
                              Franois, Louise von

                         Stufenjahre eines Glcklichen

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                              Louise von Franois

                         Stufenjahre eines Glcklichen

                                  Wiegensegen

In der Pfarre von Werben hat man den letzten freien Ausblick in das Tal, das
sich von da ab zur Aue verflacht. Der Garten umzieht nach drei Seiten das Haus;
gegen Mittag trennt es nur ein Fupfad von dem rebenbepflanzten steilen
Uferhange; rasch bewegt strmt unten der Flu; seine jenseitigen Rnder steigen,
mit Laubwald bedeckt, mhlich empor hinter saftigen Wiesenflchen, die rings das
untere Dorf nebst dem Talgute umschlieen, whrend auf der nrdlichen Hochflche
unbersehbare Korngebreite sich dehnen. Die Kirche, vom Friedhof umschlossen,
wie auch weiterhin das Oberdorf, liegen eine Strecke rckwrts im freien Felde;
das Schlogut aber, mit seinen sich zum Flu absenkenden Terrassen, steht nur
auf halber Uferhhe und zieht die Auffahrt zu ihm sich entlang einer Schlucht,
deren beide Seiten von rmlichen Frnerhtten eingefat sind. Die alleruerste,
die allerrmlichste von ihnen, wie ein Nest an den Felsen geklebt, ist die des
Gemeindehirten, das Hutmannshaus.
    So hat man in der Pfarre den Blick weder zum Grunde hinab noch zum Himmel
hinan beschrnkt; sie bildet ein herzerquickendes Lug ins Land; ein Odem
gesunder Frische und Flle umweht sie von allen Seiten, und gesunde,
herzerquickende Menschen sind es auch, die sie bewohnen.
    Es ist Johannisnachmittag; sieben Kornblumenkrnze vor den Fenstern deuten
den Kindersegen an, der dem Hause entsprossen ist; der Vater mustert im kleinen
Vorgarten seinen Rosenflor; Stock fr Stock werden die vollreifen Blten
abgeschnitten, auf da die Knospen sich zu entfalten Saft und Raum gewinnen und
die gesammelten Bltter, in der Wschtruhe verduftend, mitten im Winter an die
kstlichste Blumenzeit gemahnen.
    In der Weinlaube, dicht neben der Haustr, sitzt die Frau Pastorin; der
Strickstrumpf ruht in ihrem Scho und der Blick auf dem jngsten der Sieben, das
vor ihr in der Korbwiege schlummert. Es zhlt erst vierzehn Lebenstage, und wre
heute nicht das Fest des Tufers, an welchem jegliches Unternehmen zum Segen
gedeiht, htte es wohl noch ein Weilchen sich in der verhllten Wochenstube
gedulden mssen. Es ist ein unruhiges, sprliches Geschpfchen; nun aber hat die
hohe, stille Junisonne und hat die Wrze der Rebenblte es dem kleinen Unhold
angetan; er schlft seit einer Stunde nach Wiegenkinder Art und Pflicht.
    So zart und bllich das Kind, so rund und rotbckig ist die Mutter; und sie
ist keine junge Mutter mehr. Sie knnte gut und gern schon Gromutter sein, und
da sie mit den Freuden und Sorgen einer Kinderstube nicht krglich bedacht
worden ist, bekunden die Johanniskrnze an ihrem Haus. Dennoch hat sie den
kleinen Sptling sieben Jahre lang mit Sehnsucht erwartet und sich seiner
Anmeldung wie der eines Erstlings erfreut. Denn die sechs Vorlufer sind
Mdchen, lauter Mdchen, und nun sollte und mute die Siebenzahl durch einen
Knaben abgeschlossen werden.
    Nicht um ihrer selbst willen; Frau Hanna Blmel fhlte sich von Grund aus
eine Tchtermutter, meinte auch - es ist ein Menschenalter her, da sie also
meinte, und die Meinungen ndern sich in einem Menschenalter -, dazumal aber
meinte sie, da doppelt so viel Mdchen leichter zu erziehen und dereinst
leichter zu versorgen seien als halb so viel Knaben. Nein, nicht sich selbst,
aber ihrem Gatten htte sie doch so herzlich einen Sohn gewnscht, mit dem er
wiederum so jung werden konnte, wie sie es zwischen ihren Tchtern geblieben
war; wiederum jung werden, indem er ihn durch die Reihen seiner geliebten alten
Heiden und Christen fhrte. Und nun war es zum siebenten Mal ein Mdchen, das
kein Vater durch alte Heiden- und Christenreihen zu fhren Verlangen trgt, und
Frau Hanna Blmel fhlte sich nahezu beschmt, als htte sie ihren irdischen
Beruf nur zur Hlfte erfllt. Zwar hatte der fromme Herr ob der Enttuschung
weder gemurrt, noch geklagt, noch auch nur geseufzt. Er hatte einfach
geschwiegen. Es gibt aber ein sehr beredsames Schweigen, und fr Pastor Blmel
gab es ein speziell beredsames.
    Pastor Blmel war Blumist; von allen Gottesgeschpfen liebte er keine
zrtlicher als die, welche lautlos am Boden erblhen; - die, wenn auch mitunter
etwas allzu lauten Menschenblten selbstverstndlich ausgenommen. Zwischen
Kindern und Blumen ist Wohlsein, sagte er gern. Nachdem er daher seine lteste
Tochter, die noch whrend der Leidenszeit der hehren Knigin geboren ward, auf
deren Namen und die beiden nchstfolgenden auf die ihrer Gromtter getauft
hatte, wute er fr die drei nachfolgenden, - da seine Hanna, huslicher
Verwechslungen halber, auf eine Namensteilung verzichtete, - keine
ansprechenderen zu whlen als einen von denen seiner Blumenkinder; die kluge
Hausfrau aber lie sich neben dem Luischen, Lorchen und Dorchen eine Liane,
Balsamine und Erika bereitwillig gefallen. Sie sah ein Liebeszeichen in der
Wahl, und das botanische Namenserbe fr den Hausgebrauch gtlich in ein Linchen,
Minchen und Riekchen umzuwandeln, war ja so leicht.
    Nun aber hatte der Vater sein Letztgeborenes noch nicht ein einziges Mal auf
seine Blumenverwandtschaft hin angeschaut, sich keine Blumenpatenschaft fr
dasselbe auserkoren. Tauftag und Taufzeugen waren festgestellt. Die lteste
Tochter sollte das Schwesterchen ber das heiligende Wasser halten; der
Amtsbruder Kurze in Bielitz und Frau Amtmann Mehlborn, die Gutspchterin,
sollten ihr zur Seite stehen, und weil dieser guten Freundin Geburtstag heuer
just auf den sechsten Sonntag nach Trinitatis, will sagen auf den Perikopentag
von dem brderlichen Vershnungsopfer, Pastor Blmels Leibtext fiel, war es
seiner Gattin leicht geworden, ihn zum Verschieben des Weiheaktes bis auf diesen
Festtag zu bestimmen. Als sie nun aber auch den Namen des Tuflings in Erwgung
stellte, da hatte der Vater lchelnd erwidert: Whle ihn nach deinem Gefallen,
liebe Hanna!
    Nach ihrem Gefallen! deutlicher htte er doch wahrhaftig seine
Gleichgltigkeit nicht ausdrcken knnen! Und das inmitten des ppigsten
Juniflors! Er hatte in seinem Treibbeet zum ersten Male eine neue Sommerpflanze
zum Blhen gebracht; wre es ihm beigekommen, sein Tchterchen nach ihr Gloxinia
zu taufen, Frau Hanna wrde kein Wort dagegen erhoben und fr den Hausgebrauch
dem Linchen und Minchen ein Sinchen angereiht haben. Nach deinem Gefallen! sie
empfand die Krnkung ihres unschuldigen Lmmchens bis in den Muttergrund hinein,
ja als sie heute, zum ersten Male seit zwei Wochen, den hartherzigen
Tchtervater mit so viel Sorgfalt zwischen seinen Blumenkindern walten und dabei
so achtlos an der kleinen Menschenblte in der Wiege vorberschlendern sah, da
htte sie vor Entrstung Trnen vergieen mgen; und Frau Hanna Blmel hatte
wohl schon manchmal Kummertrnen und fter noch Freudentrnen geweint, eine
Trne der Entrstung aber hatte ihr noch nie die guten, klugen Augen getrbt.
Sie beugte sich ber die Wiege und kte ihr kleines Mdchen so ungestm, als ob
sie es durch doppelte Zrtlichkeit fr den Abbruch an Vaterfreude entschdigen
msse.
    Aber die Liebe macht schlau und Mutterliebe am schlausten. Als sie den
grausamen Vater sich wieder einmal der Laube nhern hrte, zog Frau Hanna das
Gesicht hastig unter dem Wiegenhimmel hervor, lehnte sich auf der Bank zurck
und setzte ihre Stricknadeln in Bewegung. In ihrem anschlgigen Haupte war ein
verwogenes Stratagem reif geworden; in heller Kampfeslust hatten die Wangen sich
noch eine Schattierung hher als in Friedenszeiten gefrbt, und aus den blauen
Augen blitzte ein lchelnder Trotz: Dir soll und wird zu deinem Recht verholfen
werden, du unschuldige Kreatur!
    Die unschuldige Kreatur untersttzte die mtterliche Kriegslist durch
verdrieliches Gemurr. Ob sie der Schlummerruhe, die durchaus nicht in ihrem
Temperament zu liegen schien, berdrssig, ob sie durch den ungestmen Ku vor
der Zeit aus derselben geweckt worden war: kurzum sie murrte, und das Murren
schlug in Greinen um, just als der Vater herantrat, seine Rosenernte
darzubieten. Frau Hanna beachtete weder das Greinen noch die Ernte; die Stirn in
krause Falten gezogen, strickte sie mit Vehemenz.
    Die Kleine verlangt nach dir, Hanna, mahnte der Vater. Frau Hanna nahm die
fnfte Stricknadel zwischen die Lippen, zog die Brauen in die Hhe und zhlte
die Maschen ihres Strumpfes.
    Pastor Blmel schob das schwarze Kppchen von der Stirn zurck, wischte die
Brillenglser mit dem Taschentuche ab und blickte in hellem Wunder auf das
befremdliche Gebaren. Er stand noch mehr wie seine Gattin in dem Alter, wo
Elternfreuden, selber bei einem Landpfarrer, Ausnahmen werden; er schaute auf
eine mehr als zwanzigjhrige Ehe zurck, aber noch nie hatte er sein
frohgewilltes Weib rgerlicher Laune gesehen, noch niemals seine Stirn gefurcht
und die Lippen mimutig herabgezogen wie heute. Und das umwogt von Balsamdften
und bei einem Anla, der das Mutterherz zu inbrnstigem Danke stimmen mute!
    Das Kind schrie jetzt jmmerlich; die Mutter schien ber dem Klappern der
Stricknadeln taub geworden zu sein.
    Die Kleine verlangt nach dir, Hanna! wiederholte der Vater mit ngstlicher
Miene.
    Sie bi die Lippen bereinander und strickte, als ob es auf der Welt nichts
so Wichtiges wie eine Strumpfhacke fertigzubringen gbe. Der Vater setzte sich
an ihre Seite und begann die Schaukel der Wiege zu treten; das Kind schrie und
strampelte merklich mit den Beinchen.
    Die Kleine verlangt nach dir, Hanna! sagte der Vater zum dritten Male,
diesmal mit vorwurfsvollem Klang.
    So la doch den Schreihals! versetzte die Mutter, ohne aufzublicken.
Mdchen querelen allemal rger als Knaben!
    Pastor Blmel schttelte den Kopf und trat die Schaukel immer eifriger. Er
beugte sich ber die Wiege, versuchte die Bnder des Wickelbettchens zu lsen
und betrachtete aufmerksam das kleine, vom Schreien kirschrote Gesicht. Ein
herziges Pppchen! meinte er nach einer Weile. Es sieht dir hnlich, liebe
Hanna.
    Mir? widersprach sie. Dir ists wie aus den Augen geschnitten,
Konstantin.
    Der Pastor schttete seinen Rosenkorb ber die Wiegendecke und kitzelte das
kindliche Stumpfnschen mit einer Zentifolie; die Kleine ward fr einen Moment
still, nieste dann und verzog die Lippen zu einem Lcheln, was bei Wickelkindern
ein Zeichen des Unbehagens ist und einen demnchstigen Ausbruch gewrtigen lt.
Der Vater aber erwiderte das Lcheln, nickte seinem Tchterchen zu und sagte:
    Die Kleine sprt wahrlich schon den Rosenduft! Oder meinst du, Hannchen,
da sie auf dem Wei der Decke die bunten Farben unterscheidet?
    Sie wird eine Blumennrrin werden, spottete die Mutter. Derlei unntze
Steckenpferde sind fast immer ein Tochtererbe. Wre es ein Knabe - -
    Wrde er jetzt schon mit Stricknadeln spielen, gelt? unterbrach sie
lchelnd der Vater. Wie vereitelte Wnsche dich doch betren, Hanna!
    Dich etwa nicht, Konstantin?
    Gott verhte es! Nun ja, warum sollte ich es leugnen? Ich habe bei jeder
Aussicht auf Elternfreuden, also siebenmal, einen Sohn erhofft. Hatte der Vater
sein Gengen, so htte der alte Pdagog doch gern mit einem Knaben seinen
Plutarch noch einmal vorgenommen, der Diener im Amt sich gern einen Nachfolger
herangezogen. Mir war mitunter, als ob ich vor der Zeit - wie soll ich nur
sagen? - nun ja, zusammenschrumpfe, als ob bei der Bildung eines Sohnes, - ja
lchle nur, Hannchen, - ich noch wachsen knne. Als aber der Herr fr den Sohn,
den er versagte, mir - -
    Sieben nichtsnutzige Mdchen bescherte, die von alten Heiden den Kuckuck
verstehen, menschliche Wesen zweiter Klasse, Mitteldinger zwischen Aff und Mann
-
    Frevle nicht, Weib! rief der Pfarrer schier entsetzt. Versndige dich
nicht! Wie wirst du eines Tages deinem Gott noch dafr danken, da dieses Kind
wiederum ein Mdchen war! Vota Diis exaudita malignis! Das heit: Bswillige
Gtter erhren unsere Wnsche, sagten die alten Heiden, deren du soeben hhnend
erwhntest, weil du sie nicht verstehst, liebe Hanna, nur weil du sie nicht
verstehst, da sie in manchen Gebieten heute noch uns weit berlegen sind. Was
uns aber himmelhoch ber sie erhebt, ist, da wir eines Vaters Weisheit
verehren, wenn uns die natrlichsten Wnsche versagt, die teuersten Hoffnungen
zunichte werden. Und darum, Hanna, werden wir unser kleines Mdchen lieben,
nicht nur als unser Fleisch und Blut, sondern auch als einen besonderen
Gottessegen. Es lag eine Absicht in dieser Gabe, die wir uns mhen wollen zu
verstehen. Und dann, Hannchen, - setzte er nach einer kleinen Pause trstend
hinzu - vielleicht nur sie, vielleicht auch ein wenig sich selbst, - Hannchen,
es braucht ja just noch nicht die letzte Hoffnung zu sein.
    Hilft der Himmel - doch! rief Mutter Hannchen mit dem hellsten Farbenklang
der Aufrichtigkeit.
    Das Kind hatte, wie sein Lcheln angedeutet, whrend des Vaters erbaulicher
Rede seiner Schreilaune in wahrhaft erschrecklicher Weise die Zgel schieen
lassen. Das Schaukeln verschlug nicht mehr; der Vater mute es aus der Wiege
heben und auf den Armen schwenkend es vor der Laube hin und wieder tragen, bis
die roten Deckelchen sich von neuem ber die Augen senkten. Die Mutter blickte
mit verstohlener Rhrung auf die absonderliche Gruppe; sie berlegte, ob ihr
diplomatisches Kunststck schon im ersten Angriff gelungen sei, hielt es
indessen fr geraten, der Krise bis auf weiteres zuwartend ihren Lauf zu lassen.
Sie strickte, aber gelassener, und begngte sich, nachdem ihr Konstantin die
Kleine wieder in der Wiege untergebracht, derselben hinter seinem Rcken die
Lage etwas behaglicher herzustellen.
    Der Pfarrer hatte die Laube verlassen; in ernsten Gedanken ging er den
Gartenweg auf und ab. Wie sollte er sich die naturwidrige Verfassung seiner
Gattin erklren? Sie, bisher die verkrperte Mutterlust, am ersten Tage der
Genesung, unter dem strahlenden Johannishimmel, umwogt vom Weihrauch der
Sommerblte, pltzlich die Seele voll Unmut, die Rede eitel Sarkasmen, Verdru,
ja Zorn gegen ein unschuldiges Kind! Und das lediglich aus dem Grunde, da
dieses Kind sich unter ihrem Herzen zu einem Wesen ihrer eigenen Gattung
gestaltet hatte! Konstantin Blmel hatte in seiner persnlichen Konstitution,
wie in der seiner Familie, Gott sei Dank! wenig Bekanntschaft gemacht mit den
geheimnisvollen Zwischentrgern, die nur allzu hufig Hader auf Leben und Tod
unter den gewaltigen Zweiherrn Leib und Seele anzustiften pflegen. In diesem
auerordentlichen Falle konnte er indessen lediglich auf eine krankhafte
berreizung der Nerven infolge des Wochenbettes schlieen, und so viel sah er
ein, da in gegenwrtigem Stadium es verlorene Mhe sein werde, mit christlicher
und menschlicher Pflichtenlehre direkt gegen die Dmonen zu Felde zu ziehen. Um
sich greifen durfte er, als Seelsorger und Vater, das Unheil indessen auch nicht
lassen, und so gelangte er zu dem Beschlu, auf einem Umwege die Gedanken in die
natrliche Bahn zurckzulenken, so wie etwa der Dichter eine zutrgliche Moral
dem Volke im Gewand der Fabel zu Gemte fhrt. Er kehrte in die Laube zurck und
hob an, indem er sich an der Seite seiner Gemahlin niederlie:
    Ich habe dir, liebe Hanna, noch nicht von meinem gestrigen Abendgange durch
das Dorf erzhlt. Du warst, als ich heimkehrte, ruhebedrftig, und ich war
erregt wie immer, wenn ich mit dem Hutmannshause in Berhrung komme. Der bloe
Anblick schneidet mir in das Herz! Ein derartig menschenunwrdiges Obdach am
Eingange zu einem wohlangesehenen Edelhofe, - ja frwahr, kein feiner Ruhm wrde
es zu nennen sein, htte unsere gndige Herrschaft diesen ihren Erbsitz in der
neuen Provinz jemals in Obacht genommen.
    Eine Snde und eine Schande nenne ich es, Konstantin, ohne Wenn und Aber,
entgegnete Frau Hanna.
    Ihr Eheherr seufzte. Was dem Auge fern ist, ist es dem Herzen auch, sagte
er darauf. Dazu, wir wissen es ja, die finanzielle Lage! Der leidige
Kriegszustand hat schon manchen reichen Grundbesitzer zu einem rmling gemacht.
    Den von Werben mehr der Friedens- als der Kriegszustand, Konstantin.
    Pastor Blmel tat, als htte er den Widerspruch nicht gehrt.
    Und was den Pchter betrifft, fuhr er fort, so knnen Reparaturen aus
eigenem Sckel dem Manne billigerweise doch auch nicht zugemutet werden.
    Ei, warum denn nicht, Konstantin? wendete Frau Hanna ein in ihrem
allernatrlichsten munteren Ton. Ob sie die Rolle der Rabenmutter vergessen
hatte oder, siegessicher, sie fortan fr berflssig hielt - genug, sie lachte,
und ihr feiner Seelsorger lchelte. Ihn, den Pchter, haben weder Kriegs- noch
Friedenszeiten zum rmling gemacht. Mittel sind da! ist des Grohansen Spruch,
und woher stammen die Mittel als aus den Vorteilen der Pachtung, die von Vater
auf Sohn den Mehlborns zugute gekommen sind?
    Erweisbar doch aber nur gesetzlich gestattete Mittel, Hanna!
    Lehre mich meinen Harpax kennen, Konstantin! eiferte Frau Hanna, worauf
ihr gern entschuldigender Konstantin anfhrte, da ohne eine streng erhaltsame
Ader ein Bauer, trotz aller Arbeit, es nicht zum Wohlstand bringen werde, in
bezug auf den Grohansen indessen nicht umhin konnte zuzugestehen, da dem Manne
dieser Wohlstand samt der adligen Verschwgerung einigermaen zu Kopfe gestiegen
seien.
    Indessen, setzte er hinzu, wem schadet er durch seinen Sparren als sich
allein? Bei aller Klugheit merkt er bis jetzt noch nicht, da er die Zielscheibe
des Spottes geworden ist. Eines Tages aber wird er es merken und - es tut mir
immer weh, liebes Hannchen, wenn ich dich unter den Spttern sitzen sehe.
    Aber Konstantin, wozu wren denn die Narren gut, wenn man nicht einmal ber
sie lachen drfte?
    Es ist ja eine so alltgliche Narretei, Hanna; in alten wie neuen Komdien
bis auf die Grundneige ausgenutzt, langweilig oder traurig je - -
    Im Gegenteil, Konstantin; ein Sonntagssparren ist es, der kurzweilig wirkt
durch den Kontrast. Wie es Quartalstrinker gibt, die durch einen periodischen
Rausch sich fr die Alltagsnchternheit entschdigen, so sticht auch unseren
Bauer nur in Pausen eine nobele spanische Fliege, und in der Zwischenzeit ist er
ein Grobian und ein Filz der ersten Sorte. Man kme aus der Erbosung nicht
heraus, wenn seine Narretei den Patron nicht dann und wann ein bichen
ertrglicher machte.
    Warum willst du dich nicht aber lieber an die gesunden Krfte halten, die
allen Schden und Schrullen zum Trotz - Adams Erbteil, liebe Hanna, in
irgendeiner Weise keinem seiner Kinder erspart! - sich in seiner Natur behauptet
haben? An seine Tchtigkeit, Migkeit, Unermdlichkeit und - ich will nicht das
hchste Wort gebrauchen, aber ich bleibe dabei, da ein schlechthin unredliches
Geschft dem Manne weder nachzuweisen, noch auch nur zuzutrauen wre. Wie zum
Magnaten ist er auch zum Schwindler, Gott sei Dank! allzu standfest ein Bauer.
    Das heit ein Schlaukopf, der das Risiko eines Schwindels scheut! rief
Frau Hanna, welche jetzt unwiderstehlich aus der tragischen Rolle in ein
lustiges Lieblingsthema verfallen war. Aber warte nur, warte, du mein
titulierter Herr Rittergutsbesitzer und Baron in spe! bei der ersten Lektion,
welche die grfliche Exgouvernante dir wieder in der hheren Tafelkunst erteilt
- wir sind beim Gabelfhren mit der linken Hand stehen geblieben, Konstantin! -
bei der nchsten Quartalsschrulle soll das baufllige Hirtenhaus dir recht
erbaulich zu Gemte gefhrt werden, und fr ein neues Schindeldach vor Winters,
dafr mindestens, Konstantin, bin ich dir gut.
    Nun mache es nur gndig mit deinem alten Zgling, Hannchen, versetzte der
Pfarrherr lchelnd. Glckt es dir aber mit dem Schindeldach, so freue dich, da
dasselbe noch den armen Freys, das heit den rmsten der Gemeinde zugute kommen
wird. Auf meine Vorstellung hat der Herr General ihnen das Wohnungsrecht in
einem der Frnerhuser wie bisher zugestanden, wenn auch weder die Gemeinde,
noch der Amtmann zu bewegen war, den Klaus ber den Johannistermin hinaus als
Schfer beizubehalten. Gestern hat er die Herde zum letzten Male ausgetrieben.
    Der gtige Mann seufzte bei den Worten; seine Hanna dagegen erklrte die
Gemeinde und in diesem speziellen Falle sogar den schnden Amtmann fr durchaus
in ihrem Recht.
    Wie hatte sie, Frau Hanna nmlich, den Klaus seit Jahr und Tag gemahnt,
gewarnt, gescholten! Wer nicht hrt, mu fhlen. Die vermaledeite Schenke lag
dem Hutmann, ob er aus- oder eintrieb, allemal bei Wege. Die Herde wurde seinen
wilden Buben, wenn nicht gar dem alten, lahmen, blinden Phylax berlassen, und
die gutmtigen Schfchen sind lange nicht so dumm, wie sie aussehen: sie wissen
fette Wiesen einem abgeweideten Anger vorzuziehn. Der Ungehrigkeiten - gelinde
ausgedrckt -, die bei der vorjhrigen Schur vorgekommen sind, noch gar nicht
einmal zu gedenken.
    Der Pfarrer konnte diesen Bezichtigungen leider nicht widersprechen, setzte
aber milde hinzu: Schuld geht fast jedem Elend und Ungeschick fast jedem
Migeschick voran, liebe Hanna. Werden Elend und Migeschick aber weniger
erbarmenswert, oder etwa erbarmenswerter, weil sie sich erweislich, sei es aus
unsern Handlungen, sei es aus unsern Unterlassungen entwickelt haben? Und wenn
wir hier ein Gemeinde glied auf abschssiger Bahn sinken sehen so tief, wie
meiner Zeit noch keines gesunken ist, vom ansssigen Bauer zum Schafhirten und
von diesem - -
    Zum Tagedieb und Strolch!
    Dieses uerste abzuwenden war der Zweck meines gestrigen Weges, liebe
Hanna. Helfen, das heit dauernd Arbeit geben, kann allerdings nur der Amtmann;
bis dieser aber seinen Widerwillen gegen den Klaus berwunden haben, bis er, bei
kaum vermeidlichen Rckfllen des Arbeitsscheuen, zu christlicher Langmut zu
bewegen sein wird, - was meinst du, mein Hannchen, wenn wir den Klaus zunchst
unsere Spargelbeete umrajolen lieen?
    Aber, Konstantin, damit hat es ja noch Jahr und Tag Zeit!
    Mit dem Spargelbeet allerdings, Hannchen, aber mit dem Klaus hat es Eile.
    Eile mit Weile, Konstantin! Die Ernte steht vor der Tr, und die
Spargelbeete laufen nicht davon, bis einmal die Arbeit nicht haufenweis bei Wege
liegt. Aber erzhle doch deinen Dorfgang zu Ende. Du warst auf des Klausen
abschssiger Bahn angelangt. Nun weiter!
    Ja, weiter, seufzte der Pfarrer. Der Mann ist schuldig, unleugbar
schuldig, Hanna. Aber ebenso unleugbar ist er zu entschuldigen. Er ist ein
Bauernsohn, aber ihm fehlte nun einmal das Erbe jeglichen Bauernsinns und
Schicks; da ich so sage eine Mehlbornsche Ader. Und an schlimmen
Zuflligkeiten, wie wir trichterweise das Unberechnete, oder vielleicht
Unberechenbare nennen, hat es wahrlich auch nicht gefehlt. Neun lebendige
Kinder, und das zehnte vor der Tr! Knnte halbwegs ein Gotteslsterer da nicht
versucht sein auszurufen: Herr, halt ein mit deinem Segen! Schon das Aufbringen,
welche Last und Qual! Und sind sie endlich so weit: wie die Vglein, wenn sie
flgge geworden, fliegen sie hinaus in die Welt, und hlflos, unfhig zur Hilfe,
haben die Erzeuger das Nachsehen. Des Klausen Weib, die arme Kreuztrgerin, ist
eine Mutter nach Gottes Herzen. Aber wute sie ein Wort davon, als ihr
Erstgeborener, der Gardist, im Lazarett mit dem Tode rang? Und htte sie darum
gewut, wrde sie zur Pflege an seine Bettstatt haben eilen drfen? Oder, was
konnte sie fr ihren Zweitgeborenen, den blden Friede tun, als er, kaum eine
Stunde von ihr fern, vom Gnsejungen zum Kuhjungen und vom Kuhjungen zum
Pferdejungen herangeprgelt wurde, bis auch ihn schlielich der heilsame
Korporalstock unter seine Zucht genommen hat? Ein Glck, da den jngeren Sieben
die gleiche Schule in Aussicht steht. Neun Jungen! Prachtjungen! Wahre
Enaksshne, geborene Flgelmnner, einer wie der andere! Der Stolz eines
Vaterlandsfreundes und die Lust eines wohlgerichteten Vaterherzens! Hanna,
Hanna! Wer ermit aber die sonderbare Fhrung, welche dem einen das Heiersehnte
hartnckig versagt und dem anderen es bis zum berma, bis zur berlast
verleiht?
    Frau Hanna zog bei dieser unerwarteten Rckflligkeit die glatte, rosige
Stirn in die allerkrausesten Falten; sie lie das Kind, welches, weil es
wiederum zu murren begonnen, sie auf ihren Scho zu nehmen im Begriffe war, so
unsanft, als sie es ber das Herz brachte, in die Wiege zurcksinken und rief,
indem sie ihm eine Faust machte: Da hrst du's, unntze Mdchenkreatur! die
rmsten Hirtenbuben wachsen ohne Zuck und Muck zu Flgelmnnern und
Vaterlandsverteidigern heran, whrend ihr, armselige Jammerbasen - -
    Der Vater hatte auf dem falschen Wege, in den er sich verirrt, erschrocken
innegehalten. Er trat wieder energisch die Schaukel, fchelte das Gesichtchen
mit seiner Zentifolie, bis die roten Augendeckel wieder zufielen, und lenkte,
ohne seine Hanna ausreden zu lassen, nach seinem eigentlichen Ziele zurck.

Der Klaus sa auf einem Klotz seiner Tr gegenber; er mochte das Valet von
seiner Herde einem der Buben berlassen haben und eben erst aus der Schenke
heimgekehrt sein, denn der Fuseldunst qualmte ihm gleichsam aus dem puterroten
Schdel, und halb im Taumel - ganz in Taumel gert er schon lngst nicht mehr -
glotzte er in das Blaue hinein. Der Schenkwirt ist auch schuldig, hauptschuldig,
Hanna. Wozu er keinen Besseren hat, hat er den Frey, und der Frey ist ihm
gewrtig - leider ihm allein - und wre es mitten in der Nacht; denn jeder
eilige Botenweg, jeder noch so grbliche Dienst wird statt mit Brot oder Geld
mit den eklen Branntweinneigen bezahlt, die kein Gast mehr mag. Mein Gang, ich
sah es, war verfehlt; wozu htte in dieser wsten Verfassung mein
Arbeitsvorschlag fhren sollen? Ich stellte mich, als ob ich den Mann nicht
bemerkte, indem ich den Kopf nach dem engen Hofraum drehte, auf dessen magerem
Dunghaufen das junge Hirtenvolk sich mit ein paar Hhnern und Ferkeln
herumjagte. Das liebe Vieh eitel Haut und Bein, die Menschenbrut pausbckige
Apfelgesichter! Das gedeiht wie durch Wunder bei allem Unflat und Hunger.
    Ich wrde sagen, Konstantin, wendete die Pastorin ein, das gedeiht, weil
eine brave Mutter den Unflat alle Tage wieder abwscht und kmmt und weil die
Brosamen von unserer Amtmnnin Tische so reichlich fallen, als die Batzen aus
des sauberen Herrn Amtmanns Tasche knapp. Aber weiter, Konstantin. Du redetest
den Klaus also nicht darauf an?
    Ich nicht ihn, aber er mich, Hanna. - Sie kundschaften wohl nach Ihrem
Dezem, Herr Pastor, fragte er mit schmunzelndem Hohn. - Du mut wissen, Hanna,
mit dem Dezem, da meinte er, landlufig, das Zinshuhn, das auf der armen
Frnerhtte lastet, und das am Johannistermin regelmig in Erinnerung zu
bringen der Kantor trichterweise noch immer fr seine Schuldigkeit hlt.
    Du solltest den Beyfu darum loben, Konstantin. Ordnung mu sein, und Recht
bleibt Recht. Der reichste Hofbesitzer beruft sich schlielich auf den armen
Frner, dessen Zinshuhn eingeschlummert ist.
    Pastor Blmel seufzte tief. Hanna, sagte er darauf, den Tag, an welchem
die langgeplante Ablsung dieses widerwrtigen Opfers an Korn und Blut zu einer
Wahrheit wird, den Tag wollen wir feiern wie ein zweites Hochzeitsfest.
    Insofern die Welt auch bei uns nicht ein bichen auf den Kopf gestellt
werden sollte, wird es mit dem Feste Weile haben, Konstantin, entgegnete Frau
Hanna lachend. Denn gehts ans Steuern, greift der Bauer immer noch eher in den
Sack als in den Sckel. Aber weiter, Freund, was gabst du denn dem Kujon auf
seine Unverschmtheit zurck?
    Ich entgegnete ihm einfach, da ich nicht um des Huhnes willen gekommen
sei, wie selbiges ja auch bisher alljhrlich von mir gestundet worden. Worauf
der Spottvogel dann kichernd erwiderte:
    Weil mein Gezcht der Frau Pastorin in ihren Suppentopf nicht fett genug
ist, gelt?
    Ei, du Hllenbraten! rief die Pastorin mit drohender Faust. Aber warte
nur, warte! Nun auf diesen Dank, Konstantin, hast du, will ich hoffen, deinem
Beichtsohne doch gebhrentlich gedient?
    Gebhrentlich, Hanna, ich schwieg. Leider indessen nicht beharrlich genug;
denn als auf meine ablenkende Frage nach seiner Frau der Klaus mir gleichmtig
erwiderte, da sie seit Morgens auf der Gutswiese mit Heuwenden beschftigt sei,
da, ich gestehe es mit Scham, bermannte mich Wort um Wort der Zorn, welcher,
wie gerecht auch immer der Anla, fr einen in meinen Jahren und in meinem Amte
doppelt strflich ist, daher ich mich denn auch ber die herbe Lektion, die er
mir eintrug, nicht beklagen darf. Scheut Ihr Euch nicht der Snde, fuhr ich auf,
das Weib, das Euch neun Shne geboren hat...
    Ist es meine Schuld, Herr Pastor, hhnte der Klaus, da kein Mdchen drunter
ist, das mir derweile zu Hause eine Suppe kochen knnte?
    Das Weib, das zum zehnten Male ihrer Stunde entgegensieht - -
    Htte ich was dawider, Herr Pastor, wenn sie ihr nicht entgegenshe?
    Das arme, schwache Weib hetzt Ihr in dieser Johannisglut zu saurer Arbeit
hinaus -
    Hetz ich sie, Herr Pastor? Sie geht von alleine.
    Whrend Ihr, baumstarker Mann, ein Simson von Gestalt und Kraft -
    Schn Dank, Herr Pastor, fr den frommen Vergleich.
    Die paar Heller, welche die Arme im Schweie ihres Angesichts erwirbt, in
der Schenke verschlemmt -
    Wohl bekomms dem Herrn Pastor, da er seinen Durst im eigenen Keller lschen
kann!
    Und dann daheim, die Hnde im Scho, in giftigem Kraute verqualmt.
    Kann ich mit Feuer dienen? Das Pfeifchen ist dem Herrn Pastor ausgegangen?
    Dieser letzte Spott, Hanna, traf mich wie ein Natterstich. Ich sprte eine
Blutwoge vom Herzen zum Hirn und vom Hirn zurck zum Herzen treiben. Nun ja, ich
hatte geraucht. Du weit, Hanna, ich rauche niemals unter meinen Kindern und
niemals unter meinen Blumen; das heit niemals, wenn ich mich erhole. Aber ich
rauche, wenn ich mich anstrenge, und ich strenge mich an auf meinen einsamen
Abendgngen durch Dorf und Flur. Da suche ich Anknpfungen fr die
Erbauungsstunden im Gotteshause und fr die Seelsorge in jedem Gemeindehause.
Denn leider ist es ja so, da ich nach zehnjhrigem Wirken denen, auf die ich
wirken soll, noch immer nahezu ein Fremdling geblieben bin. Es fehlt ihnen zu
mir der sympathische Heimatszug, dessen der Pfarrer mehr als jeder andere
Lebensgenosse bedarf. Da mchte ich denn mein Gemt recht weit auftun, da sie
es verstehen lernten bis auf den Grund, und ich mchte meine sprenden Sinne
schrfen, da das, was not tut, denen, die Gott mir gegeben hat, auch wohltue.
Darum rauche ich, Hanna. Und wahr ist es und bleibt es, es prickelt ein
seltsamer Reiz in diesem Kraut; aufrumend das Hirn, anregend Auge und Ohr,
unschtzbar fr den Arbeiter im Geist. So ungefhr wird denn auch wohl die
Vorhaltung gelautet haben, mit welcher ich mich vor dem Klaus gleichsam zu
rechtfertigen suchte; mglich jedoch mit etwas ungebrdigeren Worten; denn der
Mensch grinste, whrend er Stahl und Stein aneinander schlug, recht hmisch vor
sich hin, und auf jede meiner Thesen gab er gleichsam eine Antithese, die mir
die Galle immer leidenschaftlicher erregte.
    Also fr Ihre Sonntagsepistel rauchen Sie, Herr Pastor? Kurios! habe ich
doch immer gedacht, die knnte einer ohne Tobak fertigbringen.
    Wie ich nun aber, als Folgerung meines Vordersatzes, die gesundheitlich und
wirtschaftlich verderbensvollen Wirkungen des Tabaksgiftes auf die bloen
Handarbeiter, das heit auf die ungeheure Mehrheit des Volkes hervorzuheben
begann, da schlug der Mensch eine wilde Lache auf und sagte, indem er mir den
brennenden Schwamm hinberreichte:
    Na, lassen Sie's gut sein, und dampfen Sie, Herr Pastor. Es ist die alte
Geschichte. Tausende sollen sich placken und schinden mit trocknem Speichel und
wstem Hirn, auf da ein einziger Tobak rauchen und seinen Kopf fr eine
Sonntagsrede aufrumen kann. Das wird so des lieben Herrgotts natrliche Ordnung
genannt. Wenn aber einer von den Tausenden auch einmal seinen Kopf aufrumt, um
zum wenigsten in Gedanken eine Sonntagspredigt zu halten, da heit er ein
Rebeller gegen die gttliche Ordnung, und das hllische Feuer ist nicht hei
genug fr ihn.
    Auf diese Rede schwieg ich und ging. In mir wirbelte es und wogte es. Was
hatte ich mir bieten lassen mssen und von dem elendesten meiner
Gemeindeglieder! Ich konnte nicht also bald zurck unter die Sttten der
Menschen, auch nicht in meine eigene. Hinaus in die friedsame Natur. Ich schlug
den Wiesenweg ein; anfangs mit ungestmen Schritten, allmhlich gelassener. Die
Sonne war gesunken, vom Abend her wogte ein goldener Flor ber Himmel und Flu;
im Morgen stieg schon die Nacht empor, die stille, heilige Tufernacht. Ich sog
den sen Heubrodem wie einen Balsam in die Brust; ihre Unruhe lste sich; jenes
Etwas kam ber mich, das wir Weihe nennen, jenes seltene Etwas im Weltverkehr.
Mir war, als ob alle Schleier des Daseins sich senken, alle Klfte des
Menschengeistes sich fllen mten, und wie durch Zauber stand pltzlich der
trunkene Tagedieb Frey vor mir, ein anderer Mann, der vielleicht, zu welchem
sein Schpfer ihn erschaffen hatte. Lerne deinen Feind begreifen, und du wirst
ihn lieben lernen, nicht mit Menschenliebe, aber mit Heilandsliebe. Und da sagte
ich mir denn und sage es heute noch, Hanna: der Mann, in welchem der
Schenkendunst sich zu so tzendem Geifer zersetzt, das ist kein Alltagskopf,
Hanna; wahrlich, wahrlich, er ist es nicht. Dieser Mann war von Natur vielleicht
ein Genie; ein Halbgenie will ich lieber sagen, denn ihm fehlte jenes Bruchteil
von Kraft, das zum Vollbringen wie zum Entsagen unerllich ist und mit welchem
auch er die Fesseln des Erdengeistes gesprengt haben wrde.
    Dein Schicksal, Hanna, und meines stiegen neben dem seinen in meiner
Erinnerung auf. Du, die brotlos gewordene Erzieherin, ich, der brotlos gewordene
Erzieher, wir waren hundertmal rmer als dieser Mann und sein Weib, als wir in
bitterbser, vaterlndischer Zeit, vertrauend auf Gott und unsere Liebe, die
Hnde ineinander legten. Aber wir waren von Haus aus richtig gestellt. Der
Kandidat und seine Frau haben manchen Hungertag und manche Kummernacht
durchringen mssen, aber sie arbeiteten mit ihren natrlichen Krften in der
Mdchenschule und im Jnglingsauditorium. Und dieses mhselige Tagewerk
unterbrach die mannhafte Erhebung des Vaterlandes. Auch der arme Kandidat schied
von Weib und Kind; hochgeschwellt die Brust, strzte er sich in den befreienden
Strom. Wiederum eine Tat des Geistes! Und der ewige Herr hat die Getrennten
emporgehalten in dem Strudel von Blut und Not, hat sie liebend einander wieder
zugefhrt in dem erlsten Vaterlande, hat ihnen in der neuerworbenen
gedeihlichen Provinz eine Heimsttte erschlossen, wo sie frohgemut ihr Tagewerk
weiterfhren in der gttlichen Forschung und der Reinigung der Herzen, den
beiden Endpunkten, um welche jegliche Geistesarbeit sich bewegt. Wrden sie, an
ein Handwerkszeug gebannt, das nmliche Ziel erreicht haben?
    Siehe dahingegen diesen hohngeblhten Mann, dessen Geist im Schenkenqualm
verdunstet; wrde er ein rmling, ein Trunkenbold und Strolch geworden sein,
wenn ihm statt des Dreschflegels und des Pflugs, die er mimutig regierte, die
Leuchte der Wissenschaft, nach der er sich sehnte, in die Hand gegeben worden
wre? Die Alten der Gemeinde erzhlen, da es niemals einen eifrigeren Schler
unter ihnen gegeben habe als den Frey. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, auf
den Advokaten zu studieren. Pfarramt und Anwaltsstube sind ja heute noch so
ziemlich die einzigen Zielpunkte geistigen Strebens, die der Bauer kennt und
anerkennt. Aber der Klaus war ein Erbsohn; der Vater hielt ihn mit Gewalt im
Knechtsdienste fest auf dem Hofe, ber welchen er eines Tages als Herr gebieten
sollte. Voll Grimm und Groll entwich er und wurde Soldat. Er ist heute noch ein
beherzter Mann. Du weit, Hanna, wie er sich bei der Feuersbrunst in Bielitz
hervorgetan hat. Es war schreiendes Unrecht, da, um seines blen Leumunds
willen, der Landrat verweigerte, ihn zur Rettungsmedaille einzugeben. Die
Anerkennung htte ihm ein Sporn auf gute Wege werden knnen. Dazumal durchlebte
er im Dienste der Fremdherrschaft die gleiende Niedertracht seiner
vaterlandslosen Zeit und Zone, und als er nach Jahren heimkehrte, war die letzte
Spur von Bauernemsigkeit und Zucht in ihm erloschen. So seine Konstellation.
Wrde er mein Ziel erreicht haben an meiner Statt?
    Der Pfarrherr schwieg, und seine Gattin schwieg auch. Sie htte auf die
wunderliche Frage nicht ja sagen knnen, und das Nein wollte ihr doch auch nicht
flott ber die Lippen; schon darum nicht, weil ihr Kleinglaube ihren Konstantin,
ihren edlen, herrlichen Konstantin betrbt haben wrde. Nach einer
gedankenvollen Pause fuhr der Pfarrer fort:
    Sind es nicht aber gleichsam Stiefkinder der Natur, jene Ungezhlten, die
der allerhrtesten Tyrannei erliegen, der eines aufgepfropften Geschicks, das zu
erfllen oder zu bewltigen sie nur halb die Erkenntnis und halb die Ausdauer
haben? Hier die Last eines Zuviel, dort die Leere eines Zuwenig! Stiefkinder der
Natur und doch Gotteskinder! Wer lst den Widerspruch? Aber milde soll es uns
machen, milde und hlfreich, Hanna, wenn wir solch einen Halbbruder im Geist
falsch gestellt oder verirrt am Abgrunde taumeln sehen. Nicht die Gerechtigkeit,
die Vershnung ist der Ankergrund der sittlichen Welt.
    Von neuem versank der Pfarrer in seine Gedanken, und auch diesmal strte
seine Hanna ihn nicht. Er grbelte ber den Halbbruder im Geist, und ob er
letztlich nicht dennoch sich zu einem Kinde Gottes emporziehen liee? Sie
grbelte ber den Tagedieb Frey, und ob er letztlich nicht doch noch durch
rechtschaffene Arbeit vor dem Korrektionshause zu bewahren sei? Im Grunde
grbelten demnach beide brave Eheleute, die sie waren, ber ein und das
nmliche.
    Deine Geschichte ist wohl zu Ende, Konstantin? fragte endlich die Frau.
Sie hatte ihr Problem frher gelst als der Mann, und es prickelte ihr in Hnden
und Fen, ihren Plan zur Tat werden zu lassen.
    Noch nicht ganz, Hanna, versetzte der Pfarrer, indem er nicht ohne
Anstrengung die ursprngliche Pointe der Erzhlung in sein Gedchtnis
zurckrief. Am Kreuzwege zwischen Dorf und Stadt begegnete mir des Klausen
Frau. Himmlischer Vater, wie abgehrmt und abgezehrt schlich sie einher, als
zhlte sie siebenzig Jahr! Und sie ist doch noch im blhendsten Alter, von
deinem Jahrgang, Hannchen, und deinen Namen trgt sie auch. Sie hatte bei Wege
an den Rainen das Abendfutter fr ihre Ziege abgesichelt und schleppte nun
schwer an der doppelten Last, denn ihre Stunde ist nahe. Aber kein Klagelaut
entschlpfte ihren Lippen; kein Wort der Anklage gegen den schlimmen Mann, der
sie so weit gebracht. Wahrlich, wahrlich, die Hanne Frey ist ein Weib nach
Gottes Herzen! Ich mute an unseres Pestalozzi herrliche Gertrud denken. Sie
wnschte mir Glck zu der Geburt unseres Tchterchens und setzte mit einem
Seufzer hinzu: Ach, wenn doch nur einer von meinen Neunen ein Mdchen wre, da
es mir beistnde in der Wirtschaft und fr mich eintrte, wenns einmal vollends
mit mir zum Ausspannen kommt. Sie werden sehen, Herr Pastor, diesmal bersteh
ich die Kampagne nicht.
    Ich trstete sie, so gut ich mit halbem Glauben es zu tun vermochte, meinte,
da ihr Verlangen nach einer Tochter ja wohl diesmal erfllt werden knne und
da sie sich nach dem Wochenbett zu ihrer frheren Rstigkeit erholen werde. Sie
schttelte traurig den Kopf. Wie Gott will! flsterte sie nach einer langen
Stille. Er ist ja der Vater der Waisen. Und dabei schlug sie die eingesunkenen
Augen gen Himmel mit einem Blick, den ich bis in meine Sterbestunde empfinden
werde. Und damit ist meine Geschichte zu Ende, liebe Hanna.
    ber Frau Hannas guten blauen Augen lag ein feuchter Flor. Sie hatte die
Moral der Geschichte wohl gefat, wollte etwas sagen, schluckte, rusperte sich
und lief dann, ohne es gesagt zu haben, dem Hause zu. Unter der Tr machte sie
halt, trocknete sich die Augen und kehrte dann, lachend ber das ganze Gesicht,
in die Laube zurck. Ich habs! rief sie schon von weitem, Konstantin, ich
habs! Ich gebe dem Amtmann alle Sonntage eine franzsische Stunde, und der
Amtmann gibt dafr dem Frey Arbeit in seinem Schacht. Steinklopfen lohnt. Des
Klausen Brustkasten ist heil und vom Schacht zur Schenke ein gehriges Ende. Du
schttelst den Kopf, Konstantin? Der Amtmann tuts nicht, meinst du? Ei, er soll
schon, Konstantin. Der alte Narr mit dem urdeutschen Namen brennt auf
Fremdwrter, und jedes Fremdwort heit ihm franzsisch. Wie lange qult er mich
schon um die feine Konversation. Eh bien, Monsieur Mehlborn , so oder so: keinen
Klaus im Schacht - keine feine Konversation!
    Pastor Blmel lchelte und wnschte gedeihlichen Erfolg, meinte jedoch, da,
da die Grammatik fglich erst nach Tauffeier und Kirchgang aufgeklappt werden
drfe, zuvor mit dem Rajolen der Gartenbeete ein Anfang gemacht werden msse.
    Frau Hanna erwiderte weder ja noch nein, sie eilte zum zweiten Male dem
Hause zu, kehrte indessen pflichtschuldigst wieder um, als sie ihren Eheherrn
freundlich ihren Namen rufen hrte.
    Ich werde einen Johannisstrau fr die arme Gertrud - ich meine fr die
arme Hanne Frey schneiden, sagte er. Vielleicht da du, liebe Hanna, aus
deinen Schatzkammern dem Erfreulichen etwas Ntzliches beizufgen httest. Eine
unserer Tchter wrde dann noch vor Abend die kleine Spende der guten Frau
hinuntertragen.
    Frau Hanna nickte einverstanden; nachdem sie in Gedanken blitzschnell
Musterung unter ihren Vorrten gehalten, flog sie zum dritten Male dem Hause zu,
wurde aber zum zweiten Male von ihrem Konstantin zurckgerufen. Noch eins,
Hannchen, sagte er, indem er ihre Hand fate. Bist du ber den Namen, welchen
unsere Kleine tragen soll, schlssig geworden?
    Der Mutter klopfte das Herz; es galt die Probe auf ihr Exempel. Ich hatte
an Konstanze gedacht, antwortete sie lauernd; weil sie dir doch so hnlich
sieht, Konstantin.
    Sie sieht dir hnlich, Hannchen, versetzte der Vater. Was meinst du, wenn
wir sie Rose nennten?
    Pastor Blmel hatte mit dieser Wahl keineswegs eine ehemnnische Galanterie
bezweckt, und sie wurde auch keineswegs als solche aufgenommen. Dennoch
erglnzte das Muttergesicht wie von inwendigem Sonnenleuchten. Stumm vor
Glckseligkeit kte Hanna ihrem Konstantin vielleicht zum erstenmal im Leben
die Hand, ri das Kind aus der Wiege, prete es an ihr Herz und flog mit ihm in
das Haus. Die siebente Tochter, auf welche der Vater den Namen seiner stolzen
Lieblingsblume bertragen hatte, die sprliche kleine Rose wrde, die Mutter
wute es, der Liebling seines Herzens werden.
    Pastor Blmel starrte dem Schatten von Mutter und Kind noch eine lange
Weile, nachdem er im Hausflur verschwunden war, mit Wunderblicken nach. War es
die einfache Erzhlung von der unglcklichen Neunshnermutter, welche das
verstimmte Seeleninstrument der glcklichen Siebentchtermutter zurckgestimmt
hatte auf seinen reinen Kammerton? Oder, oder - - wie Schuppen begann es von
seinen Augen zu fallen, - sollte er, der das Studium des Menschenherzens zu
seiner vornehmsten Aufgabe gemacht hatte, nach einer zwanzigjhrigen Ehe in
seinem nchsten Herzen zum erstenmal den alten Satz besttigt finden, da auch
die aufrichtigste Frau zuzeiten eine Larve trgt? Eine hliche Larve ber einem
lieben Gesicht; der Fall soll umgekehrt fter vorkommen. Pastor Blmel wiegte
nachdenklich sein ergrauendes Haupt, lchelte aber dabei sogar ein wenig
schelmisch vor sich hin, klappte dann sein Taschenmesser auf und begann den
Johannisstrau fr das arme Hirtenweib zu schneiden.
    Wie er nun so whlend und bindend die Rabatten auf und nieder schritt, hrte
er durch die offnen Wohnstubenfenster die helle Stimme seiner Hanna, welche
einer der Tchter den Auftrag gab, flink die gute Freundin, Frau Amtmann
Mehlborn, zu einem Besuche in die Pfarre zu entbieten, und leicht war ja zu
schlieen, um welches Anliegen es sich bei dem Entbote handelte. Denn die
Pastorsfrau und die Pchtersfrau fgten sich und griffen ineinander, wie es von
guten Freundinnen nicht immer zu rhmen ist. Die eine wute zu leben, die andere
hatte zu leben; die eine, von Haus aus gebildet, war ihrem Gatten zu Liebe und
Hlfe der Bauernart in einem gewissen Sinne vertrauter geworden als der Gatte
selbst; die andere, von Haus aus eine Buerin, war in einem gewissen Sinne so
grndlich aus der Bauernart geschlagen, als ihr darber hinausstrebender Gemahl
zh darin wurzelte; die eine hatte sieben Tchter, die ihr Freude machten; die
andere nur eine einzige, die ihr Sorge machte; der einen war der Stammhalter
versagt, der anderen genommen; Frau Rosine verfgte ber einen vollen
Wirtschaftssckel, Frau Hanna ber einen knappen; beide halfen gern; die
letztere mit ihrem offnen Kopf, die erstere mit ihrer offnen Hand, und da das
Zusammenwirken von Rat und Tat heute solche Eile hatte, dafr war von Pastor
Blmel selbst ja just der Ansto gegeben worden: Klaus Frey, der schlimme
Patron, sollte schleunigst in die Kur genommen werden.
    Pastor Blmel schttelte daher von neuem und bedenklicher als vorhin das
ergrauende Haupt, als er dem freundschaftlichen Entbot einen unerwarteten
Nachtrag folgen hrte. Im Fall - so hie es - die Frau Amtmnnin, der Heuernte
halber, heute nicht abkmmlich sei, solle Luischen ihr vorlufig mitteilen, da
der gute Vater die kleine Schwester Rschen nennen wolle, weil die Frau
Amtmnnin Rosine heie und in ihrer Jugend doch auch Rschen genannt worden sei.
Die Frau Amtmnnin werde sich ber die Aufmerksamkeit freuen und ihr Patenkind
darum desto lieber haben.
    Zum zweiten Male seit einer Viertelstunde ertappte der treue Seelenhirt auf
einem Schleichwege das Weib, welches er ein Vierteljahrhundert lang zu kennen
geglaubt hatte, grndlicher als sich selbst - denn wer ist schwerer grndlich
auszukennen als einer selbst? - Auf einem blumenbesetzten Wege, es ist wahr, im
Pfadsuchen nach einem Herzen; aber doch auf einem berechneten, hinterhltigen,
zweideutigen Wege! Evas Tchter, Evas Tchter, die ihr alle seid! murmelte
Konstantin Blmel und war entschlossen, den Tag nicht vorbergehen zu lassen,
ohne seinem anderen Ich die flschliche Auslegung des Heilandswortes von der
Schlangenklugheit klargemacht zu haben.
    Sein Luischen huschte nickend an ihm vorber, den Weg zum Schlosse entlang,
die brigen Kinder tummelten sich im Obstgarten, wo heute die ersten Kirschen
gepflckt worden waren; die litauische Lene, die smtlichen Blmelschen
Nachwuchs gewartet hatte und den Eltern aus der alten Heimat in die neue gefolgt
war, hantierte auf dem Bleichplatze hinter dem Hause; darin war es seelenstill.
    Den Rosenstrau fr die Hirtenfrau, wrdig einer Prinzessin, in der Hand und
eine Strafpredigt auf den Lippen, stieg der Pfarrer die Treppe hinan; die Tr
der Kinderstube stand nach dem Flur geffnet; sie war die rumlichste des
Hauses, da sie dessen ganze Morgenseite einnahm. Frau Hanna hatte in ihrem Eifer
die leisen Tritte berhrt, sie kauerte am Boden vor der Wschkommode und
musterte ihr Kinderzeug; ein Geschft, in welchem ein guter Hausvater nicht
stren soll, zumal wenn es die erste Musterung nach einer Wochenpause ist. Wie
leicht kann eine Nummer verzhlt, ein Unttchen bersehen werden! Fach fr Fach
war ausgekramt, Stck fr Stck gegen das Licht gehalten worden, um sorgfltig
zu drei Teilen abgesondert zu werden. Smtliche noch ungebrauchte Hemdchen,
Windelchen und dergleichen, neuerdings eigenhndig gesponnen und gefertigt,
kamen als Vorrat in das untere Fach zurck, vielleicht fr den lange zgernden,
immer noch denkbaren Sohn, vielleicht aber auch erst fr eine sptere
Generation; denn eine Mutter von sieben Tchtern rechnet auf Enkelfreuden und
-sorgen. Die zweite Abteilung, die zwar schon Spuren einer Geschichte in der
Kinderstube trug, aber noch keine, die irgend unheil zu nennen waren, wurden zu
jezeitigem Gebrauch in den oberen Fchern geordnet; wo aber fadenscheinige
Stellen im Flanell oder Stopfflecke im Linnen augenfllig geworden, da fanden
die Stcke ihren Platz auf einem blaugewrfelten Federkissen, das abseits am
Boden lag, um schlielich durch eine Wickelschnur zusammengefat zu werden.
    Der heimliche Lauscher wartete das weitlufige Geschft nicht ab; er kannte
seinen Zweck, und dieser Zweck hatte Eile; leise legte er seinen Strau auf das
blaugewrfelte Federkissen und stieg hinab in sein Studierzimmer, das am Ende
des unteren Flurs gelegen war und in der Familie das geistliche Gemach genannt
wurde.
    Wo in einem lndlichen Pfarrhause fr ein Huflein Kinder auskmmlich
gesorgt, auch der Gastfreundschaft nach Neigung und Christenpflicht Rechnung
getragen werden soll, da erbrigt fr das geistliche Gemach nur ein schmaler
Raum. Und buchstblich ein schmaler Raum war es denn auch, in welchen Konstantin
Blmel sich jetzt zu stiller Sammlung zurckzog, aber einer, der auch den
fremdesten Gast vertraulich angeheimelt haben wrde, denn nicht nur das Wesen
des Bewohners spiegelte er wider, sondern auch seinen Lebensgang, so wie er ihn
diesen Nachmittag sich selbst und seiner Gattin in das Gedchtnis zurckgerufen
hatte: ein friedlich dahingleitender Bach, der nur ein einziges Mal, aber mit
unvergnglich befruchtenden Spuren, im Sturmeswogen der Zeit sein Gelnde
bertreten hatte.
    Das einzige Fenster war von auen grn umrankt; die ersten Sonnenstrahlen
blinkten morgens durch das zarte Laub, vom Garten herauf grten die
Blumenkinder. Lngs der weigetnchten Wnde liefen Repositorien von rohem Holz;
links auf ihnen mahnten die alten Heiden, rechts die alten Christen bis
einschlielich Martin Luther an des geistlichen Herrn Schler- und Lehrerzeit.
Die jngeren Christen waren verhltnismig schwach vertreten, da das Amt in der
Gemeinde, der Familie und im Blumengarten weder Zeit noch Reiz zu neuen
geistigen Bekanntschaften allzu hufig aufkommen lie; indessen deutete dieses
und jenes Exemplar schon durch sein ueres auf einen hufigen Verkehr und
hatten die beiden groen Landsleute Kant und Herder sogar auf dem Schreibtische
dauernd Platz gefunden, zu ihnen auch, als dritter, der treue Menschenfreund
Pestalozzi sich gesellt.
    Dieser Schreibtisch, nebst zwei Sthlen das einzige bewegliche Zimmergert,
fllte den Fensterbogen; von schlichtem Tannenholz, mit Wachstuch bezogen,
bildeten die alte silbergekrampte Familienbibel und ein aus Elfenbein
geschnitztes Kruzifix seinen einzigen Schmuck. ber dem Kruzifix aber hing, in
Glas und Rahmen gefat, des Knigs Aufruf An mein Volk und inmitten desselben
des friedlichen Pfarrherrn tapfer erworbenes Eisernes Kreuz.
    Und hier in seinem huslichen Allerheiligsten, den beiden Kreuzen gegenber,
sa nun der friedliche Pfarrherr, und es wollte ihm lange nicht gelingen, die
wechselnden Eindrcke der letzten Stunden in seinem Innern glatt und gleich zu
legen.

Wenn Konstantin Blmel erregt war, vollzog sich vor seinem geistigen Auge ein
Proze des Wachsens und Wandelns, der sonst nur Kindern, Dichtern und
schwrmerischen Liebhabern fr eigentmlich gilt. Und doch ist mehr als ein
Menschenalter verlaufen, seitdem Konstantin Blmel ein Kind geheien hat, und
insofern zu einem Dichter wesentlich gehrt, da er Gedichte macht, ist er
nichts weniger als ein Dichter, denn er hat sich selbst in der sangquellenden
Jnglingszeit zu keiner einzigen Liedesstrophe gedrungen gefhlt; was aber den
Liebhaber anbelangt, so hat er seine Hanna zwar geliebt und liebt sie heute noch
als sein anderes Ich, just darum aber keineswegs als einen Engel. Sie, seine
Hanna, nannte ihn einen Idealisten und war gtig genug, sich zu freuen, wenn
seine optimistische Gabe ihm manche innerliche Trbung lste, und geschickt
genug, ihm zu helfen, wenn sie ihn nach auen hin in mancherlei Wirrnis
verstrickte.
    Hatte diesen Nachmittag nun sein drftiges Tchterchen sich in eine blhende
Rose umgewandelt, ein braves, beladenes Hirtenweib sich zu einem Dichtergebilde
verklrt, des Weibes lsterlicher Gespons wohl gar sich ausgereckt zu einem
revolutionren Advokatengenie, dem zu einem Danton oder Robespierre nichts als -
Gott sei Dank! - der Boden fehlte, auf dem es sich entwickeln durfte, so blieben
nach alledem Herz und Hirn doch immer noch von unlsbaren Problemen geschwellt.
Die ungeahnte Schlangenempfnglichkeit seiner Eva hatte er zwar vor der Hand auf
dem blaugewrfelten Federkissen zur Ruhe gebracht, dafr aber plusterte sich in
der behelligendsten Weise das drre Dezemhuhn des Exhirten Klaus zu einem
grausamen Raubvogel auf. Er vermochte sich von der Vorstellung dieser Ungebhr,
zu deren Praxis er nicht nur berechtigt, sondern schlechthin verpflichtet war,
nicht loszureien, und die Blicke auf das Ehrenzeichen ber dem Kruzifix
gerichtet, verfiel er in schier rebellische Untersuchungen ber die
Vereinbarlichkeit derartiger Gelbde und Opfer mit einer Zeit, in welcher das
Eiserne Kreuz gestiftet worden war, und ber den Widerspruch der Pflichten, dem
selbst im friedfertigsten brgerlichen Berufe, dem des Priesters, das Gewissen
des Christen und Menschen nicht zu entgehen vermag.
    Wie er es in beunruhigenden Stimmungen zu halten pflegte, schlug er endlich
seine Erbbibel auf und las im dritten Buch Mose das siebenundzwanzigste Kapitel,
auf welches das Zehentopfer sich grndet, von A bis Z; las, obgleich er es von
Jugend ab auswendig wute, es zum zweiten Male, und als er endlich die Krampen
wieder schlo, hatte er keine andere Lsung gefunden, als die ihm von jeher die
natrliche gewesen war. Du sollst deinen Weinberg nicht genau lesen und dem
Armen und Fremdling etwas briglassen, sagte er vor sich hin, indem er sich
erhob mit dem Vorsatze, zugunsten des Exhirten Frey auf die Spargelernte einiger
Jahrgnge zu verzichten.
    Die Sonne hatte sich whrend seiner Betrachtung gesenkt, es dmmerte im
geistlichen Gemach, die Stunde drngte zu dem gewohnten Vespergange durch das
Dorf. Er griff nach Hut und Stock, er griff auch nach seiner Pfeife; aber nein;
die Pfeife lie er heute im Winkel stehen. Im Begriffe, nach der Tr zu gehen,
hrte er vom Flur aus harte Tritte und einen ungewohnten Lrm in seine Stille
dringen.
    Die nmlichen Tritte, den nmlichen Lrm hrte verwundert auch die Hausfrau,
als sie die Treppe herabkam, das blaugewrfelte Bndel, blumengekrnt, Tochter
Lorchen zur schleunigen Besorgung zu bergeben. Die Haustr war wuchtig
aufgerissen worden, eine hnenhafte Gestalt stapfte den Flur entlang, um im
Dmmerlicht des geistlichen Gemaches zu verschwinden; eine zweite folgte ihr,
schattenhaft schwankend, unter chzen und Sthnen.
    Was gibt es, Beyfu? fragte die Pastorin.
    Keine Antwort.
    Mit weitgeffnetem Munde, nach Atem ringend, die Hnde zusammenschlagend
ber dem schweitriefenden Haupt, strmt der Kantor dem Hnen nach. Die Hausfrau
hinterdrein bis unter den Rahmen der Tr. Hier steht sie starr. Sie sieht ihren
Mann, der vor jachem Schreck auf seinen Stuhl zurckgetaumelt ist, mit beiden
Armen ein Bndel umspannen, dem hnlich, das sie selber in der Hand hlt, - aber
nicht blumengekrnt! Es ist ihm von der Tr aus zugeschleudert worden, und noch
steht der Hutmann Frey mit emporgehobener Faust auf ihrer Schwelle.
    Da habt Ihr Euren Dezem, das Weib ist tot! brllt er mit der Stimme eines
Wtigen und strmt, wie er gekommen, aus dem Hause.
    Die drei im Zimmer starren ihm nach, regungslos, sprachlos eine lange Weile.
    Das Weib ist tot! haucht kaum hrbar endlich der Pfarrer.
    Tot! schluchzt die Pastorin.
    Tot! besttigt der Kantor mit Stentorstimme.
    Frau Hanna fat sich. Vor ihren Augen ist es klar geworden; sie nimmt das
Bndel von ihres Gatten Scho, um, dicht an das Fenster tretend, es zu
enthllen. In einen zerfetzten Frauenrock ist etwas Festes eingewickelt: Frau
Hannas Hnde zittern. Ein Kind! Ein Kind, nackt und blo, wie es aus dem
Mutterleibe gekommen, aus dem erstarrten Mutterleibe! Ein Knabe - der zehnte
Sohn! Die Trnen eines Vaters und einer Mutter trufeln auf den Leib der Waise.
    Whrend dieser Untersuchung hatte Kantor Beyfu die Erluterung des
unerhrten Geschehnisses vorgebracht; weit ausholend, umstndlich, so, als gbe
der einzige Augenzeuge eines kriminalistischen Falles den Tatbestand zu
Protokoll. Freilich vor einem Gerichtshof mit tauben Ohren.
    Der Kettenhund in der Schenke hat seit ein paar Tagen die Laune. Bei dieser
Johannisglut die Laune! Da schwant dem Wirt nichts Gutes. Am besten ein Ende mit
dem alten Vieh. Mein Klaus, nicht faul, wrgt es ab. Der Wirt mag mit dem Salr
nicht geknausert haben, denn des Klausen Schdel raucht sozusagen, als Kantor
Beyfu, der just in seiner Eigenschaft als Kster, das heit Adlatus des Herrn
Pastors, seinen Termingang hlt, ihn vor sich her taumeln sieht. Nicht weit vom
Hirtenhause holt er ihn ein und bringt das Dezemhuhn in Erinnerung. Der Klaus
schlgt eine wiehernde Lache auf und rennt in das Haus. Der Kantor steht im Hofe
auf der Lauer, denn ein Gewieher ist keine Replik, und Recht bleibt Recht. Kaum
drei Minuten, und der Klaus strzt wieder heraus, vergleichbar nicht einem
Menschen, nicht einmal einem trunkenen Menschen, sondern einem rasenden Bullen.
Die Wehmutter hinter ihm drein. Sie will ihm ein Pack entreien, das er mit
beiden Fusten umklammert hlt; sie ringt mit ihm; er macht sich los. Das Kind,
das Kind! schreit die Wehmutter, er wills ersufen! Der Wterich rennt voran,
der Kantor hinterdrein; ein paar Nachbarn, die just vom Heuen kommen, sind auch
nicht faul. Keiner hlt mit dem Riesen Schritt. Immer vorwrts, das Paket im
Arm: nach der Wasserseite etwa? Gott bewahre! Die Schlucht hinan, am Schlosse
vorbei, durch das Dorf, in die Pfarre und - bums, da liegts!
    Lange bevor die Erzhlung ihr Ende erreichte, hatte Frau Hanna das
Neugeborene in ihre Kinderstube getragen, es auf ihr Bett gelegt und Licht
gezndet. Es war ein wohlgebildeter Knabe, so krftig, wie zehnte Kinder wohl
nur selten geboren werden. Die letzten Blutstropfen deiner Mutter sind dir
zugute gekommen, mein armes Lamm, flsterte Frau Hanna mit einem weheleidigen
Blick auf ihr eigenes Lmmchen; dann aber faltete sie die Hnde zum Dank, da
diesem schwchlichen Wesen die pflegende Mutterhand erhalten worden sei, und was
sie in der Stille des Herzens sich gelobte, das wird in der Geschichte eines
Glcklichen zu erlesen sein. Ein sonniges Lcheln breitete sich ber ihr gutes
Gesicht; sie badete den Kleinen in ihres Tchterchens Wanne, kleidete ihn -
nicht aus dem Inhalt des blaugewrfelten Bndels -, sondern aus ihres
Tchterchens Garderobe, reichte ihm die erste Nahrung aus ihrer Brust und
bettete dann den zehnten Sohn zu der siebenten Tochter unter dem Wiegenhimmel.
Sie lagen nebeneinander wie ein Zwillingsprchen und schlummerten unbekmmert um
Lebens Leid und Lust.
    Whrenddessen war der Pfarrer, die Hnde auf dem Rcken, die Blicke am
Boden, ohne einen Laut zu uern, das geistliche Gemach auf und ab geschritten.
Tief im Herzgrunde lag das Problem gelst; aber welche schwere Gedankenrtsel
hatte es aufgewirbelt! War es ein heimliches Ahnen und Mahnen gewesen, das ihn
zur Zeit der Katastrophe im Hirtenhause so unwiderstehlich in die Betrachtung
des Zehentopfers bannte? War es ein unbewutes Regen des Vaterherzens gewesen,
das den trunkenen Mann im Rasen der Verzweiflung zu einer rettenden Liebestat
entflammte? Der Pfarrer hatte in seinem Sinnen nicht ein Wort vernommen von den
philosophischen Bemerkungen ber die menschliche Niedertracht im allgemeinen und
die des Klausen Frey im besonderen, welche sein Adlatus dem Bericht ber die
Vorgnge im Hirtenhause angereiht hatte. Als die Pastorin sich unbemerkt der Tr
wieder nherte, hrte sie den Philosophen sagen:
    Ich stehe noch immer starr und steif, Herr Pastor. Ist so ein Malefiz auf
dieser Erdenwelt schon dagewesen! Seinen leiblichen Wurm splinterfasernackig,
wie ihn Gott geschaffen hat, aus dem Hause zu tragen, - ins Wasser etwa? Nun
freilich, es wre eine Mordtat gewesen, aber in der Rage - nach Gelegenheit -
sozusagen verzeihlich. Ja, prosit die Mahlzeit! Hinauf in die Pfarre schleppt er
ihn, sozusagen in Abrahams Scho schleppt er ihn! Herr Pastor, Herr Pastor!
dieses menschliche Individuum ist hundert Prozent boshaftiger, aber tausend
Prozent weniger dumm, als es das Aussehn hat. Mich soll nur wundern, wie der
Kujon die Leiche unter die Erde schwindeln wird.
    Das Wort Leiche schlug an des Pfarrers Ohr wie der erste Hahnenschrei an
das eines Trumenden. Gescheucht aus seinem metaphysischen Ideengange, gemahnt
an seinen nchternen Arbeitstag, richtete er den Kopf in die Hhe und sprach:
Beyfu, ich halte der edlen Gertrud - ich meine der Hanne Frey - einen Sermon.
    Der Kantor prallte drei Schritte zurck. Einen Sermon, Herr Pastor? Einen
Taler vier gute Groschen, Herr Pastor! Und ich habe mir im stillen schon den
Kopf zerbrochen, wie ich nur den halben Gulden fr den Segen auftreiben will!
    Beyfu, wiederholte der Pfarrer mit Nachdruck, ich halte der Hanne Frey
einen Sermon. War sie darum weniger unsere Schwester, weil sie ein Lumpenkleid
trug? Und kann ein Weib mehr fr die menschliche Familie tun, als wenn es ihrem
Verbande zehn krftige Glieder einreiht?
    Liebliche Rangen! murmelte der Kantor.
    Aber sein geistlicher Oberherr lie sich nicht dadurch beirren.
    Angenommen - die Statistik soll es leider lehren, und Sie sind ein
Rechenmeister, Beyfu, angenommen also, da von vier Kindern des Volks im
Durchschnitt eines leiblich oder sittlich Schaden leidet, da demnach von den
zehnen der Hanne Frey ungefhr zwei - -
    Zwei und ein halbes, Herr Pastor!
    Abzuzhlen wren, so bleiben immer noch ihrer acht zum Segen der Welt. Und
sind wir nicht Staatsbrger, Beyfu? Kann ein Weib mehr fr das Vaterland tun,
als wenn es zehn, oder sagen wir nur acht kraftvollen Verteidigern das Leben
gibt, ja das des jngsten sogar mit ihrem eigenen Leben erkauft? Das Wochenbett
ist das Schlachtfeld der Frauen! Zwei von ihren Shnen tragen bereits des Knigs
Rock, die anderen werden ihn tragen - -
    Jawohl, im Zuchthause, Herr Pastor, wie ihr sauberer Erzeuger, wenn er das
Leben behlt. Der Apfel fllt nicht weit vom Stamm.
    Klaus Frey war von Haus aus keine unedle Natur, Beyfu, und Shne schlagen
im Temperament gewhnlich nach der Mutter. Diese Mutter aber war eine
gottgefllige Frau in all ihrer tiefen Not. Sie htte einen Lebenslauf am Altar
und eine Predigt von der Kanzel verdient - -
    Einen Taler fnfundzwanzig Silbergroschen, Herr Pastor!
    Aber die Welt liegt im argen. Der Mann ist tiefer herabgekommen als jemals
ein ansssiges Gemeindeglied; die Frau in ihren Lumpen und ihrem Plack hat sich
nicht regelmig zum Gotteshause halten knnen; eine Andacht innerhalb der
Kirche wrde als unziemlich aufgenommen werden, darum - -
    Stimme ich allenfalls fr eine Rede im Hof, mit Ehren zu melden, eine
Mistrede, fr sechzehn gute Groschen, Herr Pastor!
    Der beschrnkte Raum verbietet sie hier, Beyfu, und der letzte Segensakt
ist allemal am weihevollsten dort, wo wir den geffneten Erdenscho unter uns
und den ewigen Himmelsscho ber uns sehen. Es bleibt bei dem Grabsermon, alter
Freund!
    Und was soll aus dem armen, nackten Johanniskchlein werden, Konstantin?
fragte vortretend jetzt die Frau Pfarrerin.
    Ei nun, mein Hannchen, versetzte der Pfarrer lchelnd, da es nun einmal
als gebhrender Dezem uns in das Haus getragen worden ist, wirst du es wohl bis
auf weiteres in deinem Hhnerkorbe heranziehen mssen.
    Frau Hanna lachte froh auf; ihr Freund Beyfu jedoch blickte erbarmungsvoll
zu ihr hinber. Ein zweites Wickelkind zu dem ersten. Eine schwere Last in
Ihren Jahren, wertgeschtzte Frau Pastorin.
    Ein Splitter von unseres Heilands Kreuz, entgegnete Konstantin Blmel mit
aller Wrde der Liebe; fr den Seelenschatz eine segenbringendere Reliquie, als
die in irgendeinem Heiligenschrein angebetet wird. Beyfu, es bleibt bei dem
Sermon!
    Frau Hanna kte ihrem Konstantin heute zum zweiten Male die Hand, und
Kantor Beyfu empfahl sich mit dem Wunsche einer geruhsamen Nacht.
    Sein Wunsch ging in Erfllung; die Mutter hatte seit zwei Wochen die erste
ruhsame Nacht, denn ihr kleines Schreihlschen tat neben dem schlummernden
Wiegenbruder nicht Zuck und Muck.
    Am anderen Tage erhandelte die Pastorin durch die Vermittlung Kantor
Beyfuens, fr gewisse Verrichtungen auch ihres Adlatus, von dem Witwer Frey die
Ziege, fr welche seine Frau das Futter abgesichelt hatte mit ihrer letzten
Kraft und Liebessorge; denn sie hegte ihre Heppe fr das Kind, das ohne
Mutterbrust gedeihen sollte. Und es war eine brave, erkenntliche Ziege; sie tat
ihre Schuldigkeit nicht nur an der Waise ihrer ersten Futterfrau, sondern auch
an dem Nesthkchen der zweiten, dem ihr berflu zugute kam. Der murrende kleine
Sprling rndete, rtete, beschwichtigte sich von Tag zu Tage. Ob die
Johannissonne das Gedeihen bewirkt hat, ob die Ziege, oder die Nachbarschaft des
stmmigen Wiegenbrderchens -? Wer wills entscheiden?
    Wider alle Siebenschlferregel lachte am Bestattungsnachmittag der
Hutmannsfrau der Himmel blau und goldig, wie bestellt fr einen Sermon am
offenen Grabe. Das Gefolge war so bescheiden wie die Frnerhtte, aus der es
sich bewegte; auch Kantor Beyfuens mnnliche Schuljugend, welche dem
vorangetragenen Kreuze nachtrabte, nur schwach vertreten. Auf dem Gottesacker
jedoch drngte es sich Kopf bei Kopf. Selber eine Armenleiche ist ein
Schauspiel, das auf dem Lande ungern versumt wird; heute aber hatten die Ehren
einer Mittelleiche, welche der elenden Tagelhnerin erwiesen werden sollten, auf
die Beine gebracht, was sich irgend von der Heuernte abzumigen vermochte; und
niemals hatte Pastor Blmel an einem offenen Grabe wrmer und, was die Hauptehre
war, lnger gesprochen. Htte den schweizerischen Seelenfreund das Leidwesen
getroffen, seiner Gertrud den letzten Nachruf halten zu mssen, er wrde nicht
rhmlicher gelautet haben als der der armen Hanne Frey. Nein, weniger rhmlich!
Denn auf das Helden-und Martertum von zehn der Welt geschenkten Shnen konnte,
bei aller Trefflichkeit, das Weib des Lienhard vor Gott und Welt sich doch nicht
berufen.
    Wie aber die Heldin des Lebenslaufs sich nach dem Liebesmae des
Seelenfreundes gemodelt hatte, so war dessen Schatzkstlein auch das Textwort
entlehnt, das neben dem vom seligen Leidtragen dem Sermon zugrunde gelegt worden
war:
    Die Freude ber unsere Kinder ist die herrlichste Erdenfreude. Sie macht
das Herz der Eltern fromm und gut; sie hebt die Menschheit empor zu ihrem Vater
im Himmel. Darum segnet der Herr die Trnen solcher Freude und lohnt den
Menschen jede Vatertreue und jede Muttersorge an ihren Kindern.
    In den mannigfaltigsten Modulationen, wie in einer fuga libera seines Bach,
durchzog diese Melodie Pastor Blmels oratorisches Meisterstck.
    Wenn Pastor Blmel indessen die Hoffnung gehegt, durch diese Melodie die
Vatertreue in dem Herzen des Witwers Frey aufzuwecken, so hatte er seine
Rechnung buchstblich ohne den Wirt gemacht. Klaus Frey war durch den Erls
seiner Ziege fr ein paar Tage zum Krsus geworden und whrend dieser Tage nicht
ein einziges Mal in dem Hause eingekehrt, aus welchem die Gegenwart der Leiche
den sonst so furchtlosen Mann mit spukhaftem Grauen scheuchte. Er hatte sich von
Schenke zu Schenke in der Gegend umhergetrieben, die Nchte in einem
Totenschlafe auf irgendeinem Heuschober hingebracht und selber zu dem letzten
Geleit von dem Wirte mit Gewalt getrieben werden mssen. Nun heulte und schrie
er freilich, zerraufte sein Haar und wrde in die offene Grube getaumelt sein,
htte die Leichenfrau ihn nicht am Rockzipfel festgehalten. Aber es waren
Schenkentrnen, die er vergo, und ein Schenkentaumel, der seine Fe schwanken
machte; das beseligende Leidtragen und die Vatertreue, die empor zum Himmel
hebt, hatten an sein Ohr geschlagen als eitel Schall.
    Auch die fnf, welche von den Shnen am Grabe standen, starrten nur stumpf
und dumpf auf das letzte schwarze Bretterbett der Mutter. Die beiden Soldaten
wuten um ihre Verwaisung noch nicht einmal, und die beiden halbwchsigen, die
auf sie folgten, wuten wohl darum, denn sie dienten auf Nachbardrfern, hatten
aber des Heuens wegen nicht zur Leiche kommen knnen. So waren es nur die
fnfjngsten, welche der Mutter die letzte Ehre erwiesen, und diese fnf
erfllte das Behagen, von der gutmtigen Amtmannsfrau fr die Trauerfeier
grndlich satt gemacht und nach Mglichkeit herausstaffiert worden zu sein. Der
kleine Christel zupfte an dem schwarzen Flor, der an seiner Pudelmtze
flatterte, und Hannes, der allerkleinste, nagte an einem Wurstzipfel, den er bei
Wege in den Mund geschoben hatte; die drei greren aber hatten genug zu tun,
die Leichenfrau beim Festhalten des Vaters zu untersttzen. Das beseligende
Leidtragen schlug an das Ohr der Kinder, die nie etwas von heiliger Vaterfreude
gesprt, erst recht als ein Schall.
    Was nun aber die zuhrende Gemeinde anbelangt, so machte die erhebende
Grabrede geradezu bses Blut. Wenn solche Ehre dem Weibe eines Taugenichtses
widerfuhr, was blieb dann fr die reputierlichen Leute, die Spesen und Dezem
nicht hinter die Esse schreiben? Ist es eine Tugend, zehn Kinder zu kriegen?
Eine Snde und eine Schande ists, wenn sie statt des Zinshahns dem Pastor in den
Scho geworfen werden mssen, und wo der Mann zum Schelmen und Sufer wird, wird
es mit der Frau auch allemal einen Haken haben. So und noch weit rgerlicher
gingen Gemunkel und Gemurmel von Mund zu Mund; insonderheit die wohlgestellten
Familienmtter fhlten sich in ihren Ehrenrechten gekrnkt. Doch auch die Vter
schttelten bedenklich die Kpfe. Gut meinte er es ja, ihr neuer Pastor; wer
wollte etwas dawider haben? Aber diese preuischen Raupen!
    Landsmann bleibt Landsmann, Nachbar! sagte der Schulze Thrnhard zu dem
alten Walbe.
    In ein Herz jedoch drang die Rede von der heiligendsten Erdenfreude wie ein
Erlebnis, und aus zwei Augen rannen warme, beseligende Muttertrnen. Das waren
die Augen und das Herz der guten Pfarrersfrau, die, auf dem einen Arm das eigene
Kind und auf dem anderen das verwaiste, unter der Pforte stand, welche aus ihrem
Garten in den Friedhof fhrte. Die Johanniskrnze auf den Grbern waren noch
nicht vllig abgewelkt, der Jasmin am Zaune blhte, es duftete wie Weihrauch in
dem engen Gehege, und die hohe Junisonne leuchtete gleich einem Gottesblick. Als
aber der letzte Segen gesprochen war, Hand um Hand, und dann Schaufel um
Schaufel die harten Erdbrocken auf ein letztes Menschenbett rollten und die
Pfarrersfrau in ihren Garten zurcktrat, da nickte sie dem fremden Kinde, das
seine Augen aufgeschlagen hatte, zu und flsterte: Die Liebe einer Mutter kann
ich dir freilich nicht ersetzen, du armes Lamm; aber einen guten Hirten hast du
gegen den schlimmen, den du Vater nennen mtest, eingetauscht, und darum bist
du dennoch ein Segenskind, ein echtes, rechtes Johanniskind, mein kleiner
Dezem. Und ihre Lippen lchelten bei den Worten, whrend in den Wimpern noch
die Tropfen hingen.
    Es war eine traurige Ernchterung, welche heute, wie schon manches Mal
vordem, der verklrenden Wrme des Pfarrherrn folgte. Solange sein Blick
zwischen dem offenen Erdenscho und dem ewigen Himmelsscho geschwebt, da hatte
er nur die Mutter aus dem Volk gesehen in ihrem Heldenkampfe fr das Leben, das
sie gab und nhrte bis zu der Stunde ihres Sieges im Tode. Nach dem Amen aber,
als der Blick auf der je mehr und mehr sich fllenden Grube ruhte und auf dem
gleichgltigen Gedrnge um sie her, da erkannte er, wie aus einem Traume
erwachend, die Verworfenheit und Verwahrlosung, die Migunst und
Herzenshrtigkeit, gegen welche er als Streiter in seinem Amt berufen war, und
gegen welche sein Rstzeug sich wieder einmal als falsch gewhlt und stumpf
erwiesen hatte. Seine Streiche waren in die Luft gefhrt worden. Er stand nicht
als ein Hirt, aber als ein Fremdling unter seiner Herde. Wohl dann dem edlen
Mann, da er in solchen Stunden des Verzagens seine Blumen, seine Kinder und ein
Weib wie seine Hanna hatte!
    Als er von seinem leidvollen Gange heimkehrte, stand in der Laube der
Kaffeetisch gedeckt; die beiden Neugeborenen schlummerten unter dem
Wiegenhimmel, die drei, welche im Hause noch Kinder hieen, spielten zwischen
ihren Blumenschwestern; Lorchen reichte dem Vater den herzaufmunternden Trank,
Dorchen - heute ausnahmsweise zwischen Blumen und Kindern - das lange Rohr mit
dem kopfaufrumenden Kraut; und dann krllten sie die ersten Sommererbsen aus,
die Luischen inzwischen gepflckt, plauderten, neckten sich, lachten nach
glcklicher junger Mdchen Art. Der Vater aber blieb in sich gekehrt, und die
Mutter, die schffternd ab und zu ging, lie ihn still sich austrauern.
    Erst als gegen Abend das junge Volk samt Wiege und Kaffeezeug sich in das
Haus verzogen hatte, setzte sie sich mit dem Vorsatze der Ausdauer an seine
Seite. Es galt eine Abmachung zwischen ihnen, fr welche, obgleich der Plan fix
und fertig vor ihr lag, sie ihm klglich das erste Wort vergnnte.
    Da Vater Klaus neben allen brigen Elternpflichten sich auch der ersten
begeben zu haben schien, fiel die Sorge fr die Aufnahme seines Sohnes in den
heiligen Christenbund des Kindes Pflegern anheim. Die Vereinigung der Feier mit
der des eigenen Tchterchens lag aus gemtlichen Grnden beiden Gatten nahe,
empfahl sich aber auch aus praktischen Grnden. Der Mutter ersparte sie ein
zweimaliges Kuchenbacken, dem Vater eine zweimalige Taufrede. Denn
Stegreifsreden, frei aus dem Herzen heraus, htte Pastor Blmel ohne Anstrengung
wohl Tag fr Tag halten mgen; fr sakramentale Amtshandlungen arbeitete er aber
die Vortrge gewissenhaft aus und memorierte sie bis auf das Tz; von allen
Seelenkrften aber war Pastor Blmel, nchst dem Rechensinn, mit dem
Gedchtnissinn am krzesten gekommen. So wurde denn ohne Einwnde festgestellt,
da der zehnte Hirtensohn und das siebente Pfarrtchterchen am Evangelientage
von der brderlichen Vershnung gleichzeitig durch das Taufbad fr ihr
Erdenwallen zum Himmel gereinigt werden sollten.
    Auch bei der Patenwahl stie man nur auf einen einzigen Haken. Schwester
Luischen wrde selbstverstndlich fr zwei junge Christen noch viel lieber als
fr einen dem Teufel und seinen Werken entsagt haben; von dem Amtsbruder Kurze
in Bielitz durfte man sich eines Gleichen versehen, zumal wenn fr den rmling
ausdrcklich auf das Eingebinde verzichtet wurde; auch die gute Freundin
Mehlborn htte zu der doppelten Pflichtenbernahme sicherlich lchelnd mit dem
Kopfe genickt, wenn nur durch Kirchenordnung wie Sitte fr einen Knaben nicht
mindestens zwei mnnliche Zeugen geheischt worden wren. Wer sollte nun dieser
zweite mnnliche Zeuge sein?
    Der Amtmann wre der nchste und beste, meinte die Pastorin.
    Das gab der Pastor zu; aber der Amtmann stand nun einmal nur bei
Honoratioren Gevatter. Das gab wiederum die Pastorin zu, um so mehr als sie mit
der Schachtarbeit fr den Frey vor der Hand leider ihren letzten Trumpf gegen
den Hochmutsnarren ausgespielt hatte.
    Nach einer nachdenklichen Pause hob sie, wie von einem Einfall durchzuckt,
von neuem an: Es ist nicht lange her, Konstantin, da rhmtest du mir als eine
echte Knigssitte, da Seine Majestt die Patenschaft bei jedem siebenten Sohne,
und wre es der des rmsten Schchers, bernhme.
    bernahm, Hanna, versetzte Pastor Blmel, der seine kleinmtige Stimmung
noch nicht berwunden hatte. bernahm, als unser Staat arm an Mnnern geworden
war und Kindersegen fr einen Landessegen galt. Wohl mglich, da nach unserem
Wachstum und einer Reihe gedeihlicher Friedensjahre eine vernderte
volkswirtschaftliche Anschauung den patriarchalischen Brauch verdrngt hat.
Sieben Kinder sind heutzutage keine Seltenheit, Hannchen.
    Aber zehn Shne sind es, Konstantin. Wags, bitte den Knig zu Gevatter,
Freund.
    Pastor Blmel schttelte den Kopf. Kannst du dir eine Vorstellung machen,
Hanna, in welchem Mae unser gtiger, hoher Herr mit Bittschriften jeglicher
Gattung und nicht blo aus niedrigem Stande behelligt wird? fragte er; worauf
seine Hanna lachend erwiderte:
    Ob ich mir eine Vorstellung davon machen kann? Habe ich etwa nicht in
vornehmen Husern konditioniert? Gnadengesuche heit bei denen, die es nicht
bedrfen, was bei denen, die es bedrfen, Bettelbriefe heit; just so wie den
Armen kleine Notschulden schnden, aber den Reichen groe Luxusschulden nicht.
So steht es nun einmal geschrieben im Kodex der groen Welt. Aber was haben wir
damit zu schaffen, lieber Konstantin? Bittest du denn fr dich oder eines der
Deinen?
    Gott verhte das Elend, das mich zu diesem uersten treiben knnte!
    Als Diener des Amtes bittest du den hohen Patron deiner Kirche fr die
hlfloseste Waise deiner Gemeinde; als Ritter des Eisernen Kreuzes rufst du
deines Kriegsherrn Protektorat an fr den jngsten Sprossen eines Geschlechtes,
das bereits durch zwei krftige Shne unter des Knigs Fahne vertreten ist und
dermaleinst, wills Gott! durch noch acht ebenso krftige Shne vertreten sein
wird. Wer wei, ob du durch diesen Patenbrief dem armen kleinen Jungen spterhin
nicht eine Stelle im Militrwaisenhause erwirbst! Konstantin, Herzenskonstantin,
glaube mir, es gelingt! Und selber, wenn infolge irgendeiner neumodischen
Staatsmaxime die hohe Patenschaft abgelehnt werden sollte, fr ein eigenhndiges
Antwortschreiben Seiner Majestt an den freiwilligen Jger von 1813 stehe ich
dir ein, und diese Erinnerung an eine beabsichtigte Guttat wrde dich bis an
dein Lebensende erquicken.
    Die Augen des freiwilligen Jgers leuchteten; er entwarf in Gedanken bereits
den allerhchsten Patenbrief. Seine Gattin fuhr in voreiliger Siegesfreude fort:
    Und du kannst ja auch einflieen lassen, Konstantin, da es auf einen
Geldbettel keineswegs abgesehen ist. Nur um die Ehre. Friedrich Wilhelm von
Preuen deckt den Tagedieb Klaus Frey. Vor der Hand ist gesorgt. Wo sieben
Kinder satt werden, wird es ein achtes auch. Und in einem Falle der Not mu der
Amtmann dran. Ja, Konstantin, er mu! Ei, wre es nicht um den Narren Mehlborn,
wir wrden unsern lieben, alten kniglichen Herrn ja herzlich gern in Frieden
lassen. Aber warte nur, warte, du mein zugeknpfter hochwohlgeborener Herr
Rittergutsbesitzer und Baron in spe: alle zehn Finger sollst du danach lecken,
und schne Batzen sollst du dafr zahlen, als Stellvertreter Seiner Majestt von
Preuen am Tauftische des armen Hirtensohnes stehen zu drfen.
    Frau Hanna lachte vor Herzenslust hell auf, whrend ihr Konstantin, die
Brauen bis unter die Haarwurzeln in die Hhe gezogen, ihr starr in die
blitzenden blauen Augen blickte und mit drohend erhobenem Zeigefinger, so wie er
es bei einer groen Gebotsmahnung von der Kanzel zu tun pflegte, sich also
vernehmen lie: Mit einem ber die Welt verbreiteten Schibboleth, Hanna,
bezichtigen wir als ihre rgsten Feinde die, welche fr einen guten Zweck des
ungute Mittel nicht verwerflich finden, und nicht zum ersten Male, Hanna,
entdecke ich dich auf so unchristlichen Schlangenwegen. Soll auch die
Mutterliebe ihre Jesuiten haben? Mit einem Komdienspiel auf die Schwchen
seiner Nebenmenschen spekulieren, durch Hochmut Gromut erwecken -
    Mitleiden durch ein saures Gesicht, fiel Frau Hanna ein, indem sie ihm
zrtlich die Wangen strich. Ich will es nicht wieder tun, Konstantin; aber sage
mir doch: hast du im groen Weltwesen wie im bescheidensten Einzelnleben jemals
einen guten Zweck ohne Jesuitenknste, wie du es nennst, erreichen sehen?
    Hast du mich jemals auf Schlangenwegen entdeckt? fragte schier entrstet
ihr Konstantin dagegen.
    Niemals! antwortete sie mit dem reinsten Klang der Aufrichtigkeit.
    Aber - aber -, sie stockte, und nur in Gedanken setzte sie hinzu: Wie
hufig hast du auch, redliches Herz, deine besten Zwecke verfehlt!
    Aber - warum stockst du, Hanna? fragte der Pfarrer.
    Aber was sehen wir denn in der Natur, Konstantin, auf die du uns so oft als
eine Lehrmeisterin verweist: bles aus Gutem entstehen, oder Gutes aus dem
bel?
    Beides, antwortete er, beides, Hanna. Allein Moral und Natur decken sich
nicht wie - wie -
    Friedrich Wilhelm den Exhirten Klaus, ergnzte sie mit einem Lcheln;
worauf ihr Konstantin dann fortfuhr: Die Pflanze saugt erstickende Dnste ein
und haucht Lebensluft aus; ein tdlicher Giftstoff wird zur heilsamen Arznei, -
wir wollen diesen groen Gegenstand zu gelegener Stunde grndlich miteinander
besprechen, Hanna, unterbrach er sich selbst. Ihn drngte der Patenbrief an
seinen kniglichen Herrn.
    Und an stilistischem wie kalligraphischem Schwung ein Meisterstck, wrdig
eines allerhchsten Gevattersmannes, war es, welches in der Mitternachtsstunde
dieses Siebenschlfers Konstantin Blmel, evangelischer Pfarrer zu Ober- und
Unterwerben, freiwilliger Jger von 1813, Ritter des Eisernen Kreuzes zweiter
Klasse, unterzeichnete, an Seine Majestt den Knig Friedrich Wilhelm III.,
zurzeit in Bad Teplitz, adressierte und, nachdem er den teuren Namen mit seinem
Atem trocken gehaucht hatte, ber Nacht zwischen den Blttern seiner Erbbibel
verwahrte. Frh am andern Tage trug er das Schreiben persnlich nach dem
stdtischen Postbureau, empfahl es, wennschon bereits Rekommandiert darauf
stand, dem Beamten zu gewissenhafter Befrderung und verbrachte darauf sechs
Tage in einer patriotischen Spannung, wie er sie, seitdem er in den
Friedensstand zurckgetreten war, nicht wieder empfunden hatte. Beide Gatten
hatten sich bis zur Entscheidung unverbrchliches Schweigen gelobt.
    Und endlich, endlich am siebenten Tage, da traf es ein, das heiersehnte
blaue Kuvert, dessen Inhalt sogar Frau Hannas verwegenste Hoffnungen berbot.
Denn den eigenhndigen vier Zeilen, in welchen der wohlaffektionierte Knig
die Taufzeugenschaft bei dem zehnten Sohne des Klaus Tobias Frey in Oberwerben
huldvollst akzeptierte, war ein Patengeschenk von zehn Zehntalerscheinen
beigefgt.
    Die zehn Zehntalerscheine hat die Frau Pastorin bei ihrem nchsten
Stadtgange als Heckepfennig fr den armen Hutmannssohn in die Kreissparkasse
getragen; das allerhchste Handschreiben aber ist von ihr, als Seitenstck zu
dem Aufruf An mein Volk, dem schwarzweien Bande des Eisernen Kreuzes
angeheftet worden. Und so hatte der Segen des Tufertages sich an der armen
Mutterwaise schon im ersten Naturzustande, bevor sie noch ein Christ geworden
war, in doppelter Art bewhrt. Der zehnte Hirtensohn war ein Kapitalist geworden
und hatte seinem Wohltter eine unvergngliche Herzensfreude eingetragen.
    Nachdem Pastor Blmel mit feuchten Augen und fliegender Hand sein
alleruntertnigstes Dankesschreiben abgefat hatte, rstete er sich zu dem Gange
nach dem Pchterhause, um gleichzeitig die Frau Amtmnnin Mehlborn als Zeugin
fr sein Tchterchen und den Herrn Amtmann Mehlborn als stellvertretenden
Knigszeugen bei dem Sohne des Exschfers Frey zu Gevattern zu bitten.

