworden war, aus ihrem Mieder hervorgezogen hatte.
    Is ht dis een man, sagte sie und setzte wie zur Erklrung hinzu: De
berlinsche Post is nich to rechte Tid inkamen.
    Sie wollte weiter und hatte schon einige Schritte gemacht, als ihr Berndt
nachrief: Hoppenmarieken, ich habe noch was fr dich. Aber oben in meiner
Stube, komm.
    Es mute wider Willen des Sprechenden etwas Fremdklingendes in seiner Stimme
gelegen haben; jedenfalls war der Ausdruck der Sicherheit aus dem Gesichte der
Zwergin fort, als sie ber den Hof hin und dann treppauf ihrem Gutsherrn
nachschritt. Kniehase und die beiden Freunde folgten.
    Pachaly hatte mittlerweile in der notdrftig wieder in Ordnung gebrachten
Gerichtsstube seinen Aufhau beendet. Von den Bndern und Tchern war nicht viel
zu sehen. So recht ins Auge fiel nur das groe, noch regelrecht auf ein Brett
gewickelte rote Friesstck, ebenso die aus Seifenstangen und dem Lichterbndel
aufgebaute Pyramide.
    Nun, Hoppenmarieken, sagte Berndt, wie gefllt dir der rote Fries?
    Jut, Jndjeherr. Wat sll he mi nich jefallen? Et is ja von den ingelschen;
de Ell seben Groschen.
    Hast du dies Stck Fries vielleicht schon gesehen?
    Ick weet nich.
    Besinne dich.
    Ick seh so veel, Jndjeherr; ick mag et wol all sehn hebben.
    Wo?
    Bi Jud Ephraim.
    Oder bei dir!
    Bi mi? Jo, Wettstang, bi mi; hohoho. Nu seh ick ihrst. Se sinn bi mi west
und hebben min kleen Tuusch- und Kramgeschft utfunnen. Unner de Deel; en beeten
beschwierlich; awers ick bin nich sicher snnst.
    Gut, Hoppenmarieken, du mut vorsichtig sein. Es gibt jetzt soviel
Gesindel...
    Oh, so veel!
    Nun gut. Aber du nimmst ja den Kaufleuten das Brot. Hast du denn einen
Gewerbeschein?
    Ne, Jndjeherr, den hebb ick nich.
    Ja, da werden wir dich am Ende in Strafe nehmen mssen.
    Bei diesen mit einem heiteren Anfluge gesprochenen Worten kehrte ihr ihre
frhere Sicherheit zurck. Sie hatte pltzlich das Gefhl, da alles einen guten
Verlauf nehmen werde, und sagte halb grinsend, halb bittend vor sich hin: Dat
wihrn de Jndjeherr jo nich dohn.
    Ja wer wei, Hoppenmarieken. Sieh mal hier; da ist noch was zum Auswickeln
fr dich!, und dabei nahm er das Pckchen, das er bei der Haussuchung zu sich
gesteckt hatte, aus seiner groen berrockstasche und legte es dicht vor ihr auf
den Tisch.
    Sie fiel sofort auf die Knie und schrie: Ick weet von nischt.
    Aber wir wissen genug.
    Ick weet von nischt. De kmen beed in bi mi...
    Wer?
    Muschwitz und Rosentreter... un seggten, ick sll et man verwohren. Awers
ick wull jo nich, un ick schreeg. Do nhm Muschwitz sin Taschenknif und seggt to
mi: Wif, ick schnid di de Kehl ab, wenn du schreegst! Und da nohm ick et.
    Du lgst, Hoppenmarieken; du bist Hehlerin, was du immer warst. Du hast
ihnen Geld gegeben; ich vermute, nicht genug; darum haben sie sich neulich auf
der Landstrae noch etwas nachholen wollen. Sie waren sicher, da du sie nicht
verraten wrdest. Aber sie haben dich doch verraten.
    Jo, dat hebben se. Se wullen rut ut de Schling, un ick sall rin. Awers ick
will nich, un ick bruk nich. Schwren will ick; ick kann schwren. Rufen S'
Seidentoppen in; ja Seidentopp sall koamen... Oh, du lewe Herrjott, wat et fr
Minschen jewen deiht! Dat is, weem eens slwsten to good is. O Jott, o Jott.
Und dabei rutschte sie auf den Knien nher zu Berndt heran und kte ihm die
Rocksche.
    Steh auf!
    Der zwergige Unhold aber, immer noch auf den Knien, fuhr fort: Et is allens
nich so. Oh, dis Muschwitz, un de anner von Podelzig! Se hebben beed logen as de
Dwels. Schwren will ick; ick kann schwren. Pachaly, holen S' 'ne Bebel in. Un
hier sinn mine Finger; un schwren will ick, in de Kirch un ut de Kirch un wo Se
snnst wullen.
    Du sollst nicht schwren, denn du schwrst falsch. Was machen wir mit ihr,
Kniehase?
    Hoppenmarieken, die nicht anders dachte, als da man ihr ans Leben wolle,
schrie jetzt jmmerlich auf und rang die kurzen, stummelhaften Hnde. Zuletzt
sah sie Lewin, der an der Tr stehengeblieben war. Sie wollte rutschend auf ihn
los, mutmalich, um die Szene zu wiederholen, die sie eben vor dem alten
Vitzewitz gespielt hatte. Aber Pachaly hielt sie zurck.
    La es hingehen, Papa, rief jetzt Lewin, als ob Hoppenmarieken, deren
Unzurechnungsfhigkeit fr ihn feststand, gar nicht zugegen wre. Sieh sie dir
an; es ist der Mensch auf seiner niedrigsten Stufe. Droh ihr; das ist das
einzige, was sie versteht. Ihr ganzer Rechtsbegriff ist ihre Furcht. Und Turgany
wei das so gut wie wir; er wird nichts an die groe Glocke hngen. Wenn es aber
sein mu, so wird er sie schildern, wie sie ist. Und das ist ihre beste
Verteidigung. Ich bitte dich, la sie laufen.
    Hast du gehrt? fragte jetzt Berndt zu der Zwergin hinber, die, whrend
Lewin sprach, endlich aufgestanden war.
    Sie zwinkerte mit den Augen und sagte: Ick hebb allens hrt; ick weet, ick
weet. Jo, de junge Herr, he kennt mi, un ick kenn em. Un ick hebb 'n all kennt,
as he noch so ltt wihr, so ltt. Jo, de junge Herr ...!
    Er bittet fr dich, fuhr Berndt fort, und will, da ich dich laufen
lasse. Warum? Weil du Hoppenmarieken bist. Ich aber kenn dich besser und wei,
du hrst das Gras wachsen. Schlau bist du und taugst nichts, das ist das Ganze
von der Sache. Nimm deine Kiepe; wir wollen diesmal noch ein Auge zudrcken.
Aber pa Achtung, wenn wir dich wieder ertappen, ist es aus mit dir. Und nun geh
und bessere dich frs neue Jahr.
    Sie sah sich nach Stock und Kiepe um, die sie beide beim Eintritt ins Zimmer
neben der eisenbeschlagenen Truhe niedergesetzt hatte. Als sie wieder
marschfertig war, glitt ihr Auge noch einmal ber die auf den Sthlen
ausgebreiteten Sachen hin. Es war ersichtlich, da sie Lust hatte, Besitzrechte
daran geltend zu machen. Berndt sah den Blick und empfand jetzt, da Lewin doch
recht habe.
    Geh, wiederholte er, alles bleibt hier und wird nach Frankfurt
abgeliefert. Vielleicht du auch noch!
    Sie nahm das letzte Wort als einen Scherz und grinste wieder.
    Eine Minute spter schritt sie, mit ihrem Stock salutierend, ber den Hof
hin, in einem Tempo, als ob nichts vorgefallen sei oder eine ganz alltgliche
Streitszene hinter ihr lge.

                              Achtzehntes Kapitel



                                   Othegraven

Der alte Rysselmann, in Jeetzes kleiner Bedientenstube durch einen Imbi
gestrkt und wieder aufgewrmt, passierte eben das an der groen Strae nach
Frankfurt gelegene Dorf Podelzig, als ihm ein leichter Kaleschwagen begegnete,
auf dessen Lederbank er den Freund seines Justizrats, den Konrektor Othegraven,
erkannte. Othegraven lie halten.
    Guten Tag, Rysselmann, gut bei Weg? Was in aller Welt bringt Sie nach
Podelzig?
    Ich komme schon von Hohen-Vietz. Dienstsachen; ein Brief vom Herrn
Justizrat an den Herrn von Vitzewitz. Ein guter Herr; und so ist das ganze
Dorf.
    Ich will auch hin, sagte Othegraven. Treffe ich den Schulzen Kniehase?
    Im Dorf ist er; aber ob der Herr Konrektor ihn treffen werden, ist
unsicher. Denn ich hrte, wie der gndige Herr nach ihm schickte, weil sie bei
der alten Botenfrau, die Hoppenmarieken heit, eine Haussuchung abhalten wollen.
Es soll eine Hehlerin sein.
    Danke schn, Rysselmann; meinen Gru an den Justizrat. Gott befohlen!
    Damit fuhr der Konrektor in raschem Trabe weiter auf Hohen-Vietz zu. Was ihm
Rysselmann gesagt hatte, kam ihm ungelegen, und wenn er zu den Leuten gehrt
htte, die auf Zeichen achten, so htte er umkehren mssen. Er war aber ohne
jede Spur von Aberglauben und sah in allem, was geschah, ein unwandelbar
Beschlossenes. Seinem Bekenntnis, noch mehr seiner Parteistellung nach streng
lutherisch, ruhte doch - ihm angeboren und deshalb unveruerlich - auf dem
Grunde seines Herzens ein gut Stck prdestinationsglubiger Kalvinismus.
    Von Podelzig war nur noch eine Stunde. Es lutete Mittag, als Othegraven vor
dem Pfarrhause hielt. Seidentopf, den er bei seiner vorgestrigen Anwesenheit in
Hohen-Vietz nicht aufgesucht hatte, begrte ihn herzlich an der Schwelle seiner
Studierstube, die jetzt, wo die Wintersonne schien, ein besonders freundliches
Ansehen hatte. Alles war verndert, und die Haushlterin, die sich am zweiten
Feiertage durch ihr aufgeregtes Hin- und Herfahren mit Schippe und Rucheressenz
so bemerklich gemacht hatte, zeigte heute die vollkommenste Ruhe, als sie, nach
dem Brauch des Hauses, und ohne da eine Aufforderung dazu ergangen wre, ein
Frhstck vor Othegraven auf den Tisch stellte.
    Beide Mnner hatten auf einem kleinen Sofa, in der Nhe des Ofens, unter dem
verstaubten Regal der Bibliotheca theologica, Platz genommen und sahen in den
verschneiten Garten hinaus. Eine Esche stand vor dem Fenster, in Sommerzeit ein
wunderschner Baum; jetzt, wo seine Zweige wie geknotete Hanfstrippen
niederhingen, ein trauriger Anblick. Aber keiner von beiden hatte ein Auge
dafr, und whrend der Konrektor, dessen Vorhaben einem guten Appetit nicht
gnstig war, sich mehr an ein Glas Wein als an das Frhstck hielt, erzhlte der
Pastor von dem, was sich seit vorgestern in Hohen-Vietz ereignet hatte, von dem
Einbruch und von dem Auffinden der Strolche auf dem Rohrwerder.
    Abenteuer und Kriegszge, als htten wir schon den Feind im Lande, so
schlo er.
    Othegraven, augenscheinlich in sehr unkriegerischer Stimmung, brachte der
Erzhlung dieser Dinge nur ein geringes Interesse entgegen, das erst wuchs, als
der Gesprchsgegenstand wechselte und Seidentopf von dem zweiten Feiertage,
ihrem heiteren Beisammensein an jenem Abende, von Pastor Zabels Verlegenheit
beim Pfnderspiel und vor allem von Marie zu plaudern begann, wie sie so reizend
gewesen sei und so Hbsches ber seinen Werneuchner Amtsbruder gesprochen habe,
trotzdem er ihr nicht habe beistimmen knnen.
    Sie knnten mir nichts sagen, unterbrach ihn Othegraven, das mich mehr
erfreute. Denn wissen Sie, lieber Pastor, ich habe eine herzliche Neigung zu
diesem schnen Kinde.
    Seidentopf erschrak; um so mehr, je hher er Othegraven schtzte. Nie war an
einen solchen Fall von ihm gedacht worden; jetzt, wo er eintrat, empfand er ihn
als eine Unmglichkeit. Er fate sich endlich und fragte: Wei Marie davon?
    Nein, ich habe vorgestern mit dem Schulzen gesprochen. Er hat mir
geantwortet, Marie sei ein Stadtkind und gehre in die Stadt; wenn er sie sich
an der Seite eines braven Mannes, der sie liebe, denke, so lache ihm das Herz.
Und eines Studierten, bald vielleicht eines Pastors Frau, das sei so recht das,
was er sich immer gewnscht habe. Das Kind sei sein Augapfel, und mein Antrag
sei ihm eine Ehre; aber sie msse selber entscheiden. Ich konnte ihm nur
zustimmen; und da bin ich nun, um mir diese Entscheidung zu holen.
    Ich wnsche Ihnen Glck, Othegraven. Aber alles erwogen, pat Marie zu
Ihnen?
    Othegraven wollte antworten; Seidentopf indessen, als er aus den ersten
entgegnenden Worten heraushrte, da sich die Antwort nur auf das Gazekleid mit
den Goldsternchen und alles das, was damit in Zusammenhang war, beziehen werde,
unterbrach den Konrektor und sagte ruhig: Ich meine nicht das, ich meine, haben
Sie bedacht, ob zwei Naturen zueinander passen, von denen die eine ganz
Phantasie, die andere ganz Charakter ist?
    Ich habe es bedacht; aber da ich es Ihnen bekenne, mehr in Hoffnung als in
Zweifel und Befrchtung. Eine Frau von Phantasie, ein Mann von Charakter, wenn
ich diese auszeichnende Eigenschaft, die Sie mir zuerkennen, ohne weiteres
annehmen darf, ist gerade das, was mir als ein Ideal erscheint. Was ist die Ehe
anders als Ergnzung?
    So heit es in Bchern und Abhandlungen, und ich kann mir Flle denken,
oder sage ich lieber, ich kenne Flle, wo dies zutrifft. Aber wenn ich in dem
Buche meiner Erfahrungen nachschlage, so ist es im groen und ganzen doch
umgekehrt. Die Ehe, zum mindesten das Glck derselben, beruht nicht auf der
Ergnzung, sondern auf dem gegenseitigen Verstndnis. Mann und Frau mssen nicht
Gegenstze, sondern Abstufungen, ihre Temperamente mssen verwandt, ihre Ideale
dieselben sein. Vor allem aber, lieber Othegraven, wir sind noch nicht bei der
Ehe. Es handelt sich zunchst um den Zug des Herzens, der fast immer nach dem
Gleichgearteten geht; wenigstens bei Naturen wie Mariens.
    Othegraven lchelte. So wrde denn, teuerster Pastor, die Frage, die Sie
vorhin an mich richteten, nicht haben lauten mssen, ob Marie zu mir, sondern ob
ich zu ihr passe? Des ersteren bin ich sicher; um mir auch ber den zweiten
Punkt Gewiheit zu verschaffen, dazu bin ich hier. Ich bitte, mein Fuhrwerk auf
Ihrem Hofe halten lassen zu drfen; in einer halben Stunde sehe ich Sie wieder.
Sie sollen der erste sein, der erfhrt, wie die Wrfel ber mich gefallen sind.
Ein unchristlich Wort das; aber ich halt es aufrecht, weil es genau ausdrckt,
was ich in diesem Augenblick empfinde, aller berzeugung zum Trotz, da es
schlielich kein Wrfelspiel ist, was ber uns entscheidet. Wir sollten
vielleicht vor solchen Widersprchen, in die auch ein glubig Herz geraten kann,
weniger erschrecken, als wir gewhnlich tun; wir gewnnen dadurch fr uns selbst
und fr andere mehr, als wir verlieren. Was starr ist, ist tot.
    Sie trennten sich, und Othegraven schritt auf den Schulzenhof zu.
    Er fand in dem Zimmer links, in dem am zweiten Weihnachtsfeiertage der alte
Kniehase das Kapitel aus dem Propheten Daniel gelesen hatte, nur die Frau des
Schulzen vor. Sie schritt ihm unter herzlichem Gru, aber doch in einer gewissen
Befangenheit entgegen und sprach ihr Bedauern aus, da ihr Mann abwesend sei,
einer Dienstsache halber, mit der sie den Herrn Konrektor nicht behelligen
wolle. Am wenigsten heute, da sie wisse, weshalb er komme. Sie werde Marie
rufen. Dann rckte sie ihm einen Stuhl und stieg hinauf in die Giebelstube, wo
die Tochter mit allerhand kleiner Handarbeit, mit Stopfen und Nhen beschftigt
war, um nichts Unfertiges oder Unordentliches mit in das neue Jahr
hinberzunehmen. In der resoluten Weise einer Frau, die von Vorbereiten und
berraschungen-Ersparen nicht viel hlt, sagte sie hier kurz und ohne
Umschweife: Komm, Marie, Konrektor Othegraven ist unten; er hat bei dem Vater
um dich angehalten. Sage nun ja oder nein, uns Alten ist beides recht. Wir haben
keinen anderen Wunsch als dein Glck, und du mut selber wissen, was dich
glcklich macht.
    Marie war heftig erschrocken, fate sich aber und folgte der Mutter treppab.
Othegraven hatte den Stuhl, der ihm angeboten war, nicht angenommen; er stand am
Fenster, mit den Fingern der rechten Hand auf den Kncheln der linken spielend,
wie jemand, der voll innerer Unruhe ist.
    Hier ist sie, sagte Frau Kniehase und schritt wieder auf die Tr zu.
    Bleibe, Mutter, bat Marie.
    Frau Kniehase gab ihre Absicht auf und setzte sich an das Spinnrad. Marie,
Sie wissen, weshalb ich hier bin, begann Othegraven nach einer kurzen Pause.
    Ja, die Mutter hat es mir eben gesagt.
    Hat es Sie berrascht?
    Wir kennen uns erst kurze Zeit.
    Das Herz, wenn es berhaupt sprechen will, spricht schnell. Es ist jetzt
ein halbes Jahr, Marie, da ich Sie zum ersten Male sah, es war im Park, an der
Stelle, wo das Rondel ist. Ich entsinne mich jedes kleinsten Umstandes.
    Marie nickte, zum Zeichen, da auch ihr der Tag in Erinnerung geblieben sei.
    Es war Besuch da, fuhr Othegraven fort, der Steinhfelsche Herr von
Massow, der junge Herr von Burgsdorff und Doktor Faulstich aus Kirch-Gritz; Sie
spielten Reifen, und ich hrte schon von fern Ihr Lachen, als ich mit dem alten
Herrn von Vitzewitz die groe Rsternhecke heraufkam. Frulein Renate, in einem
hellblauen Sommerkleid, stand Ihnen gegenber. Als ich dann an dem Spiele
teilnahm und Ihnen mit ungebter Hand die Reifen zuwarf, fingen Sie jeden auf,
ob er zu kurz oder zu weit flog. Ihre Geschicklichkeit glich aus, was der
meinigen fehlte. Ich habe nichts davon vergessen, und als ich an jenem Abend
nach Frankfurt zurckfuhr, wute ich, da ich Sie liebte.
    Marie schwieg; das Spinnrad surrte, man htte eine Nadel fallen hren.
    Haben Sie mir nichts zu sagen, Marie?
    Sie schritt jetzt rasch auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sagte mit einer
Entschlossenheit, in der das voraufgegangene Bangen nur noch leise nachklang:
Es kann nicht sein; Sie selbst haben mir die Antwort auf die Lippen gelegt, als
Sie sagten, das Herz sprche schnell, wenn es berhaupt sprechen wolle. Dann
barg sie das Gesicht in ihre Hnde und rief: Ach, bin ich undankbar?
    Ich habe keinen Anspruch auf Ihren Dank, Marie.
    Und doch bin ich undankbar vielleicht, nicht gegen Sie, aber gegen mein
Geschick. Ich war nicht so jung, als ich in dieses Haus kam, da ich htte
vergessen knnen, was ich vorher war. Und wenn ich es je vergessen htte, so
wrde mich das Kreuz, das oben auf meines Vaters Grabe steht, jeden Tag daran
erinnert haben. Die Art, wie mich Gott gefhrt, legt mir besondere
Dankespflichten auf, und ich wei nicht, ob ich diese Pflichten erflle, wenn
ich jetzt einfach sage: mein Herz spricht nicht. Es sollte vielleicht sprechen;
aber es schweigt. Und so mu es denn bleiben, wie es ist. Es trennt uns etwas,
ein Unterschied der Naturen, den ich nicht zu nennen wei, der aber da ist, weil
ich ihn empfinde.
    Marie schwieg.
    So hab ich denn wenigstens Gewiheit empfangen, nahm Othegraven das Wort,
und das Traurigste, was es gibt, hoffnungslos zu hoffen, ist mir erspart
geblieben. Sie haben es verschmht, sich hinter Halbheiten zu flchten; ich
danke Ihnen dafr. Auch dies zeigt mir, wie richtig meine Neigung whlte,
richtig, aber nicht glcklich. Und es ist ohne Bitterkeit, Marie, da ich von
Ihnen scheide; denn das Herz lt sich nicht zwingen. Und ob ich es gleich
wnschte, da sich das Ihrige anders entschieden htte, so wei ich doch, da es
sich entschieden hat, wie es sich entscheiden mute.
    Er reichte erst Marie, dann der Mutter die Hand und verlie das Haus, in dem
ein kurzes Gesprch ber sein Glck den Stab gebrochen hatte.
    Eine Stunde spter fuhr er wieder auf Frankfurt zu.
    Lieber Freund, so waren des Pastors letzte Worte gewesen, ich beobachte
das Leben nun vierzig Jahre, und immer wieder habe ich wahrgenommen, da sich
Mnner Ihrer Art zu Naturen wie Mariens unwiderstehlich hingezogen fhlen, ohne
da diese Naturen die Liebe, die ihnen entgegengetragen wird, jemals erwidern
knnen. Den Charakter zieht es zur Phantasie, aber nicht umgekehrt.
    Othegraven, indem er die Seidentopfschen Worte hin und her wog, lchelte
schmerzlich.
    Es ist so; der Alte hat recht. Und so werd ich denn liebelos durch dieses
Leben gehen; denn nur die Seite des Daseins, die mir fehlt, hat Reiz fr mich
und zieht mich an. Und so ist mein Los beschlossen. Trag ich es; nicht nur weil
ich mu, auch weil ich will. Tue, was dir geziemt. Aber ich hatte es mir schner
getrumt; auch heute noch.
    Whrend dieses Selbstgesprches war der Konrektor in Podelzig eingefahren
und passierte die Stelle, wo er dem alten Rysselmann begegnet war. Er entsann
sich der gehobenen Stimmung, in der er noch zu ihm gesprochen hatte, und
wiederholte vor sich hin: Ja, schner getrumt; auch heute noch!

                              Neunzehntes Kapitel



                               Silvester in Guse

Der Brief, den Hoppenmarieken mit dem Bemerken, is ht dis een man, an Berndt
berreicht hatte, war whrend der unmittelbar folgenden Szene vergessen worden.
Erst als unsere Zwergin vom Forstacker, als sei nichts vorgefallen, in alter
Munterkeit vom Hof her in die Dorfstrae einbog, entsann sich Berndt des
Schreibens wieder, das aus Kirch-Gritz war und die Aufschrift trug: An
Frulein Renate von Vitzewitz. Hohen-Vietz bei Kstrin. Er gab den Brief an
Lewin, der nun den langen Korridor hinunterschritt, um ihn Renaten persnlich zu
berbringen.
    In dem Krankenzimmer war es hell, Renate selbst ohne Fieber, nur noch matt.
Kathinka sa an ihrem Bett, whrend Maline seitab am Fenster stand und eine der
Kalvillen schlte, die sie sich am Abend vorher geweigert hatte aus dem alten
Spukesaal heraufzuholen.
    Ist es erlaubt? fragte Lewin und nahm einen Stuhl. Ich komme nicht mit
leeren Hnden; hier ein Brief fr dich, Renate.
    Ach, das ist hbsch! Ich wollte, da alle Tage Briefe kmen. Kathinka, nimm
dir das zu Herzen, und du auch, Lewin. Ihr verwhnten Leute habt keine Ahnung
davon, was uns in unserer Einsamkeit ein Brief bedeutet.
    Whrend dieser Worte hatte sie das Siegel erbrochen und sah nach der
Unterschrift: Doktor Faulstich. Es konnte nicht anders sein; wer auer ihm in
Kirch-Gritz htte Veranlassung haben knnen, an Frulein Renate von Vitzewitz
zu schreiben! Der Brief war brigens vom 29., also um einen Tag versptet.
    Lies ihn uns vor, sagte Kathinka, so du keine Geheimnisse mit dem Doktor
hast.
    Wer wei; ich will es aber doch wagen. Und sie las: Mein gndigstes
Frulein! Ein Richterspruch, der keinen Appell gestattet, hat Sie auserkoren,
bei der am Silvester in Schlo Guse stattfindenden Vorstellung mitzuwirken. Mehr
noch, Sie werden die Festlichkeit zu erffnen und beifolgenden Prolog zu
rezitieren haben, den ich, trotz des bis hierher angeschlagenen
Direktorialtones, in meiner gengstigten Dichtereitelkeit Ihrer freundlichen
Beurteilung, speziell auch der Nachsicht der beiden Kastaliamitglieder, die mich
gestern durch ihren Besuch erfreuten, empfehle. Voll berechtigten Mitrauens in
unsere Kirch-Gritzer Postverhltnisse, habe ich geschwankt, ob es nicht
vielleicht geraten sei, diesen Brief durch einen Expressen an Sie gelangen zu
lassen; vierundzwanzig Stunden aber fr eine Entfernung, die selbst mit dem
Umweg ber Kstrin nur anderthalb Meilen betrgt, sind reichlich bemessen, und
so hege ich denn die Hoffnung, diese Zeilen samt ihrer Einlage rechtzeitig bei
Ihnen eintreffen zu sehen. Que Dieu vous prenne, vous et ma lettre, dans sa
garde! Mit diesem Wunsche, der sich in Form und Sprache fast mehr schon gegen
Guse als gegen Hohen-Vietz verneigt, Ihr treu ergebenster
                                                              Doktor Faulstich.

Allerliebst, sagte Kathinka.
    Ich gebe euch auch noch die Nachschrift. Und Renate las weiter: Die
Toilette, mein gndigstes Frulein, darf Sie nicht beunruhigen, trotzdem es
niemand Geringeres als Melpomene selbst ist, der ich meine Prologstrophen in den
Mund gelegt habe. In wie vielen Beziehungen auch die neun Schwestern von Klio
bis auf Polyhymnia sich beschwerlich erweisen mgen, in einem Punkte sind sie
bequem: in der Kostmfrage. Der Faltenwurf ist alles. Ich vertraue brigens,
wenn wir eines Rats bentigt sein sollten, auf Demoiselle Alceste, die mit Hilfe
Racines und seiner Schule seit vierzig Jahren unter den Atriden gelebt hat und
die Staffeln zwischen Klytmnestra und Elektra bestndig auf- und
niedergestiegen ist.
    Ach, wie schade! rief Maline vom Fenster her, ganz nach Art verwhnter
Dienerinnen, die sich gern ins Gesprch mischen.
    Ja, da hast du recht, sagte Renate, halb in wirklichem, halb in
scherzhaftem Unmut, whrend sie den Brief wieder zusammenlegte. Da blitzt es
nun mal einen Augenblick herauf, aber nur, um mir das Dunkel meiner
Hohen-Vietzer Tage wieder um so fhlbarer zu machen. Verzeihe, Kathinka, da ich
undankbar deines Besuches und der Stunden vergesse, die du mir an meinem Bett
und auch vorher schon weggeplaudert hast, aber da ich um diese Fahrt nach Guse
komme und um Demoiselle Alceste und um meinen Prolog, das verwinde ich mein
Lebtag nicht. Sage selbst: als Muse, als Melpomene; wie das schon klingt! Und
von einer franzsischen Schauspielerin eigenhndig drapiert! Ich kann siebzig
Jahre alt werden, ohne zu so was Herrlichem je wieder aufgefordert zu werden.
    Aber ist es denn unmglich? fragte Kathinka. Du fhlst dich wohler, das
Fieber ist fort. Komm mit, wir stecken dich in einen Fusack und von oben her in
einen Pelz.
    Renate schttelte den Kopf. Das darf ich dem alten Leist nicht antun. Wenn
ich ihm strbe - das verzieh er mir all mein Lebtag nicht. Nein, ich bleibe; und
du, Kathinka, mut die Rolle sprechen.
    Ich?
    Ja, du hast keine Wahl. In dem Salon unserer Tante ist, wie du weit, auer
dir und mir nichts von Damenflor zu Hause, und wenn Demoiselle Alceste - ich
habe die Strophen eben berflogen - nicht als ihr eigener Herold auftreten, sich
ankndigen und vielleicht auch verherrlichen soll, so bleibt dir nichts brig,
als den Prolog zu sprechen. Du hast ohnehin die Melpomenefigur. Aber ich glaube
fast, du tust es ungern.
    Nicht doch, ich mitraue nur meinem Gedchtnis.
    Oh, da schaffen wir Rat, sagte Lewin. Es sind noch zwei Stunden, bis wir
aufbrechen, vor allem aber haben wir noch die Fahrt selbst; ich werde dir
unterwegs die Strophen rezitieren, einmal, zweimal, und im Nachsprechen wirst du
sie lernen. Die frische Luft erleichtert ohnehin das Memorieren.
    Kathinka war es zufrieden. So trennte man sich, da nicht nur die Tischglocke
jeden Augenblick gelutet werden konnte, sondern auch das wenige, was auerdem
noch an Zeit verblieb, zu Vorbereitungen ntig war, die sich fr die
Ladalinskischen Geschwister mehr noch auf ihre Abreise berhaupt als auf die
Fahrt nach Guse bezogen. Sie hatten nmlich vor, wenn die Tante sie nicht
festhielt, in derselben Nacht noch nach Berlin zurckzukehren.
    Um vier Uhr hielt das Schlittengespann mit den Schneedecken und den roten
Federbschen, dasselbe, das am dritten Weihnachtsfeiertage Lewin und Renaten
nach Guse hinbergefhrt hatte, vor der Rampe des Hauses, und nach herzlichem
Abschiede von Tante Schorlemmer, auch von Jeetze und Maline, die sich mit ihrem
Schrzenzipfel eine Trne trocknete und immer wiederholte: wie schn es gewesen
sei und: solch liebes Frulein, rckten sich endlich die Ladalinskis auf
ihrer Polsterbank zurecht, whrend Lewin den Platz auf der Pritsche nahm. Der
alte Vitzewitz, der noch an Turgany zu schreiben und seinen Bericht ber die
Resultate der Haussuchung beizufgen hatte, hatte zugesagt, in einer
Viertelstunde mit den Ponies zu folgen.
    Ich berhole euch doch! Was gilt die Wette, Kathinka?
    Du verlierst.
    Nein, ich gewinne.
    Gleich darauf zogen die Pferde an, und der leichte Schlitten flog mit einer
Schnelligkeit dahin, die zunchst wenigstens fr die Chancen Berndts besorgt
machen konnte.
    Kathinka, wie am Abend vorher auf der kurzen Fahrt nach Hohen-Ziesar, hatte
auch heute wieder die Leinen genommen, das Glockenspiel klang, und die roten
Bsche nickten. Ihr Weg ging erst tausend Schritt auf der Kstriner Strae
zwischen den Pappeln hin, ehe sie nach links in die weite Schneeflche des
Bruchs einbogen. Als sie die Stelle passierten, wo der berfall stattgefunden
hatte, zeigte Tubal scherzend nach der Waldecke hinber und beschrieb der
Schwester seinen Wettlauf ber den Sturzacker hin.
    Und das alles im Ritterdienste Hoppenmariekens. Wer hielt je treuer zu
seiner Devise: Mon coeur aux dames!
    Es mssen eben Zwerginnen kommen, um euch zu ritterlichen Taten
anzuspornen. Sonst lat ihr andere eintreten in Taten und Gesang, und wenn es
Doktor Faulstich wre. Im brigen ist es Zeit, Lewin, da wir unsere Lektion
beginnen. Ich wei vorlufig nur, da die erste Strophe mit einem Reim auf Guse
abschliet; Muse, Guse. Ich glaube, die ganze Melpomene-Idee wre nie geboren
worden, wenn dieser Reim nicht existiert htte.
    Nun begann unter Lachen das Rezitieren, und immer, wenn eine neue Strophe
bezwungen war, salutierte Lewin, und der Knall seiner Schlittenpeitsche, dann
und wann das Echo weckend, hallte ber die weite Schneeflche hin. So hatten sie
Golzow, bald auch Langsow passiert, und der Guser Kirchturm wurde schon zwischen
den Parkbumen sichtbar, als pltzlich die Ponies, deren schwarze Mhnen von
Renneifer wie Kmme standen, ihnen zur Seite waren und der alte Vitzewitz, in
seinem Kaleschwagen sich aufrichtend, zu Kathinka hinberrief: Gewonnen!
    Nein, nein! Und nun begann ein Wettfahren, in dem als nchstes Objekt die
Ottaverime des Doktors und gleich darauf alle Gedanken an Prolog und Melpomene
ber Bord gingen. Auch ber die Braunen, die vor den Schlitten gespannt waren,
kam es wie eine ehrgeizige Regung alter Tage, aber der Vorteil ihrer greren
Schritte ging bald unter in dem Nachteil ihrer lngeren Dienstjahre, ber die
nur einen Augenblick lang die jugendlich machenden Schneedecken hatten tuschen
knnen, und um ein paar Pferdelngen voraus donnerte der Kaleschwagen ber die
Sphinxenbrcke und hielt als erster vor dem Schlo. Berndt hatte das Spritzleder
schon zurckgeschlagen, sprang herab und stand rechtzeitig genug zur Seite, um
Kathinka die Hand reichen und ihr beim Aussteigen aus dem Schlitten behilflich
sein zu knnen.
    Da hast du die gewonnene Wette, sagte sie, dem Alten einen herzhaften Ku
gebend, whrend sie zugleich, zu Lewin gewandt, hinzusetzte: Voil notre ancien
rgime.
    Dann traten sie in die geheizte Flurhalle, wo Diener ihnen die Mntel und
Pelze abnahmen.
    In dem blauen Salon der Grfin war heute der weitere Zirkel, dem, auer
einigen unmittelbaren Nachbarn von Tempelberg, Quilitz und Friedland her, auch
der Landrat und der neue Seelowsche Oberpfarrer angehrten, schon seit einer
halben Stunde versammelt und teilte seine Aufmerksamkeiten zwischen der Wirtin
und ihrem bevorzugten Gaste, Demoiselle Alceste. Diese, wie sie zugesagt, war
bereits einen Tag frher eingetroffen, und in Plaudereien, die sich bis ber
Mitternacht hinaus ausgedehnt hatten, war der Rheinsberger Tage, der Wreechs,
Knesebecks und Tauentziens, vor allem auch der prinzlichen Schauspieler, des
genialen Blainville und der schnen Aurora Bursay, mit herzlicher Vorliebe
gedacht worden. ber Erwarten hinaus hatte das Wiedersehen, das nach lnger als
zweiundzwanzig Jahren immerhin ein Wagnis war, beide Damen befriedigt, von denen
jede das Verdienst, sofort den rechten Ton getroffen zu haben, fr sich in
Anspruch nehmen durfte. Am meisten freilich Demoiselle Alceste; sie vereinigte
in sich die Liebenswrdigkeiten ihres Standes und ihrer Nation. Sehr gro, sehr
stark und sehr asthmatisch, von fast kupferfarbenem Teint und in eine schwarze
Seidenrobe gekleidet, die bis in die Rheinsberger Tage zurckzureichen schien,
machte sie doch dies alles vergessen durch den die grte Herzensgte
verratenden Ausdruck ihrer kleinen schwarzen Augen und vor allem durch ihre
Geneigtheit, auf alles Heitere und Schelmische und, wenn mit Esprit vorgetragen,
auch auf alles Zweideutige einzugehen. Was ihr anziehendes Wesen noch erhhte,
waren die Anflle von Knstlerwrde, denen sie ausgesetzt war, Anflle, die -
wenn sie nicht an und fr sich schon einen Anflug von Komik hatten - jedenfalls
in dem als Rckschlag eintretenden Moment der Selbstpersiflierung zu
herzlichster Erheiterung fhrten. Ihre geistige Regsamkeit, auch ihr Embonpoint,
das keine Falten gestattete, lieen sie jnger erscheinen, als sie war, so da
sie sich, obgleich sie beim Regierungsantritt Ludwigs XVI. die Phdra gespielt
hatte, in weniger als einer halben Stunde der Eroberung erst Drosselsteins und
dann Bammes rhmen durfte.
    Von diesen Eroberungen mute ihr, ihrem ganzen Naturell nach, die zweite die
wichtigere sein. Drosselsteins hatte sie viele gesehen, Bammes keinen, und den
Tagen der Liebesabenteuer auf immer entrckt, hatte sie sich lngst daran
gewhnt, den Wert ihrer Eroberungen nur noch nach dem Unterhaltungsreiz, den ihr
dieselben gewhrten, zu bemessen. Sie war darin der Grfin verwandt, nur mit dem
Unterschiede, da diese das Aparte berhaupt liebte, whrend alles, was ihr
gefallen sollte, durchaus den Stempel des Heitern tragen mute. Dabei war ihr
berraschenderweise auf der Bhne das Komische nie geglckt, und nur in Rollen,
die sich auf Inzest oder Gattenmord aufbauten, hatte sie wirkliche Triumphe
gefeiert.
    Es wurde schon der Kaffee gereicht, als die Hohen-Vietzer eintraten und auf
Tante Amelie zuschritten. Diese, nach herzlicher Begrung, erhob sich von ihrem
Sofaplatz, um ihren Liebling Kathinka - die kaum Zeit gefunden hatte, von
Renatens Unwohlsein und der momentan in Gefahr geratenen Melpomenerolle zu
sprechen - mit ihrem franzsischen Gaste bekannt zu machen.
    Demoiselle Alceste brach ihr Gesprch mit Bamme ab und trat den beiden Damen
entgegen.
    Je suis charme de vous voir, begann sie mit Lebhaftigkeit, Madame la
Comtesse, votre chre tante, m'a beaueoup parl de vous. Vous tes polonaise.
Ah, j'aime beaucoup les Polonais. Ils sont tout--fait les Franais du Nord.
Vous savez sans doute que le Prince Henri tait sur le point d'accepter la
couronne de Pologne.
    Kathinka hatte nie davon gehrt, hielt aber mit diesem Gestndnis klglich
zurck, whrend Demoiselle Alceste das immer politischer werdende Gesprch in
Ausdrcken fortsetzte, die, was Bewunderung fr den Prinzen und Abneigung gegen
den kniglichen Bruder anging, selbst Tante Amelie kaum gewagt haben wrde. Das
Thema von der polnischen Krone bot die beste Gelegenheit dazu.
    Dem grand Frdric, fuhr sie mit spttischer Betonung seines Namens fort,
sei der Gedanke, seinen Bruder als Knig eines mchtigen Reiches zur Seite zu
haben, einfach unertrglich gewesen. Es habe freilich, wie das immer geschehe,
nicht an Versuchen gefehlt, die eigentlichen Motive mit Grnden, hoher Politik
zu verdecken; sie aber wisse das besser, und der Neid allein habe den Ausschlag
gegeben.
    Kathinka, die von dem Prinzen nichts wute als seinen Weiberha, nahm aus
diesem krankhaften Zuge, der ihn ihr unmglich empfehlen konnte, eine momentane
Veranlassung zu Loyalitt und Verteidigung des groen Knigs her, bis sie sich
endlich lchelnd mit den Worten unterbrach: Mais quelle btise; je suis
polonaise de tout mon coeur et me voil prte  travailler pour le roi de
Prusse.
    Damit brach der politische Teil ihrer Unterhaltung ab und glitt zu dem
friedlichen Thema der nahe bevorstehenden Theatervorstellung ber. Aber auch
hier kam es zu keinen vollen Einigungen. Immer wieder vergeblich wurde von
seiten Kathinkas geltend gemacht, da sie als Prolog sprechende Melpomene ein
natrliches Anrecht habe, in die Geheimnisse Doktor Faulstichs und seiner
knstlerischen Hauptkraft: Demoiselle Alceste, eingeweiht zu werden. Diese blieb
dabei, da es zu dem Anmutigsten des Theaterlebens gehre, die Akteurs und
Aktricen sich wieder untereinander berraschen zu sehen. Und solch heiteres
Spiel drfe nicht mutwillig gestrt werden.
    Whrend dieses Gesprch in der groen Fensternische gefhrt wurde, die den
Blick in den Park und die untergehende Sonne hatte - nur ein Streifen Abendrot
lag noch am Himmel -, hatten sich Tubal und Lewin zur Seite der Tante
niedergelassen, um ber die jngsten Hohen-Vietzer Ereignisse zu berichten. Der
Kreis wurde bald grer. Erst Krach und Medewitz, dann der Lebuser Landrat samt
dem Seelowschen Oberprediger, zuletzt auch Baron Pehlemann, der, einen Rest von
Podagra miachtend, in oft erprobter Gesellschaftstreue sich eingefunden hatte,
alle rckten nher, um sich von dem Einbruch der Diebe, von dem Auffinden der
beiden Landstreicher auf dem Rohrwerder und endlich von der Haussuchung bei
Hoppenmarieken erzhlen zu lassen. Niemand folgte gespannter als Tante Amelie
selbst, die, neben einer natrlichen Vorliebe fr Einbruchsgeschichten, eine
herzliche Genugtuung empfand, die von ihrem Bruder vermuteten franzsischen
Marodeurs sich einfach in Muschwitz und Rosentreter verwandeln zu sehen. Der
berlegene Charakter Berndts war ihr zu oft unbequem, als da ihr der Anflug von
Komischem, der dadurch auf seine Plne fiel, nicht htte willkommen sein sollen.
    Und doch waren es gerade wieder diese Plne, die, whrend die Schwester im
stillen triumphierte, den Bruder auf das lebhafteste beschftigten. In demselben
Augenblicke beinah, wo die Vorstellung Kathinkas das zwischen Demoiselle Alceste
und Bamme gefhrte Gesprch unterbrochen hatte, hatte sich Berndt des alten
Generals zu bemchtigen gewut, und ihn beiseite nehmend, war er nicht sumig
gewesen, ihm seine bis dahin nur flchtig angedeuteten Gedanken ber
Insurrektion des Landes zwischen Oder und Elbe zu entwickeln. Der Hauptpunkt
blieb immer die Volksbewaffnung  tout prix, also mit dem Knige, wenn mglich,
ohne den Knig, wenn ntig. In betreff dieses Punktes aber war Berndt gerade dem
alten General gegenber nicht ohne Sorge. Bamme gehrte nmlich jener unter dem
Absolutismus grogezogenen militrischen Adelsgruppe an, die auf eine
Cabinetsordre hin all und jedes getan htte und unter einem
Lettre-de-Cachet-Knig so recht eigentlich erst an ihrem Platze gewesen sein
wrde. So kannte Berndt den General. Er bersah aber doch zweierlei: einmal
seine stark ausgeprgte Heimatsliebe, die, wenn verletzt, sich jeden Augenblick
bis zu dem unserem Adel ohnehin gelufigen Satze: Wir waren vor den
Hohenzollern da hinaufschrauben konnte, dann seinen Hang zu Wagnis und Abenteuer
berhaupt, der so gro war, da ihm jede Konspiration angenehm und
einschmeichelnd und ein nach oben hin gerichteter Absetzungsversuch, weil
seltener und aparter, vielleicht noch anlockender als ein von oben her
angeordneter Unterdrckungsversuch erschien. Ohne Grundstze und Ideale, war
sein hervorstechendster Zug das Spielerbedrfnis; er lebte von Aufregungen.
    Berndt, als er ihm alles entwickelt hatte, setzte ruhig hinzu: Da haben Sie
meinen Plan, Bamme. Seine Loyalitt kann bestritten werden. Wir stehen ein fr
das Land; Gott ist mein Zeuge, auch fr den Knig. Aber wenn wir die Waffen
wider seinen Willen nehmen, so kann es uns auf Hochverrat gedeutet werden. Ich
bin mir dessen bewut, und ich spreche es aus.
    Bamme hatte whrend dieser letzten Worte lchelnd an seinem weien
Schnurrbart gedreht: Es ist, wie Sie sagen, Vitzewitz. Aber was tut's! Wir
mssen eben unsere Haut zu Markte tragen; das ist hierlandes so der Brauch. Ich
wei genau, wie sie es da oben machen, oder sagen wir lieber, wie sie es machen
mssen; denn ich glaube, sie haben keine Wahl. Es wird damit beginnen, da man
uns verleugnet, immer wieder und wieder, immer ernsthafter, immer bedrohlicher.
Aber mittlerweile wird man abwarten und unser Spiel mit Aufmerksamkeit und
frommen Wnschen verfolgen. Glckt es, so wird man den Gewinn: ein Land und eine
Krone, ohne weiteres akzeptieren und uns dadurch danken, da man uns verzeiht;
miglckt es, so wird man uns ber die Klinge springen lassen, um sich selber zu
retten. Es kann uns den Kopf kosten; aber ich fr mein Teil finde den Einsatz
nicht zu hoch. Ich bin der Ihre, Vitzewitz.
    Whrend so an verschiedenen Punkten des Salons ber die verschiedensten
Themata, ber die polnische Krone, Hoppenmarieken und den Volksaufstand zwischen
Oder und Elbe gesprochen wurde, lag die ganze Schwere des Dienstes, zugleich die
ganze Verantwortlichkeit fr Gelingen oder Milingen dieses Abends auf den
Schultern Doktor Faulstichs. Die Grfin, nur eine alleroberste Leitung, ein
letztes Ja oder Nein sich vorbehaltend, hatte alles andere mit einem leicht
hingeworfenen: Vous ferez tout cela auf den Kirch-Gritzer Doktor abgewlzt.
Was dem Ziebinger Grafen recht ist, ist der Guser Grfin billig. Er hatte
gehorchen mssen und auch gern gehorcht, aber doch in Bangen. Und dieses Bangen
war nur allzu gerechtfertigt, bersah er die Situation, so war er eigentlich nur
seiner selbst sicher, und auch das kaum. Hundert Fragen drngten auf ihn ein.
Wie wrde, um nur eine der nchstliegenden und wichtigsten zu nennen, das
Streichinstrument- und Fltenquintett bestehen, das, die musikalischen Krfte
von Seelow und Kirch-Gritz zusammenfassend, der Leitung des jungen Guser
Kantors, eines nach Tante Amelies Meinung verkannten musikalischen Genies,
anvertraut worden war? Wrde Kathinka, wirklicher Deklamation zu geschweigen,
die Prolog-Ottaverime auch nur fehlerfrei und ohne Ansto sprechen knnen? Wrde
Alceste die ganze Vorstellung nicht zu sehr als Bagatelle behandeln? War Verla
auf die Dienerschaften, Mnnlein wie Weiblein, die mit Dekorationswechsel,
Bereithaltung einiger Requisiten, endlich auch mit dem Zurckziehen und
Wiederfallenlassen der Gardine betraut worden waren? Denn das Guser Theater
hatte noch statt eines rouleauartigen Vorhanges den von links und rechts her
zusammenfallenden Teppich. Mehr als einmal scho dem Doktor das Blut zu Kopf und
weckte die Lust in ihm, in dieser zwlften Stunde noch mit einem
Demissionsgesuch vor die Grfin zu treten; aber im selben Augenblicke die
Unmglichkeit solchen Schrittes einsehend, richtete er sich an dem Satze auf,
der in hnlichen Lagen schon so oft geholfen hat: Nur erst anfangen. brigens
erwuchs ihm, als die Not am grten war, eine wesentliche Hilfe aus dem
pltzlichen Erscheinen der kleinen Eve. Diese hatte sich ihm kaum zur Verfgung
gestellt, als auch schon ein besserer Geist in die Dienerschaften fuhr, die
guten Grund hatten, es mit dem erklrten Liebling der Grfin nicht zu verderben.
    So kam neun Uhr; schon eine Stunde vorher waren Mademoiselle Alceste und
Kathinka aus dem Salon abgerufen worden. Jetzt trat Eve an ihre Herrin heran, um
ihr zuzuflstern, da alles bereit sei. Die Grfin erhob sich sofort, reichte
Drosselstein den Arm und schritt durch das Ezimmer in den dahintergelegenen
Theatersaal, der sich, ziemlich genau halbiert, in eine Bhne und einen
Zuschauerraum teilte. In letzterem herrschte eine nur mige Helle, um die
Gestalten auf der Bhne in desto schrferer Beleuchtung erscheinen zu lassen.
Etwa zwanzig Sessel waren in zwei Reihen gestellt, in Front derselben fnf
hochlehnige Sthle fr die Musik, in deren Mitte, den Blick auf den Vorhang
gerichtet und eine Notenrolle in der Hand, der als Kapellmeister funktionierende
Guser Kantor stand, Herr Nippler mit Namen. Auf den Polstersesseln lagen
Theaterzettel, die auf Veranlassung Faulstichs bei dem Buchbinder und
Fibelverleger P. Nottebohm in Kirch-Gritz gedruckt worden waren und jetzt,
nachdem alles Platz genommen hatte, sofort einem eifrigen Studium unterzogen
wurden. Der Zettel lautete:

                           Thtre du Chteau de Guse
                           Jeudi le 31 Dcembre 1812
                    La reprsentation commencera  9 heures.

1. Ouverture excute sous la direction de M. Nippler, chantre de Guse, par 3
    violons, 1 flte et 1 basse.
2. Prologue. (Melpomne.)
3. Dbut de Mademoiselle Alceste Bonnivant.
    Scnes diverses, prises de Guillaume Tell. Tragdie en cinq actes par
    Lemierre.
    a. Clof, pouse de Tell, s'adressant  son mari:
        Pourquoi donc affecter avec moi ce mystre,
        Et te cacher de moi comme d'une trangre?
    b. Clof, s'adressant  la Garde de Gesler:
        Je veux voir mon poux, vous m'arrtez en vain etc.
    c. Clof, s'adressant  Gesler:
        Quoi, Gesler! quand j'amne un fils en ta prsence etc.
    d. Clof, s'adressant  Walther Frst:
        C'etait-l le moment de soulever la Suisse.
        Tu l'as perdu!
4. Finale compos pour 2 violons et 1 flte par M. Nippler.

                                                 Le Sous-Directeur Dr. Faulstich

                           Imprim par P. Nottebohm,
                  relieur, libraire et diteur  Kirch-Goeritz

Die Mehrzahl der Anwesenden war mit dem Studium des Zettels noch nicht bis zur
Hlfte gediehen, als das Zeichen mit der Klingel gegeben wurde. Nippler klopfte
mit der steifen Papierrolle auf das Podium, und sofort begannen die Violinen ihr
Werk; jetzt fiel die Flte ein, whrend von Zeit zu Zeit des Basses
Grundgewalt dazwischen brummte. Nun war es zu Ende, Nippler trocknete sich die
Stirn, und die Gardine ffnete sich. Melpomene stand da.
    Ein Ah! ging durch die ganze Versammlung, so von Herzen, da auch einer
zaghafteren Natur als der Kathinkas der Mut des Sprechens htte kommen mssen.
    Ehe sie begann, fragte Rutze leise den neben ihm sitzenden Baron Pehlemann:
Was stellt sie vor?
    Melpomene.
    Aber hier steht ja Prolog.
    Das ist ein und dasselbe.
    Ah, ich verstehe, flsterte Rutze mit einem Gesichtsausdruck, der ber die
Wahrheit seiner Versicherung die gegrndetsten Zweifel erlaubte.
    Kathinka trat einen Schritt vor. Sie trug ein weies Gewand, an dem sich die
Drapierungskunst Demoiselle Alcestens glnzend bewhrt hatte, und stemmte ein
hohes, grneingebundenes Notenbuch - auf dessen beide Deckel eine Abschrift der
zu sprechenden Strophen aufgeklebt worden war - mit ihrer Linken gegen die
Hfte. Die Rechte fhrte den Griffel. So sah sie einer Klio hnlicher als einer
Melpomene. Ruhig, als ob die Bretter ihre Heimat wren, das Auge abwechselnd auf
die Versammlung und dann wieder auf das aushelfende Notenbuch gerichtet, sprach
sie:

Ihr kennt mich! Einst ein Gtterkind der Griechen,
Irr ich vertrieben jetzt von Land zu Land,
Und Unkraut nur und Moos und Efeu kriechen
Hin ber Trmmer, wo mein Tempel stand;
Ach oft in Sehnsucht droh ich hinzusiechen
Nach einem dauernd-heimatlichen Strand -
Raststtten nur noch hat die flcht'ge Muse,
Der liebsten eine hier, hier in Schlo Guse.
Und fragt ihr nach dem Lose meiner Schwestern?
Die meisten bangen um ihr tglich Brot,
Thalia spielt in Schenken und in Nestern,
Und gar Terpsichore, sie tanzt sich tot:
So schritt ich einsam, als sich mir seit gestern
In meinem Liebling der Gefhrte bot,
Ihr kennt ihn, und herzu zu diesem Feste
Bring ich das beste, was ich hab: Alceste.

Hier unterbrach sie sich einen Augenblick, wandte mit vieler Unbefangenheit das
Notenbuch um, so da der Rckdeckel, auf dem die Schlostrophe stand, nach oben
kam, und fuhr dann fort:

Sie wnscht euch zu gefallen. Ob's gelinget,
Entscheidet ihr; die Huld macht stark und schwach;
Und wenn ihr Wort euch fremd im Ohre klinget,
Dem Fremden eben gnnt ein gastlich Dach.
Empfanget sie, als ob ihr mich empfinget,
Ihr Vitzewitze, Drosselstein und Krach,
Mein Sendling ist sie, wollt ihm Beifall spenden,
Ich habe keinen zweiten zu versenden.

Die Gardine fiel. Lebhafter Beifall wurde laut, am lautesten von seiten Rutzes,
der einmal ber das andere versicherte, da er nun vllig klarsehe und Faulstich
bewundere, der dies wieder so fein eingefdelt habe. Der einzige, der bei dem
kleinen Triumphe Kathinkas in Schweigen verharrte, war Lewin. Die Sicherheit,
mit der sie die nur flchtig gelernten Strophen vorgetragen hatte, hatte ihn
inmitten seiner Bewunderung auch wieder bedrckt. Sie kann alles, was sie
will, sagte er zu sich selbst; wird sie immer wollen, was sie soll?
    In dem Reichbeanlagten ihrer Natur, in dem bermut, der ihr daraus erwuchs,
empfand er in schmerzlicher Vorausahnung, was sie frher oder spter voneinander
scheiden wrde.
    Die Pause war um, die Violinen intonierten leise, nur um anzudeuten, da die
nchste Nummer im Anzuge sei. Aller Blicke richteten sich auf den Zettel:
Scnes prises de Guillaume Tell. Erste Szene: Clof, pouse de Tell,
s'adressant  son mari. Im selben Augenblicke ffnete sich die Gardine. Eine
Hintergrundsdekoration, die Berg und See darstellte, hatte sich jetzt vor den
griechischen Tempel geschoben, das Kuhhorn erklang, und dazwischen luteten die
Glocken einer Herde. So verndert war die Szene; aber vernderter war das Bild,
das innerhalb derselben erschien. An die Stelle der jugendlichen Gestalt in Wei
trat eine alte Dame in Schwarz: Mademoiselle Alceste, die die Kostmfrage mit
uerster Geringschtzung behandelt und, das schwarze Seidenkleid (ihr eines und
alles)! beibehaltend, sich damit begngt hatte, durch einen langen Hirtenstab
und einen den Guseschen Gewchshusern entnommenen Rhododendronstrau das
Schweizerisch-Nationale, durch ein Barett mit blinkender Agraffe aber den Stil
der groen Tragdie herzustellen. Das Ah! der Bewunderung, das Kathinka
empfangen hatte, blieb ihr gegenber aus, aber sie achtete dessen nicht, aus
langer Erfahrung wissend, da der Ausgang entscheide, und dieses Ausgangs war
sie sicher.
    Sie sprach nun, jedes falsche Echauffement vermeidend, erst die den Gatten
um Mitteilung seines Geheimnisses beschwrenden Worte: Pourquoi donc affecter
avec moi ce mystre?, dann in rascher Reihenfolge die nur kurzen Sentenzen, die
sich abwechselnd an die Gelerschen Knechte und zuletzt an Geler selbst
richteten. In jedem Worte verriet sich die gute Schule, und bei Schlu dieser
dritten Szene durfte sie sich ohne Eitelkeit gestehen, da sie ihr Publikum in
der Hand habe.
    Aber die vierte Szene: Clof s'adressant  Walther Frst, stand noch aus.
Tante Amelie, die das Stck in allen seinen Einzelheiten kannte, versprach sich
gerade von diesen Zornesalexandrinern einen allerhchsten Effekt und uerte
sich eben in diesem Sinne gegen Drosselstein, als die Regisseurklingel hinter
dem Vorhang den Fortgang des Spieles anzeigte.
    Aber wer beschreibt das Staunen aller, zumeist der Grfin selbst, als jetzt,
bei dem Sichwiederffnen der Gardine, statt Clofs ein verwandtes und doch
wiederum wesentlich verndertes Bild auf sie niederblickte. Was bedeutete diese
neue Gestalt? Nur einen Augenblick schwebte die Frage. Der Hirtenstab, der
Rhododendronstrau, das Barett mit der Agraffe waren abgetan, und ein kurzer
Rock mit grnem Kragen, der wenigstens die obere Hlfte des schwarzen
Seidenkleides verdeckte, lie keinen Zweifel darber, da die trotzig auf dem
Felsen stehende Jgergestalt niemand Geringeres sein sollte als Wilhelm Tell
selbst. Mit der Spitze seiner Armbrust wies er auf den eben getroffenen Geler.
Und in deutscher Sprache, verwunderlich, aber nicht strend akzentuiert, sprach
Alceste, die dieser von Faulstich geplanten berraschung mit groer
Bereitwilligkeit zugestimmt hatte, die Schluworte des Dramas, die, hier und
dort ber das Schweizerische hinausgehend, als ein allgemeiner Hymnus auf die
Befreiung der Vlker gedeutet werden konnten:

Tot der Tyrann! Er schndet uns nicht mehr,
Bedrckte Brder, Freunde, tretet her,
Von seinem Schlosse, das in Flammen steht,
Der Feuerschein wie eine Fahne weht,
Verkndigend: es fiel die Tyrannei,
Geler ist tot, und unser Land ist frei.

Bei diesen Worten stieg Demoiselle Alceste die Felsenstufen hinunter, und dicht
an den Rand des Podiums tretend, fuhr sie mit gehobener Stimme fort:

Und denkt der Feind an einen Rachezug,
Ihn zu vernichten sind wir stark genug;
Er komme nur, Soldaten sind wir all,
Es schirmt uns unsrer Berge hoher Wall,
Und dringt er doch in unsre tiefste Schlucht,
Die keinen Ausgang kennt und keine Flucht,
Dann ber ihn mit Fels und Block und Stein,
In der Verwirrung wir dann hinterdrein,
Mit Sens' und Sichel und mit Schwert und Speer:
Ergib dich, Feind, du rettest dich nicht mehr!
So fllt sein Helmbusch, seines Stolzes Zier,
Denn strker war die Freiheit, waren wir.

Ein Beifallssturm, der alle Triumphe Kathinkas verschwinden machte, brach jetzt
los, und: Demoiselle Alceste klang es, erst gemurmelt, dann immer lauter. Nach
Innehaltung der den Applaus steigernden Pause erschien die Gerufene, sich
wrdevoll verneigend, und da weder fr Krnze noch Bouquets gesorgt worden war,
trat Tante Amelie selbst an das Podium und reichte ihr zum Zeichen ihres Dankes
auf die Bhne hinauf ihre Hand. Gleich darauf intonierte Nippler ein kurzes, von
ihm selbst gesetztes Finale, unter dessen Klngen die Gste sich erhoben, um in
den Frontrumen das Souper zu nehmen.
    Hier war inzwischen an kleinen Tischen gedeckt worden, an denen nun, nach
dem baldigen Erscheinen derer, die die Mhen des Tages recht eigentlich
bestritten hatten, wie Wahl oder- Zufall es fgten, Platz genommen wurde. Auch
Nippler war geladen worden. Bamme, der eine Vorliebe fr Ausnahmegestalten
hatte, nahm ihn in besondere Affektion, ihm einmal ber das andere versichernd:
Das sei doch einmal eine Musik gewesen. Besonders die Flte.
    Der Haupttisch, auf dem sechs Couverts gelegt waren, stand in dem
Spiegelzimmer. Hier saen unmittelbar neben der Grfin Mademoiselle Alceste und
Kathinka, den Damen gegenber aber Drosselstein, Berndt und Baron Pehlemann, der
auf dem Gebiete franzsischer Literatur nicht ganz ohne Ansprche war und die
Henriade in bersetzung, den Charles Douze sogar im Original gelesen hatte.
Tubal und Lewin, als Anverwandte des Hauses, machten die Honneurs in dem blauen
Salon; einige der Herren hatten sich in das Billardzimmer zurckgezogen, unter
ihnen Medewitz, dessen etwas fistulierende Stimme von Zeit zu Zeit an dem Tische
der Grfin hrbar wurde.
    Es war dies derselbe auf vier runden Sulen ruhende Marmortisch, an dem bei
Gelegenheit des Weihnachtsdiners der Kaffee genommen und schlielich in
Veranlassung der alten Streitfrage Roi Frdric oder Prince Henri eine
ziemlich pikierte Debatte zwischen dem alten Vitzewitz und seiner Schwester, der
Grfin, gefhrt worden war. Auch heute sollte diesem Tisch eine geschwisterliche
Fehde nicht fehlen.
    Aber diese Fehde stand noch in weiter Ferne und war nur der Abschlu einer
sich lang ausspinnenden Konversation, die zunchst nur das vollendete Spiel
Mademoiselle Alcestes und erst nach Erschpfung aller erdenkbaren
Verbindlichkeiten auch das Stck selbst zum Gegenstand hatte.
    Die Grfin, die mit vieler Geschicklichkeit diesen bergang machte, wute
dabei wohl, was sie tat. Sie war die einzige, die die Tragdie gelesen, zugleich
auch mit Hilfe einer vorgedruckten Biographie sich ber die Lebensumstnde
Lemierres unterrichtet hatte, so da sie sich in der angenehmen Lage sah, den in
Sachen franzsischer Literatur mit ihr rivalisierenden Drosselstein in die
zweite Stelle herabdrcken und berhaupt nach allen Seiten hin brillieren zu
knnen. Am meisten vor Demoiselle Alceste selbst, die, als echtes Bhnenkind,
sich mit dem Auswendiglernen ihrer Rolle begngt und nicht die geringste
Veranlassung gefhlt hatte, sich in Vor- und Nachwort oder gar in Anmerkungen
und literarhistorische Notizen zu vertiefen.
    Es war ein anmutiges Lebensbild, das die Grfin, indem sie Fragen von links
und rechts her hervorzulocken wute, nach und nach vor ihren Zuhrern entrollte,
unter denen selbst Berndt, weil es menschlich schne Zge waren, die zu ihm
sprachen, ein ungeheucheltes Interesse zeigte. Lemierre, nach Poetenart, war
immer ein halbes Kind geblieben. Anspruchslos, hatte sein Leben nur drei Dingen
angehrt: der Dichtung, der Entbehrung und der Piett. Er war schon sechzig, als
er zu Ruhm kam, aber auch dieser Ruhm lie ihn ohne Mittel und Vermgen. Es
waren kleine Summen, die die Auffhrungen seiner Stcke ihm eintrugen; empfing
er sie, so machte er sich auf den Weg nach Villiers le Bel, wo seine beinahe
achtzigjhrige Mutter lebte. Er teilte mit ihr, plauderte ihr seine Hoffnungen
vor und kehrte dann, wie er den Hinweg zu Fu gemacht hatte, so auch zu Fu in
die Hauptstadt und an seine Arbeit zurck.
    Wie so viele Tragdienschreiber war er heiteren Gemtes, und seine Scherze,
seine Anekdoten, seine Gelegenheitsverse belebten die Gesellschaft. So arm er
war, so gtig war er; selbst neidlos, weckte er keinen Neid. Ein Nervenleiden,
das ihn schon monatelang vor seinem Tode befallen hatte, schlo ihm die Sinne.
So starb er im Juli 1793, inmitten der Tage der Schreckensherrschaft, die er
noch erlebt, aber nicht mehr mit Augen gesehen hatte.
    So etwa waren im Zusammenhange die Notizen, die die Grfin vereinzelt gab.
Sie wiegte sich in dem Bewutsein ihrer berlegenheit und wurde deshalb wenig
angenehm berrascht, als Drosselstein, den Namen Lemierres einige Male
wiederholend, wie wenn er sich auf etwas Halbvergessenes besinne, mit einem
leisen Anfluge von Sarkasmus sagte: Ja, es kann nur Lemierre gewesen sein;
gndigste Grfin entsinnen sich gewi des Bonmots, das bei Gelegenheit der
zweiten Auffhrung des Guillaume Tell gemacht wurde? Ich fand es in den
Anecdotes dramatiques.
    Die Miene, mit der Tante Amelie die Frage begleitete, lie keinen Zweifel
ber die Antwort, so da Drosselstein, um ihr die Verlegenheit eines Nein zu
ersparen, ohne jede Pause fortfuhr: Schon bei dieser zweiten Auffhrung,
trotzdem das Stck enthusiastisch aufgenommen worden war, war das Theater leer,
und nur etwa hundert Schweizer hatten sich aus Patriotismus eingefunden. Einer
von den anwesenden Franzosen bemerkte diese seltsame Zusammensetzung des
Publikums und flsterte seinem Nachbar zu: Sonst heit es: kein Geld, keine
Schweizer; hier wrd es heien mssen: keine Schweizer, kein Geld.
    Die Grfin war selbst witzig genug, um unter dem Einflu einer gut
pointierten Wendung ihrer Verstimmung Herr zu werden, und bald wieder auf dem
Vollklang Lemierrescher Tragdientitel, auf Idomeneus und Artaxerxes, sich
wiegend, steigerte sie sich in ihrem Enthusiasmus bis zu der Behauptung, da
sich die berlegenheit des franzsischen Geistes in nichts so sehr aussprche
als in der Tatsache, da selbst Erscheinungen zweiten Ranges dem berlegen
seien, was innerhalb der deutschen Literatur als ersten Ranges angesehen wrde.
    Berndt, der ahnen mochte, auf was die Grfin hinauswollte, horchte auf und
bemerkte ruhig: Knntest du Beispiele geben?
    Gewi; und ich nehme das, das uns am bequemsten liegt, eben diesen
Guillaume Tell, dem wir mit Hilfe unseres verehrten Gastes, und hierbei machte
sie eine verbindliche Handbewegung gegen Mademoiselle Alceste, eine so schne
Stunde verdanken. Lemierre n'est qu'un auteur de second rang. Aber wie berlegen
ist sein Guillaume Tell dem Wilhelm Tell des Herrn Schiller, ein Stck, in dem
mehr Personen auftreten, als die vier Waldsttte Einwohner haben. Und dazu ein
bestndiger Szenenwechsel; ein Lied wird gesungen, und ein Mondregenbogen spannt
sich aus; alles opernhaft. Zuletzt erscheint Geler zu Pferde...
    ... und der Souffleur gert in Gefahr, wie Max Piccolomini unterm Hufschlag
zugrunde zu gehen. Nicht wahr, Schwester?
    Ich akzeptiere deine Worte und berhre den Spott, der sich nach deiner Art
mehr gegen mich als gegen den Dichter richtet. Er kann brigens meiner
Zustimmung entbehren; der Weimaraner Herzog hat ihn nobilitiert.
    Das hat er. Hast du denn aber je den Schillerschen Tell mit Aufmerksamkeit
gelesen?
    Ich hab es wenigstens versucht.
    Da bist du mir in unserem Streit um einen Pas voraus, denn ich darf mich
meinerseits nicht rhmen, auch nur einen Versuch zur Lektre Lemierres gemacht
zu haben. Aber eines ist sicher, er kam und ging. Sie mgen ihm, was ich nicht
wei, einen Sitz in der Akademie gegeben, ihm Krnze geflochten, ihm in
irgendeinem Ehrensaal ein Bild oder eine Bste errichtet haben, es bleibt doch
bestehen, was ich sagte: er kam und ging. Er hat keine Spur hinterlassen.
    Und doch folgten wir vor einer Stunde erst eben diesen Spuren und waren
hingerissen durch die Schnheit seiner Worte.
    Seiner Worte, ja; aber nicht durch mehr. Er mag das Herz seiner Nation
berhrt haben, aber er hat es nicht getroffen. Nach solchen Balsam- und
Trostesworten, wie sie der Schillersche Tell hat:

Wenn der Gedrckte nirgends Recht kann finden,
Greift er getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,

wirst du den Tell deines Lemierre, dessen bin ich sicher, vergeblich
durchsuchen. Ich wte sonst davon. Dieser Herr Schiller, wie du ihn nennst, ist
eben kein Tabulaturdichter, er ist der Dichter seines Volkes, doppelt jetzt, wo
dies arme niedergetretene Volk nach Erlsung ringt. Aber verzeih, Schwester, du
weit nichts von Volk und Vaterland, du kennst nur Hof und Gesellschaft, und
dein Herz, wenn du dich recht befragst, ist bei dem Feinde.
    Nicht bei dem Feinde, aber bei dem, was er vor uns voraushat.
    Und das ist in deinen Augen nicht mehr und nicht weniger als alles. Ich
sehe seine Vorzge, wie du sie siehst, aber das ist der Unterschied zwischen dir
und mir, da du von keiner Ausnahme wissen willst und der im ganzen
zugestandenen berlegenheit auch in jedem Einzelfalle zu begegnen glaubst.
Erinnere dich, es gibt Fruchtbume, die nur sprlich tragen; vielleicht ist
Deutschland ein solcher. Und wenn denn durchaus gescholten werden soll, so
schilt den Baum, aber nicht die einzelne Frucht. Diese pflegt um so schner zu
sein, je seltener sie ist. Und eine solche seltene Frucht ist unser Tell.
    Whrend dieses Streites hatte sich aus dem Salon und dem Billardzimmer her
ein rasch wachsender Kreis von Zuhrern um Vitzewitz gebildet, welcher erst, als
er schwieg, das Peinliche der Situation empfand; nicht seiner ihn stets
herausfordernden Schwester, wohl aber Mademoiselle Alceste gegenber. Er trat
deshalb auf diese zu, kte ihr die Hand und sagte: Pardon, Madame, wenn ich
durch eines meiner Worte Sie verletzt haben sollte. Ich fhle, was wir einem
fremden Gaste, aber zugleich auch, was wir unserem Vaterlande schuldig sind. Sie
sind Franzsin; ich frage Sie, was Sie an irgendeiner Stelle Frankreichs bei
Unterordnung Ihres Corneille unter einen fremden Poeten zweiten Ranges empfunden
haben wrden! Ich tusche mich nicht in Ihnen, Sie htten gesprochen nach Ihrem
Herzen, nicht nach der Forderung gesellschaftlicher Konvention. Madame, ich
rechne auf Ihre Verzeihung.
    Mademoiselle Alceste erhob sich mit einer Wrde, als ob ihr mindestens eine
Corneilleszene zu spielen auferlegt worden sei, und sagte: Monsieur le Baron,
vous avez raison, et je suis heureuse de faire la connaissance d'un vrai
gentilhomme. J'aime beaucoup la France, mais j'aime plus les hommes de bon coeur
partout o je les trouve. Dann, sich respektvoll vor der Grfin verneigend,
fuhr sie, gegen diese gewandt, fort: Mille pardons, Madame la Comtesse, mais,
sans doute, vous vous rappelez la maxime favorite de notre cher prince: la
vrit c'est la meilleure politique.
    Die Grfin reichte der alten Franzsin die Hand und lchelte gezwungen. Den
Blick des Bruders vermied sie. Sie konnte Szenen wie diese vergessen, aber nicht
sogleich. Der Augenblick behauptete sein Recht ber sie. -
    Es war elf Uhr vorber. Das Gesprch, das schon zu lange literarisch gefhrt
worden war, wandte sich jetzt den alleruerlichsten Errterungen zu und drehte
sich um die Frage: wann der Wagen oder Schlitten vorfahren, wer aufbrechen oder
bleiben solle. Gegen Tubals und Kathinkas Abreise wurde seitens der Grfin ein
entschiedenes Veto eingelegt, dem sich die Geschwister unschwer fgten. Sie
willigten ein, zu bleiben, mit ihnen Doktor Faulstich und Mademoiselle Alceste.
Kathinka verlie gleich darauf das Zimmer, angeblich, um ihren Koffer- und
Etuischlssel an Eva zu geben, in Wahrheit, um mit dieser zu plaudern. Denn sie
war auch darin ganz Dame von Welt, da ihr Kammermdchengeschwtz sehr viel und
Professorenuntersuchung sehr wenig bedeutete.
    In immer flchtiger werdenden Fragen und Antworten setzte sich mittlerweile
die Konversation fort, in die selbst einige Bammesche Drastika kein rechtes
Leben mehr bringen konnten. Endlich schlug es zwlf; Berndt ffnete eines der
Flgelfenster, um das alte Jahr hinaus-, das neue hereinzulassen, und rief,
whrend die frische Luft einstrmte:
    Ich gre dich, neues Jahr; oft hab ich dich kommen sehen, aber nie wie zu
dieser Stunde. Es berrieselt mich s und schmerzlich, und ich wei nicht, ob
es Hoffen ist oder Bangen. Wir haben nicht Wnsche, wir haben nur einen Wunsch:
Seien wir frei, wenn du wieder scheidest!
    Die Glser klangen zusammen, auch das Mademoiselle Alcestes. Sie teilte ihre
patriotischen Empfindungen zwischen ancien rgime und Republik; gegen den
Kaiser, der ihr ein Fremder, ein Korse war, unterhielt sie einen ehrlichen Ha.
So war denn nichts in ihrem Herzen, das dem unglcklichen Lande, in dem sie so
viele glckliche Jahre gelebt hatte, die Rckkehr zu Freiheit und Machtstellung
htte mignnen knnen.
    Die Aufregung, die der kurze Toast geweckt hatte, dauerte noch fort, als
Kathinka wieder in den Saal trat.
    Wir haben Blei gegossen, sagte sie lachend und legte einen blanken
Klumpen, auf dem eine Moosgirlande sichtbar war, vor die Tante nieder. Eva
meint, da es ein Brautkranz sei.
    Alle waren einig, da Eva richtig gesehen und sehr wahrscheinlich noch
richtiger prophezeit habe. So ging das gegossene Blei von Hand zu Hand. Es kam
zuletzt auch an Lewin, auf den es bei seiner Befangenheit in aberglubischen
Anschauungen einen Eindruck machte, da der Kranz nicht geschlossen war.
    Die Diener traten ein, um zu melden, da die Wagen und Schlitten warteten.
Berndt empfahl sich zuerst; dann folgten die anderen Gste, meist paarweise oder
mehr. Mit Drosselstein war der lebusische Landrat; sie hatten denselben Weg.
    Nur Lewin fuhr allein. Aus den ersten Drfern scholl ihm noch Musik
entgegen; dazwischen Schsse, die das neue Jahr begrten. Dann wurd es still,
und nur das Bellen eines Hundes klang von Zeit zu Zeit aus der Ferne her. Sein
Schlitten schaufelte, wo die Fahrstrae schlecht war, nach rechts und links hin
den Schnee zusammen; er selber aber hing trumerisch den Bildern dieses Tages
nach.
    Auf dem Polstersitze sa wieder Kathinka; nun ist es Zeit, Lewin, an unsere
Lektion zu denken, und er beugte sich vor, da ihre Wangen einander berhrten,
und begann ihr die Verse vorzusprechen. Dann sah er sie auf der Bhne stehen,
ruhig, ihres Erfolges sicher, und es war ihm, als vernhme er den Wohllaut ihrer
Stimme. Wie schn sie war! Ein leidenschaftliches Verlangen ergriff ihn, ihr
zu Fen zu strzen und ihr seine Liebe, die sie verspottete, weil er nicht den
Mut eines Gestndnisses hatte, unter tausend Schwren und Kssen zu bekennen;
aber er schttelte den Kopf, denn er fhlte wohl, da es umsonst sei und da er
sie nie besitzen werde.
    Die Sterne flimmerten immer heller; er sah hinauf, und in seiner Seele
klangen pltzlich wieder die Worte jener Bohlsdorfer Grabsteininschrift: Und
kann auf Sternen gehen.
    Da fiel alles Verlangen von ihm ab. Er sah noch das Bild Kathinkas, aber es
verdmmerte mehr und mehr, und der Friede des Gemtes kam ber ihn, als er jetzt
einsam ber die breite Schneeflche des Bruches hinflog.


                                  Dritter Band

                                        

                                   Alt-Berlin

                                 Erstes Kapitel

                              Im Johanniter-Palais

Der alte Vitzewitz war bald nach sechs Uhr frh in Berlin eingetroffen und in
der Burgstrae, nur hundert Schritt von der Langenbrcke, in dem dazumal
angesehenen Gasthofe Zum Knig von Portugal abgestiegen. Er gab einige
Weisungen an Krist, die sich auf den Grnen Baum, wo, wie herkmmlich, das
Gespann untergebracht werden sollte, bezogen, und beschlo dann, in zwei Stunden
Morgenschlaf alles, was er in der Nacht versumt haben mochte, nachzuholen. Viel
war es nicht, denn er gehrte zu den Glcklichen, denen, wenn die Mdigkeit
kommt, Bett oder Brett dasselbe gilt.
    Um neun Uhr, er hatte die zwei Stunden pnktlich gehalten, sa er frisch bei
seinem Frhstck. Die Stutzuhr tickte, das Feuer im Ofen prasselte, die
Eisblumen schmolzen, alles atmete Behagen; Berndt trat an das Fenster und sah
geradeaus ber den Flu hin, auf die gotischen, im hellen Morgenschein
erglnzenden Giebel des hier noch mittelalterlich gebliebenen Schlosses.
    Das kann nicht ber Nacht verschwinden, sprach er vor sich hin und begann
dann, aus der Fensternische zurcktretend, sich mit militrischer Raschheit
anzukleiden. Er whlte statt seiner neumrkischen Dragoneruniform, die sich fr
die Mehrzahl der Visiten, die er vorhatte, wohl am besten geeignet htte, den
roten Frackrock der kurbrandenburgischen Ritterschaft und war eben mit seiner
Toilette fertig, als ein eintretender Diener meldete, da Geheimrat von
Ladalinski vorgefahren sei. Berndt nahm Hut und Handschuh, drehte den Schlssel
im Schlo und sa eine Minute spter an der Seite des Geheimrats, mit dem er
sich brieflich zu gemeinschaftlicher Abmachung einiger Neujahrsgratulationen
verabredet hatte.
    Der Geheimrat war in Gala. Sie begrten sich herzlich, verzichteten aber
auf ein eigentliches Gesprch, da der ihnen zunchstliegende Zweck ihre
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
    Nur die Namen einzelner Minister und Gesandten wurden genannt, bei denen
Karten abzugeben waren, bis endlich der Wagen auf die Rampe des an der Ecke des
Wilhelmsplatzes gelegenen Johanniterordens-Palais rollte.
    In diesem Palais wohnte der Herrenmeister des Ordens, der alte Prinz
Ferdinand, zu dem Geheimrat von Ladalinski seit einer Reihe von Jahren beinahe
freundschaftliche Beziehungen unterhielt, whrend Berndt von Vitzewitz, der ihn
nur oberflchlich kannte, lediglich den Bruder Friedrichs des Groen in ihm
verehrte. Hierin begegneten sich damals viele Herzen, und dem
zweiundachtzigjhrigen Prinzen wurden Huldigungen zuteil, die bis dahin seinem
langen und immerhin ereignisreichen Leben versagt geblieben waren. Er hatte die
groe Zeit mit gesehen und mit durchgekmpft; das gab ihm in diesen Tagen der
Erniedrigung ein Ansehen ber seine sonstige Bedeutung hinaus, und manche
Hoffnung richtete sich an ihm auf. Auch konnt es nicht ausbleiben, da ihm der
Heldentod seines ltesten Sohnes zu Dank und Mitruhm angerechnet wurde. Dieser
lteste Sohn war der in Liedern vielgefeierte Prinz Louis, der, die
hereinbrechende Katastrophe voraussehend, am Tage vor der Jenaer Schlacht bei
Saalfeld gefallen war.
    Der alte Prinz, als ihm die beiden Herren gemeldet wurden, war bereit,
dieselben zu empfangen, und lie sie bitten, ihn in seinem Arbeitszimmer
erwarten zu wollen. Als sie dasselbe betraten, wurden die Rollen zwischen ihnen
dahin verteilt, da Berndt so weit wie mglich die Konversation fhren, der
Geheimrat aber nur gelegentlich sekundieren solle.
    Das prinzliche Arbeitszimmer schlo die Front des Hauses nach links hin ab
und sah mit zweien seiner Fenster bereits auf die Wilhelmsstrae. Es war von
grerer Behaglichkeit, als sonst prinzliche Zimmer zu sein pflegen. Dicke
trkische Teppiche, halb zugezogene Damastgardinen, Portieren und Lambrequins
verliehen dem nicht groen Raume das, was er bei vier Fenstern und zwei Tren
eigentlich nicht haben konnte: Ruhe und Geschlossenheit, und das Feuer im Kamin,
indem es zugleich Licht und Wrme ausstrmte, steigerte den wohligen und
anheimelnden Eindruck. An den Fensterpfeilern befanden sich niedrige
Bcherschrnke und Etageren, so da Raum blieb fr Bsten und Bilder, darunter
als bestes ein Landschaftsbild mit Architektur, Schlo Friedrichsfelde, den
Sommeraufenthalt des Prinzen, darstellend. Sein eigenes lebensgroes Portrt,
von der Hand Graffs, hing ber dem Kamin. Daneben zog sich ein breites Sofa ohne
Lehne bis an die nchste Treinfassung, whrend ein runder, mit einer
alabasternen Blumenschale geschmckter Tisch in den durch das Sofa gebildeten
rechten Winkel hineingeschoben war.
    Berndt, der sich zum ersten Male an dieser Stelle sah, hatte seine Musterung
kaum geschlossen, als der Prinz, die Portiere der zu seinem Schlafzimmer
fhrenden Tre zurckschlagend, frher eintrat, als erwartet war, und, die
Verbeugung beider Herren mit freundlichem Gru erwidernd, durch eine
Handbewegung sie aufforderte, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er selber stellte
sich mit dem Rcken gegen den Kamin, die Hnde nach hinten zu gefaltet und
ersichtlich bemht, soviel Wrme wie mglich mit ihnen einzufangen. In diesem
Bedrfnis verriet sich sein hohes Alter; sonst lie weder seine Haltung noch der
Ausdruck seines Kopfes einen Zweiundachtziger vermuten. Berndt erkannte gleich
das Eigentmliche dieses Kopfes, das ihm in einer seltsamen Mischung von
Anspruchslosigkeit und Selbstbewutsein zu liegen schien. Und so war es in der
Tat. Von Natur unbedeutend, auch sein lebelang, zumal an seinen Brdern
gemessen, sich dieser Unbedeutendheit bewut, durchdrang ihn doch das Gefhl von
der hohen Mission seines Hauses und gab ihm eine Majestt, die, wenn er (was er
zu tun liebte) die Stirn runzelte, sich bis zu dem Ausdruck eines donnernden
Jupiters steigern konnte. Eine mchtige rmische Nase kam ihm dabei zustatten.
Wer aber schrfer zusah, dem konnte nicht entgehen, da er, im stillen lchelnd,
den Donnerer blo tragierte und allen ablehnenden Stolz, den er gelegentlich
zeigen zu mssen glaubte, nur nach Art einer Familienpflicht erfllte.
    Sie kommen, mir Ihre Glckwnsche zum neuen Jahre auszusprechen, hob er
an. Ich danke Ihnen fr Ihre Aufmerksamkeit um so mehr, je gewisser es das Los
des Alters ist, vergessen zu werden. Die Zeitlufte weisen freilich auf mich
hin. Er schwieg einen Augenblick und setzte dann, einen Gedankengang
abschlieend, dessen erste Glieder er nicht aussprach, mit Wrde hinzu: Ich
wollte, da ich dem Lande mehr sein knnte als eine bloe Erinnerung.
    Eure Knigliche Hoheit sind dem Lande ein Vorbild, antwortete Ladalinski.
    Ich bezweifle es fast, mein lieber Geheimrat. Wenn ich meinem Lande je
etwas war, so war es durch Gehorsam. Nie hab ich, im Krieg oder Frieden, die
Plne meines Bruders, des Knigs, durchkreuzt; ich habe nicht einmal den Wunsch
darnach empfunden. Das ist jetzt anders. Der Gehorsam ist aus der Welt gegangen,
und das Besserwissen ist an die Stelle getreten, selbst in der Armee. Ich frage
Sie, wre bei Lebzeiten meines erhabenen Bruders der Austritt von dreihundert
Offizieren mglich oder auch nur denkbar gewesen, ein offener Protest gegen die
Politik ihres Kriegs- und Landesherrn? Ein Geist der Unbotmigkeit spukt in den
Kpfen, zu dem ich alles, nur kein Vorbild bin. Der alte Vitzewitz, wiewohl er
sicher war, da der Prinz von seinen Plnen nichts wute, nichts wissen konnte,
hatte sich bei diesen Stzen, deren jeder einzelne ihn traf, nichtsdestoweniger
verfrbt.
    Eure Knigliche Hoheit, nahm er das Wort, wollen zu Gnaden halten, wenn
ich die Erscheinungen dieser Zeit anders auffasse und nach einer anderen Ursache
fr dieselben suche. Auch der groe Knig hat Widerspruch erfahren und
hingenommen. Wenn solcher Widerspruch selten war, so war es, weil sich Frst und
Volk einig wuten. Und in der bittersten Not am einigsten. Jetzt aber ist ein
Bruch da; es fehlt der gleiche Schlag der Herzen, ohne den selbst der groe
Knig den opferreichsten aller Kriege nicht gefhrt haben wrde, und die
Maregeln unserer gegenwrtigen Regierung, indem sie das Urteil des Volkes
miachten, impfen ihm den Ungehorsam ein. Das Volk widerstreitet nicht, weil es
will, sondern weil es mu.
    Ich anerkenne den Widerstreit der Meinungen. Aber ich stelle mich
persnlich auf die Seite der greren Erfahrung und des besseren Wissens. Und wo
dieses bessere Wissen zu suchen und zu finden ist, darber kann kein Zweifel
sein. Sie mssen der Weisheit meines Groneffen, meines allergndigsten Knigs
und Herrn, vertrauen.
    Wir vertrauen Seiner Majestt...
    Aber nicht dem Grafen, seinem ersten Minister.
    Eure Knigliche Hoheit sprechen es aus.
    Ohne Ihnen zuzustimmen; denn, mein lieber Major von Vitzewitz, dieser
Unterschied zwischen dem Knig und seinem ersten Diener ist unstatthaft und
gegen die preuische Tradition. Ich liebe den Grafen von Hardenberg nicht; er
hat den Orden, dem ich fnfzig Jahre als Herrenmeister vorgestanden, mit einem
Federstrich aus der Welt geschafft, er hat unser Vermgen eingezogen, unsere
Komtureien genommen; aber ich habe seinen Maregeln nicht widersprochen. Ich
kenne nur Gehorsam. Wir leben in einem kniglichen Lande, und was geschieht,
geschieht nach dem Willen Seiner Majestt.
    Dem Worte nach, antwortete Berndt mit einem Anfluge von Bitterkeit. Der
Wille des Knigs - wer will jetzt sagen, wie und wo und was er ist. Unter dem
groen Knig, Eurer Kniglichen Hoheit erhabenem Bruder, lag es den Ministern
ob, den Willen Seiner Majestt auszufhren, jetzt liegt es Seiner Majestt ob,
die Vorschlge, das heit den Willen seiner Minister zu sanktionieren. Was sonst
beim Knige lag, liegt jetzt bei seinen Rten; noch entscheidet der Knig, aber
er entscheidet nicht mehr nach dem Wirklichen und Tatschlichen, das er nicht
kennt, sondern nur noch nach dem Bilde, das ihm davon entworfen wird. Er sieht
Freund und Feind, die Welt, die Zustnde, sein eigenes Volk durch die Brille
seiner Minister. Der Wille des Knigs, wie er aus Erlassen und Verordnungen zu
uns spricht, ist lngst zu einer bloen Fiktion geworden.
    Der Prinz verriet kein Zeichen des Unmuts. Er schritt einige Male ber den
Teppich hin; dann wieder seinen Platz am Kamin einnehmend, antwortete er mit
einem Ausdrucke gewinnender Vertraulichkeit: Sie verkennen den Knig, meinen
Groneffen, Sie und viele mit Ihnen. Ich darf mich nicht rhmen, in die Plne
Seiner Majestt eingeweiht zu sein; es ist nicht Sitte der preuischen Knige,
die Mitglieder des Hauses, alt oder jung, zu Rate zu ziehen oder auch nur in den
Geschftsgang einzuweihen; aber das glaube ich Ihnen auf das bestimmteste
versichern zu drfen: das persnliche Regiment, von dem Sie glauben, da es zu
Grabe gegangen sei, ist um vieles grer, als Sie mutmaen.
    Eure Knigliche Hoheit berraschen mich.
    Ich glaube es wohl; auch mag ich mich in diesem und jenem irren; aber in
einem irre ich mich nicht, und dies eine ist die Hauptsache. Wie sollen wir uns
zu dem Kaiser, unserem hohen Verbndeten, stellen? Das ist die Frage, die jetzt
alle Gemter beschftigt. Sie glauben, da es der Minister sei, der zu zgern
und hinauszuschieben und durch Versprechungen Zeit zu gewinnen trachtet; ich
sage Ihnen, es ist der Knig selbst.
    Weil ihm die Dinge derartig vorgelegt werden, da er zu keinem anderen
Entschlusse kommen kann.
    Nein, weil er in einer Politik des Abwartens allein das Richtige sieht. Die
Zeit allein wird die Lsung dieser Wirren bringen. Er ist durchdrungen von der
Unhaltbarkeit der gegenwrtigen Zustnde, und mehr als einmal habe ich ihn sagen
hren: Der Kaiser ist ohne Migung, und wer nicht Ma halten kann, verliert das
Gleichgewicht und fllt. Er hlt das Kaisertum fr eine Seifenblase, nichts
weiter.
    Aber eine Seifenblase von solcher Festigkeit, da Staaten und Throne bei
der Berhrung mit ihr zusammenstrzen.
    Ich bin nicht impressioniert, das Wort meines Groneffen, trotzdem es meine
eigene Meinung ausdrckt, aufrechtzuerhalten. Aber er sprach auch wohl von einem
Gewitter, das sich austoben msse. Und glauben Sie einem alten Manne, der durch
fast drei Menschenalter hin den Wechsel der Dinge beobachtet hat: es wird sich
austoben.
    Gewi, Knigliche Hoheit, aber nachdem es vorher die hchsten Spitzen
getroffen hat.
    Wenn sich diese Spitzen nicht so zu schtzen wissen, da der Strahl an
ihnen niedergleitet.
    Durch Bndnis? Der Prinz nickte.
    Berndt aber fuhr fort: Es mag auch das seine Zeit gehabt haben, aber diese
Zeit ist um. Ein jeder Tag hat seine Pflicht und seine Forderung. Der eine
fordert Unterwerfung, der andere Bndnis, ein dritter Auflehnung. Ich mchte
glauben, Knigliche Hoheit, der Tag der Auflehnung sei angebrochen.
    Womit? Wir haben keine Armee.
    Aber wir haben das Volk.
    Der Knig mitraut ihm.
    Seiner Kraft?
    Vielleicht auch der; aber vor allem dem neuen Geiste, der jetzt in den
Kpfen der Menge lebendig ist.
    Und gerade in diesem Geiste liegt das Heil, wenn man ihn zu nutzen und ihm
in Klugheit zu vertrauen versteht.
    Ich widerspreche nicht; aber dieser Aufgabe fhlt sich der Knig nicht
gewachsen, sie widersteht seiner Natur. Ihm bedeuten viele Kpfe viele Sinne.
Erwarten Sie nach dieser Seite hin nichts von ihm.
    Ich hoffe, da ihm Zuversicht kommt und in dieser Zuversicht der Glaube an
ein gutes und treues Volk, das nichts anderes begehrt als die Gewhrung, fr
seinen Knig sterben zu drfen.
    Der Prinz, seinen Platz abermals wechselnd, schob einen Fauteuil neben das
Sofa, nahm, sich niederlassend, Berndts Hand in die seine und sah ihn dabei fest
und freundlich mit seinen groen Augen an.
    Ich kenne das Volk; ich habe mit ihm gelebt. In meinen hohen Jahren, wo
sich der Sinn fr vieles schliet, ffnet er sich fr anderes, und so sage ich,
weil ich es wei, es ist ein gutes Volk. Ich sehe es so klar, als ob es vor
meinem leiblichen Auge stnde. Aber der Knig ist eingeschchtert; er hat viel
Schmerzliches erlebt und nicht das Groe, das meine jungen Tage gesehen haben.
Ich kenne ihn genau. Er schliet lieber ein Bndnis mit seinem Feinde,
vorausgesetzt, da ihm dieser Feind in Gestalt eines Machthabers oder einer
geordneten Regierung entgegentritt, als mit seinem eignen, in hundert Willen
geteilten, aus dem Geleise des Gehorsams herausgekommenen Volke. Denn er ist
ganz auf die Ordnung gestellt. Mit einem einheitlichen Feinde wei er, woran er
ist, mit einer vielkpfigen Volksmasse nie. Heute ist sie mit ihm, morgen gegen
ihn, und whrend das ihm zu Hupten stehende Napoleonische Gewitter ihn treffen,
aber auch ihn schonen kann, sieht er in der entfesselten Volksgewalt nur ein
anstrmendes Meer, das, wenn erst einmal die Dmme durchbrochen sind,
unterschiedlos alle gesellschaftliche Ordnung in seinen Fluten begrbt. Und die
gesellschaftliche Ordnung gilt ihm mehr als die politische. Und darin hat er
recht.
    Eine kurze Pause entstand; der Prinz erhob sich wieder, ein Zeichen, da er
die Audienz zu schlieen wnsche. Er reichte beiden Herren die Hand und dankte
dem Geheimrat, da er ihm Gelegenheit gegeben habe, die nhere Bekanntschaft
eines dem Vaterlande treu ergebenen Mannes zu machen.
    Es ist hocherfreulich, selbstndigen und bestimmten Ansichten zu begegnen;
aber erschweren Sie dem leitenden Minister nicht seine Stellung. Wir werden das
Bndnis aufrechterhalten, bis es sich von selber lst, und dieser Zeitpunkt, so
nicht alle Zeichen trgen, ist nahe. Der versinkende Dmon nimmt dann auch die
Kette mit, die uns an ihn fesselte.
    Aber nur, um uns doch und vielleicht fr immer in Unfreiheit
zurckzulassen; wir werden nichts als die Herrschaft gewechselt haben. Denn
unser Tun und Lassen bestimmt unser Los, und andere werden kommen, die dem, der
so willfhrig die Schleppe trug, eine neue Kette schmieden.
    Hoffen wir das Gegenteil.
    Damit schieden sie. Beide Herren verneigten sich, der Wagen fuhr wieder auf
die Rampe, und der franzsische Doppelposten, der vor dem Palais stand, machte
die Honneurs. Wie hat Ihnen mein Prinz gefallen? fragte der Geheimrat.
    Gut; ich frchte, da er recht hat und da ich den Widerstand, den ich in
dem Minister suchte, in dem Knige selbst zu suchen habe. Aber auch das
erschttert mich nicht. Ich habe das Bangen vor dem Volke nicht, und ich wage es
mit ihm. Es ist eine Torheit, auf die Fehler oder Nachsicht eines Gegners
rechnen zu wollen, wenn man die Macht in der Hand hat, ihm die Gesetze
vorzuschreiben. Die Hnde in den Scho legen heit ebensooft Gott versuchen als
Gott vertrauen. Aide-toi mme et le ciel t'aidera.
    Damit bog der Wagen rechts um die Lindenecke und hielt gleich darauf vor dem
Gasthofe Zur Sonne, wo man beschlossen hatte, das Dejeuner zu nehmen.

                                Zweites Kapitel



                            Auf dem Windmhlenberge

In dem Wieseckeschen Saal auf dem Windmhlenberge, in dem erst am Abend vorher
der groe Silvesterball stattgefunden hatte, waren am Neujahrstage wohl an
hundert Stammgste mit ihren Frauen und Kindern versammelt. Alles war wieder an
seinem alten Platz, und auf derselben Stelle, wo sich vor kaum vierundzwanzig
Stunden die Paare gedreht hatten, standen jetzt, als ob der Ball nie
stattgefunden htte, die grngestrichenen, etwas wackeligen Tische mit den vier
Sthlen drum herum; und zwischen den Sthlen und Tischen, hin und her und auf
und ab, prete sich eine Schar von Verkufern, die hier seit vielen Jahren
heimisch und fast ein zugehriger Teil des Lokals geworden waren: alte
Mtterchen mit Schaumkringeln und Zimmetbrezeln, primitive Tabulettkrmer, in
deren vorgebundenen Kstchen Stahl und Schwamm, Schwefelfden und blaue
Glasperlen zum Verkaufe lagen, endlich Stelzfe, die neben den beiden Berliner
Zeitungen auch allerhand Flugbltter feilboten. ber dem Ganzen lag eine
angesuerte Weibierluft, die, durch Lichterblak und Tabaksqualm ziemlich
beschwerlich werdend, nur dann und wann sich auffrischte, wenn ein Glas
dampfenden Punsches vorbergetragen wurde.
    An einem dieser Tische, der halb schon unter der Musikempore stand, saen
vier Berliner Brger, zwei von ihnen in eifrigem Gesprch, die beiden andern
ebenso eifrige Zuhrer. Es waren Nachbarn aus der Prenzlauer Strae: der
Schornsteinfegermeister Rabe, der Brstenmacher Stappenbeck, der Posamentier
Niedlich und der Mehl- und Vorkosthndler Schnkel. Alle vier Mnner von vierzig
Jahren und drber, Niedlich und Schnkel in demselben Hause wohnend, nur durch
den Flur getrennt.
    Rabe war der Angesehenste unter ihnen und hatte nicht nur das, was die
meisten Schornsteinfegermeister zu haben pflegen: gute Haltung, frischen Teint
und weie Zhne, sondern auch einen wundervollen Charakterkopf, der jedem
Chefprsidenten Ehre gemacht haben wrde. Er wute das auch und verfuhr darnach,
lie sich lieber erzhlen, als da er selber erzhlte, und vermied, obschon er
aus einer alten Berliner Familie stammte, alle groen Worte. Er war der
Drosselstein dieses Kreises, das aristokratische Element, wie denn die
Schornsteinfegermeister, bei denen das Geschft von Vater auf Sohn geht,
wirklich eine Art Brgeradel bilden.
    Wenn Rabe der Drosselstein dieses Kreises war, so war Stappenbeck der Bamme.
Niedlich warf ihm vor, da er den Brstenmacher nicht verleugnen knne, und das
traf in allen Stcken zu; denn wie sein Haar, so war auch seine Manier und
Sprechweise: die Borsten immer nach oben. Ein echter Berliner. Er stand an
Ansehen hinter Rabe zurck, war ihm aber an Wissen und Witz und selbst an
Erfahrung weit berlegen. Er hatte Reisen gemacht, war um seines Geschftes
willen, das er mit Eifer und Umsicht betrieb, in Polen und Ruland gewesen und
galt seit Beginn des Zuges gegen Moskau in allen russischen Lokalfragen als
unanfechtbare Autoritt. Selbst Rabe, ohnehin zu vornehm, um lange zu streiten,
unterwarf sich seinen Weisheitssprchen, die von dem festen Boden der
Landeskenntnis aus allerdings mit Vorliebe in das Politisch-Militrische
hinberspielten.
    Sein Gegensatz war Posamentier Niedlich, ein kleiner artiger Mann, dessen
Redseligkeit nur durch seine ngstlichkeit gezgelt wurde. Er trug einen
hellgrnen Rock und, weil er an Kopfreien litt, ein Kppsel von geblmtem
Sammetmanchester mit einer Puschel daran, dem Zeichen seines Standes, wie
Stappenbeck versicherte. Er konnte, von Geschfts wegen an ein bestndiges Hin-
und Herhpfen gewhnt, nie lnger als fnf Minuten sitzen bleiben, ganz einem
Zeisig hnlich, der es nicht lassen kann, die Sprossen seines Bauers auf- und
abzuspringen. Auf seinen mageren Backen brannten zwei scharf abgezirkelte rote
Flecke, als ob er hektisch oder echauffiert sei; er war aber weder das eine noch
das andere.
    Den Schlu machte Schnkel. Er war der Ba dieses kleinen Mnnerkonzertes,
in Stimme wie Figur. Ein groer starker Mann mit kurzem Hals; das Bild des
Apoplektikus, ein grndlicher Kenner in Sachen Berliner und Cottbuser
Weibieres. Er schmeckte nicht nur die Sorten, sondern auch die Lagerungstage
heraus, trank, rauchte und schwieg. Nur dann und wann, wenn das wiederholte
Klopfen mit dem Deckel nicht geholfen hatte, rief er ber alle zwischenstehenden
Tische hinweg mit Stentorstimme nach einer neuen Weien.
    Stappenbeck hatte die Berlinische Zeitung unter seinem linken Ellbogen. Es
war die Nummer vom 26. Dezember, aus der er seinen drei Genossen eben die
Hauptstellen des darin abgedruckten neunundzwanzigsten Bulletins vorgelesen
hatte. Mit der Rechten fuhr er, sich aufzufrischen, in die groe
Schnupftabaksdose, die zwischen ihnen mitten auf dem Tische stand; Rabe rauchte
still, Schnkel in groen Wolken, whrend Niedlich, ein ausgesprochener
Nichtraucher - der, solange die Vorlesung dauerte, zu Stappenbecks uerstem
Mibehagen ein ganzes Dutzend Zuckeroblaten geruschvoll zerbrochen und
aufgegessen hatte -, jetzt eine alte Frau heranwinkte, um sich den
Schaumkringeln zuzuwenden.
    Die Schilderung des berganges ber die Beresina, womit der in der Zeitung
gegebene bloe Auszug des Bulletins abschlo, hatte, namentlich bei Rabe, neben
der patriotischen Freude doch auch menschliche Teilnahme geweckt, und es war
nicht ohne Bewegung, da er vor sich hin sprach:
    Gerichte Gottes! Was wird aus ihm, Stappenbeck? Kann er sich von diesem
Schnee- und Eisfeldzuge wieder erholen?
    Wie sich ein Karpfen erholt, wenn das Eis bis auf den Grund gefroren ist;
er mu sticken. Ich sage dir, Rabe, es is alle mit ihm. Du mut nicht vergessen:
erstens die Gegend und dann den Schnee und dann das Volk. Ich kenn es. Das is ja
nich so wie hier bei uns. Nehmen wir an, du willst nach Potsdam; ja, da is erst
der Schwarze Adler, dann Stimmings, dann Kohlhasenbrck, un berall was Warmes.
Aber nu nimm Ruland. Da marschierst du den ganzen Tag immer gradaus, un wenn du
am Abend einem begegnest und fragst ihn: Wie weit is es noch?, so sagt er: Fnf
Meilen. Aber du kannst nicht fragen, denn du begegnest keinem.
    Rabe nickte. Trotzdem er das bertriebene wohl heraushrte, sah er doch
ebenso deutlich, da diese bertreibung nur das scherzhafte Kleid fr eine
ernsthaft gemeinte Sache war. Niedlich aber sagte:
    Du vergit blo eins, lieber Stappenbeck; sie sind ja schon in Wilna, und
von Wilna bis an die Grenze is blo noch neunzig Meilen.
    Blo noch neunzig Meilen, wiederholte Stappenbeck in gedehntem Tone, in
dem sich rger und gute Laune die Waage hielten. Wie weit is es doch bis
Alt-Landsberg?
    Drei Meilen.
    Gut also, drei Meilen. Nu sage mir, Gevatter, denkst du noch an den Grnen
Donnerstag, es geht jetzt ins dritte Jahr, wo wir die Tour zusammen machten? Du
hattest einen warmen Rock an und weite Stiefel; von dem Proviant, den wir
mithatten, will ich gar nich reden. Und nu besinne dich, wie der Posamentier
Niedlich in den Alt-Landsberger Blauen Lwen einrckte! Leugnen is nich, denn
ich habe dir selber den Wollfaden durch die Quesen gezogen. Und du redst von
blo neunzig Meilen.
    Schnkel lachte. Ja, neunzig Meilen is eine hbsche Ecke. Aber mit dem
Kaiser, Stappenbeck, is es drum noch lange nich alle. Warum soll es auch alle
mit ihm sein? Is er nich heil heraus? Un sitzt er nich wieder ausgewrmt und
ausgefuttert in Paris? Un seine Franzosen, die nich mitgefroren haben, die kenn
ich; die werden ihm bald wieder eine neue Armee machen.
    Nein, Schnkel, das werden sie nicht, antwortete Stappenbeck, der sich
inzwischen auch eine Pfeife angezndet und den brennenden Fidibus am Tischrand
ausgeklopft hatte. Nur ein paar Funken glimmten noch. Blas an diesem Fidibus,
soviel du willst, er brennt nich wieder. Ich glaube nich, da ihm die Franzosen
eine neue Armee machen, und wenn sie's tun, wer soll sie kommandieren? Da liegt
der Has im Pfeffer. Er ist ein Deibelskerl, aber er kann doch am Ende nich
allens allein besorgen.
    Das braucht er auch nicht; dazu hat er seine Generale, bemerkte Rabe.
    Die hat er eben nich. Vorlufig stecken sie noch mit erfrorenen Zehen in
Ruland, und ich sage dir, Rabe, das mte schnurrig zugehen, wenn auch nur
einer wieder nach Paris kme und seinem Empereur vermelden knnte: Hier bin
ich.
    Sollen wir sie denn alle totmachen? fragte Niedlich mit einem gemischten
Ausdruck von Schauder und Schelmerei.
    Nein, du nicht. Deine reinen Posamentierhnde sollen sich nicht mit
Marschallsblut besudeln. Du kannst ihnen, denn das hast du um deine Puschelmtze
verdient, meinetwegen die Quasten und Raupen liefern, wenn sie erst wieder hier
sind. Aber, Niedlich, wenn. Es sind freilich, wie du sagst, blo neunzig Meilen
von Wilna bis Memel, aber ich mte die Russen schlecht kennen, wenn sie diesen
Spaziergang nicht ausnutzen sollten. Und zwischen Memel und unsrem Prenzlauer
Tor liegt auch noch gerade Erde genug, um ein Dutzend Marschlle und alles, was
drum und dran hngt, zu begraben.
    Wer soll das tun? fragte Rabe mit ablehnender Wrde So was is nich Mode
bei uns.
    Kann aber werden, fuhr Stappenbeck fort. Die Not lehrt nich blo beten,
und die Welt besteht nich aus lauter Posamentiers. Ich sage dir, Rabe, in
Litauen und Masuren werden sie schon zufassen. Aber wenn sie auch nicht
zufassen, wenn sich keine Hand rhrt, der liebe Gott tut es fr uns. Sie fallen
um wie die Fliegen. Und die paar, die bis hierher kriechen, die mssen wir
irgendwo unterbringen.
    Wo denn?
    'ne neue franzsische Kolonie; aber hinter Wall und Graben.
    Und wenn sie der Kaiser wiederhaben will?
    Dann mag er sie sich holen. Aber er wird nich; denn um die Zeit sind die
Russen hier.
    Vielleicht.
    Nein, gewi. Nimm mir's nicht bel, Rabe, das verstehe ich besser. Wer in
Wut is, der steht nicht still. Das is berall so. Wenn meine Frau was mit mir
hat, und sie hat mitunter was mit mir, und ich geh in die andere Stube, weil ich
genug habe, was tut sie? Sie kommt mir nach. Und da geht es weiter. Das ist, was
man die menschliche Natur nennt. Und der Russe is auch ein Mensch. Erst recht.
Ich sage dir, Rabe, der Russe kommt, und der Kaiser wird nicht kommen. Denn die
Franzosen haben ihn satt; und das kannst du mir glauben, so sehr viel is auch
nie mit ihm los gewesen. Ich hab es schon Anno sechs gesagt, als er auf seiner
brandroten Fuchsstute hier einritt, mit seinem gelben Gesicht und den stechenden
Augen. Kinder, sagt ich, es is doch man ein ganz kleiner Kerl; der Alte Fritz
war auch kleine, aber so kleine war er doch noch lange nich. Ich bin nu mal fr
die Groen. So wie Saldern war oder Mllendorf.
    Es schien, da Stappenbeck noch fortfahren wollte, aber ein Krppel, der mit
zurckgebundenen Fustummeln von Tisch zu Tisch rutschte, hielt ihm eben ein
Blatt entgegen und sagte: Das is was fr Sie, Herr Stappenbeck; ein Groschen,
aber ich nehm auch zwei.
    Es war ein lschpapierner Bogen: Neue Lieder, gedruckt in diesem Jahr, mit
zwei Holzschnitten, von denen der eine die drei Grazien in einem ovalen
Rosenkranze, der andere auf der Rckseite einen kleinen Amor darstellte.
    Stappenbeck gab dem Krppel die gewnschte doppelte Lhnung und schlug den
Bogen auseinander, in dem er irgendeinen franzosenfeindlichen Reim, wie sie
damals mit Hilfe solcher fliegenden Bltter verbreitet wurden, zu finden hoffte.
Er berflog die berschriften: nnchen von Tharau, Frisch auf, Kameraden,
aufs Pferd, aufs Pferd, Herr Schmidt, Herr Schmidt, Das Gespenst in Tegel.
Er wurde ungeduldig und drehte den Bogen um: Die Schlacht bei Gro-Aspern,
Oh, Schill, dein Sbel tut weh; sollte der Krppel diese beiden gemeint haben?
Aber das waren ja bekannte Sachen. Halt, hier, das mut es sein; es hatte keine
berschrift, aber die beiden ersten Zeilen konnten als solche gelten.
    Lies, sagte Rabe, der dem Gesichte Stappenbecks ansah, da er endlich
gefunden hatte, was er suchte. Und Stappenbeck las:

Warte,
Bonaparte;
Warte nur, warte, Napoleon,
Warte, warte, wir kriegen dich schon.

Ja der Russ'
Hat uns gezeigt, wie man's machen mu:
Im ganzen Kremmel
Nicht eine Semmel,
Und auf den Hacken
Immer nur Hunger und Kosaken,
Ja der Russ'
Hat uns gezeigt, wie man's machen mu.
Hin ist der Blitz
Deiner Sonne von Austerlitz,
Unterm Schnee
Liegen all deine Corps d'Arme.
Warte,
Bonaparte;
Warte nur, warte, Napoleon,
Warte, warte, wir kriegen dich schon.

Die nchste Folge war, da der Krppel wieder herangewinkt wurde; jeder wollte
jetzt seiner Frau den Spottvers mit nach Hause nehmen. Von dem Mitleid, das die
Vorlesung des Bulletins begleitet hatte, war nichts mehr brig, und besonders
Schnkel wiederholte mit wachsendem, von Hustenanfllen begleiteten Behagen: Im
ganzen Kremmel nicht eine Semmel. Ihr Lesen und Lachen war an den umstehenden
Tischen bemerkt worden, und ein alter Herr, der freilich nichts weniger als
geneigt aussah, an ihrer Heiterkeit teilzunehmen, und von Rabe als Herr Klemm,
von Stappenbeck aber mit besonderer, etwas spttischer Betonung als Herr
Feldwebel Klemm begrt wurde, trat an sie heran. Die Charge, bei der ihn
Stappenbeck nannte, erklrte zum Teil das Aparte seiner Erscheinung. Er hielt
sich kerzengerade, hatte das sprliche weie Haar mit einem groen Kamme nach
hinten zu zusammengesteckt und trug zu seinem langen blauen Rock und
schwefelgelber Weste ein Paar Reiterstiefel, die bis zum Knie hinauf blitzblank
geputzt waren. Der hagere Hals steckte in einer steifen Binde.
    Wollen Sie nich Platz nehmen, Herr Klemm? fragte Rabe.
    Haben Sie schon gelesen, Herr Feldwebel Klemm? fgte Stappenbeck hinzu und
berreichte ihm den Bogen, den er mittlerweile derart zusammengefaltet hatte,
da das Lied, auf das es ihm ankam, obenauf lag.
    Klemm dankte und las den Spottvers, whrend er aus seiner hollndischen
Pfeife kleine Wlkchen blies. Er verzog keine Miene, legte, als er geendet, das
Blatt wieder auf den Tisch und sagte: Die Polizei, die sich um vieles kmmert,
das sie nichts angeht, macht die Augen zu, wo sie sie aufmachen sollte. Wohin
fhrt das? Zu Krawall und Auflehnung. Und was ist das Ende vom Liede? Wir werden
statt an der linken Hand an beiden Hnden gebunden werden, und an den Fen
dazu.
    Er schlug mit den Kncheln seiner rechten Hand auf das vor ihm liegende
Blatt und fuhr fort: Und sind wir nicht im Bndnis mit dem Kaiser? Leider zu
spt; wren wir es immer gewesen, es stnde besser mit uns. Aber der alte Fehler
ist noch wieder zu reparieren, gerade jetzt. Geschieht es, gut; geschieht es
nicht, ertappt er uns wieder auf dem faulen Pferde, so sind wir verloren. Von
Treue will ich nicht sprechen, die Politik braucht nicht treu zu sein; aber
klug, klug, meine Herren.
    Was jetzt klug ist, ist klar, sagte Stappenbeck. Er hat nur noch Trmmer;
der Russe drngt nach, wir von vorn; so klatscht es zusammen, und wir haben ihn
unter der Fliegenklatsche.
    Fliegenklatsche! Sie machen die Rechnung ohne den Wirt, Herr Brstenmacher
Stappenbeck. Der Russe wird nicht nachdrngen, glauben Sie mir. Aber wenn er
nachdrngt, wenn er ber den Njemen geht und ber die Weichsel, dann werden Sie
freilich so was hnliches haben, aber nicht Fliegenklatsche, sondern Mausefalle.
Und wer steckt drin? Der Russe.
    Das wre. Da bin ich doch neugierig, sagte Rabe.
    Bitte, Herr Niedlich, wollen Sie mir ein Stck Kreide geben.
    Niedlich sprang auf.
    Nein, ich danke Ihnen, ich finde hier noch ein Stck in meiner Tasche.
    Damit schob der strategische Feldwebel die Glser in eine Ecke zusammen und
zog von oben nach unten einen Strich ber den grnen Tisch hin. Dieser dicke
Strich also, hob er an, ist die Grenze, rechts Ruland, links Preuen und
Polen. Achten Sie darauf, meine Herren, auch Polen. Dieser Punkt hier links ist
Berlin, und hier zwischen Berlin und dem dicken russischen Grenzstrich, diese
zwei kleinen Schlngellinien, das sind die Oder und die Weichsel. Nun mssen Sie
wissen, an der Oder und Weichsel hin, in sechs groen und kleinen Festungen,
stecken dreiigtausend Mann Franzosen, und ebenso viele stecken hier unten in
Polen in einer sogenannten Flankenstellung, halb schon im Rcken. Ich wiederhole
Ihnen, achten Sie darauf, denn in dieser Flankenstellung liegt die Entscheidung.
Jetzt drngt der Russe nach; schwach ist er, denn wenn eine Armee friert, friert
die andere auch, und schlottrig geht er ber die Weichsel. Und nun geschieht
was? Von den Oderfestungen her treten ihm dreiigtausend Mann ausgeruhte Truppen
entgegen, von der Flankenstellung her andere dreiigtausend Mann, legen sich ihm
vor und schneiden ihm die Rckzugslinie ab. Und klapp, da sitzt er drin. Das
ist, was man eine Mausefalle nennt. Ich mache mich anheischig, Ihnen die Stelle
zu zeigen, wo die Falle zuklappt. Hier dieser Punkt. Es mu Kslin sein oder
vielleicht Filehne. Ich gehe jede Wette ein, zwischen Kslin und Filehne
kapituliert die russische Armee. Wie Mack bei Ulm. Was nicht kapituliert, ist
tot.
    Und ich glaub es alles nicht, sagte Stappenbeck und wischte mit dem rmel
seines Flauschrocks die ganze Mausefalle vom Tisch weg.
    Ich kann Ihren Glauben nicht zwingen, sagte Klemm mit einer Miene ruhiger
berlegenheit. Es ist ein eigen Ding mit der Kriegswissenschaft; Brstenmacher
knnen sie haben -
    Und Feldwebel -
    Aber auch nicht, schlo Klemm seinen Satz.
    Aber auch nicht, wiederholte Stappenbeck.
    Schnkel war diesen Schraubereien mit einem schweren asthmatischen Lachen
gefolgt; Rabe aber, dem alles, was zu Zank und Streit fhren konnte, zuwider
war, erhob sich und sagte: Es ist Zeit, ihr Herren, ich gehe; wer kommt mit?
Alle folgten der Aufforderung, steckten die Bltter, die sie gekauft hatten, zu
sich und schritten mit einem kurzen Guten Abend, Herr Klemm! an diesem vorber
auf die Tr zu. Als sie diese fast schon erreicht hatten, kam ihnen ein
gelblicher mittelgroer Hund nachgesetzt und scho ngstlich, weil er sich
vergessen glaubte, dem kleinen Niedlich durch die Beine hindurch, so da dieser
nur mit Mhe seine Balance hielt. Es war Kratzer, Stappenbecks Spitz, der sich
die ganze Zeit ber an allen Tischen, wo Kinder saen, mit Kringelfangen
beschftigt hatte, ein hliches Tier, ebenso storr und widerhaarig wie sein
Herr. Jetzt sprang er an diesem in die Hhe, winselte, bellte und jagte, als er
drauen im Freien war, kreuz und quer ber das Plateau des Windmhlenberges hin,
ersichtlich froh, nach dem Gesellschaftszwang der letzten Stunden sich wieder
austoben zu knnen.
    Die vier Brger hielten sich auf dem ziemlich breiten Fuwege, den die
zahlreichen Gste des Wieseckeschen Lokals nach dem Prenzlauer Tore hin in dem
dichtliegenden Schnee gestapft hatten. Rabe, trotzdem es kalt war, bewahrte
seine distinguierte Haltung; die drei anderen aber, die sich wenig um ihr
Aussehen kmmerten, hatten die Mtzen ins Gesicht gezogen und sich bis an die
Ohren hinauf in ihre dicken gestrickten Shawls gewickelt. Schnkel, der bei
Ostwind nicht sprechen konnte, blieb etwas zurck; Niedlich hielt Linie mit den
beiden andern, aber nur mhsam, da er ein Trippler war.
    Das Gesprch wollte nicht gleich in Gang kommen; endlich begann Rabe, der
mehr ausdauernd als schnell von Gedanken war:
    Ich glaube doch, Stappenbeck, du hast ihn zu despektierlich behandelt. Ich
hab's mir nmlich berlegt. Erstens ist er ein alter Mann, zweitens ist er ein
Soldat, und drittens hat er die Schlacht bei Torgau gewonnen.
    Das hat er, fiel Niedlich ein, der bestimmt ausgesprochenen Stzen eines
andern, besonders aber, wenn sie von Rabe kamen, gern zustimmte.
    Stappenbeck blieb stehen und pfiff seinem Hund. Kratzer kam in groen Stzen
heran, blaffte ein paarmal und jagte dann wieder, als wre der bse Feind hinter
ihm her, in wildem Zickzack ber den in Schnee liegenden Windmhlenberg hin.
Seht, sagte Stappenbeck, so hat Klemm die Schlacht bei Torgau gewonnen. Immer
die Beine in die Hand. Er ist gelaufen da es eine Freude war.
    Aber er soll ja doch gesammelt haben, nahm Rabe wieder das Wort. Ich
entsinne mich der Sache ganz genau. Wie heit Er? frug ihn der Knig, als er ihn
die zerstreuten Grenadiere wieder in Reih und Glied bringen sah. Klemm, Euer
Majestt.
    - Na, das ist brav, mein lieber Klemm; ich werd es Ihm nicht vergessen. Und
dann ritt der Knig weiter. Ich hab es ihn selber erzhlen hren.
    Wen? Den Knig?
    Nein, Klemm.
    Stappenbeck lachte. Rabe, du hast blo einen Fehler. Du glaubst alles. Ich
kenn diesen Patron besser. Er ist nicht einer von den Grenadiers, die bei Torgau
gesammelt haben, sondern einer von denen, die gesammelt worden sind. Und das mit
des Alten Fritzen eigenhndigem Krckstock. Rackers, wollt ihr denn ewig leben?
An diesem allergndigsten Zuruf hat unser Klemm seinen ehrlichen Anteil.
    Du kannst ihn nicht leiden, Stappenbeck, und auf wen du mal eine Pike hast
-
    Den pik ich, aber diesen Feldwebel Klemm noch lange nicht genug. Er ist ein
schlechter Kerl durch un durch. Eine Memme, ein Gromaul und ein Schnurrer.
    Ein Schnurrer? fragte Rabe.
    Ja, ein Schnurrer ist er, fiel hier Niedlich ein, der rasch erkannt hatte,
da sich die Partie schlielich doch wieder zu Stappenbecks Gunsten entscheiden
werde. Ein Schnurrer ist er. Im Sommer sitzt er auf den Gtern fest, bei den
Bredows und den Rohrs, die sind gutmtig; das ist denn so seine Weidezeit; un
wenn so Anfang Dezember geschlachtet wird, da kommt er schon mit langen
Neujahrswnschen, blo damit er sich wieder in Erinnerung bringt. Er kriegt auch
Almosen. Un was fr welche! Ich hab ihn selber die Dukaten putzen sehen.
    Na, na, sagte Rabe, wenn er ein hilfsbedrftiger Mann ist -
    Ein Geizhals ist er un ein Schuft dazu, nahm Stappenbeck, immer mehr sich
ereifernd, wieder das Wort und zog den dicken Shawl, der ihn am Sprechen
hinderte, etwas tiefer unter das Kinn. Ich wei, was ich sage; er wohnt bei
meiner Frau Bruder im Hause; die kennen ihn; er ist ein Manteltrger, ein
Spion.
    Na, na, wiederholte Rabe.
    Und wenn er kein Spion ist, was ich ihm nicht beweisen kann, wenn ich es
auch fest und sicher glaube, so ist er doch eine undankbare Kreatur. Was
Niedlich erzhlt hat, wie er sich bei den havellndischen Adligen, die ich alle
kenne von wegen der Borsten, immer wieder herausfuttert, das war vordem, un das
war seine gute Zeit. Ich meine seine ehrliche Zeit. Denn ich bin auch nich so
und gnne jedem seine Satte saure Milch un auch noch was dazu. Aber seit Anno
sechs kennt unser Klemm die Havellndischen nich mehr. Un auch die andern nicht,
wo er sonst sein feldwebliges Einlager hielt. Er hat die Herrschaft gewechselt.
Das tut kein Hund nich. Kratzer! Seht, da kommt er schon wieder. Kusch dich,
Kratzer. Es ist ein treues Tier. Aber dieser Klemm, keine acht Tage, da die
Lffelgarde durchs Hallesche Tor gezogen war, so war er schon liebes Kind mit
all und jedem, drngte sich an die Generals und machte den Complaisanten. Da gab
es denn Louisdors statt der Dukaten. Ein Schweifwedler ist er und ein
Gelegenheitsmacher. Und wie er vor Jena die Franzosen samt ihrem Kaiser
aufgefressen hat, so frit er jetzt die Russen auf und zeichnet uns mit Kreide
die Mausefalle auf den Tisch, drin er sie fangen will. Aber ich hab es ihm
angestrichen.
    In diesem Augenblicke klangen zwei franzsische Signalhrner, bald auch der
dumpfe Ton einer Trommel herber und unterbrachen den Redestrom Stappenbecks,
der sein letztes Wort noch nicht gesprochen zu haben schien. Alle vier blieben
stehen und horchten auf, denn auch Schnkel war mittlerweile herangekommen. Der
letzte, der sich einfand, war Kratzer; er legte seinen Hals an das Knie seines
Herrn, schnoberte in der Luft umher, winselte und gab sich das Ansehen, als ob
er auch so seine Betrachtungen habe.
    Sie blasen Retraite, sagte Stappenbeck mit einem Tone, der den Doppelsinn
seiner Rede ausdrcken sollte.
    Gebe es Gott! antwortete Rabe.
    Dann, whrend die Hrner verklangen, setzten die Mnner ihren Heimweg fort.
Vor ihnen lag die Stadt mit ihren tausend Lichtern, bis endlich ein Hohlweg, der
vom Plateau aus nach dem Tore hinunterfhrte, ihnen den Anblick der Lichter
entzog.
    Aber die Sterne des Winterhimmels standen ber ihnen und funkelten hell in
das neue Jahr hinein.

