
                              Wrishffer, Sophie

                            Robert der Schiffsjunge

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                               Sophie Wrishffer

                            Robert der Schiffsjunge

                                    Zu Hause

In dem holsteinischen Stdtchen Pinneberg, das damals noch ein Flecken war,
stand vor ungefhr hundert Jahren am Ufer der Pinnau das Huschen des alten
Schneidermeisters Kroll. Ein Gemsegarten reichte vom Hof bis zum Wasser herab,
und mehrere baufllige Scheunen beherbergten unter ihren moosbewachsenen
Ziegeldchern allerlei Tiere, die auf dem Lande die meisten Leute selbst halten
und schlachten: Schweine, Hhner und Tauben; auerdem aber auch noch eine Kuh
und zwei Ziegen. Daneben gab es einen Holzstall, eine Geschirrkammer und einen
kleinen ausgemauerten Raum, den etwa zehn bis zwlf Kaninchen bewohnten. Sie
gehrten Robert, dem fnfzehnjhrigen Sohn des Meisters, der als Oberaufseher
ber alle Bewohner des Hofes von seinem Vater angestellt worden war, obgleich er
dies Amt nicht immer zur Zufriedenheit des Alten verwaltete. Besonders an
Sommerabenden brllte, grunzte und piepste es in den Stllen jmmerlich
durcheinander, bis der Meister mit der Brille auf der Nase herauskam und all die
leeren Futtertrge sah. Wo steckt nur wieder der Junge? Auf und davon, sobald
die Feierabendglocke geschlagen hat, anstatt sich noch in Haus und Hof ntzlich
zu machen, noch einen Groschen extra zu verdienen oder wenigstens ein gutes Buch
zu lesen. Der schwimmt irgendwo auf der Aue oder auf dem Mhlteich, und wenn es
mir nicht gelingt, ihn zahm zu machen, so wird er ein Vagabund, ein
Taugenichts.
    Und kopfschttelnd versorgte der Alte die Tiere, kopfschttelnd nhte er
wieder seine Flicken auf die schadhaften Kleidungsstcke der Ortsbewohner und
berlegte zum hundertsten Male, womit er seinen einzigen Sohn zur Vernunft
bringen sollte. Robert war ein so kluger Junge, konnte alles spielend vollenden,
was andern die grte Mhe machte, aber er hatte seinen eigenen Kopf, wie der
Vater seufzend dachte, und er verachtete heimlich das Schneiderhandwerk, zu dem
er doch erzogen werden sollte. Ja, er verachtete es, er warf Schere und
Bgeleisen in den Winkel, sobald es irgend mglich war, und lief lieber mit
einem Loch im rmel herum, als es sich fein suberlich zuzunhen.
    Meister Kroll lie die Hand mit der Nhnadel in den Scho sinken und schaute
vom Tisch herab ganz trbsinnig auf die Strae hinaus. Knnte es so schn
haben, murmelte er vor sich hin, knnte so warm sitzen und will durchaus in
die weite Welt laufen, um sich erst einmal mrbe machen zu lassen und
auszuprobieren, wie fremder Leute Brot schmeckt. Soll aber nichts daraus werden,
so wahr ich Hans Frchtegott Kroll heie. Den einen Jungen besitze ich nur, das
Huschen ist schuldenfreies Eigentum und die Kundschaft nhrt ihren Mann, also
was will der Robert weiter? Sag, Mutter, was meinst du dazu?
    Die alte Frau fuhr mit der Schrze ber die Augen. Es ntzt ja nichts,
Vater, du kannst ihn nur halten, bis er ausgelernt hat, dann geht er zur See.
    Der Alte nickte vor sich hin. Hat dir's wohl schon alles anvertraut, nicht
wahr? brummte er, aber daraus wird nichts.
    Die Mutter schwieg, um ihren Mann nicht noch mehr aufzubringen und dadurch
dem Jungen zu schaden. Sie machte Robert vielmehr, wenn er spt nach Hause kam,
allerlei heimliche Zeichen, da er nur ganz still ins Bett schlpfen und sich
gar nichts merken lassen solle.
    Der Junge mu sich doch am Abend ein bichen austoben, dachte sie. Er ist
ja noch ein Kind, das vergit der Alte.
    Sie nahm sich auch, wenn es irgend mglich war, der Tiere an und verschwieg
es dem Vater, wenn Robert heimlich fortgelaufen war. Er mag nun einmal nicht
sitzen, berredete sie sich, und den einzigen Jungen habe ich nur. Warum soll
er immer arbeiten, als wren wir arme Leute, die das Brot trocken essen mssen?
La ihn nur laufen.
    Die Folgen dieser falschen Erziehung zeigten sich aber bald. Der Vater
schlug den Jungen mehr als er verdiente, die Mutter dagegen half ihm immer
wieder, sich durch kleine Lgen diesen Bestrafungen zu entziehen, und Robert
selbst wurde immer trotziger und ungehorsamer.
    Ich will kein Schneider werden, erklrte er eines Tages dem Alten rund
heraus, ich habe dazu keine Lust. Das Seemannshandwerk ist auch ein ehrliches
Gewerbe, nicht schlechter als sonst eins. Ich mchte mehr von der Welt sehen als
nur das kleine Pinneberg.
    Der Meister schttelte den Kopf. Ist alles dummes Zeug, antwortete er.
Sollst in die Kundschaft hereinwachsen, dies Huschen bernehmen und eines
Tages hier begraben werden, wie schon mein Grovater selig und mein Vater hier
begraben worden sind. Sie waren Schneider vom Vater auf den Sohn, und du wirst
es auch, verstanden?
    Robert weinte bitterlich. Ich sehe es aber gar nicht ein! schluchzte er.
    Ich desto besser. Bleibe im Lande und nhre dich redlich! heit der alte
Spruch. Wer's nicht getan hat, der mute es bitter zu seinem Schaden erfahren.
    Robert hob pltzlich den Kopf. Wenn aber jeder in seinem Lande geblieben
wre, dann she doch die Welt ganz anders aus! rief er. Christoph Kolumbus und
-
    Ach la doch die greulichen Heiden. Es hilft dir alles nichts, die Krolls
sind von jeher Schneider gewesen, und du wirst auch einer. Da, diese Naht nhst
du mir mit einem sauberen Steppstich. Finde ich einen Fehler daran, so schmeckst
du den Stock, und nun den Mund gehalten, wenn ich bitten darf. Lehrjungen
plappern nicht whrend der Arbeitsstunden.
    Robert mute sich fgen, aber das Verlangen nach Erlsung aus diesen
Verhltnissen wurde immer strker. Hier bleiben frs ganze Leben, nie etwas
anderes sehen als den engen Hof und die enge Strae, das war schrecklich. Der
Vater erlaubte gar kein Vergngen und keine Erholung, er durfte nicht ein
einziges Mal mit der Eisenbahn nach Hamburg fahren oder mit anderen Jungen eine
Wanderung machen. Das alles kostet Geld und Zeit, war die Antwort, die er
seinem Sohn gab. Was willst du in Hamburg? Da stehen Huser und laufen Menschen
wie hier. Das Geld wre ganz umsonst ausgegeben.
    Robert senkte mutlos den Kopf. Und die Schiffe und die Elbe? fragte er
kleinlaut. Das ist doch sehenswert.
    Der Alte wich und wankte nicht. War mir allezeit ein Greuel, das
Matrosenleben, antwortete er. Die Kerle fluchen und trinken und sind
Verschwender; hat so einer seine Heuer empfangen, dann geht es darauf los, als
knnte die Geschichte gar kein Ende nehmen. In die Sparkasse wandert kein
Pfennig.
    So endete jeder Versuch, etwas mehr Freiheit zu erringen, und Robert wurde
endlich ganz stumm und sprach nicht mehr mit seinem Vater.
    Um diese Zeit machte er eine Bekanntschaft, die fr seine ganze Zukunft von
Bedeutung werden sollte. Der Seilermeister, dessen Bahn an den Krollschen Garten
stie, hatte einen neuen Gesellen genommen, und Georg, so hie er, suchte sehr
bald die Freundschaft des Schneiderlehrlings.
    Nur wenige Jahre lter als Robert, hatte er von der Welt schon ein gutes
Stck gesehen, war als Schiffsjunge in fremden Lndern gewesen und kannte das
Seemannsleben genau. Kein Wunder also, da sich Robert mit ihm befreundete.
    Zuerst sprachen die beiden nur ber den Zaun hinweg, dann aber schlpfte
Georg hindurch, und auf dem Heuboden entspann sich die lebhafteste Unterhaltung.
Robert hrte auf das, was ihm der Seiler erzhlte, wie auf eine Verkndigung.
Endlich hatte er gefunden, was er suchte, endlich durfte er alle diese Dinge
kennenlernen, nach denen er sich sehnte. Selbst an die Bootsfahrten auf dem
Mhlteich dachte er nicht mehr, sondern verbrachte jede freie Stunde neben dem
neuen Kameraden auf dem Heuboden oder im Holzstall. Georg mute fortwhrend
erzhlen.
    Der schlaue Bursche wute sehr bald seinen Vorteil wahrzunehmen. Willst du
eine Zigarre? fragte er einmal, oder ist dir eine Pfeife lieber?
    Robert errtete. Ich - ich habe noch nie geraucht! stammelte er.
    Was? Nicht geraucht? lachte der andere. Darfst wohl nicht, kleiner Junge,
was? Gibt dir der Alte noch Schlge?
    Robert sah zur Seite. Oh nein. Und das Rauchen verbietet der Vater auch
nicht, ich - habe schon manche Zigarre verdampft, aber -
    Ha, ha, ha, und vor zwei Minuten sagtest du das Gegenteil, Brschchen. Dich
haben sie aber schn in der Zucht.
    Gib her! rief Robert, gereizt durch den Spott des anderen. Gib her! Auch
wenn es mein Vater verbietet, wrde ich mich nicht daran kehren.
    Das meine ich aber auch. Wie alt bist du eigentlich, Junge?
    Bald sechzehn, entgegnete Robert. Du brauchst mich brigens gar nicht
Junge zu nennen, Georg. Ich bin fast so alt, wie du selbst.
    Der Seiler lchelte berlegen. Wirst ja noch wie ein kleines Kind
behandelt, mein Bester, sagte er, daher kommt es wohl. Ich glaube, du mut um
Erlaubnis fragen, wenn du niesen willst. Na, da war ich ein anderer Kerl!
    So? fragte Robert, mannhaft gegen den Tabakrauch kmpfend, und wie fingst
du die Geschichte an? Warst du da schon Schiffsjunge?
    Natrlich. Ach, das ist ein herrliches Leben, sage ich dir. Es geht nichts
ber die See. Sollte ich so wie du auf dem Tisch sitzen und immer mit der Nadel
in die Lappen hineinbohren, das wre mir was rechtes. Weiberarbeit und weiter
nichts, - ich danke!
    Robert hatte groe Lust zu weinen. Die Beschftigung, die ihm von seinem
Vater aufgedrngt wurde, erschien ihm in diesem Augenblick wie eine Art Schande.
    Ja, du hast gut reden, seufzte er. Aber was soll ich machen? Mein Alter
lt mich nicht los, sooft ich ihn auch bitte.
    Er verbi das Unwohlsein, das ihm die Zigarre verursachte. Um keinen Preis
htte Robert dem anderen eingestanden, da ihn dies mnnliche Vergngen
jmmerlich ber den Haufen zu werfen drohte. Warum verspottest du mich immer?
fragte er. Erzhle mir lieber von deinen Reisen.
    Der Seiler ghnte. Die Kehle wird einem trocken dabei, antwortete er. Hat
dein Alter nirgends einen Schluck hinter seinen Flicken und Lappen verborgen?
    Branntwein? fragte Robert, den trinkt er nie.
    Welch ein Muster von einem Mann.
    Robert erhob sich, etwas schwankend, aus dem Heu. Bier haben wir, sagte
er. Ich will dir eine Flasche holen.
    Du! rief ihm Georg nach, bring auch einen Bissen Brot mit und ein Stck
Speck oder dergleichen. Deine Alte hat ja natrlich die Speisekammer voll.
    Robert winkte ihm. Pst, - la es doch niemand hren.
    Dann aber schlich er fort und gelangte durch eine zerbrochene Scheibe in den
kleinen Vorratskeller. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er eine
Bierflasche und ein tchtiges Stck Schinken an sich nahm. Das war gestohlen,
sein Gewissen sagte es ihm laut genug.
    Jeden Augenblick glaubte er den schlrfenden Schritt des Vaters zu hren.
Und nannte nicht dort jemand seinen Namen - Robert!
    Er horchte; aber alles blieb still. Leise wie ein Dieb kroch Robert wieder
durch das Fenster in den Hof hinauf und brachte seinem Freund das Verlangte.
Da, nun i߫, sagte er, und dann erzhle. Warum bist du berhaupt fr immer an
Land gegangen?
    Der Seiler setzte die Flasche erst wieder auf den Fuboden, als sich kein
Tropfen mehr darin befand. Warum? wiederholte er. Hm, ich habe einmal das
Bein gebrochen, - bin aus dem Mast gefallen und kann daher nicht mehr klettern.
    Aus dem Mast gefallen? wiederholte Robert. Binden sich denn die Seeleute
nicht fest da oben?
    Der Seiler wollte sich ausschtten vor Lachen. Festbinden! rief er, das
ist kstlich. Nein, du, sie machen sich's noch bequemer, will ich dir sagen. Die
Mutter mu mit an Bord und an Deck die Schrze ausbreiten, dahinein fllt der
Junge, wenn er das Gleichgewicht verliert.
    Robert errtete. Das und so vieles andere waren Anspielungen auf seine
abhngige Lage und auf den strengen Gehorsam, den der Vater von ihm forderte.
    Du bist glcklich, sagte er, kannst tun und lassen, was du willst. Aber
ich mu Schneider werden, weil mein Vater durchaus will. Wenn er nur erfhrt,
da ich einmal auf dem Mhlenteich gefahren bin, so gibt es schon -
    Ohrfeigen! ergnzte gleichmtig der andere. Kann ich mir genau denken.
Aber warum fhrst du nicht in der Nacht? Eben jetzt haben wir die gnstigste
Jahreszeit dazu. Wahrhaftig, ich mchte einmal an des Mllers Segelboot meine
Kunst wieder ben.
    Roberts Herz klopfte. Wie mutig war Georg, wie leicht schien das alles, wenn
man ihn so sprechen hrte. An das Segelboot des reichen Mllers hatte er selbst
noch nicht einmal zu denken gewagt. Das lag ja mit einer Kette und einem Schlo
fest an dem zierlichen, ber das Wasser hinausgebauten Gartenhaus, es war das
Eigentum fremder Leute, wie konnte man also davon sprechen, als drfte es der
erste beste zu seinem Vergngen besteigen?
    Ja, sagte er ganz verwirrt, aber das ist nicht erlaubt!
    Ach, dummes Zeug. Was schadet es den Planken, wenn wir einmal darauf
herumtrampeln? Du glaubst gar nicht, wie angenehm es ist, bei stillem Wetter im
Boot zu liegen und sich von den Wellen schaukeln zu lassen.
    Das wei ich! rief mit glnzenden Augen der Junge. Oh, es ist ein
Vergngen wie kein anderes. Den Kahn des Holzhndlers darf ich benutzen, weil
ich den Leuten manchmal einen Gefallen tue, und dann fahre ich oft nach
Feierabend quer ber den Teich. Der Vater darf es aber nicht wissen.
    Georg kaute noch an dem mitgebrachten Schinken. Der platte, schwerfllige
Kahn, sagte er verchtlich, der Klotz, an dem man sich die Arme lahm rudern
mu. Nein, mein Junge, was erst groe Anstrengung kostet, das ist kein Vergngen
mehr. Ein Segelboot fliegt wie eine Mwe ber das Wasser, aber dein Kahn ist ja
wie ein Schubkarren. Versuch erst einmal den Unterschied.
    Robert war bereits halb besiegt. Meinst du, da es ginge? fragte er. Ich
glaube, das Boot ist angeschlossen.
    Nun, dafr hat man krumme Ngel. Wir wollen ja nicht stehlen.
    Wie komme ich nur aus dem Hause, da es die Eltern nicht merken? murmelte
Robert. Den Schlssel darf ich auf keinen Fall nehmen.
    Ist ja auch gar nicht ntig. Die Hoftr hat doch einen Riegel, und den
zieht man leise zurck, das ist das Ganze. Die Alten schnarchen ruhig weiter.
    Ja, rief Robert, aber dann stnde das Haus offen!
    Nun, und was schadet das weiter? Schtze werden in dem alten Kasten nicht
verborgen sein, denke ich.
    Robert lchelte. Schtze wohl nicht, aber ein paar hundert Taler hat der
Alte doch im Schrank. Er bringt es immer erst zur Sparkasse, wenn das Tausend
voll ist, so alle zwei oder drei Jahre.
    Georg hatte aufmerksam zugehrt. Sieh an, rief er, also ein Krsus im
kleinen. Ja, die Schneider sind kluge Leute und sparsam dazu.
    Robert seufzte. Die Schneider sind doch berall verachtet, sagte er. Ich
mag keiner werden, und wenn es auch noch so viel Geld abwirft.
    Georg nickte. Wre auch schade um einen so frischen, krftigen Jungen wie
du bist, meinte er. Gott, wenn ich mir dich als Leichtmatrosen vorstelle, - du
knntest es in ein paar Jahren zum Kapitn bringen. Und ein Kapitn ist ein
Knig im kleinen.
    Robert fuhr mit der Rckseite der Hand ber die Augen. Es hilft mir ja doch
nichts, stammelte er. Ich darf nicht fort.
    Ach, Unsinn. Komm nur erst einmal mit mir auf den Mhlenteich hinaus, dann
wird dir der Mut schon wachsen. Wie wre es, wenn wir morgen die Geschichte
versuchten? Du legst dich um neun Uhr in deine Koje und schnarchst wie ein Br,
bis du merkst, da die Alten von ihren Sparkassenbchern trumen, dann schlpfst
du zur Hoftr hinaus.
    Robert fhlte, wie ihn die Versuchung ergriff. Was wre es denn auch weiter?
Die Shne des Mllers durften nach getaner Arbeit im Boot fahren, soviel sie
wollten, er hatte es oft gesehen und auch dem Vater vorgehalten; dann schttelte
der Alte rgerlich den Kopf. Der Mller ist ein reicher Mann, antwortete er,
da kann er es schon treiben, wie es ihm gefllt. Du aber bist armer Leute Kind
und mut Pfennig auf Pfennig legen. Ich hab's auch so gemacht.
    Es war dem Jungen, als hre er die warnende Stimme des alten Vaters, aber
doch konnte er nicht widerstehen. Ich komme, Georg, flsterte er,
unwillkrlich leise sprechend, als frchte er sich vor dem Verbotenen. Wo
treffen wir uns?
    Hm, ich denke am Mhlenteich - und bring mir von dem Schinken ein tchtiges
Stck mit. Deine wrdige Frau Mutter hat dies verstorbene Borstenvieh
auerordentlich schmackhaft zubereitet.
    Robert versprach es, und dann trennten sich die beiden Genossen. Whrend der
Seiler zufrieden lchelnd seine Dachkammer aufsuchte, stahl sich Robert, an
allen Gliedern wie gelhmt, mit brennender Zunge und schwerem Kopf zunchst
wieder in den Vorratskeller hinunter, um dort die leere Flasche an ihren Platz
zu stellen, und dann ging er schleunigst zu Bett. So unwohl hatte er sich noch
nie im Leben gefhlt.
    Am folgenden Morgen sah er ganz bla aus. Er mochte kaum essen, aber er
arbeitete den Tag ber mit besonderem Flei, um nur keinen Verdacht auf sich zu
lenken, und ging frh wieder zu Bett.
    O wie lang wurde dieser Abend! Der Vater hatte noch spt eine fertige Arbeit
ausgetragen, und die Mutter knetete das Brot, wer wei wie lange. Es schien dem
ungeduldigen Robert, als sei ein Jahr vergangen, seit er sich in die Federn
legte. Zehnmal war er im Begriff wieder aufzustehen, aber immer hinderte ihn die
Furcht, sich dadurch verdchtig zu machen. Sein bses Gewissen lie ihn vor
jedem Gerusch erzittern.
    Aber alles nimmt ein Ende, auch der lngste Abend. Endlich war der Teig
fertig und der Vater wieder nach Hause gekommen, endlich das Licht ausgelscht
und die Eltern zur Ruhe gegangen. Robert konnte geruschlos aus dem Bett und in
die Kleider schlpfen.
    Seine Stiefel behielt er in der Hand. Nur noch rasch wieder in den Keller -
heute schon viel gleichgltiger als gestern, - dann zog er den Riegel von der
Hoftr. Noch einmal sah er sich ngstlich um. Sollte er wirklich die
ahnungslosen Eltern hintergehen, ihr Hab und Gut preisgeben, ihr Verbot
bertreten? - Noch auf der Schwelle zgerte er. Kein guter Sohn tut das!
flsterte die Stimme des Gewissens.
    Ja, aber wie wird Georg lachen, wie wird er mich morgen verspotten, dachte
er. Ich hre es schon, da er sich lustig macht. Bist kein Kerl, du kleiner
Schneider, hast keinen Mut. Geh und la dir von den Alten die Lehren der
Weisheit und Tugend vorpredigen, bis du ganz dumm geworden bist. Die Schafskpfe
leben am lngsten.
    Er murmelte eine Entschuldigung, als stnde Georg mit seinem mageren,
blassen Gesicht und dem hhnischen Blick im Mondlicht unmittelbar vor ihm. Nein,
so feige und unzuverlssig konnte er sich nicht zeigen. Hingehen mute er.
    Mit drei Stzen war die Hecke des Nachbargartens berklettert, und nun
ging's in eiligem Lauf weiter. Der schlurfende Schritt des einzigen alten
Nachtwchters, sein Stolpern ber das schlechte, unebene Pflaster waren schon
von weitem zu hren, - er konnte einer Begegnung leicht ausweichen. In weniger
als einer Viertelstunde hatte er die Gruppe hoher alter Linden erreicht, in
deren Schatten sich der Eingang zum Garten des Mllers befand.
    Georg trat ihm pltzlich von der Seite entgegen, so da er erschrak.
    Ach, - du bist's, flsterte er. Ich dachte schon der Mller -
    Lag hier auf der Lauer, um uns zu fangen, nicht wahr? lachte der Seiler.
Na, komm nur; im Garten ist niemand, ich habe es schon ausgekundschaftet.
    Die beiden durchschritten den langen Kiesgang und kamen an ein kleines
chinesisches Gartenhaus, dessen Tr verschlossen war. Robert wandte sich
bedauernd zu seinem Gefhrten. Was nun? fragte er.
    Der Seiler suchte in allen Taschen. Wirst gleich sehen, sagte er. So mut
du die Sache anfassen! - Das ist keine Hexerei.
    Er hatte ohne groe Mhe das Schlo geffnet, noch ehe Robert eine
Einwendung machen konnte. Mit pochendem Herzen folgte er ihm in den kleinen
offenen Raum, an dessen Treppe das Segelboot auf dem Wasser lag. Heller
Mondschein berflutete den breiten Teich und seine hbschen, von grnen Wiesen
umrahmten Ufer; weie Schwne zogen langsam vorber.
    Georg wandte sich blinzelnd zu seinem jngeren Gefhrten. Wie angenehm ist
es doch, ein reicher Mann zu sein, nicht wahr, Robert? fragte er. Aber der
Einfltige, der Schchterne wird es nie im Leben. Sieh, wie oft hast du schon im
stillen die Shne des Mllers um ihr hbsches Segelboot beneidet, aber hingehen
und es dir nehmen, das wagtest du nicht. Jetzt fahren wir und kehren uns nicht
daran, wer das Ding bezahlt hat, - so macht es der Kluge berall.
    Aha, ein hbsches Fahrzeug, fuhr er fort, verteufelt nett. Alles so fein
gemalt und sauber gehalten, man sollte meinen, da es richtige Teerjacken wren,
die es unter den Hnden haben. Wahrhaftig, auch ein Flaschenkorb! Prosit,
Mller!
    Er trank ein paar Schluck von dem Branntwein, den er fand, und ffnete dann
das Schlo des kleinen Bootes, alles mit einer Sicherheit, als sei er der
rechtmige Eigentmer dieser Dinge. Robert folgte ihm, der Seiler setzte das
Segel, und dann stieen sie ab. Er schien so recht in seinem Element zu sein;
das Vergngen lachte ihn aus den Augen.
    Pa auf, Landratte, rief er, so bedient man ein Boot.
    Robert horchte fast andchtig. Sein Herz hpfte vor Freude. Unter sich den
blauen Spiegel des Teiches und ber sich das weie, bauschende Segel, - er
glaubte, da es auf der Welt kein greres Vergngen geben knne. Vergessen war
der Ungehorsam, das Unrecht, fremder Leute Schlsser gewaltsam geffnet zu
haben, und die Gefahr einer etwaigen Entdeckung. Robert empfand nur die
Seligkeit, in einem wirklichen Schiff, wie er es nannte, fahren zu drfen.
Langsam glitt das Boot ber die Wellen dahin.
    Du bist ja ganz stumm geworden, lachte der Seiler. Hast am Ende noch nie
die Planken eines Schiffes betreten?
    Ach, seufzte Robert, nie eins gesehen sogar.
    Unmglich! Du bist doch gewi oft in Hamburg gewesen?
    Noch nie. Vater gibt keinen Pfennig unntig aus.
    Georg zog verchtlich die Schultern empor. Dein Alter ist ein Narr, sagte
er, aber du bist ein dreifacher. Pa nur auf, die Gelegenheit zu einem
Abstecher nach Hamburg soll sehr bald kommen. - Hast du etwas zu leben
mitgebracht?
    Robert reichte dem Freund das Bier und den Schinken. Sind alle Boote so
eingerichtet wie dieses? fragte er. Ach, das Segeln ist doch ganz etwas
anderes als das Rudern.
    Habe ich dir's nicht gleich gesagt, Dumling? Aber das Ei will immer klger
sein als die Henne. Was wirst du erst fr Augen machen, wenn wir einmal auf
einem Dampfer sind.
    Wie sind die eingerichtet? fragte der Junge wibegierig.
    Georg lachte laut. Wie tief ist das Meer bei Grnland? Ebensogut knnte ich
das auf Stecknadelbreite angeben wie ohne weiteres beantworten, wie Dampfschiffe
gebaut sind. Sehr verschieden, das ist erst einmal alles, was du zu wissen
brauchst.
    Der Seiler zog aus der Brusttasche seiner Jacke eine kleine Flasche hervor
und tat einen tchtigen Zug. Dann reichte er Robert den Rest. Trink aus, mein
Junge, sagte er.
    Der hielt verlegen das Flschchen in der Hand. Branntwein? fragte er.
    Natrlich, es ist kein Gift. Hast wohl noch nie ein paar Tropfen ber die
Zunge laufen lassen?
    Robert umging die Antwort, indem er das Getrnk eilends verschluckte. Es
schmeckte ihm schlecht, aber er fhlte sehr bald eine angenehme Wirkung, so
etwas wie ein Wachsen und Dehnen aller Krfte, eine Unternehmungslust, wie er
sie nie vorher in dem Mae gekannt hatte.
    Ich mchte, da das Amerika wre oder Afrika, sagte er, auf die bewaldeten
Ufer deutend, und da dort Wilde hausten, die wir bekmpfen oder berlisten
wrden. Hast du wohl schon wirkliche Schwarze gesehen, Georg?
    Gesehen? lachte der Seiler Das ist nicht schlecht, wahrhaftig. Ich bin
ber ein Jahr lang als Heizer auf den Red-River-Dampfern gefahren, mit lauter
Negern als Schiffsmannschaft.
    Roberts Augen glnzten. Habt ihr da Abenteuer erlebt, du?
    Mit den Schwarzen? Das sind urgemtliche Kerle, sage ich dir. Wenn ihre
Arbeit getan ist, so balgen sie sich wie die Kinder und stoen mit den
eisenharten Kpfen zum Spa wie die Ziegenbcke gegeneinander. Einmal, als bei
einer groen berschwemmung alle Holzlager weggesplt waren und auch in den
durchnten Wldern kein brauchbares Feuerungsmaterial aufgetrieben werden
konnte, nahmen wir zum Ersatz die Staketpfhle der Farmen, und unsere Neger
muten, sooft der Vorrat zur Neige ging, an Land, um wieder Nachschub
herbeizuschaffen. Das war beraus komisch.
    Stell dir vor, da unser harmloses kleines Gehlz der Urwald wre, mit
breiten, himmelhohen Stmmen, von Unterholz und Schlingpflanzen in eine grne,
unentwirrbare Wildnis verwandelt und von unzhligen Tieren bevlkert. Affen und
Papageien in den Wipfeln, ein brauner Br mit seiner Familie am Ufer oder ein
schwerflliger Alligator, der, so schnell es ihm seine kurzen, unbehilflichen
Beine erlauben, die Flucht ergreift; dazu alle Arten von kleineren Tieren, alle
mglichen Stimmen, alle erdenklichen Gerusche. Jeden Abend entzndeten wir
riesige Feuer, um das Gesindel aus unserer Nhe zu vertreiben, und dann muten
die Neger in das Wasser hinein, an einzelnen Stellen sogar bis unter die Arme.
Sie jauchzten dabei vor Vergngen und trugen auf ihren Schultern grere Lasten,
als sie ein Weier auf ebener Erde fortbringen knnte.
    Robert legte den Arm ber die Augen. Er weinte.
    Erzhle mir lieber gar nichts mehr, Georg, schluchzte er. Solche
Abenteuer mchte ich erleben, die ganze weite Welt sehen, wilde Tiere und wilde
Menschen, - aber ich soll ja Schneider werden. Am liebsten mchte ich sterben,
Georg.
    Der Seiler pfiff spttisch durch die Zhne. Du bist ein Narr, dir den Tod
herbeizuwnschen. Halte dich doch lieber an das Leben und erobere es mit Gewalt,
wenn andere es dir mit Gewalt aus den Hnden reien wollen. In Hamburg gibt es
Kapitne genug, die einen solchen Jungen, wie du bist, an Bord nehmen, ohne viel
nach Papieren oder der Erlaubnis des Herrn Vaters zu fragen. Weil sich so ein
alter Schneidermeister in den Kopf gesetzt hat, da sein Sohn unbedingt auch mit
gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzen und allerlei Flicken zusammenstoppeln
soll, darum ist die Welt noch nirgends mit Brettern vernagelt. La mich nur
machen.
    Robert fhlte wohl, da es nicht recht war, Reden mit anzuhren, die seinen
Vater beleidigten. Georg hatte ja recht, der Vater mihandelte sein eigenes
Kind.
    Es sind schon viele Jungen auf- und davongegangen, weil es ihnen in der
Heimat nicht mehr gefiel, fuhr der Seiler fort. Ich selbst hab's ja so
gemacht!
    Robert fuhr auf. Du? fragte er ganz erstaunt.
    Natrlich, ich und kein anderer. Meine Mutter war eine Milchhndlerin, die
mich an jedem Morgen vor ihren Wagen spannte, bis es mir nicht mehr gefiel. Da
ging ich durch die Lappen, - wer wollte mir das verdenken? Zum Hund fhlte ich
mich nicht geschaffen.
    Robert sa da mit heier Stirn und unruhigen Gedanken. Seine Augen gingen
sehnschtig ber das Wasser und den dunklen Wald.
    La uns umkehren, Georg, seufzte er, und am linken Ufer entlangfahren. Da
liegen die kleinen Inseln, auf denen wir als Schuljungen oft Krieg spielten und
denen wir Namen gaben. Ich war immer der Knig.
    Georg musterte die Umgebung. Vor allen Dingen mssen sich Eure Majestt die
Landratten-Bezeichnungen abgewhnen, antwortete er. Vom Umkehren wei der
Seemann nichts, und mit einem Segelboot so ohne weiteres einen andern Kurs
einschlagen, das kann er auch nicht. Die verschiedenen Arten der Fortbewegung
nennt man erstens, wie wir es bisher taten, vor dem Wind segeln, wenn er von
hinten, zweitens bei dem Wind, wenn er von der Seite weht, mit halbem Wind oder
backstags, wenn er halb von hinten, halb von der Seite kommt, und kreuzen oder
lavieren, wenn er entgegenweht. Dabei kann man sein Ziel natrlich auf geradem
Wege nicht erreichen, sondern segelt in stumpfem oder mindestens doch rechtem
Winkel von einem Ufer zum andern. Was du eben in richtiger Fuhrmannssprache
umkehren genannt hast, heit ber Stag gehen, das Kommando lautet: Klar zum
Wenden! und dann, wenn alle Schooten bedient sind: Wenden!
    Er hatte whrend dieser Auseinandersetzung die erforderlichen Handgriffe
ausgefhrt, und Robert verfolgte mit fast zrtlichen Blicken jede Bewegung
seines Freundes.
    Georg, rief er, jetzt fahren wir beim Wind, nicht wahr?
    All right, Sir, lachte der Seiler. Wahrhaftig, du bist zum Seemann
geboren. Gib doch noch einmal die Flasche da aus dem Kasten herber. Der Mller
wird ja nicht arm werden, wenn ich mit seinem Kognak auf dein Wohl trinke.
    Robert gehorchte widerstrebend, nur um in seines Freundes Augen als ein
ganzer Mann dazustehen. Georg machte sich ja aus solchen Kleinigkeiten nichts,
also durfte er nicht weniger mutig erscheinen.
    Der Seiler hielt die Flasche gegen das Licht. Wird gar nicht bemerkt,
sagte er, und darauf kommt im Leben alles an.
    Robert verbarg aufatmend die Flasche. Obwohl niemand dabei war, so schien es
ihm doch, als shen tausend Augen den Diebstahl. - Jetzt hatte das Boot den
eigentlichen Mhlenteich wieder erreicht, und Georg hielt sich links, wo
verschiedene kleine Inseln wie grne Punkte im ruhigen Wasser lagen. Durch alle
diese einzelnen Arme des Teiches kreuzte das kleine, wendige Fahrzeug, whrend
der Seiler von seinen Reisen erzhlte und den lauschenden Jungen so gut zu
fesseln wute, da er tief seufzte, als der Garten des Mllers wieder erreicht
war.
    Du fhrst noch manches Mal mit mir, nicht wahr, Georg? fragte er.
    Sooft du willst, mein Junge. Aber fr heute mssen wir es genug sein
lassen, glaube ich. Mitternacht ist vorber, und bald wird es heller Tag
werden.
    Die beiden brachten nun das Segel wieder in seine vorige Lage, schlossen das
Boot an den Eisenring der Treppe und versperrten auch die vordere Tr. Dann
schlichen sie durch den Garten auf die Strae hinaus.
    Geh du allein, flsterte Georg, und ich auch. Wenn dann einer gesehen
wird, so ist doch wenigstens der andere nicht entdeckt. Gute Nacht!
    Gute Nacht! gab Robert zurck. Und vielen Dank, Georg.
    Hat nichts zu sagen, lachte der. Aber du, wenn einmal deine Alte ein
bichen zu essen im Kchenschrank hat, dann denk an mich. Etwas Warmes bekomme
ich nie.
    Robert stand vor Erstaunen still. Nie ein Mittagessen? wiederholte er.
Aber du verdienst doch wchentlich dein bestimmtes Geld.
    Georg zuckte die Achseln. Frs Verhungern zu viel und frs Sattessen zu
wenig, antwortete er. Ich bin ja noch ein Anfnger in diesem Handwerk, mut du
wissen. Es kommt alles durch den gebrochenen Fu, sonst wre ich lngst
Steuermann.
    Du Armer! rief der Junge gerhrt. Ich will fr dich tun, was ich kann und
werde dir auch in Zukunft deine Kleider flicken. Der Schneider soll doch zu
etwas gut sein.
    Es tranken ihrer neunzig, ja neunmal neunundneunzig aus einem Fingerhut! -
summte Georg spttisch, und dann winkte er im Halbdunkel der Linden noch einen
lachenden Abschiedsgru. Robert war jetzt allein. Schnell die Flaschen
ergriffen, einen letzten Blick zum Teich hinber, eine Rundschau, ob auch alles
ganz ruhig sei, und dann Fersengeld gegeben. Husch, husch, ber den Bahnkrper,
vorbei am hohen, alten Gefngnis, durch die Strae, an deren Ende erst der
Nachtwchter daherklapperte, und dann in den Garten gekrochen.
    Nichts regte sich. Jetzt stand er auf dem Hofplatz seines elterlichen Hauses
und probierte die Tr, - sie war offen. Pikas, der Spitz, kroch ihm wedelnd
entgegen, alles atmete so tiefen Frieden, war so ganz ungestrt, ganz wie immer,
da es dem Jungen mit jeder Minute leichter ums Herz wurde. Er warf Stiefel,
Mtze und Jacke von sich, dann schlich er an die angelehnte Tr zur Schlafkammer
seiner Eltern und sah hinein. Die beiden alten Leute schliefen fest.
    Robert lchelte, als er jetzt den Riegel der Hoftr vorlegte. Welche
unntigen Sorgen hatte er sich gemacht. Georg verspottete ihn wirklich nicht mit
Unrecht, das begriff er erst in diesem Augenblick und beschlo, da das nicht
mehr so bleiben drfe.
    Ich will kein Stubenhocker werden, wie Georg sagt, keiner, der Branntwein
und Zigarren nur dem Namen nach kennt. Andere Lehrjungen haben auch ihre freien
Stunden; ich nehme also nur, was mir als mein gutes Recht zusteht.
    Er schlpfte in sein Bett und trumte in verworrenem Durcheinander von
Segeln und Booten, von erbrochenen Schlssern und leeren Flaschen. Am Morgen
hatte er zwar ein Gefhl, als mte das Geheimnis der Nacht auf seiner Stirn zu
lesen sein, aber das verzog sich auch bald wieder.
    Gegen Mittag schaute Georg verstohlen durch die Lcke im Zaun. Hast du
etwas zu essen, Kleiner?
    Robert schob hindurch, was er unbemerkt hatte beiseite bringen knnen, und
so ging es auch an den folgenden Tagen. Er bestahl seine Mutter, um sich die
Freundschaft des ehemaligen Matrosen zu erhalten und um mit ihm bei jedem
gnstigen Wetter zu segeln. Der Gedanke, da das Boot dem Mller gehrte, da
die Benutzung Unrecht sei, war lngst vergessen.
    Die beiden Kameraden sprachen nur noch darber, wie man es einrichten
knnte, hinter dem Rcken des alten Schneiders einen Abstecher nach Hamburg zu
machen. Robert brannte vor Begierde, wirkliche Schiffe und Schiffswerften zu
sehen. Wenn ich nur Geld htte! seufzte er.
    Der Seiler schien diesen Ausruf erwartet zu haben. Besitzt du keinen
Spartopf, Kleiner? fragte er. Alle wohlerzogenen Kinder haben doch einen.
    Dieser Ton reizte jedesmal den ganzen Trotz Roberts. Er wollte nicht wie ein
kleines Kind behandelt werden. Ich habe Geld, antwortete er, aber den
Schlssel zum Spartopf gibt mir der Vater nicht. Jeden Weihnachten wird der
Inhalt auf die Sparkasse getragen und fr mich angelegt.
    Georg lachte. Du bist ja ein reicher Mann. Weit du aber, da ich es von
deinem Alten sonderbar finde, dir das Verfgungsrecht ber dein Eigentum zu
entziehen? Ich wenigstens liee mir das nicht gefallen.
    Robert errtete. Aber was soll ich dabei tun? fragte er kleinlaut.
    Hm, Notwehr ist erlaubt. Hat er deine Sparbchse, so halte du dich an
seinen Geldkasten. Wo er steckt, das wirst du ja wissen.
    Roberts Herz pochte schneller. Natrlich wei ich das, antwortete er,
aber -
    Nun, und das kleine Instrument, das ber eigensinnige Schlsser
hinweghilft, kennst du ja. Hier ist es.
    Robert wehrte mit erhobenen Hnden ab. Du, stammelte er, das kann ich
doch nicht tun. Es ist Vaters Geld, und nhme ich es, so wre es gestohlen.
    Der Seiler steckte gelassen den Dietrich wieder in die Tasche. Bleib bei
deinen Ansichten, Kleiner, sagte er, ich habe nichts dagegen. Aber sag doch
einmal, fr wen spart und geizt denn eigentlich dein Alter? Wem wird einmal
alles gehren, was er zusammenstichelt?
    Robert machte bei dieser Frage seines Freundes ein sehr vergngtes Gesicht.
Mir natrlich, antwortete er. Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern.
    Georg nickte leicht. Siehst du, sagte er, es ist alles dein rechtmiges
Eigentum, aber du lt dich willig knechten.
    Und nachdem er achselzuckend das gesagt hatte, sprach er von etwas anderem.
Er wute, da Robert an seiner empfindlichsten Stelle getroffen war. Wirklich
vergingen auch nur wenige Tage, bis der Sohn des alten Schneiders auf allerlei
Umwegen wieder zu dem Geldkasten seines Vaters zurckkehrte.
    Hr mal, du, wre es eine groe Snde, wenn ich es tte?
    Der Seiler sah ihn mit dem unschuldigsten Gesicht an. Was denn?
    Robert wandte sich errtend ab. Nun, du weit doch, - mit dem Geld!
stammelte er.
    Ach! - Das hatte ich lngst vergessen. Du meintest ja, es sei ein
Diebstahl, also tu's um Himmels willen nicht.
    Aber man kann doch davon sprechen, rief Robert unwillig.
    Du sagtest, es sei mein gutes Recht, aus dem Geldkasten des Vaters das
herauszunehmen, was er mir vorenthlt. Glaubst du das wirklich, Georg, oder hast
du es nur so hingeworfen?
    Der Seiler lchelte. Komische Frage, - ob dein Eigentum dein Eigentum ist.
Sechs oder acht Taler wirst du wohl im Spartopf haben, und ber die mut du
allezeit frei verfgen knnen, denke ich. Ob es nun gerade dieselben Mnzen sind
oder andere, was macht das? Es handelt sich ja um den Wert, nicht um das
Geldstck, und mehr als acht Taler brauchst du ja nicht aus dem Kasten zu
nehmen.
    Robert warf stolz den Kopf zurck. Oho, du, - sechsundzwanzig habe ich
bestimmt drin, sagte er. Ich bekomme immer das neue, blanke Geld, das sich
hier und da findet, auerdem etwas zum Geburtstag, und wenn ich den Kunden das
Zeug bringe, manchmal ein Trinkgeld. Das wandert alles in die Sparbchse.
    Hahaha, lachte der Seiler, weshalb lieferst du denn die Trinkgelder an
den Alten ab, du dummer Junge?
    Robert stutzte. Er hatte immer angenommen, da das so sein msse, sich aber
ber das Warum nie Rechenschaft abgelegt. Jetzt, unter dem Einflu Georgs,
hielt er sein frheres kindliches Betragen fr albern.
    Du hast recht! sagte er zgernd. Ich glaube, da es kein so groes
Verbrechen wre, aus dem Geldkasten einige Taler herauszunehmen. Aber wir
brauchen ja nur wenig.
    Der Seiler zog die Stirn in krause Falten. Hm, machte er, wie man's
nehmen will. Die Groschen fliegen nur so, kann ich dir sagen.
    So la uns einen ganzen Taler nehmen! rief ungestm der Junge.
    Einen? - Unter fnf ist nicht daran zu denken.
    Robert erschrak, aber das Verlangen, die Elbe und wirkliche Schiffe zu
sehen, lie sich nicht mehr unterdrcken. So nehme ich fnf, entschied er nach
kurzem Bedenken. Aber wie fangen wir es denn berhaupt an, unbemerkt von hier
fortzukommen?
    Das ist kinderleicht. Dein Vater fhrt in ein paar Tagen zum Elmshorner
Jahrmarkt, um dort seinen Bruder zu treffen, der mit Schusterwaren aus Oldenburg
herberkommt. Ist er erst einmal fort, so haben wir freie Hand. Deine Mutter
verrt nichts.
    Roberts Augen leuchteten. Wie du dir alles ausdenken kannst, rief er. Das
wre mir gar nicht eingefallen.
    Weil du dir die strenge Herrschaft deines Alten so gutmtig gefallen lt,
Junge.
    Robert wechselte schnell den Gegenstand des Gesprchs. Du, wollen wir nach
Hamburg fahren oder zu Fu gehen? fragte er.
    Natrlich fahren. Zum Gehen htte ich keine Stiefel. Ach, es ist ein
jmmerliches Leben so auf dem Trocknen, wo man bald dies und bald das
Kleidungsstck anschaffen mu, - mit leeren Hnden natrlich. An Bord braucht
der Seemann das blaue Wollzeug und etwas Wsche, damit Schlu.
    Robert sah mitleidig auf das blasse, krnkliche Gesicht seines Freundes und
auf die zerfetzten Schuhe, die Georg trug. Ob ich fnf Taler aus dem Kasten
nehme oder acht, dachte er, das bleibt sich im Grunde ganz gleich. Zurckgeben
werde ich dem Vater alles, und zwar von meinen Trinkgeldern. Georg hat ganz
recht, ich bin frher ein dummer Junge gewesen.
    Er sprach nicht weiter von der Sache, aber er beschlo, fr seinen Freund
ein Paar neue Stiefel zu kaufen, und fhlte sich in diesem Gedanken ganz
glcklich. Georg war ja doch, wie er glaubte, der einzige Mensch, der es
wirklich gut mit ihm meinte.
    Du verrtst aber nichts! bat er ihn, darauf mu ich mich verlassen
knnen.
    Ganz bestimmt! nickte Georg, obwohl die Geschichte gar nichts auf sich
hat. Ich sollte nur an deiner Stelle sein, Himmel noch einmal, der Alte wrde
einiges lernen. Kein Meister darf seinen Lehrjungen schlagen, also auch deiner
nicht!
    Robert errtete. Aber er ist ja mein Vater, Georg, nicht allein mein
Meister!
    Das ist gleich. Du bist konfirmiert und in der Lehre, gerade so gut wie
irgendein anderer. Er kann dich ja fortschicken, sich von dir lossagen, mehr
verlangst du ja nicht, glaube ich.
    Robert seufzte tief. Ach, wenn er das tun wollte!
    Siehst du, Kleiner! La dir alle Gewissensbisse vergehen, sie sind wirklich
unntig. Nhe und stopfe mit wahrer Andacht, bis der Alte nach Elmshorn unter
Segel geht, sei recht freundlich und gehorsam, damit er keinen Verdacht fat,
und wir werden einen angenehmen Tag verleben, das verspreche ich dir. Du sollst
es nicht bereuen, ein paar Taler geopfert zu haben.
    Wann ist Elmshorner Markt? fragte der Junge.
    Nchsten Mittwoch. Ich wei, da dein Alter am Dienstag hinfhrt und am
Donnerstag zurckkommt, also haben wir den ganzen Mittwoch fr uns.
    Noch vier Tage! seufzte Robert. Ach, wre es erst so weit.
    Das kommt alles eins nach dem anderen, trstete Georg. Bleib du nur recht
fleiig, und la uns lieber whrend der ganzen Zeit nicht mehr miteinander
sprechen, nur wenn du mir mittags ein paar Bissen durch den Zaun schiebst. Dann
fhrt der Alte ab und hlt das heilige Grab fr wohl verwahrt, whrend wir fort
sind. Gar zu gestrenge Herren werden betrogen, das ist der Welt Lauf.
    Robert sah ein, da sein Freund einen klugen Rat gegeben hatte, und obgleich
es ihm sehr schwer wurde, hielt er sich doch bis zur Abreise ganz von dem Seiler
fern und arbeitete auch tapfer drauf los, so da ihn der Vater sogar lobte, was
selten oder nie geschah. Bist doch richtiges Schneiderblut! murmelte er, mit
innigem Vergngen eine Naht betrachtend, die sein Sohn und Lehrjunge gerade
vollendet hatte, kannst es noch weit bringen in der Welt. Vielleicht erlebe ich
ja, da der Herr Branddirektor oder der Herr Brgermeister bei dir ihre neuen
Anzge bestellen, und das wre eine Auszeichnung, der die Krolls bis jetzt nicht
fr wrdig befunden wurden. Vor allen Dingen la dich nie verleiten, irgendeinem
Verein beizutreten oder das neuerfundene Ding, die Nhmaschine, im Hause zu
dulden. Solch moderner Firlefanz ist mir ein Greuel, hat auch nie zum Segen
gefhrt, das wei ich gewi. Wie es mein Grovater und mein Vater gemacht haben,
so mache ich es wieder, und damit basta.
    Der brave alte Mann sah nicht, wie sein Sohn errtete, als er ihn lobte.
Robert fhlte jedes Wort wie eine Beschmung, wie einen bitteren Vorwurf. Er war
fast im Begriff, dem Vater um den Hals zu fallen, ihm alles zu gestehen und ihn
zu bitten Vergib mir! - aber dann mute er ja zugleich den Freund verraten und
mute den Ausflug nach Hamburg aufgeben! - Nein, nein, das konnte er nicht. Die
weichere Regung, das letzte Mahnen seines guten Engels wurde gewaltsam erstickt,
und der Alte traf alle Vorbereitungen zur Abreise, ohne zu ahnen, welche Plne
sein Sohn im Kopfe hatte. Er bestellte und ordnete alles, als ob er mindestens
ein Jahr lang ausbleiben wollte. Mutter, vergi das nicht, Mutter, behalte, was
ich sage, und Mutter, hier auf diesen Kasten gib acht, du weit, was darin
steckt! so klang es den ganzen Tag. Der Vater verdarb sich selbst die Freude an
der kleinen Reise, weil er alles von der schwersten Seite ansah. Robert htte
lachen mgen, als er den dicken Wintermantel und das ungeheure Paket sah, das
der Alte fr die beiden Tage im schnsten Oktoberwetter mit sich herumschleppte.
Er dachte an die Spottlieder seines Freundes und errtete fr seinen Vater.
Nein, unmglich konnte er das Leben so auffassen; er wollte frei sein und
genieen, nicht nur immer vorsichtige Schritte gehen und einmal sterben, ohne je
gelebt zu haben.
    Endlich war der Alte nach vielen Ermahnungen und dreimaligem Umkehren
glcklich zum Bahnhof gekommen, und Robert sah mit erleichtertem Herzen dem Zug
nach, wie er am Mhlenteich vorber ins weite dampfte. Der Vater hatte daran
keine Freude, weil er vielmehr seiner ganzen Natur nach die schwrzesten Bilder
entwerfen und die schlimmsten Mglichkeiten als wahrscheinlich ansehen wrde. Ob
Mutter auch die Schweine gehrig versorgen, ob der Junge keinen Unfug machen,
und ob das Haus nicht niederbrennen wird!
    Robert ging durch das Gehlz nach Hause. Mochte sich sein Vater mit Grillen
plagen so viel er wollte, das konnte ihn selbst nicht hindern, sein Schicksal
nach Belieben einzurichten. Er wute, mit welcher Freude er morgen nach der
anderen Seite davonfahren wrde. Ach, htte doch Georg zu Fu gehen wollen, dann
brauchte man nicht bis um halb neun Uhr zu warten, sondern konnte um fnf schon
unterwegs sein. Aber das lie sich nun nicht mehr ndern, und die Hauptsache
mute berhaupt erst getan werden, bevor der ganze Plan einen sichern Boden
besa. Noch steckte das Geld im wohlverschlossenen Kasten.
    Robert besah pochenden Herzens den kleinen Dietrich, den ihm Georg neulich
ohne weitere Bemerkungen berreicht hatte. Ein Ruck, und jeder Widerstand war
besiegt.
    Mein ist alles, dachte er, ich nehme nur, was mir gehrt.
    Er wartete, bis die Mutter in den Stall hinausging, um die Kuh zu melken.
Dann ffnete er mit schnellem Griff den altmodischen Eckschrank, der den
Blechkasten mit Geld und Papieren enthielt. Jetzt nur noch der letzte Schritt -
dann war die Reise gesichert.
    Er schlich zum Kchenfenster und blickte vorsichtig hinaus in den offenen
Stall. Die Mutter begann erst ihre Arbeit, nachdem sie das Tier mit frischem
Futter versorgt hatte; sie rckte gerade jetzt den kleinen, kreiselfrmigen Bock
zurecht. Warum sollte sie sich auch beeilen, wie htte sie denken knnen, da
ihr einziges Kind im Begriff war, die Kasse des Vaters zu erbrechen!
    Da erschien pltzlich am Zaun das blasse Gesicht des Seilers. Georg winkte
leicht mit der Rechten.
    Robert nickte errtend. Schnell entschlossen eilte er in das Wohnzimmer,
ffnete den Kasten und griff hinein. Seine Sparbchse stand auch darin - wie
schwer fhlte sie sich an! - aber das war zu weitlufig, er hatte keine Zeit zu
verlieren. Ob ich diese Taler nehme oder die, dachte er, das ist ja gleich.
Eins - zwei - drei -
    Die Mnzen klirrten in seiner zitternden Hand, er gab daher das Zhlen auf
und griff nur noch einmal hinein, dann schlo er den Kasten. Das Geraubte war
schnell in der Tasche verborgen.
    Robert war nur bei halbem Bewutsein; er handelte wie im Traum ohne viel zu
berlegen. Pfeifend schlenderte er in den Hof, wo immer noch der Seiler am Zaun
stand, und winkte hinber. Komm! flsterte er.
    Georg verschwand und erschien in der nchsten Minute an einer Lcke hinter
dem Hhnerstall. Schnell, raunte Robert, ihm die gestohlenen Taler zusteckend,
da, bei mir knnte es gefunden werden.
    Der Seiler versteckte mit der grten Geschwindigkeit, was ihm sein junger
Freund reichte. Wieviel ist es? fragte er.
    Das wei ich nicht, aber genug wird es sein, auch zu einem Paar Stiefel fr
dich. Kauf dir welche und komm spter wieder hierher.
    Der Seiler nickte nur, dann verschwand er geruschlos, whrend Robert sich
am Hhnerstall zu schaffen machte. Als nach einiger Zeit die Mutter zu ihm kam,
erschrak sie ber sein blasses Gesicht. Fehlt dir etwas? war die bange Frage.
    Robert wute kaum, was er antwortete. Ich habe Kopfschmerzen, sagte er.
    Leg dich ins Bett, Kind, ermahnte die besorgte Frau. Der Vater lt dich
zuviel sitzen, fuhr sie fort, du hast nicht genug Bewegung.
    Robert ergriff die gute Gelegenheit. Das ist es ja gerade, Mutter,
schmeichelte er, und darum fhle ich mich auch nicht mehr so wohl wie frher.
Ach, wenn du mir einen rechten Gefallen tun wolltest - - -
    Er zgerte absichtlich und sah nur mit seinen fieberhaft glnzenden Augen in
das Gesicht der Mutter. Aber du erlaubst es doch nicht, fgte er hinzu.
    Nun, lchelte die alte Frau, erst la einmal hren, was du auf dem Herzen
hast.
    Nur ganz wenig, bat der Junge, einen einzigen freien Tag, - morgen. Was
mir der Vater zu tun hingelegt hat, das mache ich fertig, du kannst es mir
glauben.
    Die Alte schttelte den Kopf. Wieder den ganzen Tag auf dem Wasser liegen,
nicht wahr? Das geht nicht, Junge. Was sollte ich dem Vater sagen, wenn ein
Unglck geschieht?
    Ich denke nicht an den Mhlenteich, rief Robert hastig. Nur ein bichen
herumstreifen wollte ich, weiter nichts.
    Auch nicht mit dem Kahn des Holzhndlers fahren? forschte die Mutter.
    Ganz bestimmt nicht.
    Nun, dann lauf. Mut aber abends zurck sein, das sage ich dir.
    Wer war froher als Robert? Kaum lie er sich Zeit, dem Seiler noch durch die
Hecke ein paar Worte zuzuflstern, dann ging es an die Vorbereitungen zur Reise.
Die Stiefel blank gebrstet, den Konfirmationsanzug von jedem Stubchen
gesubert und das weieste Hemd hervorgesucht, - auch das Taschentuch durfte
nicht vergessen werden. Aber einen Stich durchs Herz gab es ihm doch, als er die
Mutter an dem wenigen Wirtschaftsgeld zhlen und rechnen sah, bis sie ihm
endlich vier Groschen in die Hand drckte. Da, mein Junge, sagte sie gutmtig
lchelnd, und kauf dir etwas dafr. Ich komme schon zurecht, bis der Vater
wieder hier ist.
    Robert wurde dunkelrot vor Scham, dennoch aber drngte es ihn
unwiderstehlich, gerade jetzt von dem Geldkasten des Vaters zu sprechen. Er
wute nicht weshalb, aber er mute es tun. Du hast ja die ganze Kasse, sagte
er in mglichst sorglosem Ton, wie knntest du also in Verlegenheit kommen,
Mutter?
    Die alte Frau nahm ihre Brille ab und sah ihn voll Erstaunen an. Du meinst
das Geld des Vaters, Robert? - Wie drfte ich das ohne seine Einwilligung
berhren!
    Oh, murmelte etwas fassungslos der Junge, warum denn nicht? Was dem Vater
gehrt, das ist ja auch dein Eigentum, Mutter.
    Freilich, nickte die Alte, aber Vater ist doch der Herr im Hause, und was
er mir anvertraut, das mu ich heilig halten. Berechtigte Wnsche versagt er mir
nie.
    Robert seufzte. Mir versagt er alle, Mutter. Ich wollte, da mit ihm so gut
umzugehen wre wie mit dir, dann -
    Er stockte. Das, was er hinzufgen wollte, durfte ja niemand wissen, aber er
gab seiner Mutter einen herzhaften Ku und schlich sich dann zu Bett, um
heimlich zu weinen. Er wute selbst nicht weshalb, die Trnen kamen fast von
selbst, und das Vergngen des andern Tages schien ihm nun nicht mehr halb so
verlockend wie frher.
    Am andern Morgen gingen er und Georg in aller Frhe fort, um erst auf der
nchsten Station, dem benachbarten Testorf, den Eisenbahnzug zu besteigen. Da
war denn freilich im hellen Sonnenlicht und whrend der Fahrt nach Altona aller
Kummer des vergangenen Abends vergessen. Robert hatte nie eine Reise gemacht,
nie in einem Eisenbahnwagen gesessen und berhaupt vom Leben noch nichts gesehen
als nur das kleine Pinneberg; er war daher vor Freude ganz auer sich. Seine
Fragen nahmen kein Ende, besonders als man sich der Stadt nherte. Er wollte
alles sehen, alles wissen.
    Du, Georg, wo ist denn hier die Elbe? Wo sind die Schiffe? fragte er.
    Der Seiler zog ihn so schnell wie mglich in die nchste Strae hinein.
Erst will ich mir einmal Stiefel kaufen, antwortete er. Und hre, Junge, du
darfst hier nicht so laut sprechen, alle Menschen sehen nach dir.
    Robert stolperte jeden Augenblick ber seine eigenen Fe. Er konnte sich an
all dem Ungewohnten, Groartigen gar nicht sattsehen. Jeder Wagen, jedes
Schaufenster erregte seine Neugier in hchstem Mae.
    Als Georg die neuen Stiefel gekauft hatte, ging es hinab zur Hafengegend.
Der Seiler spielte immer den Kassenmeister. Du, es waren im ganzen neun Taler,
sagte er mit einem prfenden Blick auf Roberts glhendes Gesicht, kannst du
dich dessen erinnern?
    Der Junge schttelte den Kopf. Das ist ja gleichgltig, Georg, antwortete
er, wenn nur genug brig bleibt, da wir nicht zu hungern brauchen. Ach - da
sehe ich die Elbe!
    Georg nickte. Wir haben Glck, mein Junge. Gestern ist das Kanonenboot
Blitz bei Neumhlen vor Anker gegangen - dahin wollen wir zuerst.
    Robert jubelte laut. Er hatte die grte Lust, in den belebten Straen der
Hafengegend einen echt drflichen Trab anzuschlagen, um nur desto schneller das
Wasser zu erreichen. Der Seiler hielt ihn lachend am Arm. Wir mssen uns erst
einen Mann von der Besatzung aufpicken, sagte er. So ohne weiteres an Bord
kommen, das geht nicht.
    Robert stand vor Schreck pltzlich still. Aber wenn wir keinen finden,
Georg!
    Ach, dummes Zeug! Wer keinen Dienst hat, nimmt Urlaub und sieht sich die
Stadt an, sagte er. Habe es ja selbst berall so gemacht.
    Die beiden wanderten weiter, und wirklich sollte sich Georgs Vermutung schon
sehr bald besttigen. Vor der offenen Tr eines Wirtshauses mit dem Schild Zur
Seemannsheimat saen zwei Matrosen in Marineuniform mit blanken Knpfen auf
ihren blauen Jacken und in den Nacken geschobenen Mtzen, deren flatternde
Seidenbnder die goldenen Buchstaben Knigliche Marine trugen. Die
viereckigen, weiumsumten Kragen gefielen Robert ganz auerordentlich.
    Du, flsterte er, du, - was sind das fr welche?
    Der Seiler sah hinber. Aha, da wre ja, was wir suchen, rief er. Komm,
la uns Anker werfen; durstig bin ich auch schon.
    Er zog Robert mit sich in die offene Tr des Wirtshauses hinein und
bestellte zwei Glser Bier. Es war dem Jungen wie ein Traum, besonders als ihn
der Kellner mit Herr anredete. Er in einem Wirtshaus, das schien unerhrt.
    Die Bekanntschaft mit den beiden Matrosen war bald gemacht, und einer
erklrte sich bereit, die beiden Freunde an Bord zu fhren.
    Unser Leutnant ist auf Urlaub, fgte er hinzu, aber der Obersteuermann
erlaubt schon, da ich euch das Ding zeige. Die feine Welt von Hamburg kommt ja
doch spter in Schwrmen an Bord, also warum solltet ihr es nicht tun?
    Er schob den Priem von einer Backe in die andere und musterte Robert halb
lachend.
    Du bist ja verflucht fein getakelt, sagte er, ordentlich in Kneifzange,
Schraube und mit Leesegeln auf beiden Seiten!
    Robert errtete wie ein Mdchen. Obwohl er nur ahnen konnte, da der Matrose
mit diesen Kunstausdrcken seinen schwarzen Anzug und das weie Hemd meinte,
fhlte er doch den Spott und antwortete, da er auch Seemannszeug tragen werde,
wenn erst fr ihn ein Schiff gefunden sei.
    Der Matrose lachte. Hast's Maul an der rechten Stelle, sagte er gutmtig.
Na, komm nur mit, ich will dir den Blitz zeigen.
    Die drei wanderten also zum Fischmarkt hinab, und hier nahm der Matrose eine
Jolle, die bald zwischen Milchewern, Schuten mit Frchten und Gemse,
Kohlenschiffen und Booten aller Art den Weg nach Neumhlen hinaus einschlug.
Robert war ganz Auge und Ohr. Sobald einer der vielen Elbdampfer, wie sie diese
Gegend stndig passieren, an der Jolle vorberkam, jubelte er laut vor
Vergngen, sehr zur Freude des Matrosen, der ber seine einfltigen Ausrufe
nicht genug lachen konnte. Die Jolle tanzte im Wellengang der Dampfschiffe, die
Oktobersonne sandte auf all das bunte, bewegte Treiben des Stromes ihre hellsten
Strahlen herab, und das Herz des Jungen schlug in grenzenloser Freude.
    Hier ein Blankeneser Dampfer, der eine Gesellschaft hinausbefrderte in die
freie Luft des Herbsttages. An Bord Gesang und Musik, Gren mit Taschentchern
und Hten - dort einer der groen Hamburg-Amerika-Dampfer, die Hammonia.
    Ihr entgegen kam aus dem Hafen ein anderes, und - was ist das? - Zwei
Schiffe mit einem langen, starken Tau aneinander gebunden und noch dazu ein
kleineres voran. Wie unsinnig! Sollen die so zusammen auf den Atlantik
hinausgehen?
    Der Matrose wollte sich ausschtten vor Lachen. Junge, du bist Geld wert!
rief er. Wahrhaftig, ich glaube, du hast dein Kledorf noch niemals
verlassen.
    Robert behielt immer die beiden Schiffe im Auge. Das habe ich auch nicht,
sagte er, aber einmal mu das erste Mal sein, und anstatt mich auszulachen,
knnten Sie mir wohl sagen, was das da bedeutet.
    Der Matrose nickte. Na, dann pa auf, Landratte, sagte er. Der Kleine ist
ein sogenannter Schlepper, der die auslaufenden berseeschiffe aus dem Hafen
herausbugsiert - das kannst du zehnmal an einem Tage sehen. Dort kommt schon
wieder ein Schleppzug, und dort der dritte!
    Roberts Blicke flogen von einem zum andern. Wie schwimmende Huser
erschienen ihm diese groen Schiffe, wie bewunderte er die Matrosen, die er in
der Takelage herumklettern sah. Georg, fragte er halblaut, hast du auch so -
da ganz oben gesessen?
    Natrlich, Kleiner. Auch Seine Knigliche Hoheit Prinz Adalbert von Preuen
hat das getan, ehe er Admiral wurde. Praktisch lernen mu jeder.
    Robert seufzte. Ach, du sagst mu, Georg, und ich denke es mir als das
schnste Vergngen von der Welt. Sich so oben im Mast schaukeln, alles sehen
knnen und auf seine eigenen Krfte angewiesen sein, das ist doch ganz etwas
anderes, als -
    Den Ziegenbock reiten, ergnzte uerst ernsthaft der Matrose, indem er
aus einem Augenwinkel dem Seiler vertraulich zublinzelte. Du hast doch
jedenfalls deinen Anzug selbst genht, nicht wahr?
    Robert errtete. Woher wissen Sie - - -
    Ach, das sieht man an den Fen, lachte der Matrose, sie legen sich immer
bereinander, weit du. Na und warum wolltest du denn von der Nhnadel zur
Ruderpinne bergehen, mein Junge? Wird dir nicht bange bei dem Gedanken an die
See?
    Robert lchelte verchtlich. Bange? wiederholte er. Was ist das?
    Schau, wie der junge Hahn krht! - Na, du scheinst gerade fr das
Salzwasser geboren zu sein. Und nun sieh einmal dorthin, - das ist der Blitz!
    Robert folgte der ausgestreckten Hand des Matrosen und konnte dann einen
Ausruf des Erstaunens nicht unterdrcken. Das da? rief er. Aber das ist ja
ein ganz kleines, unscheinbares Ding!
    Der Matrose lchelte wohlgefllig. Unscheinbar! wiederholte er,
unscheinbar, du Gelbschnabel? Und doch hat sich das Ding in den flachen
Gewssern bei der Insel Fhr einmal fast hundert Meter weit mit voller
Maschinenkraft durch den Sand gewhlt, um im Dnischen Krieg 1864 den Kapitn
Hammer zu fangen; es ist so stark gebaut, da kein Splitter davonfliegt, wenn es
in voller Fahrt auf Grund luft. Htte es das nicht gekonnt, so wrde sich
Kapitn Hammer niemals ergeben haben, weil ja schon am folgenden Tage die
Waffenruhe begann. Aber unser Kapitnleutnant wute, was sein Fahrzeug wert
war.
    Die Jolle hatte sich mittlerweile dem ankernden Kanonenboot so weit
genhert, da der Matrose das Fallreep ergreifen und dem Fhrer andeuten konnte,
wie er die kleine tanzende Nuschale festmachen solle. Dann stiegen alle drei an
Bord.
    Robert berhrte Georgs Arm. Du, flsterte er, etwas eingeschchtert durch
die letzte Zurechtweisung des Matrosen, du, zeig mir alles genau und sag mir
die Namen.
    Georg nickte. Du kannst es doch nicht behalten, Kleiner.
    Dann schreib' ich mir's auf, beharrte der Junge. Ein Kriegsschiff sehe
ich ja sobald nicht wieder.
    Der Matrose war inzwischen fortgegangen, um die Erlaubnis des wachhabenden
Obersteuermanns einzuholen, und als er zurckkam, begann die Wanderung durch das
Schiff. Wie sauber waren alle Fubden gescheuert, wie schn das Holz in Farbe
gehalten, Robert konnte es nicht genug bewundern. Nach auen hin glnzten die
Wnde im tiefsten Schwarz, whrend nur ein weier breiter Streif um das ganze
Fahrzeug herumlief und die fein gebogene Form der Reeling scharf begrenzte. Die
Innenseite, in der Seemannssprache das Schanzkleid genannt, war schneewei,
die Kanonenpforten feuerrot und alles sauber lackiert.
    Es gab zwei schwere Geschtze an Bord, und der Matrose erklrte dem lautlos
horchenden Jungen, da sie ein Panzerplatte von zwlf bis fnfzehn Zentimeter
durchschlagen knnten.
    Robert drngte sich immer nher an seinen freundlichen Lehrmeister heran.
Drfen Sie mir auch zeigen, wie eine Kanone bedient wird? fragte er verlegen.
    Natrlich! lachte der gutmtige Matrose. Sieh mal, so wird das gemacht.
    Er zog eins der beiden Geschtze unter Aufbietung aller seiner Krfte
zurck, nahm den Wischer - eine Stange mit einer runden Brste am einen und
einem hlzernen Kolben zum Hineinstoen der Granate am anderen Ende - und fuhr
damit in das Rohr hinein, brachte zum Schein die Kartusche an ihren Platz, stie
mit dem Ladestock nach, zog das Geschtz mit den Seitentaljen, wie die
Flaschenzge an beiden Seiten der Lafette genannt werden, wieder nahe an die
Pforte heran, richtete, befahl selbst Feuer und zog ab.
    Robert hatte mit einem fast andchtigen Gefhl zugesehen. Ich will zur
Marine, sagte er unwillkrlich, ich will Seemann und Soldat werden, wenn ich
auch zuerst auf einem Handelsschiff anfangen mu, - zur Marine will ich doch.
    Der Matrose schlug ihn ermunternd auf die Schulter. Bleib dabei, mein
Junge, antwortete er. Der Seemann mu geboren werden; lernen lt sich die
Vorliebe fr das Wasser nicht und vergessen auch nicht. Ich halte es keine vier
Wochen an Land aus, ohne trbsinnig zu werden.
    Der Matrose sah zu Georg hinber, der inzwischen mit mehreren anderen Leuten
von der Besatzung ein Gesprch angeknpft hatte. Du, sagte er, ich glaube, es
wre fr dich wahrhaftig das beste, wenn du hierbleiben knntest. Das
Galgengesicht da will mir durchaus nicht gefallen.
    Robert errtete stark. Der ehrliche Pommer mit seinen blauen, treuherzigen
Augen und dem gutmtigen Gesicht sah freilich ganz anders aus, als der
schmchtige, blasse Georg, aber dafr lebte der eine auch einen guten Tag,
whrend der andere kaum das trockene Brot besa. Robert mute doch den
unglcklichen Freund in Schutz nehmen.
    Georg ist ein ehrlicher Mensch, sagte er, nur geht es ihm schlecht, und
daher sieht er so verkommen aus.
    Der Matrose schttelte den Kopf. Hm, hm, brummte er, seine Flagge deutet
aber auf nichts Gutes, mein Junge, - ist eine wahre Piratenflagge, kann ich dir
sagen. Wissen deine Eltern, da du mit ihm unterwegs bist?
    Robert sah zur Seite. Die kennen ihn gar nicht, stammelte er.
    Das dachte ich mir schon. Na, la dich von ihm in kein unrechtes Fahrwasser
steuern, kleiner Kerl, darauf kommt es allein an. Hast ja den Kompa da drinnen
in der Brust, und der weist allemal auf den richtigen Kurs, wenn du nur genau
acht gibst. Jetzt geh mit mir, ich werde dir ein wenig von diesen Masten und
Segeln erzhlen.
    Robert folgte nur zu gern der Aufforderung seines neuen Freundes. Das
Gesprch war ihm schon uerst peinlich geworden, um so mehr, da er recht gut
wute, zu welchem Ungehorsam ihn Georg schon verleitet hatte. Was wrde dieser
ehrliche, gutmtige Seemann gesagt haben, wenn er ihm die Geschichte von dem
Geldkasten des Vaters erzhlt htte! -
    Sein Herz klopfte lebhaft, als der Matrose den Unterricht begann. Er hrte
nur halb, was man ihm vortrug.
    Siehst du, erluterte der Pommer, das da ist der Fock- oder Vormast, der
mittlere der Gromast und der dritte der Kreuz- oder Besanmast. Alle drei sind
gleich getakelt, und alle Einzelteile tragen die Bezeichnung desjenigen Mastes,
zu dem sie gehren. Dadurch wird die Sache ungemein erleichtert. Bis zum ersten
Absatz, den du da oben siehst und den wir den Mars nennen - bei euch Landratten
der Mastkorb - heit jeder Mast der Untermast, dann folgt die Marsstenge und
darauf die Bramstenge. Die starken Taue, die auf beiden Seiten der Untermasten
herabreichen, sich unten auseinanderspreizen und an den Wnden des Schiffes
befestigt sind, heien Wanten, diejenigen aber, die von den Masten nach vorn
gespannt sind, nennt man Stage. Die Querstangen, an denen die Segel befestigt
werden, heien Raaen. Jede Raa hat ihr besonderes Tauwerk; worin sie hngt,
nennt man den Hanger, womit sie an dem betreffenden Mast oder der Stenge
gehalten wird, das Reck, womit sie auf- und herabgezogen wird, das Fall. Die
Taue, durch die sie schrg, ein Ende nach unten, das andere nach oben, geheit
wird, sind die Topwanten, diejenigen, durch die sie in waagerechter Lage gedreht
wird, die Brassen. Wanten und Stage nennt man das stehende, die Takelage der
Raaen und Segel das laufende Gut. Das vordere Rundholz am Bug des Schiffes heit
der Bugspriet und das darauf liegende der Klverbaum. Von diesem gehen nach
beiden Seiten die Klverbackstage und nach oben bis zu den Stengen das Bram- und
Stengenstag, woran die dreieckig geformten Klversegel fahren.
    Es brauste in Roberts Ohren. Das ist verwirrend, gestand er.
    Der Matrose lachte. Hast du genug, Kleiner, soll ich aufhren? fragte er.
    Nein, nein, - es kehrt mir spter alles ins Gedchtnis zurck. Nur im
Augenblick wollte es mich verwirren! Bitte fahren Sie fort.
    Na, dann wollen wir das Garn weiter spinnen, mein Junge. Also die unteren,
grten Segel heien Untersegel, die darauf folgenden Marssegel und die noch
hheren Bramsegel, whrend die letzten hoch oben in der Spitze oder vielmehr an
den Stengen die Oberbramsegel genannt werden. Die Takelage jedes Mastes erhlt
nach ihm die Vorbezeichnung Gro, Vor und Kreuz. - Was nun noch die beiden
Seiten des Schiffes betrifft, so heit diejenige, von der der Wind kommt, die
Luvseite, whrend die entgegengesetzte die Leeseite genannt wird.
    An den Marssegeln von oben nach unten befinden sich vier Querabteilungen,
jede mit einer Reihe dicht nebeneinander hngender Bindfaden versehen, die
Reffbendsel heien und dazu dienen, bei starkem Wind die Marssegel zu
verkleinern. Das nennt man reffen. Zum Aufholen oder Wegnehmen der Segel dienen
die Geitaue, die von den Schooten bis unter die Mitte der Raaen reichen, und die
Gordings.
    So, da htten wir nun alles. Jetzt brummt es im Kopf wie ein Bienenschwarm,
nicht wahr? Aber ich will dir sagen, da du die Geschichte leichter im
Gedchtnis behltst, wenn du sie schon einmal gehrt hast, und da dir darum
dieser kleine Vorgeschmack spter beim wirklichen Lernen zugute kommen wird.
Steht dein Entschlu, Seemann zu werden, schon ganz fest?
    Robert seufzte. Ach, wenn mich der Vater nur fortliee? kam es zaghaft
ber seine Lippen. Aber er tut es nicht.
    Der Matrose schob die Mtze in den Nacken und die Hnde in die Taschen. Das
tut er nicht, dein Alter? Warum denn nicht?
    Weil die Krolls alle Schneider gewesen sind!
    Der Seemann machte ein uerst bedenkliches Gesicht. Du, sagte er, das
ist schlimm. Das ist eine richtige Klippe, an der der beste Segler scheitern
kann. Siehst du, mein Vater war ein Seemann und mein Grovater auch, - ich
glaube bis zu Adams Zeiten. Fnf Brder habe ich, aber alle sind Seeleute.
    Der Matrose spuckte mit groer Kraft seinen Priem ber Bord. Aber da sollen
doch hunderttausend Teufel dreinschlagen, rief er, wenn das nicht zu ndern
wre. Du mut deinem Alten nur richtig in den Ohren liegen, dann wird er schon
klein beigeben, denke ich.
    Robert schttelte den Kopf. Ich habe es oft versucht, antwortete er, aber
nichts ausgerichtet. Was fange ich nur an, um meinen Lieblingswunsch in
Erfllung gehen zu sehen?
    Der Matrose heftete auf den Jungen einen langen, ernsten Blick. Lauf nicht
bei Nacht und Nebel davon, Kleiner, sagte er, das bringt kein Glck. Der zhe
alte Kerl ist immer dein Vater, mut du bedenken, aber schlag einmal vor ihm auf
den Tisch, da die Schere aus Angst zusammenklappt und sage: Ich will kein
solcher Stichelant und Lappenbohrer werden, der den ganzen Tag in der Stube
hockt und einen krummen Buckel kriegt von all dem Nhen, ich bin ein Kerl und
will hinaus auf die See! - was denkst du, wrde er dir wohl antworten?
    Robert sah zur Seite. Er wute genau, was sein Vater auf ungehrige Reden
des Sohnes erwiderte, aber er wollte davon lieber nicht sprechen, sondern
schttelte nur stumm den Kopf.
    Der Matrose pfiff durch die Zhne. Hat am Ende vielleicht noch ein Tauende
in Bereitschaft, dieser wtende Schneider, sagte er. Na, heule nur nicht; was
kommen soll, das kommt doch, und wenn einer keinen Wagen kriegen kann, so nimmt
er mit der Speiche frlieb, wie sie bei mir zu Hause sagen. Du mut deine drei
Lehrjahre herunternhen, und dann gehst du auf und davon. Offen am hellen Mittag
nimmst du Abschied, das kann dir der Alte nicht wehren.
    Robert wechselte erschreckt die Farbe. Noch drei Jahre, stammelte er.
    Die vergehen auch, mein Junge. Und ich will dir was sagen, du kannst dich
schon whrend dieser Zeit fr deinen zuknftigen Beruf ausbilden, wenn es dir
wirklich Ernst ist mit dem Seewesen. Komm, ich habe ein Spielzeug fr dich!
    Ein Spielzeug?
    Unglubig folgte ihm der Junge in das Logis, den Schlafraum der Matrosen.
Er sah sich vorher noch flchtig nach Georg um, aber der war in so lebhafter
Unterhaltung, da er ihn gar nicht bemerkte.
    Unter Deck setzte sich der Matrose auf eine Seekiste und ffnete dann eine
andere mit einem Schlssel, den er aus der Tasche nahm. Nun sieh einmal her,
sagte er, was ist das? Sag mal, Junge, kannst du auch so etwas schnitzen?
    Er hob mit spitzen Fingern aus einem Blechkasten ein ganz kleines Schiffchen
hervor, das bei voller Takelage nur etwa zwanzig Zentimeter lang und
entsprechend hoch war. Das habe ich gemacht, fgte er voll Stolz hinzu.
    Sie? - Aber wie denn? Womit?
    Der Pommer klopfte mit dem Knchel des Zeigefingers auf den Blechkasten.
Darin ist das Gert, sagte er und auch das Buch, aus dem ich die Geschichte
gelernt habe. Willst du es einmal sehen?
    Robert faltete vor lauter Begeisterung die Hnde. O bitte, sagte er, sind
denn in dem Buch auch Bilder?
    Natrlich. Na, komm nur her und schau hinein.
    Robert setzte sich zu ihm auf die Kiste, und beide blickten andchtig in das
Buch. Zeichnungen aller Schiffsteile gab es da, und je weiter der Matrose
bltterte, desto freudiger glnzten Roberts Augen. Zuerst war nur mit einigen
Grundstrichen die ungefhre Form des Fahrzeuges angedeutet, hier als Lngs-,
dort als Querschnitt, oder Spantenri߫, wie der Pommer sagte, dann weiter bis
zum deutlich erkennbaren Kiel, auf dem sich nur allmhlich der Rumpf erhob.
Immer verwickelter wurde das Ganze, immer mehr Einzelbilder folgten; in alle
Lagen, alle Verbindungen und Fugen, des Schiffes konnte man sehen, alles, was
dem Jungen unverstndlich blieb, erluterte ihm in seiner derben, aber klaren
Redeweise der Seemann. Wie lachte er, wenn Robert eine pltzliche Bemerkung
dazwischenwarf. Nun sieht es aus wie ein Fisch, rief er einmal, und sein neuer
Freund antwortete ernsthaft: Gewi tut es das. Von der Gestalt des Fisches hat
der Mensch die Bauart der Schiffe entlehnt. Alle Weisheit stammt aus der Natur!
    Weiter! drngte Robert, da sind noch mehr Bilder. Wenn mich Georg rufen
sollte, mu ich ja fort.
    Der Pommer sah herausfordernd nach der Gegend der Treppe hinber. Wenn
Georg kommt, so gebe ich ihm eins hinter die Ohren, sagte er. Mag den
Nuknacker nicht leiden!
    Und dann ging es wieder an das Buch. Abbildung neunundzwanzig zeigte schon
einen bedeutenden Fortschritt. Nun ist es eine Wiege! rief Robert. Aha, und
hier sind die Abbildungen ganz fertiger Schiffe: Fregatte, Dreimaster, Brigg,
Schoner und Kutter. Welches haben Sie denn nun nachgemacht?
    Modelliert heit das. Sieh her, zu welchem pat das Ding?
    Robert verglich Schiffchen und Bild, aber nur einen Augenblick. Dann hatte
er es herausgefunden. Eine Fregatte! rief er, ein Vollschiff unter allen
Segeln!
    Bravo! rief der Pommer. Sieh, das Buch und das Gert will ich dir
schenken. Einen Klotz Ellern-oder Lindenholz wird dir ja leicht jeder Tischler
geben, und ein paar Leinwandreste deine Frau Mutter, dann kannst du dir mit
Hilfe dieser Anweisungen ein ganzes Schiff von Grund auf selbst herstellen,
jeden Namen, jede Einzelheit und jede, auch die geringste Kleinigkeit genau
kennenlernen, bevor du Schiffsjunge wirst. Das nennen die Leute theoretisch
gebildet, und es taugt den Teufel nichts, wenn einer damit auf seiner
Bodenkammer sitzen bleibt, ohne die Sache auch praktisch auf dem Wasser zu
erproben, aber es kann fr die Seemannslaufbahn gut vorbereiten. In New York
kannte ich ganze Gruppen junger Leute, die sich ihre kleinen Boote von Grund auf
selbst zimmerten und dann Wettfahrten damit veranstalteten. Na - willst du's
haben?
    Robert war stumm vor Freude. Er sah nur in das gutmtige Gesicht des
Matrosen, und der lachte zufrieden. Nimm's mit, sagte er, und lerne daraus,
so gut du kannst. Wenn die Feierabendglocke schlgt, wird dir dein Alter nicht
wehren, da du ein bichen Schiff baukunst betreibst, denke ich. Gibt es denn in
dem verwnschten Dorf, wo du wohnst, gar kein Gewsser fr das zuknftige
Fahrzeug?
    Jetzt lachte Robert und erzhlte seinem Kameraden von den kleinen Reisen im
Segelboot und von Georgs frheren Seefahrten. Er gestand auch, da der Abstecher
nach Hamburg heimlich unternommen sei und wartete mit Herzklopfen, was der
Matrose dazu sagen werde. Merkwrdigerweise wnschte er lebhaft von ihm nicht
getadelt zu werden, - das war so ganz etwas anderes als mit Georg.
    Um den breiten Mund des Pommern zuckte ein Lcheln. Recht ist es nicht,
sagte er, sich hinter den Ohren kratzend, durchaus nicht, aber einmal ist
keinmal, wollen wir denken. Was hast du denn fr den Rest des Tages noch vor?
    Robert dachte pltzlich wieder an den Freund, den er so treulos verlassen
hatte. Ja - was Georg meint, erwiderte er. Ich bin noch nie hier gewesen.
    Hm, dann halte dich nur von der Flasche fern, und wenn du Geld bei dir
hast, la dich zu keinem Wrfel- oder Kartenspiel verleiten. Geh auch nicht mit
in die Hamburger Matrosenschenken, ich rate es dir.
    Robert sah ihn mit seinen hellen Augen fragend an. Warum denn nicht?
meinte er.
    Weil du noch ein dummer Junge bist, und weil mancher von diesen Wirten ein
ganz geriebener Kerl ist, der -
    Aber das verstehst du nicht, brach er ab. Willst du einmal eine Stelle
als Schiffsjunge haben, so wendest du dich an den Kapitn selbst, aber nicht an
solche Zwischenhndler, die manchmal zwar sehr brave Geschftsleute sind,
manchmal aber auch Spitzbuben, die man kielholen mte, bis sie das
Luftschnappen vergessen. Davon brauchst du deinem liebenswrdigen Kameraden mit
den Eulenaugen nichts zu sagen, Junge, aber glaub mir, da ich es aus Erfahrung
wei.
    Robert steckte seufzend Buch und Kasten in die Tasche. Ach, sagte er, bis
dahin ist es weit. Wer kann wissen, ob jemals etwas daraus wird?
    Aber jetzt mu ich mich beeilen. Georg wird sich wundern, wo ich bleibe.
    Er dankte dem Matrosen noch herzlich fr das schne Geschenk, und dann
gingen die beiden wieder hinauf an Deck, wo inzwischen der wachhabende
Unteroffizier mehrere Segel hatte anschlagen, das heit an den Raaen
befestigen lassen, um sie bei dem schnen Wetter zu lften. Fr Robert war dies
Manver wieder etwas ganz Neues.
    Aber dann sah er um sich und entdeckte den Seiler, der schon ungeduldig
wartete. Georg winkte ihm, ohne aber nher heranzukommen; es schien, als teile
er den Widerwillen des Matrosen, wenigstens wartete er ruhig, bis Robert zu ihm
kam. Dem wurde der Abschied von dem freundlichen Pommer schwer genug. Er gab ihm
wohl dreimal nacheinander die Hand und dankte immer wieder fr das lehrreiche
Buch und das zierliche, allerliebste Arbeitsgert. Ich will es in Ehren
halten, versprach er, und tchtig daraus lernen.
    Bravo, mein Junge, antwortete der Matrose. Wer wei, wo wir uns noch
einmal im Leben begegnen. Vielleicht bin ich dein Bootsmann, wenn du fr den
Flottendienst eingezogen wirst. Und nun leb wohl! Nimm dich vor deinem Kameraden
in acht - ich mag ihn nicht.
    Er winkte verstohlen mit den Augen zu Georg hinber und entlie mit
mehrmaligem herzlichen Hndedruck den Jungen, der jetzt neben seinem Begleiter
in der Jolle Platz nahm. Der Pommer sah von Bord des Blitz den beiden nach.
Davonlaufen wird er doch, dachte er, und in eine schwere Schule rennt er
blindlings hinein; Junge, dir steht noch manches bevor, aber das wird nun einmal
dein Schicksal sein.
    Die beiden im Boot sprachen inzwischen leise miteinander. Na, was hattest
du denn so Geheimnisvolles unter Deck zu suchen? fragte der Seiler etwas
rgerlich. Bliebst ja eine halbe Ewigkeit da unten - und was ist denn das
hier?
    Robert zeigte ihm Buch und Kasten. Georg besah es mit prfendem Blick. Das
erlaubt ja dein Alter nie, sagte er, du erlebst hchstens, da er es dir vor
der Nase wegnimmt und da du einmal wieder so recht den kleinen Jungen spielst,
das Kind, das Schlge bekommt. Gib den Trdelkram her, ich will ihn fr dich
verkaufen.
    Aber Robert schttelte den Kopf. La es mich behalten, Georg, antwortete
er, der freundliche Matrose wrde es sehr undankbar finden, wollte ich sein
Geschenk fr wenige Groschen verkaufen - meinst du nicht auch?
    Ach, dummes Zeug, er sieht's ja nicht.
    Das ist einerlei, Georg, ich - ich mte doch immer denken, er she es. Was
soll ich auch mit dem Geld?
    Der Seiler antwortete nicht. Er sprte offenbar den Widerstand des Jungen
und gab nach. Wollen wir uns nun eine Schiffswerft ansehen? nderte er ohne
bergang das Gesprch.
    Robert jubelte laut. Ja, ja, - ach Georg, was fr ein schner Tag ist das!
    Weil wir Geld haben! konnte sich der Seiler nicht enthalten,
beziehungsreich zu antworten. Nach Steinwrder! rief er dem Jollenfhrer zu,
und schon sehr bald landeten sie an der kleinen angebauten Elbinsel, die mitten
im Hafen liegt und einen so groartigen Anblick bietet. Die Schiffe aller
Vlker, die Gesichter aller Rassen, vom kohlschwarzen Neger durch alle
Schattierungen von braun und gelb des Malaien, Mulatten, Chinesen und Mongolen
bis zum blonden Englnder oder Schweden - die Flaggen und Wimpel in jeder
erdenklichen Farbe, das Rufen und Sprechen in fremder Mundart, der Anblick
dieser unbersehbaren Reihen ankernder Schiffe, alles zusammen berwltigte den
Jungen, so da er stumm dasa. Welche wunderlichen Namen trugen die
verschiedenen Schiffe, wie seltsam und geheimnisvoll erschienen die geschnitzten
Figuren an ihrem Bug. Hier ein Greis mit Krone und Dreizack und
langherabwallendem weien Bart, dort der Oberkrper einer Frau in einen
Fischschweif auslaufend, und hier sogar ein greulicher Gtze, dort wieder ein
Tierbild - -
    Das alles zog an dem Jungen vorber und hinterlie einen einzigartigen
Eindruck. Er war berwltigt von all dem Neuen. Hier begann fr ihn das Leben,
hier ffnete sich ihm eine Welt, von der er bisher nur getrumt hatte. Das war
es, wonach er sich sehnte und was er nicht vergessen konnte, sooft auch die
Eltern ihm eindringlich vorstellten, wie schrecklich und gefhrlich das
Seemannsleben sei.
    Er verschlang mit den Augen jeden neuen Gegenstand, und als ihn Georg
aufforderte, aus dem Boot zu steigen, da tat er es wie im Traum. Er war wie
berauscht.
    Komm, lchelte der Seiler, du zeigst ja ganz den Neuling, Junge, das
Dorfkind, das noch nie etwas anderes gesehen hat, als seine heimatlichen
Gnseweiden. Hier ist die Seemannsschule, und hier die Werft der
Hamburg-Amerikanischen Dampfschiffahrts-Aktiengesellschaft. Weiter hinauf kommt
die weltbekannte Firma Godeffroy mit ihrer groen Werft fr Handelsschiffe. Aha,
da liegt ein neuer Dreimaster, dessen Stapellauf wohl in den nchsten Tagen
stattfinden wird. Wir wollen doch versuchen, das Ding zu besehen.
    Die beiden gingen an den verschiedenen offenen Arbeitshallen vorber, und
Robert sah in natrlicher Gre eine Menge solcher halbvollendeter Einzelteile
von Schiffen, solcher Modelle und Anfnge, wie sie das Buch des Matrosen zeigte.
Besonders ein halbfertiger kleiner Kutter zog ihn lebhaft an. Das Ding sah aus
wie ein Gerippe von Holz, und die in seinem Innern arbeitenden Zimmerleute
klopften im Takt des lustigen Liedes, das sie bei ihrer Arbeit sangen. Er wre
schon gern hier geblieben, um zu beobachten und zu bewundern, aber Georg hatte
mittlerweile den Schiffszimmermann gebeten, das neue Schiff besichtigen zu
drfen, und so kletterten denn beide die Leiter hinauf, um an Bord zu kommen.
    Alle Tren, alle Luken waren geffnet, um die Sonnenstrahlen recht
eindringen und den frischen Lack trocknen zu lassen. Das Schiff sollte schon
binnen vierzehn Tagen seine erste Reise ber den Atlantik antreten.
    Das hier ist die Kapitnskajte, erluterte der Mann, auf einen mig
groen Raum deutend, dessen Decke sehr niedrig schien, und durch dessen am
Fuboden befestigten Tisch der Mast in schrger Stellung mitten hindurchlief.
Der war aber hier nicht blo mit lfarbe gestrichen, wie drauen an Deck,
sondern mit Mahagoni belegt und als Trger einiger schwebender Blumengestelle
eingerichtet. Dazu gab es ein behagliches Sofa und an beiden Seiten des Tisches
gepolsterte Bnke, whrend smtliche Wnde aus beweglichem Fachwerk bestanden
und groe Schrnke hinter ihren Tren verbargen. Den Boden bedeckte ein
Strohteppich in bunten Farben, so da das Ganze sehr wohnlich aussah. Robert
hatte sich nicht trumen lassen, welche Behaglichkeit eine solche Schiffskajte
entwickeln knne.
    Das hier ist die Schlafecke, fuhr der Zimmermann fort, denn ein Zimmer
kann man es wohl kaum noch nennen. Aber an Raum mu eben gespart werden. Nur das
Bett, an der Wand befestigt, das der Seemann Koje nennt, ein Tisch und ein
Bcherschrank, mehr findet sich hier nicht; gegenber, ganz hnlich
eingerichtet, liegt die Steuermannskajte, und das Ganze wird mit dieser Tr
vollstndig abgeschlossen.
    Willst wohl auch Seemann werden? lchelte der Zimmermann. Sieh, Junge,
dort ist das Logis. Wollen es gleich nher ansehen.
    Er fhrte seine Gste am groen Mast vorber nach dem Vorderteil des
Schiffes, und hier sah Robert den wenig einladenden Raum, in dem die Matrosen
ihre freien Stunden verbringen. Eine enge, schmale Koje, so niedrig, da der
darin sitzende Mann kaum Platz hat, sich ganz auszustrecken, die Schiffskiste
als Stuhl und ein Tisch aus Tannenholz, - das ist alles, was der Matrose an
Freiheit und Eigentum besitzt, wenn er auf See ist.
    Aber Robert fand es schn, er sehnte sich immer mehr nach dem Seemannsleben,
je mehr er davon sah. Auf dem Tisch sitzen und nhen, nach genau festgesetzten
Stunden, und zum Schlafen das Bett im Winkel der Diele - war denn das nicht noch
viel schrecklicher als die halbe Gefangenschaft an Bord eines Schiffes?
    Er wre am liebsten gleich hier geblieben, htte sich als Kajtenjunge
anmustern lassen und die erste Reise des neuen Seglers mitgemacht. Sein Herz
klopfte ungestm, als der Zimmermann in eine andere Tr hineindeutete. Das da
ist die Kombse, sagte er, und diese eisernen Hhne, die ihr hier seht, sind
die Pumpen. Wollen wir nun auch in den Schiffsraum hinabsteigen?
    Unten angekommen meinte Robert, es sei fast wie in einem Grabe. Er freute
sich, als ihm die Sonne wieder ins Gesicht schien. Aber wenn das alles ganz mit
Ladung gefllt ist, fragte er, wie untersucht man dann, ob nicht das Schiff
vielleicht ein Leck bekommen hat?
    Georg und der Zimmermann lchelten. Die Decksluken werden vor der Abreise
kalfatert, das heit wasserdicht verschlossen, und whrend der ganzen Fahrt
nicht wieder geffnet. Erst in dem Hafen, wo die Ladung gelscht wird, kommt ein
Mann der Reederei an Bord, und bezeugt dem Kapitn schriftlich den Zustand, in
dem sich die Luken befanden. Nur wenn dieser ganz vorschriftsmig; ist, trifft
den Kapitn fr die etwaige Beschdigung der Ladung keinerlei Verantwortung. Den
Wasserstand dagegen untersucht man tglich zweimal durch die Pumpen, wobei sich
bis auf einige Linien feststellen lt, wieviel Wasser in das Schiff
eingedrungen ist. Man nennt dies Verfahren Peilen.
    Der Zimmermann sah sinnend vor sich hin. Es ist schrecklich, wenn so ein
Leck in das Schiff kommt, sagte er, unheimlich, weil man ihm nicht offen
begegnen kann. Ich hab's einmal erlebt, sechs Tagereisen vor Kalkutta. Da stieg
das Wasser so schnell, da alle Arbeit auf Deck liegenblieb, da nicht mehr
gekocht und nicht mehr geschlafen wurde, weil wir nur unablssig pumpen muten,
um das nackte Leben zu retten. Wenn einer von der Mannschaft umfiel wie ein
Toter, dann sprang ein anderer an seine Stelle, wortlos, ohne einen Blick auf
den Rchelnden, ohne Rcksicht auf die eigenen zerfetzten Hnde. Es war
grlich, - wir brachten das Schiff nach Kalkutta, aber von unseren dreizehn
Leuten lebten nur noch vier, die brigen sind in ihren Kojen oder an Deck vor
Erschpfung gestorben, ohne da wir uns um sie kmmern konnten. Wenn das Wasser
im Schiffsraum steigt und nur zwei Minuten die Arbeit an den Pumpen eingestellt
wird, dann ist das so, als stnde der Tod hinter einem, und man wrde nicht
einmal darauf achten, wenn der eigene Bruder ein paar Schritte weit davon im
Sterben lge. Nun - gottlob passiert das nicht alle Tage.
    Robert hatte atemlos zugehrt. Waren Sie lngere Zeit hindurch Seemann?
fragte er.
    Der Zimmermann nickte. Sechzehn Jahre, antwortete er. Da lernt man das
Meer kennen.
    Robert hatte noch eine Frage auf dem Herzen, das sah der Mann und ermunterte
ihn freundlich, sie auszusprechen. Na, sagte er, was wolltest du wissen,
Junge, ob ich den fliegenden Hollnder gesehen habe und den Klabautermann, oder
das berhmte Meerweib, das sie hier auf St. Pauli jedem glubigen Binnenlnder
fr zwei Groschen zeigen, das aber aus Wachs und Kitt zusammengeflickt ist, wie
ich dir lieber gleich sagen will.
    Robert schttelte den Kopf. Das meine ich nicht, sagte er schchtern,
aber ob es wohl im Meer noch unbekannte Tiere gibt, groe, frchterliche, die
man in den naturgeschichtlichen Werken gar nicht aufgefhrt findet.
    Der alte Zimmermann spielte mit der Hand an einer Leine, die gerade vor ihm
in der Luft hing. Ja, ja, sagte er, darauf sollte ich eigentlich gar nicht
antworten. Das Erzhlen ist leicht, wenn niemand die Geschichte widerlegen kann.
Aber dennoch - ich habe so etwas hnliches erlebt.
    Ach, rief Robert ungestm, bitte, erzhlen Sie doch.
    Der Zimmermann nickte. Ich will es tun, antwortete er, nur fehlt der
Sache eigentlich die Pointe, das heit die Erklrung, aber wahr ist sie, darauf
kann ich einen Eid leisten. Wir waren auf dem Atlantik und trieben bei fast
vlliger Windstille langsam dahin. Ich hatte gerade die Wache am Ruder, ungefhr
um fnf Uhr morgens, da erhielt pltzlich das Schiff einen Sto, da ich beinahe
gefallen wre, und da alles an Bord aus dem Schlaf auffuhr. Zugleich rumorte
und tobte es in dem stillen Wasser; weie Schaumblasen kruselten sich am Bug,
whrend die Wellen langsam wieder ruhiger wurden. Wir sahen uns mit bangen
Gesichtern an, und dann ging es ans Untersuchen. Es wurde alle Stunden gepeilt,
aber kein Tropfen Wasser war in das Schiff hineingekommen. Erst als es spter
zur grndlichen berholung auf der Werft lag, sah ich, woher der Sto gekommen
war. In dem gekupferten Boden steckte bis zur Lnge von fnfzehn Zentimeter ein
Horn von der Dicke eines starken Mnnerarmes. Es war abgebrochen, und vielleicht
hatte der rasende Schmerz das unbekannte Tier zu so starken Bewegungen
getrieben, da sich die Wellen ringsum auf bumten. Jedenfalls mu es ein
riesenhaftes Geschpf gewesen sein, das einen so sprbaren Anprall verursachen
und den Boden des Schiffes fnfzehn Zentimeter weit durchbohren konnte. Der
Kapitn hat das Horn spter berall gezeigt und bei vielen Mnnern der
Wissenschaft angefragt, aber niemand kannte es.
    Robert berhrte den Arm des alten Mannes. Haben Sie es? fragte er mit
leuchtenden Augen. Ich mchte es so gern sehen.
    Der Zimmermann schttelte den Kopf. Es ist in England geblieben, sagte er
bedauernd. Da ich dir aber diesen Wunsch nicht erfllen kann, so wollen wir
dafr vielleicht einen Gang durch unsere Maschinensle machen, mein Junge. Ich
will dir ein eisernes Schiff zeigen, das ist mehr wert. Den Grund des Meeres
werden wir nicht erforschen, so wenig wie den Mittelpunkt der Erde oder den
Weltenraum. Aber die Welt, in der wir leben und die uns Brot geben soll, mssen
wir mglichst genau kennen lernen, vor allem da, wo wir unseren Lebensberuf
ausben. Kannst ja vielleicht auf hoher See einmal einem solchen
Tiefseeungeheuer begegnen, wie damals unser Fahrzeug - wer wei? Willst du jetzt
das eiserne Schiff sehen?
    Robert glaubte, da ihn der Zimmermann necken wolle. So dumm bin ich nun
aber nicht mehr, erwiderte er. Wie knnte denn Eisen schwimmen?
    Der Alte und auch Georg lachten herzlich. Komm nur mit, wenn du auch recht
klug bist, zu lernen findet sich doch noch immer etwas.
    Robert fhlte, da er errtete. Ob es doch mglich war, da Eisen schwmme?
- Schleunigst folgte er den beiden anderen und kam nun mit ihnen an einen
schmalen Arm der Elbe, wo ein eben vollendetes kleines Dampfschiff lag, ein
Schraubenschiff und ganz aus Eisen, in blaugrauer Farbe, mit schlanken, schnen
Linien. Der Junge sah deutlich die einzelnen Eisenplatten und ihre Vernietungen.
Die Sume der oberen Platten griffen ber die darunterliegenden, deren Dicke
hchstens drei Millimeter betragen mochte.
    Ach, rief Robert, also es schwimmt, weil es so dnne Platten hat? Ja
natrlich -
    Das wutest du nicht! lachte der Alte. Na, gib dich gefangen. Es ist
nicht das letztemal, da du deine Unwissenheit eingestehen mut. Und was die
dnnen Platten betrifft, so habe ich schon Schiffe mit zentimeterdicken Platten
gesehen, wie zum Beispiel unsere jetzigen Panzerfregatten. Und wie das mglich
ist, will ich dir genau auseinandersetzen. Jeder Krper schwimmt berhaupt nur
dann im Wasser, wenn sein Gewicht kleiner ist, als das der Wassermenge, die er
verdrngt. Ob ich also das hlzerne Schiff mit Eisen belade, oder ein Fahrzeug
ganz aus Eisen baue, das mu sich in seinen Folgen vollkommen gleich bleiben.
    Robert hatte aufmerksam zugehrt. Das habe ich verstanden! rief er. Wenn
man nur ein wenig nachdenkt und sich eine Sache in ihren Einzelheiten vor Augen
fhrt, dann scheint alles einfacher und selbstverstndlicher.
    Siehst du! nickte lchelnd der Alte. Das ist das groe Geheimnis allen
Lernens. Nicht in sich hineinreden lassen mu der Mensch, sondern mit offenen
Augen sehen und selbst denken, sonst bleibt das Ganze nur an der Oberflche und
wird nie groen Nutzen stiften knnen. Jetzt geht mit, wir wollen uns auch das
Innere ansehen.
    Sie stiegen, nachdem die Laufbrcke passiert war, eine hbsche gewundene
Treppe hinab, und nun sah Robert den Dampfkessel. Ein langes, dickes Rohr ging
vom Kessel aus und teilte sich in zwei Arme, von denen jeder in einen
gueisernen Zylinder mndete, dem er den im Kessel erzeugten Dampf zufhrte.
    Der Zimmermann nahm von einem dieser Zylinder den Deckel herab, so da der
Kolben sichtbar wurde, auf den der Dampf seine unmittelbare Wirkung ausbt,
indem er bald von oben, bald von unten in den Zylinder einstrmt und so die
stndige Bewegung verursacht. Fest verbunden mit diesem Kolben ist eine
Kolbenstange, welche die mit einem Gelenk versehene Pleuelstange aufnimmt. Diese
bersetzt die hin- und hergehende Bewegung des Kolbens in eine drehende, die
wiederum durch die Kurbeln auf die Schraubenwelle bertragen wird und so die
Schiffsschraube in Gang bringt.
    Robert begriff das alles weit leichter, als er es fr mglich gehalten
htte, und folgte mit groem Interesse jetzt auch seinen Begleitern durch die
Maschinensle. Es war fast vier Uhr nachmittags, als sich die beiden nach einem
herzlichen Abschied von dem alten Zimmermann mit der Dampffhre wieder nach
Hamburg bersetzen lieen. Robert meinte etwas kleinlaut, da er sich vor diesen
Husermassen wirklich frchte. Es bleibe ja fr Menschen gar kein Platz mehr.
    Georg zog ihn am Arm mit sich fort, den Baumwall entlang bis zu den
Vorsetzen. Ich bin fast ohnmchtig vor Hunger, sagte er. La uns nur erst
einmal das Wirtshaus erreichen, das ich suche. Hier herum mu es sein.
    Er berflog die vielen Wirtschaftsschilder und schien es dann entdeckt zu
haben. Aha, da wre ja der Fliegende Hollnder! sagte er. Komm nur, da wir
jetzt erst etwas essen.
    Er fhrte den Jungen in eine niedere, unsaubere Gaststube, deren Besitzer
hinter dem Schenktisch stand und die Grogglser fllte, die ein kleiner
Kellnerjunge unablssig den spielenden und rauchenden Matrosen bringen mute.
Das Zimmer war Kopf an Kopf von Gsten besetzt, und Wrfel und Karten gingen aus
einer Hand in die andere. Man hrte berlautes Lachen, Flche und Ausrufe in
fremden Sprachen. Spanier, Englnder und Schwarze saen hier, in verworrenstem
Kauderwelsch durcheinander schreiend, neben den Hamburgern, die in breitem Platt
mit ihren Kameraden sich unterhielten. Alles sang und lachte, fluchte und
lrmte.
    Der Wirt war ein untersetzter Mann mit kurzem, dickem Hals und riesenstarken
Armen, die in schmutzigen Hemdsrmeln steckten. Auf borstigen, fuchsroten Haaren
sa im Nacken eine schmierige Mtze, und die Augen lagen lauernd in
blutunterlaufenen tiefen Hhlungen.
    Sieh da, auch mal wieder da? redete er Georg an. Wen bringst du mir da,
mein Junge? Auch ein Frchtchen von deiner Art oder eine junge, unschuldige
Landratte, die Seewasser kosten will? Da, fangt erst mit einem Glas Genever an.
Und damit bot er Georg das Glas mit dem brennenden Getrnk an, das Robert mit
Widerwillen ausschlug.
    Der Seiler winkte dem Wirt verstohlen mit den Augen. Ein Freund von mir,
dem ich Hamburg zeigen will; bei Ihnen wollen wir erst einmal etwas Vernnftiges
essen.
    Damit bestellte er bei dem Kellner zwei Portionen Beefsteak mit Kartoffeln
und zwei Glas Bier, was auch sehr bald kam, und worber sich die beiden mit dem
ganzen Appetit der Jugend hermachten. Als sie satt waren, drngte Robert zum
Fortgehen. Der Matrose vom Blitz hatte gewi recht, wenn er ihn vor dieser Art
Schenken eindringlich warnte, denn was er sah, das konnte ihm durchaus nicht
gefallen, und vor dem Wirt empfand er geradezu Widerwillen.
    Es ist einer von denen, die gekielholt werden mten, dachte er.
    Georg stand auf und knpfte die Jacke zu. Bleib noch einen Augenblick
sitzen, sagte er, ich mchte mit dem Wirt noch ein paar Worte sprechen. Der
Mann ist ein alter Freund von mir.
    Robert machte groe Augen. Der? sagte er.
    Nun, warum nicht? fragte mit ungewohnter Schrfe der Seiler. Ein solcher
Wirt kann nicht mit Lackstiefeln herumgehen wie ein groer Herr. Er mu hufig
genug die streitenden Gste selbst auseinanderbringen und dazu dauernd die
Glser splen. - Peter Volland ist ein kreuzbraver Mann, sage ich dir.
    Und mit diesen Worten ging Georg, um hinter dem berschwemmten Schenktisch
den Wirt aufzusuchen. Robert sah, da sich die beiden wie alte Bekannte
begrten, und da die Worte seines Freundes den stmmigen Schenkwirt uerst
angenehm zu berhren schienen. Ein wiederholtes Kopfnicken, eine Handbewegung
und der ganze Ausdruck des Gesichtes sagten deutlich, als habe er laut
ausgerufen: Ja! Jawohl, ganz gewi!
    Dann folgte, halb versteckt hinter einer groen braunen Kanne, eine
Fingerbewegung, die des Zhlens. Jetzt nickte Georg, und die beiden Vertrauten
trennten sich. Der Seiler kam wieder in das Schenkzimmer.
    So, rief er, nun la uns gehen, Kleiner. Jetzt sollst du auf dem Weg zum
Altonaer Bahnhof noch die Lden der Schiffshndler kennen lernen. Pa nur auf,
es beginnt gleich hier in der Nhe.
    Was hattest du mit dem Wirt? fragte Robert. Ihr beide spracht und tatet
so, als httet ihr einen Handel abgeschlossen.
    Der Seiler lachte etwas gezwungen. Einen Handel? Dummes Zeug, Junge. Sieh
her, hast du schon einmal solche Ankerketten gesehen und solches lzeug? -
    Er zog Robert von Schaufenster zu Schaufenster und lie ihn alles bewundern.
Der ganze Weg neben der Hafenmauer fhrte an Lden und Werksttten vorber, die
mit der Seefahrt in unmittelbarer Berhrung standen. Auer den zahllosen
Matrosenschenken und groen Auswandererhusern gab es da die Niederlagen der
Anker- und Kettenschmiede, Tauwerks-, Teer- und Farbenhandlungen, die
Werksttten der Blockdreher und Segelmacher, die Lden mit Schiffsproviant,
Auswandererbedarf und lzeug, dann die Geschfte der Makler, Agenten und
Ballastlieferanten, und hundert andere mehr.
    An der unbebauten, dem Strom zugekehrten Seite der Strae befanden sich
viele alte hlzerne, nach hollndischer Art gebaute oder eiserne Krne und
Winden, dann fhrten Treppen in kurzen Zwischenrumen hinunter an das Wasser,
und an schweren Ketten lagen die zahlreichen Jollen, die hier zwischen Schiffen
und Ufer einen ununterbrochenen Verkehr herstellten. In der Strae selbst wogte
es von Hafenarbeitern und Seeleuten aller Rassen, von Ewerfhrern,
Schauerleuten, Jollenfhrern, Agenten der Schiffshndler und Makler. Hier sprach
man alle Sprachen, hier kannte man alle Mnzen der Welt. Hart an den Vorsetzen
lagen Torf- und Kartoffelewer von der Unterelbe, die einen bedeutenden Teil des
Bedarfs an diesen Artikeln in die Stadt bringen. berall lebte und webte auf
jedem Fubreit der schmalen Strae das geschftige Treiben einer Hafenstadt,
berall regte sich der Handel nach allen Lndern der Welt.
    Es war fr den Seiler keine leichte Aufgabe, seinen jungen Freund vorwrts
zu bringen. Zwanzigmal blieb er stehen, um dies oder das zu bewundern oder eine
neugierige Frage zu stellen. Er wollte alles sehen und alles wissen. Nur sehr
ungern trennte sich der Junge von der Wasserseite Hamburgs und folgte dem Freund
durch St. Pauli wieder zurck nach Altona. Nun haben wir aber auch alles
gesehen! sagte er zufrieden.
    Der Seiler lchelte halb spttisch. Und die Museen, mein Junge, und der
Zoologische Garten? - Aber ich denke, wir machen noch manche kleine Reise
zusammen, fgte er hinzu. Wenn die Geschichte nur nicht so teuer wre.
    Was hat uns der Tag gekostet? fragte Robert.
    Hm, wenn wir wieder in Pinneberg angelangt sind, so ist die Tasche leer.
Aber du hast ja noch Vorrat in der Sparbchse.
    Robert antwortete nicht. Er mute die vielen neuen Eindrcke dieses Tages
erst in sich verarbeiten, bevor irgend etwas anderes seine Aufmerksamkeit
fesseln konnte. Unterwegs im Wagen legte er die heie Hand auf Georgs Arm. La
uns gleich, wenn der Zug hlt, wieder umkehren, sagte er, ich kann es doch
nicht ertragen - nun erst recht nicht.
    Der Seiler zuckte die Achseln. Httest besser zugreifen sollen, flsterte
er, Daumen und Zeigefinger mit einem bedeutsamen Blick gegeneinander reibend.
Ohne das kann man in der Welt keinen Schritt vorwrtskommen.
    Robert sprach kein Wort mehr, aber er ging, nachdem er auf Umwegen nach
Hause geschlichen war, gleich ins Bett, ohne vorher zu essen oder seiner Mutter
irgend etwas zu erzhlen. Er wollte nur ungestrt an das, was er gesehen hatte,
denken.
    Am folgenden Tag mute die Arbeit, die der Vater fr seinen Sohn und
Lehrling zurckgelassen hatte, in aller Eile fertig gemacht werden, aber es
fielen diesmal viele Trnen darauf. Wenn mich so alle diese krftigen Seeleute
sehen knnten, dachte er, die Glcklichen, die in Wind und Wetter drauen ihre
Arme brauchen drfen, whrend ich die Nhnadel halten mu!
    Der Alte fand auch, als er nach seiner Rckkehr jeden Stich musterte, die
Arbeit schlecht und sparte daher nicht mit Zurechtweisungen. Zur Strafe
beschrnkte er die freie Zeit seines Jungen, so da Robert nur hchst selten mit
Georg einmal vertraulich sprechen oder an dem Holzklotz, den er sich heimlich in
einen Winkel des Heubodens geschafft hatte, ein paar Minuten meieln konnte.
    Das Buch des Matrosen vom Blitz gab ber alles genaue Auskunft und war so
verstndlich geschrieben, da es gar keine Kunst mehr schien, nach diesen
Anweisungen selbst ein kleines Schiff zu bauen. Robert hatte sich in seinem
Versteck eine richtige Werkstatt eingerichtet, denn die Mutter verriet ja
nichts, und der Vater kam nie dort hinauf. Zwar schttelte Frau Kroll den Kopf
und meinte, das werde noch einmal ein Unglck geben, wenn es der Vater erfahren
sollte, aber Robert kehrte sich nicht daran. In seinem Vater sah er ja schon
lngst den Feind, dessen er sich mit allen Mitteln zu erwehren suchte. Und Georg
schrte das Feuer, wo er konnte. Robert lieferte jetzt kein empfangenes
Trinkgeld mehr ab, stahl fr seinen Freund aus der Speisekammer der Mutter alles
Ebare und hatte auch schon mehrere Male wieder mit Hilfe von Georgs
Nachschlssel den Geldkasten des Vaters bestohlen oder von seinem Eigentum ein
paar Taler verbraucht, wie es der Seiler nannte. Alles das machte ihm kaum
Gewissensbisse. Wenn der Vater gewollt htte wie er, wenn er kein Tyrann gewesen
wre, so wrde es ja nie geschehen sein, aber durch diese Halsstarrigkeit, diese
Ungerechtigkeit trug er ja an allem selbst die Schuld.
    Schalt er, so hie es: Ich will ja doch kein Schneider werden. Habe ich
ausgelernt, so gehe ich auf und davon.
    Natrlich zog nach solchen Auftritten der Vater die Zgel nur immer
straffer, und das Verhltnis zwischen ihm und seinem Sohn wurde immer
schlechter. Robert hatte jetzt, als das Wetter anfing kalt zu werden, den
Schiffbau oben in der Ecke des Heubodens soweit vollendet, da er mehrere
Kleinigkeiten einkaufen mute, um weiterarbeiten zu knnen, aber es fand sich
dazu leider kein Geld, und auch der Seiler erklrte, keins zu haben.
    Nimm es doch, du weit doch, wo es liegt, sagte er hhnisch.
    Aber Robert schttelte den Kopf. Was ich in der Sparbchse hatte, ist
verbraucht, antwortete er, und das brige gehrt mir nicht.
    Dabei blieb es. Georg sah zu seinem grten rger, da Robert nicht
umzustimmen war, aber er verbarg die Enttuschung und half ber alle
entstehenden kleinen Verlegenheiten beim Bau so gut wie mglich hinweg. Man
konnte jetzt das zuknftige Schiff schon ganz deutlich erkennen.
    Da traf es sich, da Robert an einem Sonntag ausgeschickt wurde, um in einem
ziemlich entfernten Dorf Arbeit abzuliefern, und als er zurckkam, sah er die
Mutter bitterlich weinend am Herd sitzen. Nichts Gutes ahnend, fragte er sie
nach dem Grund ihrer Trnen.
    Geh fort, flsterte ngstlich die alte Frau, la dich beim Vater nicht
sehen. Er ist furchtbar erzrnt.
    Der Junge wurde rot vor Aufregung. Hat er mein Schiff gefunden, Mutter?
stammelte er.
    Die Alte nickte unter ihrer vorgehaltenen Schrze. Ja! - Ach ja!
    Robert flog zum Heuboden. Alles fort, das Buch, das Gert, die Hobelbank,
die er sich mit Georgs Hilfe selbst gebaut hatte, und vor allem sein geliebtes
halbfertiges Schiffchen, der beste Schatz, den er besa.
    Wo mochte es der Vater gelassen haben?
    Dieser Gedanke nahm ihm den Atem. Wenn das Schiff - sein Blitz - zerstrt
wre!
    Er sprang wieder in den Hof hinab und strmte an der weinenden Mutter
vorber in das Wohnzimmer. Da jetzt alles entdeckt war, konnte ihm ja weder
Zgern noch Leugnen helfen.
    Der Alte stand kerzengerade mitten in dem kleinen Raum, und neben ihm auf
dem Tisch lag ein schlankes, eben erst aus der Haselnuhecke geschnittenes
Stckchen. Roberts ganze Einrichtung mit allem, was dazu gehrte, stand und lag
auf dem Fuboden. Der alte Schneidermeister sah aus wie ein Toter.
    Seine und seines Sohnes Augen begegneten sich in einem festen, langen Blick.
Der Starrsinn und die unbeugsame Art des Vaters fanden ihren Widerhall in dem
Jungen, der bla aber unbeirrt vor dem erzrnten Mann stehen blieb. Minutenlang
herrschte drckendes Schweigen, das nur durch die leisen, bittenden Worte der
Mutter zuweilen unterbrochen wurde, dann aber streckte der Meister die Hand aus.
Wem gehrt das da? fragte er, auf Roberts Schiff deutend.
    Mir, Vater, und ich will es auch behalten.
    Still. Von wem hast du das Buch und das Gert bekommen?
    Robert hatte sich auf diese Frage bereits vorbereitet. Die Lge flte ihm
ja schon lngst keinen Widerwillen mehr ein. Von Georg, erwiderte er ruhig.
    Das ist nicht wahr! brauste der Alte auf. Solch ein Bettelbube, den der
Seiler, nur weil es ihm so schlecht geht, berhaupt in Arbeit behlt, der kann
nichts verschenken. Antworte, woher du es hast.
    Von Georg. Und willst du mir nicht glauben, so la es, darum kmmere ich
mich nicht.
    Der Schneider stutzte und lie die Hand sinken. Ich glaube, da du die
Wahrheit sprichst, sagte er nach einer Pause, denn so dreist lgen knnte mein
Sohn nicht. Ich wenigstens habe es, solange ich lebe, nicht gekonnt.
    Robert ertrug mit uerer Ruhe den Blick, der diese Worte seines Vaters
begleitete. In ihm strmte es, aber der Trotz hielt jede Rhrung in Schranken.
Er schwieg, ohne sich von der Stelle zu bewegen.
    Wer hat dir die Spielerei erlaubt? fuhr Meister Kroll fort. Du wutest,
welches Unrecht du begingst, sonst wrdest du aus der Sache kein Geheimnis
gemacht haben. Du wolltest deinen Vater betrgen, nicht wahr?
    Ich wollte dir das Schiff nicht zeigen. Wenn du darin einen Betrug
erkennst, so kann ich es nicht ndern.
    Der Alte nickte. Ich wei nun genug, sagte er kalt. Trag das Ding in die
Kche, alles, auch das Buch.
    Vater! - -
    Gehorche! rief rot vor Zorn der Alte. Willst du deinem Vater den Gehorsam
verweigern?
    In diesem Augenblick erschien die Mutter. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff
sie die verschiedenen Gegenstnde und trug sie hinaus auf den Herd. Robert sah
ihr zu, unfhig, jetzt einen Entschlu zu fassen. Sollte er das uerste tun, um
seiner Mutter das geliebte kleine Schiff zu entreien? - Er konnte es nicht,
aber er folgte wie im Traum der alten Frau und sah mit starrem Blick auf den
gefhrdeten Schatz. Der Vater wollte ihn vernichten, das war sicher.
    Und wirklich betrat Meister Kroll die Kche. Er handelte keineswegs im Zorn,
sondern wohlberlegt und mit grter Ruhe; er machte aus der ganzen Sache ein
frmliches Strafgericht. Zuerst warf er das Buch in die Flammen, und dann
ergriff er das Beil und das Schiffchen.
    Robert stie einen lauten Schrei aus. Vater, Vater, ich bitte dich, rief
er, auerstande, noch in diesem verhngnisvollen Augenblick zu schweigen, ich
bitte dich, la mir das Schiff. Es ist meine einzige Freude.
    Der Alte schttelte den Kopf. Gerade darum, entgegnete er nachdrcklich.
Liebtest du dein Fach, und wrest du ein fleiiger, gehorsamer Lehrjunge, so
wrde ich dir gern fr deine Freistunden eine harmlose Spielerei erlauben. Hier
aber handelt es sich um viel Ernsteres, und die Strafe soll so tief treffen, da
du sie nie wieder vergit.
    Er hob die schwere Axt - es war dem Jungen, als wrde er selbst getroffen -
und der Schlag fiel drhnend in den fertigen Rumpf des Schiffchens. Ein
klaffender Spalt hatte es der Lnge nach getrennt.
    Robert wandte sich ab. Seine Fuste waren geballt, seine Lippen, zuckten und
aus den Augen brachen Trnen, aber er beherrschte sich doch - er versuchte keine
Gegenwehr.
    Die Trmmer des zerstrten Baues flogen ins Feuer, die brigen Holzstcke in
den Winkel, und das Gert packte der Alte auf den Schrank. Das war eins, sagte
er, und nun geh ins Zimmer, Junge. Wir sprechen uns weiter.
    Robert gehorchte schweigend. Mochte der Vater tun oder lassen, was er
wollte, das schien jetzt nach dem Verlust des Schiffchens und des Buches ganz
gleichgltig, wenigstens glaubte es der Junge, aber er sollte sich tuschen.
    Meister Kroll rief auch die Mutter ins Zimmer. Hre, wandte er sich an
seinen Sohn, was ich dir zu sagen habe. Nach meiner ursprnglichen Absicht
solltest du in drei Jahren zum Gesellen gemacht und vom Lehrling losgesprochen
werden, aber das hast du nun nicht mehr verdient. Deine Lehrzeit soll erst um
sein, wenn du neunzehn bist, - sie ist auf vier Jahre erhht worden. So, das
sagte ich dir als Meister, und nun kommt der Vater. Zieh die Jacke aus.
    Der Junge hatte wie ein Gerichteter die schrecklichen Worte des Alten ber
sich ergehen lassen, fast unfhig, den neuen Schlag in seiner ganzen Schwere
gleich zu fhlen, - jetzt aber richtete er sich pltzlich auf. Alles Blut scho
ihm ins Gesicht.
    Vater, du willst mich schlagen? prete er hervor.
    Das will ich, wie es meine Pflicht ist. Zieh die Jacke aus.
    Robert trat hastig zurck. Du darfst mich nicht schlagen, Vater, rief er
auer sich, du darfst es auf keinen Fall, denn ich bin konfirmiert. Tu es
nicht, Vater.
    Aber der Alte zog ihn mit einem einzigen Griff zu sich. Ist es schon so
weit gekommen, rief er, will der junge Hahn gegen Gott und Menschen krhen,
was? - Ich sollte meinen Jungen nicht mehr schlagen drfen, nur weil er kein
ABC-Schtze mehr ist? Wehre dich gegen deinen Vater, du Taugenichts, wenn du den
Mut dazu findest.
    Die Schlge fielen schwer und dicht auf den Rcken des Jungen. Robert fhlte
etwas wie eine Erstarrung, einen schweren Schmerz, aber er ertrug die
Bestrafung, ohne seine Krfte dem Vater entgegenzusetzen; er wute, da jetzt
sein Entschlu feststand, da diese Stunde zwischen ihm und dem Vater das letzte
Band zerschnitten hatte.
    Er sprach keine Silbe, als der Vater den Stock in die Ecke warf und ihm
sagte, da er nun gehen knne. Er hrte es kaum.
    Als aber der Abend kam, schlich er sich hinaus und suchte seinen Freund.
Schluchzend vor Gram und Zorn stammelte er in abgebrochenen Lauten die
Geschichte dieses Tages. Auch ohne die tiefe Dunkelheit ringsumher wre er zu
erregt gewesen, um Georgs triumphierendes, zufriedenes Lcheln bemerken zu
knnen. Ich will fort, schlo er, jetzt um jeden Preis und lieber heute als
morgen. Georg, hilf mir, da ich ein Schiff bekomme.
    Der Seiler zuckte die Achseln. Nichts leichter als das, antwortete er,
nur mut du Geld beschaffen. Ich besitze gar nichts.
    Robert nickte. Es ist gut, sagte er, ich will es tun. Der Vater sieht
mich nie im Leben wieder, also kann er wohl fr seinen Sohn das letzte Opfer
bringen. Wieviel brauche ich?
    Hm, je mehr, desto besser. Greif nur tchtig hinein, denn das Seezeug
kostet schweres Geld. Inzwischen werde ich Erkundigungen einziehen, wann ein
Schiff ausluft, das dich brauchen kann.
    Der Junge erschrak. Bei Peter Volland? fragte er.
    Ja, bei ihm. Er kennt alle Kapitne und alle Agenten, auerdem ist er mein
bester Freund, der gewi fr dich tun wird, was in seiner Macht steht. Dein
Entschlu ist also bestimmt gefat?
    Ganz bestimmt, erklrte Robert. Wrdest du dir solche Behandlung gefallen
lassen, Georg? - Ich glaube kaum.
    Der Seiler lachte spttisch. Wirklich nicht, antwortete er.
    Ich wre schon lngst auf und davongegangen - aber du hattest ja nie dazu
den Mut.
    Robert dachte an die erlittene Strafe und ballte noch jetzt die Faust. Ich
habe Mut, flsterte er, besorge du nur ein Schiff, hrst du?
    Der Seiler versprach, noch am gleichen Tag an den Hamburger Baas zu
schreiben; und wirklich brachte er auch nach kurzer Zeit einen Brief, in dem
Peter Volland schrieb, da das hollndische Schiff Antje Marie zur Abfahrt
bereit im Hafen liege. Kapitn van Swieten sucht gerade einen Jungen, schlo
er, und wenn dein Freund zur rechten Zeit eintrifft, so kann er die Stelle
bekommen.
    Robert jubelte laut. Aber du gehst mit, Georg, bat er, du zeigst mir die
notwendigsten Wege und hilfst beim Einkaufen, nicht wahr?
    Der Seiler nickte. Kannst dich darauf verlassen, Junge. Sei nur guten
Mutes, jetzt ist dein Glck gemacht, wenn du das Geld erst hast.
    O - darum sorge dich nicht. Morgen abend ist bei meiner Tante Christine
eine Geburtstagsfeier, und dahin gehen meine Eltern. Ich habe also Zeit genug,
den Kasten zu ffnen.
    Nimm ungefhr sechzig Taler, rief Georg. Das brauchst du bestimmt.
    Robert nickte und arbeitete dann am folgenden Tag Seite an Seite mit dem
Vater, ohne ein Wort zu sprechen. Meister Kroll hatte ihm gesagt, da er erst
wie ein gutes Kind um Verzeihung bitten msse, und dagegen strubte sich sein
Trotz. Ich bin mir keiner Schuld bewut, dachte er, warum sollte ich also
nachgeben.
    Der Tag schien endlos, aber er ging doch zu Ende, und aufatmend sah Robert
die Eltern fortgehen. Der Vater sprach ja nicht mit ihm, nur die Mutter hatte
leise gebeten, er mchte nicht fortlaufen, sondern auf alles achtgeben.
    Und nun war er allein. Aber noch wachte alles auf der Strae und in der
Nachbarschaft, noch konnte er den Raub nicht ausfhren, er wagte kaum, daran zu
denken. Seine Hand ftterte die Tiere im Hof, gab der Kuh das Heu und den
Schweinen ihre wenig appetitliche Brhe aus Kchenabfllen und Schrot. Es war
ihm ganz eigenartig zumute. In den wenigen Worten zum letzten Male liegt ja
immer etwas Herzbeklemmendes, und wenn das Gewissen unruhig vor der Zukunft
warnt, so ist es doppelt schwer, der Entscheidung fest entgegen zu sehen. Robert
glaubte, da die Tiere noch niemals so zutraulich gegen ihn gewesen waren, da
er die enge kleine Heimat seiner Eltern noch nie so lieb gehabt hatte wie an
diesem Abend. Er streichelte Pikas, den alten zottigen Hund, kraute die Kpfe
der Ziegen, Trne auf Trne fiel ber sein Gesicht herab.
    Er wollte fort, der Entschlu wankte keinen Augenblick; ihn lockte die See
und die Ferne, aber dennoch -
    Er erschrak, als Georgs Schatten seine Stirn streifte. Hast du's? fragte
der Seiler.
    Robert schttelte sich wie im Fieberfrost. Er reichte dem Freund das
Werkzeug, das er in der Tasche getragen hatte, und wandte den Blick ab. Du,
sagte er, mir ist das alles anvertraut, ich soll es vor Spitzbuben behten, da
kann ich unmglich den Kasten selbst erbrechen. Tu du es fr mich.
    Der Seiler horchte auf. Jhe Rte berflog sein blasses Gesicht, seine Augen
funkelten. Ich? sagte er. Aber mir gehrt ja das Geld nicht.
    Einerlei. Ich - na, nenne mich ruhig feige, Georg, aber ich habe den Mut
nicht. Ich kann kein Geld stehlen. Das frhere war mein Eigentum.
    Der Seiler lachte leise. Bist ein Kind, spttelte er, bist ein
Muttershnchen, das sich vor seinem eigenen Schatten frchtet. Aber gut - ich
will hingehen und die sechzig Taler nehmen. Ist vorn an der Strae die Tr
verschlossen?
    Ja. Auch die Lden habe ich vorgelegt.
    Das war richtig. Pa nur hier gut auf, da niemand kommt.
    Die schlanke Gestalt schlpfte ins Haus, und Robert horchte atemlos. Wenn
jetzt jemand klopfte, wenn zufllig die Eltern zurckkamen!
    Der Angstschwei drang aus allen seinen Poren. Er stand auf dem Sprung, sich
bei dem ersten Laut ber den Zaun ins Freie zu retten. Mute denn nicht jeder
sehen knnen, da er ein Verbrecher war, da er den Dieb in das Haus eingelassen
hatte? -
    Schleichende Schritte kamen ber den Hof. Georg sah im Mondschein noch
bleicher aus als gewhnlich. Er war verwirrt, er schien zu zittern.
    Da, raunte er, aus seiner Mtze die blanken Taler in Roberts Hnde
schttend, da. Es ist doch merkwrdig, und man wird ein Hasenfu dabei.
    Robert schob das Geld zurck. Behalte es, antwortete er. Du sollst ja fr
mich einkaufen, ich mag es nicht anrhren.
    War niemand in der Nhe? flsterte Georg.
    Kein Mensch. Also morgen abend um halb sieben Uhr fahren wir nach Altona?
    Der Seiler wog das Geld in der Hand. Hm, meinte er, diesmal mssen wir zu
Fu gehen. Man knnte uns sehen, und die Geschichte wre verraten. Bist du erst
einmal bei Peter Volland, so la sie dich nur suchen, dann hat es keine Not
mehr.
    Robert strich das verworrene Haar aus der Stirn. Er bekmpfte mit Mhe die
Bewegung, die ihn durchzitterte. Du, sagte er, das ist so, wie es der Lehrer
in der Schule erzhlte, weit du, von dem groen Ferdinand Cortez, der hinter
sich die Schiffe verbrannte! Damals habe ich das gar nicht so recht verstanden,
aber nun ist mir alles klar geworden. Und ich bin gerade in der gleichen Lage,
nur da ich nicht andere vorwrtstreibe, sondern mich selbst. - Wir gehen also
bestimmt um sechs Uhr abends von hier fort?
    Was mich betrifft, ja! antwortete Georg.
    Und mich, verla dich darauf.
    Der Seiler kroch durch die Hecke, und Robert ging mit zaghaften Schritten in
das Schlafzimmer. Mute es denn nicht an dem Schrank zu sehen sein, da ihn
diebische Hnde geffnet hatten? Muten nicht alle die stummen Zeugen der
schlechten, ehrlosen Tat sich anklagend gegen den Sohn erheben, der seines
Vaters Geld gestohlen hatte?
    Ein scheuer Blick streifte die Umgebung, selbst nach Fuspuren suchte
Roberts bses Gewissen, und gengstigt ging er im Dunkeln zu Bett, aber ohne die
Augen schlieen zu knnen. Vielleicht, wenn er einschlief, kam ja der Vater,
suchte zufllig in dem eisernen Kasten irgendein Papier und entdeckte alles. Er
durfte nicht ruhen, seine eigene Sicherheit gebot ihm zu wachen.
    Die Eltern kamen ziemlich spt nach Hause, und Robert fhlte hinter den
gesenkten Wimpern einen schwachen Lichtschein, der sein Auge traf. Meister Kroll
schtzte das Licht mit der Rechten, als er sich ber den regungslosen Jungen
herabbeugte. Robert hrte einen unterdrckten schmerzlichen Seufzer.
    Mutter, sagte der Alte, es ist doch eigentmlich. Nun habe ich seit acht
Tagen kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen, aber das rhrt ihn nicht. Robert
ist verstockt, er fhlt fr seine Eltern keine Liebe.
    Der Lichtschein erlosch, und der Junge bi in das Kissen, um nicht laut zu
weinen. Oh, wre er erst weit fort von hier, damit diese schrecklichen Qualen
aufhrten. Er hatte sich die Sache so leicht gedacht, so herrlich und
beglckend, jetzt dagegen fhlte er es wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen.
    Was die Mutter antwortete, das hrte er nicht. Halb von wirren Trumen
geschreckt, halb unruhig wachend, verbrachte er die Nacht. Jetzt endlich war ja
der letzte Morgen angebrochen, und es dauerte nur noch Stunden, bis die Erlsung
schlug. Er zog seinen besten Anzug an, steckte Kleinigkeiten, die ihm besonders
lieb waren, in die Tasche und nahm ein Buch, scheinbar um zu lesen, in
Wirklichkeit aber, um gedankenlos ber die Bltter hinweg ins Leere zu sehen.
Wenn ihn doch der Vater nur einmal angeredet, nur eine, wenn auch noch so
geringfgige Bemerkung gemacht htte, dann war es eine Art von Abschied, eine
halbe Vershnung, aber es geschah nichts. Stunde um Stunde verstrich; es schlug
eins, zwei, man trank Kaffee, und der Alte las die Zeitung wie gewhnlich, die
Mutter sa im Sonntagsstaat strickend am Fenster, und die Uhr hinter dem Ofen
tickte eintnig. Drei - vier - fnf - jetzt mute der Entschlu gefat werden.
    Darf ich ein bichen fortgehen? fragte halblaut der Junge.
    Meister Kroll blickte auf. Du fragst, als httest du whrend der Woche
deine Pflicht getan und dich wie ein gutes Kind betragen, antwortete er langsam
und nachdrcklich. Glaubst du wirklich, ein Vergngen verdient zu haben?
    Robert schwieg. Er fhlte den alten Trotz mit neuer Gewalt erwachen. Warum
mute der Vater jeden Augenblick benutzen, um Moral zu predigen, warum konnte es
in seiner Gegenwart keine Freude, keine Freiheit geben? Es drckte wie ein Alp,
das ernste, grbelnde Wesen des Alten, der von den Wnschen und den Neigungen
eines Jungen nichts mehr zu wissen schien, ja, der das alles vielleicht nie im
Leben gekannt hatte.
    Ein Pause verging, dann erhob sich Meister Kroll vom Stuhl. Deine Tante
Christine erkundigte sich gestern, warum wir dich nicht mitgebracht htten,
sagte er, doch als ich ihr die Grnde auseinandersetzte, stimmte sie mir
vollkommen bei. Sie schickt dir aber, damit du an ihrem Geburtstag nicht
vergessen seist, diesen Taler, den ich in deine Sparbchse stecken werde.
Natrlich gehst du hin und bedankst dich.
    Er suchte in der Tasche den Schlssel zum Schrank und schlo auf. Jetzt
zeigte sich der eiserne Kasten.
    Robert stand wie gelhmt. Es brauste in seinen Ohren, seine Hnde sanken
schlaff herab, und alles Blut war aus seinen Wangen gewichen. Jetzt stand die
Entdeckung unmittelbar bevor, jetzt sah der Vater die leere Sparbchse und
vielleicht sogar auch den Raub, der an seinem Geld begangen worden war - -
    Noch eine Minute, dann hatte er den Kasten geffnet - -
    Roberts Knie zitterten. Er war halb bewutlos.
    Da wandte sich der Alte um. Es ist einerlei, sagte er, den Schrank wieder
schlieend, ich habe meinen Schlssel in dem andern Rock stecken lassen. Der
Taler gehrt dir, du weit es jetzt. Und nun geh meinetwegen, aber um zehn Uhr
bist du zu Hause, das la dir gesagt sein.
    Er vertiefte sich wieder in die Zeitung und bemerkte daher nicht, da Robert
wie ein Betrunkener aus dem Zimmer wankte. Alles drehte sich vor seinen Augen,
wohin er blickte, sah er den offenen Geldkasten, wie gepeitscht entfloh er dem
elterlichen Hause.
    Die Gefahr war ihm so nahe gewesen, so furchtbar nahe, da er sich fast
betubt fhlte. Also das sollte der Abschied sein? -
    Aber daran durfte er jetzt nicht denken. Nur fort, fort. Der Boden brannte
ihm unter den Fen.
    Er ging dem Seiler entgegen und traf ihn gerade, als er mit einem ziemlich
groen Bndel unter dem Arm aus dem Haus trat. In der Hand hielt er einen derben
Knotenstock.
    Aha, sagte Georg gutgelaunt, da bist du ja. Weshalb lufst du denn bis
hierher an das Ende von Krhwinkel? Wir mssen ja auf diese Weise an eurem Hause
wieder vorber.
    Robert trieb zur Eile. Das macht nichts, antwortete er. Aber weshalb
siehst du so reisefertig aus? Was soll das schwere Bndel?
    Darum kmmere dich nicht, mein Junge. Es sind nur ein paar berflssige
Kleidungsstcke darin, die ich in Hamburg verkaufen will.
    Er trat an Roberts Seite, und die beiden durchschritten nun schweigend den
stillen Ort. Auf dem entgegengesetzten Brgersteig gehend, sah Robert jetzt zum
letztenmal sein Elternhaus. Durch die herzfrmig ausgeschnittenen Fensterlden
schimmerte das Licht, und Pikas sa vor der Tr. Schweifwedelnd nherte er sich
in Sprngen seinem jungen Herrn.
    Der Junge beugte sich herab, um die Liebkosungen des einstigen
Spielkameraden und Kindheitsgefhrten zurckzugeben. Es wurde ihm weich, so
seltsam weich ums Herz. Wollte ihn Pikas warnen? Wollte er ihm erzhlen von dem
alten Vater, der drinnen im Zimmer den Kopf in die Hand legte und seufzend
fragte: Mutter, wie kann ein Kind so verhrtet sein? - Die Stirn des Jungen
und die Schnauze des Hundes berhrten sich. Leb wohl, Pikas, flsterte Robert,
leb wohl, altes Tier! -
    Aber noch hielt er den Hund fest, noch tnte ihm sein leises Winseln wie das
Weinen einer Menschenstimme ins Ohr. Er konnte sich von dem Lichtschimmer hinter
den Fensterlden nicht losreien, konnte die Trnen nicht zurckhalten, die ber
sein Gesicht herabliefen.
    Da zupfte ihn Georg am rmel. Du, soll der Alte herauskommen und dir eine
neue Tracht Schlge geben? fragte er.
    Robert fuhr auf. Ein ungeduldiger Ruck der Hand wischte die Trnen aus den
Augen. Er streckte den Arm befehlend gegen das Haus. Geh fort, Pikas! sagte
er, seine Stimme zur Festigkeit zwingend, geh fort!
    Der Hund senkte den Kopf und trabte mit langsamen Schritten ber die Strae.
Vor dem Hause stand er still und sah bittend zurck.
    Robert ri sich gewaltsam los. Ein halblautes kusch! befahl dem treuen
Freund sich zu legen, und dann wanderten die beiden jungen Leute in das Dunkel
des Novemberabends hinein. Noch einige wenige Huser, noch hier und da ein Gru,
und hinter ihnen lag der kleine friedliche Heimatort. Der Wind fuhr ber die
Stoppeln und rauschte in den laublosen Zweigen der uralten Eichen am Wege; graue
Wolkenschatten huschten wie Gespenster ber den Himmel.
    Es ist kalt, raunte Georg, knpf deinen Mantel zu.
    Aber die Worte klangen, als htten ihm die Zhne im Munde geklappert.

    Es war nach Mitternacht, und in Peter Vollands Schenke drngten sich Kopf an
Kopf die Gste. Der Sonntag wird ja so gern bis in den Morgen hinein ausgedehnt,
und so ging es auch hier, obwohl sich die Folgen des Trinkens bei mehreren allzu
deutlich zeigten. Diejenigen Matrosen, die auf den Bnken in festem Schlaf
lagen, waren noch am wenigsten lstig, dagegen tobten manche, durch das berma
des Alkohols in streitlustige Laune versetzt, wie die Wilden im Raum herum. Das
Schreien, Singen und Fluchen in allen Mundarten war betubend.
    Besonders ein Spanier, den die andern Gallego nannten, trieb es im Trinken
und Lrmen am schlimmsten. Er war ein mittelgroer magerer Bursche von etwa
fnfundzwanzig Jahren, mit kohlschwarzem, lang herunterhngendem Haar, schwarzen
tckischen Augen und einem wachsgelben Gesicht. Sobald sich seine Matrosenjacke
zufllig ffnete, sah man in der Brusttasche den Griff eines kleinen Dolches.
    Er und ein Malaie, dem auch schon zu viel Rum ber die Lippen geflossen war,
standen sich wie Kampfhhne gegenber, whrend ein Teil der Gste bemht war,
den Streit zu schlichten, und wieder andere fortwhrend hetzten.
    Peter Volland schien das alles nicht zu sehen und nicht zu hren. Bis die
blanken Klingen in der Luft funkelten, pflegte er sich in nichts zu mischen,
dann aber begann seine Ttigkeit, die meist im Hinauswerfen beider Parteien
bestand. So weit war es aber jetzt noch nicht gekommen, und Peter wartete ruhig
seine Zeit ab.
    Gallego sa gegen die Wand zurckgelehnt und sang mit herausforderndem Ton
ein spanisches Trinklied, whrend der Malaie leise vor sich hinmurmelte. An
demselben Tisch spielten mehrere andere das beliebte Sechsundsechzig.
    Peter Volland sprach eben in der Ecke des Zimmers mit zwei Neuangekommenen,
es waren Robert und Georg. Er hatte sie sehr herzlich begrt und dann
unaufgefordert eine Flasche Wein herbeigebracht. Seine breite, nicht eben
bermig sauber gehaltene Hand strich dem Jungen ber das Haar. Also du willst
zur See gehen, mein Kleiner? sagte er, das ist brav von dir. Kein Beruf ist
freier und mnnlicher als der des Seemanns. Na, trink nur erst einmal und i
tchtig, dann werde ich euch beiden eine Koje anweisen, und morgen kannst du bei
Kapitn van Swieten anmustern.
    Robert sah in das Gesicht des Wirtes. Er fhlte wieder denselben Abscheu wie
damals. Haben Sie schon mit ihm gesprochen? fragte er zaghaft.
    Freilich, mein Junge. Die Antje Marie geht nach Kuba unter Segel, und nur
der Posten des Kajtenjungen ist noch unbesetzt. Du sollst ihn haben, und zwar
auf meine Frsprache hin. Ich sage dir, ein besserer Kapitn als Gerret van
Swieten hat noch nie die Decksplanken eines Schiffes betreten. Er ist eine Seele
von einem Mann.
    Liegt die Galliot hier in der Nhe? fragte Georg.
    Hinten beim Grasbrook, war die Antwort.
    Dann lie der Wirt seine beiden jungen Gste mit der Flasche und dem
reichlich aufgetragenen Essen allein. Die Matrosen am anderen Tisch schienen
sich fr den Augenblick beruhigt zu haben, und Robert gewann Zeit, ein wenig
Umschau zu halten. Wie war das alles so ganz anders als in der Heimat! Pftzen
von Bier, Branntwein und allen mglichen sonstigen Getrnken bedeckten
Schenktisch und Fuboden, die Decke war fast verruchert, und Vorhnge fehlten
ganz. Zu diesen unangenehmen Eigenschaften kam noch der Geruch von Speisen und
Getrnken, der Dunst der nassen, vom Regen durchweichten Jacken und der Qualm
zahlloser Zigarren, kurz, es war eine hchst ungemtliche, fr den Neuling
geradezu abstoende Atmosphre. Robert wandte sich an Georg.
    Du, la uns schlafen! flsterte er. Es gefllt mir hier sehr schlecht.
    Der Seiler zuckte die Achseln. Daran mut du dich von jetzt an gewhnen,
sagte er.
    Aber die Matrosen sind doch nicht immer betrunken, Georg? Sieh dir den
Spanier an, wie er die Augen rollt und die Fuste ballt.
    Georg lachte. La ihn doch, Junge. Das gibt gleich eine regelrechte
Keilerei - aha, da geht es schon los.
    Und wirklich funkelte Gallegos Messer ber den Kpfen der anderen.
Wenigstens ein Dutzend Matrosen waren von ihren Sthlen aufgesprungen, die Jacke
des Malaien flog unter den Tisch, und seine muskulsen Arme streckten sich. Er
knirschte eine Herausforderung, deren Wortlaut niemand verstand, die aber ihrem
Sinn nach nicht zweifelhaft war.
    Ein stummes, wtendes Ringen begann. Der Spanier war zu betrunken, um das
kurze Dolchmesser gebrauchen zu knnen; es schwebte, von der Faust des Malaien
gehalten, fast immer in der Luft, whrend Gallego, blutberstrmt, sich unter
den Sten und Schlgen des anderen auf dem Fuboden wlzte. Seine Augen,
haerfllt, wie im Wahnwitz glnzend, hingen an jeder Bewegung des berlegenen
Gegners. Nur eine Sekunde, eine einzige unachtsame Wendung, und der Dolch wrde
seinen Weg in das Herz des Malaien nicht verfehlen, davon waren alle berzeugt.
    Sie standen in lautlosem Schweigen um das kmpfende Paar. Niemand rhrte
eine Hand, um sie zu trennen.
    Da ertnte durch die Stille ein lautes Klopfen. Hallo! rief es von
drauen, aufmachen!
    Die Polizei! raunte Peter Volland mit kreidebleichen Lippen. Schnell,
Gallego - und auch ihr beide, schnell!
    Die letzte Aufforderung galt Robert und Georg. Der Wirt sah zu dem Seiler
hinber, und der zog im Fluge den Jungen durch eine Hintertr des Schankzimmers
in einen dunklen Raum hinein. Es ist zu deiner Sicherheit, flsterte er. Sei
ganz still!
    Robert gehorchte, obgleich ihn der wilde Auftritt heftig erschreckt hatte.
Er sah noch das Dolchmesser des Spaniers sich erheben und hrte dann ein dumpfes
Rcheln. Ehe er sich ber irgendeine Einzelheit deutliche Rechenschaft geben
konnte, schleppten zehn krftige Arme den widerstandslosen Gallego in die dunkle
Kche hinein, die Tr wurde verschlossen und dann dem immer lauter werdenden
Klopfen Folge geleistet.
    Robert und Georg beobachteten durch die Spalten eines verschobenen Vorhanges
alles, was sich in der Schenke abspielte. Neben ihnen, auf dem Fuboden, lag der
Spanier, schwer atmend und leise murmelnd, aber regungslos.
    Robert sah alles nur mit halbem Bewutsein, wie man die Gestalten eines
Traumes an sich vorberziehen sieht.
    In seinem Blut schwimmend lag vorn der Malaie, bei dem zwei Polizisten
standen und der trotz des langen und tiefen Stiches durch den Oberarm
fortwhrend Flche hervorsprudelte. Peter Volland erklrte, da er von dem
ganzen Streit nichts wisse, sondern im Keller beschftigt gewesen sei und das
Klopfen erst nach der Tat gehrt habe.
    Die beiden Polizisten schienen zu wissen, da keiner dieser Matrosen die
Kameraden verraten werde; sie begngten sich damit, den Verwundeten in ihre
Mitte zu nehmen und ihn zur nchsten Wache zu bringen, freilich nicht ohne
vorher die Namen der Anwesenden notiert zu haben. Als sich die Tr hinter ihnen
und dem knirschenden Malaien schlo, atmete Peter Volland erleichtert auf. Er
ging zu dem Spanier, mit dem er lange und eindringlich flsterte. Die Folge war,
da sich der Messerheld aus einer Hintertr hinausfhren lie, nachdem ihm
vorher Hnde und Kleider gereinigt worden waren und er auch seine Waffe wieder
eingesteckt hatte. Der Wirt klopfte zurckkehrend auf Roberts Schulter.
    Hast dich erschrocken, Kleiner? fragte er. Das kommt manchmal vor, man
kann beim besten Willen die Hitzkpfe nicht zur Ruhe bringen, ehe Blut geflossen
ist. Na, dort stehen eure Betten - geht schlafen, Kinder.
    Die Schenkstube war schon whrend dieser Unterhaltung leer geworden, jetzt
wurde das Licht ausgedreht und alles war dunkel. Robert klammerte sich an den
Arm des Seilers. Verla mich nicht! bat er.
    Dummes Zeug, erwiderte Georg. Du wirst bald selbst in die Lage kommen,
dich einmal gehrig schlagen zu mssen! Aber sei jetzt ruhig und la uns
ausschlafen. Wir haben morgen noch viel zu laufen.
    Robert schwieg. Es schien ihm, als sei Georg ein anderer geworden.
Unfreundlich und kurz angebunden, lie er nur wenig mit sich sprechen. - Der
Junge suchte schweigend das Bett und schlief trotz der ungeheuren Aufregung bald
ein. Whrend der vorherigen Nacht hatte er ja kein Auge geschlossen, so da er
der Mdigkeit nicht widerstehen konnte.
    Es schlug acht Uhr, als er am folgenden Morgen erwachte. Nachdem er munter
geworden war, ging sein erster Blick zu Georg hinber, aber er traute kaum
seinen Augen, kaum unterdrckte er einen lauten Schrei, - das Bett war
unberhrt, und von Georg keine Spur zu sehen.
    Einen Augenblick fhlte er eine pltzliche Lhmung. Was nun? War es mglich,
da ihn der Seiler ohne Geld oder Schutz heimlich verlassen hatte? - Er sprang
auf und zog sich so schnell wie mglich an; dann lief er in die Schenkstube, wo
eine alte Frau den Fuboden scheuerte, whrend Peter Volland auf zwei Sthlen
lag und die Zeitung las.
    Guten Morgen, stammelte Robert, noch ganz erschreckt. Bitte, sagen Sie
mir, wo Georg ist.
    Der Wirt blickte auf. Ein halb spttisches, halb gutmtiges Lcheln
umspielte seine Lippen. Georg? wiederholte er, Georg? - Ach, der Wolfram!
Nun, der wird eben ausgegangen sein, mein Kleiner, ich wei es nicht. Margaret,
gib dem Jungen ein Frhstck! wandte er sich an die schmutzige Frau.
    Robert hob angstvoll die Hand. Aber ich habe kein Geld! rief er. Georg
hatte alles bei sich und - der ist fort. Er hat nicht hier geschlafen?
    Peter Volland zuckte die Achseln. Meine Gste sind keine Gefangenen,
antwortete er, sie knnen kommen und gehen, wie es ihnen Spa macht. Um das
Geld kmmere dich nicht, Junge, sondern i und trink. Wolfram wird schon
zurckkommen.
    Diese Zuversicht belebte seinen Mut. Er a mit dem Appetit seiner sechzehn
Jahre, was ihm die alte Margarete vorsetzte, Kaffee, Brot und Eier, nur als ihn
Peter Volland fragte, ob er auch einen kleinen Magenwrmer wnsche, schttelte
er errtend den Kopf.
    Der Wirt lachte. Sollst es schon kennenlernen, sagte er. Die Seeluft
zehrt - sogar bis hier in die Elbe hinein. Margaret, gib die Geneverflasche.
    Er nahm sie und trank ohne ein Glas in langen Zgen. So, sagte er, das
hlt Leib und Seele zusammen. Und nun, mein Junge, wenn du satt bist - i
brigens, solange du Hunger hast! - dann wollen wir deine Ausrstung besorgen.
Die Antje Marie sticht um drei Uhr nachmittags in See, und daher mssen wir uns
beeilen.
    Um drei? - Robert wurde bla wie der Tod. Ich bin verloren, rief er,
ich - -
    Der Wirt schien durchaus nicht erstaunt. Nun? lchelte er, nun? Was haben
wir denn, Kleiner? - Immer ruhig Blut, das ist die Hauptsache.
    Oh, schluchzte der Junge, Sie wissen es doch, ich habe kein Geld! Georg
hat alles.
    Der Wirt erhob sich schwerfllig aus seiner liegenden Stellung. Dieser
Wolfram, sagte er in neckendem Ton, dieser Teufelskerl. Ich will ihm den Kopf
waschen, wenn er hier wieder vor Anker geht. Na, heule nur nicht, Kleiner. Ich
habe noch so manches Stck Matrosengarderobe, das mir als Pfand zurckgelassen
worden ist, dahinein wollen wir dich stecken. Komm einmal mit.
    Er ging voran, und Robert folgte ihm in ein halbdunkles, auf einen engen,
wsten Hof hinausgehendes Zimmer, wo alle mglichen Gegenstnde bereinander
geschichtet und gestapelt herumlagen. Seemannsjacken, Mtzen, Lackhte, Stiefel,
Seekisten, Tauwerk und Tabakrollen, alles trmte sich bunt und regellos bis zur
Decke.
    Peter Volland stemmte beide Hnde in die Seiten. Nun such, Junge, sagte
er, irgend etwas wird dir wohl passen, und wenn's ein bichen zu gro ist, so
mut du eben hineinwachsen. Auch eine Kiste kannst du dir nehmen und Wollzeug,
berhaupt was ntig ist, um erst einmal den Bauernjungen abzustreifen. Pack dir
alles gleich zusammen, damit wir es in die Jolle schaffen, und dann komm wieder
zu mir. Deinen schwarzen Anzug kannst du mir in Verwahrung geben.
    Mit diesen Worten ging er, und Robert stand allein ziemlich ratlos vor all
dem Germpel, das ihn umgab. Drauen auf dem Hof ein groer Haufe von Scherben,
Bierfssern, Flaschen, alten Krben und Packkisten - hier drinnen das wenig
einladende Durcheinander von Garderobestcken, in denen Motten und Schimmel
hausten, das war seine augenblickliche Umgebung. Aber zgern durfte er nicht,
das wute er. Es war ihm, als werde er verfolgt und knne in jedem Augenblick
entdeckt werden.
    Das passende Leinen- und Wollzeug war bald gefunden, ebenso ein Paar
Stiefel, aber die Matrosenjacken waren alle viel zu gro. Was hilft's, dachte
Robert und suchte sich die kleinste heraus, ich mu hier ein Stck wegnehmen
und die rmel krzen. Dann geht es.
    Er lie sich heimlich von der mrrischen Margarete eine Nhnadel und etwas
Zwirn geben, dann setzte er sich in der Nhe des Fensters auf eine umgekehrte
Kiste und nhte drauf los. In der ersten Viertelstunde dachte er nur an die
Freude, jetzt schon so bald am Ziel seiner Wnsche zu sein, dann aber kam
langsam ein sonderbares Gefhl ber ihn. War es nicht eigenartig - ja, mehr als
eigenartig - da er am Anfang der neuen Laufbahn gerade das tun mute, was er so
sehr hate, nmlich schneidern?
    Unwillkrlich lie er die Hnde sinken. Wenn in diesem Augenblick der alte
Vater das Zimmer betreten htte, er wrde sich ihm, von innerem Drang getrieben,
zu Fen geworfen haben - -
    Aber es war nur Peter Vollands rotes Gesicht, das sich ber ihn beugte. Was
Teufel, da sitzt ja der knftige Nelson und nht wie ein echter, gerechter
Meister Fips! lachte er. Junge, was ist das?
    Robert wandte sich verlegen ab. Oh, stammelte er, die Jacke war ein
bichen gro - aber nun geht es schon. Man mu sich nur zu helfen wissen.
    Der Wirt lachte noch immer. Und alles schon gepackt, sagte er, das ist
recht. Wenn du die Jacke fertig hast, wollen wir unsere Reise antreten.
    Robert blickte auf. Ist Georg gekommen? fragte er.
    Hab' ihn nicht gesehen! Aber wir brauchen ihn auch nicht. Was willst du an
Bord mit Geld? Wenn dich Kapitn van Swieten leiden mag, hast du in Kuba Geld
und Freiheit soviel du brauchst. Mut ihm nur recht zur Hand gehen, das ist die
Hauptsache.
    Robert versprach, seine Pflichten so pnktlich wie mglich zu erfllen, und
dann fragte er, welche Ladung die Antje Marie nach der Havanna zu bringen
habe?
    Peter Volland lchelte schlau. Welche Ladung? wiederholte er. Hm, hm -
Mehl und Pkelfleisch, auch eine Partie Bielefelder Leinen, mein Junge. Auerdem
nimmt der Kapitn in dem spanischen Hafen Ferrol noch feine Weine hinzu. Die
Antje Marie hat eine Menge von verschiebbaren Planken, einen Kohlenraum mit
doppeltem Boden und Kajtenschrnke, wo niemand welche vermutet. Darum braucht
auch der alte van Swieten nur zuverlssige Leute, weit du!
    Er blinzelte vertraulich zu Robert hinber, der ihn aber durchaus nicht
verstand, und beendete die Unterhaltung, indem er nochmals zur Eile antrieb.
Wirklich hatte der Junge schon gegen zwei Uhr nachmittags seine Arbeit fertig,
die Jacke sa wie angegossen. Der schwarze Anzug wanderte in den Kleiderschrank
des Wirtes. Robert seufzte, als er sein Eigentum hingab. Was wrden Vater und
Mutter gesagt haben, wenn sie das gewut htten? - Der alte Meister Kroll war
nie im Leben jemand etwas schuldig gewesen, hatte nirgends ein Stck seines
Besitzes aus Not verkauft - wie schrecklich wrde es ihn getroffen haben, von
dem einzigen Sohn dergleichen zu hren!
    Aber das war wieder die Geschichte des Ferdinand Cortez, seines
Lieblingshelden. Er hatte auch die Schiffe hinter sich verbrannt. -
    Die Seekiste wurde in die Jolle gesetzt, Peter Volland lie sich
schwerfllig auf eines der Mittelbretter gleiten, und Robert sprang nach. Zur
Antje Marie! sagte der Wirt, und dann fuhr Robert wieder denselben Weg, den er
am Tage seines ersten Besuches schon einmal gefahren war - nur nicht so leicht
war heute sein Herz wie damals. Es klopfte schneller und schneller, je nher man
an die hollndische Galliot herankam.
    Dort liegt das Schiff, sagte endlich der Wirt, und ein Schlepper ist
schon da. Man scheint nur auf uns gewartet zu haben.
    Die Jolle glitt unter dem Bug der Galliot dahin, von Bord streckte sich ein
grauer Kopf den Ankommenden entgegen. Endlich! sagte in breitem Deutsch eine
Mnnerstimme. Noch zehn Minuten, Volland, und ich htte das Fallreep einziehen
lassen.
    Er winkte einem Matrosen, der die Seekiste an Bord befrdern half, die Jolle
wurde befestigt und beide stiegen an Deck. Guten Tag, van Swieten, sagte der
Wirt, da bringe ich den neuen Jungen. Gefllt er ihnen?
    Der Hollnder musterte mit langem Blick die hbsche Erscheinung des Jungen.
Bist ein Hamburger Kind, mein Junge? fragte er.
    Nein, Herr Kapitn, antwortete Robert, ich bin vom Lande, aber -
    Der Hollnder hob die Hand. Wei schon, schmunzelte er, wei schon. Ich
frage nach nichts, was mich und mein Schiff nichts angeht. Kann keinen feinen
Herrn an Bord gebrauchen, und auch keinen Duckmuser und Haarspalter, der erst
allen Dingen auf den Grund sehen will. Meine Mnner mssen fixe Seeleute sein
und aufs Wort gehorchen, willst du das?
    Ja, Herr Kapitn.
    Den Herrn kannst du weglassen. Aber ich denke wohl, da ich dich nehme,
obgleich die Binnenlnder auf See verflucht selten ihren Mann stehen, besonders
die Preuen. Hoffentlich bist du keiner?
    Doch, Herr Kapitn, ich bin aus Holstein.
    Dann taugst du nichts. Die Preuen taugen alle nichts.
    Robert sah empor. Oh, das ist zuviel gesagt, rief er mutig. Auch Knig
Wilhelm ist ein Preue, und doch der beste Mann auf der Welt.
    Jetzt lachte der Hollnder. Art steckt drin, Volland, schmunzelte er. Ich
behalte den jungen Schlingel, und damit basta.
    Der Wirt schttelte die Hand seines Freundes, als habe er damit fr Robert
den Pakt endgltig abgeschlossen. Jetzt bist du Kajtenjunge auf der Antje
Marie, wandte er sich an den Jungen, und ich hoffe, da du meiner Empfehlung
Ehre machen wirst. Wenn du wieder nach Hamburg kommst, besuchst du mich.
    Er verabschiedete sich dann von dem Hollnder und wollte das Schiff
verlassen, da zog ihn Robert am Arm. Bekomme ich nicht ein Anmusterungsbuch?
fragte er, und mu nicht mein Name -
    Peter Volland blinzelte ihm zu. Hast du Papiere, junger Schlingel? brummte
er. Soll dich die Polizei in Glckstadt abfangen und wieder nach Pinneberg
zurckbringen, he?
    Robert erbleichte. Er selbst hatte sich rechtlos gemacht.
    Anker lichten! kommandierte Kapitn van Swieten, und gleichzeitig ertnte
auf dem Schleppdampfer ein gellender Pfiff.
    Der Wirt grte noch von der Jolle herauf, das Fallreep wurde eingeholt, die
Ankerketten rasselten, und das Schiff begann sich leise zu bewegen - - -

    Zur selben Stunde sa in Pinneberg der alte Schneider im Lehnstuhl und
starrte wie geistesabwesend vor sich hin. Er hrte nicht, da ihn die
schluchzende Frau zu trsten suchte. Sein Gesicht, seine Hnde waren eiskalt.
    Vater, bat sie ihn pltzlich, Vater, sprich ein gutes Wort. Unser Sohn -
    Da sah er sie an. Wir haben keinen Sohn, Mutter, kam es tonlos ber seine
Lippen. Ein Dieb kann nie mein Sohn sein. Schau her! -
    Er ffnete den Kasten und lie die entsetzte Frau hineinblicken. Es ist
alles fort, sagte er dumpf, unser Geld, meine Uhr, deine paar Schmucksachen,
Mutter, deine Brautgeschenke, du unglckliche Frau, und unser Kind, unser
eigenes - hat es gestohlen!
    Laut aufschluchzend verbarg der alte Mann das Gesicht in beiden Hnden.