Die Rittergter unserer Gegend sind keine Latifundien und die Edelhfe,
wenngleich sie hufig Schlsser heien, weder mittelalterliche Burgen, noch
moderne Prachtpalste; so war auch das Hauptgut von Werben nur migen Umfangs
und das Schlo mit seiner langgestreckten, glatten Fassade nur ein rumliches
Wohnhaus, das - abgerechnet seine breiten, sich zum Flusse niedersenkenden
Gartenterrassen - ebensogut in einer stdtischen Strae htte stehen knnen. Die
Schden des Krieges waren selbst von auen nur oberflchlich an ihm ausgeheilt,
denn es blieb unbewohnt, seitdem es zu Anfang des Jahrhunderts aus den Hnden
der im Mannesstamme erloschenen, reichbegterten schsischen Familie der Werben
als Tochtererbe in die der preuischen von Hartenstein bergegangen war.
    Auch die Pchterwohnung, die mitten im Schlohofe lag, war zwar
umfnglicher, aber weniger ansehnlich als manches Bauernhaus im Dorfe; das Dach
mit Schindeln gedeckt, der Fuboden mit Estrich ausgegossen, das runde
Fensterglas in Blei gefat; das vorspringende Deckengeblk htte ein Mann vom
Schlage des Schfers Frey mit der Hand erreichen knnen. Der reiche Mehlborn
aber fhlte sich heimisch in diesem bescheidenen Vaterhause und bewirtschaftete
von ihm aus das Gut, obgleich er es ebenso leicht von dem besser erhaltenen Hofe
Unterwerbens, ursprnglich einem groen Vorwerk und Filialdorfe des Hauptgutes,
htte tun knnen. Es war dieses Talgut kurz nach dem Kriege kuflich auf ihn
bergegangen; nicht das einzige, auf welchem in diesen drangvollen Zeiten der
Pchter zum Herrn des Edelhofes ward, auf welchem sein Vater als Groknecht
gedient hatte. Lieferungen und Lasten werden unerschwinglich; der Bodenwert
sinkt, und der Hypothekenwert steigt; nach dem Frieden droht, unverstanden oder
miverstanden, das neue Ablsungsgesetz; das Inventarium eignet bestenteils dem
Pchter, der indessen auf fremdem Boden geerntet und sein Heu ins trockene
gebracht hat. So hier wie anderwrts. Ehren-Mehlborn, der berdies keinen
verchtlichen Mahlschatz erheiratet hatte, wrde schon dazumal auch das hei von
ihm ersehnte Hauptgut haben an sich bringen knnen, wenn die Generalin von
Hartenstein sich zu der Entuerung des Stammsitzes ihrer Familie htte
entschlieen knnen. Heute, das heit zehn Jahre spter, lag diese Entuerung
vor den Augen ihrer Erben als unvermeidliche Perspektive.
    Bis zu dem Erwerb des Talgutes hatte Johann Mehlborn sich nicht mehr gefhlt
als jeder andere emsige, zhe, reichgewordene Bauer. An dem Tage jedoch, wo
Exzellenz von Hartenstein als Sachwalter seiner Gemahlin die geschftliche
Korrespondenz statt an den Pchter Mehlborn Edelgeboren an den
Rittergutsbesitzer Herrn Mehlborn Hochwohlgeboren richtete, stach ihn zum ersten
Male die bewute nobele spanische Fliege. Hatte er sich bisher mit dem Haben
begngt, nun warf er sich nebenbei auch auf das Werden und Sein. Zunchst das
Werden und Sein eines titulierten Mannes.
    Denn siehst du, meine Rse, sagte er zu seiner Frau, Rittersleute wren
wir nun; richtiger Adel bis auf das kleine von, das aber auch nicht ausbleiben
wird, zum wenigsten fr unsere Kinder. So weit htten wirs mit Gottes Hlfe
gebracht. Jedennoch mich auf den Kreistagen und im Kreisblttchen schlechtweg
als Herr Mehlborn traktieren zu lassen und dich von den Nachbarn als bloe
Madame, das geht mir wider den Strich. Mittel sind da: ich kaufe mir den
Amtmann, Rse.
    Frau Rse nickte zustimmend mit dem Kopfe, ihr Johann kaufte sich fr so und
so viel hundert Taler den Amtmann und fhlte sich, was seine eigene Person
anbelangt, mit dieser Wrde allenfalls zufriedengestellt. Fr seine Kinder aber
wollte er hher hinaus, dem Throne um ein paar Stufen nher, und ein kluger
Kopf, wie er war, fate er das Ding auch beim richtigen Zipfel: er sparte fr
sie und lie sie etwas lernen.
    Sie wurden daher der Dorfkameradschaft in Kantor Beyfuens Schulstube
entrckt. Die Tochter, ein ungewhnlich befhigtes Kind, bereiteten die krzlich
aus der Fremde herbeigezogenen Freunde in der Pfarre so weit vor, da sie, die
erste Bauerntochter unserer Gegend, nach ihrer Konfirmation in ein vornehmes
Institut der Hauptstadt aufgenommen werden konnte.
    Denn siehst du, Mutter, so sagte der Amtmann zu seiner Amtmnnin, siehst
du, was fr die Grafentchter in Bielitz drben nicht zu gut ist, das ist fr
unsere Brigitte allenfalls gut genug. Sie erben von ihrem Alten einmal einen
Sack voll Schulden, und unsere Brigitte erbt von mir zum allerwenigsten ein
Rittergut. Aber unter einem Baron tue ich es einmal fr sie nicht.
    Mutter Rosine htte bei dieser Schluwendung freilich gern mit dem Kopfe
geschttelt, sie nickte aber doch, und ihr Amtmann brachte seine Brigitte zu den
Grfinnen in die Institution, bei dieser Gelegenheit aber auch unter die Augen
der gutsherrlichen Exzellenzen, die bisher persnlich ihm unbekannt, durch
gewisse Beziehungen zu seiner Tasche indessen erwnschtermaen vertraut geworden
waren, und da in dem Worte Erbe ein anzgliches Medium liegt, tat durch dieses
persnliche Bekanntwerden die Vertrautheit einen mchtigen Vorwrtsschritt.
    Oder wre Hilmar von Hartenstein, weil Geld und Gut ihm zu entschlpfen
drohten, nicht ebenso, wie Brigitte Mehlborn eine Erbin war, ein Erbe gewesen,
ja mehr als ein Erbe, war er nicht im Genu? Im Genu eines alten, stolzen
Namens, des Glanzes, welcher von einem ruhmwrdigen Vater auf den einzigen Sohn
zurckstrahlt, im Vollgenu der traditionellen Stattlichkeit, Ritterlichkeit,
Frohlebigkeit seines Geschlechts, ein Hartenstein par excellence? Sind diese
Erben eines Temperaments, welches die Gabe des Reichwerdens und selber des
Reichbleibens auszuschlieen scheint, nicht allemal auch die des Zaubers
liebenswrdiger Unwiderstehlichkeit? Und unchristliche, das heit herzenshrtige
Gottesgeschpfe sind sie beileibe ja auch keineswegs. Naturphilosophinnen, wie
Frau Hanna Blmel, wollen freilich behaupten, da derlei kat'exochn
liebenswerte Lebeleute den Gegenbeweis liefern zu dem Gesetz, welches aus dem
Schlimmen hufig ein Gutes erwachsen lt und da durch ihre kavaliere
Liebenswrdigkeit weit mehr bel und Weh ber die Welt verbreitet worden ist als
durch die Langweiligkeit der sogenannten Philister samt und sonders; mgen auch
erst nachfolgende Geschlechter die bittere Hefe des sen Weines zu verwinden
haben. Aber Brigitte Mehlborn war bei sechzehn Jahren noch keine Philosophin,
wennschon sie starke Anlage hatte, es eines Tages zu werden. Der und kein
anderer! sagte sie zu sich selbst, als sie den Tag vor ihrer Einfhrung in die
residenzliche Kostschule an der Tafel der Exzellenzen dem schnen
Gardereiterleutnant in seiner blitzenden Uniform zum ersten Male gegenbersa.
    Und: Meinetwegen auch die! sagte zwei Jahre spter seufzend der schne
Gardereiterleutnant, vor die Alternative gestellt, sich aus einem
hauptstdtischen Schuldensumpfe auf den soliden Boden eines provinzialen
Infanterieregimentes zu retten und den letzten Anspruch an sein einstiges
Muttererbe fallen zu lassen, oder diese Erbaussicht aus der Hand der
Pchterstochter, um den Preis des Graziengrtels, zurckzuerhalten.
    Der tapfere General berwand das Loch im Stammbaum, wie es einem Helden
ziemt; seine Gemahlin krnkelte und dachte an eine selige Ewigkeit, in deren
Angesicht man es hinsichtlich gewisser geistigen Gewhnungen, Vorurteile
genannt, glimpflicher als in gesunden Tagen zu nehmen pflegt. Mutter Mehlborn
wurde nicht gefragt, wrde aber, wenn gefragt, schwerlich mit dem Kopfe
geschttelt haben. Vater Mehlborn aber schrieb, unter Frau Hanna Blmels
freundseelsorgerischer Korrektur, triumphierend Ja und Amen, und seine Brigitte
kehrte als strahlende Braut in das Pchterhaus zurck.
    In kurzem prsentierte sich auch der ritterliche Brutigam, wie es hie,
weniger strahlend als seine Braut, und leider, der Frhlingsparaden halber, nur
fr einen halben Tag, so da den Freunden in der Pfarre der Vorzug seiner
Bekanntschaft versagt blieb. Indessen soll vor dem Abschied die
Verlobtenstimmung doch noch recht merklich zum Durchbruch gekommen sein, da ein
gewisses heikles Geschft, von Vater auf Sohn bertragen, sich ber Erwarten
glatt abgesponnen hatte.
    Und warum htte wohl auch Vater Mehlborn, selbst abgesehen von seinem
edelmnnischen Gelingen, die Schnren seines Sckels allzu straff anziehen
sollen? Der Bodenwert stieg, das Gut trug jetzt allenfalls eine Hypothek mehr;
noch eins oder das andere von diesen gewissen heiklen Geschften, und der
Stammsitz der Werben war ungeteilt Mehlbornsches Erbe.
    Schon im Sommer wurde die Hochzeit gefeiert, weder in Ober- noch
Unterwerben, die beide zu exzellenzlichen Festivitten nicht angetan waren; auch
nicht in der Residenz, aus welcher vor kurzem General von Hartenstein zu einem
Oberkommando in die stliche Provinz versetzt worden war, sondern mglichst
still in einem kleinen mrkischen Badeorte, in welchem die kranke Generalin sich
zur Kur aufhielt. Amtmann Mehlborn war es zufrieden, sich als Brautvater mit
einer Gasthofsrechnung abfinden zu drfen, obschon dieselbe, der Rangstufe der
Hochzeitssippe entsprechend, mit doppelter Kreide angeschrieben wurde. Auch da
die Brautmutter, der Ernte und anderer Unvermeidlichkeiten halber zu Hause
geblieben war, konnte ihm nur zur Genugtuung gereichen. Er hatte, da er noch
Ehren-Mehlborn hie, seine Rse gern zu Kirmes- und Erntetanz unter lustige
Festgenossen gefhrt; seitdem sie jedoch seine Gemahlin und eine gndige Frau
ohne kleines von geworden, sah er sie nur gern innerhalb ihrer vier Pfhle.
Sie war und blieb nun einmal unempfnglich fr jede hhere Kulturbestrebung.
    So das Schicksal der Tochter. Aber schon Jahr und Tag vor deren Einfhrung
in das residenzliche Institut war auch der Sohn der Sphre des Pachthofes
entrckt worden und wre es bei diesem Anla nahezu geschehen, da Mutter Rosine
zum ersten und einzigen Male energisch den Kopf geschttelt htte. Denn der
Hannes war von ihrer eigenen stillen Art und beiden am wohlsten, wenn er ihr im
Milchkeller und Hhnerhof am Schrzenzipfel hing. Er wuchs ihr daher auch weit
dichter an das Herz als die nach dem Vater schlagende aufgeweckte Tochter, und
sie htte ihn dort groziehen mgen, wo er nach seiner wie ihrer Meinung, und
sicherlich auch nach der der Natur, hingehrte: auf dem elterlichen Hofe. Wenn
aber Vater Mehlborn sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, was konnten
Mutter Rosine und ihr Hannes dann wohl dagegen tun? Und Vater Mehlborn hatte es
sich in den Kopf gesetzt, seinen Stammhalter dem Throne um verschiedentliche
Stufen nher rcken zu lassen.
    Hannes, hatte er gesagt, Hannes, du studierst; ich schenke dir ein
Rittergut; du wirst Landrat, heiratest eine Grfin, meinethalben eine arme, und
alles, was weiter hinaus liegt, findet sich von selber.
    So wurde denn der arme stille Hannes mhsam durch das Gymnasium gedrillt,
brachte es auch bis zur Universitt, aber bis zum Landratsamte und allem, was
weiter hinaus liegen sollte, brachte er es nicht, denn der arme Hannes fiel im
Zweikampf mit einem Korpsbruder, der das kleine von vor seinem Namen ererbt
und dem reichen Landsmann, welcher es erst erwerben sollte, den Spottnamen
Mehlwurm angehngt hatte.
    Zuverlssig: der arme Hannes war von Natur kein Raufbold, der sich durch
einen unschuldigen Mehlwurm zu Mordgedanken htte treiben lassen. Aber sie
hetzten und stachelten ihn in Spott und Ernst, und der am eifrigsten hetzte und
stachelte, ihn mit dem, was er der Ehre der Familie schuldig sei, ganz toll und
tricht machte, das war der Mann, den er Bruder nannte, weil er der Gatte seiner
Schwester geworden war. Und so kriegte der arme Hannes denn einen Stich in die
Brust, lag ein paar Tage purpurrot in loderndem Fieber und Phantasien von dem
heimischen Hof, und dann wurde er wei und stiller denn je. Ach, Mutterchen,
wie khl mu es in deinem Milchkeller sein! war sein letztes Wort.
    Die Leiche wurde nach dem Talgute gebracht und mit mglichstem Pomp in einem
Gewlbe unter der dortigen Kirche beigesetzt, das auf diese Weise zur Erbgruft
der Mehlborn eingeweiht wurde. Diese Feierlichkeit, samt ritterlicher
Grufterrungenschaft, trug viel dazu bei, da der Vater sich von dem
Wetterschlage, so jach als er ihn niedergeworfen hatte, wieder emporrichtete.
Denn kein Schmerz, der nicht eine Not in sich schliet, wandelt das Grundwesen
eines Menschen um; und Vater Mehlborn hatte wohl den einzigen Sohn, aber nicht,
was eine Not in sich geschlossen haben wrde, den einzigen Blutserben verloren.
Er schaffte in die Breite und baute in die Hhe wie zuvor; als ihm aber bald
darauf von seiner Brigitte, die von jeher sein Liebling gewesen, der erste Enkel
geboren ward, trstete er sich, als htte er nie einen Sohn besessen, in der
Zuversicht, den freiherrlich Hartensteinschen Namen dem Namen Mehlborn verbunden
zu sehen, sobald nur erst auch das Hauptgut Mehlbornsches Erbe geworden sein
wrde.
    Fr die Mutter dahingegen war der Tod des Sohnes ein Schmerz der
umwandelnden Not. Ein Sto in den Herzgrund brachte, wie Pastor Blmel es
ausdrckte, den Heilandstrieb zum Durchbruch, ber welchem im gleichmigen
Tageslauf sich eine Erdenschicht gebildet hatte. Und vielleicht hat nur der
Mutterschmerz diese Gewalt. Rosine Mehlborn hatte bis in das Matronenalter still
vor sich hin geschfftert, keinem Menschen zuleide, aber auch keinem, auer
ihren Allernchsten, zuliebe. Nun, da sie an ihrem tiefsten Bedrfen Mangel
litt, wurde sie die leise Helferin bei jedem fremden Mangel, auf welchen ihr
Blick gerichtet ward. Ihr Amtmann durfte es nicht merken, einer aber merkte es,
der ihr nimmer aus den Augen wich. Im Morgendmmer und wenn der Mond in ihre
Kammer schien, zwischen den Lmmerwlkchen, welche das blaue Himmelsfeld
berziehen, vom ersten Stern des Abends und von dem letzten frh blickte ihres
Hannes gutes Gesicht auf sie herab; und wenn der Mangel, den sie gewahrte, ein
recht groer und ihre Hlfe ein Opfer war, da sah sie ihren Hannes lcheln, und
sie lchelte auch, nickte ihm zu und sagte: Mein Hannes, ich komme bald!
    An ihre Brigitte dachte sie wohl auch, sie war ja ihr liebes Kind; wenn sie
aber nicht ihr liebes Kind gewesen wre, wrde sie an jeden Menschen eher als
die Brigitte gedacht haben. Der Tochter Natur war ihr unverstndlich und wurde
es durch ihr Schicksal je mehr und mehr.
    Die beiden Erbkinder von Werben waren erst wenige Monate ein Paar geworden,
als der einzige Bruder, ein Opfer seiner unfreiwillig berkommenen
Standespflichten, fiel: im Pchterhause brach schier ein Mutterherz; hher
hinauf jedoch, dem Throne nher, trat der beklagenswerte Ausgang hinter dem
Spottreiz des Anlasses zurck; der Name Mehlborn erhielt einen belustigenden
Klang, den seine alten Trger, gottlob! nicht ahneten, der von dem chevaleresken
Gatten der vormaligen Trgerin jedoch die Ehrenpflicht heischte, mit seinem
besten Kameraden ein paar Kugeln zu wechseln. Ein Menschenopfer war in diesem
zweiten Kampfe um den Mehlwurm nicht zu beklagen, der Wurm selbst aber um so
weniger zur Ruhe gebracht worden. Hilmar von Hartenstein verstand daher einen
gndigen Wink von oben herab und vertauschte bis auf weiteres die blitzende
Gardeuniform mit einer schlichten der Linie unter seines Vaters Kommando und in
dessen wenig vergnglicher Garnison. Wehe aber der liebenden Frau, welcher ein
solches Opfer unter Zhneknirschen gebracht worden ist!
    Vier Jahre waren seitdem verflossen, die alte Frau von Hartenstein war
gestorben, die junge Frau von Hartenstein ein einziges Mal in der Heimat
gewesen, um den Eltern die beiden Enkel vorzufhren, auf welchen ihre irdische
Zukunftshoffnung beruhte; bei dieser rhrsamen Gelegenheit aber auch gegen Vater
Mehlborn ein Geschft der allerheikelsten Art - weil ohne die Entuerung des
Stammgutes - durchzusetzen. Unbegreiflicherweise fr Vater Mehlborn strubte
sich gegen diese Entuerung mehr als der Erbe der Mutter die Mutter der
einstigen Erben. Brigitte von Hartenstein wollte die Lebensstellung ihrer Kinder
nicht ausschlielich auf den Reichtum ihres Vaters gegrndet sehen.
    Die Entwicklung, welche die vormalige Schlerin seit ihrer Verheiratung in
Wesen und Willen genommen hatte, gab den Freunden in der Pfarre mancherlei zu
denken und vertraulich zu besprechen. Brigitte von Hartenstein war auf bestem
Wege, zu werden, was ungefhr von ihrer Zeit ab eine bedeutende Frau genannt
worden ist; eine Spezies, die man in frheren Tagen wohl auch dann und wann
gefunden, allein anders betitelt hat. Kein Landmann wrde in ihr den lndlichen
Ursprung vermutet, aber auch kein Edelmann sich ihr als seinesgleichen
vertraulich genhert haben; sie htte fr eine Gelehrtentochter gelten knnen,
so nach dem Grunde hin hatte sie sich mit zher Ausdauer vertieft und so
geflissentlich vermied sie den Schliff der Kreise, in welche sie sich einem
Einzigen zuliebe gestellt. Sie hatte unter diesen Menschen seit dem Tode ihres
Bruders, aber nicht durch diesen allein, bitterlich gelitten; sie verachtete,
ja, sie hate diese Menschen. Jenen Einzigen aber liebte sie noch immer mit der
hartnckigen Ausschlielichkeit einer nchternen Verstandesnatur. Sie nannte
diese Liebe ihre Pflicht und forderte ausschlieliche Gegenliebe als ihr Recht.
Da sie ihren schnen, charakterlosen Gatten liebte, lediglich weil er ihr heute
wie in der ersten Stunde gefiel, gestand die charaktervolle Frau sich nicht ein.
Da sie, um von ihm geliebt zu werden, erst lernen mute, ihm zu gefallen, wrde
sie unter ihrer Wrde gehalten haben.
    Hanna, sagte Pastor Blmel zu seiner Gattin nach einem langen Spaziergange
mit seiner einstigen Schlerin, Hanna, diese noch minorenne Frau hat die Kritik
der reinen Vernunft gelesen und merkwrdigerweise verstanden.
    Wrde sie nicht besser daran sein, Konstantin, wenn sie dieselbe nicht
verstanden htte? entgegnete Frau Hanna.
    Seit diesem Besuche hatten die Amtleute kein Mitglied ihrer angefreiten
Sippe wiedergesehen. Pnktlich am ersten jedes Monats traf ein Brief der Tochter
ein, ein braver, kluger Brief, ein Musterbrief, man knnte ihn drucken lassen,
sagte der Vater; die Mutter aber weinte allemal den ganzen Tag, nachdem ihr
Amtmann ihn vorgelesen, und sehnte sich mehr denn je nach ihrem Hannes, dessen
Briefe nicht wie gedruckte geklungen hatten, aber wie mit Lettern in ihrem
Herzen geschrieben standen.
    Und so war es bis auf die heutige Stunde geblieben. Die Amtmnnin hatte ihr
Trauerkleid nicht abgelegt, der Amtmann trug den Kopf hher denn je. Frau Hanna
Blmel, die mitunter das Gras wachsen hrte, wollte ihm indessen doch anspren,
er htte den bisher hchsten Schritt auf seiner Jakobsleiter ebenso gern oder
wohl gar lieber unterlassen.

Pastor Blmel war festlich angetan in kurzem Beinkleid, langen schwarzen
Strmpfen und Schuhen, ber dem Leibrock ein schmales Chormntelchen am Rcken
niederhngend. Er hatte, als er in die Gegend versetzt wurde, diese Art
halbamtlicher Interimstracht als eine bliche vorgefunden und, vielleicht noch
der einzige in der Ephorie, sie beibehalten bei einem Kranken- und Trostbesuch,
oder, wie heute, als Gevatterbitter. Eben griff er nach dem Hute, den er bei
derlei Gngen aber nicht ber das Kppchen setzte, sondern, dem Brauche nach, in
der Hand trug, als gegen alle Familienordnung die kleine Balsamine - huslich
Minchen - in das geistliche Gemach strmte, um einen Besucher anzumelden, der
sich der Mutter in der Laube Herr von Hartenstein genannt habe.
    Herr von Hartenstein! ein Landsmann aus der alten Heimat, ein Held aus
seiner groen Zeit, sein Patron, nach dessen Bekanntschaft er sich seit zehn
Jahren gesehnt hatte! Welche neue, frohe berraschung an diesem Tage frohester
berraschungen! Oder sollte es der Sohn des Ersehnten sein, seiner Schlerin
Gatte, vielleicht sein knftiger Patron? Ei nun, dieser oder jener, jedenfalls
ein teurer, hochwillkommener Gast.
    Nun gab es aber noch einen dritten Hartenstein; einen, den Konstantin Blmel
persnlich gekannt hatte zu einer Zeit, wo er eine nhere Beziehung zu jener
Familie sich nicht trumen lie, ja dem er diese Beziehung recht eigentlich
dankte; einen Kameraden vom Yorckschen Korps und - seltsamste Wandlung bei einem
Hartenstein! - einen geistlichen Amtsbruder, dessen Name, neuerdings laut in die
ffentlichkeit dringend, des alten Waffenbruders Erinnerung lebhaft angefacht
hatte; einen, dessen Wiedersehen er noch inniger als die Bekanntschaft der
beiden anderen ersehnt - und just auf die Vermutung dieses dritten kam
Konstantin Blmel nicht. Ja, als der Gemeldete jetzt, von der Hausfrau geleitet,
die Schwelle berschritt, selber da schwankte er noch zwischen der Annahme von
Vater und Sohn. Erst als der Fremde sich mit den Worten einfhrte: Sie scheinen
mich nicht wiederzuerkennen, Herr Prediger: ich bin der Doktor Joachim von
Hartenstein, erst da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; allein -
wunderbar! eine steife Verbeugung war alles, was ihm zum Willkomm des Ersehnten
gelang.
    Whrend er nun aber, stumm vor berraschung, dem bleichen, ergrauten,
brgerlich gekleideten Manne gegenberstand, den er zuletzt mit kampfgerteten
Wangen, in der blauen Litewka, das Eiserne Kreuz auf der Brust, gesehen hatte,
whrend er in pltzlicher Scheu kaum die Fingerspitzen des Amtsbruders zu
berhren wagte, wo er so gern die Hand des Kameraden geschttelt htte, da
entschleierte sich mit der Gedankenschnelle, fr die es keinen Mastab gibt, vor
Konstantin Blmels Seelenauge die Wechselwirkung von Natur und Schicksal, die
diesen lange verehrten Mann ihm pltzlich zu einem Fremden machte. Es war der
Kmpfer, welcher dem Vershner gegenberstand.
    So schn und so tapfer wie ein Hartenstein galt als Sprichwort unter dem
preuischen Soldatenadel, und von fnf Shnen eines alten tapferen Obersten aus
der friderizianischen Schule war der jngste, Joachim, der schnste und
feurigste, den Hektor der Armee hatte ein hoher Frauenmund ihn genannt.
Smtlich waren sie Militrs, und smtlich folgten sie dem Vater in den Feldzug
von 1806. Der unselige 14. Oktober zertrmmerte Ehre und Glck auch dieses
heldenmtigen Geschlechts. Das vaterlndische Heer lag am Boden, einer Leiche
gleich, an der die Wrmer zu nagen begannen. Auch gegen den Obersten tauchten
aus einem unentdeckbaren Winkel Bezichtigungen auf, welche bei Freund wie Feind
ein hhnendes Echo weckten. Wer unterscheidet in so trben Tagen scharf die
Linie, auf welcher Unglck und Unglimpf sich scheiden? Wo so viele unrein
werden, tzt das geblendete Auge ein reiner Punkt. Erst beruhigten Zeiten liegt
die Klrung ob.
    Als nach dem Frieden die militrische Untersuchungskommission ihr Werk
begann, war der jammervolle Greis seiner Pein erlegen; von oberster Stelle ist
der Flecken auf seinem Ehrenschilde nicht besttigt worden; in den Herzen seiner
Shne lebte er fort als ein Held. Vier von ihnen umstanden seine Bahre; der
fnfte moderte in den Gruben an der Saale. Die Armee war aufgelst, der Brder
Zukunft eine Frage. Dort auf das tote Haupt des Vaters leistete einer nach dem
anderen den Schwur, die verdunkelte Ehre rein zu waschen, dereinst im Kampfe
gegen den berwltiger des Vaterlandes, zunchst in dem gegen den Verleumder des
Vaters.
    Es war ein Kamerad, ein Freund, ja, ein Blutsfreund, von welchem die
Schmhung wenn nicht ausgegangen, so doch erweislich nachgesprochen worden war.
Die Brder stritten sich um den Vorzug der rchenden Hand; sie losten, ein jeder
mit dem heimlichen Vorbehalt, fr den Rcher einzutreten, wenn er unterliegen
sollte.
    Die blutige Reihenfolge wurde ihnen erspart; der das Los zog, war Joachim,
noch ein Jngling; doch hielt er sein Mannesrecht fest gegen den Widerspruch der
Mnner und fhrte es durch als ein Mann.
    Der Beleidiger fiel; aber auch dem Rcher war eine Kugel in die Brust
gedrungen, die er nach langen Jahren mit in das Grab genommen hat. Als er von
seinem schweren Krankenlager erstand, war die Hartensteinsche Blte auf seinem
Antlitz einer Marmorblsse gewichen, und durch sein blondes Lockenhaar zogen
sich weie Silberfden; ein Leidensmerkmal, aber ein adelndes; ein Merkmal der
Wandlung, die auch in der Seele des Jnglings sich vollzogen hatte und die, wie
tief Erinnerung und Gegenwart drcken mochten, bei einem Hartenstein eine
sonderbare genannt werden mute.
    Nur der lteste der Brder, der gegenwrtige General, blieb im Dienst der
reorganisierten vaterlndischen Armee. Die beiden mittleren suchten in der
Fremde einen Platz, auf welchem sie sich frher als jene mit dem berwltiger
messen durften. Joachim ging nach Knigsberg und studierte Theologie; unter den
Armen der rmste, unter den Eifrigen der Eifrigste. Er war noch nicht
grojhrig, als er, anhebend mit den Wunden und der Schmach des Vaterlandes, die
lange Reihe jener Erdenmchte hatte kennen lernen, mit denen im Ringkampf der
Mensch zum Gottesleugner oder zum Heilandsjnger wird.
    Er hatte seine geistlichen Prfungen eben zurckgelegt, als in seiner
unmittelbaren Umgebung die bahnbrechende Erhebung ihren Ausgang nahm. Auch
Joachim griff wieder zu dem Schwert. Seine beiden Brder waren in sterreich und
Spanien gefallen; nur der lteste und jngste der Shne des unglcklichen
Obersten von 1806 erlebten den Tag der Befreiung, beide mit den hchsten Zeichen
der Tapferkeit auf der Brust.
    Als Kameraden im Yorckschen Korps hatte der Rittmeister von Hartenstein den
freiwilligen Jger Blmel wiedergefunden, dem er schon whrend seiner
Studienzeit in Knigsberg flchtig begegnet war; und da nach dem Frieden die
Pfarrstelle in Werben neu zu besetzen stand, machte er deren Patron, seinen
Bruder, auf diesen treupreuischen Mann als den geeignetsten Seelsorger in der
jngsterworbenen, noch zweifelhaften Provinz aufmerksam.
    Auch er selbst kehrte von der Fahne zur Kanzel zurck; sein Sinn war aber
nicht derart gerichtet, um sich in einer stillen Landpfarre, wenn auch warm und
behaglich einzunisten; und bald genug fand er denn auch den Wirkungskreis, in
welchem sein Name, seine bedeutende Erscheinung, eine ungemeine Rednergabe und
vor allem sein Temperament und Wille zur vlligen Geltung kommen durften. Als
Oberdomprediger und Propst in einer provinziellen Hauptstadt, als Doktor der
Theologie, dessen Ehrendiplom die Universitt jener Stadt ihm verliehen hatte,
als ein Magnat der Kanzelberedsamkeit, wrde die hchste Wrde seines Standes,
die eines Generalsuperintendenten oder protestantischen Bischofs, ihm nicht
entgangen sein, wenn nicht auf neuem Gebiet die alte kampfesmutige Ader seines
Geschlechtes in ihm entzndet worden wre. Er hatte auf das lutherische
Bekenntnis geschworen und sein Vershnung suchender reformierter Knig durch
Einfhrung der Union ein Scharmtzel der Geister heraufbeschworen, als eine von
dessen Haupttriebfedern der Propst von Hartenstein sich erwies. Er war der Erste
und Oberste von denen, welche sich der neuen Ordnung widersetzten. Seine
Hartnckigkeit kostete ihm die glnzendste Perspektive. Was fragte er danach?
Sie konnte, ja, sie mute ihm sein gegenwrtiges Amt kosten. Was verschlug es
ihm? Er wre Reiseprediger, Agitator geworden, ein zum Mrtyrer berufener
Streiter fr seines Gottes Ehr.
    Der eigenartig strenge Zauber seiner Persnlichkeit und Begabung hatte ihm
in weiten Kreisen Anhang erworben; selbstverstndlich auch Gegner und Sptter.
Viel Feind, viel Ehr, sagte Joachim von Hartenstein und sagten seine Getreuen.
Die Frauen zumal schwrmten fr ihn wie fr einen neuen Propheten. Der
dreifltige Ritter der Geburt, des Schwertes und des heiligen Worts wrde nicht
vergebens die Hand nach den glnzendsten Erbtchtern seiner Provinz haben
ausstrecken drfen, und er hatte in frhreifer Jugend als stark empfnglich fr
Frauenhuld gegolten.
    Dennoch dachte er an eine Verheiratung erst nach dem Tode seiner Mutter, die
er als treuester Sohn unter seinen Schutz genommen hatte; und wenn bei seiner
Wahl die Stimme des Herzens sich auch mit weltlicher Zweckmigkeit verband, fr
den Entschlu gaben den Ausschlag das Pflichtgebot eines lutherischen Bekenners
und der starke Hartensteinsche Stammessinn, da in Hilmar, seinem einzigen
Neffen, das alte Geschlecht voraussichtlich nicht in ruhmwrdiger Weise seinen
Abschlu gefunden haben wrde.
    Die Erkorene war ein blutjunges Frulein, Schwestertochter seiner
Schwgerin, in deren Hause sie, frhverwaist, heranwuchs. Der General und seine
Gattin sollen sich mit der Hoffnung getragen haben, durch Ottiliens liebliche
Sanftmut dem unbotmigen Sinne ihres Sohnes einen Zgel angelegt, gleichzeitig
aber auch das Stammgut des gemeinschaftlichen Grovaters von Werben durch das
Erbteil der Waise der Familie erhalten zu sehen. Ebenso ging die Rede, da der
Vetter dem Bschen beraus hold, das Bschen dem Vetter mindestens nicht abhold
gewesen sei, bis des Oheims unerwartete Werbung dem kindlichen Gemte pltzlich
eine vernderte Richtung gab. Die Waise blickte zu dem edlen Manne empor nicht
nur wie zu einem Vater, sondern wie zu einem Helden, einem Helden auf dem
Gebiete, in welchem sie selbst einen Platz, wenn auch den demtigsten, einnahm;
sie fhlte sich durch seine Wahl in ihren eigenen Augen gehoben und wrde ja
haben sagen mssen, selbst wenn im heimlichsten Grunde eine Stimme nein
geflstert htte.
    So sagte sie denn ja und wurde in ehrfrchtiger Hingebung das Weib des
Mannes, der ihr Vater sein konnte. Hilmar von Hartenstein aber sagte,
eingeklemmt zwischen Trotz und Not: Meintwegen auch die! und heiratete
Brigitte Mehlborn.
    Das Resultat der weltlichen Ehe lag zurzeit selbst vor Freundesblicken noch
im Nebel; die geistliche Ehe dahingegen leuchtete bis in weite Ferne als eine
jener wohlgeratenen, welche der groe Meister Luther die allerseste
Gottesgabe nennt; der Familie aber, zu der sie sich je mehr und mehr
erweiterte, gaben des Vaters unbedingte Autoritt, seine kirchliche
Ausnahmestellung und angeborene adlige Sitte ein Geprge, das sie vor profanen
Berhrungen fast klsterlich abschied.
    So halb Prlat und halb Patriarch, mit einem merklichen bergu vom Militr
und Kavalier: so war der Mann, oder so erschien er mindestens Konstantin Blmel,
nachdem dieser ein hochwertes Bild aus seiner Erinnerungsmappe mit dem
gegenwrtigen Original verglichen und fr dieses Original in der Galerie seiner
Phantasiegestalten vergeblich nach einem Seitenstck gesucht hatte.
    Eine hohe, schmchtige Gestalt, das frische Kolorit und die tiefe Augenblue
aller Hartenstein bllich abgedmpft, der dunkle Reiseanzug von weltmnnischer
Einfachheit, nichts was an den Pietisten, aber auch nichts, was an die Eitelkeit
der Gesellschaft erinnerte, vornehm vom Scheitel zur Zehe, herzenskhl und doch
eiferartig: so sah Frau Hanna ihres Gatten vielbesprochenen einstigen Gnner,
sah ihn ihrer Vorstellung gem, und weil sie ihren Konstantin kannte, begriff
sie dessen stumme Verwirrung und war beflissen, den Pflichten landpfarrlicher
Gastfreundschaft an seiner Statt gerecht zu werden. Sie ntigte Hochwrden in
das behaglichere Wohnzimmer. Zu welchem Zweck? der Raum gengte ja, meinten
Hochwrden. Sie bot Erfrischungen an; Hochwrden dankten dafr. Sie erlaubte
sich die Hoffnung, Hochwrden ein Nachtlager in ihrem Hause annehmen zu sehen.
Hochwrden erklrten, da sie ihren Wagen nach dem Pchterhause vorausgeschickt
und sich frische Postpferde dorthin bestellt htten, da die Universittsstadt
noch vor Nacht erreicht werden sollte und an der neuen Verwandtschaft doch nicht
ohne Gru vorbergegangen werden drfe.
    Der Propst - er selber nannte sich, analog seinem groen Vorbilde, den
Doktor von Hartenstein - begleitete die letzten Worte mit einem Lcheln, welches
die heitere Pfarrfrau nicht zum Mitlcheln reizte, hinterdrein jedoch einen
lachenden Eifer in ihr entzndete. Sie sah, da ihre Gegenwart im geistlichen
Gemach von berflu sei, und zog sich mit der Verneigung einer alten, grflichen
Gouvernante zurck.
    Geht mir doch, so hatte sie bei einem hnlichen Anlasse gesagt, geht mir
doch mit den Freunden, die sich vermessen, fr uns durch Feuer und Wasser zu
laufen! Wann gert denn ein Mensch in Feuers- und Wassersgefahr? Und gert er
einmal hinein, ist es unter hundert Fllen neunundneunzig Mal nicht der Freund,
sondern der erste Beste, der, rasch bei der Hand, die Hlfe bringt. Sein
Alltagspckchen sollen wir dem Freunde tragen helfen, vor den kleinen
Scherereien, die der Fremde bersieht oder verlacht, nicht die Nase rmpfen und
nicht erst Handschuhe anziehen, wenn es gilt, seinen Karren aus dem Sumpfe zu
ziehen: nicht mehr, nicht weniger heit das, was in der vierten Bitte unserm
tglichen Brote zugezhlt wird.
    Dieser ihrer Auslegung vom tglichen Brote, das Frau Hanna selber
hausbackenes nannte, gem, brach sie heute - drei Tage vor dem
Danksagungsgottesdienst und dem heiligen Taufakt! - die Klausur der Wochenstube,
um ihrer guten Freundin in einer nie erlebten Verlegenheit mit den Erfahrungen
einer in angesehenen Familien konditioniert gewesenen Hauswirtin unter die Arme
zu greifen. Sie lachte hellauf, wenn sie sich den Wirrwarr im Pchterhause
vorstellte, nachdem der fremde Diener den Besuch des vornehmen Herrn Vetters
angemeldet hatte. Und just in der ersten Juliwoche, wo alle dienstbaren Hnde
bei der Ernte beschftigt waren!
    Schade, da die kluge Pfarrfrau nicht auch im geistlichen Gemach die
Mittlerrolle bernehmen durfte!
    Sobald die beiden Amtsbrder sich allein gegenberstanden, der eine den
anderen um Kopfeshhe berragend und darum auch unwillkrlich auf ihn
niederblickend, sagte der Fremde:
    Sie werden in gegenwrtigen Zeitluften nicht voraussetzen, Herr Prediger,
da ich auf einer Vergngungs- oder Vetternreise hier haltgemacht. Mein Kommen
gilt ausdrcklich Ihnen, das heit dem Pfarrer.
    Pastor Blmel verbeugte sich schweigend. Der andere fuhr fort:
    Da mein Standpunkt sattsam bekannt ist, darf ich mir Prliminarien
ersparen.
    Wiederum eine stumme Verbeugung von seiten des Pfarrers.
    Wohlan denn, Herr Prediger. Wie stellt sich das Pastorat Ihrer Ephorie zu
der neuen Agende und der Durchfhrung der Union?
    Pastor Blmel wute seit dem ersten Wort, worauf die Glocke ausgehoben. Er
hatte sich zum Widerstande gefat und antwortete ruhig:
    Man hat sie, soviel mir bekannt, einmtig als einen kniglichen Akt
vershnender Christenliebe aufgenommen.
    Auch Sie?
    Ich unbedingt.
    Und das Patronat?
    Hat in Stadt wie Land keinen Widerspruch erhoben.
    Auch mein Bruder?
    Seine Exzellenz schrieben mir auf meine Anfrage: die Heilsordnung, die
meinem Knig gengt, wird auch mir gengen. Ich gedenke das nchste Abendmahl
innerhalb einer unierten Gemeinde zu genieen.
    Es sieht ihm hnlich!
    Das freut mich, Hochwrden.
    Aber die Gemeinden?
    Werden, soweit sie die Unterscheidung begreifen, sie nicht als eine
Beeintrchtigung ihres protestantischen Bekenntnisses auffassen.
    Warum auch nicht? Es sind ja Sachsen! Landsleute der groen Aufklrer von
Leibniz an bis Lessing und - -
    Und vor diesen Martin Luthers!
    Gewi. Vor allen Luthers!
    Ich frchte, Hochwrden nicht mehr zu verstehen.
    Und ist doch so verstndlich. Jede Zone kann einen Helden zeugen, aber in
jeder Zone wird der Held verschieden wirken. In keinem anderen deutschen Gau
wrde eine kirchliche Neuerung so rasch Wurzel schlagen und sich so behaglich
haben ausbreiten knnen wie in diesem.
    Hochwrden scheinen das zu beklagen.
    Sie irren, Herr Prediger. Ich bin Lutheraner. Ich kann und will nichts
anderes sein; ebensowenig wie ich als Preue wieder ein Reichsdeutscher - und
damit meine ich das Reich vor seinem klglichsten Verfall, das heit vor der
Reformation und lange bevor es einen preuischen Staat gegeben hat - werden
knnte. Aber eben weil ich nichts anderes sein kann, will ich das, was ich bin,
ganz sein und werde mich bumen bis zum uersten, ehe ich mir und den Meinen
Luthers Heldentat verpfuschen lasse.
    Ich nenne es sie vollenden, Hochwrden, so wie der Meister selbst sie
vollendet haben wrde, wenn - -
    Er, er? rief der Propst mit durchbrechender Leidenschaft. Er, welcher der
Satansversuchung so urkrftig widerstand, da er lieber dem strksten Puff, den
er dem Papsttum versetzen konnte, - seine eigenen Worte! - entsagte, als da er
das Sakrament vom Fleisch und Blut in ein Abendmahl von Brot und Wein verhunzen
lie.
    Mehr als zehn Menschengeschlechter sind seit diesen Erstlingskmpfen fr
eine erneuerte Norm abgestorben, entgegnete, nunmehr gleichfalls warm werdend,
Konstantin Blmel. Sollen der Wahn und die Wut des sechzehnten Jahrhunderts
nicht in dem weiten Grabe des siebenzehnten verschttet worden sein? Sollen sie
heute, im neunzehnten, zu einem Scheinleben wieder aufgerttelt werden?
    Und was hat diesen Wahn und diese Wut, wie Sie es nennen, Herr Prediger, in
den Menschengeistern abgelst? Goldmacher, Forscher nach dem Stein der Weisen;
Betrger und Betrogene auf den Thronen und zu Fen derselben; der nchternste
Vernunftsdienst, ein knstlich aufgewrmtes Heidentum, Atheisten und
Sansklotten auch unter uns; dnkt Ihnen deren brtendes Whlen menschenwrdiger
als jener Leben und Sterben fr ein untrgliches Wort, fr eine ewige Idee?
    Die ewige Idee beharrt, Hochwrden, aber die Ideen, die sie gebiert,
wechseln und wandeln in den Menschenseelen. Auch wir haben zu leben und zu
sterben gewut fr eine Idee, und unsere Kinder und Enkel werden es fr die ihre
wieder wissen. Sie haben, verehrter Herr, noch eben sich mit Wrme auf den
jungen Staat berufen, den Sie und ich mit gleicher Liebe unser Vaterland nennen.
Nun wohl, dieser Staat hat jngst einen Zuwachs von Millionen
rmisch-katholischer Christen erhalten: sollte das nicht eine Mahnung sein fr
alle protestantischen Gruppen, das, was sie trennt, zu vergessen, um als
geschlossene Phalanx unseren Widersachern gegenberzustehen?
    Als lose, wehrlose Banden, wollen Sie sagen, Herr Prediger, gegenber einer
Armee in Reih und Glied! Wird diese unselige Neuerung vollendete Tatsache, so
gibt es in einem halben Jahrhundert nur noch griechische oderrmische Christen
und deutsche Heiden. Jede Kirche heischt fr ihren Bestand ein unumstliches
Dogma. Wir haben die Tradition, die Glorie der Heiligen, das Erbteil Sankt
Peters, den Mariadienst, das Meopfer und noch vier der Sakramente ber Bord
geworfen, verschleudern wir auch noch die Lehre von der Ubiquitt, das heit den
Wortlaut der Schrift - -
    Wir verschleudern sie nicht, Hochwrden - -
    Ihr verwssert sie nur. Das Phlegma setzt sich zu Boden, was von der Essenz
sich nicht verflchtigt hat, sammelt sich in einer spiritualistisch stark
anziehenden Zone. Mit anderen Worten: die Bcke scheiden aus in das freigeistige
Lager, die Schafe in die rmische Herde. Halten wir aber zusammen wie ein Mann,
Ihr zumal in dieser neuerworbenen Provinz, deren Stimmung geschont werden mu,
und die so ungemischt wie keine zweite der lutherischen Lehre angehrt, so wird
man die heillose Zumutung fallen lassen, und das undeutbare Gotteswort wird der
Wall bleiben, an welchem die stolzen, rmischen Wellen, so hoch ich sie
vorahnend steigen sehe, sich brechen werden.
    Es war dem Pfarrer von Werben eine neue Erfahrung, solch einem eiferartigen
Kmpen auf religisem Gebiete Widerpart zu halten. Auf dem bewegten Schauplatz
seiner Jugendjahre tummelten sich die Geister in einer anderen Richtung, und in
seinem spteren Stilleben war es die Sitte mehr als der Glaube, die ihn zu
reinigender Fehde herausforderte. Aber in diesem Widerstande lag ein Reiz,
welcher die Schchternheit berwand. Seine Blicke hafteten leuchtend an den
beiden Kreuzen, welche fr ihn, so gut wie fr seinen Gegner, die Regulatoren
des Lebens und Wirkens waren, und ein warmer Strom entquoll der bewegten Seele.
Er schilderte sein Traumbild einer auf dem evangelischen Urgrund geeinigten und
gereinigten Kirche als einer Anstalt menschlicher Liebe zur Verkndung der
gttlichen, als der idealsten Macht fr das unter den harten Forderungen der
Materie sich abringende Menschengeschlecht, als der hchsten Instanz fr alle
dunklen, strittigen Lebensfragen. Dieser hehre Tempelbau, so schlo er seine
Rede, er leuchtet mir vor wie den Wstenpilgern das Gelobte Land. Mit Augen
schauen werde ich ihn nicht. Aber schon das ist hohe Freude, zwischen Unglauben
und Aberglauben, zwischen Willkr und Knechtung ein Sandkorn zu seinem
Untergrunde beizutragen. Und das meine ich zu tun, indem ich unbeirrt in die
Fuspuren eines ersten Schrittes vershnender Weisheit und Bruderliebe trete.
    Herr von Hartenstein hatte ihm mit merklicher Ungeduld zugehrt. Nach den
letzten Worten ergriff er rasch seinen Hut und erwiderte: Ich bin zu positiv
gerichtet, zu nchtern, wenn Sie so wollen, um Ihnen in dieses Phantasienreich
-Schlaraffenland wrde unser kerniger Meister es vielleicht genannt haben -
folgen zu knnen. berdies drngt die Zeit. Und so habe ich nachtrglich nur zu
sagen: Verzeihung, da ich Sie aufgehalten habe, Herr Prediger. Sie waren im
Begriff, in Amtsgeschften auszugehen.
    Nur in einer privaten Angelegenheit zu Amtmann Mehlborn, Hochwrden,
versetzte der Pfarrer.
    Dann freut es mich, da unser Weg der gleiche ist, sagte Herr von
Hartenstein, und sie brachen auf.
    Sie schritten an der Kirche vorber, deren Tr von Sonnenauf- bis Untergang
offen stand; eine Neuerung des Blmelschen Regiments, von welcher leider
seltener als er gehofft ein stiller Einkehrer Segen zog. Ohne weitere Erklrung
trat der Propst ein, und der Pfarrer folgte ihm.
    Des Erbaulichen an Konstruktion wie gottesdienstlichem Gert war hier so
wenig wie an allen anderen lndlichen Bethusern unserer Gegend wahrzunehmen.
Wnde und Deckengeblk wei getncht, ein roter Ziegelboden, Kanzel, Altartisch
und Bnke, ohne Schnitzwerk, von dunkel gebeiztem Holz. Eine Falltr, aus rohen
Bohlen gezimmert, fhrte hinab in die von der Werbensche Gruft, die
voraussichtlich keinen erdenmden oder noch erdenfrohen Pilger mehr aufnehmen
sollte. Der Propst uerte kein Verlangen, der abgelebten Sippe seine Ehrfurcht
zu bezeugen, dahingegen er einer geistlichen Geschlechtsfolge, auf die er
unerwartet stie, einen bemerkbaren Anteil zuwendete. Es waren die Bildnisse
smtlicher Gemeindepfarrer seit dem ersten lutherischen Bekenner, die den
schmalen Altarplatz in doppelter Reihe umzogen. Der damalige Patron hatte ein
Legat zu dieser Stiftung ausgesetzt und der Kunstwert nach dem Mae des
Geldwerts unverkennbar abgenommen. In gleicher Gre und gleichem schwarzen
Talar und Barett standen die wrdigen Herrn, einer neben und einer ber dem
anderen in Reih und Glied. Kein geistlicher Nachfahre wrde sich durch den
Aufblick zu ihnen erbaut oder physiognomisch belehrt, kein leiblicher Nachfahre
sich also einen werten Ahnherrn getrumt oder gewnscht haben. Die Gemeinde aber
hing mit Liebe an ihrem einzigen Ornament und, bis auf die krzlich erlebte
Franzosenzeit, ihrer einzigen historischen Erinnerung. Die Namen selber der
ltesten der alten Seelenhirten hatten sich fortgeerbt von Geschlecht zu
Geschlecht; von diesem ein Erlebnis, von jenem ein Charakterzug, von den
beliebtesten ein Schwank; und man wrde sich williger irgendwelche Vernderung
der alten Agende, ja sogar ein neues Gesangbuch haben gefallen lassen, als eines
der kaum noch erkennbar nachgedunkelten alten Pastorbilder gemit.
    Die Altarwnde waren bis auf einen einzigen Platz gefllt. Soll die Reihe
dieser treuen Mnner geschlossen werden mit einem, der von ihrem Glauben
abgefallen ist? sagte, auf die leere Stelle deutend, der Propst mit einem Ton,
der halb wie Spott und halb wie eine Beschwrung klang.
    Pastor Blmel unterdrckte die Antwort. Die Kirche, seine Kirche, wrde ihm
der letzte Ort zu polemischer Widerrede gewesen sein. Er hatte im stillen lngst
auf den letzten Platz in der geistlichen Galerie verzichtet. Seine Werbenschen
Beichtkinder, er wute es, wrden ihn keineswegs als einen Abtrnnigen
verketzern, weil er auf des preuischen Knigs Befehl zwei neue Worte, von denen
eines obendrein der Herr Jesus war, in die alte Spendeformel aufnahm; die
Werbenschen Leute waren ja berhaupt beileibe keine widerborstigen Untertanen.
Da aber ihre geistliche Galerie an Reliquienwert fr sie eingebt haben wrde,
wenn sie mit einem neuen Preuen anstatt mit einem alten Landsmann ihren
Abschlu fand, das wute Pastor Blmel auch, und Pastor Blmel, obgleich oder
weil Unionist, verstand Reliquienwert zu schtzen.

Pastor Blmel herbergete gern nach christlicher Vorschrift, wie seine Hanna es
tat nach natrlicher Neigung; wenn Pastor Blmel aber die Gastlichkeit eine
germanische Erbtugend nannte, so nannte Frau Hanna ihren Konstantin einen
deutschen Schwrmer. Und zu leugnen ist allerdings nicht, da Konstantin Blmel
zu den Schwrmern gehrte, die ihr Volk - selbstredend en bloc! - in jeglicher
Vlkertugend leuchten sahen mit alleiniger Unterschtzung derjenigen, in welcher
es allezeit geleuchtet hat und wills Gott auch fernerhin leuchten wird, denn die
Bescheidenheit ist die Tugend des Wrdigen.
    Verwies dann der Gatte die Gattin auf seines armen Volkes notgedrungene
Arbeitsamkeit, welche den gastfreien Naturtrieb in Zgel halte, so verwies die
Gattin den Gatten aus der Vlkerkunde auf die weit grere Armut just der
gastfreiesten Stmme und aus seiner persnlichen Erfahrung auf das Institut der
Schenke, fr dessen Pflege es dem deutschen Mann niemals an Mue und Batzen
gebreche.
    Die Schenke, sagte sie, ja die Schenke, Konstantin, ist eine
urteutonische Einrichtung; und wenn dein alter Heide ihrer nicht gebhrentlich
Erwhnung getan haben sollte, bewiese es, da er der blondgelockten Germania
nicht bis in den Herzgrund gedrungen ist. Der Schenkenzug aber blst naturgem
das gastliche Herdfeuer aus. Leben wir denn in einer Wstenei? Sind wir nicht
eine zivilisierte Nation? Vivat frs Geld! jeder fr sich und die Schenke fr
alle! vivat die Schenke! Und dann die deutsche Humanitt, Konstantin! Die armen
Gastwirte mten ja bankrott werden, wenn jeder Hauswirt seinen Anhang in seinen
eigenen vier Pfhlen beherbergen wollte! Ist einer ein wohlhbiger Mann und hat
er bedrftige Anverwandte, denen seine deutsche Gemtlichkeit die
Gasthofsrechnung ersparen, oder einen guten Freund, mit dem er sich einmal
vertraulich aussprechen mchte, ei nun, da findet sich allenfalls oben zwischen
den Rumpelkammern des Bodens ein Pltzchen, wo man ihn untersteckt; fr die
Hauswirte selbst wrden diese hohen Regionen im Sommer zu hei, im Winter zu
frisch und keinenfalls behaglich gefunden werden; fr einen auswrtigen Besuch
dahingegen sind sie hinlnglich temperiert und von gengendem Behagen.
    Frau Hanna erzhlte dann recht kurzweilig ihre gastfreundlichen Erlebnisse
bei dem stdtischen deutschen Biedermann und bei dem lndlichen ungefhr
desgleichen. Will sagen, wenn der lndliche kein Bauer ist, denn richtige Bauern
besuchen sich nicht. Bewirten und bewirtet werden ist ein Spa fr Leute, die
nichts zu tun haben: fr Pastoren und Adel.
    Zwei oder drei Tage jedoch, hierzulande in der Zeit, wo das Kirchenjahr auf
die Neige geht, da ist unser Bauer in der Tat ein ideal germanischer gastfreier
Mann, da kracht seine Tafel von Speisen und Trnken, die er sich zwlf Monate
lang am Munde abgezwackt hat, da wird auch der Ungeladene nicht ungesttigt
entlassen, die Brosamen fallen in des Armen Scho, und die auswrtige
Freundschaft nchtigt in den dicksten Federbetten. Prosit die splendide
Kirmeszeit!
    Und in dieser splendiden Weise war die heilige Kirchweih auch von Johann
Mehlborn gefeiert worden, solange er sich nur noch als reicher Bauer fhlte;
seitdem er sich aber als titulierter Erb-, Lehn- und Gerichtsherr fhlte, wurde
noch zehnmal mehr gebrodelt, gebackt und gezapft, nur, versteht sich, fr eine
erlesenere Gesellschaftsschicht als die buerliche Bekanntschaft und
Freundschaft der Pflege. Es kamen benachbarte Kantoren und Pastoren, Amtsleute
und Gutsbesitzer, unter letzteren bis jetzt freilich nur noch die ohne kleines
von; es kam der stdtische Anhang, der fr den Hof arbeitete, vom
Schornsteinfegermeister bis zum Schuhmachermeister hinab; die willkommensten
Gste aber waren jene anderweitigen Kunden, die als Mller, Fleischermeister,
Bckermeister und so weiter die Produkte des Hofes bezogen. Wre der gndige
Herr Propst zur novemberlichen Kirmeszeit in den Hof geschneit, er htte vor der
christlichen Herbergslust seiner neuen Sippe Respekt bekommen mssen.
    Nun aber fuhr er in das Haus wie ein Blitz zu hoher Sommerszeit; in der
Natur der reichsten, in der Wirtschaft der kahlsten und fr die Gastfreundschaft
der ungelegensten des ganzen Jahres. Kleeernte, Heuernte, Rapsernte noch nicht
vollstndig eingebracht und die Kornernte vor der Tr! Fr einen stdtischen
Kurierdienst kein Pferd im Stall, kein Knecht, keine Magd auf dem Hof, kein
Kuchen gebacken, kein Braten im Vorrat, die Gardinen ungewaschen, nicht einmal
die gute Stube frisch gescheuert!
    Und diese unwirtliche Ble, dieser sozusagen Naturzustand stieg mit
grausamer Helligkeit jach vor Johann Mehlborns Seele auf, als er, in Hemdsrmeln
und Leinenhosen zum hchsteigenhndigen Abbansen auf einem Heuwagen stehend, zum
ersten Male im Leben eine Equipage mit silbernen Wappenschildern an den Schlgen
in den Hof fahren, einen Livreediener mit silbernen Wappenknpfen vom Bocke
springen sah und von unten herauf ihm, Johann Mehlborn, den bevorstehenden
Besuch des Herrn Propstes von Hartenstein ankndigen hrte. Der feine Bediente
hatte ihm demnach, trotz Hemdrmeln und Leinenhosen, die freiherrliche
Verwandtschaft an der Nase angesehen; er konnte, wei Gott! sich doch nicht
selbst verleugnen, wie der Portier im exzellenzlichen Hause bei ungelegenen
Besuchen seine Herrschaft verleugnete. Er htte aus der Haut fahren oder in ein
Museloch kriechen mgen.
    Wenn aber gastlicher Sinn eine zweifelhafte Volkstugend ist, eine
ritterliche Tugend ist sie sonder Zweifel. Ein einziger schwacher Moment, und
Ritter Mehlborn ist tapfer gefat und gewillt, dieser Tugend Raum zu geben. Vom
Wagen herunter, ins Haus hinein!
    Rse, Rse, den Schlssel zur guten Stube! Einen Besen, Sgespne, Rse!
Weien Sand, ein Wischtuch, eine Brste, Rse!
    Selbst ist der Mann! gefegt, gewischt, gebrstet mit eigener ritterlicher
Hand; der geschicktesten Jungemagd zum Muster. Der Sofabezug von
klatschrosenrotem Moir leuchtet, als htte noch niemals ein Kirmesgast darauf
Platz genommen; das Holzwerkvon strohgelber Birkenmaser blitzt und blinkt wie
pures Gold. Aber das Blankwichsen der geschnitzten, schwarzen Delphine, welche
den Fu des Sofatisches zieren, das kostet noch Schwei! Ist die gute Stube des
Amtmannshauses Stolz, so sind die geschnitzten Delphine der Stolz der guten
Stube. Die Tische der Nachbarschaft samt und sonders haben noch vier dnne
glatte Beine; Amtmann Mehlborns Sofatisch hat einen dicken Fu mit drei
geschnitzten Philadelphias!
    Aber, Mutter, so rhre dich doch, du stehst ja wie im Traume!
    Die unschuldige Mutter Rse, sie im Traume! Als ob in solcher Hatz einem
Menschen der Frieden kme, wo er seinen Liebling zwischen den Abendwolken
lcheln sieht! Hatte sie denn nicht erst dem abtrabenden Postillion ein
Kmmelchen reichen mssen und dem feinen Bedienten ein Schmalzbrot dazu
schmieren? Und pustete sie denn jetzt nicht nach Lungenkrften die
Fliegenleichen aus den goldenen Tassen auf der guten Kommode? die armen,
hochmtig verirrten Fliegen, die in der guten Stube einem grausamen Hungertode
erlegen waren, da sie in der bescheidenen Wohnstube drben sich behaglich bis in
den Winter hinein htten msten knnen!
    Aber, Mutter, ist denn heute Zeit fr die Fliegen? Wer guckt denn auch
gleich in die Oberkpfchen!
    Mutter Rosine stellte das Pusten ein und machte sich an das Putzen der
Fensterscheiben, denen durch die abgelebten Insekten erbrmlich mitgespielt
worden war.
    So, nur noch ein paar Hnde voll Sand auf die gefegten Dielen gestreut, und
die gute Stube ist in Stand. Bleiben der Herr Vetter ber Nacht, wird ein Bett
darin aufgeschlagen. An Federbetten ist kein Mangel und an berzgen auch nicht;
sogar ein paar weie sind fr erhofften vornehmen Besuch angeschafft worden, und
bis zum Beziehen ist auch die Jungemagd wieder auf dem Hof.
    Jetzund ans Decken!
    Amtmann Mehlborn ist ein Fnfziger, aber noch bei Jnglingskrften. Ein
Spiel fr ihn, die schwere eichene Tafel aus der Leutestube in die gute zu
rcken, die beiden Enden herauszuziehen und, whrend die Amtmnnin Weizeug und
Geschirr auflegt, die Vorrte herbeizuschleppen, welche Rauchkammer und Keller
in Julitagen bieten. Treppauf, treppab, wie ein Wetter! Beim Heuladen in der
Mittagsglut wrde dem beleibten Herrn der Kopf nicht so schmhlich geraucht
haben wie bei diesen gastfreundlichen Ritterdiensten. Zweien Schinken und einem
Dutzend diverser Wrste werden Holzzeichen und Bindfden abgeschnitten, das
letzte Sauergurkenfa geffnet, ganze Batterien von Weinflaschen des edelsten -
Werbenschen - Gewchses aufgepflanzt; was der Tafel an Mannigfaltigkeit gebrach,
ersetzte die Masse. Eine Schwadron htte sich beim Herbstmanver an ihrer Flle
sttigen und in undisziplinarischen Taumel zechen knnen. Aber immer hatte der
Hausherr seiner Gastlichkeit noch nicht genug getan; - das liebe Gut, blieb
etwas brig, kam ja nicht um! - immer hatte er noch etwas zu fordern, etwas
auszusetzen.
    Aber, Mutter, hausmachenden Drell! fix, ein blumiges Tischtuch!
    Rse, der Teller hat einen Sprung!
    Aber Frau, hast du denn gar kein Augenma? Dort hinunter noch eine Wurst;
die Geometrie mu doch rauskommen, Rse.
    Die arme Mutter Rse wute nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Das Weinen war
ihr nher als das Lachen. Ach, da die gute Frau Pastorin auch gerade in Wochen
liegen mu! seufzte sie.
    Ja, brummte ihr Amtmann, wenn man die Leute nicht braucht, hat man sie
das ganze Jahr, und braucht man sie endlich einmal - -
    Hat man sie auch! ergnzte eine lachende Stimme, und Holland war aus
seiner Not.
    Numero eins brachte die gute Freundin heimlichen Trost: Hochwrden blieben
nicht ber Nacht, es brauchte kein Bett aufgeschlagen zu werden. Numero zwei:
verurteilte sie die Strategie der Massen: zu einer Abendmahlzeit war die Stunde
viel zu frh. Hurtig die Tafel wieder hinaus! Dort auf den Sofatisch eine
leichte Kollation, eine Schale Milch, ein Krbchen Erdbeeren, frisch von den
Kindern im Pfarrgarten gepflckt und frsorglich mitgenommen; das gengte.
    Dem gastlichen Rittersmann kam es hart an, sein geometrisches Kunstwerk
eigenhndig wieder zu zerstren, Brote, Butter, Kse, Schinken, Wrste, saure
Gurken und smtliche Weinflaschen bis auf zwei, eine rote und eine blanke, die
sich absolut nicht abdringen lieen, bis auf gelegenere Zeit nebenan in die
Schlafkammer zu tragen. Gottserbrmlich kam ihm die Kollision ber den
Philadelphias vor! Aber die Frau Pastorin war Gouvernante in einem Grafenhause
gewesen, sie mute sich auf den Appetit vornehmer Leute in der Vesperstunde
verstehen.
    Wenn der gndige Herr nun aber bis in den Abend hinein bleibt? fragte
Mutter Rosine schchtern.
    Dann machen wir Tee, Frau Amtmnnin.
    Tee? Ist der arme Herr denn krank?
    Gottlob! nein. Aber seinesgleichen trinken, auch wenn sie gesund sind,
abends Tee.
    Was Sie sagen, Frau Pastorin! Kamillen oder Flieder?
    Aber Mutter, Mutter, wie dumm! fuhr der Amtmann dazwischen.
Amerikanischen Tee, Tee aus Chinarinde natrlich.
    Ich schicke durch Luischen schon die rechte Sorte, und sie besorgt das
brige, wenn er bleibt. Aber Sie werden sehen, er bleibt nicht.
    Desto besser, dachte der Amtmann; laut jedoch sagte er: Das tte mir
leid.
    Nun aber fix an die Toilette. Dein seidenes Abendmahlskleid, Mutter! Und
Handschuhe, hrst du, Handschuhe! Und noch eins: Rufe mich nicht Jhann, so
heien bei den Vornehmen alle Kutscher, und wenn du von mir redest, sage nicht
mein Amtmann, wie gegen die Bauern und das Gesinde. Nenne mich - -
    Ich werde dich gar nicht nennen, Jhann, versprach Frau Rosine, und ihr
Amtmann gab sich damit zufrieden. Sie htte mein Gemahl oder lieber
Johannes, wie es diesem geistlichen Vetter am eindrucksvollsten geklungen haben
wrde, doch im Leben nicht ber die Lippen gebracht.
    Sie ist und bleibt Hentschler-Rse!
    Mit diesem Stoseufzer sprang der korpulente Herr, leichtfig wie ein
Hirsch, die Treppe zum Boden hinan, wo in dunkler Kammer, zwischen Pfeffer und
Mottenkraut eingepackt, das Kleid des Hochzeitsvaters ruhte, das, um schweres
Geld vom kniglichen Hofschneider geliefert, binnen fnf Jahren selbst nicht zum
Genu des heiligen Mahles aus der Lade genommen worden war.
    Unten in der Wohnstube aber blickten und nickten die beiden guten
Freundinnen sich lchelnd zu. Das Gottestischkleid blieb ruhig im Schranke
hngen; nur eine frische Haube wurde aufgesetzt und statt der leinenen eine
schwarze Taffetschrze ber den Alltagsoberrock gebunden, der seit des armen
Hannes Tode ein Trauerrock geblieben war. Die Amtmannsfrau sah huslich nett
aus, recht wie die liebe stille Seele, die sie ja war. Und dann saen die beiden
guten Freundinnen nebeneinander und plauderten, nicht von dem fremden vornehmen
Besuch, sondern von dem Wiegenprchen in der Pfarre und der geplanten
sonntgigen Doppeltaufe. Frau Hanna vertraute Frau Rosinen, unter dem Siegel der
Verschwiegenheit, - bis es jedenfalls heute noch von ihrem Konstantin gelst
werden wrde, - das Geheimnis von dem kniglichen Mitgevatter und seinem
Stellvertreter. Frau Rosine hatte sich darauf gefreut, auch die arme
Hutmannswaise ihr Patchen nennen zu drfen; sie erkannte es aber doch
dankbarlichst an, da ein so hoher Ehrenposten, fr den der Herr Landrat sich
nicht zu gro geachtet haben wrde, ihrem Amtmann zugedacht worden war. Das
Eingebinde, versicherte sie, werde sie sich indessen nicht nehmen lassen, so als
ob sie die richtige Gevatterin wre, und was in spteren Tagen Patenpflicht sei,
darauf knne die Frau Pastorin sich von ihr Rechnung machen.
    Whrend dieses gemtlichen Zwiegesprchs unten in der Wohnstube machte oben
in der Bodenkammer der germanische Hauswirt recht ungemtlich die Erfahrung, was
es bedeuten will, da Hoffart Zwang zu leiden hat. In seinem Alltagsrock hatte
er es kaum bemerkt, wie umfnglich die hohen Bestrebungen auch seinem Leibe
angeschlagen waren. Der blaue Frack wrde geplatzt sein, wenn er die gelben
Knpfe htte schlieen wollen, die Arme staken wie in einer Zwangsjacke in den
rmeln, die steife, hohe, weie Krawatte ging hinten nicht mehr zu, und die noch
hheren weien, steifen Vatermrder reichten nur noch bis hinter die Ohren; die
feinen Lackstiefeln aber preten, da der arme Gestiefelte laut aufsthnen
mute. Ist es indessen nicht ein Merkmal des Wohlstandes, wenn der Mensch in die
Breite auslegt? und gewhnt er mit einiger Geduld sich schlielich nicht an
alles, selbst an pressende Stiefel? beides wahr! allein, - ach, da unser
heiestes Verlangen doch fast immer zu frh oder zu spt in Erfllung geht! seit
acht Tagen hat der stdtische Meister den Bartwuchs nicht geschoren, den ppigen
Haarwuchs seit vier Wochen nicht gestutzt! Freund Beyfu wrde willig seine Hand
zur Aushilfe geboten haben, aber wo in dieser Hast den Allerweltsmann Beyfu
auftreiben?
    Ei nun, was einmal nicht geht, das geht nicht, und ein kluger Kopf wird aus
jeder Not eine Tugend zu machen wissen! Die feinsten Pastores fangen alleweile
an, ihre Haare lang zu tragen, der Propst von Hartenstein tuts am Ende auch;
warum Amtmann Mehlborn also nicht, da er, wenn auch nicht selbst ein Pastor,
doch halb und halb der Patron des Pastors ist und die Quatember zu zhlen sind,
wo er es ganz und gar sein wird? Was aber die Stoppeln im Gesicht anbelangt, so
wird Amtmann Mehlborn es gelegentlich einflieen lassen, da er sich nicht nur
zwei zivile Backenbrte, sondern auch einen ritterlichen Schnurrbart stehen
lt, und das wird keine leere Ausflucht sein; Rittersmann Mehlborn begreift
sich selber nicht, da er des kennzeichnenden Schmuckes so lange entraten
konnte! Mit auerordentlicher Genugtuung steckt er den Siegelring an, dessen
Karneolstein mit einem verschlungenen I. M. und einer Krone, aber leider noch
ohne Perlen darber, das Mittelglied des Zeigefingers erreicht; wer htte dieses
Juwel bemerkt, wenn die weien Hochzeitshandschuhe noch an die Hand zu bringen
gewesen wren? Der Herr Amtmann wird sie in der Hand tragen, vornehm wedelnd,
nach Art eines Kavaliers. Es ist ein befriedigtes Lcheln, mit welchem der Herr
Amtmann einen letzten Blick in seinen kleinen Handspiegel wirft. Die dicke
goldene Erbskette an der silbernen Uhr macht einen nobelen Effekt, das dicke
Berlockebndel hpft und blitzt, da es eine Lust ist, ber der schwarz
verhllten rundlichen Leibesflle. - Er langt nach seinem Hut und - lt ihn
fallen, ein Stich ist ihm jhlings durch das Mark gefahren!
    Fix, Jhann, fix! Sie sind schon da! hrt er von unten herauf das
unverbesserliche Weib rufen, das er noch eben im Geiste seine Gemahlin
angeredet hat.
    In seinem Aufruhr, seiner Hast und der pressenden Fubekleidung wre er um
ein Haar die steile Bodenstiege hinabgestrzt, und was er unten im Flur zu sehen
und zu hren bekommt, ist wahrlich nicht dazu angetan, ihm die Kontenance
zurckzugeben. Im Hintergrunde entschlpft die geistliche Beraterin verstohlen
durch die Hoftr - in diesem entscheidungsvollen Moment! O, da ihr guter Freund
im nmlichen Moment ihr nicht Schur um Schur vergelten konnte! - Im Vordergrunde
steht seine Gemahlin im kattunenen Alltagsoberrocke, sonder Reverenz noch
Handschuhe ihrem Pastor und erst nach diesem dem hohen Gastfreunde die
schwielige Hand zum Grue reichend und ihn in den reinsten Werbenschen
Naturlauten willkommen heiend.
    Zum Katholischwerden ists! sagte Johann Mehlborn; das heit, er dachte es
nur; denn dieser bedeutende Mann wute, was er seinem Stande, den Ehestand
eingeschlossen, schuldig war. Wer verlangt von dem huslichen Weibe die Bildung
des Mannes? Wie das hochzeitliche Gewand den kattunenen Oberrock, wie den
etikettewidrigen Hndedruck die Reverenz, zu welcher, so tief als in sotanem
knappen Gewande tunlich, der stattlich breite Rcken abwrts gezogen wird, so
deckt der Wohllaut der mnnlichen Rede die kalligraphischen Schnitzer der
Frau. Noch niemals hatte Johann Mehlborn Gelegenheit gehabt, sich so im
Zusammenhange vor einer Standesperson auszusprechen. Instndigst war sein
Bedauern, dem hochwrdigen Herrn Propst in diesem bescheidenen Amtshause, das
er, nmlich Johann Mehlborn, nur ihrem beiderseitigen Herrn Bruder, Exzellenz,
zu Gefallen und Vorteil noch nicht gerumt habe, keinen solenneren Empfang
bereiten zu knnen; zuverlssig war seine Beteuerung, da der hochwrdige Herr
Propst mit aller Standesgemheit aufgenommen werden wrde, wenn er ihm, nmlich
Johann Mehlborn, knftighin auf dessen eigenem Rittergute die Ehre seines
Besuches vergnnen werde. Wie Honigseim flo der franzsisch gewrzte Vortrag
ber Johann Mehlborns rote Lippen, wie Musik klang sie in sein eigenes Ohr; in
seinem stolzen Haupte reifte whrend desselben der Entschlu, als Bewerber um
den Platz eines ritterschaftlichen Abgeordneten im Provinziallandtage
aufzutreten und durch seine leider erst so spt erprobte rednerische Gabe die
groe, lange schwebende Frage der zu verbreiternden Wagenspur zum endlichen
Austrag zu bringen. Als aber von seiten des so standesgem Gefeierten der
Vortrag nur mit einer stummen Verbeugung gefeiert ward - es schien heute der Tag
stummer Verbeugungen -, da wird es jedem natrlichen Menschen einleuchten, da
Johann Mehlborn an der so laut gerhmten oratorischen Kraft des geistlichen
Hartenstein bedenklich irre ward.
    Und auch im Punkte der feinen Lebensart schien es schwcher mit ihm
bestellt, als es von einem Freiherrlich von Hartensteinschen Familiengliede zu
erwarten gewesen wre. Denn was sollte man dazu sagen, da er, in die gute Stube
und auf den Ehrenplatz des klatschrosenroten Kanapees gentigt, auch von dieser
Hflichkeit keine Notiz nahm, sondern wie der ordinrste Bauer sich einen
Rohrstuhl aus der Ecke holte und sich nicht einmal darauf setzte, nein, nur die
Hnde auf die Lehne gesttzt, stumm wie ein lgtze hinter demselben stehen
blieb?
    Ei nun, mochte er stehen, der kuriose Menschensohn! Ein gebildeter Hauswirt
mu Langmut ben. Was er sich aber nunmehr herausnahm, wird der langmtigste
Hauswirt sich von dem kuriosesten Menschensohne schwerlich gefallen lassen.
Erquickte er sich wohl durch einen Tropfen an der Kollision, die ber den
Philadelphias aufgetragen stand? Armselig genug war sie; was wahr ist, mu wahr
bleiben. Jedoch wer trug die Schuld als die superhelle Pastorsfrau, die eines
Mehlborn Gastfreundschaft nach ihrer eigenen Pauvret taxierte! Gut. Aber durfte
von der doch gewi reputierlichen Mahlzeit, die in der Schlafkammer bereitstand,
wohl ein Bissen hereingebracht werden? Bewahre! Als ob man es an Aufzhlen,
Anpreisen, Ntigen htte fehlen lassen! Und mir nichts dir nichts, ohne alle
Fasson schlug er eines wie das andere ab, schttelte den Kopf und bat - um ein
Glas Wasser. Ein Glas Wasser! nicht der miserabelste Landstreicher htte in des
reichen Johann Mehlborn Hause mit einem Glas Wasser frliebgenommen, und dieser
nobele Anverwandte - -!
    Dieser nobele Anverwandte kann mir gestohlen werden! dachte der reiche
Johann Mehlborn, tat nun auch nicht mehr dergleichen, warf sich in einen Stuhl
und hielt seinen Mund. Ein Engel, ach nein, kein Engel, ein hchst unfriedsamer
Geist flog durch die gute Stube.
    Aber so ungemtlich ihm selbst zumute war, ein friedsamer Geist gab dem
guten Pastor Blmel ein, was allenfalls noch geeignet schien, der
berhandnehmenden blen Laune zu steuern. Er setzte sich auf den Ehrenplatz,
lie sich ein Glas Wein einschenken, stie mit dem Herrn Amtmann an auf sein
Wohl, trank es aus ohne allen Appetit und sann - mit dem strksten Verlangen
nach seiner Pfeife - auf einen ablenkenden Unterhaltungsstoff, zu welchem er
sein persnliches Anliegen nicht geeignet erachtete.
    Noch hatte er denselben indessen nicht gefunden, als die Hausfrau in die
stille gute Stube zurckkehrte, ihrem Gaste das gewnschte Glas Wasser reichend,
das sie frisch am Brunnen geschpft hatte. Er dankte und trank; sie bat ihn, ihr
die Ruhe nicht mitzunehmen. Er lie sich an ihrer Seite nieder, und nun brach
sie das Eis, indem sie, in ihrer so arg- wie harmlosen Weise, sich nach dem
Befinden der gndigen Frau und der lieben kleinen Familie erkundigte.
    Die gute Frau schien den Schlssel zu ihres schweigsamen Gastes Herz und
Lippen gefunden zu haben; denn er gab freundlich den Bescheid, da es seiner
Ottilie recht wohl gehe und da Gott sein Haus mit drei Kindern gesegnet habe,
einem Sohn, Martin, -
    Wie unser Herr Doktor Luther! fiel Frau Rosine ein.
    Nach ihm, Frau Amtmann, wie es einem lutherischen Pfarrer fr seinen
Erstgeborenen ziemt. Die beiden jngeren sind Tchter.
    Wie heien denn die lieben kleinen Frulein, gndiger Herr?
    Lydia und Priscilla, Frau Amtmann.
    Die Namen habe ich aber noch niemals gehrt. Wohl Freundschaftsnamen,
gndiger Herr?
    Evangelische Namen, treue Bekennerinnennamen, erklrte der Propst, und
sein ungetreuer Amtsbruder hrte, mit Recht oder Unrecht, zum zweiten Male eine
Anzglichkeit aus der Erklrung heraus.
    Mein seliger Sohn hatte auch einen schnen frommen Namen. Er hie Johannes,
gndiger Herr, flsterte die arme Mutter, und ihre stillen Augen blickten
trnengefllt gen Himmel.
    Auch Joachim von Hartenstein schlug die Augen gro in die Hhe, sein
bleiches Gesicht wurde noch einen Schatten bleicher; er stemmte die Hand gegen
die Brust, und seine Lippen zuckten wie von verbissenem Schmerz. Zum zweiten
Male flog ein Engel durch die gute Stube, wenn es nicht der Geist alter,
blutiger Stunden gewesen ist.
    Pastor Blmel rusperte sich, was seine Freundin an ein Wort des Dankes, das
sie ihm schuldig sei, gemahnte.
    