                                Drittes Kapitel



                            Geheimrat von Ladalinski

Das Haus, das der Geheimrat von Ladalinski bewohnte, lag in der Knigsstrae,
der alten Berliner Gerichtslaube schrg gegenber. Es war ein aus dem Anfange
des vorigen Jahrhunderts stammender, damals auf Gehei Knig Friedrichs I.
aufgefhrter Sptrenaissancebau, der an seiner Fassade durch mannigfache
geschmacklose Restaurationen gelitten, im Innern aber seine frhere
Stattlichkeit vollkommen beibehalten hatte. Namentlich galt dies, neben Hof und
Treppe, von dem ganzen ersten Stock, in dem die Empfangs- und Gesellschaftsrume
lagen. Hier zeigten sich noch jene Stuckornamente, die den Barockbauten
Schlters soviel Reiz und Leben liehen, und vom Plafond herab grten, wenn auch
stark nachgedunkelt, die groen, nach Giulio Romanoschen Originalen im Corte
reale zu Mantua ausgefhrten Deckenbilder, mit denen der prachtliebende Knig
den ganzen ersten Stock hatte dekorieren lassen. An diese Gesellschaftsrume
schlossen sich nach rechts und links hin zwei kleinere Zimmer, einfenstrig mit
breiten Wandflchen, die, weil mehr benutzt, auch mehr eingebt und von ihrer
ehemaligen reichen Ausschmckung nur die Deckenbilder, darunter ein Nacht und
Morgen und einen Sturz des Phaethon, gerettet hatten.
    Das eine dieser beiden kleineren Zimmer war das geheimrtliche
Arbeitscabinet, dessen der Tr gegenber befindliche Lngswand von zwei hohen,
eine ganze Registratur bildenden Aktenrealen eingenommen wurde. Zwischen diesen
Realen auf einem freigebliebenen Wandstreifen hing das Bildnis einer schnen
jungen Frau, deren hnlichkeit mit Kathinka unverkennbar war. Dasselbe ins
Rtliche spielende kastanienbraune Haar, vor allem derselbe Augenausdruck, so
da das einzige, was abwich, das minder scharfgeschnittene Profil, als etwas
Gleichgiltiges erscheinen konnte. Durch die halbe Lnge des Zimmers hin zog sich
ein groer Arbeitstisch; er stand so, da das Auge des Geheimrats, wenn er
aufsah, das schne Frauenportrt treffen mute. Im brigen hatte das Cabinet
manches, was an die Einrichtung eines Junggesellenzimmers erinnerte. Neben dem
altmodischen, mit Bildern aus der biblischen Geschichte geschmckten Ofen machte
sich ein ziemlich groer, aber flacher und mit roten Tuchflicken angefllter
Korb bemerkbar, der einem englischen Windpiel als Lagersttte diente, whrend in
einem in der Fensternische stehenden Glasbassin mehrere Goldfischchen ihr
munteres Spiel trieben. Die halb herabgelassenen Rouleaux dmpften das ohnehin
nur mig einfallende Licht; alles war Wrme und Behagen.
    Die kleine Pendule schlug eben zehn, als der Geheimrat eintrat, ein
Sechziger, gro und schlank, das kurzgeschnittene graue Haar voll und dicht nach
oben gerichtet. Er trug einen veilchenfarbenen Samtschlafrock, unter dem er sich
in bereits sorglichster Toilette zeigte. Seine Haltung, vor allem die Adlernase,
gaben ihm etwas entschieden Distinguiertes. Das Windspiel drngte sich an ihn,
um ihn respektvoll, aber verdrielich zu begren, und zog sich dann zitternd,
whrend das Glckchen an seinem Halse hin und her tingelte, wieder in seinen
warmen Korb zurck. Der Geheimrat seinerseits schritt auf das Bassin zu, um die
Fischchen mit einigen Krumen und Insekteneiern zu fttern; er verweilte
minutenlang dabei und nahm dann Platz an seinem Arbeitstisch, auf dem amtliche
Schreiben, auch mehrere Zeitungen, darunter englische und franzsische,
ausgebreitet lagen. Er pflegte zunchst alles Geschriebene zu erledigen; heute
hielt er sich zu den Zeitungen und nahm den Moniteur.
    berlassen wir ihn auf eine Viertelstunde ungestrt seiner Lektre und
erzhlen wir, whrend er sich in Empfangsfeierlichkeiten und Loyalittsadressen
vertieft, einiges aus seinem Leben.
    Alexander von Ladalinski war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf dem
den Mittelpunkt der gleichnamigen Herrschaft bildenden Schlosse Bjalanowo
geboren. Die nchste grere Stadt, aber doch mehrere Meilen entfernt, war
Czenstochau. Einige der zur Herrschaft gehrigen Gter zogen sich westlich und
griffen mit ihrem Hauptbestande ins Herzogtum Schlesien hinber, das eben damals
preuisch geworden war.
    Der junge Ladalinski empfing eine sorgfltige Erziehung, ging, um diese zu
vollenden, erst nach Paris, dann nach Wien und hatte, dreiundzwanzig Jahre alt,
eben die Verwaltung seiner Gter bernommen, als die Verhltnisse des Landes ihn
in die politischen Kmpfe hineinzogen. Sowenig er diese Kmpfe liebte, so
gewissenhaft fhrte er sie durch, nachdem er erst in dieselben eingetreten war.
Er sa im Reichstag und zhlte zu den Hervorragendsten unter den Fhrern der
antirussischen Partei. Schon damals sprach sich in seiner Haltung eine bei mehr
als einer Gelegenheit hervortretende Hinneigung zu Preuen aus. Diese
Hinneigung, vielleicht auch der schon erwhnte Umstand, da ein Teil seiner
Besitzungen dem preuischen Staatsverbande zugehrte, war es wohl, was bei
Veranlassung der Thronbesteigung Knig Friedrich Wilhelms II. seine Mission an
den Berliner Hof veranlate. Er fand an demselben ein ihn auszeichnendes
Entgegenkommen, besonders von seiten des Ministers von Bischofswerder, in dessen
Hause er sehr bald ein tglicher Gast wurde. Hier war es auch, wo er die junge
Comtesse Sidonie von Pudagla kennenlernte. Was ihn vom ersten Augenblicke an
mehr noch als ihre Schnheit bezauberte, war der heitere bermut ihrer Laune,
die mit graziser Rcksichtslosigkeit gebte Kunst, den Schaum des Lebens
wegzuschlrfen. Etwas Pedantisches, das ihm eigen und dessen er sich, in seinen
jungen Jahren wenigstens, zu seiner eignen Unzufriedenheit bewut war, lie ihm
diese Kunst ausschlielich im Lichte eines Vorzugs erscheinen. Ehe er Berlin
verlie, wurde die Verlobung gefeiert; in der Weihnachtswoche folgte dann die
Hochzeit, die, unter Teilnahme des ganzen Prinz Heinrichschen Hofes, von dem
Bruder und der Schwgerin der Braut: dem Grafen und der Grfin von Pudagla, in
Rheinsberg ausgerichtet wurde.
    Hatte schon die Hochzeitsfeier einen glnzenden Charakter gehabt, so noch
mehr die Hochzeitsreise. Es war wie die Einholung einer Prinzessin. An jedem
Rastplatze immer neue berraschungen, die sich steigerten, je nher man dem
Ziele kam. Endlich lag Bjalanowo vor ihnen, hoch, im Abenddunkel eben noch
erkennbar, und als nun der vorderste Schlitten in die breite, winterlich kahle
Avenue einbog, da wurden auf den vier dicken Rundtrmen vier groe Feuer
angezndet, in deren Schein jetzt der alte, halbverfallene Backsteinbau dalag
wie ein Schlo aus dem Mrchen. Unter dem jubelnden Zuruf aller Hintersassen
fuhr das junge Paar in den Schlohof ein.
    Die Freude, die der Gemahl ber die glckliche Durchfhrung des von ihm
selber angeordneten Schauspiels empfand, lie ihn die Mienen seiner jungen Frau
nicht aufmerksam beobachten. Er htte sonst wahrnehmen mssen, da sie fr den
eigentlichen Wert dieser Aufmerksamkeiten kein Verstndnis hatte; was sich an
Liebe darin aussprach, entging ihr oder berhrte sie nicht. Sie war ohne Dank.
    Und in dieser Stimmung verharrte sie. Ihr Gatte, der sie heiter sah, glaubte
sie glcklich; aber sie war es nur obenhin, und keine andere Verpflichtung
kennend als Genu und Zerstreuung, erschien ihr das in Aufmerksamkeiten sich
berbietende Entgegenkommen ihres Gemahls gleichfrmig und ermdend, und nur
noch die von auen her herantretenden Huldigungen hatten Wert.
    Es war ein Jahr nach der Hochzeit, als dem Hause ein Sohn geboren wurde. Er
erhielt den Namen Pertubal, der von ltesten Zeiten her in der Familie heimisch
und in jedem Jahrhundert wenigstens einmal glnzend vertreten war. Ein Pertubal
von Ladalinski hatte den Zug gegen Zar Iwan mitgemacht, ein anderer dieses
Namens war in der Schlacht bei Tannenberg, ein dritter unter Sobieski vor Wien
gefallen. Es hie, der Name sei syrisch und stamme noch aus den Kreuzzgen her.
Alle aber, wie sich aus den Urkunden ergab, hatten die Abkrzung Tubal dem
vollen Namen vorgezogen.
    Die Geburt eines Sohnes, whrend alle Welt Glckwnsche aussprechen zu
mssen glaubte, wurde von seiten der Mutter wenig anders als strend empfunden,
die denn auch, als man ihr den Sugling reichte, von ihrem Lager aus erklrte,
da sie kleine Kinder immer hlich gefunden habe und ihrem eigenen zuliebe
keine Ausnahme machen knne. Das Kind erhielt eine polnische Amme mit einem
roten Kopftuch und einem noch rteren Brustlatz und wurde samt dieser, seiner
Pflegerin, in den oberen Stock verwiesen; kaum aber, da die Mutter ihren ersten
Kirchgang gemacht hatte, so begann der ausgelassene Gesellschaftsverkehr aufs
neue, den das freudige Ereignis nur auf Wochen unterbrochen hatte.
    Unter denen, die auf Schlo Bjalanowo verkehrten, war auch Graf Miekusch,
ein Gutsnachbar, klein, zierlich, mit langem rotblonden Schnurrbart, eine
typische polnische Reiterfigur. Die Verwandtschaft seiner Natur mit der der
jungen Frau stellte von Anfang an eine Intimitt zwischen beiden her, die, mit
voller Unbefangenheit sich gebend, von Ladalinski wohl bemerkt, aber nicht
beargwohnt wurde. Er vertraute vollkommen; einzelnes, das ihm hinterbracht
wurde, wies er als Klatsch und Neid zurck, und wenn nichtsdestoweniger von Zeit
zu Zeit eine leichte Wolke seinen Himmel trbte, so wute der bermut der jungen
Frau, die solchen Regungen der Eifersucht nur mit heiterem Spott begegnete, sein
Vertrauen schnell wiederherzustellen. Er war glcklich, als Kathinka geboren
wurde, doppelt glcklich, als er wahrnahm, da seine Freude von seiner Frau
geteilt wurde. In der Tat sah die junge Mutter anders auf dieses zweitgeborne
Kind, als sie auf Tubal geblickt hatte; es wurde nicht in das obere Stockwerk
verwiesen, blieb vielmehr in ihrer unmittelbaren Nhe, ja sie liebte es, an
seine Wiege zu treten und sich, ohne da ein Wort ber ihre Lippen gekommen
wre, seines Anblicks zu freuen. Sah sie sich selbst in ihm?
    Das war im Frhjahr 1792. Ein ungetrbter Sommer folgte, aber als der Herbst
kam, brach ein Glck zusammen, das von Anfang an nur ein Schein gewesen war. Es
geschah das, was in gleichen Fllen immer geschieht: das Verbotene, des letzten
Zwanges mde, fand eine Befriedigung darin, sich vor aller Welt zu entdecken.
    Die Art der Ausfhrung entsprach dem Charakter der jungen Frau. Es war eine
Fuchsjagd bei Graf Miekusch angesagt, dessen weites, eine einzige groe Flche
bildendes Gutsareal ein vorzgliches Terrain bot. Auch die Damen der
Nachbargter waren geladen, niemand fehlte; der Graf, zu seinen anderen
gesellschaftlichen Vorzgen, hatte auch den Ruf eines glnzenden Wirts. Es war
ein wundervoller Septembertag, der Himmel blank wie eine Glocke, hier und dort
eine Kiefernschonung und am Horizont der spitze Kirchturm des nchsten
Stdtchens. Dabei windstill, und die Sommerfden zogen. Der Fuchs war bald
aufgetrieben, und in glnzendem Zuge schossen Reiter und Reiterinnen ber Wiesen
und Stoppelfelder hin, jeder begierig, den andern zu berholen. Nur die junge
Frau von Ladalinski hielt sich zurck, Graf Miekusch an ihrer Seite; beide
schienen auf die Ehren des Tages verzichten zu wollen. Aber bald nderte sich
das Bild; immer mehr Paare schieden aus der vordersten Reihe aus, und ehe eine
Stunde um war, waren der Graf und seine Begleiterin noch die einzigen, die der
Fhrte folgten oder doch zu folgen schienen. Die Zurckbleibenden, ihnen
nachschauend, waren entzckt von der Ausdauer der beiden Reiter, deren
Gestalten, je mehr sie sich dem in blauem Dmmer daliegenden Stdtchen nherten,
immer kleiner und schattenhafter wurden. Endlich schwanden sie ganz, und da
Mittag heran war, beschlo man, auf das Schlo des Grafen zurckzukehren. Es
verging eine Stunde, eine zweite und dritte; es kam der Abend, und man wartete
noch. Die Gste brachen endlich auf, um auf ihre eigenen Gter heimzureiten.
Unter ihnen auch Ladalinski. Also doch, klang es in hundertfltiger
Wiederholung in seinem Herzen. Erst am dritten Tage wurde durch einen Boten ein
versiegelter Zettel an ihn abgegeben: Erwarte mich nicht zurck; Du siehst mich
nicht wieder. Es war ein Irrtum, der uns zusammenfhrte. Vergi mich. Einen Ku
fr das Kind.
                                                                 Sidonie von P.

Das Blatt entfiel ihm. Jedes Wort eine Demtigung, selbst ihre
Namensunterschrift: Sidonie von P. Sie hatte also den Namen ihrer eigenen
Familie wieder angenommen und strich die sechs Jahre, die sie an seiner Seite
verlebt hatte, wie ein unbequemes Intermezzo aus. Er war niedergeschmettert, und
doch konnte er die kurze Forderung, die sie stellte: Vergi mich, nicht
erfllen. Zu eigner bitterster Beschmung gestand er sich, da er sie, wenn sie
zurckkehrte, ohne ein Wort des Vorwurfs oder der Erklrung, freudigen Herzens
wieder aufnehmen wrde. Der rtselhafte Zug der Natur war mchtiger in ihm als
alle Vorstellung.
    Er verfiel in Trbsinn, bis die Schicksale seines Landes ihn herausrissen.
Es bereiteten sich jene Ereignisse vor, die schlielich Polen aus der Reihe der
Staaten strichen. Ruland machte seine Plne, und diese zu vereiteln, darauf
waren jetzt, wie die Anstrengungen aller Patrioten, so auch die seinigen
gerichtet. Er schlo sich der Kosciuszkoschen Partei an und entwarf eine
liberale Verfassung, die den Beifall der Whigfhrer im englischen Parlamente
fand; endlich, als die Waffen entscheiden muten, trat er in die Armee. Was ihm
an militrischer Erfahrung abging, wute er durch Mut und Eifer zu ersetzen. Es
war keiner, dem Kosciuszko mehr vertraut htte als ihm. Bei Szekoszin hielt er
bis zuletzt aus. Als nach dem unglcklichen Treffen bei Maciejowice der Rckzug
auf Praga ging, wurde ihm das Kommando der nur aus vier schwachen Bataillonen
bestehenden Arriregarde anvertraut. Mit diesen deckte er den bergang ber die
Pilica zwei Stunden lang und benutzte die Zeit, whrend er noch jenseits der
Brcke mit dem Feinde bataillierte, geteerte Strohkrnze um die Holzpfeiler
legen und diese Krnze anznden zu lassen. Die Brcke stand schon in Rauch und
Flammen, als er die Trmmer seiner Bataillone glcklich hinberfhrte. Die
Russen drngten nach; eine schwache Abteilung derselben, die gleich darauf
gefangen wurde, gewann gleichzeitig mit ihm das Ufer. Als aber das Gros in
geschlossener Kolonne folgte, brachen die halbweggebrannten Mittelpfeiler
zusammen, und alles, was auf der Brcke war, strzte nach. Suwarow selbst hielt
keine hundert Schritt von der Unglckssttte. Es war die letzte glnzende Aktion
im freien Felde; drei Tage spter fiel Praga.
    Ladalinski legte sein Kommando nieder. Das Finis Poloniae seines
Kampfgenossen, wenn er es nicht sprach, so empfand er es doch. Es war ihm klar,
da das Land russisch werden wrde, vielleicht mit einem Scheine von
Selbstndigkeit. Dieser Gedanke war ihm unertrglich. Es gab kein Polen mehr; so
beschlo er, sich zu expatriieren. Er ging zunchst auf seine jenseits der
Grenze gelegenen schlesischen Gter und stellte von hier aus dem preuischen
Hofe seine Dienste zur Verfgung. Ein umgehend eintreffendes Schreiben
Bischofswerders sprach ihm seine Freude ber den rasch und mutig gefaten
Entschlu aus und berief ihn, vorbehaltlich kniglicher Genehmigung, in das
Auswrtige Amt. Diese Genehmigung erfolgte wenige Tage spter. Die groen
Flchen polnischen Landes, die gerade damals Preuen einverleibt wurden, wiesen
die Staatsverwaltung darauf hin, solche Anerbietungen nicht abzulehnen.
    In krzester Frist hatte Ladalinski sich in den neuen Verhltnissen
zurechtgefunden. Seine mehr preuisch als polnisch angelegte Natur untersttzte
ihn dabei; dem Unordentlichen und Willkrlichen abhold, fand er in dem
Regierungsmechanismus, in den er jetzt eintrat, sein Ideal verkrpert. Was darin
Schdliches war, das bersah er oder erachtete es als gering, nachdem er die
Nachteile eines entgegengesetzten Verfahrens so viele Jahre lang beobachtet
hatte. Er war bald preuischer als die Preuen selbst. Die Auszeichnungen, die
ihm zuteil wurden, seine Missionen, erst an den Kopenhagener, dann an den
englischen Hof, auf denen ihn Tubal, damals ein Kind noch, begleitete, trugen
das ihrige dazu bei. Von London nach dem Tode des Knigs und der
Amtsniederlegung Bischofswerders zurckberufen, trat er, in dem richtigen
Gefhl, erst dadurch seine Staatszugehrigkeit zu beweisen, zum Protestantismus
ber. Er whlte die reformierte Kirche, weil es die Kirche des Hofes war.
Gewissensbedenken waren der Zeit der Aufklrung fremd. In dem Ansehen seiner
Stellung nderte der Regierungswechsel nichts, wennschon die Stellung selbst
eine andere wurde; er schied aus dem Auswrtigen Amt, um dem
General-Oberfinanzdirektorium, Abteilung fr die Domnen, zugewiesen zu werden.
Seine landwirtschaftlichen Kenntnisse, die bedeutend waren, konnten hier eine
vorzgliche Verwendung finden. Mit bernahme dieses Amtes war auch sein
Wohnungnehmen in dem alten Palais in der Knigsstrae verknpft gewesen. Er
bewohnte es jetzt seit fnfzehn Jahren; Kathinka war in demselben
herangewachsen.
    Ob ihn von Zeit zu Zeit eine Sehnsucht nach Bjalanowo und dem alten Schlo
mit den vier Backsteintrmen, an das sich die schnsten und die schwersten
Stunden seines Lebens knpften, beschlich, wer wollt es sagen! Kein Wort, das
darauf hingedeutet htte, kam je ber seine Lippen. Er schien glcklich in
seinem Adoptivvaterlande, vielleicht war er es auch, und fest entschlossen, in
seine alte Heimat, auch wenn derselben ihre staatliche Selbstndigkeit, wie es
einen Augenblick schien, wiedergegeben werden sollte, nicht zurckzukehren,
hielt er sich zu den prinzlichen Hfen, um von diesem festen, gegebenen Punkte
aus in allmhlich immer intimer werdende Beziehungen zu dem Adel des Landes
hineinzuwachsen. Er lebte, mehr, als er es sich gestand, nur noch der
Durchfhrung dieser Plne, in denen er sich brigens durch seine Schwgerin
Tante Amelie untersttzt wute, und sah deshalb nichts lieber als die
Anwesenheit seiner Kinder in Hohen-Vietz. Eine Doppelheirat mit einer alten
mrkischen Familie stellte den Schritt erst sicher, den er getan hatte, und
beruhigte ihn ber die polnischen Sympathien Kathinkas, die, was immer der Grund
derselben sein mochte, ihm kein Geheimnis waren.

Der Geheimrat hatte mittlerweile seine Lektre beendet; er schob die Bltter
beiseite und klingelte. Ein eintretender Diener brachte die Schokolade, und ehe
er noch das Zimmer wieder verlassen konnte, kam schon das Windspiel aus seinem
Korbe herbei, diesmal nicht verdrielich, und drngte sich an die Seite seines
Herrn. Der Geheimrat lchelte und warf ihm die Biskuits zu, denen diese
Zrtlichkeit gegolten hatte. Erst jetzt nahm er einen Brief wahr, der auf
demselben Tablett lag und die charakteristischen Schriftzge Tante Ameliens
zeigte. Er war einigermaen berrascht. Erst am Abend vorher, zu spter Stunde,
waren Tubal und Kathinka von Schlo Guse zurckgekehrt; die Zeit, sie zu
begren, hatte sich noch nicht gefunden, und schon war ein Brief da, der also
die Reise nach Berlin ziemlich gleichzeitig mit ihnen gemacht haben mute. Der
Geheimrat erbrach das Siegel und las:

    Mon cher Ladalinski! Tubal und Kathinka haben mich erst vor einer Stunde
verlassen, mit ihnen, zu meinem Bedauern, Demoiselle Alceste, deren Sie sich,
mein Teurer, aus alten Rheinsberger Tagen entsinnen werden. Ich empfinde, ganz
gegen meine Gewohnheit, eine Lcke und flle sie am besten aus, indem ich ber
die Kinder spreche, deren Anwesenheit mir die letzten Tage so angenehm gemacht
hat. Je mehr ich mich ihrer freute (et en effet ils m'ont enchante), desto
lebendiger wurde mir wieder der Wunsch jener liaison double, die wir so oft
besprochen haben. Ich habe mich ganz in die Vorstellung hineingelebt, Tubal in
Guse schalten und walten und den alten Derfflingersitz, der unter meinen Hnden
nur eben sein Dasein fristet, auf seine alte Hhe gehoben zu sehen. Des
Beistandes, dessen er dazu bedarf, darf er von Hohen-Vietz aus sicher sein. Die
schnen Frauen verschiedener Nationalitt waren dort immer heimisch; meine
Gromutter, avec un teint de lis et de rose, war eine Brahe, Berndts Frau eine
Dumoulin, und es wrde mich glcklich machen, diesen Kreis durch unsern Liebling
erweitert zu sehen. Vous savez tout cela depuis longtemps. Mais les choses ne se
font pas d'aprs nos volonts. Des jungen Hohen-Vietzer Volkes bin ich sicher,
aber nicht des Hauses Ladalinski. Kathinka nimmt Lewins Huldigungen hin, im
brigen spielt sie mit ihm; Tubal hat ein Gefhl fr Renate, qui ne l'aurait
pas? Aber dieses Gefhl bedeutet nichts weiter als jenes Wohlgefallen, das
Jugend und Schnheit allerorten einzuflen wissen. So seh ich Schwierigkeiten,
die mir bei Kathinka in der Gleichgiltigkeit, bei Tubal in der Oberflchlichkeit
der Empfindung zu liegen scheinen. Et l'un est aussi mauvais que l'autre. Es ist
offenbar, da Kathinka eine andere Neigung unterhlt; die Gegenwart des Grafen
in Ihrem Hause strt unsere Plne, und doch ist sie nicht zu ndern; alles, was
sich ziemt, ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen, was das Feuer schren knnte.
Ihre Klugheit, mon cher beau-frre, wird das Richtige treffen. Ich versprche
mir am meisten von Trennungen. Lewin mu aus seinem engen Kreise heraus; er mu
vor allem die literarischen Allren abstreifen. Er nimmt diese Dinge grndlicher
und ernsthafter, als sich mit dem Edelmnnischen vertrgt, das wohl ein
Interesse haben, aber nicht fachmig sich engagieren soll. Bleiben wir in guten
Beziehungen zu Frankreich, comme je souhaite sincerement, so wrde ich einen
einjhrigen Aufenthalt in Paris als ein Glck fr ihn ansehen. Er wrde das
Weltmnnische gewinnen, das ihm jetzt fehlt und auf das Kathinka einzig und
allein Gewicht legt. Et je suis du mme avis.
    Je faisais mention de la France. Mein Bruder wrde mich auf Hochverrat
verklagen, wenn er wte, da ich von einer Fortdauer guter Beziehungen
gesprochen habe. Und doch ist es gerade sein Gebaren, was mich diese Wnsche
noch mehr betonen lt, als es ohnehin meinen Sympathien entspricht. Il organise
tout le monde. Das ganze Oderbruch auf und ab schreitet er zu einer
Volksbewaffnung, fr die er hundert Namen hat: Landwehr, Landsturm und Letztes
Aufgebot. In seinem Eifer bersieht er, wie diese letzte Bezeichnung, anstatt
Furcht einzuflen, nur tragikomisch wirken kann. Drosselsteins hat er sich
bemchtigt; von Bamme spreche ich gar nicht, der immer mit dabeisein mu, wenn
es etwas gilt, in dem sich Torheit und Waghalsigkeit den Rang streitig machen.
C'est son mtier. Es erheitert mich, wenn ich mir seine Gro- und
Klein-Quirlsdorfer als mittelmrkische Guerillas denke. Diese Dorfschaften, in
denen im Durchschnitt keine sechs Jagdflinten aufzutreiben sind, wollen sich dem
Marschall Ney entgegenstellen,  Ney, le hros de la Moskwa. Quant  moi, ich
habe nur den Eindruck des Wahnsinns von diesem extravaganten Tun und hoffe, da
die Weisheit des Staatskanzlers, der ich unbedingt vertraue, uns vor einer
Politik bewahrt, die uns vernichten und nicht einmal das Mitleid der anderen
Staaten sichern wrde. Car le ridicule ne trouve jamais de piti.
    Ich sehe stilleren Zeiten und stabileren Zustnden vertrauungsvoll entgegen;
Ruland ist keine aggressive Macht; Frankreich wird seine Welteroberungsplne
begraben und nach einer Epoche zwanzigjhriger Unruhe eine Epoche des Friedens
folgen lassen. J'en suis convainu. Paris wird wieder werden, was es immer war
und was es nie htte aufhren sollen zu sein: le centre de la civilisation
europenne. Je le dsire dans l'intrt universel et dans le ntre. Dieu veuille
vous prendre dans sa sainte garde, mon cher Ladalinski. Tout  vous votre
cousine
                                                                      Amlie P.

Der Geheimrat legte den Brief aus der Hand, dessen politische Meinungen einen
geringen, die voraufgehenden Bemerkungen ber Kathinka und Bninski aber einen
desto greren Eindruck auf ihn gemacht hatten. Er las die Stelle noch einmal:
Die Gegenwart des Grafen in Ihrem Hause strt unsere Plne, und doch ist sie
nicht zu ndern; alles, was sich ziemt, ist Achtsamkeit und Vermeidung dessen,
was das Feuer schren knnte. Als er aufsah, fiel sein Blick auf das schne
Frauenbild ihm gegenber, und allerhand Erinnerungen, in die sich zum ersten
Male auch Befrchtungen fr die Zukunft mischten, drngten sich ihm auf. Er
kannte die Geschichte so vieler Familien. Es erben..., aber ehe er den
Gedanken ausdenken konnte, grte ihn der Zuruf: Guten Morgen, Papa, und auf
seinem Sitze sich wendend, sah er Kathinka, die, den Kopf durch die Portiere
steckend, ihm freundlich zunickte. Im selben Augenblicke war sie an seiner
Seite, und unter ihren Liebkosungen schwanden die trben Bilder, die noch eben
vor seiner Seele gestanden hatten.

                                Viertes Kapitel



                                 Bei Frau Hulen

An demselben Abend war Gesellschaft bei Frau Hulen. Sie konnte damit, wenn sie
standesgem auftreten und die ganze Flucht ihrer Zimmer ffnen wollte, nicht
lnger zgern, da Lewin fr den nchsten Tag schon seine Rckkehr von
Hohen-Vietz angezeigt hatte. Gleich nach Eintreffen dieses Briefes waren denn
auch unter Beihilfe eines kleinen lahmen Jungen, der in dem Keller nebenan die
Bierflaschen splte und wegen seines krperlichen Gebrechens sonderbarerweise
als Laufbursche benutzt wurde, die Einladungen ergangen und ohne Ausnahme
angenommen worden.
    Um sieben Uhr brannten die Lichter in der ganzen Hulenschen Wohnung, die,
neben einer kleinen, schon im Seitenflgel befindlichen Kche, aus zwei
Frontzimmern und zwei dunklen Alkoven bestand. Die Hlfte davon war an Lewin
vermietet, der indessen in seiner Abwesenheit und bei den freundschaftlichen
Beziehungen, die zwischen ihm und seiner Wirtin obwalteten, nicht das geringste
dagegen hatte, seinen Wohnungsanteil in die Festrume hineingezogen zu sehen.
    Und Festrume waren es heute, ganz abgesehen von den Lichtern und
Lichterchen, die bis in den Flur hinaus nicht gespart waren. In beiden fen war
geheizt, und auf den Simsen schwelten Rucherkerzchen, schwarze und rote,
whrend alle Kunst- und Erinnerungsgegenstnde, auf die Frau Hulen die besondere
Aufmerksamkeit ihrer Gste hinzulenken wnschte, noch eine besondere, ihnen
angemessene Beleuchtung erfahren hatten. Unter diesen Gegenstnden standen die
Papparbeiten ihres verstorbenen Mannes, der Werk- und Kpenmeister in einer
kleinen Frberei, in seinen Muestunden aber ein plastischer Knstler gewesen
war, obenan. Das meiste lag nach der architektonischen Seite hin. Auer einem
offenen und figurenreichen Theater, das die Lagerszene aus den Rubern
darstellte, hatte er seiner Witwe einen dorischen Tempel und einen viertehalb
Fu hohen, in allen seinen ffnungen mit Rosapapier ausgeklebten Straburger
Mnster hinterlassen, der nun heute mit Hilfe kleiner llmpchen bis in seine
Turmspitze hinauf erglhte. Dieser Mnster, wie noch bemerkt werden mag, stand
auf einer hochbeinigen Pfeilerkommode und verdeckte gewhnlich einen dahinter
befindlichen kleinen Spiegel; nicht aber heute, wo derselbe, um nicht den
Verdacht aufkommen zu lassen, als ob es der Zimmereinrichtung an irgend etwas
Standesgemem gebrche, um drei Handbreit hher hinaufgerckt worden war. Nur
die Turmspitze sah gerade noch in das etwas bleifarbene Glas hinein.
    Und wie zeigte sich Frau Hulen selber? Sie trug auer der hohen weien
Haube, ohne welche sich niemand entsann sie je gesehen zu haben, ein braunes,
noch von ihrem Seligen eigenhndig gefrbtes Merinokleid, dazu ein schwarzes,
eng um den Hals gepates Sammetband, in das abwechselnd blaue und gelbe Sterne
eingestickt waren.
    Wie wird es ablaufen? fragte sie sich und ging noch einmal alle wichtigen
Punkte durch, putzte die Lichter, nur um ihre Unruhe loszuwerden, und strich in
Lewins Alkoven, der heute als Garderobezimmer dienen mute, die Bettdecke glatt.
Dann sah sie wieder nach dem Straburger Mnster und seiner Beleuchtung, und ihr
war, als ob sie htte eintreten sollen. Wie wird es werden? wiederholte sie
beklommen, und zugleich einen Blick in den Spiegel werfend, zupfte sie an dem
Halsband, das sich etwas verschoben hatte.
    In diesem Augenblicke klingelte es. Frau Hulen beeilte sich aufzumachen und
war einigermaen verstimmt, als sie wahrnahm, da es nur die Zunzen war, eine
alte taube Frau, die mit ihr auf demselben Flur wohnte und ihre Einladung zu der
heutigen Reunion blo aus Furcht vor ihren Klatschereien erhalten hatte. Denn
sie hatte Gott in der Welt nichts zu tun und stand, sooft sie jemanden ins Haus
treten und die letzte Treppe heraufkommen sah, immer hinter dem Kuckloch ihrer
Doppeltr, um auszukundschaften, wer und was es eigentlich sei.
    Ich bin wohl die erste, liebe Hulen. Na, einer mu der erste sein.
    Gewi, liebe Zunz, und Sie werden doch Ihre nchste Nachbarin nicht warten
lassen. Wollen Sie nicht Ihr Tuch ablegen?
    Die Alte, die die Worte der Hulen nicht recht verstanden, aber doch aus
ihren Handbewegungen entnommen hatte, um was es sich handelte, schttelte
verdrielich den Kopf, zog ihr rotes Crpe-de-Chine-Tuch, ein Wahrzeichen aus
alten, besseren Zeiten her, fester um sich und schritt gravittisch, als fhle
sie sich sicher in dem Furchtgefhl, das sie einflte, in das nchstgelegene
Zimmer. Es war das Lewins. Hier sah sie sich neugierig um, nickte ein paarmal,
wie um ihre berraschung ber die Mitverwendung der doch vermieteten Rume
auszudrcken, und fragte dann: Der junge Herr ist wohl verreist?
    Freilich, liebe Zunz, Sie wissen es ja.
    So, so, brummte die Alte und fuhr mit dem Zeigefinger ber das kleine
Klavier hin, um zu sehen, ob auch der Staub gewischt sei. Dann passierte sie,
ein paarmal hstelnd, wie wenn ihr der Rucherkerzchenqualm beschwerlich falle,
die Schwelle zur guten Stube und nahm auf dem Sofa Platz.
    Dies widersprach nun aber ganz und gar den gesellschaftlichen Arrangements
der Hulen, so da diese, rgerlich ber die Anmaung der Alten, sich von der
Furcht vor ihr frei zu machen begann.
    Bitte hier, liebe Zunz, damit wies sie auf einen steiflehnigen
Grovaterstuhl, der zwischen dem Ofen und einer Etagere stand. Ich hole Ihnen
auch das Bilderbuch.
    Die Alte murmelte etwas, das fast wie Protest und jedenfalls wie
Verwunderung klang, gehorchte aber doch und setzte sich in den Stuhl, auf den
die Hulen hingewiesen hatte. Gleich darauf kam diese wieder, in beiden Hnden
ein groes und ziemlich schweres Buch haltend, auf dessen Titelblatt (der
oberste Deckel war abgerissen) in dicken Buchstaben zu lesen stand: Die
Singvgel Norddeutschlands; neunzig kolorierte Kupfertafeln.
    Die Zunzen schlug auf, aber sie war noch nicht beim dritten Blatt, als es
abermals klingelte.
    Die jetzt Erscheinende war Demoiselle Laacke, Musik- und Gesanglehrerin und
die besondere Freundin der Hulen, die sich durch diesen Umgang geschmeichelt
fhlte, ein Mdchen von vierzig, gro, hager, mit langem Hals und dnnem
rotblonden Haar. Ihre wasserblauen Augen, beinahe wimperlos, hatten keine
selbstndige Bewegung, folgten vielmehr immer nur den Bewegungen ihres Kopfes
und lchelten dabei horizontal in die Welt hinein, als ob sie sagen wollten:
Ich bin die Laacke; ihr wit schon, die Laacke, mit reinem Ruf und
unbescholtener Stimme. Von der Knigin Luise hatte sie, bei Gelegenheit eines
Wohlttigkeitskonzerts, eine Amethystbroche erhalten. Diese trug sie seitdem
bestndig. Im brigen waren Armut, Demut und Hochmut die drei Grazien, die an
ihrer Wiege gestanden und sie durch das Leben begleitet hatten. Sie verneigte
sich artig, wenn auch etwas steif und herablassend, gegen die alte Zunzen und
nahm dann wie selbstverstndlich auf dem Sofa Platz.
    Frau Hulen setzte sich zu der Neuangekommenen, patschelte ihr die Linke und
sagte: Wie froh ich bin, Sie zu sehen, liebe Laacke. Sie sind immer so gut und
machen keinen Unterschied.
    Ach, liebe Hulen, wie knnen Sie nur davon sprechen; das wre ja
ungebildet. Sind wir denn nicht alle Menschen?
    Hier trat eine kleine Pause ein, whrend welcher die Klavierlehrerin ihren
Shawl von der schmalen und abschssigen Schulter herabgleiten lie. Dann fragte
sie: Wen darf man denn noch erwarten?
    Die Hulen rckte unruhig hin und her und sagte dann etwas verlegen: Die
Ziebolds.
    Oh, die Ziebolds! Das ist ja hbsch. Ich entsinne mich; er hat eine Stimme,
Tenor oder Bariton.
    Ja, er hat eine Stimme, fuhr die Hulen fort, und ist immer spahaft und
manierlich, aber es mag doch keiner neben ihm sitzen. Und neben der Frau erst
recht nicht. Das macht die Pfandleihe. Sehen Sie, die alten Ziebolds, was also
die Eltern von diesen Ziebolds waren, das waren sehr gute Leute, ja man kann
sagen, es waren feine Leute. Sie hatten das Leinewand- und Strumpfwarengeschft,
Ecke der Jden und Stralauer, und wir wohnten auf demselben Hof. Das war das
Jahr vorher, als der Alte Fritz starb. Und da wurde ja meine alte Mutter krank,
und weil sie wieder zu Krften kommen sollte und ich nicht kochen konnte, weil
ich ja immer aus mute wegen der Nherei, ja, liebe Laacken, ich habe mich auch
qulen mssen, da kamen ja nun die Ziebolds, und einen Tag gab es eine Suppe und
den andern Tag Braten oder Huhn, immer Flgel und Brust, und sonntags schickte
der alte Mann, der eigentlich geizig war, aber ich kann es ihm nicht nachsagen,
eine halbe Flasche Wein. Und so ging es bis an ihren Tod, ich meine meiner
Mutter Tod.
    Bei dieser Erinnerung fuhr die Sprecherin mit ihrem Zeigefingerknchel ber
das rechte Auge.
    Das waren also die alten Ziebolds? bemerkte Mamsell Laacke, die durch
Betonung des Wortes andeuten wollte, da sie eigentlich von den jungen Ziebolds
zu hren gehofft hatte. Die Hulen verstand es auch und fuhr fort:
    Ja, das waren die alten, das heit, sie waren noch gar nicht alt, so um
Mitte Fnfzig, aber sie machten es auch nicht lange mehr und starben denselben
Winter noch, wo meine Mutter gestorben war. Erst sie, den dritten
Weihnachtsfeiertag, wenn es nicht schon der zweite gewesen ist, er aber
schleppte sich noch so bis in den Mrz. Sie wissen ja, liebe Laacke: Mrzensonne
und Mrzenluft graben manchem seine Gruft. Er war immer schwach auf der Brust.
    Und da kam denn wohl das Geschft an die jungen Ziebolds? fragte jetzt
Mamsell Laacke mit allen Zeichen der Teilnahme an den sich rasch hufenden
Todesfllen.
    Ja, an die jungen Ziebolds, besttigte die Hulen, das heit an ihn, denn
er hatte damals noch keine Frau. Er war nmlich ein sehr hbscher Mann, und weil
er gut reden konnte und eine goldene Brille trug, so sagten sie immer, er she
aus wie ein Justizkommissarius, und sie nannten ihn auch Herr Justizkommissarius
Ziebold. Das schmeichelte ihm, und er war immer mit Schauspielern und ihren
Mamsells zusammen, und eines Tages hatte er eine an dem Hals.
    Seine jetzige Frau? Ah, ich verstehe.
    Ja, seine Frau. Da hing denn nun der Himmel voller Geigen. Aber der Krug
geht so lange zu Wasser, bis er bricht, und es war noch kein Jahr um, da war
alles verkauft, und sie kamen in Not, wie mir die Zunzen erzhlt hat. Denn ich
wohnte damals noch in der Rostrae.
    Die Zunzen, die trotz ihrer Taubheit das meiste verstanden hatte, nickte mit
dem Kopfe.
    Die junge Ziebolden aber, fuhr die Hulen fort, das war immer eine sehr
resolute Person, und sie wute bald Rat, und als ich meinen Mann heiratete und
wieder hierher in die Klosterstrae zog, da wohnten sie schon auf dem Hohen
Steinweg und hatten die Pfandleihe. Nun sehen Sie, liebe Laacke, die Pfandleihe,
das war ja noch nichts Schlimmes, und ich sagte damals zu meinem Seligen, da
ich die alten Ziebolds gekannt htte und da es sehr gute Leute gewesen wren.
Und so kamen wir auch wieder zusammen und besuchten uns. Aber das dauerte ja gar
nicht lange, da hie es: das mit der Pfandleihe, das sei blo so nebenbei und
die Ziebolds liehen Geld auf hohe Zinsen und sie seien nicht besser als Wucherer
und bei zehn Talern mten die Leute zwanzig Taler schreiben. Und das ist es,
warum keiner neben den Ziebolds sitzen will.
    Bitte, setzen Sie mich neben Herrn Ziebold, bemerkte Mamsell Laacke mit
der ruhigen Haltung einer btissin, die sich hinter dem Schild ihres Rufes und
ihrer Stellung gesichert wei. Und wen erwarten Sie noch?
    Herrn Feldwebel Klemm.
    Ach, der steife, alte Herr mit den Stulpstiefeln, der die Schlacht bei
Torgau gewonnen hat. Er streitet immer und trgt eine schwefelgelbe Weste. - Und
wen sonst noch?
    Herrn Nuntius Schimmelpenning.
    Schimmelpenning! wiederholte die Laacke, der Bote vom Kammergericht. Ich
entsinne mich. Er soll der Sohn des alten Prsidenten Schimmelpenning sein, nur
da ihm das von unter die Bank gefallen ist. Wie kommen Sie nur zu dem, liebe
Hulen? Ein wenig angenehmer Mann und so wichtig.
    In diesem Augenblicke zog es wieder an dem Draht, und da die Frau Hulenschen
Gesellschaften wie andere Gesellschaften waren, so trat denn auch gerade
derjenige ein, von dem eben gesprochen worden war: Herr Nuntius Schimmelpenning.
Er war ein starker Fnfziger, mit aufgeworfenen Lippen, die er zusammenprete
und dann wieder schmatzend mit einem kleinen Paff ffnete, wobei er weie,
wundervolle Zhne zeigte. Der alte Prsident hatte es ebenso gemacht. brigens
hatte die Laacke recht; er konnte an Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei mit jedem
Truthahn streiten und sah in die Welt hinein, als ob er wenigstens sein Vater
oder gar das Kammergericht selbst gewesen wre. Er glaubte auch so was.
    Frau Hulen stellte nun vor; Schimmelpenning aber, von der Verbeugung der ihm
unbequemen Mamsell Laacke nicht die geringste Notiz nehmend, schritt auf die
alte Zunzen zu, deren Namen ihm auch genannt worden war, und sagte mit lauter
Stimme: Zunz; bei Graf Vo, Wilhelmsstrae? Entsinne mich; habe Ihren Mann noch
gekannt.
    Ich auch, sagte die Alte, die aus Respekt vor der stattlichen Erscheinung
des Nuntius aufgestanden war, im brigen aber, gerade weil er so laut sprach,
alles falsch verstanden hatte. Schimmelpenning, der nicht wute, was er aus dem
Ich auch der Alten machen sollte, und bei seiner immer regen Empfindlichkeit
nur allzu geneigt war, es fr eine Verhhnung zu nehmen, zog ein verdrieliches
Gesicht und schien berhaupt durch seine ganze Haltung ausdrcken zu wollen:
Sonderbare Gesellschaft; wie komm ich nur dazu? Dann trat er an die
hochbeinige Kommode, trommelte auf dem Dach des Straburger Mnsters und sah in
den Spiegel hinein, bei welcher Gelegenheit ihn wieder seine hnlichkeit mit dem
alten Prsidenten berraschte.

Von dem Garderobezimmer her - in dem, wenn nicht alles tuschte, zwei rasch
hintereinander eingetroffene Paare mit dem Ablegen ihrer Sachen beschftigt
waren - hrte man jetzt ein lebhaftes Sprechen, wie es Personen eigen ist, die
mit einer Art Nachdruck entweder ihre Unbefangenheit oder ihre besondere
Berechtigung ausdrcken wollen, und gleich darauf trat das erste dieser Paare in
Frau Hulens Zimmer ein. Es waren Herr Ziebold und Frau, er an seinen Lckchen
und seiner goldenen Brille, sie an ihrer theaterhaften Haltung und einem ebenso
eng anliegenden wie tief ausgeschnittenen Seidenkleid erkennbar.
    Schimmelpenning drckte statt eines Grues nur leise das Kinn nach unten und
wrde durch seine reservierte Haltung, die so weit ging, da er beide Hnde auf
den Rcken legte, noch mehr aufgefallen sein, wenn nicht das zweite Paar, das
beinahe unmittelbar folgte, die Aufmerksamkeit von ihm abzogen htte. Es waren
Herr Deckenflechter Grneberg und Tochter, ein hagerer, wachsfarbener Mann, der,
weil er auf einem kleinen Stubenwebstuhl allerhand filzartige Tuchstreifen zu
breiten und schmalen Fudecken zusammenwebte, gelegentlich auch Herr
Teppichfabrikant Grneberg genannt wurde. Er selbst bedeutete wenig, trotz
seiner Eulenphysiognomie, in welcher Stirn, Kinn und Nasenspitze an derselben
senkrechten Linie, Mund und Augen aber weit zurck und sozusagen wie im Schatten
lagen; desto mehr aber bedeutete seine Tochter, die, gro und stark und ohne
alle hnlichkeit mit ihm, berhaupt gar nicht seine Tochter, sondern ein
angeheiratetes Kind aus seiner verstorbenen Frau erster Ehe war. Sie hie
Ulrike. Beinahe hlich, mit groen, nichtssagenden und zum berflu auch noch
weit vorstehenden Augen, hatte sie doch die feste berzeugung: schn und durch
ihre Schnheit zu etwas Hherem berufen zu sein. Ihr Umgang mit Frau Hulen
erschien ihr unter ihrem Stande, mehr noch unter ihren persnlichen Ansprchen,
wurde aber doch von ihr gepflegt, weil sie wute, da ein adeliger junger Herr
bei der Alten zu Miete wohnte. Ihre Gedanken gingen immer nach dieser Richtung
hin.
    Herr Ziebold hatte sich neben Mamsell Laacke auf das Sofa gesetzt; Ulrike
trat an das Theater und nahm einzelne Figuren, Karl Moor, Roller und den
hbschen Kosinski, aus der offenen Szene heraus; von der Zunzen war keine Rede
mehr. Schimmelpenning, den Rcken gegen eins der Fenster gelehnt, starrte
gleichgltig auf die Decke, und nur Ziebold und Grneberg unterhielten ein
Tagesgesprch, zu dem beide sehr ungleich beisteuerten, Grneberg in einem
Schwall von Worten, Ziebold in einzelnen kurzen und mitunter spttischen
Bemerkungen. Die Hulen kam immer mehr in Aufregung; sie fhlte, da es nicht so
ging, wie es gehen sollte, und immer neue Versuche zur Annherung ihrer Gste
machend, sagte sie schon zum dritten oder vierten Mal: Sie kennen sich ja schon
von frher.
    Die so Angeredeten schienen sich aber jedesmal nur sehr langsam und
widerstrebend darauf zu besinnen. Die Widerstrebendste war Frau Ziebold. Sie
spielte mit ihrer goldenen Erbskette, ber deren Ursprung allerhand dunkele
Gerchte gingen, und warf ihrem Manne Blicke zu, sich mit dem dummen Menschen,
dem Grneberg, nicht zu weit einzulassen. Sonst verzog sie keine Miene. Nur wenn
sie Ulrikens Wichtigkeit sah, lchelte sie. Denn sie kannte die Grnebergs vom
Geschft her und hatte der Tochter, die hinter dem Rcken des Vaters alles tat,
was ihr bequem war, mehr als einmal aus der Verlegenheit geholfen.
    Von Gsten fehlte nur noch Feldwebel Klemm; endlich kam auch er, und Frau
Hulen, die Wunderdinge von ihm erwartete, atmete auf. Er war in demselben
Aufzuge, Stulpenstiefel und hochzugeknpfte schwefelgelbe Weste, in dem er sich
berall prsentierte, und machte sich, nachdem er Mamsell Laacke zum rger
Ulrikens mit besonderer Auszeichnung begrt hatte, namentlich mit den Ziebolds
zu schaffen, sei es, weil er in seiner Eigenschaft als Zwischentrger und
Gelegenheitsmacher allerhand unaufgeklrte Beziehungen zu ihnen hatte oder weil
er einfach zeigen wollte, da er das Recht habe, sich ber das Gerede der Leute
wegzusetzen und seine Sonne ber Gerechte und Ungerechte scheinen zu lassen. An
Schimmelpenning, der mittlerweile seine Stellung mit halbrechts gewechselt und
sich an einen altmodischen Eckschrank gelehnt hatte, ging er ohne Gru vorber;
beide maen sich mit einem Ausdruck von Geringschtzung.
    Wir sind nun alle beisammen, nahm Frau Hulen das Wort, und ich denke, wir
wollen recht frhlich und ausgelassen sein. Nicht wahr, liebe Laacke? Sie singen
uns doch nachher etwas? Schweizerfamilie oder Bei Mnnern, welche Liebe fhlen.
    Aber, liebe Hulen.
    Warum nicht, Laackechen? Es ist ja blo ein Lied. Und Mamsell Ulrike hrt
es gewi gern und wir andern auch. Und nicht wahr, Herr Ziebold, Sie begleiten
doch? Aber nun wollen wir uns zu Tische setzen. Bitte, liebe Zunzen, helfen Sie
mir den Tisch hereinbringen.
    Unsere gute Hulen hatte die letzten Worte sehr laut gesprochen;
nichtsdestoweniger antwortete die Alte, die vielleicht wirklich nicht gehrt
hatte, vielleicht auch nur rgerlich war, zu dieser Dienstleistung wie
selbstverstndlich herangezogen zu werden: Na, ich denke doch, bis zehn,
worauf sich Mamsell Laacke, um allen weiteren Errterungen vorzubeugen, mit fast
jugendlicher Raschheit erhob und den Etisch aus der Kche hereintragen half.
Sthle wurden gerckt, und in krzester Zeit sa alles: Klemm obenan, Frau Hulen
unten, die Zunzen dicht neben ihr; dann kamen die Pfandleihersleute, an beiden
Ecken einander gegenber; neben Ziebold, wie sie es sich ausbedungen hatte, die
Laacke.
    Alle Speisen standen schon in der Mitte, als erster Gang eine groe Schssel
mit Mohnpielen, daneben links ein Heringssalat und rechts eine Slze. Alles
reich gewrzt; auf dem Mohn eine dichte Lage von gestoenem Zimt, auf dem Salat
kleine Zwiebeln, die mit Pfeffergurken und sauren Kirschen abwechselten. Ein
echtes Berliner Essen.
    Bitte, so vorliebzunehmen; Mamsell Ulrike, wollen Sie nicht so gut sein und
die Pielen herumgehen lassen? Gott, wie ich mich freue!
    Ganz auf unserer Seite, antwortete Herr Ziebold und putzte erst seine
Brille, dann heimlich auch die Gabel am Tischtuchzipfel ab.
    Was das Gesprch anging, so konnte sich's aller Wahrscheinlichkeit nach nur
darum handeln, ob es durch Klemm oder Schimmelpenning gefhrt werden sollte;
Grneberg war zu einfltig, und Ziebold, der in seinen jungen Jahren ein echter
Berliner Vielsprecher gewesen war, hatte sich inzwischen aus diesem Geschft
zurckgezogen und begngte sich damit, die Reden anderer mit einigen
Schlagwrtern zu begleiten.
    Sagen Sie, liebe Hulen, nahm Schimmelpenning das Wort, wie heit denn
eigentlich der junge Herr, der bei Ihnen wohnt?
    Vitzewitz, Herr Nuntius.
    Vitzewitz, wiederholte dieser, ein sonderbarer Name.
    Es kann nicht jeder Schimmelpenning heien, sagte Klemm und wechselte
Blicke mit seinem Gegner. brigens, wenn ich recht unterrichtet bin, heit er
von Vitzewitz.
    Schimmelpenning war gerade gescheit genug, um die Malice herauszufhlen,
ignorierte die Zwischenrede aber vllig und fuhr zu Frau Hulen gewandt fort:
Was studiert er denn eigentlich?
    Er studiert... es ist so was Fremdes und Lateinisches, und wenn er noch ein
paar Jahre dabei bleibt, dann kommt er ans Kammergericht.
    Nu, nu, sagte Schimmelpenning und reckte sich etwas hher.
    Aber er wird nicht dabei bleiben; er hat immer anderes vor und liest den
ganzen Tag Komdienstcke von einem Mohr, der seine Frau wrgte, und von einem
alten Knig, der wahnsinnig wurde, weil ihn seine Kinder, noch dazu Tchter, im
Stiche lieen. Ich hre das immer, denn er spricht so laut, da es die Zunzen
durch die Wand hren knnte, nicht wahr, liebe Zunz, und wenn ich dann anklopfe
und ihm einen Brief bringe oder eine Flasche frisches Wasser, dann seh ich
mitunter, da er geweint hat. Ja, Sie lachen, Herr Schimmelpenning, aber er hat
ein weiches Herz, und ein weiches Herz ist keine Schande. Ich knnte davon
erzhlen, wie gut er ist.
    Nun, so erzhlen Sie doch, rief Ulrike, whrend Frau Ziebold und ihr Mann
sich wieder verstndnisvoll ansahen.
    Die Hulen aber fuhr fort: Nun gut, Ulrikchen, ich will es Ihnen erzhlen.
Unsere Betten stehen nmlich Wand an Wand, und die Wand hat nur einen Stein. Und
nun hab ich ja meinen Magenkrampf, und da hilft nichts, kein Doktor und kein
Apotheker. Und richtig, es war so um Martini herum, und vielleicht war ich auch
selber schuld, weil ich von dem Gnsebraten gegessen hatte, der immer Gift fr
mich ist, und siehe da, da hatt ich ihn wieder. Und ich wute mir nicht anders
zu helfen, denn die Wehtage wurden immer grer, und ich klopfte. Erst ganz
leise; und als ich das zweite Mal geklopft hatte, da rief er: Gleich, Frau
Hulen, ich komme schon. Und als ich noch so denke, was wohl das beste sein wird,
da steht er auch schon da, gestiefelt und gespornt, und sagt blo: Magenkrampf?
Ich dacht es mir; na, da wei ich Bescheid, Frau Hulen. Und keine halbe Minute,
da hr ich ihn in der Kche, wie er Holz spaltet und in der Asche herumklopft
und an meinem Kchenschapp die Kasten aufzieht, einen nach dem andern. Und nu
merk ich ja, was er vorhat, und rufe aus meinem Bett heraus: Zweites Fach,
rechts. - Schon gut, Frau Hulen, sagt er, ich habe schon, und nu dauert es auch
gar nicht lange mehr, da ist er da. Und was bringt er? Einen richtigen
Kamillentee, blo ein bichen zu stark und noch zu hei. Aber da go er ihn ja
aus der Obertasse in die Untertasse, zweimal, dreimal, bis er mundrecht war. Und
nu trank ich. Und wollen Sie glauben, mir wurde gleich besser. Ich will nich
sagen, da es der Kamillentee war, aber die Guttat war es, die ging mir zu
Herzen, und der Magenkrampf war weg.
    Aber liebe Hulen! sagte jetzt langsam und jede Silbe betonend die Laacke,
die whrend der ganzen Erzhlung verlegen auf ihren Teller geblickt hatte.
    Die Hulen aber lie sich nicht einschchtern und erwiderte ziemlich scharf:
Liebe Laacke, ich sehe blo, da Sie noch keinen Magenkrampf gehabt haben.
    Sehr richtig, bemerkte Ziebold, indem er der neben ihm sitzenden Alten
gutmtig und vertraulich auf ihrer welken Hand herumtrillerte, ich habe die
Bekanntschaft dieses Peinigers nur einmal gemacht, aber gerade grndlich genug,
um zeitlebens zu wissen, was es mit ihm auf sich hat. Das war Anno sechs, an dem
Tage, als die Lffelgarde einzog. Es regnete leise und war schon kalt. Wann war
es doch, Herr Feldwebel Klemm?
    Ende Oktober.
    Ganz richtig; ich erkltete mich bis auf den Tod und hatte Schmerzen, da
ich schrie; aber es tut mir doch nicht leid, bei diesem Lffelgardeneinzug mit
dabeigewesen zu sein.
    Warum hie es denn eigentlich die Lffelgarde? fragte Ulrike.
    Weil sie statt des Federstutzes einen blechernen Lffel trugen. Die anderen
Herrschaften werden es damals alle gesehen haben, aber wenn Mamsell Grneberg
davon hren will...
    Bitte, sagte Ulrike verbindlich, und Ziebold, der sich von der ihm
unbequem werdenden Kontrolle seiner Frau frei zu machen begann, fuhr ohne
weiteres fort: Diese Lffelgarde, wie mir Herr Feldwebel Klemm besttigen wird,
hatte allerhand Absonderlichkeiten und schickte, wenn sie einzog, einen aus
ihrer Mitte voraus, der zwanzig oder dreiig Schritt vor der nachrckenden
Kolonne ging und durch sonderbare Manieren und ein absichtlich abgerissenes
Kostm ankndigen mute: Jetzt kommt die Lffelgarde! Denn sie waren stolz auf
ihren Namen und ihr Abzeichen.
    Ziebold, der als guter Erzhler den Wert einer Pause zu schtzen wute, bat
hier um ein Glas Wasser und nahm erst, als Frau Hulen das Gewnschte gebracht
hatte, seinen Faden wieder auf.
    Ich sehe noch den ersten, der durch das Hallesche Tor kam. Er gehrte zu
dem schlimmen Davoustschen Corps, und alles, was dieses Corps bedeutete, das lag
in diesem einen vorausmarschierenden Mann. Er war lang und hager, mit blassem
Gesicht und pechschwarzem Haar, das ihm tief in die Stirn hing. Seine
Beinkleider, von einer Art Leinenzeug, waren schmutzig und zerrissen, und die
halbnackten Fe steckten in Schuhen, eigentlich nur noch Sohlen, die wie
Sandalen festgebunden waren. Ein Pudel, den er an einem Strick fhrte, ging auf
zwei Beinen nebenher und fing die Brotstcke auf, die ihm von ihm zugeworfen
wurden. An seinem Pallasch aber, den er statt des gewhnlichen Infanteriesbels
trug, hing eine Gans, und auf dem kleinen, fuchsig gewordenen Hut, den er schief
und pfiffig aufgesetzt hatte, steckte der blecherne Lffel, das Feldzeichen der
ganzen Bande.
    Ach, wie nett, sagte Ulrike, der zu Ehren die ganze Geschichte erzhlt
worden war, ein blecherner Lffel, es ist doch zu komisch.
    Feldwebel Klemm aber, der keine Gelegenheit vorbergehen lie, seine
Franzosenfreundlichkeit zu betonen, und durch den wohlberechneten Appell an sein
endgltiges Urteil nicht ganz gewonnen worden war, rief ber den Tisch hin: Ich
mchte Herrn Ziebold nur bemerken, da es doch am Ende keine Bande war, die
damals unter dem Befehl des Marschall Davoust, Herzogs von Auerstedt und
spteren Prinzen von Eckmhl, Durchlaucht, durch das Hallesche Tor einzog. Wenn
es aber eine Bande war, so war es jedenfalls eine ganz aparte, denn sie kam
recte von Jena her, wo wir, um es milde zu sagen, vor dieser Bande nicht zum
besten bestanden hatten.
    Nein, nicht zum besten, antwortete Frau Hulen. Aber nichts fr ungut,
Herr Feldwebel Klemm, davon drfen wir nicht sprechen, denn das ist ein
schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt, und das Unglck von damals
oder die Schande von damals, ich wei nicht, was richtig ist, das mu nun
begraben und vergessen sein. Ich habe freilich auch gedacht, es wre mit uns
vorbei, weil es alle Leute sagten, und man ist doch nur eine arme Frau, die
nicht nein sagen darf, wenn die andern ja sagen. Aber das kann ich Ihnen sagen,
Herr Klemm, schon das nchste Jahr, als ich die zwei grnen Srge sah, da wute
ich, da wir wieder aufkommen wrden.
    Zwei grne Srge? fragte Ulrike und versuchte zu lachen.
    Ja, zwei grne Srge, drin die beiden alten Sngebuschens begraben wurden.
Er und sie. Haben Sie denn nicht davon gehrt, Ulrikchen? Sie mssen doch
damals, mit Permission, schon ein halbwachsenes junges Ding gewesen sein.
    Nein, versicherte Ulrike.
    Nun, fuhr Frau Hulen fort, die beiden alten Sngebuschens, die hier
gleich um die Ecke wohnten, zwei Huser von der Waisenkirche, die waren es also.
Er war Registrator, aber frher war er Soldat gewesen und hatte unter vier
Knigen gedient, und als das Rheinsberger Denkmal fertig war und Prinz Heinrich
alle alten Soldaten einlud, da lud er auch den alten Sngebusch ein, da er mit
dabeisein sollte. Ich habe den Brief selbst gesehen, alles deutsch geschrieben,
aber Henri war franzsisch. Und als er nun starb, ich meine den alten
Sngebusch, da fanden sie einen Zettel, darauf geschrieben stand, da er in
einem grnen Sarge begraben werden wolle, blo um seinen Glauben und seine
Zuversicht zu zeigen, da sein liebes Vaterland Preuen wieder aufkommen
wrde... Und nun starb ja die Frau, die auch alt und krank war, denselben Tag,
und so kam es, da zwei grne Srge bestellt wurden. Der alte Prediger Buntebart
aber, als sie begraben werden sollten, lie eine schwarze Bahrdecke darber
decken, weil er ngstlich war und keinen Lrm und keinen Aufstand haben wollte.
Aber da kannt er die Berliner schlecht, und als der Zug sich in Bewegung setzte,
rissen sie die Bahrdecke herunter, da die grnen Srge wieder sichtbar wurden,
und so trugen sie sie zwischen vielen tausend Menschen hin, und alles nahm den
Hut ab und dachte bei sich: Ob wohl der alte Sngebusch recht behalten wird? Und
er hat recht behalten. Bcker Lehwe, als ich heute das Frhstck holte, sagte
zu mir: Hren Sie, Hulen, Preuen kommt wieder auf. Und der alte Bcker Lehwe
sagt nicht leicht was, was er nicht verantworten kann.
    Herr Ziebold nickte der alten Hulen freundlich zu, Feldwebel Klemm aber, mit
dem linken Zeigefinger zwischen Hals und Krawatte hin- und herfahrend, sagte
halb ungeduldig, halb herablassend: Das ist eine rhrende Geschichte, Frau
Hulen; aber den alten Sngebusch und seinen grnen Sarg in Ehren, er knnte sich
doch geirrt haben.
    Wer nicht? antwortete Schimmelpenning, der nicht leicht eine Gelegenheit
vorbergehen lie, einer von Klemm geuerten Ansicht zu widersprechen. Wer
nicht? sage ich noch einmal; Sie, ich, jeder. Irren ist menschlich, aber dieser
alte Sngebusch hat sich nicht geirrt. Ich bitte mich nicht mizuverstehen;
grne Srge hin, grne Srge her, ich bin Protestant und verachte jeden
Aberglauben. Diese grnen Srge sind eine Kinderei. Aber wir mssen doch wieder
aufkommen, und warum? Weil wir die Gerechtigkeit haben. Da liegt es. Iustitia
fundamentum imperii. Zeigen Sie mir in der ganzen alten und neuen Geschichte so
etwas wie die Mhle von Sanssouci oder wie den Mller Arnoldschen Proze. Das
Kammergericht, meine Herrschaften. Und es gibt noch Richter in Berlin, haben
selbst unsere Feinde zugestanden. Ich will nichts gegen die Franzosen sagen,
aber eins mu ich sagen: sie haben keine Gerechtigkeit. Und wo keine
Gerechtigkeit ist, da ist kein Ma, und wo kein Ma ist, da ist kein Sieg. Und
wenn ein Sieg da war, so hat er keine Dauer und verwandelt sich in Niederlage.
Und der Anfang dieser Niederlage ist da. Der Russe drngt nach, wir legen uns
vor, und so zerreiben wir diese franzsische Herrlichkeit wie zwischen zwei
Mhlsteinen.
    Sie sprechen von zwei Mhlsteinen, lchelte Klemm, gut, ich lasse die
zwei Steine gelten, aber was dazwischen zerrieben werden wird, das werden nicht
die Franzosen sein, sondern die Russen.
    Nicht doch, nicht doch, riefen Ziebold und Grneberg gleichzeitig und
setzten dann hinzu: Oder zeigen Sie uns wenigstens, wie.
    Dieser Aufforderung hatte Klemm entgegengesehen.
    Es wre gut, wir htten eine Karte, sagte er; aber ein paar Striche tun
es auch. Frau Hulen, ich bitte um einen Bogen Papier.
    Frau Hulen beeilte sich, den gewnschten Bogen herbeizuschaffen, auf dem
Klemm nun, mit jener Sicherheit, wie sie nur die tgliche Wiederholung gibt,
dieselben Linien zu zeichnen begann, die er schon am Neujahrsabend mit Kreide
auf den Tisch gezeichnet hatte.
    Dann hob er an: Dieser dicke Strich also, wie ich zu bemerken bitte, ist
die Grenze, rechts Ruland, links Preuen und Polen. Achten Sie darauf, meine
Herrschaften, auch Polen. Hier links ist Berlin, und hier, zwischen Berlin und
dem dicken russischen Grenzstrich, diese zwei kleinen Schlngellinien, das sind
die Oder und die Weichsel. Nun mssen Sie wissen, an der Oder und Weichsel hin,
in sechs groen und kleinen Festungen, stecken dreiigtausend Mann Franzosen,
und ebenso viele stecken hier unten in Polen, in einer sogenannten
Flankenstellung, halb schon im Rcken. Ich wiederhole Ihnen, achten Sie darauf;
denn in dieser Flankenstellung liegt die Entscheidung. Jetzt drngt der Russe
nach; schwach ist er, denn wenn eine Armee friert, friert die andere auch, und
schlottrig geht er ber die Weichsel. Und nun geschieht was? Von den
Oderfestungen her treten ihm dreiigtausend Mann ausgeruhter Truppen entgegen,
whrend von der polnischen Flankenstellung her andere dreiigtausend Mann
heraufziehen, sich vorlegen und ihm die Rckzugslinie abschneiden. Und klapp, da
sitzt er drin. Das ist, was man eine Mausefalle nennt. Ich mache mich
anheischig, Ihnen die Stelle zu zeigen, wo die Falle zuklappt. Hier, dieser
Punkt; es mu Kslin sein oder vielleicht Filehne. Ich gehe jede Wette ein,
zwischen Kslin und Filehne kapituliert die russische Armee. Wie Mack bei Ulm.
Was nicht kapituliert, ist tot.
    Alles war erstaunt; nur Schimmelpenning, der in den Weibierlokalen der
Stadt nicht viel weniger gut zu Hause war als sein Gegner, sagte mit
einschneidender Ruhe: Es ist bekannt, Herr Klemm, da Sie diese Stze jetzt
tglich wiederholen, buchstblich wiederholen, wobei es nichts tut, ob Sie die
Weichsel mit Bleistift auf Papier oder mit Kreide auf den Tisch zeichnen. Sie
werden ber kurz oder lang Ungelegenheiten davon haben; doch das ist Ihre Sache.
Eins aber ist meine Sache, Ihnen zu sagen, da ich alles, was Sie tun und
sprechen, unpatriotisch finde.
    Mu ich bei Ihnen Patriotismus lernen? brauste Klemm auf und schlug mit
der flachen Hand auf den Tisch. Ehe Ihnen Ihre Mutter, ich bitte um
Entschuldigung, meine Damen, die ersten Hosen anpate, war ich schon bei Torgau.
Ich habe die Grenadiers gesammelt...
    Ich wei davon, unterbrach ihn Schimmelpenning, aber das waren nicht Sie,
das war der Major von Lestwitz.
    Ich wei nicht, was der Major von Lestwitz getan hat, schrie der immer
aufgeregter werdende Klemm, aber was ich getan habe, das wei ich.
    Und behalten es in gutem Gedchtnis, hhnte Schimmelpenning weiter. Auch
ist es noch keinem eingefallen, Herr Klemm, da Sie jemals eine von Ihren
Grotaten vergessen htten.
    Bei dem Worte gro߫ machte der Nuntius eine lange malizise Pause; Frau
Hulen aber, die den Streit aus der Welt zu schaffen wnschte, wandte sich an
Herrn Schimmelpenning und bat ihn mit eindringlicher Stimme, die auf dem linken
Flgel noch unberhrt stehende Slze herumgehen zu lassen. Es wurde nicht
berhrt, so hoch die Wogen auch gingen. Als das neue Gericht bei der Zunzen
vorbeikam, die von Zeit zu Zeit an Hustenanfllen litt und deshalb vorsichtig
mit reizbaren Sachen sein mute, beugte sie sich zur Hulen und fragte leise:
Viel Pfeffer?, worauf diese antwortete: Nein, liebe Zunz, englisch Gewrz.
Diese beruhigende Erklrung schien von der Alten richtig verstanden zu werden,
denn sie nahm ausgiebig von der Schssel, die sie noch in Hnden hielt. Dem
ausbrechenden Streit der Gegner aber war glcklich gesteuert. Bald darauf wurde
aufgestanden, und nachdem sich, mit Ausnahme von Klemm und Schimmelpenning,
alles die Hnde gedrckt und eine gesegnete Mahlzeit gewnscht hatte, begab man
sich paarweise in Lewins Zimmer, wo nun Punsch und Krausgebackenes herumgereicht
wurde.
    Und nun, liebe Laacke, singen Sie uns was; aber nichts Trauriges, nicht
wahr, Ulrikchen, nichts Trauriges? Ulrike stimmte bei, worauf Mamsell Laacke
bemerkte, da sie nichts Trauriges singen wolle, aber auch nichts Heiteres. Das
Heitere widerstnde ihr, weil es flach und unbedeutend sei; sie liebe das
Gefhlvolle, und man solle immer nur das singen, was der eigenen Natur
entsprche. Denn in unserer Stimme ruht unser Herz.
    Es wurden nun Lewins Noten einer wiederholten Durchsuchung unterworfen, bis
endlich ein paar Opernarien gefunden waren, in denen der vielgerhmte Tenor des
Herrn Ziebold mitwirken konnte. Mamsell Laacke berreichte ihm ein himmelblau
brochiertes Heft, auf dessen Titelblatt zu lesen stand: Fanchon, das
Leiermdchen, von Friedrich Heinrich Himmel, Klavierauszug, Akt II; darunter
ein Bildnis Fanchons, kurzrmlig, mit Kopftuch und einer Art Mandoline in der
Hand.
    Nichts konnte, alles in allem erwogen, willkommener sein als das. Ein Duett
hat immer etwas von dem Reize einer dramatischen Szene. Die Laacke intonierte
und begann, whrend Herr Ziebold seine Linke auf die niedrige Stuhllehne legte:

In heitrer Abendsonne Strahlen,
Dort, wo die Alpenrose keimt,
La ich die liebe Htte malen,
Wo meine Kindheit ich vertrumt.
Da eine Grille nie dich lenke,
Die nur gemeine Seelen krnkt;
Entehren jemals die Geschenke
Von dem, der uns sein Herz geschenkt?

Nachdem diese letzte Zeile nicht nur dreimal wiederholt, sondern seitens der
gefhlvollen Laacke auch mit besonderem Nachdruck vorgetragen worden war, fiel
der Tenor Ziebolds ein, und beide sangen nun die Schlustrophe:

Die Liebe teilet unbefangen,
Was einem nur das Glck beschied,
Und zwischen Geben und Empfangen
Macht Liebe keinen Unterschied.

Ziebold hatte von alter Zeit her eine Force im Tremulando und erzielte damit
auch heute eine solche Wirkung, da die bis dahin khle Stimmung umschlug und
die Gefhle allgemeiner Menschenliebe wenigstens momentan zum Durchbruch kamen.
Der Abend war jetzt entschieden auf seiner Hhe. Frau Hulen empfand dies und
schlug deshalb unverzglich eine Wanderpolonaise vor, die denn auch, durch alle
Zimmer hin, unter geschickter Umkreisung des stehengebliebenen Etisches
ausgefhrt wurde. Zum Schlu aber spielte die Laacke zu hastig und lie
absichtlich einige Takte aus. Bin ich eingeladen, um auf diesem Klimperkasten
dieser froschugigen Mamsell Ulrike zum Tanze aufzuspielen? So drngten sich
die Fragen, und der letzte Moment des Festes war wieder ein Miakkord.

Eine Viertelstunde spter gingen die Paare nach verschiedenen Seiten hin die
Klosterstrae hinunter, die Ziebolds links, auf den Hohen Steinweg zu.
    Das ist nun das letzte Mal gewesen, sagte Frau Ziebold, du bringst mich
nicht mehr hin. Ich habe nicht Lust, mit Mamsell Laacke auf demselben Sofa zu
sitzen. Und dies alberne Ding, die Ulrike! Sah mich an, als htte sie mich noch
nie gesehen; ich glaube gar, sie dachte, da ich sie zuerst gren sollte. Und
wie steht es denn? Sie hilft uns nicht, aber wir helfen ihr. Das gelbe Mohrkleid
und die Zuckerzange lagern nun schon in die zehnte Woche. Hier hielt die
Sprecherin, denn die Luft ging scharf, einen Augenblick inne, um Atem zu
schpfen. Dann aber fuhr sie fort: Und nun gar diese Mannsbilder! Ich wei
wirklich nicht, wer unausstehlicher ist, dieser Klemm, der nur drei Stcke auf
seiner Leier hat, oder dieser Schimmelpenning, der aussieht, als habe er die
Gerechtigkeit erfunden.
    Ziebold lachte und sagte: Du vergit Grnebergen; war er nicht dein
Tischnachbar?
    Freilich war er das; aber glaubst du, da er ein Wort mit mir gesprochen
htte? Und warum nicht! Weil er ein alter Narr ist und immer das liebe
Tchterchen angafft und auf den Prinzen wartet, der sie mit einer goldenen
Kutsche abholen soll. Und dann nimm es mir nicht bel, Ziebold, die Hulen ist
eine gute Frau, aber was waren das fr Pielen? Semmelstcke, und das bichen
Mohn kratzig und multrig.

Die Grnebergs hielten sich derweilen rechts. Als sie um die Ecke der Stralauer
Strae bogen, sagte Ulrike: Ich wei eigentlich nicht recht, was der Hulen
beikommt? Immer so, als ob sie keine arme Frau wre; drei Gerichte und
Krausgebackenes und Punsch. Mir gefllt es nicht, und ich finde es unrecht. Und
dann immer in zwei Stuben, als ob ihr alle beide gehrten! Wenn ich eine Stube
vermiete, so habe ich sie vermietet; der junge Herr von Vitzewitz, der mir das
letzte Mal aufmachte, als ich klingelte, weil die Hulen nicht zu Hause war,
wrde sich doch sehr wundern, wenn er diese Mamsell Laacke mit ihren langen
knchernen Fingern auf seinem Klavier htte herumhantieren sehen. Und diese
Singerei! Da hr ich doch lieber die Kurrende. Aber es soll immer so was sein.
Ein bichen Blindekuh oder ein paar Kartenkunststcke, das ist ihr nicht
genug... Und was fr Menschen! Er, Ziebold, das mu wahr sein, ist ein kulanter
Mann, und man merkt es ihm an, da es ihm nicht an der Wiege gesungen worden
ist. Aber diese Person, seine Frau! Immer in Seide und mit Korallenohrbommeln;
ich mag nicht wissen, wem sie gehren. Sie mu doch Mitte Vierzig sein, und
dabei ausgeschnitten wie die jngste. Aber das wei ich, ich gehe nicht wieder
hin. Ich will mir nicht meinen Ruf verderben.

So dachten auch die andern. Befriedigt war nur Frau Hulen selbst.

                                Fnftes Kapitel



                                Soiree und Ball

Um die vierte Stunde des andern Tages, die Sonne war eben unter, hielten die
seit einer Woche kaum noch aus dem Geschirr gekommenen Hohen-Vietzer Ponies vor
dem uns aus dem Beginn unserer Erzhlung bekannten Hause in der Klosterstrae.
Lewin hatte die Leinen genommen und wartete geduldig auf die Rckkehr des
Kutschers, der abgestiegen war, um den altmodischen, mit vielen Riemen
zugeschnallten Mantelsack in die Frau Hulensche Wohnung hinaufzutragen. Das
Gefhrt war nicht mehr der nur fr eine Nachtfahrt geeignete Sack- und
Planschlitten, sondern der leichte zweisitzige Kaleschwagen, mit dem Berndt
seine hier- und dorthin gehenden Ausflge zu machen pflegte. Es wurd unserm
Freunde nicht schwer zu warten, denn der ganze nordwestliche Himmel glhte noch,
und die kleine, fast unmittelbar zu seiner Linken gelegene, ringsumher von Efeu
umwachsene Klosterkirche stand wie ein Schattenbild in dieser abendlichen Glut
und nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Von allen Seiten kamen Krhen heran,
setzten sich auf die Zacken des Giebelfeldes und berieten sich, wie sie zu tun
pflegen, fr die Nacht. In der Strae war nur wenig Leben; die Laternen wurden
an ihren langen Drahtketten herabgelassen, langsam angezndet und langsam und
knarrend wieder in die Hhe gezogen. Endlich kam Krist zurck, und whrend
dieser, ohne wieder aufzusteigen, das Fuhrwerk nach dem Grnen Baum
hinberdirigierte, ffnete Lewin die schwere, mittelst eines innen angebrachten
Steingewichts sich von selbst schlieende Haustr und stieg die Treppen hinan.
    Auf der dritten und letzten schimmerte schon das Licht, mit dem Frau Hulen
auf den Flur getreten war, teils um ihrem jungen Herrn Lewin ihren Respekt zu
bezeigen, aber noch mehr, um die dicke Efeugirlande ber der Tr sichtbar zu
machen, die sie zu seinem Empfange geflochten.
    Guten Abend, Frau Hulen. Damit trat er erst in den Alkoven und von diesem
aus in das groe Vorderzimmer, das die Liebe und Sorgfalt der Alten in hnlicher
Weise festlich hergerichtet hatte. Auf dem runden Sofatische standen zwei kleine
brennende Lichter, Kaffeegeschirr und ein Napfkuchen, whrend eine zweite
Girlande, auch von Efeu, aber schmal und zierlich und aus einzelnen Blttern
zusammengenht, die damastne Kaffeeserviette einfate.
    Aber das ist ja, als ob ein Brutigam einzge, Frau Hulen; wo kommt nur all
der Efeu her?
    Kirchenefeu, junger Herr.
    Also von drben?
    Ja, drben von der Klosterkirche; ich hab ihn an dem linken Chorpfeiler
gepflckt, wo Kster Susemihls Johanna mit dem kleinen Wrmchen begraben liegt.
All in eins, Mutter und Kind. Es sind nun drei Jahr. Knnen sich der junge Herr
nicht mehr entsinnen?
    Nein. Was war es denn damit?
    Es soll ein Marschall gewesen sein; aber Herr Kaufmann Ziebold hat mich
ausgelacht; es sei freilich ein Marschall gewesen, aber blo ein franzsischer
Logiermarschall, was sie bei uns einen Wachtmeister nennen. Na, lieber Gott, ich
kann es nicht wissen, ich bin eine alte Frau, aber das wei ich, Marschall oder
nicht, da er einen schweren Stand haben wird, denn es war ein gutes Kind, die
Johanna, und sie hielt auf sich, und selbst die alte Zunzen, die von jedem was
wei, wute ihr nichts nachzusagen. Es war noch ein Glck, da das Kind gleich
tot war. Einige sagen freilich, es wre nicht tot gewesen, aber ich glaub es
nicht, und man soll nicht sagen, was man nicht beweisen kann. Und nun langen Sie
zu, junger Herr, und schenken sich ein, ehe der Kaffee kalt wird.
    Ja, Frau Hulen, das ist leichter gesagt als getan. Wo denken Sie hin? So
bei Grberefeu...
    Ach, junger Herr, da kenn ich Sie besser. Wenn die Dienstagsherren hier
sind, der dicke Herr Hauptmann, der immer so spaig ist, und der Herr von Jrga
und der Herr Himmerlich, der solche dnne Stimme hat, und ich hre dann von
nebenan zu, da wei ich schon, je lauter sie lesen und je rhrender es ist,
desto mehr Tassen und Glser mu ich bringen. Und wer dann am meisten dabei ist,
das ist mein junger Herr.
    Nun, Frau Hulen, wenn die Sachen so liegen, da mu ich es schon versuchen,
und dabei schenkte er sich ein und machte sich's bequem, whrend die Alte, um
ihn nicht lnger zu stren, aus dem Zimmer ging.
    Auf dem Tische, zu einem kleinen Fcher geordnet, lagen auch die vier, fnf
Briefe, die whrend seiner Abwesenheit eingegangen waren. Einer von Jrga
enthielt eine kurze Anfrage, wann und wo die nchste Kastaliasitzung stattfinden
solle, ein anderer, erst vor wenig Stunden geschrieben, war von Tubal. Nur
wenige Zeilen. Lewin las:

                                                                      4. Januar

Seit vorgestern abend sind wir wieder hier. Papa, der uns schon frher von Guse
zurckerwartet hatte, hat auf heute (Montag) eine Soiree angesetzt. So du
rechtzeitig eintriffst, la uns nicht im Stich. Wir haben berflu an Herren,
aber nicht an Tnzern. Die Mazurka, die vor dem Feste bei Wylichs aufgefhrt
wurde und in der Kathinka, wie Du gehrt haben wirst, einen ihrer Triumphe
feierte, soll wiederholt werden. Du fehltest damals; sei heute da.
                                                                        Dein T.

Lewin legte das Blatt aus der Hand, das ihn verstimmt hatte. Whrend der Fahrt
war er geschftig gewesen, sich diesen ersten Abend als ein husliches Idyll
auszumalen, alles hell und licht, in dem Frau Hulens weie Haube, die weie
Teekanne und viele quadratisch gefaltete weie Bltter (von denen er jedes zu
beschreiben hoffte) die seinem Auge sich einschmeichelndsten Punkte waren, und
nun zerrann dieser Traum in demselben Augenblicke, in dem er ihn zu
verwirklichen dachte. Er hatte weder Lust zu tanzen noch tanzen zu sehen, am
wenigsten Kathinka, deren Mazurkapartner, wie er sich aus begeisterten
Schilderungen der Freunde sehr wohl entsann, Graf Bninski gewesen war. Und doch
war die Einladung nicht zu umgehen. Er hatte noch zwei Stunden, und mde von der
Fahrt, berwand er mit Hilfe seiner Ermattung seine Mistimmung, drckte sich in
das seegrasharte Sofakissen und schlief ein.
    Als er erwachte, war alles dunkel im Zimmer, die kurzen Lichter
niedergebrannt. Er wickelte sich aus einer Decke heraus, mit der ihn Frau Hulen,
whrend er schlief, zugedeckt hatte; aber es kostete ihn Mhe, sich
zurechtzufinden. Wo war er? Er tappte sich auf das Fenster zu und sah auf die
Strae hinunter. Da waren die Laternen, die in trbem Lichte brannten; drben
der Schatten mit den zwei kleinen Trmen, das war die Klosterkirche. Was war es
doch damit? Wer hatte doch davon erzhlt? Richtig, die Hulen. Da war ja die
Girlande; und Johanna Susemihl und das Wrmchen; und er fhlte nun, da eine
stickige Luft in dem Zimmer war und da der betubende Geruch des Efeus und der
Lichterblak ihm einen dumpfen Kopfschmerz zugezogen hatten. Was tun? Er ffnete
den Fensterflgel, an dessen einem Riegel er sich mechanisch gehalten hatte, und
atmete erst wieder freier, als die kalte Nachtluft in sein Zimmer zog. Dann
klopfte er, und Frau Hulen kam.
    Wie spt ist es?
    Acht Uhr.
    Ei, da hab ich mich verschlafen. Und dies Kopfweh. Ein Glas Wasser, Frau
Hulen, und Licht. Ich mu mich eilen.
    Die Alte lief hin und her; die Kommodenksten flogen auf und zu, und eine
Stunde spter stieg Lewin die breite Steintreppe hinauf, die an Nischen mit
drei, vier Percken-Kurfrsten vorber in das erste Stock des Ladalinskischen
Hauses fhrte. Er warf den Mantel ab, hrte, whrend er in dem Garderobezimmer
seine Toilette ordnete, den gedmpften Strich der Geigen und schritt dann ber
den mit Orangerie besetzten Vorflur in das offenstehende Entree, das, zwischen
den beiden groen Gesellschaftsslen gelegen, gerade die Mitte der ganzen
Zimmerflucht bildete. Es war im brigen ein Entree wie andere mehr, schmucklos,
mit einem einzigen hohen, zugleich als Balkontr dienenden Fenster, und
zeichnete sich durch nichts aus als durch sein Deckenbild: Venus bei dem
Untergange Trojas ohnmchtig in die Arme des Zeus sinkend. Es war das beste der
alten Plafondgemlde und zugleich das wohlerhaltenste.
    Unser Freund, wenig heimisch in der Welt der bildenden Knste, wrde zu
keiner Zeit ein begeistertes Auge fr die Linien dieser Komposition gehabt
haben, am wenigsten hatte er es heute, wo Kopfweh, Mistimmung und ein gerade an
dieser Stelle stattfindendes Gedrnge ohnehin an einer eingehenden Beobachtung
hinderten. Nach links hin lag der Tanzsaal. Lewin sah hinein und bemerkte, da
zwlf oder vierzehn Paare zu einer Anglaise angetreten waren; aber Kathinka
fehlte. Wo war sie? Und bei dieser Frage strmten Bilder und Gedanken auf ihn
ein, die dem Versuche, sie als tricht zu verbannen, nur zgernd und
widerstrebend nachgaben. Er lie nun sein Auge die Sitzreihen niedergleiten, auf
der an der Lngswand des Saales hin die lteren Damen Platz genommen hatten;
aber auch hier vergebens.
    In der Mitte dieser Reihe sa die alte Grfin Reale, Oberhofmeisterin der
Prinzessin Ferdinand, eine Dame von Siebzig oder darber, mit einer gebogenen
und doch spitz auslaufenden Nase. Alles an ihr war grau: die Robe, der Shawl,
das hochaufgetrmte Haar, und sie glich einem bsen Kakadu, besonders als sie
jetzt ein schwarzes Lorgnon mit zwei groen Kristallglsern aufsetzte und Lewin,
dessen hastiges Suchen ihr aufgefallen sein mochte, verwundert und beinahe
strafend ansah. Dieser schlug die Augen nieder und richtete sie ziemlich
verwirrt auf die Nachbarin der alten Grfin. Dies war ein Frulein von
Bischofswerder, Tochter des ehemaligen Ministers und Dame d'atour der
Kniginwitwe. Sie trug das wenige blonde Haar, das sie hatte, in zwei Locken
gelegt, die jetzt aber von der Hitze des Saales ihre ohnehin sprliche
Federkraft verloren hatten und in dnner, ungebhrlicher Lnge bis an den Grtel
hinunterhingen. berhaupt war alles lang an ihr, der Hals und die dnischen
Handschuhe, die bis zum Ellbogen hinaufreichten, und inmitten all seiner
Mistimmung berkam ihn ein Lcheln. Mamsell Laacke ! sagte er vor sich hin.
    Er gab endlich alles weitere Suchen und Forschen auf und schritt in den nach
rechts hin gelegenen Saal hinber, in dem Erfrischungen gereicht und in dicht
umherstehenden Gruppen die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht wurden. Es waren
meist ltere Herren: Adjutanten und Kammerherren der verschiedenen prinzlichen,
damals sehr zahlreichen Hofstaaten, Gesandte kleinerer Hfe, Exzellenzen aus dem
Auswrtigen Departement und Abteilungschefs des Oberfinanzdirektoriums wie der
Kriegs- und Domnenkammer. Einige davon spezielle Freunde des Hauses, so der
Intendant der kniglichen Schlsser und Grten, Herr Valentin von Massow,
Schlohauptmann von Wartensleben, Generaldirektor der kniglichen Schauspiele,
Freiherr von der Reck, und Staatsrat und Polizeiprsident Le Coq. Auch
Universittsprofessoren, rzte, Geistliche und Berliner Stadtzelebritten waren
erschienen; in der ersten Fensternische standen Hofprediger Eylert und der
Oberkonsistorialrat Sack in eifrigem Gesprch, whrend in unmittelbarer Nhe von
Lewin Professor Doktor Mursinna, der damalige berhmteste Chirurg der Stadt, und
der Schauspieler Fleck ein lebhaftes Gesprch fhrten. Lewin verstand jedes Wort
und hrte deutlich, da Mursinna das Hinken Richards III. nicht korrekt finden
wollte. Es htte ihn unter andern Umstnden auf das lebhafteste interessiert,
dem Gange dieser Unterhaltung folgen zu knnen, aber in der Unruhe seines Gemts
fhlte er sich nur bedrckt, auch in diesem Saale keinem nher befreundeten
Gesicht zu begegnen. Von jngeren Mnnern war niemand da, den er kannte. Auch
Bninski nicht, und bei dieser Wahrnehmung stieg ihm pltzlich wieder das Blut in
die Stirn, und er wechselte die Farbe, freilich nur, um sich schon im nchsten
Augenblicke wieder der Vorstellungen zu schmen, womit ihn seine Eifersucht in
immer neuen Anfllen verfolgte.
    Endlich wurd er eines holsteinischen Baron Geertz, Hofkavaliers bei der
Kniginwitwe, ansichtig, der, mit Jrga intim und im Ladalinskischen Hause aus
und ein gehend, im Laufe des Winters einigen Kastaliasitzungen beigewohnt hatte.
Unser Freund nherte sich ihm und fragte nach Jrga und Tubal. Ich bin eben
auf dem Wege zu ihnen, damit schritt der Baron auf eine an der
entgegengesetzten Schmalseite des Saales befindliche Tr zu, schlug die Portiere
zurck und lie Lewin eintreten, whrend er selber folgte.
    Es war das uns wohlbekannte Arbeitszimmer des Geheimrats, das aber heute, um
es als Gesellschaftsraum mitverwenden zu knnen, eine vollstndige Umgestaltung
erfahren hatte. Wo sonst das Windspiel und die Goldfischchen ihre bevorzugten
Pltze hatten, standen Blumenkbel mit eben damals in die Mode gekommenen
Hortensien, whrend vor den hohen, jeder Wegschaffung spottenden Aktenrealen
dunkelrote, mit einer schwarzen griechischen Borte besetzte Gardinen ausgespannt
worden waren. Nur das Bild der Frau von Ladalinski war geblieben. Der groe
Schreibtisch hatte einem vielfarbigen Diwan und einer Anzahl zierlich
vergoldeter Ebenholzsthle Platz gemacht, die sich um einen chinesisch
bermalten Tisch gruppierten. Hier saen die Freunde vor einer unverhltnismig
groen Zahl leerer Glser der verschiedensten Form und Farbe und empfingen Lewin
mit einem so freudelauten Zuruf, wie die gesellschaftliche gute Sitte nur
irgendwie gestattete. Hauptmann Bummcke und Rittmeister von Jrga, die sich's
auf dem Diwan selbst bequem gemacht hatten, nahmen ihn in die Mitte; Tubal, auf
einem der Ebenholzsthle, sa gegenber; Baron Geertz und ein Kammerherr Graf
Brhl rckten ein und schlossen den Kreis. Bummcke, der vor einer Viertelstunde
schon, ehe die Anglaise begann, mit Kathinka gewalzt und, dem bestndigen
Fcheln mit seinem Batisttuch nach zu schlieen, die gehabten Anstrengungen noch
immer nicht berwunden hatte, hatte das Wort.
    Es will nicht mehr gehen, Tubal, und doch tanzt es sich mit Ihrer Schwester
wie mit einer Fee.
    Wo sie nur sein mag, warf Graf Brhl ein, ich suche sie seit zehn
Minuten. Aber umsonst.
    Sie kleidet sich um fr die Mazurka, erwiderte Tubal.
    Und wie sie mich abgefhrt hat, fuhr Bummcke fort, einen Diener
heranwinkend, der mit einem Sherrytablett eben in der Tre erschien. Ich wollte
ihr etwas Verbindliches sagen - deliziser Sherry, Baron Geertz, lassen Sie die
Gelegenheit nicht vorbergehen -, und so sagt ich ihr, mein gndigstes Frulein,
sagt ich, wenn ich so Ihren vollen Namen hre: Kathinka von Ladalinska, da ist
es mir immer wie Janitscharenmusik, ja auf Ehre, es tingelt und klingelt wie das
Glockenspiel vom Regiment Alt-Larisch.
    Und was antwortete sie? fragte Jrga, whrend Lewin und Tubal Blicke
wechselten.
    Nun, sie antwortete kurz: Da passen wir ja zusammen, und als ich, nichts
Gutes ahnend, etwas verlegen anklopfte: Darf ich fragen: wie, mein gndigstes
Frulein?, da sagte sie: Aber, Hauptmann Bummcke, es berrascht mich
einigermaen, Ihr feines Ohr auf die musikalische Bedeutung von anderer Leute
Namen beschrnkt zu sehen. Mu ich Ihnen wirklich das Instrument erst nennen,
das sozusagen von Ihrer ersten Namenssilbe lebt? Und dabei nahm sie meinen Arm,
und ich mute ihr schlielich noch dankbar sein, in dem eben wieder beginnenden
Tanze meine Verlegenheit verbergen zu knnen.
    Die ganze Tafelrunde stimmte lachend in die Heiterkeit des sich selbst
persiflierenden Erzhlers ein, und nur Jrga, whrend er sorgfltig ein
Korkbrckelchen aus seinem Sherryglase herausfischte, gefiel sich in einer
Haltung erknstelten Ernstes.
    Ihnen ist nicht zu helfen, Bummcke. Warum tanzen Sie noch? Wer sich in
Gefahr begibt, kommt drin um. Aber ich kenne euch, ihr Herren von der
Infanterie! Das ist die Eitelkeit aller dicken Kapitns, durch einen raschen
Walzer ihre Schlankheit beweisen oder gar wiederherstellen zu wollen. Nein,
Bummcke, Sie tanzen entweder zuviel oder zuwenig. Zuviel fr das Vergngen,
zuwenig fr die Kur. Tanzen ist Lieutenantssache. Mit neununddreiig ist man ein
Mann der Dejeuners, der kurzen und der langen Sitzungen, und wenn es eine
Kastaliasitzung wre. Apropos, Lewin, wann haben wir die nchste?
    Wenn wir den Dienstag festhalten, morgen.
    Mir recht, und ich werd es Hansen-Grell und die andern wissen lassen.
Himmerlichs und Rabatzkis sind wir sicher. Aber wie steht es mit Ihnen, Tubal?
Unseres Freundes Bummcke, der, wie ich wahrzunehmen glaube, wegen indiskreter
Enthllung seines Lebensalters mit mir zrnt, werd ich mich persnlich zu
bemchtigen wissen. Es darf niemand fehlen, denn nach wie vor beflissen, dem
ermattenden Springquell der Kastalia einen neuen Sprudel zu geben, hab ich
abermals fr frische Krfte Sorge getragen. Ich sage Krfte; beachten Sie den
Plural. Es sind eben ihrer zwei, mit denen ich komme, zwei verwundete Kameraden.
Weiteres morgen, wenn ich die Ehre haben werde, Ihnen die beiden Herren
vorzustellen. Heute nur noch das. Es waren ihrerzeit Poeten, wie wir deren wohl
oder bel jetzt so viele unter unseren jungen Lieutenants haben; aber die
Kampagnen, die spanische und die russische - denn in der Tat, beide Herren
treffen hier von Nord und Sd her in unserer guten Stadt Berlin zusammen -,
haben ihnen nach der Seite der Dichtung hin nichts abgeworfen. Smolensk und
Borodino lagen nicht gnstig fr die Lyrik. Was sie mitgebracht haben, sind
Wunden und Tagebuchbltter. Aber auch das mu willkommen sein.
    Und ist es, besttigte Lewin, der sich jetzt erhob, um in den Tanzsaal
zurckzukehren. Dies gab das Zeichen fr alle; selbst Bummcke, der eben gehrten
Ermahnungen uneingedenk, schob das erst halb geleerte Glas beiseite und folgte.
    Sie htten den Moment nicht glcklicher whlen knnen; die vier
Mazurkapaare, Bninski und Kathinka, dazu die schlesischen Grafen Matuschka,
Seherr-Tho und Zierotin mit ihren jungen und schnen Frauen waren eben zum
Tanze angetreten, Herren und Damen in einem Kostm, das, ohne streng national zu
sein, das polnische Element wenigstens in quadratischen Mtzen und kurzen
Pelzrcken andeutete. Es waren jene vier Paare, deren Tubal in seinem Billet
erwhnt und die schon auf der Wylichschen Soiree geglnzt hatten. Und nun begann
der Tanz, der, damals in den Gesellschaften unserer Hauptstadt Mode werdend,
dennoch, wenn Polen oder Schlesier von jenseit der Oder zugegen waren, in
begrndeter Furcht vor ihrer berlegenheit immer nur von diesen getanzt zu
werden pflegte.
    Alles hatte sich des grazisen Schauspiels halber herzugedrngt, so da es
schwerhielt, in Nhe der Tr noch einen Platz zu gewinnen. Bummcke, dessen
Embonpoint die Schwierigkeiten verdoppelte, gab es auf, sich neben dem
riesengroen Major von Haacke und der Doppel-Konsistorialratsfigur des
Oberhofpredigers Sack siegreich zu behaupten, und kehrte in das Sanktuarium
zurck, wo er zu seiner nicht geringen berraschung Jrga und Baron Geertz in
den zwei Diwanecken bereits wieder vorfand.
    Tres faciunt collegium. Ich verzeichne diesen Tag als den Tag Ihrer
Bekehrung, empfing ihn Jrga. Besser spt als nie. Neben dem Tanzen ist das
Tanzensehen das Schlimmste, schon um der Verfhrung willen, die notorisch in
allem conspectus liegt.
    Ein Livreediener, augenscheinlich fr diesen Abend nur eingekleidet, ging
vorber.
    Alle Teufel, Grtzmacher, wo kommen Sie hierher? Aber das trifft sich gut;
ein Cliquot, gute Seele. Dann zu Baron Geertz sich wendend, den die
Vertraulichkeit berrascht haben mochte, sagte er: Unser ehemaliger
Regimentsfriseur von Gckingk-Husaren.
    Der Diener kam zurck und setzte zwinkernd eine Flasche mit blankem Kork auf
den Tisch.
    Lewin hatte sich mittlerweile bis in die vorderste Reihe der Zuschauer
geschoben und berblickte wieder den Saal wie eine halbe Stunde vorher. Von den
vier Paaren, die sich in zierlicher Bewegung drehten, sah er nur eins, und
whrend er hingerissen war von der Schnheit der Erscheinung, beschlich ihn doch
zugleich das schmerzlichste der Gefhle, das Gefhl des Zurckstehenmssens und
des Besiegtseins, nicht durch Laune oder Zufall, sondern durch die wirkliche
berlegenheit seines Nebenbuhlers. Er empfand es selbst. Alles, was er sah, war
Kraft, Grazie, Leidenschaft; was bedeutete daneben sein gutes Herz? Ein Lcheln
zuckte um seine Lippen; er kam sich matt, nchtern, langweilig vor. Die alte
Grfin Reale, seiner ansichtig werdend, setzte wieder die groen Kristallglser
auf und lie nach kurzer Musterung das Lorgnon fallen mit einer Miene, die das
Urteil, das er sich selber eben ausgestellt hatte, untersiegeln zu wollen
schien. Die beiden Locken des Fruleins von Bischofswerder hingen noch lnger
und trbseliger herab. Es schien ihm alles ein Zeichen.
    Der Tanz war vorber; alles drngte in den Saal, um den vier reizenden Damen
Dank und Bewunderung auszusprechen; auch Bummcke und Jrga zeigten sich und
schienen durch ihr pltzliches Wiedererscheinen ihre halbstndige Abwesenheit
verleugnen zu wollen.
    Unter den Beglckwnschenden war auch der alte Ladalinski selbst; er
plauderte eben mit der schnen Grfin Matuschka, die, soweit Teint und Taille
mitsprachen, sich siegreich selbst neben Kathinka behauptet hatte, als einer der
Lakaien an ihn herantrat und ihm etwas ins Ohr flsterte.
    Der Geheimrat setzte noch einen Augenblick die Unterhaltung fort, verbeugte
sich dann gegen die junge Grfin und folgte dem Diener. Auf dem Vorflur fand er
einen Boten aus dem Auswrtigen Departement, der ihm ein couvertiertes Schreiben
berreichte. Der Geheimrat, in Verlegenheit, wo er von dem Inhalt desselben
Kenntnis nehmen sollte, trat in das Garderobezimmer und erbrach das Schreiben.
Es waren nur wenige Worte.
    Yorck hat kapituliert. Ein Adjutant Macdonalds brachte dem franzsischen
Gesandten die Nachricht. Der Staatskanzler fhrt eben zum Knig.
    Wer gab Ihnen den Brief? fragte Ladalinski.
    Der Bote nannte den Namen einer dem Ladalinskischen Hause befreundeten
Exzellenz, die zugleich die rechte Hand Hardenbergs war.
    Ich lasse Seiner Exzellenz meinen Dank und meinen Respekt vermelden. Damit
steckte der Geheimrat das Schreiben zu sich und kehrte in die Gesellschaft
zurck.
    Er war entschlossen zu schweigen; als er aber an dem Mittelfenster des Saals
Kathinka und Bninski und gleich darauf auch Tubal in eifrigem Gesprche sah,
lie es ihm keine Ruhe, und er schritt auf die Plaudernden zu.
    Ich hab euch eine Mitteilung zu machen, auch Ihnen, Graf; aber nicht hier.
    Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich nach dem zunchstgelegenen
Seitenzimmer, das, fr gewhnlich von Kathinka bewohnt, heute, wie sein eigenes
Arbeitscabinet, mit in die Reihe der Empfangsrume hineingezogen worden war.
Einige Paare, deren Herzensbeziehungen vielleicht nicht lter waren als dieser
Abend, hatten in der Stille dieses ohnehin nur durch wenige Lichter und eine
rubinrote Ampel erleuchteten Boudoirs eine Zuflucht gesucht; jetzt
aufgescheucht, verlieen sie, je nach ihrem Temperamente, heiter oder mit einem
Anfluge von Verstimmung ihre Pltze.
    Kathinka wies auf die Sthle, die frei geworden waren; aber Ladalinski
sagte: Nehmen wir nicht Platz, wir knnen uns ohnehin der Gesellschaft nicht
entziehen. Was ich zu sagen habe, ist kurz: Yorck hat kapituliert.
    Eh bien! bemerkte Kathinka, offenbar enttuscht, nach all dem Ernst, den
ihr Vater zur Schau getragen hatte, nichts weiter zu hren als das. Sie war
durchaus unpolitisch und kannte nur Persnliches und Persnlichkeiten.
    Kathinka! rief der Graf, in der Erregung des Moments sich einen Augenblick
vergessend, verbesserte sich aber schnell und setzte mit Frmlichkeit hinzu:
Mein gndigstes Frulein! In seiner Stimme klang ein leiser Vorwurf. Dann, zu
dem Geheimrat sich wendend, dem der Wechsel in der Anrede, erst vertraulich,
dann frmlich, nicht entgangen war, sagte er: Kapitulation! Das heit, er ist
zu den Russen bergegangen.
    Ich vermute es.
    Bninski stampfte mit dem Fue: Und das nennen sie Treue hierlandes!
    Dann und wann erschien ein Kopf an der Portiere, um ebenso schnell wieder zu
verschwinden; der Graf aber, in seiner Erregung weder das eine noch das andere
wahrnehmend, fuhr mit Bitterkeit fort:
    O dies ewige Lied von der deutschen Treue! Jeder lernt es, jeder singt es,
und sie singen es so lange, bis sie es selber glauben. Die Stare mssen es
hierzulande pfeifen. Ich bin ganz sicher, da dieser General Yorck alles
verachtet, was nicht einen preuischen Rock trgt, und das Ende davon heit
Kapitulation!
    Eine peinliche Pause folgte; keiner vermochte das rechte Wort zu finden, und
whrend in dem alten Ladalinski sich polnisches Blut und preuische Doktrin wie
Feuer und Wasser befehdeten, fhlte Kathinka, da sie durch ihr unbedachtes Eh
bien diesen Sturm zur Hlfte heraufbeschworen hatte.
    Tubal fate sich zuerst. Ich glaube, Graf, Ihr Eifer verwirrt Ihr Urteil.
Sie wissen, wie ich stehe; berdies sichert mich meine Geburt gegen den Verdacht
eines engherzigen Preuentums.
    Der Geheimrat wurde befangen; Tubal aber, der es nicht sah oder nicht sehen
wollte, sprach in ruhigem Tone weiter:
    Nehmen wir den Fall, wie er liegt. Was geschehen ist, ist ein politischer
Akt. Solang es eine Geschichte gibt, haben sich Umwlzungen, auch die
segensreichsten, durch einen Wort- oder Treubruch eingeleitet. Ich erspare Ihnen
und mir die Aufzhlung. Wenn es Ausnahmen gibt, so sind es ihrer nicht viele,
oder kluge Vorsorglichkeiten haben das Odium zu eskamotieren gewut.
    Der alte Ladalinski atmete auf, whrend Tubal fortfuhr: Wer vor groe,
jenseits des Alltglichen liegende Aufgaben gestellt wird, der soll sich ihnen
nicht entziehen, am wenigsten sich zum Knecht landlufiger Begriffe von Ruf und
gutem Namen machen. Er soll nicht kleinmtig vor Verantwortung zurckschrecken,
denn darauf luft diese ganze Ehrensorge hinaus. Mit Gott und sich selber hat er
sich zu vernehmen. Er soll sich zum Opfer bringen knnen, sich, Leben, Ehre.
Geschieht es in rechtem Geiste, so wird er die Ehre, die er einsetzt, doppelt
wiedergewinnen. Das ist der ewige Widerstreit der Pflichten, zwischen deren Wert
es abzuwgen gilt. Eine Treue kann die andere ausschlieen. Wo die Bewhrung der
einen durch die Verletzung der anderen erkauft werden mu, da wird freilich
immer ein bitterer Beigeschmack bleiben; aber gerade der, der diesen
Beigeschmack am bittersten empfindet, wird aus den reinsten Beweggrnden heraus
gehandelt haben.
    Und es ist General Yorck, an den Sie dabei denken? fragte Bninski mit
einem Anfluge von Spott.
    Gerade an ihn dacht ich. Kurz, Graf, Sie drfen ihn verurteilen, nicht
verdchtigen. Was seine Tat gilt, wird sich zeigen; seine Ehre aber, wie sie
meines Schutzes nicht bedarf, sollte gegen jeden Zweifel oder Angriff gesichert
sein.
    Es schien, da Bninski antworten wollte, aber die Musik begann wieder, und
die jetzt halb zurckgeschlagene Portiere lie erkennen, da die Paare zu einem
Contre zusammentraten. Kathinka, mit dem jungen Grafen Brhl engagiert, mahnte
zum Abbruch des Gesprchs, das ohnehin andere Wege gegangen und von lngerer
Dauer gewesen war, als der Geheimrat bei Beginn desselben vorausgesehen hatte.
Manches war ihm peinlich gewesen; nur Tubals gute Haltung hatte ihn mit diesem
Peinlichen wieder vershnt.
    Ehe der Contre zu Ende war, wute die ganze Gesellschaft von dem groen
Ereignis. Die Wirkung war um vieles geringer, als erwartet werden durfte. Die
Herren versicherten, da sie nicht berrascht seien, da sich vielmehr nur ein
Unausbleibliches vollzogen habe. Die Damen dachten der Mehrzahl nach wie
Kathinka und waren nur klug genug, mit einem gleichmtigen Eh bien
zurckzuhalten. Aber wie gering die Wirkung sein mochte, sie war doch gro
genug, eine gewisse Zerstreutheit hervorzurufen und dadurch die Gesellschaft zu
stren. Schon um zwlf fuhren die ersten Wagen vor, und ehe eine halbe Stunde um
war, hatten sich die Sle geleert.
    Bummcke, Jrga, Lewin, zu denen sich auch Baron Geertz und der alle andern
beinahe um Haupteslnge berragende Major von Haacke gesellt hatten, gingen
zusammen die Treppe hinunter. Unten trennte sich Lewin von ihnen; die vier
andern Herren aber hatten denselben Weg und schritten auf die Lange Brcke zu.
Als sie die Mitte derselben erreicht hatten, sahen sie zu dem Reiterstandbild
des Groen Kurfrsten auf, das in seiner oberen Hlfte vom Marstall und alten
Postgebude her, in deren Fenstern noch Licht war, beleuchtet wurde. Der
prchtige Kopf schien zu lcheln.
    Seht, sagte Jrga, er sieht nicht aus, als ob es mit uns zu Ende ginge.

                                Sechstes Kapitel



                                   Im Kolleg

Lewin schritt die Knigsstrae nach links hinunter, um seine Wohnung auf
nchstem Wege zu erreichen. Ein leiser, aber eiskalter Wind wehte vom
Alexanderplatze her und schnitt ihm ins Gesicht; er zog den Mantelkragen in die
Hh und grte den Wchter, der sich Schutzes halber unter das Portal des
Rathauses gestellt hatte.
    Scharfer Wind, Ehrecke.
    Ja, junger Herr; 's is Bernauscher, der geht immer bis auf die Knochen.
    Damit wnschten sie sich eine gute Nacht, und Lewin hrte nur noch das
Knarren der Laternen, die sich in ihren ber die Strae gespannten Ketten
langsam im Winde hin und her bewegten. Er passierte den Hohen Steinweg, bog in
die Klosterstrae ein und sah hier, immer sich rechts auf dem Brgersteige
haltend, mit halbem Auge nach der andern Seite hinber, wo er seit lange jedes
Haus kannte. Bei Bcker Lehwe war Licht, und der Geruch von frischgebackenem
Brot zog aus dem offenstehenden Fenster der im Souterrain befindlichen Backstube
quer ber den Fahrdamm hin bis zu ihm herber. Dicht daneben, vor dem als
Magazin dienenden alten Lagerhause (dem ehemaligen kurfrstlichen Schlo),
stampfte ein franzsischer Wachtposten, der sein Gewehr an das Schilderhaus
gelehnt hatte, mit beiden Fen in den Schnee und schlug sich mit den Armen
berkreuz, wie die Matrosen tun, wenn sie die Finger wieder geschmeidig haben
wollen. Dann kam das Graue Kloster und dann die Klosterkirche, deren beide
Spitztrme eine hohe Schneehaube trugen; sie sa um so fester, je zerbrckelter
die Steine waren.
    Lewin, als er der Kirche ansichtig wurde, fhlte pltzlich ein Verlangen,
dem Grabe Johanna Susemihls einen Besuch zu machen. Er ging von der rechten auf
die linke Seite der Strae hinber und trat durch einen zerfallenen Bogengang
auf den Kirchhof. Alles war dicht verschneit. Er sah aber bald, da ein Pfad in
den Schnee getreten war, der an den Grbern vorbei und, wo diese schon
eingesunken waren, auch ber sie hinweg um die Kirche herumfhrte. Diesen Weg
schlug er ein, bis er an den linken Chorpfeiler kam. Da war es, das Grab. Von
dem Efeu, der es berwuchs, war unter der weien Grabdecke nicht viel zu sehen,
aber an dem Pfeiler stieg er, von Schnee nur wenig berstreut, bis dicht unter
das Dach empor. An eben diesem Pfeiler lehnte auch das Holzkreuz, das, trotzdem
es kaum drei Jahre stand, schon wieder halb umgefallen war und mit seiner
Aufschrift - soviel sich erkennen lie, nur ein Name ohne Spruch und Datum -
klagend oder bittend gen Himmel sah. Lewin fhlte sich erschttert von dem
Anblick und faltete unwillkrlich die Hnde; dann verfolgte er im Schnee hin den
schmalen Weg weiter, bis er wieder an die Stelle kam, von der er ausgegangen
war, und schritt nun ber den Damm hin auf seine Wohnung zu.
    Frau Hulen war noch auf; sie ging nicht gern eher zu Bett, als bis sie ihren
jungen Herrn unter Hut und Obdach wute.
    Raten Sie, Frau Hulen, wo ich herkomme?
    Von dem Geheimrat, wo das schne Frulein ist.
    Da war ich auch. Vorher. Aber jetzt.
    Ich kann es nicht raten.
    Von Johanna Susemihl.
    Und um Mitternacht!
    Das ist die beste Zeit. Wissen Sie, Frau Hulen, mir tut die Johanna leid.
Wer kann immer tugendhaft sein?
    Gott, Gott, junger Herr, was is das nur mit Ihnen!
    Lewin antwortete nicht und pfiff leise vor sich hin. Er schien zerstreut und
die Gegenwart der Alten kaum zu bemerken. Endlich begann er wieder: Ich bin
noch nicht mde, Frau Hulen; das macht, ich habe heute nachmittag meinen Schlaf
vorweggenommen. Bringen Sie mir noch die grne Schirmlampe, die kleine mit dem
runden Fu; ich will noch lesen.
    Frau Hulen tat, wie ihr geheien, empfahl ihm noch, seinen Mantel ber das
Fuende zu legen und dreimal, ohne sich zu rhren, bis hundert zu zhlen, und
lie ihn dann allein.
    Er war in der Tat in einer Aufregung, die die guten, ihm von der Alten
gegebenen Regeln nur allzusehr rechtfertigte. In fieberhafter Schnelle lsten
sich die auf ihn einstrmenden Bilder untereinander ab, und wechselnde Gestalten
umschwirrten und umdrngten ihn: Kathinka trat zur Mazurka an, aber ihr Tnzer
war nicht Bninski, sondern Bummcke; dann sah er den Grafen mit Johanna Susemihl
neben dem Chorpfeiler stehn, und dann wieder kam General Yorck ber ein weites
Schneefeld geritten, das immer enger wurde, bis es der Klosterhof war, und
drohte den beiden, die sich hinter dem Chorpfeiler zu verstecken suchten, mit
dem Finger. Endlich wichen die Gestalten; das Fieber fiel von ihm ab, und ein
Zustand ser Mattigkeit berkam ihn, in dem dann und wann sogar ein
Hoffnungsflmmchen aufzuckte. Zugleich regte sich der Wunsch in ihm, dieser
Stimmung, in der sich Trauer und Hoffnung die Waage hielten, Ausdruck zu geben.
Er schritt auf seinen altmodischen Sekretr zu, stellte vom Tisch her die kleine
Schirmlampe auf die lngst schrggedrckte, bei jeder Berhrung knarrende
Platte, nahm aus einem der Fcher eine Anzahl immer bereitliegender weier
Bltter und schrieb:

Trste dich, die Stunden eilen,
Und was all' dich drcken mag,
Auch das Schlimmste kann nicht weilen,
Und es kommt ein andrer Tag.

In dem ew'gen Kommen, Schwinden,
Wie der Schmerz liegt auch das Glck,
Und auch heitre Bilder finden
Ihren Weg zu dir zurck.

Harre, hoffe, nicht vergebens
Zhlest du der Stunden Schlag;
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und - es kommt ein andrer Tag!

Es war ihm von Zeile zu Zeile freier ums Herz geworden. Er schob das Blatt unter
die anderen Bltter, legte sich nieder und schlief ein.

Es war schon acht Uhr vorber, als Frau Hulen, die die ganze Wochen- und
Tageseinteilung genau kannte und wohl wute, da der Dienstag Kollegientag
war, nach mehreren gescheiterten Versuchen, ihren jungen Herrn durch
Tassenklappern und ffnen der Alkoventr zu wecken, endlich eine Blechschippe
mit groem Lrm, als wrden zwei Becken zusammengeschlagen, umfallen lie. Das
half denn auch; Lewin fuhr auf, suchte noch halb schlaftrunken auf dem
Nachttisch umher und lie die Uhr repetieren. Acht und ein Viertel! Er erschrak
ber die spte Stunde, lie es sich aber angelegen sein, durch Eile das
Versumnis wieder einzubringen, und stand zwanzig Minuten spter marschfertig in
seinen Stiefeln.
    Der feste Schlaf hatte ihm wohlgetan, alle trben Gedanken waren wie
verflogen, und erst der Anblick seiner eignen Strophen, die nur halb versteckt
auf der Sekretrplatte lagen, rief ihm die Stimmung des vorigen Abends zurck.
Aber nur in seinem Gedchtnis, nicht in seinem Gemt. Er berflog die Zeilen und
schlo mit halblauter Stimme: Und es kommt ein andrer Tag Dabei war ihm so
frisch zu Sinn, als ob dieser andere Tag schon angebrochen sei. In gehobener
Stimmung nahm er seinen Weg erst ber die Lange Brcke, dann an der Stechbahn
und Schlofreiheit vorbei und schritt auf die Universitt, das ehemalige Prinz
Heinrichsche Palais, zu.
    Er machte diesen Weg nur zweimal in der Woche. Bereits hoch in den
Semestern, ja seit dem Herbste mit seinem Triennium fertig, fand er es
ausreichend, nur noch das zu hren, was ihm besonders zusagte oder so glcklich
lag, da es ihm die Tage, die er frei haben wollte, nicht unterbrach. So hrte
er bei Savigny, bei Thaer und Fichte, die alle drei am Dienstag und Freitag, und
zwar in drei hintereinanderfolgenden Stunden lasen. An den brigen Tagen hielt
er sich zu Haus, Studien hingegeben, die ganz und gar seiner Neigung
entsprachen. Er las viel, stand ganz in den Anschauungen der romantischen
Schule, verfolgte mit besonderem Eifer die Fehden, die dieselbe fhrte, und nahm
auch wohl gelegentlich selbst an diesen Fehden teil. Seine Lieblingsbcher, die
nicht von seinem Tisch kamen, waren Shakespeare und die Percysche
Balladensammlung; beiden zuliebe hatte er Englisch gelernt, das er nicht sprach,
aber gut verstand. Dann und wann versuchte er sich selbst in einigen Strophen,
nach Ansicht der Kastalia mit Erfolg, nach seiner eigenen Meinung aber ohne
wirklich dichterischen Beruf. Indessen mu gesagt werden, da er hierin zu weit
ging und wenigstens in einem Punkte, vielleicht gerade in dem entscheidenden, in
einer irrtmlichen Strenge gegen sich selbst befangen war. Das nmlich, was er
sich als Schwche auslegte, war in Wahrheit seine Strke. Er machte keine
Gedichte, sie kamen ihm, und er geno des Glckes und Lohnes (des einzigen,
dessen der Dichter sicher sein darf), sich alles, was ihn qulte, vom Herzen
heruntersingen zu knnen.
    Die erste Vorlesung war heute bei Savigny. Er sprach ber Rmisches Recht
im Mittelalter und schien, der vlligen Ruhe nach zu schlieen, mit der er
begann und endigte, von dem groen Tagesereignis, das in der Tat erst im Laufe
der Vormittagsstunden allgemeiner bekannt wurde, nichts gehrt zu haben. Auch in
dem unmittelbar folgenden Thaerschen Kolleg geschah der Kapitulation mit keiner
Silbe Erwhnung, entweder weil der Professor ebenfalls noch ohne Kenntnis war
oder voll feinen Taktes empfand, da das Thema seiner Vorlesung: Der
Fruchtwechsel und die landwirtschaftliche Bedeutung des Kartoffelbaues keine
recht passende Anknpfung gestattete.
    Von elf bis zwlf las Fichte ber den Begriff des wahrhaften Krieges. Es
war ein Collegium publicum, fr das, ebenso mit Rcksicht auf das Thema wie auf
die Popularitt des Vortragenden, von Anfang an der grte der Hrsle gewhlt
worden war; nichtsdestoweniger war alles lngst besetzt, als Lewin eintrat, und
nur mit Mhe gelang es ihm, sich auf der letzten Bank einen halben Eckplatz zu
erobern. Aller Erwartungen waren gespannt, und diese sollten nicht getuscht
werden. Das akademische Viertel war noch nicht um, als der kleine Mann mit dem
scharfgeschnittenen Profil und den blauen, aber scharf treffenden Augen auf dem
Katheder erschien. Er hatte sich mhevoll den Aufgang erkmpfen mssen. Meine
Herren, begann er, nachdem er nicht ohne ein Lcheln der Befriedigung seinen
Blick ber das Auditorium hatte hingleiten lassen, meine Herren, wir sind alle
unter dem Eindruck einer groen Nachricht, die nicht kennen zu wollen mir in
diesem Augenblick als eine Affektation oder eine Feigheit, das eine so schlimm
wie das andere, erscheinen wrde. Sie wissen, worauf ich hinziele: General Yorck
hat kapituliert. Das Wort hat sonst einen schlimmen Klang, aber da ist nichts,
das gut oder bse wre an sich; wir kennen den General und wissen deshalb, in
welchem Geiste wir sein Tun zu deuten haben. Ich meinesteils bin sicher, da
dies der erste Schritt ist, der, whrend er uns zu erniedrigen scheint, uns aus
der Erniedrigung in die Erhhung fhrt. Es werden auch andere Worte und
Auslegungen an Ihr Ohr klingen. Die Feigheit, weil sie sich ihrer selber schmt,
sucht sich hinter Autorittsaussprchen oder einem Kodex falscher Ehre zu
decken; ja, sie flchtet sich hinter den besten Wappenschild dieses Landes. Aber
das Nest des Aares ist kein Krhennest. Es kann nicht sein, da die groe Tat
kleinmtig gemibilligt worden sei, und wr es doch, nun so krftige sich in uns
der Glaube: es ist nicht, auch wenn es ist. Seien wir voll der Hoffnung, die
Mut, und voll des Mutes, der Hoffnung gibt. Vor allem tun wir, was der tapfere
General tat, das heit, entscheiden wir uns.
    Enthusiastisch antwortete das Auditorium, dann schwieg alles, und keine
weiteren Demonstrationen wurden laut, auch nicht, als mit dem Glockenschlage
zwlf der Vortragende abbrach und rasch das Katheder verlie. Nur wie zum
Zeichen persnlicher Verehrung folgten ihm viele durch die langen Korridore hin,
bis er aus dem westlichen Flgel des Gebudes ins Freie trat.
    Lewin war im Auditorium zurckgeblieben, um Jrga zu begren, den er
whrend der Vorlesung auf einer der vordersten Reihen bemerkt hatte. Er fand ihn
in eifrigem Gesprch mit einem jungen Manne, der nach der Beschreibung, die
Tubal in seinem Weihnachtsbriefe gemacht hatte, niemand anders sein konnte als
Hansen-Grell. Und in der Tat, er war es.
    Nach kurzer Vorstellung, in der Jrga seiner Liebhaberei fr kleine
Neckereien wie blich die Zgel hatte schieen lassen, schritten alle drei erst
auf das Portal, dann auf das zwischen den steinernen Schilderhusern gelegene
Gittertor zu und bogen schlielich, um einen gemeinschaftlichen Spaziergang zu
machen, nach rechts hin in die Linden ein.
    Diese waren, trotzdem es ein prchtiger, wenn auch kalter Tag war, wenig
besucht, und nur an dem Hin-und Herfahren vieler Equipagen lie sich erkennen,
da in den diplomatischen Kreisen eine Aufregung herrschen msse.
    An der Ecke des Redernschen Palais, das damals seine Schinkel- Renovierung
noch nicht erfahren hatte, begegneten unsere drei Freunde dem Major von Haacke,
der eben von seinem Prinzen kam.
    Guten Tag, Haacke. Wie steht es?
    Nicht gut.
    Also doch.
    Der Knig ist indigniert; Natzmer mit Ordres, die an Schrfe nichts zu
wnschen briglassen, geht noch heute ins Hauptquartier ab. Kleist bernimmt das
Kommando. Den Alten werden sie vor ein Kriegsgericht stellen; hat er Glck, so
kann es ihm den Kopf kosten.
    Alles Komdie! Es kann nicht sein. Ich kenne Yorck; so brav er ist, so
schlau ist er auch. Er hat Instruktionen gehabt.
    Ich glaub es nicht. Dies sind nicht Zeiten fr Instruktionen; sie binden
nicht blo den, der sie empfngt, sondern auch den, der sie gibt. Und das
Schlimmste ist, sie kompromittieren am dritten Ort. Es lebt sich jetzt am besten
von der Hand in den Mund, und die einzige Instruktion, die jeder stillschweigend
empfngt, heit: Tue, was dir gut dnkt, und nimm die Folgen auf dich.
    Damit trennte man sich wieder, und unsere Spaziergnger schritten am Rande
des Tiergartens hin, einem Lokale zu, das der Mewessche Blumengarten hie. Sie
nahmen an einem kleinen Tische Platz, setzten die Bedienung durch mehrere
Forderungen, die smtlich nicht ausgefhrt werden konnten, in Verlegenheit und
begngten sich endlich damit, einen Kaffee zu bestellen, von dem, in Erwgung,
da es ein Uhr war, keiner recht wute, ob er ihn sich als einen zweiten Morgen-
oder einen ersten Nachmittagskaffee anrechnen solle.
    Lewin war all die Zeit ber weniger mit der Kapitulation als mit der
Kastaliasitzung beschftigt gewesen. Diese reihum gehenden Reunions in ihrem
literarischen Gehalte jedesmal so glnzend wie mglich zu gestalten bildete den
Ehrgeiz jedes einzelnen; heute versammelte man sich bei ihm, und noch war
seinerseits nichts geschehen, um den Erfolg des Abends sicherzustellen.
    Er klagte darber scherzhaft zu Jrga, der ihn in gleichem Ton erst auf die
beiden angekndigten Gste - wie sich bei dieser Gelegenheit ergab, die Herren
von Hirschfeldt und von Meerheimb - und, als auch das nicht vllig ausreichen
wollte, auf Hansen-Grell verwies, der, soweit seine Wissenschaft reiche, immer
etwas Frisches und leidlich Lesbares in der Tasche habe. Sans doute,
aujourd'hui comme toujours.
    Hansen-Grell behauptete das Gegenteil, aber doch mit einer Miene, die
gegrndete Zweifel in seine Versicherung gestattete. Jrga schttelte den Kopf,
und selbst Lewin entschlo sich zu direkterem Vorgehen.
    Haben Sie etwas?
    Nein.
    Ich kenne das, warf Jrga ein. Suchet, so werdet ihr finden.
    Es entstand eine kleine Pause; dann endlich sagte Hansen-Grell, indem er ein
dickes Notizbuch aus der Tasche zog: Gut, ich habe etwas. Aber es ist nicht
eigentlich fertig und wird auch nie fertig werden.
    Nun, erwiderte Lewin, dann ist es so gut wie fertig oder besser als das.
Es gibt ohnehin eine Literatur von Bruchstcken. Fragmente sind das Beste, was
man bringen kann. Geben Sie her.
    Grell ri das Blatt ohne weiteres aus dem Notizbuch heraus und gab es an
Lewin, der, whrend Jrga herzlich lachte, einen Dichter, wie er sich
ausdrckte, einmal wieder auf seinen Winkelzgen ertappt zu haben, die
Strophen rasch berflog und durch mehrmaliges Nicken seine Freude und Zustimmung
zu erkennen gab.
    Der Kaffee war inzwischen gekommen; sie nippten nur, und da die etagenfrmig
aufgestellten Rhododendron- und Magnolientpfe, zu denen sich als uerste
Seltenheit auch noch einige Kamelien gesellten, weder fr Jrga noch fr seine
Begleiter ein besonderes Interesse boten, so brachen sie rasch wieder auf und
gingen auf die Stadt zu.
    An der Ecke der Leipziger und Friedrichsstrae trennten sich ihre Wege.

                               Siebentes Kapitel



                                    Kastalia

Lewin ging zu Tisch. In dem sackgassenartig verbauten Teil der Taubenstrae, von
dem aus damals, wie heute noch, ein schmaler Durchgang auf den Hausvogteiplatz
fhrte, war eine altmodische Weinhandlung, in deren hochpaneeliertem, an Wand
und Decke verruchertem Gast- und Speisezimmer Lewin seine ziemlich einfache
Mittagsmahlzeit einzunehmen pflegte. Rascher als gewhnlich hatte er sie heute
beendet, und vier Uhr war noch nicht heran, als er schon wieder in seiner
Wohnung eintraf. Zwei Briefe waren in seiner Abwesenheit abgegeben worden, einer
von Doktor Sanitz, der sein lebhaftes Bedauern aussprach, am Erscheinen in der
Kastalia verhindert zu sein, der andere vom Kandidaten Himmerlich, zugleich
unter Beifgung eines lyrischen Beitrags. Es waren vier sehr lange Strophen
unter der gemeinschaftlichen berschrift: Sabbat. Lewin lchelte und schob das
Blatt, nachdem er auf demselben mit Rotstift eine I vermerkt hatte, in einen
bereitliegenden, als Kastaliamappe dienenden Pappbogen, in den er gleich darauf
auch die von Hansen-Grell empfangenen Verse sowie seine eigenen Reime vom Abend
vorher hineinlegte. Auch diese beiden Beitrge hatten zuvor ihre Rotstiftnummer
erhalten.
    Hiermit waren die ersten Vorbereitungen getroffen, aber freilich nicht die
letzten. Noch sehr vieles blieb zu tun, trotzdem zugestanden werden mu, da
einzelne Fragen durch eine weise Gesetzgebung aufs glcklichste geregelt und
dadurch wie vorweg gelst waren. So beispielsweise die Bewirtungsfrage. Es hie
in Paragraph sieben des von Jrga entworfenen Statutes wrtlich wie folgt: Die
Kastalia hat sich in Sachen der Bewirtung ihres Namens und Ursprungs wrdig zu
zeigen. Den Grundpfeiler ihrer Gastlichkeit bildet unverrckbar das reine Wasser
und was diesem am nchsten kommt: der Tee. Nur exzeptionell darf ein Rhein- oder
Moselwein geboten werden. Der groe Vereinsbecher bleibt den Priesterhnden
unseres Mitgliedes Lewin von Vitzewitz, als Grnder des Vereins, anvertraut.
Substantia, selbst in Ausnahmefllen, nicht zulssig.
    Dies war Paragraph sieben. Aber seine Voraussicht hatte nicht jede
Schwierigkeit aus der Welt schaffen, am wenigsten die fr Lewin immer brennender
werdende Platzfrage lsen knnen, die sich teils aus der vergleichsweisen Enge
seines Zimmers, teils aus den unausreichenden Mbelbestnden Frau Hulens ergab.
Ein zarter Punkt, den sich Lewin der alten Frau gegenber nicht zu berhren
getraute. Und so muten denn auch heute wieder, unter den Mhen immer erneuten
Ausprobierens, zwei runde Tische nicht blo nebeneinandergerckt, sondern auch
in der Diagonale aufgestellt werden, da, bei Parallelstellung mit der Wand, die
Tre nicht auf- und zugegangen wre und zu einer Strung dieser immerhin
wichtigen, weil einzigen Kommunikationslinie mit Frau Hulen gefhrt haben wrde.
    Endlich war alles geschehen, und Lewin mochte sich seines Werkes freuen,
Lampe und Lichter brannten. Auf dem einen der beiden Tische prsentierte sich
das Symbol der Kastalia, die groe Wasserkaraffe, whrend in der Mitte des
andern der mit Perlen gestickte Tabakskasten aufragte, dessen Haupt- und
Deckelbild den Tod der Knigin Dido darstellte. Zwischen Sofa und Tr, an einer
Wandstelle, die wenigstens von den meisten Tischpltzen aus mit Leichtigkeit
abgereicht werden konnte, stand nach damaliger Sitte ein stnderartiger
Pfeifentisch, die Weichselholzrohre, oder woraus sonst sie bestehen mochten, mit
Puscheln und Quasten reich geschmckt, whrend einige Rheinweinflaschen und
neben ihnen der in dnnstem Silberblech getriebene Kastaliabecher in einer Ecke
des Fensterbrettes ihrer Zeit warteten.
    Frau Hulens Schwarzwlder Uhr, deren Ticktack man auch in Lewins Zimmer
hrte, hatte kaum sieben ausgeschlagen, als es klingelte. Es waren Rabatzki und
Himmerlich, die sich auf der dritten Treppe getroffen und trotz der herrschenden
Dunkelheit erkannt oder doch auf gut Glck hin begrt hatten.
    Waren sie doch, nach einer Art von stillschweigendem bereinkommen, immer
die ersten und benutzten die Minuten, die ihnen bis zum Eintreffen der anderen
Mitglieder blieben, zur Erledigung von redaktionellen Fragen. Rabatzki gab
nmlich ein kleines Sonntagsblatt heraus, und ohne bertreibung durfte gesagt
werden, da der lyrisch-novellistische Teil desselben jedesmal vor Beginn der
letzten Kastaliasitzung endgltig festgestellt wurde.
    Nur heute nicht. Rabatzki hatte kaum Zeit gefunden, an seine rechte Hand,
wie er Himmerlich gerne nannte, eine erste Frage zu richten, als das Erscheinen
des Rittmeisters alle weiteren Unterhandlungen unmglich machte. Mit Jrga
waren die beiden angekndigten Gste, von Hirschfeldt und von Meerheimb,
erschienen, von denen der letztere den linken Arm noch in der Binde trug. Lewin
sprach ihnen aus, wie sehr erfreut er sei, sie zu sehen, doppelt, wenn, wie Herr
von Jrga in Aussicht gestellt habe, sie sich bereit zeigen sollten, durch
Mitteilungen aus ihren Tagebuch- und Erinnerungsblttern zu dem gelegentlich
etwas matt sprudelnden Quell der Kastalia beizusteuern. Beide Herren verneigten
sich, whrend Jrga zwei Manuskripte, deren er sich schon vorher zu versichern
gewut hatte, an Lewin berreichte.
    Dieser hoffte, noch vor Beginn der Sitzung zu einem einigermaen eingehenden
Gesprche mit den ihm bis dahin persnlich unbekannt gebliebenen Gsten
Gelegenheit zu finden; er war aber kaum ber die erste Begrung hinaus, als ein
abermaliges Klingeln die eben begonnene Unterhaltung unterbrach. Es waren Tubal
und Bninski, die eintraten. Lewin erwartete, zwischen dem Grafen und
Hirschfeldt, die beide in Spanien, aber auf verschiedenen Seiten gefochten
hatten, von Anfang an ein gespanntes Verhltnis eintreten zu sehen; aber gerade
das Unerwartete geschah. Bninski, durch Tubal vorbereitet, wandte sich mit einer
Politesse, in der fast mehr noch ein Ton der Herzlichkeit als der bloer
Artigkeit klang, sofort an Hirschfeldt, und wenn auch allerhand Fragen und
Unterbrechungen, wie sie namentlich Jrga liebte, ein andauerndes Gesprch
nicht aufkommen lieen, so verfehlte der Graf doch nicht, durch kleine
Aufmerksamkeiten die besonderen Sympathien auszudrcken, die er fr seinen
Gegner empfand.
    Infanteriekapitn von Bummcke war der letzte. Jrga konnte ihm das nicht
schenken und hielt ihm die Uhr entgegen.
    Militrs, lieber Bummcke, kennen keine akademischen Viertel. In
Sommerzeiten mcht es, in Anbetracht Ihrer besonderen Verhltnisse, hingegangen
sein; aber bei zwlf Grad Klte kann ich keinem Embonpoint der Welt eine
Unpnktlichkeit von beinahe zwanzig Minuten zugute halten.
    Anfangen, anfangen! riefen mehrere Stimmen, unter denen die von Rabatzki
und Himmerlich deutlich erkennbar waren. Lewin, whrend Mitglieder und Gste
sich, so gut es ging, um die zwei Tische her gruppierten, klopfte mit einem
Zuckerhammer auf und nahm dann selber auf seinem durch ein aufgelegtes
Sofakissen zu einer Art Prsidentenstuhl umgewandelten Lehnsessel Platz. Er war
kein Meister in der Rede, aber Amt und Situation lieen ihm keine Wahl.
    Meine Herren, hob er an, ich heie Sie willkommen. Wir sind leider nicht
vollzhlig. Unsere beste kritische Kraft ist ausgeblieben: Doktor Sanitz hat
sich brieflich entschuldigt. Dagegen freue ich mich, Ihre Aufmerksamkeit auf
eine stattliche Reihe von Vorlagen, darunter auch Drucksachen, hinlenken zu
knnen. Unter diesen Drucksachen stehen diejenigen Publikationen obenan, die von
frheren Mitgliedern der Kastalia herrhren. Es sind dies Die Ahnen von
Brandenburg, ein epischer Hymnus von Friedrich Graf Kalckreuth, und die vor
wenig Tagen erst bei J. E. Hitzig hierselbst erschienenen Dramatischen
Dichtungen von Friedrich Baron de la Motte-Fouqu, unter denen sich, neben
altnordischen Sachen, auch Die Familie Hallersee und Die Heimkehr des Groen
Kurfrsten befinden, die whrend des vorigen Winters in unserem Kreise zuerst
gelesen und mit soviel Jubel aufgenommen wurden.
    Hier unterbrach sich Lewin, um die beiden genannten Bcher kursieren zu
lassen. Dann fuhr er fort: An neuen Beitrgen fr die heutige Sitzung sind fnf
Arbeiten eingegangen, sehr verschieden an Umfang: lyrische oder lyrisch-epische
Dichtungen, ferner Tagebuch- und Erinnerungsbltter aus Spanien und Ruland. Es
ist Regel, mit den lyrischen Sachen zu beginnen und alles, was dem Gebiete der
Erzhlung angehrt, folgen zu lassen. Ich ersuche Herrn Kandidaten Himmerlich,
uns seine, wenn ich recht gesehen habe, aus dem Englischen bersetzten Strophen
vorlesen zu wollen. Sie fhren den Titel: Der Sabbat.
    Mit diesen Worten berreichte Lewin das Blatt.
    Jrga war bei Nennung der berschrift in ziemlich demonstrativer Weise mit
der linken Handflche ber das Kinn gefahren.
    Himmerlich, in unverkennbarer nervser Unruhe und eifrig bemht, das
mehrmals eingekniffte Blatt wieder glattzustreichen, wiederholte zunchst: Der
Sabbat, Gedicht von William Wilberforce.
    Ist das derselbe Wilberforce, fragte Jrga, der den Sklavenhandel
abgeschafft hat?
    Nein, im Gegenteil.
    Nun, er wird ihn doch nicht wieder eingefhrt haben?
    Auch das nicht. Der einen so berhmten Namen fhrende junge Dichter, mit
dem ich Sie heute bekannt machen mchte, ist Fabrikarbeiter. Wenn ich sagte im
Gegenteil, so wollte ich damit ausdrcken, da er selber noch in einer Art von
Sklaverei steckt. Ich fhle das Unlogische meiner Wendung und bitte um
Entschuldigung.
    Gut, gut, Himmerlich. Nicht immer gleich empfindlich.
    Jede Art von Empfindlichkeit ist mir durchaus fremd. Ich bitte aber, da ich
einmal das Wort habe, einige Bemerkungen vorausschicken zu drfen. Es ist Ihnen
allen bekannt, da die englische Sprache mit kurzen Wrtern berreich gesegnet
ist und da dieselbe, nicht immer, aber oft, in einer einzigen Silbe das zu
sagen versteht, wozu wir deren drei gebrauchen. Weibliche Reime, um auch das
noch zu bemerken, haben die Englnder so gut wie gar nicht.
    Wie verwerflich!
    Aus diesen sprachlichen Unterschieden erwachsen Schwierigkeiten, auf die
wenigstens kursorisch einzugehen Sie mir gtigst gestatten wollen.
    Nein, lieber Himmerlich, vorbehaltlich prsidieller Entscheidung gtigst
nicht gestatten wollen. Ich habe bis hierher geschwiegen, sehr wohl wissend,
jedes Huhn kakelt, ehe es sein Ei legt. Aber diesem bis zu einem gewissen Grade
nachzugebenden Naturrecht steht, wenn es auszuschreiten droht, das geschriebene
Recht der Kastalia gegenber. Paragraph neun unserer Statuten regelt die Frage
der Vorreden ein fr allemal und gibt diesen selber ihr zustndiges Ma. Auch
von dem Redefeuer gilt des Dichters Wort: Wohlttig ist des Feuers Macht, wenn
sie der Mensch bezhmt, bewacht. Ich habe den Eindruck, da das statutenmig
vorgesehene Ma bereits berschritten wurde, und bitte deshalb unseren Herrn
Vorsitzenden, auf Vortrag der Dichtung selbst dringen zu wollen.
    Lewin nickte zustimmend, und Himmerlich, indem er sich leicht verfrbte,
begann mit vibrierender Stimme:

's ist Sabbatfrh, und noch im Sinken spendet
Ein zaubrisch Licht des Vollmonds Silberpracht.
Es ist noch frh, die Mitte kaum beendet
Der stillen, sternenblassen Sommernacht;
Schon hab ich froh mich auf den Weg gemacht
Am Rain entlang, entlang an Wald und Auen
Und harre nun, auf da der Tag erwacht,
Um andachtsvoll dem Schauspiel zuzuschauen,
Vor dessen Majestt die Herzen bertauen.