                           An Bord der Antje Marie


Die Matrosen liefen an Deck hin und her, der Schlepper arbeitete mit voller
Maschinenkraft, und die Galliot folgte gehorsam in seinem Kielwasser. An Bord
kommandierte der Lotse, denn obwohl das Schiff schon mehrere Tage vorher
vollstndig seeklar gemacht worden war, unterzog man doch alles einer
nochmaligen genauen Prfung. Verschiedene Wanten wurden nachgesetzt, die
Befestigung des groen Bootes, das immer mitten auf Deck vor dem Gromast steht,
untersucht und die Segel auf den Rahen soweit gelst, da sie auf Kommando
sofort gesetzt werden konnten.
    Robert stand in der Nhe des Matrosenlogis und sah hinter sich den Hafen von
Hamburg allmhlich verschwinden; dann folgte St. Pauli mit dem Hafenkrankenhaus
auf der hchsten Hhe und endlich Altona. Und nun passierte die Galliot das
reizende Neumhlen; hier hatte im Oktober der Blitz gelegen, hier hatte damals
die Sonne ein so bezaubernd schnes Landschaftsbild beschienen, doch heute
kruselte ein frischer Ostwind die Wellen am Bug zu weiem Schaum, heute pfiff
es schneidend kalt durch das Takelwerk, und an Land huschten in den Grten die
welken Bltter wie Gespenster wirbelnd durcheinander.
    Starr heftete der Junge die Augen auf das Ufer. Teufelsbrcke, Blankenese,
der Leuchtturm - alles glitt schneller und schneller vorber. Immer breiter
wurde die Elbe, schon lie sich eine leichte Dnung spren, und Robert stand
noch ganz in Gedanken versunken, da legte sich eine Hand auf seine Schulter.
    Nun, mein Junge, was treibst du hier? fragte eine Mnnerstimme.
    Robert fuhr auf. Der das sagte, war ein lterer Mann von mindestens fnfzig
Jahren, mit schwermtigem, krnklichem Gesicht und groen, tiefliegenden Augen,
die jedoch freundlich auf den Jungen herabsahen. Mchtest du lieber wieder
zurck nach Hause? - Bei Glckstadt ist das noch mglich.
    Mohr! rief in diesem Augenblick die Stimme des Kapitns von der Kajtentr
herber, Mohr - mach keine Dummheiten, hrst du.
    Der Alte wandte sich ab. Der Montag, flsterte er mit einem unterdrckten
Seufzer, der Montag. Es wre so schade um dich!
    Robert hatte inzwischen Zeit gefunden, die Frage ganz zu verstehen. Ich
fhle durchaus keine Reue, antwortete er lebhaft, und ich will Seemann werden
um jeden Preis. - Aber was ist denn mit dem Montag? fgte er neugierig hinzu.
    Der Seemann schttelte leicht den grauen Kopf. Er bringt kein Glck,
antwortete er, man soll nichts am Montag beginnen.
    Kapitn van Swieten kam breitspurig ber das Deck. Junge, sagte er, geh
in die Kajte und wasch das Kaffeegeschirr, hrst du. Nachher soll dir der
Steuermann deine Pflichten genau aufzhlen, damit du sie ein fr allemal
kennenlernst.
    Die Worte wurden sehr freundlich, aber so bestimmt gesprochen, da Robert
die Absicht des Kapitns, ihn von dem alten Matrosen zu trennen, klar
durchschaute. Aber warum das? Der Mann mit den weien Haaren und den ernsten
Augen hatte ihm doch sehr gefallen.
    Er ging in die Kajte und begann das Kaffeegeschirr zu splen. Whrend
dieser Beschftigung erschien der Steuermann, dessen mrrisches Gesicht ihm von
vornherein Furcht einflte, und dessen roter Bart fast an eine Mhne erinnerte.
    Nachdem er in barschem Ton den neuen Kajtenjungen nach Namen und Herkunft
gefragt hatte, sagte er stirnrunzelnd: Du scheinst mir ein sehr vorlautes Maul
zu haben, das soll aber bald anders werden. Du hast die Kapitnskajte und auch
meine rein zu halten, Stiefel zu putzen, Kleider auszubrsten und bei Tisch zu
bedienen. Fr das Geschirr bist du verantwortlich, und was du zerschlgst, das
mut du von deiner Heuer bezahlen. Deine Koje werde ich dir spter zeigen. ber
ihr befindet sich ein Wandschrank, und - aber geh nur gleich mit mir,
unterbrach er seinen eigenen Satz - du sollst den Schrank sehen, damit dir
meine Befehle verstndlicher werden.
    Er fhrte den Jungen zum Vorderteil des Schiffes und gab ihm einen kleinen
Schlssel. Mach auf! befahl er, auf eine Tr deutend, und fuhr dann in seiner
Erluterung fort. Hier steht das Geschirr, jedes in einem bestimmten Fach, um
es vor dem Fallen zu sichern, und darunter sind drei kleine Schubladen fr den
wchentlichen Bedarf des Kapitns an Kaffee, Tee und Zucker. Das wird dir vom
Untersteuermann an jedem Sonnabend zugeteilt, und damit mut du auskommen.
Ertappe ich dich beim Naschen, so schmeckst du das Tauende.
    Robert wurde abwechselnd rot und wei. Ihm kam die Erinnerung an das
gestohlene Geld, von dem er zwar keinen Groschen fr sich behalten hatte, dessen
Entwendung er aber doch begnstigt hatte. Unfhig, zu antworten, schwieg er und
lie den Obersteuermann seinen Vortrag beenden.
    In jedem Matrosen siehst du deinen Vorgesetzten, fuhr dieser fort, und
untersteh dich nicht, eine vorlaute oder trotzige Antwort zu geben. Wenn der
Kapitn nach dir klingelt, erscheinst du sofort mit der Mtze in der Hand,
betrittst die Kajte und fragst hflich nach seinen Wnschen. - Wenn ich selbst
dich rufe, so antwortest du gar nicht, sondern hrst nur, was ich sage. Auf
jeden Ungehorsam folgt eine Lektion mit dem Tauende, das merke dir vor allem.
Und jetzt geh an Deck, um mit anzufassen, wenn die Segel gesetzt werden.
    Er verlie das Logis, in dessen Nhe der Kapitn mit langsamen Schritten
auf- und abgegangen war, offenbar um die Unterhaltung zwischen ihm und Robert
deutlich zu hren. Jetzt winkte er dem Obersteuermann, ihm in die Kajte zu
folgen.
    Kapitn van Swieten nahm aus dem Schrank eine Flasche, trank, und bot sie
dann dem anderen an. Renefier, sagte er, warum hast du den neuen Jungen so
hart angefahren? Ich will die gewhnlichen Schiffsgesetze auf meiner Galliot
nicht eingefhrt haben; ich kann sie nicht brauchen, das habe ich dir schon oft
gesagt. Ein Verrter untergrbt uns die ganze Zukunft, und du selbst weit doch
am besten, welche goldenen Frchte das Geschft trgt.
    Der Obersteuermann zuckte die Achseln. Die Galliot ist nicht so ganz allein
dein Eigentum, van Swieten, antwortete er, das vergi nicht. Oder willst du
mir im nchsten Hafen meinen Anteil auszahlen und dir einen anderen Steuermann
suchen? Du selbst kannst kein Schiff ber den Ozean fhren, das weit du.
    Der Kapitn wurde bla vor rger. Wenn du annimmst, da ich das wei,
Renefier, so waren ja deine Worte berflssig, sagte er. Was hast du davon,
den Herrn zu spielen und vielleicht einen dummen Jungen gelegentlich
durchzuprgeln?
    Des Steuermanns Augen blitzten. Was ich davon habe, van Swieten?
wiederholte er. Den ntigen Respekt bei der Mannschaft, da du es nur weit. Es
geht auf der Antje Marie zu, als htte ein Weib das Kommando. Komme ich heute
nicht, komme ich morgen. Das rgert mich.
    Der Kapitn trank wieder. Ach was! sagte er, das ist dummes Zeug,
Renefier, daran nderst du nichts mehr. Wir sind eine Welt fr uns, wir bilden
eine geschlossene Gemeinschaft, deren Glieder untereinander vor allen Dingen
gute Freunde sein mssen - das geht aber nicht blo mit dem Tauende, mein
Bester. Frit der Schlingel ein paar Pfund Zucker, so tu, als httest du es
nicht gesehen, und gibt er eine naseweise Antwort, so lache darber, dann
gefllt ihm das Leben an Bord und er ist treu. Zehn bis zwanzig echte Spitzen im
Hafen von Havanna glcklich den Augen der Sprhunde entzogen, ein paar Kisten
Champagner mit Geschick an Land gebracht, und er kann so viel Geschirr
zerschlagen, wie er Lust hat. Ich sage dir, du sparst Pfennige, whrend du Taler
ber Bord wirfst, oder glaubst du, da der Bengel spter die gefhrliche Arbeit
fr unsere Rechnung willig tut, wenn man ihn jetzt hart anfat? - Ich mache die
Reise zum sechzehnten Male und bin bei allen meinen Leuten beliebt; du bist erst
seit acht Tagen an Bord und willst mir jetzt schon Lehren geben?
    Der Obersteuermann nahm die Mtze ab und kratzte sich hinter dem Ohr.
    Wollte auch, ich htte es nie getan, brummte er. Wie ist das Deck
gescheuert und wie sind die Kojen gelftet, wie ist der Proviant verstaut? Zum
Davonlaufen!
    Van Swieten lchelte berlegen. Kleinigkeiten, schmunzelte er,
unbedeutende Nebensachen. Die Matrosen sind treu, weil sie wissen, da der
Dienst auf der Antje Marie mehr einbringt, als man jemals auf irgendeinem andern
Fahrzeug verdienen kann. Das ist es, was wir brauchen.
    Der Obersteuermann schwieg und rgerte sich im stillen. Htte er ahnen
knnen, was im Logis die Leute flsterten, so wrde ihm vollends die Galle ins
Blut getreten sein. Du, sagte einer, wie gefllt dir der neue Erste?
Gestrenge Herren regieren nicht lange! rief ein anderer. Der braucht einmal
eine Sturzsee! meinte der dritte. So zehn Meter hoch aus dem Mast - das khlt
den Eifer. Die andern lachten. Wer wei? Wenn er das Maul zu voll nimmt,
regnet es vielleicht einmal unvermutet hinein.
    Robert hrte das alles mit Erstaunen. Er hatte sich nach Georgs Berichten
den Dienst an Bord viel strenger und hrter gedacht als er hier zu sein schien.
Die buntgewrfelte Mannschaft besa offenbar von Gehorsam nur sehr schwache
Begriffe; es war mehr eine Art lustiger Zechkameradschaft, denn auch mehr als
eine Flasche Rum sah Robert von Hand zu Hand gehen, obwohl ihm sein Freund
hufig gesagt hatte, da Alkohol nur ausnahmsweise und in geringen Mengen vom
Steuermann verteilt werde.
    Sobald aber an Deck ein Kommando ertnte, nderte sich wie durch einen
Zauberschlag das nachlssige Wesen der Leute. Einer suchte es im Laufen und
Klettern dem andern zuvorzutun, einer war noch schneller, noch gewandter als der
andere. Robert wurde, als er mit Hand anlegen wollte, von den Matrosen mehrfach
beiseite gedrngt, und einmal fiel er - er wute nicht, ob aus Versehen oder
infolge einer kleinen Neckerei - sogar mit seiner ganzen Lnge auf das Deck, als
die Leute pltzlich ein Tau, an dem er noch aus Leibeskrften ri, wie auf
Verabredung loslieen. Ein lautes Gelchter brachte ihn aber schnell wieder auf
die Fe.
    Der Wind bauschte die Segel, das Schlepptau wurde losgeworfen und an Bord
der Galliot geholt; unter dem lustigen Gesang der Matrosen glitt das Schiff
dahin. Der Lotse lie sich vor Helgoland von einem kreuzenden Kutter an Bord
nehmen, und jetzt hatte Kapitn van Swieten das Kommando. Es wurden noch mehr
Segel gesetzt und die Geschwindigkeit der Antje Marie auf neun Knoten geloggt.
Loggen nennt der Seemann das Messen der Seemeilen, die ein Fahrzeug in einer
Stunde zurcklegt.
    Die Galliot machte also neun Knoten in der Stunde und hatte daher die Insel
Helgoland schon sehr bald weit hinter sich gelassen. Es war vllig dunkel, als
Robert ein ganz eigentmliches Unbehagen fhlte. Das starke Auf- und
Niederstampfen des Schiffes, die schiefe Lage nach der Leeseite erregten ihm
belkeit. Seine Nase wurde spitz, die Lippen farblos und das Gesicht fast
grnlich. Er sa auf seiner Kiste, von der er emportaumelte, als zufllig der
mrrische Obersteuermann vorberging. Er wollte schnell nach irgendeiner Arbeit
greifen, sank aber kraftlos zurck und konnte nur einen angstvollen Blick auf
den gestrengen Vorgesetzten werfen. Das Schiff, die Masten, das Meer, alles
schien sich mit ihm in rasender Geschwindigkeit zu drehen, whrend die Kehle
zugeschnrt war und ein Krampf den Magen erfate.
    Seekrank, brummte Renefier. Geh an Deck in die frische Luft, aber vorher
trink aus dieser Flasche einen tchtigen Schluck Rum, das tut dir gut.
    Robert gehorchte mit vieler Mhe, aber sowie das scharfe Getrnk herunter
war, strzte er zur Kajtentr hinaus, beugte sich ber Bord, und - -
    Oh, das tat ihm wohl, aber zuerst glaubte er, da es der Tod sei, der ihn so
entsetzlich wrgte und die Eingeweide fast zerri. Er war nur halb bei
Bewutsein, als ihn zwei Arme von hinten erfaten und aufhoben. Der alte Matrose
war es, der Mann mit den schwermtigen, freundlichen Augen. Voll Mitleid trug er
den Jungen in seine Koje, wo Robert sofort einschlief und erst mitten in der
Nacht wieder erwachte. Die Seekrankheit in ihrer ganzen Strke hatte ihn
ergriffen.
    Robert ertrug die Sache verhltnismig leicht. Er sprte schon am folgenden
Morgen einen wahren Heihunger und schlich sich in die Kombse, um etwas Ebares
zu erlangen. Der Koch gab ihm auch gleich ein tchtiges Stck Pkelfleisch mit
dem Rest des Schwarzbrotes, das noch von Hamburg her an Bord war.
    Robert htte aber alles vor Schreck beinahe fallen lassen, als er dem Mann
ins Gesicht sah. Das war Gallego, der Spanier, der vorgestern abend in Peter
Vollands Schenke den Malaien verwundet und den der Wirt so sorgfltig in
Sicherheit gebracht hatte, bevor er den Polizisten die Tr ffnete. Der Junge
stand jetzt verwirrt und sprachlos vor dem rohen Gesellen, dessen braunes
Gesicht, zerschunden und mit Pflastern bedeckt, noch die deutlichen Spuren des
Kampfes trug.
    Sonderbarerweise war aber der Koch ihm gegenber sehr zuvorkommend, bot ihm
alles mgliche an und riet ihm dringend, einen Magenbitter zu trinken, wobei er
lebhaft bedauerte, selbst von diesem unschtzbaren Stoff leider nichts zu
besitzen. La dir vom Untersteuermann etwas geben, mein Junge, fgte er hinzu,
und dann kannst du mir immerhin ein paar Tropfen zukommen lassen. Bei diesem
kalten Wind ist das eine wahre Wohltat, weit du, - ich mache es mit Fleisch und
Kaffee wieder gut.
    Robert wagte nicht, dem Spanier etwas abzuschlagen, daher tat er, was man
ihm sagte, und Gallego strzte den Branntwein auf einen Zug in die durstige
Kehle hinab.
    Wir mssen gute Freunde werden, raunte er mit vertraulichem Blinzeln dem
Jungen zu. Ich mag dich leiden, Kleiner.
    Aber Robert teilte diese Zuneigung durchaus nicht. Er ging dem Koch aus dem
Wege, wenn es irgend mglich war, und sprach nur mit ihm, wenn er mittags seine
Back zum Fllen hingab. Die dicke Erbsensuppe wurde dann auf der Seekiste
sitzend verzehrt, wobei jeder Mann den Napf zwischen seinen Knien hielt. Robert
erfuhr hier, da alle Matrosen ihre Spitznamen hatten, weshalb er sich denn auch
nicht mehr wunderte, von der ganzen Mannschaft Moses genannt zu werden. Auer
ihm gab es einen Speckesser, einen Rotfuchs, einen kleinen und groen
Russen, eine Klappmtze und so weiter. Den alten Matrosen, seinen Freund
Mohr, nannten sie den Geisterseher.
    An diesen Mann schlo er sich ganz besonders an, und von ihm lernte er die
Einrichtung des Schiffes kennen. Seine Fahrten mit dem Segelboot und die
Erluterungen, die ihm der Matrose vom Blitz gegeben hatte, erleichterten ihm
zwar wesentlich das Verstndnis des Ganzen, aber dennoch gab es vieles, das er
jetzt zum erstenmal sah. Und Mohr unterrichtete den Jungen und zeigte ihm alles,
wenn sich dazu Zeit fand.
    Der vordere Teil des Schiffes heit der Bug, sagte er, und die
augenartigen Lcher, die du dort auf jeder Seite in der Bordwand siehst, nennt
man Klsen. Durch sie laufen die Ankerketten beim Herablassen und Hieven des
Ankers. Auerdem trgt der Bug gewhnlich einen Aufbau, die Back, die das
Vorschiff vor berkommenden Seen schtzt und zugleich als Stand fr den Ausguck
dient. Im Bug, unter und auf der Back, enden alle Taue, durch welche die
Vorsegel, also die dreieckigen Klversegel, regiert werden.
    Robert begriff alles ohne Mhe. Und was bedeutet es, unterbrach er, wenn
der Steuermann fragt: Alles klar?
    Das heit, antwortete der Alte, ob alles in Ordnung und alles vorbereitet
ist, um irgendein Segelmanver auszufhren. Macht klar Deck! zum Beispiel
bedeutet, alle Tauenden an ihren bestimmten Pltzen aufzurollen, so da nicht
allein alles ordentlich aussieht, sondern auch sofort fr ein weiteres Manver
bereit ist. Du weit ja, Junge, Ordnung ist das halbe Leben.
    Jetzt zum Achterschiff, drngte Robert, und der Alte folgte lchelnd
seinem ungeduldigen Schtzling nach hinten. Die Erhhung, unter der die Kajte
liegt, begann er seinen zweiten Vortrag, heit das Quarterdeck. Das
Achterschiff ist ausschlielich fr den Aufenthalt des Kapitns und der
Steuerleute bestimmt, wir Matrosen drfen es nur auf ausdrcklichen Befehl
betreten. Von hier aus wird das Schiff durch das Steuerruder regiert,
seemnnisch das Ruder genannt. In seinem Kopf steckt eine eiserne Stange, die
Ruderpinne, die mit dem Steuerrad durch eine lange Kette verbunden ist. Bei
gutem Wetter steht ein Matrose am Ruder, bei schlechtem aber zwei.
    Robert wollte mehrere Male den Alten unterbrechen, jetzt endlich platzte er
heraus mit einer Frage, die ihm schon lngst auf der Zunge lag. Steuert denn
nicht der Steuermann selbst das Schiff?
    Der Steuermann beobachtet auf dem Kompa, ob der Matrose am Ruder den
richtigen Kurs einhlt. Ist dieser zum Beispiel Nord-Nord-West, wie wir jetzt
laufen, so mu die Spitze der Komparose Nord-Nord-West zeigen und dabei immer
in der Mittellinie des Schiffes liegen, weicht sie aber nach rechts oder links
ab, so mu das Rad so lange gedreht werden, bis sie wieder richtig zeigt.
    Robert nickte. Noch eins! bat er, Anluven heit doch: das Schiff mit dem
Bug in den Wind drehen, nicht wahr? Aber was ist Backlegen?
    Backlegen heit: die Fahrt des Schiffes stoppen. Die Segel am Fockmast
werden dabei nicht verndert, am Gromast aber brat man die Raaen so herum, da
der Wind auf sie von vorn einwirken mu, dadurch treibt er mit derselben Kraft
das Schiff nach hinten, mit der er es durch die Vordersegel nach vorn treibt. Es
ergibt sich also eine Gegenwirkung, ein Gleichgewicht der Krfte, und das
Fahrzeug bleibt regungslos liegen. Man wendet dies Manver an, wenn ein Boot
herabgelassen werden soll, oder wenn die Kapitne zweier sich begegnender
Schiffe zusammen sprechen wollen, was wir Preien nennen.
    Aber jetzt mssen wir aufhren, fgte er hinzu. Ein anderes Mal mehr
darber. Und hre noch, Junge! Wenn dich der Koch verleiten will, ihm von dem
Rum des Kapitns zu geben, so tu es nicht; Unrecht bringt keinen Frieden.
    Robert schlug die Augen nieder. Ich will es nicht tun, bestimmt nicht,
Onkel Mohr!
    Der Matrose seufzte leise. Seine Augen sahen starr ber das Meer, langsam
schttelte er den Kopf. Sollst mein Erbe werden, flsterte er, sollst haben,
was ich besitze, weil du mich Onkel genannt hast, weil mir dein unschuldiges
Herz Vertrauen und Liebe entgegenbringt. Du bist noch ein Kind, - und du bist
seit Jahrzehnten der erste, der mir so menschlich begegnet ist. Hab Dank! -
    Er glitt mit der wetterharten Hand ber Roberts Haar und ging dann seiner
Arbeit nach. Mit den brigen Leuten sprach er wenig, obgleich ihn keiner
belstigte, sondern vielmehr alle eine gewisse Scheu vor ihm an den Tag legten.
Er war von der ganzen Besatzung am lngsten an Bord, und Kapitn van Swieten
behandelte ihn fast wie einen gleichgestellten Freund. Irgendein Geheimnis mute
aber doch den Geisterseher umgeben, und irgendein Geheimnis umgab berhaupt
das ganze Schiff - Robert fhlte es mehr, ohne es jedoch deuten zu knnen.
    Es blieb ihm auch nur wenig Zeit, an andere Dinge als an seine Arbeit zu
denken. Man war in den englischen Kanal eingelaufen, und dieses Fahrwasser ist
bekanntlich fr den Seemann eins der gefhrlichsten. Es gibt viele Kapitne, die
whrend der Reise durch den Kanal nur von Zeit zu Zeit vollstndig angezogen auf
dem Sofa einen Augenblick schlafen, sonst aber immer an Deck sind, um alles
selbst zu berwachen.
    Auch Kapitn van Swieten und sein Obersteuermann verdoppelten ihre Vorsicht,
besonders da das Schiff bei Einbruch der Nacht in dichten Nebel geriet. Die
grne und rote Positionslaterne wurde auf beiden Seiten in die Wanten gesetzt,
und eine weie Laterne kam in den Vortop. Der Untersteuermann, der seines
besonders scharfen Auges wegen der Fernkieker genannt wurde, verbrachte fast
die ganze Zeit neben dem Matrosen auf dem Ausguck, und der Obersteuermann ging
fortwhrend an Deck von einer Seite zur andern, um ein vorbersegelndes Schiff
rechtzeitig zu bemerken.
    Diese Vorsicht war nur allzu gerechtfertigt. Robert sah, wie nacheinander
mehrere Schiffe in nchster Nhe rechts und links an der Antje Marie
vorberzogen, so nahe, da zwischen dem einen und dem andern Fahrzeug nur wenige
Meter Entfernung blieben. Im Nebel sahen diese Schiffe geradezu riesig aus,
lautlos wie Nachtgespenster glitten sie vorbei.
    Der Obersteuermann trat in die Kajte. Ist kein Nebelhorn an Bord, van
Swieten? fragte er.
    Der Kapitn nickte. Doch, Renefier. Hier im Schrank mu es liegen. Such
nur, es ist entweder da, wo meine Kleider hngen, oder bei den Notsegeln. Finden
wirst du es bestimmt!
    Der Steuermann warf rgerlich durcheinander, was ihm zwischen die Finger
kam. Seine Fe stampften vor Ungeduld auf den Boden. Eine Teufelswirtschaft,
brummte er. Im dichtesten Nebel das Horn nicht finden. Da soll doch - -
    Er brach ab, weil die Tute, auf dem Boden des Kleiderschrankes unter
Stiefeln und Tauenden vergraben, endlich zum Vorschein kam. Ohne ein weiteres
Wort zu verlieren, ging er hinaus und drckte das Instrument dem nchsten
Matrosen in die Hand. Alle zwei Minuten! befahl er. Aha, dort wird es auch
schon auf anderen Schiffen lebendig.
    Und wirklich hrte man ber das ruhige Wasser von allen Seiten die
klagenden, langgezogenen Tne. Es lief kalt ber Roberts Rcken herab, als er
das sonderbare Konzert mit anhrte. Wie Warnungsrufe aus einer anderen Welt
klangen die Hrner.
    Passiert es hufig, da zwei Schiffe zusammenstoen? fragte er flsternd
einen der Matrosen, der neben ihm stand.
    Der Mann nickte. Sehr oft sogar, besttigte er. Ich selbst bin einmal
nahe daran gewesen - auf Haaresbreite, mchte ich sagen. Das war in der Nordsee
und der Nebel so dicht, da wir vom Gromast aus den Bugspriet nicht sehen
konnten. Pltzlich ertnte ein furchtbares Krachen - im Nu waren wir an Deck,
aber da sank schon das Schiff unter unsern Fen. Ich wei von dem ganzen
Vorfall nur noch soviel, da ich halb besinnungslos ein ber mir erscheinendes
Tau ergriff. Es war das Bugstag des anderen Schiffes; ich hielt mich mit allen
Krften daran fest und wurde auch schon nach wenigen Augenblicken durch ein
Schlingtau an Bord geholt. Es war eine englische Brigg, mit der wir
zusammengestoen waren. Sie legte sich back, setzte ein Boot aus und versuchte,
auch die brige Mannschaft des sinkenden Fahrzeuges zu retten, aber bis man die
ntigen Vorbereitungen getroffen hatte, war alles zu spt. Vor unsern Augen
verschwanden die Mastspitzen, als das Boot den Wasserspiegel berhrte.
    Robert fhlte doch ein unberwindbares Grauen. Er ging auch dann nicht zur
Koje, als seine Wache abgelst wurde, sondern blieb an Deck und horchte und
sphte in den Nebel hinaus.
    Gegen Mitternacht wurde der Wind etwas strker, und sogar einzelne heftige
Ste fuhren durch das Takelwerk. Alle Mann an Deck! erschallte die Stimme des
Obersteuermanns, und die vor kaum einer Stunde zur Koje gegangene Wache mute
aus den warmen Decken wieder heraus und in der kalten Herbstnacht ihre
beschwerliche Arbeit verrichten.
    Zwei Reffs in die Marssegel!
    Einer vor dem andern strmte die Mannschaft in die Wanten hinauf, und jeder
bemhte sich, der erste zu sein. Selbst Gallego und der Kochsmaat, ebenso der
Zimmermann, die sonst nur an Deck arbeiteten, muten mit hinauf, so da blo die
Leichtmatrosen und die Jungen von diesem gefhrlichen Dienst verschont blieben.
Sie bedienten an Deck die Fallen und Brassen. Da bei der kleinen Besatzung nur
immer ein Mast zur Zeit vorgenommen werden konnte, mute man, bevor der Wind
ganz aufgekommen war, schon die Segel wegnehmen.
    Es blieb jedoch alles ruhig, und am Morgen strahlte bei scharfer Klte die
hellste Sonne vom Himmel herab. Robert sah wieder, wenn auch nur als ferne
dunkle Umrisse, die Kste des festen Landes, er sah unzhlige Fischerboote, die
in grerer oder geringerer Nhe wie Nuschalen auf dem Wasser schwammen, und
erlebte dann etwas, was ihn ganz besonders interessierte. Einer der Matrosen,
der erst in Hamburg an Bord gekommen war, schrieb auf seiner Kiste einen Brief
und steckte ihn dann in eine leere Weinflasche, die er vorher gereinigt hatte.
Zwei englische Schilling folgten dem Papier, und dann erhob sich der Mann, um
den Kapitn um etwas Siegellack zu bitten.
    Roberts Augen waren neugierig jeder Bewegung gefolgt. Was tun Sie da?
fragte er unwillkrlich. Wollen Sie die Flasche ins Meer werfen?
    Beinahe! lchelte der Mann. Aber hast du vielleicht auch ein paar Worte
an die Deinen zu bestellen, so beeile dich. Zehn Minuten will ich noch warten,
Papier ist hier.
    Robert lie sich das nicht zweimal sagen, er ergriff mit Freuden die
Gelegenheit, seine alten Eltern zu beruhigen und um Verzeihung zu bitten. Die
Feder flog frmlich ber das Papier, als zufllig der Kapitn in die Nhe der
Tr kam und den Jungen schreiben sah. Rasch ging er zur Kajte zurck -
    Als dann der Matrose um etwas Siegellack bat, empfing er ihn sehr
freundlich. Holt nur ein Boot heran, sagte er, ich habe auch geschrieben und
will die Flasche schon verschlieen.
    Der Mann ging, aber kaum war er fort, als van Swieten mit einer langen
Schere Roberts Brief aus der Flasche zog und in seinem Taschentuch verbarg.
Besser so, murmelte er, Gott wei, welche Namen der Bengel nennt. Knnte mir
am Ende den preuischen Konsul auf den Hals hetzen! - Nein, nein, besser so!
    Der Matrose hatte inzwischen sein Taschentuch an eine Stange gebunden und
mit dieser einfachen Flagge dem nchsten entgegenkommenden Boot ein Zeichen
gegeben. Das emporgehaltene Ruder gab ihm Antwort, worauf sehr bald das kleine
Fahrzeug in einiger Entfernung von der Antje Marie ber die Wellen tanzte und
dann fast unter den Bug herankam. Die an einer Leine befestigte Flasche wurde
ins Meer geworfen, von den Fischern aufgefangen und im Vorratskasten des Bootes
untergebracht. Noch ein Gru von beiden Seiten, dann war die kurze Begegnung
vorber.
    Und diese Briefe werden wirklich auf die Post gegeben? fragte Robert.
    Jedesmal! antwortete der Matrose. Das Geld ist nicht immer in ganz
sicheren Hnden - hufig wandert der Brief unfrankiert zum Schalter, und die
lieben Angehrigen mssen das Porto selbst bezahlen, aber vernichtet oder
unterschlagen wird kein Schreiben. Auch der rmste Fischer wrde das nicht tun.
    Robert sah mit leichtem Herzen dem Boot nach. Zum erstenmal seit langer Zeit
empfand er wirkliche Freude. Jetzt wrden seine Eltern erfahren, wo er war, sie
konnten beruhigt sein und muten doch auch verzeihen, wenn er sie jetzt um
Vergebung bat.
    Aber er ahnte ja nicht, da unterdessen der Kapitn in aller Gemtsruhe
seinen Brief an einem Licht verbrannte. Robert handhabte mit wahrem Eifer den
Scheuerbesen, der ihm den Weg zur Kapitnswrde bahnen sollte, und plauderte
dann whrend der Freiwache mit dem alten Mohr. Jetzt nherte man sich auch schon
dem Atlantik, der Wind wurde steifer, und der Kurs mute etwas sdlicher
genommen werden. Robert hatte gegen Mittag mit zwei Leichtmatrosen das Bramsegel
zu setzen und kam dabei ebenso schnell in die Wanten hinauf wie seine
erfahreneren Genossen. Es waren ihm whrend der kurzen Zeit die Seebeine schon
ganz nett gewachsen, und nur das Schlingern des Schiffes von einer Seite zur
andern machte ihm noch Schwierigkeiten. Bei dem groen Schwingungsbogen, den da
oben die Bramstenge in der Luft beschrieb, hie es sich tapfer mit den Hnden
festhalten und sicher in den Pferden stehen, wie man die Haltetaue unter den
Rahen nennt. Das Grobramsegel war am schnellsten gesetzt, und als die drei
wieder an Deck kamen, erhielten sie sogar von dem mrrischen Obersteuermann ein
Lob.
    Am Abend kam jedoch eine Geschichte vor, die Roberts gute Laune sehr ins
Schwanken brachte. Man hatte jetzt das offene Meer erreicht, und es herrschte
eine Klte, die das Spritzwasser an Deck innerhalb weniger Augenblicke zu Eis
gefrieren lie. Der Kapitn und der Obersteuermann unterhielten sich in
hollndischer Sprache sehr lebhaft miteinander, dann rief van Swieten durch das
offenstehende Fenster der Kajte: Robert, bring mir mein Nachtglas!
    Der Junge beeilte sich, einen steifen Grog zu mischen und ihn dem Kapitn zu
bringen, in der besten Meinung, den an jedem Abend blichen Nachttrunk heute
einmal auf Deck reichen zu sollen; aber o weh! - Van Swieten bemerkte das
unterdrckte Lachen der Mannschaft, und da er seine eigene Schwche nur zu gut
kannte, rgerte ihn der Vorfall nicht wenig. Ein blauer Fleck an Roberts Oberarm
gab spter von diesem Vorfall Zeugnis, aber nebenbei hatte Robert auch die
Genugtuung, das Grogglas schon leer zu sehen, als er einige Augenblicke spter
das in Wirklichkeit verlangte Nachtfernrohr dem Kapitn berbrachte. Von der
Mannschaft glaubte ihm kein einziger, da dieser Irrtum unabsichtlich geschehen
sei, und zu seinem Erstaunen sah er, wie ihn der rgerliche Zwischenfall in
ihrer Achtung hob. Das sind so Jungenstreiche, hie es, wir haben's ja selbst
nicht besser gemacht, und der Alte suft wirklich wie ein Schwamm.
    Die Klte stieg laufend und Renefier war der Ansicht, da Eisberge in der
Nhe seien. Van Swieten meinte dasselbe, und so wurde frh am nchsten Morgen
ein Matrose in den Mars des Fockmastes geschickt, um scharfen Ausguck zu halten.
    Als bei Tagesanbruch die ersten Sonnenstrahlen das Meer vergoldeten, ertnte
vom Mars der Ruf: Eisberge backbord voraus! Die ganze Mannschaft strzte an
Deck, der Kapitn und der Obersteuermann gingen auf das Kajtendeck, und auch
Robert drngte sich vor, um das ungeahnte Schauspiel mit anzusehen.
    Im Nordwesten erschienen hoch oben in der Luft prchtig glhende, in
Regenbogenfarben schimmernde Spitzen, seltsam geformt, hier wie ein ganzer Wald,
dort wie ein einsamer Fels. Blau und purpurn, violett und wei, verschwammen und
spielten die Farben, whrend die Formen wie die Bilder einer Zauberlaterne
wechselten. Je hher die Sonne am Himmel emporstieg, desto tiefer herab auf den
Meeresspiegel fielen die glnzenden Lichter, desto blendender wuchsen die
blitzenden Massen, bis endlich, als das groe Tagesgestirn mit seiner
leuchtenden Scheibe das ganze weite Meer erhellte, einige Hundert Eisberge in
ihrer ganzen Pracht majesttisch langsam vor dem Winde herantrieben.
    Wohl alle diese erfahrenen und sogar meistens alten Seeleute hatten ein
derartiges Schauspiel schon mehr als einmal gesehen, aber dennoch standen sie
alle ganz in den Anblick versunken. Nur Robert konnte nicht schweigen.
    Er suchte verstohlen die Hand seines alten Freundes. Wie schn! flsterte
er, ach, wie schn!
    Der Alte nickte sehr ernst. Aber wenn zwei von diesen Riesen das Schiff in
ihre Mitte nehmen, dann kracht es einmal schauerlich schnell - und die
Riesendiamanten segeln weiter - auf dem Meer aber schwimmen nur noch ein paar
Trmmer. - - -
    Die dunklen Augen des Geistersehers blickten wie im Traum. Sein weies
Haar flatterte im Wind. La mich es allein sein, Vater im Himmel, murmelte er,
mich allein, nicht das unschuldige Blut um meiner Snde willen! La es
vorbergehn! -
    Gallego legte von hinten die Hand auf Roberts Schulter. Der Alte hat seinen
schwarzen Tag, murmelte er, kmmere dich nicht um ihn. Du, geh in die Kajte
und hole mir ein paar Tropfen Rum - jetzt merkt es keiner.
    Robert beachtete den Spanier gar nicht. Er hatte nur Augen fr Mohr. Was
mochte es sein, das den alten Matrosen so mchtig bewegte, das seine
Aufmerksamkeit von der wirklichen Welt fast ganz ablenkte? - -
    Aber zu Betrachtungen war jetzt keine Zeit. Das Kommando des Obersteuermanns
ertnte, und das Schiff wurde erst in den Wind geluvt, dann back gelegt. Nur auf
diese Weise konnte man hoffen, mit heiler Haut an der gefahrdrohenden
Nachbarschaft vorberzukommen.
    Pltzlich hrte man von den kristallenen Riesen ein donnerhnliches Krachen
und Prasseln; man sah, wie einige der vielzackigen Hupter sich neigten,
pltzlich umfielen und sich gegenseitig zertrmmerten, whrend die Wogen
himmelhoch aufspritzten, wie aus tausend Springbrunnen zugleich.
    Dann wurde es wieder ruhiger, und nach wenigen Stunden war das
eindrucksvolle Schauspiel gnzlich vorber.
    Diese im Atlantischen Ozean so oft angetroffenen Eisberge sind gleichsam
Kinder der groen Gletscher, die von Grnlands Hochgebirge bis ins Meer
hineinragen. Sie knnen besonders bei Nacht oder Nebel den Schiffen
auerordentlich gefhrlich werden. Diese Gletscher schieben ihre Eismassen
allmhlich in das Wasser hinein, dessen Temperatur wrmer ist als die der Luft
und das Eis so lange unterhhlt, bis der obere Teil dem Gesetz der Schwere
folgt, vom Gletscher abbricht und ins Meer strzt. So treiben die Massen auf dem
groen Ozean, der Windrichtung folgend, nach Sden, wo sie allmhlich
zerschmelzen.
    Der alte Matrose nahm die Mtze vom Kopf und sah ber das Meer. Robert wagte
es nicht, ihn zu stren, aber als die beiden spter allein waren, da fragte er:
Onkel Mohr, was dachtest du vorhin, als wir die Eisberge sahen? Du hattest so
sonderbare Augen.
    Der Alte schttelte den Kopf. Noch nicht, antwortete er. Das gehrt mit
zu meinem Nachla. Wenn wir hinter Ferrol sind, dann sollst du es erfahren.
Diese Reise ist meine letzte.
    Der Junge erschrak. Du willst das Seemannsleben aufgeben, Onkel Mohr?
fragte er. Aber ob du es aushalten wirst an Land?
    Der Matrose lchelte. Ich gehe nicht an Land, Kind, - das groe
Seemannsgrab nimmt mich auf. Ich sterbe.
    Du? - Aber weshalb glaubst du das?
    Still. Das erzhle ich dir zur rechten Zeit. Fr heute wollen wir Fische
fangen.
    Der Junge fuhr auf. Wo? rief er. Wie ist das mglich?
    Siehst du nicht, da uns dauernd Fische aller Art begleiten? fragte der
Alte. Besonders die kleinen Delphine, die man auch Tmmler und Schweinfische
nennt, trifft man hier berall. Sie schmecken vortrefflich, wie du bald erfahren
wirst.
    Gallego mute nun ein kleines Stck Fleisch hergeben, das am Angelhaken
befestigt wurde. An Stelle des Stockes wurde eine Leine genommen, die man von
der Rolle ablaufen lie und an Deck festhielt. Pltzlich zuckte es so stark, da
die Bewegung einen groen Fisch zu verraten schien. Zwei Matrosen sprangen
hinzu, und mit vereinten Krften zogen die drei Mnner das zappelnde Tier bis
unter den Bug. Hier wurde ihm eine Schlinge um den Kopf geworfen, hinter die
Kiemen gehakt und nun der Fang an Bord geholt. An Deck wurde das fast zwei Meter
lange Tier mit einem Schlag auf den Kopf gettet. Nachdem die Eingeweide
entfernt waren, lie der Koch das Blut ablaufen, wusch das Fleisch und zerlegte
es in Stcke. Der Rcken, mit Salz und Pfeffer eingerieben, wanderte in die
Kombse, um sogleich wie Roastbeef gebraten und dann von Kapitn und Mannschaft
mit groem Appetit verspeist zu werden. Auch weniger wohlschmeckende Gerichte
wrden auf hoher See schon willkommen gewesen sein, nur weil sie eine
Abwechslung boten. Jeder Tag hatte seinen bestimmten Kchenzettel, von dem man
nur notgedrungen abwich, wenn der Vorrat an Lebensmitteln aus irgendwelchen
Grnden nicht mehr ausreichte und die Rationen verkrzt werden muten. Es konnte
also fr den Matrosen in jedem Falle nur schlechter, nie aber besser werden. Wie
oft sa Robert mit seiner Schssel auf der Kiste und konnte die schlimme Kost
kaum hinunterwrgen! -
    Was dem Matrosen fast jeder Nationalitt gesetzlich zustand, war ein Pfund
Pkelrindfleisch dreimal wchentlich, dann ein halbes Pfund Pkelschweinefleisch
viermal, und dazu abwechselnd Erbsen, weie Bohnen, Reis und Graupen oder
Kartoffeln, solange sie vorhielten.
    Einmal whrend der sieben Tage gab es auch Kle mit Pflaumen und hin und
wieder Labskaus, ein Gericht aus kleingeschnittenen Fleischresten, die mit
zerstampften Kartoffeln, Zwiebeln und Pfeffer tchtig geschmort werden und sehr
gut schmecken.
    Im Hafen war die Sache natrlich anders. Jeder Kapitn sorgte dann fr
frisches Gemse und Fleisch, schon um die Leute gesund zu halten.
    An Getrnken gab es Kaffee, Tee, Branntwein, Rum und Wasser, das in Tanks
und Fssern mitgenommen wurde.
    War aber auf diese Weise das Leben des Seemanns sehr hart und einfach, so
war es andrerseits auch fr einen von Haus aus krftigen Krper sehr gesund.
Robert wurde von Tag zu Tag strker und gewandter; er zeigte sich den
Anforderungen des harten Borddienstes durchaus gewachsen und konnte sich in die
Gemeinschaft der Matrosen gut einfgen.
    Als der spanische Hafen Ferrol erreicht war, ging er mit den andern in der
fremden Stadt spazieren. Die alte Jacke aus Peter Vollands Hinterzimmer hatte
ihm Kapitn van Swieten gegen einen neuen Seemannsanzug vertauscht, aber Geld
bekam er nicht in die Hand, und ebensowenig durfte er allein von Bord gehen.
Immer begleitete ihn einer der lteren Matrosen.
    Onkel Mohr, fragte er eines Tages seinen alten Freund, wann wirst du denn
endlich Urlaub nehmen, um die Stadt anzusehen?
    Der Matrose schttelte den Kopf. Nie, mein Junge.
    Und warum nicht? forschte Robert.
    Weil mein Fu berhaupt die Erde nicht wieder betreten soll.
    Der Junge schwieg, dann aber sah er treuherzig in das Gesicht des alten
Mannes. Onkel Mohr, gehrt auch das mit zu deiner Geschichte?
    Der Greis beugte sich ber seinen jungen Schtzling. Hinter Ferrol,
murmelte er, wenn die Fahrt fast zu Ende geht, wenn - die Stunde schlgt!

                                Der Schiffbruch


Der Hafen war verlassen, die Kste in der Ferne zurckgeblieben, und die Antje
Marie segelte wieder auf hoher See. An Bord aber regte sich geheimnisvolles
Leben.
    Robert sollte erfahren, was Peter Volland meinte, als er von den doppelten
Bden und verschiebbaren Planken des Schiffes sprach.
    Man hatte feine Weine geladen und verschiedene andere Waren. Das alles
befand sich teils in der Kajte, teils war es im Logis aufgestapelt, whrend
noch unzhlige teure Waren aus den Schrnken und Kisten der Kajte hervorkamen,
um dann in anderen Rumen verstaut zu werden. Das ganze Schiff glich einer
groen Jahrmarktsbude, in der alles Mgliche ausgebreitet daliegt, um die
Schaulust der Kufer zu reizen.
    Hier prachtvoller flandrischer Samt, dort Brsseler Teppiche, Mechelner
Spitzen und die Seidenwaren Frankreichs. Feiner Battist, Stickereien und
Schleier wechselten mit teuersten Sorten echten Champagners und Burgunders, mit
Blumenzwiebeln von Harlem und den lgemlden alter berhmter Meister.
    Und nun ging man an das Stauen all dieser Dinge. Hast du es noch nicht
gewut? fragte der alte Mohr. Wir treiben als Hauptverdienst den
Schmuggelhandel, aber la du dich dazu nicht brauchen. Wenn sie dich abfassen,
so wirst du bestraft, und es kommt in deine Schiffspapiere. Ist auch auerdem
kein ehrliches Geschft.
    Was sollte ich denn dabei tun? fragte der Junge erstaunt.
    Hm, die zollpflichtige Ware an Land bringen, entweder eine Bootsladung bei
Nacht und Nebel den Mittelsmnnern zufhren, oder einzelne Dinge an deinem
Krper in die Stadt schaffen. Dafr gibt es freie Tage und ein paar Taler Heuer
mehr, aber es ist doch nichts Gutes, und du solltest dich lieber heraushalten.
    Onkel Mohr, fragte nach einer Pause der Junge, tust du es auch nicht?
    Der Alte strich mit der Hand durch das weie Haar. Ich, Kind? - Ja, ich tue
es, obwohl ich das Land nicht betrete, aber mit mir ist es etwas anderes, als
mit dir. Ich will schon dafr sorgen, da du frei ausgehst. Im Augenblick mut
du freilich mithelfen, das lt sich nicht ndern.
    Kapitn van Swieten erschien an Deck. Der alte Hollnder in seiner
altfrnkischen, nicht gerade seemnnischen Tracht lie sich selten ohne sein
Glas Grog sehen, gewhnlich glnzte sein breites Gesicht vor trunkener Rte. Er
lie durch den Untersteuermann jedem Matrosen eine Flasche Wein geben, auch
Robert erhielt eine, obwohl er nicht so recht wute, was er damit anfangen
sollte.
    So, Kinder, schmunzelte der Kapitn, nun macht euch dran. Zuerst die
Flaschen verstauen. Das andere findet schon leichter seinen Platz. Also weg mit
den Kohlen, damit wir fertig sind, ehe Kuba in Sicht ist.
    Ein beiflliges Murmeln der Matrosen antwortete dem Alten. Die
Champagnerpfropfen knallten in die sengende Mittagshitze hinein, und die
geleerten Flaschen flogen den tanzenden Korken nach ins Meer, nur der
Obersteuermann sah uerst verdrielich in das weinrote, behbige Gesicht des
Kapitns. Httest auch nicht jedem Kerl eine ganze Flasche schenken sollen,
brummte er. Ein Glas voll wre genug gewesen.
    Van Swieten blinzelte vertraulich. Die Steinkohlen fallen dann aber so
verteufelt leicht - oder schwer, wenn du willst - einmal aus Versehen an die
unrechte Stelle, und meistens gerade dahin, wo Champagner liegt, schmunzelte
er. Kennst das nicht, Renefier, und brigens bin ich Kapitn, wie du weit, und
kann auf meinem Schiff das tun, was mir richtig scheint. Die Pfennigfuchserei
schtze ich nicht, daher habe ich berall, wohin ich komme, gute Freunde, das
solltest du dir merken.
    Der Obersteuermann nickte grimmig. Bis nach Havanna, van Swieten, dann
trennen wir uns, sagte er. Ich bin kein dummer Junge, der sich mit einer
Schattenherrschaft begngt.
    Van Swieten zuckte die Achseln. Das ist deine Sache, Renefier. Jetzt
brauche ich aber alle Hnde, um die Steinkohlen fortzuschaffen.
    Die Matrosen schaufelten abwechselnd, bis eine Luke zum Vorschein kam, unter
der ein hbsches, tiefes Versteck lag. Mit lustigem Gesang packten dann die
Leute, von Hand zu Hand arbeitend, sorgfltig die Champagnerflaschen auf das Heu
in den Verschlag, und als alles gefllt war, wurden in die entstandenen Lcken
die Blumenzwiebeln gestreut, so da jeder Fubreit Raum bedeckt war. Als zuletzt
der Kohlenvorrat wieder ber der Luke lag, besichtigte van Swieten das Ganze und
schmunzelte sehr vergngt. Nun lat die Sprnasen kommen, sagte er, mir
soll's recht sein. Sind schon seit sechzehn Jahren daran vorbergelaufen, also
werden sie es wohl auch diesmal tun.
    Dann kamen die Spitzen und Teppiche an die Reihe. Hier lie sich ein Brett
verschieben und dort eins, hier war ein verborgenes Schrnkchen und da sogar
mehrere. Tausende von Talern htten nicht ausgereicht, um den Wert all dieser
versteckten Gegenstnde bar zu bezahlen. - Robert staunte, als er sah, wie
planmig die Sache betrieben wurde. Jetzt erst begriff er, weshalb damals Peter
Volland, der Wirt der Hamburger Matrosenschenke, so besorgt war, den betrunkenen
Koch der Verhaftung zu entziehen. Van Swieten konnte ja fr sein Schiff nur
eingeweihte Leute brauchen und wre in der grten Verlegenheit gewesen, wenn er
ohne den Spanier htte absegeln mssen. Und das wute auch Georg, der falsche
Freund, als er ihn dem Heuerbaas in die Hnde spielte, alles war verabredete
Sache, und er, Robert, der Betrogene.
    Doch tat es ihm nicht leid. In Havanna fand sich bestimmt ein anderes
Schiff, auf das er bergehen konnte, um in strengere, aber ehrlichere
Verhltnisse zu kommen - wenn nur der alte Mohr nicht gewesen wre! Ihn wollte
er so ungern verlassen.
    Er suchte den alten Matrosen und fand ihn mitten in bunten Seidenstoffen auf
den Knien, wie er ein Stck nach dem andern in den Verschlag packte, der an der
Hinterwand der Kajte angebracht war. Das meiste war schon verstaut.
    Robert trat zu dem Alten. Onkel, fragte er leise, wie lange haben wir
noch bis nach Kuba?
    So acht Tage! sagte der Matrose. Warum fragst du mich?
    Robert errtete. O - ich meine nur so, antwortete er verlegen.
    Der Alte sah ihn an. Dir gefllt das nicht, sagte er nach einer Pause,
und du hast recht, mein Junge. Willst du in Havanna von Bord gehen?
    Mit dir, Onkel! rief der Junge. Gehst du nicht, so bleibe ich auch. Du
bist von allen der einzige, den ich gern habe.
    Mohr erhob sich, nachdem er die letzte Planke wieder eingefgt hatte, von
seinen Knien. Ich habe dich auch lieb, antwortete er, und darum sollst du
fort, mein Junge. Brauchst ja von dem, was du hier gesehen hast, keinem Menschen
zu erzhlen, weil der Verrter immer eine jmmerliche Rolle spielt. Aber um
keinen Preis darfst du hier einrosten, vielleicht sogar selbst ein
Schmuggelhndler werden und spter noch Schlimmeres - nein, nein, die Mannschaft
der Antje Marie ist fr dich kein gutes Beispiel, du mut hier fort, und ich
helfe dir dabei.
    Wird auf jeder Reise geschmuggelt? fragte nach einer Pause der Junge.
    Immer. Das Geschft ist jetzt aber sehr schlecht geworden. In frheren
Jahren, als wir den aufstndischen Chinesen Waffen und Munition lieferten, war
es bedeutend besser. Damals verdienten wir Geld wie Heu - der Kapitn
wenigstens. Ich selbst habe nie mehr genommen, als ein Matrose fr seine Arbeit
berall bekommt.
    Gar nichts von den Sonderzulagen fr das Schmuggeln?
    Gar nichts, aber trotzdem besitze ich ein hbsches Smmchen, und das soll
dir gehren, mein Junge. La dich nach Hamburg hin anmustern, reise nach Hause
und bitte deinen Vater um Verzeihung, das ist es, was ich wnsche, was du mir
versprechen mut. Wenn du einwilligst, wenn du versprichst, vor deinem Vater
Abbitte zu tun, dann - hat sich ein Stckchen Bestimmung erfllt, dann wrde ich
glauben, auch fr mich eine sehr gute Botschaft gehrt zu haben. Die letzte auf
Erden; willst du sie mir bringen, willst du nach Hause reisen und dich mit
deinem Vater vershnen, ehe du wieder zur See gehst?
    Robert fhlte, wie ihm das Herz schlug. Recht hatte der Alte, aber - wenn
ihn sein Vater nicht wieder fortlie? Wenn er noch einmal gezwungen wurde, auf
dem Tisch zu sitzen und zu nhen?
    Der Matrose las den Gedanken von seiner Stirn. Kannst ja schon in Liverpool
oder Le Havre schreiben, sagte er. Aber denke nicht, da der Vater hart sein
wrde, unmglich knnte er es, wenn du freiwillig zurckkehrst.
    In Roberts Augen standen Trnen. Ich mchte tun, was du sagst, Onkel Mohr,
flsterte er. Ich mchte, da die Eltern ganz mit mir einverstanden wren, aber
- weglaufen mte ich zum zweitenmal, wenn sie hart blieben.
    Der Alte lchelte. Komm mit, winkte er. Ich will dir zeigen, da meine
Worte mehr als ein leerer Schall sind. Du sollst dein Erbteil sehen.
    Er lie den Jungen in die Schiffskiste blicken, in der sich eine ziemlich
groe Anzahl hollndischer und spanischer Mnzen befand. Das alles ist fr
dich, sagte er leise, aber du mut tun, worum ich dich gebeten habe, nicht
wahr, Junge? Es kommt der Tag, wo du mir fr unser heutiges Gesprch dankbar
sein wirst, darauf verlasse dich.
    Robert gab gerhrt und mit dem festen Vorsatz, es zu halten, das verlangte
Versprechen. Dann reichte ihm der Alte die Flasche Champagner, die er selbst bei
der Verteilung heute bekommen hatte. Trink es in den nchsten Tagen, sagte er
freundlich.
    Und du, Onkel Mohr, fragte der Junge, dem der unbekannte, schumende Wein
ganz besonders gut gefallen hatte, warum willst du nicht?
    Der seltsame Mann schttelte den Kopf. Ich trinke keinen Alkohol,
antwortete er. La dir's gut schmecken.
    Und dann ging er fort, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihm ein Gesprch
peinlich zu werden schien. Robert hatte lngst erkannt, da irgendein groes
Unglck auf dem Alten lasten msse, aber er wagte nicht, noch einmal danach zu
fragen. Mohr wrde ja bestimmt Wort halten und ihm alles freiwillig erzhlen.
    Die Waren hatten jetzt fast alle ihren Platz gefunden, und whrend der
folgenden Tage mute das ganze Schiff von oben bis unten gescheuert werden. Der
Obersteuermann wetterte und fluchte an Deck herum, als wolle er alles nachholen,
was ihm whrend der ganzen Reise an unumschrnkter Herrschergewalt verloren
gegangen war. Die Matrosen murrten so laut, da es sogar der Kapitn bemerkte,
und ein fast vollstndiger Bruch zwischen den beiden war die Folge davon.
    Van Swieten hatte, wie das sehr hufig geschah, zuviel getrunken. Er war
daher in streitlustiger Laune und wollte vor allen Dingen sein Ansehen als
Kapitn des Schiffes gewahrt wissen. Ihm gehrte die Antje Marie, er war Herr
an Bord, und niemand durfte ihm widersprechen. Geh in deine Kajte, Renefier,
rief er mit lauter Stimme dem Obersteuermann zu. Geh und schlafe oder tue, was
dir Spa macht. Deines Postens bist du enthoben, - du pat nicht auf mein Schiff
und noch weniger zu meinen Leuten.
    Der Steuermann wurde bla wie eine Wand, aber er beherrschte sich doch und
verlie schweigend das Deck, nur als der Kapitn im Vorraum der Kajte nahe an
ihm vorberging, fragte er leise: Van Swieten, hast du dir deine Worte gut
berlegt? Hast du an meiner Stelle einen Mann zur Verfgung, der den Standort
aufnehmen kann, und der es versteht, eine Hhenberechnung aufzustellen? -
Besinne dich, ehe es zu spt ist.
    Der Kapitn schlug mit der Hand in die Luft. Unsinn, rief er, das kann
ich alles selbst, und der Untersteuermann kann es auch. Ich habe ihm schon
deinen Posten bertragen, und du sollst dich nirgendwo mehr hineinmischen, hrst
du. Ich brauche willige Kerle, die vor dem Teufel nicht bange sind und die den
Taler gern verdienen, ohne lange zu fragen, womit, aber keine Scheuerweiber, die
an nichts anderes als an Sand und Seife denken.
    Der Obersteuermann zog sich sehr verletzt zurck, und der Kapitn ging in
seine Kajte, um den letzten Rest nchternen Bewutseins mit Grog
hinunterzusplen. Der zweite Steuermann, ein wenig tatkrftiger Mensch, konnte
sich kaum durchsetzen, so da an Bord vollstndige Unordnung entstand. Nur die
notwendigsten Arbeiten wurden vorgenommen, sonst aber lagen die Leute in ihren
Kojen und spannen wechselweise ein Garn, wie der Seemann das Erzhlen einer
Geschichte nennt. Das Wetter blieb gnstig, der Wind schwach und die Sterne
sichtbar, es ereignete sich also nichts Besonderes.
    Nur Mohr schttelte den Kopf. Noch einen Tag und eine Nacht, murmelte er,
dann mssen wir den Hafen erreicht haben! - Seltsam, seltsam!
    Mohr, sagte ein anderer, gib auch einmal etwas zum besten! Du hast von
deiner Vergangenheit noch nie gesprochen, also tue es jetzt.
    Der Alte sah ber das Wasser, und sein tiefliegendes Auge glhte fast
unheimlich. Ich htte heute abend ein Garn gesponnen, auch ohne eure
Aufforderung, Kameraden, antwortete er. Aber ob ihr meine Geschichte
unterhaltend finden werdet, wei ich nicht.
    Die andern rckten nher, und die kurzen Pfeifen wurden angesteckt. Mohr zog
den Jungen nher zu sich heran. Morgen frh werden wir die blauen Berge von
Kuba aus der Ferne wie Schatten auftauchen sehen, sagte er, morgen scheint fr
mich zum letzten Mal die Sonne, - darum hrt alle, was ich euch zu erzhlen habe
und haltet euch daran.
    Niemand widersprach ihm. Sie kannten ja alle den Geisterseher, der oft in
dunklen Nchten so unheimliche, angstvolle Worte murmelte, der sich im Schlaf
von einer Seite zur andern warf und trumend schluchzen konnte wie ein
gengstigtes Kind.
    Der Klabautermann sitzt auf seiner Brust und drckt ihn, hatten dann wohl
einige heimlich erschauernd gesagt, whrend andere den Kopf schttelten. Die
Nachtmahr ist es, das bleiche Gespenst, sie will mit ihm wrfeln um sein
Herzblut, und er kann sich ihrer nicht erwehren - -
    Sie kannten ihn darum widersprach keiner.
    Mohr senkte den Kopf in die hohle Hand. Ich war mit zwanzig Jahren ein
lustiger, bermtiger Junge, begann er seine Geschichte, der sich weder vor
Gott noch vor dem Teufel frchtete und dahinlebte, als dauerten Jugend und
Gesundheit ewig, nur um alle Freuden des Daseins in vollen Zgen zu genieen.
    Das Seemannsleben gefiel mir nicht mehr, weil die Zeit der Arbeit und der
Entbehrungen so lang war, die Freudentage im Hafen aber sehr kurz, und
besonders, weil ich an Bord gehorchen mute wie ein Schuljunge. Das konnte
gerade ich am allerwenigsten, das erregte immer meinen Jhzorn und strzte mich
in viele Verlegenheiten. Einmal habe ich dem Kapitn, der mir ein verweisendes
Wort sagte, eine Ohrfeige gegeben und dafr als Meuterer die ganze Reise in
Eisen gelegen, aber alles das konnte mich nicht zur Besinnung bringen. Ich ging
also von Bord und legte mich einstweilen in meines Vaters Haus vor Anker. Der
Alte war Wirt, lebte mit einer bejahrten, mrrischen Schwester ganz allein und
sah mich hchst ungern kommen. Einen erwachsenen Sohn zu fttern, der noch
obendrein jeden Augenblick mit den Gsten Streit anfing und es meistens vorzog,
die besseren Weine und Kognaks selbst auszutrinken, anstatt die Gste freundlich
zu bedienen, das liebte er wenig.
    Htte ich Flaschen splen, Kegel aufsetzen und Bier abzapfen wollen, htte
ich bei der alten Tante den Kchenjungen gespielt und ihr Schohndchen
gestreichelt, dann wre alles gut abgelaufen, so aber wurde das Verhltnis
zwischen mir und meinem Vater immer schlechter, bis ich zuletzt den ganzen Tag
auf der Bank lag und rauchte oder trank, mit mir selbst und der Welt vollstndig
zerfallen.
    Sollte ich nachgeben? Wieder ein Schiff suchen, mich von meinen Kameraden
auslachen lassen und der Tante, die den Alten aufhetzte, das Feld rumen? Es
rgerte mich, nur daran zu denken, aber der gegenwrtige Zustand konnte nicht
lnger dauern. Es mute bald anders werden, das sah ich wohl, da mir auch der
Vater niemals Geld geben wollte. Es ist genug, da ich einen Taugenichts
ernhre, sagte er mir einmal. Du solltest dich schmen, von deinem alten Vater
noch Geld zu verlangen. Ich gebe dir nichts, und wenn du keinen Anzug mehr
anzuziehen hast und keine Schuhe an den Fen.
    Damals zerschlug ich in meiner wilden Wut alles, was mir im Weg stand, die
Flaschen und Glser, die Fensterscheiben und die Rohrsthle, ich tobte wie ein
wildes Tier im Kfig und ging erst fort, als kein heiles Stck mehr zu finden
war.
    Drei Tage lang trieb ich mich umher, a rohe Feldfrchte, hungerte und
schlief hinter den Zunen, dann kehrte ich zurck, um nicht ins Gefngnis zu
kommen, aber es war ein elendes Leben, das ich fhrte, mir selbst zur Last. Der
Alte sagte nichts; er frchtete wohl einen hnlichen Auftritt und lie mich
daher tun und treiben, was ich wollte. Die Tante machte es ebenso, sie ging im
weiten Bogen um mich herum und nahm ihr Hndchen auf den Arm, sobald ich im
Zimmer erschien. Das rgerte mich aber viel mehr, als wenn mir die beiden das
Leben tglich zur Hlle gemacht htten; ich wurde so grimmig, so verbissen, -
oh, ich kann euch nicht sagen, wie.
    Du hngst dich auf, dachte ich bei mir, dann hat alles ein Ende. Gerade vor
der Kammertr der Tante, damit sie sich erschreckt.
    Den Nagel schlug ich auch richtig in die Mauer hinein, aber weiter kam es
nicht. Man hlt doch am Leben fest, und wenn es noch so elend ist.
    Um diese Zeit, gerade an meinem Geburtstag, kam einmal ein Mann in die
Schenke, der mit allerlei Kleinigkeiten, unter anderem auch mit Lotterielosen
handelte. Ich lag wie gewhnlich auf der Bank hinterm Ofen, heute noch
schlechter gelaunt als sonst. Es war ja mein Geburtstag, aber kein Mensch
kmmerte sich darum, niemand hatte mir ein freundliches Wort, einen Glckwunsch
gesagt, obwohl es der Alte ganz genau wute. Das rgerte mich rasend. Ich dachte
wieder an den Nagel ber der Kammertr.
    Da trat der Mann zu mir und hielt zwischen den Fingern ein schmutziges,
zerknittertes Blatt. Kauft der Herr kein Los? fragte er schmeichelnd. Gerade das
letzte, also das Glckslos, weil man immer das beste bis zuletzt aufhebt -
Nummer 26!
    Es durchfuhr mich sonderbar. Heute an meinem Geburtstage wurde mir das Los
angeboten, dessen Nummer die Zahl meiner Jahre angab. Wie merkwrdig!
    Ich stand auf und zeigte das Papier dem Alten. Vielleicht ist es ein Wink
des Schicksals, flsterte ich. Vielleicht bringt es mir Glck.
    Er zuckte die Achseln und wusch seine Glser, ohne zu antworten. Das brachte
mich schon auf, weil es die anderen Gste sahen.
    Der Losverkufer schlich mir nach. Sie sollten es nehmen, drngte er. Die
Ziehung ist schon in vierzehn Tagen, und die Nummer bringt Glck. Hab' schon
einmal auf Sechsundzwanzig das groe Los gehabt. Wre doch herrlich, so viel
Geld, nicht wahr?
    Mir stieg das Blut hei zu Kopf. Vater, sagte ich mit lauter Stimme, seid so
gut und leiht mir die paar Taler, ich will es kaufen.
    Der Alte zgerte. Er murmelte etwas, das ich nicht verstand, aber er griff
endlich doch in die Kassenschublade und zhlte das verlangte Geld auf den Tisch,
alles ohne ein Wort zu sagen. Er hatte Angst vor mir, das war ganz sicher.
    Er und ich, wir sprachen von der Sache nicht weiter, und das Los blieb in
meiner Tasche. Die vierzehn Tage vergingen wie alle anderen, ich las und trank,
rauchte oder schlief und war immer schlecht gelaunt. An den Gewinn dachte ich
schon lngst nicht mehr.
    Da erschien eines Abends der Hndler wieder, als gerade das Gastzimmer Kopf
an Kopf besetzt war. Er winkte mir schweigend, ihm zu folgen. Gewonnen,
flsterte er, als wir drauen vor der Tr standen, gewonnen! Ich habe das Geld
mitgebracht. Wieviel lassen Sie mich verdienen, wenn ich es gleich auszahle?
    Hinter uns erschien in diesem Augenblick wie ein schwarzer Schatten der
Alte. Was gibt's? fragte er, hat das Los gewonnen?
    Der Mann hob warnend den Finger. Pst! flsterte er, nicht so laut, die
anderen merken es. Das schne Geld knnte gestohlen werden. Es ist eine groe
Summe, und ich bin ein geschlagener Mann, wenn mich Diebe berfallen. Nachher
wollen wir alles besprechen, wenn die Gste fort sind.
    Er ging voran in das Zimmer, und ich folgte ihm, halb berauscht vor Freude.
Also endlich sollte meine Erlsungsstunde schlagen, endlich sollte ich wieder
Geld besitzen, viel Geld, wie der Mann gesagt hatte! - Ach, dieses Gefhl, diese
rasende Freude. Ich trank und trank, bis meine Augen die Dinge ringsumher nicht
mehr mit Sicherheit unterscheiden konnten.
    Ich wollte das langweilige Dorf verlassen, mit dem schnell erworbenen
Reichtum in eine grere Stadt ziehen und dort durch Leihgeschfte mhelos immer
mehr Geld verdienen, ich schmiedete Plne ber Plne, und in allen spielte mein
Vermgen die Hauptrolle.
    Karten und Wrfel gingen von Hand zu Hand, ich trank und verlor viel Geld,
aber ich lachte darber. Was machte das aus, da ich ja reich war!
    Aber wieviel mochte es nur sein? - Heute blieben auch die Gste lnger als
sonst. Ungeduld brannte in allen meinen Adern. Mitternacht war vorber, als
endlich die letzten halbbetrunkenen Bauern abzogen. Jetzt waren auer mir selbst
nur noch mein Vater und der Hndler im Schenkzimmer. Die Tante sa nickend in
der Kche.
    Wieviel ist es? fragte flsternd der Alte, und: wieviel ist es? wiederholte
ich zitternd vor Begier.
    Der Mann sah von einem zum andern. Zwanzigtausend harte Taler, raunte er.
Habe es ja gesagt, die Sechsundzwanzig ist eine Glcksnummer. Was soll ich
haben, wenn ich das Geld gleich auszahle anstatt in sechs Wochen?
    Mir flirrte und flunkerte es vor den Augen. Tausend Taler! rief ich sofort.
Das ist frstlich bezahlt, also zahl das Geld aus!
    Da legte sich eine Hand auf meine Schulter. Langsam, langsam, rief der Alte,
was geht es dich an, wieviel ich dem Hndler geben will?
    Du?
    Ich starrte ihn an, unfhig, mehr als das eine Wort herauszubringen.
    Natrlich, bestand er, das Geld gehrt mir, ich habe das Los bezahlt und
kann zehn Zeugen bringen, da ich die Wahrheit sage.
    Heier rann es durch meine Adern. Mir hast du das Geld geliehen, schrie ich,
und du kannst es zurckerhalten, sobald mir das Geld ausbezahlt ist. Gib her,
Mann, hier hast du das Los und tausend Taler sind fr dich!
    Der Mann griff nach dem Papier. Ein solches Trinkgeld bot ihm bestimmt
niemand, am wenigsten aber der habschtige Alte. Er stand deshalb ganz auf
meiner Seite und begann hastig die Kassenscheine auf den Tisch zu zhlen. Dann
machte er sich davon, so rasch ihn die Fe trugen.
    Der Vater legte seine Hand auf das Geld. Mir gehrt es, raunte er, und ich
werde es behalten. Ergib dich im Guten, oder -
    Ich sah ihm aus nchster Nhe ins Auge. Oder? zischte ich.
    Du wanderst morgen ins Gefngnis. Ich habe das Los bezahlt, ich bin hier im
Dorf als anstndiger Mann bekannt, ich betreibe ein ehrliches Handwerk, du aber
bist ein Tagedieb und Herumtreiber, der jetzt auch noch seinen alten Vater
bestehlen will!
    Die Habgier mute ihn vllig verblenden, mir so drohend gegenberzutreten.
Ein Schein nach dem andern verschwand in seinen Taschen.
    Und da, Kameraden, da war's um mich geschehen. Er hatte das Wort stehlen
ausgesprochen, hatte meine Ehre tief verletzt.
    Ich ergriff einen schweren Hammer, der zufllig auf dem Tisch lag - -
    Der alte Matrose hielt einen Augenblick inne. Kalter Schwei perlte von
seiner Stirn, die Stimme klang kaum verstndlich -
    Unter den Leuten herrschte Totenstille - -
    Vor meinen Augen war alles rot, wie zuckende Blitze, fuhr er nach einer
Pause fort. Ich wei nur noch, da mir die vllige Besinnung erst spter
zurckkehrte. Und da war ich nchtern auf einen Schlag.
    Vor mir am Boden lag mit gespaltenem Schdel mein Vater, und seine
gebrochenen Augen schienen starr zu dem Mrder aufzusehen. Langsam rann das Blut
ber die Kassenscheine, die er im Fallen mit sich vom Tisch gerissen hatte.
    Alles war totenstill um mich herum, nur ein eintniges leises Gerusch hrte
ich, ganz leise wie das Ticken einer Uhr. Es war Blut, das langsam ber die
Stufen der Kellertreppe hinabtropfte und in mir ein eisiges Grauen wachrief. Das
Licht brannte allmhlich herab, knisterte und zuckte noch ein paarmal hoch auf,
dann erlosch es ganz.
    Ich rhrte kein Glied. Wie gelhmt, wie erstarrt sa ich da. Mrder! schien
es in mir zu flstern, und Mrder ringsum in der stillen Luft, bis mich fast
wahnwitzige Angst ergriff. Ich mute fort von hier, bevor es Tag wurde, ich
konnte um keinen Preis noch einmal in dieses gebrochene Auge sehen.
    Stunde um Stunde verrann. Der Tag rckte nher, die Hhne im Dorfe begannen
zu krhen, Hunde bellten und hier und da knarrten Wagenrder.
    Ich machte keine Bewegung, atmete kaum - da drang durch die Fensterlden ein
erster schwacher Schimmer - er streifte die dunkle stille Gestalt am Boden. -
    Schaudernd raffte ich mich auf und schlich zur Tr, immer verfolgt von dem
Blick der toten Augen. Wohin ich mich wandte, da begegnete mir der schreckliche
Anblick. Ich ffnete die Tr und trat hinaus ins Freie, in den Frieden des
Sommermorgens - -
    Oh, Kameraden, mchte keiner unter euch einmal das empfinden mssen, was ich
damals empfand. Ich fhlte den Fluch des Mordes auf mir und strzte davon, wie
einst die ersten Menschen aus dem Paradies.

    Onkel Mohr, flsterte Robert, sich an dem Alten festhaltend, du Armer!
    Und auch die andern waren ernst und still. Selbst diese rohe Schar,
zusammengewrfelt aus aller Herren Lnder, verwahrlost in der steten Ausbung
eines widerrechtlichen Berufes, war tief ergriffen von dem furchtbaren Schicksal
des Gefhrten, dessen silberweies Haar sich heute noch beugte unter der Last
einer Erinnerung, die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte.
    Nur Gallego schlich ungesehen im Dunkeln des Logis zu Roberts Koje und stahl
die Champagnerflasche, mit der er sich in die Kombse begab und in gierigen
Zgen den perlenden Schaumwein hinunterstrzte.
    Niemand beachtete ihn. Alle standen ganz unter dem Eindruck der Worte des
Alten, dessen Wesen ihnen jetzt erst anfing verstndlich zu werden. Darum das
Flstern im Schlafe, darum das leise flehende: Sieh mich nicht an, bitte, sieh
mich nicht an! - wie es die Matrosen so oft von ihm gehrt hatten.
    Sprich weiter, bat eine Stimme. Dein Garn ist noch nicht zu Ende.
    Der Alte hatte das heie Gesicht des Jungen gestreichelt; jetzt erhob er den
Kopf und warf das Haar zurck. Nein, sagte er, ihr habt recht. Ich will euch
alles erzhlen. Hrt zu!
    Ich besah beim ersten Tageslicht mein Gesicht in einem Bach, der am Wege
vorberflo - es war mir, als stnde darauf die Tat verzeichnet, und dann, als
ich das Haar etwas geordnet hatte, wanderte ich nach Bremen, das ungefhr drei
Meilen weit von meiner Heimat entfernt liegt und wo mich jeder Heuerbaas kannte.
Ein Schiff zu bekommen war nicht schwer, und schon nach vier oder fnf Tagen war
ich auf einem amerikanischen Dreimaster in vlliger Sicherheit.
    Wir hatten Passagiere an Bord, Frauen und Kinder; es gab viel Unterhaltung,
manches Neue, manches Ungewohnte, kurz, ich erholte mich in verhltnismig
kurzer Zeit von dem Schrecken und fing an, mich fr weit mehr unglcklich als
schuldig zu halten. Noch war die Reue nicht echt - es mute schlimmer kommen,
ehe ich aus meinem Trotz und Eigenwillen aufgerttelt wurde.
    Unter den Zuhrern entstand ein unwillkrliches Murmeln. Schlimmer?
fragten einige leise Stimmen.
    Schlimmer! besttigte der Alte. Um meinetwillen sind Hunderte dem Tode
zum Opfer gefallen, haben Mtter ihre kleinen Kinder sterben sehen und sind
Tausende glhender Trnen geweint worden. Wit ihr nicht, da das Schiff, an
dessen Bord sich ein Mrder, ein unentdeckter Mrder befindet - dem Untergang
geweiht ist? Wit ihr nicht, da es dem fliegenden Hollnder entgegentreibt und
von seinem weien Kiel in den Grund gebohrt wird?
    Der alte Matrose hatte sich erhoben, die Augen glhten wie in halbem
Wahnsinn, die Hnde streckten sich aus, als wollten sie einen unsichtbaren Feind
abwehren. Seine Brust keuchte schwer, sein Gesicht war totenbla.
    Die andern suchten ihn zu beruhigen. Das ist ein Aberglaube, Mohr, sagten
sie. Du bist so lange an Bord der Antje Marie, und sie ist nie dem fliegenden
Hollnder begegnet.
    Der Alte lchelte. Die Antje Marie? wiederholte er sinnend. Das ist etwas
anderes, Kameraden. Wir stehlen dem Staat den Zoll, wir fahren auf der breiten
Strae, die dem Abgrund zufhrt, da braucht es keine besondere
Schuldverschreibung an den Teufel, sie ist ja schon vorhanden, und doch - was
kommen wird, das wissen wir ja heute nicht. Ich will euch aber erzhlen, was mit
der Seemwe geschah, auf der ich angemustert hatte. Lat mich also ausreden.
    Die Matrosen waren jedoch zu erregt, um schweigen zu knnen. Hast du ihn
gesehen, den fliegenden Hollnder? fragten sie.
    Mohr nickte. Ich habe ihm ins Auge gesehen - er erhob gegen mich die Hand -
er winkte mir!
    Ach, Unsinn, Geisterseher, du hast getrumt.
    La doch den Alten sein Garn spinnen. Erzhle, wie ging es der Seemwe?
    Mohr bekmpfte das Grauen, das er noch jetzt in der Erinnerung empfand. Wir
waren am Kap der Guten Hoffnung, begann er, und das Wetter hielt sich
merkwrdig gut. Trotzdem lie der Kapitn alle Vorsichtsmanahmen treffen, und
schon beim ersten Windhauch muten wir bis auf die Sturmsegel jeden Fetzen
Leinwand hereinholen. Man kann ja, wie ihr wit, in diesen Breiten dem Frieden
niemals trauen.
    Es war abends um elf Uhr, als ich abgelst wurde und mit den Matrosen zur
Koje gehen konnte, aber bei der schwlen Luft blieben wir alle lieber noch ein
bichen bei offenen Tren sitzen. Es hatten sich auch, obgleich das streng
verboten war, mehrere Zwischendeckspassagiere zu uns gesellt, und wir wrfelten
auf unseren Schiffskisten. Hier herum soll ja der fliegende Hollnder sein Wesen
treiben, meinte einer der Auswanderer, ich htte eigentlich Lust, dem alten
Burschen zu begegnen. Wer ein gutes Gewissen besitzt, der braucht die Geister
nicht zu frchten. - Solche und andere Reden flogen hinber und herber. Meine
Kameraden nahmen es dem Auswanderer krumm, da er die bsen Gewalten des Meeres
herausforderte, aber ich lachte dazwischen. Lat doch das Geisterschiff kommen.
Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat, der trinkt mit dem alten Van der Decken
Brderschaft. Auf du und du, alter Kamerad, rief ich bermtig in die Nacht
hinaus, meine Ration Rum hinunterstrzend und die Flasche in weitem Bogen ber
Bord schleudernd. Prosit, alter Knabe!
    Das Wasser spritzte hoch auf - ber dem Schiff in der Luft erklang es wie
ein spttisches, langgedehntes Lachen. He, he, he - und dann noch einmal: He,
he, he -
    Die Gesichter um mich herum wurden leichenbla und auch ber meinen Rcken
lief es eiskalt herab, aber ich lie mir nichts merken, sondern antwortete mit
halber Stimmer auf das gespenstische Lachen in der Luft:
    Schon die ersten Mwen! - Wir sind also nur wenige Meilen von der Kste
entfernt.
    Der Auswanderer, der vorhin so groen Mut gezeigt hatte, sah jetzt aus wie
ein durchgeschnittener Kse. War es wirklich eine Mwe? flsterte er.
    Natrlich? Haben Sie jemals gehrt, da die Geister lachen?
    Wie der Wind heult! schauderte er.
    Gehen Sie in die Koje, Mann - Sie haben ja doch Furcht trotz des guten
Gewissens.
    Er sah mich bse an. Vielleicht beleidigte ihn mein herausforderndes Wesen,
vielleicht durchschaute er es und las auf meinem Gesicht die verborgene Unruhe.
    Und Sie haben doch kein gutes Gewissen, trotz Ihrer lauten Worte, sagte er.
    Ich sprang auf, die Fuste geballt, - ganz derselbe unbndige, wilde
Geselle, der ich immer gewesen war, ich htte vielleicht in diesem Augenblick
einen zweiten Mord begangen, wenn nicht das Kommando des Kapitns wie ein Blitz
aus heiterer Luft dazwischen gefahren wre.
    Alle Mann an Deck. Marssegel reffen!
    Wir hatten nicht darauf geachtet, da es ber uns und unter uns lebendig
geworden war. Der Wind fegte ber die weien Wogenkmme; es zischte, brodelte
und grte um den Bug der Seemwe, wie ich es nie vorher gehrt hatte; es chzte
im Takelwerk und knarrte in den Masten, whrend grelle Blitze aus den schwarzen
Wolkenmassen hervorschossen und der Donner ber das Meer rollte.
    Der Sturm wuchs, hoch und hher ging die See. Der Kapitn lie die
Zwischendecksluken schlieen, weil uns die angsterfllten Menschen am Arbeiten
hinderten, aber das Zwangsmittel half nur kurze Zeit. Von innen sprengte die
Kraft der Verzweiflung das Eisen, unaufhaltsam ergo sich der Strom
halberstickter, jammernder, betender und schreiender Auswanderer auf das Deck.
    Es war eine grliche Szene. Die Stimme des Kapitns bertnte zuweilen das
Brausen des Sturmes, aber was er sprach, das ging verloren. Da galt kein
Kommando mehr, da waren alle Bande der Ordnung und des Gehorsams auf einmal
gerissen, da schrie jeder, und niemand hrte. Wilde Flche mischten sich mit dem
erschtternden Jammern der Frauen und den Angstrufen der Kinder. Einige beteten
oder sangen Sterbelieder, andere sprachen mit lauter Stimme Worte voll Liebe und
Zrtlichkeit zu ihren viele hundert Meilen entfernten Angehrigen, sie nahmen
von ihnen Abschied und baten sie, ihnen zu vergeben, was jemals Unfriedliches
oder Unvershnliches geschehen sei.
    Hier lag eine Mutter auf ihren Knien und hielt in schtzenden Armen die
Kinder, deren kleine Gesichter sich angstvoll an ihrer Brust verbargen, dort
segnete ein Greis mit weiem Haar zum letztenmal die Seinen, whrend an der Tr
der Kapitnskajte ein Priester mit lauter Stimme die Barmherzigkeit Gottes
anrief.
    Und von anderer Seite nahten zgellose schwankende Gestalten. Einzelne
Mnner hatten den Vorratsraum erbrochen und die Rumfsser hervorgezogen. In den
Gesang und die Gebete der Todgefaten hinein tnte ihr trunkenes Lstern.
    Mehr und mehr wuchs der Sturm, hoch und hher ging die See.
    Hier oder dort zerri ein heller Schrei auf Sekunden die Luft. Die Stelle,
wo noch eben ein Mensch gestanden hatte, war leer. Aufgehrt hatte Singen, Toben
und Beten, aufgehrt hatten Kommando und Gehorsam - die Vernichtung war
hereingebrochen.
    Dieser hat's getan! riefen meine Kameraden, und kreidebleiche, bebende
Lippen nannten mich flsternd den Bsen, der das Schiff ins Unglck gestrzt
hatte. Augen voll Zorn blickten mir entgegen, geballte Fuste und wilde
Verwnschungen bedrohten mich.
    Er hat das Gespenst des Meeres herbeigerufen! Er hat mit dem fliegenden
Hollnder Brderschaft getrunken! -
    Werft ihn ber Bord, den Verfluchten! -
    Tageshelle umgab uns auf allen Seiten, das Schiff war nur noch ein Wrack
ohne Masten, unaufhaltsam gingen die Wellen ber Deck und splten hinab, was zu
schwach war, ihrem Toben Widerstand zu leisten.
    He, he, he, lachte hoch oben in der Luft die Mwe. He, he, he -
    Aber ihr triumphierendes Schreien wurde bertnt, ihr Hohnlachen erstickt in
einem Ruf des Entsetzens, der allen noch Lebenden die Haare zu Berge trieb.
    Ich sah nach vorn, weil alle andern es taten und - was ich dort erblickte,
das sieht auch der Vermessenste nicht, ohne auf die Knie zu sinken und Erbarmen
zu erflehen.
    ber die schwarzen, grn und violett gegipfelten Wogenkmme kam das
Geisterschiff daher, gerade auf die Seemwe los. Schneewei vom Kiel bis zu den
Mastspitzen, unter vollen Segeln, aber es regte sich an Bord kein Stckchen
Leinwand, es schaukelte oder stampfte nicht, sondern glitt, von unsichtbarer
Macht getrieben, in pfeilschneller Fahrt und schnurgerader Richtung vorwrts,
nher, immer nher an uns heran. Auf dem Gromast glhte und funkelte blulich
in majesttischer Hhe das Sankt-Elmsfeuer, weies Licht ging von den Segeln
aus, und in den Raaen arbeiteten die weien Todesgestalten der sechs Matrosen.
Alle in Leichentcher gekleidet, standen sie auf den Kpfen im Takelwerk,
whrend Kapitn van der Decken am Gromast lehnte und aus hohlen Totenaugen zu
mir herbersah.
    Ja - zu mir!
    Ich schrie vor Entsetzen. Dieser Blick! - Hatte ich ihn nicht schon einmal
gesehen?
    Meine Besinnung drohte zu schwinden. Da hob das Gespenst die rechte Hand und
winkte mir. - -
    Ganz nahe war das Geisterschiff herangekommen; Auge in Auge stand ich dem
fliegenden Hollnder gegenber. Wie ein kalter Schatten streifte es mein
Gesicht.

    Als ich zu mir kam, lag ich in der Koje eines franzsischen Schiffes und
wurde freundlich gepflegt. Kaum wagte ich eine Frage nach dem Schicksal meines
Schiffes - ich wute die Antwort vorher. Von mehr als fnfhundert Menschen an
Bord der Seemwe war ich der einzige Gerettete. Die Matrosen des franzsischen
Schiffes hatten mich anscheinend leblos aus dem Wasser aufgefischt, als die
Wellen meinen Krper bis unter den Bug trieben - -
    Der alte Mann schwieg und trocknete die Schweitropfen auf seiner Stirn.
Ich war der Einzige, wiederholte er nach einer Pause, den das Meer zurckgab,
den der Tod verschmhte. Ich. mute leben, um zu wissen, welches Opfer meine Tat
gefordert hatte, an wievielen Unschuldigen mein Verbrechen gercht worden war.
    Aber seitdem wurde aus mir ein anderer Mensch. Ich ging an Bord der Antje
Marie, die damals ihre erste Reise antrat, und schwor mir selbst, nie wieder in
die Gesellschaft ehrlicher Menschen zurckzukehren, nie wieder festes Land zu
betreten, allen Rechten, allen Freuden zu entsagen und so meine Schuld zu ben.
    Inzwischen sind dreiig lange Jahre vergangen. Ich war wie ein
lebendig-gestorbener Mensch, aber ruhig in mir durch das Bewutsein meiner Reue.
Doch whrend der letzten Nacht im Hamburger Hafen hatte ich einen seltsamen
Traum. Die Antje Marie trieb auf hoher See im hellsten Sonnenschein langsam
dahin. Der Wind war still, die Luft warm und das weite Meer wie ein glnzender,
kaum bewegter Spiegel. Ich stand am Ruder, das Herz voll Frieden und Ruhe, wie
es in vielen Jahren nicht gewesen war, so ganz glcklich, ganz als ob ein
schnes langersehntes Ziel erreicht sei, da - nahte aus der Ferne das
Geisterschiff des fliegenden Hollnders. Aber es erschreckte mich nicht, mein
Herz blieb ruhig, meine Augen sahen den Alten am Gromast, ohne sich abzuwenden
von dem Entsetzlichen - -
    Das weie Schiff kam nher und nher, es segelte lautlos ber die Antje
Marie hinweg, und ich fhlte, wie wir langsam tiefer und tiefer sanken. Ich
schlo die Augen - und lie mich trumend von den weichen Armen der See umfangen
- -
    Am andern Morgen sagte mir der Kapitn, da wir bei Eintritt der Flut in See
gehen wrden, und nun wute ich genug. Es ist nicht gut, an einem Montag
auszulaufen, zumal nach einem solchen Traum. Diese Reise ist meine letzte! Noch
bevor wir den Hafen von Havanna erreicht haben, bin ich ein toter Mann, und eben
deshalb erzhle ich euch meine Geschichte, um jeden einzelnen zu warnen. Bittet
Gott, da er euch den Frieden des Gewissens erhalte, das hchste Gut des
Menschen!
    Niemand antwortete ihm, nur Robert drckte ergriffen seine Hand. Er verstand
ja jetzt, weshalb ihn der alte Mann so eindringlich gebeten hatte, nach Hause zu
reisen und die Verzeihung seines Vaters zu erbitten, er freute sich, dem
einsamen Unglcklichen wirklich teuer geworden zu sein.
    Du stirbst nicht, Onkel Mohr, sagte er zuversichtlich. Im Gegenteil, nun
hast du alles einmal von der Seele herunter gesprochen, und nun wird dir
leichter und besser zumute werden.
    Der Alte nahm den Kopf des Jungen zwischen seine beiden Hnde und kte ihn
auf die Stirn. Leb wohl, Kind, sagte er langsam, leb wohl, du hast mich mit
dem Leben wieder ausgeshnt, hast noch einen letzten Schimmer von Liebe und
Vertrauen wieder aus der Gemeinschaft der Menschen zu mir, dem Ausgestoenen,
herbergebracht. Sei gesegnet! -
    Ein lauter Ausruf des Obersteuermanns unterbrach die Stille, die den Worten
des alten Matrosen gefolgt war.
    Alle Mann an Deck! Klar zum Wenden! schrie Renefier, wie auer sich das
Ruder ergreifend, in vergeblichem Bemhen, die Galliot in den Wind zu drehen.
Der Mann am Ruder, zufllig sein erbittertster Gegner, wollte seinem Befehl
nicht gehorchen und verteidigte mit beiden Fusten den Platz. Rufen Sie den
Kapitn, hierher! schrie er.
    Der Obersteuermann mute aber seiner Sache sehr sicher sein, er schien jeden
Augenblick fr kostbar zu halten, denn er kehrte sich pltzlich von dem
widerspenstigen Matrosen ab und wendete das Schiff mit flatterndem Topsegel,
indem er die Hauptbrasse schieen lie. Dann befahl er der Mannschaft, das groe
Segel zu reffen, aber - keiner wollte gehorchen. Was hatte den sonst so ruhigen
und besonnenen Obersteuermann pltzlich aus der Fassung gebracht? Meer und Wind
waren still, keine Gefahr weit und breit - was wollte er eigentlich?
    Er selbst benahm sich wie ein Wahnsinniger. Van Swieten! schrie er. Van
Swieten, komm um Gotteswillen herauf. In wenigen Minuten geht es um unser Leben,
wenn deine Leute nicht gehorchen.
    Unwillkrliches Entsetzen packte die Matrosen. Nur Mohr stand aufrecht mit
gekreuzten Armen Es kommt! sagte er leise, es kommt! - Herr, sei ihnen
gndig!
    Robert strzte an ihm vorber zur Kajtentr. Herr Kapitn! - Herr Kapitn!
- Sie mssen an Deck kommen.
    Van Swieten war wie gewhnlich halb betrunken und fuhr aus ahnungslosem
Schlaf auf. Zum Teufel, Junge, was schreist du? Willst du das Tauende kosten?
    Van Swieten! rief wieder der Obersteuermann, komm und gib mir das
Kommando zurck, oder wir sind alle verloren. Das Schiff steuert in voller Fahrt
auf die Kubariffe los.
    Van Swieten taumelte an Deck. Was sagst du da, Renefier?
    Geh in deine Kajte und sei still. Wo ist der zweite Steuermann?
    Der Gerufene erschien mit bleichem, ngstlichem Gesicht. Er verteidigte sich
nicht, als ihn der Obersteuermann bei beiden Schultern packte und derb
schttelte.
    Hast du den Standort aufgenommen, Bursche? Kannst du das berhaupt? - Wo
ist deine Hhenberechnung?
    Die Zhne des jungen Menschen schlugen hrbar aufeinander Ich wei es
nicht, stammelte er, ich - ich verlie mich auf den Herrn Kapitn.
    Da haben wir's! - Van Swieten, siehst du jetzt, was deine Gewaltmanahme
angerichtet hat? Wir sind alle verloren.
    Da ertnte ein halb erstickter Ruf vom Ausguck her. Scharf wenden,
Brandungsfelsen dicht am Bug!
    Nieder mit dem Ruder! rief Renefier, dessen Geistesgegenwart ihn nie
verlie. Nieder damit!
    Der Befehl wurde befolgt, aber die Galliot verlor Fahrt, streifte einen
schaumbedeckten Felsen und lief mit dem Heck auf ein Riff.
    Jetzt herrschte allgemeine Bestrzung. Die Segel flatterten um die
knarrenden Masten, die Taue rissen und peitschten umher, die Brandung heulte,
der Rumpf drhnte, die Leute schrien. Da rief van Swieten, wahrscheinlich nur um
sich Ansehen zu verschaffen, mit lauter Stimme: Den Anker los! - der
sinnloseste Befehl, der berhaupt gegeben werden konnte.
    Der Anker scho herab, so da sich das Fahrzeug vor ihm drehte und pltzlich
stillstand. Niemand dachte daran, die Segel zu reffen und so die Kraft der ber
Deck gehenden Sturzwellen zu vermindern.
    Niemand sah es, da die Stelle, an der eben noch der alte Matrose gestanden
hatte, leer war.

    Renefier, sagte van Swieten mit unsicherer Stimme, ich bitte dich in
Gegenwart meiner Leute um Verzeihung. Du hast das Kommando an Bord!
    Der mrrische Hollnder antwortete keine Silbe darauf, gab aber sofort seine
Befehle. Smtliche Segel wurden gerefft und die Anker aufgehievt, um das heftige
Stampfen des Schiffes abzuschwchen. Bei Tagesanbruch lie Renefier ein Boot
bemannen und untersuchte selbst die Lage. Die Galliot war mit der Flut ber den
ueren Saum des Riffes hinausgekommen und ziemlich tief in die Zacken der
Korallen eingedrungen.
    Totenstille herrschte an Bord, als das bekannt wurde. Van Swieten, unfhig,
den Schlag zu ertragen, verbarg das Gesicht in beiden Hnden und weinte.
    Peilt die Pumpen! tnte Renefiers ruhiges Kommando.
    
    Zehn Zentimeter Wasser im Schiff! meldete nach kurzer Pause der
Zimmermann.
    Der Obersteuermann erbleichte. Die Galliot hatte also ein Leck, und die
Ladung war auf jeden Fall verloren.
    Vier Mann an die Pumpen! rief er. Das groe Boot herunter!
    Alle seine Befehle wurden jetzt mit unglaublicher Eile befolgt. Es gab fr
die Mannschaft der gestrandeten Galliot nur noch eine einzige Hoffnung auf Hilfe
und Erlsung aus dieser schrecklichen Lage, nmlich eine Insel, die nicht weit
von dem Riff aus dem Meer hervorragte.
    Das unglckliche Schiff lag fast in ihrem Schatten. Wenn es mglich war,
dorthin wenigstens die kostbaren Schmuggelwaren zu retten, so ging doch nicht
alles verloren und man konnte hoffen, mehr als das nackte Leben zu retten. Ein
anderes Fahrzeug zu erwarten wre vergeblich gewesen, da ja kein Schiff der
gefhrlichen Stelle nahe genug kommen wrde, um die Galliot zu sichten.
    Los, van Swieten! ermunterte Renefier, nimm fnf oder sechs Mann und
untersuche die Insel. Wenn es dort irgendeinen Schutz gibt, so mssen wir mit
dem Boot unsere Ladung hinberschaffen und die Antje Marie ihrem Schicksal
berlassen. Je frher wir anfangen, desto mehr wird gerettet werden.
    Der Kapitn sah aus wie ein Bild der Verzweiflung. Gerade auf diese Reise
hatte er so groe Hoffnung gesetzt, gerade diesmal hatte er fast sein ganzes
Vermgen zum Ankauf der teuersten Waren verwendet, um auf einen Schlag Tausende
zu verdienen. Freunde und Mittelsmnner, alle gut bezahlt, hatten ihm in
Hamburg, in Holland, in Spanien und auf Kuba die Wege geebnet, hatten ihm in die
Hnde gearbeitet und das ganze Unternehmen gesichert - jetzt war alles vorbei.
    Mein Schiff! chzte er, mein Schiff!
    Das ist verloren! sagte der Obersteuermann. Ergib dich, van Swieten, und
rette, was noch von der Ladung geborgen werden kann.
    Der Kapitn fuhr auf. Es sah aus, als sei der gutmtige, immer lchelnde
Mann in wenigen Stunden ein Greis geworden. Die Augen lagen wie erloschen in
ihren Hhlen, die Haut war aschfahl, die Hnde zitterten leise.
    Wo ist Mohr; fragte er halblaut.
    Die Matrosen schwiegen, nur Robert konnte den Kummer um den alten Freund
nicht verbergen. Ein lautes Schluchzen beantwortete die Frage.
    Van Swieten nahm die Mtze vom Kopf. Wenn du ein paar Hnde frei hast,
Renefier, so la die Flagge fr ihn halbmast setzen, sagte er nach einer Pause.
Gib seinem Andenken die Ehre, die wir der Leiche erwiesen htten, wenn Mohr in
unserer Mitte gestorben wre. Die Antje Marie ist ja leckgelegt auf immer.
    Und sei es im bitteren Bewutsein des erlittenen schweren Schadens, sei es
in der Erinnerung an den Gefhrten eines halben Menschenlebens, der nun tot war,
- van Swietens Stimme brach, als er die letzten trostlosen Worte sagte. Er ging
in die Kajte und schlo sich ein.
    Vier Mann wurden bestimmt, die Insel zu untersuchen. Robert drngte sich
dazu, als die Leute das Boot bestiegen. Von Wache und Ablsung war ja nicht mehr
die Rede - er sah bittend in das. finstere Gesicht des Obersteuermanns.
    Renefier nickte stumm. Er hielt zwar besser als der Kapitn dem Unglck
stand, aber im innersten Herzen empfand er die gleiche Verzweiflung. Sein Auge
folgte dem Boot, als ob es einem Sarge folgte, mit trbem und hoffnungslosem
Blick.
    Die fnf Mnner landeten nach kurzer Fahrt an einer seichten Stelle, wo sich
das Boot bequem an berhngende Baumstmme binden lie. Ein wahres Paradies
ffnete sich ihren Blicken, ein Fleck Erde, so schn und malerisch, wie ihn
keiner von ihnen je gesehen hatte. Palmen ragten zum Himmel empor, groe bunte
Blten rankten sich um ihre schlanken Stmme und unzhlige Vgel wiegten sich in
den Zweigen.
    Wie wunderbar, wie schn! rief Robert.
    Hm, meinte einer der Matrosen, das ginge schon an, wenn nur nicht
vielleicht hinter den nchsten Bumen so eine Bestie lauert, die uns als
Frhstck in den Schnabel zu nehmen beliebt. Das wrde ich mir verbitten.
    Robert lachte. Er hatte den naturgeschichtlichen Unterricht seines alten
Pinneberger Lehrers noch zu gut behalten, um auf Kuba oder den umliegenden
Inseln Raubtiere zu frchten. Hier gibt es keine Bestien, antwortete er, nur
Skorpione und Taranteln, die aber nicht so gefhrlich sind, wie man es meistens
von ihnen behauptet, nur in den Smpfen leben viele Krokodile.
    Was der Kerl alles wei! Ist es wahr, Junge, kann man sich darauf
verlassen? Sonst holen wir uns doch lieber vom Schiff ein paar Gewehre.
    Ist nicht ntig, Speckesser. La uns nur ruhig ausspren, wo sich ein
Versteck befindet. Aha, eine Quelle htten wir schon.
    Kommt mal her, rief ein anderer, seht mal, was ist das? Ein Krbis,
glaube ich.
    Robert pflckte eine der reifsten Frchte und bi herzhaft hinein. Ach,
rief er, das schmeckt aber anders als Erbsen und Speck! - Es ist eine Ananas,
sage ich euch, in Europa die teuerste Frucht, die es gibt.
    Jetzt machten sich die Matrosen darber her. Junge, du sollst Professor
heien, erklrte der groe Russe. Deine Gelehrsamkeit hat uns zu diesem
Leckerbissen verholfen, und dafr mssen wir dich belohnen.
    Wollen aber doch den Kameraden welche mitbringen! rief kauend der
Speckesser. Ach Gott, htte man doch eine Schiffsladung von den Dingen, die
hier wild wachsen, und se damit in Hamburg, wie schn wre das!
    Nichts auf Erden ist vollkommen, schaltete der vierte ein. Lat uns jetzt
aber schnell machen, damit der Alte bei Laune bleibt. Zu sagen hat er uns
freilich nicht mehr viel, und an eine richtige Heuer ist auch schwerlich zu
denken.
    Vorwrts! drngte Robert, dem bei der Erinnerung an das Schiff und an den
toten verlorenen Freund die Ananas nicht mehr schmeckte. Vorwrts. Zuviel von
den frischen Frchten drfen wir nicht essen, sonst gibt es bse Folgen. Das
Klima ist nicht gerade gesund, am wenigsten fr uns Nordlnder.
    Die Leute lachten und setzten sich wieder in Marsch. Robert schnitt mit dem
Taschenmesser hier und da ein Stckchen Baumrinde herunter. Um den Rckweg zu
finden, sagte er.
    Bravo, Professor! Denkst wohl an das Mrchen von Hnsel und Gretel, die
Erbsen auf den Weg streuten, als sie heimlich in den Wald gingen, wo die Hexe
wohnte!
    Ach, sagte ein anderer und blieb stehen, um ber das Meer zu sehen, ach,
sprecht nur. nicht von den deutschen Mrchen, das macht das Herz schwer. Ich
habe ja auch zu Hause solche Hnsel und Gretel, die auf den Vater warten, da er
ihnen Brot bringt. Wenn wir nun niemals von hier erlst wrden, oder wenn wir
ganz mit leeren Hnden irgendwo an Land kmen, ohne Geld, ohne Kleidung, ohne
Heuer! -
    Keiner antwortete ihm, aber die gute Laune war verscheucht, selbst bei
Robert. Er ging voran durch das blhende, duftende Gewirr von Pflanzen und
Blumen, durch das Gras und das weiche grne Moos. Er war ganz still geworden,
seit der Matrose von der Heimat gesprochen hatte. Jetzt war es zu Hause Abend,
und die alte Mutter betete vielleicht in diesem Augenblick, da Gott ihr Kind
beschtzen mge, da er es erhalte und vor Gefahren behte. - -
    Lautlos gingen sie weiter. Jeder hatte ja daheim seine Lieben, jeder fragte
sich, ob er sie wiedersehen werde.
    So waren sie etwa eine Viertelstunde gegangen, als sich der Boden zu erhhen
begann und der Pflanzenwuchs weniger ppig schien. Dafr aber entdeckten die
Matrosen einen berhngenden, ziemlich breiten Felsvorsprung, auf dessen Kuppe
das Moos in langen Flechten wucherte und der unter seiner gewlbten Decke der
kostbaren Ladung des gestrandeten Schiffes guten Schutz bieten konnte. Von allen
Seiten offen, hatte die Stelle nur ein Dach, aber das war auch alles, was man
brauchte, und sofort wurde der Rckweg angetreten. Jetzt hob sich die Stimmung
der Leute. An Bord waren Lebensmittel fr viele Wochen, fr Monate sogar, und
wenn einige Tage an dem berhngenden Felsen gezimmert wurde, so hatte man gegen
den Regen hinlnglichen Schutz. Einmal mute ja auch ein Schiff in Sicht kommen.
    Holla Jungens, rief der groe Russe, nun lat uns alle Segel setzen, da
wir die Ladung erst einmal hier verstauen. Zuerst die Lebensmittel.
    Frisches Wasser fliet an unserem zuknftigen Hotel unmittelbar vorber,
sagte der Speckesser, wir werden also Herrentage haben, besonders, wenn auch
ein bichen Jagd betrieben werden kann. Diese weien und blauen Vgel scheinen
mir zum Fasanengeschlecht zu gehren.
    Und Fische gibt es auch! fgte Robert hinzu. Wenn wir nur erst alles hier
htten. Sechs Mann mssen ja ununterbochen bei den Pumpen bleiben.
    Der Zimmermann soll Fle zusammenschlagen, dann geht es.
    Man hatte sich der Kste wieder genhert, doch pltzlich legte Robert den
Arm auf die Schulter des Speckessers.
    Was ist das? - Ein fremdes Boot am Schiff!
    Alle sahen hinber. Wirklich lag seitwrts der Galliot ein groes
Fischerboot, und an Deck standen mehrere Mnner in roten Flanelljacken. Van
Swieten und Renefier sprachen mit den Leuten.
    Wo kommen die Kerle her?
    Wer sind sie und was wollen sie auf der Galliot? Das scheint mir viel
wichtiger.
    Ob wir uns zu der Beratung melden?
    Wollen wir etwa die Kameraden im Stich lassen?
    Ohne lnger zu zgern, drangen die fnf zu ihrem Boot vor und ruderten so
schnell wie mglich an das gestrandete Schiff heran. Als sie das Deck betraten,
gab ihnen Renefier heimlich ein Zeichen zu schweigen, worauf der Speckesser in
gleichgltigem Ton sagte: Wir haben Wasser gefunden, Herr Obersteuermann.
    Es ist gut. Ich werde spter weitere Anweisungen geben.
    Dann setzte er seine Unterhaltung mit den Fischern wieder fort.
    Robert verstand natrlich davon keine Silbe, aber spter erfuhr er durch den
Kapitn selbst, um was es sich handelte. Die Fischer hatten angefragt, welche
Ladung im Raum der Galliot verstaut sei und was man bezahlen wolle, wenn sie mit
ihrer Bark, die an einer entfernten Stelle vor Anker lag, smtliche Waren nach
Havanna befrderten.
    Van Swieten besann sich nicht lange. Sein Plan war bald gemacht. Er bewies
durch die Schiffspapiere, da sich Mehl und Fleisch an Bord befanden, da er
also bei einer so wenig wertvollen Ladung fr den angebotenen Transport
hchstens zweihundert Dollar zahlen knne. Darauf gingen die Fischer nach
einigem Handeln ein und versprachen, am folgenden Morgen mit ihrer Bark zur
Stelle zu sein.
    Nachdem die beiderseitigen Bedingungen zu Papier gebracht waren, zogen die
Spanier ab.
    Van Swieten hatte kaum die ntigen Abschiedsgre gewechselt, als er sich
hndereibend zu den Matrosen wandte. Kinder, sagte er, das geht bei allem
Unglck noch besser als ich dachte. Nun zeigt, da ihr Kerle seid, und es soll
euer Schade nicht sein. Wir mssen alle wertvollen Waren hier auf der Insel
unterbringen, um sie den Spaniern zu entziehen, sonst fordern die Kerle
mindestens das Sechsfache fr die berfahrt. Bin ich erst einmal in Havanna, so
habe ich Freunde genug, um die Sachen hinberzuschaffen.
    Die fnf Abgesandten berichteten nun, was sie gefunden hatten, und sowohl
van Swieten als auch Renefier schienen zufrieden zu sein. Es wurden in grter
Eile Vorbereitungen getroffen, um die Schmuggelwaren an Land zu verstecken.
    Von den vierzehn Mann an Bord der Galliot muten sechs die beiden Boote mit
den erforderlichen Lebensmitteln, mit Werkzeugen und Gerten beladen, dann,
nachdem diese Dinge hinbergeschafft waren, folgten die Waren, und ehe es Abend
wurde, hatten die Matrosen fast alles geborgen, was dem Kapitn besonders
wertvoll oder wichtig erschien.
    Morgen mit Tagesanbruch fahren wir noch einmal, bestimmte der Kapitn,
und dann bleiben drei von euch auf der Insel als Wache zurck. Wer dazu Lust
hat, kann sich melden. Ich verpflichte mich, euch innerhalb acht Tagen abzuholen
und gebe Verpflegung und Wein, soviel ihr wollt, nur drft ihr das Versteck der
Waren nicht verraten, sondern mt, wenn euch die Fischer aufspren sollten,
irgendein Mrchen erfinden. Nun, wer will?
    Robert trat mit der Mtze in der Hand vor. Seine Augen baten so
eindringlich, da Worte gar nicht ntig waren. Herr Kapitn, bitte lassen Sie
mich mitgehen!
    Van Swieten lchelte. Meinetwegen, du Schlingel. Willst gern ein bichen
Robinson spielen, nicht wahr? Na, geh nur mit. In Havanna finden wir uns
hoffentlich auf einem neuen Schiff wieder zusammen, wenn es auch nicht die arme
brave Antje Marie ist, und wenn wir auch den alten Geisterseher nicht mehr bei
uns haben. Gott gebe ihm die ewige Ruhe, amen!
    Dann wurden die beiden zum Bleiben auf der Insel bestimmten Matrosen
ausgewhlt; Mohrs Seekiste kam als Roberts Eigentum in die Kapitnskajte, um
zunchst der Gefahr entzogen zu werden, man peilte nochmals und fand, da das
Wasser im Raum nicht gestiegen war - dann ging die Mannschaft zur Koje.
    Robert schlief nicht. Zuviel strmte auf ihn ein, zu viele Gedanken, frohe
und traurige, beschftigten ihn. Die acht Tage auf der Insel sollten ihm zu
einem einzigen Freudentag werden! Was er sich jemals Mrchenhaftes und
Abenteuerliches ausgedacht hatte, sollte jetzt Wirklichkeit werden! In Pinneberg
veranstalteten ja schon die greren Jungen so gern allerlei Ruberspiele; sie
fhrten untereinander Krieg auf den Inseln im Mhlenteich und in der Aue, wobei
Robert jedesmal der Anfhrer gewesen war, - aber was war das gegen die Freude,
in einer wirklichen Wildnis zu leben, in unbekannte Gegenden vorzudringen und
Neues, immer Neues zu sehen?
    Sein Herz hpfte vor Freude, und wre es nicht das Bild des alten Mohr
gewesen, das zuweilen wie ein Schatten auftauchte, so wrde der Junge heimlich
den Schiffbruch der Galliot als ein sehr frohes Ereignis bezeichnet haben. Aber
die Erinnerung an den verlorenen Freund kam immer wieder zurck, mischte sich in
jede Hoffnung, jede Freude - er konnte sie nicht zurckdrngen, sooft er es auch
versuchte.
    Wo mochte jetzt die Leiche sein? Vielleicht von den Haien gefressen,
vielleicht treibend im weiten Weltmeer.
    Roberts Augen wurden feucht, als er an den Alten dachte. Ja, sein Wunsch
sollte erfllt werden, in Havanna wollte er nach Hamburg anmustern und mit den
Ersparnissen des unglcklichen Menschen nach Hause zurckkehren. Er wollte
spter von Mohrs Erbe das Steuermannsexamen machen, ja, und wenn er einmal ein
Schiff besa, so sollte es Der Geisterseher heien, zum Andenken an den
verlorenen Freund.
    Allmhlich schlief er ein. Wunderbar ruhig und still war die Tropennacht.
Kein Hauch, keine Welle bewegte das Wasser. Hoch oben am Himmel glnzte der
Vollmond, und im Meer spiegelte sich sein helles, lchelndes Rund.
    Trumte Robert oder wachte er, als er zu hren glaubte, da sich das Deck
mit Mnnern anfllte, da ein Ringen und Stampfen, ein chzen und Fluchen die
Stille der Mitternachtsstunde unterbrach? - -
    War es Wirklichkeit, da er die Mnner an den Pumpen gefesselt an Deck
liegen sah, und da die fremden Gestalten ihre Arbeit bernommen hatten, whrend
andere den Kapitn und den Obersteuermann gebunden in ein Boot schleppten?
    Robert fuhr auf und sah hart neben sich das braune, brtige Gesicht eines
der Fischer. Noch war er selbst nicht bemerkt worden, und sein Verstand riet
ihm, sich vollkommen regungslos zu verhalten. Was konnte der berfall bedeuten?
    Das Rtsel sollte bald gelst werden. Er hrte, wie van Swieten und Renefier
in deutscher Sprache miteinander verhandelten. Die Schurken, knirschte der
Kapitn, die verfluchten Schurken!
    Renefier seufzte. Du bist an allem schuld! gab er zurck.
    Ein lautes Rufen der Spanier bertnte seine Worte. Sie schnatterten
durcheinander und begannen im Logis und in der Kajte zu suchen.
    Robert horchte angestrengt. Sie knnen den Jungen nicht finden, sagte van
Swieten. Ich wollte wnschen, da er entkme.
    Es rann hei und kalt durch Roberts Adern. Auf dem Bndel alter Segel, das
er sich hinter der Kombse als Lager eingerichtet hatte, war er bis jetzt den
Rubern entgangen, aber wie lange wrde es dauern, bis man ihn entdeckt haben
und mit den andern gefesselt in das Boot schaffen wrde?
    Er durfte nicht zgern. Auf der Insel befand sich alles, was man fr mehrere
Wochen zum Leben brauchte, an Bord dagegen kam er in die Gefangenschaft einer
Verbrecherbande.
    Schnell entschlossen ergriff er ein starkes Tau, zog es durch einen eisernen
Ring der Bordwand und lie sich geruschlos daran hinabgleiten in das Wasser.
Dann zog er, um seine Flucht gnzlich zu verbergen, das Tau schleunigst nach und
schwamm in langen Zgen der Insel zu.
    Niemand entdeckte ihn, keiner der Ruber ahnte etwas. Das Boot mit der
gefangenen Mannschaft stie ab, als der Junge das Ufer erkletterte. Durchnt
bis auf die Haut, allein in der weglosen Wildnis, zitternd vor Schwche und
Anstrengung sah er, wie auf dem Schiff die Piraten das Kommando ergriffen hatten
und die Ladung als ihr Eigentum in Besitz nahmen.
    Als Robert den letzten Schatten des Bootes aus den Augen verloren hatte,
sank er, von der Aufregung betubt, ohnmchtig zu Boden.

                                     Allein


Die Nacht verging, und die Ruber arbeiteten eifrig. Sie schafften von der
Ladung soviel heraus, da gegen Morgen ihre Bark das fast leergewordene Fahrzeug
ins Schlepptau nehmen konnte.
    Als die Sonne hoch am Himmel stand, war von der Antje Marie nichts mehr zu
sehen.
    Robert erhob sich und nahm alle seine Krfte zusammen. Jetzt war er allein,
niemand konnte ihm raten oder helfen, niemand hrte ihn, er mochte rufen sooft
er wollte. Im Anfang erdrckte ihn der trostlose Gedanke, machte ihn unfhig
seine Lage ruhig zu berblicken oder fr die nchste Zukunft irgendeinen
Entschlu zu fassen, dann aber raffte er sich auf, um wenigstens etwas zu essen.
Der Magen verlangte sein Recht.
    Mit langsamen Schritten wanderte er am Strand entlang. Es war ihm, als knne
er dem Meer nicht den Rcken kehren, als sei er ganz verlassen, wenn erst das
dichte Gebsch ihn umgab. Und vielleicht - vielleicht kam ja auch ein Schiff.
    Er ging weiter und weiter, aber nichts zeigte sich. Die Kste wurde immer
unwegsamer, der Pflanzenwuchs sprlicher, je weiter er vordrang; auch der Hunger
qulte ihn strker, und der Durst trocknete seine Kehle aus.
    Zahlreiche Mwen kreuzten ber dem Wasser in der heien Luft, Krebse und
Krabben bewegten sich am Ufer, sonst war alles de und totenstill.
    Robert fhlte es, er mute jetzt essen, oder er wrde ohnmchtig werden.
Schnell entschlossen wandte er sich und ging zurck zu dem ersten Ankerplatz des
Bootes, um von dort aus die Stelle zu erreichen, wo er Wasser und Nahrungsmittel
finden konnte. Wohnten die Ruber auf dieser Insel und hatten sie das Versteck
der Strandgter schon entdeckt, so war er verloren, aber Robert ergab sich in
das Unvermeidliche. Er hatte alle Hoffnung fallen lassen.
    Mit brennendem Kopf beugte er sich ber die Quelle, die er schon am Vortage
entdeckt hatte, und trank in langen, durstigen Zgen. Er wusch erst Gesicht und
Hnde, dann aber zog er sich aus und sprang ganz ins Wasser.
    Es war, als ob er pltzlich von einem Teil seiner Sorgen und Befrchtungen
befreit sei. Er schwamm bald auf dem Rcken, bald mit den zahlreichen
langbeinigen Wasserspinnen lustig um die Wette, obwohl dabei der Hunger nur
immer grimmiger zu toben begann. Aber das schadete ja nicht; er besa zu Essen
genug, um den knurrenden Gesellen zu befriedigen, und daher gab er sich dem
Vergngen des Badens erst einmal ungestrt hin. Dann schttelte er den Staub aus
seinen Sachen, rieb und reinigte sie so gut wie mglich und lief neu gestrkt
auf dem gestern bezeichneten Pfad durch das Gebsch, um zu dem Stapelplatz der
Waren zu kommen.
    Etwas schlug ihm aber doch das Herz, als er nher kam. Wenn vor ihm die
Ruber dagewesen waren und alles weggenommen hatten? -
    Dann konnte er Melonen essen, Ananas, Bananen, rohe Krabben und verschiedene
kleine Beeren, die an den Bschen wuchsen - weiter blieb ihm nichts brig. Wenn
sich der Magen gegen diese Kost strubte, so kamen Krankheit und Tod und deckten
alles zu, Vergangenheit und Zukunft.
    Er schlich und lauschte, er sphte durch die Zweige, angstvoll und hoffend
zugleich.
    Aber es war zum Glck kein Mensch dagewesen. Alles lag und stand, wie es
gestern die Matrosen bereinandergestapelt hatten; tiefer Friede ruhte auf der
ganzen Umgebung.
    Robert nahm mit erleichtertem Herzen von seiner knftigen Wohnung Besitz. Er
mute sich einrichten, mute sich den Verhltnissen anpassen und wie ein
Geizhals den vorhandenen Vorrat verwalten, das wute er.
    Aber noch hatte es keine Not. Da waren Erbsen, Reis, Bohnen, Pkelfleisch,
Speck und Mehl. Ferner fand er mehrere Angeln, einen Spaten, ein Fchen Salz,
eine kleine Kiste mit Zndhlzern und Kochgerte, also schien fr den Magen gut
gesorgt. Bei nherer Umschau entdeckte er noch eine Kiste mit Schiffsbrot, und
als seine Zhne tapfer das harte Gebck zerbissen, wunderte er sich, wie
ausgezeichnet es schmeckte. Ein tchtiges Stck Speck, eine halbe Ananas und ein
Glas Wein vollendeten das sonderbar zusammengesetzte Frhstck, dann sttzte
Robert den Kopf in die Hand und fing an nachzudenken.
    Wo mochten jetzt seine Kameraden sein? Lebten sie berhaupt noch?
    Wahrscheinlich lagen alle gefesselt auf dem Boden des Meeres, wahrscheinlich
waren alle tot, die Mnner, in deren Mitte er die Heimat verlassen hatte.
    Ganz allein hatte ihn das Schicksal dem Strand der unbewohnten Insel
zugefhrt, ganz allein war er zurckgeblieben, ohne einen Freund, einen
Menschen, mit dem er sprechen konnte.
    So hatte er die alten Eltern zurckgelassen, so verlieen ihn die Menschen.
    Er sprang auf und ging ins Freie. Krank durfte er nicht werden, dann war
alles verloren. Er mute wieder an den Strand gehen und nach Rettung Ausschau
halten, darin lag seine einzige Hoffnung. Es graute ihn, sooft er das Gebsch
und die aufgestapelten Vorrte erblickte. Wenn das alles verzehrt war und noch
kein Schiff ihn bemerkt hatte, was dann?
    Er ergriff eine groe Wolldecke und wickelte sie zusammen. Zwischen zwei
Bumen am Ufer ausgespannt, konnte sie vielleicht als Notzeichen dienen,
vielleicht fhrte sie ein Schiff an die Kste, das ihn aufnahm.
    Er dachte nicht daran, da auch die Ruber so sein Versteck finden und ihn
pltzlich berfallen konnten. Das Gefhl des Verlassenseins lie ihn noch zu
keiner klaren berlegung kommen. Beladen mit der Decke, einem groen Stck
Segeltuch, einer Rolle Garn und etwas Mundvorrat machte er sich auf den Weg, um
den Strand wieder zu erreichen. Das brandende Meer war doch nicht so entsetzlich
einsam wie der schweigende Wald.
    Aber er ging diesmal einen andern Weg. Anstatt sich ganz links zu halten,
bog er rechts ab und brauchte etwas mehr Zeit, bevor er ans Ufer kam. Hier
splten die Fluten in tiefe Buchten hinein, und die Gegend wurde mit jedem
Schritt schner. War an der entgegengesetzten Seite der Insel das Meer von
groartiger, berwltigender Schnheit, brach dort donnernd die Brandung an die
hhergelegene Kste, - so spielte es hier murmelnd und flsternd wie ein stiller
trumender See unter dem Schatten uralter, tief herabhngender Baumzweige, rings
umgeben von weiten, duftenden Bltenfeldern.
    Schmale Landzungen liefen zu beiden Seiten langgestreckt bis tief in das
Meer hinaus, daher war es so still und friedlich am Strand, daher verloren sich
die letzten Wellen des Ozeans hier still unter den Zweigen der Bume.
    Robert sah auf. ber der schmalen Bucht wlbten sich verschlungene Ranken zu
einer Kuppel. Einzelne Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Gewinde, leichter,
spielender Sdwind bewegte die weien und purpurnen Blten, und die Vgel
sangen.
    Robert ging mit leisen Schritten durch das Gras. Es war ihm wie in einer
Kirche, wie damals, als er in dem weltabgelegenen kleinen Heimatdrfchen
Rellingen vor dem Altar stand und eingesegnet wurde. Der Pfarrer hatte ihn
gefragt, ob er ein guter, wahrhafter und ehrlicher Mensch bleiben wolle. -
    Sonderbar, auch diese Baumwipfel, diese hpfenden Sonnenstrahlen, diese
Urwaldstille schienen dasselbe zu fragen. Robert legte das Gesicht an den
schlanken Stamm einer Palme und umfate das Holz, als sei es ein lebendes
fhlendes Wesen. Er dachte an Mohr, an den toten geliebten Freund, dessen Augen
er immer vor sich sah. Armer, alter Mann, wie glcklich war dein Sterben gegen
das deiner ermordeten Kameraden!
    Robert erinnerte sich so lebhaft des Toten, da er ihn zu sehen glaubte.
Dort unten, wo die Schatten tiefer fielen, im grnen Blattwerk der
Schlingpflanzen, von Orangen und Palmen berragt - - - war es nicht des alten
Freundes ernstes Gesicht? - Roberts Knie zitterten. Er bog das Gebsch zur Seite
und schlich nher, mit pochendem Herzen, leise als betrte er einen Tempel.
    Ja, es war Mohr, dessen Leiche der Tod an die Erde verzeihend zurckgab,
nachdem er um seiner Tat willen sein ganzes Leben die Menschen geflohen hatte.
    Robert trat ganz nahe an die Leiche heran und zog sie mit Aufbietung aller
seiner Krfte ganz auf den Strand. Er sah voll Rhrung in das stille Gesicht des
Toten; ein Gefhl, als sei er nicht mehr so ganz verlassen und allein,
bemchtigte sich seiner. Nun konnte er von dem Freund Abschied nehmen.
    Robert hatte nie eine Leiche gesehen. Er handelte wie unter dem Einflu
einer hheren Gewalt, wusch und reinigte zuerst das Gesicht seines alten
Freundes von Blttern und Fasern, dann legte er den Kopf auf ein Polster aus
dichtem blhenden Moos und faltete des Toten Hnde.
    Obwohl er nie gesehen hatte, wie man eine Leiche bettet, so sagte ihm doch
das natrliche Gefhl, was hier im Augenblick richtig und der Wrde des Toten
angemessen sei.
    Nach dreiig Jahren zum erstenmal wieder an Land, auf dem festen Boden der
Erde, aber nur - um ein Grab zu finden!
    Er streichelte das kalte Gesicht, er sprach in Gedanken mit dem teuren alten
Mann und verga whrend dieser stillen Feier des letzten Abschieds, da er ganz
allein auf einer unbewohnten Insel im Weltmeer war.
    Er verstand jetzt, weshalb sich der Alte zu ihm so besonders hingezogen
fhlte, er sah mit hellerem Blick in seine und in die eigene Vergangenheit.
Ernster wurden seine Gedanken, immer klarer die Erkenntnis seiner Schuld.
    Vielleicht sah er Vater und Mutter nie wieder, vielleicht war der Wind, der
spielend die Zweige und das Wasser bewegte, auch ber ihre Grber dahingeweht -
sie hatten es nicht ertragen knnen, da ihr einziges Kind so lieblos gehandelt
hatte. Und dann - ja dann war er ihr Mrder, wie der alte Mann, dem ein einziger
Augenblick der Leidenschaft die Waffe in die Hand gedrckt hatte.
    Der Gedanke war schrecklich.
    Und ohne zu wissen, was er tat, ohne zu wollen oder zu berlegen, beugte
Robert die Knie und betete: O Gott im Himmel, gib, da dies nicht geschehe!

    Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es wurde Zeit, das schwierige Werk zu
beginnen. Robert entkleidete den Toten, wusch ihn und hllte ihn in die Tcher,
die er zu ganz anderem Zweck mitgebracht hatte. Dann ging er auf dem krzesten
Weg zu seiner Niederlassung zurck und holte einen Spaten, um das Grab
auszuheben.
    Die Arbeit war nicht leicht, aber Robert htte um keinen Preis den toten
Krper seines alten Freundes unbeerdigt gelassen. Er grub und grub, bis sich der
Tag neigte und bis ihm die Hnde bluteten, dann legte er mit groer Anstrengung,
so gut es ging, die Leiche in ihr letztes Bett. Das Grauen berwindend, sprang
er in die Grube und brachte den Krper in die richtige Lage. Noch einmal suchte
seine Hand die Rechte des Toten. Schlaf wohl, lieber alter Freund!
    Und dann begann er das Grab zu fllen.
    Schaufel auf Schaufel fiel hinunter, und endlich war es getan. Robert
wnschte sehnlichst, irgendein Andenken, ein Erinnerungszeichen anzubringen,
aber nach lngerem berlegen lie er den Plan fallen. Kamen die Ruber an den
Strand, so konnten sie durch den Anblick des frischen Grabes sehr leicht
veranlat werden, die ganze Insel zu durchsuchen, und was noch weit schlimmer
war, sie konnten das Grab selbst durchwhlen, um sein Geheimnis zu erforschen.
Nein, ein Kreuz durfte Robert nicht befestigen, das sah er ein.
    Er trat die aufgeworfene Erde herunter und legte Moos auf die Stelle; dann
ging er langsam durch das Gebsch zurck, oft nur mit Mhe die eingeknickten
oder quer ber den Weg gelegten. Zweige wiederfindend, an denen er sich vorwrts
tastete. Es war fast dunkel, als er sich im Hintergrund der Hhle aus Wolldecken
und Segeln ein Lager bereitete, sich darauf ausstreckte und sofort einschlief.
    Am folgenden Morgen begann er sich einzurichten und einen festen Tagesplan
zu entwerfen. Bevor er seine Lage berdachte und seinen Tag, den Verhltnissen
gem, einteilte, wollte er erst seine Wohnung gemtlich herrichten, erst
Ordnung schaffen und aufrumen. Wie lange er die Gastfreundschaft dieser Insel
noch in Anspruch nehmen mute, das lie sich ja nicht voraussehen, vielleicht
war es fr sehr lange Zeit, und so wollte sich der Junge auf den schlimmsten
Fall vorbereiten.
    Mohrs Beispiel stand hell vor ihm. Was hatte dieser unglckliche, immer
einsame, immer seinen furchtbaren Erinnerungen berlassene Mann mit wahrhaft
unerschtterlichem Mut so lange ertragen!
    Robert sprach in Gedanken mit ihm. Er wute, was Mohr gesagt haben wrde.
Du bist in diese schwierige Lage ohne dein Verschulden hineingeraten, mein
Junge, nun ertrage das bel wie ein Mann und versuche die beste Seite zu sehen.
Darin liegt alle Lebensweisheit, darauf ruht alles Glck und Gelingen.
Verzweifle nicht an dem Unabwendbaren, sondern sei immer bemht, dich den
Gegebenheiten anzupassen, - - dann wird alles gut ausgehen.
    Mohr hatte whrend mancher Freiwache, wenn die andern wrfelten und Karten
spielten, mit dem Jungen ber ernste Fragen gesprochen, hatte so manches Gute in
Roberts empfngliches Herz gepflanzt, und das alles trug schon jetzt seine
ersten Frchte.
    Ein kurzer Rundblick gengte ihm, sich ber seine nchsten Pflichten
Klarheit zu schaffen. Nachdem er gefrhstckt und fr das Mittagessen ein
gehriges Stck Pkelfleisch in kaltes Wasser gelegt hatte, begann er die Kisten
auszupacken und von den Brettern eine feste Wand herzustellen. Ngel und anderes
Gert besa er ja, ebenso Bindgarn und Segeltuch, daher war die Sache gar nicht
so schwierig, besonders weil er sich weder gegen Klte noch gegen Feinde zu
schtzen brauchte, sondern nur gegen Regen und Insekten. Robert zimmerte und
bernagelte alle Fugen mit Streifen geteerten Segeltuches; dann machte er auf
gleiche Weise eine Tr, die aber nur kriechend zu passieren war und
auerordentlich vorsichtig behandelt werden mute, weil ihr der ntige
Eisenbeschlag fehlte.
    Vor Mittag hatte er diese Arbeit beendet und konnte sich nun als Besitzer
eines kleinen, lichtlosen, aber gegen Wind und Wetter geschtzten Raumes
betrachten.
    Sinnend und ausruhend sa er vor dem brodelnden Kochtopf, legte sein Gesicht
in beide Hnde und wartete auf das Garwerden seines selbstbereiteten Mahles,
ber das er sich dann mit regem Appetit hermachte. Nachdem er gegessen hatte,
whlte er sorgfltig aus dem ganzen Vorrat das aus, was gegen Feuchtigkeit am
notwendigsten geschtzt werden mute, nmlich Waffen und Pulver, die
unentbehrlichen Zndhlzer, Salz, Zucker und Kaffee. Dies alles brachte er in
die Hhle, bedeckte es mit mehreren Segeltchern und baute dann fr die
Lebensmittel einen zweiten, kleineren Verschlag, den er mit seinen Vorrten
fllte und auerdem mit groen Steinen fr etwaige Angriffe hungriger Tiere
unzugnglich machte. Das Fleisch in der Tonne bedeckte er mit einem Haufen
frischer grner Zweige, um es mglichst lange geniebar zu erhalten. So war
gegen Abend fr das Notwendigste einstweilen gesorgt, und als sich Robert noch
aus Moos und Decken ein bequemes Lager gebaut hatte, setzte er sich vor seiner
Htte auf eine briggebliebene Kiste und berlie sich seinen Gedanken.
    Er wollte in Zukunft die erste Hlfte jedes Tages den huslichen Arbeiten
widmen und whrend der zweiten am Strand Ausguck halten oder die Insel
ringsumher untersuchen, um festzustellen, wie gro sie sei, welche Frchte sie
trug und was sich von der Jagd erwarten lie, ebenso wollte er fischen und
Krebse fangen, da doch sein Fleischvorrat schon sehr bald der Hitze erliegen
wrde. Er untersuchte auch das Kistchen mit Pulver und Blei und berzeugte sich,
da fr wenigstens hundert Schsse gesorgt war.
    Nur eins beunruhigte ihn. Sollte er am Strand ein Notsignal befestigen oder
nicht? - Die spanischen Bukanier, ohne Zweifel Ruber, die unter der Maske
harmloser Fischer die gefhrlichsten Eigenschaften verbargen, wohnten jedenfalls
in der Nhe und muten schon sehr bald seine Flagge bemerken. Was dann geschah,
lie sich mit ziemlicher Gewiheit voraussehen.
    Und doch war fr ihn auch wieder dieses gefhrliche Notzeichen die einzige
Hoffnung, von der Insel erlst zu werden. Hier landete kein Schiff, hierher kam
niemand freiwillig, das wute er recht gut. Aber wenn er eine der hchsten
Knigspalmen erkletterte - und er hatte es bereits versucht, es gab schlanke
Stmme, die er umfassen konnte - dann lie sich das Zeichen noch immer geben,
sobald ein Schiff in die Nhe kam. Es fanden sich unter den Waffen zwei
sechslufige Revolver, mit denen jedenfalls die Aufmerksamkeit vorberfahrender
Schiffe leicht zu erwecken war; das trstete ihn sehr.
    Nachdem er den Entschlu, keine Notflagge zu setzen, einmal gefat hatte,
wurde ihm leichter ums Herz. Er wute nun, was jeder Tag bringen wrde, und nahm
sich vor, schon morgen einen greren Ausflug zu machen. Vorher aber whlte er
in nchster Nhe seiner Htte einen jungen Baum, und in diesen schnitt er zwei
tiefe Kerben, um zu wissen und tglich festzustellen, wie lange Zeit er auf der
Insel zugebracht hatte. Einen anderen als diesen von Robinson Crusoe erfundenen
Kalender besa er ja nicht, aber es ging auch mit den Kerben ganz gut.
    Whrend der Nacht fiel ein starker Regen, der Robert zwang, sich vor allem
einen greren Vorrat Brennholz ins Trockene zu bringen. Er sammelte alle
Splitter der gestrigen Zimmerarbeit und holte aus dem Innern der dichten,
undurchdringlichen Gebsche mit seiner Axt das trockene Holz hervor. Nachdem er
auf diese Weise einen hbschen Vorrat unter das Felsendach gebracht hatte, baute
er daneben die Kche oder vielmehr den Herd aus Steinen und Felstrmmern, die am
Ufer reichlich vorhanden waren. Der Bach gab kstliches frisches Wasser; Bananen
und Ananas wucherten berall, er brauchte daher lange Zeit fr seinen Unterhalt
keine Sorge zu tragen.
    Er verschob es auf den folgenden Tag, die kostbaren Seidenstoffe und
Teppiche des Kapitns wieder zu verpacken, und stapelte frs erste nur die
Kisten mit Wein und Champagner drauen vor der Hhle bereinander, da ja diese
durch den Regen nicht verdorben werden konnten. Dann traf er die Vorbereitungen
zu seinem beabsichtigten greren Ausflug um die Insel.
    Schwere, bis an die Knie reichende Seestiefel hatten die Matrosen fr alle
Flle mit hierhergebracht, aber er besa nichts, was einer Tasche oder einem
Korb auch nur im mindesten hnlich gesehen htte. Seinen Mundvorrat mute er
daher in ein Bndel knoten und auf dem Rcken tragen. Er steckte eine Pistole in
die Brusttasche, ein kleines Handbeil in den Grtel und schnitt sich aus dem
Gebsch einen tchtigen Knppel. So ausgerstet trat er seine Entdeckungsreise
an, diesmal nach der entgegengesetzten Seite der Insel.
    Er fand, da das Unterholz dichter und dichter, der Pflanzenwuchs immer
ppiger wurde, je weiter er sich vom Strand entfernte. Die Landschaft stand im
reichen Schmuck tropischer Schnheit, whrend eine Unzahl von buntgefiederten
Singvgeln oft so traulich nahe herankam, da Robert glaubte, die Tierchen mit
der Hand greifen zu knnen.
    Er bezeichnete rechts und links durch tchtige Hiebe seinen Weg und fhlte
regelrecht ein Verlangen nach einem kleinen Abenteuer. Die Pflanzen, die er sah,
interessierten ihn alle sehr, da er ja aus dem Schulunterricht ihre Merkmale
genau kannte und wute, da diese breitbltterige, zu Tausenden den Boden
bedeckende Staude der Tabak sei, da dort die Indigopflanze blhte und dort der
Kakao. Er pflckte die reifen Orangen vom Baum, bewunderte die Schoten des
grnen Kaffees und machte endlich bei einer besonders schnen Stelle Halt, um zu
rasten und etwas Schiffszwieback zu essen. War er nicht in diesem Augenblick ein
zweiter Christoph Kolumbus, der ja Kuba vor Zeiten entdeckte und mit seiner
widerstrebenden Mannschaft durchforschte? - Wie schnell sich doch im
Menschenleben die Verhltnisse ndern! Vor kaum vier Monaten noch in dem
kleinen, unbekannten Pinneberg ein kleiner, unbekannter Schneiderlehrling, und
nun ein Ansiedler auf dem klassischen Boden, der einst Kolumbus' Namen
unsterblich gemacht hatte. Roberts Herz schlug hher. Wie oft hatte er sich in
die Lage seines Lieblingshelden so lebhaft hineingedacht, da er Schritt um
Schritt seinen Entdeckungszgen folgte und trumend alles miterlebte. Jetzt
stand er auf dem Fleck Erde, den Kolumbus betreten hatte, jetzt endlich blhte
um ihn herum die sdliche Pracht der Tropen, wohin er sich in Gedanken so oft
gewnscht hatte.
    In fast heiterer Stimmung setzte er seinen Weg fort. Was jetzt den Boden
bedeckte, war Zuckerrohr, und daher schien einige Vorsicht geboten. In der Nhe
dieser Pflanze, die auf ganz trockenen Feldern nicht so leicht wild wchst,
befindet sich meistens ein Sumpf, ein stehendes oder verschlammtes Gewsser, und
diese Bayous, wie sie der Amerikaner nennt, beherbergen Krokodile.
    Robert wute, da auf den Antillen das Orinokokrokodil zu Hause ist, und da
es in der Umgebung seines sumpfigen Aufenthaltes kleine Streifzge zu machen
liebt, - denen nicht selten sogar Menschen und grere Tiere zum Opfer fallen;
er ging daher Schritt um Schritt weiter und suchte erst einmal das Wasser, das
er in nchster Nhe vermutete. Wirklich sollte ihn seine Erwartung nicht
tuschen. Zu seiner Rechten dehnte sich ein schwarzer, mit Schlamm und Moos
eingefater See, dessen Oberflche trge im Sonnenschein dalag und grnlich
berzogen, von Wasserpflanzen bedeckt, einen widerwrtigen Modergeruch
ausstrmte.
    Frsche quakten in der Tiefe der berhngenden Dickichte, kleine Schlangen
glitten wie blitzende Streifen durch das Moos, und die lstigen Moskitos waren
hier zahlreicher als an irgendeinem anderen Punkt der Insel.
    Robert ging weiter, jetzt am Rand des verschlammten Sees entlang und prfte
sorgfltig die Umgebung. Nur ab und zu stand zwischen den Stmmen des
Zuckerrohrs ein einzelner Baum, sonst war die Gegend flach, wenn auch nicht
weniger schn als der Wald. Es blhte in allen Farben, besonders am Rand des
Sumpfes, wo purpurne Blten an langen Ranken auf dem Boden dahinkrochen und zu
dem eintnigen Grau des trockenen Schlammes einen lebhaften Gegensatz bildeten.
    Auch Wasservgel schienen hier ihre Heimat zu haben; wenigstens sah Robert
einige ganz junge, wollige Tierchen durch das Gewirr von Pflanzenresten, drrem
Reisig und lebenden Gewchsen dahinschlpfen.
    Er lie sich leise auf die Knie nieder. Wie schn wre es, in der Hhle
einen kleinen Kameraden zu besitzen, ein Vgelchen, das nach und nach zahm
wurde, aus seiner Hand fra und auf seine Stimme hrte. Er konnte ihm aus einer
der Kisten ein Wohnhuschen herstellen, konnte es tglich mit Wrmern und
Brotkrumen fttern.
    Dieser Wunsch beherrschte ihn vollstndig. Er beugte sich ber den Rand des
Sumpfes und streckte behutsam die Hand aus ...
    In diesem Augenblick ertnte hinter ihm ein zischender Laut, halb ein
Schnaufen, halb wie das Schnarchen eines schlafenden Hundes. Die Bsche krachten
leise.
    Robert fuhr auf, als habe ihn ein Schu getroffen. Er drehte sich
gedankenschnell nach der Stelle, von wo der Laut gekommen war - -
    Hinter ihm, kaum zwei Schritte weit entfernt, lag zwischen den
Zuckerrohrpflanzen ein Krokodil von etwa drei Meter Lnge mit aufgesperrtem
Rachen, dessen Hlichkeit noch durch die kleinen, raublustigen Augen mit ihren
drei bereinander liegenden Lidern bedeutend verstrkt wurde.
    Das Tier scho im gleichen Moment vorwrts, als Robert, dessen
Geistesgegenwart ihn die Gefahr der Lage vollstndig berblicken lie, einen
Seitensprung machte. Er wute, da die Krokodile an Land feige und unbeholfen
sind, und da sie sich mit ihrem kurzen Hals nur sehr schwer drehen knnen, aber
dennoch blieb immerhin seine Lage bedenklich genug, da ihn zur Rechten der Sumpf
am Rckzug hinderte, und zur Linken das dichtstehende Zuckerrohr. Ohne die
Blicke von seinem greulichen Feind zu wenden, arbeitete er sich rckwrts in das
Gebsch hinein, unwillkrlich seinen Knppel zum Schutz vorstreckend, wobei ihm
Hnde und Kleidung nicht wenig zerfetzt wurden. Das Tier folgte ihm, so schnell
es seine kurzen Beine erlaubten. Auf freiem Gelnde wre es Robert ein Leichtes
gewesen, sich der Gefahr zu entziehen, ebenso htte er auch schieen knnen,
wenn nur die Pistole nicht vorher erst htte geladen werden mssen; dazu aber
blieb ihm keine Zeit.
    Solange seine Krfte vorhielten, ging alles gut, als jedoch die Stmme des
Zuckerrohrs anfingen, hher und umfangreicher zu werden, als sie seinen
Schultern strkeren Widerstand entgegensetzten, begann sich die Entfernung
zwischen ihm und dem Krokodil langsam zu verringern. Er fhlte, wie ihm der
Schwei ausbrach und wie ihm die Fe den Dienst zu versagen drohten.
    Htte er nur einen Baum erreichen knnen! Etwas Schiffszwieback und Fleisch
besa er noch, auch die Pistole, um das Tier zu erschrecken, - er mute also
vielleicht die Nacht in den Zweigen des Baumes verbringen und das Krokodil
aushungern, indem er es zwang, andere Beute zu suchen. Aber noch war kein
rettender Stamm in der Nhe - -
    Es begann vor seinen Augen zu kreisen, und die Umrisse wurden
verschwommener. Seine Schlfen klopften, und in seinen Ohren klang es wie das
Brausen des Meeres - -
    Das Schnaufen des Raubtieres erklang in unmittelbarer Nhe, er sah kaum noch
deutlich, was um ihn herum vorging, da - stie er pltzlich mit dem Rcken gegen
einen Baumstamm und jauchzte laut auf vor Freude.
    Den Stock, den er immer noch festgehalten hatte, unter Aufbietung seiner
letzten Krfte dem Untier in den geffneten Rachen schleudernd, flog er
blitzschnell in die Zweige des Mango hinauf. Es war zum Glck ein uralter Baum,
dessen ste bis tief zum Boden herabreichten und die ntige Strke besaen, um
ihn tragen zu knnen. Seine Hnde bluteten, sein Zeug hing in Fetzen herab, und
seine Mtze lag unten zwischen dem Zuckerrohr, aber er selbst war vorlufig in
Sicherheit.
    Mit beiden Armen umklammerte er den Stamm, schlo die Augen und lie seine
Brust wieder zu ruhigem Atmen zurckkehren. Eine Frucht des Mangobaumes, die
unmittelbar in der Nhe hing und deren Saft er begierig einsog, brachte ihm
einige Abkhlung. Er trocknete sich die Stirn und blickte hinab. Das Krokodil
lag neben dem Baum.
    Robert ffnete die Jacke und lie den Wind unter das schweidurchnte
Wollhemd dringen, er glaubte fast ersticken zu mssen, obgleich jetzt die grte
Gefahr vorber war. Das Krokodil blieb vielleicht zufllig in der Nhe, doch
jagte es nicht mit berlegung, wie andere, an Land lebende Raubtiere, sondern
zog sich in seinen Sumpf zurck, wenn es das Opfer nicht mehr sah. Wenigstens
glaubte sich Robert zu erinnern, es so gehrt zu haben, daher hoffte er, da
sich der schwerfllige Feind jetzt nach kurzer Rast auf die Beine machen werde.
    Von oben herab zu schieen wre vllig nutzlos gewesen, da eine Kugel an dem
Panzer des Tieres abprallen wrde wie an glattem Stahl. Nur wenn der Schu in
das Auge traf, konnte er tten.
    Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, die riesige Eidechse rhrte sich
nicht vom Fleck. Robert fhlte, da die knorrigen ste des Baumes keineswegs ein
angenehmes Ruhekissen waren, und da seine Glieder anfingen zu schmerzen. Er zog
die Pistole hervor, lud sie und drckte ab, dem Feind gerade auf den Rcken,
aber ebensogut htte er ein paar Bltter hinunterwerfen knnen. Das Tier nahm
von dem Knall und von der Kugel durchaus keine Notiz.
    Robert begann zu klettern, um wenigstens nicht fortwhrend von den
Baumzweigen gedrckt zu werden. Er schwang sich in die hchste erreichbare
Spitze und bombardierte das Tier mit einer wahren Flut von harten, halbreifen
Frchten, die er ihm alle geschickt auf den Kopf warf, aber ohne die erhoffte
Wirkung zu erzielen. Das Krokodil beachtete ihn beharrlich nicht.
    Robert mute sich mit dem Gedanken, hier fr die Nacht Quartier zu nehmen,
endlich wohl oder bel befreunden. Nur mit dem Schlafen sah es bel aus, da er
nichts besa, um sich festzubinden. Aber diese Nacht konnte ja nicht ewig
dauern. Er zog seinen Mundvorrat aus dem Tuch hervor und fand den Zwieback zu
Pulver zerrieben, das Fleisch aber plattgedrckt wie einen Pfannkuchen. Jetzt
mute er doch lachen. Seine Berhrung mit den Stmmen des Zuckerrohrs hatte die
Verwstung angerichtet. Er a die grten Brocken und das Beste vom Fleisch und
schttete dann den Rest auf die Schnauze des Belagerers.
    Der schien zu schlafen, er rhrte kein Glied.
    Und so kam die Nacht heran. Robert nahm das Tuch, in dem er den Mundvorrat
getragen hatte, und prfte die Strke. Dann band er wenigstens einen Arm an den
nchsten Zweig, um zumindest rechtzeitig geweckt zu werden, wenn er dennoch
einschlafen und vielleicht fallen sollte. So erwartete er die Nacht. Regenwolken
verdeckten den Mond, Finsternis hllte alles in ihre undurchdringlichen
Schatten, nur die Stimmen der Natur klangen zuweilen aus dem schweigenden Wald
herber. Ein Klatschen des Wassers, ein vorberhuschender Vogel, ein Knistern
und Brechen im Unterholz oder gar ein leichter, schnell erstickter Angstschrei,
das war alles, was Robert hrte.
    Er dachte an Pinneberg, an die Eltern und an Mohr, seinen lieben alten
Freund, dessen Grab er morgen gleich besuchen wollte. Das Geld, das der
sonderbare Mann whrend eines halben Menschenlebens zusammengespart und ihm
vermacht hatte, war mit allem brigen von den Rubern gestohlen worden, Robert
konnte also nicht mehr daran denken, nach Hause zu reisen und sich mit den
Eltern zu vershnen. Sollte er als Bettler, ohne einen Groschen oder
irgendetwas, das ihm gehrte, wieder in das Vaterhaus zurckkehren und bitten:
Nehmt mich auf, ich bin hungrig und bitte euch um etwas zu essen?
    Nein, dagegen strubte sich sein Stolz. Er wollte vom nchsten Hafen aus
einen langen Brief schreiben, wollte alles erzhlen, was er erlebt hatte,
besonders diese letzte Gefangenschaft auf der einsamen Insel und den Verlust des
Geldes, - damit muten sich die Eltern vor der Hand begngen. Er dachte so
lebhaft an die Heimat, an das kleine niedere Wohnzimmer und die sauberen Mbel,
da er fast glaubte, alle diese Dinge vor sich zu sehen. War es das Rauschen des
Regens oder sprach dort seine alte Mutter zu ihm? Ja gewi, sie trstete ihn,
sie legte die Hand auf seine Stirn und flsterte Worte voll Liebe.
    Es wunderte ihn, da sie so pltzlich hier auf der entlegenen Insel bei ihm
stand, er begriff nicht, wie sie den Rubern entgangen war und da ihr das
Krokodil kein Leid getan hatte.
    Mutter, sagte er leise, der Vater irrt sich, wenn er meint, da ich euch
nicht lieb habe, gewi, er irrt sich. Aber ich wollte ja so gern hinaus in die
weite Welt - - das war es.
    Und in den Blttern spielte der Wind, rauschte der Regen - -

    Die Sonne schien hell und lachend auf sein erstauntes Gesicht herab, als
Robert am folgenden Morgen erwachte. Er blickte um sich, steif am ganzen Krper
vor Schmerz, aber neugestrkt durch den festen, gesunden Schlaf von wenigstens
fnf Stunden. Wie der Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung an das letzte
Erlebnis des Vortages, er sah durch die Zweige herab auf den Boden und prfte
sorgfltig die Umgebung.
    Das Krokodil war verschwunden.
    Er atmete tief auf. Jetzt mute er den gnstigen Moment benutzen und
schleunigst Fersengeld geben, bevor der Feind mglicherweise zurckkam. Er
bewohnte hchstwahrscheinlich den Sumpf zur Linken und konnte sich zu einem
Morgenspaziergang veranlat fhlen, also mute Robert auf seiner Hut bleiben.
    Er kletterte unter grimmigen Schmerzen herab und machte etwa zwei Meter ber
dem Erdboden auf einigen strkeren sten Halt, um erst die Pistole zu laden.
Pulver und Blei hatte er vorsichtigerweise durch eine Blechkapsel vor
Feuchtigkeit geschtzt und auch um den Revolver sein Taschentuch gebunden.
Beides war in bester Ordnung, daher konnte er es getrost wagen, mit gespanntem
Hahn den Rckweg aus der Umgebung des Sumpfes anzutreten. Schritt fr Schritt
drang er, nachdem er seine durchnte Mtze wiedergefunden hatte, durch das
gestern niedergetretene Dickicht vor und kam bis an die Stelle, wo er den
kleinen Vogel hatte greifen wollen.
    Das Ufer war hier sehr breit und senkte sich nur ganz allmhlich bis zum
Wasser herab. Von der Vogelfamilie sah Robert keine Spur, auch die Ranken
schienen an mehreren Punkten gewaltsam zerrissen, und eine tiefe Erdfurche ging
von oben bis an den grnschillernden Tmpel herab. Das Krokodil war also an
dieser Stelle ins Wasser gekrochen.
    Robert fate die Waffe fester. Jetzt hatte er vier Schsse und konnte das
Ungeheuer an sich herankommen lassen.
    Als er etwa zehn Schritte gegangen war, bewegten sich vor ihm auf halber
Hhe des Ufers die sonnenverbrannten Halme, und raubgierige Augen starrten ihm
entgegen. Das Krokodil lag in der Sonne und dehnte die schuppigen Glieder. Es
mochte in diesem Augenblick nicht aufgelegt sein, sich zu erheben und nach Beute
zu sphen, - nur die Augen glitzerten mordlustig, und die Kinnladen bewegten
sich leise.
    Robert zgerte nicht lange. Er zielte auf die Augen des Tieres und ttete es
fast auf der Stelle. Der Krper zuckte noch einige Male, der Schwanz schlug in
die Luft, und die lippenlosen Kiefer bewegten sich im letzten Kampf, dann waren
die Augen gebrochen.
    Ein Gefhl des Stolzes durchzog Roberts Brust. Da lag das riesige Tier, von
ihm gettet, - er hatte ein Krokodil erlegt! Wie schade, da sich die Trophe
nicht aufbewahren lie. Aber so gern er auch den Rckenpanzer abgelst und
mitgenommen htte, davon mute er doch absehen. Nachdem ihn ein Schlag mit dem
Beil auf die Schnauze berzeugt hatte, da das Tier tot sei, wagte er sich nher
heran und besah den Krper. Der Panzer aus gekielten Schildern war hart wie
Eisen, so hart, da Robert auch nicht die geringste Spur seiner ersten
Pistolenkugel finden konnte. Die Zunge fand er, nachdem er mit dem Beil das Maul
geffnet hatte, ihrer ganzen Lnge nach festgewachsen, Ohren und Nasenlcher
hatten verschliebare Klappen. Am Unterkiefer saen Drsen, die einen
durchdringenden, moschusartigen Geruch ausstrmten.
    Robert trennte sich nur ungern von der Hoffnung, irgendein Andenken mit nach
Hause nehmen zu knnen, aber er mute doch endlich den Gedanken aufgeben und den
Weg zu seiner Niederlassung antreten. Nachdem er noch einen ziemlich groen
Vogel erlegt hatte, kehrte er durch das taufrische, kstlich duftende Holz ohne
Zwischenflle zu seiner Behausung zurck.
    Aber wie war sein Anzug zerfetzt und zerrissen, wieviel Flecke hatte er
bekommen! Robert seufzte, als er sich auf sein Lager streckte und jedes Stck
einzeln untersuchte. Endlich schttelte er den Kopf. Auch wenn er Nadel und
Faden gehabt htte, so wre hier alle Schneiderkunst vergeblich gewesen, aber
dennoch mute er der Moskitos wegen heiles Zeug haben. Zwar befand sich genug
Segeltuch unter den mitgebrachten Sachen, aber keine Schere, keine Nhnadel und
kein Zwirn.
    Er begann seufzend den geschossenen Vogel zu rupfen, nahm ihn aus und briet
ihn mit einigen Speckschnitten im Kochkessel. Dann kochte er Kartoffeln,
pflckte sich einige Ananas und tafelte im Freien vor seinem hlzernen Palast
wie ein Knig. Das Jagdglck von heute morgen, die krftige Mahlzeit und die
weite Wanderung hatten ihn in gute Stimmung versetzt, die nur durch den Gedanken
an Jacke und Hose einigermaen getrbt wurde. Wenn das seine Mutter gesehen
htte, sie, bei der alles vor Sauberkeit glnzte!
    Er mute lcheln, als er das dachte. Waschen lie sich auch nichts, da er
keine Seife hatte. Kopfschttelnd rumte er die berbleibsel der Mahlzeit fort
und machte sich dann daran, eine Angel herzustellen. Haken und Schnre besa er
glcklicherweise, es fehlte also nur der Stock, und den lieferte das nchste
Gebsch in jeder Gre.
    Robert befestigte sein neues Jagdgert, nachdem er die Angelschnur mit einem
tchtigen Stck Pkelfleisch daran ins Wasser geworfen hatte, an einem Baum und
holte nun nach, was durch die unfreiwillige Abwesenheit von seinem Haus
inzwischen versumt worden war. Er schnitt in den Palmstamm die dritte Kerbe,
legte frisches Pkelfleisch ins Wasser, bedeckte die Tonne mit neugepflckten
Zweigen und rumte die Seidenwaren in ihre Kisten. Jetzt hatte er alles
geordnet, sogar sein Schlafzimmer von Unkraut und Gras gereinigt und mit einem
ausgespannten Segeltuch ein Sonnendach errichtet. Zufrieden blickte er um sich.
Ich kann nun die meisten Stunden des Tages am Strand zubringen, dachte er,
und das ist fr mich die Hauptsache.
    Als alle Arbeiten des kleinen Hausstandes besorgt waren, sah er nach seiner
Angel. Es hatte noch kein Fisch angebissen, daher konnte Robert frs erste ein
wenig ausruhen. Wenn nur die lstigen Moskitos nicht gewesen wren!
    Sie drangen berall unter die zerrissenen Kleider und setzten sich frech auf
sein Gesicht. Aber das war noch ertrglich; nur da er so zerlumpt und mit
Flecken berset herumlaufen mute, rgerte ihn sehr.
    Eine Nhnadel! - Ein Knigreich fr eine Nhnadel!
    Und dann fiel ihm Georgs Schelmenlied wieder ein: Es tranken ihrer neunzig,
ja neunmalneunundneunzig aus einem Fingerhut. -
    Wie hatte ihn Georg betrogen, wie hatte er seine Arglosigkeit benutzt, um
ihn in die Falle zu locken. Noch glaubte er zu hren, was der Matrose vom
Blitz damals sagte: Das ist ein Galgengesicht, und du solltest dich von ihm
fernhalten, mein Junge! -
    Er seufzte und lie sich dabei von den Moskitos so lange stechen, bis er
aussah, als htte seine Haut soeben das Scharlachfieber berstanden. Die kleinen
Insekten bissen ihm das Sprichwort: Wer nicht hren will, der mu fhlen heute
recht empfindlich ins Gedchtnis ein. Er wollte gerade aufstehen und eine
Handvoll grner Bltter zerdrcken, um sich mit ihrem Saft einzureiben, als
pltzlich die Angelschnur in Bewegung geriet und unter dem Wasser verschwand.
    Robert sprang sofort auf. Vorsichtig zog er einen Fisch von wenigstens fnf
Pfund ans Land und freute sich kniglich ber die gelungene Jagd. Den wollte er
heute abend essen und dann von allen mglichen Resten der letzten Mahlzeiten
einmal wieder Labskaus braten. Wenn nur Licht da wre, wenn die Matrosen nur an
ein einziges Fa l gedacht htten, - aber da mute er alle Hoffnung aufgeben.
Sobald die Sonne unterging, hie es wie bei den Hhnern: zu Bett!
    Er schuppte den Fisch, nahm ihn aus und legte die Stcke, wie er es von
seiner Mutter oft gesehen hatte, in Salzwasser, dann ging er, um am Strand nach
einem Schiff auszuschauen. Die nach Havanna gehenden Fahrzeuge konnten zwar
unmglich hierher kommen, aber doch vielleicht ein Fischerboot, ein Schiff, das
kreuzen mute, das Wasser einnehmen wollte oder vielleicht ein Zollschiff, wenn
es berhaupt eins gab.
    Er nahm die Pistole wieder mit sich, ebenso eine Decke, und ging zum Strand,
um einen vollstndigen Ausguck einzurichten. Vorher aber besuchte er das Grab
seines alten Freundes, den einzigen Ort, der ihm auf dieser Insel teuer war.
    Die Mooshalme hatten sich wieder aufgerichtet und in der gelockerten Erde
neue Wurzeln geschlagen. Noch wenige Tage, dann berspannte das grne Netz wie
vorher den Boden, und kein Auge sah, da hier ein Mensch die letzte Ruhe
gefunden hatte.
    Robert brach eine purpurne Kaktusblte vom Stiel und legte sie auf die
Stelle, die das Gesicht des Alten bedeckte, dann ging er fort, um seine kleine
Seewarte einzurichten. - Die Palmen am Ufer waren hher als die Mangobume.
Robert, als gebter Turner und erfahrener Kletterer, schwang sich mit
Leichtigkeit bis in die Krone der schlanken Stmme hinauf, aber er mute dann
Hnde und Fe gebrauchen, um sich festzuhalten, und konnte auch das nur fr
krzere Zeit. Der astreiche Mango dagegen bot in seinem dichten Laubwerk einen
bequemen Sitz, weshalb Robert nach lngerer berlegung beschlo, hier Posten zu
fassen. Er hieb mit seinem Messer in die Zweige und Bltter eine grere Lcke
hinein, so da der Blick auf das Meer vollstndig frei wurde, und suchte dann
einen Platz zum Sitzen, den er auf allen Seiten suberte. Hier konnten ihn die
Sonnenstrahlen nicht erreichen, hier konnte er sich frei bewegen und weithin
nach rechts und links Umschau halten, whrend er auerdem in den hher gelegenen
Zweigen leicht ein Versteck fand, sobald es etwa der Piraten wegen erforderlich
werden sollte. Hier sa Robert nun mit einer Flagge, die er sich aus einer
Stange und einem Segel gemacht hatte.
    Die abgehauenen Zweige und Bltter warf er sorgfltig ins Meer, um von
seiner Arbeit keinerlei Spur zurckzulassen, dann badete er am Strand, wo ihn
salziger Schaum wie ein Sturzbad berflutete. Schon der bloe Anblick des
Meeres, der frische Hauch, den es ausstrmte, belebten und krftigten seinen
Mut. Er wnschte trotz aller Gefahr nichts sehnlicher, als da die Htte nher
am Ufer lge, damit er die See tglich und stndlich vor Augen htte. Wohl
zehnmal sprang er wieder zurck in die klaren, durchsichtigen Wellen oder
schwamm eine Strecke weit hinaus und lie sich auf dem Rcken treiben, bis die
Sonne unterging.
    Noch ein letzter Blick aus der Hhe des Mangobaumes nach allen Richtungen,
noch das mitgebrachte Notzeichen oben in den Zweigen versteckt, und dann ging es
heimwrts durch den grnen Wald.
    Der Himmel glhte und die Sonnenscheibe hatte sich mit grauen
Wolkenschleiern umhllt. Einzelne Windste fuhren durch den Wald, allmhlich
verstummte der Gesang der Vgel, und schwere Tropfen fielen in Pausen
geruschvoll auf die Bltter. Robert beeilte sich, noch vor Ausbruch des
Gewitters seinen Fisch zu kochen und die briggebliebenen Kartoffeln in Speck zu
braten. Er hatte kaum die Gerte vom Feuer genommen, als das Unwetter mit aller
Kraft losbrach. Sturm und Donner heulten um die Wette, der Regen schlug
klatschend auf das Laubwerk herab, und rote, zuckende Blitze erhellten die
Umgebung. Robert glaubte nie vorher ein Gewitter erlebt zu haben, so sehr
berstieg das, was er sah und hrte, alles bisher Gekannte. Ein Schauer von
unreifen Frchten hagelte ins Gras, krachend strzten ganze Bume, und hier und
da schlug der Blitz in besonders hohe Stmme, die dann bis zur Erde herab
zersplitterten. Robert a rasch seine Mahlzeit und wollte sich in den Schutz der
Hhle zurckziehen, da - als er die Tr ffnete - schwamm ihm das Moos seines
Lagers entgegen, whrend die Decken, triefend vor Nsse, im Winkel lagen.
    Einen Augenblick lang stand Robert starr vor Entsetzen. Wenn das Salz und
die Zndhlzer vom Wasser vernichtet worden waren! - -
    ber seine Stiefel lief der Strom ins Freie, bis endlich nur noch etwas
Schlamm in der Hhle zurckblieb. Robert stand noch immer unbeweglich, von
diesem neuen Schlag wie betubt. Erst langsam erholte er sich und kroch hinein,
um die gefhrdeten Gegenstnde untersuchen zu knnen. Zum Glck waren bis in
diesen versteckten Winkel die Regenfluten nicht gedrungen, - er fand seine
kostbarsten Gter unversehrt.
    
    Fr ihn selbst blieb freilich nur ein Ausweg, nmlich der, au mehreren
leeren Kisten ohne Decken oder irgendeinen Schutz die Nacht zu verbringen. Aber
das sollte ihm nicht wieder passieren. Die ganze Wetterseite der Wohnung mute
durch einen starken Erdwall vor dem Eindringen des Regens geschtzt werden, und
schon mit Tagesanbruch wollte er diese neue Arbeit beginnen.
    Bis auf die Haut durchnt streckte er sich zum Schlafen aus. Drauen tobte
noch der Donner, zischten die Blitze; sprhende Schauer von kalten Tropfen
drangen in die Hhle hinein. Der Sturm schwoll zum wahren Orkan, dessen Ste
wie tiefe Orgelklnge bald brausend und gewaltig, bald langgezogen und klagend
die Luft zerrissen.
    Ein schlecht befestigtes Brett wurde von der Gewalt des Windes
herausgerissen, mit wtendem Anprall fuhr der nchste Sto in die Htte hinein
und brachte ganze Fluten von Regen mit sich. Es war jetzt in dem engen Raum noch
ungemtlicher und trostloser als drauen; Robert erhob sich, um ins Freie zu
kriechen, wo die Luft gewi etwas weniger dumpf und erstickend war.
    Tiefe, undurchdringliche Nacht umgab ihn, der Boden war weich und
schlpfrig, der Sturm raubte im Freien den Lungen den Atem - -
    Da, durch das Gebrll des Donners und das Sausen des Windes klang ein Ton,
der in seiner kurzen Schrfe deutlich verriet, da ihn nicht der Sturm
hervorgebracht hatte.
    Ein Schu! - Ein Kanonenschu! - -
    Er hatte es deutlich gehrt; Zittern lief durch seine Glieder, das Herz
schlug zum Zerspringen, - er lauschte atemlos.
    Und da kam es zum zweiten-, zum drittenmal. Es waren Kanonenschsse, - es
war ein Schiff, das sich in Not befand.
    Er mute sofort hinaus an den Strand, mute Zeichen geben, - er wollte um
jeden Preis die Menschen an Bord ber seine Anwesenheit unterrichten, und wenn
er schwimmen mute.
    Das alles durchzuckte ihn, drngte sich ihm auf, ohne eine bestimmte Form
anzunehmen, und mechanisch tastete er sich fort. Sooft ein Blitz die Umgebung
erhellte, wurde es dem Jungen mglich, einige Schritte weit zu gehen, dann aber
versperrten Bume den Weg oder zeigten ihm verschlungene Ranken, da er die
Richtung zum Ufer im Dunkel verfehlt hatte.
    Rechts und links lagen herabgerissene Zweige, oft sogar ganze Bume quer
ber dem Weg. Immer schneller und schneller folgten die Blitze, fast
ununterbrochen krachte der Donner, und in jede Pause hinein drhnten die
Notschsse des bedrohten Schiffes.
    Robert kmpfte mit der Kraft der Verzweiflung, um an den Strand zu kommen.
Schritt fr Schritt vorwrts dringend, brauchte er wenigstens eine Stunde, ehe
der Weg von zwanzig Minuten zurckgelegt war. Zerschunden im Gesicht, mit
blutenden Hnden und fieberheiem, brennendem Kopf hatte er endlich das Meer vor
sich. Brandend, zischend und kochend, den weien Schaum turmhoch schleudernd,
brach sich die See an der Kste. Welle auf Welle bersplte das Ufer, hoch in
der Luft kreischten flgelschlagend die Mwen, pfeifend und heulend kam der
Sturm daher.
    Robert hielt beide Hnde vor die Augen. Dicht vor der Brandung sphte er,
den nchsten Blitz erwartend, hinaus auf die tobende See Ein neuer Kanonenschu
zeigte ihm die Richtung, in der das Schiff lag.
    Und dann zuckte aus den schwarzen Wolken der gelbe Strahl herab - dann sah
er fr Augenblicke das Fahrzeug. Es war ein groes Schiff, im Sturm fast ohne
Segel und von den Wellen wie ein Ball von einer Seite zur anderen geworfen.
Jeden Augenblick konnte es der Sturm mit voller Gewalt auf den Strand treiben.
    Die Seeleute glaubten sich vielleicht in der Nhe einer bewohnten Insel,
aber selbst wenn ein Boot zur Stelle gewesen wre, so htte es in dem schweren
Wetter unmglich auslaufen knnen. Die Wellen gingen haushoch.
    Robert schwang in ohnmchtigem Kampf gegen das Toben des Sturmes sein Tuch.
So nahe vor sich die Erlsung aus der Gefangenschaft, so nahe in der
grauenvollen Nacht die Menschen! Er glaubte es nicht ertragen zu knnen, wenn
diese Hoffnung getuscht werden wrde.
    Bald sah er beim Schein der Blitze das Schiff in grerer und bald in
geringerer Entfernung vom Lande, endlich aber so weit drauen, da er nur noch
die Umrisse erkannte. In jeder Pause des Donners hielt er beide Hnde vor den
Mund und rief, so laut er konnte, den. Seemannsruf Schiff ahoi! in die Nacht
hinaus, aber ohne eine Antwort zu erwarten. Der schwache Ton konnte nicht bis
zum Schiff dringen.
    Allmhlich verstummten drauen auf dem Meer die Kanonenschsse, und die
Wucht des Sturmes lie nach. Blitz und Donner wurden schwcher, der Regen hrte
auf, einzelne Sterne zeigten sich am Himmel.
    Robert lauschte verzweifelt. Allein in der undurchdringlichen Finsternis,
berwltigte ihn der Schmerz so sehr, da er weinte.
    Erschpft warf er sich auf den durchnten Sand und wiederholte nur von Zeit
zu Zeit den langanhaltenden Ausruf, mit dem sich die Seeleute zu erkennen geben,
aber immer ganz vergeblich. Seine Ungeduld wuchs von Viertelstunde zu
Viertelstunde. Wie lang, wie endlos lang war die Nacht! -
    Er versuchte zu schlafen, aber es milang gnzlich. Nicht einmal der
Halbschlaf erlste ihn auf Augenblicke von der Qual der Ungeduld. Er ging, als
endlich Stille eintrat, rastlos am Ufer auf und ab. Jetzt lag das unruhige Meer
wie ein wildes Kind, das sich mde getobt hat und nun sanft schlft, ganz
lautlos und fast unbeweglich, als bereue es sein Wten. Die Luft war abgekhlt,
die letzten Tropfen von den Zweigen gefallen und der Wind vollstndig zur Ruhe
gegangen. Nichts regte sich in der stillen Sternennacht.
    Robert strengte sich an, mit den Augen das Dunkel zu durchdringen, er
glaubte ein Licht, einen weien Streifen zu sehen und schlo die Augen, um sich
zu vergewissern, ob ihn keine Einbildung tusche. Aber dann, wenn er wieder
aufsah, war nur das Dunkel der Nacht um ihn, - er mute erkennen, da ihn seine
eigenen berreizten Sinne getuscht hatten.
    Und auf die Nacht folgte endlich graue Morgendmmerung. Nebel und Schatten,
hier heller, dort tiefer, lagerten sich ber dem Wasser, spielten in allen
Formen und tuschten das Auge.
    Sah er nicht dort im halben Dunkel das Schiff mit ragenden Masten und
weien, flatternden Segeln? Sah er es nicht hart an der Kste, fast so nahe, da
es die Stimme erreichen konnte?
    Er rief laut, so laut er konnte. Aber kein Zeichen verriet, da in der Nhe
Menschen lebten. Und die Nebel verzogen sich, zerflatterten; das, was eben noch
ein Schiff gewesen war, erschien nun als Turm, als riesiges, vorsintflutliches
Fabeltier, als Bergspitze mit wallenden Baumkronen. -
    Hundert Gestalten formten sich, tiefe Tler und hohe, unzugngliche Zinnen.
Robert starrte in das Chaos, immer noch hoffend, immer noch festhaltend an dem
Gedanken der Erlsung. Was er in der Nacht so nahe an der Kste gesehen hatte,
das rettende Schiff, - sollte es am Morgen, wo ein einziger Blick gengte, ihn
aus der schrecklichen Einsamkeit zu befreien, zu weit entfernt sein, viel zu
weit fr jede Verstndigung? -
    Es war ja unmglich, ganz unmglich! -
    Und heller und heller wurden die Nebelmassen, der Tag brach an. Ein khler
Hauch glitt durch die regenschweren Bltter, einzelne Tierstimmen erhoben sich,
und gelbe und rote Wolkenrnder umsumten den Horizont.
    Roberts Zhne schlugen aufeinander. Jetzt kam die Entscheidung.
    Er erkletterte den Baum, aus dessen Krone sich das Meer weithin berblicken
lie. Nun teilten sich die Schatten, ein goldener Streif scho pltzlich hervor,
andere folgten, und die ganze blaue, leicht bewegte Wasserflche lag glnzend im
Licht des jungen Tages. Weit aus der Ferne, kaum noch erkennbar, schimmerten die
vollentfalteten Segel des Schiffes.
    Robert stie einen herzzerreienden Schrei aus. Er sah das Fahrzeug, er
erkannte es deutlich, aber es gab fr ihn kein Mittel, sich der Mannschaft
bemerkbar zu machen. Seine Blicke folgten den weien verschwindenden Segeln, bis
ihm die Augen schmerzten und er verzweifelt den Kopf in die Hand sinken lie.
    Endlich war auch der letzte weie Punkt verschwunden. Nur das Wasser dehnte
sich in blauer Unendlichkeit vor seinen Augen.

                              Todesnot und Rettung


Wie trostlos war der heutige Rckweg. Gestern konnte er hoffen, ein weiches
Lager und eine gefllte Vorratskammer anzutreffen, er besa bei aller
Verlassenheit eine Art Zuhause, das ihm gehrte und wo er wohnte, jetzt dagegen
mute er frchten, alles in schrecklicher Verwstung wiederzufinden. Alle
Zuversicht, aller Mut war dahin. Ach, wenn es Tag gewesen wre, als das Schiff
so nahe an die Kste getrieben wurde, oder wenn er es lieber nie gesehen htte!
    Unempfnglich fr die neuerblhte Schnheit der Natur, fr den doppelt sen
Hauch der Blumen und den jubilierenden Gesang der Vgel ging er langsam durch
den Wald. Was auf ihn wartete, das wute er nur zu genau.
    Und seine Vermutung sollte ihn nicht tuschen. Als er sich der Hhle
nherte, sah er schon von weitem den ganzen Umfang des angerichteten Schadens.
Fast alle Planken waren aus ihren Fugen gerissen, der Herd umgestrzt, die
Kochgerte unter Schlamm vergraben und - das Schlimmste - die Lebensmittel
durchnt.
    Der kleine Bach, sonst wie ein klarer blauer Spiegel, scho heute mit wildem
Ungestm, seine Ufer berflutend dahin und wlzte gelbe, schlammige Wellen dem
Meere entgegen. Abgebrochene Zweige, Bltter und Halme trieben auf der
Oberflche.
    Jetzt freilich schien die Sonne hei und freundlich vom Himmel herab, aber
auf ein Bild der entsetzlichsten Verwstung. Robert stand an einem Baum und sah
starr auf die Verwirrung. Was sollte er nun beginnen, was konnte er tun, diesem
triefenden, schlammberzogenen Durcheinander, diesen durchweichten Vorrten und
dem ungeniebaren Trinkwasser gegenber?
    Zuerst gab es zum Frhstck nur Wein und eine Ananas, die er auch erst aus
einem Bett von Schlamm herausgraben mute, bevor sie sich pflcken lie. Aber
das tat nach der Anstrengung und Aufregung der letzten Nacht, bei ganz
durchnten Kleidern und tiefster Hoffnungslosigkeit gar nicht wohl, er fhlte
ein Frsteln, als die kalte Frucht in seinen Magen gelangte. Htte er nur etwas
Wasser gehabt, um Kaffee kochen zu knnen! Aber dieser mifarbige Schlamm war
nicht trinkbar; er mute jeden Gedanken daran aufgeben.
    Als ein Teil der Ananas verzehrt und ein Glas Wein dazu getrunken war,
machte sich Robert daran, seine Lebensmittel zu untersuchen. Die Scke mit
Hlsenfrchten hatten zwar unter Dach gelegen, aber der hereindringende
Sprhregen war doch stark genug gewesen, sie zu durchnssen. Besonders das Brot
und die Kartoffeln waren halb verloren. Robert warf den grten Teil ohne
weiteres fort und suchte dann nach einigen trocken gebliebenen Brettern, die er
in die Sonne legte und darauf den Rest sorgfltig ausbreitete. Ebenso machte er
es mit den wollenen Decken, die smtlich von Wasser und Schlamm durchdrungen
waren.
    Dann begann er seine Wnde auszubessern. Ngel und Werkzeug hatte er
reichlich, daher war diese Arbeit bald vollendet, aber ohne den unglcklichen
Jungen wieder ermutigen zu knnen. Wenn in der nchsten Nacht ein neues Gewitter
kam, so hatte er ja doch umsonst gearbeitet, - das drckte ihn fast zu Boden.
    Um aber jedenfalls alles aufzubieten, was er zu seiner Sicherung tun konnte,
ergriff Robert den Spaten und begann hinter der Bretterwand einen festen Erdwall
aufzuwerfen, den er auerdem noch mit greren Steinen feststampfte. Das ging
zwar langsam, aber es versprach doch ein guter, seinen Zweck erfllender Schutz
zu werden, daher blieb Robert unermdlich den ganzen Tag hindurch beim Schaufeln
und Stampfen, so da gegen Abend ein schrger Erdwall vom Boden bis zu dem
niederen Felsendach hinaufreichte. Jetzt konnte der Regen kommen; er wrde
wenigstens nicht eindringen knnen, bevor die Decken in Sicherheit gebracht
waren.
    Die hatte die Sonne inzwischen vollstndig getrocknet, aber sie knisterten
unter den Fingern und verbreiteten groe Staubwolken, sooft er sie schttelte;
auch der Fuboden war noch na, und an frisches Moos war natrlich gar nicht zu
denken. Robert klopfte so lange mit einem dnnen Stckchen drauflos, bis
wenigstens die getrocknete Erde herausgefallen war, dann legte er die Decken und
sich selbst auf zwei leere Kisten, wo er, so gut es eben ging, zu schlafen
suchte.
    Whrend des ganzen Tages hatte er nur Wein und Frchte gehabt, daher freute
er sich, am folgenden Morgen den Bach so ziemlich wieder klar zu sehen. Er wusch
die Kochgeschirre, suchte das sonnigste Pltzchen und holte von dem in der Hhle
versteckten Brennholz einen Arm voll herbei, um Feuer anzumachen.
    Die lustigen Flammen und endlich der krftige Kaffee gaben ihm einigermaen
Mut und Zuversicht wieder zurck, aber es sa doch ein heimliches Frsteln in
allen seinen Gliedern; er tat die notwendigen Arbeiten fast gedankenlos, als
gehe ihn das gar nichts an, und oft ertappte er sich auf einem unwillkrlichen
Horchen. Die Kanonenschsse klangen immer noch in ihm nach, die grausame
Enttuschung lie sich nicht leicht wieder verschmerzen.
    Er untersuchte jetzt auch seine Fleischtonnen. Aus der einen, die das
bedeutend empfindlichere Schweinefleisch enthielt, quoll ihm ein Duft entgegen,
der alle weitere Mhe berflssig machte. Er versenkte das ganze Fchen in die
Erde und berdeckte es mit einer Schicht dichten Lehms, dann setzte er die
Untersuchung fort. Das Rindfleisch war noch gut erhalten, ebenso der Speck.
    Robert suberte nun das Innere seiner Wohnung und sammelte dann Moos, um es
zu trocknen. Bei dieser Gelegenheit fielen seine Augen zufllig auf die ganz
vergessenen berreste seiner Fischmahlzeit. Freilich konnte von diesem Gemengsel
kein Labskaus mehr gebraten werden, aber ein anderer Gedanke tauchte pltzlich
auf. Diese langen spitzen Grten - sollten sie sich nicht zu Nhnadeln brauchen
lassen?
    Sein Anzug war ja vllig zerrissen. Nur Fetzen und Lumpen hingen noch von
seinen Schultern herab. Die Grten waren fest genug, um jedes Zeug durchbohren
zu knnen, aber es lie sich an ihnen kein Faden befestigen. Robert dachte nach,
bis er darauf kam, mit der Grte in ein ganz dnnes, leichtes Stck Holz
hineinzubohren und auf diese Weise ein hr herzustellen, das dem einer Nadel
glich. Er breitete das gesammelte Moos auf Segeltchern im Sonnenschein aus und
machte sich dann daran, mit seinem Taschenmesser ein Stckchen Holz ganz platt
zu schneiden. Er wollte erst das kleine Loch hineinbohren und spter der Nadel
ihre Form geben, damit nicht ein pltzlicher Spalt die stundenlange Mhe
zunichte machen knne.
    Das Essen hatte ihm am Mittag nur halb so gut wie sonst geschmeckt; ausgehen
oder jagen wollte er heute nicht, und vor dem Anblick des Meeres empfand er,
seit es ihn so betrogen hatte, eine Art von Grauen, daher widmete er seine ganze
Zeit der Nhnadel, die ihm zu einem neuen Anzug verhelfen sollte. Das
Durchbohren des Holzes erwies sich aber als keineswegs leicht; Grte auf Grte
zerbrach, und Robert wurde immer rgerlicher. Dann aber kam ihm ein glcklicher
Gedanke, den er auch sofort ausfhrte. Die ursprngliche Absicht, das Holz zu
durchbohren, gab er auf und schnitt statt dessen die strkste Grte mit dem
Messer aus der Reihe der brigen heraus. Nun legte er ein ganz spitzes Hlzchen
zum Feuer und lie es hei werden. Die Flammen ausblasend, drckte er das
glhende Ende auf die obere Seite der Fischgrte, und siehe da, - ein leichtes
Zischen zeigte, da eine kleine Vertiefung entstanden sein mute. Wie oft hatte
er auf diese Weise seine Mutter ein Fischbeinstbchen durchbohren sehen. Waren
denn die Grten nicht aus demselben Stoff? Allerdings nahm die Mutter dazu eine
Haarnadel und hatte also ein bedeutend besseres Werkzeug als er, aber mit den
kleinen Splittern des sehr harten Holzes ging es zur Not auch, wenn auch weit
schwerer und viel langsamer.
    