    Ich freue mich recht auf den Sonntag, sagte sie, indem sie ihm ber den
Tisch hinber die Hand reichte. Wie ein Kind freue ich mich, mein lieber Herr
Pastor. Und da das kleine Herzchen halbwegs nach mir heien soll, und da - -
    Der Pastor Blmel drckte bedeutungsvoll ihre Hand, gab auch mit den Augen
einen Wink, nicht fortzufahren; die ehrliche Seele hatte jedoch in seiner Hanna
Schlangenschule allzu geringe Fortschritte gemacht, um diese Warnungszeichen zu
verstehen. Und da, setzte sie hinzu, da auch mein Jh - - mein guter Mann,
wollte ich sagen, die Ehre haben soll. -
    Der gute Mann war froh, bei schicklicher Gelegenheit das vornehme Schweigen
brechen zu drfen. Was fr eine Ehre? fragte er. Bin ich auch mit gebeten,
als Fr - -, als Speisegevatter, meine ich, he? Schn Dank, Pastorchen. Ich bin
dabei. Schn Dank!
    Behte, Vater, entgegnete die Amtmnnin, ihr Pastor mochte blinken, soviel
er wollte. Behte, nicht blo so nebenher. Stehen sollst du, selber stehen bei
dem armen kleinen Frey.
    Sollte mir fehlen! brummt der Amtmann, dem der alte Mehlborn bedenklich in
den ritterlichen Nacken zu schlagen begann. Komm mir doch nicht mit deiner
alten Litanei. Der Herr Pastor wei es ja, ich stehe nicht, ein fr allemal
nicht bei - -
    Aber, Jhann, bei dieser ehrenvollen Gelegenheit - -
    Schne Gelegenheit! Schne Ehre, den zehnten Jungen von einem Bruder
Saufaus bers Wasser zu halten! Schnes Exempel, fr zehn Kinder
Bettelpatenbriefe an honette Leute auszutragen! Und tuts einer beim zehnten, mu
ers beim neunten auch tun, und dann beim achten, beim siebenten, am Ende wird
ein Observatorium draus, und der herzallerliebste Allerweltspate kann selber
Bettelpatenbriefe austragen gehen.
    Es wre jetzt dringend Zeit gewesen, mit der Erffnung vom Knigsgevatter
einzuschreiten. Aber die gute Freundin hatte sich besonnen, da sie ihrem Pastor
damit nicht vorgreifen drfe, und dem Pastor widerstand sie jetzt erst recht. Er
war sich kaum deutlich bewut, aus welchem ersten oder letzten Grunde. Witterte
er erneuten Streit mit dem geistlichen Zeugen? War es die Entrstung ber seines
Beichtsohnes erbarmungsloses Gebaren, heute doppelt empfindlich vor diesem
streng richtenden Zeugen? In der Stille entschlossen, die Ehre der kniglichen
Stellvertretung einem Wrdigeren als diesem hartherzigen reichen Manne
zuzuwenden, begngte er sich, ihm zu sagen, da er die geziemende Erwiderung auf
eine schicklichere Stunde verschiebe.
    Leider jedoch lieen Rede und Gegenrede sich nicht mehr aufhalten. Herr von
Hartenstein war auf den beregten Fall aufmerksam geworden und seine Nachbarin in
vollem Zuge, ihm die gewnschte Aufklrung zu geben. Mit einer Gelufigkeit,
welche bei der stillen Seele nur erklrt werden kann durch die Freude, mit der
ein guter Mensch des anderen Loblied singt, Trnen der Rhrung und des
Freundesstolzes in den Augen, erzhlte sie von dem Trauerfall im Hirtenhause,
von des Herrn Pastors erbaulichem Grabsermon und der Wohltat der lieben Frau
Pastorin. Wie sie das verwaiste Kind an das Mutterherz und sogar an die
Mutterbrust genommen habe, wie der zehnte Sohn und die siebente Tochter in der
Wiege nebeneinanderlgen, als wren sie ein Zwillingsprchen, und wie sie, die
schon jetzt in aller Unschuld, nicht anders denn zwei Engelchen, miteinander in
der Badewanne sen, sie gleicherweise auch nchsten Sonntag miteinander im Bade
der heiligen Taufe zu Christen geweiht werden sollten.
    Der Gastfreund hatte ihr zugehrt mit geflligerem Anteil als der Ehegatte,
der irgend etwas Unverstndliches in seinen Bart brummte. Jetzt richtete der
erstere an den letzteren die Frage:
    Verstehe ich Sie recht, Herr Amtmann, so entziehen Sie sich einer der
wesentlichsten Christenpflichten aus dem Grunde, da in Ihrer Gemeinde wie in
etlichen anderen mir bekannten die Unsitte waltet, die Taufzeugen an Stelle der
Eltern das Kirchenopfer tragen zu lassen?
    Na, das fehlte gerade noch! rief der alte Mehlborn und lachte dabei mit so
grblichem Spott, da sein vornehmer Widerpart schier entsetzt zusammenzuckte.
Auch noch die Spesen den Gevattern auf den Hals gewlzt! Da das Stehen egal
ein Mu wrde, notabene blo fr den, der was zu spesen hat, und da zu guter
Letzt der rckstndige Herr Taufzeuge in den Turm spazieren mte, derweile der
Mosj Lump von Vater sein Fleisch und Blut anstatt des Zinshahnes in die Pfarre
trge. Quod non, Herr Hochwrden, so dumm ist die Werbener Gemeinde nicht.
Verlangts nun einmal die Humoritt, da dem Kindersegen Tor und Tr geffnet und
dahero, wie unser Herr Pastor es beliebt, die Taufgebhr erlassen wird - -
    Die Taufgebhr darf auch den rmsten Eltern nun und nimmer erlassen
werden, unterbrach ihn der Propst mit einem strengen Seitenblick auf seinen
Amtsbruder. Die Christenliebe mag der Menschennot auf anderen Wegen
entgegenwirken. Jedwede unserer Gebhren ist ein Opferzoll, welchen der groe
Reformator aus der alten Kirche in die neue gerettet hat.
    Ein gemein Almosen, das man williglich gbe und austeilete unter die Armen
nach dem Exempel Sankt Pauli, zitierte Pastor Blmel mit ruhiger Wrde, und der
standfeste Lutheraner mochte das Zitat wohl gltig finden, da er kein anderes
dagegen anfhrte. Aus seiner persnlichen Amtspraxis war bekannt, da er die
Stolgebhren seiner reichen Gemeinde zwar nicht blo als ein freiwilliges
Almosen in Empfang nehme, da er aber das, was er mit der rechten Hand gefat,
alsobald mit der linken in seine Armenbrse lege und da diese Brse lose
Schnre habe.
    Wenn demnach, so wendete er sich von dem geistlichen Widerpart zu dem
weltlichen zurck, das Gottesopfer es nicht ist, das Ihnen widersteht, und ich
nicht annehmen kann, da der heilige Akt an sich es ist, da Sie ja in hher
gestellten Kreisen sich demselben nicht zu entziehen scheinen, so ist mir
unerfindlich, was - -
    Was mir bei Betteltaufen widersteht? unterbrach ihn nicht der Ritter,
sondern der Bauer Johann Mehlborn im allertrautesten Werbenschen Deutsch. Na,
sehen Sie, Herr Hochwrden, das Menschenopfer ist es, das, was man ein
Beutelmassakrieren nennt, um mich noch christlich auszudrcken. Hher hinauf, ei
freilich, Geldkosten machts da auch; ganz gehrige Kosten: Gevatterkutsche,
Gevatterbukett, Gevatterhandschuhe, ein feiner Prsentierteller fr die Frau
Gevatterin, die schweren Douceurs noch gar nicht in Anschlag gebracht. Aber es
bleibt unter der Freundschaft, man hat seine Ehre und seinen Spa davon, dem
Amen folgt ein Traktament, und damit hat die Geschichte ein Ende. Kontrr bei
solcher Lumpenbagage, da fngt die Drangsalei nach dem Amen erst an. Als da ist:
Eingebinde, niemalen schwer genug; soundso viel ins Becken fr den Kster,
soundso viel der Hebamme in die Hand. Was geht mir, Johann Mehlborn, die Hebamme
an? Anjetzo: die Suppen fr die Gevattermutter, sechs Wochen lang, und die
Altgevattern desgleichen; den Topf gehaufte voll, da die ganze wertgeschtzte
Familie whrend des Wochenbettes hbsch satt wird. Anjetzo: Patenprsent am
ersten Geburtstag und an jedem kommenden von neuem bis in Methusalems Alter
hinein; Weihnachtens ein Wecken; Auslsung am Kindeltage; was Blankes fr den
Neujahrskarmen; Kleidasche zum ersten Abendmahl; Geschenk zur Hochzeit, zur
Gropatenschaft; kurz und gut: eine Schraube ohne Ende, eine quasi vom hohen
Herrgott eingesetzte Sakriererei. Du hast was, heits, und ich habe nichts; du
bist mein Herr Pate, folglich mut du mich fttern, mich anziehen, mich was
lernen lassen; mut fr mich gutsagen, mir borgen, mir helfen und immer wieder
helfen. Sela.
    Der erzrnte Bauer schlug mit beiden Fusten auf den Tisch, da Glser und
Flaschen aneinanderklirrten; Mutter Rosine wimmerte, Pastor Blmel blickte ernst
vor sich hin, Herr von Hartenstein zog die Lippen, ob es nun Ekel bedeutete oder
blo ein Lcheln, so tief hinab, als Lippen sich ziehen lassen. Dann aber
uerte er mit strengem Ton: derlei weltliche Verquickung schdige die Wrde des
Sakramentes und msse ihr von berufener Seite durch Lehre und Beispiel gesteuert
werden. Der Taufzeuge sei bewuter Brge fr des Tuflings unbewutes
Christengelbde; er habe darauf zu halten, da auch kein Jota desselben in
seiner geistigen Zucht verkmmert werde. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Die leibliche Frsorge, das weltliche Fortkommen sei Sache der Familie,
eventuell der Gemeinde, welcher es, insofern sie wohl gefhret werde, an
gutgewillten Christenbrdern mit offenem Herzen und offener Hand nicht fehlen
werde; wobei jedoch in erster Ordnung darauf zu achten sei, da der Pflegling
auf seinem natrlichen Grund und Boden erwachse, damit die Wohltat sich nicht in
eine Wehetat verwandele.
    Man soll eines Kindes Wiege nicht verrcken, fuhr er darauf, aus
schlielich zu dem Pfarrer gewendet, fort. Das aber um so weniger, wenn, wie im
gegenwrtigen Falle, auer dem urvterlichen Sndenerbe, aus dessen Joche uns
alle nur die Gnade erlset, auer dem Erbe elementarer Not, unter dessen Joche,
nach gttlicher Ordnung, die ungeheuere Mehrzahl der Menschheit im Schweie
ihres Angesichts seufzt und seufzen wird bis an das Ende der Tage, auch noch ein
besonderes Erbteil bsen Blutes einem Kinde eingeimpft ist und je mehr und mehr
zu wuchern droht. Die Snde der Vter soll heimgesucht werden bis in das dritte
und vierte Glied; oder, falls Ihnen dieser Wortlaut antiquiert dnken sollte,
Herr Prediger: auch das Laster entwickelt sich von Geschlecht zu Geschlecht, wie
die Tugend, wie die Sitte, wie alle sogenannte Kultur. Der Grovater dieses
Knaben war vielleicht nur ein Brenhuter; der Vater ward zum Trunkenbold. Der
Sohn, im Taumel gezeugt, der elementaren Arbeitsstufe, in die er hineingeboren
ward, entrckt, fr die hhere, auf welcher er erwchst, unzulnglich beanlagt,
ein heimliches Gift in seinen Adern, wird als Tor und kann als Verbrecher enden.
Gefhrlicher als Snde tun, wirkt Snde gutheien, und der vor allen, welcher
einer Gemeinschaft als Hter gttlicher Zucht und Ordnung vorzustehen berufen
ist, soll es unterlassen, das warnende Beispiel der Sndenfolge zu vertuschen.
Ich nehme den Einwand, den Sie mir machen wollen, Herr Prediger, von Ihren
Lippen. Jawohl, im Reiche Gottes, da sind wir Gleiche. In ihm, und nur in ihm,
da gibt es wohl Stufen, aber keine Schranken; da konnte der niedrigste Sprosse
des niedersten Volkes, konnte selber der sndige Zllner noch zum Apostel
werden. Und solch ein Apostel, von Gottes Gnadenfinger berhrt, solch ein
Erwhlter war auch der arme Bergmannssohn, auf dessen Namen wir geweiht sind.
Die abgelebte Schule des Klosters, in der er selbst gebildet worden war, zu
sprengen, die Christenheit in ihre natrliche Ordnung zurckzufhren, die
verweltlichte Kirche zu einem sichtbaren Gottesreiche wieder aufzurichten, das
war der hehre Plan, dessen Bau die Nachfahren in Trmmer schlagen, und von dem
es wie ein scharfer Splitter in das Auge eines Getreuen dringt, wenn er das
erste Sakrament gleich einem Markttrdel abschtzen sieht.
    Im Hofe schmetterte ein Posthorn. Der Propst erhob sich; der Pfarrer auch.
Seltsame Widersprche rangen in des friedlichen Mannes Brust: die Liebe, die ihm
Glaube war, und Zorn, ja Feindseligkeit gegen zwei Menschen, welche er seit
Jahren im gemeinen wie im erhabenen Sinne Freunde genannt hatte, drngten ihn
zum Protest gegen des einen schnde, des anderen grausame Konsequenzen. Hatte er
bis zur Stunde einen mutterlosen Sugling zu zeitweiser Obhut in sein Haus
genommen, in diesen Minuten der Leidenschaft nahm er ihn an sein Herz als eines
jener Stiefkinder der Natur, an welchem er den Beweis adelnder Menschenliebe zu
fhren habe. Und so sagte er denn mit gehobenem Haupt und der Klangfarbe der
Ironie, die wahrlich in seinem Gemte ein Fremdling war, und trotzdem Wort um
Wort sich bis zur heimlichen Schadenfreude steigerte:
    Sie wrden mich wohl kaum so strflicher Fahrlssigkeit in meinem Amt, so
schwerer Irrtmer in meinem Glauben und Handeln vor Zeugenohren bezichtigt
haben, Hochwrden, wenn Sie nicht mindestens den Versuch einer Rechtfertigung
meinerseits erwartet htten, wre es auch nur, um Ihrer mchtigen Logik mit
meiner schwchlichen neue Beweismittel zuzufhren. Wohlan, ich wage den Versuch:
vor diesen Zeugenohren selbstverstndlich auf beregten Einzelfall beschrnkt.
Ist es ein Irrtum, das Erbteil, welches uns der Erlser mit seinem Leben und
Sterben erworben hat, fr wirksamer zu halten als das, welches uns im Blute des
ersten und vielleicht des letzten Vaters berkommen ist, so bin ich dieses
Irrtums schuldig, indem ich mich vermesse, einen Erben vterlicher
Sndhaftigkeit aus seinem Wurzellande in das meine zu verpflanzen und unter der
Zucht meines Hauses, wenn auch nur zu elementarer Arbeit und Not, aber, so Gott
will, zu einem Erben seines Reiches heranzubilden. Und fernerhin: ist es
Schdigung eines sakramentalen Weiheaktes, wenn brderliche Liebeswerke aus ihm
gefolgert werden, so bin ich in hohem Mae dieser Schdigung schuldig, denn ich
habe meiner Gemeinde bei jedem amtlichen Anla das Steuern und Stillen
menschlicher Not als christliche Tugend und Sitte an das Herz gelegt; ja, ich
war noch in dieser Stunde gewillt, einem Gliede meiner Gemeinde das Gemt fr
jenes Erbteil der Barmherzigkeit zu erwecken und seinen rckwirkenden Segen ihm
zuzuwenden. In letzterem Betracht und durchaus ohne Vorbehalt bekenne ich mich
endlich schuldig einer Irrung, deren Konsequenz auch mir, Hochwrden, und mir
zumeist, wie ein scharfer Splitter in das Auge gesprungen ist; eines strflichen
Mangels von Gott gebotener Klugheit in der Berechnung des Herzens, das ich fr
jene Zuwendung empfnglich und darum ihrer wrdig achtete. Aus diesem Grunde,
Herr Amtmann, ziehe ich mein Gesuch an Sie zurck, noch bevor ich es gestellt.
Es fehlt - Gott Preis! - in meiner Gemeinde weder an glubigen Christen noch an
gutwilligen Menschenfreunden, welche fr die Waise des armen Hirtenweibes das
weihende Gelbde mit allen barmherzigen Folgerungen nicht scheuen und daher ein
Anrecht haben, es im Namen des ersten Gottes- und Menschenfreundes in unserem
Vaterlande auszusprechen. Unser teuerer Knig hat sich selbst geehrt, indem er
den zehnten Sohn eines der rmsten seiner Untertanen mit seiner Patenschaft
beehrte.
    Der Redner schwieg, und seine drei Hrer schwiegen auch; der eine starr mit
offnem Munde, die andere schluchzend mit vor die Augen gehaltener Schrze; der
dritte lchelnd. Aber es war nahezu ein amtsbrderliches Lcheln, mit welchem
der standfeste Lutheraner sich von dem biegsamen Unionisten in der Stille
verabschiedete. Der eiferartige Widerspruch schien ihn priesterlicher angemutet
zu haben als vorhin das ideale Schlaraffenland.
    Aber Mann - Blmel - Pastor - Freund! stie endlich Johann Mehlborn
hervor, indem er seinen Seelenhirten mit beiden Armen schttelte, als wre er
ein Apfelbaum. Im Namen Seiner Majestt! Kniglicher Prokurist! Allerhchster
Mitgevatter! Und das sagen Sie erst zu guter Letzt?
    Htten Sie Ihrem irdischen Lehnsherrn zu Gefallen tun sollen, Herr Amtmann,
was Sie dem himmlischen verweigerten! entgegnete Pastor Blmel, drckte Frau
Rosinen die Hand und folgte Herrn von Hartenstein, der sich mit leichtem Grue
empfohlen hatte.

Mit hastigen Schritten schlug Konstantin Blmel den Heimweg ein. So hoch hatte
er sein Haupt nicht getragen, so stolz seine Brust sich nicht geschwellt,
seitdem sein Kommandeur das Eiserne Kreuz an dieselbe geheftet. Ja, solch eine
Kampfesstunde macht frisches Blut!
    Und doch, warum ging er mit Siegerschritten? Da er ein verworfenes
Stiefkind der Natur als das seine angenommen - war das ein Triumph? Vor zwei
Stunden wrde er das gleiche getan, wrde, htte er es durchzufhren vermocht,
smtliche Waisen seiner Gemeinde angenommen haben - ohne jeglichen Tugendstolz.
Da er einen betrten Mann vor Zeugenohren mit einer Hohnrede gegeielt? Hatte
er den alten Mehlborn nicht gekannt? Hatte er nicht schlechthin gelogen mit der
Entschuldigung, da er das Herz ihm zu ffnen gehofft? Ja, hatte er nicht
geradezu mit Schlangenklugheit auf seine Torheit spekuliert? Da er einem
tapferen geistlichen Obersten tapfer Widerpart gehalten? - Das also war es, -
allein das!
    Unwillkrlich migte er seinen Schritt. Was schied ihn pltzlich von dem
Manne, den er viele Jahre freudig und dankbar verehrt hatte? Was machte ihn zu
seinem Gegner? Hatte jener eine Tat getan, ein Wort geredet, das der
reformatorische Held, auf welchen sie beide geschworen, verleugnet haben wrde?
Widersprach Konstantin Blmels eigene Satzung der von den durch Gott gesetzten
Erdenschranken, von dem Erbe der Snde in unserem Blut, von dem kaum merkbaren
Fortschritt der sittlichen Kultur? Wie oft hatte er denn das Wagnis, eines
Kindes Wiege zu verrcken, gelingen sehen?
    Vor der offenen Kirchtr hielter still. Die letzten Sonnenstrahlen fielen
auf die schwarzen Priesterbilder am Altar; die leere weie Stelle glnzte wie
eine Silberscheibe. Wre er in Wahrheit nicht mehr wrdig, diese Stelle
einzunehmen? Wre er in Wahrheit ein Abtrnniger, weil - -
    Hastende Schritte, ein gekeuchtes Halt, halt! unterbrachen die Prfung.
Der arme Quartalsritter! Wie der Schwei von seiner Stirn tropfte, wie er
pustete im knappen, goldknopfigen Hochzeitsfrack! Wie er Lippen und Augen
zusammenkniff, sooft die zierlichen Lackstiefel auf ein Steinchen stieen!
    Aber, Pastor, Pastor! schrie er schon von weitem. So nehmt doch nur Rson
an, alter Freund! Kann denn einem Menschen nicht einmal was Menschliches
passieren? Ich war in der Bosheit, Pastor. Hol der Henker diesen hochmtigen
Narren mit seiner verrckten Wiege und seinen Schranken und Stufen! Der pure
Tusch! Auf mich gings, Blmel, egal auf mich. Na, drei Kreuze hinter dem Patron!
Ich stehe, Pastor! Ich stehe aus gutem Herzen, und bleibt Ihr trotzig, so stehe
ich mit Gewalt. Aber, so wahr ich Johann Mehlborn heie: ich stehe!
    Pastor Blmel war kein hartkpfiger Christ; er pflegte dem reuigen Snder
die Hand entgegenzustrecken, und Neinsagen ist ihm keiner Zeit eine leichte
Sache gewesen. Dennoch wrde er in diesem auerordentlichen Falle schwerlich
nachgegeben haben, htte er sein eigenes Gewissen vllig rein gefhlt, - und
wre nicht seine Hanna von der Gartenpforte aus des Sturmes und Abpralls Zeugin
gewesen und herbeigeeilt, die Mittlerschaft zu bernehmen. Mit dem Handgelbde,
auch ohne franzsische Stunde, den Exhirten Frey gegen braven Lohn in seinem
Schacht arbeiten zu lassen; mit dem fernerweitigen Handgelbde, in Zukunft, wenn
gewnscht, der Patenpflicht samt Pertinenzien bei jedem Werbener Frnerkinde
gerecht zu werden, erkaufte der Rittergutsbesitzer Mehlborn die Ehre, kommenden
Sonntag am Tauftisch der Werbener Kirche und fr ewige Zeiten in deren
Taufregister als Stellvertreter Seiner Majestt von Preuen zu paradieren. Die
Versicherung: Wen Johann Mehlborn ber das Taufwasser gehalten hat, den wird er
auch bei gemeinen Gelegenheiten ber Wasser halten, gab er in seiner
Herzensfreude ungefordert noch drauf und drein.
    Ach, er ahnete nicht, der wohlgemute Ritter, da er mit dieser Ehre die
hchste Stufe zum Throne erklommen haben sollte und da er seiner Magnatenlaune
zum letzten Male volles Gengen getan; aus welchem Grunde denn auch diesem Tage
ein ausfhrliches Kapitel in der Geschichte seines Stiefpaten bewilligt werden
mute. Denn mit dem Besuche des geistlichen Hartenstein war in seine stolze
Brust ein Keimkorn mitrauischer Abneigung gegen eine Familie, um deren Gunst er
bis dahin so eifrig geworben hatte, eingesenkt worden. Und das Korn sprote und
bestockte sich. Als seine Brigitte das nchste Mal ein Schuldenregister ihres
flottlebigen Gatten, ohne gleichzeitigen Kontrakt fr den Verkauf des Gutes,
einreichte, schlug er die Tilgung rundweg ab.
    In Konstantin Blmels Seele dahingegen hatten nach einer schlummerlosen
Nacht die stolzen Wellen sich gelegt, und Joachim von Hartenstein nahm als
Mensch, als Patriot und Priester fast uneingeschrnkt den bisherigen Raum in
seinem Herzen wieder ein. In seinem Tageskalender, welcher diesen Aufzeichnungen
vielfach zur Vorlage dient, steht unter jenem Datum geschrieben:
    Alles Unheil ist werdendes Heil. Ein absoluter Trieb nach Erhaltung wirkt
daher unheilvoll, weil er sich feindlich gegen das Werdende verhlt. Mit Recht
ist in verwandtem Sinne behauptet worden, da sogar ein absoluter Trieb nach
Vollkommenheit eine Krankheit sei. Htten vollkommene Menschengeschlechter eines
Heilands bedurft? Und bedrfte seiner ein vollkommener Mensch - wenn es einen
gbe? Bei alledem: welch ein Zauber liegt doch in der Macht eines Glaubens, auch
wenn wir ihn nicht verstehen und selbst wenn er zum Fanatismus wird, den wir auf
jedem anderen Gebiet als dem gttlichen hassen.
    Bei dem Verrcken der Wiege und der Liebesprobe an einem Stiefkinde der
Natur blieb es selbstverstndlich, und bei dem gemeinsamen Tauffest blieb es
auch. Nur das Programm fr dieses erlitt eine kleine Abnderung insofern, da
auch die Tuflingin einen Vizepaten erhielt und der Tufling ihrer sogar zwei.
Es hatte sich nmlich der werte Amtsbruder Kurze in Bielitz am Tage zuvor den
Knchel verstaucht und schickte als Stellvertreter seinen Sohn. Der
Feierlichkeit tat dieser Wechsel indessen keinen Eintrag, und der
darauffolgenden Frhlichkeit kam er nur zugute, da der ehrwrdige alte Herr
Amtsbruder als Gevatter fr Gevatterin Luischen lange nicht so gepat haben
wrde wie der junge, muntere Herr Kandidat. Das wunderbare Wasser wirkte in den
jugendlichen Herzen einen bis dahin schlummernden sympathischen Zug, und das
obligate Gevatterkchen zauberte auf die jugendlichen Wangen einen Rosenflor,
welcher das Herz der Taufmutter verheiungsfroh klopfen lie.
    Frau Hanna Blmels Taufkuchen war noch niemals so hoch aufgegangen wie bei
diesem Doppelfeste, und die Erdbeerbowle, welche sie aus den Gewchsen ihres
Gartens und Weinbergs gebraut, war noch keinem ihrer Herrn Gevattern so angenehm
prickelnd wie heute Amtmann Mehlborn zu Kopfe gestiegen.
    Als majesttischer Prokurist trug er, selbstredend, den goldknopfigen
Frack, dem ein stdtischer Meister unter den Armen ein Stck bequemlich
eingesetzt hatte. Ebenso selbstredend wrde fr einen bloen Prokuristen das
Eingebinde eitel Verschwendung gewesen sein. Aber die Gesundheit der Tuflinge
stand ihm zu und wurde glorreich von ihm ausgebracht, nach dem das erste Glas
vom Taufvater auf das Wohl des Allerhchsten Gevattersmannes geleert worden war.
Als spt am Abend der Vizegevatter der Taufmutter zum Abschied die Hand drckte,
rief er in seinem krftigsten Ba: Ich will nicht Johann Mehlborn heien, wenn
dieser Knigspate es nicht einmal bis zum Verwalter auf einem von Johann
Mehlborns Rittergtern bringt!
    So groartig war die Perspektive des zehnten Hutmannssohnes schon an dem
Tage, da er einen Namen erhalten hatte!
    Dieser Name war ein gebotenes Paten- und zwiefltiges Muttererbe. Da der
Freysche Nachwuchs jedoch bereits durch einen Friede und durch einen Hannes
vertreten war, mute dem Friedrich Hans ein Rufname beigefgt werden, und
entschied sich Pastor Blmel fr den einigermaen sonderbar, aber kennzeichnend
lautenden Dezimus, der auch in der Gemeinde, da er an das schmhlich
ausgetauschte Dezemhuhn erinnerte, lange nicht so preuisch gefunden wurde wie
der der Septima, welche, geschwisterlicher Analogie halber, der Rose Konstantia
angehngt ward. Kantor Beyfu uerte sogar bedenklich: Wenns nur nicht eine
bse Sieben bedeutet!
    Und so schlummerten und strampelten denn Rose und Dezimus als junge Christen
nebeneinander unter dem Wiegenhimmel, und weil sie mit ihrem Kosenamen Ma und
Mus hieen, waren die ersten Laute, die sie lallen lernten, Mus und Ma.

                                  Knabenstern


Noch bevor das Korn geschnitten worden, war der kleine Mus auch von Vaterseite
eine Waise; und hatte der Hutmann Frey des Gerechten sanftes Schlummerkissen
auch leider verwirkt, so ist es - Gott sei heute noch Dank dafr! - doch kein
Snderende, das er etwa im Taumel oder in der Verzweiflung genommen hat. Er
starb im Gegenteil einen Opfertod, wennschon unbewut und ohne da einer von
denen, welchen er schweres Unheil abgewendet, es ihm gedankt htte.
    Ein wildes Gebaren ging dem Sterben voran; keiner in der Gemeinde hatte
hnliches erlebt, daher denn auch in ihr der alte heidnische Erbfeind, Kobold
geheien, seit der Kriegsdrangsal nicht dermaen seinen Spuk getrieben. Selber
der aufgeklrte Kantor Beyfu konnte nicht leugnen, da er, spt am Abend von
einem Besuch in der Weidenmhle heimkehrend, einen brengroen schwarzen Kater
mit Gluhaugen, gleich illuminierten Fensterscheiben, das Hirtenhaus habe
umschleichen sehen. Der noch aufgeklrtere Amtmann Mehlborn lachte freilich
seinen Freund Beyfu aus und nannte des Klausen Zustand schlechtweg
Suferrappel; der Kreisphysikus, den Pastor Blmel zu Hilfe rufen lie, nannte
ihn dahingegen Wasserscheu. Der verdchtige Wirtshund, welchen er in der
Geburtsstunde seines Sohnes erdrosselt, hatte den Klaus in die Hand gebissen.
Wer achtete darauf? Der Klaus am wenigsten. Es war ein Tollhundsbi.
    Da seit dem Siebenschlfer keine Leiche im Dorfe bestattet worden war, fand
Klaus Frey sein Reihengrab an der Seite seiner Frau. Pastor Blmel sprach den
Segen darber, und im Frhling sprote der Rasen auf dem Hgel des lsterlichen
Mannes so grn wie auf dem des tugendlichen Weibes; aber nur auf letzterem lag
Jahr fr Jahr ein Johanniskranz.
    Die Waisen, welche seit der Mutter Tode ein Vagabondenleben gefhrt hatten,
wurden nunmehr in die Welt verstreut. Zweien von ihnen erwirkte der Pfarrer ein
Unterkommen in provinziellen Versorgungsanstalten; dem dritten, durch seines
Patrons Vermittlung, sogar eine Stelle im kniglichen Militrwaisenhause. Die
lteren Brder wurden auf Bauernhfen zu Knechten herangezogen; keiner jedoch in
der heimischen Gemeinde, wo seit des Vaters nach wie vor nicht geheuerem Ende
der Widerwille gegen die Hirtenbrut ein unberwindlicher geworden war und die
Ehre, welche dem jngsten Spro als Pastorziehkind angetan ward, das bse Blut
obendrein tzte.
    Die gute Amtmannsfrau htte wohl gern das Beispiel in der Pfarre nachgeahmt
und den kleinen blondlockigen Hannes als Sohn in ihr Haus genommen. Aber welchen
Kampf mit ihrem Amtmann wrde das gekostet haben! Und die gute Amtmannsfrau
fhlte sich von Tage zu Tage weniger eine Kmpferin. Ihre Krfte gingen auf die
Neige; bald, so getrstete sie sich, wrde sie mit ihrem rechten Hannes im
rechten Vaterhause vereinigt sein. Sie begngte sich daher, in die Hand ihrer
Pfarrfreundin eine kleine Summe niederzulegen, die fr das Kostgeld zweier der
Waisen, solange sie zum Dienen noch nicht herangewachsen waren, eben zureichte.
Darber hinaus klapperte sie aber auch oftmals - den Ohren beider Freundinnen
recht trstlich und wohlgefllig - mit dem Inhalt einer Sparbchse, die sie die
Gevatterbchse nannte und in die sie wohl jeden Tag ein Mnzstck fr ihre
Zwillingspaten steckte.
    So stand das Hirtenhaus denn leer; der Rest seines Gertes, Bett und Lumpen,
waren der Tollwut halber verbrannt worden; das Schindeldach blieb
unausgebessert, denn lange Zeit fand sich - gottlob! - in der Gemeinde keine
Familie, die arm genug gewesen wre, zwischen den kahlen Lehmwnden ein Obdach
zu suchen.
    Die nchsten Jahre brachten bse Seuchen ber das Land; bei uns die alten
Blattern, weiterwrts die neue Cholera. Die Hlfte des jungen Freyschen
Enaksgeschlechtes war dahingerafft, bevor der jngste des selben ahnete, was
Brudersein heit. Man hat ihm spterhin seine Abstammung nicht verheimlicht; er
kannte aber keine Familie auer der, welche ihn aus dem kalten Mutterleibe warm
an ihr Herz und fest an ihre Hand genommen hatte; und frwahr, er wrde denen
seines Blutes nicht mit gleicher Innigkeit angehangen haben, denn das zrtliche
Neigen des Kindes sttzte die tiefe Dankbarkeit der Waise.
    In der tchterreichen Pfarre aber wurde das fremde, mnnliche kleine Anwesen
von keinem als berlast oder unntzer Brotesser angeschaut, sondern wie der
Zugehrigste gehtschelt und gehegt. Alle Welt hatte ihre Freude, wenn sie den
Mus und die Ma nebeneinander auf der Mutter Schoe sitzen oder spterhin sie
Hand in Hand laufen und spielen sah. Sie waren unzertrennlich wie
Zwillingskinder, dabei aber so verschieden geartet, wie leibliche Geschwister es
selten sind. Ma: zart, zierlich, behende, ein schwarzlockiges Strudelkpfchen,
zu Lust und Verdru nervs erregt. Mus schon dazumal, wie er lebenslang
geblieben ist: gro, stmmig, wei und rot, niemals krank und niemals
ungebrdig. Blinkende Sternchen nannten die Schwestern die Augen der kleinen Ma;
die des Bruders Mus htten sie Vollmondsaugen nennen mssen, so gro und rund
waren sie, so hell und still. Aber nicht wie der liebe Mond, oder hinter ihrem
dichten Wimperschleier die Sternchen der Ma, blickten sie stetig hinunter zu den
Kferchen und Blmchen im Grunde, sondern unverwendet und ungeblendet aufwrts
zu den Himmelslichtern, wenn sie durch die Scheiben oder durch die Laubenbltter
drangen.
    Das Mdchen sieht, wie sie kriechen, der Junge, wie sie fliegen, sagte
Kantor Beyfu; mit welchem Sprichwort er freilich dem einstigen Verwalter ein
bedenkliches Prognostikon stellte. Die Mutter aber verteidigte ihren Mus;
erklrte, da er die Augen nicht von dem Schwesterchen verwende, sooft sie ihn
allein mit ihr in der Kinderstube oder auf dem Rasenplatze lasse; da er den
Quirlequitsch hte wie einen anvertrauten Schatz und ihr den rger mit einer
Kindsmagd erspare.
    berhaupt wute die Mutter sich etwas mit ihrem Mus; und zwar nicht etwa,
wie es mancher anderen Mutter beigekommen sein wrde, um der Wohltat willen, die
sie ihm erwies, sondern, was schwerlich einer anderen beigekommen sein wrde, um
eines geheimnisvollen Segens willen, der mit dem Mus unter ihrem Dache
eingezogen sei. Frau Hanna Blmel war gegen gute wie bse zauberische
Einbildungen in der Gemeinde ihrem Konstantin bisher eine rstige
Hilfsstreiterin gewesen; nun mute sie sich um ihres Johannisglaubens willen
manchmal von ihm strafen lassen.
    So glatt und gleich, so ohne jegliche Krankheitsnot und Fhrlichkeit war es
noch nie in ihrer Kinderstube abgelaufen. Auch in der Wirtschaft glckte alles;
alles gedieh; die Familie breitete sich aus ber Hoffen und Erflehen. Seitdem am
doppelten Tauffeste aus dem Gevatterkchen ein Verlobungsku geworden war,
hrten die Brute in der Pfarre von Werben nicht auf. Sooft nach dem
Hochzeitsschmaus der Brautkranz ausgetanzt wurde, spielte das blinde Glck der
nchstfolgenden Schwester das ahnungsvolle Symbol auf das Haupt, und kaum ein
Jahr verging, da aus der Krone nicht eine Haube geworden wre. Es zhlte kein
Nabob und kein Pair zu der Freierschar; aber wer in der Pfarre von Werben hatte
sich auch Rechnung auf einen Nabob oder Pair gemacht? Das junge Paar baute
seinen Herd, und das Elternpaar sah ihn bauen auf seinem eignen bescheidenen
Grund; das junge Paar zog aus, und das Elternpaar sah es ziehen oftmals in weite
Ferne; wenn aber die Wehmutstrnen gegen die Freudentrnen htten abgezhlt
werden sollen, wrden die letzteren berwogen haben. An dem Tage, wo Balsamine -
das Minchen des Hauses - mit einem amerikanischen Schulmanne, vielleicht auf
Nimmerwiederkehr, zu Schiffe ging, da sagte Pastor Blmel zu der bewegten
Mutter, indem er dem Liebling zu seinen Fen die dunklen Lckchen streichelte:
    Erkennst du jetzt, Hanna, die vterliche Liebe, die uns statt des ersehnten
Benjamin dieses Rschen gab? Denn ein Haus ohne Tchter kommt mir vor wie ein
Garten ohne seinen holdesten Schmuck, die Blumen.
    Und einen Baum, der unserem Alter Frucht und Schatten geben soll, hat eine
gtige Hand ja auch zwischen die Blumenkinder eingepflanzt, versetzte Frau
Hanna und sah ihren Dezem mit echten Mutteraugen an.
    Aber das ist weit vorgegriffen. Als bei der jngsten Pfarrhochzeit, in
Ermangelung anderweitiger Bewerber, Schwester Rosen der Brautkranz und Bruder
Dezimus der Brutigamsstrau gereicht wurden, da feierten Rose und Dezimus ihren
dreizehnten Johannistag. Zurzeit jedoch stehen sie erst im Beginn ihres zweiten
Stufenjahres, das heit, sie sind vom Mus und der Ma zum Dezem und Rschen
vorgeschritten und traben selbander in Kantor Beyfuens Schulstube.
    Und da mu denn leider bekannt werden, da im flssigen Lesen und zierlichen
Schreiben der groe Dezem von dem kleinen Rschen auf eine fr den Helden einer
Geschichte bedenkliche Weise berholt worden ist; ja, wre zwischen menschlichen
Hirnschalen nicht eine unsichtbare Zahlenwelt aufgetaucht - nach dem Sprachlaut
vielleicht das erste Mysterium, welches den urwilden Jger von dem urwilden
Jagdtier unterschied -, da mte dem Biographen fr seines Helden Schlerehre
bange werden. Die Arithmetik rettet sie. Schwester Rschen hat es im Leben nicht
ber das dritte der Spezies hinausgebracht; aber mit Addieren und Multiplizieren
hat das klgste Frauenkpfchen ja auch fr seine Lebenszeit mehr als genug
getan, whrend, wenn mglich, noch ein Dutzend weitere Spezies erfunden werden
mte, um diesem oder jenem mnnlichen Schdel sein Gngen zu tun. Und
hinreichend dick fr derlei Speziesappetit war Held Dezems Schdel schon in
seinem ersten Stufenjahr. Kantor Beyfu, der sich als einen zweiten Adam Riese
schtzte, erklrte den Pfarrdezem fr ein Quatermillionengenie, wie es ihm in
seiner Praxis noch nicht vorgekommen sei. Die heidenmige Fertigkeit msse dem
Tufling mit dem heidenmigen Namen eingebunden worden sein, uerte er
vertraulich gegen Frau Julchen, seine Hausehre. In einem stdtischen
Kaufmannsgeschfte, da knne der Junge es einmal zu etwas bringen; was aber ein
Verwalter auf Amtmann Mehlborns Wirtschaftshofe mit solcher Quatermillionenkunst
anfangen solle, das war dem Kantor Beyfu ein Rtsel.
    Und dem Pastor Blmel war es um so mehr ein Rtsel, als er sich niemals fr
einen Nebenbuhler Adam Riesens gehalten und es niemals beklagt hat, da von
allen idealen Gebieten das sogenannte unumstliche ihm das verhllteste
gewesen, ja nahezu ein grauenerregendes geworden ist, als er in der Schlerzeit
einen Zipfel seines Schleiers zu lften gezwungen ward. Wie sollte er, des
Knaben vor Gott und Menschen verantwortlicher Fhrer, die ihm selbst so
fremdartige Gabe entwickeln, wie sie in seiner bescheidenen Lebenssphre
dereinst verwerten?
    Dieser erst durch die Schule geweckte Sinn wurde indessen noch bedenklicher,
wenn der Vater ihn mit einem zweiten in Verbindung brachte, der sich schon
frher, ohne durch Lehrwort oder Beispiel erregt worden zu sein, in dem Knaben
offenbart hatte, bis dahin aber von den Eltern als eine Kinderlaune belchelt
worden war: der nmlich fr das Licht und die Lichter des Himmels.
    Es ist der dem Menschen eingeborene Trieb des Suchens, sagte der Vater,
des Suchens ohne bestimmten Zweck. Das Kind sucht mhsam Steinchen und Blmchen
und wirft sie, hat es sie gefunden, wieder fort. Ich alter Knabe sogar, bcke
ich, wenn ich mich im Walde ergehe, nicht hundertmal meinen steifen Rcken, um
mich mit Pilzen zu beladen, deren Wohlgeschmack mir unerfindlich ist, die du,
Hannchen, der Giftgefahr halber, nicht auf den Tisch zu bringen wagst und die
ich wieder fortwerfe, wie die Kinder ihre Steine und Blumen, wenn mir nicht eine
alte Kruterfrau begegnet, der ich mit meinem Funde einen Gefallen erweise.
    Aber was sucht denn unser Dezem zwischen Wolken und Sternen, Konstantin?
fragte nach dieser Erklrung Mutter Hanna.
    Ja, was suchte der Dezem, wenn er im Sommer stundenlang auf dem Hnengrabe
hinter dem Pfarrgarten sa und - unverwendet wie ungeblendet - der Sonne
nachstarrte, ohne etwas anderes zu sagen als: Nun steht sie ber dem Turm,
oder: Nun ist sie am Zornberg, - ber den Flu weg, - in der Stadt? Was suchte
er, wenn er an langen Winterabenden oder in stiller Morgenfrhe den aufgehenden
Mond erwartete, sich verwunderte ber seine wechselnde Gestalt und, ohne den
Namen eines einzigen zu wissen, smtliche grere Sternbilder kannte, die er am
Horizonte auf und nieder steigen sah? Ehe er noch einen Blick in einen
gedruckten Kalender getan, hatte er sich auf eigene Hand einen Familienkalender
gebildet, hatte herausgebracht, um welche Stunde zu Vaters Geburtstag, im
Dezember, die Sonne aus ihrem Nebelbette stieg, und um welche sie sich zu
Mutters Geburtstag, im August, in ihr Flubett niederlegte. Wie vor
Jahrtausenden vielleicht auch schon ein Hirtensohn, sah er in den Sternen des
Himmelswagens eine Freundesgruppe und taufte sie, der Gre nach, auf die Namen
seiner sieben Schwestern; seinen Liebling aber, Winters den letzten im
Morgendmmer, also den ersten, welchen er beim Erwachen gewahr ward, den nannte
er noch ganz apart seinen Rschenstern.
    Dem ruhigen, krftigen Knaben durfte frhzeitig mancher Botenweg in Stadt
und Umgegend anvertraut werden. Als er eines Tages mit seinem gefllten
Henkelkorbe von einem solchen auer Atem zurckkehrte, schalt ihn die Mutter ob
seiner Hast. Er aber sprach, und seine runden, stillen Augen sprhten dabei von
heller Lust:
    Ich bin mit der Sonne um die Wette gelaufen, Mutter, und frher angekommen
als sie.
    Die Sonne luft nicht, Mus, versetzte die Mutter lchelnd, unsere Erde
ist es, die mit den lieben Sternchen ringelrund um sie tanzt wie ihr Kinder um
eure alte Mama.
    Das war das erste Problem in Dezimus Freys kindlichem Hirn, und es erregte
in ihm einen Aufruhr wie kaum ein zweites in spteren Tagen. Die Sonne, die er
laufen sah, sollte stillestehen, und die Erde, die er feststehend unter seinen
Fen fhlte, sollte sich drehen, hatte die kluge Mutter gesagt, war also wahr.
    Die kluge Mutter bereute ihre bereilung; sie wute, da ihr Konstantin
derleivorzeitige Aufklrung nicht billigte, und sie war eine gehorsame Ehefrau,
wenn sie auch dann und wann auf schlngelnden Wegen das Ziel zu erreichen
suchte, das sie ihn auf geradem Wege verfehlen sah. Wer aber A sagt, mu B
sagen, und so half sie sich am Abend aus der Verlegenheit mit einem
Kunststckchen, dessen sie sich aus ihrer Gouvernantenzeit erinnerte. Sie
steckte eine Stricknadel durch ihr Wollknuel und drehte es als Mutter Erde im
Kreise um sich selbst und gleichzeitig auf halbschiefer Bahn um die leuchtende
Astrallampe, die als Gromutter Sonne prsentiert worden war, whrend Schwester
Riekchen mit einem Zwirnsknuel, Enkelchen Mond genannt, eine hnliche Bahn um
die Erdenmutter beschreiben mute.
    Die lustige Ma lachte hellauf, nicht ber das Experiment, nach welchem sie
gar nicht geguckt hatte, sondern ber ihren dummen Mus, der mit glsernen Augen
und offnem Munde, starr wie ein Gtzenbild, den Wunderbeweis anstarrte. Der
Mutter aber war es, als ob sie das Herz des Versteinerten hmmern hrte. Er sa
die ganze Nacht aufrecht in seinem Bett, die Blicke an den Vollmondshimmel
geheftet, am anderen Tage a und trank er kaum, schlich gleich einem
Nachtwandler achtlos auf seine Umgebungen umher; nach Sonnenuntergang aber kam
er jubelnd vom Hnengrabe gesprungen, fiel der Mutter um den Hals und rief:
Jetzt hab ichs weg!
    hnliche Probleme folgten sich: nach einem starken Gewitter ein
Doppelregenbogen, ein Sternschnuppenfall und noch mehrere; alle aber waren
weniger packend oder leichter zu lsen als jenes erste und ihre mhliche
Entrtselung im Herzen dieses glcklichen Kindes vielleicht das am strksten
empfundene Glck; ein Glck, wie es so rein und freudig ja immer nur in der
Kindheit, die nicht nach dem Zusammenhange forscht, empfunden werden kann.
    Die Mutter half ihm in seinem kindlichen Ringen nicht weiter. Im
Herzensinnersten aber weidete sie sich an ihres Knaben sonderbarer Doppelgabe,
deren eine sie sein Dezemsteil, die andere seinen Johannissegen nannte. Sie
baute Luftschlsser auf ihren Grund, wie jede rechte Mutter sie fr ihren
Liebling baut, mag der besonnene Vater sie auch unerbittlich wieder
niederreien. Und Vater Blmel ri die ihren unerbittlich nieder.
    Konstantin Blmel gehrte nicht zu den eifrigen Glaubenshelden, welche dem
urewigen Menschendrange aus dem Dunkel zum Licht das zrnende Eritis sicut deus
 entgegenhalten. Gewilich nicht. In der Tiefe seines Gemtes hatte er den
Punkt gefunden, auf welchem Glauben und Wissen, Denken und Dichten sich decken,
und ehrte er darum jegliche Forschung, welche den Menschen dem Menschen nher
bringt, dem vergangenen, dem gegenwrtigen, dem zuknftigen, ob sie nun Kenntnis
wirke, Nutzen, Sitte oder auch nur Freude. In der Himmelskunde aber sah er einen
Grendrang, welcher den Menschen von dem Menschen abzieht und den er dem
Erklimmen unwirtlicher Gletschergipfel verglich. Es war Konstantin Blmel nicht
gegeben, den Begleitstern eines Fixsterns zu entdecken oder seine Bahnelemente
auch nur hypothetisch festzustellen. Wre es ihm aber gegeben gewesen, wrde er
hchstwahrscheinlich die Mhe der Entdeckung und selber der Hypothese sich
erspart und whrend der Zeit seine alten Heiden und neuen Christen auf den
Gehalt der Bergpredigt hin geprft oder seine Rosenstcke okuliert haben.
    Wie aber der Grenwahn in der Himmelsforschung ihm widerstand, so wies er
als einen Liebeswahn auch im eigenen Herzen die Versuchung zurck, sich auf
einer jener fernen Welten eines leibhaftigen Wiedersehens seiner Vorangegangenen
zu getrsten. Denn unsere Heimkehr ist in Gott und Gott ein Geist, der wohl
seinen Willen, aber nicht sein Wesen zu offenbaren uns Menschen fhig und wrdig
erachtet hat.
    In Schauern der Unendlichkeit sich entzcken beim Aufblick zum nchtlichen
Sternenhimmel; lieben, auch als Symbol, die wrmende Leuchte, die aus dem
Erdenstaube neues Leben weckt, das und nicht mehr hie ihm menschliches
Teilhaben an jenen unerreichbaren Weltenrumen, und mit vorlauter Neugier, mit
plumpem Werkzeug sich in ihre Bahnen drngen, hie ihm den Adel ihrer Poesie,
den Zauber ihrer Heimlichkeit entweihen.
    Darum waren es auch nur vorbergehende Bedenken, welche ihm bei seines
Pfleglings eigenmchtigem Kalendarium oder seinem Vorsprung in den vier Spezies
auf Kantor Beyfuens Schulbank aufstieen, und ferne lag es ihm, aus ihnen den
Schlu auf eine Dissonanz fr seine Zukunft zu ziehen. Nicht zu einem Arbeiter
im Geist, zu einem verstndnisvollen, gesitteten Arbeiter in Feld und Flur ihn
heranzubilden, hatte er den Knaben an seine Hand genommen, und der ruhig starke
Pulsschlag, den er in dem jungen Herzen sprte, galt ihm als Brge, da es sich
von seinem natrlichen Grunde nicht verirren werde. Weise aber war es,
mtterlichen Hirngespinsten, die sich gar leicht dem Kindergemte einnisten, von
vornherein zu steuern; weise, auch nach auenhin, den Knaben seinem Ursprung und
seiner Bestimmung gem heranzuziehen; und wenn der Hirtensohn seinem
geistlichen Vater eine Wohltat mehr als die andere gedankt hat, so ist es die
Pflege des schlichten Sinnes, der sein mtterliches Erbteil war und der dem
Durchbruch seines Wesens aus dem Dunkel zum Licht Raum und Freiheit wahrte.
    Mutter Hanna verstand und liebte es, ihre Tchter - und das hbsche
Nesthkchen zumal - zierlich zu kleiden. Sie htte frs Leben gern auch mit
ihrem Sohne ein bichen Staat gemacht. Wie schicklich lieen sich aus
Konstantins abgelegtem Zeug Pumphschen und Wmschen fr den Mus zurechtstutzen!
Aber der Mus trug noch als Dezem, und sogar Sonntags, einen blauen Leinenkittel,
reinlicher, aber nicht zierlicher wie der rmste Frnersohn; er schlief, schon
da er noch Mus hie, allein in einer kalten Bodenkammer, und wenn Schwester Ma,
die ein Leckermulchen war, ihre Semmel nicht dick genug mit Butter gestrichen
und womglich noch Honig darauf haben wollte, so tunkte Bruder Mus ein Stck
Schwarzbrot in seine Morgen- und Abendmilch, ohne nach Butter und Honig zu
lechzen. Bis zu Trnen hat es ihn aber oftmals gerhrt, wenn er seine
Pastormutter, um nichts vor ihrem lieben Jungen vorauszuhaben, auch nur ein
Stck Schwarzbrot tunken sah. Er wute, er war ein armes Waisenkind, und wenn er
gro war, diente er als Knecht auf einem Bauernhofe. Seine stolzen
Patenaussichten waren gleich luftigen Schemen verflogen.

Denn whrend unter einem liebreichen Walten im Pfarrhause alles Gute zum
Besseren sich entwickelt hatte, war im befreundeten Amtshause die Skala des
Friedens und der Freude tief unter Null gesunken, seitdem Mutter Rosine zu ihrem
winkenden Hannes in den Himmel gegangen. Pate Mus sprte den schlimmen Wandel
zum ersten Male, als er an der Hand seiner Pastormutter der Leiche folgte und
sein Herr Vizegevatter, der ihm bisher allezeit lachend einen Klaps auf die
Backe gegeben und Mosj Verwalter genannt hatte, heute, als
Hauptleidtragender, ihn mit einem grimmigen Blick beiseitestie und
Zudringlicher Bengel! zwischen den Zhnen murmelte. Die schlimme Wandlung
hatte indessen eine Vorgeschichte, die fast so alt wie Pate Mus selber war.
    Seit bei dem Besuche des geistlichen Hartenstein ein erster undeutlicher
Schatten in Johann Mehlborns stolzes Gemt gefallen war, sah er die Ehe seiner
Tochter in einem getrbten Lichte, das bei den geringfgigsten Anlssen
nachdunkelte. Der spekulative Bauer hatte die exzellenzliche Spekulation auf ein
von Schulden befreites Erbgut klar genug durchschaut und sie nicht minder
berechtigt erachtet wie seine eigene vterliche Spekulation auf ein
freiherrliches Wappenschild. Aber, wohlgemerkt! fest in der Hand, gleich einer
Goldbarre, mute das Besitztum gehalten werden, nicht flssig wie Quecksilber
zwischen den Fingern zerrinnen. Darum hatte er wohl eine Zeitlang die Wechsel
des Generals, der Universalerbe seiner Gemahlin war, honoriert, sein Darlehn auf
das Gut eintragen lassen und die Zinsen vom Pachtschilling abgezogen. Als sein
Guthaben jedoch so hoch angeschwollen war, da die Zinsen den Pachtschilling
berstiegen, protestierte er die Wechsel und ffnete seine vterliche Hand nur
noch zu der im Heiratskontrakt bedingten uerst migen Rente; ein, wie er
meinte, unfehlbares Mittel, das Gut, das er buchstblich in der Tasche hatte,
auch dem Namen nach an sich zu bringen. Da das Werbensche Erbe, welches die
Hartenstein verschleudert hatten, aus Mehlbornscher Hand auf beider Enkel
bergehe, das war nun einmal eine von den fixen Ideen, deren vielleicht nur ein
so harter Bauernschdel wie Johann Mehlborns fhig ist.
    Wohlgemerkt aber auch zum zweiten: der Blutsfreundschaft seiner Tochter
mute die Ehre angetan werden, welche den faktischen Besitzern zweier
Rittergter und eines Geldkastens, der leichtlich noch ein drittes in sich
schlo, gebhrte. Hie das aber, - um nur den Anla aufzufhren, der sozusagen
dem Fasse den Boden ausschlug, - hie das aber den faktischen Besitzern beider
Werben die schuldige Ehre antun, wenn die Tochter mit den beiden Enkeln
herbeieilt, den letzten Segen der verlschenden Mutter zu empfangen, der Herr
Eidam jedoch bleibt seelenruhig zu Hause, als ginge ihm die Sache keinen
Pfifferling an, entschuldigt sich nicht einmal wie in frheren Zeiten mit
Manvern und Paraden, erscheint auch nicht beim feierlichen Begngnis und
schenkt sich sogar, so gut wie sein Herr Vater Exzellenz, die schriftliche
Kondolenz, an welcher doch selber die grflichen Nachbarn auf Bielitz es nicht
fehlen lassen!
    Nun aber war die Frau mit dem guten Herzen tot. Es fehlten hier ihre
snftigenden Trnen, dort die heimlich nachhelfende Hand. Hier wie dort
steigerte wechselseitig Ursache die Wirkung, Wirkung die Ursache der Abneigung
bis zur Erbitterung, bis zur Verwilderung und schlielich bis zum Bruch. Als der
junge Herr schuldenhalber den Dienst quittieren mute, lachte er ber die
Zumutung, auf dem Gute, dessen Erbherr er nominell noch war, abhngig von seinem
widerwrtigen Schwiegervater und unter dessen Augen ein knappes Bauernleben zu
beginnen. Bei Nacht und Nebel war er seinen Glubigern und unleidlichen
Familienbanden entwichen; es ging die Rede, da durch Vermittlung seines Vaters
ihm in russischen Diensten eine frderliche Stellung erwirkt worden sei. Die Ehe
wurde gerichtlich geschieden.
    Seine Gattin hatte diesem Schritte, zu welchem ihr Vater seit Jahren
gedrngt, bis zum uersten widerstanden. Nicht, da der Zauber, der ihr junges
Herz berckt, auf die Dauer sich gegen Gleichgltigkeit und Zgellosigkeit
behauptet htte: Brigitte Mehlborn war keine Romanheldin. Nicht, als ob sie sich
ber die Grnde getuscht htte, welche nach brgerlichem und selbst nach
christlichem Recht eine Scheidung gestatteten: Brigitte Mehlborn hatte ein
scharfes Auge, Ungehriges an Menschen und Zustnden zu sehen und zu sichten.
Aber Brigitte Mehlborn gehrte zu den sprden Naturen, welche den einmal
erwhlten Standpunkt behaupten gegen Freund und Feind. Eben weil sie nicht mehr
liebte, wurde es ihr leichter, Lieblosigkeit zu ertragen als sich ber sie zu
beschweren; eben weil sie ihre Klageberechtigung kannte, scheute sie deren
demtigendes Eingestndnis; und so geschah es, da, whrend der schuldige Gatte
nach einer vollgltigen Befreiung, die er nicht beanspruchen durfte, drngte,
die schuldlose Gattin in eine solche erst dann willigte, als es galt, ihr
mtterliches Alleinrecht gegen jedweden Anspruch zu wahren. Nicht dem Vater, der
kein Verlangen danach trug, dem Vater des Vaters, der Verlangen danach trug,
entzog sie durch eine gerichtliche Scheidung die Obervormundschaft ber die
Kinder, die nur auf diese Weise ihr ausschlieliches Eigentum werden konnten.
    Aus dem gleichen Grunde entzog sie diese Bevormundung aber auch ihrem
eigenen Vater, ber dessen Sphre sie sich erhoben hatte nicht erst durch ihre
Ehe, sondern durch einen eingeborenen Bildungstrieb, den spterhin ein stark
herausgeforderter Widerstandssinn nur stachelte. Vater und Tochter hatten jetzt
die nmlichen Feinde; sie konnten aber nicht mehr die nmlichen Freunde haben.
    Johann Mehlborn war, in jachem Rcklauf der spt entwickelten
Magnatenschrulle, ber deren Ursprung hinweg zum alten zhen Bauerntrotz
zurckgekehrt. Er wrde, htte er die Macht dazu besessen, aus republikanischer
Tugend niemals einen Knigsthron gestrzt, und kommunistische Weltverbesserer,
die zurzeit auch im deutschen Vaterlande einen stillen Anhang fanden, wrde er,
mochten sie Professoren oder Schneider heien, ohne Gnade zu Galgen und Rad
verurteilt haben. Aber alles, was Edelmann hie, das hate Johann Mehlborn trotz
einem Robespierre. Ehre und Macht der Gesellschaft gipfelten fr ihn, wie einst
fr die Helden des Bundschuhs, wenn auch aus anderen Grnden, in dem Stande, der
die Scholle bebaut und sein Geld in Eisentpfen vergrbt. Er a nicht mehr mit
der linken Hand, sondern aus der Faust, wie sein Vater, der Groknecht, es
getan, trug Schmierstiefeln und im Winter einen Schafspelz, bediente sich
franzsischer Redensarten nur, wenn ihm im ehrlichen Werbener Deutsch keine
volkstmlich genug klingenden einfielen, und wrde sich des Amtmanns mit
Freuden entuert haben, wenn ihm die Regierung das schne Geld, das er ihm
gekostet, zurckerstattete. Htte er es durchzusetzen vermocht, wrde seine
Brigitte den Namen Hartenstein oder mindestens das schnde Adelszeichen vor ihm
abgelegt und als lndliche Wirtin auf ihrem Erbhofe gewaltet haben; ihre Kinder
wrden als Bauernenkel erzogen worden sein, und das leichte Patrizierblut wrde
sich zu dauerhaftem Arbeiterblut verdichtet haben.
    Aber er vermochte es nicht durchzusetzen. Seine Brigitte war die Erbin
seines harten Kopfes; sie beharrte bei Namen und Titel und bersiedelte als
Wirtschafterin auf ihres Vaters Hof so wenig, wie sie als Dame des Hauses in den
Palast ihres Schwiegervaters bersiedelt war, sondern zog in die den
Familiengtern benachbarte Universittsstadt der Provinz. Wie Vater Mehlborn
keine tragfhige Krume seines Ackers unbebaut lie, so htte sie jede geistige
Faser in ihren Kindern entwickeln mgen, und hier fand sie ausgiebige
Bildungsmittel fr sie. Fr ihre eigene Person aber fand sie hier einen Boden,
in welchem sich leichter Wurzel schlagen lie als in dem kalten, schweren des
Nordens; fand die Ansprche an das uere Leben so bescheiden, wie sie sie
finden mute, wenn sie auch nach auen hin sich Geltung verschaffen wollte. Da
sie Erziehungsgelder von ihrem Schwiegervater nicht annahm, ihr erbitterter
Vater aber jegliche Untersttzung verweigerte, sah sie sich auf ihr mtterliches
Erbteil beschrnkt und trug kein Bedenken, das Kapital anzugreifen, weil die
Zinsen fr ihre Zwecke nicht ausreichten. Es wurde ihr leicht, sich in
schicklicher Mitte von Hartensteinschem berma und Mehlbornschem Unterma zu
halten; ein alter Name, eine reiche Erbaussicht woben einen gewissen Nimbus um
ihre Person und ihr Haus; im Kreise ihrer neuen Lebensgenossen wurde Brigitte
von Hartenstein unbestritten gefeiert als eine bedeutende Frau, die einzige
Eitelkeit, fr die sie empfnglich war.
    Sie hat es wahrscheinlich niemals erfahren, da ihr alter Freund in der
Pfarre es gewesen, dem sie das aus der Not helfende mtterliche Erbteil zu
danken, und da er um dieses Erbteils willen die Gunst seines Patrons in spe
verwirkt, auch manches kleine Scharmtzel mit seiner Hanna zu bestehen hatte.
Auch Dezimus ist hinter das Geheimnis erst gekommen, lange nachdem er es als
einen Segen erkannt, die Schutzherrschaft seines Vizepaten wider Wissen und
Willen verscherzt zu haben. Die Sache hatte sich aber also zugetragen:
    Als Mutter Rosine das ersehnte letzte Stndlein nahen fhlte, lie sie an
einem Tage, wo sie ihren Amtmann fernab auf einem groen Viehmarkte wute, den
treuen Seelsorger an ihr Lager entbieten, um, nachdem sie das heilige Abendmahl
aus seiner Hand empfangen hatte, die Bitte an sein Herz zu legen, da er ihren
letzten Willen aufsetze und denselben hinter ihres Amtmanns Rcken gerichtlich
dingfest mache. Zwar wolle sie ihrem Amtmann, da er nun einmal seinen Kopf
daraufgesetzt, nicht zuwider sein und ihr Eingebrachtes ihm ganz allein
verschreiben, so wie die selige Frau Exzellenz mit ihrem Gute es an den Herrn
Exzellenz getan. Ihre liebe Brigitte sei ja ihres Johann einziges bichen
Fleisch und Blut, was knne ihr durch die Verschreibung entgehen? Heiraten wolle
ihr Amtmann nicht wieder, weil das schne Werbensche Anwesen nicht zerkleinert
werden solle, und in der Hand ihres lieben Schwiegersohnes wrden die paar
Tausend Mtterliches seiner Frau ja doch verdunsten wie Wasser auf einem heien
Stein. Mit dem Eingebrachten sollte ihr Amtmann also seinen Willen haben; von
ihrem Ersparten aber habe sie, Mutter Rosine, diesem und jenem eine kleine
Zuwendung zugedacht, um welche die gute Frau Pastorin wisse, ihr Amtmann aber
nicht frher wissen solle, bis sie, Mutter Rosine, unter der Erde sei. Und dazu
gehre eine Verschreibung, welche sie allein nicht fertigbringe.
    Pastor Blmel lehnte nicht nur dieses Ansinnen ab, sondern redete ihr auch
das Testamentsvorhaben aus. Der Groteil ihres Vermgens gebhre dem Gesetze
nach der Tochter, und gesetzlichen Ordnungen entgegen zu verfgen, mache selbst
unter den nchsten Angehrigen fast allemal bses Blut. Amtmann Mehlborn sei
reich, weit reicher, als seine Gattin mutmae; auf etliche Tausend Taler mehr
oder weniger knne es ihm nicht ankommen, whrend sie unter Umstnden der
Tochter zu einer Wohltat zu werden vermchten; sie habe einen klugen Kopf, und
bis zu ihrer Grojhrigkeit in Jahr und Tag bleibe das Vermgen ja ohnehin in
des Vaters Hand. Die Mutter solle der gesetzlichen Ordnung daher ihren Lauf
lassen, etwaige besondere Wnsche ihrem Manne anvertrauen und sich auf deren
redliche Erfllung verlassen.
    In der Hauptsache leuchtete dieser Freundesrat der guten Frau ein. Sie hatte
zu der Verschreibung sich berhaupt ja blo, um Ruhe zu haben, entschlossen; nur
gegen die letzte Versicherung schien sie Bedenken zu hegen, nickte indessen auch
hierzu schlielich mit dem Kopfe, richtete sich im Bett in die Hhe und kramte
tief aus dem Stroh eine tnerne Sparbchse hervor, in deren Spalt sie hastig
noch einen Papierschein, den sie unter ihrer Jacke verborgen gehalten hatte,
klemmte. Die Bchse wollte sie dem Pastor absolut aufntigen; seine liebe Frau
wisse schon, was sie zu bedeuten habe.
    Und der Mann der lieben Frau wute es auch. Es war ja die Gevatterbchse,
mit welcher die Frau Patin manches Mal vor den Ohren ihrer guten Freundin
geklappert hatte, um ihr den wachsenden Inhalt bemerkbar zu machen; auch manches
Mal, wenn sie vor ihren Augen wiederum einen Taler hineinsteckte, den Taler
einen Heckepfennig fr ihre Patenkinder genannt. Denn Mutter Rosine lie es
sich nun einmal nicht nehmen, da sie, obgleich nur fr einen der Tuflinge in
das Kirchenbuch geschrieben, fr beide das Christengelbde ausgesprochen habe,
wie sie ihre Patenpflichten denn auch allezeit fr beide in der herkmmlichen
Weise bettigt hatte.
    Selbstverstndlich, da Pastor Blmel die Annahme des heimlichen
Patengeschenkes noch viel entschiedener ablehnte als die Abfassung eines
heimlichen Testamentes. Das Hin- und Widerreden hatte die Kranke merklich
erschpft; die Tochter, welche der alte Freund schon vor einigen Tagen
herbeigerufen, langte nur noch rechtzeitig an, der Mutter die Augen zuzudrcken.
Der Amtmann aber hatte ber einem, allerdings vorteilhaften Ochsenhandel den
letzten geeigneten Moment fr die Verschreibung verpat; er mute das
gesetzliche Kindesteil auszahlen, will sagen sich des Schraubstockes begeben,
durch welchen er die Scheidung der freiherrlichen Ehe, einschlielich des
Gutsverkaufs, erpret haben wrde. Von mndlich vorgebrachten letzten
Erdenwnschen und Auslieferung der Patenbchse war keine Rede. Die geheime
Unterredung mute dem Amtmann aber doch zu Ohren gekommen sei, denn er hatte
seitdem auf die Freunde in der Pfarre einen argen Zahn.
    Frau Hanna empfand und verstand vollkommen, da ihr Konstantin nicht anders,
als er gehandelt, hatte handeln knnen. Sie war eine ehrenhafte Ehefrau. Sie
hatte aber auch ein Mutterherz, und darum zwickte sie heimlich, ja dann und wann
auch wohl vernehmlich, der Unwille ber den entschlpften Heckepfennig. Die
Patenbchse hatte gar zu getrstlich vor ihren Ohren geklappert. Nicht um ihres
Rschens willen; der Inhalt wrde ungeteilt dem Dezem zugute gekommen sein.
Erlebte sie es denn nicht Jahr fr Jahr, wie ohne Kopfzerbrechen sich Tchter
versorgen? Aber ein Sohn, der das Brot erwerben lernen soll, welches Frauen nur
zu backen und zu verzehren brauchen! Ihr braver Junge! Der reiche Mann hatte die
arme Waise ihres Notpfennigs schnde beraubt. Dabei blieb sie, und wenn Vater
Blmel dagegen einwendete, der Tod sei der Kranken zuvorgekommen, ehe die
Wnsche ausgesprochen wurden, dann rief seine Hanna aufgebracht:
    Konstantin, Konstantin! die Menschheit kennst du, aber den Menschen kennst
du nicht. Warum geht der Amtmann dir aus dem Wege, sucht, statt wie sonst bei
uns, Rat und Tat bei allerlei fremdem Volk? Warum schneidet er unserem guten
Jungen ein Gesicht, schimpft ihn einen zudringlichen Bengel und gibt ihm einen
Rippensto? Versndige dich nur einmal an einem Unschuldigen, und du wirst ganz
gewi sein Feind geworden sein, - das heit, wenn du ein Mehlborn bist, setzte
sie lachend hinzu, und ihr Konstantin konnte in der Stille des Herzens ihr nicht
gnzlich unrecht geben.
    Die Tochter war brigens nicht besser als die einstigen Freunde mit dem
Amtmann daran, obgleich ihr kein Unrecht durch ihn widerfahren und obgleich sie
notgedrungen die Scheidung endlich beantragt hatte. Sie hatte nachher den Vater
nur fr so lange Zeit wiedergesehen, als erforderlich war, ihm ihre getroffenen
Einrichtungen auseinanderzusetzen und das mtterliche Erbteil in Empfang zu
nehmen. Sein Zorn, seine Drohungen prallten an ihr ab, wie ihre Vernunftsgrnde
an ihm; er aber erboste sich ber sie, und sie erboste sich nicht. rger lag so
wenig wie Nachgiebigkeit in ihrer Natur. Sie tat, wie sie berzeugt war, ihre
Pflicht. Sie wrde ihn fter besucht haben, aber er lud sie nicht ein; er betrat
niemals ihr Haus, selbst wenn er in ihrem Wohnorte Geschfte hatte. Sie schrieb
ihm lange Briefe, aber es war zweifelhaft, ob er sie nur las; jedenfalls
beantwortete er sie nicht. Nach allem Vorhergegangenen, - und dazu gehrte, da
durch einen Zufall der schmhliche Anla von seines Sohnes Tod dem Vater erst
nach Jahren kund geworden, da die Tochter ihn doch von Haus aus gekannt und
schweigend hingenommen, - hatte sie es grndlich bei ihm verschttet, weil sie
whrend der Scheidungsverhandlungen nicht die Abtretung des Gutes von ihrem
Schwiegervater durchgesetzt; eine Forderung, die bei einiger Nachgiebigkeit
ihrerseits schwerlich auf Widerstand gestoen wre.
    Aber warum ihre intimste Angelegenheit mit der eigenntzigen ihres Vaters
verquicken? Was verschlug ihr der Besitz von soundso viel hundert Morgen
altheimischen Landes? Sie hatte auf dem elterlichen Hofe sich niemals zu Hause
gefhlt; sie dachte an nichts weniger, als ihre Kinder zu Landwirten zu
erziehen, und kaum htte etwas ihr unverstndlicher sein knnen, als da der
alte Bauer, ihr Vater, jetzt mehr denn je nach dem Besitztitel als nach einem
Racheakt an dem verhaten Geschlechte trachtete. Sie, Brigitte, hegte keine
Rachegedanken und keinen Ha gegen eine Familie, mit welcher sie ein fr allemal
abgeschlossen hatte, nachdem sie ihre mtterliche Freiheit gegen jener Ansprche
durchgesetzt. Im Guten wie im Schlimmen dachten Vater und Tochter nur an sich
selbst; eine Einigung war daher nicht abzusehen.
    Der Pachtkontrakt von Hochwerben lief in diesem Jahre zu Ende, und keine der
beiden Parteien hatte bis in den Sommer hinein einen Schritt zu seiner
Erneuerung oder Kndigung getan. Der General offenbar nicht, weil er die erstere
fr unvermeidlich erachtete. Er htte heute ja leichtlich die doppelte
Pachtsumme erzielen knnen; aber das Inventar eignete dem Amtmann, und die
Schuldenlast war nicht abzuschtteln. Wohl oder bel, es mute alles beim alten
bleiben. Der Amtmann dahingegen war entschlossen, endlich kurzen Proze zu
machen. Zu Michaelis kndigte er die Hypothek. Voraussichtlich hatte er dadurch
gewonnen Spiel; trotzte aber sein Widerpart, kam es zur ffentlichen
Versteigerung, nun so erstand es Johann Mehlborn; freilich mit schwerem Verlust;
denn den Spottpreis der Pachtung und die hohen Prozente konnte die beste eigene
Bewirtschaftung nicht ersetzen. Aber er hatte seinen Willen und hatte seine
Rache, und Wille und Rache sind schon das Risiko eines Geldopfers wert, zumal
wenn das Opfer ein so unwahrscheinliches ist wie in gegenwrtigem Falle.
    Seitdem er diesen Entschlu gefat hatte, betrachtete Johann Mehlborn das
Werbensche Hauptgut als sein unbedingtes Eigentum, war aber seltsamerweise der
Aufenthalt daselbst ihm verleidet. Er wandelte, vorlufig nur in Gedanken, die
Sle des Schlosses zu Kornbden, das Pchterhaus samt guter Stube zu
Gesindekammern um und bersiedelte in Wirklichkeit schon vor der Ernte mit
seiner Wirtschaft auf das Talgut. Das dortige Wohnhaus hie nicht ein Schlo;
kein Edelmann hatte jemals in ihm gefaulenzt und geprat; unter der dortigen
Kirche ruhten keine ritterlichen Gebeine, nur die seiner Rosine und ihres
Hannes, an welchen letzteren er Tag und Nacht mit wurmendem Grimme zurckdachte,
nicht mehr als an einen seiner Standesehre sich opfernden Kavalier, sondern als
an einen von einem Junker gemordeten redlichen Bauernsohn. Ja, um den Preis des
eigenen Lebens htte er den zurckgesetzten Erben wieder lebendig machen mgen,
seitdem die vorgezogene Erbin sich in schndem Hochmut von dem Vater abgewendet
hatte. Und wahrlich ein hoher Preis wre es nicht gewesen, den er fr die
Erweckung des guten Jungen gezahlt haben wrde. Johann Mehlborn hatte keine
Freude am Leben mehr als hchstens die, anderer Lebensfreude zu verkmmern und
vergllen. Sobald er nur erst Herr beider Werben hie, wrde er sich willig in
die Gruft zu seiner Rosine und ihren Hannes haben tragen lassen.

Es war in der Morgenfrhe nach einem gestrigen Unwetter, dem der erwhnte
Regenbogen folgte, nicht der erste, welcher vor Dezems Augen, aber der erste,
welcher vor seiner Seele sich als neues Himmelswunder aufbaute.
    Was ist das? hatte er staunend gefragt, als er, nachdem gegen Abend die
Sonne sich durch das chaotische Gewlk gerungen, eine bunte Brcke, ber den
Flu hinweg, sich vom Zornberge bis zum Hnengrabe spannen sah.
    Der Vater, welcher, bis die herrliche Erscheinung sich verzogen, schweigend
mit gefaltenen Hnden am Fenster gestanden hatte, schlug die Heilige Schrift auf
und las das Kapitel von der Sndflut und dem Friedensbunde Gottes mit der
geretteten Menschheit.
    Und wenn es kommt, da ich Wolken ber die Erde fhre, soll man meinen
Bogen sehen ber den Wolken. Das war die Antwort auf des Dezem Frage.
    Und gewi eine herzbewegliche Antwort! Der nrrische Dezem htte nun aber
gern auch noch gewut, wie der liebe Vater im Himmel es anfange, seinen
Friedensbogen zwischen den schwarzen Wolken in aller Geschwindigkeit so schn
bunt anzumalen und in ebensolcher Geschwindigkeit ohne Farbenspur wieder
auszulschen? Und auf diese Fragen blieb Vater Blmel die Antwort schuldig. Als
er aber nach dem Abendsegen sich an das Klavier setzte - Vater Blmel war bis an
sein Lebensende ein eifriger Musikant - und des alten Gellert Lied von der Ehre
Gottes in der Natur zum Vortrag brachte, da geschah es zum ersten Male, da der
arme Dezem an aller Menschenweisheit irre ward. Denn nun sah er die Sonne, die
nach der Mutter Sagen sich nicht rhren sollte, in des Vaters Sang aus ihrem
Zelte gefhrt werden und ihren Weg laufen gleich als ein Held. Da dem
Hirtenjungen von Werben fr eine Sonne solch ein Heldenlauf weit schicklicher
als das Stillestehen dnkte, wird jedes Kind begreiflich finden.
    Er hatte wiederum eine ruhelose Nacht, und da der andere Tag ein Sonntag,
also keine Schule war, der Himmel aber so rein, als htte niemals ein schwarzes
Wolkenheer auf ihm gelagert, rannte er, den letzten Bissen des Morgenbrotes noch
im Munde, hinaus auf das Hnengrab.
    Das Hnengrab, hart an der Pfarrgartenmauer, wurde ein Erdaufwurf genannt,
wie die Gegend unter gleichem Titel verschiedentliche aufzuweisen hat. Ob
wirklich Heldengebeine darunter eingescharrt waren, hatte bis dato niemand
untersucht. Unmglich wre es just nicht, da diese Landschaft seit grauer
Vorzeit der Tummelplatz wilder Entscheidungen gewesen ist. Pastor Blmel achtete
indessen dafr, da lediglich alte Steinbruchreste auf diesen Punkten
zusammengehuft worden seien. Weil das Hnengrab aber in die nrdliche Ebene
hinein eine noch weitere Aussicht als selbst das Pfarrhaus bot, hatte der Pastor
seinen schmalen Gipfel geebnet, ein paar Ebereschenbume darauf gepflanzt und
eine Ruhebank unter ihnen angebracht, auf welcher jeder, der fremd des Weges
kam, gern eine Umschau hielt.
    Auf diesem Hgel, der ihm gestern wie ein Pfeiler der wundersamen
Wolkenbrcke vorgekommen war, dachte der arme Dezem nun allen Ernstes irgendein
geheimnisvolles berbleibsel aus Gottvaters Bau-oder Malkasten aufzufinden; da
jedoch ringsumher nichts zu entdecken war als allbekanntes Himmelblau und
Erdengrn, setzte er sich auf die Bank, mit dem lblichen Entschlu, auf seiner
Schiefertafel, die er zu diesem Zwecke mitgebracht, Kantor Beyfuens Exempel fr
die nchste Rechenstunde zu lsen. Wie manchem bedeutenden Helden, im
Widerstreit von Stimmung und Pflicht, geschah es nun aber auch dem bescheidenen
dieser Geschichte, da der Stimmung der Obsieg blieb. Fr die Exempel war immer
noch Zeit. Zuvrderst galt es auf der leeren Tafelseite das Phnomen, das ihm so
gewaltig im Kopfe rumorte, sich durch eine Illustration zu vergegenwrtigen und
zu verdeutlichen. Das aber machte er so:
    Quer ber die Tafel zog er einen doppelten Strich, auf denselben schrieb er
Flu߫; zwischen krausen Schnrkeln ber dem Flusse stand zu lesen: Wolken.
Hart am Flu, in dessen Mitte, trug ein Haus die Inschrift Pfarre und in einem
ihrer Fenster ein dicker Punkt das Wrtchen Ich. Am uersten Tafelende war
der stdtische Kirchturm nicht zu verkennen; ob aber das Gesicht, welches mit
einer Strahlenglorie umstrichelt, Gottvater oder Mutter Sonne zu benennen sei,
darber grbelte der Knstler eine Weile und entschied sich endlich, die Frage
offen zu lassen, wie er demgem auch auf die Brcke, welche am
entgegengesetzten Ende hoch oben den Flu berspannte, mit lateinischen Lettern
malte: Regenbogen oder Friedensbogen. Trotz dieses Entweder-Oders, so viel
hatte er ber seiner Arbeit doch glcklich ausgeklgelt, da das zweideutige
Strahlenantlitz ber dem Turm das Farbengebilde hervorgezaubert haben msse und
da dieses mit der Glorie jener Strahlen erloschen sei. Und das war fr den
Anfang genug.
    Was ist das? fragte er, selber strahlend vor Freude, indem er seinem
Rschen, das im rosa kattunenen Sonntagskleide einhergetnzelt kam, sein stolzes
Kunstwerk vor die Augen hielt.
    Dummes Zeug! antwortete Rschen lachend und beachtete das Nachbild so
wenig, wie sie gestern das Vorbild beachtet hatte.
    Sie trug im Schrzchen einen Haufen Blumen, die ihr Papa zu einem Kranze
geschnitten hatte: denn Krnzebinden war Rschens Lust weit mehr als selber
Puppens spielen, geschweige denn Stricken oder am Kinderrdchen spinnen. Kein
Tag, solange es Blten gab, verging, da sie nicht ein Prachstck der
Grtnerkunst geliefert und eines der alten Grovater-oder Gromutterbilder in
der Wohnstube damit geschmckt htte. Im Winter aber half sie sich mit
Efeublttern, welche ihr Mus auf der Gartenmauer pflcken mute, und mit Blumen,
welche die geschickten Fingerchen aus farbigen Papierstreifen zusammenkniffen.
Wo das Rschen waltete, ging es bunt und lustig zu; am lustigsten aber in ihres
Dezem Herzen. Er war aus einem Hter des Schwesterchens Handlanger geworden,
allezeit willig in Arbeit und Spiel. Mutter Hanna sagte manchmal rgerlich: Der
Junge wird dem Prinzechen noch einmal die Strmpfe stopfen mssen! Dazu kam es
indessen nicht. Mutter Hanna stopfte Prinzechens Strmpfe lieber selbst.
    Auch heute lie der Dezem auf Rschens Gehei seine Schilderei im Stich, um
sich neben sie auf einen Stein am Fue des Hgels zu hocken. Er pflckte ihr
Zweige vom Zaun, reichte ihr die Blumen zu und erwies sich wieder einmal als der
klgliche Stmper, welcher er in der Botanik geblieben war, trotz der tglichen
bungen auf dem Gartenbeet und beim Krnzebinden. Mus, eine Nelke! Und er
reichte ein Lwenmaul. Dummer Mus, eine lila Levkoie neben den blauen
Rittersporn! das schndet sich ja! Mus, fix! hole dort die Gnseblmchen! Und
drben am Rain die Kornblume! Fix, Mus, fix!
    Und Mus lie sich schelten und rannte und pflckte und tat alles, was das
Strudelkpfchen ihm hie, mit so viel Vergngen, da er smtliche
Himmelsprobleme darber verga.
    Der Kranz war eben fertig geworden, als die Glocken zum ersten Male
luteten. In einer Stunde hie es zur Kirche gehen. Die Kinder hatten in ihrem
Eifer und ber dem Gelut nicht bemerkt, da auf dem Feldwege, der von der
Landstrae zum Dorfe fhrte, eine herrschaftliche Equipage sich genhert hatte,
da seine Insassen ausgestiegen und von der entgegengesetzten Seite auf das
Hnengrab gestiegen waren, whrend der leere Wagen weiter nach dem Dorfe fuhr.
Gefllt es dir hier, Lydia? hrten Mus und Ma jetzt eine krftige Mnnerstimme
fragen.
    Sie fuhren auf und schauten in die Hhe. Da oben stand ein mchtig groer
Herr mit schneeweiem kurzem Lockenhaar und einem schneeweien Schnurrbart,
dessen Spitzen fast die Ohrlppchen berhrten. Ein weies, achtzackiges Kreuz
war auf den blauen Zivilberrock geheftet; den hohen, runden Hut hatte er
abgenommen, denn erhitzt, wie er von dem Aufstieg schien, trocknete er sich mit
seinem Taschentuche die Stirn, die glatt und rosig wie die eines Kindes glnzte.
    Und neben dem alten Herrn stand ein Mdchen - nein, wohl schon ein Frulein
- in der Gre zwischen Rschen und Dezem, aber von so ruhig ernsthafter
Haltung, da es wohl ein paar Jahr mehr zhlen mochte als die beiden. Unter dem
breitrandigen Strohhut hing das mattblonde Haar, in zwei dicke Zpfe geflochten,
bis zu den Knien hinab; nicht nach Kinderart und auch nicht nach der Mode der
Zeit reichte dahingegen das weie Kleid weit ber die Knchel. Als sie den
langen weien Schleier zurckschlug, blickte Dezimus in ein Gesicht so schneeig,
wie er noch kein Menschenantlitz gesehen hatte. Die lichte Gestalt auf der Hhe,
wo er im Geiste noch immer den Friedensbogen eingesenkt sah, kam ihm schier vor
wie ein Engelsbild.
    Sie hatte bei der Frage des alten Herrn still den Kopf geneigt und richtete
nun die groen Augen, dunkel wie Hyazinthenblten, aufmerksam das Tal entlang,
whrend ihr Begleiter aus ihrer Hand einen Gegenstand nahm, fast so lang wie ein
Spazierstock, aber bei weitem dicker. Dezem dachte an die Posaunen, auf welchen
in des Vaters groer Erbbibel die himmlischen Heerscharen Halleluja blasen;
Rschen dachte an die Blaserohre, mit welchen die Dorfjungen nach den Spatzen
schossen; da der alte Herr aber die Posaune oder das Blaserohr statt an den Mund
vor das rechte Auge fhrte und also bewaffnet gleichfalls die Gegend nach allen
Seiten musterte, da Dezimus berdies am Ende des Instruments eine Glasscheibe
blinken sah, war er schlau genug, auf eine Art von Riesenbrille zu schlieen,
mit deren Hilfe irgend etwas Auerordentliches zu ersphen sei. Vermochte sein
Pastorvater doch die feine Schrift, welche mit bloen Augen er selber bei Tage
nicht unterschied, durch seine Brille die halbe Nacht hindurch ohne Anstrengung
zu lesen, und gehrte seines Pastorvaters Brille doch auch zu den Weltwundern,
ber welche der Hirtensohn sich stille Gedanken machte. Er hatte mehrmals
durchzuschauen versucht, aber nichts als grauen Nebel wahrgenommen. Nun brannte
er vor Begierde, es mit dem groen Rohr zu versuchen.
    Du, Mus, flsterte Rschen ihm in das Ohr, indem sie ihn an den Haaren
zupfte, du, Mus, der Herr da oben, das ist unser General!
    Und alsobald hpfte sie, flink wie ein Eichktzchen, den Hgel hinan, machte
hflich, wie alle Pastorkinder von Papa und Mama erzogen wurden, vor dem alten
Herrn einen tiefen Knix, reichte ihm den Kranz und sagte dreist: Da, Herr
General!
    Der Herr nahm das Rohr vom Auge und legte es hinter sich auf die Bank.
Woher kennst du denn den General, kleine Maus? fragte er mit einem
freundlichen Blick auf das hbsche, muntere Kind.
    Am Bart und am Stern, Herr General!
    So gut verstand das kleine Pfarrrschen sich auf die Menschen schon zu
Anfang ihres zweiten Stufenjahres. Wo htte ihr groer Wiegenbruder wohl so viel
Witz und so viel Mut hergenommen? Er drckte sich verstohlen um den Hgel herum
und erreichte die Hhe von der entgegengesetzten Seite, den Herrschaften im
Rcken.
    Der alte Herr lachte belustigt, hob die Kleine unter den Armen in die Hhe
und kte sie herzhaft ab, was sie sich ohne Struben gefallen lie, trotz des
gewaltigen Barts. Sag mal, Kind, ist das Haus dort zwischen den Bumen das
Gut? fragte er darauf.
    Nein, unsere Pfarre, Herr General, antwortete Rschen.
    So bist du wohl gar ein Pfarrtchterchen, Kleine?
    Freilich; das siebente, Herr General.
    Das siebente? Potz tausend! Ist dein Papa zu Haus?
    Alleweile noch, ja, Herr General. Wenns aber zum drittenmal lutet, mu er
in die Kirche und ich auch.
    So wollen wir whrend des Gottesdienstes einen Spaziergang machen, Lydia,
und erst danach unseren Pfarrbesuch abstatten, sagte der Herr zu seiner
Begleiterin, die still beiseitestand. Als er sich nach dem Pfarrtchterchen
umsah, flog es wie ein Schmetterling den Abhang hinunter und der Gartenpforte
zu.
    Sonntags wurde der Betstunde um ein Uhr halber bald nach der Frhkirche zu
Mittag gegessen, der angekndigte Besuch fiel daher just in die Tischzeit. Papa
wrde die vornehmen Gste natrlich zur Tafel laden, ein vorbereitender Wink
Mama natrlich von Wichtigkeit sein: so hatte Schwester Rschen, die noch nicht
einmal das kleine Einmaleins konnte, whrend jener Rede blitzschnell kalkuliert.
Wie wre Bruder Rechenmeister auf solchen Schlu verfallen?
    Der alte Herr wendete sich rckwrts, um seinen Dollond wieder aufzunehmen,
und da lachte er denn noch belustigter als vorhin, indem er hinter der Bank
einen Bauernjungen auf den Knien liegen und ohne es anzurhren durch das
Fernrohr gucken sah, aber wie es eben lag, von der verkehrten Seite.
    Der arme Dezem fuhr in die Hhe und schlug die Augen nieder wie ein
ertappter Dieb.
    Bist du auch ein Pfarrkind? fragte der Herr.
    Dezem schttelte.
    Aber doch aus dem Dorf?
    Dezem nickte.
    Du mchtest wohl gern durch mein Glas gucken, gelt?
    Ja, ja! stotterte Dezem mit freudiger Hast.
    Nun, so guck! Wohin soll ich es richten?
    In die Sonne, gndiger Herr.
    In die Sonne? Ei, was willst du denn in der auskundschaften, Junge?
    Ob sie luft, antwortete Dezimus jetzt ganz dreist.
    Nun, probiers, kleiner Kopernikus! sagte lachend der alte Herr.
    Er richtete das Glas nach der Sonne, und Dezimus starrte hinein, bis ihm die
Augen bergingen; aber entdecken von dem, was da oben getrieben wurde, konnte er
nichts auer einer Lerche, die mit bloen Augen sich wie ein Schmetterling
ausgenommen hatte und durch das Glas in ihrer natrlichen Gre erschien. Ein
Wunder blieb freilich auch das, und nachdenklich legte er den Tubus in die Hand
des weien Fruleins, das ihn sorgfltig zusammenschob.
    Die Zeit mute hingebracht werden. Der alte Herr setzte sich auf die Bank
und nahm die Tafel, welche Dezimus darauf niedergelegt hatte, zur Hand. Fr das
illustrierte Phnomen auf der Rckseite schien der wrdigende Sinn ihm zu
gebrechen; die Exempel dahingegen mochten ihn an alte Bakelzeiten erinnern; er
betrachtete sie und versuchte sogar eines von ihnen auszurechnen.
    Wahrhaftig, Lydia, ich kann nicht mehr multiplizieren, sagte er nach einer
Weile, indem er lachend den Kopf schttelte. Ist leider von jeher meine
schwache Seite gewesen, setzte er mit einem Seufzer hinzu. Sind es deine
Aufgaben, mein Junge?
    Dezimus nickte wieder stumm.
    Rechne mal hier das, was ich Alter nicht herausbringe.
    Der Quatermillionenheld wurde rasch damit fertig, machte darauf die Probe
der Division, und als dieselbe ohne Fehl zutraf, schmunzelte der alte Herr:
Sieh! sieh!
    Er musterte den Jungen vom Kopf zur Zeh, so wie er einen Rekruten gemustert
haben wrde. Der Dezem war ein strammer Bursche, und - ohne Heldenschmeichelei!
- wenigstens ein ehrliches Gesicht ihm nicht abzusprechen. Der schneeweie
Hemdskragen, die blanken Stiefeln, - vom Helden eigenhndig gewichst! - machten
auch einen guten Effekt. Der alte Herr schttelte wohlgefllig das schne,
weigelockte Haupt. Wie heit du, mein Junge? fragte er.
    Dezimus Frey, gndiger Herr.
    Dezimus! ein kurioser Name, nicht wahr, Lydia?
    Weil ich der zehnte Sohn bin, gndiger Herr.
    Der zehnte Sohn! Potztausend, das nenn ich Segen! Aber halt! halt! wie ist
mir denn? Am Ende gar der arme Schferjunge, fr welchen der Werbener Pfarrer
den Knig zu Gevatter bat, als ich das letztemal mit ihm in Teplitz war. Wie
lange ist es doch her? Wei Gott schon acht Jahr. Auch dein Vater, Lydia, hat
mir dazumal - wie einem derlei alte Geschichten doch pltzlich wieder
auftauchen! - ber die tolle Dezemswirtschaft unter meinem Patronat grndlich
die Leviten gelesen. Ich habe herzlich ber die Geschichte gelacht. Bist du der
Knigspate, Junge?
    Dezimus sagte: Ja. Zum ersten Male war er stolz auch auf die zeitliche
Ehre, die ihm in der heiligen Taufe angetan worden war. Ja, so stolz, da er auf
das weie Frulein, das ihm bisher unnahbar feierlich gegenbergestanden hatte,
nahezu verwegen seine Augen richtete.
    Prchtig, prchtig! rief der alte Herr, indem er sich vergngt die Hnde
rieb. Wie das unsere alte Majestt amsieren wird! und welchen stattlichen
Gardisten kann ich ihm in Aussicht stellen! Flgelmann im ersten Garderegiment,
Feldwebel, schlielich Zahlmeister mit Leutnantskompetenz - was sagst du zu der
Karrire, Knigspate?
    Der Knigspate sagte nichts dazu; er ahnete nicht im entferntesten, was
diese Wrden zu bedeuten haben. Da aber ein so hoher Gnner sie in Vorschlag
brachte, mute der Ersatz fr den Verwalter ein unermelicher sein; und das
freute ihn in die Seele seiner Pastormutter, die diesen miglckten Posten noch
immer nicht verwinden konnte. Aufgetaut, wie er einmal war, schwoll ihm das Herz
von stolzem Glck. Noch nie hatte ein Mensch ihn gefragt: Wie ist dirs ergangen?
Wie hast dus getrieben in deinen langen acht Lebensjahren? Noch nie hatte er
einem Menschen die Wohltter rhmen knnen, die ihm der Inbegriff alles Wrdigen
waren; der alte Herr lchelte ber die treuherzige Weitschweifigkeit des kleinen
Schwtzers, und selber das stille weie Frulein belebte sich bei der Vorfhrung
von Pastorvater und Pastormutter, von den sechs groen Schwestern und der
kleinen siebenten, die eigentlich sein Zwilling sei. Auch Kantor Beyfuens und
der litauischen Lene wurde gebhrentlich Erwhnung getan, und nur erst, als der
alte Herr ihn mit der Frage unterbrach: ob er den alten Mehlborn kenne? da
stockte der Redeflu einen Augenblick, dann jedoch wurde wahrheitsgem
erwidert, der Dezem kenne den Herrn Amtmann freilich ganz genau, da selbiger ja
auch sein Herr Pate sei und es frherhin so gut mit ihm gemeint habe, da er ihn
sogar zu seinem Inspektor machen wollen. Seit dem Tode der Frau Amtmnnin knne
der Herr Amtmann den Dezem aber nicht mehr leiden, und seitdem der Herr Amtmann
hinunter auf das Talgut gezogen sei - -
    Der alte Herr fuhr von der Bank in die Hhe. Wie, was? brauste er auf,
der Mehlborn wohnt nicht mehr im Schlo? Aber zum Henker! das verdirbt mir ja
das halbe Gaudium! Wann ist er denn - - - Er hatte nicht Zeit, die Frage zu
vollenden; denn: Dort kommt der Herr Prediger, lieber Onkel! rief das weie
Frulein; und wirklich bog Pastor Blmel, bereits im Ornat, hastigen Schrittes
um die Gartenhecke. Rschen flatterte wieder vor ihm her wie ein Schmetterling.
    Der fremde Herr ging ihm mit ausgestreckten beiden Hnden entgegen.
    Ihr liebes Tchterchen hat unser Inkognito zu Ihnen ungelegener Stunde
aufgehoben, Herr Pfarrer, sagte er. Richtig gesprt hat indessen das kleine
Ding. Ich bin in der Tat der General von Hartenstein, und diese hier ist meine
Nichte, die Tochter des Propstes, den Sie ja kennen.
    Pastor Blmel freute sich - und wie von Herzen! - des ersehnten
Bekanntwerdens, bedauerte, durch sein Amt fr ein paar Stunden in Anspruch
genommen zu sein; rechnete aber, wie sein Liebling wiederum richtig
vorausgesprt, auf das Glck, Onkel und Nichte als Mittagsgste in seinem Hause
zu begren.
    Der General nahm ohne Umstnde an. Es ist ein leidiger Anla, sagte er
darauf, der mich zum ersten und voraussichtlich zum letzten Male in meine
Besitzung fhrt. Davon indessen spter. Leider hre ich, da mein Pchter seine
Residenz verlegt hat. Besucht er Ihre Kirche regelmig?
    Nur noch die seines eigenen Gutes, das mein Filial ist, Exzellenz.
    Bon! versetzte heiter die Exzellenz. So mchte ich heute seinen
Kirchenplatz einnehmen. Denn vor der Erffnung, die ich ihm zu machen habe, und
auf die ich mich bei aller Klglichkeit des Anlasses freue wie ein Schneeknig,
item vor dieser Erffnung an seiner Seite Ihren Segen, Herr Pfarrer, zu
empfangen, wrde mich einigermaen gotteslsterlich angemutet haben.
    Die beiden Herren schlugen den Kirchpfad lngs der Gartenmauer ein. Rschen
flatterte wieder voran, Mama den zusagenden Bescheid zu hinterbringen. Dezimus
ging mit dem weien Frulein hinterdrein. Beide schwiegen eine Weile still. Der
Bauernjunge im blauen Leinenkittel wute nichts, womit er das vornehme weie
Frulein privatim htte unterhalten knnen, und das vornehme weie Frulein
mochte von dem Bauernjungen bereits zur Gnge unterhalten worden sein. Endlich
fragte sie aber doch:
    Du hast wohl noch niemals durch ein Fernglas gesehen?
    