Die Lerche wacht; mit flatterndem Gefieder
Erhebt sie sich, verschmhend unsre Welt,
Und wie sie steigt, so werden ihre Lieder
Von Lust und Wohlklang mehr und mehr geschwellt.
Das Wasserhuhn, als wrd ihm nachgestellt,
Entflieht vor mir mit hast'gem Flgelschlagen,
Sogar das Lamm erschrocken innehlt,
Und statt am Grase ruhig fort zu nagen,
Reit es vom Pflock sich los, um bers Moor zu jagen.

An dieser Stelle erfuhr die Vorlesung durch das Erscheinen der Frau Hulen, die
mit dem Teebrett eintrat, eine Unterbrechung. Lewin, immer voll Mitgefhl mit
Poeteneitelkeiten, schon weil er sie selber durchgemacht hatte, winkte mehrmals,
da sich die Alte zurckziehen mchte; aber es war schon zu spt, und Himmerlich
hatte durch ein minutenlanges Martyrium zu gehen. Er dankte kurz, als das
herumgehende Tablett auch an ihn kam, schickte der endlich wieder
verschwindenden Alten einen Blick voll tragikomischen Hasses nach und fuhr dann
mit gehobener Stimme fort:

Nun wird es hell, und sieh, der Berge Gipfel
Erglhen purpurn, und der Feuerball
Der Sonne selbst vergoldet schon die Wipfel
Und scheucht ins Tal der Nebel feuchten Schwall;
Und hher in die Kuppel von Kristall
Will sich der ew'ge Strahlenquell erheben,
In Hh und Tiefe Licht wird's berall,
Bis schlucht-entlang die letzten Schatten schweben -
Ein neuer Tag ist da und atmet neues Leben.

Jetzt la mich, Gott, Gemeinschaft mit dir halten !
Quell aller Weisheit, Herr und Vater mein,
Du siehst mein Herz, dir spricht mein Hndefalten,
O la dein Licht auf meinen Wegen sein;
Gib mir die Kraft - du gibst sie nur allein -,
Aus Snd und Schwachheit mich herauszuschlen,
Und lehre mich, an deines Auges Schein
Des eignen Auges matten Sinn zu sthlen,
Auf da die Lust ihm wird, den rechten Pfad zu whlen.

Kaum da die letzte Zeile verklungen war, so erhob sich Buchhndler Rabatzki von
seinem Platz und sagte in einem Ton, in dem Wichtigkeit und Bescheidenheit
bestndig miteinander rangen: Meine Herren! Ohne Ihrem kompetenteren Urteil
(Sehr gut, Rabatzki!) irgendwie vorgreifen zu wollen, bitt ich nur einfach
von meinem vorwiegend geschftsmnnischen Standpunkt aus bemerken zu drfen, da
ich mich glcklich schtzen wrde, diese Strophen in der nchsten Nummer meines
Sonntagsblattes, und zwar ausnahmsweise an der Spitze desselben, bringen zu
knnen. Ich bitte Herrn Himmerlich, mich dazu autorisieren, zugleich aber auch
in einer Anmerkung einige kurze biographische Notizen ber den englischen
Dichter, der mir seines berhmten Namensvetters durchaus wrdig zu sein scheint,
geben zu wollen.
    ber Himmerlichs Gesicht, der diese schmeichelhaften Worte Rabatzkis als ein
gutes Omen fr alles Kommende ansah, flog es wie Verklrung. Er sollte seines
Triumphes aber nicht lange froh bleiben. Jrga klopfte den Fidibus aus, mit dem
er eben eine frische Pfeife angeraucht hatte, und sagte: Unseres Freundes
Rabatzki sonntagsblattliche Begeisterung in Ehren, eines mcht ich wissen, ist
es ein Bruchstck?
    Nein.
    Dann gestatten Sie mir die Behauptung, da Ihr Sabbat zwar ein Ende, aber
keinen Schlu hat.
    Es wird sich darber streiten lassen. Ich glaube nicht, da es ntig war,
meinen Morgenspaziergnger bis an seinen Frhstckstisch zurckzubegleiten.
    Und ich meinerseits mchte bezweifeln, da Sie dem Gedichte durch eine
solche gemtlich-idyllische Zutat geschadet htten. Indessen lassen wir das.
Aber die Form, die Form, Himmerlich! Sagen Sie, was sind das fr sonderbare
Strophen?
    Es sind sogenannte Spencerstrophen.
    Spencerstrophen? fuhr Jrga fort, ich finde diesen Namen fast noch
sonderbarer als die Verse selbst.
    Ich nehme an, Herr von Jrga߫, antwortete Himmerlich in einem immer
erregter werdenden Tone, da Sie mit dem Bau der Ottaverime vertraut sind,
jener achtzeiligen schnen Strophen, in denen Tasso und Ariost ihre
unsterblichen Werke, den Orlando furioso und das Gerusalemme liberata,
dichteten.
    Jrga, der sich auf diesem Gebiete nichts weniger als zu Hause fhlte,
rauchte strker und suchte seine wachsende Unsicherheit hinter einem mit der
Miene der Superioritt gesprochenen Und nun? zu verbergen.
    Und nun? griff Himmerlich das letzte Wort auf, die Spencerstrophe mag als
ein Geschwisterkind dieser Tasso- und Arioststrophe angesehen werden. Ihre
Reimstellung ist freilich anders, sie hat auch nicht acht Zeilen, sondern neun
und geht in eben dieser neunten Zeile aus dem fnffigen Jambus in den
Alexandriner ber...
    Ist aber nichtsdestoweniger eigentlich ein und dasselbe. Ich beneide Sie,
Himmerlich, um diese Schlufolgerung.
    Eine gereizte Debatte schien unausbleiblich; Lewin indessen schnitt sie
geschickt ab, indem er bemerkte, da es nicht Aufgabe dieses Kreises sein knne,
die greren oder geringeren Verwandtschaftsgrade zwischen Spencerstrophe und
Ottaverime festzustellen. Er msse bitten, auf die Dichtung selber einzugehen,
wenn es nicht vorgezogen wrde, trotz einiger kleiner Ausstellungen des Herrn
von Jrga, die warmen Worte, in denen sich ihr immer treu befundenes Mitglied
Buchhndler Rabatzki bereits geuert habe, einfach als Urteil und
Dankesausdruck der Kastalia selbst zu akzeptieren.
    Hierauf wurde nicht nur berhaupt eingegangen, sondern auch mit einer
Bereitwilligkeit, deren ironischer Beigeschmack von dem unglcklichen Himmerlich
sehr wohl herausgefhlt wurde.
    Wir wenden uns nunmehr dem zweiten der eingegangenen Beitrge zu, fuhr
Lewin fort. Es sind Strophen unseres sehr verehrten Gastes, des Herrn
Hansen-Grell, den in krzester Frist als Mitglied dieses Kreises begren zu
drfen ich als meinen persnlichen, brigens von allen Mitgliedern der Kastalia
geteilten Wunsch ausgesprochen haben mchte. Ich bitte, Herrn Hansen-Grell,
seine Strophen lesen zu wollen.
    Dieser zog, um des Tabakrauches willen, der bereits seine Schleier
auszuspannen anfing, das Licht etwas nher an sich heran und begann dann ohne
Zgern, mit ruhiger, aber sehr eindringlicher Stimme: Seydlitz; geboren zu
Calcar am 3. Februar 1721.
    Ist das die berschrift? unterbrach Jrga.
    Ja, war die kurze Antwort.
    Nun, da bitt ich doch bemerken zu drfen, da mich dieser Titel noch mehr
berrascht als Bau und Reimstellung der Himmerlichschen Spencerstrophe. Geboren
zu Calcar, am 3. Februar 1721, das ist die berschrift eines Nekrologs, aber
nicht eines Gedichtes
    Und vor allem eine berschrift, erwiderte Hansen-Grell in heiterer Laune,
die niemand anders verschuldet hat als Herr von Jrga selbst. Ohne seine
Abneigung gegen alles, was einer Captatio benevolentiae hnlich sieht, wrde der
Titel meines Gedichtes einfach General Seydlitz gelautet haben; aber jeder
Mglichkeit beraubt, das mir unerlliche geboren zu Calcar auf dem
herkmmlichen Vorredewege zu Ihrer freundlichen Kenntnis zu bringen, ist mir
nichts andres briggeblieben, als jene biographische Notiz gleich mit in die
berschrift hineinzunehmen.
    Und so haben wir doch wieder eine Vorrede gehabt...
    Weil wir keine haben sollten. - Aber ich bin zu Ende.Und Hansen-Grell las
nun ohne weitere Strung:




                               General Seydlitz


In Bchern und auf Bnken,
Da war er nicht zu Haus,
Ein Pferd im Stall zu trnken,
Das sah schon besser aus;
Er trug blanksilberne Sporen
Und einen blausthlernen Dorn -
Zu Calcar war er geboren,
Und Calcar, das ist Sporn.

Es sausen die Windmhlflgel,
Es klappert Leiter und Steg,
Da, mit verhngtem Zgel,
Geht's unter dem Flgel weg;
Und bckend sich vom Pferde,
Einen vollen Bschel Korn
Ausreit er aus der Erde -
Hei, Calcar, das ist Sporn.

Sie reiten ber die Brcken,
Der Knig scherzt: Je nun,
Hie Feind in Front und Rcken,
Seydlitz, was wrd Er tun?
Der, ber die Brckenwandung,
Setzt weg, halb links nach vorn,
Der Strom schumt auf wie Brandung -
Ja, Calcar, das ist Sporn.

Und andre Zeiten wieder;
O kurzes Heldentum!
Er liegt todkrank danieder
Und lchelt: Was ist Ruhm?
Ich hre nun allerwegen
Eines besseren Reiters Horn -
Aber auch ihm entgegen,
Denn Calcar, das ist Sporn.

Ein Jubel, wie ihn die Kastalia seit lange nicht gehrt hatte, brach von allen
Seiten los und legte, wie Hansen-Grell, um sich dadurch weiteren Ovationen zu
entziehen, scherzhaft bemerkte, ein vollgltiges Zeugnis von der
kavalleristischen Zusammensetzung der Dienstagsgesellschaft ab. Er traf es
hiermit richtig: Bninski, Hirschfeldt, Meerheimb waren Kavalleristen von Fach,
Tubal und Lewin gute Reiter. Aber auch die Minoritt lie es an lebhaften
Beifallsbezeugungen nicht fehlen; Bummcke, wenn nicht Reiter, war doch
wenigstens Soldat, Rabatzki tadelte nie, und Himmerlich fhlte sich erleichtert,
seine Verstimmung hinter enthusiastischen, wenn auch kurzen und etwas
krampfhaften Ausrufungen verbergen zu knnen. Gewann er doch fr sich selbst und
nebenher noch das Wohlgefhl neidloser Charaktergre.
    Endlich hatte sich die Aufregung gelegt, und Tubal bat ums Wort, was ihm zu
verschaffen, bei einer zwischen Bummcke und Jrga ber die Zulssigkeit der
Wendung halb links nach vorn eben wieder ausgebrochenen Privatfehde,
einigermaen schwerhielt. Zuletzt aber gelang es, und Tubal bemerkte nun: Ich
bitte zunchst an einen Satz erinnern zu drfen, den Doktor Sanitz vor einiger
Zeit an dieser Stelle aussprach: Unsere Strenge ist unser Stolz. Sie fhlen, da
dies die Brcke ist, auf der ich zu einem Angriff vorgehen mchte. Der Reiz des
Gedichtes, das wir eben gehrt, liegt ausschlielich in seinem Ton und seiner
Behandlung; es ist keck gegriffen und keck durchgefhrt, aber es hat von dieser
Keckheit offenbar zuviel.
    Kann nicht vorkommen, warf Jrga ein.
    Doch, fuhr Tubal fort. Unser verehrter Gast hat dies auch selbst
empfunden.
    Hansen-Grell nickte.
    Jedes Kunstwerk, so wenigstens stehe ich zu diesen Dingen, mu aus sich
selber heraus verstanden werden knnen, ohne historische oder biographische
Notizen. Diesen Anspruch aber seh ich in diesem Gedichte nicht erfllt. Es ist
eminent gelegenheitlich und auf einen engen oder engsten Kreis berechnet, wie
ein Verlobungs- oder Hochzeitstoast. Es hat die Bekanntschaft mit einem halben
Dutzend Seydlitzanekdoten zur Voraussetzung, und ich glaube kaum zuviel zu
sagen, wenn ich behaupte, da es nur von einem preuischen Zuhrer verstanden
werden kann. Lesen Sie das Gedicht, auch in bester bersetzung, einem Englnder
oder Franzosen vor, und er wird auerstande sein, sich darin zurechtzufinden.
    Bninski schttelte den Kopf.
    Unser verehrter Gast, Graf Bninski, fuhr Tubal fort, scheint mir nicht
zuzustimmen. Es freut mich dies um des Dichters willen, dem ich, von
unerwarteter Seite her, einen Verteidiger erstehen sehe. Der Graf hat vielleicht
die Freundlichkeit, sich eingehender ber diesen Gegenstand zu uern.
    Lewin wiederholte dieselbe Bitte.
    Ich kann mich auf wenige Bemerkungen beschrnken, nahm der Graf in gutem,
wenn auch polnisch akzentuiertem Deutsch das Wort. Ich kenne von General
Seydlitz nichts als seinen Namen und seinen Ruhm, glaube aber das Gedicht des
Herrn Hansen-Grell vollkommen verstanden zu haben. Ich ersehe aus seinen
Strophen, da Seydlitz zu Calcar geboren wurde, da er das Lernen nicht liebte,
aber desto mehr das Reiten. Dann folgen Anekdoten, die deutlich fr sich selber
sprechen, zugleich auch seine Reiterschaft glorifizieren, bis er in der letzten
Strophe jenem besseren Reiter erliegt, dem wir alle frh oder spt erliegen.
Dies wenige ist genug, weil es ein Ausreichendes ist. Hier steckt das Geheimnis.
Ich habe mich in Jahren, die lnger zurckliegen, als mir lieb ist, um die
Volkslieder meiner Heimat gekmmert, auch vieles davon gesammelt, berall aber
hab ich wahrgenommen, da das sprungweise Vorgehen zu den Kennzeichen und
Schnheiten dieser Dichtungsgattung gehrt. Die Phantasie mu nur den richtigen
Ansto empfangen; ist dies geglckt, so darf man khn behaupten: Je weniger
gesagt wird, desto besser.
    Ich bescheide mich, erwiderte Tubal, um den Fortgang unserer Sitzung
nicht lnger als wnschenswert unterbrochen zu sehen. Wenn ein unbefugter Blick
in den Pappbogen unseres Herrn Vorsitzenden mich nicht falsch orientiert hat, so
haben wir zunchst noch einige von ihm selber herrhrende Strophen zu erwarten.
    Der Scharfblick unseres Freundes Ladalinski hat sich auch diesmal wieder
bewhrt. Es war meine Absicht, die lyrische Reihe heute persnlich
abzuschlieen, bitte aber, meinen Beitrag, der noch der Feile bedarf,
zurckziehen zu drfen.
    Lewin sprach diese Worte nicht ohne Verlegenheit, da es in Wahrheit ein sehr
anderer Grund war, der ihn von seiner ursprnglichen Absicht abzustehen
veranlate. Wut er doch am besten, aus welcher zaghaften Stimmung heraus die
drei kleinen Strophen geschrieben worden waren, um die es sich handelte; und wie
sehr sich diese Zaghaftigkeit schlielich auch in das Gewand der Hoffnung
gekleidet haben mochte, doch war es ihm zu Sinn, als ob Bninski mit feinem Ohr
den elegischen Grundton des Liedes heraushren und die Veranlassung dazu erraten
mte. Dieser Gedanke war ihm in hohem Mae peinlich, so da er denn auch
wirklich die Strophen zurckschob und, das nunmehr obenaufliegende
Prosamanuskript an Rittmeister von Hirschfeldt berreichend, diesen bat, mit
seinem Vortrage zu beginnen.
    Der Angeredete, mit jener Frankheit, die der Reiz und Vorzug des Soldaten
ist, rckte sich zurecht und begann, ohne jedes Vorwort, mit klangvoller Stimme:

                     Erinnerungen aus dem Kriege in Spanien
                              Das Gefecht bei Plaa

Mein lterer Bruder Eugen, nachdem er erst unter Schill, dann unter dem Herzog
von Braunschweig gefochten, auch der Einschiffung nach England sich
angeschlossen hatte, hatte von dort aus spanische Dienste genommen und war im
Sommer 1810 in Andalusien eingetroffen. Als ich davon hrte, folgte ich ihm und
traf ihn, eben gelandet, auf dem groen Marktplatze von Cadix. ber die Freude
des Wiedersehens gehe ich hinweg. Er hatte an demselben Tage das Majorspatent
empfangen, und seinem Einflu gelang es leicht, mir eine Offiziersstelle zu
erwirken.
    Das Treiben in Cadix mifiel uns, so da wir froh waren, als Meldung
eintraf, da wir der in Katalonien stehenden, tglich in Gefechten mit dem
Feinde verwickelten Armeeabteilung zugeteilt seien. Wir gingen dahin ab und
landeten, nach einer hchst beschwerlichen, uns den ganzen Unterschied zwischen
einem spanischen und einem englischen Kriegsschiff fhlbar machenden Seereise,
im Hafen von Tarragona. Dies war Ende November, genau zwei Monate nach meiner
Ankunft in Spanien. In Katalonien sah es besser aus als in Andalusien. Wir kamen
zum Dragonerregiment Alcantara, mein Bruder als Oberstlieutenant, ich als
Premier. Der Empfang, den wir fanden, war kameradschaftlich; man hatte ein
besonderes Vertrauen zu allen preuischen Offizieren.
    Die Alcantaradragoner waren ihrerzeit ein sehr bevorzugtes und sehr
prchtiges Regiment gewesen; sie trugen unter dem alten Regime dreieckige Hte
mit weien Bandtressen, gelbe lange Rcke mit rotem Futter und rotem Kragen,
dazu grne Rabatten und blaue kurze Hosen. Eine Vertretung also smtlicher
Farben. Von dieser Pracht und Herrlichkeit war indessen nach der Neuformierung,
die die ganze Armee seitdem erfahren hatte, wenig briggeblieben, und die
Alcantaradragoner, die wir vorfanden, muten sich an einem niedrigen ledernen
Czako und einem langen blauen Rock mit Regimentsnummer und Messingknpfen
gengen lassen. Die Bewaffnung war ein sehr langer Degen mit schmaler Klinge und
schwerem eisernen Korb, so da das Gewicht in der Hand lag, dazu Karabiner und
Pistole.
    Unser Regiment gehrte zur Armee des Generals O'Donnell, spezieller zu der
vorgeschobenen Division des Generals Sarsfield. Dieser, erst sechsundzwanzig
Jahr alt, brillanter Soldat, voll eiserner Ruhe im Gefecht, fate ein besonderes
Vertrauen zu meinem Bruder, in dem er alle Eigenschaften, die ihn selber
auszeichneten, sofort wiedererkannte. Jede Auskunft, die uns erwnscht sein
konnte, wurde uns zuteil. Die Division war numerisch nur schwach und bestand aus
zwei Infanterie- und vier Kavallerieregimentern, zusammen hchstens fnftausend
Mann. Es waren das Infanterieregiment Almeria und das Schweizerregiment Baron
Wimpfen, dazu Alcantara- und Numanciadragoner, Krassierregiment Katalonien und
Husarenregiment Granada.
    Gleich in den ersten Tagen nach unserer Ankunft wurde eine vierhundert
Pferde starke Avantgarde gebildet und dem Befehle meines Bruders unterstellt.
Uns gegenber stand General Macdonald, der das nrdlich von uns gelegene
Barcelona mit starken Krften festhielt und durch Ausfhrung eines
Umgehungsmarsches uns auch das sdlich von uns gelegene Tortosa zu entreien
trachtete. Glckte das, so waren wir eingeschlossen und muten froh sein, uns
auf Tarragona zurckziehen und hier wieder einschiffen zu knnen. Katalonien war
dann verloren. Und es kam so. Aber ehe es dahin kam, hatten wir eine Reihe
blutiger Gefechte.
    Aus der Reihe dieser Gefechte greife ich nur das bei Plaa heraus, weil es
fr mich persnlich entscheidend wurde.
    Es war am 7. Januar, als wir erfuhren, da Tortosa ber sei. Wir standen
damals, die ganze Division Sarsfield, am Nordabhange eines hohen Bergzuges, der
in einiger Entfernung von der Kste mit dieser parallel luft, und hielten,
unter tglichen Plnkeleien mit den Vortruppen des Macdonaldschen Corps, die von
Lerida nach Tarragona quer ber das Gebirge fhrende Strae besetzt. Solange
diese Strae, samt dem Defilee, dem sogenannten Passe von Plaa, in unseren
Hnden war, hatte der Verlust von Tortosa, so wichtig er war, wenigstens fr
unsere unmittelbare Sicherheit nichts zu bedeuten; der Besitz jenes Passes
sicherte uns die Rckzugslinie bis ans Meer. Brachten wir die im ganzen genommen
nicht groe Energie mit in Anschlag, die seitens des Gegners entwickelt wurde,
so lag kein Grund vor, unsere Stellung zu wechseln. Da, wo wir standen, wirkten
wir offensiv; gaben wir aber unsere Stellung am Nordabhange auf und zogen uns
auf die andere Seite des Gebirges, so zeigten wir jene Besorgnis, die schon
einer halben Niederlage gleichkommt.
    Wir hatten aber den Eifer des Gegners unterschtzt, wenigstens den des
Generals Suchet, der, gemeinschaftlich mit Macdonald operierend, diesen an
Rhrigkeit bertraf. Am 14. Januar kam Meldung, da eine starke feindliche
Avantgarde von der Kste her, also in unserem Rcken, heranmarschiere und
unverkennbar die Absicht habe, den Pa bei Plaa zu schlieen. Dorf Plaa lag an
der uns entgegengesetzten Seite des Gebirges, hart am Fue desselben. General
Sarsfield, als er diese Meldung empfing, war schnell entschlossen; er verstrkte
die bis dahin nur aus vierhundert Pferden der Regimenter Alcantara und Granada
bestehende Avantgarde durch zwei Bataillone vom Schweizerregiment Wimpfen und
gab meinem Bruder Befehl, in einem Nachtmarsch ber das Gebirge zu gehen und
noch vor Tagesanbruch das jenseits gelegene Dorf Plaa zu besetzen. Der Aufbruch
erfolgte sofort; ein entsetzliches Wetter aber, Regen und Sturm, bei dem der
schmale Fupfad nur derart passiert werden konnte, da ein Mann dem andern
folgte, verzgerte das Eintreffen in Plaa bis um zehn Uhr morgens. Es war die
hchste Zeit; schon ging die franzsische Avantgardendivision unter General
Eugenio (so da sich hier zwei Namensvettern gegenberstanden) gegen Dorf Plaa
vor, und nur mit uerster Anstrengung gelang es meinem Bruder, das Dorf bis
Mittag zu halten.
    Um diese Stunde erschien General Sarsfield mit dem Gros und stellte das
schon rckwrtsgehende Gefecht wieder her. Aber Terrain war unsererseits nicht
zu gewinnen, und als eine Stunde spter allerhand Verstrkungen auch beim Feinde
eintrafen, ging dieser mit einem vollzhligen Dragonerregiment abermals zum
Angriff ber. Diesseits war momentan nichts zur Hand als ein in Ablsung unserer
Avantgarde in die Front gezogenes Krassierregiment, die Krassiere von
Katalonien, unter ihrem Kommandeur Don Pedro Gallon. Unmittelbar hinter den
Krassieren hielten wir: Alcantaradragoner und Granadahusaren. Unsere
Krassiere, kaum zweihundert Pferde stark, waren zu schwach und kamen ins
Schwanken; aber im selben Augenblicke, wo mein Bruder das Schwanken wahrnahm,
gab er uns das Zeichen zum Angriff, und in langer Linie strzten wir in die
linke Flanke der feindlichen Dragoner. Sie wichen sofort und verwickelten ein
hinter ihnen haltendes Chasseurregiment mit in die eigene Flucht. Die Verfolgung
ging eine Meile weit, es gab viele Gefangene; General Eugenio, der persnlich
die Flucht aufzuhalten gesucht, wurde niedergehauen und starb am Tage darauf.
    
    Es war ein vollstndiger Sieg und seitens der Unserigen nicht allzu teuer
erkauft; nur ich verlor viel an diesem Tage: mein Bruder Eugen, wie der General
Eugenio, dem er gegenbergestanden hatte, erlag seinen Wunden. Was ich noch zu
sagen habe, betrifft nur ihn und mich.
    Um fnf Uhr war das Gefecht beendet, und ich fhrte, was ich vom Regiment
Alcantara noch zur Hand hatte, wieder auf Plaa zurck. Ich war im ganzen gut
davongekommen, hatte aber whrend des Dmls von einem franzsischen Dragoner,
den ich packen wollte, einen Sto mit dem Degengef in das Gesicht erhalten, so
da ich, schwarz und angeschwollen, einen schlimmeren Anblick gewhrte als
mancher Schwerblessierte. So trat ich vor meinen Bruder, von dessen Verwundung
ich schon unterwegs gehrt hatte. Ich fand ihn in einem Bauernhause von Plaa in
Pflege guter Leute. Als er mich sah, drang er darauf, da ich mich zunchst
verbinden lassen sollte, was denn auch geschah. Als ich wieder zu ihm kam,
setzte ich mich, und wir begannen zu plaudern. Zunchst von der Affaire, die nun
glcklich hinter uns lag. Ich mute ihm alle Kleinigkeiten erzhlen, denen er
mit grtem Interesse folgte; meinem Pferde beispielsweise, einem schnen
schwarzen Hengst, war ein Ohr dicht vom Kopfe weggehauen worden, was er sehr
bedauerte. Besondere Aufmerksamkeit aber schenkte er einem Tagebuche, das sich
in einem Mantelsacke, der mir bei der Beuteverteilung zugefallen war,
vorgefunden hatte. Es war von dem ersten Einrcken der Franzosen in Katalonien
bis zum 14. Januar 1811 mit groer Genauigkeit gefhrt und enthielt, von kleinen
Croquis begleitet, eine Schilderung fast aller Gefechte, in denen auch wir
engagiert gewesen waren. Eugen bltterte halbe Stunden lang in dem Buche und
lobte die Unparteilichkeit der Darstellung. Ich glaubte nach allem an nichts
weniger als Gefahr und mute dem Doktor recht geben, der trotz heftiger
Schmerzen, ber die der Verwundete von Zeit zu Zeit klagte, immer nur von zwei
leichten Blessuren sprach. Es waren Degenstiche in die linke Seite. Auffallend
erschien mir nur seine Weichheit; er war in einer gefhlvollen Stimmung, sprach
viel von Hause, von unserem alten Vater und trug mir Gre auf, da er auf einige
Wochen noch am Schreiben gehindert sein werde.
    So verging der Abend. Ich hatte vor, trotz aller Ermdung bei ihm zu wachen.
Es kam aber anders. Bald nach Mitternacht wurde Alarm geblasen, und ich begab
mich zu meinem in Front des Dorfes biwakierenden Regiment, das gleich darauf
Befehl erhielt, gegen ein der Kste zu gelegenes Stdtchen, das den Namen Valls
fhrte, zu rekognoszieren. Meinen Verwundeten lie ich brigens in guter Obhut
zurck; ich hatte beim Schweizerregiment Wimpfen um einige Mannschaften zu
seinem Schutz gebeten, und es traf sich, da der Unteroffizier, der diese
Mannschaften kommandierte, frher, als mein Bruder noch in Halberstadt
garnisonierte, mit ihm in ein und derselben Compagnie des Regiments Herzog von
Braunschweig gestanden hatte. Beide freuten sich sehr, sich wiederzusehen.
    Unser Ritt gegen Valls verlief ohne Bedeutung, kostete aber Zeit und Mhe,
und erst in den Nachmittagsstunden des andern Tages kehrten die Truppen, die die
Rekognoszierung ausgefhrt hatten, nach Plaa zurck. Mehrere Offiziere, denen
ich begegnete, sagten mir: es ginge besser mit Eugen. Ich fand ihn auch wirklich
ruhiger, ohne Schmerzen, aber sehr matt. Nichtsdestoweniger lie er sich die
kleinen Vorgnge des Tages von mir erzhlen, hrte aufmerksam zu und verlangte
mehr zu wissen, wenn ich aus Rcksicht auf seinen Zustand schwieg. Pltzlich
aber unterbrach er mich und sagte: Entsinnst du dich noch des Abends auf der
Seereise von Cadix nach Tarragona, wo wir mit unsern deutschen Kameraden der
Heimat gedachten und wo dann die Frage laut wurde: Wer wird die Heimat
wiedersehen? Ich wei jetzt einen, der sie nicht wiedersehen wird. Ich bog mich
ber ihn und bat ihn, sich nicht durch solche trbe Gedanken aufzuregen; er
hrte mich aber nicht und fuhr dann fort: Es wird sich heute noch manches
ereignen: ich sehe schwarz in die Zukunft. Nimm dich, wenn es zum Gefechte
kommt, in acht. Unsere Pferde sind matt zum Umfallen. Vergi auch nicht, da man
nicht bei jeder Gelegenheit sich rckhaltlos drangeben soll. Man opfert sich
sonst leicht ohne Zweck. Dies waren seine letzten Worte. Ich hatte ihn eben
aufgerichtet, um ihm einen Lffel Arzenei zu geben; als ich ihn wieder auf das
Kopfkissen zurcklegen wollte, schien es mir, als ob er sehr bla wrde. Ich
fate seine Hand, sie war kalt; er drckte die meinige krampfhaft, rang nach
Luft und war tot.
    Dies war am 16. nachmittags. General Sarsfield, als er von dem Hinscheiden
hrte, lie mir sein Beileid ausdrcken und fgte die Bemerkung hinzu: es wrde
gut sein, den Toten so bald wie mglich in die hochgelegene Klosterkirche von
Plaa hinaufzuschaffen; jede Stunde knne ein neues Gefecht bringen, dessen
Ausgang unsicher sei.
    Ich lie mir dies gesagt sein. Aus alten Dielen, vier Bretter und zwei
Brettchen, wurde schleunigst ein Sarg hergestellt und Eugen in der Uniform
seines Regiments in die Totentruhe hineingelegt. So schafften ihn einige meiner
Dragoner in die Klosterkirche hinauf und stellten ihn dicht an die Altarstufen.
    Vllig erschpft von den Anstrengungen und Aufregungen der vergangenen Tage,
hatte ich mich, als die Nacht anbrach, auf eine Schtte Stroh niedergelegt. Ich
war so recht von Herzen traurig; die Bilder meiner Kindheit und ersten Jugend
zogen an mir vorber; nun war ich allein, ganz allein, und der Bruder, den ich
so sehr geliebt hatte, tot.
    Im Begriff, einzuschlafen, wurde ich durch einen Ordonnanzoffizier geweckt.
Er kam vom General und war abgeschickt, um ein Papier zu holen, das Sarsfield
beinahe unmittelbar vor Beginn des Treffens bei Plaa an Eugen gegeben hatte. Es
sei von Wichtigkeit, er msse es haben.
    Ich erinnerte mich des Hergangs sofort, war Augenzeuge gewesen, wie mein
Bruder das Papier in sein Reiterkoller gesteckt hatte, und bat deshalb den
Offizier, mich bis zur Klosterkirche hinauf begleiten zu wollen, da der Tote
noch denselben Rock anhabe, den er vor Beginn des Gefechts getragen habe. Er
lehnte aber, Geschfte vorschtzend, ab; auch mein Diener Francesco, als ich
mich nach ihm umsah, war verschwunden. So blieb mir nichts brig, als allein zu
gehen.
    Ich nahm eine kleine Laterne, die nur ein Glas hatte, und schritt auf das
ziemlich weitschichtige Klostergebude zu. Ein dienender Bruder ffnete mir,
erschrak aber, als ich ihn bat, mir nun auch die Kirchentr ffnen zu wollen.
Jetzt in der Nacht bringt mich kein Mensch hinein. Vergebens sucht ich ihn zu
berreden. Es ist nicht geheuer, dabei blieb er. Endlich gab er mir wenigstens
den Schlssel zur Kirche, zugleich mit der Weisung: wenn ich zweimal im Schlo
gedreht, mt ich mit aller Kraft gegen die Tr stoen, weil sie verquollen sei
und schwer aufginge.
    Um bis an die Kirche zu kommen, waren noch zwei lange Kreuzgnge zu
passieren. Gerade hier hatte tags zuvor ein erbitterter Infanteriekampf (der
unsererseits durch das Schweizerregiment gefhrt worden war) stattgefunden, und
alles trug noch die Spuren dieses Kampfes: die Leichen waren zwar weggeschafft,
aber die Blutlachen geblieben; die Standbilder, von den Wnden herabgerissen,
lagen zertrmmert am Boden; selbst die Luft war dumpf und modrig. An diesen
Bildern der Zerstrung vorbei ging ich auf die Kirche zu, steckte den Schlssel
hinein, drehte zweimal, stie die Tre auf, die sich langsam und drhnend
ffnete. Ich legte meinen Mantel ab, der mir jetzt nur hinderlich sein konnte,
nahm den Degen in die eine, die Laterne in die andere Hand und schickte mich an,
das hochberwlbte Mittelschiff hinaufzuschreiten. Eine unheimliche Stille
herrschte, und der Widerhall meiner Schritte erschreckte mich.
    So kam ich bis an den Altar. Da stand der Sarg, vorlufig mit einem Brett
nur berdeckt. Ich hob es auf, und meines Bruders glserne Augen starrten mich
an. Ich stellte, da kein anderer Platz war, die Laterne zu seinen Fen und
begann langsam Knopf um Knopf den Uniformrock zu ffnen, der sich fest und
beinahe eng um seine Brust legte. Ich tat es mit abgewandtem Gesicht; aber wie
ich auch vermeiden mochte, nach ihm hinzusehen, ich hatte doch sein Todesantlitz
vor mir. Endlich fand ich das Papier und steckte es zu mir. Dann kam das
Schwerste: ich mute die Knpfe wieder einknpfen, da ich es nicht ber mich
gewinnen konnte, ihn in offener Uniform wie einen Beraubten liegenzulassen. Und
als auch das geschehen, trat ich den Rckweg an.
    Am andern Nachmittage, der Feind griff uns nicht an, wurde mein Bruder mit
allen militrischen Ehren durch das Schweizerregiment Wimpfen in derselben
Klosterkirche zu Plaa, in der er vierundzwanzig Stunden vor dem Altar gestanden
hatte, begraben. An eben derselben Stelle wurden sein Sbel, seine Handschuhe
und Sporen aufgehngt und erst einige Monate spter, auf Befehl des Generals
O'Donnell, der den Toten dadurch ehren wollte, in die Kathedrale von Tarragona
gebracht. Dort befinden sie sich noch.

Der Vortragende, als er bis hierher gelesen, rollte das Manuskript zusammen und
legte es auf eines der Fensterbretter: die Zuhrer, gesenkten Blickes,
schwiegen. Der erste, der sich erhob, war Bninski.
    Ich bin selbst Gast in diesem Kreise und frchte beinahe, mich eines
bergriffes schuldig zu machen, wenn ich vor Berufeneren das Wort ergreife. Aber
meine Stellung, was mich entschuldigen mag, ist eine ausnahmsweise. Ich habe
zwei Jahre vor Ihnen, Herr von Hirschfeldt, auf denselben Feldern, wenn auch auf
der Ihnen feindlichen Seite, gekmpft; ich kenne die Pltze, von denen Sie uns
gelesen: kaum verschwundene Bilder sind mir wieder lebendig geworden. Was
Freund, was Feind! An gleicher Stelle die gleiche Gefahr. Ich bitte, Sie
daraufhin als einen mir teuer gewordenen Kameraden begren zu drfen.
    Whrend dieser Worte hatte Jrga die ihm zunchststehende Rheinweinflasche
entkorkt und mit einer der Situation angepaten Raschheit den groen silbernen
Kastaliabecher bis an den Rand gefllt. Meine Herren, einer jener
Ausnahmeflle, wie sie Paragraph sieben unseres Statuts, ich nehme nicht Anstand
zu sagen, in seiner Weisheit voraussieht, ist eingetreten. Und so trink ich denn
auf das Wohl unseres verehrten Gastes Rittmeisters von Hirschfeldt. Er lebe!
Viele Ehren haben sich auf seinem Scheitel gehuft, so viele Ehren wie Wunden;
aber eines blieb ihm bis diesen Tag versagt: er hatte noch nicht aus dem
Silberbecher der Kastalia getrunken. Auch diese Stunde ist da. Ich trink ihm zu,
und er tue mir Bescheid.
    
    Und bei wiederholten Hochs kreiste der Becher.
    Nach Huldigungen wie diese konnte es Lewin nur noch obliegen, ein Schluwort
zu finden. Die vorgeschrittene Stunde, so begann er, mehr noch das gehobene
Gefhl, das uns dieselbe gebracht hat, dringen auf Abbruch und Vertagung. Ich
erwarte Ihre Zustimmung. (Ja, ja!) Unsere nchste Sitzung soll, so sich kein
Widerspruch erhebt (Nein, nein!), unter Zurckstellung aller bis dahin etwa
eingehenden Lyrika, durch die Tagebuchbltter unseres verehrten Gastes, des
Herrn von Meerheimb, die heute zu unserm Bedauern nicht mehr zum Vortrag
gelangen konnten, erffnet werden. Ich schliee die Sitzung.
    Damit brach man auf in kleineren und greren Gruppen. Die Mehrzahl hielt
sich links; nur Jrga, Bummcke und Hansen-Grell gingen, als sie die
Knigsstraenecke erreicht hatten, nach rechts hin auf den Alexanderplatz zu, um
in den Tiefen des Mundtschen Weinkellers, natrlich die Kastaliasitzung als Text
nehmend, unter Plauderei und Kritik den Abend zu beschlieen.

                                 Achtes Kapitel



                                Leichtes Gewlk

Der andere Morgen war klar und sonnig und gab auch dem Arbeitszimmer des
Geheimrats ein helleres Licht, als gewhnlich in Wintertagen darin anzutreffen
war. Ein Strahl fiel bis an den Korb in der Ofenecke, wo das Windspiel in seinem
Zwischenzustande von Schlafen und Zittern lag. Die Pendule schlug zehn, und der
Geheimrat, mit der Pnktlichkeit, die ihm eigen war, trat in das Zimmer und nahm
seinen Platz vor dem Arbeitstische, auf dem auch heute wieder Zeitungen und
einzelne an ihn persnlich gerichtete Schreiben unter einem Briefbeschwerer von
schwarzem Marmor lagen. Daneben ein elfenbeinernes Papiermesser mit geschnitztem
Schlangengriffe.
    Es war ein klarer Tag, aber er hatte doch sein leichtes Gewlk, wenigstens
in dem Gemte des Geheimrats, der denn auch, die gewohnte Ordnung der Dinge
verkehrend, heute seinen Frhbesuch bei den Goldfischchen hinausgeschoben und
statt dessen sofort nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte. Er flog ber die
Spalten hin, aber sein Auge lie unschwer erkennen, da er nicht las, sondern
nur bemht war, die Unruhe, die ihn erfllte, vor sich selber zu verbergen.
    Guten Morgen, Papa, klang es wieder wie bei einem frher geschilderten
Besuche in seinem Rcken, und ehe er noch sich wenden und den Gru erwidern
konnte, war Kathinka an seiner Seite. Auch sie schien befangen, und ihm scharf
nach den Augen sehend, sagte sie: Du hast mich rufen lassen, Papa?
    Ja, Kathinka, ich bitte dich, Platz zu nehmen.
    Nicht so. Erst mut du mich freundlicher ansehen und nicht so feierlich,
als ob sich eine Staatsaktion vorbereite.
    Der Geheimrat klopfte mit der elastischen Spitze des Elfenbeinmessers auf
seinen Schreibtisch und wandte sich dann, indem er seinem Sessel eine kurze
Drehung gab, der Fensternische zu, in der Kathinka, den Rcken dem Lichte zu,
Platz genommen hatte. Sie sa in Folge davon in einem sehr wirkungsvollen
Halbschatten, und der freudige Stolz ber die schne Tochter lie den Vater auf
Augenblicke das Peinliche des Momentes vergessen. Kathinka selbst war sich des
Eindrucks, den sie machte, vollkommen bewut. Sie trug ihr Haar wie gewhnlich
in den Vormittagsstunden in einem goldenen Netze, aber dies Netz hatte sich halb
geffnet, und ein Teil der kastanienbraunen Locken fiel auf den Kragen eines
weiten, dominoartigen Morgenkleides. Ihre Fe, leicht bereinandergeschlagen,
steckten in kleinen Saffianschuhen, und schnell die Vorteile berechnend, die der
Vater aus seinem Spielen mit dem Elfenbeinmesser zog, nahm sie ihrerseits die
kleine, neben den Goldfischchen liegende Netzkelle zur Hand, um damit zu
spielen.
    Ich habe dich bitten lassen, Kathinka, um ein paar Fragen an dich zu
richten, Fragen, die mich seit Wochen beschftigen. Der Brief Tante Amelies hat
mir dieselben aufs neue nahegelegt, und ich wrde gleich nach deiner Rckkehr
mit dir gesprochen haben, wenn nicht die Unruhe der letzten Tage mich daran
gehindert htte.
    Die gute Tante, sagte Kathinka. Sie denkt mehr an mein Glck als ich
selbst. Ich sollte ihr dankbarer dafr sein, als ich es bin.
    Ich wollte, du knntest es. Die Wnsche, die sie hegt, sind auch die
meinen. Und ihre Erfllung schien mir so nahe. Aber du selbst hast alles wieder
in Frage gestellt. Da ich es bekenne, zu meiner Betrbnis. Wie stehst du zu
Lewin?
    Gut.
    Dies Gut das eine ganze Antwort zu sein scheint, ist doch nur eine halbe.
    Nun, so will ich dir unumwunden die ganze geben. Ich habe Lewin lieb, aber
ich liebe ihn nicht. Alles an ihm ist Phantasie; er trumt mehr, als er handelt.
Dies mag als ein Grund gelten. Aber bedarf es denn der Grnde? Die Tante, die
sonst so klug ist, oder vielleicht weil sie es ist, vergit ganz und gar, wie
wenig das Warum in unseren Neigungen bedeutet. Sie will mein Glck, aber sie
will es auf ihre Art, und was mir Sache des Herzens ist, ist ihr nur Sache des
Hauses. Ich fhle mich aber nicht getrieben, einer Guseschen Hof- und
Hauspolitik zuliebe ein Verlbnis einzugehen oder gar ein Bndnis zu schlieen.
Das sind Rheinsberger Reminiszenzen, die fr Tante Amelie sehr viel, fr mich
sehr wenig bedeuten. Sie behandelt alles wie die Verbindung zweier regierender
Huser; das mag schmeichelhaft sein; aber Lewin ist kein Prinz, und ich bin
keine Prinzessin.
    Du vergit nur eins: Lewin liebt dich.
    Kathinka klopfte, whrend sie den linken Fu hin - und herschaukelte, mit
der Netzkelle leicht auf den Rand des Bassins; der Geheimrat aber fuhr fort:
    Lewin liebt dich, und es ist nicht lange, da du diese Liebe erwidertest
oder doch zu erwidern schienst. Erst die letzten Monate haben alles gendert und
du sprichst nun spttisch von der Verbindung zweier regierender Huser. Ich
schtze den Grafen, aber ich frchte, es war keine glckliche Stunde, die ihn in
unser Haus fhrte. Hat sich der Graf dir gegenber erklrt?
    Nein.
    Glaubst du, da er dich liebt?
    Ja.
    Und du?
    Es kam Kathinka gelegen, da das Windspiel, das sehr bald nach ihrem
Eintreten seinen Korb verlassen und zur Empfangnahme von Liebkosungen und
Zuckerbrckelchen sich bei ihr eingestellt hatte, inzwischen immer
verdrielicher geworden war. Es lief jetzt, weil die Brckelchen nach wie vor
ausblieben, zwischen ihr und der Etagere, in der sich die Zuckerdose befand, hin
und her und begleitete die Unterhaltung durch bestndiges Klingeln und Bellen.
Der Geheimrat empfand dies ersichtlich als eine Strung, und Kathinka, jede
seiner Mienen verfolgend, benutzte die Gelegenheit, um eine Pause zu gewinnen.
Sie erhob sich deshalb von ihrem Stuhl, holte die Dose herbei, und eines der
Zuckerstcke zerbeiend und zerbrechend, warf sie dem Windspiel, das sich sofort
beruhigte, die Krmel zu. Dann tauchte sie den Zipfel ihres Taschentuchs in das
Bassin, benetzte ihre Fingerspitzen und sagte:
    Deine Frage zu beantworten, Papa, ja, ich habe den Grafen gern.
    Der Geheimrat lchelte. Das wird dem Grafen nicht gengen, Kathinka. Wenn
du glaubst, da er dich liebt, so wirst du dir Rechenschaft geben mssen, ob du
seine Neigung erwidern kannst.
    Ich kann es.
    Und du wirst es?
    Sie schwieg; man hrte den Pendelschlag der Uhr. Endlich sagte der
Geheimrat:
    Du hast mir genug gesagt, Kathinka, auch durch dein Schweigen. Ich ersehe
eins daraus, eins, auf das ich Gewicht lege, da du, statt einfach dem Zuge
deines Herzens zu folgen, Rcksicht nimmst auf das, was mein Wunsch ist.
    Kathinka wollte antworten, der Geheimrat aber wiederholte: Auf das, was
mein Wunsch ist, und fuhr dann fort:
    Aber auch dieser Wunsch ist unbeugsam und unabnderlich, und ich kann ihn
deinen Wnschen nicht unterordnen. Es verbietet sich. Hre mich. Die Tante
wnscht die Partie mit Lewin; ich wnsche sie auch; aber ich bestehe nicht
darauf. Worauf ich bestehe, das ist allein die Nichtheirat mit Bninski. Sie darf
nicht sein, sosehr der Graf persnlich meine Sympathien hat. Die Ladalinskis
sind aus Polen heraus, und sie knnen nicht wieder hinein. Ich habe die Brcken
abgebrochen. Ob das Geschehene das allein Richtige war, ist nicht mehr zu
befragen; es gengt, da es geschehen ist.
    Es war ein Scherz, Papa, nahm jetzt Kathinka das Wort, da ich von Prinz
und Prinzessin und von einer Verbindung zweier regierender Huser sprach. Es hat
dich verdrossen, und ich bedaure es. Aber hatt ich nicht eigentlich recht? Der
Graf, wie du dich ausdrckst, hat persnlich deine Sympathien; er ist reich,
angesehen, ehrenhaft, und unsere Herzen und Charaktere stimmen zueinander. Und
doch ist alles umsonst, weil es, vergib mir den Ausdruck, in deine Diplomatie
nicht pat. Der gtigste der Vter, immer bereit, mir jeden kleinsten Wunsch zu
erfllen, versagt mir den grten, weil es ihm seine politischen Plne strt,
weil es ihn kompromittiert.
    Ich lasse das Wort gelten, aber in meinem Sinne. Die Furcht vor
Kompromittierung ist nicht immer kleinlich und untergeordnet, sie kann auch
berechtigt und Existenzfrage sein. Sie ist es fr mich. Es handelt sich nicht um
Einbildungen oder einen launenhaften Einfall; all dies berhrt meine Ehre mehr,
als du glaubst. Ein Mitrauen gegen mich hat nie geschwiegen, auch nicht nach
meinem bertritt. Von dem Augenblicke an, wo du nach Polen zurckkehrst, mit
meiner Zustimmung an der Seite eines Mannes, dessen preuenfeindliche
Gesinnungen kein Geheimnis sind, gebe ich dem Verdachte Nahrung, in meiner
jetzigen Stellung, die mich Einblick in so manches gewinnen lie, nur ein
Aufhorcher gewesen zu sein. Ich wiederhole dir, was du selber weit, nur
widerstrebend ist die Gesellschaft dem Vertrauen gefolgt, das mir der Hof
entgegenbrachte, und be ich dieses Vertrauen ein, sehe ich es auch nur
erschttert, so schwindet mir der Balken unter den Hnden fort, der nach dem
Schiffbruch meines Lebens mich noch trgt. Lchle, wer mag. Ich bedarf der Gunst
des Knigs, der Prinzen; wird mir diese Gunst genommen, so bin ich zum zweiten
Male heimatlos. Und davor erschrickt mein Herz. Nenne das politisch oder nenn es
Furcht vor Kompromittierung. Was es auch sein mag, es ist Sache meines Lebens,
nicht meiner Eitelkeit.
    Kathinka schritt auf den Vater zu, ihm die Stirn kssend, whrend sie ihren
Arm um seine Schulter legte. Dann sagte sie: La mich dir wiederholen, es ist
noch kein Wort zwischen mir und dem Grafen gefallen. Ich glaube, da er
absichtlich eine Erklrung vermeidet, denn - um ihn auch vor dir zu verklagen -
er hat wie du die Untugend, politisch zu sein. Soviel ich wei, trgt er sich
mit dem Gedanken, wieder in die polnische Armee des Kaisers einzutreten. Gerade
der gegenwrtige Augenblick scheint einen solchen Schritt zu fordern. Was aber
auch kommen mge, eines verspreche ich: dich fr meine Person weder mit Wnschen
noch Bitten zu beunruhigen. Ich werde schweigen, und nichts soll durch mich
geschehen, das deine Stellung nach oben hin gefhrden oder deine Zugehrigkeit
zu diesem Lande neuen Verdchtigungen aussetzen knnte.
    Dem Geheimrat entging nicht, da die Worte Kathinkas, trotz eines
scheinbaren Eingehens auf seine Wnsche, mit besonderer Vorsicht gewhlt waren.
Aber er empfand gleichzeitig, da es zu nichts fhren wrde, sich minder
zweideutiger Zusagen versichern zu wollen. So lie er es sich an dem halben
Erfolge gengen und brach die Unterredung ab. Es wre mir lieb, so schlo er,
du schriebest einige Worte an die Tante. Stre ihr ihre Plne nicht. Auch um
deinetwillen nicht. Die Tage wechseln und wir mit ihnen. Das Wandelbarste aber
sind Frauenherzen. Was dir heute nichts ist, kann dir morgen etwas sein. Brich
nicht ab; ich brauche dir keine Namen zu nennen. Es gibt ja Halbheiten des
Ausdrucks, eine Sprache, die du, wenn mich nicht alles tuscht, wohl zu sprechen
verstehst.
    Ich werde schreiben. Und du magst die Zeilen lesen, Papa.
    Ich vertraue deinem Wort und deiner Klugheit. Und nun halte dich bereit.
Ich habe den Wagen um zwlf bestellt. Der alte Wylich ist immer ein
Pnktlichkeitspedant, doppelt bei seinen Matineen. Wir werden brigens eine neue
Zeltersche Komposition hren; Rungenhagen begleitet.
    Damit trennten sie sich.

                                Neuntes Kapitel



                                Renate an Lewin

Eine Woche verging, ohne da in dem Bekannten-und Freundeskreise Lewins und der
Ladalinskis etwas Berichtenswertes vorgekommen wre. Und was von diesem Kreise
galt, galt von der ganzen Stadt. Auch in dieser hatte sich die durch die
Nachricht von General Yorcks Kapitulation hervorgerufene Aufregung lngst wieder
gelegt und war einer unbestimmten, aber die Gemter erhebenden Vorstellung von
dem Anbrechen einer neuen Zeit gewichen. Wie gewaltige Kmpfe es noch bedrfen
wrde, um diese heraufzufhren, das ahnten die wenigsten; die Mehrzahl lebte der
berzeugung, da ihnen der Sieg als ein Resultat der Napoleonischen Niederlagen
wie von selber zufallen wrde, und selbst die vielen immer neu wiederholten
Versicherungen, da der Knig in seinem Bndnis mit Frankreich auszuharren, den
General Yorck aber, der dies Bndnis gefhrdet habe, vor ein Kriegsgericht zu
stellen gedenke, konnten an dieser Zuversicht nichts ndern. Man sah in diesem
allen ein aufgezwungenes Spiel und ganz im Einklang mit den Worten, die
Professor Fichte seinen Zuhrern ans Herz gelegt hatte, eine bloe Maske, die
jeden Augenblick abgenommen werden knne. Die Empfindung des Volks, wie so oft,
war den Entschlssen seiner Machthaber weit vorgeeilt. Und in diesem Gefhl
verliefen die Tage.
    Die Stille der zweiten Januarwoche war nicht einmal durch eine
Kastaliasitzung unterbrochen worden. Jrga, bei dem sie stattfinden sollte,
hatte sich in den Frhstunden des dazu festgesetzten Tages der Mhe unterzogen,
bei den Freunden vorzusprechen und den Ausfall der Sitzung anzukndigen,
zugleich bittend, eine auf den andern Tag lautende Einladung zu einer
extraordinren Session akzeptieren zu wollen. Diese war auf einen engeren
Zirkel berechnet und sollte die Form eines Dejeuners annehmen.
    Der andere Tag war nun da, aber noch nicht die festgesetzte Stunde. Lewin
hatte sich's auf seinem Sofa so bequem gemacht, wie es der Bau desselben zulie,
und bltterte in Herders Vlkerstimmen, einem Buche, das ihm besonders teuer
war. Es war ein Geschenk Kathinkas und hatte selbst dadurch nichts an seinem
Werte verloren, da es ihm von seiten der Geberin, die nur Sinn fr das
Pathetische und Komische, aber nicht fr das Naive hatte, mit einem Anfluge von
Spott berreicht worden war. Er las eben die Stelle:

So geht's, wenn ein Maidel zwei Knaben liebhat,
Tut wunderselten gut,
Das haben wir beid' erfahren,
Was falsche Liebe tut -

als Frau Hulen mit einem Briefe eintrat, der von der Post her abgegeben worden
war. Es waren Zeilen von Renatens Hand, trugen aber nicht den Kstriner, sondern
den Seelower Stempel, woraus er ersah, da ihn ein expresser Bote behufs
rascherer Befrderung quer durch das Bruch getragen haben mute. Dies fiel ihm
auf, ebenso die Lnge des Briefes, als er nicht ohne eine gewisse Unruhe das
Siegel erbrochen hatte. Denn unter den zwei extremen Parteien, denen alle
briefschreibenden Damen zugehren, zhlte Renate fr gewhnlich zur Partei der
uersten Kurzschreiber. Was bedeutete diese Ausnahme?

Lewin las:

                                     Hohen-Vietz, Dienstag, den 12. Januar 1813

Lieber Lewin! Papa, der Dir schreiben wollte, wird eben abgerufen; Graf
Drosselstein ist da, um Geschftliches mit ihm zu erledigen. So fllt mir es zu,
Dir ber unsere letzten Erlebnisse zu berichten. Schwere Stunden liegen hinter
uns. Wir hatten diese Nacht ein groes Feuer: der alte Saalanbau ist
niedergebrannt.
    Du wirst Nheres wissen wollen; so la mich denn erzhlen.
    Es war kaum zwlf, als ein Lrm mich weckte. Ich richtete mich auf und sah,
da die Scheiben glhten, als fiele das Abendrot hinein. Ich sprang aus dem Bett
und lief an das Fenster; der Hof war noch leer, aber aus der Mitte des
Saalanbaus schlug eine Flamme auf, und unter der Einfahrt, den Rcken mir
zugekehrt, stand unser alter Pachaly und blies auf seinem Kuhhorn in die
Dorfgasse hinein, in Tnen, die mir noch jetzt im Ohre klingen.
    Mich wandelte eine Ohnmacht an, und von den nchste Minuten wei ich nichts.
Als ich mich wieder erholt hatte, sa ich aufgerichtet in meinem Bett, und Tante
Schorlemmer und Maline waren um mich her, beide zitternd vor Angst und
Aufregung. Sie packten immer neue Kissen in meinen Rcken, Maline hatte
Riechsalz gebracht, und Tante Schorlemmer betete, whrend ihr die Lippen flogen:
Herr Gott Zebaoth, steh uns bei in unsrer Not!
    Ich wei nicht, wie es kam, aber alle Angst war pltzlich von mir
abgefallen, wie wenn die hinschwindende Ohnmacht den Schrecken mit fortgenommen
htte. Ich verlangte aufzustehen, kleidete mich rasch an, und da gerade nichts
anderes zur Hand war, setzte ich die polnische Mtze auf, die Kathinka hier
zurckgelassen hatte. So ging ich hinunter.
    Das Feuer hatte mittlerweile rasche Fortschritte gemacht und noch immer war
nichts da zum Lschen. Aber kaum, da ich auf den Hof getreten war, als auch
schon von der Dorfgasse her ein Rasseln hrbar wurde, und im nchsten Augenblick
kam unsere Hohen-Vietzer Spritze durch das Tor; Krist und der junge Scharwenka
hatten sich an die Deichsel gespannt, und Hanne Bogun, mit seinem Stumpfarm
gegen den Wasserkasten gelehnt, half durch Schieben nach. Hart an dem Steindamm,
aber jenseits nach dem Wirtschaftshofe hin, fuhren sie auf. Papa hatte schon
vorher Mannschaften an den Ziehbrunnen und an die kleine Hofpumpe gestellt, und
nun in doppelter Reihe wurden die Eimer zugereicht. Alles war Eifer und Leben,
und ehe fnf Minuten um waren, fiel der erste Strahl in die Flamme. Schulze
Kniehase leitete alles. Sonderbar, inmitten dieses Grauses schlug mir das Herz
wie vor Freude hher. Aber welch ein Anblick auch! Ich werde dieser Minuten nie
vergessen. Die Nacht hell wie der Tag, alle Gesichter vom Glanz beschienen,
Kommandoworte und dazwischen jetzt, vom Turme her, in langen, abgemessenen
Pausen das Strmen der Glocke. Der alte Kubalke, trotz seiner Achtzig, war
selbst hinaufgegangen, um in das ganze Bruch hineinzurufen: Feuer, Feuer! Und
nicht lange, so hrten wir, von den nchsten Drfern her, die Antwort ihrer
Glocken darauf.
    Das ist die Hohen-Ziesarsche, sagte Jeetze, der klappernd vor Frost neben
mir stand, und gleich darauf fiel auch die Manschnower ein. Ich erkannte sie
selbst an ihrem tiefen Ton. Immer rascher gingen nun die Eimer, da jeder wute,
da die Hilfe von den Nachbarorten her jetzt jeden Augenblick kommen msse. Und
sie kam auch wirklich. Die Hohen-Ziesarsche war wieder die erste; im Carrire
mit zwei von des Grafen Pferden kam sie den Forstackerweg herunter, und wir
hrten sie schon, als sie bei Miekleys um die Ecke bog. Es schtterte wie ein
Donner. Mit lautem Freudengeschrei wurden sie begrt, und Kmmeritz, der seine
Gicht eben erst losgeworden war, bernahm das Kommando.
    Auf dem Wirtschaftshofe, aber doch so, da die in Front stehenden Spritzen
unbehelligt blieben, hatte sich inzwischen das halbe Dorf versammelt. In
vorderster Reihe standen Seidentopf und Marie; er, in seiner alten schwarzen
Tuchmtze mit dem weit vorstehenden Schirm, da es aussah, als ob er sich gegen
den Feuerschein schtzen wolle; sie, an seinen Arm gelehnt und wie ich durch das
aufregende Schauspiel ganz hingenommen. Wieder berraschte sie mich durch ihre
besondere Schnheit. Ihr Gesicht war schmaler und lnger als gewhnlich, und aus
dem rot-und schwarzkarierten schottischen Tuch heraus, das sie nach Art einer
Kapuze bergeworfen hatte, leuchteten ihre groen dunklen Augen selber wie
Feuer.
    Die Eimerkette ging, der Strahl fiel in die Flamme, aber bald muten wir uns
berzeugen, da es unmglich sei, den Saalanbau auch nur teilweise zu retten,
und so gab Papa Ordre, den Wasserstrahl nur noch auf Dach und Giebel des
Wohnhauses zu richten, um wenigstens das bergreifen des Feuers zu hindern. Aber
auch das schien nicht gelingen zu sollen; das Weinspalier fing bereits an, an
mehreren Stellen zu brennen, und das am Hause niederfhrende Gossenrohr, als
oben das Zink geschmolzen, lste sich aus der Dachrinne und strzte auf den Hof.
    In diesem Augenblick erschien Hoppenmarieken unter der Einfahrt, blieb
stehen und sah auf das Feuer. Sie kam nicht von Hause, sondern war erst wieder
auf dem Wege dahin. Wer wei, wo sie bis dahin gesteckt hatte. Als Hanne Bogun
der Alten ansichtig wurde, schttelte er seinen linken Jackenrmel wie im
Triumph und rief: Da is Hoppenmarieken, und gleich darauf: De mt et bespreken.
Papa wute wohl, da die Leute, die so vieles von ihr wissen, ihr auch
nachsagen, da sie Feuer besprechen knne; es widerstand ihm aber, sich an ihre
Teufelsknste, an die er nicht glaubt oder die ihm zuwider sind, wie
hilfebittend zu wenden. Seidentopf, der wohl sehen mochte, was in ihm vorging,
trat an ihn heran und sagte: Wer Gott im Herzen hat, dem mu alles dienen, Gutes
und Bses. Da winkte Papa die Alte heran und sagte: Nun zeige, Marieken, was du
kannst.
    Diese hatte nur darauf gewartet; sie marschierte zwischen den beiden
Spritzen hindurch rasch auf die Stelle zu, wo der alte Saalanbau mit unserem
Wohnhaus einen rechten Winkel bildete, und stellte, nachdem sie zwei, drei
Zeichen gemacht und ein paar unverstndliche Worte gesprochen hatte, ihren
Hakenstock scharf in die Ecke hinein. Dann, whrend sie quer ber den Hof hin
wieder auf die Einfahrt zurckmarschierte, sagte sie zu den Spritzenleuten: De
Hohen-Ziesarschen knnen nu wedder to Huus foohren, und schritt, ohne sich
umzusehen, die Dorfstrae hinunter in der Richtung auf den Forstacker zu. Ihren
groen Hakenstock aber hatte sie statt ihrer selbst an der Brandsttte
zurckgelassen.
    Das Feuer lie augenblicklich nach; Sparren und Balken strzten zusammen,
aber es war, als verzehre sich alles in sich selbst und habe keine Kraft mehr,
nach auen hinauszugreifen. Zugleich lie der leise Wind nach, der bis dahin
gegangen war, und es begann zu schneien. Ein entzckender Anblick, der
dunkelrote Schein, in dem die Flocken tanzten.
    Die Hohen-Ziesarsche Spritze fuhr wirklich ab, und der Hof wurde wieder
leer; nur Papa und der alte Kniehase blieben noch und trafen ihre Anordnungen
fr die Nacht. Ich war mit unter den ersten, die sich zurckzogen, und trotzdem
mein Zimmer unmittelbar an die Brandsttte stie, so war meine Zuversicht, da
die Gefahr beseitigt sei, doch so gro, da ich gleich einschlief. In meinem
Traume mischte sich das eben Erlebte mit jener wundersamen Feuererscheinung im
alten Schlo zu Stockholm, wovon Du Marie und mir am ersten Weihnachtstage
erzhltest, als wir am Kamin saen und den Christbaum plnderten. Ich sah im
Traum die Scheiben meines Fensters glhen; als ich aber aufstand, um nach dem
Schein zu sehen, war ich nicht mehr allein und gewahrte nur eine lange Reihe
Verurteilter, die mit entbltem Hals an einen Block gefhrt wurden. Ein
entsetzliches Bild, und alles rot, wohin ich sah. Aber in diesem Augenblicke
trat Hoppenmarieken in die Tr des Reichssaales, und alles rief: De mt et
stillen.
    Da hob sie den Stock, und es war kein Blut mehr; und das Bild versank und
sie selber mit.
    Heute frh war ich zu guter Stunde beim Frhstck; Papa und die Schorlemmer
erwarteten mich schon. Ich hatte mich vor dieser Begegnung gefrchtet; die
Scheune, die vor zwei Jahren niederbrannte, liegt noch als ein Schutthaufen da,
und nun ein zweites Brandunglck, das wieder auszugleichen es vollends an den
Mitteln fehlen wird. Ich fand aber eine ganz andere Stimmung vor, als ich
gefrchtet hatte. Papa war gesprchig und von einer Weichheit, die mehr von
Hoffnung als von Trauer zeugte. Er nahm meine Hand, und als er sah, da ich nach
einem Trostworte suchte, lchelte er und sagte:

Und eine Prinzessin kommt ins Haus,
Ein Feuer lscht den Flecken aus -

Ich fange an, mich mit dem alten Hohen-Vietzer Volksreim auszushnen. Die
Prinzessin lt noch auf sich warten, aber der Flecken ist fort, das Feuer hat
ihn ausgelscht. Ja, meine liebe Renate, Rtsel umgehen uns, und vielleicht ist
es Torheit, uns in dem Doppelhochmut unseres Wissens und Glaubens alles dessen,
was Aberglauben heit und vielleicht nicht ist, entschlagen zu wollen. Auch in
ihm, von weither herangeweht, liegen Keime der Offenbarung. Ein Feuer lscht den
Flecken aus, inmitten all dieser Prfungen ist es mir, als mten andere,
bessere Zeiten kommen. Fr uns, fr alle. Ich wollte antworten; aber Jeetze trat
ein und meldete, da Graf Drosselstein vorgefahren sei.
    Da hast du den lngsten Brief, den ich je geschrieben. Einen Gru an
Kathinka, auch an Frau Hulen.
                                                 Herzlichst Deine Renate von V.

Lewin legte den Brief aus der Hand. Er war bewegt, aber dasselbe Gefhl, das in
Vater und Schwester vorgeherrscht hatte, gewann auch in ihm die Oberhand: die
Freude darber, da etwas Unheimliches aus ihrem Leben genommen sei.
    Er setzte sich schnell an sein Pult und schrieb eine vorlufige kurze
Antwort, in der er diesem Gefhle Ausdruck gab. Am Schlusse hie es: Der Altar
ist nicht mehr, und der alte Matthias, wenn er weiter spken will, mu sich eine
andere Betestelle suchen. Aber er erschrak vor seinen eigenen Worten, als er
sie wieder berlas. Das klingt ja, sprach er vor sich hin, als ld ich ihn
aus dem Saalanbau in unser Wohnhaus hinber. Das sei ferne von mir. Ich mag den
Komtur nicht zu Gast bitten. Und mit dicker Feder strich er die Stelle wieder
durch.
    Dann kleidete er sich rasch an, um Jrga, der nach dieser einen Seite hin
empfindlich war, nicht warten zu lassen.

                                Zehntes Kapitel



                              Dejeuner bei Jrga

Nicht blo die alte Exzellenz Wylich, wie Geheimrat von Ladalinski sich
ausgedrckt hatte, war ein Pnktlichkeitspedant, sondern auch Jrga. Dies wute
der ganze Kreis. So kam es, da sich eine Minute vor zwlf alle Geladenen auf
Flur und Treppe trafen, selbst Bummcke, der die scherzhaft eingekleidete, aber
ernst gemeinte Reprimande von der letzten Kastaliasitzung her noch nicht
vergessen hatte.
    Die Jrgasche Wohnung befand sich in einem mit einigen Reliefschnrkeln
ausgestatteten Eckhause des Gensdarmenmarktes und nahm die halbe nach dem Platze
zu gelegene Beletage ein. Sie bestand, soweit sie zu reprsentieren hatte, aus
einem schmalen Entree, einem dreifenstrigen Wohn- und Gesellschaftszimmer und
einem Speisesalon. Schon die Gre der Wohnung, noch mehr ihre Ausschmckung,
konnte bei einem mrkischen, auf Halbsold gestellten Husarenoffizier, dessen
vterliches Gut mit drei seiner besten Ernten nicht ausgereicht haben wrde,
auch nur ein Dritteil dieser Zimmereinrichtungen zu bestreiten, einigermaen
berraschen; unser Rittmeister war aber nicht blo der Sohn seines Vaters,
sondern auch der Neffe seiner Tante, eines alten Fruleins von Zieten, die, als
Konventualin von Kloster Heiligengrabe, ihrem Liebling, eben unserem Jrga, ihr
ganzes, ziemlich bedeutendes Vermgen testamentarisch hinterlassen hatte. In
diesem Testament hie es wrtlich: In Anbetracht, da mein Neffe Dagobert von
Jrga, einziger Sohn meiner geliebten Schwester Adelgunde von Zieten,
verehelichten von Jrga, durch seiner Mutter Blut, insonderheit auch durch
Bildung des Geistes und Krpers ein echter Zieten ist, vermache ich besagtem
Neffen, Rittmeister im Gckingkschen (ehemals Zietenschen) Husarenregiment, in
der Voraussetzung, da er das Zietensche, so Gott will, immer ausbilden und in
Ehren halten will, mein gesamtes Barvermgen, samt einem Bildnis meines Bruders,
des Generallieutenants Hans Joachim von Zieten, und bitte Gott, meinen lieben
Neffen in seinem lutherischen Glauben und in der Treue zu seinem Knigshause
erhalten zu wollen.
    Dieses Testament war zuflligerweise gerade am 14. Oktober 1806, also am
Tage der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt, seitens der alten Konventualin,
die noch denselben Winter das Zeitliche segnete, niedergeschrieben worden,
weshalb denn auch Jrga, bei der Wiederkehr jedes 14. Oktober, seiner Weise zu
sagen pflegte: Sonderbarer Tag, an dem ich nie recht wei, ob ich ein Fest-
oder ein Trauerkleid anlegen soll; Preuen fiel, aber Dagobert von Jrga
stieg.
    Im brigen hatte ihn die Tante richtig abgeschtzt; es steckte ihm von der
Mutter Seite her, neben einem Hange zu gelegentlich glnzendem Auftreten, auch
das gute Haushalten der Zieten im Blute, so da sich sein Vermgen, aller Zeiten
Ungunst zum Trotz, in den seit der Erbschaft verflossenen sechs Jahren eher
gemehrt als gemindert hatte.
    In besonders reicher Weise war das schon erwhnte Wohnzimmer von ihm
ausgestattet worden, was denn auch zur Folge hatte, da alle diejenigen Herren,
die heute zum ersten Mal in diesen Rumen waren, ihre Aufmerksamkeit auf Pfeiler
und Wnde desselben richteten. Herr von Meerheimb entdeckte sofort eine in
verkleinertem Mastab gehaltene Kopie eines groen, eine Zierde der Dresdener
Galerie bildenden Tintoretto, whrend von Hirschfeldt sich freute, einer langen
Reihe von Buntdruckbildern zu begegnen, deren Originale er in London, bei
Gelegenheit einer Ausstellung Josua Reynoldsscher Werke, gesehen hatte. Die
Flle aller dieser Ausschmckungsgegenstnde, unter denen namentlich auch
bemerkenswerte Skulpturen waren, gab dem Geplauder, das ohnehin im Auf- und
Abschreiten gefhrt wurde, etwas Unruhiges und Zerstreutes, das dem Aufkommen
eines gemtlichen Tones ziemlich ungnstig war, von Jrga aber, sosehr ihm
unter gewhnlichen Verhltnissen die Pflege des Gemtlichen am Herzen lag, nicht
unangenehm empfunden wurde, da ihm nicht entgehen konnte, da der Grund dieser
bestndig hin und her springenden Unterhaltung ausschlielich eine seiner
Eitelkeit schmeichelnde Bewunderung fr seine Kunstwerke oder aber Neugier in
betreff der sonst noch vorhandenen Sehenswrdigkeiten war.
    Zu diesen Sehenswrdigkeiten gehrte vor allem der groe Stiefel, der,
sechs Fu hoch, mit einer anderthalb Zoll dicken Sohle und einem neun Zoll
langen Sporn daran, seinerzeit entweder selbst eine cause clbre gewesen war
oder doch zu einer solchen die Anregung gegeben hatte. Es hatte damit folgende
Bewandtnis.
    Es war am Ende der neunziger Jahre, als Jrga, damals noch ein blutjunger
Lieutenant bei Gckingk-Husaren, mit Wolf Quast vom Regiment Gensdarmes die
Friedrichsstrae nach dem Oranienburger Tore zu hinaufschlenderte. Dicht vor der
Weidendammer Brcke, gegenber der Ppinire, fiel ihnen ein riesiger Sporn auf,
der im Schaufenster eines Eisenladens hing. Sie blieben stehen, lachten,
schwatzten und setzten fest, da der erste, der in Arrest kme, den Sporn kaufen
solle. Der erste war Jrga. Aber der Sporn war kaum erstanden, als ein neues
Abkommen getroffen wurde: Der nchste lt einen Stiefel dazu machen. Dieser
nchste nun war Quast, und nach Ablauf von wenig mehr als einer Woche wurde der
mittlerweile gebaute Riesenstiefel unter allen erdenklichen Formalitten
prozessionsartig erst in die Kaserne und dann in Quasts Zimmer getragen. Von den
jngeren Kameraden beider Regimenter fehlte keiner. Da stand nun der Kolo, und
der Riesensporn wurde angeschnallt. Aber der einmal wachgewordene bermut war
noch nicht befriedigt, und eine Steigerung suchend, wurde beschlossen, dem
groen Stiefel und groen Sporn zu Ehren auch ein entsprechend groes Fest zu
geben. Der Stiefel natrlich als Bowle. Gesagt, getan. Das Fest verlief zu
vollkommenster Genugtuung aller Beteiligten, aber keineswegs zur Zufriedenheit
des Kriegsministers, der vielmehr dem Unfug ein Ende zu machen und den groen
Stiefel tot oder lebendig einzuliefern befahl.
    Die betreffende Ordre war kaum ausgefertigt, als alle jungen Lieutenants
einig waren, da es Ehrensache sei, den Stiefel cote que cote zu retten, der
nunmehr auch wirklich bei der bald darauf stattfindenden Kasernenrevision aus
einem Zimmer in das andere und schlielich in Rckzugsetappen erst auf die
havellndischen, dann auf die ruppinschen und priegnitzschen Gter der
respektiven Vter und Oheime wanderte, die sich nolens volens in das von ihren
Shnen und Neffen eingeleitete Spiel mitverwickelt sahen. So kam er schlielich
nach Gantzer und war auf ein ganzes Dutzend Jahre hin vergessen, als unser
Jrga, bei Gelegenheit eines kurzen Besuchs im vterlichen Hause, des
ehemaligen corpus delicti wieder ansichtig wurde und sofort beschlo, es als
originelle Zimmerdekoration in seiner eben in Einrichtung begriffenen Wohnung zu
verwenden. Er machte brigens nicht mehr und nicht weniger von der Sache, als
sie wert war, und wenn er, die Geschichte vom groen Stiefel erzhlend,
einerseits viel zuviel Urteil hatte, um einen Fhndrichsstreich als Heldentat zu
behandeln, so war er doch auch keck und unbefangen genug, sich des bermutes
seiner jungen Jahre nicht weiter zu schmen.
    Der eintretende Diener, die Flgeltren des Speisesalons ffnend, meldete
durch diese stumme Sprache, da das Frhstck serviert sei, und Jrga,
vorausschreitend, bat seine Gste, ihm folgen zu wollen. An einem runden Tische
war gedeckt. Hirschfeldt und Meerheimb nahmen zu beiden Seiten des Wirtes Platz,
Hansen-Grell ihm gegenber; Tubal, Lewin und Bummcke, auf die sich aus der Reihe
der Kastaliamitglieder die Einladungen beschrnkt hatten, schoben sich von
rechts und links her ein.
    Die Jrgaschen Frhstcke waren berhmt, nicht nur durch ihre
Auserlesenheit, sondern beinahe mehr noch durch die Aufmerksamkeiten und
berraschungen, womit er das Mahl zu begleiten pflegte. Auch heute war er nicht
hinter seinem Ruf zurckgeblieben. Unter dem Couverte von Hirschfeldt lag, aus
einem franzsischen Reisebuche herausgeschnitten, die Kathedrale von
Tarragona, ein kleines Bildchen, auf dessen Rckseite die Worte zu lesen waren:
In dankbarer Erinnerung an den 5. Januar 1813, whrend Hansen-Grell beim
Auseinanderschlagen seiner Serviette eines zierlichen silbernen Sporns ansichtig
wurde, der auf dem Kartenblatt, auf dem er befestigt war, nach Art einer Devise
die Umschrift fhrte:

Er trug blanksilberne Sporen
Und einen blausthlernen Dorn,
Zu Calcar war er geboren,
Und Calcar, das ist Sporn.

Auch fr Bummcke war gesorgt und eine berraschung da, die freilich mehr den
Charakter einer Neckerei als einer Aufmerksamkeit hatte. Es war eine groe,
neben seinem Teller liegende Papierrolle, die sich nach Entfernung des roten
Fadens, der sie zusammenhielt, als ein vielfach ldierter, in grober
Schabemanier ausgefhrter Kupferstich erwies. Darunter stand: Einzug des
Hauptmanns von Bummcke in Kopenhagen. Und in der Tat, so wenig glaubhaft ein
hauptmnnischer Einzug in die dnische Hauptstadt sein mochte, es sah mehr oder
weniger nach etwas Derartigem aus, schon weil die Straenarchitektur getreulich
wiedergegeben und fr jeden, der Kopenhagen kannte, der aus drei
Drachenschwnzen aufgefhrte Spitzturm des alten Brsengebudes ganz deutlich
erkennbar war. Nichtsdestoweniger bedeutete der eigentliche Gegenstand des
Bildes, auf dem man einen offenen, mit vier Pferden bespannten und von Militr
eskortierten Wagen sah, etwas sehr anderes und stellte weder die Entre joyeuse
Bummckes noch berhaupt einen Einzug, wohl aber die Abfhrung der Grafen Brandt
und Struensee zu ihrem ersten Verhre dar. Bummcke, der den Kupferstich aus
einem alten Antiquittenladen her seit lange kannte, fand sich in dem Scherze
schnell zurecht oder gab sich wenigstens das Ansehen davon, was das Beste war,
das er tun konnte. Er hatte nmlich, was hier eingeschaltet werden mag, die
Schwche, mit einer etwas weitgehenden Vorliebe von seiner nordischen Reise,
der einzigen, die er berhaupt je gemacht hatte, zu sprechen und war in Folge
dieser Schwche - von der er brigens selber ein starkes Gefhl hatte - bei mehr
als einer Gelegenheit nicht blo das Opfer Jrgascher Neckereien gewesen,
sondern hatte auch die Erfahrung gemacht, da Stillhalten das einzige Mittel
sei, denselben zu entgehen oder doch sie abzukrzen.
    Das Tablett mit Port und Sherry wurde eben herumgereicht, als Bummcke, das
Blatt noch einmal auseinanderrollend, mit jener Ruhe, die einem das Gefhl,
seinen Gegenstand zu beherrschen, gibt, anhob: Der arme Struensee! Ich habe die
Stelle gesehen, drauen vor der Westerngade, wo sie ihm den Kopf
herunterschlugen. Was war es? Neid, Rancune und nationales Vorurteil. Ein
Justizmord ohnegleichen. Er war so unschuldig wie die liebe Sonne.
    Seine Intimitten schienen aber doch erwiesen, bemerkte Jrga wichtig,
dem nur daran lag, seinen Infanteriekapitn in das geliebte dnische Fahrwasser
hineinzubringen.
    Intimitten! entgegnete dieser, der dem Kder, trotzdem er den Haken sah,
nicht widerstehen konnte. Intimitten! Ich versichere Ihnen, Jrga, alles
Torheit und Verleumdung. Ich habe whrend meines Aufenthaltes in Kopenhagen
Gelegenheit gehabt, zu Personen in Beziehung zu treten, die, passiv oder aktiv,
in dem Drama mitgewirkt haben. Ein Spiel war es mit Ehre und Leben, eine blutige
Farce von Anfang bis zu Ende. Das Kanonisieren ist auer Mode; htten wir noch
einen Rest davon, diese Knigin Karoline Mathilde mte heiliggesprochen
werden.
    Wenn es nicht indiskret ist, nach Namen zu fragen, woher stammen Ihre
Informationen?
    Vom Leibarzt der Knigin, sagte Bummcke.
    Nun, der mu es wissen, erwiderte Jrga bermtig, aber er schafft mit
seiner Autoritt die Aussagen derer, die sich selber schuldig bekannten, nicht
aus der Welt. Ich appelliere vorlufig an unseren Freund Hansen-Grell. Er mu
doch in seinem grflichen Hause das eine oder das andere ber den Hergang gehrt
haben.
    Nein, antwortete dieser, das grfliche Haus, soviel ich wei, hatte
Ursache, ber den Fall zu schweigen, und ihn aus Bchern kennenzulernen, habe
ich versumt. Ich mu mich berhaupt anklagen, der dnischen Geschichte, von
einzelnen weit zurckliegenden Jahrhunderten abgesehen, nicht das Ma von
Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, das ihr gebhrt.
    Und wir hatten gerade, bemerkte Tubal verbindlich, nach Ihrer
Hakon-Borkenbart-Ballade, womit Sie uns am Weihnachtsabend erfreuten, den
entgegengesetzten Eindruck.
    Weil Sie aus meiner Kenntnis der halb sagenhaften Vorgeschichte des Landes
allerhand schmeichelhafte Rckschlsse auf meine gesamte dnische
Geschichtskenntnis zogen. Aber leider mit Unrecht. Ich habe mehr um Dichtungs
als um Historie willen im Saxo Grammaticus und in den lteren Mnchschroniken
gelesen, so viel, da ich schlielich die moderne Knigin Karoline Mathilde ber
die alte Knigin Thyra Danebod vergessen habe.
    Thyra Danebod, rief Jrga in aufrichtigem Enthusiasmus, das ist ja ein
wundervoller Name. Er tingelt etwas weniger als Kathinka von Ladalinska; aber
trotzdem! Was meinen Sie, Bummcke?
    Bummcke, der sich so unerwartet an den Ladalinskischen Ballabend erinnert
sah, drohte gutmtig mit dem Finger; Hansen-Grell aber fuhr fort: Ich teile
ganz den Enthusiasmus unseres verehrten Wirtes, und wenn ich auf das Gewissen
gefragt wrde, wrd ich bekennen mssen, aus dem Zauber dieses Namens, und
vieler hnlicher, so recht eigentlich die Anregung zu meinem Studium
altdnischer Geschichten empfangen zu haben. Sigurd Ring und Knig Helge, Ragnar
Lodbrok und Harald Hyldetand entzckten mich durch ihren bloen Klang, und sooft
ich dieselben hre, ist es mir, als teilten sich die Nebel und als she ich in
eine wundervolle Nordlandswelt, mit klippenumstellten Buchten, und vor ihnen
ausgebreitet das blaue Meer und hundert weigebauschte Segel am Horizont.
    Es ist der fremde Klang, der unser Ohr gefangennimmt, bemerkte
Hirschfeldt, der sich von Spanien her hnlich bestechender Namenseindrcke
entsinnen mochte, und Lewin und Tubal stimmten ihm bei.
    Gewi߫, fuhr Hansen-Grell fort, dieser Fremdklang ist von Bedeutung. Aber
es ist, ber denselben hinaus, doch schlielich ein anderes noch, was diesen
altdnischen Namen ihren eigentmlichen Zauber leiht. Es spricht sich nmlich in
ihnen jene der Sprichwrterweisheit der Vlker verwandte Begabung aus, Menschen,
Erscheinungen, ja ganze Epochen in einem einzigen Beiwort zu charakterisieren.
Die Kraft in der Knappheit, das Viel im Wenigen, da haben wir den Schlssel zum
Geheimnis.
    Bummcke geriet in Aufregung, so sehr, da er - was sonst nicht seine Sache
war - den Chteau d'Yquem mit ablehnender Handbewegung an sich vorbergehen lie
und zu Hansen-Grell wie zu einem Herzensvertrauten hinberrief: Ich wei,
worauf Sie hinauswollen. Sprichwrterweisheit sagten Sie, ganz richtig. An den
Knig Erichs, wenigstens an den ersten sechs oder sieben, lt es sich am besten
zeigen: Erik Barn, Erik Ejegod, Erik Lam, Erik Plopenning, Erik Glipping. Ich
verbinde mit jedem ein Bild, eine Vorstellung, besonders mit dem Plopenning und
dem Glipping. Glipping, das heit soviel wie Augenplink oder der Wimperer. Und
wirklich, es ist zum Lachen, aber ich sehe ihn vor mir, wie er mit dem rechten
Augenlide immer hin und her zwinkert.
    Jrga warf sich in den Stuhl zurck und sagte whrend eines Hustenanfalls,
der sich vor lauter Heiterkeit nicht legen wollte: Das ist denn doch das
kapitalste Stck von Fremdlandsenthusiasmus, das mir all mein Lebtag vorgekommen
ist. Knig Wimperer, ich gre dich.
    Wenn Sie mehr von ihm wten, Jrga, so wrden Sie dieser bedeutenden
Figur mit mehr Respekt begegnen. Er war ein guter Knig und wurde zu Viborg mit
sechsundfnfzig Stichen ermordet.
    Nicht mehr wie billig. Warum hat er gewimpert? Ich greife mit dem
Champagner um zwei Gnge vor. Es lebe Erik Glipping!
    Er lebe, er lebe! und die Glser klangen zu Ehren des alten Dnenknigs
zusammen. Hansen-Grell aber, ehe noch der bermut sich vllig gelegt hatte,
sagte: Halten Sie es der Pedanterie eines Kandidaten und Schulmeisters zugute,
wenn er von seinem Thema nicht los kann, ich verspreche aber, kurz zu sein.
    Kurz oder lang, Grell, Sie sind immer willkommen.
    Gut, ich akzeptiere. Unseres verehrten Hauptmanns Vorliebe fr Knig
Glipping und, wenn ich mich so ausdrcken darf, die plastische
Gegenstndlichkeit, mit der er uns denselben vorzufhren verstand, hat uns auf
einen Schlag die goldenen Tore der Heiterkeit aufgeschlossen, ich mu aber doch
noch einmal ins Ernste zurck. In unserer neueren Geschichte, soweit sie uns von
Kaisern und Knigen erzhlt, ist jetzt die Zahl in Mode gekommen; der Erste,
Zweite, Dritte, auch der Vierzehnte und Fnfzehnte; die Zahl gilt, und mit ihr
das Nchternste, das Unpoetischste, das Charakterloseste, das es gibt. Dem
gegenber stehen meine alten skandinavischen Knigsnamen, nach Klang und Inhalt,
ich betone, auch nach Inhalt, auf dem Boden der Poesie, und das ist es, was sie
mir so wert macht. Epigrammatischer als ein Epigramm, ist mancher dieser Namen
doch zugleich wie ein Gedicht, rhrend oder ergreifend, je nachdem. Urteilen Sie
selbst. Ich will nur zwei nennen: Olaf Hunger und Waldemar Atterdag! Ist es
mglich, Personen und Epochen in einem einzigen Worte schrfer und
eindringlicher zu zeichnen? Es vergit sich nie wieder. Olaf war ein guter
Knig, aber das Land siechte hin an Miernten und bser Krankheit, und weder
seine Gebete noch sein ausgesprochener Wille, sich fr das Volk zum Opfer zu
bringen, konnten den Unsegen tilgen oder gar in Segen verwandeln. Und so
bedeutet dieser Knig, auf den Blttern der dnischen Geschichte, eine Zeit des
Fluchs, von Not und Tod, und sein gespenstisches Bild trgt unverschuldet die
furchtbare Unterschrift: Olaf Hunger.
    Und hlt uns eine Fastenpredigt bei unserem Frhstck! Lassen Sie ihn
fallen, Grell. Was ist es mit dem andern?
    Er steht da wie sein Gegenstck.
    Gott sei Dank!
    Er war schn und siegreich und liebte die Frauen.
    A la bonne heure.
    Aber mehr als das, er war auch heiter und gtig. In jungen Jahren hatten
ihn eigene Leidenschaft und anderer Rat zu hitzigen Taten fortgerissen; als er
aber ein Mann geworden war, da reute ihn die Raschheit seiner Jugend, und er
schwur es sich, nichts Hartes und Strenges mehr aus dem Moment heraus tun zu
wollen. Umdrngten ihn seine Hofleute und forderten einen schnellen Spruch von
ihm, wohl gar Tod, so machte er eine leichte Bewegung mit Kopf und Hand und
sagte nur: Atterdag. Das heit: Andertag. Und ein Fllhorn reicher Gnade quoll
aus dem einen Wort, und Atterdag hat einen guten Klang in Dnemark bis diese
Stunde.
    Das ist mein Mann, Grell. Atterdag! Und Sie haben recht, da haben wir Klang
und Inhalt. Sie decken einander. Ich seh ihn vor mir, so deutlich, wie Bummcke
den Glipping sah. Aber mein Atterdag zwinkert nicht. Er hat ein wundervolles
blaues Auge, und hinter ihm her ziehen endlose Hochzeitszge, und die
Fahnenschwenker werfen ihre Stcke bis hoch in den Himmel hinein. Lassen Sie den
Fasan noch einmal herumgehen, Tubal, das sind wir dem Atterdag schuldig und dem
Olaf Hunger erst recht.
    Das Gesprch lie nun die Dnenknige fallen, bald Skandinavien berhaupt,
und nur Bummcke machte noch einen herkmmlichen Versuch, von Kopenhagen aus in
Aalborg zu landen, um dann, quer durch Jtland hin, den groen Limfjord zu
befahren. Dies war seine Lieblingstour, weil er in elf Gesellschaften von zwlf
darauf rechnen durfte, sie allein gemacht und somit unangefochten das Wort zu
haben. Aber dieses Vorzuges ging er heute verlustig, und kaum da er in ziemlich
sentimentalen Ausdrcken von dem Klageton und dem Wehmutsschleier der
nordjtischen Landschaft gesprochen hatte, als ihm auch schon der Widerspruch
Grells hart auf der Ferse war, der, der hunderttausend wie weie Nymphen auf
dem Limfjord schwimmenden Mwen ganz zu geschweigen, nie ein smaragdgrneres
Wasser und nie einen azurblaueren Himmel gesehen haben wollte.
    Nichts Gewhnlicheres als ein solcher Gegensatz empfangener Eindrcke,
nahm von Meerheimb das Wort, und es bedarf nicht einmal zweier Personen, um
Widersprchen wie diesen zu begegnen; wir finden sie in uns selbst. Was wir die
Stimmung der Landschaft nennen, ist in der Regel unsere eigene. Lust und Leid
frben verschieden. Als wir auf der Smolensker Strae zogen und in die Nhe der
alten russischen Hauptstadt kamen, war es uns, als marschierten wir unter einem
Regenbogen, und berall, wohin wir blickten, stiegen, wie durch Spiegelung, die
goldenen Kuppeln Moskaus vor uns auf. Unsere Sehnsucht sah sie, lange bevor sie
sich wirklich in dem Nebelduft des Horizontes abzeichneten. Das war um die Mitte
September. Und vier Wochen spter zogen wir wieder dieselbe Strae. Der Rckzug
hatte begonnen. Es war noch nicht kalt, und die Oktobersonne schien nicht
weniger hell, als die Septembersonne geschienen hatte, aber ringsumher lag de
und Einsamkeit, und die Flsse, statt mit uns zu plaudern, schienen
hinzuschleichen wie die Wasser der Unterwelt. Das Land war nicht verndert, aber
wir.
    Jeder stimmte bei, selbst Jrga, der nur den Strich zwischen Neustadt und
Gantzer ausnahm, von dem er versicherte, immer denselben Eindruck empfangen zu
haben. Welchen? darber schwieg er, entweder aus Vorsicht oder weil er die sich
gerade jetzt bequem darbietende Gelegenheit zu einer noch ausstehenden Ansprache
nicht unbenutzt vorbergehen lassen wollte.
    Herr von Meerheimb, so hob er an, whrend er mit dem Messerrcken an das
Glas klopfte, hat uns soeben ber die Felder von Moshaisk oder ihnen nahe
gelegener Territorien gefhrt, nicht in breiter Schilderung, sondern diskursive,
wenn ich mich so ausdrcken darf, in landschaftlichen Aperus, in
gegenstzlichen Stimmungskizzen. Ich erinnere Sie daran, da uns die vorgerckte
Stunde der letzten Kastaliasitzung um einen Vortrag brachte, der, wenn ich recht
unterrichtet bin, sich auf denselben Feldern von Moshaisk bewegt, freilich nur
um auf eben diesen Feldern sehr andere Bilder als die Kuppeln von Moskau, die
wirklichen oder die visionren, vor unseren Blicken aufsteigen zu lassen. Und so
erlaube ich mir, an unseren verehrten Gast die Frage zu richten, ob es ihm
genehm sein wrde, das in erwhnter Sitzung Versumte nachzuholen und vor diesem
engeren Kreise den uns zugedachten Abschnitt aus seinem Tagebuche zu lesen?
    Von Meerheimb verneigte sich und sagte dann: Ich gehorche gern Ihrer
freundlichen Aufforderung, sosehr ich auch, ganz in bereinstimmung mit Herrn
von Hirschfeldt, der mir darber nach der letzten Kastaliasitzung seine
Confessions gemacht hat, das Miliche solcher Vorlesungen fhle. Dies Miliche
wird dadurch nicht vermieden, da man auf die Mitteilung aller persnlichen
Heldentaten - ein Wort, das ich zu nehmen bitte, wie es gemeint ist - Verzicht
leistet. Man bleibt eben ein Teil des Ganzen, und indem man dieses feiert,
feiert man wohl oder bel sich selber mit. Keine Darstellung groer Vorgnge,
bei denen man zugegen war, wird dies vermeiden knnen, auch die dezenteste
nicht, und jeder, der es dennoch wagt, ist auf die besondere Nachsicht seiner
Hrer angewiesen. Dieser Nachsicht bin ich bei Ihnen sicher. Im brigen bitte
ich, trotz des Bannes, unter dem in diesem Kreise die Vorreden stehen, noch
vorweg bemerken zu drfen, da ich nur Erlebtes, also im Hinblick auf den groen
Vorgang nichts Vollstndiges gebe. Einzelnes, was jenseits des persnlich
Erlebten liegt, ebenso wie die Namen von Ortschaften und Personen, verdanke ich
den Mitteilungen und Aufschlssen gefangener russischer Offiziere, mit denen ich
spter im Smolensker Lazarette lag. Und nun habe ich geschlossen und ersuche
unseren verehrten Wirt, in jedem Momente, der ihm passend scheint, ber mich zu
verfgen.
    Nehmen wir den Kaffee, damit hob Jrga die Tafel auf und schritt, Herrn
von Meerheimb den Arm bietend, in das Wohnzimmer voran.
    Hier waren inzwischen alle Vorbereitungen getroffen und, trotzdem es noch
frh war - nach vorgngiger Schlieung der schweren Fenstergardinen -, die
kleinen mit Kristallglas gezierten Wandleuchter angezndet worden. In dem
blanken englischen Kamin, der als Schmuckstck der Wohnung in den groen Ofen
hineingebaut worden war, brannte ein helles Feuer, und um den Sofatisch herum,
den ein golddurchwirktes trkisches Tuch bedeckte, standen an den frei
gebliebenen Seiten hohe Lehnsthle und gepolsterte Sessel. Der Kaffee wurde
serviert, und whrend Wirt und Gste um den Tisch her Platz nahmen, rckte sich
von Meerheimb einen Doppelleuchter zurecht und las: Borodino.

                                 Elftes Kapitel



                                    Borodino

... Wir glaubten nicht mehr, da die Russen standhalten wrden. Sie zogen sich
auf der groen Smolensker Strae zurck, vermieden jedes Rencontre mit unsern
Vortruppen und schienen Moskau ohne Schwertstreich preisgeben zu wollen. Es war
aber anders beschlossen; auf russischer Seite wechselte der Oberbefehl, Kutusow
kam an Barclay de Tollys Stelle, und unserm Einzuge in Moskau ging ein
Zusammensto voraus, von dem der Kaiser selbst bei hereinbrechender Nacht sagte:
Ich habe heute meine schnste Schlacht geschlagen, aber auch meine
schrecklichste.
    Das war bei Borodino am 7. September.
    Schon der 5. gab uns einen Vorschmack. Als wir am Abend dieses Tages ins
Biwak rckten, hrten wir, da in unserer Front ein heftiges Gefecht
stattgefunden und die Division Compans, zu der auch das 61. Linienregiment
gehrte, eine russische Schanze gestrmt habe. Unmittelbar darauf sei der Kaiser
erschienen und habe, die Lcken in dem genannten Regimente wahrnehmend, unruhig
gefragt: Wo ist das dritte Bataillon vom Einundsechzigsten?, worauf der alte
Compans geantwortet habe: Sire, es liegt in der Schanze.
    Am 6. hatten wir Gewiheit, da uns die Russen eine Schlacht bieten wrden,
und tags darauf standen wir ihnen in aller Frhe schon auf Kanonenschuweite
gegenber.
    Es war ein klarer Tag. Die Sonne, eben aufgegangen, hing wie eine rote Kugel
ber einem Waldstrich am Horizont und sah auf das kahle Plateau hinunter, das
sich, halb Brache, halb Stoppelfeld, in bedeutender Tiefe, aber nur etwa in
Breite einer halben Meile, vor uns ausdehnte. Die Hhenstellung, auf der wir
hielten, erleichterte es mir, mich in dem Terrain zurechtzufinden, und ich
erkannte bald, da das vor uns liegende Plateau keineswegs eine glatte Tenne
sei, sondern mehrere kleine Senkungen und Steigungen habe. Namentlich eine
dieser Senkungen, allem Anscheine nach ein ausgetrocknetes Flubett, markierte
sich scharf und zog sich, das voraussichtliche Schlachtfeld in zwei Hlften
teilend, wie ein Wallgraben zwischen unserer und der feindlichen Stellung hin.
Hben wir, drben die Russen. Dies ausgetrocknete Flubett hie der
Semenowskagrund. Wer angriff, mute diesen Grund passieren, und in der Tat
drehte sich die neunstndige Schlacht um den Besitz desselben und dreier teils
am diesseitigen, teils am jenseitigen Rand gelegenen Positionen. Diese drei
Positionen waren die folgenden: 1. die Bagrationfleschen; 2. das Dorf
Semenowskoi und 3. die groe Rajewskischanze. Position zwei und drei lagen
jenseit des Grundes, auf der von den Russen besetzten Hlfte des Schlachtfeldes,
Position eins aber, die Bagrationfleschen, waren brckenkopfartige, bis an den
diesseitigen Rand des Semenowskagrundes vorgeschobene Werke. Alle drei
Positionen bildeten das feindliche Zentrum, an das sich ein rechter und linker
Flgel anlehnte. Der rechte bei Borodino, der linke bei Utiza. In tiefen
Kolonnen stand der Feind, scheinbar endlos. Wir sahen weithin das Blitzen der
Bajonette und in Front seiner Stellung, am Rande des Grundes hin, die dunkeln
ffnungen seiner Geschtze.
    Soweit der Feind. Aber das helle Licht des Morgens, dazu die Hhen, die wir
innehatten, gnnten uns auch einen berblick ber unsere eigene Aufstellung.
Unmittelbar vor uns, in sechs Divisionsmassen, standen die Corps von Davoust und
Ney, hinter uns Junot und die Garden, whrend wir selber, zehntausend Reiter
unter Knig Murat, sowohl in Lnge wie Tiefe die Mitte des diesseitigen
Schlachtenkrpers einnahmen.
    Der Plan Napoleons ging dahin, erst die Flgelpunkte: Borodino und Utiza,
jenes durch die italienischen Garden des Vizeknigs, dieses durch die Polen
unter Poniatowski, nehmen zu lassen, dann aber, und zwar unter Mitwirkung der
ebengenannten von rechts und links her einschwenkenden Flgelcorps (deren
rasches Vordringen er nicht bezweifelte), die furchtbare Zentrumsposition des
Feindes zu durchbrechen. Erst die Fleschen, dann Semenowskoi, dann die
Rajewskischanze.
    Schon vor Tagesanbruch war der erste Kanonenschu gefallen, um sieben begann
die Schlacht. Der Vizeknig nahm Borodino; aber Poniatowski, auf einen strkeren
Feind stoend, als er erwartet hatte, konnte nicht Terrain gewinnen. So blieb,
als namentlich auch bei Borodino der Angriff wieder ins Stocken kam, die
Mitwirkung von den Flgeln her aus und zwang die zu unseren Fen haltenden
Corps von, Davoust und Ney, die Durchbrechung des feindlichen Zentrums in weder
von links noch rechts her untersttzten Frontalangriffen zu versuchen. Die
Division Compans, dieselbe, die am 5. das erbitterte Gefecht gehabt hatte, hatte
wieder die Tte. Sie warf sich auf das nchste Angriffsobjekt, die
Bagrationfleschen, nahm sie, verlor sie und nahm sie zum zweiten Mal, aber nur,
um sie zum zweiten Mal zu verlieren. Der tapfere Compans fiel, Rapp und Davoust,
mehr oder minder schwer verwundet, muten das Schlachtfeld verlassen, und immer
neue Divisionen wurden vorgezogen, um uns den Besitz dieses vorgeschobenen
Werkes zu sichern. Erst nach dem vierten diesseitigen Sturm gaben die russischen
Grenadiere, die hier unter Frst Woronzow gestanden und geblutet hatten, jeden
Wiedereroberungsversuch auf und zogen sich, soviel ihrer noch waren, auf den
jenseitigen Rand des Semenowskagrundes zurck. Zu schwach, noch selber feste
Krper zu bilden, reihten sie sich in andere Truppenkrper ein, die sie hier
vorfanden. Es waren ihrer noch vierhundert Mann, der Rest von sechstausend.
Frst Woronzow, als er am Abend des Tages seinen Bericht an den Kaiser abfate,
schlo mit den Worten: Meine Grenadierbataillone sind nicht mehr; aber sie
verschwanden nicht von dem Schlachtfelde, sondern auf ihm.
    Um elf Uhr hatten wir die Fleschen, und der Grund mute nun berschritten
werden, um zunchst das schon an vielen Stellen brennende Dorf Semenowskoi, dann
die links daneben gelegene groe Rajewskischanze zu nehmen. Aber schon begann es
an den Krften dazu zu fehlen, wenigstens in der Front. Die Divisionen des
Davoustschen Corps waren nur noch Schlacke, die des Neyschen kaum minder, und
nur die Division Friant war noch intakt. Sie erhielt Befehl zum Vorgehen und
nahm jetzt die Tte, whrend die schon im Feuer gewesenen Divisionen
aufschlossen. Die Bravour des Angriffs schien einen Augenblick einen groen
Erfolg versprechen zu sollen; aber in demselben Moment, wo die vordersten
Bataillone den jenseitigen Rand des Semenowskagrundes erstiegen, wurden sie von
einem auf nchste Distance hin abgegebenen Massenfeuer in langen Reihen
niedergemht; die nachrckenden Bataillone stutzten, wandten sich und suchten
diesseitig der Schlucht in Ravins und Einschnitten eine Zuflucht zu gewinnen.
Der Sturmversuch war als gescheitert anzusehen, und in unserer ganzen Front,
sowohl unmittelbar vor uns wie auch nach beiden Flgelpunkten hin, standen keine
frischen Infanteriekrper mehr, denen eine Wiederholung des Sturmes zuzumuten
gewesen wre.
    In diesem Augenblicke kam Befehl an Knig Murat, es mit seinen Reitermassen
zu versuchen. Zu diesen Reitermassen gehrten auch wir. Murat, nach Empfangnahme
der Ordre, zog sofort vom linken Flgel her seine vier Kavalleriecorps
staffelweise vor, erst Grouchy, dann Nansouty, dann Montbrun, dann
Latour-Maubourg, und lie sie, das letztgenannte Corps vorlufig noch
zurckhaltend, mit nur kurzen Pausen gegen die Positionen des feindlichen
Zentrums vorbrechen. Grouchy fhrte, Nansouty und Montbrun folgten. Das
Schlachtfeld donnerte unter dem Hufschlag von mehr als 6000 Pferden; selbst der
Donner der Geschtze wurde momentan bertnt. Aber der ungeheure Reitersturm
vermochte nicht mehr, als die wiederholten Angriffe der Infanteriedivisionen
vermocht hatten; am diesseitigen Rande des Semenowskagrundes strzten die
vordersten Reihen, und was brigblieb, ri die nachfolgenden Regimenter mit in
die Flucht der in Front gestandenen hinein.
    Ein neuer Mierfolg; tausend reiterlose Pferde stoben ber das Feld hin.
Grouchy, Nansouty, Montbrun hatten versagt; nur unser 4. Kavalleriecorps,
Latour-Maubourg, hielt noch unberhrt am rechten Flgel, in seiner Front unsere
Krassierdivision unter General de Lorges. Wir nannten ihn scherzhaft, aber
zugleich auch in Anerkennung seiner chevaleresken Tugenden, unseren Ritter de
Lorges, und in der Tat, der Moment war nahe, wo die Division, die seinen
stolzen Namen fhrte, den Handschuh aus dem Lwengarten holen sollte. Eine
Staubwolke wurde von links her sichtbar, und Knig Murat selbst, der bis dahin
am anderen Flgel gehalten hatte, sprengte bis in unsere Front. Er war
prchtiger und phantastischer gekleidet denn je, und wahrnehmend, da wir, trotz
der von Zeit zu Zeit einschlagenden Kugeln, in vollkommener Ruhe Linie hielten,
warf er uns im Vorberreiten Kuhndchen zu und salutierte mit seiner Reitgerte,
die er statt des Sbels fhrte. Zugleich gab er Befehl zum Angriff, und in zwei
groen Reitermassen jagten wir ber das Feld hin, die eine dieser Massen die
sechs Regimenter starke polnische Ulanendivision unter General Rozniecki (wir
verloren sie bald darauf aus dem Gesicht), die andere, von der ich
ausschlielich zu erzhlen habe, unsere Krassierdivision de Lorges. Aber auch
diese teilte sich wieder, und wie sich eben erst aus unserer gesamten
Latour-Maubourgschen Corpsmasse die polnische Ulanendivision herausgelst hatte,
so lste sich jetzt, nur wenige Minuten spter, aus unserer Krassierdivision de
Lorges die westflische Brigade von Lepel heraus. General von Lepel galt als der
schnste Offizier der westflischen Armee; er war der Liebling Friederike
Katharinens, der Gemahlin Knig Jrmes. Wir sahen ihn eben noch mit erhobenem
Pallasch vor der Front seiner Brigade, als eine Pakugel ihn vom Pferde warf.
Auf den Tod verwundet, nannte er den Namen seiner Knigin und starb. Seine
Brigade aber stutzte, wandte sich seitwrts und griff erst spter wieder in den
Gang des Gefechtes ein.
    So waren wir denn allein: schsische Brigade Thielmann, achthundert Reiter
der Regimenter Garde du Corps und von Zastrow. War unsere Stellung ohnehin am
uersten rechten Flgel gewesen, so gebot es jetzt unsere Lage, wie General von
Thielmann in Beobachtung der voraufgegangenen Gefechtsmomente klar erkannt
hatte, uns immer weiter nach rechts zu ziehen. Woran waren alle bisherigen
Angriffe gescheitert? An der immer sich gleichbleibenden Schwierigkeit, den
steil abfallenden Semenowskagrund angesichts der feindlichen Geschtzreihe zu
passieren. Eine Mglichkeit des Gelingens war also nur gegeben, wenn sich am
Flubett hin bergangsstellen finden lieen, wo die Bschung minder abschssig
und das feindliche Feuer minder heftig war. Solche Stellen lagen fluaufwrts
nach Utiza zu, und durch immer weiteres Ausbiegen uns mehr und mehr aus dem
Kanonenbereich herausziehend, entdeckten wir endlich, keine tausend Schritt mehr
von dem genannten Flgelpunkt entfernt, eine flach abfallende, vom russischen
Geschtz kaum noch erreichte Stelle, die uns ein bequemes Hinabreiten in den
Semenowskagrund zu ermglichen schien. Das war, was wir suchten. Eine Minute
spter hielten wir in dem ausgetrockneten Flubett, dessen Rnder, je mehr wir
uns, links einschwenkend, dem feindlichen Zentrum wieder nherten, immer hher
und steiler wurden. Aber diese hher und steiler werdenden Rnder waren zunchst
unser Schutz, und das Feuer der um Dorf Semenowskoi her in Batterie stehenden
hundert russischen Geschtze ging ber unsere Kpfe hinweg. Wir waren schon bis
dicht an das Dorf heran, ohne nennenswerten Verlusten ausgesetzt gewesen zu
sein; General Thielmanns geschickte Fhrung hatte uns davor bewahrt. Aber nun
kam der entscheidende Moment, und dieselben steilen Bschungen, die bis dahin
unsere Rettung gewesen waren, waren nun unsere Gefahr. Und doch muten wir sie
hinauf. Unser Regiment Garde du Corps fhrte: In Zgen rechts schwenkt, Trab!
, und im nchsten Augenblick suchten wir den Abhang und gleich darauf die Hhe
zu gewinnen. Einzelne berschlugen sich und strzten zurck; die meisten aber
erreichten die Crte, rangierten sich und gingen zur Attacke vor.
    Erst im Anreiten sahen wir, wo wir waren. Keine dreihundert Schritt vor uns
brannte Dorf Semenowskoi; zwischen uns und dem Dorfe aber, und dann wieder ber
dasselbe hinaus, standen schachbrettartig sechs russische Carrs,
Gardegrenadierbataillone, die berhmten Regimenter Ismailoff, Litauen und
Finnland. Ihr Feuer empfing uns aus nchster Nhe, aber ehe eine zweite Salve
folgen konnte, waren die diesseits des Dorfes stehenden Vierecke niedergeritten,
und durch das brennende Semenowskoi hindurch ging die Attacke, ohne Signal oder
Kommandowort, aus sich selber heraus im Fluge weiter. Innerhalb des Dorfes
freilich strzten viele der vordersten Reiter in die den ehemaligen Wohnungen
als Korn- und Vorratsrume dienenden, jetzt mit glhendem Schutt gefllten
Kellerlcher, aber die nachfolgenden Rotten passierten glcklich die
gefhrlichen Stellen, und alles, was jenseits stand, teilte das Schicksal derer,
die diesseits gestanden hatten. Das Regiment Litauen verlor in zehn Minuten die
Hlfte seiner Mannschaften.
    Aber nicht die ganze Brigade Thielmann war durch das brennende Dorf
geritten; ein kleines Huflein derselben, nicht hundert Mann stark und aus
Bruchteilen beider Regimenter gemischt, hatte sich vielmehr, gleich nach dem
Niederreiten der ersten Carrs, nach rechts hin tiefer in die russische
Schlachtordnung hineingewagt, um hier dem Angriff einer eben hervorbrechenden
feindlichen Kavallerieabteilung zu begegnen. Es glckte; die feindlichen
Krassiere wurden geworfen, und in Ausbeutung des auch an dieser Stelle beinahe
unerwartet errungenen Erfolges jagten wir - ich selber gehrte dieser Abteilung
zu - zwischen den massiert dahinterstehenden Bataillonskolonnen hindurch und
erwachten erst wieder zu voller Besinnung, als wir uns pltzlich im Rcken der
gesamten russischen Aufstellung sahen.
    Wir htten von dieser Stelle aus leichter bis Moskau reiten knnen als bis
an den Semenowskagrund zurck. Und doch muten wir diesen Grund, die
Scheidelinie zwischen Freund und Feind, wieder zu gewinnen suchen.
    Also kehrt! Jeder hing an dem Wort unseres Fhrers, willig, ihm zu folgen,
aber ehe wir noch wenden konnten, brachen aus zwei links und rechts befindlichen
Waldparzellen dichte Baschkiren- und Kalmckenschwrme hervor, irregulre
Truppen, denen man, weil man ihnen in der Front nicht traute, diese
Reserveposition angewiesen hatte. Im Nu saen sie uns mit ihren Piken in Seite
und Nacken, und eine Niederlage, der wir in zweimaligem Kampfe mit den
Elitetruppen des Feindes glcklich entgangen waren, sie harrte jetzt unserer im
Angesichte dieses Gesindels. Oberst von Leyser wurde vom Pferde gestochen,
gleich nach ihm Major von Hoyer, und ehe fnf Minuten um waren, waren von
unserem ganzen Huflein nur noch zwei brig: Brigadeadjutant von Minckwitz und
ich. Wir hieben uns aus der immer dichter werdenden Gesindelmasse heraus und
jagten dann auf unseren mden Pferden durch dieselben Intervallen, durch die wir
gekommen waren, wieder zurck. Was uns rettete, waren sehr wahrscheinlich die
schwarzen Krasse, die das Regiment von Zastrow trug, so da wir beim Passieren
der langen Infanterieflanken fr russische Krassiere gehalten wurden. Unsere
Pferde, Wunders genug, dauerten aus, und ehe eine halbe Stunde um war, hielten
wir wieder in der Reihe unserer Kameraden, so viele deren berhaupt noch waren.
Von unserem Todesritt zu erzhlen, dazu war keine Zeit. Denn eben jetzt
bereiteten die Russen, zur Rckeroberung der Position von Semenowskoi (von einem
Dorfe gleichen Namens war nicht mehr zu sprechen), einen groen Angriff vor, und
alles, was noch jenseits des Grundes hielt, mute wieder nach diesseits zurck.
Auch wir.
    Es mochte jetzt Mittag sein oder doch nur wenig spter. Unsere
Anstrengungen, dies konnten wir uns nicht verhehlen, waren im wesentlichen
ebenso resultatlos verlaufen wie die voraufgegangenen Kavallerieangriffe
Grouchys, Montbruns, Nansoutys; wir hatten die feindliche Seite des
Semenowskagrundes erstiegen, sechs Gardebataillone niedergeritten, russische
Reiterregimenter geworfen und die feindliche Schlachtaufstellung vom Rcken her
gesehen, aber der endliche Abschlu war doch der, da wir, wenn auch tausend
Schritt vorgeschoben, abermals am diesseitigen Rande des Grundes standen und die
Aufgabe, die Russen auch vom jenseitigen Rande zu vertreiben, aufs neue
aufnehmen muten. Da dies geschehen wrde, war unzweifelhaft; ein Verzicht
darauf wrde soviel wie Verlust der Schlacht bedeutet haben. Es war also nur die
Frage: wann?
    Zwei Stunden blieben wir in Erwartung; es schien, da man an oberster Stelle
schwankte; endlich kam Befehl, alle in Front stehenden Krfte zusammenzufassen
und auf der ganzen Linie noch einmal vorzugehen. Unserer Brigade Thielmann, bis
auf die Hlfte zusammengeschmolzen, war dabei der Lwenanteil zugedacht; sie
erhielt Ordre, die gefrchtete Rajewskischanze, den festesten Punkt der
feindlichen Zentrumsstellung, zu strmen. Ein Schanzensturm mit Kavallerie!
    Es war Ney selbst, der diesen Befehl berbrachte. General Thielmann zeigte
statt aller Antwort auf die zertrmmerte Brigade: vierhundert Reiter auf mden
Pferden. Aber Ney, in der furchtbaren Erregung des Moments, zog das Pistol aus
dem Halfter und hielt es im Anschlag, zum Zeichen, da er bereit sei, jeden
Versuch eines Widerspruchs zum Schweigen zu bringen. Thielmann setzte sich vor
die Front, die Trompeter bliesen, und abermals ging es gegen den Grund. Diesmal
mit halblinks, weil die Rajewskischanze um fnfhundert Schritte weiter
fluabwrts lag. Was und wen wir im Anreiten verloren, wei ich nicht mehr, weil
sich alles, was nun kam, in wenige Minuten zusammendrngte. Nur so viel, da die
Verluste bedeutend waren. Jetzt waren wir heran und im nchsten Augenblick unten
in der Schlucht; aber das war nicht mehr das leere Flubett, in dem wir drei
Stunden vorher, als wir in weitem Bogen von Utiza her einschwenkten, einen
beinahe vollkommenen Schutz vor dem feindlichen Kreuzfeuer gefunden hatten,
sondern in eben dieser schutzgebenden Vertiefung hatten sich jetzt frische, aus
der Reserve her vorgezogene Batailone eingenistet und empfingen uns, in dichten
Knueln Stellung nehmend, erst mit Flintenfeuer, dann, wenn wir die Knuel
sprengten, mit Kolben und Bajonett. Doch umsonst; wie die Windsbraut gingen wir
hindurch oder dran vorber, denn unsere Aufgabe war nicht, uns hier unten in
Gruppen- und Knuelkmpfen zu vertun, sondern drben die hoch aufragende
Rajewskischanze im ersten Anlauf zu nehmen. Und jetzt waren wir den steilen
Flubettabhang wieder hinauf und hielten vor der noch steileren Bschung der
Schanze selbst. Unsere vordersten Zge bogen unwillkrlich nach rechts hin aus
und suchten durch eine im Halbkreis gehende Bewegung die Kehle der Schanze zu
gewinnen, die nachfolgenden Rotten aber, als wre die Schanzenbschung nur die
Fortsetzung des eben im Fluge genommenen Flubettabhanges, jagten die Redoute
hinauf und sprengten von oben her mitten in die Schanze hinein. Ein Kampf Mann
gegen Mann entspann sich; die Kanoniere, die nach Wischer und Hebebumen
griffen, wurden niedergehauen; was brigblieb, warf die Waffen fort und gab sich
zu Gefangenen. Nur General Lichatschew, der hier kommandierte, wollte keinen
Pardon. Er hatte eine Stunde vorher die Schanze verlassen, um bei General
Kutusow ber den damals gut stehenden Gang des Gefechtes zu rapportieren. Wo
liegt die Schanze? hatte Kutusow gefragt, und Lichatschew hatte die rechte Hand
erhoben, um die Richtung anzugeben. Eine Sechspfnderkugel ri ihm die Hand
fort; er hob die Linke, zeigte scharf gegen Sden und sagte: Dort. Dann war
er, nur leicht verbunden, in die ihm anvertraute Schanze zurckgekehrt. Nun lag
er tot unter den Toten.
    Das Zentrum war durchbrochen, die Rajewskischanze in unseren Hnden. Als, um
uns abzulsen, die Division Morand heranrckte und General Thielmann den Befehl
zum Sammeln der Brigade gab, war kein Trompeter mehr da, um zu blasen. Ein
Schwerverwundeter endlich lie sich aufs Pferd heben und blies die Signale. So
gingen wir auf die andere Seite des Grundes zurck.
    Es war erst drei Uhr, aber die Kraft beider Heere war wie ausgebrannt. Wir
hatten ein Drittel, die Russen die Hlfte ihres Bestandes an diesen Tag gesetzt.
Kutusow, in einem Kriegsrat, der abgehalten wurde, beschlo, bis hinter Moskau
zurckzugehen. Er wute, da man's ihm nicht zum Guten anrechnen werde, und
sagte: Je payerai les pots casss, mais je me sacrifie pour le bien de ma
patrie.
    Am andern Morgen trat er den Rckzug an; Napoleon folgte den Tag darauf.
Auch wir. Wir waren nur noch ein Trmmerhaufen; was wir gewesen, das lag bei
Semenowskoi und in der Rajewskischanze, aber in unsere Standarten durften wir
den Namen schreiben: Borodino!

                                Zwlftes Kapitel



                                Durch zwei Tore

An Borodino knpften sich hundert Fragen, und von Meerheimb, whrend er diese
Fragen beantwortete, blieb der Mittelpunkt des Kreises. Er erzhlte von dem
Marsche ber das unaufgerumte, die entsetzlichsten Szenen bietende
Schlachtfeld, von dem Einzug in Moskau, von ihren Hoffnungen und Enttuschungen,
endlich von dem Aufgeben der verdeten und mittlerweile zu einer Brandsttte
gewordenen Hauptstadt. Mit dem Bilde, das er von diesem Elend entwarf - eine
Woche spter war er verwundet worden -, brachen seine Schilderungen ab. Es
konnte dabei nicht fehlen, da einzelner franzsischer Heerfhrer, Neys oder
Nansoutys, noch hufiger Murats und des Vizeknigs, mit wenig verhehlter
Vorliebe gedacht wurde; aber die Verhltnisse lagen damals in Preuen und ganz
besonders in seiner Hauptstadt so eigentmlich, da solcher Vorliebe ohne die
geringste Besorgnis vor einem Ansto Ausdruck gegeben werden konnte. Niemand
wute, wohin er sich politisch, kaum, wohin er sich mit seinem Herzen zu stellen
hatte, denn whrend unmittelbar vor Ausbruch des Krieges dreihundert unserer
besten Offiziere in russische Dienste getreten waren, um nicht fr den
Erbfeind kmpfen zu mssen, standen ihnen in dem Hilfscorps, das wir eben
diesem Erbfeinde hatten stellen mssen, ihre Brder und Anverwandten in
gleicher oder doppelter Zahl gegenber. Wir betrachteten uns im wesentlichen als
Zuschauer, erkannten deutlich alle Vorteile, die uns aus einem Siege Rulands
erwachsen muten, und wnschten deshalb diesen Sieg, waren aber weitab davon,
uns mit Kutusow oder Woronzow derartig zu identifizieren, da uns eine
Schilderung franzsischer Kriegsberlegenheit, an der wir, gewollt oder nicht
gewollt, einen hervorragenden Anteil hatten, irgendwie htte verletzlich sein
knnen.
    Es schlug eben sechs, als von Meerheimb sich erhob, um den Beginn einer
Opernvorstellung - die Vestalin wurde gegeben - nicht zu versumen. Als sich
herausstellte, da er kein Verabredung mit anderen Kameraden getroffen habe,
wurde beschlossen, ihn in die Vorstellung zu begleiten; nur Hansen-Grell und
Lewin lehnten ab und schritten auf verschiedenen Wegen ihrer Wohnung zu.
    Lewin hatte noch die Vorlesung im Sinn, die nicht als Schlachtbeschreibung,
wohl aber als Schilderung berhaupt einen groen Eindruck auf ihn gemacht hatte.
Er sah das brennende Semenowskoi und wie die Pferde, im flchtigen Passieren der
Brand- und Schwelsttte, in die verrterisch mit Aschenschutt berdeckten
Kellerlcher strzten; er sah die tiefen russischen Kolonnen, zwischen denen,
als glt es eine Spierutengasse zu passieren, Oberst von Leyser und seine
Todesschar hindurchjagten, und er sah endlich, wie sich ein Wiesenstreifen
pltzlich mit gelben Schafpelzreitern fllte, Baschkiren und Kalmcken, die nun
nach Art eines Wespenschwarms ihre Opfer niederstachen. All das sah er, und
dazwischen, wie eine Melodie, die er nicht loswerden konnte, hrte er die Worte
des alten Compans: Sire, es liegt in der Schanze.
    Es klang ihm noch im Ohr, als er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg.
Hier fand er alles hell und licht. Frau Hulen mute sich die Stunde seiner
Rckkehr genau berechnet oder seinen Schritt auf dem Hausflur richtig erkannt
haben, jedenfalls brannte schon die kleine grne Studierlampe auf seinem
Schreibtisch und schien ihn zu sich einzuladen. Er lie auch nicht lange auf
sich warten, nahm Platz und warf einen Blick auf die Bcher, Bltter und Briefe,
die noch ebenso lagen, wie er sie vormittags, als er sich fr das Jrgasche
Frhstck rstete, zurckgelassen hatte. Renatens Brief berflog er noch einmal,
ohne da sich der Eindruck sonderlich gesteigert htte; es blieb, wie es war;
der uere Schaden durfte neben dem inneren Gewinn nicht in Betracht kommen.
Andererseits trieb es ihn auch wieder, seinen Gedanken, die das Sorgenvolle
eines zweiten stattgehabten Brandunglcks innerhalb wenig mehr als Jahresfrist
nicht verkennen konnten, womglich eine freundlichere Richtung zu geben, und die
zur Hand liegenden Bcher sollten ihm dabei behlflich sein. Zuoberst lag noch
immer der Band Herder. Als er ihn wieder aufschlug, fiel sein Auge auf dasselbe
Lied, dessen Schluzeilen ihn am Vormittage so weh ums Herz gemacht hatten, und
aberglubisch, wie er war, sah er darin ein Zeichen von wenig guter
Vorbedeutung. Er schlo verdrielich das Buch, das ihm die gewnschte
Freudigkeit nicht geben wollte, und weiter suchend, entdeckte er endlich ein
broschrtes Heft, auf dessen zitronengelbem Umschlag, neben seinem eigentlichen
Titel: Chants et Chansons populaires, noch von Tante Amelies
charakteristischer Hand die Worte geschrieben standen: Dedi  son cher neveu
L. v. V. par Amlie, Comtesse de P.; Chteau de Guse, Nol 1812. Lewin, voller
Mitrauen in den literarischen Geschmack der Guser Tante, hatte sich noch nicht
entschlieen knnen, in das Bchelchen hineinzusehen; lchelnd griff er jetzt
nach demselben und bltterte darin. Eine der kleineren Abschnittsberschriften,
die er sich, vielleicht nicht ganz richtig, mit Kinderreime bersetzte, reizte
flchtig seine Neugier, und er begann zu lesen:

Ma petite fillette, c'est demain sa fte.
Je sais pour elle ce qui s'apprte:
Le boulanger fait un gteau,
La couturire un petit manteau...

Das ist ja allerliebst, sagte er, und ganz, wonach ich mich gesehnt habe. Wie
mir diese Reime wohltun! Und er las unter steigendem Interesse bis zu Ende. Die
Zeilen hafteten sofort in seinem Gedchtnis; aber das gengte ihm nicht, er
wollte sie deutsch haben, wobei dahingestellt bleiben mag, ob nicht vielleicht
schon die nchste Kastaliasitzung mit aufmunterndem Winken vor seiner Seele
stand. Jedenfalls war es unter dem Einflu einer freudig erregten Stimmung, die
auch dem bersetzer rascher die Feder fhrt, da er wie im Fluge die Reimpaare
der zierlichen kleinen Strophe niederschrieb. Nur der petit manteau der
couturire hatte ihm eine kleine Schwierigkeit gemacht.
    Die letzte Zeile stand noch kaum auf dem Papier, als es klopfte und Frau
Hulen eintrat. Sie brachte den Tee.
    Setzen Sie sich, Frau Hulen, ich will Ihnen etwas vorlesen.
    Die Alte blieb an der Tr stehen und sah verlegen auf ihren jungen Herrn.
Jetzt erst merkte dieser, da er, in dem bermut pltzlicher guter Laune, einen
gewagten Schritt getan habe, und die Reihe des Verlegenwerdens kam an ihn. Er
getrstete sich jedoch, wie so viele vor und nach ihm, mit der alten Anekdote,
da auch Molire das Urteil seiner Haushlterin zu Rate gezogen habe, und sagte
deshalb, whrend Frau Hulen das Teebrett niedersetzte, mit ziemlich
wiedergewonnener Unbefangenheit: Hren Sie nur zu; es ist nicht schlimm.

Zu meiner Enklin Namenstag
Ihr jeder etwas bringen mag:
Der Bcker bringt ein Kuchenbrot,
Der Schneider einen Mantel rot,
Der Kaufmann schickt ihr, wei und nett,
Ein Puppenkleid, ein Puppenbett,
Und schickt auch eine Schachtel rund
Mit Schfer und mit Schferhund,
Mit Hrd' und Bumchen, paarweis je,
Und mit sechs Schafen, wei wie Schnee;
Und eine Lerche, tirili,
Seit Sonnenaufgang hr ich sie,
Die singt und schmettert, was sie mag,
Zu meines Lieblings Namenstag.