    Robert blieb geduldig. Er wendete von Zeit zu Zeit das feuchte Moos und warf
das getrocknete in eine Kiste, dann arbeitete er weiter an dem winzig kleinen
Nadelhr, das doch so groer Mhe und Beharrlichkeit bedurfte. Heimlich dachte
er dabei an die vielen bitteren Verwnschungen, die er noch vor wenigen Monaten
auf alles, was Nhnadel hie, herabgerufen hatte. Ob er gerade dafr zur Strafe
jetzt so unermdlich das Stck Holz in seiner Hand zuspitzen, ins Feuer stecken
und wieder zuspitzen mute?
    Er schlo ermdet die Augen. Es war ihm alles so gleichgltig geworden, so
fremd; er arbeitete nur, um nicht mig dazusitzen.
    Und endlich, als er zum hundertsten Male die Grte an das Licht hielt,
zeigte sich, da sie durchbohrt war. Robert war sehr stolz. Wenn er jetzt ohne
Kreide, ohne Zwirn und Schere, nur mit einer Fischgrte und zerfasertem
Segelgarn einen Anzug nhen konnte, so war das ein Werk, das ihm nicht jeder
Schneider nachmachte. Er mute unwillkrlich lcheln. Vater, Grovater und
Urgrovater, alle Krolls, soweit sich der Stammbaum der Familie zurckfhren
lie, hatten ja mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzend das Leben
durchstichelt, aber wie entsetzt wrden sie sein, wenn sie sehen mten, da der
letzte Spro dieser ansehnlichen Reihe von Schneidern ihr Handwerk mitten im
Urwald und mit einer Fischgrte fortfhrte! -
    Robert schttete das trockene Moos auf die Stelle, wo er schlafen wollte,
und rumte seine Decken wieder ein, so da jetzt wenigstens ein gutes, weiches
Lager da war. Drauen sah es noch frchterlich aus; die Zweige geknickt und das
Gras zerstampft, der ganze Boden feucht und aufgewhlt, als htten dort Soldaten
exerziert, - aber Robert kmmerte sich nicht darum. Er hatte fr heute genug,
daher legte er sich ohne Abendbrot zu Bett und trumte fortwhrend von dem
Schiff, das im Schlaf und im Wachen seine Gedanken beschftigte. Er sah sich auf
dem Mangobaum sitzen und rund um ihn herum war es heller sonniger Tag. Die
Kameraden auf dem groen Dreimaster, der gerade an die Kste herankam, hatten
ihn lngst bemerkt, sie winkten ihm zu, sie riefen ihn an, und er wollte so
schnell wie mglich zur Erde klettern. -
    Wer aber im Traum fllt, der hat das Gefhl, als weiche unter ihm jeder
feste Halt, als strze er ins Bodenlose, er erwacht mit klopfenden Pulsen und
Schweitropfen auf der Stirn, atemlos wie jemand, der lange und schnell gelaufen
ist.
    Auch Robert fuhr vom Lager auf. Das Schiff! murmelte er, das Schiff!
    Dann aber erkannte er seine Umgebung, atmete die drckende Luft des engen,
geschlossenen Raumes und taumelte auf, um zu trinken. Die Zunge klebte ihm fast
am Gaumen, seine Stirn brannte, Fieberdurst raste in allen seinen Adern.
    Er kroch durch die niedere Tr hinaus in den Vorraum und hob das dort
stehende Gef mit Wasser zum Munde, um zu trinken. Aber wie kalt war der Wind,
wie durchschauerte es ihn und trieb ihn zurck unter die schtzenden Decken!
    Er mute krank sein, das fhlte er genau! - -
    Schon wandte er sich, um wieder in die Hhle zu schlpfen, als zufllig sein
Blick die nchste Umgebung streifte. Er fuhr mit der Hand ber die Augen.
    Dort, wo das Mondlicht, von Blttern und Zweigen gebrochen, zwischen den
hohen Stmmen am Boden spielte, in der Nhe der aufgestapelten Kisten mit Wein,
- bewegte sich nicht dort im Gebsch eine menschliche Gestalt?
    Nur Augenblicke dauerte die Erscheinung, nur wie ein Schatten glitt sie
zwischen dem Grn dahin, aber dennoch - -
    Ein Schauer durchrieselte Roberts ganzen Krper. Wie gebannt, wie gelhmt
blieb er stehen und starrte unverwandt hinber. Nein, nein, es war unmglich, er
konnte sich nicht tuschen, er hatte deutlich einen Menschen, einen Mann in
Seemannskleidung durch die Zweige schlpfen sehen. Noch jetzt bewegten sie sich,
wie von einer pltzlichen Berhrung.
    Roberts geistige und krperliche Krfte kehrten pltzlich zurck. Er trat
auf den freien Platz hinaus und rief mit lauter Stimme: Wer ist da?
    Aber nur der Nachtwind antwortete ihm. Kein Laut unterbrach die tiefe
Stille.
    Robert lauschte, und dann rief er wieder, bis es ihm kalt ber den Rcken
herabrieselte und er sich selbst fr wahnsinnig hielt, bis ihn in der weglosen
Wildnis die eigene Stimme wie ein unheimliches Etwas erschreckte.
    Im dichten Gebsch zu suchen wre unmglich gewesen, da die Dunkelheit jede
Flucht begnstigt haben wrde, da sich der Fliehende in nchster Nhe htte
verstecken knnen, ohne gesehen zu werden. Wer war er berhaupt? - Ein Mensch
oder ein Gebilde des wachen Traumes, ein Schatten, den die Mondstrahlen
hervorgezaubert hatten? -
    Robert wute es nicht. Er glaubte bestimmt, die Erscheinung gesehen zu
haben, aber woher sollte sie gekommen sein und warum sollte sie sich verbergen
wollen?
    Wenn die Piraten den Schlupfwinkel ihres entflohenen Opfers wirklich
aufgesprt htten, so wrden sie keinesfalls zgern, sich mit offener Gewalt des
Raubes zu bemchtigen und ihn als lstigen Zeugen dieser Unternehmung beiseite
zu schaffen. Wen sollten sie auch frchten? Was sollte sie hindern, einen
wehrlosen Jungen zu tten, nachdem sie schon eine ganze Schiffsmannschaft hatten
verschwinden lassen?
    Die Insel war klein, vielleicht eine bis anderthalb Meilen im Durchmesser,
und kaum so lang wie breit. Robert hatte sich auf seinem letzten Ausflug vllig
berzeugt, da sich hier keine Ansiedlung befand, da er der einzige Bewohner
war, und da das nchste benachbarte Eiland etwa auf Kanonenschuweite entfernt
lag.
    Woher sollte also dieser Seemann gekommen sein? Ein Unglcklicher, ein
Schiffbrchiger war er ja bestimmt nicht, da er doch sonst nicht geflohen wre.
    Robert schttelte den Kopf. Er hatte so lebhaft an das Schiff gedacht, da
sein Auge Gestalten erblickte, die in Wirklichkeit nicht vorhanden waren. Und
doch berhrte ihn dieser kleine Zwischenfall uerst unangenehm. Er schob eine
Kiste vor die Tr, ehe er sich zum Schlafen hinlegte, und konnte auch dann noch
lange Zeit kein Auge schlieen. Unwillkrlich horchte er, ob nicht irgendein
Gerusch die Rckkehr des Unbekannten verriete, aber alles blieb still.
    Htte ich Pikas hier! dachte Robert, htte ich nur irgendein lebendes
Wesen, und wre es ein dummes kleines Vgelchen. Aber so ganz allein, das ist
schrecklich.
    Er wlzte sich unruhig auf seinem heien Lager und schlief erst gegen Morgen
ein. Als dann die Sonne hoch am Himmel stand, machte er sich daran, die ganze
nchste Umgebung der Hhle genau zu untersuchen, aber ohne einen anderen Erfolg
als am vorigen Abend. Es war keine Spur der Gegenwart eines Menschen zu finden,
kein Anzeichen, da jemand dagewesen war.
    Robert ging bis an den Strand, sah ber das Meer nach allen Richtungen,
forschte auch an der Kste des gegenberliegenden Eilandes mit angestrengten
Blicken nach einem Schiff oder Boot, aber nichts zeigte sich, kein Laut war zu
hren.
    Robert wandte sich seiner Niederlassung wieder zu. Er war jetzt vollkommen
berzeugt, in der vergangenen Nacht nur besonders lebhaft getrumt oder
gefiebert zu haben und gab seufzend die letzte Hoffnung auf. Jetzt mute er sich
zuerst einen neuen Anzug nhen, daran allein hatte er zu denken, obgleich es ihm
lieber gewesen wre, sich wieder hinzulegen und in den Tag hineinzuschlafen.
    Er suchte aus dem reichlichen Vorrat aller mglichen Stoffe den dunkelsten
und haltbarsten heraus, dann schnitt er einen langen Streifen Segeltuch ab, nahm
an seinem eigenen Krper Ma und begann mit dem Taschenmesser auf einer Kiste
zuzuschneiden. Anstatt der Knpfe wrde er Bindfaden verwenden mssen, das lie
sich nicht ndern, und Futter gab es auch nicht. Aber dennoch war alles besser
als die Lumpen, die er jetzt trug. Als Robert die mhevolle Arbeit des
Zuschneidens beendet hatte, nahm er eine Rolle Bindgarn, das er aufdrehte, bis
der Faden zum Nhen geeignet schien; dann holte er seine knstliche Nadel und
fdelte ein.
    Aber an das Mittagessen mute ja auch gedacht werden, obwohl er nur wenig
Hunger versprte. Er machte also Feuer, setzte Fleisch und Bohnen auf und war
nun abwechselnd am Kochen und am Schneidern. Ach, wie langsam das ging, wie oft
der Faden ri und wie gro die Stiche wurden!
    Aber es hielt zusammen, und das war die Hauptsache. Robert behandelte seine
Fischgrte, als sei sie ein Diamant von unschtzbarem Wert, immer in der Angst,
das mhsam hergestellte Nadelhr pltzlich zerbrechen zu sehen. Wo der Stoff
doppelt und dreifach bereinander lag, bohrte er mit andern rohen Grten erst
ein Loch hinein, bevor der Stich gewagt wurde. Dazwischen legte er Holz ins
Feuer und go von Zeit zu Zeit etwas Wasser nach, - alles, ohne daran Freude zu
haben.
    Seine Gedanken waren immer bei dem Schiff, wie er es so nahe an der Kste
sah, so ganz nahe im gelben Schimmer der Blitze, da selbst die Menschen klar
erkennbar wurden, da er deutlich den Mann am Steuer und den bei der Kanone
unterscheiden konnte. Warum mute es Nacht sein, als die Rettung fast mit der
Hand zu erreichen war?
    Robert sttzte den Kopf gegen einen Baumstamm und schlo die Augen. Ich bin
krank, dachte er, ich werde bald noch elender sein und dann ganz verlassen, ganz
allein auf dieser Insel sterben! - Wenn es nur nicht allzu langsam geht.
    Als er nach einer Pause die Augen ffnete, war das Feuer erloschen und der
Duft des Essens sagte ihm, da es gar sei. Er nahm aber nur einige Lffel voll,
dann stellte er das brige bei Seite und nhte eifrig weiter, um noch bis zum
Abend das angefangene Kleidungsstck zu beenden. Zum Strand wollte er nicht erst
gehen. Weshalb auch? Die Schiffe fuhren ja doch vorber.
    Er begriff nicht mehr, warum er sich mit so groer Mhe den Ausguck auf dem
Mangobaum gebaut hatte, warum er berhaupt irgend etwas anderes getan hatte, als
sich hinzulegen und zu sterben. Schon hatten die Erbsen und die anderen
Hlsenfrchte einen verdorbenen Geschmack angenommen, schon zeigte sich an der
Auenseite der Fsser ein leichter Schimmel, und das Brot ging zur Neige, weil
der grte Teil davon durch den Regen vernichtet worden war, - der Tod grinste
ihm aus hohlen Augen von allen Seiten entgegen.
    Eine sonderbare Angst bemchtigte sich seiner. Ganz ohne Widerstand durfte
er sich nicht ergeben, das fhlte er, sonst war es bald um ihn geschehen. Diese
Stimmung lhmte alle Krfte.
    Er raffte sich auf und nhte weiter, bis die Dmmerung herabsank. Nun war
die Hose fertig, - morgen kam die Jacke dran und dann noch ein neues Wollhemd,
um das alte gelegentlich im Bach waschen zu knnen. Baden mochte Robert nicht,
er dachte mit einer Art von Grauen an die Klte des Wassers.
    In dieser Nacht schlief er besser und fhlte sich auch am andern Tage
leidlich wohl, obgleich er noch immer nicht wieder an den Strand hinabging.
Abwechselnd nhend und aufrumend, verbrachte er in einer Art von geistiger
Unttigkeit die Stunden an diesem und auch an den folgenden Tagen. Der
Palmenstamm hatte jetzt bereits achtzehn Kerben aufzuweisen, Brot und Fleisch
waren zu Ende, der Rest des Specks verdorben und die Hlsenfrchte gnzlich
ungeniebar geworden, aber Robert empfand dennoch keinen Mangel. Er lebte nur
von Wasser und etwas Wein, ohne jemals Hunger zu fhlen. Seine Krfte wurden
allmhlich schwcher, seine Nchte immer unruhiger. In dem schwarzen, berall
schlotternden und wunderlich geformten Anzug, bla und abgemagert, erkannte er
kaum sein eigenes Bild, sooft er es im Spiegel des Wassers betrachtete.
    Lange Stunden verbrachte er tagsber halb schlafend, halb seinen trben
Gedanken nachhngend in den Zweigen des Mangobaumes am Ufer. Zu tun gab es ja
fr ihn nichts mehr, und auch die Jagd hatte er vernachlssigt. Warum harmlose
Tiere tten, da er sie doch nicht essen konnte?
    Seine Blicke gingen ber das Wasser, und seine Gedanken verwirrten sich
zuweilen unmerklich. Er hielt nach dem Schiff Ausschau, dessen Auftauchen ihn
krank gemacht hatte, er sah im Geiste immer vor sich die weien Segel und hrte
die rollenden Donner des Geschtzes. - -
    In seiner Behausung auf dem Mooslager lag er oft halb betubt. Er dachte an
die Heimat, an die Kameraden vom Schiff und an die Nacht, als er hierher schwamm
an diesen gastlichen Strand, der ihm zum Grab werden sollte. - -
    Dreiundzwanzig Kerben zeigte der Stamm. Robert war nicht am Meeresufer
gewesen, seine Krfte hatten fr den weiten Weg nicht ausgereicht; er sa vor
der Tr seiner Hhle, gegen den Erdwall gelehnt, und hielt die Augen im
Halbschlummer geschlossen. Stunde um Stunde verrann, er scheute sich aufzustehen
und blieb in der einmal gewhlten bequemen Stellung sitzen. Heute war der Mond
hinter Wolken versteckt, kein Strahl erhellte den kleinen freien Platz, aber
Roberts Augen hatten sich so an die Dunkelheit gewhnt, da sie jeden Baum,
jeden einzelnen Zweig deutlich unterschieden.
    Er wachte mit geschlossenen Lidern. Seine Gedanken wanderten. Da rauschte es
hinter ihm, als wenn die Bsche gestreift und zurckgebogen wrden. Ein Schatten
fiel ber den Rasen.
    Robert ffnete die Augen. Ohne sich zu bewegen, ohne ein Glied zu rhren,
sah er hinber zu der Stelle, von wo der Laut gekommen war.
    Der Mann in Seemannskleidung stand wieder keine fnf Schritte weit von ihm
entfernt. Er hielt in der Hand etwas wie eine Pistole oder ein Werkzeug.
    Robert war jetzt berzeugt, einen Menschen vor sich zu sehen. Er konnte sich
nicht tuschen, - das war ein Mann von Fleisch und Blut, aber kein
Fiebergebilde, kein Gaukelspiel irgendwelcher Trume.
    Er drehte langsam den Kopf. Im Namen Gottes, sagte er, wer Sie auch sein
mgen, geben Sie mir Antwort!
    Aber noch hatte er die Worte nicht ausgesprochen, als der Unbekannte
zwischen den Bschen verschwand, lautlos, ohne sich umzusehen, ohne eine Silbe
zu antworten, wie er gekommen war.
    Das alles vollzog sich innerhalb einer Minute und ging gedankenschnell
vorber, aber Robert sprte, wie das Grauen in ihm hochstieg. War das der Geist
eines seiner Kameraden von der Antje Marie? - Wollte ihn der Tote rufen, ihn den
andern nachziehen in das stille Grab? -
    Er suchte und forschte nicht, wo die Erscheinung geblieben war. Aber er
hatte heftigen Durst; Hitze und Klte wechselten in seinen Adern, - er tastete
nach dem Wasserbehlter, um zu trinken. Doch der war leer. Robert hatte
vergessen ihn am Tag neu zu fllen.
    Ermattet kroch er in die Hhle und streckte sich auf sein Lager. Zum Bach zu
kommen war in der Dunkelheit unmglich, daher mute er ohne einen khlenden
Schluck einzuschlafen suchen. Jetzt schttelte heftiges Fieber seine Glieder, er
begann irre zu reden und sich mit dem nchtlichen, geheimnisvollen Besucher zu
unterhalten. Mohr, flsterte er, alter Onkel Mohr, du bist es, ich sehe dich
wohl, und ich wei, da du mich zu dir rufen willst in das Grab, das ich
gegraben habe. Aber warum sprichst du nicht mit mir, lieber Onkel Mohr, - ich
mchte so gern, so gern einmal wieder eine menschliche Stimme hren.
    Robert warf den Kopf von einer Seite zur andern. Er seufzte tief, wie
erleichtert. In Pinneberg bist du gewesen, Onkel Mohr? Und du sagst, da sie
mir nicht bse sind, da sie mich noch lieb haben und mich wie einen Toten
betrauern? - Aber wo blieb denn mein Brief? - Den haben die Fischer verloren,
wie ich das Schiff verlor, das groe, schne Schiff, das ich immer suche, so
lange schon und so sehnschtig. Das Meer ist tckisch, es hat mir das eine
Fahrzeug geraubt, und es besitzt doch so viele, viele, - warum durfte ich meins
nicht wiederfinden?
    Er schluchzte im Traum, und dann wurde alles still. Das Fieber schttelte
ihn, kalter Schwei perlte auf seiner Stirn, das Bewutsein war vollstndig
geschwunden. - -
    Am nchsten Morgen erwachte er mit dumpfen Kopfschmerzen und an allen
Gliedern wie zerschlagen. Whrend der ersten Stunden des Tages lt das Fieber
meistens etwas nach, so konnte sich auch Robert mit klarer Besinnung, obgleich
schwer krank, vom Lager aufrichten. Er kroch mhsam hinaus ins Freie und
schlich, an jedem Baume einen Halt suchend, bis zum Bach, um erst einmal zu
trinken; dann setzte er sich in die Sonne und lehnte den Kopf an die Palme, die
heute den fnfundzwanzigsten Einschnitt htte erhalten sollen. Er konnte ihn
nicht hineinkerben, die Anstrengung wre zu gro gewesen.
    Auch sein Gedchtnis war geschwcht. Er wute nicht genau, ob ihm von der
Erscheinung dieser Nacht nur getrumt hatte, oder ob er sie wirklich vor sich
gesehen hatte. Dort hinten, bei den zehn groen Kisten mit Wein, dort hatte der
Mann gestanden, nun schon zweimal, - gewi, es war der Tod, der ihn holen kam.
    Ein Frsteln schlich durch seine Adern. Selbst die Sonne mit ihren
glhenden, versengenden Strahlen konnte ihn nicht mehr erwrmen, - seine Finger
waren wei, wie die einer Leiche, und das unangenehme Zittern wollte gar nicht
aufhren.
    Ich mchte einen Schluck Wein trinken, dachte er, und dann werde ich mich
wieder hinlegen, um zu sterben. Die Fingerspitzen sind, glaube ich, schon tot.
    Er befhlte mit der rechten Hand die Finger der linken. Alles steif und
kalt, dachte er. Oh, wie ich mich auf den Wein freue!
    Er schleppte sich mit Mhe bis zu den Kisten und ffnete die obere. Sie war
leer.
    Robert griff sich an die Stirn. Er hatte nach oberflchlicher Berechnung
vielleicht vier Flaschen ausgetrunken, in der Kiste aber waren fnfundzwanzig
gewesen. Wie kam das?
    Doch gleichgltig. Es kmmerte ihn nicht mehr, ob diese Flaschen vorhanden
gewesen waren oder ob er sich vielleicht in ihrer Anzahl geirrt hatte. Er warf
mit Aufbietung aller seiner Krfte die leere Kiste herab und ffnete die zweite.
    Alles leer.
    Pltzliche Glut scho durch Roberts ermatteten Krper. Fieberhaft erregt hob
er Deckel auf Deckel, bis alle zehn Kisten offen, vor ihm dastanden.
    Alles leer.
    Die Erscheinung, die er zweimal gerade an dieser Stelle gesehen hatte, war
also doch kein Geist, kein Schattenbild gewesen, sondern ein Mensch, der
allnchtlich hierherkam, um zu stehlen, ein Dieb, der dem Verschmachtenden die
letzte Labung geraubt hatte.
    Aber wer? Wer?
    Es brauste vor seinen Ohren, seine Sinne verwirrten sich. Er glitt an den
Kisten langsam zu Boden und blieb bewutlos liegen.

    Es war am Abend des zweiten Tages danach. Durch den Wald kamen drei Mnner,
die neben sich einen vierten mit gebundenen Hnden als Gefangenen zu fhren
schienen. Sie trugen smtlich. Fischerkleidung, aber in den Grteln steckten
breite Messer und auf den Schultern lagen kurze Gewehre.
    Wirklich, sagte in spanischer Sprache der Gefangene, ihr irrt, Kameraden.
Ich bin unschuldig an dem Verbrechen, das mir zur Last gelegt wird, ich wei von
nichts und habe diese Insel nie betreten. Ihr seht ja, da hier weder Wege noch
Stege zu finden sind.
    Einer der Bewaffneten deutete auf die Axthiebe, die Robert den Bumen
beigebracht hatte. Hier mu noch vor kurzem jemand gegangen sein! antwortete
er finster. Du solltest lieber alles gestehen!
    Ich habe nichts zu gestehen! beharrte der andere. Was htte es mir auch
ntzen knnen, in eurem Boot eine de, unbewohnte Insel anzulaufen? Diego hat
mich, daher hngt er mir die sinnlose Verleumdung an.
    Der Erste deutete jetzt auf Fuspuren, die im Sand deutlich erkennbar waren.
Was ist das? fragte er. Ich glaube, deine Stiefel passen merkwrdig genau
hinein, du Scheinheiliger!
    Der Gefangene erschrak sichtlich. Ach, das ist ein Irrtum, Rafaele, rief
er rasch. Du bist ungerecht, du willst mich los sein, und doch habe ich dir
nichts getan. Aber wir mssen uns mehr links halten, - rechts ist ein Sumpf!
    Ach! - Und ich glaubte, du habest die Insel niemals betreten, Bursche?
    Der Gefangene bi sich auf die Lippen.
    Nicht wahr? lachte der andere. Da hast du dich schn hereingelegt. Aber
das schadet nicht weiter. Auf jeden Verrat steht der Tod, und - ein Leben hast
du ja nur zu verlieren.
    Der Gefangene wurde bla wie Kreide. Mehr links! stammelte er, mehr
links, oder wir kommen in den Sumpf.
    Der brigens schon weit hinter uns liegt, ergnzte kaltbltig Rafaele. Du
mut wissen, da wir frher einmal ein Jahr lang auf dieser Insel wohnten, - du
Verrter.
    Jetzt schwieg der Gefesselte. Er schien nach dem fehlgeschlagenen Versuch,
seine Wchter zu tuschen, sich in das Schicksal, das ihn erwartete, zu ergeben,
wenigstens sprach er nicht weiter, sondern schauderte nur unwillkrlich, als er
sich mit seinen Begleitern dicht vor Roberts Behausung befand.
    Der andere hatte ihn beobachtet. Los! drngte er, was tatest du hier?
Leben Menschen auf dieser Insel?
    Der Gefangene versuchte die gefesselten Hnde zu falten. Gnade! stie er
hervor, und ich will euch alles sagen!
    Der dritte der Mnner lie in diesem Augenblick einen leisen Ausruf hren.
Gedankenschnell legte er die Waffe in Anschlag.
    Dort ist eine Wohnung! raunte er.
    Der erste packte mit festem Griff die Schulter des Gefangenen. Jetzt
sprich, zischte er, oder du sollst mein Messer zwischen den Rippen fhlen, ehe
du Zeit hast, ein Vaterunser zu beten. Wer befindet sich in dieser Hhle?
    Der Gefesselte zitterte an allen Gliedern. Ein Kind, stammelte er, nur
ein einzelner Junge!
    Und du, was hast du hier gemacht? Du hast ihm unsere Geheimnisse verraten,
hast mit ihm verhandelt, und - -
    Er sah mich nie! - Er wei nicht, da ich in seiner Nhe war.
    Aber was wolltest du dann hier?
    Ich wute, da Vorrte von Wein auf dieser Insel lagerten, stammelte der
Gefesselte, ich nahm ihn, da er niemand gehrte. Das ist alles, Rafaele, ich
schwre es dir, das ist alles!
    Der Fischer schttelte zweifelnd den Kopf. Um zu trinken fuhrst du in jeder
Nacht hierher? fragte er. Das ist undenkbar.
    Gnade! winselte der Gefangene, Gnade. Es ist so, wie ich sagte.
    Der Fischer stie ihn verchtlich von sich. Da bleibst du, befahl er. Und
dann, sich an die beiden andern wendend, fragte er leise: Was habt ihr
entdeckt?
    Der eine richtete sich langsam auf. Es ist, wie er behauptet, nickte er.
Nur ein Junge, und noch dazu ein toter, glaube ich.
    Rafaele schien erleichtert aufzuatmen. Wahrscheinlich stimmte es ihn milder,
da offenbar kein Verrat im Spiel war, und da also auch keine Gefahr fr ihn
selbst bestand.
    Er trat nher, beugte sich ber den leblosen Krper und sah lange in das
blasse Gesicht. Ein unmerkliches Zucken ging ber die erstarrten Zge. Das Kind
lebt! sagte er nach einer kurzen Pause. Was beginnen wir mit ihm?
    Die beiden anderen sahen ihn bedeutsam an. Die Toten plaudern nichts aus!
meinte mit etwas unsicherer Stimme der eine.
    Das ist wahr! besttigte der zweite. Aber - ein bewutloser -
    Und ein Kind dazu! ergnzte Rafaele. Bei San Jago, man ist zwar ein
Bukanier, man zwingt die Schiffe, ihre Ladung zum Strandgut werden zu lassen,
und man stopft das Maul, das durch sein Geschrei Aufsehen erregen knnte, aber
-
    Dann nickte er langsam mit dem Kopf. Wir tten keine Kinder, sagte er.
Wir nehmen diesen Burschen mit uns, und wenn er wieder zu sich kommt, wenn wir
erfahren, was er von dem Schicksal seiner Genossen wei, so wird sich
entscheiden, ob er leben darf oder nicht.
    Jetzt bringt mir den dort, fgte er, auf den Gefangenen deutend, hinzu.
Wir wollen hier Gericht halten.
    Einige Ste mit dem Kolben befrderten den Gefesselten in die Nhe seiner
Richter. Nur ein einziges Wort murmelten seine Lippen: Gnade!
    Schweig! rief Rafaele. Du wirst antworten, wenn ich dich frage, sonst
aber keine Silbe sprechen. - Ist dieser Junge von der Besatzung der Antje Marie?
Und wutest du, da er auf dieser Insel war?
    Ja, ja!
    Sind noch mehr Waren hier, auer dem gestohlenen Wein? Und warum wurden sie
auf die Insel geschafft?
    Um sie euch zu entziehen. Es lagern noch groe Ballen teurer Seidenstoffe
und Spitzen hier.
    Alle drei Piraten lieen zugleich einen halberstickten Ausruf hren. Das
ist natrlich inzwischen durch den Regen alles verdorben, meinte Rafaele. Und
du Verrter, du Schuft, weshalb hast du uns das verheimlicht?
    Weil ihr sonst auch den Wein beansprucht und verkauft haben wrdet!
    Tier! sagte verchtlich Rafaele. Bestie ohne Herz und Gewissen, treulos
gegen den Kameraden von deinem Schiff und gegen die Genossen, zu denen du im
Augenblick gehrst. Um zu trinken, um dich zu berauschen stahlst du uns
vielleicht Tausende und verurteiltest gleichzeitig den wehrlosen Jungen, fast
einen Monat lang hier zu leben; du nahmst ihm den Wein, du fragtest nicht, ob er
noch irgend etwas Ebares besa, - du trankst nur, trankst! Sprich jetzt, weit
du, was dir bevorsteht?
    Der Unglckliche antwortete nicht. Kalter Schwei rann ber sein Gesicht
herab, die gefesselten Hnde zuckten, er rang vergeblich nach einem Laut.
    Du hast bei deiner Aufnahme in unsere Gemeinschaft den Treueid geleistet,
fuhr Rafaele fort, du hast gelobt, kein persnliches Eigentum zu besitzen und
kein Geheimnis fr dich zu behalten - und diese Eide hast du gebrochen. Was
erwartet dich also?
    Wieder kam keine Antwort von den Lippen des Gefesselten.
    Der Tod! sagte Rafaele nachdrcklich. Los, Kameraden, bindet ihn an einen
Baum, aber so, da er sich nicht befreien kann. Dann sucht, ob noch Wein oder
Rum zu finden ist.
    Wir haben schon welchen entdeckt, antwortete einer seiner Begleiter. Hier
stehen mehrere kleine Kisten mit Rum, der ihm ganz entgangen sein mu.
    Gut. Also tut, was ich sagte.
    Die beiden Ruber nahmen den Gefangenen zwischen sich und fhrten ihn in das
nchste Dickicht, wo sie ihn an einer jungen Palme festbanden. Sechsfache Seile
umschnrten seinen Krper, nur die Arme blieben frei.
    Rafaele nahm aus einer Kiste sechs Flaschen Rum, die er neben den Baum
stellte. Dann begann er sein Gericht.
    Wie du gemessen hast, so soll dir gemessen werden! sagte er feierlich.
Wie du deinen hilflosen Kameraden verlassen hast, so verlassen wir dich; wie du
alles verleugnet hast, um zu trinken, so verstoen wir dich aus unserer Mitte
und berliefern dich dem Tode auf dem Weg, den du selbst whltest. Trinke, bis
du stirbst!
    Er schwieg und prfte die Festigkeit der Fesseln. Helles Mondlicht fiel auf
die grauenhafte Gruppe der bewaffneten Ruber und des in sich zusammengesunkenen
Verrters.
    Hast du noch etwas zu sagen? fragte Rafaele. Kein Mensch wird jemals
wieder etwas von dir hren, - also sprich, wenn dich noch irgendein Bekenntnis
drckt, wenn es irgendeine Botschaft fr dich auszurichten gibt.
    Der Verurteilte sah mit starren Augen von einem seiner Henker zum anderen.
Die Lippen bewegten sich, aber kein Laut drang hervor.
    Auf! befahl Rafaele. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.
    Die drei wandten sich zum Gehen, - da rang sich ein heiserer Schrei aus der
Brust des Gefesselten. Seine Arme griffen in die leere Luft, ein verzweifeltes
Keuchen brach ber seine aschfahlen Lippen.
    Gnade! - Gnade!
    Keiner der Bukanier hrte auf die entsetzlichen Laute. Sie gingen mit
schnellen Schritten zu Roberts Ansiedlung zurck und berlieen den Verurteilten
seinem furchtbaren Schicksal.
    Er hatte sich selbst gerichtet, um seiner zerstrenden, hllischen
Leidenschaft willen, - Gallego, der Schiffskoch, dem es gelungen war, seine
Landsleute fr sich zu gewinnen und ihr Genosse zu werden; Gallego, der im Leben
nur ein Glck kannte: zu trinken, - und der nun darum sterben mute.
    Leise schaukelnd glitt das Boot ber die Wellen. Ein paar Decken, unter
Roberts Kopf gelegt, einige Tropfen Branntwein, ihm mhsam eingeflt, und
auerdem der frische, seine brennende Stirn umspielende Seewind hatten seine
Lebensgeister zurckgerufen. Er war noch ohne Besinnung, aber die Gedanken
begannen sich zu regen, und einzelne abgebrochene Worte drangen ber seine
Lippen.
    Das Schiff? Wo ist das Schiff? - Als ich wieder hinbersah, war es fort. -
Soll es niemals - niemals zurckkehren?
    Die drei Bukanier saen in tiefem Schweigen. Sie wagten kaum, ihre Blicke zu
erheben, kaum in dies jugendliche, vom Tod schon berhrte Gesicht zu sehen.
Vielleicht war ihnen das Abscheuliche ihres Berufes nie so deutlich vor Augen
gefhrt worden, als eben durch die unbewuten Worte des kranken Kindes. Sie
muten glauben, da mit dem verlorenen Schiff die Galliot gemeint war, und sie
wuten ja nur zu gut, was aus ihr geworden und wie das alte, unbrauchbare
Fahrzeug auf Strand gesetzt und zu Brennholz zerschlagen worden war.
    Es schien, als ob sich in diesen abgehrteten Verbrechern doch noch der
Funke einer alten warmen Menschlichkeit regte, als sie diesen halbverhungerten,
durch ihre Schuld zum Gerippe abgemagerten und dem Tode berlieferten Jungen vor
sich sahen. Sie dachten vielleicht an ihre eigene schuldlose Jugend, an den
langen Weg der Verbrechen, an den ersten Fehltritt, der sie weiter gefhrt hatte
auf abschssiger Bahn, immer weiter bis zu Raub und Mord an wehrlosen Menschen.
    Leise rckte der eine die Decken, und leise glttete der andere das Haar
ber Roberts Stirn. Als man den Strand der greren Insel erreicht hatte, trugen
abwechselnd zwei Mnner den Schwerkranken bis zu der hlzernen Htte, die der
Bande als Wohnsitz diente. Hier legten sie ihn auf ein gutes, weiches Lager und
bedeckten seine Stirn mit kalten Umschlgen. Der Koch mute auerdem einen
schweitreibenden Tee zubereiten, der dem Kranken eingeflt wurde, so oft er
Durst versprte.
    Das war im ganzen wenig heilknstlerischer Aufwand, aber vielleicht gerade
deswegen drang die unverdorbene Natur des Jungen am ehesten wieder durch. Am
neunten Tage kam endlich die Krisis, aus der Robert mit vollem Bewutsein
erwachte. Freilich war er so schwach, da ihm die Lippen zitterten, und da er
kaum den Kopf drehen konnte, aber dennoch streifte sein Blick mit grenzenlosem
Erstaunen die Umgebung.
    Fenster aus Glas, Tren mit Schlssern, eine wohleingerichtete Kche mit
blankem Geschirr, rauchende, spielende Mnner um einen Tisch versammelt, und
darauf die berreste einer leckeren Abendmahlzeit, - so sah er zum erstenmal das
Innere der Htte.
    Htten nicht wehende Baumzweige in die offenen Fenster einen Gru
hereingenickt, htten nicht mehrere Nebengebude und eine Anzahl groer Hunde
das Gegenteil bezeugt, so wrde Robert geglaubt haben, da er sich noch an Bord
der Antje Marie befinde, da alles, was dazwischen lag, nur ein schrecklicher,
bengstigender Traum gewesen sei. Er versuchte sich der letzten Ereignisse
deutlich zu erinnern, aber das ermattete Gehirn vertrug noch keine Anstrengung;
er schlief nach wenigen Minuten wieder ein.
    Als Robert am folgenden Morgen wieder erwachte, fhlte er sich krftig
genug, eine leise, kaum verstndliche Frage zu stellen: Wo bin ich?
    Zwei der Bukanier, die gerade im Zimmer waren, wandten sich zu ihm. Gut
Freund, Kamerad, antwortete einer. Lieg du nur still und erhole dich, armer
Kerl.
    Das konnte Robert zwar nicht verstehen, da es in spanischer Sprache gesagt
worden war, aber der Ton beruhigte ihn. Man hatte auf seine Fragen freundlich
geantwortet, das hrte er wohl.
    Der Koch brachte ihm ein reichliches Frhstck aus gekochten Fischen,
Frchten, Reis und Braten, aber Robert konnte natrlich davon so gut wie gar
nichts essen, er war auch zu gespannt auf eine Erklrung, wie er hierher
gekommen sei, als da er an irgend etwas anderes htte denken mgen. Die Mnner,
die ihn umgaben, erkannte er auf den ersten Blick als die Ruber der Antje Marie
und die Mrder seiner Kameraden; aber wie hatten sie ihn aufgefunden, und warum
war nicht auch er gettet worden?
    Der Bukanier stellte noch verschiedene Fragen, die Robert weder verstand,
noch beantworten konnte; auch Rafaele, der Anfhrer der Bande, kam und
berzeugte sich, da sein Gast der spanischen Sprache vollkommen unkundig sei, -
am folgenden Tage aber erschien er wieder in Begleitung mehrerer anderer, unter
denen einer das Deutsche so halb und halb radebrechen konnte.
    Jetzt begann ein regelrechtes Verhr, in dessen Verlauf Robert wohl fhlte,
da nur seine eigene Vorsicht und Klugheit ihm das Leben retten konnte. Sechs
von diesen wildaussehenden, bewaffneten und schwarzbrtigen Flibustiern
umstanden sein Lager und beobachteten ihn scharf, whrend er die gestellten
Fragen beantwortete.
    Wann hast du die Galliot verlassen? hie es, und weshalb?
    Am Mittag, antwortete Robert, und auf Befehl des Kapitns. Wir brachten
Waren nach der Insel, wo drei von uns fr einige Zeit bleiben sollten. Meine
Kameraden lieen mich allein, um noch einmal zum Schiff zu fahren, aber sie
kamen nicht zurck. Ich bitte Sie, sagen Sie mir, wo die Antje Marie jetzt
liegt?
    Die Bukanier traten zusammen. Es entstand ein Murmeln und Beraten, bei dem
auf Roberts Stirn der Schwei in groen Tropfen perlte. Jetzt hing sein Leben an
einem einzigen Haar, und obendrein fhlte er in der Nhe dieser Verbrecher eine
wirkliche Furcht. So allein und schutzlos unter Mrdern, ihrer Willkr
preisgegeben, vielleicht mit der Aussicht, an einen Baum gebunden und erschossen
zu werden oder als eine Art Sklave fr immer hier auf der Insel bleiben zu
mssen, - das war mehr als bengstigend. Die groen Bluthunde mit den lechzenden
Zungen und den rotunterlaufenen Augen umstanden wie Hllenwchter sein Lager,
und die Piraten sprachen noch immer lebhaft in spanischer Mundart.
    Eine Kugel, sagte der erste, eine Kugel, Kameraden; das macht die Sache
kurz.
    Aber es ist ein unntiges Blutvergieen, Danielo. Das Kind hat uns nichts
getan, sein Tod bringt uns keinen Gewinn.
    Er kann uns verraten!
    Er ahnt nichts, das hrst du ja. Wir sind Fischer, die ihren
Erlaubnisschein von der Regierung gelst haben. Jedermann wei, da wir hier
wohnen, jedermann kennt die Strandgesetze, die das geborgene, dem Meer
entrissene Gut den Bergern zusprechen. Was frchtest du also?
    Da der Schlingel lgt. Ich wollte wetten, ihn auf der Galliot gesehen zu
haben. Er wei genau, da wir dort waren.
    Rafaele wandte sich wieder zu dem Dolmetscher und lie den Kranken fragen,
ob er auf dem Schiff irgendwelche fremden Mnner gesehen habe. Robert antwortete
der Wahrheit gem, da er von dem Abkommen, das van Swieten mit einigen
Fischern abgeschlossen hatte, durch den Kapitn selbst unterrichtet worden sei,
und da man manche Waren nur deshalb auf die Insel berfhrt habe, um den hohen
Wert der Ladung zu verheimlichen. Der Kapitn wollte uns in ein paar Tagen von
Havanna aus abholen, schlo er seinen Bericht.
    Und du weit nicht, wohin er gesegelt ist? Du hast das Schiff nicht
wiedergesehen?
    Nein.
    Rafaele wandte sich zu den andern. Kameraden, sagte er, unsere Gesetze
werden in jedem einzelnen Fall durch Stimmenmehrheit festgestellt, und dies gilt
auch fr diese Angelegenheit. Wollt ihr es, so wird der Junge erschossen, ich
aber mag damit nichts zu schaffen haben, sondern erklre ein solches Todesurteil
fr Mord. Und nun entscheidet!
    Danielo hob die Hand. Er sterbe, sagte er mit festem Ton. Nur die Toten
sind ungefhrlich, nur ihrer ist man ganz sicher.
    Aber keiner auer ihm rhrte sich. Rafaele war als Anfhrer zu beliebt und
auch zu gefrchtet, um nicht durch seine Stimme die Sache von vornherein
entschieden zu haben. Alle Bukanier schwiegen.
    Danielo, sagte nach einer Pause der Ruber, du hrst, da sich niemand
deiner Meinung anschliet. Der Junge bleibt am Leben und bleibt hier, bis sich
Gelegenheit findet, ihn auf ein Schiff zu setzen. Jetzt knnt ihr gehen.
    Die Bukanier entfernten sich, und Robert blieb mit seinem Wrter, dem Koch,
allein zurck, ohne ber den Ausgang der Sache irgend etwas erfahren zu haben.
Nach und nach aber beruhigte er sich doch, da man ihn fast gar nicht mehr
beachtete, sondern ihn ganz sich selbst berlie.
    Nur Gomez, der Koch, behandelte ihn freundlicher und lehrte ihn einzelne
spanische Worte, die Robert mit deutschen Ausdrcken beantwortete, so da aus
der Unterhaltung der beiden ein Kauderwelsch entstand, wie es komischer wohl
selten gehrt worden ist.
    Wenn der blasse, abgemagerte Kranke vor der Tr im Sonnenschein sa und mit
langsamen, schwachen Bewegungen fr seinen neuen Freund irgendeine kleine Arbeit
verrichtete - das Gemse putzte, Frchte schlte oder die Messer schliff - so
brachte ihm Gomez heimlich ein gutes Glas Wein und ein gebratenes Huhn oder
dergleichen, wobei dann das spanisch-deutsche Wrterbuch um manchen kostbaren
Ausdruck bereichert wurde. Doch die beiden kamen gut miteinander aus, und das
war genug, da sie fast immer allein die Insel bewohnten. Rafaele und seine Leute
kamen manchmal wochenlang nicht nach Hause, manchmal nur fr die Nchte, und
wieder an anderen Tagen nur zum Mittagessen; der Koch aber mute immer darauf
vorbereitet sein, sooft es verlangt wurde, ein schmackhaftes Mahl zu bereiten.
Robert sah in einem der Nebengebude eine Speisekammer, die fr einen
grostdtischen Gastwirt vollkommen ausgereicht haben wrde. Frisches Geflgel,
die feinsten Fische, Frchte, Gemse und Weine, alles war vorhanden. Ganze
Fsser voll Butter lagen im Schatten einer Erdhhlung, ganze geschlachtete
Klber und Ochsen hingen an eisernen Haken. - Die Bukanier vertauschten den
Ertrag ihrer Fischerei im Hafen von Havanna gegen andere Lebensmittel und
brachten nur dann einige eingeweihte Hndler mit auf die Insel, wenn es solche
Geschfte gab, die im engsten Vertrauen der Kufer und Verkufer abgeschlossen
werden muten. Schon lngst waren die Seidenstoffe und Spitzen aus Roberts
Niederlassung herbergeholt worden, und schon als der Junge noch ohne Besinnung
dalag, hatte man sie zu Geld gemacht.
    Er sah keine berreste des unglcklichen alten Schiffes, und auf seine
wiederholten Fragen hie es, da es untergegangen sein msse, niemand wisse
davon. Robert war jetzt erst vollkommen berzeugt, da alle seine Kameraden
ermordet worden waren, aber er hatte Selbstbeherrschung genug, das nicht
ffentlich durchblicken zu lassen, und erkundigte sich desto mehr nach den
Einzelheiten seiner Erlsung von der Insel.
    Htte ihm nicht der Koch den Namen Gallego genannt, so wrde er die ganze,
halb in Worten, halb durch lebhafte Gebrden vorgetragene Erzhlung kaum
begriffen haben, so aber verstand er ihren inneren Zusammenhang sogleich. Gomez
schlo beide Augen, um anzudeuten, da es dunkel gewesen sei, darauf schlich er
unhrbar auf den Fuspitzen bis zu einigen Flaschen, die er schnell ergriff,
unter den Arm schob, mit scheuen Blicken nach allen Seiten sah und dann mit
denselben Katzenschritten davonhuschte.
    Robert hatte ihn verstanden. Gallego, sagte er, Antje Marie, nicht wahr?
- Dann machte er die Bewegung des Trinkens.
    Der Koch nickte lebhaft und fuhr in seiner Erzhlung fort, indem er mit
gerecktem Oberkrper jemand nachzublicken schien. Er ballte die Faust.
Caracho! murmelte er, Dieb!
    Dann ergriff er ein Seil, strzte sich auf den Besen, der in stiller
Beschaulichkeit an der Tr lehnte, sah ihn mit rollenden Augen an und schnrte
ihn gegen einen Pfahl. Muertos! rief er, Muertos! - und schlo wieder die
Augen, um anzudeuten, da das Wort so viel wie Tod bedeute.
    Als er sah, da ihn Robert verstanden hatte, legte er mit bezeichnendem
Blick den Finger auf den Mund. No hablan (Nichts ausplaudern)! sagte er.
    Robert schttelte den Kopf. Die Kenntnis von dem Aufenthalt Gallegos unter
der Bande htte ihm ja bestimmt das Leben kosten mssen, daher konnte der
schlaue Gomez vollkommen berzeugt sein, da er schweigen wrde.
    Also dieser wste Trinker, der Mann, den er schon in Hamburg mit scharfem
Messer auf seinen Nebenmenschen hatte losgehen sehen, war es gewesen, der ihn
durch das gespenstische, mitternchtliche Erscheinen auf der Insel so sehr
erschreckt hatte, der von seiner verzweifelten Lage genau wute und dennoch
nichts tat, um ihn zu befreien oder ihm wenigstens beizustehen, als er krank
dalag.
    Seine Strafe war schrecklich gewesen. Robert vergab dem Gerichteten, was er
ihm getan hatte, und wnschte seiner Seele aufrichtig Frieden. Er bat den Koch,
an einem freien Tag mit ihm hinberzufahren zu der Insel, die er aus mehr als
einem Grunde vor seinem Abschied von dieser Gegend noch einmal wiedersehen
wollte. Anfangs weigerte sich Gomez aus Furcht vor der Rache der andern, die
immer noch gegen Robert ein heimliches Mitrauen hegten, dann aber gab er nach,
und als eines Tages die ganze Bande fort war, segelte er mit seinem jungen
Schtzling hinber. Welch ein eigentmliches Gefhl war es fr Robert, den Platz
wiederzusehen, an dem er so bittere, hoffnungslose Stunden durchlebt hatte.
    Mit Gomez lie sich zu wenig sprechen, um solche Erinnerungen in Worten
wiederzugeben. Desto besser aber konnte er das, als die kleine Niederlassung
erreicht war. Der Koch streichelte voll Mitleid die eingefallenen Wangen des
Jungen, und aus dem, was er in seiner lebhaften Sprechweise hervorsprudelte,
entnahm Robert deutlich genug, da er gegen die beiden plumpen Messingtpfe aus
der Kombse der Antje Marie und gegen die leere Tonne, in der das Pkelfleisch
gewesen war, die grte Nichtachtung ausdrcken wollte. Bei solcher Kost konnte
ja keine Gesundheit bestehen.
    Robert sah noch einmal in die Hhle hinein, in der er fast einen Monat lang
gewohnt hatte, und dann suchte sein Blick den einzigen Gegenstand, den er zur
Erinnerung an diese Insel mit sich nehmen wollte: die Nhnadel aus der
Fischgrte.
    Er hatte lngst aus dem reichlichen Vorrat der Flibustier einen neuen,
anstndigen Matrosenanzug erhalten, aber er wollte doch die Grte, mit der er
sich in hchster Not geholfen hatte, fr immer aufbewahren, - ja, er hoffte in
diesem Augenblick nichts sehnlicher, als dies kleine, selbstgefertigte Werkzeug
einmal seinem Vater zu zeigen und ihm beweisen zu knnen, da sich das Krollsche
Blut in der Stunde der Gefahr glnzend bewhrt hatte, da es den Schneider
offenbart hatte, ohne Tisch, ohne Schere, ohne Bgeleisen, - nur mit einer
Fischgrte.
    Und richtig, da steckte sie. Zwischen zwei Brettern war ein kleiner freier
Raum, wohin er sie damals gelegt hatte. Voll Freude verbarg er seinen Schatz in
der Tasche, um dann nach einem letzten Abschiedsblick auf die Umgebung mit Gomez
den Baum zu suchen, an dem Gallego so trostlos umgekommen war.
    Da die beiden auf gut Glck das Gebsch durchstreiften, dauerte es ziemlich
lange, bis die Stelle gefunden war. Ein schauerlicher Anblick bot sich ihnen. An
einer Palme, von Seilen umschnrt, stand aufrecht das Gerippe des Verurteilten.
Bis auf die Knochen abgenagt von Geiern und Fchsen, wei gebleicht von den
sengenden Strahlen der Sonne, - so sahen sie die letzten berreste des
Unglcklichen, der durch Trunksucht sein eigener Henker geworden war. Smtliche
sechs Flaschen Rum, die Rafaele in die Nhe des Baumes gelegt hatte, waren bis
auf den letzten Tropfen leer, wahrscheinlich also hatte sich Gallego durch den
malosen Genu des Alkohols einen ganz pltzlichen Tod zugezogen.
    Stumm sahen sich die beiden an, und dann machte Robert eine halb
unwillkrliche Bewegung, die der Spanier sofort mit lebhaften Gebrden
beantwortete. Er lief zurck zu seiner Hhle, um den Spaten zu holen und ein
Grab zu graben. Die Flibustier hatten ja alles Gert, das sich vorfand,
unbeachtet liegen lassen.
    Als er zurckkam, ergriff Gomez sofort das plumpe Werkzeug und sagte wieder
mit seinen ausdrucksvollen Gebrden ganz verstndlich: Gib her, armer Junge, du
hast ja keine Krfte!
    Robert war sehr damit einverstanden. Er wnschte ohnehin fr den letzten
Besuch an Mohrs Grab keinen Zeugen und entfernte sich daher, whrend Gomez grub,
auf dem bekannten Wege, um zum Strand zu kommen. Als er hier das letztemal ging,
war es im halben Fieber, in stumpfer Ergebung dem Unvermeidlichen gegenber
gewesen, - jetzt dagegen mit neuer Hoffnung, neuem Mut fr die Zukunft. Lieen
ihn die Ruber nicht gutwillig fort, so wrde sich ja die Gelegenheit zur Flucht
frher oder spter finden. Er fhlte sich jeden Tag krftiger werden und gab
nichts verloren.
    
    Die Rettung von dieser Insel im Augenblick der hchsten Gefahr war ja fast
ein Wunder zu nennen. Er fhlte die ganze volle Dankbarkeit gegen das Schicksal
erst hier, wo er am verzweifeltsten gewesen war, als das Schiff, das er in der
Gewitternacht so nahe am Strand gesehen hatte, vor seinen Augen in der Ferne
verschwand.
    Ein Gesangbuchvers, den er vom Chor der kleinen heimatlichen Dorfkirche
herab so oft mit seiner klaren Stimme gesungen hatte, ein alter, vergessener
Vers fiel ihm hier am Ufer der entlegenen Insel pltzlich wieder ein, er summte
ihn halblaut vor sich hin und empfand dabei so ganz seine tiefe Wahrheit:

Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fu gehen kann.

    Er glaubte die Natur nie so schn gesehen zu haben wie heute, als er nach
langer, schwerer Krankheit den ersten Ausflug machte. Fast heiter ging er an die
letzte Ruhesttte des alten Freundes. Dort grnte und blhte es in allen Farben,
dort murmelte das Wasser und warf spielend leichte Wellen an den Strand. Robert
hatte Mhe, die Stelle wiederzufinden, so ppig war whrend der zwei Monate die
Pflanzenwelt berall vorgedrungen. Aber er fand es doch und pflckte eine kleine
weie Blume, die zu der Fischgrte in den kleinen ledernen Brustbeutel wanderte,
welchen ihm Gomez geschenkt hatte.
    Der war gewi schon ganz ermdet und wunderte sich, da ihm so gar kein
Beistand geleistet wurde. Robert sah noch einmal zurck, er sah noch einmal ber
das Meer, dann kehrte er sich ab. - Der gutmtige Gomez hatte, als er wieder bei
ihm anlangte, das Gerippe des Gerichteten bereits mit einer leichten Erdschicht
bedeckt, und so war denn der kleine Ausflug fr diesmal beendet. Man fuhr zurck
zu der Niederlassung der Ruber, wo Gomez vor allen Dingen eine tchtige
Mahlzeit auf den Tisch brachte. Robert hatte berhaupt nie in seinem Leben
bessere Tage gehabt als gerade jetzt. Er wurde zu keiner bestimmten Arbeit
gezwungen, sondern half nur dem Koch, wo es sich traf, und pflegte den Garten,
in dem die Bande alles baute, was zur Vervollstndigung einer feinen Kche
gehrt. Auer den bekannten Gewrzkrutern und Gemsen gab es dort Liebespfel,
spanischen Pfeffer, Champignons und anderes mehr. Auch Ananas und Bananen
wuchsen da, und auerdem hielten sich die Flibustier einen groen Hhnerhof,
einige Schweine und Khe. Nur Pferde hatte man nicht, weil eben keine Felder
bebaut wurden.
    Robert war sozusagen der Herr all dieser reichlichen Schtze. Die Flibustier
kmmerten sich darum fast gar nicht. Sie schafften nur Proviant in Massen
herbei, whrend seine Verwendung dem Koch berlassen blieb. Auf ein
anstrengendes, gefhrliches Tagewerk sollte ein ppiges Mahl und ein guter Trunk
folgen, das war es, was sie wollten und wofr sie lebten.
    Die Speisekammer stand immer auf, die Frchte wuchsen in Flle, die
Weinfsser lagen in einer Art von Erdhhlung, die nie verschlossen wurde, und
Arbeit gab es fast gar nicht. Robert konnte glauben, in das Schlaraffenland des
Mrchens versetzt worden zu sein, er mute dies Leben verfhrerisch nennen, aber
dennoch hatte er keinen Augenblick das Verlangen, der Bande anzugehren. Er
dachte tglich und stndlich an den Augenblick, der ein Schiff hierherfhren und
ihn befreien sollte.
    Warum ihn wohl die Fischer noch immer hier behielten? Er begriff es nicht
und fragte einmal den Koch danach. Gomez wiegte mit schlauem Lcheln den Kopf.
Er setzte den Zeigefinger auf Roberts Brust. Bukanier! sagte er.
    Der Junge errtete. Ich? - Niemals, Gomez.
    Der Koch zuckte die Achseln. Roberto Bukanier, wiederholte er, no hablan
andere Bukanier!
    Jetzt begriff er die Meinung des Spaniers. Ich soll erst an den Verbrechen
der Ruber teilnehmen, damit ihnen mein Schweigen sicher ist? fragte er in dem
eigentmlichen Kauderwelsch, in dem die beiden miteinander sprachen. War es so
ausgeklgelt, Gomez?
    Der Koch nickte lebhaft. Ja! rief er, ja!
    Und ich sage nein! rief entschieden der Junge. Mein gutes Gewissen sollte
ich um dieser Seeruber willen verlieren? - Oho, das geht nicht so leicht, wie
ihr denkt. Zum Verbrecher lasse ich mich nicht machen.
    Er ging wieder an seine Gartenarbeit, die zwar nicht notwendig war, die er
aber begonnen hatte, um sich etwas zu beschftigen. Er grub zierliche Beete, wo
sonst alles wie Kraut und Rben durcheinander wuchs, oder er machte den Hhnern
eine hlzerne Einfriedigung, damit sie nicht in den Garten kamen, und rumte die
Vorratskammern auf.
    Gomez, obwohl ein vortrefflicher Koch und ein guter, harmloser Mensch, war
doch keineswegs reinlich oder ordnungsliebend, daher fand Robert immer Arbeit in
Flle. Auerdem scho er gelegentlich einige Vgel, fischte und flickte auch
wohl des Kochs Kleidungsstcke, so da er immer beschftigt war. Heimlich aber
beobachtete er fortwhrend das Meer und seufzte, wenn wieder der Abend kam, ohne
da sich ein Schiff der Insel genhert htte.
    Die Bukanier nahmen von ihm nicht die geringste Notiz. Vielleicht wollten
sie ihm das arbeitslose, gute Leben erst ganz zur Gewohnheit werden lassen,
damit er sich von selbst nachgiebig zeigen sollte, wenn sie ihm die Wahl stellen
wrden, entweder fr immer in ihre Gemeinschaft berzutreten oder zu der harten
Arbeit des Matrosen zurckzukehren. Sie lieen ihn wie ein Haustier an ihrem
Tisch essen und unter ihrem Dach schlafen, ohne sich um ihn zu kmmern.
    Da sah er eines Tages, da zu ganz ungewohnter Zeit die Ruber eilig und
bestrzt heimkehrten, da sie den Koch herbeiriefen und laut miteinander
sprachen. Robert fhlte, wie ihm das Herz gegen die Rippen pochte. Was war
geschehen?
    Er schlich sich an den Koch heran und fragte ihn; aber was dieser
antwortete, das lag zu weit auerhalb des Gesichtskreises tglicher
Angelegenheiten, - er verstand ihn diesmal nicht.
    Da rief ihn der, der etwas deutsch sprach, zu sich. Du, sagte er, es
kommt morgen ein Abgesandter der kubanischen Regierung hierher, um die Inseln zu
besichtigen, nach versteckten Waren zu forschen und berhaupt seine verdammte
Fuchsnase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken. Der Teufel hole ihn! - Du
aber unterstehst dich, diesem Mann oder seinen Begleitern vor Augen zu kommen,
und jetzt hilfst du mit, unsere Vorrte in ein Versteck zu schaffen, wo sie vor
diesem Sprhund sicher sind. Es ist alles mit schwerer Arbeit redlich verdient,
schlo er, aber die verfluchten Regierungsbeamten, diese Blutsauger und
Menschenschinder brauchen nicht zu wissen, da wir uns in besseren Sachen als
nur in Bananen und Fischen satt essen knnen, sonst werden gleich die Steuern
erhht, so da ein rechtschaffener Kerl keinen Piaster mehr fr sich behlt.
Wenn du nicht gehorchst, Junge, dann - -
    Ein bezeichnender Blick und ein Gliff an das kurze Gewehr vervollstndigten
seine geharnischten Worte. Robert sah, da es bitterer Ernst war und da er
gehorchen msse, wenn er nicht sein Leben aufs Spiel setzen wollte. Er ging also
zu Gomez, um von ihm nhere Auftrge zu erhalten.
    Ein Boot wurde auf den Strand gezogen und mit den Vorrten der Speisekammer
beladen, dann ruderten es zwei Ruber in einen kleinen Flu, dessen Windungen
und Krmmungen unter dichtem Gebsch den Mnnern nicht erlaubten, in ihrem
Fahrzeug aufrecht zu stehen. Kniend oder liegend brachten sie mit uerster
Anstrengung, meistens durch Schieben und Ziehen, das Boot vorwrts, aber dafr
waren auch ihre kostbaren Schtze sicher geborgen. Nur ein Eingeweihter konnte
den Lauf dieses schlangenartig gewundenen Wasserlaufs verfolgen, nur wer sein
Eigentum vor den Blikken anderer bewahren wollte, konnte sich entschlieen, in
diese Wildnis vorzudringen. Robert mute im Laufe des Tages mehr als einmal die
beschwerliche Fahrt mitmachen und sowohl Lebensmittel als auch die besseren
Mbel der Wohnung, Munition und Waffen unter dem undurchdringlichen Gebsch
verbergen helfen. Alles, was nicht mit dem Fischereigewerbe im Zusammenhang
stand, wurde sicher versteckt, so da sehr bald die ganze Behausung nach
uerster Armut aussah. In der groen Vorratskammer lagen Segel, Netze und Taue,
im Wohnzimmer standen nur noch ein hlzerner Tisch und ein paar rohe Bnke,
whrend die guten Betten des anstoenden Raumes durch Haufen von Seegras ersetzt
waren.
    Die Ruber fischten eifrig, so da die Abgesandten der Regierung einige Tage
spter unter zahllosen Leinen mit zum Trocknen aufgehngten Fischen den Weg zu
der Behausung der Ruber suchen muten.
    Robert wagte es nicht, sich blicken zu lassen. Er sa hinter einem
aufgestapelten Haufen von Brennholz und verschlang das Regierungsschiff mit den
Augen. Manchmal war er nahe daran, vor den Beamten hinzutreten und im Namen der
Gerechtigkeit zu verlangen, da man ihn von der Insel befreie. Es schien so
einfach und lag so nahe, aber Robert zgerte, es zu tun. Wenn ihn der Spanier
nicht verstand, oder wenn er von den Flibustiern bestochen worden war, gewisse
Dinge weder zu hren noch zu sehen?
    Nein, nein, Robert mute sich ergeben, mute wieder, nachdem Rafaeles
Erlaubnisschein zur Fischerei von dem Beamten erneuert worden war, die weien
Segel des Regierungsschiffes sich entfalten und im Abendsonnenschein den Strand
verlassen sehen. Das Herz wurde ihm so schwer, wie seit langem nicht, seine
Augen fllten sich mit Trnen, kaum konnte er ein Schluchzen gewaltsam
unterdrcken.
    Viel lieber htte er das harte Schiffsbrot gegessen und die schwere Arbeit
des Seemanns willig ertragen, als da er hier unter Verbrechern unntz
dahinlebte, ja er meinte sogar, da selbst der Tod besser sei als dieser
entwrdigende Zustand. Aber dennoch gab es kein Mittel zu seiner Befreiung; er
sah, wie sich das Schiff entfernte, weiter und immer weiter, - alle Hoffnung war
frs erste wieder dahin.
    Gomez kam und sah ihn freundlich trstend an. Er allein verstand den Jungen,
er allein empfand ein gewisses rohes Mitleid und suchte es durch reichliche
Weinspenden zu zeigen. Die Bukanier ihrerseits tranken zur Feier des Tages so
lange, bis sie smtlich besinnungslos unter den Tischen lagen.
    Die Ankunft des Beamten war schon seit mehreren Monaten vorausgesehen und
gefrchtet worden, daher atmeten jetzt alle auf, nachdem sich das drohende
Unwetter verzogen hatte, und whrend der folgenden Zeit herrschte unter der
Bande frhlichste Stimmung. Es vergingen acht Wochen, in denen fr Robert kein
Tag anders verstrich als der vorhergehende, - dann aber fiel wie ein Blitz aus
heiterer Luft ein ungeahntes Ereignis in dies ruhige Leben hinein und nderte
auf einen Schlag alles.
    An dem Felsen, der auch der unglcklichen Galliot so verderblich geworden
war, strandete ein franzsisches Vollschiff, das zwar bei dieser Katastrophe
kein Leck erhielt, aber doch nicht ohne die Hilfe eines anderen Fahrzeuges
wieder loskommen konnte. Der Kapitn lie daher die Notflagge setzen, und unter
den Flibustiern herrschte die grte Aufregung.
    An Bord des Franzosen glnzte nicht allein eine sehr achtunggebietende
Messingkanone, sondern die Mannschaft sah auch nicht danach aus, als ob es ganz
leicht sei, mit ihr fertig zu werden. Vielleicht war der Kapitn auf alles
vorbereitet, da er seine Leute bewaffnet hatte und eine starke Wache an Deck
hielt.
    Ein offener Angriff wurde von den Rubern berhaupt niemals unternommen,
aber auch im Dunkeln lie sich hier nur schwer etwas ausrichten. Auerdem drohte
noch ein anderer Umstand den Flibustiern diesmal ihre Beute streitig zu machen.
    Am unteren Ende der Insel lebte nmlich noch eine zweite Bande ehrenwerter
Fischer, die auch den gestrandeten Fahrzeugen zur Hilfe zu eilen pflegte und die
sogar diesmal das Notzeichen des. Franzosen noch etwas frher bemerkt hatte, als
Rafaele und seine Genossen.
    Es kam zu einem Wettrudern, das damit endete, da das Boot der Gegenpartei
um zwei Minuten frher unter dem Bug des Franzosen anlegte. Bachicho, so hie
der Anfhrer der zweiten Bande, hatte also das Spiel gewonnen und konnte, wenn
sich weiter nichts erreichen lie, doch immerhin den franzsischen Kapitn fr
die zu leistende Hilfe nach Mglichkeit schrauben. Rafaele dagegen mute mit
seinen Leuten unverrichtetersache wieder abziehen.
    Das spanische Blut wallte und die Hand griff nach dem Messer. Nur einer ganz
kurzen Beratung bedurfte es, um einstimmig festzustellen, da mit dieser
Niederlage die Sache selbst noch nicht zum Austrag gekommen sei. Das groe Boot
wurde fertig gemacht, die Segel befestigt, Haufen von Munition an Bord gebracht
und im Gebsch am Strand ein Beobachter zurckgelassen.
    Als es dmmerte, meldete er, da sich das kleine Boot mit den beiden
Unterhndlern vom Schiff wieder entfernt habe, und nun bestiegen zehn Bukanier
unter Anfhrung Rafaeles das grere Fahrzeug, um im Schutz der einsetzenden
Dunkelheit zur entgegengesetzten Seite der Insel zu fahren und dort den Feinden
jede Verbindung mit dem gestrandeten Schiff abzuschneiden.
    
    Robert sah diese Vorbereitungen, aber ohne ihren Zusammenhang ganz zu
begreifen; er wandte sich an den Koch, der mit gespannter Aufmerksamkeit den
Verlauf der Dinge beobachtet hatte. Es war jetzt ganz dunkel, und von dem
franzsischen Schiff herber drhnten Signalschsse. Der Kapitn schien
ungeduldig geworden zu sein, da jetzt, nachdem sich vorher zwei Parteien darum
bemht hatten, die erbetene Hilfe ganz ausblieb.
    Gomez, fragte der Junge, was bedeutet das? Wird da unten gekmpft?
    Seine Handbewegung verstndigte den Koch, dessen lebhaftes Gebrdenspiel ihm
sofort Auskunft gab. Gomez fhrte gewaltige Hiebe in die Luft, legte an, kniff
ein Auge zu und rief Puff! - Dann deutete er in die Gegend des gestrandeten
Schiffes. Pilot (Steuermann, Lotse)! raunte er, Pilot - Havanna. Rafaele,
Gomez, Pilot! Andere Bukanier no, no!
    Seine Hand durchschnitt waagrecht die leere Luft, um anzudeuten, da keiner
der brigen Ruber imstande sei, ein Schiff nach dem Hafen von Havanna zu
steuern.
    Robert hatte sofort begriffen. Gomez, flsterte er mit halber Stimme, und
nachdem ihn ein schneller Rundblick berzeugt hatte, da kein Lauscher in der
Nhe sein, Gomez, das Schiff braucht also, um in den Hafen zu kommen, einen
Mann, der das Fahrwasser genau kennt, und kann ihn auf dem blichen Weg nicht
erreichen, weil bis hierher die Lotsenschiffe nicht kommen? Ist es so?
    Ja! nickte der Koch, dem Roberts Deutsch, das ohnehin mit vielen
spanischen Worten durchsetzt war, ganz verstndlich klang.
    Ja!
    Robert legte beide Hnde auf die Schultern des schwarzbrtigen Freundes.
Gomez, bat er, whrend seine Stimme vor Erregung heiser klang, Gomez, nimm
mich mit dir!
    Der Spanier schien zu verstehen, um was ihn sein Schtzling bat. Mi figlio
(mein Sohn), sagte er kopfschttelnd und mit bedauerndem, zrtlichem Ton, mi
figlio, - kann nein tun, no, no! Rafaele so - - -
    Und dann ergriff er seinen Kopf und zerrte daran, als wolle er ihn
herabreien, ohne Zweifel um anzudeuten, da ihn Rafaele zur Strafe fr solchen
Verrat unter allen Umstnden tten werde.
    Robert lie seufzend die Arme sinken. Gomez hatte die Wahrheit gesprochen,
das wute er wohl, und doch gab es ihm einen Stich ins Herz. Aber das Schiff
sitzt ja fest, sagte er nach einer Pause, wie soll es ohne den Beistand eines
anderen Fahrzeuges von der Klippe loskommen?
    Gomez streckte blitzschnell seine zehn Finger in die Luft und dann wieder
zwei. Darauf vollfhrte er mit beiden Armen schaufelnde Bewegungen, als backe er
ein Brot und rolle und schiebe den Teig im Trog umher.
    Du meinst, da um zwlf Uhr nachts die Flut kommt und das Schiff flott
macht? fragte Robert.
    Der Koch nickte. Nur Pilot! Pilot! wiederholte er.
    Robert sah sehnschtig ber das Wasser. Rafaele wird selbst gehen,
antwortete er nach einer Pause.
    Der Koch zuckte die Achseln. Quien sabe (wer wei)? murmelte er.
    Und wirklich sollte sich die Befrchtung, die er im stillen gehegt haben
mochte, erfllen. Das kleinere, dem groen nachgefolgte Boot der Flibustier kam
zurck und brachte mehrere Verwundete, vor allem auch den Anfhrer selbst.
Whrend fast alle noch Zurckgebliebenen schnellstens zur Verstrkung geschickt
wurden, rief Rafaele den Koch, der zugleich als Heilknstler aushalf, zu sich.
Gomez verband die Stichwunde im Arm, den Streifschu am Hals und den Hieb, der
einen Finger fast ganz von der Hand getrennt hatte, dabei aber sprach der
Verwundete fortwhrend, und als endlich die Unterredung zu Ende war, kehrte
Gomez mit schlauem Blinzeln in die Kche zurck.
    Ich Pilot! raunte er. Havanna!
    Robert erbleichte. Du? stammelte er.
    Sst! Sst! - Roberto so?
    Er machte die Bewegungen des Schwimmens.
    Der Junge nickte eifrigst. Natrlich, Gomez, natrlich. Ich kann schwimmen
und kann es aushalten, so lange wie nur ein Mensch, der sich damit das Leben
retten will.
    Sst! - Sst! - Aber Haifische! flsterte Gomez und ri den Mund
sperrangelweit auf. Haifische so! - Dabei schnappte er frchterlich und sah,
den ganzen Oberkrper wiegend, mit bedauernden Blicken auf seinen jungen Freund.
    Robert lchelte mit bleichen Lippen. Er fhlte, wie ihm ein Schauer ber den
Rcken herabrann. Das tut nichts, Gomez, antwortete er, ich habe ja den Weg
von der Klippe bis zum Strand schon einmal schwimmend zurckgelegt.
    Gomez pfiff leise. Seine beiden Hnde stellten sich flach nebeneinander in
die leere Luft, und dann trennte er sie um das Sechsfache des ursprnglichen
Zwischenraums. So! sagte er, und so!
    Robert nickte. Ich wei, da die Entfernung zwischen dieser Insel und dem
Schiff bedeutend grer ist als die andere, sagte er, aber ich setze alles an
alles. Entweder gerettet oder tot, - einen Mittelweg gibt es nicht.
    Das hatte nun zwar der brave Gomez keineswegs verstanden, aber er erriet den
Sinn, und seine durch Blicke und Bewegungen gegebenen Ratschlge zeigten dem
Jungen, wie er es anfangen msse, bis zum uersten Vorsprung der Insel zu
schleichen und dann auf krzestem Wege schwimmend bis zum Schiff zu kommen. Er
sagte ihm, da zwei andere Bukanier ihn begleiten wrden, um das Boot
zurckzurudern, und da er, Gomez, daher erst von dem franzsischen Schiff aus
fr ihn sorgen knne. Zu guter Letzt wiederholte er noch sein bedenkliches
Haifisch! - Haifisch! -
    Aber Robert hatte genug gehrt, um einen ganz festen Entschlu zu fassen. Er
tat zwar in der Kche seine gewhnlichen Arbeiten, brachte dem fluchenden
Anfhrer einen khlenden Trunk und blieb absichtlich im Wohnzimmer zurck, als
das Boot mit den drei Bukaniern vom Lande abstie. Rafaele hatte also gesehen,
da er zu dieser Zeit nahe bei seinem Bett stand und konnte spter, wenn die
Flucht gelang, dem braven Gomez keine Vorwrfe machen.
    Dann aber suchte er mit fieberhafter Hast den Weg ber den weien, sandigen
Strand bis zur letzten Klippe der Insel. Keinen Blick sandte er rckwrts, keine
Bedenken lie er in sich aufkommen. Jetzt lag die Freiheit offen vor ihm, jetzt
oder nie hie die Losung.
    Der Strand war vom Mondlicht hell berglnzt, und auch auf dem Meer lag es
wie flssiges Silber. Weie Schaumperlen rollten strker auf den Strand, die
Wellen hoben sich. In einer Viertelstunde mute die Flut alles bis an den
Waldsaum unter Wasser gesetzt haben.
    Robert sah das Boot. Es bewegte sich schnell vorwrts und war in der Ferne
nur noch als ein dunkler Punkt erkennbar. - Er hatte fr die Ausfhrung seines
Planes keine Zeit mehr zu verlieren.
    Noch ein tiefer Atemzug, dann warf er Jacke und Stiefel von sich, nahm den
Brustbeutel mit seinen beiden einzigen Andenken an die Insel, die Fischgrte und
die Blume von Mohrs Grab, zwischen die Zhne, - dann sprang er ins Wasser,
tauchte ein paarmal unter, um sich der Erfrischung und Abkhlung so recht bewut
zu werden, und schwamm nun, so schnell er konnte, in der Richtung zum Schiff.
    Aber die Entfernung war weit, und er wute, da es in dieser Gegend zahllose
Haifische gab. Wie oft hatten die Bukanier vom Strand aus einen geschossen, um
das Fleisch, wie Beefsteak gebraten, zu essen, wie oft hatte er es selbst
gekostet. Jetzt konnte nur allzuleicht das Gegenteil eintreten - der Gedanke war
grlich.
    Aber noch sah er nichts Verdchtiges, nur die blauen und silbernen Wogen
umgaben ihn. Es erfllte ihn mit stolzer Freude, unter sich bergestief die
unergrndliche Wassermasse und um sich die unbegrenzte Freiheit zu wissen. Er
fhlte sich glcklich in dem Gedanken, selbst wollen und selbst handeln zu
drfen, unbekmmert um die Meinung anderer.
    Der Mond schien hell herab, nah und nher kamen die schwarzen Umrisse des
Schiffes, - in einiger Entfernung fuhr langsam das Boot mit den beiden Bukaniern
zur Insel zurck. Jetzt wrde man in wenigen Minuten dort seinen Namen rufen,
ihn suchen, Verdacht schpfen - -
    Der Gedanke trieb zur Eile. Immer schneller durchschnitten seine krftigen
Arme das Wasser, mit immer strkerem Anprall schlugen die Wellen an seine Brust.
Er hatte jetzt das Schiff bis auf zehn Meter Entfernung erreicht. Deutlich
zeigten sich an Deck die Gestalten mehrerer Mnnern, - er sah, wie sich Gomez
ber die Schanzkleidung beugte.
    Schiff ahoi! rief er laut, in ausbrechendem Jubel.
    Aber das letzte Wort blieb ihm fast in der Kehle stecken. Was regte sich
dort, rechts von ihm, und pltscherte leise, was ragte rundlich und aschgrau aus
den Wellen?
    Ein hlicher Kopf tauchte auf, ein bogenfrmiges Maul ffnete sich, - im
Mondlicht schimmerten sechs Reihen sgenartig gezackter, nach hinten gebogener
Zhne - -
    Noch tiefer beugte sich Gomez ber die Schanzkleidung herab. -
    Robert tauchte schnell wie der Blitz und kam fast unter dem Bug des
franzsischen Schiffes wieder an die Oberflche. In diesem Augenblick krachte
ein Schu langhallend ber das Wasser; die Wogen spritzten, weier Gischt schlug
an die Bordwnde, angstvolle Stimmen riefen Schnell! Schnell!
    Robert erfate das Tau, das ihm zugeworfen wurde. Wie eine Katze kletterte
er daran empor, rckwrts blickend, ob ihn der Hai verfolge. Das Meer war rings
von Blut bedeckt, purpurn kruselten sich die Wellen, - das todverwundete Tier,
rasend vor Schmerz und Wut, erhob sich mit letzter Kraft zum Sprung - -
    Scharfe Zhne packten und ritzten den nackten Fu des Jungen. Er verdoppelte
seine Anstrengungen, um der drohenden Gefahr zu entrinnen.
    Da griffen krftige Arme unter seine Schultern. Gomez hob mit raschem
Schwung den Halbermatteten an Deck. Amigo, sagte er, schwankend zwischen
Rhrung und Freude, mi Amigo - doch Haifisch! Gomez gerettet Roberto!
    Der Junge schlang beide Arme um den Hals des Kochs und kte seine brtigen
Wangen. Was er sagte und was Gomez dagegen hervorsprudelte, das verstanden sie
beide nicht, aber ihre Herzen fhlten es.
    Der franzsische Kapitn mute von dem Zusammenhang der Dinge bereits
unterrichtet sein, denn er schenkte mitleidig dem ganz durchnten und nur mit
Hemd und Hose bekleideten Gast einen Anzug aus seiner eigenen Garderobe, ebenso
lie er ihm Branntwein und Fleisch geben.
    Gomez lachte mit Augen und Mund. Obgleich er zu den Rubern gehrte und
keineswegs gewillt war, dies Leben mit einem anderen, besseren zu vertauschen,
war er doch gutmtig wie ein Kind. Da er den Hai erschossen hatte, machte ihm
auerordentliches Vergngen.
    Seine und Roberts Unterhaltung wurde aber sehr bald gestrt. In allen Fugen
des Schiffes knarrte und chzte es, unter dem Kiel regte es sich, und dann
sprte man einen pltzlichen Ruck, der die ganze Mannschaft aufatmen lie.
    Die Blume von Frankreich war flott, und der Lotse konnte sein Amt antreten.
    Robert warf die neugeschenkte Mtze hoch in die Luft. Seine strmische
Freude entlockte allen Zuschauern ein teilnehmendes Lcheln.
    Als sich das Schiff mit frischem Wind von der Insel entfernte, als Gomez,
obwohl er seit lngerer Zeit nur noch den Kochlffel geschwungen hatte, jetzt
auf dem Achterdeck stand und in ruhig befehlendem Ton seine Kommandos gab, da
packte es den Jungen wie wild. Was gesprochen wurde, das verstand er nicht, aber
dennoch war er bei der Ausfhrung einer der ersten. In die Masten hinauf ging
es, als htte er den ebenen Erdboden unter den Fen, und von oben herab jubelte
er ein befreites Lebewohl den verschwindenden Ufern zurck.
    Wie ferne Schatten zogen die Erlebnisse der letzten vier Monate an ihm
vorber, all die Stunden voll bitterer, hoffnungsloser Verzweiflung. Er achtete
nicht mehr darauf, um dieses Freiheitsgefhls, dieser Seligkeit willen versuchte
er alles zu vergessen.

    Die Blume von Frankreich lag wohlbehalten im Hafen von Havanna vor Anker,
und schon vor Anbruch des neuen Tages hatten Gomez und Robert das Schiff
verlassen. Es bestand kein Zweifel, da der Ruberhuptling alles aufbieten
wrde, den Entflohenen wieder einzufangen und um seiner eigenen Sicherheit
willen zu tten, daher mute Robert versuchen, so rasch wie mglich an Bord
eines anderen Schiffes zu kommen.
    Gomez schttelte bedenklich den Kopf. Auf einem Segelschiff so schnell
angemustert zu werden, hielt schwer, und eins zu finden, das gleich abfahren
wollte, natrlich noch viel schwerer. Aber von hier fort mute sein figlio, sein
amigo und hermano (Bruder), wie er ihn abwechselnd nannte, und daher durfte er
es einmal nicht ganz so genau nehmen, mute sich mit einem Dampfer begngen und
-
    Gomez schaufelte in der Luft. Mi figlio, es nicht anders gehen.
    Robert lachte ber das komische Gesicht, in dem sich Schlauheit und Bedauern
so sonderbar vereinigten. Das schadet ja nicht, sagte er gut gelaunt, aber
kennst du einen Dampfschiffskapitn, der mich mitnehmen wrde?
    Gomez pfiff leise. Dann antwortete er in seiner Weise, da an Heizern immer
Mangel sei, und ging mit dem Jungen zu einer Art Fhr- oder Gasthaus, wo schon
um diese Zeit reges Leben herrschte, das allerdings wohl nie erlosch. Hier
schien er bekannt zu sein, denn manche nickten ihm zu, und endlich sprach er
eifrig mit einem Mann, der in seinem ueren den deutschen Matrosen auf den
ersten Blick verriet. Der sah zu Robert hinber und nickte, indem er ein paar
spanische Worte sprach, worauf Gomez den Jungen aufforderte, hier zu bleiben,
bis er selbst wiederkommen werde. Das no hablan! wurde noch flsternd
hinzugefgt, und dann verschwand er.
    Robert begriff sofort, da ihm in dem Matrosen ein Beschtzer gewonnen war,
um so mehr fhlte er sich verpflichtet, ber die Flibustier zu schweigen, ja
sogar womglich lieber nicht von seinem Aufenthalt auf der Insel zu erzhlen.
Das sollte ihm sehr leicht werden, da der Seemann nur ein paar gleichgltige
Fragen hinwarf, ihm das Grogglas zuschob und dann in den Halbschlummer
zurckfiel, aus dem ihn Gomez geweckt hatte. Der Koch kam auch sehr bald wieder
und brachte seinen Schtzling auf einen Dampfer, auf dem man deutsch sprach und
der innerhalb weniger Stunden in See ging.
    Der Kapitn versprach fr die etwa zehn- bis vierzehntgige Reise nach New
York dem jungen Heizer einen Lohn von acht Dollar, und man war sehr bald
handelseinig. Beim Abschied steckte der herzensgute Gomez noch in aller
Geschwindigkeit seinem jungen Schtzling ein paar spanische Goldmnzen in die
Hand und wnschte ihm alles mgliche Gute. Sein addio, mi figlo! war mit
ziemlich unsicherer Stimme gesprochen, und auch Robert drckte wiederholt die
Hand des Mannes, der ihn in schwerer Krankheit gepflegt, und dessen fester Arm
ihm das Leben gerettet hatte.
    Addio, Addio! - -
    Robert sah ihm nach, solange er seine Gestalt auf der Hafenmauer erkennen
konnte. Wenn er auch ein Ruber und Ausgestoener war, so hatte doch der Spanier
ein warmes Herz, und das sicherte ihm die dankbare Zuneigung des Jungen. - - -
    Nach kaum zwei Stunden verlie der Dampfer den Hafen, und Robert stand mit
der Schaufel in der Hand vor dem Kessel, um jetzt ein sehr hartes Brot zu essen,
das ihm im Anfang nach dem Schlaraffenleben auf der paradiesischen Insel zwar
nicht so recht schmecken wollte, das er aber doch trotz blutender, mit Schwielen
bedeckter Hnde und schlafloser Nchte der Gemeinschaft der Bukanier um jeden
Preis vorzog.

                                  In New York


Von einer kurzen, glcklich verlaufenen Reise an Bord eines Dampfers, besonders
aber davon, was ein Heizer auf hoher See erlebt, lt sich nicht viel
Interessantes berichten. Wir beginnen daher gleich in New York, nachdem im Hafen
Anker geworfen und Robert entlassen worden war. Zwar gab sich der Kapitn alle
mgliche Mhe, ihn wieder anzumustern und am liebsten ganz fr sich zu gewinnen,
aber Robert schlug das Anerbieten rund ab.
    Immer schwarz berut da unten im glhend heien Maschinenraum stehen und von
Zeit zu Zeit Kohlen in das Hllenfeuer schtten, - daran konnte er kein Gefallen
finden. Hoch oben in den Mastspitzen, an Deck im sausenden Nordsturm, wo
Menschenkrfte ein Nichts werden, das liebte er, das war sein Leben und dahin
sehnte er sich zurck. Der Freiheitsdrang seiner Seele, verschrft durch
vierzehntgige Gefangenschaft im Maschinenraum des Dampfers, brach mit ganzer
Macht hervor, als ihm der Mastenwald im Hafen von New York zum erstenmal vor
Augen kam.
    Jetzt erst war sein Wunsch erfllt, jetzt war er in der weiten Welt und sah
und staunte, ohne gleich alle neuen Eindrcke ganz in sich verarbeiten zu
knnen. Was ihm besonders auffiel, waren die riesigen amerikanischen Fludampfer
mit den drei hoch bereinander gebauten Decks, den riesigen Schaufelrdern und
dem etwa hundert Meter langen Schiffsrumpf. Daneben lagen die groen
Chinafahrer, diese Riesensegelschiffe, gegen die sich die Blume von Frankreich
wie eine Nuschale ausnahm. Die Unterrah eines dieser gewaltigen Segler htte
schon fr das franzsische Schiff als Mastbaum dienen knnen.
    Auf den Dmmen an der Hafenmauer sah er dasselbe Treiben wie auf dem
Baumwall in Hamburg, nur in viel grerem Umfang und auerdem malerisch belebt
durch die verschiedenen Nationaltrachten der Farbigen in allen Abstufungen, der
Chinesen und Orientalen. In Hamburg hatte er diese Gesichtszge und diese
Rasseeigentmlichkeiten schon kennengelernt, aber doch nur unter der
alltglichen Kleidung der Seeleute, jetzt dagegen sah er Chinesen mit langem
Zopf und spitzen Schnabelschuhen, Trken mit Turban und buntemKaftan, sah
Armenier im langen, dunkelbraunen Rock und Japaner mit ihrer hellen, weiten, auf
groe Hitze berechneten Kleidung. Alle diese Leute suchten und fanden Arbeit,
schlossen und lsten neue oder ltere Verbindungen, sprachen in babylonischer
Verwirrung gruppenweise durcheinander und waren mit den blichen Arbeiten
beschftigt, die es eben nur im Hafen gibt: sie lschten und luden die Schiffe
und waren an den Krnen und Umschlagpltzen ttig.
    berhaupt hatte Robert von der Groartigkeit der technischen Entwicklung in
Amerika bis jetzt noch keinen Begriff gehabt. Wie staunte er, als er die groen
Getreide-Verladebrcken sah, riesige Eisenkonstruktionen, auf denen
Eisenbahnwagen bis ber die Schiffe geschoben wurden, dann ffnete sich eine
Klappe, und der Weizen fiel direkt in den Laderaum.
    An anderer Stelle hob ein eiserner Kran spielend die schwersten Lasten aus
dem Schiffsraum heraus. Riesige Ketten, jede mit einem armesdicken Haken
versehen, fuhren rasselnd in die Tiefe und wurden dort an der Kiste oder Tonne,
die heraufzubefrdern war, festgelegt. Dann, auf ein gegebenes Zeichen, drehte
ein Mann einen Hebel, und die Last hob sich federleicht empor, worauf wieder ein
anderer Hebel den ganzen, fast zehn Meter hohen und ebenso breiten eisernen Kran
um seine eigene Achse drehte, so da nun die Tonne ber dem bereitstehenden
Wagen in der Luft schwebte und nur durch einen Druck herabgelassen zu werden
brauchte.
    Was zehn Mnner kaum in einer Stunde vollbracht htten, das wurde hier durch
das Ineinandergreifen der technischen Einrichtungen spielend in wenigen Minuten
getan.
    Robert ging langsam, um alles zu sehen, alles zu beobachten, besonders aber,
um das herrliche Gefhl der Freiheit so recht zu genieen. In seiner Tasche
klapperten die Dollars, und unter seiner Mtze wirbelte es von den Plnen und
Hoffnungen einer goldenen Zukunft. Jetzt erst konnte er tun oder lassen, was er
wollte, konnte seinen Wunsch nach Abenteuern vollstndig befriedigen und von Pol
zu Pol die ganze Erde kennenlernen. Er war nun bald ein volles Jahr von Hause
fort und hatte das siebzehnte Lebensjahr beinahe erreicht; seine besten Freunde
htten in dem lang aufgeschossenen, von der sdlichen Sonne braun gebrannten
Matrosen mit dem ersten dunklen Flaum auf der Oberlippe und dem ganzen
gereifteren Aussehen wohl kaum das Kindergesicht wiedererkannt, das er vor
Jahresfrist noch zeigte. Auch die Stimme war tiefer und die Schultern waren
breiter geworden, mit einem Wort, Robert hatte sich recht gut herausgemacht, und
der Gedanke, nach Hamburg zurckzukehren, lag ihm fern. Ja, wenn er das Geld
seines alten Freundes in der Tasche gehabt htte! - Aber mit leeren Hnden vor
den Vater treten? - Nein und tausendmal nein. Erst mute er es zu etwas bringen,
dann sollten die Pinneberger Augen machen und sich zuflstern: Der Robert Kroll
ist doch ein Teufelskerl, hat richtig drauen in der Welt das groe Los
gewonnen.
    Dieser Gedanke schmeichelte ihm sehr, obwohl er dabei doch einiges
Herzklopfen versprte. Er wute, da das, was er wnschte, nicht das war, was er
unter allen Umstnden htte tun mssen, nmlich seine alten Eltern um Verzeihung
bitten und sich mit ihnen ausshnen. Er wute auch, wie ganz anders er in der
Einsamkeit der unbewohnten Insel darber gedacht hatte, aber - der Hang zu
Abenteuern und ungewhnlichen Erlebnissen ri ihn mit sich fort.
    Er schlenderte im neuen, hbschen Seemannsanzug am Hafen entlang und rauchte
eine Zigarre, deren Rauch ihm schon lngst kein Unbehagen mehr einflte. So
etwa fnf oder sechs Tage lang konnte er von seinem kleinen Schatz noch leben,
und bis dahin wrde sich ja eine Heuer finden, mglichst nach unbewohnten wilden
Ksten, vielleicht nach Afrika, wo die Ansiedlungen der Weien zwischen den
Bambushtten der Eingeborenen stehen, wo man mit kleinen Muscheln anstatt mit
Geld bezahlt und die Schwarzen in ihrer ganzen Ursprnglichkeit kennenlernen
kann. Er wollte sich berhaupt nur fr eine Reise heuern lassen, um ganz sein
eigener Herr zu bleiben. So sehr wie jetzt, da er eine schwere Zeit hinter sich
hatte, war ihm die Reiselust, die Freiheitsschwrmerei noch niemals zu Kopf
gestiegen.
    Sein Herz blieb freilich davon unberhrt. Er schrieb an die alten Eltern
einen so kindlichen Brief, wie ihn nur ein liebevoller, gehorsamer Sohn
schreiben konnte, und wie er ungeknstelt aus seiner innersten Seele kam. Dann
brachte er das umfangreiche Schreiben, das natrlich vor allem einen Bericht
seiner Erlebnisse enthielt, selbst zur Post und begann wiederum die Musterung am
Hafen. Jedes Segel erregte ja seine Aufmerksamkeit, jede Welle grte er mit
lachenden Augen.
    Er sa auf einer zwischen zwei Steinen schwebenden Kette und beobachtete das
Verladen eines Chinafahrers, als sich ihm wie zufllig ein Mann nherte, der in
englischer Sprache um etwas Feuer bat. Robert hatte durch seinen Aufenthalt
unter den Matrosen der Galliot und des Dampfers diese Sprache oberflchlich
gelernt, daher reichte er sofort dem Fremden die Zigarre. Aber das Kraut, das
der andere rauchte, mute wohl nicht besonders viel wert sein, denn das Feuer
verlschte immer wieder, ohne gezndet zu haben.
    Der Fremde bat endlich um einen Augenblick Geduld und warf die Zigarre fort,
whrend er eine andere aus der Brusttasche nahm. Wahrer Schund, was mir der
Gauner da gegeben hat! brummte er in deutscher Sprache.
    Robert lchelte. Sollten wir zufllig Landsleute sein?
    Ach, Sie sind Deutscher?
    Aus der Nhe von Hamburg, ja!
    Der Unbekannte streckte mit der Miene eines angenehm berraschten die Hand
aus. Das trifft sich ja gut, sagte er zuvorkommend. Auch ich bin Hamburger.
    
    Robert berhrte, nachdem er die dargebotene Rechte krftig geschttelt
hatte, seine Mtze und rckte etwas beiseite, um auf der Kette dem Fremden neben
sich Platz zu machen, dann, als beide Zigarren lustig den blauen Dampf
emporwirbelten, folgte erst ein allgemeines Gesprch, das jedoch der Unbekannte
schon sehr bald und sehr geschickt auf Roberts persnliche Angelegenheiten
hinberzuspielen wute.
    Sie sind, wie ich sehe, ein Seemann? fragte er. Schon Vollmatrose?
    Robert lachte. Streng genommen bin ich noch Junge, antwortete er, aber
vielleicht gelingt es mir ja, eine Heuer als Leichtmatrose zu bekommen. Leisten
kann ich's.
    Das lt sich denken. Sie sehen aus, wie ein krftiger junger Mann von
zwanzig oder zweiundzwanzig Jahren.
    Robert errtete ein wenig. Noch hatte ihn niemand mit Sie angeredet, und
viel weniger war er wie ein erwachsener Mann behandelt worden. - Wirklich,
dieser Fremde gefiel ihm auerordentlich. Ich bin aber doch erst siebzehn
Jahre, antwortete er bescheiden. Um als Leichtmatrose anzukommen, mu ich
schon groes Glck haben.
    Herr Hastedt, wie sich der Fremde nannte, lchelte mit einer Art von
Gnnermiene. So wissen Sie nicht, mein junger Freund, da an tchtigen
Seeleuten immer Mangel ist? fragte er. Zwanzig Heuer fr eine, und wenn Sie
heute noch anmustern wollen. Die Kapitne suchen ihre Mannschaft mit der Laterne
zusammen.
    Robert wute nun zwar, da diese Behauptung nicht ohne einigen Grund war,
aber ganz so leicht hatte er sich die Sache denn doch nicht gedacht, berhaupt
wollte er bei seiner zweiten Wahl vorsichtiger sein und erst alles genau
kennenlernen, ehe er den Vertrag abschlo.
    Hm, hm, meinte er und suchte seine Unerfahrenheit mglichst zu verbergen,
gute Schiffe haben wohl immer Besatzung genug. Es ist mehr der Ausschu, der,
wie Sie sagen, mit der Laterne suchen mu.
    Um die Mundwinkel des Fremden zuckte verhaltenes Lcheln, das er aber
schnell zu unterdrcken wute. Aber nein, gab er kopfschttelnd zurck,
wirklich nicht. Versuchen Sie es, und die Erfahrung wird lehren, da ich recht
habe. Selbstverstndlich, fuhr er scharf betonend fort, drfen Sie dabei
diejenigen Schiffe nicht mitrechnen, zu denen sich die Matrosen drngen wie die
Fliegen um den Honigtopf. Sie wissen, welche ich meine.
    Natrlich, beeilte sich Robert zu antworten, natrlich. Hauptschlich
sind das wohl -
    Die Walfischfahrer, ergnzte der Fremde unbefangen nickend. Ich sehe, Sie
haben sich ein hbsches Verstndnis Ihres Faches schon erworben, mein junger
Freund. Ja, ja, die Walfischfahrer sind glckliche Leute. Immer Jagd, anregende
Beschftigung, sehr gutes Leben und Geld wie Heu. Aber freilich, da anzukommen
hlt schwer.
    Roberts Herz schlug wie ein Hammer. Er wute davon nicht das geringste,
hatte sich ber Walfischfahrer und Walfang nur oberflchlich unterrichtet, aber
das durfte er ja nicht verraten, und doch brannte er vor Begierde, gerade auf
ein solches Schiff zu kommen. Selbst wenn er nicht gewnscht htte, mglichst
viel Geld zu verdienen, so wrde ihn die Sache selbst unwiderstehlich gereizt
haben.
    uerlich blieb er aber ruhig, und auch Herr Hastedt sah so gleichmtig ber
den Hafen, als sei nur vom Wetter die Rede gewesen. Ich kenne manchen, der auf
zwei oder drei Fahrten zum reichen Mann wurde, fgte er hinzu.
    Robert nickte. Ja, ja das habe ich auch schon gehrt. Die Heuer ist
glnzend, und -
    Wieder fiel ihm der Fremde ins Wort. Und so ein Anteil am Fang ist auch
nicht zu verachten, da haben Sie sehr recht, mein Herr. berhaupt arbeitet man
williger und lieber, wenn es zum eigenen, als wenn es zum Nutzen anderer
geschieht. Davon kann sich auch der beste Mensch nicht freisprechen.
    Robert hrte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Einen Anteil am Gewinn
erhielten also die Matrosen auf den Walfischfahrern, sie waren gewissermaen
ihre eigenen Herren und arbeiteten in Teilung. Oh, wer das Glck htte, auf ein
solches Schiff zu kommen!
    Aber er wollte sich nichts merken lassen, nicht den Neuling verraten. Ja,
sagte er leichthin, es war auch schon manchmal meine Absicht, eine solche Reise
mitzumachen, aber das mu sich zufllig treffen. Gerade auf diesem Gebiet habe
ich keine Verbindungen.
    Herr Hastedt blies den Rauch der Zigarre in Wolken von sich. Ich wte im
Augenblick auch nichts, sagte er bedauernd. Aber wie wre es, wenn wir ein
Glas Bier zusammen trinken wrden?
    Robert war einverstanden, und die beiden neuen Bekannten schlenderten durch
die Straen bis zu einem Wirtshaus, das nicht gerade nach ausgesuchter
Gesellschaft aussah. Das Schild war verruchert und schwarz, die Fenster blind
von Staub, und das Innere war des wenig einladenden ueren wrdig. Dennoch aber
drngten sich die Gste Kopf an Kopf, obwohl freilich Robert keinen einzigen
Matrosen oder sonst einen Seemann entdecken konnte.
    Die Schenke lag in einer Nebenstrae, und ihre Gste bestanden aus Brgern
ziemlich niederer Klasse.
    Herr Hastedt bestellte fr sich und seinen Begleiter Bier, dann nahmen die
beiden an einem Nebentisch Platz, ohne sich in die Unterhaltung der brigen zu
mischen. Alle mglichen deutschen Mundarten klangen zu ihnen herber, besonders
die Hessen und Nassauer waren sehr stark vertreten, ebenso die Wrttemberger,
deren Schwbeln Robert kaum verstand. Unter diesen Landsleuten, einfachen
Handwerkern - es waren alles Auswanderer rmster Kreise - befand sich ein
lterer Mann, dessen Kupfernase den Trinker verriet und dessen Erzhlungen die
Zuhrer auerordentlich zu fesseln schienen.
    Geben Sie noch ein paar Geschichten zum besten, Herr Kapitn, hie es.
Wirklich, man sollte es kaum glauben, da ein Mann dem Tode oft so nahe gewesen
und so oft entronnen sein kann, wie Sie.
    Mer gruselt sich so scheene derbei! sagte ein zweiter, dessen
Sperlingsfigur und schbig-eleganter Anzug den Schneider deutlich verriet.
Schieen Se los, Herr Gabedn!
    Der lchelte nach allen Seiten und tat dann einen gewaltigen Zug aus dem vor
ihm stehenden Grogglas. Auf Ihr Spezielles, wie wir Studenten zu sagen
pflegten, nickte er zu dem Schneider hinber. Ich war nmlich auch einmal,
bevor ich zur See ging, daheim in Gttingen Student, bis mir die Bcherfresserei
zu langweilig wurde und ich auf und davon lief. Mein lterer Bruder hatte eben
sein Schiff zur Walfischjagd ausgerstet, also eins - zwei - drei - pltscherte
ich im Eismeer.
    Bei dem Worte Walfischjagd hatte Robert unwillkrlich seinen Begleiter
angesehen, aber dieser zuckte leicht die Achseln, als wolle er sagen: Der Kerl
lgt ja! -
    Am anderen Tisch ging inzwischen die Unterhaltung lebhaft fort. Ich sage
Ihnen, solche Fahrt macht Spa und ist das Merkwrdigste, was man erleben kann,
rief der als Kapitn Angeredete. Ich bin einmal in Sibirien schiffbrchig
geworden und mute monatelang an Land leben. Es war hinter Tobolsk, ganz in der
Nhe der Behringsstrae, nur noch drei Meilen vom Mond entfernt.
    Einer der Zuhrer hpfte vor Erregung auf dem Sitz empor. Vom Mond?
wiederholte er. Das ist ja wohl nicht mglich!
    Kapitn Witt, so nannte sich der alte Mann, nickte mit dem ernsthaftesten
Gesicht. Wie ich Ihnen sage, meine Herrschaften. In dieser Gegend neigt sich
der Himmel zur Erde herab, mssen Sie wissen, es ist gerade da, wo beide
zusammentreffen, am Rande der Welt, wo alles dunkel wird und man nicht
weiterkommen kann, weil man sonst ins Bodenlose fallen wrde. Wenn sich der Mond
auf seiner Wanderung gelegentlich in diese Sackgasse verluft, so ist er der
Erde auf drei Meilen Entfernung nahe, und wir wren fast einmal
hinaufmarschiert, um den grinsenden Alten zu begren, aber es ist ein
unbehagliches Gefhl, so ganz in die Enge zu geraten und sich von der Erde zu
entfernen. Man wei nicht, wie es da oben eingerichtet ist und wohin die Fahrt
geht.
    Die ganze Zuhrerschaft hatte andchtig gelauscht, und erst als Kapitn Witt
schwieg, atmeten die Mutigsten wieder auf. Gott, was man nicht alles erfhrt!
sagte einer. Da lebt man so seinen Tag herunter und denkt an nichts Bses,
whrend andere dem Mond gerade ins Gesicht sehen. Wie gro war er denn wohl, so
aus der Nhe betrachtet?
    Oh, ein ganz anstndiger Kerl, sage ich Ihnen. Ich bin einmal vier Stunden
lang mit der Uhr in der Hand unter ihm dahinmarschiert und hatte noch nicht die
Hlfte seines Durchmessers erreicht. Ein Schritt hier auf der Erde macht zehn
Meilen im Mond, mssen Sie wissen.
    Zehn Meilen! echote die Versammlung. Aber um Himmelswillen, wie erfhrt
man denn solche Dinge?
    Kapitn Witt trank sich neue Begeisterung aus dem Glas an, das inzwischen
mehr als einmal gefllt worden war. Dazu haben wir unsere Instrumente,
antwortete er mit der Miene eines vortragenden Gelehrten. Es lt sich alles
auf den Meter genau berechnen.
    Aber wie lebt man denn in diesen Gegenden? fragte wieder einer aus der
Zuhrerschaft. Was zieht man an und was it man?
    Der Erzhler fuhr mit dem Rcken seiner Hand ber den Mund. Die Kleidung
ist sehr einfach, antwortete er. Sie besteht aus Pelz und bedeckt den ganzen
Krper; im Winter wird sie mit dem Haar nach innen und im Sommer nach auen
getragen. Es ist daher einmal zu hei und das andere Mal zu khl, aber davon
wissen die Russen nichts. Man findet berhaupt nirgends so abgehrtete und rohe
Menschen wie gerade hier. Den Kohl essen sie ungekocht und als Leckerbissen dazu
eine Talgkerze.
    Widerwillen und Entsetzen wurden am Tisch laut. Robert und Herr Hastedt
sahen sich lchelnd an.
    Es ist erstaunlich, was sich diese Landratten aufbinden lassen! flsterte
der Fremde.
    Glauben Sie berhaupt, da der Mann jemals im Eismeer gewesen ist? fragte
Robert.
    Gott bewahre! Er hat nie ein Schiff unter den Fen gehabt. Solche
Tagediebe werden von den Wirten freigehalten, weil sie die Gste durch ihre
Aufschneidereien zum Bleiben und zum Trinken veranlassen.
    Hren Sie nur, jetzt fngt er wieder an.
    Die Bierglser der beiden klangen leise aneinander. Auf eine gute Heuer fr
Sie! flsterte Herr Hastedt, und dann horchte man um des Spaes willen nach dem
anderen Tisch hinber.
    Von einer Jagd im Eismeer sollte ich Ihnen erzhlen, meine Herrschaften?
ertnte des Kapitns heisere Stimme. Well! Das knnen Sie haben. Seehunde,
Walrosse, Eisbren, Moschusochsen, Rentiere, Fchse, weie Hasen, Schneehhner,
- habe ich alle mit der Kugel oder der Harpune erlegt. Welches Abenteuer ziehen
Sie vor?
    Die biederen Landleute und Handwerker bestellten massenhaft neues Bier nach,
bevor sie noch nher zusammenrckten und sich endlich fr das schaurigste
Erlebnis des vielgereisten Berichterstatters entschieden.
    Der rusperte sich, ehe er wieder die Stimme erhob, Nehmen wir also das
Walro߫, sagte er. Das Tier wird ungefhr fnf Meter lang und mindestens
zwanzig Zentner schwer. Seine Haut hat eine Dicke von anderthalb Zentimeter, Sie
knnen mir deshalb glauben, da sie einen kugelsicheren Panzer bildet. Und diese
Hlichkeit, sage ich Ihnen! Groe Glotzaugen ohne Lider, fast meterlange
Stozhne und der Rachen verdeckt von Borsten, die mindestens so dick sind wie
Stricknadeln. Zu diesem teuflischen Aussehen kommt eine Stimme, deren Brllen,
Bellen und Pusten auch den mutigsten Mann erschttern kann. Ich sage Ihnen, ich
frchte mich vor dem leibhaftigen Satan nicht, wenn er nur in fester,
krperlicher Gestalt vor mir erscheint, so da sich seine und meine Krfte
miteinander messen knnen, aber - diese Ungeheuer haben doch manches Mal das
Blut in meinen Adern zu Eis erstarren lassen. Wenn man so auf dem meterdicken
Eis wie auf dem sicheren Erdboden geht, und von unten her taucht pltzlich solch
ein Hllenhund auf, um uns die Stozhne, mit Seegras und den berresten
getteter Fische verziert, in den Leib zu jagen, da danke ich fr das Vergngen.
Das ist des Spaes etwas zu viel.
    Meterdickes Eis? wiederholten unglubige Stimmen. Die kann das Walro
durchbrechen?
    Ach - wie gar nichts. Das gibt ein kurzes Geprassel, vor Ihren Fen
entsteht pltzlich ein Loch, das schwarze Wasser darin schumt und zischt, und
mein liebenswrdiges Ungeheuer mit den langen Zhnen schiebt sich ganz gemtlich
heraus, um sich ber Sie herzumachen, - sehen Sie, das ist die Walrojagd!
    Puh! - Und das haben Sie erlebt? Muten Sie vielleicht mit diesen
grlichen Tieren kmpfen?
    Das will ich meinen. Unser Schiff lag ziemlich weit von der Kste entfernt,
an einer Stelle, die fr den Fang der Walrosse sehr geeignet war, aber wir
hatten das Unglck gehabt, bei einem pltzlichen Sturm mehrere Fleischfsser zu
verlieren, und muten daher soviel wie mglich an Land jagen, um den Ausfall zu
decken. Na, das ging auch ganz nach Wunsch, denn die Rentiere sind dort sehr
zahlreich, aber eines schnen Tages verfehlten wir den Rckweg und schoben den
mit vier erlegten Tieren beladenen Handschlitten unglcklicherweise in das
Packeis hinein, so da uns der Boden immer wieder unter den Fen brach. Es ging
so nicht vorwrts, das sahen wir nur zu bald, und lieen daher den Schlitten
allein, nachdem wir ihn auf eine feste Stelle gehoben hatten, um ihn spter mit
dem Boot an Bord zu holen. Aber kaum war die mhevolle Arbeit beendet, als
unmittelbar vor uns mehrere Walrosse auftauchten und ihre unangenehme Gegenwart
durch ein satanisches Gebrll zu erkennen gaben. Wir wie der Blitz ber das Eis
davongelaufen, - es war, als sei uns der Teufel auf den Fersen. Wortlos ohne
Verabredung, ohne Zeitverlust rannten wir drauflos, aber das fhrte zu nichts,
weil die schlauen Tiere tauchten, unter dem Eis schwammen und alle Augenblicke
rechts oder links von uns wie bse Geister von unten hervorbrachen.
Unwillkrlich verteilten wir uns, um sie irre zu leiten, und das Manver gelang
ber Erwarten gut. Unverletzt kamen alle an die Boote, aber - der Schlitten war
zurckgelassen, und ohne ihn konnten wir nichts anfangen. Ihn spter an Bord zu
holen, war unbedingt notwendig.
    Nachdem wir erst einmal tchtig gegessen und uns gut bewaffnet hatten,
besetzten wir die Boote mit je vier Mann und einem Harpunier, nahmen Gewehre,
Messer und Lebensmittel mit uns und wollten jetzt aus Rache und einmal erweckter
Jagdlust unsererseits die Walrosse verfolgen.
    Gedacht, getan. Die Boote glitten am Rande des festen Eises dahin, bis zu
der Stelle, die wir als Lagerplatz der Tiere kannten. Durch die Glser
entdeckten wir auch wirklich eine ganze schlafende Herde, aber auerdem auch den
Wchter, der regelmig, wie bei vielen andern Tiergattungen auch, ausgestellt
wird, um bei herannahender Gefahr ein Warnungszeichen zu geben.
    Das kurze Gebrll ertnte, und die Herde strzte sich schon in einer
Entfernung von wenigstens zwanzig Meter Hals ber Kopf ins Wasser, aber - vier
Walrosse schwammen uns geradewegs, wie zur Herausforderung, entgegen. Unser
Harpunier, neben mir im Bug des ersten Bootes stehend, erwartete gefat die
Tiere, und als das erste herankam, stie er ihm die Harpune mit voller Kraft in
den Krper.
    Und nun folgte eine furchtbare Szene. Das Walro sank schwer verwundet ins
Wasser zurck, aber es richtete sich nach kurzer Pause wieder auf um ein
anhaltendes, wildes Gebrll auszustoen. Daraufhin tauchten jetzt pltzlich die
borstigen Kpfe an zehn Stellen zugleich auf und umzingelten das Boot, von dem
aus ihr Kamerad verwundet worden war.
    Fr uns galt es nur noch, das nackte Leben zu retten. Wir alle stachen,
schossen, schlugen und schleuderten mit jedem Gert, das uns in die Hnde kam.
Dennoch aber wre es um fnf unerschrockene Mnner sehr bald geschehen gewesen!
- Eins der Ungeheuer schob den riesenhaften Krper gerade unter den Kiel des
Bootes, hob es hoch empor, so da es zu schwanken schien, da wir fast den Halt
verloren, und - - -
    Hren Sie auf! riefen schaudernd die zuhrenden Auswanderer. Das kann ja
kein Pferd ertragen.
    Auch Robert und sein neuer Freund sahen sich an. Sollte er nicht trotz
allem Seemann gewesen sein? fragte Robert Sollte er nicht diese Jagd wirklich
erlebt haben?
    Herr Hastedt zuckte die Achseln. Ich kann mich irren, meinte er. Manchmal
kommt es mir selbst so vor. Doch lassen Sie uns hren, wie die Sache ausluft.
Der Wirt versorgt ihn schon mit einem frischen Grog.
    Weiter! Weiter! drngten einige unter den Zuhrern. Der Kapitn sitzt ja
gesund hier bei uns, also warum soll man sich frchten? - Erzhlen Sie weiter!
    
    Der Kapitn tat einen tiefen Zug. Das Boot schwebte also gleichsam, fuhr
er fort, schien zu zittern und im nchsten Augenblick umschlagen zu wollen, -
zwei riesige, weie Hauer bogen sich von unten herauf ber den Rand, ein
Schreckensschrei zerri die Luft. Das Fahrzeug lag jetzt so auf einer Seite, da
das Wasser hineinzulaufen begann, immer strker schob und drngte das
schnaufende Tier unter dem Kiel.
    Da richtete ich mich auf, nahm alle meine Krfte zusammen und holte aus zu
einem Axthieb, der einen Stein htte brechen mssen. Richtig - das Walro trieb
mit gespaltenem Schdel tot an der Oberflche des Wassers! - -
    Es war aber auch in letzter Sekunde, wie man so sagt. Noch eine Minute
lnger, und wir alle htten im Meer gelegen, den Ungeheuern zur sicheren Beute.
Als die anderen Boote herankamen, zeigte sich, da wir whrend des kurzen,
erbitterten Kampfes neun Walrosse harpuniert, gettet und verwundet hatten. Die
Fahrzeuge schwammen buchstblich in Blut, im Wasser ringsumher sah man berall
die sterbenden Tiere, und noch viel Mhe kostete es, die riesigen Krper mit
Seilen einzufangen und am Boot zu befestigen.
    Der Kampf war wild, die Gefahr gro gewesen, aber dennoch hatten wir bei
dieser Jagd nicht allein unsern Schlitten geborgen, sondern erbeuteten auch
auer den Huten und Zhnen noch neun Tonnen Tran. Ja, ja, wenn man so an seine
Jugend zurckdenkt und wie schn damals das Leben war, - man knnte ganz
wehmtig werden. Jetzt spalte ich lngst schon keinen Walroschdel mehr!
    Es schimmerte etwas wie echte Trauer in den Augen des Kapitns, als er diese
letzten Worte sprach. Die Zeit auf meines Bruders Schiff da oben im Polareis
war die reichste und glcklichste, die ich durchlebt habe, fuhr er fort.
Solange ich ein junger, krftiger Mann war, konnten nur Kampf und Gefahr mich
begeistern; ich habe oft gedacht, da bei ewig gutem Wind und hellem
Sonnenschein der Teufel Seemann werden mchte, aber nicht ich. Sich durchsetzen,
mit allen Naturkrften kmpfen, List gegen List setzen und berwinden, was sich
feindlich entgegenstellt, - das allein heit leben.
    Robert hatte sich unwillkrlich vorgebeugt. Er glhte frmlich, seine Augen
leuchteten, und seine Brust hob sich schneller. Was dort der alternde Mann mit
dem Feuer langvergangener Tage aussprach, das war ja sein eigenes
Glaubensbekenntnis, das empfand er ja genau so. Nur kein tatenloses Dahinleben,
kein ngstliches Zurckbleiben in den engen Grenzen des Gewohnten, des
Alltglichen, nur kein Scheindasein ohne Kampf und Sieg!
    Er nahm sein Glas und ging zu dem alten Kapitn hinber, um mit ihm
anzustoen. Woher ihm der Mut dazu so pltzlich kam, begriff er selbst nicht,
aber es war geschehen, kaum da ihm der Gedanke gekommen war. Ihr Wohlsein,
Kapitn! sagte er freundlich. Wer so viel erlebt hat wie Sie, der darf
wirklich zufrieden auf seine Jugend zurckblicken.
    Anscheinend sehr angenehm berrascht, erhob sich der Erzhler und stie
krftig mit Robert an. Seine und Hastedts Blicke begegneten sich dabei wie
zufllig und nur auf Augenblicke, aber doch schien es, als htten sich beide ein
geheimes Zeichen gegeben. Whrend sich Hastedt gleichgltig zum Fenster wandte,
schttelte der Kapitn mit gewinnender Herzlichkeit die Hand des Jungen. Ein
Landsmann, sagte er, und ein lustiger Seewolf obendrein, was? Freut mich ganz
besonders, Ihre werte Bekanntschaft gemacht zu haben!
    Robert errtete. Sie erzhlen so sehr fesselnd und anregend! sagte er
etwas verlegen. Kommt nicht noch ein bichen mehr?
    Der Kapitn blinzelte ihm vertraulich zu, als wollte er sagen: Diesen Eseln
mu man es faustdick geben, bevor ihnen die Geschichte wirklich gefllt. Ich
lge ihnen natrlich die Haut voll, da es nur so zischt.
    Laut sagte er aber mit ermunterndem Lcheln: Ich mu mich also jetzt
verteufelt in acht nehmen, da einer von meinem Handwerk dabei ist, nicht wahr? -
Sie werden mir gehrig auf die Finger sehen, ob ich wohl in das Garn ein paar
kleine Flunkereien hineinspinne?
    Robert lachte mit. Erzhlen Sie ruhig weiter! Ging die nchste Reise
vielleicht an den Sdpol und von da zur Sonne hinauf?
    Kapitn Witt blinzelte noch strker. Sie Allerweltskerl, sagte er, also
Sie haben mir die Geschichte nicht geglaubt? - Aber das beweist nur, da Sie
ihre schtzenswerte Nase nicht in jede Windrichtung gesteckt haben, oder - waren
Sie schon in Sibirien?
    Robert schttelte den Kopf. Leider nicht, antwortete er. Sehen mchte ich
allerdings gern die ganze Erde, aber das lt sich wohl schwerlich
verwirklichen.
    Hm, hm, Sie haben ja noch ihr ganzes Leben vor sich, knnen manchen Knoten
segeln und manchen Hafen kennenlernen, junger Brausekopf. Aber Sie gefallen mir,
wenn auch das Ei ein bichen klger sein mchte als die Henne, - in diesem Fall
freilich als der Hahn. Setzen Sie sich zu uns, und rufen Sie auch Ihren
Begleiter herber.
    Herr Hastedt stellte sich vor, man brachte neues Bier, und der alte Seemann
nahm den Faden seiner Erzhlung wieder auf.
    Eisbren kennen Sie alle, nicht wahr, meine Herrschaften? fragte er. Sie
haben welche in den zoologischen Grten gesehen, doch haben diese, in
unzulnglichen Gehegen gefangenen Tiere nur wenig hnlichkeit mit den in
Freiheit lebenden.
    Der Eisbr ist stark wie ein Lwe, hinterlistig wie ein Tiger und schwimmt
dabei wie ein Fisch. Einmal htte mich einer doch beinahe erwischt; ich kam
wirklich nur mit genauer Not davon. Wir hatten nmlich an Bord nichts zu tun, es
war Sonntag, und daher ging ich an Land etwas spazieren, um mir die
Groartigkeit dieser eingefrorenen, ewig unter Eis begrabenen Natur aus nchster
Nhe anzusehen. Nichts Bses ahnend, die brennende Zigarre im Mund und die Hnde
in den Taschen meines Pelzes, wandere ich so dahin, ziemlich weit vom Schiff
entfernt. Was sie jetzt wohl in der Heimat machen? denke ich und werde so ein
bichen wehmtig, als ich mir das Bild des Elternhauses deutlich vorstelle. Die
blinde Gromutter im Lehnstuhl am Ofen, der Vater mit kurzer Pfeife die
Zeitungen lesend und Mutter und Schwestern am Herd beschftigt. Alles ist so
gemtlich, die Blumen am Fenster blhen, die Nachbarn gren herein, und das
Zimmer wird von dem Ofen angenehm durchwrmt. - Herrgott, denke ich, knntest du
fr ein paar Stunden dort sein, dich einmal wieder an frischem Fleisch und
Gemse satt essen und von dem alten Kachelofen grndlich auftauen lassen, - das
wre so etwas! Aber daraus wird ja nichts, mein Junge, du bist am Nordpol und
bewunderst Eisblcke, mehr ist fr den Augenblick nicht zu haben.
    Und wie ich gerade bei diesem trben Gedanken ein bichen strker seufze,
legen sich mir von hinten ein paar Pranken auf die Schultern und zwingen mich in
die Knie. Ehe ich mich recht besinnen kann, packen scharfe Zhne meinen Kopf, -
der glcklicherweise ziemlich rund und hart gewachsen ist und den auerdem die
festgebundene Pelzkappe schtzte, so da das Maul des riesigen Tieres nicht gro
genug war, um mich ernsthaft verwunden zu knnen. Dennoch aber schleppt es mich
fort, - ohne Halten - wie eine Windsbraut - ber Stock und Stein - ber Eis und
Gletscher, whrend ich schreie, Kinder, na, - jeder unter euch kann sich
vorstellen, wie!
    Meine Fuste bearbeiten das zottige Fell, und meine Kehle springt fast von
der unnatrlichen Anstrengung, aber der Br kmmert sich um nichts, er segelt
vorwrts wie eine Fregatte unter vollen Segeln, immer hast du nicht gesehen,
hier ber einen Eisblock, wo meine armen Beine den Sprung mitmachen mssen, da
ich fast glaube, sie gehren mir gar nicht mehr, - und dort durch einen Tmpel
Schlampeis, da das Wasser wie eine Schlange ber meinen Krper kriecht, - Gott
im Himmel, das war eine Fahrt. Trotzdem aber verlor ich das Bewutsein nicht,
sondern sagte mir, da ich den Zhnen des Bren unrettbar verfallen sei, wenn er
erst einmal die freie, offene Eisbahn erreicht haben wrde. Dann konnte kein
Mensch mehr mit ihm um die Wette laufen, und ich wurde gefressen wie ein Seehund
oder ein Fisch. Bis zum Meer also hatte ich noch Hoffnung, von meinen Kameraden
gehrt zu werden, - ich schrie, da mir das Blut aus Mund und Nase strzte.
    Na, sie haben es ja dann auch gehrt, und die, denen damals bei der
Walrojagd mein Axthieb das Leben rettete, haben den Bren mit ihren Gewehren so
tapfer verfolgt und von der freien Flche abgeschnitten, da er schlielich, um
sein eigenes Leben zu retten, mich fallen lassen mute. Ich lag wie ein Toter
auf dem Schnee und wurde von einigen meiner Kameraden an Bord gebracht, whrend
alle anderen den Bren jagten. Als ich zur Besinnung kam, lag ich blutberstrmt
in meiner Koje; Kopf und Hals waren von den Zhnen des Tieres zerfleischt, Arme
und Beine an den scharfen Eissplittern aufschlagen, und die Haut von den Fingern
fast ganz abgeschlt.
    Nun, dafr halfen Eis und Verbnde. Ich konnte schon nach acht Tagen das
Fell des erlegten Bren von den Fen abziehen und machte mir daraus, nachdem
ich es gereinigt und mit Alaun gerieben hatte, ein Paar Strmpfe, die wrmsten,
die ich jemals besessen habe. Haare und Klauen blieben dran, also konnte ich auf
dem blanken Eis laufen wie der beste Schlittschuhknstler.
    Ein Murmeln um den Tisch gab das Erstaunen der Zuhrer zu erkennen. Kapitn
Witt trank und blinzelte hinter dem Glas zu Robert herber, als wolle er sagen:
Hast du gehrt?
    Mehr, Herr Kapitn, mehr! rief der Junge, dem die ganze Erzhlung grten
Spa machte und der heimlich noch immer hoffte, auch etwas von der Walfischjagd
zu hren. Sie waren bei den Strmpfen aus Eisbrenfell stehen geblieben.
    Der Erzhler strich den Schnurrbart. Im Gegenteil, mein Freund, ich lief
auf diesen Strmpfen wie der Wind, lchelte er. Ich habe sogar einen lebenden
Fuchs mit bloen Hnden gefangen und in den Kfig gesteckt, nur aus Langeweile.
Wir stellten den kleinen Kerl in seiner Falle neben dem Schiff auf einen
Eisblock, hatten aber nicht daran gedacht, da in der Nhe der Kombse der Block
allmhlich schmelzen msse, und so fiel denn eines Tages der ganze Bau mit
Geprassel in sich zusammen. Reineke schaute verdutzt durch die pltzlich
entstandene Lcke auf das Eisfeld hinaus und rannte dann mit gestrecktem Schweif
in rasender Geschwindigkeit davon. Wir lachten zu sehr, um ihn aufhalten zu
knnen. - - Diese vielen Fchse, weie, graue und blaue, sind allerdings fr die
Mannschaft eines Grnlandfahrers oft eine groe Plage, da sie in
Mondscheinnchten oder beim Nordlicht so anhaltend bellen, da an keinen Schlaf
zu denken ist.
    Herr Hastedt sah verstohlen zu Robert hinber. Der alte Bursche ist doch im
Eismeer gewesen, flsterte er. Htte es wirklich nicht gedacht, aber diese
Einzelheiten berzeugen mich. Nun, wie steht's, Herr Kroll, machen wir noch
einen kleinen Spaziergang zusammen?
    Robert schob ihm die Flasche zu. Bleiben Sie doch! antwortete er. Wir
sitzen hier ja ganz gemtlich.
    Aber der Deutsch-Amerikaner hatte nach der Uhr gesehen und schttelte jetzt
den Kopf. Bedaure wirklich, Herr Kroll, ich mu gehen. Time is money, wissen
Sie. Ich freue mich aber, Ihre angenehme Bekanntschaft gemacht zu haben! -
Kapitn, ich empfehle mich Ihnen!
    Er reichte den beiden die Hand, und Robert hrte auch, da zwischen ihm und
dem Erzhler noch einige englische Worte gewechselt wurden, schnell und leise, -
er achtete nicht darauf - dann bezahlte Herr Hastedt das Bier, grte nochmals
mit der Hand und ging.
    Vielleicht sehe ich Sie morgen oder bermorgen hier wieder! rief er noch
von der Tr zurck.
    Robert setzte sich wieder in den Kreis. Er hatte schon mehr getrunken, als
gut war, ein ganz fremdes Gefhl des bermutes und der Sorglosigkeit ergriff
ihn. Heute wurde er zum erstenmal von Mnnern als Mann behandelt, er trank und
sprach wie sie, er hatte den Jungen gnzlich abgeschttelt.
    Sein Blick streifte herausfordernd die plaudernde Tischrunde. Still! rief
er, mit zwei Fingern auf die Tischplatte schlagend. Still! Der Kapitn will von
seinen Erlebnissen auf der Walfischjagd erzhlen.
    Die andern schwiegen, aber Witt schttelte den Kopf. Fr diesmal nicht
mehr, antwortete er. Ich habe nur den einen Zug mitgemacht, und der endete,
als wir den Wal jagten, so traurig, da mich die Erinnerung noch heute schmerzt.
Mein Bruder verlor dabei das Leben, und unser schnes Schiff ging in Splitter.
    Roberts Augen glnzten vor Begier, die Geschichte zu erfahren. Kapitn,
sagte er, sich halb ber den Tisch beugend, so mssen Sie nicht sprechen. Habe
ich eine Gefahr hinter mir, dann sehne ich mich nach der nchsten; ist ein Kampf
beendet, so denke ich an den zweiten. Glauben Sie mir, auch ich habe trotz
meiner Jugend schon bse Stunden durchlebt und dem Tod mehr als einmal ins Auge
gesehen!
    Der Kapitn horchte auf. Sie? sagte er. Alle Wetter, das mchte ich
genauer erfahren!
    Sein Wink veranlate den Kellner, Roberts Glas wieder zu fllen, ohne da es
besonders auffiel. Auch durch die andern aufgefordert, begann er eine
Schilderung seiner Erlebnisse und redete und trank sich in einen Rausch hinein,
der seine Wangen erglhen und seine Bewegungen unsicher werden lie.
    Besonders Kapitn Witt flocht Bemerkungen ein, die alle dazu dienten, das
Selbstgefhl und die Lust des Jungen an abenteuerlichen Fahrten nur noch immer
mehr zu strken. Er schlug zuletzt mit der Faust auf den Tisch und schwur, noch
die ganze Welt umsegeln zu wollen.
    Der Kapitn streckte den Arm aus. Keinen solchen Schwur, sagte er ernst.
Das tut nicht gut, - die Schicksalsmchte hren es und fangen den Vermessenen
in seinen eigenen Schlingen.
    Robert lachte. Ich bin nicht aberglubisch! rief er. Das kommt erst mit
dem Alter. Haben Sie eine solche Geschichte von einem Schwur, den die bsen
Gewalten gehrt haben, selbst mitgemacht, Kapitn? Nein, nicht wahr? Nur Ihre
Frau Gromutter hat es erzhlt, und die hatte es von einer Tante!
    Ein stummes Kopfschtteln beantwortete die bermtigen Worte. Der Kapitn
malte mit dem Zeigefinger in dem verschtteten Bier auf der Tischplatte und
sprach keine Silbe, - nur Robert konnte nicht schweigen. War es vielleicht die
Geschichte von dem zersplitterten Schiff Ihres Bruders, Kapitn? forschte er.
War es das?
    Witt blickte auf. Der Ernst in seinen Zgen war echt, das Beben seiner
Lippen ungewollt. Ja! antwortete er langsam und deutlich. Ja, es war der
vermessene, gotteslsterliche Schwur, der Schiff und Mannschaft den Untergang
bereitete. Es war mein Bruder, der sich im Eigensinn verging und den der Tod
ereilte, als er seines Sieges gewi zu sein glaubte.
    Robert stand auf. Das mu ein tapferer, unerschrockener Mann gewesen sein,
rief er, ein braver Seemann, dessen Andenken in Ehren bleiben soll. Stoen Sie
an, Kapitn!
    Der alte Witt nickte und trank. Ich will's erzhlen, sagte er nach einer
Pause. Solch einem Heisporn kann es gar nicht schaden, einmal eine tchtige
Lehre zu erhalten. Also hren Sie zu, meine Herrschaften, obgleich die
Geschichte traurig genug ist.
    Wir waren im nrdlichen Eismeer und jagten den Wal, hatten aber nur sehr
wenig Glck gehabt, nur eine kleine, unbedeutende Ausbeute an Walrossen oder
Seehunden gemacht und keinen greren Walfisch gesehen. Die Mannschaft murrte
auch, da es zu kalt sei, um an Deck arbeiten zu knnen, da wir umkehren mten
und da sie feste Heuer verlange, wenn der Kapitn noch immer an dieser
uersten Grenze der Eisregion bleiben wolle.
    Mein Bruder aber war ein Trotzkopf ohnegleichen. Ich habe noch Lebensmittel
fr zweihundert Tage an Bord, sagte er mir einmal unter vier Augen, mein Schiff
ist fest und meine Leute sind gesund, - wer wei, ob es mir nicht bestimmt ist,
das seit Jahrhunderten vergeblich gesuchte und von vielen sogar geleugnete
offene Polarmeer zu erreichen. Wer wei, ob ich nicht bis zum Nordpol komme,
Wilhelm, und dann - wre ich der bedeutendste und am meisten bewunderte Mann
meiner Zeit geworden! Die Leute mssen sich fgen, wie ich will.
    Bei solchen Worten schttelte ich wohl den Kopf und zeigte ihm das
Bedenkliche an der Sache, aber im Grunde lockte mich der Gedanke ebenso sehr wie
ihn selbst. Und wenn unser Schiffstagebuch auch nur einen Breitengrad mehr
nannte, als ihn bisher ein anderes Fahrzeug erreicht hatte, so war das immerhin
der Mhe wert, nur nicht fr die Leute, die keinen Ehrgeiz besaen, sondern Geld
verdienen wollten. ber den eigentlichen Strich der Walfischjagd aber waren wir
hinaus, das wuten alle.
    Seit acht Tagen haben wir kein Schiff mehr gesehen! hie es. Man mu
umkehren, oder man friert pltzlich ein und kann elend verhungern.
    Es besteht keine Gefahr! trstete mein Bruder. Lebensmittel sind genug an
Bord, wir jagen mehr frisches Fleisch als wir brauchen, und fr den Wasservorrat
sorgt der Schnee, fr das Brennmaterial die ungeheuren Massen Treibholz. Was
wollt ihr also?
    Bei solchen Gelegenheiten mute der Untersteuermann ein paar Flaschen Rum
herausgeben, und so hielten wir die Leute hin, whrend das Schiff den
achtzigsten Breitengrad beinahe erreicht hatte. Da kam uns ein anderes Fahrzeug
in Sicht.
    Jetzt kehrte den Matrosen der gesunkene Mut zurck, und als schlielich der
Dne, denn ein solcher war es, mit uns Seite an Seite lag, da ging die
Geschichte ausgezeichnet, obwohl mein Bruder den Zufall heimlich verwnschte. An
Bord des Kong Frederik waren nmlich die Blattern ausgebrochen, Kapitn und
Steuermann gestorben, und der Untersteuermann nicht erfahren genug, um unter so
schwierigen Verhltnissen die Lenkung des Schiffes allein zu bernehmen. Der
Kong Frederik war verschlagen worden, und sein junger Fhrer bat uns dringend um
einen Mann, der es verstnde, das Schiff wieder nach Europa zu bringen.
    Nun, das konnten wir tun, da uns zufllig mehr Leute zur Verfgung standen,
als fr unsere Zwecke erforderlich waren, aber mein Bruder, rasch entschlossen
und tatkrftig wie immer, verabredete, bevor wir uns trennten, mit dem jungen
Dnen eine Art von Tauschabkommen. Die Matrosen auf beiden Schiffen sollten
gefragt werden, wer lieber auf dem Kong Frederik nach Hause zurckgehen wolle
oder Lust habe, auf unserem eigenen Schiff in diesen Breiten noch lnger zu
kreuzen. Am folgenden Morgen sollte die bersiedlung stattfinden.
    Ich hatte am Abend dieses Tages mit meinem Bruder eine lngere und sehr
ernste Unterredung. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Wilhelm, sagte er, das
Schicksal ist mir gnstig, ich bekomme lauter neue Matrosen. Die Dnen sind
berhaupt ein tollkhnes, mutiges Volk, sie frchten sich vor dem leibhaftigen
Satan nicht, und ganz besonders diese Mannschaft gefllt mir. Es sind lauter
Seelnder, Kerle mit Eisenfusten und eisernem Sinn. Solche brauche ich, alter
Junge! - Ja, wenn es mir gelnge, das Polarmeer zu erreichen, wenn ich Zeit
genug behielte, in das ewige Eis des Nordpols meinen Namen wie in Granit zu
hauen, dann wollte ich gern sterben. Hundert Jahre - tausend Jahre nach mir kme
vielleicht ein anderer dorthin und lse es, - ich wre fr die Jahrbcher der
Geschichte unsterblich geworden.
    Ich konnte die Begeisterung nur halb verstehen. Zehn Jahre jnger als er,
liebte ich das Leben noch mehr als den Ruhm, und - das sah er vielleicht. Du
sollst mich nicht begleiten, Wilhelm, sagte er, du gehst mit dem Kong Frederik
nach Hause, und wre es nur, um unseren Eltern wenigstens einen Sohn zu
erhalten. Ich bekomme Leute genug, - die Kerle haben smtlich vor dem
Unglcksschiff, auf dem der Tod seine Ernte gehalten hat, einen heillosen
Respekt. Sie verlassen es lieber heute als morgen; du gehst mit meinen
Einfaltspinseln, die Angst haben zu verhungern, auf das dnische Schiff ber.
    Ich sprang beleidigt auf. Johannes, rief ich, das darfst du nicht verlangen,
du darfst mich nicht feige oder unmnnlich nennen! Ich bleibe, wo du bist, und
teile dein Los.
    Aber er schttelte den Kopf. Ich will es nicht! erklrte er. Du bist kein
Seemann, Wilhelm, bist in die Musterrolle nicht eingeschrieben und noch nicht
einmal mndig. Der Vater hat dich mir mitgegeben, um den Herrn Studenten ein
wenig zahm zu machen, wie du weit, also - kann ich Gehorsam verlangen.
    Mein Blut begann zu kochen. War das im Ernst gesagt, das vom Gehorsam,
Johannes? fragte ich, zitternd vor Zorn.
    Sein Blick, sein Ton entwaffneten mich. Nein, sagte er, das Wort war
schlecht gewhlt, mein Junge. Aber du tust es mir zuliebe, ich wei es.
    Dagegen konnte ich nichts machen. Johannes, sagte ich, noch an einer letzten
Hoffnung festhaltend, la uns das Schicksal fragen und seine Stimme den Streit
schlichten. In alten Zeiten wurde alles durch Gottesurteil entschieden, warum
nicht auch jetzt noch?
    Er lchelte. Also los, antwortete er. Aber woher willst du das Orakel
nehmen?
    Ich lief rasch zu meiner Kiste und holte die Wrfel hervor. Einfach genug,
Johannes, rief ich. Wer weniger Augen wirft, der ergibt sich. Soll das gelten?
    Mein Bruder nickte. Du bist leichtsinnig, Wilhelm, antwortete er ernst. Du
willst einen Zufall ber dein ganzes Lebensglck entscheiden lassen, anstatt der
Vernunft zu folgen.
    Aber ich hielt die Wrfel schon in der Hand. Das ist jetzt gleich, Johannes,
- soll es gelten?
    Er beugte sich vor. Meinetwegen also. Wir wollen es als ein Gottesurteil
nehmen! - Gib her die Wrfel.
    Ich reichte ihm die klappernden Dinger und verfolgte mit gespannter
Aufmerksamkeit jede seiner Bewegungen. Wer htte wohl gedacht, da hier Leben
und Tod an einem einzigen Auge hingen! - -
    Er lie die Wrfel fallen, so da einer auf den Fuboden der Kajte rollte.
Nimm das Licht! rief er hastig, sieh nach, aber la die Augenzahl, die oben
liegt, so bleiben, wie sie ist.
    Ich nahm ein Streichholz und beleuchtete den Boden. Etwas aberglubisch bist
du aber selbst, Johannes! sagte ich, mit klopfendem Herzen den Wrfel suchend.
Aha, dort liegt er, und die Sechs ist geworfen. Wo liegt der andere?
    Hier, antwortete er und hob die Hand hoch. Ich habe ihn festgehalten.
    Auch sechs! rief ich bestrzt, whrend er laut und frhlich lachte. So war
die Frage also zu meinen Ungunsten entschieden.
    Und dabei blieb es. Ich bereitete mich mit schwerem Herzen darauf vor, das
Schiff zu verlassen und mit dem Dnen nach Europa zurckzukehren. Whrend der
ganzen letzten Nacht gingen wir beide nicht zu Bett, mein Bruder und ich,
sondern er schrieb Briefe an Eltern und Freunde, und wir besprachen noch vieles,
das sich uns bei dieser ganz unvermuteten Trennung hoch oben im Eismeer
pltzlich aufdrngte. Vorn im Matrosenlogis war es ebenso lebendig. Die Dnen
vom anderen Schiff berboten sich in lauten Worten, und mehr als einmal hrte
ich die Bemerkung, da sie geradezu darauf gewartet htten, eine Reise bis zum
Polarmeer mitzumachen. Unser Volk hat lange vor Kolumbus Amerika entdeckt, hie
es, wir nannten es Wiinland und grndeten dort weite Knigreiche. Die Dnen
und Norweger sind die wahren Entdecker Amerikas, - warum sollten sie nicht den
Weg zum Nordpol finden?
    Und dann klangen die Glser gegeneinander. Auf dem Kong Frederik hatte sich
alle Ordnung gelst. Die Leute holten ohne zu fragen ein Fchen Rum herber,
und man zechte bis nach Mitternacht.
    Inzwischen hatte sich der Wind bedeutend verstrkt, es herrschte eine fast
unertrgliche Klte, und als der Tag anbrach, sahen wir in einiger Entfernung
vor uns schwimmende Eisberge von so riesigen Ausmaen, wie wir sie vorher noch
nie gesehen hatten, sie sahen aus wie erstarrte Gebirge, wie Gletscher, die bis
zum Himmel reichten.
    Zwei von ihnen, die beiden grten, trieben in einer Entfernung von etwa
einer halben Meile nebeneinander her.
    Ich verstand von der Seefahrt damals noch nicht viel, aber diese beiden
Ungetme waren mir doch unheimlich. Johannes, sagte ich, ist das nicht gerade
der Kurs, den du steuern wolltest? - Natrlich mu dein Plan jetzt fallen.
    Aber er schttelte den Kopf. Mein Plan fllt nicht, Wilhelm. Der Wind ist
gnstiger als je, - ich wage die Sache.
    Johannes! - Du wolltest zwischen den Eisbergen hindurchsegeln?
    Ja. Sie knnen mich auch im Atlantischen Ozean treffen, wenn es das
Schicksal will. Hier heit die Sache ein tollkhnes Wagestck, dort ist sie
unvermeidlich und berfllt vielleicht den furchtsamsten Kapitn auf der kurzen
Reise zwischen Hamburg und New York. - Ich will den Versuch wagen.
    Wenn er in diesem Ton sprach, dann lie sich mit ihm nichts machen, aber ich
hoffte noch, da sich die Mannschaft weigern wrde, und als der Umzug der Leute
beendet war, raunte ich unserem auf das dnische Schiff bergehenden Steuermann
die Geschichte ins Ohr. Er erschrak offenbar sehr.
    Kapitn, hrte ich ihn sagen, die Sache geht schief. Das mssen Sie
aufgeben.
    Bei diesem Wind? rief mein Bruder. Das tue ich niemals, Steuermann. Haben
wir whrend der ganzen letzten Wochen solchen Wind gehabt?
    Das nicht, Kapitn. Es ist in dieser Beziehung allerdings ein sehr gnstiger
Augenblick fr die Weiterreise nach Norden, aber die Eisberge -
    Johannes wandte sich pltzlich uns beiden zu. Sein Lieblingsgedanke
beherrschte ihn vollstndig. Und wenn ich bis zum jngsten Tag zwischen diesen
Eisblcken kreuzen mte, so gebe ich meinen Plan nicht auf! rief er mit
glhenden Augen. Ich will hindurch um jeden Preis!
    Der Steuermann schwieg. Er reichte seinem bisherigen Vorgesetzten die Hand
und wnschte ihm eine glckliche Fahrt. Dann ging er auf den Kong Frederik
hinber, um das Kommando des Schiffes zu bernehmen.
    Ich mute wider Willen folgen. Der Augenblick der Trennung lie sich nicht
lnger hinausschieben, da das dnische Schiff aus Mangel an Lebensmitteln und
Mannschaft so schnell wie mglich den Heimweg antreten wollte. Johannes, bat ich
noch einmal, la mich bei dir bleiben.
    Aber er schob mich fort. Nein, nein, Junge, du machst mich nicht irre. Geh
und gre zu Hause die Eltern. Vielleicht komme ich ja glcklich und - berhmt
zu euch zurck. Das Schiff ist mein Eigentum, die Leute folgen freiwillig, und
auerdem hast du meinen Schwur gehrt. - Ich kann und will nicht anders handeln.
Beht dich Gott, Wilhelm, und - nun geh.
    Noch eine Umarmung, noch ein fester Hndedruck, und dann wurden die Taue
gelst. Whrend der Kong Frederik nur schwerfllig, beinahe kriechend gegen den
immer strker aufkommenden Wind zu kreuzen versuchte, flog meines Bruders
unglckliches Schiff wie eine weie Mwe ber die Wogen. Es war eine
schreckliche Stunde! -
    Von Minute zu Minute verstrkten sich die Windste. Die Eisberge taumelten
und neigten sich wie Berauschte, sie stieen donnernd gegeneinander, sie
trennten sich auf grere Entfernungen und drngten sich dann wieder ganz nahe
zusammen.
    Meines Bruders Schiff war jetzt mitten zwischen ihnen. Es tanzte vor dem
Wind, es gehorchte jeder Bewegung des Ruders, schien der drohenden Gefahr zu
spotten. -
    Ein tolles Stck! raunte der Steuermann. Ein halber Wahnsinn, aber - fnf
Minuten solcher Fahrt bringen ihn hindurch.
    Mir stockte der Herzschlag. Ich konnte kaum sprechen. Glauben Sie, da es
gelingt, Steuermann? fragte ich.
    Ein erschreckter Ausruf von seinen Lippen antwortete mir. Er streckte nur
die Hand aus.
    Zwei der schwimmenden Gebirge waren von rechts und links an das Schiff
herangekommen. Wie eine Nuschale lag es zwischen den riesigen Eismassen auf dem
Wasser, - nahe und nher rckten die eisenharten, spiegelglatten Wnde - -
    Johannes! rief ich unwillkrlich, obgleich er viel zu weit entfernt war, um
meine Stimme zu hren,Johannes! - -
    Noch in diesem Augenblick sehe ich das Entsetzliche, als sei es gestern
geschehen. Ein Windsto trieb die Eisberge gegeneinander, ein Krachen wie von
strzenden Welten erschtterte die Luft, das Meer zischte und schlug hohe
Wellen, dann - glitten die Massen zur Seite, spielend, als sei nun ihre
furchtbare Aufgabe vollbracht. -
    Der Raum zwischen den beiden Eisriesen war leer, nur Trmmer und Splitter
bedeckten die Oberflche des Wassers. - -
    Der vermessene Schwur meines Bruders hatte sich wortgetreu erfllt. Er
kreuzt bis zum Jngsten Tage zwischen den Eisbergen des Nordmeeres.

    Der Kapitn hatte geendet, und sein Gesicht lie erkennen, da wenigstens
diese traurige Geschichte nicht erfunden war. Alles schwieg, um die schmerzliche
Erinnerung des Alten ungestrt abklingen zu lassen, selbst Robert war stiller
und etwas nchterner geworden. - Mochte auch Kapitn Witt seit einer Reihe von
Jahren schon ein Gewohnheitstrinker und Wirtshausgnger sein, - dies hatte er
wirklich erlebt.
    Das ist es, nickte er schlielich was ich von bereilten Schwren sagen
wollte. Sie tun niemals gut. Und nun, - auf Wiedersehen.
    Er erhob sich und griff nach seinem Hut, um zu gehen, - Robert folgte ihm.
Kapitn, bat er, lassen Sie uns noch ein Stck zusammen gehen. Ich suche eine
Heuer, und ich mchte noch etwas mit ihnen sprechen. Wissen Sie kein Schiff fr
mich?
    Der Alte stand lchelnd still. Geradewegs ins Eismeer hinein, nicht wahr?
    Ehrlich gesagt, ja. Ich habe mir die tropische Sonne auf den Kopf scheinen
lassen und die ganze Pracht des Sdens gesehen, - jetzt mchte ich den Nordpol
kennenlernen. Ewiger Schnee, Gebirge von Eis, sie knnen niemals reizvoller
erscheinen, als gerade dann, wenn man vorher das Gegenteil kennengelernt hat.
Bin ich aus dem Eismeer zurck, so mache ich vielleicht eine Landreise, klettere
auf die hchsten Gebirge und in die tiefsten Tler, oder -
    Ich komme von der sibirischen Kste nie zurck! ergnzte trocken der Alte.
    Mglich. Aber dann habe ich bis zuletzt gelebt, - was ich unter leben
verstehe! rief Robert.
    Also, um die Sache kurz zu machen, Sie htten gern eine Heuer als
Leichtmatrose auf einem Walfischfahrer?
    Ja, Kapitn. Aber es soll schwer daran zu kommen sein, hrte ich.
    Der Alte ging ein Stck weiter, ohne zu sprechen, dann legte er pltzlich
die Hand schwer auf Roberts Schulter. Junge, sagte er, wenn das nun alles ein
verfluchter Schwindel wre, wenn die Nordlandfahrer fr Geld und gute Worte
keine Besatzung zusammenfinden knnten, ja, und wenn Herr Hastedt ein Schlepper
wre, ein ganz gemeiner Gauner, der an dir ein paar Dollar zu verdienen hofft,
he? Was wrdest du dann sagen?
    Robert konnte zuerst vor Erstaunen kein Wort hervorbringen. Das verstehe
ich nicht, antwortete er endlich.
    Well, so will ich es dir auseinandersetzen, denn deine Jugend und
Unerfahrenheit tut mir leid. Siehst du, kein Matrose heuert gern auf einem
Grnlandfahrer an, weil die Strapazen der Reise doppelt so gro sind, weil, wenn
ein Unglck geschieht, die Kste keinen Schutz bietet, weil sich die Gefahren
hufen, Hunger und Frost das Schiff bedrohen und der Gewinn vielleicht ganz
ausbleibt. Willst du jetzt immer noch auf Walfang gehen, Junge?
    Robert kmpfte mit sich, ehe er antwortete. Also sein liebenswrdiger
Landsmann, Herr Hastedt, hatte ihn grndlich hinters Licht gefhrt, und er war
ihm wie ein dummer Junge ins Garn gelaufen? Alles Blut scho ihm ins Gesicht,
der Eigensinn packte ihn und hinderte ihn, ruhig nachzudenken.
    Ich will trotzdem! rief er. Die Gefahren und Entbehrungen kann ich mir
natrlich vorstellen, aber hochinteressant mu die Sache dennoch sein!
    Der Alte nickte. Das ist sie auf jeden Fall. Unvergleichlich, aber kein
sicheres Geschft, auer wenn das Glck besonders gnstig ist. Dann allerdings
regnet es Geld, da die Mannschaft auer ihrer Heuer von vier Dollar monatlich
auch ein Sechstel des Reingewinnes zu beanspruchen hat. Im Durchschnitt wird
aber der gewhnliche Matrosenverdienst nicht berschritten, und dafr ist der
Dienst an Bord sehr viel hrter. - Jetzt berlege dir die Geschichte, du
Tollkopf. Schlaf darauf, wie man in Deutschland sagt. Ich habe dir die Wahrheit
gesagt, und was du tust, das tust du auf eigene Rechnung und Gefahr.
    Robert schlug ein, als ihm der Kapitn die Hand bot. Ich will es! rief er.
Mein Entschlu steht fest. Aber vor allen Dingen gehrt dazu ein Schiff, das
nach Grnland fhrt. Wissen Sie eins?
    Der Kapitn deutete mit der Rechten auf den Hafen. Alle diese schwarzen
Schiffe mit der hohen Bordwand und den vielen Booten sind Grnlandfahrer, sagte
er. Das dritte in der Reihe wird schon in wenigen Tagen die Reise nach dem
Eismeer antreten; der Kapitn ist ein persnlicher Bekannter von mir. Jetzt aber
will ich mit dem ganzen Plan nichts mehr zu schaffen haben, Junge. Du bist genau
so, wie mein Bruder, und - ich mag dich nicht in den Tod schicken.
    Robert errtete. In den Tod? wiederholte er.
    Ja. Wenn frher in meiner Heimat Schleswig-Holstein die Mnner auf Walfang
gingen, dann wurde an jedem Sonntag von der Kanzel herab fr sie gebetet. Jeder
Name wurde genannt, fr jeden sprach der Geistliche eine Frbitte, - das berleg
dir, junger Freund!
    Er nickte und ging davon, ohne sich umzusehen. In ihm, dem tiefgesunkenen
Helfershelfer eines Schleppers von Beruf, der fr freie Zeche in den
verachteten Lagerbierkneipen des Matrosenviertels von New York die Gste
unterhielt, - in ihm hatte das hbsche, offene Gesicht seines jungen Landsmannes
doch soviel Ehrgefhl wieder erweckt, da er wenigstens den Sndenlohn
verschmhte. Wenn Robert jetzt in das Bierhaus und in Hastedts Gesellschaft
zurckkehrte, so war er gewarnt und wute, da er seine Haut zu Markte trug.
    Ein aufgeweckter, liebenswerter Bursche, dachte er, schade um das junge
Blut, schade! - Ach, wer wieder siebzehn Jahre alt wre! - Wer noch einmal von
vorn anfangen knnte!
    Und kopfschttelnd lenkte er in den nchsten Keller, um fr ein Beefsteak
und ein Glas Grog sein Garn wieder weiterzuspinnen.