    Er antwortete: Nein; weil er jedoch allemal beherzt wurde, wenn auf seine
Wunder die Rede kam, setzte er hinzu: Ich mchte aber alle Tage durch solche
Glser sehen knnen.
    Hast du schwache Augen?
    Nein, Falkenaugen, sagt die Mutter.
    Wozu brauchst du dann ein Glas?
    Weil ich in den Himmel blicken mchte.
    An den Himmel meinst du wohl, Dezimus. In den Himmel blicken wir hienieden
nicht. Wenn du grer wirst, mut du einmal auf eine Sternwarte gehen.
    Dezimus fragte, was eine Sternwarte sei, und das weie Frulein belehrte
ihn, soweit als ein zehnjhriges, frhreifes Kind ber ein derartiges Institut,
dessen forschende Insassen und deren Werkzeuge zu belehren vermag. Sie erzhlte
auch, da sie mit ihrem lteren Bruder von dessen Hofmeister auf das
Observatorium ihrer Vaterstadt gefhrt worden sei und da sie durch ein
mchtiges Fernrohr die Berge auf dem Monde deutlich gesehen habe und eine Menge
Sterne, die sie mit bloen Augen gar nicht wahrgenommen, deutlich wie die
leuchtendsten am Himmel.
    Ist Ihre Vaterstadt weit? fragte Dezimus mit fliegendem Atem. Ihm
schwindelte das Hirn.
    Sehr weit, antwortete das weie Frulein. Ich glaube aber, eine
Sternwarte gehrt zu jeder Universitt, und ihr habt ja mehrere
Universittsstdte in der Nhe. Gestern haben wir in einer bernachtet, und
heute wollen wir in einer anderen bernachten. Da kannst du ja leicht einmal
hinkommen, Dezimus.
    Wieviele Menschen sind sich wohl bewut, in welchem Momente die Sterne,
welche ihr Leben regieren sollten, zum ersten Male an ihrem Horizont gedmmert
haben? Dem Hirtensohne von Werben dmmerte der seine in den Minuten, wo das
schne weie Frulein ihm verkndete, da die groen und kleinen Lichter am
Himmel Welten seien, wie unsere Erde eine ist, und da es kluge Mnner gbe, die
ihre Bahnen zu berechnen wissen.

Unter der Kirchtr trafen sie mit den beiden Herren und Rschen zusammen; die
lteren Schwestern waren schon vorausgegangen; Frau Hanna gestattete sich, an
diesem Ausnahmsfeste Herrendienst vor Gottesdienst gehen zu lassen. Da der
Prediger seinen Eingang durch die Sakristei zu nehmen hatte, wurde Dezimus mit
der Ehre betraut, die Herrschaft in den Patronatsstuhl zu geleiten. Lydia
erklrte indessen, da sie des Oheims Rckkunft auf dem Gottesacker erwarten
werde.
    Du kleine Betschwester willst die Sabbatfeier schwnzen? fragte Herr von
Hartenstein lachend.
    Der Vater wrde es nicht erlauben, versetzte Lydia sehr leise, aber
bestimmt.
    Der General stampfte mit dem Fue. Narretei und kein Ende! rief er
unwillig. Allons, voran!
    Pastor Blmel aber sprach nach einem langen Blick in das bleiche, ernste
Kindergesicht: Ihre Nichte handelt recht, Exzellenz! Und seit diesem ersten
Blick hat er nicht minder wie sein Dezem Lydia von Hartenstein wie eine
Idealgestalt in seiner Seele gehegt.
    So blieb das weie Frulein denn zurck, und das Pfarrrschen wurde ihr zur
Gesellschaft vom Kirchenbesuche dispensiert. Sie klatschte vor Vergngen in die
Hnde, whrend die andere sich still auf einen alten Pastorgrabstein neben der
Kirchtr niederlie.
    Dezimus dagegen schritt als Majordomus dem Gutsherrn voran zu dem Erbstuhl
der Werben und nahm, auf des Herrn Befehl, auch an seiner Seite Platz, welche
Auszeichnung halb eingeschlummerte bse Erinnerungen an das Hutmannshaus in der
frommen Zuhrerschaft aufstrte. Denn so klug wie sein Rschen war Pastor
Blmels Gemeinde auch: mnniglich erkannte den General an Bart und Stern. Die
Exzellenz! raunte man sich von Ohr zu Ohr. Solch denkwrdigen Gottesdienst
hatte man in beiden Werben nicht erlebt, seit Anno 17 die Luthereiche gepflanzt
worden war. Nicht das lteste Mtterchen nickte ein; alle Augen hingen an dem
stattlichen Herrn, dessen mchtiger Ba Orgel und Chor bertnte. Dezimus hielt
ihm gewissenhaft das Gesangbuch unter das Gesicht; weil der alte Herr aber
vorzog, ohne Brille sich in der Kirche umzusehen statt mit der Brille in das
Buch, sang er aus dem Kopfe, und wollte der Kirchenvogt, als er den
Klingelbeutel herumtrug, erhorcht haben, da der Herr der Melodie des
Morgenliedes Mein erst Gefhl sei Preis und Dank den Text des Reiterliedes
Frisch auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! untergeschoben habe. Der
Kirchenvogt meinte indessen, einer Exzellenz, die statt eines Pfennigs einen
Taler in den Klingelbeutel stecke, einer solchen Exzellenz werde ein Text nach
ihrem Gusto wohl zu gestatten sein.
    Nun aber die Predigt. Sie klang vom ersten Gru bis zum letzten Amen wie
eine Ruhmeshymne nicht nur in den Ohren der friedfertigen Gemeinde, sondern auch
in denen des tapferen Waffenbruders, zu dessen Ehren der sorgfltig
ausgearbeitete Perikopentext fr den nchsten Jahrgang beiseitegelegt und dem
heroischen Priestergeschlecht der Makkaber ein heroisches kniglich preuisches
Soldatengeschlecht an die Seite gestellt worden war. Niemals hatte Konstantin
Blmel schwungvoller extemporiert, niemals waren ihm seine groen Erinnerungen
so freudig aus der Seele gestrmt. Er schilderte den Lebenslauf eines
vaterlndischen Helden vom ersten Erwachen noch unter des einzigen Friedrich
wehender Siegesfahne, durch Drangsal und Erlsung bis zu den abschlieenden drei
Salven ber dem frisch gefllten Hgel. Dem nrrischen Dezem fiel ber der Rede
das gestrige Abendlied ein, und Mutter Sonne wurde ihm zu einem hohen General.
Er kommt und leuchtet und strahlt uns von ferne und luft den Weg gleich als
ein Held.
    In der Gemeinde hatte die Predigt einen gewaltigen Eindruck gemacht und der
neue Pastor samt seinem Preuentum binnen achtzehn Jahren den ersten festen
Schritt in die Gemter getan. Seit heute wute man, was man an dem Manne und an
dem Vaterlande, welches das unsere geworden war, besa. Sprit haben sie, diese
Preuen, sagte am Abend in der Schenke der Schulze Thrnhard zu dem Hoferben
des alten Walbe. Und Kurage haben sie auch, das mu man ihnen lassen. Aber,
aber, wenns mit den drei Salven nur nicht vorgespukt hat, Nachbar!
    Auch der gefeierte Held sagte auf dem Heimwege zu dem Prediger: Wolle der
Himmel, Freund, da die Grabrede, die ich einmal nicht hren werde, so rhmlich
lautet wie die, mit welcher Sie mich heute a priori erbaut haben. Und der alte
Herr lachte bei den Worten, doch mit einer Trne in der Wimper; Pastor Blmel
aber htte die drei Salven lieber ungelst gelassen.
    Weit unbefriedigender war der Erfolg, welchen das Pfarrrschen mit seiner
Gespielin erzielte. Sie hatte das kindesmgliche vorgeschlagen, das nrrische
Mdchen von dem alten Pastorstein fortzulocken: Blumen pflcken, Krnze winden,
im Garten Beeren suchen, zu Mama in das Haus gehen, Kochens spielen und wer wei
was noch. Das nrrische Mdchen hatte zu einem wie dem anderen schweigend den
Kopf geschttelt, whrend des Gesanges und der Liturgie unbeweglich mit
gefaltenen Hnden gesessen und, als sie drinnen die Predigt beginnen hrte, aus
einem Tschchen, das ihr am Grtel hing, ein kleines Neues Testament
hervorgezogen, in welchem sie die Kapitel des Evangeliums und der Epistel des
Tages andchtig las. Rschen war whrenddessen in das Haus gelaufen und rasch
zurckgekehrt, in einem Arme ihre Wickelpuppe, in der anderen ihre Tirolerin,
die sie mit Stolz prsentierte. Da das nrrische Mdchen aber nur abwehrend mit
der Hand winkte, hatte Rschen ein Mulchen gezogen, dann aber hellauf gelacht
und, ohne sich weiter um ihren Gast zu kmmern, begonnen, sich auf eigene Hand
zu unterhalten. Sie pflckte zwischen den Grbern Wegebreitbltter und kleine
Blten, heftete sie mit Dornen zu zierlichen Puppenhtchen zusammen und legte
sie auf einem Leichenstein wie in einem Putzladen aus, dem die Tirolerin als
Ladenmamsell prsidierte. Rschen htte bei ihrem Geschft gern ein Liedchen
gesungen mit den Lerchen hoch oben im blauen Himmel um die Wette; aber das
schickte sich dicht an der Kirchtr, whrend Papa predigte, am Ende doch wohl
nicht; Rschen sang ihr Liedchen nur im Herzen.
    So saen die beiden Kinder, jedes nach seiner Art beschftigt, auf den alten
Pastorsteinen sich still gegenber, bis die Leute aus der Kirche kamen und nun
auch Dezimus sich zu ihnen gesellte.
    Du hast zu Hause wohl viel schnere Puppen als meine? fragte Rschen,
whrend sie selbander nach der Pfarre gingen.
    Ich habe gar keine Puppen, antwortete Lydia; aber die, mit welchen meine
Schwestern spielen, sind nicht so schn gekleidet wie diese.
    Mit was spielst du denn aber, wenn du keine Puppen magst?
    Ich habe sonst mit meinem kleinen Bruder gespielt, und jetzt spiele ich mit
meinem Schwesterchen.
    Wie alt ist denn dein Schwesterchen?
    Sechs Wochen.
    Aber mit einem Wickelkinde kann man doch nichtspielen.
    Doch! Besser wie du mit deiner toten Wickelpuppe.
    Ich spiele mit meiner Wickelpuppe aber auch nur, wenn mein Mus nicht da
ist. Sonst spiele ich immer mit meinem Mus. Und dabei zupfte sie ihren Mus
neckisch an den Haaren und flsterte ihm in das Ohr: Du, Mus, dies fremde
Mdchen ist noch weit nrrischer wie du mit deinen Sternen.
    In der Weinlaube vor dem Hause empfing Frau Hanna ihre Gste. Da an diesem
auerordentlichen Tage das Abhalten der Betstunde dem Adlatus Beyfu bertragen,
das Diner demnach zu einer spteren Stunde als der, in welcher Exzellenzen ihr
Frhstck zu nehmen pflegen, angesetzt worden war, hatte die kluge Hausfrau fr
einen Imbi gesorgt, einen Ohnmachtsbissen, wie sie lachend sagte, weil
Kirchenluft zu zehren pflege. Die Exzellenz lobte ihre Frsorge und tat ihr Ehre
an; alle anderen aber auch; sogar das weie Frulein, von welchem Dezimus es
doch weit natrlicher gefunden haben wrde, wenn es sich blo von Mondenschein
und Sonnenstrahlen genhrt htte.
    Nach dem Ohnmachtsbissen verfgten die beiden Herren, um durchaus ungestrt
zu sein, sich in das geistliche Gemach; auf besonderen Wunsch der Exzellenz
folgte ihnen die Hausfrau, nachdem sie ihre wirtlichen Obliegenheiten mit den
exaktesten Vorschriften den beiden erwachsenen Tchtern, die noch im Hause
waren, bertragen hatte; die Kinder tummelten sich im Garten.
    Der General von Hartenstein gehrte von Natur nicht zu der Spezies, die aus
ihrem Herzen eine Mrdergrube macht. Heute aber war ihm erst unter dem
Heldenlauf im Gotteshause und dann unter den frhlichen Menschengesichtern in
der Gartenlaube die Seele absonderlich flott geworden, und sprudelte er nun ohne
Bedenken aus, was bis zur Stunde schwer auf ihr gelastet hatte.
    Habe ich, so hob er an, jemals eine Kreatur gehat, so ist es diesen
Mehlborn. Denn einen Feind, den er bewundert, wie den Napoleon etwa, den hat
kein Soldat, so was mir hassen heit. Er ringt mit ihm Mann wider Mann, und gibt
Gott die Ehre, hat er ihn abgetan. Aber diese burische Kanaille - zertreten
mchte ich sie wie ein widriges Reptil!
    Pastor Blmel schreckte mit einer Gebrde des Entsetzens zusammen. Sein Gast
reichte ihm ber den Tisch hinber die Hand und sagte mit seinem
Hartensteinschen kordialen Lachen: Beruhigen Sie sich, frommer Herr. Ich
erfreue mich, Gott seis geklagt! nicht des nervus rerum, mit dessen Hlfe einem
Mehlborn der Garaus gemacht wird; nur auf einen, - nun wie sage ich doch gleich?
- nun, auf einen Schabernack ist es abgesehen, und dieses Gaudium denke ich mir
heute nachmittag zu bereiten, indem ich zu dem Patron sage: Unser Kontrakt luft
mit diesem Jahre ab. Die Pachtung ist anderweitig vergeben. Mein Justitiarius
wird Ihr Darlehn tilgen samt Zins und Afterzins. Salve, auf Nimmerwiedersehen!
Der Scherz ist mir zur Hlfte vereitelt, da ich den Schcher nicht mehr aus dem
Tempel jagen kann. Den kleinen Racherest sollen Sie mir aber gnnen, Freund.
Denn, Hand aufs Herz: wie wrde Ihnen zumute sein, wenn Sie, ein alter,
lendenlahmer Wicht wie ich, Ihren Sohn, Ihr einziges Kind, am Rande eines
Abgrundes taumeln sahen, und der Nchststehende, der, welcher allein ihn retten
konnte, zog seine Hand zurck und lie ihn sinken?
    Exzellenz - -
    Still, Freund, still! Ich wei, was Sie mir vorhalten drfen. Die
Stirnlocke hat sich mir weit ber die ziemlichen Jahre hinaus gebleicht, und ich
ziehe kein Jota von meiner Torheit ab. Auch meinen armen Jungen kann und will
ich nicht rein waschen. Aber was wollen Sie? Er wuchs heran in einer
tatenreichen Zeit und ward zum Mann in diesen faulen Schlendertagen. Seitdem wir
Hartensteine von Ahnen wissen, rumort in unseren Adern Soldatenblut. Nehmen Sie
meinen Bruder an, den Propst, zu welchen Windmhlenkmpfen die Hartensteinsche
Ader ihn hetzt. Sie werden ihn einen Don Quixote nennen - -
    Gott sei dafr, Exzellenz! unterbrach ihn der Pastor mit Wrme. Es ist
als Diener im Amt mein bitterster Schmerz gewesen, die Toleranz zur Tyrannei
werden zu sehen, und es ist nur natrlich, da die Treue den Trotz gebiert.
    Nun, wie Sie wollen, Pastor, entgegnete der General. Um so eher werden
Sie zugestehen, da es ein Kunststck ist, wenn solch ein prickelndes junges
Soldatenblut am huslichen Herdfeuer ausdauert, ohne berzuschumen oder
einzusickern. Eine zrtliche Huldin wie meine Schwgerin Ottilie, so ein Weib in
Gottes Namen, die htte das Kunststck allenfalls fertiggebracht, aber diese
burische Marzibille - -
    Verzeihen Sie, Exzellenz, fiel bei dieser Wendung Frau Hanna dem
aufgebrachten Herrn in das Wort. Verzeihen Sie, wenn ich Ihr Urteil ber die
Mutter Ihrer Enkel zu berichtigen wage. Frau Brigitte von Hartenstein ist nicht
nur eine charaktervolle, sie ist auch - trotzdem sie meine Schlerin war, fragen
sie nur Konstantin - eine gediegen gebildete Frau.
    Aber wer bestreitet denn das, Verehrteste? erwiderte der General.
Gediegen wie eine Barre. Mit ein wenig unsoliderem Zusatz legiert, wrde sie
handlicher geworden sein. Sie lcheln, werte Frau? Ei nun, so zu lcheln htten
Sie Ihre Schlerin lehren sollen. Aber solch eine Gangart, wie auf hoch
gespanntem Seil, Schritt fr Schritt, die Balancierstange in der Hand und
zwischen den Lippen einen scharf geschliffenen Stahl, - - still davon! Es ist
berstanden. Was bersteht einer nicht? Mein armer Junge, - helf ihm Gott! Der
Kaukasus ist eine Schule. Zum uersten ein Tscherkessenblei! - Den Vater, der
schon in der Rheinkampagne gefochten, triffts, ist der Himmel gndig, nicht mehr
mit. Still davon!
    Der alte Herr machte eine Pause. Es ging kein Atemzug durch das geistliche
Gemach.
    Was ich aber niemals berwinden kann und will, so fuhr der General,
nachdem er sich gefat hatte, fort, was mich stacheln wird, solange meine Augen
offen stehen, ist, da ich auf mein Fleisch und Blut den geringfgigsten
Einflu, ja den natrlichsten Anteil an ihm verwirkt haben soll, da ich, ohne
es hindern zu knnen, erleben mu, wie der alte, tapfere, lebensfrohe Pulsschlag
meines Geschlechtes entartet dort unter der Geiel eines Schwrmers, hier unter
dem Dreschflegel in einer Bauernfaust.
    Pastor Blmel sa still in sich versunken; er durchlebte im Geiste die
Peripetien eines Vaterherzens, das sich in derlei wunderlichen Sprngen des
Leides und der Laune offenbarte, und berlie auch diesmal seiner Hanna, das
beschwichtigende Wort an seiner Statt auszusprechen.
    Wer, der selber Kinder hat, empfnde diesen Stachel Ihnen nicht nach,
Exzellenz, sagte sie seufzend, setzte darauf aber mit ihrem wirksamen Lcheln
hinzu: Wenn indessen der Verdru eines Widersachers ein Trost ist, so halten
Sie sich an den, da der mtterliche Grovater Ihrer Enkel den nmlichen Pfahl
in seinem Fleische fhlt, da die Tochter auch ihm den geringfgigsten Einflu
auf ihre Kinder verwehrt und dieselben seinem Zrnen zum Trotz in gebildeten
Lebenskreisen erzieht.
    Wirklich! wirklich! rief der alte Herr, indem er sich vergngt die Hnde
rieb. Ei nun, hnlich sieht ihr diese kindliche Gemtlichkeit, und Sie haben
recht: ein Trost bleibt es immer, wenn auch nur ein halber. Jetzt aber steht es
fest: morgen dringe ich bei ihr ein, mag sie ein Gesicht schneiden, so sauer sie
es fertig bringt. Ich will und mu mich berzeugen, was sie aus den Kindern
macht, ich will und mu meine Enkel wiedersehen - vielleicht zum letzten Male
sehen. Und nun zur Hauptsache: wie, glauben Sie, wird Brigitte die berraschung
aufnehmen, da ich Hochwerben verkauft habe?
    Verkauft - und nicht an den Amtmann?
    Wrde es dann fr Brigitte eine berraschung sein? Nein, an meine
Schwgerin.
    Die Gemahlin des Propstes?
    Leider nicht an sie. Auch diese liebe Seele ist eine Hartenstein geworden,
das heit, sie hat ihre Geldtasche nicht fest genug gehalten, um einen alten
Familiensitz gegen einen Mehlborn zu behaupten. Just ihr indessen wird der
Handel wie jetzt, so hoffentlich dereinst zugute kommen. Die Kuferin ist ihre
Tante, Schwester ihrer Mutter und meiner seligen Frau; ein lediges Frulein in
meinen eigenen blhenden Jahren, die Letzte der Werben.
    Htten in dem bescheidenen Pfarrhause schngeistige Zeitbltter Eingang
gefunden, so wrde fr dessen Insassen die neue Patronin keine Unbekannte
gewesen sein. Denn da erschien wohl selten eine Korrespondenz aus Elbflorenz,
ohne Thusneldas von Werben als einer Polyhymnia oder mindestens Mzena zu
gedenken. Ihr Geist, ihre Originalitt, ihr Harfenspiel, die schnsten
Frauenarme - noch im siebenzigsten Jahr! - wurden gerhmt und sogar besungen;
aufrichtig besungen, denn Ironie zhlte nicht stark zu der sthetik ihrer Zeit
und Zone. Das gastliche Werbensche Haus in der Ostraallee, als dessen
Spezialitt es galt, da neben ausgesuchten knstlerischen Genssen diejenigen,
welche Leib und Seele zusammenhalten, nicht verabsumt wurden, war ein Zielpunkt
der einheimischen wie durchziehenden Hautevolee; auch der des Geistes, und
letztere revanchierte sich fr obenerwhnte Gensse durch obenerwhnte
Huldigungen.
    Aber Pastor Blmel und seine Hanna gehrten zu keiner Art von Hautevolee,
leider ja nicht einmal zu der des Kirchentums; sie waren in der neuen Provinz
niemals ber ihre beiden kleinen Nachbarstdte hinausgekommen, hatten niemals
ein Exemplar der Abendzeitung oder Eleganten Welt in der Hand gehalten, und da
weder die preuische Staatszeitung noch ein theologisches Fachblatt der
Harfenknigin Thusnelda von Werben jemals Erwhnung getan, gutsherrliche
Traditionen aber seit einem Menschenalter in der Gemeinde erloschen waren, war
nicht blo die Bedeutung, sondern sogar die Existenz einer noch lebenden
Werbenschen Schwester neben den beiden verblichenen dem Pfarrerpaar eine
absolute Neuigkeit; um so lebhafter aber auch das Interesse an dem, was der
bisherige Patron mit bravem Reiterhumor von der gegenwrtigen Patronin
berichtete.
    Eingngliches war es just nicht, und eine Besserung der Patronatszustnde
deutete es leider auch nicht an. Ein geistreiches Weltkind, das in der Jugend,
wenngleich reich und schn, den Dienst der Musen dem der Laren vorgezogen, nach
dem Verlust einer trefflichen Singstimme es im Harfenspiel zu ungewhnlicher
Virtuositt gebracht und den Mittelpunkt eines groen geselligen Kreises
gebildet hatte, darauf beschrnkte sich ungefhr, was der Schwager von der
Schwgerin wute oder mitzuteilen beliebte. Die Dame war berdies - keineswegs
aus religisem Drang, sondern lediglich weil das Vaterland ihren gesteigerten
sthetischen Bedrfnissen Gngendes nicht mehr bot - in alten Tagen noch gen Rom
gepilgert, mit der noch krzlich ausgesprochenen Absicht, bei Lebzeiten nicht in
die Heimat zurckzukehren, dahingegen dereinst ihre Gebeine, statt unter der
Pyramide des Cestius, in der Werbenschen Erbgruft eine Ruhestatt finden zu
lassen. Ein Indizium, so meinte der alte Herr, da auch in der verdrehtesten
aller schngeistigen und freigeistigen Schrauben eine patriarchalische Erbader
nicht zu verwsten ist.
    Meiner Person, so erklrte er weiterhin, war die Harfenistin, wie man so
sagt, spinnefeind. Nicht sowohl aus kniglich schsischem Patriotismus, denn die
Musen und ihre Jnger sollen ja Kosmopoliten sein; vielmehr aus Verdru, weil
ihr Vater meiner Frau und nicht ihr, der ltesten Tochter, die Werbenschen
Erbgter hinterlassen hatte. Zugegeben, da sie diese standhafter als meine gute
Sidonie behauptet haben wrde. Die Harfenistin hat ihre bare Abfindung zwischen
ihren geschmeidigen Fingern nicht nur wacker zusammengehalten, sondern noch
klglich vermehrt; auch von anderer Seite ist ihr eine Erbschaft zugefallen, sie
gilt fr eine sehr reiche Person und hatte das Zeug dazu, es zu werden. Aber was
wollen Sie? Zum Erben von Land und Leuten sucht ein Mann sich einen Mann, und
wenn Knstlerinnen auch nicht altern, der Vater rechnete nicht nach dem Genie,
sondern nach dem Kalender und dachte: immer noch besser ein preuischer, mit
einem Sohne gesegneter Oberst, als eine schsische alte Jungfer. Kurz und gut:
Sidonie erhielt die Gter, und die Fden zwischen der Harfenknigin und der
Soldatenfrau rissen seitdem kurz und klein. Ich tat daher schlechthin einen
Schu ins Blaue - auch, wei Gott! nicht mit vergnglichem Herzen! -, als ich
ihr vor einiger Zeit den Vorschlag machte, das letzte Familiengut den Krallen
dieses Mehlwurm zu entwinden, will sagen, es mir zu einem zivilen Preise
abzukaufen, und seit dem Abschied von meinem armen Jungen hat mir zum ersten
Male wieder ein Tropfen geschmeckt, als sie umgehend, kurz und bndig, meinen
Vorschlag akzeptierte und eine Kaufsumme bewilligte, just hinreichend, da kein
Schmuhl und kein Mehlborn sagen sollen, sie seien durch die Hartenstein Vater
und Sohn um eines Deutes Wert zu kurz gekommen. Fr die Enkel mag einer sorgen,
dem Sorgen leichter wird als den Hartenstein. Eingebt haben sie durch den
Handel nichts, - der alte Bauer wird das ausgezahlte Kapital nicht zum Fenster
hinauswerfen; - leicht aber knnten sie nach anderer Seite einer Erbaussicht
nher gerckt worden sein. Mein Sohn und Ottilie sind Thusneldens nchste
Blutsverwandte, und wird sie den alten Stammsitz nicht, wie vielleicht ihr
bewegliches Vermgen, in fremde Hnde kommen lassen. Blieb also nur die
Rcksicht auf Brigitte - -
    Die, fiel die Pastorin ein, dafr brge ich, Exzellenz, aus der
Entuerung weder Ihnen einen Vorwurf machen noch auf einen Vorteil fr die
Zukunft rechnen wird.
    Nun, um so besser! versetzte gutmtig der alte Herr. Ich will kein
Vatergefhl fr diese Tochter heucheln, kann ihrerseits mich auch keiner
Tochterzrtlichkeiten rhmen. Allein auf Rosen ist sie in meiner Familie nicht
gebettet gewesen, und sie zu guter Letzt noch mit einem Dorne ritzen zu mssen,
wrde mir wahrlich den sonst so erwnschten Handel verleidet haben.
    Der alte Herr machte von neuem eine Pause; auch das Pfarrerpaar schwieg. Er
wie sie legten nach ihrer Art sich die Vernderungen zurecht, die urpltzlich
ber eine liebe Heimat gekommen waren.
    Nach dieser Erffnung, hob Herr von Hartenstein wieder an, bin ich noch
mit einer zweiten im Rest, die Sie, Freund, als Ortspfarrer nicht sonderlich
anmuten, Ihr gutes Herz aber, denkich, mit mir altem Schadenfroheinigermaen
ausshnen wird, da dieses Anliegen weit mehr als der Mehlbornsche Kitzel es war,
das mich bewogen hat, in den sauren Apfel der Unterhandlung mit meiner
feindlichen Schwgerin zu beien. Es handelt sich um meinen Bruder, den Propst.
Sie kennen ihn und wissen, wie er sich gegen die Auslegung dreier Buchstaben
gebumt, Amt und Brot dafr in die Schanze geschlagen und, wie billig, den
krzeren gezogen hat. Sie werden vielleicht auch gehrt haben, in welcher Weise
er es seitdem unter den Getreuen seiner alten Gemeinde getrieben, dem Anschein
nach als Privatmann, in Wahrheit als geistliches Parteihaupt, kurz und bndig:
als konservativer Revolutionr. Der Name Hartenstein hat ihn bisher geschtzt;
aber die Allerhchste Langmut ist erschpft. So oder so: er mu zur Ruhe
gebracht werden. Sehr mglich, da es dem Starrkopf gar nicht unerwnscht
gewesen wre, hinter Schlo und Riegel mit einer bescheidenen Mrtyrerkrone
verehrt zu werden und bei einem Umschlag im Regiment - wie er sich fest
berzeugt hlt - mit einer Siegerkrone um so strahlender zu leuchten. Zu seinem
Glck oder Unglck ist er seinem Helden Luther aber auch in den heiligen
Ehestand gefolgt, und hat die Familiensorge, zumal bei seiner Krnklichkeit, ihn
mrbe gemacht. Was soll ich weiter sagen? Er ist ein Hartenstein; das heit ein
unbesonnener Haushalter und ein Stmper in allem, was die Welt Geschfte nennt.
Schon als er die reichste Pfrnde der Provinz innehielt, kam er niemals aus.
Seitdem er sie verscherzt hatte, seitdem es obendrein galt, abgesetzte
Amtsbrder, bedrftige Glaubensgenossen, Schler und Konventikel zu
untersttzen, Traktate auf eigene Kosten drucken zu lassen, lebte er von der
Schnur. Allerwege offenes Haus und offene Hand, allerwege wie ein Prlat im
guten Glauben apostolischer Einfachheit; dazu unkluge Anlagen und superkluge
Anwlte, insolvente Schuldner und insolente Glubiger, wer, der ein Hartenstein
ist, wte nicht ein Lied ber diesen Text zu singen? Wenn uns die Schuppen von
den Augen fallen, ist es regelmig zu spt. Enfin: Not bricht Eisen; er geht
ins Exil, will sagen: nach Werben!
    Nach Werben? rief das Pfarrerpaar aus einem Mund.
    Nach Werben! In das Bereich der alten Heidin Thusnelda, die er mit Augen
zwar niemals gesehen, mit Worten jedoch um so fter in den Bann getan hat. Sauer
genug mag es ihm ankommen. Aber der Ble mute ein Anstandsmntelchen
umgehangen werden. Er ist trotz allem und allem ein Hartenstein und die Heidin
trotz allem und allem eine Blutsverwandte. Wo wrde er einen schicklicheren
Ruheplatz gefunden haben? Das Schlo wird restauriert; nicht, wie mir die alte
Kunstseele schreibt, weil sie selbst es jemals zu bewohnen gedchte, sondern
weil sie sogar in Rom keine Freundin von Ruinen geworden sei, am wenigsten von
modernen. Da aber bewohnte Rume sich besser als unbewohnte erhalten, knne es
ihr nur erwnscht sein, wenn dieser posthume Kirchenvater sich in den ihren
einen Familientempel errichten wolle. Nun, ich sollte denken, Freund, da man
weniger demtigend keine Nothilfe leisten knne.
    Aber, Exzellenz, entgegnete Pastor Blmel, eine Gemeinde, eine
Landschaft, in welcher der eiferartige Herr weit und breit keinen
Gesinnungsgenossen treffen wird - -
    Sind eben darum die geeigneten fr den eiferartigen Herrn, versetzte der
General. Die Isolierhaft auf einem Familiengute, das binnen kurzem
voraussichtlich sein Erbe sein wird - denn die Mehlbornsche Kreuzung in meinem
Nachwuchs wird, frchte ich, der Letzten der Werben nicht sonderlich anziehend
sein -, in lachender, wohlhbiger Umgegend kann sich ein Mrtyrer schon gefallen
lassen. Dieser Blick in das Tal - - ich htte hier wohl meine Tage beschlieen
mgen. Vorbei, vorbei! Ich sterbe, wie ich gelebt, als ein Hartenstein, als
Soldat!
    Der alte Herr sprang auf und machte einen Gang durch das Zimmer. Uff! rief
er, solch ein Vortrag strapaziert rger als ein Gefecht. Ein Glas Wasser,
bitte, liebe, freundliche Frau!
    Eine Flasche Wein, Hanna! verbesserte ihr Konstantin.
    Frau Hanna holte und kredenzte den Labetrunk. Der alte Herr kte ihr
dankbar die Hand und fuhr, nachdem er sich zu einer abschlieenden Anstrengung
gestrkt hatte, also fort:
    Sie werden die Beweggrnde einsehen, aus welchen ein kaum Gekannter mit dem
Vertrauen eines alten Freundes diese Intimitten vor Ihnen enthllt hat! werden
den Mann, der Ihr nchster Nachbar, wenn auch nimmer Ihr Beichtsohn werden wird,
aus seiner Lage heraus beurteilen, und wenn seine Familie in ihrer vlligen
Fremde Rat und Hlfe von Ihnen erbittet, werden Sie raten und helfen. In diesem
guten Glauben wende ich mich zunchst an Sie, Frau Pfarrerin. Ich denke morgen
in X. einen Bauverstndigen fr die Restauration des Schlosses anzuwerben. Raum
und Komfort fr eine Familie der hheren Stnde, nicht mehr, nicht weniger
fordert meine Mandatarin. Da ich selbst indessen zu huslichen Anordnungen tauge
wie jener Wohlbekannte zum Lautenschlagen, habe ich mir als Adjutanten mein
Nichtchen mitgebracht.
    Das Kind, Exzellenz?
    Ja, lcheln Sie immerhin, werte Frau: die Lydia ist nur den Jahren nach ein
Kind. Um ehrlich zu sein, ich, fr meine Person, wte mit solchem Dmchen
Heiligkeit nicht etwas Rechtes anzufangen. So wie Ihre Kleine wnschte ich mir
meine Enkelin. Haben Sie sie krzlich gesehen, Frau Pfarrerin?
    Frau Hanna verneinte, und Herr von Hartenstein meinte, halb migestimmt und
halb galant, er frchte, seine Sidi sei zu sehr ihrer Mutter Kind, um mit Frau
Hanna Blmels Sprlingen hnlichkeit zu haben.
    Abgesehen davon, setzte er mit einem Anflug von Bitternis hinzu, indem er
die rechte Schulter in bedeutungsvoller Weise in die Hhe zog. Still davon! Ich
wei nicht, ob viele Kinder aus der Wiege fallen, aber das wei ich, ein Kind
Ottiliens wrde nicht aus der Wiege gefallen sein. Die arme Kleine! Still,
still! Wir sprachen ja von Lydia. Wollen Sie glauben, da das Mdchen bei seinen
zehn Jahren die Seele des Hauses ist? Dem lssigen lteren Bruder eine
anspornende Lerngenossin, den jngeren Schwestern eine Art von Gouvernante und
dem Vater schon nahezu eine Freundin.
    Aber der Mutter, Exzellenz? rief Frau Hanna schier bengstet. Ums Himmels
willen, was ist sie der Mutter, und - verzeihen Sie -, aber was ist die Mutter?
    Die Mutter, antwortete der alte Herr herzlich lachend, ei nun, die Mutter
ist eben das Mtterchen in der Kinderstube, und die Tochter wird ihr, denke ich,
eine dienstwillige Pflegerin sein, so eine Art barmherzigen Schwesterleins, wenn
sie, wie zur Stunde, wieder einmal eine ihrer Heldentaten - Sie verstehen mich,
Frau Pfarrerin - glorreich vollbracht hat. Die Ottilie gehrt zu der schwerlich
stark vertretenen Spezies Ihres Geschlechts, die nur die Augen aufzuschlagen
wagt, wenn sie eine Wiege an ihrer Bettseite stehen sieht. Jenseit der
Kinderstube hrt ihr Anspruch an die Welt, wie der an sich selber auf. Nun, Sie
werden ja bald genug diese absonderlichen Kostgnger an unseres Herrgotts
Speisetische kennen und zutreffender als ich alter Haudegen beurteilen lernen.
Was ich zunchst noch auf dem Herzen habe, Frau Pfarrerin, ist die Bitte, meine
Kleine nach dem Schlosse zu begleiten und ihr eine zweckmige husliche
Einrichtung an die Hand zu geben. Lydia wei und erklrt, was die Familie nach
ihrer bisherigen Gewhnung bedarf; Sie sehen zu, wie sich diesem Bedrfen in den
vorhandenen Rumen ungefhr gngen lt. Ich bermittele Ihre Vorschlge an den
Bauverstndigen und verweise ihn auf Ihre fernerweitigen Anordnungen. Schlagen
Sie ein, liebe, freundliche Frau?
    Die liebe, freundliche Frau schlug in die dargereichte Hand, und der alte
Herr atmete auf wie erlst von schwerer Last. Bald danach stellte, von ihm
entboten, Justizrat Hecht, der Patrimonialrichter beider Werben, sich ein, mit
welchem der General sich zu einer privaten Unterredung zurckzog. Als der Rat,
der muntere Gesellschaft und Tafelfreuden liebte, dringende Geschfte an
Gerichtstagen daher immer zu verschieben gewut hatte, heute, am Sonntag,
dringender Geschfte halber die Tischeinladung der Pfarrfreunde ablehnte und
nach der Stadt zurckkehrte, um erst am Nachmittage auf dem Talgute mit seinem
bisherigen Patron wieder zusammenzutreffen, sagte die kluge Frau Hanna:
    So wahr ich lebe, Konstantin, der alte Fuchs hat bei dem Gutskauf die Hand
im Spiel gehabt. Um es aber mit dem Amtmann nicht zu verderben, stellt er sich
als berrumpelten. Die Exzellenz ist ausgeschrpft, vivat der Bauer! Wo wre der
Advokat, dem selber ein Mehlborn das Kraut nicht ein bichen fetter schmalzen
mte!
    Im Lichte gestanden hatte der schlaue Rat sich indessen stark, denn an der
Pfarrtafel ging es nicht nur munter, sondern auch hoch heute her. Wre statt der
Waffeln in der Eile ein Staatskuchen herzustellen gewesen, es htte Hochzeit
oder Kindtaufe gefeiert werden knnen. Smtliche Schsseln waren erzdelikat, und
der Bowle, welche die ersten Pfirsich des Pfarrgartens wrzten, sprach nicht nur
der weinkundige preuische General wacker zu, sondern auch das weie Frulein
nippte wie ein Bienchen von dem sen Trank. Dem Dezem kam berhaupt das weie
Frulein gar nicht mehr so berirdisch vor, seit es auf dem Bleichplatze,
anfnglich ein wenig ungelenk, dann aber so gewandt wie die Pfarrschwestern gro
und klein, Kmmerchenvermieten und Reifchenwerfen mitgespielt und spter bei
Tische die lachende, schwatzende Gesellschaft zwar erst mit groen Augen
angestaunt, dann aber ganz herzhaft mitgelacht und mitgeschwatzt hatte.
    Wie meine Lydia auftaut! rief der alte Herr, und Pastor Blmel nannte die
rosige Frbung ihrer Wangen einen Anemonenhauch. Er verwendete kaum die Blicke
von dem fremden, eigenartigen Kinde.
    Als der verehrte Held und Gast das letzte Glas mit einem Hoch auf
Kleinrschen, das er sich zur Tischnachbarschaft erbeten, geleert hatte,
sprang er auf und rief:
    So, nun bin ich in der Stimmung!
    Eine Tasse Kaffee, Exzellenz?
    Danke verbindlichst. Kaffee schlgt nieder. Jetzt rasch hinber zum
herzallerliebsten Herrn Bruder!
    Das Talgut lag nur ein paar Bchsenschsse unterhalb Hochwerbens, weil aber
jenseit des Flusses, konnte es zu Wagen nur in weitem Bogen ber die stdtische
Brcke erreicht werden. Fugnger benutzten den Fhrkahn, der dicht unter dem
Pfarrweinberge jederzeit bereitstand und den daher auch Herr von Hartenstein dem
stdtischen Umwegevorzog. Die Begleitung seines Wirtes lehnte er jedoch mit den
Worten ab: Das fromme Freundesgesicht wrde mir die Bataillenlaune dmpfen. Der
Knigspate soll mich hinber fhren.
    Der Knigspate ist sich in keinem seiner Stufenjahre einer Bataillenlaune
bewut geworden. Im Beginn seines zweiten schlug er schchtern einen Haken,
sooft er den widerborstigen Amtmann von weitem kommen sah, und heute htte er
hundertmal lieber als den tapferen General vor den Feind das weie Frulein auf
das Schlo geleitet, um, wie seine Pastormutter ihm geheien, bei der Vermessung
Dienst zu leisten. Aber was halfs? Seufzend legte er Zollstock und Bindfaden,
Papier und Bleistift beiseite und schritt dem alten Herrn voran, indem er ihm
auf den steilen Bergstufen seine stmmigen Schultern als Sttze dienen lie.
    Im Hofe angelangt, setzte er sich dann ruhig wartend auf eine Bank vor der
Haustr, whrend der fehdelustige General sonder Prliminarien den Gegner wie
Zieten aus dem Busche berfiel. Sein rechtskundiger Beistand traf erst eine gute
Weile nach der festgesetzten Stunde ein, auer Atem zwar, aber leider zu spt,
um der Katastrophe Zeuge und Meister zu werden.

Ein Gewitter hatte am Morgen vor der Sonne gestanden, seinen Ausbruch fr die
Nacht oder den nchsten Tag ankndigend; die Gerstenernte war noch nicht
eingefahren, daher, trotz des Sonntags, Gesinde und Zugvieh drauen auf dem
Felde und im Hofe Seelenstille. Der rstige Amtmann gnnte sich, nachdem er zehn
Stunden auf den Beinen gewesen, eine spte Mittagsruhe. Schwerlich da ihn ein
Bombenschlag erweckt htte; aber nur eine Milchkuh brummte dann und wann im
Stall, und der Kettenhund bellte kurz auf, wenn die Augustfliegen ihm gar zu
schamlos die Nase kitzelten.
    Dezimus konnte hinter Bauten und Bumen den Tiefgang der Sonne nicht
beobachten; er wute daher nicht, wie lange er auf der Bank gewartet hatte;
vielleicht ist es keine Viertelstunde gewesen, wenn es aber auch Stunden gewesen
wren, die Zeit wrde ihm nicht lang geworden sein. Die Tafelgensse und die
Hundstagshitze hatten ihn halb betubt. Er drckte seine Augen zu; es war ihm
wie mitten in der Nacht. Er stand auf einer hohen Warte an des weien Fruleins
Seite und schaute die Berge im Mond und Millionen von Sternen hellglnzend wie
das liebe Siebenschwesternbild. Die Himmelslichter verschwammen in eins mit den
Menschen, welche er im Herzen trug, und ganz von selbst fand auch das weie
Frulein den gebhrenden Platz in der Hh. Lydia nannte er den schnen
stilleuchtenden Stern, den er in dieser Sommerzeit jeden Abend zuerst der Sonne
folgen sah, ohne zu ahnen, da es der nmliche treue Begleiter sei, den er im
Winter morgens als seinen Rschenstern ihr hatte vorangehen sehen.
    Jach fuhr er wie aus einem Traume empor. Die Haustr war hastig aufgerissen
worden und der General auf die Rampe getreten, Hut und Stock in der Hand und das
Gesicht noch eine Schattierung hher gertet, als da er vorhin sagte: So, nun
bin ich in der Stimmung!
    Ihm auf dem Fue folgte der Amtmann. Wirklich der Amtmann? Der arme Dezem
erschrak wie vor einem Gespenst. Erdenfahl das braune Gesicht, die Knie
schlotternd unter den schbigen Lederhosen, die geballten Fuste in die Hhe
gereckt. Er rang nach Atem zu einem Wort und brachte es nicht ber die Lippen,
die ein weier Schaum bedeckte.
    Komm, mein Junge! rief der General, indem er flink wie ein Jngling die
Rampe hinabsprang und sich den Schwei von der Stirn trocknete.
    Des Stillwtigen Augen fielen bei diesem Rufe auf den Paten, der starr an
seiner Seite stand, - ach! und seine Augen nicht allein!
    Was schieen doch fr Funken durch ein Menschenhirn, wenn die Leidenschaft
ihren Siedepunkt erreicht! Lichtblitze und Irrwische! Heldenopfer fallen, oder
Sndenbcke, der nmliche Znder hat einen wie den anderen zu Boden gestreckt.
    Friedfertiges Hirtenlamm, armer Sndenbock!
    Die Fuste strzen nieder auf dein sternentrumendes Haupt; deine roten
Backen schwellen, und die blauen Augen laufen ber wie Wasserbche, - um dein
junges Leben, ach, da ist es geschehen! -
    Nein, Dezimus, nein: der Todesstreich, auf den du gefat bist, er wird von
dir abgewehrt, und tapfer gercht, wie es einem Knigspaten gebhrt, wirst du
auch. Aber das Leben ist dir nicht mehr eine Lust und die Rache kein
Schmerzensgeld. Vor Scham und Trnen gewahrst du es nicht einmal, wie glorreich
deine Unschuld triumphiert. Ja, solch ein Stock, solch ein alter preuischer
Heldenstock, wie Vater Blcher ihn wahrlich nicht fr die Langeweile an seinem
Sattelknopfe getragen hat! rechts und links fuchtelt er deinem Missetter um die
Ohren, Hieb um Hieb blut er ihm den Rcken, bis er zusammenbrechend am Boden
chzt. Zu guter Letzt noch einen Futritt, und: Komm, mein Junge! ruft der
alte Herr zum zweiten Male und lacht dabei, da ihm wie dir, armer Schelm, die
Trnen ber die Backen laufen. Mit solchem Bravourstck den Mehlstaub von seinen
Sohlen schtteln zu drfen, htte der Tapfere vor zehn Minuten noch nicht sich
trumen lassen.
    Sobald er den Rcken gewendet hat, streckt der weiseste aller Rte sein
Haupt zwischen dem Rahmen der Haustr hervor. Auch dieser Ehrenmann lacht, aber
nur in den Bart. O weh! Herr Amtmann, schreit er, Sie sind die Treppe
heruntergestolpert. Ja, diese verflixten Holzpantoffeln! Und er hilft seinem
Gerichtsherrn auf die Beine, whrend die Exzellenz lachend durch das Hoftor
schreitet und der Knigspate bitterlich weinend hinter ihm drein schleicht.
    Sehr mglich, da es im deutschen Vaterlande jener Zeit noch keinen
Hutmannssohn gegeben, mindestens keinen zehnten, der wie gegenwrtiger in seinem
zweiten Stufenjahre noch nie einen Hieb empfangen hatte und, wie hinzugesetzt
werden darf, auch nicht herausgefordert. Selber Kantor Beyfu, der handfeste
Bakelmeister, senkte vor dem Quatermillionenschler snftiglich sein Instrument.
Leibesstrafen schnden, war eine von Konstantin Blmels pdagogischen Maximen,
und seinem Pastorvater keine Schande zu machen das oberste Gebot, das auf der
Tafel dieses Kinderherzens von unsichtbarer Hand geschrieben stand. Und nun war
er geschndet, und die Schmach brannte ihn wie eine glhende Kohle. Die Mutter
wrde ihn freilich liebhaben wie bisher und der Vater ihm vorhalten, da auch
sein Heiland einen Backenstreich erduldet habe: so weit trstete ihn sein
schuldloses Gewissen whrend des mhlichen Dorfweges, welchen er die Exzellenz
anstatt der steilen Weinbergsstufen zurckfhrte. Wie aber wrde sein Rschen
ihn auslachen und necken! und wie sollte er dem weien Frulein, das er vor
wenig Minuten als schnsten Stern an den Himmel versetzt hatte, mit der
verrterisch flammenden Backe und den verschwollenen Lidern unter die Augen
treten? Er sprach auf dem Wege nicht ein Wort, und da er kein Feigenblatt, sein
Brandmal zu verhllen, entdecken konnte, gelangte er zu dem Ausweg, sich
heimlich um den Pfarrgarten herumzuschleichen und hinter dem Hnengrabe zu
verstecken, bis das weie Frulein auf Nimmerwiedersehen ber alle Berge sei.
    Aber die junge Gesellschaft, welche sein Kommen von der Laube aus
wahrgenommen hatte, vertrat ihm den Weg, umringte ihn und zog ihn in ihr
munteres Spiel. Die rote Backenschwulst mochte wohl auf den Sonnenbrand
geschoben werden, wenn sie nicht gar samt der Trnenspur auf dem Wege
verschwunden war, denn weder Rschen noch das weie Frulein merkte das Brandmal
ihm an. Auch weder Vater noch Mutter schien um die Schndung zu wissen, heute
nicht und spterhin auch nicht; den schlimmen Paten sah er in Jahren nicht
wieder; und so wurde die schmhliche Erfahrung zwar noch lange Zeit im Gemte
gehegt, dem Skelette gleich, das einem fremden Sprichworte gem auch das
reinlichste Menschenhaus in einem Winkel bergen soll; allmhlich aber zerrann
das Skelett in Nebelduft zu einem Schemen. In dem Alter aber, wo schon mancher
Mann die verdiente Birkenrute gesegnet hat, da schtzte das glckliche
Johanniskind den unverdienten Denkzettel seines Vizepaten als einen Treffer in
der Lebenslotterie.
    Da der rchende Held nicht ngstlich wie die gekrnkte Unschuld mit den
Ritterstreichen, die auf Amtmann Mehlborns Edelhofe gefallen waren, hinter dem
Berge hielt, wird von keinem Menschenkenner bezweifelt werden.
    Mir galt die Faust, rief der alte Herr, nachdem er den Pfarrfreunden den
vergnglichen Abschlu eines verdrielichen Handels mit satten Farben
geschildert hatte. Ich sage Ihnen, der alte Knabe glich einem wtigen Trakehner
Bullen. Mit den Hrnern htte er den herzallerliebsten Herrn Bruder aufspieen,
in Grund und Boden htte er ihn stampfen mgen. Da dieser Scherz aber nicht so
ohne weiteres ausfhrbar war, khlte er sein Mtchen an dem ersten Besten, der
ihm im Wege stand; wie ich selber im rger schon manchmal einen Spiegel oder
dergleichen zerschlagen habe, wenn mein Bursche fr einen Jagdhieb nicht gleich
bei der Hand war.
    Sie irren, Exzellenz, entgegnete Frau Hanna in geteilter Stimmung von
Zorn, Belustigung, Mitleid und Schadenfreude, nicht Sie, uns, Konstantin und
mich meinte das Ungetm, als er unseren Pflegesohn mihandelte. Pudelna von dem
Sturzbad, das die Spekulation seines ganzen Lebens verschwemmte, durchschiet
ihn beim Anblick des armen Jungen der Argwohn eines von langer Hand zwischen
Ihnen und uns abgekarteten Spiels, und wird er nunmehr seine wohlverdiente
Zchtigung meinem braven Dezem lebenslang entgelten lassen.
    So wollen wir uns denn beiderseitig unserem Prgelknaben verpflichtet
fhlen, versetzte heiter die Exzellenz, und uns zu einer Schadloshaltung
zusammentun. Schon dem Herrn Paten zur Rankne mssen wir ihn jetzt hher
avancieren lassen als zu dem Verwalterposten, um den mein spanisches Rohr ihn
gebracht hat. Und es steckt etwas in diesem Hirtenjungen. Ich rhme mich nicht,
ein Psycholog zu sein, aber es steckt ein Element in ihm, das sich entwickeln
lt. Was fr eins, ist mir freilich dunkel. Soldatenblut ist es leider nicht.
Mein Hilmar in dem Alter wrde die Hand, die sich an ihm vergriff, gebissen
haben, wie eine wilde Katze wrde er dem Stier in das Genick gesprungen sein,
ihm die Augen ausgekratzt haben, und Hilmars Sohn tte es, trotz des
Bauernblutes in seinen Adern, wills Gott! auch. Ihr Dezem stand still wie ein
lgtze. Wie wrs, wenn wir ihn Theologie studieren lieen? Was meinen Sie, Herr
Pfarrer, zu einem Substituten in alten Tagen, wenn der Mensch sich nach Ruhe
sehnt, nehmen wir einmal an in zwanzig Jahren?
    Mutter Hannas Augen leuchteten auf, da pltzlich ihr heimlichster, khnster
Herzenswunsch als etwas leicht Erfllbares vorgebracht, ja gleichsam als etwas
Gebhrendes gefordert wurde. Um so bedenklicher berrascht schaute ihr
Konstantin drein. Er sa eine lange Weile schweigend und schttelte den Kopf.
    Der Knabe hat bisher, eine unwesentliche Rechenfertigkeit ausgenommen,
weder eine entscheidende Gabe noch ein entscheidendes Verlangen nach
wissenschaftlicher Ausbildung offenbart, wendete er endlich ein; worauf der
General erwiderte:
    Zum Henker auch! Gehrt denn zu einem Landpastor so etwas ganz Besonderes?
Nichts fr ungut, Freund; aber wie viele dumme Jungen haben einer Gemeinde schon
die Kpfe weidlich hei gemacht! Und ein dummer Junge ist Ihr Dezem keineswegs.
Er hat seinen gesunden Bauernkrips. Wissen Sie, wie unser geistlicher Minister
Seiner Majestt einmal den Einflu der katholischen Landpfarrer auf ihre
Gemeinden erklrt hat? Nicht weil sie ledige Mnner, sondern weil sie der
Mehrzahl nach Bauernshne sind, wirken sie mehr als die unseren, sagte er.
    Pastor Blmel pflichtete der Erklrung bei. Der stdtische Brgerstand, aus
welchem das Amt der Evangelischen sich vorzugsweise rekrutiere, weiche, und wre
es selbst der niedere, in Sitte und Anschauung von denen des platten Landes
vielfach ab. Die universellere Bildung, die wir vor unseren katholischen
Amtsbrdern vielleicht voraus haben, setzte er mit einem Seufzer hinzu,
bewirkt leider allzu hufig mehr eine Kluft als eine Brcke.
    Nun da htten wir ja just, was wir brauchen, rief der General. Was Sie
mit Ihrer importierten Bildung vermutlich nicht fertig bringen, der heimische
Hirtenjunge wird es. Und nun malen Sie sich einmal recht lebhaft den Heidenspa
aus, wenn das rmste, niedrigste Werbener Kind, Ihr mihandelter Dezem, diesem
Protzen von Mehlborn - denn erleben kann er es noch, Geizhlse werden immer
steinalt - in feierlichem Ornate, hoch von der Kanzel herab, vor versammelter
Gemeinde die Leviten so recht aus dem Grundtexte liest! Einen Versuch zum
wenigsten wre die gute Sache doch wert.
    Und wenn der Versuch miglckte, Exzellenz? Wenn wir des Knaben Blick in
eine geistige Sphre gerichtet htten, und ihm fehlte die Kraft, in derselben
festen Fu zu fassen? Man soll eines Kindes Wiege nicht verrcken, hat Ihr Herr
Bruder, der Propst, gesagt.
    Meinst du denn, Konstantin, fiel seine Gattin ihm in das Wort, mit
eindringlicherem Ernst, als er sie jemals hatte reden hren, meinst du denn,
da du dieses Kindes Wiege nicht schon verrckt hast in der Stunde, wo du es in
die deines eigenen Kindes legtest? Meinst du, weil du den Knaben einen
Bauernkittel tragen und eitel Brot zum Frhstck essen lt, da er unter den
Knechten und Mgden eines Bauernhofes die Sitte und die Liebe deines Hauses
jemals verschmerzen wrde? Du hast zu viel getan, Mann, oder nicht genug.
    Ein tiefer Seufzer entrang sich statt der Gegenrede Konstantin Blmels
Brust. Und wenn dem so wre, Hanna, sagte er nach einer Pause, so gehren zu
allem geistlichen Werden zeitliche Mittel. Ich danke Ihrer Gte, Exzellenz,
diese auskmmliche Pfrnde. Aber ich bin ein Fnfziger, habe eine zahlreiche
eigene Familie und kein Vermgen. Darum - -
    Darum mu und wird es meine Sorge sein, Freund, fiel Herr von Hartenstein
ein, die Stellvertretung bei einem Knigspaten, die von Gottes und Rechts wegen
mir, als Gutsherrn, von Haus aus zugekommen wre, fortan zu bernehmen. Habe ich
nicht das Geschick gehabt, ein ritterschaftliches Patronat in meiner
Soldatenfaust festzuhalten, so viel, um einen armen Hirtenbuben zu einem
Kandidaten der Gottesgelahrtheit auszubilden, wird einem preuischen General
allemal brigbleiben. - Komm einmal herauf, mein Junge! rief er, das Fenster
ffnend, unter welchem die Kinder sich im Garten tummelten, und als Dezimus
eintrat, fragte er: Was mchtest du einmal werden, Bursche?
    Nur nicht Inspektor bei meinem Amtmannspaten! stie Dezimus hervor mit
zitternder Stimme und einer Blutwoge bis unter das strohgelbe Haar.
    Gut. Was aber sonst?
    Was mein Vater will.
    Mchtest du was Tchtiges lernen, und wenn du gro wirst, studieren?
    Ja, ja, studieren! rief Dezimus wie elektrisiert. Auf den Himmel
studieren, gndiger Herr.
    Auf den Himmel? Bravo! Du bist unser Mann. Nun lauf, Student, bestelle mir
in der Schenke den Wagen und sage meiner Nichte, da sie sich bereithlt.
    Sobald der Knabe das Zimmer verlassen hatte, sagte Pastor Blmel, der
whrend des kurzen Zwiegesprchs mit gefalteten Hnden am Fenster gestanden
hatte: Der Mensch irrt nur allzu hufig, wenn er handelt, auch wenn er am
besten zu handeln meint. Daher will ich Ihrer Anregung, Exzellenz, als einer
Mahnstimme von oben folgen und meinen Pflegesohn der Probe einer
wissenschaftlichen Ausbildung unterziehen, so wie ich meinen leiblichen Sohn
derselben unterzogen haben wrde. Ich bin viele Jahre Informator gewesen und
traue mir die Fertigkeit noch zu, einen Knaben fr die hheren Schulklassen
vorzubereiten. Solange ich lebe, bleibt indes die Sorge fr das Kind, dessen
Wiege ich verrckt habe, und bleibt seine Fhrung mein, mein allein, Exzellenz.
Schliee ich die Augen, bevor es sein Ziel erreicht - -
    Sorgt und fhrt es Gott, rief die Mutter, indem sie sich mit
berstrmenden Augen an ihres Gatten Brust warf.
    Auch der preuische Herr drckte bewegt seine Hand. Mann, sagte er, Sie
sind in Wahrheit unseres Heilands Jnger! Wollte Gott, da wir uns nicht zum
letzten Male gesehen htten!
    Rasch verlie er das Zimmer und das Haus, vor welchem der Wagen eben
vorfuhr.
    An der Tr wartete Lydia reisefertig. Sie hatte vorhin bei Dezems eiligem
Entbot ihr Grteltschchen abgenestelt und es Rschen gereicht, die es den
ganzen Tag lstern bewundert hatte und nun ber den Besitz laut aufjubelte. Fr
den armen Hirtendezem hatte sie ein Geldstck aus ihrer Brse gelangt. Als der
arme Hirtendezem aber jetzt atemlos, mit strahlenden Augen aus der Schenke
zurckkam und rief: Ich soll studieren, Rschen! Ich soll auf den Himmel
studieren, Frulein Lydia! - da steckte sie den Taler leise wieder ein, und ein
Hauch der Scham berflog ihre bltenweien Wangen.
    Ich schicke dir aus der Universittsstadt eine Himmelskarte, Dezimus,
sagte sie zum Abschied, neigte sich darauf tief vor dem Prediger und seiner
Gattin und kte beider Hnde, wie sie Vater und Mutter die Hnde zu kssen
gewohnt war; dann stieg sie zu dem Oheim in den Wagen.
    Tu deine Schuldigkeit, Knigspate! rief der alte Herr von oben herab, warf
Rschen noch eine Kuhand zu, und das Gefhrt bog um die Friedhofsmauer.
    Dezimus ahnete nicht, was eine Himmelskarte sei, nicht einmal, was eine
Erdenkarte, aber er schlief am Abend statt unter den Schauern erlittener
Demtigung unter denen einer groen Erwartung ein.
    Am anderen Morgen ging er, wie alle Tage, in Kantor Beyfuens Dorfschule;
zuvor aber hatte sein Pastorvater die erste lateinische Lektion mit ihm
abgehalten, und in der Vesperstunde hielt er eine zweite und also fortan einen
Tag wie alle, auer am Sonntag, dem Tage des Herrn. Er lernte stetig, wie der
alte Informator es nannte, und weil er dem alten Informator zur Ehre zu lernen
hatte, lernte er auch freudig, wennschon er andere Gegenstnde, die er nur
dunkel ahnete, lieber gelernt htte als Wortbeugungen und Vokabeln einer fremden
Sprache. Konstantin Blmel aber schmeckte seit jener ersten Lektion den
Johannissegen, welchen seine Hanna schon von dem Augenblicke an empfunden, wo
sie das mutterlose Kind an ihre Brust genommen hatte. War er bis dahin Dezems
christlicher Wohltter gewesen, so machten die alten Heiden ihn zu Dezems Vater.
    Im Laufe der Woche traf aus der Universittsstadt nebst einem groen
Himmelsatlas ein fix und fertiger Schleranzug ein, und der Hirtensohn wurde zum
Kandidaten der Zukunft eingekleidet. Jeden Abend fortan aber, sobald er das
Pensum, das ihn fr ein unsichtbares Himmelreich vorbereiten sollte, zustande
gebracht hatte, studierte er auf das sichtbare Himmelreich, das auf den Karten
abgebildet stand, und zwar studierte er in Gesellschaft Schwester Erikas -
huslich Riekchens - und unter Anleitung eines wahlverwandten Liebhabers.
    Dieser Liebhaber war der berbringer des Doppelgeschenkes, ein junger
Architekt, welcher neben dem Umbau eines alten stdtischen Klosters in ein neues
Gymnasium die Instandsetzung des Werbener Schlosses bernommen hatte.
Konferenzen mit der Hausfrau fhrten ihn hufig unter deren gastliches Dach, und
wen drfte es wundernehmen, da er ber Schwester Riekchens freundlichen
Augensternen die Erklrung der himmlischen Sternenaugen, der er sich gefllig
unterzogen hatte, oft und immer fter verga und ber dem fremden Hausbau zum
eigenen Hausbau Lust bekam. Der Taufsegen erneuerte sich. Bevor das Schlo
wohnlich hergestellt war, gab es in der Pfarre wieder einmal eine Braut, Held
Dezem, dem Glckskinde, aber war es beschieden, frher als die Grenzen von Reu
lterer und jngerer Linie die der Milchstrae und der Venusbahn unterscheiden
zu lernen.
    Alle Welt studierte den Winter hindurch in der Werbener Pfarre; sogar die
alte grfliche Gouvernante wurde von dem Fieber angesteckt, kramte ihren
Meidinger hervor und gab Kleinrschen jeden Abend eine franzsische Stunde. Weil
Kleinrschen aber absolut nichts lernen wollte, was Bruder Dezem nicht
mitlernte, wurde der Dezem auch Mutter Hannas Schler, und die Mutter nannte -
es ist bewundernswert, was solch ein achtjhriger Held alles fertig bringt! -,
aber wahrlich, die Mutter nannte die Fortschritte ihres Dezem im Vergleich zu
denen des Quirlequitsch hundert Prozent! Die lateinische Grammatik arbeitet der
franzsischen vor, Hanna, entschuldigte Pastor Blmel seinen Liebling, indem er
ihm die schwarzen Lckchen streichelte. Es war ein gesegneter Winter.
    Da der Amtmann unwiderruflich zum Feind geworden sei, bezweifelte man zwar
nicht, da man ihn jedoch niemals zu Gesicht bekam, so sprte man es auch nicht.
Nur da er seitdem auch in seiner Kirche fehlte, machte dem alten Seelsorger
ernstliches Herzeleid. Beim nchsten Gerichtstag erzhlte der Justizrat, wie
sauer es seinem Herrn Patron ankomme, den ritterlichen Exbruder nicht wegen
grober Mihandlung verklagen zu knnen. Aber wo sind die Zeugen? fragte
lachend der Judex. Der achtjhrige Dezem zhlt fr Null, und ich, - ich habe
nichts gesehen, als da der Herr Amtmann auf der Nase lagen und etwelche
Schwielen hatten, die vom Fall auf das krpelige Hofpflaster gekommen sein
knnen. Im brigen, was htte eine Bue der alten Exzellenz geschadet? Auf ein
paar hundert Taler kommt es keinem Hartenstein an. Und was htte sie dem alten
Mehlborn genutzt, da ja nicht er, sondern Majestt Fiskus die paar hundert Taler
in die Tasche gesteckt haben wrde.
    So mute der arme Amtmann denn auch diesen Grimm hinunterwrgen, und da er
noch im nmlichen Herbst das nachbarliche Bielitz an sich brachte, das war wohl
eine gelungene Spekulation, aber ein Trost fr die milungene war es nicht. Der
Auenboden von Bielitz trug krftiger als der Hhenboden von Werben, aber war es
Heimatsboden? Es fiel ihm denn auch gar nicht ein, auf das bedeutendere Gut zu
bersiedeln. Nur zu der dortigen Kirche hielt er sich, wenngleich er jeden
Sonntag die verdrieliche Bemerkung machte, da es sich ber seiner Gruft doch
weit andchtiger als ber der der bankerotten Grafen habe beten lassen.
    Eine Genugtuung sollte er in diesen bsen Tagen indessen doch erleben; denn
die Erdenluft wurde fr ihn rein von dem Atem der beiden Menschen, die er auf
der Welt am bittersten gehat, ja, der beiden einzigen, gegen welche er den Ha,
wie vormals die Verehrung, sich nicht blo in den Kopf gesetzt hatte. Der alte
General starb eines raschen Todes, wenige Wochen, nachdem er seinem Bruder eine
geziemende Heimsttte vorbereitet und von seinen Enkeln einen friedlichen
Abschied genommen hatte; wenige Wochen, nachdem er sich a priori an dem
ruhmvollen Nachrufe eines ehemaligen Waffenbruders erbaut. Die drei Salven
hatten also doch vorgespukt!
    Fr die neuen Freunde in dem Werbener Pfarrhause war dieses pltzliche Ende
die einzige Trbung des so heiter zur Rste gehenden Jahres; bald genug aber
dankten sie fr dieses Ende als fr eine Gnade von Gott; denn es ersparte dem
greisen Vater die Kunde, da - wie er weheleidig es als Shne auch fr die
eigene Torheit vorausgeschaut - ein Tscherkessenblei seinen armen Jungen
getroffen habe. Brigitte Mehlborn war somit, wie dem Herzen und dem Gesetze nach
schon lngst, auch der reinen Vernunft nach die Witwe Hilmars von Hartenstein.
Da sie als solche dem Vater Mehlborn wieder nher gerckt sei, kann in dieser
Chronik von Werben leider nicht verzeichnet werden. Hat die Erbitterung sich nur
einmal in einem harten Kopfe festgesetzt, erlischt sie nicht mit ihrem
Gegenstand; sie bertrgt sich. Und auf wen htte der Patriarch Mehlborn die
seine wohl natrlicher bertragen sollen als auf die unnatrliche Tochter, die
sich steifte, die Witwe Hilmars von Hartenstein zu heien und als solche zu
leben?
    Gegen den Frhling hin war das Schlo in wohnlichen Zustand gebracht, und
auf mchtigen Wagen langte der Hausrat der knftigen Bewohner an, dessen Ordnung
Frau Hanna Blmel leitete. Etliche Tage spter folgte die Familie nebst einem
Hauslehrer und zahlreicher Dienerschaft. Die Grten standen noch kahl, aber an
Gewinden von Tannenreis und Efeublttern hatten Rschens kunstfertige Hnde es
nirgends fehlen lassen. Sie lauschte mit ihrem Dezem hinter einer Hofmauer
verborgen, whrend der Vater die Ankmmlinge auf der Schlorampe empfing und mit
einer Anrede begrte, so warm, wie er eine zustndige Gutsherrschaft begrt
haben wrde.
    Alle trugen, zufolge der beiden Familiensterbeflle, denen sich noch der des
jngstgeborenen Tchterchens gesellt hatte, tiefe Trauerkleider. Alle schienen
durch Abschlu und Eintritt tief bewegt. Am tiefsten der Propst. Er war tdlich
bleich und in den neun Jahren, da Pastor Blmel ihn nicht gesehen hatte, zum
Greise ergraut. Lydia wendete ihre groen, ernsten Augen kaum von seinem
Gesicht. Die Mutter schwamm in Trnen. Die Kinder - auer Lydia zwei Shne und
zwei Tchter - lieen die Kpfe hngen. Herr von Hartenstein reichte dem Pastor
stumm die Hand und schritt, eine Foliobibel im Arm, in das Haus voran; seine
Gattin, Kinder und Dienerschaft folgten in geordnetem Zuge. Die Blmelsche
Familie wendete sich heimwrts. Bevor sie den Hof verlassen hatte, ertnte von
oben herab der Chorgesang: Ein feste Burg ist unser Gott, begleitet von einer
kleinen Orgel, welche Kantor Beyfu in dem Werbenschen Ahnensaale, dem einzigen
unverndert gebliebenen Raume im Schlo, aufgestellt hatte. Die Spielerin war
Lydia.
    Zu einem traulichen Verkehr zwischen den beiden geistlichen Familien, wie
ihn die Blmelsche wohl gewnscht, aber kaum erwartet hatte, kam es nicht. Herr
und Frau von Hartenstein machten nach Verlauf einer Woche im Pfarrhause einen
Besuch, der in geziemender Frist von dem Pastor und seiner Gattin erwidert und
von beiden Seiten ein und das andere Mal im Jahre wiederholt wurde. Damit hatte
es sein Bewenden. Nach jedem dieser Besuche aber belebte sich im Pfarrkreise das
Interesse an diesen edlen Menschen, die in einer dem eigenen Leben so fremden
Beschrnkung ihr Gngen fanden, und war es zumal Frau Ottilie, welche in ihrer
mdchenhaften zarten Schne ein herzrhrendes Bild hinterlie. Bei mehr als
dreiig Jahren war der Ausdruck ihrer Zge und Augen kindlich heiterer als der
ihrer zwlfjhrigen Tochter; und welche ein Kontrast mit dem ernsten,
greisenhaften Gatten!
    Behte Gott dieses Weib, sagte Frau Hanna, da es nicht eines Tages eine
schwere Mutterlast auf seinen Schultern zu tragen habe!
    Lydia war regelmig Zeugin jener frmlichen Besuche und unverndert das
stille weie Frulein wie bei der ersten Begegnung auf dem Hnengrabe. Keine
Spur jemals wieder von dem Anemonenhauch beim frhlichen Exzellenzenmahl. Wie
ihre Mutter fr die Pfarrfrau, so ward fr deren Gatten die Tochter je mehr und
mehr zu einem Gegenstande sinnend sorglichen Anteils. Er pflanzte sie in seinen
Kindergarten und nannte sie seine Lilie.
    Behte Gott diese Blume mit dem reinen Trieb zur Hh vor Lohe und Wurm, da
sie nicht schon im Morgenlicht den Kelch des Herzens zusammenziehe! sagte
Konstantin Blmel.
    Die Hartensteinsche Familie besuchte die Dorfkirche niemals. Der Vater hielt
husliche Erbauungen und gab den Kindern auch selbst den Unterricht in der
Religion. In weltlichen Fchern lehrte sie, als Lebensgenosse, ein von der
Regierung suspendierter Dozent der heimischen Provinz, Magister Klein. Da die
Standesgenossen weit und breit nicht zugleich Gesinnungsgenossen waren, wurde
auch nach auenhin kein Umgang gepflegt. Es gab in der Gegend zwar einige
Adelsfamilien von innerlich religiser Richtung, Stille im Lande, wie sie seit
Herrmann Frankes Zeiten genannt wurden; ohne Ausnahme jedoch hatten sie sich dem
Unionsedikt unterworfen, und das war eine Kluft, ber welche fr den Doktor von
Hartenstein keine Brcke fhrte.
    So beschrnkte sich denn der gelegentliche Verkehr auf etliche
Treugebliebene aus dem Gelehrtenstande der benachbarten Universitt, die ein dem
Hartensteinschen verwandtes, einfluloses Separatistenleben fhrten. Der dem
Propst am nchsten Stehende, aus dessen Hnden er fr seine Person auch das
Abendmahl nach der alten Spendeformel empfing, war der in neuerer Zeit hufig
genannte Professor Hildebrand. Whrend seiner Lehrttigkeit ohne wesentlichen
akademischen Einflu, hatte bei seiner Suspension die Studentenschaft einmtig
durch einen solennen Fackelzug gegen den Gewaltakt demonstriert und den
unbeugsamen, still gelehrten Herrn fr einen Tag oder zwei zu einem
Glaubenshelden erhoben. Seitdem gehrte auch er zu der kleinen Schar der
Auserwhlten, welche von einem gewissen Wendepunkte erwartete, da die
Dornenkrone sich in eine Siegerkrone verwandeln werde.
    So verband sich einem innersten Gesetz eine Art von uerer Notwendigkeit,
um das huslich klsterliche Wesen, in welches die Familie wie die Perle in der
Muschel sich abschlo, vollstndig zu machen; vielleicht auch die Absicht, es
augenfllig zu machen. Es kennzeichnete das Exil. Die Lebensweise war eine
reichliche, aber streng geregelt; die Dienerschaft bejahrt und sinnesverwandt;
die Einrichtung etwas kahl und ohne individuelles Geprge, aber von
bereinstimmender Gediegenheit. Das Silberzeug wie das dunkelgebrunte
Zimmergert bekundeten neben Sammlerflei und Kunstverstand den frheren
kostspieligen Aufwand. Man wrde sich in eine Abtei des fnfzehnten Jahrhunderts
oder in eine Ritterburg versetzt geglaubt haben, wenn der lichte, glatte,
nchternbehagliche Schlobau nicht gar zu widerspruchsvoll an eine neuere Zeit
erinnert htte.
    Von der Gemeinde wurden die Schlobewohner nur vom Tale aus bemerkt, sobald
sie sich auf den Terrassen bewegten. Selbst Ein- und Ausgang nahmen sie nicht
durch den Wirtschaftshof, sondern unterhalb durch den Garten. Diese Ein- und
Ausgnge beschrnkten sich indessen auf einen fast tglichen Samariterweg die
arme Frnerschlucht hinan und allezeit auf den Vater und die lteste Tochter.
Was aber auf diesen Wegen erbaulich und hlfreich gespendet und allmhlich auch
gebessert worden ist, das schtzte und dankte Pastor Blmel als einen persnlich
empfangenen Segen. Wie freudig wrde er Hand in Hand mit diesem Paar die Schden
in seiner Gemeinde ausgeheilt haben!