Nun, Frau Hulen, schlo Lewin seine Vorlesung, was meinen Sie dazu?
    Die Alte zupfte an ihrem Haubenband und sagte dann: Sehr hbsch.
    Das ist mir zuwenig.
    Ja, junger Herr, ich kann es doch nicht wunderschn finden!
    Warum nicht?
    Es geht alles so klipp und klapp wie ein Fibelvers.
    Das ist es ja eben; das soll es ja. Ganz richtig. Sie sind doch eine kluge
Frau, Frau Hulen, und wenn ich wieder einen Fibelvers schreibe, so sollen Sie
auch wieder die erste sein, die ihn zu hren kriegt.
    Es schien nicht, da die Mitteilung einer derartig bevorstehenden
Auszeichnung von derjenigen, an die sie sich richtete, in ihrem ganzen Werte
gewrdigt wurde; Frau Hulen suchte vielmehr, whrend sie sonst das Plaudern ber
die Maen liebte, die Rckzugslinie zu gewinnen, und erst als sie die Trklinke
schon in der Hand hatte, wandte sie sich noch einmal und sagte: Ach, da war
auch der junge Schnatermann hier...
    Von Lichtenberg?
    Ja, von Lichtenberg. Er brachte eine Empfehlung von seinem Vater, und sie
htten morgen ein Dachsgraben in der Dahlwitzer Forst. Es kmen noch andere
Berliner Herren. Ob der junge Herr auch vielleicht Lust htte? Elf Uhr am
Lichtenberger Weg.
    Lewin nickte.
    Das trifft sich gut; Donnerstag ist ein freier Tag. Wecken Sie mich frh,
Frau Hulen.
    Und damit wnschten sie sich eine gute Nacht.
    Lewin war zu guter Stunde auf, und da nur mige Klte herrschte, so
bedurfte es fr ihn, der ohnehin gegen Wind und Wetter abgehrtet war, keiner
sonderlichen Vorbereitungen, um sich fr die Partie zu rsten.
    Der Weg bis zum Rendezvousplatz war nicht allzu weit und hielt sich vom
Frankfurter Tore aus auf derselben Pappelallee, die Lewin auf seinen Besuchs-und
Ferienreisen nach Hohen-Vietz ungezhlte Male passiert hatte. Er kannte bis nach
Lichtenberg und Friedrichsfelde hin jedes einzelne Etablissement und versumte
selten, wenn er an der Neuen Welt, einem vielbesuchten Vergngungslokal,
vorberkam, ein Glas Bernausches zu trinken und mit dem alten blauschrzigen
Wirt, der immer selbst bediente, einen langen Diskurs zu halten. Heute gebot es
sich aber doch, auf solche Diskurse, die leichter anzufangen als abzubrechen
waren, Verzicht zu leisten, und so schritt er denn an dem Etablissement vorber,
vor dem eben ein mit zwei groen Hunden angeschirrter Brotwagen abgeladen wurde.
    Er war noch kaum dreihundert Schritt drber hinaus, als er auf dem breiten
Fahrdamm, auf dem er bequemlichkeitshalber selber ging, einen ungeordneten Trupp
Menschen auf sich zukommen sah, vierzig oder fnfzig, soweit es sich in der
Entfernung abschtzen lie. Es schien, da auch er bemerkt worden war, denn der
Trupp, sei es auf ein Kommandowort oder aus Antrieb jedes einzelnen, begann sich
pltzlich militrisch zu ordnen, und Lewin, der nicht wute, was er aus dieser
Erscheinung machen sollte, trat auf die Seite, um die Nherkommenden an sich
vorbei zu lassen. Er hatte jedoch noch eine Weile zu warten, denn es waren keine
raschen Fugnger mehr, die da heranmarschierten. Endlich lieen sich die
vordersten deutlich erkennen. Sie trugen graue Mntel samt einem Czako und
konnten auf den ersten Blick noch als eine uniformierte Truppe gelten, aber bei
genauerer Musterung zeigte sich der ganze Jammer ihres Zustandes. Die Stiefel,
soweit sie deren hatten, waren aufgeschnitten, um die verschwollenen Fe minder
schmerzvoll hineinzuzwngen, und wenn der Wind den Mantel auseinanderschlug, sah
man, wie die Gamaschen herabhingen oder vllig fehlten. Alles desolat. Ihre
teils froststarren, teils lngst erfrorenen Hnde waren in Tuch- und Zeuglappen
gewickelt, und von Waffen hatten sie nichts mehr als das Seitengewehr. Sie sahen
nach Lewin hin und grten ihn artig, aber scheu.
    Nach dieser Infanterieabteilung kam Kavallerie, Krassiere, zehn Mann oder
zwlf, die Reste ganzer Regimenter. Sie waren in besserem Aufzug, hatten noch
ihre weien Mntel, zum Teil auch noch die hohen Reiterstiefel, und trugen zum
Zeichen, da sie durch Migeschick und nicht durch Schuld ihre Pferde verloren
htten, die Sttel derselben ber die eigenen Schultern gelegt. Einige hatten
noch ihre Helme mit den langen Roschweifen, und diese wider Willen
herausfordernden berbleibsel aus den Tagen ihres Glanzes gaben ihrer
Erscheinung etwas besonders Grausiges.
    Den Schlu machte wieder Infanterie, die von einem am linken Flgel
marschierenden Korporal in zerschlissener, aber noch vollstndiger Equipierung
gefhrt wurde. Es war ein groer, hagerer Mann mit schwarzem Kinnbart und
tiefliegenden Augen, unverkennbar ein Sdfranzose. Lewin fate sich ein Herz,
trat an ihn heran und sagte: Vous venez..., aber die Stimme versagte ihm, und:
de la Russie, ergnzte der Korporal, whrend er die Hand an den Czako legte.
    Im nchsten Augenblick war der Trupp vorber, ein Leichenzug, der sich
selber zu Grabe trug. Lewin sah ihm minutenlang nach, und Empfindungen, wie sie
seine Seele nie gekannt, durchwhlten ihn.
    Das sind sie, denen wir aufpassen und Fallen legen und die wir dann
hinterrcks erschlagen sollen. Nein, Papa, das wre schlimmer als den Schlaf
morden, schlimmer als das Schlimmste.
    Er hing seinen Gedanken noch eine Weile nach, dann wandte er sich wieder
vorwrts, um das Rendezvous am Lichtenberger Weg zu erreichen.
    Aber er hielt bald wieder inne. Ein tiefes Mitleid berkam ihn, zugleich ein
unendliches Verlangen, diesen Unglcklichen ein Rat, eine Hlfe zu sein, und
Rendezvous und Schnatermann, Dahlwitzer Forst und Dachsgraben leichten Herzens
aufgebend, beschlo er, wieder in die Stadt zurckzukehren.
    Der Vorsprung, den der kleine Trupp gewonnen hatte, war nicht gro, und
schon am Ausgang der Frankfurter Linden holte er die letzte Sektion desselben
wieder ein. Er sah hier, da viel Volks um die einzelnen her war, beruhigte sich
aber, als er wahrnahm, da es meist Neugier und Teilnahme war, was sie
begleitete. Nur einzelne Hassesworte wurden laut; Hohn und Spott schwiegen. Er
hielt sich deshalb zurck und folgte nur in einiger Entfernung dem Zuge, der
erst ber den Alexanderplatz in die Knigsstrae, dann ber den Schloplatz in
die Behrenstrae ging. Hier befand sich die franzsische Kommandantur, in deren
groen Hof, nachdem man zuvor leise gepocht, diese Rckzugsavantgarde der
ehemaligen Groen Armee eingelassen wurde. Die Menge drauen, die bald
ermdete, verlief sich in die Nachbarstraen.
    Nur Lewin blieb. Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause auf und ab
geschritten sein, als die groe Portaltr sich von innen her ffnete und fnf
von den weimntligen Krassieren wieder auf die Strae traten. Die Sttel
hatten sie in der Kommandantur zurckgelassen. Mit dem scharfen Auge, das die
Not gibt, erkannten sie Lewin sofort wieder, traten an ihn heran und hielten ihm
fragend und bittend die Quartierbillets entgegen, mit deren Inhalt sie nichts
anzufangen wuten. Lewin las die Zettel, die smtlich auf ein und dasselbe
kasernenartige Haus am Rondel, wie damals noch der jetzige
Belle-Alliance-Platz hie, ausgestellt waren.
    Suivez-moi, sagte er und trat rechts neben den Vordersten. Sie folgten
ruhig, ohne da ein Wort gesprochen wurde.
    Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passiert und den Eckpunkt erreicht
hatten, wo die Statue Winterfeldts steht, hrten sie kriegerische Musik, die,
wenn das Ohr nicht tuschte, vom Potsdamer Tor oder aus der Nhe desselben
herkommen mute. Lewin, solchen Klngen nicht gut widerstehend, setzte sich in
ein schnelleres Marschtempo, hielt aber wieder inne, als er wahrnahm, da es den
ermdeten Krassieren schwer wurde, ihm zu folgen. Er wandte sich, wie um durch
Freundlichkeit seinen Fehler wiedergutzumachen, an den unmittelbar neben ihm
Gehenden und sagte, mit dem Finger nach der Richtung hinzeigend, von wo die
Musik kam: Entendez-vous?
    Und ber die matten Zge des Angeredeten flog ein Lcheln, als er
antwortete: Ce sont des clairons franais!
    Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Wilhelms- und Leipziger Strae
gekommen und sahen vom Tore her, denn der Zug schien endlos, eine ganze
franzsische Division im Anmarsch. Die Musik schwieg eben, wahrscheinlich um
Atem zu schpfen; auf dem Brgersteige aber, zu beiden Seiten der
heranmarschierenden Kolonne, drngten sich dichte Volksmassen, ja waren teilweis
weit voraus, um rascher nach dem Lustgarten zu kommen, wo, wie man wute,
Truppeneinzge und andere militrische Schauspiele abzuschlieen pflegten. Lewin
samt seinen Schutzbefohlenen war unter einen Torweg getreten und konnte den
lauten uerungen der dicht an ihm vorberflutenden Menge mit Leichtigkeit
entnehmen, da es die von Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei,
was da jetzt in allem militrischen Pomp die Leipziger Strae heraufkomme. Er
hrte auch, da General Augereau, der Gouverneur von Berlin, der Division bis
Schneberg entgegengeritten sei, um sie feierlich einzuholen und den Berlinern
in beherzigenswerter Weise zu zeigen, da der Kaiser nach wie vor unerschpfte
Hilfsquellen und trotz Moskau noch immer Armeen habe.
    Es waren immer dieselben Namen und Bemerkungen, die laut wurden; jetzt aber
schwieg alles, denn die Spitze der Kolonne, General Augereau selbst, war heran,
ein groer, starker Mann mit Adlernase und durchdringendem Blick. Er trug die
Uniform eines Marschalls von Frankreich. Die demontierten Krassiere, als sie
seiner ansichtig wurden, rckten sich zurecht, und einer, der ihn schon vom
italienischen Feldzug her kannte, flsterte den andern zu: Voil le Duc de
Castiglione!
    Eine Suite von Ordonnanzoffizieren folgte unmittelbar, und erst als auch
diese vorber war, lie sich die Front des an der Tte marschierenden Bataillons
mit Deutlichkeit erkennen. Es war italienische junge Garde. Vorauf ein
Tambourmajor, klein und mager, aber mit einem fuchsfarbenen Schnurrbart, der bis
an die roten Epauletten reichte. Fnf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr, nur
mit Kopf und Hals ber die hochaufgeschnallte Regimentspauke hinwegragend, und
neben demselben ein vierzehnjhriger Hornist, ein bildschner, und wie sich
leicht erkennen lie, von allen Weibern verhtschelter Junge, der lachend und
kokett seine weien Zhne zeigte. Er trug ein kleines silbernes Clairon in der
Rechten und sah nach den Fenstern hinauf, um wahrzunehmen, ob er auch beobachtet
werde.
    Die Musik schwieg noch immer. Aber jetzt, keine dreiig Schritt mehr von der
Wilhelmsstraenecke entfernt, hob der Tambourmajor seinen Stock, warf ihn in die
Luft und fing ihn wieder. Im selben Moment gab der Mohr einen Paukenschlag, und
der kleine Hornist neben ihm setzte das silberne Horn an den Mund und
schmetterte die Signale. Dann wieder ein Paukenschlag; das Clairon schwieg, und
die aus vierzig Mann oder mehr bestehende Regimentsmusik fiel ein. Im
Geschwindschritt ging es vorber; Sappeurs folgten, dann Grenadiere, und
unablssig liefen Kommandoworte die lange Reihe der Bataillone hinunter.
    Als Lewin sich nach seinen Gefhrten umsah, standen sie abgewandt. Von ihrem
alten Stolze war nichts briggeblieben als die Scham ber ihr Elend. Er wollte
nicht sehen, was er nicht sehen sollte, und richtete deshalb sein Auge wieder
auf die Kolonne, die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilierte. Erst als
auch dieses vorber war, legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm
Zunchststehenden und sagte: Eh bien, htons-nous!
    So schritten sie, ohne da weiter ein Wort gesprochen worden wre, die
Wilhelmsstrae bis nach dem Rondel hinunter.
    Als sie eine Viertelstunde spter hier schieden, stellten sich die fnf
Weimntel wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutierend die Hand
an den Korb ihres Pallasch. In ihrem Auge aber lag, was ein edles Herz am
meisten erschttert: der Dank des Unglcks.

                              Dreizehntes Kapitel



                            Ein Billet und ein Brief

Und solche Gegenstze, wie sie Lewin an jenem Vormittage, der fr ihn wenigstens
die Schnatermannsche Jagdpartie scheitern sah, beobachtet hatte, brachte von da
ab jeder Tag: durch die nordstlichen Tore der Stadt zog das Elend, durch die
westlichen der Glanz des Krieges herein. In den Straen aber begegneten beide
einander und sahen sich verwundert, oft beinahe feindselig an. So waren wir,
sagten die finstern Blicke der einen, aber das entsprechende: So werden wir
sein erlosch in dem Leichtsinn und der Eitelkeit der anderen.
    Unter den Berlinern, die nach ihrer Gewohnheit nicht leicht einen
Truppeneinzug der einen oder anderen Art versumten, nahm sich jeder aus diesem
Gegensatz der Erscheinung das heraus, was ihm pate, und auch in dem Kreise
unserer Freunde, das Ladalinskische Haus mit eingeschlossen, gingen die
Ansichten darber weit auseinander, ob der in seinem schmutzigen, am Wachtfeuer
halb verbrannten Mantel heranmarschierende Veteran oder der riesige,
goldbetrete und paukenschlagende Mohr des Grenierschen Corps als das richtigere
Bild des Kaiserreiches anzusehen sei. Bninski, der mit Hilfe einer nach Polen
hin lebhaft gefhrten Korrespondenz von den bedeutenden Truppenmassen
unterrichtet war, die sich eben damals, unter dem Befehl des Vizeknigs, in den
Weichselfestungen, im Warschauschen und Posenschen zusammenzogen, sah durch das
Eintreffen frischer Divisionen aus dem Sden, von deren Existenz er selbst keine
Ahnung gehabt hatte, nicht nur jede momentane Gefahr des Kaiserreichs beseitigt,
sondern knpfte auch an diese scheinbare Unerschpflichkeit aller Hilfsquellen
die weitgehendsten Hoffnungen, whrend andererseits Jrga, Hirschfeldt und von
Meerheimb - besonders dieser letztere, der die totale Deroute vor Augen gehabt
hatte - an ein Wiederaufgehen des Napoleonischen Sternes nicht glauben wollten.
    Er mag neue Armeen aus der Erde stampfen, sagte Meerheimb, aber nicht
solche, wie zwischen Smolensk und Moskau begraben liegen.
    Lewin, unpolitisch und seiner ganzen Natur nach abhngig vom Moment, kam zu
keiner bestimmten berzeugung und sah das Kaiserreich sinken und sich wieder
heben, je nach den heitern oder tristen Szenen, deren zuflliger Augenzeuge er
sein durfte.
    Eine Woche war vergangen, wieder ohne Kastaliasitzung, was in der peinlichen
Akkuratesse seinen Grund hatte, mit der seitens aller Mitglieder an ihrem
Dienstage festgehalten wurde. Dieser letzte Dienstag aber hatte, mit
Einrechnung der Gste, so ziemlich den halben Kastaliabestand: Jrga, Bummcke,
Tubal, dazu Hirschfeldt und Meerheimb nach Potsdam entfhrt, wo am
darauffolgenden Tage die Konfirmation des Kronprinzen in der Schlokapelle und
daran anschlieend ein Gottesdienst in der Garnisonkirche stattfinden sollte.
Tubal machte den Ausflug in Begleitung seines Vaters, der eine direkte
Einladung, der Feierlichkeit beizuwohnen, erhalten hatte. Auch die Gegenwart
Kathinkas wre dem Geheimrat erwnscht gewesen, war aber, zu sichtlichem Verdru
desselben, von der an selbstndiges Handeln gewhnten Tochter abgelehnt worden.
Sie kannte nichts Ermdenderes als Zeremonien, namentlich kirchliche, und zog es
vor, zu festlicher Begehung des Tages sich fr Mittwoch abend - an dem, zu
spter Stunde erst, die nach Potsdam hin Geladenen zurckerwartet wurden - bei
der schnen Grfin Matuschka anmelden zu lassen. Fr den dann folgenden
Donnerstag war seit Anfang der Woche schon eine kleine, nur den engsten
Freundeskreis umfassende Reunion bei Ladalinskis festgesetzt, zu der
selbstverstndlich auch Lewin eine Einladung empfangen und angenommen hatte. Er
durfte deshalb einigermaen berrascht sein, am Morgen dieses Tages ein
zierliches, in ein Dreieck zusammengefaltetes und mit blauem Lack gesiegeltes
Billet nachstehenden Inhalts zu erhalten: Lieber Lewin! Ich glaubte Dich
vorgestern oder gestern, wo Papa und Tubal in Potsdam waren, erwarten zu drfen;
aber Du verwhnst mich nicht durch Aufmerksamkeiten. Siehst Du Gespenster? Sei
nicht tricht, Lewin. Ich schreibe Dir, weil ich den Wunsch habe, Dir einen
Morgengru ins Haus zu schicken, und im brigen nicht sicher bin, ob Du Deine
Zusage fr heute abend noch im Gedchtnis hast. Poeten sind vergelich; Verse an
mich hast Du schon lngst vergessen. Kathinka v. L.
    Lewin las zwei-, dreimal, sich die Worte wiederholend: Siehst Du
Gespenster? und Sei nicht tricht, Lewin. Es war ihm einen Augenblick, als
schlsse sich ein tropischer, in berauschendem Dufte schwimmender Garten vor ihm
auf und Kathinka, von einem Bosquet her, hinter dem sie sich versteckt gehalten,
sprnge ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und riefe ihm bermtig zu:
Schlechter Sucher, der du bist! Warum konntest du mich nicht finden? Aber dann
las er wieder: Poeten sind vergelich; Verse an mich hast Du lngst vergessen;
und er lachte bitter.
    Dies ist der echte Ton, weil es der spttische ist! Was sind ihr Verse? Oh,
ich verstehe sie ganz. Ein glcklicher Liebhaber ist ihr nicht des Glckes
genug, sie bedarf noch eines unglcklichen, um den Vollgeschmack des Glckes zu
haben. Deshalb hlt sie mich fest. Das ist die Rolle, die sie mir zudiktiert!
Folie fr einen glnzenderen Stein.
    Er wollte das Billet zerknittern und fhlte doch, da ihm die Hand versagte.
Eine weichere Stimmung berkam ihn, und er berhrte die Stelle, die auf
Augenblicke wenigstens neue Hoffnungen in ihm angefacht hatte, mit seinen
Lippen. Dann faltete er das Blatt zusammen und steckte es zu sich.
    Es war ihm klar, da die nchsten Stunden, wenn er sie an seinem
Schreibtische zubrchte, doch fr ihn verloren sein wrden; so brach er auf, um
in der Stadt Zerstreuung zu suchen. Er fand sie rascher, als er erwarten durfte.
An der Ecke des Rathauses standen Hunderte von Personen, um einen in
franzsischer und deutscher Sprache abgefaten, auf groe gelbe Zettel
gedruckten Straenanschlag zu studieren. Er trat hinzu und las ber die Kpfe
der vor ihm Stehenden hinweg: Seine Exzellenz der Herr Marschall, Commandant en
chef des elften Armeecorps, ist benachrichtigt, da zu Berlin viele
Subalternoffiziere, auch Employs der Groen Armee angekommen sind, die ihre
Corps, ohne dazu ermchtigt zu sein, verlassen haben. Seine Exzellenz befiehlt
allen vorgenannten Personen, die Stadt zu verlassen, widrigenfalls alle
diejenigen, die diesem Befehl nicht gengt haben, durch die Gendarmerie
verhaftet, ihre Namen aber dem Herrn Kriegsminister notifiziert werden sollen.
Alle Gastwirte sind angewiesen, keine der in nachstehender Ordre bezeichneten
Offiziers bei sich aufzunehmen, und werden im Betretungsfalle in eine nher zu
bestimmende Geldstrafe genommen werden. Gez. Augereau, Herzog von Castiglione.
    Dieser Straenanschlag, mehr noch als das neunundzwanzigste Bulletin, das in
den Weihnachtstagen erschienen war, enthielt das Zugestndnis einer vollkommenen
Auflsung der Groen Armee; die Disziplin war hin und mit ihr das
zusammenhaltende Band. Jeder, der die Bekanntmachung las, empfing diesen
Eindruck und lie es nach Berliner Art nicht an spitzen Bemerkungen fehlen.
Employs und Subalternoffiziere! Von den Generlen ist keine Rede, sagte der
eine; und von den Marschllen erst recht nicht, fgte ein anderer hinzu.
Gewi nicht; eine Krhe kratzt der andern die Augen nicht aus. So ging es hin
und her, und dazwischen die mehr als einmal wiederholte Versicherung, da die
Berliner Gastwirte keine franzsischen Polizeibeamten wren.
    Lewin lste sich bald aus dem Menschenknuel heraus und traf in der Nhe der
Stechbahn ein paar Kommilitonen, die sich leicht bereden lieen, ein Kolleg zu
opfern und an einem Spaziergange nach Charlottenburg teilzunehmen. Es war ein
Marwitz und ein Lschebrand, Landsleute und alte Bekannte schon von den
Schulbnken des Grauen Klosters her. Sie schritten erst die Linden, dann die
groe Chaussee hinunter auf das Trkische Zelt zu, wo sie, da zwlf Uhr
mittlerweile herangekommen war, ein Dejeuner bestellten.
    Unter lebhaftem Geplauder, das sich abwechselnd um Yorck und das
Augereausche Plakat, um Spontinis Vestalin und die Konfirmation des
Kronprinzen drehte, wurde Lewin der Verstimmungen Herr, die der Vormittag mit
sich gebracht hatte, und sah sich nur flchtig wieder daran erinnert, als er,
beim Herausnehmen seiner Brieftasche, das seiner Form und Farbe nach
einigermaen auffllige Billet Kathinkas zur Erde fallen lie.
    Ei, Vitzewitz, sagte Lschebrand, ein Billet doux! Immer neue Seiten, die
wir an ihm kennenlernen; nicht wahr, Marwitz? Dieser besttigte, und im
nchsten Augenblicke war der Zwischenfall vergessen.
    Es mochte vier Uhr sein oder nur wenig spter, als Lewin wieder in den Flur
seines Hauses trat und sich an dem alten, lngst spiegelglatt gewordenen
Treppengelnder die halbweggelaufenen Stufen hinauffhlte.
    Er fand oben einen Brief vor, in dessen Aufschrift er, trotz des schon
herrschenden Halbdunkels, leicht die Hand seines Vaters erkennen konnte. Die
Scheiben glhten noch im Abendrot. Er trat deshalb an das Fenster und las:

                                                    Hohen-Vietz, den 20. Januar

Lieber Lewin!
    Das Hohen-Vietzer Ereignis der vorigen Woche hat Dir Renate mitgeteilt, und
Deiner umgehenden Antwort hab ich entnehmen knnen, da Du das Unglck, denn ein
solches bleibt es, mit derselben geteilten Empfindung ansiehst wie wir alle.
Eine niedergebrannte Scheune des Wirtschaftshofes und nun ein in Asche gelegter
Flgel des Herrenhauses gewhren freilich keinen erfreulichen Anblick, am
wenigsten den der Ordnung: aber sind es denn Zeiten der Ordnung berhaupt, in
denen wir leben? Und so stimmen die Brandsttten zu allem brigen. Nichts mehr
davon. Es steht mehr auf dem Spiel als das.
    Unsere Organisation ist beendet. Ich sehe Drosselstein, der mehr Eifer
entfaltet, als ich bei seiner reservierten Natur erwarten konnte, beinahe
tglich, ebenso Bamme, mit dem ich mich auszushnen beginne. Er ist Feuer und
Flamme, und seinen beleidigenden Zynismus, von dem er auch jetzt nicht lt,
paart er mit einer Selbstsuchtslosigkeit, ja, ich mu es sagen, mit einer
gelegentlichen Hhe der Gesinnung, die mich in Erstaunen setzt. Nchst ihm ist
Othegraven der ttigste. Er hat einen groen Einflu unter den Brgern, und die
Schler der beiden oberen Klassen hngen an jedem seiner Worte. Das Pedantische,
das ihm sonst eigen ist, hat er entweder abgestreift, oder, weil es in einem
starken Glauben an sich selber wurzelt, untersttzt es wohl gar die Wirkung
seines Auftretens.
    Wenn ich sagte, unsere Organisation sei beendet, so hatte ich dabei nur
unser Barnim und Lebus im Auge; an anderen Orten fehlt noch manches, so
namentlich in den durch ihre Lage so wichtigen Drfern jenseits der Oder. Wir
diesseits haben eine Landsturmbrigade gebildet, vier Bataillone, die sich nach
ebenso vielen Stdten unserer beiden Kreise benennen: Bernau, Freienwalde,
Mncheberg und Lebus. Die Ordre de bataille des letzteren wird Dich am meisten
interessieren, weshalb ich sie hier folgen lasse:

                            Landsturmbataillon Lebus

1. Compagnie Hohen-Ziesar: Graf Drosselstein
2. Compagnie Alt-Medewitz-Protzhagen: Hauptmann von Rutze
3. Compagnie Hohen-Vietz: Major von Vitzewitz
4. Compagnie Neu-Lietzen-Dolgelin: (Vacat).

Nach dem Prinzip, das Du hierin erkennen wirst - Bamme hat das Kommando der
Brigade bernommen -, verfahren wir berall. An Offizieren ist noch Mangel, weil
die Zahl derer, die nur mit Wind von oben segeln knnen, auch bei uns berwiegt.
In zehn oder zwlf Tagen mu trotz alledem alles schlagfertig sein, auch da, wo
man am meisten zurck ist.
    Dies ist in gewissem Sinne zu spt, um so mehr, als es fr das, was ich in
den Weihnachtstagen vorhatte, auch heute schon zu spt sein wrde. Die gesamte
franzsische Generalitt, wie mir Othegraven aus Frankfurt und Krach, der in
Kstrin war, von dorther schreibt, ist glcklich ber die Oder. In Zobelpelzen
und mit immer erneutem Vorspann, an dem es unsere Dienstbeflissenen nicht haben
fehlen lassen, sind sie dem Kaiser, der ihnen das Beispiel gab, gefolgt. Der
Nachteil, der uns daraus erwchst, ist unberechenbar; die Beseitigung der
Generle, so oder so (von diesem Satze geh ich nicht ab), war eben wichtiger,
als es die Beseitigung der Armeereste je werden kann. Vieles ist versumt,
unwiederbringlich verloren. Unsere Politik des Abwartens ist daran schuld.
    Aber eben dieses Abwarten, das uns so vieles versumen lie, hat uns vor
ebenso vielem bewahrt, und wenn nun schlielich zwischen guten und schlimmen
Folgen abgewogen werden soll, so ist es mglich oder - ich zgere nicht, dies
Zugestndnis zu machen - selbst sehr wahrscheinlich, da sich die Waage nach der
guten Seite hin neigt. Vor drei Wochen glaubte ich, da es ohne den Knig
geschehen msse, jetzt wei ich, und gesegnet sei dieser Wandel der Dinge, da
es mit ihm geschehen wird. Wir werden einen Krieg haben nach alten preuischen
Traditionen. Ich wre vor einem Volkskriege nicht erschrocken, denn erst das
Land und dann der Thron, aber wie unser mrkisches Sprichwort sagt: Besser ist
besser.
    Ja, Lewin, ein Wandel der Dinge, an den ich nicht mehr zu glauben wagte, er
ist da, und die nchsten Tage schon werden ihn der Welt verknden. Leicht
mglich, da, wenn Du diese Zeilen erhltst, der erste der beabsichtigten
Schritte bereits geschehen ist.
    Und nun hre. Der Hof verlt Potsdam und geht nach Breslau. Dieser Schritt
ist wichtiger, als Du ermessen kannst. Was ihn veranlat hat, darber gehen nur
Gerchte. Es heit, da Napoleon beabsichtigt habe, sich des Knigs zu
bemchtigen und ihn als Geisel, als Gewhr fr die friedliche Haltung des
Landes, auf eine franzsische Festung abfhren zu lassen. Ich untersuche nicht,
wieviel Wahres oder Falsches an diesem Gerchte ist, es gengt, da ihm der
Knig Glauben geschenkt hat. Unmittelbar nach der Konfirmation des Kronprinzen,
die heute stattfindet, wird der Aufbruch erfolgen. Es geht in fnf Etappen; das
Regiment Garde wird diese bersiedelung begleiten oder decken. Breslau,
Schlesien sind gut gewhlt; die Provinz ist die einzige, die keine franzsische
Besatzung hat, und sterreich, auf das wir rechnen, ist nahe.
    Und nun hre weiter!
    Auf den 26. ist das Eintreffen des Knigs in Breslau festgesetzt; eine Woche
spter wird er sein Volk zu den Waffen rufen. Der Entwurf zu diesem Aufruf ist
in meinen Hnden gewesen; er spricht die Sprache, die jetzt gesprochen werden
mu, und es ist nur eins, was ihm fehlt: der Feind wird nicht genannt. Aber,
Gott sei Dank, es bedarf dessen nicht mehr. Yorcks zum Schein verworfene, aber,
wie ich jetzt mit Bestimmtheit wei, in allen Stcken gebilligte Kapitulation,
dazu der wahrscheinlich morgen schon stattfindende Aufbruch des Hofes, um sich
den Launen eines unberechenbaren Bundesgenossen zu entziehen, alles das lt
keinen Zweifel darber, wem es gilt.
    Und in die leere Luft verhallen wird dieser Aufruf nicht. Ich kenne unser
Volk. Es ist wert, da es besteht, und es wird sich fr sein Bestehen einsetzen.
Das ist alles, was es kann. Keiner hat mehr als sich selbst. Wir haben viele
Fehler, aber auch viele Vorzge; es trifft sich, da wir den Gegensatz von
schwarz und wei nicht blo in unseren Farben haben. Der Sinn frs Ganze ist
seit des groen Knigs Tagen in uns lebendig geworden, und sehen wir das Ganze
hinschwinden, so schwindet uns auch die Lust an der eigenen Existenz. Denk an
den alten Major, der am Tage nach Kunersdorf in unserer Hohen-Vietzer Kirche
verblutete. Sein Blutfleck erzhlt von ihm bis diesen Tag. Er dachte, da
Preuens letzte Stunde gekommen sei; ich will sterben, Kinder, rief er, als sie
ihn niederlegten, und ri sich den Verband von seiner Wunde.
    Und solcher leben noch viele bei uns!
    Im brigen, wir werden einen ordentlichen Krieg haben, Lewin, und
ordentliche Fahnen. Hrst Du: ordentliche, preuische, knigliche Fahnen. Du
sollst mit mir zufrieden sein. Bin ich doch mehr in Dein Lager bergegangen als
Du in das meine. Schreibe bald; noch besser, komm! Alles grt: die Schorlemmer,
Renate, Marie. Selbst Hektor, der mich gro ansieht und zrtlich winselt,
scheint sich melden zu wollen.
                                             Wie immer Dein alter Papa B. v. V.

                              Vierzehntes Kapitel



                                 Kleiner Zirkel

Die Einladung zu Ladalinskis hatte auf sechs Uhr gelautet; der alte Geheimrat,
wenn er es vermeiden konnte, liebte nicht die spten Zusammenknfte. So war es
denn hohe Zeit fr Lewin, sich zu rsten. Und er tat es; aber nicht in bester
Laune. Immer wieder bestrmte ihn die seit Stunden vergebens zurckgedrngte
Frage, was Kathinka mit ihrer zweiten, so rtselvoll zugespitzten Einladung
eigentlich bezweckt habe, und immer wieder lautete die Antwort: Kokettes Spiel!
Sie bedarf meiner; ich bin ihr wertlos und wertvoll zugleich; sie hlt mich wie
den Vogel am Faden und gefllt sich darin, den Faden nicht aus der Hand zu
lassen. Das war der Grundton in seiner Betrachtung, in der nur leise
Hoffnungsstimmen mitklangen.
    Es schlug eben sieben vom Marien- und gleich darauf auch vom Nikolaiturm,
als unser Freund in das Ladalinskische Haus eintrat.
    Die Gesellschaft war schon versammelt, und zwar in dem uns bekannten kleinen
Damenzimmer, das heute, wo statt der rotdmmerigen Ampel eine groe und helle
Astrallampe brannte, um vieles heiterer wirkte als an jenem Ballabend, der nur
zwei groe Momente gehabt hatte: die Mazurka und die Nachricht von der
Kapitulation.
    Kathinka, trotzdem sie beim Eintreten Lewins in einer intimen
Flsterunterhaltung mit der schnen Matuschka war, begrte den wie gewhnlich
um eine Stunde zu spt Kommenden mit ebensoviel Unbefangenheit wie
Freundlichkeit, und whrend dieser einen Stuhl nahm, um in den aus Tubal,
Bninski, Jrga und dem alten Ladalinski gebildeten Halbkreis einzurcken,
unterlie sie nicht, ber das Zusptkommen der Poeten zu sptteln, das
brigens nicht wundernehmen knne, da die Unpnktlichkeit die Schwester der
Vergelichkeit sei. Dem letzteren Wort gab sie nicht nur einen verstrkten
Ton, sondern auch einen besondern Vertraulichkeitsausdruck, als ob sie sich
dadurch noch einmal zu dem ganzen Inhalt ihres Vormittagsbillets, das mit einem
leisen Vorwurf ber seine Vergelichkeiten geschlossen hatte, habe bekennen
wollen. Er seinerseits unterlie jede Antwort darauf, entweder weil ihn das
Spiel verdro oder weil er in eben diesem Augenblicke, vom Sofa her, die beiden
groen Kristallglser der alten, auch heute wieder neben dem Frulein von
Bischofswerder sitzenden Oberhofmeisterin-Exzellenz scharf auf sich gerichtet
fhlte, doppelt scharf und bse, weil er sie durch sein versptetes Eintreffen
in einem begonnenen Vortrag unterbrochen hatte. Voll Verlangen, sie, wenn irgend
mglich, wieder zu vershnen, erhob er sich von seinem Stuhl, auf dem er kaum
erst Platz genommen hatte, um in etwas wirren Worten eine Entschuldigung zu
versuchen; die alte Exzellenz schlug aber mit unverkennbar absichtlichem
Gerusch ihre Lorgnette zusammen und lchelte hochmtig, wie um auszudrcken,
da Schweigen und Dulden um vieles schicklicher gewesen sein wrde, und fuhr
dann, an der Bischofswerder rcksichtslos vorbeisprechend, in ihren Mitteilungen
mit schnarrender Stimme fort: Ich wiederhole Ihnen, lieber Ladalinski, da
Seine Majestt morgen mit dem frhesten Potsdam verlassen werden. Das nchste
Nachtquartier wird in Beeskow genommen, einer kleinen Stadt, die besser ist als
ihr Ruf; sie hat ein ehemalig bischfliches Schlo. Die Garden begleiten den
Knig. Tippelskirch hat an Kessels Stelle das Kommando bernommen. Kessel bleibt
in Potsdam. Seine Majestt gedenken am 26. in Breslau einzutreffen.
    Ich empfing eben eine gleichlautende Nachricht von meinem Vater aus
Hohen-Vietz, bemerkte der in seiner Verlegenheit abermals fehlgreifende Lewin
und mute sich - da Blicke wirkungslos bleiben zu sollen schienen - nunmehr eine
direkte Reprimande von seiten der alten Grfin-Exzellenz gefallen lassen.
    Es ist nicht Art der preuischen Oberhofmeisterinnen, erwiderte dieselbe
spitz, Nachrichten ber Seine Majestt den Knig in Umlauf zu setzen, die noch
der Besttigung bedrfen. Es freut mich indessen, Ihren Herrn Vater so gut
unterrichtet zu sehen. Ich bitte, mich ihm bei nchster Gelegenheit in
Erinnerung bringen zu wollen. Seine Schwiegermutter, die Generalin von Dumoulin,
war eine Jugendfreundin von mir.
    Lewin, der nicht wute, was er aus diesen Worten machen sollte, in denen
sich neben aller berhebung doch auch wieder ein leiser Anflug von Teilnahme
aussprach, hielt es fr das geratenste, alles Unliebsame darin zu berhren, und
verbeugte sich artig gegen die alte Grfin, whrend diese mit Wichtigkeit
fortfuhr:
    Augereau hat strikten Befehl, sich in bestimmt vorgezeichneten Fllen,
namentlich im Fall eines Aufstandes, der Person des Knigs zu bemchtigen, und
Seine Majestt, die seit lnger als drei Wochen von diesem strikten Befehle
wei, wrde sich der drohenden Gefahr schon frher entzogen haben, wenn nicht
der Wunsch vorgeherrscht htte, die bevorstehende Konfirmation des Kronprinzen,
die nun gestern, wie wir alle wissen, wirklich stattgefunden hat, abzuwarten.
brigens haben Seine Knigliche Hoheit, was Ihnen, lieber Geheimrat, trotz Ihrer
Anwesenheit bei der Feier entgangen sein drfte, zur Erinnerung an diesen
hochwichtigen Tag, aus den Hnden Seiner Majestt einen kostbaren Ring
erhalten.
    Sans doute, bemerkte Bninski.
    Sans doute? wiederholte fragend und gedehnt die alte Oberhofmeisterin, der
der spttische Ton in der hingeworfenen Bemerkung des Grafen nicht entgangen
war. Warum sans doute, Graf Bninski?
    Weil der Ring, erwiderte dieser, das Zeichen ewiger und unverbrchlicher
Treue ist und eine Feier in diesem Lande, am wenigsten eine kirchliche, ohne
dieses Zeichen nicht wohl gedacht werden kann.
    Der Geheimrat rckte verlegen hin und her. Es war ihm im hchsten Mae
peinlich, in seinem Hause, noch dazu in Gegenwart zweier Damen vom Hofe, Worte
fallen zu hren, deren ironische Bedeutung trotz des Ernstes, mit dem sie
vorgetragen wurden, niemandem entgehen konnte. Er sah deshalb zu dem Grafen
hinber, ersichtlich bemht, diesen, wenn nicht zu einem Wechsel des Gesprchs,
so doch wenigstens zu einem Wechsel des Tones zu veranlassen. Bninski aber
ignorierte diese Bemhungen und fuhr in demselben Tone fort: Es zhlt dies zu
den Eigentmlichkeiten deutscher Nation. Immer ein feierliches
In-Eid-und-Pflicht-Nehmen, dazu dann ein entsprechendes Symbol, und ich darf
sagen, ich wrde berrascht sein, wenn dem kostbaren Ringe, den Seine Knigliche
Hoheit aus den Hnden des Knigs, seines Vaters, empfangen hat, nicht noch eine
direkte Aufforderung zum Treuehalten, entweder in Form einer eingravierten
Devise oder eines Bibelspruchs, beigegeben sein sollte. Etwa: Sei getreu bis in
den Tod, oder dem hnliches.
    Die alte Grfin prete die Lippen zusammen. Es war ersichtlich, da sie
schwankte, in welcher Art sie replizieren solle; aber sich rasch fr eine
vershnliche Haltung entscheidend, sagte sie mit erzwungener guter Laune: Ich
sehe, Graf, da Sie von dem Ringe wissen. Wenn durch Inspiration, so
beglckwnsche ich Sie und uns. Der innere Rand trgt allerdings die Umschrift:
Offenbarung Johannis 2. V. 10. In diesem Punkte haben Sie recht behalten; aber
nicht darin, da dieser Konfirmationsring eine Hof- oder Landessitte sei. Im
Gegenteil; es ist der erste Fall der Art.
    So wird es Sitte werden. Gute Beispiele pflegen einen fruchtbaren Boden in
dem loyalen Sinn des Volkes zu finden.
    Sehr wahrscheinlich, da die fortgesetzten Sarkasmen Bninskis doch
schlielich alle friedlichen Entschlsse der Oberhofmeisterin, die fast ebenso
heftig wie hochfahrend war, in ihr Gegenteil verkehrt htten, wenn nicht in
diesem Augenblicke Kathinka ihr bis dahin mit der schnen Matuschka gefhrtes
Gesprch abgebrochen und zwei Tabourets, fr sich und ihren Plauder-Partner, in
den Halbkreis, zwischen Lewin und Bninski, hineingeschoben htte.
    Welche Blasphemien, Graf! wandte sich Kathinka an diesen. Sollte man doch
meinen, wenn man den Ton Ihrer Worte vor Gericht stellen knnte, da Sie geneigt
seien, den Ring fr ein berflssiges Ding in der Weltgeschichte zu halten. Aber
darin irren Sie. Nichts ohne Ring. Nicht wahr, Herr von Jrga?
    Sans doute, sagte dieser, der, ohne Furcht, dadurch anzustoen, das fast
zum Zankapfel gewordene Wort wiederholen durfte. Ich stimme Frulein Kathinka
bei: nichts ohne Ring! Um ihn dreht sich alles in Leben, Sage, Geschichte; der
liebste war mir immer der des Polykrates, denn ich schtze Leute, die Glck
haben. Nun haben wir auch noch die Ballade dazu. Mit Hilfe eines Ringes
vermhlte sich der Bischof seiner Kirche, der Doge dem Meere und selbst Heinrich
VIII. seinen sechs Frauen, dieser geniale Hazardeur mit dem six-le-va.
Beilufig, eine Kollektivausstellung seiner sechs Trauringe mte zu sonderbaren
Betrachtungen fhren.
    O nichts von diesem Knig Oger, der es vergessen zu haben schien, da
unschuldige Frauen auch eines natrlichen Todes sterben knnen.
    Aber Anne Bulen, meine Gndigste, war berfhrt.
    Ach, ich bitte Sie, Jrga, haben Sie je von einer berfhrten Frau gehrt?
Ich glaube gar, Sie wollen ernsthaft seinen Verteidiger machen; da htt ich Sie
doch fr galanter gehalten. Erzhlen Sie mir lieber von besseren Ringen als von
den sechs Trauringen Knig Heinrichs.
    Dann kann ich nur noch von den drei Ringen der Puttkamers erzhlen.
    Sie scherzen. Von den Tudors auf die Puttkamers! Das ist denn doch ein
Sprung. Im brigen bin ich neugierig genug. Was ist es damit? Aber es mu etwas
Heiteres sein.
    Ich wei nicht. Es beginnt gleich damit, da diese drei Ringe nur noch zwei
sind. Und diese zwei sind wieder unsichtbar.
    Oh, das ist ein guter Anfang; etwas gespenstisch. Aber wir haben ja noch
frh. Also nur weiter.
    Nun gut. Es waren also drei Ringe, die die Wichtelmnnchen oder die kleinen
Leute oder die Unterirdischen den Puttkamers zum Geschenke machten, vor langen,
langen Jahren, als Pommern eben fertig geworden war.
    Wann war das?
    Sagen wir hundert Jahre nach Fertigwerdung der Mark; diese Differenz mssen
Sie meinem Lokalpatriotismus zugute halten. Also die Puttkamers hatten ihre drei
Ringe, die sie, so hatten die Wichtelmnnchen gesprochen, wahren und in Ehren
halten sollten, das wrde dem Hause Glck und Segen bringen Und es kam auch
Segen ins Haus, namentlich an Kindern, bis pltzlich, niemand wei wie, der eine
Ring verlorenging und der Segen sich minderte.
    Ah! sagte Tubal.
    Sie sagen Ah und atmen auf, fuhr Jrga fort. Die Puttkamers aber mochten
auf den Segen nicht verzichten. Und weil sie sichergehen wollten, so baute der
reichste von ihnen ein schnes Schlo, und in den Schloturm hinein, da wo die
Wnde am dicksten sind, vermauerte er die beiden verbliebenen Ringe. Und da sind
sie noch und bergen, wie sich selbst, so auch das Glck des Hauses.
    Das Frulein von Bischofswerder, das bis dahin steif und unbeweglich auf dem
Sofaplatz gesessen hatte, hatte, whrend Jrga sprach, immer lebhafter und
zustimmender ihr Kinn an den Hals gedrckt. Jetzt nahm sie das Wort. Auch wir
hatten einen solchen Ring, sagte sie, der der Sage nach das Glck der Familie
begrnden sollte.
    Und es wohl auch begrndet hat, unterbrach die alte Exzellenz. Es war,
denk ich, der Geisterring Ihres Herrn Vaters, der die Lebendigen einschlferte
und die Toten zitierte.
    Gewi߫, erwiderte die Bischofswerder, die bei diesem Hohn ihre sonstige
Devotion hinschwinden fhlte, gewi, Exzellenz. Und unter diesen Toten befanden
sich ganze Familien, die ohne den Ring meines Vaters immer tot geblieben wren.
Ist nicht die Dankbarkeit auch eine deutsche Tugend, Graf Bninski?
    Dieser, einigermaen berrascht, von so unerwarteter Seite her seine
Ketzereien untersttzt zu sehen, verbeugte sich gegen die Bischofswerder,
whrend der Geheimrat, von dem Gedanken gengstigt, die kaum erst berstandene
Gefahr in neuer Gestalt heraufziehen zu sehen, sich mit der Frage an Lewin
wandte: Was war es doch, Lewin, mit dem Bredowschen Erbringe, von dem du mir
vor Weihnachten erzhltest? Nur der Eindruck ist mir geblieben. Ich hrt es
gerne noch einmal. Exzellenz Reale wird es gestatten, und Kathinka, die so
lebhaft fr Ringe pldiert, mu dir dankbar sein, etwas zur Verherrlichung ihres
Themas zu hren.
    Gewi߫, bemerkte diese, ich wrde schon dankbar sein, unseren schweigsamen
Freund sich berhaupt an unserem Gesprche beteiligen zu sehen, doppelt, wenn es
in Verteidigung des Ringes und seiner welthistorischen Mission geschieht. Denn
jedes Ding braucht seinen Mann, und ich wte nicht, was besser zusammenpate
als ein Ring und Vetter Lewin. Vor allem, wenn es ein Trauring ist. Es ist ein
stiller, natrlicher Bund zwischen beiden, und es liee sich ein Mrchen darber
schreiben; ja ich glaube, ich knnte es, unpoetisch wie ich bin. Ich wrde den
Trauring als einen kleinen runden, in seiner Mitte ausgehhlten Knig auffassen,
der alle guten Leute beherrscht, die Ehrbaren und die Tugendsamen. Und an den
Stufen seines Thrones stnde sein erster Minister, als ehrbarster und
tugendsamster, und er hiee Lewin.
    Lewin wurde bla und rot, fate sich aber rasch und sagte ruhig: Nach einer
Charakterschilderung wie dieser werd ich mich freilich der an mich ergangenen
Aufforderung nicht entziehen knnen, um so weniger, als es von Knig Pharaos
Tagen her zu den Aufgaben und Vorrechten eines Tugendministers gehrt, Trume zu
deuten und Geschichten zu erzhlen. Und so beginn ich denn:
    Es war also wirklich ein Erbring, breit und mit allerhand Zeichen, und eine
junge Frau von Bredow, deren Eheherr, Josua von Bredow, Rittmeister und
Amtshauptmann von Lehnin war, trug ihn am Ringfinger der linken Hand. Den Winter
ber lebte das junge Paar in der kleinen Perleberger Garnison, wenn aber der Mai
kam, gingen sie, wie sich's gebhrte, nach Lehnin, um in dem gerumigen
Abthause, dem einzigen, das aus alten Klostertagen her noch geblieben war, ihre
amtshauptmannschaftliche Wohnung und zugleich auch eine Sommerfrische zu nehmen.
Das waren dann glckliche Wochen, und sie fuhren nach Plessow, Gttin, Rekahne,
um die verschiedenen Rochows, und ebenso nach Gro-Kreuz, um den alten Herrn von
Arnstedt zu besuchen, ihr liebstes aber blieb doch immer, an dem schnen
Klostersee spazierenzugehn, besonders, wo zwischen Brombeer- und Haselstruchern
hin der Weg ber die dicht in Blumen stehende Wiese luft.
    Wie hbsch, sagte Kathinka. Ich htte mit von der Partie sein mgen.
    Und eines Abends, fuhr Lewin fort, machten sie wieder ihren Spaziergang,
und weil gerade die Hagerosen blhten, wandelte die junge Frau die Lust an, eine
derselben zu pflcken. Sie drckte deshalb, um die Rose leichter abreien zu
knnen, einen dicht umherstehenden Haselstrauch beiseite, aber im selben
Augenblicke, wo sie die Linke nach der Rose hin ausstreckte, schlug die strkste
der Haselruten wieder zurck und streifte ihr den Ring vom Finger. Sie sah den
goldenen Bogen, den er in der Luft beschrieb, und wie er dann auf den
Wiesenstreifen dicht hinter der Hecke niederfiel. Ein leiser Schrei kam ber
ihre Lippen; dann teilten beide sorglich die Hecke, bckten sich und begannen zu
suchen. Sie suchten noch, als schon die Mondsichel am stillen Abendhimmel stand;
sie suchten in der Frhe des Morgens und als es Mittag war. Aber umsonst, der
Ring war fort. Du wolltest mit von der Partie sein, Kathinka; vielleicht da
deine glckliche Hand ihn gefunden htte.
    Keine Diversionen, lachte diese. Die Geschichte, die Geschichte.
    Und mit dem Ringe war das Glck des jungen Paares dahin; nicht langsam und
allmhlich, sondern unmittelbar. Du httest vorsichtiger sein sollen, sagte der
Eheherr im Tone des Vorwurfs, und mit diesem Worte war es geschehen. Aus dem
ersten Vorwurf wurde der erste Streit, und alles, was den Frieden eines Hauses
stren kann, brach in Jahresfrist herein: Krankheit und Krnkung, Miernten und
Eifersucht.
    Auch Eifersucht? Nicht doch. Du darfst deine Helden nicht mutwillig um die
Gunst deiner Hrer bringen.
    Nur um sie neu zu gewinnen. Allerdings erst fr sptere Zeiten.
    Dann berschlage, was zwischenliegt.
    So wollt ich auch. Die silberne Hochzeit war endlich nahe, und Josua von
Bredow, der lngst den Dienst quittiert und sich auf seine Amtshauptmannschaft
in die Lehniner Einsamkeit zurckgezogen hatte, dachte trotz manchen Unfriedens,
der nach wie vor in seinem Hause herrschte, den Tag zu feiern. Es waren doch
immer fnfundzwanzig Jahre! Er hatte deshalb einen groen Bogen Papier vor sich
und schrieb eben die Namen derer auf, die zu dem Tage geladen werden sollten,
als ihm Frau von Bredow, die trotz ihrer fnfundvierzig immer noch eine hbsche
und stattliche Frau war, ber die Schulter sah und auf das bestimmteste
forderte, da der alte Arnstedt, der sich auf dem letzten Potsdamer Ball
ungebhrlich benommen habe, gestrichen werden sollte.
    Eine Szene schien unvermeidlich. Da trat in groer Aufregung die
Wirtschafterin ins Zimmer und sagte: Gndiger Herr, da is er; die alte
Holtzendorffen hat ihn eben gefunden. Und dabei legte sie eine groe
Frhkartoffel vor ihn hin, die, beim Ansetzen, mit ihrer Spitze in den goldenen
Erbring hineingewachsen war. Da war er also wieder. Die gndige Mutter Natur gab
ihn heraus, und Josua von Bredow und seine geborene von Ribbeck wuten nun, da
wieder bessere Tage kommen wrden. Er gab ihr einen Ku und strich den alten
Arnstedt ohne Widerrede aus. Und als in der Woche darauf die silberne Hochzeit
wirklich gefeiert wurde, da traten sie zum zweiten Mal vor den Altar, und der
alte Lehniner Pastor Krokisius, der aber damals noch bei mittlern Jahren war,
hielt eine wunderschne Rede ber den Spruch: Wen Gott liebhat, dem mssen alle
Dinge zum Besten dienen. Und als seine Rede, denn er konnte sich nicht kurz
fassen, endlich zu Ende war, da nahm er die Hand der Silberbraut und steckte den
Ring an denselben vierten Finger, von dem ihn die bse Haselrute abgestreift und
dadurch eine lange Zwischenzeit des Unfriedens geschaffen hatte. Am Tage nach
dieser Feier aber, denn sie mochten sich von ihrem Schatz nicht wieder trennen,
lieen sie von Berlin her einen Graveur kommen, der mute den Tag des Verlustes
und des Wiederfindens in den Ring eingraben und die schne Bibelstelle, ber die
Pastor Krokisius gepredigt hatte. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben
sie heutigen Tages noch.
    Die Grfin-Exzellenz hatte whrend der Erzhlung mehr und mehr ihre hautaine
Haltung abgelegt und tippte jetzt Lewin, wie zur Besiegelung ihrer jungen
Freundschaft, mit der Lorgnettenspitze auf die Hand.
    Kathinka versprach, sobald sie Knigin geworden sein wrde, ihn als
Traumdeuter und ersten Erzhler an ihren Hof zu ziehen, und nur die
Bischofswerder konnte sich nicht darber beruhigen, da dieser entzckende Ring
gerade in eine Kartoffel hineingewachsen sei, die Poesie leide darunter, eine
Bemerkung, der Lewin ohne weiteres zustimmte, weil er die Unmglichkeit einsah,
in diesen sthetischen Anschauungen Licht zu schaffen.
    Der alte Geheimrat, seiner Natur entsprechend, verweilte bei
Nebenschlichkeiten und wollte namentlich wissen, welcher Bredowschen Linie der
Erbring angehrt habe. Dann kam er auf Lehnin, verbreitete sich ber die
Weissagung, deren erste und letzte Zeilen er im lateinischen Original auswendig
wute, und schlo mit einem Seufzer darber, da ihm whrend voller siebzehn
Jahre ein Besuch dieser alten Kultursttte, zugleich des Begrbnisplatzes so
vieler Markgrafen und Kurfrsten, versagt geblieben sei.
    Aber warum versagt? unterbrach ihn Tubal, und ehe der alte Ladalinski
antworten konnte, fiel Kathinka mit aller Bestimmtheit ein:
    Machen wir die Partie. Wer ist unser Reisemarschall? Tubal, nein; Lewin,
zweimal nein. Aber Sie, Herr von Jrga! Ich will nicht so viel Menschenkenntnis
haben, um einen Attach von einem Professor zu unterscheiden, wenn Sie nicht der
geborene Reisemarschall sind.
    Ich wrde sofort meine Unfhigkeit beweisen, wenn ich widersprche.
    Also angenommen?
    Ja.
    Und wann?
    Nicht vor Dienstag. Wir haben in Potsdam Relais; so ist es Zeit, wenn wir
um Mittag aufbrechen. Rendezvous: Schneberg, am Schwarzen Adler. Zwlf Uhr
pnktlich. Au revoir.

                              Fnfzehntes Kapitel



                                     Lehnin

Und der verabredete Dienstag kam. Aber er kam nicht, ohne da das eingetreten
wre, was bei hnlichen Verabredungen immer einzutreten pflegt: die Hlfte hatte
sich inzwischen eines andern besonnen. Nicht nur die Grfin-Exzellenz samt der
Dame d'atour vom Hofe der hochseligen Knigin, auch der alte Geheimrat, dessen
pedantisch-romantisches Verlangen, die lateinischen Zeilen der Lehninschen
Weissagung an Ort und Stelle zitieren zu knnen, den eigentlichen Ansto zu der
Partie gegeben hatte, hatte schlielich auf die Teilnahme daran verzichtet. Aber
an Stelle dieser ausscheidenden Elemente waren andere herangezogen worden, und
ein frischer, in der Nacht von Montag auf Dienstag gefallener Schnee versprach
eine rasche und prchtige Fahrt. Denn man war bereingekommen, die Partie zu
Schlitten zu machen. Ein leiser Ostwind ging, die Sonne schien, und der Himmel
stand blau und wolkenlos wie eine Glocke.
    Es schlug eben zwlf vom Schneberger Turm, als vier Schlitten vor dem
Schwarzen Adler, dem durch Jrga bestimmten Rendezvous, vorfuhren. Ihre
Insassen waren Bekannte vom Ladalinskischen Balle her, Graf Matuschka, Graf
Seherr-Tho, Graf Zierotin, alle drei mit ihren jungen Frauen. Nur Bninski
fehlte. Statt seiner war Tubal als Schlittenpartner eingetreten und hatte an
Kathinkas Seite Platz genommen. Eine Minute spter erschien ein fnftes Gespann,
etwas grer und nach Art aller gemieteten Schlitten ziemlich unelegant, in dem
Lewin, von Hirschfeldt und Bummcke saen. Jrga, der zu beschaffenden Relais
halber, war schon seit drei Stunden nach Potsdam voraus.
    Die Begrungen gingen eilig, denn es gebot sich, des kurzen Tages halber,
mit den Minuten zu geizen. Tubal nahm die Tte, dann folgten die drei jungen
Paare, whrend der Clibataire-Schlitten, wie die grflichen Damen das zuletzt
eingetroffene Gefhrt in guter Laune getauft hatten, den Schlu machte. An
dieser guten Laune nahm alsbald alles teil; die Pferde warfen den Schaum nach
hinten, die Schellen und Glckchen luteten, und wenn ein niedrig hngender
Zweig gestreift wurde, stubte der Schnee in die Luft oder fiel in glitzernden
Kristallen auf die Muffen und Brendecken nieder. Und dabei Geplauder berall,
auch in dem abschlieenden Schlitten der Clibataires.
    Wo nur Bninski sein mag? fragte Lewin. Er schien so geneigt, uns zu
begleiten.
    So haben Sie nicht davon gehrt? antwortete Bummcke. Jrga hat ihn
gebeten, auf eine Teilnahme an der Partie zu verzichten.
    Aber wie konnt er nur? Ich wenigstens htte mich eines solchen Auftrags
nicht entledigen mgen.
    Bummcke lachte. Sie kennen ja Jrga. Ich wette, da es ihm leichter
geworden ist als der mden Krhe, die da eben vor uns auffliegt, das
Flgelschlagen. Er verfhrt nach dem alten Grundsatz: Ehrlichkeit die beste
Politik, und hat dem Grafen offen gesagt, da sein Erscheinen eine Verlegenheit
schaffen wrde. Ich glaube nmlich, er hat eine berraschung, irgend etwas
preuisch Patriotisches vor. Sie wissen, er liebt dergleichen. Was ihm Bninski
geantwortet, wei ich nicht, nur so viel ist gewi, da ihr gutes Einvernehmen
keine Strung erfahren hat. Es berrascht mich nicht. Jrga ist harmlos und der
Graf eine vornehme Natur. Selbst seine Vorurteile beleidigen nicht. Er hat uns,
aber er hat das Ganze, nicht die einzelnen. Denken Sie daran, Hirschfeldt, wie
liebenswrdig er alles aufnahm, was Sie ber Spanien lasen. Es ist nichts
Kleinliches an ihm.
    Hirschfeldt nickte zustimmend, und whrend dieses Gesprch fortgesponnen und
im Anschlu daran des letzten Abends bei Ladalinskis, der alten hochmtigen
Exzellenz, der steifen und zeremoniellen Bischofswerder und zuletzt auch der
zwischen beiden gefhrten Fehde gedacht wurde, passierten unsere Freunde den
Steglitzer Park, ber den die leichter und eleganter gebauten Schlitten der vier
Mazurka-Paare schon seit einer kleinen Weile hinaus waren. Lewin drang auf
prompteren Anschlu, aber der Abstand blieb, und immer, wenn der Weg eine
Biegung machte, sah der nachfolgende fnfte Schlitten die Flankenlinie der vier
vorausfliegenden Gespanne, die blauen Schleier der Damen und die weien
Schneedecken, die sich im Winde bauschten und blhten.
    An den ausgebauten Husern von Zehlendorf vorbei ging es im Fluge auf das
Stimmingsche Gasthaus am Wannsee zu, und Lewin, mit der Hand nach links deutend,
wies jetzt auf eine umfriedete, nur an vier Pappeln erkennbare Stelle hin, wo
sich seit Jahresfrist der Grabhgel Heinrichs von Kleist erhob. Hirschfeldt,
damals schon in Spanien, wute nichts von dem beklagenswerten Ereignis, und so
fiel es seinen Gefhrten zu, ihm von den letzten Schicksalen, dem Leben und
Sterben eines Kameraden zu erzhlen, mit dem er, als beide noch in derselben
Garnison standen, wenigstens oberflchlich bekannt gewesen war. Von dieser
Erzhlung sprang das Gesprch bald zu seinen Dichtungen ber, und der Charakter
des Kthchens von Heilbronn, vor allem die dramatische Berechtigung oder
Nichtberechtigung des Somnambulen war noch keineswegs festgestellt, als schon
ihr Schlitten durch die defileeartige Schmalung hindurchglitt, die bei
Kohlhasenbrck durch den dicht an die Strae herantretenden Fichtenwald und von
der anderen Seite her durch das Rhricht des Griebnitzsees gebildet wird. Eine
Minute spter, und die verschneiten Weberhuser von Nowawes, nicht viel grer
wie winterliche Grabhgel, lagen zu beiden Seiten, und jetzt am Brauhausberg,
dann an der Schlokolonnade vorbei, ging es in das stille Potsdam hinein. Heute
stiller denn je, denn der Hof und die Garden, wie es die alte Exzellenz an dem
letzten Ladalinski-Abend vorhergesagt hatte, waren seit einer halben Woche fort.
Am Jgertore hielt Jrga, zehn Schritte weiter abwrts die Relais, und nachdem
alle Herren und Damen ihren Reisemarschall begrt, ein paar Postknechte aber
die Pferde gewechselt und die Sielen und Schellengelute wieder aufgelegt
hatten, ging es ohne weiteren Aufenthalt in immer rascherem Tempo in die
Havellandschaft hinein. Denn das Ziel mute noch vor Sonnenuntergang erreicht
werden.
    Es war jetzt zwei Uhr. Die Kuppeldcher der Communs und des Neuen Palais
blinkten in der Nachmittagssonne, und unmittelbar dahinter dehnte sich das
Golmer Bruch; Dorf Eiche mitsamt seinem Kirchturm schien darin zu versinken. Nun
lag auch das zurck, und aus der Eis- und Schneewste, zu der die sonst in
seeartigen Flchen dahinflieende Havel geworden war, ragten nur noch die
Mastspitzen von ein paar Dutzend Khnen auf, die der Frost auf ihrer Fahrt
berrascht und zur berwinterung im Eise gezwungen hatte. Dann kam Stadt-Werder,
nur kenntlich an einer Rauchsule, die ber der groen Brauerei der Insel stand,
und nun an niedrigen, aber steilen Hgeln vorbei, auf deren Abhngen nichts
sichtbar war als Krhen und Schnee, jagten die Schlitten den nchsten Drfern
zu.
    Die Gesprche stockten oder wurden einsilbiger; alles hatte nur noch einen
Gedanken: das Ziel. Jrga bernahm die Fhrung, denn Gro-Kreuz war eben
passiert, und der Weg, der jetzt nach links hin in den groen Lehniner Tannen-
und Eichenforst einzubiegen begann, erheischte beides: ein scharfes Auge und
eine sichere Hand.
    Zuerst Tannen. Ah, wie die Stille des Waldes alles labte! Der Wind schwieg,
und jedes Wort, auch wenn leise gesprochen, klang laut im Widerhall. Ein warmer
Harzduft war in der Luft und steigerte das Gefhl des Behagens. ber den Weg
hin, hier und dort, liefen die Spuren, die das Wildschwein in den Schnee gewhlt
hatte; von den schwanken Zweigen flog das Rotkehlchen auf, und aus der Tiefe des
Waldes hrte man den Specht. Nun kam eine groe Lichtung, an deren
entgegengesetzter Seite das Laubholz anfing, aber zunchst noch mit Tannen
untermischt. Die Sonne glhte hinter den Bumen, und je nachdem die Lichter
fielen, schimmerte das braune Laub der Eichen golden oder kupferfarben, whrend
die schwarzen Tannenwipfel wie scharfgezeichnete Schatten in der schwimmenden
Glut des Abends standen. Alles war hingerissen von der Schnheit des Anblicks,
und Lewin sah deutlich, wie eine kleine Hand nach der anderen sich aus dem
wrmenden Muff zog und auf die Waldstellen hindeutete, wo sich die Schatten und
Lichter so zauberisch mischten.
    Bummcke entsann sich, selbstverstndlich von Kopenhagen her, eines dieselben
Abendtne wiedergebenden Claude Lorrain und wollte eben zu
kunstwissenschaftlichen Betrachtungen bergehen, als der Wald, der kurz zuvor
noch endlos geschienen, sich pltzlich ffnete und eine Anzahl zerstreuter
Baulichkeiten ziemlich deutlich erkennen lie. Und ehe noch unsere Reisenden
sich zurechtgefunden und ihrer berraschung Ausdruck gegeben hatten, hielten sie
schon vor ihrem Ziel: der Klosterkirche von Lehnin.

War es Zufall oder hatte Jrga die Zeit ihrer Ankunft im voraus angegeben,
gleichviel, aus der neben dem groen Rundbogenportale befindlichen Seitentr
trat ihnen, ohne da sie htten klopfen oder warten mssen, ein kleiner hagerer
Mann mit langem weien Haar entgegen, der alte Lehninsche Kster, nur um zwei
Jahre jnger als sein Hohen-Vietzer Kollege Jeserich Kubalke. Er begrte die
zunchststehenden Damen durch Abnehmen seines Kppsels, sprach ein paar Worte
mit Jrga und ffnete dann, entweder, weil dieser darum gebeten, oder auch,
weil er selber den Wunsch einer mglichst feierlichen Einfhrung hatte, die
schwere mit Eisen beschlagene Mitteltr. In dieser, trotz des Zugwindes, der
wehte, blieb er stehen, bis alle Besucher eingetreten waren.
    Die Glut des Abends stand noch in den westlichen Scheiben, und ein roter
Schimmer, der allem wieder einen Anflug vor Leben lieh, fiel auch auf die
Brautkrnze, die vertrocknet und mit langen ausgeblaten Bndern an der
gegenber befindlichen Kirchenwand hingen. Es war die denkbar beste Stunde.
Nichtsdestoweniger konnte keinem Beobachter entgehen, da alles enttuscht war,
besonders die Damen. Sie hatten eben mehr erwartet.
    Wo sind die Grabsteine? fragte die Matuschka mit der vollen Ruhe derer,
die sich noch weitab davon fhlen.
    Sie drfen keine Mehrheit von mir verlangen, gndigste Grfin, antwortete
Jrga, der sich mit dieser und Kathinka von dem Reste der Gesellschaft
abgesondert und, weil er das Kloster genau kannte, der speziellen Fhrung der
beiden jungen Damen unterzogen hatte. Die Lehninschen Grabsteine, dank
amtlicher und nichtamtlicher Verwstungen, beschrnken sich auf einen. Ich werde
gleich die Ehre haben, Ihnen denselben vorzustellen. Damit schritt er die
Stufen zum hohen Chore hinauf, wo ein Mnch, in Stein geschnitten, auf seinem
Grabe lag. Kathinka und die Matuschka folgten.
    Ich erwartete, sagte die Grfin, einen Soldaten zu sehen, setzte dann
aber, sich schnell verbessernd, hinzu, ich meine einen Krieger. Sie drfen
nicht lachen, Jrga. Es ist doch anzunehmen, da die Markgrafen Krieger waren,
mit Schild und Panzerhemd und einer Krone. Oder trugen sie keine? Sie schweigen
wieder; das ist nicht recht; ein Fhrer mu immer sprechen. Jedenfalls mssen
diese Markgrafen doch irgend etwas auf dem Kopfe gehabt haben. Es waren
Askanier, wenn ich den alten Ladalinski recht verstanden habe.
    Ja, Askanier oder Anhaltiner.
    Nicht doch. Sie wollen mich verwirren. Wenn es Askanier waren, so knnen es
keine Anhaltiner gewesen sein. Der Alte Dessauer, der auf dem Lustgarten steht
und von dem sie bei groen Militrkonzerten den Marsch mit dem langen
Trompetensolo spielen, der war ein Anhaltiner... Aber was ist denn das? und
dabei stie die schne Grfin mit ihrer Fuspitze an einen Baumstumpf, der,
selber hart wie Stein, etwa zwei, drei Handbreiten hoch sich aus dem Steinhoden
erhob.
    Das ist das berbleibsel von jenem Eichenstamm, aus dem vor so und so
vielen Jahrhunderten, mit deren nherer Angabe ich Sie nicht belstigen will,
das gesamte Kloster Lehnin emporgewachsen ist. Unter diesem Baume, als er noch
ein Baum und nicht ein Stumpf war, hatte Markgraf Otto, der erste seines Namens,
einen Traum, der ihm Gefahr in diesen Wldern prophezeite. Markgraf Otto aber
war ein Sohn Albrechts des Bren, von dem gndigste Grfin vielleicht gehrt
haben werden.
    Gewi, gewi; Heinrich der Lwe, Albrecht der Br.
    Sehr gut. Nun, also Markgraf Otto hatte einen bsen, unheilverkndenden
Traum, und seine Manne, die auch christliche Askanier waren, drangen, als sie
von dem Traume hrten, in ihn, eine schutzgebende Burg gegen die Wenden zu
bauen.
    Gegen die Wenden? Was sind Wenden?
    Wenden hieen die heidnischen Vlkerschaften, die damals hier zu Hause
waren.
    Nun gut. Und was tat nun der Markgraf?
    Er erwiderte: Eine Burg gegen die Wenden will ich grnden, aber eine Burg,
von der aus unsere teuflischen Widersacher, darunter verstand er die Wenden,
nicht durch Waffenlrm, sondern durch heiligen Gesang verscheucht werden sollen.
Und so baute er ein Kloster. Und dies Kloster hie Lehnin.
    Whrend dieser Auseinandersetzung waren sie weitergeschritten bis an das
Querschiff der Kirche, in dem alle mglichen Bilder in wurmstichigen,
halbzerstrten Holzrahmen hingen, so da oft ganze Stcke herausgefallen waren.
Vor dem grten dieser Bilder blieb Kathinka, die den Arm der Matuschka genommen
hatte, stehen und sagte zu Lewin, der mittlerweile von der andern Gruppe her
sich ihnen angeschlossen hatte: Wie hlich. Es sieht aus wie ein
Jahrmarktsbild.
    Es ist auch etwas der Art. Selbst die Einteilung in Felder, wie die Damen
bemerken werden, ist uns nicht erspart geblieben. Allerdings hat es der Knstler
bei einer bloen Zweiteilung, bei einem einfachen Oben und Unten bewenden
lassen. Oben das greuliche Durcheinander ist die Ermordung des ersten Lehniner
Abtes, den die Wenden erschlugen, weil sie ihn in Verdacht eines
Liebesabenteuers hatten.
    Ich nehme an, ohne Grund, sagte Kathinka.
    In meiner Eigenschaft als erster Tugendrat von Knig Ring wrd es mir
schlecht anstehen, einen Zweifel dagegen auszusprechen. Ich wnschte nur, da
auch der Maler nachsichtiger mit ihm verfahren wre.
    Es ist vielleicht schon aus der protestantischen Zeit.
    Lewin wollte die gereinigte Lehre rein von der Schuld dieses Bildes halten
und begann eben eine Auseinandersetzung, als Jrga ihn darin unterbrach und zur
Eile mahnte, da, nach dem durchaus einzuhaltenden Programm, innerhalb der
nchsten zehn Minuten nicht nur die drauenliegende Trmmerhlfte der Kirche,
sondern auch noch die Reste des Klosterkreuzganges und der denselben
einschlieenden alten Baulichkeiten besichtigt werden mten.
    Diese mit lauter Stimme gesprochene Jrgasche Mahnung war nicht blo von
Lewin gehrt worden, und alles eilte, um ihr zu gehorchen, dem Ausgange zu. Nur
die Grfinnen Seherr-Tho und Zierotin, die sich bei dem Bilde des ermordeten
Abts in Vermutungen und heiteren Spottreden erschpft hatten, waren
zurckgeblieben und erschraken jetzt, als sie sich pltzlich mit den Braut- und
Totenkronen allein sahen, in denen es unter dem hereinwehenden Zugwind zu
rascheln begann. Das Abendrot in den Scheiben war immer grauer geworden;
unheimlich sahen sie sich um und suchten nach dem Ausgang, den sie, bang und
verwirrt, trotzdem sie ganz in seiner Nhe standen, nicht finden konnten.
Endlich kam der Kster und geleitete sie hinaus. Sie machten ihm kein Hehl aus
ihrer Furcht und nickten ihm freundlich zu, als er den Schlssel wieder im
Schlo drehte.
    Unter den Trmmern drauen - die sptere gotische Hlfte der Kirche war
eingestrzt - fanden sich alle wieder zusammen; aber ihres Bleibens war an
dieser Stelle nicht. Sie lugten nur eben in einen stehengebliebenen
Wendeltreppenturm hinein, zeigten einander die Ebereschenstrucher, die auf den
Schrgungen der Strebepfeiler mehr durch Schnee als Erdreich festgehalten
schienen, und schritten dann ber einen quadratischen Hof hin, der, von alten
und neuen Klostergebuden, von Klafterholz und Heckenzunen eingefat, einen
wunderlich gemischten Anblick von Glanz und Drftigkeit gewhrte. An einer
stehengebliebenen Feldsteinmauer entlang, der man nach innen zu eine Art
Sommerdach gegeben hatte, lief eine Kegelbahn, auf deren Lattenrinne die Kugeln
wie in Schnee eingemauert lagen. In einer der Ecken dieses Schoppens waren
Bohnenstangen kreuz und quer zusammengeworfen, whrend rechts daneben, wo das
Klafterholz aufgeschichtet lag, auf einem berragenden Pfeilerstck ein paar
Berberitzenstrucher standen, die mit ihren tiefroten Beeren ber die
nachbarlichen, schon gelblich werdenden Ebereschenbschel spotten zu wollen
schienen. Alles das wurde nur im Fluge mitgenommen, und mde des Schauens, aber
voller Verlangen nach einem Mittagsmahle, dem brigens alle, die Jrga kannten,
mit unbedingtem Vertrauen entgegensahen, stiegen jetzt die Paare einige neben
dem Kegelschoppen befindliche hohe Stufen hinauf, die in ein langes, halb aus
Feldstein, halb aus Backstein aufgemauertes Gebude fhrten: das alte
Refektorium.
    Es war eine hohe, halbzerstrte Halle, die nur an ihrem unteren Ende noch
ein schtzendes Dach hatte. Unter dieser geschtzten Stelle war eine lange Tafel
gedeckt, an deren einer Schmalseite - und zwar da, wo dieselbe die jenseitige
Giebelwand zu berhren schien - ein mchtiges Kaminfeuer brannte, whrend an den
zwei Langseiten hin sechs in Helm und Brustharnisch gekleidete Klosterknechte
standen, alle mit Fackeln in der Hand. An jeder Seite drei. Das Ah!, das laut
wurde, war der eigentlichste Reisemarschallstriumph dieses Tages.
    Die Pltze waren gelegt. Lewin, der sich whrend des Besuches in der Kirche
rascher, als es sonst wohl seine Art war, mit der schnen Matuschka befreundet
hatte, sa zwischen dieser und Kathinka. Jrga prsidierte. Die hohe
Kaminflamme in seinem Rcken, erhob er sich, um ein Wort der Begrung zu
sprechen.
    Ich heie Sie, meine Freunde, willkommen in diesen Rumen, in denen ich
selber ein Gast bin. Wie sie sich mir erschlossen haben, ist mein Geheimnis. Ob
es der Frater Hermannus war, der, seine Weissagungen rezitierend, mich
persnlich in Kche und Keller umherfhrte, oder ob aus nher liegender Zeit der
Erbring meiner Vettern, der Bredows, hier seine Wunder wirkte, das eine wie das
andere hllt sich in Dunkel. Genug, wir sind da, und die Tafel ist gedeckt. Und
nun, dienende Brder, an euer Werk!
    Diese letzten Worte waren an vier zu beiden Seiten seines Sessels stehende
Mnche gerichtet, die trotz der besten Absicht, als Lehninsche Zisterzienser
angesehen zu werden, doch durchaus in dem Kostm eines Maskenball-Kapuziners
steckengeblieben waren. Sie trugen braune, mit einem Strick umgrtete Kutten,
und whrend einer von ihnen die Humpen mit Werderschem Bier zu fllen, ein
zweiter den Wildschweinskopf und dann den Hirschrcken umherzureichen begann,
schritten die beiden andern langsam die Halle hinunter bis an die Stelle, wo das
Dach fehlte und ein letzter Rest von Tageslicht auf den Fuboden fiel. Hier war
eine Falltr aus alter oder neuer Zeit, in die jetzt einer der Fratres, der
einen brennenden Kienspan in Hnden hielt, hinabstieg, whrend der andere auf
der aufgeklappten Tr stehenblieb und von Zeit zu Zeit neugierig in das
Kellerloch hinunterblickte. Bald wurden Flaschen, die, weil sie weder Staub noch
Spinnwebe zeigten, nicht lange an dieser Stelle gelagert haben konnten,
hinaufgereicht und von dem obenstehenden Bruder in Empfang genommen, der dann
mit einer Gewandtheit, an der sich die Jrgasche Schule leicht erkennen lie,
die Korke zu ziehen und den golden schimmernden Rheinwein in die grnen Rmer
einzuschenken begann. Sein Konfrater (der mit dem brennenden Kienspan) war in
dem Keller zurckgeblieben. Niemand dachte seiner mehr.
    An der Tafel belebte sich inzwischen die Unterhaltung; die Damen waren
ausgelassen, am ausgelassensten aber Lewin, der - nicht unempfindlich gegen das
Entgegenkommen der augenscheinlich ein Gefallen an ihm findenden schnen Grfin
- vor allem in dem Bewutsein glcklich war, sich endlich einmal Kathinka
gegenber in einer anderen Rolle als in der des von ihr verspotteten Trumers
zeigen zu knnen. Ihre Neckereien, in denen sich mehr und mehr ein Anflug von
Eifersucht oder verletzter Eitelkeit aussprach, steigerten nur sein Wohlgefhl
und seine gute Laune.
    Haben Sie denn, gndigste Grfin, wandte er sich an diese letztere, das
Weie Frulein bemerkt, als wir in den Wendeltreppenturm hineinsahen? Ich schrak
zusammen; es war ein vollkommenes Bild unglcklicher Liebe.
    Die Grfin lachte; Kathinka aber sprach an Lewin vorbei: Glaub ihm nicht,
Wanda; er wei nichts von unglcklicher Liebe. Ihm ist nie zu trauen, am
wenigsten aber seinen Geschichten. Er erfindet sich, was ihnen fehlt.
    Desto besser, sagte die Matuschka. Ich mache mir nichts aus wahren
Geschichten. Die wahren Geschichten sind immer langweilig oder hlich. Bitte,
Herr von Vitzewitz, erzhlen Sie mir von dem Weien Frulein. Ganz auf
Diskretion. Aber etwas recht Hbsches: Mnch, Liebe, Sehnsucht.
    Ja, gndigste Grfin, da haben Sie die Geschichte schon vorweg erzhlt.
Mnch, Liebe, Sehnsucht - das ist alles.
    Oh, tun Sie noch ein wenig hinzu.
    Ich darf es nicht, so gern ich Ihnen zu Diensten wre. Solche Geschichten
sind sehr empfindlich und nehmen es bel, wenn man an ihnen rhrt oder sie gar
verbessern will. Das Weie Frulein geht treppauf, treppab und sucht den Mnch,
den sie liebt. Aber er verbirgt sich ihr. Um Sonnenuntergang tritt sie dann auf
den Sller und breitet die Arme sehnschtig nach ihm aus, als habe sie ihn
gesehen. Aber es war nur ein Schein. Dann setzt sie sich in den Pfeilerschatten
und weint.
    Das ist hbsch, sagte die Matuschka, auf deren immer lachendem Gesicht es
einen Augenblick wie Teilnahme oder Trauer zitterte. Denn sie war weniger
glcklich, als sie schien. Kathinka aber warf den Kopf in den Nacken und sagte:
Ich hre nicht gern von unglcklicher Liebe.
    Und doch ist die Welt voll davon, antwortete Lewin.
    Vielleicht gerade deshalb, da ich sie nicht mag. Es ist so alltglich, so
tdlich, immer wieder dasselbe. Ich begreife keine unglckliche Liebe.
    Die Reichen begreifen nie, da es auch Arme gibt.
    Aber Kathinka hrte nicht, und in ihrer Vorliebe fr Paradoxien auch vor dem
Gewagtesten nicht zurckschreckend, gefiel sie sich jetzt darin, ihren einmal
ausgesprochenen Satz in heiterem Spiele weiter auszufhren:
    Wenn Liebe nicht glcklich sein kann, sollte sie gar nicht sein. Ich
entsinne mich nicht, in der Bibel (ich meine im Alten Testament, wo die Menschen
noch menschlicher waren) von einer unglcklichen Liebe gelesen zu haben. David
liebte glcklich, Salomo noch mehr. Wenn man etwas sagen kann, so ist es
vielleicht das, da sie zu glcklich liebten. Unglckliche Liebe ist eine neue
Erfindung, wie die Buchdruckerkunst oder das Spinnrad. Ja, wie das Spinnrad. Das
surrt und summt, und endlos wird der trnennasse Faden weitergesponnen.
    Die Matuschka horchte verwundert auf; Kathinka aber, durch diese Wahrnehmung
eher angespornt als eingeschchtert, fuhr in sich steigerndem bermute fort:
Und nun gar ein Weies Frulein, das einen Mnch liebt. Man liebt berhaupt
keinen Mnch. Wenn man ihn aber liebt - und ich ertappe mich pltzlich auf der
Laune, nur noch Mnche lieben zu wollen -, so mu man ihn so lieben, da kein
Kloster der Welt ihn halten und verbergen kann. Aber Pardon, Wanda! Du mut
lachen; deshalb sprech ich ja. Lewin bitt ich nicht um Entschuldigung, weil ich
ihm wieder ansehe, da er alles glaubt, was ich eben gesagt habe.
    Es war inzwischen immer dunkler geworden, und an der dem Kamin
gegenbergelegenen Giebelwand lag nur noch ein grauer Dmmer, den dann und wann
ein helleres Aufleuchten der weiter oben in der Halle stehenden Fackeln
durchblitzte. Man sah auch in diesem ungewissen Scheine, da es drauen leise zu
schneien begonnen haben mute, denn durch das offene Dach fielen einzelne groe
Flocken. Jeder frstelte, und die Damen zupften ihre Pelzrcke hher an den Hals
hinauf. Das war die Stimmung, die Jrga brauchte; er erhob sich jetzt, um nach
seinen ersten, bei Beginn des Mahles gesprochenen Begrungsworten die
eigentliche Rede des Tages zu halten.
    Es hat Ihnen gefallen, so begann er, in Lehnin meine Gste zu sein, in
demselben Lehnin, an dessen vor vierhundert Jahren durch Frater Hermannus
aufgezeichnete Weissagungen die Feinde Preuens so oft und so frohlockend
erinnert haben, vor allem in diesen Tagen der Erniedrigung, in denen gehssiger
Scharfsinn herausgerechnet hat, da jetzt die Stunde da sei, von der uns die
Prophezeiung berichtet: Und dem Letzten seines Stammes wird das Zepter aus der
Hand geschlagen werden. Aber diese Feinde Preuens haben nicht zu Ende gelesen,
und wir, die wir andern Sinnes sind, lesen uns eine andere, schnere Stelle
heraus, in der es anschlieend an jene Worte der Trauer heit: Und die Mark
vergit all ihrer Leiden, und kein Fremdling darf frder ber sie frohlocken.
Ja, meine Freunde, diese Stunde ist da, und weil sie da ist, ruf ich in eben
dieser Halle, die nun bald wieder - auch das verkndet uns die Weissagung - im
Glanze eines neuen goldenen Daches in alle Lande hineinleuchten wird: Vivat
Borussia! Was aber aus Nacht geboren wurde, versink auch in Nacht. Pereat
Bonaparte!
    Das Pereat verklang, ohne da es, zunchst wenigstens, beantwortet worden
wre, denn whrend Jrga noch seine letzten Worte sprach, war unten in der
Halle, genau da, wo die Falltr sein mute, ein dunkelqualmiges, aus der Tiefe
kommendes Licht sichtbar geworden, und aus eben diesem qualmigen Lichte hatte
sich zittrig und wackelnd erst ein Hut von wohlbekannter Form und dann ein
kurzer franzsischer Uniformrock erhoben, mit schlaff herabhngenden rmeln und
allerhand wunderlichem Fingerwerk, von dem sich nicht hatte erkennen lassen, ob
es menschliche Hnde oder abgestutzte Wurzelzweige waren. Einen Augenblick stand
die Erscheinung und sah kopf- und augenlos die Halle hinunter; dann versank sie
wieder in dieselbe Tiefe, aus der sie aufgestiegen war. Und mit schwerem
Schlage, der durch die Halle drhnte, schlug die Falltr zu.
    Nun erst lste sich der Bann, und die Grafen Seherr-Tho und Zierotin, die
Jrga zunchst saen, wiederholten jetzt das Pereat, in das alle brigen Gste
in rasch wiedergewonnener Tafelheiterkeit einstimmten. Nur Hirschfeldt schwieg;
er hatte sich drauen in der Welt im Kampfe gegen den groen Feind der
Menschheit einen Respekt vor eben diesem Feinde erworben, der ihn an Szenen, in
denen der renommistische Ton des Regiments Gensdarmes nachklang, wenig Gefallen
finden lie.
    Eine kurze Weile noch ging das Geplauder und wechselten die Reden, unter
denen auch ein kurzer, in pointierter Weise gesprochener Toast Kathinkas auf den
Reisemarschall war; dann erhob sich dieser und sagte, auf das beinahe
niedergebrannte Kaminfeuer deutend: Es erlischt, und mit ihm unser Fest.
    Und damit war das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Als sie gleich darauf, von
den Fackeltrgern begleitet, paarweise die Halle hinunterschritten und an der
Falltr vorberkamen, lag diese, weil der Luftzug hier die Flocken gegen die
Giebelwand getrieben haben mochte, hher unter Schnee als die andern Teile der
offenen Halle. Jrga, der den Zug fhrte, wies darauf hin und sagte: Begraben
in Schnee. Und mit diesen Worten hatten alle den Ausgang erreicht, stiegen die
hohen Steinstufen hernieder und nahmen ihre Pltze in den Schlitten, die bereits
vorgefahren waren.

Eine Viertelstunde spter lag alles, Lehnin und seine Kirche, das Refektorium
und die Erscheinung im kleinen Hut, wie ein Traum hinter ihnen, und durch den
stillen Wald hin hrte man das Gesprch und das Lachen der einzelnen Paare.
    Man war bereingekommen, frischerer Unterhaltung halber, an den einzelnen
Stationspunkten die Pltze zu wechseln. Die Fahrt auf der ersten Station machte
Lewin mit Jrga, bei welcher Gelegenheit ihm auch Auskunft wurde, mittelst
welcher alten Beziehungen sich das In-Szene-Gehen dieses Lehniner Festes
berhaupt ermglicht hatte; in Gro-Kreuz indessen bei dem eintretenden
Pltzewechsel kam Jrga an die Seite der Matuschka, whrend sich Kathinka Lewin
als ihren Partner erbat.
    Du scheinst dich vor mir zu frchten; aber das Trichtste, Freund, ist
immer die Furcht. Da du mich zu whlen versumtest, whl ich dich. Und so ist es
immer; das Unglck, das wir fliehen wollen, luft uns nach.
    Und ehe noch die letzten Worte gesprochen waren, flog der Schlitten, auf
dessen schmaler Holzpritsche Lewin Platz genommen hatte, die Gro-Kreuzer
Eichenallee hinauf und bog dann in den schmalen Uferweg ein, der sich zwischen
der scheinbar endlosen, in Eis und Schnee daliegenden Havelflche und den
verschneiten Plateauabhngen hinzog.
    Sie waren schon eine gute Strecke gefahren, ohne da ein Gesprch versucht
oder auch nur ein einziges Wort gewechselt worden wre; endlich sagte Lewin,
indem er sich vorbeugte:
    Gib mir deine Hand, Kathinka.
    Sie tat es, und er bedeckte sie mit Kssen. Ich kann nicht ohne dich
leben, sprach er an ihrem Ohr. Habe Mitleid mit mir; sage mir, da du mich
liebst. Ich solle nicht tricht sein, schriebst du, und ich solle keine
Gespenster sehen. Ach, es ist an dir, Kathinka, sie zu bannen.
    Sie schwieg. Und nur das Schnauben der Pferde und das Luten der Glocken
klang durch die de hin. Lewin aber fhlte nichts als ihren Atem und hrte
nichts als das Hmmern seines eigenen Herzens.
    Denkst du noch an Silvestertag, wo wir nach Guse fuhren und die Strophen
memorierten? Es war eine entzckende Fahrt, und ich war so glcklich.
    Kathinka nickte.
    Aber Tubal war damals mit uns, und ich sagte mir hundertmal in meinem
Herzen: Oh, da wir doch allein wren! Und nun sind wir allein, Kathinka... Du
meintest, ich frchtete mich. Ja, man frchtet sich vor seinem Glck.
    Sie entzog ihm ihre Hand; er aber, wohl empfindend, da es nicht im Unmut
war, fuhr in wachsender Erregung fort: Ja, allein mit dir; darin liegt all mein
Glck. Ach, da doch diese Stunde wchse und mein Leben wrde und da ich so
hinfhre mit dir ber die Welt, in Schnee und Wind, und nichts fhlte als dein
wehendes Haar an meiner Stirn.
    Es schien ihm, da seine Worte nicht ungehrt verklangen, denn in einem
andern als ihrem gewhnlichen Tone sprach sie halbleise vor sich hin: Gib mir
die Zgel, Lewin.
    Du hast sie, heut und immer.
    Aber ich brauch einen freieren Arm, um sie zu fhren; hilf mir dazu.
    Und er nahm ihr den leichten Seidenmantel von Arm und Schulter und legte die
Zgel in ihre Hand.
    Die Pferde, als empfnden sie die straffere Fhrung, griffen im Augenblicke
rascher aus, und der im Winde rckwrts wehende Mantel umflatterte Lewins
erglhendes Gesicht. Unendliche Sehnsucht erfllte sein Herz und zuckte und
fieberte in jedem Tropfen seines Bluts, als Kathinka jetzt in der Wonne des
Fahrens und Dahinfliegens sich weiter in den Sitz zurckwarf und ihre Schulter
leicht an seine Brust lehnte. Aber die Scheu, die sein angeboren Erbteil war,
berkam ihn wieder, und es war ein einziger Ku nur, den er zitternd auf ihren
Nacken drckte.
    So vergingen Minuten; dann sagte Kathinka: Der Wind geht zu scharf, Lewin;
hilf mir wieder in meinen Mantel. Es klang fast wie Spott. Er empfand es, aber
gehorchte.
    Nun schwiegen beide, und ber die Havelbrcken hin flog ihr Schlitten. Die
Sterne standen winterklar am Himmel, die Schneefelder blinkten und blitzten, und
bald auch, in silbergrauem Dmmer, stiegen wieder die Kuppeln der Communs und
die breiten Massen des Neuen Palais vor ihren Blicken auf. Da war das Jgertor,
und an der alten Stelle warteten die Relais. Lewin und Kathinka waren die
ersten; er half ihr von ihrem Sitz und kte ihr die Hand. Sie sah ihn gro an,
aber freundlich, und sagte nur, jedes Wort betonend: Du bist ein Kind.
    Nicht lange, so waren auch die anderen Schlitten heran; die Pferde wurden
gewechselt, die Pltze auch; Tubal nahm wieder den Sitz neben der Schwester.
    Und so ging es in neuem Jagen auf Berlin zu.

                              Sechzehntes Kapitel



                                    Kathinka

Die Wintersterne, die whrend der Lehniner Rckfahrt so funkelnd am Himmel
gestanden hatten, hatten einen hellen Tag versprochen, und dieser helle Tag war
nun da. Die Sonne, wo sie scharf hinfiel, schmolz den Schnee von den Dchern,
und als sie gegen Mittag ihren hchsten Stand beinahe erreicht hatte, sah sie
scharf an dem Nikolaikirchturm vorbei in Kathinkas Zimmer hinein. Es war ein so
blendendes, in steiler Schrgung einfallendes Licht, da das grne Rouleau bis
zur Hlfte des hohen Fensters hatte herabgelassen werden mssen, aber auch jetzt
noch hatte jeder Gegenstand eine volle Beleuchtung, und diese war es, die samt
den mit frischen Hyazinthen besetzten Blumentischen den anheimelnden Eindruck
untersttzte, den das sorglich gehaltene Zimmer zu jeder Zeit zu machen pflegte.
Einiges in seiner Einrichtung war whrend der letzten zwei, drei Tage gendert
worden. Vor dem Sofa, auf dem an jenem Abende, wo die Lehniner Partie verabredet
worden war, die alte Exzellenz gethront und nach anfnglicher Kriegfhrung mit
beinahe jedem Mitgliede der Gesellschaft schlielich ihren Frieden mit allen
geschlossen hatte, fehlte heute der runde Tisch, ber den hin damals der Streit
der Meinungen gegangen war, und nur ein groer Teppich lag statt dessen an eben
dieser Stelle ausgebreitet, ein Musterstck Brsseler Weberei, auf dem Frau
Venus mit ihrem Taubengespann durch die Lfte zog. Es war derselbe Teppich,
dessen durch Farbenpracht ausgezeichnetes Bild unsren Freund Lewin auf seiner
Weihnachtsfahrt nach Hohen-Vietz, wo wir zuerst seine Bekanntschaft machten, bis
in seine Trume hinein begleitet hatte. Denn sein letzter Besuch an jenem Tage
hatte dem Ladalinskischen Hause gegolten.
    Das lag nun einen Monat zurck, und heute war es das Auge Kathinkas, das
sich vom Sofa her auf dieses Teppichbild richtete. Aber sie sah es, ohne es zu
sehen, denn vor ihrer Seele standen andere Bilder, bunt und lachend, und doch
ein tiefer Schatten darber hin. Was war es, das diesen Schatten warf?
    Es schien, da jemand von ihr erwartet wurde, wenigstens horchte sie von
Zeit zu Zeit nach der Tre hinber. Aber es blieb still, und in wachsender
Unruhe erhob sie sich endlich und schritt auf die Blumentische, dann auf den
Stehspiegel zu, um das eine oder andere an ihrem Anzuge zu ndern. Es war eine
Morgentoilette, hnlich jener, die sie am Tage ihrer Rckkehr aus Guse whrend
ihres Gesprchs mit dem Vater getragen hatte: ein weibordierter dunkler
Morgenrock mit Pelerine und groen birnenfrmigen Schnursen, die in weie
Perlmutterknpfe einhakten. Niemand wrde das Geringste an ihrer Erscheinung
vermit haben, nur sie selber schien nicht zufrieden, ordnete ihr Haar immer
wieder und wechselte mit dem Musselintuch, das sie leicht geknpft um den Hals
trug. Dann ging sie wieder auf das Sofa zu, warf sich in die eine Ecke desselben
und legte den Fu auf ein Tabouret, das sie schon vorher auf den Teppich
gestellt hatte. In der Ecke lag ein Buch. Sie schlug es auf und versuchte zu
lesen; aber umsonst, sie konnte ihre Aufmerksamkeit nicht zwingen.
    In diesem Augenblicke trat der Graf unangemeldet ein, und sie zog den Fu
von dem Kissen, ohne sonst ihre Haltung zu ndern. Es schien, da sie sich an
demselben Morgen schon gesprochen hatten; kein Wort der Begrung wurde laut. Er
trat an sie heran und kte ihr die Hand.
    Und was bringst du? fragte sie mit wiedergewonnener Ruhe.
    Die Entscheidung.
    So sprich, erzhle, fuhr sie fort, whrend sie mit dem Zeigefinger auf die
Fingerspitzen ihrer linken Hand tupfte. Ich wei alles und will es doch von dir
hren. Wie verlief es? Ich hoffe, da dich nichts verletzt hat, kein Wort, keine
Miene.
    Nein, antwortete der Graf, indem er sich auf das Tabouret setzte und
Kathinkas Hand in seine Linke nahm. Er hrte mich ruhig an. Als ich geendet,
legte er das Elfenbeinmesser, mit dem er nach seiner Gewohnheit spielte,
beiseite und sagte, ich glaube, wrtlich: Ich bin nicht berrascht, Graf; ich
habe diesen Antrag erwartet, offen gestanden, gefrchtet. Sie wissen ohne
Versicherung, da sich diese Bemerkung nicht gegen Ihre Person richtet. Ihnen
den vollkommensten Beweis davon zu geben wre leicht, wenn ich nicht Punkte
dabei berhren und Bedingungen stellen mte, die Sie nach einer andern Seite
hin verletzen und Ihre Zustimmung nie finden wrden.
    Kathinka lchelte.
    Das alte Lied, sagte sie.
    Ja, fuhr Bninski fort, er will mit Polen, mit unserem Lande, ein fr
allemal gebrochen haben, und da ich es kurz mache, er schlo damit, da eine
Verbindung zwischen uns aus zwei Grnden untunlich und, wie er glaube, unmglich
sei: des Hofes halber und seiner Erinnerungen halber. Das letztere begreif ich,
das erstere nicht.
    Und doch ist beides in einem Zusammenhang, antwortete Kathinka, dies
Zugestndnis sind wir ihm schuldig. Er bedarf des Hofes. Weil er die Brcken
abgebrochen und sich und uns, sei es mit Recht oder Unrecht, aus dem heimischen
Boden in einen fremden verpflanzt hat, kann er besonderer gnstiger Bedingungen
nicht entbehren, um in dem fremden Boden aufs neue Wurzel zu schlagen. Unter
diesen gnstigen Bedingungen aber, wie ich dir nicht erst zu sagen brauche,
steht der Sonnenschein des Hofes obenan.
    Vielleicht, sagte Bninski, oder meinetwegen auch gewi. Es bleibt
schlielich doch, wie es ist, und ich fa es nicht, warum er gerade diesen Boden
whlte. Und da er ihn whlte, das entscheidet nun ber uns. Denn was er
anzudeuten schien, einen Friedensschlu auch meinerseits mit diesem Lande zu
machen, nie, nie, Kathinka. Auch nicht um dich.
    Er blieb stehen und schlug heftig die Finger ineinander. Dann, als ob er
sich die Verkehrtheit des alten Ladalinski in einer Art Selbstgesprch
klarzumachen suche, sprach er vor sich hin: Was zog ihn nur hierher? Gerade
ihn? Es bleibt ein Rtsel und ein Widerspruch. Denn er hat einen berschu von
jenem Edelsinn, dessen gnzliches Fehlen in diesem Lande mir dieses Land so
widerwrtig macht. Er ist groer Opfer und groer Entschlsse fhig, und selbst
der unheilvolle Schritt, der ihn in die Selbstverbannung trieb, trgt immer noch
den Stempel der Entsagung an der Stirn. Und was herrscht nun hier? Der Vorteil,
der Dnkel, die groen Worte!
    Auch du singst dein altes Lied, sagte Kathinka.
    Aber Bninski hrte nicht, und ohne die Stellung zu wechseln, fuhr er in
wachsender Erregung fort: Er ist ein Pedant. Da war er freilich hier am Ort.
Denn alles, was hier in Blte steht, ist Rubrik und Formelwesen, ist Zahl und
Schablone, und dazu jene hliche Armut, die nicht Einfachheit, sondern nur
Verschlagenheit und Kmmerlichkeit gebiert. Karg und knapp, das ist die Devise
dieses Landes. Ich war noch ein Kind, da las ich auf der Krakauer Schule von den
Alten-Fritzischen Grenadieren, da sie Westen getragen htten, die gar keine
Westen waren, sondern nur rote dreieckige Tuchstcke, die gleich an den
Uniformrock angenht waren. Und wahr oder nicht, diese dreieckigen Tuchlappen,
ich sehe sie hier in allem, in Kleinem und Groem. Angenhtes Wesen, Schein und
List, und dabei die tiefeingewurzelte Vorstellung, etwas Besonderes zu sein. Und
woraufhin? Weil sie jene Rauf- und Raublust haben, die immer bei der Armut ist.
Nie ist es satt, dieses Volk; ohne Schliff, ohne Form, ohne alles, was wohltut
oder gefllt, hat es nur ein Verlangen: immer mehr! Und wenn es sich endlich
bernommen hat, so stellt es das briggebliebene beiseite, und wehe dem, der
daran rhrt. Seerubervolk, das seine Zge zu Lande macht! Aber immer mit
Tedeum, um Gott oder Glaubens oder hchster Gter willen. Denn an
Fahneninschriften hat es diesem Lande nie gefehlt.
    Ich erkenne dich nicht mehr, unterbrach ihn Kathinka. Du sprichst dich
aus dem Recht in das Unrecht hinein. Du fhlst selbst die bertreibung, zu der
dich Vorurteil und Bitterkeit fortreien.
    Nein, ich bertreibe nicht. Ich lese nur die Rckseite der Medaille, weil
ich sie lesen will. Mag ein anderer sie wieder umkehren und sich an der
obenaufliegenden Herrlichkeit erfreuen, Bild oder Schrift, ich bin es zufrieden.
Es mag etwas Groes damit sein, nur nicht fr mich und auch nicht fr ihn, und
dabei wies er mit der Linken nach dem an der entgegengesetzten Seite des Hauses
gelegenen Zimmer des Geheimrates hinber. Auch nicht fr ihn, sag ich, denn er
ist Pole vom Wirbel bis zur Zeh. Er tuscht mich nicht mit seiner loyalen
Preuenmiene. Preuen! Warum gerade Preuen, das uns zuerst um dreiig
Silberlinge verschacherte. Jetzt ist es freilich selber an die Kette gelegt;
aber auf wie lange ...? Preuen! Preuen! Warum nicht Frankreich? Warum nicht
Ruland, grundschlecht, wie es ist! In seiner Sndenblte hat es doch wenigstens
den Mut, sich zu seinen Taten zu bekennen. Aber nein, es mute Preuen sein. Und
dieses Preuen, in dem der Ladalinskistamm, einer Einbildung, einer Marotte
zuliebe, neu blhen und Wurzel schlagen soll, das tritt nun zwischen dich und
mich, und um des vielleicht ausbleibenden Lchelns dreier Prinzlichkeiten willen
geht in dieser Zeit, in der Gott sei Dank mehr Prinzen auf den Schlachtfeldern
als in frstlichen Wochenstuben geboren werden, unser Glck wie eine Feder in
die Luft. Soll es das, Kathinka?! Bist du entschlossen?
    Sie schwieg.
    Lieben wir uns?
    Du sagst es.
    So seh ich nur einen Weg. Und du wirst den Entschlu dazu fassen knnen. So
denk ich, so hoff ich.
    Kathinka legte die Hand an ihre Stirn; dann, als entsnne sie sich auf etwas
Zurckliegendes, sagte sie: Ich versprach ihm, nichts zu tun, das seine
Stellung untergraben oder seine Zugehrigkeit zu diesem Lande neuen
Verdchtigungen aussetzen knnte.
    Und dies Versprechen wirst du halten. Die Flucht wirft alle Schuld auf uns
.
    Und doch ist ein Schwanken in mir, fuhr Kathinka fort Nicht, da ich vor
meinem Anteil an dieser Schuld erschrke. Du weit, wie ich bin, und was an
Furcht in mir ist, geht unter in der Lust am Wagnis. Also nicht um mich. Aber um
deinetwillen; aus Liebe zu dir. Du sollst nicht in einem falschen Lichte
dastehen. Und du wirst es. Wie bittere Worte werden fallen... von Tubal...
    ... von Lewin...
    Nenne nicht seinen Namen. Es schmerzt mich; denn es ist keiner, den ich
mehr geqult und dem ich tiefer verschuldet wre. Und nun tu ich ihm das
Schwerste! Er liebte mich, und ich war ihm gut von Jugend auf. Das ist nun
vorbei. Aber du irrst, wenn du glaubst, da bittere Worte von seinen Lippen
kommen werden. Nicht von ihm: aber die andern! Erinnere dich des Ballabends, als
du von General Yorcks Kapitulation hrtest, und denke deines spttischen Sans
doute, womit du der alten Exzellenz ihre feierliche Geschichte von dem
kronprinzlichen Einsegnungsringe verdarbst. Was war die Meinung von alledem?
Eine tiefe Verachtung gegen das, was sich hierlandes als deutsche Treue gibt.
Und nun frag ich dich, ben wir die Treue, bst du sie?
    Auch nicht ihr Gegenteil, antwortete Bninski.
    Kathinka schttelte den Kopf.
    Der Graf aber fuhr fort: Und wenn es wre, wie du meinst, Kathinka, so
sprich ein Wort und la es mich einsehen, da es so ist, und ich will dem, was
ich tue, kein Mntelchen umhngen. Ich bin kein Ritter von La Mancha, der die
Untreue aus der Welt herausfechten will; ich will sie nicht abschaffen, am
wenigsten will ich die Vorstellung groziehen, da ich ihr persnlich entwachsen
sei oder ber ihr stnde. Untreue! sie war das Erste und wird das Letzte sein;
ich erschrecke nicht vor dem Wort und nicht einmal vor der Tat. Aber das
Tugendgesicht, das sie hierzulande annimmt, das ha ich. Was mir zuwider ist,
das ist die Lge. Und das eine wei ich: es ist nicht Lge, wenn ich das, was
geschehen soll, weder Vertrauensbruch noch Untreue, wohl aber Zwang und
Konsequenz und Notwehr nenne. Zug um Zug. Gegen das geknstelte und
mibruchlich gebte Recht deines Vaters, das uns zum Opfer mir unbegreiflicher
Rcksichten machen will, setzen wir unser natrliches Recht, das Recht unserer
Neigung.
    Eine kurze Pause folgte, und nur um das peinliche Schweigen zu unterbrechen,
fgte der Graf hinzu: Sieh auf die Zukunft, Kathinka. Es kommen bessere Tage.
Er wird sich hineinfinden; das unabnderlich Geschehene bekehrt besser als
tausend bittende Worte.
    Du verkennst ihn, sagte sie, er hat den ganzen Eigensinn der Gtigen und
Schwachen. Ich darf es aussprechen, denn er war schwach gegen mich von Jugend
auf. Er wird uns nicht hassen, seine Liebe zu mir wird unerschttert bleiben,
aber er wird sich mit dem Geschehenen nicht vershnen und wird nicht Frieden mit
uns schlieen. Ich wei, was ich tue. Es ist ein Scheiden auf Nichtwiedersehen
!
    Der Graf schritt auf und ab. Als er wieder an das Sofa trat, nahm sie seine
Hand und sagte, mit einem Ausdruck zu ihm aufblickend, der ihr sonst fremd war:
Und so sei es denn, Jarosch! Ich fhle, es ist beschlossen, und nicht blo
durch uns. Wir erben alles: erst das Blut und dann die Schuld. Ich war immer
meiner Mutter Kind. Nun bin ich es ganz. Sei gut mit mir. Ich habe nur noch
dich.
    Und sie warf sich an seine Brust.

                              Siebzehntes Kapitel



                                Bei Hansen-Grell

Zwei Tage nach diesem Gesprch zwischen Kathinka und Bninski sa Lewin in
Briefen, die der Erledigung harrten. Einige, darunter Zeilen von Doktor
Faulstich und Tante Amelie, lagen schon so lange unter dem Stein, da er ihre
Beantwortung nicht wohl weiter hinausschieben und den Nichtbesuch seiner drei
Vorlesungen, denn es war wieder Freitag, sich eher zum Verdienst als zur
Versumnis anrechnen konnte. Die Hulen, die von Zeit zu Zeit auf ihren
altberlinischen, aus allerlei Tuchecken zusammengenhten Filzschuhen durch das
Zimmer ging, sah mit Kopfschtteln, wie die Zahl der auf dem Sofatisch
ausgelegten Briefe von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs, einige noch nicht
fertig und nur erst auf der ersten Seite beschrieben. Denn Lewin hate das
Aufstreuen, ein Punkt, in dem er ausnahmsweise mit Kathinka bereinstimmte.
    Ein Liebesbrief mit aufgestreutem Sand, pflegte diese zu sagen, da wird
die Liebe gleich mit verschttet und begraben.
    Er schrieb schon zwei Stunden, aber der Hauptbrief war noch ungeschrieben,
der an Renate. Er hatte ihn sich bis zuletzt aufgespart; das Plaudern mit der
Schwester sollte ihn schadlos halten fr die Mhen oder gar den Zwang alles
dessen, was voraufgegangen war. Der Brief an Faulstich war eine literarische
Abhandlung, der an Tante Amelie wie gewhnlich ein Eiertanz gewesen; das lag nun
endlich hinter ihm, und er konnte sich erholen und die Feder frei laufen lassen.
    Liebe Renate! so schrieb er, wir haben heute den 29., und es ist nicht
ohne Beschmung, da ich auf das Datum Deines Briefes aus der Mitte des Monats
sehe. Meine flchtige Antwort darauf war keine Antwort. La mich versuchen,
Versumtes nachzuholen.
    Diese und die letzte Woche, wie Du aus den Zeitungen ersehen haben wirst,
haben allerlei Dinge von Wichtigkeit gebracht; was Papa mir schrieb, hat sich
besttigt. Der Einsegnung des Kronprinzen folgte die Abreise des Knigs nach
Breslau; der ganze Hof begleitete ihn, auch die Garden. Potsdam ist seitdem wie
ausgestorben, wovon wir uns bei Gelegenheit einer nach Lehnin hin unternommenen
Partie durch den Augenschein berzeugen konnten. Von dieser Partie, die letzten
Dienstag stattfand, mchte ich Dir nun wohl erzhlen. Du weit, oder vielleicht
auch nicht, da Lehnin ein altes Zisterzienser-Kloster ist; die meisten der
Askanier wurden dort begraben, auch einige von den Hohenzollern; Johann Cicero,
wenn ich nicht irre, und Joachim Nestor. Aber diese beiden standen kaum in ihrer
Gruft, so kam die Skularisation, und ihre groen Metallsrge wanderten aus der
Klosterkrypta in die Krypta des Berliner Doms. Es gibt auch eine Lehninsche
Weissagung, Vaticinium Lehninense, hundert lateinische Verse, die den Untergang
der Hohenzollern und die Wiederaufrichtung des katholischen Glaubens in Mark
Brandenburg prophezeien; aber alles sehr dunkel und unbestimmt, so da man, wie
so oft, bei einigem guten Willen auch gerade das Gegenteil herauslesen kann. Auf
dieses Lehnin nun war in voriger Woche das Gesprch gekommen, und der Geheimrat,
der einige Verse aus der ihm durch unseren alten Direktor Bellermann vor Jahr
und Tag schon bekannt gewordenen Weissagung rezitierte, verriet pltzlich einen
lebhaften, an ihm ganz ungewohnten Enthusiasmus, das Kloster kennenzulernen. Bei
aller Hochachtung gegen ihn mcht ich im Vorbergehen doch die Vermutung
aussprechen, da er sich in dem Gedanken gefiel, an Ort und Stelle seine
Vortrge fortsetzen und uns durch eine Art mittelalterlicher Klassizitt
imponieren zu knnen. Aber sein Enthusiasmus hielt nicht vor, und als der
Dienstag herankam, stand er von der Teilnahme ab. Jrga war schon vorher zum
Reisemarschall ernannt worden. Natrlich durch Kathinka. Auer ihr und dem
engeren Ladalinskischen Kreise waren die Grafen Matuschka, Seherr-To und
Zierotin samt ihren jungen Frauen mit von der Partie. Es gab eine berraschung
nach der andern; Jrga bewhrte seinen alten Ruf als Festordner; die Matuschka
war reizend, und ich hatte den Triumph, Kathinka eiferschtig zu sehen. Auf der
Rckfahrt fuhren wir eine hbsche Strecke zusammen. Ich sagte ihr herzliche
Worte, vielleicht mehr als das, und sie nahm sie freundlich auf. Bninski verlt
uns bald; er geht auf seine Gter und von da nach Warschau, um sich dem
Vizeknig, mit dem er befreundet ist, zur Verfgung zu stellen. Zu Poniatowski
steht er nicht gut. Es wre Torheit, wenn ich wegleugnen wollte, da ich den Tag
seiner Abreise herbeiwnsche. Kathinka zeichnet ihn aus; aber es ist nicht ihre
Art, sich mit Abwesenden zu beschftigen oder Erinnerungen zu leben. Sie gehrt
der Stunde, und die Stunde, so scheint es, ist mir gnstig. Ich glaube wieder an
die Mglichkeit meines Glcks. Sie schrieb mir neulich: Sieh nicht Gespenster,
Lewin.
    Und nun la mich fragen, wie steht es in Hohen-Vietz? Was machen die
Freunde: Seidentopf, die Schorlemmer, Marie? Denke Dir, ich trumte diese Nacht
von ihr, und als was sah ich sie? Als Braut. In einem langen, langen Schleier
stand sie vor dem Altar; aber es war nicht der Altar der Hohen-Vietzer Kirche.
Ihr Kleid war wei und leicht wie der Schleier und mit Sternchen berst. Sie
sah sehr schn aus, und wer meinst Du, da ihr Brutigam war? Drosselstein.
Nicht unser alter, sondern ein junger; gro und schlank und in eine Uniform
gekleidet, in der ich unseren Hohen-Ziesarschen Freund nie gesehen habe. Als ich
mich heute frh des Traumes entsann, mut ich an das denken, was Du so oft ber
Marie gesagt hast: Du wrdest dich nicht wundern, eine goldene Kutsche bei
Kniehases vorfahren und die kleine Prinzessin mit verweinten und zugleich
freudestrahlenden Augen neben ihrem Prinzen Platz nehmen zu sehen. Du hast ihr
Wesen darin getroffen. Es war doch nur in der Ordnung, da sie Othegravens
Antrag ablehnte. Damals mibilligte ich es; es schien mir eine Unklugheit, wenn
nicht Schlimmeres. Aber ich hab ihr unrecht getan. Er ist aus Mnsterland, und
sie ist aus Feenland, und alles Westflische ist der letzte Fleck der Erde, mit
dem sich die Feen befreunden knnen.
    An Faulstich und Tante Amelie habe ich heute frh geschrieben. Wenig zu
meiner Zufriedenheit. Die Briefe an die Grfintante passen mir nie; ich wei
nicht, woran es liegt. Ich sollte mir einen Sammelkasten fr Anekdoten und
Bonmots anlegen und diesen Kasten einfach ausschtten, wenn ich einen Brief an
die Tante zu schreiben habe. Aber dergleichen kann ich nicht. Ich leide mitunter
unter meiner Schwerflligkeit, und um so mehr, als es derselbe Zug ist, den mir
Kathinka nicht verzeiht.
    Ich werde sie heute abend sehen, auch Tubal. Dieser ist viel mit Bninski und
dem Rittmeister von Hirschfeldt zusammen, einem ausgezeichneten Offizier, der in
Spanien war (auf englischer Seite), was aber nicht hindert, da er sich mit dem
Grafen befreundet hat. Das letzte Mal, da ich Tubal sah, es war in Lehnin;
whrend wir die Kirche besuchten, fragte er mich: Wann reisen wir nach
Hohen-Vietz? Ich lasse dahingestellt sein, ob ihm dabei die Enrollierung in das
Landsturmbataillon Lebus oder seine Cousine Renate mehr am Herzen lag.
    Und nun lebe wohl. Ich sehe heiterer in die Zukunft als seit lange. Alles
lt sich gut an, das Groe und das Kleine. Und das Kleine ist die Hauptsache,
denn es ist das Ich. Gru an Papa und die Freunde.
                                                                     Dein Lewin

Es war inzwischen ein Uhr geworden, und da sein Mittagsweg ihn ohnehin an dem
groen Postgebude vorberfhrte, so unterzog sich Lewin der Mhe, die fnf
Briefe, die das Ergebnis dieses Vormittags waren, selbst am Schalter abzugeben.
Neben der Post war das Ladalinskische Haus; er sah hinauf, aber in allen Zimmern
der ersten Etage, auch in dem des Geheimrats, waren die Rouleaux herabgelassen.
Er sann einen Augenblick nach, was die Ursache davon sein knne, verga aber den
gehabten Eindruck wieder, als er an der Ecke der Stechbahn Jrga begegnete, mit
dem er nun ein kurzes Gesprch ber die nchste Kastaliasitzung fhrte.
    Auf Dienstag! damit trennten sie sich, und Lewin, nachdem er in der
Taubenstrae an alter Stelle sein einfaches Mittagsmahl eingenommen hatte, ging
auf die lange, der ehemaligen Berliner Stadtmauer entsprechende Wallstrae zu,
von der aus er - in nur geringer Entfernung vom Spittelmarkt - in die aus alten
und stattlichen, aber freilich auch heruntergekommenen Husern bestehende
Kreuzgasse einbog.
    In einem dieser alten und stattlichen Huser wohnte Hansen-Grell, zu dem
sich Lewin um seiner Schlichtheit und kaum minder um seines romantischen, eben
dieser Schlichtheit fast widersprechenden Zuges willen von Anfang an in hohem
Mae hingezogen gefhlt hatte. Eine Aufforderung zu einem Besuche war nie
ausgesprochen worden, aber als sie vor zwei Tagen, wo ein Zufall sie
zusammengefhrt, sich nach lngerem und sehr eingehendem Geplauder wieder
getrennt hatten, hatte Lewin den Entschlu gefat, diesen Besuch in Grells
Wohnung auch ohne Aufforderung zu machen. Es war ein Hochparterre. Acht oder
zehn Steinstufen, ausgelaufen und von einem verbogenen Eisengelnder eingefat,
fhrten hinauf. An der Tr, mit dicker Feder auf ein halbes Kartenblatt
geschrieben, stand Hansen-Grell.
    Lewin klopfte.
    Herein!
    Es war eine in drei Felder geteilte, nur mit dem vordersten Drittel sich
ffnende Tr, gerade breit genug, einen Menschen mit seiner Schmalseite
hindurchzulassen. Lewin passierte das Defilee und befand sich in einem groen,
wohl vierzehn Fu hohen Raum, in dem er auf den ersten Blick nichts weiter als
vier kahle, gelbgetnchte Wnde und einen ungeheuren schwarzen Kachelofen
erkennen konnte. Zugleich hatten sich vier lange, schmale Gardinenstreifen, bei
dem durch das ffnen der Tr entstandenen Luftzug, in eine langsam schwerfllige
Bewegung gesetzt. Aber dieser Eindruck des Kahlen und den blieb nicht lange,
und die gemtlicheren Elemente kamen zu ihrem Recht. In dem von innen her
geheizten Ofen war der Torf so weit niedergebrannt, da der Anblick der in
blauen Flmmchen zuckenden Glut mit diesem unschnsten aller Heizungsmateriale
wieder ausshnen konnte, und von dem danebenstehenden, mit Bchern berdeckten
Klapptisch stiegen kleine, sich kruselnde Wlkchen auf und zogen dem
Eintretenden wie ein freundlicher Gru entgegen. Hansen-Grell war bei der
Prparation seines Nachmittagkaffees.
    Einen Augenblick noch, rief er, und den Topf mit kochendem Wasser, den er
nur halb geleert hatte, wieder in die Glut des Ofens schiebend, trat er jetzt
Lewin entgegen und reichte ihm die noch halb ruige Hand, nachdem er sie durch
einen energischen Strich ber den rmel seines Flausrocks hin wenigstens aus dem
Grbsten herausgebracht hatte.
    Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen, sagte er, besonders zu dieser
Stunde, wo die Ofenglut und der dampfende Kaffee die Honneurs des Hauses machen.
Sie trinken mit. Ich bin, wie Sie sehen, etwas beschrnkt im Wirtschaftlichen,
aber was Tassen angeht, kann ich mit jeder Klatschbase konkurrieren.
    Lewin wollte erwidern, aber Hansen-Grell fuhr fort: O nicht doch; frchten
Sie nicht, mich zu benachteiligen; hier ist der Kaffee und dort das Wasser. Ich
knnte die ganze Kastalia bewirten, ohne jede Gefahr persnlicher Einbue. Ich
bitte Sie, nehmen Sie Platz, whrend ich nach meiner besten Meiner suche. Sie
sollen die vergoldete haben, mit einem Amor und einer Schferin, die lacht und
weint, weil sie schon getroffen ist. Knnen Sie sich denken, da ich eine
Passion fr solche Spielereien habe? Es ist noch ein Nachklang aus meinen
Kopenhagener Tagen her. Der alte Graf war ein leidenschaftlicher Sammler.
    Bei diesen Worten hatte sich Hansen-Grell an einen auf den ersten Blick
nicht wahrnehmbaren Schrank gemacht, der in einer der dicken Wnde mittendrin
steckte, und suchte hier nicht blo nach der versprochenen Meiner Tasse,
sondern behufs besserer Reprsentation auch nach einer Zuckerschale, die er auf
einem der Bretter oben oder unten gesehen zu haben sich deutlich entsann. Er
persnlich hatte das Ttenprinzip.
    Lewin war inzwischen der Aufforderung seines in halber Verlegenheit immer
weitersprechenden Wirtes gefolgt und hatte, die Gardinen zurckschlagend, in
einer der tiefen Fensternischen Platz genommen. Hier standen zwei Binsensthle,
auf deren einem ein paar aufgeschlagene Bcher lagen, und whrend Hansen-Grell -
der die Zuckerschale noch immer nicht entdeckt hatte - sein mehr und mehr in
bloe Verwunderungsausrufe sich auflsendes Gesprch fortsetzte, nahm Lewin
eines der kleinen Bndchen zur Hand und sah hinein. Es waren Hlderlins
Gedichte. Auf einer der aufgeschlagenen Seiten standen vier Zeilen.

In jngeren Tagen war ich des Morgens froh,
Des Abends weint ich; jetzt, da ich lter bin,
Beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch
Heilig und heiter ist mir sein Ende.

Lewin empfing einen bedeutenden Eindruck von diesen Zeilen, aber es war dafr
gesorgt, da er sich ihm nicht lange hingeben konnte. Hansen-Grell hatte
mittlerweile alles gefunden, was ihm wnschenswert erschien, und prsentierte
jetzt, nachdem er, ngstlich die Diele haltend, den weiten Weg zwischen Ofen und
Fenster zurckgelegt hatte, seinem Gaste eine bis an den Rand hin gefllte Tasse
Kaffee.
    Dieser nahm, schlrfte und lobte und sagte dann: Ich bin berrascht, Sie
bei Hlderlin zu finden. Nach dem Bilde, das ich mir von Ihnen gemacht habe,
muten Sie mit der ums Morgenrot fahrenden Lenore fr dieses und jenes Leben
verbunden sein. Ich kann Ihnen auch allenfalls den Wilden Jger oder die
Chevyjagd gestatten, aber Hlderlin? Nein.
    Hansen-Grell hatte sich auf den gegenberstehenden Binsenstuhl gesetzt und
sagte, whrend er seine beiden Hnde auf das bequem bergeschlagene Knie legte:
Sie berhren da einen feinen Punkt, wenn Sie wollen, einen Widerspruch in
meiner Natur. Vielleicht auch in mancher andern. Es ist ganz richtig, da ich
meiner Empfindung und, wenn ich von so Unbedeutendem sprechen darf, auch meiner
Dichtung nach ganz in die neue Schule hineingehre; ich halte es wohl oder bel
mit den Romantikern und werde nie von etwas anderem trumen als von nordischen
Prinzessinnen und siegreichen Schlangenttern. Und wird es mir gelegentlich des
romantischen Apparates zuviel, so pfleg ich mich, nach der Lehre vom Gegensatz,
mit einer Art Passion auf Rokokodinge zu werfen und vor Puder und Reifrock nicht
zu erschrecken. Aber etwas Klassisches nie, weder nach Form noch Inhalt.
    Lewin lchelte und wies auf das zwischen ihnen liegende Buch.
    Ich komme darauf, fuhr Hansen-Grell fort, das ist es ja eben, was mich
von einem Widerspruche sprechen lie. Ich werde nie klassisch empfinden, nie
auch nur den Versuch machen, einen Hexameter oder gar eine alkische Strophe
aufzubauen, und doch, wo immer ich mit dieser Welt des Klassischen in Berhrung
komme, fhl ich mich in ihrem Banne und sehe, solange dieser Zauber anhlt, auf
alles Volksliedhafte wie auf bloe Bnkelsngereien herab. Ich habe dann
pltzlich aller naiven Dichtung gegenber ein Gefhl, als ob ich hbsche
Dorfmdchen auf einem Hofball erscheinen she; sie bleiben hbsch, aber die
Buntheit und die Willkrlichkeit ihres Aufputzes lt selbst ihren wirklichen
Reiz als untergeordnet erscheinen.
    Ich kann Ihnen darin nicht zustimmen, erwiderte Lewin, Sie sprachen schon
selbst das Wort aus, auf das es mir anzukommen scheint, solange der Zauber
anhlt. Da liegt es. Auch in der Kunst gilt das Toujours perdrix, und jedes
Zuviel weckt das Verlangen nach einem Gegenteil.
    Mglich, da Sie es mit dem Toujours perdrix getroffen haben, sagte
Hansen-Grell, aber nach meiner eigenen persnlichen Erfahrung mu ich es doch
in etwas anderem suchen. Vielleicht haben Sie hnliches beobachtet. Unsere
dichterische Produktion, und das ist der Punkt, auf den ich Gewicht lege,
entspricht unserer Natur, aber nicht notwendig unserem Geschmack. Dieser kann
sich ber jene erheben. Wollen wir einen Einklang herstellen, soll unser
Geschmack, der unsere Lektre bestimmt, auch unsere Produktion bestimmen, so
lt uns die Natur, die andere Wege ging, im Stich, und wir scheitern. Wir haben
dann unseren Willen gehabt, aber das Geborene ist tot.
    Lewin wollte antworten, Hansen-Grell indes fuhr in Entwickelung seines
Gedankens mit Lebhaftigkeit fort: Im brigen, was unseren schwbischen Hyperion
angeht, und dabei schlug er mit dem Finger auf das vor ihm liegende Bndchen,
so lst sich der Widerspruch, den ich Ihnen anfnglich zugestand, auf eine
vielleicht viel einfachere Weise. Hlderlin, aller Klassizitt seiner Form
unerachtet, ist Romantiker von Grund aus. Darf ich Ihnen meine Lieblingsstrophen
vorlesen?
    Ich bitte darum.
    Es dunkelte schon. Da Hansen-Grell aber die Strophen so gut wie auswendig
wute, so gengte jede Beleuchtung, und er las:

Nur einen Sommer gnnt, ihr Gewaltigen,
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Da williger mein Herz, vom sen
Spiele gesttiget, dann mir sterbe!

Die Seele, der im Leben ihr gttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heil'ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen:

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinabgeleitet; einmal
Lebt ich wie Gtter, und mehr bedarf's nicht.

Er legte das Buch aus der Hand und fuhr ohne Pause fort: Das sind alkische
Strophen, klassisch in Bau und Form, und doch klingt es in ihnen romantisch
trotz Orkus und aller Schatten- und Gtterwelt der Klassizitt. Nun erst sah er
auf Lewin.
    Dieser schwieg noch immer. Aber sein Schweigen sagte mehr, als es die
enthusiastischsten Worte gekonnt htten. Endlich sprach er vor sich hin: Wie
schn, und wie ist die Stimmung getroffen!
    Ja, das ist's, nahm Grell noch einmal das Wort. Die Stimmung ist
getroffen; und darauf kommt es an, das entscheidet. Es ist jetzt Mode, von
Stimmung zu sprechen und von In-Stimmung-Kommen. Aber das In-Stimmung-Kommen
bedeutet noch nicht viel. Erst der, der die ihm gekommene Stimmung: das
rtselvoll Unbestimmte, das wie Wolken Ziehende, scharf und genau festzuhalten
und diesem Festgehaltenen doch zugleich auch wieder seinen zauberischen, im
Helldunkel sich bewegenden Schwankezustand zu lassen wei, erst der ist der
Meister.
    Lewin nickte, aber zerstreut. Er hatte offenbar nur mit halbem Ohre
hingehrt und wiederholte statt aller andern Antwort nur die Schluworte des
Liedes: Einmal lebt ich wie Gtter, und mehr bedarf's nicht.
    Hansen-Grell war aufgestanden, und sein unschnes Gesicht mit dem kurzen
Strohhaar und den gerteten Lidern verklrte sich von innen heraus zu wirklicher
Schnheit. Ob Lied oder Liebe, ob Freiheit oder Vaterland, einmal leben wie
Gtter und dann - sterben. Sterben bald, ehe das groe Gefhl der Erinnerung
verblat.
    Sie sprachen noch eine Weile, beide sich in dieselben Vorstellungen
vertiefend; dann sagte Lewin: Lassen Sie uns gehen, Grell, drauen hngt noch
das Abendrot; es plaudert sich besser im Freien.
    Und damit verlieen sie das Haus und gingen ber den Opernplatz auf den
Lustgarten und die Schlofreiheit zu.
    Hinter der Sophienkirche ging eben die Mondsichel auf.

                              Achtzehntes Kapitel



                                     Fort!

Um die sechste Stunde war Lewin wieder in seiner Wohnung; das Gesprch, das er
mit Hansen-Grell gefhrt, klang noch in seiner Seele nach. Die schne Macht des
Idealen, durch einfache Verhltnisse mehr untersttzt als beeintrchtigt, war
ihm nie reiner entgegengetreten. Er hatte whrend seines Besuches mehr als
einmal an Faulstich denken mssen; und doch, bei manchem Verwandten, welcher
Unterschied! In der Beschftigung mit den Knsten, auch in der Freude daran,
waren sich beide gleich; aber whrend der eine das Schne nur feinsinnig
kostete, strebte ihm der andere mit ganzer Seele nach. Was den einen
verweichlichte, sthlte den andern, und so war Grell ein Vorbild, whrend
Faulstich eine Warnung war.
    Es fehlte heute das Abendrot, das sonst wohl um diese Stunde drben ber den
Dchern hing, und so kam es, da in Lewins Zimmer bereits ein vlliges Dunkel
herrschte. Er klopfte bei Frau Hulen; sie war nicht zu Hause. Ebenso fehlte die
grne Schirmlampe und war auch in dem Nebenzimmer nicht zu finden.
    Was nur der Alten ist? sagte Lewin und war einen Augenblick verdrielich
ber die Unordnung, lachte aber bald wieder und setzte hinzu: Freilich die
erste in anderthalb Jahren.
    Er tappte bis in die Kche, schrte in der Herdasche, bis die Glut zutage
kam, und zndete seinen Wachsstock an. Und nun vorsichtig, um die Mhe des
Anzndens nicht noch einmal zu haben, ging er in sein Zimmer zurck.
    Jetzt erst sah er, da ein Brief auf dem Tische lag, die Aufschrift sehr
flchtig, allem Anscheine nach von Tubals Hand. Was ihm am meisten auffiel, war
das unverhltnismig groe Siegel. Es war ersichtlich, da der Inhalt gegen
unbefugte Neugier hatte sichergestellt werden sollen. Wenn Frau Hulen einen
schwachen Punkt hatte, so lag er nach dieser Seite hin.
    Lewin wute davon. Er lchelte deshalb, als er das Siegel erbrach und den
auseinandergefalteten Bogen, bequemeren Lesens halber, neben die kleine
Wachsstockflamme hielt. Aber sein Lcheln whrte nur einen Augenblick. Es waren
nicht mehr als drei Zeilen.