                                  Auf Walfang


Robert hatte seinen Rausch ausgeschlafen, aber keineswegs den abenteuerlichen
Plan aufgegeben. Obgleich er genau wute, da es nicht klug war, sich so dem
ungewissen Schicksal anzuvertrauen, konnte er doch seinem Drang nach neuen
Erlebnissen nicht widerstehen. Ich bin frei, dachte er, frei wie der Vogel in
der Luft, niemand darf mir meinen Weg vorschreiben, niemand darf mir Gesetze
geben, also warum soll ich nicht das tun, was mir am besten gefllt? - Ob ich
einige Jahre frher oder spter nach Pinneberg zurckkehre, ist im Grunde
gleich. Erst will ich die Welt sehen.
    Er ging zum Hafen hinab mit dem Vorsatz, sofort an das von dem alten Witt
bezeichnete Schiff zu fahren und sich von dem Kapitn anheuern zu lassen, - da
legte sich pltzlich von hinten eine Hand auf seine Schulter, und Herr Hastedt
begrte ihn mit ausgesuchter Hflichkeit.
    Freut mich, da ich Sie wiedersehe! sagte er. Noch keine Heuer
angenommen?
    Roberts Plan war im Augenblick gemacht. Warte, dachte er, dich will ich
bezahlen, du Schuft. Ich knnte dich ja auf der Stelle durchprgeln, aber das
wre nicht empfindlich genug. Du sollst es verlernen, deine Landsleute zu
betrgen.
    Er wandte sich uerst freundlich zu ihm. Noch keine Heuer angenommen, Herr
Hastedt! Ich hoffe immer noch, da mir das Glck eine Fahrt ins Eismeer
zuspielt.
    Herr Hastedt bot ihm eine Zigarre an und sagte dann: Ja, ja, nach Grnland,
wo es Dollars regnet wie Schneeflocken. Ich glaube es Ihnen wohl, und - hm, ich
htte auch vielleicht etwas fr Sie in Aussicht. Die Sache ging mir dauernd im
Kopf herum, und da ich doch als Agent aller mglichen Geschftshuser fast die
ganze Stadt kenne, so habe ich mich nach einer Heuer fr Sie umgesehen. Ist
Ihnen die Geschichte etwa fnf Dollar wert, dann knnen Sie als Leichtmatrose
anmustern, - natrlich durch meine Vermittlung.
    Ach, das wre ja herrlich! rief Robert. Was fr ein Glck, da wir uns
begegneten.
    Sie wollen also die fnf Dollar daran wenden? - Natrlich nichts fr mich,
mir wrde es nie einfallen, von Ihnen Geld zu nehmen, aber ein Bekannter, der
solche Geschfte betreibt, - wissen Sie!
    Robert lchelte. Mir ist die Heuer mehr als fnf Dollar wert, sagte er,
ohne auf die Frage direkt einzugehen. Lassen Sie uns doch gleich den
Geschftsmann aufsuchen, Herr Hastedt.
    Well! rief der. Wir mssen uns auch so beeilen, da das Schiff zur
Ausfahrt bereit liegt. Wenn Sie kein bares Geld mehr haben sollten, Herr Kroll,
so kann die Bezahlung warten, bis Sie an Bord gehen. Es gibt dann fnf Dollar
Handgeld.
    Robert nickte. Das pat mir gut, meinte er. Fr meine letzten paar Krten
mu ich unbedingt Wollzeug anschaffen. Wo wohnt denn der Mann?
    Oh, der ist schnell gefunden. Hier auf dem Kai. Kommen Sie nur mit mir.
    Die beiden gingen in ein nahegelegenes Wirtshaus, wo wirklich der besagte
Zwischenhndler bei einem Glas Grog die Zeitungen las. Er sah ziemlich schbig
aus und sprach ebenso gut deutsch, wie Robert selbst. Offenbar hatte er nur auf
sie gewartet, das merkte Robert sofort.
    Euch will ich die Suppe versalzen, dachte er. Wartet nur, ihr Gauner. Nur
Geduld, die Strafe entgeht euch nicht.
    Er lie sich dem schbigen Herrn vorstellen und hrte noch einiges ber
schlechte Geschfte, riesigen Zulauf der Matrosen zu den Fahrten nach dem
Eismeer und hnliches, dann erklrte Herr Hastedt, da er jetzt gehen msse,
wnschte Robert nochmals Glck und verschwand, nachdem er noch mit dem anderen
einige bezeichnende Blicke und Flsterworte gewechselt hatte.
    Jetzt gingen die beiden Zurckgebliebenen zum Hafen, und Robert merkte, da
es das dritte Schiff war, wohin der Deutsch-Amerikaner die Jolle rudern lie.
Also ganz geschftsmig wird das betrieben, dachte er. Dieses Fahrzeug soll
zuerst auslaufen, ihm werden also die ersten Dummen zugefhrt. Na - wartet!
    Er kletterte gewandt an Bord und half dem ngstlichen Agenten, der sich mit
beiden Hnden an seine Jacke klammerte, lachend ber die Schanzkleidung, dann
sah er sich das Schiff an. Ein einziger Rundblick zeigte ihm grte Ordnung und
mustergltige Sauberkeit; es war alles zweckmig eingerichtet, alles bestens
erhalten und in gutem Zustand. Nur riesig hoch schienen ihm die Masten, - dort
die Oberbramraa schwebte ja beinahe in den Wolken!
    Gott, da hinauf zu mssen! schttelte sich der Agent. Brr!
    Robert lachte. Ihm hpfte das Herz vor Freude, als er wieder ein Schiff
unter den Fen fhlte. Wollen Sie einmal sehen, wie es gemacht wird? rief er,
- und im nchsten Augenblick flog er wie der Wind an den Tauen hinauf. Ach, das
ist der Mhe wert! - Kommen Sie mir doch nach, Sie glauben nicht, welche
Aussicht man hier hat!
    Scheulich! Scheulich!
    Der Mann schlo ngstlich die Augen, als sich Robert ziemlich rcksichtslos
wieder herunterlie und gewandt auf die Fuspitzen sprang. Aber wenn nun das
Schiff schaukelt und auf der Seite liegt, sagte er entsetzt, wie machen Sie es
dann?
    Roberts Augen leuchteten. Dann wird es erst herrlich, rief er. Wenn das
Schiff schlingert und stampft, wenn der Sturm heult und der Regen die Augen
blendet - dann hat die Sache erst ihren wahren Reiz!
    Gott behte mich, - welch ein bermut!
    Inzwischen war der Obersteuermann an Deck gekommen und hatte sich den fixen,
gutgewachsenen Jungen mit unverkennbarem Wohlwollen betrachtet. Solche Leute
konnte man brauchen.
    Der Agent sprach leise mit ihm, whrend sich Robert, nachdem er die Mtze
abgenommen hatte, zurckhielt und dann, als eine Art von Verhr begann, offen
antwortete. Der Obersteuermann nickte sehr zufrieden. Wie werden etwa zehn bis
zwlf Monate auf See bleiben, fuhr er fort. Wollen Sie fr die ganze Reise
heuern, und zwar mit fnf Dollar Handgeld, vier Dollar Monatslohn und
Teilhaberschaft an einem Sechstel vom Reingewinn, so schreiben sie Ihren Namen
in diese Musterrolle. Das Geld gibt es beim Eintritt in den Dienst.
    Robert sprte, wie ihm das Herz schlug. Es war, als werde er sich erst jetzt
seines unberlegten Streiches wirklich bewut, als hre er, wie ihm Mohr
zuflsterte: Tu's nicht, tu's nicht, - die Reue kommt nach.
    Aber dann schwebte ihm wieder die verlockende Seite der Sache vor Augen.
Nein, nein, er mute auch das ewige Eis sehen, mute wissen, was es heit,
wirkliche Klte zu ertragen, nachdem ihm die Tropensonne fast das Hirn verbrannt
hatte, als er fiebernd und todesmatt auf der Insel lag. -
    Er schrieb mit festen Zgen seinen Namen in das Register: Robert Eduard
Kroll, Leichtmatrose. - So, jetzt rollte die Kugel, jetzt konnte er nicht mehr
zurck und wollte es auch nicht. Er wollte die Welt sehen und etwas erleben. -
    Der Obersteuermann nahm die Musterrolle zurck und befahl dem neuen
Leichtmatrosen, bermorgen frh um sieben Uhr an Bord zu sein. Dann war er
entlassen.
    Der Agent kletterte wieder mit chzen und Seufzen das Fallreep hinab. Er
schttelte sich, als er auf der Hafenmauer stand und nach dem Segler
zurckblickte. Das Schiff heit, Vogel Greif, sagte er. Aber ich mchte
lieber auf dem festen Land ein Karrenschieber werden, bevor mich ein
solcherVogel greifen drfte! Doch die Neigungen sind ja verschieden, Herr Kroll,
nicht wahr? Kann ich Ihnen bei Ihren Einkufen noch behilflich sein, so verfgen
Sie ber mich.
    Robert dankte. Und vergessen Sie nicht, zur verabredeten Zeit an Bord zu
sein.
    Der schbige Herr grte hflich. Ich werde mich pnktlich einstellen!
    Die beiden trennten sich, und Robert ging, um sich fr das nordische Klima
einzukleiden. Derbes Wollzeug, schwere Seestiefel und dick geftterte Jacken,
dazu Fausthandschuhe und wollene Strmpfe, alles wurde zusammengekauft und in
der Seekiste geordnet, denn Robert gehrte bei allen seinen Fehlern doch
durchaus nicht zu denen, die das Geld sinnlos ausgeben. Er war eigensinnig,
leidenschaftlich und vielleicht auch etwas eitel, er liebte die Ordnung und
achtete darauf, da er immer sauber aussah. Jetzt emprte ihn die heimliche
Schurkerei der beiden Deutsch-Amerikaner. Die eigenen Landsleute, arme,
unwissende Auswanderer zu verraten und zu verkaufen, dachte er voll Entrstung,
o pfui, wie schndlich! Aber wartet, Halunken, ich werde euch einen Denkzettel
geben, an dem ihr lnger als bis morgen zu kauen haben sollt!
    Er bezahlte am Morgen des zur Abreise bestimmten Tages seine Rechnung beim
Schlafbaas, nahm die Kiste auf die Schulter und ging froh zum Hafen hinunter.
    Jetzt begann das neue Leben. Nicht mehr Junge, nicht mehr mit du angeredet
und von den lteren Matrosen gehnselt werden, nicht mehr die Arbeiten einer
Scheuerfrau verrichten und vor allem die Aussicht auf Abenteuer! - Wer war
glcklicher als er? - -
    An Bord sah er etwa fnfundzwanzig bis dreiig sehr verschiedene Gesichter,
schwarze, braune, gelbe und weie, darunter auch die halb ngstlichen, halb
verlegenen mehrerer Auswanderer, die vielleicht von Beruf Schuster oder
Schneider waren, sich aber durch die Versprechungen des Schleppers zum Walfang
hatten berreden lassen.
    Eine Gruppe von ihnen stand flsternd und scheu auf dem Vorderdeck. Erst
wenn die ganze Mannschaft vollzhlig und die Musterrolle verlesen war, gab es
Handgeld, und erst dann konnte der widerwrtige Agent, der ganz abgesondert an
der Schanzkleidung lehnte und alles scharf beobachtete, seinen Sndenlohn
erhalten. Noch fehlten zwei Geworbene, wie Robert zufllig hrte, daher begrte
er den Mann nur flchtig und setzte sich auf seine Seekiste, um den Augenblick
der Auszahlung zu erwarten.
    Als die beiden letzten Auswanderer, - arme Hessen, die von weinenden Frauen
und Kindern bis an die Jolle begleitet wurden - das Deck betreten hatten, verlas
der Obersteuermann die Musterrolle und gab dann jedem einzelnen das versprochene
Handgeld. Robert sah die Farbigen und diejenigen, deren ueres befahrene
Seeleute verriet, mit den empfangenen Dollarnoten zum Logis zurckkehren, - es
waren nur die anderen, die dem Agenten das Geld als Maklergebhr zu zahlen
hatten.
    Der Mann drngte sich jetzt schmunzelnd vor.
    Roberts Augen funkelten. Er trat dicht an den Deutsch-Amerikaner heran und
zwang ihn mit festem Griff, ihm in eine entlegene Ecke zu folgen.
    Sieh mich an, du Spitzbube, sagte er leise, hr zu, was ich dir jetzt zu
sagen habe, und was du deinem wrdigen Genossen, Herrn Hastedt, von mir
bestellen kannst. Ihr seid beide ein paar Erzhalunken, die ihre in Not geratenen
Landsleute in die Falle locken und an ein ungewisses Schicksal verkaufen
wollten. Ihr spiegelt den armen, von Hunger und Elend getriebenen Menschen
goldene Berge vor, whrend sie in Wirklichkeit das letzte verlieren und selbst
ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Glaubt nicht, da ihr mich getuscht httet!
- Ich wollte aus anderen Grnden die Reise mitmachen, - aber die dort, die
unglcklichen Auswanderer, das sind eure Opfer, ihr Teufel in Menschengestalt.
Und jetzt antworte, du Schuft, willst du machen, da du fortkommst, ohne auch
nur einen einzigen Cent bekommen zu haben, oder willst du, da ich laut meine
Worte wiederhole? - Dann sei Gott deinem Rcken gndig!
    Der Agent stand ksebleich vor dem erregten jungen Menschen. Herr Kroll,
sagte er, ich wei nicht! - Sie verlangen Dinge, die -
    Robert lie den Arm los. Aha, du willst also nicht nachgeben? Du hoffst
vielleicht auf den Beistand der Schiffsoffiziere? - Aber bei Gott, du sollst
spren, wie gern ich dir deinen Lohn auszahle. Ein Wort, und -
    Der Agent antwortete kein Wort mehr, sondern verschwand so schnell, da man
staunen mute, wie gewandt er diesmal das Fallreep hinabkletterte. Robert sah
sein ziemlich gewagtes Spiel vollstndig gelungen, er hatte wieder einmal einer
Gefahr getrotzt und die Oberhand behalten, - er war mit Recht stolz darauf.
    Wenn der mit Kapitn und Obersteuermann unter einer Decke spielende Agent
die Hilfe der beiden ernstlich angerufen htte, so wrde Robert nicht ohne
Strafe davongekommen sein, aber er wute und rechnete damit, da der Makler im
Bewutsein seines Betrugs dazu nie den Mut finden wrde, und so wagte er die
Sache. Als der Agent in seiner Jolle so schnell davonfuhr, ohne sich auch nur
noch ein einziges Mal umzusehen, wurden die andern aufmerksam, und endlich wurde
Robert von allen Seiten gefragt, was er mit dem Mann verhandelt habe.
    Doch er htete sich, die Wahrheit zu sagen, und berlie es den Leuten, sich
ihr eigenes Bild zu machen. Nur eins begriff er nicht. Was wollte der Kapitn
mit diesen Jammergestalten?
    Aber ihn kmmerte das nicht, besonders, da doch noch genug Matrosen an Bord
zu sein schienen. Der Kapitn war noch an Land, konnte aber in jeder Minute
eintreffen, und dann muten die Anker gelichtet werden. Der kleine
Schleppdampfer, der das Segelschiff aus dem Hafen bugsieren sollte, lag schon
vorgespannt, und alles an Bord war zum Aufbruch gerstet.
    Als der Kapitn endlich an Deck erschien, wurden die zum Auslaufen ntigen
Vorbereitungen getroffen, und Robert konnte sich den Mann genau ansehen, obwohl
Kapitn Wright keinen der Matrosen zu bemerken schien, sondern ohne Gru oder
Blick in die Kajte ging und selbst mit dem Obersteuermann nur wenige Worte
wechselte. Robert sah, da der Offizier beinahe militrische Haltung einnahm und
da er wiederholt die Hand an die Mtze legte, - alles Dinge, die man auf der
Antje Marie nicht gekannt hatte und die einen sehr strengen Vorgesetzten
verrieten.
    Er sah auch ganz so aus, dieser hochgewachsene Amerikaner mit den breiten,
muskulsen Schultern. Sein Gesicht war regelmig, aber kalt, seine Augen grau
und scharfblickend, Haar und Bart fuchsrot.
    Wie bei so vielen Grnlandfahrern, gehrte auch in diesem Fall das Schiff
nicht etwa einem Reeder, sondern dem Kapitn selbst, der vielleicht fremdes Geld
darin stecken hatte, dem aber doch niemand Vorschriften fr seine Reisen machen
konnte. Thomas Wright war auf dem Vogel Greif wie auf einer Insel im Weltmeer
der unumschrnkte Herr und Knig.
    Bald nachdem er die Tr der Kajte hinter sich geschlossen hatte, erschien
auch der Lotse. Das Schiff erzitterte von Grund auf, legte ab und verlie fnf
Minuten spter den Hafen.
    Der Lotse gab dem Mann am Steuer seine Anweisungen fr den richtigen Kurs im
Kielwasser des Schleppers, sonst war die Mannschaft unbeschftigt, bis der
Befehl gegeben wurde, die Marssegel zu lsen.
    Robert als Leichtmatrose hatte mit mehreren andern die Oberbramsegel zu
bedienen und war der erste oben in den Wanten, als das Kommando kam. Als er die
ungewohnte Hhe erklettert hatte, glaubte er fast in den Wolken zu sein.
    Den Hafen und die Stadt mit ihren Trmen und gewaltigen Husermassen sah er
jetzt wie die Figuren eines Jahrmarktes und mute schnell auf seine Bndsel
blicken, um nicht vom Schwindel ergriffen zu werden.
    Nachdem alle Segel gelst waren, konnten die Leute wieder eine Zeitlang im
Logis bleiben, um ihre mitgebrachten Sachen zu verstauen und die erste
Tagesmahlzeit in Empfang zu nehmen. Das war gegen die Verpflegung auf der Antje
Marie ein erheblicher Unterschied, besonders, da es Zucker und Branntwein
berhaupt nicht gab. - Die Auswanderer bedankten sich fr alles, was sie
bekamen, whrend die Seeleute groe Augen machten und manches halblaute damned
die zerflatternde Hoffnung auf einen tchtigen Schluck Rum begleitete. Robert
vermite den Branntwein nicht als etwas, das er unbedingt brauchte, aber die
unkluge Sparsamkeit des Kapitns, die auf einen starrsinnigen, habschtigen
Charakter schlieen lie, mifiel ihm. Wer fr eine Handvoll Dollar das
herkmmliche Recht der Matrosen so verletzen konnte, der war bestimmt kein guter
Mensch - und Robert hate alles Unedle und Kleinliche.
    Whrend er die Koje, das Logis und die Kombse besichtigte, hatte das Schiff
bei Sandy Hook die Schlepptaue des Dampfers gelst, und nun erscholl anDeck das
Kommando des Lotsen: Brat voll, hinten! -
    Robert tat wieder seine Pflicht; der Kurs wurde stlich genommen, und nach
einer Stunde voller Fahrt bei allen Segeln tauchte in der Ferne der
Lotsenschoner auf, der an dieser Stelle ununterbrochen kreuzt, um von den
Schiffen, sobald das offene Fahrwasser erreicht ist, die Lotsen wieder an Bord
zu nehmen.
    Der Obersteuermann benachrichtigte den Kapitn, der kurz darauf an Deck kam,
um mit prfendem Blick den Stand der Dinge zu mustern. Dann zog er die
Brieftasche heraus und nahm einen Scheck, den er unterschrieb und dem Lotsen
berreichte. Eine Anweisung auf meinen Bankier in New York, Sir. Ich nehme nie
bares Geld mit an Bord.
    Der Lotse machte ein erstauntes Gesicht. Kein bares Geld, Kapitn? Aber es
knnen doch Flle eintreten, wo man es unbedingt braucht. In fremden Hfen -
    Ich laufe keinen an, Sir.
    Der Lotse zuckte die Achseln. Well, Kapitn, Sie knnen natrlich tun, was
Ihnen richtig erscheint. Ich wrde mich lieber fr alle Flle rsten, besonders
bei einer Fahrt in das Eismeer. - Lassen Sie bitte das Schiff backlegen, Sir,
wandte er sich an den Obersteuermann.
    Inzwischen hatten die Schiffsjungen den lrock und die lederne Tasche des
Lotsen in ein herabgelassenes Boot befrdert, und der Kapitn lie dem
scheidenden Gast noch ein Glas Sherry bringen. Dann wurde das kleine Boot,
nachdem es die kurze Entfernung bis zum Schoner zurckgelegt hatte, wieder
eingeholt und der Vogel Greif setzte seine Reise fort. - -
    Es ging alles wie am Schnrchen, alles wie auf einem Kriegsschiff, das
stellte Robert schon whrend der folgenden Tage fest. An Deck wurde kein lautes
Gesprch und kein Gesang erlaubt, aber auch an den Mahlzeiten gegeizt, als seien
Schiffsbrot und Speck die teuersten Dinge, und mit den Resten des vorigen Tages
wurde die nchste Mahlzeit womglich wieder eingeschrnkt.
    Der Untersteuermann sah alles. Morris, sagte er bei einer Gelegenheit,
Ihr habt gestern Euer Fleisch nicht aufgegessen, und Ihr, Sheppard, liet die
Kle stehen. Das geht nicht, - Ihr drft das Eigentum des Kapitns nicht
verschwenden. Was brig bleibt, das gebt dem Koch zurck!
    Gegen solche Ansprche erhoben sich manche halblauten Einwendungen. Wenn
Eure Kle wirklich Kle wren, so wrde ich sie auch gegessen haben, brummte
Sheppard, aber Mehl und Wasser tun es nicht allein, Sir, das gibt kleine
Kanonenkugeln, weil kein Trpfchen Fett in den Teig gekommen ist.
    Der Untersteuermann schttelte den Kopf. Ihr seid ein sehr anspruchsvoller
Bursche, Sheppard, sagte er. Wo sind denn die Kle geblieben?
    Ja, da mt Ihr die Haifische fragen, Sir!
    Ein halbunterdrcktes Lachen folgte dieser Antwort. Ich wei, wo sie sind,
nickte Morris, - bei meinem Fleisch, das zufllig ein Knochen war. Ich
entschdige mich dafr durch Aufzhlung aller Branntweinrationen, die uns seit
Beginn der Reise vorenthalten worden sind.
    Der Untersteuermann hielt es fr besser, die Unterredung zum Abschlu zu
bringen. Jeder Matrose fhlt sich durch schlechte Kche in seinen heiligsten
Empfindungen verletzt, das wute er und frchtete mit Recht, da ein verstrkter
Druck vielleicht einen Ausbruch herbeifhren knnte. Wenn er aber auch fr
diesen Tag schwieg, so folgten doch viele Tage und viele hnliche Auftritte. Es
wurde bei bestem Wetter stndig Ost-Nord-Ost gesteuert, und Robert konnte nicht
umhin, dem Kapitn das Zeugnis eines hervorragenden Seemanns zuzugestehen.
Thomas Wright hielt seine Wache so gut wie der letzte Kajtenjunge, er lie sich
durch den Obersteuermann pnktlich alle vier Stunden wecken und machte
persnlich eine Runde, um den Stand der Dinge bis ins kleinste hinein selbst zu
beurteilen. Als man in die Nhe der Newfoundlandsbnke kam, schlief er nur fr
Augenblicke auf dem Sofa und ging dann an der gefhrlichsten Stelle whrend der
ganzen Nacht auf Deck von einer Seite zur anderen, um Ausschau zu halten.
    So mchte ich werden! dachte Robert. Aber kein Leuteschinder; er ist ein
Geizhals durch und durch.
    Der unzufriedene Sheppard, der neben ihm auf seiner Kiste sa und vielleicht
beim Anblick des rastlosen Kapitns das gleiche dachte, stie ihm mit dem
Ellbogen in die Seite. Du, sagte er, heuerst du zum zweitenmal auf dem Vogel
Greif?
    Wieso? Ich fahre berhaupt auf keinem Schiff zum zweitenmal.
    Oho! - Das Meer sieht sich berall hnlich, mein Junge, und vom Land kriegt
man ja doch verdammt wenig zu sehen. Wo es gute Asche setzt, hier machte er die
Fingerbewegung des Zhlens - da werfe ich Anker.
    Robert ging auf die letzte Anspielung nicht ein. Warum fragst du also?
sagte er.
    Na - wegen der Verpflegung. Komm erst einmal in die Breiten, wo es fnfzehn
Grad Klte gibt, und dann mit leerem Magen und ohne einen Tropfen Rum, da wirst
du die Geschichte schon unbequem finden.
    Robert zuckte die Achseln. Der Kapitn it, was wir bekommen, antwortete
er. Es wird fr ihn nichts anderes gekocht, also was willst du?
    Aber der Amerikaner gab nicht nach. Gerade das ist eine Schande, sagte er.
Man mu seine Vorgesetzten auch achten knnen, wenn es gut gehen soll. Der aber
wrde immer nur Furcht erwecken, das heit, mir nicht. Ich hielte ihm lieber
heute als morgen meine Faust unter die Nase.
    Robert lachte. Lieber nicht, Kamerad. Er antwortet dir bestimmt mit
Kettenarrest, darauf kannst du dich fest verlassen. Und vielleicht gibt's ja
bald auch Branntwein.
    Den Teufel gibt es. Der Vogel Greif behlt keinen Mann lnger als fr die
eine Reise, whrend der man ja nicht von Bord kann, nachher gehen alle. Es ist
auf dem ganzen Schiff nicht einer, der vor der letzten Ausfahrt schon dagewesen
wre. Wie bist du eigentlich hierher geraten, wo doch meistens nur - -, du weit
schon, was ich meine.
    Aber an Roberts erstauntem Gesicht sah er, da der wirklich nicht wute,
worum es sich handelte. Nun, nun, fgte er rasch hinzu, man hat ja
verschiedene Grnde. Und du bist ja berhaupt noch zu jung, um schon einmal
drben gewesen zu sein.
    Wo drben?
    Im Sing-Sing (das Zuchthaus des Staates New York)! Heutzutage heuert ja
niemand, dessen Papiere ganz sauber sind, auf einem Grnlandfahrer. Aber wenn
man einmal von den verdammten Tintenklecksern ins schwarze Buch geschrieben ist,
dann ist es schwer, einen guten Kapitn zu finden.
    Robert lachte, diesmal jedoch etwas gezwungen. Nein, rief er, das waren
wirklich nicht meine Grnde. Aber, - verzeih, ich will dich nicht beleidigen -
aber bist denn du - - -?
    Sheppard nickte. Ja, seufzte er, leider. Aber ich bin kein Dieb oder
Straenruber. Es ging nur einmal unglcklicherweise eine Pistole los, im Streit
natrlich, - - na, und die traf einen anderen vor die Stirn. So kommt es im
Leben.
    Robert bewahrte seine uere Ruhe, obwohl ihm das Herz heftig schlug. Er war
von den Bukaniern der westindischen Inseln schon einiges gewohnt, daher erschrak
er nicht so sehr, trotzdem aber hatte er ein unangenehmes Gefhl. Neben ihm sa
also wieder einmal ein Mrder, und vielleicht waren unter der brigen Mannschaft
noch mehrere, die auch keine bessere Vergangenheit hatten.
    Das Blut stieg ihm hei zu Kopf. Wenn er das vorher gewut htte!
    Nun, fuhr Sheppard fort, du bist mir auf meine erste Frage noch die
Antwort schuldig. Wie bist du hierher gekommen?
    Robert nahm sich gewaltsam zusammen. Oh, sagte er, ich wollte die Welt
kennenlernen, weiter nichts.
    Der Amerikaner rckte nher. Halten wir zusammen, du? fragte er.
    In allem, was recht ist, ja.
    Du bist ein Schlauberger! lchelte Sheppard. Aber ich meine auch nur das,
was recht ist, verla dich darauf.
    Dann sind wir gute Kameraden.
    Hier wurde die Unterhaltung von anderen unterbrochen, und es vergingen
mehrere Tage, ohne da Robert wieder mit dem Amerikaner sprach. Man hatte jetzt
die gefhrlichen Bnke hinter sich und segelte im nrdlichen Atlantik. - Die
Auswanderer muten, da sie zum Seedienst untauglich waren, das Schiff scheuern,
Kartoffeln schlen, Gerte reinigen und andere untergeordnete Arbeiten leisten,
also blieben die Leichtmatrosen von diesen unangenehmen Dingen ganz verschont.
Robert konnte manche freie Stunde dazu verwenden, einige gute Bcher, die ihm
der Untersteuermann lieh, zu lesen und dadurch seine geistige Ausbildung
frdern. Whrend die andern wrfelten oder auf den Kapitn schimpften, vertiefte
er sich in Werke ber Lnder- und Vlkerkunde, oder er versuchte sein
Matrosenenglisch durch grammatische Kenntnisse zu erweitern.
    Die Insel Jan Mayen war erreicht, Robert sah Scharen von Seehunden auf den
Eisfeldern liegen und erwartete, da jetzt eine aufregende Jagd beginnen msse,
aber der Kapitn erklrte, keine Seehunde fangen zu wollen.
    Die Leute sahen sich an. Pat auf, raunte Sheppard, er will bis nach
Nowaja Semlja hinauf, um Wale zu fangen. Diese Fische sind jetzt so selten
geworden, da man bis an solche entlegenen Ksten vordringen mu, um sie zu
treffen. Es wird gerade Tag geworden sein, wenn wir in der Eiswste ankommen.
    Mehrere andere, besonders die Auswanderer hrten bedenklich zu. Gerade Tag,
Sheppard, wie meinst du das?
    Der Amerikaner lchelte rgerlich. Gerade so, wie ich es sagte, Jungens.
Auf Nowaja Semlja herrscht von Oktober bis Anfang Mrz ununterbrochene Nacht. In
diesen Breiten kann kein Mensch leben, und das Innere der Insel ist so unbekannt
und unerforscht, wie das Innere von Afrika.
    Die biederen Schuster und Schneider schttelten sich vor Angst. Jesus,
fragte einer, ist es denn auf dem Meer auch Nacht?
    Gelchter der Seeleute antwortete ihm. Nun, trstete Sheppard, es wird ja
Mitte Mrz werden, bis wir frhestens da oben angelangt sind, wenn - - - hier
machte er eine Kunstpause und sah langsam von einem zum andern, wenn wir uns
berhaupt damit einverstanden erklren, da das Schiff so weit gegen die
Eisgrenze vordringt.
    Robert antwortete mit einem bedeutsamen Wink. Sheppard, sagte er, berleg
dir deine Worte, Mann.
    Der Amerikaner zuckte die Achseln. Ich meine nur so, Robert, sagte er.
Wenn alle so dchten wie ich, dann wrde bei Jan Mayen der Seehund gejagt, und
nicht bei solcher Verpflegung, wie wir sie bekommen, blindlings auf die
Eisgrenze losgesteuert.
    Mehrere andere umdrngten ihn. Was meinst du damit, Sheppard? fragten sie.
Gibt es denn eine Grenze, wo das Wasser aufhrt flssig zu sein, wo, wie man so
sagt, die Welt mit Brettern vernagelt ist?
    Sheppard nickte. Ich bin 1864 mit Nordenskjld dort oben gewesen, sagte
er, und wei Bescheid. Da mt ihr euch auerhalb des heizbaren Raumes das
Getrnk so in den Mund schtten, da eure Lippen von dem Gef nicht berhrt
werden. Die Klte ist so stark, da das Metall die Haut zu verbrennen scheint.
    O Gott! - Davon hat in New York der Agent keine Silbe gesagt.
    Der Amerikaner lachte spttisch. Das glaube ich euch, Leute. Wrde auch
verdammt schlecht als Empfehlung gepat haben, meine ich.
    Robert schwieg. Er hatte ber die Erlebnisse verschiedener Forscher zu viel
gelesen, um nicht zu wissen, da Sheppard die Wahrheit sprach, aber einerseits
schreckte ihn der Gedanke an bevorstehende Strapazen nicht besonders zurck, und
zum andern hielt er es nicht fr richtig, die Stimmung der Leute so zu
beeinflussen.
    Doch Sheppard gab nicht nach. Wenn wir nur ganz einig wren, fuhr er fort,
dann liee sich die Sache so leicht machen. Man erklrt dem Kapitn ganz
hflich, da er entweder umkehren oder die ganze Arbeit allein machen msse. So
wird ihm die Wahl sehr vereinfacht, sollte ich meinen!
    Robert sah in Sheppards erregtes Gesicht. Das ist die eine Seite der
Sache, sagte er mglichst unbefangen, aber es gibt auch noch eine zweite. Wenn
wir das Pech htten, einem amerikanischen Kriegsschiff zu begegnen, so knnte es
uns passieren, da wir smtlich mit einer Kanonenkugel unter den Fen an die
Raa gehngt wrden. Hast du daran auch gedacht, Kamerad?
    Pah, ein Kriegsschiff kommt nicht hierher. Und auerdem, sterben mssen wir
doch, wenn bei Nowaja Semlja ohne Branntwein gejagt werden soll. Ich will lieber
an der Unterraa hngen, als verhungern und erfrieren.
    Ich auch! antworteten mehrere Stimmen.
    Hrt, meinte Morris, nachdem eine drckende Pause vergangen war, ich
htte euch etwas Vernnftiges vorzuschlagen. Sagt aber vorher eins! Wei jemand,
ob auch wirklich Branntwein an Bord ist? Denn sonst helfen ja alle Worte
nichts.
    Wenigstens zehn bis zwlf Mnner riefen einstimmig: Es ist genug da! Wir
haben mehrere Fsser voll gesehen.
    Well, nickte Morris, dann schickt in aller Gte eine Abordnung zum
Kapitn und lat ihn um eine kleine tgliche Ration bitten. Wir werden ja daraus
sehen, wie er denkt.
    Sheppard kruselte spttisch die Lippen. Versucht es, antwortete er kurz.
Beugt den Nacken, und er wird ohne zu zgern darauf treten. brigens - wer
wollte denn zu ihm gehen und um etwas bitten?
    Ich! - Und ich! - Wir auch! kam es von allen Seiten.
    Sheppard kreuzte die Arme. Zu dem rothaarigen Judas? Htet euch vor den
Gezeichneten, steht in der Bibel!
    Roberts Blicke gingen wieder zu dem Matrosen. Sheppard, kannst du im Ernst
so ungerecht sein, einen Mann um der Farbe seines Haares willen als schlechten
Menschen hinzustellen?
    Sheppard lachte. Die Bibel sagt es ja, nicht ich, antwortete er. brigens
scheinst du als Seemann deinen Beruf ein wenig verfehlt zu haben, mein Kleiner.
Httest lieber ein Geistlicher werden sollen. Der Reverend Kroll htte bestimmt
auf seine Zuhrer einen gewaltigen Eindruck gemacht.
    Robert errtete, aber er blieb ruhig. Das ist mglich, Sheppard. Mir war
aber das Seemannsleben doch lieber, besonders weil ich - seine Gefahren und
Entbehrungen nicht so hoch bewerte. Nehmt mich geflligst aus, wenn ihr im Namen
der Mannschaft um Rum bittet.
    Die Augen des Amerikaners blitzten. Du bist wirklich fr deine siebzehn
Jahre ziemlich vorlaut, sagte er. Aber warte doch ein wenig, bis du das letzte
Wort sprichst. Ich habe noch eine Trumpfkarte auszuspielen, die auch dich
stutzig machen wird, mein Junge.
    Robert bewahrte seine khle Haltung. Meinetwegen, Sheppard, sagte er.
    Der Matrose sah von einem zum andern. Er schien sich an der angstvollen
Spannung der Gesichter heimlich zu freuen. Hrt also, begann er, da uns
etwas Furchtbares droht! - Im Logis liegt einer der Mnner krank und elend in
seiner Koje, - er hat Skorbut!
    Sheppard sprach halblaut und machte lange Pausen zwischen seinen Worten, um
ihre Wirkung zu erhhen.
    Keiner wagte eine Silbe zu sprechen. Jeder fhlte zentnerschwer das Gewicht
des Gesagten, mehr als einer wurde bleich bis in die Lippen.
    Steckt das an? fragte endlich zaghaft einer der Auswanderer.
    Wie die Pest! antwortete Sheppard. Voraussichtlich wird kein Mann auf dem
ganzen Schiff verschont bleiben, und warum das? - Weil der Kapitn mit
Branntwein, Zucker und Sauerkraut an uns gespart hat, weil er uns zwingt, in
unmenschlicher Klte zu leben. Dadurch kommt der Skorbut, und wir mssen
umkehren, ehe es zu spt ist.
    Man sah jetzt, wie die Aufregung stieg. Einzelne Gruppen flsterten, und das
Fr und Wider wurde lebhaft erwogen. Aber wenn er nicht will, wenn er durchaus
nicht will? fragten die Zaghaftesten.
    Er mu, wenn wir wollen!
    Der verfluchte Agent! hie es jetzt. Der Betrger, der uns ins Unglck
gestrzt hat. Kanntest du ihn, Robert? - Du sprachst bei der Abreise so eifrig
mit ihm, da er darber ganz verga, die Maklergebhr von uns zu fordern.
    Robert lchelte. Ja, sagte er gedehnt, das verga er, - vielleicht, weil
ich es so wollte. Ich fand es schon schlimm genug, da er euch auf einen
Grnlandfahrer gelockt hatte und fand, da er dafr keine besondere Belohnung
mehr brauchte.
    Sheppard hatte erstaunt zugehrt. Jetzt schlug er derb auf Roberts Schulter.
Das war brav von dir, Junge, sagte er lebhaft. Wie fingst du das an?
    Nun - ich versprach ihm eine Tracht Prgel. Das ist sehr einfach.
    Teufelskerl! lachte der Amerikaner. Und wer solche Haare auf den Zhnen
hat, wie du, der will sich gegen seine Kameraden mit einem Leuteschinder von
Kapitn verbnden?
    Durchaus nicht. Aber ich finde, da Mnner den Entbehrungen widerstehen
mten, da ihr nur des vernachlssigten Magens wegen nicht klein werden
drftet. Hat einer von der Mannschaft den Skorbut, so ist das schlimm, aber die
Behauptung, da wir alle ihn bekommen, scheint mir ziemlich gewagt.
    Das ist sie nicht. Die Krankheit steckt an, sage ich euch!
    Robert schttelte den Kopf. Er ging, ohne ein weiteres Wort hinzuzufgen, an
die Koje des Kranken und fragte ihn freundlich, ob er etwas fr ihn tun knne,
aber der Arme hrte ihn kaum. Etwas Suerliches, flsterte er halb
verstndlich, etwas Suerliches zu trinken.
    Roberts gutes Herz emprte sich in diesem Augenblick gegen die Hrte des
Kapitns vielleicht noch mehr, als es bei den andern der Fall gewesen war. Alle
anderen dachten an sich selbst, er dagegen hatte nur den hilflosen Kranken im
Auge.
    Ich will sehen, was ich machen kann! trstete er und blieb dann berlegend
vor der Tr des Logis stehen. Eine schneidende Klte fuhr ihm entgegen, der
Schnee wirbelte um seinen Kopf, und der Atem stockte ihm fast in der Kehle. Wie
Eisbren, beschneit und von oben bis unten in ihre Jacken geknpft, sahen die
wachthabenden Matrosen aus.
    Robert blickte ber das Schiff weg zur Tr der Kajte. Ob ich geradewegs zu
ihm gehe und ihm die Sache vortrage? dachte er. Ich darf es eigentlich nicht,
es ist gegen alle Schiffsgesetze, aber wenn noch ein Funke von Menschlichkeit
zurckgeblieben ist, so mu er den Kranken besser verpflegen.
    Der Obersteuermann, der gerade Wache hatte, ging in diesem Augenblick nahe
an Robert vorber.
    Robert berhrte leicht mit der Hand die Mtze. Herr Obersteuermann, fragte
er, wissen Sie, da einer der Matrosen krank ist?
    Der Offizier runzelte die Stirn. Ja, sagte er kurz. Und was kmmert das
Euch, wenn man fragen darf?
    Alles, Herr Obersteuermann. Fr den Kranken wie fr die gesamte Besatzung
des Schiffes. Der Matrose hat Skorbut.
    Mr. Pikes, der Obersteuermann, sah flchtig hinber zur Kajte, als frchte
er, da mglicherweise drinnen das schlimme Wort gehrt sein knne. Still!
raunte er in barschem, befehlendem Ton. Wohinein mischt Ihr Euch? - Das ist
kein Skorbut, und der Kranke ist nur einer dieser faulen hessischen Brotfresser,
die der Kapitn umsonst fttert, bis spter die gefangenen Fische zerhackt und
ausgebraten werden. Fr diese Weiberarbeiten bekommt die Bande den vollen
Matrosenlohn, und dann reit sie noch das unverschmte Maul weit auf. Kmmert
Euch nicht um den Mann, Kroll, ich rate Euch gut.
    Aber Robert schttelte den Kopf. Sein alter Trotz brach wieder durch. Herr
Obersteuermann, antwortete er, das ist gleich, wer von der Mannschaft
erkrankt. Keiner darf ohne Pflege bleiben. Wollen Sie den Kapitn bitten, sich
der Sache anzunehmen? Wei er berhaupt, da der Skorbut ausgebrochen ist?
    Mr. Pikes stampfte mit dem Fu auf. Woher wit Ihr das? rief er.
    Von Sheppard, der diese Krankheit zu kennen behauptet. Ich selbst war eben
noch bei dem unglcklichen Menschen. Es wird doch an Bord eine Apotheke sein?
    Mr. Pikes antwortete darauf nicht. Geht ins Logis, Kroll, sagte er. Das
ist alles meine Sache, nicht aber Eure.
    Sie wollen also dem Kapitn keine Mitteilung machen, Herr Obersteuermann?
Dann geschieht es von anderer Seite, verlassen Sie sich darauf.
    Ah! - Drohungen?
    Nein. Aber ich will Sheppard und den andern das sagen, was ich eben von
Ihnen hrte, Mr. Pikes. Dann geht eine Abordnung der Matrosen zum Kapitn und
vertritt bei ihm die Sache des kranken Kameraden. Ich hoffe, da Sie hierin
keinen Versto gegen die Schiffsgesetze sehen.
    Der Obersteuermann, ein Amerikaner vom gleichen harten Holz wie der Kapitn,
- der Obersteuermann sah mit aufeinandergepreten Lippen in das frische Gesicht
des hochaufgeschossenen Matrosen. Er hatte mit dem gebten Blick langjhriger
Erfahrung schon lngst den Stand der Dinge erkannt und wute, da ein einziges
Fnkchen gengte, um das Pulverfa in die Luft zu sprengen. Er selbst mute auf
der Seite des Kapitns stehen und schien nicht daran zu zweifeln, wer die
Oberhand behalten wrde.
    Sprecht nicht von Skorbut! sagte er leichthin. Der Kranke wird natrlich
in Behandlung genommen werden, aber wozu gleich Lrm schlagen? Ich will den
Kapitn benachrichtigen.
    Robert griff wieder an seine Mtze, und der Obersteuermann sah ihm, als er
in das Logis zurckging, bse nach. Was bis jetzt auf allen Schiffen gelungen
ist, dachte er grimmig, das mute gerade hier fehlschlagen. Es war mir
unmglich, unter den Matrosen verschiedene Parteien zu bilden, ich konnte keinen
einzigen auf meine, das heit auf die Seite des Kapitns bringen. Aber weshalb
entzieht er auch den Kerlen das letzte, warum knausert er um ein paar Dollar fr
Grog? - Verdammt, da ich ihm jetzt die Geschichte melden mu.
    Er zgerte noch so lange wie mglich und ging erst, nachdem seine Wache
abgelaufen war, zum Kapitn in die Kajte. Dort sagte er, da sich einer der
Auswanderer krank gemeldet habe.
    Thomas Wright blickte auf. Was ist es, Mr. Pikes?
    Der zuckte die Achseln. Kommen Sie selbst herber, Herr Kapitn. Faulheit
scheint es nicht zu sein. Der Mann hat volles Bewutsein, aber die Lippen sind
blau, das Gesicht leichenbla und die Augen eingesunken. Er klagt ber
Gliederreien.
    Der Kapitn zog die Mundwinkel herab. Es ist gut, sagte er rasch. Ich
komme.
    Und fnf Minuten spter erschien er im Logis, wo ihn ein unheimliches
Schweigen empfing. Der Obersteuermann begleitete seinen Vorgesetzten und fhrte
ihn an die Koje des Kranken. Hier, Herr Kapitn. Der Mann ist offenbar
leidend.
    Thomas Wright beugte sich ber den Unglcklichen und untersuchte sorgfltig
dessen Zahnfleisch. Mit einem leisen damned richtete er sich wieder auf. Es
soll sofort im Raum zwischen den Fssern ein Lager zurechtgemacht werden,
befahl er, und dorthin bringt ihr den Kranken mit dem ntigen Bettzeug. Der
Koch soll ihm Pflaumen so zubereiten, da er sie trinken kann, auerdem mu ihm
der Mund dreimal tglich mit Lffelkrautspiritus ausgewaschen werden. Macht, da
ihr hinunterkommt, und friert den Kranken, so legt eine Wrmflasche an seine
Fe. Das ganze Logis wird sofort mit Karbolessig gescheuert.
    Er sprach die Worte in festem, befehlendem Ton, er war so vollstndig der
Herr der Lage, da niemand daran dachte, sich dieser grausamen Anordnung zu
widersetzen. Begleitet von einem Zu Befehl, Herr Kapitn - des
Obersteuermanns, verlie er das Logis.
    Der Kranke kmmerte sich um nichts. Leise wimmernd lag er da.
    Sheppard war der erste, der wieder Worte fand. Habt ihr nun den Beweis?
raunte er. Es ist Skorbut, und der arme Teufel soll da hinunter in die Eisluft,
um so schnell wie mglich zu - sterben.
    Nun, nun, begtigte ein anderer. So schlimm braucht man es ja nicht
gleich zu sehen. Es geschieht, um uns zu schtzen.
    Sheppard zuckte die Achseln. In drei Tagen haben wir einen Toten, sagte
er. Bis dahin aber werden noch mehr Leute erkrankt sein, pat nur auf, was ich
sage. Wer zwanzig Jahre lang zur See gefahren ist, der kennt die Geschichte.
    Morris spuckte grimmig den Kautabak auf den Fuboden. Ist es nicht
schndlich, flsterte er, da der Kapitn mit Gewalt Walfische jagen will?
Alle diese Eisinseln, an denen wir vorberkommen, sind voll von Walrossen, die
Seehunde gar nicht zu zhlen, - aber nein, der Kapitn hat es nur auf Walfische
abgesehen.
    Ich wei weshalb, fuhr Sheppard fort. Dies ist seine letzte Reise. Er
will dann den Vogel Greif verkaufen und in New York Huserspekulant werden.
Vorher aber will er noch einen guten Fang von Spermfischen machen. Diese Tiere
liefern ja den teuern Walrat fr Kirchenlichter, also ist eine Ladung davon ein
kleines Vermgen fr sich allein. Da wir darunter leiden, den geizigen Kapitn
reich zu machen, da vielleicht mehrere von uns dabei drauf gehen, - was fragt
er danach?
    Inzwischen hatten mehrere Matrosen den Kranken aufgenommen, in Wolldecken
gehllt und hinuntergetragen in den Raum, wo er auf altem Segeltuch gebettet
wurde. Die Luft war hier schrecklich. ber einer Ladung von Ballast lagen die
fr den Tran bestimmten Fsser, die einen so abscheulichen Geruch ausstrmten,
da es fast unmglich war, in ihrer Nhe zu atmen. Dazu kam die Klte des
ungeschtzten, unter der Oberflche des Wassers liegenden Raumes, die feuchte,
drckende Luft und die stndige Dunkelheit, die durch keinen Tageslichtschimmer
erhellt wurde. Hier gesund zu werden, schien ganz unmglich.
    Nachdem der Umzug des Kranken beendet war, muten die Auswanderer das
Volkslogis von oben bis unten reinigen. Die Matrosen von der Freiwache halfen
unaufgefordert mit, und es schien fast, als ob die Ruhe wieder einigermaen
hergestellt sei, da brachte ein Zwischenfall neuen Zndstoff. Einer der
Auswanderer wollte die Luke ffnen und zu seinem kranken Gefhrten in den Raum
hinabklettern, um nach ihm zu sehen, aber der Obersteuermann vertrat ihm rasch
den Weg Niemand darf hinunter! befahl er. Der Kapitn hat es verboten.
    Der Mann wagte keinen Widerspruch, aber die Sache wirkte auf die Leute sehr
entmutigend, und Sheppard nahm die Gelegenheit wahr, das Feuer zu schren. Der
da unten krepiert wie ein Hund, sagte er, und nach ihm kommen andere.
Vielleicht wandern wir alle in den Raum hinab, um dann in ein paar Tagen den
Haifischen vorgesetzt zu werden. Ihr wollt es ja nicht besser haben.
    Es ist zu gewagt! meinten einige. Wir haben heute den letzten Tag im
Februar, sagten andere, in wenigen Tagen mu ja unser Ziel erreicht sein, in
jedem Augenblick kann sich die erste Walfischherde zeigen, - warum sollen wir
also in zwlfter Stunde noch ein Wagnis unternehmen?
    Dabei blieb es, und die Leute taten nach wie vor ihre Arbeit, aber unter
drckendem Schweigen, das der Kapitn offenbar sehr wohl bemerkte. Er hatte
gewi seine bestimmten Grnde, als er befahl, die Harpunen hervorzuholen,
instand zu setzen und Leinen daran zu befestigen. Ebenso lie er grere Stcke
Fleisch kochen und mit Schiffsbrot und Wasser in Krbe packen, damit alles
bereit sei, die Boote zu besteigen, wenn sich ein Walfisch zeigen sollte.
    Es kam aber keiner. Walrosse und Pinguine auf allen Eisschollen, trge
Seehunde, die sich im kmmerlichen Sonnenschein ausruhten, Eisbren, die ihre
furchtbaren Pranken gegen das Schiff erhoben, weie Fchse und Robben, alles war
zahlreich vertreten, aber weit und breit von Walfischen nichts zu sehen. -
    Der Kranke im Raum mute noch leben, da keine Bestattung angeordnet war,
aber keiner seiner Gefhrten hrte etwas von ihm. In aller Stille waren noch
drei weitere Mnner hinuntergeschafft worden, und zwei andere klagten heimlich
ber Gliederschmerzen, aber sie flehten die brigen an, davon dem Obersteuermann
nichts zu sagen, das schreckliche Gefngnis unter Deck war ja schlimmer als
selbst der Tod.
    Am Abend des vierten Tages lie der Kapitn smtliche Harpunen in seine
Kajte bringen. Er selbst, der Obersteuermann und die beiden Untersteuerleute
standen vielleicht nicht ganz zufllig dicht nebeneinander, als der Befehl
gegeben wurde, zwei Stcke Segeltuch sowie zwei Trossen Bindgarn bereit zu
halten und an zwei Brettern kleine Scke mit Steinkohlen zu befestigen.
    Totenstille folgte den Worten. Sheppard streckte verstohlen zwei Finger aus.
Zwei Leichen! sagten seine Augen.
    Und jeder hatte ihn verstanden. Der Befehl mute lauter und nachdrcklicher
wiederholt werden, bevor er befolgt wurde.
    Es war ganz klare, heitere Luft, natrlich unter schneidender Klte, da man
sich dem 75. Grad nrdlicher Breite nahe befand. Riesige Eisschollen dehnten
sich rechts und links, Eisberge segelten in majesttischer Pracht nickend und
winkend von fernher vorber, eine blutrote Sonne, Klte verheiend und machtlos,
sank gegen den Horizont herab, fast gnzliche Windstille lag ber der
eingefrorenen Welt.
    Der Obersteuermann befahl vier Matrosen, in den Raum hinabzusteigen und die
Leichen, in ihre Decken gehllt, heraufzutragen. Als jedoch die Luken geffnet
wurden, ertnten aus dem Innern des Schiffes schwache, wimmernde Laute, die
einen Stein htten, rhren mssen. Die unglcklichen Kranken baten um Gottes
willen, sie in freier Luft, unter Menschen und wie Menschen sterben zu lassen,
aber nicht in dem grlichen, lichtlosen, von solcher Pestluft erfllten Raum.
    Erbarmen! Erbarmen! jammerte es. Um Gottes willen, Erbarmen!
    Wie ein Mann drangen die Matrosen bis zur groen Luke vor. Ohne eine Frage,
eine Erklrung wollten sie die sterbenden Menschen an Deck bringen, - da ertnte
die Stimme des Kapitns. Die Kranken bleiben im Raum! - Holt die Leichen!
    Ein Schrei der Entrstung antwortete ihm. Das ist Barbarei! rief Sheppard.
Auf, Jungens, das lt sich kein redlicher Mann. gefallen!
    Der Kapitn hatte sich blitzschnell zur Kajte gewandt und stand dann vor
dem ganzen erbitterten Haufen seiner Leute, ehe noch einer Zeit fand, sich zu
entschlieen. In der Rechten hielt er die blitzende Harpune.
    Der erste, der ohne meinen Befehl in den Raum hinabsteigt, hat das Eisen im
Leibe! sagte er so kaltbltig, als habe er die gleichgltigste Manahme
angeordnet. Vier Mann vor! Ihr da und ihr!
    Er bezeichnete die Mnner, welche die Toten heraufschaffen sollten, mit
ausgestreckter Hand. Beeilt euch! fgte er hinzu.
    Erbarmen, Erbarmen! wimmerte es unten. Gott im Himmel, vergib uns unsere
Snden, erlse uns vom bel! -
    Robert drngte sich vor. Sein Gesicht war leichenbla.
    Herr Kapitn, rief er auer sich, Sie versuchen Gott!
    Sheppard jauchzte. Hast du endlich genug, Kamerad? - Auf, lat uns die
Kranken heraufholen, selbst wenn dafr einer von uns harpuniert werden sollte
wie ein Tier. Dann wird der Mrder von den brigen in Stcke zerrissen.
    Wilde Blicke und wilde Rufe antworteten von allen Seiten. Herr Kapitn,
rief Robert, Sie haben mir gedroht; und ich werde der erste sein, der
hinabsteigt. Ich setze mein Leben ein fr meine gerechte berzeugung!
    Er betrat die Leiter und kletterte in den Raum, whrend Thomas Wright,
rasend vor Zorn, die schreckliche Waffe durch die Luft schleuderte.
    Das alles geschah innerhalb weniger Minuten.
    Sheppard, der ununterbrochen die Bewegungen des Kapitns verfolgt hatte, hob
im gleichen Augenblick, als die Waffe geschleudert wurde, eine Stange, die er
schon vorher ergriffen hatte, und die Harpune, krftig getroffen, flog wie vom
Bogen geschnellt durch das Takelwerk und weit hinaus in das stille,
eisglitzernde Wasser. Ebenso schnell hatten drei oder vier Matrosen vor der Tr
der Kajte Posten gefat.
    Der Kapitn und seine Getreuen hatten nur die Wahl, entweder ihre Sache
verloren zu geben oder sich mit der Mannschaft in einen Faustkampf einzulassen.
Es war Mr. Pikes, der Obersteuermann, der den schumenden Kapitn an beiden
Schultern ergriff und ihn hinderte, sich auf Sheppard zu strzen.
    Ruhig, um Gottes willen, ruhig! mahnte er. Noch ist kein Verbrechen
geschehen, noch lt sich alles in Gte ausgleichen. Herr Kapitn, lassen Sie
die Leute, damit erst die Leichenbestattung vor sich gehen kann. Wollen wir denn
unsere toten Kameraden ohne alle Feierlichkeit ber Bord werfen?
    Sheppard lachte. Die Harpunen heraus, oder wir weichen keinen Schritt.
    Holt sie! befahl Mr. Pikes, der fr den halb besinnunglosen Kapitn
eintrat. Dann aber gebt Ruhe.
    Sheppard und Morris betraten die Kajte, um die schweren Wurfgeschosse in
das Mannschaftslogis hinberzubringen. Sie nahmen auch die beiden Revolver des
Kapitns an sich.
    Als die beiden Mnner das Deck betraten, sahen sie, wie Robert mit mehreren
andern die Kranken heraufschaffte. Beide lagen im Sterben, aber sie dankten
dennoch durch rhrende Blicke und halblaute Worte ihren Helfern.
    Inzwischen waren auch die Toten eingehllt und auf ihrem letzten, mit einer
Last von Kohlen beschwerten Lager befestigt worden.
    Herr Obersteuermann, sagte Sheppard ruhig, wollen Sie das Schiff beilegen
lassen?
    Mr. Pikes antwortete ihm keine Silbe. Er redete dem Kapitn zu, sich mit
Fassung in das Unabnderliche zu fgen und scheinbar nachzugeben. ber kurz
oder lang bietet sich die Gelegenheit zu einem Handstreich! fgte er flsternd
hinzu, wir lassen dann die Rdelsfhrer in Eisen legen und haben gewonnenes
Spiel. Gehen Sie jetzt in die Kajte.
    Thomas Wright schien das einzusehen, oder er war vielleicht vor Zorn unfhig
sich zu fassen, jedenfalls gehorchte er wie ein Kind, und nachdem er sich
entfernt hatte, gab der Obersteuermann die erforderlichen Befehle, das Schiff
beizulegen. Als der Vogel Greif mit weitausgespannten Flgeln wie eine Mwe
auf dem Wasser lag, regungslos und von den Sonnenstrahlen rosig berhaucht, da
traten alle diese wetterharten Mnner, diese rauhen und zgellosen Burschen
still und ernst an die Bordwand.
    Heute wurden zwei Mnner aus ihrer Mitte dem Meer berliefert, - nach
wenigen Stunden sollten ihnen zwei weitere folgen, und vielleicht stand in
krzester Frist auch ihnen das gleiche Schicksal bevor. Niemand konnte
voraussehen, wie bald ihn die Seuche befallen und dem Tode in die gierig
geffneten Arme werfen wrde. -
    Es ist etwas unendlich Ergreifendes, so ein Seemannsbegrbnis. Ernst und
still waren die beiden Leichen aufgehoben und halb ber die Bordwand
hinausgelegt worden. Langsam, feierlich schwebte das Sternenbanner der
Vereinigten Staaten am Gromast auf Halbstock, dreimal empor und dreimal wieder
herab, - letzte Gre, letztes Lebewohl fr die toten Kameraden.
    Und dann trat Robert vor. Sein offenes Gesicht war bla vor innerer
Bewegung. Matrosen, sagte er, unser Kapitn ist nicht, erschienen, um fr die
Toten wie blich ein Gebet zu sprechen. So lat es mich an seiner Stelle tun, da
doch die beiden Toten meine Landsleute waren, arme deutsche Auswanderer, denen
eine Gesellschaft von Seelenverkufern auch noch das Letzte nahm, das sie
besaen, Gesundheit und Leben. Lat mich Gott bitten, da dem schndlichen
Treiben dieser Schurken bald ein Ende gemacht werde, um der vielen armen
Menschen willen, die in ihre Hnde fallen, und da er diesen Unglcklichen
ewigen Frieden schenken mge. Amen!
    Alle hielten die Mtzen in der Hand, auf allen Gesichtern lag tiefer Ernst.
Sie standen ganz unter dem Eindruck der Stunde.
    Los! befahl halblaut der Obersteuermann.
    Soweit wie mglich streckten sich die Arme, ein letzter Blick, ein Gedanke
wie ein Segenswunsch, und das Meer spritzte auf. Unaufhaltsam zog das
mitgegebene schwere Gewicht die Toten in die Tiefe.
    Brat voll, hinten! ertnte die feste Stimme des Obersteuermanns.
    Jeder der Matrosen tat seine Schuldigkeit, die Raaen flogen herum, und das
Schiff setzte langsam den alten Kurs fort, - dann aber sammelten sich alle vor
der Tr der Kajte. Sheppard ergriff das Wort.
    Wir bitten den Kapitn, uns jetzt anzuhren, sagte er.
    Mr. Pikes zeigte seine ruhigste Miene. Seid vernnftig, Leute, antwortete
er. Ein schnelles Wort ist bald gesprochen, wie ihr alle wit, aber es wird oft
bereut. Der Kapitn wollte euretwegen die rettungslos verlorenen Kranken im Raum
lassen, um die Gefahr der Ansteckung zu bekmpfen. Ihr habt die Sterbenden
eigenmchtig in das Logis heraufgetragen und mt nun die Folgen auf euch
nehmen. Was wollt ihr noch mehr?
    Sheppard lchelte spttisch. Eine Kleinigkeit, Herr Obersteuermann, sagte
er. Wir verlangen, da das Ruder gedreht wird. Wir wollen in solchen Breiten,
wo Menschen zu leben gewohnt sind, unsere Arbeit tun. Wir htten auch bei
gehriger Verpflegung und besonders mit den gewohnten Branntweinrationen die
Fahrt bis nach Nowaja Semlja unweigerlich fortgesetzt, aber elendig umkommen,
damit der Kapitn an uns eine Handvoll Dollar spart, das wollen wir nicht. Noch
sind uns keine Walfische begegnet, und wer wei, ob wir berhaupt welche treffen
- vielleicht, wenn der Skorbut die ganze Jagd unmglich gemacht hat. Also mssen
wir umkehren.
    Mr. Pikes blieb ganz ruhig. Umkehren, nachdem noch kein Cent verdient
worden ist, Leute? Umkehren in dem Augenblick, wo uns vielleicht goldene Berge
erwarten? Jede Stunde kann den Gewinn bringen, jeder Augenblick kann Walfische
in Scharen an unser Schiff fhren.
    Sheppard schttelte den Kopf. Oder auch den Tod fr uns alle, sagte er
finster. Wir sind entschlossen, umzukehren; wir wollen den Kapitn zwingen,
seinen Kurs zu ndern. Gebt Raum, Sir, oder es geht nicht gut!
    Mr. Pikes lie seine Blicke von einem zum andern gehen. Das ist Meuterei!
sagte er in ernstem, mahnendem Ton. Habt ihr euch die Folgen genau berlegt,
Leute?
    Ganz genau. Der Kapitn und alle Offiziere mssen vor dem Hafen von New
York einen Eid schwren, von dem Vorgefallenen mit niemand zu sprechen, oder -
keiner sieht das Land wieder. Wir sind uns unserer Rechte und unseres
Entschlusses vollkommen bewut.
    Der Obersteuermann trat zur Seite. So versucht euer Heil, Leute. Kommt als
Bettler, vielleicht krank und elend nach New York zurck, werft euren eigenen
Vorteil ber Bord und ruiniert einen ehrlichen Mann, whrend die Gelegenheit
gnstig ist. Ich habe euch nichts mehr zu sagen.
    Er wandte sich ab. Sheppard streckte die Hand aus, um den Trdrcker der
Kajte zu ergreifen - - -
    Da ertnte vom Vorschiff her ein lauter, fast jubelnder Ruf. Der Mann am
Ausguck verlie seinen Posten und kam zu den andern gestrzt.
    Die Fische! - Die Fische!
    Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte das Wort die erregten Mnner. Als
htten alle nur noch einen Gedanken, so folgten die Augen der Richtung, in die
der Matrose mit ausgestrecktem Arm wies. Vergessen schien der wilde Entschlu
offener Meuterei, vergessen war die Furcht vor der Krankheit, - untergegangen in
der pltzlichen Hoffnung auf Gewinn.
    Die Fische! jauchzten zwanzig Stimmen, die Fische!
    Mr. Pikes atmete auf wie ein Halbertrunkener, den eine unerwartete Hilfe dem
Meer entri. Er erkannte im Augenblick seinen Vorteil, er zgerte keinen
Augenblick, ihn zu ergreifen.
    Ohne den Kapitn zu fragen, befahl er, die Boote herabzulassen und die Krbe
mit Lebensmitteln hineinzusetzen. Dann wandte er sich zu Sheppard. Holt die
Harpunen, Maat, - Ihr habt sie in Verwahrung, soviel ich wei.
    Der Amerikaner sah mit dsteren Augen auf das Drngen und Treiben der
anderen. Niemand beachtete ihn, niemand kmmerte sich um das Verhngnis, das im
entscheidenden Augenblick den Sieg in die Hnde des Gegners hinberspielte.
Gewinn - Geld - das war es, was den Leuten vorschwebte, was sie, einer den
andern zurckdrngend, in die Boote trieb.
    Sheppard kreuzte die Arme. Holt die Harpunen, Mr. Pikes, sagte er, und
gebt dem wilden Kapitn die schwerste in die Hand, damit er seine Mordlust
befriedigen kann. Die Menge ist es niemals wert, da sich ein ehrlicher Kerl um
ihretwillen aufopfert - ich habe es bitter genug in diesem Augenblick erfahren
mssen.
    Der Obersteuermann lie die Harpunen verteilen und gab auch Sheppard eine in
die Hand. Geht mit, Mann, ermunterte er ihn, khlt Euer heies Blut auf der
Jagd. Und dort, seht hin, eine Mweninsel! Tausende von Eiern, ungezhlte
frische Braten, - macht, da Ihr fortkommt. Das Vorgefallene ist vergessen, ich
schwre es Euch im Namen des Kapitns.
    Sheppard lchelte spttisch. Wir sind Todfeinde, Sir, sagte er, und jeder
wrde dem andern das Genick brechen, wenn es ihm mglich wre. Sucht keinen
Schleier darber zu werfen! - Wessen Stunde zuerst schlgt, der packt das Glck
beim Schopf.
    Er hob spielend die schwere Harpune zwischen zwei Fingern hoch, und als der
Obersteuermann unwillkrlich zurcktrat, lachte er laut. Ich bin kein
Meuchelmrder, Mr. Pikes, aber ebensowenig frchte ich auch einen ehrlichen
Kampf, bei dem es Blut kostet. Das merkt Euch. Die da frei herumlaufen und wie
vornehme Herren behandelt werden, das sind oft grere Schurken, als die armen
Teufel hinter den Eisengittern des Sing-Sing.
    Er sprang in das letzte Boot, da die Wellen spritzten, und Mr. Pikes
murmelte hinterdrein einige Worte, die halb wie eine Verwnschung, halb wie
Spott klangen. Dann sah er ber das ruhige Meer.
    Die Fische waren dem Schiff immer nher gekommen. Wie Rauchsulen stiegen
geruschvoll die weien Wasserstrahlen aus den Nstern der gewaltigen Tiere
empor. Wenigstens dreiig Wale schwammen dem Vogel Greif entgegen.
    Das kam zur rechten Zeit! dachte der Obersteuermann erleichtert. Jetzt
einige ertragreiche Zge, etwas Jagdglck, und wir haben die Meute in unsern
Hnden. Die beiden Anfhrer Sheppard und Kroll werden bei nchster Gelegenheit
in Eisen gelegt, und wenn einmal diese Hitzkpfe beseitigt sind, so zittern die
brigen vor einer ungeladenen Pistole.
    Er drehte sich um und klopfte an die Tr der Kajte, aber niemand antwortete
ihm. Konnte der Kapitn in solchem Augenblick schlafen? Unmglich!
    Er klopfte noch einmal. Wieder keine Antwort. - Einer unbewuten Furcht
nachgebend ffnete er die Tr und sah den Kapitn ohne Besinnung auf dem
Fuboden liegen. Der furchtbare Blutandrang hatte dem jhzornigen Mann das
Bewutsein genommen.
    Mr. Pikes behielt seine ganze Geistesgegenwart. Er schlug dem Kapitn eine
Ader und legte ihm Eis auf die Stirn, ohne irgend jemand zur Hilfe zu rufen.
Dann, als der Kranke wieder zu sich kam, teilte er ihm die Nachricht von dem
Erscheinen der Walfische mit und sah jetzt seinen Vorgesetzten ebenso berrascht
und beglckt, wie es vorher die Mannschaft gewesen war. Sind alle fort? fragte
der Kapitn, sich gewaltsam sammelnd. Haben die Leute endlich Ruhe gegeben?
Sind die Anfhrer in Ketten gelegt worden?
    Mr. Pikes erzhlte in kurzer, klarer Schilderung das Vorgefallene und kam
dann mit seinem Vorgesetzten dahin berein, es gnzlich totzuschweigen. Kapitn
und Mannschaft eines Schiffes, hoch oben auf dem 75. Grad nrdlicher Breite,
verlassen von aller Welt und allen Gefahren ausgesetzt - Kapitn und Mannschaft
eines solchen Schiffes waren zu sehr aufeinander angewiesen, um nicht um jeden
Preis Frieden halten zu mssen. Spter, wenn man in befahrene Gewsser
zurckkam, wenn man anderen Schiffen begegnete oder vielleicht irgendeinen
Handstreich vollfhren konnte, dann - -
    Die Augen des Kapitns und des Obersteuermanns trafen sich. Sie hatten sich
vollkommen verstanden.
    Und dann gingen sie wieder an Deck. Weder von den Walfischen noch von den
Booten war das Allergeringste zu sehen.
    Der Mann am Ruder gab die Richtung, welche die Jger genommen hatten, als
nrdlich an, und das Schiff hielt jetzt diesen Kurs. Kapitn Wright ging in
brennender Ungeduld rastlos auf und ab; er konnte sich kaum zurckhalten, mit
dem letzten noch brig gebliebenen Boot die Jger zu begleiten und persnlich an
der Verfolgung teilzunehmen, aber die Sonne sank ins Meer herab, ohne da auf
der glitzernden, eisigen Flche das mindeste zu entdecken gewesen wre. Selbst
der ruhige Mr. Pikes zeigte auf seiner Stirn mehrere Falten.
    Wo nur die Leute blieben! - Es waren auf dem Schiff auer den beiden
obersten Offizieren nur noch vier Mann, - mit diesen allein den Hafen von New
York jemals wieder zu erreichen, war eine Unmglichkeit.
    Lassen Sie alle fnf Minuten einen Kanonenschu abfeuern, befahl der
Kapitn, und dazwischen eine Rakete steigen.
    Mr. Pikes wiederholte den Befehl, aber die Unruhe wurde dadurch nur noch
vermehrt. Der Schu verhallte mit hundertfachem Echo; die Rakete, blaue und
goldene Lichter ber das Meer ausgieend, zeigte den erstarrten Blicken der
Mnner fast im gleichen Augenblick die Lsung des Rtsels: Eisberge umgaben von
allen Seiten das schwer bedrohte Schiff.
    Zwischen den Schssen war es totenstill auf Deck. Nur aus den Kojen der
Kranken und Sterbenden drang leises Wimmern herber - -
    Wir mssen das Schiff backlegen, entschied nach einer Pause der Kapitn.
Mir scheint, da der Wind etwas strker geworden ist, und auerdem wissen wir
nicht, welchen Kurs die Boote steuern. Es ist nicht unmglich, da wir uns
voneinander entfernen.
    Mr. Pikes griff an die Mtze. In diesem Fall wrden Sie und ich selbst mit
Hand anlegen mssen, Herr Kapitn, sagte er.
    Das macht nichts, Sir. Man hat es ja schon oft getan.
    Und Thomas Wright erkletterte trotz des verwundeten Armes die Masten, um mit
dem Obersteuermann und den brigen vier Leuten das erforderliche Segelmanver
auszufhren. Abwechselnd krachten die Schsse und stiegen die Raketen und
Leuchtkugeln auf, aber niemand beantwortete die Zeichen.
    Ein Eisberg, hoch wie ein Haus, schwamm so hart an dem Schiff vorber, da
es knirschte und rauschte, da Splitter davonflogen, - Mwen glitten mit
schwerem Schlag durch die Luft, der Sturmvogel umkreiste das Takelwerk und stie
eigentmliche, kurze, wie ein Signal klingende Tne aus, - aber nichts zeigte
sich.
    Da endlich, gegen Mitternacht, durchdrang ein Laut die tiefe Finsternis. Ein
langgezogenes Ahoi! Ahoi! scholl deutlich zu den beiden horchenden Offizieren
herber, und beide sprangen hocherfreut von ihren Sitzen auf. Die Leuchtkugeln
folgten ununterbrochen, die Zurufe wurden erwidert und das Feuer in allen fen
geschrt. Welch ein Fang war jetzt wohl gemacht worden, welcher Gewinn stand in
Aussicht!
    Herr Kapitn, sagte bescheiden der Obersteuermann, sollte es nicht gut
sein, wenn diesmal Branntweinrationen verteilt wrden?
    Thomas Wright schttelte den Kopf. Damit die Kerle glauben, da sie mir
Furcht eingeflt haben, Mr. Pikes? - Arbeiten sollen sie, und die Pistolen
kommen nicht mehr aus meinem Grtel. brigens ist nichts zu frchten, wenn
klingende Belohnung in Aussicht steht.
    Er ging bis zum Fallreep den Ankommenden entgegen und beugte sich vor, um zu
sehen, wie gro die Ausbeute gewesen war. Hallo, Jungens, rief er, ganz gegen
seine Gewohnheit, was bringt ihr denn?
    Ein leises Lachen antwortete. Das war Sheppards Stimme, aber er sprach kein
Wort.
    Los, drngte Robert, antworte doch!
    Tu du es. Ich wrde den Schuft am liebsten mit der Harpune anreden.
    Nun, Leute, fragte noch einmal der Kapitn, was habt ihr gefangen?
    Nichts, Sir! antwortete Robert durch die tiefe Stille: Nachdem unsere
Boote ziemlich weit vom Schiff entfernt waren, haben wir die Walfische aus den
Augen verloren und trotz aller Bemhungen nicht wieder auffinden knnen.
    So hat also keine Jagd stattgefunden?
    Keine, Herr Kapitn.
    Thomas Wright erschrak, aber ohne sich den Leuten gegenber etwas merken zu
lassen. Schadet ja nichts! rief er ermunternd. Wenn erst einmal der Fisch in
der Nhe ist, so trifft man ihn bald genug wieder. Morgen wird die Jagd neu
beginnen und dann glcklicher sein!
    Er ging in die Kajte, um sich von seinem rger einigermaen zu erholen,
whrend die Matrosen halberfroren, mde bis zum Umsinken, das Logis aufsuchten.
Sheppards erster Blick ging zu den Kojen der Kranken.
    Beide eiskalt! flsterte er in Roberts Ohr. Gestorben wie ihre Vorgnger,
allein und ohne Pflege! - Hrst du den Sturmvogel? Seine Stimme bringt Unglck;
er ist ein Warner, der nur verfluchte, dem Untergang geweihte Fahrzeuge
umkreist.
    Robert lchelte gezwungen. Er dachte zurck an die Erzhlung seines alten
Freundes, wie hoch in der Luft die Mwe lachte, als Mohr, von tollem bermut
getrieben, den fliegenden Hollnder herbeirief. So schicke dem Schreier eine
Kugel durch die Brust, dann schweigt er bestimmt! antwortete er.
    Sheppard hob erschrocken die Hand. Um Himmels willen nicht! Wer den
Sturmvogel ttet, der zieht das Verhngnis auf sich herab. Gib nur acht, - wir
sehen keinen Fisch wieder, wir gehen hier oben elend zu Grunde.
    Robert antwortete nicht, und die beiden krochen so schnell wie mglich unter
ihre Wolldecken, um wenigstens die erstarrten Glieder einigermaen aufzutauen.
Am folgenden Morgen waren wieder zwei Matrosen unfhig aufzustehen, obgleich bei
den abgehrteten Seeleuten die Krankheit nicht so heftig auftrat, wie bei den
unglcklichen deutschen Auswanderern. Sie muten sich krank melden, aber sie
baten die andern, zu verhindern, da sie in den Raum geschafft wrden.
    Sheppard nickte, - sonst zeigte keiner, da er das angstvolle Flehen
verstanden habe. Robert, der gerade Ausguckwache hatte, war nicht dabei.
    Der Kapitn versuchte diesmal keine Zwangsmaregeln. Er gab den noch
vorrtigen Lffelkrautspiritus heraus, lie Pflaumen abkochen und bewilligte den
Kranken etwas Zucker, im brigen kmmerte er sich nicht um sie. Auch das
Begrbnis der beiden in der letzten Nacht Gestorbenen wurde auf seine Anordnung
mglichst abgekrzt, damit man, wenn sich Fische zeigen sollten, die Verfolgung
sofort aufnehmen knne.
    Heute haben wir einen hellen, klaren Tag, Jungens, sagte er, da kann uns
gar nichts fehlen. Pat nur auf, sobald sich das Blasen der Fische bemerkbar
macht!
    Er lie auch zur Vorsicht die groen Trankessel und mehrere Fsser an Deck
bringen. Gegen Robert und Sheppard vernderte er keine Miene.
    Es mochte vielleicht neun Uhr morgens sein, als der Ausguckmann dasselbe
Zeichen gab wie gestern. Die Fische! Die Fische!
    Zwischen den Eisriesen, die im stillen Wasser berall majesttisch
dahinsegelten und langsam der schwachen Windrichtung folgten, zeigten sich die
blasenden Walfische. Es war ein schnes und anregendes Schauspiel, der goldene
Sonnenschein, der die Eisriesen umspielte und mit tausend diamantenen Tropfen
berflutete, die emporgeschleuderten Wasserstrahlen aus den Nstern der
riesenhaften Tiere und das stille, beinahe unbewegte Meer mit seinen zahllosen
treibenden, greren und kleineren Eisschollen. Man konnte begreifen, da sich
die Jagdlust der Mnner bis zum Taumel steigerte.
    In zehn Minuten stieen die Boote ab. In dem Fahrzeug des Kapitns waren
auer Robert noch drei Matrosen. In atemloser Eile ging es den blasenden Fischen
entgegen.
    Thomas Wright stand aufrecht mit der Harpune in der Hand. Sein rotes Haar
schien phosphorisch zu leuchten, seine Augen glhten. Eine starke, wilde
Leidenschaft sprach aus jeder Bewegung.
    Immer nher kamen die Boote den Fischen. Schon sah man die mit Moos und
Schlingpflanzen berwachsenen, von Muscheln Wassermusen, Spinnen und Kfern
bewohnten breiten Rcken der Wale deutlich durch das kristallklare Wasser
schimmern, schon erwarteten zwanzig Arme den Augenblick, um die tdliche Waffe
in das Fleisch des Opfers zu bohren, da - hrte das Blasen auf, das Wasser
beruhigte sich, die grnen, inselgleichen Erhhungen ber der Oberflche
verschwanden, und von den Fischen war nichts mehr zu sehen.
    Ganz wie am Tage vorher entzogen sie sich den Blicken der Fnger, als eben
die Jagd beginnen sollte. Thomas Wright wurde bla bis in die Lippen.
    Ihnen nach! rief er wtend. Sie knnen nicht weit sein, und ich will
unter keinen Umstnden ohne Beute zum Schiff zurck.
    Sein Eifer hatte die brigen angesteckt. Alles ruderte um die Wette, alles
berbot sich, zwischen den Eisschollen hindurchzusteuern und die Spur der
entflohenen Tiere zu verfolgen, aber - ohne Erfolg. Weit und breit war kein
Fisch zu sehen.
    Wir mssen uns geirrt haben! rief der Kapitn. Vielleicht hinter diesen
Eisblcken. Zwei Boote in gleicher Linie. Dort werden sie sein!
    Ob er sich und die andern tuschte, niemand konnte es wissen. Sein ganzes
Gesicht war aschfahl, als auch hinter dem bezeichneten Eisberg kein Walfisch
gefunden wurde, Damned, rief er, steckt denn der Teufel in den Tieren?
    Sheppard und Morris wechselten einen hhnischen Blick. Der Sturmvogel!
raunte der erste. Hast du ihn gestern gehrt?
    Und als wolle das Verhngnis seine Worte besttigen, so zeigte sich in
diesem Augenblick der Warner hoch oben in der Luft und blieb lange
flgelschlagend gerade ber den Kpfen der Leute stehen. Sein Schrei, heftig und
ruckartig, tnte weit ber das Wasser.
    Thomas Wright sah wild empor. Verfluchter Vogel, was willst du? rief er
zhneknirschend, whrend er zur Bchse griff. Da - nimm das!
    Der Schu krachte, und das getroffene Tier strzte unmittelbar neben dem
Boot des Kapitns ins Meer. Nur der rechte Flgel war getroffen worden, daher
lebte es und setzte, heftig flatternd, sein Geschrei in verstrktem Mae fort.
Die Augen sahen dem Kapitn gerade ins Gesicht, der Schnabel hatte sich gegen
ihn geffnet.
    Der Wahnsinnige, flsterte Sheppard, er selbst hlt ber sich Gericht.
    Von allen Booten sahen die Matrosen stumm erschreckt herber. Aller Augen
waren auf den Kapitn geheftet, der blind vor Zorn vorwrts strzte und offenbar
den Vogel mit bloer Faust erwrgen wollte, denn er griff so heftig und
unvorsichtig ber den Bootsrand hinaus, da er das Gleichgewicht verlor und
kopfber ins Wasser fiel.
    Die Eisschollen, neben dem Boot treibend, gerieten in grere Bewegung,
schlossen sich ber- und nebeneinander, schaukelten auf den blau- oder
grnschillernden Wellen - von Thomas Wright war keine Spur zu sehen.
    Totenstille herrschte einen Augenblick lang in den Booten. Unsicher sahen
sich alle an. Sheppard hob sein Ruder, wie um zu sagen: Wer ihn auftauchen
sieht, der schlage zu!
    Aber nur einen Augenblick lang lag der Druck auf den Mnnern. Dann war
Robert dem Kapitn nachgesprungen und wie eine Ente in das Eiswasser
hinabgetaucht.
    Sheppard lie das Ruder fallen. Wie schade, wenn um dieses Schurken willen
der brave Junge ertrinken sollte! rief er.
    Morris schttelte den Kopf. Die beiden sind verloren!
    Es schien aber, als sollte sich die schlimme Vermutung nicht besttigen.
Roberts Kopf kam in einiger Entfernung vom Boot an der Oberflche zum Vorschein,
und bald danach auch der des Kapitns, der jedoch besinnungslos zu sein schien.
Hilfe! Hilfe! rief Robert mit lauter Stimme. Kommt, so rasch ihr knnt,
hierher.
    Ohne Zgern wurden alle Ruder eingesetzt, und schon in weniger als einer
Minute nahm das vorderste Boot die beiden Verunglckten an Bord. Robert war
unverletzt, aber der Kapitn blutete aus mehreren Kopfwunden, besonders jedoch
aus der Wunde am Arm, deren Verband sich gelst hatte. Er ffnete wohl hin und
wieder die Augen, ohne aber etwas anderes als verworrene Worte zu sprechen.
    Robert prete, nachdem er den Rockrmel aufgeschnitten hatte, Daumen und
Zeigefinger auf die verletzte Ader. Dann band er mit Hilfe einiger anderer um
den ganzen Arm ein festgedrehtes Tuch. Ohne da weiter gesprochen worden wre,
kehrten die Boote zum Schiff zurck.
    Im Wasser schrie immer noch der angeschossene Sturmvogel. Als das letzte
Boot an Bord geheit war, sahen alle in der Ferne die speienden Fische.
    Am folgenden Morgen und an noch vielen anderen wiederholten sich die
Ereignisse der beiden letzten Tage. Einer nach dem andern erkrankten die
Matrosen, Leiche auf Leiche wurde in das Meer versenkt, und die Stimmung der
Leute sank immer mehr.
    Der Vogel Greif kreuzte auf und ab, verfolgte nach verschiedenen
Richtungen meilenweit die Spur der Fische und kmpfte beharrlich gegen Wind und
Wetter, immer noch nach dem Willen des starrsinnigen Kapitns, der unter allen
Umstnden mit einer reichen Ausbeute heimkehren wollte.
    Es war, als htten sich geheimnisvolle Mchte verschworen, an jedem neuen
Tage Scharen von Fischen in die Nhe des Schiffes zu fhren, immer wieder die
Hoffnung der Leute aufzustacheln und sie dann ebenso hufig auf das grausamste
zu tuschen. Manche von den Matrosen weigerten sich bereits, diese schreckliche
Jagd mitzumachen, sie blieben zur Bedienung des Schiffes zurck und sahen dann
den andern nach, wie sie in rasendem Eifer die Boote vorwrts trieben, um den
blasenden Tieren nher zu kommen, und wie dann in dem Augenblick, als die
Harpunen geschwungen, werden sollten, - die Fische verschwanden.
    Geht das mit rechten Dingen zu? fragten sie sich.
    Ein Kopfschtteln war die Antwort. Ich glaube es nicht, und ich wei auch,
woran die Sache liegt. Der Kapitn bringt dem Schiff Unglck.
    Pst! warnte der erste. Deine Worte knnen dich den Hals kosten.
    Ach, was gebe ich viel auf den herzlosen Menschen! - Sag doch, bist du
krzlich unten im Raum gewesen?
    Der andere schttelte sich. Seit wir die armen Kerle da unten chzen und um
eine ruhige Sterbestunde bitten hrten, antwortete er, gehe ich nicht
hinunter.
    Sein Kamerad neigte sich noch dichter zu ihm. Du, raunte er, die da unten
chzen noch. Glaub es, oder glaub es nicht, aber wenn dich der Steuermann
hinunterschickt, so sprich vorher ein Gebet, denn ich sage dir, da es im Raum
nicht geheuer ist. War auch eine Schndlichkeit sondergleichen, die armen Kerle
in der Pestluft ersticken zu lassen.
    Nach einer Pause spuckte der erste den Kautabak ber Bord und nickte
geheimnisvoll. Daran liegt es auch, da wir keine Fische fangen, flsterte er.
Der Wterich konnte ja nicht einmal dem unschuldigen Vogel das Leben schenken.
    Sheppard sagt, er mchte gern in New York ein Huserspekulant werden, so
ein Halsabschneider, der den Leuten das letzte wegnimmt und damit Wucher treibt,
wenn er wirklich jemals seine Heimat wiedersieht!
    Ja, wenn! - Da hast du recht. Sieh, die Boote kommen schon zurck, es
besteht kein Zweifel, da ber Schiff und Besatzung ein Fluch liegt. Wre der
Mrder von Bord, so knnte es schon anders vorwrts gehen.
    Pst! La das Sheppard nicht hren. Was kommen soll, das kommt doch!
    Die Unterhaltung wurde hier durch das Auftauchen der Boote gestrt. Nur noch
zwlf Matrosen, der Obersteuermann und der Kapitn waren an Bord des Vogel
Greif, die brigen waren der schrecklichen Krankheit erlegen, whrend noch zwei
andere, der eine Untersteuermann und ein Matrose, krank umherschlichen.
    Die Stimmung war uerst gedrckt, obwohl Sheppards unausgesetzte Hetzereien
jetzt selten ein williges Ohr fanden. Der Gedanke, nur mit elf anderen den
Gewinn einer vollen Ladung zu teilen, der Gedanke, vielleicht durch diese
einzige Reise reich zu werden, berauschte die Mnner. Die sehnlichst erhoffte
Jagd konnte ja nicht immer tuschen! Speiende Fische zeigten sich berall, kamen
bis auf wenige Meter an das Schiff heran, folterten in der Nacht durch ihr
Blasen die aufgeregten Mnner und schwammen in langen Zgen an den Eisbergen
vorber - sie muten doch einmal gefangen werden knnen!
    Und dann malte sich jeder das Bild weiter aus. Vier- bis fnfhundert Dollar
wrden auf seinen Anteil fallen, er brachte vielleicht ein kleines Vermgen mit
nach Hause! - Nein, nein, jetzt nicht weich werden, nicht unverrichtetersache
heimkehren! Morgen hatte man vielleicht schon den ersten Fisch an der Harpune, -
- bei Tagesanbruch kam das langersehnte Glck! - -
    Sheppard nickte, wenn ihm solche Einwendungen entgegengehalten wurden.
Well, also ihr glaubt, da sich das Glck unserem verfluchten Schiff zuwenden
knnte? fragte er. Unsere toten Kameraden haben ihren Mrder bei Gott
verklagt, und um ihretwillen wird der Vogel Greif, wenn ihr nicht endlich zur
Einsicht kommt, hier mit Mann und Maus untergehen. Jetzt sind wir vier Monate
lang unterwegs, - woher sollen denn die Lebensmittel genommen werden, um uns
wieder nach New York zu bringen? Und wenn auch noch der Obersteuermann stirbt,
wie wollen wir es machen, mit so schwacher Mannschaft das Schiff zu bedienen?
    Sieh doch nicht so schwarz! hie es dann. Der erste Steuermann ist ja
ganz gesund.
    Heute noch! rief der Amerikaner. Aber wit ihr, was morgen geschieht?
    Morgen fangen wir vielleicht den ersten Wal!
    Sheppard lachte spttisch. Denkt an mich, - ihr fangt ihn nie!
    Die beiden Matrosen, deren Gesprch wir neulich belauscht hatten, nickten
finster. Heute schwiegen sie noch, aber bei der nchsten Gelegenheit traten sie
offen auf Sheppards Seite. So kann die Sache nicht lnger gehen, sagte der
eine. Wenn nur die grere Hlfte der Mannschaft zu uns hielte, dann liee sich
noch etwas hoffen, aber unter den augenblicklichen Verhltnissen steuert die
Geschichte in den Abgrund, das ist sicher.
    Morris steht zu uns! flsterte Sheppard. Wollen wir einen Handstreich
wagen?
    Der eine Matrose hob den Arm, wie zum Schlag. Du meinst so? fragte er
bedeutsam.
    Ja, antwortete der Amerikaner kurz und kalt. Wenn es darauf ankommt, ob
vierzehn Menschen zu Grunde gehen sollen oder ob einer ins Gras beit, so kann
die Entscheidung nicht zweifelhaft sein.
    Jetzt war das Eis gebrochen, und die vier Verbndeten hielten heimlich Rat,
wie der verbrecherische Plan am leichtesten auszufhren sei. Wenn wir nur den
Kroll zu uns herberziehen knnten, meinte der eine, das wre schn. Dieser
Bursche frchtet sich vor dem leibhaftigen Satan nicht!
    Sheppard schttelte den Kopf. Aber ebensowenig wird er gutheien, was er
nun einmal Mord nennen wrde! sagte er. Lat ihn ganz aus dem Spiel, -
womglich knnte er den Kapitn noch warnen. Hat er ihn doch neulich unter
Gefahr seines eigenen Lebens aus dem Wasser gezogen.
    Lat ihn ganz beiseite, meinte auch Morris. Wir vier knnen es gut
allein, und wenn einmal der rothaarige Judas den Haifischen vorgeworfen ist, so
kommt das Schiff aus dem Bann los. Wir fangen Fische, bis die Ladung voll ist,
und sind wohlhabende Leute. Der Obersteuermann mu nach unserer Pfeife tanzen.
    Die vier Verbrecher reichten sich die Hnde. Heute noch? fragte Sheppard.
    Je eher, desto besser, denke ich. Der Kapitn mu jetzt Wache halten, so
gut wie irgendeiner von uns, also berfallen wir ihn, whrend Mr. Pikes
schlft.
    Nun gut. Am besten zwischen zwlf und ein Uhr nachts, weil dann die
ermdeten Leute fest schlafen, und also der Kapitn nicht sofort Hilfe
herbeiholen kann. Eins nur beunruhigt mich.
    Was denn? fragte Morris.
    Da wir nach dem Tode des Kapitns nur einen Steuerkundigen an Bord haben.
Der zweite Steuermann lebt zwar noch, aber er kann es nicht mehr lange machen.
Wir wren also verloren, wenn Mr. Pikes das Geringste zustiee!
    Morris zuckte die Achseln. Das mu gewagt werden, sagte er.
    Und das soll es, nickte Sheppard. Also um Mitternacht.
    Sie gaben sich noch einmal das Versprechen gegenseitiger Treue, dann gingen
sie ihrer Arbeit nach. An diesem Tage wurde nicht versucht, Walfische zu jagen,
obwohl sich die Tiere ebenso zahlreich wie sonst in der Nhe des Schiffes
zeigten. Kapitn Wright stand an der Schanzkleidung und sah dster ber das
Meer. Wie war der Mann verndert!
    Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, das frher so braune, frische Gesicht
erschien fahlgrau, und wie gebrochen war seine ganze Haltung. Heute ist
Montag, dachte er, und an diesem Tag soll man keine Entschlsse fassen, nichts
anfangen und nichts vollenden, aber morgen - morgen will ich noch einmal diese
unheimliche, schreckliche Jagd beginnen, und ihr Ausgang soll mein Schicksal
bestimmen! Wird wieder keiner dieser gespenstischen Fische gefangen, so kehre
ich um und begnge mich mit Robben und Walrossen. Damned! - Es ist die schwerste
Stunde meines Lebens, wo ich befehlen mu, das Ruder zu wenden, und wo mir diese
Satansbrut ins Gesicht lachen darf.
    Seine Lippen preten sich aufeinander. Ich kann mein Ziel noch nicht
erreichen, dachte er, ich kann nach den schweren Verlusten dieser
Unglcksfahrt das Schiff noch nicht aufgeben. Der Teufel hole die verwnschten
Tiere, die mich an der Nase herumfhren.
    Er sah nach allen Seiten, und seine bleichen Lippen zuckten vor Erregung.
Vier - sechs - zehn Fische! murmelte er, und dort noch einer, und dort, aber
was ntzt es mir, sie zu verfolgen? - Oh, der Wahnsinn knnte mich erfassen,
sooft ich daran denke!
    Seine Blicke schweiften wie im halben Irrsinn ber das Wasser. Der dort
kommt immer nher, dachte er, immer nher! Er fordert mich heraus - ob ich das
Boot aussetzen lasse und ganz allein die Jagd beginne? Wahrhaftig, das Tier
schwimmt bis unter den Bug des Schiffes! Es ist ein Riese seiner Art, wenigstens
zwanzig Meter lang, und was fr ein Umfang! - Ich werde ihm eine Kugel in den
Kopf jagen, nur um ihn zu tten!
    Er schlich auf Zehenspitzen zur Kajte, als knne das Gerusch seiner Tritte
den Fisch verscheuchen, und nahm von der Wand die doppellufige Flinte. Aber als
er zwei Minuten spter zu der verlassenen Stelle zurckkehrte, scholl ein
heiseres, halblautes Gelchter ber das Deck.
    Schon den Gedanken lesen einem diese Teufelstiere aus dem Hirn heraus!
knirschte er. Ich mchte mich ins Meer strzen und auf dem untersten Grund
suchen, um sie mit bloen Fusten anzufallen! -
    Er warf das Gewehr weg. Seine Augen funkelten wie die eines Tigers, seine
Ngel gruben sich in das eigene Fleisch, bis das Blut, hervorkam.
    Wenn mich doch der deutsche Bursche nie gerettet htte, dachte er in
malosem Groll. Was ntzt es, zu leben, wenn der Einsatz verloren ist? Diese
Meuterer werden mir von morgen an offen Hohn sprechen!
    Er verbarg das Gesicht hinter der vorgehaltenen Hand. Niemand sollte sehen,
wie es in seinen Zgen arbeitete, wie die rasende Verzweiflung darin Raum
ergriff.
    Und weiter und weiter lief der Zeiger des Chronometers, der Tag neigte sich
dem Abend zu. Morgen noch! dachte er, morgen noch, und dann - gebe ich das
Spiel verloren.
    Der Kapitn wanderte auf und ab, bis um acht Uhr abends seine Wache, zu der
auch Robert gehrte, abgelst wurde und er sich in der Kajte auf das Sofa
strecken konnte. Wirre Bilder durchzuckten seine erhitzten Sinne. Bald sah er
seine vierzehn toten Matrosen, wie sie ihn aus hohlen Leichengesichtern
anstarrten und klglich um Erlsung aus dem dumpfen Raum flehten, wie sie ihm
zunickten und die Knochenhnde erhoben: Daran ist allein dein unmenschlicher
Geiz Schuld, deine Hrte, mit der du uns das Notwendigste zum Leben
vorenthieltest, nur weil wir dir wehrlos ausgeliefert waren, weil uns die
Mglichkeit fehlte, das Gesetz gegen dich zur Hilfe zu rufen! -
    Und wieder lachten die Toten. Merkst du nichts? - Wir rchen uns da, wo es
dich am empfindlichsten trifft, an deinem Geldbeutel; wir machen mit den Fischen
gemeinsame Sache und zwingen dich, das zu tun, was du aus Menschlichkeit, um
sterbender und leidender Unglcklicher willen, nicht wolltest! -
    Im Traum wlzte sich der gefolterte Mann unruhig von einer Seite zur andern.
Er erwachte endlich in Schwei gebadet, zuckend an allen Gliedern. Nur langsam
konnte er sich aus dem heftigen Anfall erholen und die Gegenwart in sein
Gedchtnis zurckrufen. Ja, ja, er hrte es, das Blasen der Fische rings um das
Schiff, er hrte es mit unbeschreiblicher Wut.
    Diese Qual mu ein Ende haben, dachte er, oder es ist mein Tod.
    Als ihn Mr. Pikes weckte, hatte er keinen Augenblick ruhig geschlafen.
Fieber glhte auf seiner Stirn, seine Hnde zitterten. Es ist gut, Sir, sagte
er, ich komme gleich. Alles in Ordnung, nicht wahr?
    Der Obersteuermann griff an die Mtze. Alles beim alten, Herr Kapitn,
antwortete er doppelsinnig.
    Thomas Wright unterdrckte einen Seufzer. Ich verstehe Sie recht gut, Mr.
Pikes, begann er wieder, und ich wei auch, da Sie recht haben. Morgen mit
Einbruch der Dunkelheit wird das Schiff gewendet, wenn nicht - - die Jagd
begonnen hat.
    Der Obersteuermann trat einen Schritt nher. Herr Kapitn, sagte er, wenn
es mglich wre, Einflu auf Ihre Entschlsse auszuben, so wrde ich dringend
raten: Lassen Sie uns schon heute, schon jetzt umkehren! - Auf den Gesichtern
der Leute steht nichts Gutes!
    Thomas Wright schttelte den Kopf. Heute, am Montag, Sir? Ich kann es
nicht, und ich mu auch noch den morgigen Tag haben, um meine Frage an das
Schicksal stellen und seine Antwort erhalten zu knnen. Morgen soll noch eine
Jagd stattfinden, eine letzte, angestrengte Jagd, und das Ergebnis soll als
Urteilsspruch gelten. Fangen wir auch nur einen Fisch, ja, haben wir auch nur
mit einem Wal einen Kampf zu bestehen, so bleibe ich noch, anderfalls - -
    Eine Handbewegung vollendete den Satz. - Haben Sie brigens bei der
Mannschaft irgendwelche besonderen Merkmale beobachtet, Sir? fgte er hinzu.
    Der Obersteuermann zuckte die Achseln. Nichts Bestimmtes, Herr Kapitn,
aber dennoch - ich wei nicht - -
    Der Kapitn reichte ihm die Hand. Gut, gut, Mr. Pikes, sagte er
freundlich. Sie erfllen Ihre Pflicht zu meiner vollen Zufriedenheit. Das werde
ich Ihnen nicht vergessen. Was Ihre Vermutungen betrifft, so wre es wohl das
beste, wenn wir beide bis morgen abend nicht mehr zu Bett gingen, damit keiner
von uns den Meuterern allein gegenbersteht. Was halten Sie davon, Sir?
    Ich bin vollstndig Ihrer Meinung, Herr Kapitn. Doch drfen wir die Leute
nicht aufmerksam machen. Also bleibe ich bei halbangelehnter Tr in der Kajte,
falls meine Gegenwart an Deck notwendig werden sollte.
    Thomas Wright nickte. Well, sagte er, ich werde gleich erscheinen.
    Der Steuermann zog sich zurck, und zwei Minuten spter hatte der Kapitn
seine Wache bernommen. Robert stand am Ruder, als er das Deck betrat.
    Der schwache Wind der letzten Tage war in vollkommene Windstille
bergegangen. Die Segel hingen schlaff herab, das Meer glich in seiner
Unbeweglichkeit einem schwarzen, nur von einzelnen Lichtstrahlen berglnzten
Spiegel, dessen Ruhe und Einfrmigkeit drckend wirkte. Kern Laut ringsumher
unterbrach die Stille.
    Kapitn Wright blickte prfend zu den Welken auf. Eine tiefschwarze, breite
Bank, nach oben von grauen Streifen umsumt, stand regungslos wie ein Fels im
Norden. - Aha, murmelte der Seemann, ich dachte es doch. Diese Ruhe konnte
nur ein Vorbote sein.
    Er lie die leichten Segel wegnehmen und beobachtete dann den dunklen
Horizont. ber der Wolkenbank erhob sich allmhlich ein breiter, scharf
begrenzter Lichtbogen, der in steter, wellenfrmiger Bewegung einmal zu wachsen,
ein andermal schwcher zu werden schien. Die Mitte des Bogens in schnstem,
prachtvollstem Rot nahm pltzlich eine glnzendere, durchsichtigere Frbung an,
es bildete sich eine Feuerkugel, aus der in schneller, blendender Reihenfolge
einzelne blitzartige Strahlen hervorschossen, die nun strker und immer strker
die schwarze, untere Bank durchdrangen. Sich nach allen Himmelsrichtungen
ausdehnend, flatternd wie ein windbewegtes Band, sich krmmend in pltzlichen,
anmutigen Windungen wie eine Schlange, so sah man diese purpurnen,
lichtdurchschimmerten Streifen an ihren uersten Spitzen bald in grnen, bald
in blauen oder gelben Farbtnungen. Ein eigenartiges zischendes Gerusch, ein
Knattern und Rollen wie von zerplatzendem Feuerwerk begleitete diese
Naturerscheinung, die in solcher Schnheit nur an den beiden Polen der Erde
beobachtet werden kann.
    Das Nordlicht, in unseren Breiten ein dunkler und ein rtlicher, am Himmel
feststehender Streif, dem man keine besondere Schnheit abgewinnen kann, bietet
in den Polarregionen ein so wunderbares Schauspiel, wie man es kaum beschreiben
kann.

    Eine halbe Stunde mochte vergangen sein. Noch stand das Nordlicht am
Horizont und noch schlief der Wind. Kapitn Wright lehnte mit gekreuzten Armen
an der Kombse und beobachtete die Erscheinung, die selbst er, der langjhrige
Grnlandfahrer, in so seltener Pracht noch niemals gesehen hatte. Vielleicht
hatte er, seinen Gedanken berlassen, im Augenblick ganz vergessen, da ihn
meuternde und erbitterte Matrosen umgaben, vielleicht war er zu unerschrocken,
um berall Verrat und Gefahr zu frchten, jedenfalls bemerkte er nicht, da
zwischen der Kombse und dem Mannschaftslogis mehrere dunkle Gestalten am Boden
kauerten, und da ab und zu ein leises, kaum vernehmbares Flstern die Nacht
durchdrang. Seine Augen suchten in den Segeln nach dem ersten strkeren Luftzug,
und seine Ohren horchten mit stillem Grimm auf das ferne Gerusch der blasenden
Walfische.
    Er stand unbeweglich gegen die Wand der Kombse gelehnt.
    Damned! flsterte hinter ihm, von dem Gerusch des Nordlichts bertnt,
Sheppard, wie lange will er uns noch den Rcken kehren?
    So gib ihm den Stich zwischen die Schultern! raunte Morris. Ein kaltes
Eisen schmeckt auch da nach Tod.
    Wenn es richtig trifft! nickte Sheppard. Mir ist der Hals lieber.
    Pah! meinte einer der Deutschen, warum greifen wir ihn nicht offen an?
Freunde hat er nicht, und sich gegen uns alle wehren, kann er ebensowenig.
    Das zwar nicht, aber Freunde knnte er doch finden. Zum Beispiel Kroll! Wo
steckt der?
    Pst! Er hat die Wache am Ruder. Hrt zu, Leute, ich will in dem Augenblick,
wenn sich der Kapitn zufllig hierherwendet, den Stich in die Brust wagen, -
dann aber mt ihr mir beistehen. Morris schiet die Pistole auf ihn ab, damit
er endgltig genug hat, du August, verriegelst die Tr der Kajte, und du, Emil,
wirfst dich denen entgegen, die etwa an Deck strzen und ihm beistehen wollen.
Vor allen Dingen aber, - das lat euch um Gottes willen gesagt sein! - vor allen
Dingen ist die Person des Steuermanns unverletzlich. Wir spielen um hohen
Einsatz, wenn wir mitten im Eismeer den einen der beiden Steuerkundigen tten,
das wit ihr alle, und darum denkt daran, was ich euch sage: Mr. Pikes ist
selbst in einem Handgemenge unverletzlich.
    Die Verbndeten gaben leise ihre Zustimmung, und dann warteten alle, bis der
Kapitn seine jetzige Stellung ndern wrde.
    Sie hatten, nicht lange zu warten. Ein weilicher Schaum bildete sich an dem
glockenfrmigen Bug des Vogel Greif, ein kalter Hauch wehte ber die Stirnen
der Mnner, und ein leiser, pfeifender Ton fuhr durch das Takelwerk. Die
Erscheinung war ein Vorlufer des Sturmes.
    Kapitn Wright ging mit langsamen Schritten ber das Deck. Da htte ich
hchstwahrscheinlich schon den Ausspruch des Schicksals, dachte er. Morgen
wird es mir kaum mglich sein, mit der geringen Anzahl Leute die ntigen
Segelmanver auszufhren, viel weniger kann ich an eine erfolgreiche Jagd
denken. Damned, das Verhngnis ist gegen mich!
    Diese Worte - ein Fluch - sollten seine letzten sein. Er hatte sich beim
Zurckgehen der Kombse wieder genhert, und diesen Augenblick benutzte
Sheppard, um wie eine Tigerkatze vorzuspringen und ihm das Messer bis ans Heft
in die Brust zu stoen.
    Ein wilder, gellender Schrei aus dem Munde des tdlich Getroffenen weckte im
gleichen Augenblick die ganze Mannschaft.
    Morris, der erhaltenen Anweisung getreu, erhob die Pistole, um auf den noch
im Sterben ringenden Kapitn zu schieen, als von der Kajte her Mr. Pikes,
bewaffnet und angezogen, dem Kampfplatz zustrzte.
    Schufte, rief er. Feige Schurken, ihr -!
    Weiter kam er nicht. Der Schu krachte, und ins Herz getroffen strzte Mr.
Pikes neben dem sterbenden Kapitn auf das Deck. Strme von Blut liefen ber die
Planken, - noch wenige Augenblicke starren, wortlosen Entsetzens, dann waren
beide Verwundeten tot.
    Der erste, der sich aufraffte, war Sheppard. Unglcklicher, rief er, was
hast du getan? - Jetzt sind wir alle verloren.
    Morris stand totenbleich da. Seine Hnde zitterten, seine Augen rollten
wild. Ich habe geschossen, antwortete er mit heiserer Stimme, wie du es
befahlst, Sheppard. Kann ich dafr, wenn mir ein anderer in den Weg luft?
    Niemand widersprach ihm. Bleiche, entsetzte Gesichter sahen sich an;
tdlicher Schreck sprach aus ihnen. Die Frage Was nun? drngte sich
unwillkrlich jedem einzelnen auf.
    Auch Robert sah von einem zum andern. Da trafen sich seine und Sheppards
Blicke. Was willst du? rief mit steigender Wut der Amerikaner. Mich einen
Mrder nennen, uns alle ans Messer liefern, wenn das Schiff jemals einen Hafen
wiedersieht, nicht wahr? - Geh fort, hole ein Rumfa, ich befehle es dir.
    Sheppard, im Angesicht der Toten willst du trinken?
    Der Amerikaner lachte. Auf diesem Schiff regiert der Teufel, rief er. Es
wird frh genug als Wrack am Strande liegen, also lat uns die paar Tage
genieen, so gut es geht. Den Rum her, sage ich.
    Zwei von der Mannschaft, gierig und unbndig wie er selbst, waren bereits in
den Vorratsraum hinabgestiegen, hatten die Tr mit Axtschlgen geffnet und
schleppten jetzt eins der Branntweinfsser herbei. Um keine Zeit zu verlieren,
schlug man auch hier den Boden heraus, so da sich Blut und Branntwein an Deck
miteinander mischten. Dann begann das Gelage.
    Nachdem die Leute vier Monate lang den gewohnten und beinahe unentbehrlichen
Alkohol jeden Tag vermit hatten, strzten sie jetzt wie die wilden Tiere
darber her, so da sie schon nach einer Viertelstunde vollstndig betrunken
waren, und in diesem Zustand schreckten sie vor keiner Abscheulichkeit mehr
zurck.
    Fat an! rief Sheppard. ber Bord mit den Toten!
    Ein rohes Lachen antwortete ihm. Eins, zwei, - - drei!
    Das Wasser spritzte hoch empor, das Meer zog weite Kreise, und ein Hai, der
dem Schiff schon lngere Zeit gefolgt war, ffnete gierig das Maul mit den sechs
Reihen nach innen gebogener, sgenfrmig ausgefeilter Zhne - - - noch einmal
wiederholte sich das barbarische Schauspiel, dann wurde notdrftig das Blut
abgewaschen und weitergetrunken, bis alle Teilnehmer des entsetzlichen Gelages
unfhig waren, auch nur noch die Hnde aufzuheben.
    Fnf von den Mnnern lagen regungslos an Deck und htten unbedingt erfrieren
mssen, wenn nicht die andern so barmherzig gewesen wren, sie in das Logis zu
schleppen. Als die wilden Stimmen verhallt waren, hielten die Besonnenen einen
verzweifelten Kriegsrat.
    Was soll aus uns werden? fragten die Mutlosesten. Dieser Sheppard wird
jetzt wie ein Teufel an Bord regieren und uns alle, sobald es ihm gefllt, dem
Kapitn nachschicken.
    Morgen haben wir Sturm! warf ein anderer ein. Es ist gleichgltig, was
wir wnschen und was wir beschlieen, - das Schiff wird ein Wrack sein, ehe noch
die nchste Nacht vergeht. Sheppard mu uns vor Gott verantworten, - uns rettet
nichts.
    Eine unheimliche Stille folgte diesen nur zu wahren Worten, dann fuhr der
Sprecher fort: Ist einer unter uns, der etwas von Steuerkunde versteht?
    Alle schttelten die Kpfe. Aber der zweite Steeurmann lebt ja noch! rief
pltzlich Robert.
    Man eilte zu seiner Koje. Der Mann war noch warm, aber - vor einer
Viertelstunde etwa gestorben.
    Es ntzt nichts! sagte verzweifelt der Matrose. Wir sind verloren. Hrt
ihr, wie es durch das Takelwerk heult?
    Wirklich pfiff und chzte der Wind in den Segeln. Das Schiff flog wie eine
Mwe ber die Wellen. Niemand achtete auf den Kurs, niemand befahl und niemand
gehorchte. Bange Todesstille herrschte in dem kleinen Kreis.
    Wre nur Sheppard erst einmal nchtern, meinte Robert. Er versteht
vielleicht das Notdrftigste; denn er hat ja die ganze Sache eingeleitet.
    Der andere schttelte den Kopf. Das glaube ich nicht, und ebenso sicher ist
es auch, da Sheppard nicht mehr nchtern werden wird, bis er zur Hlle fhrt.
Du kennst diese Sorte von Seeleuten nicht, sie sind wilde Bestien, wenn der
Alkohol ihren Verstand umnebelt. Sheppard htte bei tglichen, migen Rationen
seine Arbeit treu erfllt und wre vernnftig geblieben, bei vollen Fssern aber
wird aus ihm ein Teufel, der alle Vernunft verlacht. Er trinkt, trinkt - und
geht bewutlos mit den letzten auseinanderbrechenden Planken des Vogel Greif in
die Tiefe. Uns zieht er nach sich, das ist das Schlimmste.
    Roberts Augen glhten. So lat uns jetzt gleich die Fsser an Deck rollen,
rief er, und lat das Teufelsgebru aus den Speigatten laufen. Dann bleibt
Sheppard nchtern, ob er will oder nicht.
    Der Kamerad lchelte. Willst du ihm sagen, da du es warst, der den
Branntwein verschttet hat? fragte er.
    Ja. Weshalb nicht?
    Weil er dich auf der Stelle totschlagen wrde, mein Freund!
    Das ist wahr! sagte eine andere Stimme. Wir knnen es nicht tun. Alles,
was uns brig bleibt, ist - Gott um Gnade bitten. Wten wir wenigstens, wo wir
im Augenblick sind und ob eine Kste in der Nhe ist.
    Der erste Matrose nickte. Das glaube ich euch sagen zu knnen, Kameraden.
Die letzten Wale, die ich gestern abend gesellen habe, waren Breitnasen, - eine
Gattung, die man vor allem an der nrdlichsten Kste von Lappland trifft. Dort
also mssen wir sein.
    Robert atmete auf. Lappland! wiederholte er, das ist immer noch besser
als Grnland oder Nowaja-Smelja, die beide an ihren Eismeergrenzen ganz
unbewohnt sind. Werden wir an die Kste getrieben und kommen mit dem Leben
davon, so besteht doch einige Aussicht, da uns ein Stamm der Wanderlappen
begegnet, - da wir zu Menschen gelangen.
    Die brigen seufzten. Was fr einen Mut du hast, Kamerad! Als ob man daran
denken drfte, lebend den Strand zu erreichen.
    Roberts frisches Gesicht sah aus wie lauter Jugendkraft und Zuversicht.
Matrosen, sagte er, das ist nicht der Weg, der zum Ziel fhrt. Wir mssen an
die vielen Schiff brchigen denken, die schon gut an Land gekommen sind, und
mssen alle unsere Kraft einsetzen, um den Tod zu schlagen. Jeden Augenblick
kann das Schiff auf die Klippen laufen, darum lat uns gerstet sein. Einer mu
an den Ausguck. Wen whlt ihr dazu?
    Der erste Matrose reichte ihm die Hand. Geh du selbst, Kamerad. Dein Herz
und deine Augen sind jung, geh du! An Rettung ist nicht zu denken, aber warne
uns rechtzeitig, da man im letzten Augenblick ein Vaterunser beten und
wenigstens ruhig sterben kann.
    Robert hrte nicht auf das, was die Mutlosen sagten. Er kletterte trotz des
wilden Wetters so ruhig ber die Bordwand hinaus und an den Strickleitern empor,
als sei es der schnste Sommerabend und kein Wlkchen am Himmel.
    Der Wind flog durch sein dichtes Haar, ri und rttelte an den schwachen
Strngen, denen er sich so sorglos anvertraute, bog die Raaen unter seinen Fen
und peitschte das lose Takelwerk hoch oben am Messingknauf, den die Strafwache
putzen mu und an dem er selbst so manches Mal gehangen hatte, aus reiner Lust
am gefhrlichen, bermtigen Spiel.
    Er atmete tief auf und sah um sich, so gut es die Dunkelheit zulie. Nichts
als weien, schumenden Gischt, haushohe Wellen und schwarze, ghnende Abgrnde
konnten seine Augen unterscheiden.
    Jetzt sterben? dachte er. Unmglich, das kann Gott nicht wollen. Ich
glaube, da ich mich retten werde und vielleicht die anderen dazu. Dann gibt es
eine Wanderschaft durch die Eiswsten. Rentierblut oder vielleicht sogar Tran
als Nahrung, Kampf mit Bren und Wlfen, endlose Einsamkeit in Schnee und Klte,
- dann heit es jeden Augenblick um das Dasein kmpfen und ihm jeden Fubreit
Boden ablisten. Mag es schwer werden, mgen die Hnde bluten und die Fe den
Dienst versagen, ich will aushalten, aber - nur nicht sterben!
    Er schlug die Arme um den Krper und hielt scharfen Ausguck, bis der Morgen
dmmerte, aber kein Land kam in Sicht. In unaufhaltsamer Fahrt strmte der
Vogel Greif durch die Wogen vorwrts.
    Als es heller Tag geworden war, kam der Neger, um Roberts Wache zu
bernehmen. Drinnen in der Kajte brannte ein behagliches Feuer, ebenso war
Kaffee gekocht worden und etwas kaltes Fleisch hervorgesucht. Die fnf
Betrunkenen taumelten und krochen berall umher, um sich mhsam der letzten
Vergangenheit zu erinnern und dann wieder an die Branntweinfsser
zurckzukehren. Vergeblich waren Roberts Bitten, vergeblich seine eindringlichen
Vorstellungen. Sheppard brummte einen Fluch. Wer kann gegen das Schicksal,
sagte er, wer kann sich gegen den Teufel behaupten? Das Schiff ist ihm
verfallen, seit der verfluchte Mrder, den nun die Haifische gefressen haben,
den Sturmvogel erscho. Da hilft nichts, also lat uns lustig sterben, wenn doch
einmal gestorben sein mu.
    Robert gab aber die Sache noch nicht auf. Sheppard, sagte er, willst du
nicht uns allen helfen, statt dich sinnlos zu betrinken und vielleicht aus dem
tierischen Rausch nie wieder zu erwachen?
    Geh zum Teufel mit deinem Geplrr!
    Und das zweite Rumfa wurde in die Kapitnskajte geschleppt, wste
Gassenhauer wurden angestimmt und weitergezecht und gejubelt, bis tiefe Stille
eintrat, - bis da unten in dem kleinen, gemtlichen Raum wieder fnf leblose
Krper auf dem Boden lagen wie gestern.
    Aber die andern hatten keineswegs die Hnde in den Scho gelegt, sondern
getan, was sich im Augenblick tun lie. Man spannte schwere Seile quer ber das
Deck, um fr die notwendigsten Manahmen einen einigermaen festen Halt zu
haben, dann wurden auch die groen Segel eingezogen und auf diese Weise die
Fahrt des steuerlosen Schiffes etwas ermigt. Da sich kein Kurs verfolgen und
kein Segelmanver ausfhren lie, so kam es ja allein darauf an, der Strmung zu
folgen und das Weitere abzuwarten.
    Der Wind wurde gegen Mittag immer strker. Das Barometer fiel pltzlich sehr
tief, und der Orkan brach los, so da sich das Schiff mit kahlen Masten ganz auf
die Seite legte. Nachdem es sich ebenso schnell wieder aufgerichtet hatte,
setzte es die Fahrt mit unheimlicher Geschwindigkeit fort, wohin, das wute
niemand. Der Druck des Windes war so gro, da er keine hohe See mehr aufkommen
lie, sondern alles Wasser gleich in Schaum verwandelte.
    Da klang durch das Toben des Sturmes ein Schrei, wie ihn ein Mensch nur in
hchster Verzweiflung und Todesnot ausstoen kann.
    Land! - Land! Gott im Himmel, das ist die Kste!
    Zwischen den aufgespannten Seilen hielten sich die Matrosen mhsam aufrecht.
Aller Augen starrten auf die verhngnisvollen Eisblcke, die sich in einer
Entfernung von wenigen hundert Metern riesig und unbeweglich emportrmten. Nein,
das schwamm nicht, das stand fest im Sturm und streckte seine letzten Auslufer
bis in das brodelnde, zischende Meer, dessen Wellen es zuweilen hoch bersplten
und fr den Augenblick ganz in sich vergruben.
    Wie ein Pfeil scho das Schiff geradewegs der Brandung entgegen. Noch einige
Minuten, und es mute in tausend Trmmer zerschellen.
    Der alte Neger stand zufllig zwischen den Haltetauen neben Robert. Jetzt
ist es vorbei, sagte er. Der Tod erwartet uns.
    Noch nicht! rief Robert unter Aufbietung aller seiner Krfte, noch nicht,
Mongo! Es ist noch Hoffnung, solange wir leben.
    Fast im gleichen Augenblick stand das Schiff in einer frchterlichen
Brandung und lief mit solcher Wucht auf Grund, da der Sto die ganze kleine
Besatzung zu Boden warf.
    Die Masten drehten sich knarrend, schwankten und strzten gleichzeitig ber
Bord, das ganze Achterdeck wurde wie ein Federball fortgeschleudert, fr
Sekunden sah Robert noch die Leichengesichter Sheppards und seiner Genossen,
dann kam die Katastrophe.
    Ein unheimlicher, donnerhnlicher Krach spaltete das Schiff von einem Ende
zum anderen, weie Sturzseen gingen darber hin, Robert fhlte sich
emporgehoben, vom Wirbel fortgerissen und geblendet von den rauschenden Fluten -
-
    Dann verlor er die Besinnung.

                               Im hohen Norden


Kennt ihr das Mrchen von der Entstehung Norwegens?
    Lat es euch erzhlen!
    Als Gott der Herr die Welt erschaffen und alles ringsumher geordnet hatte,
da blickte er zufrieden auf das vollendete Werk. Pltzlich aber wurde sein
Nachsinnen gewaltsam gestrt durch den Fall eines ungeheuren Felsbrockens, der
in das Meer strzte. Als der Schpfer aufsah, erblickte er den Teufel, der
hohnlachend dem gewaltigen, von seiner Hand geschleuderten Block nachschaute.
Die Achse des neu entstandenen Erdballs soll brechen! rief Luzifer, der ganze
Bau soll in Trmmer fallen, weil ich ihn hasse!
    Aber Gottes Liebe war strker als der Ha des Bsen. Zwar schwankte der
Erdball und drehte sich, in seinen Grundfesten erschttert, um die eigene Achse,
aber des Herrn Hand gab dem Felsblock einen Halt im Meer, und sein Herz erbarmte
sich des toten, starren Gesteins. Er segnete die wildzerrissenen schwarzen,
berall wie unheimliche Riesen aus dem Ozean auftauchenden Berge und streute in
die tiefen Tler den letzten Rest briggebliebener Erde. Aber ach! Er begann mit
diesem Werk der Barmherzigkeit im Sden, wo bald darauf hohe Bume, grne Wiesen
und goldene hrenfelder wuchsen, - fr den Norden behielt er kein Krnchen Erde
zurck.
    Dennoch belebte der Segen des Weltschpfers auch die kahlen, toten Felsen.
Keine Blume blht dort, keine Frucht reift und kein Vogel singt, aber in die
ewigstarren Eisfelder setzte Gott ein Geschpf, halb Kuh, halb Hirsch, das mit
Milch und Butter, Blut, Fleisch, Fell und Sehnen die Menschen vor dem Hungertode
bewahrt: das Rentier. Und alle Strme, alle Seen und Flsse, das Meer und die
Fjorde fllte er mit Fischen.
    Das ist Norwegen, das ist das Land hoch oben unter dem siebzigsten
Breitengrad, wo auch Walfisch und Eisbr leben.
    Abwechselnd schwarz und mit Eis berzogen ragen die Felsspitzen vom Meer bis
zu den Wolken in hundertfachen Abstufungen hoch und immer hher empor. Hier
schlgt die Brandung, grnlich schillernd, weischumend und gewaltig wie ein
wildes Urweltgeschpf, donnernd im sprungartigen Anprall gegen einen Felsen, der
seit dem ersten Schpfungstage die steinerne Brust flach und unbewehrt dem Toben
des Meeres darbietet, der wie ein Kaiser im wallenden Mantel von Schnee und Eis
stolz ber seine Vasallen hinwegsieht und dessen Haupt die Sonnenstrahlen
krnen.
    Dort strzen die Wellen, sich gegenseitig berholend und zurckdrngend, wie
von Feinden getrieben, in regelloser Flucht durch die schwarzen, steinernen
Sulen, unter deren Bogen ein verborgenes Echo wohnt, das spottend seit
Jahrtausenden jeden Laut zurckwirft.
    Wie die Ruinen und halb verkohlten berreste einer zerstrten Riesenstadt,
so ragen die zerrissenen, gespaltenen und vielgeformten Felsgipfel aus dem Meer
hervor, wie ein starrer, steinerner Grtel umgeben sie terrassenfrmig das Land.
Und ber die hchsten Spitzen erheben sich schneebedeckt, unnahbar und
ehrfurchtgebietend die fernen Gipfel der Riesenberge, blauverhllt von. Dunst
und Wolkenschleiern, vom Zauber der Sage geheiligt. - -
    Die Sonne schien hell herab, das Meer lag ruhig wie ein schlafender Riese,
die Mwen schwebten mit weien Flgeln ber dem Wasser, und hoch oben in der
reinen, eiskalten Luft zog ein Adler seine Bahn - -
    Er schraubt sich tiefer und tiefer herab, er spht mit seitwrts gewandtem
Kopf und zieht immer engere, kleinere Kreise - -
    Was da unten die Wellen spielend emporheben, was sie bald der Kste zufhren
wollen und bald von ihr wieder entfernen, das weie, stille Gesicht mit der
klaffenden Stirnwunde und den geschlossenen Augen, - ist es ein willkommener
Fund, eine Beute fr die kreischende Brut im unzugnglichen Felsennest?
    Tiefer senkt sich der Raubvogel, noch tiefer - -
    So bleich das Gesicht, so reglos die ganze Gestalt - der da auf den Wellen
treibt, ist tot - -
    Noch wenige Armeslngen, und der Adler packt mit scharfem Schnabel seine
Beute. Schon schwebt er unmittelbar ber dem Krper des Leblosen - -
    Da fliegt ein schweres Holzstck sausend durch die Luft, das Raubtier stt
einen Schrei aus und taumelt empor in eiliger Flucht - -
    Schwarze Arme teilen die Flut, ein dunkles Gesicht beugt sich ber den
Toten, und krftige Hnde tragen ihn an den Strand, auf das Bett von Felsen und
Schnee.
    Mongo, der alte Matrose, schttelt den Kopf.
    Wenig Hoffnung, denkt er, aber doch will ich es versuchen, doch alles
mgliche tun, bevor ich den armen Jungen seinem Schicksal berlasse!
    Und er entblt die Brust des Bewegungslosen, er reibt mit. Schnee die
starren Glieder, er walkt den ganzen Krper, wie der Bcker den Teig, damit das
verschluckte Wasser herauslaufe, er haucht den eigenen Atem zwischen die kalten
Lippen -
    Und endlich, nach langer, unermdlicher Anstrengung hrt er den ersten
schwachen Seufzer, der das zurckkehrende Leben ankndigt. Ein Freudenstrahl
berfliegt sein schwarzes Gesicht.

    Wo bin ich? - Wo sind die andern?
    Robert griff mit beiden Hnden in den Schnee, wie um sich zu halten, um sich
zu berzeugen, da er wache. Seine Augen forschten gespannt in den Zgen des
Negers. Mongo, fragte er wo ist der Vogel Greif?
    Der Schwarze schttelte den Kopf. Frage die Wellen, Bob, frage den Sturm.
Jeder hat ein Teil davongetragen.
    Robert sttzte sich auf die Ellbogen. In diesem Augenblick war selbst sein
Trotz, sein unbesiegbarer Mut gebrochen. Wo noch vor kurzem das schwere,
stattliche Schiff gelegen hatte, da dehnten sich die Wogen in blauer
Unendlichkeit, wo ihn ein sicheres, festes Dach vor Sturm und Schnee beschtzt
hatte, da strich der Wind kalt durch sein Haar und ber seine Glieder.
    Mongo, flsterte er, sind wir die einzigen Geretteten?
    Ja, Bob. Als ich zur Besinnung kam, da war alles fort, nur ein paar Trmmer
schwammen auf den Wellen, und etwas weiter zwischen Klippen sah ich dich. Das
brige weit du. - Ich frchte, wir sind dem Tode des Ertrinkens nur entgangen,
um jetzt zu verhungern, fgte er hinzu.
    Robert erhob sich mit schmerzenden Gliedern und versuchte einige Schritte zu
gehen. Nichts ist verloren, Mongo, antwortete er, eine Zuversicht heuchelnd,
die er in Wirklichkeit nicht besa. Auf, wir mssen in den Klippen nachsuchen,
ob irgendwo ein Vorratsfa oder einige Warfen an das Ufer gesplt worden sind.
Es waren Kisten voll Sbel und Pistolen an Bord.
    Mongo lchelte unglubig. Was wolltest du damit, Bob?
    Gegen Feinde uns wehren, Mongo, und Beute machen, damit wir essen knnen.
La uns suchen!
    Der Neger war zwar nicht berzeugt, aber er erhob sich doch und begann mit
Robert die Klippen zu durchstreifen. Bretter, Bohlen und Planken, Stcke von den
Kajtenmbeln, Segeltuch und hundert andere Kleinigkeiten trieben auf den
Wellen, aber es war nichts zu finden, das mit einer Waffe oder etwas Ebarem die
mindeste hnlichkeit gehabt htte.
    Stunde auf Stunde verging, die beiden eifrigen Sucher stillten den nagenden
Hunger mit etwas Schnee, den sie im Munde schmelzen lieen, sie trsteten sich
gegenseitig und durchstberten unermdlich jede Felsspalte, immer in der
Hoffnung, doch noch irgend etwas Brauchbares zu finden. Vielleicht hier, rief
Robert, sooft er in eine neue Vertiefung hinabsah, es mu uns doch endlich
gelingen.
    Aber nichts zeigte sich ihren forschenden Augen. Langsam brach die Dmmerung
herein. Sterne erschienen am Himmel, der Mond erhob sich in festen, klaren
Umrissen, aber nicht der geringste Erfolg krnte die Bemhungen so vieler
Stunden. Die beiden Schiffbrchigen sahen sich fragend an.
    Was nun, Bob? fragte kopfschttelnd der Neger.
    Erst einmal fort von hier! antwortete der junge Matrose.
    Vielleicht lebt hinter den nchsten Bergen ein Stamm der Kstenlappen, und
wenn wir den erreicht haben, so ist wenigstens das Leben gerettet. Der Winter
hat sich ausgetobt, Mongo, das Schlimmste ist berstanden, daher la uns
kmpfen, solange wir atmen.
    Der Schwarze antwortete nicht. Er ging an Roberts Seite landeinwrts ber
Klippen und Vorsprnge, durch Schluchten und Tler, bis sie in verhltnismig
flaches Gelnde kamen, wo sie leicht Fu fassen konnten, und wo die Klte weit
weniger sprbar war, da hier der eisige, von Norden kommende Seewind keinen
Eingang fand. Beide hatten sich zum Schutz gegen Raubtiere mit Trmmern von
Schiffsplanken bewaffnet und wanderten schweigend weiter.
    Mond und Sterne verbreiteten einen so hellen Schein, da nur in den
Schluchten der Felsen die Nacht ihr dunkles Recht geltend machen konnte.
Zuweilen krchzte ein Raubvogel oder strich mit scheuer Hast ein weier Hase
vorber, sonst war alles still.
    Robert achtete genau auf die Pflanzenwelt. Da hier in dieser nrdlichen
Zone nichts Geniebares wuchs, wute er recht gut, aber das war es auch nicht,
was er suchte.
    In diesen Kstenstrichen nistet auf flachem Boden in den Ranken der
kmmerlichen Pflanzen, besonders der wollblttrigen Weide, der groe Eistaucher,
dessen Eier in niederen Nestern ausgebrtet werden. Robert hatte gelesen, da
mit diesen Nestern manchmal ganze Flchen bedeckt sind, und daher war seine
Hoffnung, wenigstens einige Vogelfamilien zu finden, durchaus nicht ganz
unbegrndet.
    Auf, Mongo, sagte er, jetzt werden wir Eier essen. Gib nur acht, bald ist
der Tisch fr uns gedeckt.
    Der Neger seufzte schmerzlich. Mich friert, entgegnete er. Es ist
schrecklich, so unter Eis und Felsen zu sterben!
    Still, Mongo, wer denkt daran! Du mut Mut fassen, Alter!
    Und Robert versuchte, den Schwarzen zum Sprechen zu bringen. Das wrde ihn
ermuntern, ihn neu beleben und die Wanderung durch Hunger und Klte ertrglicher
machen. Erzhle mir einmal, wo du geboren bist, alter Seewolf, fuhr er fort.
Natrlich in Afrika, wo die Sonne am strksten brennt.
    Der Schwarze nickte. Wer ich bin? fragte er, halb traurig, halb
triumphierend, wer ich bin? - Der rechtmige Knig von Dahomey, mein Junge.
    Robert lachte, da wenigstens sechs verschiedene Felsenechos lustig den
Klang zurckwarfen. Du ein Knig? wiederholte er.
    Alle tausend Donnerwetter, da mu ja ein gewhnlicher Sterblicher
wenigstens zehn Schritte hinter dir gehen und dich Majestt nennen!
    Der Neger lachte gutmtig mit. Du junger Spitzbube, schmunzelte er, du
bermtiger Schlingel. Aber was ich gesagt habe, ist buchstblich wahr.
    Nun, rief Robert, und wie kamst du denn von deinem Bambusthron in die
Matrosenjacke hinein?
    Der Schwarze schauderte, halb vor Klte, halb in der Erinnerung an das, was
er vor dieser Unglcksfahrt im Leben schon durchgemacht hatte. Ich wurde mit
Hunderten meiner Brder als Sklave nach Nordamerika verkauft, antwortete er.
    Als Sklave? wiederholte der Junge. Du Armer, wie kam das? - Erzhle doch
davon! Wenn wir den Ernst und die Gefahren des Augenblicks vergessen, so werden
wir die Wanderung viel leichter ertragen.
    Der Neger schttelte den Kopf. Die Wanderung ohne Ziel! sagte er
hoffnungslos.
    Das weit du ja noch nicht, Mongo. Erzhle mir lieber, wie es in dem
kniglichen Palast in Dahomey aussieht. Kennt man berhaupt bei deinem Stamm
Gesetz und Rechte?
    Der alte Neger schwieg lngere Zeit. Rechte? sagte er dann. Nein, Bob,
das Volk hat keine, kennt und wnscht keine Rechte, nur der Knig herrscht nach
Laune und Willkr zusammen mit den Priestern, die zwischen ihm und seinen
Untertanen als Vermittler stehen. Siehst du, mein Junge, ich bin jetzt lnger
als dreiig Jahre ein Christ wie du, ich verabscheue natrlich die Grausamkeit
und die zgellose Wildheit meines Volkes, aber dennoch geht mir das Herz weit
auf, wenn ich an Afrika zurckdenke. Die Stadt, in der ich geboren wurde, heit
Abomey, und das knigliche Haus meines Vaters war eine groe, breite Halle aus
Bambusstben und Lehm, mit einem Dach aus Segeltuch. Zahme Straue gingen
majesttisch nickend auf und ab, junge Panther spielten mit mir im Sande, und
die zahlreichen Sklaven waren meine Pferde, auf deren Rcken ich spazieren ritt,
sooft es mir Spa machte. Ich trug als das Knigskind von Dahomey an meinem
Krper nur Seide und goldene Spangen, ich spielte mit den Schdeln erschlagener
Feinde und scho zum Zeitvertreib die auf Stangen gesteckten Kpfe
hingerichteter Untertanen mit dem hlzernen Bogen herab.
    Ach, Bob, du kennst Afrika nicht, das Paradies der Erde. Alles wchst dir
dort entgegen, ohne da du zu sen oder das Feld zu bestellen brauchst; die
Bambusstbe liefern dir das Dach, unter dem du schlfst, das Meer ist dein
Badeplatz, die Sonne dein Feuer. Du brauchst als Kleidung nur einen
Lendenschurz, du kennst keine Arbeit, keine Mhe und Sorgen; das Leben ist
berall Genu, nirgends ein Kampf. - Ach, es bedrckt mich doch, so in der
Eiswste zu enden, - es graut mir vor dem Norden mit seinem Frost und Sturm!
    Robert schttelte abwehrend den Kopf. Ich liebe den Norden, alter Mongo!
rief er, ich liebe das Kalte und Groartige, - ich will sen, bevor ich ernte,
ich will nichts geschenkt haben, sondern alles erringen und selbst verdienen.
Siehst du, wenn jetzt ein gedeckter Tisch hier am Wege stnde, dann knnte man
sich wohl hinsetzen und die guten Dinge ber den Schnabel nehmen, nicht wahr? -
Aber schau her, es gehrt schon ein bichen Geduld und Verstndnis dazu, aus
diesen kleinen Brustfedern, die hier und da auf dem Boden liegen, auf
Brutsttten der Eisvgel zu schlieen. Gib nur acht, ich finde bald die Nester,
und dann schmeckt das mhsam Gesuchte besser, als htte es der Zufall hergeweht.
- Horch, schrie nicht dort ein. Vogel?
    Der Neger fate den Stock fester in die Hand. Ein Tier war es jedenfalls!
sagte er.
    Robert schlich auf den Zehenspitzen um den nchsten Felsen herum, und dann
ertnte ein heller Freudenruf, dem ein Kreischen, Flattern und Piepsen von
zahllosen Vogelstimmen folgte. Hurra, Mongo, Hurra! Wenigstens tausend Nester,
wenigstens dreitausend groe Eier! rief Robert. Jetzt la uns essen, und wenn
jemals ein Abendbrot besser geschmeckt hat, als dieses aus rohen Eidottern, so
will ich nicht Robert heien. Lappland soll leben! Er schleuderte, als er das
erste Ei getrunken hatte, die zerbrochene Schale hoch in die Luft und machte
sich ber das zweite her. Der Neger folgte seinem Beispiel, so da whrend der
nchsten Minuten das Gesprch vllig stockte. Wenn eine der aufgeschreckten,
angstvollen Vgelmtter zu nahe herankam, so mute der Stock helfen, und endlich
sahen sich die beiden neu gekrftigt an.
    Hast du jetzt wieder Mut, Mongo?
    Du bist ein Schlingel. Ich habe dir's ja schon frher gesagt.
    Robert lachte. Wer schweigt oder die Antwort umgeht, der hat zugestimmt,
wie du weit, Alter. Jetzt nehmen wir noch ein paar Eier mit uns - aus jedem
Nest eins, der armen Mtter wegen - und dann weiter.
    Er ging voran, eine lustige Seemannsmelodie pfeifend. Komm, Mongo, fuhr er
fort, rasch nach Afrika, dort ist es gemtlicher als hier in Lappland. Du hast
mir den Palast beschrieben und deine Spielgefhrten, zweibeinige und Vierfler;
jetzt sei so gut, ein wenig von der Leibgarde zu erzhlen. Gibt es Soldaten bei
euch? Der Neger lchelte, da seine weien Zhne hervorschimmerten.
    Amazonen, mein Junge, ein regulres Korps von Weibern, antwortete er.
Damit fhrte mein Vater Krieg und hat viele Schlachten siegreich gewonnen. Die
tapferen Frauen sind, wie alle Einwohner des Knigreichs, bis zum Grtel
unbekleidet, tragen aber an allen Gelenken, in Nase und Ohren, eine Unmenge
Schmuck, Ketten und Spangen, Knpfe, Glasperlen und Federn. Sie fhren als Waffe
einen kurzen Hirschfnger, den sie mit groer Geschicklichkeit handhaben. Ihre
Musikinstrumente sind Trommeln und Pfeifen.
    Wenn aber die alljhrlichen Menschenopfer beginnen, so erfllt diese
eigenartige Garde erst ihre wahre Bedeutung. Der dazu bestimmte Tag fllt nach
christlicher Zeitrechnung auf den sechsten Mai, und die Feier selbst ist
wirklich bestialisch. Hast du starke Nerven, Bob, um das anhren zu knnen?
    Robert nickte lebhaft. Aber Mongo, es sind ja keine Erfindungen, die du mir
erzhlen willst, sondern ein Stck Vlkerkunde, etwas wirklich Wahres, also la
mich alles erfahren. Die Menschenopfer eines heidnischen Volkes knnen wohl nur
scheulich und bestialisch sein, glaube ich.
    Der Neger seufzte. Ja, du hast recht, Bob, antwortete er, scheulich ist
das alles. Aber da es dein Wunsch ist, diese Dinge kennen zu lernen, so hre
weiter. Das Fest, von dem ich sprach, wird zu Ehren Abomas, der groen
Abgottsschlange, gefeiert, und zwar folgendermaen. Der Knig, mein Vater,
erffnet selbst den Zug. Seine Kleidung besteht aus weiten trkischen Hosen,
gelben Maroquinstiefeln, einer Unzahl verschiedenfarbiger seidener Halsund
Leibbinden und einem dreieckigen Hut mit wallenden Strauenfedern. Ihn umgeben
seine Gardisten, ungefhr zweihundert gnzlich verwilderte, blutdrstige Weiber,
und nun beginnt das eigentliche Opfer.
    In einiger Entfernung von dem mit farbiger Seide und metallenen Zieraten
reichgeschmckten Thron entfernt stehen hinter einer dornigen Hecke vielleicht
fnfzig bis sechzig Gefangene, die schon vorher zum Tode verurteilt waren und
die nun durch die Amazonen bis an den Thronsessel geschleppt werden.
Bluttriefend, zerfetzt an allen Gliedern kehren diese entmenschten Furien mit
ihren Opfern ber die tausend spitzen Stacheln der Hecke zum Richtplatz zurck,
und nun entreit der Knig der ersten, die ihm ihren Sklaven zu Fen legt, das
Schwert, um damit auf einen Schlag dem Unglcklichen das Haupt abzuschlagen.
    
    Ist erst einmal Blut geflossen, so beginnt eine Szene, wie sie grauenhafter
nicht gedacht werden kann. Es scheint, als ob sich eine Art von Wahnsinn der
Menschen bemchtigte, als ob die Grenze zwischen Mensch und Tier fr den
Augenblick niedergerissen worden sei. Fnf Tage lang dauert das Morden, wobei
die Amazonen zuletzt das warme Blut ihrer Opfer mit Branntwein vermischen und
trinken, whrend der grlich Verstmmelte noch lebend zusieht. Am sechsten
Tage, nachdem Massen von Sklaven gettet worden sind, kehrt alles zur gewohnten
Ruhe zurck.
    Robert hatte schweigend zugehrt. Das bersteigt wirklich alles
Glaubhafte, sagte er dann. Ich begreife nicht, wie sich ein Volk von seinem
Herrscher das gefallen lassen kann. Finden vielleicht noch andere Opferfeste
statt?
    Es gibt noch eine zweite heilige Schlange, Daboy genannt, und. diese
fordert das Opfer einer einzigen, aber der schnsten Jungfrau des Landes.
Alljhrlich am ersten November erlt der Knig einen Befehl, da sein Injumann
oder Oberpriester die Runde macht, um das unglckliche Mdchen, das gettet
werden soll, auszuwhlen. Whrend dieser Stunden darf kein Untertan das Haus
verlassen, denn wer etwa dem Priester begegnen wrde, der wre des Todes
schuldig. Das dumme, irregeleitete Volk lscht sogar aus Furcht, gesehen zu
werden, das Feuer in den Htten.
    Um Mitternacht verlt der Injumann einen geweihten Hain, dessen Betreten
allen nicht zur geistlichen Brderschaft gehrenden Negern auf das strengste
untersagt ist. Seine Kleidung besteht aus einem langen Mantel aus schwarzem
Pelz, der bis auf den Fuboden herabfllt. Eine ebensolche Kapuze bedeckt den
Kopf, der mit dieser mchtigen, spitz zulaufenden und bermig groen Haube
genau wie die Schnauze eines Bren aussieht, - die Hnde stecken in Tigertatzen,
und vor dem Gesicht trgt er eine ganz weie Maske mit berlanger, spitzer
Nase.
    Ha, ha, ha, lachte Robert, der seine Heiterkeit nicht lnger im Zaum
halten konnte. Der reine Polichinell, wie ich ihn in Hamburg habe auf der
Strae reiten sehen, mit einem groen Knppel bewaffnet und ebenso aussehend.
Das ist darauf berechnet, den dummen Schwarzen Respekt einzuflen! Nimm's mir
nicht bel, Mongo, aber darber mu ich wirklich lachen.
    Der Alte gab ihm einen scherzhaften Schlag auf die Schulter. Tu dir keinen
Zwang an, mein Junge, sagte er gutmtig. Ich wei ja selbst, da nichts
anderes dahintersteckt und da der Injumann meines Vaters ein groer Spitzbube
war, ein Gauner, der seinen Vorteil kannte und wahrzunehmen verstand. Er hatte
auch, um fr alle Flle gerstet zu sein, ein Gefolge von zehn Priestern, die
hnlich gekleidet waren und ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Diese
schreckliche Schar findet auf ihrem Weg jede Tr weit geffnet, um das schnste
Mdchen aussuchen zu knnen. Sobald sich aber der greuliche Lrm, den alle elf
auf trompetenartigen Instrumenten hervorbringen, von weitem hren lt, fallen
smtliche Einwohner auf ihre Knie und verbergen das Gesicht im Sand. Wer es
nicht tte, der wre verloren.
    So zieht der Injumarnn bis zum nchsten Morgen durch die Straen, wobei er
auch zur Wahrung seines Ansehens von Zeit zu Zeit ein paar Menschen ermordet.
Bei Anbruch der Dmmerung packt er pltzlich das erkorene Opfer, um es in den
geheiligten Hain, zu schleppen. Whrend er das zitternde Mdchen entfhrt,
mssen die Eltern und sonstigen Angehrigen das Gesicht wie alle brigen im Sand
verbergen und drfen durch keine Bewegung, keinen Laut verraten, da sie
berhaupt von dem ganzen Vorgang etwas bemerken. Auch am folgenden Tage scheint
kein Glied der Familie das junge Mdchen zu vermissen, wenn nicht etwa, wie das
hufig geschieht, Vater und Mutter mit der Ehre prahlen, die ihnen durch die
Wahl des Injumanns zuteil geworden ist.
    Am dritten Tage versammelt sich das ganze Volk und mit ihm der Knig am Ufer
eines Flusses. Greuliche Musik begrt den Herrscher, das Opfer wird
herbeigefhrt, und der Injumann, jetzt in gewhnlicher Kleidung, naht von
anderer Seite. Das Gesicht und der ganze Krper des unglcklichen Wesens sind
bis zu den Fuspitzen herab mit Kreide dick bestrichen, so da es selbst den
Eltern unmglich sein wrde, ihr Kind zu erkennen. Mit langsamen, gemessenen
Schritten bewegt sich das bebende Opfer bis zu einer Bank, an der es in hegender
Stellung befestigt wird. Der Injumann nimmt neben ihm seinen Platz ein und
scheint mit emporgewandten Blicken auf das Volk den Segen der Gottheit
herabzuflehen, worauf nach einem einzigen Schwertstreich der Kopf des
Schlachtopfers in den Flu hinabrollt. Der blutende Krper wird sorgfltig unter
dem hchsten Baum auf eine Matte gelegt, wo er bleiben soll, bis ihn die Gttin
Daboy in das Land der Ruhe trgt. Tatschlich aber - -
    Bringen ihn die Priester schon in der nchsten Nacht beiseite, um dann dem
Volk von einem Wunder erzhlen zu knnen, nicht wahr? fragte Robert.
    So ist es, Bob! antwortete der Neger. Aber trotz aller dieser
Abscheulichkeiten, trotzdem - liebe ich Afrika. Unter seiner Sonne mchte ich
begraben liegen. Es ist seltsam, aber je lter ich werde, desto heftiger packt
mich das Heimweh.
    Stumm ging Robert neben seinem Gefhrten lange Zeit dahin, bis er endlich
leise fragte: Und du warst nie wieder in deiner Heimat, Mongo?
    Nie! antwortete der Neger. Nachdem ich dreiig Jahre lang Sklave gewesen
war, hatte ich vom Christentum und dem Segen der brgerlichen Welt zuviel
gesehen und die Barbarei meiner Vter zu sehr verabscheuen gelernt, um jemals
wieder in Afrika leben zu knnen, am wenigsten als Knig von Dahomey, dessen
Thron aus den Schdeln Erschlagener aufgebaut ist, dessen Fe die Kpfe von
Sklaven als Schemel benutzen und der alljhrlich diese grauenvollen Opfer
begehen mu. Ich bleibe meiner Heimat fern, - eben um des Heimwehs willen, so
seltsam das auch klingen mag.
    Robert verstand den Alten vollkommen, und ernste Gedanken bewegten sich
hinter seiner jungen Stirn. Wie vieles hatte er schon gelernt und manchen Irrtum
eingesehen, obgleich er doch erst anderthalb Jahre von Hause fort war! - Er
dachte an den strengen, unerbittlichen Vater in diesem Augenblick mit einer Art
von Rhrung. Der Alte hatte wohl gewut, wie schwer es ist, sich den Weg durch
das Leben selbst zu bahnen, er wollte keineswegs irgendein launenhaftes Gelst
zur Geltung bringen, wenn er den Sohn hart anfate, sondern er hoffte und
wnschte, dem einzigen geliebten Kind Sicherheit frs Leben zu geben.
    In den Augen des jungen Matrosen schimmerte es feucht, er legte den Arm um
die Schultern des Negers. Du, Mongo, wollen wir da hinaufklettern, hoch hinauf,
wo der Felsgrat ber dem Abgrund hngt - und uns hinunterstrzen? Dann hat alles
ein Ende.
    Der Neger schttelte den Kopf. Du Wildfang, wie der Augenblick mit dir
durchgeht! Bist du es etwa jetzt, dem die Beschwerden der Wanderung zu gro
werden?
    Robert errtete. Wirklich nicht, Mongo, rief er, aber du hattest mich mit
deiner Erzhlung ganz durcheinander gebracht. Warum ist im Leben alles so schwer
und so unsicher? - Sieh, wenn ich ein Schneider geblieben wre, bescheiden und
anspruchslos, die Mtze in der Hand und den Buckel krumm, dann knnte ich ein
gemachter Mann sein, der sich in vier engen Wnden die Welt ertrumt, Taler auf
Taler legt und endlich stirbt wie eine Pflanze, die der Herbst verweht - und
wenn du nach Dahomey zurckkehren wolltest, so knntest du sogar Knig sein; -
aber nun sag mir, warum es uns, gerade uns, von da forttreibt, wo uns das Glck
erwartet! Kannst du das Rtsel lsen, Alter?
    Der Schwarze wiegte bedchtig den Kopf. Ich glaube, da ich es kann, sagte
er freundlich lchelnd. Der Mensch soll sich berwinden lernen, das ist es.
    Robert schttelte sich. Du, das beklemmt die Brust! antwortete er. Pa
auf, ich mu einmal richtig laut schreien, da sich die alten Berge wundern,
sonst ersticke ich!
    Er blieb stehen und streckte beide Arme aus, als ob er seinen Lungen den
weitesten Spielraum verschaffen wollte. Dann wiederhallten die dsteren
Bergesschluchten von einem langgedehnten Schrei, der als Echo noch minutenlang,
erst strker und dann immer schwcher, in der Ferne nachklang. - Unwillkrlich
horchten die beiden Wanderer, als msse doch eine Antwort zu hren sein.
    Aber ringsumher schwieg alles. Der Wind fuhr kalt ber kahle Hhen daher,
sonst kein Laut, keine Lebensnhe.
    Die beiden setzten ihren Weg fort. Immer mehr ging es bergan, immer steiler
wurde der Pfad, immer sprlicher der Pflanzenwuchs. Endlich begann der Boden zu
knistern und zu krachen, - das Eis war hier nicht geschmolzen, sondern bedeckte
als harte Schicht den Felsen. Nur langsam konnten die Wanderer vorwrts kommen.
    Am Himmel erlosch Stern auf Stern, die kalte Luft schnitt frmlich in die
Lungen der beiden und raubte ihnen fast alle Krfte. Gesprochen wurde nicht
mehr.
    Der Neger berhrte Roberts Schulter. Dort hinter dem Felsblock la uns
einen Augenblick rasten, sagte er mit matter Stimme. Du bist jung, Freund,
aber meine Glieder versagen fast den Dienst.
    Robert nickte stumm. Er lie den Alten sich setzen und gab ihm das letzte
Ei, das noch briggeblieben war. Erhole dich, Mongo, sagte er. Ich glaube,
da dort die Sonne aufgeht, - wir werden also wenigstens bald sehen knnen, in
welcher Umgebung wir uns befinden.
    Er erkletterte den hchsten Gipfel und beobachtete von hier aus den
Sonnenaufgang. Erst gelblich und dann in leichtes Rot bergehend, spielten
breite Sume an den Wolkenrndern, wie Feuerschlangen, die weiter kriechend an
Umfang zunahmen und deren Licht langsam anfing, nach unten hin die Gipfel und
Felskmme zu erhellen, whrend die Schluchten noch im tiefsten Dunkel dalagen.
    Spitze auf Spitze trat scharf hervor, hier wie ein Kirchturm, schlank und
vereinzelt, dort wie ein kniendes Weib, und dort wieder wie eine
mittelalterliche Ritterburg mit Zinnen und Trmen. - -
    Immer tiefer drangen die goldenen Sonnenstrahlen. berall Zacken an Zacken,
wohin das Auge sah, berall Eis und Stein, wie gemeielt die ganze Umgebung. Nur
ein Adlerpaar schwebte fern am Wolkensaum, sonst war es, als lge der Hauch des
Todes ber dieser steinernen Welt. Kein Baum, kein Tier, keine Menschenwohnung,
ja nicht einmal ein grnes Blatt erinnerte an das Leben.
    Jetzt stand die Sonne hoch am Himmel. Robert wandte sich, um rckwrts zu
blicken, und nun atmete er auf. Was dort hinten so blau und silbern glnzte, das
war das Meer, das war seine geliebte - seine vergtterte Welt.
    Lange blieb er so, dann aber, nachdem er sich berzeugt hatte, da kein
Schiff in der Nhe war, ging er zurck zu seinem alten Kameraden, der noch immer
den Kopf an die Felswand lehnte und ihn mit trbem Lcheln empfing. Robert sah
mitleidig, wie grau das frher so glnzende Schwarz des Negers geworden und wie
geschwcht er war.
    Auf, Mongo, sagte er ermunternd, hier knnen wir nicht bleiben, du weit
es, so gern ich dich auch schonen mchte. Sieh, das dort ist das Eismeer, also
die Nordgrenze von Lappland, demnach fhrt der Weg durch diesen Engpa nach
Sden. Wir mssen ihn verfolgen, damit uns Wanderlappen begegnen, denen wir uns
auf ihrem Zug nach den Lofoten anschlieen knnen. Komm, Mongo!
    Der Schwarze erhob sich nickend. Du hast recht, Bob, antwortete er,
obwohl ich doch nicht glaube, da es uns etwas ntzen wird. Aber zuerst, mein
junger Freund - ist heute Sonntag!
    Er nahm das Taschentuch, das er an Stelle der verlorenen Mtze um den Kopf
gewunden hatte, ab, und Robert tat dasselbe. So standen die beiden und sahen vom
Felsen herab stumm in das schweigende, steinerne Tal zu ihren Fen. Vielleicht
dachten sie kaum ganz bewut, dachten keine Worte, keine Gebete, aber dennoch
hrten sie ein Klingen wie von Kirchenglocken, doch wendeten sich ihre Blicke
langsam zur Sonne, und ein stiller, tiefer Friede kam ber beide. - -
    Robert lchelte dem Alten entgegen. Komm, sagte er, nun geht's bergab.
Das wird dir leichter werden.
    Mongo antwortete nicht. Nachdem die bunten Turbane geordnet waren, zogen
beide Wanderer durch einen schmalen, steilen Felsenpa, dessen beide Seiten sich
manchmal ber ihren Kpfen berhrten, in das Tal hinab und sahen nun eine weite
Ebene vor sich. Die Vegetation zeigte hier wieder Unmassen von Rentierflechten,
aber auch schon einige kleine verkrppelte Gebsche, die Robert als Kiefern
erkannte. Er suchte zu seinem heimlichen Bedauern vergebens unter allen Ranken
nach Vogelnestern, - es fand sich kein einziges.
    Mongo, erinnerte er, du bist gestern mit deiner Erzhlung im Rckstand
geblieben. Wie gerietest du in die Sklaverei der Amerikaner?
    Durch den Krieg, antwortete der Neger. Ich war vielleicht vierzehn Jahre,
als uns ein feindlicher Stamm berfiel und in einer einzigen Schlacht zu Grunde
richtete. Mit etwa vierzig oder fnfzig anderen Gefangenen, Mnnern und Frauen,
wurde ich nach Lagos geschleppt, wo ein Sklavenschiff bereit lag, uns nach
Amerika zu bringen.
    Robert horchte auf. Mongo, du sagst ein Sklavenschiff? - Gab es denn
Fahrzeuge, die fr den Menschenhandel ganz besonders eingerichtet waren?
    Der Schwarze nickte. Ja, mein Junge. Die Kostbarkeit der Ware erforderte
eine sehr sorgfltige Behandlung. Auf keinem Fahrzeug der gesamten Handelsmarine
herrschte solche Sauberkeit und Ordnung, wie auf einem Sklavenschiff. An jedem
Morgen mute das Deck mit Sand und Steinen abgekratzt werden, dann lie der
Kapitn alle Sklaven einzeln an sich vorbergehen und bewachte selbst die
regelmigen Mahlzeiten seiner lebendigen Fracht. Es gab auch tglich Rum, um
Skorbut zu verhten, aber von irgendeiner Freiheit, von Menschenrechten konnte
natrlich keine Rede sein.
    Robert horchte atemlos. Er verga Hunger und Einsamkeit, um seiner ganzen
Entrstung Luft zu machen. Und dafr fanden sich Seeleute? rief er. Sie
lieen sich wohl auch noch fr ihr Schweigen bezahlen?
    Das will ich meinen, Bob. Die Matrosen eines Sklavenschiffes mssen
Henkersdienste tun und drfen, keine zartfhlenden Menschen sein. Zuerst wird an
Bord des Schiffes der Sklave vollstndig entkleidet und das Haar glatt
abrasiert, dann bringt man die Mnner in den Schiffsraum und die Weiber in die
Kajte, whrend smtliche Kinder an Deck bleiben, wo ihnen als einziger Schutz
gegen das Wetter ein Stck Segeltuch gespannt wird. Je zehn mssen immer aus
einer Schssel essen, und zwar nach einem bestimmten Verfahren, um eine
ungleiche Verteilung zu vermeiden. Auf einen Wink des wachhabenden Matrosen
drfen sie zugreifen und bei einem zweiten schlucken. So wiederholt sich das
Verfahren, bis alle satt sind. Es kommen aber auch Flle vor, wo sich einzelne
in der Absicht des Selbstmordes weigern, das Essen anzurhren, und diese werden
dann scharf beobachtet. Meldet der Aufpasser, da die Krankheit erfunden ist, so
beeilt man sich, den scheinbar verlorenen Appetit durch die neunschwnzige Katze
wieder herzustellen, scheint aber der Sklave tatschlich leidend zu sein, so
kommt er auf die Krankenliste, das heit, man hngt ihm eine Schnur mit einem
Knopf um den Hals und schickt ihn in das Vorderkastell.
    Wenn alle gegessen haben, so mssen sie die Hnde und das Gesicht in
Seewasser waschen, auerdem reinigt man ihnen dreimal wchentlich das Innere des
Mundes mit Weinessig, ebenso werden die Mnner rasiert und allen die Ngel
geschnitten, weil sie fast dauernd, besonders nachts, miteinander kmpfen.
    
    Robert hob fragend den Blick. Aber weshalb, Mongo? Diese Mnner htten
zusammenhalten mssen, alle fr einen und einer fr alle, dann wre es ihren
Peinigern weniger leicht geworden, sie zu Sklaven zu machen!
    Der Neger schttelte den Kopf. Sie waren damals, vor beinahe vierzig
Jahren, nicht viel besser als Tiere, antwortete er, sie lieen sich
mihandeln, ohne mehr als einige seltene, von Mischlingen angefachte Aufstnde
zu wagen - Mnner konnte man diese entnervten Geschpfe nicht nennen. Wie sie
vor dem Injumann ihrer Heimat die Gesichter im Sande versteckten, so beugten sie
vor den Weien das Haupt und lieen sich zur Schlachtbank fhren wie zahme
Schafe oder Gnse, die dem Tod wehrlos entgegengehen.
    Robert klopfte vertraulich auf die Schulter des Alten. Armer Mongo, sagte
er, und das alles hast auch du erduldet?
    Der Neger lchelte. Das Bob? O, ich sage dir, da es nichts war, sich auf
dem Sklavenschiff allnchtlich zu halber Lnge zusammenzukrmmen, des
beschrnkten Raumes wegen, da es nichts war, sich mit dem Eisenring um den Hals
an die Decksplanken schlieen zu lassen und am Tage mit noch einem andern
Unglcksgefhrten zusammen an eine fulange Eisenstange geschmiedet zu sein, die
es weder ihm noch mir erlaubte, eine schnelle, unbedachte Bewegung zu machen, -
nichts gegen das, was ich spter erlebte.
    Ach, rief Robert, nachdem du verkauft worden warst, Mongo?
    Ja, Kind, dann. Als junger Bursche in deinem Alter, krftig, sorglos,
unbekmmert um die Zukunft, ertrug ich alle Strapazen des ungewohnten Lebens,
ohne mir viel daraus zu machen, wechselte oft meine Herren, weil immer hohe
Preise fr mich bezahlt wurden, und erwarb mir berall Freunde, - aber spter
kam das Unglck. Wirst du mir glauben, Bob, da ich vier Kinder habe, - auch
einen Jungen in deinem Alter! - und da sie mir zusammen mit meiner Frau aus dem
Hause weg verkauft wurden, whrend ich machtlos zusehen mute, wie man sie
fortschleppte, die armen Unglcklichen, Hilflosen!
    Robert stand still. Seine Augen flammten vor Zorn. Mongo! sagte er,
Mongo, und du schlugst nicht alles tot, was dir in den Weg kam? Du lieest dir
die Deinen rauben, ohne sie zu verteidigen?
    Der Neger seufzte. Lieber Bob, das kennst du nicht! antwortete er. Mit
mir litten noch sechzehn andere brave Mnner das gleiche Schicksal, und selbst
unser Herr, ein guter, menschenfreundlicher Mann, ging an diesem Tage bla und
traurig umher, aber er konnte nicht anders handeln als er tat, die bestehenden
Verhltnisse zwangen ihn zu der unvermeidlichen Grausamkeit, die seinem Herzen
ganz fern lag. Ich wrde ihm heute noch die Hand drcken, wenn er mir begegnen
sollte.
    Mongo, dem Mann, der dir Frau und Kinder verkaufte?
    Ja, Bob, ja! Es geht im Leben nirgends mit dem Kopf durch die Wand, das
habe ich dir schon so oft gesagt, - der Mensch mu es lernen, sich in das
Unabnderliche zu fgen.
    Sieh, fuhr er fort, wir lebten auf einer Farm, etwa zehn Meilen von New
Orleans entfernt, und unser Herr behandelte uns gut, vielleicht zu gut sogar, er
achtete in seinem Sklaven den Mitmenschen und war der menschenfreundlichste,
liebenswrdigste Grundbesitzer der ganzen Umgebung. Jeder Neger hatte seine
Htte und sein Grtchen, jeder durfte es wagen, frei und offen mit der
Herrschaft ber alles das zu sprechen, was er wnschte und worber er sich mit
Recht beklagen zu knnen glaubte - aber eben deshalb war auch dieser gtige und
gerechte Mann von allen benachbarten Gutsherren gehat. Als ihn mehrere
Miernten und verschiedene berschwemmungen in Geldverlegenheiten brachten, da
fand er alle Tren verschlossen, bis endlich ein Wucherer ihn in die Krallen
bekam und das schne Grundstck mit smtlichem toten Inventar gegen eine Fabrik
in der Stadt vertauschte. Was half also alle Trauer, alle Verzweiflung, - das
lebende Inventar, nmlich die Sklaven, mute unter den Hammer, um die
Umzugskosten und die der ersten Einrichtung zu decken. Wir Mnner waren fr die
Fabrikarbeit bestimmt, aber mit den Frauen und Kindern konnte man in der Stadt
nichts anfangen, also wurden sie verauktioniert. O, Bob - das war ein
frchterlicher Tag, und mehr als einmal habe ich whrend dieser Stunden bei mir
gedacht, da es eine schreckliche, aber gerechte Wiedervergeltung sei fr die
Menschenopfer von Dahomey!
    Was meine Vter viele Menschenalter hindurch ihren Untertanen zugefgt
hatten, das wurde jetzt gercht - es war zum Sterben traurig, Bob, aber doch
noch besser, als wre ich regierender Knig geworden und htte Leid ber andere
Menschen gebracht! -
    Unser Herr berief uns alle zu sich. Er war so bla wie eine frischgetnchte
Wand, als er das schreckliche Urteil ausgesprochen hatte. Ihr wit es, Leute,
sagte er, ich kann nicht anders. Ich wrde in Gottes Namen Konkurs erklren und
als Squatter im Urwald neu wieder anfangen, wenn ich damit so viele Familien vor
Leid und Unglck bewahren knnte, aber was wrde das ntzen? Meine Glubiger
verkaufen euch doch.
    Niemand antwortete ihm, denn da war kein einziger, der nicht gewut htte,
da der arme Mann die Wahrheit sprach. Einen Eigentmer mute damals jeder
Sklave haben, so gut wie jedes Haustier, wie jeder Gegenstand irgend jemand
gehren mu. Es erhob sich keine Stimme, kein Widerspruch, nur ein verhaltenes
Schluchzen hrten wir, - das kam von einem, der mit seiner alten Mutter
zusammenlebte und der es nicht ertragen konnte, ruhig an den Verkauf der
gebrechlichen alten Frau zu denken. Unser Herr legte seine Hand ber die
schmerzende Stirn. Wenn ihr mich ttet, sagte er, wenn ihr mich nicht lebend aus
eurer Mitte lat, - so kann ich das begreifen.
    Und da tat es mir im Herzen leid um den unglcklichen Mann, Bob. Ich ging zu
ihm, der immer gtig und freundlich gewesen war, und gab ihm die Hand, ein
Mensch dem andern. Und alle meine Brder taten dasselbe.
    Mongo, Mongo, - ich htte ihn zwischen meinen Fusten erwrgt!
    Der Neger sah ruhig in die glnzenden Augen seines jungen Gefhrten. Weil
du noch keine Besonnenheit kennst, Bob, weil du bis jetzt nur das fr wahr und
echt hltst, was sich wie ein Wirbelsturm Bahn bricht, antwortete er. Glaub
mir, ich fhlte es tief genug, als sich mein Weib und meine Kinder zum
letztenmal an mich hingen, aber ich trug das fr mich allein, Bob, ich machte
weder den Meinen, noch dem armen Herrn das Herz schwerer, als es ja schon war.
    Robert verstummte vor dieser Seelengre des armen alten Negers. Er ist
mehr Frst, als er selbst ahnt, dachte er. solche Gesinnung mu man wahrhaft
kniglich nennen.
    Hast du die Deinen nie wiedergesehen, Mongo? fragte er nach einer Pause.
    Meine lteren Shne! antwortete der Neger. Sie haben mich, als spter der
Brgerkrieg ausbrach, aufgesucht und dann Seite an Seite mit mir fr die
Freiheit des schwarzen Volkes gekmpft. Sind beide an einem Tage gefallen, die
armen Jungen - ich selbst habe sie begraben.
    Armer Mongo! - Und deine anderen Kinder, deine Frau?
    Der Jngste lebt. Ich sagte ja, er ist in deinem Alter und fhrt zur See
wie wir. Von meiner Frau und meiner Tochter habe ich nie wieder gehrt. Sie sind
damals nach Matanzas verkauft und meinen Nachforschungen ganz entzogen worden.
    Aber Mongo, wie ist es einem Menschen mglich, das alles so ruhig zu
ertragen? Ich an deiner Stelle htte - -
    Der Neger lchelte. Nun, kleiner Bob, was httest du?
    Ich wei es nicht! gestand Robert. Aber sicher ist es, da ich niemals
lernen werde, ein Unglck oder etwas, das sich meinen Absichten gerade in den
Weg stellt, mit Ruhe oder sogar mit Ergebung zu tragen.
    Mongo sah ihn gutmtig spottend an. Wollen es noch nicht aufgeben,
antwortete er. Die Zeit ndert vieles und macht aus jungen Brausekpfen ernste,
verstndige Mnner. Wir mten allerdings erst einmal wieder aus dieser Einde
heraus und unter Menschen sein, bevor es berhaupt mglich ist, an irgend etwas
anderes zu denken. Findest du nicht, da der Boden allmhlich an Festigkeit
verliert?
    Robert erschrak. Mongo, stammelte er, du hast recht. Was bedeutet das?
    Der Neger blickte sorgenvoll ber die endlose Niederung. Es ist ein Sumpf
in der Nhe! antwortete er. Wir gehen ihm entgegen, furchte ich.
    Mein Gott, - was soll dann aus uns werden?
    Der Neger schwieg, und beide gingen vorwrts. Immer unsicherer wurde das
Erdreich unter ihren Fen, bis endlich ein weiteres Vordringen unmglich war.
Robert schleuderte einen Stein etwa zwanzig Schritte weit voraus, und schon dort
spritzte der Schlamm hoch auf.
    Was nun? dachte er unwillkrlich.
    Mongo prfte bedchtig beide Seiten des langgestreckten Tales. Zur Linken
die steile Felsenkette mit himmelhohen Spitzen, zur Rechten niedere Anhhen,
zerklftet und unwegsam, aber doch die einzige Aussicht auf einen festen
Fupfad, der sich wenigstens betreten lie, ohne pltzlich unter den Schritten
der Wandernden zu versinken.
    Dorthin mssen wir uns wenden! sagte er. Es ist fast aussichtslos,
frchte ich, aber dennoch - la uns das letzte versuchen.
    Wie mich der Durst qult! seufzte Robert. Was gbe ich um eine Handvoll
von dem Schnee, der dort oben liegt!
    Mir wre ein Fuhrwerk lieber, versuchte der Neger zu scherzen. Die alten
Beine wollen nicht so recht weiter, besonders wenn man Seemann ist, der immer
nur im Vorschiff wie auf einer Prsentierschssel umherstelzt, ohne die Krfte
anders als mit den Fusten zu ben.
    Inzwischen suchten die beiden Verirrten den Rand des Sumpfes, um auf
krzestem Wege in das jenseitige Felsengebirge hinberzugelangen. Ihre Richtung
verlor dadurch den sdlichen Strich und wurde etwas westlich, aber das lie sich
nicht ndern, weil ihnen keine andere Wahl blieb. Nach stundenlangem Klettern,
berspringen und Ausbiegen war endlich ein Zugang gefunden, und die beiden
Wanderer nahmen ihre alte Richtung wieder auf, ohne zu wissen wohin.
    Der Hunger qulte beide, die Schwche des Negers wurde immer grer und die
Beschwerden des Weges von Viertelstunde zu Viertelstunde unertrglicher.
Manchmal ffnete sich unter ihren Fen pltzlich die Erde, und ein Felsspalt,
ins Bodenlose hinabghnend, zeigte sich, dann wieder scho springend und
stubend ein Giebach rechts oder links ber die Klippen herab, fast ihren
Lippen erreichbar, nur auf wenige Meter von ihnen getrennt, aber durch eine
Kluft von schwindelnder Tiefe. Robert beugte sich halb verzweifelt vor, so weit
es ihm irgend mglich war, er suchte mit den Hnden das Wasser zu erreichen,
aber ganz vergeblich. Der Wasserstaub befeuchtete sein Gesicht, whrend er vor
Durst gerade durch die Nhe des Wassers rasend wurde.
    Es ist vergeblich, seufzte er. La uns weitergehen, Mongo, ich kann den
Bach nicht sehen, ich sterbe beinahe vor Durst.
    Der Alte richtete sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung wieder auf.
Da dich nach dem kalten Wasser so verlangt, murmelte er, ich begreife es
nicht. Mir wre ein bichen Wrme viel lieber. Hu, wie kalt es hier oben ist.
    Wieder ging es vorwrts, ohne da weiter gesprochen wurde. Es schien, als
sei die Lage zu ernst, zu unertrglich, um noch eine Unterhaltung zuzulassen.
Nur manchmal hustete der Schwarze, wenn ein neuer Windsto, klter als die
frheren, ber den Hhenkamm daherfuhr.
    Die Sonne begann hinter den Bergen zu versinken. Robert dachte mit Grauen an
den Einbruch der Nacht und an die Notwendigkeit, diese langen, dsteren Stunden
frierend und hungernd auf den Steinen zu verbringen. Ihn schwindelte bereits,
sein Kopf schmerzte, und der Wunsch, um jeden Preis zu schlafen, wurde immer
strker. Er htte die Augen schlieen und alles um sich herum vergessen mgen.
    Wrme! chzte Mongo, ach, Wrme! Ich kann nicht weiter.
    Wasser, Wasser, - meine Zunge klebt am Gaumen.
    La uns eine Stelle suchen, wo wir sitzen knnen, flsterte matt der
Neger. Meine Fe tragen mich nicht mehr. Oder nein, Bob, geh du allein weiter,
geh in Gottes Namen, mein Kind, und berla mich dem Tode, der schon seine Arme
nach mir ausstreckt. Du sollst nicht bei mir bleiben, hrst du?
    Robert schttelte den Kopf. Nein, Mongo, niemals. Ehe ich dich verlasse,
sterben wir beide zusammen. Nein, keine Macht der Welt ndert diesen Entschlu.
    Der Alte blieb erschpft stehen. Wie pltzlich das kommt, murmelte er.
Ich kann unmglich weitergehen, Bob.
    Robert zog den Arm des Negers unter den seinen. Dort sehe ich eine Art
Vorsprung oder Plattform, sagte er, komm, Mongo, sttze dich auf mich. Wir
wollen langsam hingehen.
    Schritt fr Schritt den taumelnden alten Mann fhrend, gelangte er zu einer
Art Terrasse oder natrlicher Bank, vor der sich ein breiter Felsspalt ffnete.
Was auf der andern Seite lag, war schwarzer, verwitterter Fels mit zahllosen
Schluchten und Hhlungen, deren tiefes Dunkel ihm unheimlich entgegenghnte.
    Robert kmmerte sich nicht mehr darum. Er selbst war weit entkrfteter, als
er dem Alten zugestehen wollte, und auf seinen Augenlidern lastete es wie Blei.
Das ist der Tod, dachte er. Hunger und Klte drohen uns zu besiegen. Oh, es
wre schrecklich, hier zwischen nackten Felsen zu sterben, von aller Welt
verlassen - den Raubtieren zur Beute.
    Mongo legte die todkalte Rechte auf seines jungen Freundes Schulter. Bob,
sagte er noch einmal, Bob, geh fort. Du mut leben, weil du jung bist, um
deiner Zukunft, deiner Eltern willen. Geh, weshalb willst du mich sterben sehen?
- Noch bist du nicht hungrig genug, um mein Blut trinken zu knnen. - Geh! -
Geh! -
    Robert schluchzte, ohne es zu wissen, aus Schwche. Dein Blut, Mongo?
Groer Gott, sprich nicht so schreckliche Worte! - Ich sterbe mit dir, oder wir
- -
    Er unterbrach sich pltzlich selbst. Mongo, was ist das? - Ein Schatten,
der sich bewegt, dort, - dort!
    Seine ausgestreckte Hand deutete auf den gegenberliegenden Felsen. Sieh,
Mongo, ich bitte dich, sieh!
    Der Neger ffnete gleichgltig die Augen. Ein matter, seelenloser Blick
streifte die bezeichnete Richtung. Wo, Bob, ich sehe nichts?
    Im nchsten Augenblick sanken die Wimpern bereits schwer wieder herab. Seine
Lippen bebten wie die eines bewutlosen Fieberkranken.
    Roberts Herz klopfte schneller. Dort drben bewegte sich ohne Zweifel ein
lebendes Wesen. Schatten zuckten auf und verschwanden, er sah es deutlich - und
er sah sogar noch mehr, - den Kopf eines Tieres mit geffnetem Maul und
lechzender Zunge, - er hrte ein heiseres Schnaufen -
    Mongo, Mongo, ein Wolf!
    Er konnte sich nicht mehr um den Alten kmmern. Langsam erschien jetzt
hinter der Felsenecke auf der andern Seite der breiten Kluft die hagere,
langgestreckte Gestalt des Raubtieres. Der dicke, unfrmige Kopf, die falschen,
schiefstehenden Augen, besonders aber die heie, rote Zunge verrieten den
schlauen Feind, der nur von uerstem Hunger getrieben werden kann, einen
lebenden Menschen anzufallen, der dann aber auch alles daransetzt und
unerbittlich sein Opfer verfolgt, bis er es gepackt und berwltigt hat.
    Das Tier mute halb verhungert sein, denn es bestand fast nur noch aus Haut
und Knochen. Das fahlgelbe, ins Weiliche spielende Fell hing ihm schlotterig um
die Rippen, und der lange behaarte Schweif schleppte am Boden.
    Fast schien es, als sei das Tier im Begriff, zum Sprung anzusetzen, dann
aber zog es sich pltzlich zurck, als ob es frchtete, da fr die weite
Entfernung seine Kraft nicht ausreichen werde. Es stie ein kurzes, dem
Hundegebell hnliches Klffen aus und beobachtete die beiden unerwarteten Gste
seines Felsengebietes.
    Robert hatte alle seine Geistesgegenwart beisammen. Er ma in Gedanken die
Breite der Kluft und fragte sich, ob der Angriff wahrscheinlich sei. - Wenn das
Tier glcklich herberkam, dann war er verloren, dann gab es gegen diese
frchterlichen Zhne keine Waffen.
    Natrlich, er htte fliehen knnen, aber dann mute er den hilflosen Alten
im Stich lassen. Doch der Gedanke lag ihm vllig fern. Nie, nie, und wenn ich
in der nchsten Minute von den Fangzhnen des Tieres in Stcke zerrissen werde!
    Fast schien es, als sollte es so kommen. Der Wolf trat an den uersten Rand
des Felsens, setzte Vorder-und Hinterlufe so nahe wie mglich nebeneinander und
duckte sich zum gewaltigen Sprung. Ihn trieb der nagende Hunger, selbst das
Aussichtsloseste zu unternehmen, um nur berhaupt etwas fr die knurrenden
Eingeweide zu erjagen.
    Robert wurde immer ruhiger, je nher der entscheidende Augenblick herankam.
Er wute, was ihm allein brig blieb, wenn der Wolf den Sprung wagte, und er war
entschlossen, sein eigenes und Mongos Leben so teuer wie mglich zu verkaufen.
    Seine Fuste waren geballt, seine Augen begegneten dem Blick des Raubtieres.
    Da erhob sich der Wolf, wie es schien zgernd, mit innerem Widerstreben zum
Sprung. Im nchsten Augenblick schwebte die drre, gelbe Gestalt ber dem
Abgrund in der Luft.
    Das war es, worauf Robert gewartet hatte. Mit aller Kraft warf er die linke
Faust der Bestie entgegen, whrend er sich selbst mit der Rechten an den Felsen
klammerte. Htte der Wolf mit Krallen oder Zhnen die andere Seite erreichen
knnen, so wrden ihn selbst die vereinten Krfte mehrerer Mnner von dort nicht
wieder vertrieben haben, whrend bei dem bermig weiten Sprung schon der Sto
von Roberts Faust gengte, um das Tier aus dem Gleichgewicht zu bringen.
    Sekundenlang drehte sich, mit allen Gliedern arbeitend und ringend, das
groe Tier in der Luft, dann strzte es mit dumpfem Poltern, hier und da
aufschlagend oder die Wnde streifend, hinab in das Bodenlose. Robert hrte ein
kurzes chzen, einige rchelnde Tne, - und darauf wurde alles still.
    Er wischte sich den Schwei von der Stirn, der trotz des eisigkalten Windes
in groen Tropfen daraufstand. Er fhlte, da er taumelte, da sich alles um ihn
drehte. Und was war das? - Was lief ihm warm ber die linke Hand herab?
    Blut! - Ganze Strme von Blut. Eine tiefe Fleischwunde zog sich ber die
obere Flche der Hand hin, vielleicht von den scharfen Felszacken gerissen,
vielleicht von den Zhnen des wtenden Tieres.
    Robert sah sich rasch nach dem Alten um. Was hatte vorhin der Neger gesagt:
Mein Blut mchtest du ja doch nicht trinken! Das fiel ihm jetzt pltzlich
wieder ein. Vielleicht lieen sich dadurch die schwindenden Krfte des
Verhungernden zurckhalten, vielleicht konnte Mongo noch schlucken und sich
erholen.
    Er trat zu dem Betubten, legte dessen Kopf in seinen rechten Arm und lie
von der Wunde der linken Hand das Blut auf die halbgeffneten Lippen trufeln.
Schon bei den ersten Tropfen sah er, wie Mongo begierig sog, aber offenbar ohne
Bewutsein, was um ihn herum geschah.
    Es ist gut, dachte Robert, da mich der Wolf ein wenig geschrammt hat. So
konnte ich dem armen Mongo doch noch einen letzten Dienst erweisen. Wir werden
nun beide schlafend erfrieren. Aber mich freut es doch, da ich den Wolf ttete,
- es mu grlich sein, lebend von Zhnen und Krallen zerrissen zu werden.
    Nachdem die Wunde ausgeblutet war, lie er den Kopf des Negers sanft gegen
die Felsenlehne zurcksinken und suchte selbst eine etwas bequemere Stellung.
Mongos Lippen bewegten sich. Das war gut, murmelte er, ach, so warm. Nun
mchte ich schlafen.
    Robert lchelte, whrend ihm sein Herz schwer wurde. Er nahm in Gedanken
Abschied von allen, die er liebte. Morgen mit Tagesanbruch wrde er tot sein, er
fhlte es, und der nchste Wolf, der dann des Weges kam, wrde zwei Leichen zum
Fra vorfinden.
    Hin Schauer berrieselte ihn. Gab es denn keine, - keine Rettung?
    Nein, es war alles verloren. Schon der Versuch, aufzustehen und einige
Schritte zu gehen, milang vollstndig. Sobald er sich erhob, drehten sich
Felsen und Klfte, ja selbst die Sterne am Himmel im Kreise herum.
    Und dabei fhlte er weder Frost noch Hunger, nur eine unbeschreibliche
Mattigkeit, ein Verlangen nach Schlaf, das fast bis zur Betubung gesteigert
war. Er schlo die Augen und faltete die Hnde. Vater im Himmel, dir befehle
ich meine Seele, - vergib mir meine Schuld und la mich - selig auferstehn - -
-
    Ein Lcheln umspielte seine Lippen. Er fhlte sich wie auf Flaum gebettet,
wie getragen, und aller Druck war von seiner Brust genommen. Tnten nicht dort
durch die Stille des Abends leise Glckchen? Bewegten sich nicht dunkle Schatten
durch den Felsenpa auf ihn zu?
    Ein halblauter Anruf durchdrang die Luft. Wie Gespenster verschwanden die
nchtlichen Gestalten, - nur ein leises Knacken war rings in den Felsspalten zu
hren.
    Robert lchelte. Er wute es jetzt, ihm hatte von der ganzen grauenvollen
Wanderung durch die Steinwste nur getrumt, - er war nicht einsam, nicht
verlassen, sondern Menschen beugten sich ber ihn, faten seine Hnde und
redeten in fremder Sprache. Er wurde aufgehoben, ein scharfer Geruch drang in
seine Nase, und hei wie flieendes Feuer lief Branntwein durch seine Kehle
hinab.
    Auf flchtige Augenblicke erwachte er ganz. Im Sternenschein sah er kleine,
dunkelhutige und seltsam in Rentierfelle gekleidete Menschen um sich herum
versammelt, er hrte, da sie miteinander sprachen und fhlte die Wrme des
eingeflten Branntweins alle seine Adern durchrieseln.
    Das sind wandernde Lappen, dachte er glcklich, gottlob, wir sind
gerettet!
    Und dann konnte er dem Schlaf nicht lnger widerstehen - -
    Als er erwachte, strahlte die Sonne hell vom Himmel herab. Ein Dach aus
Rentierfellen wlbte sich ber seinem Kopf, Felle lagen unter ihm und auf ihm,
whrend Mongo an seiner Seite ebenso weich gebettet noch fest schlief. Der Alte
atmete ruhig, seine Farbe war nicht mehr so grau, sein ganzes Aussehen besser.
    Robert schob die Felle zurck und erhob sich, um mehr zu erfahren. Als er
durch eine Spalte der Zeltbahnen hinaustrat ins Freie, drohten zwar seine Fe
noch den Dienst zu versagen, aber er berwand diese Schwche und blickte um
sich. Ein vollstndiges Zeltlager der Wanderlappen lag vor ihm. berall waren
auf starke Pfhle die Rentierfelle gespannt, berall wimmelte es von den braunen
Gestalten, die hin- und herliefen, um auf heien Steinen ihre Mehlkuchen zu
backen, die Rentiere zu beaufsichtigen oder zu melken und sie dann
hinunterzutreiben in das Tal, wo Rentierflechte und Moos wuchsen, das sich die
klugen Geschpfe selbst suchten.
    Nur ein mchtiges, groes Tier, ein Sechzehnender mit mehreren Glckchen um
den schlanken Hals, stand festgebunden neben einem Zelt, das etwas grer war
als die brigen. Dieses Ren schien gegen alle sonstige Gewohnheit als Reittier
zu dienen, denn auf seinem breiten Rcken lag ein Sattel aus Leder und Wollzeug.
An den Zeltstangen hingen Zgel, Peitsche und verschiedene Gerte, whrend alles
nach groer Armut aussah. Die Kleidung schien bei Mnnern und Frauen gleich zu
sein; sie bestand berall aus einem langen Pelzrock, der enge Beinkleider,
ebenfalls aus Pelz, erkennen lie. Dazu kam eine spitze, mit Federn geschmckte
Mtze und sogenannte Komager, selbstgefertigte plumpe Stiefel aus
Rentierleder. Eine kurze Pfeife sah Robert bei fast allen Mnnern und Frauen.
    Er hatte Zeit genug, sich umzusehen, da sich niemand besonders um ihn
kmmerte, sondern jeder ganz mit dem Frhstck beschftigt schien. Eine alte
Frau, abschreckend hlich und braun wie eine Indianerin, hockte neben einem
flachen Fels, auf dem ein helles Feuer loderte. Sie rhrte in dem
darberhngenden eisernen Kessel und sang mit tiefem Kehlton ein Lied, dessen
schwermtige Weise zu der ganzen verdeten Umgebung besonders gut pate. Als
letztes Wort eines jeden Verses hrte Robert immer einen und denselben Namen:
Jubinal -
    Das wird die Zauberin des Stammes sein, dachte er. Die heilt Kranke und
bespricht das Vieh und liest in den Sternen. Vielleicht gehrt ihr sogar dieses
schne Rentier mit seinen klugen Augen.
    Er streichelte den braunen Rcken, whrend ihn die Alte heimlich beobachtend
ansah. Dann stand sie auf und brachte ihm einen hlzernen Napf voll dampfender
Milchsuppe und einen Lffel. Ihre Gebrden luden ihn ein, sich zu setzen und zu
essen.
    Robert bersah den schwrzlichen Rand der Schssel und den plumpen Lffel
von uerst zweifelhafter Sauberkeit; er atmete mit wahrem Entzcken den Duft
der frischen Milch. Aber das wollte er nicht allein haben, sondern Mongo sollte
es mit ihm teilen.
    Er nickte lebhaften Dank und wollte ins Zelt zurckkehren, als ihn die Alte
am Arm festhielt. Ihre Handbewegungen zeigten ihm, da fr seinen Begleiter noch
reichlich Suppe da sei, er mge nur ruhig essen.
    Und so setzte er sich denn auf ein Felsstck, um das sonderbare Mahl zu
beginnen. Einige Lappen brachten ihm heie Mehlkuchen, die er vielleicht zu
Hause in Pinneberg kaum fr Pikas gut genug gefunden htte, die ihm aber,
erfroren und halb verhungert wie er war, ganz kstlich schmeckten.
    Das Mtterchen am Herd fllte mit stillem Lcheln zum zweitenmal den groen
Napf und freute sich sichtlich, als auch diese Portion hinter Roberts Lippen
verschwand.
    Was sie sagte, klang so entschieden wie ein Nun wirst du's aushalten, mein
Shnchen, da er den Sinn deutlich heraushrte und mitlachte. Seine Krfte
waren jetzt so ziemlich zurckgekehrt, und sein Mut hatte seine alte Spannkraft
vollstndig wiedergefunden. Er ging von einer Gruppe zur anderen, versuchte
berall vergeblich, in deutscher oder englischer Sprache eine Unterhaltung
anzuknpfen, und lie sich endlich eine jener kurzen, verrucherten Pfeifen
anbieten, die von allen geraucht wurden.
    Nachdem er schlielich alle einzeln begrt hatte, ging er in sein Zelt
zurck und sah nach dem Neger. Mongo lag mit offenen Augen da und schien zu
glauben, da er trume. Ein Dach ber ihm, warme Felle um ihn herum - er begriff
nicht, was das alles bedeuten knne.
    Bob! murmelte er. Bob, wo sind wir?
    Robert lachte. Noch auf derselben Stelle von gestern, Alter, rief er
frhlich. Die Geister des Gebirges haben uns alles Ntige hergebracht und
stehen auch weiterhin zu unserer Verfgung. Soll ich sie dir zeigen?
    Mongo richtete sich mhsam auf. Du sitzst schon wieder auf dem hohen Pferd,
Spitzbube, sagte er gutmtig lchelnd. Leih mir fr ein paar Zge die Pfeife,
hrst du!
    Robert gab sie ihm sofort, und der Schwarze rauchte tchtig drauflos. Ach,
sagte er, das wrmt, - das tut gut!
    Und als er eine Zeitlang sinnend dagelegen hatte, whrend der heie Rauch
sein Gesicht umspielte, heftete er pltzlich auf Robert einen fragenden Blick.
Du, sagte er, Bob, was war das gestern, was hast du mir zu trinken gegeben?
Es hat mir im letzten Augenblick geholfen! - War es Branntwein aus den Flaschen
der Lappen?
    Robert errtete. Ich glaube wohl, Mongo! versicherte er.
    Da sah der Neger die groe, klaffende Wunde. Bob, rief er, Bob, du
sprichst die Unwahrheit, - du hast mich dein Blut trinken lassen, du guter
Kerl!
    Der Junge lachte. Mach um Gotteswillen keine Heldentat daraus, sagte er in
heiterem Ton. Der Wolf hatte das Loch gerissen, also konnte ich dir wohl den
angenehmen Trunk in den Mund laufen lassen! Brr, ich sollte dich eigentlich um
Verzeihung bitten, Mongo!
    Der Neger reichte ihm matt die Hand. Du bist ein braver, herzensguter
Junge, Bob, sagte er gerhrt, und wenn mein Leben auch nur das eines alten
Niggers ist, - gerettet hast du's doch!
    Robert schttelte die dargebotene Hand. Und so weiter! lachte er. Jetzt
steh nur auf, Alter, und sttze dich auf mich, da du hinauskommst in den
Frhstckssalon aus Felsen mit einer blauen Wolkendecke darber. Drauen wchst
eine warme Milchsuppe, sage ich dir, da dein Magen verborgene Schleusen auftut
und mehr vertragen kann, als sonst in vier Mahlzeiten!
    Er half dem Alten, sich zu erheben, und fhrte ihn dann in die Sonne, wo er
zitternd auf den nchsten Sitz zurcksank. Hat mich doch verteufelt
angegriffen, Bob, murmelte er. Bin noch ganz schwach!
    Robert sprang zurck und brachte einige Felle, die er dem Alten ber die
Schultern legte, und dann erschien auch das braune Weib mit der Holzschale,
deren Inhalt den Neger neu belebte. Er schlrfte in langen, behaglichen Zgen.
Du, sagte er endlich, hat sich der Huptling schon gezeigt, oder sahst du ihn
noch nicht?
    Welcher Huptling, Mongo?
    Nun, einen Anfhrer wird der Stamm doch haben, Kind. Und in diesem Zelt
hier wohnt er.
    Seine ausgestreckte Rechte deutete auf das grere und etwas sorgfltiger
hergerichtete Zelt, das Robert schon frher aufgefallen war. Das ist der
Priester oder Anfhrer, fgte er hinzu. Dort hinter den Fellen steckt er, das
kannst du mir glauben.
    Dann locke ihn heraus, Mongo.
    Der Neger lchelte. Wie leicht du umspringst mit solcher braunen Majestt,
Bursche. Und nebenbei - wer kann sich in seiner Sprache verstndlich machen?
    Ja, da steckt der Knoten. Ich hoffte, da diese braunen Kerle dnisch reden
wrden, dann htte ich zur Not antworten knnen, aber es mu mehr russisch sein,
was sie sprechen, - dem Grunzen ihrer Rentiere nicht unhnlich.
    Du junger Taugenichts, wie dir der Kamm schwillt, sobald es dir
einigermaen leidlich geht! - Und ich habe dich doch gestern abend beten hren -
oder dachtest du vielleicht laut, als es schien, da alles verloren sei.
    Robert drohte errtend dem Alten mit dem Zeigefinger. Nun, sagte er, darf
denn ein tchtiger Kerl nicht mehr in der Not seinen Herrgott anrufen, ohne von
solch einem bsartigen, hinterlistigen Mongo gleich belauscht zu werden? Du
Erzschelm stelltest dich schlafend, um mich den Wolf allein tten zu lassen,
jetzt wei ich's.
    Der Neger sah fragend von seiner Suppenschssel auf. Den Wolf, Bob? Ich
denke, du hast die Geschichte nur getrumt!
    Dachtest du! lachte Robert. Das Tier liegt dort drben im Abgrund, und
hier meine Hand zeigt die Spuren des Kampfes.
    Er hob die Wunde empor, so da Mongo heftig erschrak. Nun, nun, rief er,
und damit lufst du so ruhig umher, als sei es ein Mckenstich. Aber warte, die
braune Hexe dort wird bestimmt irgendeine Salbe besitzen, oder ich mte mich
auf solche klugen Mtterchen nicht verstehen.
    Er erhob sich und ging mit langsamen Schritten, noch schwankend wie ein
Schiff unter vollen Segeln, auf den Herd zu und setzte sich dort neben die Alte,
mit der er eifrig gestikulierend ein Gesprch anzuknpfen versuchte. Beide
redeten, konnten sich aber kaum verstndigen. Schlielich mute Mongo seinen
Zweck erreicht haben, denn das Mtterchen humpelte fort, um aus einem der Zelte
einen alten, verrosteten Blechnapf herbeizuholen, den sie von einer dichten
Staubschicht befreite, einige Splitter und Steine herauswarf, und darauf mit
einem Messer etwas von dem Inhalt auf ein weiches Lederlppchen strich.
    Komm her, Bob! rief der Neger. La dir die Hand verbinden!
    Robert nherte sich gehorsam. Wei Gott, dachte er, wie sich die beiden
alten Menschen verstndigt haben. Es mu schon so eine Art von Verwandtschaft
sein, die sie beide fhlen, anders knnte ich mir die Sache nicht erklren.
    Er ging aber doch hin und sprte auch schon sehr bald die heilende Wirkung
der Salbe. Das Brennen an den Rndern der Wunde hrte auf, die straffgespannte
Haut wurde wieder weich, und die Rte ging zurck. Mongo erklrte, da jetzt die
Sache ohne Gefahr sei. Und wo haben wir nun den erlegten Wolf? fragte er. Der
Bursche mu doch diesen guten Leuten sein Fell abtreten, wenn die Kluft nur
einigermaen zugnglich ist.
    Robert ging rasch zu der Stelle, die ihm vom gestrigen Abend her noch
deutlich in Erinnerung war, und blickte in den sonnenbeleuchteten Abgrund hinab.
Da unten liegt der Ruber, rief er. du kannst ihn von hier aus deutlich
sehen, Mongo, aber heraufholen lt er sich nicht. In den zackigen Spalt wrde
kein Mensch hinabsteigen knnen.
    Mongo lchelte. Wir nicht, Bob, aber unsere braunen Freunde knnen das. Gib
nur acht, was du erleben wirst.
    Er winkte einen der Lappen zu sich heran, zeigte ihm in seiner
Gebrdensprache das erlegte Tier und versuchte ihm klar zu machen, da Robert
der glckliche Sieger sei. Der Rentierjger schien kaum seinen Augen zu trauen.
Mit der bloen Faust? fragten seine erstaunten Augen. Robert nickte lachend.
Er deutete in den Abgrund hinab und schttelte den Kopf, als wolle er sagen:
Aber dorthin fhrt doch kein Weg?
    Der Lappe pfiff durch die Zhne. Dann besprach er sich mit einigen anderen,
die neugierig herbeikamen und lebhaft durcheinander redeten. Der ganze Trupp
machte sich an die Untersuchung der Felsschlucht, um auszukundschaften, ob nicht
ein Weg hinabfhre auf den untersten Grund, aber hier war alle Mhe vergebens, -
- man mute von oben hineinsteigen, oder man kam niemals dahin.
    Robert bat die Leute, das Wagnis aufzugeben, fand jedoch damit kein Gehr.
Im Gegenteil, der gewandteste Bursche lie sich von den andern ein festes Seil
um den Leib schnren, das drei Mnner festhielten, und kletterte dann mit einem
langen, unten zugespitzten Gebirgsstock von Klippe zu Klippe in die Schlucht
hinein. Mehr als einmal verloren seine Fe den festen Halt, so da er pltzlich
ber der schwindelnden Tiefe in freier Luft am Seil schwebte, aber ohne ein
Zeichen von Hast oder Unruhe suchte er die nchste Spitze, die ihm erlaubte,
darauf zu treten, und gelangte so allmhlich von Stufe zu Stufe immer tiefer
hinab. In der Mitte des Weges verengte sich der Spalt, und es schien unmglich,
hier eine freie Bewegung auszufhren. Whrend der tollkhne Jger mit halbem
Krper zwischen den Felsen stand, konnte er nicht sehen, wohin seine Fe
traten, sondern suchte tastend mit den Zehenspitzen nach einem erreichbaren
Halt.
    Oben schwieg alles. Robert und Mongo sahen sich an. Was wird er jetzt tun?
dachten beide, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
    Der Lappe rief in seinen tiefen Kehltnen einige kurze Silben herauf, und
sogleich lieen die drei Mnner, die ihn hielten, langsam das Seil in die Tiefe
hinab, bis endlich aus der Schlucht ein neuer Zuruf verkndete, da unten der
Jger wieder festen Fu gefat hatte. Frei am Seil hngend, hatte er sich
furchtlos von den Fusten der Obenstehenden durch den Engpa tragen lassen und
konnte jetzt wieder klettern.
    Robert klatschte unwillkrlich in die Hnde. Das war mehr, als selbst ein
tchtiger Seemann leisten konnte, der im Sturm auenbords die Strickleitern
erklettert. Diese Ruhe, diese tollkhne Sicherheit flten ihm hohe Achtung ein.
    Bravo! rief er. Bravo!
    Die Lappen beachteten seinen Beifall kaum. Sie hielten die ganze Sache
hchstwahrscheinlich fr ein sehr alltgliches Ereignis und dachten nur an die
Wolfshaut, die sie um jeden Preis an sich bringen wollten. Vom Grunde der
Schlucht herauf hrte man jetzt wieder einige Worte, worauf das Seil sofort
nachgab. Whrend es einer der Mnner festhielt, liefen die beiden anderen fort,
um ein zweites, hnliches herbeizuholen, das dann auf den Felsboden der Schlucht
herabgelassen wurde. Nachdem der untenstehende Jger dies Seil an dem Krper des
toten Wolfes befestigt hatte, lie er sich in derselben Weise, wie er
hinuntergekommen war, auch wieder heraufbefrdern, und dann machten sich alle
vier daran, mit vereinten Krften den Wolf heraufzuziehen.
    Siehst du! sagte Mongo. Ich wute es wohl. So verbringen diese Menschen
das ganze Leben. Immer in Gefahr, immer auf der Jagd, kletternd und springend,
die gesunden Glieder aufs Spiel setzend und den Tod verachtend, - das ist ihr
Beruf. Im Sommer fangen sie auf unzugnglichen Klippen und in tief versteckten
Felsenhhlen die jungen Mwen, die Alken und Schwimmvgel, im Winter jagen sie
das Ren, und zu allen Jahreszeiten kmpfen sie mit groen Raubtieren, um doch
fr diese unausgesetzten Mhen und Gefahren kaum soviel zu haben, da sie sich
jeden Tag satt essen knnen. Das ist der strenge, geizige Norden.
    Roberts Augen leuchteten. Aber er erzieht Mnner, Mongo! antwortete er.
Im Sden gibt die Erde dem Menschen freiwillig alles, was er braucht, und
erschlafft ihm daher ebenso, wie sie ihn bermtig macht. Denke an die
Menschenopfer von Dahomey, Alter, und frage dich, ob sie hier im Norden unter
solchen Mnnern mglich wren?
    Mongo wiegte den Kopf. Hm, hm, antwortete er. Menschen werden nicht mehr
abgeschlachtet, das ist sicher, aber dennoch -
    Nun, Mongo, dennoch? -
    Der Neger hob die Hand. Ich wei nichts Bestimmtes, sagte er, mchte aber
behaupten, da diese Leute doch noch Heiden sind. Es gibt so kleine Zeichen
dafr.
    Robert schttelte den Kopf. Das ist unmglich, Alter. Seit lnger als
hundert Jahren sind die letzten Lappen zum Christentum bekehrt, werden getauft
und konfirmiert wie alle anderen schwedischen oder norwegischen Brger.
    Mongo lachte. Ja, Bob, das wohl. Sie zahlen auch Steuern und sind doch
Wilde, ebenso lassen sie ihre Kinder taufen und beten doch zu Pakal und Jubinal.
Ich bin schon einige Male in Trondhjem gewesen und habe selbst mit Leuten
gesprochen, die das Innere Skandinaviens bereist hatten. Dorthin gehen noch
heute die Missionare ebenso wie nach Grnland oder Afrika. -
    Die Lappen hatten mittlerweile den toten Wolf heraufgezogen und ber den
Rand des Abgrundes auf die feste Erde gelegt. Das Tier war ein Riese seiner Art,
fast anderthalb Meter lang, und mit Zhnen, die auch dem Mutigsten Furcht
einflen konnten.
    Armer Kerl! lachte Robert, du hofftest, halb verhungert wie du warst, auf
einen fetten Braten und fandest dagegen den Tod.
    Mongo nickte. Ging es Sheppard und Morris besser als diesem Tier? fragte
er. Sie wollten Gewalt an die Stelle des Rechts treten lassen und muten es mit
ihrem eigenen Leben bezahlen. Wer andern eine Grube grbt, fallt selbst hinein.
    Die Unglcklichen! schauderte Robert. Sahst du ihre Leichen, Mongo?
    Der Neger schttelte den Kopf. Ich sah einen Hai, Bob, der mit grnlich
schillerndem Rcken die Trmmer des gestrandeten Schiffes umschwamm. Ein Delphin
glitt an ihm vorber, ohne da er es bemerkte, - er mute also wohl sehr satt
sein - -
    Robert antwortete nicht. Seine Blicke bewunderten die schnellen Handgriffe,
mit denen das Fell abgezogen und der Krper des Tieres zerlegt wurde. Whrend
die unbrauchbaren berreste ohne lange Umstnde wieder in den Felsspalt geworfen
wurden, hing man die ganze Beute an ausgespannten Seilen auf, um sie von dem
scharfen Nordost vollstndig austrocknen zu lassen. Die Lappen gingen in den
Zelten ihren verschiedenen Arbeiten nach, machten Holzschnitzwaren, verfertigten
aus Rentiersehnen einen groben Zwirn und strickten Handschuhe. Die Frauen webten
einen braunen Wollstoff, aus dem ihre Sommerkleider bestanden, und das alte
Mtterchen kochte auf den Steinen des Herdes zum Mittagsmahl ein Stck gedrrtes
Rentierfleisch, dem Zwiebeln und verschiedene Wurzeln zugesetzt wurden.
    Noch immer hatte sich die Tr des groen Zeltes nicht geffnet.
    Robert und Mongo machten sich auf, um die Ausdehnung und die nchste
Umgebung des Lappenlagers auszukundschaften. Da sie mit keinem der Mnner
sprechen konnten, mute die Verstndigung ber ferneres Beieinanderbleiben von
selbst erfolgen. Gutmtig und harmlos, wie die armen Leute waren, schien das fr
sie offenbar eine ausgemachte Sache zu sein.
    Mongo sah vor einem der Zelte einen Lappen sitzen, der mit der
Handschuhstrickerei beschftigt war. Das luftige Gebude lag etwas abseits von
den brigen und war ganz schmucklos und niedrig. Es schien als Stall zu dienen,
denn aus dem Innern des kleinen Raumes drang das lustige Krhen eines Hahnes
weit in das Gebirge hinaus.
    Mongo lchelte eigentmlich. Komm, sagte er, la uns einmal in dies Zelt
hineinsehen. Alle anderen durften wir ja besichtigen, warum also dies nicht?
    Er ging mit Robert bis an die Wand aus Fellen und wre im nchsten
Augenblick hineingeschlpft, wenn nicht der Lappe pltzlich den Arm ausgestreckt
htte. Ein verstndliches Kopfschtteln zeigte den beiden, da das Betreten
nicht erlaubt sei. In diesem Augenblick krhte der Hahn zum zweitenmal, und der
langgezogene Ton schien den Lappen offenbar zu erschrecken. Er zuckte und sah
mitrauisch empor.
    Ein ungeduldiger Laut und ein gebieterisches Ausstrecken des Zeigefingers
legte den beiden nahe, ihre Absicht sofort aufzugeben und weiterzugehen. Mongo
hatte auch alles erfahren, was er wissen wollte. Dort werden die Opfertiere
gefangen gehalten, sagte er. Glaub mir, der Stamm htte sich nie so weit nach
Norden hinauf verirrt, wenn nicht die Reise mit einem geheimen Zweck verbunden
wre. Diese christlich getauften und konfirmierten norwegischen Brger wollen
einen heidnischen Gtzendienst verrichten, deshalb sind sie hier.
    Oh, Mongo, du trumst!
    Aber nein, mein Junge. Die Regierung verfolgt und bestraft natrlich solche
Ausschreitungen, sie kann sie aber nicht unterdrcken, sondern nur aus ihrem
Bereich verbannen. Hier, wo kein Dorf und keine Ansiedlung mehr steht, wo kein
Baum oder Strauch wchst und kein Mensch seinen Wohnsitz aufschlagen knnte, -
hier hrt das Gesetz auf, Gesetz zu sein. Die Saita, so heit der Tempel oder
Opferstein Jubinals, ist in dieser unwegsamen Wste vor allen Blicken, allen
Entheiligungen und Beobachtungen wirksam geschtzt. Das Opfer kann vollzogen
werden, ohne die heidnische Schar straffllig zu machen, und eben deshalb
wandert der Stamm auf seinem Wege zum Meer durch diese wste Gegend. Gib nur
acht, wir werden die Saita sehr bald finden.
    Robert konnte nicht glauben, was der Neger sagte. Aber Mongo, wandte er
ein, wie wre das mglich? Denk doch an den stndigen Verkehr der Lappen mit
den Norwegern, ihren Kstenhandel, ihre Besuche auf den Mrkten von Bergen und
Trondhjem! Sie sind lngst schon keine Wilden mehr.
    Mongo schttelte den Kopf. Lappen und Lappen, antwortete er, das ist ein
Unterschied. Whrend die Grenznachbarn des Norrlandes am Lyngenfjord schon
beinahe als gewhnliche norwegische Ansiedler und Viehzchter gelten knnen,
sind die nomadischen Stmme oben an der Polargrenze wieder ein ganz anderer
Menschenschlag, der zu den Samojeden und Kirgisen in weit nherer Verwandtschaft
steht als zu den Weien. Du mut bedenken, da Norwegen, von einem Ende zum
anderen gemessen, seine dreihundert Meilen lang ist.
    Robert nickte. Das wute ich zwar auch, Mongo, antwortete er. Aber wo
hast du all diese Einzelheiten erfahren?
    Kind, ich bin lnger als fnf Jahre auf Walfang. Was soll ein alter Mensch
machen? In den Fabriken wollen die Leute einen vollwertigen Arbeiter haben, und
in den vornehmen Husern einen jungen, gewandten Diener, - also blieb mir nichts
brig, als auf Grnlandfahrern den Tran auszubraten, dafr taugt jeder, der nur
Augen und Hnde besitzt.
    Und nun gib acht, fuhr er fort, dort hockt wieder eine Lappe mit kurzer
Pfeife und hlzernen Stricknadeln zwischen den Fingern. Es ist die Saita die er
bewacht.
    Mongo versuchte nicht, sich diesem zweiten Hter bemerkbar zu machen. Robert
und er schlugen eine seitliche Richtung ein, um die ziemlich hohe Felsspitze von
hinten in Augenschein zu nehmen. Siehst du, flsterte der Neger, dort wimmelt
es von eingegrabenen Figuren und Zeichen. Das sind sogenannte Runensprche, die
aus der vorchristlichen Zeit stammen.
    Die will ich in der Nhe sehen! drngte Robert, und wenn ich zu diesem
Zweck lnger als der ganze Stamm hier bleiben mte. Mongo, wer hat dir das
alles erzhlt?
    Der Schwarze lchelte. Ich bin fast sechzig Jahre alt, du Heisporn, das
vergi nicht. Wenn jemand in meinem Alter zwei Drittel seines Lebens in guten
Husern verbracht hat, viel mit Missionaren verkehrte und im allgemeinen an der
Geschichte der farbigen Vlkerstmme durchaus Anteil nahm, so ist es kein
Wunder, da er ihre Religionsbungen, oder besser gesagt, ihren Gtzendienst
genauer studiert hat. Ich knnte dir voraussagen, wie lange die Lappen noch
bleiben und - was sich dort an diesem Felsen am letzten Abend ihres Hierseins
ereignen wird.
    Robert zitterte vor Neugier. Nun, Mongo, und -?
    Willst du es dir nicht lieber selbst ansehen? lchelte der Neger.
    Gern. Aber wird man uns zulassen?
    Natrlich nicht! lachte Mongo. Komm, la uns einen anderen Zugang suchen.
Dieser braune Geselle in seiner rhrenden Einfalt zeigt uns ja, da hier die
Saita liegen mu.
    Die beiden Abenteurer umgingen suchend den Felsen, dessen Rckwand sich in
einem Gewirr von Klippen und Schluchten verlor, den aber doch eine ziemlich
breite Kluft von seiner Umgebung derartig trennte, da kein Mensch ohne weiteres
hinbergelangen konnte. Desto besser lie sich allerdings der ganze obere Raum
von hier aus frei berblicken, besonders da die hinteren Zacken und Spitzen
bedeutend hher lagen als der vordere glatte Felskegel. Mongo und Robert sahen
eine Art flachen, etwa einenMeter hohen natrlichen Sockel aus Granit, den
jedoch Menschenhnde geformt und abgeschliffen haben muten, vielleicht vor
tausend Jahren schon, da die Runensprche in ihren Einzelheiten nur noch schwer
erkennbar waren. - In der Mitte des flachen Steines war alles schwarz berkohlt.
    Siehst du, flsterte Mongo, darum die beschwerliche Reise in den hchsten
Norden hinauf, wo nicht einmal Brennmaterial zu finden ist, wo die Rentiere halb
verhungern und alte Leute und Kinder vor Klte umkommen. Wenn der Vollmond hoch
am Himmel steht, wird hier das Opferfest gefeiert.
    Und dazu, meinst du, dient der Hahn, der in dem verschlossenen Zelt
krhte?
    Ein Pferd, ein Hahn und ein Habicht, erwiderte Mongo. Das Pferd wird hier
der ueren Verhltnisse wegen durch ein Ren ersetzt, hchstwahrscheinlich ein
ganz weies, was man sehr selten findet. Frher nahm man statt dieser Tiere
Menschen, so zum Beispiel forderte das groe jhrliche Shneopfer
neunundzwanzig, und ebenso viele starke Tiere.
    Aber das mu doch in der vorchristlichen Zeit gewesen sein, Mongo?
    Natrlich. Die letzten berreste dieser entsetzlichen Opfer aber haben sich
hier in dieser weltabgelegenen Gegend zum Teil noch erhalten, wenn sie auch nur
noch an Tieren vollzogen werden.
    Mongo, hast du selbst jemals ein solches Opfer mit angesehen?
    Der Neger schttelte den Kopf. Auerhalb meiner Heimat nicht, Bob. Aber ich
will dir Gelegenheit geben, deine Neugier zu befriedigen, indem ich das Zelt
behte und niemand hineinlasse, angeblich weil du krank seiest, - whrend du
hier von diesem Felsen aus die Geheimnisse Jubinals und seiner Anhnger
erforschen kannst. Nur la dich nicht abfassen, Junge, sonst knnten deine
Gebeine allzuschnell denen des Hahns und des Habichts nachwandern mssen.
    Robert lachte lustig. Ich ein lapplndisches Opfertier, rief er. O du
lieber Gott, wenn das mein Vater gehrt htte, der grundstzlich alles, was
auerhalb Europas liegt, fr heidnisches Unwesen erklrt.
    Mongo lachte mit. Jetzt komm nur, sagte er, wir mssen uns doch wieder
bei unseren Gastfreunden sehen lassen und versuchen, ihnen bei ihrer Arbeit zu
helfen. Auch knnte es uns keineswegs schaden, wenn wir ein Stck Rentierfleisch
zwischen die Zhne bekmen.
    Sie gingen zu den Zelten zurck, und hier sah Robert, wie mehrere Frauen
beschftigt waren, aus ihren groben, selbstgewebten Stoffen die verschiedensten
Kleidungsstcke zuzuschneiden. Er lachte so lustig, da die Lapplnderinnen
erstaunt aufsahen.
    Du, Mongo, rief er, habe ich dir nicht die Fischgrte gezeigt, mit der
ich mir auf meiner kubanischen Insel einen Anzug nhte? - Das war ein
Lehrlingsjahr des fahrenden Schneiders, und jetzt kommt das zweite. -
Hochverehrte, in Schmutz getauchte, mit Tran gesalbte, mit Zwiebeln parfmierte
und ohne Kenntnis der Seife oder des Handtuches herangewachsene Beherrscherin
der Rentierzone, wandte er sich an eine der rauchenden und aus kleinen,
rtlichen Schlitzaugen verwundert dreinschauenden Frauen, wollen Sie mir
huldreichst gestatten, die Schere aus Ihren braunen Pfoten zu entwenden und
Ihrer eingefrorenen Phantasie durch die Kenntnisse des deutschen
Kleiderknstlers zu Hilfe zu kommen?
    Er nahm mit zierlichem Griff und der ernsthaftesten Miene von der Welt die
Schere und begann zu Mongos groem Ergtzen den unfrmigen, sackartigen Rock der
Lapplnderin in ein hbsches, glattsitzendes Kleidungsstck zu verwandeln. Als
er es mit groen Stichen zusammengeheftet hatte, berreichte er es der
Eigentmerin, die ihm neugierig auf die Finger sah und offenbar nicht erwarten
konnte, den neuen Schmuck ihren Stammesgenossinnen zu zeigen. Sobald sie den
Rock in der Hand hielt, eilte sie fort, und das Durcheinander von Frauenstimmen
zeigte nur zu bald, welches Aufsehen Roberts Kunst erregt hatte. Von allen
Seiten kamen die Weiber mit groen Stoffballen herbei.
    Da hast du's! rief laut lachend der Neger. Jetzt ist dein Urteil
gesprochen, vorwitziger Bursche! Du bist nun - -
    Leibschneider der Zwerge! ergnzte Robert. Hurra, das deutsche Mrchen
ist Wirklichkeit geworden.
    Mongo sah mit stillem Vergngen das hbsche, lebensfrohe Gesicht und die
schlanke Gestalt Roberts. Ist ein prchtiger Kerl, dachte er, hat ein Herz
wie ein Kind und Mut wie ein Lwe. Jetzt sitzt er doch bei der Nhnadel, als sei
er ein eingefleischter Schneider, und gestern abend hat er mit derselben Faust
einen Wolf erlegt.
    Robert blinzelte ihm zu. Weit du, was ich im Grunde erreichen will?
fragte er. Eine Mtze fr dich und mich, Mongo. Die Taschentcher sind doch auf
die Dauer unbequem. Aus diesen Abfllen aber stelle ich uns beiden ein paar
tadellose Kopfbedeckungen her.
    Mongo nickte. Soll mir sehr angenehm sein, du junger Spitzbube. Kannst mich
vielleicht als Altgesellen verwenden?
    Tut mir leid, Tranbrater. Die Nhnadel ist kein Rhrlffel. Aber geh und
stibitze mir irgendwo eine Pfeife, wenn du kannst. Diese braunen Heiden rauchen
zwar Moos statt Tabak, glaube ich, aber in der Not frit der Teufel Fliegen, wie
du weit. Ich mchte nicht gern mit erfrorener Nase wieder nach Pinneberg
zurckkehren.
    Mongo lachte. Wie kommt es nur, da wir so guter Laune sind? fragte er.
    Hm, ich denke, weil wir nur wie durch ein Wunder davongekommen sind, Alter.
Im Anblick des Todes lernt man den Wert des Lebens erst kennen. - Schau her, das
wird deine Mtze. Sollen auch Ohrenklappen darankommen?
    Wenn du soviel Stoff auf die Seite bringen kannst, ja. Ich will inzwischen
Pfeifen besorgen.
    Mongo humpelte davon und verstndigte sich abermals durch Gebrden mit der
Alten, die ihm zu ein paar Pfeifen verhalf, von denen er eine dem nhenden
Robert zwischen die Lippen schob. Jetzt werde ich mich nach etwas Feuchtem,
Gebranntem umsehen, fgte er hinzu. Es ist auerordentlich frisch hier oben.
    Du solltest unter deine Felle kriechen, riet Robert. Das Klima sagt dir
offenbar nicht zu.
    Nun, nun - dir vielleicht, Monsieur Naseweis?
    Naserot, willst du sagen, Bester. Ich fhle mich brigens wirklich gut.
    Schlingel! lachte der Alte und ging, whrend Robert zurckblieb, von den
Frauen wie von einer Garde aufgescheuchter Gnse umschnattert. Er hatte sehr
bald eine tchtige Anzahl Rcke zugeschnitten und nhte dann drauflos, um fr
seinen alten Freund noch vor Anbruch der Nacht die warme Mtze fertig zu machen.
Bei dieser Arbeit behielt er das Zelt des Huptlings immer im Auge, aber ohne
das Mindeste zu entdecken. Als die braune Alte das Fleischgericht fr gar hielt,
trug sie eine Schssel voll davon bis vor die Tr aus Fellen und entfernte sich
wieder, ohne hineingesehen oder gesprochen zu haben.
    Robert beobachtete verstohlen diesen kleinen Vorgang. Was wrde jetzt
geschehen?
    Da kam hinter den Fellen eine braune Hand zum Vorschein. Leise wurde der
Holznapf nach innen gezogen.
    