Schon vor den Schlobewohnern war der neue Pchter eingezogen, mit welchem sich
indessen, da er nicht eine mildherzige Rosine, sondern eine handfeste Gromagd
zu seiner Eheliebsten erkoren hatte, keine Pfarrfreundschaft hegen lie. Den
Wirtschaftsbetrieb nderte er insofern, als er die Hofprodukte in die
entferntere nrdliche Nachbarstadt absetzte, weil er mit dem Besitzer des
Talgutes und des reichen Bielitz, welcher die seinen nach wie vor in die nahe
Kreisstadt tragen lie, nicht Konkurrenz zu halten vermochte. In der Morgenfrhe
jedes Mittwoch und Sonnabend fuhr daher ein schwer beladener Pchterkarren nach
X., und mehr als einmal sa in Ferienzeiten Dezimus, nicht im neuen Schlerrock,
aber im alten Leinenkittel hinter dem Knecht auf einem Butterkbel, um fr
seinen Vater in der alten Dombibliothek ein seltenes Bcherexemplar zu entlehnen
oder bei dem Schlogrtner ein seltenes Blumenexemplar zu erhandeln, bei Wege
auch wohl fr die Mutter diese oder jene wirtschaftliche Besorgung abzumachen.
    An einem des Predigtstudiums halber lektionsfreien Sonnabend whrend der
Ernteferien des nchsten Jahres machte er wieder einmal diese Marktfahrt mit.
Ein werter Amts- und Blumenbruder Vater Blmels hatte von einem auslndischen
lieblich duftenden Gewchs berichtet, das der Schlogrtner heuer in besonderer
ppigkeit zum Blhen gebracht habe. Vater Blmel schmachtete nach dem Duft der
unbekannten Gardenia, und sein Dezem freute sich, ihm zu dem Genu verhelfen zu
drfen.
    Doch war es ein Fleischergang; die Spezies bereits ausverkauft. Der
Abgesandte wurde an den Grtner Reichart in der Universittsstadt, der noch
Vorrat habe, verwiesen. In der Universittsstadt! Den Knaben durchzuckte ein
Blitz: das Ziel seiner Sehnsucht seit Jahr und Tag! So oft hatte er die Hlfte
des Weges zu diesem Ziele zurckgelegt, ohne da ihm der Einfall gekommen wre,
auch die zweite Hlfte zurckzulegen. Heute kam ihm der Einfall. Ich hole
meinem Vater die Gardenia auf der Universitt! rief er entschlossen. Wrde er
sie ihm geholt haben, wrde er zwei Meilen in das Blaue hinein gerannt sein,
wenn auf der Universitt nicht die Warte mit den in den Himmel dringenden
Rohren gestanden htte? Wei schon ein Kind, was ein Vorwand - nun ja! aber
auch, was ein Selbstbetrug ist? Gleichviel: ob die Mutter der Weisheit oder
Kindesliebe, ein Genius war es, welcher Held Dezem in sein erstes Abenteuer
hetzte.
    Zunchst in die vorstdtische Ausspnnerei, wo dem Knecht die erklrende
Bestellung in das Pfarrhaus bertragen wurde; dann spornstreichs voran auf der
schnurgeraden, pappelgesumten Chaussee. Den Weg verfehlen konnte er nicht, und
weitere Skrupel sparte er sich. Erst hole ich die Gardenia, dann gucke ich fix
einmal durch das groe Rohr und laufe in der Nacht nach Hause zurck. So sein
Programm. Da das Gucken durch das groe Rohr mehr Schwierigkeit machen knne
als etwa das Wasserschpfen an einem Born, daran dachte er nicht. Nach den
Sternen gucken kann jeder, so gut wie Wasser schpfen. Da er hungrig und mde
werden knne, daran dachte er noch viel weniger; so satt war er von Erwartung
und so rege von Lust.
    Und noch satt und rege erreichte er am Nachmittag das stdtische Tor. Er
hatte sich eine Universitt anders vorgestellt. Nichts als ganz gewhnliche
Huser, lngs ganz gewhnlicher Gassen in einer ganz gewhnlichen Stadt, wie er
schon ihrer zwei hatte kennen lernen. Die Gassen liefen geradeaus, nach dieser,
nach jener Seite, liefen kreuz und quer. Wohin sollte er sich nun wenden? Er
fragte eine Heringshkerin - nach der Sternwarte? - o nein! welcher Jngling
wird den Namen seiner ersten Geliebten vor einer Heringshkerin entweihn? Er
fragte nach dem Grtner Reichart.
    Da mut du erst geradeaus gehen, dann links, dann wieder rechts, und wenn
du ans Wasser kommst, mut du weiter fragen, belehrte recht anschaulich die
Hkerfrau. Und Dezimus lief geradeaus und links und wieder rechts, fragte auch
diesen und jenen und schaute sich zwischendurch nach allen Seiten um, ob nicht
irgendwo die hohe Warte in den Himmel rage. Aber bis zum Grtner Reichart sollte
es immer noch weit sein, und ein paar Trme sah er wohl ber die kleineren
Huser sich erheben, aber einen Bau, so majesttisch, so ganz absonderlich, auf
dessen Dache statt der Feueressen goldglnzende Rohre gen Himmel gerichtet
waren, solch ein ragendes Wunderwerk erblickte er nirgends.
    Endlich gelangte er an den Flu, und weil nicht alsobald ein Mensch zum
Weiterfragen bei der Hand war, schritt er eine Weile auf einem schmalen Pfade
zwischen dem schilfbewachsenen Ufer und umzunten Grten voran. ber einer von
diesen Gartentren konnte ja leicht das Schild des Grtners Reichart angebracht
sein.
    Bei der Wendung um eine vorspringende Gartenmauer stand er jhlings wie in
den Boden gewurzelt. Sein Atem stockte, die Augen starrten in die Hhe. Auf
steilem Felsen, zwischen Bumen und wirrem Strauchgeschlinge ragte ein Turm,
ragten Mauern und Pfeiler, wie er noch keine gesehen. So grau und anscheinend
wandelbar hatte er sich allerdings eine Sternwarte nicht gedacht; von blitzenden
Rohren keine Spur. Aber wer konnte wissen, was alles noch hinter den Bumen
verborgen stak? Es war auf dem hchsten Punkte der Gegend der am hchsten
ragende Bau; eine gewhnliche Menschenwohnung konnte es nicht sein, auch kein
Schlo und keine Kirche, welche beide einem Werbener Eingeborenen ja sattsam
bekannt waren. Was also sonst als die Universitt mit ihrer Warte? Dem Knaben
war, als stnde er vor eines alten Knigs Thron. Dort oben, dort oben, da lag
sein gelobtes Land!
    Er htte hinandringen mgen, hineindringen gleich jetzt. Er mute bei Tage
ja aber erst die Gardenia holen. Nur den Pfad, der auf die Hhe fhrte, wollte
er ersphen, um ihn spter in der Dunkelheit ohne Aufenthalt einschlagen zu
knnen. Vorwrts fiel der Felsen steil nach dem Flusse ab; zur Seite hinderte
die Gartenmauer den berblick. Ob er wohl hinanklimmen durfte, um auf ihrer Hhe
eine Umschau zu halten, ohne vielleicht wie ein Dieb von ihr heruntergejagt zu
werden? Aber halt! dort, nahe dem Ufer, steht ja wie zur Rundschau aufgepflanzt
eine alte Buche, breit gestet mit mchtiger Krone. Das Erklettern ein Spiel fr
den Dezem, der schon manches Jahr das Obst im Pfarrgarten abgenommen hat. Hinan
also, hinan bis zum Wipfel! Im Nu ist er oben, und oben, oben, da, - neue
Verzckung! da starrt er statt auf die Warte in ein Menschenantlitz, so schn,
so wunderschn, wie er noch kein Menschenantlitz gesehen, schner selbst als das
des weien Fruleins, denn es blht wie eine Rose. Ein Knabe, nein, ein junger
Herr, wenn auch nicht grer als Dezimus selbst, goldgelockt und geputzt gleich
einem Prinzen, sitzt zwischen den sten behaglich wie in einer Laube, raucht
eine Zigarre und lacht dem Dezem in das verblffte Gesicht.
    Du, was suchst du hier oben, Junge? rief der junge Herr. Vogelnester? Das
will ich dir anstreichen! Er wippte mit einer Reitgerte, die er in der Hand
hielt; Sporen an den Stiefeln trug er auch und in das eine Auge ein Brillenglas
geklemmt.
    Ich wollte blo sehen, wie man auf die Sternwarte kommt, antwortete
Dezimus schchtern, indem er auf den Turm deutete.
    Der junge Herr wollte vor Lachen sich ausschtten. Das alte Germpel hltst
du fr die Sternwarte? Das ist ja die Burgruine, Dummrian!
    Dezimus blickte beschmt zu Boden. Wo liegt denn die Sternwarte? fragte er
aber doch.
    Die liegt nher der Stadt zu. Von hier aus kann man sie nicht sehen. Was
hast denn aber du auf der Sternwarte zu suchen, Bursche?
    Ich will durch ein Fernrohr die Sterne sehen, die auf meinen Himmelskarten
gezeichnet stehen.
    Du, ein Bauernjunge, eine Himmelskarte? Nein, das ist aber toll? Wo kommst
du denn her, Bursche?
    Von Hochwerben.
    Von unserem Gut! Na, das nenne ich gelungen! Kennst du die Lydia
Hartenstein?
    Ja.
    Und den alten Mehlborn?
    Dezimus wurde rot, zgerte einen Augenblick, und dann sagte er leise: Ja.
    Ein richtiger Bauernfilz, nicht wahr?
    Keine Antwort.
    Wie heit du denn, Junge?
    Dezimus Frey.
    Dezimus Frey, der Hutmannszehent, der ein Schwarzrock werden soll! Famose
Geschichte, ganz famos! Wie sie die Sidi amsieren wird! Warum hast du denn aber
den verschossenen Kittel an? Wir haben dir doch voriges Jahr einen Rock
geschickt, so gut wie meinen eigenen. Na, wie dieser da freilich nicht: das ist
mein Reitanzug. - Aber still, still! flsterte er pltzlich. Da unten kommen
sie!
    Dezimus lugte durch die Zweige nach denen, die unten kommen sollten; und da
bemerkte er denn, um die Gartenmauer biegend, einen langen, von Kopf zu Fu in
Schwarz gekleideten Herrn, der an jedem Arm eine Dame fhrte. Die eine hager und
auffallend runzelig, daher wohl hochbetagt, aber in blhende Farben angetan,
sogar das kaum handgroe Gesichtchen rosenrot und die zierlich beschuhten
Fchen vogelleicht schwebend; die andere Dame jung, wohlbeleibt, daher der Gang
etwas schleppend, das Gesicht bllich, der Anzug schlicht und dunkel. Ein
kleines Mdchen schlenderte hinterdrein, einen Busch von blhendem Schilf im
Arm.
    Sobald die vorderen aus dem Gesicht waren, streckte der junge Herr den Kopf
durch das Laub und lie einen Ruf gleich dem des Wachtelschlags erschallen:
    Pittperitt, pittperitt!
    Das kleine Mdchen kehrte um und blickte in die Hh. Du, Mxchen! rief es
lachend; worauf der junge Herr mit gedmpfter Stimme fragte:
    Ist die Luft rein? Vermissen sie dich nicht, wenn du hier ein paar Minuten
zurckbleibst?
    Sie schwatzen von untergegangenen Stdten; ich pflcke Schilf. Fiele ich in
das Wasser wie dazumal aus dem Bett, wer merkte es? versetzte die Kleine mit
munterem Klang, aber einem wenig kindlichen Spott im Blick.
    So warte! Ich habe einen gottvollen Scherz fr dich! sagte der junge Herr,
indem er sich behende durch die Zweige wand und von dem letzten mit einem kecken
Satz zu Boden sprang.
    Dezimus folgte gelassener. Da er die Frage nach dem Grtner Reichart noch
auf dem Herzen hatte, stellte er sich bescheiden beiseite und wartete, bis die
beiden miteinander fertig waren. Dabei musterte er das kleine Mdchen, das ihm,
wie auch der junge Herr, bekannt vorkam, als htte er einmal von ihm getrumt.
Es hatte ein hbsches Gesicht und ein Paar mchtige Augen, die noch viel heller
blitzten als seines Rschens Augen; die erdbeerroten Lippen lachten so hufig
wie seiner Pfarrschwestern Lippen; aber nur wenn sie den jungen Herrn anlachten,
htte Dezimus an seiner Pastormutter Lachen denken knnen. An das weie Frulein
konnte er bei dem kleinen Mdchen gar nicht denken. Sein Krperchen dauerte ihn,
weil es einen so gar groen Kopf mit einem dicken schwarzen Haarwald zu tragen
hatte, und da die eine Schulter ein Ende ber die andere hinausragte, nun, das
nahm sich freilich neckisch aus, schadete aber nichts; das kleine Mdchen gefiel
ihm doch. Der junge Herr aber gefiel ihm so, da er kein Auge von ihm verwenden
mochte und sogar die groen Rohre ber ihn verga. Die Art, wie er mit dem
kleinen Mdchen umging, rhrte des Dezem Herz. Er nannte sie nicht ritterlich;
aber sie war ritterlich und dabei zrtlich.
    Da bin ich, Schwesterchen! rief er, indem er die verschobenen Schultern
umfate. Aber sieh mich doch einmal an. Mein neuer Rock hat doch kein Loch
weggekriegt? Ist mein Haar in Ordnung, Sidi?
    Dabei bckte er sich, und das kleine Mdchen hob sich auf die Zehenspitzen,
stubte ihm den Rcken ab, strich die ppigen Locken glatt, bei welcher
Beschftigung Dezimus sich wunderte, was fr lange Arme und Finger doch das
kleine Mdchen habe. Der junge Herr zog ein Spiegelchen aus seiner Tasche,
betrachtete sich, sagte: Bon! und dann erzhlte er:
    Ich sitze drben bei Vogels und bestelle mir eine halbe Sekt. Da sehe ich
sie kommen. Sie glauben mich in der Klasse. Wenn bei Vogels Konzert ist!
Duckmuser! was ich bei euch lernen kann, habe ich mir lange an den Schuhen
abgelaufen. Item: sie kommen! Der gndigen Tante mu ein Extravergngen bereitet
werden. Die wird Augen gemacht haben, vom rmischen Korso in Vogels Garten!
Enfin, sie kommen, sie sind schon da, und da ich nach einer Vorlesung ber
Moralphilosophie nicht lstern bin, kannst du dir denken. Publica nmlich; denn
privatissime halte ich sie allenfalls noch aus bis - nun, du weit ja schon, bis
wann. Ich entschlpfe also durch die Seitentr und, weil vom Garten aus der Weg
nach allen Seiten zu bersehen ist, einstweilen auf den Baum. Da die
Harfenmuhme die Musik da drben nicht lange aushalten wrde, konnte ich mir ja
denken.
    Kstlich, kstlich! rief das kleine Mdchen in die Hnde klatschend.
    Whrend der junge Herr nunmehr seinen Zusammensto mit dem Werbener
Hirtenjungen lustig vortrug, fiel es diesem endlich - o des Schlaukopfs,
endlich! - wie Schuppen von den Augen, da es die Kinder Frau Brigittens von
Hartenstein seien, welchen sein gutes Glck ihn so verwunderlich
entgegengefhrt. Er hatte sie nach dem Tode der Amtmannsfrau vor fnf Jahren ja
gesehen, und wieviel war im Pfarrhause von ihnen die Rede gewesen! Sie freilich
hatten den Bauerjungen im blauen Kittel damals nicht beachtet, und es war hbsch
von der kleinen Sidi, da sie ihm heute wie einem alten Bekannten die Hand
reichte und sagte: Auf die Sternwarte mchtest du? Aber wie willst du denn da
hineinkommen, armer Schelm? Du denkst es dir wohl so leicht wie in eure Werbener
Kirche?
    Der arme Schelm mochte den Kopf wohl recht erbarmungswrdig hngen lassen,
denn das kleine Frulein sann offenbar darber nach, wie ihm zu helfen sei, und
endlich rief sie, in den Augen helle Lust, wie sie sich fr ihre Jahre schickte,
um die gekruselten Lippen aber ebenso hellen Hohn, wie er sich fr ihre Jahre
gar nicht schickte: Ich habs, ich habs! Das trifft sich gut. Heute abend ist zu
Ehren der Grotante aus Rom bei uns Tee. sthetischer Tee. Schadet nichts,
Hirtendezem, wenn du das nicht verstehst. Der Professor, der die Sternwarte
unter sich hat, kommt auch, und der soll dich mitnehmen. Verla dich auf mich,
ich wills schon machen. Aber nun mu ich ihnen nach. Am Ende vermissen sie mich
doch und stellen sich ein mit Stangen und Haken, mich aus dem Wasser zu fischen.
Komm nur gleich mit, Dezimus.
    Dezimus berichtete von dem Blumenstock, den er erst noch holen mte, worauf
der Junker von Hartenstein versetzte:
    Das hast du nah, Junge. Reicharts Gretchen ist eine scharmante kleine
Katze, darum weiich, wo ihr Vater wohnt. Siehst du dort drben. Lauf rasch,
hole deine Blume, komm dann hier unter den Baum zurck und warte auf mich. Ich
kann doch, bei Gott! meinen Sekt nicht im Stiche lassen, und eine frische
Havanna mu ich mir auch anstecken. Du, Sidchen, gehst voran und erffnest die
Prliminarien. Das heit, du erzhlst, da du zufllig dem Pfarrdezem aus Werben
begegnet bist und die Geschichte von der Sternwarte und der Gardenia. Gelogen
ist dabei ja kein Wort; denn lgen, kleine Unschuld, ich wei es ja, lgen tust
du nicht.
    Nicht gern, Mxchen. Aber dir zu Gefallen tu ichs doch. Von dir ist nicht
die Rede. Du sitzest in der Klasse. La mich nur machen. Meine Geschichte ist
schon fertig und uerst interessant.
    Damit ging sie. Sie schleifte den linken Fu ein wenig, bewegte sich aber
dennoch geschickt und sogar grazis. Ihr Bruder sagte:
    Hre, Junge, da du kein Wort von unserer Baumpartie verrtst!
    Wenn sie mich nun aber fragen? wendete Dezimus kleinlaut ein.
    Wer soll dich denn fragen, Dummhut? Aber nun mach fort!
    Dezimus machte fort und erlangte glcklich eine Gardenia. Sie sollte
eigentlich zwei Groschen mehr kosten, als ihm der Vater dafr mitgegeben; da er
aber verlegen sein leeres Lederbeutelchen zeigte, lie Herr Reichart mit sich
handeln. Htte der Kufer eine volle seidene Brse gezeigt und statt des Kittels
seinen Kandidatenrock getragen, wrde Herr Reichart schwerlich mit sich haben
handeln lassen. Einer von den Fllen, wo ein Hirtenjunge weiter als ein Junker
reicht. Ein Prachtexemplar hatte Herr Reichart die Gardenia genannt. Dezimus
fand einen roten Feldmohn, der von einem Erntewagen gefallen war, weit
prchtiger und den Duft der Lindenblten im Pfarrgarten weit erquicklicher als
den der fremden Gardenia. Zu einem Blumisten wie sein Pastorvater hatte Held
Dezem leider nicht entfernt das Zeug.
    Unter der Buche mute er eine Weile warten, bis der Junker kam. Derselbe
mochte seine halbe Sekt allzu hastig hinuntergestrzt haben, und das, was er
seine Havanna nannte, ihm auch zur berlast nach dem Kopfe gestiegen sein, denn
seine Augen und Backen glhten, und er schwatzte beiwege in das Blaue hinein
allerlei krauses Zeug, von welchem Dezem, der Dummhut, gottlob! nicht den
zehnten Teil verstand, unbewut jedoch sprte, da er es in der Werbener Pfarre
nicht gehrt haben wrde.
    Weit du, Junge, fragte der Junker unter anderem, wer vorhin das
angepinselte Gespenst mit dem Blumenhute war, das sich von der schwarzen
Hopfenstange am krummen Arme spazieren fhren lie? Die Harfenmuhme wars aus
Rom, die morgen auf ihr Gut nach Werben will und heute ihre Erben, nmlich mich
und Sidi, Revue passieren lt. Und weit du, wer die Hopfenstange war, der mein
kugelrundes Mamachen wie ein Strickbeutel am anderen Arme hing? Zacharias heit
der Mann, den gelehrten Zacharias lt er sich schimpfen, und ein Pfaffe ist er,
aber so einer - wenn du den Unterschied verstehst -, der seinen Bldsinn nicht
von der Kanzel, sondern vom Katheder zum besten gibt, item ein Herr Professor.
Und mein gelehrtes, dickes Mamachen will den gelehrten drren Zacharias zum
Manne nehmen. Aber der Henker soll mich holen, wenn ich so einen Philister von
Pastor Vater nenne.
    Mein zweiter Vater ist auch ein Pastor, versetzte Dezimus mit Stolz, da er
des Junkers Pointe nicht verstanden hatte.
    Aber dein erster Vater war ein Schafhirt und der meine ein Freiherr von
Hartenstein. Zwischen einem Pflegevater und einem Stiefvater ist brigens noch
ein Unterschied, mein Junge.
    Beide Erklrungen waren unwiderleglich, daher denn Dezimus auch nichts
weiter uerte als sein Lieblingswort: Ja.
    Nun meinetwegen, fuhr der andere fort. Ehe es zur Hochzeit kommt, bin ich
ber alle Berge.
    Wo wollen Sie denn hin, Herr Max? fragte Dezimus betrbt, da er den
schnen jungen Herrn vielleicht im Leben nicht wiedersehen sollte.
    In die Welt hinaus, so weit als mglich. berall besser als hier.
    Doch nicht zu dem wilden Volke, wo Ihr lieber Vater totgeschossen worden
ist?
    Nach Ruland? nein. Ruland ist eine Despotie, und ich bin Republikaner.
Und wenn Papa auch noch lebte und mich zu sich riefe, ein Tyrannenknecht werde
ich nie! Ich habe es geschworen, flsterte er geheimnisvoll, stimmte aber
gleich darauf mit heller Kehle an: Bricht dir nicht entzwei die Schulter, nicht
entzwei die morsche Schulter, Autokrator - krator - krator. - Es hats doch
niemand gehrt? fragte er, indem er sich scheu nach allen Seiten umsah. Es
wimmelt von Spionen in diesem vermaledeiten rucherigen Nest, und alle halten
sie mich schon fr einen Studenten. Die armen Burschen! Denen sitzen sie gehrig
auf dem Dache.
    Sie gehen wohl noch in die Schule, Herr Max?
    Leider, weil ich mu. Aber kein Mensch mu mssen! Und kurzum: ich will
nicht mehr. Was diese Philister mir beibringen knnen, wei ich lngst oder
brauche ich nicht zu wissen. In einem einzigen Buche steht mehr als in ihren
hohlen Kpfen allen zusammen, und ich lese manchmal die halbe Nacht hindurch.
Gings freilich nach meiner Mama, wrde ich ein Federfuchser wie ihr Zacharias.
Aber ich bedanke mich, Frau Mutter, ich bedanke mich. Die Hartenstein haben an
einem Schriftgelehrten genug.
    Da wollen Sie wohl Soldat werden wie Ihr seliger Herr Grovater,
Exzellenz?
    Ich habe das Alter noch nicht. Und dann: ja wenn man gleich General wre,
das heit, wenn wir schon die Republik htten, wo das jngste Genie am hchsten
steigt. - Kommen wird sie, die Republik! er fiel wieder in den Flsterton -
wir haben es geschworen, Dezimus! Es ist ein Geheimbund. Er heit der Werdetag.
Ich bin Prses. Alle Sonnabend kommen wir in der Sonne zusammen; aber ganz
verstohlen. Heute auch; fr mich wird es spt werden wegen Mamas
Teegesellschaft. Wir rauchen, wir spielen Karte, wir sind fidel. Die anderen
trinken Bier. Es sind lauter arme Schlucker. Aber ich mag kein Bier; ich trinke
Wein. Ich bin auch der einzige Edelmann in dem Korps. Und da haben wir es
geschworen: Der Tag der Freiheit, oder die ewige Nacht! Wenn du grer wrst,
Dezimus, ich meine, wenn du schon auf der Schule wrest, fhrte ich dich ein als
Gast.
    Ei nun! Held Dezimus dachte es sich gar nicht uneben, wenn er erst gro
geworden sein werde, in einem fidelen Werdetag mit fidel zu sein, obschon, als
armer Schlucker, nur mit Biergenu. Vor der Hand beschftigte ihn indessen
vorzugsweise die Frage, was der schne junge Herr werden wolle, wenn er binnen
kurzem das Prsidium des Werdetags in weniger wrdige Hnde niederlegte? Und
diese Frage stellte er denn auch ganz unumwunden, indem er zuversichtlich die
Antwort erwartete: ein Sternenforscher! und begierig war zu erfahren, welcher
Weg zu diesem einem so herrlichen Junker einzig geziemenden Ziele eingeschlagen
werden msse. Als der herrliche Junker nun aber einfach antwortete: Gar
nichts! da starrte er ihm verblfft in das Gesicht; denn einen Menschen, der
gar nichts war, hatte der Zgling Konstantin Blmels sich bisher nicht denken
knnen.
    Nichts oder alles! Ein freier Mann! verdeutlichte Junker Max. Mein
eigener Herr. Wenn der alte Mehlborn tot ist, sind Sidi und ich Millionre; denn
Mama will er enterben. Wir werden aber nie vergessen, da sie unsere Mutter ist,
wenn sie auch Madame Zacharias heit. Und von der rmischen Tante erben wir auch
alles; denn die prpstlichen Hartensteins sind ihr zu fromm. Vor der Hand sorgt
Sidi; sie hat viel in ihrer Sparbchse. Wirds vor der Zeit alle, gehe ich unter
die Kunstreiter.
    Dezimus fragte, was Kunstreiter seien, und wurde berichtet: die einzigen
freien Menschen in diesem geknechteten Jahrhundert; die Schauspieler
ausgenommen, deren Kunst aber lange nicht so nobel sei.
    A propos! unterbrach sich der junge Herr, du kommst ja ber X. Hast du
nicht gehrt, ob der Le Voisin in der Krassierreitbahn noch Vorstellungen gibt?
Ich bin schon ein paarmal drben gewesen; versteht sich heimlich. Heute wollte
ich auch wieder hin. Wenn aber Mama Gesellschaft hat, mu ich die Honneurs
machen.
    Dezimus wute, da le voisin in Frankreich der Nachbar heie; von einem Le
Voisin in X. wute er nichts; und da sie just vor Frau von Hartensteins Hause
standen, konnte der Junker ihm nur noch einschrfen, auch wenn er gefragt werde,
nichts von ihrer Begegnung zu verraten. Mucksmuschenstill, Junge! hrst du?
und so ein Schafsgesicht gemacht wie jetzt! Damit sprang er, je zwei Stufen auf
einmal nehmend, die Treppe hinan, um vor dem sthetischen Zirkel den Geist des
Sekts noch ein Stndchen auszuschlummern. Wenn sie nach mir fragen, mache ich
meine Pensa, du weit schon, Schwesterchen, sagte er zu der kleinen Sidi, die
ihm auf dem Flur entgegenkam. Sie nickte und nahm dann Dezimus, der auf des
Junkers Gehei ihm langsam nachgefolgt war, bei der Hand, um ihn der Mutter
vorzufhren.
    Das htte der abenteuernde Schfersohn in seinem staubigen Leinenkittel sich
aber nicht trumen lassen, da er in dem vornehmen Hause aufgenommen werden
wrde wie ein Prinz! Ja, Heimat bleibt Heimat, der reinsten Vernunft zum Trotz.
Frau Brigitte fragte nach den Bewohnern von Schlo und Pfarre, von Pchter- und
Schulhaus, nach Hinz und Kunz. Sie fragte mit Anteil, wennschon nicht mit Wrme.
Nur nach ihrem Vater fragte sie nicht, und das wre ja auch die einzige Frage
gewesen, auf welche Dezimus keinen Bescheid htte geben knnen. Endlich fragte
sie denn auch, ob ihr kleiner Gast Hunger habe und etwas genieen mchte, auf
welche Fragen der kleine Gast ehrlich: Ja und hflich: Wenn ich bitten darf
antwortete, demzufolge in die Kche gefhrt ward und eine gewrmte
Mittagsschssel vorgesetzt erhielt, die er bis auf den Grund leerte. Die kleine
Sidi, die von wenig mehr als der Luft und ein bichen Zuckerwerk oder Obst
lebte, sah mit Wunderaugen, welche Stoffmassen solch ein neunjhriger
Hirtenmagen unterzubringen vermge. Gehrt ein guter Magen denn aber nicht zu
den Grundbedingungen eines Glcklichen?
    Eure neue Gutsherrin, Frulein von Werben, wnscht dich zu sehen, Dezimus,
sagte Frau von Hartenstein darauf. Reinige dich daher und kleide dich um.
Meines Sohnes Zeug wird dir passen.
    Die kleine Sidi, welche ihr Mxchen bei seinem Pensum von keinem Dritten
stren lassen wollte, war flink bei der Hand, Wsche und Kleider herbeizuholen
und den Dezem in eine Hinterstube zu fhren. Erst nimm ein Bad, sagte sie,
indem sie einen Schrank ffnete.
    In der Werbener Pfarre wurde, sobald es im Flusse zu kalt wurde, regelmig
Sonnabend nachmittags im Waschhause gebadet. Aber da setzte man sich in eine
Wanne. Da einer stehend in einem Schranke baden sollte, dnkte dem Dezem wider
alle Naturordnung. Die kleine Sidi lachte ihn jedoch aus, drehte die Hhne auf,
lie kalten und warmen Regen sprhen und verlangte, da Dezimus sich in ihrer
Gegenwart unter die Traufe stelle. Er wurde feuerrot; die Kleine kicherte wie
ein Kobold.
    Dummer Dezem, sagte sie. Ich bin ja kein Mdchen! Ich habe ja einen
Buckel! Ich bin ein Nix!
    Der dumme Dezem fand jedoch, da sie trotz des Buckels kein Nix, sondern ein
Mdchen sei, und jagte sie aus der Tr. Dann lie er sich vorschrifsmig im
Schranke bespritzen, rumpelte sich ab, brstete den Strohwald auf seinem Kopfe
glatt und machte sich fein. Obgleich der Junker fnf Jahr mehr zhlte als er,
paten ihm jenes Sachen wie angegossen. Ja, Kleider machen Leute! Wenn er sich
in dieser Pracht doch seinem Rschen htte prsentieren knnen!
    Als er eben im Begriffe war, eine Weste mit trkischem Muster anzulegen,
trat die kleine Sidi wieder ein. Sie stieg auf eine Htsche, um eine Krawatte
mit knstlichem Knoten unter seinen Hemdskragen zu schlingen. So, sagte sie,
so gefllst du mir. Nun gib mir einen Ku!
    Dezimus leistete Folge. Gleich darauf ging es zur Vorstellung der neuen
Gutsherrin in den Salon. Auf dem Flur begegnete ihnen der Junker in glnzendem
Wichs und duftend wie ein Veilchen. Mein Mxchen ist aber doch viel schner als
du, sagte die kleine Sidi, und Dezimus stimmte ihr mit voller berzeugung bei.
    Das, was der Salon hie, war nicht so gerumig wie die Wohnstube in der
Werbener Pfarre, und einen herrschaftlichen Saal hatte Dezimus doch auch schon
gesehen, wenn auch nur einen von Ahnen bevlkerten. Dennoch stand er auf der
Schwelle dieses Staatsgemachs wie geblendet, denn alles blitzte und blinkte in
dem Raume. Ein Kronleuchter brannte in der Mitte und eine Lichterreihe ber
jeder Tr. Vor dem orangegelben Divan war der Teetisch serviert mit funkelndem
Gert; im Hintergrunde lehnte zwischen einer blhenden Hortensiengruppe eine
goldene Harfe, und am entgegengesetzten Ende des Zimmers stand ein Flgel
geffnet. Gste waren noch nicht gegenwrtig; nur die Hausfrau, der projektierte
zweite Vater und die blhende alte Dame, welche er neben seiner Verlobten am
krummen Arme spazieren gefhrt hatte. Im eifrigen Gesprch wurde der Eintritt
der Kinder nicht alsobald bemerkt.
    Unerhrt! hatte eben Frau von Hartenstein ausgerufen.
    Lcherlich! die alte Dame leichthin erwidert.
    Nicht ganz so lcherlich, wie es scheinen mag, meine Gndige, der
zuknftige Hausherr widersprochen. Ist es doch die natrliche Konsequenz
unserer unseligen Staatsmaximen. Jegliches Mrtyrertum lockt wie die Phantasie,
so den Unverstand. Denken Sie an die Kreuzzge der Kinder - -
    In homopathischer Verdnnung, spottete die alte Dame. Wie der Held, so
sein Affe.
    Bei diesen Worten traten die Kinder ein.
    Siehst du die angepinselte Mumie auf dem Sofa? Die ists. Du mut ihr die
Hand kssen, zischelte Junker Max in Dezems Ohr und schassierte grazis mit
galantem Beispiel voran.
    Die Junkermuhme, mit ihren roten Bckchen und schwarzen Lckchen unter
einem umfangreichen Blumenhut, mit den weien Zhnen hinter den lachenden
Lippen, dem smaragdgrnen Gewande und dem palmendurchwirkten Purpurschal stach
dem Dezem gar wohlgefllig in die Augen; aber wie der schne Junker es riet und
tat, seine Lippen auf das schneeweie Handschuhleder zu drcken, nein, solche
Verwegenheit kam dem bescheidenen Hirtensohne nicht in den Sinn. Er machte unter
der Tr einen Diener so tief, als sein stmmiges Rckgrat sich niederzwingen
lie, und da just die ersten Geladenen sich einstellten, schob er sich sacht in
den Ofenwinkel.
    Sidi oder, wie sie im Salon genannt wurde, Sidonie zog ihn aus diesem
hervor, um sich mit ihm an einem Seitentischchen zu etablieren. Und so war es
diesem zum Glck geborenen Johanniskinde beschieden, schon auf der Schwelle
seines zweiten Stufenjahres der Teilnahme an einem sthetischen Teezirkel
gewrdigt zu werden. Eine Ehre, die sich auf seinen spteren Lebensstufen nicht
wiederholen sollte, daher denn dem Helden im Salon ein ausgiebiges Kapitel
gewidmet werden soll.

Den ersten Geladenen folgten die anderen mit der Pnktlichkeit, welche an diesem
auerordentlichen Abend den Drang der Huldigung bedeutete: kunstsinnige Damen
ohne ihre weniger kunstsinnigen Ehegatten, gelehrte Herren ohne ihre weniger
gelehrten Ehegattinnen; die Creme des akademischen Genius; desgleichen etliche
ledige schngeistige Wesen beiderlei Geschlechts aus dem Laienstande. Mnniglich
wie weibiglich verbeugte sich mit nicht weniger feierlichem Ernst wie der
Hirtensohn von Werben vor der farbenprangenden Muse, welche die Magie der
Sixtinischen Kapelle umwitterte. Die Hausfrau bereitete den Tee; schweigend in
aschgrauem Kleid, weier Pelerine und spiegelglattem Haarscheitel ein Bild der
ernsten Wissenschaft neben dem der heiteren Kunst und, absichtlich oder nicht,
dessen Folie. Sie hatte sich, der geselligen Gewhnung der Verwandtin ihrer
Kinder tunlichst zu gengen, zu dieser lppischen Unterhaltung herbeigelassen,
in ihren Zgen aber stand geschrieben: Einmal und nicht wieder. Jederzeit von
bleicher Gesichtsfarbe, glich dieselbe heute der ihres Gewandes, das heit
nichts weniger als einer brutlichen; ihre Lippen waren fest geschlossen, die
Augen verfolgten den Sohn, und als dieser Miene machte, dem um den Teetisch sich
bildenden Zirkel sich einzureihen, verwies sie ihn mit einer eisigen Gebrde in
den Kinderwinkel.
    Soweit es einer Mutter von so strenger Gedankenzucht gestattet ist, einen
Liebling oder gar einen Verzug zu haben, das heit unwillkrlich und unbewut,
so weit, und leider schon viel zu weit, war es Brigitten von Hartenstein dieser
schne Knabe, der Erstling ihres Jugendglcks. Das Blut scho ihm daher bei
dieser unerlebten Demtigung in das Gesicht; trotzig schritt er nach der Tr;
ruhig ging die Mutter ihm nach und fhrte ihn, ohne ein Wort zu sagen, so wie
man ein unartiges Kind in die Ecke stellt, an das Pfeifertischchen.
    Junker Max schumte; eine Weile sa er stockstumm, an der Unterlippe nagend,
die Hnde whlend in dem lockigen Haar; die kleine Sidi streichelte ihm die
Backen, flsterte die zrtlichsten Schmeichelnamen in sein Ohr, machte nach dem
Teetisch hin eine Faust und lief dann, mit der Inspiration der Liebe, ihr noch
uneingeweihtes, goldgepretes Stammbuch herbeizuholen, auch Tinte und eine
feingeschnittene Krhenfeder, die sie dem Erzrnten mit einem aufmunternden Wink
in die Hand zwang. Und die Aufmunterung wirkte; das Selbstbewutsein besiegte
die Krnkung; es erwachte der Stolz, welcher dem Tertianer ziemt, wenn er sich
von Gottes und Rechts wegen als Primus in Prima fhlt und das Haupt einer
republikanischen Verschwrung ist. War dieses Konvivium hochgradigsten
Philistertums und allerverdrehtester alter Schrauben das Opfer der Unterhaltung
eines genialen Jnglings wert, eines Jnglings, welcher der Apollo des
Gymnasiums hie und nach welchem die holdesten Mdchen sich schmachtend die
Augen aus dem Kopfe sahen? Unsinn! Bldsinn! Abgeschmackt! Wert war das
Konvivium allein seines satirischen Kunstgeschicks, und was wahr ist, mu wahr
bleiben - das Album der kleinen Sidi ist der Nachwelt erhalten worden -, die
flchtigen Federskizzen, welche am Kindertischchen gleichsam aus dem rmel
geschttelt wurden, sie wrden dem ernsthaftesten der ernsthaften Herrn am
Teetisch ein Lcheln abgezwungen haben, vorausgesetzt, da er beim Blttern
nicht auf die Illustration seiner eigenen werten Person gestoen wre. Vor
diesem vierzehnjhrigen Karikaturisten lag eine Zukunft.
    Der arme Dezem freilich sa zwischen dem satirischen Gezischel und Gekritzel
hben und dem sthetischen Gesumme und Gebrumme drben wie ein verirrtes
Weidelamm. Zum ersten Male im Leben wrde er sich sterblich gelangweilt haben,
htte die Spannung nach dem groen Manne, welcher die Sternwarte regieren
sollte, sein Blut nicht in Wallung erhalten. Sooft die Tr sich auftat und ein
neuer Herr Doktor oder Herr Professor Frulein Thusnelden von Werben vorgestellt
wurde, fragte Dezimus seine kleine Gnnerin: Ist es der? Aber immer war es der
noch nicht.
    Der Tee hatte gezogen, die Hausfrau eine silberne Schelle ertnen lassen;
der letzte Stuhl im Kreise war besetzt, Dezems Hoffnung tief gesunken. Da - da
ffnete sich die Tr, und ein bleicher Jngling trat ein mit einer Miene, welche
Dezimus an die seines Kantors Beyfu erinnerte, wenn er als Leichenbitter
feierlich von Haus zu Hause wandelte. Auch der schwarze Leibrock, den er trug,
htte fglich Kantor Beyfuens Kleiderschrank entlehnt sein knnen; nur die
Handschuhe waren nicht ganz schwarz, sondern vermutlich einmal wei gewesen und
von einem Stoff, aus dem man Strmpfe macht.
    Da kommt er! rief Dezimus neubelebt.
    Schallendes Gelchter am Pfeifertisch! Unschuldiges Weidelamm, weit du denn
nicht einmal, was ein Lohnbedienter ist, der bei festlichen Gelegenheiten, an
Stelle der Kchin, das Teebrett umherreicht? Ach nein, du weit es nicht. In
deinem Pastorhause wird das Brett von den lieben Schwestern umhergereicht, und
du selbst bist schon manches mal mit dem Kuchenkrbchen hinterdrein geschritten.
Dein Herz wird immer schwerer, armer Dezem.
    Aber jetzt, jetzt! Noch einmal ffnet sich die Tr, und ein Herr tritt ein,
ein hoher, stattlicher Herr mit blhenden Wangen, aber, kurios! schon mit
schneeweiem Lockenhaar wie die selige Exzellenz; und auch wie eine Exzellenz
trgt er eine stolze Uniform, silbergeschnrt von silbergrauer Farbe,
Beinkleider, die blo bis zum Knie reichen, weiseidene Strmpfe und
Schnallenschuhe; nur keinen Sbel. Da ist er! jubelt Dezimus laut auf; und
wiederum schallendes Gelchter; selber am feierlichen Teetisch bricht eine
joviale Laune durch, als Frulein Thusnelda zu dem blhenden Herrn mit den
weien Locken, der ihr das Teegebck prsentiert, sagt: Bedanke dich bei meinem
kleinen Landsmann, Mattner; er hat dich fr einen Gelehrten gehalten. Dem
kleinen Landsmann fiel das Herz vor die Schuhe.
    Der Tee ist genommen; der Hausherr der Zukunft erhebt sich, um die gefeierte
Virtuosin an ihre Harfe zwischen der Hortensiengruppe zu fhren. Sie streift die
weien Handschuhe ab, die hinan bis zu dem radfrmigen, kurzen Bauschrmel
reichen. Die schnsten Frauenarme enthllen sich. ppig sind sie nicht, denn
Kunstbung zehrt; aber mehlig wei wie des blhenden Mattner Haupt. Sie stimmt
die Saiten, sie prludiert; kein Hauch geht durch den Salon, keine Regung; nur
die schwarzen Lckchen zittern unter dem Blumenhut: dann ein Lied sonder
Dichterwort noch Sangeslaut, aber zart, rein und glhend der tiefsten Seele
entstrmend, so wie Thusnelda von Werben, und nur sie, die Adelaide einst
gesungen hat, als sie jung und neu, eine Liebesbotschaft aus himmlischen
Sphren, die lauschende Welt mit Wonneschauern durchbebte. O du Hirtensohn aus
Bethlehem! Das Saitenspiel, das dich zum Knig weihte, es scheucht heute noch
wie vor Jahrtausenden die finsteren Dmonen aus dem Menschenhirn; was aber mehr
bedeuten will, es schmelzt die Rinde der Philisterherzen. Dein kleiner,
deutscher Hirtenbruder vergit die getrumten Sternenrohre; die weisen Leviten
drcken einander stumm die Hnde, und die Priesterinnen des Schnen weinen
berirdische Entzckungszhren. Das kleine, verwachsene Mdchen aber strzt sich
jauchzend der alten Knstlerin an die Brust, und ihr schner Bruder bermut
zerknittert sein gelungenstes Blatt, das die Unterschrift Harfenmuhme trgt.
Nur die Hausfrau hatte unbewegt gesessen, die Blicke geheftet auf ihren Sohn.
    Das Dankopfer entsprach dem Enthusiasmus des Eindrucks. Man hatte etwas
Vollendetes gehrt und, was mehr bedeuten will, etwas Ungewohntes. Aber die
vollendetste Piece fllt einen Teeabend nicht aus, und wer hat den Mut oder die
Demut, nach dieser Ersten der Zweite zu sein und nach dem Ungewohnten mit etwas
Gewohntem aufzuwarten? Kein Mann; nicht der musikbeflissenste der jungen
Doktoren, weder der vielbeliebte Cellospieler noch der allbeliebte
Balladensnger; ein Weib mute sie beschmen. Ein Frulein mit goldenen
Hngelocken lie sich nach schicklichem Struben an den Flgel fhren, kramte
eine Weile sinnend in dem mitgebrachten Notenvorrat und whlte darauf, sei es
nun in erweckter heiliger Erinnerung an den Reigentanz vor der Bundeslade, sei
es in der profaneren an die eigene leider entschwundene Reigenzeit, genug, das
Frulein whlte Webers Aufforderung zum Tanz; noch immer das beliebteste
Vortragsstck der Zeit und gemeinhin ein recht bewegliches Stck. Weil die Dame
aber in jenes Stadium getreten war, das zwischen denen des Vogels und Fisches im
weiblichen Erdenwallen die Mitte hlt, begann sie und beharrte ohne Abirrung in
dem feierlich mavollen Tempo, in welchem der Knig der Harfe unzweifelhaft
seinen Reigentanz vorgefhrt haben wird, oder in welchem heutigentages etwa ein
Grovater den Reigen mit der Gromutter erffnen wrde.
    Keiner von der Dame musikalischen Freunden hatte ihr bis heute eine
Beschleunigung dieses Tempos zugemutet; keiner, selber der rigoristische
Cellodoktor nicht, hatte es einer in heilige oder profane Erinnerungen
Verlorenen bemerkbarlich belgenommen, wenn bei schwierigen Touren ihr ein
kleiner unharmonischer Fehlgriff entschlpfte. Heute aber zuckten Finger und
Fe, wackelten Lckchen und Blmchen am sthetischen Teetisch, und am
satirischen Pfeifertisch wurden ganz ausverschmte Gesichter geschnitten. Bei
Gelegenheit einer kleinen Terz, die korrekter gegriffen eine groe gewesen wre,
kreischte die kleine Sidi laut auf: Au! und dann wechselte sie mit der
rmischen Grotante einen Blick und ein Kopfnicken, die eine weit nhere Wahlals
Blutsverwandtschaft bekundeten.
    Du spielst ja wohl auch, Kind? fragte Frulein Thusnelda zum Pfeifertisch
hinber, nachdem die stimmungsvolle Dame geendet und den Tribut der Hflichkeit
geerntet hatte.
    Gewi! antwortete Sidi dreist.
    So la einmal hren, Kleine.
    Die Mutter wollte es wehren, aber die Kleine hatte bereits Posto gefat auf
dem Kissen, mit welchem Bruder Max hurtig das Taburett vor dem Flgel erhht
hatte, und streckte die Hnde, die fr ihre Figur zwar unmig lang, immer
jedoch nur die eines zwlfjhrigen Mdchens waren, auf die Tasten.
    Was soll ich spielen? fragte sie nach der Tante gewendet.
    Was du zu knnen glaubst, Kleine.
    Die Kleine klappte das Notenheft zu, das vor ihr noch aufgeschlagen lag;
ihre Augen funkelten wie Koboldsaugen, und aus dem Kopfe statt aus dem
erinnerungsreichen Gemt schlugen die schlanken Finger das eben verklungene
Tonstck von neuem an, aber mit Posaunen und Jauchzen, im Tempo der Jugendlust
und ohne einen einzigen unharmonischen Ober-oder Untersatz. Die Weisesten der
Weisen trippelten mit den Fen wie auf ihrem ersten Studentenball, und dann
klatschten sie bravo mit aller Macht; nur die schnsten der erheiterten schnen
Seelen blinzelten ohne ein Fnkchen Schadenfreude zu der gedemtigten
Mitschwester hinber; die kleine Sidi aber warf sich in ihres Mxchens Arme; sie
hatte seine Krnkung gercht, den Pfeifertisch zu Ehren gebracht. Da sie mit
ihrem Triumph ber die zum Tanze herausfordernde Jungfrau sich ein Knstlerherz
verbunden und eine weittragende Aussicht fr ihr verkmmertes Dasein gewonnen
hatte, das ahnete die kleine Sidi in dieser Stunde freilich noch nicht. Nur die
Mutter hatte das dreiste Wettspiel nicht herausgehrt. Sie hegte keine
Reigenerinnerungen, und Musik war ihr gedankenstrendes Gerusch; ihre Blicke
hafteten an dem schnen Sohn.
    Der Muse, welcher ein gastlicher Sinn den Vorrang gegnnt hatte, war mit
diesem Bravourstck genuggetan; wennschon fr die weniger sinnlichen
Darbietungen, die ihm folgen sollten, statt der hpfenden Stimmung eine
elegische empfnglicher gemacht haben wrde.
    Denn zur Feier der fremden Knstlerin und zur zarten Mahnung an den Wert des
deutschen Vaterlandes, dem sie eingestandenermaen nach diesem letzten Besuche
und der Ordnung ihrer heimischen Angelegenheiten fr immer den Rcken zu kehren
gewillt war, hatte eine Kunstschwester auf verwandtem Gebiet und zugleich Witwe
eines grundgelehrten deutschen Mannes, sich bewogen gefhlt, von ihren
mannigfachen Reliquien die heimlichste und heiligste zum ersten Male zu
offenbaren: einen Brief, in welchem der grte deutsche Dichter mit seiner
eigenhndigen Unterschrift sein Beileid an ihrer Verwitwung beglaubigt hatte.
    Der groe Dichter war, wie der groe Gelehrte, wills Gott! ein Seliger
geworden; um beide vereint trug die edle deutsche Frau seit Jahren schon den
Trauerschleier; und hatte sie den einen von ihnen auch niemals mit leiblichen
Augen gesehen, fhlte sie sich geistig dennoch eine Doppelwitwe; denn sie selber
war eine Dichterin und nicht gering das huldigende Opfer, ein Wort, das der
grte Bruder im Apoll an den Schwestergenius gerichtet, mit einer blo
ausbenden Knstlerin zu teilen.
    Die Erffnung wrdig vorzubereiten, hatte ein befreundeter Doktor der
sthetik einen Vortrag ausgearbeitet, welcher in Betracht, da sein Hrerkreis
wenn nicht der Mehrzahl so doch der Hauptperson nach der schneren Hlfte des
Menschengeschlechtes angehrte, des Altmeisters bildenden Einflu auf diese
schnere Hlfte behandelte, und in welchem er diese Hlfte wieder in zwei
Hlften, fachgemer ausgedrckt: Kategorien - - -
    Aber - der Vortrag ist ja gedruckt und von Mit-und Nachwelt gebhrentlich
gewrdigt worden; wenn jedoch - denn das ist der Kasus, auf welchen es an dieser
Stelle lediglich ankommt, - wenn also der Held dieser Geschichte ihn nicht
gebhrentlich gewrdigt hat, so wird hoffentlich weder dem Vortrag noch dem
Helden ein Abbruch an ihrer Schtzung dadurch geschehen. Fragwrdig wrde im
Gegenteil erscheinen, ob es der Vortrag verdiente, gedruckt der Nachwelt
erhalten zu werden, wenn er auf besagten Helden einen anderen Eindruck gemacht
htte, als den er gemacht hat; und ebenso fragwrdig, ob der Held verdient
htte, dereinst biographisch behandelt zu werden, wenn er - auch abgesehen von
einer zweimeiligen Fuwanderung - einem Vortrag ber Goethes bildenden Einflu
auf das weibliche Geschlecht, mig und mucksmuschenstill sitzend, drei
Viertelstunden lang zugehrt htte, ohne - versteht sich nur in seinem zweiten
Stufenjahr! - die Wirkung zu erfahren, die er erfuhr.
    Der brave Dezimus, er reit die Augen auf und ghnt mit vorgehaltener Hand,
wie es dem Zgling einer einstmals grflichen Gouvernante ziemt; aber immer
schwerer nickt und immer tiefer sinkt sein dicker Kopf, jetzt hinunter bis zur
trkischen Weste, jetzt bis auf die Arme, die sich ber dem Pfeifertischchen
kreuzen. Ist er da? lallt er noch, dann fallen die Lider ihm zu, und er hrt
von der Beileidsbezeigung des groen Goethe und dem, was ihr vorangeht und
nachfolgt, kein Sterbenswort. Er schlft; er schlft wie ein junger Ratz; er hat
in seinem Leben noch nicht so fest - nein, das wre zuviel behauptet -, aber er
hat in seinem Leben nicht fester geschlafen.
    Dieser Hirtensohn bekundet einen hohen Grad frhreifer Urteilskraft!
bemerkte, keineswegs im Flsterton, Frulein Thusnelda gegen ihren Nachbar, den
anverlobten Hausherrn, und der anverlobte Hausherr seufzte zur Erwiderung:
Beneidenswerter Stand der Unschuld!
    Weiter kam er nicht; denn der sthetiker hatte eben das Heft zugeschlagen,
die Reliquie wurde aus dem Busen gezogen, und: Auf die Suppe folgt der Braten,
sagte Frulein Thusnelda.
    Das Diktat, welches nunmehr zum Vortrag gebracht wurde, enthielt nur wenige
schlichte Worte, wie ein Greis bei eines Greises Scheiden sie naturgem fhlt
und sagt; von einem anderen an eine andere gerichtet, wrde, in beruhigter
Gemtsstimmung, das Schreiben mit manchen hnlich lautenden von dem Kaminfeuer
verzehrt worden sein, dahingegen von einem Goethe diktiert und von eines Goethe
eigener Hand unterzeichnet, es alle Aus sicht hat, die schwungvollsten
Trauerkarmen und sogar das gelehrte Elaborat, zu welchem es den Impuls gegeben,
um unberechenbare Generationen zu berdauern, ja einem edlen Weine gleich, mit
jedem Lagerjahre an Wert zu steigen. Wie fhlte heute schon die glckliche
Eignerin, trotz ihres Witwenunglcks, sich beneidet! wie phantasievoll
ergrndete sie aber auch die geheimnisvolle Tiefe jeglichen Bindeworts, sprte
unter dem gelassenen Redesatz den klopfen den Jugendpuls, schpfte, ohne ihn zu
erschpfen, aus dem Born einer gttlichen Zeugungskraft.
    Der Drang nach einem weihevollen Abschlu des Seelenschmauses, bevor das
kalte Abendbrot gereicht ward, ist unberwindlich; die edle Witwe erhebt sich;
sie war nicht nur eine Dichterin, sie war in gehobenen Momenten es auch aus dem
Stegreife. Die Gesellschaft erwartete eine Improvisation. Die Dichterin wagt an
ihre musikalische Kunstschwester die Bitte um leise Harfenbegleitung; die
Kunstschwester aber schttelt schnde die schwarzen Lckchen unter dem weien
Blumenhut, worauf hin wiederum die Dichterin wehmutsvoll die weien Locken unter
dem schwarzen Schleiertuch schttelt und mit in die Hhe geschlagenem Blick,
einer Seherin gleich, die himmlische Eingebung erwartet, als - - als die Tr
sich auftut und - ja, das Glck kommt nicht blo Mrchenprinzen im Schlaf! - und
Er erscheint, Er ist da!
    So gering auf einer mittleren Universitt die Hrerzahl eines Astronomen
auch nur sein kann, so gab es auf der unseren jener Zeit nicht blo keinen
gefeierteren, sondern auch keinen populreren Lehrer als den alten Herrn mit dem
sokratischen Satyrkopf und dem sokratischen Menschenherzen, und nicht Frau von
Hartenstein allein strich den Tag, an welchem er ihr Haus zu flchtiger Einkehr
beehrte, rot im Kalender an. Heute scheuchte seine Begrung zum ersten Male die
Sorgenwolken von ihrer Stirn, wenngleich er auch heute leider nur als Meteor am
sthetischen Firmament auftauchen sollte; denn am wissenschaftlichen Firmament
hatte sich eine totale Mondfinsternis angekndigt, und der Umgang mit groen und
kleinen Himmelsregenten erzieht nun einmal eine Hflingsschule.
    Indessen, setzte er hinzu, indem er Frulein von Werben, als einer alten
Bekanntin, die Hand drckte, lie es mir doch keine Ruhe, Sie, Verehrteste,
noch einmal zu sehen und, wenn es sein kann, zu hren. Denn es bleibt bei Ihrem
Wort: unser beider Knste sind Schwestern, und welche von ihnen die ltere ist,
ob die erste Harfe, welche ein Thebaner gestimmt, oder die erste Mondfinsternis,
welche ein Chalder beobachtet hat, diesen zweifelhaften Vorrang wollen wir uns
gegenseitig nicht streitig machen. Und darum, edle Thebanerin, rhren Sie Ihr
Saitenspiel zu einer Weise, nach welcher der alte Chalder fr den Rest seiner
Nchte die himmlischen Leuchten harmonisch wandeln sehen wird.
    In der nchsten Minute sa Frulein von Werben zwischen der Hortensiengruppe
hinter ihrer goldumrahmten Pedalharfe, vielleicht der klangvollsten und
kostbarsten, welche Erards Meisterhand konstruiert hat. Whrend sie stimmte,
sagte der Professor nachdenklich: Seit ich Sie zum ersten Male hrte, es war in
der Dresdener Hofkirche, und lange, lange ist es ja her, ich war fast noch ein
Knabe, und Sie, Sie sangen damals noch - Thusnelda mit der Seraphsstimme! wissen
Sie wohl? -, seitdem nun hat mir in mancher stillen Sternennacht eine alte
italienische Hymne vor den Ohren gesummt, ja ich darf sagen, wie Sphrenrhythmus
das Herz sehnschtig geschwellt. In Wirklichkeit habe ich die Melodie niemals
wieder vernommen. Es wre ein Wunder, wenn Sie sich ihrer noch erinnerten.
    Das Wunder knnte sich begeben haben, versetzte das Frulein. Aber sagen
Sie, Professor, warum tragen Sie nicht wie ich eine Percke? Das Organ der
Galanterie liegt Ihnen bedenklich blo. Die Harmonie der Sphren sollen Sie
brigens noch einmal klingen hren, wenn auch nur mittelst eines Notbehelfs. Die
Finger sind mir, gottlob! noch nicht lahm geworden.
    Die Zunge auch nicht, versetzte der Professor, und beide lachten.
    Dann griff die Knstlerin in die Saiten zu einer jener kindlich hehren,
friedvollen Palestrinischen Weisen, die man in Deutschland dazumal auerhalb der
Dresdener Hofkirche nur selten hrte, welche die Dame aber mit solcher
Virtuositt, auch des Gemtes, modulierte, da der alte Chalder durch den
Notbehelf der Saiten sich gar wohl in der Jugend goldene Sangestage versetzt
fhlen durfte und eine edle Dichterin nur mit bermenschlicher Anstrengung die
zustrmenden Gesichte im Herzensgrunde zu stauen vermochte.
    Nun aber Gefallen fr Gefallen, Freund, sagte Frulein Thusnelda, nachdem
sie auf ihren Divanplatz zurckgekehrt war. Hat die Kunst meiner alten Finger
den Weisen auf eine Viertelstunde wieder jung gemacht, soll seine alte Weisheit
einen Jungen auf ein paar Jahrgnge lter machen.
    Und sie erzhlte darauf das Sternenabenteuer ihres Werbenschen Schferbuben
mit so knapper Anschaulichkeit, wob mit so anmutigem Humor sein Dezemsschicksal
ein, da die Gesellschaft dem Vortrag der gewandten, alten Scheherezade lauschte
wie zuvor dem der gewandten, alten Harfenknigin. Ja, das Glck kommt im Schlaf.
Glckseliges Johanniskind, in dieser Schlummerstunde wurdest du zum Romanhelden
inauguriert!
    Fast tut es mir leid, Ihren kleinen Trumer ernchtern zu mssen,
versetzte der Professor. Wenn er aber ein Rechter ist, wrde trotz allem und
allem es eines Tages doch geschehen mssen. So frh als mglich demnach die
Probe. Wach auf, mein Sohn, wach auf!
    Dezem, wach auf! rief die kleine Sidi, indem sie den Schlfer an den
Schultern schttelte.
    Dezem fuhr in die Hhe und rieb sich die Augen. Er wute nicht, wie ihm
geschah. Eben hatte er in dunkler Bodenkammer von seinem Rschen getrumt, und
nun sa er in strahlendem Kerzenlicht, und eine vornehme Gesellschaft stand
lachend um ihn her. Er wurde wie mit Scharlach bergossen und htte vor Scham in
die Erde kriechen mgen. Komm, kleiner Kollege, sagte der Professor, ihn bei
der Hand fassend. Die Sterne haben nicht warten gelernt.
    Gestatten der Herr Professor, da ich mich anschliee? fragte Junker Max.
    Der Professor wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit der Mutter und
ihrem auserkorenen Gemahl.
    Besser den Mond sich verfinstern sehen als sich einem Sonnenstich
aussetzen, uerte Frulein Thusnelda, worauf die Mutter denn in strengem Ton
entschied:
    
    So geh! Da du aber, sobald der Herr Professor dich entlt, ungesumt auf
geradem Wege nach Hause kommst. Und du mit ihm, Dezimus, hrst du? Ich verlasse
mich auf dich.
    Dezimus sagte: Ja! Junker Max war wei geworden wie eine Wand.
    Sie gingen.

Der Weg zum Observatorium war ziemlich weit. Als sie in ein dunkles Quergchen
der an dunklen Quergchen uerst reichen Stadt bogen, raunte der Junker in
Dezems Ohr: Wir sind verraten, ich mu sie warnen! und bat darauf mit
ausgesuchter Hflichkeit den Herrn Professor, wegen pltzlichen Schwindels nur
zu einem Trunk Wasser in ein Haus treten zu drfen, ber dessen offnem Torweg
eine schwchliche llampe das Zeichen Zur goldenen Sonne erkennen lie.
    Der alte Herr schttelte den Kopf; ehe er aber noch seiner Weigerung in
Worten Ausdruck geben konnte, wurde er von einem anderen berholt, mit dem er
stumm einen Hndedruck wechselte und der alsobald hinter der verglimmenden Sonne
verschwand.
    Unser Rektor! zischelte Max, indem er sich zitternd an Dezems Arm
klammerte.
    Er sprach kein Wort whrend des Weges; auch der alte Chalder schien den
Schwindelanfall fr abgetan anzusehn; er wendete sich mit seinen Fragen
ausschlielich dem kleinen Sternenfreunde zu, und dieser offenbarte zutraulich
alle Heimlichkeiten, die er seinen himmlischen Lieblingen abgelauscht. Als
darauf jedoch der alte Chalder ihm das heutige Phnomen leichtfalich erklrt
hatte, da schwieg freilich auch er; aber die hohen Lieblinge blickten in ein
ernsthaftes Kindergesicht, das eine Weihe empfangen hatte.
    Du wirst, sagte der Professor, nichts anderes als einen Schatten ber die
Mondscheibe ziehen sehen, wie du schon manches Mal eine Wolke darber ziehen
sahst. Auch wirst du die Sternbilder, die du mit bloen Augen wahrnimmst, nicht,
wie du vermutest, in Mondes- oder gar Sonnengre schauen, und die, welche dir
erst das Fernrohr deutlich macht, werden dir nur als schwache Fnkchen leuchten.
Das darf dich aber nicht beirren, mein Sohn. Nichts, was wir hienieden schauen
knnen, ist so gro, als wir es uns denken, und nichts, was wir erreichen
knnen, so vollstndig, als wir es erstreben. Weil du nun aber nunmehr weit,
da es der Schatten deiner Erde ist, welcher dir, seit Jahrhunderten voraus
berechenbar, ihren Trabanten ein paar Minuten lang verhllte, und weil du weit,
da die kleinen Himmelslichter, welche es dir angetan haben, Welten sind wie
die, welche du bewohnst, und da es millionenmal mehr und millionenmal fernere
Welten gibt als die, welche du selbst mit den schrfsten menschlichen Werkzeugen
zu erkennen vermagst, darum wird es dir keine Ruhe lassen, ihr gesetzmige
Bahn, soweit deine Krfte reichen, zu erforschen, und es wrde mich freuen, wenn
ich dir bei dieser Forschung dereinst lnger als heute ein Fhrer sein drfte.
    Und es geschah, wie der weise Chalder vorausgesagt. Der sinnliche Eindruck,
welchen Dezimus durch das groe Rohr empfing, blieb weit hinter seinen
Erwartungen zurck, und der des Gemts war nicht so erhebend wie der des
Allnachtshimmels ohne die rumliche Beschrnkung durch ein Instrument. Das aber,
was als Gedanke schon in dem Kinde geglommen, hatte einen Sporn erhalten, der
seinem Mannesstreben die Richtung gab.
    Das erste Morgengrau dmmerte, als sie die Sternwarte verlieen, welche -
auch eine Enttuschung fr den Hirtensohn - nichts weniger als einem hehren
Tempelbau glich. Der unglckliche junge Verschwrer hatte whrend der langen
Beobachtungsstunden wie auf Kohlen gestanden und an keinen anderen Erdschatten
gedacht als den, welcher den Werdetag verfinsterte. Nachdem der Professor die
Knaben in dem Garten, der das Observatorium umgab, verlassen hatte, um nach
seiner Wohnung abzubiegen, rief Max mit bebender Stimme:
    Ich mu fort, auf der Stelle! Was hlfe es, wenn sie mich auch noch faten!
Gib Sidi heimlich dies Blatt. Gottlob! da ich es unbemerkt kritzeln konnte.
Sonst gegen keinen Menschen ein Wort. Adieu!
    Nein, Herr Max, entgegnete Dezimus, indem er ihm den Weg vertrat. Sie
mssen mit mir nach Hause gehen. Wir haben es Ihrer Frau Mutter versprochen und
dem Herrn Sternenprofessor auch.
    Aber, Junge, schrie Max auer sich, bist du denn gar zu dumm? Begreifst
du denn nicht, um was es sich handelt? Sie haben die Statuten, sie haben die
Mitverschworenen. Ich bin das Haupt: ein grliches Exempel wird statuiert
werden. Lebenslngliches Zuchthaus, ein Todesurteil - -
    Ach bewahre! trstete Dezimus. Das lt ja der Herr Professor, Ihr
zweiter Vater, gar nicht zu. Kommen Sie nur, kommen Sie!
    Er wollte ihn fortziehen, jener sich losreien. Sie rangen miteinander in
der stillen, noch nchtigen Gartenallee. Dezimus war der strkere, Max der
gewandtere; der Sieg zweifelhaft. Da - da, wie ein lauerndes Gespenst aus dem
Boden geschossen - stand pltzlich der zweite Vater zwischen ihnen, packte, ohne
einen Laut von sich zu geben, den zuknftigen Sohn am Arm und schleppte ihn
stracks nach Hause.
    Als der Dezem nun still hinter den beiden herschlenderte, waren Sonne, Mond
und Sterne fr ihn am Himmel ausgelscht. Denn wie Schuppen war es ihm von den
Augen gefallen und wie ein Zentner auf sein Herz. Hatte er den schlimmen
Streich, den er einem anderen gewehrt, nicht ausgefhrt? War er nicht heimlich
in die Welt hinausgelaufen? Wrde seine liebe Mutter nicht in Angst um ihn
vergehen und sein gtiger zweiter Vater zum ersten Male ein grliches Exempel
an ihm statuieren? Ach, der ruchlose Bsewicht, der er war! Und alles um eines
Werdetags willen, gerade so wie Junker Max! Bittere Reuetrnen strmten ber
seine Backen. Er wollte nur bei Frau von Hartenstein seinen Kittel wieder
anziehen, dann in einem Atem heimlaufen und, wie der verlorene Sohn, fufllig
fr seine Schandtat um Vergebung flehen.
    Als er aber das Haus erreichte, in welchem die sthetische Versammlung sich
seit Stunden aufgelst hatte, stie er unter der Tr auf die alte Gutsdame, die,
nach einer langen vertraulichen Besprechung mit ihrer Verwandtin, im Begriffe
war, in ihr Hotel zurckzukehren.
    Du bleibst, Junge! sagte sie lachend. Ich bringe dich morgen selbst nach
Werben und bernehme die Verantwortung bei deinen Eltern.
    Was sollte Dezem tun? Er blieb, legte sich aufs Ohr und schlief; der
ruchlose Bsewicht, er schlief, als htte er das allerfriedlichste Gewissen zu
seinem Schlummerpfhl. Als er aber endlich gegen Mittag durch die kleine Sidi
mit Gewalt aus den Federn, in die Kleider und zur Besinnung gebracht worden war,
da htte an schwindelhaftem Erfolg binnen vierundzwanzig Stunden sich wohl nicht
leicht ein Abenteurer mit ihm messen knnen.
    Ausgerckt im Bauernkittel auf dem Butterfa des Leiterkarrens, kehrte er
heim im Junkerhabit auf hohem Kutscherthron, neben dem schmetternden Postillion,
der ein Viergespann lenkte; rollte im Fluge die Strae entlang, auf der er
gestern im Schweie seines Angesichts getrabt war. Im hinteren Kabriolett hatte,
von seinem Ehrenplatze durch ihn verdrngt, der Diener mit den blhenden Wangen
und dem schneeweien Lockenhaar sich mimtig eingeschichtet zwischen die
ltliche Kammerdame und einen Berg von Schachteln und Koffern. Im Fond der
wappenprangenden Reisekarosse sa die Gutsherrin mit Junker Max; auf dem
Rcksitz ruhte eingekapselt die goldene Harfe, der Knstlerin zweites Ich, das
sie eiferschtig mit den Augen htete. So glorreich sollte der Einzug in Werben
gehalten werden! Und dazu im Arm die duftende Gardenia und im Herzen die
Erinnerung an das groe Rohr und den weisen Chalder!
    Was im Inneren des Wappenwagens verhandelt wurde, drang natrlich nicht zu
Dezems Ohr. Da es ein hochnotpeinliches Strafgericht sein knne, befrchtete er
keineswegs, war im Gegenteil heute mehr noch als gestern geneigt, den
jugendlichen Verschwrer als Helden zu bewundern, da beim Einsteigen sein
schnes Gesicht vor Glckseligkeit gestrahlt hatte und er keinen Gedanken an
seine nchtlichen ngste und ihren beiderseitigen Ringkampf bewahrt zu haben
schien. Die kleine Sidi hatte sich zwar mit Trnen aus seinen Armen gewunden,
aber es waren Trnen, welche ein Schimmer froher Erwartung durchleuchtete.
    Als in der Stadt, wo Dezimus gestern die Gardenia vergeblich gesucht hatte,
die Pferde gewechselt wurden, langte aus entgegengesetzter Richtung die
Personenpost eben an. Mehrere Passagiere stiegen aus; unter ihnen ein ltlicher
Herr, der sich seine Peife an der des Schirrmeisters anzndete. Der Vater!
jubelte Dezimus auf, sprang mit einem Satze vom Bock und hielt die seltene Blume
wie im Triumph in die Hhe.
    Mein guter Sohn! sagte Pastor Blmel gerhrt. Mir zuliebe hast du diesen
weiten Weg gemacht!
    Dezimus stand wie angedonnert mit niedergeschlagenen Augen:
    Ach nein, Vater, sagte er kleinlaut darauf, ich habe es den Sternen
zuliebe getan.
    Bevor der Vater das Rtsel zu lsen vermochte, beugte sich zwischen den
Spiegelscheiben des Wappenwagens ein blumengeschmcktes Lockenhaupt hervor, und
eine glockenhelle Stimme rief:
    Dieses redliche Hirtenblut wollen wir zu Ihrem Nachfolger heranziehen, Herr
Pastor. Ich heie Thusnelda von Werben.
    Vater Blmel hegte ein zu gutes Vertrauen in seines Dezem rstigen Krper
und ruhigen Kopf, als da er gestern abend die Nachricht von der ausgedehnten
Blumenexpedition mit irgendwelcher Sorge aufgenommen htte; seine sonst so
starkmtige Hanna dahingegen sah ihr verirrtes Lamm dem Wolf in den Rachen
rennen und im allerglcklichsten Fall vom Gendarm auf dem Schub in seine Hrde
zurcktransportiert. Nach einer ruhelosen Nacht erklrte sie rund heraus:
    Du, Konstantin, oder ich! und so machte ihr Konstantin sich denn auf die
Suche des verirrten Lamms und - der bedrohten Gardenia.
    Wie er nun aber halben Wegs beiden im erwnschtesten Wohlbefinden begegnete,
durch eine fabelhafte Verkettung obendrein unter Schutz und Geleit der Patronin,
die jemals mit Augen zu sehen er nicht zu hoffen gewagt hatte, da sprte er eine
Anwandlung von seiner Hanna Glauben an die Himmelsgunst eines Johanniskindes,
und mit herzlicher Freude nahm er der Dame Einladung zur Heimkehr in ihrer
Gesellschaft an.
    Ein Platzwechsel wurde dadurch erforderlich. Junker Max bestieg zu seiner
innerlichsten Befriedigung den Thron des Postillions, tauschte sich gegen ein
Biergeld die Fhrung der Leinen ein und lenkte, ohne einen Rest von
Verschwrerlaune, zum ersten Male einen Wappenwagen viere lang vom Bock. Dezimus
wurde in das Innere des Wagens aufgenommen und mute zusehen, wie er sich auf
einer Kante neben dem Harfenpedal einrichtete. Da jedoch wiederholtes
Herunterrutschen das Zwiegesprch der beiden Wrdentrger strte, kauerte er
sich auf den Wagenboden nieder und hat mit dem Prickeln seiner einschlafenden
Gliedmaen die Ehre, einer gefeierten Knstlerin zu Fen zu sitzen, ganz gewi
nicht zu teuer erkauft.
    Da die Gutsdame nur einen einzigen Tag zur Kenntnisnahme des Besitztums, das
ihr seit lnger als einem halben Jahrhundert ein fremdes geworden war, bestimmt
und die Absicht hatte, dem vormaligen Werbenschen Erbpchter Mehlborn einen
Besuch abzustatten, ersparte sie sich einen zeitraubenden Bogen, indem sie,
statt der Landstrae, einen Seitenweg auf dem jenseitigen Ufer einschlagen lie.
Die Begegnung ihres Pfarrers, mit dem sie mancherlei Geschftliches abzusprechen
hatte, kam auch ihr erwnscht, und bald war sie mit ihm im Gleise der
Vertraulichkeit.
    Man braucht, hob sie an, indem sie ihm freundlich die Hand reichte, mit
einem Menschen keineswegs einen Scheffel Salz zu essen, um ihm in das Herz sehen
zu lernen. Ichziehe, wie bei anderen Naturansichten, einen bedeutenden
Totaleindruck einer Menge kleiner Lokaleindrcke vor, und die Bekanntschaft mit
Ihrem Dezem gab mir solch ein Gesamtbild Ihres Wesens. Im brigen hat mein
Schwager, der General, es auch an kleinen Einzelnbildern nicht fehlen lassen, so
da ich bei Ihnen und den Ihren hinlnglich zu Hause bin. Sie mssen nmlich
wissen, Herr Pastor, da die feindliche Verschwgerung zu guter Letzt in einen
intimen Freundschaftsbund umgeschlagen war und da an einem noch intimeren
Bndnis, wie selbiges durch einen Paragraphen Ihres Landrechts erlutert wird,
nichts weiter fehlte, als da das Bedrfnis der Untersttzung nicht ein
gegenseitiges war. Zu meinem Glck, da ich sonst statt dieses Blumenhutes eine
Witwenhaube tragen wrde.
    Die Dame plauderte diese und alle folgenden Vertraulichkeiten so unbefangen
aus, als ob nicht ein Kind derselben Zeuge gewesen wre. Mglich, da sie
meinte, der unschuldige Dorfjunge verstehe sie noch weniger, als er, wo sie hier
und dort in seinen Gedankenkram paten, sie wirklich verstand. Im brigen gibt
es fr geniale Leute ja keine Indiskretionen.
    Die Rede kam demnchst auf Frau von Hartenstein, und keine Neuigkeit htte
den alten Lehrer mehr berraschen knnen als die von ihrer bevorstehenden
Wiederverheiratung; und kaum eine bnglicher berhren als die von ihr getroffene
Wahl.
    Kennen Sie Zacharias? fragte Frulein Thusnelda.
    Nur aus Bruchstcken seiner kritischen Exegese, antwortete der Pastor
seufzend. Der Mann ist stark im Zerstren! Wie erklren Sie, gndiges Frulein,
diese so schwer begreifliche Wahl?
    Ei nun, sehr natrlich aus dem bereits angezogenen Paragraphen von der
wechselseitigen Untersttzung. Brigittens Mittel sind nahezu erschpft; ihr
Ehrgeiz ist es aber keineswegs. Jener Trieb zum Zerstren, wie Sie ihn nennen,
ein Trieb, zu welchem brigens gemeinhin mehr Mut als Geist gehrt, also ein
Charakter und kein Genie, hat dem Mann einen Namen und glnzende
buchhndlerische Honorare eingetragen, ohne ihm bis dato seinen Lehrstuhl zu
kosten. So hilft der Mann ihr aus der Not. Er seinerseits ist klug genug, zu
wissen, da auch im geistigen Zerstren nicht leicht Ma zu halten ist. Ein
Stck brckelt dem anderen nach. Das Publikum aber liebt allerorten ein
Mittelma. Hand und Fu, die Nase, der ganze Kopf sogar mag einer Autoritt
abgeschlagen werden: ein Torso soll stehen bleiben; Fenster und Tren aus einem
Tempel gerissen, das Dach abgedeckt: die Ruine wird um so ehrwrdiger, und am
Ende lt sich noch eine Windmhle auf ihren Grundmauern errichten. Der Tag
knnte also kommen, an welchem scharfsinnige Negationen weniger glnzende
Honorare eintragen wrden; abgesehen davon, da, ber kurz oder lang, der
nmliche Umschlag, von welchem mein Neffe, der Propst, die Rckkehr zur Kanzel
erhofft, meinen Quasineffen in spe, den Professor, von dem Katheder ntigen
drfte. Und leiblicher Hunger tte dann weh. In dieser eines weisen Mannes
wrdigen Frsicht gewhren die Mehlkammern eines reichen Schwiegervaters die
trstlichste Perspektive. So sorgt der Mann fr die Zukunft, die Frau fr die
Gegenwart, und da im brigen Mann und Frau ungefhr in gleichem Mae aus den
gleichen Stoffen zusammengesetzt sind, darum auch die gleichen Bedrfnisse
haben, ist eine harmonische Ehe zu prognostizieren.
    Aber auch ein gedeihliches Elternhaus? wendete Pastor Blmel ein.
    Das just um so weniger, versetzte die alte Dame. Die Familie gedeiht nur
in gemischten Elementen, und Kinder badet man nicht in Spiritus. Zumal diese
Hartensteinschen Kinder, die, vielseitig begabt, schon jetzt einseitig
entwickelt sind. Beide lieben nur sich, das heit auch sich untereinander; zur
Mutter haben sie keinen Zug, und den auserkorenen neuen Papa hassen sie
schlechthin. Derlei Stiefverhltnisse knnen berhaupt nur durch frhe Gewhnung
oder durch die Vernunft ertrglich gemacht werden. Fr die erste sind die Kinder
zu alt, fr die letzte zu jung. Beiden Teilen wird es daher einen verdrielichen
bergang ersparen, wenn ich die Tochter, bis zu einem reiferen Stadium, mit mir
nach Rom nehme. Ich vermeide im allgemeinen unschne Umgebungen; da das kleine
Anhngsel aber gescheut und fr die Musik ungemein talentiert ist, denke ich es
mit ihm aushalten zu knnen. Schade, da sie zur Harfe nicht die Figur hat; von
einer Gesangstimme kann bei solchem Brustkasten berhaupt nicht die Rede sein.
Aber sie empfindet die Kunst, und die Kunst wird sie fr manche versagte
Empfindungen schadlos halten mssen. Notabene: fr unfreiwillige Versagungen;
denn freiwillig sind solche der hchste Triumph, den wir Frauen feiern knnen.
    Aspasia! sagte der Pastor lchelnd, und Frulein Thusnelda nickte ihm
befriedigt zu.
    Fr die Tochter wre somit zunchst gesorgt, fuhr sie darauf fort.
Problematischer steht es um den Sohn. Sein Grovater war der schnste Mann, den
meine Augen geschaut, und der Enkel gleicht ihm. Sehen Sie doch, mit welcher
Grazie er drauen die Zgel fhrt. Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schn!
Knnte ein Knstler ihn nicht zum Vorwurf eines jungen Sonnengottes nehmen? Und
wie die Glieder, so der Intellekt. Er lernt spielend, sagen seine Lehrer, hat
Gabe zu allem, Lust zu vielem, Ausdauer zu nichts. Aus diesen Faktoren bilden
sich die Tagediebe, die als Genies ein Monopol nicht blo der Freiheit, sondern
Frechheit zu haben glauben, zumal auf fettem Boden. Stellen Sie sich vor, der
Bengel hat gestern abend eine Teegesellschaft seiner Frau Mama - ehrenwerte
Philister und langweilige schne Seelen einer deutschen Provinzialstadt! - mit
ein paar Federskizzen hingeworfen, da sie in einem Witzblatt, wenn Ihr eines
beset, Parade machen knnte. Hier eine Probe: Die Harfenmuhme!
    Frulein Thusnelda zeigte das abgerissene Blatt, auf dessen Rckseite Max in
seiner gestrigen desparaten Stimmung die Abschiedsworte an seine Schwester
gekritzelt, und welche der lauernde zweite Vater ihm entwunden hatte. Pastor
Blmel schttelte seufzend das Haupt, und seine Patronin fuhr fort:
    Und stellen Sie sich weiterhin vor, da am nmlichen gestrigen Abend eine
republikanische Verschwrung entdeckt und aufgehoben worden ist, deren Obmann
dieser kunstfertige Tertianer war. Mich wundert nur, da er nicht alsobald zur
Organisation einer Ruberbande  la Karl Moor vorgeschritten ist. Kleine
Gernegroe! Ein Auswuchs Ihrer allerliebsten Staatsmaximen!
    Pastor Blmel stie einen tiefen Seufzer aus und schlug die Augen zu Boden,
als ob er selber ein verantwortlicher Teilhaber dieser Staatsmaximen gewesen
wre. Htte es sich in seiner Patronin Wappenwagen geschickt, wrde er seine
Pfeife angezndet haben, so schmerzlich verworren war seine Gedankenarbeit.
    Fr die Zukunft eine heilsame Lehre, - falls sie verstanden wird! sagte
die Dame leichthin. Seis darum. Hngen wird man die dummen Jungen natrlich
nicht; man steckt sie stillschweigend irgendwo unter. Was aber den Huptling
anbelangt, so ist seine Mama der Verlegenheit berhoben, den Witwenstuhl
verrcken zu mssen in Gegenwart eines Zeugen, der ein Karikaturblatt von der
Weiheszene entwerfen wrde. Was aber bis auf weiteres anfangen mit dem
Tausendsasa? Ich, fr meine Person, habe keinerzeit den Trieb zur Grachenmutter
in mir gesprt, und der Tropfen Werbenschen Blutes, der in des Burschen Adern
noch fliet, kann mir die Verpflichtung nicht auflegen, die Rolle in alten Tagen
zu forcieren. Bliebe also der Grovater Mehlborn, dem ich en passant nicht allzu
gelinde auf den Zahn fhlen werde. Unter allen Umstnden besitzt er den nervus
rerum, auf welchen es in der Zukunft ankommen wird, und zugegeben mu ja auch
werden, da der Dreschflegel ein probates Korrektiv gegen Verschwrerlaunen ist,
nur nicht gegen solche eines Bluts von vierzehn Jahren. Wer soll zunchst dem
tollen Fllen die Halfter ber den Kopf werfen? Ich frage Sie, Freund, Sie sind
ja halb und halb Pdagog, was sollen wir mit dem Irrwisch anfangen?
    Bis dahin hatte Dezimus, wenn auch mit immer steigender Entrstung, an sich
gehalten. Nun jedoch ertrug er es nicht lnger, den schnen jungen Herrn so
schmhlich verlstert, ihn wohl gar mit des bsen Amtmanns Dreschflegel bedroht
zu sehen. Er hatte gestern, um des vierten Gebotes willen, mit ihm gerungen, er,
der doch weit schnder gegen dieses Gebot gefrevelt hatte. Ihm aber war wegen
des groen Rohres kein bses Wort gesagt worden, und jener wurde blo wegen der
Republik behandelt wie der verlorene Sohn. Seit die vornehme Dame ihn einen
jungen Sonnengott genannt hatte, leuchtete er Dezimus nun vollends vor wie der
alleredelste Held.
    Er will unter die Kunstreiter gehen! platzte er daher heraus mit dem
Stolze der reinsten Bewunderung.
    Die alte Dame lachte hellauf. Bravo! rief sie in die Hnde klatschend,
bravissimo! da man doch niemals an der Mutter Natur verzweifeln soll! Lassen
wir ihn laufen, lassen wir ihn reiten, wenn er sich wundgeritten hat, wird er zu
Kreuze kriechen, und hngt der Brotkorb ihm dann nur ein wenig hoch, kann aus
dem unbrtigen Karikaturenzeichner noch etwas Rechtschaffenes zustande gebracht
werden.
    Ein gewagtes Experiment! versetzte Pastor Blmel so traurig, als die Dame
lustig schien.
    Wissen Sie eine wirksamere Zucht als die der Not?
    Solange die Liebe nicht erschpft ist, gewi.
    Wollen Sie ihn etwa in Ihrem Tchtergarten schulen? Ich meine es im Ernst,
Freund, im allerernsthaftesten Ernst. Versuchen Sie es mit dem jungen Wicht.
    Mir bleiben, entgegnete Pastor Blmel nach einer Pause, Kraft und Zeit
nur allenfalls fr einen Schler, meinen Pflegesohn, und der ist ein Anfnger,
ein Lehrling auf Probe. Bestnde er diese, drfte ich auch fr seine hhere
Ausbildung Kenntnisse und Methode mir nicht mehr zutrauen; schon jetzt werde ich
fr die Anfangsgrnde der Mathematik mich leider nach einer Aushlfe umtun
mssen. Nicht als einen Schler kann ich daher Ihren jungen Verwandten in die
Obhut meines Hauses nehmen, wollen Sie ihm denselben als Gast fr eine
bergangszeit anvertrauen, wird er darin herzlich willkommen und, so Gottwill!
wohlgeborgen sein.
    Probieren wirs denn zunchst einmal in der Klosterschule des frommen Herrn
Ohm, wohl mglich, da sie die Wirkung der Reitschule wettmacht, versetzte die
Patronin, fhrte ihr Projekt aber nicht weiter aus, da man in der Nhe des
Talgutes angekommen war. Sie beugte sich aus dem Wagenfenster. Dort oben Ihre
Pfarre! rief sie, und hier die Kirche! Ich bin in ihr getauft worden, -
eingesegnet, - und wenn ich zum letzten Male meinen Einzug in ihr halten werde,
- machen Sie es dann gndig, Freund, mit dem alten, harfespielenden Heidenkind.
    Die Lippen lachten bei den Worten, ber den Augen aber lag ein feuchter
Nebel, wie er wohl nicht hufig deren Funkelblick verschleiert haben mochte.
Gleich darauf jedoch sagte sie in ihrem gewohnten kecken Ton: Ich bin auf dem
Schlosse nicht angemeldet, und meine Nerven haben auch in Rom den Heiligenduft
nicht vertragen lernen. Wrde Ihre Hausfrau, Freund, mich und meine Harfe zur
Nacht beherbergen wollen? Max und die Diener mgen sehen, wie sie auf dem
Schlosse unterkommen.
    Pastor Blmel drckte ihr erkenntlich fr diesen Vorzug die Hand, hie den
Wagen halten und Dezimus aussteigen. Er sollte zu Fu heimkehren, der Mutter den
werten Gast anmelden, die Gardenia sorgfltig mit Wasser bespritzen, aber, wie
er ihm noch besonders einschrfte, von dem, was er im Wagen vernommen, kein Wort
gegen irgendeinen Menschen verlauten lassen. Mit dieser Vorschrift zog Dezimus
ab.
    Die alte Dame lachte belustigt ber die frhe Erziehung zur
Beichtheimlichkeit. Der Junge sieht danach aus, als htte er auch ohne Ihre
Mahnung den Mund gehalten, meinte sie. Der ist kein Karikaturenzeichner! Mein
Wort darauf, er besteht Ihre Schlerprobe. Bilden Sie ihn in Gottes Namen,
soweit es Ihnen bequem ist, zu Ihrem Nachfolger oder in irgendeinem ihm
vielleicht gemeren Fach zu Ihresgleichen aus. Fr die Mittel seiner spteren
Lehrjahre werde ich Sorge tragen.
    Pastor Blmel dankte ablehnend fr dieses Anerbieten, wie er schon vor Jahr
und Tag dem General dafr gedankt hatte. Solange er lebe, wre der Knabe, den er
auf seinen Boden verpflanzt, sein Sohn. Ernte er Vaterfreude von ihm, habe er
Vatersorge und vterliche Verantwortung fr ihn zu tragen, er allein. Jegliche
fremde Wohltat mache das Verhltnis zu einem schielenden.
    Sie sind ein weiser Tor, oder ein trichter Weiser, versetzte das
Frulein. Ich habe die Mittel, und Sie haben sie nicht. Aber wie Sie wollen.
Man soll keinem Menschen den Genu verkmmern, etwas Rechtes auf eigene Hand
durchzufhren. Fr einen mglichen Todesfall, meinen oder Ihren, will ich
indessen jetzt schon mit dem Justitiarius festsetzen, da das theologische
Stipendium, welches auf Werben ruht, seinerzeit zum ersten Male einem
Werbenschen Bauernsohne zugute komme. Es tut keiner Weisheit Abbruch, wenn sie
von einem Vater im Himmel ihren Ausgang nimmt, mag sie auch nicht allerwegs auf
dieses Familienverhltnis hinauslaufen. Dem Gottesgelehrten kann spterhin immer
noch ein weltliches Pfropfreis beliebig aufgesetzt werden.
    Als die vierspnnige Wappenkutsche, mit dem jungen gepuderten Lakaien und
der geputzten alten Zofe im Kabriolett, im Talhofe einfuhr, sa Johann Mehlborn
in Hemdsrmeln und Leinenhosen auf der ominsen Bank vor seiner Tr. Er sprang
in die Hhe, ging bis an das Haus, kehrte aber um, setzte sich wieder und lie
dem kuriosen Geschehnis seinen Lauf. Irgend etwas rumorte bei dem stolzen
Schauspiel in seinem Blut; vielleicht der aufgestrte Bauerntrotz, vielleicht
die unterbundene Magnatenader. Im Verlauf jedoch fand die alte Dame mit den
rosigen Runzelwangen und den klugen Blitzaugen seinen Beifall, und auch ihr
resolutes Mundwerk war nach seinem Geschmack. Als sie dem Sohne ihres
vterlichen Groknechts die Hand reichte und ihn daran erinnerte, da sie ihn
zum letzten Male als pausbckigen Posaunenengel auf seiner Mutter Arme gesehen
habe, stieg eine Zhre in sein Auge, und sie wrde bergelaufen sein, wenn das
mobile Frulein nicht in einem Atem auf ein weniger rhrsames Thema
bergesprungen wre.
    Dieses Thema war der seiner Familie bevorstehende Ersatz des
Gebltsaristokraten durch einen der hohen Wissenschaft. Der Amtmann war durch
seine Brigitte schon von der Affre unterrichtet; auch durch seinen Bielitzer
Pastor von der Schriftgelahrtheit des Mosj Zacharias. Seinethalben! wre sie in
ihrem Witwenstande ohne leiblichen Vater fertig geworden, werde sie in ihrem
zweiten Ehebunde wohl auch noch ohne Gottessohn fertig werden. Er, Johann
Mehlborn, halte es mit dem zweiten Artikel und dem vierten Gebot. Damit basta!
    Als die Dame darauf ihm seinen Enkelsohn vorstellte, winkte er ihn heran,
musterte ihn stillschweigend vom Kopf zur Zeh, griff dann in seine Hosentasche
und schenkte ihm einen Taler.
    Junker Max wurde rot und schnitt ein Gesicht wie ein verkleideter
Lustspielprinz, den einer im Ernst fr einen Kammerdiener hlt und ihm ein
Douceur anbietet. Seine Hand zuckte, als ob er dem schbigen alten Bauer, der
sein Grovater und ein Millionr war, das Geldstck vor die Fe zu werfen Lust
habe. Frulein von Werben aber sah ihn mit einem scharfen Blicke an und sagte in
noch schrferem Ton: Bedanke dich schn, Herr Neffe; es wird dir manchen
Schweitropfen kosten, ehe du den ersten Taler verdienst.
    So machte Junker Max denn eine stumme Verbeugung und steckte den Taler ein,
mit dem nobelen Vorsatz, sich seiner als Biergeld an den Postillion zu
entledigen.
    Die Dame rckte nunmehr mit der Frage nach des Grovaters Ratschlgen und
Plnen fr seines Enkelsohnes Zukunft hervor. Wie zu erwarten stand, erhielt sie
den Bescheid, der Junge solle lieber heute als morgen aus der Schule genommen
und unter seine, des Grovaters, Schere gebrcht werden. Sobald er das feine
Frchtchen zu einem richtigen konomen zugestutzt, wolle er ihn als Inspektor
ber eines von seinen Gtern setzen. Der Junker von Hartenstein wurde demnach
der Erbe von des Hirtendezem glnzenden Patenaussichten!
    Damit schlo die Zusammenkunft der beiden nach barlichen Gutsherrschaften.
Alles in allem, und noch dazu gezhlt, da Bielitz in diesem trockenen Sommer
eine weit eintrglichere Ernte als Hochwerben geleistet hatte, wrde der alte
Erbpchter der Letzten seiner angestammten Gutsherrschaft die Wiedererwerbung
ihres Vtersitzes aufrichtig gegnnt haben, insofern sie selbst anstatt der
verhaten geistlichen Hartensteine auf ihm residierte. Da sie aber morgenden
Tages schon wieder auer Lands zu gehen beabsichtigte und ihre widerwrtige
Sippschaft ihm vor der Nase sitzen blieb, htte er ihr die stolze Staatsvisite
lieber geschenkt und den Taler fr das dicknsige Frchtchen von Enkel nicht zum
Fenster hinausgeworfen.
    In noch weit hherem Mae fand die neue Herrin, da sie sich den Umweg ber
das Talgut htte sparen knnen, und auch der friedfertige Pastor Blmel zog
unbefriedigt von dannen, da zu einer erhofften Wiederanknpfung mit seinem
ungetreuen Beichtsohne die Gelegenheit keineswegs gnstig gewesen war. Seine
Patronin hatte nicht ohne Absicht der berraschung erwhnt, die sie aller Welt,
also auch der Pfarrfamilie, durch den Gutskauf bereitet habe. Das aber hatte der
kluge Bauer ja schon lange ersprt oder erfahren. Seine Bosheit auf die
einstigen Freunde war von weit lterem Datum, und so blieb es auch zwischen
Talgut und Pastorei bei der eingenisteten Entzweiung.
    Whrend dieser ungemtlichen Zusammenkunft trabte Held Dezimus in hchster
Beseligung heimwrts. Bild um Bild tauchte die Zauberwelt, in welcher er einen
Tag lang geschwelgt hatte, vor seinen Blicken wieder auf. Dem Wunder folgte der
Zweifel. Am Ende hatte er die Herrlichkeit nur getrumt oder in einem
Mrchenbuche gelesen. Aber nein doch, nein! Er trug ja auf seinem Leibe des
Sonnengottes stolzes Junkerkleid, unter dem Arme zusammengerollt seinen eigenen
Bauernkittel und in der Hand die duftende Gardenia. Er war der Mrchenprinz. Er
hob den Kopf hher, als er ihn gestern gehoben; sein Herz klopfte stolzer, als
es gestern geklopft; er sah sich gleichsam in eine neue Konstellation versetzt;
funkelnde Erdenlichter schlossen eine Kette, zwischen welcher sein Stern fortan
eitel lustig sich drehen werde. Dmmernd, wie es nicht nur Kindern geschieht,
sprte er das Regen bisher ungeahneter Dmonen.
    Hte dich, armer, zehnter Hirtensohn! Du wirst nie in deinem Leben wieder
der Held eines Mrchenabenteuers sein, wirst nie wieder in einer Wappenkutsche
von einem jungen Sonnengotte viere lang vom Bocke gefahren werden und einer
berhmten Knstlerin zu Fen sitzen; von den Erdenlichtern, in deren Kreise du
dich eitel lustig drehen siehst, knnte manches als Irrwisch dich in einen Sumpf
verlocken. Nur an den ewigen Himmelslichtern, Dezimus, an ihnen halte fest!
    Da die Weinbergstr unter Verschlu gehalten wurde, hatte er nach der
berfahrt den Umweg durch das Dorf zu nehmen; vorber an dem Hutmannshause, das
heute noch wandelbarer als an dem Tage, wo er darin zur Welt gekommen, an dem
Felsen klebte und von einer ebenso drftigen Familie wie damals bewohnt wurde.
Dezimus kannte seinen Ursprung, ohne ihn je als ein Leid empfunden zu haben.
Noch keinmal, sooft er an dieser elenden Herberge vorbergekommen, waren ihm die
Waisen eingefallen, die vor ihm unter dem nmlichen Dache dem nmlichen Blute
entsprungen waren. In seinem heutigen Hochgefhl wrden sie ihm noch weniger
eingefallen sein.
    Da ffnete sich die Tr, und ein Kind in den Armen wiegend, trat das weie
Frulein ber ihre Schwelle. Er htte ihr entgegenlaufen, ihr die bevorstehende
berraschung ankndigen mgen; allein der lange, ernsthafte Blick, mit welchem
sie zu ihm hinbersah, bannte seinen Schritt. Vielleicht war es nur das bunte
Junkerkleid, das sie in Verwunderung setzte; vielleicht verglich sie aber auch
in ihrer nachdenklichen Art dieses durch die Liebe gerettete Kind mit dem
siechen Wurm, den sie in der vorigen Minute auf der Streu sich hatte winden
sehen und den sie zur Beschwichtigung in das Freie trug.
    Und als ob es diesem Mdchen bestimmt sei, die verborgensten Lebenskeime in
dem Knaben zu erwecken, drang sein stiller Blick ihm in das Herz. Zum ersten
Male fhlte er sich gemahnt an die Brder, die in der Welt umherirrten,
vielleicht gestorben, verdorben waren, er wute nicht, wo und wie. Es war kein
Blutessehnen, das sich in ihm regte. Aber er sah sich zurckgedrngt auf seinen
natrlichen Grund, und eine Aufgabe fr seine Mannesjahre hatte sich angebahnt.
    Der Propst, der zur nchsten Frnerhtte vorangeschritten war, winkte Lydia
zu sich heran; sie legte das Kind in seiner Mutter Arm und eilte an Dezimus
vorber dem Vater nach. Von der Hhe herab flog jubelnd, mit ausgebreiteten
Armen das liebe Rschen, das den verloren gegangenen Bruder im Kahne stehend
erkannt hatte. Es gab einen und dann noch einen zweiten lauten, bunten
Tagesschlu, in welchem Dezimus seines weien Fruleins still mahnenden Blick
verga. Als er aber nach der Gutsherrin Abreise zum ersten Male wieder durch die
Schlucht in das Tal hinunterstieg, stand er wie erstarrt: das Hutmannshaus war
verschwunden; abgetragen bis auf den Grund, die arme Frnerfamilie zeitweise in
einem Nebenbau des Schlosses untergebracht.
    Tag fr Tag trieb es den Knaben nun hinunter an den leeren Platz, und Tag
fr Tag sah er etwas Neues entstehen. Der vorhngende Felsen wurde abgetragen,
der gewonnene Raum geebnet, ein frischer Grund gelegt, Mauer um Mauer
aufgezogen; noch vor Winters stand ein sauberes kleines Haus an Stelle des armen
Nestes, in welchem er das Erdenlicht erblickt hatte. Im Laufe der Zeit
wandelten, eine nach der anderen, smtliche Frnerhtten sich in freundliche
Wohnsttten um, wurde die Strae gepflastert, von Bumen eingefat und so zu der
nettesten im ganzen Dorfe hergestellt.
    Es war nicht Frulein Lydias frommer Liebessinn, welcher diese Umwandlung
bewirkt oder auch nur angeregt hatte; es war Frulein Thusneldas Schnheitssinn,
der emprt worden war, als sie bei der Auffahrt zu ihrem Vterschlo sich
derartig von Verfall und Unflat umgeben sah. Unter einem italienischen Himmel
ertrgt sich das allenfalls, hatte sie zu Freund Blmel gesagt; hier aber will
ich selbst als Leiche diesen Ekelweg nicht noch einmal passieren.
    So griff sie denn tief in ihren Sckel, erhob den Ortspfarrer zu ihrem
Schatzmeister, seine Gattin zu ihrer Werkfhrerin und spornte zur Eile. Denn wer
ber das siebenzigste Jahr hinaus sich noch eine Grabesstrae anlegen will, der
darf nicht lange fackeln lassen.
    Dezimus hatte diesen Zusammenhang bald genug erfahren. In seiner Phantasie
aber schwebte das weie Frulein, so wie er es zum letzten Male aus seinem
Geburtshause hatte treten sehen, als Engel des Trostes ber der erneuerten
Sttte. Und mit dem natrlichen Wege, auf welchen jener stille Blick wie ein
Leitstern ihn gewiesen hatte, soll seine Knabenstufe abgeschlossen sein.