Komm heute abend nicht; Kathinka ist fort. In einem Zettel, den wir auf ihrem
Schreibtische fanden, hat sie Abschied von uns genommen. Alles andere errtst
Du.
                                                                     Dein Tubal

Das Blatt entfiel seiner Hand, whrend er selber auf das Sofa zurcksank. Er war
eine Minute lang wie betubt. Dann richtete er sich auf und legte seinen Kopf
erst in seine zusammengefalteten Hnde, dann auf Tisch und Sofalehne; aber alles
war ihm zu hei. Er sprang auf und trat an das Fenster. Die fahle Mondessichel,
eben aus dem Gewlk heraus, sah ihm ins Gesicht; ein paar Krhen drben flogen
auf; unten knarrten die Laternen. Die Khle der Scheiben tat ihm wohl, aber die
Angst blieb und stieg ihm hher ans Herz. Ihn verlangte nach Luft; so nahm er
eine Filzkappe vom Riegel und schritt auf Flur und Treppe zu. Er war schon auf
den ersten Stufen, als er, pltzlich durch kleine Sorglichkeiten bestimmt,
wieder umkehrte, um die Zeilen zu zerreien, die auf dem Tische liegengeblieben
waren, und den noch brennenden Wachsstock auszulschen. Nun erst verlie er das
Haus.
    Unten bog er in die Knigsstrae ein; aber die Steinmassen bedrckten ihn,
wie ihn das Zimmer bedrckt hatte, und er empfand deutlich, da er aus der Stadt
heraus msse. So hielt er sich rechts und nahm dann ber den Alexanderplatz hin
seine Richtung auf das Frankfurter Tor zu.
    Es war derselbe Weg, den er am Tage, wo das Dachsgraben in der Dahlwitzer
Forst sein sollte, gemacht hatte. Als er wieder in die Nhe des Gasthauses zur
Neuen Welt kam, das damals in rechter Vormittagsstille dagelegen hatte, sah
er, da alle Fenster erleuchtet waren; Klarinetten spielten auf, und junge
Paare, denen es drinnen zu hei geworden war, standen drauen unter den
beschneiten Lindenbumen. Was kmmerte sie der Wind, der ging, oder der Schnee,
der lag? Der nchste Tanz brachte die Verkhlung wieder heraus.
    Lewin hatte sich an einen der zwei Pfosten gelehnt, die mittelst eines
darbergelegten Querbalkens den ziemlich primitiven Eingang zur Neuen Welt
bildeten. Die Musik drinnen ging immer frischer. Er schlug den Takt mit dem
rechten Fue mit und fand den Tanz allerliebst. Wer doch auch mit dabei wre!
Wer tanzen will, dem ist leicht gespielt, sagt das Sprichwort. Warum heit es
nicht: Wem gespielt wird, der tanze!
    In diesem Augenblick legte sich von hinten her ein Arm um seine Hfte, und
ein junges Ding, das sich am Heckenzaune hin, ohne da er es merkte,
herangeschlichen haben mute, sagte vertraulich:
    Komm, sie stimmen schon. Es gibt noch einen Schottschen. Du kannst mich und
Malchen auch nach Hause bringen.
    Es klang mehr schelmisch als zudringlich, und Lewin, der dies fhlte, wandte
sich um und ergriff ihre Hand. Das Mdchen aber, das ihn verwechselt haben
mochte und jetzt erst in sein verstrtes Gesicht sah, erschrak und lief quer
ber den Vorgarten in den Saal zurck. Drinnen mute sie von der Begegnung
erzhlt haben, denn zwei, drei Kpfe erschienen gleich darauf am Fenster und
blickten neugierig nach dem Fremden hinaus.
    Freilich nicht auf lange, denn der Schottische begann nun wirklich, und
Lewin, whrend er weiterging, versuchte sich die Takte fr seinen Marsch
zurechtzulegen. Es gelang auch eine Weile; aber der Tanzrhythmus war doch
strker als alles andere, und aus seinem gezwungenen Marschtempo immer wieder
herausfallend, marschierte er in einem wunderlichen Wechsel von Tanz und Schritt
die gradlinige Pappelchaussee hinunter. Er kam an der Stelle vorbei, wo ihm an
dem Schnatermanntage das Elend des Rckzuges zuerst entgegengetreten war;
indessen er gedachte der erschtternden Begegnung nicht mehr und zhlte nur noch
die Takte der Musik, trotzdem er diese selbst schon lngst nicht mehr hrte.
    So hintanzen, sagte er, das heit Leben. Nur nichts schwernehmen. Ich
habe das Beste versumt. Und am Ende auch heute wieder. Sie war hbsch und nicht
zimperlich. Du kannst mich und Malchen nach Hause bringen... sei nicht tricht,
Lewin. Nein, nein, das sagte sie nicht; das war schon frher.
    Er schwieg eine Weile, seine Gedanken im stillen weiterspinnend. Und mit
der Johanna Susemihl, was war es denn am Ende? Und was liegt daran, ob ihr die
alte Zunzen das Kleine gegnnt hat oder nicht! Nun sind sie tot, und nur der
Marchal de logis, so denk ich mir, lebt noch. Er hatte Tressen an dem Hut und
einen Klunker dran. Und fremde Tressen; ja, das macht es; das Neue, das Fremde.
Etwas anderes mu es sein. Neugier wie zu Mutter Evas Tagen.
    Er war jetzt ber Friedrichsfelde hinaus; nur wenn er sich wandte, sah er
noch die Lichter des Dorfes. Am Himmel kein Stern; ber die Mondessichel hin
zogen die Wolken, immer dichter, immer rascher. Aber rascher noch gingen die
Bilder ber seine Seele.
    Wie die Hulen sich wundern wird! Ich sehe sie, wie sie mit der kleinen
Lampe nach mir sucht, als ob ich ein versteckter Liebhaber wre. Und der bin ich
eigentlich auch; nur zu sehr versteckt; ich werde nie gefunden. Die Hulen wird
so verdutzt aussehen wie damals, als ich ihr das franzsische Kinderlied vorlas.
Klippklapp, sagte sie; es war gar nicht so dumm. Wie ging es doch?

An meiner Enklin Namenstag
Ihr jeder etwas schenken mag:
Der Bcker schickt ein Zuckerbrot,
Der Schneider einen Mantel rot...

Ja, so ging es. Le boulanger fit un gteau, la couturire un p'tit manteau, das
schien die leichteste Stelle und war dann hinterher die schwerste. Ich entsinne
mich noch... Was es doch fr wunderliche Sachen gibt; ein franzsischer
Kinderreim zwischen Friedrichsfelde und Dahlwitz. Aber warum nicht? Es gibt noch
viel Wunderlicheres.
    Er passierte jetzt das Dorf, dessen Namen er eben genannt hatte. Der mit
alten Rstern besetzte Fahrweg lag im Dunkeln, und die Fensterlden der meist
einzeln stehenden Huser waren geschlossen; aber aus den herzfrmigen ffnungen
fiel ein Lichtschein auf die Strae.
    Brennende Herzen, sagte er, morgen frh sind sie wieder an die Wand
geklappt und so schwarz wie vorher. Es ist auch lange genug, vier Stunden zu
brennen. Hier wohnt der Pastor; der brennt sechs.
    Hundert Schritte hinter dem Pastorhause schlo das Dorf, und Lewin trat ins
Freie. Ihn frstelte. War es die Nachtluft, oder war es das Fieber? Er schlug
den Rockkragen in die Hhe und die Mtzenklappen nach unten; aber das Frsteln
blieb.
    Wohin geh ich nur? Ich wei es nicht. Oder ob ich umkehre? Nein. Ich kann
nicht wieder in die Husermasse hinein; sie nimmt mir den Atem, sie bringt mich
um. Also weiter. Ich werde wohl irgendwo hinkommen.
    
    So schritt er abermals vorwrts; eine Viertelmeile, eine halbe. Nach rechts
hin, an einer Biegung der Chaussee, stand der Schattenri eines Kirchturms.
    Ich bin mde, und ich glaube fast, ich habe Hunger.
    Er setzte sich auf einen neben der Strae zusammengefahrenen Steinhaufen und
sah dem drren Laube zu, das ber den glattgefahrenen Schnee hin an ihm
vorbertanzte. Denn der Wind, der seit Stunden schon dichte Wolkenmassen
voraufgeschickt hatte, kam jetzt selber und fegte zwischen den Pappeln hin. Es
war ein Sdwest, feucht und voll kleiner Regentropfen, aber einzelne dieser
Tropfen gefroren wieder und schlugen ihm wie Nadeln ins Gesicht. Tauwind,
sagte Lewin, wie heit es doch? Der Tauwind kam vom Mittagsmeer... ja, ich
glaube, so fngt es an; aber das andere hab ich vergessen. Ich finde nur noch
die Figuren heraus, den Grafen und den Zllner und den braven Mann. Wer ich wohl
sein mag? Der Graf? Nein. Aber der brave Mann; ja, der bin ich, das ist mein
Fach.
    Er blickte die Chaussee hinauf, hinunter und sagte dann: Es sieht aus wie
die Pappelallee, die durch das Bruch fhrt, und der Schatten, der dort unten
steht, knnte die Guser Kirche sein... Das sind nun vier Wochen, und mir ist,
als wr es ein Jahr. Er sttzte die Stirn in seine Hand und trumte, und in
seinem Traume klang es immer vernehmlicher wie leises fernes Glockenluten. Er
horchte danach, voll wachsender Sehnsucht, und endlich war es ihm, als fhle er
das Labsal einer Trne und als km es wie Befreiung ber sein schwer bedrcktes
Herz.
    Aber es sollte nicht sein; es war anders beschlossen. Das Luten, das er nur
traumhaft gehrt zu haben glaubte, kam wirklich nher, und ehe er sich noch
zurechtgefunden hatte, sah er von der Dahlwitzer Seite her ein Fuhrwerk zwischen
den Pappeln herankommen. Sonderbar, es war kein Schlitten, wie das Gelute hatte
vermuten lassen, sondern ein leichter, offner Wagen, dessen zwei kleinen
Pferden, sei es aus Laune oder bertriebener Vorsicht, ein Schellengurt
aufgelegt worden war. Und jetzt war der Wagen heran; die Pferde scheuten und
bogen nach rechts hin aus. Auf dem Vordersitze sa ein junges Paar, er mit
verschrnkten Armen in einen Mantel gewickelt, sie gro und schlank, in einem
enganschlieenden Rock und einer mit Pelz besetzten Mtze. Die Form lie sich
nicht erkennen, aber sie fhrte die Zgel und erschrak heftig, als sie des am
Wege Sitzenden ansichtig wurde. Erst an der nchsten Pappel wandte sie sich noch
einmal um und sprach dann, allem Anscheine nach, lebhaft zu ihrem Begleiter.
    Lewin sah das alles, und ohne zu wissen, was er tat, sprang er auf und
suchte dem ihm rasch entschwindenden Fuhrwerk zu folgen. Er wollte rufen,
schreien, aber er brachte keinen Ton hervor. Und so lief er, bis ihm die letzten
Krfte versagten und er lautlos inmitten des Weges niederstrzte.
    Eine Stunde spter hielt ein Schlitten vor dem Bohlsdorfer Krug; es schlug
eben vom Turm. Der Knecht, der von seinem Hckselsack gestiegen war, um die
Pferde abzustrngen, zhlte die Schlge und brummte verdrielich vor sich hin:
All elwen; fr Mitternacht bin ick nich to Huus; awers ick kunn em doch nich
liggen laten. Damit ging er auf den Heckenzaun zu, neben dem ein paar
verschneite Krippen standen, whrend von der Hof- und Gartenseite her die Glut
eines hochaufgemauerten Backofens, in dem das Reisigholz eben niedergebrannt
war, ber den Zaun weg auf die Strae sah. Der Knecht starrte hinein, freute
sich des warmen Hauchs und schleppte dann eine der Krippen, aus der er den
Schnee durch bloes Umstlpen entfernt hatte, bis vor sein Gespann und ffnete
den Hckselsack. Die Pferde, denen es zu lange dauern mochte, fuhren mit ihren
Mulern suchend und schnopernd durch den leeren Trog. Er gab ihnen einen Schlag:
Knn jih nich twen, und stappste dann, als er ihnen endlich ihr Futter
eingeschttet hatte, unter dem Vorbau weg in die Krugstube, wo auf zwei groen
Brettern die zum Einschieben in den Ofen eben fertig gewordenen Brote lagen.
    'n Abend, Krgersch.
    'n Abend, Damerow. Noch so spt bi Weeg?
    Ja, man mt ja wull. Dat oll Schlackerwetter geiht ei'm bis up de Knaken.
    Dat deit et. Wat wullen S', Kirsch o'er Kmmel?
    Geben S' en Kirsch. Awer twen S' noch en beten. Ick hebb do een'n upp 'n
Schlitten. He lg as fr dood bi de Chausseesteen. Upp'n Hoar, un ick hedd em
verfoahren.
    Kennen S' em nich?
    Ne. He sht ut as en Stadtminsch, as en Berlinscher. Koamen S' man mit
rut.
    Die Krgersfrau, die noch beim Abtrocknen war, nahm eine kleine Laterne vom
Brett, steckte den Lichtstumpf an, hakte wieder ein und folgte dem Knecht auf
die Strae. So traten sie an die Rckseite des Schlittens, der nur zwei
Korbwnde hatte, nach hinten zu aber offen war. Der Knecht schob ein
Strohbndel, das als Decke gedient haben mochte, zurck, und die Krgersfrau
leuchtete nun in den Schlitten hinein. Aber die Laterne fiel ihr aus der Hand,
und sie tat einen Schrei. Dann lief sie wieder in das Haus, rttelte den Mann,
der in dem Alkoven nebenan eingeschlafen war, und rief: Steih up, Drews. Kumm,
mach flink. Ick gloob, he is all dood.
    Wihr, wihr? fragte der Krger, aus dem Schlaf auffahrend.
    Aber die Frau war schon wieder an der Tr. Jott, Jott, wihr sall et
sinn...? De jungsche Herr von Hohen-Vietz.


                                  Vierter Band

                                        

                             Wieder in Hohen-Vietz

                                 Erstes Kapitel

                                  In Bohlsdorf

Es war drei Tage spter. In dem hinter der Gaststube gelegenen Alkoven sa die
Bohlsdorfer Krgersfrau und beugte sich ber ihr Kind. Sie sang es in Schlaf,
aber mit leiser Stimme, und in noch leiserer Schaukelbewegung ging die Wiege. Es
htte dieser Vorsicht nicht bedurft, denn der Kranke, dem sie galt und der ber
dem Alkoven gebettet war, lag nun schon den dritten Tag in einem schweren Schlaf
und war taub und tot gegen alles, was um ihn her vorging. Ein Arzt war noch
nicht zu beschaffen gewesen, aber an Pflege gebrach es nicht, wenn man einem
bloen Aufmerken und Abwarten, dem sich seit dem gestrigen Tage zwei Frauen
unausgesetzt unterzogen, diesen Namen geben konnte.
    Mittag war vorber. Es mochte die zweite Stunde sein, die schon wieder
sinkende Sonne schien durch das Fenster einer kleinen Giebelstube, und ein
freundlicher Glanz, als ging' er von dem Kranken selber aus, war um diesen her.
    Seine Stirn ist feucht, sagte die Schorlemmer. Geh, Renate, und ruhe dich
aus. Eine Viertelstunde nur.
    Ich bin nicht mde.
    Du mut es sein. Geh.
    Und sie ging. Aber nicht, um zu ruhen, sondern um einen Brief, den sie
versprochen hatte, nach Hohen-Vietz hin zu schreiben.
    Das Stbchen, das gleich nach ihrer Ankunft als Wohn- und Schlafzimmer
eingerumt worden war, lag an der andern Giebelseite des Hauses und zeigte noch
jenes Durcheinander, das der erste Moment der Ankunft immer zu geben pflegt.
    Zum Ordnen und Aufrumen war eben noch nicht Zeit gewesen. Auf zwei Sthlen
stand der geffnete Reisekoffer, whrend auf eins der beiden Betten hin Muffen
und Mntel samt allerlei Shawls und Tchern geworfen waren.
    Renate schien auch jetzt noch kein Auge fr diese Dinge zu haben, lie alles
liegen, wie es lag, und rckte nur den Tisch, um besseres Licht zu haben, an den
Fensterpfeiler. Dann schob sie die rote Leinwanddecke, in die ein radschlagender
Pfau wei eingemustert war, ziemlich unsorglich beiseite und nahm ein Karlsbader
Schreibnecessaire aus dem Koffer, das, wenn man es aufklappte, ein schrges Pult
bildete. Aber die Tinte war fest eingetrocknet, so fest, da selbst ein paar
Tropfen Wasser nicht helfen wollten. So mute denn anderweitig Rat geschafft
werden. Sie nahm aus ihrem Notizbuch ein dnnes Bleistiftchen, das natrlich
abgebrochen war, gab ihm eine Spitze, so gut es ging, und schrieb nun in
Schriftzgen, deren schwer entzifferbare Form nur noch von ihrer Blsse
bertroffen wurde, das Folgende:

                                                      Bohlsdorf, den 1. Februar

Liebe Marie!
    Wir sind gestern um die vierte Stunde hier angekommen und fanden unseren
Kranken in einem tiefen Schlafe, der auch jetzt noch anhlt. Wie tief dieser
Schlaf ist, zeigte sich heute frh. Ich stie ein neben dem Ofen stehendes
Schreisen um und erschrak, denn es gab einen groen Lrm; aber Lewin ffnete
die Augen nur, um sie sofort wieder zu schlieen. brigens schien er mich
erkannt zu haben; ich sah ihn lcheln, freilich nur wie im Traum, denn der
Schlaf hatte gleich wieder Gewalt ber ihn. Wir erwarten jeden Augenblick Doktor
Leist, und diese Zeilen sollen nicht eher fort, als bis wir ihn gehrt haben.
    Wie dies alles so gekommen? Ich habe nur wenig mehr erfahren, als wir schon
wuten. Und Du mit uns. Ein Knecht fand ihn besinnungslos am Wege, lud ihn auf
seinen Schlitten und gab ihn hier in Bohlsdorf ab. Die Krgersleute haben sich
seiner angenommen und ihn gehegt und gepflegt. Er liegt in einer Giebelstube;
Tante Schorlemmer und ich bewohnen die andere; nur der Bodenflur ist zwischen
uns.
    Warum er Berlin verlassen hat, um in Wind und Wetter bis hierher zu kommen,
darber hab ich nur Vermutungen. Und auch diese kaum. Es mu etwas Pltzliches
gewesen sein, denn er war leicht gekleidet und trug nur Rock und Filzkappe,
trotzdem es eine nakalte Nacht war. Eine Stunde frher, als der Knecht ihn
fand, hat ihn der Bohlsdorfer Amtmann, der mit seiner jungen Frau von einem der
Nachbardrfer kam, auf den Chausseesteinen sitzen sehen. Die junge Frau (sehr
hbsch) war heute vormittag bei mir und hat mir von der Begegnung erzhlt. Sie
habe sich vor ihm wie vor einer Erscheinung erschrocken. Dann sei er
aufgesprungen und ihrem Wagen zwischen den Pappeln hin eine lange Strecke
gefolgt. So wenigstens habe sie zu sehen geglaubt; sicher sei sie nicht. Du
siehst, alles ist dunkel und rtselvoll. Die junge Frau, die wohl eine halbe
Stunde hier war, berraschte mich durch eine hnlichkeit mit Kathinka, selbst in
ihrer Art, sich zu kleiden. So trug sie, um nur eines zu nennen, eine polnische,
mit weiem Pelz besetzte Mtze.
    Ach, Marie, wie hat sich alles um uns her gendert! Ich sehne mich jetzt
nach den stillen Hohen-Vietzer Tagen zurck, die ich so oft verklagt habe. Von
allen Seiten drngt es heran, und ich erkenne, wie mein Herz zu schwach und zu
klein ist, allem, was geschieht, sein zustndig Teil zu geben. In ruhigen Zeiten
htte mich der pltzliche Tod der Tante betrbt oder doch beschftigt, jetzt
vergehen Stunden, ohne da ich daran denke. Nur an Dich denke ich viel, immer.
    Ich erwarte noch heut ein paar Zeilen aus Guse; Papa hat sie mir zugesagt.
Das Begrbnis der Tante vermute ich morgen; ihm beizuwohnen, daran ist nicht zu
denken; ich kann hier nicht eher fort, als bis wir Lewin auer Gefahr wissen.
Und ehe nicht der alte Leist... Aber da hr ich seine Stimme laut und
eindringlich auf der Treppe. Alles wispert im Hause, selbst die Knechte, die
kommen, werden zur Ruhe bedeutet und fgen sich dem Zwang; nur alte Doktoren
haben in ihrem Sprechen und Auftreten das Vorrecht der Zwanglosigkeit, und der
alte Leist macht keine Ausnahme. Ich schliee vorlufig und will nur hren, was
er sagt.
    Renate schob das Blatt unter das Schreibnecessaire und traf den Doktor
bereits am Bette drben. Er sah mit seinen zwei Pelzhandschuhen, die an einer
dicken Schnur rechts und links ber den Mantelkragen hingen, abenteuerlich genug
aus und grte mit der einen freien Hand, whrend er mit der andern den Puls des
Kranken zhlte. Er schien zufrieden, befhlte noch Stirn und Schlfe und sagte
dann: Lassen wir ihn allein; er braucht uns nicht. Damit verlieen alle drei
den ruhig Weiterschlafenden und gingen in die Frauenstube hinber, wo nun der
Alte seinen Mantel ablegte, whrend Renate ber alles Kleine und Groe, was die
Auffindung Lewins begleitet hatte, in hnlicher Weise wie in ihrem Briefe an
Marie zu berichten begann.
    Sehr gut, sehr gut, unterbrach sie der offenbar ziemlich unaufmerksame
Doktor und fuhr dann, nachdem er auf einem Binsenstuhl Platz genommen und sich
die breiten, braunfleckigen Hnde behaglich gerieben hatte, in vertraulichem
Tone fort:
    Und nun, mein Renatchen, ehe wir weiterplaudern, bitt ich um einen Kaffee,
das heit, mit Permission, um einen Cognac-Kaffee. Den Milchkaffee habe ich
abgeschworen. Das ist nichts fr einen alten Doktor mit Landpraxis.
    Tante Schorlemmer ging, um das Gewnschte herbeizuschaffen; der alte Leist
aber, der, wie alle Doktoren, auch wenn sie nicht beim Feldscher begonnen haben,
gerne sprach und Anekdoten erzhlte, um das ewige Einerlei der
Krankengeschichten loszuwerden, wiederholte, als die Schorlemmer hinaus war,
seine letzten Worte und setzte dann erklrend hinzu: Sehen Sie, mein Renatchen,
mit dem milchernen ist es nichts. Ich meine den Kaffee. Sonst la ich auf das
Milcherne nichts kommen, denn es ist die hhere Stufe. Aber was ich sagen
wollte. Sehen Sie, dies Franzosenvolk ist sonst nicht mein Gustus, und ihre
Guillotinenwirtschaft, was sie damals La Terreur oder, wie wir sagen, den
Schrecken oder den Terrorismus genannt haben, das kann ich ihnen nicht
vergessen; aber, der Wahrheit die Ehre, mit dem Cognac-Kaffee, da haben sie's
getroffen. Es gibt so Sachen, worin sie uns berlegen sind.
    Renate rckte ungeduldig hin und her; der alte Leist indessen schien es
nicht zu bemerken und fuhr fort:
    Und es ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger als meine Pflicht und
Schuldigkeit, da ich mich ehrlich dazu bekenne. Denn ohne diesen Cognac-Kaffee
wr ich nicht mehr am Leben und se nicht in diesem hbschen Bohlsdorfer Krug.
Sie haben von Anno 93 gehrt, oder Quatre-vingt-treize, wie die Franzosen sagen.
Sie lieben alles, was einen Schnepper hat und so ins Ohr klingt, als ob es was
Apartes wre. Und sehen Sie, damals hatten wir ja den Champagnefeldzug, und ich
war auch mit, mitsamt meiner Grenadiercompagnie von Alt-Larisch. Nun ja,
Champagne, das klingt ganz gut, und wer es nicht besser wei, der denkt sich
lauter bauchige Weinflaschen und einen blanken Pfropfen, der mit einem Knall an
die Decke springt. Aber, du himmlische Gte, wir haben die Champagne ganz anders
kennengelernt. Es regnete Tag und Nacht, immer Biwak und im Freien kampiert auf
Kalk- und Lehmboden, der das Wasser nicht durchlt, und ehe vier Wochen um
waren, lag die halbe preuische Armee nicht mehr im Biwak, sondern im Lazarett.
Und der alte Leist, trotzdem er ein Doktor war, htte auch darin gelegen, wenn
er sich nicht gehtet htte. Denn der kannte die Lazarette, und weil er sie
kannte, kroch er lieber beiseite und schleppte sich bis an ein alleinstehendes
Bauernhaus, in dessen Tr er, mit Permission, eine dicke, alte Franzsin stehen
sah. Und die hatte Mitleid mit ihm und nahm ihn auf. Und um es kurz zu machen,
sie packte mich in ein turmhohes Bett, und als ich nun einen Schttelfrost
kriegte und meine Zhne, soviel ihrer noch waren, vor Klte zusammenschlugen, da
brachte sie mir einen Cognac-Kaffee, eine Tasse, zwei Tassen, ich wei nicht,
wieviel ich getrunken habe. Aber das wei ich, da ich den dritten Tag wieder
auf den Beinen war. Und seitdem trink ich ihn in allen schweren Lebenslagen,
wohin ich auch sieben Meilen bei zehn Grad Klte rechne, erstens aus
Dankbarkeit, zweitens aus Vorsicht und drittens, weil er mir schmeckt.
    In diesem Augenblick trat die Schorlemmer wieder ein, und die Krgersfrau
mit dem geforderten Kaffee folgte. Neben der Tasse stand ein Glas. Der Doktor
liebugelte damit, schwankte zwischen Anstand und Begehrlichkeit, unterlag aber
wie gewhnlich der letzteren und leerte das Glas auf einen Zug. Der
Mischungsproze war unterblieben.
    Renate, deren anfngliche Ungeduld bei dem Geplauder des Alten eher
geschwunden als gestiegen war, sah ihm lchelnd zu und sagte dann, ihre Hand auf
seinen Arm legend:
    Aber nun, lieber Doktor Leist, wie steht es mit unserem Kranken? Ist
Gefahr?
    Gefahr, Gefahr, antwortete der Alte im Tone scherzhaften Vorwurfs, werde
doch nicht von Anno 93 sprechen, wenn Gefahr wre! Nein, mein Renatchen, wenn
dem alten Leist so was Bitteres auf der Zunge liegt, da schmeckt ihm nichts, und
wenn es ein Cognac-Kaffee wre. Wie es mit ihm steht? Gut steht es. Er schlft
sich gesund. Nichts von Gefahr. berreizung der Nerven. Das ist alles.
    Renate schwieg. Sie wollte nicht weiter forschen, da sie den Zusammenhang
der Dinge zu ahnen begann. Die Schorlemmer aber, die nichts von solchen
Zustnden wute, fragte halb rgerlich:
    Nervenberreizung; was soll das? Woher?
    Ja, mein liebes Tantchen, antwortete Leist, das ist mehr, als ein armer
Doktor wissen kann. Der mu schon froh sein, wenn er erkennt, was er vor sich
hat. Woher es kommt, darauf kann er sich nicht einlassen. Das wei eben nur der
Kranke selbst. Und unser Lewin wird es schon wissen und sich eines Tages unser
aller Neugier erbarmen, denn eine rechte Neugiersgeschichte ist es, dessen bin
ich sicher.
    Und dabei schmunzelte der Alte so listig vor sich hin, als ob er den ganzen
Liebesroman von Anfang bis Ende gelesen htte.
    Aber nun Verhaltungsbefehle! sagte Renate, was tun wir?
    Wir warten. Das ist berhaupt das Beste, was der Mensch tun kann. Zeit,
Zeit. Die Zeit bringt alles. Dem Kranken bringt sie Gesundheit. Wir warten
also.
    Und wie lange noch?
    Ja, das ist nun wieder so eine Frage. Aber rechnen wir nach. Heute ist der
dritte Tag. Ich denke, den fnften Tag, also bermorgen. bermorgen wird er
ausgeschlafen haben und wird irgend etwas wollen, vielleicht einen gersteten
Speck oder ein Zwiebelfleisch. Was es aber auch sein mag, er mu es haben, denn
was dann spricht, das ist die Stimme der Natur, die durchaus gehrt werden
will.
    Ach, wie freue ich mich, sagte Renate, meinen Brief mit so guten
Nachrichten schlieen zu knnen! Ich schrieb, als Sie vorfuhren, eben an Marie
Kniehase. Wissen Sie, Doktor, Sie knnten mir die letzten Zeilen diktieren.
    Das will ich, sagte der Alte, und will auch den Brieftrger machen, denn
ich fahre ber Hohen-Vietz. Haben Sie alles?
    Alles.
    Nun denn schreiben wir: ... Eben ist Doktor Leist hier und versichert uns,
es sei keine Gefahr. In zwei Tagen wird unser Kranker auer Bett und in einer
halben Woche so gut wie genesen sein. Dies alles schreib ich nach dem Diktat des
Alten, der diesen Brief selbst mitnehmen will. Punktum, Gedankenstrich.
                                                                   Deine Renate

Renate sprang auf, schob in heiterer Laune dem Doktor das Blatt zu und sagte:
So, nun haben wir es schwarz auf wei, und Sie mssen nur noch
darunterschreiben beglaubigt und Ihren Namen. Aber keinen Doktorkrickelkrakel,
sondern deutlich und leserlich fr jedermann.
    Der Alte tat, wie ihm geheien. Dann erhob er sich, und whrend ihm Renate
wieder in seinen schweren und vielkragigen Mantel hineinhalf, schlo er seinen
Besuch mit den Worten: Und nun noch eines, ihr Damen. Ich mu die Gesunden
bitten, sich ber den Kranken nicht zu vergessen. Sonst vertauschen wir blo die
Rollen. Also keine Allotria wie Nachtwachen und andere berflssigkeiten.
Tantchen, ich mache Sie verantwortlich. Und bermorgen sehe ich wieder nach. Und
nun Gott befohlen.
    Sie begleiteten ihn treppab bis an den Wagen, der unter dem Vorbau hielt.
Bald zogen die Pferde an, und Renate und die Schorlemmer grten dem Alten nach.
Eine rechte Sorge war von ihnen genommen; er hatte so zuversichtlich gesprochen.
Gegen Abend kam eine alte Wartefrau, um sie am Bette des Kranken abzulsen, und
beide gingen nun in ihre Giebelstube hinber, um nach zwei schlaflosen Nchten
eine ruhige Nacht zu haben.
    Renate war mde, Tante Schorlemmer aber rstig und beweglich wie immer. Sie
setzte sich zu ihrem Liebling und zeigte sich geneigt, noch eine Viertelstunde
zu plaudern.
    Wie mag es in Guse aussehen? fragte Renate. Ach, liebe Schorlemmer, ich
sorge mich, von der Tante zu trumen.
    Du wirst es nicht.
    Und wie sie nur gestorben sein mag, fuhr Renate fort. Ich glaube nicht,
da sie einen christlichen Tod gehabt hat. Und nun sehe ich sie im Sarge liegen,
bla, mit ihrer schwarzen Witwenhaube, und die Schnebbe daran noch tiefer in die
Stirn gerckt als gewhnlich. Und vor diesem Bilde frchte ich mich. Es mag
nicht recht sein. Aber dir darf ich es sagen, liebe Schorlemmer, da ich lieber
hier in Bohlsdorf als in Guse bin. Ist es ein Unrecht?
    Die Schorlemmer streichelte ihr die Hand und sagte: Wenn es ein Unrecht
ist, mein Renatchen, so ist es ein kleines. Ich wei wirklich nicht, ob es
unsere Christenpflicht ist, einem Toten ins Gesicht zu sehen. Und sie hatte
etwas Unheimliches. Alle, die Jesum verachten, haben nichts von seinem
Gnadenschein.
    Und was nun aus Guse wird? Es war Allod, und als Kaufgut fllt es nicht an
die Pudaglas zurck.
    Ich wte schon einen Erben.
    Welchen?
    Renate von Vitzewitz. Aber du httest dann einen andern Namen.
    Geh doch. Was du nur sprichst. Ich armes Frulein und das schne Gut.
    Ja, mein Renatchen, die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, und
whrend du glaubst, da ich nur an Grnland und Neu-Herrnhut denke, denk ich an
ganz andere Dinge. Ich habe auch so meine kleinen Passionen und verheirate die
Menschen gern, und wenn ich so in die Zukunft sehe, da seh ich nichts als...
    Nun?
    Nichts als Hochzeitszge, kleine und groe: du, Marie, Maline. Selbst fr
die Eve hab ich schon gesorgt, trotzdem sie hochfahrend ist und es eigentlich
nicht verdient.
    Und Kathinka?
    Nein, Kathinka nicht. Die tut alles selbst und braucht meine Vorsorge
nicht.
    Ach, wie beneid ich dich, da du so Hbsches denken kannst. Ich sehe keinen
Hochzeitszug. Und jetzt, wo ich mir einen solchen vorstellen will, seh ich ihn
schwarz.
    Das ist, weil du mit deinen Gedanken in Guse bist.
    Ich glaube, da du recht hast, wenigstens wnsche ich es. Ach, wie lieb ist
es, da du bei mir bist. Ich mu an den Abend vor Silvester denken, wo du mir
die Gespensterfurcht wegerzhltest. Es war die Geschichte von Kajarnak, dem
ersten Getauften; du siehst, ich habe den Namen gut behalten. Aber nun will ich
schlafen. Sage mir noch eines von euren Liedern, ein recht hbsches, keins von
den sen mit Lmmlein und Englein. Die kann ich nicht ertragen.
    Nun, dann wollen wir ein recht festes und kerniges nehmen, sagte die
Schorlemmer:

Schau von deinem Thron,
Vater, Geist und Sohn.

Renate nickte zustimmend, und die Alte fuhr mit immer leiser werdender Stimme
bis an die dritte Strophe fort:

Reinige mein Herz
Auch mit meinem Schmerz;
Gib, da sich mein Eigenwille
Ruhig in dem deinen stille;
Alles, was noch mein,
Eigne dir allein.

Sie sprach nicht weiter. Renate hatte die Hnde gefaltet, lchelte und schlief.

                                Zweites Kapitel



                                 Eine Begegnung

Die Sonne des nchsten Vormittags schien hell auf die Bohlsdorfer Dcher. Renate
war bei der Amtmannsfrau gewesen, um ihr einen Gegenbesuch zu machen, und kam
eben von dem Gutshofe zurck, als sie ein herrschaftliches Fuhrwerk vor dem
Kruge halten sah. Der Herr, dem es gehrte, ging inmitten der Dorfgasse auf und
ab. Er war von hoher Gestalt, trug Pelzrock und Pelzstiefel und sah von Zeit zu
Zeit nach dem Kirchturm hinauf, dessen grotesk geformte Schneehaube seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen schien. Im Nherkommen erkannte Renate den
alten Geheimrat.
    Onkel Ladalinski! rief sie und eilte ihm entgegen.
    Der Geheimrat war ersichtlich befangen, und eine kurze Pause folgte den
ersten Begrungsworten, bis Renate fragte: Du bist auf dem Wege nach Guse?
    Ja, liebe Renate; zum Begrbnis der Tante. Aber was fhrt dich in dieses
Dorf? Ich erwartete, dich in Guse zu sehen, dich und Lewin und den Papa.
    Du wirst nur den Papa in Guse treffen; Lewin ist hier.
    Lewin ist hier?
    Ja, krank und bewutlos; nun schon den vierten Tag. Die Leute schickten uns
einen Boten. Es war denselben Morgen, wo die Nachricht von dem Tode der Tante
kam. Papa fuhr nach Guse, ich nach hier. Die Schorlemmer begleitete mich, und
wir fanden Lewin, wie wir nach allem, was uns der Bote gesagt hatte, erwarten
muten. Er lag in tiefem Schlaf. Alles ist in Dunkel, und wir raten hin und her,
was ihn in nakalter Nacht von Berlin fort und hierher gefhrt haben mag. Ein
Knecht fand ihn wie tot neben den Chausseesteinen.
    Der Geheimrat schwieg eine Weile; dann nahm er Renatens Arm und sagte: So
weit du von nichts? Ach, Kind, welche Tage haben wir durchlebt! Kathinka ist
fort, und wir werden sie nicht wiedersehen.
    Das also war es. Renate sah nun klar, schien aber weniger berrascht, als
der Geheimrat bei seinen letzten Worten erwartet haben mochte.
    Kann ich Lewin sehen? fragte dieser.
    Ja; er liegt oben.
    Sie stiegen nun die schmale Treppe hinauf und fanden die Schorlemmer am
Bette des Kranken. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber der Geheimrat bat sie
zu bleiben. Lewin schlief mit einem Ausdruck, als ob er sich dieses Schlafes
freue, und der alte Ladalinski war durch den Anblick erschttert. ber ihn, seit
jenem Tage, war kein erquicklicher Schlaf gekommen. Er nahm des Kranken Hand und
sagte: Er wird genesen, und in dem schmerzlichen Ton, in dem er diese Worte
sprach, klang es begleitend mit: Ich nicht.
    So verlieen sie wieder das Haus und kehrten auf die Dorfgasse zurck, wo
sich inzwischen alt und jung um den Chaisewagen und das verdrielich ber die
Ledertrommel (als ob es eine Logenbrstung wre) hinwegblickende Windspiel
versammelt hatte.
    Ich sprche gern noch ein paar Worte mit dir, sagte der Geheimrat und wies
mit leiser Kopfbewegung auf die Dorfleute, die jetzt ihre neugierigen Blicke
mehr auf das herzutretende Paar als auf den Wagen zu richten begannen.
    La uns in die Kirche gehen, erwiderte Renate, die Tr ist offen.
    Er war es zufrieden. Sie stiegen ber die halbverfallene Feldsteinmauer und
schritten, an ein paar Grbern vorbei, auf dieselbe Seitentr zu, durch die
Lewin am Weihnachtsheiligabend eingetreten war.
    In der Kirche war alles de; nur auf den schwarzen Tafeln standen noch die
Nummern der Gesangbuchverse, die man am letzten Sonntag gesungen hatte. Ein
scharfes Seitenlicht fiel auf das Altarbild: eine Kreuzigung. Maria und Johannes
fehlten, und nur eine Magdalena lag auf den Knien und hielt das Kreuz umfat. Es
war ein hliches Bild aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, am hlichsten
die Magdalena. Sie trug ein hohes Toupet von rotblondem Haar, in das groe
Perlen eingeflochten waren. Der Ausdruck sinnlich und roh. Den Geheimrat verdro
es; er wandte sich ab und suchte nach einem Platz in der Kirche, der ihm
Sicherheit vor diesem Anblick gewhren mochte. Er fand ihn auch. Zur Seite des
Altars, in eine Ecke geschoben, standen vier alte Chorsthle, die, nach ihrem
Schnitzwerk zu schlieen, noch aus der katholischen Zeit stammten und bei einer
Renovierung der Kirche hier seitab ein Unterkommen gefunden hatten. Der alte
Ladalinski zeigte darauf hin, und sie nahmen die beiden vordersten ein.
    Jeder scheute sich, von Kathinka zu sprechen. So stockte das Gesprch, noch
ehe es recht begonnen. Endlich fate sich Renate und sagte: Ich vermisse Tubal;
er war der Liebling der Tante, und nun fehlt er an ihrem Grabe.
    Und doch war es ein richtiges Gefhl, was ihn zurckhielt, erwiderte der
Geheimrat.
    Renate sah ihn fragend an.
    Ein richtiges Gefhl, wiederholte dieser nach einer Pause, das Gefhl
einer Mitschuld. Ach, meine teure Renate, die Schuld, die wir auf uns laden,
tragen wir nicht allein. Andere sind gezwungen, sie mitzutragen. Und Tubal
empfindet das. Er wollte niemand von euch sehen, nicht Lewin und nicht dich.
    Und doch htt er sich berwinden sollen, sagte Renate.
    Und da er es nicht tat, Onkel Ladalinski, das kann ich ihm nicht zum Guten
rechnen, wenigstens nicht zum Guten allein. Er gab einem feinen Gefhle nach und
mitraute dem unsrigen. Das war nicht recht, sonst htt er wissen mssen, da
wir solche Mitschuld nicht gelten lassen und ihr Bekenntnis nicht annehmen
wrden.
    Sie schwieg einen Augenblick; dann fragte sie, wie um dem Gesprch eine
andere Wendung zu geben: Weit du, wie die Tante starb?
    Nein, ich hrte nichts. Alles, was ich erfuhr, erfuhr ich aus einer kurzen
Anzeige deines Vaters. Ich war erschttert, denn sie hatte meinem Herzen
nahegestanden, und ich mute mich aufrichten an der Vorstellung dessen, was ihr
durch diesen raschen und unerwarteten Tod erspart geblieben ist. Denn sie liebte
nicht, ihre Plne durchkreuzt zu sehen. So durchkreuzt! Er schwieg eine Weile
und setzte dann hinzu: Und ihre Plne, Renate, waren meine Wnsche. Alles, was
davon noch brig ist, leg ich in deine Hand.
    Renate blickte vor sich hin und errtete. Dann aber sagte sie rasch und in
beinahe heiterem Tone: Oheim Ladalinski, la mich offen sein. Ich darf es. Du
pochst nicht an die rechte Tr, und du weit es auch; was du freundlich in meine
Hand legen mchtest, das liegt in einer anderen.
    Nein, Renate, es liegt bei dir. Ein Herz zwingt das andere. Und ich
wei...
    Sie schttelte den Kopf und wollte antworten; aber beide hrten jetzt
drauen ein Kratzen an der Tr, und im nchsten Augenblicke kam das Windspiel
den Mittelgang der Kirche herauf, stellte sich, mit unruhiger Kopfbewegung,
bellend und klingelnd vor den Geheimrat und lief dann wieder auf den
Seiteneingang zurck, immer sich umblickend, ob sein Herr auch folge.
    Kutscher und Diener werden ungeduldig, sagte der alte Geheimrat; wir
mssen abbrechen.
    Damit verlieen beide die Kirche und schritten wieder ber den Kirchhof auf
den Wagen zu, in den das Windspiel eben hineingehoben wurde. Der Geheimrat nahm
seinen Platz neben demselben und streichelte es, whrend er die Rechte Renaten
zum Abschied reichte.
    Ich danke dir fr unser Gesprch; behalt es in gutem Gedchtnis. Ich bitte
dich darum.
    Damit trennten sie sich. Renate trat unter den Vorbau des Kruges und sah dem
Wagen nach. Ihre Gedanken waren bei Tubal, und sie suchte sich das Bild
desselben vorzustellen; aber es waren immer die Zge Kathinkas, die sie sah.
    Sind sie einander so hnlich? fragte sie sich und stieg die Treppe hinauf.
    Eine Stunde spter brachte die Krgersfrau das Essen, legte das Tischtuch
und entschuldigte sich ein Mal ber das andere, da es so spt geworden sei,
aber der krpsche Junge habe nicht schlafen wollen. Sie wisse nicht, von wem
er es habe, von seinem Vater sicherlich nicht, denn der schlafe zuviel. Ihre
Sprechweise, whrend sie so plauderte, war ber ihren Stand, dabei ziemlich
zwanglos, und nur mitunter, wenn sie lebhafter wurde, entschlpfte ihr ein
plattdeutsches Wort.
    Tante Schorlemmer und Renate hatten Platz genommen und rckten einen dritten
Stuhl an den Tisch.
    Sie mssen bleiben, sagte Renate, und sehen, wie gut es uns schmeckt.
Denn Sie fhren eine gute Kche, das hab ich gleich gestern herausgefunden. Der
Kleine schlft, da haben Sie Zeit und knnen uns etwas erzhlen. Wir sind nun
schon fast zwei Tage hier und haben noch nicht einmal Ihren Namen erfahren.
    Ich heie Kemnitz... das heit mein Mann.
    Sie sagte dies in einem Tone, der andeuten sollte, da ihr vterlicher Name
um einen Grad hher gewesen sei.
    Renate verstand es auch so und fuhr deshalb fort: Sie sind gewi aus der
Stadt? Aus Alt-Landsberg oder Mncheberg?
    Nein, das nicht: ich bin von hier. Mein Vater hatte die Schule, und als ich
bei Pastor Lmmerhirt eingesegnet war, da kam ich aufs Amt. Denn wir waren drei
Mdchen, und ich bin die mittelste; Christiane hatte den Marzahnschen Mller
geheiratet, und Mariechen, was unsere Jngste ist, ist noch zu Hause, denn
unsere Mutter lebt noch.
    Und da sind Sie wohl immer auf dem Amt gewesen? fragte Renate.
    Ja, bis vor anderthalb Jahren. Ich hatt es gut. Die junge Frau war das
einzige Kind, und wir waren immer zusammen, und da sah und hrt ich alles. Der
jetzige Amtmann hielt es mit der Mutter und hat sich hineingeheiratet; er war
erst blo Verwalter. Und man merkt es auch noch; auf dem Hof hat er das groe
Wort, aber in der Stube ist er muschenstill, denn die Mutter hat das Regiment,
und die Tochter lernt es jeden Tag besser.
    Und Ihr Mann, liebe Frau Kemnitz, der war wohl auch auf dem Amt?
    Ja, er war der Meier. Er diente schon das siebente Jahr und sah mir immer
nach den Augen, da ich lachen mute. Und erst wollt ich ja nicht, aber da sagte
mir Pastor Lmmerhirt, ich sollte mich nicht um mein Glck bringen. Da nahm ich
ihn denn, und es tut mir auch nicht leid, denn er ist gut gegen mich, und nun
gar der Junge, Sie glauben nicht, wie er das Kind liebt. Da mu man denn schon
ein Auge zudrcken.
    Das mu eine gute Frau immer, sagte die Schorlemmer und hob in
freundlicher Ermahnung ihren Zeigefinger. Eine gute Frau mu die Augen immer
aufhaben, aber sie mu sie auch zuzumachen verstehen, je nachdem. Sie mu alles
sehen, aber sie mu nicht alles sehen wollen.
    Die Krgersfrau, die nach Art der Dorfleute bei Sehen und Nichtsehen immer
nur an Liebesgeschichten dachte, miverstand die sehr anders gemeinten Worte
Tante Schorlemmers und antwortete lachend: Ach, so was ist es ja nicht; da km
er mir auch recht.
    Nun, was ist es denn? fragte Renate neugierig.
    Ja, was ist es, Fruleinchen? Ich schme mich fast, davon zu sprechen. Er
schlft immer, und das soll nicht sein. Des Abends, wenn die Gaststube leer ist,
les ich ihm eine Gesangbuchepistel vor, so bin ich grogezogen, so war es bei
meinem Vater selig, und so war es auch auf dem Amt. Und wenn auf dem Amt auch
keiner recht hinhrte, so taten sie doch so. Aber mein Kemnitz schlft. Eine
Zeitlang hab ich ihn lesen lassen, bis ich sah, da es auch nicht ging. Er hat
immer den Sandmann in den Augen.
    Das ist aber doch nichts Schlimmes, meine liebe Frau Kemnitz, sagte
Renate.
    Doch, gndiges Frulein, erwiderte die Krgersfrau. Und wenn er blo
schliefe, wenn er schlft; aber er schlft auch, wenn er wach ist. Und das ist
das Allerschlimmste. Er vergit alles, er hat gar keinen Merk. Sehen Sie,
letztes Vogelschieen, da hatten wir das Haus voll, alle Stuben, und ich war
oben und unten, in Kche und in Keller, und wir verschenkten einen halben Anker
Wacholder. Ja, verschenkt haben wir ihn, denn mein Kemnitz verga die
Kreidestriche, und als er sie zuletzt machte, so nach Gutdnken, weil er sich
vor mir frchtete, da waren sie falsch, und wir htten noch Streit und bse
Nachrede gehabt, wenn ich nicht, als der Lrm eben anfing, dazugekommen wre. Da
fuhr ich denn mit meinem rmel ber die ganze Rechnung hin und sagte: Es ist
alles frei gewesen, und brachte jedem ein Extraglas und tat, als ob es mich
freute, denn die Bauern sind sehr schwierige Leute. Aber in der Nacht hab ich
meine blutigen Trnen geweint.
    Die Krgersfrau hatte sich so hineingesprochen, da ihr noch in der
Rckerinnerung wieder die Trnen in die Augen kamen, aber sie fhlte auch
zugleich, da Reden und Aussprechen der beste Trost sei, und so fuhr sie fort:
Und wenn es noch so wre wie den vorvorigen Sommer. Aber da haben wir ja jetzt
den Roten Krug, keine hundert Schritt vom Dorf, nach Tadorf zu. Ostern fing er
an zu bauen, Pfingsten war alles unter Dach, und Johanni zog er ein. Er heit
Bindemeier und ist ein verdorbener Stellmacher; ein schlechter Mensch, der immer
abbrennt und immer in Scheidung lebt. Er hat nun schon die dritte Frau; aber die
Kinder sind von der ersten, auch die Line, die morgen Hochzeit macht.
    Hochzeit, wen heiratet sie denn? fragte Renate.
    Einen Dahlwitzer Bauerssohn. Erst sollt es ja nicht sein. Der Alte drben
wollte nicht, denn er ist geizig und hat den Bauernstolz. Aber da ging ja die
Line nach Dahlwitz und hat den Alten so mitbehext, da er jetzt Stein und Bein
schwrt, wenn der Junge sie nicht nhme, so wollt er sie selber nehmen, denn er
ist ein Witwer.
    Ist sie denn so hbsch?
    Nein, hbsch ist sie nicht; aber sie hat so ein Wesen. Und von wem hat
sie's? Vom Vater hat sie's. Und das ist es ja eben. Denn sehen Sie,
Fruleinchen, er hat blo die Schankgerechtigkeit und ist gar kein richtiger
Krger, wiewohlen er den Roten Krug hat; aber das mu wahr sein, das Krgern
versteht er. Und mein Kemnitz versteht es nicht. Der kreidet gar nicht an und
der andere doppelt. Und keiner, der in den Roten Krug kommt, merkt es, weil er
jedem zum Munde redet und immer eine Geschichte hat.
    Und mchten Sie tauschen? fragte jetzt Renate, und einen Mann haben wie
den im Roten Krug?
    Um Gottes willen nicht, erschrak die Krgersfrau, da htt ich ja keine
ruhige Stunde mehr.
    Sehen Sie, da haben wir das Gestndnis Ihres Glcks. Sie haben den Frieden
des Gemts, der das Beste ist. Lassen Sie Ihren Mann nur ruhig schlafen; er ist
ein guter Mann, und das ist gerade genug. Schlft er viel, so mssen Sie viel
wachen; das hebt sich dann. Etwas fehlt immer, und irgendwo drckt der Schuh
einen jeden; den einen hier, den andern da.
    Die Krgersfrau seufzte: Das hat mir Pastor Lmmerhirt auch gesagt, und
dabei erhob sie sich und schob die Teller zusammen. Aber auf ihr erstes Wort
zurckkommend, setzte sie hinzu. Ein schlfriger Mann ist doch nicht gut, das
la ich mir nicht nehmen.
    Und damit verlie sie das Zimmer. -
    Weit du, an wen ich habe denken mssen? fragte Renate.
    Gewi; an Maline.
    Nur da der junge Scharwenka nicht schlfrig ist. Vielleicht zuwenig.
    Da drckt der Schuh am andern Ende, schlo die Schorlemmer.
    Renate nickte, und mde von den Anstrengungen dieser Tage, warf sie sich auf
ihr Bett, um eine Stunde zu schlafen. Die Schorlemmer deckte sie mit einem
Mantel zu und ging in das andere Zimmer hinber. Hier setzte sie sich zu Hupten
Lewins und begann an einem Strickzeug zu stricken, das sie sich von der
Krgersfrau geborgt hatte, denn ihre Hnde konnten nicht ruhen.
    Als die Sonne schon im Sinken war, brachen Renate und die Schorlemmer auf,
um einen Spaziergang zu machen, wozu die Luft und die Beleuchtung aufforderten.
Sie gingen die nach Tadorf fhrende Pappelallee hinunter, an dem Roten Kruge
vorbei, wo schon alles in hochzeitlicher Vorbereitung war. Keines sprach;
endlich sagte die Schorlemmer, als ob sie wisse, da Renatens Gedanken denselben
Weg machten: Und nun so weggenommen, ohne Vorbereitung und ohne Abendmahl, und
nichts in Hnden als ein franzsisches Buch. Daraufhin wird einem nicht
aufgetan.
    Sie waren stehengeblieben und sahen jetzt ber einem dunkeln Waldstreifen
den Mond aufgehen, bla und silbern.
    Dorthin liegt Guse, sagte Renate.
    Die Schorlemmer bejahte.
    Ich glaube, sie begraben sie jetzt. Mir ist, als hrte ich das Singen.
    Mge Gott ihrer Seele gndig sein!
    Und beide falteten die Hnde und gingen in das Dorf zurck.

                                Drittes Kapitel



                             So spricht die Natur

Die Nacht ber hatten abwechselnd die Krgersfrau und eine alte Frau aus dem
Dorfe bei Lewin gewacht; nun war es neun Uhr frh, und Renate und die
Schorlemmer saen wieder an seinem Bette. Er schlief unruhiger als die Tage
vorher, und einzelne, freilich nur halb verstndliche Worte kamen von seinen
Lippen. In dem Zimmer lag ein heller Morgenschein, und das Eis schmolz von den
Scheiben. Sonst war nichts hrbar als das Zwitschern eines Zeisigs und das
Klappern von Tante Schorlemmers Nadeln. So verging eine halbe Stunde, whrend
welcher die Frauen vor sich hin oder auf den Kranken sahen. Jetzt traf die Sonne
sein Gesicht, und Renate flsterte: Sieh, er trumt. Und etwas Freundliches mu
es sein. Und ehe die Schorlemmer antworten konnte, gingen drauen die Glocken,
und Lewin erwachte. Sein erster Blick fiel auf die Schwester. Er erkannte sie
und sagte: Renate.
    Diese war aufgesprungen, nahm ihn in ihre Arme und rief ein Mal ber das
andere: Mein lieber, lieber Lewin. Tante Schorlemmer strickte weiter, aber
ihre Lippen zuckten. Als Lewin sie bemerkte, nickte er ihr zu und gab ihr die
Hand.
    Es war ersichtlich, da er noch sehr matt war. Sie legten ihm ein Kissen in
den Rcken, so da er mehr sa als lag, und sein Auge lief nun im Zimmer umher,
um sich zurechtzufinden.
    Wo bin ich?
    Sie nannten ihm den Namen des Dorfes. Er schttelte den Kopf, schien sich
aber zu besinnen und fragte dann: Wo ist Papa?
    In Guse.
    In Guse? Warum in Guse?
    Renate und die Schorlemmer sahen einander an und wuten nicht, was
antworten. Aber Renate fate sich bald und sagte ruhig:
    Tante Amelie ist tot.
    So, so... wie alt war sie?
    Es blieb bei der Frage, denn sein Bewutsein begann wieder zu schwinden, und
einen Augenblick spter lag er abermals in tiefem Schlaf. Und doch war er dem
Leben wiedergegeben, er hatte gesprochen, und beide Frauen reichten sich in
freudiger Bewegung und wie zum Ausdruck ihres Dankes die Hand.
    So war eine halbe Stunde vergangen, als die Krgersfrau in sichtlicher
Erregung eintrat. Eben kommt der Zug, rief sie und verga, was sie doch sonst
immer tat, ihre Stimme zu dmpfen. Die Orgel spielt schon. Und die Jungschen
vom Amt sind auch mit dabei. Schlimm genug. Nur die Alte nicht, die hlt zu uns.
Jott, Jott, ich zittre.
    Aber so machen Sie doch, liebe Frau Kemnitz, da Sie den Zug nicht
versumen oder wenigstens mit in die Kirche kommen, sagte die Schorlemmer und
drngte die Krgersfrau gutmtig auf die Tre zu.
    Ich kann ja nicht, lamentierte diese. Wir sind ja Feindschaft. Und die
Leute wrden mit Fingern auf uns zeigen und sagen, da wir ihnen das Glck
wegwnschten. Nein, das geht nicht.
    Ich mchte die Braut schon sehen, sagte Renate.
    Ach, Fruleinchen, deshalb komm ich ja eben. Hbsch ist sie nicht, aber,
wie ich Ihnen schon sagte, sie hat so was. Und dann erzhlen Sie mir nachher,
wie sie aussah. Jott, ich wei nicht, was ich drum gbe. Ja, Fruleinchen, Sie
mssen die Braut sehen und die liebe Tante Schorlemmer, wenn ich Sie so nennen
darf, auch. Vier Augen sehen mehr als zwei. Ach, da kommen sie schon; das ist
die Musik, und ich darf nicht einmal ans Fenster. Und wenn ich auch drfte, der
Zug kmmt ja nicht vorbei. Und warum nicht? Blo weil sie denken, wir haben
ihnen Hcksel ber den Weg gestreut.
    Renate sah der Schorlemmer nach den Augen, ob sie es auch recht fnde. Geh
nur, Kind, sagte diese, ich komme mit. In der Kirche sein bringt nie Schaden.
Du siehst dir die Braut an, und ich wei schon, was ich zu tun habe.
    Die Krgersfrau war hocherfreut, lief hin und her und bedankte sich
abwechselnd bei der Schorlemmer und bei Renaten. Dann brachte sie zwei dicke
Porstsche Gesangbcher, die in Sammet gebunden und mit Metallzwingen zugehalten
waren, und versprach ein Mal ber das andere, bei dem Kranken bleiben zu wollen.
Hier hab ich was zu tun, schlo sie, und dabei vergeht mir die Zeit und ist
mir am wohlsten. Es soll ihn keine Fliege stren. Renate und die Schorlemmer
aber nahmen ihre Mntel um, sahen noch einmal auf Lewin, der ruhig
weiterschlief, und verlieen das Zimmer, whrend sich die Krgersfrau an das
Fuende des Bettes setzte.
    Sie konnten noch nicht ber die Strae sein, als die Glocken zum dritten Mal
zu luten begannen. Endlich aber wurd es still. Nun singen sie, sagte die Frau
vor sich hin. Jott, Jott, ich htte sie so gern gesehen; er soll ihr eine
silberne Kette geschenkt haben mit Schlo und Schieber. Er kann es; hat sie doch
den Alten mit in der Tasche. Ein freches Ding, und dabei rotes Haar und
Sommersprossen. Aber ich will nichts gesagt haben; sie steht jetzt vorm Altar.
Und vielleicht ist sie nicht so schlimm. Jott, gib ihr deinen Segen und uns
auch. Denn auf Kemnitz ist kein Verla. Und ich kann ja doch nicht alles alleine
machen.
    Whrend sie noch diesen Stoseufzer betete, schlug Lewin, ohne vorher einen
unruhigen Schlaf gezeigt zu haben, beide Augen auf und sah die Krgersfrau
freundlich an. Er war durch die letzte Stunde Schlaf ganz ersichtlich gestrkt
worden. Wo ist Renate? fragte er. Ich meine das Frulein.
    In der Kirche, junger Herr. Und die liebe Tante Schorlemmer auch. Ich bin
eigentlich schuld, ich habe sie fortgeschickt; das heit, ich habe sie darum
gebeten. Denn wir haben heute eine Trauung; die Line vom Roten Krug. Sie hat
einen Bauerssohn weggeschnappt, einen aus Dahlwitz. Na, ich gnn es ihnen.
    So schwatzte sie weiter.
    Lewin hatte sich inzwischen aufgerichtet und schien Anteil an allem zu
nehmen. Wer ihn aber schrfer beobachtet htte, htte sehen mssen, da er mehr
auf das Gezwitscher des Zeisigs als auf das Geplauder der Krgersfrau hrte.
Endlich wandte er sich an diese und sagte: Ich habe Hunger.
    Wei schon, antwortete die Kemnitzen, und als sie noch ein paar Fragen
getan hatte, wute sie ganz genau, was der Kranke wolle, und lief in die Kche.
Hier brannte, wie herkmmlich, das Feuer auf dem Herd; sonst aber hatte sie
jegliches selbst zu beschaffen, da das Gesinde drben in der Kirche war. Sie
nahm eine Kasserolle vom Rauchfang, dann einen Mrser und begann mit viel mehr
Lrm, als ntig gewesen wre, zu klappern und zu stoen. Sie schien sich in
diesem Lrmen zu gefallen. Als sie nun aber durch die Kchentr wahrnahm, da
Kemnitz schlfrig hinter einem Fensterpfeiler hockte und auf die Dorfstrae sah,
wo doch nichts zu sehen war, rttelte und schttelte sie ihn, zwang ihm ohne
weiteres den Mrser in die Hand und rief ihm rgerlich und auf plattdeutsch zu:
Sttt en beten.
    Wat denn, Lene?
    Rk et; sunnst brukst du't nich to weeten. Und hiermit war sie schon
wieder bis an die Kchenschwelle. Kemnitz aber, in den verschiedenen Pausen, die
er sich gnnte, konnte deutlich hren, da sie sich drauen an dem Tellerschapp
zu schaffen machte.
    So war eine gute Zeit vergangen, als das wiederbeginnende Orgelspiel
anzeigte, da die Zeremonie drben zu Ende sei. Die Kirchentren wurden
geffnet, und unter Vorantritt der Musik setzte sich der Hochzeitszug wieder in
Bewegung. Mit unter den letzten, die die Kirche verlieen, waren Renate und
Tante Schorlemmer, die neben dem Orgelchor einen guten Platz gefunden hatten.
Sie besprachen Pastor Lmmerhirts Rede, die der Schorlemmer nur wenig gefallen
hatte. Renate dachte milder darber. Als sie den Krug erreichten, fuhr auch
Doktor Leist wieder vor.
    Dieser war dem Zuge begegnet und in bester Laune. Das bedeutet Glck! rief
er den beiden Damen zu und trat mit ihnen zugleich in den Flur. Das erste, was
ihnen hier begegnete, war die Krgersfrau in Person. Sie kam die Treppe herunter
und hielt ein Brett in Hnden, auf dem Teller und Lffel lagen.
    Wie geht es? fragte Renate.
    Gut, Fruleinchen.
    Ist er wach?
    Ja,
    Nun erzhlt, liebe Frau, sagte Doktor Leist. Was hat es gegeben?
    Nun, das gndige Frulein waren noch nicht lange fort, und der Prediger
drben konnte noch kaum angefangen haben, da schlug er die Augen auf. Ich meine,
der junge Herr.
    Und was sagte er?
    Er fragte nach dem gndigen Frulein, und als ich ihm alles erzhlt hatte,
auch von der Line und ihrer Hochzeit, da sah er mich gro an und sagte: Ich habe
Hunger. Und da dacht ich ja nu gleich an alles, was uns Doktor Leist gesagt
hatte, und fragte blo, was er haben wollte, und nannte ihm wohl zehnerlei. Es
war aber immer nicht das Rechte, und er schttelte den Kopf ein Mal ber das
andere und wurde verdrielich. Zuletzt aber sagte er: Jetzt hab ich's. Und was
war es? Knnen Sie sich's denken, Fruleinchen, eine Suppe war es. Und noch dazu
eine Biersuppe. Und da fragt ich ihn blo: Wie denn, junger Herr, mit Karwe oder
mit Ingwer? Und da lachte er still vor sich und sagte: Mit Ingwer.
    Mit Ingwer, wiederholte der alte Leist. Da haben wir die Genesung. Es war
ihm nicht gleichgiltig, so oder so. Nein, mit Ingwer. Ja, meine Damen, so
spricht die Natur. Ich gratuliere Ihnen und uns allen, und nun lassen Sie uns
den Kranken sehen.
    Sie stiegen nun wieder treppauf und fanden Lewin aufrecht im Bette sitzend.
Er erkannte den Doktor; als er aber die Linke heben wollte, um sie ihm zu
reichen, sank sie matt auf das Bett zurck.
    Wie geht es, Lewin?
    Ich denke, gut.
    Ich denke, gut! Das ist mir nicht gut genug. Wie schmeckte die Suppe?
    Gut.
    Das ist recht. So mu es heien. Nichts von Kopfweh?
    Nein.
    Der Doktor nahm jetzt selber die Hand und zhlte den Puls. Als er damit
geendet hatte, sah er, da der Kranke vor Erschpfung wieder eingeschlafen war.
Stren wir ihn nicht.
    So verlieen sie das Zimmer und nahmen erst drauen auf der Treppe das
Gesprch wieder auf. Es geht alles, wie es soll. Krisis berstanden; alle
Zeichen der Genesung da. Kein Fieber; nur matt, matt. Aber jede Stunde Schlaf
bringt ihn um eine Woche weiter. Morgen wird er aufstehen wollen, und bermorgen
kann er reisen.
    Und wir?
    Wir reisen morgen schon und bestellen ihm Quartier, antwortete der Doktor.
    Und schicken ihm Krist und den Planschlitten.
    Getroffen. Den wollt ich eben empfehlen. Und einen tchtigen Hckselsack in
den Rcken. Denn im Kreuz wird es wohl noch fehlen.
    Damit hatten sie den Unterflur erreicht und standen vor der Gaststube, in
der dem Doktor noch ein Warmbier vorgesetzt werden sollte. Aber er dankte, denn
er msse noch bis Reitwein. Und als die Krgersfrau nichtsdestoweniger
fortfuhr, in ihn zu dringen, schnitt er endlich jede weitere Verhandlung durch
das eine Wort Wchnerin kategorisch ab. Das half. Tante Schorlemmer wurde noch
verlegener als Renate.
    Unter dem Vorbau hielt bereits der Wagen des Alten. Er schickte sich eben an
hinaufzusteigen, als er seinen Fu von dem Tritteisen wieder zurckzog. Der
alte Leist wird alt; htte die Hauptsache beinahe vergessen, und dabei begann
er in den Tiefen seiner Manteltasche herumzusuchen. Endlich fand er ein dickes,
rotledernes Notizbuch, das zugleich als chirurgisches Besteck diente, und nahm
einen Brief heraus: An Renate von Vitzewitz.
    Nun erst stieg er auf. Auf Wiedersehen in Hohen-Vietz. Renate und die
Schorlemmer erwiderten seinen Gru.
    Der Brief aber war von Marie.

                                Viertes Kapitel



                                    Genesen

Und es kam alles, wie Doktor Leist gesagt hatte. Am andern Morgen verlangte
Lewin aufzustehen und fhlte sich trotz aller Mattigkeit doch krftig genug, das
Zimmer zu verlassen und unten unter dem Vorbau von Renate und Tante Schorlemmer
Abschied zu nehmen. Es war des Krgers Gespann; Kemnitz selber fuhr. Er zeigte
sich quicker, als seine Gewohnheit war, und als Renate auf ihn hinwies und der
Krgersfrau ein gutgemeintes Wort ber seine Raschheit ins Ohr flsterte, sagte
diese nicht ohne einen gewissen Stolz: Oh, er kann schon. Aber er lt es an
sich kommen. Und das ist es eben. In der nchsten Minute nahmen beide Damen
ihre Pltze; Kemnitz hakte das Schutzleder ein und stieg nun auch seinerseits
ber das Rad weg auf den Kutschersitz ohne Lehne. Noch ein Hndedruck, und der
Wagen verschwand an der andern Seite der Kirche.
    Lewin ging in sein Zimmer zurck. Er hatte sich mehr angestrengt, als seine
Krfte zulieen, und warf sich jetzt angekleidet aufs Bett, nicht um zu
schlafen, wohl aber um zu ruhen. Allerhand Bilder zogen an ihm vorber,
wechselnd und phantastisch, aber immer eines aus dem andern sich gestaltend. Er
sah Frau Hulens dunkle Kche und den kleinen Wachsstock, den er in der Herdasche
mit so viel Mhe angezndet hatte, und aus dem Wachsstock ward eine Kerze, und
aus der Kerze wurden zwlf Kerzen, und alle zwlf brannten zu beiden Seiten
eines Sarges, darin lag die Tante, die schwarze Witwenhaube tief in die Stirn
gerckt. Und neben dem Sarge standen kleine Zypressenbume, die wuchsen und
wuchsen hoch wie Pappeln, und nun war es eine Pappelallee, und zwischen den
Pappeln kam ein Wagen rasch herangefahren, dem lief er nach und wollte rufen,
aber die Stimme versagte.
    Alles dies kam und ging, und kam wieder, ohne da es ihn ernstlich
beunruhigt htte. Ein Druck lag auf ihm, bleiern, aber schmerzlos, und unter dem
Einflu einer beinahe sen Betubung wurde das Nchstliegende wie in weite
Ferne gerckt und das Wirkliche zum Traum. Erregungen der Phantasie, nichts
weiter, und von Empfindungen nur eine: die Sehnsucht nach Hohen-Vietz.
    Und nun war wieder ein Tag und eine Nacht vergangen; der helle Morgen schien
in die Fenster, und es mochte die zehnte Stunde sein. Krist, der bald nach
Mitternacht mit dem Planschlitten und einer ganzen Winterausstattung von
Pelzrcken, Shawls und Filzstiefeln eingetroffen war, war bereits im Stalle
beschftigt, den beiden Braunen die Sielen und die Gelute aufzulegen, und die
Krgersfrau stand in der Stalltr, ebensosehr, um selbst noch zu erzhlen, wie
um Hohen-Vietzer Neuigkeiten gegen ihre Bohlsdorfer einzutauschen.
    Lewin sa reisefertig in seinem Zimmer, whrend diese Gesprche gefhrt
wurden. Er hatte schon einen Morgenspaziergang gemacht, nicht ins Freie hinaus,
nur in die Kirche hinber, um noch einmal den Grabsteinspruch zu lesen, den er
lngst auswendig wute. Seit einer halben Stunde war er von da zurck und hielt
ein zusammengefaltetes Blatt in Hnden, dessen Inhalt ihn zu beschftigen
schien. Es war Marie Kniehases Brief, den er sich am Tage vorher, im Momente von
Renatens Abreise, von dieser erbeten hatte. Ich will ihn doch noch einmal
berfliegen, sagte er, beugte sich gegen das Fenster vor und las mit halblauter
Stimme:

Liebe Renate!
    Deinen Brief habe ich gestern abend, wo Doktor Leist bei uns vorfuhr,
erhalten. Um mit ihm noch persnlich zu sprechen, dazu war keine Zeit; er wollte
bei der spten Stunde gleich weiter. Ich las und lief dann in meiner
Herzensfreude zum Pastor, der kaum weniger freudig bewegt war als ich. Und doch
ist es etwas Trauriges. Du schreibst: Warum er Berlin verlassen hat? und fgst
dann hinzu: Darber habe ich nur Vermutungen, und auch diese kaum. Ach, meine
liebe Renate, ich wei es, und in Traum und Wachen habe ich diese Stunde kommen
sehen.
    Hier ist alles still, viele Bauern und ihre Frauen sind zum Begrbnis Deiner
Tante hinber. Denn sie war doch auf ihre Art beliebt, und jeder sprach von ihr.
Auch Seidentopf ist seit einer Stunde fort. Er will erst nach Guse, dann nach
Kstrin und Hohen-Ziesar, und wir erwarten ihn erst am Schlu der Woche zurck.
Welche seltsame Trauerversammlung wird um den Sarg der Tante stehen! Bamme,
Rutze, Doktor Faulstich. Und denke Dir, auch Jeetze trauert. Es rhrte mich
fast, als ich ihn heute sah. Er hat ein Paar schwarze Gamaschen hervorgesucht,
noch von der gndigen Frau her, sagte er, und einen Flor.
    Meine Gedanken sind bestndig bei Euch; sie wandern von einem Giebelzimmer
in das andere, und mir ist immer, als kennte ich das Dorf. Es ist dasselbe, von
dem uns Lewin am ersten Feiertage erzhlte, und ich sehe noch alles vor mir: den
Christbaum mit der jungen, hbschen Krgersfrau und den Blondkopf und dann die
dunkle Kirche mit der Stehleiter am Altar und der kleinen Handlaterne. Und vor
dem Altar liegt der Grabstein mit dem schnen Spruch, den ich mir seitdem wohl
hundertmal vorgesprochen habe. Mir ist dann immer, als wchse ich und knnte
fliegen.
    
    Hier hielt Lewin einen Augenblick inne und wiederholte sich die Worte: als
wchse ich und knnte fliegen. Wie gut sie es trifft, setzte er hinzu. Dann
nahm er das Blatt, das er aus der Hand gelegt hatte, wieder auf und las bis zu
Ende.
    Gebe Gott, da sich des alten Leist Prophezeiungen erfllen; er hat
versprochen, diese Zeilen wieder mit zurckzunehmen, und ich schicke sie durch
Hoppenmarieken nach Lebus. Sie wartet drauen und stt mit ihrem Stock auf die
Flurfliesen, ein Zeichen, da sie ungeduldig wird. Ich frchte mich viel zu sehr
vor ihr, um ihre schlechte Laune noch wachsen zu lassen. Und so lebe denn wohl,
meine einzig geliebte Renate, mein Glck, mein Stolz und meine Zuversicht. Gre
die Schorlemmer, und wenn Lewin die Augen aufschlgt, so denke recht innig auch
an mich. Dann fhl ich es in meinem Herzen.
                                                                    Deine Marie

Lewin, als er zu Ende gelesen, erhob sich und trat an den Zeisigbauer, um dem
Vgelchen, das ihm die langen Stunden des voraufgegangenen Tages so freundlich
weggezwitschert hatte, zu Dank und Abschied ein Zuckerstckchen zwischen die
Stbe zu stecken.
    Er wollte sich eben wieder setzen, als Krist eintrat, um zu melden, da
alles fertig und der Schlitten vorgefahren sei. Zugleich bepackte er sich mit
der ganzen Winterausstattung, die unangerhrt auf der Bettdecke liegengeblieben
war, und stapfte wieder treppab, whrend Lewin ihm folgte. Auf der Trschwelle
blieb dieser noch einmal stehen und sah in das Zimmer zurck. Er war nicht
erschttert, auch nicht eigentlich bewegt (die Nachwehen der Krankheit hielten
ihn noch in ihren Banden), aber aller Apathie zum Trotz empfand er doch
deutlich, was ihm die hier verbrachten Tage gewesen waren und da ein Leben
hinter ihm versank und ein anderes begann.
    Unten stand die Krgersfrau. Kemnitz war noch nicht zurck, aber ihr
Prachtstck, den Blondkopf, hielt sie auf ihrem Arme. Sie konnte sich zum
Abschiede nicht besser prsentieren, wut es auch und lachte herzlich und
gefallschtig, bis ihr Lewin die Hand reichte und Dankesworte sprach, wobei sie
sofort ebenso leidenschaftlich wie krampfhaft zu schluchzen begann. Denn
trotzdem sie auf dem Amte hochdeutsch erzogen und im Konfirmandenunterricht bei
Pastor Lmmerhirt viel spruchfester gewesen war als ihre kleine Freundin, so
hatte sie sich doch die naturkindliche Kraft bewahrt, in jedem passend
erscheinenden Moment einen Strom von Trnen vergieen zu knnen. Lewin, der
diese Naturkraft von den Hohen-Vietzer Bauerfrauen her kannte, machte nicht mehr
davon, als es wert war, streichelte das Kind, das mit der Hand freundlich nach
ihm haschte, und stieg dann hinter den Pferden fort auf die Deichsel des
Schlittens. Und nun vorwrts, Krist. Dabei drckte er sich bequem in die zu
einer Rckenlehne fest zusammengepackten Strohbndel, und in raschem Trabe ging
es um die Kirche herum, an den nchsten Gehften vorbei, in die
sonnenbeschienene Landschaft hinein.
    Es war ein wundervoller Tag, frisch und doch nicht kalt; am Horizont standen
dunkle Streifen von Tannenwald, und dazwischen zeigten sich die Spitztrme
verschiedener Ortschaften und Drfer. Einige davon wurden passiert, und Krist,
der hier allerlei Freundschaft hatte, sprach ein Wort oder hielt auch wohl an,
um seine Pfeife wieder in Brand zu bringen. Lewin aber geno der wundervollen
Luft und fhlte sich mit jedem Atemzuge mehr und mehr genesen; seine Nerven
belebten sich wieder, und der Druck schwand, der bis dahin auf ihm gelegen
hatte. Immer freundlicher wurden die Bilder, er gedachte Seidentopfs, und es war
ihm, als zge er dem Frieden entgegen.
    So vergingen die Stunden; schellenlutend trabten die Pferde dahin, und
schon neigte sich die Sonne zum Untergang.
    Vier Uhr war vorber, als sie vor dem Dolgeliner Kruge hielten. Gerade
gegenber war die Pfarre. Lewin stieg ab, um drinnen in der Krugstube einen
Imbi zu nehmen; Krist aber, nachdem er dem einen Braunen eine wollene Decke,
dem andern einen alten Militrmantel aufgelegt hatte, ging ber den Fahrdamm auf
die andere Seite des Dorfes hinber, wo gerade Pastor Zabels kleiner Schlitten
dicht vor dem Staketenzaune hielt. Der Pfarrknecht nahm die Leinen abwechselnd
in die linke und rechte Hand und stampfte ungeduldig den Schnee.
    'n Abend, Karges, sagte Krist. Wo wiste henn?
    Na'h Gus'.
    Woto denn? Se is joa all unner de Ihrd. Siet vrvrgestern.
    Joa. Awers de Schoolkinner hebben ht ihrst ehren Dag. De sllen um Klocker
sss spiest wahren: Hirs und Swiensbroaten. Un jeed een noch en Kringel fr to
Huus.
    Richtig, richtig, de Schoolkinner. Awers wat htt denn dien Pastor dabi to
dohn?
    Joa, wat htt hi dabi to dohn? Ick weet et nich. He mt man mmer mit dabi
sinn.
    In diesem Augenblicke trat Lewin wieder aus dem Krug auf die Strae. Krist,
als er seinen jungen Herrn sah, brach das Gesprch rasch ab und kehrte zu den
Pferden zurck. Hier nahm er den alten Kavalleriemantel vom Rcken des einen
Braunen und hielt ihn ausgebreitet vor Lewin hin, zum Zeichen, da dieser, ehe
er wieder einsteige, ihn anziehen msse. Lewin wollte aber nicht.
    La, Krist, sagte er, es ist nicht kalt.
    Doch, junge Herr. De Snn is all unner. Un ick sll acht upp Se hebben, dat
hebben se mi beed seggt, ihrst de een, un denn de anner. Un dat helpt nu nich.
    La nur. Ich werde schon sagen, da ich nicht gewollt habe.
    Ne, junge Herr, dat geiht nu nich anners. Mit uns Frlen, da mcht et ja
wull noch sinn, awers bi de Oll-Schorlemmern, doa hedd ick verspeelt.
    Na, denn gib her, sagte Lewin und wickelte sich in den bereitgehaltenen
Mantel ein.
    Es war ihm bald lieb, dem Andringen Krists nicht eigensinnig widerstanden zu
haben; es wurde frischer von Minute zu Minute, und die Wrme, die der dicke
Mantel gab, tat ihm wohl. Die Sterne zogen herauf; ein Gefhl sen, unnennbaren
Wehs berkam ihn, und ein Trnenstrom brach aus seinen Augen, nicht reichlicher,
als ihn die gute Frau Kemnitz vor wenig Stunden erst vergossen hatte, aber viel,
viel heier. Und doch bedeuteten ihm diese Trnen Glck und Genesung. Er
gedachte Mariens, und wie sie beide so gleich empfnden. Mir ist dann, als
wchse ich und knnte fliegen, wiederholte er aus ihrem Briefe und sah dabei zu
den Sternen hinauf, die immer heller funkelten.
    So ging die Fahrt. Die Braunen, die seit gestern abend zwlf Meilen gemacht
hatten, fielen allmhlich in Schritt, und erst von Manschnow aus, wo sie den
Stall zu wittern begannen, setzten sie sich wieder in Trab. Es schlug sieben vom
Hohen-Vietzer Turm, als sie der vordersten Parkspitze ansichtig wurden, und ehe
der letzte Schlag ausgeklungen, hielt der Schlitten vor der Rampe des
Wohnhauses. Das erste, was Lewin sah, war der in Trmmern daliegende Saalanbau,
und sowenig ihn damals die Nachricht von dem Feuer erschttert hatte, so gro
war jetzt der Eindruck, den die Brandsttte auf ihn machte. Und dieser Eindruck
wurde noch dadurch gesteigert, da im Wohnhause selbst alles in Schweigen und
Dunkel lag.
    Niemand lie sich sehen. Krist knipste mit der Peitsche, und die Braunen
schttelten ungeduldig ihr Schellengelut. Endlich kam Licht, und Jeetzes hagere
Gestalt zeigte sich hinter der Glastre. Er stellte den Leuchter etwas
seitwrts, um die Flamme gegen den Zugwind zu schtzen, und trat dann ins Freie,
um seinem jungen Herrn bei dem Aussteigen behilflich zu sein.
    Guten Abend, Jeetze. Alles ausgeflogen?
    Ja, junger Herr. Wir hatten Sie nicht so frh erwartet.
    Und wo ist Papa?
    Immer noch in Guse.
    Und Renate?
    Bei Mller Miekley. Uhlenhorst ist da, und da sind ja nun die Lutherschen
wieder zusammen. Auch die von drben; der Zehdensche Amtmann und der alte
Oberfrster von Lietze-Gricke. Unser Frulein wollte erst nicht mit; aber Tante
Schorlemmer hat ihr keine Ruhe gelassen.
    So, so, sagte Lewin in leiser Verstimmung.
    Soll ich sie holen?
    Nein, la. Ich bin mde.
    Damit traten sie von der Halle her, in der dies Gesprch gefhrt worden war,
auf den Hinterflur des Hauses, wo Hektor schon seinen jungen Herrn erwartete.
Aber als ob er wisse, da dieser krank gewesen sei, enthielt er sich aller
strmischen Liebkosungen. Still wedelnd ging er neben ihm her und leckte ihm nur
immer wieder die Hand, whrend sie die Treppe hinaufstiegen.
    In Lewins Zimmer war alles zu seinem Empfange bereit. Das leichte Federbett
war halb zurckgeschlagen, und die bunte Steppdecke lag zusammengefaltet auf dem
Stuhl daneben. Auf dem Sofatisch standen Maiblumen, das einzige, was das seit
dem Tode der Frau von Vitzewitz vernachlssigte Gewchshaus hergegeben hatte.
Aber was ihnen Wert lieh, war das, da es Lewins Lieblingsblumen waren. Er sog
ihren Duft ein und sagte mit bewegter Stimme: Renate!, whrend sich ihm ein
beglckendes Gefhl des Geborgenseins in Heimat und treuer Liebe um das
schwergeprfte Herz legte.
    Eine Stunde spter ffnete Jeetze leise wieder die Tr. Das Licht brannte
noch, und der Alte nahm es vom Tisch, um es zu lschen. Hektor, der auf seinem
Rehfell lag, blinzelte mit dem einen Auge, aber rhrte sich nicht.
    Und im nchsten Augenblicke war alles wieder still.

                                Fnftes Kapitel



                           Letztwillige Bestimmungen

Der nchste Abend sah unsere Freunde wieder im Halbkreis um den Hohen-Vietzer
Kamin her. Es war so ziemlich dasselbe Bild wie am ersten Weihnachtsfeiertage,
nur der Christbaum fehlte und mehr noch die Heiterkeit, die damals das Spiel mit
den goldenen Nssen begleitet hatte. Die Schorlemmer strickte wieder an ihrem
Vlies, Renate, einen Crpestreifen vor sich, nhte an einer Trauerrsche, und
Lewin - immer noch unter der Nachwirkung seiner Krankheit oder doch der
Anstrengungen des gestrigen Tages - sah abgespannt vor sich hin und spielte
gleichgltig mit einem Tannapfel, den er aus dem neben ihm stehenden Holzkorb
genommen hatte. Nur Marie war bemht, durch allerlei Fragen ein Gesprch
einzuleiten, aber es blieb bei kurzen Antworten.
    Die kleine Uhr auf dem Kaminsims schlug acht. In diesem Augenblick meldete
Jeetze den Pastor, der gleich darauf eintrat. Jeder bezeigte herzliche Freude,
die sich bei Renaten in allerhand kleinen Neckereien uerte. Es sei nicht gut,
wenn der Hirt seine Herde verlasse; schon vier Stunden seien zuviel, und nun gar
vier Tage! Nun sei der Wolf eingebrochen: Uhlenhorst in Person.
    Ich wei߫, sagte Seidentopf. Und wer begab sich freiwillig in die Gefahr?
Wer war wieder mit dabei?
    Natrlich wir. Aber wir sind diesmal ungeschdigt davongekommen. Und nicht
blo wir, auch der Zehdensche Amtmann lie ihn im Stich, als er bestndig
wiederholte: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Er konnte
schon in den Weihnachtstagen von diesem Spruche nicht los, und nun wurd es jedem
zuviel. Er vergit immer, da er zu alten Soldaten spricht. Er ist ein
Lauenburger oder aus dem Eutinschen, und wenn ich ihn so hre, so bednkt es
mich immer, als ob jede andere Provinz auch ein anderes Christentum htte. Aber
das fhrt uns in Streit; ich sehe Tante Schorlemmer schon ungeduldig werden.
Also nichts mehr davon. Und nun nehmen Sie Platz, teuerster Pastor, hier ist Ihr
Stuhl, zwischen Marie und mir. Und nun erzhlen Sie.
    Wovon?
    Von all und jedem, aber zuerst von Guse, denn wir wissen so gut wie nichts.
Papa war nur einmal hier, und das war, als wir noch in Bohlsdorf waren. Also
bitte, alles ist neu fr uns. War es feierlich? War der Sarg offen oder
geschlossen? Ach, ich htte mich totgengstigt, so stundenlang neben dem offenen
Sarge zu stehen. Wer hielt die Rede? Wer war da?
    Alle, der ganze Freundeskreis: Bamme, Drosselstein, Krach, der Protzhagener
Hauptmann in seiner alten Uniform vom Regiment Pirch - keiner fehlte. Auch
Faulstich war da, mit einer Art Kantate, die, wenn Nippler seine Komposition
beendet haben wird, am zweiten oder dritten Sonntag in der Guser Kirche gesungen
werden soll. Unser Kirch-Gritzer Doktor hatte vorlufig die Textes-Strophen
drucken lassen und berreichte jedem von uns ein Blatt.
    Eine Kantate, sagte die Schorlemmer. Und von Faulstich! Das wird ein
rechter Heidenspuk gewesen sein, von Anfang bis zu Ende. Nichts von Grab und Tod
und noch weniger von Auferstehung. Blo Unterwelt und Schatten und ein Dutzend
griechischer Gtternamen!
    Doch nicht, liebe Schorlemmer, erwiderte Seidentopf. Sie tuen ihm
unrecht. Es ist nichts Christliches, was er geschrieben hat, aber auch nichts
Anstiges. Dazu hat er zuviel Takt.
    brigens hab ich das Blatt mitgebracht, und unsere Damen mgen entscheiden.
Damit nahm er ein schwarzgerndertes Papier aus der Brusttasche und gab es
Lewin, der es apathisch auseinanderfaltete und nach kurzem Besinnen, ohne den
Inhalt auch nur berflogen zu haben, weiterreichte.
    Lies du, Renate. Und Renate las:
                                   Am Grabe
                         der Grfin Amelie von Pudagla,
                               geb. von Vitzewitz

Die du Niedres gemieden
In hohem Sinn,
Du bist nun geschieden;
Wohin, wohin?

Wohin? So klingen
Der Fragen viel;
Warum sie lsen, bezwingen?
Du bist am Ziel.

Das Beste hienieden,
Du hast es erreicht:
Du hast den Frieden.
Sei dir die Erde leicht.

Eine kurze Pause folgte. Dann sagte die Schorlemmer: Es ist nicht anstig,
weil es nicht spttisch ist. Aber, teuerster Pastor, einem christlichen Herzen
gibt es doch Ansto genug. Er fragt: Wohin? und wei die Antwort nicht. Gott sei
Dank, ich wei sie.
    Seidentopf, der einer von den Allerweltsadvokaten war und immer etwas zu
verteidigen fand, wollte auch diesmal zugunsten Faulstichs eintreten, Renate
aber, die mittlerweile wahrgenommen hatte, da auch die Rckseite der an
Ausdehnung und Glubigkeit gleich kurz gehaltenen Kantate mit Bleistiftzeilen
berkritzelt war, lie es zu keiner pastoralen Entgegnung kommen und bemerkte
nur, indem sie mit ihrem Zeigefinger ber das Gekritzel hinfuhr: Ich wette,
teuerster Prediger, da wir hier, auf der Rckseite des Blattes, bereits Ihren
kritischen Kommentar haben. Hab ich recht?
    Nein, liebe Renate, antwortete Seidentopf. Ich bin berhaupt unkritisch,
wie Turgany versichert. Auf manchem Gebiete vielleicht weniger, als er annimmt,
aber doch gewi unkritisch auf dem Gebiete der Kantate. Ich kme in
Verlegenheit, wenn ich berhaupt nur feststellen sollte, was eine Kantate sei.
    Nun, wenn keinen Kommentar, was enthalten diese Zeilen dann?
    Letztwillige Bestimmungen der Guser Tante. Nicht ihr eigentliches
Testament, ein solches hat sich berhaupt nicht vorgefunden, aber eine Art
Begrbnisprogramm. Es fand sich unter anderen Papieren auf ihrem Schreibtisch,
und ich habe mir, mit des Papas Erlaubnis und natrlich unter Weglassung einiger
franzsischer Einschiebsel, in aller Eile eine Abschrift davon genommen.
    Oh, das mssen wir hren, rief Renate mit Lebhaftigkeit. Aber es ist
Augenpulver und gar nicht zu entziffern. Da mssen Sie selber aushelfen.
    Gern, erwiderte Seidentopf, und um so lieber, als genau nach dem Inhalte
dieses Programms verfahren wurde. Eben diese Bestimmungen sind die beste
Beschreibung, die ich Ihnen von dem Begrbnis selber geben kann.
    Nun, so lesen Sie, bat Renate.
    Lewin und Marie stimmten mit ein, und nur die Schorlemmer sagte: Was werden
wir da wieder hren mssen!
    Dann nahm Seidentopf das Blatt zurck und begann ohne weitere Sumnis oder
Vorrede:

                 Bei meinem Ableben einzuhaltende Bestimmungen

Ich frchte den Tod. Aber diese Furcht hlt mich nicht ab, ihm ins Gesicht zu
sehen. Er ist das Unvermeidliche. Und so bestimme ich, Amelie von Pudagla, geb.
von Vitzewitz, in nachstehendem wie folgt:
    Erstens. Ich will in meiner Witwentracht in einen Sarg von Zedernholz gelegt
und sodann aufgebahrt in die groe Halle gestellt werden, da, wo der Faun steht.
Dieser mu sich, solang es dauert, an einem andern Orte behelfen.
    Da, wo der Faun steht, wiederholte die Schorlemmer und klapperte mit ihren
Nadeln.
    Seidentopf fuhr fort:
    Zweitens. Den vierten Tag, bei Sonnenuntergang, will ich begraben werden,
aber nicht in der Kirche, auch nicht in der angebauten Derfflingergruft, sondern
im Guser Schlopark, und zwar in dem kleinen Zedernhain, den sie Neulibanon
nennen.
    Drittens. Es soll auf dem Wege vom Schlosse bis in den Park, unter
Vorantritt Nipplers, von allen Dorfkindern das Lied: Was Gott tut, das ist
wohlgetan, gesungen werden. Aber nicht: O Haupt voll Blut und Wunden. Dies
verbiete ich ausdrcklich.
    Alle schienen von dieser Bestimmung berrascht und sahen sich untereinander
an, schwiegen aber. Nur die Schorlemmer sagte: Mein Gott, was ihr das schne
Lied nur getan hat! Ich htte keine Ruh im Grabe, wenn ich so was in meinem
Letzten Willen niedergeschrieben htte. Renate, Kind, da du mir dafr sorgst,
da das Lied gesungen wird. Ich meine, bei mir.
    Ich werd es, liebe Schorlemmer. Aber hren wir weiter.
    Viertens. Am Grabe soll der Prediger eine kurze Ansprache halten, und dabei
soll er mich nicht loben wegen dessen, was ich auf Erden gewesen bin oder getan
habe, vielmehr soll er nur sagen, da mir alles Versteckte, Unklare und
Erheuchelte all mein Lebtag zuwider gewesen ist. Dies soll er sagen nicht mir
zum Ruhme, sondern weil es die Wahrheit ist.
    Fnftens. Es soll ein Granitblock auf mein Grab gelegt und seinerzeit eine
Metalltafel mit folgender Grabinschrift eingelegt werden:

    L'eloge ou le blme ne touchent plus celui
    Qui repose dans l'ternit.
    L'esprance embellit ma vie et m'accompagne en mourant.

Sechstens. Faulstich, dem ich mein Miniaturbild mit der Rubineneinfassung
hinterlasse, soll eine Kantate dichten, und Nippler (der ein Douceur von zehn
Dukaten empfngt) soll diese Kantate komponieren. Sie mag, je nach Befinden, am
Grabe oder aber in der Guser Kirche am dritten Sonntage nach meinem Begrbnis
gesungen werden.
    Siebentens. Am dritten Tage nach meiner Beisetzung und dann alljhrlich an
meinem Todestage sollen die Schulkinder gespeist und zwlf Dorfarme neu
gekleidet werden.
    Achtens. Mit Ausfhrung dieser Bestimmungen betraue ich meinen Bruder Berndt
von Vitzewitz, ehemals Major im Dragonerregiment von Knobelsdorff, Erbherr auf
Hohen-Vietz.
    Seidentopf, als er gelesen, faltete das Blatt wieder zusammen, und die
Schorlemmer, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, murmelte vor sich hin: Da kommt
selbst Faulstich wieder zu Ehren.
    Lewin lchelte. Er hatte sich schon vorher von Paragraph zu Paragraph immer
mehr erheitert und sagte jetzt ruhig: Du hattest immer deinen kleinen Krieg mit
der Tante drben. Solange sie lebte, war das gut; nun aber ist sie tot, das
ndert viel, und ich glaube, wir mssen sie schlielich gelten lassen.
    Die Schorlemmer schttelte den Kopf.
    Du schttelst den Kopf, fuhr Lewin fort, aber das berzeugt mich nicht.
In allem, worin sie uns mifiel, hat sie sich jetzt an anderer Stelle zu
verantworten; sie wei jetzt mehr als wir und ist unserem Urteil in allem, was
jenseits liegt, entrckt. Unsere Meinung ber sie hat sich nur noch auf das zu
beschrnken, was sie diesseits war und bedeutete. Und das hatte sein Gewicht.
Gewi, ihre Schwche war der Glaube, aber ihre Strke war der Mut. Ich
marchandiere nicht, pflegte sie zu sagen. Und alles, was wir eben gehrt haben,
fhrt uns den Beweis, da sie sich bis zuletzt nicht handeln lie und sich und
ihrem Unglauben treu zu bleiben verstand.
    Lewins blasses Gesicht hatte sich, whrend er sprach, gertet. Als er jetzt
schwieg, erklrte Seidentopf seine volle Zustimmung. Ein solches tapferes
Bekenntnis des Unglaubens, alles Ausharren bis ins Angesicht des Todes hinein,
habe seinen Beifall und sei ihm viel, viel lieber als das Angstchristentum
beispielsweise Baron Pehlemanns, der bei jedem Gichtanfall begierig nach der
Bibel greife und sie wieder zuklappe, wenn der Anfall vorber sei.
    Niemand war berrascht, solchen uerungen aus dem Munde Seidentopfs zu
begegnen. Auch die Schorlemmer nicht. Aber wenn sie nicht berrascht war, so war
sie doch noch weniger einverstanden damit.
    Ausharren! wiederholte sie lebhaft, wenn es ein solches gewesen wre!
Aber, teuerster Pastor, es war kein Ausharren, und am wenigsten ein Ausharren
bis in den Tod. Ich habe die Tante gekannt und las in ihrem Herzen. Das war ihr
lstig. Ein tapferes Bekenntnis des Unglaubens! Ach, wie Sie sie verkennen. Sie
schrieb das nieder, nicht in der Tapferkeit, sondern in der Eitelkeit ihres
Herzens und freute sich der Vorstellung, mit welch erstaunten Augen das alles
einst nach ihrem Tode gelesen werden wrde. Von Bamme, von Krach und vielleicht
auch von dem langen Hauptmann. Aber der Tod war noch nicht da. Wr er dagewesen,
von Angesicht zu Angesicht, sie htte diese Zeilen nicht geschrieben, dessen bin
ich gewi. Sie hatte Mut, aber blo den Lebens-, nicht den Todesmut.
    Jeetzes Eintreten unterbrach das Gesprch. Er erschien mit einem Tablett,
auf dem kleine bemalte Tellerchen und ein altmodischer silberner Obstkorb
standen. Da niemand gewillt schien, den Platz am Kamin aufzugeben, so wurde das
Tablett auf ein rundes, mit Tulaer Arbeit ausgelegtes Tischchen gestellt und
dieses Tischchen in den Halbkreis hineingeschoben. Marie, deren Hnde frei
waren, machte die Wirtin und schlte das Obst.
    Allmhlich, whrend der Teller von Hand zu Hand ging, begann das Gesprch
wieder, wandte sich aber, da Friedensschlsse, wie jeder wute, nicht wohl
mglich waren, anderen Gegenstnden zu.
    Natrlich behielt Seidentopf das Wort; war er doch, seines Aufenthaltes bei
Graf Drosselstein ganz zu geschweigen, unmittelbar nach dem Guser Begrbnis
einen Tag lang in Kstrin gewesen und hatte whrend dieses Tages vieles gesehen
und noch mehr gehrt. Ein besonderes Interesse weckten seine Mitteilungen ber
die von Tag zu Tag sich mehrenden Desertionen, die freilich, wie Seidentopf
hinzusetzte, nicht berraschen drften, da die Hlfte der Garnison aus Westfalen
unter dem Kommando des Generals von Fllgraf bestnde, eines alten Haudegens,
der selber, wie man in der Brgerschaft wohl wisse, aus dem Konflikt zwischen
seinem deutschen Herzen und seinem franzsischen Eide nicht herauskme. Auch
seine Leute wten es und gingen deshalb in ganzen Trupps auf und davon. Andere,
die vorlufig noch aushielten, htten ihm einen Vers an die Tre geklebt, der
habe gelautet:

Fllgraf bist du? Sage nein,
Flle nicht des Feindes Reihn.
Fhr uns. Vollgraf sollst du sein.

Der alte Fllgraf selber, schon um nicht persnlich in Verdacht zu kommen, als
sympathisiere er mit den Unzufriedenen, habe bei General Fournier, seinem
Oberkommandanten, Anzeige von diesem Vorfalle gemacht und auf Untersuchung
angetragen, aber die Untersuchung habe nichts ergeben, und die Desertionen
htten sich nur gemehrt. Der letzte Trupp sei siebzehn Mann stark gewesen und
habe sich auf Kirch-Gritz zu davongemacht. Das sei nun drei Tage. Auf dem
Hohen Kavalier htten sie dann freilich die Alarmkanone abgefeuert, aber wozu?
Die Brger htten gelacht und die Franzosen auch. Denn diese hrten von nichts
anderem mehr als von Volksbewaffnung und wren natrlich klug genug,
einzusehen, da dieselben Bauern, die jetzt einen Aufstand vorhtten, nicht Lust
haben knnten, die Schergen zu spielen und Deserteure zu fangen und abzuliefern.
    Hier unterbrach Lewin den Pastor, um sich nach dem Stande der
Landsturmorganisation zu erkundigen, und erfuhr nun mit vielen Details, welche
Fortschritte die Volksbewaffnung im Laufe der letzten drei Wochen gemacht habe.
Anfangs sei Hohen-Vietz an der Spitze gewesen; die fast achttgige Abwesenheit
Berndts aber habe zu kleinen Hemmnissen gefhrt, so da jetzt Drosselstein
voraus sei und vor allem Rutze. Er wisse das von Bamme selbst, mit dem er am
Begrbnistage einen Spaziergang durch den Guser Park gemacht habe. Dieser
Spaziergang sei berhaupt sehr angenehm gewesen, denn es plaudere sich gut mit
dem Alten. Da er nicht in die Gro-Quirlsdorfer Kirche zu bringen sei, oder
doch nur ausnahmsweise, das sei seines Amtsbruders Sache. Der habe ihn mit
seinem Schablonenchristentum herausgepredigt. Und das Schablonenchristentum sei
nicht besser als das Pehlemannsche Angstchristentum. Aber gleichviel, sie seien
in lebhaftem Gesprch die groe Rsternallee hinaufgegangen und durch den
Dohnenstrich zurck, bis sie wieder vor dem Schwanenhuschen gestanden htten.
Hier htte Bamme nach dem Eckfenster hinaufgesehen und endlich vor sich hin
gesprochen:
    Sehen Sie, Seidentopf, es war doch eine merkwrdige Frau. Sie traf es
immer, und auch mit diesem Rutze. Ja, da reichen keine hundertmal, da ich ihr
zugeschworen, den ganzen Rutzeschen Verstand in eine Haselnu einpacken zu
wollen, aber sie gab nicht nach und sagte nur immer wieder: Lieber Bamme, der
Charakter entscheidet. Und sie hat recht gehabt. Gestern war ich bei ihm in
Protzhagen. A la bonne heure. Was er da zusammengebracht und einexerziert hat,
ist unsere beste Compagnie. Ein Triumph der Disziplin. Kerle, um den Teufel aus
der Hlle zu jagen.
    ber dieses Bammesche Zitat kam Seidentopf nicht hinaus, denn es schlug eben
neun, um welche Zeit er regelmig in seine Wohnung zurckzukehren liebte;
auerdem gefiel ihm heute Lewins Aussehen nicht. So brach er auf, von Marie
begleitet, die denselben Heimweg mit ihm hatte.
    Als sie den Hof passiert und auch das niedrige Vorderhaus, in dem Krist und
der Grtner wohnten, schon im Rcken hatten, sagte Seidentopf: Wie fandest du
Lewin? Mir gefiel er nicht. Keine dreimal, da er das Wort nahm. Und wie spitz
und abgespannt er aussah.
    Er sprach wenig, sagte Marie. Aber das darf uns nicht wundernehmen. Es
war heute zuviel fr ihn. Und die gestrige Fahrt. Und nach allem, was er
durchgemacht hat an Leib und Seele.
    So weit du, was es war?
    Marie nickte. Es war, was ich vermutete. Kathinka ist fort. Doch was sprech
ich Ihnen davon; Sie werden in Guse davon gehrt haben!
    Ja, Vitzewitz nahm mich beiseite und erzhlte mir's; aber auch wenn er
geschwiegen htte, ich htt es dem alten Ladalinski von der Stirn gelesen. Er
machte den Eindruck eines gebrochenen Mannes.
    Sie war sein Liebling, aller Menschen Liebling. Und ich glaube fast, ich
beneidete sie.
    Beneide sie nicht, Marie, sagte Seidentopf, indem er ihr die Hand reichte.
Du hast das bessere Teil erwhlt: Demut und den Frieden des Gemtes. In ihm
allein ist Glck. Und nun: gute Nacht!
    Und damit trennten sie sich, und der Pastor trat in den Flur seines Hauses
und gleich darauf in sein Studierzimmer ein. Hier war alles dunkel, aber die
Lden waren noch nicht geschlossen, und der Schnee und die Sterne drauen gaben
gerade soviel Licht, als ihm lieb war. Er setzte sich auf das kleine Ledersofa
und sah in den winterlich daliegenden Garten hinaus.
    Es kommt doch, wie es kommen soll, sagte er. Ich bin dessen gewi. Und
jetzt mehr denn je. Kathinka fort. Das ging ber alle Berechnung. Sie war die
groe Gefahr in meinem Exempel.
    Er wollte dem noch weiter nachhngen, aber die grohaubige Haushlterin
erschien geruschvoll, stellte die kleine Studierlampe neben Bekmanns
Geschichte der Kurmark Brandenburg und schlo die Lden.

                                Sechstes Kapitel



                                 Ein Deserteur

Um dieselbe Stunde, wo Seidentopf und die Frauen im Herrenhause plauderten,
plauderten auch die Bauern im Hohen-Vietzer Krug. Es waren unsere alten Freunde
vom ersten Weihnachtsfeiertage her: Kmmritz und Sahnepott und Krull und
Reetzke; aber auch Miekley, der damals den Diskurs ber Tiegel-Schultze und den
Schwedter Markgrafen durch sein sptes Erscheinen unterbrochen hatte, hatte
heute schon seinen Platz am Tische. Der alte Scharwenka ging wie gewhnlich auf
und ab und machte den Wirt, whrend Schulze Kniehase dem Fenster zu sa, wo der
Kstriner Anzeiger und die beiden berlinschen Zeitungen lagen.
    Es traf sich, da heute Bauer Reetzke, der sonst mit Krull um die Wette
schwieg, das Wort fhrte. Denn er war den Tag vorher in Kstrin gewesen, wohin
er, der Verproviantierung der Festung halber, ein Fuder Oderbruchheu abzuliefern
gehabt hatte. Sein Bericht reichte zwei Tage weiter als der des Pastors.
    Sie verproviantieren sich also, sagte Sahnepott. La hren, Reetzke, wie
steht es damit?
    Je nachdem, sagte dieser. Alle Speicher sind voll, aber mit dem
Schlachtvieh steht es schlecht. Das liebe Vieh hlt nicht mehr bei ihnen aus und
luft ihnen weg. Vorletzte Nacht hundertundsiebzig Stck, alle von Tamsel und
Quartschen.
    Hundertundsiebzig Stck? fragte Kmmritz.
    Ja, Kmmritz, wie ich dir sage. Vorgestern hatten sie das Tamseler Vieh
zusammengetrieben und vorvorgestern das von Quartschen, und das stand ja nun auf
dem Gorin, keine tausend Schritt vor der Stadt, und war paarweis
zusammengekoppelt. Sie hatten es auch eingehrdet, und da, wo der Eingang war,
stand eine Schildwacht. Aber nach eins ging der Mond unter, und als es wieder
dmmerte und die Ablsung kam, da sahen sie, da alles Vieh fort war.
    Wie denn?
    Es war ein Loch in der Hrde, und das hatte sich das liebe Vieh zunutze
gemacht. Erst dachten die Franzosen, die Bauern htten es heimlich weggetrieben,
aber es waren keine Fustapfen im Schnee, nur Klauenspuren, die bis halben Wegs
nach Tamsel gingen. Weiter wagten sich die Franzosen nicht, denn die Russen sind
schon bis dicht heran; bei Blumberg haben sie gestern eine Patrouille
weggefangen.
    Das liebe Vieh, sagte Kmmritz, das hat so seinen Instinkt und luft den
Franzosen weg, aber die Westfalen bleiben und der alte Fllgraf auch. Und wenn
es noch Westfalen wren! Aber es sind Altmrkische, aus der Salzwedeler Gegend
und von Stendal. Ich habe selber mit ein paar von ihnen gesprochen. Warum laufen
sie nicht weg? Warum desertieren sie nicht?
    Sie desertieren, sagte Reetzke. Vorige Woche vierzehn und diese Woche
siebzehn Mann. Aber einen haben sie wieder, einen blutjungen Menschen; sie
brachten ihn ein, als ich mit meinem Fuder Heu vor dem groen Magazin hielt.
    Wer bracht ihn ein? fragte Scharwenka und setzte sich mit an den Tisch.
Unsere Neumrker drben werden doch keinen Deserteur einfangen?
    Nein, fuhr Reetzke fort, die Franzosen brachten ihn ein; sie hatten ihn
in der Krampe gefangengenommen. Gestern frh. Wit ihr denn nichts davon?
    Nein, wir wissen von nichts. La hren, Reetzke, riefen mehrere
durcheinander, und auch Kniehase legte das Blatt aus der Hand.
    Nun, sagte Reetzke, es war ja ein berfall, und die Franzosen muten
Fersengeld geben. Sie haben vier Tote gehabt.
    Und in der Krampe? fragte Kniehase, der immer aufmerksamer geworden war.
Und mit den Russen war es?
    Nein. Mit den Kirch-Gritzern. Handschuhmacher Pfeiffer, der immer den
linken Fu nachzieht und schon Anno sechs den einen General in der Drewitzer
Heide weggeputzt haben soll - sie konnten es ihm aber nicht beweisen -, der war
der Oberste. Es ist ein krpscher Kerl und schiet gut und war schon dreimal
Schtzenknig.
    Die Kirch-Gritzer! unterbrach Kmmritz. Wer das gedacht htte! Nun aber
la den Handschuhmacher und seinen linken Fu und erzhle, was du weit. La
dir's nicht so brockenweise herausholen.
    Nun, die siebzehn gingen also nach Kirch-Gritz und kamen ins Schtzenhaus.
Und da war ja nun Pfeiffer, der nie was zu tun hat, und steckte sich auch gleich
in seine Schtzenuniform mit der Medaillenkette und begrte sie und lobte sie,
denn er kann reden wie ein Daus. Und als sie nun erzhlt hatten, von wo sie
desertiert wren und da jeden Morgen zwanzig Mann in die Krampe mten, um den
Werft fr die Faschinen zu schneiden, da sagte Pfeiffer: Kinder, das gibt einen
Coup. Ich war mit bei den Schillschen, und ich versteh es. Morgen frh also. Wer
will mit? Da meldeten sich all die siebzehn Westfalen, denn das muten sie, wenn
sie nicht als schlechte Kerle dastehen wollten, und von den Kirch-Gritzer
Schtzen traten auch noch elfe vor. Und Pfeiffer war der neunundzwanzigste. So
sah er auch gerade aus.
    Die Bauern lachten, denn sie kannten ihn alle.
    Und nu kam ja der andere Morgen, das war gestern frh, und sie schlichen
sich dicht an der Oder hin, erst an dem Entenfang und dann an den Pulvermhlen
vorbei. Und so kamen sie bis an die Stelle, wo die Franzosen den Werft
schnitten, und der Werft stand so hoch und so dicht, da sie sich einander nicht
sehen konnten. Aber an einer Stelle war ein Gang, da drngten sie sich durch,
einer hinter dem andern, und nun brachen sie mit Hurra vor, und Pfeiffer scho
ein altes Pistol ab, und die elf Gritzer Schtzen gaben eine Salve in den
Haufen hinein, da gleich vier fielen und die andern auf die Festung
davonliefen. Jetzt nun die Westfalen hinterher; aber es war Glatteis, und der
vorderste Westflinger, der zwei von den Ausreiern dicht auf der Ferse war,
glitt aus und fiel so, da er nicht gleich wieder aufkonnte. Da drehten sich die
zwei nach ihm um und packten ihn und schleppten ihn mit sich fort. Das war der
blutjunge Mensch, den ich um die zehnte Stunde einbringen sah. Und da sagt ich
so bei mir, denn ich war neugierig geworden: Reetzke, sagt ich, du wirst nicht
ber Manschnow fahren, du fhrst ber Kirch-Gritz. Und so fuhr ich ber
Kirch-Gritz. Aber, du mein himmlischer Vater, da war ja nu alles wie besessen,
und den Pfeiffer hatten sie mit Punsch und Redensarten ganz toll gemacht. Und
der hlt sich jetzt fr Schill und Blcher all in eins.
    Das sieht ihm hnlich, sagte Kmmritz, ein Gromaul, das immer genau
vorher wei, wo was zu riskieren ist und wo nich. Schade, da das junge Blut die
Zeche bezahlen mu. Aber so geht es immer: dieser lahme Pfeiffer kriegt den
Ruhm, und der arme Westflinger wird die Kugel vor den Kopf kriegen.
    Sie sprachen noch hin und her, und Sahnepott erschpfte sich eben in
Mglichkeiten, wie der Deserteur in dem Momente, wo er ausglitt, doch vielleicht
noch zu retten gewesen wre, als der junge Scharwenka eintrat, der heute
ebenfalls Heu- und Strohlieferungen nach Kstrin hin gehabt hatte. Er trug noch
hohe Stiefel, Flausrock und Pelzmtze und begrte jeden einzelnen, war aber
ersichtlich in groer Erregung.
    Setz dich, Wenzlaff, sagte der Alte. Was bringst du? Du siehst nicht aus
wie gute Zeitung.
    Der junge Scharwenka fuhr mit der Hand ber die Stirn und sagte dann: Sie
haben ihn erschossen; ich stand keine dreiig Schritt davon; sie wollten, da es
jeder sehen sollte.
    Den Deserteur? fragten alle.
    So wit ihr schon davon?
    Nein. Wir wuten nur, da sie gestern einen Deserteur eingebracht haben.
Reetzke hat uns eben davon erzhlt. Aber nun sprich, wie war es?
    Der junge Scharwenka rckte zwischen Krull und Reetzke ein und sagte dann:
Ich hatt eben abgeliefert, aber den Schein hatt ich noch nicht, denn der alte
Fllgraf war nicht bei Weg, und als ich auf dem Magazin fragte, wie lang es wohl
noch dauern knnte, da sagte der Inspektor: Die vierte Stunde wrde wohl
herankommen oder auch noch mehr. Und dabei schlug die Schlouhr eben erst zwlf.
Aber was war zu machen, und so sagt ich zu Matthissen: Na, Matthis, denn helpt
et nich; wie mten utspann'n. Du weetst ja, bi Kerkow'n upp 'n Kietz. Fhr man
mmer vrut. Ick kumm glieks na'h. Denn ich mute noch zu Mencken mit heran
wegen dem Kirschfa. Und dann ging ich ber die Brcke. Und ich war noch keine
zehn Minuten in der Ausspannung und stand mit dem alten Kerkow vor seinem
Torweg, und die Hhner pickten um uns her, da hrten wir trommeln, Gott,
trommeln, wie ich's all mein Lebtag noch nicht gehrt habe.
    Das macht, Wenzlaff, sagte Kmmritz, weil du nicht bei den Soldaten
gewesen bist. Ich kenn es. Ein Wirbel und dann alles still, und dann wieder ein
Wirbel. Es bedeutet nicht viel Gutes.
    Der junge Scharwenka nickte und fuhr fort: Und nun dauerte es auch gar
nicht lange, da kamen sie die Strae herauf. Erst fnf Tambours und ebenso viele
Pfeifer; aber die Pfeifer spielten nicht. Und dann kam der junge Mensch. Jott,
wie der aussah. Nicht bang und nicht traurig, aber das war es eben, was mir
einen Stich ins Herz gab, und als er mich stehen sah und wohl sehen mochte, wie
mir das Mitleid in den Augen sa, da nahm er seine kleine Mtze ab und grte
mich.
    Die Bauern rckten alle nher; man htt ein Blatt in der Krugstube fallen
hren.
    Und dann kam ja der alte Fllgraf, ein paar Adjutanten neben sich, und den
Schlu machte das ganze Bataillon, dasselbige Bataillon, von dem der junge
Westflinger desertiert war. Aber es war nur noch schwach, keine vierhundert
Mann. Da sagte der alte Kerkow: Kumm, Jungschen-Scharwenka, da mten wi mit dabi
sinn. Und ich ging mit.
    Und doch heit es: Du sollst nicht voll Neugier in deinem Herzen sein und
nicht zu den Gaffern stehen, sagte Miekley.
    Doch, Miekley, warf Kmmritz ein. Doch, so was mu man sehen; das macht
einen Eindruck. Und man htet sich davor, oder man kriegt auch einen Ha gegen
den Feind. Und beides ist gut.
    Und so ging es denn, fuhr der junge Scharwenka fort, immer mit
Trommelwirbel bis an die letzten Huser, und bei Raschmacher Gnzel bogen sie
links ein aufs freie Feld, da, wo die Reeperbahn ist. Halt! kommandierte der
alte Fllgraf, und dann formierten sie Carr, aber die vierte Seite war offen,
und hier war das Grab. Ich stand mit Kerkow zwischen den Pappeln, und wir sahen
den Sand, der frisch aufgeworfen auf dem Schnee lag. Und mir zitterte das Herz,
denn fnf Mann und ein Sergeant waren jetzt aus dem Carr vorgetreten, und sie
verbanden ihm die Augen mit seinem Taschentuch. Ein altes blaues Tuch mit weien
Punkten. Und nun sollt er niederknien. Aber da mit eins ri er das Tuch wieder
ab und trat auf den General zu, der keine zehn Schritt von ihm hielt, und sagte
was, was ich nicht hren konnte. Aber ich sah, da der alte Fllgraf nickte und
mit der Hand ber seine Augen fuhr. Und da war es, als ob dem jungen Menschen
leicht ums Herz geworden wre, und er stellte sich gerad aufwrts hin und sah
lange gen Himmel, wohl eine Minute lang. Und nun war er fertig, und mit der
linken Hand, in der er noch das blaue Tuch hielt, schlug er an seine Brust und
rief: Hierher, Kameraden, hier sitzt das preuische Herz. Feuer! Und die Salve
krachte, und im nchsten Augenblicke war alles vorbei. Der alte Fllgraf aber
ritt heran und sagte zu dem Kommando: Gebt mir das Tuch. Aber der Tote hielt es
so fest, da es Mhe machte. Dann schlossen sie wieder auf und rckten in
Sektionen an uns vorbei. Jetzt spielten auch die Pfeifer, und ich merkte wohl,
da es etwas Lustiges sein sollte. Aber mir war nicht lustig ums Herz, als ich
so hinterherging. Es war erst ein Uhr, und erst um sechs hab ich meinen Schein
gekriegt. Waren das fnf Stunden!
    Damit legte er den vom alten Fllgraf unterzeichneten Quittungsschein auf
den Tisch. Jeder von den Bauern nahm das Blatt und sah nach der Unterschrift.
Dann sagte Sahnepott: Und warum es gerade sein eigenes Bataillon sein mute!
Sie haben ja Franzosen genug. Aber das ist solch franzsischer Kniff. Immer was
Apartes. Und grausam dazu.
    Sei doch still, Sahnepott, sagte Kmmritz verdrielich. Es kann nicht
jeder in die Milchschssel fallen. Du redst, wie du's verstehst. Apartes! Dummes
Zeug. Ein Deserteur wird totgeschossen, das is in der ganzen Welt so. Bei
Pirmasens faten wir auch einen, war auch ein hbscher Junge. Aber was half's
ihm? Krieg ist Krieg.
    Miekley wollte Sahnepott zustimmen, Kmmritz aber, der in Erregung war, lie
ihn nicht zu Worte kommen und sagte nur: Ich will nichts hren, Miekley. Du
bist in die Trakttchen gefallen, und das ist das Allerschlimmste. Uhlenhorst
will den Krieg abschaffen, aber der Krieg wird Uhlenhorsten abschaffen. Denn
wenn wir erst den Krieg haben, dann spricht er vor leeren Bnken. Und das kann
jeden Tag kommen. Ich sag euch, es geht los, und dann wollen wir uns wieder
sprechen. Der alte Gro-Quirlsdorfsche hat was vor, und den kenn ich, mit dem
ist schlecht Kirschen pflcken, und Uhlenhorst wird ihn nicht anders machen.
Landsturm oder nicht, er liest euch die Kriegsartikel vor, und was nicht
standhlt bei der Fahne, das kommt vors Kriegsgericht. Und was das bedeutet, das
wit ihr.
    Sahnepott und Miekley schttelten den Kopf.
    Schttelt nur; ich sag euch, es wird ernsthaft; wir erleben was, und hier
herum wird es am schlimmsten. Das hab ich aus der alten Prophezeiung. Wit ihr,
was die sagt? Es werden rote Reiter am Himmel ziehen, und die Menschen werden so
rar werden, wie die Strche Anno 57 rar waren, wo der groe Sturm sie
verschlagen hatte, da man alle fnf Meilen nur einen sah. Und so wie Gott
damals seinen Gottesvogel geschlagen hat, so wird er jetzt die Menschen
schlagen. Der Frieden aber soll bei Chorinchen geschlossen werden.
    Ja, sagte Krull, ich hab es auch gelesen letzten Sonntag im Kstrinschen
Anzeiger; 's war auf der letzten Seite, wo die kleinen Geschichten stehen und
die Rtsel.
    Und da steht auch heute die Antwort, sagte Kniehase und trat vom Fenster
her an den Mitteltisch heran. Wollt ihr's hren?
    Ja, riefen alle.
    Nun denn: Antwort auf den Klagepropheten in Nummer fnf des Anzeigers.
    Und was schreibt er?
    1812 wird viel Schnee fallen, und in Moskau wird ein groes Feuer sein.
    Der macht sich's bequem, brummte der alte Scharwenka, der prophezeit ins
Vergangene hinein.
    1813 aber, fuhr Kniehase zu lesen fort, da wird eine Zeit kommen, wie
noch keine war auf Erden. Da werden die alten Leute nicht znkisch und die
jungen Mdchen nicht neugierig sein. Die Doktors werden keine Geschichten mehr
erzhlen und die Richter nur bei Nacht schlafen. Und man wird nur im Herbst Wein
machen. Die Reichen werden menschlich und die Bettler werden fleiig sein. Und
alle Leute desselben Standes werden sich untereinander lieben.
    Die Bauern lachten, und Kmmritz sagte: Auch ein Prophet. Einer, der klagt,
und ein anderer, der Spa macht. Aber welcher ist der rechte?
    Immer der, der ernst sieht, meinte Miekley.
    Nein, Miekley, sagte Kniehase, immer der, der heiter sieht. Die Welt geht
nicht unter und wir auch nicht.
    Alle waren einig, da Kniehase recht habe, sonst sei es gar kein Leben mehr.
    Ein paar von den Bauern schrieben sich noch fr ihre Frauen und Tchter die
neue Prophezeiung ab, Sahnepott aber nahm den jungen Scharwenka beiseite und
lie sich noch von dem Deserteur erzhlen. Denn er war derjenige im Kreise, der,
weil er der Schwachnervigste war, auch am meisten das romantische Bedrfnis
hatte.
    Und dann trennten sie sich.

                               Siebentes Kapitel



                              Frau Hulen schreibt

Am andern Morgen saen die Geschwister allein am Frhstckstisch; Berndt war
noch immer nicht zurck, die Schorlemmer in der Wirtschaft ttig. Lewin hatte
sich sichtlich erholt, sprach aber wenig, so da Renate froh war, Hoppenmarieken
unter der Auffahrt erscheinen und wie gewhnlich durch Erhebung ihres
Hakenstockes andeuten zu sehen, da sie Briefe bringe. Gleich darauf trat sie
denn auch ein, von der Schorlemmer begleitet, und legte Briefe und Zeitungen auf
den Tisch. De een is von Faulstichen, sagte sie, was sie, da sie nicht lesen
konnte, dem Siegel oder irgendeinem andern uerlichen Zeichen entnommen haben
mute. Und sie hatte recht. Faulstich schickte seine mehrerwhnte Kantate und
benutzte die Gelegenheit, da sich nach Guse hin keine medisanten Briefe mehr
richten lieen, den unter Handschuhmacher Pfeiffer erfochtenen Sieg der
Kirch-Gritzer in einem ironisch pomphaften Bulletin zu verherrlichen. Einzelne
Verse unter der berschrift Die Schlacht an der Krampe waren eingestreut. In
diesen hie es:

Und als sie sich den Mut geschrft
An dem Lebenswasser von Danzig,
Durchbrachen sie den roten Werft,
Alle neunundzwanzig.

Und Gritz und sein Vogel Greif
Kamen in Zorn und Eifer,
Da wurde Knig der Than von Feif',
Unser Handschuhmacher Pfeiffer.

Hoppenmarieken hatte diese Reime noch mit angehrt und dabei die Hnde gefaltet,
als ob es Gesangbuchverse wren. Zuletzt aber, als sie den Namen Pfeiffers
hrte, fand sie sich zurecht und sagte: Joa, diss' Pfeiffer, diss' ltt
Humpelbeen. In Schullen st he mmer; nu wahren s' em wull vern Kopp
tosammensloan.
    Und damit griff sie nach ihrer Kiepe und stapste wieder aus dem Zimmer
hinaus.
    Lewin schob den Brief zurck, der ihn wenig angenehm berhrt hatte. Ganz
Faulstich; immer ein Auge fr das Lcherliche, und weiter nichts. Kein Einsetzen
seiner selbst. Da bin ich doch schlielich mehr noch fr Handschuhmacher
Pfeiffer. Aber la sehen, was der andere Brief bringt.
    Dieser andere war ein kleines, auf der Rckseite mit einem
Glaube-Liebe-Hoffnung-Petschaft gesiegeltes Viereck, obenauf aber mit einer
ziemlich langen, hintereinander fortlaufenden Adresse versehen, die sich durch
Rechtschreibung gerade nicht auszeichnete. Seiner Edelgeboren Herrn Lewin von
Vitzewitz, zur Zeit in Hohen-Vietz bei Kstrin; frei. Lewin glaubte die
Schriftzge oft gesehen zu haben und wute doch nicht wo. Neugierig erbrach er
das Siegel, um nach der Unterschrift zu sehen. Von meiner alten Hulen!
    O lies, sagte Renate, und die Schorlemmer setzte hinzu: Das wird uns
besser gefallen.
    Wer wei, meinte Lewin. Aber man hrte seiner Stimme an, da er desselben
Glaubens und seiner Sache ziemlich sicher war. Und so las er:

Lieber junger gndiger Herr!
    Es sind jetzt recht schwere Zeiten, wie mir Frulein Renate von Bohlsdorf
her geschrieben hat, damit ich doch wte, wo Sie wren. Und das war eine rechte
Gte von dem lieben Frulein.
    Ja, schwere Zeiten sind es, und ich mag gar nicht davon sprechen. Aber das
mu ich Ihnen als eine alte Frau doch sagen, es war nichts fr Sie. Ich hab es
gleich gesehen; sie war wohl schlank wie eine Wespe, aber die stechen auch, und
dann mu man Erde auflegen, da der Schmerz vergeht. Und ist es das Herz, dann
ist es schlimm. Ja, lieber junger Herr, so war es auch mit Ihnen, da Ihnen Erde
aufgelegt werden sollte. Aber der liebe Gott wollt es nicht und hat anders
geholfen, ohne Tod und Sterben, und hat Sie zu einem rechten Glcke aufgehoben.
Bis hierher hatte Lewin gelesen, aber jetzt flimmerte es ihm vor den Augen, und
er lie die Hand sinken, in der er das Blatt hielt.
    Renate nahm es, um statt seiner zu lesen, und wiederholte leise: Zu einem
rechten Glcke aufgehoben. Dann fuhr sie fort: Das wei ich ganz bestimmt. Das
hab ich Ihnen angesehen, denselben Tag, als Sie bei mir mieteten und gleich
sagten: Das finde ich zuwenig, Frau Hulen, und mir aus freien Stcken zulegten.
Ach, wer so ein Herz fr die armen Leute hat, fr den hat der liebe Gott auch
ein Herz und lt ihn nicht umkommen, und Sie haben es auch wohl erfahren, was
wir letzten Sonntag wieder gesungen haben:

Oft hast du mich gelabet,
Mit Himmels Brot gespeist,
Mit Trost mich reich begabet-

Ja, lieber junger Herr, das sind rechte Trostesworte, so recht fr arme Leute
geschrieben. Und am Ende sind wir alle arm, auch wenn wir reich sind. Sie wissen
schon warum.
    Und dieses alles hatt ich Ihnen schreiben wollen, lieber Herr Lewin, wie ich
Sie als alte Frau doch wohl nennen darf. Und wenn Sie wieder bei Wege sind, da
werden Sie doch wohl wieder bei der alten Hulen wohnen wollen. Das meinte das
gndige Frulein auch. Und Sie kriegen solche Wohnung auch gar nicht wieder,
denn es pat alles. Der Grne Baum und die Singuhr und die Klosterkirche. Aber
von der will ich weiter nicht reden, weil sie so katholisch aussieht.
    Bitte, gren Sie das gndige Frulein, die so gut ist und an eine alte Frau
gedacht hat, als welche ich hochgeneigtest bin und verbleibe
                                         Ihre Wilhelmine Hulen, geb. Petermann.

Lewin wollte das Blatt zurcknehmen, aber Renate sagte: Nein, noch nicht. Es
gibt noch eine lange Nachschrift. Und sie las weiter: Ich mu Ihnen, junger
Herr, doch auch noch vermelden, da der Herr Rittmeister von Jrga fort ist. Er
war hier und fragte nach Ihnen. Und der spaige kleine Hauptmann auch. Sie gehen
beide nach Breslau, wohin jetzt alles geht. Denn der alte Lehwe hat doch recht
gehabt, und Preuen kommt wieder auf. Und morgen soll es in der Zeitung stehen.
Aber die Menschen wollen ja nicht warten, und das ist ein Laufen und Trommeln,
als htten wir schon den Krieg. Und wer zu alt ist oder zu schwach, der gibt,
was er hat, oder er sammelt. Die Potsdamer Kadetten haben vierzig Taler
gesammelt.
    Renate lachte, denn dieser ersten Nachschrift, dicht an den Rand gekritzelt,
folgte noch eine zweite: Denken Sie sich, junger Herr, der lahme Kellerjunge
von nebenan will auch mit. Er sagt, der Knig kann alles brauchen. Und
vorgestern hab ich mir im Blkschen Saal den Brand von Moskau angesehen. Gott,
wie das so aufschlug! Ich dachte, wir mten alle mit verbrennen. Ihre Obige.
    Die Schorlemmer hatte mit einer Art Andacht dem Geplauder dieses Briefes
zugehrt. Das ist eine gute Frau, sagte sie jetzt und setzte dann hinzu: Wir
wollen ihr eine Kiste schicken! - Nicht wahr, Renatchen? Und damit verlie sie
das Zimmer, um die Geschwister allein zu lassen.
    Sie traf damit den Wunsch beider, zumal Renatens, die nach einer Weile des
Bruders Hand ergriff und leise fragte: Darf ich mit dir sprechen, Lewin?
Dieser nickte.
    Die Hulen hat recht, begann Renate, sie hat es in ihrer Herzenseinfalt
getroffen. Und nun hre mich an. Du bist jetzt zwei Tage hier, und wir knnen
nicht so nebeneinander hergehen, immer nur in ngstlicher Vermeidung dessen, was
uns das Herz bedrckt. Du bist verwundert, weil ich sage uns. Aber es ist so,
denn ich bin bedrckt wie du.
    Sie schwieg und hatte vor, von Kathinka zu sprechen, aber der Name wollte
ihr nicht ber die Lippen, und so fuhr sie fort: Ach, ich habe sie so geliebt,
mehr als eine Schwester. Sie hatte das vornehme Wesen, das so gefllt, und sie
hatte mir es angetan, mir und dir und jedem. Ich mu noch an den Morgen denken,
als ihr nach Kirch-Gritz ginget, du und Tubal, und die Tauben an das Fenster
kamen und sich liebkosend an sie drngten, als ich kaum erst den Riegel geffnet
hatte. Das verdro mich damals. Aber ich hatte unrecht. Es flog ihr eben alles
zu. Auch die Tauben. Und auch Marie ging in ihr auf und verzehrte sich in
Bewunderung, ja, sie verzehrte sich, denn ihr blutete das Herz.
    Lewin, dem kein Wort entgangen war, lchelte und sagte: Wir hren gern das
Lob von dem, was uns verlorenging. Sonderbar, indem es uns das Gefhl des
Verlustes steigert, trstet es uns. Aber du darfst auch tadeln, Renate, tadeln,
ohne Furcht, mir wehe zu tun. Denn ich wurde frei im Herzen, nicht durch eigene
Kraft und kaum durch eigenen Willen, aber als ich vorgestern, in den hellen
Wintertag hinein, hierherfuhr, da fhlt ich, da ein altes Leben von mir abfalle
und ein neues Leben beginne. Es klingt alles noch in mir nach,
leise-schmerzlich, aber ich bin doch ein Genesender.
    Ach, da ich sprechen knnte wie du, sagte Renate. Dir liegen die trben
Tage zurck, meiner aber harren sie noch. Und wenn sie mir erspart bleiben, so
wird es doch immer ein Schweres sein, was mich vor einem noch Schwereren
bewahrt. Ich wei es, da es so kommen wird; ich fhl es vorahnend in meinem
Gemte.
    Lewin wollte antworten, aber Renate fuhr in wachsender Erregung fort: Es
ist ein dunkles Haus, und was sie selbst nicht haben, das knnen sie niemand
geben: Licht und Glck. Es war immer ihr Schicksal, Liebe zu wecken, aber nicht
Vertrauen. Vertrauen, die Mutter aller Liebe und ihr Kind. So las ich einmal,
und es ergriff mich damals tief. Aber ich hab es seitdem anders gefunden. Es
gibt auch eine Liebe ohne Vertrauen, und ich heg eine solche; du weit zu wem,
und ich kann sie nicht aus meinem Herzen reien. Und deshalb werd ich nicht
glcklich sein.
    Doch, Renate, du wirst es. Glcklicher als ich.
    Sie schttelte den Kopf.
    Tubal...
    ... ist seiner Schwester Bruder, unterbrach ihn Renate in schmerzlicher
Bewegung, ist Kathinkas Bruder.