    Sich, du Schlingel, dachte der Junge belustigt. Da sitzest du im Trocknen
und pflegst deine faule Haut, whrend deine betrten Brder arbeiten. Kann mir
schon denken, wie die Gaukelei eingefdelt wird, - du betest und rufst Jubinals
Gnade auf deinen Stamm herab, als wrdige Vorbereitung fr das Opferfest, nicht
wahr? In Wirklichkeit aber lt du dich von deinen Stammesgenossen versorgen und
hast keineswegs vergessen, eine tchtige Flasche Branntwein in die
geweihteEinsamkeit mit hineinzunehmen. - Will mir aber die Geschichte um jeden
Preis ansehen.
    Er stand auf und ging zu der Alten am Feuer. Obgleich sich die Wunde, die
ihm der Wolf gerissen hatte, auf dem Rcken seiner Hand befand, so schmerzte sie
ihn doch bei der Nharbeit sehr stark, und daher hoffte er auf ein wenig Salbe,
die ihm das Mtterchen auch bereitwillig gab. Ein Gericht Fleisch mit Zwiebeln
erhielt er obendrein.
    Wozu diese Leute eigentlich ihre Wohnungen haben, dachte er. Alles
geschieht in Freien: essen, arbeiten, plaudern, kochen. Die Htte dient nur zum
Schlafen.
    Er a das Fleisch nicht ohne einiges Widerstreben und half dann gutmtig der
Alten, die Menge hlzerner Lffel und Schsseln wieder abzuwaschen. Handtcher
gab es nicht, sondern jeder Napf wurde umgestlpt, und damit war alles getan,
was die Reinlichkeitsbedrfnisse des Stammes erforderten.
    Bis Robert die Mtze fr den Alten fertig hatte, war es bereits dunkel
geworden, und mehrere von den Mnnern gingen in die Ebene hinab, um die Rentiere
herbeizutreiben. Fast alle kamen auf den bekannten schrillen Pfiff ihrer Hter
freiwillig heran und lieen sich melken, diejenigen aber, die das Zeichen des
Hirten unbeachtet lieen, wurden mit einem langen ledernen Lasso eingefangen.
Robert zhlte ber hundert Kpfe, darunter mindestens dreiig milchgebende Khe,
natrlich aber zu dieser Jahreszeit keine Klber. Die ganze Herde wurde, nachdem
sie gezhlt worden war, ohne weiteres fr die Nacht sich selber berlassen.
Diese Tiere sind ebenso anhnglich wie klug, sie folgen wie Hunde ihrem Herrn
und brauchen deshalb nicht eingesperrt werden.
    Nur das Reittier blieb gefesselt. Jedenfalls gehrte es dem Zauberer, der
hinter seinen Zeltwnden eben noch einen so gesunden Appetit entwickelt hatte.
Robert lachte, sooft er sich der Hand erinnerte, die den gefllten Napf
sorgfltig in Sicherheit brachte, whrend jedenfalls der ganze Stamm glubig
annahm, da mit dem Inhalt des Geschirres den Gttern ein Opfer bereitet werde.
Er freute sich auf das bevorstehende Schauspiel dermaen, da ihm die nchste
Nacht nur von Feuer und krhenden Hlmen trumte. So merkwrdig hatte er sich
die Reise an den Nordpol auch in seinen khnsten Erwartungen nicht gedacht.
    Am nchsten Morgen war seine erste Frage: Mongo, worauf warten die braunen
Gesellen, ehe sie ihre Zauberknste beginnen?
    Der Neger kroch behaglich tiefer in die warmen Felle hinein. Auf den
Vollmond, du ungeduldiger Mensch, sagte er. Fr heute geschieht noch nichts.
    Und so wurde es tatschlich. Der zweite Tag verging wie der erste, Robert
entwickelte seine Schneiderknste, beobachtete das verschlossene Zelt und
rauchte das geheimnisvolle Kraut, das er heute mimutig Mongo gegenber fr
getrocknete Reste von Kohl oder Rben erklrte. Die neue Mtze sa ihm frech auf
einem Ohr, die groen Seestiefel hatten frischen Tranglanz erhalten, und die
zerrissene Jacke war mit Rentierzwirn ausgebessert worden. Beide Hnde in den
Taschen stand er vor dem Alten.
    Mongo, du bist jetzt mein Spiegel! sagte er. Wie sehe ich aus?
    Hm! - Wie einer, an dem noch einiges zurecht gerckt werden mu, ehe aus
ihm ein vernnftiger Mensch wird.
    Robert lachte. Achte auf den Mond, Schwarzer, antwortete er. Ich htte
groe Lust, mir von einem dieser braunen Kerle ein Gewehr zu leihen und ein
wenig auf die Jagd zu gehen. Lnger als zwei Tage halte ich es bei der Nhnadel
nicht aus.
    Mongo schttelte den Kopf. Und wenn du dich verirrst, Bob?
    Keine Angst. Ich bin vor Anbruch der Nacht zurck. Aber Mongo, gib gut acht
auf den Stand des Mondes, hrst du! Und noch eins, besorge mir durch deine
braune Freundin ein Gewehr, Alter. Du und sie, ihr seid ja doch Vertraute, nicht
wahr?
    Sehr vertraut! nickte der Neger. Sie schenkt mir die grte Zwiebel aus
dem Topf, und ich zerhacke ihr dafr das Brennholz. Dann zeigen wir uns
gegenseitig, wie an den Handgelenken und in den Schultern die Gicht reit, oder
wir frsteln gemeinsam, wenn der Ostwind ber die Berggipfel pfeift. Ja, - es
ist ein entzckendes Dasein, das Leben unter dem fnfundsiebzigsten Grad
nrdlicher Breite.
    Robert streckte sich lang aus und warf die Arme hoch empor. Dieser
herrliche Norden, rief er lachend, geh, Alter, hole mir eine Schuwaffe,
Gewehr oder Bogen, wenn es nur etwas ist.
    Und Mongo ging. Robert lehnte sich an den nchsten Felsen und mute lachen,
als er sah, wie der Neger das Kchenbeil nahm und es auf die Alte anlegte, um
seinen Wunsch begreiflich zu machen. Sie verstand ihn sofort, hinkte zu einem
der jungen Mnner und redete mit ihm lange hin und her. Der Lappe schien zuerst
das Gesuch rund abschlagen zu wollen, spter aber erhob er sich und brachte
widerstrebend eine alte Jagdflinte herbei. Die notwendige Munition hing in einem
kleinen Lederbeutel daran.
    So ausgerstet wanderte Robert los. Die Luft war klar und ruhig, der Himmel
blau und die Sonne heute wrmer als an den Tagen vorher. An den Strand konnte er
nicht vordringen, da der Weg dahin viel zu weit war. Er mute sich also mit
einem Ausflug in die hchsten Gebirgsgegenden begngen. Vielleicht sah er ja von
dort aus in weiter Ferne das Meer, vielleicht konnte er einen Gru hinbersenden
zu weien Segeln, die langsam im Sonnenglanz dahinglitten - -
    Das Gewehr auf der Schulter ging er pfeifend weiter. Lngst hatte er sich in
einem Berggipfel von sonderbarer, tierhnlicher Gestalt eine Art von Wegweiser
gesucht, der ihn nicht irreleiten konnte. Sobald er das Bild in gerader Richtung
vor sich sah oder ihm genau den Rcken kehrte, befand er sich dem Lappenlager
gegenber.
    Robert lief, bis die Lungen den Dienst versagten, er kletterte ber die
unwegsamsten Psse und sprang wie ein Seiltnzer von Klippe zu Klippe, nur um
seinem bermut die Zgel schieen zu lassen. Immer hher und hher hinauf trugen
ihn seine flinken Fe, immer weiter entfernte er sich von den Zelten der
Lappen. Es war aber auch zu verlockend schn hier oben - wie in einem Tempel
fast. berall hohe Sulen, regelmig und groartig zu einem natrlichen,
gewaltigen Bau vereint. Hohe Bogen schwangen sich von Kuppe zu Kuppe, gedmpft
fiel das Sonnenlicht in den mittleren, freien Raum, und brausend wie ein
Orgelton sang der Ostwind seine Melodie dazu.
    Warum steht die Saita Jubinals nicht hier oben? dachte er. Kann es denn
eine noch schnere Stelle geben?
    Er sah sich um. Kein Baum, kein Strauch, keine Spur des Lebens, und doch war
es ein groartiger, erhebender Eindruck. Langsam wanderte er durch das Schiff
dieser natrlichen Kirche, an deren entgegengesetzter Seite ein Wasserfall mit
donnerhnlichem Tosen zwischen die zerklfteten Felsen hinabstrzte. Schumend,
Silbertropfen spritzend und ringsumher alles mit feinem Gischt bestubend,
strzte das Wasser auf das Gestein herab. Spitze Zacken ragten daraus hervor,
aber kein Zeichen verriet, wo sich ein Abzugskanal aus diesem Felsental befand.
Robert blickte staunend hinab. Wo blieben diese schumenden Wassermassen? - -
    Da sah er eine kleine weie Mwe mit grauem, perlartigem Federmantel, wie
sie kreischend von oben herab in den Felsspalt mehr taumelte als flog. Die
ausgebreiteten Flgel glnzten von schimmernden, unzhligen Wassertropfen, die
roten Fchen suchten auf dem feuchten Gestein vergeblich Halt, und das Kpfchen
duckte sich, wie vor einer drohenden Gefahr.
    Im gleichen Augenblick erkannte Robert auch den Ruber, der das kleine,
scheue Tierchen verfolgte. Ein riesiger Seeadler scho herab, an der Mwe
vorber und fast in das Wasser hinein. Er hielt sich mit den scharfen Fngen auf
einer vorspringenden Klippe und schien eine Weile auer Fassung, weil er sein
Opfer in blinder Eile verfehlt hatte.
    Die Mwe schwebte hoch in der Luft, ehe sie ihr Verfolger erreichen konnte.
    Alle Jagdlust erwachte in Robert, als er den Adler so nahe bei seinem
eigenen Versteck auf den Klippen sitzen sah. Es war ein besonders groes, sehr
schnes Tier, dessen stolze Haltung und feuriges Auge ihm ein wahrhaft
vornehmes, knigliches Aussehen gaben.
    Es sa auf der vorspringenden Klippe und bog den schlanken Hals der
entfliehenden Mwe nach, dann breitete es die Flgel aus, um sich wieder in die
Luft zu erheben.
    Robert hielt den Atem an. ber zwei Meter mochtes das Tier messen, wenn man
die uerste Flgelspannweite rechnete, - wie ein Riesenbildwerk, unbeweglich
wie die Klippen ringsumher, sa es auf der schmalen Felszacke. Die Wassertropfen
schleuderten spielend einen Perlenregen ber das braune Gefieder herab, zornig
blickte das Auge der entkommenen Mwe nach.
    Robert hob das Gewehr. Sollte er abdrcken?
    Fast war es Mord. Das Fleisch des Adlers konnte nicht gegessen werden, -
sein Leben in der endlosen Steinwste schadete niemand. Mit welchem Recht durfte
er das Tier tten?
    Da erhob sich der Adler, um den Flug durch die Lfte fortzusetzen. Robert
besann sich nicht lnger, - es lockte ihn zu unwiderstehlich. Der Schu krachte
mit zehnfachem Echo, der Pulverdampf schwebte ber der Kluft, und neugierig sah
der junge Schtze hinab. Die Klippe war leer.
    Er trat bis an den uersten Rand und beugte sich vor, um besser in den
sprudelnden Gischt hinabschauen zu knnen. An den unteren Zacken und Klippen
mute ja das getroffene Tier hngen geblieben sein, da es auf der kreisenden,
schaumbedeckten Oberflche nicht zu erkennen war. Wenigstens einige Federn,
einige Blutspuren mute er finden.
    Aber so sehr er seine Augen auch anstrengte, zwischen jede Klippe blickte
und zehnmal die ganze Umgebung musternd berflog, - es zeigte sich nichts. Dort
wo das Wasser blieb, war auch der Vogel verschwunden, auf geheimnisvolle,
unerklrliche Weise, ohne eine Spur in der zerklfteten, verwitterten Umgebung
zurckzulassen.
    Robert sah kopfschttelnd an der andern Seite des Berges hinab. Er stand in
einer Hhe von beinahe hundert Metern ber dem Talkessel, der in den Sumpf
ausmndete. Vielleicht lie sich also auf halbem Wege, in der Mitte oder am Fue
des Berges, diesem seltsamen, wie ein mitternchtlicher Spuk verschwindenden
Wasserfall noch weiter nachforschen. Gedacht, getan; vorsichtig kletternd suchte
er einen Pfad an der ziemlich steil abfallenden Gebirgswand, deren vielfache
Vorsprnge, Ecken nnd Plattformen seinen Fen als Sttzpunkte dienten. Schritt
fr Schritt hinabsteigend, sah er immer nach unten, nie aber zur Seite seines
Weges, und auf diese Weise verlor er die eingeschlagene Richtung vollstndig aus
den Augen. Hinter ihm, vor ihm, rechts und links trmte sich das Gebirge,
berall fhrten stufenartige Abhnge in die Tiefe, mehr und mehr verloren die
Sonnenstrahlen an Licht und Wrme, und die Klte wurde immer durchdringender.
    Robert merkte nichts davon. Seine Tollkhnheit ri ihn weiter. Er wollte den
erlegten Adler wiederfinden, wollte wissen, wohin das unterirdische Wasser
gelangte und wie tief hinab ihn dieser Weg fhren werde, daher kletterte er
rstig weiter, immer im Glauben, da es leicht sein msse, wieder
hinaufzusteigen, wenn er Lust habe. Das ging ja von Stufe zu Stufe, bequem wie
eine Treppe und bestimmt tausendmal besser, als in den schaukelnden Wanten eines
Schiffes.
    Tiefer, immer tiefer kletterte er hinab. Dmmerung umgab ihn, der Wind
schwieg ganz, die Luft war kalt wie Eis.
    Und jetzt stand er auf festem Boden. Vor ihm wlbte sich eine enge, finstere
Halle, von steinernen Bogen berdacht, unter denen ein schmaler Weg
hindurchfhrte. Whrend das Innere dieser Felsenhhle fast nchtlich dunkel
erschien, zeigte an ihrem uersten Ende ein Lichtschimmer, da dort die Sonne
ungehindert von oben eindringen konnte. Robert hielt das wieder geladene Gewehr
schubereit in der Hand und drang mutig vor.
    Die Grotte besa nur geringe Ausdehnung. Schon nach zehn bis zwlf Schritten
erweiterte sie sich bedeutend, das Tageslicht fiel voll herein, und eine Art
scharfkantiger Brstung erhob sich unmittelbar vor Roberts Fen. Der Weg war
hier pltzlich zu Ende.
    Das Schauspiel aber, das sich jetzt seinen Augen bot, war schner und
eindrucksvoller als alles bisher Gesehene. In einer Tiefe von vielleicht zehn
Metern lag zwischen den Felsen ein blauer See mit regungsloser, spiegelglatter
Oberflche. Anscheinend unergrndlich tief lag das Wasser wie ein blauer Teppich
da, von allen Seiten stiegen die Felsen steil empor, hier in schlanken,
anmutigen Formen, dort verworren und wild zerklftet, als htten die alten
Gtter der Sagenzeit im Kampfe Trmmer auf Trmmer geschleudert, als htte die
Erde unter ihren Futritten gebebt und wre in tausend Scherben zerfallen, die
nun hier ber- und nebeneinander liegen geblieben waren. Vorspringende Altane
streckten sich pltzlich aus der Mauer heraus und spiegelten ihre geflligen
Formen im Wasser des Sees, stumpfe Kegel hoben die wenig schnen Hupter zu
Hunderten aus dem zackigen Gestein empor und umgaben eine Sule, die schlank und
schmucklos wie ein Kirchturm zum Himmel ragte.
    Das war eine Welt fr sich, das schien nicht mehr der Erde anzugehren, -
das berwltigte fast das Herz des Menschen.
    Bis an den oberen Rand war dieser tiefe, mit Wasser gefllte Talkessel
vollstndig ungangbar. Robert befand sich ganz im Scho der uralten Steinriesen,
in geheimnisvoller, tiefverborgener Mitte, aus der kein Ton empordrang zur
Oberwelt.
    Was jeden anderen erschreckt haben wrde, das erfllte ihn mit stolzer
Freude. Er hob den Lauf des Gewehres langsam empor und zielte auf die schlanke
Turmspitze. Wie hier im eingeschlossenen Raum der Schu krachen mute! - -
    Und dann wlzte sich der donnerhnliche Schall an den Wnden entlang. Wie
betubender Lrm aus zehn, - zwanzig Geschtzen, kaum zu ertragen, so krachte es
und rollte und hallte wider. Die hchste Spitze, ein Stckchen wie ein kleiner
Stein, war herabgeschossen und fiel pltzlich in das stille, blaue Wasser. An
den Wnden spielten kleine, weie Schaumwellen, whrend in der Mitte des Sees
die zitternden, unregelmigen Kreise immer grer und grer wurden. Nach
wenigen Minuten war alles so still wie zuvor.
    Robert lud das Gewehr und hing es an dem Lederriemen wieder ber seine
Schulter, dann, nach einem letzten, bewundernden Blick auf die Felswand, suchte
er durch die Grotte den Rckweg. Erst jetzt fiel ihm ein, da er weder den
Adler, noch den Ausflu des Wasserfalles gesehen hatte. Es mute also mitten in
dem Gewirr von Klippen, entweder zur Rechten oder zur Linken, etwa auf halber
Hhe noch eine Stelle geben, die das Wasser langsam flieend passierte, bevor es
in den See einmndete, und wo auch der Adler hngen geblieben war.
    Diese Stelle wollte er finden.
    Vor dem ziemlich dunkeln Ausgang der Hhle erhoben sich so viele Stufen und
Zacken, da es auch einem Ortskundigen auf den ersten Blick unmglich gewesen
wre, hier diejenigen herauszufinden, die ihm vorhin als Treppe gedient hatten.
Robert sah hinauf. Von allen Seiten Schluchten und Kuppen, Spalten und Engpsse,
- hoch oben in weiter Ferne hier oder da ein Streifen blauen Himmels, aber
nirgendwo ein Zeichen des Weges, der ihn hierher gefuhrt hatte.
    Noch schlug sein Herz so ruhig und gleichmig wie immer, er versuchte die
einzelnen Stufen des Gesteins der Reihe nach mit den Augen in Verbindung zu
bringen und zu berechnen, wie er am besten nach oben kommen knnte. Vergebens!
Dieser mndete nach rechts, jener nach links, der dritte lief in eine steile,
ganz glatte Wand, und der vierte zeigte Unterbrechungen, ber die kein
menschlicher Fu htte hinwegspringen knnen. Robert fragte sich umsonst, wie er
durch dieses Gewirr berhaupt bis auf den Boden der Schlucht hinabgefunden habe.
    Aber was half es. Die Sache mute auf gut Glck hin versucht werden. Er
kletterte mit der Hast der Aufregung in den nchsten Spalten empor und fhlte
bald den Wind wieder um seine Stirn wehen. Jedenfalls hatte er an Hhe gewonnen,
das gab ihm neuen Mut.
    Von Zeit zu Zeit prfte er die Entfernung des Himmels von seinem
augenblicklichen Standort. Sonderbar, - sie blieb immer die gleiche.
    Wo er sich jetzt befand, war er auch vorhin nicht gewesen, daran erinnerte
er sich deutlich.
    Die Zacken hrten auf, und eine Art Rinne oder Durchgang fhrte tiefer in
den Fels hinein. Zugleich hrte Robert ein starkes Rauschen wie von Wasser. Ganz
in seiner Nhe pltscherte es, aber sehen konnte er nichts. Vorsichtig
weitergehend suchte er berall die Spuren des verlorenen Weges, stellte jedoch
dabei fest, da sich die Rinne, der er folgte, allmhlich senkte.
    Er kehrte um bis zu der Stelle, wo er das starke Rauschen bemerkt hatte. Es
war ununterbrochen hinter der Felswand zu hren, doch lie sich kein Tropfen
Wasser erkennen, das Gestein war berall vollkommen trocken und fest.
    Er kehrte noch einmal um, bis nach einer Wanderung von fnf Minuten der Pa
sich dermaen verengte, da kaum noch ein Durchschlpfen mglich war. Robert
kroch vorwrts, - er ma besorgt die Entfernung zum Tageslicht.
    Aber jetzt erschrak er doch so sehr, da es kalt ber seinen Rcken
herablief. Was er hoch ber sich sah, war die zierliche, schlanke Spitze des
turmartigen Felsens, - er befand sich demnach bedeutend unter dem Spiegel des
Sees.
    Einen Augenblick lang stockte das Blut in seinen Adern. Schwei stand auf
seiner Stirn, und seine Knie zitterten. Das geheimnisvolle, unterirdische Wasser
hatte ihn verlockt, den Zauberberg zu betreten und aus seinen verschlungenen
Irrgngen den Rckweg zur Sonne, zu den Menschen vergeblich zu suchen - -
    Kindheitsmrchen stiegen in seiner Erinnerung auf, er dachte an Rbezahl, an
den Leibschneider der Zwerge, an Schneewittchen ber den Bergen, bei den sieben
Zwergen, an den Kobold Rumpelstilzchen und all die anderen Gestalten, deren
Abenteuer er so gern gelesen und an deren Stelle er sich tausendmal gewnscht
hatte.
    Jetzt war er so ein verzauberter, gefangener Mrchenheld, der dem Bann des
Hexenmeisters nicht frh genug aus dem Wege ging, und hinter dessen Schritten
sich die Felsen, gehorsam ihrem Herrn, leise aneinander schoben, so da er
niemals wieder an die Oberflche gelangte, - niemals zurck zu den Seinen.
    Ein Schauder berlief ihn. Der stille, bergestiefe See hoch ber seinem
Kopf, - das war merkwrdig beklemmend und seltsam. - -
    Sollte er rckwrts gehen oder weiter vordringen?
    Er entschied sich fr das Letztere. Vielleicht, machte er sich Hoffnung,
liegt der Ausgang ganz nahe, - vielleicht sind es nur noch wenige Meter bis
dahin.
    Und fast schien es, als sei diese Vermutung richtig gewesen. Der schmale
Schacht lief aus in ein freies, weites Tal. Robert sah sich pltzlich von dem
Druck der ihn umgebenden engen Felsmassen erlst und atmete befreit auf.
    Aber als er nher herankam, - was war das?
    Kleine Wasserlachen, glitzernd im Schein der untergehenden Sonne, hatten
sich hier und da gebildet, kleine Vertiefungen waren mit blulichem Schlamm
berzogen, - ein unangenehmer Modergeruch erfllte die Luft.
    Robert wollte nicht glauben, was sich seinen Augen gebieterisch aufdrngte.
Er setzte den Fu auf die schwarze, glatte Flche, - aber er tat es zgernd,
vorsichtig.
    Eine kleine Lache bildete sich sofort um seinen Fu. Robert taumelte zurck
vor Schreck - es war ein Sumpf, an dessen Rand die Felsspalte ausmndete.
    Er war wie betubt. Jetzt mute er den ganzen beschwerlichen Weg nach oben
noch einmal suchen.
    Aber sollte ihn denn der Sumpf wirklich nicht tragen? -
    Er versuchte es noch einmal. Aber umsonst, ganz umsonst. Wenn er fester
auftrat, spritzte ihm der Schlamm entgegen.
    Halb verzweifelt entschlo er sich umzukehren. Ihm graute vor dem Rauschen
des unsichtbaren Wassers. Er lief so schnell wie mglich an dieser Stelle
vorber und atmete auf, als er sie hinter sich hatte.
    Weiter, immer weiter hinein in das Felsenlabyrinth. Roberts Hnde bluteten,
aber er lie nicht ab, einen Weg zu suchen. Oben am Himmel wurde es allmhlich
dunkel, - er mute sich beeilen, wenn ihn nicht die Nacht berraschen sollte.
Wieder hatte er einen Gipfel erklettert und hielt Umschau.
    Keine Verbindung mit den hhergelegenen Spitzen, kein Pfad, der von einer
Kuppe zur andern gefhrt htte.
    Robert prete die Lippen zusammen. Er dachte nicht mehr, rechnete oder
beobachtete nicht mehr. Seine Pulse hmmerten, zehnmal machte er denselben Weg,
zehnmal kam er im Kreislauf an den eben verlassenen Platz zurck. - -
    Alle Schsse bis auf einen, den er fr den Fall eines Angriffs zurckhielt,
gab er in die Luft ab, um mglicherweise den Lappen ein Zeichen zu geben,
niemand antwortete, niemand hatte ihn gehrt.
    Von Zeit zu Zeit machte er kurze Rast. Seine Schlfen hmmerten, Hnde und
Fe schmerzten, er atmete schwer. Wie lange noch wrde er diesen ebenso
fruchtlosen wie gewaltigen Anstrengungen standhalten knnen.
    Aber solche Augenblicke der Erholung waren kurz. Getrieben von innerer
Unruhe sprang er schon nach wenigen Minuten wieder auf und begann noch einmal
den Kampf.
    Und dann kam ein Augenblick, wo er sich fr verloren hielt. Ein Felsblock,
der nur lose gelegen haben mute, - vielleicht vom Blitz einmal aus grerer
Hhe herabgestrzt, - ein schwerer, platter Felsblock rollte unter seinen Fen
in eine tiefe Kluft hinein und ri ihn unwiderstehlich mit sich fort. Robert
schlo die Augen; er konnte nichts tun, um sich zu retten, und erwartete
widerstandslos den letzten, vernichtenden Schlag. Auf dem Rcken liegend, das
Gewehr in beiden Hnden, glitt er auf dem groen Stein in die Tiefe.
    Aber er hatte Glck. Als der Block auf Klippen und Spitzen einen Halt
gefunden hatte, konnte Robert unversehrt wieder aufstehen; er war tchtig
durchgerttelt und hatte die Knie blutig gestoen, im brigen jedoch schien der
pltzliche Sturz keine schlimmen Folgen gehabt zu haben.
    Robert berblickte wieder die Gegend. Es war kaum noch hell und keine Zeit
mehr zu verlieren, wenn er noch einen Versuch machen wollte, das Lager der
Lappen vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Vorsichtig stieg er den
nchsten Felsgrat wieder hinauf.
    Und da - welch ein Glck! Da rauschte der Wasserfall in unmittelbarer Nhe,
da stand er wieder in dem tempelartigen Raum, von dem aus er vor drei langen,
frchterlichen Stunden die Wanderung in das Innere des Berges unternommen hatte.
    Jetzt erst gnnte er sich eine lngere Rast, um aufzuatmen. Der Rckweg war
gesichert, die Zeit, zu der ihn Mongo erwarten mute, war noch nicht
berschritten und die Richtung des Lappenlagers leicht gefunden. Zwischen den
Bergen, wo die Zelte standen, brannte ein Feuer, das durch die Dmmerung
heriiberschimmerte.
    Robert trocknete den Schwei von der Stirn. Wie wunderbar hatte ihn der
fallende Stein gerade in dem Augenblick gerettet, als er sich verloren glaubte!
    Ich will vorsichtiger werden, dachte er, und ich will Mongo von der
ganzen Geschichte kein Wort erzhlen. Wenn ich zu unberlegt handelte; so habe
ich auch genug Angst dafr ausstehen mssen, deshalb geht es niemanden etwas an,
als nur den lieben Herrgott und mich selbst.
    Als Robert mit langsamen Schritten die uere Umgebung des Lagers betrat,
kam ihm Mongo entgegen. Pst, Bob, sprich mit niemand, flsterte er, la mich
nur das Gewehr abgeben und geh du gleich in unser Zelt. Wenn mich nicht alles
tuscht, so wird in dieser Nacht das Opferfest gefeiert werden. Ich habe so
meine Beobachtungen gemacht.
    Heute, Mongo? antwortete Robert. Das kommt frher, als du erwartet
hattest.
    Der Neger rieb sich frstelnd die Hnde. Schadet ja nichts, Bob, sagte er.
Um so eher geht es zurck nach dem Sden, - nach Bergen, wo sich fr uns beide
schon eine Heuer finden wird.
    Roberts Gesicht hellte sich auf. Eine Heuer! wiederholte er, ach, Mongo,
wenn wir erst wieder Schiffsplanken unter den Fen haben!
    Will mich auch von Herzen freuen, wenn es erst Anker auf heit! sagte der
Alte. Aber jetzt geh du nur in unser Zelt, mein Junge.
    Robert verschwand, und der Neger brachte das Gewehr zurck, wofr er einige
Mehlkuchen und einen Napf mit Milch von der alten Frau eintauschte. Robert
fhlte jedoch keinen Appetit, sondern stand noch ganz unter dem Eindruck des
eben Erlebten, so da Mongo endlich die vernderte Stimmung seines jungen
Freundes bemerken mute. Hast du eigentlich nichts geschossen, Junge? fragte
er. Das Gewehr war doch mehr als einmal zu hren.
    Robert errtete. Ich habe einen Adler getroffen, Mongo, ein prachtvolles
Tier, aber - der Krper fiel zwischen die Klippen, ich konnte ihn nicht
erreichen.
    Dann wollen wir morgen, wenn dazu noch Zeit bleibt, zusammen hingehen, Bob.
Es wre doch hbsch, als Andenken an diese Eiswste, einen Adlerflgel
mitzunehmen.
    Robert schttelte den Kopf. Ich habe es versucht, Mongo, - dahin, wo das
tote Tier liegt, fhrt kein Weg. berall steile Felswnde, Jahrtausende altes
Gestein, und doch rauscht in nchster Nhe ein unsichtbarer Wasserfall. Weit
du, ich glaube, da viele dieser Felsen hohl oder doch von Einschnitten
durchzogen sind.
    Der Alte nickte. Natrlich, Bob, woher kmen sonst die Sagen und Mrchen
von den Bewohnern unterirdischer Felshhlen? - Hierzulande hausen die Trollen in
jedem Gebirge.
    In Robert flammte bei diesen Worten des Negers sein alter trotziger bermut
auf. Mit zwlf oder zwanzig tchtigen Mnnern, mit Seilen und Mauerhaken
ausgerstet, mchte ich die Geheimnisse dieser Felsen erforschen, rief er, und
berall auf den Grund sehen!
    Mongo lchelte rcksichtsvoll. berall, Bob? wiederholte er, glaubst du
das wirklich? Denkst du, da du erreichen wirst, was Hunderte vergeblich mit
allen Mitteln versuchten?
    Roberts Herz klopfte heftig. Und warum nicht, Mongo? Einer kann nur der
erste sein, das mut du doch zugeben. Wenn vielleicht tausend Jahre vor mir
schon ein Mensch das Rauschen dieses unsichtbaren Wasserfalles hrte, und rechts
und links, oben und unten, in allen Spalten, allen Klften vergeblich nach ihm
suchte, - ist es darum gesagt, da niemand nach ihm mehr Glck haben soll als
er?
    Mongo beugte sich in der Dunkelheit des Zeltes weit vor und beleuchtete mit
der kurzen Pfeife das blasse Gesicht des Jungen. Und glaubst du, fragte er
langsam, da es ein so groer Gewinn sein wrde, das Innere dieses einen
Felsens kennenzulernen? - Tausende bleiben unerforscht, Rtsel reiht sich an
Rtsel, whrend du alt wirst, Bob, whrend andere das erreichen, was du
anstrebtest. Denk an die Nordpolfahrer, an ihre ungeheuren Anstrengungen bis in
unsere Tage. Keiner hat das Ziel erreicht, keiner wird es erreichen, aber viele
hundert brave Mnner wurden ein Opfer ihres Wissensdranges.
    Roberts Augen glhten. Willst du damit sagen, da das Leben zu viel wert
wre, um es fr die Erforschung des Unbekannten in der Natur zu wagen, Mongo?
Sollten tchtige Mnner, solange noch ein Fleck Erde unbekannt und unerforscht
daliegt, die Hnde falten und denken: vielleicht knnte ich mir bei der Sache
schaden?
    Der Neger schttelte den Kopf. Nein, antwortete er, nein, gewi nicht,
Bob. Aber es gibt einen Unterschied zwischen besonnener Forschung und dem
Ungestm, der Gott versucht, indem er alle Schranken niederreit und bermtig
sagt: Ich will!
    Robert schob den hlzernen Napf zur Seite und warf sich der Lnge nach auf
die Rentierfelle. Mongo, rief er, und doch gibt es nichts Schneres, als im
Bewutsein seiner Kraft sagen zu knnen: Ich will!
    Es entstand eine Pause, dann fragte pltzlich der Alte: Kennst du die
Geschichte vom Knig Belsazar, mein Junge?
    Nein. Was war mit ihm, Mongo?
    Nun, Belsazar lebte herrlich und in Freuden, er herrschte, ohne sich um
gttliche oder menschliche Gesetze zu kmmern, und eines Tages sogar, als er
erhitzt vom Wein seines bermutes kein Ende mehr kannte, da schrieb er an die
Wand des Saales die frevelhaften Worte: Jehova, dir knd' ich auf ewig Hohn, ich
bin der Knig von Babylon. - Aber was geschah pltzlich, whrend seine Schranzen
und Speichellecker Beifall klatschten? Eine Hand erschien an der Mauer und
verwischte die Schrift, nicht einmal, sondern immer wieder, sooft der Knig die
Worte erneuerte. Noch in derselben Nacht ermordeten ihn bestochene Diener.
    Sieh, Bob, fuhr der Alte fort, das pat fr dich und pat auch wieder
nicht. Du bist ein braver Kerl, aber ein Tollkopf, der das Eisen biegen und mit
dem Leben spielen mchte. Die unheimliche Hand, die dem Belsazar Halt gebte
tte auch dir manchmal gut.
    Robert antwortete nicht. Hatte der kluge alte Mann doch tiefer gesehen, als
er ihm erlauben wollte?
    Fast schien es so, denn Mongo kam auf das Gesprch nicht wieder zurck. Er
sah durch die Spalten der Felle und prfte ringsum die stille Umgebung. Es ist
Zeit, Junge, flsterte er dann. Mach, da du hinkommst, schleiche dich
vorsichtig auf dem Nebenweg zum Felsen und la mich sorgen, da niemand hier
eindringt. Die Kerle sind alle verschwunden.
    Robert erhob sich hastig vom Lager. Auf Wiedersehen! gab er zurck. Das
Opfer mchte ich um keinen Preis versumen.
    Mongo legte die Hand auf seinen Arm. Aber wenn sie dich entdecken sollten,
Bob - du kennst mich! Sobald ich dich rufen hre, antwortet dir das
Kriegsgeschrei von Dahomey, und dein Freund kommt mit dem Holzbeil seiner
liebenswrdigen Vertrauten, das er zu diesem Zweck schon in Sicherheit gebracht
hat. Dort unter den Fellen liegt es.
    Robert lachte. Du bist ein Querkopf, Alter, sagte er, ein richtiger
Moralprediger, aber das Herz hast du auf dem rechten Fleck, und ich glaube, die
Faust auch. Ich mchte mich mit dir, trotz deiner sechzig Jahre, nicht
erzrnen.
    Der Neger schmunzelte zufrieden. Ich glaube, da du recht hast, Junge. Aber
ich wre lngst ein toter Mann, wenn mich nicht dein Blut am Leben erhalten
htte!
    Robert knpfte die Jacke von oben bis unten zu. Das stimmt, Mongo, aber wo
wre ich, wenn du mich nicht aus dem Wasser gezogen httest?
    Im Haifischmagen, junger Spitzbube. Mach, da du fortkommst.
    Sie trennten sich lachend, und Robert schlich davon; er wollte auf Umwegen
den Felsen erreichen, von wo aus man die Opfersttte bequem berblicken konnte.
Als er nher herankam, zeigte es sich, da der ganze Stamm mit Ausnahme seiner
weiblichen Angehrigen bereits versammelt war, und da auf dem Felsen, der zur
Feier dieses seltsamen Gottesdienstes ausersehen war, schon ein helles Feuer
brannte.
    Die Beleuchtung war an diesem Abend nur gerade hell genug, um die
benachbarten Zinnen und Kuppen in dunklen Umrissen von dem Dmmergrau des
nchtlichen Himmels abzuzeichnen. Wie Riesenwchter, Ungeheuer aus der
Fabelzeit, erhoben ringsum die alten Berge ihre Hupter, von Wolken verschleiert
stand der Mond am Himmel, und zu Fen des Opfersteines, neben den Runensprchen
frher Jahrhunderte, scharten sich die dunklen, pelzbekleideten Gestalten, um
mit entblten Huptern ehrfurchtsvoll schweigend ihre Andacht zu verrichten.
    Wahrscheinlich hatte der grere Teil von ihnen daheim im Winterquartier in
der kleinen, hlzernen Kirche aus der Hand des wandernden Missionars die
Christentaufe und spter den Segen der Konfirmation empfangen, aber dennoch
beteten sie zu Jubinal, wie es die Voreltern getan hatten, und wie es ihnen von
Kind auf durch Vater und Mutter schon heimlich eingeprgt worden war.
    Robert konnte sich bis an die uerste Brstung vorwagen und alles
berblicken, ohne selbst gesehen zu werden. Das erste, was er bemerkte, waren
die fr das Opfer bestimmten Tiere, ein weies Rentierkalb, ein Habicht und ein
Hahn. Auch der Zauberer war zugegen, doch konnte ihm Robert nicht ins Gesicht
sehen. Er hatte weies, sprliches Haar und trug ein langes Gewand, das aus dem
Fell eines Eisbren gefertigt schien und mit schwarzen Pelzstreifen besetzt war.
Den Kopf bedeckte eine bergroe spitze Mtze, aus Federn und Bast kunstvoll
geflochten und mit Muscheln geschmckt.
    In der Hand trug dieser Mann ein groes, blitzendes Messer.
    Vor ihm loderte jetzt das von mchtigen Holzblcken unterhaltene Feuer hoch
empor, whrend er selbst in unbeweglichem Stillschweigen verharrte. Nachdem er
offenbar ein stummes Gebet beendet hatte, legte er pltzlich das Messer auf den
nchsten Felsen und nherte sich mit erhobenen Hnden einer bestimmten Stelle in
der Steinwand. Ein krftiger Griff schob zwei der kleineren Blcke langsam zur
Seite, - und lie eine dunkle Hhlung dahinter erkennen.
    Sobald die Steine wichen, waren smtliche Lappen auf ihre Knie gesunken und
hatten das Gesicht in den Hnden verborgen, als frchteten sie die krperliche
Nhe eines hheren, allmchtigen Wesens, das vielleicht imstande war, sie durch
einen einzigen Blick zu tten oder ihre verborgensten Snden auf der Stirn zu
lesen.
    Der Zauberer nahm aus dem dunklen Raum eine seltsam geformte, steinerne
Puppe von der Gre eines sechsjhrigen Kindes, die jedoch nur den Rumpf
darstellte, ohne Arme und Beine. Sie sah uralt, verwittert und grau aus und war
plump behauen, mit einem Kopf, der ohne Hals in gleicher Breite der Schultern
aus dem Krper herauswuchs. Das Gesicht war abschreckend hlich, whrend in der
Gegend der rechten Achselhhle aus dem armlosen Rumpf ein kleiner, stumpfer
Hammer hervorragte.
    Diesen Gtzen setzte der Zauberer mit allen Zeichen der hchsten Ehrfurcht
und Vorsicht auf die Mitte der Tischplatte. Dann, nachdem er lange stumm in das
hliche Antlitz gesehen hatte, hob er den Blick und sprach laut zu den
Versammelten einige Worte, die Robert natrlich nicht verstand, die aber
offenbar andeuten sollten, da sich Jubinal in gndiger Stimmung befinde und da
es seine Verehrer wagen drften, ihr Antlitz zu erheben.
    Robert bemerkte auch sehr bald, wie einer nach dem anderen schchtern
emporsah, wie sich diese, in stndiger Todesgefahr aufgewachsenen und sonst so
mutigen Mnner scheu aneinander drngten, wie sie kaum zu atmen und kaum die
Kpfe zu erheben wagten, weil eine unfrmige Steinpuppe vor ihnen auf dem
Felsentisch stand.
    Dann griff der Zauberer zu dem blanken Messer. Ein Wink brachte die
Opfertiere in seine Nhe. Zuerst schnitt er dem weien Klbchen die Stirnhaare
ab, ebenso dem Hahn und dem Habicht die kleinen Federn ber den Augen, und warf
sie in das Feuer, das sie knisternd verzehrte.
    Hierauf zog er aus den Taschen seines weiten Gewandes eine Handvoll
Gerstenkrner, bestreute damit alle drei Tiere und begann dann das
Schlachtopfer. Eine Kufe von Holz stand bereit, das Blut aufzufangen, mehrere
Mnner hielten die zuckenden Glieder der Tiere und nach wenigen Minuten war
dieser vorbereitende Teil des Festes lautlos vorbergegangen.
    Robert fhlte sich ziemlich enttuscht. Er hatte bis jetzt nichts gesehen,
was ihm irgendwie feierlich vorgekommen wre; auch die nun folgende Handlung
fand er eher widerwrtig als erhebend. Der Zauberer nahm das Holzgef mit dem
angesammelten Blut und begann ringsumher sowohl den Opferstein als auch den
Fuboden und die greuliche Figur zu bespritzen. Durch die sofort gerinnenden
schwrzlichen Tropfen sah die Gestalt nun erst recht abschreckend aus. Robert
begriff nicht, wie es mglich sei, ein so unschnes Bild anzubeten.
    Von diesem Augenblick an wurde jedoch die Sache etwas ertrglicher. Der
Zauberer nahm aus dem Fleisch der getteten Tiere die Lebern, Herzen und Lungen
heraus, dann warf er alles brige in die Flammen, whrend er dazu mit lauter
Stimme ein Gebet sprach. Dichter, schwarzer Rauch wlzte sich in die Nachtluft
empor, Massen von Funken wirbelten auf, und ein nahes Echo warf den Schall
zurck. -
    Noch whrend die Knochen langsam verkohlten, whrend der Zauberer immerfort
betete, steckte er die herausgenommenen Teile der Opfertiere an einen Spie, den
er ber dem verglimmenden Feuer langsam drehte. Von Zeit zu Zeit bergo er das
Fleisch mit einigen stark duftenden Tropfen aus einer kleinen Flasche. Der
Geruch, der sich entwickelte, war angenehm, aber fast betubend. Robert konnte
sich nicht erinnern, ihn schn frher irgendwo kennengelernt zu haben.
    Und dann begann eine Feierlichkeit, die durchaus dem christlichen Abendmahl
glich. Die gebratenen Herzen, Lungen und Lebern wurden in ebenso viele Stckchen
zerschnitten, wie Andchtige versammelt waren, und darauf eine mit Stroh
umflochtene Flasche hervorgeholt, die dem Geruch nach einen starken, alten Wein
enthalten mute.
    Der Zauberer nahm seinen Platz neben dem Gtzenbild ein und hielt in einer
Hand eine Schssel mit den Fleischstcken, in der anderen die groe Flasche. Auf
ein gegebenes Zeichen bewegte sich der erste, dem Altar am nchsten stehende
Lappe mit scheuem, langsamem Schritt bis vor den Opferstein, wo er demtig und
mit auf der Brust gekreuzten Armen das Steinbild begrte, um dann von der
Platte des Zauberers einen Bissen und aus der Flasche einen Schluck zu erhalten.
Ihm nach folgte der zweite und darauf in ununterbrochener Reihe alle Anwesenden.
    Whrend dieser Handlung wurde kein Wort gesprochen, keine einzige unntige
Bewegung gemacht. Schweigend, wie er gekommen war, trat jeder Lappe wieder an
seinen Platz zurck, und eben in diesem Ernst, in dieser strengen Feierlichkeit
lag etwas Erhebendes. Das Feuer war fast erloschen, nur manchmal knisterten und
flammten rote Brnde noch pltzlich empor, sonst aber versank nach und nach der
Holzsto in graue, stubende Asche, der Rauch lichtete sich, die Umrisse der
dunklen Gestalten verschwammen allmhlich, und nur der feine, durchdringende
Duft blieb in der Luft zurck.
    Robert fhlte sich tiefer ergriffen, als er selbst fr mglich gehalten
htte. Unwillkrlich erinnerte er sich des Tages, als er in der Dorf kirche zu
Rellingen das Abendmahl empfing. Wenn auch jenes christliche Sakrament und
dieses heidnische Opfer der armen Lappen ganz verschiedenen Anschauungen
entsprangen, beide waren der Ausdruck einer Religion, des allen Menschen
gemeinsamen Bedrfnisses, sich einer hheren, unbeirrbaren Macht schutzsuchend
anzuvertrauen.
    Was aber der jugendlichen Unbefangenheit Roberts bisher ganz entgangen war,
das lernte er hier in der Wildnis kennen: die geistige und nicht blo uerliche
Bedeutung eines Gottesdienstes. Jeden Sonntag war er frher mit Vater und Mutter
zur Kirche gegangen, ohne Widerrede zwar und ohne leichtfertige Gedanken, aber
doch auch nur gewohnheitsmig, whrend ihm durchaus nichts gefehlt haben wrde,
wenn der sonntgliche Kirchenbesuch unterblieben wre. Die armen, ungebildeten
Hirten dagegen brauchten fr die bevorstehenden Kufe und Verkufe, fr den
Fischfang und die Reise nach dem Sden vor allen Dingen den Segen und den
Beistand Jubinals, sie pilgerten meilenweit nach Norden, um auf den alten,
geweihten Steinen ihrer Vorvter das Opfer darzubringen und ihre Gebete mit
denen des Zauberers zu vereinen.
    Der Gottesdienst war jetzt beendet. Die Steinpuppe wurde hinter den beiden
bewegliehen Felsblcken verborgen, die Asche in alle vier Winde verstreut und
das hlzerne Gef sowie Schssel, Messer und Flasche einem der Mnner
berantwortet. Stillschweigend, wie sie gekommen waren, entfernten sich die
Lappen.
    Robert hatte im Augenblick ganz vergessen, da ihm der Tod drohte, wenn er
entdeckt werden wrde. Sorglos sprang er, nachdem der letzte der Andchtigen
verschwunden war, bis an den Fu des geweihten Felsens, um jetzt den Opferplatz
genauer zu besichtigen und besonders das merkwrdige Gtzenbild aus nchster
Nhe zu betrachten.
    Er legte die Hand an die verschiebbaren Blcke, hielt sie jedoch pltzlich
zurck. Durfte er das verschlossene Behltnis erbrechen und durch bloe
Neugierde entweihen, was andere fr heilig hielten? - Durfte er da eindringen,
wo man ihm den Zutritt unbedingt verweigert haben wrde?
    Robert schwankte nur kurze Zeit, dann hatte er sich berwunden, er wandte
sich um und suchte das Zelt, in dem Mongo rauchend sa. Du, sagte er nach
einer Pause, das war kein Hokuspokus, wie ich erwartet hatte.
    Sicherlich nicht, Bob. Ich mchte berhaupt keines Volkes Religion mit
dieser Bezeichnung herabsetzen. Eins ist in allen Irrtmern immer wahr, nmlich
der Glaube an ein hheres Wesen, - und in dem Einen ist alles enthalten.
    Robert antwortete nicht, nur nach einer Pause sagte er leise Gute Nacht! -
-
    Am nchsten Morgen begannen mit Tagesanbruch die Vorbereitungen zum Auf
bruch. Als Robert und Mongo aus dem Zelt hervorkrochen, herrschte unten im Tal
schon rege Ttigkeit. Die Lasttiere standen gekoppelt, die brigen hatte man mit
Glocken versehen, und mehrere Treiber, mit Stcken und Lassos in den Hnden,
waren so aufgestellt, da sie die zusammengetriebenen Tiere erfolgreich an jeder
Flucht hindern konnten.
    Wo das Zelt des Zauberers gestanden hatte, wehte jetzt der Wind ber die
kahle Flche. Es war abgebrochen und jede Spur beseitigt, ebenso fand sich unter
den Lappen kein einziger, den Robert als den eisgrauen Oberpriester der letzten
Nacht htte wiedererkennen knnen. Alle Mnner beschftigten sich mit dem
Abbruch des Lagers, sie bepackten die Rentiere und schnrten zusammen, was sie
selbst auf ihren eigenen Rcken tragen muten.
    Auch ein Wagen mit einem ledernen Schutzdach, halb Schlitten halb Karre,
wurde hervorgezogen und mit zwei tchtigen Rentieren bespannt. Dahinein setzte
man die kleinen Kinder und die alten Frauen, whrend alle brigen den langen Weg
von sechzig bis achtzig Meilen auf ihren eigenen Fen zurcklegen muten.
Robert und Mongo halfen berall, so da gegen neun Uhr morgens, nachdem das
Frhstck eingenommen war, die kleine Karawane ihren Zug beginnen konnte.
Vierzig bepackte Rentiere, alle am Leitseil eines Fhrers oder einer Fhrerin,
wanderten zu zwei und zwei gekoppelt mit der Sicherheit kletternder Ziegen ber
unwegsame Pfade, obgleich ihre Last keineswegs leicht war. Zelte, Decken,
Brennmaterial, Kochgert und die zum Verkauf angefertigten Waren, vor allem aber
die gesammelten wertvollen Pelze lagen auf ihren breiten, geduldigen Rcken, und
doch muten sie sich an den Rastpltzen die sprliche Kost aus Rentierflechten
selbst zusammensuchen, muten sogar stellenweise den Schnee aufscharren, ehe sie
Nahrung finden konnten.
    Die braune Alte verteilte dann warme Milch, Mehlkuchen und etwas Fleisch,
das zu diesem Zweck schon vorher gekocht worden war; der ganze Stamm lagerte
sich um den Wagen, und mitten in der Wildnis wurde ein frhliches Mahl gehalten.
Bei solchen Gelegenheiten sah Robert auch den Zauberer, der auf seinem groen
gezhmten Ren den Zug erffnete und dem alle eine gewisse Ehrfurcht bezeugten.
    Roberts Wanderlust kannte keine Grenzen. Die ganze Sache erschien ihm wie
der Zug der Israeliten durch die Wste, dem gelobten Lande entgegen. Jetzt gab
es keine Gefahren mehr, sondern nur die Beschwerden des Marsches, und die
machten ihm trotz Mongos Seufzen und Brummen nur Spa. Siehst du das Gebirge
dort? konnte er sagen. Da mchte ich hinberklettern!
    So lauf, da dir die Knochen knacken, du unkluger Junge. Als ob es noch
nicht schlimm genug wre, durch Smpfe und ber steinige Hgel zu pilgern!
    Robert lachte. Sei doch nicht so unwirsch, Mongo. Es ist ja schon bedeutend
wrmer, und an geschtzten Stellen wchst ab und zu ein Bumchen. Noch vierzehn
Tage, dann haben wir die Weidepltze der reichen Lappenfrsten vor uns, dann
folgt noch ein kurzer Aufenthalt in den Lofoten, und mit erster Gelegenheit geht
es nach Bergen oder Trondjhem, wo um diese Zeit immer viele Schiffe liegen. Wir
werden schon hinkommen, Alter.
    Aber wie! Die Sohlen bluten und der Rcken schmerzt. O nein, ein Seemann,
der meilenweit zu Fu gehen mu, das ist ja schrecklich!
    Robert unterdrckte einen Seufzer. Freilich, Mongo, antwortete er, wenn
wir ein Boot htten und Wasser, um darauf zu schwimmen, das wre angenehmer.
    Der Neger schttelte den Kopf. Ein Schiff, Bob, ein Schiff! rief er
lebhaft. Wie schrecklich es werden kann, nur Wasser und ein Boot zu haben, das
lt du dir nicht trumen. Nein, nein, da lobe ich mir noch das feste Land, wenn
es auch ein bichen steinig ist und die Fe zerreit.
    Robert horchte auf. Du, sagte er, hast du solch eine Bootfahrt schon
erlebt? - Bitte, Mongo, erzhle, das hilft dir ber die Fuschmerzen hinweg.
    Meinst du, Schlingel? Ich finde, es ist dazu auch noch frh genug, wenn wir
uns abends zur Erholung auf den harten Steinboden strecken.
    Und dabei blieb es. Als die beiden, vom tchtigen Marsch ermdet, sich unter
ihren Fellen zur Ruhe legten und sich rauchend und plaudernd die Zeit bis zum
Einschlafen vertrieben, da erzhlte Mongo von seiner unglcklichen Bootfahrt.
    Es war auf einem Passagierschiff, sagte er, einer Bremer Bark, die
Auswanderer nach Australien bringen sollte. Es befand sich darunter auch die
Familie eines wohlhabenden Kaufmanns, der nach Sidney bersiedeln wollte, bei
dem aber unterwegs eine schwere Lungenkrankheit zum Ausbruch kam. - Wir hatten
eine ausgezeichnete Fahrt und befanden uns bereits im Indischen Ozean. Noch
heute wei ich nicht, wie es dazu kam, aber pltzlich in der Nacht ertnte aus
dem Zwischendeck der Ruf: Feuer! - Feuer! Du kannst dir die Verwirrung denken,
Bob, beschreiben lt sich das gar nicht. Die Frauen kreischten oder wurden
mitten auf Deck ohnmchtig, so da man die armen, hilf losen Geschpfe wie
kleine Kinder forttragen mute, die Mnner kamen fassungslos die Treppe
heraufgestrzt und jammerten, die Kinder schluchzten, weil sie alle Erwachsenen
in Trnen und Aufregung sahen, und die Mannschaft arbeitete mit der Hast der
Todesangst an den Booten, um sie aufs Wasser hinabzulassen und mit den ntigen
Lebensmitteln zu versehen. Wir hatten in Anbetracht der vielen Menschen eine
groe Gig und noch drei weitere Boote zur Verfgung, aber was machte das aus, da
mehr als achtzig Personen innerhalb krzester Zeit darin Platz finden, oder mit
dem brennenden Schiff untergehen muten?
    Und diese Erkenntnis verbreitete sich an Bord mit unheimlicher
Schnelligkeit. In Todesangst drngte sich jeder an die Schanzkleidung, um in das
nchste Boot hinabzuspringen. Solche Stunden bringen ja auch den Besonnensten
auer Fassung und lassen alle menschlichen berlegungen zurcktreten. Da kennt
keiner mehr seinen Freund oder Bruder, da stt er jeden mitleidslos zurck, um
selbst der erste zu sein.
    Aber unser Kapitn war ein richtiger Mann, ein Kerl, der den Kopf auch im
wildesten Sturm oben behielt, und dessen eiserner Wille sich immer durchsetzte.
Er trat mit dem geladenen Revolver unter die erregte Menge.
    Ruhig, Leute, rief er gebieterisch aus, noch bin ich Kapitn auf diesem
Schiff und verlange Gehorsam. Obersteuermann, nehmen Sie einen der drei
Schiffsjungen, vier Matrosen und sechs von den Passagieren in die Gig. Hier,
diesen Herrn mit den beiden Damen und drei Kindern. Gott befohlen, Roland, -
kommen Sie glcklich an die nchste Insel.
    Er drckte die Hand des Offiziers, der ihm einige leise Worte zuflsterte,
worauf unser braver Kapitn mit einem Kopfschtteln antwortete. Dann wurden vier
Mann ausgewhlt - darunter ich, der heulende Junge mit Rippensten ermuntert
und die Passagiere in das Boot hinunter befrdert. Ach, Bob, das war ein
schrecklicher Auftritt. Der Kapitn hatte sich in der Eile verzhlt und nur drei
Kinder gerechnet, es klammerten sich aber vier laut jammernd an die Kleider der
Mutter, die natrlich kein einziges Kind zurcklassen wollte. Da half nichts,
der Kapitn mute nachgeben, obgleich schon die Anzahl von zwlf Personen fr
unsere Gig viel zu gro war. Wir stieen so schnell wie mglich von dem
brennenden Schiff ab, whrend der Kapitn mit gespanntem Revolver die
nachdrngenden Menschen abwehrte. Ohne seine kaltbltige Entschlossenheit htten
sich zwanzig auf einmal in das kleine Fahrzeug gestrzt und es rettungslos
untergehen lassen.
    So sahen wir denn aus einiger Entfernung zu dem unglcklichen, brennenden
Schiff hinber und konnten beobachten, wie der Kapitn auch die drei kleineren
Boote bemannte. In jedes kamen ein Steuerkundiger, ein Matrose, ein Junge und
fnf Passagiere, immer Frauen und Kinder zuerst. Als das letzte Boot im Begriff
war abzustoen, wurde der mutige Mann, der an sich selbst keinen Augenblick
gedacht hatte, von der berzahl der Verzweifelten zurckgeworfen, und mindestens
zehn Mnner sprangen ber die Schanzkleidung in das Boot. Natrlich entstand ein
furchtbares Durcheinander, ein Rufen und Drohen, zuletzt ein vielstimmiger
Schrei des Entsetzens, und dann sank das Fahrzeug vor unseren Augen pfeilschnell
in die Tiefe. Bald darauf kam es kieloben wieder an die Oberflche. Einzelne der
Ertrinkenden tauchten noch ein paarmal aus dem Wasser auf und griffen mit den
Armen hilflos um sich, - dann wurde es still um das Schiff, nur einige Matrosen
schwammen zu dem gekenterten Boot, richteten es auf und nahmen die Pltze ihrer
verunglckten, dem blinden Wahnsinn der Passagiere geopferten Kameraden ein. Der
Wind wurde immer strker, er blies mit kurzen Sten in die schon zum Teil
brennenden Segel und trieb das steuerlose Schiff vor sich her, whrend die rote,
hllische Glut alles in ihren weiten Feuermantel hllte. Der Kapitn stand mit
verschrnkten Armen am Heck und grte noch einmal zu uns herber, dann entzog
sich das Schiff unseren Blicken. Wir sahen noch die brennenden Masten strzen,
einen Augenblick lang verbreitete sich Tageshelle, und dann erlosch pltzlich
alles. Die See war ber ihre Beute dahingegangen.
    Wir durften uns dem Mitgefhl fr die unglcklichen Kameraden nicht lange
ungestrt hingeben, denn unsere eigene Lage war bedenklich genug. Die Gig war
etwa sieben Meter lang und anderthalb Meter breit, stellt man sich also darin
dreizehn Menschen vor, darunter Frauen und Kinder, dann wird einem der Ernst der
Lage vollstndig klar. berdies waren auch die Matrosen von Anfang an mutlos,
weil sie die Unglckszahl Dreizehn frchteten. Dreizehn Personen! Wie konnte das
gut gehen?
    rgerliche Blicke verfolgten das kleinste Kind der Frau. Ein Murren
durchlief den Kreis der Seeleute. Eins ist an Bord zuviel! sagten sie ziemlich
ohne Scheu.
    Roland, unser Steuermann, lie aber nichts dergleichen aufkommen, er stellte
sofort einen Mann an das Ruder, einen anderen an den Ausguck und lie den Jungen
Wasser schaufeln, so da die beginnende Meuterei im Keim erstickt wurde. Aber
die arme Mutter hatte doch verstanden, da man ihr Kind verwnschte, und
schluchzte krampf haft. Sie hielt jetzt durch diese Herzlosigkeit der Matrosen
das kleine Geschpf fr gefhrdet und fiel von einer Ohnmacht in die andere. Nun
stell dir die Lage vor, Bob, ein hustender, kranker Vater, eine alte Gromutter,
die vor Angst und Schrecken kaum noch ihr Bewutsein behlt, die ohnmchtige
junge Frau, das schreiende Baby und drei andere, unruhig krabbelnde Kinder, -
dazu ein Seegang, da die Wellen nur immer so in die Gig hineinstrzten und der
Junge gar nicht so viel ausschaufeln konnte, wie in derselben Zeit wieder
zurckflutete. Die Lage der armen Frau war schrecklich, ich habe sie von Herzen
bedauert. Dabei war kein trockener Faden an uns allen, die armen Kinder standen
bis an die Knie im Wasser, und jede neue See berschttete sie mit einem
Sprhregen.
    Die Schiffsordnung wurde genau eingehalten, die Lebensmittel regelmig
verteilt und das Wasser so sparsam wie mglich verbraucht, aber dennoch war die
Stunde, wo wir alle vor Hunger und Durst umkommen muten, mit ziemlicher
Gewiheit vorauszusehen. Vierzehn lange Tage hatten wir schon in dem
gebrechlichen, kleinen Fahrzeug auf hoher See verbracht, die Frauen und Kinder
lagen im Fieber, der Schwindschtige hustete sich fast zu Tode, aber noch war
kein Schiff, keine Kste in Sicht gekommen, und das Wasser in den Fssern begann
abzunehmen.
    Die Matrosen versuchten wieder zu meutern: Dreizehn an Bord! So knnen wir
ja kein Land erreichen.
    Roland verbot solche Worte, aber heimlich wurden sie doch geflstert, nur
da die arme Mutter sie nicht mehr hrte. Sie lag im heftigsten Delirium und
mute offenbar immer mit den Schrekkensszenen der Feuersnacht beschftigt sein,
denn alle ihre verworrenen Reden deuteten auf die Angst hin, die sie im
Fieberwahn immer wieder durchlebte.
    Am fnfzehnten Tage besaen wir nur noch einige wenige Stcke Brot und
keinen Tropfen Wasser mehr, aber - es gab auch einen Menschen in dem
verlassenen, verschlagenen Boot weniger. Die kranke Frau war ihren Leiden
erlegen, ohne das verlorene Bewutsein wiedererlangt zu haben. Auch der Sugling
lag wie tot in den Armen seiner Gromutter, die immer noch bei jeder strkeren
Bewegung des Bootes ein Ach du allerhchster Gott! nicht unterdrcken konnte.
Nie werde ich die Leidensgestalt dieser alten Frau vergessen, wie sie so
wochenlang vor mir dasa, unvernderlich mit dem weiseidenen Hut und dem grauen
Kleid, auf dessen Schleppe die Matrosen bei jeder Bewegung traten. Die arme Alte
war wie ein Steinbild, sie schien an ihren Platz festgewachsen, und selbst als
wir die Leiche ihrer Schwiegertochter so schonend wie mglich ber Bord gehen
lieen, - selbst in diesem Augenblick liefen nur die groen Trnen ber das
runzelige, ganz weie Gesicht herab, aber sie schluchzte nicht und rhrte kein
Glied.
    Am nchsten Tage starb auch das Kleine.
    Wir waren jetzt an Bord nur noch elf. Unsere Zungen klebten am Gaumen,
unsere Lippen wurden schwrzlich und sprangen auf, unsere Krfte, schon
erschpft durch den Mangel an Nahrung, drohten uns zu verlassen. Wir erwarteten
in einer Art dumpfer Verzweiflung den Tod, die kleinen Kinder schliefen fast
immer.
    Da, eines Morgens frh - ich werde den Augenblick nie im Leben wieder
vergessen - erhob sich der Matrose am Ausguck pltzlich auf die Fuspitzen.
Land! rief er mit schwacher, aber vor Freude schluchzender Stimme, Land!
    Alles taumelte auf. Unser Steuermann versuchte ein Hurra, das ihm in der
Kehle stecken blieb, der Junge fuhr mit beiden Kncheln seiner Daumen in die
Augen, und der hustende Schwindschtige fragte in heiserem Ton: Ist es das
Festland von Australien?
    Er dachte nur an sich, und trotz seiner schrecklichen Krankheit war Rettung
aus der augenblicklichen Gefahr der einzige Gedanke, den er fassen konnte, alles
andere war ihm gleichgltig.
    Die alte Gromutter rhrte sich nicht. Sie hatte wahrscheinlich den Ausruf
des Matrosen nicht einmal verstanden.
    Und doch wiederholten alle von Zeit zu Zeit das erlsende, glckbringende
Wort: Land! - Land! -
    Alle Blicke hingen an dem grnen, bewaldeten Ufer, an den immer nher und
nher aus dem Wasser hervortretenden Umrissen der Kste. Es grnte und blhte in
allen Farben, hohe Wipfel rauschten im Morgenwind, Kletterpflanzen schlangen
sich von Zweig zu Zweig, bunte Vgel, besonders Papageien, wiegten sich in den
Laubkronen, und hier oder da lugte ein Affe aus dem Gebsch. Dazu die goldenen
Sonnenstrahlen und die heitere, wrzige Luft, die Aussicht auf Wasser,
vielleicht auch auf frische Frchte, - kurz, wir waren in einer Art von Taumel.
    Ist es Australien? krchzte wieder der unglckliche Kranke.
    Roland war der einzige, der vollkommen ruhig blieb und auch jetzt noch die
Ordnung aufrecht erhielt. Es ist eine Insel, mein Herr, antwortete er, auf der
unser Aufenthalt nicht von Dauer sein kann, weil dort wahrscheinlich Wilde
hausen, und zwar ein bsartiger, grausamer Stamm, dessen vergiftete Pfeile auch
bei dem geringsten Streifschu tten.
    Der Kaufmann erschrak sehr. Mein Gott, ich gehe gar nicht an Land, stammelte
er.
    Das ist auch keineswegs erforderlich, sagte Roland lchelnd.
    Die Kste war inzwischen erreicht, und wir sahen Kokospalmen mit reifen
Frchten, Bananen und Feigen. Unsere Freude kannte keine Grenzen.
    Ich sage dir, Bob, das ging wie auf Flgeln, bis die reifen Nsse angebohrt
waren und jeder von uns diesen natrlichen Becher an die Lippen setzte. Der
alten Frau und den armen kranken Kindern flte ich selbst etwas Kokosmilch ein,
obgleich es bei den Kleinen nicht viel mehr ntzte, als sie vor dem Ende noch
einmal zu erquikken, aber ich mute immer an meine eigenen Kinder denken, die
auch einst so schutzlos, fremder Gnade berlassen, in die Welt hinausgestoen
worden waren, und darum nahm ich mich der Verlassenen an. Ihrem Vater konnten
wir trotz allen Zuredens keine Kokosmilch aufdrngen. Das reizt den Husten,
antwortete er, Nsse sind sehr schdlich.
    Und dann, nachdem der erste Heihunger gestillt war, schafften wir Vorrte
in das Boot. Zwei Mann gingen mit geladenen Gewehren tiefer in die Wildnis
hinein und suchten eine Quelle, whrend zwei andere die nchststehende Palme in
aller Eile fllten und die Frchte an Bord brachten. Auch Bananen und Feigen
rafften wir zusammen, soviel sich tragen lie, dann nahm unser Steuermann mit
dem Oktanten genau die Sonnenhhe, zeigte uns auf der Karte, wo wir waren, und
nachdem die beiden vorhandenen Fsser mit wundervollem, frischem Wasser gefllt
waren, stieen wir vom Lande ab. In diesem Augenblick tnte uns aus den nchsten
Bschen das Kriegsgeschrei der Malaien entgegen, und ein Hagel von Pfeilen
schlug rechts und links ins Wasser. Die halbnackten gelben Gestalten, die
hlichen Gesichter und das wtende Geschrei bten im ersten Augenblick eine
solche Wirkung, da wir nicht schnell genug vom Lande fortkamen, um einem
zweiten Hagel hlzerner Pfeile zu entgehen, obwohl wieder keiner traf. Nur ein
einziger bohrte sich in den weien Hut der alten Dame, die ihn rgerlich ergriff
und ber Bord warf.
    Zugleich aber strzten sich sechs oder zehn Wilde in das Wasser und
schwammen aus allen Krften dem Boot nach, offenbar um es zu entern. Der
schwindschtige Herr stie einen lauten Schrei aus.
    Leute, Leute, um des Himmels willen, erschlagt die Ruber, rief er.
    Unsere Matrosen machten auch wirklich Miene, die Lenkung des Bootes gnzlich
fallen zu lassen und den Kampf mit den Malaien aufzunehmen, aber Roland
verhinderte rechtzeitig dies tolle Wagnis, das unfehlbar unseren Untergang htte
herbeifuhren mssen.
    Seine Befehle, in festem Ton gegeben, brachten das kleine Fahrzeug in noch
schnellere Fahrt, und bald hatten wir die schwimmenden Wilden weit hinter uns
gelassen. Nur das teuflische Kriegsgeschrei gellte uns ber den Ozean nach.
    Wir hatten aber doch wieder fr mindestens acht Tage Proviant und Wasser,
daher verspotteten wir aus sicherer Entfernung die wtenden Gelben und sangen
ihnen Spottlieder zu oder warfen Kokosschalen nach den auf- und abtauchenden
Kpfen. Der Kranke hustete, da es in jedem Augenblick schien, als msse seine
eingefallene Brust springen.
    Und so fuhren wir auf gut Glck weiter. Tag um Tag verging, eine Kokosnu
nach der anderen wurde zersgt, wir alle waren krank von der unverdaulichen
Nahrung, und ehe eine Woche seit der Landung auf der Insel vergangen war,
starben die unglcklichen kleinen Kinder aus Mangel an richtiger Pflege vor
unseren Augen, ohne da wir Mittel besaen, sie zu retten. Am neunten Tage
hatten wir wieder keinen Tropfen Wasser mehr und lagen bei fast vlliger
Windstille fast verzweifelt auf dem Boden des Fahrzeuges.
    Nur Roland behielt seinen festen, unerschtterlichen Mut. Er zeigte uns auf
der Karte, wo sich das Boot befand, und da wir dem kleinen Hafen von Plangei
auf Sumatra ganz nahe sein mten, ja, da das Land jeden Augenblick in Sicht
kommen knne, aber - seine Worte machten keinen Eindruck. Wir hrten kaum auf
ihn, sondern ergaben uns ohne Gegenwehr der tiefsten Mutlosigkeit.
    Es wurde Nacht, die See ging hher und hher, ein Sturm brach los und noch
einmal hatten wir Glck, - Strme von Regen fielen herab auf unsere brennenden
Stirnen, wir konnten trinken, trinken!
    Du ahnst nicht, Bob, was es heit, langsam zu verdursten. Die schwerste
Krankheit, der heftigste Schmerz sind dagegen Kinderspiel.
    Roland nickte zufrieden. Jetzt gebt acht, Leute, rief er. Es zieht ein
Gewitter herauf, und wo die Blitze herabfahren, da ist Land!
    Neu erfrischt und belebt hoben sich alle Kpfe. Wir waren bis auf die Haut
durchnt, unsere Fe standen bis ber die Knchel im blanken Wasser, aber das
lie sich doch immer noch weit besser ertragen als vorher der qulende Durst.
Neugierig sahen wir unserem Steuermann ber die Schulter, als er in der
Dunkelheit einen noch dunkleren Punkt bezeichnete. Ich mchte wetten, da dort
das Ufer liegt! rief er.
    Wir strengten unsere Augen an und rieten hin und her, bis pltzlich der
erste gelbe Blitz ber den Horizont dahinlief und gedankenschnell herabzuckte,
dann jubelte der Steuermann ein lautes Hurra.
    Seht ihr's, Kinder, seht ihr's. Dort ist Land!
    Wissen Sie das genau, Herr? fragte einer der Matrosen.
    So genau, wie man berhaupt derartige Regeln aufstellen kann, antwortete
Roland. Nur ausnahmsweise schlgt der Blitz in der Nhe des Landes ins Wasser.
Aber fr diesen Fall befurchte ich nichts, da der elektrische Funke immer die
gleiche Richtung verfolgt. Vor uns ist Land!
    Diese sichere berzeugung verfehlte ihre Wirkung nicht, obwohl jetzt eine
neue schwere Sorge unsere Krfte in Anspruch nahm. Wir hatten auf dem
schwankenden Boot mit einem einzigen Segel und ohne eine Notspiere dem
orkanartigen Gewittersturm standzuhalten. Blitz und Donner rasten immer strker,
der Wind heulte, und der Regen scho in Strmen herab, aber doch waren wir voll
Hoffnung, da das Land immer nher kam. Wir sahen es beim Schein der roten,
zuckenden Blitze ganz deutlich.
    Nun mut du wissen, da Plangei zu dem von den Hollndern beherrschten Teil
der Insel Sumatra gehrt und dort also durchaus schon europische Einrichtungen
bestehen. Der Strandvogt, ein wetterbrauner, tchtiger Kapitn von der
hollndischen Marine, lie ein groes, mit zehn Malaien bemanntes Boot
auslaufen, um uns Hilfe zu bringen und uns zugleich als Lotsen zu dienen. Es gab
noch einen harten Kampf mit den emprten Wellen, der Junge wurde ber Bord
gesplt und konnte erst nach lange Anstrengung wieder aufgefischt werden, aber
dennoch brachten uns die braven Seeleute schlielich wohlbehalten ans Ufer. -
Ich sage dir, es war wie im Paradies, Bob, als wir endlich festen Boden unter
unseren Fen fhlten, als wir warme Speise bekamen und uns zum Schlaf so bequem
wie mglich ausstrecken durften. Die schlechten hlzernen Huser, die halbwilden
Malaien, die harten Schlafstellen aus Seegras und Wolldecken, alles erschien uns
wunderbar, berauschte uns frmlich. Wir tanzten und jubelten wie Kinder am
Weihnachtsabend.
    Der Strandvogt behielt uns acht Tage lang in seinem gastfreundlichen Hause,
dann lie er unser Boot ausrsten und mit Lebensmitteln versorgen, und nach
einem herzlichen, dankerfllten Abschied ging es wieder auf die Reise, um lngs
der Kste ber mehrere kleine Fischerdrfer nach dem bedeutenderen Hafen von
Padang zu kommen. Vorher jedoch hatten wir noch eine Szene zu bestehen, die uns
allen ins Herz schnitt. Die alte Dame war durch das erlebte schreckliche Unglck
vollkommen stumpfsinnig geworden, sie lie sich aus dem Boot und in das Haus des
Strandvogtes tragen, ohne von ihrer Umgebung irgendwelche Notiz zu nehmen, doch
als wir an Bord gingen und ich sie sorgfltig an ihren gewohnten Platz setzen
wollte, da schien eine Erinnerung des berstandenen in dem gestrten Gehirn
wieder aufzuleben. Sie strubte sich wie in Todesangst, klammerte sich mit
beiden Hnden an die Trpfosten und zitterte wie ein erschrecktes Kind.
    Wir konnten es kaum mit ansehen, muten aber doch freundliche Gewalt
brauchen, denn in Plangei gab es weder zu Wasser noch zu Lande ein
Befrderungsmittel nach anderen Hafenpltzen, whrend Roland trotzdem
verpflichtet war, die beiden geretteten Passagiere des verbrannten Schiffes an
das Bremer Konsulat abzuliefern und zu Protokoll zu geben, was im Boot geschehen
war, seit es das untergehende Schiff verlassen hatte. Von den drei kleinen
Booten, die mit uns zugleich abstieen, hatten wir, wie ich zu erzhlen verga,
nie etwas wiedergesehen.
    Robert hatte der Schilderung des Alten gespannt zugehrt. Und ihr erfuhrt
auch spter nichts, Mongo? fragte er teilnehmend bei den letzten Worten.
    Doch! nickte der Neger. Ein aus der Sundastrae kommendes Schiff hat die
vier treibenden, gekenterten Boote aufgefischt und eingeliefert. Sie trugen alle
den Namen Susanna, erwiesen sich also dadurch als die zu der verbrannten Bark
gehrigen kleinen Rettungsboote, - aber von den Insassen war keiner am Leben
geblieben. Gottes Wege sind unerforschlich, Bob. So viele junge Menschen gingen
mit dem Schiff in wenigen Stunden unter, und zwei Menschen, die dem Tode schon
verfallen waren, kamen mit dem Leben davon. Wir brachten die geistesgestrte
alte Frau und den kranken Mann wohlbehalten nach Padang, wo sie der Konsul in
Empfang nahm und mit dem nchsten Dampfer nach Hause schickte. Wir Seeleute
erhielten die Heuer ausbezahlt, man, sammelte fr uns und tat alles Mgliche, um
uns die Leiden dieser schrecklichen Reise vergessen zu lassen, dennoch aber wird
mir jede Einzelheit der Fahrt ewig im Gedchtnis bleiben. Was wir whrend dieser
Wochen ertrugen, das spottet aller Schilderung und lt sich furchtbarer nicht
denken.
    Robert zog seine Decke ber die Schultern herauf. Ich glaube es dir,
Mongo, nickte er. Die Tatlosigkeit, die enge Gefangenschaft auf so kleinem
Raum mu ganz entsetzlich gewesen sein. Ich wre gewi - -
    Nun? fragte nach einer Pause der Alte.
    Nichts, Mongo. Gute Nacht!
    Gute Nacht, mein Junge.
    Die beiden schliefen Seite an Seite unter den warmen Rentierfellen, bis am
nchsten Morgen das gewohnte Zeichen, eine Art Kuhhorn, mit seinen
melancholischen Brummtnen zur Weiterreise mahnte. Und wieder ging es ber Berge
und Tler, mit jedem neuen Sonnentag entfaltete sich alles ringsumher zum
Erwachen, zum Leben. Der Boden verlor die Felsbildung, der Wind hrte auf, Klte
und Regen mit sich zu fhren, berall begann es zu grnen und zu blhen, und der
Baumbestand nahm immer mehr zu. Es gab jetzt schon Kiefern, Birken und schlanke
Tannen, sogar einige kleine Eichen, es wurde wrmer, und dann kam endlich der
Tag, an dem man bei dem groen Lappenlager am Fue des Kilpis angelangt war. Der
Maalself strzte von einem hohen, stumpfen Kegel mit donnerndem Rauschen in sein
steinernes Bett herab, die Abhnge des himmelhohen Felsens erhoben sich kantig
und zackig fast bis zu den Wolken empor, und hohe Bume ragten im Schmuck des
jungen Grn aus dem tiefen Tal herauf. Hier war jeder Meter Boden fruchtbarstes
Ackerland, hier gab es weite Rasenflchen, und berall weideten Rentiere, deren
ausgedehnten Futterplatz man sorgfltig eingefriedet hatte.
    In der Nhe des Wasserfalles, an einer besonders geschtzten Stelle, lagen
die Wohngebude, die Stall-und Arbeitsrume der Lappen, alles nur riesige Zelte,
mit vier Stmmen in der Erde befestigt und durch Pflcke gehalten, aber mit
geteertem oder geltem Segeltuch bespannt und gut eingerichtet. Whrend bei dem
wandernden Stamm berall die bitterste, trostlose Armut zutage trat, herrschte
hier bei den reicheren Verwandten offensichtlicher Wohlstand, der sich besonders
in der Kleidung ausprgte. Statt der rohen, ungeschlachten Scke aus Fellen
trugen diese Hirten und Hirtinnen die Tracht der weien Kolonisten, nmlich die
Mnner das blusenartige Jagdhemd mit Tuchhosen, groen Lederstiefeln und
schwarzem, spitzem Hut, den eine Adlerfeder schmckte, - und die Frauen das
braune oder helle Kleid mit langen Flechten und einer breiten, schneeweien
Schrze.
    Die geffneten Tren des groen vorderen Zeltes zeigten im Innern eine
vollstndig eingerichtete Meierei. Es wurde Butter und Kse bereitet, man
scheuerte die blanken Gerte und kochte an einem riesigen Feuer fr die ganze
groe Schar das Essen.
    Es sah hier alles anders aus als bei den armen Nomaden, die im Winter
Handschuhe strickten und Zwirn und Holzgerte arbeiteten, um sie im Frhling
gegen die unentbehrlichsten Lebensmittel und Hausgerte bei dem Krmerkolonisten
einzutauschen und doch trotz aller Mhe ewig in dessen Schuld zu bleiben. Dieser
Stamm dagegen trieb ausgedehnten Handel und bedeutenden Fischfang in den
Lofoten.
    Der Zauberer verlie, als man den Lagerplatz erreicht hatte, sein Reittier
und nherte sich, allen andern voran, dem Wohnzelt, das hchstwahrscheinlich
einem Anfhrer oder besonders reichen Manne gehrte. Schon sehr bald kam er
zurck, begleitet von einem Lappen, der ihm Zeltpltze anwies und dann die Herde
einer Musterung unterwarf. Jedem Tier, das in die Umfriedung getrieben wurde,
schnitt er ein Zeichen in das Haar, die lteren aber wurden zum Schlachten
bestimmt und in einen gesonderten Raum gesperrt. Alles, was Robert sah, deutete
auf Ordnung und Wohlstand hin.
    Von ihm selbst und seinem schwarzen Gefhrten mute der Zauberer auch
gesprochen haben, da sich der junge Lappe, nachdem er die Tiere ausgesondert
hatte, den beiden nherte und ihnen seine derben, braunen Fuste darbot.
    Ihr seid willkommen, sagte er in einer Sprache, die so sehr an die
Dnische erinnerte, da ihn Robert sofort verstand. Bleibt unsere Gste,
solange es euch beliebt, und seid zufrieden mit dem, was wir bieten knnen. Hier
ist niemand reicher als der andere, hier sind keine Herren und keine Diener,
sondern jeder findet sein bescheidenes Teil an den Gaben Gottes. Kommt in das
Zelt meines Vaters und et und trinkt.
    Robert schlug sofort ein. Zwar klangen die Worte des jungen Burschen etwas
blumenreich und auergewhnlich, aber doch vertrauenerweckend. Er bersetzte sie
dem Neger, und die beiden traten in das Zelt, wo ihnen Rentiermilch,
Brenschinken und eine kalte, gebratene Rentierkeule sowie die bekannten
Mehlkuchen vorgesetzt wurden. Nach wenigen Stunden schon waren sie mit ihren
neuen Gastgebern gut befreundet, und Helge, der Sohn des alten Stammesfhrers,
versprach ihnen, sie schon morgen nach dem Westfjord mitzunehmen, wo jetzt die
getrockneten Fische von den Stangen gehoben, verpackt und verladen wurden, die
man seit dem Mrz der Sonne und dem Wind ausgesetzt hatte.
    Fr diese Arbeit trafen die Wanderlappen hier ein, whrend die Mnner von
der ersten Reise, dem Mrzfischzug, bereits wieder nach Norden gegangen waren,
um dort whrend der Sommermonate zu ernten, was der kurze Sonnenschein dem Boden
abgerungen hatte, um zu jagen und die Stammtiere der zahllosen Rentierherden zu
weiden. Ewig unterwegs, lebt und stirbt der Lappe auf der Wanderschaft ber die
Gebirge und Hochflchen seiner den Heimat.
    Robert sprang vor Freude, whrend Mongo den ganzen Tag ausruhte und sich von
den Strapazen der Wanderung wieder zu erholen suchte. Hier sind Lebensmittel im
berflu߫, sagte er, ich brauche also kein Brennholz zu spalten oder Wasser
herbeizuschleppen, wie damals in dem verwnschten Gebirge, wo eine Zwiebel schon
ein Leckerbissen war und ein Stck gekochtes Leder ein Feiertagsschmaus. Meine
alte Freundin sitzt, wie ich sehe, auch den lieben langen Tag im Sonnenschein
ohne zu arbeiten, - ich mache es wie sie.
    Robert lachte und bestieg mit Helge die groen geduldigen Rentiere, die sie
nach dem Westfjord bringen sollten. Seine Reitkunst war zwar seit Pinneberg
nicht mehr gebt worden, so da er wie ein richtiger Seemann auf dem Rcken des
Tieres hing, oder besser, wie ein Feuerzange auf dem Rost. Helge lachte laut,
aber schon nach kurzer Zeit hatte Robert die erste Angst berwunden, die Hrner
des gutmtigen Tieres losgelassen und sich straffer aufgerichtet. Habe ich doch
nie im Leben gehrt, da die Rentiere zum Reiten benutzt werden, sagte er. Ich
hielt sie nur fr milchgebende Khe, deren Fell und Fleisch man wie das der
Rinder verwendet.
    Helge nickte. Ist auch ganz so wie du sagst, Herr, antwortete er. Die
gewhnlichen Rentiere aus den Finnmarken setzen ihren Reiter sofort wieder ab
oder lassen berhaupt einen solchen Versuch gar nicht erst zu, aber die von der
Halbinsel Kola, eine grere, zahmere Rasse, die jedoch selten eingefangen wird,
eignet sich zum Reiten ganz besonders. Du kannst so ruhig sein, als sest du
auf dem Scho deiner Mutter, der Tiermer wird dich nicht abwerfen.
    Robert sah auf. Tiermer? wiederholte er, das Wort habe ich schon hufig
gehrt. Was bedeutet es?
    Der Lappe sah ihn mitrauisch an. Wei nicht, Herr, antwortete er kurz.
Ist eben ein Name wie deiner und meiner auch.
    Du sollst mich nicht Herr nennen, Helge, rief der Junge. Ich heie
Robert, gewhnlich abgekrzt in Bob!
    Der Lappe neigte lchelnd den Kopf. Aber du bist ein Weier, sagte er,
und du verachtest, wie alle deine Brder, die armen, schmutzigen Bewohner der
Finnmarken.
    Robert lachte hell auf. Ich und jemand verachten! rief er. Das gibt es
bei uns zu Hause nicht. Wir schtzen den Mann nach seinem Verdienst, aber nicht
nach seiner Hautfarbe.
    Der junge Lappe seufzte tief. Dann mchte ich, da unser Gebiet an deine
Heimat stiee, Bob. Hier sind wir nur geduldet wie die Tiere der Wste, da man
sie nicht tten darf.
    Robert schwieg. Er dachte an das heidnische Opfer hoch oben auf den
Felsenbergen der uersten Eismeerregion, an das steinerne Gtzenbild und die
Blutstropfen auf seinem abschreckenden Antlitz, er glaubte pltzlich den feinen
Wohlgeruch wieder zu atmen und sah die braunen Gestalten, wie sie sich vor dem
Bilde Jubinals tief verneigten und dann das sonderbare Abendmahl aus den Herzen
der Opfertiere empfingen - -
    Dabei hatte er das Tiermer gehrt, er wute es jetzt genau.
    Schweigend ritt er mit seinem Begleiter weiter. Der breite Westfjord
schimmerte schon von weitem herber, als er zu dem jungen Lappen begann: Bist
du ein Christ, Helge?
    Derselbe mitrauische Blick von vorhin streifte ihn wieder. Wir sind alle
Christen, Herr, antwortete der Bursche.
    Auch der Stamm, mit dem ich hierher kam?
    Auch der. Wo trafst du brigens meine Brder?
    Am Eismeer, antwortete Robert. Hoch oben im Gebirge.
    So, so. Rastete der Stamm an dieser Stelle?
    Einige Tage lang. Ich konnte mit niemand sprechen und wei also nicht,
warum. - Aber sage mir doch, fgte er hinzu, um den Gegenstand des Gesprchs zu
wechseln, sage mir doch, wie dein Rentier heit, Helge.
    Der junge Lappe schien einen Augenblick zu zgern, dann aber heftete er den
Blick auf Roberts Gesicht und antwortete ruhig: Das Tier heit Jubinal.
    Jubi -
    Robert lie den Namen unvollendet. Er besann sich zur rechten Zeit, da es
gefhrlich und undankbar sein wrde, die Geheimnisse der armen Nomaden
auszuplaudern. Es kam mir wieder so vor, als htte ich auch dies Wort schon
einmal gehrt, sagte er nur. Vielleicht heien viele Tiere so.
    Sehr viele, war die einsilbige Antwort.
    Wieder stockte das Gesprch, und Robert wandte seine ganze Aufmerksamkeit
dem Westfjord zu. Da sah er an langen Stangen am Ufer die Millionen getrockneter
Fische in der Luft hngen und berall die arbeitenden Mnner, welche die
reichliche Beute in Sicherheit brachten.
    In den Buchten lagen zu Hunderten die Fischerboote und weiter drauen die
Jachten, die den Ertrag des Fanges nach Troms bringen sollten. Robert sah
sehnschtig nach den schlanken Fahrzeugen mit dem weien Bug und den weien,
glnzenden Segeln. Helge, sagte er, kennst du keinen von den Kapitnen?
    Der Lappe nickte. Kenne sie alle, Herr. Sind die Krmer von den
Ansiedlungen in den Schluchten und an den Fjords, jeder fuhrt sein eigenes
Schiff.
    Robert machte ein erstauntes Gesicht. Krmer? wiederholte er. Und diese
Mnner sind gleichzeitig auch Seeleute?
    Ja. Seefahrer, Grohndler, Gaardbesitzer, Krmer und Viehzchter, alles
zugleich. Hier ist nur der etwas wert, der die rauhe Gegend und das rauhe Wetter
in jeder Weise auszunutzen versteht. Sonst knnte er sich nicht ernhren.
    Robert fhlte sich ziemlich enttuscht. So hat also wohl jeder dieser
Krmer-Kapitne seine Schiffsbesatzung fix und fertig in Knechten und Lehrjungen
dastehen? rief er verchtlich.
    Du sagst es, Herr! antwortete der Lappe.
    Und fremde, wirkliche Matrosen werden nicht geheuert?
    Auf diesen Jachten, nein. Du mut dich in Bergen nach einem Kapitn
umsehen. Dort gibt es welche aus aller Herren Lnder.
    Robert atmete auf. Helge, wtest du eine Gelegenheit, bald dahin zu
kommen? fragte er den jungen Lappen.
    Der zuckte die Achseln. Mssen sehen, Herr, antwortete er.
    Robert begriff nicht, weshalb der junge Mensch pltzlich so verndert und
schweigsam erschien. Helge hatte offenbar anfangs groes Gefallen an ihm
gefunden, und jetzt war er fast abweisend geworden. Als sie das Ziel erreicht
hatten und die Rentiere an einen Baum gebunden waren, nherte er sich Robert.
Du bleibst an meiner Seite, Herr! sagte er leise, aber im Ton eines Befehls.
Begleite mich, ich habe mit den Mnnern dort zu sprechen.
    Dabei deutete er mit der Rechten auf eine Gruppe von Lappen, die auf langen
Holzbnken die gedrrten Fische zu einzelnen Haufen schichteten und bei dieser
Arbeit laut sangen oder sprachen, whrend sich der salzige, unangenehme Geruch
weithin bemerkbar machte. Wir reiten in einer Viertelstunde zurck, fgte er
hinzu.
    Robert schttelte den Kopf. Etwas in ihm strubte sich gegen diesen Ton.
Ich bleibe am Strand, sagte er, und zwar um womglich mit einem der Schiffer
zu sprechen.
    Das verbiete ich! beharrte der Lappe.
    Du? - Mit welchem Recht?
    Ich zwinge dich dazu! - Du bist ein Gast im Zelt meines Vaters, du bist ein
Bettler, den das Meer an unseren Strand geworfen hat, das vergi nicht.
    Roberts Blut scho hei in seine Wangen. Das Wort Bettler nahm ihm wieder
einmal seine ganze Besonnenheit. Ehe sich der Lappe versah, brannte auf seinem
Gesicht ein Schlag, der ihn fast zu Boden geworfen htte. Nimm das von dem
Bettler! rief der junge Matrose zornig. Er stand mit blitzenden Augen und
geballten Fusten vor seinem Gegner, der zwar wtend wie ein gereiztes Raubtier
aussah, aber keinen Versuch machte, die Ohrfeige zurckzuzahlen. Bist du auch
noch ein Feigling dazu? rief er.
    In diesem Augenblick berhrte die Hornspitze einer langen Pfeife von hinten
seine Schulter, und als er sich umsah, bemerkte er einen lteren Mann in
Schiffertracht, der mit spttischer Miene den ganzen Auftritt beobachtet hatte.
    Schlagen sich zwei junge Narren auf offener Heerstrae! sagte er spttisch
lachend.
    Der Lappe hat mich beleidigt! rief Robert errtend, Er hat mich einen
Bettler genannt, weil ich schiffbrchig an diese Kste geworfen wurde und auf
der Wanderung vom Eismeer hierher notgedrungen das Brot seines Stammes essen
mute. Ist das gut und gerecht, Herr?
    Der Mann antwortete nicht. Seine blauen, klugen Augen forschten in dem
Gesicht des Lappen. Warum hast du das getan, Helge? fragte er.
    Der junge Rentierhirt schwieg.
    Der Norweger lchelte schlau. Du bist also am Nordkap gestrandet? wandte
er sich zu Robert. Als Walfischfnger natrlich? Und da oben trafst du die
Lappen?
    Ja, Herr.
    Wir kennen hier keine Herren, Junge. Ich bin der Patron Gulbrandson, das
gengt. - Und du, Schlingel, redete er den anderen an, whrend sich sein
breiter Mund zum Grinsen verzog, du frchtest, da dieser schlagfertige junge
Seebr wohl ausplaudern knnte, was hchstwahrscheinlich da oben in der Eiswste
passiert ist, nicht wahr? Oder denkst du, da deine schmutzigen Gesellen am
Nordkap, wo kein Baum wchst und kein Leben gedeiht, - zu Jesus Christus gebetet
haben, he?
    Helge sah mit mitrauischem Blick auf. Wir sind alle Christen, Patron
Gulbrandson, antwortete er verbissen.
    Aha! Dachte wohl, da ich den Nagel auf den Kopf getroffen htte, lachte
der Norweger. Ist nicht angenehm, fr Gtzendienerei und Heidenkram vor Gericht
gerufen zu werden und in das Gefngnis zu wandern, wie? Kann mir das lebhaft
denken, und kein Jubinal und kein Tiermer schtzt davor, wenn's herauskommt.
Aber wrdest du denn hingehen und wie ein altes Weib ausschwatzen, was du
gesehen hast, Bursche, wie? wandte er sich an den erstaunten Robert, der jetzt
erst den Zusammenhang der Dinge vollstndig begriff.
    Eine Handbewegung antwortete ihm. Nein, niemals! rief der junge Matrose,
ich wrde niemals den Verrter spielen.
    Patron Gulbrandson lachte. Du gefllst mir, nickte er. Willst sicherlich
eine Heuer annehmen, nicht wahr? Mchtest nach Bergen fahren, denke ich.
    Ja, ach ja! In das Lager der Lappen gehe ich nicht wieder zurck, und
sollte ich hier verhungern mssen. Nehmen Sie mich mit nach Troms, Patron.
    Der Norweger rauchte in groen Wolken. Kennen hierzulande gar kein Sie,
brummte er. Ist vielleicht dnische und deutsche Sitte, wir mgen es nicht.
Nennt einer den andern du, und wenn's der Amtmann von Troms selber ist. Aber du
gefllst mir, Junge, habe dir's ja schon gesagt, ist Mut in dir und eine frische
Art, mag dich leiden, mit einem Wort. - Meine Jacht geht morgen nach Troms
unter Segel, und wenn du mitwillst, so komm an Bord, ich erlaube es. Aber vorher
noch Frieden mit diesem Burschen hier. Der Mensch soll nicht im Zorn scheiden,
und wre es auch von einem gelben, schmutzigen Lappen.
    Da wandte sich Helge pltzlich ab und rannte wie ein Hase in Sprngen zu den
Rentieren, deren Halfter er durchschnitt und sich auf den Rcken des einen
schwang.
    Mit einem wilden, gellenden Schrei jagte er in das Gebirge zurck. Wie der
Blitz scho ihm Tiermer, das ledige Ren, auf den Fersen nach.
    Fort ist er! sagte Olaf Gulbrandson. Kenne sich einer aus bei den Lappen.
Sie sind von ihren Tieren so wenig zu trennen, wie von ihren alten
Heidengttern, und wenn bis zum jngsten Tage von unserem Herrn und Heiland
gepredigt werden wrde.
    Er hatte das mehr fr sich als zu seinem jungen Begleiter gesprochen. Jetzt
erst sah er, da Robert kreidebleich dem dahinjagenden Hirten nachblickte.
Nanu? rief er, was ist denn los, Junge? Siehst ja aus wie ein altes Weib, das
im Gebirge einem Hhlengeist begegnet ist!
    Robert gab ganz verstrt den erstaunten Blick des Patrons zurck. Leb
wohl, sagte er, ich mu fort, ich darf mich nicht lnger auf halten, Patron.
Da oben bei den Lappen ist noch ein Gefhrte von mir, ein alter Neger, den ich
nicht verlassen darf!
    Er wollte sich rasch abwenden, aber Olaf Gulbrandson hielt ihn am Arm
zurck. Du bist nicht gescheit, Junge, rief er, glaubst du etwa, da es dir
mglich wre, zu Fu ber die Fjellen zu laufen?
    Ich mu, und wenn es noch so schwer sein sollte. Sie knnten den Alten
ermorden.
    Pah! Das fllt ihnen nicht ein. Sie bewachen ihn, bis er auf einem Schiff
sitzt und der Stamm ins Innere des Landes zurckgeht. Wie konntest du Helge aber
auch von dem Baalsdienst seiner Genossen erzhlen?
    
    Das habe ich nicht getan! rief Robert lebhaft. Du darfst mir nicht solche
Gedankenlosigkeit zutrauen, Patron! Ich wute noch nicht einmal, was der Lappe
dachte, als er schon aus einigen Andeutungen zusammengesetzt hatte, da ich -
nun, meine Schuld ist es nicht. Aber dem Neger darf nichts geschehen, Patron
Gulbrandson. Bitte, la mich fort, hrst du!
    Das tue ich nicht, Junge, du lufst in dein Verderben hinein, blind und
toll wie ein Verrckter. Du kennst ja den Weg gar nicht, fnf Stunden mtest du
marschieren, auch wenn es dir gelnge, dich zurechtzufinden, also gib den Plan
auf. Der Neger wird nicht ermordet, ich, Olaf Gulbrandson, stehe dir dafr.
    Robert schttelte den Kopf. Willst du mir wirklich raten, meinen Gefhrten
im Stich zu lassen und selbst hier in Sicherheit zu bleiben, whrend sein
Schicksal von der Gromut einiger Lappen abhngt, - Patron Gulbrandson, willst
du das wirklich?
    Der Schiffer runzelte die Stirn. Sind alle Grnschnbel in Deutschland so
vorlaut, alten Leuten derartige Fragen zu stellen, Bursche?
    Robert wandte sich ab. Leb wohl, Patron, ich danke dir nochmals fr dein
freundliches Anerbieten, aber ich darf nicht. Wenn ich mit Mongo wieder hierher
zurckkomme, wird deine Jacht lngst die Anker gelichtet haben. Glck auf die
Fahrt.
    Er grte und lief ohne weiteres fort, den Spuren der beiden galoppierenden
Rentiere nach. Olaf Gulbrandson schob die Pelzmtze in den Nacken, rauchte wie
ein Fabrikschornstein und sah ihm sprachlos nach. Erst als Robert seinen Blicken
zu entschwinden drohte, fate er sich.
    Hallo, Junge, rief er mit gewaltiger Stimme, hast du denn den Teufel im
Leib? Ich will dir helfen, dir Leute mitgeben, hrst du? Komm zurck,
Schlingel!
    Robert stand unschlssig still, als er aber den Norweger mit langen
Schritten nachkommen sah, kehrte er um und ging ihm entgegen. Sprichst du im
Ernst, Patron Gulbrandson? fragte er. Sonst halte mich nicht auf; es wrde
nichts ntzen.
    Der Norweger war ganz auer Atem. Ich scherze nie, Junge, antwortete er,
aber am allerwenigsten in ernsthaften Dingen. Du sollst ein paar Kerle haben,
die den Weg kennen, und Brot und Fleisch auf die Wanderung, sonst knntest du
nicht lebend in das Lappenlager kommen. Wart einen Augenblick!
    Sein gellender, langgezogener Pfiff rief aus einem der Boote zwei Mnner
herbei, die in ledernen Kleidern, mit schweren Stiefeln und Pelzmtzen an Land
kamen, begleitet von mehreren ganz kleinen, schlanken Hunden, wie sie zum
Vogelfang zwischen den Klippen verwendet wurden. Es waren Quner, Mischlinge
von Lappen und Weien.
    Olaf Gulbrandson schien diese Leute in seinem Lohn zu haben, denn er befahl
ihnen mit kurzen Worten, den ntigen Proviant aufzupacken und den jungen
Matrosen in das Lappenlager zu fhren. Heimlich flsterte er dabei noch einige
Worte, die Robert nicht verstand.
    Die Vogelfnger gingen zu einer Bretterhtte am Strand und kamen dann sehr
bald zurck, auf den Schultern trugen sie eine Art Lederranzen und in den Hnden
lange, eisenbeschlagene Stcke. So ausgerstet machten sie sich mit Robert auf
den Weg, und alle drei marschierten in die Steinwste hinein.
    Patron Gulbrandson sah ihnen mit zufriedenem Lcheln nach. Ist ein frischer
Junge, murmelte er, knnte ein Norweger sein, einen so festen Willen hat er.
Wird sich durchsetzen, wird den Schwarzen befreien, und sollte es blutige Kpfe
kosten.
    Er kehrte zu den arbeitenden Lappen zurck, whrend die drei anderen ohne
viele Worte ihres Weges zogen. Auch die Quner waren berzeugt, da dem Neger
kein Leid geschehen werde, und diese dreifache Versicherung beruhigte Robert
einigermaen. - Es war Nacht, als er mit seinen beiden Begleitern das Lager der
Lappen erreichte.
    Die Rentiere grunzten in ihrer eigentmlichen Weise, die Zelte lagen in
dunklen Umrissen da, und alles war totenstill. Robert teilte geruschlos die
Vorhnge der luftigen Behausung, in der Mongo und er whrend der letzten Nacht
geschlafen hatten, er tastete am Boden und untersuchte mit Hnden und Fen den
ganzen kleinen Raum.
    Vergebens, - es war niemand darin.
    Ein eisiges Grauen berlief seine Glieder. Wo sollte er jetzt den Alten
suchen?
    Leise flsternd teilte er seine Entdeckung den beiden Qunern mit. Wollen
wir Lrm machen, das ganze Lager in Aufruhr bringen, mit Gericht und
Geistlichkeit drohen? fragte er.
    Ein Zischen wie ein halblautes, verchtliches Lachen traf sein Ohr. Schau
her, flsterte einer der Vogelfnger, hier ist das Mittel, den Verlorenen
wiederzufinden, allerdings nur, wenn du irgendeinen Gegenstand hast, der mit ihm
in Berhrung gekommen ist, den er getragen hat oder worauf er lag. Gibt es
dergleichen?
    Er zog bei diesen Worten die beiden kleinen, wieselhnlichen Hunde aus den
Taschen seiner weiten Lederjacke hervor und setzte sie sorgfltig auf den Boden.
Sind keine Felle im Zelt? fragte er.
    Das wre das beste.
    Robert unterdrckte einen Freudenruf. Hier! Hier! antwortete er, aber
werden die kleinen Dinger imstande sein, eine Spur zu verfolgen?
    Die Quner antworteten nicht. Sie rieben nur mit den Rentierfellen die
Schnauzen der beiden kleinen Tiere, dann folgte der leise bestimmte Befehl:
Such, Freia! Such, Thor!
    Die Hunde gehorchten sofort. Sie schnupperten eine Zeitlang am Boden und
wandten sich dann wie auf Verabredung dem eingezunten Platz zu, wo die Rentiere
gefangen gehalten wurden. Dort gingen sie sprend und suchend im Kreise herum.
    Sven, flsterte einer der Vogeljger, gib mir die Flasche. Wir werden
noch meilenweit wandern mssen.
    Der andere reichte ihm das Verlangte. Weshalb, Steen Norrick? fragte er.
    Das wirst du sehen, Sven. Aha, es geht schon weiter.
    Die Hunde hatten sich whrend seiner letzten Worte in Bewegung gesetzt und
liefen statt einem der Zelte vielmehr dem Ausgang des Tales zu. ber eine
Viertelstunde lang gingen die drei Mnner schweigend den Tieren nach, bis
endlich Robert seine Unruhe nicht lnger zgeln konnte. Ich bitte euch, sagte
er, wohin gehen wir? Die Hunde laufen ja direkt ins Gebirge hinein.
    Steen Norrick pfiff leise. Du kannst vielleicht ein Schiff steuern oder ein
Segel am obersten Top festmachen, Freund, sagte er, aber von der Jagd
verstehst du nichts. berlasse es nur uns, zu beurteilen, was Thor und Freia
leisten knnen. Diese Hunde laufen nie zu ihrem Vergngen in der Welt herum, wie
es eure tun, sondern sie arbeiten und spren ihr Leben lang, ganz wie wir
selbst. - Nun, was gibt's denn, Freia?
    Die letzten Worte galten der kleinen Hndin, die offenbar die Spur verloren
hatte, und nun winselnd zurcklief, um sie noch einmal zu suchen. Aber sooft
auch der Faden wieder gefunden wurde, - an einer bestimmten Stelle zerri er
immer aufs neue. Hier konnten die Fe des Negers den Boden nicht mehr berhrt
haben.
    Die Vogeljger trennten sich. Bei dem schwachen Schein des Mondes nahm der
eine das Hndchen Thor unter den Arm und ging mit ihm etwa zwlf bis zwanzig
Schritte weiter in den Wald hinein, whrend Sven, der andere, bei Freia blieb
und das Tier in der nchsten Umgebung der Stelle, an der die Spur aufhrte,
weitersuchen lie.
    Robert sah stumm dem Treiben der beiden riesigen, schweigsamen Mnner zu,
die mit ihren derben Gliedern und ihren Hnengestalten einen uerst
zuverlssigen Eindruck machten. Er dachte beschmt an den Patron Gulbrandson.
Was wre wohl aus ihm geworden, wenn sich der erfahrene alte Mann nicht so
vterlich seiner angenommen htte?
    Ruhe, ermahnte er sich selbst, Ruhe! Es mu ja der richtige Weg sein. Die
beiden Jger sehen nicht aus, als knnten sie etwas Unberlegtes tun.
    Er beobachtete abwechselnd die Versuche der Quner. Whrend Steen Norrick
von Zeit zu Zeit das Hndchen einige Schritte weit vorwrts trug, brachte Sven
das seinige an jede Felsspalte, jeden Engpa und jede Klippe, aber immer noch
ohne den geringsten Erfolg, bis endlich Steen Norrick einen halblauten Ruf hren
lie. Der andere Quner ergriff sofort seinen Sprhund, folgte mit langen
Schritten dem Vorangegangenen und machte es Robert schwer zu folgen. Der
Jagdeifer hatte offenbar die beiden Vogeljger ergriffen, da sie darber alles
andere vergaen.
    Hast du die Spur gefunden, Steen Norrick?
    Der andere deutete auf das Zwerghndchen. Von nun an wirds besser gehen,
sagte er. Behalte Freia nur im Arm, ich bin meiner Sache sicher.
    Schweigend setzte der kleine Zug seine Wanderung fort, bis sich nach etwa
fnfzig Schritten die gleiche Szene wiederholte. Jetzt aber war und blieb die
Spur verloren.
    Die Jger sahen sich an. Rentiere! sagte Sven. Der Neger sollte reiten
und weigerte sich, er fiel herab, wurde weiter geschleift, wieder auf das
Rentier gehoben und festgebunden.
    Steen Norrick nickte. Ja, du hast recht, Sven Bge! antwortete er. Gut,
so haben wir's leichter.
    Sie pflckten sorgfaltig das sprliche Moos, das auf dem Felsboden wuchs,
und rieben wieder die Schnauzen der beiden Hunde. Such! Such!
    Thor und Freia folgten jetzt den Spuren der Rentiere. Es ging ohne
Unterbrechung talauf, talab, immer weiter, und als gegen Morgen der Boden etwas
sumpfig wurde, erkannte man deutlich im Dmmergrau des jungen Tages die Spuren
der Hufe, die sich auf der feuchten, moorigen Erde scharf abgedrckt hatten.
    Wirklich! rief Robert, eure Hunde behalten recht. Wie habt ihr ihnen nur
das Spren beigebracht und wozu braucht ihr es, wenn ihr nur Vgel jagt?
    Steen Norrick lchelte. Du fragst viel auf einmal, antwortete er. Die
Fhigkeit des Sprens ist diesen Tieren von Natur eigen. Wir richten sie nur
besonders ab auf den Vogelfang, weil sie dazu die geeignete Gre haben.
    Wieso denn das? fragte Robert neugierig.
    Nun, da die Alken und Mwen in Felsritzen ihre Nester bauen, so braucht man
diese winzigen Hndchen, um sie aufzuspren. Wohin kein Menschenfu gelangen und
kein Blick dringen kann, da finden Thor und Freia die brtenden Vgel, denen man
dann meistens leicht die Eier wegnehmen kann. In vielen Fllen sind auch die
alten Tiere zu erreichen, die man ohne solche Hunde nur selten auftreibt.
    Robert staunte. Weiter ging es, immer weiter, obwohl seine Krfte anfingen
nachzulassen. Man war jetzt zehn Stunden ohne Aufenthalt marschiert, und die
kleinen Hunde liefen immer noch nebeneinander mit der Nase am Boden vorwrts. Es
schien, als sei bis jetzt an kein Ende dieser aufregenden Wanderung zu denken.
    Da hob pltzlich Steen Norrick die Hand. Alle drei Mnner standen still.
    Ein Ren! flsterte der Vogeljger, ich hre deutlich das Grunzen.
    Die beiden andern horchten atemlos. Deutlich klang jetzt der leise Ton durch
die stille Morgenluft zum zweitenmal herber.
    Es konnte keine Tuschung sein. Hinter einem Gebsch lagerten die Gesuchten.
    Steen Norrick legte den Finger auf den Mund. Dann lockte er durch eine
Bewegung seiner Hand die beiden Hndchen zu sich heran, gab jedem aus dem Ranzen
ein Stck Fleisch und versenkte sie wieder in seine weiten Jackentaschen.
    Dann kamen aus den Brusttaschen der beiden Jger pltzlich zwei
doppellufige Pistolen zum Vorschein. Mit gespanntem Hahn, den schweren
Bergstock in der linken, schlichen die riesigen Nordlnder vorwrts, und Robert
folgte ihnen.
    Helges Stimme tnte sehr bald der kleinen Schar entgegen. Was er aber
sprach, das blieb dem jungen Matrosen unverstndlich, da es die Mundart der
Gebirgslappen war, in der er offenbar mit einem Kameraden sprach. So eifrig auch
Robert horchte, den Sinn der Worte verstand er nicht.
    Desto besser begriffen jedoch die Vogeljger. Sie sahen sich lchelnd an,
und dann neigte sich Steen Norrick zu Robert herber: Der gelbe Schurke hat
deinen Freund geknebelt und ihm seit seiner eigenen Rckkehr vom Westfjord
nichts mehr zu essen gegeben, raunte er. Es ist seine Absicht, den Neger noch
eine ganze Tagereise weit in die Wste zu fhren und ihn dort halbverhungert
auszusetzen, damit er nie wieder zu den Weien zurckkehren knne. Jetzt la
mich weiter horchen, aber sei ganz still!
    Robert bezwang mit Mhe seine Erregung. Er wagte jedoch nicht, sich den
Anordnungen der beiden Vogeljger zu widersetzen.
    Die Lappen sprachen fortwhrend miteinander, und Steen Norrick horchte
angestrengt. Dachte es wohl, flsterte er in Roberts Ohr, dir war das gleiche
Schicksal bestimmt. Sobald du dich im Lager wieder blicken lieest, wollte man
auch dich in die Wste fhren. Kannst deinem Herrgott danken, da du die
Geschichte von den heidnischen Opfern nicht am Feuer der Lappen erzhltest,
sonst wrest auch du jetzt auf dem Rcken eines dieser Tiere von der Insel Kola
rettungslos in die Steinwste gebracht worden, und kein Mensch htte dein
Verschwinden bemerkt, niemand von den Deinen htte jemals wieder etwas von dir
gehrt. Werde vorsichtiger, Junge, bevor du wieder die Sitten und Gefahren
fremder Lnder gegen dich herausforderst!
    Robert antwortete nicht. Das war eine ernste und zugleich milde Lehre, aber
sie drang ihm in ihrer Einfachheit tief ins Herz.
    Steen Norrick nahm jetzt die Pistole schubereit und winkte seinem
Begleiter, dasselbe zu tun. Wie ein Gespenst aus dem mitternchtlichen Grabe
emporsteigt, lautlos und pltzlich, so standen im nchsten Augenblick die
Riesengestalten der beiden Vogelfnger vor den entsetzten Lappen, die, ihrer
Sache vollstndig sicher, sich ganz bequem in das Moos gelagert hatten und bei
Branntwein, Brot und Fleisch eine lngere Rast hielten, whrend der unglckliche
Mongo auf dem Rcken des Rentiers so von Seilen umschnrt war, da er kaum atmen
konnte und in halber Betubung dalag. Seinen Bitten um einen Schluck Wasser war
mit Hohnlachen geantwortet worden.
    Sobald Robert sah, da die Vogelfnger den Kampf aufnahmen, sprang er mit
einem freudigen Hurra, Mongo, die Hilfe ist da! - aus dem Gebsch und drang
bis zu dem gefesselten Freund vor.
    Sven Bge! rief er, Sven Bge, gib mir dein Messer!
    Der Riese trat, ohne die beiden wie versteinert dasitzenden Lappen aus den
Augen zu lassen, nher und berreichte dem jungen Matrosen ein Messer, das
bestimmt sein mochte, im Notfall einem Bren den Genickfang zu geben. Robert
zerschnitt, so schnell es ging, die Seile und half dem Alten herab.
    Helge und sein verbrecherischer Gefhrte hatten sich inzwischen einigermaen
gesammelt und waren von ihren Sitzen aufgesprungen. Was wollt ihr, Steen
Norrick und Sven Bge? fragte mit drohendem Blick der Sohn des
Lappenhuptlings, weshalb bedroht ihr friedliche Jger? Setzt euch zu uns und
nehmt, was wir euch bieten knnen.
    Diese Dreistigkeit emprte selbst die ruhigen Nordlnder. Schurken! rief
Sven Bge, whrend sein Gefhrte vor Abscheu auf den Boden spuckte, elende,
gelbe Diebe und Heiden, die ihr seid. Wollt ihr etwa leugnen, diesen Neger hier
als Gefangenen in die Wste geschleppt zu haben, - wollt ihr leugnen, da oben
am Nordkap ein greuliches Zauberwesen getrieben worden ist, ihr Spitzbuben und
Heiligtumsschnder?
    Auf! befahl Steen Norrick. Wir bringen euch an Hnden und Fen gefesselt
nach der Stadt, angeklagt der Gtzendienerei und des Menschenraubes. Da knnt
ihr im Gefngnis eure Schandtaten bereuen. Wir beide, mein Vetter und Genosse
Sven Bge und ich selbst, werden bezeugen, da ihr alles dieses eingestanden
habt, denn wir haben vorhin eure ganze Unterhaltung Wort fr Wort mit angehrt.
    Diese Worte nderten pltzlich die ganze Lage, Whrend sich der zweite Lappe
auf die Knie warf und heulend um Gnade flehte, kreuzte Helge die Arme und sah
unverwandt in das Gesicht des Vogeljgers. Geh, Steen Norrick, geh und bringe
uns in das Gefngnis, Sohn eines weien Vaters, dessen Frau - deine Mutter,
Steen Norrick! - auch aus dem Stamme der Samelads hervorgegangen ist. Schnde
den Herd, an dem deine Mutter aufwuchs, schnde dein eigenes Mischblut, indem du
uns dem Richter preisgibst.
    Die Adern auf der Stirn des Nordlnders schwollen, seine Augen glhten,
seine Fuste ballten sich, und schon im nchsten Augenblick krachte ein Schu,
den jedoch Sven Bges pltzlicher, geschickt angebrachter Schlag gegen den Lauf
der Pistole unschdlich verhallen lie. Der Vogeljger war an seiner
verwundbarsten Stelle getroffen, man hatte ihm seine Abstammung vorgeworfen und
dadurch seinen Zorn auf das heftigste gereizt.
    La mich! knirschte er, mit Sven Bges krftigen Armen ringend. La mich,
der gelbe Hund soll sterben.
    Steen Norrick, sagte mit warnender Stimme der andere, besinne dich! Hast
du vergessen, was der Patron Gulbrandson befahl?
    Der Jger schien zu erschrecken, wenigstens zgerte er. Willst du dich von
diesen schmutzigen Schuften ohne weiteres krnken lassen? schrie er.
    Ein Lappe kann mich weder beleidigen noch krnken, Steen Norrick.
    Das sagt der Sohn einer Frau aus dem Blut der Samelads! murmelte Helge.
    Die Pest ber dich! - -
    Und mit diesen Worten strzte sich der Nordlnder auf den Lappen, den er
ohne weiteres zerdrckt haben wrde, wenn nicht von anderer Seite pltzlich
etwas dazwischen gekommen wre. Die beiden kleinen Hndchen in den Taschen,
durch die ungestmen Bewegungen Steen Norricks in Gefahr gebracht, begannen
jmmerlich zu heulen, so da der Vogeljger erschrak, als habe ihn eine Schlange
gebissen. Den Lappen von sich stoend, beruhigte er seine Lieblinge, whrend
Sven Bge mit energischem Griff den zweiten Gelben vom Boden emporzog und ihm
befahl, die Tiere aufzuzumen. Nachdem das geschehen war, erhielten Mongo und
Robert die Anweisung, sich abmarschbereit zu halten, und das dritte Ren wurde
mit Vorrten beladen, bevor es der Nordlnder am Zgel ergriff.
    Komm hierher, Helge! rief er.
    Der Lappe gehorchte zgernd. Sein Gesicht war vor Zorn und Furcht aschgrau.
Sven Bge packte ihn wie einen Warenballen und untersuchte mit seinen groen
Hnden jede Falte, jede Tasche, ehe er ihn wieder freigab. Nachdem er auch den
zweiten Lappen auf Schuwaffen abgetastet hatte, trieb der Jger die Rentiere
zum Auf bruch. Vorwrts! befahl er. Und dann wandte er sich zu den Lappen:
Da ihr euch in angemessener Entfernung haltet, ihr Spitzbuben! Wer sein gelbes
Gesicht sehen lt, dem geht es schlecht!
    Ein Zungenschlag brachte die Tiere in Bewegung. Robert und Mongo ritten,
whrend die Vogeljger zu beiden Seiten gingen. Steen Norrick schien sich seines
Zornausbruchs zu schmen, denn er bi die Lippen aufeinander und sprach keine
Silbe.
    Robert klopfte ihm auf die Schulter. Wie knnen wir euch danken? fragte
er. Ihr habt uns beiden das Leben gerettet.
    Der Nordlnder lchelte. Mach nicht so viele Worte, Fremder, antwortete
er, oder wrdest du in unserer Lage anders gehandelt haben?
    Nein! rief mit berzeugender Sicherheit der junge Matrose, nein, bestimmt
nicht!
    Die Vogeljger sahen ihn wohlwollend an. Na also! meinte Steen Norrick.
    Und dann ging es im ersten Sonnenlicht des Morgens durch das Gebirge. Die
beiden Nordlnder schienen keine Mdigkeit zu kennen. Ebenso straff und sicher,
wie sie vor gut zehn Stunden aufgebrochen waren, marschierten sie auch jetzt
eisern dahin, bis gegen Mittag Rast gehalten wurde. Robert erhob sich neu
gestrkt, nahm die leeren Ranzen und Krbe auf den Rcken und berredete die
Nordlnder, jetzt zu reiten. Er selbst ging an Mongos Seite und erzhlte ihm,
was er whrend der Zeit ihrer Trennung erlebt hatte. Der Neger konnte immer noch
kein Wort sprechen, aber er drohte gutmtig mit erhobenem Zeigefinger, als ihm
der junge Sausewind erzhlte, da er dem Lappen gegenber ganz ahnungslos die
Namen Jubinal und Tiermer genannt habe.
    Robert errtete wieder. Ich will vorsichtiger werden, Mongo. sagte er auf
englisch, diese Lehre soll mir nicht verloren gehen.
    Du junger Spitzbube! wollte Mongo mit seinem Lieblingsausdruck antworten,
aber er brachte nur ein unverstndliches Krchzen heraus, so da alle laut
lachten.
    In bester Stimmung erreichte der kleine Zug gegen Abend das Ufer des
Westfjords. Das Lappenlager hatten die Jger umgangen, so da es zu keinem
Streit oder Kampf gekommen war.
    Roberts erster Blick ging zum Wasser. Er suchte die Wimpel der Jacht, und -
- was er im stillen gehofft hatte, das besttigte sich. Das schlanke Schiff lag
noch vor Anker, whrend Patron Gulbrandson breitspurig und mit der langen Pfeife
im Munde auf dem Strandweg stand.
    Sein wetterbraunes Gesicht lachte, als er die Ankmmlinge sah. Hallo! rief
er, das nenne ich Glck! Habt drei Rentiere erbeutet und einen Neger. Brr, wird
der aber in der Stadt Aufsehen erregen!
    Robert streckte voller Dankbarkeit dem Alten seine beiden Hnde entgegen.
Du hattest recht, Patron Gulbrandson, sagte er, und ich bitte dich wegen
meiner unberlegten Worte um Verzeihung!
    Der Norweger schmunzelte. Konnte mir denken, was inzwischen geschehen ist,
antwortete er, kenne die gelben Spitzbuben seit vierzig Jahren aus tglichem
Umgang und wei, was sie wert sind. Haben wohl Ach und Weh geschrien, als die
Quner pltzlich auftauchten, dachten nicht, da hinterm Berge auch noch Leute
wohnen?
    Die beiden Vogeljger erzhlten nun alles, was sich ereignet hatte, und der
Patron nickte uerst zufrieden. Wolltet gern mit nchster Gelegenheit nach
Troms, ihr beiden? fragte er, mit der Pfeifenspitze zugleich auf Robert und
den Neger deutend.
    Mongo verstand ihn nicht, aber Robert antwortete an seiner Stelle und sah
unwillkrlich dabei voll Sehnsucht hinaus auf den Fjord, wo die hbsche Jacht
vor ihren Ankerketten schaukelte.
    Wrdest du uns wohl an Bord des Heimdal mitnehmen, Patron Gulbrandson?
fragte er. Der amerikanische Konsul in Bergen - -
    Soll sich um seine eigenen Angelegenheiten kmmern, schlo brummend der
Alte. Denke wohl, da Olaf Gulbrandson der Mann ist, ein paar schiffbrchigen
Seeleuten zu helfen, ohne da es ihm gleich jemand bezahlen mte. Knnt an Bord
gehen, der Schwarze und du, euch vom Steuermann etwas Vernnftiges zu essen
geben lassen und euch in den Hngematten aufs Ohr legen. So, ihr wit nun
Bescheid!
    Er wehrte alle Dankesuerungen ab und schritt langsam zu den Arbeitern an
der Holzbank hinber, wo er einem Lappen befahl, die drei Rentiere wieder in das
Lager seiner Brder zurckzufhren. Dann trat er in die Htte der beiden Quner,
in der offenbar verschiedene Abschlsse und Rechnungen ins reine gebracht
wurden, denn die Jacht hatte ihre volle Ladung an getrockneten Fischen und
Federn schon bernommen, das sahen die beiden Freunde, als sie an Bord kamen,
auf den ersten Blick. Man wartete also nur auf den Patron, um die Anker zu
lichten.
    Robert und Mongo aen mit bestem Appetit die seltsame Suppe, die ihnen der
Steuermann vorsetzte, nmlich Hafergrtze mit getrockneten Pflaumen und kleinen
Heringen, das norwegische Nationalgericht. Sie lachten dabei heimlich, und der
Neger schttelte sich sogar ein wenig, aber spter glich ein tchtiges Stck
Pkelfleisch mit Klen alles wieder aus, obwohl jegliches Gemse, das hier in
der Polarzone den Wert einer seltenen auslndischen Frucht gehabt htte, an Bord
des Heimdal vollstndig fehlte. Man kennt in diesen Breiten nicht einmal den
Anbau der Kartoffel, die whrend des zu kurzen, heien Sommers lang ins Kraut
schiet, aber keine Knollen ansetzt.
    Nach dem Essen taten Robert und Mongo wie ihnen gesagt worden war: sie
suchten die langentbehrte Ruhe und schliefen bald wie die Bren, ohne zu
bemerken, da an Deck die Anker gelichtet wurden und der Heimdal flink wie ein
Delphin durch die Wogen dahinscho.
    Erst gegen Morgen erwachte Robert und glaubte zu trumen, als er den Seegang
fhlte und die Wellen klatschend an das Schiff schlagen hrte. Er schlo
nochmals die Augen, um sich der schmeichelnden Empfindung wieder hinzugeben,
doch als ihm dann die Erinnerung an die Bilder der letztvergangenen Tage langsam
zurckkehrte, sprang er aus seiner Hngematte heraus, um womglich an Deck ein
wenig zu helfen und die Gastfreundschaft des Heimdal nach Krften zu
vergelten. Er konnte sich auch nicht lnger enthalten, einmal wieder in die
Masten zu klettern und sich da oben in freier Luft vom Wind schaukeln zu lassen.
    An Bord des Schiffes waren auer dem Patron und dem Steuermann nur noch drei
Matrosen, lauter Hnengestalten, schweigsam wie die Vogeljger und offenbar
ebensowenig wirkliche Seeleute wie ihr Kapitn selbst. Robert konnte berall
unaufgefordert zugreifen, er fand Arbeit genug fr mehr als einen Mann.
    Olaf Gulbrandson sah mit zufriedenem Lcheln, da sich sein junger Gast
ntzlich zu machen suchte. Hr zu, Junge! sagte er, was du verzehrst, das
schenke ich dir, und was du verdienst, das bezahle ich. - Den Schwarzen la nur
in seiner Hngematte bleiben, damit er wieder zu Krften kommt, ehe er eine neue
Heuer annimmt.
    Und so geschah es dann. Robert half an Deck, whrend der Heimdal vier Tage
lang durch die Sunde und Fjorde und endlich durch die Strae von Troms segelte,
um am Morgen des fnften Tages an der hlzernen Landungsbrcke festzumachen.
    Whrend die geladenen Fische und Federn auf ein greres, nach Bergen
bestimmtes Schiff des Patrons bernommen wurden, sollte die Jacht zurckfahren
und den Arbeitern auf den Lofoten eine neue Partie Salz und Lebensmittel
bringen. Olaf Gulbrandson berwachte in Troms selbst die Verladearbeiten, aber
er wollte nicht wieder an die Fischpltze zurckkehren, sondern persnlich seine
Waren in Bergen verkaufen und Robert und den Neger dorthin mitnehmen. Mongo half
jetzt tchtig, die Federscke und Ballen trockener Fische aus dem Raum
heraufzubefordern, er hatte sich gut erholt und konnte sogar nach einer
einfrmigen Negermelodie ein englisches Lied singen, in das die Norweger mit
einfielen, ohne zu wissen, welchen Sinn die Worte hatten.
    Robert lachte lustig, sooft er das wunderliche Quartett des Schwarzen und
der drei norwegischen Matrosen mit anhrte. Gewandt, wie er war, bersetzte er
endlich die Strophen ins Dnische, so da nun in zwei verschiedenen Sprachen
gesungen wurde, was auf Deutsch etwa folgendermaen lautet:

Neger auf dem Land - Sehen, das Schiff kommt in,
Der Kap'tn kommt an Land - Mit der Hand am Kinn.
Kaufmanhsschiff ahoi, Kaufmannsschiff ahoi, -
Gib die Taler mir.

    Dabei fiel Ballen auf Ballen und Sack auf Sack in den Raum der Ellen
Gulbrandson, wie das Schiff zu Ehren der verstorbenen Frau des Patrons genannt
worden war. Schon nach wenigen Tagen konnte die Reise weitergehen, und zwar
nicht, wie Robert geglaubt hatte, auf dem offenen Meer, sondern durch ein
verschlungenes Labyrinth von Wasserstraen, kleinen und groen Buchten,
Engpssen und Stromschnellen zwischen den Felsen, immer in Sicht der Kste und
in einer Umgebung, wie man sie sich groartiger kaum vorstellen konnte.
    Als das weite Wasserbecken des Hafens, rings umschlossen von glatten,
steilen Felsen, sich vor ihnen ffnete, als Robert endlich wieder die Masten
vieler Schiffe aus aller Herren Lnder zum Himmel ragen sah, da hpfte ihm das
Herz vor Freude.
    Hier war das Leben wieder wie sonst. berall sah man Menschen auf der
Strae, man erkannte Lastfuhrwerke und Equipagen, kurz, man war von den letzten
Auslufern der Kultur wieder ganz zu ihr zurckgekehrt, wie denn auch die
Berechnung des Patrons eine zurckgelegte Strecke von zweihundert Meilen
nachwies.
    Diesen weiten Weg hatte die Ellen Gulbrandson in zwlf Tagen gemacht.
Alles, was der Patron unternommen hatte, war vom Glck begnstigt worden und
daher seine Stimmung sehr gut. Er schlug mit der flachen Hand auf Roberts
Schulter und sah ihn freundlich an. Junge, sagte er, bleib bei mir, du bist
gerade so einer, wie ich es gern habe, einer der seine Krfte fhlt und sie
gebrauchen will. Schlag ein, Bob! Im Sommer auf der Kstenfahrt zwischen Bergen
und den Lofoten, im Winter zu Hause am Baalsfjord, wo meine Speicher stehen und
wo die erhandelten Waren an die Fischer verkauft werden. Kannst hineinwachsen in
mein Geschft, Junge, kannst mit der Zeit ein Gaardbesitzer sein, ja, und kannst
sogar spter einmal meine Enkelin heiraten, wenn du ein gemachter Mann bist, der
seine Schiffe auf dem Wasser und seine Pachthuser an Land besitzt. Freilich
zhlt das Pppchen jetzt erst fnf Jahre, aber es ist auch noch ein weiter Weg
vom Leichtmatrosen bis zum selbstndigen Patron und Kaufmann.
    Robert hatte anfnglich ernsthaft zugehrt, dann aber lachte er laut. Der
Gedanke, von seiner spteren Frau zu sprechen, war doch wirklich urkomisch. Wie
konnte der vernnftige Mann solche Scherze machen?
    Nimm es um Gottes willen nicht bel, Patron Gulbrandson, antwortete er
endlich, aber das, was du sagtest, ist zu lustig, ich kann mir nicht helfen.
    Der Alte verzog freundlich den breiten Mund. So lache doch ruhig, sagte
er. Wer lacht, der sndigt nicht. Aber unser Handel ist gemacht, was?
    Robert schttelte den Kopf. Ich kann nicht, Patron, antwortete er, ich
kann nicht, und wenn du mir goldene Berge versprichst. Ich bin dir groen Dank
schuldig, ich werde niemals vergessen, was du mir und dem alten Neger getan
hast. aber mich in ein Haussperren lassen, das kann ich nicht.
    Dummes Zeug das! Alle Menschen leben in Husern, du auch!
    Nein, Patron, ich nicht. Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern, ich htte
zu Hause in Deutschland ein sicheres, ruhiges Leben haben knnen, lief aber
lieber heimlich in dunkler Nacht davon, um frei zu sein, um ein Seemann zu
werden. Nun weit du, warum ich nicht bei dir bleiben kann!
    Der Alte schien nicht so recht mit sich im reinen, ob er hier tadeln oder
loben sollte. Er wiederholte nur: Davongelaufen?
    Ja, Patron Gulbrandson.
    Dann willst du also jetzt auf einem Hamburger Schiff heuern, um deine
Eltern aufzusuchen und sie um Verzeihung zu bitten?
    Robert errtete. Das kann ich noch nicht, Patron, antwortete er. Ich kann
nicht mit leeren Hnden zurckkommen, und da bisher alles immer wieder verloren
ging, was ich zusammengebracht hatte, so mu ich erst einmal eine gute Reise
hinter mir und einige hundert Taler in der Tasche haben, bevor ich heimkehre.
Wirklich, ich hatte berall Unglck!
    Olaf Gulbrandson hob mahnend den Finger. So ganz unverdient, Junge? fragte
er. Du sollst Vater und Mutter ehren, auf da dir's wohl ergehe und du lange
lebest auf Erden. Hast diesen Satz ganz vergessen, he?
    Bestimmt nicht, Patron, aber - von der See lassen kann ich nicht.
    Der Alte wandte sich ab. Nun, nun, brummte er, habe dir nichts zu
befehlen, mut deine eigene Haut zu Markte tragen. Segen wird's niemals bringen,
darauf darfst du dich immerhin fest verlassen. Unrecht Gut gedeiht nicht.
    Als er aber spter im Boot an einen der groen amerikanischen Dreimaster
heranfuhr, da dachte er doch im stillen: Schade, da der Bengel so hartnckig
ist. Ich htte ihn gern mit mir nach Hause genommen. Wirklich schade!
    Mit dem Kapitn des Amerikaners verabredete er dann eine Heuer fr Robert
und fr den Neger, schenkte jedem noch einen neuen Anzug und brachte sie in
seiner Jolle an Bord. Vorher aber schreibst du an deine Eltern, ermahnte er
den Jungen, ich selbst will den Brief auf die Post geben.
    Robert gehorchte und schilderte nun alles, was ihm inzwischen begegnet war,
ebenso bat er sie, ihm nach San Franzisko, seinem nchsten Bestimmungsort, eine
Antwort vorauszuschicken. Zuletzt versprach er, bald zurckzukehren und schlo
mit der Bitte, ihm seinen unberlegten Jugendstreich zu verzeihen.
    Patron Gulbrandson versenkte den Brief in die Tasche seiner weiten
Lederjacke, dann zahlte er beiden Seeleuten auf Heller und Pfennig, was sie
whrend der Herreise verdient hatten, und schttelte ihnen zum letztenmal die
Hand. Lebt wohl! Lebt wohl! -
    Mongo dankte ihm immer wieder fr die Rettung von einem schrecklichen Tode,
bat ihn, die beiden Vogeljger zu gren und es den Sohn des Lappenhuptlings
nicht entgelten zu lassen, da er ihn so heimtckisch berfallen und in die
Wste geschleppt habe, - - Robert hielt immer noch die Rechte des Nordlnders.
Der Abschied wurde allen schwer. Knntest ja bei mir bleiben, Junge! sagte
Olaf Gulbrandson noch einmal.
    Aber Robert schttelte den Kopf. Ich kann nicht, Patron!
    Nun, so beht dich Gott, Wildfang!
    Die Jolle stie ab, und einige Minuten spter war sie im Gewirr der vielen
Fahrzeuge verschwunden.
    Zwei Tage darauf lichtete der Stern von San Franzisko die Anker, und mit
lustigem Matrosengesang begann die neue Fahrt, einer ungewissen Zukunft
entgegen. Was sie bringen wrde, das wute nur Gott.

                               Nach dem Goldland


Der schwere Bergenfahrer, riesig in seinen Ausmaen, ein neues, tchtiges Schiff
mit guter Besatzung und moderner Ausrstung, hatte einen betrchtlichen Teil
seiner Reise bereits zurckgelegt und war ohne Zwischenfall bis in die
Grenzgewsser des Stillen Ozeans gelangt. Kap Hrn kam in Sicht.
    Robert stand am Gromast und bewunderte das Schauspiel, das sich im Licht
der sinkenden Sonne seinen Augen bot. Whrend er hnliches und noch
Groartigeres in Norwegen hufig gesehen hatte, waren ihm doch diese
Klippenbildungen ganz neu.
    Steil und senkrecht, schwarz und vollkommen nackt, ohne eine einzige lebende
Pflanze, erhob sich der ber fnfhundert Meter hohe Berg aus dem Meer und ragte
mit seinem dunklen Gipfel fast bis in die blau und violett umsumten Wolken
hinein. Als letzter Auslufer der Kordilleren bildete das Vorgebirge
gewissermaen einen Wall gegen den dauernden Anprall der Meeresbrandung.
    In weitem Bogen glitt das Schiff daran vorber und vermied den rasenden
Strudel, wo weie Wellenkpfe mit Kronen von Schaum, urweltlichen
Fabelgeschpfen gleich, den Felsen strmten, daran zerstubten und wieder
zurcksanken in die blaue Unendlichkeit, aus der sie entstanden. Bei jedem
Windsto aufspringend, eine die andere berrollend, furchtbare, bergestiefe
Tler bildend und wie hohe, unbersteigbare Mauern sich trmend, so glichen die
Wogen einem Heer gewappneter Krieger, die sich immer neu ergnzen, der eine aus
dem Blut des anderen, unbesiegbar und unerschpflich.
    ber dem Gipfel des Berges lag es blaugrau, die Luft war verhltnismig
kalt und neblig, alles Zeichen, da noch vor Einbruch der Nacht ein Sturm zu
erwarten sei und da die notwendigsten Manahmen dafr getroffen werden muten.
Robert war jetzt schon erfahrener Seemann genug, um dies selbstndig berblicken
zu knnen, er arbeitete eifrig an der Sicherung der Boote, der Ersatzspieren und
der Kanone auf dem Vorderdeck, er kletterte wie ein Seiltnzer hin und her, um
die Taue zu spannen, zwischen denen es den Matrosen allein mglich ist, whrend
eines heftigen Sturmes auf den Fen zu bleiben.
    Die Segel wurden gerefft, die leichten ganz weggenommen, und an allen
Bndseln Musterung gehalten, mit einem Wort, berall nachgesehen, ob das Schiff
fr den bevorstehenden Sturm gerstet sei. Der Obersteuermann ging prfend von
einer Seite zur anderen.
    Jetzt kommt's bald, sagte er halb zu sich.
    Robert, dessen liebenswrdige Dreistigkeit ihm berall solche kleinen
Freiheiten sicherte, die sich im Leben nur der ungestraft erlauben darf, der das
Vertrauen seiner Vorgesetzten im hohen Mae besitzt und von dem man wei, da er
eine bestimmte Grenze nie berschreiten wrde, - Robert sah sich um. Woran
erkennen Sie das, Steuermann? fragte er lebhaft.
    Der Amerikaner spuckte seinen Tabak ins Meer und schob ein frisches
Priemchen zwischen die Zhne. Dann deutete er mit der Rechten ber das Wasser.
Siehst du diesen schillernden, bald grnlichen, bald weien Streifen, der wie
ein flatterndes Band auf der Oberflche des Meeres liegt? - Nun, das ist ein
Vorbote.
    Aber die Luft scheint doch noch ganz ruhig zu sein, Steuermann?
    Der Alte nickte. Scheint nur, Bob! Wirst bald das Konzert beginnen hren.
    Und so kam es wirklich. Die Nacht war hereingebrochen, tiefe Dunkelheit lag
um das Schiff, am Himmel glnzte kein Stern und durch die Takelage fuhr ein
unheimliches chzen. Immer furchtbarer heulte und tobte die Brandung am Felsen,
immer strker wurden die Windste und hher die Wogenkmme. Der Schaumstreif
hatte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in ganze Berge von Schaum
verwandelt.
    Der Kapitn, in lrock und Sdwester, erschien an Deck. Bei den Marsfallen
und Brassen standen die vom Obersteuermann dorthin beorderten Leute, auch das
Grosegel war eingezogen worden und auf dem ganzen Schiff alles fertig, um den
schlimmen Gast zu empfangen. Wildes Heulen durchbebte die Luft.
    Der Kapitn rckte den Hut tiefer in den Nacken. Laufen Marssegel!
kommandierte er mit starker Stimme, und dann weiter: Holt auf Luvbrassen, aus
Refftaljen!
    Der Befehl wurde sofort ausgefhrt, das Schiff legte sich fast flach auf die
Seite und flog wie ein Blitz durch die kochende See. Da ertnte vom Steuerrad
her durch die Nacht ein lauter Schrekkensruf. Der Kopf des Ruders war
abgesprungen.
    Einen Augenblick lang schien es, als knne das Schiff dem Druck des Windes
nicht widerstehen, die Brassen spannten sich, zerplatzten mit lautem,
donnerhnlichem Knall und wurden im nchsten Augenblick vom Sturm entfhrt.
    Das Schiff konnte in jeder Sekunde von der Brandung erfat werden.
    Der Kapitn war ohne Zweifel kein besonnener Mensch. Er lie es erst zum
uersten kommen, ehe er das letzte, gefhrliche Manver versuchte, - dann
endlich entschlo er sich.
    Keine Stimme htte das Brausen des Sturms durchdringen knnen. Nur Zeichen
waren mglich, und auf diese hin versammelten sich alle Matrosen um den
Kreuzmast. Dort muten die noch vorhandenen Segel geborgen werden, oder das
Schiff war rettungslos verloren.
    Im Logis war niemand mehr. Jeder hatte ungerufen seine Koje verlassen, um da
zu sein, wenn Not an den Mann kam. Die Leute wurden gut behandelt, erhielten
reichliche Rationen und tglich Branntwein, daher waren sie zur Stelle, wo es
darauf ankam, Tchtigkeit zu zeigen.
    Das Kreuzsegel konnte zwar nicht gerettet werden, sondern flog wie ein
Fetzen Papier im Sturm den vorangegangenen nach, aber der Zweck des Unternehmens
war doch erreicht. Der Stern von San Franzisko richtete sich langsam aus
seiner gefhrlichen Lage auf, die Zimmerleute konnten das Ruder ausbessern, und
das Schiff kam allmhlich vor den Wind. Die grte, hauptschlich durch die
Unschlssigkeit des Kapitns entstandene Gefahr schien beseitigt, obwohl der
Sturm noch immer weitertobte und jeder Mann an Deck bleiben mute, um fr alle
Flle zur Hand zu sein.
    Hast du nun gesehen, wie schnell die Geschichte geht? fragte der
Obersteuermann, nachdem er mit dem Taschentuch das Gesicht abgetrocknet und ein
neues Stck Kautabak in den Mund gesteckt hatte. Ich sagte dir's ja.
    Robert lachte. Das war zur Feier meines Geburtstages, Steuermann. Htte mir
wirklich nichts Schneres denken knnen, als so einen tchtigen Sturm, der das
Blut in Bewegung bringt.
    Mit achtzehn Jahren! brummte der Alte, halb verdrossen, halb angenehm
berhrt, wie alle, die mit Roberts frischer und gesunder Natrlichkeit in
Berhrung kamen. Na, wenn dein Geburtstag ist, so sollst du auch spter eine
Extraration haben.
    Robert wandte sich zu dem hinter ihm stehenden Neger. Und du sollst sie
trinken, Mongo! sagte er. Das war wieder einmal ein kleines Abenteuer, was?
    In diesem Augenblick tnte durch die Nacht ein Kanonenschu aus ziemlicher
Nhe herber. Alle horchten auf, wie von einem elektrischen Schlag getroffen,
alle blickten unwillkrlich in die Richtung des Schalles, obgleich die
herrschende Finsternis jedes Sehen unmglich machte.
    Ein Schiff in Seenot! - -
    Jetzt folgte deutlich ein zweiter Schu.
    Der Obersteuermann war der erste, der die Sachlage erfat hatte. Das Schiff
treibt uns steuerlos mit dem Wind entgegen, sagte er. Der zweite Schu klang
bedeutend nher, und - Achtung! - dieser noch viel mehr.
    Steuermann! rief unruhig der Kapitn, ist es nicht, als wre das fremde
Schiff genau in unserem Fahrwasser? - Wir laufen Gefahr, zusammenzustoen.
    Das verhte Gott, Sir! -
    Und dann brachten seine ruhigen Kommandoworte den Stern von San Franzisko
weiter ins Meer hinaus, so da er gegen den Wind aufkreuzte. Die Kanonenschsse
kamen jetzt immer schneller hintereinander, und endlich, nachdem sich der Sturm
bedeutend gelegt hatte, wurde auch auf dem Bergenfahrer ein Schu abgefeuert, um
eine Antwort zu geben.
    Ein hundertstimmiger Freudenschrei hallte, alle Herzen erschtternd, ber
das Meer. Robert ergriff in heftiger Bewegung den Arm des Obersteuermanns.
    Wir mssen helfen, Sir, wir mssen die Boote aussetzen! rief er.
    Alles zu seiner Zeit, du Grnschnabel. Wolltest du etwa mir nichts, dir
nichts, in diese Dunkelheit hinausstrmen, vielleicht an dem bedrohten Schiff
vorbei, vielleicht direkt unter seinen Bug, so da du bersegelt wrest, ehe
sich der Teufel die Schuhe putzt? - La nur erst einmal die Leuchtkugeln ihre
Schuldigkeit tun.
    Robert schmte sich seiner bereilung. Immer muten ihn besonnenere Menschen
wie ein kleines Kind zurckhalten. Er schwieg deshalb und wartete ab, was folgen
werde.
    Der Steuermann sollte wieder recht behalten. Nach wenigen Minuten schon
entfaltete sich ein wundervolles, groartiges Schauspiel. Aus der dunklen
Umgebung des Meeres stiegen farbige, meist pupurrote Leuchtkugeln auf, die in
ununterbrochener Reihenfolge einen Schauplatz furchtbarer Verheerung mit ihrem
Schein berfluteten.
    Ohne Masten und ohne Quarterdeck lag ein Schiff fast bis zur Hhe seiner
Schanzkleidung unter Wasser, in nchster Nhe des Bergenfahrers. Es trieb kaum
noch, weil der Wind keinen Widerstand mehr fand, aber es wurde auch nur noch
durch die verzweifelten Anstrengungen der Besatzung etwa einem Meter ber Wasser
gehalten. Rastlos arbeiteten die Matrosen an den Pumpen, rastlos folgten die
Leuchtkugeln aufeinander und berschtteten mit einem Feuerregen das nchtliche
dunkle Meer.
    Es war ein zauberhaft schner Anblick, die Brandung am Fue des Vorgebirges,
von farbigen Lichtern angestrahlt, hier purpurn, dort azurblau und dann tief
violett, - aber niemand fand Zeit oder Ruhe, um sich diesem Schauspiel
hinzugeben. Das bedrngte Schiff nahm die Aufmerksamkeit aller viel zu sehr in
Anspruch.
    Der unschlssige Kapitn nherte sich mit fragendem Gesicht seinem Offizier.
Ein Auswandererschiff, sagte er, wo sollen wir alle diese Menschen
unterbringen?
    Die Antwort war kurz und bezeichnend. Wir werden sie nicht alle lebend an
Bord bekommen, Sir!
    Meinen Sie, Steuermann? Aber lassen Sie die Boote herunter, in jedes vier
Mann. Ich glaube, das Wasser ist ruhig genug.
    Er verschwand in der Kajte, und der Steuermann lie sich zunchst von einem
der Matrosen das Sprachrohr bringen. Dann fragte er an, ob man auf dem sinkenden
Schiff noch Feuerwerkskrper genug habe, um den Rettungsmannschaften die ntige
Beleuchtung zu leisten. Erst als diese Frage bejaht war, wurden die Boote zu
Wasser gelassen.
    Robert sprang allen voran gleich in das vorderste. Er wollte der erste bei
der gefhrlichen Rettungsarbeit sein und das schwerste dabei selbst tun. Der
Stern von San Franzisko lag jetzt back, und das fremde Schiff trieb kaum
merklich in einiger Entfernung an seiner Seite.
    Der Steuermann beobachtete beim Schein der Leuchtkugeln, da es tiefer und
tiefer sank, da die pumpenden Matrosen mit der Hast der Verzweiflung
arbeiteten. Ein stummes, leichtes Kopfschtteln, ein Seufzer deuteten darauf
hin, da es kaum mglich sein werden, alle Schiff brchigen zu retten.
    Die Boote wurden von den Wellen wie Nuschalen hin und her geworfen. Es
verging eine volle Viertelstunde, bis es dem ersten gelang, an das sinkende
Schiff heranzukommen. Jetzt ergab sich ein stummes, grauenhaftes Ringen. Whrend
zwei Matrosen unter Auf bietung aller ihrer Krfte bemht waren, das Boot an der
niederen Bordwand des Schiffes festzuhalten, wehrte der dritte die Unglcklichen
ab, die sich, von Verzweiflung getrieben, fast kopfber in das zur Rettung
bereite Fahrzeug hineinstrzen wollten, und der vierte endlich nahm die zum
bersetzen bestimmten Schiffbrchigen in Empfang. ngstliche Rufe begleiteten
das abstoende Boot.
    Und so wiederholte sich die gleiche Szene noch achtmal. Alle Mnner
arbeiteten, da ihnen der Schwei in Strmen vom Gesicht lief, sie kmpften mit
heldenmtiger Ausdauer gegen Wind und Wellen, bezwangen die Erschpfung ihrer
Krfte und widerstanden den Versuchen der Auswanderer, sich gewaltsam der Boote
zu bemchtigen. Sie wurden alle von ihren Kameraden abgelst, nur Robert nicht,
- er lie keine Mdigkeit an sich herankommen und gab nicht nach, bis die
Rettungsversuche abgebrochen werden muten.
    Nur zu richtig sollte der Obersteuermann prophezeit haben. Etwa fnfzig
Passagiere von dem sinkenden Schiff waren unter Gefahr und Anstrengung an Bord
des Stern von San Franzisko gebracht worden, whrend immer noch ber zweihundert
Menschen ungeduldig auf ihre bernahme warteten. Im tiefsten Dunkel der Nacht,
unter Klagen, Geschrei, flehentlichen Bitten und Verwnschungen vollzog sich das
Rettungswerk.
    Und dann kam das furchtbare Ende.
    Die Matrosen an den Pumpen erkannten die Unmglichkeit, das Wrack noch
lnger ber Wasser zu halten. Sie berieten einen Augenblick lang untereinander,
und dann versuchten sie schwimmend den kurzen Weg bis zu dem Bergenfahrer
zurckzulegen. Mehr als einer ertrank, mehr als einer kam in der furchtbaren
Brandung um, aber was bedeutete das Schicksal dieser einzelnen gegen alle die
Unglcklichen, die noch an Bord waren. Zwanzig auf einmal strzten sich die
Mnner an die Pumpen, obgleich keine irdische Macht imstande war, das Unglck
aufzuhalten. Mit furchtbarer Schnelligkeit sank das Wrack, - nur noch eine
Handbreit lag es ber dem Wasser.
    Ganz zuletzt noch drngte sich ein junger Mann an Roberts Boot heran. Bisher
hatte er tapfer geholfen, die Frauen und Kinder voranzuschicken, hatte mit
vernnftigen Worten die Andrngenden abgewehrt und allen Mut zugesprochen -
jetzt dachte er an die eigene Rettung. Lat mich hinter eurem Boot schwimmen,
Landsleute, bat er, ich will niemand einen Platz streitig machen, nur gebt mir
ein Tau, da ich in der Dunkelheit den Weg finde.
    Robert wurde aufmerksam. Schon vorher hatte er geglaubt, diese Stimme zu
kennen, jetzt aber nur um so mehr. Er konnte in dem vollbesetzten, kaum seiner
augenblicklichen Last gewachsenen Boot keinen einzigen Platz mehr vergeben, und
doch ergriff ihn die bescheidene, im holsteinischen, heimatlichen Deutsch
vorgebrachte Bitte des anderen. Wirst du dich halten knnen? fragte er
mitleidig. Die See geht hoch, und dann - es sind Haifische hier!
    Der Fremde seufzte. Fngt mich einer, so ist die Sache zu Ende, sagte er.
Aber um meiner alten Eltern willen mu ich versuchen, durchzukommen. Nimm mich
mit, Landsmann, ich bitte dich.
    Robert lste von seinem Krper den Ledergrtel, dessen eines Ende er am
Bootsrand in einem Eisenring befestigte und den er kaum noch frh genug dem
Fremden zuwerfen konnte, um ihn vor dem pltzlichen Sturz ins Meer zu bewahren.
    Ein ich danke dir, Landsmann! verhallte in den Schreckensuerungen der
nun folgenden Szene. Die Leuchtkugeln versagten in den feuchten Hnden,
Dunkelheit umgab das sinkende Schiff, und beinahe zweihundert Menschen gingen
mit ihm jammernd und schreiend in die Tiefe.
    Auf dem Stern von San Franzisko begannen jetzt von neuem die Raketen und
Leuchtkugeln ihren Dienst. Erst nachdem von seiten des untergegangenen Schiffes
in dieser Beziehung nichts mehr getan werden konnte, gab der vorsichtige
Steuermann den Befehl, die Feuerwerkskrper an Deck zu holen und abzubrennen.
Man besa also wieder Licht, konnte hier und da noch Schwimmende auf den Wellen
erkennen und ins Boot ziehen, um sie auf das berfllte Schiff zu bringen.
    Robert taumelte fast, als er seine letzte lebende Fracht abgesetzt hatte und
andere Hnde das Boot emporzogen. Er sah wie durch eine Art Schleier das
Segelmanver, durch das der Stern von San Franzisko wieder vor den Wind
gebracht wurde. Das Schiff verfolgte seinen Kurs, nachdem alles getan war, um
dem Tod mglichst viele Opfer zu entreien; es entfernte sich von der
Unglckssttte, Trmmer und Leichen in seinem Kielwasser zurcklassend. Jetzt
ging es selbst einem unsicheren Schicksal entgegen, denn woher sollte man auf
der noch bevorstehenden langen Reise Lebensmittel und Trinkwasser fr die neuen
Passagiere nehmen.
    Als den Frauen und Kindern die Kajte eingerumt und die Mnner im Logis und
auf dem Vorderdeck so gut wie mglich untergebracht waren, als endlich jeder
ohne Ausnahme eine Ration Grog erhalten hatte, suchte Robert im Schein der
erwachenden Morgendmmerung unter allen diesen hingestreckten, teils
schlafenden, teils dumpf vor sich hinbrtenden Gestalten den jungen Mann, den er
zuletzt gerettet hatte.
    So ohne jede Hoffnung, ohne irgendwelches Eigentum, dem Mitleid anderer
berlassen, hatte ihn selbst das Schicksal zweimal an einen fremden Strand
geworfen - er empfand jetzt wahres Mitgefhl fr die armen Menschen, er freute
sich der Mglichkeit, hier vielleicht wieder abtragen zu knnen, was ihm selbst
in der Stunde der Not andere getan hatten, vor allem aber wollte er jetzt
wissen, wer der junge Mann war und wo ihm seine Stimme schon einmal begegnet
sei.
    Die meisten Geretteten saen aufrecht oder lagen mit gesttztem Kopf da,
ihren traurigen Grbeleien hingegeben, teils leise weinend, teils zusammen
flsternd oder in starrer, trotziger Verzweiflung. Niemand hatte sein bichen
Eigentum gerettet, vielen dagegen waren ihre Angehrigen entrissen worden, viele
hatten den liebsten Menschen, den sie auf Erden besaen, vor sich sterben sehen
mssen, ohne selbst irgend etwas zu seiner Rettung unternehmen zu knnen, und
alle ohne Ausnahme sahen sich ihrer Barschaft, ihrer Papiere, ihrer letzten
Aussicht auf weiteres Fortkommen im Goldland beraubt.
    Wenn sie jetzt im Hafen von San Franzisko landeten, so waren sie Bettler,
anstatt einer ertrumten besseren Zukunft entgegen zu gehen. Kein Wunder also,
da nur wenige schlafen konnten, da fast alle diese armen Leute mit starren
Augen vor sich hinsahen, trostlos und erschttert bis ins tiefste Herz.
    Robert suchte, bis er endlich ganz hinten im Logis einen jungen Menschen
bemerkte, der auf einer Seekiste sa und das Gesicht in der hohlen Hand verbarg.
Der mute es sein, Robert erkannte ihn an dem Anzug, den er schon in der Nacht
gesehen hatte.
    Landsmann, sagte er, die Rechte auf die Schulter des Fremden legend, sei
nicht so mutlos, Freund, mir ist es schon schlimmer ergangen als dir.
    Der Angeredete hob den Kopf und sah auf. Ein pltzliches Erstaunen, freudige
berraschung spiegelte sich in den Zgen der beiden jungen Leute.
    Gottlieb! stammelte Robert, Gottlieb, du bist es!
    Robert Kroll! rief der andere. Ist es mglich? - Robert, der in ganz
Pinneberg fr tot gilt! Mein Gott, ich glaube zu trumen.
    Robert erschrak. Gottlieb, fragte er zgernd, als habe er vor etwas Angst,
Gottlieb, du kommst also aus unserer Heimat? Sprich, ich bitte dich, leben
meine Eltern?
    Der junge Holsteiner nickte. Sie leben beide, Robert, obwohl dein Vater
seit deiner Flucht krnkelt. Er ist in sich gebrochen, der alte Mann.
    Robert wechselte die Farbe. Es war ihm, als schnre ihm jemand die Kehle
zusammen. Kamen denn meine Briefe nicht in Pinneberg an? stammelte er endlich.
    Einer, Robert. Von New York aus, wie deine Mutter erzhlte. Die Leute aber
glaubten es nicht, weil so viel Abenteuerliches darin stand, und auch dein Vater
wollte von dem Brief nichts wissen. Es mu erst ganz anders kommen, hat er
gesagt, Robert mu als reuiger Mensch nach Hause zurckkehren und seine Mutter
und mich auf den Knien um Verzeihung bitten, so gehrt es sich nach Gottes
Willen. Er ist von mir zum Schneider bestimmt, und wenn er nicht gehorchen will,
so habe ich keinen Sohn. Der Brief bleibt unbeantwortet.
    Robert schttelte unwillkrlich den Kopf. Immer noch der alte Starrsinn,
dachte er. Oh, wie recht hatte ich, nicht ohne Mittel, die meine
Selbstndigkeit sichern, nach Pinneberg zurckkehren zu wollen. Um Verzeihung
bitten werde ich den Vater, ja, aber Schneider werde ich nicht.
    Er dachte sich voll Trotz in diesen Entschlu hinein, aber dennoch tat es
ihm weh, dennoch sah er immer im Geiste das Bild des alten Mannes, wie er krank
und traurig dasa. Gerade an seinem Geburtstag kam ihm auf so wunderbare Weise
die ernste Mahnung an das, was er seinen Eltern getan hatte.
    Die beiden jungen Leute schwiegen lange. Auch der Auswanderer, dem das Meer
alles genommen hatte, stand ja an einem Wendepunkt seiner Zukunft, die jetzt
aussichtsloser als je vor ihm lag.
    Wie kommt es, da du Europa verlassen hast, Gottlieb? fragte endlich
Robert, und wohin willst du?
    Der junge Holsteiner seufzte tief. Ich wollte nach Kalifornien, um Gold zu
suchen, Robert, antwortete er tonlos.
    Du? Und ich glaubte immer, da dir dein Geschft alles bedeute, da du in
deines Vaters Kundschaft hineinwachsen und fr immer in Pinneberg bleiben
wolltest. Du weit doch noch, bei unseren Kriegs- und Ruberspielen im Gehlz
machtest du meistens den Zuschauer, aber wenn wir einmal einen Laden errichteten
oder bei den kleinen Mdchen in der Puppenwirtschaft zu Gast waren, so fhltest
du dich in deinem Fahrwasser.
    Gottlieb nickte. Du hast ganz richtig gesehen, Robert. Ich wre glcklich
gewesen, den kleinen Krmerladen meiner Eltern eines Tages auf eigene Rechnung
bernehmen zu knnen, aber das Schicksal wollte es nicht. Wir brannten ab, als
das Haus bis unter Dach mit unversicherten Waren voll war; mein alter Vater
wurde schwer krank und erblindete gnzlich. Was sollte ich nun beginnen? Mit dem
Gehalt als Gehilfe in anderer Stellung knnte ich die Eltern nicht ernhren,
also mute ich mein Glck anderwo suchen. Schon so viele vor mir hatten in den
Goldminen Schtze gesammelt - ich wollte es auch. Aber jetzt - -
    Die innere Bewegung erstickte seine Stimme. Er fuhr mit der Hand ber die
Stirn, ehe er weitersprach. Jetzt mu ich in San Franzisko eine Stelle als
Hausknecht oder Kellner suchen, fgte er endlich seufzend hinzu. Es soll eben
nicht sein, da aus mir ein Goldgrber wird, - ich sehe es ja.
    Du pat sicherlich nicht dazu, warf Robert ein.
    Das fhle ich selbst, aber ich mu eben, und ich werde es.
    Robert klopfte seinem Freund auf die Schulter. Er hatte schon lngst
beschlossen, ihm zu helfen. Mach dir keine Sorgen, Gottlieb, sagte er, ich
habe genug Geld, um dir helfen zu knnen. Fnfzig Dollar gibt es doch, wenn ich
abmustere, und damit kommst du bequem ins Goldland.
    Gottlieb streckte gerhrt die Hnde aus. Bist immer noch der alte Robert
Kroll! rief er, der sein Butterbrot teilte und fr den schuldigen Kameraden
die Tracht Prgel hinnahm, ohne ihn zu verraten. Gott segne dich!
    Ach was, wollen wir nicht lieber gleich Trnen vergieen, du?
    Aber er umarmte doch in seiner ungestmen Art den so unerwartet gefundenen
Freund, und unter seinen Wimpern schimmerte es feucht. Dann zwang er ihn, sich
schlafen zu legen, und trat selbst die Morgenwache an, frisch und krftig wie
immer.
    So hoch da oben in den Tauen, fast unterm Flaggenknopf, wo es heute viel zu
tun gab, kamen ihm viele Gedanken, ernste und heitere. Er fhlte das Gewicht
seiner Schuld tiefer und nahm sich vor, noch einmal, noch dringender und
herzlicher den Vater um Verzeihung zu bitten. Mag er im Unrecht sein, dachte
Robert, ich mu ihm alles vergeben, weil er mein Vater ist, und mu ihm das
Unrecht, das ich begangen habe, wieder abbitten. Bei der nchsten Reise werde
ich Vollmatrose, dann gibt es bessere Heuer und dann kann ich umso leichter eine
kleine Summe sparen, damit mir die Eltern nichts zu schenken brauchen. Mag der
Vater unerbittlich bleiben, wenn ich zu ihm komme, - ich will es doch tun, denn
ich wrde es mir sonst ewig vorwerfen mssen.