                           Der Kampf am Jugendhimmel


Und wieder ist nahezu ein Stufenjahr zurckgelegt; solch eine Spanne, in welcher
die Knaben Jnglinge, die Mnner Greise werden, die Greise ihre Augen schlieen,
und deren sachter Wandel in dem Pfarrhause von Werben nichts gendert hat, als
da nur noch zwei Kinder darin glcklich sind. Aus dem Rschen ist eine Rose
geworden, die holdeste Blte in Konstantin Blmels Tchtergarten; Bruder
Dezimus, nach wie vor ein frisches Hirtenblut, ist fortgeschritten auf ebener
Bahn und steht jetzt dicht vor jener hohen Schwelle, die aus der Vaterhut in die
Freiheit fhrt.
    Kurze Zeit nach der Gutsherrin Wiederabreise hatte der Propst an Pastor
Blmel die Bitte gerichtet, seinen Pflegesohn den mathematischen Unterricht mit
Martin, dem ltesten der Hartensteinschen Kinder und vier Jahr mehr zhlend als
Dezimus, teilen zu lassen. Der Vater machte kein Hehl daraus, da dem Knaben
alles Lernen ohne treibenden Sporn schwer falle. Sei nun bisher Schwester Lydia
selber in alten Sprachen seine Studiengenossin gewesen, so msse auf deren
Teilnahme bei jener strengen Disziplin doch fglich verzichtet werden; und eben
in ihr wre eine bedeutendere Ausbildung geboten, da Martin sich fr die
militrische Laufbahn entschieden habe.
    Der Verzicht, ihn zu einem Diener unseres Amtes heranzuziehen, ist mir hart
angekommen, uerte der Propst. Leider aber hat er die schmiegsame Natur
seiner Mutter geerbt, und was zu anderer Zeit paradox klingen wrde, fr die
heutige gilt, da der geistliche Stand mehr Energie erheischt als der des
Soldaten. Der letztere schliet die Selbstndigkeit aus, welche jener bedingt.
Mein zweiter Sohn mit seinem lebhafteren Temperament wird, will es Gott, die
Hoffnung erfllen, die ich auf den ltesten gesetzt hatte. Ich htte Martin nun
gern bis nach seiner Konfirmation unter der Zucht meines Hauses erhalten;
schlgen Sie mir meine Bitte indessen ab, wrde ich mich gentigt sehen, ihn
schon jetzt dem Hannoverschen Alumnat einzureihen, in welchem er bis zu seinem
Diensteintritt weitergebildet werden soll. Auf eine in uerem Betracht sich ja
empfehlende Erziehung in unserem Kadettenhause, wie meine Brder und ich selbst
sie genossen haben, mu ich aus Grnden, die zu errtern berflssig sein wrde,
verzichten.
    Pastor Blmel ersprte in diesem Anerbieten Frulein Thusneldens
nachwirkenden Einflu, gab aber um so williger seine Zustimmung, da auf diese
Weise die bedenkliche Lcke in seinem eigenen Unterricht ausgefllt wurde. Und
so hatte der Quatermillionenjunge an diesem Tage zum letzten Male auf Kantor
Beyfuens Schulbank gesessen, um fortan als mathematischer Kumpan Martins von
Hartenstein in dem suspendierten Magister Klein einen tchtigen Lehrmeister zu
finden.
    Von den brigen Schlobewohnern sah er whrend dieser regelmigen
Unterrichtsstunden wenig; in dem treuherzigen Martin aber fand er einen Freund
fr das Leben, und zwischen den Familien der beiden Freunde wurden teilnehmende
Beziehungen angebahnt; vornehmlich zwischen Rschen und Martins beiden jngeren
Schwestern; das weie Frulein war und blieb fr das frohmtige Pfarrtchterchen
zu still und ernst oder, wie Rschen selbst es nannte, zu alt und klug.
    Als nach etlichen Jahren Martin in das strenglutherische Alumnat abging, war
auch Dezimus reif fr die hheren Gymnasialklassen geworden. Es wrde seinem
Pflegevater leicht geworden sein, ihm eine Freistelle in Schulpforta zu
erwirken, sehr schwer dagegen, sich schon jetzt von seinem Sohne zu trennen.
Nicht mehr aus Gewissenssorge wie einst, aus reiner Vaterfreude wollte er ihn so
lange als angnglich unter seinen Augen behalten und wenigstens der Repetent
seiner Studien in den alten, lieben Heiden bleiben. Da das einstige Kloster,
welches der baubeflissene Eidam rumlich umgeschaffen, sich auch geistig als
eine lichtvolle Lehrsttte bewhrt hatte, trabte Dezimus fortan jeden Morgen
seelenvergngt nach der Stadt und kehrte jeden Nachmittag seelenvergngt heim in
sein Dorf, rckte gesetzmig von Stufe zu Stufe, und alle Zeichen deuten darauf
hin, da er auch fernerweitig seelenvergngt und gesetzmig emporrcken werde,
wenn er zum nchsten Herbstsemester, ausgerstet mit dem Werbenschen Stipendium,
als Studiosus der Gottesgelahrtheit in die Stadt einzieht, in welcher er zum
ersten und einzigen, aber hoffentlich nicht zum letzten Male den Sternenhimmel
durch ein groes Rohr betrachtet hat.
    Bei dem gelehrten Professor Zacharias wird er dort allerdings keine Kollegia
hren knnen - was Vater Blmel nicht im entferntesten beklagt -, und in der
Frau Professorin Zacharias wird er keine sorgliche Heimatsfreundin wiederfinden;
was Mutter Blmel auf das tiefste beklagt, um ihres Sohnes willen, aber auch um
der Frau Professorin willen. Denn die Gegenstrmung, welche, wenn die alte
Gutsherrin recht hatte, er selber deutlich vorausgewittert, hatte den
freisinnigen Kritiker geheiligter berlieferungen von seinem Lehrstuhl
gescheucht - lange vor der Zeit, wo die reiche Erbsttte seiner Gattin ihm eine
Zuflucht htte bieten knnen und ohne da von dieser einstigen Erbsttte aus ihm
in der Gegenwart eine Nothlfe geboten worden wre.
    Johann Mehlborn wirtschaftete unermdet weiter manches Jahr, nachdem der
knigliche Greis, als dessen Stellvertreter er am Tauftische des Werbener
Hirtensohnes gestanden hatte, in die Gruft gesenkt worden war; er
erwirtschaftete sich sogar ein drittes Rittergut zu den beiden ersten; aber die
einzige Erbin, fr die er sie erwirtschaftet hatte, lie er Mangel leiden, weil
sie selbst und der Gatte, welchen sie sich erkoren, nicht Hand in Hand mit ihm
wirtschaften wollten und konnten. Und doch nagte dieser Mangel schrfer an ihm
selbst als an denen, welchen er ihn auferlegte. Es gab im weiten Umkreis keinen
friede-und freudermeren Menschen als den reichen Johann Mehlborn. Wie ein
grimmiger Hhlenbr trottete er brummend unter Gottes freiem Himmel umher,
zwischen den unbersehbaren Feldgebreiten, die er sein eigen nannte.
    Eine schweizerische Hochschule hatte den Professor Zacharias aufgenommen.
Wie aber im monarchischen Vaterlande nicht gegen die Ungunst von oben, so
vermochte er im republikanischen Auslande nicht gegen die Ungunst von unten
seine Forschungen als Lehrstoff zu verwerten. Er lebte nur noch von
schriftstellerischen Arbeiten und war Manns genug, keine seiner Konsequenzen zu
unterdrcken, obgleich das Publikum - auch darin hatte die alte Harfenknigin
richtig vorausgesprt - ihm nicht mehr goldene Frchte ernten lie.
    Auch seine Gattin hatte um des lieben Brotes willen zu der Feder gegriffen
und erzielte durch populrwissenschaftliche Elaborate, zumeist pdagogischen
Inhalts, einen Ertrag, welcher der praktischen Frau eine leidlich bequeme
Hausfhrung ermglichte. In dieser gemeinsamen Beschftigung, aus gleichem
Grundquell und in gleicher Richtung, wennschon die Zielpunkte der Frau die Hhe
der mnnlichen nicht erreichten, fhlte Frau Brigitte sich in ihrer eigensten
Sphre, und ihre zweite Ehe wurde in Wahrheit eine Musterehe, - obgleich oder
weil dieselbe kinderlos blieb.
    Die kleine Sidi war bis heute bei der Grotante in Rom geblieben und schwamm
in deren khlem, klaren Element wie eine Forelle im buntumblhten Bach. Htte
ihr Mxchen an ihrer Seite schwimmen drfen, wrde niemals ein glcklicheres
Kind als dieses arme, verunstaltete Geschpf zur Jungfrau herangewachsen sein.
Jene einzige Herzenssehnsucht blieb ihr indessen ungestillt; sie hatte den
Bruder nicht wieder gesehen, seitdem er als vorzeitiger Karbonari von der alten
Harfenknigin dem brutlichen Hause seiner Mutter entfhrt worden war.
    Er jedoch wie sie in eine ihm zusagende neue Welt. Da er weislich dem
Gelste entsagte, sich der in diesem geknechteten Jahrhundert einzig freien und
dabei nobelen Menschengattung zuzugesellen, wurde das Experiment ihm erspart,
das die alte Dame lachend gebilligt hatte. Er war nicht als verlorener Sohn
reuig heimzukehren gezwungen, nicht durch Not zur Vernunft gebracht, und der
Brotkorb ihm nicht allzuhoch gehngt worden; freilich aber auch Konstantin
Blmels Liebesschule hatte er nicht kennen lernen. Ein kurzer Aufenthalt im
Bereiche seines geistlichen Oheims, dessen gleichalteriger Sohn in Fassen und
Wissen tief unter ihm stand, hatte gengt, eine Koststelle in einem adeligen
Erziehungsinstitute Dresdens ihm uerst anziehend erscheinen zu lassen; auch
hinderten die republikanischen Antezedentien des Tertianers den nunmehrigen
Sekundaner keineswegs, sich unter hocharistokratischen Kameraden recht von Grund
aus wohlzufhlen.
    So unangemessen den Grundstzen der Mutter dieser Bildungsgang sein mochte,
sie war fr den Augenblick zu sehr durch ihre persnliche Lebenswendung in
Anspruch genommen, um sich nicht einen Ausweg gefallen zu lassen, der ihr nach
der drngendsten Seite hin Freiheit gewhrte. In ihrer Nhe konnte sie nach den
kindischen Vorgngen den Sohn nicht halten, so gab sie in bezug auf ihn dem Rate
der klugen alten Weltfrau nach, wie sie schon in bezug auf die Tochter demselben
nachgegeben hatte.
    Brigitte von Hartenstein war nicht eine zrtliche, aber auch keineswegs eine
gleichgltige Mutter; so, wie sie zu lieben vermochte, liebte sie ihre Kinder
und nur sie auf der Welt. Die Sorge fr ihre Kinder war es zumeist, welche sie
zu der Verbindung mit einem redlichen, geehrten und uerlich wohlgestellten
Manne bewog, und sie irrte nur, indem sie die kindlichen Bedrfnisse ihren
eigenen gem erachtete.
    Denn kein schwierigeres Verhltnis, in welches eine pflichtvolle Frau sich
zu stellen vermag, ist auszudenken, als wenn sie ihren Kindern einen Stiefvater
gibt; unberechenbar schwieriger als das, selber Stiefmutter zu werden. Hier hat
sie sich der von Natur und Sitte gesetzten Autoritt des Mannes zugunsten
fremder Kinder zu unterwerfen, dort vielleicht zuungunsten ihrer eigenen. Nun
war es Brigitten aber beschieden, in der Verbindung mit ihrem zweiten Gatten ihr
volles Gengen zu finden; ein geistiges Ineinanderziehen, das in ihrem
natrlichsten Verhltnis um so mehr eine Lcke entstehen lie, als das, was
Sehnsucht heit, ihrem Gemt ein fremdes war. Dazu der rumliche Wechsel und
eine Lage, die ihr bald genug Beschrnkung und konzentrierte Arbeit zur Pflicht
machten, wenngleich die Arbeit zu einer genuvollen Pflicht.
    Nur so ist zu erklren, da das, was lediglich einen bergang erleichtern
sollte, zur dauernden Entfernung und wenigstens von der Kinder Seite zur
vlligen Entfremdung werden durfte, und da die Frau, welche ihr Mutterrecht so
eifrig gewahrt hatte - die Anhngerin des kategorischen Imperativs, welche
gelehrte Traktate ber die Erziehungskunst verffentlichte! -, die ihren Kindern
angemessene Ausbildung fremden Einflssen und fremder Untersttzung berlie.
Sie vermochte zurzeit dem Sohne Hilmars von Hartenstein nur zu bewilligen, was
sie dem Sohne von Thomas Zacharias bewilligt haben wrde. Darber hinaus sorgte
die alte vterliche Verwandte, und die Mutter wute vielleicht nicht einmal, wie
weit diese Sorge ging.
    Nachdem sie indessen durch innere wie uere Notwendigkeiten sich zu diesem
Abweichen von vernunftgemen Satzungen hatte drngen lassen, durften die
Resultate dieser Inkonsequenz sie wohl zufriedenstellen. Beide ihre Kinder waren
glcklich; da sie es nicht durch sie waren, diese Krnkung - falls sie
berhaupt als solche empfunden worden wre - wrde sie als Regung von
mtterlichem Egoismus berwunden haben, und konnte ja wohl auch das Glck,
welches einem verehrten Manne durch sie gewhrt ward, sowie ihr eigenes
Wohlbefinden dafr entschdigen. Die Zeugnisse ihres Sohnes priesen ihn als ein
Genie. In einem Alter, wo andere erst die Prima erreichen, ging er zu
juristischen und kameralistischen Studien ab nach der Universitt; der
aristokratischen Vorschule entsprechend, zu der am Rhein, welche man jenerzeit
eine Prinzenakademie zu nennen begann. Es folgten ein paar Semester in der
Hauptstadt, und das Doktorexamen, das mit Auszeichnung bestanden ward, krnte
die flugartige Entwicklung.
    Da es der Krone aber auch nicht an einer modischen Perle fehle, entzndete
dieser universale Wunderjngling durch sprhende Liederfunken die
vaterlndischen Herzen, die mehr denn jemals lyrisch empfnglich waren, so wie
eine Flamme, bevor sie erlischt, noch einmal hell aufzulodern pflegt.
Seltsamerweise indessen zndeten am lebhaftesten nicht die erotischen Ergsse,
fr welche es dem Dichter, trotz seiner Jugend, doch keineswegs an Stimmung und
Erfahrung gebrach, sondern die Hymnen stolzer Freiheit, fr welche er an
Stimmung und Erfahrung zwar auch keinen Mangel litt, aber doch vielleicht nicht
in dem Sinne, in welchem er sie besang; ja sie entzndeten sogar das hohe
Publikum seines Lebenskreises und vor allen dessen weibliche Hlfte.
    Der Dichter von Hartenstein trug um diese Zeit, als freiwilliger Husar, eine
der blitzendsten Uniformen der Armee. Aber keiner seiner loyalen Kameraden nahm
Ansto an seinem schwungvollen metrischen Barrikadenbau. Irgendeinen Gegenstand
mu ja der Dichter zum Vorwurf haben, und so wute man einen fiktiven
Tyrannenha von einem effektiven zu unterscheiden. Ein junger Kavalier von
altritterlichem Namensklang und neuritterlicher Lebensart, ein freiwilliger
Husar, welcher der einzige Enkel eines Grogrundbesitzers ist und sich auerdem
auf eine steinreiche und steinalte Erbtante berufen darf, erfreut sich nicht
blo in materiellem Betracht eines weittragenden Kredits; abgesehen davon, da
der Modestrom einem Lustrum gefllig macht, was einem anderen verwerflich dnkt.
    ber die Richtung, welche er fr die Zukunft einzuschlagen habe, war der
junge Baron noch im Schwanken. Sollte er, der Tradition seiner Vter gem, die
militrische Laufbahn fortsetzen oder, dem Rate der gelehrten Mutter und selber
dem der alten Knstlerin gem, die staatsmnnische erwhlen, fr welche seine
Studien und Verbindungen ihn glnzend vorbereitet hatten? Am nchsten lag es, in
der Freiheit eines Gentleman und in sthetischer Universalitt der Jugend
goldenen Tag zu genieen und unter frohem Wechsel zu erwarten, was das Glck
seinem Gnstling mhelos in den Scho werfen werde.
    Der klangvolle Tenor seiner Poesien hatte einen Widerhall gefunden selbst in
dem unpoetischen Gemt der Mutter. Nach so vielen Schnen, Tapferen,
Lebensfrohen seines Geschlechtes gab es zum ersten Male, schn und lebensfroh
auch er, einen Genialen, einen Dichter von Hartenstein, und dieser Auserwhlte
war ihr Sohn! Wie htte ihr Herz nicht in stolzer Freude und Erwartung schlagen
sollen! Wiedergesehen hatte sie ihn nur ein einziges Mal whrend einer
schweizerischen Ferienreise und, wenngleich nur flchtig, hinreichend lange
wenigstens fr sein Bedrfen. Auch waren seine Briefe nur seltene und kurz; um
so lnger und lehrreicher dagegen die ihren.
    Auch auf seinen Gtern, wie er den Werben-Mehlbornschen Komplex nicht nur
nannte, sondern allen Ernstes a priori betrachtete, hatte der junge Herr seit
jenem unfreiwilligen Knabenaufenthalte sich weder sehen noch jemals von sich
hren lassen. Htten nicht Frau Zacharias und Frulein Thusnelda in Briefen an
Pastor Blmel seiner regelmig erwhnt, wrde er dort, wo naturgem seine
Heimat war oder doch eines Tages werden sollte, spurlos vergessen worden sein.
Diese Briefe jedoch nhrten in der Seele des ihm so ungleichartigen Hirtensohnes
eine bewunderungsvolle Erinnerung, ja steigerten diese zu einem heroischen
Phantasiegebilde, und wo wre ohne solches Phantasiegebilde ein Knabe jemals zu
einem tchtigen Manne geworden? Max von Hartenstein war und blieb das
glnzendste Gestirn an Dezimus Freys Frhlingshimmel, und wie er in der holden
Venus, wenn sie im Morgendmmer der Sonne vorleuchtete, sein frhliches Rschen
sah, und wenn sie im Abenddmmer der Sonne nachleuchtete, die treue Lydia, lange
nachdem er wute, da es der nmliche Wandelstern sei, welcher die hohe
Himmelsknigin umkreise, so sah er in dem herrlichen Jupiter seinen Max.
    Aber noch in einem anderen ebenso ungleichartigen Gemte hatte das schne
junge Menschenbild eine unverlschliche Spur hinterlassen. Auch dem stillen
weien Frulein hie alles, was Freude weckt, Max. Sooft sie Dezimus begegnete,
schlug sie den beiden so wohlklingenden Namen an. Sie tat es ruhig, auch vor
Zeugen ohne knstliche Umhllung, einfach, wie sie allezeit war. Hat Frau
Zacharias Maxens erwhnt? Schreibt Tante Thusnelda, wie sich Max in Bonn
gefllt? Oder auch: Wissen Sie noch, Dezimus, wie schn Max diese Ballade
deklamierte, jenes Volkslied sang?
    Und wenn Dezimus nun jeden Laut noch wute, jeder Bewegung sich erinnerte,
wenn er mit sonst ihm keineswegs eignender Gelufigkeit berichtete von den
riesenmigen Fortschritten, den glnzenden Zeugnissen, den Erfolgen seines
Idols, dann rteten sich leise der Hrerin bleiche Wangen, und die groen
graublauen Augen frbten sich gleich den dunkelsten Hyazinthenblten.
    Nicht wahr, Sie haben ihn auch lieb, Frulein Lydia? fragte Dezimus dann
wohl, und: Sehr lieb antwortete Lydia in ihrer natrlichen Weise.
    Durch dieses gemeinsam gepflegte Andenken hatte sich zwischen Lydia und
Dezimus eine Art von Verhltnis gebildet, das sich aus der Kinderzeit in die der
Erwachsenen hinberzog und nur insofern eine Heimlichkeit war, als kein Dritter
sich glubig genug erwies, ihren Kultus zu teilen. Wie auch Fernstehende sich
Freunde nennen, wenn sie einen Helden, einen Dichter oder Knstler mit gleicher
Inbrunst verehren, so machte das Traumbild Max das Frulein und den Hirtensohn
zu Freunden, indem es sie ber den trennenden Unterschied der Jahre und
Verhltnisse hinweghob.
    Nun aber entpuppte sich aus dem Traumbild der Dichter mit seinen greifbaren
Stanzen und Terzinen; Dezimus schwrmte fr diese feuriger als fr irgendeine
Ode des Horaz, und wenn die Tiefe des Sinnes ihm mitunter unergrndlich, der
Schwung der Bilder ihm zu hoch bemessen war, so schlug der Rhythmus des Lautes
doch wie Musik an sein Ohr, und er schmetterte ihn, ohne einer Melodie zu
bedrfen, mit seinem sich just zum Ba umsetzenden Alt hinaus in die wonnige
Frhlingsluft.
    Die reifere Lydia dagegen wollte fhlen, was ihr klang, und was sie fhlte,
wollte sie verstehen. Sie hatte nicht nur ein fein musikalisches Ohr, sondern
mehr noch ein tief musikalisches Herz, dem schon fr manches liebe Lied eine
Melodie aufgegangen war. Die des liebsten von ihnen: Wenn alle untreu werden
sang sie ihrem Vater jeden Abend an der kleinen Orgel im Ahnensaale vor. Wie sie
aber auch sinnen mochte, fr keines von Maxens Gedichten fand sie im Herzen oder
auch nur im Ohr eine Melodie; und wenn ihr Vater dieselben mit einem seinem
sangeskundigen Meister nachgebildeten Kraftworte Sprhteufel nannte, so tat
ihr das zwar weh, aber sie widersprach ihm nicht, wie doch Dezimus es wagte,
wenn sein Pastorvater sie lchelnd Strohfeuer nannte.
    So lockerte denn bis zu einem gewissen Grade der Dichter den
Freundschaftsbund, welcher ber dem Traumbild geschlossen worden war; mehr denn
jemals indessen nistete in dem Freunde die Vorstellung sich ein, so ein Etwas,
das man Kinderweisheit nennt, da diese herrliche weltfremde Jungfrau zu diesem
herrlichen weltstrmenden Jngling notwendig gehre wie, ei nun, wie etwa der
standfeste Dezimus zu seinem neckischen Rosenschwesterchen oder, in seine
Sternensprache bersetzt, wie ein Mond zu seinem Planeten gehrt.
    Lydia hatte bei neunzehn Jahren, in kaum merklichen bergngen, sich zu
einer Erscheinung entfaltet, so wie ein Zgling Konstantin Blmels, der niemals
ein gemeieltes oder gemaltes Bild gesehen hat, das Schnheitsideal sich trumt,
der Leib der Seele bergu. Fr Konstantin Blmel selbst aber, den Greis mit dem
Dichterherzen, wenn er die hohe, keusche Liliengestalt, den gebeugten Vater am
Arm, langsam die Terrassen auf und nieder schreiten sah, nur fr seine Schonung
besorgt, ihr Blick nur an seinem hangend, das Bild der erflltesten Kindesliebe,
fr Konstantin Blmel verwandelte sie sich in die Tochter des blinden
Thebanerknigs, von allen klassischen Heidengestalten ihm die rhrendste.
    Und wohl trug sie Antigones Los in diesen Frhlingstagen. Ihr Hchstes,
Teuerstes, ihr Vater, litt schwer, seine Kraft war gebrochen, scheinbar
pltzlich, aber aus altem Keim. Es krankte sein Herz, auch was der Arzt so
nennt; jachen Erstickungskmpfen folgte Todesmattigkeit.
    Der Wechsel im Regiment, auf welchen der eifrige Mann so zuversichtlich
gerechnet, hatte sich seit Jahren vollzogen, ohne seine Erwartungen zu erfllen;
whrend Professor Zacharias der ffentlichen Wirksamkeit entsagen mute, war von
der seines Antagonisten der Bann, stillschweigend wie er auferlegt ward,
genommen worden; aber als Duldung, nicht als Triumph, und gering auch nur war
die Zahl der Getreuen, welche die Satzung der Toleranz vorgezogen hatten. Herber
htte ein Mann wie Joachim von Hartenstein nicht enttuscht werden knnen.
Sollte er seiner stolzen Zurckgezogenheit entsagen, um ein Sektenpriester zu
werden?
    Dennoch wrde er sich noch einmal in den Streit der Welt gewagt haben, wenn
jenes zunehmende Krperleiden ihn nicht so empfindlich gehemmt htte. Nun
ergriff ihn eine Unruhe, die ihn heute vorwrts drngte, morgen zurck, und es
war nicht der Aposteleifer allein, der in ihm rang, es war, wenn auch nur wenige
es ahneten und nur die Tochter, seine vertraute Geschftsfhrerin, bis zu einer
gewissen Grenze es wute, es war die Vatersorge.
    Seine apologetischen Schriften hatten ihn noch weniger goldene Frchte
ernten lassen als die kritischen des Professor Zacharias; nicht das gedruckte
Wort, das gesprochene war seine Strke. Von Jahr zu Jahr in der Zuversicht einer
demnchstigen Rehabilitierung, hatte das Stilleben in Werben, so beschrnkt es
der Familie nach ihrem frheren Zuschnitt erschien, den Rest des mtterlichen
Vermgens bis auf einen verschwindenden Bruchteil aufgezehrt, der berufene
Ernhrer aber sah sich alternd, krank, verlassen und von fnf Kindern nur den
ltesten Sohn, der krzlich Offizier in einem Infanterieregimente geworden war,
notdrftig versorgt. Der stolze Mann, der nach seines groen Meisters Vorbild
zeitliche Gter so gering geachtet hatte, nun wurde er um zeitlicher Gter
willen zwischen Tod und Hlle hin und her geworfen und der Gedanke des Lebens
wie des Sterbens ihm zu gleicher Marter.
    In solchen zweifelhaften Zustnden schwebten, auerhalb des Pfarrhauses,
fast alle Menschen, zu welchen Dezimus liebend und ehrerbietig in die Hhe
blickte, ja schwebte in gewissem Sinne auch er selbst, da er binnen kurzem aus
der Heimat scheiden sollte, als unerwartet die Kunde von dem Ableben der greisen
Gutsherrin in Werben eintraf.

Der junge Doktor von Hartenstein hatte die Todesbotschaft dem Justitiarius
zukommen lassen, zum Zweck der Mitteilung an die Familie und der Manahmen fr
die demnchstige Beisetzung. Er selbst war im Begriff, nach Rom abzureisen, um
seine Schwester heimzugeleiten. ber das Ende seiner Verwandtin berichtete er
nur flchtig, da es ohne vorhergehendes Krankenlager, bei klarem Bewutsein
erfolgt sei. Warum kann solch ein schnes Leben nicht von vorn angefangen
werden! wren ihre letzten Worte gewesen. Sie htte fr die Einbalsamierung
ihres Leichnams und fr den aufzulsenden Hausstand exakteste Vorschriften
hinterlassen, wie denn auch schon bei ihrer kurzen Anwesenheit vor neun Jahren
in dem Archiv des Schlosses die Anordnung ihrer Bestattung niedergelegt worden,
von welcher nun unverzglich Kenntnis zu nehmen sei.
    Im Umkreis der Heimat hatten nur wenige die Abgeschiedene gekannt, keiner
sie geliebt; und wie kleinlaut uert sich denn berhaupt die Totenklage um
einen Achtziger, auch wenn er gekannt und geliebt worden ist? Um so lebhafter
beschftigte man sich mit den ueren Vernderungen, welche der Todesfall nach
sich ziehen mute. Konjektur ber Konjektur bei hoch und gering; nur Pastor
Blmel versenkte sich mit Innigkeit in das entschwundene Leben - schon um der
Parentation willen, welche der Wrde wie der Wahrheit gem abzuhalten er nicht
nur als Pfarrer, sondern mehr noch als Vertrauensmann, den sie Freund genannt
hatte, verpflichtet war.
    Wie er aber auch sinnend ihre Spur verfolgen, wie er ihre Briefe
durchgrbeln mochte, es wollte ihm nicht gelingen, die Widersprche dieser Natur
zu einem Kettenschlu ineinanderzufgen: den scharfen Verstand und die
Bizarrerien; das gtige Bezeigen und den Mangel an Liebe; den weichen
Knstlersinn und die tzende satirische Ader; die Unfhigkeit zum Glauben und
das Bedrfnis, jegliches wahrhafte bersinnliche Streben zu ergrnden und zu
ehren; die unverwstliche Daseinslust und die Bereitwilligkeit aufzuhren. Sooft
Konstantin Blmel bei eines Menschen Tode die Magie seines Lebens ersprt hatte,
hier fand er die Zauberformel nicht. Nun ja, ihr fehlte das Organ fr den
Schmerz. War es aber darum allein, da die glckliche Harfenknigin sich ihm
nicht zu einem Dichtergebilde verklrte wie einst das elende Hirtenweib?
    Indessen hatte in seinem Pfarrbereich ein lebhaftes Treiben Platz gegriffen.
War die Kirche selbst von innen und auen schon vor Jahr und Tag suberlich
hergestellt worden, hatten selbst die ehrwrdigen schwarzen Herren am Altar sich
eine Wsche und einen aufmunternden Pinselstrich gefallen lassen mssen, so galt
es nun schleunigst, die Gruft unter der Kirche zum Empfang des letzten
Herbergsgastes wrdig zu erneuern. Alle Hnde voll waren zu tun, um den
modernden, kellerartigen Raum in ein blaues Himmelsgewlbe umzuwandeln, es mit
goldenen Sternen zu besen, bunte Fensterscheiben einzulassen, den Fuboden mit
Granitplatten zu belegen, die alten Srge aufzupolieren und, wo selbige mrbe
geworden, in neue Gehuse einzukapseln. Kein Pnktchen ber dem I war in der
eigenhndigen Vorschrift ausgelassen.
    Sobald der Sarg in die Gruft gesenkt worden, sollte die goldene Harfe darauf
befestigt und ihm zu Hupten eine Marmorstatue aufgerichtet werden, welche,
unter den Jugendzgen Thusneldas von Werben, die Muse der Tonkunst darstellte
und, von dem ersten Meister der Zeit gefertigt, der Stolz des gastlichen Hauses
in der Ostraallee, mglicherweise auch noch dessen am Monte Pincio gewesen war.
Dies aber geschehen, sollte unverweilt, an Stelle der Falltr, die Gruft durch
eine Steinplatte fr alle berechenbare Zeit geschlossen werden.
    Denn, so erluterte die Verordnung, kein Mensch von heute oder morgen hat
ein Interesse daran, diese Sttte der Verwesung wieder zu betreten. Wenn aber
nach Jahrhunderten vielleicht - durchaus kein beklagenswerter Schade! - der
Oberbau in Trmmer gelegt sein wird, sei es durch verjngende Barbarenhorden,
sei es allein durch die verjngende Barbarei der Zeit; und wenn, nach
Jahrtausenden vielleicht, von den Forschern einer neuen Kulturepoche dieser
Trmmerhaufe durchwhlt werden wird, dann soll das, was heute an die
Vergnglichkeit mahnt, als ein Merkmal des Unsterblichen auf Erden entdeckt und
gewrdigt werden.
    Die strkste Spannung erregte das Testament, das vor der letzten Abreise
nach Rom in Dresden niedergelegt worden war und vorschriftsmig jetzt von dort
an das Patrimonialgericht ausgehndigt wurde. Als Termin fr die Erffnung war
die alte Sitte einer Monatsfrist vom Tage des Todes ab auf die von dem der
Bestattung hinausgeschoben worden. Ein Schabernack, dem alten Spottvogel
leichtlich zuzutrauen. Die erblustige lachende Sippe wird aus weiter Ferne auf
den Trab gebracht und schlielich ihr ein Schnippchen geschlagen. So legte
nmlich der Judex Hecht, der selbst ein arger Spottvogel war, jene
Aufschubsklausel aus, und zwar auf Grund der Aufschrift des Testamentes, die
folgendermaen lautete: Zu publizieren im Ahnensaale von Werben, durch den
Justitiarius von Werben, in Gegenwart ad eins: der Mitglieder der Familie von
Hartenstein, insofern selbige dem Geschlechte der Werben blutsverwandt oder
verschwgert sind und Verlangen hegen, den letzten Willen der letzten
Namenstrgerin zu erfahren. Ad zwei: des Ortspfarrers von Werben, insofern am
Tage der Publikation der jezeitige Herr Konstantin Blmel noch im Amte stehen
oder aber dessen Pflegesohn Dezimus Frey ihm in diesem Amte nachgefolgt sein
sollte.
    Nun, hinsichtlich dieses letzten Oders hatte die lebenslustige Testatorin
ihre Dauerkraft freilich um viele Jahre berschtzt; in Mutter Hannas Herzen
aber hatte das Oder den Johannissegen gewaltig ins Kraut schieen lassen.
Sollte ihr braver Dezem blo auf dem Testamente stehen und nicht auch darin? Ihr
Konstantin belchelte den Aberglauben. Wollte es ihm auch nicht gelingen, den
Kitt der einzelnen Seelenteile seiner weiland Patronin klrlich zu analysieren,
das Totale, zu welchem die widersprechenden Teile sich so oder so verkittet,
hatte er hinlnglich erfat, um zu wissen, da sie nur einen Bluts- oder
Kunstgenossen wrdig erachtet haben werde des Erbes, auf welchem die heitere
Freiheit ihres Lebens wesentlich beruht hatte. Aber einen Vertrauensakt sah er
in der Berufung, mutmalich ein Brgenamt fr irgendwelches heikle Kommissorium.
Und dieses ehrende Zeugnis von Herzenskunde galt Konstantin Blmel als das
kostbarste Legat auch fr den Jngling, den er auf seinen Boden verpflanzt
hatte.
    In des Propstes Zustande trat seit Eintreffen der Todesbotschaft eine
auffllige Besserung ein; seine Haltung hob sich, vor den Blicken sank ein
Nebel, die Schritte wurden elastisch wie einst.
    Niederschlagendes Resultat! sagte Pastor Blmel mit einem tiefen Seufzer,
wenn unter dem Druck der Erdgewalten der Idealist dahin gelangt, von einem
Lotteriegewinst den Frieden fr sein Leben und Sterben zu erwarten.
    Die Beisetzungsangelegenheiten fhrten Herrn von Hartenstein wiederholt in
das Pfarrhaus; er war mitteilsam wie noch nie; einmal uerte er sogar, da er
seine Tage in der ihm liebgewordenen Stille von Werben zu beschlieen gedenke,
fr den wahrscheinlichen Fall, da dessen Besitz auf seine Gattin als nchste
Erbin bergehe.
    Lydia begleitete den Vater regelmig bei diesen Besuchen; in ihren Augen
leuchtete ein Widerstrahl von seinem neuen Leben, und noch eine zweite Hoffnung
zauberte auf ihre Wangen den einstigen Anemonenhauch. Ihr Bruder Martin war
bereits zu der Bestattungsfeier eingetroffen; und durften denn nicht auch
Sidonie und Max fr sie erwartet werden, um voraussichtlich bis zur
Testamentserffnung zu verweilen? Ein voller Monat Freude!
    Freund Martin strahlte im neuen Glck der Epauletten; er kam jeden Tag ein
paarmal auf die Pfarre stolziert und machte natrlich, seiner Weltstellung
entsprechend, Rschen den Hof.
    Ist die aber reizend geworden! sagte er mit der Miene heimlichen
Vertrauens, aber einer Stimme, als ob er seine ersten Rekruten kommandierte.
Dich nicht in die zu ver lieben! Dezimus, bist du denn von Stroh?
    Ich liebe sie ja, versetzte Dezimus stillvergngt.
    Rschen dahingegen sagte: Ein guter Junge, dein Martin. Aber wie kommt es
nur? Die Zeit wird mir mit ihm greulich lang, und mit dir, alter Dezem, wird sie
es doch nicht.
    Das kommt: der Martin schwtzt, und Dezem hrt dir Plaudertasche zu,
erklrte lachend Mutter Hanna. Denn unter vier Augen betrieben Rschen und Dezem
ihre Schmeichelreden und Zrtlichkeiten nicht. Eiferschtig auf den Leutnant
konnte sonach der Primaner aber auch nicht werden.
    Hufig brachte Martin seine beiden jngeren Schwestern, Priszilla und Phbe,
mit; da wurde denn wie zu Kinderzeiten im Garten getollt oder auch in der
Wohnstube ein Tnzchen gemacht. Peter Kurze gab den erforderlichen dritten
Partner ab, und Peter Kurze war ein gewaltiger Springer vor dem Herrn, trotz
eines Fettbuchleins schon in Schlerjahren.
    Und so ist denn die Reihe der Vorfhrung endlich auch an Peter Kurzen
gekommen, der in der Geschichte eines Glcklichen nicht nur eine Rolle zu
spielen haben wird, sondern auch selber ein Glcklicher war, zweifelsohne besser
als der andere geeignet zur Heldenrolle in einer Geschichte, die in erster
Ordnung doch unterhalten soll. Als jngster Sohn des seligen Amtsbruders von
Bielitz, daher Luischens Schwager, und als eine kreuzfidele Haut war er Dezems
Intimus auf der Schule geworden, und die Pfarrtr von Werben stand allezeit
gastlich vor ihm offen. Wenn sie ihm aber auch ungastlich vor der Nase
zugeschlagen worden wre, wrde er durch die Hintertr wieder eingeschlpft sein
und gerufen haben: Da bin ich, Peter Kurze, ich, ich, ich! Denn blde war
Peter Kurze eben nicht. Wo er einen Schornstein rauchen sah, dachte er: Hier ist
gut sein! Hatte Dame Fortuna just nicht splendid fr ihn gesorgt, so sorgte er
um so beflissener fr sich selbst und schob sich als armer Teufel uerst
vergnglich durch die Welt.
    Da er ein paar Jahr mehr als Dezimus zhlte, war er heuer bereits als
medizinischer Fuchs zu den Ferien eingesprungen und prangte nun erst recht in
der Glorie der lustigmachenden Person. Da er in seiner Manier nicht weniger als
der Leutnant in der seinen dem Pfarrrschen die Cour schnitt, verstand sich,
wie er selbst es ausdrckte, am Rande. Aber - glckselige Organisation fr
einen Primaner! - auch der Doktor in spe machte Dezem keine Herzbeklemmung.
    Vater Blmel wollte freilich das Tanzen, in Erwartung einer
Verwandtenleiche, nicht geziemend finden, seine Hanna aber sagte:
    Gnne doch den armen Dingerchen den ersten Luftzug der Freiheit, wer wei,
lieber Konstantin, wer wei, wie bald ihn ein Trauerhauch verweht.
    Damit schlug sie einen Schottischen an, und die drei Paare hopsten
seelenvergngt rundum; am vergngtesten die beiden Frulein. Bei dem flinken
Pfarrrschen aber hatte auf diesen lndlichen Bllen der Leutnant entschieden
das Pr.
    Lydia begleitete die Geschwister niemals. Sie lie den Vater nicht allein.
Ihr jngster Bruder, Philipp, hatte das Scharlach gehabt, und die Mutter wrde
nicht um die Welt die Krankenstube vor den gesetzmigen sechs Wochen verlassen
haben. Den siechen Gatten wute sie ja unter der Tochter Augen wohlversorgt.
    Eines Nachmittags, als das junge Volk im Pfarrgarten wieder einmal recht
bermtig den Plumpsack walten lie, kam Lydia aber dennoch ohne den Vater den
Geschwistern nach, gegen ihre Art in ngstlicher Aufregung. Die Kammerfrau der
Tante hatte von dem Hafenplatze, wo die Ausschiffung der Leiche stattgefunden,
geschrieben; da ihr Eintreffen in Werben binnen zwei Tagen erwartet werden
durfte, wnschte der Propst, da Martin bis zu der Station, wo die Eisenbahn
verlassen wurde, ihr entgegenreise, um den Kondukt in die Heimat zu geleiten.
Max und seine Schwester hatten bereits in Rom den Landweg eingeschlagen; die
Kammerfrau vermutete sie lngst in Werben. Und sie waren nicht angelangt, hatten
keinerlei Nachricht von sich gegeben. Wenn ihnen ein Unfall zugestoen wre?
schlo Lydia.
    Ach, gar ein Unfall! widersprach Rschen lachend. Sie werden sich
unterwegs, wo es hbsch war, aufgehalten und gedacht haben: Was schadet es der
seligen Tante, wenn sie ohne unser Beisein bei ihren Vtern den Einzug hlt?
    Die Schlogeschwister brachen auf; die Pfarrgeschwister, inklusive Peter
Kurzens, begleiteten sie. Den Weinberg hinab, den Uferpfad entlang, die
Terrassen hinan ging es in neckischem Fliehen und Sichhaschen. Keiner fragte
danach, da die tolle Jagd aus den Schlofenstern beobachtet werden knne. Seit
dem Eintreffen der Trauerpost aus Rom schien in dem klsterlichen Hause alles
auer Rand und Band geraten. Nur Lydia und Dezimus gingen sacht hinterdrein; sie
folgten Max auf seiner Alpenreise und langten am Fue der Terrasse erst an, als
die anderen lngst im Schlosse verschwunden waren.
    Jhlings starrte beider Schritt, stockte beider Atem. Von oben herab kam
einer ihnen entgegen, mit verwegenem Satz die letzte Mauerstufe
hinunterspringend.
    Lydia! rief Max, umfate sie mit beiden Armen und prete seine Lippen auf
die ihren.
    Sie war einen Moment von Purpur bergossen; im nchsten hatte sie sich ihm
entwunden. Ein Schauer flog ber ihren Leib; sie stand entfrbt, mit
geschlossenen Augen wie in den Boden gewurzelt.
    Gr Sie Gott, Dezimus! Himmel, was sind Sie gro geworden. Aber sehen Sie
doch dieses Bild, dieses Gttermenschenbild!
    Sidonie war es, welche, langsam die unterste Terrasse niedersteigend, also
sprach, indem sie die eine Hand Dezimus entgegenstreckte und mit der anderen auf
die versteinerte Gruppe der beiden schnen jungen Verwandten deutete. Dann
gegenseitiger Willkommenwechsel, Aufklrung und Mitteilung. Sidonie fhrte das
Wort. Maxens Augen hingen mit gleichem Entzcken an Lydia wie die von Dezimus an
seinem Jovisstern.
    Aber auch die Verwandlung der kleinen Sidi machte ihn staunen. Eine
langwierige orthopdische Kur hatte Wunder an ihr gewirkt; sie war bedeutend
gewachsen, und wenn die Unebenheit des Baues auch nicht ausgeglichen werden
konnte, der Kopf war nahezu schn; man sah es ihr an, da nur ein uerer Unfall
die Migestalt verschuldet hatte. Das gemischte Blut der Hartenstein und
Mehlborn strmte in ihren Adern so gesund wie in denen ihres herrlichen Bruders.
Im brigen war sie, wie schon als Kind, sich ihres Makels bewut und brach ihm
durch rstigen Humor die Spitze ab. Lydia sprach an diesem Abend kaum ein Wort.
Ihre Lider waren wie im wachen Traume gesenkt, sie schwebte einher, als ob ihr
Flgel gewachsen wren.
    Am anderen Morgen widerfuhr dem vom Glck erkorenen Johannissohne wieder
einmal so unverdient wie unversehens eine auerordentliche Ehre. Whrend er sich
mit seinem Vater in der groen Geschftsangelegenheit des Tages auf dem Schlosse
befand, rollte der Wagen vor, in welchem Martin der seligen Grotante bis zur
Bahnstation entgegenreisen sollte. Die Begleitung seines Vetters war als
selbstverstndlich angenommen worden. Frulein Sidonie erklrte indessen rund
heraus, ihr Bruder sei fr solch eine ermdende Partie von der Reise zu
angegriffen.
    Max lchelte bei den Worten, widersprach jedoch nicht; nur zu der
ernstblickenden Lydia sagte er leise: Ich halte es mit dem Tod, aber nicht mit
den Toten.
    Aber, du lieber Gott! ich ganz allein den weiten Weg hin und zurck, da mu
ich ja vor Langeweile sterben! sagte Martin im allerklglichsten Ton. Komm du
mit, Dezimus, tu mir den Gefallen!
    Und so geschah es, da Held Dezimus, wie er einstmals zu Fen der
blumengeschmckten Harfenknigin eine rasche stolze Fahrt in einem Viergespann
gemacht, nach Jahren als Leidtragender in einer Trauerkutsche und geziemend
feierlichem Tempo dem stolzen Viergespann folgte, in welchem die nmliche
Harfenknigin im kunstvoll gemeielten Marmorsarge zur Gruft ihrer Ahnen
befrdert wurde. Vor dem Sarggehuse sa neben dem rabenschwarzen
Leichenkommissarius silberstrotzend der Diener mit den noch immer blhenden
Wangen. Breite Trauerflore wallten vom Hut ber seine weien Locken. In einem
zweiten Wagen folgte weinend die alte Kammerfrau nebst der gleichfalls zu
versenkenden seligen Harfe; beide dicht in schwarzen Krepp gehllt. Auf einem
dritten Gefhrt berwachte ein bewhrter Werkfhrer die Muse der Musik in ihrer
hlzernen Umkapselung. Gewi ein imposanter Kondukt, weit und breit unerlebt!
    Aber die Fahrt whrte lange, und Morgenluft zehrt, selbst im Gefolge eines
Leichenwagens. Ein weislich von Freund Martin mitgefhrtes Frhstck tat daher
gute Dienste, wurde auch von beiden Leidtragenden mit so munterem Appetit
verzehrt, als ginge die Reise flott zu einer Hochzeitsfeier.
    An der Grenze des Werbener Weichbildes stiegen die Freunde aus, um sich der
Rangordnung ihres Leidwesens gem dem Zuge einzureihen; denn hier wartete der
Pfarrer samt allen, welche berufen oder auch nicht berufen waren, der Gutsherrin
und dem mit ihr abscheidenden angesehenen Geschlecht die letzte Ehre zu
erweisen.
    Ein hbsches Zgelchen! sagte schmunzelnd Kantor Beyfu zu seinem Nachbar,
dem vormaligen Quatermillionenschler, whrend der Kondukt sich die neue
Grabesstrae hinanbewegte, auf deren Boden Kalmuszweige und Maienlaub
verdufteten.
    Die Kirche war in eine Laube umgewandelt, der Altarplatz so dicht mit
Lorbeer- und Zypressengruppen gefllt, da auer fr den Sarg nur noch Raum fr
die beiden Familien des Schlosses und der Pfarre brigblieb. Im Schiffe dagegen
drngte sich Kopf an Kopf. Aus weitem Umkreis hatte hoch und gering den
kstlichen Frhlingstag benutzt, um die Fliederblte und das Begngnis einer
Harfenknigin zu genieen. Auch Amtmann Mehlborn wurde seit vielen Jahren zum
ersten Male wieder in seiner alten Kirche, zwar nicht unter den Leidtragenden,
aber doch unter den Schaulustigen bemerkt.
    Die Glocken hatten in Pausen schon den ganzen Morgen gelutet. Sobald der
Sarg ber die Kirchschwelle gehoben ward, stimmte, wohleingebt, die stdtische
Liedertafel eine Motette an ber den Psalmistenspruch: Ich bin verstummt und
schweige der Freuden. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher
leben.
    Nun hielt Pastor Blmel die Parentation; nicht in freier Eingebung seinem
Gemte entstrmend; ein wohlbedachtes, wohlgefgtes Redestck, wrdig der
Knstlerin, deren Lebensabri es in sich fate, und diesem entsprechend der
Text:
    Wessen Ohr mich hrete, der pries mich selig, und wessen Auge mich sah, der
rhmte mich. Denn ich errettete den Armen, der da schrie, Gerechtigkeit war mein
frstlicher Hut, und welche Sache ich nicht wute, die erforschte ich. Ich
gedachte: ich will meiner Tage viele machen und in meinem Neste ruhen.
    Es war sonst nicht Pastor Blmels Sache, solch ein Bibelwort, aus seinem
natrlichen Zusammenhange gerissen, einem fremdartigen Anlasse einzuzwngen, und
gewilich hatte Frulein Thusnelda von Werben keine Seelenverwandtschaft mit dem
Dulder von Uz. Da in diesem speziellen Falle aber nun einmal sich durchaus nicht
auf den Glauben, die Liebe und Hoffnung eines Christen in diesem irdischen
Jammertale berufen werden durfte, half sich auch ein Blmel aus der
Verlegenheit, wie mancher seiner frommen Amtsbrder es ohne Skrupel tut. Die
warme Zuversicht aber, mit welcher er aussprach, da diese Greisin, welche, der
seltensten eine, nur mit den guten, nicht mit den bsen Erinnerungen des Hiob
aus dem diesseitigen Leben geschieden sei, in dem unerforschlichen Jenseit fr
die Entwickelungen reifen werde, welche hienieden nur der Traurigkeit entkeimen,
dem Leidtragen, das wir eben darum ein beseligendes nennen; diese warme
Zuversicht machte auch die Herzen der Hrer warm und gab dem christlichen
Segensspruch die Weihe der Wahrhaftigkeit.
    Ob auch dem Propst von Hartenstein mit diesem seltsamen Textwort und der
Anwendung des Unionisten Genge geschehen, lie sich weder behaupten noch
verneinen. Er sa in sich versunken, tdlich bleich, die Hand seiner Tochter
Lydia in der seinen. Seine Gattin weinte, und die Kinder hoben die Augen nicht
vom Boden. Frulein Sidonie jedoch drckte dem Redner einverstanden die Hand,
und ihr Bruder versicherte ihm spter lchelnd, er habe seine schwierige Aufgabe
bewundernswert gelst. Amtmann Mehlborn aber soll auf dem Heimwege gegen Kantor
Beyfu, seinen einzigen sogenannten Freund, geuert haben: Solange er seine
Augen offen htte, mchte er nichts mehr mit dem alten Blmel zu schaffen haben.
Es wre ihm aber doch lieb, wenn er es so lange machte, da er ihm noch einmal
den Lebenslauf auslegen knnte.
    Unter entsprechendem Chorgesang war der Sarg in das Gewlbe hinabgelassen
worden; die goldene Harfe wurde ber ihm befestigt, die Muse der Musik auf ihr
Postament gestellt. Noch vor Tagesneigen hatte man die schlieende Platte in den
Boden gefgt, und die letzte Spur von Thusnelda von Werbens Freudenleben war
verschwunden.
    Programmgem wurde das Erlschen des alten Geschlechts durch einen Schmaus
gefeiert. Der Pchter bewirtete die Dienstleute des Hofes, fr die Wrdentrger,
das heit die Pfarrfamilie und den Justitiarius, ffnete Herr von Hartenstein
zum ersten Male den Werbenschen Speisesaal. Dort wie hier waren die Tafelgensse
der abgeschiedenen reichen Herrin wrdig; die Ehrenbezeugungen zu ihrem Andenken
unter freiem Himmel jedoch lauter und nachhaltiger als zwischen den sprlich
gefllten vier Pfhlen. Der Propst sehnte sich nach seinem Ruhebett, seine
Gattin nach ihres Knaben Quarantnezimmer. Die Sonne hatte schon tief gestanden,
als die Suppe, und sie war noch nicht gesunken, als der Kaffee genommen ward.
Rat Hecht machte sich auf den Heimweg nach der Stadt, Pastor Blmel mit seiner
Hanna auf den nach der Pfarre. Die junge Gesellschaft fhlte das Bedrfnis
frischer Luft und brach zu einem Spaziergange auf. Nur Sidonie, die schwache
Fugngerin, blieb zu Hause. Sie schmachtete nach Musik, die sie seit der
Abreise von Rom weder gebt noch gehrt hatte, und da es in der geistlichen
Familie auer einem Kinderklapperkasten ein Klavier nicht gab, wurde im
Ahnensaal an Lydias Orgel der Vortrag einer Bachschen Fuge zu einer
abschlieenden Trauerfeier.
    Peter Kurze, der Lustigmacher, war zum Vorteil einer geziemenden Stimmung
nicht von der spazierenden Partie, indem er, als ungeladener Tafelgast, sich in
die Umgegend verzogen hatte. Die anderen zerstreuten sich gruppenweis unter dem
dmmernden Abendhimmel. Leutnant Martin kletterte mit Lebensgefahr am
Mhlgrabenufer auf und ab, die zarten Vergimeinnicht zu pflcken, die ohne
seine augenschrfenden Erstlingsgefhle ungesehen verblht sein wrden.
Schnrschen, auf einem Baumstamme sitzend, wand einen Kranz aus den
Blaublmlein. Des Leutnants Seligkeit hing von dem Besitze dieses Kranzes ab. Er
wollte ihn im Schlachtgewhl als feienden Talisman auf seinem Herzen tragen. Das
schnde Rschen aber meinte lachend, fr solches Unterfutter sei seine Uniform
viel zu knapp, und setzte den Kranz auf ihre schwarzen Locken, worauf der
Leutnant versicherte: er stehe ihr gttlich!
    An Dezimus' Arm hatten sich die beiden Frulein Priszilla und Phbe gehngt
mit der Bitte, er solle sie an diesem feierlichen Abend ein wenig mit der
Sternenwelt bekannt machen. Und warum sollte Dezimus ihnen dieses weihevolle
Verlangen nicht befriedigen? Er fhrte sie nach dem Hnengrabe und nannte ihnen
die Sternbilder, die eines nach dem anderen am stlichen Horizonte auftauchten,
whrend gen Abend der Himmel noch im Karmin des Sonnenunterganges glhte. Nun
wollten die Frulein aber auch fr die fnf Schlogeschwister ein besonderes
Sternbild gleich dem der sieben Pfarrschwestern ausgesucht haben. Und warum
sollte Dezimus ihnen nicht auch dieses Verlangen befriedigen? Er lie ihnen
sogar die Wahl zwischen der Kassiopeja und dem kleinen Bren. Sie konnten lange
nicht einig werden; die Kassiopeja war freilich viel schner, der lieben
Nachbarschaft wegen entschieden sie sich aber doch fr das Fnfgespann neben dem
Siebengespann.
    Max hatte Lydias Arm unter den seinen gezogen und ging mit ihr den Uferpfad
entlang. Der milde Abend lud zu einer Wasserfahrt ein, aber der Bootsmann hatte
nach dem heutigen sauren Tagewerk zu frher Stunde Schicht gemacht, und der Kahn
regierte sich schwer von einem allein.
    So setzten sie sich denn auf eine Bank vor der aus Rohr geflochtenen
Fhrhtte und blickten eine lange Weile schweigend auf den Flu, der zu ihren
Fen im Abenddmmer glitzerte. Ringsum zog sich das alte Werbensche
Fasanengehege. Das Unterholz ist zu Bumen herangewachsen, und es nisten seit
vielen, vielen Jahren keine goldenen und silbernen Jagdvgel mehr in ihrem Laub.
Aber unscheinbare Nachtigallen haben sich angesiedelt in dem verlassenen Reich
und locken von weit und breit Sangesgenossen herbei. Windstille in dichten
Laubkronen, klares Wasser, Ameisenhgel, von keinem Spatenstich gestrt, dann
und wann ein Ruderschlag und abends vor der Fhrhtte ein lauschendes Paar, was
braucht eine Nachtigall zum Heimischwerden mehr? Es waren glckliche Kolonisten.
So gut jedoch wie heute, wo man die alte Menschenschwester zur Ruhe gelegt, so
gut war es ihnen lange nicht geworden, denn sie hatten allerlei Volks an ihrem
Gehege vorberstreifen sehen, und die Nachtigallen sind auch in der Minnezeit
gar neugierige Kreaturen.
    Nun aber ist es wieder still geworden. Nur dort unter dem Fliederbusch sitzt
noch ein Menschenpaar, so schn, wie noch keines ihren Liebesweisen gelauscht,
und was ein Maienabend an Wonnen zu bieten hat, dieser bot es. Hoch oben die
blaue Nacht mit ihrem Goldgefunkel, linde Lfte und vom Boden Nektarwrze, aus
allen Wipfeln sehnschtig schmachtendes Locken. Im engen Bett rauscht weiter
abwrts der Flu; hier aber weitet er sich still und dunkel zu einem
Himmelsspiegel.
    Still und dunkel wie deine Augen, Lydia, flstert Max. Ein ses,
heiliges Mrchen wie du!
    Und dann saen sie wieder lange Hand in Hand und schwiegen und atmeten den
Zauber des Mai.

Am anderen Morgen nahm die Schlofamilie mit ihren Gsten das Frhstck auf der
Terrasse; der Propst hatte sich ber Nacht merklich erholt, Philipp sonnte sich
mit seinem Mtterchen zum ersten Male nach der langen Zimmerhaft. Aus aller
Blicken sprachen Hoffnung und Lust, so als antworteten sie auf den Maienblick
der Natur.
    Mir ist dieses Tal frher gar nicht so anmutig vorgekommen, sagte Max, und
Sidonie, die allen anderen gern neckend widersprach, aber jederzeit ihres
Bruders Echo war, setzte hinzu: Ich hatte keine Erinnerung mehr von ihm,
stellte es mir aber vor wie den Anfang der Lneburger Heide. Im Mai finden wir
freilich auch Heideschnucken grazis. Nun, es mte sich allenfalls hier schon
leben lassen.
    Die Geschwister hatten bei ihrer unerwarteten gestrigen Ankunft dem Oheim
erklrt, da sie die Frist zwischen der Bestattung und Testamentserffnung,
welche aus einem ominsen Zufall am 24. Juni, Mutter Blmels Segenstag,
statthaben mute, in Dresden zuzubringen gedchten. Jetzt stellte Max unerwartet
die Frage:
    Wrdest du mich, liebe Tante, diesen Monat lang dir als Gast gefallen
lassen?
    Und mich natrlich auch, ergnzte Sidonie, denn Max und ich sind fortan
eins.
    Frau von Hartenstein blickte schchtern zu ihrem Gatten und dieser scharf
eindringend zu Lydia hinber, die, eine Pupurwoge auf den Wangen, die Lider
senkte. Ihr sollt uns willkommen sein, sagte der Propst darauf.
    Herzlich willkommen! beteuerte Frau Ottilie, und die Geschwister sagten
Dank.
    Nach einer Pause fragte der Propst, ob sie willens seien, den Amtmann
Mehlborn aufzusuchen?
    Ich denke nicht daran, antwortete Max, whrend Sidonie nur stumm die
Achseln zuckte. Lydia aber fragte mit fast strengem Blick:
    Nicht eueren Grovater sehen, eurer Mutter Vater?
    Das wre kein Grund, Cousinchen, uerte Max leichthin. Aber gut, du
befiehlst, so werden wir ihm aufwarten.
    Sidonie nickte zustimmend, sogar sichtbar befriedigt.
    Die Unterhaltung, anfnglich heiter flieend, war unwillkrlich in einen
kurzen Trab von Frage und Antwort geraten, der keinem erquicklich schien. Als
weiterhin der Oheim zu wissen wnschte, welche Plne der Neffe fr seine Zukunft
verfolge, antwortete dieser:
    Im Moment keine. Das Testament wird den Ausschlag geben.
    Aber, lieber Max, wendete Sidonie ein, welchen Einflu auf deine Wahl
drfte diese Verfgung haben? Du weit ja, unter allen Umstnden bleibt dir
freie Hand.
    Der Propst zuckte zusammen, als ob er einen Krampf am Herzen spre. Mehr als
Sidoniens Worte hatten die sie begleitenden Blicke ihm verraten, da sie sich
und ihren Bruder des Werbenschen Erbes versichert hielt. Besa sie ein Zeugnis
dafr, sie, die einzige der Familie, welcher die Erblasserin nher getreten war,
die sie vielleicht mtterlich liebgewonnen hatte? Er erhob sich rasch, um sich
in sein Zimmer zurckzuziehen, kehrte halben Wegs jedoch um und sagte mit
ungewohnter Freundlichkeit:
    Sei unseren lieben Gsten, Lydia, doppelt eine aufmerksame Wirtin, da die
Mutter durch Philipps Rekonvaleszenz noch vielfach in Anspruch genommen ist. Ich
selbst fhle mich ja, Gott sei Dank, jetzt wohl genug, um deine Gegenwart einmal
auch anderen gnnen zu drfen.
    Sidonie erinnerte sich auch nicht des flchtigsten Wortes als Zeugnis fr
das ihr vorbestimmte Erbe; aber sie bedurfte dieses Wortes auch nicht, so fest
stand ihre Zuversicht desselben, nahezu wie eines natrlichen Rechtes. Und in
der unumwundenen Art, welche sie sich im Verkehr mit der Tante angeeignet hatte,
sprach sie diese Zuversicht auch aus, als sie noch am nmlichen Vormittag auf
die Pfarre kam, um, wie sie fortan jeden Morgen tat, das dortige Instrument zu
benutzen, da dasselbe immerhin noch etwas weniger Klapperkasten als das des
Schlosses war.
    Kann eine Verblendung trichter sein? sagte sie halb rgerlich, halb im
Scherz. Ich merkte es an all seinem Gebaren und habe es an einer rechtzeitigen
Warnung nicht fehlen lassen. Dieser standfeste Jnger des blutarmen Doktor
Luther hat sich allen Ernstes in den Kopf gesetzt, die Schatzkammer der
leibhaftigen Frau Hulda zu berkommen. Er, der einzige Mensch, der ihr
unverstndlich, daher schlechthin widerwrtig war, den sie immer nur den
Oberdruiden nannte und von dessen Familie sie nicht viel mehr hatte kennen
lernen, als da sie samt und sonders nicht die schwchste knstlerische Ader in
sich barg.
    Die sie aber in drckender zeitlicher Sorge wute, wendete Pastor Blmel
ein.
    Wute sie darum? Sie korrespondierte mit keinem von ihnen, und ich selbst
bin erst diesen Morgen auf den Argwohn gekommen, als - -
    Ja, sie wute darum, liebes Frulein.
    Um so schlimmer fr sie. Die Sorgen waren selbstverschuldete; ein Grund
mehr, die Sorgentrger von einem Besitz auszuschlieen, auf dessen Erhaltung es
ihr vor allen Dingen ankam. Eine unantastbare Leibrente wrde an dieser Stelle
die gebotene Hlfe sein.
    Frau Ottilie von Hartenstein bleibt aber immer der Dame nchste
Blutsverwandte.
    Nach meinem Papa, welcher der Sohn der lteren Schwester und der geborene
Erbe von Werben war. Hat sein Vater ihm das Nachfolgerecht verscherzt, ei nun!
die schnheitsschtige Thusnelda nannte Gropapa gern den schnsten Mann, den
ihre Augen gesehen, und irre ich nicht stark, war er der einzige, der ihr
jungfruliches Herz schwach gemacht haben wrde, wenn er nicht ihre Schwester,
die eine treffliche Tnzerin war, der trefflichen Sngerin vorgezogen htte.
Wrde denn auch ohne eine gewisse Sympathie sie, nach allem Vorhergegangenen,
sich bereitwillig mit ihm ausgeshnt, fr die Erziehung seiner Enkel in so
umfassender Weise Sorge getragen haben? Was hat sie fr die Kinder Ottiliens
getan, die, wenn auch in anderer Weise, der Verkmmerung nicht weniger
ausgesetzt waren als wir? berdies war die Tante so jugendlichen Sinnes, zog bis
an ihr Ende die heitere Jugend so unverhohlen aller sogenannten Altersweisheit
und Tugend vor, da es ihr auch in bezug auf ihr Erbe auf einen nheren oder
ferneren Verwandtschaftsgrad nicht ankommen konnte, zumal wenn bei dem letzteren
auf eine Nachfolge in ihrem knstlerischen Streben zu rechnen war.
    Und ist Ihnen niemals der Gedanke gekommen, da die leidenschaftliche
Kunstfreundin ber ihre Hinterlassenschaft zu kunstfrdernden Zwecken verfgt
haben knnte?
    Hinsichtlich ihres Barvermgens, des Hauses in Dresden, ihrer Sammlungen
und so weiter hchst wahrscheinlich; hinsichtlich des Werbenschen Stammgutes
keinenfalls. Warum htte sie es als Siebzigerin mit dem Opfer weit hheren Zins
tragender Dokumente wieder in ihre Hand gebracht? Ist dies der Platz, wo man
etwa eine Harfenschule grndet? Nein, was der Familie entstammte, sollte der
Familie verbleiben, und die Reprsentantin dieser Familie war fr sie - ich.
Mich hat sie gebildet, mein ist ihr Talent, ihre Anschauung, in gewissem Sinne
ihr Schicksal. Nur ich kann ihr eigenes Leben fortfhren; um dies aber zu
knnen, mu ich zunchst ihre Erbin sein. Ich, das heit mittelbar mein Bruder.
Denn das wute sie ja ganz wohl, und darin hat sie mich von frh ab festgemacht,
da ich, ein Krppel, wie ich durch die Vernachlssigung meiner Mutter geworden
bin, niemals einen nheren Angehrigen haben werde als meinen Max, der berdies
fr fast jegliche Kunstrichtung reicher als ich begabt und durch die Frsorge
der Tante vollstndig darin ausgebildet ist.
    Der aber, so gut wie Sie, Frulein Sidonie, dereinst ein Vermgen besitzen
wird, gegen welches das Erbe von Werben verschwindet.
    Eben darum. Nicht eine mig, nur eine reich gefllte Hand gengte ihren
Zwecken. Sehr mglich, da sie direkt zu meines Bruders Gunsten testiert haben
wrde, htte sie in ihm nicht das unwirtschaftliche Hartensteinsche Temperament
vorausgesetzt. Mich hielt sie fr praktischer und mit Recht. Man kann des Guten
nicht zu viel haben fr sich und andere, pflegte sie zu sagen. Sie tat in
letzerer Beziehung auch viel. Nur da man ihre Wohltat nicht bemerken, nicht
durch sie bedrckt, beschmt erscheinen, ihr nicht anders als durch frohen Genu
dafr danken durfte. Darum gab sie auch meinem Max so gern, weil er alles
Frderliche ohne demtigende Phrase, wie himmlischen Regen und Sonnenschein, von
ihr angenommen hat.
    Pastor Blmel machte noch den Einwand, da die Verstorbene ihren letzten
Willen ja aufgesetzt habe, bevor sie sich von der ihrer Sinnesart gemen
Entwicklung ihrer Verwandten berzeugt, und da er unverndert geblieben sei.
Sidonie lie an ihrer Zuversicht indessen nicht rtteln. Ihre Luftschlsser
standen fix und fertig aufgebaut. Die Familie des Propstes mochte, ob der Vater
lebte oder starb, nach wie vor das Schlo bewohnen und den Notpfennig, welchen
die Erblasserin ihr vielleicht zugewendet hatte, darin genieen. Sie, Sidonie,
folgte ihrem Bruder, wohin es auch sei. Er braucht Freiheit, und ich finde
alles, was ich brauche, in seiner Nhe.
    Nach diesem Schlusatz setzte sie sich an das Klavier, und das Prestissimo
einer Beethovenschen Sonate erbrauste in Perlenreine unter ihren schlanken
Hnden.
    Mir klingt es vor den Ohren, Konstantin, als wre wieder einmal Lisettchens
Milchtopf in Scherben zerbrochen, sagte Frau Hanna, welche dem Gesprche, ohne
ein Wort darein zu geben, zugehrt hatte. Ihr Konstantin seufzte.
    Fr den Besuch des Talgutes am anderen Nachmittag hatte Sidonie, zur eigenen
Schonung und zur Belustigung des gesamten jungen Volks, sich eine Kahnfahrt
ausgedacht. Lydia wollte zurckbleiben, da ihr Vater seit gestern morgen sich
wieder bler fhlte; er selber aber drngte sie zur Teilnahme mit einer Hast,
die sie befremdete. Wollte er allein sein? Gnnte er ihr eine flchtige Freude
vor einem unvergnglichen Schmerz? Oder - hatte er einen Blick in ihren
heimlichsten Seelengrund getan? Lydia errtete bei dieser letzten Vorstellung,
aber sie ging mit erleichtertem Sinn, nachdem sie ihr aufgestiegen war.
    Vor der Fhrhtte traf die Schlogesellschaft mit der Pfarrgesellschaft
zusammen, ein jeder froh gelaunt und witzig nach seiner Art; nur Max erschien,
trotz Lydias Gegenwart, um des unliebsamen Zieles willen, verstimmt.
    Wissen Sie, wie Sie mir vorkommen, Frulein Rose? fragte der Leutnant, und
da Frulein Rose die Vorstellungen eines Leutnants nicht zu erraten vermochte,
erklrte er: Wie ein weies Tubchen mit einem schwarzen Kpfchen zwischen drei
schwarzen Tauben mit weien Kpfen.
    Auch diese dem Kleiderschrank entlehnte Galanterie wurde lachend gewrdigt.
    Wie gefllt dir Rschen? fragte Martin seine Cousine, die in Erwartung des
Kahnes seinen Arm genommen hatte.
    Allerliebst, antwortete Sidonie. Sie gleicht dieser Gegend. Die frische
Anmut lt die Schnheit nicht vermissen.
    Du hast recht, fiel Max, der Frage und Antwort gehrt hatte, ein. In
solche Gegend zieht man sich zurck, wenn man des Weltlebens berdrssig
geworden ist, und solch ein Mdchen heiratet man, wenn man nicht mehr nach
Schnheit und Liebe verlangt.
    Seid ihr alle beide aber merkwrdig, entgegnete Martin gegen seine Art ein
wenig pikiert. Was mich anbelangt, so finde ich Rschen wunderschn, und da
nicht immer aus Liebe geheiratet werden kann, das begreife ich. Warum aber einer
Rschen heiraten sollte, der sie nicht schn findet und nicht in sie verliebt
ist, das begreife ich nicht.
    Weil sie ein zierliches Pantoffelregiment fhren wrde, groe Schnheiten
aber gewhnlich groe Fe haben, erklrte Sidonie lachend, und der Leutnant
war so klug wie zuvor.
    Man stieg in den Kahn, Dezimus und Peter Kurze fhrten die Ruder; die
brigen gruppierten sich je zwei nebeneinander auf den Bnken; Lydia und Max
Dezimus zunchst. Die maifrischen Gesichter inmitten der maifrischen Landschaft
erquickten das Auge der verwhnten kleinen Knstlerin. Sie hatte eine besondere
Art von Gitarre oder Laute aus Italien mitgebracht und heute nicht vergessen.
Zu einer Gondelfahrt gehrt Gesang, sagte sie, mache den Anfang, lieber Max.
    Nach kurzer Verstndigung griff sie in die Saiten, und ihr Bruder hob eine
Barkarole an mit einem Tenor, so weich und glockenhell, wie die Gesellschaft,
auer Sidonien, noch keine Menschenstimme vernommen hatte. Lydias groe Augen
hingen mit Entzcken an seinen Lippen, Rschen jubelte laut auf, und Dezimus
bewunderte in neidlosem Verstummen die Flle der besten Gaben, welche die Natur
diesem herrlichen Jngling eingebunden hatte. Ach, wie arm und gering nahm er
sich neben diesem Glcklichen aus, er, der doch auch ein Glckskind hie!
    Wer htte unmittelbar nach diesem Wohllaut seine Stimme hren lassen mgen?
Da Peter Kurze, der unermdliche Unterhalter, durch das Ruder in Anspruch
genommen war, kam somit die Reihe des Witzigseins wieder an den Leutnant, und da
ihm just nichts Neueres oder Geistreicheres einfiel, sprang er auf und begann
mit ausgespreizten Beinen, bald links, bald rechts tretend, den Kahn zu
schaukeln, so da, stark gefllt, wie er war, das Wasser um ein Haar ber die
Rnder getreten wre.
    Priszilla und Phbe kreischten laut auf. Halte mich, Dezem! schrie
Rschen.
    Dummer Junge! brummte Peter Kurze, zum Glck unverstanden. Sidonie aber,
rasch gefat, zog den armen Spavogel an ihre Seite nieder mit den Worten: Hier
bleibst du sitzen! Du, Phbe, neben Rosen! Nicht gerhrt!
    Ich bin schon als Fhnrich Freischwimmer gewesen, ich wrde euch alle
gerettet haben, sagte der Leutnant, leistete aber gehorsam Folge und sa
mucksmuschenstill.
    Das Gleichgewicht der Bewegung war somit hergestellt; da aber auch das der
Stimmung wiederhergestellt werde, hob Peter Kurze seinen Leibkanon an, den er
bei jeder mglichen Gelegenheit zum Vortrag brachte und in welchen das
kunstsinnige Frulein Sidi unverdrossen einstimmte:
    Sind wir wieder einmal beisamm gewest,
    Han uns wieder einmal liebgehat und so weiter.
    Nur Dezimus und die beiden, welche seiner Ruderbank zunchst saen, sangen
nicht mit. Die beiden flsterten miteinander, und jenem erweckte das Flstern,
von dem ein Wort und das andere zu ihm hinber drang, bewegliche Gedanken.
    Beim Schwanken des Bootes hatte Lydia sich an Max geklammert; er umfate
sie, drckte sie an sich und hauchte in ihr Ohr:
    So sterben, wre das nicht schn? setzte aber lauter rasch hinzu: Nein,
nein, zuvor so leben, Lydia!
    Sie entwand sich seinen Armen und senkte die Lider vor seinen flammenden
Blicken. Nach einer langen Stille fragte sie leise: Du sagtest neulich, Max, du
liebtest den Tod, aber nicht die Toten. Hie das so viel, als du liebtest die
Lebenden, aber nicht das Leben?
    Nein, gewi, antwortete er, das hie es nicht; denn als ich es sagte,
hatte ich noch keinen Lebenden geliebt.
    Max!
    Du meinst meine Schwester? O nicht doch, Lydia! Was ich fr dieses gute,
verkmmerte Wesen empfinde, ist Trauer oder, wie du es nennen magst, Erbarmen.
Liebe aber ist Wonne, ist Seligkeit, und heute, Lydia, heute - -
    Aber das Leben, Max? unterbrach sie ihn hastig. Liebst du, erfllt dich
das Leben?
    Wer liebte es nicht, Lydia, und wer drfte es nicht lieben, da es einen Tod
gibt, der es endet, wenn es kein Leben, keine Erfllung mehr ist?
    Was nennst du leben, Max? fragte Lydia nach einer neuen Stille.
    Das! antwortete er. Er zog aus ihrem Grtel eine Frhrose, die er ihr vor
der Abfahrt gereicht hatte, sog in vollen Zgen ihren Duft ein, bis die Bltter
auseinanderfielen, und warf sie dann in den Flu. Das!
    Der Kahn stie in diesem Augenblicke an das Ufer. Max fhrte seine Schwester
nach dem Herrenhause; die brige Gesellschaft schlug in der Zwischenzeit unter
Peter Kurzens Fhrung einen Spazierweg ein; Lydia blieb zurck. Sie wre wohl
gern ganz allein gewesen; einer jedoch mute den Kahn sichern, fr den es in
dieser Nhe der Stromschnellen keinen Anhalt gab; da dieser eine aber Dezimus
war, blieb sie wenigstens so gut wie allein. Denn nach den heimlichsten
Offenbarungen einer Dichterseele eine Unterhaltung zu versuchen, nein, so
ausverschmt war der Held dieser Geschichte nicht.
    Lydias Blicke folgten sinnend der Rose weit hinaus, bis sie auf und nieder
tauchend zwischen den weien Strudeln verschwunden war. Jetzt erst schien sie
eines Dritten Gegenwart innezuwerden; und da es ihr einfallen mochte, da er
wohl ihr Gesprch mit Max gehrt haben knne, fragte sie mit dem ihr eigenen
gtigen Lcheln: Was nennen Sie leben, lieber Dezimus?
    Er dachte eine Weile nach, dann, zu ehrlich, um seine Zeugenschaft zu
verleugnen, antwortete er: Was ich selber vom Leben wei, heit auch nur
glcklich sein. Wie aber mein Vater mich das Leben verstehen lehrt, heit es
reifen, werden.
    Und sterben?
    Ich glaube: das nmliche.
    Ob diese Antwort Lydia gengte? Ob sie dem Glauben sich einfgen lie, den
sie selbst unumstlich von ihrem Vater berkommen hatte? Gewilich nicht. Aber
ihr Puls schlug heute empfnglich fr die Deutungen der Jugend, Freude und Liebe
jauchzten in ihrer Brust. Sie stellte keine Frage weiter, sa ganz still mit
halbgeschlossenen Augen, so als ob die pltschernden Wellen sie in Schlummer
lullen sollten, und wie aus einem Traume erwachend fuhr sie jach in die Hhe,
als Max und seine Schwester unerwartet frh zurckkehrten.
    Sidonie lachte; aus ihren klugen Augen blitzte ein lustiger Spott; ihres
Bruders schnes Gesicht dahingegen war durch einen Zug mehr von Ekel als Zorn
bis zur Unschnheit entstellt.
    Ich gehe zu Fue nach Hause, sagte er. Am Fhrplatze erwarte ich euch.
Du, Lydia, setzte er freundlicher hinzu, mtest eigentlich mit mir kommen. Du
hast mir diese hliche Stunde aufgentigt und bist mir eine Vergtung
schuldig.
    Sie stieg ohne ein Wort der Erwiderung aus, legte ihren Arm in den seinen,
und sie gingen den Uferpfad entlang.
    Da die brige Gesellschaft noch zgerte, setzte Sidonie sich neben Dezimus
auf die Ruderbank, um ihm in blhenden Farben die Begegnung mit ihrem herzigen
Grovterchen auszumalen. Sie ahmte seine Naturlaute nach, schilderte die
patriarchalische Toilette, die Schauer der dster romantischen Hhle, Stube
genannt, mit ihren Spinnweben, ihrem Staub und Dunst, beschrieb das ambrosische
Vespermahl: ein schwarzes Brot, rund und hart wie ein Mhlstein, dazu ein
aromatischer Kse, vom ehrwrdigen Grau des Schimmels berzogen, und ein Krug
lehmfarbigen Nektars, neuhochdeutsch Kofent genannt.
    Alle Genre der Poesie waren vertreten, sagte sie, mit Ausnahme des
heldenmigen, das erst mein Mxchen in die Heimatszene trug. Sogar das
dramatische kam noch als dickes Ende hinterdrein. Und so htte ich nun auch
einmal einen Blick in die ursprngliche germanische Volksseele getan, von
welcher euere Denker die Rettung unserer durch berbildung angefaulten
Gesellschaft erwarten, und knnte allenfalls auch ein Idyll oder, wie eure
Dichter es neuerdings auszudrcken belieben, eine Dorfgeschichte schreiben. Ewig
schade, Dezimus, da Sie sich den poesiestrotzenden Inspektorposten bei Ihrem
Vizepaten verscherzt haben, und wirklich unverzeihliche Verblendung, da mein
Mxchen, der als Dichter doch notwendig nach Anregungen trachten mu, sich so
hartnckig dagegen strubt! Aber sagen Sie, heimtckischer Schferknabe, was
haben Sie meinem trauten Papachen eigentlich angetan, da Ihr bloer Name allen
bukolischen Frieden aus seiner ungeschminkten Seele scheucht? Als ich, ich wei
auch gar nicht, wie ich darauf geriet, erwhnte, da Sie nchstens zur
Universitt abgehen wrden und die Werbener Pfarre so gut wie in der Tasche
htten, wenn nach ein vier, fnf Jhrchen etwa der alte Blmel sich nach Ruhe
sehnen sollte, da war mirs, als she ich Bankos Geist in Hemdsrmeln und
bocksledernen Buxen vor mir aufsteigen. Der, der! krchzte er, da es mich
eiskalt berlief; der mich abspeisen! Der Lumpenjunge - verzeihen Sie! - der
Lumpenjunge mir den Lebenslauf halten! Und dann brllte er: Sackerment! und
schlug mit beiden Fusten auf den Tisch, da - - aber da kommen die anderen.
Unter vier Augen die Fortsetzung. Es handelt sich ja um Ihre Missetat an meinem
eigenen Fleisch und Blut. Nur so viel noch: Ich habe in gutem Glauben Sie
christlich herausgestrichen - des Abspeisens halber, Freund Dezimus!
    Die anderen stiegen ein. Sidonie hatte schon whrend der letzten Worte ihre
Gitarre rein gestimmt und lste nun die lustige Dorfgeschichte mit einem
traurigen Volksliede ab, das die Gesellschaft mit Brummstimmen begleitete.
    Die klagende Weise wehte zu den beiden hinber, die raschen Schrittes talauf
den einsamen Uferweg zwischen junggrnenden Erlenbschen wandelten. Max war
heute nicht wie seine Schwester zum Karikaturenzeichnen aufgelegt; alles, was
Adel hie, hatte sich in ihm emprt. berdies schlo Lydias kindlicher Ernst
unwillkrlich bei jedem, der ihr nahte, eine ironische Stimmung aus, ja selbst
die gutmtige Deckung des Humors.
    Welch eine Zumutung! rief Max unwillig, und welch ein Widersinn, einen
Menschen wie diesen ehren zu sollen oder gar ihn zu lieben!
    Ich kenne deinen Grovater nicht, entgegnete Lydia sanft, ich glaube dir
aber, armer Max, da das erste menschliche Gebot ihm gegenber kein leichtes
ist. Allein warum wre denn auch sonst diesem Gebote eine Verheiung schon fr
diese Welt gegeben? Wo die Liebe natrlich ist, trgt sie ihren Lohn in sich.
    Sie sah ihn bei diesen Worten mit einem Blicke an, welcher die heimlichste
Tiefe ihrer Seele entschleierte und vor dessen Zauber aller Widerspruch und
aller Groll aus seinem Herzen floh. Er prete sie in seinen Arm, an seine Brust.
Die Liebe, die natrlich ist, hatte sie zueinander gezogen.
    Sie setzten sich auf einen Rasenhgel, und was da unter dem pfingstlichen
Blattgesusel gehaucht worden - der Worte werden es nicht viele gewesen sein;
aber selbst diese wenigen wiederzugeben ist dem Erzhler nicht gegnnt.
    Muntere Stimmen vom jenseitigen Ufer weckten sie aus ihrem Traum. Er duchte
den Glcklichen ein Moment, und doch war die Sonne gesunken, als Dezimus sie
hinber in das Gehege ruderte, in welchem Sidonie zum heiteren Abschlu ihres
Festes ein Tischchendeckedich hergezaubert hatte. Das junge Volk tat sich
gtlich und trieb seinen Scherz, whrend Max seine Schwester abseit fhrte zu
einer Mitteilung, die sie wie das eigenste Schicksal berhrte. Lydia war, ohne
umzublicken, am Ufer entlang geflohen, die Terrassen hinan, in ihr Haus.
    Die Mutter kam ihr auf den Zehenspitzen aus ihres Gatten Zimmer entgegen.
Sie hatte Trnenspuren in den Augen, aber ihr argloses Kinderlcheln auf den
Lippen. Er ist eingeschlummert, sagte sie, auf die halbgeffnete Tr deutend.
    Der Propst sa am Fenster, vor sich einen Haufen Papiere, in welchen er bis
zum Tagesneigen geblttert hatte. Sein edles weies Haupt war auf die Brust
gesunken, die welken Lider deckten die Augen; doch schlief er nicht. Seit Jahren
qulte ihn ja dieses Schmachten nach Schlummerruhe, das knstliche Mittel nur
stillten, um es desto peinvoller zu reizen. Als er seiner Tochter leisen
beflgelten Schritt vernahm, hob er den Kopf ihr entgegen. Sie warf sich, ohne
jedes Wort, zu seinen Fen und barg auf seinen Knien das Gesicht, das im Purpur
der Scham erglhte.
    Derlei affektvolle Bezeugungen waren beider Naturen und dem keusch
begrenzten Verhltnis der Familie fremd. Wo aber ein Mensch dem anderen in so
seltener Weise verbunden ist wie dieser Vater seiner Tochter, bedarf es keiner
Erklrung fr einen stark bewegenden Trieb. Der Vater wute, was die Tochter
erlebt hatte; ein Widerstrahl ihres Glcks flog ber seine fahlen Wangen, und er
erleichterte ihr das Gestndnis, das sich so schwer von ihrem Herzen lste,
indem er nach einer langen Pause anhob:
    Ich will dir nicht bergen, Lydia, da, wie ich dich so still umfriedigt
heranwachsen sah, ich den Glauben gehegt habe, vielleicht die Hoffnung, du
erwchsest zu einer jener Berufenen, die Martin Luther hohe, reiche Geister
nennt, weil sie in edler Freiheit lieber fr das Himmelreich wirken wollen als
fr die Welt. Ich achtete dich zu gut, Lydia, fr die gemeine Not. Aber Martin
Luther nennt diese Berufenen seltene Menschen, zhlt unter Tausenden kaum einen.
Und wie ich selber mich der Befugnis nicht wrdig erkannte, mich ber Gottes
natrliche Ordnung hinwegzusetzen, ich, der ich doch ein Mann war mit schweren
Lebenskmpfen hinter sich und einer groen Lebensaufgabe vor sich, so werde ich
um so williger zu meiner Tochter sagen: Trage Weibes Los, sobald du des Weibes
natrlichen Trieb in deinem Herzen sprst. Liebst du Max, Lydia?
    Ja, ich liebe ihn, stammelte Lydia mit bebenden Lippen, und sie blieb auf
ihren Knien wie der Beichtiger vor dem Hter seiner Seele.
    Warum zitterst du dann aber und scheust dich wie vor einem Frevel, weil du
einen Mann liebst, wie doch das Weib es soll?
    Lydia hatte sich zu einem Ausspruch ber Wohl und Wehe gefat. Sie erhob
sich von ihren Knien und sprach: Nicht da ich ihn liebe, aber da du ihn nicht
lieben wirst, mein Vater, darum zittere ich. Er ist keiner von den Unseren,
keiner von den Deinen, Vater - -
    Wei ich das nicht? unterbrach sie der Propst. Er ist nicht einmal ein
Christ. Er ist, da ich so sagen soll, noch ein Fragment. Aber eben darum sehe
ich in deiner Liebe eine Mission und segne sie als solche. Du kennst mich,
Lydia, und wirst darum es keinen Sophismus nennen, wenn ich dir gestehe: Httest
du dich einem Manne zugeneigt, festgewurzelt in seinem Glauben, der aber nicht
der deine, nicht der unsere, meine Tochter, war, oder wre Max auch dem Geiste
nach seiner Mutter Sohn, einer von denen, welche das ewige Geheimnis von seinem
Throne reien, um die nackte Vernunft auf denselben zu erheben, so wrde ich
deine Wahl zwar nicht haben hindern drfen, aber meinen Segen htte ich ihr
nicht geben drfen, denn es war keine Einigung zwischen euch abzusehen. So aber
ist in deine Hand gegeben ein unerflltes Gemt, in welchem der Strahl einer
reinen Liebe den reinen Glauben, das Gebet der Liebe das Wunder der Gnade
bewirken wird. Die Skepsis ist niemals unberwindlich, meine Tochter. Es waren
oftmals heidnische Mnner, denen untertan zu sein die Apostel ihren Jngerinnen
geboten, und nicht zum geringsten ist durch dieses Gebot das Heil in die
Heidenwelt gedrungen. Das, Lydia, ist dein Beruf, und danach handle.
    Lydia stand hochaufgerichtet mit gefaltenen Hnden und verklrtem Blick.
Dann aber neigte sie sich zu ihrem Vater nieder und kte voll inbrnstigen
Dankes seine Hand. Ein paar Minuten waltete tiefe Stille.
    Herr von Hartenstein war wieder schattenbleich geworden; krampfhaftes Ringen
zuckte aus seinen Mienen. Was er bis dahin gesagt hatte, war als freudige
berzeugung leicht aus seiner Seele geflossen; nun kostete es ihm einen harten
Kampf, zu sagen: Ich bin noch nicht zu Ende, meine Tochter.
    Lydia setzte sich an seine Seite, nahm seine kalte Hand in die ihre und
hielt den Blick unverwendet auf ihn gerichtet. Er hob an:
    Aber auch in dem anderen Sinne, welchen wir neben jenem hchsten als eine
heilige Aufgabe hegen und pflegen, im Sinne der Familie, mu ich deine Wahl als
eine Schickung der Gnade verehren. Du allein kennst die sorgenvolle Lage, in
welche das Gesetz der Treue mich gedrngt hat. Aber auch du kennst sie nicht
aus, und jung, wie du bist, vermagst du den martervollen Zustand nicht zu
ermessen, unter welchem ein Vater, sehnschtig der Erlsung und doch erdenbange,
aus dem Kreise hlfloser Kinder scheidet - vielleicht in der nchsten Stunde
schon. Jetzt scheide ich beruhigt. Als Gattin eines begterten Mannes aus
unserem Geschlecht ist es nicht nur dir ermglicht, sondern es ist auch ihm eine
Satzung des Blutes, die Pflichten fr die Vergangenheit den Aufgaben fr die
Zukunft zu einen. Bedarf ich deines bindenden Wortes, Lydia, da du fr deine
Mutter und deine Geschwister Sorge tragen wirst nach wie vor als fr deine
eigensten Angehrigen, wenn ich von ihnen gegangen bin?
    Nein, Vater, antwortete Lydia, indem sie seine Hand an ihr Herz drckte,
nein, es bedarf keines ausdrcklichen Versprechens, um mich in irgendeiner Lage
an das Gesetz der Treue gegen die Menschen, welche bis heute meine nchsten
waren, zu mahnen. Aber vergib, wenn ich in diesem Betracht deine Auffassung
meines Verhltnisses zu Max nicht begreife. Denn auch seine zweifelhafte uere
Lebensstellung war ein Grund, um dessentwillen ich an deiner Zustimmung
verzagte. Er dankt seine Ausbildung fremder Untersttzung, er ist durch diese
Untersttzung, die er fortan entbehren wird, verwhnt, ist sorgloser Gemtsart.
Es wird Jahre whren, bevor er irgendwelches Amt, irgendwelche Verwertung seiner
mannigfachen Anlagen erringen kann. Und du baust auf ihn als den Schtzer deiner
Familie? du nennst ihn einen begterten Mann?
    Er wird es in der Krze sein, versetzte der Propst mit sichtbarem Zwang.
    Sein Grovater ist noch ein rstiger Mann, entgegnete Lydia unerschrocken,
da Klarsehen ihr jetzt zu einer Pflicht geworden war. Seine Familie ist ihm
gnzlich entfremdet; und zwischen dem Grovater und dem Enkel steht die Mutter.
    Nun denn, Lydia, - sagte Herr von Hartenstein nach einem tiefen Atemzuge,
ich htte diese Errterung dir und mir erspart gewnscht, da du mich aber zu
derselben drngst, so wisse, da ohne Zweifel Max der Erbe von Werben ist.
    Der Erbe von Werben - Max -, Vater? fragte Lydia betroffen.
    Zuverlssig, Lydia. Deine Mutter stand der Besitzerin verwandtschaftlich
nher, aber sie stand ihr uerlich wie innerlich fern. Wenn ich nun das Wesen
der wunderlichen Greisin von Grund aus berdenke, so suchte sie fr ihr altes
Geschlecht einen Stammhalter, auf den sie wohl selbst seinen Namen bertrgt;
und drfen wir uns darber tuschen, wie weit an Glanz der Gaben, die sie ber
alles schtzte, unser Martin gegen seinen Vetter zurcksteht? Philipp, der ihm
einmal hnlicher zu werden verspricht, lag noch in der Wiege, als sie ihren
letzten Willen abfate und niemals nderte. Dazu das nahe Verhltnis zu Sidonie,
die ihrer Sache gewi scheint. Es ist so; es kann kaum anders sein; - aber - ich
fhle mich erschpft. Geh, Lydia, hole Max - und dann lat mich ruhen.
    Lydia ging, aber nicht beflgelten Schrittes wie eine, der sich ein
entzckendes Hoffen erfllen soll. Ein Nebelflor hatte sich pltzlich zwischen
ihr Auge und den Sonnenschein gedrngt.