                                 Achtes Kapitel



                           Hauptquartier Hohen-Vietz

Ihr Gesprch wurde durch das Vorfahren eines Wagens unterbrochen, und Renate,
die den Blick auf das Fenster frei hatte, rief: Der Papa! Er war es und trat
den Geschwistern, die sich rasch erhoben hatten, schon im Vorzimmer entgegen.
Die Begegnung war herzlich; er kte Renaten die Stirn und nahm dann Lewin bei
beiden Hnden, whrend er ihn zugleich bis an die Fensternische zog.
    La sehen, sagte er und musterte ihn von Kopf zu Fu mit scharfem Auge.
Nun, ich lese gute Zeitung; es war dein erster Schmerz, er tut am wehesten,
aber er heilt auch am schnellsten. Junge Tage, kurzes Leid. Du wirst auch noch
die Kehrseite davon kennenlernen. Und nun nichts mehr davon. Lat uns Platz
nehmen.
    Jeetze war eingetreten, um den Frhstckstisch zum zweiten Mal zu decken,
und die Schorlemmer erschien, um ihren Teil an der Freude des Wiedersehens zu
haben. Denn so herrnhutisch khl ihr Herz auch schlug, so verga sie doch dieser
Khle, wenn, nach Tagen oder Wochen der Trennung, die Stimme des alten Vitzewitz
zum ersten Male wieder hrbar wurde. Auch Hektor hatte sich eingefunden, und so
war alles beisammen.
    Wie wir dich erwartet haben, Papa! sagte Renate. Nicht aus Liebe, denn
davon liebst du nicht zu hren, aber aus Neugier. Wir wissen nichts oder so gut
wie nichts. Erzhle! Wie starb sie?
    Hat denn Seidentopf nicht davon gesprochen?
    Ja und nein. Er sprach von ihrem Begrbnis, aber nicht von ihrem Tod. Ich
werde den Gedanken nicht los, da es ein Schreck war, der sie ttete.
    Und du triffst es. Der Tod mu sie pltzlich berrascht haben. Ich sah sie
noch in der Stellung, in der sie Eve denselben Morgen gefunden hatte. Sie sa in
dem groblmigen Lehnstuhl zu Fen ihres Bettes, ihre noch offenen Augen auf
den Stehspiegel gerichtet. Das Buch, in dem sie gelesen, ein Band Diderot, war
ihr entfallen und lag neben dem Stuhl.
    Und wie war sie gekleidet?
    Schwarz. Eva war den Abend vorher von ihr fortgeschickt worden; sie wollte
selbst ihre Nachttoilette machen. Das war um elf. Um diese Stunde mu es
geschehen sein oder nicht viel spter.
    Und... Renate stockte.
    Ich wei, was du fragen willst, fuhr Berndt fort. Der Spiegel, als ich in
das Schlafzimmer trat, hatte seinen grnen Vorhang. Aber Eve wurde rot, als ich
darnach fragte, und widersprach sich ein Mal ber das andere. Das arme Ding; ich
wollte nicht weiter in sie dringen. Um so weniger, als ich sicher bin, da sie's
am Abend vorher vergessen hatte.
    Wer ein Gespenst grozieht, den bringt es um, sagte die Schorlemmer.
    Wir sollen es nicht groziehen, aber wenn es da ist...
    So sollen wir seiner nicht achten. Dann schwindet es. Es kann Miachtung
nicht ertragen, denn es ist eitel wie alle hllische Kreatur.
    Berndt lchelte, gab der Schorlemmer die Hand und sagte: Unser alter
Streit! Vielleicht, da wir noch mal Frieden darber schlieen. Aber lassen wir
das. Was ich euch noch zu sagen habe, Kinder, hat einen bessern Klang. Wir sind
reich! Und wenn du dich im Spiegel siehst, Renate, so siehst du das Bild einer
Erbtochter.
    Ich wut es, triumphierte die Schorlemmer. Ich hab es dir prophezeit, den
Abend in Bohlsdorf, als Doktor Leist seinen ersten Besuch machte.
    Renate wurde rot, denn sie gedachte auch manches anderen noch, das die
Schorlemmer damals gesagt hatte; Berndt aber, ohne des Zwischenfalls zu achten,
fuhr fort: Ein Testament ist nicht da. Von einem gesetzlichen Anspruch der
Pudaglas an Guse kann keine Rede sein. Es ist Allod. So fllt es an mich, als an
den nchsten Erben. Ich habe mit Ladalinski, den ich vorlufig das Interesse der
Pudaglas zu vertreten bat, die Dinge durchgesprochen; er wei, in welchem Sinn
ich mich glcklich schtzen wrde, Wnschen oder Ansprchen des ihm so nahe
verwandten Hauses, vor allem aber seinen eigenen Wnschen entgegenzukommen. Es
berhrt das alte Plne der Tante. Ihr kennt sie. Von dem Augenblicke an, meine
teure Renate, wo du gewhlt haben wirst, gehrt Guse dir, ich bin nur Nutznieer
und Verwalter. Im brigen sollen dich diese Worte zu nichts bestimmen, deine
Wahl ist frei.
    Die Geschwister schwiegen, und selbst die Schorlemmer fand keinen Spruch,
der ausgedrckt htte, was in ihr vorging. Berndt schien es zufrieden, und
whrend er nach seiner Gewohnheit dem neben ihm liegenden Hektor von den mit
Fleisch belegten Brotschnitten zuwarf, die fr ihn selbst bestimmt waren, fuhr
er fort: Und so wren wir denn reich, reich in diesen allerrmsten Tagen. Und
so gewi Gott wei, da es mich nie nach irdischem Besitz gedrngt hat, so gewi
ist es auch, da mich dieser Besitz jetzt freut. Ich fhle mich freier. Denn da
ich es euch gestehe, die Not und Drangsale dieser Zeit lagen schwer auf mir,
schwerer, als ich es vor euch wahrhaben mochte. Die niedergebrannte Scheune...
    ... die bauen wir nun wieder auf, Papa.
    Und den Saalanbau...
    ... den nicht, lachte Renate. Dazu versag ich, als Erbtochter, die
ntigen Mittel. Nein, da machen wir klares Spiel und ziehen den Garten bis vor
das Haus, ganz wie drben in Hohen-Ziesar, und der Graf selber mu uns dabei
behilflich sein. Das ist ja seine Passion. Ich bin fr Reseda und Levkojen, aber
nur als Rabatteneinfassung, und aus der Mitte der Beete wachsen Malven auf.
Zimmetfarbene und wie von Atlas, die lieb ich am meisten. Und die beiden
Derfflingerkanonen schaffen wir von Guse herber, nur den Faun lassen wir da,
und auf den Damm stellen wir eine Sonnenuhr oder noch lieber eine groe schwarze
Glaskugel, drin sich die Dorfstrae spiegelt und Hoppenmarieken, wenn sie
vorbergeht.
    Das lt sich hren, Renate, und ich sehe, da du dich schnell in die
besseren Tage hineinlebst. Nur deinem eigenen Schlo, als das ich Guse vorlufig
ansehe, darfst du, dem alten Hohen-Vietz zuliebe, nichts entfhren wollen, und
wenn es auch nur die zwei Derfflingerkanonen wren. Wer wei brigens, was davon
brigbleibt? Vorlufig sind die Franzosen drben und nehmen mit, was ihnen
gefllt. Wenigstens wenn wir ihnen nicht auf die Finger sehen. Komm, Lewin, da
wir darber sprechen.

Berndt erhob sich, Lewin folgte. Sie gingen in das einfenstrige Zimmer, darin
Vater und Sohn zu Beginn unserer Erzhlung ihr erstes Gesprch ber
Volksaufstand und endliche Vernichtung der Fremdherrschaft gehabt hatten. Es
hatte sich nichts gendert: hier das Sofa und dort das Bild, und an dem breiten
Fensterladen die Karte von Ruland mit ihren verschiedenfarbigen Nadeln. Alles
wie damals am ersten Weihnachtsfeiertage.
    Der alte Vitzewitz nahm Platz, streckte seinen Fu, wie er zu tun pflegte,
auf den vor seinem Arbeitstische stehenden Schemel und sagte: Setz dich, Lewin.
Ehe wir von anderem sprechen, noch ein Wort ber dich. Ich wollt es vor den
Frauen nicht ausspinnen. Sie drfen nicht zuviel davon hren; gleich schwillt
ihnen der Kamm. Denn alle wollen herrschen, und es freut sie, da sie soviel
Macht ber uns haben. Darin sind sie sich alle gleich und in einer ewigen
stillen Verschwrung gegen uns.
    Lewin sah vor sich hin; Berndt nahm seine Hand und fuhr fort:
    Es lt sich leicht sprechen ber Schweres, das uns selber nicht mehr
drckt oder vielleicht nie gedrckt hat. Ja, es ist so; was dich drckt, Lewin,
ist mir erspart geblieben. Aber anderes, anderes! Ich wei davon und wei auch:
leben heit berwinden lernen. Den beweglichen Naturen, Naturen wie der
deinigen, hat Gott es in solchen Kmpfen am leichtesten gemacht. Und so wut
ich, da du's berwinden wrdest. Was noch fehlt, bringt die Zeit und unsere
Zeit rascher als jede andere. Denn alles drngt nach Aktion, und Handeln ist so
gewi das Beste, wie Brten das Schlimmste ist. Diese Tage werden dich frei
machen.
    Ich bin es, Papa. Als du vorfuhrst, hatt ich mit Renaten ein Gesprch
darber. Es liegt hinter mir. Was noch fehlt, ist blo ein Krperliches. Es
waren schwere Krankheitstage, und sie wirken noch nach. Weiter nichts. Aber was
ist es mit Guse? Du wolltest davon erzhlen.
    Ja. Und so hre denn. Gestern nachmittag, ich war eben erst aus der Kirche
zurck, wo mir Nippler seine Komposition zu der Kantate vorlufig auf der Orgel
vorgespielt hatte, als es im ganzen Dorfe hie: die Franzosen kommen. Und
richtig, es war so. Eine Viertelstunde spter rckten hundert Mann ein und
hielten vor dem Schlo. Sie waren von verschiedenen Regimentern des Oudinotschen
Corps und fhrten eine Kriegskasse mit sich. Als ich an sie herantrat, begrte
mich ihr Fhrer, ein schwarzer Italiener, der sich Conte di Rombello nannte.
Seiner Charge nach ein Kapitn. Er sprach, um mich einzuschchtern, von dem
Hauptcorps, das morgen nachrcken werde, und forderte Quartier. Ich zeigte mich
sofort bereit (mir htte nichts Lieberes passieren knnen) und lud ihn auf das
Schlo, wo ich ihm unter den Zimmern desselben die Wahl freistellte. Er whlte
das Spiegelzimmer, ein etwas sonderbarer Geschmack. Aber das ist seine Sache.
Hbsch ist er, und so wird er sich sehen wollen. Die Kriegskasse steht in der
Halle, die vorlufig zum Schutze der Gelder in eine Art Wachlokal umgeschaffen
worden ist. In den Rumen daneben liegen dreiig Mann, ebenso viele hab ich in
der alten Derfflingerkaserne, den Rest bei den Bauern untergebracht.
    Und nun dein Plan?
    Der Trupp will morgen frh weiter. Was also geschehen soll, mu rasch
geschehen. Bamme wei davon; aber ich hab es bei einer bloen Meldung bewenden
lassen. Wir machen es mit dem, was wir hier zur Hand haben. Rechnen wir die
Manschnower und Gorgaster mit hinzu, so haben wir hundert Mann. Damit zwingen
wir's, denn sie sind matt wie die Fliegen, und der moralische Halt ist lngst
heraus. Dazu Nacht und berraschung. Es kann nicht fehlen. Was vereinzelt bei
den Bauern liegt, ist froh, mit dem Leben davonzukommen. So handelt sich's nur
um das Schlo. Vorn an der Sphinxenbrcke steht ein Doppelposten, den lassen wir
stehen. Wir passieren statt dessen den Graben, da, wo das Schwanenhuschen
steht, und dringen von hinten her ein. Kniehase mu das leiten. Ich fr meine
Person nehme den Conte gefangen, und du und Wenzlaff sind mit mir. Sind wir
geschickt, so darf es uns nicht einen Mann kosten. Die Kriegskasse bleibt unser;
das heit bis auf weiteres. An dem Tage, wo sich der Knig erklrt hat, schaffen
wir sie nach Berlin. Dort wird man sie brauchen knnen, denn Geld ist immer das
Knappste im Lande Preuen.
    Und die Gefangenen?
    Es soll ihnen kein Haar gekrmmt werden. Ich bin aus der Weiglhhitze
heraus. Entsinne dich dessen, was ich dir schrieb: Wir wollen einen regelrechten
Krieg haben. Und so schicken wir denn die Gefangenen zu den Russen. brigens
will ich nicht behaupten, da sie dort gut gebettet wren. Und nun la uns zu
Kniehase gehen, da wir alles Nhere mit ihm besprechen. Um neun mssen wir
marschfertig und um Mitternacht in Guse sein.
    Damit nahmen sie Hut und Stock und schritten ber den Hof hin auf die
Dorfgasse zu.

Eine Stunde spter kehrten Berndt und Lewin aus dem Schulzenhofe zurck, wo sie
mit Kniehase den Coup noch einmal durchgesprochen und alle zur Ausfhrung
ntigen Schritte verabredet hatten. Sie fanden Jeetzen in groer Aufregung, was
Berndt zu der Frage veranlate: Du trippelst wieder, Jeetze, was ist passiert?
    Der Herr General ist da.
    Bamme?
    Ja; General von Bamme. Der gndige Herr waren noch keine Viertelstunde
fort, als er vorritt auf seinem kleinen Shetlnder. Der gndige Herr wissen
schon, auf dem isabellfarbenen mit der schwarzen Mhne. Krist und ich haben ihn
bei den Ponies untergebracht.
    Den Shetlnder. Aber wo ist der General?
    Oben. Ich habe gleich einheizen mssen, weil es klamm und kalt war. Er
sitzt in der Amtsstube und hat seinen grauen Mantel anbehalten und die Pelzmtze
auf.
    Die beiden Vitzewitze stiegen nunmehr treppauf und fanden den General genau
so, wie Jeetze ihn beschrieben hatte. Vor ihm, auf dem ziemlich in der Mitte
stehenden Arbeitstische, lag eine groe, mit Tintenfa und Papierschere
festgehaltene Spezialkarte von Barnim und Lebus, auf der sich der kleine, mit
seinem Oberkrper weit vorgebeugte Mann mhsam zu orientieren suchte. Ein
Versuch, der ihm durch die dichte Tabakswolke, in der er steckte, nicht eben
erleichtert wurde.
    Guten Tag, General.
    Guten Tag, Vitzewitz. Sie sehen, ich habe mich hier eingerichtet ohne
Meldung oder Anfrage. Sonst nicht meine Gewohnheit. Aber Sie mssen jetzt dem
alten Bamme den General in Rechnung stellen, und zwar zu seinen Gunsten. Mein
altes Gro-Quirlsdorf liegt zu sehr aus der Welt, und rundheraus, ich gedenke
Hohen-Vietz zu meinem Hauptquartier zu machen. Anfangs war ich unschlssig, ob
ich nicht unser grfliches Hohen-Ziesar vorziehen sollte; aber Hohen-Vietz ist
besser. Hier luft die groe Strae, und was von Kstrin aus nach Westen will,
mu an Ihren Fenstern vorbei.
    Ich freue mich, General, da Sie die Wahl so und nicht anders getroffen
haben.
    Und um die Wahrheit zu gestehen, fuhr Bamme fort, es ist nicht blo wegen
der Lage, es ist auch Ihretwegen, Vitzewitz, da ich mich hier und nicht in
Hohen-Ziesar einquartiert habe. Sie sind nun einmal die Seele von der Sache,
haben alles geplant, sind vom Metier und kennen das Lokal. Und das ist die
Hauptsache. Sehen Sie, da sitz ich hier ber der Karte und spiele meinen eigenen
Generalquartiermeister. Aber wie! Mehr als dreiigmal bin ich in dieser halben
Stunde zwischen Kstrin und Berlin hin- und hergefahren, ohne auch nur drei
richtige Wolfsgruben ausfindig gemacht zu haben.
    Wolfsgruben? fragte Berndt und sah dem Alten verwundert ins Gesicht,
whrend Lewin einen Stuhl an die Rckseite des Tisches schob, um wenigstens von
obenher auf die vor Bamme ausgebreitete Karte sehen zu knnen.
    Ja, Wolfsgruben oder auch Fuchsfallen, wie Sie wollen. Und nun hren Sie
mich an. Darin, da etwas geschehen mu, in dem Punkte sind wir einig. Und auch
darin, da es die hchste Zeit ist. Die Marschlle und Corpskommandanten sind
fort, alle die groen Namen, aber von den Kleinen stecken noch Hunderte zwischen
Weichsel und Oder, und die mssen wir haben. Also wegfangen oder, wenn Sie
wollen, Wegelagerung, Stellmeiserei. Vor Worten darf man nicht erschrecken, am
wenigsten wir; etwas von unserer Ahnen Blut und Metier wird uns doch wohl
verblieben sein. Ob man uns, was wir vorhaben, danken wird, ob wir gut damit
fahren werden? Das ist freilich die Frage. Ich zweifle fast. Sie kennen meine
Ansicht darber. Das Auf-eigene-Hand-Tun ist hierlandes immer suspect gewesen,
wie Grfin Schwester gesagt haben wrde. Man mag uns oben nicht. Und sie haben
auch ganz recht, die Nrnberger Herren, denn man sieht wohl, wo es anfngt, aber
nicht, wo es endet.
    Bamme, der, wenn es die Frage Hohenzollern contra Quitzow und Genossen
galt, jedesmal zu labyrinthischen Exkursen weggerissen wurde, hatte auch heute
wieder den Faden verloren, weshalb Vitzewitz ohne weiteres auf die schwebende
Frage zurckgriff. Also Wolfsgruben.
    Bamme lachte, zndete den kleinen Meerschaum, der ihm whrend des Sprechens
ausgegangen war, wieder an und sagte: Ja, Wolfsgruben, Vitzewitz, oder, da das
groe Wort schon gesprochen wurde: Wegelagerungsetappen, Generalsfallen. Es ist
nicht ntig, da es immer Generale sind. Wir nehmen auch Compagniechefs. Alles,
was hineinfllt, ist gut. Nur nicht whlerisch. Da haben Sie die Sache. Aber
wollen Sie glauben, Vitzewitz, da ich auf diesen zehn Meilen auch nur drei
solche Generalsfallen htte herausspintisieren knnen! Auf Ehre, nicht eine. Und
warum nicht? Weil ich ein Havellndischer bin und, zu meiner Schande sei es
gesagt, mich in vollen siebzehn Jahren in Barnim und Lebus nicht zurechtgefunden
habe. Rathenow, Havelberg, da wei ich Bescheid, da kenn ich Weg und Steg. Aber
was kenn ich hier? Hohen-Vietz und Hohen-Ziesar.
    Und Guse.
    Ja, Guse. Das wre nun solche Falle gewesen. Aber weg sind sie.
    Wer? was? rief Berndt.
    Alles! Die hundert Mann, der Conte und die Kriegskasse. Und das letzte ist
das Schlimmste. Vor zwei Stunden, keine dreihundert Schritt vorm Dorf, passierte
ich den ganzen Trupp, ihren Geldkasten mitten in der Kolonne. Gescheite Leute.
Sie mssen Wind gekriegt haben. brigens ein entzckender schwarzer Kerl, dieser
Conte. Und wie das schwatzte und parlierte! Ich htt ihn der Tante noch gegnnt;
nichts fr ungut, Vitzewitz. Berndt stampfte mit dem Fue, nicht um der Tante,
sondern um des gescheiterten Coups willen.
    Ist es doch, als ob es nicht sein sollte, rief er. Immer wieder verfehlt,
immer wieder hinausgeschoben. Sagen Sie selbst, Bamme, in demselben Augenblicke,
in dem wir den Hirsch beschleichen wollen, raschelt es, und er geht wieder ins
Weite.
    Lassen Sie ihn, Vitzewitz; die Tage wechseln. Eine Karte verliert und die
nchste gewinnt. brigens wett ich sechs Flaschen Chateau d'Yquem gegen eine
Chateau Krach, da der Conte, trotz seiner wundervollen Augen, nicht drei Meilen
weit kommt. Die Generalsfallen sind zwar noch nicht fertig, aber mitunter machen
sie sich von selbst. Und was die Gelder angeht, so hab ich den Trost, wenn ein
Armeecorps herunter ist, so ist es seine Kriegskasse auch. Und dieser arme
Oudinot hat so recht eigentlich die Zeche bezahlen mssen. Also begraben wir's.
    Wir werden es mssen, sagte Berndt. Geh, Lewin, und sage Kniehase, da er
die Mannschaften lt, wo sie sind, vor allem die Manschnower und Gorgaster. Wir
drfen sie nicht durch unntzes Hin-und Herziehen widerhaarig machen, sonst
fehlen sie, wenn wir sie brauchen.
    Und als diese Punkte reguliert und im Eifer ber Neuzuverfolgendes der Guser
Fehlschlag halb schon wieder vergessen war, trat Jeetze ein, um zu melden, da
das Diner angerichtet sei.

                                Neuntes Kapitel



                                Ein Aide de camp

Bamme zu Ehren war in der Halle gedeckt worden. Ein groes Kaminfeuer brannte,
drauen fielen Flocken, und die alten Vitzewitze sahen aus ihren Rahmen
verwundert auf den kleinen krhstimmigen Mann hernieder, der ein Mal ber das
andere Herr General genannt wurde. Zu ihren Zeiten hatten die Generale anders
ausgesehen. Vielleicht galt brigens ihre Verwunderung mehr noch der reichen und
ganz besonderen Tafelausstattung als irgend etwas anderem; denn nicht nur
brannten heute die schweren vierarmigen Silberleuchter, sondern zwischen diesen
Leuchtern paradierte auch noch ein unverhltnismig groer, die Donau mit all
ihren Zuflssen darstellender Rokokoaufsatz, auf dessen oberster Spitze die
Kaiserin Maria Theresia thronte. Das hatten die alten Percken-Vitzewitze seit
vollen dreiig Jahren nicht gesehen, und selbst unser Berndt war bei seinem
Eintritt in die Halle einen Augenblick wie betroffen gewesen. Renate aber, als
sie diesem Blicke begegnet war, hatte mit dem Zeigefinger erst auf sich selbst
gewiesen und dann dem Vater in schelmischer Laune zugeflstert: Ich, Papa, als
Erbtochter von Guse!
    Gleich darauf hatte man Platz genommen. Bamme zwischen Berndt und Renate,
Lewin und die Schorlemmer ihnen gegenber. Einer der gestellten Sthle war leer
geblieben, da der ebenfalls geladene Seidentopf noch in der letzten halben
Stunde hatte absagen lassen. Der alte Kosste Maltusch nmlich lag seit letzter
Nacht im Sterben und hatte nach dem Abendmahle verlangt. Von seiten Bammes war
unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Behinderungsgrundes allerhand wirres Zeug
ber Abendmahl und Mittagsmahl gemurmelt worden, aber so undeutlich und mit so
schlechtem Gewissen, da er selbst von der Schorlemmer, die dergleichen nie
durchgehen lie, nicht hatte zur Verantwortung gezogen werden knnen.
    Der alte Kosste Maltusch, nicht viel jnger als unser Freund Jeserich
Kubalke, wohnte dreiviertel Stunden vom Dorf hart an der Hohen-Ziesarschen
Grenze und war eigentlich schon auf einer Art Landzunge in die Drosselsteinsche
Feldmark hineingebaut. Das fhrte denn, nachdem auf dem Gebiete
Maltusch-Seidentopf-Kubalke mehrere Minuten lang geplnkelt worden war, alsbald
ins Grfliche hinber und vom Grflichen auf den Grafen selbst. Alle waren einig
in seinem Lobe; Renate sprach mit besonderer Wrme, und selbst die Schorlemmer
pries seinen vor ihm selbst verborgenen christlichen Sinn. Htt er einen
andern Verkehr gehabt, sagte sie, und statt in Zeiten des Abfalls in Zeiten
der Erweckung gelebt, er wr ein Mann geworden wie unser Graf.
    Danken wir Gott, erwiderte Bamme, da er geblieben ist, wie Natur und
Verhltnisse ihn schufen. Ich habe nichts gegen den lausitzischen Grafen, den
Sie, meine Verehrteste, als Ihren Grafen zu bezeichnen lieben; aber ich
erschrecke, wenn ich mir unseren Drosselstein, der, seine Tugenden in Ehren,
ohnehin schon nicht zu den Alleroriginellsten gehrt, als Zinzendorf den Zweiten
vorstelle. Es tut jeder gut, sich auf seine eigenen Beine zu stellen, diese
Beine mgen sein, wie sie wollen. Wir haben die unsrigen, Zinzendorf hatte die
seinigen. Wenn ich sage die unsrigen, so mu ich um Entschuldigung bitten, weil
ich mir wohl bewut bin, meine berechtigten Eitelkeiten nicht gerade nach dieser
Seite hin suchen zu drfen. Im brigen bleibt es dabei: Das Traurigste sind die
Dubletten. Woran ist Prinz Heinrich gescheitert? Die Grfin drben ist tot, und
so lt sich ohne Furcht vor einzubender Freundschaft allenfalls eine Antwort
auf diese Frage geben. Er ist gescheitert einfach an der Tatsache, da er doch
schlielich nichts anderes als beinah sein Bruder war. Da lob ich mir den alten
Ferdinand, den Sie neulich, Vitzewitz, in seinem Johanniter-Palais besucht
haben. Der war nie etwas, Gott wei es, aber er war doch wenigstens er selbst.
Nein, meine Werteste, lassen wir unseren Hohen-Ziesarschen Grafen, wie er ist.
Das wird das Beste sein fr ihn und fr uns. Er hat eben nur einen Fehler!
    Und der wre? fragte Berndt.
    Er wird das Pregelwasser nicht los, oder, was dasselbe sagen will, er
steckt zu tief in seinen ostpreuischen Vorurteilen. Achten Sie darauf, wenn er
ber politische Dinge spricht, speziell in diesen unseren Tagen, wo sie, nach
seiner ehrlichsten berzeugung, dort oben wieder beflissen sind, die
Weltgeschichte zu machen und Freiheit und Ordnung in Balance zu bringen. Ich
kenn ihn. In Ostpreuen ist die Mannhaftigkeit und in Knigsberg ist die
Weisheit zu Hause. Daran ist nicht zu rtteln, das ist Paragraph eins. Alles,
was sich in den anderen Provinzen findet, wird an dieser Elle gemessen. Auch wir
Mrker passieren nur so obenhin. Er lt uns gelten, aber blo als Rohmaterial.
Wir werden abgerichtet fr den Dienst, fr Armee und Verwaltung, aber aus uns
selber sind wir nichts und bedeuten wir nichts. Wir sind unfrei, Werkzeuge,
Hofsklaven, Hohenzollernsche Leibtrabanten.
    Berndt lchelte.
    Ja, General, sagte er, whrend er mit den Fingern der linken Hand leise
auf dem Tischtuch trommelte, bei Lichte besehen, ist es nicht so?
    Nein, Vitzewitz, nein. Natrlich, es gibt Ausnahmen, ein paar oder
meinetwegen auch viele. Aber das reizt mich eben, da man ber die Pehlemanns,
die Medewitz' und Rutzes, die nichts haben als Spieluhren, Gicht und Dummheit,
da man ber diese die Vitzewitze und die Bammes vergit. Hofadel! Bah! Der
Jagdjunker von Otterstdt, der den abgeleierten Spruch von Jochimken, Jochimken,
hde di an seines gndigen Herrn Kammertre schrieb, war auch bei Hofe.
Leibtrabanten! Unsinn! Frondeurs sind wir, alle oder doch die Besten von uns,
und Ab- und Einsetzen, das wre so unsere Passion, wenigstens die meine. Wann
waren die Bammes bei Hofe? Nie. Und die Vitzewitze nicht oft. Wir haben Anno 95
nicht gefragt, und jetzt fragen wir wieder nicht. Man geht zusammen, solang es
pat. Manus manum lavat. Wenn mir wohl wird, wird mir immer lateinisch.
Legitimitt, Loyalitt! Bah! Alles ist Akkord und Pakt und gegenseitiger
Vorteil.
    Und Eid, sagte die Schorlemmer.
    Bamme zuckte die Achseln.
    Meine Gute, fuhr er geringschtzig fort (denn er wute, da ihn die
Schorlemmer nicht leiden konnte), wenn es mit den Eiden ginge, so wrden die
Zinzendorfe die Welt regieren. Ich bezweifle, da wir dabei gewnnen. Denken Sie
sich eine tugendhafte Weltgeschichte. Wenigstens ich fr mein Teil mchte sie
nicht lesen. Es ist mit den Eiden wie mit den Gesetzen, sie sind nur dazu da, um
gebrochen zu werden. Wenigstens die politischen; die Liebeseide nehm ich
natrlich aus.
    Und dabei wandte er sich zu der neben ihm sitzenden Renate und kte ihr die
Hand.
    Ich wei, da Sie scherzen, sagte diese.
    Ach, meine Gndigste, fuhr Bamme fort, der auf seine Art eine Schwrmerei
fr Renaten hatte, ich scherze nicht, ich verfalle nur in meinen alten Fehler,
mir die Ohren nicht genau zu berechnen, vor denen ich spreche. Das alles waren
Stze fr die Grfin-Tante, nicht fr die schne Nichte. Ich war in diesem
Augenblicke in Guse, nicht in Hohen-Vietz. Pardon!
    Schon whrend diese letzten Worte gesprochen wurden, war von der Dorfgasse
her ein rasch sich steigerndes Schellengelute hrbar geworden, und gleich
darauf hielt ein Schlitten vor den Flachstufen des Hauses.
    Nach der Regel mte das Drosselstein sein, sagte Bamme und erhob sich
halb von seinem Stuhl, um schrfer nach dem Vorplatz hinaussehen zu knnen. Es
war aber nicht Drosselstein, vielmehr traten, zu nicht geringem Staunen Lewins,
Hirschfeldt, Grell und Tubal ein und wickelten sich, whrend letzterer erst zu
Vorstellung seiner beiden Reisegefhrten, dann zu Entschuldigungen ber ihr
allseitig unangemeldetes Erscheinen schritt, aus ihren Shawls und Mnteln
heraus.
    Berndt, gastlich und zerstreuungsbedrftig, gab seiner Freude ber den
unerwarteten Besuch - eine Freude, die, wie sich leicht denken lt, von dem
immer frisches Blut verlangenden Bamme geteilt wurde - den lebhaftesten
Ausdruck; nichtsdestoweniger blieb eine kleine Verlegenheit, die sich bei Lewin
und Renaten und mehr noch bei Tubal hinter einem bestndigen Hin- und Herfragen,
ohne da die Antwort abgewartet worden wre, zu verstecken suchte. Ja selbst die
Schorlemmer lie ihre sonstige Ruhe vermissen.
    Inzwischen waren Sthle gerckt worden, und da bei dem ersten Besetzen der
Tafel auer dem Seidentopfschen Platz auch noch die Schmalseiten oben und unten
frei geblieben waren, so wurde das Tischarrangement keinen Augenblick ernstlich
gestrt. Es war die Rede davon, einige der Gnge rasch noch einmal wieder
erscheinen zu lassen, alle Neuangekommenen aber lehnten auf das bestimmteste ab
und erklrten nicht nur, unterwegs eine sehr substantielle Mahlzeit eingenommen,
sondern auch, wie der Augenschein zeige, fr ihre Ankunft in Hohen-Vietz den
denkbar glcklichsten Moment, den des Desserts, getroffen zu haben. Dem stimmte
Bamme, der gerade Schwarzbrot und Biskuitschnitten mit frischer Butter
zusammenmrtelte, emphatisch bei und verschwor sich ein Mal ber das andere, da
die Feinschmecker aller Zeiten, von Lukull bis auf Friedrich den Groen, das
eigentliche Diner immer nur als den Sockel der drei groen Dessertgottheiten:
Bacchus, Momus und Pomona, angesehen htten.
    So phantasierte der Alte weiter, dessen guter Laune es denn auch
vorzugsweise zuzuschreiben war, da das befangene Hin- und Herfragen der ersten
Minuten einer ungezwungeneren Unterhaltung Platz zu machen begann. Jeder
beteiligte sich schlielich daran, insbesondere Tubal, aus dessen Mitteilungen
unter anderem auch ihr eigentliches Reiseziel erkennbar wurde. Sie befnden
sich, so versicherte er, auf dem Wege nach Breslau, wo sie dem durch Jrga und
Bummcke gegebenen Beispiele zu folgen und in die daselbst sich bildende
Freiwilligenarmee einzutreten gedchten. Der Aufruf, von dem alle Welt sprche,
sei zwar noch nicht da, niemand bezweifele aber, da er kommen werde (Jede
Stunde, warf Berndt dazwischen), und ein gestern von Jrga eingetroffener
Brief gbe bereits ein Bild des neuerwachten Lebens. So sei neben anderem auch
ein schlesischer Landsturm in Bildung begriffen. Alle Mnner von achtzehn bis
sechzig Jahren, soweit sie noch nicht Waffen trgen, sollten herangezogen
werden. Zweck dieses Landsturms sei, den Feind, wo er sich in schwachen
Detachements zeige, zu berfallen, Generale wegzufangen (Bamme schlug mit der
flachen Hand auf den Tisch) und mit Fourageurs und Marodeurs kurzen Proze zu
machen. Scharnhorst leite das Ganze; Blcher sei angekommen. Was aber am
schwersten wiege, der Knig selbst, der bis dahin an einem krftig-patriotischen
Aufschwung gezweifelt habe, sei jetzt selber von Zuversicht getragen. Und in
diesem neuen Glauben werd er sich befestigen, denn der Geist sei berall
derselbe. Von allen Seiten strmten Gaben herbei: Geld, Waffen, Equipierung;
jeder gbe, was er habe, und wer nichts habe, der gbe sich eben selbst. Alles
dies sei dem Jrgaschen Schreiben entnommen. Er seinerseits aber glaube noch
hinzufgen zu sollen, da in den nchsten Tagen schon neuntausend Freiwillige
von Berlin nach Breslau abgehen wrden.
    Diese Mitteilungen, mit Jubel aufgenommen, schlugen den letzten Rest von
Verlegenheit, wenn ein solcher berhaupt noch da war, in die Flucht, namentlich
bei Berndt, der ohnehin von Anfang an den Vorfall im Ladalinskischen Hause nicht
gerade von der allertragischsten Seite genommen hatte. Was war es denn
schlielich? Mehr dem Eigensinn als der Ehre des alten Geheimrats war eine
Niederlage bereitet worden. Bninski war Graf und reich, und Lewin - war jung.
Der Ungar, dem nicht nur Bamme, sondern die ganze Tafelrunde mehr und mehr
zuzusprechen begann, begann auch in gleichem Mae die gute Stimmung zu steigern,
und Berndt, erfllt von Plnen, deren Ausfhrung aus der Anwesenheit und dem
Verbleib seiner Gste nur Vorteil ziehen konnte, richtete schlielich die Frage
an Tubal: Bis wie lange?
    Bis morgen.
    Das war nun freilich nicht das, was er zu hren gewnscht hatte.
    Ihr mt bleiben, rief er, und uns zur Hand gehen. Mit dem Guser Coup
sind wir sitzengeblieben; dieser Conte war klger, als ich ihn nahm, und hat
seinen Kopf rechtzeitig aus der Schlinge gezogen. Aber die nchsten Tage mssen
etwas bringen, und wenn wir recta gegen Bastion Brandenburg oder den Hohen
Kavalier anstrmen sollten. Bamme und ich waren die ersten hier herum und
exerzierten schon, als sich jenseits der Oder noch keine Hand rhrte, und nun
haben sie drben den kleinen Krieg comme il faut, whrend wir immer noch
dasitzen wie die Spittelweiber in der Nachmittagspredigt.
    Ein strafender Blick der Schorlemmer traf ihn, und Berndt, nachsichtig bis
zur Schwche gegen die rigorsen Launen der alten Herrnhuterin, korrigierte sich
sofort und sagte, seinen letzten Satz in anderer Form wiederholend: Whrend wir
immer noch stillsitzen und unsere Hnde in den Scho legen. Aber das mu anders
werden. berall ist man uns voraus, in Soldin, in Driesen, in Landsberg. Und
nicht genug daran, keine Stunde Wegs von hier schlagen diese Kirch-Gritzer ihre
Krampenschlacht, und ehe wir's uns versehen, hat Faulstich den Pour le mrite.
Sind wir dazu da, um vor Handschuhmacher Pfeiffer die Segel zu streichen? Wir,
die wir zuerst gekrht haben, zuerst und am lautesten. Sollen wir uns sagen
lassen, da wir blo gespielt und mit Exerzitium und Trommelschlagen dem lieben
Herrgott die Zeit gestohlen htten. Nein, ich hasse nichts mehr als diese
Soldatenspielerei. Und warum? Weil ich Soldat war und das Ding ernsthaft ansehe.
Ein Brger, ein Bauer ist nicht gebunden, die Waffe zu nehmen, aber wenn er sie
nimmt, mu er sie brauchen, sonst ist er ein Narr oder ein Prahler.
    Es ist doch ein eigen Ding um den Ungar, schmunzelte Bamme und drehte
seinen Schnurrbart. So lt er uns beispielsweise die Rollen tauschen. Sie,
Vitzewitz, sprechen wie Bamme, so mu ich denn wie Vitzewitz sprechen. Das heit
ruhig und besonnen. Nein, Freund, Sie gehen zu weit, vor allem zu weit gegen
sich selbst. Zum Streiten gehren zwei, sagt das Sprichwort. Und zum
Bataillieren auch. Erst mssen wir sie haben, haben.
    Nicht doch, unterbrach ihn Berndt, verstecken wir uns nicht hinter diesem
Satz. Der Feind ist berall. Es braucht nur guten Willen, und wir begegnen ihm.
Suchet, so werdet ihr finden. Ein Sprichwort ist des anderen wert, und meines
ist sogar ein Spruch. Solche Trupps, wie die hundert Mann in Guse, sind jetzt
auf jeder Strae. Wir erklren sie gefangen, mehr ist nicht ntig. Es sind
Expeditionen (du warst ja dabei, Tubal), als ob wir Muschwitz und Rosentreter
aufsuchten, meine franzsischen Marodeurs von damals. Von Gefahr keine Rede,
viel weniger, als um unserer Reputation willen zu wnschen wre. Aber das Blatt
kann sich wenden, neue Regimenter des Vizeknigs mischen sich schon mit den
alten, und unter allen Umstnden, so oder so, du bleibst, du und deine Freunde!
    Tubal wechselte zustimmende Blicke mit Hirschfeldt.
    So bleiben wir denn, riefen beide, und Hirschfeldt, indem er sich gegen
Berndt verneigte, setzte hinzu: Der Aufruf ist noch nicht da, und die Bildung
der Freiwilligencorps hat kaum erst begonnen. So versumen wir nicht viel. Ist
doch Hohen-Vietz ohnehin eine Etappe nach Schlesien; in drei Tagen sind wir in
Breslau, sptestens in vier. Ich fr mein Teil stelle mich zu Diensten, und
unser Freund Grell, bei allem Kriegseifer, der ihn beseelt, wird ein Gesprch
ber Hlderlin, zu dem sich ihm hier die beste Gelegenheit darbietet, auch nicht
zu den verlorenen Stunden zhlen. Ich bitte den Herrn General, ber mich
verfgen zu wollen.
    Topp, Hirschfeldt, sagte dieser. Das nenn ich eingefangen! Sie sind mir
willkommener, als Sie wissen knnen. Es ist nichts Kleines fr einen alten
Zietenschen, der blo reiten und die Augen aufmachen kann, einen Aide de camp um
sich zu haben, der sich auf Karten und Listen und aufs Schreiberhandwerk
versteht. Denn ganz ohne Federfuchserei geht es nicht mehr in der Welt. Auf gute
Kameradschaft also!
    Und dabei klangen die Glser zusammen.

Eine Viertelstunde spter erhoben sich alle von der Tafel, und die beiden Damen,
whrend der Rest der Gesellschaft das Eckzimmer aufsuchte, stiegen in das obere
Stockwerk hinauf, um hier fr die Placierung ihrer Gste Sorge zu tragen. Sie
kamen berein, den Hlderlin-schwrmenden Grell bei Lewin, Tubal und Hirschfeldt
aber in dem nebenangelegenen Zimmer unterzubringen. Alles dies war rasch
geordnet, nur Bammes Unterbringung machte Schwierigkeiten. Wo schaffen wir ihn
hin? sagte die Schorlemmer. Ich mag ihn nicht auf unserem Korridor haben. Er
ist anstig und ein Greuel.
    Ich frchte mich auch vor ihm, entgegnete Renate. Das heit, ein wenig.
    Und das ist gut, da du dich frchtest. Ich tue es auch, wenn Abneigung
Furcht ist. Er darf nicht nach oben, zehn Schritt von deinem und meinem Zimmer.
Vielleicht klingelt er, oder gewi klingelt er, und Maline mu ihm ein Glas
Wasser bringen.
    Nun?
    Nun? wiederholte die Schorlemmer. Wie du nur fragst, Renate! Ich habe
dich doch zu fromm erzogen. Ein Mensch wie Bamme trinkt nie Wasser und klingelt
immer und rechnet dabei auf dies und das.
    Aber, liebe Schorlemmer...
    Ich habe mit den Angekoks gelebt, fuhr diese fort, und die Grnlnder,
die auch klein sind, geradeso klein wie dieser Bamme, die waren auch alle in der
Fleischeslust. Meine liebe Renate, gewi, man soll den Teufel nicht an die Wand
malen; aber ebenso gewi ist es, man soll den Brunnen nicht erst zudecken, wenn
das Kind hineingefallen ist. Und die Maline ist ein Kind, ja, das ist sie mit
all ihrer Klugheit. Denn was die Klugheit hilft, das verdirbt die Eitelkeit. Und
mit den Eitlen hat er immer das leichteste Spiel. Du weit schon wer. Mir ist,
als htten wir den Bsen im Hause.
    Du nimmst es schlimmer, als es ist, sagte Renate. Er hat keinen guten
Ruf. Aber die Menschen bertreiben, und alles in allem, er ist ein alter Mann;
er mu siebzig sein oder darber. Ich entsinne mich, da die Tante von ihm
sagte: Wenn wir die Snde nicht fliehen, so flieht die Snde doch schlielich
uns. Sie sagte es franzsisch, aber das hrst du nicht gern.

So ging oben auf dem Korridor das Gesprch, und whrend es gefhrt wurde,
pltscherte der Gegenstand all dieser moralischen ngste nicht nur persnlich in
einem Meer von Behagen, sondern wute sein eigenes Wohlgefhl auch seiner
Umgebung mitzuteilen. Er war affabel und pikant wie gewhnlich, durch
Hirschfeldts Bleiben aufrichtig erfreut und verzichtete darauf, wichtigtuerisch
den General zu spielen. Wut er doch, da er sich gehenlassen konnte, ohne an
Autoritt etwas Erhebliches einzuben. Und wenn doch, so war er der Mann, sich
das Verlorengegangene jeden Augenblick zurckzuerobern. Mit Hansen-Grell, der
ihm unter seinem etwas fremd klingenden Doppelnamen vorgestellt worden war, wut
er anfnglich, teils um dieses Namens, teils um seiner sonderbar vorstehenden
Augen willen, nichts Rechtes anzufangen, shnte sich aber bald mit ihm aus und
versprach ihm beim Tarock - das unser Gantzerscher Kantorssohn als Spielpartner
im Graf Moltkeschen Hause bis zur Perfektion gelernt hatte - ein Mal ber das
andere die Gro-Quirlsdorfer Pfarre, wenn er erst seinen jetzigen zu Tode
gergert oder nach Berlin hin weggelobt haben wrde. Denn dahin passe er, und
dahin m er. Patronat und Pfarre knnten eben nur bei Gleichartigkeit der
Interessen mit- und nebeneinander bestehen und das beste Bindemittel sei und
bleibe Tarock oder doch berhaupt die Karte.
    Rasch verging der Abend. Bald nach neun Uhr wurde das Spiel abgebrochen, und
alles zog sich zurck, die jngeren Mnner in die Fremdenstuben treppauf, der
General in sein Parterrezimmer, in das auch bei heftigem Klingeln nicht
einzutreten allen weiblichen Dienstboten des Hauses aufs schrfste anbefohlen
worden war.

Eine halbe Stunde spter war alles still; nur in einer der oberen Korridorstuben
war noch Licht, und Renate und Marie plauderten von den Erlebnissen des Tages:
von Bamme und den ridiklen Befrchtungen der Schorlemmer, von Grell und seiner
imponierenden Hlichkeit, von Hirschfeldt und seinem zerhauenen Gesicht.
    Narben ist doch das Schnste, versicherte Marie.
    Und dann glitt das Gesprch zu Tubal hinber, dessen Name sehr
bezeichnenderweise bis dahin noch nicht genannt worden war.
    Erzhle, sagte Marie, wie war er?
    Er war befangen und vermied es, meinem Auge zu begegnen. Dabei sprach er
viel und hastig, aber ich bemerkte wohl, da ihm nur daran lag, sich und uns
ber das Peinliche dieses Wiedersehens hinwegzuhelfen. Eine Zartheit, die mich
rhrte. Aber das ist so Ladalinskische Art. Sie haben alle jene Vornehmheit, die
lieber sich als andere verklagt. Und das mindeste zu sagen, es ist, als teilten
sie die Verantwortung fr das, was geschehen. Deshalb war auch Tubal nicht mit
in Guse. Der alte Geheimrat bekannt es mir schon, als wir uns in Bohlsdorf
trafen.
    Marie schttelte den Kopf.
    Ich seh es anders, sagte sie. Was du Zartheit nennst, ist ihr Gewissen,
und die Mitschuld, deren sie sich leise zeihen, ist keine eingebildete. Sie sind
sich alle gleich und kennen nichts als den Augenblick. Er liebt dich und ist
doch seiner eigenen Liebe nicht sicher. Voller Mitrauen gegen sich selbst,
begegnet er dir mit Scheu. Vielleicht, da er es dir offen bekennen wird, um
wenigstens vor sich selbst einen Halt und etwas, das einer Rechtfertigung
hnlich sieht, gewonnen zu haben.
    Ihr hattet immer eure Fehde, sagte Renate. Wt ich es nicht besser, ich
knnte glauben, du liebtest ihn.
    Und damit schieden die Freundinnen, und Maline kam, um Marie nach Hause zu
begleiten.

Die letzten Worte dieser Unterhaltung waren unter Lachen gesprochen worden, aber
Renate, als sie wieder allein war, lachte nicht mehr. Waren das nicht dieselben
Befrchtungen, die sie selbst erst diesen Morgen aufrichtig und doch in der
Hoffnung auf Widerlegung gegen Lewin geuert hatte? Und nun hrte sie nichts
als die Besttigung alles dessen, was ihr ahnungsvoll das eigene Herz bedrckte.
Hatte Marie recht? Und schlimmer als das, hatte sie selber recht?
    Sie htte wohl noch weiter gefragt und gegrbelt, wenn nicht die Schorlemmer
eingetreten wre. Diese kam, um ihrem Lieblinge Gute Nacht zu sagen. Die
Erbtochter ist da, so schlo sie, nun werden auch bald die Hochzeitszge
kommen.
    Ach, liebe Schorlemmer, entgegnete Renate, es ist mit euch Herrnhutern
ein eigen Ding. Ihr seid fromm, aber prophetisch seid ihr nicht.
    Das darfst du nicht sagen, Renate. Wer den rechten Glauben hat, der sieht
auch das Rechte.
    Das Rechte, aber nicht immer das Richtige. Die Wirklichkeit der Dinge lt
euch im Stich.
    Die Schorlemmer lachte gutmtig vor sich hin.
    Das sind so Stze aus dem neuen Lewinschen Katechismus, sagte sie. Aber
nichts mehr davon, mein Renatchen, fr heute schlafe. Das wird wohl das Rechte
und auch das Richtige sein.

                                Zehntes Kapitel



                                  Am Wermelin

Lewin und Grell waren am frhesten auf, beschlossen aber, das Erscheinen der
brigen abzuwarten. Dies whrte nicht lange. Schon nach Ablauf weniger Minuten
hatte sich alles in der Halle versammelt, in der heute der Gste halber auch das
Frhstck genommen werden sollte. Nur die Damen fehlten noch; Renate lie sich
vorlufig entschuldigen, whrend die Schorlemmer, voll instinktiver Abneigung
gegen den alten General, einfach fortgeblieben war, sich damit getrstend, da
ihre Abwesenheit doch von niemandem, vielleicht mit Ausnahme Berndts, bemerkt
werden wrde. Und dieser kannte den Grund. Jeetze trippelte geschftig hin und
her, jede neue Bammesche Zweideutigkeit mit leisem Gekicher begleitend und still
in sich hinein bekennend, da er, als er letzte Woche die schwarzen Gamaschen
anlegte, an so heitere Hohen-Vietzer Tage gar nicht mehr geglaubt habe.
    War Hoppenmarieken schon hier? fragte Berndt.
    Jeetze verneinte, der alte General aber, der, trotzdem er im geheimen
bestndig mit ihr verglichen wurde, bis dahin nie von der Zwergin gehrt hatte,
fragte neugierig: Hoppenmarieken? Wer ist das?
    Sie mag Ihnen selber antworten, sagte Berndt. Eben seh ich sie ber den
Hof kommen.
    Und so war es. Ehe noch weitere Fragen gestellt werden konnten - denn auch
Grell und Hirschfeldt waren aufmerksam geworden -, erschien der Gegenstand
allgemeiner Neugier innerhalb der Glastr und war nicht wenig berrascht, an
eben der Stelle, wo sonst nur die toten Vitzewitze von der Wand hernieder
sprachen, einer heiteren Gesellschaft Lebendiger zu begegnen.
    Hier, General, haben Sie Hoppenmarieken, sagte Berndt.
    Und Lewin setzte hinzu: Meine Freundin, nicht wahr, Marieken?
    Hohoho, lachte die Zwergin und stellte die Kiepe vor sich hin, in der sie
nun zu kramen begann, trotzdem alles, was sie brauchte, obenauf lag.
    Briefe? fragte Berndt.
    Nei, jndge Herr, man blo de Berlinsche. Awers ht steit et inn.
    Und damit reichte sie Berndt die Zeitung herber.
    Ah, der Aufruf!
    Joa, dat sll et ja woll sinn. So seggte de Postminsch ook. Un een von de
Kstrinsche Brgers rpp mi na'h: Nu geiht et los, Hoppenmarieken... Na, man
too, mi sall et recht sinn. Un vorbi is et nu mit de ltten Franzosen, dat 's
man kloar; se rwern joa all, un de oll Genral...
    Fllgraf?
    Ne, de anner, de werste.
    Ah, General Fournier. Nun, was ist es mit dem?
    He wihr gistern bi Markgraf Hans' unnen. He slwst, un fiev or s von sine
Genrals un Uffziers. All unnen in de Gruft.
    Und da haben sie nach den vierundzwanzig Wispeln Dtchens gesucht, die der
Markgraf mit ins Grab genommen haben soll?
    Hoppenmarieken nickte.
    Und wer hat es dir erzhlt?
    Oll Bcker Mewes.
    Und was noch?
    Nich veel, un ihrst verstnn ick em nich. Awers dunn lachte joa Mewes und
knipste mi und seggte: Bis' doch snsten nich so dumm, Hoppenmarieken. Un nu pa
upp. De Ru is doa mitsamt sine Kosaken, un de hebben all ehre groten
Ballerbssen bi Quartschen und Tamsel. Un dat weten jo nu de ltten Franzosen
ook un wullen sich nich ihrst rutrkern loaten. Se trecken aff. Un wenn een
afftrecken deiht, denn nmmt he mit, wa he kreegen kann. Un dissentwegen wihren
se gistern bi Markgraf Hansen unnen in sine Gruft. Awers se hebben nix fun'n.
    Das glaub ich wohl, sagte Bamme und setzte dann, an Vitzewitz sich
wendend, hinzu: Markgraf Hans war ein Hohenzoller, und die verstehen's; die
vergraben kein Pfund, am wenigsten vierundzwanzig Wispel Dtchen; die
Hohenzollern wollen Zinsen haben. Das htt ich dem Kstrinschen General sagen
knnen. Aber freilich, er wrd es mir nicht geglaubt haben.
    Hoppenmarieken, die kein Wort von dem allen verstanden hatte, lachte
nichtsdestoweniger, nickte dem alten General vertraulich zu und verlie dann,
salutierend und ihr bliches Kauderwelsch vor sich hin sprechend, die Halle.
    Ein Prachtexemplar, sagte Bamme. Htt ich einen kleinen frstlichen Hof,
die lie ich auf Hokuspokus abrichten, auf Trnkchen und Wahrsagerei.
    Da wre Geld und Mhe weggeworfen, antwortete Berndt. Sie versteht es
ohnehin schon.
    Desto besser; aber nun den Aufruf. Lassen Sie hren, Vitzewitz. Und dieser
begann zu lesen.
    Whrend der ersten zehn Zeilen blieb aller Aufmerksamkeit gefesselt, bald
aber lie diese nach und mute nachlassen, da man allerhand Halbheiten entdeckte
und guten Grund hatte, sich im ganzen arg enttuscht zu fhlen. Dieses Gefhl
war so stark, da das Erscheinen Schulze Kniehases, der noch vor Schlu der
Vorlesung eintrat, kaum als eine Strung empfunden wurde.
    Setzen Sie sich, Kniehase, sagte Berndt. Was bringen Sie?
    Gute Zeitung, gndiger Herr; wir haben ihn.
    Wen, den Vizeknig?
    Nein, nicht so hoch hinaus, aber doch den italienischen Grafen. Eben war
der Trebnitzer Verwalter bei mir; in seiner Kirche liegen die ganzen hundert
Mann gefangen. Den Grafen haben sie nach Seelow gebracht, weil er einen Hieb
ber den Kopf hat.
    Erzhlen Sie.
    Nun also: es mu so gestern um die Mittagsstunde gewesen sein, als sie
durch Alt-Rosenthal kamen. Gleich dahinter fngt die Trebnitzer Heide an, rechts
hohe Stmme, aber nach links hin eine Kusselschonung, und der Kusselschonung, so
meinte der Verwalter, der trauten sie nicht recht. Aber was half es, sie muten
durch, weil sie vor Dunkelwerden noch nach Jahnsfelde wollten. Und so
marschierten sie denn dicht aufgeschlossen und die Kriegskasse immer in ihrer
Mitte bis an den kleinen See, der schon zwischen den Kusseln liegt und
eigentlich blo ein Tmpel ist und den die Rosenthalschen und die Trebnitzer den
Wermelin nennen. Und da war es ja nun vorbei mit ihnen, denn dahinter steckten
sie ja gerade, und nun vorwrts, immer mit Hurra, was die Franzosen von Moskau
her gar nicht mehr hren knnen. Und da warfen sie die Gewehre weg und gaben
sich gefangen.
    Alle?
    Bis auf den Grafen. Der ri eins der Gewehre wieder auf und scho einen aus
dem Sattel. Aber Tettenborn kam ihm von der Seite und hieb ihn ber den Kopf,
da er niederstrzte.
    Tettenborn? fragten alle.
    Ja, Oberst Tettenborn mit zwanzig Kosaken. Er war denselben Morgen bei
Zellin ber die Oder gegangen. Jetzt ist er in Seelow, wohin er den Grafen
abgeliefert hat. Und hat ihm auch seinen Degen wiedergegeben, weil er sich als
ein tapferer Offizier und Mann von Ehre gezeigt habe.
    Bamme fate sich zuerst. Er hatte, wie Berndt und alle anderen, bei Beginn
der Erzhlung von einer Barnim-Lebuser Waffentat zu hren geglaubt und war, als
der Name Tettenborn fiel, einen Augenblick ernstlich verstimmt gewesen, die
ganze getrumte Landsturmherrlichkeit auf ein neues Kosakenstckchen
hinauslaufen zu sehen. Aber der alte General war nicht der Mann, irgendeinem
rger lnger als zwei Minuten nachzuhngen, hatte vielmehr umgekehrt ein
ausgesprochenes Talent, auch das rgerlichste sofort wieder von der guten Seite
zu nehmen.
    Ziehen wir die Summe, Vitzewitz, so haben wir uns aus drei Grnden zu
gratulieren: erstens hab ich recht behalten (was in meinen Augen immer eine
Hauptsache bleibt), zweitens haben wir den Conte samt seinen hundert Mann, und
drittens haben wir die Kosaken oder doch ihre Vorhut diesseits der Oder.
rgerlich genug, denken Sie. Aber wie die Dinge liegen, bleibt uns nichts brig,
als mit jedem Winde zu segeln, auch mit diesem Windbeutel von Tettenborn. Also
keine Kopfhngerei, Vitzewitz. Etwas wird auch fr uns noch brigbleiben, und
wenn es blo der Vizeknig wre, nach dem Sie sich bei Schulze Kniehase so
teilnehmend erkundigt haben.
    Das half, Berndt gewann seine gute Laune wieder, und eine Fahrt nach
Hohen-Ziesar, welches letztere Bamme, trotz seiner vieljhrigen Beziehungen zu
Drosselstein, noch immer nicht kennengelernt hatte, wurde verabredet. Der alte
Vitzewitz entschied sich fr eine vorgngige schriftliche Anmeldung und ging in
sein Arbeitscabinet hinber, die ntigen Zeilen zu schreiben.
    Auch alle anderen erhoben sich: Grell und Hirschfeldt, um unter Lewins
Fhrung das Dorf und die Kirche kennenzulernen, der alte General, um bei
Seidentopf einen Besuch zu machen. Ich mu mir seine Scherben mal wieder auf
alte Bekannte hin ansehen und vielleicht auch seine Mnzen. Trajan, Hadrian,
Antoninus Pius. Weiter komm ich nie. Sonderbar, da ich immer gerade bei dem
steckenbleibe.
    Nur Tubal hatte sich ausgeschlossen und ging in das Eckzimmer hinber, wo er
hoffen durfte, die Damen zu treffen. Oder doch wenigstens seine Cousine. Und er
hatte sich nicht getuscht. Renate, mit einer Perlenstickerei beschftigt, sa
in der Nhe des Fensters und zhlte auf einem vor ihr liegenden Muster die
Stiche.
    Stre ich?
    Nein, aber ich glaubte, die Herren seien ins Dorf gegangen und in die
Kirche. Oder hast du, wie der alte General, eine Abneigung gegen Kirchen?
    Ich zog es vor, zu bleiben. Darf ich einen Stuhl nehmen, Renate?
    Sie nickte zustimmend.
    Unsere Stunden hier sind gezhlt, fuhr er fort. Hirschfeldt wird
ungeduldig, ihm brennt der Boden unter den Fen, und was ich dir zu sagen habe,
duldet keinen Aufschub.
    Renate gedachte des Gesprchs, das sie mit dem alten Ladalinski in der
Bohlsdorfer Kirche gefhrt hatte. Es lag ihr daran, es zu keiner Erklrung
kommen zu lassen, wenigstens in diesem Augenblicke nicht; so ging sie, um Fragen
zu verhten, vor denen sie bangte, selbst zu Fragen ber.
    Hast du Briefe? sagte sie. Ich meine Briefe von Kathinka.
    Nicht Briefe, aber flchtige Zeilen. Ich empfing sie vorgestern, den Tag
vor unserer Abreise.
    Und von wo?
    Von Myslowitz, einem Stdtchen an der Grenze. Die Gter des Grafen sind in
der Nhe.
    Darf ich wissen, was sie schreibt?
    Ich habe keine Geheimnisse, Renate. Und htt ich sie, so wrd es mich
glcklich machen, sie mit dir teilen zu knnen.
    Ich drste nie nach Geheimnissen, aber ich bin voller Verlangen, von
Kathinka zu hren. Bitte, lies.
    Und Tubal las:

                                                           Myslowitz,4. Februar

Mein lieber Tubal!
    Wir gehen morgen ber Miechowitz und Nowa-Gora auf Bninskis Gter. Ein
katholischer Geistlicher wird uns begleiten. Ich gedenke (Bninski wnscht es) in
unsere alte Kirche zurckzutreten. Es ist nichts in mir, was mich daran hindern
knnte; alles in allem gefllt mir das Rmische besser als das Wittenbergische.
Schreibe mir bald. Ich bin begierig, von Euch zu hren, von allen. Ich denke
stndlich an Papa und jetzt oft auch an unsere Mutter. Du begreifst. Bninski
will nach Paris; er ist, wie ich ihn mir gedacht, und ich bin glcklich, ganz
glcklich. Freilich ein Rest bleibt. Ist es unser Los oder Menschenlos
berhaupt?
                                                                 Deine Kathinka

Eine Pause trat ein.
    Dann sagte Renate: Und diese Zeilen sollen dich nun begleiten. Es ist
schn, ein liebes Wort mit hinauszunehmen. Aber nicht ein solches. Es klingt so
trb und traurig.
    Ach, Renate, da ich ein trstlicheres Wort mit mir nehmen knnte. Sprich
es. Du weit, was mich zu hren verlangt.
    Sie schwieg.
    Tubal aber fuhr fort: Ich wei, warum du schweigst. Es fehlt uns etwas in
den Herzen der Menschen, das ist unser Verhngnis. Meinen Vater hat es getroffen
und ihm am Leben gezehrt, und nun trifft es mich. Es ist, als ob wir etwas
verscherzt htten. Einen Augenblick schien es, da es anders werden sollte; da
fllt nun dies in unser Leben hinein. Und wieder ist es hin. Altes und Neues
zeugt gegen uns, und das Ja, das ich zu hren verlange, will nicht ber deine
Lippen.
    Da war nun das Selbstbekenntnis, das Marie am Abend vorher erst prophezeit
hatte, und der leise Spott ihrer Worte klang schmerzlich in Renaten nach. Aber
einen Augenblick nur, dann war es berwunden, und alles, was sich jemals zu
Tubals Gunsten in ihrer Seele geregt, es war wieder da, doppelt da unter dem
Einflu eines tiefen Mitgefhls, das seine Worte geweckt hatten, und mit jener
Offenheit und Heiterkeit, die den Zauber ihres Wesens ausmachte, sagte sie:
Hre mich, Tubal, ich will dir nichts verschweigen. Lewin und ich, wir haben es
oft miteinander durchgesprochen, auch gestern erst. Euer Los ist nicht das
schlimmste. Eines ward euch versagt, ein anderes ward euch gegeben. Und dies
andere...
    Sie schwieg.
    Er aber ergriff ihre Hand und rief, indem er sie mit Kssen bedeckte: O
diese deine Hand, da ich sie halten drfte mein lebelang, immer, immer.
    Ich werde sie keinem andern reichen. Aber verlange von dieser Stunde nicht
mehr, und am wenigsten binde dich. Ich, ich bin gebunden.
    O sage, da du mich liebst, Renate. Sprich es, es hngt so viel an diesem
Wort.
    Nein, nicht jetzt. Es sind nicht Zeiten fr Bund und Verlbnis oder doch
nicht fr uns. Aber andere Zeiten kommen. Und hast du dann das eigene Herz
geprft und das meine vertrauen gelehrt, dann, ja dann!

                                 Elftes Kapitel



                                  Hohen-Ziesar

Der Ausflug zu Drosselstein war auf zwei Uhr festgesetzt worden. Schon vorher
hatten sich Berndt und Bamme verabredet, den Weg ihrerseits zu Pferde
zurcklegen zu wollen. Der alte General auf seinem Shetlnder. Ihnen gesellte
sich Tubal, der, nach dem Vormittagsgesprche, von einer ihm selber
unerklrlichen Scheu befallen war, die Fahrt an Renatens Seite zu machen. Er
schien unsicher, welchen Ton er anzuschlagen habe. Oder war es ein anderes noch?
    Die Reiter nahmen einen Vorsprung. Sie konnten indes den Stein vor Miekleys
Mhle kaum passiert haben, als auch schon das Schlittengespann vorfuhr, das die
Geschwister samt Grell und Hirschfeldt nach Hohen-Ziesar hinberbringen sollte.
Jeetze stand mit Decken und Kissen bereit, Lewin nahm die Leinen, und einen
Augenblick spter zogen die Braunen an und trabten die stille Dorfgasse hinauf.
Das Klingen der Glckchen mischte sich mit der Heiterkeit unserer Reisenden, von
denen Lewin auf der Pritsche ritt, whrend der auf einem bloen Brettstck
untergebrachte Grell die bestndige Versicherung von der Bequemlichkeit seines
Rcksitzes durch ein ebenso bestndiges Hin- und Herrutschen widerlegte. Am
plauderhaftesten war Renate. Sie fhlte sich glcklicher denn seit lange.
Dasselbe Zwiegesprch, das in Tubal verlegen nachwirkte, war ihr ber Erwarten
hinaus eine Quelle des Trostes geworden. Was sie dem alten Geheimrat in der
Bohlsdorfer Kirche gesagt hatte: Du pochst nicht an die rechte Tr, das war
damals wie zu jeder Zeit der Ausdruck ihres Herzens gewesen. Solange sie Tubal
liebte, hatte sie auch der Zweifel begleitet, ob ihre Liebe von ihm erwidert
werde, und dieser Zweifel, qulender als alles andere, war nun von ihr genommen.
Er liebte sie. Was bedeutete daneben die Frage nach der Dauer oder nach der
Treue seines Gefhls? Was war, verglichen damit, die bloe Zukunftsfrage: Werd
ich glcklich oder unglcklich sein? Jetzt war sie glcklich, und ein
verbleibender Rest von Furcht, der sie leise durchschauerte, steigerte nur das
Hochgefhl des Augenblicks. Ihr war, als schreite sie durch einen Wald, aus
dessen Tiefen es dunkel und banggeheimnisvoll erklinge; aber was ihr die Nhe
bot, das war Licht und Sonnenschein und Jubilieren der Vgel. Lewin hatte recht,
der von helleren Tagen, und die Schorlemmer hatte recht, die von lauter
Hochzeitszgen gesprochen hatte. Marie war eine Schwarzseherin, und sie selber
war es mit ihr. Aber das lag nun zurck; sie war es gewesen.
    Diese glckliche Stimmung zeigte sich auch in der Unbefangenheit des
Gesprchs, das sich bald um den Grafen zu drehen begann.
    Ist er mit den ostpreuischen Drosselsteins verwandt? fragte Hirschfeldt.
    Gewi; er gehrt ihnen zu, antwortete Renate, und es ist ein glcklicher
Zufall, da wir ihn trotzdem in unserer Provinz haben. Er erbte Hohen-Ziesar in
den ersten Jahren seiner Ehe und bezog es, um in der Nhe des Hofes zu leben. Es
war aus Rcksicht gegen seine junge Frau.
    So ist er verheiratet? fragte Hirschfeldt weiter.
    Er war es. Die Grfin starb; erst Abzehrung, zuletzt ein Blutsturz, der sie
ttete. Sie war sehr schn, eine Grfin Lieven. Als sie starb, verbarg sich der
Graf vor der Welt; er war nur dann und wann in Dresden, und es hie, da er zum
Katholizismus bertreten werde.
    Die Drosselsteins zhlen sonst zu den festesten Protestanten.
    Auch wohl der Graf. Aber es gibt Lagen - so wenigstens sagte die Tante, der
ich auch die Verantwortung dafr zuschiebe -, wo der Protestantismus versagt und
der Katholizismus das Herz weicher bettet.
    Und in einer solchen Lage war der Graf?
    Man behauptet es. Lewin mag Ihnen davon erzhlen; es ist eine romantische
Geschichte, und romantische Geschichten sind sein Steckenpferd. brigens alles
in allem, ich glaube, was man sich erzhlt. Sie werden das Bild der Grfin sehen
und mgen dann selber urteilen. Es hngt in dem Empfangszimmer: eine blablaue
Robe, mit weien Rosen besetzt. Nur eine, dicht ber dem Grtel, ist dunkelrot.
Und das Bild wurde doch zwei Jahre vor ihrem Tode gemalt.
    Sonderbar, sagte Grell, der sich inzwischen auf seinem Rcksitz
eingerichtet hatte.
    Ja, das ist es. Aber es berrascht in Hohen-Ziesar weniger als anderswo.
Das Schlo ist reich an Sonderbarkeiten, darunter Ausgegrabenes aus Herkulanum
und Pompeji: Pinzetten und Brochen und, denken Sie sich, eine Nagelschere. Der
Graf war lange dort und hat alle diese Dinge mitgebracht.
    Und ich werde mich freuen, sie kennenzulernen, entgegnete Grell, mchte
jedoch der prophetisch gemalten roten Rose den Vorzug vor allem anderen geben.
    Und darin haben Sie recht, erwiderte Renate. Und auch darin, da Sie mich
an mein verlorenes Thema mahnen. Die pompejanische Schere schnitt mir den Faden
entzwei. Aber wovon wollt ich sprechen? Ja, von sonderbaren Bildern in
Hohen-Ziesar. Nun, auch davon ist die Hlle und Flle da. So zum Beispiel ein
Bildnis der Weien Frau.
    Der Weien Frau! riefen Grell und Hirschfeldt a tempo und mit einer
Lebhaftigkeit, als ob ihnen dieselbe bereits erschienen wre. Dann setzte
Hirschfeldt hinzu: Aber seit wann lassen sich die Gespenster portrtieren?
    Nein, lachte Renate. So Pikantes darf ich Ihnen freilich nicht in
Aussicht stellen. Es ist das Portrt eines schnen Hoffruleins aus den letzten
Regierungsjahren des Groen Kurfrsten, Wangeline von Burgsdorff. Sie starb jung
und mu als Weie Frau umgehen, um ihre Schuld im Tode zu ben. Natrlich eine
Liebesschuld.
    Hirschfeldt lchelte, Grell aber, der alles etwas pedantisch nahm,
wiederholte den Namen Wangeline von Burgsdorff und setzte dann hinzu:
    Ich war der Ansicht, da es eine Grfin von Orlamnde sei, auf der
Plassenburg heimisch und, wenn ich mich nicht irre, auch auf dem Bayreuther
Schlo. Es ist mir noch in Erinnerung, da ich als Kind immer mit Gruseln von
den vier Augen las, die zwischen stnden und aus der Welt geschafft werden
mten. Ich verstand es nur halb, aber um so mehr erregte es meine Phantasie.
Und nun hr ich einen anderen Namen: Wangeline von Burgsdorff.
    Sie drfen mich nicht examinieren, erwiderte Renate. Wollen Sie mehr
wissen, so mu das Haupt der Kastalia nachhelfen. Sage, Lewin, wie war es?
    Aber dieser, statt Auskunft zu geben, zeigte nur, whrend er die Leinen in
seine Linke nahm, mit der Rechten auf das hinter Parkbumen eben sichtbar
werdende Schlo und sagte: Der Graf selber mag uns antworten.
    Wenige Minuten spter hielt der Schlitten auf der nach dem Garten zu
gelegenen Rampe, wo Drosselstein seine junge Freundin bereits erwartete und ihr
beim Aussteigen die Hand reichte. So traten sie durch eine Doppeltr in das
Empfangszimmer ein. Hirschfeldt und Grell folgten.
    Das Empfangszimmer war ein groer quadratischer, fast durch die ganze Tiefe
des Hauses gehender Saal, hinter dem nur noch ein schmaler Korridor lief. Der
Korridor sah auf den Innenhof, wie der Empfangssaal auf Garten und Park. In
diesem Saale lie sich auf den ersten Blick erkennen, da der Besitzer von
Hohen-Ziesar reich und vielgereist und von gutem Geschmack in den bildenden
Knsten sein msse. An der einen Wand hing ein groes Tableau, halb Architektur,
halb Landschaft, das alte ostpreuische Schlo der Drosselsteins darstellend.
Diesem Tableau gegenber befand sich das Bild der verstorbenen jungen Grfin.
Grell suchte die rote Rose und fand sie. Er hatte sich die Rose noch rter und
die Grfin selbst noch schner gedacht, also eine doppelte Enttuschung, von der
die zweite wahrscheinlich nur eine Folge der ersten war. In allen Fensternischen
befanden sich Orangeriekbel und Blumentische, whrend an den drei anderen
Seiten des Saales Konsolen von schwarzem Marmor liefen. Auf diesen standen
rmische Kaiser mit rot eingeschriebenen Namen. Bamme, der schon eine
Viertelstunde lang da war, hatte zwei, drei davon gelesen: Geta, Caracalla,
Alexander Severus, und war dann mit einem hingemurmelten nicht zuviel auf
einmal von der Konsolenreihe zurckgetreten; eine ziemlich dunkele Bemerkung,
die sich wahrscheinlich auf seine verwandten numismatischen Vormittagsstudien
bei Seidentopf bezogen hatte.
    Das Gesprch war ber Oberflchlichkeitsfragen noch kaum hinaus, als
Drosselstein Renaten seinen Arm bot, um diese zu Tische zu fhren. Eine
zurckgeschlagene Doppelportiere zeigte den Weg in das nebenangelegene Ezimmer.
Hier brannten schon - die Gardinen waren geschlossen - zwei achteckige zierliche
Kandelaber und gaben Licht genug, das Zimmer in allen seinen Teilen erkennen zu
lassen. In die Stuckwnde waren antike Mosaiken eingelassen, Darstellungen von
Wild, Geflgel, Fischen, whrend an der Decke die Hochzeit der Psyche nach
Giulio Romanos gleichnamigem Fresko im Palazzo del T zu Mantua eine fr unsere
damaligen Kunstverhltnisse bemerkenswert gute Nachbildung gefunden hatte. Bamme
sah nichts von all diesen Dingen, desto mehr Grell, dessen natrlicher Sinn
dafr im Moltkeschen Palais ausgebildet worden war.
    Renate hatte den Platz zwischen Drosselstein und Bamme. Dieser, vielleicht
von Jugend auf, jedenfalls aber seit den Tagen der Guser Tafelrunde fest an dem
Satze haltend, da Medisieren das beste Mittel zu Durchbrechung aller bloen
Unterhaltungsprliminarien sei, warf sich heute mit Ungestm auf Seidentopf, den
er schon mehrere Stunden frher, in der Hohen-Vietzer Pfarre, bei Vorfhrung des
Odinswagens zum Opfer fr die bevorstehende Dinerkonversation ausersehen
hatte. Freilich mit schlielich ausbleibendem Erfolg; ausbleibend, weil er sich,
wie der Augenschein lehrte, wieder einmal geirrt oder, um ihn selber zu
zitieren: wieder einmal vor nicht ganz richtigen Ohren gesprochen hatte.
Drosselstein nmlich war zu vornehm, um berhaupt viel zu lachen, Lewin und
Renate hatten den Justizrat ber eben dasselbe Thema besser und mit noch
grerem Behagen perorieren und phantasieren hren, und Berndt - sonst nach Art
aller ernster angelegten Naturen ein allerdankbarstes Publikum fr Scherz und
Heiterkeiten - steckte doch gerade heute zu tief in seinen Plnen, um sich an
Bammes Exkursen ber die sechs vorgeblichen Odinsvgel ergtzen zu knnen. Er
nahm vielmehr eine flchtige Pause wahr, um mit einem kurzen ad vocem
Seidentopf dem ihm gegenbersitzenden Drosselstein die Mitteilung zu machen,
da er, in seiner Eigenschaft als Patron, die Verlesung des Aufrufes von der
Kanzel fr nchsten Sonntag angeordnet habe.
    Und nun rollte statt des Odinswagens das Thema Aufruf eine Viertelstunde
lang friedlich ber den Tisch hin, bis von seiten Drosselsteins die mehr oder
weniger provozierende Bemerkung gemacht wurde, da er in dem Aufrufe das Ost
preuische vermisse. Er fhle wohl, da er durch ein solches Wort den Vorwurf
einer gewissen Parteilichkeit auf sich lade; der Geist der Provinzen sei nun
aber mal ein verschiedener, und die Haltung des mrkischen Adels, dem er dadurch
nicht zu nahe zu treten gedenke, werde jedenfalls zu sehr durch persnliche
Beziehungen bestimmt. Davon wisse man sich in seiner heimatlichen Provinz frei.
Ihr Stolz, so schlo er, indem er sich gegen Vitzewitz und Bamme leise
verneigte, ist die Loyalitt, die Diskretion, die Reserve; unser Stolz ist die
Freiheit. Unter den Hnden Dohnas oder Schns oder Auerswalds htte dieser
Aufruf eine andere Gestalt gewonnen. Seine Tugend ist die Vorsicht, er hat den
Hofstempel; was ihm fehlt, ist die Sprache der Gradheit und Mnnlichkeit.
    Bamme wollte scharf antworten, bezwang sich aber, um keine Strung aufkommen
zu lassen, und sagte nur: Sonderbar, je nordstlicher, desto verpflichteter
werden wir jetzt. Wir verdanken den Ostpreuen viel, aber noch mehr, so scheint
es, sollen wir den Kosaken verdanken. Wir haben sie seit gestern diesseits der
Oder. Haben Sie schon von dem berfall zwischen Alt-Rosenthal und Trebnitz
gehrt? Hundert Mann gefangen. Es wird Aufsehen machen.
    Der Graf war noch ohne Nachricht. Er lie sich erzhlen, folgte mit
sichtlichem Interesse den etwas stark gefrbten Bammeschen Schilderungen und war
nur schlielich berrascht, sich ohne weiteres zu Herbeifhrung nunmehriger
gemeinschaftlicher Operationen aufgefordert zu sehen. Nicht mit Tettenborn,
sondern mit Tschernitscheff in Person.
    Sie mssen ins Hauptquartier, Drosselstein, resolvierte Bamme, und zwar
morgen schon. Unser eigener Kopfbestand ist in diesem Augenblick besser, als er
nach acht Tagen sein wird. Jetzt hab ich noch einen Aide de camp; aber wie lange
bin ich seiner sicher? Jede Stunde kann er auf und davon fliegen. Also rasch. Es
mu ein grerer Coup unternommen werden, und ich habe so meine Plne. Aber dazu
bedrfen wir der Russen. Sie kennen ja Tschernitscheff und alles, was um ihn her
ist, von Ihren Petersburger Tagen her.
    Bamme, trotzdem er von den seinerzeit umgehenden Gerchten gehrt haben
mute, sprach doch von diesen Petersburger Tagen wie von einer lieben
Erinnerung des Grafen und wrde noch tiefer in den etwas diffizilen Gegenstand
eingedrungen sein, wenn nicht Drosselstein, durch rasches Akzeptieren der
Mission, alles erledigt und zu seiner weiteren Sicherheit an Renaten die Frage
gerichtet htte: Wo nehmen wir den Kaffee?
    Natrlich in der Galerie.
    Dort, frcht ich, ist es zu kalt.
    Gleichviel. Die Herren haben die Pflicht, abgehrtet zu sein, und ich
stecke mich in Muff und Mantel.
    Drosselstein war es zufrieden, flsterte gleich darauf dem hinter seinem
Stuhle stehenden Diener einige Worte zu und lenkte dann das Gesprch auf
Faulstich und Nippler hinber, deren gemeinschaftliches Kantatenwerk als ein
neutraler Boden fr die Konversation angesehen werden konnte. Bamme - nachdem
zuvor Nipplers Ansprche auf den Titel eines verkannten Genies untersucht und
mit Stimmengleichheit verneint und bejaht worden waren - sprach bei dieser
Gelegenheit die Hoffnung aus, da die Krze des Textes durch die Komposition
nicht wieder in Frage gestellt werden mge.
    Dieser zugespitzte Satz bot einen guten Tafelschlu. Drosselstein erhob
sich, und nachdem er seine Gste noch einige Minuten in dem Empfangszimmer
festzuhalten gewut hatte, bat er sie, wie es Frulein Renate befohlen habe, den
Kaffee in der Galerie nehmen zu wollen.

                                Zwlftes Kapitel



                                 Die Weie Frau

Diese Galerie, nach Norden hin gelegen, zog sich durch den ganzen linken
Flgel des Schlosses. Sie bestand aus drei Slen, von denen der vorderste die
Familienbilder enthielt, einige davon mit groer historischer Staffage. Die
Gardinen waren auch hier geschlossen, ein Kaminfeuer brannte, und der
Kaffeetisch war inmitten des Saales serviert. Was aber mehr als alles dies das
Auge der Eintretenden gefangennahm, waren zwei auf hohen Tripoden stehende
Silberschalen, die, zu beiden Seiten des Kamins placiert, ihre blablauen
Spritflammen in zwei leise zitternden Sulen aufsteigen lieen. Der Graf hatte
dies angeordnet, um den kalten Raum rascher zu erheizen, aber vielleicht mehr
noch um des malerisch-phantastischen Effektes willen. Und dieser Effekt war
erreicht. Es fehlte nicht an Beglckwnschungen.
    In weitem Halbkreise wurde Platz genommen, und whrend noch der Kaffee
herumgereicht wurde, zeigte Renate, die jetzt zwischen Grell und Hirschfeldt
sa, auf ein unmittelbar vor ihnen hngendes Bildnis in ganzer Figur, das im
Schein der beiden blauen Flammen an gespenstigem Leben zu gewinnen schien.
    Das ist sie.
    Grell rckte seinen Stuhl zurck, um besser sehen zu knnen, und sagte dann:
Ein schner Kopf, aber unheimlich.
    Ich vermute, setzte Hirschfeldt hinzu, da aus dem unheimlichen Ausdruck
dieser Augen die Sage selbst entstanden ist; sie fordern zu der Annahme heraus,
da sie nicht dazu bestimmt waren, sich wie zwei gewhnliche Augen im Tode zu
schlieen. Sie haben etwas, als mten sie wachen und endlos sehen.
    In jeder alten Galerie finden sich solche Bilder, sagte Berndt.
Sonderbarerweise sind es immer Frauen, und zwar junge und schne Frauen.
    Ein sehr lehrreicher Wink, bemerkte Bamme, der aber unbeachtet bleiben
wird, wie so viele andere. brigens wrd ich dankbar sein, ber kurz oder lang
zu hren, um was es sich eigentlich handelt. Diejenigen unter uns, die das Glck
hatten, an Frulein Renatens Seite die Fahrt hierher zu machen, scheinen
inzwischen in einen Geheimbund eingetreten zu sein. Ich vermute, wenn
Vermutungen gestattet sind: Wangeline von Burgsdorff.
    Drosselstein nickte.
    Dacht es, fuhr Bamme fort. Faulstich hat mir vor Jahr und Tag davon
erzhlt, aber er kam ber Andeutungen nicht hinaus. Ich mchte mehr davon
wissen. Hren Sie, wie drauen die Rouleauxringe an den Scheiben klappern? Es
mu windig geworden sein. Das ist so recht ein Ton fr Gespenstergeschichten. Da
wir zwlf Uhr nicht haben knnen, so mssen wir mit sechs Uhr zufrieden sein.
Also Thema: Wangeline. Sie mu eine Grotante von Ihnen gewesen sein,
Drosselstein. Was war es mit ihr?
    Eine kurze Geschichte, sagte dieser. Wangeline von Burgsdorff war
Hoffrulein und stand im Dienst einer Herrin, die rcksichtslos und ehrgeizig
dem aus erster Ehe stammenden Erbprinzen die bekannte vergiftete Orange
zubestimmt, aber vorlufig nur ans Krankenlager gestellt hatte. Da, von
pltzlicher Reue befallen, beschwor sie das Frulein, in das Zimmer des Kranken
zurckzueilen, um diesen zu retten, wenn berhaupt noch zu retten sei. Und ber
die Korridore hin flog jetzt die leichtverhllte Gestalt Wangelinens, bis ein
ihr pltzlich entgegentretender Kavalier, an dem sie leidenschaftlich hing,
ihren flchtigen Gang auf Augenblicke hemmte. Auf Augenblicke nur, aber lange
genug, um den Tod des Prinzen zu verschulden. Sie kam zu spt, und der Fluch
traf sie, das im Leben versumte Wort im Tode sprechen zu mssen. So geht sie um
und warnt.
    Diese kurzen Notizen, trotz ihrer Lcken und Dunkelheiten oder vielleicht
auch um derselben willen, hatten eines Eindrucks auf die Mehrzahl der Anwesenden
nicht verfehlt. Nur Bamme schttelte historisch-kritisch den Kopf und sagte,
whrend er die Tasse aus der Hand setzte: Pardon, Drosselstein, da ich Ihnen
widerspreche. Aber es geschieht wenigstens nicht leichtsinnig. Sie wissen, ich
habe ein paar Liebhabereien, frher waren es die jungen Frauen, jetzt sind es
die Weien, und alles, was von Peter Goldschmidts Hllischem Morpheus an bis auf
Rentschs Brandenburgischen Zedernhain hinunter ber die Weien Frauen
geschrieben worden ist, das hab ich gelesen. Und siehe da, es ist und bleibt die
Orlamnderin. Ich kann den Verdacht nicht unterdrcken, da sich Ihre
Verwandten, die Burgsdorffs, eine neue Weie Frau kreiert haben, blo aus
Rancune, weil einer von ihnen, und zwar niemand Geringeres als Ihr berhmter
Konrad von Burgsdorff, weiland Gnstling des Groen Kurfrsten, von der
wirklichen Weien Frau (meiner Orlamnderin) die Berliner Schlotreppe
hinuntergeworfen wurde. Dergleichen vergessen unsere mrkischen Familien (die
wegen mangelnder Gradheit und Mnnlichkeit natrlich alle tckisch und
rachschtig sind) so gut wie nie, und so haben sich denn die Burgsdorffs durch
Aufstellung einer Prtendentin zu revanchieren und dem altetablierten Spuk ein
Paroli zu biegen gesucht.
    Drosselstein prete die Lippen zusammen und sagte pikierter, als sich mit
seiner sonstigen Sprechweise vertrug: Eh bien, General, wenn Sie den Hllischen
Morpheus gelesen haben, woran ich nicht im geringsten zweifle, so verzicht ich
darauf, Ihre Meinungen zu widerlegen.
    Bamme hrte die Gereiztheit sehr wohl heraus, verneigte sich aber, als ob
nichts vorgefallen sei, und fuhr in demselben Tone fort: Es ist, wie ich sage:
Prtendentenschaft aus Familienrancune. Nichtsdestoweniger, Drosselstein, wenn
ich etwas fr Ihre Wangeline tun kann, so rechnen Sie auf mich. Erstens bin ich
berhaupt fr alles Strzen und Absetzen, das einzige, was mir die
Weltgeschichte lesbar macht, und zweitens und hauptschlichst mu ich Ihnen
einrumen, da es meine alte Freundin, die Orlamnderin, ihrerseits bertrieben
hat. Sie verdient eine Dethronisierung. Und warum? Weil sie die Gesetze nicht
hlt. Und daran geht jede Dynastie zugrunde; auch im Reiche der Gespenster.
    Renate lachte und sagte dann: Aber, General, da geraten Sie doch in einen
argen Widerspruch mit sich selbst. Sie proklamieren erst Ihre Vorliebe fr alles
Strzen und Absetzen, will sagen, fr alles Auflehnen gegen das gegebene Gesetz,
und im selben Augenblicke rechnen Sie es Ihrer armen Orlamnderin zum Schaden
und Nachteil an, die Gesetze im Reiche der Gespenster nicht gehalten zu haben.
Wie wollen Sie da heraus?
    Eine heikle Situation, replizierte Bamme. Soviel mu ich zugeben, meine
Gndigste. Aber ich will es wenigstens versuchen, aus dem Dilemma
herauszukommen. Sehen Sie, da hab ich diesen letzten Winter ein englisches
Trauerspiel, den Knig Richard III., auffhren sehen. Eine sehr interessante
Figur, tapfer, rcksichtslos und, was die Hauptsache ist, diabolisch vergngt.
Nun, ich darf wohl sagen, ich habe mich gefreut, ihn unter seinen Brdern und
Lords aufrumen und sich die Krone aufsetzen zu sehen; aber ich kann nicht
behaupten, mich am Schlusse des Stcks ber die fatale Lage, in die er sich
durch ein halbes Dutzend allerliebster Morde gebracht sieht, im geringsten
gewundert zu haben. Mit anderen Worten, ich lese gern von Strzen und Absetzen
und gedenke bei diesem Geschmack zu bleiben, aber ich find es andererseits nur
in der Ordnung - auerdem auch eine Steigerung meines Vergngens -, den Strzer
und Absetzer schlielich selbst an die Reihe kommen zu sehen. Illegitimitten
sind interessant und von einem gewissen Standpunkte aus sogar angenehm und
begehrenswert, aber sie bleiben doch zuletzt sie selbst, das heit Dinge, fr
die frher oder spter gezahlt werden mu. Menschen oder Gespenster macht keinen
Unterschied.
    Und was sind denn nun die Illegitimitten oder die Ungehrigkeiten Ihrer
armen Orlamnderin, zu deren Sturze Sie selber mitarbeiten wollen?
    Zweierlei, meine Gndigste. Erstens: sie hlt nicht das Haus, ist vielmehr
ein Wandergespenst, eine ganz unstatthafte Spezies. Sie spukt reihum und bereist
alle alten und neuen Hohenzollernschlsser: Plassenburg, Bayreuth, Berlin. Das
scheint eine Kleinigkeit, ist aber ein Kardinalverbrechen. Es gibt
Reiseprediger, aber keine Reisegespenster. Das ist gegen die Konvention.
    Es mag gegen die Konvention sein, antwortete Renate, aber es ist hbsch
und gefllt mir um ebensoviel besser, wie mir der Hund besser gefllt als die
Katze. Ich stelle die Herrentreue hher als die Treue gegen das Haus.
    Eine feine Doktorfrage, sagte Bamme, in der ich mich nicht gleich
zurechtzufinden wei.
    Gut; aber Sie sprachen von zweierlei. Was haben Sie weiter? Was war Ihr
zweiter Anklagepunkt gegen die Weie Frau?
    Etwas, wobei ich leider noch weniger auf Ihre Zustimmung rechnen darf, denn
es ist eine Bekleidungsfrage.
    Doch erzhlbar?
    Durchaus; Seidentopf wrde darber predigen knnen.
    Nun denn.
    Nun denn. Dasselbe Ausdauern, das ich von meinen Gespenstern in Lokalfragen
verlange, verlang ich auch von ihnen in Toilettenfragen. Aber was zeigt sich
tatschlich? Dieselbe Libertinage. Dreihundert Jahre lang haben wir eine
schlichte Weie Frau gehabt, nonnenhaft mit Schleier und Skapulier. Das war in
der Ordnung. Da geschieht nun was? Hren Sie: Eines Tages, vllig unmotiviert,
vervornehmt sie sich und beginnt eine Krause zu tragen. Schlimm genug; mais
enfin immer noch une dame blanche. Da pltzlich vollzieht sich das Unerhrte,
und als wolle sie sich ber sich selbst und uns mokieren, erscheint sie
tout--fait in einer schwarzen Parure, mit Astrachanmuff und dito Pelzbesatz.
Und so haben wir denn jetzt eine schwarze Weie Frau. Das ist das vorlufig
letzte Stadium, wenigstens in Bayreuth. Wie es in Berlin steht, mu erst das
nchste Auftreten entscheiden.
    Und wie deuten Sie sich das alles, ist es ein wirklicher Spuk oder
Tuschung und Betrug?
    Tausendknstler und Gespenstergeschichten-Erzhler, meine Gndigste, haben
Erlaubnis, jede Aufklrung zu verweigern. Aber ich gebe sie dennoch. Den
Mondschein und das wehende Handtuch auer Spiel gelassen, mgen Sie sicher sein,
da es von vier Fllen dreimal ein verdrielicher Kastellan und das vierte Mal
ein hbsches kleines Hoffrulein ist, ein junges Blut...
    In diesem Augenblicke wurde Justizrat Turgany gemeldet.
    
    Sehr willkommen! sagte Drosselstein, und der Angemeldete trat ein.

                              Dreizehntes Kapitel



                             Der Plan auf Frankfurt

Wie stehen Sie zu der Weien Frau? rief Renate dem eintretenden Justizrat
entgegen, der seinerseits, ohne sich verwirren zu lassen, unter leichtem Gru
gegen die Fragestellerin antwortete: Gut, meine schne Freundin. Ich stehe zu
allen Frauen gut.
    Auch zu den Weien?
    Auch zu den Weien, wiederholte Turgany. Ganz besonders aber zu der
Bayreutherin, die letzten Sommer wieder viel von sich reden machte. Natrlich in
den Zeitungen. Ich halte sie fr die patriotischste Frau des Landes, seit sie
den groen Empereur zweimal aus ihrem Schlosse hinausgespukt hat. Ce maudit
chteau waren seine hchsteigenen Worte. Aber vertagen wir das. Ich mchte
zunchst bitten, mich mit den beiden Herren ad latus Frulein Renatens bekannt
zu machen.
    Drosselstein stellte Grell und Hirschfeldt vor, die alsbald nach einer
kurzen, in Sprngen gefhrten Unterhaltung berrascht waren, den Justizrat in
alle Geheimnisse der letzten Kastaliasitzung eingeweiht zu finden. Als sie
dieser berraschung Ausdruck gaben, sagte Turgany: Sie vergessen, meine Herren,
da ein Jurist verpflichtet ist, Aug und Ohr berall zu haben, zumal in Zeiten
wie die jetzigen. Ich habe mich eben zu Ihrer Verwunderung ber Calcar und die
Seydlitzsporen verbreitet, aber was wrden Sie sagen, wenn ich Ihnen auch von
den andern, historisch beglaubigteren Sporen erzhlen wollte, die seitens des
Generals O'Donnell in der Kathedrale zu Tarragona aufgehngt wurden.
    In solchen Andeutungen ging es weiter. Alle waren neugierig geworden, bis
sich zuletzt das Rtsel lste. Himmerlich, ein jngerer Studiengenosse
Othegravens, stand in Korrespondenz mit diesem und ermangelte nie, ber die
literarischen Wochenvorgnge zu berichten. Von Othegraven kam es dann an
Turgany.
    Dieser hatte Platz genommen, und whrend er noch, unter fortgesetzten
Aperus, in denen er exzellierte, seine Tasse ausnippte, sagte Drosselstein:
Und nun, Turgany, was verschafft uns die Freude, Sie hier zu sehen? Ich bin
Erfahrungsmann genug, um Ihnen irgend etwas wie Geschfte von der Stirn zu
lesen. Auch ist mir Ihr Sprhfeuer verdchtig. Ich frchte, die Douche kommt
nach. Was ist es? Etwas Juristisches?
    Nicht doch, entgegnete Turgany. Hher hinaus. Politisch-militrisch.
    Das wre, sagte Drosselstein, und Berndt und Bamme horchten auf, ohne
zunchst an einen rechten Ernst zu glauben.
    Der Justizrat aber wiederholte: Politisch-militrisch. Lassen Sie mich
gleich in medias res gehen. Ich darf es doch? Wir sind unter uns?
    Drosselstein nickte.
    Nun denn, begann Turgany, was mir zu sagen obliegt, ist kurz das: Wir
haben seit drei Tagen den franzsischen General Girard in unserer Stadt, von der
Armee des Vizeknigs, mit ihm zwei schwache Regimenter, keine zweitausend Mann.
    Kriegskasse? fragte Bamme.
    Nein, aber fnfzig Kanonen, bronzene Acht- und Zwlfpfnder. Und auch das
ist nicht zu verachten. Die Tage sind vor der Tr, wo wir sie werden brauchen
knnen, brauchen in der richtigen Direktion, das heit mit Front gegen Westen.
Der Aufruf verschweigt es, aber man mu zwischen den Zeilen lesen.
    Berndt und Bamme wechselten Blicke des Einverstndnisses; Turgany fuhr fort:
    Also zweitausend Mann und fnfzig Kanonen. Es fragt sich, ob die Mittel da
sind, einen berfall gegen diese feindlichen Streitkrfte zu wagen. Auf die
Frankfurter Brgerschaft, oder doch auf einen starken Bruchteil derselben, ist
mit Sicherheit zu rechnen. Und im Namen dieser Brgerschaft bin ich hier.
Othegraven, der an der Spitze steht, ist entschlossen, mit zwlf Mann alten
Soldaten, die sich freiwillig gemeldet haben, den General Girard
gefangenzunehmen. Zugleich Stab und Adjutantur des Generals. Was die Besatzung
angeht, so befindet sie sich in der Dammvorstadt, an der andern Seite der Oder.
Alles liegt also daran, die Verbindung zwischen hben und drben zu stren. Das
Aufeisen des Flusses hat zu beiden Seiten der Brcke bereits begonnen; diese
selbst wird geopfert werden, wenn es die Umstnde fordern. Hier haben Sie, was
unsererseits geboten werden kann. Der Justizrat schwieg einen Augenblick. Dann
fuhr er fort: Lassen Sie mich noch ein paar Worte hinzusetzen. Ihre
Landsturmkrfte, soweit ich eingeweiht bin, reichen mutmalich fr das
Unternehmen aus, sie werden aber sicher ausreichen, wenn die Russen, die nur
drei Meilen von Frankfurt stehen, ihre Mitwirkung zusagen. Diese Mitwirkung
wrde sich auf einen bloen Scheinangriff gegen die Dammvorstadt zu beschrnken
haben und nur den Zweck verfolgen, die jenseits liegenden zweitausend Mann von
einem bergangsversuche auf das diesseitige Fluufer abzuhalten. Ich war
angewiesen, alles dies, behufs weiterer Veranlassung, zur Kenntnis unseres
nchsten Nachbars, des Herrn Grafen Drosselstein, zu bringen; ein glcklicher
Zufall aber hat es gefgt, da ich dem Herrn General selbst (und hierbei
verneigte sich Turgany gegen Bamme) ein Bild der Sachlage geben konnte.
    Alles war sehr ernst geworden, und weder die klappernden Rouleauxringe noch
Wangeline selbst konnten lnger als Ursache des Frstelns gelten, das pltzlich
ber alle hinlief. Es war vielmehr das Bewutsein, sich auf einen Schlag vor
eine Entscheidung gestellt zu sehen; jeder erschrak, und selbst in Berndt und
Bamme befehdete sich das Gefhl einer schweren und gefahrvollen Verantwortung
mit ihrer Freude darber, da nun endlich die Stunde gekommen sei. Nach einer
Weile sagte Bamme:
    Hirschfeldt, Sie haben mehr Krieg gesehen als ich, was antworten wir?
    Hirschfeldt zuckte leise die Achseln und begleitete dies Achselzucken mit
einer Handbewegung, die so gut Zustimmung wie Ablehnung ausdrcken konnte. Der
alte General gewann dabei seine gute Laune wieder und sagte: Soweit bin ich
gerade auch: halber Weg zwischen ja und nein. Ihre spanische Kriegsfhrung,
soviel ich davon wei (leider wenig genug), ist eine lange Kette von
Beschleichungen und berrumpelungen gewesen. Ich wette, da Sie dergleichen zu
Dutzenden hinter sich haben. Sie mssen also davon wissen. Was halten Sie von
berfallen einer feindlichen Stadt? Denn als solche, verzeihen Sie, Justizrat,
mssen wir Ihr loyales Frankfurt um seiner feindlichen Besatzung willen
vorlufig ansehen.
    Was ich zu sagen habe, nahm jetzt Hirschfeldt das Wort, ist kurz das.
Alles hngt, die russische Mitwirkung als sicher angenommen, von der
Beschaffenheit eben dieser feindlichen Besatzung ab; ist es eine gute Truppe, so
geht es schlecht, ist es eine schlechte Truppe, so geht es gut.
    Dann wird es gut gehen, warf jetzt Vitzewitz dazwischen. Und unter allen
Umstnden, wir drfen diesen Vogel nicht wieder aus den Hnden lassen, auch
nicht auf die Gefahr hin, da er uns kratzt und beit. Aber er wird es nicht.
Diese Regimenter sind Rudera, wie die hundert Mann, die wir in Guse hatten. Ein
Hurra, und sie werfen die Gewehre weg. Also mit gutem Mute vorwrts. Oder sollen
wir uns niedriger veranschlagen als die zwanzig Kosaken samt ihrem Tettenborn!
Ich fr meine Person akzeptiere den Plan und antworte mit einem bedingungslosen:
Ja.
    Alles stimmte bei; selbst Renate wurde fr einen Augenblick von dem
kriegerischen Geiste ihres Hauses erfat. Ja, ja, klangen die Stimmen
durcheinander. Endlich legte sich die Aufregung, und nachdem Drosselstein sein
Versprechen wiederholt und seinen Besuch im russischen Hauptquartier auf den
andern Vormittag festgesetzt hatte, erklrten sich Berndt und Bamme bereit,
unmittelbar nach Rckkehr des Grafen eine Frankfurter Rekognoszierungsfahrt
antreten zu wollen. Bei Gelegenheit dieser Fahrt sollten dann mit Othegraven
alle weiteren Verabredungen zu prompter gemeinschaftlicher Aktion, an der
brigens Turgany persnlich nicht teilnehmen zu wollen erklrte, getroffen
werden.
    Die Stimmung zu scherzhaftem Geplauder lie sich nicht wiederfinden, und so
wurde denn zu verhltnismig frher Stunde aufgebrochen. Erst fuhr der
Schlitten vor; zehn Minuten spter hoben sich auch die Reiter in ihre Sttel.
Der Tauwind, der whrend der Nachmittagsstunden geweht, hatte nachgelassen, und
es zog eine scharfe Luft von Osten her; der Himmel klrte sich wieder, und die
Sterne traten immer blitzender hervor.
    Bamme ritt zwischen Berndt und Tubal. Es ging im Schritt, und der Shetlnder
hatte Mhe, sich mit den beiden andern Reitern en ligne zu halten. Ein jeder
hing seinen Betrachtungen nach; endlich sagte Bamme: Wer ist dieser
Othegraven?
    Ein Konrektor, antwortete Berndt. Etwas steif und pedantisch, aber
energisch und mutig von Natur. Und htt er diesen Mut nicht, so wrd er ihn aus
seiner Begeisterung schpfen. Ein Mann von Ehre.
    Sonderbar, sagte Bamme. Zu meiner Zeit waren die Konrektors anders. Wir
hingen ihnen einen Papierzopf an oder bemalten ihnen den Rcken, und ich
entsinne mich nicht, da es von irgendeinem geheien htte: er sei ein Mann von
Ehre.
    Der Alte schwieg, schien aber seinen Gedanken weitergesponnen zu haben, als
er nach einer Weile fortfuhr: Ihre Schwester, die Grfin, liebte von solchen
Dingen zu sprechen und sah dann immer verdrielich aus, weil sie nicht recht
wute, ob sie weinen oder lachen sollte. Das ist der Wind, der von Westen her
weht. Es war franzsisch, das war das Gute daran, aber das Aufkommen der Roture
strte sie wieder. Ich fr mein Teil habe nichts gegen die Roture. Kann mir
nicht helfen, mir bedeutet der Mensch die Hauptsache, und ist dieser ganz
allgemeine homo, von dem ich als guter Lateiner wohl sprechen darf, wirklich um
einen Kopf gewachsen, seitdem sie drben den armen Knig um ebensoviel krzer
gemacht haben, so scheint mir die Sache nicht zu teuer bezahlt. Le jeu vaut la
chandelle. Auch eine Guser Reminiszenz. Ach, Vitzewitz, das Dmmste sind doch
die Vorurteile. Wie gefiel Ihnen Drosselstein, als er heute wieder das
ostpreuische Register zog?
    Und noch dazu an falscher Stelle, lachte Berndt. Ich habe zufllig in
Erfahrung gebracht, von wem der Aufruf geschrieben wurde. Staatsrat Hippel.
Ostpreuisches pur sang. Aber ich wollte Drosselstein die Beschmung ersparen.
In unseren Schwchen sind wir am empfindlichsten, Sie, ich, jeder. Seien wir
froh, da wir ihn haben; er ist doch der Sanspareil unseres Kreises und von Kopf
zu Fu ein Edelmann. Die meisten heien blo so; er aber hat den Vorzug, einer
zu sein.
    Bamme stimmte bei; damit brachen sie das Gesprch ab und setzten ihre Pferde
in Trab.

In Hohen-Vietz angekommen, hatten alle das Bedrfnis nach Ruhe und zogen sich
zurck, unter den ersten Hirschfeldt und Tubal, die dasselbe Zimmer innehatten.
Sie plauderten noch eine kleine Weile, dann wurde Hirschfeldt still. Er schlief.
Nur Tubal wachte noch.
Allerlei Gedanken gingen ihm durch den Kopf, deren er nicht Herr werden konnte.
    Bin ich verlobt? fragte er sich, als er endlich das Licht gelscht hatte.
Ich glaube ja... Da mt ich ja glcklich sein! Und bin ich es? O gewi, ich
bin es, ich bin glcklich... Aber nicht glcklich genug; ich wrde sonst jubeln
und nichts hren und sehen als sie. Und seh ich sie? Sonderbar, ich habe kein
deutliches Bild von ihr. Kaum ein Bild berhaupt... Und doch lieb ich sie. Wer
liebte sie nicht! sagte die Tante... Ach, Glck, Glck. Hab ich dich? Und ich
frage noch... Undankbarer, der ich bin!
    So sann er weiter. Immer schattenhafter zogen die Bilder an ihm vorber, bis
auch er entschlief.

                              Vierzehntes Kapitel



                                 Eingeschlossen

Der nchste Tag, ein Sonnabend, war ein Tag der Vorbereitungen. Bamme sa ber
Plnen und Karten, whrend Berndt in aller Frhe aufgebrochen war, um die ferner
stehenden Truppenteile heranzubeordern. Gleich nach drei Uhr war er von diesem
Ausfluge zurck. Als er wenige Minuten spter in das Parterrezimmer des alten
Generals eintrat, fand er diesen in eifrigem Gesprche mit Drosselstein, der
eben ber seine Sendung ins russische Hauptquartier rapportierte.
Tschernitscheff war ihm nicht nur mit ausgesuchter Artigkeit entgegengekommen,
sondern hatte sich auch dahin geuert, da er auf Vorschlge wie diese, mit
andern Worten auf Kooperation, recht eigentlich gerechnet habe. Nur diese
verspreche bei dem kleinen Kriege, der voraussichtlich in den nchsten Wochen
bevorstnde, die gewnschten Erfolge. Der berfall Frankfurts, wenn nur von
allen Seiten rechtzeitig eingegriffen wrde, bte geringere Schwierigkeiten, als
es auf den ersten Blick erscheinen mchte. Die franzsischen Truppen seien
decouragiert, unter allen Umstnden aber erheische die Parkierung eines so
bedeutenden Geschtzmaterials einen raschen Versuch. Er proponiere deshalb die
Nacht von Montag auf Dienstag und werde seinerseits im Laufe des voraufgehenden
Tages bis in die Kunersdorfer Gegend rcken, um von dort aus zu nher
festzusetzender Stunde die Dammvorstadt angreifen zu lassen, und zwar mit
zweitausend Mann Elitetruppen. Seines Eifers drfe man sich versichert halten;
er werde persnlich zugegen sein und den Angriff leiten.
    So Drosselsteins Bericht, dem Berndt und Bamme mit wachsendem Interesse
gefolgt waren. Beide glaubten in dem guten Ausgange dieser Mission das
Unterpfand weiteren Gelingens erblicken zu drfen und setzten die schon vorher
geplante Rekognoszierung gegen Frankfurt auf den nchsten Vormittag fest.
Zugleich dankten sie dem Grafen fr den diplomatischen Takt, mit dem er die
Verhandlungen gefhrt habe, woran sich dann die Bitte reihte, wenigstens bis zu
Tische bleiben zu wollen. Drosselstein indessen lehnte, Geschfte vorschtzend,
ab und empfahl sich, nachdem er noch einmal gebeten hatte, die Nacht von Montag
auf Dienstag, schon um den guten Willen Tschernitscheffs nicht zu verwirren,
zu Ausfhrung des Unternehmens im Auge behalten zu wollen.
    Gegen Abend kam Seidentopf, und Jeetze wartete, da der Kartentisch befohlen
werden wrde. Die Tarockpartie fiel aber aus, ein Zeichen, da die
Generalspflichten schwer auf Bamme zu lasten begannen. Er selber scherzte
darber und suchte sich durch Selbstpersiflierung, die dann wieder mit
bermtigkeit wechselte, die Last etwas leichter zu machen; aber er kam nicht
weit damit, und nur als Berndt von der Heiligkeit des Sonntags zu sprechen und,
zu Seidentopf gewandt, ein Mal ber das andere ein Bedauern auszudrcken begann,
da er, um der Frankfurter Rekognoszierungsfahrt willen, die Kirche, die Predigt
und die Verlesung des Aufrufs versumen msse, regte sich der alte
Widerspruchsgeist in ihm, und er fuhr mit einem in hchster Stimmlage
gesprochenen Ich fr mein Teil versume nicht viel scharf und trocken
dazwischen. Einige Minuten spter zogen sich alle zurck, nachdem man noch
bereingekommen war, sich am andern Morgen eine halbe Stunde frher als
gewhnlich am Frhstckstische zu treffen.

Und nun war dieser andere Morgen da, und die Glocken des Hohen-Vietzer Turmes
klangen durch die winterklare Luft. In dem Herrenhause war alles Leben und
Bewegung; die einen rsteten sich zum Gange in die Kirche, die andern zu der
Frankfurter Fahrt. Es fehlten nur noch zehn Minuten an zehn; Krist fuhr vor
(wieder die Ponies), und erst Berndt und Bamme, dann Hirschfeldt und Grell
bestiegen das offene Gefhrt. Nur Lewin und Tubal blieben zurck, vielleicht
weil die Sitzpltze des Wagens nicht recht ausreichten, vielleicht auch, um an
einem so wichtigen Tage wie der heutige den herrschaftlichen Chorstuhl nicht
unbesetzt erscheinen zu lassen. Und jetzt begannen die Glocken zum dritten Mal
zu luten, und whrend mit den Abfahrenden noch Gre gewechselt wurden, boten
die beiden zurckbleibenden Freunde den schon zum Kirchgange bereitstehenden
Damen ihren Arm und schritten mit ihnen erst durch die verdeten Gnge des
Parkes, dann durch die Lindenallee bis zur Kirche hinauf. Die kleine
Seitenpforte war verschlossen, so da sie heute den Haupteingang benutzen und
durch den Turm, wo die Bahre und die gesprungene Trkenglocke stand, in die
Kirche eintreten muten. Diese war schon gefllt, da jeder in Erfahrung gebracht
hatte, da ein Wort ber Krieg und Frieden von der Kanzel gesprochen werden
sollte. Nur der Majorsstuhl dicht vor dem Altar war leer wie immer.
    Renate und die Schorlemmer gingen das Mittelschiff hinauf, Lewin und Tubal
folgten. Als sie bis in die Mitte waren, bogen sie nach rechts hin in einen
Quergang ein, der erst zu einem schmalen Treppchen und mit Hlfe desselben zu
dem herrschaftlichen Chore hinauffhrte. Hier nahmen sie Platz auf alten
hochlehnigen Ledersthlen und stimmten in das Lied ein, das eben gesungen wurde.
Lewin sa am meisten zurck, Tubal unmittelbar hinter Renate und der
Schorlemmer, so da er zwischen ihnen hindurch den Blick auf das groe Denkmal
und ein paar der vordersten Bankreihen frei hatte. Auf der zweitvordersten Bank
sa Schulze Kniehase samt Frau und Tochter. Marie hatte sich mit Renaten leise
begrt, aber seitdem von ihrem Gesangbuche nicht mehr aufgeblickt.
    Es war ein schner Tag; alles sah hell aus, und dieser Eindruck wuchs noch,
als die lichte Gestalt unseres Seidentopf auf der Kanzel erschien. Der Gesang
schwieg, und nur die Orgeltne klangen noch leise nach, whrend alles sich
neigte, um, dem Vorgange des Geistlichen folgend, ein stilles Gebet zu sprechen.
Nun aber ging es wieder wie Leben durch die Versammlung, aller Kpfe richteten
sich auf, und Seidentopf, mit der Rechten sein langes weies Haar
zurckstreichend, begann: Andchtige Gemeinde! Der Tag, den wir ersehnt haben,
ist gekommen. Vor Wochen und Monaten schon, als Gott auf den russischen
Schlachtfeldern sein Zeichen gab, als edle und tapfere Heerfhrer, den Schein
des Ungehorsams nicht frchtend, im wahrhaften Sinn und Geist unseres Knigs zu
handeln und den ersten entscheidenden Schritt zur Abwerfung eines uns
unertrglich gewordenen Joches zu tun wagten, schon damals wuten wir, da
dieser ersehnte Tag kommen werde. Aber er war noch nicht da. Nun ist er
angebrochen. Der bergang von der Knechtschaft in die Freiheit bereitet sich
vor. Der Knig hat geredet, das ungeduldig erwartete Wort, es ist gesprochen
worden. Jeder unter euch kennt es, aber von dieser Stelle aus sei es noch einmal
verkndet.
    Und nun entfaltete unser Freund das den Aufruf abschriftlich enthaltende
Blatt und las mit lauter und eindringlicher Stimme. Die Wrme seines Vortrags
lieh auch den einfachsten Stzen Bedeutung und Leben, und eine Wirkung gab sich
zu erkennen, wie sie bei dem Einzellesen daheim niemand an sich erfahren hatte.
Besonders waren es die Worte, die von der Vaterlandsliebe und der in Zeiten der
Gefahr immer am lebhaftesten bewhrten Anhnglichkeit an den Knig sprachen,
denen die Versammlung mit sichtlicher Bewegung folgte.
    Und nun fuhr Seidentopf fort: So, meine Freunde, hat der Knig gesprochen.
Gesprochen wie noch nie zuvor, weil er noch nie zuvor in gleich hohem Mae das
fr einen Knig erhebendste und beglckendste Gefhl haben durfte, das Gefhl
einer reinen und vollkommenen bereinstimmung mit seines Volkes Wunsch. Ein
heiliger Krieg ist es, der beginnt, ein Krieg voll Hoffnung auf innerliche
Befreiung, und so will ich denn sprechen ber die Worte des Propheten Jeremias
im achtzehnten Kapitel: Und pltzlich rede ich gegen ein Volk und Knigreich,
da ich es ausrotte, zerbreche und verderbe; wo sich es aber bekehret von seiner
Bosheit, dawider ich rede, so soll mich auch reuen das Unglck, das ich ihm
gedachte zu tun. Ja, meine Freunde, Gott war auch wider uns, da er uns
ausrotte, zerbreche und verderbe um unserer Schuld und Snde willen, denn diese
Schuld war gro.
    Und nun begann er, rckwrts blickend, seiner Gemeinde das Bild unserer
Schuld zu malen. Unter eines groen Knigs Regiment htten wir rasch den Gipfel
des Ruhmes erklommen, eines Ruhmes, der uns hochfahrend, sorglos und bequem
gemacht habe. Unredlicher Gewinn habe zum berflu unser Gebiet vergrert, bis
die Hlfte unseres Landes aus fremdem Volk bestanden habe, derart, da wir kaum
noch gewut htten, ob wir Deutsche seien oder nicht. Und whrend von andern
Vlkern um hohe Gter des Lebens gekmpft worden sei, htten wir selbstgerecht
und selbstschtig seitab gestanden und des Glaubens gelebt, da wir durch bloe
Ruhe mchtiger und furchtbarer werden wrden. So sei der trotzig-bermtigen
Klugheit unserer staatlichen Jugend eine verzagte Klugheit auf dem Fue gefolgt,
und mit dem Hinschwinden unseres Ruhmes sei zuletzt auch unsere Ehre mehr und
mehr ein Schattenbild geworden. Eine Flut von Eitelkeit und Verschwendung habe
die mhsamen Werke besserer Jahre zerstrt, bis es endlich ber uns
hereingebrochen sei und der Herr, um mit den Worten des Propheten zu sprechen,
wider uns geredet habe, als gegen ein Volk, das er ausrotten, zerbrechen und
verderben wolle. Ein zermalmendes Kriegsunglck, das noch in unser aller
Gedchtnis sei, habe uns schlielich von unserer falschen Hhe in den Abgrund
geworfen.
    Hier machte Seidentopf eine Pause. Dann aber, sich vorbeugend, fuhr er mit
gehobener Stimme fort: Ein zermalmendes Kriegsunglck, sagte ich. Aber
schlimmer als dieser Krieg war der Frieden, der folgte. Ich rede nicht von der
uerlichen Not, die er mit sich fhrte, ich rede von der traurigen Gewhnung,
die er schuf, das Unwrdige zu dulden. Eine Gewhnung, die so weit ging, da in
vielen Gemtern (nicht in den euern, meine Freunde) der Wunsch und die Hoffnung
auf einen bessern und wrdigeren Zustand verlorenging. In vielen war nur noch
der Gedanke lebendig, wie man sich dem fremden Joch am bequemsten fgen knne.
Andere aber, die noch die Hoffnung auf eine bessere Zeit nicht aufgeben wollten,
worin gefielen sie sich, in was suchten sie die Rettung? In Lug und Trug. Ihr
Tun wurde Heuchelei, und um die drohendste Gefahr zu vermeiden, zeigten sie
Freundschaft und baten um solche, wo sie doch nur verachten und verabscheuen
konnten. Jene Schamlosigkeit war da, die um des Lebens willen jeden edleren
Zweck des Lebens hintenansetzt oder vergit. So war unser Zustand, meine
Geliebten, und wir selber waren nach den Worten der Schrift wie die Heiden in
der Wste. Das waren die zurckliegenden Tage unserer Gefangenschaft; aber
danken wir dem Herrn: ein neuer Tag ist da.
    Und nun begann er seiner Gemeinde zu zeigen, was dieser neue Tag erheische
und bedeute: Rckkehr zur Wahrheit, Rckkehr zu dem Mute, den die Wahrheit gibt.
Er fhrte dies aus und nannte die Wehrhaftigkeit des Volkes, wie sie durch den
heute verlesenen Aufruf proklamiert worden sei, eine Morgengabe, eine Gewhr
besserer Zeiten. Im Gegensatz zu Jahrzehnten, wo der bermut des Soldaten den
Mut fr etwas ihm ausschlielich Zustndiges gehalten habe, sei der Mut jetzt
eine Pflicht jedes einzelnen geworden. Und diesen Mut wrden auch sie zu
bettigen haben, jede Stunde knne sie rufen, und kme sie, so sollten sie sich
derselben wrdig zeigen.
    Andchtig war die Gemeinde gefolgt. Auch Lewin hatte diesmal nicht Zeit
gefunden, nach dem Rotkehlchen auszuschauen, und nur Tubals Aufmerksamkeit war
bald abgeirrt und hatte zwischen dem groen Grabdenkmal und dem silbernen
Altarkruzifix einen mechanischen Pendelgang gemacht, den die wunderlichsten
Fragen begleitet hatten. Wieviel hat das Grabdenkmal gekostet? Wovon sind die
Messingleuchter so blank? Welcher Vitzewitz hat das Kruzifix gestiftet? und
dann waren neue Fragen gekommen, um schlielich den ersten wieder Platz zu
machen. Und woher das alles? Hatten die Seidentopfschen Worte doch eines
tieferen Tones entbehrt? O nein. Aber auf ihrem unausgesetzten Gange zwischen
dem Grabdenkmal und dem Kruzifix waren seine Blicke Marie begegnet. Das war es.
Ihr Mund zuckte von Zeit zu Zeit, und ihre groen dunkeln Augen erschienen wie
geschlossen, so tief lagen sie unter dem Schatten ihrer Wimpern. Er sah das
blasse feingeschnittene Profil, und sah es, bis er nur noch sah und nichts mehr
hrte als die vorwurfsvolle Stimme in seinem Innern, die leise seine Blicke
begleitete.

Die Predigt hatte mittlerweile geschlossen, nur das Gebet war noch zu sprechen,
und alles sah erwartungsvoll zu der Kanzel auf, auch Marie. Sie fhlte wohl, da
Blicke von dem Chorstuhl her sie trafen, aber sie hatte die Kraft, dieser Blicke
nicht zu achten oder doch in ihrer Seele sich ihrer zu erwehren, denn sie war
reinen Gemts und ohne Schein und Falsch.
    Seidentopf aber betete: Barmherziger Gott und Herr. Du hast Groes an uns
getan, da du uns berufst, um ein freies und wrdiges Dasein zu kmpfen. Steh
uns bei. Der Sieg kommt von dir, und mit Vertrauen ist es, da wir Heil und
Segen fr unser Tun von dir erflehen. Schtze den Knig, verleihe Weisheit und
Kraft den Heerfhrern, Mut denen, die die Waffen tragen, treue Ausdauer aber
allen, auch uns. Und wie das Glck des Krieges auch wechseln mge, eines gib uns
als seine letzte Segnung, gib uns Freiheit und Frieden.
    Nun fiel wieder die Orgel ein, der letzte Vers wurde gesungen, und langsam
erhoben sich die Hohen-Vietzer und verlieen die Kirche. Marie blieb zurck, um
Renaten und die Schorlemmer zu begren; dann schritten sie gemeinschaftlich den
Mittelgang hinunter. Tubal und Lewin folgten.
    Als alle den spitzbogigen Mauereinschnitt erreicht hatten, der von der Seite
her in den Turm fhrte, bemerkte Marie, da sie das Gesangbuch sehr
wahrscheinlich auf ihrem Sitzplatze habe liegenlassen. Sie wollte umkehren, aber
Tubal litt es nicht und schritt den Mittelgang wieder hinauf, um das vermite
Buch zu holen. Marie sah ihm nach und wartete, whrend die andern durch das
Auenportal ins Freie traten.
    Das Buch war nicht da. Tubal, nachdem er erst auf der Bank und dann am
Fuboden hin und her gesucht hatte, richtete sich endlich wieder auf und machte
mit beiden Armen ein Zeichen, das die Vergeblichkeit seiner Bemhungen
ausdrcken sollte.
    Marie rief ihm zu: Da mu ich selber kommen, und ging nun ebenfalls das
Kirchenschiff hinauf. Aber in diesem Augenblicke hatte sich das Buch auch schon
auf einem schmalen Brett unter der pultartigen Schrgung gefunden, und Tubal
hielt es triumphierend in die Hhe und ihr entgegen. Sie nahm es dankend aus
seiner Hand, wandte sich dann und schritt eilig wieder dem Ausgange zu; ehe sie
diesen jedoch erreicht hatte, hrte sie, da von auen her zugeschlossen wurde.
Der alte Kubalke, von seinem Orgelchor herabkommend, hatte nicht bemerkt, da
noch wer in der Kirche war.
    Marie fuhr zusammen, fate sich indessen rasch und sagte: Wir sind
eingeschlossen, bitte, pochen Sie schnell an die Tr.
    Auch Tubal war erschrocken, aber anders als seine Gefhrtin. Er fhlte sich
wie von einem elektrischen Schlage getroffen.
    Wozu pochen, Marie, sagte er, der Alte wrde uns doch nicht hren. Und so
wren wir denn Gefangene.
    Ja, aber in einer Kirche gefangen. Und auf alle Flle, die Fenster sind
nicht hoch... und Renate wird unsere Abwesenheit bemerken.
    Gewi; aber hoffen wir, nicht zu frh.
    Marie hrte, wie seine Stimme zitterte.
    Gut, sagte sie, so sind wir denn Gefangene. Machen wir das Beste davon
und nutzen wir die Zeit. Es verlohnt sich immer zu lernen, und ich wette, Sie
kennen unsere Kirche noch nicht. Niemand kennt sie; jeder glaubt genug getan zu
haben, wenn er das groe hollndische Monument bewundert und den Namen des alten
Matthias von Vitzewitz oder wohl gar den seiner tugendreichen Veronika von
Beerfelde mhsam entziffert hat. Das heit dann die Hohen-Vietzer Kirche kennen.
Wir haben aber hier vielerlei.
    Sie sprach dies alles in beinahe heiterem Tone, ganz ersichtlich, um ihre
Befangenheit zu verbergen, und als Tubal, statt aller andern Antwort, ihr nur
immer forschender ins Auge sah, setzte sie rascher und hastiger hinzu: Ich mu
Ihnen das alles zeigen. So verlieren wir diese Minuten nicht. Von dem
zerbrochenen Taufstein, von dem die Leute sagen, er sei tausend Jahre alt, will
ich Ihnen nicht erst erzhlen, Sie glauben es doch nicht; aber hier rechts das
Muttergottesbild, das mssen Sie sehen. Sehen Sie, die Maria hat ihr Christkind
aus den Hnden fallen lassen.
    Vielleicht, weil sie wieder freie Hand haben wollte.
    O nicht doch, das ist Spott und gottlos. Und ich sehe schon, es pat
sowenig fr Sie wie der tausendjhrige Taufstein. Aber hier, das ist etwas, das
pat fr uns beide, und dabei zeigte sie mit ihrer Hand auf einen alten,
aufrechtstehenden Grabstein, der in die Wandstelle dicht neben dem
Muttergottesbilde eingemauert war.
    Tubal trat an den Stein heran und las: Katharina von Gollmitz.
    Ja, das war ihr Name.
    Lassen wir den Namen, sagte Tubal, was soll er uns? Was sollen uns die
Toten?
    Doch, doch, Sie mssen von ihr hren. Sie war die Freundin eines damaligen
Frulein von Vitzewitz, den Vornamen hab ich vergessen, aber nehmen wir an, da
sie Renate hie.
    Nicht Renate.
    Ja, nehmen wir an, da sie Renate hie. Und ihre Freundin, eben diese
Katharina von Gollmitz, deren Grabstein Sie hier vor uns sehen, die starb hier
und wurde hier begraben. Aber das tote Frulein von Gollmitz hatte Sehnsucht in
ihre Heimat und wollte fort von hier und aus dem fremden Grabe wieder heraus.
    Ich glaub es nicht.
    Oh, Sie mssen es glauben, denn es ist wahr, und es wei es jedes Kind
hier. Und immer, wenn das Frulein von Vitzewitz ber diesen Grabstein
hinschritt, der damals noch mit den andern Steinen im Mittelgange lag, dann
hrte sie, wie die Freundin rief: Renate, mach auf !
    Tubal lchelte.
    Und so rufen auch wir jetzt; nicht wahr?
    Nicht ich.
    Doch, doch, Sie mssen es auch rufen, denn so gemahnt uns der Grabstein.
Und alles, an das uns die Grabsteine mahnen, auch wenn sie stumm sind, das
mssen wir tun.
    Ja; nur nicht heute, nur nicht in dieser Minute. Wir leben, Marie.
    Aber wie lange noch? antwortete diese.
    Tubal stutzte. Es war etwas in ihrem Wort, das ihn getroffen hatte. Er
entschlug sich indessen des Eindrucks wieder und sagte nur: Lassen wir die
Grabsteine.
    Und damit schritten sie wieder in den Mittelgang der Kirche zurck.
    Als sie die vordersten Bnke beinah erreicht hatten, unterbrach Tubal das
lange Schweigen und sagte mit weicherer Stimme: Nicht wahr, Marie, wir wollen
gute Kameraden sein? Das Schicksal hat uns hier zusammengefhrt. Ist es nicht,
als ob wir einander gehren sollten?
    Nein, nicht wir... Aber horch, ich hre Stimmen.
    Welche?
    Ich wei es nicht.
    Nicht unsere Stimmen, Marie, nicht Ihre, nicht die meine?
    Nein, nein, Renatens.
    Sie betonte den Namen, und er fhlte wohl, weshalb. Aber auer sich ergriff
er jetzt ihre Hand und sagte mit rasch sich steigernder Heftigkeit: Renate und
immer wieder Renate. Wozu, was soll es? Ich bitte Sie, nur jetzt nicht diesen
Namen; ich mag ihn nicht hren. Er will sich zwischen uns stellen, aber er soll
es nicht. Nein, nein, Marie! Und er warf sich nieder und umklammerte sie,
whrend er sein glhendes Gesicht an ihrem Kleide barg. Einen Augenblick war es
ihr, als ob sie nach Hlfe rufen oder in der pochenden Angst ihres Herzens das
Altartuch erfassen sollte, aber pltzlich von einem andern Gedanken durchblitzt,
ri sie die halb offene Tre auf, die zu dem Majorsstuhl fhrte, und zeigte mit
ihrer Rechten auf die Blutstelle, die das Grauen aller derer war, die davon
wuten.
    Umsonst.
    Und ob Leben und Sterben zwischen uns stnde, rief er, ich lasse dich
nicht, Marie... ich will es...
    Da wurd es wirklich von auen her laut, der Schlssel drehte sich im Schlo,
und gleich darauf erschien der alte Jeserich Kubalke und kam zwischen den
Chorsthlen langsam die Fliesen herauf.
    Nichts fr ungut, junger Herr. Aber mit einundachtzig, da hat man keine
Augen mehr, und da hab ich Sie denn eingeschlossen und gefangengesetzt. Und zwei
schmucke Gefangene, das mu ich sagen. Ja, ja, Marie.
    Beide hatten unter dieser Begrung ihre Ruhe wiedergewonnen und erzhlten
nun dem Alten, da sie die Zeit ausgenutzt und die groen Grabsteine gelesen
htten, auch den von der Gollmitz.
    Auch den von der Gollmitz. Wei schon, das war das Frulein, das nicht hier
bleiben wollte. Ja, das mu man lesen. Aber die jungen Leute tun's nicht, und
wenn sie's tun, so denken sie nichts dabei. Ja, die Grabsteine...
    So plaudernd, waren sie wieder bei dem Ausgange der Kirche angekommen.
    Vater Kubalke, sagte Marie, wir haben denselben Weg.
    Tubal trat an sie heran und bot ihr die Hand, wie zum Zeichen, da Friede
zwischen ihnen sein solle. Es war ein Traum, Marie. Nicht wahr?
    Sie schttelte den Kopf.
    Dann nahm sie den Arm des Alten, der die letzten Worte kaum gehrt, am
wenigsten beachtet hatte, und stieg mit ihm einen der schmalen Pfade hinab, die
von dem Kirchhgel aus auf die Mitte des Dorfes zufhrten.