    In der Kajte des Kapitns stand zur selben Zeit der Obersteuermann und sah
mit ernster Miene seinem Vorgesetzten ins Auge. Wir mssen, Herr Kapitn,
sagte er mit groer Entschiedenheit.
    Mr. Barrow strich sich das Haar aus der Stirn, kratzte sich hinter den
Ohren, wiegte den Kopf und war offenbar unschlssiger als je. Bis zur Insel
Juan Fernandez knnten wir doch vielleicht kommen, Steuermann, antwortete er
endlich.
    Der schttelte den Kopf. Ganz unmglich, Sir.
    Auch nicht, wenn die Rationen halbiert werden?
    Auch dann nicht.
    Verfluchte Geschichte! Wie soll ich das vor der Reederei verantworten?
    Da wir schiffbrchige Menschen retteten, Sir? Kein Gericht der Welt kann
Ihnen Strafe dafr zuerkennen.
    Aber wenn dem Schiff in der Magelhaensstrae etwas zustt? Niemand whlt
den Weg durch diese Klippen.
    Der Obersteuermann zuckte die Achseln. Entweder - Oder! antwortete er.
Wir haben eine berzahl von sechzig Kpfen an Bord und mssen also folgerichtig
in etwa acht Tagen ohne Wasser sein. Befehlen Sie, da wir weitersegeln, so -
    Nein, niemals, das wre ja noch viel schlimmer. Aber da mir das passieren
mute! Die erste Reise als Kapitn und gleich ein. Wagnis auf Leben und Tod.
    Der Steuermann schwieg. Was sein Vorgesetzter sagte, war vollkommen richtig,
aber die vielen Klagen htte er sich ersparen knnen.
    In Gottes Namen denn, seufzte Mr. Barrow endlich. Geben Sie die ntigen
Befehle, da wir in die westliche Durchfahrt der Magelhaensstrae einlaufen. Es
wird ja gerade noch frh genug; sein.
    Bis auf eine Stunde, Sir!
    Und der Steuermann betrat mit erleichtertem Herzen das Deck. Er mute den
jugendlichen Kapitn berall da, wo schnelle Entschlossenheit und geschulter
Blick ntig waren, vollstndig ins Schlepptau nehmen, das wute er schon, aber
es war ihm immer wieder gleich unangenehm. Der wird sich noch wundern, dachte
er, wenn jeden Tag die Kinder schreien, sooft er arbeiten will, und wenn diese
zwanzig Frauen in der Kajte ans Waschen kommen oder sich untereinander zanken.
Na, auch die lngste Fahrt hat ein Ende, und das Bewutsein, sechzig Menschen
vom Tode errettet zu haben, ist schon einige Unannehmlichkeiten wert.
    Er gab der Mannschaft die ntigen Befehle fr den vernderten Kurs, und
nachdem die Einfahrt in die Magelhaensstrae passiert war, ging es mit doppelter
Kraft daran, alle die hundert kleinen Schden der letzten Nacht wieder
auszubessern. Das Deck war schmutzig und na, die schne weie lfarbe mit den
Spuren von hundert Fen berset, die Wanten und Pardunen zum Teil zerrissen,
die Tren ausgehngt, die Segel unordentlich verstreut, und die Kombse, in der
fortwhrend gekocht worden war, in einer heillosen Verwirrung.
    Whrend die jngere Mannschaft, in den Pferden stehend, oben alle Hnde voll
zu tun hatte, muten die lteren Leute an Deck arbeiten, so da, als spter
Frauen und Kinder dazukamen, ein buntes Jahrmarktsbild daraus wurde. Es gehrte
alle Geduld, alle Ruhe des erfahrenen Seemanns dazu, um hier eine ertrgliche
Ordnung wiederherzustellen.
    Wer den beschrnkten Raum auf Handelsschiffen kennt, der wird sich die
Schwierigkeiten bei der Unterbringung von sechzig Menschen leicht vorstellen
knnen.
    Kajte, Vorraum, Wandschrnke, ja selbst der Gang hinter der Kajte, jeder
Zentimeter Boden war mit altem Segeltuch und Decken belegt, um ber vierzig
Menschen, Frauen und Kindern, als Schlafstelle zu dienen. Das kleine Vlkchen
ergo sich jetzt wie ein Bienenschwarm auf das Deck, und angstvolle Mtter
liefen schreiend hinterher, mit einem Wort, es war eine heillose Verwirrung.
Zudem sprach die Mannschaft englisch, und die Schiffbrchigen bestanden smtlich
aus Deutschen, so da an eine wirkliche Verstndigung gar nicht gedacht werden
konnte und da Robert fast nichts anderes mehr tat, als bersetzen und Befehle
vermitteln.
    Der Kapitn sa in seiner kleinen Schiffskajte wie ein gefangener Lwe im
Kfig, und sooft eins der Kinder neugierig die Tr ffnete, fuhr es erschreckt
vor dem finsteren Gesicht zurck, das ihm entgegenblickte. Es war aber auch
wirklich zum Haarausreien, wie Mr. Barrow meinte, man konnte keinen Fu mehr
vor den andern setzen, konnte sein eigenes Wort nicht verstehen und nirgends zu
seinem Recht gelangen.
    Zum Glck blieb das Wetter freundlich, so da ber das Quarterdeck ein
Sonnensegel gespannt und den Frauen befohlen wurde, sich whrend des Tages dort
aufzuhalten. Die Schiffsjungen muten dauernd putzen und scheuern, die Kinder
blieben auf bestimmte Grenzen angewiesen, und alles ging, nachdem es zur
Gewohnheit geworden war, leidlich, nur des Steuermanns Stirn umwlkte sich mehr
und mehr, je schneller er den Fleischfssern und den Brotkisten auf den Grund
sah.
    Was half aber alles Struben? Die Decksluken muten geffnet und ein Teil
der aus getrocknetem Kabeljau bestehenden Ladung angegriffen werden. Alle diese
Hungrigen wollten ja leben.
    Robert diente als Vermittler, als Adjutant und Dolmetscher. Er schlo
whrend dieser Zeit eine neue und tiefere Freundschaft mit dem jungen
Auswanderer, den er schon von Kind auf kannte und der so ganz anders als er
selbst war. Gottlieb schauderte, sooft er an die Zukunft dachte.
    Das sollen da in den Goldminen lauter Ruber und Totschlger sein, sagte
er einmal. Ich glaube, sie tragen alle Waffen.
    Das tut man in ganz Amerika, selbst in der grten Stadt.
    Gottlieb war entsetzt. Wie soll das nur werden, seufzte er. Ich mag gar
nicht daran denken. Ja, wenn du bei mir wrst, Robert!
    Aber der lachte. Ich sollte tglich zwlf Stunden lang in der Erde
herumwhlen und Goldstaub waschen? Das wre mir denn doch zu langweilig!
    Oh! seufzte Gottlieb, langweilig? Das ginge schon, wenn man nur arbeitet
und etwas vorankommt. Aber diese schlechten Menschen, das Trinken und Raufen, -
brr, mir graut davor! Weit du, ich kann nicht so mit den Leuten fertig werden,
wie du. Im Laden ist man hflich und zurckhaltend, man spricht ber dieses oder
jenes und kann sich sauber halten, - aber da in den Minen soll es ja hergehen
wie bei einem Jahrmarkt, wenn die Messer aus den Taschen gezogen werden und
einer ber den andern stolpert. Glaubst du, da ich mein Glck auf diesem Weg
machen werde, Robert?
    Der junge Matrose sah die kleine, schwchliche Gestalt seines ehemaligen
Schulkameraden und half sich mit einem: Nun, warum denn nicht? ber die
unangenehme Antwort hinweg. Sicherlich wre es besser, du httest einen
Menschen neben dir, Gottlieb, fgte er dann hinzu, aber ich selbst spre gar
keine Lust, der See den Rcken zu kehren. Will in San Franzisko auf einem
Hamburger Schiff fr Hin-und Herreise heuern, so da vielleicht vier oder acht
Tage zum Urlaub nach Pinneberg brigbleiben. Es ist besser, da ich bereits
gebunden bin, bevor ich nach Hause komme, und da ich mich auch nicht lange
aufhalten kann, sonst knnte vielleicht der Krieg mit meinem Vater wieder
beginnen. Genug Geld, um - wenn es ntig sein sollte - in Pinneberg acht Tage im
Wirtshaus leben zu knnen, verdiene ich ja whrend der Heimreise.
    Er seufzte heimlich bei diesem Gedanken. Der Boden brannte ihm unter den
Fen, seit er wute, da sein alter Vater krank war und vielleicht sterben
wrde, ohne ihm vorher vergeben zu haben.
    Gottlieb wiegte den Kopf. Wre es da fr dich nicht besser, in den Minen
ein kleines Kapital zu sammeln und damit zu den Eltern zurckzukehren,
antwortete er. Das geht doch schneller, als durch die magere Monatsheuer.
    Robert lachte. Du willst mich von meinem Plan abbringen, sagte er, aber
das gelingt dir nicht so leicht. Vor der Hand werde ich mich erst einmal mit an
Land schicken lassen, um Wasser einzunehmen. Ich freue mich schon ordentlich auf
einen kleinen Spa mit den Patagoniern.
    Aber das sind doch Wilde!
    Natrlich, gerade darum. Mchtest du denn nicht gern so ein Dorf aus
Indianerzelten im Naturzustand sehen, Gottlieb?
    O du lieber Himmel, um keinen Preis! Aber du liefst ja schon als Kind
solchen Abenteuern nach, Robert. Erinnerst du dich noch, als einmal in Pinneberg
die Zigeunerbande lagerte?
    Und ich drei Tage lang die Schule versumte! lachte Robert. An die Tracht
Prgel werde ich denken, solange ich lebe. Du warst nicht mit hinauszulocken,
weder durch Bitten noch irgendein anderes Mittel.
    Nein, bestimmt nicht. Was sieht man denn auch an schmutzigen, zerlumpten
Menschen?
    Robert schttelte den Kopf. Du bist eine rechte Landratte, lachte er.
Willst dann also hchstwahrscheinlich nicht mit uns auf die Wasserjagd gehen?
    Gottlieb sah schaudernd zu dem fernen, dunklen Uferstreifen hinber. Wenn's
nicht sein mu, Robert, dann la mich an Bord bleiben, antwortete er. Die
Patagonier sind Ruber, haben Pferde und eiserne Waffen.
    Nun, rief Robert, du Hasenfu, sind wir etwa schlechter dran?
    Pferde haben wir doch nicht!
    Um Reiaus zu nehmen, meinst du! - Na, la es nur gut sein, du kannst in
der sicheren Kajte bleiben. Ich begreife nur nicht, woher du bei dem Untergang
des Schiffes den Mut nahmst, bis zuletzt an Bord zu bleiben und den kopflosen
Auswanderern einen ruhigen, vernnftigen Widerstand entgegenzusetzen!
    Gottlieb errtete. Du, sagte er, was unbedingt getan werden mu, das kann
ich auch und tue es ohne mich zu weigern, aber - nicht gern. Lieber gehe ich
meinen Weg in Frieden, so wie frher, als das kleine alte Haus noch stand und
ich von sechs Uhr frh bis zehn Uhr abends hinter dem Ladentisch stand. Meine
Waagschalen waren immer so sauber und Tten im voraus geklebt auf ein
Vierteljahr, - ach, wie gut hatte ich es damals!
    Robert schttelte den Kopf. Mein Gott, dachte er, mein Gott, warum ist
dieser stille, harmlose Mensch nicht als Sohn meines Vaters geboren worden, und
ich dagegen als der, welcher hinausmute in die Welt, eben um eine hhere
Pflicht zu erfllen? Wie glcklich wren wir dann beide.
    Er brach die Unterhaltung pltzlich ab. Ihm fiel wieder ein, was Mongo
einmal gesagt hatte, da oben in der nordischen Eiswste unter den Zeltdecken der
Lappen. Der Mensch soll lernen, sich selbst zu berwinden.
    Und er mute sich eingestehen, da eigentlich das, wonach man wirklich
verlangt und was man begehrt, - doch zu leicht ausgefhrt wre, als da es eine
ernste Aufgabe genannt werden knnte.
    Gottlieb und ich, wir werden uns ergnzen, dachte er. Ich glaube, es
wrde gar nicht schaden, wenn ich ihn auf ein paar Monate in die Minen
begleitete. Glckt es mir, mit einem hbschen Vorrat an Goldstaub nach Pinneberg
zurckzukehren, so kann ich dem Vater zeigen, da ich auch ohne die Nhnadel
immer noch wrdig bin, seinen Namen zu tragen und von ihm Sohn genannt zu
werden. Ich will - -
    Ein pltzlicher Befehl unterbrach seinen Gedankengang. Die grnen Ufer der
Kste waren schneller, als es Robert fr mglich gehalten hatte, zu ganzen
Wldern und Hhenketten herangewachsen; sie lagen jetzt so nahe, da fr ein
Anlaufen schon Vorbereitungen getroffen werden muten.
    Wie schlug sein Herz, als er das Ufer sah. Weier Sand, im Sonnenschein
glnzend, und dichte Buchenwlder, alles erinnerte ihn mehr als jeder andere
Strand, den er bis jetzt betreten hatte, an die deutsche Heimat.
    Und berall blhten Fuchsien in allen Farben, allen Gren und
Schattierungen. Nicht wie bei uns in Deutschland als Strucher und
Zwergpflanzen, sondern als schlanke Bume, die mit Tausenden und Abertausenden
der glockenfrmigen Blten berset waren. Vom reinsten Wei bis zum tiefsten
Rot fanden sich alle verschiedenen Arten, whrend der Moosboden am Ufer mit
breitbltterigen Schlingpflanzen bedeckt war.
    Auf den Abhngen des ersten Hhenzuges weidete eine Herde Guanakos, whrend
mehrere kleine Pekaris die sandigen Stellen der Uferbank aufgewhlt hatten und
im Sonnenschein ahnungslos schliefen. In allem bot die Insel das Bild einer
Landschaft von berwiegend nordischem Charakter.
    Keiner von der ganzen Besatzung des Schiffes war jemals auf dieser Insel
gewesen, keiner wute, ob und wo hier Quellen zu finden waren, aber man durfte
nicht lnger warten, da sich der Wassermangel bereits in den letzten Tagen sehr
empfindlich bemerkbar gemacht hatte. Der junge Kapitn gnnte sich weder am Tage
noch in der Nacht eine lngere Ruhe, sondern suchte stndig bald auf der Karte,
bald auf dem Wasser nach Klippen, an denen sein Schiff scheitern konnte, er
frchtete seit dem Abenteuer mit dem sinkenden Fahrzeug jedes nur mgliche
Unglck und dachte jetzt sogleich an einen berfall der Patagonier. Diese
Stmme fhren dauernd untereinander Krieg, sagte er seufzend, sie leben allein
vom Raub, also mu mit der grten Vorsicht verfahren werden. Zwanzig Mann
sollen sich bis an die Zhne bewaffnen und auf der Suche unter allen Umstnden
zusammenbleiben. Bei der ersten Quelle wird Halt gemacht, und die ganze
Expedition so schnell wie mglich beendet. Die Schiffsjungen bleiben an Bord.
    Als alle diese Weisungen erteilt worden waren, trat er noch einmal an das
Fallreep. Leute, wagt nichts, rief er. Findet sich hier kein Wasser, so
suchen wir auf einer andern Insel. Es gibt ja leider nur allzuviele davon.
    Der Untersteuermann als Fhrer der kleinen Truppe antwortete mit einem All
right, Sir, und dann stieen die Boote ab. Robert sah zu seinem grten
Erstaunen, da Gottlieb mit hineingesprungen war. Nanu, rief er, wozu das?
Bleib doch auf dem Schiff, wenn du an solchen Dingen keinen Gefallen findest.
    Der junge Auswanderer schttelte den Kopf. Sprich nicht so laut, Robert,
flsterte er errtend. Alle Leute sehen mich an. Ich will mit dir gehen, weil
du mich sonst fr feige halten wrdest, und das bin ich doch nicht. Ich werde
schon meinen Mann stehen.
    Robert handhabte krftig das Ruder. Aus seinen blauen Augen und dem ganzen
Ausdruck des sonnenbraunen Gesichtes lachte die frohe Zuversicht der Jugend. Du
bist ein guter Kamerad, Gottlieb, rief er, ich will dir deine Treue vergelten,
darauf darfst du bauen. Schaumal, sieht das nicht ganz so aus, wie die
Inselgruppe und die Gehlze hinter unserem Pinneberger Mhlenteich?
    Wahrhaftig, antwortete Gottlieb, ich dachte in diesem Augenblick das
gleiche.
    Robert hatte sich von seinem Sitz erhoben und zeigte jetzt mit dem Ruder auf
die Waldung vor dem Boot. Weit du noch, rief er, wie wir bei unsern
Kriegsfahrten die grte Insel immer Patagonien nannten und die Khe des Mllers
Patagonier - den schwarzen Stier aber den Kaziken? - Brombeeren, Himbeeren,
hauptschlich Nsse, das alles war die Beute, und der Rastplatz unter den
Buchen, wo wir regelmig ein Feuer anzndeten, unser Biwak. Die Gefangenen
wurden auf einer ganz kleinen, kahlen Insel ausgesetzt, und oft trotz ihrer
Bitten am Abend nicht wieder, an Bord genommen, wodurch - -
    Dann die ganze Geschichte an den Tag kam! ergnzte Gottlieb. Das
unerlaubte Betreten des fremden Grund und Bodens, das Feuer, die kleine Rache an
einem Kameraden, alles wurde dem Rektor hinterbracht und trug seine sauren
Frchte.
    Ja, das war hart! lachte Robert. Htte ich so viele Taler, Gottlieb, wie
ich Hiebe bekommen habe, - du knntest dein Haus wieder aufbauen und deine Tten
in Frieden weiterkleben. Aber macht nichts, die wildesten Jungen werden die
tchtigsten Mnner.
    Whrend dieser Erinnerungen der beiden Schulkameraden hatte das Boot den
Strand erreicht, und Robert sprang allen voran auf die Kiesel. Er warf die Mtze
in die Luft und fing sie wieder auf, unbekmmert um alle Gefahren der Welt.
    Schnell! rief er. Der Steuermann ist unser General und wir sind die
Landungstruppen. Komm heraus, Kazike von Patagonien, wenn du den Mut hast!
    Das hatte er aber lieber in deutscher Sprache gerufen, und niemand verstand
es auer Gottlieb. So sei doch ruhig, mahnte der, das hier sind ja andere
Gegner als die harmlosen Khe, die du damals in die Flucht schlugst.
    Oho, der gehrnte Kazike war auch nicht zu verachten. Er hat mich einmal
mit noch drei andern ber sein ganzes Gebiet gehetzt, bis wir mehr tot als
lebendig in unser Boot plumpsten, und selbst dahin wollte er uns noch
nachlaufen. Ich sage dir, der Anblick war urkomisch. Bis an die Brust im Wasser
stehend, halb erschreckt, pustend und zornig, das dumme Gesicht uns
entgegengestreckt, so brllte er aus Leibeskrften, whrend wir ihn reizten, mit
dem Ruder stieen und immer nahe vor ihm umherfuhren, bis er endlich Reiaus
nahm. Ich mu heute noch lachen, wenn ich daran denke.
    Gottlieb schttelte den Kopf. Wie kann man aber auch einen Stier necken!
sagte er. Du versuchst aber auch die unglaublichsten Dinge.
    Ich versuche alles und frchte nichts. So, jetzt nimm diesen Sbel, da du
doch mit dem Gewehr nicht umgehen knntest.
    Der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Jeder Mann trug Waffen und auerdem
einen Eimer, den der Seemann Ptz nennt, mit, der Inschrift Stern von San
Franzisko. Ohne ein lautes Wort, ein berflssiges Gerusch und in
dichtgeschlossener Reihe drangen die Seeleute vor, whrend ihnen vom Bord des
Schiffes der Kapitn durchs Fernrohr nachblickte und unruhig wie ein Tiger im
Kfig an der Schanzkleidung auf und ab ging.
    Wenn keiner zurckkommt, Steuermann, was fangen wir an?
    Noch ist es ja nicht so schlimm, Sir.
    Dann verstummte auch an Bord das Gesprch, und ebenso still wie an Land die
Matrosen verhielten sich dort die Zurckgebliebenen. Alle fnf Minuten sah der
Kapitn auf die Uhr.
    Robert und Gottlieb marschierten Seite an Seite, beide entzckt von dem
Schatten der Buchen und dem weichen Rasen, auf den sie traten. Seit Jahr und Tag
hatte der junge Matrose keine grne Landschaft mehr gesehen, keine Blume, keinen
Singvogel in den Zweigen. Das alles war ja in Norwegen nur hchst selten und
vereinzelt vorgekommen, dort wirkte sich noch die Nhe des ewigen Eises aus.
Hier aber wuchs und blhte es berall, hier war es wie in einem deutschen
Sommer.
    Nur von einer Quelle oder einem Flu zeigte sich nichts.
    Ob wir uns doch in mehrere Abteilungen teilen? meinte der Steuermann.
Mglicherweise zieht sich dieser Wald Gott wei wie weit fort, ohne in ein Tal
auszumnden. So zwischen den Stmmen werden wir niemals eine Quelle finden.
    Aber der Alte hat es verboten! meinte einer.
    Der Alte ist ein Hasenfu, sage ich euch. Haben wir irgendein
Lrminstrument, eine Pfeife oder etwas hnliches bei uns?
    Es meldeten sich mehrere, die schon aus Vorsicht eine kleine Zinkflte mit
schrillem, durchdringendem Ton zu sich gesteckt hatten, und dann lie der
Steuermann regelrecht abstimmen, wer fr Teilung sei, und wer nicht. Bedenkt,
was ihr tut, Leute, sagte er, die Folgen mssen wir selbst tragen. Der Kapitn
hat uns, da wir in diesem Augenblick nicht auf seinem Schiff stehen, auch keine
Gesetze zu geben; wir sind es, die ihre Haut zu Markt tragen, und wir selbst
mssen ber unser Handeln entscheiden. Also wie ist es, teilen oder
zusammenbleiben?
    Teilen! klang fast wie aus einem Mund die Antwort der Matrosen. Was
sollte uns denn auch weiter begegnen? Die Kerle hierherum sind keine
Menschenfresser.
    Und dann erhielten je fnf Mann eine Alarmflte, man verabredete, da auf
das erste Zeichen hin alle dem bedrohten Punkt zueilen sollten und da man sich
an dieser Stelle wiedertreffen wollte. Wer Wasser entdeckt hatte, mute sofort
ein Zeichen geben.
    Die vier kleinen Trupps verteilten sich nach allen Himmelsrichtungen, und
ringsumher wurde es wieder still. In Roberts Zug befand sich Gottlieb als
Freiwilliger, daher waren hier im ganzen sechs Mnner zusammen. Der Weg, den sie
verfolgten, fhrte offenbar in eine Niederung, da er wenig Baumwuchs zeigte und
zuweilen pltzlich tief abfiel, aber dennoch hrte oder sah man keinerlei
Gewsser.
    ber eine halbe Stunde lang mochten die Matrosen vorwrts gegangen sein, als
durch die stille Morgenluft ein ganz unerwarteter Ton an ihre Ohren drang. In
nchster Nhe wieherte ein Pferd. - Im Nu hemmten alle ihre Schritte.
    Es wre doch hbsch, wenn hier hinter den Bumen ein Dorf lge! raunte
einer der Seeleute. Dann sehen wir unser Schiff nicht wieder.
    Robert winkte den andern. Wir mssen uns der Pferde bemchtigen! flsterte
er. Haben wir sie und unsere Schuwaffen, so werden wir immer die Oberhand ber
die Wilden behalten.
    Du hast recht, meinte der Steuermann, das ist ein guter Gedanke. Aber wir
kommen nur nicht ungesehen so weit heran, um die Tiere einfangen zu knnen.
    Lat mich den Weg auskundschaften! drngte Robert. Gebt mir die Pfeife,
damit ich euch im Notfall benachrichtigen kann und bleibt in der Nhe. Aber das
mt ihr auch so, denn da wo Pferde sind, wohnen bestimmt Menschen, und ebenso
sicher ist bei ihren Htten auch Wasser zu finden.
    Die fnf Mnner waren damit einverstanden, nur Gottlieb berhrte Roberts Arm
und flsterte halblaut: La mich mit dir gehen, ich bitte dich.
    Nein, auf keinen Fall. Du bleibst bei den andern, hrst du, Gottlieb. Mir
macht die Geschichte groen Spa, - fr dich wre es ein Opfer.
    Gottlieb schttelte den Kopf. La mich doch, Robert. Du hast mir das Leben
gerettet, also will ich fr dich nicht weniger tun.
    Auch Mongo drngte sich an Roberts Seite. Vier Augen sehen mehr als zwei,
du junger Spitzbube, nimm mich mit dir.
    Kommt nicht in Frage! entschied Robert. Setzt euch ins Moos und et euer
Frhstck, damit ihr bei Krften bleibt. Lebt wohl!
    Er verschwand zwischen den Bumen, und den Zurckgebliebenen blieb in der
Tat nichts anderes brig, als Rast zu halten. Nur essen konnte niemand, und als
die fnf eine Flasche mit Rum von Hand zu Hand gehen lieen, da entdeckten sie,
da Gottlieb fehlte. Der junge Auswanderer war heimlich davongeschlichen, ohne
da ihn die anderen beobachtet htten.
    Mongo schmunzelte wohlgefllig. Er wird sich schon durchschlagen, sagte er
und meinte Robert, mir ist um ihn nicht bange. Habe ihn lieb, als wre er mein
eigener Sohn, das knnt ihr glauben, Leute, aber doch laufe ich ihm nicht nach.
Er ist unvorsichtig, hrt auf keinen vernnftigen Rat und hlt nur seine eigene
Meinung fr die richtige, - das mu er sich noch abgewhnen. Lat ihn nur
tchtig in die Klemme geraten.
    Whrend dieser Worte horchte der alte Mann angestrengt und konnte keinen
Tropfen Rum hinunterbringen. Immer war es ihm, als hre er in der Ferne Roberts
Stimme.
    Der kroch inzwischen wie eine Schlange weiter. Noch sah er nichts als das
Unterholz und hier oder da eine freie Flche, dann jedoch wurden die Lichtungen
hufiger, bis endlich ein tiefes Tal sich offen ausbreitete und mehr als zehn
weidende Pferde in der Ebene sichtbar wurden. Seitwrts lagen aber auch etwa
zwlf bis zwanzig Zelte aus Fellen, und zahlreiche Kinder jeden Alters spielten
an den Ufern eines Flchens, das auf der Talsohle ber Kiesel und weien Sand
bis zum Meeresufer hinablief.
    Robert sah die blaue Flche der See zwischen den Baumstmmen schimmern; das
Dorf lag also unmittelbar am Strand, und das Wasser wre von der
entgegengesetzten Seite her mit leichter Mhe zu erreichen gewesen, whrend es
kaum mglich schien, von seinem Standort bis an den Flu vorzudringen. Ob er
wagen durfte, auf die Weideflche hinauszutreten und die Pferde vor den Augen
der Wilden zu entfhren?
    Zaum und Lederzeug schien hier ein unbekannter Luxus zu sein, die Tiere
liefen vollkommen fessellos umher, aber sie schienen sehr zahm, da sie den
Lockrufen der kleinen, rotbraunen Kinder wie Hunde gehorchten. Robert versuchte
ein hnliches Mittel, aber ohne Erfolg.
    Htte ich doch einen Lasso! dachte er rgerlich. Und wieder rief er leise,
ohne jedoch einen gnstigeren Erfolg zu erzielen; die Tiere weideten in
ungestrter Ruhe, die Sonne schien hell vom Himmel herab, und die kleinen Kinder
spielten ganz wie ihre weien Altersgenossen mit Kieseln und Sand.
    Aber etwas mute geschehen. Die Zeit verging, die Kameraden warteten, der
Kapitn war gewi schon ganz auer sich, also alles drngte zur Eile.
    Robert hielt noch einmal scharfe Umschau. Aus den spitzzulaufenden Htten
drang oben stellenweise leichter, blulicher Rauch hervor, auch einige
Haustiere, wie Schweine und Hunde, liefen umher, aber kein erwachsener Mensch
lie sich blicken. Vielleicht war der Stamm auf einem Kriegszug, und nur ein
paar alte Frauen beaufsichtigten die Kinder, - vielleicht glckte es, mit einem
geschickten Griff die Pferde zu entfhren, und dann hatten die Seeleute das
Spiel gewonnen.
    Gedacht, getan. Robert trat hinaus auf das freie Feld und nherte sich dem
ersten Tier, das ihn ruhig herankommen lie. Sein Herz schlug schneller, als er
eine mitgebrachte Leine aus der Tasche hervorzog und sie um den Hals des Pferdes
legte.
    Da tnte aus ziemlicher Entfernung durch die Waldesstille das verabredete
Zeichen. Robert horchte. Es waren drei kurze, gellende Pfiffe, also Wasser
gefunden und der Zweck der ganzen Expedition erreicht. Hchstwahrscheinlich
hatten die Kameraden denselben Flu, nur etwas weiter hinauf, entdeckt.
    Von zwei Seiten kam Antwort, aber Robert gab keinen Laut von sich. Der Pfiff
htte bestimmt die Wilden aus ihren Schlupfwinkeln hervorgelockt. Er schwang
sich auf eins der Pferde und wollte eben davonsprengen, als ihn ein lauter,
mehrstimmiger Ausruf erreichte. Er wandte sich um und erkannte unten zwischen
den Htten etwa zehn bis zwlf Patagonier.
    Zugleich wurde das Pferd bei seinem Namen gerufen, machte eine pltzliche
Schwenkung und galoppierte mit dem erschrockenen jungen Menschen geradewegs in
das Dorf hinab. Robert wre schon nach wenigen Minuten mitten unter den Wilden
angelangt und von ihnen zweifellos gefangen worden, wenn er nicht noch
rechtzeitig abgesprungen wre. Mit langen Stzen lief er in das Gebsch hinein.
    Die Wilden folgten ihm. Ihr lautes Kriegsgeschrei mischte sich mit den Tnen
der Pfeife und den antwortenden Stimmen der Matrosen. Die ganze stille und
friedliche Umgebung war in Aufruhr geraten. Von weitem hrte man die Pfeifen,
Mongo rief laut und angstvoll Roberts Namen, die Pferde galoppierten stampfend
und schnaubend auf der Weideflche, die Hunde bellten und die Wilden heulten.
    Eine Art Wurfspie oder Lanze, plump aus Eisen hergestellt, flog haarscharf
an Roberts Kopf vorber, - wenigstens dreiig Wilde waren jetzt auf seiner Spur
und liefen heulend und schreiend wie ein Schwarm hllischer Geister dem
fliehenden jungen Matrosen nach. Mit Mnteln aus Pferdeleder und Schuhen aus der
abgestreiften Haut des Pferdefues, an der noch die Hufe unverndert saen, mit
greller Malerei im Gesicht und sonderbar heraufgebundenem, mit Federn
durchflochtenem Schopf, sahen sie aus wie die leibhaftigen Teufel, whrend ihr
Kriegsgeschrei auch dem Tapfersten Furcht einflen konnte.
    Roberts Pfeife gab ihre schrillen Tne von sich, die vier Matrosen schossen
aufs Geratewohl in die Luft, um womglich den Feind zu erschrecken, und von
weitem gaben die Kameraden das Antwortzeichen, kurz, es war ein Lrm, als sollte
die alte Erde aus den Fugen gehen.
    Allen voran strmte Mongo. Im Laufen zielte er und traf einen der Wilden
tdlich. Die brigen stutzten doch unwillkrlich. Vielleicht schreckten sie vor
der noch fast unbekannten Feuerwaffe zurck, vielleicht hatten sie gehofft, nur
mit einem einzigen Gegner kmpfen zu mssen und wurden irre, als jetzt die
Matrosen von allen Seiten dem Kampfplatz zueilten.
    Schu auf Schu krachte. Mehrere Wilde fielen, aber auch einige Weie wurden
getroffen, und immer hartnckiger kmpften die erbitterten Gegner. Die
Patagonier hatten den ersten lhmenden Schreck berwunden, sie schlossen sich
fester zusammen, drangen in geschlossener Front gegen ihre Widersacher vor und
schienen durch den vereinten starken Anprall fast das bergewicht zu erlangen.
Ihre stumpfen, schweren Waffen schlugen empfindliche Wunden, ihre auf etwa
fnfzig Mann angewachsene Zahl brachte die Matrosen zum Weichen.
    Wir mssen uns absetzen, rief mit lauter Stimme der Steuermann. Zieht
euch mit vorgehaltenem Gewehr bis an den Strand zurck, Leute, diese Wilden
haben keine Boote.
    Aber der Befehl verhallte ungehrt, und schon in der nchsten Viertelstunde
wren die Patagonier Herren der Lage gewesen, wenn nicht ein unvorhergesehener
Zwischenfall die ganze Sachlage urpltzlich verndert htte.
    Seitwrts vom Kampfplatz hrte man ein gellendes Pfeifen und zugleich das
Stampfen von Pferdehufen. Die Wilden horchten auf und hielten im Angriff inne,
denn wirklich erschien auch schon in der nchsten Minute das galoppierende,
jagende Rudel ihrer aneinandergekoppelten Pferde. Das erste hielt ein Reiter am
Zaum, der selbst ein lediges Tier ritt.
    Brausend und stampfend verschwand der Zug ebenso schnell, wie er gekommen
war, aber schon der bloe flchtige Anblick hatte die Wilden von dem Kampf mit
den Weien vollstndig abgelenkt. Ihr einziger Reichtum, ihre Pferde waren in
Gefahr, und dafr lieen sie alles im Stich.
    Mit gellendem Geschrei setzten sie dem einzelnen Reiter und seiner Beute in
das Unterholz nach, so da sich die Matrosen pltzlich allein sahen. Nur ein
Schwerverwundeter lag chzend im Gras, und mehrere andere hinkten mit
zerschlagenen oder zerschossenen Gliedern schwerfllig davon.
    Schnell, rief der Steuermann. Um Gottes willen, schnell. In fnf Minuten
knnen die Wilden zurck sein.
    Wer war denn der Reiter? fragte einer, whrend die Schar so schnell wie
mglich zum Strand zurcklief. Er hat uns das Leben gerettet, aber
hchstwahrscheinlich wird er dafr jetzt verloren sein. Wir drfen ihn nicht im
Stich lassen!
    Robert berflog die Gesichter. Was er schon vorher zu sehen geglaubt hatte,
das besttigte sich ihm jetzt. Es war Gottlieb, der zu der pltzlichen List
gegriffen hatte und der nun den Patagoniern ausgeliefert war. Robert wollte
umkehren und ihn suchen.
    Mongo! rief er, geh mit mir. Ich kann den armen Gottlieb nicht in den
Hnden der Wilden lassen, ohne alles fr ihn versucht zu haben.
    Der Neger schttelte den Kopf. Wenn er nicht durch seine Schlauheit
davonkommt, ist fr ihn keine Rettung mglich, sagte er. Wir alle htten ins
Gras beien mssen - aha, der Kapitn hat schon Angst, wie man hrt!
    Ein Kanonenschu donnerte vom Wasser herber, und die Mannschaft antwortete
durch lautes Schiff ahoi! - nur Robert folgte uerst widerstrebend. Den
Freund so zu verlassen, fand er feige, und doch mute er die Unmglichkeit, ihm
zu helfen, selbst einsehen. Seufzend schttelte er den Kopf.
    Jetzt war der Strand erreicht, und die bei den Booten zurckgebliebenen
Leute waren froh, als sie ihre verloren geglaubten Kameraden wiedersahen. An
Bord ging noch immer der Kapitn wie ein Verzweifelter auf und ab.
    Dieselbe Stille von vorhin lag wieder ber der ganzen Insel. Man konnte
meinen, da alles ein Traum gewesen sei, eine pltzliche, schreckliche
Erscheinung, so schnell war es gekommen und so schnell vorbergegangen. Die
Matrosen fragten und erkundigten sich erst jetzt untereinander nach dem
eigentlichen Verlauf des ganzen Unternehmens.
    Bei Roberts Hilferuf hatten alle das gefundene Wasser sofort im Stich
gelassen und waren zu seiner Untersttzung so schnell wie mglich dem Schall
gefolgt. Daraus ergab sich allerdings, da alle Mhe umsonst und die ganze Fahrt
vergeblich gewesen war. Niemand brachte auch nur einen Tropfen Wasser mit.
    Robert beruhigte die andern. Lat nur, sagte er traurig. Ich habe die
Stelle entdeckt, wo wir ganz bequem mit dem Boot soviel Wasser einnehmen knnen,
wie wir brauchen, aber - das bringt uns nur den armen Gottlieb nicht zurck! -
Wo er jetzt sein mag? Vielleicht wird er von den Rothuten gemartert!
    Rechts von ihm teilte sich in diesem Augenblick das dichte Gebsch. Ein Kopf
kam zum Vorschein, ein verlegen errtendes Gesicht sah durch die Zweige, und der
ganze, schchterne Gottlieb schlpfte heraus, vllig unversehrt, aber mit
zerrissener Jacke und ohne Mtze.
    Ach, sagte er, ihr seid alle da. Das ist wirklich ein Glck.
    Robert glaubte kaum seinen Augen trauen zu drfen. Gottlieb! rief er,
Gottlieb, wie war das mglich? Wie bist du den Wilden entkommen?
    Der bescheidene junge Mensch flchtete sich, um nicht so angestarrt zu
werden, zu seinem ehemaligen Schulkameraden und drngte ihn, schnellstens
aufzubrechen. La uns schnell machen, Robert, sagte er, das sind ja wahre
Menschenfresser, diese Kupfergesichter.
    Aber Gottlieb, wie bist du ihnen entkommen?
    Der junge Pinneberger winkte mit der Hand. Mach doch nicht solchen Lrm
darum, Robert, sagte er. Als der ganze Schwarm vom Kampfplatz eine tchtige
Strecke weit fortgelockt war, lie ich mich einfach zu Boden gleiten und
versteckte mich im dichten Gebsch, das ist ja gar nicht der Rede wert - jeder
andere htte es auch getan.
    Robert drckte gerhrt die Hand seines bescheidenen Freundes. Dann
bersetzte er das, was Gottlieb berichtet hatte, den Matrosen, die darauf hin
ihrer Anerkennung durch krftige Schlge auf die Schulter ihres Retters Ausdruck
gaben. Frage ihn doch, wie er eigentlich auf den guten Gedanken kam, Bob!
drngte der Steuermann.
    Robert tat es, und Gottlieb lchelte verlegen. Ja, siehst du, antwortete
er, etwas mute ich doch auch leisten. So ein Draufgnger bin ich nicht, also
wollte ich durch List versuchen, die Feinde von uns fernzuhalten. Ich koppelte
die Pferde aneinander, nahm sie an die Leine und ritt im sausenden Galopp an
euch vorber, weil ich gleich dachte, da die Wilden zunchst ihrem Eigentum
nachjagen wrden. Das brige weit du.
    Robert bersetzte auch dies, und nach erneuten lebhaften Dankesuerungen
bestieg man endlich die Boote. Der Kapitn raufte sich fast die Haare, als er
sah, da mehrere Matrosen fr lngere Zeit arbeitsunfhig geworden waren. Einer
hatte sogar den Arm gebrochen, ein anderer hinkte schwer, und der dritte hatte
eine tiefe Wunde an der Schulter.
    Mr. Barrow war so auer sich, da ihn der Obersteuermann zum zweitenmal
vertreten mute. Der Stern von San Franzisko wurde gedreht und auf der andern
Seite der Insel so nahe an den Strand herangebracht, da seine Kanone leicht die
schmale Flumndung bestreichen konnte. Ein Boot mit sechs Mann fuhr soweit
hinauf, wie ntig schien, um reines Swasser zu erhalten, dann fllte man die
Tonnen, ohne einen Wilden zu Gesicht zu bekommen. Robert und Gottlieb sahen noch
einmal das Dorf von der anderen Seite, ehe die Reise fortgesetzt wurde.
    Du, sagte der junge Matrose, du wolltest mich doch in die Minen
mitnehmen, nicht wahr? - Gut, hier hast du mein Versprechen. Wir wollen
zusammengehen.
    Gottliebs Freude war so gro, da er sich kaum beherrschen konnte, obwohl er
den Entschlu seines Freundes aus Bescheidenheit nicht annehmen wollte. Robert
lie ihn gar nicht erst zu Worte kommen. Es bleibt dabei, sagte er, ich gehe
mit dir nach Kalifornien.
    Mehr wurde darber nicht gesprochen, aber die Sache war abgemacht. Die
Matrosen schafften soviel Wasser an Bord, als irgend untergebracht werden
konnte, und dann ging die Reise weiter. Als das Schiff die vordere,
vorspringende Spitze der Insel umsegelte, sahen die Matrosen hinter allen Bumen
die roten Gesichter der Wilden. Es waren mindestens hundert kriegerische
Gestalten.
    Pat auf, Kinder, rief der Steuermann, jetzt sollen es die Halunken
haben!
    Er lie das Ruder so drehen, da die Kanone gegen das Ufer gerichtet war.
Dann krachte der Schu donnernd und widerhallend durch die stille Morgenluft,
natrlich nur blind, aber doch den Wilden zur heilsamen Warnung.
    Der Erfolg war so komisch, da die ganze Schiffsbesatzung, ja sogar der
ngstliche Kapitn in ein schallendes Gelchter ausbrach. An Land lagen die
Rothute alle flach auf dem Erdboden, als habe der Pulverdampf tdliche Wirkung
gehabt. Einige verbargen die Gesichter im Sand, so da der Schopf mit Federn und
Schnren im Wind flatterte, andere lagen auf dem Rcken und wagten nicht, sich
umzudrehen.
    Noch eins! rief belustigt der Steuermann, noch eins!
    Und wieder krachte der Schu. Einige der Gestalten wollten aufspringen und
fliehen, aber es kam nur zu einem leichten Ruck. Die Todesangst hielt alle am
Boden fest.
    Der Kapitn hatte unterdessen die Verletzten in rztliche Behandlung
genommen, und das Schiff steuerte seinen frheren Kurs weiter. Solange die
Matrosen das Ufer noch genauer erkennen konnten, sahen sie die entsetzten Wilden
regungslos wie Leichen daliegen.
    Ganz wie der Pinneberger Stier! lachte Robert. Nur da der mit gesenktem
Kopf reiaus nahm, whrend die Rothute liegen bleiben. Wren nicht unsere
Kameraden verwundet worden, so knnte man die ganze Geschichte einen guten Spa
nennen!
    Von dem wir aber doch keine Fortsetzung brauchen, warf der Steuermann ein.
Durch die Magelhaensstrae zu segeln, ist immer bitterer Ernst.
    Sind Sie schon frher einmal hindurchgekommen, Mr. Thompson? fragte
Robert.
    Einmal schon, und noch dazu mit Passagieren. Vor etwa zwlf Jahren zog ja
alle Welt in die Goldminen, um dort das Glck zu suchen.
    Robert winkte heimlich seinem Schulkameraden. Und es wohl auch hufig zu
finden, Sir, nicht wahr? fragte er.
    Hufig? - Das nun gerade nicht, mein Junge. Wem ein Gewinn in den Scho
fllt, der gibt ihn meist ebenso schnell wieder aus und macht noch obendrein auf
gut Glck Schulden. Die Digger sind ein leichtlebiges Vlkchen.
    Robert lchelte. Er wute, da er es verstand, mit seinem Eigentum sparsam
und ordentlich umzugehen und da er daher zu den wenigen gehren wrde, die
tatschlich imstande waren, in den Minen ihr Glck zu machen. Was gehrt
eigentlich zur Ausrstung eines Goldsuchers? fragte er den Steuermann, der
offenbar gut aufgelegt war und mit sich reden lie. Ist die Geschichte sehr
teuer?
    Der Steuermann zuckte die Achseln. Das kommt darauf an, Bob, wie man es
anfngt. Je mehr man hineinsteckt, desto mehr kommt auch wieder heraus. Wer also
Pferd und Karre besitzt, eine abgelegene Stelle aufsuchen will und die Sache im
groen betreibt, der hat mehr Aussicht als ein anderer armer Teufel, der nur mit
Spaten und Hacke losgeht. Es haben aber auch solche schon Glck gehabt und sind
reich geworden.
    Robert und Gottlieb sahen sich verstohlen an, dann aber fragte der junge
Matrose weiter und lockte aus dem erfahrenen Steuermann so ziemlich alles
heraus, was er wissen wollte. Die Hauptfrage war natrlich die: Hat ein
fleiiger, sparsamer Mann als Goldsucher Aussichten, weiterzukommen?
    Der Steuermann nickte. Das steht fest. In den Goldstdten wird mehr Staub
von den Wschern verloren, als ausreichen wrde, einen vernnftigen Menschen zu
ernhren. Wer tglich seine zehn bis zwlf Stunden arbeiten will, der kann
sagen, da er es bei einigem Glck zum wohlhabenden Mann bringen wird, obgleich
vielleicht unter Tausenden nur einer wirklich das ertrumte Vermgen findet. Es
gibt nirgends im Leben so viele Wechselflle, wie gerade in den Minenstdten.
    Robert bersetzte das alles seinem Freund, der sich zwar whrend der kurzen
Zeit an Bord schon soviel Englisch angeeignet hatte, da er einigermaen
verstand, was gesprochen wurde, dem aber doch sehr viel daran lag, gerade hier
alles aufs Wort genau zu erfahren. Er fand das, was der Steuermann gesagt hatte,
recht befriedigend und hoffte, da es ihm doch vielleicht schon bald mglich
sein werde, monatlich sechzehn bis zwanzig Dollar nach Pinneberg zu schicken.
Davon knnen die Eltern schon leben, sagte er.
    Robert sah ihn erstaunt an. Aber dabei wirst du nie ein kleines Vermgen
sammeln, Gottlieb, sagte er.
    Wenn ich nicht mehr erbrigen kann, als fr meine alten Eltern erforderlich
ist, - nein. Aber ich bin auch schon glcklich, wenn mir nur das gelingt.
    Und du wolltest aus diesem Grund stndig in den Minen bleiben?
    Solange es nicht anders geht, ja. Der Gedanke, Vater und Mutter im
Armenhaus zu wissen, wre mir viel schrecklicher als alle Entbehrungen und
Strapazen.
    Robert mute an seine Eltern denken, sie waren wohlhabende Leute und
brauchten nicht fr den Frieden ihrer alten Tage frchten. Gottlieb fhlte und
handelte berlegter als er, aber ihn leiteten auch zwingendere Grnde.
    Ich bleibe bei dir, bis du dich eingelebt hast, versprach er ihm. Wenn
wir nur erst in San Franzisko wren. Vielleicht wartet dort ein Brief aus
Pinneberg auf mich, - ach, ich wre zu glcklich.
    Wie lange brauchen wir noch bis dahin? fragte Gottlieb.
    Dreiig Tage etwa. Ich wollte, da sie vorber wren.
    Bring mir doch etwas Englisch bei, Robert, dann vergeht uns die Zeit
schneller.
    Der junge Matrose seufzte. Wenn ich doch mehr Geduld htte! antwortete er.
- Aber etwas besser ist es ja schon geworden, also darf man die Hoffnung nicht
aufgeben. Sieh, dort tauchen wieder neue Inselgruppen auf.
    Gottlieb stie ihn heimlich mit dem Ellbogen an. Du, was tut der Steuermann
jetzt? fragte er.
    Robert sah hin. Ach, er lotet. Der Kapitn hat also wieder Angst, da wir
auflaufen.
    Da Robert gerade Freiwache hatte, nherten sich die beiden dem
Obersteuermann, der mit dem damals erst krzlich erfundenen Patentlot die
Meerestiefe ma. Auch der Kapitn war dabei und machte ein ernstes Gesicht.
    Steuermann, haben Sie mit etwa 2000 Meter Tiefe gerechnet? fragte er. So
viel mssen wir hier herum vermuten.
    All right, Sir. Die Leine luft noch weiter aus.
    Das eigenartig geformte Lot wurde jetzt ber die Schanzkleidung des Schiffes
herabgelassen, und beide hatten auf diese Weise Gelegenheit, es genau kennen zu
lernen. Weder auf der Antje Marie noch auf dem Vogel Greif war jemals gelotet
worden, Robert sah deshalb interessiert zu.
    Das Patentlot hat am uersten Ende einen kleinen scharfen Spaten, dessen
Flche ein Deckelkstchen bildet. Solange die Leine abluft, bleibt der Deckel
offen, beim Heraufziehen schliet er sich und hlt in dem Kstchen etwas Sand
oder Schlamm vom Meeresgrund fest, der mit an die Wasseroberflche befrdert
wird.
    Robert erwartete ungeduldig das Ergebnis der Lotung. Endlich stand die
Leine, also war der Grund des Meeres erreicht.
    Wieviel Meter Leine hatten wir? fragte schnell der Kapitn.
    2500 Meter, Sir.
    Mr. Barrow seufzte erleichtert, dann wandte er sich an Robert: Met einmal,
Kroll, da Ihr Euch doch fr die Sache interessiert.
    Robert sprang sofort herbei, und whrend der Obersteuermann mit Hilfe eines
Matrosen das Lot wieder heraufzog, ma er die trocken gebliebene Leine.
Dreihundert Meter, Sir, meldete er bald danach. Also eine Tiefe von 2200
Meter.
    Das hatte ich mir gedacht, nickte der Kapitn. Jetzt nur noch ein
gnstiges Ergebnis der Untersuchung des Grundes, und ich bin fr heute
zufrieden.
    Inzwischen war das Kstchen heraufgezogen worden und zeigte an seinem
Inhalt, da der Grund des Meeres an dieser Stelle felsig war, denn auch nicht
das kleinste Teilchen Schlamm oder Sand hatte sich festgesetzt, nur einige
kleine scharfe und feste Krper waren darin, und der Kapitn nahm seufzend diese
spitzen Zckchen in die Hand. Da haben wir's, sagte er. Es sind
Koralleninseln in der Nhe.
    Man sieht sie ber dem Wasser, Sir! erlaubte sich der Steuermann zu
bemerken. Viele haben Baumwuchs und lassen sich aus einiger Entfernung deutlich
erkennen.
    Der Kapitn nickte. Das wei ich wohl, Steuermann, antwortete er, aber um
zu sehen, braucht man bekanntlich Licht. Wenn unser Schiff in der Nacht auf eine
Koralleninsel stt, ist es verloren.
    Der Steuermann antwortete nicht. Er war froh, als sich Mr. Barrow wieder in
seine enge Schlafkajte zurckgezogen hatte, um auf der Karte und in wenigstens
zehn Hilfsbchern zum hundertstenmal die Eigenarten dieser Meeresbreiten genau
zu studieren.
    Herr Obersteuermann, fragte Robert, was ist eigentlich eine
Koralleninsel?
    Das werden wir frh genug sehen, mein Junge, war die Antwort. Noch vor
Abend begegnen uns sicherlich mehrere.
    Gut aufgepat! rief er dann dem Matrosen am Ausguck zu. Ihr kennt
hoffentlich die Bewegung des Wassers, wo Korallenriffe sind?
    Well, Sir! scholl es zurck. Noch nichts zu sehen.
    Der ganze Tag verging wirklich ohne das geringste Zeichen von Gefahr, gegen
Abend erschien an Deck wieder das sorgenvolle Gesicht des Kapitns. Hier herum
sind drei Koralleninseln, seufzte er, ich habe unseren Standort bis auf eine
halbe Meile herausgerechnet und bin meiner Sache vollstndig sicher.
    Der Steuermann nickte. Ich wute es aus Erfahrung, Sir, antwortete er,
aber nur zwei von diesen Riffen liegen auf unserem Weg, das dritte berhren wir
nicht.
    Der Kapitn fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wanderte ruhelos auf und
ab.
    Korallen in Sicht! rief in diesem Augenblick vom Ausguck her der Matrose.
Eine langgestreckte Insel an Backbord!
    Sofort war der Kapitn bei ihm. Zum Glck lag die gefhrliche Stelle hundert
Meter aus dem Fahrwasser des Schiffes. Es konnte ruhig daran vorbersegeln, ohne
den Kurs ndern zu mssen.
    Genau beobachten, ob der Lauf des Riffes etwa nach rechts ausbiegt!
schrfte er dem Matrosen ein. Oder besser noch, lat zwei Mann Wache halten.
Kroll, Ihr stellt Euch dorthin und pat auf! - Ich glaube, da Ihr zuverlssig
seid.
    Robert errtete vor Freude und nahm den Platz am Ausguck als eine Art
Ehrenposten ein.
    Den Blick auf das Riff gerichtet, sah er ber die Schanzkleidung hinab ins
Meer. Bei fast vlliger Windstille glitt das Schiff langsam durch die leichten
Wellen, whrend die Sonne ihre letzten Strahlen herabsandte und dadurch die
klare Durchsichtigkeit des Wassers noch bedeutend erhhte. Auf See kann man oft
bis zu einer Tiefe von etwa fnf Metern sehen, hier aber reichten die
Korallenbume fast bis an die Meeresoberflche.
    
    Findest du nicht, da das Riff allmhlich nach rechts verluft? fragte
Robert den Matrosen, der mit ihm Ausguck hielt.
    Mir kommt es schon seit einigen Minuten so vor. Mach lieber Meldung, Bob!
    Sofort erschien der Kapitn an Deck. Ich hatte es mir doch gedacht! winkte
er dem Steuermann. Wir mssen das Schiff backlegen und bis Tagesanbruch vor dem
Wind treiben.
    Mr. Thompson nickte. Ist gut, Sir, antwortete er, hat aber auch seine
Gefahren. Wir knnen an den Strand geworfen werden.
    Verdammt! Verdammt! - Steuermann, wozu raten Sie?
    Ich wrde die Sache wagen, besonders da uns jeder Zeitverlust von grtem
Nachteil ist.
    Der Ladung wegen? Wir knnen froh sein, wenn das Schiff nur noch Ballast
genug behlt, um berhaupt segelfhig zu bleiben.
    Der Steuermann stand immer noch wartend da. Es war jetzt vollstndig dunkel
geworden und ein bestimmter Entschlu notwendig.
    Lassen Sie das Schiff backlegen, Steuermann, rief endlich halb verzweifelt
der Kapitn. Es gibt eine helle Sternennacht, und ich will lieber diese paar
Stunden verlieren, als vielleicht mit voller Fahrt in das Riff hineinlaufen. Um
vier Uhr frh ist es Tag.
    All right, Sir. -
    Mr. Thompson gab die notwendigen Befehle und der Stern von San Franzisko
verlor rasch an Fahrt. Nach einer Stunde erschien am Himmel der Mond und
beleuchtete mit seinem weien Licht das Meer. Die Strmung trug das Schiff
langsam aber stetig rckwrts.
    Das Nachtglas des Kapitns kam keinen Augenblick zur Ruhe. Bald stand Mr.
Barrow am Heck und bald hinter der Kombse, so da die Leute heimlich lachten.
    Wenn ein anderer das Kommando fhrt, dann ist der Kapitn ein tchtiger
Seemann, flsterte einer der Matrosen. Ich selbst bin mit ihm gefahren, als er
noch Steuermann war, und damals merkte man von dieser Unruhe nichts. Seit er
selbst ein Schiff befehligt und alle Verantwortung allein trgt, ist er wie
umgewandelt.
    Nicht zum Kapitn geboren! meinte ein anderer. Der echte Seemann wird
immer kaltbltiger, je grer die Gefahr wird.
    Der erste zuckte die Achseln. Das kann sich eben keiner selbst aneignen,
antwortete er. Es liegt im Blut.
    Mag sein, beharrte der zweite, aber dann mu man eben Schneider werden,
nur kein Seemann.
    Robert fhlte, wie das Blut in seine Wangen trat. Er fhlte sich zum Kapitn
geboren, und dennoch, - wie erschwerte ihm alles die eingeschlagene Laufbahn.
    Es ist kein Segen dabei! dachte er unwillkrlich. Es war nicht der
richtige Weg, auf dem ich mein Ziel zu erreichen suchte, und daher treffe ich
berall auf Hindernisse. Ach, knnte ich nur fr eine Stunde hinberfliegen nach
Pinneberg! - -
    Ein Gerusch auf dem Achterdeck strte ihn aus seinen Trumen. Die Frauen in
der Kajte hatten bemerkt, da irgend etwas Auergewhnliches vorging, eine
hatte durch ihre Vermutungen und Schlufolgerungen die Einbildungskraft der
anderen nur noch immer mehr erhitzt, auerdem sah man den Kapitn stndig an
Deck und fhlte, da das Schiff nur trieb, anstatt unter vollen Segeln zu
stehen, - das alles brachte die Auswanderer in Unruhe. Der ganze Strom ergo
sich ber das Deck, schreiende Kinder drngten sich den Mttern nach, und aus
dem Logis wurden die erstaunten Mnner herbeigerufen, um im Notfall ihren
schluchzenden Frauen beizustehen.
    Steuermann! rief Mr. Barrow, ich bitte Sie, was bedeutet das?
    Robert verlie seine Koje, um als Dolmetscher zu dienen. Wo es galt, einem
Menschen zu helfen, da war er immer der erste. Was ist denn los, fragte er,
warum schlaft ihr nicht?
    Das Hnderingen und Weinen kehrte sich jetzt gegen ihn. Er mge nur die
Wahrheit sagen, hie es, jeden Augenblick knne das Schiff versinken oder
kentern, - man sei auf das letzte Stndlein vollkommen gefat.
    Robert mute laut lachen, und vielleicht gerade dadurch beruhigte er die
angstvollen Menschen am meisten. Seine erklrenden Worte brachten die Frauen
ohne weiteres wieder zurck in die Kajte, und zwar so schnell, da der Kapitn
erst nachtrglich erfuhr, um was es sich gehandelt hatte. Fortan wurde der
Zugang zum Achterdeck nach Einbruch der Dunkelheit abgesperrt.
    Am frhen Morgen machte der Kapitn seine Berechnung, und es ergab sich, da
das Schiff etwa vier bis fnf Wegstunden weit zurckgetrieben war. Man konnte
also jetzt das gestern passierte Korallenriff und auch noch ein zweites,
kleineres bei hellem Tageslicht umsegeln und sich auf allen Karten berzeugen,
da nun der Weg frei sei. Dennoch aber wachte der Kapitn noch die ganze
folgende Nacht, obgleich mehrere Matrosen sahen, da er manchmal beim ruhelosen
Auf- und Abgehen mit geschlossenen Augen gegen die Pardunen stie. Erst als das
offene Meer wieder erreicht war, ging auf dem Stern von San Franzisko alles
den gewohnten Gang, und nachdem man an einer kleinen, anscheinend unbewohnten
Insel nochmals ohne weitere Zwischenflle Wasser eingenommen hatte, erreichte
das Schiff nach drei Wochen wohlbehalten den Hafen der kalifornischen
Hauptstadt.
    Mr. Barrow fand zu seiner groen Erleichterung in den Reedern
verstndnisvolle Menschen, die vollkommen guthieen, was er getan hatte. Sie
verffentlichten sogar in den Zeitungen einen Artikel, in dem sie die Tat ihres
Kapitns wrdigten und die allgemeine Aufmerksamkeit der vielen in San Franzisko
ansssigen Deutschen auf die unglcklichen Auswanderer lenkten, so da von allen
Seiten Spenden eintrafen und sicherlich mancher von den Schiffbrchigen doppelt
soviel geschenkt bekam, als ihm bei Kap Horn verloren gegangen war.
    Auch das Abenteuer mit den Wilden ging von Mund zu Mund; die Matrosen des
Stern von San Franzisko wurden die Helden des Tages, man kam an Bord, um sich
die Einzelheiten dieses Falles erzhlen zu lassen, und die Zeitungen brachten
den Kampf mit den Patagoniern in solchen bertreibungen, da Robert darin fast
keinen wahren Zug mehr wiederfand.
    Sein erster Weg an Land fhrte zur Post. Vielleicht hatte sich ja doch der
Vater bewegen lassen, ihm zu verzeihen, ihm wenigstens einige gute, wohlgemeinte
Worte zu schreiben, - wie sehr wnschte er es!
    Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er den Postbeamten murmeln hrte:
Kroll! - Kroll! - Es mu etwas da sein, das diesen Namen trgt!
    Aha, fgte er dann hinzu, hier ist es schon.
    Und Robert hielt in seiner Hand einen kleinen, plump zusammengefalteten
Brief aus grobem Schreibpapier, ohne Umschlag, mehrere Male gesiegelt und mit
einer Adresse von unbekannten Schriftzgen. An den Herrn Leichtmatrosen Robert
Kroll aus Pinneberg, auf dem Schiff Stern von San Franzisko in Franzisko, wenn
das Schiff glcklich ankommt, sonst soll der Brief verbrannt werden.
    Halb lchelte er, als er das seltsame Schriftstck in den Hnden hielt, und
halb packte ihn eine unbestimmte Furcht. Das hatte die Mutter von irgendeiner
guten Freundin schreiben lassen, er wute es vorher, - aber warum? - -
    Wenn nun der Vater gestorben war?
    Ohne sich umzusehen verlie er das Postgebude und ging in ein nahegelegenes
Wirtshaus, um den Brief zu lesen. Er brauchte mehr Mut, diese ungeschickten
Siegel zu brechen, als in der nordischen Eiswste vor dem zum Sprung ansetzenden
Wolf.
    Erst nach mehreren Minuten vergeblicher Anstrengung gelang es ihm, die
unfrmigen Buchstaben zu folgendem Inhalt zusammenzustellen.

                          Mein geliebter Sohn Robert!

    Liese Schmidt, die Tochter unserer alten Brotfrau, deine Schulkameradin,
schreibt mir diesen Brief, worin ich dir zunchst unsere herzlichen Gre sage,
das heit, der Liese und meinen, denn der Vater ist so bs, da man in seiner
Gegenwart nicht einmal deinen Namen aussprechen darf. Den letzten Brief, den du
von Bergen hierhergeschickt hast, wollte er gar nicht annehmen, und fast wre
derselbe wieder zurckgesandt worden in die weite Welt hinein, wenn ich nicht
den Herrn Postmeister mit vielen Trnen gebeten htte, mir doch die Botschaft
von meinem einzigen Kinde nicht zu entziehen. Erst schwankte er lange, und ich
bot ihm schon in groer Herzensangst einen ganzen Taler ber das geforderte
Porto, aber dann lie er sich doch erweichen, obgleich er das Geld nicht nahm.
Ich will's tun, liebe Frau, sagte er, weil ich die unglckliche Geschichte mit
Ihrem nichtsnutzigen Jungen - du darfst es nicht bel aufnehmen, lieber Robert,
aber er sagte wirklich so! -von frher her kenne und weil ich Sie herzlich
bedaure. Man ist ja auch Mensch, nicht blo Beamter.
    Siehst du, auf diese Weise erlangte ich deinen Brief, den mir Liese Schmidt
vorlas und bei dem ich Gott vielmals inbrnstig gedankt habe, da Er Seine treue
Hand ber dich gehalten in der Stunde der Gefahr. Ich bin auch am
nchstfolgenden Tage zur Kirche gegangen und habe ein Achtschillingstck in den
Klingelbeutel gesteckt aus groer Herzensfreude. Dein Vater wei, da ich den
Brief heimlich an mich gebracht habe und ebenso alles, was darin stand. Ich
erzhle's ihm immer nebenbei, so als htte ich's in der verwichenen Nacht
getrumt, und dann merke ich wohl, wie genau der alte, eigensinnige Mann zuhrt,
aber weiter darf ich nicht gehen, sonst schneidet er mir das Wort vor dem Munde
ab. Trume, was du willst, Mutter, sagt er, und erzhle mir auch alles das, nur
sprich nicht von dem Entlaufenen. Ich habe keinen Sohn, das weit du.
    So steht es bei uns, mein geliebter Junge, und Vater ist krank dazu. Er
grmt sich sehr um dich, und wenn du wiederkommen und deine Lehrzeit nochmals
anfangen wolltest, so wrde das mir eine groe Freude sein. Du knntest ja
wahrlich jetzt genug haben von dem wilden Leben, wo es dir doch aller
christlichen Zucht und Ehrbarkeit mangelt, als da sind: Sonntags zur Kirche
gehen und ein reines Hemd sowie ein ordentliches Essen auf dem Tisch. Wenn ich
gar bedenke, da du einen schwarzen Mohrenmenschen deinen Freund nennst, so
bitte ich unsern Herrn und Heiland, dir diese Greuel nicht anzurechnen.
    Ferner benachrichtige ich dich, da Pikas, unser Hund, noch lebt, und da
wir von dem Seiler, der dich damals zum Bsen verlockt und hernach verlassen,
niemals wieder ein Wort gehrt haben. Sonst wte ich nichts Neues und schliee
meinen Brief mit der Bitte, doch die nchste Post an mich und nicht an den Vater
zu adressieren. Er nimmt von dir nichts an. Viel tausendmal lieber aber wre
mir's, du kmest selbst und shntest dich aus mit dem Alten. Das
Schneiderhandwerk nhrt seinen Mann und ist auch gefahrlos und christlich dabei.
Liese Schmidt meint dasselbe wie ich, womit wir beide dich herzlich gren und
dich dem lieben und getreuen Gott vielmals empfehlen.
                                             Deine zrtliche Mutter, Anna Kroll.

    Nachschrift. Die Liese Schmidt will so gern auch einmal einen Brief von dir
haben, damit sie den Leuten ein bichen erzhlen kann, hauptschlich schreib uns
bald, ob in San Franzisko die Menschen alle schwarz sind und ob sie zu Schimpf
und Schande ohne Kleider herumlaufen. D.O.

    Lange starrte Robert auf die Schrift und eine ganze Welt verschiedener
Empfindungen stand in ihm auf. Wie es die Mutter in ihrer rhrenden
Herzenseinfalt hier ausgedrckt hatte, so dachte und fhlte auch der
starrsinnige Vater. Was ihnen vor einem halben Jahrhundert von ihren Eltern
eingeprgt worden war, daran hielten sie beharrlich fest, was auerhalb ihres
Gesichtskreises lag, das verstanden sie nicht mehr. Konnte man ihn zwingen, in
dies Gefngnis freiwillig zurckzugehen und sich selbst zu verleugnen?
    Nein, niemals. Er fhlte sein Gewissen, nachdem er diesen Brief gelesen
hatte, sogar bedeutend leichter. Trotz gegen Trotz! Wollte der Vater von dem
einzigen Sohn keinen Brief annehmen, nun, so sollte er auch nicht wieder damit
belstigt werden. Waren die alten Leute um den guten Lebenswandel ihres Sohnes
so sehr besorgt und hielten sie den treuen Mongo fr ihn als Gefhrten zu
schlecht, dann sollten sie bald genug ihren Irrtum erkennen.
    Robert bi die Zhne zusammen. Er brauchte nur ein wenig Glck in den Minen,
nur zwei- oder dreihundert Taler berschu, und alles war gut. Der
nichtsnutzige Junge, der verleugnete, beklagte Sohn konnte nach Hause
zurckkehren und den Kleinstdtern zeigen, da ihre bsen Vorahnungen ohne allen
Grund gewesen waren. Aber hingehen und mit leeren Hnden um Verzeihung bitten -
das wrde er niemals tun. Er hatte es lange genug geglaubt, eine Vershnung,
eine Rckkehr fr mglich gehalten und sich eingebildet, da der Vater mit
offenen Armen den Sohn willkommen heien werde, - jetzt war er enttuscht
worden.
    Finster vor sich auf das unberhrte Bierglas starrend sa er da und
grbelte, fast ohne zu wissen, was er dachte, ohne zu merken, da sich mehrere
Leute in seine Nhe setzten und ihn dauernd beobachteten. Erst als ihm jemand
die Hand auf die Schulter legte, sah er auf.
    Nun, Mr. Kroll, erst einen Tag an Land und schon Grillen fangen? Kommen Sie
mit mir, ich will Ihnen ein Lokal zeigen, wo getanzt wird, das ist besser.
    Robert erkannte einen Angestellten des Handelshauses, fr das Kapitn Barrow
fuhr, er erwiderte sehr hflich die Worte des jungen Mannes, dankte ihm auch fr
seine Freundlichkeit, aber er lehnte doch entschieden den Vorschlag ab. Sobald
der Stern von San Franzisko den Rest der Fracht gelscht und das ganze Schiff
von oben bis unten gereinigt worden war, gab es Lhnung, und dann ging's hinauf
in die Goldminen. Robert erinnerte sich nur zu gut daran, was ihm der Steuermann
gesagt hatte, da nmlich meistens in den Wirtshusern sofort wieder ausgegeben
werde, was mit Mhe und Anstrengung verdient worden sei, - auerdem war er auch
durchaus nicht in der Stimmung zu tanzen, sondern htte am liebsten gleich den
andern Gsten den Rcken gekehrt und wre hinausgegangen. Doch das war
unmglich. Seit dem gestrigen Tag hatte sich das Gercht von dem Kampf mit den
Wilden schon soweit verbreitet, da man berall in der Stadt davon sprach, und
als man jetzt einen unmittelbar daran Beteiligten erkannte, wurde er ohne eine
ausfhrliche Schilderung des Abenteuers nicht wieder fortgelassen.
    Als er endlich an Bord kam, war Kapitn Barrow in bester Laune. Es hatte
sich alles nach Wunsch abgewickelt, eine zweite Reise sollte sofort nach Rumung
des Schiffes angetreten werden, und die Mannschaft konnte an Bord bleiben, ohne
erst abzumustern. Der Stern von San Franzisko ging nach Hamburg, von wo er
eine Ladung feiner Rheinweine abholen sollte. An Bord entfaltete sich eine rege
Ttigkeit.
    Nach Hamburg! - Robert fhlte in der Tasche den Brief seiner Mutter wie
Feuer brennen. Wenn er ihn nicht erhalten htte, wre er vielleicht schon in
wenigen Wochen auf dem Wege nach Hause gewesen, vielleicht htte er sogar sein
Versprechen Gottlieb gegenber rckgngig gemacht, htte ihm nur das ntige
Reisegeld geschenkt und selbst alles aufgegeben, um sich mit dem Vater zu
vershnen und seinen Segen zu erbitten. Aber jetzt! - -
    Sein Entschlu stand unwiderruflich fest. Er schlug es aus, fr die neue
Reise zu heuern, und ging gar nicht wieder an Land, um kein Geld unntig
auszugeben. Wie die brigen schiffbrchigen Auswanderer erhielt auch Gottlieb
soviel geschenkt, da die beiden nach Auszahlung der Heuer ihre Fahrt ins
Goldland sofort antreten konnten. Smtliche Ausrstungsgegenstnde wollten sie,
um den teuren Transport zu sparen, an Ort und Stelle kaufen, nur den Anzug der
Goldgrber, die ungeheuren Kanonenstiefel und den breiten Ledergurt schafften
sie sich gleich an. Das bare Geld wurde sorgfltig versteckt, und dann nahm
Robert von seinen bisherigen Kameraden einen herzlichen Abschied. Nur den Neger
sah er nicht.
    Auf seine Frage hie es, da auch Mongo am Tage vorher abgemustert habe.
Roberts Erstaunen stieg immer mehr. Sollte sich der Alte, nachdem er mit ihm so
schwere Stunden geteilt hatte, jetzt ohne ein Wort des Abschieds von ihm trennen
wollen?
    Unbegreiflich! Aber die Zeit drngte, und daher konnte Robert keine weiteren
Nachforschungen halten. Seufzend kletterte er das Fallreep hinab. Leb wohl, du
blaues, geliebtes Meer, jetzt soll ich dich monatelang nicht einmal mehr sehen,
soll Hunderte von Meilen landeinwrts fahren und mit Spaten und Axt die Erde
durchwhlen.
    Leb wohl!
    Er sah nicht zurck, sondern bezwang die aufsteigende Bitterkeit, um
Gottlieb nicht zu verletzen.
    Es mute sein, und Roberts fester Wille unterdrckte erfolgreich jede
Mistimmung. Er sprach dem schchternen Freund Mut zu und fhrte ihn zum
Bahnhof, wo fr die ganze Reise nach den Minenstdten die Karten gelst wurden.
Wenn ihn erst einmal die fremde Welt, die er jetzt betreten sollte, umgab, wenn
er eine neue, geregelte Ttigkeit besa, so mute auch seine frhere Zuversicht
zurckkehren. Und ging es wirklich nicht, konnte er das Leben in den Minen
unmglich ertragen, nun, so stand ihm ja der Weg zur nchsten Hafenstadt immer
offen. Fr den Augenblick mute er jedoch den Kopf oben behalten.
    Nur da er Mongo nicht mehr gesehen hatte, tat ihm leid. Der Alte mute
irgendeinen ganz besonderen Grund haben, da er ja nicht einmal ein Abschiedswort
gefunden hatte.
    Das Glockenzeichen ertnte, die Tren wurden geffnet, und die beiden
stiegen in den Wagen - da sahen sie drauen ein schwarzes, lchelndes Gesicht,
da stand Mongo im ledernen Digger-Anzug und sa im nchsten Augenblick drinnen
neben den beiden berraschten Freunden.
    Du junger Spitzbube, wer soll dich aus der Patsche ziehen, wenn ich es
nicht tue? Bist ja ein viel zu groer Sausewind und Wagehals, als da man dich
allein reisen lassen knnte.
    Aber Scherz beiseite, fgte er hinzu, wollt ihr mich berhaupt mitnehmen?
Schaden kann's euch nicht, in den Minenstdten jemanden zu haben, der sich
auskennt.
    Robert war glcklich ber die Nhe des Freundes. Er und auch Gottlieb
schlugen bereitwillig ein, als ihnen Mongo die Hand entgegenstreckte.
    Aber warum hast du uns nicht schon viel frher etwas davon gesagt, alter
Geheimniskrmer? fragte Robert.
    Der Neger wiegte den Kopf. Ich wute es ja vorher selbst nicht, du
Schlingel! antwortete er. Die Minen sind es auch keineswegs, die mich locken,
sondern nur deine Nhe. Es ist fr einen alten Menschen wie mich doppelt schwer,
so ganz allein dazustehen.
    Robert drckte ihm seufzend die Hand. Auch fr einen jungen, Mongo,
erwiderte er.
    Hast doch deiner Mutter geantwortet, Junge? fragte der Neger.
    Natrlich. Sie nimmt ja meine Briefe an.
    Nun, nun, du mut das nicht mit so groer Bitterkeit betonen. Dein Vater
hat wie die Schnecke in ihrem Gehuse sein Leben lang auf demselben Tisch
gesessen, den schon zwei Generationen der Krolls als huslichen Thron
behaupteten, - er kann sich eine andere Mglichkeit einfach nicht denken, daher
ist er widerborstig wie ein Igel und qult sich und andere. Oder glaubst du
etwa, da er sich nicht im stillen bittere Sorgen um dich macht.
    Das glaube ich kaum, Mongo.
    Ach, was weit du davon? Ein Vater kann nie aufhren, sein Kind zu lieben,
aber er kann es auf verkehrte Weise zeigen, das ist wahr.
    La uns ber die traurige Angelegenheit nicht wieder reden Mongo, bat
Robert. Ich kann vor ihm nicht nachgeben, wie zur Zeit meiner Schuljahre oder
auch spter noch, als er mein halbfertiges Schiff mit dem Kchenbeil zerschlug
und mich regelrecht durchprgelte.
    Mongo antwortete nicht. Wozu gleich den Anfang der Fahrt mit trben
Erinnerungen oder noch trberen Zukunftsaussichten vergllen? - Robert war aus
der jungenhaften Sehnsucht nach Abenteuern lngst aufgerttelt, er fhlte den
Zwiespalt mit dem eigenen Gewissen sehr deutlich, und das war fr den Augenblick
vollstndig genug.
    Mongo, fragte Robert nach einer Pause, bist du schon frher einmal in den
Goldminen gewesen? Es schien mir vorhin so.
    Der Schwarze nickte. Wo wre ich nicht gewesen, Bob? fragte er wehmtig.
berall ohne Heimat, ohne Familie, ohne Glck, da greift man bald nach rechts,
bald nach links, und sucht nach einem Platz, wo man fr immer bleiben mchte.
    Robert blies den Rauch seiner Zigarre in die heitere Morgenluft hinaus. Er
fhlte sich von der erfrischenden Fahrt durch die Herbstlandschaft, von dem
hellen Sonnenschein und der schnen Umgebung mehr und mehr angeregt. Vielleicht
ging es ja jetzt dem Glck entgegen, jedenfalls wollte er sich nicht lnger
qulen, es half ja doch nichts.
    Mongo, sagte er, du kennst also das Leben in den Minen aus Erfahrung und
kannst uns dort helfen?
    Natrlich, Bob. Eben deshalb begleite ich euch ja.
    Robert bersetzte die Worte des Negers, und auch Gottlieb freute sich, in
Mongo einen erfahrenen Menschen zur Seite zu haben. Du gehst ja doch schon bald
wieder zurck, Robert, sagte er.
    Der errtete. Weshalb, du? Ich will mit dir in den Minen das Glck suchen,
antwortete er.
    Mchtest du es finden, Robert! sagte Gottlieb einfach in seiner
bescheidenen Art. Mchten wir alle Glck haben!
    Mongo zog aus der Tasche ein groes Paket Fleisch und Brot sowie eine
Korbflasche, die er den beiden jungen Gefhrten hinreichte. Auf die
Verwirklichung unserer Hoffnungen! sagte er.
    Und alle drei tranken reihum.

    Der Eisenbahnzug hatte die Station Bandigo verlassen, und die Landschaft
wurde immer schner. Wlder von Eichen und Buchen, manchmal auch von Tannen,
sumten die Strecke. Dann wieder ging es am Ufer eines blauen Sees entlang oder
durch eine weite Ebene.
    Roberts fr alles Schne so empfngliche Herz gab sich den unbekannten
Freuden der Fahrt vollstndig hin. Whrend seine beiden Reisegefhrten
Mittagsruhe hielten, beobachtete er die Landschaft ringsumher und lie sich
nicht die kleinsten Einzelheiten entgehen. Es war alles anders als zu Hause in
Deutschland, wo er zwar nur von Pinneberg nach Altona, also gerade zwanzig
Minuten gefahren war, wo er aber doch die Bahnanlagen hufig gesehen hatte.
Streckenwrterhuschen gab es nicht, die Stationen waren manchmal nur hlzerne
Schuppen mit hochklingenden Namen, aber hchst rmlicher Einrichtung.
Waterloo-Hotel oder Vereinigte-Staaten-Hotel las er mehr als einmal, beim
Aussteigen jedoch sah Robert nur einige Farbige, ein paar spuckende, Tabak
kauende und trinkende Yankees, und zu essen konnte man nur ein paar drre
Butterbrote haben, hier Sandwiches genannt, dafr aber berall Branntwein, den
er nur ungern trank. Meistens bezahlte er das scharfe Getrnk, um dann am
Brunnen seine Reiseflasche mit frischem Wasser zu fllen und den Fusel stehen zu
lassen.
    An einer kleinen, ganz am Ausgang eines Waldes liegenden Station sahen die
drei eine Menge Menschen stehen. Man sprach und gestikulierte lebhaft, eine
Gruppe von Frauen schien in groer Unruhe, und verschiedene Mnner fluchten in
allen mglichen Ausdrcken. Es mute irgendein auergewhnliches Ereignis
vorgefallen sein.
    Robert lief voran, ehe ihm noch Mongo und Gottlieb folgen konnten. Im
Augenblick interessierte ihn nur das, was dort passiert war.
    Aber seine Neugierde sollte wenig Befriedigung finden. Ein paar Kilometer
weit oberhalb der Station war ein Zug entgleist, die Schienen aufgewhlt und zum
Teil mit Trmmern bedeckt und der Verkehr fr die nchsten Stunden unterbrochen.
Es blieb jetzt den Reisenden nur die Wahl, entweder bis zum folgenden Morgen in
einigen Holzschuppen und leeren Wagen ein Unterkommen zu suchen, oder aber mit
der Postkutsche die Fahrt fortzusetzen.
    Die drei sahen sich an, und Mongo erkannte sofort, worauf Robert
hinauswollte. Hierbleiben! neckte er, hierbleiben, Bob. Nicht wahr, du hast
jetzt keine Lust, mit zwanzig anderen Passagieren bei Nacht und Nebel in der
engen Kutsche weiterzufahren? Brr, eine kalte Partie mte das sein!
    Und gefhrlich! warf Gottlieb ein. Es sollen hier sogar noch Bffelherden
vorkommen.
    Und wilde Raubtiere, fgte der Neger mit besorgtem Gesicht hinzu, und
blutdrstige Indianer!
    Jetzt verstand Robert, was Mongo wollte, und die beiden lachten lustig.
Komm nur ruhig mit, versicherte der Schwarze dem erstaunten Gottlieb, es wird
uns schon nichts kosten, hchstens etwas Zhneklappern. Aber in diesen luftigen
Holzstllen wird es kaum angenehmer sein als dort, fgte er hinzu.
    Und auerdem htten wir eine ganze Nacht unntz verloren, warf Robert ein.
    Das half, den schchternen jungen Menschen umzustimmen. Alle drei nahmen im
Postwagen Platz - Robert auf dem Bock beim Kutscher - und fort ging es mit einem
Gespann von sechs krftigen Pferden in die mondhelle Nacht hinein.
    Am Wegesrand zeigten sich bald tief ausgetretene Spuren, die alle in einer
Richtung dahinliefen und die der Kutscher dem fragenden Robert als Bffelspuren
bezeichnete. Wir werden sehr bald die Herden selbst sehen, fgte er hinzu.
Ist es das erstemal, da Ihr die Steppe passiert, Sir?
    Robert bejahte, und nun erzhlte ihm der Kutscher, dem offenbar diese
Unterhaltung auf seinem einsamen Sitz sehr willkommen war, von den Tieren, die
in dieser Gegend vorkommen.
    Die Bffel erkennt Ihr von selbst, Sir, lchelte er, aber seht Euch auch
einmal diese kleinen vierbeinigen Burschen an. Das sind Prriehunde.
    Robert beugte sich vom Sitz herab und bemerkte mehrere kleine Tiere von
dunkelbrauner Farbe mit weiem Bauchfell. Sie gehren zum Geschlecht der
Hamster, wohnen in Erdlchern und zeigen den Menschen gegenber nicht die
geringste Scheu. Robert wandte sich voll Erstaunen zu dem gesprchigen Kutscher.
Hunde nennt Ihr diese Tiere? fragte er.
    Der Kutscher zuckte die Achseln. Wish-Ton-Wish, sagen die Indianer, Sir.
Ich wei nicht, wie der Vergleich mit Hunden entstanden ist.
    Aber Robert hatte schon wieder eine neue Entdeckung gemacht. Seht doch,
rief er, vor jedem dieser Erdlcher sitzt eine kleine Eule!
    Well, Sir, die Tiere wohnen beieinander, und auerdem auch noch
Klapperschlangen, gehrnte Eidechsen und Landschildkrten. Der Wish-Ton-Wish
baut die Hhle, und das andere Vlkchen nimmt ungebeten Besitz davon; der
Wish-Ton-Wish schleppt die Wintervorrte zusammen, und die brigen teilen sich
den Raub, - so geht es oftmals im Leben, Sir.
    Robert seufzte heimlich. Aber hier war keine Gelegenheit, sich in Grbeleien
zu versenken. Auf jedem Schritt, bei jeder Drehung der Rder begegneten ihm neue
Wunder. Ein Tier mit schmutziggelbem, grauschillerndem und langhaarigem Fell,
etwas kleiner als ein gewhnlicher Wolf, mager und mit falschen, feigen Augen,
umschlich die nchsten Bsche. Es blieb in scheuer Entfernung, obgleich es das
vorberrasselnde Gefhrt stndig beobachtete.
    Wie heit dieser widerwrtige Bursche? fragte Robert.
    Der Kutscher schlug in der Richtung des wolfsartigen Tieres krftig mit der
Peitsche durch die Luft, worauf der graue Schatten wie in den Boden hinein
verschwand. Nicht wahr, rief er grimmig, das ist ein widerwrtiger
Hungerleider, ein falscher Patron! Sage Euch, Sir, es gibt mir immer einen Stich
durchs Herz, wenn ich solchen Burschen sehe. Vor einiger Zeit strzte mir mitten
auf dem Wege das Handpferd und blieb mit gebrochenem Bein im Sande liegen. Na,
da mute ich es tten, Sir, um es zu erlsen, aber das Herz tat mir weh dabei,
kann ich Euch sagen. Hatte mit dem braven Bill schon seit dem Jahre 1865 diesen
Weg befahren, als noch der Indianerhuptling Cut-Nose, die Schlitznase, mit
seiner braunen Horde die Gegend unsicher machte und alle Passagiere den
geladenen Revolver stndig in der Faust hielten. Aber gegen den Tod ist kein
Kraut gewachsen, Sir, - mute den alten Bill liegen lassen, hatte ja keine Zeit,
ihn zu begraben, und - sah nun alle Tage, wenn mich mein Weg vorberfhrte, auf
seinem armen Krper die Coyotes sitzen und gierig das Fleisch von den Rippen
zerren, seitdem hasse ich die Bestien. Ein lebendiges Tier greifen sie nicht an,
aber Leichen sind selbst unter der Erde vor ihren Krallen nicht sicher. Sie
gleichen an Raubgier und Feigheit ganz den Hynen.
    Die Postkutsche hatte whrend dieser langen Erzhlung ihren Weg weiter
verfolgt, der Coyote kam nicht wieder zum Vorschein, aber noch eine Menge
anderer Tiere bevlkerte die Nacht. Beutelratten trippelten durch das Gras,
Schwrme von Kibitzen und Raben segelten durch die Luft, hier und da zeigten
sich wunderschne braune Antilopen, schlanke, rehugige Geschpfe, die jedoch
beim Herannahen der Kutsche sofort die Flucht ergriffen.
    Dazwischen lagen berall am Wege bleichende Tiergerippe, besonders von
Bffeln, deren Spuren jetzt auch immer deutlicher aus dem weichen Boden
hervortraten, bis zuletzt die riesigen schwarzbraunen Tiere erst vereinzelt und
dann immer zahlreicher auftauchten. Roberts Herz schlug schneller. Wieviel
Merkwrdiges, wieviel Schnes sah er in dieser Nacht! -
    Wit Ihr, Sir, begann nach einer Pause der Amerikaner, ich fahre nun seit
sechs Jahren und lnger tglich durch diese Gegend, aber jedesmal erscheint sie
mir neu. Das macht das Groartige, glaube ich, das Wilde, Ursprngliche. Wenn
Meilensteine am Wege stnden und Straengrben und Wirtshuser da wren, dann
kme auch gewi bald die Langeweile, so aber ist alles das in jeder Stunde neu
und doch wie ein lieber alter Bekannter, den man freudig begrt, wenn er zur
Tr hereintritt. Und glaubt Ihr wohl, Sir, da diese Gegend ihren Dichter hatte?
- Ich habe ihn selbst gekannt, damals zu Schlitznases Zeiten. Er hat die Fahrt
mit mir und dem alten Bill, den die Coyotes fraen, oft gemacht; - wollt Ihr
einmal hren, was er schrieb, da auf Euren Sitz und auf den Einband eines
Buches, das er bei sich trug? Mir hat er's zuerst vorgelesen, nachher aber ist
es gedruckt worden.
    Und der Amerikaner, ganz erfllt von seiner Sache, begann in wenig
knstlerischer, aber begeisterter Weise ein einfaches Lied zu singen, das in
treffenden Bildern das Leben in den Wldern und Prrien des Landes schilderte.
    Mit einem lustigen Peitschenknall, der das Sechsgespann zu erhhter Eile
antrieb, schlo der brave Postillion die letzte Strophe des Gedichtes, das auf
seinem Kutschbock geschrieben worden war und das er sicherlich schon vielen
Reisenden vorgetragen hatte. Seht nur, rief er, da sind auch die
Bffelherden.
    Und wirklich war die Postkutsche jetzt mitten auf dem Weideplatz. Von allen
Seiten strmten in brausendem Galopp die Tiere heran, ihre Hufe drhnten auf dem
Grasboden, ihre Nstern stieen schnaubend den Atem aus, ihre kurzen Hrner
whlten die Erde auf. Dicht hinter dem plumpen, unfrmigen Hals erhob sich ein
buschiger Hcker, whrend der Vorderkrper mit der gewaltigen Brust und dem
dicken Kopf zum Hinterteil in keinem richtigen Verhltnis zu stehen schien. Der
gewaltige Rumpf und die schlanken, fast zierlichen Beine, die feurigen Augen und
der groe, hliche Kopf paten durchaus nicht zueinander.
    Robert bemerkte jedoch, da die schwerflligen Tiere schneller als ein Pferd
laufen konnten, besonders aber, da sie eine wahrhaft riesige Krperkraft
besaen. Der Kutscher sagte auch, da die Bffel zur Landwirtschaft nicht
verwendet werden knnten, weil ihre Wildheit und vllig unberechenbare Kraft
nicht zu zgeln sei. Ihnen ist kein Zaun zu stark, kein Graben zu breit und kein
Fuhrwerk zu schwer, sie berrennen alles.
    Jetzt befand sich die Kutsche mitten in der unbersehbaren Masse der auf
ihrer groen Herbstwanderung begriffenen Tiere. Manchmal mute im Schritt
gefahren, manchmal gehalten werden, so dicht umdrngten die Bffel das Gespann
und die Kutsche. Mit lang heraushngender Zunge, vorgestrecktem Hals und krummem
Buckel rannten die braunen Riesen scheu an dem Postwagen vorber, whrend die
jngeren Klber neugierig herankamen, jedoch von ihren Mttern sofort wieder zur
Herde zurckgedrngt wurden. Etwa zwei Stunden lang fuhr der Wagen durch die
endlosen Massen der Tiere, dann erst war die Ebene wieder frei. Robert atmete
auf, als die Kutsche wieder schneller vorwrtskam. So wenig er sich gefrchtet
hatte, die Nhe der riesigen Bffelherde war doch fast erdrckend gewesen.
    Dann aber fiel es ihm ein, sich nach seinen Gefhrten umzusehen. Das Innere
des Wagens war von einer Hngelampe trbselig erleuchtet, so da er in den
Reihen der Sitzenden auch Mongo und Gottlieb leicht erkennen konnte. Der Neger
schlief den Schlaf des Gerechten, wobei sich sein Kopf vertraulich gegen
Gottliebs Schulter gelehnt hatte. Der dagegen wachte! Seine blauen, gutmtigen
Augen sahen angstvoll aus dem gegenberliegenden Fenster, whrend die rechte
Hand den geladenen Revolver schufertig hielt. Der schchterne junge Mann wagte
es offenbar nicht, sich auf seinem Platz zu bewegen, sondern sa steif wie eine
hlzerne Puppe, whrend er ab und zu, wenn der Wagen besonders hart aufstie,
die Rechte mit dem Revolver vorsichtig hob, um Mongos herabgleitenden Kopf ein
wenig wieder aufzurichten.
    Robert lachte in sich hinein. Das Bild war urkomisch, obwohl es etwas
rhrend wirkte. Gottlieb dachte ja nie an sich, sondern immer nur an andere, er
ertrug das Unvermeidliche mit Haltung und war frei von aller Selbstsucht, das
machte ihn so liebenswert.
    Robert wandte sich ab, als habe er sich auf etwas Unrechtem ertappt. Ob er
jemals so gut, so anspruchslos werden wrde wie Gottlieb? -
    Er knpfte das Gesprch mit dem Kutscher wieder an, und beide unterhielten
sich, bis es gegen Morgen etwas klter wurde und an den Wolkenrndern die ersten
lichten Streifen erschienen. Der Postillion reichte seinem jungen Begleiter eine
Bffeldecke, in die er sich vollstndig einhllte.
    Es gibt heute noch Regen, sagte er. Ihr httet Euch besser mit Decken
versorgen sollen, Sir.
    Robert lchelte. Ein Seemann frchtet die Nsse nicht, antwortete er.
Aber weshalb meint Ihr, da wir bei diesem herrlichen Wetter Regen zu
befrchten htten?
    Der Kutscher deutete mit dem Peitschenstiel auf einen rtlichen Schimmer am
stlichen Horizont. Wit Ihr nicht, da diese dunkle Frbung einen nassen Tag
ankndigt? fragte er. Hat Euch Eure Mutter nie gesagt, da das Morgenrot
Wasser in den Brunnen trgt?
    Robert nickte. Doch, antwortete er, ich kenne das Sprichwort, aber ich
habe nie so recht daran geglaubt.
    Seid Ihr aber ein Starrkopf! lachte der Kutscher. - Aber da hinten liegt
auch schon die Station, fgte er hinzu, und wenn mich nicht alles trgt, so
wird in einer kleinen halben Stunde der Zug von dort abgehen.
    Er bog ber eine Lichtung und lenkte in eine holprige Strae ein, an deren
Seiten einige hlzerne Huser die Stadt andeuteten. Vor dem Bahnhofsgebude
hielt er endlich. Die Fahrt hatte vierzehn Stunden gedauert.
    Robert kletterte vom Bock und ffnete die Tr des Wagens. Hallo, rief er,
habt ihr endlich ausgeschlafen, ihr beiden?
    Gottlieb sah ihn an wie einen, der aus unmittelbarer Todesgefahr noch
glcklich gerettet wurde. Ich habe mich um dich so sehr gengstigt, sagte er.
Wenn nun die entsetzlichen Tiere den Wagen angegriffen htten?
    Robert lachte. Dann wrest du ja nicht besser geschtzt gewesen als ich,
antwortete er.
    Gottlieb errtete. Wenn auch, aber - ach, es ist doch schrecklich, dieses
Leben in stndiger Gefahr.
    Und seufzend kletterte er aus der Tr. Lat uns ins Haus gehen, bat er,
Mongo erwacht schon.
    Der Neger hatte die ganze Zeit geschlafen, hatte nichts gesehen und gehrt,
sondern von Afrika getrumt, und da er den Knigsthron von Dahomey wieder
besteigen sollte.
    Du, sagte er, Bob, ich knnte es doch nicht mehr!
    Was denn, Alter?
    Ach so, du hast es nicht miterlebt, obgleich ich dich immer an meiner Seite
sah, das verga ich. Aber komm nur herein, mein Junge, damit wir einen tchtigen
Schluck Whisky bekommen. Mir trumte, ich sei im Knigspalast von Dahomey, und
man reichte mir Blut aus einem Menschenschdel, - brr! - das war grlich.
    Alle drei verlieen die offene Strae und betraten das Brettergebude, wo
wieder gegen teure Preise nur Branntwein und einige magere Sandwiches zu haben
waren. Aber wer Hunger hat, nimmt mit allem vorlieb; der Wirt konnte kaum soviel
herbeischaffen, wie von der durchfrorenen, zusammengerttelten Reisegesellschaft
verlangt wurde, und lange nicht alle Passagiere waren satt, als der schrille
Pfiff der Lokomotive zum Einsteigen mahnte. Vorwrts! rief Robert, noch zwei
Tage und eine Nacht, dann ist unser Ziel erreicht.
    Dann suchen wir Gold! fgte Gottlieb mit glnzenden Augen hinzu. Robert,
was wrdest du tun, wenn dir ein tchtiger Gewinn in den Scho fiele?
    Dann baue ich dir in Pinneberg das abgebrannte Haus deiner Eltern wieder
auf, rief der junge Matrose. Alles soll so schn werden wie frher, und du
mtest glauben, da die ganze Zwischenzeit ein bser Traum gewesen sei.
    Gottlieb drckte stumm die Hand seines Freundes. Und du, Mongo? fragte er
nach einer lngeren Pause, was ttest du?
    Der Neger schttelte den Kopf. Ich habe einen Sohn, sagte er, und wenn
die Summe nur klein wre, so mte sie fr ihn sein, - fnde ich jedoch Schtze,
dann sollten sie meinen armen Unglcksbrdern zugute kommen, dann wrde ich in
Afrika Schulen errichten und das Volk frei machen. Dahomey mte ein zweites
Liberia werden.
    Gottlieb legte die Hand ber die Augen und blieb lange stumm. Lat's gut
sein, brachte er endlich hervor. Wenn uns Gott nur so viel schenkt, da wir
unser tglich Brot haben und ein paar Taler zurcklegen knnen.
    Und der Eisenbahnzug donnerte ber Berg und Tal. Die Herbstluft wehte
spielend gelbe Bltter in den Wagen, und die Herzen der Reisenden schlugen
schneller mit jeder Station, die hinter ihnen zurckblieb.
    Nur ein Gedanke erfllte alle: Gold!

                                  In den Minen


Eine Minenstadt in den Golddistrikten von Kalifornien ist etwas so ganz anderes,
als sonst ein Ort oder berhaupt ein Wohnsitz zivilisierter Menschen, da fr
das Verstndnis des folgenden erst einige Erklrungen notwendig sind.
    Nicht um zu bleiben und fr ihre Familien eine Heimat zu grnden, kommen die
Menschen hierher, nicht um den Boden urbar zu machen und zu bebauen, arbeiten
sie, sondern nur um der Erde ihre Schtze zu entreien und auf der Suche nach
neuem Gewinn immer weiterzuziehen. Man wagt und hofft, anstatt zu wissen, man
wandert, anstatt zu wohnen, man setzt alles auf eine Karte und spart seine
Krfte nicht, um sein Glck zu finden.
    Nach diesem Grundsatz gestaltet sich hier das uere Leben. Ein paar Bretter
werden notdrftig zu einem Haus zusammengeschlagen, das unentbehrliche Gert aus
Blech und Eisen hineingebracht, ein Bett aus Wolldecken auf dem Fuboden
hergerichtet und zum Selbstschutz gegen Diebe die erforderlichen Manahmen
getroffen, - dann ist das Heim des Goldsuchers fertig. Seine Familie hat er
meist in der nchstgelegenen Stadt zurckgelassen, seine Gesundheit darf er
nicht schonen, sein Leben mu er stndlich aufs Spiel setzen, aber - wenn ihm
das Glck gnstig ist, so kann er nach kurzer Zeit in die zivilisierte Welt
zurckkehren und als gemachter Mann knftig sein Leben genieen.
    Das Ziel lockt Tausende an; wo einer erliegt, da treten zehn andere an seine
Stelle, wo einer einen reichen Fund gemacht hat, da folgen ihm Unzhlige, um das
gleiche Glck zu finden, aber dennoch gelingt es im allgemeinen nur wenigen, mit
leichter Mhe zu einem betrchtlichen Vermgen zu kommen.
    Die Straen einer solchen Goldstadt sind keineswegs planmig angelegt,
gepflastert oder sogar beleuchtet, es gibt keine Brgersteige und keinen
Polizeischutz. Davon findet man keine Spur. Zwei tiefe Grben von etwa
anderthalb Meter Breite durchziehen in ihrer ganzen Lnge die Strae, und die
Erdwlle zu beiden Seiten dienen als Fuweg. An starkbelebten und daher
plattgetretenen Stellen luft der Verkehr so ziemlich, wo aber nach der Laune
irgendeines Miners ein Quergang etwa bis vor die Tr des nchsten Hauses
angelegt worden ist, wo der Regen sich zum Tmpel angesammelt oder die gehufte
Erde einen Hgel gebildet hat, da hrt einfach die Verbindung auf, und wer
hinber will, der mu selbst sehen, wie er es am besten anstellt.
    Der Miner bezahlt fr jeden Liter Wasser, den er fr seine Arbeit braucht,
zwischen zwanzig bis fnfzig Cent, er hat das Recht, berall nach Gold zu
suchen, aber er luft Gefahr, vielleicht umsonst zu graben und umsonst sein
kleines Betriebskapital verschwendet zu haben - alle diese Dinge machen ihn
rcksichtslos und hart; er verfolgt die gelben Krner, und wre es bis unter das
einstrzende Haus des nchsten Nachbarn, er kmmert sich um keinen, und keiner
kmmert sich um ihn.
    Als Schutz gegen die zahllosen rohen und gesetzlosen Menschen, die sich in
den Golddistrikten sammeln, hat jeder nur die Kraft seiner Fuste, die
Sicherheit seiner Augen. Der Amerikaner ist durchweg self-made-man, er hat
sich durch eigene Kraft emporgearbeitet und braucht die Waffe ohne lange zu
zgern.
    Das alles ist Grundbedingung, ist die alleinige Existenzmglichkeit in den
Minenstdten, wo sich der Auswurf aller Lnder sammelt. Das Leben macht den
einzelnen Menschen roh, es stumpft die edleren Eigenschaften seines Charakters
ab und lt von dem, was er vielleicht frher in besseren Verhltnissen gewesen
war, wenig oder nichts mehr brig.
    Wo der Revolver im Grtel steckt und das Messer ebenso zum Brotschneiden wie
zum Selbstschutz verwendet wird, da hrt der Begriff Gemtlichkeit vollstndig
auf, da stockt sozusagen das innere geistige Leben, und nur das Soll und Haben
scheint noch einer wirklichen Beachtung wert.
    Die Minenstdte und ihre Bewohner bilden eben Ausnahmen, bei denen kein
Mastab des gewhnlichen, tglichen Lebens angelegt werden kann.
    Auch die drei Freunde hatten eine schwere Zeit, bis sie sich einigermaen an
den rauhen Ton von Lenchi, so hie die Minenstadt, gewhnen konnten. Der Ort lag
fast vllig in der Wildnis, er war von der letzten Eisenbahnstation aus nur auf
Maultieren oder Eseln in mehreren Tagen erreichbar und stellte kaum den ersten
Anfang einer bewohnten Kolonie dar. In Idaho, dem ursprnglichen Ziel ihrer
Reise, hatte man den Goldsuchern gesagt, da in Lenchi bedeutend bessere
Aussichten bestnden, weshalb sie unter Aufopferung der letzten baren Mittel die
lange Maultierreise unternahmen und erst nach weiteren sechs Tagen an ihrem
Bestimmungsort anlangten.
    Robert war so ziemlich in seinem Element, aber der arme Gottlieb litt wie
ein Mrtyrer. Whrend der ersten Nacht wanderte er ruhelos wie ein irrendes
Gespenst durch das hlzerne Haus, in dem sie Quartier genommen hatten, jeden
Augenblick vor Schreck zusammenfahrend, jeden Augenblick darauf gefat, da der
Sturm, der ber die Wlder dahinfegte und sogar durch die zahllosen Spalten der
Bretterwnde bis in das Haus hineinfuhr, den ganzen luftigen Bau mit sich
forttragen und zerschellen werde.
    Fast wie der berchtigte texanische Norther brauste dieser Sturm unter
klagendem, langanhaltendem Heulen durch die Wlder, entwurzelte die uralten
Baumriesen und peitschte die Wellen der kleinen Flsse, da sie rings ihre Ufer
weit berfluteten. Am Himmel ballten sich schwarze Wolken, donnernd und chzend
zerrissen Windste die Luft, prasselnd fiel der eisige Regen auf das
Schindeldach.
    Erst einzeln, dann immer hufiger und strker drangen die Tropfen bis in das
Innere des Holzverschlages, der den drei Freunden als Schlafraum diente.
Gottlieb, den die Angst nicht zur Ruhe kommen lie, flchtete mit seinen Decken
in einen anderen Winkel, aber auch hier kamen die pltschernden Fluten nach, und
in stiller Verzweiflung setzte er sich endlich auf den Tisch - schlafen konnte
er ja doch nicht.
    Robert und Mongo waren ganz anders als er. Sie hatten ihn ausgelacht, als er
von seinen Befrchtungen sprach, und schliefen jetzt ungestrt weiter, obgleich
der rcksichtslose Regen an ihren Kleidern herabrieselte und von oben in ihre
Stiefel eindrang. Gottlieb sa regungslos auf dem weien, grobgezimmerten Tisch.
Seine Gedanken wanderten zu dem abgebrannten kleinen Krmerhaus seiner Eltern;
von Zeit zu Zeit wischte er die Trnen aus den Augen, obwohl kein Laut verriet,
da er sich zum Sterben unglcklich fhlte.
    Nur wenn im Wald ein Coyote sein wildes Geheul erschallen lie, wenn ein
Raubvogel kreischend ber das Dach flog oder ein gehetztes Tier flchtig an der
dnnen Wand vorbeihuschte, fuhr er jhlings auf, um zu horchen. Der Schwei
brach ihm aus, der Atem stockte, die Hnde hoben sich abwehrend, bis wieder
alles in die frhere Stille zurcksank und er den Faden seiner Gedanken fast
unbewut fortspinnen konnte.
    Die beiden andern schliefen, Robert nahm, wie wir wissen, die Dinge nie von
der schweren Seite, und Mongo war zu sehr an die Wechselflle des Lebens
gewhnt, als da ihn irgend etwas htte um seine Nachtruhe bringen knnen. Erst
gegen Abend hatte man den Ort erreicht, mit genauer Not ein Unterkommen gefunden
und im allgemeinen von den Goldgrbern nur Klagen gehrt - man mute sich also
strken, um morgen den Kampf mit einer fremden Welt festen Fues aufnehmen zu
knnen, und dazu gehrt vor allen Dingen ein ruhiger Schlaf.
    Soviel Lrm und Toben die Htte auch umgab, es strte niemand auer dem
armen Gottlieb, der sich an diese halbwilden Verhltnisse durchaus nicht
gewhnen konnte und dessen Einbildungskraft dauernd damit beschftigt war, neue
Schreckensbilder heraufzubeschwren. Bald glaubte er drauen das Schnaufen eines
Bren deutlich zu unterscheiden, bald dachte er an einen Bffelzug, der sich
natrlich gerade ber diese Htte dahinwlzen wrde, und ein anderes Mal glaubte
er sogar zu fhlen, wie der Sturm die Wnde bog. Es waren Hllenqualen, die er
whrend dieser ersten Nacht im Goldlande ausstehen mute.
    Und als der neue Tag anbrach, begannen die Schwierigkeiten. Es muten
Gummistiefel zu hchsten Preisen auf Kredit gekauft werden, ebenso Hacke und
Schaufel. Der einzige Hndler am Ort berechnete die unverschmtesten Preise,
aber die drei Freunde konnten froh sein, da er ihnen berhaupt die Bezahlung
stundete; sie wren ohne ihn vollstndig auerstande gewesen, irgendeine Arbeit
zu beginnen.
    Das Wasser kostete hier in Lenchi kein Geld, aber dafr gab es auch nur
einen wilden Gebirgsbach, dessen herabstrzende Arme die Goldwscher ihren
Gngen zuleiteten und so ihrer Arbeit dienstbar machten. Die Freunde konnten
jetzt whlen, ob es ihnen vorteilhafter schien, selbst eine Mine anzulegen,
vielleicht zufllig an ganz goldarmer Stelle, oder ob sie in dem schon als
metallhaltig erkannten Gang eines frheren Besitzers die Erlaubnis zum Graben
bezahlen wollten. Der Hndler lieh auch Gelder gegen hundert Prozent Zinsen - er
bot sogar Summen unaufgefordert an.
    Wir nehmen es! rief Robert. Zu verlieren haben wir nichts, kann es uns
also schaden? Da wir mittellos sind, wei der Mann ja, er handelt also
freiwillig und darf sich spter nicht beklagen.
    Wir nehmen das Geld, meinte auch Mongo, und legen dann unsere eigene Mine
an. Wenn der Schelm nicht wte, da hier das Geld nur aufgehoben zu werden
braucht, so wrde er uns keinen Cent borgen, darauf verlat euch.
    Robert nickte. Ganz meine Meinung, fgte er hinzu.
    Gottlieb allein schttelte den Kopf. Die schweren Zinsen knnen wir nicht
tragen, erwiderte er. Man sollte lieber den Betrger anzeigen.
    Mongo lachte lustig. Wo denn? fragte er. Etwa bei den Tieren im Walde,
oder bei den Goldwschern, die er vermutlich alle in seinen Klauen hlt?
    Gottliebs kaufmnnisches Gewissen emprte sich immer mehr. Solche
Blutsauger, sagte er heftig, solche Halsabschneider. Es ist eine Schande, mit
ihnen zu verkehren. Wenn ich dem Hndler hundert Prozent verspreche, so stehle
ich dies Geld meinen Eltern.
    Robert zuckte die Achseln. Tust du es nicht, Gottlieb, so wirst du
vielleicht nie imstande sein, ihnen einen einzigen Taler zu geben. Was ist nun
schlimmer?
    Ihr seid also entschlossen? fragte Gottlieb.
    Wir mssen, Kind, nickte der Neger.
    Und noch am selben Tage wurde der Handel abgeschlossen. Zhneknirschend
unterschrieb Gottlieb den Wechsel, der ihn verpflichtete, nach drei Monaten die
Summe von einhundert Dollar an Samuel Ekiwa zurckzuzahlen, wofr ihm die Hlfte
dieses Geldes bar ausgezahlt wurde. Robert und Mongo schlossen denselben
Vertrag. Dann pachteten sie von einem Minenbesitzer das Recht auf bestimmte
Strecken der Rinne, und die Arbeit begann.
    Robert, als der Krftigste und Entschlossenste, lockerte die Erde mit der
Hacke, Mongo suchte die Steine heraus, und Gottlieb schttelte die nasse Erde
durch das Sieb, einem Holzrahmen mit darbergespanntem Wolltuch, in dem sich die
Goldkrner festsetzten.
    Er jubelte laut, als Samuel Ekiwa den Ertrag des ersten Arbeitstages auf
zwanzig Dollar abschtzte. Das ergab ber sechs Dollar fr jeden, whrend doch
die tglichen Ausgaben fr Lebensmittel nach seiner Meinung hchsten fnfzehn
Groschen deutschen Geldes betrugen. Ich jedenfalls kann damit gut auskommen,
versicherte er, und wenn - -
    Das spttische Grinsen des Hndlers unterbrach den angefangenen Satz. Sie
essen doch im Store (Gasthaus), nicht wahr, Sir? fragte Ekiwa.
    Gottlieb bejahte. Ein Glas Bier und Brot zum Frhstck, erwiderte er,
schon Schlimmes ahnend, dann ein Mittagessen, Kaffee, und am Abend Tee mit
Brot. Das kann hchstens fnfzehn Groschen kosten.
    Der Hndler zog seine Schultern bis an die Ohren empor. Ich werde Ihnen die
Preise in den Minenstdten nennen, antwortete er mit halbgeschlossenen Augen,
whrend er an den Fingern zhlte. Da ist das Glas Bier von heute morgen mit
einem Vierteldollar, da ist -
    Um Gottes willen! unterbrach ihn Gottlieb schreckensbleich, was sagen
Sie? Das kleine Glas Bier sollte -
    Einen Vierteldollar kosten, ja, ergnzte Ekiwa. Das Brot mit Butter einen
halben Dollar, das Mittagessen drei Dollar, das -
    Um Gottes willen, ist man denn einer Ruberbande in die Hnde gefallen?
    Das Bier und Brot wie am Morgen, fuhr der Hndler fort der Kaffee
auerdem einen halben Dollar. Was wollen Sie, Sir, man mu alle diese Dinge
bermig teuer kaufen, man zahlt fr die Fracht allein schon fnfzehn Cent Gold
fr das Pfund, und zwar auf eine Entfernung von vierhundert Meilen. Das
berechtigt den Verkufer, seinen Verdienst ebenso hoch anzusetzen.
    Gottlieb rechnete im Stillen. Also vier Dollar Zeche fr einen Tag, an dem
er keine Zigarre geraucht, kein Stck Kse zum Brot gegessen, keinen Schluck
Branntwein getrunken hatte. Vier Dollar! Was blieb ihm von seinen sechs, die er
im Geiste schon als ungeheuren Reichtum angesehen hatte, wenn nun auch noch die
Kosten fr Wohnung, Wsche und Schuhzeug hinzukamen?
    Wie ist es denn mit der Miete? fragte er ganz ratlos. Was kostet hier ein
Paar neue Stiefel?
    Der Hndler zuckte die Achseln. Miete ist wenig, erwiderte er, damit lt
sich kein Geschft machen, weil jeder vernnftige Mensch sein Haus selber baut.
Stiefel kosten fnfundzwanzig Dollar, Strmpfe einen Dollar.
    Herr des Himmels, das ist unerhrt, chzte Gottlieb.
    Hier mischte sich Robert in das Gesprch. Ein Haus sollten wir uns bauen,
Sir?, fragte er. Darf man denn das hinstellen, wo es einem gefllt?
    Ekiwa nickte. Hier in Lenchi, ja, sagte er. Das Land gehrt der
Regierung, das Holz liefert der Wald, und das Gert borgt man. Nur die Ngel
mssen Sie von mir kaufen.
    Gottlieb sah auf. Zu welchem Preis, Sir?
    Das Stck fr einen Vierteldollar, mein junger Freund.
    Mein Gott. Der Nagel zu acht Pfennig ist in Deutschland der teuerste.
    Der Hndler zog ein verdrieliches Gesicht. Warum sind Sie nicht dort
geblieben, wo alles so viel besser und billiger ist als hier? fragte er.
    Lassen Sie uns die Rechnung abschlieen, Sir, drngte Robert. Vier Dollar
braucht man am Tag, um sich satt zu essen, einen fnften fr Wohnung und
sonstige Kleinigkeiten - also behalten Sie den berschu zur langsamen Tilgung
unseres Wechsels. Aller Anfang ist schwer, das mssen wir bedenken, ehe wir uns
ber die ungnstigen Verhltnisse beklagen.
    Ekiwa nickte lebhaften Beifall. Very well! rief er, Very well, Sir! Seid
gerade der Mann, wie ihn Amerika braucht. Habt Kopf und Fuste auf der rechten
Stelle. Mt euch nchsten Sonntag, wenn nicht gegraben wird, ein Haus bauen,
ein paar Decken kaufen und euch Sthle und einen Tisch zimmern. Umgebrochene
Baumstmme findet ihr berall.
    Die beiden andern wandten nichts ein, und so wurde der Handel zum Abschlu
gebracht. Whrend der ganzen Woche arbeiteten die drei Freunde vom Morgen bis
zum Abend, ohne jedoch mehr als zwischen achtzehn und vierundzwanzig Dollar zu
verdienen. Sie konnten also noch nichts zurcklegen und muten sogar die fr den
Hausbau erforderlichen Ngel auf Kredit kaufen. Robert aber behielt seinen
unzerstrbaren Mut. Er freute sich wie ein Kind auf den Sonntag, wo der Hausbau
beginnen sollte, und war glcklich, als er mit Mongo hinauszog in den Wald, um
Pfhle und Balken zu schneiden.
    Gottlieb mute unterdessen den Bauplatz von Gras und Buschwerk reinigen, das
Gert borgen und die Beschlge fr Fenster und Tren kaufen. Wir knnen ihn
hier doch nicht brauchen, hatte Mongo gesagt. Jeden drren Ast wrde er fr
eine Klapperschlange halten und jeden Hund fr einen heranschleichenden Wolf.
    Und die beiden zogen los. Der Herbst frbte das Laub in gelben und roten
Schattierungen, die meisten Blumen waren verblht, das Moos am Boden zeigte das
tiefdunkle Grn, das dem Verdorren vorangeht, und der Wind wehte schon
empfindlich khl von den Felsengipfeln herab. Aber diese Zeit ist eine der
schnsten des ganzen Jahres. Die Sonne vergoldet eine Farbenpracht, wie sie der
Frhling nicht aufzuweisen hat, ihre Strahlen erwrmen, ohne zu brennen, ihr
Licht fllt gleichsam halbverschleiert aus weiem Gewlk herab, und die Luft ist
erfllt von wrzigem Tannenduft.
    Mongo und Robert folgten dem Lauf eines der kleinen Flsse, von denen das
Goldland wie von einem vielarmigen Netz durchzogen ist. Alles war still wie in
einem weiten Dom, nur ab und zu scho irgendein Tier durch das Gebsch oder
schallte der Kriegsruf des Falken durch die Luft. Am Ufer blhte noch das
Vergimeinnicht; die Vogelbeere neigte ihre reifen Frchte an schwankenden
Zweigen ber das Wasser herab, und hohes Schilf fllte die Buchten. An einer
Stelle war eine uralte, der Lnge nach vom Blitz gespaltene Eiche quer ber das
Flchen gefallen und bildete eine Brcke, auf der Robert mit Vergngen
herberbalancierte.
    Erst ein Bad, Mongo, sagte er, ich kann nicht widerstehen.
    So spring hinein, junger Spitzbube, ich werde unterdessen ein paar Bume
aussuchen, die wir als Eckpfhle brauchen knnen.
    Und Mongo begann einige besonders schlanke Tannen fr seinen Zweck
auszuwhlen, dann nahm er die Axt von der Schulter und hieb tapfer hinein. Du,
sagte er, das Brettersgen bleibt uns erspart. Der Wirt aus dem Store will uns
mehrere alte Packkisten billig berlassen, damit knnen wir die Wnde
beschlagen. Schindeln fr das Dach sind uns zu teuer, wir nehmen Bretter und
decken Erde darber.
    Brr! rief Robert. Ich kenne das von meiner Robinsoninsel her. Beim
nchsten Regen trufelt dir der Schlamm ins Gesicht.
    Gut, dann mssen wir eben auf die Jagd gehen, um uns Felle zu verschaffen.
Das bloe geteerte Segeltuch, wie es die meisten Htten haben, wird sehr bald zu
kalt sein.
    Robert sprang ans Ufer und lie sich von den Sonnenstrahlen trocknen. Ja,
der Winter, sagte er nachdenklich. Wenn uns nun die Quelle, mit deren Wasser
wir arbeiten, zufrieren sollte, Mongo, was dann?
    Dann schlagen wir dem Hndler ein Schnippchen und werden Trapper.
    Robert sah den Neger ratlos an. Trapper, Mongo, was ist das?
    Ein wandernder Jger, Bob. Diese Mnner wohnen nirgends, aber sie haben
berall Freunde, selbst unter den Indianern, sie kennen die Wildnis wie ihre
eigene Tasche und besitzen in Hhlen oder sonstigen Verstecken Niederlagen, wo
sie ihre erjagten Pelze und Felle aufbewahren, bis sie im Herbst und Frhling
nach der nchsten Station geschafft und an reisende Hndler verkauft werden. Fr
das Geld kauft sich der Trapper Waffen, Schiebedarf, lederne Kleider und
Stiefel. Sein Dach ist der blaue Himmel, sein Bett das Moos des Waldes, seine
Nahrung die erlegten Tiere.
    Robert hatte sich whrend der Worte des Negers wieder angezogen und hieb
jetzt mit wuchtigen Streichen gegen den zweiten Baum. Hast du solche Trapper
kennengelernt, Mongo? fragte er.
    Oh, mehr als einen, Bob, aber es ist schon lnger her. Es sind meistens
verwegene Kerle, die Gott und den Teufel nicht frchten, hufig auch Verbrecher,
die sich in die Wlder flchteten, um dort unter angenommenem Namen ihrer Strafe
zu entgehen. Natrlich gibt es auch ehrliche Leute darunter.
    Robert seufzte. Ich mchte es nicht, antwortete er nach lngerer Pause.
Mongo, wie ich mich nach dem Wasser sehne, davon machst du dir keinen Begriff!
    Jetzt schon? Das mut du um Gottliebs willen bekmpfen, Bob. Was sollte
denn ohne uns aus dem armen Jungen werden.
    Robert lchelte. Ja, ja, Mongo, ich wei es und will auch geduldig
aushalten. Nur darf ich kein Wasser sehen, das macht mich jedesmal ganz
traurig.
    Mongo hatte keine Zeit, den letzten Satz zu beantworten. Der Baum, an dem er
arbeitete, neigte sich und mute, bevor er fiel, gesttzt werden, um nicht mit
der Krone in den benachbarten Zweigen hngen zu bleiben. Beide Mnner strengten
ihre Krfte bis zum uersten an, und bald darauf lag der erste Pfeiler des
knftigen Hauses zu ihren Fen. Ehe eine Stunde verging, folgte der zweite, die
ste und Kronen wurden abgehauen, die Stmme zusammengebunden, und dann setzten
sich Mongo und Robert auf die gestrzte Eiche, um erst einmal zu frhstcken.
Das Brot ohne Butter und das dnne Bier schmeckten nach getaner Arbeit
vortrefflich, die Unterhaltung drehte sich um ihre Hoffnungen und Aussichten,
und fr das Vergngen sorgten die Vgel, die vertraulich nherkamen, um vor den
Fen der beiden Goldsucher die herabgefallenen Brotkrumen vom Boden
aufzupicken.
    Aus den nchsten Zweigen lugte ein Eichktzchen hervor, Frsche quakten im
Uferschilf, und hier und da glitt eine Schlange durch das Moos.
    Robert beobachtete alles. Ob hier wohl noch ein berfall wilder Tiere
mglich wre? fragte er. Und ob es giftige Schlangen gibt?
    Mongo schttelte den Kopf. Vielleicht whrend der Nacht, erwiderte er,
oder einige fnfzig Meilen hinter den letzten Minen. An giftigen Schlangen gibt
es nur - aber selten - die Klapperschlange. Wir haben, glaube ich, durchaus
nichts zu befrchten und sind ja auerdem bis an die Zhne bewaffnet. Gewehr,
Revolver, Dolchmesser - das sollte wirklich gengen, selbst wenn uns ein Wolf
oder ein Br die Ehre erweisen sollte. Du streckst ja brigens diese Sorte mit
der bloen Faust nieder, junger Spitzbube.
    Robert lachte. Nicht bertreiben, Mongo, erwiderte er. Der ausgehungerte
Wolf verlor auf dem haarscharfen Felsgrat durch meinen Faustschlag das
Gleichgewicht und strzte ab, das ist alles.
    Ja, ja, nickte der Neger, ich wei schon - mich lieest du dein Blut
trinken, du guter Kerl. Das bin ich dir immer noch schuldig.
    Unsinn! Hattest du mich nicht aus dem Wasser herausgefischt? Und brigens,
mu das unbedingt auf Gegenseitigkeit beruhen?
    Mongo bot ihm den Rest aus der Bierflasche. Auf gegenseitiger Freundschaft
und Treue, ja! erwiderte er freundlich.
    In diesem Augenblick tnte ganz aus weiter Ferne ein Hilferuf. Es klang, als
wenn jemand in Todesnot seine letzten Krfte zusammennahm und mit versagender
Stimme einen einzigen Namen hervorstie: Robert! - Robert!
    Die beiden Freunde sprangen wie elektrisiert von ihren Sitzen auf. Einer sah
den andern an. Was war das?
    Und wieder hrte man: Robert! - Mongo! -
    Du, man ruft uns.
    Das ist Gottlieb, fgte Robert hinzu. Was mag er haben?
    Jedenfalls mssen wir ihm aber doch antworten. La uns nur erst genau die
Richtung seiner Stimme erkennen.
    Beide horchten, aber schon in den nchsten Minuten wiederholte sich der
verzweifelte Schrei, jetzt aber viel nher, so da sich deutsich erkennen lie,
auf welchem Weg der Flchtende in den Wald hinein und den vermiten Freunden
entgegenlief.
    La uns antworten, rief Robert, und dann legten beide die Hnde hohl vor
den Mund. Ein zweistimmiges, langgedehntes Hier! schreckte alle Vgel in der
Nhe auf. Selbst die Frsche lieen ihren Gesang einen Augenblick verstummen.
Stille folgte dem schallenden Ausruf.
    Das hat er gehrt! sagte endlich Mongo. Aber was in aller Welt kann ihn
denn so auer Fassung bringen, - ich begreife es nicht.
    Vielleicht doch ein wildes Tier! meinte Robert etwas bedenklich. Wir
knnen uns ja auf alle Flle vorbereiten.
    Und beide nahmen die geladenen Gewehre in Anschlag. Alles blieb still, kein
weiterer Hilferuf war zu hren, aber in einiger Entfernung knackten die Bsche,
als ob ein Mensch oder ein Tier gewaltsam hindurchbrach.
    Mongo legte den Finger auf die Lippen. Pst! raunte er. Wir knnen ja
nicht wissen, ob es Gottlieb ist oder vielleicht ein Feind, der ihn verfolgt.
    Das sollte sich jedoch sehr bald klren. Die Stimme des jungen Pinnebergers
unterbrach mit lautem Angstschrei die Stille, und dann folgte erneut der
klgliche Ruf: Robert! - Mongo! - Wo seid ihr?
    Hier! Hier! antworteten beide. Gottlieb, was fehlt dir?
    Schiet nicht! tnte es in grter Herzensangst zurck.
    Schiet um Himmels willen nicht, ich bitte euch!
    Wieder sahen sich Mongo und Robert voll Erstaunen an. Was bedeutete das
alles?
    Jetzt aber hrte man in nchster Nhe die Schritte des jungen Menschen. Eine
Minute spter erschien Gottlieb auf der kleinen Lichtung am Flu, berblickte
atemlos die Umgebung und floh dann unter die Wurzeln des Eichenstammes, wo er
sich wie ein Dachs zusammenkauerte.
    Rettet euch! schrie er, rettet euch! - Ein greuliches Untier verfolgt
mich und wird gleich hier sein. Auf die Bume, um Gottes willen auf die Bume!
    Robert unterdrckte mit Mhe ein Lachen, das ihn berkam. Er und der Neger
sahen nach allen Seiten, aber ohne von einem Ungeheuer das Allergeringste
entdecken zu knnen. Gottlieb, rief der junge Matrose, so sei doch
vernnftig. War es ein Br, den du gesehen hast?
    Ein Br? Nein, das glaube ich nicht, oder vielmehr wei ich genau, da es
keiner war. Aber um Gottes willen, rettet euch doch.
    Wie sah denn das Tier aus? rief ungeduldig der Neger.
    Grlich! tnte es unter den Baumwurzeln hervor. Es hat Augen wie Kohlen,
ist grau, mit einem furchtbaren Horn und teuflischen, mrderischen Augen.
Gesehen habe ich es nicht ganz, sondern nur teilweise, aber das greuliche
Stampfen und Schnaufen klingt mir noch in den Ohren.
    Robert und Mongo wuten nicht mehr, woran sie waren. Auf welches Tier htte
denn diese seltsame Beschreibung passen knen?
    Es hat dich verfolgt, Gottlieb? fragte Robert.
    Ja. Ich ging in den Wald, um euch zu suchen und zu helfen, da brach es aus
den nchsten Bschen hervor, und zwar so nahe, da mich der glhende Atem
streifte, da ich sekundenlang das entsetzliche Horn an meiner Schulter sprte.
Ihr knnt euch denken, wie schnell ich weglief, aber das Untier war mir immer
auf den Fersen. Nur einmal sah ich mich um, - ein Gebsch war zwischen ihm und
mir - aber da erkannte ich eine Riesengestalt, greuliche Augen -
    Hilf Himmel! unterbrach er seine Beschreibung, dort kommt es! Rettet
euch! - Rettet euch! -
    Und schnell kroch er noch tiefer unter die Baumwurzeln. Robert und Mongo
nahmen ihre Gewehre wieder in Anschlag.
    Ein Gebsch in der Nhe des Flusses bewegte sich, als ob der Wind sehr stark
wehte. Die Zweige zitterten und krachten, aber kein Tier kam zum Vorschein.
    Mongo, rief Robert, leben hier herum Affen?
    Bist du nicht gescheit, Junge? Gehrnte Affen?
    Ja - wer wei denn, was Gottlieb in seiner Angst gesehen hat.
    Der Neger ging mit vorgehaltenem Gewehr auf den Busch zu. Ich will doch
sehen, was dahinter steckt, sagte er kurz entschlossen.
    Mongo! schrie Gottlieb, Mongo, um Gottes willen, nachher bin ich dein
Mrder. Geh nicht hin, ich bitte dich um alles in der Welt, geh nicht hin!
    Doch der Neger lie sich nicht irre machen. Er brummte etwas, wobei man das
Wort Hasenfu߫ ziemlich deutlich heraushrte, und dann drang er vor.
    Im selben Augenblick teilte sich das Gebsch. Ein Tier von etwa anderthalb
Meter Lnge und fast einem Meter Gre sprang mit solcher Wucht dem Schwarzen
entgegen, da er kopfber ins Gras kugelte, whrend Robert nur durch seine
bewunderungswrdige Gelenkigkeit einem gleichen Schicksal entging. Der
unvermutete Angreifer stand mit gesenkten Hrnern kampfbereit vor dem Platz, an
dem eben noch sein zweites Opfer gestanden hatte. Gottlieb schrie vor Angst, der
Neger sah sich halbsitzend voll Verwunderung um, und Robert lachte, was er
konnte. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden.
    Mongo war der erste, der wieder sprach. Nun, sagte er rgerlich und sich
den Rcken mit der flachen Hand reibend, was ist denn das fr ein Unsinn?
    Das Tier stie ein kurzes Schnaufen oder Prusten aus. Es scharrte mit dem
Vorderfu im Grase.
    Robert lachte immer noch. Ein Moufflon! rief er, - ein Schafbock! - Das
ist ja zum Totlachen!
    Aber die beiden andern teilten keineswegs seine Heiterkeit. Mongo stand auf
und ballte gegen den Bock die Faust, so da das Tier mit einem pltzlichen
Niesen etwas zurckwich: Warte rief er, du sollst das Vergngen, mich in den
Sand gestreckt zu haben, mit dem Leben ben.
    Gottlieb war zgernd bis an den Rand der Baumwurzeln vorgekrochen. Das Wort
Schafbock hatte ihn beschmt, aber dennoch flten ihm die beiden Hrner
erhebliche Furcht ein. Robert, fragte er verwirrt, hltst du das Tier fr
gutmtig?
    Der wischte die Lachtrnen aus den Augen. Gottlieb, rief er, hat dich
denn nie in Pinneberg ein Schafbock verfolgt? Weit du nicht, da diese Tiere
ebenso mutig wie furchtsam sind? Dieser groe Kerl hat spielen wollen, weiter
nichts.
    Spielen? Unmglich!
    Dann schau her.
    Und Robert kraute mit der Rechten die Stirn des Bockes, der sogleich seine
Kampfstellung aufgab und zum Zeichen grter Zutraulichkeit leise den Schweif
bewegte. Mongo, sagte er, schenke ihm das Leben, Alter!
    Aber der Neger war bse. Dummes Zeug, brummte er. Gib ihm eine Ohrfeige,
Bob, damit er fortspringt. Ich mag kein Tier tten, wenn es wie an der
Schlachtbank ahnunglos vor mir steht.
    Robert, der wohl erkannte, wieviel das Fleisch und das Fell des Tieres wert
seien, tat, was Mongo sagte, und der Bock sprang mit lustigen Sprngen ber die
Lichtung. In weniger als zwei Minuten hatte ihn die Kugel des Negers zu Boden
gestreckt. Durch den Kopf geschossen, war er sofort tot.
    So, sagte der glckliche Schtze mit etwas spttischem Ton, so, Gottlieb,
nun komm hervor, mein Kleiner. Dieses Ungeheuer wre unschdlich gemacht, und
vielleicht findest du sogar demnchst Mut genug, das Fell nach Hause zu
schleppen. Ich will den Burschen gleich ausweiden.
    Gottlieb kroch ziemlich geknickt aus seinem Versteck hervor. Ihr mt es
nur nicht allen Leuten erzhlen, bat er. Wirklich, gegen mich war der Bock
sehr bsartig.
    Unter Roberts erneutem Lachen gingen dann alle drei an die Arbeit. Das Haus
sollte vor Abend zum Einzug fertig sein, also hatte man keine Zeit zu verlieren,
sondern mute noch mehrere Stmme schlagen, bevor man in Lenchi mit dem Bau
begann. Whrend Mongo kunstgerecht den Bock zerlegte, fllten die beiden anderen
einige Tannen, und dann wurden die Stmme bis zu dem Lagerplatz geschleift.
Schwer beladen trat man den Rckweg an.
    Der Boden war bereits von Pflanzen und Steinen gesubert, die erforderlichen
Lcher gegraben und die Packkisten herbeigeschleppt. Gottlieb hatte so fleiig
gearbeitet, da die beiden anderen ihr Lob nicht zurckhalten konnten.
    Inzwischen hatten sich mehrere deutsche Goldgrber um den Bauplatz herum
versammelt und besonders den Bock bewundert. Endlich machte einer den Vorschlag,
ein tchtiges Stck des frischen Fleisches sogleich an Ort und Stelle zu braten.
Fr die Beschaffung von Kartoffeln, Mehl, Eiern, Butter, Frchten und Branntwein
sowie Kaffee wollte man eine Sammlung veranstalten und nach gemeinschaftlich
eingenommenem Mahl mit vereinten Krften den Hausbau beginnen.
    Ich liefere den Bratspie! schrie ein riesiger Sachse, und drehen will
ich ihn auch.
    Von mir knnt ihr Blechteller und Messer haben. Und Kuchen backen kann ich
auch, meinte ein anderer.
    Der Dritte trommelte mit den Fusten so lange auf eine Packkiste, bis er
sich Gehr verschafft hatte. Silentium, meine Herrschaften, ich bin ein
Zimmermann und fhre daher in dieser ehrenwerten Versammlung den Vorsitz. Kochen
oder backen ist nicht meine Sache, ebensowenig habe ich Geld oder Hausgert,
aber einen riesigen Appetit auf frischen Braten und einen unlschbaren Durst.
Spter will ich den Bau mit diesen meinen Hnden allein fertig machen. Was sagt
ihr dazu?
    Angenommen! rief Robert. Meine Stimme habt Ihr. Hier sind fnfzig Cent
fr den Einkauf von Lebensmitteln.
    Der Sachse nahm den formlosen Filzhut vom Kopf, warf den ersten Beitrag
hinein und ging nun von einem zum andern, um berall zu sammeln. Ein armer
Handwerksbursche, sagte er, hat in sechs Wochen nichts Warmes im Leibe
gehabt!
    Und Gabe auf Gabe fiel in den Hut. Auch Goldstcke rollten hinein. Dann
entzndete einer ein riesiges Feuer, der andere bereitete den Braten und der
dritte schlte die Kartoffeln, whrend sich der Kuchenbcker mit aufgestreiften
rmeln, Messer und Revolver im Grtel, daran machte, eine Torte anzurhren. Aus
allen Husern wurden Blechgeschirre herbeigebracht, die Packkisten muten, ehe
sie als Wnde ihr Dasein beschlossen, vorher als Sitzgelegenheiten dienen, und
das geteerte Segeltuch, das die Nsse von dem zuknftigen Dach fernhalten
sollte, lie sich einstweilen ausgezeichnet als Abschirmung gegen die
Sonnenstrahlen verwenden. Jeder wollte dazu beitragen, das so schnell
veranstaltete Fest zu einem gemtlichen Beieinander zu gestalten.
    Und als der Braten seine lockenden Dfte ausstrmte, als der Kaffee dampfte
und die Torte hellbraun und locker aus dem Blechnapf hervorgegangen war, da
klopfte der Zimmermann, der bisher mig im Gras gelegen hatte, wieder auf die
nchste Packkiste. Sein tiefer Ba stimmte eine Weise an, die allen bekannt war.
    Was ist des Deutschen Vaterland? - -
    Und laut und freudig fielen ber zwanzig Stimmen bei der nchsten Strophe in
das alte Heimatlied ein.
    Dann hatte der Koch sein Werk vollendet. Kaum besa er Kraft genug, den
Riesenbraten auf die schnell errichtete Tafel zu heben. Da stand er als wackerer
Feldherr, rings umgeben von Gurken, Kartoffeln, Sauerkraut und Backpflaumen, da
schimmerte im Hintergrund die Torte und dampfte der Kaffeekessel. Alles war
herrlich geraten, alles lockte zum Genu und zur Freude.
    Gottlieb zupfte Robert am rmel. Du, flsterte er, erzhl es diesen
Leuten nicht, wie wir zu dem Braten gekommen sind.
    Robert winkte halb lachend, halb gerhrt. Aber nein, was fllt dir ein?
sagte er.
    Und la auch den Alten nichts ausplaudern, du.
    Ach, Unsinn. Dort ist dein Platz, und nun wollen wir essen.
    Der Braten war zwar sehr schmackhaft, aber er stellte die Kauwerkzeuge der
Festteilnehmer auf eine ziemlich harte Probe, was jedoch weiter kein
Mivergngen, sondern nur einige derbe Scherze hervorrief. Die Goldgrber waren
ja nicht verwhnt, daher wurde auch ein zher Bissen noch mit gutem Appetit
verspeist. Alles brige war tadellos gelungen, die Torte sogar ganz
ausgezeichnet, nur das Tischgert lie manches zu wnschen brig.
    Schwere, fnfzinkige Gabeln sah man am zahlreichsten, die Messer der
Goldgrber muten zum Zerlegen dienen und spitze Holzstbe als Spiee, an denen
Kartoffeln und Fleisch zum Mund gefhrt wurden. Als Nachtischteller fr die
Torte dienten groe Bltter, whrend der duftende Kaffee aus Blechtpfen
getrunken wurde. Zum Schlu machte eine dickbauchige Flasche die Runde.
    Es war drei Uhr nachmittags, als endlich der Hausbau begann. Unter einem
Kreuzfeuer von Scherzworten wurden die Kisten in Bretterhaufen verwandelt; man
rammte die vier Eckpfhle ein, setzte die Trbalken und schlug das Eisen an,
darauf nagelten einige ein Fenster zusammen, andere zimmerten die Tr, und ein
besonders wohlhabender Hamburger, der schon lnger in den Minengegenden lebte,
brachte keuchend unter der schweren Last einen Ofen, den er feierlich den drei
Freunden zum Geschenk machte. Die Wnde wuchsen unter den vereinten
Anstrengungen der Mnner zauberhaft schnell empor, das Dachgerst wurde
errichtet, - es fehlte jetzt nur noch der berzug aus Segeltuch, und das Haus
war fertig. Diesen Augenblick benutzte der Zimmermann, um auf das Dach zu
klettern und mit einigen Hammerschlgen das Publikum darauf aufmerksam zu
machen, da er eine Rede halten wollte.
    Pst! hie es, er will vom Gerst fallen, strt ihn nicht.
    Aber in Versen! ermahnte einer.
    Die wachsen nicht wild, mein Junge, tnte es vom Dach herab, und
Treibhuser dafr fehlen hier leider. Also - Ladies und Gentlemen! -
    Ladies glnzen durch ihre Abwesenheit, hie es wieder.
    Was uns nicht hindern soll, zuerst auf ihre Gesundheit zu trinken. Ich tue
es fr euch alle! fgte er mit komischer Wrde hinzu, und nahm einen Schluck
aus der Flasche. Unsere Mtter und Frauen, unsere Schwestern und Brute daheim
in Deutschland sollen leben! Eins, zwei, drei - Hurra!
    Und noch einmal - Hurra!
    Jetzt aber die Rede! drngte das Publikum.
    Der Zimmermann rusperte sich. Ein Schafbock war die erste Veranlassung zu
diesem Fest, begann er im Ton eines vortragenden Professors, wir erheben ihn
daher mit Recht zum Schutzpatron des neuerbauten Hauses. Alles, was hier knftig
geschieht, stehe unter seinem Zeichen. Mgen die Eigentmer bestndig in der
Wolle sitzen und von ihren goldenen Errungenschaften gehrig ins Horn stoen
knnen. Mgen sie von allen Schafskpfen gemieden und ihnen der Hammelbraten
immer nahe sein, mge ihnen das Goldene Vlies zuteil werden und Lammesgeduld,
wenn sich der Boden als ausgebeutet erweist. Mgen sie niemals Bcke schieen,
aber vor Freuden Bocksprnge machen und baldigst ihr Schfchen ins Trockene
bringen, vor allen Dingen aber sich durch keinen Fehlschlag ins Bockshorn jagen
lassen.
    Er versuchte eine zierliche Verbeugung und erhob nochmals die Flasche. Ein
Beifallssturm belohnte seine wohlgelungene Rede. Weiter, weiter! rief man von
allen Seiten.
    Der Zimmermann schttelte den Kopf. Nur eins noch! erwiderte er. Ein Hoch
auf unseren Knig Wilhelm, den Schirmherrn von Deutschland!
    Eins, zwei, drei, Hurra!
    Die Flasche flog mit krftigem Schwung nach alter deutscher Sitte ber den
Kopf des Redners ins Gebsch und zersplitterte zu tausend Scherben.

    Mit Einbruch der Dmmerung war das Segeltuch befestigt, Erde darauf geworfen
und der Ofen gesetzt. Die drei Freunde konnten ihren Einzug halten.
    Noch manches Stck Hausgert wurde von den Goldsuchern zur Verfgung
gestellt, drei briggebliebene Kisten ersetzten die Sthle, und einen Tisch
versprach der Zimmermann am nchsten Sonntag zusammenzuschlagen.
    Als sich die Gesellschaft zum Aufbruch rstete, erschien Robert mit einer
frischen Flasche unter dem Arm. Jetzt noch die Taufe, schlug er vor. Straen
gibt es in Lenchi nicht, Nummern also noch viel weniger, daher scheint es das
Beste, jedem Haus einen Namen zu geben. Mongo und Gottlieb, was meint ihr,
wollen wir unsere Wohnung Neu-Pinneberg nennen?
    Die beiden andern waren einverstanden, und der Zimmermann schrieb sofort mit
einem ausgeglhten Feuerbrand den neuen Namen ber die Tr, dann ging die
Flasche reihum, und mit allgemeinem Hndeschtteln trennte man sich.
    Die drei Freunde trugen aus ihrem bisherigen Quartier die Schlafdecken und
was sie sonst besaen herbei, holten frisches Wasser, um am folgenden Morgen den
Kaffee selbst kochen zu knnen, und legten sich endlich schlafen, nachdem sie
noch einmal alle Einzelheiten dieses arbeitsreichen Tages durchgesprochen
hatten. Sie waren nun Hauseigentmer, waren gesund und konnten arbeiten, wenn
auch der Wechsel noch unbezahlt war.
    Es mute um jeden Preis ein grerer Verdienst erzielt werden, sonst rckte
der eigentliche Zweck der ganzen Unternehmung in immer weitere Ferne. Vielleicht
brachte der Winter sogar einen Stillstand der Arbeit, so da neue Schulden zu
den alten kamen. Robert konnte lange nicht einschlafen. Er frchtete sich davor,
Schulden zu haben.
    Zwar wute Samuel Ekiwa, da seine Kunden arme Abenteurer waren, auerdem
hatte er selbst das Geschft vorgeschlagen, aber dennoch drckte Robert der
Gedanke, dem Hndler verpflichtet, ja sogar von ihm abhngig zu sein. Er seufzte
tief. Wenn nun vielleicht der Mann nur aus Eigennutz zum Hausbau geraten hatte,
ja, wenn er sich beizeiten ein Pfandobjekt sichern wollte, um am Verfallstage
die Htte in Beschlag zu nehmen, wenn der Wechsel uneingelst blieb? Robert
frstelte. Du, sagte er leise, Gottlieb, wachst du noch?
    Der junge Kaufmann fuhr auf. Hast du etwas Verdchtiges bemerkt, Robert?
    Nein, nein! Aber gib doch endlich einmal auf, in allen Ecken Gefahren zu
suchen. Ich meine nur, was du - hm, hm, was du so berhaupt von unserer
gegenwrtigen Lage denkst, und ob sie sich nicht ein wenig verbessern liee.
    Gottlieb sttzte sich auf den Ellbogen. Ich hatte einen Plan, flsterte
er, aber die Sache geht nicht. Es gibt hier nur wenige Goldsucher, die sich aus
Ekiwas Hnden schon ganz freigemacht haben, die meisten hlt er an so sicheren
Fden, da es nur auf ihn ankommt, sie tglich und stndlich zu Bettlern zu
machen. Diese Leute arbeiten, um ihre Zinsen zu bezahlen, vom Kapital wird kein
Cent abgetragen. Mit Gewalt kann man also gegen den Hndler nichts ausrichten.
    Das wre wohl auch nicht der richtige Weg, warf Robert ein. Wir haben
freiwillig die Wechsel unterschrieben und sind verpflichtet, sie ordnungsgem
einzulsen.
    Gottlieb schttelte lebhaft den Kopf. Jeden Spitzbuben mu man entlarven
und womglich unschdlich zu machen suchen, rief er. Aber dieser hier ist ein
ganz gewiegter Schlauberger. Er zieht von Minenstadt zu Minenstadt mit den
ersten Goldsuchern im Lande herum und beutet die armen Menschen, die sich noch
nicht recht zu helfen wissen, rcksichtslos aus. Die Leute sagen, da er an
englischen und deutschen Banken schon Tausende hinterlegt habe.
    Robert lachte. Wie der Kaufmann in dir durchkommt, sagte er. Du fhlst ja
gegen diesen Wucherer richtige Erbitterung.
    Gottlieb ballte die Faust. Dieser Schuft, knirschte er. Der ehrliche
Kaufmann kann hchstens fnfzehn Prozent im Durchschnitt verdienen, dieser
Mensch dagegen verdient mindestens hundert. Nein, wenn mein Vater wte, da ich
mit einem Halsabschneider Geschfte mache!
    Jetzt mute auch Robert an seine Eltern denken. Ja, wenn sie ihn hier sehen
knnten, sein Lager auf bloer Erde, die undichten Wnde und das ganze, nach
deutschen Begriffen selbst fr einen Pferdestall ungeeignete Gebude - -
    Es wurde still in dem engen Raum. Die Gedanken wanderten und glitten
unmerklich hinber in das Land des Traumes. Die beiden jungen Menschen waren zu
Hause in Pinneberg, sie erkannten die alte, vertraute Umgebung, sie sahen die
Bilder frherer Tage und wuten nichts mehr von der harten Gegenwart.

    Woche auf Woche verging. Die emsigen Goldwscher verdienten jetzt, nachdem
sie sich in die ganze Art und Weise ihrer neuen Beschftigung hineingelebt
hatten, anstatt der frheren zwanzig Dollar vielleicht fnfundzwanzig und
manchmal auch dreiig, sie lebten zurckgezogen wie die Mnche, berechneten
jeden Groschen und nutzten jede Stunde, aber die Aussichten fr die Zukunft
wurden nicht besser.
    Der Wechsel war zwar bezahlt, die Stiefel aber muten durch neue ersetzt
werden, und die alten Kleider reichten fr die kltere Jahreszeit nicht mehr
aus. Nachdem das Unentbehrlichste angeschafft war, blieb kein Cent mehr brig.
Gottlieb konnte, obwohl er jetzt schon seit sechs Wochen in den Goldminen lebte,
doch seinen Eltern nicht das Allergeringste schicken, und Robert hatte keinen
Dollar im Kasten, wenn auch beide zwlf Stunden lang tglich arbeiteten.
    Der Hndler sagte, da ihnen das Glck auerordentlich gnstig sei. Mancher
msse jahrelang Schulden ber Schulden machen und knne endlich nur noch die
Zinsen bezahlen. In den Goldstdten gebe es keine sichere Lebensgrundlage,
sondern eben nur ein Wer wagt, gewinnt!
    Und so wurde unermdlich fortgearbeitet, zuletzt, als die Tage krzer
wurden, beim Schein eines groen Feuers, das vom Rand der breiten Waschrinne bis
in die Tiefe hinab seine roten, zuckenden Lichter warf. Wie Kobolde, wie die
Heinzelmnnchen aus dem Mrchen erschienen dort unten die dunklen Gestalten mit
den schweren, bis ber die Knie reichenden Stiefeln und dem eng anliegenden
Bergmannsanzug aus Leder. Unermdlich schleuderte Mongo die Steine auf den
oberen Rand, unermdlich hackte Robert und sichtete Gottlieb, aber Woche auf
Woche verging, das ersehnte Glck blieb aus, der groe Klumpen Goldes, von dem
jeder Wscher trumt, den er hinter jeder Erdscholle vermutet - wurde nicht
gefunden.
    Mongo trug nach Feierabend beim Mondschein sorgfltig die
herausgeschaufelten Steine nach Neu-Pinneberg und errichtete dort um die
hlzernen Wnde herum eine Art Schutzwall, bei dem er zwar lediglich an die
kommende Winterklte dachte, den aber Gottlieb mit groer Freude wachsen sah,
weil er nach seiner Meinung Schlangen und Kriechtiere von der Wohnung fernhielt
und Raubtieren den Zugang sehr erschwerte. Du solltest uns auch ein Drahtgitter
flechten, Alter, sagte er, und eine Eisenstange wollen wir quer vor die Tr
legen. Wenn hier nicht alles so teuer wre, htte ich frs Leben gern einen
Hund.
    Ach, du bist ein Angsthase, das nimm mir nicht bel. Solltest lieber, um
etwas Mut zu bekommen, morgen mit uns auf die Jagd gehen.
    Gottlieb erschrak. Auf die Jagd? wiederholte er. Ich danke!
    Und dabei blieb es. Er lie sich kein Gewehr in die Hand drkken, sondern
verschlo, wenn am Sonntag seine Gefhrten zur Jagd gingen, sorgfltig die Tr
und schrieb bogenlange Briefe, in denen er seinen Eltern genauestens schilderte,
wie er lebte, und da es bis jetzt ganz unmglich gewesen sei, auch nur den
kleinsten berschu zu erzielen. Diesen Briefen fgte Robert jedesmal eine
Einlage bei, und wenn von Gottliebs Familie ein Brief ankam, so hatte er
regelmig die Freude, auch von seiner alten Mutter ein paar Zeilen vorzufinden.
Der Vater dchte immer noch wie frher, hie es, er wolle von Vershnung nichts
wissen und verlange vor allem ein reumtiges Gestndnis, Robert wisse schon, in
welcher Beziehung. Das sei an der ganzen Sache das Schlimmste, und wenn einmal
ihr Sohn als Bettler in die Heimat zurckkehre, so msse man darin Gottes Fgung
erkennen. Aber, fuhr die Mutter fort, Robert solle doch kommen, lieber heute als
morgen, es lasse sich wohl alles ausgleichen, und auerdem habe sie auch von
ihrem Bruder Klaus, der ohne Erben gestorben sei, krzlich ein paar hundert
Taler geerbt. Die wrden schon reichen.
    Robert las kopfschttelnd den Brief zum zweiten-und zum drittenmal. Alle
diese Anspielungen, diese Hinweise auf etwas noch Schlimmeres als seine Flucht
aus dem Elternhause, - er verstand sie nicht. Sprach vielleicht seine Mutter von
den fnfzig oder sechzig Talern, die Georg fr ihn aus dem Geldkasten des Vaters
genommen hatte? Dachte der Alte an diese verlorene Summe zuerst und dann an den
Sohn, der in jedem Brief instndig um Verzeihung bat.
    Aber er wute es ja, einen mitfhlenden, freundlichen Vater hatte er nie
gehabt, sondern nur einen strengen, unnachgiebigen Erzieher, dessen brgerliche
Ehre tadellos dastand, der aber nichts verzeihen und sich niemals in die Seele
seines Kindes hineindenken konnte.
    Mutlos lie er den Kopf in die Hand sinken. berall unter seinen Fen, da
wo er nachts zur Ruhe ging, da wo er sein krgliches Mahl verzehrte und wo er im
Schweie seines Angesichts arbeitete, - berall konnte das Gold liegen, aber er
fand es nicht, fand es nicht, ob er auch grub und schaufelte, bis ihm das Blut
aus den Fingern heraussprang. Manchmal, wenn ihn die innere Unruhe berwltigte,
fuhr er mitten in der Nacht vom Lager auf, grub im Mondschein an irgendeiner
beliebigen Stelle mit fast wahnwitziger Hast ein Loch in den Boden und bildete
sich ein, da er den roten Schatz finden msse, da es pltzlich wie Blut unter
seiner Hacke hervorquellen werde, unaufhaltsam, ein Knigreich, ein Paradies der
khnsten Hoffnungen. -
    Und wenn dann der graue, nchterne Wintermorgen mit Hagelschauern und kalten
Windsten langsam aus der Nacht emporstieg, wenn Mongo erschrocken den
erschpften Freund hereinholte in das durchwrmte Haus und ihm vorstellte, da
sein Beginnen tricht sei, da erst viel, viel tiefer unter der Oberflche der
Erde Gold gefunden werde, dann schttelte er trbe den Kopf. La mich, Alter, -
ich kann nicht ertragen, da du davon sprichst.
    Der Neger berredete ihn jeden Sonntag, wenigstens die Bchse ber die
Schulter zu nehmen und mit hinauszugehen in den Wald, da gerade jetzt bei der
Klte das Wild viel leichter anzutreffen war als im Sommer. Manches Reh, mancher
Hirsch wurde geschossen und an den einzigen Wirt von Lenchi verkauft, manches
Moufflon mute sein wolliges Fell fr wrmere Winterkleidung hergeben, mancher
Coyote verendete unter Mongos Kugel, aber dennoch gelang es dem gutmtigen
Schwarzen nicht, Roberts trbe Stimmung zu verscheuchen.
    Er hatte seine Mutter dringend um Aufklrung gebeten, hatte sie angefleht,
ihm im nchsten Brief mit klaren Worten zu sagen, weshalb der Vater so
unvershnlich sei. Die erbrmlichen fnfzig Taler knnen doch unmglich der
Grund sein, schlo er, Vater kann doch nicht aus der kleinen Summe ein
Ereignis machen, das ihn und mich fr immer trennt. Ich habe ihm, der durch
diesen Verlust in keiner Weise wirklich betroffen wurde, das Geld genommen, um
erst einmal nach Hamburg zu kommen und um es von der nchsten Heuer
zurckzuzahlen. Anstatt zu verdienen, konnte ich aber whrend zweier Reisen kaum
das nackte Leben retten, woher sollten also berschsse kommen?
    Vater braucht mir nicht erst zu sagen, da es niemandes Recht sei, einem
anderen ohne Erlaubnis Geld zu nehmen, er sollte aber wissen, da es die Pflicht
eines Vaters ist, seinem Sohn zu helfen und ihn zu halten, wenn er nach seiner
Meinung gestrauchelt sei. Doch kann er unbesorgt sein! Ich komme nach Pinneberg
nicht eher zurck, bis ich ihm seine fnfzig Taler auf den Pfennig zurckzahlen
kann, - nicht eher, und wenn wir uns nicht mehr wiedersehen. -
    Als er den trotzigen, erbitterten Brief abgesandt hatte, bereute er sehr
bald seine harten Worte. Es tat ihm leid, die alte Mutter so gekrnkt zu haben,
und heimlich frchtete er, obwohl er es sich nicht eingestehen wollte, da
vielleicht der Vater inzwischen gestorben sei, ohne da er sich mit ihm
ausgeshnt habe.
    So kam es zwar nicht, aber was nach langen, eintnigen Monaten die Mutter
antwortete, das beruhigte ihn doch keineswegs. Er mge das alles nur ruhen
lassen, schrieb die alte Frau, und kam wieder auf das unerwartet geerbte Geld
zurck. Sei nur erst einmal hier, mein Junge, dann schaffen wir schon Rat,
obwohl du - ja, Robert, das mu ich dir sagen! - nicht so offen die Wahrheit
verleugnen solltest. Aber la das nur, la das, wir haben genug zu essen, auch
fr dich mit, und wir wollen das Gewesene vergessen, wenn du den Vater nur um
Verzeihung bittest. Die Hauptsache ist: komm!
    Aber Robert schttelte den Kopf. Nie, dachte er, nie!
    Und so verging der Winter, so kam der Frhling, ohne den drei unermdlichen
Goldwschern besseren Erfolg zu bringen. Sie waren schuldenfrei, hatten
wetterfeste Kleidung und tchtiges Gert, ab+er kein Kapital. Gottlieb wute
jetzt, da seine alten Eltern ins Armenhaus gezogen waren; diese Nachricht hatte
ihn schwer getroffen, er wurde krank, und die Freunde muten ihn pflegen,
anstatt zu arbeiten, dann verging lngere Zeit, whrend der er zwar
wiederhergestellt, aber doch noch fr jede Anstrengung zu schwach war. Robert
und Mongo konnten in diesen Wochen nur einen sehr geringen Verdienst erzielen,
und es schien, als vereinige sich alles, um dem Glck in den Weg zu treten, um
ihren Anstrengungen tglich ein neues, ungeahntes Hindernis entgegenzusetzen.
Whrend die Natur ringsumher zu neuem Leben erwachte, gingen die drei Freunde
mit blassen Gesichtern herum, und in Neu-Pinneberg hatte sich die Sorge als
steter Gast eingebrgert.
    Es war an einem Aprilsonntag, als Robert und Mongo im Walde umherstreiften,
ohne einen Hirsch aufspren zu knnen. Der Ertrag der Jagd war doch immer ein
sehr willkommener Zuschu fr die Hausstandskasse, daher unterlieen es die
beiden Freunde nie, am Sonntag hinauszuziehen und nach Beute Ausschau zu halten.
Meistens schossen sie mehr, als sich ohne Hilfe fortbringen lie, heute aber
kehrte ihnen das Glck den Rcken, sie hatten noch kein Tier gesehen und waren
doch schon einen tchtigen Marsch weit von Lenchi entfernt.
    La uns Vgel schieen, schlug Mongo vor. Besser etwas, als gar nichts.
    Robert schttelte den Kopf. Wir gehen nach Hause, sagte er unmutig. Man
legt sich ins Bett und schlft, - das ist die einzige Freude, die einem das
Leben noch bietet.
    Zu schlafen? Aber Bob, ist es schon so weit gekommen?
    Robert antwortete nicht, und die beiden schritten eine Zeitlang schweigend
nebeneinander her, bis endlich der Neger in der Absicht, seinen jungen Gefhrten
etwas aufzuheitern, die Hand ausstreckte und auf mehrere Insekten deutete, die
sich in den Blten am Wege schaukelten. Das sind Bienen, sagte er, wollen wir
den Baum aufsuchen, in dem sich das Nest befindet?
    Roberts Interesse erwachte pltzlich. Ein Bienennest? wiederholte er, das
mchte ich wirklich gern sehen.
    Wir brauchen nur der Flugspur folgen, Bob. Vielleicht sind ja auch ein paar
Scheiben Honig zu erobern, obgleich jetzt im Frhling nicht viel vorhanden sein
kann.
    Die beiden gingen weiter in den Wald hinein, und immer zahlreicher wurden
auf den Blumen am Wege die einzelnen Bienen. Je tiefer jedoch die beiden Jger
in das Dickicht vordrangen, desto unruhiger zeigten sich seltsamerweise die
kleinen, fleiigen Tierchen. Sie lieen die schnsten Bltenstrucher unbeachtet
und schwrmten zu Hunderten summend und aufgeregt in der Luft herum.
    Mongo stand kopfschttelnd still. Vorsichtig lud er sein Gewehr, ergnzte
die Lufe des Revolvers und lockerte auch noch das groe Jagdmesser in der
Scheide.
    Robert lchelte. Nun, Alter, sagte er, willst du Bienen schieen und das
Wild gleich an Ort und Stelle ausweiden?
    Mongo nickte. Du junger Spitzbube, sagte er, tu nur dasselbe. Es kann in
keinem Fall schaden!
    Robert blieb stehen. Alter, rief er, was hast du denn?
    Mongo legte den Finger auf die Lippen. Pst, Bob. Hier in der Nhe mu
entweder ein Mensch oder ein greres Tier sein, sagte er. Die Bienen sind
offenbar erschreckt, ihr Eigentum ist bedroht und ihre Sicherheit gefhrdet!
    Jetzt folgte Robert dem Beispiel seines erfahrenen Kameraden und nahm sein
Gewehr in Anschlag. Vielleicht ein Br, Mongo? fragte er halblaut.
    Das vermute ich, Bob. La uns der Spur nachschleichen, aber sprich nicht.
    Die beiden glitten so geruschlos wie mglich durch das dichte Unterholz
vorwrts, bis eine kleine Waldlichtung pltzlich grere Vorsicht erforderte.
Das Schwirren der Bienen schien hier seinen Mittelpunkt gefunden zu haben.
Stellenweise hatten sich Tausende zu einem Schwarm geballt.
    Mongo hob warnend die Hand. Vorsichtig, Bob, hier herum mu es sein.
    Robert war wie umgewandelt. Aller Mut, alle Lebenslust waren pltzlich
zurckgekehrt. Das Jagdfieber hatte ihn ergriffen.
    Wir wollen hier einen Augenblick warten, flsterte Mongo. Auf die
Lichtung hinauszutreten wre unvorsichtig, bis wir nicht genau wissen, woran wir
sind. Aber dort ist eine kleine Lcke, wie mir scheint, - - ich gehe voran.
    Er glitt durch das weiche, jeden Schall dmpfende Gras und sphte durch die
Zweige, whrend Robert leise nachschlich. Ganz geruschlos drangen sie vorwrts
und erreichten sehr bald den Beobachtungspunkt. Mongo winkte mit der Rechten.
    Schau her! flsterte er lchelnd.
    Robert lugte durch die Zweige und htte beinahe einen Schrei der
berraschung ausgestoen.
    Jenseits der Lichtung, am Saum des Unterholzes, stand ein uralter,
vielleicht tausendjhriger Baum, dessen unterer Stamm halb verfault war und eine
breite Hhle zeigte. Gelbe, schwammige Auswchse bedeckten den Zugang des
Bienennestes, das sich jedenfalls im Inneren der alten Eiche befand, Tausende
von summenden Insekten verdunkelten die Luft, und vor dem Baum stand der
Strenfried, dessen Erscheinen die fleiigen kleinen Tierchen aufgescheucht
hatte.
    Ein mittelgroer Br mit glnzend braunem Fell lehnte auf seinen
Vorderpfoten gegen den Baumstamm und suchte mit seiner spitzen Schnauze in der
unzugnglichen Hhlung nach der ersehnten Beute.
    Jetzt steckte er den ganzen Kopf in das Loch hinein, so da er im Augenblick
weder hren noch sehen konnte, was um ihn herum vorging.
    Mongo schob mit schneller Handbewegung seinen jungen Freund vor die Lcke,
an der er selbst stand. Die eigene Waffe schubereit haltend, keinen Blick von
dem Raubtier lassend, flsterte er gutmtig: Schie, Bob, schie, aber ziele
nach dem Hals, hrst du!
    Robert legte an. Sein Auge glhte, sein Herz schlug schneller, die Jagdlust
beherrschte ihn.
    Noch eine halbe Minute, dann krachte der Schu.
    Und nun geschah etwas Unbegreifliches. Anstatt den Kopf des Bren zu
treffen, schlug Roberts Gescho auf halbem Wege mitten in der Luft gegen einen
harten Krper, es gab einen pltzlichen, scharfen Laut, und vllig plattgedrckt
schlug die Kugel dicht neben dem jungen Mann in das Gebsch zurck. Der Schu
selbst verhallte wie der Donner eines schweren Gewitters.
    Im gleichen Augenblick wandte der Br den Kopf, sah einen Augenblick zu den
beiden Jgern herber und lie dann seine Vorderpfoten vom Baum herabgleiten. Er
ging gerade auf seine Feinde los.
    Mongo, schrie Robert, was war das? - Um Gottes willen, gib Feuer!
    Die Mahnung war berflssig. Ohne sich um den Grund des seltsamen
Zwischenfalls weiter zu kmmern, hatte der Neger sein Ziel ins Auge gefat und
den Kopf des Bren aufs Korn genommen. Der Schu krachte, und das tdlich
getroffene Raubtier wlzte sich im letzten Kampf am Boden.
    Jetzt erst sah Mongo nach allen Seiten. Junge, sagte er, es ist nur eine
Erklrung mglich. Noch ein zweiter Jger mu mit dir zugleich geschossen haben,
und beide Kugeln trafen sich auf ihrem Weg zum Ziel.
    Noch ehe Robert antworten konnte, besttigte sich die Richtigkeit dieser
Vermutung. ber die Lichtung kam mit schnellen Schritten ein hochgewachsener,
schlanker Mann von etwa fnfzig Jahren. Das braune, ganz bartlose Gesicht, die
dunklen, ernstblickenden Augen, das kurzgeschnittene Haupthaar und die gerade
Haltung machten einen vertrauenerweckenden Eindruck, whrend dagegen die
eigentmliche, halb indianische Kleidung den Blick unwillkrlich fesselte.
    Auf dem Kopf trug dieser Mann eine Mtze aus Biberfell, mit mehreren
Adlerfedern geschmckt. Seine eng anliegende Kleidung bestand aus Leder,
unterhalb der Knie trug er Gamaschen aus gleichem Stoff. Sie waren ohne Zweifel
eine indianische Arbeit und zeigten reiche Verzierungen aus Federn, kleinen
Muscheln, den Borsten des Stachelschweines und einer Art geschnitzter Knpfchen
aus rotem Seifenstein. Tierkpfe, Sternenbilder und Schlangen, alles war ber-
und nebeneinander in knstlicher Stickerei dargestellt, ebenso hatte der breite
Ledergrtel mit daranhngender Scheide eine geschmackvolle Verzierung aus
Muscheln und kleinen flachen Steinen. An der linken Hfte des Jgers hing eine
Jagdtasche aus Otterfell mit darbergeknpftem Bezug aus Bindgarn.
    Da haben wir's! rief Mongo. Ein Trapper!
    Robert sah mit fragenden Augen der fremden Erscheinung entgegen. Haben Sie
vorhin geschossen, Sir? rief er.
    Der Pelzjger neigte leicht zum Gru das Haupt. Gottes Frieden mit euch!
sagte eine wohlklingende, tiefe Stimme. Der Br ist eure Beute.
    Aber Sie haben doch auch geschossen? wiederholte Robert.
    Der Trapper sah ihn lchelnd an. Mein junger Freund hat eine bewegliche
Zunge, sagte er. War es seine Kugel, die im Fluge die meinige traf?
    Robert errtete leicht. Mongo, rief er, du hattest also doch recht.
    Es war nicht anders mglich, Kind.
    Der Trapper sah von einem zum andern. Wessen Kugel traf gegen die meine?
fragte er wieder.
    Ich scho auf den Bren, erwiderte Robert, wahrscheinlich mit Ihnen
zugleich, Sir! Da sich die Kugeln begegneten, ist ein merkwrdiger Zufall.
    Der Pelztierjger neigte den Kopf. Es gibt keinen Zufall, mein junger
Freund, sagte er in seiner halbindianischen Sprachweise. Der Flug des Vogels
wird geleitet von unsichtbarer Hand, der Zug der Wolken ist ein Verknder des
Menschenschicksals. In dem Zusammentreffen der beiden Kugeln sprach der groe
Geist, - zu mir und zu dir.
    Robert fand die Erscheinung des seltsamen Mannes von Augenblick zu
Augenblick anziehender. Obgleich seiner Gesichtsbildung nach ein Weier, war er
doch so braun wie die Indianer des hier heimischen Comanchenstammes. Robert
mute an Unkas, den letzten Mohikaner denken, an Lederstrumpf und viele andere
Namen, die er aus Bchern kannte, als er den hochgewachsenen Mann vor sich
stehen sah.
    Wie meint Ihr das? fragte er. Sollte der kleine Vorfall seine tiefere
Bedeutung haben knnen?
    Der Pelzjger streckte die Hand aus. Wer kann in die Zukunft sehen?
erwiderte er ernst. Der groe Geist redet, und seine Kinder horchen. Vielleicht
kommt die Stunde, in der du meiner bedarfst, - oder ich deiner, - je nachdem.
Der Jaguar wird kommen, sobald du ihn rufst, er wird an jedem Abend auf dein
Zeichen achten und an jedem Morgen die Wolken nach ihrer Sendung fragen.
    Roberts Spannung wuchs mehr und mehr. Aber Ihr wit nicht, wer ich bin,
nicht wo ich wohne, sagte er.
    Der Trapper deutete mit der Rechten in die Gegend des Minenlagers. Du
wohnst in dem Talgrunde, den die Weien Lenchi nennen, antwortete er, und du
suchst in den Eingeweiden der Erde die gelben Krner, fr die ihr eure Seelen
verkauft. Der Jaguar kennt deinen Namen nicht, aber er wird dich finden, wenn
ihm der groe Geist befiehlt, deinen Wigwam zu suchen.
    Robert nannte seinen Namen und fragte dann, ob die Bezeichnung Jaguar nur
Scherz sei, oder ob der Trapper wirklich so heie. Seid Ihr denn nicht ein
Weier wie ich? fgte er hinzu.
    Eine Pause folgte dieser Frage. Man sah, da der Pelzjger nur ungern
antwortete. Der groe Geist liebt seine weien und roten Kinder mit gleicher
Strke und gleicher Treue, erwiderte er dann. Der Jaguar ist der Bruder der
Comanchen.
    Robert erkannte, da er nicht weiter fragen drfe. Mochte sich hinter dem
seltsamen Namen des Fremdlings vielleicht ein anderer verbergen, den er einst
als Kind in christlicher Taufe erhalten hatte - heute war der sonnenbraune Mann
ein Gefhrte und Freund der Indianer, heute sprach er vom groen Geist, anstatt
von Gott, aber er frchtete und verehrte die Gesetze dieses ewigen Vaters, und
dadurch wurde der Unterschied ausgeglichen.
    Meine Brder wollen vor Nacht zurck in die Stadt der Weien? fuhr er
fort. Es sind fnf Stunden bis dahin, und der Br ist eine schwere Last.
    Robert dachte jetzt wieder an das erlegte Tier, das unter Mongos Hnden
inzwischen sein schnes, wolliges Fell hergegeben hatte. Der Neger schnitt die
Keulen heraus, whrend das brige als ungeniebar den Coyotes berlassen wurde.
Er trocknete gerade an einigen breiten Blttern das Messer, als ihn Robert
anredete. Soll ich dir helfen, Alter?
    Mongo lchelte gutmtig. Jetzt nicht mehr, mein Guter, sagte er mit
freundlichem Spott. Aber schleppen mut du, da dir der Buckel kracht.
    Robert lachte. Ein hbscher Trost fr den weiten Marsch, antwortete er.
    Der Jaguar legte die Fingerspitzen auf seine Schultern. Kennt mein weier
Bruder den Weg ber den Brown-Creek? fragte er.
    Mongo und Robert verneinten. Dann wrden wir dem Minenlager um ein groes
Stck nher sein, erwiderte der Neger. Aber von Lenchi aus ist kein bergang
zu entdecken.
    Der Pelzjger deutete mit der Rechten nach Norden. Ich kenne die Stelle, wo
der Brown-Creek so schmal ist, da er durchwatet werden kann, sagte er. Wenn
mir meine Brder folgen wollen, so werde ich vorangehen.
    Das nehmen wir gern an!, rief der Neger erfreut. Einige Stunden weniger
ist fr alte Knochen ein uerst angenehmes Geschenk.
    Auch Robert erklrte sich einverstanden, und nachdem der Trapper schweigend
einen Teil des fortzuschaffenden Fleisches auf seine Schultern geladen hatte,
machten sich die drei Mnner in der Abenddmmerung auf den Weg. Es war fr die
beiden Freunde ein eigentmliches Gefhl, sich so in der pfadlosen Wildnis dem
vllig unbekannten Fhrer gewissermaen mit gebundenen Hnden wehrlos zu
berliefern. Wenn er sie vielleicht in einen Hinterhalt locken oder den
Comanchen als Gefangene zufhren wollte?
    Aber nein, dieser Mann konnte keinen Verrat begehen. Robert verwarf den
Gedanken ebenso schnell, wie er gekommen war. Allerdings bewachte er fast
unausgesetzt jede Bewegung des Pelzjgers, ohne jedoch wirklichen Argwohn zu
spren, da Mongo, der grndliche Menschenkenner, so vollkommen ruhig schien.
    Allmhlich begann er wieder auf die Umgebung zu achten. Die wundervolle Ruhe
der Frhlingsnacht, das leise Spiel der windbewegten Zweige auf den von hellem
Mondlicht berfluteten Lichtungen, der schwere Flgelschlag vorberhuschender
Nachtvgel, das eilige Rascheln aufgescheuchter kleiner Tiere im Laub, alles das
nahm ihn mehr und mehr gefangen.
    Auf freien Flchen, wo sich die Schatten in scharf begrenzten. Umrissen
abzeichneten, schien der Pelzjger mit seiner spitzen, reichverbrmten
Kopfbedeckung, mit der hohen Gestalt und dem eng anliegenden Anzug ein
vorweltlicher Riese zu sein, wie ihn uns die Mrchendichter malen. Er ging mit
leichten Schritten schweigsam und aufrecht durch die Wildnis voran, bis endlich
nach mehrstndigem Marsch das Ufer des Brown-Creek erreicht war. Nach kurzer
Wanderung am Flu entlang traf man auf ein dichtes Gebsch, das sich fast bis
auf den Wasserspiegel herabneigte. Zugleich schienen Felsen den Wasserlauf zu
hemmen; eine graue, steile Wand schob sich neben dem Gebsch in den Flu hinein,
und das Pltschern der Wellen war verschwunden.
    Der Trapper stand still und suchte mit den Augen eine bestimmte Stelle der
Felswand. Hier ist es, sagte er. Meine Brder mgen mir folgen.
    Es war eine enge, gewundene Felsspalte, die sich bald darauf zu einem
Gewlbe ffnete, durch die der Pelzjger seine neuen Freunde fhrte. Nach
wenigen Schritten in tiefer, grabeshnlicher Finsternis schien pltzlich von
oben herab der Mond wieder auf den Weg. Von rechts her fiel das Wasser langsam
sickernd durch einen engen Kanal in seinen fr eine kurze Strecke unterbrochenen
Lauf zurck, whrend sich auf der linken Seite ein hnlicher Abflu ffnete. Das
Wasser war innerhalb dieser natrlichen Hhlung kaum anderthalb Meter tief, so
da es leicht und ohne alle Gefahr durchwatet werden konnte.
    Auf der entgegengesetzten Seite mute ein ziemlich steiler Abhang erklettert
werden, und dann war die bekannte Umgebung von Lenchi erreicht. Noch eine Stunde
Marsch stand den beiden Goldsuchern bevor, bis sie sich in Neu-Pinneberg
ausruhen konnten.
    Der Trapper lie die Brenkeule, die er bis jetzt getragen hatte, auf das
Moos herabgleiten. Meine Brder knnen von hier aus ohne Fhrer ihren Wigwam
erreichen, sagte er freundlich. Der Jaguar wnscht ihnen eine gesegnete
Nachtruhe.
    Mongo drckte dankbar seine Hand. Mchten wir bald in der Lage sein, Euch
Euren Freundschaftsdienst vergelten zu knnen, Jaguar, erwiderte er, und
mchten wir Euch einmal bei uns als Gast willkommen heien. Nehmt unseren
herzlichsten Dank.
    Der Pelzjger behielt seine stolze, wenn auch liebenswrdige Haltung. Er
richtete auch an Robert den gleichen Abschiedswunsch. Du und ich, wir sehen uns
heute nicht zum letztenmal, sagte er. Unser Lebensfaden luft eine Zeitlang
vereint.
    Robert hielt die braune Hand des Trappers. Wann kommst du uns besuchen?
fragte er.
    Der Jaguar deutete mit erhobenem Arm zum Himmel. Sieh die Wolken, sagte
er, sie sind die Propheten und Sendboten des groen Geistes. Von Lenchi nach
den Jagdgrnden der Comanchen ziehend, immer drei in einer Reihe - siehst du
sie?
    Robert htte nicht lachen knnen. Er nickte stumm.
    Nun, fuhr der Pelzjger fort, ehe drei Nchte vergehen, wirst du meiner
bedrfen. Der groe Geist hat gesprochen.
    Fast kalt berlief es den jungen Mann bei diesen Worten. Die Art und Weise
des Fremdlings hatte etwas so Seltsames, Pakkendes. Es war unmglich, das, was
der Jaguar mit solcher Bestimmtheit behauptete, als Torheit zu verlachen.
    Versteht es mein weier Bruder, das Geschrei der Elster nachzuahmen? fuhr
der Jger fort. Robert lchelte. Schon als zehnjhriger Junge konnte er die
Stimmen vieler ihm bekannter Tiere nachahmen. Statt einer Antwort klang
tuschend hnlich das Krchzen und Kollern der Elster in die Nacht hinaus.
    Der Jaguar neigte das Haupt. An jedem Abend, wenn die Sonne untergeht,
findet mich bei dem bergang des Brown-Creek dein Ruf, fuhr er fort. Dreimal
in kurzen Pausen ahmst du die Elster nach, und ich verspreche dir, an deine
Seite zu treten.
    Robert drckte seine Hand. In mancher Beziehung verriet doch das Wesen des
Trappers noch den Weien. Er gab die Rechte, was kein Indianer tut, und berhrte
zum Abschied die spitze Mtze.
    Robert fhlte sich seltsam berhrt. Ist das, was mir bevorsteht, Gutes oder
Bses, Jaguar? fragte er beklommen.
    Der Pelzjger blickte wieder zum Himmel empor. Er schien von dem
Indianerglauben an die weissagende Kraft der Wolken vollkommen durchdrungen.
Sieh die drei weien Inseln im blauen, unendlichen Meer, erwiderte er, - ein
Stern leuchtet hindurch. Er beschtzt dein Haupt, er bedeutet dir Segen. Gute
Nacht! -
    Die braune Hand zog sich zurck, der Pelzjger stand mit kurzem Sprung auf
dem natrlichen Wall und war im nchsten Augenblick verschwunden.
    Der Nachtwind fuhr ber die Stelle, an der er gestanden hatte, im Osten
dmmerte schon ein heller Streif, und bis nach Lenchi war es noch weit.
Schweigend, beide unter dem Eindruck des eben Erlebten, gingen die beiden
Freunde ber die wohlbekannten Wege ins Tal hinab. Es wurde nichts mehr
gesprochen, nur vor der Tr von Neu-Pinneberg legte Robert die Hand auf Mongos
Schulter.
    La die Sache vorderhand unter uns bleiben, Alter, flsterte er. Gottlieb
denkt sonst womglich, da der Jaguar in nchster Nacht mit einer Indianerhorde
geritten kommt, um unsere Skalpe zu rauben.
    Mongo lachte. Du junger Spitzbube, antwortete er nur, aber Robert wute,
da er unbedingt auf seine Verschwiegenheit zhlen konnte.
    Als die beiden das Innere der Htte betraten, sahen sie den gengstigten
Gottlieb, wie er in einer Ecke kauerte und sein Gewehr krampfhaft in beiden
Hnden hielt. Mein Gott, wo seid ihr gewesen? rief er. Ich hatte schon Angst,
euch htten wilde Tiere gefressen.
    Robert lie das Fell und die Keule auf den Fuboden gleiten. Beinahe
httest du recht gehabt, lachte er. Wir bringen aber den Bren mit, anstatt
ihm zum Fra zu dienen.
    Gottlieb sprang auf, wie von einer Feder geschnellt. Du hast einen Bren -
-
    Mehr konnte er nicht hervorbringen. Die Bchse schwankte in seiner Hand wie
ein geknickter Halm.
    Robert breitete im Mondschein das Fell aus. Beruhige dich, sagte er.
Dieser Meister Petz ist nur noch ein Stck Vergangenheit! -
    Lachend warf er sich auf sein Lager und schlief bald darauf ein.