Max und Lydia sind verlobt! mit diesem Jubelruf trat am anderen Morgen Sidonie
in die Pfarre ein.
    Pastor Blmel fuhr erschrocken, wie vor einer Hiobspost, zusammen, und auch
seiner Hanna, die doch sechs Tchter mit so gutem Glauben unter die Haube
gebracht hatte, wollte der Glckwunsch gar nicht flott vom Herzen gehen. Rschen
und Dezimus dahingegen waren wohl erfreut, aber gar nicht berrascht. Sie hatte
schon am Bestattungsabend ein Liebesvgelchen ber dem Schlosse zwitschern
hren; er hatte ja von jeher an eine Konjunktion des herrlichen Jupiter und der
holden Venus geglaubt. Die hausbackene Folgerung von Hochzeit und Herdfeuer wie
bei gemeinen Sterblichen wollte ihn freilich hier ganz kurios bednken.
    Sie sind freinander prdestiniert! rief Sidonie in ihrer Herzensfreude.
Wer hat schon ein so vollkommenes Menschenpaar gesehen? Ach, die Schnheit gibt
doch das einzige Frauenrecht auf Glck! Beide reinster Hartensteinscher Typus
und doch Gegenstze, auch seelisch. Hier bersprudelnde Flle; einsaugende,
sammelnde Stille dort! Und da auf diese Weise ein natrlicher Ausgleich fr
getuschte Erbaussichten bewerkstelligt wird, auch das ist mir lieb; denn
verdrielich ist solch ein Vorzug unter Gleichberechtigten allemal. Schade, da
Sie ihnen nicht die Traurede halten drfen, Papa Blmel. Der Propst wird sich
diese natrlich nicht nehmen lassen. Ich mchte um meines Mxchens willen, sie
wre schon berstanden. Das Hochzeiten mte eigentlich aus dem Stegreif ganz in
der Stille betrieben werden. Den Trauermonat mu man natrlich anstandshalber
respektieren. Dann aber auch keinen Tag zwecklosen Sehnens mehr. Die Brautreise
gnne ich den Glcklichen allein, wohin und so lange es ihnen beliebt. Geht es
aber an das Httenbauen, so hausen wir zu dreien, und der Welt wird ein Exempel
vorgefhrt werden, da es sich mit einer Schwester weit behaglicher als mit
einer Schwiegermutter wirtschaften lt.
    Max tuschte weder seine Braut noch sich selbst, wenn er sie seine erste
Liebe nannte. Wohl war er kein Neuling in der Frauenhuld, er hatte seit den
Knabenjahren Knospen und volle Rosen mancher Art umflattert. Eine Blte so rein
und eigenartig wie diese hatte sich aber ihm noch niemals erschlossen, und wie
vor einem ungetrumten Gebilde dem Knstler pltzlich ein hheres Ideal aufgeht,
so ergriff sein Gemt der Zauber dieser keuschen, heiligen Schne. Zum ersten
Male blickte er zu einem Menschen empor.
    Dennoch war Lydia noch glcklicher als er. Sie, der Emporblicken eine
Gewhnung war, sie fhlte zum ersten Male die Wonne des Umfangens. Ihr
innerlichster Kelch ffnete sich dem warmen Sonnenstrahl. War sie im
eigentlichen Sinne niemals ein Kind gewesen, nun erst, da das Weib in ihr die
Hlle sprengte, ward sie ein Kind. Hatte sie bisher lter geschienen, als sie
war, nun schien sie jnger; ihre Wangen frbten sich gleich Maienrosen, die
stillen Augen leuchteten in meerdunklem Glanz, sie bewegte sich rascher, die
leise Stimme tnte klangvoll aus der Brust heraus; sie lchelte frhlich wie
noch nie.
    Denn wann htte das Nachtgespenst der Sorge standgehalten vor der Liebe
erstem Morgenstrahl? Jener Nebel, der jach vor Lydias Augen aufgestiegen war,
hatte sich unter dem Verlobungssegen gesenkt; auch ihres Vaters Krankheit sah
sie in einem heitereren Licht; ein Widerstrahl ihrer Freude fachte seine Krfte
an, sie war sein liebstes, sein eigenstes Kind, er hoffte fr sie und sie fr
ihn. So lebte sie Tage und Tage im reinsten ther des Glcks. - Zehn Tage im
reinsten Glcksther! - wie viele Menschen sind es, die auf sie zurckblicken?
    War das Brautpaar verpflichtet, sich dem Grovater Mehlborn als solches
vorzustellen? Max hatte nein gesagt, Lydia ja, und ein Brutigam von kaum zwei
Wochen gibt nach. Bruder Martin erbot sich, an Stelle des kranken Vaters das
junge Paar zu chaperonnieren.
    So zog man bei hellem Sonnenschein aus, um eine Stunde spter unter einem
drohenden Gewitter heimzukehren. Amtmann Mehlborn war, wie fglich htte
erwartet werden knnen, beim ersten Kleeschnitt auf dem Felde gewesen, Leutnant
und Doktor von Hartenstein hatten ihre Karten abgegeben; der letztere, da seine
Braut ber derartige gesellschaftliche Utensilien nicht verfgte, nachdem er
unter die seine gekritzelt hatte: und Lydia von Hartenstein. Verlobte.
Irgendwelche herzliche oder auch nur hfliche Erwiderung wurde, mit gutem
Grunde, nicht erwartet.
    Trotz des erwnschten Verfehlens empfand Max heute doppelt, weil auch aus
einer Art von Scham vor seiner Braut, das Widerwrtige dieses Familienbezugs. Er
kam daher whrend des Heimwegs auf seine neuliche Behauptung zurck, da derlei
aufgentigte Verhltnisse nicht nach hohen sittlichen oder gemtlichen Werten zu
bemessen seien. Kannst du im Ernst das Band zwischen mir und diesem alten Manne
Liebe nennen, Lydia? fragte er, und da sie nicht augenblicklich eine Antwort
gab, gab er sie selbst, indem er fortfuhr: Im besten Falle wre es ein
Blutszwang, im schlechtesten Heuchelei, und selber das, was du als Tugend oder
dergleichen Willensakt anfhren mchtest, hiee gerade darum nimmermehr Liebe,
die ja die Freiheit selber ist. Und wre es mein leiblicher Vater, wenn ich ihn
nicht lieben knnte, ohne da er mein Vater ist, dann verdiente mein Gefhl zu
ihm diesen Namen nicht.
    Lydia schwieg auch jetzt, die Augen sinnend zu Boden gesenkt; der ehrliche
Martin aber erwiderte:
    Nimm es mir nicht bel, Max, aber das finde ich am Ende doch ein bichen
stark. Da wre ich ja nicht besser als ein Hund oder Pferd, die wohl einem Herrn
anhngen, aber keinen Vater und keine Mutter kennen. Sind uns denn die
Anverwandten fr nichts und wieder nichts vom lieben Gott gegeben? Und wenn dein
Gropapa den Spie nun umdrehte und sagte: mein Herr Enkelsohn ist gar nicht
nach meinem Geschmack, ich werde mir einen Erben suchen, der mir gefllt?
    Wrde ich seine Geschmacksrichtung durchaus in der Ordnung finden,
entgegnete lachend Max, wenn auch die Folgerung auf das Pflichtgebiet anders
gezogen werden mu fr den, welcher das Leben gibt, und dem, welchem es
willenlos gegeben wird. Auch das Tier sorgt fr seine Brut. Beruhige dich
indessen, Freund; keinem Bauer, richtiger ausgedrckt, keinem Ungebildeten fllt
es ein, sich einen fremden Erben zu suchen, wenn ihm der natrliche auch noch so
wenig zusagte. Das ist es ja eben, was ich Blutszwang, item der Liebe Gegensatz
genannt habe.
    Ich wrde es ganz anders nennen, Max.
    Und wie, Bruder Leutnant, wenn es beliebt?
    Das richtige Wort fllt mir nicht gleich ein. Aber wrde ich denn, nmlich
gar nicht etwa blo, weil ich es geschworen, sondern ganz von Natur, nicht mehr
an meiner Fahne hngen, weil ein siegreicher Feind sie in Fetzen gerissen
htte?
    Lydia drckte ihrem Bruder mit einem zustimmenden Blicke die Hand, und das
war das erste Zeichen des Widerspruchs, das sie sich gegen ihren Verlobten
gestattete.
    Unter Donner und Blitz erreichten sie das Haus. Sidonie war mit den beiden
jngeren Cousinen nach der Pfarre gegangen, dagegen eine Briefsendung der Mutter
aus der Schweiz eingetroffen als Antwort auf die Verlobungsanzeige von seiten
des Propstes und der Kinder.
    Mtterliche Freude hatte die Verbindung mit einer Familie, die ihr so
fremdartig gegenberstand, Frau Brigitten ja nicht erwecken knnen; schlechthin
Einspruch dagegen zu erheben war indessen unstatthaft, und zu pflichtmig
aufrichtig, um einen Anteil, den sie nicht empfand, mit Phrasen abzufertigen,
behandelte sie das Verhltnis eingnglich von einer Seite, die bisher,
geflissentlich oder nicht, unberhrt geblieben war, von der praktisch
huslichen.
    Du hast, mein Sohn, so schrieb sie unter anderem, mit dem Leben bisher
getndelt wie ein Kind. Nun baue ich darauf, da das, was du dein Glck nennst,
den Ernst des Mannes in dir reifen und dich fr die erste Menschenpflicht, die
einer der Gesamtheit nutzbringenden Ttigkeit, tchtig machen werde. Wenn deine
knftige Gattin dir in diesem Sinne eine Gehlfin wird, dann, aber auch nur
dann, wirst du wie den Zweck der Ehe mit ihr erreichen, so das Glck der Ehe
durch sie erfahren. Ich lese mit Staunen zwischen Sidoniens Zeilen heraus, da
sie, zumeist um deinetwillen, sich auf das Erbe des alten Familiengutes
zuversichtlich Rechnung macht. Ich kann euch beide nicht dringend genug vor
diesem Fehlschlu warnen. Wie ich eure Grotante - ohne Zweifel richtig -
beurteile, bertrgt sie in dem Stammsitz ihrer Familie ein Ehrenamt, und solch
ein Ehrenamt bertrgt keine Werben auf die Enkel eines reich gewordenen Bauers.
Da sie deine und deiner Schwester Wohltterin gewesen ist, wrde nur ein Grund
mehr fr meine Auffassung sein; denn selten schtzt man die, welche von unserer
Gromut Vorteil gezogen haben.
    Gesetzt aber auch, du wrdest durch irgendwelche Schicksalsgunst vor der
Zeit deiner Reife in eine nach auenhin unabhngige Lage versetzt, entbnde dich
das von deiner ersten Pflicht gegen dich selbst und gegen die Welt? Gibt es
etwas Erbrmlicheres als einen vornehmen Miggnger, der Kraft, Geld und Zeit
in spielerischen Liebhabereien vergeudet und in Genssen, die, weil sie niemals
befriedigen, alle Tage wechseln mssen? Es ist, im Gegensatz zu reicheren
Lndern, ein Segen der durchschnittlichen Armut unserer hheren Stnde, da das
Faulenzertum, selbst von Erbshnen, als Unsitte und das Dienen als Pflicht und
Ehre gilt. Oder hltst du eine deiner knstlerischen Anlagen, die leichte
Dichtergabe eingeschlossen, fr bedeutend genug, um sie, selber bei fleiiger
bung, in langer Zeit ber den Dilettantismus zu erheben? Tusche dich nicht,
mein Sohn, sie sind es nicht; eben um ihrer Vielseitigkeit willen nicht und ganz
besonders bei deiner Temperamentsanlage nicht. Eine groartig schpferische
Knstlerkraft ist fast ohne Ausnahme eine einseitige, und ein groartig
schaffender Knstlerwille ist es auch.
    Tusche dich aber auch nicht darber, da du auf unberechenbare Jahre hinaus
- und wahrlich zu deinem Heil! - auf dich allein gestellt sein wirst, auf
Selbstberwindung und strengen Flei. Da du nun einmal vorzeitig an die Grndung
eines eigenen Hausstandes gedacht hast, somit eine aussichtslose, militrische
Friedenskarriere aufgegeben werden mu - und dafr preise ich, wie man so sagt,
den Himmel, mein Sohn! -, bleibt dir keine Wahl als die allein deiner wrdige:
die wissenschaftliche Bahn, zu der du vorbereitet bist, zu verfolgen und mit
bescheidenem Anfang einem edlen Ziele zuzustreben. Es naht sich ja mit starken
Schritten die Zeit, in welcher auch in unserem Vaterlande mit dem Schlendrian
aufgerumt werden wird. Sei es als Beamter, sei es als akademischer Lehrer hast
du dann den Punkt gefunden, von welchem aus ein geistvoller Mann den Hebel
ansetzt, um fr den Umschwung der Zeit sein Pflichtenteil beizutragen.
    Den Schlupassus von des geistvollen Mannes archimedischem Zeitberuf
abgerechnet - denn aus dem Munde einer Brigitte Zacharias schmeichelt die
Anerkennung seiner Bedeutendheit auch den unzrtlichsten Sohn -, erregte der
pdagogische Leitartikel, der sich in ein Briefkuvert verirrt hatte - dem
Adressaten ein herzliches Lachen. Die Frau Professorin hatte jedoch ihrem
Glckwunsch an den Propst und seine Tochter ungefhr die gleiche Ermahnung
beigefgt, indem sie beiden, unter deren vorwaltendem Einflu sie zurzeit den
Sohn sich dachte, die Zgelung vorlauter Erwartungen und unsteter Gelste zur
Gewissenssache machte; und diese beiden nahmen die Sache ernst, wenn auch nicht
aus bereinstimmenden Grnden.
    In dem Vater weckte das apodiktische Absprechen jeglicher Erbaussicht des
jungen Brutigams kaum zur Ruhe gebrachte persnliche Hoffnungen wieder auf,
whrend gleichzeitig die einleuchtenden Belege fr diesen Abspruch den Ri in
den Stammbaum, ber welchen die Not hinweggeholfen hatte, als empfindlichen
Makel erscheinen lieen, und die zweifelhafte Existenzfrage ernstliche Sorge
erregte. Htte er seine Tochter nicht so tief beglckt gesehen, wrde er, der
Heidenbekehrung zum Trotz, das voreilige Verlbnis bereut haben.
    Seine Tochter dahingegen fhlte sich pltzlich aus ihrer traumumfangenen
brutlichen Seligkeit aufgescheucht und dem ernchterndsten Tagewerke
gegenbergestellt. Arme Lydia, welche widersprechenden Forderungen werden dir
gutem, weltfremden Mdchen doch in einem Atem vorgehalten! Ein unglubiges
Weltkind zum glubigen Lutheraner zu bekehren und eine schwere Familiensorge auf
seine jungen Schultern zu legen, heischt der Vater; einen dilettierenden
Flattergeist zum liberalen Staatsbrger und praktischen Hauswirt zu bndigen,
verlangt die Mutter; und der, welchen du liebst, mehr als dein Dasein liebst, er
will, da du mit ihm den Schaum des Lebensbechers schlrfst und nichts weiter
erstrebst, als ihn zu beglcken und durch ihn beglckt zu sein. Ist es ein
Wunder, wenn hastig die Maienrosen von deinen Wangen flchten und deine Blicke
der Nebelflor der ersten Glckesstunde wiederum verschleiert? Jenes dunkle
Ahnen, da du den Mann, welchem du lebenslang als deinem Hort vertrautest, an
eine haltlose Planke geklammert, in der Brandung verschwinden und den Stern der
Liebe, so jach wie er aufgetaucht, an deinem Horizonte verschwinden sehen wirst?
    Nun, Feinliebchen, fragte Max, nachdem die mtterlichen Briefe
gegeneinander ausgetauscht und still zu Ende gelesen worden waren, wie gefllt
dir die Perspektive, in vier bis fnf Jahren - denn frher wrde es selbst dem
unermdlichsten Bffel, und wenn er als ein Engel vom Himmel heruntergefallen
wre, bei unserem lblichen Schematismus platterdings unmglich sein -, item in
vier bis fnf Jahren als Hausfrau eines kniglichen Gerichtsassessors, notabene
vorderhand noch eines Ditarius, in einem kassubischen Landstdtchen hinter dem
Kochherd und dem Bkefa zu stehen?
    Ei nun, mir wrde sie schon gefallen, antwortete Lydia mit einem Lcheln,
das freundlich, aber nicht mehr wie vor wenig Stunden frhlich war; wenn nur
du, lieber Max, sie dir gefallen lieest.
    Ich wrde sie mir allerdings nicht gefallen lassen, weder fr dich, liebes
Herz, noch fr mich selbst. Ersiehst du aber aus dieser Zumutung, wie
unverstndlich die Mutter und ich uns gegenseitig sind?
    Aus dieser Zumutung, Liebster, ersehe ich es nicht. Mir scheint, deine
Mutter hat recht.
    Hinsichtlich der Erbschaft meinst du?
    Auch hinsichtlich ihrer.
    Mehlbornsche Verbissenheit, Kind! Alle Plebejer mitrauen dem Adel. Tante
Thusnelda setzte ihren Stolz darein, frei von Vorurteil zu sein; Geld und Gut
dagegen wute sie zu schtzen. Abstrahiert von persnlichen Sympathien und
Antipathien, wrde schon der Reiz, sich das zersplitterte Werbensche Besitztum
einstmals in einer Hand vereinigt und durch einen bedeutenden Landkomplex
erweitert zu denken, sie bewogen haben, das Stammgut auf mich zu bertragen.
Meine kleine Sidi hat sich die Erbschaft freilich in den Kopf gesetzt, und ich
lasse sie gern in ihrem Wahn, da im wesentlichen nichts an der Sache gendert
wird. Bruder und Schwester wirtschaften aus einer Tasche. Du aber, Lydia, wirst
mir beipflichten, da die schnheitsschtige Harfenknigin nimmermehr ein
verunstaltetes, zum Einzelnleben verurteiltes Geschpf wie meine arme Schwester
zur Reprsentantin ihres Geschlechtes erwhlen konnte.
    Ich habe kein Urteil ber die Sinnesart unserer Tante, versetzte Lydia,
und ich sehe mit Schmerz diesen Wirbeltanz um ein goldenes Kalb. Ach, glcklich
die Armen, lieber Max, deren Andenken nicht ber ihrer Hinterlassenschaft
verloren geht! Ist es denn aber nicht unter allen Umstnden ein Frevel, ber
sein eigenstes Schicksal einen bloen Zufall entscheiden zu lassen?
    Kleiner Lutherscher Starrkopf! Entscheidet ber unser ganzes Leben denn
nicht das, was du, hchst unfromm, Zufall nennst, und ich, der Unfromme,
Himmelsgunst? Nur der Krmer baut nach Ameisenart; jeder sich fhlende Mensch
rechnet auf seinen Stern.
    Nicht der Christ, entgegnete Lydia leise.
    Ihr Verlobter ma sie mit einem unmutigen Blick. Das Heilige ihrer
Schnheit, wie er es nannte, hatte ihn angezogen; diese Betschwesterphrase
stie ihn ab, weit mehr als die Schulweisheit der Mutter ihn abgestoen hatte.
Beide schwiegen.
    Lydia fhlte, da heute nichts mehr von ihm zu erreichen sein wrde; sie
setzte sich in einen Fensterbogen und blickte hinauf zu dem grauen Wolkenhimmel.
Sie rang mit ihrem Nebel. Max wre, seine Verstimmung abzuschtteln, gern in das
Freie hinausgestrmt; aber das Gewitter hatte sich in einen Landregen verzogen,
es mute im Hause stillgehalten werden.
    Bruder Martin, unter dem Vorwand, Sidonien den Brief ihrer Mutter zu
bringen, hatte Eile gehabt, sich der lustigen Jugend in der Pfarre zuzugesellen,
der Propst, ruhebedrftig, sich zurckgezogen. Philipp studierte mit seinem
Lehrer in dessen Zimmer; seine Mutter blickte kaum von ihrer feinen Handarbeit
auf. Die Bescheidenheit der Unterhaltungsansprche, welche diese friedliche
Seele an sich selbst wie an andere stellte, hatte Max schon wiederholt in
Staunen versetzt, heute versetzte sie ihn nahezu in Zorn. Er htte etwas
Zerstreuendes lesen mgen: aber auf dem Schlosse gab es nur vertiefende Lektre;
eine bewegte Weise singen: aber an der Orgel, oder dem Klapperkasten? Er schritt
mit unmutiger Hast das Zimmer auf und ab; seine Blicke streiften die
stillsinnende Geliebte. Die Vorstellung, da sie ihre Jugend hingebracht habe
und, ohne sein Dazwischentreten, auch ferner hingebracht haben wrde, ohne die
Eindigkeit ihres Daseins nur innezuwerden, rhrte ihn halb, und halb erbitterte
sie ihn. So leben Nixen, nicht warmbltige Menschen! Ihn wrde die
Notwendigkeit, mehr als einen Regenabend in dieser Wohnstubenatmosphre zu
verbringen, schlechthin toll gemacht haben.
    Seine Tage waren bisher in so frohem Wechsel verrauscht, und er hatte so
wenig auf fremde Existenzen geachtet, da solch verdrieliche Stimmung ihm eine
neue Erfahrung war. Sie htte, liee sich meinen, just die geeignete sein mssen
zu einem fesselnsprengenden Sang: einem Sturmlied oder einer weltschmerzlichen
Elegie. Da sie indessen den Rhythmus in seiner Brust, statt ihn zu lsen,
dmmte, da in ihm und auer ihm alles, was Klang hie, schwieg, mute Bruder
Martin wie ein rettender Genius begrt werden, als er, abgesendet von der
gesamten jungen und alten Gesellschaft, erschien, das Brautpaar zur
Verherrlichung eines musikalischen Abends in die Pfarre einzuladen. Lydia htte
wohl vorgezogen, in stillem Alleinsein sich durch den Nebel zu kmpfen; doch
legte sie ohne Einwand ihren Arm in den des Geliebten, und sie gingen.
    Wer Max von Hartenstein, dem umhuldigten Dichter und verhtschelten Liebling
der distinguiertesten grostdtischen Kreise, noch vor zwei Wochen gesagt htte,
da er als Matador im Werbenschen Pfarrhause glnzen, - oder am Ende nicht
einmal glnzen werde! Er lachte spttisch ber sich selbst und htte der Liebe
zrnen mgen, welche den besten Mann in so lppische Netze verstrickt. Da einer
von seiner Zunft, welchen das Vaterland zurzeit noch seinen grten nannte, es
einstmals nicht unter seiner Wrde gehalten hatte, das holdeste deutsche Idyll
in einem lndlichen Pfarrhause nicht etwa zu dichten, sondern zu durchleben,
fiel ihm zur Vershnung mit sich selbst wohl ein, war aber doch nur ein halber
Trost; denn der alte Dichter hegte blo ein Liebchen, dem er am ersten
langweiligen Tage entfliehen durfte, und den jungen Dichter fesselte eine
verlobte Braut. Gottlob, da dieser brutliche Zwitterzustand zu Ende lief, und
da er bald ein geliebtes Weib, eine Galathea, die unter seinen Kssen zum Leben
erwachen wrde, in seine wahre Heimat fhren durfte!
    Sidonie hatte eben eine Mazurka von Chopin, ihrem melancholischen
Liebling, ausrasen lassen, als der, welcher bisher ihr lchelnder Liebling
gewesen war, eintrat, auffllig in der Stimmung eines Furioso und an seiner
Seite die Braut, auf deren Wangen die Blte der Freude erloschen war. Das kluge
Frulein erkannte alsobald die Wirkung der mtterlichen Briefe und suchte sie in
einem Zwiegesprch mit ihrem Bruder hinwegzuscherzen. Aber die Wirkung beharrte;
nicht sowohl weil sie ihn persnlich so stark ergriffen hatte, sondern weil er
das Herz so stark ergriffen sah, das seine Impulse nur von ihm empfangen sollte.
    Ach, geh doch, Brderchen! sagte die kleine Sidi lachend. Ein Poet und
eiferschtig auf die Kritik der reinen Vernunft!
    Das Pfarrrschen hatte whrenddessen am Klavier Platz genommen, um, ohne
Scheu vor dem demtigenden Abstand, ein munteres Liedchen anzustimmen, auch mit
ihrer Lerchenkehle und ihrem Schweizerbuben bei gegenwrtigem Publikum einen
Anklang gefunden, der sich mit dem des nationalen Pathos der Virtuosin reichlich
messen durfte. Nun aber, da die Sennerin ihr Liebeslocken ausgezwitschert hatte,
war an Bruder Apoll die Reihe, sein Liebesgrollen in entsprechenden Tnen
auszustrmen.
    Sidonie hatte dafr gesorgt, da ein Teil ihres Notenvorrats die selige
Harfe nach der Heimat begleitete; sie reichte ihrem Bruder ein Heft
Schubertscher Lieder, in deren Vortrag er, wie sein Ruf ging, exzellieren
sollte. Da sie selbst diesen Ruf noch nicht erprobt hatte, war sie in der
gespanntesten Erwartung.
    Dies! sagte Max. Sie schlug die einleitenden Akkorde an, und:
    Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst, schallte es zornsprhend
durch das friedliche Blmelsche Familienzimmer.
    Max htte schwerlich eine Wahl treffen knnen, welche seiner sonoren Stimme,
seinem dramatischen Vortrag und seinem heutigen Mimut sich trefflicher anpate
als diese musikalische Deklamation; aber auch keine, deren Text die alten wie
jungen Herzen seiner Hrer tiefer erschttert htte. Nicht einer von ihnen,
auer Sidonien, auch Konstantin Blmel nicht, des heidnischen Mythos Freund,
auch nicht Peter Kurze, der akademische Fuchs, oder Dezimus Frey, der Primaner,
die doch smtlich mit dem gottzrnenden Titanen einen mehr oder minder
behagenden Umgang in seiner Ursprache gefhrt hatten, nein, nicht einer von
ihnen kannte die majesttische Version ihres vaterlndischen Dichters, und sie
wirkte vielleicht eben darum so mchtig, weil die begleitende Musik dem
unerreichbaren rhythmischen Zauber der Sprache nur gleichsam als Folie beigefgt
worden ist. In dramatischer Steigerung hob sich Satz um Satz, und als das
hhnende: Und dein nicht achtet wie ich verhallte, da herrschte minutenlang
atemlose Stille. In Sidoniens Augen funkelten Trnen, und dem Greise wie dem
Jngling rieselten Schauer vom Kopf zur Zeh. Rose, Martin und seine jngsten
Schwestern empfanden, was sie nur halb verstanden, und Peter Kurze verstand, was
er nur mig empfand. Dort aber im Fenster sa Lydia, bleich wie eine Entseelte,
die glanzlosen Augen weit geffnet, ihre Arme hingen schlaff am Krper herab,
und zwei kalte Tropfen glitten ber ihre Wangen. Und dein nicht achtet wie
ich! hauchten die bebenden Lippen.
    Hast du die Verse selber gemacht, Max? fragte endlich der Leutnant. Und
mit der Frage kam wieder Leben in die Gesellschaft.
    Max gab keine Antwort; er selbst war durch den Vortrag bis zum Verstummen
ergriffen; Schwester Sidi aber, schon wieder in belustigter Laune, entgegnete:
    Nimm dafr an, da er sie selber gemacht, Freund Martin, la es dir aber
nicht einfallen, auch dergleichen machen zu wollen.
    Und Freund Martin nahm dafr an, da das Genie der Familie die Verse
gemacht, und es fiel ihm nicht ein, auch dergleichen machen zu wollen. Rschen
flocht mit fliegenden Fingern einen Narzissenstrau, den sie am Morgen gepflckt
hatte, zu einem Kranze, um ihn, statt des mangelnden Lorbeers, dem Snger auf
die Locken zu setzen; Peter Kurze aber raunte in Dezems Ohr:
    Lufts mit der Erbschaft schief, soll er aufs Theater gehen, und sein Glck
ist gemacht!
    Max hatte sich zu Lydia gewendet, deren Erschtterung ihn entzckte, er
erwartete ein entsprechendes Beifallszeichen; aber sie sah ihn nur flehend an
und sagte leise: Singe das Lied nicht wieder, Max!
    Da es dir nicht gefallen hat, in deiner Gegenwart gewi nicht, Liebe,
versetzte er gereizt.
    Gefallen? ach, Max! entgegnete sie mit sanftem Vorwurf. Es klang wie aus
deiner Seele heraus.
    Es klang auch aus meiner Seele heraus, sagte er und wendete sich ab.
    Am anderen Morgen hatten die Wolken am Himmel sich verzogen und die in den
Gemtern auch. Der gekrnkte Prometheus war wieder ein zrtlicher Liebhaber und
die verstrte Glubige eine vertrauende Braut. Dauernd jedoch lie sich ein
reiner Ton zwischen den Verlobten nicht behaupten. Das blinde Glck ihrer Liebe
war dahin.
    Weit weniger fr den Mann mit dem noch unverflogenen Rausch als fr die
Jungfrau, die aus ihrem Kindestraum gerissen worden war. In seiner Gegenwart
umspann sie der Zauber der ersten Liebesstunde; war sie aber allein, dann prfte
sie den Zauber auf seinen Gehalt, und er zerflo nur allzu hufig in einen
Schauder der Scham oder des Zweifels. Der Wohllaut seiner Rede bestrickte sie
wie zuvor, suchte sie aber nach ihrem Sinn, dann fand sie selten einen
Zusammenklang mit ihrem Gemt und nicht einmal eine Umschreibung in ihren
Gedanken.
    Sie sah ein, da sie erst lernen msse, ihn zu verstehen. Sie las seine
Dichtungen von neuem, und es ging ihr mit ihrem Wohllaut auch heute noch wie mit
dem der Rede; sie nahm auch dieses und jenes von den Bchern in die Hand, welche
er sich zur Kurzweil fr die Stunden, die er nicht mit der Geliebten verbringen
durfte, hatte schicken lassen. Das Neueste der Zeit, deutsche Lyrik und
franzsische Romane.
    Lydia hatte als Mitschlerin ihres Bruders wie spter zur Unterhaltung ihres
kranken Vaters, so genau wie nur wenige junge Mdchen, mit Konstantin Blmels
alten Heiden- und Christenfreunden Bekanntschaft gemacht; ein Roman war ihr aber
noch niemals vor Augen gekommen. Fr Max anfnglich ein Reiz der Besonderheit
mehr. Er verglich ihren Bildungsgang dem eines Klosterfruleins im Mittelalter
und nannte sie seine Roswitha. Was Wunder nun, da der Blick, den er ihr in eine
neue Dichterwelt erschlo, sie berauschte, da ihre Pulse flogen und das Leben,
welches sie bis heute gefhrt hatte, ihr eng und schal erschien - solange sie
las oder ihn lesen hrte. Wenn sie aber, nachdem die erste Wallung gedmpft war,
sich fragte, ob sie eine Freiheit, wie diese Helden und Heldinnen der Passion
sie forderten, wie auch Max sie forderte fr die Geliebte und fr sich selbst,
ob sie eine solche Freiheit fordern und dulden nicht nur wolle und drfe,
sondern einfach knne? dann rief aus ihrem heimlichsten Innern eine Stimme:
Nimmer! Lydias Welt war vielleicht beschrnkt, aber ihre Schranken waren tief
begrndet und ragten hoch. Wren sie ihr nicht durch Erziehung und Schicksal
gesetzt worden, sie wrde sich solche freiwillig gesetzt und niemals
berschritten haben. Sie trachtete danach, sich unter die Oberhoheit eines
Gatten zu stellen, wie sie bisher ohne Wanken unter der ihres Vaters gestanden
hatte. Und an diesem Trachten scheiterte sie; denn das Heldentum und das
Martyrium, deren sie so gut wie alle diese gedichteten weiblichen Opfer unserer
gesellschaftlichen Einrichtungen fhig gewesen wre, waren solche, die
hinwiederum der Dichter, den sie liebte, nicht verstand. Wie htte sie diesem
Manne nun vollends der Leitstern werden sollen, der ihm, zwischen Klippen und
Strudeln hindurch, die Bahn zum Hafen wies?
    Da ihr Vater neuerdings, ebenso lebhaft wie die Professorin, nach einem
definitiven Plane fr des Sohnes Zukunft drngte, kam sie wiederholt auf diesen
Gegenstand zurck, war aber leider zu wenig in Frau Hanna Blmels Lebensschule
gewitzigt, um fr ihre gute Sache den gelegenen Moment abzuwarten; und so
geschah es denn mehr als einmal, da sie Maxens Widerwillen und Widerspruch sich
bis zum Widersinn steigern hrte.
    Der Schematismus und die kleinliche Praxis jeglicher Beamtenkarriere dnkte
ihm unertrglich, - ihr einziger Auslufer, der ihn gelockt haben wrde, der in
die Diplomatie, erheischte die ueren Mittel, deren Mangel ja eben von seinen
Drngern vorausgesetzt wurde. Der Entscheid mute daher zunchst eine offene
Frage bleiben. Im brigen waren die Prmissen der Mutter wohl die richtigen,
aber die Folgerungen, die sie zog, waren verkehrt. Just weil wir mit
Riesenschritten einem politischen Umschwung entgegengingen, galt es, sich
ungebunden fr denselben zu erhalten. Ein Parlament fordert unabhngige Mnner.
Was aber die akademische Laufbahn betraf, lagen denn nicht auch auf ihr
Handfesseln hier, Fuangeln dort? Wer hatte die Freiheit zu lehren, was er
dachte, auszusprechen, was in ihm glhte, was die Begeisterung der Jugend
entzndete? Leeres Stroh dreschen, abgestandene Formeln wiederkuen, die bloe
Vorstellung erregte Ekel. Endlich aber, welche Zeit erforderte die zu
verfolgende Bahn, wenn der seste Besitz erst von dem erreichten Ziele abhngig
gemacht werden sollte!
    Lieben wir uns denn nicht! wendete Lydia ein. Knnen wir denn nicht
warten?
    Warten! rief er in heller Entrstung. Warten wie der Herr Kandidat und
seine ewige Braut! Warten heit, die gute Stunde verpassen, und kein Unglck
wurmt wie ein verpates Glck. Heute liebst du mich, so wie ich eben bin, aber
ich kann mich ndern, du kannst dich ndern; weit du denn, ob du mich in
soundso viel Jahren, ja nur in einem Jahre auch noch liebst?
    Max! unterbrach ihn Lydia entsetzt, o Max, mit solchem Zweifel im Herzen
denkst du eine Ehe einzugehen.
    Eben darum mu ich sie eingehen, Kind, versetzte Max. Die Ehe, so sagt
man wenigstens, hat eine ausgleichende Macht. Unter allen Umstnden hat sie die
der Gewhnung, der gemeinsten, aber gewaltigsten von allen Erdenmchten. Die
Franzosen heiraten selten aus Liebe und befinden sich, lediglich durch
Akkommodation, nicht bler als wir deutsche Idealisten mit unserer
Sentimentalitt. Freie Liebe, ein Verhltnis ohne gesetzlichen Zwang, wre
unbedingt reiner, schner, edler, sogar bindender als mit dem Zwang. Jede
Schranke reizt zur bertretung. Ein Verlbnis aber, das heit halbe Freiheit und
halber Besitz, ist auf die Dauer ein Unding, ein Zwitterzustand, in dem sich die
Liebe verzehrt; und da nun einmal, bis auf weiteres, die Liebe nur unter der
Form der Ehe von der noch herrschenden sozialen Borniertheit anerkannt wird,
mssen wir Mann und Frau werden, Lydia, nicht mit dem abgematteten Puls der
Geduld, sondern morgen, heute, diese Stunde noch, im ersten Sonnenstrahl, der
die Herzen erschlossen hat.
    Lydia fhlte sich emprt. Htte ihren Vorstellungen, ihren Erfahrungen,
ihrem Ideale von der Heiligkeit der Treue in schnderer Weise Hohn gesprochen
werden knnen als durch dieses Freiheitskredo? Sie htte vor dem Geliebten
fliehen mgen bis an das Ende der Welt. Aber er zog sie an sein Herz, er kte
die eisigen Tropfen aus ihren Wimpern auf, hauchte die glhendsten Liebesworte
in ihr Ohr, und als sie sich endlich seinen Armen entwand, da sagte sie lchelnd
zu sich selbst: Gefllt er sich denn nicht in Paradoxen? Ist er nicht ein Poet?
Hat er mir nicht vor kaum einer Stunde die geheimnisvolle Operation klarzumachen
gesucht, unter deren Bezauberung der Dichter, der Knstler seelische Vorgnge
und Temperamentseigenheiten darstellt, die seinem persnlichen Verlangen und
Erfahren die allerfremdesten sind? Hat er nicht gesagt, man braucht kein Othello
zu sein, um einen Othello zu spielen, kein Don Juan, um einen Don Juan zu
schaffen? Im Gegenteil: Passionen verwischen die reine Vorstellung der Passion;
Stimmungen, denen wir unterworfen sind, trben die, welche wir unserem Bilde
einhauchen mchten. Du mut ihn nur besser verstehen, dich ihm akkommodieren
lernen, wie er es nennt. Und endlich, Lydia, Hand auf das Herz! du selbst, deren
Grundgesetz die Treue und nicht die Freiheit ist, was ersehnst du denn heimlich
und hei, als sein zu werden, morgen, heute, diese Stunde noch und dann - fr
ewig? Ist deine Liebe anderer Natur als die seine, als - alle Liebe?
    Tage, Wochen gingen hin; je nher der entscheidende Termin rckte, um so
ruheloser wurde der Propst, um so aufflliger seine Zerrttung. Er glaubte sein
Ende nahe und htte sein Haus bis in das Kleinste ordnen mgen. Aber was wre in
dieser Ungewiheit zu ordnen gewesen? Lydia mute viel in seiner Nhe sein; er
lie sie und Martin mndig sprechen, verpflichtete die erstere, auf die er bauen
durfte, im umfassendsten Sinne als Obervormnderin ihrer jngeren Geschwister!
Zum nominellen Vormund bestellte er seinen Freund und Schicksalsgenossen
Hildebrand. Auch dieser hatte die Freiheit des Lehrens wiedergewonnen, aber
leider wenig Schler, die davon Segen zogen; auch seine Manneskrfte waren in
das Leere verpufft worden.
    Unter der Zucht dieses Getreuen sollte denn auch Philipp, jetzt
dreizehnjhrig, weitergebildet und gefestigt werden, sobald nur immer der Mutter
die Trennung von ihrem Htschelkinde zugemutet werden durfte. Der Knabe hatte
leichtes Hartensteinsches Blut, allein der Vater hegte das strkste Vertrauen in
seine Befhigung. Bis zu seiner letzten Stunde trumte er von einer Sule des
Protestantismus aus seinem Stamm, da er selbst als solche durch die Ungunst der
Zeit gebrochen und verwittert war.
    Seinen Neffen sah er wenig. Dessen lebhaftes, zuversichtliches Gebaren war
ihm unbehaglich, das zrtliche Bezeigen gegen seine Braut machte den Vater
nahezu eiferschtig, und - Max liebte Kranke so wenig, als er Tote liebte. Er
kam daher hufig mit seiner Schwester und auch ohne diese in die Pfarre, die er
die friedliche Pastorei von Wakefield nannte.
    Ich schnappe nach einem frischen Atemzug wie ein Fisch nach Wasser, sagte
er. Meine arme Lydia setzt kaum noch den Fu aus dieser bedrckenden
Siechenstube. Das mu ein Ende nehmen: der Vater ist dem Tode durchaus nicht so
nahe, als er whnt. Ich habe ein paar Semester eifrig medizinische Vortrge
gehrt. Was kann man auf der Universitt nicht alles nebenbei betreiben! Ihnen,
Freund Dezimus, werden Exegese und Kirchengeschichte hinlnglich Zeit lassen,
sich am Sternenhimmel umzutun. Ihr alter Chalder lebt ja wohl auch noch, nicht
wahr? Nun, den Mann gnne ich Ihnen. Ein Stckchen Faust steckt in jedem
richtigen deutschen Studenten. So zog mich auch die Pathologie an und die des
Herzens insbesondere, weil es das bis jetzt unerforschteste Fleckchen an unserem
Leichnam ist und - das reinlichste. Ja, wre die Sache ohne Patientenpraxis zu
betreiben gewesen, wer wei, ob sich nicht statt eines zurzeit hchst
berflssigen Doctor juris ein allezeit unentbehrlicher Doctor medicinae aus dem
Ei der Wissenschaft geschlt htte. Das klingt wohl paradox, ist es aber
keineswegs.
    Keineswegs, besttigte Mutter Blmel lachend. Meine Rose blttert auch
gern im Kochbuch nach sen Speisen; sich aber am Kochherd die Fingerchen
schwarz zu machen, ist ihr uerst fatal.
    Max lachte gleichfalls. Nun, was ich sagen wollte, fuhr er darauf fort.
Der Vater leidet bekanntlich seit seiner Jugend am Herzen. Ein pltzliches Ende
ist mglich, ein langsames, qualvolles Hinsiechen aber wahrscheinlicher. Dem mu
Lydia entzogen werden um jeden Preis. Ich bin der Hter ihrer Gesundheit, ihrer
Schnheit, ihres Glcks. Noch in diesem Sommer wird sie mein, und ich entfhre
sie so weit, da kein Krankengesthn ihr Ohr erreichen kann.
    Er kam wiederholt auf diesen Plan zurck; ein Winteraufenthalt in Rom dnkte
ihm die leichtest ausfhrbare Sache von der Welt.
    Wer einmal in Rom gewesen ist, kann nirgend anderswo ganz unglcklich
werden, sagt Schwester Sidi unserem Goethe nach. Ich aber sage: wer einmal in
Rom gewesen ist, kann nirgend anderswo wieder ganz glcklich werden. Der Blick,
den ich darauf geworfen, war leider nur ein Augenblick. Nun zieht es mich wie
mit Ketten dahin zurck. Den Honigmond auf Capri, den Winter in Rom! Mit diesem
Gedanken wache ich morgens auf und lege mich abends nieder!
    Es war am Tage vor der Testamentserffnung, da Max diese Worte sprach.

So war denn der letzte Johannistag gekommen, welchen Dezimus als Kind des Hauses
in der Heimat feiern sollte. Die Schule wurde am Morgen fr die sommerliche
Ferienzeit geschlossen; wenn er gegen Mittag aus der Stadt zurckkehrte, stand
der Geburtstagstisch gedeckt; darauf Mutter Hannas Rosinenkuchen mit achtzehn
brennenden Wachsstckchen ringsherum und dem dicken Lebenslicht in der Mitte.
Daneben die Briefe und kleinen Angebinde, die in den letzten Tagen von den sechs
fernen Schwestern eingetroffen und sorgfltig verborgen worden waren. Und welch
ein Prachtstck von Johanniskranz wird das liebe Rschen gewunden haben! Und was
mag es nur sein, was sie seit Wochen hinter seinem Rcken gekniffelt und hastig
mit einem Tuche bedeckt hat, sobald er das Zimmer betrat? Goldene Sternchen auf
blauem Grund, soviel hat er herausgeblinzelt. Am Ende eine Tasche, um seine
Kassenscheine darin auf der Brust zu bergen, da er durch das Werbensche
Stipendium ja in Blde ein Rentier werden wird. Oder gar eine Mappe, in welcher
die teueren Heimatsbriefe fr ewige Zeiten verwahrt werden sollen. Abend fr
Abend will ja das liebe Rschen schreiben, was am Tage vorgefallen oder ihr
eingefallen ist, und jeden Sonnabend soll der Wochenbrief abgehen, um ihrem
alten Dezem den Sonntag erst recht zu einem Festtage zu machen.
    Nach der Bescherung gab es dann ein Leibgericht. Ganz gewi die ersten
grnen Erbsen des Jahres und dazu Schwemmkle und Schinken; vor dem Abendsegen
aber noch irgend etwas Lustiges, vom lieben Strudelkpfchen ausspintisiert.
Heute wrde die junge Schlogesellschaft gekommen und gesungen und gesprungen
worden sein, - wenn das Testament nicht gewesen wre. Rschen hatte schon
gestern rgerlich gesagt: Die alte Harfenknigin htte auch was Klgeres tun
knnen, als sich gerade einen Monat vor deinem Geburtstage einmauern zu lassen.
Ich sehe es kommen, Dezem, mein hbsches Plnchen fllt mir in den Born.
    Als Dezimus im Trabe aus der Stadt zurckkehrte, begegnete ihm, nahe dem
Schlosse, der Vater, der sich zur Testamentserffnung begab. Er war im Ornat und
tief bewegt. Sollte doch ber das Wohl und Wehe einer Familie, an der er den
innigsten Teil nahm, in dieser Stunde entschieden werden.
    Du mut dich mit der Bescherung gedulden, bis ich heimkomme, mein Sohn,
sagte er und ging in den Hof. Der Justitiarius berholte ihn:
    Rsten Sie sich mit starken Nerven, Freund, rief er ihn an; ich wittere
eine Tragikomdie, wie sie im Buche steht.
    In der Nhe der Pfarre kamen die drei jngsten Schlokinder mit Rschen
Dezimus entgegen.
    Wir haben uns Ihre Schwester geholt, weil uns allein angst und bange
wurde, sagte Priszilla. Kommen Sie auch mit auf die Terrasse, guter Dezimus.
Die Erffnung mu gleich vor sich gehen.
    Naturgem htte Dezimus Hunger spren mssen, und er hatte ihn auf dem Wege
auch weidlich gesprt. Aber die Spannung vertrieb ihn pltzlich; er ging mit auf
die Terrasse.
    Ach, was fr ein schrecklicher Tag, lieber Dezimus, klagte das freundliche
Backfischchen Phbe, das sich an seinen Arm gehngt hatte. Mama zerfliet in
Trnen, Papa sieht aus wie der liebe Heiland am Kreuze, und sogar Lydia, die
doch sonst immer so ruhig ist, zittert. Bei Tische haben nur der Herr Magister
und Philipp ordentlich gegessen; ich blo ein kleines bichen Mehlspeise. Max
hielt es schon am Morgen nicht mehr aus; er hat sich mit der Cousine vom Pchter
in die Stadt fahren lassen. Sie sind aber schon wieder da. Sie haben die
Verlobungsringe abgeholt, die gleich die Trauringe werden sollen, und jedem von
uns etwas Nettes mitgebracht; mir ein Korallenkreuzchen. Ich darf es freilich,
solange wir Trauer tragen, nicht umhngen. Ach, es ist so hbsch in Werben,
seitdem die Verwandten da sind. Glauben Sie, da wir fortmssen, lieber
Dezimus?
    Nein, das glaube ich nicht, Frulein Phbe, antwortete Dezimus mit
berzeugung. Ihre selige Tante wute, wie wert Ihrer Frau Mutter dieser
Aufenthalt war, und Ihre Tante hatte ein sehr gtiges Herz.
    Ein gtiges Herz? Ach, wie mich das freut! rief die Kleine. Hre nur,
Priszilla, Dezimus behauptet, Tante Thusnelda habe ein gtiges Herz gehabt, und
der Herr Magister hat doch gesagt, sie wre eine Heidin gewesen.
    Gtig knnen auch Heiden sein, Frulein Phbe, belehrte Dezimus mit Wrde.
Das erste Merkzeichen seines geistlichen Berufs.
    Mir ist es ganz egal, ob wir hierbleiben, oder wo wir hinziehen, fiel
Bruder Philipp ein. Wenn ich nur kein Pastor werden mu. Ich will Soldat wie
mein Martin werden.
    Das darfst du ja nicht werden, Philipp.
    Ich will aber, und damit Punktum! rief Philipp, mit den Fen stampfend.
    Sie hatten die Terrasse erreicht und drngten sich in eine Gruppe unter dem
Ahnensaale zusammen. Eine Weile blieb noch alles still. Dann ertnte die Orgel.
Ohne einen gewissen feierlichen Apparat durfte im prpstlichen Hause kein irgend
wichtiger Akt vor sich gehen.
    Lydia spielt: Befiehl du deine Wege! flsterte Priszilla.
    Die Frulein falteten die Hnde, und auch Dezimus betete das gute Lied im
Herzen nach, bis die Orgel schwieg. Alle blickten gespannt in die Hhe. Max
ffnete einen Fensterflgel, verschwand jedoch alsobald von ihm. Bei aller
Zuversicht mochte ihm schwl geworden sein, whrend der Justitiar die Siegel des
verhngnisvollen Schriftstckes lste. Auch Dezimus wurde schwl zumute.
Seltsamerweise richteten seine Wnsche sich indessen lediglich auf Lydia, da
doch sonst nichts reich und gro genug war, was er dem herrlichen Max nicht
gegnnt htte. Rschen dahingegen flsterte ihm in das Ohr:
    Was wetten wir, Dezem, die alte Dame hat Max zu ihrem Erben eingesetzt, und
ich an ihrer Stelle htte es auch getan.
    Von oben herab drang unverstndliches Gemurmel; der Rat las vor. Es mute
ein groes Vermgen und eine lange Reihe von Verfgungen sein, denn der Vortrag
nahm gar keine Ende. Wie es scheint, dachte Dezimus, bekommen viele ein Teil;
und das ist auch besser als einer alles.
    Da - jhlings Unruhe oben, Hin- und Widerlaufen, Sthlercken, ein schriller
Schrei. Es war Mama! rief Philipp.
    Die Kinder strzten in das Haus; Rose und Dezimus ihnen nach. Auf der Treppe
kam ihnen der Vater entgegen, totenbleich, in tiefster Bestrzung.
    Hole schleunigst die Mutter, Rose, stammelte er. Sie soll ihre Lanzette
mitbringen; es mu eine Ader geschlagen werden. Du, Dezimus, folge mir in den
Saal!
    Als Dezimus den Saal betrat, lag der Propst, anscheinend ohnmchtig, auf
seinem Stuhle zurckgesunken in Lydias Armen; die Gattin, auf den Knien,
umklammerte in Todesangst seinen Leib; smtliche Zeugen umstanden mit verstrten
Blicken die Gruppe; der Justitiarius brachte vor tauben Ohren hastig den
Vortrag, der Schreiber das Protokoll zum Abschlu.
    Eilen Sie mit des Pchters Pferden zur Stadt nach einem Arzt; sumen Sie
keine Minute! sagte Pastor Blmel zu Max, der sich alsobald entfernte.
    Martin und Dezimus trugen den ungelenken Krper in das Krankenzimmer, lsten
seine Kleider und legten ihn auf das Ruhebett; unterdessen kam Mutter Blmel,
die als rechte Pfarrersfrau in dringenden Fllen der Chirurgus der Gemeinde war.
Rschen, mit ihr zurckgekehrt, blieb auf ihren Wink im Vorzimmer zurck. In der
nchsten Minute trat Sidonie aus dem Krankenzimmer, schattenbla und zitternd.
    Nur einen Augenblick! stammelte sie. Ich kann kein Blut sehen. Bitte,
hole mir ein Glas Wasser. Der Onkel hat eine Ohnmacht!
    Aber wer hat denn das Gut? fragte Rschen, als sie mit dem Wasser
zurckkehrte.
    Vorderhand ich, antwortete Sidonie, sichtlich enttuscht. Nach meinem
Tode - Gott wei wer. Hoffentlich werde ich so lange leben, bis Max auf festen
Fen steht.
    Damit ging sie wieder in das Krankenzimmer, und Rschen blieb allein.
    Kluge Jngferchen sind nicht minder wie Nachtigallen und Spatzen neugieriger
Natur, und das kluge Pfarrjngferchen war keine Ausnahme von der Regel, was bei
gegenwrtigem Anla auch ein Rigorist ihm nicht als Snde anrechnen wird.
Rschen horchte am Schlsselloch nach einem Lebenszeichen des Ohnmchtigen -
Totenstille; Rschen zerbrach sich den Kopf ber das Rtsel, das nichts als
Verdrielichkeit angerichtet zu haben schien - keine Lsung. Rschen wurde
selbst ganz verdrielich.
    Zu ihrem Glck kam aus dem Ahnensaal der Justitiar, der allein mit dem
Protokollfhrer das Geschft hatte zu Ende fhren mssen. Der alte Rat war
nchst ihrem jungen Dezem des Pfarrrschens Spezial; er nannte sie Tchterchen
Augentrost und kehrte niemals im Hause ein, ohne eine Tte gebrannter Mandeln
mitzubringen, die Tchterchen Augentrost frs Leben gern knabberte. Was konnte
natrlicher sein, als da Rschen sich dem alten Herrn an den Arm hngte, ihn
eine Strecke des Heimwegs begleitete und ihren Wissensdurst aus erster Quelle zu
stillen suchte.
    Der alte Herr seinerseits plauderte gern und ein hbsches Kind am Arm
doppelt gern. Ein Amtsgeheimnis war die Sache nicht mehr, ein interessanter Fall
aber war sie und wrde sie noch lange Zeit fr die Abendunterhaltung in der
Resource bleiben. So erfuhr denn Rschen auf blumigen Wiesenwegen unter einem
lachenden Johannishimmel und aus einem lachenden Munde brhwarm und haarklein,
denn Lcken duldete Rschens Grndlichkeit nicht, die Tragikomdie, die sich
im Ahnensaale abgespielt hatte, und ihr Dezem, der whrenddessen den Schluakt
miterlebte, erfuhr erst am anderen Tage aus Rschens Munde, da sich - fr
Rschen doch die Hauptsache! - wieder einmal ein Tufersegen ber sein Haupt
ergossen hatte.
    Sobald Lydia den Choral beendet hatte, setzte sie sich zur Linken ihres
Vaters, dessen kalte Hand in die ihre nehmend. Er war gespensterhaft bleich. Zu
seiner Rechten sa die Mutter, neben ihr Martin, die Weinende mit seinen Armen
umfassend. Dann folgte Sidonie. Max stand hinter dem Stuhle seiner Braut. Pastor
Blmel verhielt sich in der Nhe des Tisches, vor welchem der Justitiar und der
Protokollfhrer Platz genommen hatten. Zwischen dem Altar, der Orgel, den alten
Ahnenbildern und dem alten Pastor im Ornat, gegenber der kohlschwarzen,
feierlichen Gesellschaft, machte der alte Judex unzweifelhaft einen Effekt, wie
er ihn in seinem Leben noch nicht vorgebracht, meinte vergnglich der Rat.
    Von dem Schriftstck, das nunmehr zum Vortrag kam, versicherte er, da es,
wie von A bis Z durch die Testatorin eigenhndig niedergeschrieben, so seinem
gesamten Duktus nach, zuverlssig ohne fremden Beirat von ihr ausgeklgelt
worden sei.
    Als ob man die alte Harfenknigin reden hrte! Paragraphen fr Paragraphen
waren, wie bei einem Gesetzerla, die Motive beigefgt. Meist freilich in
verzwickt ironischer Fassung. Einflle wie ein altes Haus; aber von
unanfechtbarer Sach- und Fachkenntnis. Summa Summarum ein mustergltiges
Dokument! Wenn es viele solche schneidige Kpfe wie den dieses alten Fruleins
unter seinem Blumenhute gbe, knnten wir Advokaten nur gleich die Bude
zumachen.
    Der Vermgensstand, bis in das Detail aufgezhlt und nach den im letzten
Lebensstadium gefhrten Bchern kodizillarisch vervollstndigt, erwies sich noch
umfnglicher, als man erwartet hatte. Eine erhebliche Barsumme, wie auch das
Dresdener Haus fielen musikalischen Bildungszwecken zu. An einem Erardschen
Flgel, der in jenem Hause zurckgeblieben war, sollte Pastor Blmel in alten
Tagen sich von Tchtern oder Enkelinnen sein Abendlied vorsingen lassen;
smtliche rmischen Instrumente und Noten, mit Ausnahme der seligen Harfe,
erhielt Sidonie. Die Dienerschaft, etliche verarmte Knstler und andere bisher
Untersttzte waren mit Legaten und Renten bedacht; ein eisernes Kapital fr die
Witwen und hinterlassenen ledigen Tchter der Werbenschen Pfarrer und
Schullehrer, ein anderes zu baulichen und wohlttigen Gemeindezwecken
niedergelegt. Die Verfgung ber beide Stiftungen wurde nach freiem Ermessen dem
Ortspfarrer berlassen, insofern und solange als der gegenwrtige Herr
Konstantin Blmel oder, als dessen Nachfolger, sein Pflegesohn Dezimus Frey in
diesem Amte standen. Bei anderweitiger Besetzung fiel die Verwaltung der
Gutsherrschaft unter gerichtlicher Kontrolle anheim.
    Mit diesem Ehrenamte war Dezimus Frey aber lngst noch nicht abgefunden;
denn nachdem der dreijhrige Genu des auf Werben ruhenden theologischen
Stipendiums dem ersten studierenden Hirtensohne der Gemeinde noch einmal
ausdrcklich stipuliert worden war, folgte nachstehender Passus:
    Da es mir einleuchtend ist, da besagter Dezimus Frey sich leichter am
sichtbaren Himmelszelt als im unsichtbaren Himmelreich umtun lernen wird,
vermache ich ihm die Summe von zweitausend Talern. Und zwar soll ihm selbige
ausgezahlt werden: vor dem Universittsbesuch, falls er sich von Haus aus fr
das Studium der Astronomie entschliet, demnach des Stipendiums verlustig geht;
oder nach Genu des Stipendiums, um bei gereifter Erfahrung die Freiheit zu
haben, sich in angemessener Sphre, wenn auch nur als Nebenzweck,
weiterzubilden. Wie ich es denn in keiner Weise verwerflich finden wrde, wenn
man in jedem Pfarrhause ein Observatorium errichtete, zum Merkmal, da die Welt
sich dreht.
    Der Dezem ist aber doch ein Glcksvogel! rief Rschen den alten Freund
unterbrechend aus. Und er kennt nicht einmal eine Note, singt und spielt blo
aus dem Kopf! An mich htte die alte Harfenknigin doch auch ein bichen denken
knnen. Ich mache meine Sache doch ganz anders wie der Dezem.
    Ei nun, Kindchen, sie hat ja eventuell auch an Sie gedacht, trstete der
Rat.
    An mich? Ich werde doch wahrhaftig keine alte Jungfer werden! Und vor der
Pfarrerwitwe in Werben wird der liebe Herrgott mich doch hoffentlich auch
bewahren!
    Aber bedenken Sie doch, das schne Instrument!
    Das ist auch wahr! Und am Ende, was dem Dezem gehrt, ist ja auch so gut
wie mein.
    Nun sehen Sie wohl! Da knnen Sie sich auch noch eine faustdicke, goldene
Repetieruhr an den Grtel hngen, die gleicherweise Ihrem Dezem testiert worden
ist. Ein Erbstck von Vaterseite, das in der Hand des Hutmannssohnes wiederum
ein Erbstck werden und an den Wandel der Geschlechter mahnen soll.
    Schnen Dank, gndige Dame! rief Rschen mit einem Knix und einer Kuhand,
die sie gen Himmel warf. Aber was hat denn nun eigentlich der schne Herr Max?
    Der schne Herr Max, ei nun, der hat das Nachsehen, Kindchen - -
    Schndlich, emprend! - -
    Nach meiner unmageblichen Meinung keineswegs! Im brigen teilt er diesen
Blick in das Leere mit diversen anderen ebenso wrdigen Expektanten. Nicht ein
einziger Familienname ist in dem Schriftstck als Erbe aufgefhrt. Keinem
zuliebe und manchem zuleide ist eine Ausnahme gemacht worden.
    Aber ums Himmels willen, wer kriegt denn da das Gut?
    Nur gelassen, Herzchen. Das dicke Ende kommt allemal nach. Die trauernde
Sippschaft im Ahnensaal ist auf eine weit lngere Geduldsprobe gestellt worden
als Sie, und die Sentenzpillen, die sie derweile hinunterwrgen mute, werden
ihr schwer genug im Magen gelegen haben. Nachdem also ber jeden Batzen und
Fetzen verfgt worden war, hie es zu guter Letzt ungefhr so:
    Die Unsterblichkeit meines bernatrlichen Menschen wrde mir wnschenswert
sein, ist aber bezweifelbar. Unbezweifelbar dahingegen ist die natrliche
Torheit oder trichte Natrlichkeit jedwedes Menschen, auf dieser wandelbaren
Erdensttte lngstmglich eine unwandelbare Spur zu hinterlassen. Auch ich
bekenne mich dieser Torheit schuldig. Da ich jedoch mit leiblicher
Nachkommenschaft Gott sei Dank nicht gesegnet bin, und da die Kunst, die zu
hegen mir gegeben war, leider eine ist, die verfliegt wie die Blume des Weines,
bleibt mir gleich dem ersten besten alten Bauer nur ein Stck unbeweglicher
Scholle, um ihr ein Merkzeichen einzuprgen von dem alten Geschlecht, das auf
ihr erwachsen ist und, bis auf etliche fremde Pfropfreiser, mit meiner Person
erlischt.
    Vor zwei Jahrhunderten hatte der von der Werbensche Grundbesitz durch die
geschickte und gefllte Hand einer Frau sich zu einem der umfnglichsten in
schsischen Landen ausgedehnt. In dem Erbe von Mann auf Mann zerbrckelte er, um
schlielich in dem Erbe von Mann auf Weib ein Nichts zu werden. Einer ledigen
alten Frau, der letzten, die den Namen trgt, war es gegnnt, seinen Grundstock
als kufliche Ware wieder in ihre Hand zu bringen. Um diesen vor nochmaliger
Zertrmmerung zu bewahren, befestigt sie ihn zu einem Kunkellehn, und um durch
die Zersplitterung der Einknfte sein verblichenes Ansehen nicht noch weiter
verbleichen zu lassen, stiftet sie ein weibliches Seniorat.
    Den blitzartigen Eindruck dieser letzten Worte, schaltete der Rat lachend
ein, das Aufflackern des leichenhaften alten Herrn wie unter einem galvanischen
Strom, das grimmige Lcheln des jungen Doktors, die Grimasse seiner Schwester
htten Sie sehen mssen, Kind. Leider konnte ich das interessante Schauspiel nur
eine Minute lang whrend des eigenen Verschnaufens genieen. In der nchsten las
ich weiter, und in der dritten glich der Umschwung der Stimmung einer
Revolution.
    Die den Jahren nach lteste meiner Gronichten eventuell Urgronichten, so
stand geschrieben, das heit der leiblichen Nachkomminnen meiner beiden
Schwestern soundso, fgt, sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht hat und nicht
verheiratet ist, ihrem Familiennamen den von der Werben bei und tritt
fideikommissarisch in den Genu meines Rittergutes Werben und so weiter und so
weiter, mit der Verpflichtung, sich seiner Verwertung und Erweiterung nach
Krften zu widmen und darum es zu ihrem wesentlichen Aufenthalt zu machen. Beim
Umbau des Schlosses ist von vornherein darauf Rcksicht genommen worden, da
durch letztere Bedingung das Wohnungsrecht nicht beschrnkt wird, welches meiner
Nichte Frau Ottilie von Hartenstein zugesagt ist, solange sie lebt oder solange
es ihr beliebt. An dem Tage, wo die Nutznieerin mit Tode abgeht oder etwa in
den Ehestand tritt, folgt ihr in dem Benefizium das den Jahren nach lteste
Frulein nicht der ihr zunchst stehenden Familie, sondern des gesamten
Geschlechts.
    Der Propst war schon bei den Worten: solange sie unverheiratet ist, von
seinem Sitze in die Hhe gefahren; er stand mit vorgebogenem Leib und glasig
starren Blicken, beide Hnde gegen das Herz gestemmt. Jetzt, bei der Satzung von
dem gesamten Geschlecht, sank er ohnmchtig in seiner Tochter Arm.
    Das ist der Schlu der Komdie; denn die nun folgenden exakten Bestimmungen
im Fall einer Vakanz, oder gar des Erlschens der Linie und dergleichen, werden
fr Sie, Dmchen Neubegier, noch gleichgltiger sein als fr die enttuschte
Hrerschaft im Ahnensaal.
    Wie kann denn Sidonie aber sagen, da sie zunchst die Erbin sei? fragte
Rschen nach kurzem Nachdenken. Lydia ist ja acht Monate lter als sie.
    Aber Braut, versetzte der Rat.
    Braut sein heit nicht verheiratet sein, wendete Rschen ein; wonach der
Rat ausrief:
    Ei, Sie kluge kleine Maus! Na, da knnen wir noch ein erbauliches
Handgemenge in diesem Familientempel erleben!
    Und welche von beiden glauben Sie, hat die kuriose alte Dame vor Augen
gehabt? fragte Rschen.
    Sie hat gar keine Person vor Augen gehabt, lediglich ein Ideal, antwortete
lachend der Rat. Und dieses Ideal heit: Auf dem Stammschlosse der Werben eine
alte Jungfer in Permanenz.
    Nach dieser Seite hin sattsam aufgeklrt, brannte das liebe Rschen vor
Verlangen, wiederum inmitten des Schauplatzes so interessanter Entwicklungen zu
stehen. Die Erzhlung hatte sie eine weite Strecke auf dem Stadtwege
vorangefhrt, und da just des Pchters Wagen mit Max und dem wohlbekannten
Doktor Brand vorberkam, verabschiedete sie sich hurtig von ihrem alten Gnner,
gab ein Zeichen zum Halten und schwang sich behende in das Gefhrt. Der arme,
schne, junge Herr tat ihr in der Seele leid. Sie wrde, ja wahrhaftig, sie
wrde ihres Dezem Legat, - nein, das ganze Legat nicht, aber die Hlfte des
Legats darum gegeben haben, htte sie mit dem Opfer den armen, schnen, jungen
Herrn zu ihres Dezem knftigen Patron erheben knnen.
    Ihr Herr Onkel ist von einer Ohnmacht befallen worden? fragte sie ihn.
    Ich frchte mehr als eine Ohnmacht, antwortete er.
    Und seine Furcht war begrndet. Doktor Brand konnte lediglich besttigen:
    Der Propst von Hartenstein ist tot.

Lydia kehrte am Arme ihres Verlobten von dem Grabe zurck, in welches Joachim
von Hartenstein versenkt worden war in der nmlichen Stunde des Siebenschlfers,
wo vor achtzehn Jahren das arme Hirtenweib seine Ruhe gefunden und nur wenige
Schritte von dessen Hgel entfernt.
    Nicht Pastor Blmel, Professor Hildebrand, der Getreue, hatte den letzten
Segen gespendet; die Feier war so still und schlicht, wie die der Gutsherrin
laut und prunkvoll verlaufen; aber die Junisonne ergo sich in vollen Strmen,
als die letzte Spur von einem vielbewegten Menschenleben verschttet wurde.
    Lydia war unverweilt in das Zimmer ihrer Mutter gegangen, die seit der
Sterbestunde des Gatten in sinnverwirrendem Fieber lag. Da sie dieselbe
schlummernd und Frau Hanna Blmel als sorgsame Hterin an ihrer Bettseite fand,
schlich sie unbemerkt in das Gemach, wo ihr Vater die Augen geschlossen hatte,
und sa dort in sich versunken, bis der Abend dmmerte.
    Max schritt whrenddessen in bitterem Unmut die Terrasse hastig auf und ab.
Der bizarre letzte Wille seiner Verwandtin hatte ihn empfindlicher, als er sich
merken lie, enttuscht. So sollte ihm denn wieder einmal die Dankbarkeit gegen
einen Nchststehenden erspart werden, wie sie ihm gegen Vater und Mutter und
gegen deren Vter und Mtter erspart worden war. Selbst in seiner Schwester
Seele schuldete er sie nicht; war es doch nur ein Zufall, da sie Jahr und Tag
mehr als Priszilla zhlte. Berechtigt, weil empfnglich fr jede Himmelsgunst,
kam er sich vor wie ein Verstoener.
    Tiefer aber noch als seine Enterbung verstimmte ihn Lydias Gebaren. Er hatte
sie seit der verhngnisvollen Stunde kaum gesehen, kein Wort aus ihrem Munde
gehrt. Ihre Tage und Nchte waren zwischen dem Krankenbett der Mutter und der
Bahre des Vaters geteilt gewesen; Max schweifte im Freien und suchte Zuflucht in
der Pfarre. Er liebte ja den Tod, aber nicht die Toten, und verstand sich auf
Krankheiten, aber nicht auf Kranke. Was hie das nun aber fr eine Liebe, die
vor einem natrlichen, lngstvorausgesehenen Verluste spurlos verschwunden
schien? Was hie das fr ein Glck, das nicht dem alltglichsten Unglck die
Wage hlt? Die schndeste Selbstsucht ist es, sich in einen Schmerz wie in eine
Austernschale zurckzuziehen; und eine Perle nennen diese Frommen das krankhafte
Produkt, das sich in solcher Schale bildet!
    Sidonie, die sich zu ihm fand, teilte seine Auffassung. Sie besa jetzt
reichlich die Mittel, ihm die Freiheit, deren er bedurfte, zu gewhren. Was ihr
war, war sein. Sobald die Mutter der dringendsten Lebensgefahr entronnen, sollte
er Lydia still sich antrauen lassen und sie dieser Atmosphre der Trbsal
entfhren. Fr eine fernere Zukunft mochten die Plne in beruhigter Stimmung
gefat werden.
    Mit dem Vorsatz dieser unumwundenen Forderung kehrte Max bei einbrechender
Dmmerung in das Haus zurck. Lydia war weder bei der Mutter noch in ihres
Vaters Zimmer; nicht ohne heimlichen Schauder ging er, sie zu suchen, in den
Saal, wo vor wenigen Stunden der Sarg gestanden hatte. Ein Leichendunst
umwitterte ihn.
    Das lebensgroe Bild des Propstes war fr die heutige Feier ber dem Altar
aufgerichtet worden; vor diesem lag Lydia auf den Knien. Sie erhob sich, sobald
sie ihn kommen hrte; ging ihm entgegen und reichte ihm schweigend die Hand;
seiner Umarmung aber entzog sie sich. Er wollte sie aus dem Zimmer fhren; sie
winkte ihn nach einer Fensternische und nahm ihm gegenber Platz, so da sie das
Bild des Vaters nicht aus den Augen verlor. Der aufgehende Mond warf sein
fahles, kaltes Licht auf die hohe Gestalt im dsteren Priesterkleide; fahl und
kalt war auch das Antlitz der Tochter, die in ihrem faltigen Trauergewande dem
Bilde so wunderbar hnelte wie dem Lebenden kaum je.
    Ihre eisige Ruhe, die rcksichtslose Zumutung dieses unheimlichen
Aufenthaltes, die phantastische berspannung des Leidtragens reizten den jungen
Mann bis zur Unertrglichkeit. Htte er sie in Trnen schwimmend gefunden, htte
sie diese Trnen an seinem Herzen ausgeweint, seine Anklage wrde sich in
Mitklage umgewandelt, und nicht herbe wie jetzt wrden die Worte geklungen
haben, in welchen er, als Herr ihrer Zukunft, eine beschleunigte Verbindung
forderte.
    Sie hatte ihn ohne einen Laut oder nur eine Regung weder des Widerspruches
noch der Entschuldigung aussprechen lassen; nun sagte sie:
    Du weit nicht, Max, was es heit, einen Vater begraben und eine Mutter mit
dem Tode ringen sehen; du leugnest das Gefhl, das ich als das erste menschliche
zu hegen und zu ehren gelehrt worden bin. Darum vergebe ich dir die harte Rede
in dieser Stunde. Vergib du nun aber auch mir, wenn meine Rede dir hart klingen
wird. Ich kann deine Forderung nicht gewhren, und bestehst du auf ihr, gebe ich
dir dein Wort zurck.
    Er starrte sie an wie betrt. Sie fuhr fort:
    Ich habe meinem Vater gelobt, und ich habe mir selbst gelobt, ihn in der
Pflicht fr seine Hinterlassenen zu vertreten. Ich wute um welchen Preis. Oder
trautest du dir die Hingebung zu, mich in dieser Pflicht nicht zu beirren, und
den Mut, sie mit mir zu teilen?
    Er lachte bitter auf. Ich, rief er, ich, der Enterbte, der von der
Gromut seiner Schwester die Mittel entlehnen mu, seine eigene Existenz und die
seines anverlobten Weibes auf unberechenbare Jahre hinaus zu fristen, ich soll
die Verantwortlichkeit und die Verbindlichkeit fr eine zweite drftige Familie
- -
    Ich sehe, unterbrach ihn Lydia, da du die Hlflosigkeit unserer Lage und
die Last, die dir erwachsen wrde, deutlich ermissest; ich wute auch zum
voraus, da du keine andere Antwort, als die du gegeben hast, mir geben wrdest,
wohl auch sie nicht geben konntest. Und eben darum, Max, mssen wir scheiden.
    Er verstand sie noch immer nicht vollstndig, brauste aber jetzt schon auf
in Hohn und Groll.
    Ei, wie versteht ihr doch, ihr Auserwhlten, rief er, zu paktieren nicht
nur mit dem Begriffe Liebe, als einer trglichen Naturbestimmung, sondern auch
mit dem Schriftkanon, auf den ihr euch, wenn es euch pat, als untrglichen
Gesetzgeber beruft! Ein warmherziges Weltkind wrde nicht daran deuteln, da es
Vater und Mutter zu verlassen habe, um dem Manne, dem es Liebe gelobt hat,
anzuhangen, auch wenn dieser Mann - ja dann um so weniger! - um berechtigte
Lebensaussichten betrogen worden ist und in ehrlicher Selbsterkenntnis sich
scheuen mu, eine Aufgabe zu bernehmen, welche durchzufhren er nicht imstande
sein wrde.
    Noch bin ich nicht deine Gattin, entgegnete Lydia, und ihre Stimme bebte
zum ersten Male bei den Worten, fr welche der Laut der Schrift Gesetzeskraft
haben mte; noch gilt fr mich die lteste Pflicht. Dennoch ahnest du nicht,
Max, was es mich kostet, wortbrchig zu scheinen, nicht es zu sein; ja, was es
mich kosten wrde, wre ich nicht einmal deine Braut, dir und der Schwester, die
dich liebt mehr als sich selbst, Aussichten zu verkmmern, die ihr fr
berechtigte achtet.
    Max fuhr in die Hhe, als htte ihn eine Viper gestochen. Jetzt erst begriff
er die Tragweite ihres Entschlusses. Das also ist es! rief er mit einem
Hohngelchter, das in dem weiten, dsteren Raume unheimlich widerhallte: Ein
Rechenexempel ist des Pudels Kern!
    Auch Lydia hatte sich erhoben; sie prete beide Hnde gegen die Brust, ein
Fieberschauer schttelte ihren Leib. Doch sagte sie fest: Ja, das ist das
schwerste der Opfer, die ich fordere und bringe; schwerer selbst als das deiner
Liebe, Max.
    Er ging mit heftigen Schritten im Saale auf und ab; sie fuhr fort:
    Wte ich einen Erwerb, irgendeine Lebensstellung, die mir ermglichte,
meine Mutter und meine verwaisten Geschwister so zu versorgen, wie der brechende
Blick meines Vaters es von mir forderte, ich wrde, wie demtigend der Ausweg,
ihn diesem demtigendsten vorziehen. Da ich keine Wahl habe, nehme ich fr eine
unbestimmte Frist das Erbe in Anspruch, das deine Schwester sich gesichert
glaubte und das ihr ein Jahresdatum - und kein Recht auer diesem - verkmmert.
Als du eintratest, Max, flehte ich zu Gott um die Kraft der berredung, Sidonien
zu einer zeitweisen Teilung dieses Erbes zu bewegen. Es ist hinlnglich reich,
uns beiden zu gengen. Wenn aber der Buchstabe der Verfgung es auch nicht also
heischte, die erste Benefiziatin, das heit die Versorgerin meiner Mutter und
ihrer Kinder, kann nur ich sein, nicht sie.
    Mit anderen Worten, rief Max, du schmst dich der Dankbarkeit gegen die
Schwester des Mannes, dem du Treue gelobt hast; aber du schmst dich nicht, mit
dem Verlobten zu brechen, weil er ein rmling geworden, und jenes edle Geschpf,
von Natur und Schicksal mihandelt, zu einem Ausgleich berechtigt und bestimmt,
wie es war, zur Almosenempfngerin zu erniedrigen. Pfui ber diesen Stolz!
    Lydia war bis in den Herzgrund erschttert. So schroff hatte sie die Deutung
ihres Entschlusses nicht geahnet, so grausam nicht die Probe ihrer
Standhaftigkeit. Sei barmherzig, Max, bat sie mit aufgehobenen Hnden. Nein,
sei nur gerecht. Ich darf ja nicht anders, und es ist ja auch nur auf wenige
Jahre, da ich die Entsagung von dir erflehe und die schwere berwindung von
ihr. Ich liebe dich, Max, wie in der ersten Stunde, da ich dein geworden bin, ja
tiefer als in ihr, denn ich mute dir wehe tun. Habe ich dir deine Freiheit
zurckgegeben, ich werde dir treu sein, werde deiner warten, bis -
    Bis der Erbe des reichen Mehlborn dir ein quivalent zu bieten hat fr
soundso viel tausend Taler Rente!
    Max war gewi keine unedle Natur. Eigennutz in diesem grblichen Sinne lag
ihm so fern, da er ihn auch nicht leicht in einem anderen vorausgesetzt haben
wrde, am wenigsten in diesem Mdchen. Das schnde Wort kam nicht aus seinem
Herzen und nicht aus seiner Vernunft. Der Zorn hatte es ihm eingeblasen, und der
Trotz bumte sich zu sagen: Ich war ein Rasender, vergib! Wehe ihm! Er hatte
mit barbarischer Faust sein Bild im reinsten Herzensspiegel zertrmmert, und
solange seine Ohren offen stehen, wird er die Scherben klirren hren. Wie reich
des Lebens Becher ihm sprudeln mge, da er den Adel der Liebe verwirkte, ist
die Hefe, die ihn trben wird. Wehe ihm und ihr! Sie schwankte nach ihres Vaters
Zimmer; die Tr fiel hinter ihr in das Schlo, wie die der Zelle, in welcher die
Jungfrau sich zur Nonne weiht. Mit strmischen Schritten verlie Max den Saal
nach der entgegengesetzten Seite. -
    Im Pfarrhause war der Abendsegen frher als sonst gelesen worden; nach drei
abspannenden Tagen sehnte ein jeder sich nach Ruhe. Frau Hanna hatte zum ersten
Male das Krankenzimmer der Witwe verlassen, auch Dezimus treulich Dienst
geleistet als Totenwchter und Vermittler der letzten schweren Obliegenheiten
fr ein Menschenleben. Nun dachte er in seiner Bodenkammer einen langen Schlaf
zu tun.
    Da wurde hastig die Klingel gezogen, und wie Sidonie vor wenig Wochen auer
Atem eingetreten war mit dem Rufe: Max und Lydia sind verlobt! so trat sie
heute wieder auer Atem ein mit dem Rufe: Max und Lydia sind entzweit! Sie
kam, um Lebewohl zu sagen, da sie noch diesen Abend mit ihrem Bruder abzureisen
gedachte.
    Den Hergang des Bruchs stellte sie dar, so wie sie ihn nach einer
Unterredung mit ihrem Bruder und einer leider erst darauffolgenden mit Lydia
selbst aufgefat hatte. Fr dieses kluge Mdchen, scharfblickend, gerecht und
billig, wie junge Menschen es selten sind, gab es einen Punkt, auf welchem die
Bildflche sich verkehrte, und das war sein Liebespunkt, sein Max. So viel
goldene Luftschlsser hatte die kleine Sidi auf die Freiheit des Reichtums
gebaut, sich die Zukunft so reizvoll ausgemalt: ein Knstlerleben, hnlich dem
der alten Harfenknigin, aber durch das Verhltnis zu ihrem Bruder erweitert und
vertieft; nun wurmte die Enttuschung sie nur um seinetwillen, und ihres eigenen
Schiffbruchs gedachte sie kaum. Es handelte sich um ihn, darum statt des
sicheren Klarblicks blinder Groll. Der hhnende Geifer hatte sich aus seiner
Brust in die ihre gestrzt, hatte sich darin gestaut und ergo sich nunmehr in
brausenden Strmen.
    So sind sie, diese Heiligen! rief sie aus. Als sie Max fr eine Partie
hielten, lockten sie ihn an, fingen ihn ein, wie man einen Gimpel einfngt, den
man zum Dompfaffen abrichten will. Nun, im Elend, schlagen sie die einzige
Pforte der Freiheit vor ihm zu und berufen sich, wie Shylock auf seinen Schein,
auf den Buchstaben ihres Rechts. Kaltbltig zerfleischt dieses Mdchen ihm das
Herz und behauptet dabei noch, da sie ihn geliebt. Als ob solch eine
Mondscheinsprinzessin wte, was lieben heit!
    Pastor Blmel widersprach der Aufgeregten warmen Herzens mit allen Grnden
der Gewissenspflicht; er nannte Lydias Forderung einen Akt kindlicher Piett,
eine Selbstopferung aus stark empfundener Familientreue; worauf denn Sidonie
eifernd erwiderte: Nun, wie Sie wollen, Pastor. Aber was beweisen Sie mit Ihrer
Entschuldigung, als da auch die Familie ihre Jesuiten hat? Abstrakte
Idealisten, denen jedes Mittel das rechte ist fr einen Zweck, von welchem ihr
Herz nichts wei. Ihren Vater mag Lydia geliebt haben; ich traue es ihr zu, denn
sie ist seinesgleichen. Aber liebt sie ihre Geschwister, die ihr so unhnlich
sind, liebt sie nur ihre Mutter?
    Lieben Sie Ihren Bruder etwa nicht, Sidonie, da Sie doch wohl kaum sich fr
seinesgleichen halten? wendete Frau Hanna ein.
    Freilich liebe ich ihn, antwortete Sidonie, und eben darum, weil ich
nicht seinesgleichen bin. - Ach, wie von Herzen mchte ich ihm doch hnlich
sein! - Aber ich liebe ihn keineswegs, weil er mein Bruder, weil er ein
Pflichtbegriff fr mich ist; sonst mte ich auch meinen Grovater lieben. Ich
liebe ihn, weil er liebenswrdig ist, mein Bertrand de Born, weil ich keinen
anderen zum Lieben habe, weil ich gar nicht anders als ihn lieben kann. Wre ein
Fremder so wie er, Sie zum Exempel, Dezimus, ich liebte Sie wie ihn.
    Fr welche schmeichelhafte Versicherung ich mich im Namen meines Dezem
schnstens bedanke, sagte Mutter Hanna lachend, und Sidonie lachte auch.
    Dezimus aber vermochte eine ritterliche Wallung nicht lnger zu bemeistern.
Denn bei aller Bewunderung fr das glnzendste Meteor an seinem Jugendhimmel
hatte er in dem Kampfe, der an demselben ausgebrochen war, mit Entschiedenheit
Partei genommen fr den treuen Abendstern, der sich aus seiner gesetzmigen
Bahn nicht verdrngen lie. So einfach, als ob es sich um einen mathematischen
Folgesatz handelte, sagte er daher:
    Warum will denn aber, gndiges Frulein, Ihr Herr Bruder nicht warten, bis
seine Braut ihre edle Aufgabe vollbracht oder er selbst sich eine unabhngige
Stellung errungen hat? Einem, der begabt ist wie er, sind Tor und Tr ja nach
allen Seiten hin aufgetan, und wie viel reiner mu die Freude des
Zusammentreffens am Ziel mit dem Bewutsein erprobter Krfte sein!
    Max und warten! hatte zu Anfang der Rede Sidonie belustigt der Pastorin
zugeraunt. Jetzt beim Schlu des Vortrags sagte sie aber schon wieder in hellem
rger: Gut Heil Ihnen, Kandidat in spe, auf solchem Philisterwege. Zuvor aber
beantworten Sie mir geflligst die Frage: da die Demut doch noch weit mehr als
die Lammsgeduld eine christliche Tugend ist, warum nahm denn Ihre fromme Lydia
die Mittel zur Erfllung ihrer edlen Aufgabe aus meiner Hand nicht an? Durfte
sie mir zutrauen, da ich die Familie, in welche mein Bruder getreten war, in
Drftigkeit gelassen haben wrde? Wenn sie sich gegen ihre Gewhnung
einigermaen beschrnken mute, nun so bte sie eben ihres Vaters Schuld. So
wre es recht gewesen, so billig. Aber nein! Zum Danksagen ist man zu erhaben.
Ein Weltkind aufzugeben, ein anderes zu berauben, ist ganz in der Ordnung;
beiden das Gnadenbrot anzubieten, wohl gar noch Gromut, der bloe Gedanke
treibt mir die Galle in das Blut! Komme es, wie es mag, ich danke Gott, da Max
sich aus dieser tugendhaften Umstrickung losgerissen hat. Nun und nimmer wrde
er an der Seite dieser eisigen Jungfrau anders als elend geworden sein.
    In letzterem Punkte pflichte ich Ihnen bei, versetzte Mutter Hanna ruhig.
Auf der anderen Seite jedoch mu ich meines Sohnes philisterhaften Vorschlag
dahin ergnzen, da ein Mann, mag er zehnmal ein Genie sein, das Heiraten
bleiben lassen soll, wenn er nicht die Lammsgeduld besitzt, sich ein sicheres
Brot verdienen zu lernen. Sie aber, Kind, sollten es sich zweimal berlegen und
wenigstens eine Nacht hindurch beschlafen, ehe Sie so eklatant mit Ihrer Familie
brechen. Bedenken Sie, da vernnftige Menschen fr ihre persnliche Wrde weit
weniger heikel als fr die ihrer Anvertrauten zu sein brauchen; sich selber
wrde Lydia getrost zugemutet haben, was sie ihrer Mutter nicht zumuten durfte;
wie Sie, Sidonie, Ihrem Bruder nicht, was Sie selber getrost sich zumuten
drfen. Lassen Sie ihn denn ziehen, wohin sein Genius ihn treibt. Mit ihm leben
knnen Sie vor der Hand nicht; bleiben Sie also hier, zunchst bei uns. Eine
Vermittlung mit Ihrer Familie wird unschwer anzubahnen sein; vielleicht nach
mehr als einer Seite hin. Jedenfalls sind Sie die Gromtige, nicht Ihre
Cousine, wenn Sie in eine Teilung der Revenen willigen.
    Ja, liebe Sidonie, nahm nun auch Vater Blmel wiederum das Wort, ja,
bleiben Sie bei uns und sammeln Sie feurige Kohlen auf Lydias Haupt. Das
unglckliche Mdchen handelte gem seinem Grundgesetz, also recht. Es gibt aber
kein weheres Geschick, als wenn wir unserem Gewissen nicht etwa blo unser
eigenes Glck, sondern das Glck derer, die wir lieben, zum Opferbringen mssen.
Sie retten den Frieden einer Seele, Sidonie.
    Sidonie blieb nicht unbewegt bei diesen Worten. Die erste Wallung war
verdampft, und zu trotzigem Stolz war sie zu klug. Sie reichte den beiden alten
Freunden ber den Tisch hinber die Hand und sprach: Handelte es sich um mich
allein, wrde ich Ihrem Rate vielleicht folgen und Lydia eine Genugtuung gnnen,
wie ich an ihrer Statt sie mir selbst gegnnt haben wrde. Mir gegenber ist sie
ja faktisch auch durchaus in ihrem Recht. Aber auch ich habe ein Grundgesetz,
Freunde, und das heit Treue gegen meinen Bruder. Ich darf nicht durch die Hand
eines Mdchens, das seine Liebe so gering achtete, um sie einem nchternen
Pflichtgebot unterzuordnen, mir meinen Lebensweg - und das hiee indirekt den
seinen - bequem machen lassen. Ich mu sein Schicksal teilen.
    Und was denken Sie zu tun? Wohin wollen Sie sich wenden?
    Zunchst gehe ich zu meiner Mutter. Ich habe aus der rmischen Flle eine
hbsche Sparsumme gerettet, die fr den Anfang gengt. Das Weitere wird sich
finden. Tor, der man ist, Programme zu entwerfen, die der leiseste Atemhauch des
Schicksals oder der Leidenschaft wie Kartenhuser umblst. Ich sage wie mein
Max: nur auf die Gunst des Augenblicks ist Verla.
    Der Wagen fuhr bei diesen Worten vor. Ihrem Bruder den peinlichen Eintritt
zu ersparen, eilte Sidonie ihm entgegen. Die Familie folgte ihr herzlich bewegt.
Max sah bleich aus und sprach kein Wort.
    Ich schreibe bald! rief Sidonie vom Wagen herab.
    Die Freunde lauschten unter der Tr bis zum verhallenden Rderrollen. Dann
sagte Rschen, halb betrbt und halb rgerlich:
    Euch alle dauert Lydia, und ihr bewundert sie. Mich dauert Max, und ich
bewundere seine Schwester. Ach, und wie eindig wird es nun in Werben werden!
Wenn du auch noch fort bist, alter Dezem, halte ich es nicht mehr aus.