                              Fnfzehntes Kapitel



                           Die Rekognoszierungsfahrt

Um eben diese Zeit trabten die Ponies ber Hohen-Ziesar auf Frankfurt zu.
    Hohen-Ziesar lag ein betrchtliches abseits der Strae; Berndt aber hatte
den halbstndigen Umweg nicht gescheut, um - was am Tage vorher versumt worden
war - Drosselstein zur Teilnahme an ihrer Frankfurter Rekognoszierungsfahrt
aufzufordern. Freilich eine vergebliche Mhe, da der Graf, wie man erfuhr,
Hohen-Ziesar schon in frher Stunde verlassen hatte. Und zwar sehr
wahrscheinlich, um jenseits der Oder einen zweiten Besuch im russischen
Hauptquartier zu machen. Sicheres verlautete nicht; nur die Tatsache seiner
Nichtanwesenheit blieb und wurde von Berndt und Bamme mit ziemlich gleicher
Befriedigung aufgenommen, da beide au fond du coeur wenig Lust hatten, sich in
Sachen, die sie besser verstanden, von blo hheren Gesichtspunkten aus,
dreinreden zu lassen.
    Und so ging es, unter Empfehlungen an den Grafen, weiter in die klare
Winterlandschaft hinein. Die Ponies schienen das Versumnis einholen zu wollen
und lieen in ihrem Eifer erst nach, als sie dicht vor Podelzig wieder an die
groe Strae kamen. Im Dorfe selbst erfuhren unsere Freunde, da vor kaum einer
halben Stunde die vordersten Staffeln der am Tage vorher heranbeorderten
Bataillone eingetroffen seien, und gleich darauf wurden sie verschiedener
Gruppen von Landsturmmnnern gewahr, die, von alt und jung umstanden, allerhand
Fragen stellten und beantworteten. Einen Augenblick erwog Berndt, ob er
absteigen und zu den Leuten sprechen solle; er unterlie es aber, um nicht
abermals die wenigen noch bleibenden Tagesstunden gekrzt zu sehen.
    Das nchste Dorf war Clessin. Auch hier lieen sich Unruhe und Erregung -
der Aufruf war eben verlesen worden - deutlich erkennen, und nur in Cliestow, in
dem eben zu Mittag gelutet wurde, war alles still. Hier saen die Sperlinge zu
Hunderten auf dem Fahrdamm, unschlssig, ob sie auffliegen sollten oder nicht,
und nichts als der sonnenbeschienene Rauch, der hell und gradlinig aus den Essen
stieg, deutete auf Leben.
    Und nun lag auch Cliestow zurck. Der Weg stieg in leiser Schrgung an, und
eine reizende Szenerie begann sich mehr und mehr dem Auge darzustellen.
    ber das weit nach rechts hin gebreitete Plateau waren zahlreiche Gehfte
ausgestreut, whrend nach links hin das ganz in der Tiefe liegende, nur von
Kropfweiden eingefate Odertal sich schlngelte. Und in eben dieser Tiefe, keine
halbe Stunde mehr von unseren Reisenden entfernt, stieg jetzt auch das Ziel
ihrer Fahrt, die Stadt selber, herauf, deutlich erkennbar an dem gekupferten Hut
der Oberkirche und den vielen goldenen Kugeln, die wie Butterblumenknospen das
grne Spitzdach umstanden.
    Ich zhle sieben Kirchen, sagte Bamme, der aus einer Art Eigensinn nie
zuvor in Frankfurt gewesen war. Es scheint eine groe Stadt, grer, als ich
dachte.
    Der eigentliche Kern ist klein, antwortete Berndt. Aber die Vorstdte
strecken sich weit hinaus. Sehen Sie drben die Dammvorstadt, fast eine Stadt
fr sich. Und dahinter Kunersdorf, blutigen Schlachten-Angedenkens. Hier auf
unserer Seite des Flusses sind wir friedlicher. Die lange Huserlinie dort unten
ist die Lebuser Vorstadt; aber ich will Sie nicht vor der Zeit mit solchen
Einzelheiten behelligen. Vom Spitzkrug aus haben wir das alles viel deutlicher
und sehen den Sottmeiers in die Schornsteine hinein.
    Den Sottmeiers? fragte Bamme.
    Ja, hier drfen wir sie noch so nennen.
    Was ist es damit?
    Eine von den Neckereien und Fehden, wie sie zwischen Altstadt und Neustadt
berall zu Hause sind. Ob es pat, ist gleichgiltig, wenn es nur reizt und bses
Blut macht. Und das tut es. Ein altes Weib, nicht viel besser als eine Hexe,
steckte vor hundert Jahren die ganze Vorstadt hier unten in Brand. Sie hie
Witwe Sottmeier und wurde mit sechs oder sieben ihrer Komplizen auf den
Scheiterhaufen gestellt. Feuer fr Feuer; das war damals noch die Regel. Seitdem
werden alle Kietzer nach dem belberufenen alten Weibe genannt und heien
Sottmeiers. Eine sonderbare Logik, erst den Schaden und dann den Schimpf. Aber
ob logisch oder nicht, es gefllt den Altstdtern, und so bleibt's beim alten.
    Unter diesen Gesprchen waren sie bis an ein weigetnchtes Wirtshaus mit
hohem Strohdach gekommen, das, an der Spitze dreier hier zusammentreffender
Straen gelegen, den Namen Spitzkrug fhrte. Es war dies der vorerwhnte
Aussichtspunkt, weshalb denn auch Vitzewitz halten lie. Ein dreieckiger, durch
die drei Straen gebildeter Garten lag vor dem Hause; hier stellten sich unsere
Freunde auf und sahen, ber einen Heckzaun hinweg, auf das reliefartig vor ihnen
liegende Bild. Bamme hatte den Blick berall und erkannte gleich, da dies der
Punkt sei, der fr alle Flle gehalten werden msse.
    Hier stellen wir unsere Soutiens, sagte er. ber den Spitzkrug geht unser
Rckzug. Die drei Wege hier lassen uns die Wahl und verwirren den Feind.
    Warum Rckzug?
    Bamme lachte. Ein gesicherter Rckzug ist der halbe Sieg. Wer vorwrts
will, mu mit dem Gedanken an ein mgliches Rckwrts beginnen. Wei ich, da
ich wieder heraus kann, so geh ich dem Beelzebub in seinem Allerheiligsten zu
Leibe. Fragen Sie Hirschfeldt, der kennt den Krieg.
    Whrend dieser Worte hatte Bamme sein Notizbuch genommen und begann die
verschiedenen Straen einzuzeichnen. Als er damit fertig war und nach dem Namen
einer zu Fen gelegenen kleinen Vorstadtkirche gefragt hatte, sagte er zu
Vitzewitz: Und diese Bergnase hier, die nach der Stadt zu vorspringt?
    Das ist der Galgenberg.
    So, so. Und die Strae, die von hier aus daran vorberluft?
    Die Richtstrae. Mutmalich, weil sie von der Stadt her zur Richtsttte
fhrte. Ein Rest von den drei Pfeilern ist noch zwischen den Kirschbumen
sichtbar.
    Lassen wir die Pfeiler, Vitzewitz, sagte Bamme. Ich bin fr eine
gesicherte Rckzugslinie, aber, wenn es sein kann, an anderen rtlichkeiten
vorber. Erst die Sottmeiers und nun der Galgenberg und die Richtstrae, das hat
freilich alles seinen Zusammenhang; aber ich bekenn Ihnen offen, weniger
Folgerichtigkeit und mehr Heiterkeit wre mir lieber. Nomen et omen. Ich bin
abhngig von solchen Sachen und geh ihnen gern aus dem Wege. Brechen wir ab; ich
habe mich orientiert.
    Sie stiegen nun wieder auf und fuhren bergab in die Vorstadt hinein, erst an
der kleinen Sankt-Georgs-Kirche und dann an dem gleichnamigen Spitale vorber.
Eine einzige lange Strae. So kamen sie nach zehn Minuten bis an den
Brckendamm, der, wo die Alt- oder Innenstadt beginnt, wenigstens damals noch
ber einen breiten, wenn auch ausgetrockneten Wallgraben hin auf das alte
Lebuser Tor zufhrte. Unmittelbar vor diesem Tore buchtete sich der Brckendamm
zu einem kleinen winkligen Platze aus, auf dem, in die Ecke geschoben, ein paar
zweirderige, aber stark gebaute Karren standen. Daneben lagen eiserne
Kanonenrohre, alle rostig, ein paar zerbrochen, als ob sie, von der Kunersdorfer
Schlacht her, hier liegengeblieben wren. Bamme merkte sich alles. Dann
passierten sie das gewlbte, noch aus den Zeiten der Stadtbefestigung
herstammende Tor, hinter dem sich die groe Torwache befand. Der Posten vorm
Gewehr schritt auf und ab, sah die Vorberfahrenden neugierig freundlich an und
grte mit leichter Handbewegung.
    Ein Glck fr ihn, sagte Bamme, da er morgen abend abgelst ist und
nicht mehr an dieser Stelle schildert. Ein hbscher Junge und grt uns so
freundlich. Es wre mir leid um ihn.
    Hundert Schritte hinter der Torwache zweigt nach links hin eine schmale
Strae ab. Sie fhrt auf den Flu zu, aber ehe sie denselben erreicht, erweitert
sie sich zu einem Kirchplatze, auf dem sich grau und turmlos die lteste
Stadtkirche erhebt. Ist man an dieser vorbei, so gewahrt man sogleich, wie der
Platz sich wieder verengt und abermals Strae wird. Aber nur zwei, drei Huser
zu jeder Seite. Und dann ist man am Quai. In einem dieser Huser wohnte Turgany.
Berndt hatte die Zgel genommen und fuhr vor. Es war ein groes, altes Eckhaus,
mit vorspringendem Erker und einem prchtigen Blick auf Platz und Bollwerk. Ein
rechtes Aussichtshaus. Berndt, als er angeordnet, da Krist ausspannen und
entweder bis an den Spitzkrug oder doch wenigstens bis an einen alten, schon
vorher am Ausgange der Lebuser Vorstadt gelegenen Gasthofe zurckfahren solle,
stieg mit Bamme die breite Steintreppe hinauf, whrend Grell und Hirschfeldt
folgten.
    Der Justizrat empfing sie herzlich und stellte Othegraven vor, der unruhiger
noch als Turgany der Ankunft der Hohen-Vietzer Gste entgegengesehen hatte. In
der Nhe des Fensters war ein Frhstckstisch serviert, an dem man Platz nahm
und artigkeitshalber einstimmte, als seitens des Wirts das Ausbleiben
Drosselsteins bedauert wurde. Grell, seiner Gewohnheit nach, musterte das
Zimmer, das aus der Zeit stammte, wo Gotik und Renaissance sich um die
Herrschaft gestritten hatten. Der Erker war noch gotisch, whrend die groen
Wandflchen und insonderheit die Stuckornamente schon auf Etablierung der
Renaissance deuteten. Ebenso der Ofen, der auf seinen grnglasierten Kacheln die
Geschichte des Tobias darstellte.
    Ein delikater Rauenthaler, sagte Bamme, werde mir seinerzeit die Adresse
der Handlung ausbitten. Hoffentlich kein Geheimnis. Aber nun zu den Geschften,
meine Herren. Carpe diem. Staunen Sie nicht, Vitzewitz, mich schon wieder auf
den Schleichwegen der Klassizitt zu betreffen. Umgang bildet, und man ist
seiner Gesellschaft etwas schuldig. Aber nun Ihren Plan, Othegraven.
    Othegraven verbeugte sich etwas steif und sagte dann: Es wird sich, nachdem
unser Freund Turgany bereits die Ehre gehabt hat, Ihnen unseren berfallsplan
vorlegen zu drfen, im wesentlichen nur noch um Kenntnisnahme der Lokalitt wie
um Festsetzungen hinsichtlich der Zeit handeln, immer vorausgesetzt, da nicht
Ihrerseits, Herr General, nderungen oder neue Vorschlge beliebt werden.
Unterbleiben diese - Bamme nickte -, so werd ich Altes mehr zu rekapitulieren
als dem Ihnen schon Bekannten erheblich Neues hinzuzufgen haben.
    Desto besser. Viele Strhnen verwirren nur. Also repetieren wir unser
Exerzitium.
    So bitte ich Sie denn, Herr General, an dies Erkerfenster herantreten zu
wollen. Auch die anderen Herren. Wir haben dann unser Aktionsfeld vor uns, und
das wenige, was berhaupt noch zu sagen bleibt, lt sich wie auf einer
aufgeschlagenen Karte demonstrieren.
    Alle hatten sich erhoben und waren in den Erker eingetreten. Othegraven
zeigte nach links hin. Herr General wollen das dritte Haus am Platz bemerken,
das grte, scharf an der Kirche vorbei.
    Ich sehe; das mit den verschnittenen Linden, und das Schilderhaus davor. Es
sieht aus wie ein Gasthof.
    Sehr richtig. In diesem Gasthofe wohnen General Girard und sein Stab. Auch
drei oder vier Ordonnanzen. In demselben Augenblick, in dem der erste Schu
fllt, brechen wir, von der Kirche her, vor. Es sind keine zwanzig Schritt. Ehe
der General noch den Schlaf abgeschttelt hat, ist er gefangen. Stab und
Ordonnanzen mit ihm.
    Und dann?
    Fnf Minuten spter mssen auch die Mannschaften in unseren Hnden sein,
die hier in der Altstadt herum einzeln oder zu zweien und dreien in
Brgerquartier liegen. Wir kennen die Huser und werden sie vorher umstellen.
Fr die prompte Durchfhrung dieser Dinge hoff ich mich verbrgen und Ihnen
unmittelbar nach Ihrem Eintreffen auf diesem Platze Meldung von dem Vollzogenen
machen zu knnen. Das ist der erste Akt.
    Und dann? wiederholte Bamme seine Frage.
    Und dann, antwortete der Konrektor etwas spitz, beginnt eben der zweite,
Ihr Akt, Herr General. Denn unsere Brgerschaften sind gewillt, sich Ihrem
Kommando, von dem Augenblick Ihres Eintreffens an, in allen Punkten zu
unterstellen. Der Ruf eines entschlossenen Mannes geht Ihnen voraus, und
Entschlossenheit ist alles.
    Bamme verbeugte sich. Er war nicht unempfindlich gegen solche Huldigungen,
am wenigsten, wenn sie von Gesellschaftskreisen ausgingen, denen gegenber er
das Gefhl hatte, sich aus diesem oder jenem Grunde wiederherstellen zu mssen.
Denn er wute sehr wohl, was ihm fehlte.
    Othegraven fuhr fort: Es wird sich in diesem zweiten Akte darum handeln, ob
wir, will sagen, Ihre Landsturmmnner und unsere Brgerschaften, in
gemeinschaftlicher Aktion imstande sind, uns der zweitausend Mann Voltigeurs und
Grenadiers zu erwehren, die samt ihren Regiments- und Bataillonschefs drben in
der Dammvorstadt liegen und unzweifelhaft von Beginn des Kampfes an eifrig
bemht sein werden, den bergang in die Altstadt zu forcieren. Ein leichtes soll
es ihnen nicht werden. Die Brcke opfern wir, und fr Aufeisung des Stromes ist
gesorgt. Unsere Kietzer Fischer haben es an gutem Willen nicht fehlen lassen;
Tag und Nacht in den Kleidern; Seine Majestt der Knig soll davon erfahren.
Nichtsdestoweniger, ohne besserem Urteil vorgreifen zu wollen, scheint mir der
Ausgang dessen, was wir vorhaben, von dem Eintreffen oder Nichteintreffen der
Russen abzuhngen. Halten sie Wort, so haben wir bermorgen frh eine
franzsische Brigade gefangengenommen, fnfzig Kanonen erbeutet und, was die
Hauptsache ist, der ganzen Provinz ein Zeichen, ein Beispiel gegeben. Lassen uns
umgekehrt die Russen im Stich, so knnen wir uns gegen zweitausend Mann nicht
auf die Dauer halten. Denn es sind ausgeruhte Soldaten, Reserven, die nicht mit
in Ruland waren. Ich bedaure noch einmal das Nichtzugegensein des Herrn Grafen,
getrste mich indessen, da er uns nur fehlt, um sich durch einen zweiten Besuch
im Hauptquartiere Tschernitscheffs der russischen Mitwirkung abermals zu
versichern.
    Sehr gut, Othegraven, sagte Bamme. Das nenn ich den geborenen
Generalquartiermeister, Schule Prinz Eugen oder doch wenigstens Montecuculi.
Nicht wahr, Hirschfeldt? Und alles knapp und kurz. Also bestens akzeptiert. Es
fehlt nur noch eine Kleinigkeit: die Ausfhrung. Aber Tschernitscheff oder
nicht, es mu glcken; zum mindesten drfen wir keinen andern Gedanken mehr
aufkommen lassen. Wir haben A gesagt und mssen B sagen. Alles Kriegsspiel ist
Wrfelspiel. Und wir kncheln fr eine gute Sache. Alea jacta est. Ich habe mein
Latein wieder und meine gute Laune.
    Dabei waren sie vom Fenster an den Tisch zurckgetreten und nahmen wieder
Platz. Aber keiner war in der Stimmung, das Frhstck fortzusetzen. Turgany traf
es deshalb, als er sagte: Brechen wir auf, werte Herren und Freunde. Mein
Programm lautet: erst Inspizierung des diesseitigen Oderquai, dann
Brckenpassage, Dammvorstadt, Herzog-Leopold-Denkmal und franzsischer
Geschtzpark. Soweit gediehen, betracht ich unsere fugngerischen Aufgaben als
gelst und stelle meinen Wagen fr alles Weitere zur Verfgung. Er wird uns am
Geschtzpark oder doch in der Nhe desselben erwarten. Dann Repassierung der
Brcke, Kleist-Denkmal und Rckkehr in meine Wohnung oder aber in die Lebuser
Vorstadt, wohin Sie, wenn ich recht gehrt, Ihren eigenen Wagen dirigiert
haben.
    Und damit brachen alle auf, um ihre Rekognoszierung zu Fu zu beginnen.
    Von Turganys Wohnung bis an den Flu waren kaum hundert Schritt. Eine
sonntgliche Stille herrschte den Quai entlang, der in groen Abstnden mit
uralten Pappelweiden besetzt war. Eingefroren im Eise lagen Oderkhne und
grere Kielboote, die nach Stettin hin gehrten und hier vor der Zeit vom
Winter berrascht worden waren. Nach rechts hin lief die Brcke ber den Flu,
zwanzig Joche oder mehr, zwischen denen unsere Freunde des groen, zum
Brckenschutz errichteten Eisbrechers ansichtig wurden. Alle Arbeit ruhte; die
Glocken der Oberkirche gingen, und einzelne geputzte Frauen, die zur
Nachmittagspredigt wollten, eilten an ihnen vorber.
    Bamme musterte den Quai und die Pappelweiden bis rechts an die Brckenjoche
hinauf und sagte dann zu Berndt: Voil, Vitzewitz, unser mutmaliches champ de
bataille. Dieser nickte zustimmend in guter, beinahe heiterer Laune. Denn er
war viel ruhiger als der Alte, weil er das, was sie vorhatten, nicht als
Abenteuer, sondern als Pflicht und Aufgabe nahm.
    So kamen sie bis an die Brcke und gingen in die Dammvorstadt hinber. Die
Welt hier schien nur noch aus Franzosen zu bestehen; einige, als ob drauen die
Junisonne schiene, balancierten auf den Querhlzern der offenstehenden Fenster,
whrend sich andere mit Bockspringen vergngten oder sich auf Flur und Diele mit
Kindern und jungen Mdchen unterhielten. So namentlich auch vor dem groen
Gasthofe Zum goldenen Lwen, hart an der Brcke, der in eine Kaserne
umgewandelt war. An der Ecke dieses Gasthofes vorbei bogen jetzt unsere Freunde
nach links hin ein und wandten sich dem groen Herzog-Leopold-Denkmale zu, das
sie schon vorher, als sie von Turganys Wohnung aus auf den Flu zugeschritten
waren, in aller Deutlichkeit gesehen hatten. Es lag jener Stelle gerade
gegenber; nur der breite Flu dazwischen.
    Nun standen sie vor diesem Denkmal, zu dessen beiden Seiten - und zwar
zwischen dem hochaufgestapelten Klafter- und Bretterholz eines hier befindlichen
Holzhofes - vierzig bronzene Geschtze zusammengefahren waren. Der Anblick, der
sich ihnen bot, weckte sehr verschiedene Gedanken. Othegraven sah mitrauisch
auf die Bretter und Bohlen und sann nach, wie sie wegzuschaffen wren, whrend
Berndt und Bamme mit Befriedigung wahrnahmen, da die Munitionskarren fehlten.
So war man wenigstens vor einem Mitspielen der Artillerie gesichert.
    Grell hatte sich inzwischen mit seinem Interesse dem Denkmale selber
zugewandt. Drei Frauengestalten trugen eine sternenbekrnzte Urne, am Sockel des
Ganzen aber standen folgende Worte: Menschenliebe, Standhaftigkeit,
Bescheidenheit - drei himmlische Geschwister - tragen Deinen Aschenkrug,
verewigter Leopold, und klagen mit der Gttin der Stadt, deren Brger Du zu
retten eiltest, und klagen mit dem Odergott, in dessen Wellen Du untergingst,
da die Erde ihr Kleinod verloren hat.
    Bamme war ebenfalls herzugetreten und sagte jetzt, whrend er auf die Urne
zeigte: Aschenkrug. Wer's glaubt! Sieht es nicht aus wie eine Riesenbowle? Und
das soll es am Ende auch sein. Ich wette, der Bildhauer - Ehre seinem Andenken -
war ein Schalk und schrieb auf seine Art Geschichte. Sie wissen doch,
Vitzewitz?
    Ich wei߫, sagte dieser. Aber es ist widerlegt.
    Schade, fuhr Bamme fort. Die hbschesten Sachen in der Weltgeschichte
werden immer widerrufen oder widerlegt. Pitt starb an einer Flasche Burgunder;
aber das war nicht gro genug fr einen Rednerhelden oder meinetwegen auch
Heldenredner, und so heit es jetzt, er sei an der Schlacht von Trafalgar
gestorben. Htt ich die Notiz von Rutze, so wrd ich an eine Verwechslung mit
Nelson glauben. Aber es steht in allen Bchern und Blttern. Apropos, Rutze.
Seine Compagnie ist brillant, vielleicht die beste. Nichts fr ungut,
Vitzewitz.
    Whrend diese Worte gewechselt wurden, war der franzsische Posten mit einem
Pas permis, monsieur an den emsig zeichnenden Grell herangetreten, hatte sich
jedoch jedes weiteren Einspruchs begeben, als ihm unser Hlderlinfreund seine
mit komischem Ungeschick abkonterfeiten drei Gottheiten gezeigt und dadurch die
Lachlust des kleinen Sdfranzosen erregt hatte.
    Von der Brcke her kam ihnen jetzt das Turganysche Fuhrwerk entgegen. Sie
stiegen ein, behalfen sich, so gut es ging, und erledigten ihr Programm - auch
bei dem Ewald-von-Kleist-Denkmal einige Minuten verweilend - in der vorher
festgesetzten Reihenfolge. Darnach trennte man sich, um Krist und die Ponies in
der Lebuser Vorstadt aufzusuchen. Ihre letzte Abmachung war dahin gegangen, da
die Landsturmbrigade nicht spter als ein Uhr nachts von Montag auf Dienstag am
Spitzkrug eintreffen solle. Ein Vertrauensmann Othegravens werde sie daselbst
erwarten.

Die kleine Sankt-Georgs-Kirche schlug eben fnf, als unsere Freunde am Ausgange
der Lebuser Vorstadt eintrafen und vor einem hier befindlichen alten Wirtshause
den Hohen-Vietzer Kaleschwagen erkannten. Aber noch nicht angespannt.
    Beinahe die Hlfte der Wirtschaft wurde von einem ungewhnlich groen
Torweg eingenommen, der durch die ganze Tiefe des Hauses lief. Es dunkelte
schon, und so htte sich von der gewlbten Einfahrt sehr wahrscheinlich nichts
weiter als ein schwarzes Loch erkennen lassen, wenn nicht in Hhe des Gewlbes
eine Stallaterne geschaukelt htte. Mit Hilfe dieser gewahrte man drei Stufen,
die nach links hin aus dem Torweg in eine, so schien es, den ganzen Rest des
Gebudes einnehmende Gaststube fhrten. Alles andere lag im Quergebude. In
Front der Ausspannung aber war anscheinend noch ein zweiter Torweg sichtbar,
ebenfalls mit einer Laterne. Sah man indessen schrfer zu, so gewahrte man, da
dieser Torweg gar kein Torweg sei, sondern eine groe Kapellennische, in deren
Hintergrund ein bemaltes Kruzifix hing. Neben diesem Kruzifix zwei weigetnchte
Heilige, die auf ihren bittend vorgestreckten Armen wohl ein halbes Dutzend
vertrockneter Krnze trugen. Vitzewitz war in den Hof gegangen, um nach Krist
und den Ponies zu sehen; Bamme, von Grell und Hirschfeldt begleitet,
patrouillierte drauen auf und ab und wollte durchaus Nheres ber die zwei
Torwege hren. Er sah sich deshalb um und gewahrte schlielich einen Menschen,
der, auf einem der niedrigen Fenstersimse hockend, wie ein Schatten in der matt
erleuchteten ffnung sa.
    He, Sottmeier!
    Der Angerufene erhob sich und kam auf Bamme zu. Es lie sich jetzt erkennen,
da er Hausknecht, Kfer und Marqueur, alles in einer Person war. Er trug eine
grne Friesschrze. Sein eines Auge, das viel grer aussah als das andere,
hatte einen weien Fleck, und dieser weie Fleck bohrte sich immer auf den, mit
dem er sprach. Dazu storres schwarzes Haar; alles hlich und unheimlich.
    He, Freund, sagte Bamme, dem die Lust vergangen war, das Wort Sottmeier
zu wiederholen, he, Freund, wie heit eure Ausspannung?
    Der letzte Heller.
    Das ist gut. Gefllt mir. Man hrt ordentlich, wie er springt. Und hier
nebenan der Torweg mit dem Kruzifix und den zwei Nonnen, wie heit der?
    Auch der letzte Heller.
    Wetter, das gefllt mir nicht; dieser ewige letzte Heller, als ob es sonst
nichts in der Welt gbe. Das schmeckt ja wie Miserere. Grell, wo will das
hinaus? Mit dem Galgenberg haben wir angefangen, und mit dem letzten Heller
hren wir auf. Zweimal der letzte Heller, auf Ehre, das ist zuviel.
    Grell lachte. Wir mssen es uns auf das Beste hin ansehen, Herr General. Es
ist eigentlich eine Feinheit, diese zwei letzten Heller so dicht nebeneinander
wie Himmel und Hlle. War es doch immer so. Der eine lie sein Letztes bei der
Kirche, der andere bei der Kneipe. Es stammt alles noch aus den katholischen
Zeiten her. Aber ich glaube nicht, da es viel besser geworden ist.
    Ich auch nicht, sagte Bamme, und damit schritt er auf die drei Stufen zu,
die vom Torweg aus nach der Gaststube hinauffhrten. Grell und Hirschfeldt
folgten. Einen Augenblick spter trat auch Berndt ein, der, nach lngerem
Umhertappen in dem dunklen Stall, Krist auf einer Futterkiste total verschlafen
vorgefunden und nicht ohne Mhe zum Anspannen seiner Ponies veranlat hatte.
    In der Gaststube saen einige Sottmeiers beim Dreikart. Bamme war nicht in
der Laune, sich populr zu machen; er suchte deshalb ein anderes,
dahintergelegenes Zimmer auf, in welchem er ein groes Billard vorfand, halb
zerrissen, aber die Fetzen mit einer Stopfnadel notdrftig wieder
zusammengenht. Darber hing eine blakende Lampe. Sieht sie nicht aus, als wre
sie drauen den Nonnen fortgenommen, sagte er zu Grell und setzte dann, zu dem
Hausknecht sich wendend, hinzu: Noch ein Licht.
    Dieser brachte zwei und wollte, da kein Tisch da war, das eine auf den
Queuestnder, das andere auf das Brettchen eines neben dem Ofen stehenden
hochbeinigen Kinderstuhles setzen, Bamme befahl aber: Nicht da; hierher, rechts
und links neben die Karoline! und lie die Lichter mitten auf das Billard
stellen.
    Als dies geschehen und die grne Friesschrze wieder verschwunden war,
sagte der Alte: Ich wette, er hat nicht eingeklinkt; riegeln wir zu; besser ist
besser. Wer die Menschen kennt, mitraut ihnen. Es riecht hier berhaupt nach
Spelunke, und wo es nach Spelunke riecht, da riecht es auch nach Verrat.
    Grell schob den Riegel vor und stellte sich dann wieder neben Bamme, der mit
immer komischer werdender Feierlichkeit fortfuhr:
    Eh wir in den Wagen steigen, meine Herren, will ich die Dispositionen fr
morgen auf den Tisch zeichnen. Ein Stck Kreide, Hirschfeldt. Alle groen
Schlachten sind mit drei Linien gewonnen worden. Und diese drei Linien hab ich
auch fr morgen in petto.
    Hirschfeldt hatte mittlerweile den alten Queuestnder durchsucht und ein
Stck Kreide gefunden. Er gab es an Bamme, der sofort einen Kreis auf das
Billardtuch malte und diesen Kreis durch einen dicken Flustrich in links und
rechts halbierte.
    Hier rechts, hob er an, die Dammvorstadt ist Tschernitscheffs Sache; hol
ihn der Teufel, wenn er uns im Stiche lt. Was wir zu tun haben, liegt links,
hier an den drei Toren.
    Und nun begann er jedes der drei Tore durch einen kurzen Doppelstrich zu
bezeichnen, den er quer durch die Peripherie des Kreises zog.
    Dann fuhr er mit steigendem Eifer fort: Um ein Uhr halten wir am Spitzkrug
und marschieren auf drei Straen gegen die drei Tore. Das ist das Vorspiel. Und
nun das Stck selber. Wir nehmen die drei Tore, gleichviel, mit List oder
Gewalt, und dringen in drei Strahlen auf den Kirchplatz vor. Da haben wir die
drei strategischen Linien. Kirchplatz ist Rendezvous. Dort entscheiden sich die
Dinge, so oder so. Hoffen wir alles, und frchten wir nichts. Und damit basta.
Parole Zieten. Und wolle der alte Husarenvater in Gnaden mit uns sein.
    Ein Lcheln ging ber aller Zge, als sie so den alten Husarenvater wie
Gott und seine Heiligen angerufen sahen. Aber Bamme bemerkte nichts. Er ffnete
nur das Fenster, nahm eine Handvoll Schnee und wusch damit seinen dreilinigen
Angriffsplan wieder weg.
    Drauen hielten jetzt die Ponies. Krist knipste mit der Peitsche, und der
storrige Hausknecht, der mittlerweile seine Friesschrze zu einem Dreieck
zusammengesteckt hatte, drngte sich an Bamme, um ihm beim Aufsteigen behilflich
zu sein.
    Verkehren Franzosen hier? fragte dieser.
    Nicht viel.
    Nette Leute?
    Na, soso. Wer sie gerade leiden kann. Nicht schlimmer als unsere.
    Whrend dieses Gesprches hatte sich alles zurechtgerckt, und der Wagen
fuhr langsam hgelan und auf den Spitzkrug zu.
    Galgengesicht, dieser Kerl, sagte Bamme. Vergessener Rest von der Familie
Sottmeier; irgendein Wende, der nach hinten und vorne zugleich sieht. Ein
Schielknig comme il faut. Hol ihn der Teufel. Ich wette, da er gehorcht hat.
    Nicht doch, sagte Vitzewitz und lachte. Es ist ein Dolgeliner. Sein Vater
ist Schmied. Es flog ihm ein Funken ins Auge.
    Und damit ging es in raschem Trab ins Bruch hinein und auf Hohen-Vietz zu,
das sie bei guter Zeit erreichten.

                              Sechzehntes Kapitel



                                 Wen trifft es?

Um die achte Stunde - Berndt und seine Hohen-Vietzer Gste waren noch nicht
zurck - saen Renate, Tubal und Lewin in dem uns wohlbekannten Eckzimmer.
Seidentopf, der zugesagt hatte zu kommen, war ausgeblieben; Lewin schien
zerstreut; Tubal, befangener noch als am Tage seiner Ankunft, vermied es, dem
Auge Renatens zu begegnen. So scheiterten alle Bemhungen dieser letzteren, das
sich hinschleppende Gesprch in einen etwas lebhafteren Gang zu bringen, und
jeder, wenn ein Wagen vorberfuhr, atmete auf, in der Hoffnung, da es die
Ponies sein mchten.
    Wo sie nur bleiben? sagte jetzt Renate. Den ganzen Tag ber bin ich ein
Gefhl der Sorge nicht losgeworden; ich hatt es in der Kirche schon und dann,
als ich bemerkte, da ihr ein geschlossen waret, du und Marie. Ich sagt es auch
der Schorlemmer. Willst du glauben, Tubal, da ich mich an Mariens Stelle
gengstigt htte. Die Mittagsstunde hat ihren Spuk so gut wie Mitternacht.
    Tubal, den jedes Wort traf, bckte sich, um ein paar Tannpfel in den Kamin
zu werfen, und sagte verlegen vor sich hin: Die Zeit verging uns rasch. Wir
haben die Grabsteine gelesen.
    Die Grabsteine, wiederholte Renate. Das htte mir den Mut auch nicht
gehoben. Aber Marie, glaub ich, setzte sich in den Majorsstuhl und verge seine
Schrecken, vorausgesetzt, da es sein mte. Denn im Grunde hat sie das Grauen
so gut wie ich, sie hat nur mehr Kraft, ihre Furcht zu bezwingen.
    Die Pendule schlug jetzt acht, und Renatens Besorgnisse wurden immer grer.
Haltet ihr es fr mglich, sagte sie, whrend sie sich erhob und voll Unruhe
auf das Fenster zuschritt, da die Franzosen von unserem Vorhaben erfahren
haben knnen? Unser Landsturm ist seit drei Tagen auf allen Straen, und es gibt
immer feile Kreaturen, die fr Lohn oder Vorteil den Spion machen.
    Gewi߫, sagte Lewin. Aber diese Spione knnen nicht mehr verraten, als sie
selber wissen. Und was sie wissen, das wissen die Franzosen auch. Es ist einfach
das, da sich ein Wetter gegen sie zusammenzieht. Nicht blo hier, berall.
    Und nun dieser Drosselsteinsche Brief, fuhr Renate fort, die nur mit
halbem Ohre zugehrt hatte, ich glaube nicht, da er viel Gutes bringt. Es ist
mir, als ls ich ihn Zeile fr Zeile. Absage, Zweifel, irgend etwas...
    In diesem Augenblicke fuhr der mit soviel Spannung erwartete Wagen ber das
Pflaster des Hofes und hielt. Da sind sie! riefen alle, und ehe Renate Zeit
gefunden hatte, die bis dahin im Hintergrunde des Zimmers stehende Astrallampe
vor das Sofa zu stellen, traten unsere Frankfurter Reisenden bereits ein. Die
Schorlemmer und Jeetze folgten. Fragen ber Fragen. Abendbrot wurde refsiert,
nur Tee befohlen, und weil alle mehr oder weniger ausgefroren waren, kam man
berein, statt am Sofatisch, um den Kamin her Platz zu nehmen. Der Tagesbericht
sollte chronologisch gegeben werden, kam aber nicht weit, da sich, als des ber
Hohen-Ziesar genommenen Umweges gedacht wurde, Lewin und Renate sofort des
Drosselsteinschen Briefes entsannen, der in der Freude des Wiedersehens
vergessen worden war.
    Berndt erbrach den Brief und las: Nur wenige Worte, mein teurer Vitzewitz.
Eben komme ich von jenseits der Oder zurck und erfahre, da Sie mit dem General
und zwei anderen Herren hier waren, um mich fr Frankfurt abzuholen. Ich war,
wie Sie gewi vermutet haben werden, inzwischen ein zweites Mal bei
Tschernitscheff, den ich bereits auf dem Marsche traf. Er rckt heute noch bis
auf zwei Meilen gegen Frankfurt vor. Seine Gesinnungen sind unverndert die
besten. Er teilte mir zum Schlusse mit, da er an seinen unmittelbaren Chef, den
Corpskommandanten Frsten Wittgenstein, berichtet habe und sptestens bis morgen
mittag der Gutheiung der von ihm getanen beziehungsweise noch zu tuenden
Schritte entgegenshe. Tout  vous, Drosselstein.
    Ein jeder empfand die Zweideutigkeit dieser Tschernitscheffschen Zusage, die
ntigenfalls auch Rckzug bedeuten konnte, keiner aber gab dieser Empfindung
Ausdruck, am wenigsten Bamme, der, um der schlechten Stimmung ein Ende zu
machen, von allem Mglichen und Unmglichen, von Othegraven und den Sottmeiers,
von den beiden letzten Hellern, dem himmlischen und dem hllischen, und
schlielich auch von den zwei Nonnen mit der blakenden Ewigen Lampe zu
perorieren begann. Zuletzt verschwor er sich, da es ein gut geplantes
Unternehmen sei, vor allem klar in der Anlage; drei Linien, konzentrisch auf
einen Punkt gerichtet, garantierten den Erfolg. Die Russen seien gute Kameraden.
Hierbei warf er einen Blick auf Vitzewitz, um zu sehen, ob dieser es ernsthaft
oder ironisch auffassen wrde. Ja, sie seien gute Kameraden, mten es sein, und
es werde glcken. Wenn es aber nicht glcke, so sei die Welt keinen Schu Pulver
wert, einschlielich der ganzen gttlichen Gerechtigkeit, ber die er ohnehin so
seine Gedanken habe.
    Alles sah verlegen vor sich hin, und die Schorlemmer flsterte Renaten zu:
Wo will das hinaus?; Bamme selbst aber, immer neue Lffel voll Baseler
Kirschwasser in die lngst geleerte Teetasse gieend, begann jetzt in seinem
rger ber Tschernitscheff - gegen den er klugheitshalber nichts sagen durfte -
die Schalen seines Zornes auf den Tout--vous-Drosselstein auszuschtten, der
sich mindestens zweierlei htte sparen knnen: erstens den erneuten Besuch im
russischen Hauptquartier und zweitens diesen Brief. Aber er gehre ganz und gar
zu den vornehmen Herren, die, weil sie nichts Besseres zu tun htten, immer
zwischen artigen Besuchen und artigen Briefen hin und her pendelten. Und das
hiee dann Lebensart und Diplomatie.
    Nach diesem Trumpfe - denn er hielt es mit guten Abgngen - erhob er sich
pltzlich, wnschte gute Nacht und ging in sein Zimmer hinber. Berndt folgte
seinem Beispiele, bald auch die andern, und ehe zehn Uhr heran war, war alles
still und dunkel im Haus.

Nur in den Hinterzimmern des Oberstocks brannte noch Licht. Hier hatten sich's
die Freunde bequem gemacht und genossen des Behagens, den eben beschlossenen Tag
noch einmal durchzuplaudern. Auch des kommenden wurde dabei gedacht.
    Tubal und Hirschfeldt, wie seinerzeit erzhlt, waren Schlafkameraden. Ihr
Zimmer lag mehr der Treppe zu, jener mittleren Stube gegenber, in der die drei
jungen Mdchen an dem Einbruchsabend in eine so tdliche Angst versetzt worden
waren. Schon an einem der voraufgegangenen Tage hatte man des kleinen Abenteuers
samt des Nachspiels mit Hoppenmarieken eingehender gedacht; heute kam man darauf
zurck, und Tubal sagte pltzlich: Und nun, Hirschfeldt, mit einem Sprunge, der
von Hoppenmarieken aus eigentlich kein Sprung mehr ist, wie gefllt Ihnen Bamme?
Sie sind heute den ganzen Tag ber mit ihm zusammengewesen. Aber auch vor einer
Stunde noch, unten am Kamine; hrten Sie's wohl? er mokierte sich ber
Drosselstein und glaubte es zu drfen. Und was ist es am Ende? Diogenes in der
Tonne, der sich ber Alexander rgert. Ein bichen Zynismus, ein bichen
Schabernack. Ich lasse das Preuentum gelten, aber dies sbelbeinige Mrkertum,
das sich am liebsten in einen Husaren verkleidet, jeden Augenblick den alten
Zieten spielen mchte und nichts von ihm hat als die Hlichkeit, das ist mir
verhat. Ja, die Hlichkeit. Sehen Sie sich diesen Mann an, der fr einen Typus
dieser Gegenden gelten kann, und dann beantworten Sie mir die Frage, ob sich in
der ganzen Gotteswelt, wenn Sie Kirgisen und Kalmcken auer Spiel lassen, etwas
hnliches findet wie dieser Typus Bamme?
    Vielleicht nicht, antwortete Hirschfeldt. Aber ich kann mich darber
nicht entrsten. Der Typus Bamme, wie vieles an ihm auszusetzen sein mag, ist
wenigstens ehrlich. Und je mehr in diesem Lande geheuchelt wird, vielleicht auch
um seiner Entstehung und Geschichte willen geheuchelt werden mu, desto
wohltuender berhren mich Einzelfiguren, die, wenn Sie mir den Ausdruck zugute
halten wollen, durch En-detail-Ehrlichkeit die nationale En-gros-Schuld zu
tilgen trachten. Bewut oder unbewut ist gleichgiltig.
    Tubal hatte sich in seinem Bette aufgerichtet und sah verwundert zu dem
Sprecher hinber. Es war ihm, als ob er Bninski gehrt htte. Hirschfeldt aber,
whrend er die Lichtschnuppe mit seinem Finger wegknipste, fuhr in demselben
Gleichmutstone fort: Es verwundert Sie, Ladalinski, mich so sprechen zu hren.
Mich, einen Altpreuen. Aber es erklrt sich leicht. Ich war lange drauen, und
drauen lernt es sich. Jeder, der zurckkommt, wird durch nichts so sehr
berrascht als durch den naiven Glauben, den er hier berall vorfindet, da im
Lande Preuen alles am besten sei. Das Groe und das Kleine, das Ganze und das
Einzelne. Am besten, sag ich, und vor allem auch am ehrlichsten. Und doch liegt
unser schwacher und schwchster Punkt gerade nach dieser Seite hin. Welche
Politik, die wir seit zwanzig Jahren gemacht! Lug und Trug, und wir muten daran
zugrunde gehen. Denn gleichviel, Staat oder Person, wer wankt und schwankt, wer
unzuverlssig und unstet ist, wer Gelbnisse bricht, mit einem Worte, wer nicht
Treue hlt, der ist des Todes. Und nun Gott befohlen. Lschen wir das Licht und
schlafen wir. Morgen sind wir schlechter gebettet.
    Er lschte das Licht und sah Altes und Neues an sich vorberziehen. Aber
eines sah er nicht: wie seine letzten Worte das Herz seines Schlafkameraden
getroffen hatten.

In dem Zimmer nebenan plauderten Lewin und Grell.
    Morgen um diese Zeit sind wir auf dem Marsch, sagte Lewin. Ist Ihnen
leicht ums Herz?
    Nein, antwortete Grell. Ich war nie im Feuer und bin deshalb in Furcht,
vielleicht Furcht zu zeigen. Auch ist es ein eigen Ding mit den Vorahnungen.
    Glauben Sie daran?
    Ja, bemerkte Grell. Nicht jeder hat sie; aber wir haben es von der Mutter
her. Im Schleswigschen ist es hufig.
    Eine kurze Pause folgte. Dann sagte Lewin: Ich mag nicht in Sie dringen,
Grell, ber Dinge zu sprechen, von denen Sie vielleicht lieber schweigen. Aber
eines mcht ich doch sagen drfen: ich habe den Eindruck, als ob Sie das, was
wir vorhaben, um einen Grad ernsthafter nehmen, als es genommen sein will. Es
ist ein Coup, der entweder glckt oder nicht glckt; das ist alles. berraschen
wir den Feind, so gibt er sich gefangen, berraschen wir ihn nicht oder lassen
uns die Russen im Stich, so ziehen wir uns zurck; aber im einen wie im anderen
Falle, nennenswerte Verluste werden schwerlich zu verzeichnen sein. Der Feind
ist eben eingeschchtert und wird sich, selbst wenn er unsern Angriff siegreich
abschlgt, auf bloe Defensive beschrnken mssen.
    Grell lchelte. Mglich, da Sie recht haben, Vitzewitz. Jedenfalls wnsch
ich es. Aber Sie kennen die Frhjahrsgewitter: ein Blitz aus heiterem Himmel,
und dann ist es wieder vorbei. Ein Schlag nur, aber er fordert jedesmal sein
Opfer. Und wer will sagen, wer gefordert wird oder wen es trifft.
    Beide schwiegen und hingen ernsten Gedanken nach. Dann sagte Lewin, der dem
Gesprch eine andere Wendung zu geben trachtete: Haben Sie Kleists Grabmal
besucht? Es wirkt etwas zopfig mit seinem Schmetterling und seiner Inschrift in
drei Sprachen, und doch hab ich immer einen tiefen Eindruck davon empfangen.
    Ja, besttigte Grell. Aber der Eindruck, den ich vorher von dem
Herzog-Leopold-Denkmal empfing, war tiefer.
    Und weshalb?
    Weil es mir noch deutlicher und entschiedener meinen Lieblingssatz
predigte, da es erst der Tod ist, der uns unser eigentliches Leben gibt. Auch
hienieden schon. Wer wrde von dem armen Herzoge noch wissen, wenn er sein Leben
einfach ausgelebt htte bis auf den letzten Tag. Er unterbrach aber den Gang
seiner Stunden und opferte sich; und nun lebt er fort, weil er zu sterben
verstand.
    Es ist unser Tun, nicht unser Tod, was uns ein schneres Leben sichert.
    Aber doppelt gesichert ist es uns, wenn es ein Tun im Tode ist.

                              Siebzehntes Kapitel



                                   Die Revue

Und nun kam der Tag, an dem es sich entscheiden sollte.
    Schon in aller Frhe war der alte General auer Bett gewesen, hatte nach
Jeetze geklingelt und Hirschfeldt rufen lassen, der dann auch sofort erschienen
und eine halbe Stunde spter abgeritten war, um die ordre du jour an alle im
halbmeiligen Umkreise stehenden Bataillone zu berbringen. Diese ordre du jour
ging dahin, da eben diese Bataillone Punkt zwlf behufs abzuhaltender Revue in
unmittelbarer Nhe von Hohen-Vietz eintreffen, gleich nach der Revue in eben
diesem Dorfe Alarmquartiere beziehen und neun Uhr abends zum Abmarsche gegen
Frankfurt bereitstehen sollten.
    Mit Abfassung dieser Ordres hatte sich Bamme whrend seiner schlaflosen
Stunden beschftigt. Jetzt erst, wo Hirschfeldt unterwegs war, wurde der Alte
ruhiger; es gab nun kein Zurck mehr, oder um ihn selber sprechen zu lassen,
die Zettel waren gedruckt, und das Stck mute wohl oder bel gespielt werden.
    Er hatte seine Ruhe wieder, aber freilich nicht sein Behagen. Denn so gro
sein Selbstbewutsein war, so gro war auch, selbst unter gewhnlichen
Verhltnissen, seine Selbsterkenntnis. Und nun gar heute! Er fhlte sich der ihm
zugefallenen Aufgabe nicht recht gewachsen und gestand sich unverhohlen, da er
alles, was er an Gaben besa, nicht recht brauchen und alles, was er nicht
besa, in der Eile weder beschaffen noch durch Eifer und guten Willen ersetzen
konnte.
    Zur Abhaltung der Revue war ein groes Brachfeld ausgewhlt worden, das
zwischen dem Fichtenwldchen und der Chaussee lag, dicht neben dem Pflugacker,
ber den hin, am dritten oder vierten Weihnachtstage, die von ihrem
Kirch-Gritzer Besuche heimkehrenden Freunde ihren Wettlauf zur Rettung
Hoppenmariekens gemacht hatten. Aber bis zwlf Uhr war noch eine lange Zeit, und
jeder suchte sie zu krzen. Tubal und Lewin fuhren nach Reitwein hinber, um
sich ein Grabmonument anzusehen, das daselbst aufgestellt werden sollte, der
alte Vitzewitz traf auf alle Flle hin einige Anordnungen, und Grell ging in
die Pfarre; so schien es in der Tat, als ob Bamme, der allein blieb, die ganze
Pein des Abwartens und Stundenzhlens am vollsten und ausschlielichsten
durchkosten solle. Aber Kniehase half ihm aus der Verlegenheit, ihm meldend, da
von den Nachbargtern her einige Reitpferde zur Auswahl fr den Herrn General
und seinen Adjutanten gestellt worden seien. Sie stnden am Spritzenhause,
zwischen dem Krug und dem Schulzenhof.
    Unter diesen Pferden war auch eine Fuchsstute, die Drosselstein geschickt
hatte, ein schnes Tier, beinahe brandrot, das dem Alten auerordentlich gefiel.
Dennoch war er in Zweifel, ob er sich dafr entscheiden sollte.
    Die Fuchsstute gefllt mir, sagte er, aber es hat sein Miliches damit.
Eigentlich halt ich es mit meinem kleinen Isabellfarbenen, den Sie ja kennen;
wir haben dasselbe Ma und passen zusammen. Was meinen Sie, Kniehase, nehm ich
den Shetlnder, oder nehm ich die Fuchsstute?
    Mit Permission, Herr General, sagte Kniehase, wenn der Herr General mich
fragen, der kleine Shetlnder geht nicht. Ein General mu hoch sitzen, hher als
alle anderen; man mu ihn sehen knnen wie die Fahne. Dies hier ist das
Generalspferd! und damit gab er der Fuchsstute einen Schlag auf die Kruppe.
    Gut, Kniehase, Sie sind ein verstndiger Mann. Also die Fuchsstute fr
mich. Und festgesattelt und die Steigbgel hochgeschnallt, da sie nicht blo so
nebenher luten. Und nun noch eins, Kniehase; mu ich zu den Leuten sprechen,
mu ich ihnen eine Rede halten?
    Ja, Herr General, das mssen Sie schon, das geht nicht anders. Und immer
scharf ins Gewissen, das haben sie gern, und die Alten sagen dann: Der
versteht's. Und wer's versteht, dem gehorchen sie und dem folgen sie, und wenn's
ihnen auch an Kopf und Kragen ginge. So kenn ich unsere Leute, gut Beispiel ist
alles, gut Beispiel und Mut.
    Bamme nickte.
    Und, Herr General, fuhr Kniehase fort, eines wollt ich mit Permission
noch gefragt haben: Wollen der Herr General nicht eine Uniform anlegen? Es ist
immer gut, so zweierlei Tuch.
    Nein, Kniehase, Uniform und Uniform ist ein Unterschied. Ein alter
Husarenrock ist nur gut unter seinesgleichen, jeder drckt dann ein Auge zu.
Aber allein ist er gefhrlich und hat dann so seine Beinamen. Mantel und
Pelzmtze, das mu ausreichen, und meine Karbatsche hier. Und dabei fuchtelte
er mit einem dicken Fischbein, das ihm je nach Bedrfnis als Stock und Gerte
diente, in der Luft umher.
    Whrend dieser Worte war die Fuchsstute beiseite gefhrt worden, mit ihr
auch ein schner Grauschimmel, den man als Reservepferd fr Hirschfeldt
ausgesucht hatte. So vergingen einige Minuten, dann sagte Bamme, der mit dem
Schulzen auf und ab geschritten war: Wie spt ist es, Kniehase?
    Halb zwlf.
    Da haben wir noch eine halbe Stunde; wo bleib ich so lange?
    Der Herr Pastor steht am Fenster. Wollen der Herr General nicht bei ihm
eintreten?
    Nein, Kniehase, mir ist nicht nach Seidentopf. Und die Totentpfe hab ich
gestern erst gesehen. Es ist Schlackerwetter, und drben ist ja der Krug; wem
gehrt er doch?
    Den Scharwenkas.
    Richtig, den Scharwenkas, bhmische Kolonisten.
    Ja, Herr General; aber alle Stuben sind voll, von wegen der Revue, Bauern
und Knechte. Wenn der Herr General mit in den Schulzenhof kommen wollten?
    Gewi, Kniehase, mir sehr willkommen. Habe bei den Vitzewitzes allerlei
gehrt. Sollen eine schne Tochter haben, einen wahren Ausbund.
    Pflegetochter, Herr General.
    Macht mir keinen Unterschied. Die alte herrnhutsche Klucke drben, die aus
Furcht vor mir immer drei Sprche auf der Zunge hat, hat uns gestern von dem
Tchterchen erzhlt, so was von Hhnerhof und Schwanenei. Ich gebe nicht viel
auf altes Weibergeschwtz, aber ich bin doch neugierig, das Mirakel, das junge
Schwnchen, kennenzulernen.
    Damit hatten sie den Schulzenhof erreicht und traten nach links hin ein, wo
Marie, die das Vorfhren und Aussuchen der schnen Pferde mit vielem Interesse
beobachtet hatte, am Fenster sa. Sie stand jetzt auf, um das Zimmer zu
verlassen; der alte General aber, whrend er sie mit listigen Augen musterte,
sagte: Bitte, bleiben Sie, Sie sollen mit mir zufrieden sein.
    Und Marie blieb. Bamme nahm einen Stuhl und bemerkte zu dem Schulzen:
Bitte, Kniehase, sagen Sie dem Rittmeister, da er mich drauen auf der
Chaussee erwartet. Ich will von hier aus reiten, und lassen Sie der Stute
drauen noch eine Decke auflegen; sie kommt von Drosselstein, wird also wohl
verwhnt sein. Ihr Tchterchen erzhlt mir unterdessen alte Geschichten. Alte
Geschichten, die Sie schon kennen.
    Kniehase ging.
    Marie, die nicht das Beste von dem Alten wute, blieb ziemlich ruhig,
ruhiger als gestern in der Kirche. Sie hrte bald heraus, da er es gut mit ihr
meinte und da Teilnahme und selbst Respekt aus seinen Worten sprachen.
    Ich bin ein alter Mann, begann er, und plaudere gern. Am liebsten aber
hab ich Menschen, die anders sind als andere. Und dabei bin ich neugierig wie
eine Nachtigall. Da mssen Sie mir denn schon ein paar Fragen zugute halten.
Nicht wahr, Sie sind kein Hohen-Vietzer Kind, nicht aus dem Bruch?
    Nein, ich bin aus dem Schsischen, sagte Marie.
    Ah, aus Sachsen, fuhr Bamme fort. Ich dacht es beinah, es hat was auf
sich mit dem alten Reim. Und Sie verloren Ihre Eltern frh?
    Ja, meine Mutter hab ich kaum gekannt. Dann zog ich mit meinem Vater ber
Land; aber er krnkelte viel.
    Sie zogen mit ihm, wie darf ich das verstehen?
    Wir zogen umher und gaben Vorstellungen: Tanz und Deklamation und Zauberei.
Erst in kleinen Stdten, dann in Drfern; und hier starb er. Er hat sein Grab
oben auf dem Kirchhof, und der alte Jeserich Kubalke, unser Kster und der Vater
von der hbschen Maline, hat ihm eine Grabschrift geschrieben.
    Und wie kam es dann?
    Ich weinte herzlich, nicht um meiner Not willen, denn ich hatte nicht das
Gefhl davon, aber weil ich ihn so sehr geliebt hatte. Noch jetzt hng ich an
ihm und trume von ihm. Sie sehen mich an, Herr General, so freundlich, wie ich
nicht gedacht htte, da Sie jemanden ansehen knnten. Und das gibt mir einen
Mut, von meinem Vater zu sprechen. Ach, die verachteten Menschen, wenn sie gut
sind, sind es die besten. Ich habe frh erfahren, wie wenig der Schein bedeutet.
Und wie mssen erst unsere Herzen vor Gott liegen, der alles sieht und alles
wei!
    Sie hatte das mit tiefer Bewegung gesprochen; jetzt schwieg sie und sah ein
nervses Zucken um den Mund des Alten, der seinerseits die Frage wiederholte:
    Und wie kam es dann?
    Es kam dann, was Sie jetzt sehen; die Kniehases nahmen mich in den
Schulzenhof hinber. Es war vor Weihnachten, und er baute mich seiner Frau auf,
und ich war ihre Puppe. Ich hatt es gut, zu gut, aber da war die verstorbene
gndige Frau, die sah es, und als sie gewahr wurde, da ich wild aufwuchs und zu
sehr meinen Willen hatte, da sorgte sie fr das Rechte. Oder, wenn's nicht das
Rechte war, doch fr das, was sie fr das Rechte hielt. Sie nahm mich in das
Herrenhaus, und da wurden wir zusammen erzogen, Renate und ich, ich meine das
Frulein und ich. Wir waren in gleichem Alter und immer miteinander.
    Und mit Lewin? fragte Bamme, den wieder die Lust zu necken anwandelte.
    Ja, auch mit Lewin, bis er in die Stadt kam. Aber wir sind gute Kameraden
geblieben.
    Und bleiben es auch wohl?
    Ich hoff es.
    Bei dieser Wendung des Gesprchs war Kniehase wieder eingetreten, um zu
melden, da es Zeit sei; drei von den Bataillonen seien schon auf dem Rendezvous
am Wldchen eingetroffen, und das vierte wrde sofort antreten. Das war eine
willkommene Nachricht. Der alte General empfahl sich, wickelte sich drauen auf
dem Flur in seinen Husarenmantel und schwor ein Mal ber das andere, whrend er
mit unsicherer Hand an seinen Kragensen herumnestelte, da er sechs
Pflegetchter ins Haus nehmen wolle, wenn nur eine so geriete wie diese kleine
Fee. Denn eine Fee sei sie, trotzdem die richtigen Feen blaue Augen haben
mten. Und darnach hob er sich in den Sattel, rckte sich zurecht und warf der
am Fenster stehenden Marie Kuhndchen zu, aber mehr freundlich als geckenhaft.
Und gleich darauf ritt er ab. Ein sonderbares Bild, der kleine Mann auf dem
hohen brandroten Pferde, in Mantel und Pelzmtze und die Steigbgel
hochgeschnallt.
    Im brigen war alles, wie Schulze Kniehase gesagt hatte, und als Bamme jetzt
in Nhe des zur Revue bestimmten Blachfeldes eintraf, sah er, da drei der
Bataillone bereits regelrecht aufmarschiert waren. Sie standen hufeisenfrmig
oder in einem Carr, dessen vordere Seite geffnet war. In diesem Augenblicke
meldeten Drosselstein und Vitzewitz, da auch Bataillon Lebus im Anmarsch sei.
Dasselbe rapportierte Hirschfeldt und der kleine Mann wuchs ordentlich auf
seinem hohen Pferde, als er sich von den verschiedensten Seiten her so begrt
und zum Mittelpunkt aller dienstlichen Meldungen gemacht sah.
    Diese Meldungen waren kaum beendet, als man auch schon vom Dorfe her
Trommelschlag hrte und zwischen den Pappeln hin einer lang heranziehenden
Kolonne gewahr wurde. Es waren unsre Lebuser. Sie marschierten in Abstnden von
hundertundfnfzig Schritt. Und jetzt waren die Vordersten deutlich erkennbar
geworden: Compagnie Lietzen-Dolgelin. Ein Alter mit einer Fahne, deren Stock in
einem breiten Gurt steckte, schritt rstig voran, trotzdem sein rechter Fu
etwas krzer war als der linke.
    Wer ist der Alte? fragte Bamme den neben ihm haltenden Vitzewitz.
    Rentamtmann Mollhausen von Lietzen. Hat noch unter Markgraf Karl gedient.
Bei Kunersdorf Schu durch die Hfte.
    So, so. Und die Fahne, die der Alte fhrt? Rot und wei. Hab ich all mein
Lebtag nicht gesehen.
    Das ist die Komtureifahne mit dem achtspitzigen Johanniterkreuz. Lietzen
war Ordensgut.
    Unter diesem Gesprche war Lietzen-Dolgelin bis dicht herangekommen und
schwenkte rechts, um an den einen Flgel des offenen Carrs zu rcken. Dadurch
wurde die zunchst kommende Compagnie sichtbar. Es war die von Hohen-Ziesar. Sie
hatte die meiste Musik: zwei Trommler und zwei Pfeifer, und die ganze vorderste
Sektion bestand aus lauter berittenen Mannschaften: Verwalter und Meier von den
verschiedenen Gtern und Vorwerken des Grafen. Dieser selbst, als er seine Leute
herankommen sah, setzte sich an ihre Front und fhrte sie, die Degenspitze
neigend, an dem alten Bamme vorber.
    Jetzt kam Compagnie Hohen-Vietz. Sie hatte das meiste Ansehen und wurde von
den anderen wie eine alte vornehme Familie behandelt. Das machte, weil sie die
historische war. Die Lietzner Komtureifahne mit dem achtspitzigen Kreuz wollte
nicht viel besagen, denn ihr Fahnentuch war neu, keine dreiig Jahre alt;
Compagnie Hohen-Vietz aber hatte noch das siegreiche Kirchenbanner aus den
Hussitentagen her und vor allem die groe Schwedentrommel, von der jedes Kind in
den Bruchdrfern wute und die jetzt dumpf und eintnig ihren Marsch wirbelte.
Es war der Schmied, der sie trug, an einem breiten, mit Muscheln besetzten
Lederbande, nicht viel schmler als der Ledergurt eines Schlittengeluts. Die
Trommelwandung war blau, und der krause Mohrenkopf, der sich in gelbem Schilde
auf eben dieser Wandung befand, war durch Seidentopf als der Kopf der Knigin
Christine festgestellt worden.
    Und nun kam Compagnie Protzhagen, Hauptmann von Rutze am rechten Flgel und
statt des Trommelschlgers einen Hornisten in der Front. Dieser, ein dicker,
kurzhalsiger Mann und seines Zeichens Protzhagener Kuhhirt, steckte wie verloren
in den Windungen eines riesigen Horns, von dem es hie, da es dasselbe sei,
drin Junker Hans von Rutze vor hundertundfnfzig Jahren den Hals gebrochen habe.
Es gab nur zwei Tne von sich, einen tiefen und einen hohen, von denen der tiefe
zum Angriffs- und der hohe zum Rckzugssignal bestimmt worden war. Die Compagnie
selbst aber, nach wie vor die beste, war in all ihren Gliedern mit Piken
bewaffnet, eingedenk der historischen Tatsache, da Eusebius von Rutze in der
groen Schlacht bei Budapest mit einer Pikeniercompagnie das trkische Zentrum
durchbrochen hatte. Daraufhin hatte sein Urenkel, unser Hauptmann, allem
Dreinreden einzelner zum Trotz, auf Piken bestanden, und Bamme - selber ein
Freund der blanken Waffe und des Mann gegen Mann - war ihm gern zu Willen
gewesen. Er sah jetzt schmunzelnd auf Rutze, der, das sechs Fu lange Sponton in
beiden Hnden, gravittisch an ihm vorbeidefilierte, und wandte sich zu Berndt:
Voil, der Anmarsch der Protzhagener Gebirgsvlker. Sehen Sie, Vitzewitz, das
Monstrum in der blechernen Boa constrictor. Das reine Horn von Uri.
    Und damit schwenkten auch die Rutzeschen nach rechts hin ein.
    Ihr Einschwenken, wie das der letztgenannten Compagnien berhaupt, htte,
wenn es en ligne erfolgt wre, das bis dahin offene Carr schlieen mssen,
dadurch aber, da sie hintereinander, zu je zwei und zwei, am rechten und linken
Flgel des Hufeisens aufmarschierten, war zwischen ihnen eine breite Gasse frei
geblieben, durch die jetzt erst Bamme und dann alle Bataillonskommandeure, die
mit auf der Chaussee gehalten hatten, in das Carr einritten.
    Die Barnimschen Bataillone, zum Unterschiede von den Lebusischen, hatten
viele kleine Compagniefahnen mitgebracht, rote Frieslappen, in die, wie sich die
Landsturmmnner ausdrckten, der preuische Kuckuck eingenht worden war.
Diese Fahnen senkten sie jetzt, whrend zugleich alle Trommeln, groe und
kleine, gerhrt wurden. Der alte General salutierte, ritt die Fronten ab und
nahm dann seine Stellung inmitten des Carrs, von seiner Suite und mehreren der
Barnimschen Fahnentrger umgeben. Der Moment war nun da, wo gesprochen werden
mute.
    Bamme war nicht ngstlich und wute zu reden wie jeder, dem es gleichgltig
ist, ob seine Rede gefllt oder nicht.
    Leute! begann er, in Frankfurt sind funfzig Kanonen und blo zweitausend
Franzosen. Ein paar hundert mehr oder weniger tut nichts. Wir wollen sie
berrumpeln; wollt ihr?
    Ja, Herr General!
    Gut, ich hab es nicht anders von euch erwartet. Denn was sagte der Alte
Fritz? Wenn ich Soldaten sehen will, sagte er, so seh ich das Regiment
Itzenplitz. Und das andere Mal sagte er: Wenn ich Soldaten sehen will, so seh
ich das Regiment Markgraf Karl. Ja, Leute, so sagte der Alte Fritz. Habt ihr
verstanden, was ich meine?
    Ja, Herr General.
    Regiment Itzenplitz und Regiment Markgraf Karl, wo waren sie zu Hause?
    Hier, Herr General.
    Richtig, hier in Barnim und Lebus. Kerls, sollen wir schlechter sein, als
unsere Vter waren? Sollen wir, wenn uns der Alte Fritz ansieht, die Augen
niederschlagen?
    Nein, nein!
    Es wird nicht viel kosten; die Brger helfen und die Russen auch. Aber wo
Holz gehauen wird, fallen Spne. Ein paar von uns werden die Zeche bezahlen
mssen. Wollt ihr?
    Ja!
    Ich wut es. Aber nun die Ohren steif. Wer ein Hundsfott ist, kriegt die
Kugel vor den Kopf. Ich bin ein spahafter Mann, aber wenn es Ernst wird,
versteh ich keinen Spa. Und nun vorwrts! Feldgeschrei Zieten! und Losung
Hohen-Vietz! Das knnen sie nicht nachplappern... Und wit ihr, wer sie holen
soll, sie und ihren Kaiser?
    Ja, wir.
    Nein, der Kuckuck soll sie holen, und dabei wies er auf die kleinen
Compagniefahnen der neben ihm stehenden Barnimschen Fahnentrger.
    Diese schwenkten jetzt wieder ihre roten Frieslappen, alle Spielleute fielen
ein, und Bamme hatte die Genugtuung, seinen letzten Redetrumpf durch nicht enden
wollende Hurras begleitet zu sehen.
    Als sich der Lrm einigermaen wieder gelegt hatte, ritt er grend aus dem
Viereck auf die Chaussee zurck. Die Bataillone brachen rasch in Sektionen ab
und folgten ihm unter Trommelschlag in das Dorf.
    Auch das Horn von Uri klang abwechselnd mit seinem tiefen und seinem hohen
Ton dazwischen.

                              Achtzehntes Kapitel



                                  Der Aufbruch

Die Nachmittagsstunden vergingen rascher, als man erwartet hatte; smtliche
Kommandeure waren zu Tisch geladen, und das Gesprch mit ihnen krzte die Zeit.
Selbst Bamme, als er erst wahrnahm, da es seinen Geschichten und Anekdoten,
aller pressanten Lage zum Trotz, an einem aufmerksamen und dankbaren Publikum
nicht fehlte, kam ber die gefrchteten Stunden in guter Laune hinweg.
    Schon lange vor neun begannen sich die Bataillone zu sammeln und standen nun
das Dorf hinauf und hinunter: bei Miekleys Mhle die Vorhut, auf der
Straenerweiterung zwischen dem Krug und dem Schulzenhof die beiden Barnimschen
Bataillone, vor dem Herrenhause das Bataillon Lebus. Es war ziemlich dunkel,
aber bei dem Lichterschein, der von rechts und links her auf die Gasse fiel,
lieen sich die aus Piken und Gewehren zusammengesetzten Pyramiden deutlich
erkennen. Vor den Husern standen die Landsturmmnner im Gesprch mit den Frauen
und Mdchen, denn alles, was Waffen tragen konnte, war in Reih und Glied.
    Bamme hielt bei Miekleys Mhle neben einer Art Biwaksfeuer, das hier mitten
auf dem Fahrdamme angezndet worden war. Die Pelzmtze tief ins Gesicht gerckt,
den Husarensbel ber den grauen Mantel geschnallt, gewhrte er jetzt, angeglht
von dem Flammenschein, auf seiner hochbeinigen roten Fuchsstute einen noch
groteskeren Anblick als bei seinem Ritte zur Revue. Neben ihm hielt Hirschfeldt.

Und nun schlug es neun, und ehe noch der letzte Schlag verklungen war, hie es:
An die Gewehre! Jeder, der das Kommando hrte, wute, von wem es kam. Diese
scharfe Krhstimme hatte nur einer. Die Landsturmmnner des zunchststehenden
Bataillons gehorchten augenblicklich und mit der Przision alter Soldaten,
whrend Hirschfeldt die Dorfgasse hinaufjagte, um den Befehl von Bataillon zu
Bataillon zu bringen. Dann warf Bamme die Fuchsstute links herum, nahm zwischen
zwei Holzpfeilern, die den Eingang zum Mhlengehft bildeten, Stellung und
kommandierte: Bataillon, marsch!. Die Tambours schlugen an, und unter Hurra
ging es im Geschwindschritt an dem Alten vorbei, der immer, wenn ein neues
Bataillon herankam, die Pelzmtze lpfte, um wenigstens die vordersten Rotten zu
begren. Jetzt kam auch das Bataillon Lebus, das die Nachhut bildete; die
Schwedentrommel lrmte, und der Protzhagener Kuhhirt, mit dem
Junker-Hansen-Horn, blies unablssig dazwischen. Es klang wie Feuerruf.
    Vitzewitz und Drosselstein lieen im Vorbeimarsch prsentieren, und erst als
der letzte Mann ihres Nachhut-Bataillons vorber war, gab auch Bamme seinen
Platz zwischen den zwei Pfeilern auf und folgte an der Queue der Kolonne.
    Eine halbe Stunde spter war wieder alles still in der Dorfgasse, und nur
die Lichter brannten noch bis tief in die Nacht hinein; denn da war kein Haus,
dessen Insassen nicht den Zug in Furcht und Hoffnung, mit Sorgen und Gebet
begleitet htten.
    So war es auch in der Pfarre. Hier saen Renate und die Schorlemmer, die
gekommen waren, sich Rat und Trost zu holen. Wenigstens galt dies von Renate.
Die Schorlemmer hatte selber, was sie brauchte, und nahm ihre Zuflucht lieber zu
dem eisernen Bestand ihrer Lieder und Sprche, die sie, nicht ganz mit Unrecht,
fr heilskrftiger ansah als alles, was ihr Seidentopf bieten konnte.
    Beide (Renate wie die Schorlemmer) waren noch nicht lange zugegen, als auch
Marie vom Schulzenhofe her eintrat. Man begrte sich herzlich, aber es wollte
kein rechtes Gesprch aufkommen, und nachdem einige gleichgltige Worte
gewechselt waren, sahen alle schweigend vor sich hin. Immer wieder im Laufe des
Tages war versichert worden, da es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um
ein leichtes Unternehmen handle, da die Franzosen demoralisiert seien und da
man angesichts dieser Tatsachen einen regelrechten oder gar hartnckigen
Widerstand kaum zu gewrtigen habe; nichtsdestoweniger hatte Hirschfeldts ernste
Miene und mehr noch Bammes inmitten aller Heiterkeit unverkennbar hervortretende
Unruhe deutlicher gesprochen als alle jene hoffnungsreichen Versicherungen. Die
Gefahr sollte geleugnet werden, aber sie war da. So hing jeder allerlei trben
Gedanken nach, am meisten aber Marie. Fr Lewin frchtete sie nichts, es war
ihr, als ob irgendein Flammenschild ihn schtzen msse; aber Tubals gedachte sie
mit Zittern. War es eine Neigung, ihr selbst zum Trotz? Nein. Es lag nur tief in
ihrer Natur, an einen Ausgleich zu glauben, das Mysterium von Schuld und Shne
war ihr ins Herz geschrieben, und ihre geschftige Phantasie malte ihr dunkle
Bilder, wechselnd in der Szenerie, aber ihr Inhalt immer derselbe.
    So vergingen Minuten; das Schweigen wurde peinlich, um so peinlicher, als
auch der sanguinische Seidentopf, der seiner Natur nach immer mehr hoffte als
frchtete, an diesem Schweigen teilnahm.
    Endlich sagte Renate: Welchen Weg werden sie nehmen? Ich habe den Papa zu
fragen vergessen. Am Flu hin ist es nher, aber der Hhenweg ist besser und
nicht so trist und de.
    Soweit ich Bamme verstanden habe, antwortete Seidentopf, wollen sie bei
Reitwein oder doch sptestens bei Podelzig die Kolonne teilen und auf beiden
Straen vorgehen, die Barnimschen unten an der Oder, unser Bataillon und die
Mnchebergschen ber das Plateau hin. Beim Spitzkrug treffen sie dann wieder
zusammen. Hirschfeldt hatte den Platz an der kleinen Georgenkirche
vorgeschlagen, aber Bamme bestand auf dem Spitzkrug.
    Das glaub ich, sagte die Schorlemmer. Er ist immer mehr fr Krug als
Kirche. Und das ist es, was mich ngstigt und meine Hoffnung so niederdrckt.
    Renate nahm die Hand der alten Freundin und sagte: Ich sehe nicht ein,
warum. Weit du doch nichts von ihm, als was die Leute sagen.
    Und das ist auch gerade genug. Was die Leute sagen, ist immer wahr,
trotzdem die Welt voll Lge ist. Aber die Lge luft sich tot, und was dann
bleibt, das ist die Wahrheit. Hast du je gehrt, da sie von dem Grafen drben
etwas Bses sprechen? Nein, und warum nicht? Weil er ein reines Herz hat. Es hat
ihm blo die Erweckung gefehlt und das Licht des Glaubens. Aber was diesem
garstigen Bamme fehlt, das ist nicht mehr und nicht weniger als alles, und was
er dafr hat, das ist Qualm und Rauch. Und er raucht auch immer (aus einer
hlichen kurzen Pfeife), und durch die ganze Stube hin liegt Asche und Fidibus
und Schwamm. Er hat uns Lcher in die Dielen gebrannt, und berall sieht es aus,
als ob, ich will nicht sagen wer, fnf Tage lang bei uns im Quartier gelegen
htte. Was soll Gutes davon kommen? O nein, Renatchen, was wir brauchen, das ist
die Hilfe Gottes. Der mu seine Engel schicken, da sie fr uns streiten; aber
sie knnen nicht streiten an dieses Mannes Seite, denn das Reine vertrgt sich
nicht mit dem Unreinen.
    Liebe Schorlemmer, sagte Marie, du tust ihm doch wohl unrecht, er wird
schwrzer gemalt, als er ist; das hat er mit seinem Vorbilde gemein. Er kam
heute vormittag in unser Haus und setzte sich zu mir und sprach mit mir, wohl
eine halbe Stunde lang. Ich frchtete mich keinen Augenblick und jedenfalls ein
gut Teil weniger als vor vielen anderen, die keine Bammes sind. Er war sehr
artig und sehr teilnehmend, und ich mu sagen, ich habe nichts Hliches aus
seinem Munde gehrt. Vielleicht, da er frher anders war. Er ist klug und kennt
die Menschen, und ich glaube, er wei recht gut, was er sagen darf und was
nicht.
    Marie hat recht, sagte Seidentopf. Und zudem, er hat noch eine groe
Tugend: er heuchelt nicht und macht sich nicht besser, als er ist. Im Gegenteil,
er legt sich allerhand Tollheiten zu, denn das menschliche Herz ist wunderlich
in seinen Eitelkeiten. Die meisten suchen ihren Vorteil im Tugendschein, er
gefllt sich im Schein der Snde. Ich will nicht alles an ihm loben, aber wenn
ich die Summe seiner Fehler ziehen sollte, so wrd ich sagen, er ist eitel und
gefallschtig und nicht fest in Grundstzen.
    Nicht fest in Grundstzen, brauste jetzt die Schorlemmer auf. Das nenn
ich denn doch Beschnigung. Grundstze? Er hat berhaupt keine, und das ist das
Schlimmste. Denn wer keine Grundstze hat, der ist wie ein Raubtier oder eine
Katze. Und wie macht es die Katze? Jetzt schnurrt und spinnt sie noch und wrmt
sich an der Ofenecke, aber im nchsten Augenblicke springt sie dem schlafenden
Kind an die Kehle. Sie hat es fr eine Maus gehalten, sagen dann die Leute, die
fr alles eine Entschuldigung haben. Aber ich mag nichts davon wissen. Maus hin,
Maus her, die kleine Unschuld ist tot.
    Renate und Marie wechselten Blicke, die Schorlemmer aber, die, so gut sie
war, in ihrem Eifer oft aller Liebe verga, fuhr immer heftiger fort: Und mit
diesem Manne ziehen sie gegen die Mauern einer festen Stadt, als ob er ein Mann
Gottes und ein Auserwhlter wre. Er wird aber den dicken Mann von Protzhagen,
dem sie das alte Rutzenhorn um den Nacken gelegt haben, umsonst blasen lassen,
denn das alte Rutzenhorn ist keine Posaune, und Bamme, Gott wei es, ist kein
Josua. Denn der hatte das Gesetz, das Gott dem Mose gegeben, und wich nicht zur
Rechten und nicht zur Linken. Und so blieb es in Israel, und wenn es arg wurde,
weil sie sich mit den heidnischen Vlkern mischten und den heidnischen Gttern
dienten, dann weckte Gott einen Gottesmann unter ihnen, der schlug dann die
Moabiter und Amalekiter und viele andere noch. Und warum schlug er sie? Weil
sein Auserwhlter dem rechten Gotte diente und die Baalstempel strzte. Aber
dieser Bamme, der nun auszieht, um unsere Feinde zu schlagen, der ist selber ein
Heidenkind und mchte jeden Tag dem Baal Tempel und Altre bauen. Und was ist
sein Baal? Das Spiel und der Trunk und die Fleischeslust. Und deshalb sage ich,
er wird nicht wiederkehren wie Gideon...
    Aber vielleicht wie Jephtha, scherzte Renate, und ich werde ihm, wenn er
siegreich heimkehrt, mit Pauken und Zimbeln entgegenziehen.
    Seidentopf und Marie vergaen angesichts dieses Bildes auf Augenblicke
wenigstens den Ernst ihrer Lage, Renate selbst aber, whrend sie die Hand der
Alten nahm, setzte beschwichtigend hinzu: Sieh nicht so bse darein, liebe
Schorlemmer, aber es ist nicht gut, wie du sprichst. Sind wir doch hier in
schwerer Stunde beisammen, und die Liebsten, die wir haben, sind ausgezogen, um
dem Lande das Zeichen der Erhebung zu geben. Und was tust du? Du malst uns
schwarze Bilder, als ob alles untergehen mte um dieses einen Mannes willen.
Das ist nicht recht, und ich kenne dich nicht wieder. Um eines Guten willen bt
Gott viel Gnade, so hast du mich frher gelehrt, aber er bereitet nicht um eines
Schuldigen willen hundert Unschuldigen ihr Verderben. Habe ich recht, lieber
Pastor?
    Ja und wieder ja, sagte Seidentopf, und es fhrt zu nichts, unsere Herzen
immer bnger und schwerer zu machen, wo wir uns aufrichten sollen. Der Eifer hat
meine alte Freundin hingerissen. Wir haben all einen Punkt, der eine diesen, der
andere jenen, wo wir, wenn wir am gerechtesten zu sein vermeinen, am
ungerechtesten werden. Und bei meiner Freundin heit er: Bamme. Lassen wir den
Streit und das Trbesehen und lesen wir ein Wort von der Allmacht und der Gnade
Gottes.
    Marie war aufgestanden und holte von der Camera theologica her die groe
Augsburgsche mit den Eisenzwingen und ffnete die Klammern. Der alte Seidentopf
aber las den neunzigsten Psalm: Herr Gott, du bist unsere Zuflucht fr und fr.
Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du,
Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    Darnach erhoben sich die Schorlemmer und Renate, um in das Herrenhaus
zurckzukehren. Mit ihnen auch Marie, denn sie wollten die Nacht
zusammenbleiben.

                              Neunzehntes Kapitel



                                  Der berfall

Whrend in der Pfarre Seidentopf und die drei Frauen in dieser Weise plauderten,
rckten die Compagnien auf Frankfurt zu. Einzelne Sterne, kaum hervorgekommen,
hatten sich ebenso rasch wieder versteckt, und nur der Schnee, der lag, gab
gerade Licht genug, um des Weges nicht zu fehlen. Schweigsam, in dunkler Kolonne
ging der Marsch, und wer hundert Schritte seitwrts gestanden htte, htte
nichts wahrgenommen als einen langen Schattenstrich und dann und wann ein paar
Funken aus den kurzen Pfeifen der Landsturmmnner. Die Krhen sahen dem Zuge
nach, verwundert, aber ohne sich zu rhren, und nur ein paar von ihnen flogen
krchzend auf, um es am Wege hin den andern zu melden. Dabei senkte sich das
Gewlk immer tiefer, und jeder empfand es wie Schwle, trotzdem eine kalte Luft
strich.
    So kamen sie bis Reitwein, wo noch berall Licht war. Viele von den
Drflern, auch hier meistens Frauen, waren bis auf den Fahrweg hinausgetreten,
um ihre in der Kolonne befindlichen Angehrigen zu begren, andere blieben in
den Tren stehen und wehten und winkten mit weien Tchern, was in dem Dunkel,
das herrschte, einen unheimlichen Eindruck machte.
    Hinter dem Dorfe teilte sich der Weg. Als die Kolonnenspitze den Gabelpunkt
erreicht hatte, schwenkten die Barnimschen Bataillone, ganz wie es Seidentopf
vermutet hatte, nach links hin in die Niederung ab, whrend die andere Hlfte
des Zuges auf dem Plateau hin weitermarschierte. Bei dieser zweiten Hlfte
befand sich, auer dem Kommandierenden und seinem Adjutanten, auch unser
Landsturmbataillon Lebus.
    An der Spitze desselben, den vordersten Rotten um fnfzig Schritte voraus,
ritten Drosselstein und Vitzewitz. Sie kannten Weg und Steg und hatten auf
Bammes ausdrcklichen Wunsch die Fhrung whrend des Marsches bernommen. Beiden
war nicht plauderhaft zu Sinn; endlich aber, als die letzten Reitweinschen
Huser schon in Bchsenschuentfernung hinter ihnen lagen, begann Drosselstein:
Ein Glck, da wir Hirschfeldt an der Seite des Generals haben. Er ist
kaltbltig und kennt den Krieg.
    Ja, besttigte Vitzewitz. Und ein Glck um so mehr, als der Alte sich
selber mitraut. Er war eitel genug, das Kommando, das wir ihm anboten und in
Anbetracht aller Umstnde wohl oder bel anbieten muten, auch wirklich
anzunehmen; jetzt aber ist er unsicher, weil er sich seiner Aufgabe nicht
gewachsen fhlt. Am liebsten wrd er es jedem einzelnen sagen, und ich rechne es
ihm hoch an, da er darauf verzichtet und sich wenigstens den Leuten gegenber
zum Schweigen zwingt. Er ist kein Mann der ruhigen berlegung und nur waghalsig
fr seine Person. Die Verantwortlichkeit drckt ihn.
    Diese Stunden sind brigens die schlimmsten. Ist er erst in Aktion, wird er
sich selber wiederfinden.
    Und diese Aktion, wie wird sie ablaufen? fragte der Graf.
    Ich hoffe gut; es wre denn...
    Drosselstein sah ihn fragend an.
    Es wre denn, wiederholte Vitzewitz, da uns die Russen im Stich lieen.
    Ich habe nicht nur Tschernitscheffs Zusicherung, ich habe sie, wie Sie
wissen, gestern zum zweiten Male empfangen. Er ist kein Mann der
Eiferschteleien.
    Vielleicht nicht, antwortete Vitzewitz. Aber ich kenne die Russen, sie
sind launenhaft und lassen es an sich kommen. Dabei haben sie jene glatten
gesellschaftlichen Formen, die die Sache nur noch schlimmer machen. Sie
versprechen alles und wissen im voraus, da sie das Versprochene nicht halten
werden, wenigstens fhlen sie sich nicht in ihrem Gewissen gebunden. Es fehlt
ihnen zweierlei: Ehrgefhl und Mitgefhl. Und Tschernitscheff ist wie die
anderen. Es ist mglich, da er kommt, aber es ist andererseits nicht unmglich,
da er nicht kommt. Und das ist es, was mir Furcht und Sorge macht.
    Drosselstein suchte zu widerlegen, aber seine Worte verrieten deutlich, da
er im Grunde seines Herzens Berndts Befrchtungen teilte.

In der nachrckenden Kolonne war nach wie vor alles still. Schulze Kniehase
fhrte den ersten Zug, Lewin den zweiten, Tubal den dritten. Zwischen dem
zweiten und dritten Zuge ging Hanne Bogun. Bamme, seiner hohen Fuchsstute
mitrauend, hatte auf ein Reservepferd bestanden, und der Scharwenkasche
Htejunge war ausersehen worden, den Shetlnder am Zaume nachzufhren. In der
ganzen Kolonne war er der einzige, dem es wirklich wohl ums Herze war. Eitel und
seit dem Tage, wo die Suche stattgefunden hatte, von einem immer wachsenden
Dnkel geqult, war er auch jetzt wieder begierig, sich hervorzutun, und
zweifelte keinen Augenblick, da sich die Gelegenheit dazu finden wrde. Schon
sein Aufzug deutete darauf hin; er trug eine Friesjacke und Leinwandhose wie
gewhnlich, aber ber die Jacke war ein breiter Ledergurt geschnallt, in den er
einen Schlitz gemacht und ein langes, in der Mitte ausgeschliffenes Messer
hineingesteckt hatte. Der ganze Junge das Bild eines frechen Tunichtgut.
    Tubal, den die Stille bedrckte, trat ein paar Schritte vor und sagte zu dem
Einarm: Hanne, wie heit das nchste Dorf?
    Podelzig.
    Eine halbe Meile, nicht wahr?
    Joa; awers de de Vo 'meten hett.
    Wieso?
    De giwt immer sien'n Swans noch to.
    Und Podelzig ist halber Weg bis Frankfurt?
    Hanne Bogun nickte.
    Hre, Hanne, fuhr Tubal fort, wie war es doch damals, war nicht einer von
den Rohrwerderschen aus Podelzig?
    Joa, Rosentreter.
    Richtig, Muschwitz und Rosentreter. Nun hab ich sie wieder. Muschwitz, das
war der mit der franzsischen Uniform und dem Czako. Weit du noch?! Was ist
denn aus ihm geworden und aus dem andern?
    De sitten beed noch.
    Und die hbsche Frau, die das Kind in dem Schlittenkasten nachfuhr?
    De sitt ooch noch.
    Arme Frau. - Hanne grinste.
    Dat's all nich so schlimm, junge Herr. Rysselmann kachelt in, und upp 'n
Rohrwerder, doa wihr et man kll. Bi Winterdag wll'n se all insitten; awers
wenn de Kalmus kmmt, denn is et wat anners, denn wll'n se all wedder rut.
    Tubal fragte noch nach dem Spitzkrug und wie weit er vor der Stadt lge.
Hanne Bogun wute aber nichts davon; er war ber Podelzig nicht hinausgekommen.
    An der Queue der Kolonne ritten Bamme und Hirschfeldt.
    Nun, Hirschfeldt, wie ist Ihnen?
    Gut, Herr General.
    Freut mich. Ehrlich gestanden, mir will es nicht glcken; ich bin nicht
recht in meinem esse, alles kommt mir zu hochbeinig vor, besonders meine Stute.
Und solch berfall ist doch ein eigen Ding, ein Pferd wiehert, ein Hund blafft,
und alle Chancen sind hin. Spielen Sie, Hirschfeldt?
    Ich habe gespielt.
    Nun, dann wissen Sie, den einen Tag wei man ganz genau, da Treff sieben
gewinnen wird, und den andern Tag wei man es nicht.
    Und solch ein Tag ist heute?
    Hol mich der Geier, ja. Sehen Sie die Krhen an, die hier oben sitzen, sie
rhren sich nicht einmal. Sie wissen, da wir ihnen vor Angst nichts tun werden.
Kluge Tiere. Eben ritt ich die Kolonne herunter, Gott, wie das alles schleicht,
so schwarz und still, als ob dieser Graben der Flu in der Unterwelt wre.
    Wie hie er doch?
    Styx.
    Richtig, Styx. Der reine Leichenzug. Und ich wette, den Kerls ist auch so
zumute. Jeder wre lieber zu Haus.
    Hirschfeldt lchelte.
    Es ist immer so, General. Die beste Truppe macht ein schief Gesicht, eh es
losgeht. Und nun gar bei Nacht. Die Nacht ist keines Menschen Freund, sagt das
Sprchwort, und der Soldat ist auch ein Mensch. Aber die Leute sind gut. Die
Pikencompagnie unter dem hagern alten Herrn...
    Rutze.
    ... Diese Pikencompagnie kann als Muster gelten, und die Compagnie
Hohen-Vietz kommt ihr gleich. Sehen Sie solchen Mann wie diesen Kniehase, ein
Herz wie ein Kind und ein Paar Arme wie ein Athlet. Ich habe mir heute bei der
Revue jeden einzelnen scharf angesehen. Es wird alles in allem gut ablaufen,
immer vorausgesetzt...
    Nun?
    Immer vorausgesetzt, da uns die Russen nicht im Stiche lassen.
    Bamme nickte und sagte dann zustimmend: Ich traue dem Tettenborn nicht.
Flausenmacher. Will sich in die Zeitungen bringen. Berlin, Berlin. Alles dies
hier ist ihm zuwenig, macht nicht Aufsehen genug.
    Es war ganz ersichtlich, da Bamme den ernsten und beinahe feierlichen
Tschernitscheff mit dem etwas leichtfigen Tettenborn, der seit vollen drei
Tagen auf dem Hohen-Barnim, zwischen Kstrin und Berlin, umherschwrmte,
verwechselte. Hirschfeldt war auch willens, den Alten respektvollst darber
aufzuklren, dieser aber fuhr ohne Pause fort: Sie glauben nicht, Hirschfeldt,
was ich an solchen Eitelkeiten alles habe scheitern sehen! Und was noch
schlimmer ist als die Eitelkeiten, das sind die Rivalitten, doppelt und
dreifach, wenn sie sich ein politisches oder nationales Mntelchen umhngen
knnen. Und nun gar diese Russen! Ich wette, da uns jeder von ihnen eine
Schlappe gnnt. Es liegt ihnen daran, der Welt und vielleicht auch sich selber
weiszumachen, da es ohne Kosaken nicht geht und da berall, wo diese Hilfe
fehlt, eine Niederlage sicher ist. Sie gefallen sich in ihrer Befreierrolle, und
um so mehr, je neuer ihnen die Rolle ist.

Unter solchen Gesprchen setzte sich der Marsch der Kolonne fort, und durch die
Nacht hin hrte man nichts als den schweren Tritt der Landsturmmnner auf dem
hartgefrorenen Schnee und von Zeit zu Zeit das Klappern ihrer Piken und Gewehre,
wenn sie diese von der einen Schulter auf die andere legten. Um zehn Uhr
passierten sie Podelzig, um elf die Lebuser Schferei. Von hier aus war es noch
anderthalb Stunde; immer schwankender wurde der lange schattenhafte Zug, bis man
es von der Oberkirche her Mitternacht schlagen hrte; einige Minuten spter
hielten alle am Spitzkrug. Die beiden Barnimschen Bataillone waren schon da und
standen zu beiden Seiten des Wegs. Eine kurze Rast war unerllich; Bamme lie
die Gewehre zusammenstellen, und gleich darauf saen die Landsturmmnner auf
Zaunplanken und Chausseesteinen und wickelten aus ihren Sacktchern heraus, was
ihnen Weib und Kind an Zehrung mit auf den Weg gegeben hatten. Kein Wort fiel;
jeder fragte sich still, ob es wohl seine letzte Mahlzeit sei.
    Bamme war whrend dieser Lagerszene in den Spitzkrug eingetreten, in dessen
groem, aber niedrigen und sprlich erleuchteten Gastzimmer er den erwarteten
Vertrauensmann der Frankfurter Brgerschaften bereits vorfand. Aus seinem
Rapport ergab sich, da alle Huser am Nikolaikirchplatz mit Brgerwehren
besetzt, in der alten Kirche selbst aber die besten Mannschaften versteckt
seien, mit denen Othegraven den General Girard gefangenzunehmen gedenke. All
dies wurde mit Freude gehrt; eine zweite Mitteilung indessen, dahin gehend, da
unten am Eingang in die Vorstadt, keine hundert Schritt vom Letzten Heller
entfernt, eine franzsische Schildwache stehe, war desto unerfreulicher und nur
angetan, ernste Verlegenheiten zu bereiten. Was tun, wie sollte man an dieser
Schildwache vorbei?
    Der Spitzkrugwirt erbot sich, noch einmal nachzusehen. Bamme war es
zufrieden und lie inzwischen die Brigade wieder antreten. Er selbst hielt am
rechten Flgel, in Front des Bataillons Lebus. Nicht lange, so war der Wirt
zurck und besttigte, da ein franzsischer Wachtposten vor dem
Sankt-Georgs-Hospitale schildere.
    Verdammt! sagte Bamme, dieser Kerl ist mir im Wege. Wir mssen ihn
beschleichen und niederstoen. Freiwillige vor!
    Aber keiner rhrte sich. Nur Hanne Bogun trat aus Reih und Glied und sah dem
General entschlossen, aber frech und widerwrtig ins Gesicht. Er hatte das lange
Messer, das ihm bis dahin zur Seite gehangen hatte, mehr nach vorn hin in den
Ledergurt geschoben und hielt es mit seiner einen Hand umfat.
    Bamme gab dem Jungen einen Jagdhieb und sagte: Nichts fr dich, Hanne,
worauf dieser grinsend zurcktrat, um wieder den Zaum des Shetlnders zu nehmen,
den er einen Augenblick abgegeben hatte.
    Eine peinliche Pause folgte.
    Endlich hrte man Kniehases Stimme vom rechten Flgel her: Wenn es sein
mu, Herr General...
    Und es lag etwas in dem Ton und Ausdruck dieser Worte, das eines tiefen
Eindrucks nicht verfehlte. Bamme, der mit unter diesem Eindruck war, prete
seine Fuchsstute dicht an die Schulter des athletischen alten Mannes und sagte
dann: Nein, Kniehase, lassen wir's. Es mu nicht sein. Und damit fiel ein
Stein von aller Brust. Ein Vorschlag, der schon vorher gemacht worden war, wurde
wieder aufgenommen und im Einklange damit beschlossen, die lange Vorstadt ganz
zu vermeiden, vielmehr dicht neben derselben hin, im Schutze des sogenannten
Donischberges, eines mit Werft und Strauchwerk bestandenen Hgelrckens, bis
an die Altstadt vorzudringen. Erst hier, am Tore selbst, sollte dann cote que
cote der Kampf aufgenommen werden.
    Und sofort jetzt, unter Belassung eines den Rckzug sicherstellenden
Bataillons am Spitzkruge, wurden alle ntigen Kommandos fr den Vormarsch
gegeben. Die beiden Barnimschen Bataillone setzten sich ber das Plateau hin in
Bewegung, um die weiter sdlich gelegenen Tore zu gewinnen, whrend das
Bataillon Lebus die mehrgenannte Hgelstrae hinunterrckte. Dicht vor dem
Letzten Heller bog es nach rechts hin ab und marschierte zunchst in
aufgelster Ordnung, immer zwischen den Windungen des Donischberges hin, auf die
ringfrmige Esplanade zu, die den Kranz der Vorstdte von der Altstadt trennte.
    Compagnie Hohen-Vietz hatte die Tte. Als sie den Platz am Graben erreicht
und mit der Raschheit alter Soldaten sich wieder rangiert hatte, setzte sich
Vitzewitz an die Spitze der Seinen, zog den Degen und ritt im Galopp gegen die
Dammbrcke vor, die, ber den Graben weg, auf das alte Lebuser Tor zufhrte.
Dieses war geschlossen, und durch das obere Gatter fielen einzelne Schsse.
Kmmritz, der schon Anno vierundneunzig als Kugelfang gegolten hatte, erhielt
einen Streifschu, gleich darauf einen zweiten, ohne da seine gute Laune oder
die der Zunchststehenden gestrt worden wre; jetzt aber strzte der Sohn des
alten Bauers Pschel zusammen, Kugel durch die Brust, und Vitzewitz,
zurckprallend, murmelte vor sich hin: Der erste Tote.
    Alles stockte; Schreck und Ratlosigkeit. Es ging nicht weiter.
    In diesem Augenblicke jagte Bamme die lange Kolonne herauf, bis in die Front
des Zuges, und mit seinem dicken Fischbein auf die zweirderigen Karren zeigend,
die nach rechts hin in der von ihm Tages zuvor schon wohlbemerkten
Torausbuchtung standen, rief er Kniehase zu: Vier Mann vor! Ich kenn unsere
Stadttore; wurmstichig wie Bierpfropfen. Ran! Und weg mit dem Bettel!
    Und krach, da lag es, und unter Hurra brachen jetzt unsere Vordersten in
Alt-Frankfurt ein. Alles vom Feinde floh in die Wache; nur der Posten vorm
Gewehr, ein Voltigeur mit einem Spitzbart, hielt noch aus, und Vitzewitz hob
eben den Arm, um ihn in Revanche fr den Toten, der drauen vor dem Gattertore
lag, niederzuhauen, als Hanne Bogun aalglatt an ihm vorbeischo und den
Voltigeur von der Seite her niederstach.
    Petit crev! rief der tdlich Getroffene und sank zu Boden.
    Der Rest des Bataillons rckte nach, und als sich in den nchstfolgenden
Minuten alles auf dem Brckendamm und zum Teil auch schon unter dem tiefen
Torgewlbe gesammelt hatte, gab Bamme Befehl, da Compagnie Hohen-Vietz, und
zwar unter Befehl Kniehases, als zunchst verfgbare Reserve bei der von ihr
erstrmten Torwache verbleiben, Vitzewitz selbst aber (dessen Rats er nicht
entbehren mochte) ihn auf dem weiteren Vormarsch in die Stadt hinein begleiten
solle. Ebenso Hanne Bogun mit dem Shetlnder.
    Kaum da diese Befehle gegeben waren, als sich auch schon die lange Kolonne
nach vornhin in Bewegung setzte: Compagnie Hohen-Ziesar vorauf, dann
Lietzen-Dolgelin, dann Rutze mit seinen Pikenieren. Als der letzte Mann vorber
war, warf Bamme seine Fuchsstute herum, gab ihr die Sporen und setzte sich en
ligne mit Drosselstein, der mittlerweile schon das Gassengewirr der Innenstadt
erreicht hatte.
    Links schwenkt! Die Fhrer wiederholten das Kommando, und ohne da
irgendeine Stockung oder Unordnung stattgefunden htte, defilierten alle drei
Compagnien auf den den Kirchplatz, an dessen einer Ecke das Turganysche Haus
gelegen war. Diesseits war noch alles in Halbdunkel; kaum aber da unsere
Landsturmmnner, an beiden Seiten der Kirche vorbei, den abwrtsgelegenen Teil
des Platzes erreicht hatten, als sich ihren Blicken ein vllig verndertes Bild
entgegenstellte. Vor dem Gasthofe mit den verschnittenen Linden standen
zahlreiche Brgerwehren, in allen Etagen schimmerte Licht, und ehe Bamme noch
Zeit zu berblick und Orientierung gefunden hatte, meldete Othegraven, da
General Girard und sein Stab gefangengenommen und auf Ehrenwort in ihren Zimmern
belassen worden seien. Nur eine schwache Abteilung unter Major Rudelius habe die
Bewachung des Hauses und der Gefangenen bernommen.
    Bamme nickte, lobte das Verhalten der Brger und fhrte dann seine
Compagnien in die breite, aber kurze Strae hinein, die, wie schon bei frherer
Gelegenheit hervorgehoben, vom Kirchplatze her auf den Fluquai mndete. Und
jetzt war dieser Quai erreicht, und ein Ausruf allgemeinen Erstaunens wurde
laut. An der anderen Seite des Flusses standen der Holzhof und das Bohlenlager
in Flammen, whrend nach rechts hin die Brcke brannte. Das Feuer drben stieg
hoch und hell in den Nachthimmel hinein, ber der Brcke aber, die, des nassen
Holzes halber, mehr schwelte als brannte, lagen Rauch und Qualm in dichten
Wolken, aus denen nur dann und wann eine dunkele Glut auflohte.
    Der alte General kommandierte: Halt! und lie seinen rechten Flgel, die
Drosselsteinschen, unmittelbar am Brckenaufgange Stellung nehmen. Hier hielt er
auch in Person. Als er aber wahrnahm, da er von dieser Position aus nicht
Umblick genug habe, ritt er auf die Brcke selbst hinauf und postierte sich in
Nhe des Feuers, das ihm zugleich eine Art Deckung gewhrte. Und nun bersah er
die langen Linien von Freund und Feind.
    Nach links hin die Seinen; ein Bild, das ein altes Soldatenherz wohl
erfreuen konnte. Erst die berittenen Mannschaften von Hohen-Ziesar, dann die
Komtureifahne von Lietzen-Dolgelin (achtspitziges Kreuz im roten Feld), dann
Rutze mit niedergesenktem Sponton und hinter diesem die schmucken Uniformen der
Frankfurter Brgerschtzen, grn und goldbordiert - alles sichtbar im hellen
Feuerschein des brennenden Holzhofes. In Front der langen Aufstellung aber
Drosselstein und Vitzewitz, als Unterbefehlshaber an beiden Flgeln.
    Und ebenso klar sah er drben den Feind. In Trupps von zehn und zwanzig Mann
standen die Voltigeurs am Ufer hin, ersichtlich ohne Fhrung. Aber diese sollte
nicht lange mehr auf sich warten lassen; Offiziere zu Pferde jagten am Quai hin
auf und ab, aus dem Gassengewirr der Dammvorstadt lrmten Trommeln und Hrner,
und ehe zehn Minuten um waren, erschienen geschlossene Grenadiercompagnien, an
ihren hohen Brenmtzen deutlich erkennbar, und nahmen Stellung zwischen der
Brcke und dem brennenden Holzhof, whrend die Voltigeurs allmhlich die
Bschung hinabzusteigen und einen Weg ber das Eis hin zu gewinnen suchten. Mit
vielem Geschick avancierten sie, je nach den Signalen sich sammelnd oder wieder
trennend, und stutzten erst, als sie mitten auf dem Flu der breiten Rinne
gewahr wurden, die die Kietzer Fischer in das Eis gehauen hatten. An
berspringen war nicht zu denken, dazu war die Rinne zu breit; so muten sie
wieder zurck, um entweder Bretter herbeizuschaffen oder weiter fluabwrts, wo
das Aufeisen mutmalich ein Ende hatte, den bergang zu versuchen.
    Bamme sah diese Rckwrtsbewegung und freute sich ihrer. Aber soviel sie fr
den Augenblick bedeutete, so bedeutungslos war sie, wenn die Hilfe ausblieb, auf
die diesseitig gerechnet war. Waren die Russen in die Dammvorstadt eingedrungen?
Hatten sich die Barnimschen Bataillone der beiden andern Stadttore bemchtigt?
Bammes scharfes Ohr horchte nach rechts und links, aber kein Ton wurde laut, der
ihm diese Frage bejaht htte. Immer gewisser wurd es ihm, da er, wenn
Tschernitscheff ausblieb, in diesem ungleichen Kampfe unterliegen msse.
    Das Bild, das sich ihm mittlerweile darstellte, konnte dieser trben
Erwartung nur als Besttigung dienen. Die bis an die Rinne vorgedrungenen
Voltigeurs waren kaum wieder am Ufer zurck, als sie mit der dem franzsischen
Soldaten eigenen Raschheit sich in ihrer Lage zurechtzufinden und allerlei
Hilfen auszukundschaften wuten. Ohne Kommandos abzuwarten, griffen sie nach
dem, was der Moment erheischte, und whrend einige zupackten, um ein paar der am
Ufer liegenden Flachboote die Bschung hinab und auf das Eis zu schieben, hatten
sich andere der an den Pappelweiden hin aufgestellten Bootshaken bemchtigt, mit
denen sie nun auf den brennenden Holzhof zuliefen und oben in die Bohlen- und
Bretterlager einhakten, um diese niederzureien. Es glckte. Viele dieser
Bretter waren erst angeglimmt, und sie rasch durch den Schnee ziehend, bis die
Flmmchen erloschen waren, schleppten sie sie jetzt ber das Eis hin bis wieder
in die Mitte des Flusses, wo denselben Augenblick auch ein paar eben
eingetroffene Flachboote rasch und geschickt in die Wasserrinne hinabgelassen
wurden. In weniger als einer Viertelstunde war die Pontonbrcke fertig, und ber
dieselbe weg avancierten jetzt die Vordersten, whrend sich vom Ufer her immer
grere Voltigeurtrupps und zuletzt auch geschlossene Grenadiercompagnien in
Bewegung setzten. En avant! Und dazwischen am Quai hin und auf dem Eise das
Schmettern der Clairons.
    Diesseitig aller rtlichen Vorteile beraubt, mute sich's nun zeigen, wer
der Strkere sei. Der erste Ansturm, der sich gegen die Frankfurter richtete,
milang; aber ohne durch dieses abermalige Scheitern in die geringste Verwirrung
zu geraten, schoben sich die franzsischen Kolonnen einfach weiter links, wo
mehrere nebeneinanderliegende Holz- und Torfkhne ihnen eine vorzgliche Deckung
gewhrten. Um so vorzglicher, als die Schiffsrumpfe gerade mannshoch waren, so
da die Angreifer kaum getroffen werden konnten.
    ber diese Schiffsrumpfe hinweg entspann sich nun ein Feuergefecht, dessen
endlicher Ausgang um so weniger zweifelhaft sein konnte, als die hier stehenden
Pikeniere den Kampf nicht nur ohne Deckung fhren, sondern, schlimmer als das,
auch das feindliche Feuer aushalten muten, ohne es ihrerseits erwidern zu
knnen. Der Mut der Rutzeschen sah sich hier auf eine harte Probe gestellt. Sie
kamen zuletzt ins Schwanken, und da Vitzewitz Anstand nahm, sich an die neben
ihm stehenden Drosselsteinschen um Hilfe zu wenden, die bei der immer wachsenden
Ausdehnung des Gefechts jeden Augenblick selbst angegriffen werden konnten,
entschlo er sich, auf eigene Verantwortung bis an die Torwache zurckzureiten
und seine daselbst unttig haltenden Hohen-Vietzer heranzuholen.
    Auch Bamme, von seiner Brckenstellung aus, hatte die Rckwrtsbewegung der
Rutzeschen Pikenmnner wahrgenommen, und in voller Wut auf sie losjagend, rief
er ihnen schon von weitem zu: Stillgestanden! Gewehr zur Attacke rechts! Und
siehe da, sie gehorchten wirklich, legten die Piken ein und gingen wieder bis
halb an die Bschung vor. Aber eben jetzt von links und rechts her einschlagende
Kugeln erneuerten nicht blo das Schwanken, sondern steigerten es noch, und
Bamme sah im Nu, da es unmglich sein werde, die Rutzeschen en ligne mit den
brigen Compagnien zu halten. Nichtsdestoweniger warf er sein Pferd herum, um
wenigstens einen Versuch zu machen, die Weichenden von hinten her wieder
vorzutreiben. Und hierbei traf er auf den Protzhagenschen Hornisten, der
ngstlicher noch als alle anderen nach Deckung suchte.
    Ins drei Deibels Namen, Horn von Uri, blas! rief er und hieb mit dem
Fischbein auf den verwirrten Hornblser ein. Dieser, der Macht des Kommandoworts
gehorchend, schob, ohne zu wissen, was er tat, sein altes Rutzenhorn zurecht und
begann zu blasen, aber, in der Angst seines Herzens, statt des Angriffs-das
Rckzugssignal. In diesem Augenblicke (ein Glck fr den Protzhagenschen)
erhielt die rote Fuchsstute Bammes eine Kugel, so da diese mitsamt ihrem Reiter
zusammenstrzte. Aber mit merkwrdiger Raschheit war der Alte wieder auf,
bestieg den Shetlnder, den Hanne Bogun in Bereitschaft gehalten hatte, und sa
im nchsten Augenblicke wieder fest im Sattel.
    Ah! sagte er, whrend er sich behaglich zurechtrckte, und alles Zwanges
los, den ihm das Generalspferd von Anfang an auferlegt hatte, hatte er nun
endlich sich selber wieder. Er schob das Fischbein unter den Sattel und zog den
Husarensbel, den er Anno 95 geschworen hatte nicht wieder ziehen zu wollen.
    Er hatte sich selber wieder, aber auch nichts mehr, denn die gesamte Lage
war inzwischen nicht besser geworden. Die Voltigeurs, immer weiter nach rechts
sich dehnend, hatten fluabwrts, an Stellen, wo das Aufeisen ein Ende nahm,
ihren bergang bewerkstelligt und schickten sich an, aus allen Nebengassen
vorbrechend, unsere gesamte Aufstellung von Seite und Rcken her zu nehmen. Und
schlimmer als alles, auch die wenigen, diesseits in Brgerquartieren
untergebrachten Franzosen, die sich bis dahin ruhig und versteckt gehalten
hatten, gewannen jetzt wieder Mut und schossen aus den Fenstern ihrer Huser. Es
waren namentlich die Drosselsteinschen, die von diesem Fensterfeuer arg
betroffen wurden, und als gleich darauf, pour combler le malheur, wie der Graf
vor sich hin murmelte, auch die drben am Goldenen Lwen stehenden
Grenadierabteilungen ein Salvenfeuer mitten durch den Qualm und Rauch der
brennenden Brcke hin abgaben, kam ein Schwanken in die ganze Linie.
    Es stand in Wahrheit hoffnungslos; nichtsdestoweniger flackerte die Hoffnung
noch einmal auf, als in eben diesem bedrohtesten Augenblicke vom Kirchplatze her
der feste Tritt der heranmarschierenden Hohen-Vietzer vernehmbar wurde.
    Hurra, Kinder! rief Bamme, das ist die Schwedentrommel, und unter dem
Jubel der Pikeniere, die momentan wieder zum Stehen gebracht worden waren,
rckten jetzt unsere Freunde in die vorderste Linie ein.
    Berndt erkannte vom Sattel aus sofort, da sich, eben jetzt, um die bis
dahin siegreich verbliebenen Frankfurter Brgerschtzen eine geschickt angelegte
Schleife zusammenzuziehen begann, und in hchster Erregung seinen drei
vordersten Sektionen zurufend: Vorwrts...! Nicht schieen, Bajonett!, spornte
er, bevor er noch wahrnehmen konnte, ob man ihm folge oder nicht, sein Pferd
mitten in den Knuel hinein, gerade auf die Stelle zu, wo er den mit einem alten
Kavalleriesbel sich nach links und rechts hin wie wahnsinnig verteidigenden
Konrektor deutlich erkannt hatte. Aber freilich, eh er noch an diesen
herankonnte, wr er sicherlich vom Pferde gerissen und ein Opfer seines Muts und
seiner Hilfebereitschaft geworden, wenn ihm nicht seine Hohen-Vietzer dicht und
mit Ungestm gefolgt wren, so dicht, da er inmitten aller Aufregung und
Verwirrung dennoch jeden einzelnen zu erkennen glaubte. Er sah, da Kniehases
Stirn blutete und da Grell, der in dem wirren Durcheinander seine Kappe
verloren hatte, von einem franzsischen Offizier niedergehauen wurde. Dann aber
umschleierte sich alles vor seinen Augen, Schsse fielen, franzsische und
deutsche Fluchwrter, und als er eine Minute spter aus dem Knuel wieder heraus
war, mute er wahrnehmen, da all ihre Anstrengungen nichts erreicht hatten und
da es miglckt war, Othegraven zu befreien. Wer auer Grell noch gefallen oder
gefangen war, lie sich im Momente nicht mit Bestimmtheit bersehen. Lewin wurde
vermit; aber er konnte zu den Versprengten und Abgedrngten gehren, von denen
sich in jedem Augenblick verschiedene wieder einfanden.
    Nach diesem allem konnt es sich nur noch darum handeln, mglichst rasch und
mit mglichst wenig Verlust aus der Frankfurter Falle wieder herauszukommen.
Bamme gab Befehl erst zum Abbrechen des Gefechtes, dann zum Rckzuge. Die
Pikeniere rckten ber den inzwischen leer und lichtlos gewordenen Platz, dann
folgte Hohen-Ziesar, dann Lietzen- Dolgelin. Die Hohen-Vietzer, die noch den
meisten Halt hatten, deckten den Rckzug. Dieser ging in Ordnung, bis die Spitze
der Kolonne das alte Lebuser Tor erreichte. Hier, von Flintenschssen des wieder
ins Gewehr getretenen franzsischen Wachkommandos empfangen, gerieten die
Vordersten ins Schwanken und gleich darauf in eine Verwirrung, die sich bald dem
ganzen Zuge mitteilte und whrend des Marsches durch die Vorstadt hin eher
steigerte als minderte. Die lange Strae lag im Dunkel, hier Wagen, dort
umgestlpte Fischerboote hemmten die Passage, und viele der ermdeten
Landsturmmnner glitten aus oder strzten in die Gossen und Lcher, an denen
kein Mangel war.
    Licht! schrie Bamme, verdammte Sottmeiers, stecken Huser an und wollen
Lichter sparen. Licht, sag ich, oder den roten Hahn auf euer Dach.
    Und dabei schlug er mit seinem Fischbein, zu dem er wieder seine Zuflucht
genommen hatte, an die Haustren und Fensterlden. Das half; einzelne Lichter
erschienen, und man sah jetzt wenigstens, wo man war. So ging es in schwankender
Linie die nicht enden wollende Vorstadt entlang, am Sankt-Georgs-Hospitale
vorbei, bis sie zuletzt am Letzten Heller hielten. Die Rotten wurden
abgezhlt; Lewin fehlte noch immer.
    Das am Spitzkrug zurckgelassene Bataillon war schon vorher aus freiem
Entschlu bis an den Fu des Berges hinabgestiegen.
    Ein Trost, aber auch der einzige.
    Das Lmpchen brannte noch immer in der vergitterten Nische, und die beiden
Nonnen hielten nach wie vor ihre welken Krnze dem Gekreuzigten entgegen.
    Bamme sah eine Weile in die Nische hinein und sagte dann zu dem neben ihm
stehenden Hirschfeldt: Hier, Hirschfeldt, hier ist unser Platz, hier am Letzten
Heller. Hier wurd es geplant, und hier geht es zu Ende. Ich hatt eine Ahnung
davon. Der letzte Heller. Da haben wir ihn!

                              Zwanzigstes Kapitel



                               Der andere Morgen

In die Nacht und dann allmhlich in den dmmernden Tag hinein war der Rckzug
gegangen, die Kolonne whrend des Marsches immer kleiner werdend. Schon am
Spitzkrug waren die Barnimschen Bataillone, bei Reitwein die Compagnien
Hohen-Ziesar und Lietzen-Dolgelin abgeschwenkt, und nur der verbleibende Rest,
darunter die Rutzeschen Pikeniere, rckte bis Hohen-Vietz.
    Es schlug sieben, als sie bis dicht an Miekleys Mhle heran waren. Ein
schwerer, graugelber Nebel senkte sich, und nur die Vordersten konnten das
Gehft erkennen. Dazu herrschte peinliche Stille; die dicke Luft dmpfte den
Ton, und es war, als schlichen sie heran. Bamme fhlte das und wollte damit ein
Ende machen. Vorwrts, Hirschfeldt, rief er, vorwrts mit der ganzen
Janitscharenmusik! Wir wollen nicht ohne Sang und Klang einrcken, als kmen wir
recte von der Armensnderbank. Zeigen wir unser gutes Gewissen, oder tuen wir
wenigstens so. Und durch den Nebel hin wirbelte die Hohen-Vietzer Trommel, und
einzelne Tne des Rutzeschen Hornes fielen ein. Alles dumpf und trbe, und
jedem, der es hrte, ging es durch Mark und Bein. Endlich hielten sie. Gewehr
ab! Es war der Platz zwischen dem Krug und dem Schulzenhof; in den Husern war
Licht, aber niemand zeigte sich auf der Strae. Berndt und Bamme hatten noch
eine kurze Beratung wegen Unterbringung der Pikeniere; dann gab die Trommel das
Signal, und alles rckte in die Quartiere ab. Ehe fnf Minuten um waren, waren
nur noch unsere Freunde da, schweigsam und unschlssig, was zu tun. Keinen
drngte es, die Schwelle des Herrenhauses wieder zu betreten, wute doch jeder:
Unglcksboten kommen immer zu frh. Endlich sagte Berndt, indem er auf den
Schulzenhof hinwies: Ich habe noch ein Wort mit Kniehase zu sprechen. Bitte,
General, melden Sie mich bei meiner Tochter. Oder Tubal, du.
    Bamme nahm Hirschfeldts Arm, und Tubal folgte. So schritten sie die
Dorfgasse hinauf bis an das Herrenhaus. Jeetze stand in der Glastr und schien
mit seinem verwunderten Blick nach dem alten und jungen Herrn zu fragen. Noch
im Dorf, sagte Bamme und setzte dann in halblautem Tone hinzu: Kommen Sie,
Hirschfeldt, ich liebe keine Familienszenen. Am wenigsten solche. Und damit
ging er nach dem Korridor, der in sein Zimmer fhrte. Nur Tubal blieb zurck.
Was war zu tun? Sollte er bei Renaten eintreten? Er konnt es nicht; so warf er
sich in einen alten, neben dem Kamin stehenden Lehnstuhl, in dem Jeetze die
Nacht zugebracht hatte.
    Berndt war nicht auf den Schulzenhof zugeschritten; er hatte nur allein sein
wollen und folgte jetzt den Voraufgegangenen in kurzer Entfernung. Ihm schlug
das Herz, und langsam, als ob er eine zu schwere Last trge, schwankte er erst
an der Pfarre und dann an Bauer Pschels groem Gehft vorber. Da drinnen war
auch Trauer: der einzige Sohn gefallen.
    Das nchste Gehft war das von Kallies. Zwischen beiden lief ein
Ligusterzaun, und einige der drren Zweige streiften ihm das Gesicht, als er
daran vorberging. Er blieb stehen und sann und horchte und griff dann in die
Zweige hinein, um sich zu halten, denn er fhlte, da er dem Umfallen nahe sei.
    Alles gescheitert, sagte er. Und ich hab es so gewollt. Gescheitert, ganz
und gar. Soll es mir ein Zeichen sein? Ja. Aber ein Zeichen, da wir unser
Liebstes an ein Hchstes setzen mssen. Nichts anderes. Dies ist keine Welt der
Glattheiten. Alles hat seinen Preis, und wir mssen ihn freudig zahlen, wenn er
fr die rechte Sache gefordert wird.
    So sprach er zu sich selbst. Aber inmitten dieses Zuspruchs, an dem er sich
aufzurichten gedachte, ergriff es ihn mit neuer und immer tieferer Herzensangst,
und sich vor die Stirn schlagend, rief er jetzt: Berndt, tusche dich nicht,
belge dich nicht selbst. Was war es? War es Vaterland und heilige Rache, oder
war es Ehrgeiz und Eitelkeit? Lag bei dir die Entscheidung? Oder wolltest du
glnzen? Wolltest du der erste sein? Stehe mir Rede, ich will es wissen; ich
will die Wahrheit wissen.
    Er schwieg eine Weile; dann lie er den Zweig los, an dem er sich gehalten
hatte, und sagte: Ich wei es nicht. Bah, es wird gewesen sein, wie es immer
war und immer ist, ein bichen gut, ein bichen bse. Arme kleine Menschennatur!
Und ich dachte mich doch grer und besser. Ja, sich besser dnken, da liegt es;
Hochmut kommt vor dem Fall. Und nun welch ein Fall! Aber ich bin gestraft, und
diese Stunde bereitet mir meinen Lohn.
    So war er bis auf den Hof seines Hauses gekommen. In der Halle fand er
Tubal, der, erschpft von der Anstrengung, in Jeetzes Lehnstuhl eingeschlafen
war. Neben ihm lag Hektor. Als dieser seines Herrn ansichtig wurde, sprang er
auf und drngte sich an ihn, aber ohne sonst ein Zeichen der Freude zu geben.
Berndt streichelte das kluge Tier, warf einen Blick voll stillen Neides auf den
schlafenden Tubal und schritt dann auf die Tr zu, die nach dem Eckzimmer
fhrte. Er legte die Hand auf den Griff und zgerte noch einmal. Aber es mute
sein. Nur die beiden Mdchen waren da. Renate flog ihm entgegen. Mein einzig
lieber Papa, rief sie und hing an seinem Halse. Dann lie sie von ihm ab und
fragte wie sein Gewissen: Wo ist Lewin?
    Der alte Vitzewitz rang, ein Wort zu finden. Endlich, in einem Tone, in dem
sich der ganze Jammer seines eigenen Herzens aussprach, sagte er: Ich wei es
nicht.
    Also gefangen, tot?
    Nein, nicht tot, noch nicht.
    Angst und Zittern ergriffen Renaten, aber in demselben Momente sah sie, da
Marie schwankte und wie leblos zu Boden strzte. Berndt war von dem Anblick wie
mitgetroffen. Ihm schwindelte unter dem Andrang alles dessen, was auf ihn
einstrmte; endlich ri er sich aus seiner Betubung und zog die Klingel. Jeetze
kam, gleich darauf auch die Schorlemmer; alles lief und rannte; er selber aber
war geschftig, Marie wieder aufzurichten. Als ihm dies geglckt, sah er, da
sie aus einer Stirnwunde dicht neben der linken Schlfe blutete; sie war auf den
scharf vorspringenden Kaminfu gefallen. Endlich von ihrer Ohnmacht sich wieder
erholend, verlangte sie nach dem Schulzenhofe gebracht zu werden, wozu sich
Maline weniger aus Mitleid als Neugier sofort bereit erklrte. Durfte sie doch
hoffen, unten im Dorfe mehr zu hren als im Herrenhause, wo jeder sich einschlo
und schwieg. Selbst auf Bamme, trotzdem seine Klausur aufgehrt hatte, war nicht
viel zu rechnen.
    Als Berndt und Renate wieder allein waren, sagte jener: Was war es mit
Marie? Ich htte sie fr fester gehalten.
    Renate schwieg.
    Er ist dein Bruder, fuhr Berndt fort. Und doch, du trugst es.
    Eine Pause folgte, whrend welcher Renate den Blick zu Boden senkte. Endlich
antwortete sie: Sie liebt ihn.
    Der alte Vitzewitz, nach allem, was er eben mit Augen gesehen hatte, schien
eine Antwort wie diese erwartet zu haben und sagte deshalb ruhig: Und er - wei
er davon?
    Nein.
    Bist du dessen gewi?
    Ja, ganz gewi. Nie verriet sie sich, weder mit Wort noch Blick. Und htte
sie's, Lewin htte kein Auge dafr gehabt; er war blind in seiner Liebe zu
Kathinka.
    Berndt schritt im Zimmer auf und ab, und die widerstreitendsten Empfindungen
bekmpften sich in seiner Brust. Einen Augenblick zuckte es spttisch um seinen
Mund, da des starken Mannes Kind in das alte Haus der Vitzewitze kommen
solle, aber dann schwand aller Spott wieder, und die nchstliegende Not gewann
allein Gewalt in seinem Herzen, die Not um den einzigen Sohn. Wie rette ich
ihn? Und es war, als ob er vor sich selber ein Gelbde tte: Gott, ich lege
jeden Stolz zu deinen Fen; demtige mich, ich will stillhalten; alles, alles;
nur erhalte mir ihn.
    Renate, whrend Berndt auf und ab geschritten war, war ihm mit den Augen
gefolgt. Sie wute genau, was in seiner Seele vorging, und sagte jetzt: Bitte,
Papa, sage mir alles. Was ist es mit ihm? Verschweige mir nichts!
    Er nahm ihre Hand. Ich habe dir nichts verschwiegen, Kind. Dunkel und
Ungewiheit ist alles. Ich wei nicht mehr als du. Aber eines wei ich nur zu
gut: wir mssen alles frchten, alles, auch wenn in diesem Augenblicke Gottes
Sonne noch ber ihm scheint. Mit den Waffen in der Hand gefangen! Sie werden ihn
vors Kriegsgericht bringen, und...
    Wie kam es? unterbrach ihn Renate. Sprich, ich mchte von ihm hren, mich
an etwas aufrichten, und wenn es an nichts anderem wre als an dem eitlen Troste
getaner Pflicht oder bewiesenen Mutes.
    Und diesen Trost kann ich dir gewhren. Es war ein Handgemenge; sie hatten
Othegraven umzingelt, und wir wollten ihn frei machen. So ging es hinein in den
Knuel. Als wir wieder heraus waren, fehlte Lewin. Anfangs hofften wir noch,
denn es fehlten viele, die sich nach und nach wieder zu uns fanden; aber Lewin
blieb aus. Kein Zweifel, er ist gefangen.
    Und was tun wir?
    Was uns allein noch bleibt: Gottes Barmherzigkeit anrufen. Mgen ihm alle
guten Engel zur Seite stehen! Wir knnen nichts mehr. Und damit verlie er das
Zimmer und ging in sein Cabinet hinber.
    Hier war es kalt und unwirsch. Jeetze hatte zu heizen vergessen; dazu lag
Staub auf Tisch und Sthlen. Aber Berndt sah es nicht oder glitt gleichgiltig
mit dem Auge darber hin, whrend er doch in dem Widerstreit, der in solchen
Momenten unsere Seele zu fllen pflegt, seinen Sinn auf andere, fast noch
gleichgiltigere Dinge richtete. Er sah, da an dem Schlsselbrett die Schlssel
falsch hingen, und begann nun alles nach Nummer und Reihe zu ordnen. Dann
schritt er auf das Fenster zu und starrte minutenlang auf die russischen Karten
und Plne, die hier immer noch an den breiten Klapplden angeklebt waren.
Minsk, Smolensk, Bialystok. Und er wiederholte die Namen, auf und ab
schreitend, immer wieder und wieder. Endlich blieb er vor dem Bilde stehen, das
ber seinem Arbeitstische hing, und seine Augen fllten sich mit Trnen.
Geliebte, sprach er vor sich hin, wie preis ich Gott, da dir diese Stunde
nach seinem gndigen Ratschlu erspart geblieben ist. Ach, da ich wre, wo du
bist. Frieden allein ist bei den Toten.
    Er lie sich auf das Sofa nieder und begann ein Frsteln zu fhlen. Da lag
sein Mantel, den Jeetze, statt ihn anzuhngen, einfach ber die Lehne geworfen
hatte. Das traf sich gut. Er zog ihn an sich und wickelte sich ein. Minsk,
Smolensk..., aber nun schwand ihm das Bewutsein, und er schlief.

Er schlief fest und lange. Mittag war vorber, als ihn ein Klopfen an der Tr
weckte. Es war schon das dritte Mal. Herein! Jeetze meldete, da der alte
Rysselmann gekommen sei.
La ihn vor. Gleich.
    Der alte Rysselmann trat ein, steif und geradlinig wie immer, das Haar nach
hinten gekmmt, seinen Rohrstock unterm Arm und das Gerichtsdienerblechschild
auf dem langen blauen Stehkragenrock. Er blieb an der Tr stehen und grte
militrisch; neben ihm Jeetze, der das Zimmer zu verlassen zgerte. Bleib nur,
sagte Berndt, der das Zgern des Alten wohl verstand, du willst auch wissen,
wie es steht. Du liebst ihn auch... Ach, wer nicht? Und dabei strich er sich
leis und verstohlen ber Stirn und Augen. Dann erst trat er auf den alten
Gerichtsdiener zu und sagte: Nun, Rysselmann, was bringt Ihr?
    'n Brief vom Herrn Justizrat.
    Gutes drin?
    Der Alte schwieg. Er konnte nicht ja sagen, und das Nein wollte ihm nicht
ber die Lippen.
    Berndt wog den Brief hin und her, den er sich zu ffnen scheute, denn jetzt
mut es sich entscheiden. Er musterte den Alten einmal, zweimal und fand
zuletzt, da er alles in allem nicht aussah wie einer, der eine Todesnachricht
bringe. Ich will den Brief lesen - aber allein... Und dann noch eins,
Rysselmann; wit Ihr...
    Ja, gndiger Herr, eins wei ich.
    Und?
    Der junge Herr lebt.
    Des alten Vitzewitz Hnden entfiel der Brief, und seine Lippen flogen. Er
konnte nicht sprechen. Als er sich wieder gefat hatte, trat er auf Jeetze zu,
legte seine Hand auf des alten Dieners Schulter und sagte, whrend er ihn in
freudiger Erregung schttelte: Hast du's gehrt, Alter? Er lebt! Und nun sorge
mir fr Rysselmann. Er hat uns Gutes gebracht, bring ihm wieder Gutes. Nein,
bring ihm das Beste. Hier hast du den Schlssel; unten links, wo der spanische
liegt. Hol ihm eine Flasche, mein alter Jeetze. Und du sollst mittrinken. Hast
du's gehrt? Er lebt!
    Jeetze kte seinem Herrn die Hand und zitterte und zimperte hin und her.
Dann ging er, whrend Rysselmann ihm folgte. Berndt, als er allein war, ffnete
den Brief und berflog ihn. Es war, wie der alte Gerichtsdiener gesagt hatte. Er
verlie nun selber das Cabinet, um sich in das Eckzimmer zu den Frauen
hinberzubegeben. Er traf nur Renate, die bang und fragend auf ihn zueilte.
Noch ist Hoffnung, Kind. Und nun rufe die Schorlemmer. Erst als diese gekommen
war, setzten sie sich um den runden Tisch, und Berndt las:

Hochgeehrter Herr und Freund!
    Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen anzuzeigen, da der Kampf dem Feinde
zwei Gefangene in die Hnde fallen lie: Ihren Sohn und den Konrektor
Othegraven. Ihr Sohn wird im Laufe des Vormittags unter Eskorte nach Kstrin
geschafft werden, Konrektor Othegraven wurde bei Tagesanbruch am Lohhof
erschossen. Mir liegt nach dieser kurzen vorgngigen Mitteilung nur noch ob,
Ihnen ber den Tod dieses Tapferen zu berichten. Ich schlief seit kaum einer
Stunde, als ich durch eine franzsische Ordonnanz geweckt wurde, die mir
anzuzeigen kam, da einer der Gefangenen, der Konrektor Othegraven, mich zu
sprechen wnsche. Ich kleidete mich rasch an, und der junge Soldat fhrte mich
nach der alten Nikolaikirche hinber, an deren Ausgngen franzsische
Doppelposten standen. Innen sah es scharf aus; auf einer Schtte Stroh lagen die
Toten; der erste, den ich sah, war Kandidat Grell.
    In der Sakristei traf ich Othegraven. Er sa in einem hochlehnigen alten
Chorstuhl, und die Tr stand offen, so da er den Blick auf die Kanzel frei
hatte. Er wies darauf hin und sagte: Sehen Sie, Turgany, hier hab ich zum ersten
Male gepredigt. Mein Text war: Selig sind die Friedfertigen. Und dies ist nun
das Ende. Das Kriegsgericht hat gesprochen, und binnen hier und einer Stunde ist
es mit mir vorbei. Ich nahm seine Hand, und da von Rettung oder Begnadigung
keine Rede sein konnte, so fragte ich nach seinem Letzten Willen, und ob ihm das
Scheiden schwer wrde. Er verneinte es und setzte hinzu, da er einmal gelesen
habe, wie das Leben einem Gastmahl gleiche. Jeder habe den Wunsch auszudauern;
aber wer in der Mitte des Mahles abgerufen wrde, fhle bald nachher, da er
wenig versumt habe. Und das sei wahr. Er fr seinen Teil wnsche nur erst ber
die Trommelwirbel und das Augenverbinden weg zu sein; auch mitraue er den
Franzosen und ihrem Schieen. Sie tuen alles unordentlich, und den Hofer haben
sie massakriert. Er hing diesem Gedanken eine Weile nach und sagte dann, ehe ich
noch eine weitere Frage an ihn gerichtet hatte: Ich habe niemand; meine kleine
Sammlung fllt an Seidentopf, alles andere an das Hospital dieser Kirche. Und
nun wollen wir Abschied nehmen, Turgany. Gren Sie diese tapfere Stadt, die mir
so teuer geworden ist, und sagen Sie jedem, der es hren will, da ich in der
Hoffnung auf Jesum Christum, aber zugleich auch in dem festen Glauben strbe,
mein Leben an eine gute Sache gesetzt zu haben. Ich habe gepredigt: 'Selig sind
die Friedfertigen', aber es ist auch geboten, uns zu wehren und fr unser Leben
und Gesetz zu streiten.
    Und danach schieden wir. Fr immer.
    Eine Stunde spter ward ich zu General Girard befohlen. Ein echter Franzos,
menschlich und von edler Gesinnung. Ich konnt es nicht ndern, empfing er mich.
Ein Aufstand in unserm Rcken und von ihm geleitet; er mute sterben. So will es
das Gesetz des Krieges und unsere Sicherheit. Nach seinen Mitschuldigen frag ich
nicht; Ihr Volk lehnt sich jetzt wider uns auf, und wir mssen sehen, wie wir
durchkommen. Und danach entlie er mich sichtlich bewegt, nachdem er hinzugefgt
hatte, da der Directeur adjoint, wie er ihn nannte, comme un vieux soldat
gestorben sei.
    Wir haben ihn dicht neben der Kirche, wo noch ein eingegittertes Stck von
dem alten Kirchhof brig ist, begraben. Neben ihm Hansen-Grell.
    Ich schliee mit dem herzlichen Wunsche, da der Transport Ihres Sohnes nach
Kstrin ein erster Schritt zu seiner Begnadigung oder vielleicht auch zu seiner
Befreiung sein mge.
                                                                        Turgany

Das erste Gefhl, als Berndt den Brief aus der Hand legte, war das des tiefsten
Dankes.
    Renate umarmte und kte den Vater, und der Schorlemmer, die nie weinte und
stolz darauf war, fielen die Trnen auf die gefalteten welken Hnde. Sie hatte
kein Wort, und selbst ihre Sprche versagten ihr.
    Lewin lebte noch, noch also war Hoffnung. Aber eine rechte Freude wollte
trotz alledem nicht aufkommen, und wenn alle bis dahin von dem Schrecken
beherrscht gewesen waren, ihn vielleicht schon verloren zu haben, so beherrschte
sie jetzt die Furcht, ihn jeden Augenblick verlieren zu knnen.
    So verging eine halbe Stunde; Renate hatte das Zimmer verlassen, um auf dem
Schulzenhofe nach Marie, die Schorlemmer, um drauen nach der Wirtschaft zu
sehen. Denn was auch geschehen mge, das Herdfeuer brennt und mahnt uns an den
Anspruch und das Recht des alltglichen Lebens. Berndt seinerseits war allein
geblieben; er sann und plante und verwarf wieder. Als die Stutzuhr eben zwei
schlug, erschien Jeetze und meldete, da angerichtet sei.
    Wie gewhnlich, seitdem Besuch im Hause war, war in der Halle gedeckt
worden. Bamme trat auf Vitzewitz zu, um ihm zu der guten Zeitung zu
gratulieren; aber es klang frostig. Jeder konnte den Zweifel heraushren, nicht
an der Sache selbst, aber an ihrem Wert. Man setzte sich; Berndt fragte nach
Marie, nach Kniehase, nach Rysselmann; bald aber hob er die Tafel auf, an der,
aller Anstrengungen unerachtet, nur wenig gesprochen worden war. Alles erschien
ihm wie Versumnis, ehe man nicht wenigstens einen Plan verabredet hatte. Er zog
sich in sein Arbeitscabinet zurck und lie eine Viertelstunde spter die Herren
bitten, ihm dahin folgen zu wollen.
    In dem Zimmerchen war es inzwischen freundlicher geworden; ein Feuer
brannte, und der alte Mantel, der ber der Lehne gehangen hatte, hing jetzt am
Riegel. Der General und Hirschfeldt erschienen zuerst, nach ihnen Tubal. Alle
drei zu placieren wrde bei der Enge des Raumes nicht leicht gewesen sein, wenn
nicht Bamme, der es warm liebte, dicht an den Ofen gerckt wre. Hier sa er mit
untergeschlagenen Fen und rauchte, mehr einem Gtzenbilde als einem Menschen
hnlich.
    Jeetze kam und reichte Kaffee, nach dem jeder mehr oder weniger begierig
war. Und wirklich, die Tassen waren kaum geleert, als eine bessere Stimmung
Platz zu greifen begann. War denn die Lage wirklich so hoffnungslos? Nein.
Berndt nahm das Wort und erklrte, da er in der Furcht der Franzosen, in ihrer
mutmalichen Scheu vor einem zweiten zu statuierenden Exempel den besten Teil
seiner Hoffnung sehe. Girard oder Fournier, so schlo er, macht keinen
Unterschied; sie wissen, da ihre Tage hier herum gezhlt sind, und werden sich
hten, den schon straffen Bogen noch weiter zu berspannen.
    Bamme wollte von diesem Troste nichts wissen; Hirschfeldt widersprach nicht
geradezu, sah aber alles wirkliche Heil nur in einem selbstndigen Vorgehen.
Solange der Hals in der Schlinge stecke, wiederholte er, sei von Sicherheit
keine Rede; ein Ungefhr, eine Laune, und die Schlinge ziehe sich zu. Knnen
wir uns auf Turganys Brief verlassen (und ich glaube, da wir es knnen), so
treten die Kstriner Herren nicht eher als morgen mittag oder nachmittag
zusammen. Selbst wenn die Wrfel schwarz fallen, woran leider nicht zu zweifeln,
so haben wir vor bermorgen frh nichts zu befrchten. Fsilladen sind Frh- und
Morgensache. Das ist so alter Brauch. Was also unsererseits zu geschehen hat,
mu diese Nacht geschehen oder in der nchstfolgenden. Diese Nacht - unmglich,
vorausgesetzt, da wir der Mitwirkung unserer Leute dazu bedrfen. Auch die
besten halten solche Schlappe nicht aus. Also morgen; morgen nacht.
    Berndt und Bamme waren einverstanden, auch damit, da man es mit List
versuchen wolle. Hoppenmarieken sollte dabei helfen. Diese, wie Berndt sehr wohl
wute, lebte mit der Kstriner Garnison auf dem allerbesten Fue; war sie doch
jedem einmal mit Kauf oder Kuppelei zu Diensten gewesen. Westfalen oder
Franzosen machte dabei keinen Unterschied, ja, die letzteren hatten eine
besondere Vorliebe fr sie und gestatteten ihr, um ihrer grotesk-komischen
Erscheinung oder vielleicht auch um ihrer gemutmaten Geistesschwche willen,
berallhin Zutritt. Da Hoppenmarieken selbst, eitel und abenteuerschtig, wie
sie war, gegen bernahme der ihr zugeteilten Rolle Bedenken erheben wrde, daran
war gar nicht zu denken; eine andere Frage blieb freilich, ob ihr auch in allen
Stcken zu trauen sei. Man lie dies indessen fallen, und Berndt schickte nach
dem Forstacker, um sie herbeiholen zu lassen. Aber sie war von ihrem
gewhnlichen Tagesmarsche noch nicht zurck. So wurde beschlossen, die
Besprechung mit ihr bis auf den andern Morgen zu vertagen. Bamme wollte dabei
zugegen sein.
    Hiernach trennten sich alle und zogen sich auf ihr Zimmer zurck. Was noch
zu tun war, waren Dinge, die sich mit Kniehase besser als mit jedem anderen
erledigen lieen; dieser kam denn auch, beschaffte und ordnete alles Ntige und
war bei Dunkelwerden wieder auf dem Schulzenhofe.
    Sein erster Gang, als er wieder daheim war, war zu Marie, bei der er, seiner
eignen Wunde wenig achtend, den grten Teil des Tages zugebracht hatte.
    Er setzte sich auch jetzt wieder an ihr Bett und horchte und fragte; ihr
aber, als sie diese vom herzlichsten Mitgefhl eingegebenen Fragen hrte, kam
der stille Vorwurf zurck, in allen voraufgegangenen Stunden immer nur an Lewin
und nicht ein einziges Mal an ihn gedacht zu haben, an ihn, der jetzt so
liebreich zu ihr sprach und vom ersten Tage an nur Gte und Nachsicht fr sie
gehabt hatte. Sie klagte sich ihrer Selbstsucht an und vergo bittere Trnen. Er
aber wollte davon nichts wissen und wiederholte nur ein Mal ber das andere:
La, Kind; das ist die Jugend. Und dann beruhigte sie sich und lie sich
wieder erzhlen. Ach, wie schlug ihr das Herz hher, als sie von Turganys Brief
hrte: Othegraven war tot, aber Lewin lebte. Und das bedeutete alles! Dieselbe
Selbstsucht, deren sie sich eben noch bezichtigt hatte, war wieder da. Und sie
wute es kaum.
    Ihre Stirn wurde gekhlt; der Blutverlust aus der Wunde galt fr ein gutes
Zeichen, und ihr Befinden war nicht schlecht. Sie lchelte vor sich hin, wenn
Bammes und Rutzes und ihrer Haltung whrend des Straenkampfes Erwhnung
geschah. Erst gegen Abend stellte sich Fieber ein, und sie begann nun leise vor
sich hin zu sprechen: Wenn nur Othegraven da wre... der wrde helfen... mir
zuliebe. Und dann nannte sie des alten Fllgraf Namen und dann den des alten
Kstrinschen Kastellans, der ein Vetter von den Kmmritzens war und den sie nun
in ihren Phantasien instndigst bat, den jungen Herrn in seinem Schlosse
verstecken zu wollen, mitten im groen Saal, da wrd ihn niemand suchen.
    So vergingen die Stunden, und die Bilder drehten sich im Kreise. Aber eine
Stunde nach Mitternacht lie das Fieber nach, und sie schlief ein.