    Am folgenden Morgen ging Gottlieb zum erstenmal wieder mit hinaus an die
Arbeit. Obwohl er nur wenig helfen konnte, wurde doch im ganzen mehr geschafft,
als whrend der letzten Wochen, whrend der er vollstndig gefehlt hatte. Der
Ertrag war berhaupt ein sehr guter, das Wolltuch blitzte von Gold, und die
Stimmung nahm dementsprechend einen erneuten, festlichen Aufschwung. Man
arbeitete tapfer, um womglich das Versumte wieder einzuholen.
    Die Jagdbeute wurde mit lebhaftem Beifall begrt und mit blanken Dollars
bezahlt, alles schien nach Wunsch zu gehen, und Robert dachte bei sich, da doch
die Prophezeiung des Trappers nur ein Schattenbild, ein Hirngespinst gewesen
sein knne. Wie sollte ich zwischen heute und morgen in die Lage kommen, die
Hilfe dieses fremden Mannes in Anspruch nehmen zu mssen? fragte er sich. Es
ist fast undenkbar.
    Dennoch aber kamen ihm die Worte des Jaguars nicht mehr aus dem Sinn.
    Am dritten Morgen herrschte fast tropische Hitze. Das seltsam unbestndige
Klima Kaliforniens schwankt unvermittelt zwischen glhender Hitze und
empfindlicher Klte, und gerade an diesem Tage schien die Luft vollstndig
stillzustehen. Kein Hauch bewegte die Bltter auf den Bumen, und kein Vogel
sang. Die drei Freunde arbeiteten trotz der glhenden Hitze eifrig weiter, da
die Ausbeute gut zu werden versprach. Bei jedem neuen Axtschlag erschienen mehr
glitzernde Punkte in dem losgebrckelten Erdreich, immer nher rckte endlich
der ersehnte Erfolg.
    Am Abend war der erzielte Gewinn grer als jemals zuvor.
    Robert und Gottlieb atmeten auf. Endlich schien sich das Glck ihnen
zuzuwenden. Endlich fanden die langen, erfolglosen Mhen den schwerverdienten
Lohn.
    Noch zwei Monate so wie heute! dachte Robert, und ich habe das Geld, das
mir fehlt, um es meinem Vater zurckzuzahlen, ich kann in San Franzisko eine
Heuer suchen und in einigen Wochen in Pinneberg sein. O Gott, wenn es gelnge.
    Er sa auf einer Kiste und trumte vom Wiedersehen in der Heimat, - er sah
sich in Pinneberg bei seinen Eltern und war glcklich, endlich wieder zu Hause
zu sein.
    Robert hrte nicht, da sich drauen der Wind erhob und Wolken von Staub
gegen die einzige Scheibe der Htte warf, da leise grollend der Donner
heraufzog und fahler Schein den westlichen Horizont erleuchtete. Kein
Regentropfen khlte die unertrgliche Hitze, - nur immer strker rollte es und
knatterte und zischte, bis endlich ein furchtbarer Schlag die Luft zerri.
    Robert fuhr auf. Den gelben Blitz hatte er gesehen, ohne da er sich dessen
wirklich bewut wurde. Jetzt aber zerri der Traum, - der furchtbare
Wetterschlag hatte ihn zerstrt.
    Robert wollte vor die Htte treten und sich nach seinen beiden Gefhrten
umsehen, aber ein solcher Wirbel von Staub quoll ihm entgegen, da er den Plan
fallen lassen mute. Mongo und Gottlieb wrden sicherlich bei diesem Wetter im
Wirtshaus Zuflucht gesucht und gefunden haben.
    Er setzte sich wieder an seinen frheren Platz, aber der Faden seines
schnen Traumes war doch zerrissen. Im Gegenteil, er frchtete jetzt nur, der
Grund der Waschrinnen knnte morgen so durchweicht sein, da sich nicht arbeiten
lie.
    Robert lchelte. Ich gerate in Gottliebs Fahrwasser! dachte er.
    Und whrend sein Blick die vorberwirbelnden, vllig undurchsichtigen
Staublawinen mit einiger Sorge beobachtete, erscholl pltzlich auf der Strae
ein Ruf, der ihm das Blut in den Adern erstarren lie.
    Er sprang auf, er horchte voll Angst, - vielleicht, vielleicht hatte ihn ja
sein Ohr getuscht, vielleicht war das Schreckliche nur ein Irrtum!
    Aber schon nach wenigen Augenblicken mute er erkennen, da er durchaus
richtig gehrt hatte. Noch einmal, noch zehnmal, hundertfach wiederholte sich
der Schreckensruf in dem tosenden Unwetter.
    Feuer! - Feuer! -
    Die Stadt aus Holz und geteertem Segeltuch brannte. Der Wirbelwind trug die
Funken wie einen glhenden Regen ber die Dcher weiter.
    Es gab nur einen einzigen Wasserlauf in der Nhe, man hatte keine
Feuerspritze, keine Leitern, keine Noteimer, man rannte in pltzlicher Angst
kopflos hin und her, whrend der Himmel schwarz und bleigrau in tiefen Wolken
herabhing, ohne da auch nur ein einziger Regentropfen fiel, - whrend die
gefrigen Flammen mit tausend roten Zungen an den ausgedrrten Holzwnden
emporleckten, und in rasender Schnelle wachsend bald zum Glutmeer wurden, in
dessen Nhe sich nichts Lebendes mehr wagen durfte.
    Robert strzte jetzt hinaus auf die Strae. Alles wirbelte ihm entgegen.
Schreiende Frauen und Kinder, Mnner, die ratlos dies und das vorschlugen, ohne
aufeinander zu hren, ohne vielleicht selbst zu wissen, was sie sprachen.
    Da es tatschlich keine Rettung gab, sah im Grunde jeder.
    Und immer heier wurde die Luft. Brennende Holzstcke und Stoffetzen
schleuderte der Sturm auf entfernte Dcher, an zehn Stellen loderte es empor,
blutrote Gluten frbten den Himmel.
    Mongo und Gottlieb strzten durch den dichten Rauch herbei; wie ein
Verzweifelter warf sich der junge Pinneberger auf die Kiste, die sein ganzes Hab
und Gut enthielt. Meine Eltern, schluchzte er, o meine unglcklichen Eltern!
Ich werde sie nie wieder aus dem Armenhause erlsen knnen!
    Und halb sinnlos vor Schmerz schlug er mit der Stirn gegen die harte Kiste.
Sein Weinen klang herzzerreiend.
    Mongo, fragte Robert verstrt, ob wohl das Feuer bis hierher kommt?
    Der Neger fuhr sich seufzend durch das weie Haar. Es ist ein Unglck,
Bob, erwiderte er, aber wir mssen es eben wie Mnner ertragen. In zehn
Minuten brennt unser Haus, - in zehn Minuten sind wir Bettler, denn auch die
Waschrinne wird dermaen verschttet werden, da wochenlange Arbeit notwendig
ist, um sie wieder gebrauchsfhig zu machen.
    Um Gottes willen! - Und das in einem Augenblick, als ich glaubte und
hoffte, da nun eine neue und bessere Zeit anbrechen werde.
    Der Alte streichelte Roberts blasses Gesicht. Du weit ja nicht, wozu
dieser neue schwere Schlag gut ist, mein Junge, trstete er. Auch dies Unglck
ist von Gott gesandt, obwohl es so aussieht, als htte sich das Glck gegen uns
verschworen. Komm, Bob, warst ja in schlimmeren Stunden ein ganzer Mann, sei es
also auch heute. Hilf mir, unsere Decken und unser Arbeitsgert zu bergen.
    Robert fuhr auf. Du hast recht, Alter, sagte er. Wir wollen nie
verzweifeln. La uns tun, was irgend mglich ist.
    Der Neger sah zu der brennenden Siedlung hinber. Nur noch fnf Huser
standen zwischen Neu-Pinneberg und dem zischenden, knisternden Flammenmeer.
Schnell! rief er. Da fliegen schon die ganzen brennenden Wollhemden und
Jacken aus Samuel Ekiwas Laden auf unser Dach. Arme Htte, du hattest trotz des
schnen Richtspruchs kein Glck.
    Er ging rasch hinein, und Robert folgte ihm. Gottlieb lag noch regungslos
mit dem Gesicht auf der Holzkiste.
    Komm, Freund, drngte Mongo, ihn an der Schulter rttelnd. Komm, es ist
hchste Zeit, oder du lufst Gefahr zu ersticken.
    Gottlieb antwortete nicht, erst als auch Robert ihm zuzureden versuchte,
schttelte er sthnend den Kopf. Lat mich, - lat mich, ich will nicht
gerettet werden. Was ntzt mir das Leben, wenn ich ein Bettler bin?
    Aber Mongo verstand die Sache anders. Als der verzweifelte junge Mensch in
seine vorige Lage zurcksinken wollte, ergriff er ihn und stellte ihn mehr
krftig als sanft auf die Fe. Bitte deinen Herrgott um Verzeihung, Bursche,
sagte er streng, und da, diese Decken trage hinaus! Beeile dich, das Feuer ist
dir hart auf den Fersen.
    Er selbst und Robert ergriffen inzwischen die wenigen
Einrichtungsgegenstnde, die in Neu-Pinneberg berhaupt vorhanden waren,
Gottlieb wurde ohne weiteres gezwungen, mit anzupacken, und als bald darauf die
Flammen das kleine Gebude erfaten, da war es wenigstens leer. Das Hab und Gut
der unglcklichen Goldwscher lag in einiger Entfernung von der Brandsttte auf
einem Haufen, whrend die Menschen stumm zusahen, wie ihre Huser krachend
einstrzten und in einer jhen, pltzlich aufwirbelnden Lohe in sich
zusammensanken.
    Nach zwei Stunden hatte das verheerende Feuer die ganze Stadt zerstrt.
Dumpfe Verzweiflung lastete auf den Menschen, unheimliche Stille lag ber der
ganzen Sttte der Vernichtung.
    Gegen Morgen fiel der Regen in Strmen herab. Was in Lenchi atmete, wurde
bis auf die Haut durchnt, kein Feuer konnte entzndet werden, die Lebensmittel
waren verbrannt und das schlimmste, die Waschrinnen, wie Mongo vorausgesagt
hatte, vollstndig verschttet. Das Stampfen und Flchten der Tiere, die eiligen
Futritte der Menschen, hatten hier und da die Erde in den knstlichen Kanal
zurckgeworfen, Trmmer aller Art waren hineingefallen, Asche und Stroh bildeten
groe Haufen. So mute sich das Wasser, das die Goldwscher knstlich abgeleitet
hatten, jetzt, nachdem ihm der Weg versperrt war, eine andere Bahn suchen.
Allmhlich berflutete es alle Straen der verbrannten Stadt, wohin die Menschen
traten, da versanken ihre Fe im Schlamm, und als endlich hinter den dichten
Regenwolken die Sonne erschien, beleuchtete sie ein Bild furchtbarer Verwstung.
    Die drei Freunde saen nebeneinander auf einem Baumstamm, den Mongo krzlich
von sten und Zweigen befreit hatte, um ihn als Heizungsmaterial zu verwenden.
Der Regen fiel pltschernd auf ihre Kpfe herab, die Fe standen im Wasser, und
die Hnde lagen unttig im Scho.
    Heute war auch Robert mutlos. Man hat keine Wohnung, nichts zu essen, und
was das Schlimmste ist, keine Arbeit.
    Um so mehr mu man sich bemhen, den Kopf oben zu behalten, Bob.
    Robert hob beide Hnde empor. An seinen vollstndig durchnten Kleidern
liefen die Tropfen berall herab. Aber was sollen wir anfangen? fragte er ganz
hoffnungslos. Es ist ja alles verloren.
    Mongo sah ihm bedeutsam ins Auge. Und das sagst du, Bob?
    Robert errtete. Zwar hatte er sich whrend der langen, schrecklichen Nacht
mehr als einmal unwillkrlich der sonderbaren Andeutungen des Pelzjgers
erinnert, aber immer noch konnte er die Sache nicht ernst nehmen. Und wenn ich
hinginge, dachte er, wenn ich die Hilfe des Jaguars in Anspruch nhme, - was
knnte es mir ntzen?
    La uns erst einmal sehen, ob nicht an irgendeiner Stelle Kaffee gekocht
wird, schlug der Neger vor. Einige von den Goldwschern hatten ja
Petroleumfen.
    Gottlieb drckte mit klglicher Miene das Wasser aus seiner Mtze. Es gibt
hier ja kein Dach mehr! chzte er.
    Das klang doch so komisch, da die beiden andern trotz der Schwere des
Augenblicks laut lachen muten. Komm, Bob, rief Mongo, wo war es schlimmer,
hier unter Menschen, wo die Luft warm ist, wo es Trinkwasser gibt, oder - am
Eismeer, in der Felsenwste ohne Baum und Strauch, ohne eine Quelle, ohne Wild,
ganz allein und verlassen! - Sag, mein Junge, wo war es schlimmer?
    Robert nickte. Dort, Alter, antwortete er, sicherlich dort. Wenn wir
aber bei alledem nur erst einmal einen Zufluchtsort gefunden htten, und wenn
der entsetzliche Regen aufhren wollte. Das Geschirr rostet, die Gewehrmunition
wird unbrauchbar und Lebensmittel werden auch kaum noch zu bekommen sein.
    Gottlieb deutete mit einer leichten Neigung des Kopfes zur Seite. Dort
stolpert Samuel Ekiwa heran! sagte er. Was mag der wollen?
    Wirklich kam der kleine Hndler ber die Schutthaufen und Wassertmpel
dahergehpft wie eine Bachstelze. Auch er troff von oben bis unten, aber das
listige Gesicht zeigte keineswegs Trbsal oder Verzweiflung. Schon von weitem
begrte er die drei.
    Nichts gerettet? rief er, sich umsehend. Alles verbrannt? - Mit
Erlaubnis!
    Und dann setzte er sich auf das Ende des Baumstammes, wollte in gewohnter
Weise die Stirn mit dem Taschentuch trocknen, fand es aber noch bedeutend
durchnter als sein Gesicht selbst, und steckte das Tuch, nachdem er es
ausgerungen hatte, wieder ein. Was werden die Herren jetzt zunchst beginnen?
fragte er.
    Schon ein Plnchen fertig?
    Haben Sie etwa einen Vorschlag, Mr. Ekiwa? erwiderte Robert.
    Vielleicht! schmunzelte der kleine Mann. Vielleicht! Zwei machen ein
Paar, wie Sie wissen, meine Herren!
    Gut, versuchen wir also, ob es uns gelingt, eine Einigung zu finden.
    Der Hndler blinzelte vertraulich. Zunchst mssen Sie bauen! sagte er.
Aber es ist in Lenchi kein einziges Brett aufzutreiben, es kann Ihnen niemand
helfen, da jeder fr sich selbst genug zu tun hat. Was denken Sie also
anzufangen?
    Robert zuckte die Achseln. Es ist bald Sommer, wir knnen ja zunchst ein
Zelt aufschlagen, meinte er.
    Well, Sir, well, sehr richtig. Dachte ganz das Gleiche. Habe einen hbschen
Posten geteertes Segeltuch, ebenso Schiebedarf und Kleidungsstcke, alles was
Sie wnschen, was zur neuen Einrichtung erforderlich ist. Wirklich, Sir, ich
greife ihnen nach Krften unter die Arme, meine es mit Ihnen und den beiden
anderen Herren wie ein Bruder, knnen Sie glauben. So viele Abnehmer fr die
Ware! - Puh, so viele wie Sand am Meer, aber hierher komme ich zuerst,
wahrhaftig. Sie mssen schon in der nchsten Nacht wieder unter Dach und Fach
schlafen.
    Er nickte bei jedem seiner Worte, und die Regentropfen rannen an seiner
langen Nase regelmig wie exerzierende Soldaten nacheinander herab. Schlagen
Sie ein, Sir, sagte er. Auer mir besitzt niemand hier in Lenchi das, was
Ihnen fehlt.
    Aber wie haben Sie das alles vor dem Feuer schtzen knnen, Mr. Ekiwa?
    Der Hndler schmunzelte. Eiserne Kisten, Sir, Sicherheitsschlsser, teure
Ware, teure Fracht. Aber was tut man nicht, um andern gefllig zu sein, was mu
man nicht wagen, um mit Ehren durch die Welt zu kommen!
    Hier streckte Gottlieb die Hand aus. Mr. Ekiwa, sagte er, welche Preise
machen Sie in diesem Augenblick fr Zeltleinen und Gewehrmunition?
    Der Hndler zuckte die Achseln. Teurer als gewhnlich wird es werden, Sir.
    Das ist begreiflich. Aber wieviel teurer, Mr. Ekiwa?
    Hm, ich gebe Ihnen das notwendigste Zelttuch und Bindgarn, fr jeden einen
neuen Anzug, ein paar Hemden und Strmpfe, Schiebedarf, Seife, kurz alles, was
Sie im Augenblick brauchen, ich sorge fr die Herren wie ein Bruder, bewillige
sechs Monate Frist und verlange fr diese Hilfe nur einen Wechsel ber tausend
Dollar, von jedem von Ihnen unterschrieben.
    Gottlieb sprang wie auer sich auf seine Fe. Das dachte ich mir! rief er
in hchster Entrstung, das wute ich im voraus. Herr, Sie sind ein - -
    Mongos Hand legte sich ermahnend auf seine Schulter. Still, Gottlieb, nicht
grob werden, mein Junge. Man sagt leicht ein Wort zuviel, wie du weit.
    Der Hndler nickte wie eine chinesische Pagode. Mag berhaupt mit diesem
Herrn nichts zu tun haben, rief er. Halte ihn fr einen ganz unerfahrenen
Burschen, der besser zu Hause geblieben wre, um sich hinter seiner Mutter zu
verstecken und sich von ihr mit Zwiebackbrei fttern zu lassen! - Mr. Kroll, was
sagen Sie zu meinem Plan?
    Robert erhob sich etwas heftig von seinem Sitz. Da ich genau so denke, wie
mein Freund! erwiderte er. Ich unterschreibe keinen Wechsel, der mir die Kehle
zuschnrt. Zweihundert Dollar, mehr darf das neue Zelt nicht kosten.
    Keinen Cent mehr! rief Gottlieb. Schon das ist ein Sndengeld.
    Der Hndler zeigte durch allerhand Gesten seine unverhohlene Nichtachtung.
So schlafen Sie unter freiem Himmel, rief er, gehen Sie zu Grunde, wie und
wann Sie wollen. Mich kmmert's nicht, von mir bekommen Sie keinen Fetzen
Segeltuch.
    Und ohne Gru und Abschied davonstrzend, lie er die drei Freunde in noch
grerer Ratlosigkeit zurck.
    Was nun? fragte Robert.
    Gottlieb war vollstndig in Zorn geraten. Einerlei! rief er. Lieber
sterben, als solche Bedingungen unterschreiben.
    Mongo hob die Hand. Kinder, schaltete er ein, so schlimm wird es ja nicht
gleich werden. Pulver und Blei sind geborgen. Ich habe beides in eine
Blechkapsel geschttet und vor dem Regen mit einem groen Brett geschtzt. Wir
knnen also zu jeder Zeit einen Braten schieen, - das ist schon etwas, meine
ich.
    Robert nickte. Wenn nur nicht unsere Waschrinne verschttet wre! seufzte
er.
    Mongo sah zu den grauen Wolken empor. Der Regen scheint noch nicht aufhren
zu wollen, Bob, sagte er. Wir mssen uns erkundigen, was die andern vorhaben,
mssen uns hier nicht so absondern und uns die Sache immer schwerer vorstellen.
Kommt nur, Kinder, kommt, wir sprechen erst einmal mit unseren Bekannten.
    Er ging voran, und die beiden andern folgten ihm. Der Anblick all dieser
zerstrten Wohnsttten, dieser Trmmer und verkohlten Balken, ber die das
Wasser von oben und unten dahinrauschte, war schrecklich. Jammernde, weinende
Frauen saen an der Stelle, auf der noch bis vor kurzem ihre Huser gestanden
hatten. Sie schienen sich von diesem Fleck Erde, obwohl er sich von der
trostlosen Umgebung in nichts mehr unterschied, doch immer noch nicht trennen zu
knnen, sondern hielten krampfhaft ihre kleinen, erschreckten Kinder in den
Armen und schluchzten nur um so heftiger, je eindringlicher die Mnner sie zu
trsten versuchten.
    Aber auch andere Bilder boten sich unseren Freunden. Aus den verschiedenen
Wirtschaften und Vergngungslokalen hatte man beim Ausbruch des Feuers natrlich
zuerst das Wertvollste, die Branntwein fsser gerettet, und jetzt wurde auf
offener Strae das Geschft fortgesetzt. Schon zu dieser frhen Stunde sah man
Betrunkene dahertaumeln, sah man ganze Gruppen von Goldwschern, wie sie sich
auf den Trmmern ihrer Huser gelagert hatten und rohe Gassenhauer absangen oder
sich je nach Laune die Kpfe blutig schlugen.
    Was noch nchtern war, das schien allen Mut verloren zu haben. Einzelne
drckten Roberts Hand oder sprachen ein paar Worte des Bedauerns, der eigenen
Ratlosigkeit, andere erklrten, da sie den vorrtigen Goldstaub verkaufen und
so schnell wie mglich nach einer neuen Minenstadt aufbrechen wollten. Hier in
Lenchi mute man ohnehin schon auf alle Annehmlichkeiten des Lebens verzichten,
meinte der Zimmermann, es gab kein Theater, keine Bcher, keine Zeitungen, ja,
nicht einmal Straenbeleuchtung, und trotzdem war alles brandteuer. Und wie wird
es jetzt erst werden, wo Monate dazu gehren, bis Bretter herbeigeschafft sind,
um nur wenigstens wieder feste Wnde um sich herum zu fhlen? Ich bleibe nicht,
Mr. Kroll! - Wollen Sie mit mir gehen?
    Noch weiter in die Wildnis hinein?
    Etwa hundert Meilen, ja.
    Robert schttelte den Kopf. Das mu ich mir wirklich erst berlegen,
antwortete er.
    Und dann wanderten die drei weiter, um nach Lebensmitteln Ausschau zu
halten. Der Lehmofen des einzigen Bckers in der Stadt hatte natrlich von den
Flammen nicht erfat werden knnen, daher dampfte hier ein tchtiger
Kaffeekessel, und das warme Gebck lud zum Essen ein. Aber alle Preise waren
ber Nacht auf das doppelte gestiegen: die Tasse Kaffee kostete heute einen
halben Dollar und ein Brtchen nicht viel weniger. Sich mit dem gesunden Appetit
der Jugend sattessen, hie sich arm machen.
    In einer Gruppe sprachen mehrere Mnner von dem, was jetzt zuerst angefangen
werden msse. Die ntigen Arbeiten zur Wiederherstellung der Waschrinne konnten
etwa acht Tage kosten, aber whrend dieser verdienstlosen Zeit mute man leben
und wrde dadurch in drckende Schulden geraten. Was war zu machen, - es gab
keinen anderen Ausweg.
    Dabei regnete es unaufhrlich, und viele der arbeitsfhigen Mnner waren
betrunken. Durchnt, von Ru und Asche geschwrzt, vom Alkohol gertet, mit
verworrenem Haar, meistens ohne Kopfbedeckung, sahen sie aus wie bse Geister,
die der Unterwelt entstiegen waren und auf Trmmern und Brandsttten ihr Wesen
trieben. -
    Robert versuchte, sie zu ernchtern, zu einem gemeinsamen tatkrftigen
Vorgehen aufzurtteln, aber ganz vergeblich. Sie verstanden ihn entweder gar
nicht, oder sie lachten ihm offen ins Gesicht.
    Entmutigt gab er die Sache auf. Wenn nicht ein paar hundert Hnde Zugriffen,
um die Waschrinne, die jetzt schon vollstndig einem reienden Gebirgsbach
glich, wieder in ihren frheren Zustand zurckzuversetzen, so blieb alle Arbeit
und Mhe des Einzelnen vollstndig fruchtlos. Die umhertaumelnden Betrunkenen
machten es den wenigen Besonnenen geradezu unmglich, irgend etwas zur
Verbesserung der gemeinsamen Lage zu unternehmen.
    Robert knirschte vor Zorn. Mongo, sagte er, jetzt erst durchschaue ich
den Spitzbubenplan des Hndlers. Er wollte uns zur Annahme seines Vorschlages
drngen, bevor wir wuten, wie schwer es sein wrde, die Waschrinne wieder
instandzusetzen. Ich glaube, es ist das beste, wir schlieen uns denen an, die
von hier fortziehen.
    Der Neger wiegte den Kopf. Willst du nicht erst einmal heute abend
hinausgehen zum Brown-Creek? fragte er.
    Robert war noch nicht entschlossen, ob er diesen Versuch machen sollte.
Mongo, fragte er, denkst du im Ernst daran?
    Der Alte zuckte die Achseln. Das wre zuviel gesagt, Bob, aber - ich an
deiner Stelle wrde den Versuch machen.
    Robert nickte. Gut, erwiderte er. Du sollst deinen Willen haben, Alter.
Bei Einbruch der Dmmerung bin ich am bergang des Brown-Creek.
    Gottlieb hatte das ganze Gesprch mit angehrt, ohne es zu verstehen. Jetzt
wurde er neugierig. Wohin willst du gehen, Robert? fragte er.
    Der lachte. Mongo, rief er, jetzt mu der Fuchs zum Loch heraus. Erzhle
du die sonderbare Geschichte, Alter.
    Aber das war keineswegs eine leichte Aufgabe. Was Robert vorausgesehen
hatte, trat sofort ein. Gottlieb bemhte sich mit allen Krften, die Sache zu
vereiteln. Die bekannte Kriegslist der Indianer, rief er, du bist verloren,
wenn du hingehst. Der Bsewicht skalpiert uns, um unter seinen Genossen mit dem
Sieg ber einen Weien zu prahlen.
    Mongo fuhr ihm etwas rgerlich dazwischen. Du brauchst ja nicht
mitzugehen, brummte er.
    Aber das will ich doch unter allen Umstnden, rief lebhaft der sonst so
schchterne junge Mensch. Robert ist hierher mitgegangen, um mich zu
beschtzen, es versteht sich also von selbst, da ich mich jetzt an seine Seite
stelle. Mich wird nichts zurckhalten, meiner berzeugung zu folgen.
    Robert drckte die Hand seines ehemaligen Schulkameraden. Ich danke dir,
Gottlieb, sagte er herzlich. Du kannst getrost mit hinausgehen an die
verabredete Stelle; der Pelzjger fhrt nichts Bses im Schilde, dessen bin ich
vollkommen sicher.
    Gottlieb schttelte den Kopf. Ich durchaus nicht, seufzte er. Die
Comanchen wissen natrlich schon von dem Unglck, das Lenchi betroffen hat, sie
kommen in hellen Haufen herangezogen und wollen plndern, morden und von allem,
was gerettet wurde, Besitz nehmen. Der geheimnisvolle Pelzjger ist ihr
Kundschafter, weiter nichts.
    Und du bist bei all deiner Liebenswrdigkeit und Treue ein Angsthase,
Gottlieb, das nimm mir nicht bel, du siehst Gespenster am hellen Tage. Was
wrdest du sagen, wenn der Jaguar auch dich mit grter Freundlichkeit
begrte?
    Er soll mich mglichst gar nicht sehen, gestand Gottlieb. Ich verstecke
mich, solange du mit ihm verhandelst, und bei der ersten verdchtigen Bewegung
schiee ich ihn nieder, das ist alles.
    Alle Achtung, wie tapfer! Aber ich bitte dich um Himmels willen, den
Feldzug nicht eher zu erffnen, bis du von mir dazu aufgefordert wirst.
    Mongo lachte. Eben wollte ich dieselbe Bedingung stellen, fgte er hinzu.
Denn da auch ich mitgehen werde, hast du doch niemals bezweifelt, Bob!
    Niemals! besttigte Robert.
    Und so machten sie die drei, nachdem sie noch fr den Rest ihres Goldstaubes
ein schmales und schlechtes Mahl eingenommen hatten, frhzeitig auf den Weg, um
mit Beginn der Dmmerung am Brown-Creek zu sein.
    Die Sonne war hinter den Regenwolken verschwunden, die nassen Zweige
schlugen im Abendwind aneinander, und ringsumher war alles still. Nur eine
Antilopenherde jagte ber die Ebene, und ein paar aufgescheuchte Raben
flatterten aus den nchsten Bschen.
    Mongo legte die Hand auf Roberts Arm. Du, wir wollen uns in nchster Nhe
ein Versteck suchen, Gottlieb und ich, flsterte er. Wozu den Jger durch
Mitrauen beleidigen?
    Robert nickte. Das finde ich auch, Alter. Ist es nicht seltsam - gerade
heute, nach drei Tagen, mu ich den Trapper aufsuchen!
    Der Neger sah sich um. Schau her, sagte er, in diesem dichten Gebsch
wollen wir bleiben, so da uns der Jaguar nicht entdecken kann, whrend wir
jedoch imstande sind, alles zu berblicken. Nur mut du dich nicht berreden
lassen, auf die andere Seite des Flusses zu gehen. Ohne Fhrer finden wir uns
niemals durch das Steingewirr.
    Robert nickte. All right, Mongo. Ich bin allerdings berzeugt, da der
Jaguar ein Freund ist.
    Ich auch, Bob. Aber Vorsicht kann niemals schaden. Und jetzt, Gott
befohlen! Mach, da du auf deinen Posten kommst.
    Gottlieb drngte sich vor. Robert - ich will bei dir bleiben, bat er. Ich
kann dich nicht so allein lassen.
    Robert schob ihn mit sanfter Gewalt zurck. Ich rufe dich, wenn ich in
Gefahr kommen sollte, Gottlieb, ich rechne fest auf deine Wachsamkeit, sagte
er, aber jetzt mu ich allein gehen. Was sollte der Jaguar von mir denken, wenn
ich es nicht gewagt htte, ohne Begleitung zu kommen?
    Der andere seufzte. Du bist zu unvorsichtig, antwortete er, zog sich dann
aber doch an Mongos Seite in das Gebsch zurck.
    Wenn es nun dunkel wird, bevor der Wilde kommt, raunte er, und wenn wir
den armen Robert nicht mehr sehen knnen, was dann?
    Und wenn nun der Jngste Tag in diesem Augenblick hereinbricht, Gottlieb,
wenn ein Erdbeben kommen sollte, was dann?
    Der eingeschchterte Gottlieb wagte kein weiteres Wort. Mongo war nicht
besonders geduldig, das wute er schon aus Erfahrung. Es gab sofort eine
tchtige Lehre, wenn er einmal allzuviel Angst zeigte.
    Im Gebsch wurde also alles still, nur der Wind rauschte in den Zweigen.
    Robert ging mit leichten Schritten bis an die Steinwand, deren Umrisse im
Dmmerlicht klar erkennbar dalagen. Er berflog forschend die ganze Umgebung -
niemand war in der Nhe; nichts verriet die Gegenwart eines menschlichen Wesens.
    Eine Minute spter hrten die beiden Versteckten den Ruf der wilden Elster
laut hinaustnen in den dmmernden Abend. Nach kurzen Pausen folgte der zweite
und der dritte Schrei.
    Jetzt mssen wir genau achtgeben, flsterte Gottlieb. Wenn sich mehrere
Indianer zeigen, dann mssen wir - -
    Er unterbrach seinen Satz durch ein leises Ach, da ist er schon! - Mongo,
sieh, ein wahrer Riese, aber doch nur einer!
    Und wirklich war der Trapper schon im nchsten Augenblick erschienen. Er
stand auf dem steinernen Vorsprung wie der Geist des Gebirges, wie ein
berirdisches Wesen. Die spitze Mtze warf ihren Schatten, und die ganze hohe
Gestalt glich einer Marmorstatue.
    Der Jaguar grt dich! sagte die tiefe, klangreine Stimme. Er hat seinen
Freund an dieser Stelle und zu dieser Stunde erwartet.
    Robert drckte herzlich die Hand des Jgers, der inzwischen von der
Steinwand herabgesprungen war. Du weit also schon, welches Unglck mich und
ganz Lenchi betroffen hat, Jaguar? fragte er.
    Der Jger zeigte nach der Gegend des verbrannten Minenlagers hinber. Der
Jaguar sah die roten Feuergarben, welche den drei weien Wolken nachzogen,
erwiderte er. Der Groe Geist hat gesprochen, und seine Shne werden
gehorchen.
    Roberts Hoffnung begann sich wieder zu beleben. Der Jger sprach mit so
berzeugender Sicherheit, da es wirklich schien, als wisse er einen Ausweg aus
dieser Notlage. Robert legte bittend die Hand auf seine Schulter. Jaguar,
sagte er, kannst du mir helfen und willst du es? - Ich wrde dir ewig dankbar
sein.
    Der Trapper lchelte unmerklich. Ist mein junger Freund in diesem
Augenblick mehr geneigt, an die Macht des Groen Geistes zu glauben? fragte er
halblaut.
    Robert errtete etwas. Das tat ich wohl immer, Jaguar, antwortete er.
Aber ich sehe wirklich keinen Weg, wie du mir helfen, knntest. Bitte, sag mir,
was hast du vor?
    Der Jger schttelte leicht den Kopf. Das ist nicht so schnell erklrt,
antwortete er, das ist nicht in zwei Worten gesagt. Auerdem wird unter den
Shnen des roten Volkes niemals anders als am Feuer und nach der Mahlzeit Rat
gehalten. Rufe deine Freunde, damit sie im Lager des Jaguars mit ihm Salz essen
und die Friedenspfeife rauchen.
    Dunkle Glut scho ber Roberts offenes Gesicht. Meine Freunde? wiederholte
er. Was willst du damit sagen, Jaguar?
    Der Jger sah ihm fest ins Auge. Redest du mit gespaltener Zunge? fragte
er in leise mahnendem Ton.
    Robert fhlte sich beschmt. Nein, wirklich nicht, Jaguar, sagte er fest.
Du sollst mich nicht umsonst an das, was ich dir und mir schuldig bin, erinnert
haben.
    Mongo! rief er dann mit lauter Stimme, Mongo! Gottlieb! Kommt hierher!
    Der Neger kam sofort aus seinem Versteck hervor, und Gottlieb folgte ihm
uerst widerstrebend, hatte aber doch nicht den Mut, allein zurckzubleiben.
Du, Mongo, raunte er, whrend er den langen Schritten des Schwarzen
nachzukommen suchte, das klang nicht wie ein Hilferuf.
    Weshalb denn auch, Junge? Wer denkt denn berhaupt daran?
    Ja aber, verteidigte sich Gottlieb, was man so im allgemeinen von den
Indianern gelesen hat, das -
    Pst, spare deine Weisheit fr ein anderes Mal. Der Jaguar knnte dich
hren, und auerdem ist er ein Weier, wie du selbst, das habe ich dir schon
zwanzigmal gesagt.
    Ich wei߫, flsterte Gottlieb, ich wei, aber der Name -
    Sei ruhig, hrst du!
    Es blieb aber auch zu weiteren Reden keine Zeit mehr. Mongo begrte den
Halbindianer mit krftigem Hndeschtteln.
    Der Trapper gab auch Gottlieb die Hand. Ist dieser junge Mann euer Freund?
fragte er. Wird er euch begleiten?
    Wenn wir von hier fortgehen, ja.
    Nun, so kommt denn. Das Feuer im Lager des Jaguars brennt, das Mahl ist
bereit und die Pfeife gestopft. Der Jaguar wute, da seine weien Brder zu ihm
kommen wrden, da er in der Wildnis ihr Fhrer sein soll und da ihn der Groe
Geist gesandt hat, um sie zu beschtzen, - er wird tun, wie ihm jener gebot.
    Er stand mit einem Satz auf dem Vorsprung und war im nchsten Augenblick
jenseits des Felsens verschwunden. Ohne auch nur rckwrts zu blicken, folgten
erst Robert und dann Mongo. Nur Gottlieb zgerte einen Augenblick, doch dann
berwand er sich und sprang verzweiflungsmutig den Vorangegangenen nach.
    Der Jaguar zog wie in der ersten Nacht seine Begleiter an der Hand durch das
gewundene Felsentor und durch das Wasser, bei welcher Gelegenheit sich Gottlieb
nicht enthalten konnte, laut aufzuschreien, Robert! Robert! - Was ist das?
    Der bemhte sich, ernst zu bleiben. Wir berschreiten den Brown-Creek,
Gottlieb, antwortete er.
    Ach so! - Gott, ich dachte - aber -
    Ein freundschaftlicher Rippensto des Negers bewog ihn, seine weiteren
Mutmaungen lieber unter Verschlu zu halten. Der bergang war auch jetzt
vollzogen und die andere Seite des Flusses erreicht, ohne da sich etwas
Verdchtiges gezeigt htte. Dieselbe Ruhe trat wieder ein, dasselbe Rauschen und
Flstern des Windes in den Zweigen, nur von fern sah man einen Schimmer, als ob
dort Feuer zwischen den Bumen hervorleuchtete. - -
    Robert, Robert, siehst du den roten Schein dort hinten?
    Die unruhige Stimme zitterte so, da sie Roberts Mitleid erregte. Er prete
heimlich die Hand seines Freundes. Ich bitte dich, Gottlieb, sei doch
vernnftig. Meinst du denn wirklich, da Mongo und ich mit aller Gemtsruhe ins
Verderben hineinlaufen wrden?
    Also du glaubst nicht an Verrat, Robert? Es lauern dort keine Comanchen
hinter den Bumen?
    Ach, dummes Zeug!
    Der Jaguar schritt whrend dieser Unterhaltung voran, und schon sehr bald
hatte man einen Felsvorsprung erreicht, wo an geschtzter Stelle ein Feuer aus
mchtigen Holzblcken emporloderte. Moosbewachsene und von Bffelfellen
berdeckte Sitze bildeten den Hintergrund einer Art Hhle, der nur der Tisch
fehlte, um ganz behaglich und wohnlich auszusehen. In einer Ecke lag ein
gerucherter Brenschinken, eine am Spie gebratene Hirschkeule und eine groe
Anzahl der flachen indianischen Maiskuchen, Dampers genannt, die zwischen zwei
heien Steinen gebacken und warm verzehrt werden.
    Eine Flasche und eine eigentmlich geschnitzte Pfeife aus rotem Seifenstein
gehrten ebenfalls zur Einrichtung.
    Gottlieb sah das alles auf einen Blick. Besonders die Pfeife beruhigte ihn
sehr. Wenn solch ein brauner Heide mit jemandem geraucht hat, dann tut er ihm
kein Leid mehr, dachte er, das habe ich oft gelesen. - Ach, was wrde ich
geben, um jetzt in Pinneberg zu sein! Schrecklich, dies Leben zwischen Wilden!
    Er beobachtete mit pochendem Herzen jede Bewegung des Jgers. Nachdem sie
Platz genommen und es sich nach Mglichkeit bequem gemacht hatten, entzndete
der Jaguar die Pfeife, aus der er unter tiefstem Schweigen einige Zge tat und
sie dann dem Neger als ltestem Gast weiterreichte. Von hier ging sie zu Robert
und schlielich in Gottliebs Hnde, der sie dem Trapper zurckgab.
    Nachdem auf diese Weise die allen indianischen Stmmen geheiligte Sitte
befolgt worden war, forderte der Jaguar seine Gste auf, zuzulangen. Auch
whrend der Mahlzeit wurde vollstndiges Schweigen bewahrt; erst als die vier
Mnner satt waren und zum Abschlu die Flasche rundumging, brach der Jger die
Stille, die den drei Goldsuchern schon lngst beklemmend geworden war.
    Haben meine Freunde die Absicht, wieder nach Lenchi zurckzukehren? fragte
er.
    Mongo stie heimlich gegen Roberts Fu, als wollte er ihm sagen: Antworte
du! - und der gab bereitwillig Auskunft: In Lenchi haben wir kaum noch
Aussichten auf nennenswerten Gewinn, sagte er, aber wir haben kein Geld,
anderswo hin zu ziehen. Von hier bis nach Idaho ist es weit, wie sollten wir die
teure Reise bezahlen?
    Der Trapper nickte langsam. Ich habe fr meine Brder einen Vorschlag,
sagte er.
    Du? rief Robert mit gespannter Aufmerksamkeit. Du, Jaguar, - und
welchen?
    Der Trapper beschrieb mit dem ausgestreckten rechten Arm in der Luft einen
Halbkreis. Der Jaguar kennt das Land zwischen Fels und Meer, den ganzen Strich
zwischen Oregon und Mexiko, ganz Kalifornien wie seine eigene Tasche, erwiderte
er. Der Jaguar hat seit dreiig Jahren diese Jagdgrnde durchstreift, - er wei
von einer Stelle, wo das gelbe Metall in Krnern zu finden ist und wo es fast
unmittelbar unter der Oberflche liegt, mhelos zu erreichen fr den, der einmal
diese Spur gefunden hat. Soll euch der Jaguar dorthin fhren?
    Alle drei Mnner hatten mit angehaltenem Atem die Worte des Pelzjgers
verfolgt. Selbst Gottlieb verga, als er von Goldkrnern reden hrte, seine
anfngliche Furcht und beugte sich lebhaft vor. Wo ist das? stammelte er
freudig und unruhig zugleich. Wo ist das?
    Auch Robert konnte sich nicht zurckhalten. Und wo liegt diese Stelle?
fragte er den Trapper.
    Der sah von einem zum anderen. Weit in den Jagdgrnden der Comanchen,
erwiderte er, mehr als zwanzig Tagemrsche von hier.
    Bei den Wilden also? rief der junge Auswanderer unbedachtsam.
    Der Trapper lchelte. Bei den Wilden, ja.
    Er winkte den anderen, als sie versuchen wollten, Gottliebs Taktlosigkeit
wieder gut zu machen. In seinem Wesen offenbarte sich berhaupt eine
eigentmliche Mischung zwischen Weien und Indianern. Whrend er in Haltung und
Sprache ganz den Rothuten, seinen langjhrigen Gefhrten, glich, whrend er
alle ihre Sitten und Gebruche, vielleicht ohne es zu wissen, angenommen hatte,
war er doch im Grunde ein Weier geblieben. Er nahm das beleidigende Wort die
Wilden keineswegs bel auf, sondern sagte freundlich: Die Goldschlucht liegt
am Fue der Sierra Nevada, im Lande der roten Kinder des Groen Geistes!
    Gottlieb senkte etwas beschmt den Kopf. Ich wollte nichts Beleidigendes
sagen, stammelte er.
    Weiter! drngte Robert. Ist dieser Ort schon als goldhaltig bekannt,
Jaguar? Gibt es dort eine Niederlassung?
    Der Trapper schttelte den Kopf. Kein Weier kennt die Stelle, keine
Ansiedlung ist weit und breit, - nur die Comanchen haben in diesen friedlichen
Tlern ihre Drfer.
    Roberts Hand legte sich schwer auf die des Pelzjgers. Fest und fragend sah
er ihn an. Jaguar, sagte er, werden uns deine Brder, die Comanchen, in ihren
Wohnsitzen dulden? Knnen wir ungefhrdet mit dir in die Wildnis ziehen?
    Der Jger hob zwei Finger gegen den sternklaren Nachthimmel. Bei dem Namen
des Groen Geistes ber den Wolken, bei der Macht dessen, der zwei Kugeln im
freien Raum sich begegnen lie als Wahrzeichen eines Bundes zwischen seinen
Kindern, - du kannst es tun, ohne das mindeste befrchten zu mssen!
    
    Das war, wenn auch nicht ganz frei von den Riten indianischer Religion,
beinahe ein christlicher Eid, und Robert wute, da er ihm glauben durfte.
    Langsam sagte er: Gut, Jaguar, ich vertraue dir vollstndig, und ich bin
bereit, dich durch die Steppe zu begleiten.
    Mongo nickte. Und ebenso ich, Jaguar, wenn du es erlaubst.
    Gottlieb wollte sprechen, aber er brachte kein Wort hervor. Er reichte nur,
den andern folgend, dem Jger die Hand.
    Der Jaguar lie nochmals die Flasche herumgehen. Wollen meine Brder vorher
noch nach Lenchi zurckkehren? fragte er.
    Robert und Mongo wechselten einen schnellen Blick. Beide hatten keinen
Grund, die Stadt noch einmal wiederzusehen. Wir sind frei wie die Vgel unter
dem Himmel, antwortete der Neger, uns hlt dort nichts mehr zurck.
    Gottlieb wischte sich die groen Schweitropfen von der Stirn. Und was wird
aus unseren Decken und unserem Gert? seufzte er.
    Der Jaguar lchelte. Mein weier Bruder soll sanft schlummern, erwiderte
er freundlich, als sprche er zu einem schchternen Kind. Der Jaguar hat Pelze
und Bffelfelle berall am Wege in Hhlen versteckt. Und die Comanchen werden
ihm bereitwillig ihre Werkzeuge leihen, um damit das Gold aus dem Boden zu
graben, - mein Bruder mag sich vollstndig beruhigen.
    Gottlieb sah zaghaft empor. Soll es denn gleich weitergehen? fragte er.
    Nur fr etwa zwei Stunden. Dort gibt es eine Htte, in welcher der Jaguar
zu bernachten pflegt. Meine Freunde werden von den Anstrengungen der letzten
Nacht sehr ermdet sein.
    Wirklich! gestand Mongo, ich spre es.
    So lat uns aufbrechen, ermunterte Robert. Frisch gewagt ist halb
gewonnen!
    Alle vier Mnner ergriffen ihre Bchsen, und unter Fhrung des Trappers ging
es in den schweigenden, nchtlichen Wald hinein.
    Ein zweistimmiges starkes Hundegebell war das erste, was den Wandernden nach
einigen Stunden scharfen Marsches entgegenscholl und was sogleich Gottliebs
Befrchtungen wieder aufkommen lie.
    Mein Gott, - Hunde! Sollten Sie sich in der Richtung geirrt haben, Herr
Jaguar?
    Durchaus nicht! erwiderte gutmtig der Trapper. Meine Freunde werden
sogleich erkennen, da diese treuen Tiere unsere Bundesgenossen sind. Sie
bewachen meine Htte.
    Der Jger schob zwei Finger in den Mund und pfiff auf eigentmliche Weise,
so da es weit hinausschallte in den regennassen Wald. Das Hundegebell
verstummte sofort.
    Gottlieb war jedoch noch nicht beruhigt. Du, raunte er, Roberts Arm
berhrend, du, ob die Tiere an der Kette liegen?
    Der lachte im stillen. Das glaube ich nicht! antwortete er, aber sie
gehorchen, wie du siehst, und werden uns bestimmt nicht auffressen. Du mut dich
brigens etwas zusammennehmen, Gottlieb. Die Indianer verachten die Furcht, -
sollen sie dich deiner ngstlichkeit wegen ber die Achsel ansehen?
    Gottlieb seufzte. Offen gestanden, - das wre mir ziemlich gleichgltig,
gab er zurck. Ach du lieber Gott, ich gehe ja nicht wie ihr anderen zum
Vergngen in diese schreckliche Wildnis.
    Robert drckte ihm gerhrt die Hand. Du wirst immer an uns, und besonders
an mir die eifrigsten Beschtzer finden, versprach er, und dann berlege dir
doch, da wir vielleicht jetzt nur wenige Monate brauchen, um zu unserem Ziel zu
kommen. Wenn du nun in Pinneberg das kleine alte Haus wieder aufbauen knntest,
und wenn du gewissermaen imstande wrest, deinem blinden Vater das Augenlicht
zurckzugeben, indem er alles an der altgewohnten Stelle wiederfnde, alles
durch sein Tastgefhl erkennen knnte, was ihm jetzt in fremder Umgebung
verloren gegangen ist! Dafr mut du ein Opfer bringen, Gottlieb!
    Groer Gott, tue ich es denn etwa nicht in diesem Augenblick?
    Sicherlich, aber mit innerem Widerstreben. Versuch doch einmal das Gute an
der Sache zu sehen. Wir lernen doch soviel Neues und Schnes kennen.
    Aber Gottlieb schttelte den Kopf. Ich kann daran nichts Schnes finden.
    Nicht? - Das darfst du nicht sagen. Aber still jetzt, der Trapper schlgt
Feuer, wir werden zu Hause sein.
    Gottlieb schob sich noch nher an die Seite seines Freundes. Ein prchtiges
Zuhause, sthnte er. Das ist ein groer Maulwurfshaufen, weiter nichts. Und wo
wohl die Hunde sind?
    Die Frage wurde ihm im nchsten Augenblick beantwortet. Eine niedere Tr
knarrte in ihren Angeln, ein Kienspan flammte auf, und zwei groe Bluthunde
umdrngten die Knie ihres Herrn, seine Hnde leckend, schweifwedelnd und mit
leisen Schmeichellauten.
    Der Trapper stellte gewissermaen die Menschen und die Tiere einander vor.
Es ist gut, Antilope, sagte er, gut, Schlangentter, - hier, begrt auch
meine Freunde!
    Und die beiden Tiere mit dem furchtbaren Gebi legten sich gehorsam den
Fremden zu Fen. Antilope und Schlangentter, mit dem Pelzjger schon durch
Jahre verbunden, seine Gefhrten, seine Freunde fast, streckten sich auf den
Boden, als wollten sie die Herrschaft des Menschen hierdurch anerkennen.
    Und nun ruht euch aus, bat der Trapper, indem er von einem Haufen im
Winkel mehrere Bffeldecken nahm und ausbreitete. Schlaft, wie ich es tun
werde, und der Groe Geist behte eure Nachtruhe.
    An euren Posten, Antilope und Schlangentter!
    Die Hunde erhoben sich, um vor der Htte Wache zu halten, die vier ermdeten
Mnner streckten sich auf das schnell bereitete Lager und waren bald
entschlummert. Selbst Gottlieb schlief, obwohl ihm dauernd von abgerissenen
Skalpen und Marterpfhlen trumte. - -
    Am folgenden Morgen begann nach einem krftigen Frhstck die groe
Wanderung durch den grnen, taufrischen Wald.

                               Bei den Comanchen


Es wrde wenig lohnend sein, den Weg der vier Mnner nher zu verfolgen. Sie
durchzogen endlose Urwald- und Prriegebiete, manchmal fuhren sie ein Stck mit
der Postkutsche, doch mute der grte Teil des Weges zu Fu zurckgelegt
werden. Gottlieb konnte sich anfangs gar nicht an die tagelangen Mrsche
gewhnen. Er verwnschte seine Nachgiebigkeit gegen Roberts verwegene Plne, gab
oft zehnmal in einer Stunde sein Leben verloren und hoffte auf nichts mehr; aber
allmhlich fgte er sich in das Unvermeidliche und fing an, ein besserer Kamerad
zu werden.
    Robert war geradezu begeistert. Diese Sommernchte unter freiem Himmel, dies
Wandern durch die taufrischen Wlder im ersten Morgenlicht, wenn die
Vogelstimmen erwachten und die Sonne langsam hher stieg, - er konnte sich
nichts Schneres denken. Und wie glcklich war er, wenn er einen prchtigen
Braten geschossen hatte, wie stolz befestigte er an seiner Mtze die erste
Adlerfeder!
    Es war ja nicht das erste Mal, da er einen Adler scho, doch war ihm
damals, wie wir wissen, der Krper des Vogels in den Spalten der Felsschlucht
verloren gegangen.
    Und endlich kam der Tag, an dem der Jaguar erklrte, da vor Sonnenuntergang
das Dorf der Comanchen erreicht sein werde. Gottliebs alte Unruhe berfiel ihn
ruckartig noch einmal wieder, aber diesmal konnte er sich beherrschen. Als der
Rauch aus den Htten der Rothute zwischen den Bschen sichtbar wurde, fing er
leise an zu singen, und Robert und Mongo wechselten verstohlen einen lchelnden
Blick.
    Doch zur Furcht schien auch wirklich kein Anla zu sein. Friedlich lag das
Indianerdorf in der Talmulde, die Mnner machten im Gegensatz zu den Wilden auf
der Insel der Magelhaensstrae einen ruhigen und besonnenen Eindruck, die Frauen
erschienen so zart und klein, da Robert unwillkrlich staunte. Ihre schwarzen,
schlichten Haare waren mit Perlen und Muscheln durchflochten, sie trugen lange
Gewnder aus einem selbstgewebten, leichten Stoff und waren damit beschftigt,
Netze, Jagdtaschen und Krbe zu flechten, Mokassins zu sticken, Maiskuchen
zwischen zwei heien Steinen zu backen oder in Steinkrgen Wasser aus der nahen
Quelle herbeizuholen. Von den Mnnern waren nur wenige zu sehen, whrend einige
Kinder im Sand spielten, und die ganz kleinen, die noch nicht allein gehen
konnten, in Krben an den nchsten Bumen aufgehngt waren.
    berall liefen Haustiere frei umher, Pferde weideten in der Nhe der Htten,
und eine Ziegenherde erkletterte die Abhnge.
    Die beiden Hunde des Trappers, von ihren Kameraden unten im Dorf mit lautem
Gebell herausgefordert, sprangen voran und machten so gewissermaen Meldung von
dem Eintreffen der kleinen Karawane, aber obgleich mehrere Indianerinnen die
vier Mnner herankommen sahen, zeigte doch niemand besonderes Erstaunen, schien
niemand die Ankommenden berhaupt zu bemerken.
    Der Jaguar schien das nicht weiter merkwrdig zu finden. Meine roten Brder
leben gegenwrtig mit allen ihren Nachbarn im Frieden, sagte er, sie haben die
Streitaxt begraben und wissen daher, da sie nicht auf ihrer Hut zu sein
brauchen. Der rote Mann ist nicht neugierig.
    Robert dagegen hatte schon wieder so viele Fragen auf der Zunge, da er
nicht damit zurckhalten konnte.
    Jaguar, fragte er, hast du im Dorf eine Htte? Und bist du eigentlich
Familienvater? Erwarten dich zu Hause Frau und Kinder?
    Der Trapper ging lange schweigend an seiner Seite. Einen Wigwam hat der
Jaguar auch in diesem Dorf, erwiderte er endlich, aber - Kinder erwarten ihn
nicht darin. Das Weib des Jaguars liegt seit dreiig Jahren im Walde unter den
hchsten Bumen begraben.
    Robert tat es leid, gefragt zu haben, und jetzt wechselte er sofort den
Gegenstand des Gesprchs. Mit der Vergangenheit des Jaguars verknpfte sich
seiner Meinung nach berhaupt ein trauriges Geheimnis, deshalb wollte er lieber
jede Frage in dieser Richtung vermeiden.
    Auch nicht einmal die Kinder achten auf uns, sagte er. Diese
Verschlossenheit mu doch tief im Blut liegen.
    Nur mich schienen die kleinen Wesen mit ihrer besonderen Aufmerksamkeit zu
beehren! lchelte Mongo. Einige sind schon in die Htten geflchtet.
    Gottlieb beobachtete alles mit aufmerksamen Augen. Besser als bei den
Patagoniern ist es ja, meinte er, aber doch alles nur sehr provisorisch
angelegt. Die faulen Kerle sollten, anstatt so auf den Bffelhuten
herumzuliegen und zu rauchen, lieber ihren Zelten feste Wnde bauen. Ich glaube,
man arbeitet hier gar nicht.
    Das alles hatte er aber auf deutsch gesagt, so da nur Robert es verstand.
    Der lachte. Nein, der Indianer arbeitet nicht, erwiderte er. Krieg und
Jagd sind seine einzigen Beschftigungen, whrend dagegen die Frauen die
Hausarbeit besorgen. Ich bin sehr neugierig, das merkwrdige Volk
kennenzulernen.
    Gottlieb schttelte sich. Diese Malereien auf Brust und Armen sind
abscheulich, sagte er. Und wer wei, ob man sich hier berhaupt wscht.
    Robert sah zu den hohen Bergspitzen der Sierra Nevada empor. Hoffentlich
finden wir hier Gold, seufzte er. Es wre geradezu furchtbar, wenn wir uns
darin getuscht htten.
    Und das sagst du? Du, der diesem Wilden alles aufs Wort glaubte?
    Das tue ich auch jetzt noch, aber wer wei, ob der Jaguar die Sache genau
kennt, ob es wirklich Gold ist, was er meint?
    Gottlieb senkte den Kopf. Ich mache mich auf alles gefat, erwiderte er.
    Jetzt wurde das Gesprch der beiden fr einen Augenblick unterbrochen, denn
der Wigwam des Jaguars war erreicht, und der Trapper lie seine Gste eintreten.
Niemand von den Dorfbewohnern kmmerte sich um sie.
    In dem Zelt aus Bffelfellen befand sich eigentlich nichts, vielmehr zeigte
das ppige Moos des Fubodens, da sich dort seit lngerer Zeit kein
menschliches Wesen mehr aufgehalten hatte. Die drei Freunde muten verschiedene
Kfer und Eidechsen aus ihrer Huslichkeit aufschrecken, bevor es ihnen gelang,
ein Pltzchen zum Ausruhen ihrer ermdeten Glieder zu finden.
    Der Jaguar machte sich sofort auf den Weg, um erst einmal fr etwas
Bequemlichkeit und fr etwas Ebares zu sorgen. Die Goldgrber blieben einen
Augenblick allein.
    Ein schnes Mauseloch, das hier, murrte Gottlieb. Wenn man sicher ist,
nicht skalpiert und gemartert zu werden, so stellt man schon hhere Ansprche,
als auf dem glatten Boden auszuruhen, nachdem man einen Spaziergang von
zweihundert Meilen hinter sich hat. Das ist ja, als wren die Menschen hier
taubstumm.
    Robert lachte. Vermit du die Neugier, mit der sich in Deutschland sofort
alles zusammendrngt, wenn irgend etwas Unerwartetes geschieht? fragte er.
    Gottlieb errtete. Man spricht doch gern ein Wort, brummte er. Die Leute
knnten wohl ein paar Sthle herbringen, finde ich.
    Wenn sie nun aber selbst keine besitzen? spttelte Mongo. Wenn sie nun
entweder stehen oder auf Bffeldecken liegen?
    Ach du groer Gott! Und das sollen wir nun auch tun?
    Wir knnen uns ja spter hlzerne Sitze zurechtzimmern, mein Bester. Auf
mich macht das alles hier einen sehr guten Eindruck, mu ich offen sagen.
    Auf mich auch! rief Robert. Du bist nur noch zu verwhnt, Gottlieb, daher
kommt es. Wenn du, wie Mongo und ich, unter den schmutzigen Lappen gelebt
httest, so wrde dir dies hbsche friedliche Dorf schon besser gefallen.
    Der junge Pinneberger senkte seufzend den Kopf. Ich sehe nur noch gar keine
Vorbereitungen fr den eigentlichen Zweck unserer langen Wanderung, gestand er.
O Gott, wann werde ich endlich meinen armen Eltern das erste Geld schicken
knnen? - Hier ist doch nichts als Urwald, wann werden wir jemals hier Gold
finden?
    Trnen standen ihm in den Augen. Da hier so gar keine Arbeitsfreude zu
finden ist, schluchzte er, das lhmt mich frmlich. Und wenn wir wirklich
heute Gold graben, so wird es uns in der nchsten Nacht wieder gestohlen.
    Hinter ihm teilten sich die Zeltvorhnge. Der Jaguar erschien, beladen mit
Bffelfellen und Lebensmitteln. An seinem Arm hing eine sogenannte Kalebasse,
ein ausgehhlter groer Krbis, mit frischem Wasser. Mein junger Freund mag
sich beruhigen, sagte er freundlich, alle seine Wnsche sollen erfllt werden.
Das rote Gold im Erdenscho wartet seiner, und was er findet, das gehrt ihm
allein. Der Indianer bestiehlt keinen Fremdling, der in seinen Drfern weilt.
    Und nun, meine Freunde, et und trinkt! fgte er hinzu.
    Robert und Gottlieb sahen sich etwas fassungslos an. Verstand der
geheimnisvolle Mann die deutsche Sprache? - Offenbar hatte er Gottliebs letzte
Worte gehrt.
    Aber nachzufragen wre unbescheiden gewesen. Wir danken dir von ganzem
Herzen, Jaguar, rief Robert. Wir hoffen ganz sicher, da wir eine reiche
Ausbeute haben werden.
    Der Trapper neigte zustimmend den Kopf. Der Jaguar wird morgen in aller
Frhe die Huptlinge der Comanchen zusammenrufen, antwortete er, und wird mit
ihnen und seinen weien Freunden die Friedenspfeife rauchen. Danach kann die
Arbeit im Gebirge ihren Anfang nehmen. Das Gold liegt berall.
    Gottlieb hob das heie, noch von Trnen feuchte Gesicht zu dem Trapper
empor. Der niederdrckende Eindruck, den das schweigsame Dorf auf ihn gemacht
hatte, war zu stark gewesen, als da er ihn in sich verschlieen konnte.
Jaguar, flsterte er, Jaguar, ist es wirklich so, wie Ihr sagt? Ist Gold -
viel Gold hier zu finden?
    Der Trapper lchelte. Du kannst ein reicher Mann werden, erwiderte er, es
hngt nur von dir ab.
    Die Worte waren so einfach und freundlich gesagt, da Gottlieb laut
aufschluchzte. Ehe er vielleicht ber das, was er tat, selbst nachgedacht hatte,
ergriff und kte er die Hand des Trappers.
    Gott segne dich, Jaguar, prete er mhsam hervor.
    Robert lchelte gerhrt. Er selbst war durch all das, was er in den letzten
Jahren erlebt hatte, reifer geworden, er war in sich fester und ruhiger als
Gottlieb, der in seinem Wesen immer noch sehr viel Kindliches, Hilfloses trug.
Auch jetzt, so sehr ihn die Worte des Pelzjgers freuten, begngte er sich mit
einigen kurzen, dankenden Worten. Darauf begann das Mahl, dem alle gleich tapfer
zusprachen, und anschlieend wurden die Bffeldecken zum Schlafen ausgebreitet.
    Am folgenden Morgen bildete sich inmitten der kleinen Niederlassung ein
Halbkreis ernster, schweigsamer Gestalten. Sie waren alle mit Bchse und
Tomahawk bewaffnet, aber verschiedenartig ttowiert, und trugen langes,
schwarzes Haar, das auf den nackten, von einem Pelzmantel lose umgebenen
Oberkrper herabhing. Ohne ein einziges Wort der Unterhaltung nahmen die
Rothute am Boden Platz und warteten mit gekreuzten Armen und der Wrde von
Frsten geduldig, was da kommen werde.
    Mitten im Kreis lag eine Pfeife.
    Endlich erschien der Jaguar und mit ihm die drei Freunde. Robert verschlang
frmlich mit den Augen das seltsame Bild der zur Beratung versammelten Rothute,
Mongo war ein ruhiger Zuschauer, und Gottlieb murrte in sich hinein, da der
Trapper deutsch verstand und er also seine Meinung nicht laut uern durfte.
    Keiner der Indianer schien die Neuangekommenen zu bemerken.
    Und dann hielt der Jaguar eine lange Rede, von der natrlich die drei
Freunde kein einziges Wort verstanden. Robert horchte nur aufmerksam auf die
Laute dieser seltsamen Sprache, die ganz aus Vokalen zu bestehen schien und die
bei der vorwiegenden Gleichartigkeit aller Silben gewi auerordentlich schwer
zu erlernen sein mute. Der Trapper schilderte ohne Zweifel die merkwrdige Art
und Weise, wie er die Goldgrber kennengelernt hatte, und fgte dann zum Schlu
in fragendem Ton noch etwas hinzu, das sicherlich nur eins bedeuten konnte: ob
nmlich die Rothute wagen wollten, auf seine, des Jaguars Brgschaft hin, den
Weien zu erlauben, in ihrem Gebiet nach Gold zu suchen.
    Als er schwieg, erhob sich der lteste des kleinen Kreises und antwortete
ihm; dann entspann sich ein lngeres Hin- und Herreden, das schlielich in
allgemeine Abstimmung berging. Das Ergebnis mute sehr zufriedenstellend sein,
denn der Jaguar wandte sich jetzt zum erstenmal an die stumm dasitzenden
Goldgrber.
    Meine roten Brder sind bereit, mit euch die Friedenspfeife zu rauchen,
sagte er, sie bieten euch die Gastfreundschaft ihres Wigwams, sie versprechen
euch, da ihre Squaws fr euch kochen und den Damper backen, da sie euch
Jagdtaschen und Mokassins sticken und eure Krbisflasche mit frischem Wasser
fllen sollen, sie wollen mit euch Salz essen und auf die Jagd gehen, aber
vorher mt ihr geloben, keinem Weien das Geheimnis dieser Goldschlucht zu
entdecken. Die roten Mnner werden seit langer Zeit von den Jagdgrnden ihrer
Vter vertrieben, werden Jahr um Jahr weiter zurckgedrngt in die Gebirge, - es
ist daher verstndlich, da sie ihre Weidepltze so lange wie mglich zu
schtzen suchen. Erkennen meine Freunde diese Notwendigkeit an?
    Mongo und die beiden Weien erklrten sofort ihr Einverstndnis und gaben
das Versprechen, ber ihre Kenntnis von Goldvorkommen innerhalb des
Indianergebietes vollstndiges Stillschweigen zu bewahren. Gleichzeitig baten
sie den Trapper, ihren Gastgebern auf das herzlichste in ihrem Namen zu danken.
    Der Jaguar bersetzte alles, worauf die Pfeife in Brand gesteckt und von dem
ltesten der kleinen Versammlung nach den ersten Zgen dem Nebenmann bergeben
wurde, und so reihum den ganzen Kreis durchlief. Als jeder einzelne die blichen
drei oder vier Zge getan hatte, war der Zweck dieser Feierlichkeit erfllt, und
nun konnten sich die drei Freunde als Angehrige des Indianerdorfes betrachten.
Die einen boten ihnen Pferde und Hunde zur Jagd an, die anderen legten ihnen
Geschenke in Gestalt von Waffen, Bffelfellen und selbstgefertigten Arbeiten zu
Fen, immer aber bewahrten die Rothute vollstndige Zurckhaltung, und ebenso
sprachen sie nur, um das Allernotwendigste zu sagen, whrend ihnen eine
eigentliche Unterhaltung ganz unbekannt schien.
    Durch alle Wigwams wurden die drei Freunde gefhrt, und alle Frauen setzten
sich ihnen zum Zeichen ihrer Unterwrfigkeit zu Fen oder kten die Zipfel
ihrer Kleider. Nur Mongo wurde mit weniger Respekt behandelt. Einmal drngten
sich sogar mehrere Frauen neugierig an ihn heran, und eine von ihnen fuhr mit
ausgestrecktem Zeigefinger ber sein Gesicht, worauf dann alle sorgfltig die
Fingerspitze prften, offenbar um zu erkennen, ob die schwarze Farbe echt sei.
Der Neger nahm mit gutmtiger Ruhe diesen kleinen Scherz als das, was er
wirklich war, nmlich kindliche Unwissenheit, - die beiden jungen Leute dagegen
wollten sich vor Lachen ausschtten, besonders als die Indianerin, die Mongos
ehrliches Gesicht berhrt hatte, sich heimlich die Hand an ihrem Kleid reinigte.
    Nachdem das ganze Dorf besichtigt worden war, ging es hinaus zu den Abhngen
der Sierra Nevada. Der Jaguar und mehrere Indianer fhrten ihre Gste bis in ein
tief eingeschnittenes Tal, das vielleicht noch nie ein Weier vor ihnen betreten
hatte. Steil erhoben sich zu beiden Seiten die bewaldeten Gebirgszge,
unbersehbar erschien das grne Meer der Baumwipfel.
    Der Trapper schien seinen Schtzlingen eine berraschung bereiten zu wollen.
Er stie das schwere Jagdmesser tief in die lockere Erdschicht des Felsens
hinein und warf Moos und Flechten mit der Hand zurck. Nachdem er dann von der
hrteren Unterlage ein Stckchen gewaltsam losgebrochen hatte, hielt er es
lchelnd ins Sonnenlicht.
    Robert, sagte er, schau her, mein Freund!
    Es blitzte und glnzte wie tausend Funken und blendete im ersten Augenblick
frmlich die Augen. Was hier der Trapper zwischen den Fingern hielt, das war
mehr Gold, als man in Lenchi whrend einer ganzen Stunde gewinnen konnte.
    Ein Schauer berrieselte. Roberts ganzen Krper.
    Jaguar, stammelte er, Jaguar, - das ist Gold!
    Der Trapper nickte. Fr dich, fgte er hinzu. Fr euch alle!
    Gottlieb! rief Robert, Gottlieb, was sagst du dazu?
    Statt aller Antwort warf der junge Mensch seine Jacke von sich und begann
mit fast wahnwitzigem Eifer den Boden aufzulockern, bis die Quarzschicht
blolag, - dann erst wurde er ruhiger. Jaguar, rief er, sprich, sag es mir
noch einmal, - soll dies alles wirklich uns gehren?
    Und mit beiden Hnden die losgebrochenen Stcke emporhaltend, whlend im
goldhaltigen Gestein, hatte er Mhe, seine berschwengliche Freude zu bezhmen.
Am liebsten wre er gleich angefangen zu graben.
    Aber wie bringt man das Gold aus dem Quarz heraus? fragte er endlich den
Trapper.
    Durch Klopfen, erwiderte der. Du schaffst die freigelegten Stcke in
unseren Wigwam, und dort werden dir die Squaws helfen, das gelbe Metall von den
Schlacken zu subern.
    Gottlieb blickte auf. Immer noch schien ihm alles unfabar. Warum in aller
Welt lebst du seit Jahren neben diesem unermelichen Schatz, ohne ihn zu heben?
fragte er. Warum tun es alle deine roten Freunde?
    Der Trapper lchelte. Die farbigen Kinder des Groen Geistes sind keine
Kaufleute, antwortete er, sie arbeiten nicht und gehorchen keinem Zwang. Sie
sind freie Mnner, die auf dem Grund und Boden ihrer Vter leben, und ehe sie
den Weien dienstbar werden, viel lieber sterben, um in die ewigen Jagdgefilde
einzugehen.
    Gottlieb schttelte den Kopf. Also sie arbeiten gar nicht? fragte er.
    Nein, gar nicht. Die Arbeit ist Sache der Squaws.
    Gottlieb antwortete nicht mehr, aber was er bei sich dachte, das war fr die
armen Rothute sehr wenig schmeichelhaft. Er konnte sich nun einmal nicht damit
abfinden, da die Indianer jede Arbeit fr unter ihrer Wrde ansahen.
    Und dann lief er ins Dorf zurck und erbat sich Hacke, Schaufel und Korb, um
bis in die sinkende Nacht hinein zu arbeiten und ganze Berge von Quarz
freizulegen. Er konnte das edle Metall unbekmmert drauen vor dem Zelt liegen
lassen, niemand berhrte es.
    Auch Robert und Mongo waren nicht faul. Whrend der Trapper jeden Tag auf
die Jagd ging, wohl auch mehrere Nchte hintereinander fortblieb, und die
Indianer entweder dasselbe taten oder in ihren Wigwams auf den Bffelhuten
lagen, trmte sich unter den rastlosen Anstrengungen der drei Freunde ein so
groer Haufen von Quarz, da jetzt endlich einmal an die Reinigung des Gesteins
gedacht werden mute.
    Der Jaguar hatte aus weichem Antilopenleder kunstvoll einen Beutel genht,
darin sollte das gewonnene reine Gold aufbewahrt werden. Sobald sich der Haufe
von Quarz einigermaen vergrert hatte, mute einer der drei mehrere Tage im
Dorf bleiben und mit den schweigsamen Frauen der Rothute das Gold durch leichte
Schlge aus dem brckelnden Gestein herauslsen. Robert sah es immer sehr gern,
wenn ihm Gottlieb diesen Teil der Arbeit abnahm, und der wiederum blieb weit
lieber im Wigwam bei den Squaws, als da er drauen die Hacke schwang.
    Ein Bffelfell auf den Knien, den schon recht rundlichen Sack mit Gold neben
sich, sa er wie ein Alleinherrscher im Kreise der stummen, schchternen
Geschpfe, die seinem leisesten Wink gehorchten und die er nebenbei gromtig in
den ntzlichen Eigenschaften der Ordnung und Sauberkeit unterrichtete.
    Inzwischen hackte Mongo unermdlich den leicht zerschlagenen Quarz aus dem
Boden heraus und lie Robert hin und wieder mit den Rothuten zur Jagd gehen.
Das waren fr den jungen Matrosen die schnsten Tage. Sich so in Begleitung
mehrerer Hunde auf dem Rcken eines Mustangs - wie die Indianer ihre halbwilden
Pferde nennen - in Wald und Steppe herumzutreiben, Hirsche, Adler und hufig
sogar Bffel oder Bren zu jagen - ach, das begeisterte ihn ber alles. Mongo
verriet nichts; er lie Robert gewhren, und wenn sich Gottlieb wunderte, da so
wenig Quarz geschlagen sei, dann sagte er: Du mut dich einmal selbst daran
machen, mein Junge. La mich an deine Stelle treten und nimm du dafr meine.
    Das tat Gottlieb nicht gern. Er mochte sich von dem Goldsack keinen
Augenblick mehr trennen und fing an, Vorschlge zu machen, wie man das schon
gewonnene Metall einwechseln und nach Deutschland berweisen knne. Sechshundert
Taler war der angesammelte Vorrat immerhin schon wert, erkonnte also zweihundert
den Eltern schicken, sie aus dem Armenhaus erlsen und ihnen fr die Zukunft
goldene Berge versprechen. Das war zu verfhrerisch, als da es ihm lnger Ruhe
gelassen htte. Du, wie fangen wir es an? fragte er Robert. Jetzt fehlt uns
an unserm Glck nur noch die Postverbindung mit Deutschland! - Es wre zu schn,
Briefe schreiben und Briefe empfangen zu knnen!
    Robert seufzte leise. Die Erinnerung an Pinneberg fhrte ihm alte trbe
Bilder vor Augen, lie ihn wieder so recht erkennen, da nichts auf Erden
vollkommen ist, und warf ber das sorglose Leben bei den Indianern einen dunklen
Schatten. So durfte es, so konnte es nicht immer bleiben, und doch war es so
schn! -
    Ein breiter Flu zog sich quer vor dem Dorf hin; die Rothute besaen Kanus
und Ruder und lieen ihren Gast oft ganze Tage lang darin fahren, wohin er
wollte. Zwischen bewaldeten Ufern treibend, die Bchse im Arm, so lag er auf dem
Rcken und war glcklich wie ein Gott. Erlst von der Sorge um das tgliche
Brot, frei wie ein Vogel unter guten, harmlosen Menschen, - was blieb ihm noch
zu wnschen brig?
    Und doch lebte tief in seinem Innern eine Stimme, die nie schwieg und deren
leise Vorwrfe er allen anderen, nur nicht sich selbst verbergen konnte.
    Oft arbeitete er rastlos tagelang im Schweie seines Angesichts, er holte
doppelt ein, was er versumt hatte, aber die innere Unruhe blieb. Gerade jetzt,
wo das Leben so schn war, drckte es ihn manchmal wie eine Zentnerlast. Mongo
blieb das nicht verborgen, der Neger sah, wie Robert mit sich rang, und als
Gottlieb von einer Geldsendung nach Deutschland zu sprechen begann, da sagte er
wie zufllig, whrend er Robert leise zunickte: Der Jaguar will hinunter nach
Stockton und seine Felle verkaufen, - Bob, wie wre es, wenn du ihn
begleitetest?
    Robert errtete. Mongo, erwiderte er nach einer Pause, wenn ich von hier
fortgehe, mu es - nach Hamburg sein. Ich wrde mich selbst verachten mssen,
wenn ich eine andere Heuer annehmen knnte. Jetzt, wo das Gold da ist -
    Der Schwarze nickte freundlich. Du kannst doch auch von Stockton mit den
andern wieder zurckkommen, Bob! sagte er.
    Robert schttelte den Kopf. Es ist so schn hier, Mongo, seufzte er, und
ich mchte so gern bleiben, aber darf ich es? - Damals in Lenchi hatte ich das
schmerzlichste Heimweh, da sehnte ich mich nach Pinneberg, whrend hier der
Gedanke daran ganz in den Hintergrund gedrngt worden ist.
    So komm doch von Stockton wieder zurck! wiederholte der Neger.
    Aber auf wie lange? Damit ndere ich nichts.
    Mongo schwieg, aber als nach kaum einer Woche der Jaguar erklrte, in
wenigen Tagen aufbrechen zu wollen, da sah er, da die Trennung bevorstand.
Jetzt mute sich Robert entscheiden, jetzt mute es sich zeigen, ob er fhig
war, einer Neigung zu widerstehen und der Kindespflicht zu gehorchen. Wer wute,
welchen Weg Robert jetzt gehen wrde?
    Der Neger berhrte die Sache nicht wieder, Robert dagegen schien so oft wie
mglich darber sprechen zu wollen. Du, sagte er, als beide am letzten Abend
allein waren, ich glaube einen Ausweg gefunden zu haben.
    Nun, Bob, la hren.
    Robert sah zur Seite, - ein sicheres Zeichen, da er mit sich uneins war.
Mongo, fuhr er fort, ich denke mir die Sache so. Zugleich mit der Sendung
Gottliebs an seine Eltern schicke ich meinem Vater etwa hundert Taler, also das,
was ich ihm damals genommen habe, sage ihm noch einmal, da ich mein Vergehen
bereue, und bitte ihn, mir zum Zeichen der Vershnung einen Brief zu schreiben.
Tut er das, so soll alles gut sein, - sonst aber -
    Eine Pause verging, dann sagte der Schwarze: Nun, Bob, sonst aber?
    Sieht mich Pinneberg nie wieder, vollendete Robert entschlossen. Du bist
mein Freund, Mongo, der Jaguar hat mich gern, und es fehlt mir hier nichts, -
soll ich mich wirklich von euch trennen, nur um eines Eigensinns willen, den
wohl kaum jemand gerechtfertigt finden wrde?
    Der Neger lchelte trotz des Ernstes, der auf seinem gutmtigen Gesicht
stand. Knntest du wirklich fr immer hier bei den Wilden bleiben wollen, Bob?
fragte er. Knntest du dein Ziel fr erreicht halten, wenn du eine Htte dieses
Indianerdorfes bewohnst und von der Welt abgeschnitten wie eine Rothaut im Walde
lebst? Knntest du denn dem Meer fr immer den Rcken kehren wollen?
    Jetzt fuhr Robert auf. Nein! rief er. Nie! Aber im Augenblick bin ich
hier glcklich, - ich mchte es bleiben, solange es mglich ist. Wchst die
Sehnsucht nach neuen Lndern wieder in mir, so suche ich mir ein Schiff und
lasse mich einfach weitertreiben.
    Der Neger schttelte sehr ernst den Kopf. Lasse mich einfach
weitertreiben! wiederholte er. Da hast du mehr gesagt, als vielleicht in
deiner Absicht lag, Bob. Nimm es deinem alten Freunde nicht bel, aber dein Plan
taugt nichts. So kann nie etwas aus dir werden, wenn du mit neunzehn Jahren noch
lebst wie ein Kind, das nur die Stunde begreift und nur von dem wei, was es
sieht? Kannst du dich wirklich damit zufrieden geben, da du dich irgendwie und
irgendwohin treiben lt?
    Robert wurde nachdenklich. Mongo, sagte er nach einer Weile, es ist nicht
das erste Mal, da du so mit mir sprichst. - Darf denn ein Mensch nie ungestraft
glcklich sein?
    Der Schwarze legte die Hand beruhigend auf seine Schulter. Im Gegenteil,
Bob, sagte er zuversichtlich, im Gegenteil, der Mensch soll berall glcklich
sein, und zwar durch die berzeugung, das Richtige und Gute zu tun. Und nun la
uns davon nicht lnger sprechen, - solche Dinge mu der Mensch mit seinem
eigenen Gewissen ausmachen.
    Er ging, und Robert blieb in Gedanken versunken allein zurck. Wie schn war
es hier. Endlich konnte er einmal tun, was er wollte. Freiheit, Ungebundenheit,
der weite, grne Wald mit all seinen Tieren, der Flu und das Gebirge, in dem er
herumklettern und auf das Dorf herabschauen konnte - -
    Und das alles sollte er freiwillig aufgeben und von hier, wo er glcklich
war, nach Pinneberg gehen, um seinen eigensinnigen Vater um Verzeihung zu bitten
und sich von der ganzen Ein wohnerschaft des kleinen Stdchens angaffen zu
lassen. Robert Kroll ist wieder da, wrden die Leute sagen, Robert Kroll, der
vor drei Jahren seinem Vater das Geld stahl und heimlich fortlief. Jetzt wird er
wohl erkannt haben, was die Heimat wert ist. Er wird sich nach Hause
zurcksehnen und seinen Streich bereuen.
    Es war ihm, als hre er die spttischen Worte und she all die bekannten
Gesichter, wie sie sich neugierig herandrngten, um zu fragen, zu horchen und
ihre Ermahnungen vom Stapel zu lassen.
    Ungeduldig wanderte er auf und ab. Alle diese Gedanken waren ihm nicht
gekommen, als es ihm in Lenchi so schlecht ging, - da mals htte er jeden Tag
abreisen knnen, damals htte er jedes Opfer gebracht, um das Geld, das er nicht
besa, seinem Vater auf den Tisch zu legen, aber jetzt war das alles anders.
Hier fhlte er sich wohl, hier hatte er alles, was er sich wnschte, und das
sollte er aufgeben, um den Kampf, dem er kaum entronnen war, erneut zu beginnen?
-
    Er schttelte den Kopf. Wenigstens jetzt noch nicht, nein, noch nicht. Das
Leben unter den Rothuten wrde vielleicht bald seinen Reiz verlieren, dann war
es immer noch frh genug, nach Deutschland zurckzukehren. Vorerst wollte er mit
dem Trapper die Reise nach Stockton machen und sich den antwortenden Brief des
Vaters fr Ende September oder Anfang Oktober - zu welcher Zeit der Jaguar eine
zweite Fahrt beabsichtigte - erbitten. Sein Entschlu stand fest, und nun wurde
er ruhiger. -
    Wenn ich zurckkomme, seid ihr schon reiche Leute, sagte er, als sich spt
abends alle drei im Zelt zur Ruhe legten. Du, Gottlieb, denkst dann vielleicht
schon an eine zweite Geldsendung nach Pinneberg.
    Der junge Kaufmann war nicht gerade in guter Stimmung. Mit dem tatkrftigen,
entschlossenen Freund ging ihm doch ein starker Halt verloren, und das
beunruhigte ihn. Wenn dir nur nichts passiert! seufzte er. Der Trapper fort
und du fort, - das ist nicht schn.
    Innerhalb von fnf Wochen bin ich ja zurck, Gottlieb.
    Du? - Das glaube ich nicht.
    Aber du wirst es sehen. Ich will doch noch mehr Bffel und Hirsche
schieen, - meinst du nicht auch, Mongo?
    Hm, du junger Spitzbube, ich wei nicht recht.
    Robert fuhr auf, offenbar gereizt. Er, der sonst so gutmtig war, nahm in
letzter Zeit alles bel.
    Ihr glaubt mir nicht? rief er entrstet.
    Der Neger legte beruhigend die Hand auf seinen Arm. Bitte, Bob, flsterte
er, wir glauben dir ja!
    Robert wagte nicht, dem vterlichen Freund zu widersprechen, aber er schwieg
unwillig. Sie glauben, da ich heimlich fortgehe, dachte er, und das verletzte
ihn sehr. Ich will den beiden zeigen, da ich ein Mann bin!
    Auch Gottlieb kroch leise an seine Seite. Robert, flsterte er, mit beiden
Hnden seinen Arm umklammernd, Robert, wenn du nach Pinneberg kommst - sei
nicht gleich so bs, ich sage ja wenn - dann besuche meine Eltern, obwohl sie im
Armenhause wohnen, und erzhle ihnen von mir, willst du das?
    Robert lachte halb, und halb rgerte er sich. Natrlich wrde ich das tun,
Gottlieb, antwortete er, wenn ich wirklich die Absicht htte, nach Hause
zurckzukehren. Aber daran wird gar nicht gedacht.
    Der schchterne Gottlieb drckte seine Hand. La uns einmal annehmen, du
wrest wirklich dort, erwiderte er, gleichgltig, ob daraus etwas wird oder
nicht, - aber wrdest du in das Armenhaus gehen, um dort jemand zu besuchen?
    Hast du auch nur einen einzigen Augenblick daran zweifeln knnen,
Gottlieb?
    Der andere lehnte sich zufrieden auf seihe Felle zurck. Nein, Robert,
antwortete er aufrichtig, das habe ich nicht.
    Nun, Gott sei Dank, das ist wenigstens etwas.
    Du erzhlst also meinen Eltern noch einmal alles, was ich ihnen schon
geschrieben habe, fuhr Gottlieb fort, wie sehr uns das. Unglck verfolgt hat
und wie teuer man hier lebt. Trste den armen alten blinden Mann, Robert, und
sag ihm, da ich unermdlich vom Morgen bis zum Abend arbeite, um ein paar
tausend Taler zusammenzubringen, damit wir das Haus wieder aufbauen und das
Geschft neu einrichten knnen. Aber im brigen sieh zu, da sich die Geschichte
nicht gleich so herumspricht. Es braucht ja nicht jeder zu wissen, da ich hier
ziemlich viel Geld verdiene.
    Jetzt lachte Robert laut heraus. Mensch, rief er, was faselst du da? In
fnf Wochen bin ich wieder zurck, ohne von unserer Heimat mehr gesehen zu haben
als du, der hier bleibt.
    Gottlieb unterdrckte einen Seufzer. Na ja, Robert, antwortete er, ich
sagte doch alles unter der Voraussetzung, da du nach Pinneberg kmst. Wird
daraus nichts, so erledigen sich natrlich meine Bitten von selbst.
    Damit endete das Gesprch, und am folgenden Morgen begannen die
Vorbereitungen zur Abreise. Vier Indianer und sechs Pferde gehrten auer dem
Trapper und Robert mit ihren Tieren zu der kleinen Karawane. Die beiden ledigen
Pferde sollten mit den Fellen und Pelzen des Jaguars beladen werden; man fhrte
sie am Zgel mit sich bis zu dem Stapelplatz, der als Hauptniederlage des Jgers
in einiger Entfernung vom Dorf lag.
    Robert hatte sich von den Indianern und ihren Frauen verabschiedet; nur noch
seine Freunde begleiteten ihn vor das Dorf hinaus.
    Es war ein heller, sonniger Julimorgen, die Luft war frisch und der Himmel
heiter. Roberts Wanderlust war erwacht.
    Noch einmal wandte er sich zu den beiden andern. Lebt wohl, Gottlieb und
Mongo! sagte er, ihnen die Hnde schttelnd, lebt wohl, und - - auf
Wiedersehen!
    Verliere nur das Geld nicht! bat der junge Pinneberger ngstlich. Ich
bitte dich, Robert, ist das Gold sicher verwahrt?
    Vollkommen sicher, antwortete Robert zum zwanzigsten Mal. Der Jaguar hat
mir einen Ledergurt genht, in dem es bis zum jngsten Tage sitzen knnte, ohne
von irgendeinem Unglck bedroht zu werden.
    Gottlieb betastete nochmals die Stelle an Roberts Krper. Wir wollen das
Beste hoffen, seufzte er, und in Stockton gibst du den Betrag auf die Post,
nicht wahr?
    Das werde ich tun, Gottlieb, sei ganz beruhigt. Die Quittung bringen wir
dir wieder mit zurck.
    Schn, Robert, schn, und viel Glck auf die Reise!
    Er trat zur Seite, um dem Neger Platz zu lassen. Mongo streckte seinem
jungen Freund beide Hnde entgegen.
    Denk zuweilen an mich, Bob! bat er mit leisen Worten. Robert versuchte
umsonst, seiner Stimme einige Festigkeit zu geben. Was er fhlte, verstand er
selbst nicht ganz. Mongo, sagte er endlich, Mongo, ich verdanke dir viel, du
hast mir in manchen Dingen den rechten Weg gewiesen, - hab Dank, Alter!
    Der Neger schttelte den Kopf. Nein, sagte er, das darfst du nicht sagen.
Aber nun geh, - Mnner drfen sich nicht so schwach zeigen.
    Er fhlte vielleicht die Trnen, die in seinen ehrlichen Augen standen, er
suchte nicht, sie zu verstecken. Gott beschtze dich, Bob, fgte er hinzu.
    Leb wohl, Mongo, leb wohl!
    Und Robert ging die wenigen Schritte bis zu den Pferden, er wollte nicht
noch einmal wieder zurckblicken, wollte es kurz machen und sich vollkommen
ruhig zeigen, aber - pltzlich kehrte er um und umschlang mit beiden Armen den
Hals des Negers. Mongo, - Leb wohl!
    Er kte das schwarze Gesicht und wandte sich rasch ab. Die vier Indianer
und der Jaguar saen schon in ihren Stteln.
    Es ist ja nur fr fnf Wochen, wiederholte er sich immer wieder, es ist
nicht der Rede wert, und doch tut es mir weh - -. Noch ein letzter Gru mit
der Hand, ein Winken, und dann flogen die schnellen Tiere der Steppe zu.

    Fort ging es im scharfen Trab durch Busch und Wald. Die gewohnte Umgebung
blieb allmhlich zurck, und die Landschaft bildete immer neue Schnheiten. Zu
zwei und zwei hintereinander ritten die sechs Mnner, und mindestens zehn Hunde
umsprangen bellend den kleinen Zug. Gesprochen wurde wenig, was Robert im Grunde
sehr gelegen kam, da er mit seinen Gedanken lieber allein gelassen sein wollte.
    Einer der Indianer, der neben dem Trapper ritt, beugte sich ber den Hals
des Pferdes zu ihm hinber. Wei der Jaguar, was sein Bruder, der fliegende
Pfeil, in diesem Augenblick dachte? fragte er leise.
    Der Trapper senkte den Kopf. Er wandte keinen Blick von Roberts Gestalt.
Ich wei es, erwiderte er in den tiefen Tnen der Comanchensprache, die
Gedanken des fliegenden Pfeiles sind auch die des Jaguars. Vor dreiig Jahren
zogen deutsche Auswanderer, arme Goldsucher, von San Franzisko aus mit ihrem
einzigen Pferd, mit Kindern und geringem Hausrat in die Minenstdte, die damals
erst entdeckt worden waren. Bei dieser kleinen Karawane befand sich ein junger
Bursche, der die ganze Hoffnung seiner Eltern war, - ein Junge, so voll Leben
und so mutig wie der dort -
    Der fliegende Pfeil blickte zum Himmel hinauf. Eine weie Wolke segelte
ber die Wlder, fgte er hinzu, und ein Sternstand ber der Htte des roten
Mannes. Der junge Bursche blieb bei den Comanchen, und als ihn seine Eltern
aufforderten, mitzuziehen in das Goldland, als sie ihn verzweifelnd baten, nicht
seine jungen, frischen Krfte ihrem schwierigen und gefahrvollen Vorhaben zu
entziehen, da war er taub fr die Bitten der alten Leute - und sein erzrnter
Vater fluchte ihm -
    Der Jaguar war bla geworden unter der braunen Hautfarbe. Die Welt wird alt
und verjngt sich wieder, sagte er wie zu sich selbst, die Menschen bleiben
die gleichen. Jetzt sind der fliegende Pfeil und der Jaguar Mnner mit grauem
Haar, und dieser junge Mensch dort, der damals noch nicht geboren war, verlt
die Seinen, um frei in der Wildnis zu leben. Mge ihm der Groe Geist gndiger
sein als mir.
    Der Indianer erhob sich im Sattel und hielt Umschau. Noch vor Einbruch der
Nacht mssen wir das Grab der Kirschblte erreicht haben, sagte er.
    Der Trapper nickte, und dann versanken beide wieder in das frhere
Stillschweigen. Wie Robert selbst, waren auch sie ganz mit ihren Erinnerungen
beschftigt.
    Gegen Mittag wurde Halt gemacht und im Schatten einiger Bume eine Mahlzeit
von kaltem Fleisch und Maiskuchen eingenommen. Nach kurzer Rast brachen die
Reiter wieder auf, um noch vor Abend ein Reh oder einen Hirsch zu schieen.
    Mit Antilope und Schlangentter voran, ging es in den stillen, tiefen Wald
hinein; die Jger stellten bald einen stattlichen Sechzehnender, der schon nach
kurzer Zeit zur Strecke gebracht war, sie nahmen die besten Stcke heraus,
beluden damit eines der Packpferde und suchten dann die versumte Zeit durch
schnelleres Reiten wieder einzuholen. Gegen Abend mute eine Hhle der Sierra
Nevada, in der die Pelze des Jaguars lagerten, erreicht sein. Robert war zwar
etwas zerschlagen und kreuzlahm, als er diesen ersten Tag mit seinem langen,
anstrengenden Ritt hinter sich hatte, aber daran dachte er jetzt nicht weiter.
Er freute sich auf die Hhle, die ihm der Jaguar zeigen wollte.
    Starr und zerklftet, ohne allen Baumwuchs, erhoben sich hier die Felsen des
Gebirges. Zur Rechten lag dichter Wald, zur Linken ragten die riesigen
Steinmassen himmelhoch empor. Die Nhe des gewaltigen Felsmassivs wirkte fast
erdrckend.
    Der Trapper und der fliegende Pfeil, als die ersten im Zuge, machten Halt,
und nun entwickelte sich ein emsiges Treiben. Es wurde ein Feuer entzndet, die
Hirschkeule an den Spie gesteckt und ein paar flache Steine glhend gemacht, um
dazwischen die Maiskuchen zu backen. Nur ungern schienen sich die Indianer
diesen Beschftigungen zu unterziehen. Robert bemerkte aufs neue, wie sehr die
rote Rasse alle Arbeit verachtet und unter ihrer Wrde hlt. Was sonst die
Squaws taten, das muten die Mnner jetzt notwendigerweise selbst verrichten,
aber es geschah mit sichtlichem Widerstreben, obgleich der Trapper und Robert
mit bestem Beispiel vorangingen.
    Nachdem die Mahlzeit beendet war, legten sich die Rothute neben ihren
Pferden in das Moos, whrend der Jaguar Robert aufforderte, mit ihm das Lager
von Pelzen und Bffelfellen in Augenschein zu nehmen.
    Zwei derbe Kienspne waren bald aus einer nahestehenden alten Tanne
herausgehauen und an dem verglimmenden Kchenfeuer in Brand gesetzt, dann ging
es durch das Felsengewirr vorwrts. Schon nach einigen Minuten htte Robert den
Rckweg unmglich wiederfinden knnen. Bald weit, bald sich vollstndig
verengend, kreuz und quer liefen die Gnge im Innern des Felsens neben- und
durcheinander her, bis sich endlich eine weite Hhle vor den beiden Mnnern
ffnete. Von oben her fiel das scheidende Tageslicht durch die Spalten herein,
dennoch aber blieben die Ecken und Winkel der weiten Halle in Dunkel gehllt,
und der Eindruck des Ganzen war uerst abenteuerlich und geheimnisvoll.
    Der Jaguar hob die Fackel empor. Hier siehst du die Schtze, die sich dein
Freund auf seinen Wanderungen durch Wald und Steppe zusammentrgt, sagte er.
Schau hin, der Br und der Wolf, der Coyote und der Bffel, der Panther und der
Biber, alle haben ihr Kleid ausziehen mssen, um es dem Menschen zu leihen.
Morgen werden wir mit dem Ertrag des Winters die Packtiere beladen.
    Roberts Augen folgten der angedeuteten Richtung. Ganze Haufen von Pelzen und
Fellen lagen im Hintergrund der Hhle auf und bereinandergeschichtet, alles
nach der Art geordnet, alles sauber getrocknet und zusammengelegt wie in den
Schrnken der sorgsamsten Hausfrau. Die Pelze schienen aber auch der Stolz und
die Freude des Trappers zu sein, obwohl sein dunkles Gesicht sehr ernst und fast
traurig aussah.
    Vor dreiig Jahren hat der Jaguar in diesen Felsen gewohnt, sagte er
halblaut. Hier brannte sein Feuer, hier ruhte er von den Anstrengungen des
Tages aus, und hier - fiel auf ihn die Hand des Groen Geistes, der nicht will,
da das Unrechte Frieden gebe.
    Die letzten Worte sprach er sehr leise, und als Robert teilnahmsvoll fragte,
weshalb er so traurig sei, da schttelte er den Kopf. Ein anderes Mal,
erwiderte er. Die Augen des Jaguars mssen hell bleiben und sein Geist frei, -
er darf sich von seinen Erinnerungen nicht beirren lassen.
    Aber komm, fuhr er fort, der Jaguar will dir noch mehr zeigen.
    Robert folgte ihm bis zum Ausgang der Hhle, deren Vorhfe nach rechts und
links in einzelne Gnge abzweigten. Einen dieser Wege verfolgten die beiden bis
zu einem freien Raum, dessen weit geffnete Decke den Abendhimmel mit seinen
tausend funkelnden Sternen deutlich erkennen lie und dessen Boden mit weichem
Moos bewachsen war. Von allen Seiten durch steinerne Wnde eng umschlossen,
glich der Platz einer groen Grabkammer.
    Eine Pyramide aus losgehauenen Felsstcken und kleinen Steinen erhob sich in
der Mitte des Raumes, von Wucherpflanzen mit tausend Ranken berwachsen und halb
verhllt. Weie Blumen an langen, schilfartigen Blttern neigten berall im
leisen Abendwind ihre Glocken.
    Der Trapper blies die Fackeln aus. Wir brauchen sie nachher, um den Rckweg
zu finden, sagte er, whrend uns hier die Sterne leuchten. - Sieh, mein junger
Freund, unter diesem Stein schlft Kirschblte, das Weib des Jaguars.
    Robert empfand kein Erstaunen. Er hatte sich das schon gedacht und wute
auch, da damit noch ein besonderes Geheimnis verknpft sein msse, aber danach
fragen mochte er nicht, er schwieg daher, whrend der Trapper ein paar
herabgefallene Steine wieder an ihren Platz legte und die Ranken darber hinzog.
Der Jaguar hat seit dreiig Jahren dieses Grab behtet wie seinen Augapfel,
sagte er leise, es ist sein Gotteshaus, er betet zum Groen Geist, sooft er
hierherkommt, und der Groe Geist hrt ihn. Des Jaguars Seele hat Frieden
gefunden.
    Er strich sachte mit der Hand ber die Ranken des sonderbaren Grabmals.
Komm, sagte er dann, du bist jung und ein guter Mensch, du willst das
Richtige, ohne es begreifen zu knnen - wie wir alle. - Der Jaguar wird dir in
Stockton seine Geschichte erzhlen, damit du erkennen lernst, ob dich dein Weg
zurckfhren darf in den Wigwam des roten Mannes, oder ob du ber das groe
Wasser ziehen mut, um den Zorn deines Vaters in Segen zu verwandeln.
    Robert errtete stark. Hat dir Mongo von meiner Geschichte erzhlt,
Jaguar? fragte er.
    Der Trapper bejahte. Du bist ein Kind, fgte er hinzu, und der Jaguar ist
ein alter Mann, das gibt ihm das Recht, dich zu warnen. Aber komm jetzt, die
Zeit fr das, was dir dein Freund zu sagen hat, ist noch nicht erfllt.
    Er entzndete wieder die Fackeln und ging dann durch das Gewirr
verschlungener Wege voran bis an den Ausgang des Felsens. Robert war mit den
Worten des Trappers gar nicht einverstanden. Der Trotz, der ihn so leicht
ergriff, regte sich auch jetzt wieder in ihm. Und wenn alle behaupten, da ich
unbedingt abreisen mte, - ich will es nicht, dachte er. Es ist doch immer
dasselbe. Sobald man mit alten Leuten zusammenkommt, wollen sie der Jugend ihren
Weg vorschreiben. Aber zu befehlen hat mir niemand, auch Mongo nicht, obgleich
er mich so gern zhmen mchte! Ich will nicht nach Deutschland zurck, jetzt
erst recht unter keiner Bedingung, gerade weil alles dazu drngt und treibt.
    Und mit diesem Entschlu legte er sich neben den andern auf das Moos, um zu
schlafen, whrend die Hunde Wache hielten.
    Am nchsten Morgen ging man daran, die Vorrte aus der Hhle zu tragen und
die Tiere zu bepacken. Dann wurde, wenn auch langsamer, die Reise fortgesetzt.
Bis nach Stockton waren es noch etwa zehn Tage, man durfte sich jedoch nicht
aufhalten, da mit einem solchen Ritt durch eine unbewohnte und von Raubtieren
bevlkerte Gegend manche Gefahr verbunden ist, die mglichst rasch umgangen
werden mu, zumal wenn die Reisenden einen Wert von mindestens zweitausend
Dollar mit sich fhren.
    Robert sorgte whrend der Reise fast tglich fr die Kche, das heit, er
scho den Braten, und der Trapper bereitete ihn fr das Mahl zu. Die Nchte
wurden unter freiem Himmel verbracht, am Morgen in einem der zahllosen
Nebenflsse des San Joaquin ein erfrischendes Bad genommen und die Zeit der
strksten Mittagshitze verschlafen, mit einem Wort, es war ein Leben, wie es
sich Robert in seinen verwegensten Trumen nicht schner vorstellen konnte.
    Ich bleibe bei den Wilden, solange es mir gefllt, dachte er, und dann
suche ich in San Franzisko ein Schiff, - ich will leben, um glcklich zu sein.
    Er htete sich, mit dem Trapper unter vier Augen zu sprechen, und als
endlich die Umgebung der Stadt Stockton erreicht war, als man nicht mehr jagen
konnte, sondern von den Farmern das Fleisch kaufen mute, da hatte die Reise fr
ihn den hauptschlichsten Reiz verloren. So in einer Stadt leben knnte ich
nicht, dachte er, nein, entweder auf dem Wasser, oder in der Wildnis bei den
Rothuten.
    Er bersah fast geringschtzig die neugierigen Blicke der Farmer, mit denen
der Zug von Indianern und Tieren berall empfangen wurde. Nur wenn ein deutscher
Laut sein Ohr traf, scho ihm das Blut in die Schlfen.
    Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland! sagte er sich, aber dieser
Trotz konnte ihn doch nicht wirklich beruhigen, und er fragte den Trapper immer
wieder, wie lange man sich notwendigerweise in Stockton aufhalten msse.
    Fnf bis sechs Tage, lautete die Antwort. Der Jaguar will nicht allein
seine Felle verkaufen, sondern sich auch mit allen unentbehrlichen Dingen fr
die nchsten Monate ausrsten. Er braucht Schiebedarf, Stiefel und Feuerwasser,
er mu sich ein neues Messer kaufen und den Squaws, die seinen Wigwam besorgen,
ein Geschenk mitbringen. Hat der junge Weie so groe Eile, wieder
zurckzukehren in das Lager der roten Mnner?
    Robert bejahte uerlich gelassen, obwohl ihm das Blut in die Wangen trat.
Jede Entscheidung lt mich ruhiger werden, dachte er, - nur das dauernde
Hin- und Herberlegen ist unertrglich. Wenn wir nur erst wieder im Gebirge
wren!
    Auf diese Weise wurde endlich an einem glhend heien Tage, Ende Juli 1870,
die Stadt Stockton erreicht, und Robert sah nach fast einem Jahr zum erstenmal
wieder einen Hafen. Auer den kleinen Postdampfern, die auf dem San Joaquin die
Verbindung mit San Franzisko aufrechterhalten, gab es nur einige Holzschiffe,
Khne und Boote, doch selbst dieser matte Abglanz all der Herrlichkeiten, die
Robert in den greren Hafenstdten begeistert hatten, lie sein Herz schneller
schlagen.
    Ich knnte nach San Franzisko fahren und dort das Geld auf die Post geben,
dachte er und war schon im Begriff, den andern seinen Entschlu mitzuteilen.
Aber dann fiel ihm auch wieder ein, da irgendwelche unvorhergesehenen Umstnde
die Rckreise verhindern knnten und er dadurch von seinen Gefhrten getrennt
werden wrde. Nein, beschlo er, ich will der Versuchung widerstehen. Die
beiden, der Jaguar und Mongo, sollen sehen, da ich ein Mann bin und kein Kind,
das sich befehlen oder beeinflussen lt.
    Er begleitete also den Trapper und die Rothute in eine Herberge vor der
Stadt, wo sie bereits von frheren Reisen her bekannt waren und wo sich sogleich
das Volk in Scharen sammelte, um die roten Fremdlinge anzustaunen. Whrend die
Indianer mit ihrem unzerstrbaren Gleichmut, ohne irgend jemand zu beachten, auf
dem Hof des Wirtshauses ihr Zelt aufschlugen, ihre Felle ausbreiteten und sich
rauchend darauf ausstreckten, ging Robert durch die Straen der Stadt, um einen
Goldkufer zu suchen. Das Geschft war bald abgeschlossen und eine Summe von
nahezu fnfhundert Dollar in seinen Ledergrtel gewandert, nach deutschem Geld
also fr Gottlieb und ihn selbst je dreihundert Taler. Den Anteil seines
Freundes brachte er mit einem schnell entworfenen Brief, den Gottlieb leider
unter den Comanchen nicht hatte schreiben knnen, zur Post, und erst als er dies
pnktlich erledigt hatte, dachte er an seine eigenen Wnsche. Den Brief an
seinen Vater wollte er erst abends in aller Ruhe aufsetzen und jedes Wort darin
genau abwgen, vorher aber noch die Stadt ansehen, und - darauf hatte er sich
schon lange gefreut, - in einem anstndigen Gasthaus einmal wieder ordentlich
mit Messer und Gabel zu Mittag essen.
    Der Trapper verhandelte mit einer Gruppe von Pelzhndlern, er lie sie
durcheinander schnattern, jedes Fell besonders ausbreiten und tadeln, um jeden
Cent lange feilschen und ber die schlechten Zeiten im allgemeinen bittere Klage
fuhren, ohne von seiner Forderung das Allergeringste abzulassen.
Hchstwahrscheinlich kannte er die Art dieser Geschftsleute schon ganz genau,
denn er schwieg zu dem, was sie sagten, als sei er stocktaub. Robert dagegen
fhlte sich, nachdem er die Sache fnf Minuten lang mit angesehen hatte, recht
unangenehm berhrt; er fragte den Jaguar, ob er ihm in irgendeiner Weise helfen
knne, und als der Trapper dankend ablehnte, ging er fort, um ein Gasthaus zu
finden.
    Seine Augen suchten die Schilder ber den Haustren ab, bis ihm eine groe
Inschrift in deutscher Sprache entgegenschimmerte. Zur deutschen Heimat, las
Robert und trat in die weite, saubere Vorhalle, in der groe Fsser lagerten,
und von da in den Speisesaal.
    An mindestens zehn Tischen saen Kopf an Kopf die Gste. Laute Unterhaltung
schwirrte dem Ankommenden entgegen, deutsche Worte hrte man berall, deutsche
Zeitungen gingen von Hand zu Hand, und auf den ersten Blick lie sich erkennen,
da irgendein besonderes Ereignis die Menschen in Aufregung versetzt haben
mute.
    Robert achtete anfnglich nicht darauf, sondern hielt sich bescheiden zurck
und forderte nach sorgfltiger Durchsicht der Speisekarte eine Portion seines
Lieblingsgerichtes, dem er tapfer zusprach. Als er gegessen hatte, bat er um
eine deutsche Zeitung. Vielleicht konnte er ja daraus von der Heimat irgendeine
Neuigkeit erfahren.
    Der Kellner zuckte die Achseln. Wir nehmen, seit die Nachricht kam, von
jedem Blatt sechs Exemplare, antwortete er, aber dennoch ist nie eins zu
erreichen. Die Stammgste halten sie fest, als wren es Heiligtmer.
    Robert blickte auf. Welche Nachricht? fragte er.
    Nun, die von der Kriegserklrung natrlich.
    Auf Roberts Gesicht malte sich unverkennbares Erstaunen. Eine
Kriegserklrung? wiederholte er. Wo ist denn Krieg?
    Der junge Mann schttelte den Kopf. Sie kommen wohl aus den Goldminen,
antwortete er, aber das macht nichts, Sie werden schon genug davon zu hren
bekommen. Uns - ich meine natrlich unseren Knig in Berlin - ist von Frankreich
der Krieg erklrt worden, und alles was deutsch spricht, marschiert an den
Rhein, um die Grenzen zu schtzen.
    Er entfernte sich mit seinen Tellern und Schsseln und lie Robert in
grter Aufregung zurck. Deutschland war von Frankreich der Krieg erklrt
worden - das war ein khnes, gewagtes Spiel, das hie alles auf eine Karte
setzen.
    Robert fhlte, wie ihm das Herz klopfte. Fast ehe er selbst wute, was er
beabsichtigte, war er zu einer der Gruppen an den anderen Tischen getreten und
hatte in deutscher Sprache gebeten, ihm von dem groen Ereignis doch mehr zu
erzhlen. Noch wute er ja keine Einzelheiten, sondern nur die Tatsache selbst.
    Die Leute wandten sich erstaunt um und musterten prfend die Erscheinung des
braungebrannten jungen Menschen. Wahrhaftig, sagte einer, ich glaube, das ist
ein Halbindianer. Wenigstens sind Mtze und Grtel Comanchenarbeit.
    Hallo, rief der zweite, kamt Ihr nicht heute frh mit noch einigen
anderen aus den Gebirgen herab? Ich denke, da ich Euch wiedererkenne.
    Robert nickte. Ihr habt recht, erwiderte er, aber -
    Alle Teufel, was tut Ihr denn bei den Rothuten? unterbrach der Mann. Ein
so junger Bursche kann doch unmglich daran denken, Trapper zu werden?
    Robert konnte seinen rger schlecht verbergen. Ich glaube, antwortete er
nachdrcklich, da das meine Sache ist. Aber Sie scheinen nicht die Absicht zu
haben, mir das zu sagen, was ich gern wissen mchte. Ich will Sie nicht lnger
stren!
    Vom anderen Tisch herber wurde ihm ein Bierglas gereicht. Auf Deutschlands
Sieg! rief ein stmmiger Mann, dessen ueres deutlich den Digger verriet.
Warst wohl in Lenchi oder Idaho, was? Hast gute Beute gemacht und bist mit den
Rothuten hierhergekommen, um die teure Reise auf der Bahn zu sparen, denke
ich.
    Robert unterdrckte seinen Unwillen und nahm das dargebotene Glas. Ich
danke Ihnen, Sir, sagte er. Sie haben wirklich das Richtige getroffen. Die
Comanchen sind mir gute Freunde, ich achte sie ebenso wie alle anderen
Menschen.
    Die Mnner lachten. Es wollte auch niemand von uns die Rothute
beleidigen, hie es, aber man wundert sich doch, einen Weien zu sehen, der
stndig mit ihnen zusammenlebt.
    Du, rief wieder der Digger, willst du jetzt nach Deutschland und dich
freiwillig zu den Soldaten melden? Dann knnen wir zusammengehen.
    Dunkle Rte frbte Roberts Wangen. Ist es Wahrheit mit der Nachricht von
der Kriegserklrung? fragte er nochmals.
    Nun endlich wurde ihm von allen Seiten Auskunft gegeben. Er nahm gedankenlos
die Zeitung, die man ihm reichte - sein erster Blick fiel auf den Erla des
Kriegsministeriums in Berlin, bei allen Truppenteilen den Eintritt Freiwilliger
zu gestatten.
    Es wirbelte in seinem Kopf, das Blut pochte in den Schlfen, - ein einziger
Gedanke verdrngte alle andern. Das Vaterland war in Gefahr, - der Knig
erwartete, da keiner zurckbleiben werde, wo es galt, die Heimat zu schtzen.
    Aller Zwiespalt war vorber, alle Zweifel gelst. Es gab fr ihn keine
persnlichen Interessen mehr, keinen Trotz gegen seinen Vater oder gekrnkte
Eigenliebe, - das bedrohte Deutschland rief, und er mute folgen. Seine Augen
suchten den Goldgrber. Ich gehe mit dir! antwortete er fest.
    Bravo! Trotz deiner Jugend bist du ein ganzer Kerl. Komm, la uns
anstoen.
    Die brigen bestellten Wein, und die Glser klangen aneinander. Der
Begeisterungsrausch, der damals ganz Deutschland ergriffen hatte, zeigte sich
selbst hier, jenseits des Atlantischen Ozeans. Man trank, bis die Kpfe erhitzt
waren. Robert, der nie einen Tropfen zuviel ber seine Lippen kommen lie, war
rechtzeitig gegangen, um zunchst dem Trapper mitzuteilen, da er mit dem
morgigen Postdampfer nach San Franzisko abreisen und sich von dort fr Hamburg
anmustern lassen werde. Nicht wahr, sagte er, du verstehst das, Jaguar, du
wrdest es ebenso machen?
    Der Trapper fuhr sich mit der Hand ber die Stirn. Er schwieg lange Zeit,
whrend der er alte, trbe Erinnerungen zu bekmpfen schien. Die Nachricht
Roberts mute ihn offenbar sehr ergriffen haben.
    Komm, sagte er endlich, komm, der Jaguar will seinem weien Bruder die
Geschichte erzhlen, von der er neulich schon gesprochen hat. Komm!
    Robert folgte ihm, und die beiden gingen langsam hinaus bis vor den Ort, wo
endlich der Jaguar, als sie ganz allein waren, von seiner Jugend erzhlte. Wir
wissen aus dem Gesprch zwischen ihm und dem fliegenden Pfeil bereits, da er
derjenige war, den sein eigener Vater verfluchte, als er sich weigerte, das
Indianerdorf wieder zu verlassen und seine Eltern zu begleiten, aber wir wissen
nicht, wie schrecklich der damals noch junge Mann vom Schicksal fr diesen
Ungehorsam bestraft wurde.
    Ich war verblendet, sagte der Trapper, ich hielt meine Ehre fr bedroht
und fand Freude am Trotz gegen meinen alten Vater. Der fliegende Pfeil ging mit
mir auf die Jagd, ich lebte in seinem Wigwam ohne Sorge und Arbeit, ich konnte
tun, was ich wollte, anstatt dem strengen Vater zu gehorchen und ber alles, was
ich tat, Rechenschaft abzulegen. Das verlockte mich, zumal da dieser Streit
zwischen ihm und mir keineswegs der erste war. Whrend ich die alten Leute
weiterziehen lie, ohne mich um ihr Schicksal zu kmmern, ging es mir selbst
eine kurze Zeitlang ausgezeichnet. Ich heiratete Kirschblte, die Schwester des
fliegenden Pfeils, und wohnte in den Felsen, wo sie begraben liegt, aber - nur
fr wenige Wochen.
    Der Groe Geist hatte den Fluch des beleidigten Vaters gehrt, er sandte das
Verhngnis, das ihn erfllen sollte, er schlug das Auge des Jaguars mit
Blindheit, da er sein Liebstes nicht erkannte. - Drei Tage und drei Nchte
hatte er den grauen Bren verfolgt, den gefhrlichsten, blutdrstigsten der
ganzen Gattung, drei Tage und drei Nchte lang hatte er nicht geschlafen und
fast ohne Speise und Trank nur an das Raubtier gedacht, das ihn immer wieder zu
necken und zu tuschen schien.
    Aber gerade das reizte den Trotz des Jaguars. Er dachte an nichts anderes,
als nur an diesen Bren, der den Felsen umkreiste, der bestndig in der Nhe war
und dessen er doch nicht habhaft werden konnte. Sein Blut strmte hei durch die
Adern, seine Ruhe war dahin, er schlief nicht eher, bis ihn die letzten Krfte
verlieen. Doch schon nach kurzer Zeit taumelte er wieder empor, um das Raubtier
zu verfolgen. Wenn er meilenweite Strecken zurckgelegt hatte und erschpft auf
das Moos des Weges sank, dann trabte hinter ihm gewi der Br und schien seinen
ohnmchtigen Gegner verspotten zu wollen. Kugel auf Kugel pfiff harmlos an ihm
vorber - das Tier war offenbar gefeit.
    Zuletzt sah ihn der Jaguar in heller Mondnacht durch das Gebsch kriechen,
als er sich zufllig ganz in der Nhe seiner Hhle befand. Er scho nicht, - es
graute ihm bereits vor dem Klang der niemals treffenden Bchse - aber er schlich
nahe und nher heran, er wollte seinen Todfeind von Angesicht zu Angesicht sehen
und empfand das wahnwitzige Verlangen, Brust an Brust mit ihm zu ringen, ihm
womglich das Jagdmesser ins Herz zu stoen und sich an seinen Qualen zu weiden.
Lautlos schlich er heran.
    Der Br zeigte sich im hellen Mondglanz nur fr wenige Sekunden, er sah in
das Auge des Jaguars, und dann verschwand er, als habe ihn die Erde
verschlungen. Der Jaguar rhrte sich nicht, er starrte nur immer auf die eine
Stelle und wagte kaum zu atmen, aus Furcht, da ihm sein Feind entgehen mchte.
Stunde um Stunde verrann, die Einsamkeit und Totenstille der Umgebung drckten
auf das Gehirn des Jgers, aber er widerstand dem Schlafe, um immer nach jenem
Gebsch zu sehen, um im gleichen Augenblick, wenn das Raubtier zurckkehren
wrde, ihm die Todeskugel in das Herz zu schicken.
    Und dann, - dann kam das Verhngnis.
    Der Jaguar wei nicht, ob er wenige kurze Augenblicke lang vielleicht
geschlafen hat, er hrte pltzlich ein Knistern und Rauschen, er sah, wie sich's
an jener Stelle hinter den Zweigen regte und da etwas wie grauer Pelz durch die
Bltter schimmerte.
    Diesmal stand das Tier, es schien seinen Feind zu erwarten, es blieb auf
demselben Platz, regungslos, wie der Jaguar selbst.
    Wilde Freude ergriff den Jger, er hob lautlos die Bchse, - der Schu
krachte, da ihn das Bergecho donnernd zurckwarf, aber - noch ein anderer,
schwacher Laut mischte sich in das Getse -
    Es klang wie das leise Wimmern eines Menschen - -
    Der Jaguar taumelte auf. Eisesklte rann durch seine Glieder, sein Herz
schlug strmisch, er strzte halb besinnungslos zu der Stelle, wohin er
geschossen hatte, und bog die Zweige auseinander - -
    Da lag Kirschblte, das Licht seines Auges, sein junges, schnes Weib, und
aus ihrer Brust strmte das Blut ber das Moos dahin. Nur zu sicher hatte
diesmal des Jaguars Kugel ihr Ziel getroffen.
    Der Trapper hielt inne, berwltigt von der Macht der schrecklichen
Erinnerung, unfhig, weiterzusprechen. Er sttzte den Kopf in die hohle Hand und
sah starr vor sich auf den Weg.
    Robert versuchte kein Wort des Trostes. Was htte auch gesagt werden knnen,
einem so vernichtenden Schmerz gegenber? War Kirschblte tot, Jaguar? fragte
er nach einer Weile.
    Der Trapper nickte. Sie hat den Jaguar kaum noch erkannt, fuhr er fort,
sie hat ihm nicht mehr erzhlen knnen, weshalb sie dort in das Gebsch
gegangen war, aber er wei, da sie ihn aufsuchen wollte, weil er whrend des
ganzen vorigen Tages und der Nacht nicht nach Hause gekommen war. Es war das
Verhngnis, - der Fluch, der auf des Jaguars Haupt lastete.
    Und dann begann fr ihn eine schreckliche Zeit. Die Comanchen wollten den
Leichnam der erschossenen Kirschblte nach Art ihres Volkes bestatten und im
dichten Wald ein Gerst aufschlagen, um den Krper, in Felle genht, von der
Luft zerstren zu lassen. Aber der Jaguar verweigerte die Herausgabe seines
toten Weibes. Da, wo sie gelebt hatte, begrub er Kirschblte nach der Weise des
Christentums, in dessen Lehren er erzogen worden war, und wenig kmmerte es ihn,
was dazu die roten Mnner sagten.
    Doch sollte die Strafe auf dem Fue folgen. Der fliegende Pfeil grub die
Streitaxt aus dem Boden, die Comanchen verfolgten den Jaguar wie ein reiendes
Tier, das in ihre Hrden eingebrochen war und ihr Eigentum geraubt hatte. Er
mute in die Wlder flchten, heimatlos, ganz allein, er hatte kein Dach, das
ihm Schutz gewhrte, kein Feuer, an dem er sich wrmen durfte, und der Zorn des
Ewigen schwebte ber seinem Haupte. Einmal kam er in die Nhe einer Minenstadt,
hungernd, frierend, ermdet zum Sterben, - da sah er eine Htte und darin ein
Feuer, an dem Kinder spielten, er sah den Rauch vom Bratspie zum Himmel steigen
und erblickte harmlose, zufriedene Menschen.
    Es hatte geregnet, der Jaguar in seinen abgetragenen Kleidern war bis auf
die Haut durchnt, er fhlte Fieber in den Adern und seine Fe bluteten, -
schon wollte er sich der Htte der Goldgrberfamilie nhern und um einen Platz
an ihrem Feuer bitten, da sah aus dem einzigen kleinen Fenster ein alter Mann.
Das Haar war grau und das bleiche Antlitz von tiefen Furchen durchzogen, die
Augen blickten dunkel und trbe - -
    Dieser Mann, den wenige Monate zum Greis gemacht hatten, war des Jaguars
Vater.
    Nahe, ganz nahe stand der Sohn, dem er geflucht hatte, ein Bettler in
Lumpen, hungernd und frierend, mit Fieber in den Adern.
    Und dieser Sohn dachte an das Bibelwort von dem Verlorenen, der
zurckgekehrt war, an die Verheiung, da dem Reuigen verziehen werden soll, es
stritten wilde, bse Mchte in seinem Herzen, aber der Trotz behielt den Sieg.
Wre er ein wohlhabender Mann und ein glcklicher Mensch gewesen, ja, dann htte
er mit tausend Freuden die Seinigen begren knnen, aber zu ihnen als
heimatloser, fluchbeladener Bettler zurckzukehren, sie zu bitten, ihre Hilfe in
Anspruch zu nehmen? -
    Nie! -
    Er wandte sich ab und lief fort, wie von bsen Mchten verfolgt.
    Und Jahre vergingen, bis sein Trotz gebrochen war, bis er sich mit den
Comanchen wieder ausshnte und in ihrem Dorf seinen Wigwam erbaute. Er hat das
Antlitz des Groen Geistes im Zorn gesehen und in der Vershnung, er hat seine
Stimme kennengelernt in der Natur und in den Ereignissen, die ohne menschliches
Dazutun aus den Wolken herab sprechen. So wute er auch, als sich seine und
seines weien Bruders Kugel im Fluge trafen, da das ein Wahrzeichen sei und da
er einen Freund gefunden habe, dem die Kunde dessen, was er gesndigt und was er
erlitten hatte, als Warnung dienen knne.
    Mge der junge weie Fremdling des Jaguars gedenken, sooft ihn das heie
Blut zum Widerstand treibt, mge er sich allzeit erinnern, da es ein anderes
ist um die schnelle, trotzige Tat und um den langen, mahnenden Weg der Reue.
    Er schwieg, und Robert drckte ihm erschttert die Hand. Er dachte an das
stille Grab Mohrs an der Kste der kubanischen Insel. Und die Gestalten dieser
beiden Mnner, das traurige Antlitz des Geistersehers und das ernste des
Trappers, standen ihm noch vor Augen, als er lngst in das Wirtshaus
zurckgekehrt war und zum erstenmal wieder in einem Bett schlief.
    Am anderen Morgen nahm er Abschied von den Comanchen, denen der Trapper
erzhlt hatte, um was es sich handelte, und deren vllige Zustimmung er ihm ins
Englische bersetzte. Sie alle begleiteten Robert bis an das Postschiff, das ihn
nach San Franzisko bringen sollte.
    Gre Mongo und Gottlieb, bat er mit etwas unsicherer Stimme, und
versprich ihnen Briefe von mir. Auch dir darf ich schreiben, nicht wahr,
Jaguar?
    Der Trapper nickte. Unter dem Namen des Wirtes, bei dem wir wohnen,
antwortete er. Wenn ich im Herbst noch lebe, so erhalte ich dort den Brief
meines jungen Freundes.
    Gut also! Aber jetzt lutet die Glocke zum drittenmal, - leb wohl, Jaguar,
- leb wohl und noch einmal Dank fr alles!
    Der Trapper trat, whrend die Matrosen die Haltetaue lsten, auf die
Landungsbrcke. Er hielt noch immer Roberts Hand und sah ihm fest ins Auge. Leb
wohl, sagte er in deutscher Sprache, leb wohl, und der allmchtige Gott segne
dich!
    Das Schiff begann sieh zu drehen, die schrille Pfeife zerschnitt die
Abschiedsworte, und die Hnde lsten sich.
    Noch einmal grte der ernste Mann vom Lande herber, noch ein Lcheln
schwebte um die Lippen, die nach dreiig langen Jahren das erste deutsche Wort
gesprochen hatten, - und dann traten andere Menschen dazwischen, dann sah Robert
nur noch wie im Fluge die hohe, spitze Mtze und die schlanke Gestalt des
Trappers. Als er sich auf die Zehenspitzen erhob, war alles verschwunden.

    So schnell zerrissen das Band der letzten Monate, so ganz allein wieder
unter Fremden, - das Gefhl war sonderbar wehmtig.
    Der Deutsche, den er gestern getroffen hatte, war ebenfalls auf dem Dampfer
und wollte wie er zur Armee nach Deutschland gehen. Robert hatte also einen
Reisebegleiter, mit dem er ber Vergangenes und Knftiges sprechen konnte, einen
Mann, der die Verhltnisse in den Minenlagern kannte, aber auch aus frheren
Jahren her im Militrischen bewandert war. Es lie sich herrlich mit ihm
plaudern, bis der Dampfer die Suisunbai und die Pablobai durchquert hatte und in
San Franzisko landete. Dort trennten sich ihre Wege, da der Goldgrber mit dem
nchsten Dampfer nach Deutschland ging, whrend sich Roberts Angelegenheiten
nicht ganz so schnell regeln lieen. Er war, wie wir wissen, sehr sparsam, und
wollte daher keineswegs als Passagier nach Europa reisen, sondern vielmehr auf
der berfahrt noch ein gutes Stck Geld verdienen, um sich in Hamburg einen
neuen Seemannsanzug zu kaufen und bei seinen Eltern nicht so abgerissen
anzukommen. Er besa auerdem kein Stck Wsche, sondern auer seinem Lederanzug
nur noch den Brustbeutel des Spaniers mit der Nhnadel aus einer Fischgrte, -
also mute er noch vieles zusammenkaufen.
    Zunchst erstand er eine Seekiste mit festem Schlo und verwahrte darin den
Comanchengrtel, dann versorgte er sich mit dem ntigsten wollenen Unterzeug und
neuen, derben Seestiefeln, zog den Betrag fr einen vollstndigen Anzug und
weie Wsche noch auerdem ab, und rechnete dann heraus, was ihm in Hamburg
bleiben wrde. Mit der Heuer, die er zu verdienen hoffte, etwa zweihundert
Taler, also nach Abzug des Betrages, den er seinem Vater schuldete, noch hundert
Taler, - das gengte ihm, um auf seinem Besuch in Pinneberg unabhngig zu sein.
    Er wechselte das Geld in Banknoten um und legte es zu dem Grtel in die
Kiste, dann aber machte er sich auf, um ein Schiff zu suchen, und schon am
folgenden Tage war er unterwegs nach Hamburg.

                                    Heimkehr


In Europa waren inzwischen die ersten siegreichen Schlachten gegen Frankreich
geschlagen worden. Robert ersah aus den Zeitungen, die in England an Bord kamen,
da die deutsche Armee berall vorrckte, und freute sich darauf, bald selbst
Soldat sein und seine Pflicht fr das Vaterland tun zu drfen.
    An Bord eines Kriegsschiffes dem Feind gegenber zu stehen und sich mit ihm
auf hoher See im Gefecht zu messen, - welch ein Erlebnis mute das sein!
    Niemand von der Mannschaft kannte die Plne, mit denen er sich trug, niemand
beachtete den stillen, schweigsamen jungen Matrosen, der seinen Dienst an Bord
ordnungsgem erfllte und in den wenigen Freistunden trumend auf das Wasser
hinaus blickte, immer nachdenklicher und ernster, je mehr sich das Schiff der
Heimat nherte.
    Jetzt war Helgoland in Sicht, dann Brunshausen und endlich Cuxhaven. Der
Lotse kam an Bord, neue Siegesnachrichten verbreiteten sich unter den
Passagieren und Matrosen, das Schiff lief in die Elbmndung ein, - es war
Holsteins Kste, die sich dort in letzter Abenddmmerung von fernher abhob. Tief
bewegt suchte Robert mit den Augen das geliebte Land.
    Holstein! - Er sah wie im Traum die grnen Ufer, hinter denen, nur wenige
Meilen entfernt, sein Elternhaus lag. Wie wrde, er es finden, das niedere, alte
Dach, - und wie die Menschen darin?
    Ein Schauer berlief ihn. Wenn der Vater unbeugsam blieb? Wenn er ihm die
Tr wies und alle Leute es erfuhren, da Robert Kroll im Elternhause ein
Ausgestoener war?
    Er verscheuchte gewaltsam die trben Gedanken und ging wieder an die Arbeit,
whrend das Schiff die Elbe hinauffuhr und endlich am spten Abend in Hamburg
vor Anker ging. Fr die Nacht war an eine Auszahlung der Heuer nicht zu denken,
und auch am folgenden Vormittag verzgerte sie sich, da mit einem Teil der
Mannschaft unterwegs Zwistigkeiten entstanden waren. Erst abends um sieben Uhr
konnte Robert, nachdem sich sein silberner Schatz um vierzehn Taler vergrert
hatte, an Land gehen.
    Mit welchen Gefhlen er aus der Jolle sprang und die Treppenstufen
hinaufstieg, kann man kaum schildern. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Einige
Minuten lang stand er im Menschenstrom am Hafen regungslos still, um erst wieder
etwas ruhiger zu werden, dann aber nahm er sich zusammen und ging mit der Kiste
auf der Schulter in das nchste beste Logierhaus, um dort sein Hab und Gut in
Sicherheit zu bringen, whrend er selbst einen Anzug und Wsche kaufte und vor
allem ein Bad nahm, um erst einmal wieder richtig sauber zu werden. Als er
zurckkam, braungebrannt und frisch, mit einem khnen Brtchen auf der
Oberlippe, ganz in frische Wsche und den neuen Anzug gekleidet, erregte er mit
seiner schlanken, hochgewachsenen Gestalt und seinem sicheren Auftreten berall
Aufsehen und unverkennbares Wohlgefallen.
    Fr heute war es zu spt, noch nach Pinneberg zu fahren, er mute daher
seine Ungeduld zgeln und versuchen, den Rest des Abends so gut wie mglich zu
verbringen.
    Im Gastzimmer seines Logierhauses saen die Menschen Kopf an Kopf. Unter
ihnen befanden sich einige fremd aussehende Mnner, die Robert auf den ersten
Blick als franzsische Kriegsgefangene erkannte. Es waren Offiziersburschen,
deren Herren in Privathusern aufgenommen worden waren, und die man in
nahegelegenen Wirtschaftslokalen untergebracht hatte, um sie stndig berwachen
zu knnen.
    Auch einer der Offiziere war darunter, er sa fr sich an einem Tisch,
anscheinend ohne auf die lebhafte Unterhaltung der Gste zu achten. Manchmal
schrieb er in ein Buch einige kurze Bemerkungen, und dann durchlief sein Blick
wie zufllig den Kreis der Umsitzenden, zu denen auch die Gruppe der Burschen
gehrte.
    Einer von ihnen mute sich sehr langweilen. Er malte bald mit dem
Zeigefinger auf der Tischplatte, bald sprach er zu einem fast schwarzen Zuaven
hinber oder zu dem Kellner, der ihn durchaus nicht verstehen konnte, und in den
Zwischenpausen zog er ein franzsisches Buch aus der Tasche, um einzelne
abgebrochene Worte vor sich hin zu murmeln.
    Die Stammgste am Nebentisch besprachen whrenddem lang und breit das
Neueste vom Kriegsschauplatz, wo die Armeen der Deutschen standen, die
Kriegsschiffe lagen, welche Kstenpltze, man als bedroht ansehen msse und wo
die Gefahr am grten sei.
    Robert beobachtete das ganze Treiben, ohne ihm irgendein Interesse
abgewinnen zu knnen. Er wandte sich an den Wirt und fragte ihn, ob in dieser
Gegend noch eine Schenke sei, deren Eigentmer Peter Volland heie, und ob er
ihm den Weg dahin zeigen knne.
    Der Mann in Hemdsrmeln schien sich zu besinnen. Peter Volland?
wiederholte er fragend. Ach ja doch, nun hab' ich's, Peter Volland! - Der sitzt
im Zuchthaus!
    Ein pltzlicher, leiser Ausruf hinter ihm veranlate Robert, sich umzusehen.
Es war ihm, als beuge sich der Franzose, der so unruhig sprach, noch tiefer als
vorhin auf sein Buch herab. Sonst bemerkte er nichts.
    Im Zuchthaus? wiederholte er. Wie ist das mglich?
    Der Wirt zuckte die Achseln. Da passierte vor drei Jahren eine dumme
Geschichte, sagte er. Es wurde in seinem Hause ein Seemann so schwer
verwundet, da er bald darauf starb, und bei der Gelegenheit kam denn so manches
andere mit heraus. Volland hatte noch ein kleines Nebengeschft als
Seelenverkufer, indem er Jungen vom Lande an Schiffe vermittelte, auf denen
geschmuggelt wurde oder manchmal noch Schlimmeres, Sie wissen schon, - hohe
Versicherung, Ladung von Steinen und ein Korallenriff, an dem der Schoner
verunglckte. Was gemacht werden kann, wird gemacht. Volland hatte auch noch
einen Mitschuldigen, aber der war nicht aufzuspren.
    Kerl, hrte in diesem Augenblick Robert die Stimme eines der Gste, Kerl,
ich glaube, du verstehst deutsch, - du lauerst auf das, was gesprochen wird!
    Eine Faust schlug derb auf die Tischplatte, und unter den Gsten entstand
allgemeine Unruhe, whrend welcher sich der Offizier vom anderen Tisch unbemerkt
entfernte.
    Dieser Kerl versteht deutsch, rief der Gast, auf den schon erwhnten
Franzosen deutend, er ist bei dem, was er reden hrte, bald rot, bald bla
geworden.
    Roberts Blicke folgten der allgemeinen Richtung. Da sa der Offiziersbursche
und schien unbekmmert zu lesen, wenigstens hielt er das brtige Gesicht tief
gesenkt, obgleich ganz offenbar seine Hnde leise zitterten. Die brigen
Franzosen flsterten miteinander.
    Du! rief der Wirt, die Schulter des Mannes berhrend, du, verteidige
dich, wenn du kannst, oder gib Rede und Antwort wie ein ehrlicher Kerl. Hast du
verstanden, was gesprochen wurde?
    Jetzt mute der Franzose aufblicken. Er tat es, aber nur einen Augenblick
lang ruhte sein Auge auf dem Gesicht des Wirtes, dann wandte es sich wie von
unwiderstehlicher Macht angezogen Robert zu. Etwas wie eine flehende Bitte
schimmerte in den eingesunkenen Augen.
    Robert erschrak, ohne zu wissen, weshalb. Wo hatte er dies Gesicht schon
frher gesehen?
    Der Franzose stammelte in seiner Sprache einige Worte, die niemand verstand,
die aber einem Blitzschlag gleich Robert alles erklrten. Als er die Stimme
hrte, erkannte er den Mann.
    Eine unwillkrliche Bewegung der Hand verriet vielleicht diese Entdeckung,
ein Name trat auf seine Lippen, aber der Blick der bittenden Augen hielt ihn
zurck. Robert konnte nicht zum Verrter werden, auch jetzt nicht, als ihm der
Mann gegenberstand, der ihm soviel Unrecht zugefgt hatte. Er dachte nur:
Georg! - Georg! - aber er sprach es nicht aus.
    Und der franzsische Gefangene las ihm seinen Entschlu von der Stirn. Er
sah dreister um sich und fragte mit lauter Stimme, was man von ihm wolle.
    Der Wirt schttelte den Kopf. Sie irren sich, beruhigte er den entrsteten
Gast. Dieser Mann versteht kein Wort.
    Um Roberts Lippen kruselte sich ein verchtliches Lcheln. So tief war
Georg gesunken, da er dem Feind diente? - Das konnte er ihm weniger verzeihen
als den Diebstahl, zu dem ihn damals die bittere Not getrieben haben mochte.
    Er ging hinaus und suchte durch einen weiten Spaziergang an der Elbe entlang
wieder ruhiger zu werden, er dachte ber die ernste Lehre nach, die ihm dieser
Abend gegeben hatte, und da es doch wahr sei, was ihm so oft gepredigt worden
war und was er immer wieder in den Wind geschlagen hatte, da jede Schuld auf
Erden ihre Strafe findet.
    Peter Volland im Zuchthaus, Georg ein Kriegsgefangener, der sein Vaterland
und seine Sprache verleugnen mute, und endlich - er selbst?
    Was erwartete ihn vielleicht zu Hause in Pinneberg?
    Er nahm sich vor, es zu ertragen wie ein Mann und sich nichts zu vergeben,
auch nicht seinem Vater gegenber. Je nher der Augenblick des Wiedersehens
heranrckte, desto strker wurde sein Trotz, mit dem er sich auf sein Geld
berief.
    Wieder in das Logierhaus zurckgekehrt, legte er sich sogleich ins Bett und
wollte mglichst die ganze Zwischenzeit bis zur morgigen Abreise ohne
Unterbrechung verschlafen. Aber schon nach fnf Minuten wurde er durch einen
unerwarteten Besuch gestrt. Im Trrahmen stand Georg. Er wagte wie ein armer
Snder keinen Schritt ber die Schwelle.
    Robert sah das eingesunkene, blasse Gesicht des ehemaligen Seilers, die
ganze kmmerliche Haltung und das Beschmende seiner Lage, - er verga im
Augenblick alles andere, stand wieder auf und zog den Unglcklichen zu sich ins
Zimmer. Nun, sagte er, Georg, was willst du von mir?
    Der Gefangene sank erschpft auf den nchsten Stuhl. Robert, bat er,
willst du mein Geheimnis bewahren? Und - und hast du mir verziehen? Sieh,
damals -
    Robert unterbrach den angefangenen Satz. La das gut sein, Georg,
erwiderte er. Ich denke nicht mehr an das, was du mir getan hast, ich habe dir
alles verziehen, nur nicht, da du dein Vaterland verrtst.
    Dunkle Glut scho ber das fahle Gesicht des Seilers. Ach, du, stammelte
er in klglichem Ton, rechne mir das nicht so sehr hoch an. Ich verdiente mein
bichen Brot als Diener des Franzosen, mit dem ich nun in Gefangenschaft geraten
bin, - ja, und da kam der Krieg, aber ich habe nie gegen Deutschland gefochten,
knnte es ja auch des lahmen Fues wegen schon gar nicht. Wie unglcklich ich
bin, davon machst du dir keinen Begriff.
    Roberts gutmtiges Herz hatte lngst allen Groll vergessen. Nun,
antwortete er, das lt sich als Entschuldigung schon hren. Warum bist du denn
nicht mehr Seiler?
    Der andere seufzte schmerzlich. Meine Gesundheit erlaubt mir keine
Anstrengungen, erwiderte er. Ich spucke Blut, die Meister nehmen mich nicht
mehr in Arbeit.
    Du armer Kerl! - Man soll doch nie voreilig urteilen.
    Und Robert schlo die Seekiste auf, nahm aus der Brieftasche eine Banknote
von zehn Talern und drckte sie dem Seiler in die Hand. Jetzt geh, Georg,
sagte er freundlich, la uns nicht zusammen gesehen werden. Wenn das rauhe
Volk, das hier im Hause verkehrt, den Deutschen in dir entdecken sollte, so
wrest du hchstwahrscheinlich vor Mihandlungen nicht sicher. Mir allerdings
darfst du vollkommen vertrauen. Gute Nacht!
    Der Seiler hatte widerstrebend das Geld angenommen. Robert sah nicht den
tckischen Blick der eingesunkenen Augen, er hrte nicht, wie Georg, nachdem er
scheinbar demtig gedankt und sich nach einem kurzen Lebewohl entfernt hatte, -
drauen einen Fluch in sich hineinmurmelte. Da Robert nur noch der verzeihende,
gromtige Mensch war, aber keineswegs der Freund von damals, da er
Barmherzigkeit bte, aber ohne mit dem Dieb und berlufer weiterhin
zusammenkommen zu wollen, - alles das sah er ganz deutlich, und aus seinem
hlichen Gesicht sprach boshafter Ha. Pinsel, murmelte er in den Bart,
alberner Narr, der doch alles, was er geworden ist, mir verdankt. Hat Geld in
der Brieftasche, viel Geld sogar, - pah, darauf pocht er und glaubt mich
beschimpfen zu drfen, aber er wird schon sehen, wie weit ihn sein Weg fhrt -
Er nickte mehrere Male vor sich hin, als wolle er sich einen gefaten Entschlu
recht fest einprgen, und dann verschwand er hinter der Tr seiner Kammer, die
nur angelehnt blieb.
    Unten im Gastzimmer schwieg allmhlich der Lrm, die Tren wurden
verriegelt, das Licht ausgedreht, und alles versank in tiefste Stille. Jedermann
schien zu schlafen, selbst auf den Straen war nur noch der Nachtwchter zu
hren.
    Ins Fenster hinein schien der Mond durch die Spalten herabgelassener
Vorhnge, hpfend tanzten die Schatten durch das Zimmer, und geisterhaft lautlos
drehte sich die Tr in ihren Angeln, ganz langsam, leise und heimlich wie eine
Schlange - -
    Eine Gestalt huscht herein, auf leisen Sohlen schleichend, unhrbar, - sie
kauert neben Roberts Kiste, - ein Knirschen, kaum wahrnehmbar, ertnt, es
rauscht wie welke Bltter im Wind - -
    Und ebenso lautlos fllt die Zimmertr ins Schlo zurck.

    Am nchsten Morgen steckte Robert nur die Brieftasche zu sich, machte aus
einigen unentbehrlichen Wschestcken ein Bndel, lie die Kiste in der Obhut
des Wirtes zurck und fuhr mit dem Frhzug nach Pinneberg. Er hatte sich einen
Platz am Fenster gesucht und sah nun hinaus in die Landschaft. Allmhlich
tauchte immer mehr Bekanntes, Altgewohntes aus der Eintnigkeit der Torfmoore
und Heideflchen auf. Zuerst Eidelstedt, dann der kleine bescheidene Turm von
Rellingen, wo er konfirmiert worden war, wo er vom Chor herab mit Gottlieb und
den anderen Schuljungen so oft gesungen hatte, wo er das Abendmahl erhalten und
als der Beste aus der Prfung hervorgegangen war.
    Das Bild des Sonntagsgottesdienstes im stillen Dorf sah er unbewut vor
sich. Er sah die Decke der Kirche mit Engelchren und Blumengewinden, sah. die
andchtige Gemeinde und die Sonnenstrahlen, wie sie spielend ber das Altarbild
glitten. Er hrte die Stimme des Pastors, den Chor und die rauschenden
Orgelklnge - -
    Dann tauchten die Dcher von Pinneberg auf, die Rder drehten sich
langsamer, und der Zug hielt.
    Roberts Herz schien still zu stehen. Als sei er hier gestern zuletzt
gewesen, so unverndert war die ganze Umgebung, so altgewohnt die Menschen und
Dinge ringsumher. Konnten wirklich drei lange Jahre vergangen sein, seit er
heimlich nachts von hier fortging, einem ungewissen Schicksal entgegen?
    Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Mein Gott, das ist ja Robert, der
durchgebrannte Robert!
    Robert fuhr herum und sah in ein wohlbekanntes Gesicht. Der junge Mann in
der Uniform der Bahnbeamten, einige Jahre lter als er selbst, war ein alter
Schulkamerad und im Augenblick natrlich voller Neugier, Nheres ber die
Abenteuer des Ausreiers zu hren, aber Robert schttelte den Kopf. Spter,
Emil, spter, prete er hervor. Ich bleibe einige Tage hier und werde auch
dich besuchen. Jetzt sag mir nur -
    Er konnte nicht weiter sprechen, aber der andere half gutmtig ein. Ob
deine Eltern leben, meinst du? Darber beruhige dich, sie sind gesund und
wohlauf.
    Robert drckte herzlich die Hand seines Schulfreundes. Ich danke dir, Emil.
Und frage jetzt nicht weiter. Ich kann nicht ruhig berlegen, bevor ich nicht
mit meinem Vater gesprochen habe.
    Emil zuckte leicht die Achseln. Soll ich zuerst hingehen, du? fragte er
freundlich. Soll ich die erste Bresche schlagen?
    Robert nahm sich zusammen. Auf Wiedersehen, Emil, - vielen Dank, aber ich
mu das selbst tun. Wir sehen uns bald!
    Er wandte sich ab und ging quer durch das Gehlz, um nicht so hufig erkannt
zu werden. Je eher sich die Sache entschieden hatte, desto besser.
    Jetzt tauchten die Umrisse des Elternhauses vor seinen Blicken auf, jetzt
sah er die weie Wsche auf der Leine und das Traubengelnder an der Giebelwand.
Vor der Haustr im Sonnenschein lag ein grauhaariger, alter Hund - Pikas! -
    Er hatte es unwillkrlich laut ausgesprochen, das letzte Wort, und schon
strzte das Tier mit allen Anzeichen von Hundeliebe und Hundefreude auf ihn zu,
versuchte an ihm emporzuspringen, leckte seine Hnde und warf sich dann wieder
winselnd und bellend ihm zu Fen.
    Pikas! sagte er halblaut, Pikas!
    Von der Tr her tnte ein halberstickter Schrei. Da stand mit ausgebreiteten
Armen, weinend und lachend seine gute Mutter, und alles vergessend, strzte sich
Robert an die Brust der schluchzenden alten Frau. Mutter, stammelte er nur,
meine liebe, liebe Mutter!
    
    Minuten vergingen, ehe beide ihre Sprache wiederfanden, dann sah die alte
Frau ngstlich zur Tr des Wohnzimmers, Robert, flehte sie, Robert, mein
lieber Junge, sei vernnftig! Tu einen Fufall, damit er dir vergibt.
    Robert runzelte die Stirn, seine Lippen preten sich aufeinander. Mutter,
sagte er mit einem tiefen Atemzug, das verstehst du nicht. Aber la mich mit
dem Vater sprechen - je eher, desto lieber. Auch von dir mu ich noch erfahren,
was du mir nach Lenchi nicht geschrieben hast. Was war das, Mutter? Ich habe die
Anspielungen auf etwas, was du mit deinem Erbteil ausgleichen wolltest, wirklich
niemals verstehen knnen.
    Die arbeitsharte Hand der alten Frau hob sich mahnend empor. Robert, sagte
sie mit leisem, bittendem Ton, Robert, sei nicht so verstockt. Wenn du gegen
den Vater in diesem Ton auftreten willst, dann geht die Sache niemals gut.
    Ach Gott, fgte sie erschreckend hinzu, ach Gott, da kommt er selbst.
    Die Tr des Wohnzimmers ffnete sich, und auf der Schwelle erschien Meister
Kroll, den das laute Gebell des Hundes und das Gesprch auf dem Flur neugierig
gemacht hatten. Bei dem unerwarteten Anblick seines Sohnes, den er offenbar
sofort erkannte, wurde der alte Mann bla wie ein Toter. Taumelnd, mit bebenden
Lippen, lehnte er sich gegen den Trpfosten. - Kein Wort des Willkommens
begrte den heimgekehrten Sohn.
    Die Mutter wandte sich flehend mit gefalteten Hnden von einem zum andern.
Vater, sagte sie schluchzend, Robert, - ach Gott, gebt euch doch ein gutes
Wort!
    Robert streckte die Rechte dem alten Mann entgegen. Willst du mich in
deinem Hause nicht als dein Kind willkommen heien, Vater? kam es kaum
verstndlich von seinen Lippen. Willst du mir nicht den unberlegten
Jungenstreich verzeihen?
    Aber der Alte lie die Hand seines Sohnes unbeachtet. Er schttelte grollend
den. Kopf. Ist das die Sprache eines reumtigen Herzens? fragte er. Darf ein
Verbrechen vergeben werden, ohne -
    Robert unterbrach ihn mit lauter Stimme. Auch er war bla geworden, die
Augen flammten, der Atem keuchte und die Hnde waren geballt. Die ganze wilde
Leidenschaftlichkeit seiner Natur trat zutage. Was sagst du? zischte er,
whrend sich die gengstigte alte Frau laut weinend zwischen den Mann und den
Sohn warf, was sagst du? - Auch mein Vater darf mich nicht ungestraft
beschimpfen!
    Der Alte lachte spttisch. Httest am anderen Ende der Welt bleiben
sollen, erwiderte er, httest vor dem Hause deines Vaters, der sich immer noch
berechtigt hlt, dir mit der Elle Gehorsam beizubringen, mindestens soviel
Achtung bewahren knnen, da du es mit deiner Gegenwart verschontest. Jetzt geh,
- die Krolls haben es niemals mit Dieben gehalten!
    Es war, als htten die Worte des alten Mannes die ganze Angelegenheit
pltzlich beendet, als sei jede weitere Frage abgeschnitten und alle Heftigkeit
zu Eis erstarrt. Beide totenbleich, unnatrlich ruhig, sahen Vater und Sohn
einander ins Auge. Nur die Mutter hatte das Gesicht mit der Schrze bedeckt und
betete laut, da Gott Barmherzigkeit ben mge.
    Du und ich, begann nach lngerer Pause der Sohn, du und ich sind seit
dieser Stunde fr immer geschieden, Vater, vorher aber will ich dir mit allen
Zinsen das Geld zurckzahlen, das ich damals, um mich auszursten, aus deiner
Kasse nahm. Etwa sechzig Taler waren es, fr die du jetzt hundert von mir
zurckerhltst. Damit bist du hoffentlich bezahlt, sollte das jedoch nicht der
Fall sein, so stelle ich dir fr den Rest einen Wechsel aus.
    Vater im Himmel, schluchzte die alte Frau, vergelte ihm die Snde nicht!
    Robert legte die Hand auf ihren gesenkten Scheitel. Still, Mutter, sagte
er ruhig und kalt, still - auch dein Sohn ist ein Mann.
    Er wollte die Brieftasche hervorziehen, aber der Alte hielt ihn zurck.
Einen Augenblick, sagte er gebieterisch. La die Komdie mit den sechzig
Talern, du machst dich dadurch nur noch verchtlicher. Aber sag, wo du vor drei
Jahren die Schmucksachen deiner Mutter verkauft hast, damit ich versuche, ob
mglicherweise das eine oder andere zurckerworben werden kann.
    Robert stand sprachlos. Die Schmucksachen meiner Mutter? wiederholte er.
    Ja. Die du zugleich mit den tausend Mark, - nein, nur
neunhundertdreiundsechzig - die der Geldkasten enthielt, gestohlen hast.
    Robert sah von seiner Mutter zu dem Alten und wieder zurck. Ich? fragte
er, ich? Wer behauptet solchen Wahnsinn?
    Die alte Frau faltete in ausbrechender Freude ihre Hnde. Vater, Vater,
rief sie jubelnd, siehst du denn noch nicht, da er unschuldig ist?
    Meister Kroll schien sie nicht zu hren. Sag mir, wo du die Gegenstnde
verkauft hast, wiederholte er.
    Ich wei von alledem nichts, ich habe keinen Wertgegenstand, ich habe nicht
mehr als sechzig Taler genommen, und die will ich zurckgeben.
    Robert sagte es mit dem festen Ton der Wahrheit, aber doch durchblitzte ihn
im gleichen Augenblick ein Verdacht, der zu nahe lag, als da er ihn htte
bersehen knnen. Hohe Rte stieg ihm ins Gesicht, er sah nicht auf, er schien
in der Tasche die Mappe nicht zu finden.
    Sollte Georg den Diebstahl begangen haben? Sollte der Dieb doch durch seine
Schuld in das Haus gekommen sein?
    Sieh, Mutter, sieh, wie er zittert und rot wird, sagte der Alte
schmerzvoll. Ist das die Sprache der Unschuld, arme Frau?
    Robert wollte nicht mehr antworten, sondern erst den ehemaligen Seiler zur
Rechenschaft ziehen, bevor er ber diese Angelegenheit auch nur ein einziges
Wort weiter sprach. Es ist gut, Vater, sagte er kalt, bleibe vorerst bei
deiner Meinung. Ich fahre noch heute nach Hamburg zurck und wohne dort, wo
meine Kiste steht, Vorsetzen Nr. 1000, im Richtigen Ankergrund. Betrachte mich,
wenn ich dein Haus nicht wieder betreten kann, um mich zu rechtfertigen, als
tot, denn dann sehen wir uns im Leben nie wieder. Einstweilen aber ist hier dein
Geld. -
    Er hatte bei diesen Worten die Brieftasche hervorgezogen und
auseinandergeschlagen. Als er aber die Banknoten herausnehmen wollte, sah er,
da sie vollstndig leer war.
    Ein Schrei kam von seinen Lippen. Mein Geld! rief er, mein Geld! - O mein
Gott, ich mu bestohlen worden sein.
    Meister Kroll sah ihn halb traurig, halb verchtlich an. La die Possen,
sagte er kalt, la die Possen und bitte ehrlich und aufrichtig um Verzeihung, -
dann soll dir vergeben sein.
    Auch die Mutter rang die Hnde. Robert, Robert, um Gottes willen, gib ein
gutes Wort. Sag die Wahrheit, mein armes Kind, mehr verlangt ja der Vater
nicht!
    Robert hrte nicht darauf. Vater, rief er, du glaubst mir also nicht?
Denkst du vielleicht auch, da meine Behauptung, das Geld gehabt zu haben, eine
Lge war?
    Der Alte nickte. Lge, wie alles, was du sagst. Wer stiehlt und seinen
Eltern den Gehorsam verweigert, weshalb sollte der nicht lgen?
    Robert wandte sich zum Gehen. Es ist gut, Vater, sagte er. Es ist alles
zu Ende. Ich werde mich von Hamburg aus freiwillig zum Kriegsdienst melden und
wnsche, da mich die erste Kugel treffen mchte, damit mir mein Vater verzeihen
kann, was ich niemals getan habe. Sollte jedoch noch einmal die Stunde kommen,
welche die ganze Sache in ihrem wahren Licht zeigt, so nimm heute schon meine
Vergebung. Leb wohl!
    Er kte seine schluchzende Mutter, steckte die Brieftasche wieder zu sich
und ging mit festen Schritten aus der Tr. Nur der Hund wollte ihn begleiten,
aber er mute ihm wie damals mit strengem Ton befehlen, ihn allein ziehen zu
lassen.