                           Einundzwanzigstes Kapitel



                                 Dat mten wi

Es war noch nicht sieben am andern Morgen, als Hoppenmarieken in ihrem
gewhnlichen Aufzuge die Dorfgasse heraufkam. In Front des Herrenhauses bog sie
nach rechts hin ein und musterte die lange dunkele Fensterreihe. Nur in den zwei
Eckfenstern des ersten Stockes war Licht. He is all bi Weg, sagte sie und
schritt auf die Glastr des Hauses zu.
    Und sie hatte recht gesehen. Berndt war schon seit einer Stunde auf und sa
oben in seiner Amts- und Gerichtsstube. Mit ihm Bamme, der, nach einem ersten
Versuche, sich wieder in Nhe des stark berheizten und beinahe glhenden Ofens
zu placieren, schlielich seinen Rckzug auf das Fenster hin hatte nehmen
mssen. Von diesem aus sah er jetzt Hoppenmarieken ber den Hof kommen. Er war
in einem Kostm, das, kaum minder auffllig als das der alten Forstackerhexe,
selbst Berndt einen Augenblick in Erstaunen gesetzt hatte: enger schwarzer
Schlafrock von Sammetmanchester, roter Wollshawl und gelbe Filzschuhe. Dazu die
kurze Morgenpfeife.
    Und nun klopfte es.
    Herein!
    Die Alte trat ein, blieb aber - mit ihrer Kiepe sich an die Trpfosten
lehnend - in respektvoller Entfernung von ihrem gndigen Herrn stehen, mehr
aus Gewohnheit als aus Furcht, da sie wohl gemerkt hatte, da man ihrer bedrfe.
    Dag, gnd'ger Herr, sagte sie mit ihrer tiefen und rauhen Stimme und
nickte, als Berndt ihren Gru erwidert hatte, mit derselben Vertraulichkeit auch
nach der Fensterecke hinber. Dag, Genral.
    Kennst du mich denn? fragte dieser und blies behaglich ein paar Wlkchen
aus seinem Meerschaum.
    I, wat wihr ick denn uns'n ltten Genral nich kennen? Ick wihr jo mit bi de
Rev buten un hebb allens siehn: Rutzen un sine Piken un den dicken
Protzhagenschen mit sine Fertut. Jott, wie seeg de ut! Un denn Drosselstein'n
sine rote Vostut mit de lange Been. Ne, Genralken, dat whr nix fr Se.
    Da hast du recht, Hoppenmarieken. Ich seh, du hast einen guten Blick, und
das nchste Mal werd ich dich fragen.
    Sie lachte.
    Dat dohn Se man, Genralken. De Dummen, so as wi ick, de sinn mmer de
Klksten.
    Berndt sah, da er das Gesprch unterbrechen msse, denn solche
Vertraulichkeiten waren gerade das letzte, was er brauchen konnte. Stell deine
Kiepe hin, Marieken, und tritt hier an diesen Tisch. Hierher, da ich dich
besser sehen kann.
    Sie verlor einen Augenblick ihre sichere Haltung, brummte allerhand
unverstndliches Zeug und tat dann, wie ihr geheien.
    Du weit, Hoppenmarieken -
    lck weet.
    Und du weit auch, da sie kurzen Proze machen. Der Konrektor ist
erschossen auf dem Lohhof, da, wo die groe Pappel steht. Ein Wunder, da sie
Lewin noch aufgespart haben. Aber wie lange? Sie haben ihn nach Kstrin
gebracht, und wir mssen ihn freikriegen.
    Dat mten wi, dat mten wi.
    Und du sollst helfen.
    Dat will ick.
    Gut, so steck dies Knuel ein und spiel es ihm heimlich zu. Er sitzt auf
Bastion Brandenburg; Mencke hat mir's gestern abend geschrieben. bereile
nichts, la dir Zeit, und wenn es auch Mittag wird. Aber sei schlau, so schlau,
wie du sein kannst, wenn du willst, und vergi nicht, es hngt Leben und Sterben
dran.
    Ick weet, ick weet.
    Der alte Vitzewitz schwieg eine Weile, whrend welcher Zeit Hoppenmarieken
das Knuel in ihre Kiepe packte; dann fuhr er fort: Und nun tritt noch einmal
hierher und pa auf und hre, was ich dir zu sagen habe.
    Hoppenmarieken gehorchte.
    Hier, wo du jetzt stehst, hier hat Lewin fr dich gebeten, und weil er fr
dich bat, und blo deshalb, hab ich dich laufen lassen. Sonst sest du jetzt
bei Wasser und Brot. Und das schmeckt dir nicht, denn du hast gern was Gutes.
    Jo, dat hebb ick.
    Sprich nicht. Du sollst mich hren. Und so sag ich dir denn: sieh dich vor.
Ich habe viel Nachsicht und Geduld mit dir gehabt und die Augen fter zugemacht,
als recht war, aber wenn du wieder doppeltes Spiel spielst, so sei dir Gott
gndig. Kobold, ich trete dich unter die Fe und wrge dich mit diesen meinen
Hnden.
    Er hatte diese Drohung in innerster Erregung gesprochen; aber ihre Wirkung
auf Hoppenmarieken war nur gering. Sie schttelte blo den Kopf, und ohne sich
im brigen im geringsten eingeschchtert zu fhlen, wiederholte sie nur immer:
Gnd'ge Herr, de junge Herr! und salutierte dabei mit ihrem Hakenstocke, zum
Zeichen, da man sich auf sie verlassen knne. Es war dies auch besser und
bedeutete mehr, als wenn sie bekrftigungshalber ihre Schwurfinger erhoben
htte. Dann griff sie wieder nach der Kiepe, lehnte den Rat, der ihr noch
gegeben wurde, sich wo mglich an die Westfalen zu machen, mit der Bemerkung
ab: Ne, ick geih to de ltten Franzosen; de passen nich upp, und verlie einen
Augenblick spter das Zimmer.
    Erst als sie zwischen den zwei Auffahrtspfeilern war, machte sie noch einmal
mit militrischer Promptheit kehrt und grte nach dem Eckfenster hinauf. Wute
sie doch ganz bestimmt, da der alte General ihr nachgesehen habe. Dieser lachte
denn auch, nahm seinen kleinen Meerschaum in die Linke und warf ihr mit der
Rechten Kufingerchen zu.
    's bleibt doch ein Prachtexemplar, Vitzewitz, sagte er. Ich wollte, ich
htte so was in Gro-Quirlsdorf.
    Berndt schwieg und sttzte den Kopf. Nach einer Weile sagte er:
    Bamme, Sie sind ein Menschenkenner. War es nicht gewagt, unser Spiel auf
diese Karte zu setzen? Knnen wir ihr trauen?
    Unbedingt.
    Und warum? Weil ihr altes Hexenherz an Lewin hngt?
    Vielleicht auch deshalb. Etwas mu das Herz haben. Und je weniger es hat,
desto fester hngt es dran. Es stirbt dafr. Gut oder bse macht keinen
Unterschied.
    Berndt nickte.
    Aber, fuhr Bamme fort, das ist es nicht, weshalb ich ihr traue. Ich trau
ihr, weil sie klug ist. Wissen Sie, was sie jetzt denkt?
    Nun?
    Die Franzosen werden nicht ewig im Lande Lebus bleiben, aber die Vitzewitze
noch lange.
    Und?
    Und Bndnisse schliet man nur mit Dauermchten. Auch wenn man
Hoppenmarieken heit.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel



                                  Im Weikopf

In denselben Stunden, in denen der ber Lewins Gefangenschaft Auskunft gebende
Brief den Weg von Frankfurt nach Hohen-Vietz hin machte, machte Lewin in Person
den Weg von Frankfurt nach Kstrin. Nur die Breite des Flusses lag zwischen
ihnen, und der alte Rysselmann, wenn er schrfer zugesehen htte, htte die
franzsischen Eskorte-Mannschaften erkennen mssen, die drben am neumrkischen
Ufer ihre Strae zogen. Es waren Voltigeurs, ausgesuchte Leute, die man unter
den Befehl eines alten, schon in Spanien gedienten Sergeanten gestellt hatte.
Und solche Vorsichtsmaregeln waren mit gutem Grunde getroffen worden, denn
hatten es die Russen auch tags zuvor an gutem Willen und jedenfalls an
Worthalten fehlen lassen, so waren sie doch in der Nhe, durchschwrmten die
Neumark und machten sich recht eigentlich eine Aufgabe daraus, kleine feindliche
Kommandos wegzufangen. Das erheischte nur geringe Opfer und machte von sich
reden. Dieser Sachlage waren sich die Begleitmannschaften auch voll bewut und
lieen es, um schlimmsten Falles nicht ohne Frsprache zu sein, an
Aufmerksamkeit gegen ihren Gefangenen nicht fehlen. Muten sie doch frchten,
jeden Augenblick selber Gefangene zu werden.
    Aber ihre Befrchtungen erfllten sich nicht; die Kosaken, nach denen auch
Lewin von Zeit zu Zeit ausgesehen hatte, kreuzten nirgends ihren Weg, und
nachdem um Mittag die Kirch-Gritzer ausgebauten Huser und bald darauf auch die
Pulvermhlen von ihnen passiert worden waren, trafen sie Punkt zwei vor der
Festung ein und lieferten ihren Gefangenen auf dem alten Kstriner Schlohof ab.
General Fournier d'Albe tat ein paar Fragen, die trotz aller Khle doch
Teilnahme verrieten, musterte die schlanke Gestalt Lewins und gab dann Befehl,
ihn auf dem Weikopf unterzubringen.
    Lewin erschrak, als er diesen Namen hrte.
    Der Weikopf war ein auf Bastion Brandenburg stehender Rundturm,
eigentlich nur das mannshohe Fundament eines solchen, von dem die Sage ging, da
es zwei, drei Tage vor der Hinrichtung Kattes als Schafott fr diesen
aufgemauert worden sei. Dies alles war nun freilich durch einige lebusische
Spezialhistoriker, darunter auch unser Seidentopf, als nicht stichhaltig
nachgewiesen worden; aber stichhaltig oder nicht, die bloen Vorstellungen, die
sich in Folge dieser Sage an eben diese rtlichkeit knpften, reichten gerade
hin, den Gedanken eines vor einem Kriegsgericht Stehenden eine sehr trbe
Richtung zu geben.
    Und nach diesem Weikopf hin wurde Lewin nun wirklich abgefhrt. Ein
Gefreiter und zwei Mann nahmen ihn in ihre Mitte, und unser Gefangener frchtete
schon, den Rest des Tages und vielleicht auch die Nacht in einem kellerartigen
Gewahrsam zubringen zu mssen, als er im Nherkommen zu seinem Troste wahrnahm,
da auf dem mannshohen Unterbau des Turmes noch ein nicht unfreundlich
aussehendes, aus Fachwerkwnden aufgefhrtes Turmhuschen stand, an das sich von
auen her eine Holztreppe lehnte, acht oder zehn halb ausgebrochene Stufen.
    Und vor diesen Stufen hielt jetzt das Kommando. Der Schlssel zu der kleinen
eisenbeschlagenen Obertr fehlte, fand sich indes schlielich, als der Kastellan
vom Schlo her herbeigeholt worden war, der nun ffnete und den Gefangenen
eintreten lie. Der Alte, solange der Gefreite da war, zeigte sich einsilbig und
mrrisch genug; Lewin aber, aller mangelnden Menschenkenntnis unerachtet, konnte
doch leicht erkennen, da dieses einsilbig mrrische Wesen nur uerlich
angenommen war. Er durfte sich in der Folge und unter vier Augen mehr
Entgegenkommen von dem Alten versprechen. Vorlufig schlo dieser wieder ab,
schob zum berflu noch einen Riegel vor und folgte dann dem abrckenden
Wachkommando.
    Und nun war unser Gefangener in seinem Turmzimmer allein.
    Aber war es denn ein Zimmer? Die Mansardenstuben der alten Hulen hatten ihn
nicht verwhnt, und doch waren es Palastrume, verglichen mit diesem
Erstenstock-Zimmer im Weikopf. Es hatte fnf Schritt im Quadrat, und wenn er
sich aufrichtete, berhrte seine Filzkappe die Decke. Wie lebendig begraben!
sagte er und schritt auf das Fenster zu, um wenigstens frische Luft einzulassen.
Der rechte Flgel, den er zuerst ffnete, hing nur in der oberen Haspe, so da
er ihn um des Windes willen, der wehte, rasch wieder schlieen mute; mit dem
linken Flgel aber ging es besser, und er hakte das senstbchen ein und sah nun
den Flu und das Land hinauf, das als ein Bild winterlicher Schne vor ihm lag.
Und alles in dem Bilde kannte er, und alles war ihm wohlvertraut. Da nach links
hin die weite Flche mit den Weidenbschen am Ufer, das war die Krampe, wo die
Kirch-Gritzer ihre Schlacht geschlagen hatten, und dahinter, an den Kusseln
erkennbar, lief der Hohlweg, den er, als er mit Tubal von Doktor Faulstich kam,
bei halbem Dunkelwerden passiert hatte. Und nun gar nach rechts hin ins Bruch
hinein! Da dehnten sich, nur durch Pappelwege verbunden, die Gorgaster und
Neu-Manschnower Gehfte, und mitunter war es ihm, als she er den Hohen-Vietzer
Turm und das Kreuz darauf, blitzend in der Nachmittagssonne. Lange hing er dem
Bilde nach, dann zog er den Fensterflgel wieder heran und durchma den engen
Raum.
    Fnf Schritt. In der Quere noch weniger, denn hier stand eine Bettlade. In
dieser lagen vier, fnf Bretter, und zu Fen lehnte ein Binsenstuhl, tief
eingesessen, mit einzelnen, nach unten hngenden Halmen. Sonst nichts; nur ein
paar eingekratzte Herzen in der Wand und vier, fnf Namen darunter. Franzsische
Namen. Also Neues, nichts Altes, nichts aus den Katte-Tagen her, und Lewin war
so trostbedrftig, da er in diesem geringfgigen Umstand einen Trost fr seine
bedrckte Seele fand.
    Eine Stunde mochte vergangen sein, als er wieder Tritte drauen hrte und
gleich darauf den Alten eintreten sah, der inzwischen den Namen seines
Gefangenen erfahren hatte und nun kam, um sich nach den Wnschen des Junkers
zu erkundigen. Der General, so verschwor er sich, habe alles erlaubt, und was er
nicht erlaubt habe, darber wrden zwei Landsleute doch miteinander reden
knnen. Nicht wahr, Junkerchen? Und dann, Junkerchen, es wird nichts so hei
gegessen, wie es vom Feuer kommt. Und der letzte Trost ist immer: Einen Tod kann
der Mensch blo sterben.
    Ja, sagte Lewin, aber wann?
    Ei, noch lange nicht. Ihr Sand, Junkerchen, ist noch nicht durchgelaufen.
Bei Ihnen hat die Predigt erst angefangen. Und der Sand mu durch, eher ist es
mit keinem nich vorbei.
    Lewin dankte dem Alten fr seinen Zuspruch und bat ihn um ein Nachtessen,
was es sei, am liebsten eine Suppe. Aber nicht vor sieben Uhr. Wenn er ein Buch
habe, so solle er es ihm schicken; er wolle sich ans Fenster setzen, solang es
noch Tag sei, und sich die Zeit mit Lesen vertreiben.
    Der Alte versprach alles, und nicht lange - die kleine Schloturmuhr schlug
eben vier -, so wurden drauen Stimmen laut, und ein Klappen wie von
Holzpantinen lie sich auf den Treppenstufen vernehmen. Gleich darauf ffnete
sich auch wieder die kleine Tr, und ein breitschulteriger, allem Anscheine nach
auch riesengroer Chasseur  pied - der, vornbergebckt, sich abmhte, ein
breit zusammengeschnrtes Bndel durch die zu schmale Trffnung hereinzuziehen
- wurde von hinten her sichtbar. Ein altes Weib, mit vielem Kupfer im Gesicht,
stand noch auf den Stufen drauen und schob nach. Endlich war das Bndel durch,
und der Chasseur machte jetzt Front und begrte den Gefangenen mit einem halb
gutgelaunten, halb spttischen: Bon jour, camarade, in gleichem Tone
hinzusetzend: Voici votre quipage!
    Lewin erwiderte den Gru und musterte den jetzt aufrecht vor ihm stehenden
Chasseur, der in seiner ganzen Haltung und Ausstaffierung als ein vollkommener
Typus sdfranzsischer Nonchalance gelten konnte. Sein Collet stand offen,
whrend seine beiden Fe in groen, mit Stroh geftterten Holzschuhen steckten;
offenbar ein gutmtiger, renommistischer Gascogner, der, um anderweitig
dienstfrei zu werden, den Kalfakterdienst im Schlo bernommen hatte.
    Madame de Cognac, wandte er sich jetzt an die noch immer auf der Treppe
stehende Alte, s'il vous plat! Komme Sie herein, Madame, und knppre Sie auf.
Lewin lchelte. Oui, monsieur; knppre Sie auf; c'est tout--fait allemand. Oh,
ich gelernt habe gut Deutsch. Moi. N'est-ce pas, Madame?
    Diese nickte.
    Vous voyez, Monsieur, notre marquise de Chaudeau a consenti.
    Whrend dieses Gesprches war denn auch wirklich das Bndel aufgeknotet
worden, und der Chasseur und seine Begleiterin mhten sich jetzt
gemeinschaftlich ab, ein Lager fr den Gefangenen herzustellen. Und nun waren
sie fertig damit: ein Strohsack, ein Seegraspfhl und ein verschossener Mantel
mit Otterfellkragen, den der alte Kastellan, da Betten oder Decken im ganzen
Schlo nicht mehr aufzutreiben gewesen waren, aus seinem eigenen Kleiderschranke
hergegeben hatte. In dem groen Bndel hatten sich brigens auch noch drei
Bcher befunden, die jetzt von seiten des Chasseurs unter affektiert
respektvollen Verbeugungen und avec les compliments de monsieur le Chtelain
an Lewin berreicht wurden. Et  sept heures le souper. Darnach klappten
wieder die Pantinen auf der Treppe drauen, und das Kauderwelsch mit der Alten
setzte sich fort, bis es in dem Winde, der ber Bastion Brandenburg hinstrich,
verklungen war.
    Lewin rckte den Stuhl ans Fenster, um in die drei Bcher hineinzusehen, die
der Kastellan ihm geschickt hatte. Zwei, schwarz gebunden mit zitronengelbem
Schnitt, waren, was sich erwarten lie, Bibel und Gesangbuch. Aber das dritte!
Es war nur ein Bchelchen, zwei Pappdeckel, mit marmoriertem Papier, an den
Ecken abgestoen. Und nun las er: Bericht des Majors von Schack ber des
Lieutenants von Katte Dekapitation, 6. November 1730. Das hatte der Alte
schlecht getroffen. Es berlief unseren Gefangenen eiskalt, und er legte die
Bibel darauf, da er es nicht she.
    Lange, lange Stunden.
    Er ging wieder auf und ab und zhlte. Erst tausend Schritt. Endlich schlug
es sieben. Es war ihm ein unangenehmer Gedanke, den Gascogner noch einmal
eintreten zu sehen, aber statt seiner erschien der alte Kastellan selbst und
brachte das Nachtessen: eine Suppe, aus Brotrinden und Hagebutten gekocht.
    Nun, Junkerchen, da haben Sie was Warmes. Das Brot, das haben die Franzosen
gebacken, aber die Hagebutten, die sind aus Markgraf Hansen seinem Kchengarten,
und meine Lene, was meine Jngste ist, die hat sie selber gepflckt. Es war ein
rechtes Hagebuttenjahr. Hren Sie, Junkerchen, auch fr die Franzosen; aber die
haben die Hacheln gekriegt. Und dabei setzte der Alte den Suppentopf und eine
Stallaterne, in der ein Lichtstmpfchen schwelte, vor Lewin nieder und sagte,
whrend er schon halb in der Tre stand: Und nun Gott befohlen, Junkerchen. Es
kommt, wie's kommt. Und blasen Sie gleich aus; denn Licht darf nicht sein. Es
geht mir sonst an Kopp und Kragen. Hren Sie, gleich ausblasen.
    Lewin hatte Hunger, und der wrzige Duft tat seinen Sinnen wohl. Aber er
konnte nicht essen. Es war nicht der verzinnte Lffel, der so bitter schmeckte,
es war die Todesfurcht, die sich ihm auf die Zunge legte. Er stellte den Napf
aus der Hand, lschte das Licht und warf sich auf das Bett. Im Liegen empfand
er, da ihn die Uhr drcke, und er nahm sie heraus, um sie neben sich auf den
Binsenstuhl zu legen. Dann erst wickelte er sich in den Mantel, zog den Kragen
bis unter das Kinn und sah von seinem Kissen aus auf die Sterne, die matt durch
die kleinen Fensterscheiben zu ihm her flimmerten. Und kann auf Sternen gehn,
klang es in seiner Seele immer leiser, immer ferner, und darber schlief er ein.
    Er schlief fest, viele Stunden lang; der beranstrengte Krper verlangte
sein Recht. Aber gegen Morgen begann er zu trumen. Er sah eine Schlittenfahrt
und hrte das Luten der Glocken, und als die Schlitten hielten, war es vor
einem alten Rundbogenportal, durch das winterlich in Mntel und Muffen
gekleidete Paare in ein hochgewlbtes Schiff eintraten. An den Pfeilern hingen
vertrocknete Krnze mit langen Bndern, die sich im Zugwind bewegten, und
zwischen diesen Pfeilern hin schritten alle, unter denen auch die schne
Matuschka war, auf den Altar der Kirche zu. Und als sie nun dicht heran waren,
begann die Orgel zu spielen. Aber in demselben Augenblicke wandelte sich das
Bild, und die grauen Steinpfeiler wurden zu weigetnchten Holzsulen, um die
grne Girlanden gewunden waren. Und auch die Frauen waren nicht mehr dieselben,
andere waren es, sommerlich gekleidete mit Blumen im Haar, und alle folgten
einem voranschreitenden Paare, das er nicht erkennen konnte, denn er schritt
hinterher, und erst als er den Altar erreicht hatte, vor dem ein Grabstein lag,
sah er, da er es selber war, der an dieser Stelle getraut werden sollte. Aber
er wute nicht mit wem, denn die Braut war ber und ber in einen weien
Schleier gehllt, und auf dem weien Schleier leuchteten goldene Sterne.
    Als nun aber die Orgel schwieg und der Geistliche nach dem Ja fragte, da
schlug die Braut den Schleier zurck, und statt des Ja, das ihm auf der Lippe
war, sagte er: Marie.
    Er hatte das Wort laut gesprochen und fuhr auf, als ob er eine schwindende
Erscheinung festhalten wolle. Wo war er? Er sah den Sternenhimmel und fhlte den
von seinem eigenen Atem feucht und eisig gewordenen Mantelkragen. Und allmhlich
stieg die ganze furchtbare Wirklichkeit vor ihm herauf, und er lauschte, ob er
nicht schon den Tritt eines ihn abholenden Wachkommandos hren knne. Wute er
doch, da die Morgendmmerung die Zeit fr solche Szenen sei.
    Aber was war die Stunde? Er griff nach der Uhr und lie sie repetieren.
Fnf. Das war noch zu frh; es konnte nicht vor sechs geschehen. Also noch eine
Stunde Leben, aber auch noch eine Stunde Tod, und er wnschte sich die Minuten
weg, um Gewiheit zu haben. Das Letzte, das Schreckliche konnte nicht so
schrecklich sein wie diese Qual. Er sprang auf, ffnete das Fenster und sog
begierig die Nachtluft ein, aber umsonst; er sah alles, wie es kommen mute, und
rief Gott an, nicht mehr um sein Leben, das war hin, sondern um Kraft in seiner
letzten Stunde. Nur nicht gemein aus diesem Leben gehen! Und dann sah er
wieder nach Hohen-Vietz hinber, nach dem Fleckchen Erde, das ihm vor allem
teuer war, und er winkte und grte mit der Hand. Lebt wohl, all ihr
Geliebten.
    In diesem Augenblicke scho ein Lichtstrahl am stlichen Himmel auf und
verschwand wieder. Es war der erste Bote, den der Tag sendet, lange bevor er
selber mit seinem goldnen Wagen heraufzieht. Soll es mir ein Zeichen sein?
    Und er wurde ruhiger.
    Sechs Uhr. Der Tritt keines Wachkommandos wurde drauen hrbar, und so
festigte sich in ihm die berzeugung, da er wenigstens diesen Tag noch zu leben
haben werde. Und ein Tag war viel; was konnte dieser eine Tag nicht alles
bringen? Und er sprach wieder die Strophe vor sich hin, die schon einmal in
allertrbster Stimmung ihn aufgerichtet hatte:

Hoffe, harre; nicht vergebens
Zhlest du der Stunden Schlag,
Wechsel ist das Los des Lebens,
Und es kommt ein andrer Tag.

Ja, ja, hoffe, harre. Ein Tag noch, ein ganzer Tag noch! Und dieser Tag lag
jetzt vor ihm wie das Leben selbst, und er sah ihm entgegen, als ob er ihm eine
Welt von Ereignissen bringen msse.
    Was er ihm aber zunchst brachte, war nur wieder der Chasseur, dessen
ohnehin unsoldatischer Aufzug durch einen an seinem linken Arm hngenden
Deckelkorb noch gesteigert wurde. Bon jour, monsieur de Vietzewitz. Pardon, si
ce n'est pas tout--fait correct. Mais votre nom, c'est un nom difficile.
    Lewin besttigte.
    Voici votre caf. Un bon caf, sans doute. Cela veut dire: de la chicore.
Mais qu'importe! c'est un caf allemand.
    Unter diesen und anderen Worten (denn er zhlte zu den Schwatzhaften) hatte
der Chasseur den Deckelkorb geffnet und den braunen Bunzlauer Topf auf das
Fensterbrett gesetzt, unterlie auch nicht, Schwarzbrot und ein paar
frischgebackene Semmeln hinzuzulegen. Dann hing er statt des Korbes die groe
Laterne, die vom Abend vorher noch da war, an seinen Arm und empfahl sich mit
einem halb spttischen: Votre serviteur.
    Lewin war froh, wieder allein zu sein, rckte den Stuhl an das Fenster und
nahm sein Frhstck. Es schmeckte leidlich, und als er damit geendigt, lehnte er
sich zurck und sah, aufatmend und neu belebt, in den glhenden Sonnenball, der
eben die vor ihm liegende Gritzer Kirchturmspitze vergoldete.
    Nun will ich lesen. Und damit nahm er die Bibel und schlug auf:
    Prophet Daniel! Ein Lcheln berflog seine Zge, und er sagte vor sich
hin: Nein, nicht Daniel. Jeder in meiner Lage bildet sich ein, in der
Lwengrube zu sein. Und er bltterte weiter, bis er an die Makkaber, und dann
wieder zurck, bis er an das Buch der Richter kam. Ja, das ist ein hbsches
Buch; frisch, mutig, das soll mich aufrichten!
    Und er begann zu lesen.

Aber seine Lektre war noch nicht weit gediehen, als er ein Stapfen und Ruspern
hrte und, sich aufrichtend, Hoppenmarieken erkannte, die hart am Rande von
Bastion Brandenburg entlangkam. Keine zwlf Schritt von ihm entfernt. Sie sah
jetzt hinauf, hob den Stock mit ihrer Linken und warf im selben Augenblick ein
Knuel, das sie rasch aus dem Brusttuch hervorgeholt hatte, in sein Fenster
hinein. Zugleich mit dem Knuel fielen ein paar Scheibensplitter vor ihm nieder,
und ehe er noch Zeit hatte, sich von seiner berraschung zu erholen, war die
Alte schon wieder fort. Er sah ihr nach und bemerkte jetzt, da sie mit einem
weiter abwrts stehenden Wachtposten ein Gesprch begonnen hatte, natrlich in
Zeichensprache. Sie bot ihm aus ihrer Flasche an, und als andere, von den
nchsten Schilderhusern her, herzukamen, gab es Kapriolen und schallendes
Gelchter, bis sie schlielich mit ihrem Stock salutierte und um den Schlohgel
herum wieder auf die Stadt zuschritt.
    Jetzt erst nahm Lewin das Knuel auf. Es war nicht gro, wog aber schwer und
mute mithin noch einen Inhalt haben. Er spaltete zunchst von einem der in der
Bettlade liegenden Bretter einen Span ab und begann nun die nur
stricknadeldicke, aber sehr feste Hanfleine vorsichtig abzuwickeln, ersichtlich
zu dem Zweck, da er, wenn er berrascht wrde, beide Knuel, das alte und das
neue, mit Leichtigkeit verbergen knne. Und jetzt war er fertig und hielt
sorglich einen umnhten flachen Stein in Hnden, an dessen fester Lederse das
eine Hanfleinenende befestigt war. In derselben Lederse steckte aber auch ein
zusammengerollter Papierstreifen. Diesen rollte er jetzt auseinander und las:
Wirf Schlag zwlf (Ablsung ist erst um eins) dieses Knuel ber das Bastion;
halte den Faden fest und sorge, da er abluft. Wenn er sich strafft, ziehe die
Strickleine hinauf. Dann la dich hinab. Schlimmsten Falles springe! Unten
tiefer Schnee - und wir.
    Lewin verbarg das Zettelchen; es zerreien, das konnte er nicht, denn er
fhlte, da er es wieder und immer wieder lesen werde. Dann aber sank er, wo er
stand, in die Knie und dankte Gott fr die Rettung seines Lebens. Denn er
zweifelte nicht mehr, da er gerettet werden wrde, und war fest entschlossen,
wenn alles andere scheiterte, den Sprung von dem Bastion aus zu wagen. Sprang er
fehl, so starb er wenigstens in den Hnden der Seinen, und der Armesndergang,
samt dem Trommelwirbel und den verbundenen Augen, blieb ihm erspart. Und vor
diesem Apparat erschrak er am meisten. Der Tod ist ertrglich, aber die
Exekution ist unertrglich. Das bloe Wort widerte ihn an, und alles, was roh
und hlich ist, stieg bei dem bloen Klange desselben in einer Reihe
fratzenhafter Jahrmarktsbilder vor ihm auf.
    Und diesem Widerwrtigen, was auch kommen mochte, war er nun entronnen. Aber
freilich, als der erste Jubel seines Herzens vorber war, fhlte er bald, da er
nur die Tyrannen gewechselt habe und da das Horchen auf die Rettungsstunde fast
so qualvoll sei wie das Horchen auf den Tod. Er durchma den engen Raum immer
wieder, ffnete und schlo das Fenster und berflog den Zettel, dessen Inhalt er
lngst auswendig wute, zum zehnten und dann zum hundertsten Mal. Der Chasseur
brachte das Mittagessen; aber er bat ihn, alles wieder mit fortzunehmen; ihn
verlangte nur nach Luft und Frische, und wahrnehmend, da vom Dache her lange
Eiszapfen bis dicht an sein Fenster niederhingen, brach er ein paar davon ab und
labte sich an ihrer Khle. Dann las er wieder und prfte das Knuel und
berechnete die Hhe des Bastions. Und das letzte war immer, da es nichts sei
und da jeder Sprung aus einer zweiten Etage viel, viel mehr bedeute. Und unten
zehn Fu Schnee! Es mute glcken, und er verga unter diesen Vorstellungen
fast, da ihm der Sprung berhaupt nur als Notbehelf und letztes Mittel dienen
sollte.
    Und nun war Mittag vorber und endlich auch der Nachmittag. Die Sonne ging
unter, das Abendrot erblate, und der Tag schwand hin. Nur noch sechs Stunden,
bald nur noch fnf. Er zhlte die Minuten.
    Um sieben Uhr kam der alte Kastellan. Junkerchen, sie sitzen jetzt am
grnen Tisch; der alte General ist auch da, ein bon garon, wie der Tagedieb
sagt, den sie mir als Kalfakter zugelegt haben.
    Also Kriegsgericht ber mich?
    Ja, Junkerchen. Ich habe den groen Saal heizen mssen. Das ist der mit dem
Balkon, wo Markgraf Hans ber dem Kamin hngt, lebensgro mit gelbledernen
Stiefeln, und Sporen so lang wie meine Hand. Der wird sich wundern.
    Ich glaub's.
    Und wenn der junge Herr noch einen Brief schreiben wollen oder eine
Bestellung an den Papa...
    Steht es so, Kastellan?
    Ich sage nicht, da es so steht; aber es kann so stehen. Ein Kriegsgericht
ist ein Kriegsgericht, und es hngt allewege an einem seidenen Faden. Ach,
Junkerchen, unser Bestes ist schon immer: gesattelt sein.
    Das ist es, sagte Lewin mechanisch, whrend sich seine Seele, der ihre
Furcht noch einmal wiederkehrte, mit doppelter Gewalt an das Leben klammerte.
Aber der Alte sah es nicht; er nahm den Deckelkorb, den der Chasseur
zurckgelassen hatte, bot eine Gute Nacht! und lie seinen Gefangenen allein.
    Sie sitzen also jetzt oben, sagte dieser, und Markgraf Hans mag
dreinschauen, wie er will, er wird mich vor ihrem Todeswort nicht retten. Es ist
mir, als sprchen sie es jetzt. Und ich fhle den Stich hier im Herzen. Aber ich
will leben; Gott, erbarme dich meiner und sei mit deiner Gnade ber mir. La ihr
Wort zuschanden werden. Und er faltete die Hnde wieder und prete seine heie
Stirn an die Scheiben.
    Die Sterne zogen herauf, und er suchte die Bilder zusammen, soviel er deren
kannte. Aber im Gewlk verschwanden sie wieder. Die Stunde rinnt auch durch den
lngsten Tag. Und nun endlich schlug es elf.
    Noch eine Stunde, murmelte er vor sich hin, und diese Qual hat ein Ende!
So oder so.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel



                                 Die Befreiung

Um dieselbe Zeit, wo Lewin diese Worte sprach, hielten zwei Schlitten vor dem
Hohen-Vietzer Herrenhause. Der vorderste war eine bloe Schleife und sah dem
Planschlitten hnlich, in dem Lewin am Weihnachtsheiligabend seine Fahrt von
Berlin nach Hohen-Vietz gemacht hatte, nur da die Korbwnde niedriger waren und
der hohe Planbogen vllig fehlte. Statt dieses Planbogens war ein Stck
schwarze, nach beiden Seiten hin tief herabhngende Wachsleinwand ber den
Wagenkorb gelegt und mittels eingeschnittener Lcher an den vier Speichen
befestigt worden. In der Gabeldeichsel ging ein kleines struppiges Bauernpferd,
und Pachaly, die Leinen in der Hand, sa auf dem Vorderbrett. Das zweite Gefhrt
war ein gewhnlicher, aber sehr groer Fahrschlitten, den man sich, um eben
dieser Gre willen, von Schulze Kniehase geborgt hatte. In diesem Schlitten
saen sechs Personen: Berndt und Hirschfeldt im Fond, ihnen gegenber auf dem
Rcksitze Tubal und Kniehase, vorne Krist und der junge Scharwenka. Krist fuhr.
Die Ponies waren eingespannt, aber ohne Gelut.
    Was am meisten berraschen durfte, war, da Bamme fehlte, und doch war eben
dieses Fehlen fr jeden, der ihn genauer kannte, in voller bereinstimmung mit
seinem Charakter. Die Frankfurter Affaire hatte weder innerlich seinen Mut
gebrochen noch ihn uerlich kleinlaut gemacht; aber durch und durch von
Spielervorstellungen beherrscht, erging er sich seitdem in Versicherungen, da
er keine glckliche Hand habe. Ohne ihn werd es besser gehen, versicherte er
ein Mal ber das andere, und nur einen Augenblick lang, als der Schlitten mit
der herabhngenden schwarzen Wachsleinwand vorgefahren war, war er in dieser
seiner berzeugung erschttert worden. Und dabei hatte folgendes Zwiegesprch
zwischen ihm und seinem neben ihm stehenden Aide de camp stattgefunden.
    Was will nur der schwarze Kasten, Hirschfeldt? Schwarz und schrg und eine
Zudecke darber. Der reine Sarg. Soll mich wundern, wen sie hineinlegen werden.
    Vielleicht mich.
    Nein, Sie nicht, Hirschfeldt. Sie werden immer mit einem Prellschu oder
einer Kugel ins dicke Fleisch davonkommen... Aber was ist das nur, was dieser
Tlpel von Pachaly da heranschleppt und in das Schlittenstroh hineinpackt? Sehen
Sie nur, sechs Bretter und zwei Brettchen. Und jetzt zwei Grabscheite und eine
Strickleine. Was die soll, wei ich allenfalls, aber all das andere! Grabscheite
und Bretter, und gerade sechs. Es schmeckt so nach Begrbnis.
    Hirschfeldt, so kaltbltig er war, war doch schlielich durch diese
Betrachtungen in eine wenig erbauliche Stimmung versetzt worden, und nur um
etwas zu sagen, warf er hin: Sie sind aberglubisch, General.
    Ja, das bin ich, Hirschfeldt, und ich habe meine Freude daran. Nehmen Sie
mir das bichen Aberglauben, so hab ich gar nichts und falle zusammen. brigens
geht es den meisten Menschen so, und wem es nicht so geht, desto schlimmer.
Sehen Sie die Schorlemmer. Die hat keinen Aberglauben. Aber was kommt dabei
heraus? Eine Nuschale voll Weisheit und ein Scheffel Langeweile. Und eine
Dormeuse darbergestlpt.
    Bamme drehte sich seinen Schnurrbart und hatte das Gefhl, etwas apart Gutes
gesagt zu haben. Aber seine ganze Oratio pro domo war von Hirschfeldt berhrt
worden, der mit seinen Vorstellungen immer noch bei Sarg und Begrbnis
aushielt und endlich sagte: So glauben Sie, General, da wir von Kstrin her
nicht viel anders heimkehren werden als von Frankfurt?
    Doch, Hirschfeldt. Ich bin nicht mit dabei, das ist eins; und das zweite
ist, sie passen nicht auf. Ich meine die Franzosen. Ihr werdet ihn also
freikriegen; aber einen Einsatz kostet's, ein Bein oder ein paar Rippen.
Billiger habt ihr's nicht. Vielleicht aber teurer. Und deshalb gefllt mir der
Kasten nicht.
    So war das Gesprch zwischen Bamme und Hirschfeldt verlaufen; unmittelbar
darauf hatten alle an der Expedition Teilnehmenden ihre Pltze eingenommen und
fuhren in leichtem Trabe die Kstriner Chaussee hinauf. Als sie bis an die
Stelle gekommen waren, wo vor zwei Tagen erst die Revue stattgefunden hatte,
bogen sie nach rechts hin ab, passierten das Fichtenwldchen an seinem
nrdlichen Rande und hielten sich nun scharf auf den Flu zu. Die Wege waren
hier schmal und meist verschneit, so da sie Schritt fahren muten. Und doch
waren die Minuten berechnet. Berndt und Hirschfeldt wurden ungeduldig. Endlich
hatten sie den Flu vor sich, erkannten trotz der Dunkelheit die inmitten des
Eises abgesteckte Fahrstrae und fuhren vorsichtig erst die Bschung hinunter
und dann mit einer allmhlichen Linksbiegung in die niedrige Kusselallee hinein.
Und nun konnten sie wieder traben. Es war aber auch hohe Zeit.
    Noch war kein Wort gesprochen worden. Berndt, den das Schweigen bedrckte,
wandte sich an den ihm gegenber sitzenden Kniehase, dessen noch verbundener
Kopf in einer Pelzkappe steckte, und sagte:
    Alles in Ordnung, Kniehase?
    Ja, gnd'ger Herr.
    Strick, Scheite, Bretter?
    Alles da. Hab es Pachalyn in die Hand gezhlt. Und auch die kleine Leiter
und zwei Bund Stroh.
    Und Kmmritz?
    Ist um neun Uhr abgerckt auf die Manschnower Mhle zu.
    Und Krull und Reetzke?
    Stehen drben zwischen Entenfang und Pulvermhlen.
    Gut. Und nun komme, was soll.
    Einen Augenblick schwieg er, und seine Lippen sprachen nur leise vor sich
hin. Dann aber, alle Sorge hinter sich werfend, sagte er: Und nun schrfer zu,
Krist, oder wir verpassen's. Sieh, Tubal, alles grau; der Himmel ist mit uns,
indem er sich uns verbirgt.
    Whrend sie so sprachen, hatten sie sich der Festung bis auf fnfhundert
Schritt genhert, und in dem Dunkel, das herrschte, stieg ein noch dunklerer
Schatten auf: Bastion Brandenburg. Da ihr Herankommen von dem einen oder andern
Wachtposten bemerkt worden wre, war wenig glaubhaft, denn ihre niedrigen
Fuhrwerke fuhren nicht nur im Schutze einer mannshohen, zu beiden Seiten des
Weges aufgeschaufelten Schneemauer, sondern auch im Schatten der von zehn
Schritt zu zehn Schritt stehenden Kusselpyramiden. Und im Schatten einer solchen
hielten jetzt die Schlitten.
    Die kleine Turmuhr, von der Schlokirche her, schlug halb. Das traf zu; so
war es berechnet. Berndt war der erste aus dem Schlitten heraus und schlich sich
jetzt ber das Eis hin bis an die Festungswerke vor, gerade bis unter den
Weikopf. Als er heran war, sah er, da am Fue des Bastions alles tief
verschneit war; der Westwind hatte hier ganze Schneeberge zusammengetrieben.
Aber so hoch der Schnee lag, so war er doch zu locker und hatte nicht Tiefe
genug. Es mute also nachgeholfen werden. Dazu sollten die mitgenommenen Bretter
dienen, mit deren Hilfe man eine der zehn Schritt breiten und halb
festgewordenen Schneemauern bis hart an das Bastion vorzuschieben gedachte. Sie
traten deshalb an den einspnnigen Schlitten heran, den Bamme kurzweg, und
vielleicht auch vorahnend, als Sargschlitten bezeichnet hatte, und wollten
eben die zum Schieben bestimmten Bretter hervorziehen, als sich's in dem
darbergepackten Stroh zu regen und zu schtteln begann. Und siehe da, gleich
darauf stand Hektor - wohl wissend, da er viel gewagt habe - verlegen wedelnd
an der Seite seines Herrn, verlegen, aber doch auch mit einem Ausdruck von Stolz
und Freude, und seine klugen Augen schienen zu sagen: Hier bin ich; ich,
Hektor, Freund meines Freundes Lewin. Ich wei, da es Ernst wird, und weil ich
es wei, will ich mit dabeisein.
    Der sich zuerst fate, war Berndt; er bckte sich nur, um dem Schuldigen mit
dem Zeigefinger zu drohen. Als er sich dann wieder aufrichtete, richtete sich
auch der Hund auf und legte seine Vorderpfoten auf seines Herrn Schulter; so
standen sie und sahen einander an.
    Pst, Hektor, flsterte Berndt und klopfte und streichelte das treue Tier.
Dieser aber, als er sich so zu Gnaden angenommen sah, fuhr in leidenschaftlicher
Erregung in seines Herrn Bart und Haar umher und nickte und wedelte nur immer
wieder, um zu zeigen, da er alles wohl verstanden habe. Dann endlich lie er ab
von ihm.
    Die Bretter waren inzwischen hervorgezogen worden und wurden nun von der
einen Seite her eingestemmt. Aber es wollte mit dem Schieben nicht glcken. Das
am Tage durchgesickerte Schneewasser war unten mit der Fludecke
zusammengefroren, und so muten denn die Spaten herbeigeholt werden, um durch
Abstechen das Eis wieder zu lsen. Und nun endlich war es geschehen, und die
Masse setzte sich in Bewegung, erst langsam, dann immer rascher, bis sie zuletzt
den weichen Schnee beiseite drngte und am Fue des Bastions feststand. Was der
Westwind hher hinauf an die Schrgwand geweht hatte, das fiel jetzt herab, ein
weiches Polster ber der Schneemauer bildend. Und nun kletterte der junge
Schwarwenka, der der Flinkste und Geschickteste war, hinauf und zog die
Strickleine rasch nach sich, whrend sich die vier anderen zu beiden Seiten der
Mauer niederkauerten. Krist hielt Hektor am Halsband; Pachaly war bei den
Schlitten geblieben.
    Alle sahen erwartungsvoll nach der Uhr. Noch fnf Minuten. In jedem
Augenblick konnt es oben auf dem Schlo zum Schlagen einsetzen.
    Und jetzt schlug es wirklich. Lewin ri das Fenster auf, zhlte bis zwlf,
und im selben Augenblicke warf er das Knuel, dessen loses Ende er um die linke
Hand geschlungen hatte, mit der Rechten ber den Rand des Bastions. Er hrte,
wie es aufschlug; und nun wickelte sich's ab. Eine kleine Weile noch, dann sah
er, da sich die dnne Hanfleine zu straffen anfing. Die Strickleine mute also
von den Freunden unten angeknotet worden sein. Und nun begann er mit aller Kraft
zu ziehen. Aber eben jetzt kam ein franzsischer Wachtposten in Sicht, um seinen
vorgeschriebenen Weg von Eck zu Eck zu machen. Er war schon dicht heran; hielt
er sich in Nhe des Fensters, so ging das Bajonett unter der Leine weg, hielt er
sich aber mehr rechts am Rande des Bastions hin, so traf er die Leine. Lewin war
schon darauf gefat, sie fallen lassen zu mssen, und dann blieb nur noch der
Sprung. Aber der Posten schritt, eine Melodie summend, hart an dem Unterbau des
Weikopfs vorbei.
    Das Eck, an dem er wieder kehrtmachen mute, lag hundertundfnfzig Schritt
entfernt. Lewin berechnete sich, da er zwei Minuten habe. Also schnell. Er zog
jetzt rascher und heftiger noch als zuvor, und nun hielt er die Strickleine in
seinen beiden Hnden. Aber wo sie befestigen? Das Fensterkreuz war viel zu
morsch, so schlang er sie, da nichts Besseres da war, um den Fu der Bettstelle
und schob diese, um ihr mehr Halt zu geben, bis an den Fensterpfeiler vor. Und
nun hinaus. Drauen warf er sich nieder, kroch bis an den Rand des Bastions und
packte den Strick. Und nun noch ein kurzes Stogebet, und dann vorwrts und
hinab! Als er bis ber die Mitte war, brach der Bettfu, an dem oben die Leine
befestigt war, ab oder ging aus den Fugen, aber es waren keine sechs Ellen mehr,
und so glitt er an der mit Schnee bedeckten Schrgung ohne Fhrlichkeit
hinunter. Die ganze Niederfahrt war nur um ein paar Sekunden beschleunigt
worden.
    Er war gerettet, und ein seliges Gefhl wiedergewonnenen Lebens durchdrang
ihn, als er sich aus den lockeren Schneemassen herauswhlte. Was noch an Gefahr
da war, war keine Gefahr mehr; ein Schu in die Nacht hinein hatte nicht viel zu
bedeuten.
    Und jetzt fiel wirklich der erste Schu. Ein Hurra unten antwortete; alles
schwenkte die Mtzen, und Hektor, der sich jetzt rhren durfte, sprang an seinem
jungen Herrn in die Hhe und fuhr ihm mit der Zunge liebkosend und
freudekeuchend ber Hand und Gesicht. La, la! Aber ehe er noch gehorchen
konnte, krachte von oben her eine ganze Salve in das Dunkel hinein, und der
Hund, dessen Liebestreue seinen Herrn gedeckt hatte, brach zusammen. Lewin stand
unbeweglich und wute nicht, was tun; endlich rissen Berndt und Hirschfeldt ihn
mit sich fort. Alles strzte den Schlitten zu, und nur Hektor, zurckgelassen,
lag winselnd am Fue des Bastions.
    Nein, rief Tubal, das soll nicht sein. Und wieder umkehrend, bckte er
sich und lud das treue Tier, das sich vergeblich fortzuschleppen trachtete, auf
seine beiden Arme. Aber lange bevor er den nchsten Schlitten erreicht hatte,
folgte der ersten Salve eine zweite, und Tubal, unterm Schulterblatt getroffen,
taumelte und fiel.
    Fort, fort! und zehn Hnde griffen zu, und ber den Schnee hin, ihn
tragend und ziehend, erreichten sie das Pachalysche Gefhrt und legten den
Schwerverwundeten auf die Strohbndel nieder, Hektor ihm zu Fen. So ging es
zwischen den schwarzen Kusseln hin in die Nacht hinein. An Verfolgung war nicht
zu denken. Htte sie stattgefunden, so wre man mit Hilfe der aufgestellten
Seitenkommandos stark genug gewesen, ihr zu begegnen.

    Als sie bis in Hhe von Gorgast waren, bogen sie rechts aus ihrer
Kiefernallee heraus und fuhren langsam die Bschung des Ufers hinauf. Tubal
hatte brennenden Durst, und man gab ihm Schnee; so ging es weiter bis an die
Manschnower Mhle. Hier wurde der Weg immer holpriger, und Pachaly mute des
Verwundeten halber im Schritt fahren. Der andere Schlitten trabte vorauf.
    Berndt hatte die Leinen genommen. Als er zwischen den Pfeilern der Auffahrt
hindurch wollte, scheuten die Ponies, und er sah jetzt, da Hoppenmarieken auf
dem linken Prellstein sa. Sie lehnte sich wie gewhnlich an ihre Kiepe und
hielt den Hakenstock in ihrer Hand. Aber sie salutierte nicht - und rhrte sich
nicht.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel



                                  Salve caput

Es war zwlf Stunden spter; die helle Mittagssonne stand ber Hohen-Vietz, und
es taute von allen Dchern. Auch das Eis, das, stumpf geworden, an den Rdern
von Miekleys Mhle hing, blitzte wieder durchsichtig und kristallen, und die
Tauben saen auf Kniehases langem Scheunenfirst. Alles war licht und heiter, und
ein erstes Frhlingswehen ging durch die Natur.
    Und in hellem Sonnenscheine lag auch das Herrenhaus. Wer aber von der
Auffahrt her einen Blick auf den Vorplatz und die lange Reihe der Fenster
geworfen htte, der htte doch wahrnehmen mssen, da es ein Trauerhaus sei
oder, schlimmer als das, in jedem Augenblicke ein solches zu werden drohe. ber
den Damm hin war eine dichte Strohlage gebreitet, und hinter den Scheiben wurde
niemand sichtbar. Auch nicht hinter der Glastre der Halle. Alles wie
ausgestorben. Nur die Sperlinge waren guter Dinge; sie saen in Scharen auf dem
ausgestreuten Stroh und pickten die verlorenen Krner. Ihr Zwitschern war der
einzige Ton, der in der tiefen Stille laut wurde.
    Zwlf Stunden lagen zurck, und nur eine Minute vollen Glcks und hchster
Freude hatten sie gebracht: die Minute, wo, nach der ersten Begrung mit der
Schwester, das in Jubel und Trnen ausbrechende Wiedersehen zwischen Lewin und
Marie auch zugleich ihr Verlbnis bedeutet hatte. Und ein Verlbnis, wie
Menschenaugen kein schneres gesehen. Denn es war nur gekommen, was kommen
sollte; das Natrliche, das von Uranfang an Bestimmte hatte sich vollzogen, und
Berndt selber, tiefbewegt in seinem Herzen, hatte sich des Glckes der
Glcklichen gefreut.
    Aber welch andere Minuten dann, als eine kleine Weile spter der zweite
Schlitten vorgefahren war und Krist und Pachaly den auf Betten und Kissen
gelegten Tubal langsam und leise treppauf getragen hatten. Und auch Hektor hatte
mit hinauf gewollt; aber gleich an der ersten Treppenstufe hatte seine Kraft
versagt, und er war den schmalen Kchenkorridor entlang bis an seine Binsenmatte
zurckgekrochen. Da lag er nun und schob sich nher an die warme Wandstelle
hinter dem Herde; denn ihn fror.

Um elf Uhr war Doktor Leist von Lebus gekommen. Er stieg - so geruschlos es
seine Gewohnheit und seine Schneestiefel zulieen - in den oberen Stock hinauf
und trat hier in das Krankenzimmer ein, in dem die Vorhnge, der prall auf die
Fenster stehenden Morgensonne halber, dicht geschlossen waren. Wir mssen Licht
haben, sagte er und schob eine der Gardinen beiseite.
    Nun erst sah er Tubal. Dieser hatte heftige Schmerzen, ertrug aber ohne
Zucken das Sondieren seiner Wunde, trotzdem eine leichte Hand nicht gerade das
war, worber Doktor Leist Verfgung hatte.
    Brav, junger Herr, das nenn ich tapfer ausgehalten.
    Was ist es? fragte Tubal.
    Ein hlicher Fall; Perforation der Milz. Aber was ist die Milz? Das
berflssigste, was der Mensch hat. Es gibt welche, die sie sich ausschneiden
lassen. Und Jugend berwindet alles. In vier Wochen setzen wir uns hier ans
Fenster, zhlen die Dohlen auf dem Kirchendach und rauchen eine Pfeife Tabak.
Sie rauchen doch, junger Herr?
    Tubal verneinte.
    Nun, dann spielen wir Patience oder Mariage.
    Patience.
    Der alte Leist streichelte dem Schwerverwundeten die Hand.
    Das ist recht; immer Kopf oben und bei Laune geblieben. Gute Laune heilt
und ist das beste Pflaster.
    Und darnach stieg er wieder treppab, um unten in Berndts Arbeitscabinet ber
den Befund seiner Untersuchung zu berichten.
    Nun, Doktor? fragte Vitzewitz.
    Der alte Leist zuckte die Achseln. Er mu sterben.
    Keine Rettung?
    Nein; es war ein Schrgschu, und das sind immer die schlimmsten. Alles
durch: Lunge, Leber. Und zum berflu auch noch die Milz.
    Und wie lange dauert es noch?
    Wenn's hoch kommt, bis diese Nacht. Es ist heute sein letzter Tag, und
morgen hat er es hinter sich. Wenn Sie seinem Vater, dem Geheimrat, noch
Nachricht geben wollen, so ist es hchste Zeit. Freilich... doch zu spt. Er
trifft ihn nicht mehr, und wenn er Flgel der Morgenrte nhme. Und das sind die
schnellsten, wenn ich meinen Psalm recht verstehe.
    Dann wollen wir es abwarten. Besser, er erfhrt das Ganze als das Halbe.
    Leist nickte.
    Ach, Doktor, fuhr Berndt fort, welche Tage das! Um Lewin zu retten,
dieser Preis! Wie soll ich dem Vater unter die Augen treten! Der einzige Sohn,
nein, mehr... das einzige Kind!
    Berndt sttzte seinen Kopf in die Hand und sagte dann nach einer Weile: Was
haben Sie verordnet?
    Nichts.
    Und was geben wir ihm, wenn er etwas will?
    Alles.
    Ich verstehe. Und wann kommen Sie wieder? Am Nachmittag oder gegen Abend?
    Ich bleibe, sagte der Alte und ging dann, da nichts mehr zu sagen war, zu
Bamme hinber, den er von Guse her kannte. Und das traf sich gut fr beide. Sie
setzten sich alsbald an den Ofen und rauchten sich durch ein paar Stunden durch,
unerschpflich in ihrem Diskurse, der bei Tubal begann und bei Hoppenmarieken
endete. Diese war am Morgen auf demselben Prellstein, auf dem Berndt sie hatte
sitzen sehen, tot vorgefunden worden. Ob erfroren oder vom Schlage getroffen,
hatte sich durch Pachaly, der auch dokterte, nicht feststellen lassen, und auch
Leist bezeigte keine Lust, den Ursachen ihres Ablebens wissenschaftlich
nachzuforschen. Sie war tot, und das gengte. Von Zeit zu Zeit ging er treppauf,
um dem Verwundeten, wenn dieser ber Schmerzen klagte, von seiner Crocata zu
verabreichen, deren berlegenheit ber die Simplex er bei dieser Veranlassung
wieder in enthusiastischen Ausdrcken pries, bis er - als es ihm endlich
geglckt war, unter Anwendung dieses Opiats einen schmerzensfreien Zustand
herzustellen - auch fr sich persnlich den Zeitpunkt fr gekommen erachtete,
wieder freier aufzutreten und sich eines Caf au cognac zu versichern. Jeetze
brachte das Verlangte. Bamme nahm teil, und immer seltner ein ernstes Gesicht
aufsetzend, einigten sich schlielich beide dahin, im ganzen genommen seit
lngerer Zeit keinen so gemtlichen Nachmittag verplaudert zu haben.

Und nun kam der Abend. In dem Eckzimmer war alles versammelt, nur Renate hatte
sich zurckgezogen. Man sprach ber gleichgltige Dinge, als Jeetze, der sich
mit Lewin und der Schorlemmer in den Krankendienst teilte, eintrat und meldete,
da der junge Herr Tubal nach dem Herrn Rittmeister verlangt habe.
    Hirschfeldt ging hinauf. Eine Lampe mit einem kleinen grnen Schirm brannte
und gab ein sprliches Licht.
    Ich habe Sie bitten lassen, Hirschfeldt, sagte Tubal. Es ist so dunkel,
aber ein Stuhl wird ja wohl zu finden sein. Bitte, hierher.
    Hirschfeldt tat, wie ihm geheien, und setzte sich an das Bett.
    Ich sterbe, Freund. Cito mors ruit.
    Hirschfeldt wollte antworten.
    Nein, keine Versicherungen vom Gegenteil... Ich fhle es, und wenn ich es
nicht fhlte, so wrd ich es aus jedem Worte des alten Leist heraushren knnen.
Er versteht sich schlecht auf Verstellung und hat einen Gemtlichkeitston, in
dem die Sterbeglocken immer mitklingen. Und am Ende, was tut es? Frher oder
spter!
    Sie regen sich auf, Tubal, sagte der Rittmeister. Ich glaube, da Ihnen
der Alte die Wahrheit gesagt hat. Ihnen und uns.
    Der Kranke schttelte den Kopf.
    Hirschfeldt aber fuhr fort: Sie werden leben, und Sie wollen auch leben,
Tubal. Es ist niemand, der gern aus dieser Welt scheidet. Nur die Mden
ausgenommen.
    Ich bin mde. Aber lassen wir das. Ich habe nur noch wenig Stunden. Bitte,
lassen Sie mich trinken. Wein; dort. Der Alte hat es erlaubt, er hat alles
erlaubt.
    Hirschfeldt gab ihm.
    Und nun hren Sie mich. Ich habe zwei Wnsche. Sorgen Sie, da ich in die
Kirche hinaufgeschafft werde, so bald wie mglich. Ich will dort vor dem Altar
stehen.
    Das Sprechen griff ihn sichtlich an. Als er aber getrunken und das Glas
wieder beiseite gesetzt hatte, fuhr er in ruhigerem Tone fort: Das ist eins.
Und nun das andere. Ich mchte hier bestattet sein. Aber nicht in der Gruft, in
der ich vielleicht unruhig wrde wie das Frulein von Gollmitz, die wieder
heraus wollte. Nein, fest in Erde.
    Er schwieg eine Weile und setzte dann unter schmerzlichem Lcheln hinzu:
Sie sehen mich an, Hirschfeldt, als ob ich im Fieber sprche. Nein, ich fiebere
nicht. Aber das von dem Frulein, das mssen Sie sich erzhlen lassen, von
Renate oder von Marie. Ja, von Marie, die hat es mir erzhlt. Also nicht in die
Gruft. Und nun schicken Sie mir den Doktor, ich will mich noch einmal trsten
lassen. Die Schmerzen kommen wieder, und sein Opium ist mein bester Trost.
    Hirschfeldt ging, um den alten Leist hinaufzuschicken. Dieser verordnete dem
Kranken eine neue Dosis von seiner Crocata, sprach eingehend von Anno
zweiundneunzig und der Kanonade von Valmy und schlo nicht blo mit der
Versicherung, da in hchstens sechs Wochen alles wieder in Ordnung sein wrde,
sondern empfahl ihm auch aufs ernsthafteste, bei der bevorstehenden Reise nach
Breslau, lieber in Sagan als in Sorau bernachten zu wollen. Er machte dies so
gut und so geschickt, da Tubal einen Augenblick ber seine wirkliche Lage
getuscht wurde.
    Aber nicht auf lange. Denn in der Tat, es ging rasch zu Ende, rascher noch,
als der alte Doktor erwartet hatte. Um acht kam Seidentopf, und die Schorlemmer
ging jetzt nach oben, um den Kranken zu fragen, ob er den alten Freund des
Hauses vielleicht noch sprechen wolle; sie wollte nicht sagen: den
Geistlichen.
    Tubal lchelte und verneinte, trotzdem er ein Trostbedrfnis und eine rechte
Sehnsucht nach Erhebung fhlte; aber er empfand auch, da Seidentopf ihm nicht
geben knne, wonach er verlangte.
    Eine halbe Stunde spter stellten sich Phantasien ein: er sprach von der
Muttergottes, die das Jesuskindlein habe fallen lassen; dann bat er, da sie mit
dem Trommeln und Blasen aufhren mchten, und zuletzt richtete er sich auf und
sagte: Nein, nein, das soll nicht sein; Hektor, das treue Tier.
    Aber pltzlich war es, als wrd er wieder klar; er verlangte zu trinken, und
gleich darauf bat er die Schorlemmer, ihm Renate zu rufen.
    Und den Doktor?
    Nein, den nicht. Er lgt mit jedem Wort, und seine Tropfen lgen auch. Ich
will von beiden nicht mehr. Renate soll kommen. Und Renate kam.
    Als sie da war, war aus allem zu sehen, da er mit ihr allein sein wollte,
und die Schorlemmer verlie das Zimmer.
    Setze dich zu mir, Renate, sagte der Kranke. Ich will Abschied von dir
nehmen.
    Sie brach in krampfhaftes Weinen aus, warf sich auf die Knie und barg ihr
Haupt in die Kissen.
    Nicht doch; mach es mir nicht so schwer. Ach, du weit nicht, wie schwer.
Und du sollst es auch nicht wissen. Nie, ich hoffe, nie... Ach, Renate, das
Scheiden ist doch bitterer, als ich dachte, und nur eines ist, das mich trstet:
es war nichts Rechtes mit mir, und ich htte dich nicht glcklich gemacht.
    Sie wollte antworten, aber er fuhr abwehrend fort: Sage nichts, sage nicht
nein. Ich wei es besser. Denn was gibt Glck uns und andern? Fest sein und
stetig sein, stetig sein im Guten. Und wir waren immer unstet, alle, alle. Auch
mein Vater war es. Land, Glauben, Freunde gab er hin. Und warum? Einem Einfall
zuliebe. Und wir haben nichts Gutes davon gehabt.
    Verklage dich nicht, mein Geliebter. Ach, Tubal, um was stirbst du jetzt?
Um Lieb und Treue willen. Ja, ja. Erst galt es Lewin, und dann, als er gerettet
war, da dauerte dich die arme Kreatur, die verlassen dalag und vor Schmerz und
Jammer aufwinselte, und du stirbst nun, weil du dich des treuen Tieres
erbarmtest.
    Ja, Mitleid hatt ich! Das hatt ich immer, Mitleid und Erbarmen. Und
vielleicht auch, da meiner ein Erbarmen harrt, um meines Erbarmens willen. Ich
kann es brauchen; jeder kann es. Und in der letzten Stunde tut es wohl, etwas
von diesem Ankergrund zu haben... Ich entsinne mich eines langen Liedes, das ich
in der Predigerstunde bei dem alten Oberkonsistorialrat lernen mute; ich hatte
keinen Sinn dafr, aber eine Strophe gefiel mir, die war schn.
    Welche? Sprich sie, oder willst du, da ich sie spreche?
    Es war etwas von Tod und Sterben und von Christi Beistand in der
Scheidestunde.
    Renate hatte seine Hand genommen und sprach jetzt, ohne weiter zu fragen,
mit leiser, aber fester Stimme vor sich hin:

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Soll ich den Tod erleiden,
Tritt du fr mich herfr;
Wenn mir am allerbngsten
Wird um das Herze sein,
Rei mich aus meinen ngsten
Kraft deiner Angst und Pein.

Tubal hatte sich aufgerichtet.
    Ja, das ist es.
    Er schien noch weitersprechen zu wollen, sank aber, immer matter werdend, in
die Kissen zurck und begann unruhig und hastig, wie die Sterbenden tun, an
seiner Bettdecke herumzuzupfen. Dabei war es, als ob er in seiner Erinnerung
nach etwas suche.
    Endlich hatte er es und fuhr in abgerissenen Stzen fort: Es war noch
frher, viel frher, und wir waren noch in der alten Kirche, da sagte mir der
Kaplan ein lateinisches Lied vor. Und als Ostern herankam, da mut ich es
hersagen vor meinem Vater und vor meiner Mutter und vor Graf Miekusch. Und meine
Mutter lachte, weil sie das Lateinische nicht verstand. Aber mein Vater war
ernst geworden und Graf Miekusch auch.
    Er schwieg eine Weile, und Renate sah bang auf ihn.
    Das ist nun zwanzig Jahre, fuhr er fort, oder noch lnger, und ich hatt
es vergessen. Aber nun hab ich es wieder:

Salve caput cruentatum
Totum spinis coronatum
Conquassatum, vulneratum
Facie sputis illita...

Er hatte sich bei jeder neuen Zeile mehr und mehr erhoben und starrte mit einem
Ausdruck, als ob er etwas she, auf den Wandpfeiler zu Fen seines Bettes. Und
ein Lcheln, in dem Schmerz und Erlsung miteinander kmpften, verklrte jetzt
sein Gesicht.
    Kathinka hatte recht... aber nun ist es zu spt... Salve caput
cruentatum... Es waren seine letzten Worte.
    Er sank in die Kissen zurck, und seine Augen schlossen sich fr immer.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel



                                  Wie bei Plaa

In derselben Stunde noch war ein reitender Bote nach Berlin hin abgegangen, um
dem Vater, in einigen Zeilen Berndts, die Nachricht von dem Tode seines Sohnes
zu berbringen. Kein Versumnis hatte stattgefunden. Nichtsdestoweniger lie
sich das Eintreffen des alten Geheimrats vor nchstem Abend nicht erwarten.
    Am Morgen fanden sich wie gewhnlich alle Hausgenossen in dem Eckzimmer
zusammen, nur Renate fehlte, und Hirschfeldt nahm jetzt Veranlassung, alles, was
ihm Tubal als seinen Letzten Willen ausgesprochen hatte, zur Kenntnis Berndts
zu bringen. Dieser war einverstanden damit, das Hinaufschaffen des Toten in die
Kirche soweit wie mglich zu beschleunigen; was aber das Begrbnis angehe, so
werde der alte Ladalinski darber zu bestimmen haben. Darnach trennte man sich.
Hirschfeldt und Bamme ritten auf eine Stunde zu Drosselstein hinber, und Lewin
ging in die Pfarre, um all sein Freud und Leid an dieser Stelle auszuschtten.
Wute er doch, da er hier alles sagen durfte, weil er fr alles ein Verstndnis
fand. Und mehr als das: ein stilles Gemt, das den Frieden geben konnte, den es
selber hatte. Und nach diesem Frieden sehnte sich sein Herz.
    Um zwei Uhr mittags fuhr ein groer Leiterwagen auf das Dorf zu, einer von
denen, wie man sie zur Erntezeit, mit Garben hoch beladen und einem Baum
darber, in die vorn und hinten geffneten Scheunentore hineinschwanken sieht.
Ein sogenannter Oostwagen. Er kam von Kstrin, und jeder Hohen-Vietzer, der ihm
irgendwo begegnet wre, htte gewut, da es ein Kniehasesches Gespann war und
ein Kniehasescher Knecht, der fuhr. Dieser sa auf einem etwas vorstehenden
Brett und hatte beide Fe auf die Deichsel gesetzt. Auf demselben Brette, dicht
hinter ihm, standen zwei Srge, der eine schwarz mit weiem Beschlag, der andere
gelb und mit hlicher blauer Verzierung. Der gelbe viel kleiner. An den
schwarzen hatte sich der Knecht angelehnt und rauchte.
    H! und dabei gab er den Pferden einen Schlag. Als sie bis an die Auffahrt
gekommen waren, traten Krist und Pachaly, die schon warteten, vor, um den
vordersten Sarg abzuladen. Der Kniehasesche Knecht war ihnen dabei behlflich.
    Wecke Stunn bringen se 'n rupp? fragte der Knecht, als er Kristen in den
oberen Griff des Sarges einfassen sah.
    Ht noch, glieks.
    Un vrn Altar?
    Joa, so seggen se.
    Un woto vrn Altar? Dat's nich Mod bi uns.
    Ick weet nich. Et is en Pohlscher. Un da mt et woll so sinn.
    Damit beruhigte sich der Kniehasesche Knecht und fuhr mit dem gelben Sarge
weiter die Dorfstrae hinauf, an dem Schulzenhofe vorber. Als er bei Miekleys
Mhle war, bog er in den Forstacker ein und hielt endlich vor Hoppenmariekens
Haus. Hier standen alte Weiber, die den gelben, hlichen Sarg in Empfang
nahmen.
    Kuck, sagte die eine, geel un blu, Dat is so wat fr Hoppenmarieken.
    Un so kleen as en Kinnersark.
    Na, vun 'ne Kinner wihr se nu groad nich.
    Nei, awers de Dwel is ook mal kleen west. Un wat deiht et ehr, dat se 'ne
Hehlersch wihr? Se kmmt jo nu ook rupp, un se kulen ehr inn mang all de annern.
Oll-Sidentopp wihr joa dafr.
    Joa, he. He denkt ook, he kann allens.
    Und damit brach das Gesprch ab.

Im Herrenhause war inzwischen ein lebhaftes Treiben gewesen, auf und ab, aber
wie auf Socken, und kein Wort wurde gesprochen. Um vier Uhr lag der Tote
gebettet in seinem Sarge, und eine Stunde spter trugen ihn sechs Trger ber
den oberen Korridor hin und langsam die Treppe hinunter. Als sie die letzten
Stufen eben passiert hatten und ber den Hinterflur fort, wo das Hausgesinde
stand, auf die Halle zu wollten, sahen sie sich aufgehalten, denn Hektor lag
mitten in ihrem Wege. Er hatte sich von seiner Binsenmatte her bis an diese
Stelle vorgeschleppt und mhte sich jetzt, sich aufzurichten. Aber umsonst; er
winselte nur, und den Augen Berndts, der sich bis dahin gehalten hatte,
entstrzten Trnen. So durchschritten sie das Haus, den Hof und bogen zuletzt in
den oft genannten Hgelweg ein, der zur Kirche hinauffhrte. Als sie bis dicht
heran waren, erglhte der Horizont im Widerschein der eben untergegangenen
Sonne. Der alte Kubalke schlo auf, und eine kleine Weile noch, so stand der
Tote vor dem Altar.

Es war eben neun Uhr, als eine Chaise vor dem Herrenhause hielt, deren Ankunft,
da das Stroh noch lag, von niemandem, am wenigsten von Jeetze, der ohnehin
schlecht hrte, bemerkt worden war. Endlich ward es hell an den Fenstern, und
gleich darauf erschien Lewin und trat an den Wagenschlag, um dem alten
Ladalinski, denn er war es, beim Aussteigen behilflich zu sein. Das Aussehen des
Geheimrats zeigte sich wenig verndert; seine Haltung war gerade und aufrecht,
Anzug und Haar geordnet. Er fragte nach Renate, die nicht zugegen war, und
folgte dann Berndt in das Eckzimmer, in dem ein hohes Kaminfeuer brannte und der
Teetisch nach russischer Art, wie der Gast es liebte, hergerichtet war. Bamme
und Hirschfeldt wollten sich zurckziehen, wurden aber aufgefordert zu bleiben,
ebenso die Schorlemmer. Alle setzten sich, Tee wurde gereicht und von der Fahrt
gesprochen. Es sei nicht mglich gewesen, Berlin vor Mittag zu verlassen;
allerhand Anordnungen htten den Moment der Abreise hinausgeschoben.
    Unter solchem Geplauder vergingen Minuten, ohne da des Ereignisses, das den
Geheimrat hierher gefhrt hatte, erwhnt worden wre. Er bat um ein zweites Glas
Tee, und erst als er auch dieses geleert und dabei den Wunsch ausgesprochen
hatte, seine Weiterreise so bald wie mglich antreten zu knnen, sagte Berndt:
    Hab ich recht verstanden? Weiterreise?
    Der Geheimrat nickte.
    So werden Sie nicht unmittelbar nach Berlin zurckkehren?
    Nein. Ich gedenke gleich von hier aus die Leiche meines Sohnes nach
Bjalanowo berzufhren. Alle Ladalinskis stehen dort. Das Leben hat seine
Forderungen, aber auch der Tod. Es liegt mir daran, im Sinne meines Sohnes zu
handeln, der, wie mir wohl bewut, diesen Zug nach der Heimat hatte.
    Hirschfeldt wollte berichtigen; Berndt aber, der den Eigensinn Ladalinskis
kannte und von mancher frheren Erfahrung her wute, da unbequeme Mitteilungen
wohl das Gemt seines Gastes beunruhigen, aber an seinen Entschlssen nichts
ndern konnten, ergriff deshalb statt des Rittmeisters das Wort und beeilte
sich, ohne weiteres seine Zustimmung auszusprechen. Hirschfeldt erriet die
Absicht, und so wurde denn festgestellt, da um neun Uhr frh die Weiterreise
stattfinden und zur berfhrung des Toten ein Schlitten, am besten ein
Planschlitten, leicht und einspnnig, beschafft werden solle. Alles regelte sich
rasch und kurz, und nun erst sagte der Geheimrat, indem er sich erhob:
    Ich wnsche meinen Sohn zu sehen.
    Er steht in der Kirche oben, bemerkte Berndt. Vor dem Altar. Es war sein
letzter Wunsch.
    So will ich hinauf. Aber allein, Vitzewitz. Ich bitte nur um die Begleitung
Ihres Ksters. Ein Alter, hoff ich.
    Dies konnte bejaht werden, und das Gesprch, das sonst ins Stocken geraten
wre, wandte sich jetzt mit Vorliebe und Ausfhrlichkeit dem Umstande zu, da es
im ganzen Oderbruche kein Dorf gbe, in dem die Leute so alt wrden wie in
Hohen-Vietz. Immer neue Beispiele wurden gefunden, erst der alte Wendelin
Pyterke und dann Seidentopfs Amtsvorgnger, der seine diamantene Hochzeit
gefeiert und drei Tage spter einen kleinen Ururenkel getauft habe. Schwche
halber freilich habe er die Taufformel im Sitzen sprechen mssen. Und bei diesem
Amtsvorgnger und seinem Ururenkel - dessen Existenz brigens, wie wenn es sich
um eine Unschicklichkeit gehandelt htte, von der Schorlemmer bestritten wurde -
verweilte das Gesprch noch, als Jeetze meldete, da der alte Kubalke angekommen
sei und drauen warte.
    Alle gingen ihm entgegen. Er stand in der Halle und hielt den
Kirchenschlssel und eine groe Laterne in seiner linken Hand. Mit der rechten
nahm er sein Sammetkppsel ab und grte.
    's ist schon spt, Papa, sagte Ladalinski. Mehr Bettzeit als Kirchenzeit.
Aber Ihr wit-
    Und damit verlieen beide den Flur und traten in die mit allerhand
Strauchwerk besetzten Parkgnge hinaus. Lewin und Hirschfeldt waren ihnen bis an
die Hoftre gefolgt. Wie bei Plaa, sagte jener und setzte nach einer kurzen
Pause hinzu: Aber dieser Gang ist schwerer.
    Hirschfeldt nickte still, und beide kehrten in das Eckzimmer zurck.
    Die beiden Alten stiegen inzwischen hgelan, Kubalke zwei, drei Schritt
vorauf, um besser leuchten zu knnen, denn nur wenige Sterne schienen, und hier
und dort waren Wurzeln ber den Weg gewachsen. Als sie halb hinauf waren, hielt
er, bis der Geheimrat heran war, und sagte: Passen S' Achtung, gnd'ger Herr,
hier ist Glatteis. Und dann ins Plattdeutsche fallend, was ihm, trotzdem er
Schulmeister war, aus Alter und Unachtsamkeit fters passierte, schlo er seinen
Satz: De verdwelten Jungens, se hebben hier 'ne Slidderboahn moakt. Un mihr as
een. Se weeten nich, dat ook olle Ld in de Welt rummerlopen. Olle Ld, as wie
ick.
    Wir werden so weit nicht auseinander sein, sagte Ladalinski, dem die
Weise, wie der Alte sprach, angenehm im Ohre klang.
    Doch, doch, antwortete dieser und fuhr dann, ebenso unwissentlich das
Hochdeutsche wieder aufnehmend, fort: Als ich so war, wie der gnd'ge Herr
jetzt sind, Mitte Sechzig oder so, da war meine Maline noch keine zehn Monat
alt, und die Eve, die ja der gnd'ge Herr auch kennen - drben in Guse, aber
jetzt hab ich sie wieder bei mir, denn es ist unser Nestkken -, ja das
Evelchen, das war noch gar nicht geboren.
    Da sind Sie ber achtzig, Papa?
    Dreiundachtzig. Das heit nchsten dreizehnten August.
    ... Und mssen also spt geheiratet haben.
    Ja, gnd'ger Herr, das hab ich. Das heit, es war die zweite Frau. Als ich
das erste Mal auf die Freite ging, das war drei Jahr eher, als wir die Russen
hier hatten, und ich war eben erst ins Dorf gekommen... Aber da sind wir schon.
    Und dabei trat er auf die Steinstufen des tief eingeschnittenen Portals und
schlo die groe Kirchentr auf, die sich nach innen hin ffnete. Sie passierten
erst den Turm zwischen dem Stubbenholz und den alten katholischen Altarpuppen
hin, die zusammengefegt in der Ecke lagen, und schritten dann, an den
Chorsthlen vorbei, den breiten Mittelgang hinauf, auf Altar und Kanzel zu.
    Als sie bis an die vorderste Stuhlreihe gekommen waren, wollte der Geheimrat
nach links hin eintreten und sich einen Augenblick setzen; denn er bedurfte der
Sammlung. Aber der alte Kubalke zog ihn hastig wieder zurck und sagte: Nicht
da, gnd'ger Herr; das ist der Majorsstuhl.
    Der Geheimrat sah ihn verwundert an.
    Nicht da, gnd'ger Herr, wiederholte der Alte, nicht da. Das war Anno 59,
und ich seh es noch wie heute. Sie brachten ihn von Kunersdorf her, Grenadiere
von Regiment Itzenplitz, und hier legten sie ihn nieder, hier auf diese Bank.
Aber er hatte das Leben satt. Kinder, ich will sterben, sagte er und ri sich
die Binden ab. Und da hat er sich verblutet. Es war den 12. August, den Tag vor
meinem Geburtstag.
    Bei diesen Worten hatte der alte Kubalke den Geheimrat nach der andern Seite
hinbergezogen. Die vorderste Chorstuhlreihe war hier freilich geschlossen, aber
in ihrer Front lief eine schmale Bank, auf der, wenn Konfirmation war, die
Einsegnungskinder ihre Pltze hatten. Darauf setzten sich jetzt die beiden Alten
und hatten nun die Bahre dicht vor sich, keine drei Schritt ab.
    Als sie sich eine Weile geruht, sagte Ladalinski: Nun, denk ich, wollen wir
den Deckel abnehmen.
    Noch nicht, gnd'ger Herr. Sie mssen den jungen Herrn Sohn doch wenigstens
sehen knnen. Und es ist ja noch so dunkel. Ein lieber junger Herr. Erst letzten
Sonntag, da hab ich ihn hier eingeschlossen mit Marie Kniehase; denn ich habe
keine Augen mehr. Und als ich nach einer Viertelstunde wiederkam, da stand er
hier und hatte rote Backen. Dicht neben dem Majorsstuhl. Aber die Marie war noch
rter. Ich will erst die Lichter anstecken, gnd'ger Herr.
    Damit ging er auf den Altar zu, nahm die Wachslichter von den groen
Messingleuchtern und zndete sie an. Anfangs schien es, da sie wieder
verlschen wollten, aber zuletzt brannten sie, und der Alte, whrend er jetzt
die Bahrdecke fortnahm und auf die Altarstufen niederlegte, sagte ruhig: Nu,
mit Gott, gnd'ger Herr.
    Ladalinski hatte sich erhoben und stellte sich an die eine Schmalseite des
Sarges.
    Steh ich zu Hupten oder zu Fen? fragte er.
    Zu Hupten.
    Ich will doch lieber zu Fen stehen.
    Darnach wechselten sie die Pltze und hoben nun den Deckel ab, der alte
Geheimrat mit krampfhaft geschlossenem Auge.
    Und nun erst sah er auf den Sohn, fest und lange, und fand zu seiner eigenen
berraschung, da sein Herz immer ruhiger schlug. Was war es am Ende? Er war
tot. Und er fhlte tief in seiner Seele, da es nichts Schreckliches sei, nein,
nein, Freiheit und Erlsung. Das Leben erschien ihm so arm, der Tod so reich,
und nur ein Gefhl beherrschte ihn: Ach, da ich an dieses Toten Stelle wre.
    Er betete fr ihn und fr sich selbst; dann, whrend ihn alles traumhaft
umwogte, stand er eine Minute noch und sagte dann: Nun, Papa, wollen wir wieder
schlieen.
    Der war es bereit, und sie legten auch die Bahrdecke wieder ber den Sarg,
ein verschossenes Stck Wollenzeug, das nur eben bis an die Tragbalken der Bahre
reichte. Und siehe, das alte katholische Gefhl, wie es sich erst in Kathinka
und dann zuletzt auch in Tubal geregt hatte, es wurde jetzt ebenso in dem Herzen
des alten Ladalinski wieder lebendig, und er sagte, whrend er auf den Sarg und
die rmliche Decke deutete:
    Es sieht so kahl aus. Was meint Ihr, ich mchte das Kruzifix nehmen und es
obenauf legen. Oder glaubt Ihr, da es Ansto gibt?
    Nicht doch, gnd'ger Herr. Das ist so recht was fr ein Kruzifix. Dafr ist
es ja da, fr die Toten, die brauchen's. Hier unten geht es noch so; aber
drben, da fngt es an.
    Und so nahmen sie das Kruzifix vom Altar, legten's auf die Sargdecke und
setzten sich wieder, der alte Kubalke aber fuhr in zutraulichem Tone fort: Es
ist noch keine sieben Jahre her, da hab ich es auch vom Altar weggenommen. Denn
da war die Lffelgarde hier und die Marodeurs; und auch den andern war nicht
viel zu trauen, wenn es was Silbernes war. Und da sagt ich zu meiner Frau: Frau,
wo stecken wir's hin? - Steck es in den Bettsack, sagte sie, aber das wollt ich
ja nicht, und so steckt ich es in mein Kopfkissen und legte mich und wollte
darauf schlafen. Aber das war auch nicht das Rechte, und ich hatte keine Ruhe,
und mir war es immer, als drckt ich auf die Wunden meines Heilands und tt ihm
weh. Da stand ich denn auf und nahm es wieder heraus und hing es an den
Spiegelpfeiler. Mutter, sagt ich, es ist nicht ntig, da wir es verstecken. Und
wenn das Franzosenzeug auch in unsere Kirche einbricht, in ein armes Ksterhaus
werden sie nicht einbrechen. Da suchen sie nichts. Und wenn sie doch kommen, da
wird er sich selber zu schtzen und zu helfen wissen. Denn das haben wir hier
herum erfahren, er lt sich nicht spotten. Auch in seinem Bilde nicht.
    Der Geheimrat hatte bewegten Herzens zugehrt. Ach, wie wohl ihm diese
Sprache tat und dieser kindliche Glaube. Er nahm seines Begleiters Hand und
sagte: Nun wollen wir wieder gehen.
    Und beide standen auf; der Alte lschte die Lichter, und zwischen den
Kirchensthlen hin schritten sie wieder auf den Ausgang zu. Als sie den Turm
eben passierten, schlug es zehn. Der Schlag der Glocke dicht ber ihnen
erfrischte dem alten Ladalinski das Herz, und so traten sie wieder ins Freie.
    Es war noch dunkler geworden, die letzten Sterne fort, und Kubalke ging
wieder vorauf, bis sie halben Weges an die Schlitterbahnstelle kamen.
    Passen S' Achtung, gnd'ger Herr, hier ist das Glatteis, sagte der Alte
wie beim Hinaufsteigen und schien auch wieder von den verdwelten Jungens
sprechen zu wollen. Aber Ladalinski kam ihm zuvor und sagte, anknpfend an ihr
unterbrochenes Gesprch: Sie waren zweimal verheiratet, Papa? War es nicht so?
    Ja, gnd'ger Herr.
    Und hatten auch Kinder von der ersten Frau?
    'ne Tochter.
    Und die lebt noch?
    Nein, gnd'ger Herr. Lange tot; gestorben und verdorben. 'S war so der
Nachla von der Mutter her.
    Der alte Geheimrat sah ihn fragend an.
    Ja, die Mutter. Das war so eine schmucke Person, und alles Mannsvolk lief
ihr nach. Und da war auch ein Kandidat hier, und eines Sonntags, als sich der
alte Pastor Ledderhose, der hundert Jahr alt wurde, den Fu ausgerenkt hatte, da
stand unser Herr Kandidat auf der Kanzel und predigte, und Wendelin Pyterke, der
damals unser Schulze war, sagte zu mir: Hre, Kubalke, der versteht's. Und er
verstand es auch. Aber was? Am Abend waren sie beide fort. Ins Pommersche, so
nach Kammin oder Kolberg zu. Und da wurd er Salzinspektor; aber es dauerte nicht
lange, und es hat ein schlechtes Ende genommen.
    Und die Tochter?
    Die war bei mir, bis sie siebzehn war; da flog sie auch weg, und es war
alles ebenso. Wie sich einer bettet, so liegt er. Aber nun ist Gras drber
gewachsen.
    Bei diesen Worten waren sie wieder bis an die Rckseite des Herrenhauses
gekommen, und der alte Kubalke klinkte die Hoftr auf. Auf dem matt erleuchteten
Hinterflur trafen sie Jeetze.
    Gute Nacht, Papa! sagte Ladalinski. Haben auch manches erlebt.
    Ja, gnd'ger Herr. Aber Gras wchst ber alles.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel



                                Zwei Begrbnisse

Um neun Uhr frh hatte Ladalinski seine Reise nach Bjalanowo hin fortsetzen
wollen, und nachdem er sich, als diese Stunde da war, im Hause verabschiedet
hatte, stieg er jetzt die winterlich kahle Nubaumallee hinauf, um den vor dem
Altar stehenden Sarg abzuholen. Mit ihm waren nur Berndt und Lewin. Neben ihnen
her schwankte ein in Federn hngender Chaisewagen, whrend ein nur mit einem
einzigen Pferde bespannter Planschlitten um zehn oder zwanzig Schritt
vorauffuhr. Es war derselbe, der schon die Fahrt nach Bastion Brandenburg
mitgemacht und von Bamme vorahnend den Namen Sargschlitten empfangen hatte.
Pachaly sa wieder auf dem Deichselbrett, alles wie drei Tage vorher, nur da
sich auf dem hohen Kummet des Pferdes, in einem alten Stahlbgel aufgehngt, ein
einziges Schlittenglckchen hin und her bewegte.
    Nun war man oben; die Planschleife fuhr unmittelbar bis an die Stufen des
Portals, whrend der Chaisewagen in einiger Entfernung halten blieb. Die Kirche
stand auf; Pachaly trat mit ein, und einen Augenblick spter erschien auch der
Ladalinskische Diener. So schritten sie den Mittelgang hinauf bis an den Altar;
Berndt erkannte das Kruzifix und wute wohl, wer es dahin gelegt hatte. Sie
stellten sich nun zu beiden Seiten des Sarges, ohne da ein Wort gesprochen
worden wre; endlich sagte der Geheimrat: Nun tragt ihn hinaus. Und dabei nahm
er das Kruzifix, um es wieder auf den Altar zu stellen, von dem er es genommen
hatte. Aber der alte Vitzewitz kam ihm zuvor und sagte: Nein, Ladalinski, nicht
so, das ist nun Ihre; mein Grovater hat es dieser Kirche gestiftet, und ich
werde ein neues stiften. Nehmen Sie es, ich bitte Sie darum. Sie haben mir,
wollentlich oder nicht, Ihren Sohn gegeben, und alles, was ich Ihnen wiedergeben
kann, ist dieses Kreuz. Ach, ich hab es auch getragen.
    Ladalinskis Lippen zitterten; er konnte nicht sprechen oder wollte nicht.
Dann aber ri er in freudiger Erregung einen Streifen von der Bahrdecke, legte
den Streifen, als ob es eine Schrpe wre, um die Mitte des Sarges und schob das
Kruzifix, das sonst keinen Halt gehabt htte, in den schwarzen Schrpenknoten
hinein. Darnach trat er beiseite, und Pachaly und der Diener faten nun die
Bgel und trugen den Toten hinaus.

Eine Viertelstunde spter bog der Schlitten, der sich bis dahin auf der Hhe
langsam fortbewegt hatte, nach links hin aus und fuhr, als er den Abhang
glcklich hinunter war, zwischen den Uferweiden auf Frankfurt zu. Die Chaise
folgte, und whrend ihr berdeckter Polstersitz auf dem holprigen Wege hin und
her schwankte, wurden Erinnerungen in dem Herzen des alten Ladalinski wach, und
er mute jener Reise gedenken, die ihn vor langer, langer Zeit auf ebenso
verschneiten Wegen nach Bjalanowo hin gefhrt hatte. Und doch wie anders damals!
Eine Hochzeitsreise war es, und die reizendste der Frauen - eben erst die seine
- schmiegte sich unter bermtigem Lachen an seine Seite; der Schnee stubte,
die Pferde flogen, und jeder neue Rasteplatz brachte neue Blumen und neue
Huldigungen. Erfinderisch war er gewesen, wie die Liebe selbst. Und jetzt sah er
nichts vor sich als den Schlitten, den die Uferweiden streiften und der langsam
auf eine Gruft zufuhr, die nicht mehr die seine war und an deren Tr er um
Gastlichkeit bitten mute fr seinen Toten. Das war mehr, als er tragen konnte.
Scharf und leise klang das Glckchen, und scharf und leise fielen seine Trnen.

Um dieselbe Stunde, wo der alte Geheimrat, begleitet von Berndt und Lewin, zu
der Kirche hinaufgestiegen war, war auch Bamme, nach Anlegung seines
Husarenrocks, aus dem Herrenhause getreten, hatte sich aber nach fast
entgegengesetzter Seite hin begeben. Es lag ihm daran, dem Begrbnis
Hoppenmariekens, das im Laufe des Vormittags stattfinden sollte, beizuwohnen,
bei welcher Gelegenheit er noch einen Blick auf diesen Gegenstand seines
besonderen Interesses zu tun hoffte. Als er in die Nhe des Heckenzaunes kam,
der das Huschen einfate, sah er, da allerhand Gesindel zu beiden Seiten des
Weges Spalier gebildet hatte, zum Teil dieselben alten Weiber, die gestern dem
Kniehaseschen Knecht beim Abladen des Sarges behilflich gewesen waren. Bamme
grte und hrte nicht ohne Befriedigung, da hinter ihm her gezischelt wurde:
Dat is he; wie schnaaksch he utsieht. Darnach trat er in das offenstehende
Haus. Ein starker Zug wehte, trotz dieses Zuges aber war es warm, denn der Ofen
pustete, und auf dem Flurherd brannten groe Scheite, um die seltsamerweise
mehrere Kochtpfe gestellt waren. Das hatten die Forstackersleute getan, die
sich auf Hoppenmariekens Kosten einen guten Tag machen wollten. Erben waren
nicht da, und Kniehase sah ihnen durch die Finger.
    Bamme hatte sich was versprochen, aber er fand doch mehr noch, als er
erwartet hatte. Auf zwei Sthle, nach Art eines Reisekoffers, war der offene
Sarg gestellt, und auf dem Rande des Sarges sa ein schwarzer Vogel, einem Raben
hnlich, nur viel kleiner. Als der Vogel den Eintretenden gewahr wurde, hpfte
er von dem einen Rande auf den andern hinber und von diesem auf den Sargdeckel,
der mit seinen blitzblauen Beschlgen auf zwei andern Sthlen lag. Es machte
dies Platzwechseln durchaus den Eindruck, als ob es aus Respekt gegen Bamme
geschhe, der es denn auch so nahm und, an den Vogel herantretend, ihn
belobigte. Bist ein braver Kerl, hast Lebensart. Gleich darauf indessen
entsann er sich seines eigentlichen Zwecks, schob den am Wandpfeiler stehenden
Tisch, darin das Gesangbuch und die Karten lagen, beiseite und probte sich einen
Platz aus, um die Tote bequem und in guter Beleuchtung betrachten zu knnen.
Diese lag in Staat, und nichts war vergessen, was zu Hoppenmarieken gehrte. Das
weie Haar war unter das schwarze Kopftuch gebunden, die Zipfel standen hoch
nach oben, und ihre zwei dicken Wasserstiefel sahen mit halber Sohle aus dem
Sarge heraus. In ihrer Rechten hielt sie den Hakenstock, weil er aber zu lang
gewesen war, war er in zwei Hlften zerbrochen worden, und das untere Stck lag
nun daneben. Ihr Gesichtsausdruck hatte sich wenig verndert; das Listige hatte
der Tod fortgenommen, aber das Trotzige war geblieben. Bamme war entzckt; er
drehte den Hakenstock ein wenig zur Seite und sagte dann vor sich hin:
Zwergen-Bischof, eine Bemerkung, zu der er sich, in Ermangelung eines guten
Publikums, vorlufig selber gratulierte. Dann sah er in den Alkoven hinein, in
dem sich die groen Gundermannsbschel im Zugwinde hin und her bewegten, und
fand auch hier alles superbe.
    Als er wieder in die Vorderstube trat, war der schwarze Vogel auf den Rand
des Sarges zurckgeflogen, und Bamme, neugierig und verwundert, was das Tier da
wolle, trat jetzt heran und sah, da es von der Toten in aller Wirklichkeit
gefttert wurde. Die Nachbarweiber hatten ihr nmlich Ebereschenbeeren und
Weizenkrner in die geffnete linke Handflche gelegt. Das war so
Forstackerpoesie.
    Bamme nickte und wollte wieder auf seinen Beobachtungsposten zurckkehren,
mute sich aber bald berzeugen, da es mit dem Zauber dieser Stunde zu Ende
gehe.
    Die Neugierde der Hoppenmariekeschen Vgel, die zwischen ihren Gitterstben
hindurch auf ihn und seinen roten Husarenrock niederblickten, htte sich
vielleicht ertragen lassen, aber das Gaffen der drauenstehenden alten Weiber
und Kinder fing doch an unbequem und lstig zu werden, so lstig, da er
schlielich froh war, als ihm das Erscheinen der Trger gemeldet wurde. Diese
traten denn auch bald darauf ein, schlossen den Sarg und setzten sich auf den
Kirchhof zu in Bewegung. Einer der Trger war Hanne Bogun, der den linken
Vorderbgel gefat hatte, whrend rechts neben ihm ein lahmer Scherenschleifer
ging, dessen untere Beinstellung ein gleichschenkliges Dreieck bildete. Das la
ich mir gefallen, sagte Bamme, froh, seinen Meister gefunden zu haben, und
schlo sich als erster Leidtragender an, whrend der ganze Forstacker in
corpore folgte. Alles war heiter, die Kinder schneeballten sich, und Kniehases
Tauben flogen ber dem Zuge hin, als wrde Schneewittchen oder irgendeine
Mrchenprinze begraben.
    So kamen sie bis an das Kirchhofsportal. Die Trger, mde geworden,
wechselten hier ihre Pltze, und nur Hanne Bogun, weil er blo den rechten Arm
hatte, blieb an der linken Seite des Sarges. Und nun zwischen den Grbern hin
setzte sich der Zug wieder in Bewegung, bis er am andern Ende des Kirchhofs
hielt. Hier dicht an der Feldsteinmauer war ein Grab gegraben, an einer Stelle,
wo zur Sommerzeit Disteln und Schafgarbe wucherten und die Ziegen zu grasen
pflegten. Neben dem Grabe standen Seidentopf und Kniehase und beiden gegenber
Berndt und Lewin, die nach dem Abschiede von Ladalinski gleich auf dem
Kirchhgel geblieben waren, weil sie das Herankommen des Zuges bemerkt hatten.
Von den Drflern, ein paar Kossten und Bdner ausgenommen, war nur Miekley da,
der das ehrliche Begrbnis zwar ebenso mibilligte wie alle andern, aber doch
durch zwei Dinge bestimmt worden war, diese seine Mibilligung nicht zu zeigen.
Und zwar erstens, um, wenn etwas geschhe - woran er nicht zweifelte -,
seinerseits nichts versumt zu haben, und zweitens und hauptschlichst, um
Uhlenhorsten, der sich auf dem Mhlenhofe zu Mittag und Abend hatte ansagen
lassen, mit einer neuen Seidentopferei unterhalten zu knnen.
    Die Trger hatten ihre Last niedergestellt; nun lieen sie den Sarg hinab,
und Seidentopf, whrend alle Forstackerkinder neugierig das Grab umdrngten,
sagte mit seiner klaren Stimme: Empfehlen wir ihre Seele Gott. Es war kein
christliches Leben, das sie gefhrt; aber ihr letzter Tag, so hoffe ich, hat
vieles ausgeglichen. Sie hatte keinen Menschen lieb, einen ausgenommen, und
diesen einen, der jetzt mit an ihrem Grabe steht, hat sie gerettet oder doch mit
zu seiner Rettung geholfen. Ihre List, die sonst ihr Bses war, war hier ihr
Gutes. Und wenn dieses Gute nicht schwer genug wiegen sollte, so wird die
Barmherzigkeit Gottes hinzutreten und in Gnaden geben, was noch fehlt. Beten wir
fr sie. Und dabei nahm er sein Barett ab und sprach das Vaterunser, whrend
zwei seitab stehende Forstackerweiber kicherten.
    Jott, uns, Oll-Seidentopp; ick weet nich, he beet't ook fr allens. Allens
sall 'inn.
    Joa. Awers Hoppenmarieken beet't he nich rinn.

Zwei Stunden spter saen Uhlenhorst und Miekley zu Tisch; auch
Kallies-Sahnepott war geladen worden. Es wurde schon die dritte Flasche Graves
aus dem Keller geholt, denn alle hielten auf ein gutes Glas, und Uhlenhorst
zeigte sich von Minute zu Minute besserer Laune. Begreiflich; denn der reiche
Sgemller sgte heute nicht blo Stmme, sondern auch Seidentopfen mitten
durch. Als er zuletzt auch von Bammes Besuch in Hoppenmariekens Wohnung
berichtet hatte, sagte Uhlenhorst wichtig, und indem er sich etwas vorbeugte:
Nichts natrlicher als das, es sind Geschwister.
    Miekley, sosehr er aus dem Munde des Kandidaten an Orakelsprche gewhnt
war, erschrak doch einigermaen; Uhlenhorst selbst indessen fuhr in demselben
Tone fort: Ich meine nicht von dieser Welt. Aber sie haben beide denselben
Vater und wurden beide an derselben Stelle geboren. Wo? Das brauche ich Ihnen
nicht erst zu sagen.
    Sahnepott hatte die Ohren gespitzt (das war etwas fr den Krug), und ehe
fnf Minuten um waren, waren beide Bauern der berzeugung, da ihr Kandidat mal
wieder den Seherblick gehabt und den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Ich
kann mich irren, sagte Uhlenhorst, in einen Demutston bergehend, aber ich
zweifle.
    Und damit schlo das Gesprch.

Zu Beginn des Nachmittags fuhr der Kaleschewagen vor dem Herrenhause vor; die
Ponies waren eingespannt; Bamme wollte mal wieder nach seinem Gut hinber und
nach dem Rechten sehen. Es ist mir von wegen des Pastors, Vitzewitz, waren
seine letzten Worte gewesen, als Berndt ihn aufgefordert hatte, noch ein paar
Tage zu bleiben. Ich mu ihn in der Furcht des Herrn halten, sonst wird er mir
bermtig und erzhlt meinen Gro-Quirlsdorfern von der Kanzel her, da sich
Hoppenmarieken aus Liebe zu mir umgebracht habe. Natrlich alles sub rosa. Immer
mit Bibelstellen. Im Alten Testament, so nur der gute Wille da ist, findet sich
schlielich alles, was einer braucht. Und darnach hatte der Alte die Zgel
genommen und war wie die Wilde Jagd vom Hofe hinuntergefahren, erst an dem
Blachfeld und dann an dem Fichtenwldchen vorbei, immer in der Richtung auf
Kstrin zu.

Das war um drei Uhr gewesen. Schon vor Dunkelwerden erschien Kallies-Sahnepott
im Krug, wo er sich vorlufig mit Krger Scharwenka behelfen mute, denn von den
andern Bauern war noch keiner da.
    Nun ist ja der General auch fort, sagte Sahnepott und sah so wichtig aus,
als ob er wieder von Tiegel-Schulzen und dem Schwedter Markgrafen erzhlen
wollte. Ich hab ihn heute nachmittag auf der brandroten Fuchsstute nach
Frankfurt reiten sehen. Er ritt ber den Forstacker. Es war so Klocker vier.
    Das kann nicht sein, Sahnepott, erwiderte Scharwenka.
    Und warum nicht?
    Erstens, weil die Fuchsstute tot ist; ich habe sie selber fallen sehen,
keine zehn Schritt von der Pappel, wo sie nachher den Konrektor erschossen
haben, und dann zweitens, weil er heute nachmittag (ich meine den General) in
unseres Alten Kaleschwagen an mir vorbeigefahren ist. So Klocker drei. Die
Ponies waren vorgespannt, und der Shetlnder ging als Handpferd.
    Kallies schttelte den Kopf. Du verstehst mich nich, Scharwenka. Das is es
ja gerade, was ich meine. Nach Kstrin hin in der Kalesche und nach Frankfurt
hin auf der Fuchsstute. Du hast sie fallen sehn. Gut. Aber tot oder nicht, macht
keinen Unterschied. So was kommt vor. Du mut doch wissen, was es mit ihm is.
Uhlenhorst...
    Hier brach das Gesprch ab, weil andere Bauern eintraten, unter ihnen auch
Kniehase, vor dem Kallies eine Scheu hatte. Ganz besonders, wenn er sich mit
Uhlenhorstschen Federn schmcken und allerhand schabernacksche
Konventikler-Visionen in Kurs setzen wollte.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel



                      Und eine Prinzessin kommt ins Haus

Eine Woche war vergangen. Die Strohschtten, die vor dem Hause lagen, waren
weggeschafft worden, aber alles ging leise, als wre noch jemand da, der nicht
gestrt werden drfe. Renate hatte seit jenem Abend, wo wir sie zuletzt sahen,
das obere Stock nicht mehr verlassen, und um ihretwillen war es, da sich der
Ton des Hauses dmpfte. Berndt arbeitete viel; im Erdgescho, auf spezielles
Gehei der Schorlemmer, standen zwei, drei Fenster auf, um das Bammesche
wieder hinauszulassen, und statt Hoppenmariekens - von der es im Dorfe hie, da
sie drei Nchte lang auf ihrem Grabe gesessen habe - erschienen abwechselnd
Krist und Hanne Bogun, um Briefe und Zeitungen auf den Tisch zu legen. Es war
eine rechte Jeetze-Zeit, alles still und grau und mit schwarzen Gamaschen; der
alte Jeetze selbst aber, der kaum noch Dienst hatte, sa halbe Stunden lang
neben der Binsenmatte und plauderte mit Hektor.
    So vergingen die Tage. Marie kam oft vormittags schon und stieg zu Renaten
hinauf, um ihr vorzulesen oder zu erzhlen. Nur von Tubal sprach sie nicht.
Darnach begab sie sich zu Lewin in das Eckzimmer hinunter, der ihrer schon
wartete, und sie saen dann am Kamin oder in der tiefen Fensternische und
gedachten vergangener stiller Tage, am liebsten des letzten Weihnachtsfestes und
jenes schnen Plauderabends, wo sie, den hohen Christbaum zwischen sich, ber
seine hohe Spitze hinweg, die goldenen Nsse geworfen und gefangen hatten. Von
ihrem Glcke schwiegen sie, denn sie hatten eine Scheu, da es fortfliegen
knnte, wenn es genannt wrde. Nur einmal kam es wie von ungefhr dazu. Das war
an dem Tage, wo der Bohlsdorfsche Pastor, auf einer Dienstreise begriffen, bei
seinem Hohen-Vietzer Amtsbruder vorgesprochen und zugleich auch einen Besuch auf
dem Schulzenhofe gemacht hatte. Als Marie davon erzhlte, sagte Lewin: Ach, du
weit nicht, Marie, wieviel ich diesem alten Bohlsdorf und seiner Kirche
verdanke. Vor allem dich. Dort begann ich zu genesen, noch eh ich wute, da ich
krank war. Wie blind ich doch war und wie selbstschtig! Aber nun hab ich sehen
gelernt und habe dich, dich, mein Glck und meine Goldstern-Prinzessin.
    Es war unmittelbar nach diesen Worten, da Berndt in das Zimmer trat und,
das Errten Maries wahrnehmend, ihr lchelnd und mit vterlicher Zrtlichkeit
die Stirn kte. Sie sah vor sich nieder und zitterte vor Bewegung, denn sie
fhlte wohl, was ihr dieser Augenblick bedeute. Gleich darauf verabschiedete sie
sich, um Vater und Sohn allein zu lassen.
    Als sie gegangen war, sagte Berndt: Ich freue mich eures Glcks, Lewin,
trotzdem ich noch nicht wei, was ich all den Vitzewitzes, die drauen in der
Halle hngen, zu sagen haben werde, wenn ich ber kurz oder lang an anderer
Stelle unter ihnen erscheine. Aber ich werde noch manch anderes vor ihnen zu
verantworten haben. Ungehorsam und Auflehnung standen auch nicht in unserem
Hauskatechismus, und ich denke, eines rechnet sich dann ins andere, und das
Kleine wird in dem Groen mit aufgehen. Und nun nichts mehr davon. Ist es in den
Sternen anders beschlossen, so wird eine franzsische Kugel mitsprechen. Gott
verht es! Haben wir dich aber wieder, so haben wir auch Hochzeit. Und eines
wei ich, sie wird uns freilich den Stammbaum, aber nicht die Profile verderben,
nicht die Profile und nicht die Gesinnung. Und das beides ist das Beste, was der
Adel hat.

Und abermals lagen Tage zurck, und Renate, die sich in ihren einsamen Stunden
wenn nicht die Heiterkeit, so doch die Klarheit ihrer Seele zurckgewonnen
hatte, sa wieder teilnehmend im Kreise der Ihrigen. Am andern Morgen sollten
Lewin und Hirschfeldt nach Breslau hin aufbrechen. Sie waren in Vorbereitung fr
ihre Reise und packten eben an ihren Mantelscken, als sie vom Eckfenster her,
zwischen den Pfeilern der Auffahrt, pltzlich eines Reiters gewahr wurden, der
auf seinem Shetlnder in den Hof einritt. Also Bamme. Alles lief ans Fenster,
und selbst die Schorlemmer verga auf einen Augenblick ihre Abneigung. Denn sie
war streitlustig, und neue Fehden standen jetzt in Aussicht. Am erfreutesten war
Berndt, der es lngst aufgegeben hatte, sich ber die Schrullen und Eitelkeiten
des Alten zu ereifern.
    Nun, Bamme, hob er an, als dieser sich gesetzt und ein Tablett mit Likren
rasch hintereinander absolviert hatte, wie war der Gro-Quirlsdorfer Befund?
Dorf, Pfarre, Kanzel?
    Gut, Vitzewitz, ber Erwarten gut. Er hat eben seinen Frieden mit mir
gemacht. Gleich am andern Tage war Kirche. Da mute sich's also zeigen, und
neugierig, wie ich bin, wartete ich nicht einmal das dritte Luten ab. Das
strafte sich nun freilich, denn das Orgelspiel wollte kein Ende nehmen, und mir
war ein paarmal, als wrde das ganze Gesangbuch durchgesungen. Aber endlich kam
er, und was glauben Sie, worber er predigte? ber Saul und David predigte er.
Und immer wieder hie es: Saul hat tausend geschlagen, aber David hat
zehntausend geschlagen. Nun, Vitzewitz, wir wissen am besten, da wir unserer
Reputation diese Zehntausend eigentlich noch schuldig sind; aber enfin, der
ewige kleine David, wer konnt es am Ende sein? Anfangs strubt ich mich, bis ich
mich schlielich drin ergab. Und so wissen Sie denn jetzt, meine Damen und,
worauf ich ein besonderes Gewicht lege, auch Sie, meine liebe Schorlemmer, wer
eigentlich unter Ihrem Dache weilt. Ein neuer Beweis fr den alten Satz: Wer nur
alt genug wird, wird alles.
    Das Geplauder ging noch weiter, und ehe Mittag heran war - das Diner sollte
nicht vor vier Uhr genommen werden -, machte Bamme den Vorschlag, zu
Drosselstein hinberzureiten, um Ostpreuen mal wieder auf Herz und Nieren zu
prfen.
    Berndt war es zufrieden, und nach einigen Minuten wurden die Pferde
vorgefhrt.
    Als sie bei Miekleys Mhle vorber waren, sagte Berndt: Was ich Ihnen sagen
wollte, Bamme, wir haben ein Brautpaar im Hause.
    Das wre! Die Schorlemmer?
    Nein.
    Ich dachte, sie htte sich den Seidentopf rangebetet. Mit Speck fngt man
Muse. Witwer und Urnensammler gehen ins Garn wie die Wachteln. Und nun gar
dieser Seidentopf. Sehen Sie sich seinen Jubilumsschrank an; er hat alles
aufgehoben, was ihm seine Selige geschenkt hat. Und solch Kultus ist immer
gefhrlich.
    Berndt lachte.
    Sie verlieben sich in eine Ihrer Vorstellungen, Bamme, wie gewhnlich. Aber
die Tatsachen sind unerbittlich. Es liegt anders. Nicht Seidentopf.
    Nun, wer denn?
    Lewin.
    Gratuliere! Aber das ist erst einer, ein halbes Paar. Wer noch?
    Lewin und Marie Kniehase. Des Schulzen Kniehase Pflegetochter.
    Bamme ri den Shetlnder herum, da er im rechten Winkel zu Vitzewitz stand,
und sah diesen aus seinen kleinen Augen mit allen Zeichen aufrichtigsten
Erstaunens an.
    Sie verwundern sich? sagte dieser.
    Ja.
    Und mibilligen es?
    Nein, Vitzewitz. Au contraire. Ich habe seit zehn Jahren, wenn ich das
neunundzwanzigste Bulletin und den groen Diebstahl bei Krach ausnehme, nichts
gehrt, das mich so erfreut htte als das. Das ist das reizendste Geschpf, und
ich verlange nach dieser Seite hin etwas, wie alle, die selber nicht viel
einzusetzen haben. Also nochmals: gratulor! Wetter, Vitzewitz, das gibt eine
Rasse.
    Berndt wollte antworten, aber der Alte, der sich unerwartet einem
Lieblingsthema gegenbersah, hatte wenig Lust, das Wort so schnell wieder aus
der Hand zu geben.
    Frisches Blut,fuhr er fort, frisches Blut, Vitzewitz, das ist die
Hauptsache. Meine Ansichten sind nicht von heute und gestern, und Sie kennen
sie. Ich perhorresziere dies ganze Vettern- und Muhmenprinzip, und am meisten,
wenn es ans Heiraten und Fortpflanzen geht. Ihre Schwester, die Grfin, dachte
ebenso, und ich habe sie sich mehr als einmal zu Grundstzen bekennen hren, die
selbst mir imponierten. Ehre ihrem Andenken! Es war eine superbe Frau. Ja,
Vitzewitz, wir mssen mit dem alten Schlendrian aufrumen. Weg damit. Wie ging
es bisher? Ein Zieten eine Bamme, ein Bamme eine Zieten. Und was kam schlielich
dabei heraus? Das hier! Und dabei schlug er mit dem Fischbeinstock an seine
hohen Stiefelschfte. Ja, das hier, und ich bin nicht dumm genug, Vitzewitz,
mich fr ein Prachtexemplar der Menschheit zu halten.
    Berndt schwieg, weil er mehr hren wollte, und Bamme lie auch nicht lange
auf sich warten.
    Wir sind unter uns, Vitzewitz, fuhr er fort, und knnen uns ohne Gefahr
unsere Gestndnisse machen. Mitunter ist es mir, als wren wir in einem
Narrenhause grogezogen. Es ist nichts mit den zweierlei Menschen. Eines
wenigstens glaubten wir gepachtet zu haben: den Mut, und nun kommt dieser
Kakerlaken-Grell und stirbt wie ein Held mit dem Sbel in der Hand. Von dem
Konrektor sprech ich gar nicht erst; ein solcher Tod kann einen alten Soldaten
beschmen. Und woher das alles? Sie wissen es. Von drben; Westwind. Ich mache
mir nichts aus diesen Windbeuteln von Franzosen, aber in all ihrem dummen Zeug
steckt immer eine Prise Wahrheit. Mit ihrer Brderlichkeit wird es nicht viel
werden, und mit der Freiheit auch nicht; aber mit dem, was sie
dazwischengestellt haben, hat es was auf sich. Denn was heit es am Ende anders
als: Mensch ist Mensch. Ich darf so sprechen, Vitzewitz, denn die Bammes sterben
mit mir aus, ein Ereignis, um das der Vorhang des Tempels nicht zerreien wird,
und nicht einmal ein Namensvetter ist da, den ich in seinem Standesbewutsein
krnken oder schdigen knnte. Denn im Vertrauen gesagt, das Krnken fngt bei
uns immer erst mit der Schdigung an.
    Damit waren sie bis an die Parkmauer gekommen und hielten eine Minute spter
vor dem Drosselsteinschen Gartensaal.

Whrend dieses Gesprch auf dem Wege nach Hohen-Ziesar hin gefhrt wurde,
plauderten auch Renate und Marie, die sich in den Hintergrund des Zimmers
zurckgezogen und auf dem groblmigen Sofa Platz genommen hatten. Lewin kam
herzu, war aber ersichtlich zerstreut und sa schon minutenlang zwischen ihnen,
ohne da er Maries Hand genommen oder einen Blick fr sie gehabt htte.
    Marie selbst, ihrer ganzen Natur nach unbefangen und anspruchslos, schien es
nicht zu bemerken; aber Renate sagte: Sonderbares Brautpaar ihr, ihr seid ja
nicht einmal zrtlich.
    Gib uns nicht auf, lachte Marie, und Lewin setzte hinzu: Wir waren zu
lange Geschwister. Aber es findet sich wohl noch. Was meinst du, Marie?
    Und das Rot, das ber ihre Wangen flog, berhob sie jeder anderen Antwort.

Nach diesem - es war wieder ein Sonnabend - gingen Lewin und Hirschfeldt in die
Pfarre, um von Seidentopf Abschied zu nehmen. Sie fanden ihn ber Bekmann, und
nicht blo die Schranktre seines Arcus triumphalis stand weit offen, sondern
auch das Mittelbrett war vorgezogen, auf dem die drei Hauptstcke der Sammlung
ihren Platz hatten und seit dem zweiten Weihnachtstage auch der Wagen Odins. Wer
die Seidentopfsche Wocheneinteilung kannte, konnte durch diesen Anblick nicht
berrascht werden. Er gehrte nmlich zu den klugen Predigern, die schon
freitags mit ihrer Predigt abschlieen, um dann den zwischenliegenden Tag zur
Erfrischung ihrer Seele verwenden zu knnen. Und was htte sich besser dazu
geschickt als die Ultima ratio Semnonun! Eine Strung bei diesem
Erfrischungsprozesse galt denn auch im allgemeinen als unstatthaft, aber heute,
wo Lewin und Hirschfeldt kamen, um ihm Lebewohl zu sagen, konnte von einer
solchen Strung nicht wohl die Rede sein. Um neun Uhr frh, so hie es im Laufe
des Gesprches, gedchten sie nach Frankfurt hin aufzubrechen, um daselbst in
der Mittagsstunde schon mit Berliner Freunden zusammenzutreffen. Es wurde dies
alles nur leicht hingeworfen, Seidentopf aber verstand sehr wohl, da mit Hilfe
dieser genauen Zeitangaben nur ihr Nichterscheinen in der Kirche entschuldigt
werden sollte. Es verdro ihn ein wenig, hatte er doch die Empfindlichkeit aller
Pastoren; aber sich schnell wieder fassend, gab er seinen Wnschen fr Lewin
einen allerherzlichsten Ausdruck. Dann wandte er sich zu dem Rittmeister, um von
den zurckliegenden, gemeinschaftlich durchlebten Tagen zu sprechen.
    Es waren strmische Tage, so schlo er.
    Und doch Tage vor dem Sturm! antwortete Hirschfeldt.

Und nun war es neun Uhr frh. Hektor hatte sich mhsam bis an die
Sandsteinstufen geschleppt, und zum letzten Mal in diesem Buche fuhren die
Ponies vor. Ihre Schellen klangen hell, und an Krists altem Hut mit der alten
Kokarde flatterte heut ein langes grnes Band. Seine Frau hatte rot nehmen
wollen, aber er hatte auf grn bestanden.
    Und nun nichts mehr von Abschied.
    ber den Forstacker hin flog der Schlitten, in dem Lewin und Hirschfeldt
saen, an Hoppenmariekens Huschen vorbei, und als sie gleich darauf wieder
hgelab und am Fluufer hinfuhren, rollte pltzlich ein Ton wie dumpfer Donner
herauf und verhallte in weiter Ferne.
    Das Eis birst, sagte Hirschfeldt. Ein gutes Zeichen, unter dem wir
ausziehen.
    Und in demselben Augenblicke begannen auch die Hohen-Vietzer Glocken zu
klingen, und beide Freunde wandten sich unwillkrlich noch einmal zurck.
    Was bedeutet uns ihr Klang? fragte Lewin.
    Eine Welt von Dingen: Krieg und Frieden und zuletzt auch Hochzeit;
Hochzeit, der glcklichsten eine, und ich, ich bin mit unter den Gsten.
    Sie sprechen, Hirschfeldt, als ob Sie's wten, antwortete Lewin bewegten
Herzens.
    Ja, Vitzewitz, ich wei es, ich seh in die Zukunft.

An demselben Sonntagnachmittag saen auch die Frauen in dem Eckzimmer, darin wir
ihnen so oft begegnet. Ihre Trnen waren getrocknet, die Schorlemmer hatte sich
mit einem Kraftspruch ber Abschied und Rhrung hinweggeholfen, und nur an
Mariens langen schwarzen Wimpern hingen noch einzelne Tropfen.
    Renate kte sie und sagte: La, Marie, denn du mut wissen, ich glaube an
dreierlei.
    Das tun alle vernnftigen Menschen, sagte die Schorlemmer. Das heit alle
Christen.
    Und zwar glaub ich, fuhr Renate fort, erstens an den Hundertjhrigen
Kalender, zweitens an Feuerbesprechen und drittens an Sprchwrter und
Volksreime. Und weit du, an welchen ich am meisten glaube?
    Nun?
    Und eine Prinzessin kommt ins Haus.
    Marie lchelte.
    Die Schorlemmer aber sagte: Torheit, ich will euch einen bessern Spruch
sagen.
    Und?
    Denen, die Gott lieben, mssen alle Dinge zum Besten dienen.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel



                             Aus Renatens Tagebuch

Erzhlungen schlieen mit Verlobung oder Hochzeit. Aber ein Tagebuch, das sich
bis auf diesen Tag im Hohen-Vietzer Herrenhause vorfindet und als ein teures
Vermchtnis daselbst gehtet wird, gnnt uns noch einen Blick in die weitere
Zukunft. Es sind Bltter von Renatens Hand, und aus ihnen ist es, da ich das
Folgende entnehme.

Lewin ist zurck. Ich habe nur auf diesen Tag gewartet, um, wie ich seit lange
wollte, mit einem Tagebuche zu beginnen. Der Sbelhieb ber die Stirn kleidet
ihn gut; der weiche Zug, den er hatte, ist nun fort; Marie findet es auch. Wie
war sie so glcklich! Und doch ebenso ruhig, wie sie glcklich war. Und das
freute mich am meisten. Denn mir ist nichts verhater als Lrm; und nun gar Lrm
in Gefhlen! Es traf sich sonderbar, da wir, eine Stunde vor Lewins Ankunft,
den fr Grell bestimmten Grabstein ausgepackt hatten. Ein kleiner Marmor. Es war
nicht ohne Bewegung, da wir Namen und Datum und die Hlderlinschen Zeilen
lasen. Jeetze wollte den Stein verstecken, aber Maline sagte: Nein, nein, das
bedeutet Glck, was natrlich meine gute Schorlemmer in Feuer und Flamme ber
die Unausrottbarkeit wendischen Aberglaubens brachte. (Lewin bernimmt Guse; sie
werden dort als ein junges Paar leben. Es ist am besten so.)

Gestern war Hochzeit. In Bohlsdorf. Lewin hatte darauf bestanden; er wollte da
getraut werden, wo sich sein Leben entschieden habe. So fuhren wir in drei Wagen
hinber. Mit uns Drosselstein und Hirschfeldt (der den Arm verloren hat, leider
den rechten). Bamme war geheimnisvoll und erklrte, sein Brautgeschenk vorlufig
vergraben zu haben. Aber der Tag der Auferstehung werde kommen. Die Schorlemmer
ber diesen Ausdruck emprt, wir anderen neugierig. Seidentopf hielt die Rede;
nie hat er besser gesprochen; es ist doch wahr, da das Herz den Redner macht.
Er nahm einen Bibeltext; aber eigentlich sprach er ber die Zeile: Und kann auf
Sternen gehen. Nach der Trauung nahmen wir einen Imbi auf dem Amtshofe. Die
junge Frau noch hbscher geworden; wieder an Kathinka erinnert. Rckfahrt im
offenen Wagen. Entzckend. Die Sommerfden flogen und setzten sich in Mariens
grnen Kranz. Es war wie ein zweiter Brautschleier. Bamme, der nur den
volkstmlichen Namen dieser Fden kannte, ereiferte sich ber die Ungalanterie
des heurigen Septembers, beruhigte sich aber, als ich ihm sagte, da diese Fden
auch Mariengarn heien. brigens haben Lmmerhirt und Seidentopf Brderschaft
getrunken und wollen korrespondieren. Lmmerhirt sammelt auch Totentpfe und ist
germanisch. Also gegen Turgany.

Heute haben wir unseren lieben Seidentopf zur letzten Ruhe gebracht. Auch Lewin
und Marie kamen von Guse herber und die drei ltesten Kinder. Sie brachten
groe Krnze von Flieder mit, der in diesem Jahre so schn in Guse blht. Pastor
Zabel von Dolgelin hielt die Grabrede; gutgemeint und alltglich. Papa will es
nicht wahrhaben; aber er legt immer aus seinem Eigenen zu. Auch Turgany war da;
sehr bewegt. Er fhrte mich, als wir zurckgingen, und sagte dann in seiner Art:
Nun kann ich diesen Landesteil unangefochten fr wendisch erklren; aber ich tt
es lieber nicht.

Brief von Kathinka (aus Paris). Teilnehmend, aber sehr vornehm. Wir sind ihr
kleine Leute geworden. Sie kennt nur noch zweierlei: Polen und die Kirche.

Wir waren gestern in Guse drben, Papa, die Schorlemmer und ich. Als wir bei
Tische saen, wurde der Seelower Gerichtsdirektor gemeldet, der ein auf dem
dortigen Gerichte niedergelegtes Dokument in Person berbrachte. Aufschrift: An
Frau Marie von Vitzewitz. Nach meinem Ableben zu Hnden der Adressatin. Bamme,
Generalmajor. Wir ffneten und lasen. Er hat Marie sein ganzes Vermgen
vermacht, alles in sehr Bammeschen Ausdrcken. Am Schlusse stand: Ich hab es
frh erfahren, wie wenig der Schein bedeutet. Marie entsann sich, hnliches
gegen ihn geuert zu haben. Wir gratulierten alle; nur die Schorlemmer
verlangte Zurckweisung, es sei kein Segen daran. Marie aber meinte, dazu sei
sie doch nicht fromm genug, worber wir alle herzlich lachten; zuletzt auch die
Schorlemmer.

Und nun bin ich allein, ganz allein, und morgen wird Lewin, der nun Guse
verlt, seinen Einzug in dies alte Hohen-Vietz halten, in das mir und ihm so
teure Haus, in dem er gesegnet sein mge wie bisher. Und er wird es, denn er
bringt seinen guten Engel mit. Meine teure Marie. Sie hat die schwerste Probe
bestanden, und das Glck hat sie gelassen, wie sie war: demtig, wahr und
schlicht. Und so knnt ich bleiben und weiterleben mit und unter ihnen, aber ich
mag doch nicht die Tante Schorlemmer ihres Hauses sein. Auch fehlen mir die
Lieder und Sprche. So will ich denn nach Kloster Lindow, unserem alten
Fruleinsstift. Da gehr ich hin. Denn ich sehne mich nach Einkehr bei mir
selbst und nach den stillen Werken der Barmherzigkeit. Und nur eines ist, das
ich noch mehr ersehne. Es gibt eine verklrte Welt, mir sagt es das Herz, und es
zieht mich zu ihr hinauf.

Hier schliet das Tagebuch.

Auf einer schmalen Landzunge zwischen zwei mrkischen Seen liegt das adlige
Stift Lindow. Es sind alte Klostergebude: Kirche, Refektorium, alles in
Trmmern, und um die Trmmer her ein stiller Park, der als Begrbnisplatz dient,
oder ein Begrbnisplatz, der schon wieder Park geworden ist. Blumenbeete,
Grabsteine, Fliederbsche und dazu Kinder aus der Stadt, die zwischen den
Grabsteinen spielen.

Und auf einem dieser Grabsteine stand ich und sah in die niedersteigende Sonne,
die dicht vor mir das Kloster und die stillen Seeflchen vergoldete. Wie schn!
Es war ein Blick in Licht und Frieden.
    Im Scheiden erst las ich den Namen, der auf dem Steine stand:

                             Renate von Vitzewitz.