    Die helle Herbstsonne schien auf die stillen Dcher, einige Sperlinge
hpften ber die Strae, und Kinder spielten vor den Husern.
    Robert stand drauen, die Tr seines Elternhauses hatte sich fr ihn auf
immer geschlossen, der Gedanke einer Ausshnung mit dem Vater war dahin und eine
entsetzliche de bemchtigte sich seines Herzens. Dies Gefhl hatte auch der
Jaguar gekannt, als er hungernd und krank in die Wlder zurckfloh, so war Mohr
durch sein langes Leben gegangen, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
    Es lief ihm eiskalt ber den Rcken herab. Zum erstenmal fhlte er sich
vollkommen gebrochen. Ohne alle Mittel, verfolgt von dem Zorn seines Vaters,
ungerecht beschuldigt und ohne einen Freund - wozu sollte er noch leben?
    Er sah Mongos schwarzes Gesicht vor sich. - Ach, htte er ihn in seiner Nhe
gehabt, ihm htte er alles anvertrauen knnen.
    Langsam ging er weiter. berall saubere Grten und helle Fenster. Er sah die
beladenen Erntewagen, das schwarzbunte Vieh und die groen Gehfte, sah Menschen
bei der Arbeit und fhlte sich von allem so ausgestoen.
    Er wollte fort von hier, wo es Menschen gab, die ihn kannten. Niemand sollte
erfahren, da er das Haus seines Vaters nicht mehr betreten durfte.
    Fast laufend durcheilte er den kleinen Ort und folgte unwillkrlich der
Strae nach Hamburg. Er besa nicht einen Groschen, also blieb ihm nur brig,
den Weg zu Fu zurckzulegen und vor allen Dingen erst einmal mit dem Seiler
Abrechnung zu halten. Dann mute vor allem die Seekiste verkauft werden, um nur
das Allernotwendigste zum Leben zu haben, und darauf wollte er sich bei dem
nchsten besten Reservebataillon einstellen lassen.
    Er fhlte sich zerschlagen an Leib und Seele, selbst seine Vaterlandsliebe
schien wie ausgestorben. Die Sonne brannte unbarmherzig herab, der Durst qulte
ihn, und die Fe versagten schon jetzt bei Beginn der Wanderung den Dienst.
    Und weiter ging er, immer weiter, am Himmel zog ein schweres Gewitter herauf
und die Tropfen fielen erst langsam, dann schneller herab auf seine heie Stirn.
Er bemerkte es kaum, er sah nicht die schwarzen Regenwolken und sprte nicht die
Feuchtigkeit, die ihm durch die Kleider drang. Ganze Schauer strzten herab, und
Robert troff vor Nsse. Als ihm mitleidige Menschen in Rellingen ein Obdach
anboten, da schttelte er nur stumm den Kopf und ging weiter.
    Und einmal hrte er hinter sich die Stimme einer Buerin. Mein Gott, ist
das nicht Robert Kroll, den ich schon gekannt habe, als er noch nicht ber den
Tisch sehen konnte? - Lauft ihm doch nach, der arme Junge mu ja krank sein, er
sah ganz verstrt aus.
    Aber Robert lief, als habe er ein Verbrechen begangen.
    Der Regen durchnte ihn bis auf die Haut, und seine Zunge klebte am Gaumen.
    Er setzte sich auf einen Stein am Wege und sttzte den Kopf in die hohle
Hand. Seine Glieder schmerzten ihn. Unwillkrlich dachte er an den Tag in
Lenchi, als er mit den beiden Gefhrten so dasa auf dem gestrzten Baumstamm,
auch von Kopf bis zu den Fen durchnt, auch ohne jegliche Aussicht, aber doch
war ihm damals so ganz, ganz anders zu Mute gewesen als heute.
    Noch nie hatte ihn ein ueres Unglck beugen knnen. Heute aber sprte er
zum ersten Mal die innere Qual der Reue, und ihr konnte er sich nicht
widersetzen. Wie er gemessen hatte, so war ihm gemessen worden, wie er die
schnsten Hoffnungen seiner Eltern zerstrt und ihr Eigentum ohne Erlaubnis an
sich genommen hatte, so mute er, es jetzt selbst erfahren.
    Aber diesmal erwachte nicht sein Trotz, diesmal ballte er nicht die Faust,
wie er es sonst wohl getan haben wrde, sondern er senkte den Kopf noch tiefer
herab und gab sich immer mehr seinen trostlosen, bitteren Gefhlen hin.
    Zum erstenmal erkannte er die Gerechtigkeit des Schicksals, er sah sein
Unrecht ein, und es schmerzte ihn tief.
    Viertelstunde auf Viertelstunde verging, da tnte Hufschlag auf der
durchnten Landstrae. Robert fuhr erschrocken auf, er horchte und sphte durch
das Gebsch. Wenn zufllig ein Gendarm oder Polizist des Weges kam, so mute er
gerade jetzt im Kriege darauf gefat sein, nach seinem Pa gefragt und, da er
gnzlich ohne Papiere war, zur nchsten Polizeistation gefhrt zu werden. Einige
schnelle Schritte, ein rascher Sprung, und er stand hinter einem Baum.
    Seine Geschichte anderen erzhlen, das konnte er nicht, also blieb ihm
nichts brig, als nur das Versteck unter den tropfenden Zweigen?
    Als der Gendarm vorber war, ging Robert auf der Strae weiter, immer
weiter, bis er die ersten Huser von Altona erreicht hatte. Es dmmerte jetzt
bereits, seine Stirn brannte, und er sprte, da er den ganzen Tag nichts
gegessen hatte. Nur wie im Traum setzte er seinen Marsch durch die Stadt fort.
    Wenigstens heute kann ich mich ruhig schlafen legen, dachte er, die Kiste
sichert ja dem Wirt das Geld, das ich ihm fr ein Abendbrot und fr die
Schlafstelle schuldig bin. Ich knnte jetzt nicht mehr zu einem Trdler laufen
und um einige Groschen feilschen. Auch Georg kommt morgen erst an die Reihe - er
ist ja ein Gefangener und kann mir nicht entkommen.
    Nachdem er sich verschiedene Male in der Strae geirrt hatte, erreichte er
endlich das Hafentor. Jetzt war er seinem Ziel nahe, hatte die Aussicht, bald
ins Bett zu kommen und vorher etwas zu essen, daher wurde er unwillkrlich etwas
ruhiger.
    Von weitem erkannte er die Buchstaben des Schildes. Der Richtige
Ankergrund war noch offen, obwohl es schon nach zehn Uhr war und drauen im
strmenden Regen kaum noch ein Mensch zu sehen war.
    Gerade an der Biegung der Strae, in der Nhe des Gasthauses, ffnete sich
der Blick auf das Wasser. Im Dmmergrau des Abends und der nassen Luft ragte der
Mastenwald unheimlich bis zu den Wolken empor, das Takelwerk knarrte und
knisterte im Wind. Mehrere Matrosen, Arm in Arm, offenbar etwas angeheitert,
lavierten singend ber die ganze Breite der Strae.

Lieb Vaterland magst ruhig sein, -
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

    Es griff wie Krallen in Roberts Herz. Alles war fr ihn verloren. Wenn er
diese Schiffe sah, diese Matrosen, wenn er ihr frhliches Singen hrte, dann
glaubte er nicht lnger leben zu knnen, ohne wahnsinnig zu werden. An die Mauer
gelehnt, umtobt von den Schauern des Regens und dem Sausen des Sturms, blickte
er ber den Hafen. Wo war all sein Stolz geblieben?
    Jetzt wute er es. Was ihn in aller Not gehalten und ihn so mutig und
zuversichtlich gemacht hatte, das war immer die berzeugung gewesen, mit einem
einzigen guten Wort sein Vergehen wieder gutmachen und seine Eltern vershnen zu
knnen. Heute dagegen hatte er Vater und Mutter fr immer verloren, heute war er
aus dem Elternhause fortgewiesen worden, ein heimatloser Bettler.
    Der ganze Schmerz des Alleinseins ergriff sein junges Herz. Den Kopf in die
Hand gelegt, bemhte er sich, die Trnen zurckzuhalten, die der Schmerz und die
getuschte Hoffnung von drei langen Jahren unwiderstehlich heraufgelockt hatten.

    Ein Schatten kreuzte die Strae. Aus dem Dunkel des nchsten Torweges trat
eine Gestalt im langen, altmodischen Gehrock, den derben Stock in der Hand, das
graue Haar vom Regen an die Schlfen gepret, das bleiche Gesicht voll Gram und
Angst. Langsam nherte sich der Alte dem weinenden jungen Menschen, - und kaum
vernehmbar klang es durch das Brausen des Windes: Robert! -
    Er taumelte auf, er glaubte, da sich die Erde drehe, da er trumen msse
oder da ihn ein Spuk auf offener Strae qule. Beide Arme vorgestreckt, starrte
er in das Gesicht des vor ihm Stehenden. Kein Laut kam ber seine Lippen.
    Da fragte der Alte noch einmal. Robert, willst du mir nicht antworten?
    Das klang so ernst, so traurig, das rhrte das verzweifelte Herz des Sohnes,
da es bebte unter diesem Eindruck.
    Vater! flsterte er geqult, Vater - du hast mich einen Dieb genannt!
    Der Alte zog ihn an der Hand zur nchsten Gaslaterne. Robert, sagte er,
schau mich an und sag mir die Wahrheit. Hast du die Schmucksachen deiner Mutter
- von dem Geld will ich nicht einmal reden - wirklich nicht genommen?
    Robert war kreidebleich, seine Lippen zuckten krampfhaft. Fast unfhig zu
sprechen, hob er die Rechte zum Himmel. Bei dem Gott, an den wir beide
glauben, stammelte er kaum hrbar, ich habe es nicht getan und nichts davon
gewut.
    Der Alte sah ihn an, lange, unbeweglich und, wie es schien, erlst von
schwerem Druck. Das kann mein Sohn nicht lgen, antwortete er endlich. Robert
- willst du jetzt deine Bitte von heute morgen noch einmal wiederholen? Willst
du -
    Robert lie ihn nicht ausreden. Mit beiden Armen seinen Hals umschlingend,
warf er sich schluchzend an die Brust des alten Mannes. Vater, quoll es von
seinen Lippen, lieber Vater, vergib mir, ich bitte dich tausend - tausendmal.
    Auch die Stimme des eigensinnigen, alten Meisters war seltsam weich
geworden. Es ist gut, erwiderte er, alles gut. Komm nur rasch, da wir die
Mutter beruhigen, sie war ja fast auer sich heute morgen und nannte mich einen
Rabenvater, der sein Kind in den Tod treiben wolle. Komm, wir mssen uns
beeilen, damit wir eine Droschke bekommen.
    Robert atmete wie neu belebt. Vater, sagte er, das geht nicht, ich mu
vorher mit Georg sprechen, mu ihn fragen -
    Der Alte schttelte den Kopf. Ich kann dir alles das genau erzhlen,
Robert, er aber knnte es nicht mehr. - La uns laufen, mein Junge.
    Robert gehorchte, und als wenige Schritte weiter beim Hafentor eine Droschke
gefunden war, gingen die beiden erst in ein Wirtshaus, um sich zu strken. Als
das Fuhrwerk mit ihnen durch Altona denselben Weg wieder zurckrollte, den
Robert unter so ganz anderen Umstnden eben erst gekommen war, da erzhlte
Meister Kroll seinem atemlos lauschenden Sohn, da am heutigen Morgen der
ehemalige Seiler einen Fluchtversuch gemacht habe, indem er versuchte, ein im
Hafen liegendes franzsisches Handelsschiff zu erreichen, und da er dabei
gefat und tdlich verwundet worden sei.
    Der Bursche verlangte sterbend nach dir, mein Sohn, schlo der Alte seinen
Bericht, er wollte durchaus, da du ihm verzeihst, ehe er diese Welt verlassen
msse, und ist endlich ohne Frieden und Vershnung hinbergegangen. Gott sei
seiner armen Seele gndig.
    Robert war von dieser Nachricht tief erschttert, es fiel ihm schwer, sich
in die so pltzlich vernderten Verhltnisse hineinzufinden. Dann aber fragte er
den Vater, woher er diese Einzelheiten habe, und Meister Kroll nannte ihm den
Wirt zum Richtigen Ankergrund als seinen Gewhrsmann. Es ist auch der Polizei
ein Pckchen zugestellt worden, sagte er, das der Sterbende fr dich bestimmte
und dem Aufzeichnungen beiliegen, die er kurz vor seinem Tode noch diktierte.
Jetzt aber, mein Junge, - la uns von dir sprechen, schlo er, und was du fr
deine Zukunft geplant hast. Ich will den Seemann in dir anerkennen, da du doch
zum Schneider ganz und gar verdorben zu sein scheinst. Das schneidet mir
freilich fast das Herz ab und spricht allen meinen Wnschen ein Todesurteil,
aber wenn sich die Welt dahin gendert hat, da die Shne eigenmchtig ber ihr
Schicksal entscheiden drfen, nun, dann mu ich mich eben wohl oder bel fgen.
Ein Rabenvater bin ich doch nicht, - das soll mir die Mutter noch abbitten.
    Robert lachte zum erstenmal wieder. Er hatte es ja schon lngst geahnt, da
die liebe alte Mutter dem starrkpfigen Mann solange zugesetzt hatte, bis er
endlich mrbe geworden, in den langen Rock gefahren und davongeeilt war, dem zum
zweitenmal flchtigen Sohn nach. Nun hatte sich ja alles zum besten gewendet,
und whrend der ganzen Fahrt berichtete Robert vom Vergangenen und Zuknftigen,
erkundigte sich Meister Kroll nach allen Einzelheiten so genau und wurde so
lebhaft gesprochen, da den beiden die Fahrt wie im Flug verging.
    Die Mutter wachte noch, sie hatte heien Kaffee gekocht und frische Semmeln
herbeigeholt, auf dem Tisch stand Roberts Teller von frher her, seine Tasse,
sein Besteck, - viele Worte wurden nicht gesprochen, aber es war wie Weihnachten
bei den drei Menschen in dem kleinen Huschen.
    Und dann mute sich Robert in das Bett legen, in dem er als Kind geschlafen
hatte, die beiden alten Leute aber schlichen leise auf den Zehenspitzen umher.
    Die Mutter hantierte geruschlos in der Kche, als ob eine ganze hungrige
Kompanie Soldaten bewirtet werden sollte, und Meister Kroll sa mit gekreuzten
Beinen auf dem uralten Thron seiner Vter und nhte emsig. Das Ma zu dem neuen
Anzug aber hatte er an den Kleidern seines Sohnes genommen.
    Und Robert selbst? - - Er schlief, und im Traum erblickte er ein liebes,
bekanntes Gesicht. Der Geisterseher von der Antje Marie beugte sich ber ihn
herab, aber jetzt nicht mehr ernst und trbsinnig wie frher, sondern lchelnd,
heiter lchelnd.

    Nach wenigen Stunden wute ganz Pinneberg, da Robert Kroll wieder da sei.
Man umdrngte ihn, er wurde der Held des Tages, man staunte und hrte zu mit
allen Ohren, wenn er von seinen wunderbaren Erlebnissen sprach. Jetzt hatten
alle diese guten Leute vorausgesehen, da das so kommen mute, niemand hatte je
an dem Wiedererscheinen des Ausreiers und an seiner Tchtigkeit gezweifelt,
sondern jeder erinnerte sich, gerade dieses glckliche Ende mit Sicherheit
vorausgesehen zu haben. Robert erhielt Einladungen ber Einladungen, die er aber
fast alle ablehnte, bis auf einen Besuch, den er wirklich gern machte.
    Als die Hamburger Polizeibehrde das fr Robert bestimmte Pckchen des
gestorbenen franzsischen Gefangenen nach Pinneberg weitergeleitet hatte, fand
sich nicht allein das ganze Geld, sondern auch ein umfassendes, reumtiges
Gestndnis des ersten und zweiten Diebstahls, so da Robert in den Augen seiner
Eltern vollstndig gerechtfertigt war. Es blieb nur die eigentliche Flucht und
die Zwangsanleihe von sechzig Talern, die Robert niemals zu Gesicht bekommen
hatte, - beides aber wurde ihm und war ihm lngst von Herzen vergeben.
    Meister Kroll wickelte die Banknoten wieder in das Papier. Da, mein Junge,
sagte er, geh hin und bring das Geld den Eltern deines Freundes. Die alten
Leute haben im Armenhause eine bse Zeit verlebt, so da ihnen die Erlsung aus
solchen Verhltnissen wohl zu gnnen ist. Wir knnen's ja tun, und nebenbei - -
ich mag auch das einmal Gestohlene gar nicht besitzen. Der Georg war ein Spion,
weiter nichts, er hatte sich mit Absicht zum Gefangenen machen lassen, um hier
die Lage und Strke der Armee auszukundschaften und dem Feinde zu hinterbringen.
Mit solchen Dingen wollen wir nichts zu schaffen haben.
    Robert nahm dankbar das Geld und ging hinaus vor den Ort, um es im
Armenhause Gottliebs alten Eltern zu berreichen. Er sagte aber, da es von
ihrem Sohn komme, und sparte auf diese Weise den armen Leuten das schwere Wort
des Dankes.
    Als er nach Hause zurckkam, fand er dort den Schein des
Landwehrbezirkskommandos, der ihn sofort nach Kiel rief, um von dort aus mit
einem fr den Schutz der Handelsschiffe nach dem Mittelmeer bestimmten Dampfer
an Bord des Kanonenbootes Meteor gebracht zu werden. Das Schiff lag im Hafen
von Havanna, und sein Kommandant, Kapitnleutnant Knorr, hatte krzlich
telegraphisch um etwa zehn Mann Verstrkung gebeten, zu denen auch Robert
gehren sollte.
    Der Abschied von den Eltern war zwar schwer, aber er war das, was man einen
gesunden Schmerz nennt, und wurde deshalb leichter ertragen. Acht Tage spter
war Robert, von den Segenswnschen seiner Eltern begleitet, schon wieder auf
hoher See.

                                Auf dem Meteor


An Deck des Kanonenbootes Meteor im Hafen von Havanna standen zehn
Marinesoldaten und vor ihnen der Kommandant des kleinen Fahrzeuges,
Kapitnleutnant Knorr. Er hatte besonders einen der Ankmmlinge stndig im Auge,
und erst als die anderen neun nach ihren persnlichen Verhltnissen gefragt
waren, wandte er sich an diesen letzten. Sie wollen also als Freiwilliger
eintreten?
    Robert - denn er war es - bemhte sich, eine mglichst militrische Haltung
einzunehmen. Nur kurze Zeit zu frh, Herr -
    Keine lange Rede! unterbrach ihn der Offizier etwas barsch. Ja oder
nein?
    Robert errtete bis unter die Haarwurzeln. Dieser Ton war keineswegs nach
seinem Geschmack. Ja! antwortete er mit erzwungener Ruhe.
    ber das wetterbraune Gesicht des Offiziers flog ein Lcheln. Die Antwort
heit in diesem Fall knftig Zu Befehl! belehrte er und fuhr dann fort:
Welchen Grad haben Sie in der Handelsmarine erreicht?
    Ich bin Leichtmatrose, Herr -
    Die ungeduldige Hand hob sich mit dem Notizbuch schon wieder zu halber
Nasenhhe. Bootsmann! rief der Offizier.
    Der Gerufene erschien in vorschriftsmiger Haltung. Zu Befehl, Herr
Kapitnleutnant.
    Der Offizier begann auf und ab zu wandern. Da schickt man uns von Kiel
einen Freiwilligen, sagte er halb seufzend. Hole der - -
    Na, Bootsmann, nehmen Sie ihn mit und geben Sie ihn einem der Maaten zum
Einpauken. Ist das ein - - hm, ich meine, da die Reservebataillone an Land
schon mit allem, was Freiwilliger heit, ihre Not haben, aber auf See - -
    Er hielt wieder inne, und ein neuer rgerlicher Blick streifte den
unwillkommenen Gast. Die anderen Leute werden als Matrosen eingestellt, fgte
er hinzu. Mit dem Freiwilligen mssen Sie mir bei allen Dienstmanvern ganz
fortbleiben, Bootsmann, bis er wenigstens nichts mehr verdirbt und keinen Ansto
erregt. Sorgen. Sie dafr.
    Zu Befehl! antwortete der Bootsmann, und ein Wink seiner Hand beorderte
die Ankmmlinge unter Deck. Die schon geschulten Matrosen konnten den Weg
dorthin bereits ohne Mhe allein finden, whrend Robert, etwas enttuscht und
trotzig, stehen blieb und wartete, was man ihm weiter befehlen werde.
    Der Bootsmann schien es unter seiner Wrde zu halten, den Freiwilligen
besser zu bewillkommnen, als es der Kapitnleutnant selbst getan hatte. Er
kmmerte sich um ihn weiter nicht mehr, sondern rief in den Raum des
Zwischendecks hinein einen einzelnen Namen: Gerber!
    Darauf erschien einer der Bootsmannsmaaten, dessen Gesicht Robert auf den
ersten Blick bekannt vorkam. Er fragte sich, wo ihm diese gutmtigen blauen
Augen schon einmal begegnet sein konnten. Er mute den Mann kennen.
    Gerber, sagte der Bootsmann, in Ihrer Backschaft fehlt ja ein Mann, seit
wir die Cholera an Bord hatten, nicht wahr? - Na gut, da haben Sie ihn, aber so
wie er geht und steht. Den Kriegsschiffsmatrosen mssen Sie ihm erst beibringen.
Soll tchtig gezwiebelt werden und nicht mit an Deck, bis er die Sache
versteht.
    Der blonde Maat begngte sich damit, zu nicken.
    Komm hierher, mein Junge, sagte er, erst la dir in der Kombse deine
Back fllen, und dann wollen wir weiter sehen. Sind ja alle einmal grne Jungen
gewesen, meine ich.
    Und mit diesen, fr Robert nicht gerade schmeichelhaften Worten fhrte er
ihn zu dem Platz, wo knftig sein Kleidersack hngen sollte und wo er das
angeschraubte flache Schrnkchen erhielt, das mit 35 Zentimeter Lnge und 25
Zentimeter Breite das ganze Eigentumsgebiet des einfachen Matrosen an Bord eines
Kriegsschiffes darstellt. Da hast du deine Nummer und deine Uniform, sagte er,
hier die Reservestcke und hier die Waffen. So, das wre das. Eigentlich mte
ich dich mit Sie anreden, die Instruktion will es so, aber das ist mir zu
offiziell, und wenn wir auer Dienst sind, geht es keinen Deubel was an. So - du
da, Rder, geh mal mit ihm, da er seine Back gefllt kriegt. Wie heit du denn,
mein Junge?
    Robert nannte seinen Namen und nahm sich vor, diesen gemtlichen
Vorgesetzten demnchst zu fragen, wo er ihm frher schon begegnet sein knne,
vor der Hand aber lie er sich die gute und reichliche Mahlzeit des preuischen
Marinesoldaten vom Koch verabfolgen, obwohl er nur wenig essen konnte. So ganz
anders hatte er sich die Sache vorgestellt!
    Er hatte geglaubt, da jeder Freiwillige mit offenen Armen aufgenommen
werde, und tatschlich war die harmlose uerung des Maaten, da ja doch am Ende
jeder einmal ein grner Junge gewesen sei, das Hchste, was man ihm zum Schutz
gegen ein unverhlltes Mifallen der Vorgesetzten berhaupt noch zugestand.
Robert war einfach wie aus allen seinen Himmeln gefallen.
    Trotzdem aber mute er ein ruhiges Gesicht zeigen. Die Dienstvorschrift an
Bord erlaubte keinerlei Ausnahmen, das wute er nur zu genau, und fort von hier
konnte er jetzt unter keiner Bedingung. Seine Begeisterung war zwar keineswegs
geringer geworden, aber er hatte sich eben alles so anders vorgestellt, wie es
in Wirklichkeit war. Niemand dankte dem Freiwilligen, da er gekommen war,
sondern er wurde wie eine Art nicht zu vermeidende Belstigung mit guter Miene
ertragen, mehr schienen die Leute nicht tun zu knnen.
    Als er gegessen hatte, nherte sich Robert seinem neuen Vorgesetzten. Ist
es vielleicht mglich, da ich Sie schon frher einmal gesehen habe, Maat?
fragte er.
    Das kann schon sein, mein Junge. Wie heit du doch gleich? Ach ja, Kroll,
ich wei schon, ist mir aber leichter, wenn ich dich Nummer Acht nenne, das
macht sich so gut und bleibt immer dasselbe, wenn auch der Mann einmal wechselt,
wie es uns krzlich in Venezuela passierte, als die Cholera an Bord kam. - Aber
was wolltest du noch?
    Wo ich Sie vielleicht schon einmal gesehen haben knnte, Maat?
    Ja, Kerl, da besinne dich einmal. Leg dein Gehirn in die Weiche, wie wir
bei uns zu Hause sagen. Ich bin in der halben Welt herumgekommen, auf
Handelsschiffen und auf unserer Flotte. Vielleicht kennst du mich vom Blitz
her.
    Vom Blitz! - Jetzt erinnerte sich Robert sofort, jetzt wute er, wo ihm das
gutmtige Gesicht schon frher begegnet war. Maat, rief er, erinnern Sie sich
noch an die Tage, als das Kanonenboot Blitz auf der Elbe vor Neumhlen ankerte?
Damals kam ein Junge zu Ihnen an Bord, wissen Sie es nicht mehr?
    Der Unteroffizier nahm die Tonpfeife aus dem Munde. Oho, Nummer Acht, also
das warst du? Der Schneider, dem ich mein Schiff und mein Buch schenkte. Nun
beichte nur gleich alles, du Tunichtgut, bist doch richtig durchgebrannt, nicht
wahr?
    Robert nickte. Ja, richtig durchgebrannt, aber ich habe auch dafr
einstehen mssen und mchte das, was ich dabei erlebt habe, nicht noch einmal
durchmachen. Jetzt ist die ganze Geschichte vergeben und vergessen, mein Vater
hat mich fr den Eintritt in die Armee mit Geld und Kleidung ausgerstet und war
auch von Herzen einverstanden, da ich wieder zur See gehen wollte.
    Der Unteroffizier legte zwei Finger an die Schlfe, als gre er
respektvoll. Das mag ich leiden von dem Alten, sagte er, dein Vater ist ein
ganzer Mann. Da kommst du wohl direkt von Hause, Nummer Acht?
    Geradewegs, Maat, und ich soll nun hier meine Ausbildung nachholen. Bitte
lassen Sie mich alles an Bord so rasch wie mglich kennen lernen, damit ich bei
einem Gefecht schon mit dabei sein darf.
    Der Unteroffizier berhrte Roberts Brust mit der Spitze seiner Tonpfeife.
Du bist ein Wildfang erster Klasse. Aber trste dich! Wenn es zum Kampf kommt,
so kannst du auch ohne Befehl und Kommando mit einspringen, das sage ich dir
jetzt schon.
    Roberts Herz klopfte schneller. Haben wir dazu Aussichten, Maat? fragte
er.
    Hm, das kann man nicht wissen. Kommt uns ein franzsisches Schiff vor die
Rohre, so greifen wir es an, dafr sind ja die Kanonen an Bord.
    Robert lachte. Zeigt sich denn keins hier in der Nhe? fragte er.
    Nicht die Bohne, mein Junge. Aber warte nur ab, bis die Geschichte soweit
ist. Ich mu dir ja erst beibringen, wie man ein Geschtz bedient oder mit dem
Seitengewehr umgeht. Und das will ich dir nur gleich sagen, Nummer Acht, wenn
ich beim Exerzieren mal ein bichen ungemtlich werden sollte, dann mut du dir
dabei nicht das Geringste denken. Es ist so Gewohnheit und tut den Burschen
gut.
    Robert lachte wieder. Wollen Sie gleich anfangen, Maat? fragte er.
    Der Unteroffizier schttelte den Kopf. Nee! erwiderte er gleichmtig.
Nee! Bis zwei Uhr gehrt uns die Mittagszeit, und davon beit bei mir die Maus
keinen Faden ab. Du wirst brigens von der Geschichte bald genug haben, das
verspreche ich dir. Jetzt aber la uns eine Partie Dame spielen, um die Ehre
natrlich, was dich aber nicht abhalten soll, wenn wir einmal zusammen an Land
gehen, ein paar Knpfe springen zu lassen. Karten sind an Bord verboten.
    Robert fgte sich dem Wunsch des freundlichen Maaten, obwohl er selbst
eigentlich lieber das Schiff und alle seine Einrichtungen einer genauen
Besichtigung unterzogen htte. Aber auch whrend der Partie konnte er einiges
ber seine neue Laufbahn erfahren.
    Wo sind denn hier die Kojen der Mannschaft? fragte er.
    Der Maat berlegte rauchend, mit in der Luft schwebendem Arm, seinen
nchsten Zug. Die Kojen, mein Junge? - Hierhin oder dorthin? Hm! Ich schlage
dir zwei Mann, hast du's gesehen? Und beim nchsten Zug springe ich bis in die
Ecke und setze den dritten Stein bereinander, verstanden? - Und von Kojen
sprachst du? Aber Junge, im ganzen Schiff ist keine einzige.
    Robert sah zweifelnd hinber. Aber wo schlft man denn? fragte er.
    In Hngematten, mein Sohn. Sie wird dir zugeteilt, wenn du Freiwache hast,
und du mut sie spter sauber wieder aufrollen und an Deck in den
Finkennetzkasten legen. Wird dir Schwei genug kosten, alles zu lernen, und
unser erster Leutnant ist noch dazu ein Scheuerteufel durch und durch, kann ich
dir sagen, aber das bleibt unter uns.
    Robert erschrak einigermaen. Scheuern, wiederholte er, tun das denn
nicht die Schiffsjungen und Leichtmatrosen allein? Ich denke, wer Soldat ist -
-
    Der Unteroffizier sah ihn mit einem sorgenvollen Blick an. Du, sagte er,
Nummer Acht, wenn du klug bist, so denkst du gar nicht, sondern hrst und tust,
was man dir sagt. Scheuern mssen alle, und wenn sie - na, wenn sie - des
Gromoguls Shne wren. brigens schlage ich dir hier deinen vorletzten Mann.
    Die Partie war demnach fr Robert verloren, und auch bei der zweiten erging
es ihm nicht besser. Dann aber begannen die bungen mit den Handfeuerwaffen.
Heute und abwechselnd auch an den folgenden Tagen sollte jedoch Robert ganz
allein die ihm noch vollstndig neuen Handgriffe nachholen, whrend die brigen
Matrosen aus Gerbers Abteilung auf die anderen Bootsmannsmaaten verteilt wurden
und dort die lngst bekannten bungen wiederholten.
    Das waren fr den leidenschaftlichen, ungestmen Robert zuerst sehr
qualvolle Tage. Immer wieder dieselben gleichgltigen Handgriffe ausfhren,
immer wieder Einzelbewegungen machen wie ein Kind, das seine Glieder gebrauchen
lernt, und dabei nicht sprechen, nicht das tun, was man wollte, ja, nicht einmal
sich verteidigen, wenn der gemtliche Maat aus seiner urfreundlichen Stimmung
gelegentlich ganz heraus und in einen Eifer hineingeriet, der sich durch einen
Schwall aller erdenklichen Kraftausdrcke Bahn brach.
    Robert strubte sich innerlich dagegen. Er war ein Freiwilliger, er diente
aus Begeisterung fr die gute Sache des Vaterlandes, und doch konnten
Kapitnleutnant und Offiziere diese Behandlung, die er sich gefallen lassen
mute, mit anhren, ohne sich irgendwie in die Sache hineinzumischen. Das war
unerhrt und warf auf den Militrdienst, wie Robert meinte, einen hchst
verdunkelnden Schatten.
    Zwang und persnliche Unterordnung hate er als Feinde seiner
freiheitsliebenden Natur.
    Nach und nach aber sah er die Sache auch wieder mit ganz andern Augen und
konnte nicht umhin, ihr eine Art widerstrebender Achtung entgegenzubringen.
Alles so sauber geordnet, so bis ins Kleinste hinein durchdacht und danach
eingerichtet, das entsprach zu sehr seinen eigenen Neigungen, um nicht bei
vorurteilsloser Betrachtung auch von ihm gewrdigt zu werden. Nur da der
Einzelne kaum atmen durfte wie er wollte, sondern fast vllig Maschine war, das
strte ihn immer noch uerst empfindlich. Wenn Robert hrte, da Deckoffiziere
oder Kadetten den Offizieren mit Zu Befehl! antworteten, dann emprte ihn das
innerlich. Ein Ja oder Nein htte auch gengt, meinte er, und wre eines
Mannes wrdiger gewesen.
    Erst nachdem einige Wochen vergangen und Roberts aufrhrerische Empfindungen
ein wenig in das gewohnte Gleis zurckgekehrt waren, gewann er soviel geistige
Freiheit, um sich nach einem Ausflug in die Umgegend zu sehnen. Nur etwa drei
Stunden weit entfernt lag ja die Insel, auf der er sein erstes Abenteuer
bestanden hatte, wo er so nahe am Tode vorbeigegangen war und wo unter den hohen
Mangobumen sein alter Freund den letzten Ruheplatz gefunden hatte. Er wollte
Mohrs Grab sehen, bevor vielleicht der Meteor pltzlich durch irgendein
Ereignis von hier abgerufen wurde, und zu diesem Zweck fragte er eines Tages
seinen Vorgesetzten, ob es nicht mglich sei, auf kurze Zeit Urlaub zu bekommen.
    Der blonde Maat pfiff durch die Zhne. Das wird schwer halten! meinte er.
    Aber ich bin doch ein Freiwilliger! rief Robert, ich knnte morgen die
Sache wieder aufgeben, wenn ich wollte!
    Hui! Wie das in die Wolken hineinfliegt! Knnte morgen die Sache wieder
aufgeben! Da du die Nase im Gesicht behltst, mein Junge! Ich sage dir, du
stehst unter dem Kriegsgesetz so gut wie jeder andere Soldat und kannst das
einmal Abgemachte nicht wieder umstoen. Ein Wort, ein Mann, du unruhiger
Geist!
    Robert errtete. Ich denke ja auch nicht daran, erwiderte er hastig. Aber
was knnte es denn schaden, wenn ich einmal mit der Barkasse auf sechs bis acht
Stunden nicht an Bord wre?
    Der Unteroffizier schob vor Schreck die Mtze in den Nacken. Das ist nicht
schlecht, wahrhaftig! Also auch die Barkasse sollte das Vergngen mitmachen! Da
mtest du ja wenigstens sechs Mann zur Bedienung haben!
    Die will ich im Hafen schon auftreiben und bezahlen. Kleinere Boote sind
fr den Weg durch Klippen und Strudel nicht so recht zu brauchen. In der Nhe
der Insel, die ich besuchen mchte, liegt ein unterseeisches, sehr gefhrliches
Korallenriff auf dem damals mein Schiff strandete, berhaupt fhrt ja der Weg
dorthin ber das offene Meer.
    Gerber schttelte den Kopf. Das schlag dir gnzlich aus dem Kopf, Nummer
Acht, sagte er. Dafr wirst du nie die Erlaubnis erhalten.
    Aber warum denn nicht? Ich bitte Sie, warum nicht?
    Der Unteroffizier wiegte seinen ganzen Oberkrper hin und her. Weil das
eine Unmglichkeit wre, Nummer Acht, weil das - na - ich sage, es geht nicht.
Wenn du mit der Barkasse spazieren fhrst, so mchte ein anderer vielleicht an
Bord eine Gesellschaft geben und der dritte sonst irgend etwas Ausgefallenes
anstellen. Wer Soldat ist, der darf an solche Dinge nicht mehr denken.
    Robert schwieg, aber der Gedanke lie ihn nicht mehr los. Von den Franzosen
zeigte sich nichts, an den tglichen bungen nahm er jetzt zusammen mit den
andern teil und hatte berhaupt das neue Leben an Bord des Kriegsschiffes etwas
besser begriffen und sich hineingelebt, daher plagte ihn die Langeweile
ebensosehr, wie es seinen Trotz herausforderte, so vollstndig ohne eigene
Tatkraft zu sein. Auf hoher See wre noch alles anders gewesen, aber im Hafen
stillzuliegen, tglich mit dem ungeladenen Gewehr zu exerzieren und in den
Freistunden auch noch einer strengen, militrischen Disziplin unterworfen sein,
das war grlich.
    Eines Tages, als Robert zur Steuerbordwache gehrte und wie gewhnlich
abends um acht Uhr seine Hngematte erhielt, hatte er seinen Plan fertig und in
allen Einzelheiten vorbereitet. Der Mond schien fast taghell, das Meer lag ruhig
und glatt wie ein Spiegel, - kurz, es lockte ihn unwiderstehlich hinaus.
    Er schlief nicht, obwohl es seine nchsten Nachbarn glauben muten, sondern
erwartete mit pochendem Herzen den Augenblick, wo das Trillern der
Bootsmannspfeife im Zwischendeck ertnen und der Ruf Ronde! Ruhe im Schiff! auch
das letzte Wort unter der Mannschaft ersticken wrde. Endlich war es soweit, er
drehte geschickt die Kleider seines Nebenmannes so, da der Schimmer der groen
Sicherheitslaterne nicht direkt auf seine Hngematte traf, und dann stand er
behutsam auf.
    Die Ronde war vorber und die Wache verteilt, - tiefe Stille herrschte im
ganzen Schiff.
    Robert fuhr geruschlos in die Kleider und kroch an Deck, ohne bemerkt zu
werden. Hier oben war er geborgen, obgleich eigentlich jetzt das Schwierige
seines Unternehmens erst begann. Aber er hatte vorgesorgt. Der Mann, der am Bug
Wache hielt, war auch ein Holsteiner, ein naher Landsmann und sehr arm, er sah
also fr einige Taler gerade zufllig nach der andern Seite, als Robert ber
Bord kletterte, da wo die Jolle bereitlag, ihn an ein greres Fischerboot zu
bringen, das hufig zwischen dem Hafen und den Inseln kreuzte. Ebenso sollte der
Holsteiner, wenn um zwlf Uhr nachts die neue Wache mit Namen aufgerufen wurde,
fr seinen Landsmann antworten, - Gerber tat nichts, um die Geschichte laut
werden zu lassen, das wute Robert, und davon war auch der andere berzeugt,
sonst htte er sich wohl gehtet, auf den gefhrlichen Handel einzugehen.
    Der gemtliche Maat wrde zwar in aller Stille Donner und Wetter fluchen,
den Ausreier noch Spieruten laufen und kielholen lassen, aber dabei doch die
ganze Geschichte bis an die letzten Grenzen des Mglichen vertuschen, dafr
kannten ihn alle.
    Und Robert dachte nicht einmal so weit. Er wollte nur erreichen, was ihm auf
dienstlichem Wege nicht erlaubt wurde, und schlug zu diesem Zweck die Folgen
gnzlich in den Wind. Wie er am vorhergehenden Tage den Fischer hierher beordert
hatte, so sprang er jetzt in die Jolle, nur mit weiem Leinenzeug bekleidet, das
Herz voll froher Hoffnung, unbekmmert um das, was daraus entstehen konnte. Er
atmete frmlich auf, als das leichte Fahrzeug unter ihm tanzte und der Wind ihm
spielend durch die Haare fuhr.
    Nach kurzer Fahrt stieg er von der Jolle in das grere Segelboot ber, und
nun ging es mit dem Wind aus dem Hafen hinaus. Der Fischer kannte den Weg, den
er nehmen mute, ganz genau, also war nach kaum zwei Stunden das Eiland, das
Robert frher bewohnt hatte, in Sicht. Noch wenige Minuten, dann stieen sie auf
das sandige Ufer, und Robert konnte den Boden betreten, der einst fr ihn fast
zum Grab geworden wre. Taghell schien der Mond, ein frischer Wind fuhr durch
die Zweige, und Robert lief am Ufer entlang, um zuerst das Grab des alten
Matrosen aufzusuchen. So bekannt war das alles, so unverndert, er htte den Weg
auch ohne den Mond gefunden.
    Aber hier unter den Bume, wo der Geisterseher schlief, war es in der Tat
dunkel! Die Wellen spielten in der stillen Bucht, die uralten Mangos neigten
ihre Zweige bis auf den Wasserspiegel herab, und ringsumher wuchs es in ppiger
Flle. Robert lie ein Streichholz aufflammen, entzndete die schon dafr
mitgebrachte Wachskerze und schtzte das Licht mit der Hand. Hunderte von Blumen
blhten dort, wo Mohr begraben lag, und der Wind spielte leise in den dichten
Blttern.
    Wo war die Blte, die Robert vor zwei Jahren zum Abschied hier gepflckt
hatte? - Er dachte mit Grauen an den Augenblick, der sie vernichtete, als ihn
hoch oben am Nordkap die Eismassen und das spritzende, halberstarrte Wasser auf
den Strand warfen. Lieber alter Geisterseher, wtest du, was dein Freund, der
kleine Schiffsjunge, inzwischen alles erlebt hat, seit er hier an dieser Stelle
dir dein letztes Bett grub!
    Die Nhnadel aus Fischgrten lag jetzt in Pinneberg und war heimlich Meister
Krolls kostbarstes Besitztum, eine Art Reliquie, die zugleich zeigte, was fr
ein tchtiger Kerl sein Sohn und welch ein unentbehrliches Gert die kleine
Nhnadel war - aber die Blume, die Robert getrocknet hatte, ging damals
verloren. Heute steckte er in den kleinen Brustbeutel des Spaniers eine frische,
schne Blte, ehe er noch einmal mit langem Abschiedsblick das Grab berflog.
Die Zeit drngte, er wollte ja auch noch die andere Insel wiedersehen, wo er
unter Rubern und Mrdern gelebt hatte, obwohl ihm der Fischer abriet, dort an
Land zu gehen. Die Piraten bewohnten noch immer ihren Schlupfwinkel, und man
konnte doch nicht voraussagen, ob sie ihn als Verrter betrachten und zulassen
wrden, da er lebend zum zweitenmal die Insel verlie.
    Aber wiedersehen wollte er das Dach, unter dem er einstmals Schutz gefunden
hatte.
    Das Fischerboot nahm seinen Kurs wieder auf, es glitt durch die engen
Wasserstraen zwischen den einzelnen kleinen Inseln und kam auch bis an die
flache Kste, wo Rafaeles Fahrzeuge lagen, wo von weitem sein Wohnhaus unter den
Bumen zu erkennen war und die Hunde ein lautes Gebell erhoben, als sich das
fremde Boot dem Strande nherte.
    Auch hier war alles, wie es Robert verlassen hatte, damals, am Tage des
Messerkampfes zwischen den beiden Ruberbanden, als das franzsische Schiff fr
ihn zur Rettung wurde. Wie sich doch die Verhltnisse gendert hatten! - Jetzt
htte kein Fahrzeug der Grande Nation wagen drfen, den Weg des Meteor zu
kreuzen, es wre sofort angegriffen worden. Wie sehnten sich die preuischen
Blaujacken danach, wie hofften sie an jedem Morgen, da auch sie endlich zum
Kampf kommen wrden. Und Robert selbst war ja der Ungeduldigste, gerade er
konnte am allerwenigsten den Augenblick erwarten, wo es losgehen wrde, er
freute sich malos auf das erste Gefecht.
    Aber dazu schien ja noch immer keine Aussicht. Der Meteor lag tatenlos an
seinen Ankerketten, whrend die Landarmee Sieg auf Sieg erfocht. Alle paar Tage
kamen Zeitungen an Bord, man las mit Jubel, wie der Feind berall zurckging und
wie sich die deutschen Truppen im Kampf auszeichneten, - ohne selbst daran
teilnehmen zu drfen.
    Das rgerte alle, vom Kapitn bis zum Schiffsjungen herab, am meisten aber
den ungeduldigen Robert.
    Er hatte jetzt auch die Pirateninsel wiedergesehen, - das Fischerboot
wendete und kreuzte gegen den Wind auf, dem Hafen zu.
    Wenn um vier Uhr wieder die Wache abgelst wurde, lie sich seine
Abwesenheit vielleicht nicht mehr verheimlichen, daher durfte jetzt keine Zeit
mehr verloren werden.
    Die bewaldeten Ufer der Insel traten weiter und weiter zurck, sie waren auf
dem offenen Meer, - noch einmal lie Robert den Blick zurckgehen.
    Was war das dort? - Ein weier Punkt hob sich vom Hintergrund des dunklen
Ufers ab. Ein Schiff!
    Der Fischer blickte auf, als er Roberts pltzliche Aufmerksamkeit sah. Das
ist ein Kriegsschiff, sagte er gleichgltig. Ich habe es schon vor mehreren
Tagen zwischen den Inseln bemerkt.
    Roberts Herz stand fast still. Von welcher Nation, Pedro? fragte er
atemlos.
    Ja, das wei ich nicht. Ich sah nur die Kanonen.
    Dann la uns gleich wenden und die Sache genauer ansehen. Ich bezahle ein
paar Piaster mehr, wenn du mich bis unter den Bug des Schiffes bringst. Du bist
Spanier und lufst dabei keine Gefahr.
    Das wei ich wohl, nickte gleichmtig der Mann. Kann mir auch schon recht
sein, wenn Ihr die Fahrt bezahlt.
    Das Ruder wurde nochmals gedreht, und der weie Punkt angesteuert. Robert
erkannte sehr bald die franzsische Flagge, konnte drei Geschtzpforten zhlen
und las den Namen Bouvet.
    Jetzt wute er genug, um auf dem Meteor Meldung machen zu knnen. Ein
franzsisches Kriegsschiff so nahe beim Hafen, der langersehnte Gegner endlich
gekommen, das Zeichen zum Kampf gegeben!
    Schnell, schnell! befahl er dem Fischer. Es ist zwar schon viel zu spt,
aber es eilt trotzdem. Wir knnen schon morgen ins Gefecht kommen.
    Es war heller Tag, als das Fischerboot neben dem Meteor anlegte. Ein
Besuch einiger deutscher Familien aus der Stadt hatte das Schiff berschwemmt,
so da Robert, der ohne Uniform war, vielleicht unbemerkt htte an Bord kommen
knnen, aber das wollte er nicht einmal. Die Strafe, die ihn erwartete, kmmerte
ihn nicht. Vielmehr htte er es fr ehrlos gehalten, die Nachricht von der Nhe
des feindlichen Kriegsschiffes zu verschweigen.
    Unter Deck strmen und sich in die Uniform werfen, war das Werk von zwei
Minuten, ebenso schnell aber hatte ihn auch schon der gemtliche blonde Maat
erwischt und festgehalten. Du siebenmal, begann er seine Rede, wurde jedoch
durch Robert entschieden an der Fortsetzung gehindert. Still, flsterte er.
Stellen Sie sich vor, Maat, der Franzose kommt, - ich mu sofort zum
Kommandanten.
    Da du die Motten kriegst! Junge, du stehst monatelang auf der schwarzen
Liste, wenn er dich nicht sogar einsperrt! Und was fabelst du da von dem
Franzosen?
    Warten Sie's nur ab, Maat. Ging denn heute nacht alles gut?
    Du Schwerenter hast ja einen Mitschuldigen, der fr dich antwortet und
einsteht! Noch ist nichts bemerkt worden, aber ich sage dir, wenn du mehr solche
Streiche machst, verpurre ich dir die Geschichte. Du bist ja ein ganz
gefhrlicher Ausreier!
    Robert lachte. Meinen Sie, da ich bestraft werde, Maat? fragte er.
    Und das gehrig. Du mut die hchsten Stengen schmieren, alle Tage
scheuern, den Rost von den Ankerketten klopfen, die Gallion waschen und die
Messingplatten putzen. Du bekommst nur eine halbe Stunde Mittag, deine
Grogration fllt aus, und du hast Bordarrest, wenn nicht eine richtige
Gefngnisstrafe fr dich herausspringt. Das glaube ich noch eher, also behalte
die Nachricht fr dich, hrst du!
    Robert schttelte den Kopf. Unmglich, das konnte er nicht, und als die
Fremden von Bord waren, meldete er sich bei Kapitnleutnant Knorr.
    Der sah ihn verwundert an. Nun, fragte er, was haben Sie?
    Robert stand jetzt in dienstlicher Haltung vor ihm, etwas bla zwar, weil er
die entehrende Strafe frchtete, aber doch ruhig und ernst.
    Mit wenigen kurzen Worten berichtete er von seiner Beobachtung und hatte die
Genugtuung, seinen Vorgesetzten auf das hchste berrascht zu sehen. Er sprang
vom Sitz auf und ging erregt hin und her. Ein Franzose also? Und was fr ein
Schiff?
    Der Bouvet soweit ich erkennen konnte, Herr Kapitnleutnant. Er hatte drei
-
    Ja, ja, drei Geschtze, ich wei schon. Nun, das kann - -
    Aber, fgte er hinzu, sich pltzlich unterbrechend, weshalb haben Sie mir
die Sache gemeldet, da doch kein Zeuge dabei war, der Sie verraten konnte? Ist
Ihnen bekannt, da fr smtliche Schiffe der deutschen Marine im Augenblick die
auergewhnlichen Gesetze des Kriegszustandes gelten? - Ich knnte Sie als
Deserteur behandeln und bestrafen lassen.
    Robert zuckte unter dem entehrenden Wort, die letzte Farbe wich aus seinen
Wangen, und das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.
    Der Kapitnleutnant sah ihm fest ins Auge. Weshalb meldeten Sie mir die
Sache? fragte er noch einmal.
    Weil ich das fr meine Pflicht hielt, Herr Kapitnleutnant.
    Sie, der ohne Erlaubnis von Bord ging?
    Ach, scho es Robert pltzlich unwillkrlich heraus, das ist ja nichts.
Dann nehme ich schon die Strafe auf mich, bevor ich eine so wichtige Sache
verschweige. Ein Deserteur bin ich nicht, und - das wissen Sie, Herr
Kapitnleutnant.
    Der Offizier wandte sich ab, um ein ganz undienstliches Lcheln zu
verbergen. Dann aber kam er zurck und legte die Hand auf Roberts Schulter.
    Sie sind ein etwas auergewhnlicher Mensch, Kroll, sagte er sehr ernst,
Sie drfen aber Ihren Eigensinn niemals fr Mnnlichkeit halten. Lernen Sie
erst einmal Manneszucht und unbedingten Gehorsam jedes einzelnen, sei er
Offizier oder Soldat, grndlich als das kennen, was sie wirklich sind, nmlich
als Grundlage und Mittelpunkt aller militrischen Unternehmen, als Voraussetzung
allen Kriegsglcks, - bevor Sie knftig Flle, wie den gegenwrtigen, fr ein
Nichts erklren. Ihre Strafe ist Ihnen geschenkt, weil ich Ihre Haltung trotzdem
anerkenne. Denken Sie an das, was ich Ihnen soeben gesagt habe, Kroll, und nun
gehen Sie.
    Robert blieb doch noch einen Augenblick lang stehen. Es brauste in seinen
Ohren, und ein sonderbares Gefhl, halb Beschmung, halb Stolz, erfllte ihn.
Ich danke Ihnen, Herr Kapitnleutnant, prete er hervor. Ich - werde Ihre
Worte nicht vergessen.
    Und dann ging er wie im wachen Traum hinab in das Zwischendeck, wo ihn
Gerber mit heimlichem Herzklopfen erwartete.
    Nun, Nummer Acht, du Erzbsewicht?
    Robert schttelte den Kopf. Es ist alles gut gegangen, Maat, sagte er.
    Und keine Strafe, Kerl?
    Keine uerliche wenigstens!
    Der Unteroffizier erhob sich von seinem Sitz. Nanu, staunte er, das
verstehe ein anderer. Sprich deutsch, Nummer Acht, was hat der Kommandant
gesagt?
    Robert lchelte unwillkrlich. Nicht viel, Maat, aber es liegt mir doch
schwer im Magen. Der Kapitnleutnant hat eine eigene Art, zu sprechen.
    ber Gerbers Vollmondgesicht glitt ein Sonnenstrahl der Befriedigung. So,
so, schmunzelte er, nun begreife ich. Du Satanskerl, hat er gesagt, -
vielleicht ein bichen feiner gedrechselt, mit Glachandschuhen und so, - du
Hllenbrand, diesmal will ich's schieen lassen, weil dir der Franzose in die
Zhne lief und du mir die gute Nachricht nach Hause gebracht hast, aber tu's
nicht noch mal wieder, du Galgenholz, sonst sollen dich alle siebentausend
Haifische zugleich fressen! War's nicht so?
    Ganz hnlich! lchelte Robert.
    Siehst du wohl, ich wute Bescheid. Kann ein Gesicht machen, da alle
Ratten im Schiff Reiaus nehmen mchten, und ist doch eine Seele von einem Mann.
Na, la dir's gesagt sein, Nummer Acht, und mach keine solchen Dummheiten
wieder.
    Damit lie er Robert allein, der sich nun ganz ungestrt seinen Gedanken
hingeben und sich wieder den Augenblick vergegenwrtigen konnte, als ihn der
Offizier so ernst und wohlwollend zugleich ermahnte, in Zukunft nicht mehr
Eigensinn und Mnnlichkeit miteinander zu verwechseln. Gehrte denn wirklich
gerade dazu die grte Selbstbeherrschung und Willenskraft, sich scheinbar
vollstndig unterzuordnen?
    Er seufzte, aber er wute ganz sicher, da ihm dies nicht wieder begegnen
werde; hatte er denn dem Kommandanten gegenber mit dem trotzigen Davonlaufen
eines Schuljungen wirklich gezeigt, da er ein selbstndiger Mann sei, oder
vielleicht eher, da ihm die Grundbegriffe jeder gesetzlichen Ordnung noch
vollkommen fehlten?
    Das Blut kehrte in seine Wangen zurck. Mchte doch heute noch der Bouvet
kommen, dachte er, mchte doch der Kampf beginnen und ich als erster an Bord
des feindlichen Schiffes klettern knnen, damit mich Kapitnleutnant Knorr loben
und sagen mte, ich sei doch ein Mann und tapfer dazu!
    Er war an diesem ganzen Tag so aufgeregt, da Gerber mehrere Male heimlich
lchelte. Den Kroll hat's aber gepackt, dachte er, wrgt noch an dem schweren
Bissen, den ihm unser Kapitnleutnant ins Maul gesteckt hat.
    Gegen Abend endlich erschien der Bouvet und legte sich in dem neutralen
Hafen Seite an Seite neben den Meteor. Etwas grer und schneller, mit einer
berzahl von zwanzig Mann Besatzung und besseren Geschtzen, war er dem Meteor
ziemlich in jeder Weise berlegen. Bord an Bord lagen die beiden feindlichen
Schiffe auf dem Wasser.
    Eine wunderliche Welt, sagte Gerber. Da ist der Bouvet, der bei Helgoland
zusah, als wir gegen die Dnen im Gefecht standen, - nun luft er selbst unseren
Geschtzen in die Zhne.
    Wit ihr was, Jungens, raunte er beim Essen in die Ohren seiner
Backschaft, wit ihr was? Ich mchte, da ein paar von der Mannschaft drben
das Schiff verlieen und an Land eine Kneipe aufsuchten. Dann knnten wir's
ihnen zeigen, was unsere Fuste wert sind! - Das mte ein ungeheures Vergngen
sein und htte doch das Vlkerrecht nicht verletzt.
    Die Seeleute hatten durchaus Lust zu dem Plan, aber Gerber schttelte
schmerzlich das Haupt. Wird nichts, Kinder, fgte er hinzu, waren nur
Gedankenspne, fromme Wnsche, wie man zu sagen pflegt. Ihr sollt sehen, da es
schon morgen in aller Frhe eine Vermahnung setzt. Immer Augen links, wenn ihr
auf Backbord ber das Schiff marschiert, und Augen rechts, wenn's von Steuerbord
hergeht. Ich kenne das.
    Und richtig, wie er vorausgesagt hatte, so geschah es. Am folgenden Morgen
wurde Generalmarsch geschlagen, und als bis auf den letzten Mann die ganze
Besatzung an Deck versammelt war, hielt der Kapitnleutnant eine Ansprache, in
der er den Leuten befahl, sich jeder Berhrung mit den Franzosen zu entziehen,
besonders aber an Land bei einer mglichen Begegnung sofort das Lokal zu
verlassen und auf keine Herausforderung einzugehen.
    Die Franzosen auf dem Bouvet sahen sich diese ganze Szene mit Interesse an.
Sie schienen den Inhalt der Rede, die dort gehalten wurde, vollkommen zu
begreifen, und vielleicht eben deswegen erhielten ungewhnlich viele von ihnen
am Abend Urlaub. Die Deutschen auf dem kleinen Kanonenboot, das sich neben dem
Bouvet doch sehr schmchtig ausnahm, diese bermtigen Deutschen sollten
womglich eins draufkriegen.
    Etwa vierzig Mann von der Besatzung des franzsischen Schiffes gingen an
Land, und auch der gewohnten Anzahl Deutscher war Urlaub erteilt worden. Fast zu
gleicher Zeit verlieen die Preuen und die Franzosen ihre Schiffe, wobei ihnen
der Kapitnleutnant mit gerunzelter Stirn nachsah. Reibungen werden sich nicht
vermeiden lassen, uerte er zu seinem Ersten Leutnant. Die Kerle brennen
frmlich darauf, den Franzosen zu zeigen, da sie nicht weniger gut zuzuschlagen
verstehen, wie ihre Brder an Land.
    Der Erste Leutnant lchelte bedeutsam. Und wir selbst? fragte er halblaut.
    Wir ebenso, wenn auch in anderer Form, erwiderte der Kommandant. Ich
wollte brigens, da die Sache bald entschieden wre, besonders da ich an diesem
entlegenen Punkt ohne alle Instruktion ganz nach eigenem Ermessen handeln mu.
Der Bouvet ist uns berlegen, darber besteht kein Zweifel.
    Der Erste Offizier schwieg, aber es war ein Schweigen, das mehr als die
lngste Rede ausdrckte, so da ihn der Kapitnleutnant fragend ansah. Sie
wrden den Kampf aufnehmen, Herr Leutnant?
    Ohne Bedenken!
    Der Kapitnleutnant nickte leicht. Ich tu's auch! besttigte er.
    Damit war die Unterredung beendet, aber die innere Unruhe des Kommandanten
zeigte sich deutlich in jedem Schritt, in jeder Bewegung, besonders als um die
festgesetzte Stunde nur ein Teil der beurlaubten Mannschaft an Bord erschien,
die brigen aber ausblieben. Man fragte die Zurckgekehrten nach den andern,
aber die Antworten lauteten so unbestimmt und ausweichend, da sich der Argwohn
des Kapitnleutnants bis zur berzeugung steigerte. Trotz aller Verbote mute
eine Schlgerei stattgefunden haben.
    Es wurde zwlf Uhr nachts, bis spanische Polizisten die ausgebliebenen
Matrosen vom Meteor mit starkem Geleit an das Schiff brachten. Mehrere unter
ihnen waren verwundet, aber kein einziger zeigte ber das, was er
verbotenerweise getan hatte, die mindeste Reue. Franzosen und Deutsche waren
aneinander geraten, hatten gehrig miteinander gerauft und sich gegenseitig die
Nasen blutig geschlagen, obwohl niemand Sieger geblieben und niemand besiegt
worden war.
    Der Kapitnleutnant lie die Verwundeten in das Lazarett bringen und die
brigen, so mig, als es die Gesetze erlaubten, bestrafen, wobei jedoch sein
ganzes Benehmen zeigte, da er die Ursache der bertretungen durchaus verstand.
    Ja, er tat noch mehr. Er schickte dem Kapitn des feindlichen Schiffes drei
Tage nacheinander eine Herausforderung zum Kampf auf offener See, aber der
franzsische Kommandant weigerte sich und blieb vor Anker liegen, als sei nichts
geschehen.
    Die Folge davon war, da sich die Besatzung des Bouvet an Land nicht mehr
sehen lassen konnte, sondern wo sie erschien, offen verhhnt wurde.
    Auf die Dauer schienen die Franzosen das denn doch unbehaglich zu finden,
sie lichteten die Anker, und eines Morgens war der Bouvet verschwunden.
    Jetzt herrschte auf dem Meteor freudige Kampfstimmung. Nach vierundzwanzig
Stunden durfte man den Feind verfolgen und ihn auerhalb des Hafens angreifen, -
mehr konnten sich die Blaujacken gar nicht wnschen.
    Wenn er uns nur nicht entwischt! hie es. Wenn er nur den Kampf
aufnimmt.
    Als das Kanonenboot die Anker lichtete und zum erstenmal, seit Robert an
Bord war, der Dampf aus den Schloten strmte, da umstanden Tausende von
Menschen, besonders alle Deutschen, die in der Stadt wohnten, das Ufer, und in
fast allen Sprachen, auer in der franzsischen, wurde dem Meteor ein Hoch
ausgebracht. Die Besatzung antwortete mit einem dreifachen Hurra.
    Und dann rasselten die Ankerketten herauf, das Schiff drehte sich, die
Bevlkerung winkte mit Hten und Taschentchern, und die Jagd auf den Feind
begann. Hinter dem Meteor dampfte das spanische Kriegsschiff Hernan Cortez,
das die Neutralitt des Hafens wahren und fr den Fall eines bedeutenderen
Unglcks in der Nhe sein wollte.
    Wie pochte Roberts Herz, als das Schiff unter seinen Fen Fahrt aufnahm.
Jetzt erst war er Soldat, jetzt erst hatte er das Ziel seiner Wnsche erreicht,
denn jetzt ging es ins Gefecht. Keiner von der ganzen Besatzung des Meteor
suchte so sehnschtig den Horizont nach dem Rauch des franzsischen Schiffes ab.
Er war es auch, der zuerst den Bouvet entdeckte.
    Dort! rief er, dort, Herr Kapitnleutnant, - ich sehe es deutlich.
    Der Kommandant lie sich das Glas reichen, und dann besttigte ein
Kopfnicken der ganzen Mannschaft, da Robert richtig gesehen hatte. Es war in
der Tat der Bouvet, der nun den Kampf erffnete. Es blitzte auf, der Donner
rollte ber das Wasser, doch die Kugel schlug in weiter Entfernung vom
preuischen Schiff ins Wasser.
    Wir schieen nicht, bis die Entfernung zwischen beiden Schiffen auf
vierhundert Meter herabgesunken ist, sagte Kapitnleutnant Knorr ruhig.
    Ein Hoch der Mannschaft auf ihren Kommandanten antwortete seinen Worten.
Jedes Herz schlug erwartungsvoll, whrend das Schiff mit hchster Fahrt durch
die Wellen stampfte.
    Schu auf Schu erschtterte vom Bord des Bouvet die stille Morgenluft, ohne
jedoch zu treffen, whrend auf dem Meteor gleichsam zur Herausforderung von
allen drei Masten die Toppflaggen lustig flatterten.
    Endlich aber konnte das deutsche Geschtz antworten. Auf dem Meteor blitzte
es auf, und ein erster Gru aus seinen Rohren pfiff durch das Takelwerk des
Franzosen. Im gleichen Augenblick schien sich jedoch das Glck gegen die
Deutschen zu wenden. Es erhob sich ein pltzlicher Wind, dem das Kanonenboot
entgegenarbeiten mute, whrend er andererseits den Bouvet mit schneller Fahrt
auf die Breitseite des Feindes zutrieb.
    Das alles ereignete sich innerhalb weniger Minuten, und die Entfernung der
beiden Schiffe verringerte sich auf dreihundert Meter, bevor man noch an Bord
des Meteor die neue Lage richtig erkannte. Das Schlingern des weit kleineren
Fahrzeuges war durch den aufkommenden Wind so stark geworden, da kaum noch ein
richtiges Zielen mglich war. Der Ernst des Augenblicks war unverkennbar.
    Der Kapitnleutnant behielt jedoch seine ruhige Geistesgegenwart. Er stand
auf der Kommandobrcke und bersah mit sicherem Blick die Lage.
    Ruhe, befahl er mit tiefer Stimme. Ruder hart Steuerbord! Klar zum
Entern!
    Der Befehl wurde sofort vollzogen. Robert, der dicht bei der Kommandobrcke
stand, sah mit einer Art begeisterter Verehrung auf den Kommandanten, der so
vollkommen ruhig und sicher die Lage berblickte. Ein solcher Mann will ich
werden! dachte er und packte sein Gewehr fester.
    Alles an Bord war totenstill, aller Augen sahen auf den Kommandanten. Durch
die hochgehenden, fast tobenden Wellen brausten die beiden Schiffe aufeinander
zu. Jetzt - jetzt kam die Entscheidung - -
    Nur noch Augenblicke, dann waren vielleicht fnfundsechzig Menschen in den
Fluten des Meeres begraben, dann berichteten die Zeitungen von einem glnzenden
Siege der Franzosen ber das kleine preuische Kanonenboot Meteor.
    Und jetzt, - beide Fahrzeuge berhren einander - -
    Aber da fliegt ein befreiendes Lcheln ber das Gesicht des Kommandanten - -
Sein gebter Blick hatte ihn nicht getuscht, er hatte richtig gehandelt. Im
spitzen Winkel trafen beide Schiffe zusammen, es knirschte und krachte, die
Bordwnde berhrten sich, nur wenige Sekunden lang sahen sich die Gegner aus
nchster Nhe ins Auge, dann war die grte Gefahr vorber. Niemand hatte Zeit
gehabt, ans Entern zu denken.
    Jetzt aber erffneten die Franzosen ein heftiges Gewehrfeuer, das von den
Deutschen lebhaft erwidert wurde. Neben Robert fiel der Steuermann und strzte,
sofort gettet, auf die Decksplanken.
    Robert sah auf. Ein wilder Zorn hatte ihn gepackt. Er suchte mit den Augen
auf dem Bouvet den Schtzen und hatte ihn nur zu bald entdeckt. Halb von der
Takelage verborgen lauerte der Mann und erhob schon sein Gewehr zum nchsten
Schu. Es war unverkennbar der Kapitn, auf den er zielte.
    Das erkennen und unbekmmert um die eigene Sicherheit zwischen die Kugel und
ihr Ziel springen, war fr Robert Sache eines Augenblicks. Er fhlte einen
Schlag gegen die linke Schulter, so da er fr einen Moment schwankte, dann aber
nahm er noch einmal seine Krfte zusammen, legte an und gab Feuer.
    Wie damals in der Prrie der getroffene Adler, so strzte der Franzose aus
den Marsen herab. Ein lautes Bravo des Kapitnleutnants belohnte den gelungenen
Schu.
    Sie haben fr mich Ihr Leben in die Schanze geschlagen, Kroll, sagte der
Kommandant laut. Ich danke Ihnen und werde es Ihnen nicht vergessen.
    Robert wankte, aber ein Glcksgefhl, wie er es nie gekannt hatte, durchzog
sein Herz. Schon nahmen ihn einige Matrosen, unter ihnen der blonde Maat, in
ihre Mitte, um ihn ins Lazarett zu fhren.
    Lat doch! stammelte er, lat nur - ich kann allein gehen.
    Aber Gerber lie nicht locker. Du Tausendsassa, du Schwerenter, raunte
er. Kommt dieser Junge kaum an Bord, hat noch keinen Schu abgefeuert und
zeichnet sich schon vor allen aus. Na, das htte aber leicht dein letzter
Augenblick werden knnen.
    Robert lchelte matt. Es kam ja nicht auf mich an, flsterte er, sondern
auf den Kommandanten.
    Und dann verlie ihn das Bewutsein. Gerber trug ihn wie ein kleines Kind
ins Zwischendeck, wo der Schiffsarzt mit seinem Assistenten bereitstand, um die
Verwundeten zu verbinden. Schnell, Herr Doktor, bat der keuchende
Unteroffizier, bitte, sagen Sie mir, ob es schlimm ist. Ich mcht's gern wissen
und mu doch wieder hinauf.
    Das Gewehrfeuer hat aufgehrt, bemerkte der Arzt, whrend er Roberts
Kleider ffnete und die Wunde untersuchte.
    Wie kommt das?
    Gotts ein - -
    Der gemtliche Maat htte fast einen Kernfluch vom Stapel gelassen, aber er
besann sich noch zur rechten Zeit, da auch der Arzt ein Offizier sei,
wenigstens dem Range nach, und verschluckte seinen energischen Satz, indem er
laut sagte: Zu Befehl, Herr Doktor, die Entfernung ist dafr zu gro geworden.
Aber wie steht es denn mit der Wunde?
    Die ist nicht gefhrlich! entschied der Arzt. Das Fleisch ist zerrissen
und die Muskeln haben stark gelitten, - Knochen oder edlere Teile sind nicht
verletzt.
    Gerber lchelte sehr zufrieden. Er ergriff sofort seine Mtze und strzte
wieder hinauf.
    Oben an Deck hatte sich inzwischen die Lage vllig verndert. Bei der
scharfen Berhrung der beiden Schiffe waren die Boote vom Meteor vollstndig
weggerissen, die Fockraa abgebrochen und die Wanten zerschnitten, der Gromast
aber durch den schweren eisernen Kranbalken des Franzosen sogar eingeknickt.
Kurz darauf strzte der beschdigte Mast um, ri den Besanmast mit sich und
schlug die Kommandobrcke in Trmmer. Und nun entstand eine heillose Verwirrung.
Die ber Bord gegangenen Masten wurden vom Schiff an ihren Tauen nachgeschleift
und hemmten dadurch die Fahrt fast vollstndig. In diesem Augenblick htte der
Bouvet entern und den Kampf vielleicht gewinnen knnen, aber ein derartiger
Versuch wurde von seinem Kommandanten nicht unternommen.
    Der Meteor machte jetzt kaum noch Fahrt, aber Kapitnleutnant Knorr gab
deshalb nichts verloren. Er befahl, die Taue zu kappen, und gab der
Geschtzbedienung Anweisung, nach Mglichkeit auf den Dampfkessel des Bouvet
zu zielen.
    Der Schu krachte und alle sahen gespannt zu dem feindlichen Schiff hinber.
    Er versucht zu entkommen! murmelte der Kapitnleutnant und stampfte mit
dem Fu auf, noch eine halbe Stunde, und der Hafen ist erreicht!
    Aber da sahen pltzlich alle eine weie Wolke, die sich rings um das Schiff
verbreitete, strker und strker anschwoll und endlich den Bouvet ganz
einhllte. Es konnte nicht zweifelhaft sein, da die Maschine getroffen war.
    Hurra! kam es aus hundert Kehlen. Hurra, das war ein Treffer!
    Der Hernan Cortez, der sich immer ganz in der Nhe des Meteor gehalten
hatte, setzte ein Boot aus und wollte mehrere rzte sowie Erfrischungen und
Verbandmittel an Bord des deutschen Kriegsschiffes bringen, aber Kapitnleutnant
Knorr lehnte mit hflichem Dank jede Hilfeleistung ab, einmal um zu zeigen, da
auf seinem Fahrzeug alles in Ordnung sei, zum andern aber auch, um bei der
Verfolgung des bewegungsunfhig gewordenen Franzosen keine Zeit zu verlieren.
Noch immer war der Bouvet in eine weie Wolke gehllt, noch immer lag er auf
demselben Fleck, aber auch der Meteor hatte genug zu tun, um die Schraube von
Splittern und Tauwerk zu reinigen und alles zu kappen, was auf beiden Seiten die
Fahrt hinderte.
    Der Kapitnleutnant ging von einer Seite zur andern wie ein Lwe im Kfig.
Wir mssen entern! wiederholte er, wir mssen ihn nehmen!
    Aber es kam anders. Die Maschine des Bouvet war zerstrt, das Dampfrohr
durchschossen und die Fahrt gehemmt, doch gerade, als die Schraube des Meteor
wieder voll in Ttigkeit getreten war, hatten die Matrosen des Bouvet Segel
gesetzt, und nun begann die Flucht nach dem Hafen von Havanna.
    Mit voller Kraft arbeitete die Maschine des Meteor, aber - die Entfernung
zwischen beiden Schiffen wurde grer und grer, die Kugeln des Buggeschtzes
auf dem Kanonenboot konnten den Bouvet nicht mehr erreichen, und die
Verfolgung mute aufgegeben werden. Auerdem verkndete ein Schu vom Bord des
Hernan Cortez, da jetzt das Gebiet des Hafens wieder erreicht sei, also mute
nach dem Vlkerrecht der Kampf eingestellt werden. Nach einer halben Stunde
lagen beide Schiffe wieder friedlich nebeneinander auf ihren alten Pltzen.
    Robert hatte whrend dieser ganzen letzten Zeit krperliche und seelische
Qualen zu bestehen. Sein Bewutsein kehrte schon unter den Hnden des Arztes
zurck, und die Schmerzen, die er ertragen mute, waren furchtbar, aber mehr
noch verlangte er danach, ber den Verlauf des Kampfes Genaueres zu hren. Von
Zeit zu Zeit kam jemand ins Zwischendeck, und dann fragte der Arzt solange, bis
er - und mit ihm Robert - alles gehrt hatte.
    Erst als die Ankerketten durch die Klsen rasselten und nun auch der Doktor
Zeit fand, sein gelehrtes Haupt aus der Decksluke hervorzustrecken, erst dann
legte sich Robert auf die Seite, um zu schlafen.
    Als ihn der Arzt in Begleitung des Kapitns am Abend noch einmal besuchte,
und als der Kommandant lange und freundlich mit dem jungen Freiwilligen
gesprochen hatte, da meinte Gerber, aber er behielt es fr sich, da doch der
verteufelte, siebenmal bersegelte und von neun Millionen Haifischen gefressene
Bursche, der Kroll, ein wahres Glckskind sei. Um diese Wunde beneide ich ihn,
dachte er, sie ist eine - hm - na, ich will sie eine Schicksalswunde nennen.
Hast du nicht gesehen, wird die Befrderung zum Maaten hinterdreinfliegen, wenn
auch der Herr Freiwillige eben erst ausexerziert hatte, als die Geschichte
losging.
    Und der gemtliche Maat sollte recht behalten. Als Robert mit dem Arm in der
Binde, bla und abgemagert, nach vier Wochen wieder umhergehen konnte, da kam
aus Kiel ein Telegramm, in dem Kapitnleutnant Knorr das eiserne Kreuz verliehen
wurde, und das auerdem mehreren Leuten eine Befrderung brachte. Robert wurde,
wie es Gerber vorausgesehen hatte, richtig zum Maaten ernannt, obgleich der
Kapitnleutnant lchelnd dieser Nachricht hinzufgte, wenn die da in Kiel ganz
genau wten, wie kurz er erst - -
    Robert erlaubte sich gegen alle Dienstordnung seinen Vorgesetzten zu
unterbrechen. Der ganze Winter wird ja vergehen, bis die Ausbesserungsarbeiten
am Meteor beendet sein knnen, rief er, so lange bleibe ich einfach noch
Matrose und werde erst dann wirklich Bootsmannsmaat, wenn Sie mich fr fhig
halten, Herr Kapitnleutnant.
    Der Kommandant mute ber diese Bescheidenheit lcheln, doch Robert trug von
diesem Tag an die Uniform des Maaten, er erhielt hheren Sold, nahm aber nach
wie vor als Matrose am Dienst teil und bemhte sich mit doppeltem Eifer, seine
beiden Hauptfehler, seinen Trotz und seinen Jhzorn, nach Mglichkeit zu
berwinden.
    Er hatte gelernt, was es heit, durch Vernunft und Gehorsam aus
fnfundsechzig Menschen eine Krperschaft zu machen, die auf den leisesten Wink
reagiert und nur ein gemeinsames Ziel kennt.
    Was wre aus Schiff und Besatzung geworden, wenn die Befehle des
Kapitnleutnants auch nur eine Minute lang nicht befolgt worden wren?
    Der Bouvet wrde den Meteor gerammt und die ganze Besatzung mit dem Schiff
zu den Fischen geschickt haben.
    Robert erkannte nun klar genug als unbedingte Notwendigkeit, was ihm im
Anfang wie eine Miachtung seiner mnnlichen Ehre erschienen war, aber trotzdem
kamen noch hufig Augenblicke, in denen ihm das Blut hei ins Gesicht stieg und
er seinen Zorn kaum beherrschen konnte. Zu einer grndlichen Erziehung gehrt
eben viel Zeit, und um mit einer solchen Veranlagung fertig zu werden, braucht
man schon einen sehr festen Willen, der erst in Jahren langsam heranreifen kann.
    Robert war noch lngst kein besonnener Mensch, obgleich ihn die Leute mit
Maat anredeten und er sich Mhe gab, jeden Fehler zu vermeiden. Whrend des
ganzen Winters, als der Meteor ausgebessert wurde und also der Dienst beinahe
ganz aufgehoben war, bemhte er sich, die spanische Sprache zu lernen, oder er
trieb Geographie, Geschichte und andere ntzliche Wissenschaften, ebenso schrieb
er oft nach Hause und an die Freunde hoch oben in den Bergen der Sierra Nevada.
Er konnte sich jetzt kaum noch vorstellen, da er einmal den Wunsch gehabt
hatte, fr immer in dem Indianerdorf zu bleiben. Gottlieb hatte sich damals
Tinte, Federn und Papier aus Stockton mitbringen lassen, deshalb konnte er jetzt
selbst schreiben und den Brief durch einen der vielen umherstreifenden Indianer
nach Lenchi befrdern lassen, von wo er per Post ber San Franzisko und Panama
nach Havanna gelangte.

    Mir geht es uerlich gut, schrieb der junge Goldsucher, und wenn ich
mich nicht so sehr nach den Eltern und nach geordneten Verhltnissen
zurcksehnte, dann mte ich sagen: auch innerlich. Wilde Tiere kommen nicht bis
in unser Dorf, das steht fest, die Comanchen skalpieren niemand, der mit ihnen
die Friedenspfeife geraucht hat, das wei ich jetzt auch, denn so ganz
allmhlich lerne ich die Sprache der Rothute und frage sie ber alles aus. Die
Squaws erzhlen mir, was ich wissen will. Mongo arbeitet jetzt stndig beim
Losbrechen und ich beim Auskrnen, - du solltest mich nur sehen, wie gut ich es
habe, Robert. Den Platz vor unserem Wigwam haben die Squaws von Moos und Wurzeln
gnzlich reinigen mssen, und Mongo hat ihn mit einer gestampften Lehmschicht so
glatt und so fest gemacht, wie den besten Holzfuboden. Darauf wird nun das Gold
ausgesucht, und der Lederbeutel ist jetzt schon ganz gefllt. Meistens lasse ich
mich den ganzen Tag ber nicht stren, sondern arbeite ununterbrochen, whrend
mir die Squaws alles bringen, was ich brauche, Essen, Trinken und vielleicht
einen Schluck Branntwein. Die Rothute machen es ja ebenso, also weshalb sollte
ich es nicht tun? Sie sehen mir auch jetzt, whrend ich vor einem groen,
flachen Stein auf den Knien liege und mhselig schreibe, von weitem zu. Nher
heran aber kommen sie nicht, aus Furcht vor dem Zauber. Ist das nicht wirklich
komisch?
    Soviel von mir, und nun zu dir, du lieber, alter Junge, den ich so gern hier
bei mir htte. Also du bist auf einem Kriegsschiff und fhlst dich ganz wohl da,
wo es von Gefahren wimmelt. Ich bin wirklich froh, da ich hier sicher sitze,
hoch oben im Gebirge, wo mich kein Einberufungsbefehl erreichen kann, und du -
du mut unbedingt mitten in den Kugelregen hineinlaufen. Tat es nicht
entsetzlich weh, als die Wunde genht wurde? - Denn du mut wissen, da wir
drei, der Trapper, Mongo und ich, die ganze Geschichte genau kennen. Als der
Jaguar im Oktober wieder nach Stockton ritt, hrte er, da ein franzsisches
Schiff vor dem Hafen von Havanna kreuzte, und nun ruhte er nicht eher, bis es
ihm gelang, trotz des langen und mhevollen Weges Ende November noch einmal
hinunterzukommen, nur aus heimlicher Sorge um dich, den er seinen weien Bruder
nennt und sehr ins Herz geschlossen hat. Er brachte uns beiden, dem Neger und
mir, alle Zeitungen mit, in denen das Gefecht beschrieben wurde, auch, da du
dem Kapitn das Leben gerettet hast und selbst verwundet bist. Ich verstehe
nicht, wie du dich freiwillig melden konntest. Nur gut, da ich so weit vom
Schu bin.
    Aber jetzt leb wohl, Robert. Mein Privatpostbote, ein Indianer, steht da und
wartet. Schreib bitte zum Mrz wieder, dann geht der Jaguar nach Stockton.

                                   Mit vielen herzlichen Gren, dein Gottlieb.

Robert hielt diesen zerknitterten, nicht gerade sauberen und gut duftenden
Brief, den der Indianer in seinem Ledergrtel durch die Wildnis bis nach Lenchi
befrdert hatte, zwischen den Fingern und sah trumend ins Leere. Hatte er
wirklich noch vor wenigen Monaten wnschen knnen, dies Leben, wie es Gottlieb
schilderte, auch selbst weiterzufhren?
    Er konnte es kaum noch glauben. Aber damals war er mit sich selbst uneins
und frchtete sich vor etwas, das ihm noch bevorstand und sich inzwischen so
gnstig entschieden hatte: die Ausshnung mit dem Vater.
    Gottliebs Brief wurde als Andenken an die Zeit in den Bergen der Sierra
Nevada sorgfltig aufbewahrt, und als bald darauf die Nachricht vom endlich
abgeschlossenen Frieden zugleich mit dem Heimberufungsbefehl fr den. Meteor
in Havanna eintraf, da hatte Robert vorher noch Gelegenheit gehabt, die kleine
Insel, auf der er so lange als Einsiedler gelebt hatte, auch bei Tage
wiederzusehen.
    Acht Mann erhielten die Erlaubnis, einen ganzen Tag auf seinen Ausflug zu
verwenden, und mit Robert an der Spitze durchzogen die frhlichen Blaujacken das
ganze Eiland, indem sie singend und lachend alle Vgel aus ihrer Ruhe
aufscheuchten und dann von der halbverfallenen Htte feierlich Besitz ergriffen,
um auf seinen leeren Weinkisten den mitgebrachten Proviant auszubreiten und
ausgiebige Rast zu halten.
    Am folgenden Tage lichtete der Meteor die Anker und dampfte nach Europa,
wo er im Hafen von Kiel nach glcklich berstandener Reise eintraf.
    Robert hatte schon gleich nach Beendigung des Feldzuges darum nachgesucht,
seine dreijhrige Dienstzeit auf der Flotte ohne Unterbrechung abschlieen zu
drfen, und da ihm das bewilligt worden war, so kam er als Bootsmannsmaat auf
die Korvette Gazelle, die im Sommer 1871 mit Kadetten nach Westindien und
Brasilien gehen sollte, auch Gerber wurde diesem Schiff zugeteilt, und nur den
Abschied von dem verehrten Kapitn Knorr empfand Robert als sehr schmerzhaft. Er
trennte sich von diesem ebenso strengen wie gerechten Vorgesetzten nur uerst
ungern. Als aber der Kapitnleutnant halb scherzend, halb ernsthaft sagte: Wir
treffen uns noch einmal wieder, Kroll, wahrscheinlich, wenn Sie bereits
Deckoffizier sind, denn zur Handelsmarine gehen Sie ja doch nicht mehr zurck!
- da lchelte er getrstet. Wie ihn doch dieser Mann richtig erkannte. Wirklich,
es wre jetzt ein harter Entschlu gewesen, den Dienst an Bord eines
Kriegsschiffes mit seiner gerechten Behandlung, seiner guten Verpflegung und den
interessanten, anregenden Aufgaben wieder gegen ein Handelsschiff zu
vertauschen, auf dem doch im Grunde die Willkr des Kapitns in der Behandlung
der Mannschaft den Ausschlag gibt.
    Aber daran brauchte er vor der Hand nicht zu denken. Noch standen ihm fast
anderthalb Dienstjahre bevor, und was dahinter lag, das fand sich spter. Erst
einmal gab es Urlaub in die Heimat, und an einem frischen, khlen Aprilmorgen
bestieg Robert in Kiel den Zug nach Pinneberg, kam also diesmal aus
entgegengesetzter Richtung in das kleine Stdtchen zurck. Am Bahnhof stand der
Vater, noch in demselben grovterlichen Gehrock, den er vor dreiig Jahren als
Brutigam eigenhndig genht hatte, noch mit dem riesigen Hut und den
Vatermrdern von Anno dazumal, die er nur trug, wenn irgendeine besondere
Festlichkeit gefeiert werden sollte, - ein Spiebrger durch und durch, aber
doch sein Vater, sein lieber, guter Vater, dem er sich in die Arme warf und ihn
freudig begrte.
    Und Meister Kroll schaute so stolz drein, er schien allen Leuten, die einst
sein schweres Leid gesehen hatten, sagen zu wollen: Nun ist es aber anders
geworden, was?
    Und dann, als der erste Rausch verflogen war, drngte er zur Eile. Die
Mutter in ihrer altgewohnten Bescheidenheit, befangen in den Vorurteilen des
kleinen Stdtchens, hatte es ja nicht schicklich gefunden, am hellen Morgen
schon im Sonntagsstaat spazieren zu gehen, als gbe es am Herd und in der Kche
gar keine Arbeit mehr, sondern sie war daheim geblieben, kochte und backte und
lief, als sie das Pfeifen der Lokomotive hrte, in jeder Minute ans Fenster, um
nach den beiden Ausschau zu halten.
    Wie war das jetzt alles so ganz anders als damals im vorigen Herbst, als
Robert nur bis auf den Flur gekommen war und ohne ein vershnendes Wort wieder
fortging - -
    Die Mutter wischte sich mit dem Schrzenzipfel die Trnen aus den Augen. Als
aber nach ein paar Minuten die Erwarteten endlich erschienen, da rollten sie ihr
doch ber die Wangen herab, und die alte Frau brachte vor Freude kaum ein Wort
ber die Lippen.
    Robert durfte jetzt er fr lngere Zeit ausruhen und konnte mit Recht seinen
Urlaub genieen. Und was hatte er nicht alles zu erzhlen, wie wurde der
schlanke, braune Bootsmannsmaat mit dem zurckhaltenden, sicheren Benehmen in
der ganzen Stadt bewundert und berall freudig begrt.
    Er verlebte in dem kleinen, engen Heimatstdtchen wahrhaft glckliche Tage,
aber dennoch erwachte in ihm die Sehnsucht nach dem Wasser schon sehr bald
wieder, und als der Juni herankam, ging es zurck nach Kiel, um den Dienst auf
der Gazelle anzutreten. Diesmal begleitete ihn der Vater bis an die Ostsee. Das
Schiff geht fr zwei Jahre fort, meinte er, und es ist gut, wenn sich der
Mensch auf alles vorbereitet. Ich glaube, ich werde dich nicht wiedersehen, mein
Junge, ich habe so eine Ahnung, die nicht mehr weichen will.
    Robert suchte ihm den trben Gedanken auszureden, aber der Alte schttelte
den Kopf. Ich sterbe ja nicht, weil wir davon sprechen, sagte er lchelnd,
aber ich will dir doch jetzt schon sagen, da meine Ansichten und Absichten in
vieler Beziehung anders geworden sind. Die Mutter behlt, solange sie lebt,
alles was ich hinterlasse. Nach ihrem Tode aber magst du in Gottes Namen das
Haus verkaufen, das Kapital kndigen und dir einen Anteil an einem Schiff dafr
sichern. Ich wnsche dir Gutes fr diesen Plan und segne ihn von Herzen - das
war's, was ich dir als Abschiedsgru mit auf den Weg geben wollte.
    Robert umarmte gerhrt seinen treuen, alten Vater. Ich glaube ja nicht an
deinen Tod, flsterte er, im Gegenteil, du hast eine ausdauernde Gesundheit
und wirst wie dein Vater und Grovater sicherlich weit ber achtzig Jahre
werden, aber dennoch mchte ich dich bei dieser Gelegenheit noch etwas fragen.
Hast du mir den Schmerz und das Unrecht, das ich dir damals bereitet habe,
wirklich von Herzen vergeben?
    Meister Kroll lchelte wehmtig. Mehr noch, mein Junge, sagte er nach
einer Pause. Auch ich habe eine ernste Lehre erhalten. Meine Sorge um dein Wohl
war immer die ehrlichste und aufrichtigste, aber vielleicht -
    O Vater, Vater, unterbrach ihn Robert, um Gottes willen, verteidige dich
nicht deinem schuldigen Sohn gegenber.
    La mich ausreden, Kind. Ich habe erkannt, da selbst die reinste Absicht
den Menschen irreleiten kann, - ich bin vielleicht aus Vaterliebe oft
willkrlich vorgegangen, aber auch mir hat der Schmerz um dich eine Lehre
gegeben. Aber ich glaube, Robert, wir haben uns jetzt verstanden und werden uns
innerlich nie wieder trennen, wenn wir uns auch vielleicht auf Erden nicht mehr
sehen. Versprich mir das.
    Fest lagen die Hnde des Vaters und des Sohnes ineinander. Erst jetzt, in
der Abschiedsstunde, hatten sich diese beiden stolzen und trotzigen Menschen
gegenseitig ganz ausgesprochen, und Robert fhlte wohl, was ihm mit diesem
Gestndnis sein eigensinniger, in so ganz anderen Anschauungen erzogener Vater
geschenkt hatte. Gr noch viel tausendmal die Mutter, prete er hervor, und
denk nicht an den Tod, Vater. Wir sehen uns wieder.
    Meister Kroll nickte sehr ernst. Wir sehen uns wieder, sagte auch er, das
ist meine feste Zuversicht. Und nun la es uns kurz machen, mein Junge. Beht
dich Gott auf allen deinen Wegen, und bleib gut, bleib ein braver Mensch!
    Noch einmal drckte der alte Mann die Hand des Sohnes. Leb wohl, mein
Kind!
    Er wandte sich, um zu verbergen, da seine Fassung schwankte, er sah auch
nicht mehr zurck, sondern ging langsamen Schrittes davon. Weh tut's doch,
dachte er, da das alles so kommen mute und nicht anders. Ich habe ihm von
Herzen vergeben und von Herzen gesegnet, aber Gott wei, welche Kmpfe es
kostete. Glaube doch, ich htte mich noch im Grabe gefreut, den Jungen als
Schneidermeister zu sehen. Aber das wre wohl zuviel Glck gewesen, - es sollte
nicht sein.

                       Mit der Gazelle nach Westindien


Die Korvette Gazelle, auf der Robert jetzt seinen Dienst als Bootsmannsmaat
antrat, war ein bedeutend greres Schiff als das Kanonenboot Meteor. Eine
Korvette hatte damals auf dem Oberdeck zwei Geschtze schweren, in der Batterie
zwanzig mittleren und sechs Geschtze leichten Kalibers. Sie war etwa 60 m lang
und 15 m breit und hatte einen Tiefgang von 6 Metern. Die Besatzung bestand aus
etwa 380 Mann. Gegen die 65 Leute des Meteor war das eine bedeutende
Vernderung, und Robert sagte sich, da dementsprechend auch der Dienst an Bord
strenger und die Bedeutung der geplanten Expedition wichtiger sein msse als die
des Kanonenbootes, natrlich abgesehen von dem Gefecht mit dem Bouvet auf der
Reede von Havanna.
    Eine Korvette diente damals meist als Stationsschiff in den Hfen
halbzivilisierter Vlker zum Schutz dort ansssiger deutscher Staatsangehriger.
Da die Gazelle gleichzeitig als Schulschiff fr Seekadetten Dienst tat, so
herrschte an Bord desto grere Ordnung und Disziplin, die Roberts Geduld oft
auf harte Proben stellte.
    Es wurde ihm nicht leicht, aber er gewhnte sich allmhlich daran, und als
das Schiff in die Tropen kam, als er jeden Tag Neues und Fremdartiges sah, waren
die kleinen Sorgen des Anfangs bald berwunden. Er konnte jetzt wieder mit zehn
oder zwanzig Kameraden die Ksten der Inseln durchstreifen und frische Frchte
sammeln, hier und da auf die Jagd gehen oder mit den Eingeborenen verhandeln, er
lernte in den Stdten die Lebensweise fremder Vlker aus nchster Nhe kennen
und bereicherte nach Mglichkeit seine Sprachkenntnisse.
    Von seinen Eltern und den Freunden im Hochgebirge der Sierra Nevada erhielt
er hufig Briefe, die er alle sorgfltig aufbewahrte. Im Hafen von Haiti
erwartete ihn sogar ein kleines Pckchen, und als er es ffnete, war die Freude
gro.
    Eine Photographie hatten sie ihm von Stockton aus geschickt, und keiner
fehlte darauf. Da standen sie nebeneinander, der liebe alte Mongo mit seinem
schwarzen, ehrlichen Gesicht, der Trapper, auf die lange Bchse gesttzt, ernst
und ruhig wie immer; ihm zu Fen die beiden Hunde und im Hintergrund die
Indianer, halb scheu, halb neugierig, jedenfalls von dem Gedanken der Zauberei
vllig durchdrungen und in diesem Augenblick ihrer Wrde so ziemlich beraubt.
Und dann erst erkannte er Gottlieb. Robert lachte laut, als er die Vernderung
seines schchternen, schmalen Gesichtes sah. Das Haar bis auf die Schultern
herabhngend und mit langem Bart, glich der junge Goldsucher in seinem
Lederanzug und den derben Stiefeln einer Art von Urmenschen. Das wute er auch
und sagte es selbst. Ich will mich dir noch in meiner ganzen Wildnispracht
zeigen, schrieb er, in einer Gestalt, die ich in wenigen Stunden fr immer
ablegen werde. Wir sind auf dem Wege nach San Franzisko, wir kehren zu
zivilisierten Menschen zurck, als reiche Leute, Robert, aber das ganz im
Vertrauen gesagt! - Deshalb, bevor ich den alten Menschen wieder anziehe, nimm
noch ein Andenken an die Vergangenheit, in der wir miteinander gelebt haben.
Jetzt, da es berstanden ist, mchte ich doch die Erinnerung daran nicht
verkaufen!
    Bei ein paar Krmern bin ich hier in Stockton schon gewesen und habe
heimlich das Handwerk gegrt. Aber man mu sich ihrer schmen, der Schmutz
liegt in den Ecken, man schenkt Branntwein aus, die Leute sitzen auf allen
Kisten und Tonnen, man streckt die Beine in lmmelhafter Weise von sich und
spuckt, wie es einem Spa macht, auf den Fuboden.
    Ich kehre zurck nach Deutschland, Robert, - im Ledergrtel stecken die
Wechsel - hurra, nach Deutschland!
    Robert konnte sich von dem Anblick des Bildes kaum trennen. Der Jaguar und
Mongo und die beiden groen gelehrigen Hunde, - sie weckten in ihm die
Erinnerung an viele schne Tage.
    Er steckte die Aufnahme zu sich und suchte dann in der nchsten Strae ein
Wirtshaus. Es war drckend hei an diesem Tage. Groe schwarze Regenwolken
verdeckten die Sonne vollstndig, und die Luft lag wie Blei auf der Brust. Kein
Windhauch regte sich, die Bltter an den Bumen hingen schlaff herab, und die
Tiere verhielten sich scheu und teilnahmslos.
    Robert suchte mit noch einigen anderen Matrosen von der Gazelle Schutz unter
einem groen Leinwandzelt, das einladend mitten in einem Garten lag. Dort wurden
Flaschen aufgefahren, deutsche und englische Zeitungen herbeigebracht und nach
Herzenslust gekneipt. Es war heute der letzte Tag an Land, und das mute noch
wahrgenommen werden. Morgen sollte die Korvette wieder in See stechen.
    Das Bild von Stockton ging von Hand zu Hand. Roberts Abenteuer, von denen er
sonst nie viel sprach, wurden bei dieser Gelegenheit lebhaft errtert, auch die
andern frischten so manche Erinnerung an eigene Erlebnisse wieder auf, und es
ergab sich eine sehr angeregte Unterhaltung, bei der die jungen Leute ganz
bersahen, da sich der Himmel immer dunkler frbte und einzelne Blitze die Luft
zerrissen.
    Deutsche Lieder wurden gesungen, heitere Scherzworte den Vorbergehenden
nachgerufen, sobald sie irgendwie die Neckerei der ausgelassenen Schar
herausforderten, und lautes Lachen klang vom Zelt herber bis zum nahen Hafen,
wo die Schiffe aller Nationen friedlich vor Anker lagen.
    Da erschien pltzlich bleich wie ein Gespenst der Wirt, ein brauner, magerer
Spanier, unter dem Eingang des Zeltes und rang jammernd die Hnde. Madre de
dios, stammelte er, seine eigene Sprache und ein schlechtes Englisch bunt
durcheinander mischend. Seores, es kommt, es kommt, - alle vierzehn Nothelfer
beschtzen uns - flieht, flieht!
    Die Matrosen sprangen unwillkrlich von ihren Sitzen auf. Was kommt?
wiederholten sie. Und einige meinten: Der Bursche hat den Sonnenstich!
    Betet! chzte der Wirt. Betet! - San Christophoro, Santa Anna, Santa
Barbara -
    Der Kerl ist verrckt!
    Aber im nchsten Augenblick verstummten alle derartigen Bemerkungen. Ein
Wirbelwind, urpltzlich und vllig unvorbereitet fr jeden, dem die klimatischen
Verhltnisse der Insel fremd waren, ergriff das Zelt, dessen Pfhle wie
Streichhlzer zerbrachen und dessen Leinwanddach, gewaltig aufgebauscht, mit
donnerartigem Krachen zerplatzte. In weniger als einer Minute lagen smtliche
Mnner am Boden, whrend Tische und Sthle wie lose Bltter vom Sturm entfhrt
wurden. berall im Garten knickten und krachten die Zweige der Obstbume, wurden
ganze Strucher mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und die Frchte wie von
einem Hagelschauer auf die Erde geschleudert.
    Lat uns ins Haus laufen! rief Robert und raffte sich auf. Diese
Staubmassen ersticken einen ja frmlich!
    Der Wirt, auf seinen Knien liegend, das Gesicht in den Hnden verborgen,
krmmte sich, als ob er an Krmpfen litte. Nicht in das Haus! Santissima
virgin, - nicht in das Haus! schrie er.
    Inzwischen hatte sich die Strae mit Menschen belebt. berall strzten
Mnner und Frauen aus den Tren, schreiend, gestikulierend, die Heiligen
anrufend, gnzlich fassungslos wie der Wirt selbst.
    Hoch in der Luft hrte man ein Sausen und Heulen; es rollte wie ferner
Donner. Vor einem Wagen, der gerade in der Nhe stand, scheuten die Pferde,
rissen sich los und strmten, die Verwirrung nur noch steigernd, durch die
menschenbelebte Strae.
    Und dann kam das Erdbeben. Mit hohlem Rauschen stieg vor den Augen der
Matrosen, die See von Minute zu Minute hher, die Schiffe rissen an ihren
Ankerketten, und dann pltzlich hob und senkte sich die Erde wie eine atmende
Menschenbrust.
    Es war unmglich, aufrecht zu stehen. Schwindelnd und kaum noch ihrer Sinne
mchtig, lieen die deutschen Matrosen das Unvermeidliche ber sich ergehen,
whrend ringsum die Sdlnder in ihrer Lebhaftigkeit durcheinanderschrien oder
laut beteten. Nur als Robert, bla und wie von einem Anfall der Seekrankheit
geschttelt, zufllig den Kopf hob und sah, da an der Hafenmauer die Boote von
den Pfhlen gerissen und in das hochgehende Meer hinausgetrieben wurden, raffte
er sich gewaltsam auf.
    Kameraden, unsere Jolle, - unsere Jolle!
    Er versuchte zu gehen, fiel dabei und versuchte es noch einmal, bis endlich
das Beben etwas abzunehmen schien und Ruhe eintrat. Bevor jedoch die Matrosen,
taumelnd wie Schwerbetrunkene, bis an die Ufertreppen kamen, hatte sich das
kleine Fahrzeug bereits losgerissen und wurde von den zischenden, kochenden
Wellen wie eine Nuschale herumgeworfen.
    Robert sprang schnell entschlossen ins Wasser und schwamm mit langen Sten
der Jolle nach.
    Vergebens riefen vom Ufer die andern, er hrte nicht. Dicht vor ihm, kaum
noch erkennbar im letzten Dmmerlicht des sinkenden Tages, schaukelte auf den
Wellen das Boot, das ihm anvertraut war und das er erreichen wollte. Sein
leidenschaftlicher Eigensinn hatte ihn einmal wieder gnzlich mit sich
fortgerissen.
    Hart unter den Bug eines spanischen Schiffes ging die Jagd. Robert schwamm,
so schnell er konnte, alle seine Krfte waren zurckgekehrt, sein Kopf klar und
seine Arme sprten keine Mdigkeit. Die Jolle schien unter dem Fallreep des
Spaniers einen Augenblick lang still zu liegen, sie drehte sich und schaukelte,
ohne vorwrts zu kommen. Robert streckte schon die Hand aus, um sie zu erfassen.
    Aber der nchste Windsto entfhrte ihm seine Beute. Ein anderes kleines
Boot scho unmittelbar neben ihm durch das Wasser, dessen grnschillernde
Oberflche sich allmhlich zu beruhigen begann. Ein einzelner Mann ruderte das
Fahrzeug, das Robert sofort anrief. Bringt mich an Bord der Korvette Gazelle,
Kamerad, bat er in englischer Sprache. Ich bezahle Euch die Mhe.
    Der Fremde antwortete nicht, aber er duldete, da Robert in sein Boot
kletterte, und nahm dann seine Ruderttigkeit wieder auf, offenbar, um aus dem
Hafen herauszukommen.
    Robert war auerstande, in der Dunkelheit das Gesicht seines Begleiters zu
erkennen, aber er glaubte miverstanden zu sein und wiederholte in spanischer
Sprache seine Bitte, ihn an Bord der Gazelle zu bringen.
    Der andere hielt nur um so strker und eiliger aus dem Hafen heraus; jetzt
blieben die letzten Schiffe hinter dem kleinen Fahrzeug zurck, und das offene
Meer, schwarz wie Tinte, war erreicht. Der Ruderer arbeitete unter Aufbietung
aller seiner Krfte, whrend Robert, endlich von bestimmtem Verdacht erfllt,
aufsprang und ihm die geballten Fuste dicht vor das Gesicht hielt. Schurke!
rief er, willst du nicht hren?
    Eine tiefe Stimme antwortete ihm. Hab' ich dich? klang es mit teuflischem
Frohlocken. Jetzt kommst du nicht lebend davon!
    Wie ein Blitz durchzuckte es Robert. Sein scharfes Gedchtnis erkannte
sofort die Stimme, obwohl er sie vor Jahren zuletzt gehrt hatte. Rafaele!
rief er, Ihr seid es!
    Ich bin es, wiederholte der Flibustier. Stirb, Verrter!
    Und ehe sich Robert zur Wehr setzen konnte, hatte er ihn um den Leib gefat
und versuchte jetzt, ihn ber Bord zu werfen, was allerdings bei der Krperkraft
und Gewandtheit des jungen Seemanns keine leichte Sache war und auch nur soweit
gelang, als beide Gegner, unfhig, auf dem schwankenden Boden des Fahrzeuges
sicher zu stehen, eng miteinander verschlungen ins Wasser strzten und im
Augenblick von den Wellen verschlungen wurden.
    Schon nach einigen Augenblicken tauchten jedoch die Kpfe wieder empor.
Beide Mnner waren mit der Gefahr, die sie umgab, viel zu vertraut, als da sie
nicht versuchten, sich sofort in Sicherheit zu bringen. Ein Ringkampf im Wasser
mute fr beide den Tod zur Folge haben.
    Robert behielt seinen Gegner fest im Auge. Rafaele, sagte er, Ihr habt
jetzt kein Kind mehr vor Euch, sondern einen Mann, der entschlossen ist, sein
Leben so teuer wie mglich zu verkaufen. Weshalb bezeichnet Ihr mich als
Verrter? Ich habe Euer Geheimnis bis zu dieser Stunde mit keinem Menschen
geteilt, darauf mein Wort.
    Der Flibustier lachte. Aber Ihr knntet es schon morgen tun, erwiderte er.
Solange Ihr atmet, bin ich in Gefahr.
    Und whrend er sprach, versuchte er mit einem schweren Faustschlag Roberts
Kopf zu treffen. Der wich ihm aber geschickt aus, und im nchsten Augenblick
schrillte der Ton der Signalpfeife langhallend ber das Wasser.
    Hier! schrie aus ziemlicher Entfernung Gerbers Bastimme, und zugleich gab
seine Pfeife Antwort, hier! Junge, wo steckst du denn?
    Der Flibustier fiel mit der Kraft der uersten Verzweiflung ber seinen
Gegner her. Er wute jetzt, da er keine Zeit mehr zu verlieren hatte und da es
ihm schlecht gehen wrde, wenn ihn die Leute von der Gazelle einfingen.
    Kroll! Kroll! rief es vom Boot her.
    Nochmals gelang es Robert, das Signal zu wiederholen, dann aber hatte der
Ruber Gelegenheit gefunden, mit einem schweren Schlssel, den er in der Tasche
trug, die Schlfe seines Gegners zu treffen und ihn dadurch im Augenblick zu
betuben. Ehe Robert einen Schrei ausstoen oder einen Entschlu fassen konnte,
hob ihn eine heranrauschende Welle auf und entfhrte seinen anscheinend leblosen
Krper aus dem Gesichtskreis des Rubers, dem jedoch dieser Sieg von keinem
besonderen Nutzen sein sollte, da gerade jetzt das von der Korvette ausgesandte
Boot mit schnellen Ruderschlgen herankam.
    Hallo, Kroll! rief Gerber, gib Antwort!
    Der Ruber schwamm, so schnell er konnte, dem offenen Meere zu. Vor allen
Dingen durften ihn die deutschen Seeleute nicht sehen. Einen Fluch nach dem
andern murmelnd entzog er sich ihren Blicken, wobei er jedoch vom Hafen zunchst
ganz abgeschnitten wurde. Er sah, da die Matrosen im Boot nach allen Seiten
Ausschau hielten.
    Das ist eine fremde Jolle, hrte er Gerbers Stimme sagen, ohne natrlich
den Sinn der Worte mehr als nur erraten zu knnen. Der Kroll mu ertrunken
sein.
    Das ist doch unmglich, meinte ein anderer. Jedes Kind knnte bei solchem
bichen Wind den Hafen wieder erreichen. Es war ja nur eine Mtze voll.
    Ganz gleich, aber wo ist denn der Kroll geblieben?
    Dort! Dort! rief pltzlich einer der Matrosen. Ich sah seinen Kopf.
    Man steuerte der bezeichneten Stelle zu, aber die meisten der Leute glaubten
doch, da sich ihr Kamerad geirrt haben msse. Weshalb sollte denn Robert nicht
antworten? fragten sie.
    Nun, wit ihr denn, ob er berhaupt noch lebt?
    Wre er tot, so knnte der Krper nicht treiben.
    Das war richtig, man ruderte also schweigend mit aller Kraft der angegebenen
Richtung nach.
    Der Kutter durchschnitt, von zwlf Paar krftigen Armen getrieben, in
rascher Fahrt die Flut. Manchmal glaubten die Matrosen mit Sicherheit einen
schwimmenden Menschen zu sehen, aber im nchsten Augenblick war die Erscheinung
verschwunden. Schon machte sich unter den Leuten eine aberglubische Furcht
bemerkbar. Vielleicht ist es der Klabautermann, sagte einer, er lockt uns
mitten in der Nacht auf das offene Meer hinaus, und keiner von uns sieht lebend
das Schiff wieder.
    Gerber setzte die Signalpfeife an den Mund. Lang anhaltend rollte der Ton
ber das Wasser, - dann horchten alle.
    Es erfolgte keine Antwort.
    Aber wenn man auch mit dem Ohr nichts wahrnehmen konnte, so war doch das,
was man sah, desto bengstigender. Ein Streif wie das Kielwasser eines schnell
dahingleitenden Bootes zog sich durch das Wasser, grnlich glnzend,
schaumbedeckt und in Kreisen verrinnend, - eine Flosse wie ein Dreizack hob sich
aus den Wellen.
    Und dort, - dort, wieder das Gesicht von vorhin, jetzt in wilder,
verzweifelter Flucht, - Arme, die das Wasser teilten, ein Kampf zwischen Mensch
und Raubtier, ein Peitschen und Schlagen, dann ein grlicher Schrei, ein
Knirschen wie von einer Sge -
    Konnte es Robert sein? - Weshalb sollte er nicht geantwortet haben?
    Die Matrosen sahen sich um, schreckensstarr, mit bleichen Gesichtern. Nichts
vom Hafen, nichts von der Korvette, - nur dunkle, tiefschwarze Nacht ringsum.
    Der Klabautermann! flsterten sie. Gott stehe uns bei.
    Einer tauchte die Hand in das Wasser, und als der Schein eines Streichholzes
die herabfallenden Tropfen beleuchtete, da war es rot von Blut.
    Was htte es jetzt noch gentzt, weiter nachzuforschen? Ob Robert, ob ein
anderer, - den dort der Hai angegriffen hatte, der brauchte keines Menschen
Hilfe mehr.
    Aber geheimnisvoll war das ganze Abenteuer. Ein herrenloses Boot, ein
schweigender Mann, der hinausflchtete auf das Meer, warum, wute niemand zu
sagen, - die tiefe, nchtliche Stille, die Erinnerung an das kaum berstandene
Erdbeben, alles das wirkte unheimlich und beklemmend auf die Herzen der Mnner.
    Schweigend, ohne ein Wort zu sprechen, suchten sie den Rckweg. Allmhlich
traten die Lichter am Strande, die dunklen Umrisse der Schiffe und das Gerusch
der Stadt wieder deutlicher hervor, und Gerber, als der Fhrer des Bootes,
begann sich zu orientieren. Mehr Steuerbord, wies er den Mann am Ruder an,
ich wei, da wir das Schwimmflo dort passiert haben, - es war die Stelle, an
der wir das Signal hrten. Armer Kerl! Ein so guter Kamerad!
    Und Gerber schwieg, weil er frchtete, da weitere Worte nicht mehr ganz
sicher klingen wrden. Die Matrosen ruderten so schnell wie mglich, um dem
Abenteuer ein Ende zu machen.
    Das Schwimmflo war jetzt fast erreicht, die breite Wasserstrae zwischen
der Doppelreihe der Schiffe ffnete sich vor ihnen, da - erklang pltzlich aus
derselben Richtung wie vorhin die Signalpfeife, nur schwcher, matter als sonst.
    Auf den Kpfen der Matrosen strubten sich die Haare. Sie hielten wie auf
Verabredung mit Rudern ein und wagten kaum zu atmen. Dort, wo Robert zuletzt
gelebt und die Kameraden zur Hilfe gerufen hatte, dort hielt sie jetzt der
Klabautermann zum besten.
    
    Gerber war der einzige, der sich aufzuraffen vermochte. Schweitropfen
perlten auf seiner Stirn, die antwortenden Klnge seiner Signalpfeife zitterten
wider Willen, aber dennoch bewahrte der gemtliche Maat seine ganze Wrde.
Vorwrts! befahl er. Wer sich weigert, mir zu gehorchen, wird dem
Kommandanten gemeldet.
    Das half. Einige Mutige rissen die anderen mit sich fort, das Boot wurde
wieder flott und kam dem Schwimmflo nher. Im Dunkel erkannte man in
halbliegender Stellung eine menschliche Gestalt. Ein Arm streckte sich dem Boot
entgegen.
    Jungens! sagte eine schwache Stimme, seid ihr es?
    Gerber rusperte sich zweimal, bevor er sprechen konnte. Dann trat er hart
an den Bootsrand. Im Namen Gottes, sag, wer du bist! rief er.
    Gerber! kam es zurck. Ach, Gott sei Dank, da ihr da seid. Nehmt mich
auf, ich glaube, der Schurke hat mir den Kopf zerschlagen.
    Jetzt erkannten alle, da sie den totgeglaubten Kameraden lebend vor sich
hatten, und jeder wollte der erste sein, der vor sich selbst und den andern die
aberglubische Furcht von vorhin zu leugnen suchte. Robert wurde von allen
Seiten mit Fragen bestrmt.
    Er konnte sich kaum mit Hilfe der anderen bewegen. Ihn schwindelte, und der
Kopf schmerzte zum Zerspringen. Nur in Bruchstcken erfuhren die Matrosen, was
geschehen war.
    Rafaele hatte, als er Robert umbringen wollte, auf eine so entsetzliche
Weise den eigenen Tod gefunden; der Mrder, dem nichts heilig war, hatte sich
widerstandslos durch das grobe, physische Recht des Strkeren besiegen lassen
mssen.
    Als das Boot zur Korvette zurckgekehrt war, wurde Robert sofort ins
Lazarett gebracht und konnte erst nach mehreren Tagen alle Einzelheiten der
ganzen Sache zu Protokoll geben, wobei ihm die Aussagen smtlicher Bootsgasten
ergnzend zu Hilfe kamen. Der Kapitn hielt sich jedoch nicht fr berufen, nach
dem Tode Rafaeles noch den kubanischen Behrden eine Mitteilung zu machen.
    Robert freute sich darber sehr, weil doch sonst sein einstiger Wohltter,
der Koch, mit den andern htte ben mssen. Wie er von den Wellen auf das
Schwimmflo geschleudert worden war, erinnerte er sich spter nicht mehr, und
auch die Jolle blieb verschwunden, - nur dem Bild Gottliebs und der Indianer war
nichts geschehen, da es bei dem pltzlichen Erscheinen des Wirtes auf dem Tisch
gelegen hatte und nachher von den Matrosen mitgenommen worden war. Robert aber
dankte dem Himmel, in allem so gut davongekommen zu sein.

    Von der Westindien-Fahrt der Gazelle kam er im Jahre 1872 nach Deutschland
zurck, machte mit demselben Schiff noch eine zweite Reise und ging dann,
nachdem seine Dienstzeit abgelaufen war, freiwillig auf die Arkona, bis es im
Frhjahr 1874 bekannt wurde, da die Gazelle eine wissenschaftliche Reise um die
Erde antreten werde. Robert bewarb sich darauf hin sofort um die Erlaubnis,
diese Fahrt mitmachen zu drfen, und als er sie erhalten hatte, nahm er Urlaub,
um vorher noch einmal sein Heimatstdtchen zu besuchen.
    Schon im Jahre 1872 hatte er die lngsterwartete Nachricht vom Tode seines
Vaters erhalten, und das Wiedersehen mit der alten Mutter war daher sehr ernst
und wehmtig, besonders, da er die stille Hoffnung der alten Frau, da ihn der
Besitz des vterlichen Vermgens bewegen knne, an Land zu bleiben, - doch trotz
aller Liebe nochmals enttuschen mute. Er fand die Mutter immer noch gesund, im
brigen aber auch seinen Freund Gottlieb als wohlhabenden Hausbesitzer und
Krmer, mit grner Schrze und roten Fusten, mit dem gleichen bescheidenen
Wesen und in dem Laden, den er sich genau nach dem Muster des abgebrannten
Huschens wieder aufgebaut hatte. Eine niedrige Decke, ein enges
Arbeitszimmerchen, ein sicherer Hofraum und zwei mchtige Eisenstangen, mit
denen er in dem harmlosen Pinneberg allnchtlich die Haustr versperrte, - das
war Gottliebs Paradies.
    Der junge Kaufmann fhrte seinen Freund in das kleine Hinterzimmer und holte
aus dem Keller eine Flasche Wein herauf. Ich kann wirklich nicht klagen,
schmunzelte er. So kleine zehntausend Mark sind in guten Hypotheken angelegt,
und das Haus ist schuldenfrei, alles was du siehst, bar bezahlt. Die Goldkrner,
die mir meine Squaws aus dem Quarz herausklauben muten, haben gut vorgehalten.
    Robert gratulierte lachend und fragte dann nach Mongos Schicksal.
    Dem geht es gut! erwiderte Gottlieb. Er hat fr seinen Anteil unseres
Verdienstes in New York eine kleine Schenke gekauft und kann nun auch seinem
Sohn die Steuermannslaufbahn ermglichen. Als wir uns trennten, wnschte er vom
Leben nur noch, da es euch beide einmal wieder zusammenfhren mchte.
    Robert hob das Glas, um mit Gottlieb anzustoen. Auf die Verwirklichung
dieses Wunsches, sagte er. Und darauf, da jeder von uns sein Ziel erreicht,
so verschieden es auch sein mag.
    Der junge Kaufmann erhob sich. Wart einen Augenblick! bat er, ich mchte
dazu erst meine Eltern herbeiholen.
    Und dann brachte er die beiden alten Leute und legte die Hand seines blinden
Vaters in die des Freundes. Das ist Robert, sagte er mit etwas unsicherer
Stimme, der, dem wir alles verdanken, der mich unter Gefahr seines eigenen
Lebens gerettet hat und -
    Als der Schafbock in der Nhe war! raunte ihm Robert ins Ohr, um das
beabsichtigte Kompliment zu unterbrechen und keine Rhrung aufkommen zu lassen.
Du irrst dich brigens, es war Mongo, der sich dem reienden Tier tollkhn in
den Weg warf.
    Da war es denn aus mit dem Ernst; man lachte und neckte unbarmherzig den
jungen Hausherrn, der so wunderbar Fersengeld gegeben hatte, als ihm das Horn
des Moufflons durch die Bsche entgegenschimmerte. Um aber gerecht zu bleiben,
erzhlte Robert auerdem auch die Geschichte, als Gottlieb durch seine
Geistesgegenwart auf der Insel in der Magelhaensstrae die ganze
Schiffsmannschaft vor dem Verderben bewahrt hatte, eine Tatsache, die der
bescheidene, junge Mensch eben um ihrer Wahrhaftigkeit willen nie erwhnt hatte,
obgleich er andererseits den schaudernden Kunden im Laden die unglaublichsten
Geschichten vorfabelte und sich Gefahren andichtete, die er niemals bestanden
hatte und die, aus der Nhe besehen, doch sehr merkwrdig anmuteten.
    Robert trennte sich von ihm und der Heimat berhaupt in dem Bewutsein,
glckliche und geordnete Verhltnisse zurckzulassen, besonders als ihm Gottlieb
zum Schlu noch anvertraut hatte, da er bei der diesjhrigen Einberufung
zunchst zur Ersatzreserve berschrieben worden sei. Seit ich das wute, habe
ich mir noch eine Versicherungsagentur zugelegt und will auerdem eine
Wirtschaft erffnen.
    Robert wnschte ihm von Herzen alles mgliche Gute, aber er begriff doch
noch weniger als sonst, wie etwas so Enges und Begrenztes ein Menschenleben
ausfllen konnte.
    Und du mchtest nicht noch mehr von der Welt sehen? fragte er.
    Behte mich Gott! rief der junge Kaufmann schaudernd. Ich bin mit dem
zufrieden, was ich hier habe. Sich Gefahren aussetzen, nur durch ein paar
Bretter von der Tiefe des Meeres getrennt sein und so seine Tage hinbringen,
heit in jeder Stunde Spieruten laufen!
    Robert geriet immer mehr in Eifer. Aber tausend neue Schnheiten sehen,
immer lernen, immer mehr erkennen und seinen Gesichtskreis erweitern; ist das
denn nicht der Mhe wert? rief er.
    Gottlieb nickte. Du hast schon recht! Aber dann lese ich lieber zu Hause
die Schilderungen solcher Reisen und lasse mir auf diese Weise neue Erkenntnisse
vermitteln. Das macht die Sache angenehmer und billiger.
    Jetzt lachte Robert. Du Erzphilister, sagte er, du eingefleischter
Spiebrger. Wir wollen uns nicht lnger streiten, es kommt dabei nichts heraus,
weil wir eben Gegenstze bilden. Aber etwas anderes gibt es noch, wobei wir uns
hoffentlich besser verstehen. Gottlieb, wenn du wirklich glaubst, mir einigen
Dank schuldig zu sein, - willst du ihn abtragen an meiner Mutter? Darf ich dich
bitten, ab und zu nach ihr zu sehen und ihr beizustehen, wenn es notwendig sein
sollte?
    Der junge Kaufmann ergriff die Hand seines Freundes und schttelte sie
herzlich. Verla dich auf mich! sagte er fest.
    Robert gab gerhrt den Hndedruck zurck. Als er sich von Gottlieb
verabschiedete, wute er, da die alte Mutter immer einen Halt und einen treuen
Helfer in ihm finden werde.
    Die Trennung von ihr selbst wurde schwer, sie war fr beide ein
schmerzvoller Augenblick, und nur das feste Gottvertrauen der alten Frau half
ihr ber die abermalige Enttuschung hinweg, whrend Robert bereits das neue
Ziel vor Augen hatte und dadurch den Abschied leichter verschmerzte.

                                  Um die Erde


Am 21. Juni verlie die Gazelle den Hafen von Kiel, um zunchst mehrere
Wissenschaftler zu astronomischen Beobachtungen nach der Kergueleninsel im
sdlichen Eismeer zu bringen. Der eigentliche Zweck der Reise lag jedoch in der
Erforschung des Meeresbodens und der Erkundung sicherer und krzerer Seewege.
    Die Englnder hatten nacheinander mehrere Schiffe ausgeschickt, hatten
bedeutende Entdeckungen gemacht und mit ihren Schleppnetzen in einer Tiefe von
500 Meter das Meer erkundet, - weshalb sollte man es also nicht auch von
Deutschland aus versuchen.
    Die Reichsregierung lie die Korvette Gazelle fr diese Aufgabe ausrsten,
das Schiff ging in See, und schon in den ersten Tagen des Monats Juli wurden
Tiefenmessungen vorgenommen, die auf der Hhe von Madeira das Resultat von 4800
Meter ergaben. Robert hatte sich ein kleines, verschliebares Buch angeschafft,
in das er jeden Tag die Erlebnisse dieser interessanten Reise niederschreiben
wollte. Er war sehr glcklich darber, diese Fahrt der Gazelle mitmachen zu
drfen, die ihm kein Handelsschiff, aber auch kein anderes Kriegsschiff jemals
bieten konnte.
    Handelsschiffe fahren nur um des materiellen Nutzens willen, sie mssen vor
allen Dingen Zeit sparen, daher whlen sie die bekanntesten Verkehrswege,
umgehen alle Gefahren und vermeiden jeden Aufenthalt, der nur dem Reeder Geld
kostet, ohne irgendwelchen Gewinn zu bringen. Robert wute zum Beispiel, wie
ungern die Handelsschiffkapitne loten, und da sie, sobald das Schiff etwa
hundert Faden Tiefe unter dem Kiel hat, sofort alle weiteren Versuche aufgeben,
also den Grund des Meeres nur in sehr seltenen Fllen kennenlernen knnen. Um so
interessanter waren ihm daher jetzt die Tiefenmessungen, die in bestimmten
Zwischenrumen von Zeit zu Zeit wiederholt wurden.
    In Funchal, der Hauptstadt von Madeira, lag das Schiff nur zwei Tage vor
Anker, Robert konnte daher von der Insel nur wenig kennenlernen, desto mehr aber
war er jetzt auf den Pik von Teneriffa gespannt, der einige Tage spter in Sicht
kam, obgleich die Insel selbst nicht angelaufen wurde. Dieser Vulkan, dessen
Spitze schon in einer Entfernung von zwanzig Meilen aus dem Meer aufsteigt, war
von groartiger, berwltigender Schnheit, und Robert bedauerte lebhaft, nicht
zeichnen zu knnen, um den Eindruck dieses Bildes, so wie es sich ihm bot, fr
sich festzuhalten.
    Um den Fu des Berges zog sich ein ppiger Pflanzenwuchs, der jedoch
stufenweise nach oben hin immer drftiger wurde, bis endlich unterhalb des
kegelfrmigen Gipfels das Ganze in eintniges Grau berging. Hier bestand der
Berg nur noch aus vulkanischer Asche, Bimsstein und Lava. Auf dem hchsten
Gipfel schimmerte es von den letzten berresten des kaum geschmolzenen
Winterschnees, und aus mehreren Spalten drang stndig dichter Rauch hervor.
Robert hatte noch keinen Vulkan gesehen, er wre deshalb am liebsten an Land
gegangen und htte den Berg nher erforscht.
    Den Dienst an Bord kannte er jetzt genau, und an die strenge Disziplin hatte
er sich gewhnt. Der junge Bootsmannsmaat war bei seinen Matrosen beliebt, von
den Vorgesetzten geachtet und durch die Erbschaft seines Vaters ein unabhngiger
Mensch, - unter solchen Voraussetzungen wurde diese Reise fr ihn wirklich ein
groes und schnes Erlebnis. Er hatte jetzt erkannt, wie notwendig es ist, sich
an Bord eines Schiffes der Gemeinschaft unterzuordnen. Was er in seinem
jungenhaften bermut nicht einsehen wollte, das hatte er nun gelernt: nicht
darauf kam es an, den eigenen Trotz und Willen durchzusetzen, sondern sich zu
beherrschen und durch Vernunft und Gehorsam dem Wohl des Ganzen zu dienen.
    Langsam, wie er aufgetaucht war, versank der Pik von Teneriffa im Meer, und
wieder umgab die endlose See das Schiff. Dann aber kam So Thiago in Sicht, und
bei Praia warf die Korvette Anker, um Kohlen zu bernehmen.
    Robert ging auch diesmal an Land, aber der Vergleich mit Madeira, dem
schnen, blhenden Madeira, fiel fr die Insel Sao Thiago nicht gerade
vorteilhaft aus. Das ganze Land bestand aus wildzerrissenen und zerklfteten
rtlichbraunen Felszacken, die nur an sehr vereinzelten Stellen mit einem
sprlichen, unschnen Pflanzenwuchs bedeckt waren. Robert hrte, da es hier nur
zwei oder dreimal im Jahre regne. Da konnte natrlich kein Pflanzenwuchs
gedeihen. Er sah aber auch nichts, das auf Ackerbau oder Tierzucht hingedeutet
htte. Die Bedeutung des Hafen beruhte allein auf der Kohlenstation, um
derentwillen vorberfahrende Schiffe die Insel berhaupt nur anlaufen. Nachdem
die Gazelle ihren Vorrat bernommen hatte, verlie sie schon am 29. Juli, also
nach zwei Tagen, den Hafen, um dafr die Negerrepublik Liberia zu besuchen.
Robert sollte jetzt auch Afrika kennenlernen, Mongos Vaterland, von dessen
tropischer Schnheit ihm der Alte so viel erzhlt hatte und das deshalb immer
schon das Ziel seiner Wnsche gewesen war. Das Knigreich Dahomey mit den
Ankerpltzen Palma und Lagos, lag stlicher als Liberia, das wute er, aber es
war ja dasselbe Land und mute demnach ganz hnlich beschaffen sein. Er freute
sich schon auf den Brief, den er dem Alten aus seiner Heimat nach New York
schreiben wollte.
    Konnte auch Mongo vielleicht nicht lesen, so gab es doch Leute genug, die
ihm den Inhalt des Schreibens auseinandersetzen wrden, und Robert sah schon im
Geist den Neger schmunzeln: Dieser junge Spitzbube!
    Weiter und weiter verfolgte die Gazelle ihren Kurs. Jetzt mute Robert
wieder einmal die glhende Hitze des tropischen Sommers ertragen; schlaff hingen
alle Segel herab, das Deck flimmerte im Sonnenschein, der Dienst wurde auf ein
Mindestma beschrnkt und den Leuten nach Mglichkeit mehr Freiheiten gestattet.
    Nach sechs Tagen kam die afrikanische Kste in Sicht. Vom Kap Mesurado wehte
die Flagge der Negerrepublik und dann, am 4. August, erschien der Lotse.
    Diejenigen unter den Matrosen, die bisher noch nicht in Afrika gewesen waren
und daher auch die Landessitten noch nicht kannten, wandten sich ab, um ihre
Heiterkeit zu verbergen. Der Afrikaner erschien nmlich nur mit einem
Lendenschurz aus Baumwollstoff bekleidet, und weil daran selbstverstndlich
keine Taschen angebracht waren, so trug er das Lotsenpatent in einer Blechkapsel
am Hals.
    Seine guten Navigationskenntnisse lieen jedoch den schwankenden Respekt der
Matrosen sehr bald zurckkehren, und am 5. August konnte die Gazelle an der
Mndung des St. Paulsflusses vor Anker gehen.
    Wie ganz anders, wie urweltlich und ursprnglich, von Technik und
Zivilisation vollstndig unberhrt, erschien dieses Land. Die Stadt selbst war
nur ein Dorf mit ungepflasterten, unbeleuchteten Straen, der Hafen klein und
nichts weiter als eine natrliche, zum Ankern gnstige Bucht, der St. Paulsflu
endlich brach unmittelbar aus dem Urwald hervor und mndete, ohne da die Ufer
befestigt oder durch eine Brcke verbunden waren, ins Meer. berhaupt begann
unmittelbar hinter den letzten Husern der bescheidenen, drflichen Stadt die
Wildnis, so da man mit Rcksicht auf die Gefahren, die ein Eindringen in den
Urwald mit sich brachte, von einem eigentlichen Erkundungszug ganz absehen
mute, jedenfalls auf dem Land. Die Dampfpinasse der Korvette dagegen machte
schon am nchsten Tage eine Fahrt auf dem St. Paulsflu, und selbstverstndlich
war Robert auch hier wieder der erste, der ins Boot sprang, ohne ein Kommando
abzuwarten. Der erste Offizier kannte ihn ja und wute, da er an solchen
Streifzgen Freude hatte, whrend viele andere, darunter besonders Gerber,
glcklicher waren, wenn ihnen unntige Strapazen erspart blieben. Diese brigens
nur kurze Fahrt durch den Urwald gehrte spter zu Roberts schnsten
Erinnerungen, und auch Doktor Hsker, der Zoologe, der als Wissenschaftler an
der Reise teilnahm, erfreute sich einer reichen Ausbeute wunderschner
Schmetterlinge und verschiedener, auf der Oberflche des Wassers lebender
Insekten, besonders Spinnen und Kfer, die hier in vielen Arten vorkamen.
    Der Flu war zu breit, als da man von seiner Mitte aus beide Ufer
gleichzeitig beobachten konnte; die Pinasse hielt sich daher auf einer Seite,
aber auch hier gab es genug Interessantes und Schnes zu sehen. Ein Stck von
der Stadt entfernt lagen ab und zu unter Palmen die leichtgebauten Htten der
Neger, whrend im Freien dicht davor jedesmal aus groen Steinen ein Herd
errichtet war und ber einem Holzfeuer der Eisenkessel mit Palmenkernen
brodelte. Die Bereitung des Palmls ist fast das einzige, was an Arbeit von der
schwarzen Bevlkerung geleistet wird und womit sie sich etwas Geld verdient. In
diesen Breiten wchst beinahe alles, was die Menschen brauchen, wild im Urwald.
Was sollte also die Schwarzen bewegen, zu arbeiten?
    Es gibt am quator keinen Frost, keinen Winter, man braucht keine
schtzenden Wnde und keine wrmenden Kleider, man kennt keinen Luxus, also wozu
die Mhe, die Sorge?
    Blhende Mimosen und Akazien, ein Gewirr von Schlingpflanzen mit
wunderschnen, glockenfrmigen oder langgestielten lilienartigen Blten,
schlanke Palmen, Bananen-, Brot- und Parabume sumten das Ufer, das sich einmal
steil aus dem Wasser erhob, dann wieder flach und von grnem Moos berzogen den
Flu begrenzte. Robert sah Nashornvgel und manchmal eine trge im Sonnenschein
daliegende zusammengerollte Schlange, aber ein greres Raubtier war ihm noch
nicht zu Gesicht gekommen. Htte er doch an Land gehen und mit einigen Kameraden
das Jagdglck versuchen drfen!
    Aber daran war nicht zu denken. Noch am selben Tage sollte die Korvette
wieder in See gehen, also wre jede etwaige Verzgerung streng bestraft worden,
- Robert schlug sich schweren Herzens die Sache ganz aus dem Kopf.
    Immer schner und blhender wurde das Ufer. Dichte Laubwnde,
undurchdringlich wie feste Mauern aus Blttern und Blten, traten bis dicht an
das Wasser heran. Sie strmten einen berauschenden Duft aus, der Wind fchelte
leise, und fast betubend drckte die Hitze.
    Roberts Gewehr kam nicht aus der Hand, sollte es denn nichts, gar nichts zu
schieen geben?
    Aber dort! - Ein Schatten glitt ber das Moos, die Ranken brachen und
zitterten, ein Paar glhende Augen sphte aus dem Gebsch hervor.
    Robert fuhr auf. Mit einer Handbewegung verstndigte er die andern. Ein
Leopard! - Ein Leopard!
    Und jetzt zeigte sich das Tier in ganzer Gre auf der Lichtung. Mit
glhenden Lichtern und wild gestrubtem Haar, den schn gefleckten, schlanken
Krper gekrmmt und leise mit dem langen Schweif peitschend, stand der Leopard
am Wasser und hielt die Augen fest auf das Schiff geheftet. Offenbar ahnte er
nichts von der Gefahr, die ihm drohte.
    Die Pinasse stoppte ihre Fahrt, - langsam hob Robert die Bchse und legte
an.
    Jetzt! Jetzt! flsterte Doktor Hsker.
    Der Schu krachte, und sich berschlagend strzte das Raubtier tdlich
getroffen auf den Sand. Ganz nahe am Wasser zuckte der Krper, noch einmal
schlugen die Lufe um sich, dann dehnte sich das Tier, verlor dabei seinen
letzten Halt und strzte in den Flu, da die Wellen ber ihm zusammenschlugen.
Noch sekundenlang regte sich der Krper.
    Ebenso schnell aber war er von der Pinasse aus mit einer bereitgehaltenen
Schlinge eingefangen. Noch drei oder vier Minuten vorsichtiger Arbeit, dann lag
die Jagdbeute auf dem Verdeck, und Blut und Wasser liefen aus den Speigatten
heraus.
    Robert wurde von allen Seiten beglckwnscht und einstimmig als Besitzer des
schnen Felles anerkannt. Doktor Hsker verstand es, das Abziehen sachgem zu
leiten und spter das Zubereiten und Trocknen selbst zu besorgen, - Robert
durfte also mit Recht hoffen, der Mutter daheim in Pinneberg fr die kalten
Winterabende eine warme, weiche Decke schicken zu knnen, und darber freute er
sich von Herzen.
    Er dankte bescheiden, als ihm das Leopardenfell zugesprochen wurde, aber er
war traurig, als man die Pinasse wendete.
    Es ging zurck zum Schiff, von dem aus der Kapitn, Freiherr von Schleinitz,
inzwischen dem deutschen Konsul, Herrn Brohme, und dem Prsidenten Roberts einen
Besuch gemacht hatte. Das Fell des Leoparden wurde allgemein bewundert und von
der Mannschaft, besonders von den Kadetten, mit liebugelnden Blicken
betrachtet, aber Robert bewahrte sein Eigentumsrecht, schon um ein Andenken
dieses Tages mit nach Deutschland zu bringen.
    Am Abend ging es weiter, diesmal nach Ascension, einer kleinen, mitten im
Atlantik gelegenen einsamen Insel, die nur angelaufen wurde, um berall auf dem
Wege dorthin zu loten und Tiefe und Beschaffenheit des Meeresgrundes mglichst
genau festzustellen. Die Fahrt verlief auch diesmal glcklich. Ohne Zwischenfall
wurde die kleine Himmelfahrtsinsel erreicht, auf der Robert wieder einmal Berge
bestieg, die allerdings wenig bedeutend und nicht gerade interessant waren. Am
Strande wurden ein paar riesenhafte Schildkrten als willkommene Zugabe fr den
Tisch der Mannschaft erlegt, weiter bot das Eiland nicht Bemerkenswertes.
    
    Im Meer aber entdeckte man nrdlich von Ascension bei einer Tiefe von 3300
und 3000 Meter zwei verschiedene unterseeische Gebirge von 700 und 1000 Meter
Hhe, - eine sehr interessante Beobachtung, die fr die Wissenschaft von groer
Bedeutung war.
    Ein Tag auf Ascension, dann wieder zurck nach Afrika. So ging es kreuz und
quer ber den Atlantischen Ozean.
    Jetzt sollte die Mndung des Kongo erreicht werden, des zweitgrten Stromes
der Erde, dessen Wassermassen selbst die des Mississippi noch bedeutend hinter
sich lassen. Der Kongo wurde erst spter durch den berhmten Zug des Amerikaners
Stanley in seiner ganzen Lnge erforscht, damals kannte man nur die Mndung des
Flusses, dagegen noch nicht seinen Lauf. Es war der gefhrlichen Stromschnellen
wegen nicht mglich, weiter als nur etwa dreiig Meilen stromauf zu fahren. Die
Mannschaft der Gazelle unter Fhrung des Kapitns erreichte auf der
Dampfpinasse die hollndische Faktorei Boma, wobei zugleich berall gelotet
wurde und beide Gelehrte, der Botaniker Stabsarzt Doktor Naumann und der Zoologe
Doktor Hsker, eine reiche Ausbeute machten. Besonders berraschend wirkte auf
Robert der Affenbrotbaum, dieser Elefant der Pflanzenwelt. Stmme von 20 Meter
Hhe bei einem Durchmesser von 7 Meter, also ganz ungestalte, gleichsam
verkrppelte Gewchse, waren hier nichts Seltenes. Als die unfrmigen Zweige,
deren Lnge von einem Ende zum andern oft mehr als 40 Meter betrgt, an einer
Stelle ber den Flu hinauswuchsen, konnten die Matrosen einige reife Frchte
mit Handspaken herunterschlagen. Jeder kostete von dem Fleisch, doch nur wenige
fanden den sen Brei einigermaen ebar. Interessanter war es schon, als Doktor
Naumann erklrte, wie sich die Neger aus den zu Asche verbrannten Schalen der
Frucht in Verbindung mit Palml eine sehr gute Seife bereiten.
    Auf dem Markt von Boma herrschte ein buntes Leben. Die Neger tauschten dort
ihre eigenen Produkte gegen europische Waren, vor allem gegen Alkohol, dem sie
sehr verfallen sind. Robert sah pltzlich einen sonderbaren Zug von offenbar
Halbbetrunkenen, die alle bei trockenstem Wetter unter bunten Regenschirmen
einherzogen und in ihrer Mitte einen Mann fhrten, der sich laut und
gestikulierend wie ein Sieger gebrdete. Alles Volk staunte aus ehrerbietiger
Ferne.
    Die Europer erkundigten sich natrlich eingehend und fragten solange, bis
ihnen ein alter Hollnder die erwnschte Auskunft gab. Unter den Negern dieser
Gegend herrscht noch die bis zum vierzehnten Jahrhundert auch in Europa bliche
Sitte der Gottesurteile, und zwar durch Anwendung des Hexentrankes. Er wird aus
bestimmten, wahrscheinlich in jedem Lande anders gebruchlichen Bestandteilen
zusammengebraut und dem Verdchtigen eingeflt. Erkrankt oder stirbt der Mann,
so ist seine Schuld bewiesen, konnte dagegen, vielleicht vorbereitet, sein Magen
dem Angriff widerstehen, so wird er in feierlichem Zuge durch die Stadt gefhrt
und mit allen Ehren freigesprochen. Er ist unschuldig, - Gott selbst hat
gerichtet.
    Nachdem der Kongo vermessen worden war, ging die Gazelle nach Kapstadt. Auf
dem Wege bot sich den jetzt schon verwhnten Seeleuten ein wunderbares
Schauspiel. Sie sahen eines Nachts um das Schiff herum das sogenannte
Meeresleuchten, das von winzig kleinen, spindelfrmigen Tierchen erzeugt wird,
die sich zu Millionen an einer Stelle versammeln und das Wasser gleichsam zum
Glhen bringen. Der Zug schwamm vorber, und von Bord wurde mit dem Schleppnetz
eine Menge dieser kleinen Tierchen heraufgeholt, ohne jedoch den eigentlichen
Wunsch des Zoologen zu erfllen; denn auerhalb ihres Elementes leuchten sie
nicht mehr.
    Am 26. September lief die Korvette in die Tafelbai ein, benannt nach dem
1100 Meter hohen Tafelberg, zu dem noch im Westen der Lwenkopf und im Osten der
Teufelspik hinzukommen. Kapstadt selbst machte auf Robert keinen andern Eindruck
als andere Hafenstdte auch, es herrschte das gleiche Getriebe wie berall, und
das Durcheinander von Weien und Farbigen war ihm ja nichts Neues mehr.
    Aber schon nach wenigen Tagen begann die Fahrt nach der Kergueleninsel im
sdlichen Eismeer, die fr die Gazelle weniger angenehm und ruhig, wenn auch
sonst glcklich verlief. Strme, hoher Seegang, Nebel und Regenwetter wechselten
miteinander ab, doch am 26. Oktober erreichte das Schiff wohlbehalten die Insel
und lief in die Bucht von Betsy-Corn ein, dem geschtztesten Ankerplatz, um dort
die Astronomen zu landen und sie, so gut es ging, unterzubringen.
    Auf Kerguelen wollte der Kapitn etwa vierzehn Tage bleiben, Robert fand
daher Gelegenheit, die Insel nach allen Seiten zu durchstreifen, obgleich er
nirgends einen besonders schnen Punkt entdecken konnte. James Cook, der
bekannte Weltumsegler, nannte Kerguelen einfach das Desolationsland, das
Verzweiflungsland, und wirklich schien es den Leuten von der Gazelle, als habe
er damit das richtige getroffen. Kein Tier auer den Wasservgeln, kein Baum,
keine Blume, nur ein riesiges Gewchs, eine Art Kreuzblume, der Kerguelenkohl,
der als Gemse zubereitet wirklich gut schmeckte und dessen Saft Doktor Naumann
ein erprobtes Mittel gegen den Skorbut nannte.
    Vom Land aus sah Robert wieder Walfische speien, ebenso entdeckte er auch
Robben und alle Arten von Seevgeln, jedoch keinerlei jagdbares Wild. Am 12.
November begann die Gazelle ihre Forschungsreise nach der Westkste der Insel,
und von dort wurde unter persnlicher Fhrung des Kapitns eine Expedition in
das Innere unternommen.
    Alles nur Stein und Fels, sonst nichts. Wohl nie vorher hatte ein. Mensch
dieses Land betreten, und nur ein Wissenschaftler knnte daran jemals etwas
Interessantes finden. Freiwillig wrde sich dort nie jemand niederlassen.
    Im Osten der Insel wurde ein schmaler Flu von Basaltblcken von dreiig
Meter Hhe frmlich eingekeilt; es schien unmglich, auf den einzelnen
losgerissenen Felsstcken, ber die er seinen Weg nahm, in das Innere dieser
nach oben hin ganz verdeckten und verengten Hhle einzudringen, dennoch aber
versuchte es Robert, der hier berhaupt bei jedem Schritt an die Eiswste des
Nordpols erinnert wurde, immer wieder. Er war der einzige, der es nicht aufgab,
den gefhrlichen Weg auf berhngenden Klippen, einzelnen Vorsprngen und vom
Wasser bersplten Steinen doch zu erzwingen. Sollte er denn zum zweitenmal den
Lauf eines Gebirgsflusses in rtselhafter Weise aus den Augen verlieren, sollte
er wieder, wie damals in Norwegen, das Land verlassen, ohne sein Geheimnis
erforscht zu haben?
    Er schttelte den Kopf, als ihn die andern aufforderten, doch davon
abzulassen. Es bestand ja keine Gefahr, er wollte es versuchen, - also vorwrts,
und noch dazu am liebsten ganz allein. Robert watete oder sprang, dann kroch er
auf allen vieren, balancierte an schaurigen Abgrnden vorbei oder schwang sich
ber eine breite Kluft.
    Aber was war das? - Er hatte es im stillen erwartet und doch packte es ihn
berraschend. Das Wasser versiegte unter seinen Fen, immer weniger sickerte
ber die Felsen, bis es pltzlich ganz aufhrte, gerade wie damals am Nordkap.
Wo war der Flu geblieben?
    Er sah zurck. Aus einer schmalen Spalte drang Wasser hervor, von rechts und
links liefen kleine Adern bis zur Mitte, aber hier oben war alles trocken.
    Roberts Herz pochte laut. In Norwegen lag der See tief unten, und oben
rauschte der Wasserfall, dachte er, hier verhlt es sich umgekehrt. Ich mu
hinauf.
    Er sah an dem schneebedeckten Gipfel empor. Bis nach oben war es noch weit,
sicherlich ein stundenlanger, beschwerlicher Weg, aber was schadete das? Dort
oben mute der See sein! Ein See, hunderte von Metern ber dem Meeresspiegel, -
und er sollte Kerguelen verlassen, ohne ihn gesehen zu haben?
    Nein!
    Proviant hatte er noch gengend in seinen Taschen, der Tag war noch lang und
das Wetter frostklar, also vorwrts! Seine ganze alte Entdeckerlust war mit
einemmal wieder erwacht.
    Der Weg bergauf war steil und mhsam, aber doch nicht so beschwerlich wie
das Waten durch das Flubett. Robert whlte fr den Aufstieg die Auenseite des
Felsens, wo ganze Strecken ohne groe Anstrengung berschritten werden konnten,
wenn auch wieder andere mit ihren scharfen Zacken die Kleider zerrissen und die
Haut abschrften, so da er bald an einigen Stellen blutete.
    Robert achtete nicht darauf. Immer nher kam er einem Kranz von einzelnen,
eigenartig geformten Felsblcken, die wie Riesennadeln zum Himmel emporstarrten.
Sie sahen aus, als ob von ihnen hier oben ein Schatz behtet werde, sie
schienen, eng gedrngt und oft merkwrdig geformt, den Eintritt in ein Heiligtum
zu verwehren, das noch nie der Fu eines Menschen berhrt hatte, das hoch ber
der Erde versteckt lag und nur der Sonne als Spiegel diente.
    Robert suchte lange nach einem Zugang. Endlich. Hier hingen zwei Blcke
schrg gegeneinander. Mit weiten, faltigen Mnteln und riesigen, von
Haubenbndern umgebenen Kpfen sahen sie aus wie plaudernde, uralte Frauen, die
sich von der Vergangenheit erzhlen. Die eine trug unter dem Mantel eine Krcke,
und die andere hielt einen Korb. -
    Robert bewunderte das seltsame Naturspiel. Wie von Knstlerhand grob
gemeielt, in riesenhaften Formen, erschienen ihm die Gestalten.
    Lat mich hindurch, ihr beiden, lachte er. So alte Gromtterchen knnen
ja den Enkeln nichts abschlagen.
    Und auf Hnden und Fen kriechend gelangte er, Korb und Krcke streifend,
auf die andere Seite. Hier aber wre er fast in die Tiefe gestrzt. Nur durch
einen schmalen Felsvorsprung vom Abgrund getrennt, sah er unter sich, von den
Felsen rings umgeben, einen See, dessen Spiegel keine Welle kruselte. Weie
Kronen von Schnee lagen auf allen Ecken und Vorsprngen, in jedem geschtzten
Winkel, im Inneren jeder Spalte, das Wasser aber war blau und rein wie Samt. Am
Himmel erschien in diesem Augenblick die Sonne. Wie Millionen funkelnder
Diamanten glnzte es da unten, wie eine zweite goldene, leuchtende Kugel
spiegelte sich das Tagesgestirn auf dem Wasser.
    Robert sah nichts als den Himmel und den See mit seinem Steinkranz. Darber
hinwegzublicken war ganz unmglich.
    Lange blieb er in der kleinen, abgeschlossenen Welt da oben, wo seine Fe
kaum stehen konnten und wo es so still und so feierlich wie in einer Kirche war.
Er bedauerte beinahe die andern, denen der Weg zu weit und zu mhevoll gewesen
war, um ihn freiwillig zu unternehmen. Als er, rckwrts kriechend, mit
uerster Vorsicht und nur um wenige Meter am Abgrund vorbei, wieder aus dem
geheimnisvollen Zauberkreis des Felsengrtels hinausgelangte, bot sich ihm nach
allen Seiten eine herrliche Aussicht. Die Felsen ringsherum glitzerten und
funkelten in der Sonne durch die verschiedenen Gesteinsarten und bildeten die
merkwrdigsten Formen, am seltsamsten aber kam es ihm vor, so von oben herab wie
ein Kinderspielzeug auf dem Wasser die Gazelle liegen zu sehen, deren Masten ihm
sonst, wenn er an Deck stand, so schwindelnd hoch vorkamen.
    Als er von seinem gefahrvollen Ausflug wieder unten anlangte, hatte er so
viel Schnes gesehen, da ihn seine geschundenen Knie und blutenden Hnde nur
sehr wenig kmmerten. Doktor Naumann lchelte, als er ihn sah. Nun, junger
Freund, einige Kobolde und Gnomen kennengelernt? scherzte er.
    Nur Nixen, Herr Doktor, - da oben ist ein See.
    Donnerwetter, dann mssen wir ja hinauf, - ich frchte nur, da es einen
starken Schneefall gibt. Auch das Crosbiegebirge werden wir aus diesem Grunde
nicht erforschen knnen.
    Und so kam es. Die Besteigung dieses bedeutenderen Hhenzuges mute
unterbleiben, wenn sich die Entdecker vor der Gefahr des Eingeschneitwerdens
schtzen wollten.
    Man hatte auch jetzt von der Insel genug gesehen, um mit Sicherheit
behaupten zu knnen, da hier keine Ansiedlung mglich sei. Wenn im Hochsommer
schon ein solches Klima herrschte, - wie sollte es dann im Winter werden?
    Die Wissenschaftler und Photographen bezogen wieder ihre Kabinen auf der
Gazelle, die Anker wurden gelichtet und fort ging es, tausend Meilen weit ber
den Ozean, nach der Tropeninsel Mauritius. Auf dieser Fahrt hatte die Korvette
mehrere Strme zu bestehen, doch wurde das Ziel schlielich ohne ernsthaften
Schaden erreicht.
    Hier war man wieder mitten in den Tropen. berall grnte und blhte es, und
die Luft war sommerlich warm, eine idyllische kleine Welt, die nur monatlich
einmal von einem Dampfer besucht wird. Die Tiefenlotungen waren unterwegs
fortgesetzt worden, Kohlen und Lebensmittel eingenommen, die Briefe zur Post
gegeben und der ausgebrannte, vllig mit Wald berwachsene Krater im Innern der
Insel von Robert und mehreren anderen einer Besichtigung unterzogen, dann
dampfte die Gazelle wieder weiter, mit Kurs auf Australien. Hier kam Robert
nicht von Bord, da nur die Haifischbai und der Dampiersarchipel ausgelotet
werden sollten.
    Interessanter waren dagegen die Sunda-Inseln, und zwar vor allem Timor, das
schon ein mehr asiatisches Geprge trgt.
    Es wurden nun nacheinander in viermonatlicher, beschwerlicher Fahrt auf
lauter Nebenrouten und bisher wenig befahrenen Schifffahrtswegen die
Melanesischen Inseln genauer durchforscht, wobei man weniger auf
Naturgeheimnisse und Naturschnheiten ausging, sondern hauptschlich neue
Verkehrswege und gnstige Ankerpltze ausfindig machen wollte oder
Tiefenlotungen vornahm.
    Gelandet wurde zuerst auf Neuguinea und den drei kleinen Anachoreteninseln,
wo Roberts altes Interesse an der Reise wieder auflebte, als man mit den
Eingeborenen in Berhrung kam. Wie die Schwarzen Afrikas trugen sie als einziges
Kleidungsstck einen Lendenschurz, sie besaen jedoch wohleingerichtete
Kokospflanzungen und Kanus mit Segel und Masten, im brigen zeigten sie sich,
nachdem die erste Scheu berwunden war, als harmlose, friedliche Menschen, die
mit der Mannschaft der Gazelle einen lebhaften Tauschhandel anfingen und gern
die Produkte ihrer Heimat gegen Messer, Scheren, Knpfe und Nadeln an die
Deutschen ablieen. An der Sdkste von Neu-Hannover wohnte ein ganz anderer
Menschenschlag. Diese Wilden liefen vollstndig unbekleidet herum, es waren
schwarzbraune, gut gewachsene Gestalten mit rot oder gelb gefrbtem kurzem Haar,
geschlitzten Ohrlppchen, Muscheln in den Ohren und am Hals und bunten
Armbndern. Als sich die Korvette der Kste nherte, strzten sich smtliche
Mnner in die Kanus, um das fremde Wunderding aus nchster Nhe zu sehen,
whrend am Ufer die Frauen schreiend, hpfend und sich wie toll gebrdend
zurckblieben. Aber schon sehr bald konnten auch sie ihre Neugier nicht mehr
bezhmen, - sie sprangen ohne weiteres ins Wasser und schwammen den Booten nach,
waren aber ebensowenig wie die Mnner zu einem Besuch an Bord zu bewegen.
    An der entgegengesetzten Seite derselben Insel kam es mit den Eingeborenen
sogar zu einem ernstlichen, wenn auch nur kurzen Streit. Hier sollte ein Flu
ausgelotet werden, und da die Korvette selbst einen zu groen Tiefgang hatte,
mute die Dampfpinasse die Mndung hinauffahren und dabei auch mehrere von den
Wissenschaftlern am Ufer absetzen, um die Pflanzen- und Tierwelt der Insel zu
erkunden. Als aber ein kleines Boot, das den Verkehr mit dem Schiff aufrecht
erhielt, zufllig einige Minuten lang unbewacht blieb, wurde es von den
Eingeborenen gnzlich geplndert; als die Matrosen zurckkehrten, waren
Lebensmittel und Ausrstungsgegenstnde verschwunden, ohne da sich einer der
Wilden gezeigt htte.
    Am folgenden Tage, als die Besatzung im Fluwasser ihre Wollkleidung
grndlich gereinigt und zum Trocknen zwischen den Bumen aufgehngt hatte, kamen
die Eingeborenen, jetzt schon dreister geworden, in hellen Haufen heran und
vertrieben durch einen Hagel von Steinen die friedlich beschftigten Matrosen,
wobei sogar zwei ernstlich verwundet wurden.
    Von der Dampfpinasse antwortete sofort das kleine Bootsgeschtz, und
daraufhin zogen sich die Wilden, offenbar sehr eingeschchtert, zurck. Am
andern Tage jedoch zeigte der ohrenzerreiende Lrm ihrer Kriegsinstrumente, da
sich die verschiedenen Stmme sammelten und offenbar Feindseligkeiten planten.
    Kapitn von Schleinitz beschlo, dem zuvorzukommen.
    Er selbst stellte sich an die Spitze von vierzig Mann, die alle ausreichend
bewaffnet waren, und dann wurde der Zug nach den nchsten Drfern unternommen.
Natrlich befand sich unter der kleinen Schar auch Robert, der diesmal jedoch
seine Erfinderfreude teuer bezahlen mute.
    Um an das Dorf heranzukommen, mute zuerst das hohe, von Gestrpp und
Schlingpflanzen bedeckte Ufer erklettert werden, die Matrosen sahen sich
gezwungen, ihre Waffen und Patronen whrend des beschwerlichen Marsches ber den
Kpfen zu tragen, und als endlich die jenseitige Anhhe erreicht war, da starrte
das gestern gewaschene Zeug von Schlamm und Schmutz, es war vollkommen durchnt
und erschwerte sehr unangenehm den Marsch in das Innere der Insel.
    Aber die Blaujacken verloren ihren Mut nicht. Ein Lied verkrzte die Zeit
und half ber alle Belstigungen hinweg.
    Zugleich mit dem vor einer Anhhe gelegenen Dorf, das von aller Schnheit
tropischen Pflanzenwuchses umgeben war, sahen die Deutschen einen Haufen von
etwa zweihundert Wilden, die alle mit Speeren, Keulen und Schleudern bewaffnet
waren, sich aber sehr zurckhielten und sogar bei Annherung der geschlossen
marschierenden kleinen Schar langsam zurckwichen. Nur vier alte Mnner,
jedenfalls Huptlinge, blieben vor dem Dorfe auf einigen Steinen sitzen und
erwarteten die Fremden.
    Herr von Schleinitz, der selbstverstndlich die Angelegenheit so rasch und
einfach wie mglich zu beenden wnschte, lie an eine lange Stange ein weies
Tuch binden und ging dann, nur von einem Matrosen als Adjutanten begleitet, zum
Dorf hinab.
    Schon von weitem versuchte er den Eingeborenen begreiflich zu machen, da er
sprechen, unterhandeln, aber nicht kmpfen wolle.
    Die Wilden muten offenbar verstehen, was das weie Tuch bedeuten sollte,
sie banden schleunigst ein junges Huhn an einen Stock und trugen diese
sonderbare Fahne dem deutschen Kapitn entgegen. Damit war auch von ihrer Seite
die Zusammenkunft als friedlich anerkannt worden.
    Herr von Schleinitz nahm hflich dankend, aber durchaus ernst und
hoheitsvoll das Geschenk in Empfang und vergalt es sofort durch berreichen
eines Stckes Uniformtuch, das schon zu diesem Zweck von Bord her mitgebracht
worden war.
    Dann aber, nachdem die Insulaner ihr Entzcken in kindischer Weise zu
erkennen gegeben hatten, bedeutete ihnen der Kapitn mit Hilfe der
Gebrdensprache, da er bestohlen worden sei und die Rckgabe des geraubten
Gutes unbedingt verlange. Er fragte, ob die Huptlinge von diesem Diebstahl
Kenntnis erhalten htten.
    Die Antwort war natrlich ein Nein.
    Herr von Schleinitz zuckte die Achseln. Dann nahm er die Pistole und scho
vor den Augen der vier Huptlinge einen jungen Baum durch den Stamm, so da
weier Saft aus dem Einschuloch hervorquoll; hierauf deutete er mit der Rechten
auf die in einiger Entfernung stehenden Soldaten, als wolle er sagen: Die dort
verstehen alle das Gleiche und werden euch empfindlich bestrafen, wenn ihr nicht
das gestohlene Gut sofort herausgebt.
    Die Wilden sahen in groer Angst auf den getroffenen Baum. Sie berieten
leise untereinander, gaben offenbar heimliche Befehle in das Dorf hinauf und
bemhten sich, eine freundliche Miene zur Schau zu tragen. Nach kurzer Zeit
nherte sich ein junger Bursche, der die gestohlenen Dinge im Korb am Arm trug
und dem Kapitn zu Fen legte, worauf er sich mit Hasensprngen wieder
entfernte, offenbar sehr froh, der Gefahr so glcklich entronnen zu sein. Das
laute Gelchter der Seeleute folgte ihm nach.
    Herr von Schleinitz hatte inzwischen den Korb durchsucht und wandte sich
jetzt achselzuckend an die Wilden. Das ist noch lngst nicht alles, sagten
seine Gebrden, es fehlen verschiedene Instrumente und andere Kleinigkeiten.
Wir wollen eure Htten in Brand stecken, um euch zu bestrafen.
    Das wirkte. Die Huptlinge baten, das geraubte Gut den Weien wieder
zuschicken zu drfen; sie wollten selbst im Dorf eine Haussuchung vornehmen und
ihr Mglichstes tun, um alles Verlorene herbeizuschaffen. Man mchte nur ihre
Wohnungen verschonen.
    Herr von Schleinitz erklrte sich mit diesem Angebot durchaus einverstanden,
und die Seeleute konnten den Rckmarsch antreten, ohne von ihren Waffen Gebrauch
gemacht zu haben, was allerdings einigen unter ihnen gar nicht recht war, da
doch im Lazarett der Korvette die beiden verwundeten Kameraden noch immer in
ihren Verbnden lagen und einer sogar eine tchtige Stirnwunde davongetragen
hatte. Wie mavoll und gerecht jedoch der Kapitn vorgegangen war, muten auch
die Kampflustigen anerkennen. Wozu wre es gut gewesen, den hilflosen, schlecht
bewaffneten Wilden, die doch als harmlose Naturkinder kaum einen Begriff von
Recht und Unrecht haben konnten, - hier wegen einiger Vergrerungsglser,
Schleppnetze und Lotungsapparate eine blutige Lehre zu geben?
    Die armen, ahnungslosen Wilden wren dadurch nicht belehrt, sondern nur
gekrnkt worden; fr die Weien aber wre es nicht gerade rhmlich gewesen, ihre
zehnfache berlegenheit an primitiven Eingeborenen erprobt zu haben!
    Als die Soldaten an das Ufer zurckkamen, fanden sie smtliche gestohlenen
Gegenstnde schon vor. Jedenfalls hatten die Insulaner, um sich keiner Gefahr
auszusetzen, auf Nebenwegen irgendeinen schnellfigen Burschen entsandt und auf
diese Weise keinen als den Schuldigen gekennzeichnet. Von Bord der Korvette war
beobachtet worden, wie mehrere Schwarze aus dem Gebsch hervorkrochen,
schleunigst die Sachen in das Gras legten und wieder verschwanden.
    Das Ansehen des Deutschen Reiches war also gewahrt worden, man hatte den
Diebstahl gergt und Rckerstattung des Geraubten erlangt, - Herr von Schleinitz
hatte durchaus vorbildlich gehandelt.
    Nachdem diese Angelegenheit erledigt war, nahm die Korvette zunchst Kurs
auf Neu-Irland und die umliegenden Inseln, wobei jedoch zu Roberts groer
Enttuschung eine Berhrung mit den Eingeborenen gnzlich oder doch soweit wie
mglich vermieden wurde. Es lebten nmlich auf diesen Inseln damals noch
Menschenfresser, daher hielt sich Herr von Schleinitz einem Zusammensto mit
diesen Stmmen mglichst fern. Die Reise der Gazelle diente ja allein
wissenschaftlichen Zwecken, so schien es das Klgste, derartigen unangenehmen
Zwischenfllen schon von vornherein aus dem Wege zu gehen.
    Fr Robert war diese Manahme um so betrblicher, als er sehr viel
Reizvolles darin fand, mit Wilden in Berhrung zu kommen und in die Geheimnisse
ihrer Sitten und Lebensgewohnheiten einzudringen. Er mute hier so ziemlich auf
alles Erhoffte verzichten, da von seiten der Gelehrten nur Vermessungen und
Beobachtungen angestellt wurden, ohne jedoch dabei die Menschen einzubeziehen.
    Einige Stmme, zum Beispiel beim Passieren der Byronstrae, zeigten sich
herausfordernd und feindselig, whrend andere durchaus friedlich waren, sogar
eigene Landwirtschaft betrieben und den Weien mit harmloser Vertraulichkeit
entgegenkamen. Besonders auf den Salomo-Inseln wurden Fleisch, frische Frchte
und Gemse von den Bewohnern in Kanus an Bord gebracht, wofr dann
Kleidungsstcke und sonstige Kleinigkeiten als Zahlungsmittel dienten.
    Auf Neu-Britannien hatte die Gazelle eine eigentmliche Mission zu erfllen.
Vor langen Jahren waren auf dieser Insel gegen die Handelsniederlassungen der
hamburgischen Firma Godeffroy die grbsten Gewaltttigkeiten verbt worden, und
man wollte jetzt die Wilden vor etwaigen Wiederholungen warnen. Da inzwischen
einige Jahre vergangen waren und im brigen niemand an Bord die Sprache der
Eingeborenen verstand, begngte sich Herr von Schleinitz damit, an eben der
Stelle, wo damals Mord und Brandstiftung stattgefunden hatten, auch jetzt wieder
einen Haufen brennbarer Gegenstnde anznden und einige Salven abfeuern zu
lassen. Als die Wilden sahen, welche Verheerungen unter Bumen und Struchern
die Kanonenkugeln anrichteten, erschraken sie so sehr, da ihnen die eiligste
Flucht als bestes Schutzmittel erschien. Sie verschwanden wie in den Boden
hinein.
    Von hier aus fuhr die Gazelle nach den Auckland-Inseln, wo jede Spur einer
Bevlkerung fehlte. Die Forschungen der Wissenschaftler konnten zwar ohne
Strung betrieben werden, doch ergaben sie keine besonders lohnende Ausbeute.
    Die Gazelle hat aber in bezug auf Hafenpltze und Tiefenlotungen gerade hier
das Wesentlichste fr die Schiffahrt geleistet, andererseits erfllte sie ihre
Mission als Reprsentant des Deutschen Reiches bei vielen Frsten der wenig
bekannten, bisher immer bersehenen kleinen Inselreiche des Stillen Ozeans.
    In Levuka, der Hauptstadt der Insel Viti-Levu, der grten Fidschi-Insel,
verkehrten die Offiziere der Korvette in uerst freundschaftlicher Weise mit
dem regierenden Landesherrn, Knig Thakembau, der sich durchaus als denkender
und gebildeter Mann erwies und der auch seinerseits mehrere Male als Gast an
Bord der Korvette empfangen wurde. Beim Abschied blieb er bis zum Augenblick des
Ankerlichtens und konnte sich erst trennen, als die Maschine in Ttigkeit trat.
    Von den Fidschi-Inseln ging die Korvette nach den Tonga-Inseln, auf denen
hellfarbige und kulturell auf einer hheren Stufe stehende Menschen leben. Wie
ganz Australien, leidet auch diese Inselgruppe an Wassermangel; es gibt nur
wenige Tiergattungen, aber einen verhltnismig ausgedehnten Pflanzenwuchs.
Dagegen haben aber die Bewohner schon feste Huser, sie arbeiten und sind
kulturell die hchststehenden unter allen Vlkern auf den Inseln des Stillen
Ozeans.
    Auch hier sah Robert einen farbigen Frsten, den siebzigjhrigen Knig
Georg. Der alte Herr empfing uerst hflich die Vertreter des Deutschen
Reiches, dankte fr den Besuch und lud seine Gste zur Tafel, wobei ein
Missionar als Dolmetscher diente. Am Nachmittag machte er an Bord der Korvette
einen offiziellen Gegenbesuch, der von Seiten der Mannschaft mit einer
Ehrensalve von einundzwanzig Kanonenschssen begrt wurde, worauf sogleich an
Land die beiden einzigen vorhandenen Geschtze den Salut erwiderten. Zu Ehren
des Frsten hielt man an Bord eine Parade ab und gab ein Essen, bei dem Herr von
Schleinitz ein Hoch auf Knig Georg ausbrachte. Die Rede des Frsten, bescheiden
und dankbar, aber doch seine Wrde als Landesherr vollstndig wahrend, zeigte
einen denkenden, fr das Wohl seiner Untertanen eifrig besorgten Monarchen, der
seiner Freude Ausdruck gab, mit Deutschland die besten Beziehungen angeknpft zu
haben und auch weiter noch knpfen zu knnen, indem er den deutschen
Auswanderern allen nur mglichen Schutz gewhre und sie den Eingeborenen des
Landes in jeder Beziehung gleichstelle.
    Auf ihre Fragen erfuhren die Offiziere, da die Deutschen auf den
Tongainseln vor allem mit Kobra handeln, den zerschnittenen Kernen der Kokosnu,
die dort in groen Wldern wchst und den bedeutendsten Ausfuhrartikel
darstellt. Es lagen auch gleichzeitig mit der Gazelle noch sieben europische
Schiffe im Hafen, die gerade eine Ladung Kobra bernahmen.
    Von hier ging die Korvette nach den Samoa-Inseln und war nun wieder ganz vom
Zauber der Tropenwelt umgeben. Am 24. Dezember warf die Gazelle im Hafen von
Apia auf Upolu Anker, und die Mannschaft erhielt Erlaubnis, an Land zu gehen und
dort den Weihnachtsabend zu verbringen.
    Das war eine eigenartige Feier. Die Matrosen konnten sich nicht
entschlieen, in den Wirtschaften zu sitzen, zu trinken und zu tanzen wie sonst,
wenn sie nach langer Fahrt zum erstenmal wieder Land betraten. Sie alle waren ja
einmal Kinder gewesen, die am Weihnachtsabend um den Tannenbaum standen und mit
glcklichen Augen den Glanz seiner Kerzen sahen, sie alle hatten ja daheim ihre
Lieben und wuten, da deren Gedanken jetzt bei ihnen waren, - kein einziger war
ausgelassen oder beging irgendwelche kleinen Tollheiten, die sonst zum Leben
eines Matrosen an Land nun einmal gehren.
    Auch Robert war sehr ernst gestimmt. Er sah die Farbenpracht tropischer
Wlder mit ihren bunten Blten, aber er dachte an die heimatlichen Tannen. Er
glaubte den Harzgeruch zu spren, sah die kleinen, bescheidenen Lichter und die
vergoldeten Frchte und erkannte das niedere Zimmer im Elternhause, - und auch
die Gesichter der beiden lieben alten Leute wurden vor seinen Augen lebendig;
die Mutter, die vielleicht jetzt weinend an ihren einzigen Sohn dachte, der
Vater, den er nun nicht mehr wiedersehen wrde.
    Es beengte ihm die Brust, - er mute etwas sagen.
    Jungens, sagte er, wollen wir uns einen Christbaum machen?
    Mehrere Stimmen antworteten zugleich, und alle waren einverstanden. Daran
dachte ich lngst! rief Gerber. Die Fremde ist doch immer die Fremde, - man
wird ganz weinerlich, wenn einen so die Erinnerungen an die alte Heimat
berfallen.
    Aber einen Tannenbaum gibt's in ganz Apia nicht! meinte ein anderer.
    Was schadet das? Grn ist Grn, und Lichter hat man ja auch hier.
    Und so kam es. Die Matrosen besorgten sich ein stattliches, mit Blten und
Frchten bedecktes Brotfruchtbumchen, das mit seinen Wurzeln aus dem Boden
gehoben und in einen groen Kbel gestellt wurde. Dann ging es an den
Baumschmuck.
    Jeder einzelne der ganzen Schar brachte seine Lichter in Gedanken an die
lieben Angehrigen daheim in Deutschland, jeder erzhlte von den
Weihnachtsabenden frherer Jahre und wie die Kinderzeit so schn gewesen sei und
so glcklich - -
    An Land mchte man nicht leben, sagte Gerber, wahrhaftig, ich hielte es
nicht aus ohne die See, aber es ist doch eigenartig, so Jahr fr Jahr ber die
Meere zu fahren und nur selten fr wenige Tage unter Menschen ein Mensch zu
sein. Wenn ich jetzt nach Hause komme, finde ich lauter fremde Gesichter, -
meine alte Mutter starb, seit wir von Kiel fortgingen, und zwei Schwestern haben
geheiratet, - es ist alles anders geworden.
    Robert legte ihm die Hand auf die Schulter. Keine trben Erinnerungen,
Gerber, sagte er ermunternd. Wir wollen singen, das macht das Herz frei.
Kinder noch einmal, wir sind ja doch jetzt auf der Heimreise, also warum denn
erst traurig werden?
    Die Bowle, wunderbar nach tropischen Frchten duftend, wurde gebracht, und
unter dem eigenartigen Weihnachtsbaum entfaltete sich ein buntes Bild. Die
Matrosen, saen und lagen um den Tisch, Zigarrenrauch erfllte den Raum, und
zwischen den Lichtern blhte es und trug reife Frchte am eigenen Stamm. Die
Gesichter der Eingeborenen sahen von drauen herein, horchten mit Erstaunen den
Klngen der deutschen Sprache und summten im Takt die Melodie, ohne den Wortlaut
zu ahnen:

O du frhliche,
O du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit

    Es war ein schner und froher Weihnachtsabend, den die Matrosen von der
Gazelle im fernen Apia verlebten. Erst gegen Morgen kehrten die jungen Leute zum
Schiff zurck, singend, frhlich und bepackt mit allen mglichen guten Dingen,
um an Bord die Armen von der schwarzen Liste, die Wache gehalten hatten, jetzt
nachtrglich noch zu bewirten. Sie erschienen wie die leibhaftigen guten Geister
des Weihnachtsabends und brachten die Festfreude auch zu den armen Missettern,
die einmal auf das frischgescheuerte Deck gespuckt, in der Nhe des Gromastes
laut gelacht oder vielleicht sogar eine Stenge ungeschmiert gelassen hatten,
wofr ihnen dann die Strafwache unweigerlich zugefallen war.
    Am folgenden Tage ging es an eine Besichtigung der Umgebung. Soviel
tropische Schnheit wie hier hatte Robert kaum an irgendeinem anderen Ort der
Welt gesehen. Die ganze kleine Insel glich einem Garten, in dem die einzelnen
Ansiedlungen zerstreut unter den Bumen dalagen. Deutsche Handelshuser haben
fr die Bedeutung der Insel sehr viel getan. Sie betrieben den Ankauf der
einheimischen Erzeugnisse und beschftigten durch Pflanzungen von Kaffee, Mais,
Baumwolle und Kokosnssen viele Hunderte von Arbeitern.
    Robert fand bei einem Streifzug, den er mit andern unternahm, auf Upolu
keinen eigentlichen Urwald mehr, aber er bereicherte seine Sammlung von
Mineralien und erstieg wieder Gebirgszge, von wo aus er herrliche Fernsichten
hatte.
    Und dann, nach kurzem Aufenthalt, lichtete die Gazelle ihre Anker und nahm
Kurs auf die Heimat.
    Um die Sdspitze Amerikas herum, durch die Magelhaensstrae, durch die
Robert, wie wir wissen, schon einmal gekommen war, ging jetzt die Fahrt von der
Sdsee in den Atlantischen Ozean, vorher aber gab es noch eine unerwartete
Begegnung.
    Nach einer schnellen und glcklichen Reise lief die Gazelle am Neujahrstage
in die Magelhaensstrae ein und traf dort berraschend die Korvette Vineta, die
von Deutschland kam.
    An dem groen Korallenriff, das Robert schon von seiner Reise von Bergen
nach San Franzisko her kannte, lag die Gazelle beigedreht, um eine nhere
Untersuchung des Riffs von der Pinasse aus vorzunehmen, als pltzlich vom
Ausguck her der freudige Ruf Schiff in Sicht an Backbord! alle Matrosen und
sogar die gelehrten Herren in Aufregung versetzte. Die Magelhaensstrae wird von
Handelsschiffen nur in Fllen eintretenden Wassermangels befahren, es war daher
schon immer ein kleines Ereignis, hier einem Schiff zu begegnen.
    Als man im Topp des herankommenden Fahrzeuges die deutsche Flagge erkannte,
erscholl fast gleichzeitig hben und drben ein lautes, freudiges Hurra der
Mannschaft. Kanonendonner erfllte die Luft, beide Schiffe legten sich mglichst
nahe nebeneinander, und dann wurden Boote ausgesetzt, um die gegenseitigen
Beziehungen so eng wie mglich zu gestalten. Landsleute fanden sich, Freunde und
Bekannte freuten sich ber das unverhoffte Wiedersehen, der eine erzhlte und
der andere hrte zu, kurz, es war ein Fest, das hier auf See gefeiert wurde. Die
Wissenschaftler machten eine reiche Ausbeute von besonders schnen, seltenen
Korallen, von Muscheln, Schnecken und Fischen sowie einer Anzahl Insekten der
verschiedensten Arten; die Matrosen erhielten einen freien Tag und eine
auergewhnliche Ration Grog, die Offiziere endlich konnten politisieren, ber
dienstliche Angelegenheiten sprechen und alte Erinnerungen austauschen.
    Am folgenden Tag trennten sich die Schiffe, die Mannschaft der Vineta gab
den heimkehrenden Kameraden noch Briefe und Gre mit auf den Weg, und die
Gazelle steuerte der Heimat zu.
    Nach fast zweijhriger Abwesenheit erreichte sie ohne Zwischenflle im April
den Hafen von Kiel. Man wrdigte beim Empfang der Korvette nicht nur die
Verdienste der Wissenschaftler bei der Erforschung krzerer und sicherer
Seewege, sondern auch die einmalige seemnnische Leistung von Kommandant und
Besatzung.
    Und hier nehmen wir von Robert Abschied. Wir folgten ihm auf seinem
Lebensweg ber alle Lnder der Erde. Das Schicksal lie ihn durch eine harte
Schule gehen, doch er hat seine Lehren beherzigt, er hat an sich gearbeitet und
gelernt, seinen Eigensinn und seinen Trotz, die ihn einstmals aus dem Elternhaus
forttrieben, zu beherrschen.
    Eins aber bewahrte sich Robert in all den Jahren: seine Liebe zur See. Nach
lngerer Ruhezeit, die er zu Hause bei seiner alten Mutter verbrachte, zog er
noch einmal als Bootsmannsmaat hinaus. Dann ging er nach Hamburg auf die
Seefahrtschule und legte dort sein Steuermannsexamen ab. Als Kapitn eines
groen Seglers ist Robert noch lange Jahre ber alle Meere gefahren.