Der gemtliche und ttige Anteil an dem Schicksalswechsel der Menschen, zu
welchen er hoch emporgeblickt, hatte Dezimus vllig in Anspruch genommen. Es
heit etwas fr einen Jngling, zum ersten Male einen idealen Stern sich
verdunkeln, ein Idol verkmmern sehen. Nun jedoch, da der Tageslauf wieder in
sein Gleichma trat, fiel ihm ein, da die Freiheitspforte, die sich seinem
stolzen, gestrzten Helden geschlossen, fr ihn, den bescheidenen, aufgetan
hatte.
    Es war ihm bis heute nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen, da sein
Leben sich in einem anderen als dem von seinen Wohlttern gezogenen Gleise
abspinnen knne. Als Stipendiat von Werben seiner Heimat durch treuen Flei Ehre
zu machen, dereinst seines Vaters Gehlfe und in ferner, Gott wolle,
allerfernster Zeit sein Nachfolger zu werden, das war sein Ziel, und er blickte
auf dasselbe mit dankbarem Stolze. Vllig unerwartet war nun auf ein diesem
Ziele schnurstracks entgegengesetztes als das seiner Natur gemere nicht blo
gedeutet worden, sondern auch mit gromtiger Hand die Bahn zu demselben
geebnet, und er sprte ein heies Verlangen, diese Bahn zu betreten. Die Analyse
des sichtbar Unendlichen dnkte ihm auf einmal weit interessanter als die
Auslegung der Apokalypse; Sternenbahnen erforschen auf stiller Warte weit
zusagender als Predigten halten auf der Kanzel von Werben.
    Hie denn nun aber seinem Gelste folgen, nicht alle Erwartungen seiner
Wohltter vereiteln? Hie es nicht schnder Undank, abzuweichen auf einen Pfad,
auf welchen sein Vater und Bildner ihm nicht zu folgen vermochte? Und zumal auf
einen, der selbst in weiter Ferne und Fremde ein gedeihliches Ziel noch
zweifelhaft lie, whrend das gedeihlichste in nchster Nhe gesichert war?
Mochte ein leibliches Kind solches Opfer von seinen Eltern zu fordern berechtigt
sein, aber auch das Kind der Barmherzigkeit, die hlflose Waise vom ersten
Lebenshauche an? Und sein Rschen!
    Dezimus stand erst im Aufschritt zu der Jnglingsstufe; sein Puls schlug
ruhig, und seine Phantasie schweifte mehr zwischen Sternen- als Menschenbildern;
sein Verhltnis zu dem schnen Mdchen hatte im Grunde daher noch nicht Hand und
Fu. Wenn Rschen ein Knabe gewesen wre, wrde es sich kaum anders gestaltet
haben. Da er aber dem Kinde, neben dem er in der Wiege gelegen hatte, angehren
msse bis in das Grab, da eine Liebe, fr die er keinen Anfang wute, auch kein
Ende haben knne; da, unter welchem Namen auch immer, er zu dieses Kindes
Schirmer berufen sei, zu seinem Versorger, seinem nchsten, ewigen Freund, das
stand fr ihn fest wie ein Naturgesetz, nicht erst seit heute oder gestern,
sondern seitdem er sich seines Daseins bewut geworden. Die kleine Rose war ein
Teil von ihm, sein bestes Teil. Und was konnte er auf dem neuen Lebenswege fr
sie werden?
    Noch ein drittes kam dazu. Von dem Augenblicke an, wo sein stolzester
Knabentag damit abschlo, da er das weie Frulein aus dem Hutmannshause treten
sah und er sich zum ersten Male deutlich als das Kind dieser armen Htte gefhlt
hatte, von dem Augenblicke an waren seine Gedanken hufig zu den unbekannten
Brdern in die Ferne geschweift. Nicht aus Blutszwang, wie Max von Hartenstein
geringschtzig solchen Trieb genannt, nicht einmal aus neugierigem Verlangen;
einfach aus einem Gefhl der Beschmung, wie es jeden gutgearteten Menschen
berkommt, wenn er sich selbst in unverdienter Flle und Gleichberechtigte in
ebenso unverdienter Entbehrung sieht. Er hatte damals auch alsobald den Vater
nach dem Schicksale seiner Geschwister befragt und erfahren, da der treue
Gemeindepfleger sie nicht aus den Augen verloren hatte. Je mehr sie freilich
selbstndig im Leben Fu fassen lernten, um so seltener war eine Auskunft ber
sie zu ermitteln gewesen. Die Dezimus im Alter zunchst Stehenden waren frh
gestorben; die Erwachsenen wie Heimatslose in der Welt verstreut. Ob, wo und wie
viele ihrer vielleicht heute noch leben? Gott Vater wird es wissen, ihr Bruder
Dezimus wei es nicht.
    Ein erwnschter Zufall war es daher, da vor Jahr und Tag der lteste von
den beiden, die beim Tode der Eltern bereits Soldaten waren, sich mit dem Gesuch
eines Taufzeugnisses, zum Zweck seiner Verheiratung, an den Pfarrer von Werben
wendete und da durch ihn ein schwacher Faden sich wieder anknpfen lie. Bruder
Klaus war nach Ablauf seiner Dienstzeit Ruderknecht, spter Matrose und endlich
Steuermann auf einem Kauffahrteischiff geworden; er kam nur selten an das Land,
wo er dann im eignen bescheidenen Heimwesen auf einer der friesischen Inseln
einkehrte. Wer von seinen Brdern noch lebte, wute auch er nicht. Nur durch
Zufall war er einmal mit seinem soldatischen Kumpan, dem einzigen, der ihm von
Angesicht erinnerlich geblieben, zusammengetroffen, als dieser im Begriffe
stand, nach Amerika auszuwandern. Dort, so schrieb der Prediger der Insel, der
diese Nachrichten seinem binnenlndischen Amtsbruder vermittelte, war auch er
verschollen und das Enaksgeschlecht aus dem Hirtenhause demnach wahrscheinlich
zusammengeschmolzen bis auf zwei.
    Diese Rckwrtsgedanken waren in Dezimus nun aber besonders lebhaft angeregt
worden, als er bei Gelegenheit des Werbenschen Erbes die Fragen des
Blutszusammenhanges und der Verpflichtungen, welche er auferlege, von den
verschiedensten Standpunkten errtern hrte. Sein ganzes Herz gehrte ja den
Wahlverwandten; ein heimlicher Gewissensdrang trieb ihn aber den Naturverwandten
entgegen, und als durch Stipendium und Legat ihm die Mittel zu einer Nothlfe
geboten wurden, schrieb er an den Bruder Steuermann im Inselhause, schilderte
sein eigenes glckliches Los, sprach den Wunsch des Bekanntwerdens aus, bat
dringend um gelegentliche Forschung nach dem in Amerika verschollenen Friedrich
und erklrte sich zu brderlicher Handreichung froh bereit.
    Sein Herz schlug befreit, nachdem er diesen Schritt in seinen ltesten
Zusammenhang zurckgetan hatte. Vermochte er denn aber die verheiene
Handreichung wahr zu machen, wenn er die abirrende Bahn zu einem zweifelhaften
Ziele betrat? Denn mit dem gutgemeinten Verspruch hatte er leider die Dmonen
der langen Zahlen und groen Rohre keineswegs ausgetrieben. Er mochte sich
winden und wenden, wie er wollte, er kam aus dem Zwiespalt von Lockung und
Pflicht nicht heraus. Sogar sein bis dahin unangefochtenes robustes Hirtenblut
zeigte Spuren des heimlichen Kampfes, die roten Backen erblaten, der Leib
magerte ab, der Schlaf wurde unruhig, schlechthin hohlugig sah der arme Junge
aus, und so mute es zweifelhaft erscheinen, ob die gromtige Legatarin, indem
sie seine Schlerwiege verrckte, ihm nicht eher eine Wehetat als eine Wohltat
erwiesen hatte.
    Htte er nur einen weisen Mann gewut, den er zum Schiedsrichter der
strittigen Parteien in seiner achtzehnjhrigen Brust htte aufrufen drfen. Aber
er wute nur einen, den weisesten der Weisen, und just vor ihm htte er den
Tummelplatz in undurchdringliche Nebel hllen mgen. Oder htte er nur einen
mitfhlenden jungen Gesellen gewut, in dessen Herz er seine ngste ergieen
konnte! Aber er hatte gute Kameraden die Hlle und Flle; ein Spezial jedoch war
ihm seit der Kinderstube immer nur sein Rschen gewesen, und was dieser Spezial
ihm raten wrde, brauchte er nicht erst zu erfragen. Dummer Dezem, natrlich
mut du Pastor werden und in unserer hbschen Pfarre bleiben. Fr das gndige
Legat machen wir uns alle Jahre eine Lust!
    So fragte er denn Rschen nicht, aber er fragte Peter Kurzen, als dieser das
nchste Mal in die Pfarre eingesprungen kam; und Peter Kurze zog die Augenbrauen
in die Hhe und antwortete mit salbungsvoller Stimme.
    Verehrungswrdiger Gutfreund, dessen Namen ich nicht auszusprechen wage,
das Heu beider Bndel duftet s. So dchte ich, natur- und vernunftgem, wir
genssen von beiden.
    Von beiden! Mit Peter Kurzen war freilich ernsthaft keine Sache
abzusprechen, im Spae aber traf er manchmal den Nagel auf den Kopf. Von beiden!
    Oftmals dachte Dezimus an sein weies Frulein, wennschon er ahnete, da
Lydias Ratschlu nicht anders lauten wrde als: Entsage! Was verlangte er denn
aber Besseres als eine unumstliche Richtschnur fr seinen Willen? Ja, gewi,
er wrde dieser Meisterin in der schwersten aller Lebensknste blindlings
nachgeeifert haben, htte er nur ohne Zudringlichkeit sich irgendwo und wie bei
ihr Gehr zu verschaffen gewut. Allein er hatte seit jenem verhngnisvollen
Tage sie nur dann und wann aus der Ferne gesehen, wenn sie im Morgengrauen oder
Abenddmmer vor ihres Vaters Grabe stand. Sie war eine Nonne geworden und ihr
Bereich in Wahrheit zu einem Kloster.
    Ihre Mutter genas allmhlich im Laufe des Sommers. Obgleich sie bewutlos
auf dem Fieberbette gelegen, hatte dennoch die Zeit ihr linderndes Wunder an der
sanften Seele gewirkt, und nun stumpfte die Ermattung das Herzeleid ab. Ihre
Umgebungen, ihre uere Lage waren die gewohnten geblieben; nichts fehlte als
der, dessen Qualen sie seit Jahren in der Stille qualvoll mitempfunden hatte,
und der war selig bei seinem Herrn. Fr eine Ottilienseele ein ertrglicher
Schicksalsschlag; unter einer schweren Mutterlast wre sie zusammengebrochen.
    So fand sie sich denn auch leichter, als man gefrchtet hatte, in die
Trennung von ihrem Liebling, welche gem des Vaters letztem Willen in dieser
Zeit stattzufinden hatte; leichter zumal auch dadurch, da der ungestme Knabe
sich aus der Eintnigkeit des Trauerhauses bereitwillig in einen neuen Zustand
versetzen lie. Phbe war schon zu Ostern von dem Vater eingesegnet worden; der
bisherige Informator schied daher aus der Familie, um in einer kleinen
lutherischen Gemeinde der alten Heimat das Seelsorgeramt zu bernehmen. Martin
war zu seinem Regiment zurckgekehrt; nur seine beiden jngsten Schwestern
wurden dann und wann noch in der Pfarre gesehen, um fr ein paar Stunden
frhlich darin aufzuleben.
    In den Augen der gesamten Familie und zumeist in denen der kindlichen Mutter
war Lydia an die Stelle des Vaters gerckt. Wie sie des Hauses Versorgerin
geworden war, wurde sie bedingungslos dessen Autoritt. Ein sonniger
Frhlingstraum war verweht, ein dsterer Todesschatten vorbergezogen; das Leben
glitt hin in gewohntem, nur noch lautloserem Gleis.
    Die Mitteilung, welche Sidonie versprochen hatte, blieb aus; monatelang
wute man weder auf dem Schlo noch in der Pfarre, was aus den Geschwistern
geworden sei. Erst zu einer Zeit, die eigentlich bereits in den nchstfolgenden
Abschnitt gehrt, kam durch Martin - unter dem Siegel der Verschwiegenheit! -
eine bewegliche Kunde an seinen Freund Dezimus. Max hatte sich schon vor seiner
Reise nach Rom zum Landwehroffizierexamen gemeldet, halb und halb wohl mit dem
Vorbehalt eines eventuellen bertritts zur Linie. Nun war krzlich seine Wahl in
eklatantester Weise von dem Offizierkorps abgelehnt worden. Als Anla vermutete
man eine Reihe von Gedichten, welche unter seinem vollen Namen in einem
neugegrndeten freisinnigen rheinischen Zeitblatt erschienen waren und in den
hchsten Regionen schweres rgernis hervorgerufen haben sollten. Der brave
Martin war ganz aus dem Huschen, wie er selber es nannte, ber die Schande,
welche der ganzen Familie angehngt worden sei und welche er selbst in seiner
Karriere gehrig werde ausbaden mssen. Auch dauerte ihn sein Vetter, der,
bisher ein Glckskind wie wenige, nun auf einmal aus einer Patsche in die andere
gerate. Und, so schlo der Brave, und alles um ein paar elender Verse willen,
um die kein Hahn gekrht htte, wenn man nicht solches Wesen davon gemacht. Und
wenn ich ihrer ein dickes Buch voll gelesen htte, mir wre, als htte ich
Wasser getrunken.
    Da die betreffenden Zeitungsnummern konfisziert worden waren, lag wenigstens
eines der Gedichte dem Briefe bei. Pastor Blmel - fr welchen das Siegel nicht
unerbrochen blieb - nannte es eine gereimte Umschreibung der zweiten
Prometheusstrophe; nur da der nicht mehr Zeus hiee, dessen Majestt sich
kmmerlich von dem Gebetshauch hoffnungsvoller Toren nhrte. Indessen wollte
auch dem guten Blmel das ehrenkrnkende Verdikt gegen den Zornesausbruch eines
heilig glhenden Herzens, dem die ersten Bltentrume nicht gereift waren wenig
einleuchten. Er sah in der Offiziersuniform das sicherste Korrektiv aller
Titanengelste und frchtete die Frchte, welche die Erbitterung zeitigt. Pastor
Blmel seufzte viel an diesem Tage und rauchte stark.
    Als Lydia zum ersten Male die Einknfte der Werbenschen Stiftung bezog,
sendete sie die Hlfte des Betrags durch Pastor Blmels Vermittlung an Sidonien,
unter der Adresse ihrer Mutter. Umgehend erhielt sie die Summe auf gleichem
Umwege zurck. Die Professorin behandelte, ohne jegliche Spur von Enttuschung
oder Verletztsein, die Angelegenheit rein als Geschft. Ihre Tochter, so meinte
sie, habe fr einen derartigen Ausgleich nicht einmal den Anspruch der
Billigkeit, da es keinem Zweifel unterliegen knne, da Frulein von Werben bei
Abfassung ihres letzten Willens an die aussichtslose Familie ihrer Nichte
Ottilie gedacht habe und nicht an Sidonie, die weder zurzeit noch, soweit sich
voraussehen liee, in Zukunft einer solchen Zuwendung bedrftig sei oder sein
werde. Im brigen scheine ihre Tochter sich im mtterlichen Hause heimisch
einzugewhnen, und sie sende den Pfarrfreunden ihre besten Gre. Des Sohnes
wurde nicht erwhnt.
    Lydia vermochte mit dieser Abweisung sich nicht zufrieden zu geben. Es
widerstand ihr, auf Kosten der Verwandten, die sich - und wie Lydia glaubte mit
gutem Grund - fr die Nchstberechtigte gehalten hatte, ein mehreres in Anspruch
zu nehmen, als zur Versorgung ihrer Familie erforderlich war, und sie ersehnte
den Zeitpunkt, wo sie auf das Ganze verzichten durfte. Wie tiefes Elend war um
dieses leidigen Mammons willen ber sie gekommen! - Durch Pastor Blmels, des
zeitweiligen Kurators der Stiftung, Hand legte sie daher die Teilsumme bei jedem
Termine hypothekarisch nieder, sei es zur spteren Verfgung ihrer Verwandten,
sei es zu einem von diesen zu bestimmenden wohlttigen Zwecke.
    Der Herbst war gekommen, ein milder, gedeihlicher Weinherbst; aber keiner im
Pfarrhause freute sich wie sonst auf die Lese, da der Sohn sie heuer nicht
mitfeiern durfte. Das liebe Rschen war, wie es sagte, ganz desperat. Es stellte
in seiner Desperation allen Ernstes den Antrag, mit seinem alten Dezem auf die
hohe Schule zu ziehen, ihm den Haushalt zu fhren, wie schon manche Pfarrtochter
es ihren studierenden Brdern getan, und nebenbei in einer Fabrik das
Blumenmachen zu erlernen. Und whrend dieses Antrags streichelte das liebe
Rschen seinem alten Dezem die Backen, kniff ihm zrtlich die Ohrlppchen und
zupfte ihn an seinen langen, strohgelben Haaren. Der alte Dezem aber - ei nun,
es war ein Vorschlag zur Gte -, und der alte Dezem htte sich solch eine rosige
Studentenwirtschaft mit tausend Freuden gefallen lassen. Zwei gewichtigere alte
Leute lieen sie sich aber durchaus nicht gefallen, und diese gewichtigen alten
Leute hieen Papa und Mama. Da schmollte das liebe Rschen ein Weilchen, lachte
dann und flocht einen Asternkranz; ihr alter Dezem dagegen schmollte nicht,
sondern versank wiederum in sein Sternensehnen.
    An einem der letzten Nachmittage waren die beiden jungen Schlofrulein
gekommen, um mit Rschen im Pfarrberge Trauben zu naschen. Dezimus hatte den
Vater auf seinem Vespergange durch das Dorf begleitet und sa nun mit ihm unter
den rotbeerigen Ebereschenbumen auf dem Hnengrabe, den Untergang der Sonne
genieend. Solch ein himmelreines Schauspiel ist im spten Oktober eine seltene
Gunst, und wenn es vielleicht das letzte ist, das binnen einer Sonnenwende in
einer lieben Heimat genossen wird, da rhrt es ein junges Herz wohl bis auf den
Grund.
    Auch der Vater hatte in andchtiger Stille der versinkenden Flamme
nachgeschaut, bis der abendliche Horizont in ein Purpurmeer verwandelt schien.
Dann hob er an:
    Zum ersten Male, mein Sohn, und leider Monde hindurch, bin ich irregeworden
an dem sicheren Gefhl, dem ich als dem Leitstern deines Lebens vertraut habe.
Ich sehe dich bei zuflligem Anla schwindelnd schwanken; und wer brgt dem
Schwankenden, da er nicht strauchele, dem Strauchelnden, da er nicht falle?
    Dunkle Schamrte berzog des Jnglings Gesicht; er sah sich durchschaut von
dem einzigen, vor dem er seine Ble htte verhllen mgen. Denn die
Dankbarkeit, wie jede echte Liebe, ist keusch.
    Durch eine frderliche Fgung, fuhr der Vater fort, ist dein Blick auf
einen Beruf gelenkt worden, welcher dem von dir bisher in das Auge gefaten
zuwiderluft und welchen du urpltzlich als den dir natrlich eingeborenen
erkennst. Httest du ihn ohne jene Fgung verfehlen knnen, wenn er wirklich
deine Grundbestimmung gewesen wre? Und warum willst du eine Entscheidung vom
Zaune brechen, da sie dir nach einer Probezeit als reife Frucht in den Scho
fallen mu? Es sind nur wenige Gebiete, auf denen in unserem kurzen Hienieden
ein grndlicher Forschersinn heimisch zu werden vermag; aber je eines mehr ist
eine Verdoppelung unserer Existenz. Warum willst du nicht ein paar Jugendjahre
daransetzen, um jenes dir vorbestimmte Gebiet zu prfen, das, wie dunkel und
begrenzt es auch erscheint, doch des Menschen ewigstes Anliegen umfat? Ist es
dir denn verwehrt, daneben oder danach auf jenes andere abzuschweifen, das klar
berschaubar, sich dennoch in das Grenzenlose verliert und in Ewigkeit ein
Bruchstck bleiben wird? Warum willst du den seltenen Vorzug nicht ntzen, deine
Krfte nach zwei diametral entgegenlaufenden Richtungen hin zu prfen?
    Aber die Zeit, die mir auf diesem Kreuzwege verloren geht, Vater? wendete
Dezimus schchtern ein. Ich knnte nahe dem Ziele stehen, wo ich dort vor einem
Anfang stehe.
    Doch als ein gefesteter Mann, der ohne Fehltritt weiterschreitet. Wohl dem
Jngling, der nicht mit seinen Lehrjahren zu geizen braucht.
    Und dann, Vater, und dann - beraube ich nicht einen Bedrftigen, wenn ich
eine Wohltat zwecklos vergeude.
    Der Greis blickte zuerst betroffen vor sich nieder, darauf aber mit einem
vollen Liebesblick auf den Sohn, und endlich sprach er in freudigster
Entschiedenheit: Ich danke dir fr dieses Wort, mein Sohn. Es soll mir als
Schiedsspruch gelten, da ich deine Wiege an den rechten Platz gerckt habe und
da ich als dein Vater verpflichtet bin, die vllige Reife der Entwicklung von
dir zu fordern. Ach, mein Kind, das Leben hat nicht Sonnenschein fr alle, und
wir berauben jedesmal einen Bedrftigen, wenn wir uns einer Himmelsgunst
erfreuen. Wo aber wre ein Mensch ohne solche Selbstsucht fertiggeworden? Und
sich selber fertigbringen, soweit die eingeborene Gestaltungskraft reicht, ist
des Menschen oberstes zeitliches Gesetz, denn nur nach dem Mae seiner
Fertigkeit wirkt er.
    Der Greis machte eine kleine Pause; dann fuhr er fort:
    Bei deiner ruhig wgenden Gemtsanlage, bei der engen Umfriedigung deines
bisherigen Daseins wrdest du es nur zu einer einseitigen Ausgestaltung bringen,
wenn du mit dem ersten Schritt in die Freiheit dich einbrgertest in einem
abstrakt ideellen Reich, in welchem es wohl gilt, stetig vorwrts zu dringen,
aber nicht zu ringen, wohl zu wgen, aber nicht zu wagen. Leben aber,
Mannesleben, heit Kampf und Kampfes Zeuge sein. Ein solcher Ringkampf um der
Menschheit hchste Gter ist nun aber, ohne da du es ahnetest, whrend deiner
Knabenjahre aufgelodert und wird in deinen Mannesjahren noch nicht ausgelodert
sein. Auf weltlichem Gebiet wie auf dem geistlichen, in welchem du deine Schule
durchzumachen hast, stehen die Parteien widereinander unter dem Feldgeschrei:
Hie Freiheit, hie Autoritt! Aus kindlicher Ferne hast du in dem Propst von
Hartenstein und Professor Zacharias zwei bedeutende Mnner kennen lernen, die
dir als Chorfhrer gelten drfen. Zwischen ihnen aber streifen Plnklerscharen,
diesseit wie jenseit sich berufend auf das nmliche Schiboleth, aber
haarspaltend miteinander, hadernd um die Heischungen des Gemtes, des
Verstandes, ja der kennzeichnenden Uniform. Auf einen dieser Tummelpltze sende
ich dich nun, mein Sohn, um dir, soweit es dem Menschen gegeben ist, eine reine
Lsung fr den eigenen Geist zu erringen. Denn eine beherrschende Stellung wird
kein Heutiger mehr erreichen; noch niemals hat die Menschheit drei Jahrhunderte
zurckgelebt. Die segenfrdernde Macht des Gottesgedankens, die ewige Botschaft
der Barmherzigkeit in der Seele deines Volkes in bescheidenem Umkreis rege zu
erhalten, ihm ein Lehrer, ein Trster, ein Freund und Vorbild zu sein, das und
kein glnzenderes ist dein Ziel auf der von Kind ab vorgezeichneten Bahn.
Solltest du whrend derselben erkennen, da sie weder dich noch andere zu jenem
Ziele fhren wrde, sollten berechenbare Messungen dich strker locken als das
Geheimnis des Wortes, das du zu ergrnden und zu verknden hast, dann, aber nur
dann, ist es nicht blo dein Recht, sondern deine Pflicht, auf jener sich
kreuzenden Bahn vorwrts zu dringen nach dem Urgesetz der Wahrhaftigkeit. So
ziehe denn aus, mein Sohn, und wie du nach treuer Arbeit dich entschieden haben
magst, du kehrest heim, des bin ich getrost, als unser gesegnetes, unser
glckliches Johanniskind.
    Lchelnd, doch feuchten Auges schlo der Greis seine Rede. Dezimus aber, der
Junge schlecht und recht, fiel wie erlst zu seines Vaters Fen, prete dessen
beide Hnde gegen sein Herz, und heie Tropfen rannen darauf nieder. Ein
vernehmliches Wort aber sprach er nicht.
    Am anderen Tage, obgleich es der Abschiedstag war, ging er wie auf Federn;
ja wahrlich, der stmmige Enakssohn, er schwebte, so leicht war sein Herz. Sein
Abiturientenzeugnis hatte brav gelautet, und die Trennung whrte ja nur kurz;
zum heiligen Christ war er wieder da! Er empfahl sich in beiden Gemeinden Haus
bei Haus; selbst bei seinem Vizepaten versuchte er vorzudringen, zu seiner
Genugtuung indessen vergeblich. Auch Lydia war nicht sichtbar; Frau von
Hartenstein aber entlie ihn mit mtterlichen Trnen, und ihre beiden jngsten
Tchter schenkten ihm die Andenken, die ihm schon zum Geburtstage bestimmt
gewesen waren. Die kleine Phbe hatte eigenhndig 365 Bltter je mit einem
Bibelverse beschrieben. Alle Morgen sollte ihr guter Dezimus, so wie es im
prpstlichen Hause gang und gbe war, sich auf einem dieser Bltter die
Tageslosung ziehen. Frulein Priszilla aber brachte gar ein schnes Album, auf
das sie unter einem Kornblumenkranze seinen Namen gestickt hatte und in welches
sich, mit Ausnahme des kranken Vaters, smtliche Familienglieder eingetragen
hatten; auch Max, dazumal noch hoffnungsvoller Brutigam, war darin verewigt,
wennschon nicht mit einer eigenen Inspiration, so doch mit einer dem Schler
gemen Horazischen Sentenz. Lydia hatte geschrieben:
    Dring durch die Kreise bis zum fernsten,
    Vor dessen Licht kein anderes sich behauptet.
    Dante war einer der wenigen Dichter, welche Lydia, als Vorleserin ihres
Vaters, grndlich kannte und vielleicht der einzige, welchen Max nicht las.
    Am Abend war in dem Hause, aus welchem der Sohn scheiden sollte, die tapfer
verhaltene Wehmut nicht lnger zu bannen. Kein Scherz und kein Ernst wollten
mehr verfangen; ein jeder zgerte, mit dem Aufbruch zu beginnen. Erst als es
Mitternacht schlug, erhob sich der Vater, legte schweigend die Hnde auf des
Jnglings Haupt und stieg hinunter in das geistliche Gemach.
    Ich sehe dich noch, mein Dezimus, sagte die Mutter, indem sie rasch das
Zimmer verlie.
    Bruder und Schwester waren allein. Sie schlang die Arme um seinen Hals und
sagte zwischen Schluchzen und Lachen: Da du mich nur liebbehltst, alter
Dezem, unter den Scharteken und Rohren deiner dummen Universitt! Dann lief
sie, beide Hnde vor dem Gesicht, der Mutter nach.
    Das liebe, nrrische, kluge Rschen, wie wre es nur mglich gewesen, da
irgendwo und wie und wann ihr alter Dezem sie nicht liebbehalten htte!
    Er dachte den Weg, wie dazumal auf der Suche nach der fremden Blume, zu Fu
zu machen, legte sich daher gar nicht nieder, sondern sa an seinem
Kammerfenster, bis der Morgenstern in voller Herbstpracht aufgegangen war. Dann
brach er auf.
    Als er die Haustr leise ffnete, kam die Mutter ihm nach, drckte ihn an
ihr Herz und schluchzte, ja sie schluchzte: Vergi nur die Wschzettel nicht,
mein Dezem!
    Die liebe, nrrische, kluge Mutter, als ob ein Sohn, den sie erzogen hat,
die Wschzettel vergessen knnte!
    Der nchste Weg zur Landstrae fhrte ber den Friedhof. Whrend er zu einem
Abschiedsgru vor dem Hgel der Mutter stand, deren Liebe ihm eine Fremde
ersetzt hatte, trat hinter dem weien Marmorkreuz, das den Namen Joachim von
Hartenstein trug, eine dunkle Gestalt hervor. Es war Lydia, die an dieser Stelle
tglich die Sonne aufgehen sah. Er konnte es nicht lassen, er trat an sie heran
und reichte ihr die Hand. Sie hielt sie eine lange Weile in der ihren, und
schweigend schieden sie.
    Als er unter der Pforte sich noch einmal umblickte, stand die hohe, dunkle
Gestalt regungslos wie zuvor neben dem weien Kreuz. Und so war das letzte Bild,
das er aus der Heimat in sein neues Leben trug, das der Jungfrau, ber welcher
der Morgenstern leuchtete.

                              Die ersten Prfungen


Die akademische Zeit ist dem Zeitraum nach kein Stufenjahr. Es gibt aber wohl
manchen studierten Mann, der mit dieser ersten Sprosse auf der Freiheitsleiter
auch die oberste erklommen hat, und keinen einzigen wird es geben, dem, wenn er
schon lange Jahre den Berg des Lebens abwrts steigt, nicht ein Rosenflor der
Jugend die welken Wangen berflge, sooft Gedanke oder Rede rckwrts schweifen
auf die kurze Spanne, wo er das Gaudeamus sang und Unsinn Weisheit nannte.
    Und da will uns denn bednken, als ob das Wertzeichen des Zustandes, welchen
wir einen glcklichen nennen, weit weniger der Genu sei, welchen er gewhrt,
als die Erinnerung, welche er hinterlt. Denn, ach, wie bleiern drckte oftmals
die Gegenwart, die im Gedchtnis so goldig leuchtet! Wie viele freie Musenshne
gab es - und gibt es vielleicht auch heute noch -, denen, wenn sie abends im
engen Dachstbchen matt und mde sich auf ihr schmales Federbett niederwarfen,
der Kopf geraucht hat nicht nur von den unlsbaren Problemen der
Weisheitsschulen, sondern weit mehr noch von den Pauklektionen, in welchen sie
den Tag ber noch manch dickhutigeres Haupt als das eigene rauchen machten;
die, nur halbsatt vom Freitisch im Konvikt und vom barmherzigen Wandertisch,
nach dem Bierseidel und der Knasterpfeife, den mundstopfenden Mchten des
knurrenden Magens, vergeblich schmachteten; wie viele, denen, wenn sie sich
morgens die bedenklich ausplatzenden Stiefel wichsten und am fadenscheinigen
Rock die abgesprungenen Knpfe festnhten, wenn sie die Kragen und Manschetten,
welche das einzige Wochenhemd schamhaft verhllen sollten, auf die umgekehrte
Seite wendeten, denen dann wiederum der Kopf geraucht hat ber das Problem der
flligen Wschgroschen und Schustertaler! Ach, wie viele freie Musenshne, die -
ade, Humor! - sehnschtig des goldenen Handwerksbodens daheim gedachten, mit
Seufzen die Bissen berechneten, die Vater und Mutter fr dieses Martyrium der
Gelehrsamkeit dem eigenen Munde absparten, und die dann, grollend schon in
Bltentagen, ausriefen: O du Galeere, du Sklavenmarkt von Welt!
    Ja, gro war auch in des Hirtensohnes von Werben Zeit und Zone die Zahl
dieser Mrtyrer der Wissenschaft, welche die beste Jugendkraft verbrauchten, die
Dornen und Steine aus ihrem Wege zu rumen, um dann, vom Bcken gekrmmt, ihre
Strae sachte bergan zu schlendern und erst beim Rckblick aus weiter Ferne das
Haupt wieder zu heben und zu rufen: Es war doch schn! Aber der glckliche
Hirtensohn und Stipendiat von Werben gehrte nicht unter diese Zahl.
    Auch er kehrte abends in ein Dachstbchen zurck; aber es hatte, wie seine
heimische Kammer, einen freien Horizont; und schon im zweiten Semester ragte es
ber die Baumkronen des schnen Gartens, der die Sternwarte umgab, hinweg, und
er hatte seinem Hausherrn, dem jetzt urgreisen Chalder, statt des Zinses nicht
mehr als diesen und jenen Handlangerdienst in seiner Wissenschaft zu entrichten.
Auch er hatte sich mit dem berschwang des Bejahens und Verneinens in den
antagonistischen Theologen- und Philosophenschulen abzufinden; aber er
zermarterte sich nicht Herz und Hirn ber den festen Punkt, an den er sich in
diesem Wirrsal zu klammern habe, denn er wute eine Ausflucht, wo ihm der ewige
Gottesgedanke in ursprnglicher Reine entgegenleuchtete, und war er dann und
wann bersatt von unverdaulicher Buchstabenspeise, so ward der Durst nach jenem
Born, aus welchem wohl Probleme, aber keine Kontraste rieseln, doch niemals
gestillt; sei es, da er sich morgens unter dem mathematischen Katheder
ernchterte, sei es, da er nachts durch mchtige Refraktoren eine neue Welt im
Himmelsozean auftauchen sah.
    Auch er gab in freien Stunden Lektionen und Repetitorien, aber in dem
Gebiete, das ihm das gelufigste war, und nur an so weit Vorgeschrittene, bei
denen er, indem er lehrte, noch zu lernen vermochte. Auch er setzte dann und
wann die Fe unter den Tisch einer freundlichen Studentenmutter; aber nur als
geladener, gern gesehener Gast. Er brauchte nicht mit Manschetten und
Hemdskragen zu knausern, denn das Waschhaus in der Werbener Pfarre war ein
flottes Institut, und wenn er auch seine Stiefel eigenhndig wichste und seine
Kleider eigenhndig brstete, Knpfe und Bnderchen brauchte einer, der sich
Frau Hanna Blmels Sohn nannte, sich nicht eigenhndig anzunhen.
    Er war ein kerngesundes Blut, das mit sechs Stunden festen Schlafes
bergenug und darum von vierundzwanzigen achtzehn freie Zeit hatte fr die
Verrichtungen, zu denen der Mensch wache Sinne braucht. Er hatte sich keiner der
neuzeitlichen gottesgelehrten Verbindungen eingereiht, war auch weder
Burschenschafter noch Korpsbruder irgendwelcher Couleur; demnach ein Kamel, aber
doch ein kreuzbraver Kamerad und nach wie vor Peter Kurzens, des standfesten
Teutonen, spezialster Spezial, sein zweiter Freund; denn der erste war, natur-
und vernunftgem߫, Peter Kurze selbst. - Er hat sich wenig in Fechthut und
Paukhandschuhen auf der Mensur gebt, aber die Flinte lernte er whrend seiner
freiwilligen Dienstzeit gleich im ersten Jahre handlich regieren. Er hatte eine
durstige Studentenleber, fr alle Tage indessen doch nur auf klaren Born, und
durfte er sich auch nicht der Charakterstrke rhmen, die das bel und Weh der
ersten Knasterpfeife mit stoischem Gleichmut berwindet, um es in der Fertigkeit
des Giftverdampfens so weit als mglich zu bringen, ein Spaverderber war er
darum nicht. Er konnte sonder Widerwillen Tabaksqualm riechen und mit Lust einen
Salamander reiben helfen, konnte singen, allenfalls auch springen und lie den
Spitznamen des stillvergngten Hnen sich gefallen, als ob es ein Ehrentitel
gewesen wre, wrde auch schwerlich Blut darum vergossen haben, wenn ein
witzboldiger Kumpan den Hnen in einen Philister umgetauft htte. Alles in
allem: er gehrte auch in dem akademischen Stufenjahre zu den Glcklichen, die
schon in der Gegenwart rufen: Es ist doch schn!
    Ach, die kstlichen Sonntagsstunden, wenn er nach einer Sternennacht und dem
Morgengottesdienst den allerneckischsten Rschenbrief erbrach, in Gedanken die
vergangene Woche Hand in Hand mit dem lieben Kinde nachlebte und am Abend den
Gegengru, berechnet fr das Ohr der gesamten Familie, im allerehrbarsten
Dezemsstil niederschrieb! Und dann jene allerkstlichste Zeit - zusammenaddiert
ein volles Viertel des Jahres -, die er als alter Pfarrdezem in der Heimat
verlebte! Fand er die herrlichen Eltern nicht jedesmal wohlauf und frohmtig wie
zuvor? Schienen sie nicht von ihrem Seelenfrieden geschirmt wie von einer
Glocke, die sie absperrte gegen den zerstrenden Altershauch? Und fand er nach
jeder Pause sein Rschen nicht immer lockender zur Rose erblht? Klopfte das
Herz ihm nicht immer bnglicher, wenn er schied? Wute er aber nicht auch, da
die Liebeshtte, an der er geschftig baute, kein leeres Luftschlo war?
    Ging er dann freilich aus der Pfarre hinunter in das Schlo, da
durchschauerte ihn, je lnger je mehr, ein frostiger Odem, als ob er aus einem
blhenden Garten in einen sonnenlosen Kreuzgang trte, und das Bild, das er von
der ersten Idealgestalt seines Lebens in sein Studentenstbchen zurcktrug,
beunruhigte ihn wie ein Rtsel, dessen Lsung dem Klarheit suchenden Sinne nicht
gelingt.
    Lydia war kaum minder schn als whrend der kurzen Wochen, da der Schmelz
der Liebe ihre Wangen berhauchte; ja vielleicht schner; klassischer wrde ein
Knstler gesagt haben; das Auge erweitert, die Haltung majesttischer, die
Konturen gefesteter, marmorbleich und marmorgleich. Aber er sah in ihr nicht
mehr einen Verheiung blinkenden Stern, und unwillkrlich erneuerte sich nach
jeder Begegnung in des Jnglings Seele der Eindruck jener Vollmondsnacht, die
als lebhaftestes Ereignis aus seinen Knabenjahren ragte. Die Blicke haften an
der stilleuchtenden Scheibe wie an einem friedreichen Menschenangesicht; da
jhlings breitet der Erdschatten sich ber sie, und als sie vor dem
hundertfltig geschrften Auge wieder auftaucht, starrt er auf ein versteinertes
Landschaftsbild mit weien Graten und dunklen Abgrnden zwischen ihnen, aber
ohne belebenden Strahl und Strom: eine erstorbene Welt oder eine werdende? Das
ist das Rtsel.
    Was fehlte Lydia? Der Vater, vor dem sie sich lebenslang gebeugt? Der
Geliebte, der sie ein paar Frhlingswochen hindurch umfangen hatte? Gibt es fr
solches Entbehren keine ausgleichende Macht, nicht einmal die der Zeit? Schritt
sie nicht unwandelbar auf einer ihrer Natur gemen Bahn? Hatte sie nicht das
Bewutsein unerschtterlicher Treue, das ja Gengen geben soll? Hatte sie nicht
einen tiefgewurzelten Glauben, der ja beseligen soll? Ihr Haus glich einem
Kloster. Aber spricht man nicht von kindlich stillen, glcklichen Nonnenaugen?
Auch Lydias Augen waren still, aber glckliche Kinderaugen waren es nicht.
    Was fehlte Lydia? fragten mit dem Jngling auch die Freunde in der Pfarre,
fr welche das herrliche Menschenbild, ebenso wie fr ihn, fast unnahbar
geworden war.
    Freude fehlt ihr, schalt Rschen, nichts als Freude. Wozu ist einer auf
der Welt, als seines Lebens froh zu sein und andere sich seiner froh zu machen?
    Wo das Herz traurig ist, hilft keine Freude, sprach Vater Blmel dem
weisen Salomo nach.
    Die liebe Eitelkeit fehlt ihr, nichts als die liebe Eitelkeit, brummte
Peter Kurze.
    Und das soll ein Mangel sein? entgegnete lchelnd Pastor Blmel.
    Wenn es der pure, blanke Hochmut ist, der dieses lebenspendende Fluidum -
universal verbreitet wie der Sauerstoff der Luft! - aufsaugt, mehr als ein
Mangel, Papachen, ein Frevel gegen die menschliche Gesellschaft und eine
spontane Verkmmerung des eigenen hchst werten Ich, eiferte Peter Kurze; und
setzte erluternd, mit einem galanten Kratzfu gegen Schnrschen hinzu: Wenn
die Rose selbst sich schmckt, schmckt sie auch den Garten, hat der - na, der
unsterbliche Wieland gesagt.
    Beschftigung fehlt ihr, ausfllende Ttigkeit, meinte Mutter Hanna, und
ihr Konstantin dagegen: Ja, was soll sie denn tun?
    Ja, was sollte sie tun? Sie tat, was sie vermochte, oder was ihr zu tun
gestattet schien. Der Hausstand war nach wie vor in der Mutter Hand verblieben,
aber sie sorgte fr ihre Familie wie ein Vater, und da es seit dem Vermchtnis
Frulein Thusneldens in der Gemeinde wenig Notleidende mehr gab, ein wohlttiges
Eindringen in das Einzelnleben daher unstatthaft geworden war, frderte sie in
den Nachbarstdten die Vereine, welche unter dem Namen der inneren Mission
allmhlich, wenn auch nur schwchlich in Aufnahme kamen. Mit besonderem Eifer,
weil durch eine Persnlichkeit angeregt, widmete sie sich aber den Interessen
der ueren Mission.
    Einer der getreuesten Freunde ihres Vaters, der Bruder des Professors
Hildebrand, hatte, nachdem er seiner Pfarrstelle verlustig geworden, gefolgt von
Weib und Kind, sich der englischen Missionsstation in Palstina angeschlossen
und daselbst in religisem wie in ethnographischem Betracht einen ausgiebigen
Wirkungskreis gefunden. Sein Palmental war der jungen Freundin vertraut wie
eine Heimat geworden, aus seiner Seele zog in die ihre das Verlangen, dem
protestantischen Deutschland eine bis dahin schlummernde Teilnahme fr die
Heilsbestrebungen der englischen und amerikanischen Stammes- und
Glaubensgenossen an dieser hehrsten Sttte anzuregen. Sie las, korrespondierte,
spendete, sammelte fr diesen Zweck, sie schrieb zu seiner Frderung sogar in
Zeitschriften, die ihm zu dienen geeignet waren, und da ein verwandtes Streben
gleichzeitig in hchstgestellten Kreisen wach geworden war, wurde der Name
Lydias von Hartenstein zu einem weithin genannten, whrend doch ihre Person in
fast unnahbarer Zurckgezogenheit verharrte. Eine frstliche Frau bot ihr einen
Wirkungskreis in ihrer unmittelbaren Nhe, mit vom Hofleben befreienden
Befugnissen an. Lydia lehnte ihn ab. Die Pflicht, der sie ihr Glck und ihren
Herzensfrieden zum Opfer gebracht hatte, war noch nicht erfllt; sobald sie es
sein wrde, hegte sie den Plan, in dem neuerrichteten evangelischen Krankenhause
der Hauptstadt abschlieend einen Beruf zu suchen. Auch bewog sie ihre Schwester
Priszilla, in der Zwischenzeit fr sie einzutreten.
    Nicht, wie sie dem abmahnenden Pastor Blmel sagte, nicht, da das
lebensfrohe Kind in diesem schweren Dienst eine dauernde Aufgabe finde, nur eine
Schule, wie jedes Mdchen sie durchmachen sollte, um der ernstesten und
wichtigsten weiblichen Aufgabe gerecht zu werden.
    Und bevor ein Jahr ablief, hatte das schne, lebensfrohe Kind aus dieser
ernsten Schule einen allerseits befriedigenden Ausschlupf gefunden. Ein Kranker,
den sie gepflegt, ein nicht mehr ganz junger Beamter, mig mit Glcksgtern
gesegnet, aber von guter Familie und strengglubiger Richtung, daher voller
Aussicht zu einer gedeihlichen Laufbahn, bot ihr seine Hand. Sie wurde von
Herzen angenommen, und Phbe, eben herangewachsen, rat an der Schwester Stelle,
um nach kaum Jahr und Tag denselben natrlichen Ausweg zu finden. Ja, vielleicht
knnte es sich heute noch zutragen, da einem jungen Frulein, zumal wenn es
sanft und schn wie die Hartensteinschen ist, leichter im Krankensaal als im
Ballsaal die Myrte blht.
    Als Dezimus Freys Studienzeit zu Ende lief, lebte Lydia mit der Mutter auf
dem Schlosse allein; sie lebten wrdig, friedlich und einig nebeneinander, wenn
auch nicht miteinander oder ineinander. Frau von Hartensteins Tage waren nach
Bedrfen ausgefllt. Sie schrieb viel mtterliche und empfing viel kindliche
Briefe; sie hatte Aussteuern herzustellen, Hochzeiten auszurichten, endlich ein
erstes Enkelkind zu wiegen. Was braucht eine Ottilie mehr? Lydia aber, glich ihr
Leben denn nicht dem der hohen freien Geister, fr welches ihr Vater sie zu
bilden gehofft hatte, erhaben ber die gemeine Not? Und dennoch sagte Konstantin
Blmel in jener Zeit von ihr zu seinem Sohn: Sie siecht an ihrem Ideal!
    Vor keinem Menschen hatte Lydia jemals den Namen ihres einstigen Verlobten
wieder genannt; auch Sidonie wrde fr sie eine Verschwundene gewesen sein, wenn
Pastor Blmel, dem die Ausshnung der Familie eine Herzenssache war, sie ihrem
geistigen Gesichtsfelde nicht beharrlich genhert htte. Die erste Anknpfung
bot der folgende Brief, welchen Dezimus an seinem nchsten Geburtstage erhielt.
    Da die vorjhrigen guten Wnsche uns in der Kehle steckengeblieben sind,
erhalten Sie, wertgeschtztes Johanniskind, die Dosis heuer verdoppelt. Ich sehe
im Geiste Sie umschichtig sich erlaben an den Tafeln der Leviten und Chalder
und rufe ehrlichen Glaubens: Wohl bekomms! Ein braver Hirtenmagen vertrgt sauer
und s.
    Nchstdem sollen Sie gebeten sein, sooft Sie etwas zu schreiben wissen, mir
einen Brief zu schreiben, frisch von der Leber weg, sonder drapierende
Gazewolken, die in unserem biderben Deutsch die Welt allemal gleichsam mit
Brettern verschlagen und fr geschmackvolle Leute, wie Sie und ich, vollstndig
aus der Mode gekommen sind. Auch sollen Sie gleiche Gunst von ihrer Rose
erbitten; unter dem lockigen Strudelkpfchen blht manche Blume auf, deren Duft
mich erquicken wrde.
    Ich gre die gemtliche Pfarrfreundschaft in corpore; die heilige
Schlofreundschaft nicht einbegriffen; denn ich gre nur solche, mit denen ich
es gut meine, und gut meine ich es mit meiner sublimen Sippe noch immer
keineswegs. Aber nicht mehr wegen der Johannisoffenbarung vom vorigen Jahr und
ihren Konsequenzen. Aus reiner Idiosynkrasie. Der Lilienduft ist fr meine
Nerven zu stark. Im brigen verweise ich, konform dem Gesetz der reinen
Vernunft, auf Mama Brigittens Deklaration und rechne darauf, da der Reverend
Primrose Numero zwei mich mit seinem Notpfennig aus dem Werbenschen Opferkasten
fortan in Frieden lasse. Sela.
    Ein Stcklein von Held Martin mu ich indes doch noch zum besten geben,
bevor ich hinter die feindliche Basenschaft ein Punktum mache; ein Romanstreich,
unverkennbar seiner spezifischen Phantasie entsprungen und doch korrekt ein
prpstlich Hartensteinsches Bravourstck. Vernehmen Sie also, da er mir in
optima forma seine tapfere Hand angetragen hat. Mir sage ich, und bin heilig
davon durchdrungen, da er mit diesem Mir nicht Papa Mehlborns gelegentliche
Erbin, sondern die von seiner Familie gekrnkte Unschuld im Sinne gehabt hat,
wie ich gleicherweise davon durchdrungen bin, da er unter dem Druck des
erhaltenen Korbes nicht an Herzbrechen sterben wird. Und so mge sein
ritterlicher Wille ihm mit einer Lorbeerkrone vergolten werden.
    In Parenthese und zu Ihrem Nutz und Frommen, hoffnungsvoller Candidatus
theologiae und matrimoniae: es gibt keine zrtlichere Paarung, als wo das
Frulein klug und mit einem kleinen Verdru irgendwelcher Art behaftet, das
Mnnlein statt dessen mig gewitzigt, aber schn und womglich ein Jahrzehent
jnger ist. Umgekehrt, will sagen: das weibliche Anwesen jung und einfltig und
der Gespons ltlich und hell, da mag der Engel mit dem feurigen Schwert immerhin
schon ein wenig auf der Lauer stehen. Wo aber der gttliche Intellekt halbiert
ist und Adam dem Evchen, Evchen dem Adam mit gleichscharfen Augen auf die Finger
passen, die nach der verbotenen Apfelfrucht langen, da ist der Weg vom Paradies
zum Infernum ein Katzensprung; wennschon es auch von dieser Erfahrungsregel
gesegnete Ausnahmen gibt, wie ich selbiges an dem philosophischen Konsortium, zu
dem ich neuerdings in Kindschaft getreten bin, Tag fr Tag erfreulich
wahrzunehmen habe.
    Nun aber endlich zu den Fragen, mit welchen ich die hochwrdige Blmelei im
Chorus mich bestrmen hre: Wie treibts die kleine Sidi? Wie geht es, wie
gefllt es ihr in der arktischen Zone, nach welcher sie urpltzlich aus Arkadien
verschlagen wurde? Ei nun, leidlicher und lustiger, Freunde, als Ihr es Euch
trumen lassen mgt; wennschon es ein eigen Ding bleibt, sich die Kindlichkeit
anzugewhnen in einem Stadium, das sich die Wrden einer Respektsperson gefallen
lassen knnte. Meine Mutter ist keine von den Musen und Grazien, die ich als
Nonplusultra der Weiblichkeit zu verehren gewhnt worden bin; aber eine
gescheite, grundredliche, grundtchtige Frau. Ich merke mit Staunen, wieviel von
ihrem Blute in meinen Adern rinnt. Ja, htte ich mich ihrer physischen
Naturkraft zu erfreuen, wer wei, ob ich nicht im allereigentlichsten Sinne ihre
Tochter geworden wre. Aber diese Natur! Freund Peter Kurze mge hren und
staunen! Nie im Leben hat ihr ein Finger weh getan; ich bin berzeugt, da sie
uns Kinder vom Baume geschttelt hat; nie im Leben hat sie einen Nerv zucken
gesprt; hrter noch als ihr Wille ist ihre Haut. Stellen Sie sich vor, da sie
bis tief in den Herbst hinein in unserem See badet, whrend mir mitten im Sommer
die Hand abstirbt, wenn ich sie eine halbe Minute aus dem Boot in das eisige
Wasser tauche. Reines Nixenblut!
    Der Professor - er prtendiert nicht, da ich Papa zu ihm sage, sondern
begngt sich mit dem guten Freund - ist ein Ehrenmann. Gentleman wrde in
gewissem Sinne viel zu wenig und in einem anderen ein wenig zuviel fr ihn sein.
Kurzum wir vertragen uns, sonder anstrengende Toleranz. Das Land sagt mir zu;
wenn nicht in Italien, wte ich nicht, wo ich lieber leben mchte. Fr
meinesgleichen kommt gleich nach der hohen Kunst die hohe Natur und die hohe
Gesellschaft erst ein weites Spatium hinterdrein. Indessen ist es auch mit der
letzteren nicht ganz so eidgenssisch nchtern, wie ich gefrchtet hatte,
bestellt. Wir verkehren fast nur - wennschon nicht absolut aus freier Wahl - mit
Auslndern, will sagen zumeist Deutschen: Flchtlingen, Mivergngten,
Phantasten, Narren, aber auch etwelchen tchtigen und vielen gebildeten Kpfen
dermang. Frau Brigitte Zacharias spielt unter diesen Rmern in spe die Rolle
einer inspirierenden Egeria; ihr Frulein Tochter die einer preuischen Volumnia
oder dergleichen. Will sagen, die kleine Sidi spielt die Patriotin im Ernst. Die
schwarzweie Kokarde ist ja ihr einziges Hartensteinsches Erbe. Leider, da sie
es nicht mit ihrem Bruder teilen kann. Sie wissen ja aber wohl, wie man dem
armen Jungen im Vaterlande mitgespielt hat.
    Doch ich bin noch nicht mit der kleinen Sidi zu Ende, da ich ja kein Wort
von ihrem wesentlichsten Ingredienz, der edlen Musika, erwhnt habe. Und da hat
das Blatt sich denn so kurios gewendet, da sie, in Ermangelung von fertigen
Meistern, mit sehr unfertigen Schlern frliebnimmt und - hrt, hrt! - und - na
dreist heraus! - Klavierstunden gibt; Tag fr Tag vier bis sechs Stck  vier
bis sechs Frank, wobei sie sich das Jahr netto auf tausend Taler steht. Wie die
alte Harfenmuhme vor Lachen sich schtteln wird, wenn sie aus hohem
Himmelsfenster dieses Treiben einer Werbenschen Geschlechts nach folgerin
erspht! Denn bis zur reifenden Traurigkeit, Papa Blmel, wird sie es binnen
Jahr und Tag dort oben wohl schwerlich gebracht haben. Tat sie sich doch noch in
ihrer letzten Stunde etwas darauf zugut, in diesem irdischen Jammertale eine
Achtzigerin geworden zu sein, ohne, es sei denn im Wickelbunde, eine Trne
vergossen zu haben.
    Item, es ist ein gutes Geschft bis auf die rebellischen Nerven. Ihrethalben
bin ich indessen schon wiederholentlich auf den Einfall gekommen, in meine
sogenannte Heimat zurckzukehren und mich allda redlich, aber etwas
gesundheitlicher zu nhren, indem ich mit dem Material Papa Mehlbornscher
Kuhstlle eine Molkerei im groen begrndete. In der Schweiz lernt sich so
etwas, und fertig brchte ich allenfalls auch das. Die klgste aller Pfarrmtter
hatte, irre ich nicht, schon vorig Jahr, etwas derart mit mir im Sinn. In jenem
sturmflutigen Zustand war es zu frh dazu, und heute wahrscheinlich auch noch.
Wenn Mama Blmel mir indessen im Milchkeller des Talgutes jhrlich tausend Taler
verbrgen knnte - denn auf das liebe Geld bin ich ein Vogel, der es Vater
Mehlborn wettmacht -, wer wei, ob ich nicht die patriotische Paukmamsell in der
Diaspora aufgbe und Euch das idyllische Rhrstck vorfhrte: Sidonia in der
Kserei!
    Und nun zu guter Letzt noch einen Blick auf den, dessen Stern, ist er gleich
aus der Region Ihrer regierenden Jungfrau gestrzt, Ihnen, getreuer Hirtensohn,
denke ich, doch immer noch anziehender leuchten wird als der, welcher ber dem
Haupt der Melkerin der Zukunft kulminiert. Nun, auch mein Mxchen lt es sich
gefallen, so wie er es treibt, treibt er es auch just nicht so, wie Sie und
andere Leute es fr ihn in Aussicht genommen hatten. Der Mensch zieht ja nun
einmal einen Mistand seiner Wahl dem Wohlstande vor, den sein bester Freund fr
ihn ausgeklgelt hat, und nennt seine Freiheit das, was er im Grunde seine
Unfreiheit nennen sollte. Kurz und gut: das Mxchen ist auf dem Wege nach Rom in
Paris hngengeblieben - dem rechten Platze, hliche Erfahrungen zwar nicht zu
verwinden, aber zu vergessen -, und er schwingt allda tapfer nicht blo die
Adlerfeder des Poeten, sondern, wie tutti quanti, auch die Hahnenfeder des
Publizisten. (Falls sein jngster Ruhm noch nicht bis in Ihre Pflegsttte
deutscher Wissenschaft gedrungen sein sollte, erlasse ich Ihnen, denselben
auszuposaunen.)
    Mag er! Singt er sich auch nicht in eine Frstengruft, wird der Huf seines
Pegasus auch keine Republik der Gleichheit und Brderlichkeit aus unserem
biderben vaterlndischen Boden stampfen, solange er bei diesem oder
irgendwelchem anderen unschuldigen Zeitvertreib sich frei fhlt und froh, wird
frei und froh sich fhlen auch der kleine Trabant, der, nur mit bewaffnetem Auge
erkennbar, sich um diesen bis jetzt noch sehr vernderlichen Stern bewegt. Woher
kommt denn alles Glck, freilich auch alles Unglck in der Welt, als da wir,
cote que cote, uns an ein Individuum hngen mssen, oder sei es meinetwegen an
ein Ding? Bleiben Sie darum den hohen Himmelsaugen treu, Hirtensohn. Sie
riskieren mit ihnen weniger von Ihrem Johannissegen als mit allen, die Ihnen
hienieden blitzen und blinken wrden. Solches wnschend verbleibe ich meines
standfesten Freundes Polarius gleicherweise standfeste Freundin Sidi.
    Die Freunde in der Pfarre sprten zwischen den scherzhaften Worten manchen
unterdrckten Seufzer und manche unterdrckte Trne heraus; und wenn es eine
gute Art des Mitleids ist, anderen Mitleid ersparen zu wollen, so wurde die
Absicht hier nicht erreicht.
    Der Eindruck wiederholte sich bei jedem der spteren Briefe, die regelmig
am Johannistage eintrafen und in Text wie Ton nicht wesentlich anders lauteten.
Sie wurden gleich dem ersten von der gesamten Familie, in verteilten Gebieten,
ausfhrlich beantwortet, so da die Entfernte in ihrer sogenannten Heimat wohl
orientiert bleiben durfte. Dezimus, als Auswrtiger, begngte sich mit dem
Referat ber seine eigene bescheidene Person und die Zustnde seiner Akademie.
Vater Blmel, der Vershner, behandelte den Artikel: Lydia.
    Das liebe Rschen hatte sich Held Martin als Gegenstand auserkoren und
freute sich, schon im nchstjhrigen Briefe durch folgende Erffnung auf einen
interessanten Effekt rechnen zu knnen.
    Den alleruntertnigsten Gratulationsknicks zu der Krone, welche meines
lieben Fruleins Sidi verehrlicher Herr Vetter und Freier sich schon in jungen
Tagen erworben hat; wenn es vorderhand auch nur eine Myrtenkrone ist. Binnen
weniger Wochen feiert er im Werbenschen Ahnensaale Hochzeit mit einem verwaisten
Frulein, das sich zweiunddreiig reiner Ahnen und des erforderlichen
Kommivermgens - seine, des Helden Bezeichnung, nicht meine! - zu erfreuen hat.
Ein hochnsiges, blasses Sprrippchen, nach unserem lndlichen Dafrhalten! Der
bravste der Braven gab einem gewissen schwarzlockigen Strudelkpfchen nicht
undeutlich zu verstehen, da er kein weibliches Wesen seinem Ideal so gnzlich
entsprechend gefunden haben wrde als eben besagtes Strudelkpfchen; da er
aber, auch abgesehen von dem Kommivermgen, als ein Hartenstein Rcksichten zu
nehmen habe, welche gewhnliche Leute Vorurteile nennen. Ei nun, Sprrippchen
oder Strudelkpfchen, einmal unter dem Pantoffel, ist er der Held, der mit
diesem oder jenem in ein Himmelreich kommt. Mein Dezem gehrt, wenn auch aus
einigermaen abweichenden Grnden, zu der nmlichen Couleur, mit der wir Mdchen
uns eigentlich gar nicht einlassen sollten. Denn wenn ein Mann durch uns nicht
unglcklich werden kann, wie soll er denn durch uns glcklich werden, oder wir
durch ihn? Versucht wird es mit dem Dezem aber doch wohl werden mssen.
    Jedem dieser Briefe wurde allerseits eine herzliche Einladung in das
Pfarrhaus beigefgt. Am dringlichsten von Mutter Hanna, wenn sie es auch
ablehnen mute, die Brgschaft fr eine auf dem Talgute zu errichtende
Schweizerei so wiet zu bernehmen, da durch ihre Ertrge einem Freiheitsdichter
in der Metropole des Genusses die Adlerfeder mit feinem Golde berzogen werde.
ber Papa Mehlborn, ihre briefliche Spezialitt, konnte Mutter Hanna von Termin
zu Termin lediglich berichten, da er rstig weiterwirtschafte und nur sein
Augenlicht immer bedrohlicher im Abnehmen sei. Er stnde ja aber auch hoch in
seinem achten Jahrzehnt.

Philipp von Hartensteins Vormund war ein gewissenhafter Herr. Wenn er unter den
Hrern seines Kollegs einen gefunden htte, dessen mathematische Beflissenheit
der exegetischen nur annhernd ebenbrtig gewesen wre, wrde er, ohne auf
heimische Beziehungen Rcksicht zu nehmen, den Zgling des toleranten Pfarrers
von Werben ebenso fern von seinem Zgling gehalten haben, als jener sich schon
seit dem zweiten Semester fern von des keineswegs toleranten Herrn Professors
Privatissimum hielt. Da auer dem Studiosus Frey solch ein nrrischer Kauz, der
die Mathesis pura als genureiches Nebenstudium der Exegese betrieb, nun aber
einmal nicht aufzutreiben war, und da der Schematist von Staat nun einmal einen
gewissen Grad der Mathesis pura fr einen zuknftigen Jnger Doktor Martin
Luthers unerllich fand, da endlich auf diesem neutralen Gebiet konfessionelle
Widersprche nicht zu befrchten waren, machte er aus der Not eine Tugend und
wendete dem armen Hutmannssohne von Werben fr wchentlich vier Pauklektionen
wchentlich acht gute Groschen zu. Denn sotane Lektionen aus
landsmannschaftlicher Geflligkeit gratis anzunehmen, dieses hoffrtige Ansinnen
konnte dem armen Hutmannssohne selbstredend nicht zugestanden werden.
    Nun, wenn auch dafr abgelohnt, machte es Dezimus Freude, seines weien
Fruleins erziehende Aufgabe, die in bezug auf den Knaben eine schwere war, um
ein Bruchteil zu erleichtern, und er nahm es geduldig in den Kauf, da, bevor
das Buch aufgeklappt wurde, regelmig ein Sturm leidenschaftlicher Klagen und
ein Strom von Trnen, Trnen der Wut, beschwichtigt werden muten.
    Philipp hatte sich whrend des Siechtums seiner leidenschaftlich geliebten
Mutter darein ergeben, dem vom Vater erwhlten Tutor zu folgen, und es war im
Grunde ja auch nur eine huslich strenge Regel, welche er mit der anderen
vertauschte. Aber es ist ein Unterschied, ob das Haus, in welchem solche Regel
waltet, in lachender Landschaft gelegen ist oder in einer halbdunklen, rauchigen
Stadtgasse; ob Andachten und Chorle in hohen Slen erklingen oder in einer
engen Gelehrtenstube, ob Benedikte und Gratias an einer vllig besetzten
Familientafel gesprochen werden oder vor und nach dem bescheidenen Mahle eines
Professors mit dreihundert Talern Gehalt und den Kollegiengeldern eines
Privatissimums, das die Zahl der Musen selten erreichte; ob man in den
Freistunden sich auf blhender Gartenterrasse - wenn auch nur in Gesellschaft
von ein paar Schwesterchen - austummelt oder sterbensseelenallein in einem
mauerumragten Hinterhof; vor allem aber, ob eine zrtliche Mutter wie Frau
Ottilie das weibliche Element der Familie vertritt oder eine ltliche, emsige,
kinderlose Schaffnerin wie die Hausfrau des Professors Hildebrand.
    Hatte schon daheim Magister Klein seine liebe Not mit dem Stillsitzen des
lebhaften, nicht unbegabten, aber widerwillig lernenden Knaben gehabt, so war
diesem jetzt nun alles und jedes zuwider, strubte gegen alles und jedes sich
sein Hartensteinsches Blut. Unter den Augen seines Zwingherrn sa er
mucksmuschenstill, mit verbissenem Grimm; in der Klasse verstopfte er sich
gleichsam die Ohren, um wegen Ungelehrigkeit und Trotz je eher je lieber von der
Schule gejagt zu werden. Vor seinem lieben guten Dezimus aber tobte er sich
aus wie ein unbndiges Fllen. Er wollte fort aus dem Pfaffenhause, in das
Kadettenkorps, in die weite Welt, gleichviel wohin, nur fort, fort! Er wollte
kein Schwarzrock, er wollte Soldat werden wie alle Hartenstein, sogar sein
Vater, als er noch jung gewesen. Warum hatte Martin werden drfen, was ihm
gefiel? Wer gab einer Schwester das Recht, ihren Bruder zu zwingen in ein
Verhltnis, das ihm widerstand?
    Bei jedem Ferienbesuche brachte er die nmlichen Klagen und Beschwerden auch
den Seinigen zu Gehr, wenn auch in abgedmpften Tnen. Denn der Mutter
erweckten sie nur unstillbare Seufzer und Trnen, und vor Lydia scheute er sich,
da in ihrer Hand ganz allein - das einzusehen war er klug genug - sein Schicksal
lag. Wenn er aber niemals eine andere Antwort erhielt als: Es ist deines
seligen Vaters Wille gewesen, harre aus! dann strmte er verzweifelnd in die
Pfarre, wo er in Rschen eine offene, in Mutter Hanna eine heimliche Verbndete
gegen den Gewaltakt, der an ihm verbt ward, fand, und was Pastor Blmel zur
Begtigung dagegen redete, redete er in den Wind. Nicht in den Wind, sondern wie
gegen einen ehernen Wall redete Pastor Blmel aber auch zu dem Herzen der
vterlich geliebten Lydia, sooft er sich ihr gegenber zum Anwalt ihres Bruders
aufwarf. Sie fragte ihn, ob er in seinem Pflegesohn die Neigung zu einem diesem
angemessen dnkenden Beruf nicht gleichfalls niedergehalten habe?
    Nur die Entscheidung dafr bis zu der Zeit seiner Reife, antwortete Pastor
Blmel.
    Mehr fordere auch ich nicht, versetzte Lydia. Sollte fr einen
halbwchsigen Knaben die Zeit der Reife aber schon gekommen sein? Und was geht
Philipp ab? Wrde er in einem Alumnat, wie Sie es vorschlagen, grere Freiheit
haben?
    Keineswegs, und diese wrde auch keineswegs zu wnschen sein. Aber eine
jugendlich gesellige Sphre, in welcher er sich nicht in das Extreme getrieben
fhlte. Bei jedem zu bildenden Menschen mu mit seinem Temperament gerechnet
werden.
    Er ist als jngstes Kind durch bergroe Liebe verwhnt; strenge Zucht tut
ihm not. Das Leben ist kein bequemes Schaukelbett. Er steht unter Obhut der
gewissenhaftesten Pfleger, der treuesten Freunde seines Vaters. Er wird eines
Tages arm sein. Je einfacher seine Lebensweise geregelt ist, um so leichter wird
er knftige Beschrnkungen ertragen. Jedes Kind soll erzogen werden gem der
Lage, welche sein von Gott berufener Hter fr ihn voraus zu berechnen vermag.
Mein seliger Vater hat bitterlich gelitten, weil, wie er glaubte, diese
Erkenntnis ihm zu spt gekommen ist.
    Was sollte Pastor Blmel diesen logischen Folgerungen entgegenhalten? Er
seufzte. Aber der Seufzerhauch machte nicht, wie der Dichter es will, ihm der
Seele Spiegel klar. Eine deutliche Stimme warnte ihn, da dieses seltene
Mdchen an seiner wichtigsten Aufgabe scheitern werde, indem es sie berspanne,
und da ihr eigener Frieden schwerer als der des anvertrauten, leichtbltigen
Knaben bedroht sei. Lydia krankte an ihrem Ideal, und dieses Ideal war der
Glaube an vollkommenen Menschenwert. Sie hatte ihre Liebe zu Max als eine Irrung
erkannt, aber als eine Irrung, von der sie nicht zu genesen vermochte, und eben
darum war sie hart mehr noch gegen sich selbst als gegen den Bruder, in welchem
sie einen Bluts-und Geistesverwandten des Geliebten mit nur weit schwcherer
Begabung sah. Selbst ihr Vater stand vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie
einst auf dem Piedestal in ihrer Brust.
    Indem Pastor Blmel diese sorglichen Erwgungen in des Sohnes Seele ergo
und dessen Bitten um eine angemessenere Behandlung seines jungen Freundes mit
ihnen abfertigte, fhlte sich nun aber der Jngling weit mehr als der Greis der
ersten Idealgestalt seines Lebens innerlich entfremdet. Die kindliche
Vertraulichkeit hatte mit Maxens Dazwischentreten ja aufgehrt; Dezimus sah
Lydia seit Jahren nur noch gleichsam aus der Ferne; Erinnerung und Phantasie
jedoch arbeiteten an dem weien Frulein geschftig weiter, bis allmhlich und
immer dichter zum Herzen hinan ein kalter Nebelbrodem sich zwischen sie und
ihren jugendlichen Bewunderer drngte.
    Je schattenhafter nun aber das Bild des weien Fruleins in seiner Seele
verblate, um so wesenhafter gestaltete sich die Neigung zu der sen Rose,
deren Duft er nach jeder Trennungspause begehrlicher in sich sog. Er dachte gar
nicht mehr daran, nach Ablauf seines Trienniums sich noch einmal zu abstrakten
Messungen auf die Schlerbank zu setzen; er dachte nur so rasch als mglich ein
fertiger Mann, ja durch Aneignung des besten Teiles seines Selbst erst recht zum
Mann zu werden. Dezimus, Dezimus, hte dich! Du bist bisher sonder Hast noch
Rast, wie es einem Glcklichen eignet, deine Bahn gewandelt. Hte dich vor den
Dmonen, Jngling! La es mit deinen Sternen nicht deinen Stern dich kosten!
    Peter Kurze war es, der jezeitige Doktorand, welcher, etwas weniger
euphemistisch ausgedrckt, diesen Warnungsruf vernehmen lie. Stillvergngter,
sagte er, das Kandidatenfieber ist bei dir ausgebrochen!
    Aber Dezimus lchelte nur ob dieser Prognose. Die Sache lag nicht entfernt
so bedenklich, wie der Medikus in spe erachtete. Keine Spur von Fieber. Peter
Kurze war selber verliebt, daher nicht klarsichtig; in das liebe Rschen
verliebt, daher eiferschtig; viel strker verliebt als Dezimus, weil ein paar
Jahr lter und obendrein Mediziner, will sagen ein Praktikus des Natrlichen und
keine Spur von Idealist. Wchst solch ein Kandidatenparoxismus zwanzig Jahre
lang aus der Wiege heraus? Trgt Dezimus an seinem Finger ein Ringlein, das zu
einer knftigen Kette den Anfang bildet? Hat er dem schwarzen Strudelkpfchen
eine einzige Locke geraubt? Sammelt er Vergimeinnicht oder Busenschleifen?
Begngt er sich nicht mit dem Lichtbild in seinem Herzen, statt auf ihm eines zu
tragen, wie der fortschreitende Erfindungsgeist seit kurzem sie an Stelle der
mhsam mit dem Storchschnabel entworfenen Schattenbilder unserer Vter im
Umsehen von der Zauberin Sonne zeichnen lt? Von all diesen Liebhabermerkmalen
kein einziges! Nicht ein Wort ist zwischen dem Studenten und seinem Rschen
gefallen, das der Kandidat und seine Rose htten einlsen mssen. Endlich aber
die Hauptsache: was htte es denn verschlagen, wenn das Kandidatenfieber
ausgebrochen wre? Nur in der Ordnung wrde es gewesen sein.
    Hie er denn nicht schon seit Monden Herr Kandidat? Htte er nicht Predigten
halten knnen, so viel ihm und seinen etwaigen Zuhrern beliebte, ohne da ein
gewogener Professor sein Approbatum darunter setzte? Und ist dieser Abschnitt
nicht lediglich darum unerwhnt geblieben, weil er im Grunde ein Abschnitt nicht
war und das Aufhren des Trienniums und Stipendiums in seinem Tageslauf so gar
wenig gendert hatte! Statt gottesgelahrte Kollegia zu hren gibt er etliche
Unterrichtsstunden in einer hheren Lehranstalt, sitzt aber nach wie vor zu
Fen seines herrlichen Chalders und arbeitet in der Zwischenzeit mit
Feuereifer an der Vorbereitung zu dem Examen pro ministerio, nach welchem der
Ordination nichts mehr im Wege steht. Bei dem bevorstehenden sterlichen
Ferienbesuche wird er seinem Vater erklren, da im Gestritt der Schulen das,
was not tue, ihm unverkmmert geblieben und da er freudig gewillt sei, dem
Vater zur Seite zu treten, sobald dieser ihm sagen wird: Ich bin mde geworden,
mein Sohn. Stehe mir bei, die Seelen unter meinen Augen ein wenig hher gen
Himmel zu richten. Warum soll der Kandidat daher nicht so gut wie jeder andere
an Httenbauen denken?
    Ja, er lachte den Doktoranden recht stillvergngt ob seiner Diagnose aus.
Bei alledem aber lachte er noch viel stillvergngter, als besagter Doktorand und
Rival ihm erklrte, da er der verflixten Promotion halber sich heuer den
Appetit auf Mutter Blmels Osterfladen verkneifen msse, um ohne Gefhlspause
ber der Pathologie einer Fettleber, seiner schriftlichen Probearbeit, zu
bffeln. Es rann in Freund Dezems Adern kein Othelloblut; absolut ohne Dmonen
geht es aber auch in der stillvergngtesten Brust nicht ab. Die Osterwanderung
ohne seinen besten Freund kam ihm noch einmal so vergnglich vor.
    Aber noch ein zweites, leider wenig frohstimmendes Anliegen sollte whrend
ihr erledigt werden. Smtliche Repetitorien, bis auf das seines jungen
Landsmannes, waren aufgegeben worden. Jetzt mute auch dieses wenigstens
beschrnkt werden. Die Examenansprche drngten, und ein erster
schriftstellerischer Versuch, ein astronomischer Leitfaden, den er unter der
gide seines getreuen Himmelsfhrers unternommen hatte, sollte womglich noch
vor jenem Abschlu vollendet werden. Es galt daher, die Zeit grndlich
auszukaufen. Und Philipp htte doch mehr denn je nicht blo einer frdernden
Nachhlfe, sondern auch eines hingebenden Umgangs bedurft.
    Er war zum zweiten Male nicht nach Prima versetzt worden und bumte sich mit
uerstem Trotz gegen den aufgedrungenen Schlerberuf. Da ihm, als Strafe fr
seine Lssigkeit, die sterliche Ferienreise untersagt worden war, hatte Dezimus
sich vorgesetzt, sein Frsprecher bei Lydia zu werden, um ihre Zustimmung zu der
ersehnten Soldatenlaufbahn zu erwirken. Der brave Hirtensohn! Eine Ader Don
Quixotes spukte doch wahrlich in seinem mathematischen Kopf. Sich zu
unterfangen, woran Konstantin Blmel, der Vershner, gescheitert war!
    Am Nachmittag vor der Reise sa er bei dem Artikel Sternschnuppen, einem
Leibartikel, ber seinem Leitfaden, als Philipp in das Stbchen strmte und sich
lautjubelnd ihm in die Arme warf. Die Decke in seines Professors Rauchneste war
zusammengestrzt, es mute ein Umbau und eine Neuordnung der Bibliothek
vorgenommen werden; der unbequeme Hausgenosse wurde daher bis nach den Festtagen
zu seiner Mutter entlassen. Dezimus hatte die Eisenbahn, die zwischen der
Universitts- und der Werbenschen Kreisstadt schon seit Jahren fertiggestellt
war, noch niemals benutzt; er schritt mit Lust von Zeit zu Zeit einmal tchtig
aus. Dem jungen Faulpelz war nun als Strafe diktiert worden, die Reise statt wie
bisher per Dampf diesmal per pedes mitzumachen. Was doch dieser gelehrte
Professor fr ein Menschenkenner war! Die erste Fureise, eine Wanderung mit
seinem lieben guten Dezimus - eine Strafe! Ach, wenn er doch die ganze Welt mit
ihm htte durchwandern knnen! Das groe Kind hatte sich bereits probeweise
Rnzchen und Botanisiertrommel umgehngt, auch einen gewaltigen Knotenstock
zugelegt. Er glich dem Vogel, dem die Kfigtr geffnet worden ist, er sang und
pfiff vor heller Lust, krhte wie ein Hahn und wieherte wie ein Ro. Es war ja
ganz unmglich, da er je wieder in das grauliche Nest zurckkehrte. Wenn nur
sein lieber guter Dezimus ihm tapfer beistnde, mute Schwester Lydias
steinhartes Herz ja endlich erweicht werden. Der mtterlichen Zustimmung war er
lngst gewi. Zum Winter trug er den bunten Rock.
    Whrend dieses wohligen Flgelschlagens erdrhnten die Treppe herauf
wuchtige Tritte, die Tr wurde aufgerissen, und in ihrem Rahmen erschien eine
Gestalt, die sich bcken mute, um nicht anzustoen; halben Kopfs hher als der
Hne unter den Musenshnen und mindestens noch einmal so breit, wennschon
besagter Hne sich auch keiner Wespentaille zu rhmen hatte. Ein Prachtstck von
Mann mit seinem rtlich gelockten Haar und Bart, dem wetterbraunen Gesicht und
den weitgeffneten meerdunklen Augen. Er kam Dezimus bekannt vor, obgleich er
doch wute, da er ihn niemals gesehen hatte; so wie ihn hatte er sich seinen
Vater vorgestellt, seinen armen Vater, ehe er bis zur Hutmannshtte
herabgesunken war.
    Na, wer von euch Jungen ists denn? rief der Fremde mit hauserschtterndem
Ba; als aber die beiden Jungen verwundert schwiegen, brach er in ein
schallendes Gelchter aus und sagte, indem er sich mit der Faust vor die Stirn
schlug: Dummrian! der winzige Piepmatz kanns doch nicht sein! Dabei kriegte er
den Groen beim Kopf, schmatzte ihn auf beide Backen, prete ihm die Hnde, da
ihm, der sonst bei einer Kraftuerung just nicht zimperlich war, ein Au!
entfuhr, und erst nach dieser tatschlichen Begrung stellte er sich vor mit
den Worten: Ich bin Bruder Klaus!
    Da gab es denn viel lautes und stilles Vergngen, dann aber gewaltige
Neugier und gewaltigen Durst. Den letzteren von seiten des Steuermanns, die
erstere nur von seiten der beiden Jungen. Denn Bruder Klaus wue ja aus
zweilangen Schreibebriefen, wie es dem Zehnten des Hutmannshauses gegangen war,
und htte er es noch nicht gewut, wrde er es ihm an den Augen angesehen haben:
nmlich gut, und weiter brauchte Bruder Klaus nichts zu wissen; denn Jahr aus
Jahr ein zwischen Wind und Wellen, gewhnt einer sich das Fragen ab. Dahingegen
liebte er es, wenn er einmal auf dem Trockenen sa, seinen Lungen durch Erzhlen
Motion zu machen; und so tat er denn seinen Mund auf und nicht eher wieder zu,
bis die Punschterrine, welche die Haushlterin des alten Sternenprofessors
gefllig besorgt hatte, bis auf den letzten Tropfen geleert und das, was das
Herz anfllte, fr heute wenigstens gengend ausgeschttet war.
    Der erste groe Schreibebrief, dessen Eintreffen der Inselpastor mit der
Bemerkung, da der Steuermann Frey auf einer Indienfahrt begriffen sei,
angezeigt hatte, war Jahr und Tag vor des Adressaten Heimkehr angelangt; die
erbetene Antwort aber aus guten Grnden unterblieben. Mit dem Buchstabenmalen
hatte Bruder Klaus es schon unter Kantor Beyfuens Fuchtel nicht gar zu weit
gebracht, und whrend der zwanzig Jahre, da er kreuz und quer die Wasserwelt
durchsteuerte, war es ihm rattenkahl abhanden gekommen. Auch seine Frau, Stina
hie sie, verstand sich auf diese Fingerkunst nur schwach; kontrarie der
Inselpastor, der sich sogar bis zum Bcherschreiben auf sie verstand, wrde die
Sache doch nicht so ausgedrckt haben, wie es der Klaus mit leibhaftigen Worten
getan. Besser, hatte er zu seiner Stina gesagt, besser, ich mache bei
gelegener Zeit einmal hinein.
    Denn, nicht wahr, so fragte er lachend, bei euch zulande wird immer noch
wie sonst allerwegens gemacht, wo bei uns Strandleuten hingesegelt wird?
    Weil Bruder Klaus nun aber erst noch verschiedentliche groe und kleine
Touren abzusteuern hatte, war er erst gestern dazu gekommen, zum Dank auch noch
fr den zweiten Schreibebrief, den der neubackene Kandidat in sein Inselhaus
geschickt, sich in Hamburg zum ersten Male im Leben auf eine Eisenbahn zu
setzen; mute auch binnen fnf Tagen schon wieder in seinem Hafen sein, um eine
Kaffeeladung aus Brasilien zu holen. Dann aber hatte er sich eine Landpause
vorgenommen und gedachte, wenn er es nmlich so lange aushielt, den Winter ber
bei Frau Stinen und dem kleinen pausbckigen Matrosen zu bleiben, der whrend
jener vom Pastor gemeldeten Indienfahrt in dem Inselhause eingesprungen war.
Neckischerweise dieser erste Bube an einem Tage mit dem erwhnten Bruderbrief,
dem ersten Schreibebrief in Mutter Stinas Ehestande. Der Inselpastor hatte ihn
ihr im Wochenbette vorgelesen, dann hatte sie ihn selber durchstudiert, und zwar
so oft, bis sie ihn auswendig konnte von A bis Z. Der Inselpastor aber hatte
beim Kirchgange der Wchnerin eine Predigt ber den Bruderbrief gehalten und das
Gleichnis vom Semann, das just an der Reihe war, so erbaulich ausgelegt, wie
noch keinmal zuvor. Denn das Korn, das der Semann ausstreute, hatte er fr
gewhnlich Gottes Wort genannt, heute aber nannte er es Menschenkind. Und von
zehn Krnern, die aus einer Mutterhre gefallen, wren sieben auf die sandige
Dne und die drre Geest geweht und von den Vgeln gepickt worden und nur zwei,
die, als der Schnitter mit der Sense kam, bereits weitab zwischen Dornen und
Steinbrocken Wurzel geschlagen hatten, wren schlecht und recht fortgekommen.
Das zehnte Korn aber sei auf guten Marschenboden gefallen, sei darin angewachsen
und werde, so Gott wolle, Frucht tragen fr die verlorenen sieben mit. Denn die
Ordnung der Natur sei es wohl, da eine Kreatur die andere verdrnge, um sich
das eigene Leben zu fristen; die Ordnung des Geistes aber und unseres ewigen
Heilands Gebot sei es, da ein Menschenbruder fr den anderen einstehe und
einbringe, was der andere ledig gelassen habe. Und diese Ordnung im Gottesreiche
nenne man die Liebe.
    Um dieser erbaulichen Auslegung willen hatte die Steuermannsfrau den
unbekannten Schwager im Binnenlande als Paten ihres Erstgeborenen in das
Kirchenbuch eintragen lassen und darauf bestanden, da der Bube auf den Namen
Dezimus getauft werde; sie rechnete aber stark auf die nachfolgenden Neune, von
denen jeder einen so schnen Schreibebrief zustande bringen lernen sollte, da
sein Pastor eine Predigt darber halten konnte, wie die von dem zehnten Korn.
Und was die Steuermannsfrau sich einmal in den Kopf gesetzt, das setzte sie auch
durch. Bis jetzt waren es der Buben drei. Der allerinstndigste Wunsch, den der
Buben Mutter seit der Zeit aber im Herzen hegte, war der, da der schne
Briefsteller, Schwager und Gevatter sie einmal in ihrem Hause, das das
allersauberste der Insel war, besuche, und darum hatte sie ihrem Steuermann
keine Ruhe gelassen, bis er sich auf die Eisenbahn gesetzt, die Einladung
anzubringen.
    Dezimus schlug in die mchtige Bruderhand mit dem Versprechen, gestattete es
Gott, nach zurckgelegter Prfung seinen ersten weiteren Ausflug in das saubere
Haus seiner Inselschwgerin zu nehmen, und gestattete es deren Herr Pastor,
seine erste Predigt in der Kirche zu halten, wo der Erstling aus dem zweiten
Geschlecht, das dem armen Hutmannshause entstammte, auf den Namen und in der
Hoffnung des zehnten Kornes getauft worden war.
    Weniger froh stimmend als das Inselidyll lautete der Bericht, welchen Bruder
Klaus zu geben hatte ber das zweite Korn, das just oberflchlich Wurzel
geschlagen, als der Schnitter die Mutterhre mhete. Bruder Friede hatte sich
von amerikanischen Agenten zur Auswanderung anwerben und das, was man Zufall
nennt, ihn spter mit seinem ltesten in einem brasilianischen Hafen
zusammenstoen lassen. Aber Bruder Friede trug ein Lumpenkleid.
    Er htte im Heimlande bleiben und auf den Unteroffizier dienen sollen,
meinte der Steuermann. Er war von jeher von einer Gemtsartigkeit, die man bei
euch zulande demide oder feige nennt. Der blde Friede hat er schon auf Kantor
Beifuens Schulbank geheien. Unter den Soldaten aber heit es parieren, was zu
der Feigigkeit pat; drben in Amerika kontrarie heit es sich rhren und
riskieren, was zu der Demidigkeit ganz und gar nicht pat. Von wegen des
Parierens htte er nun allenfalls auch zum Matrosen getaugt; aber da war nun
wiederum der Umstand mit der Seekrankheit, die dem armen Kerl ganz heidenmig
mitgespielt und vor der er einen Respekt rger als vor dem gelben Fieber hatte.
    Einmal wird der blde Friede es aber doch noch mit dem spaigen Wrgengel
auf der Salzflut riskieren mssen. Bruder Klaus wei ihn zu finden, wenn er
nmlich noch am Leben ist, und wird ihn auf der Retour von seiner nchsten
Spritzfahrt nolens volens in das Schlepptau nehmen, ihn in sein Inselhaus
transportieren und whrend seines faulen Winters sich nach einem Schlenderposten
fr den armen Burschen umtun. Also hat Mutter Stina, in Erinnerung an das zehnte
Korn, es dekretiert. Und mit Mutter Stina ist nicht zu spaen; denn ein Ehemann,
der durchschnittlich von zwlf Monaten elf das Schiffssteuer fhrt, hat
natrlicherweise das husliche Steuer auch im zwlften Monat seiner Ehefrau zu
berlassen.
    Im Haupte des Bruders Kandidaten war dieser Schlenderposten bereits
entdeckt. Das Hutmannshaus, jetzt keine elende Herberge mehr, stand wieder
einmal ohne Anwrter, da fr eingeborene rmlinge in der Grabesstrae
berflssig gesorgt war und eine Gemeinde, die wie die Werbener auf sich hlt,
sich wohl hten wird, auswrtige rmlinge an ihren Benefizien teilnehmen zu
lassen. Bruder Friede mag in dem Hause sich nach Belieben die Zeit vertreiben,
bis ber kurz oder lang - Schfer Kunz hat seine Siebenzig auf dem Rcken - der
Hutmannsposten erledigt wird. Wie aber wird die gute Mutter Hanne sich freuen,
wenn sie eines Tages aus hohem Himmelsfenster herniederschauend den einen ihrer
Zehne die Weideherde und den anderen die Seelenherde in ihrem Dorfe fhren
sieht!
    Nichts htte dem Steuermann willkommener sein knnen als der Wanderplan der
beiden Jungen. Natrlich trabte er mit in das alte Nest. Bevor der Hahn gekrht
hatte, waren sie seelenvergngt auf dem Wege, und der Kandidat lie sich auch
die Laune nicht verderben, als wider die Abrede vor dem Tore sein guter Freund
und Nebenbuhler aus dem dreibltterigen Klee ein Vierblatt machte. Das
geistliche Blut hatte sich zu guter Letzt in dem Doktoranden geregt und das
Gewissen ihm geschlagen, die heilige Osterzeit durch die Vertiefung in eine
Fettleber zu entweihen. Da berdies ein miger Grad persnlicher Kurzatmigkeit
und ein hoher Grad kaum stillbaren Durstes von jener am unrechten Orte
abgelagerten rechtmigen Substanz hergeleitet werden durften, mute es dem
Doktoranden nicht nur gesundheitlich, sondern auch rztlich von Wichtigkeit
sein, wenn er den abmindernden Einflu einer energischen Muskelbewegung auf
sotane Substanz an seiner persnlichen Leber ausprobierte. Beide Motive
leuchteten ein.
    Munter ging es nunmehr die pappelgesumte Strae entlang, welche vor
vierzehn Jahren der Held des Glcks als Abenteurer auf dem Bocke und dann zu
Fen der weiland Harfenknigin mit einem Viergespann dahingerollt war. Bruder
Steuermann fhrte das Wort; der Doktorand wurde bertnt und versenkte sich in
die stille Erwgung, ob sein Weizen ihm nicht etwa als Schiffsarzt blhen knne,
oder etwa die Pathologie des gelben Fiebers in dessen endemischer Zone zu
studieren sei?
    Philipp hatte sich an des Matrosen nervigen Arm gehenkelt, und seine
Hartensteinschen frohen Augen hafteten leuchtend an dem wetterbraunen
Mannsgesicht. Die Kinderstube auf dem Schlosse von Werben war eine von den wohl
seltenen, in welcher Campes Robinson nicht gelesen worden; nun war dem
Achtzehnjhrigen zumute wie einem Achtjhrigen, wenn ihm dieser unersetzliche
Liebling der Kinderwelt zum ersten Male unter die Augen gert. Alles war der
jungen Landratte neu: Seeleben und Strandleben, Schiffe und Fische, Wogen und
Winde, die gesamte weite, freie Gotteswelt, die jenseit seines grauen,
buchgefllten Kerkers lag. Seine Brust schwellte sich von wollstigem Sehnen.
    Aber auch Dezimus erntete sein Teil von Robinsonfreude, und auch seine Brust
schwellte sich von wollstigem Sehnen. Denn die unstete Woge zu seinen Fen
beherrschen, ist es ja nicht allein, was der Segler auf hohem Meere lernt; auch
der Ozean zu seinen Hupten mu ihm ein Vertrauter werden; er mu das Steuer
nach den ewigen Gestirnen lenken lernen. Und wie der Freund dieser ewigen
Gestirne nun zum ersten Male aus eines Zeugen Munde den Eindruck schildern
hrte, den der Weltumschiffer empfngt, wenn er in der Nacht, wo er die Zone
berschritten hat, pltzlich eine andere Himmelswelt im Strahlenfeuer der Tropen
leuchten sieht und er sich nun vorkommt wie auf einer anderen Erdenwelt, da
berrieselten Schauer des Jnglings Leib, und tief aus dem Herzen lockte eine
Stimme: Erst einen Blick auf das sdliche Kreuz und dann Htten bauen unter dem
Richtstern des Nordens!
    Mit krftigerem Ba war noch kein Osterlied in der Kirche von Werben
gesungen worden als von dem Steuermann Klaus Frey; so voll Wunder und Stolz Haus
bei Haus in der Gemeinde noch kein Heimatskind willkommen geheien als der
Weltumsegler Klaus Frey. Selber die bleichen Wangen in der klsterlichen
Schlokemnate berflog wieder einmal ein Anemonenhauch. Die Angelegenheit des
blden Friede erledigte sich sonder Bedenken, denn wo es ein Werk der
Barmherzigkeit galt, waren Lydia und Konstantin Blmel jederzeit eines Sinnes.
Als nach ein paar frohen Tagen Bruder Steuermann aus seinem alten Neste schied,
erneuerte Bruder Kandidat das Versprechen, im Verlauf des faulen Winters in dem
sauberen Inselhause einzukehren und den Bruder Amerikaner heim in das elterliche
Hirtenhaus zu fhren.
    Nun erst kam die Reihe an Philipps freiheitliches Anliegen. Der arme
Philipp! Er hatte das heitere Zusammenleben von der ersten Stunde bis zur
letzten hoffnungssicher geteilt; nun traf ihn seiner Schwester Schiedsspruch wie
ein Donnerschlag. Es war seit nahezu vier Jahren zum ersten Male, da Dezimus
fr lnger als eine Begrung unter Lydias Augen trat, um als Frsprecher ihres
Bruders diesem den ersehnten Eintritt in den Militrdienst zu erwirken. Lydias
strenges Urteil ber den Knaben und ihre Weigerung, seiner Lust zu willfahren,
waren unberwindlich.
    Auch zum Soldatwerden, sagte sie, gehrt tchtiges Lernen, das heit
lernen wollen; denn Sie selber geben zu, da Philipp es vermag. Zunchst aber
Gehorsam lernen. Mein Vater hat in seinem nchsten Zusammenhange erlebt, bis zu
welchem uersten ein ungezgeltes Temperament vornehmlich in diesem Stande
fhrt, und er hat an sich selbst erlebt, wie erneuernd Gottes Wort und eine
strenge Zucht auf ein Gemt voll ungestmer Begierden wirken. Eines Vaters
Weisheit hat fr den Sohn gewhlt, er mu unter straffem Zgel ausharren, bis er
zur Selbstfhrung fhig geworden ist.
    Lydia geleitete ihren Bruder persnlich in das Haus zurck, das er seinen
Kerker nannte. Da er die unumstliche Weisung erhalten hatte, nicht frher als
nach bestandenem Primanerexamen in die Heimat zurckzukehren, mute auch whrend
der groen, sommerlichen Erholungsvakanz in unzerstreuter Arbeit stillgesessen
werden. Der Knabe, dessen Phantasie eben erst die Fhlhrner in ein Reich der
Freiheit ausgestreckt hatte, folgte dem eisernen Willen starr und stumm, in
verbissenem Grimm.
    Dezimus verhehlte sich nicht, da Lydia dem Wesen nach das Richtige gesagt
hatte und es tat; aber die Weise, in der sie es sagte und tat, beklemmte ihm das
Herz. Htte der Vater an seinen Sohn die gleiche Heischung gestellt, wrde
selbst Konstantin Blmel sie gebilligt haben. Es rumorte ja ein gefhrlich
unstetes Blut in diesem Geschlecht. Das Beispiel Hilmars von Hartenstein und in
anderer Richtung auch das seines Sohnes warnten laut. Nun aber, da es ein Weib
war, ein junges Mdchen, das die Heischung stellte, eine Schwester, die sich
Vaterrechtanmate, nahm die gemtliche Familie im Pfarrhause samt und sonders
gegen sie Partei. Vater Blmel sah mit tiefem Seufzen das Bruderherz sich gegen
das Schwesterherz empren und den allzu straff gespannten Bogen brechen; seine
Hanna beklagte die arme Mutter, deren Trnen so fr gar nichts geachtet wurden;
Rschen schttelte unwirsch die schwarzen Locken und schalt wie ein kleiner
Rohrsperling auf die tyrannische Nonnenseele im Schlo. Sie wrde in Peter
Kurzen, natur- und vernunftgem, einen Sekundanten gefunden haben, auch wenn er
nicht zufllig ihr zrtlicher Anbeter gewesen wre. Nun aber, da er es war,
verdoppelte sich im Schwelgen von Rosendften die Idiosynkrasie, welche der
nervenstarke Mediziner mit der nervenschwachen Klaviermeisterin gegen das Arom
der weien Lilie teilte. Er nannte sie schlechtweg nur die Belladonna und
dozierte mit naturwissenschaftlicher Unfehlbarkeit:
    Ein Gramm Blutshoffart, zwei Gramm Heiligenhoffart von der Mutterbrust an
stndlich eine Prise voll eingeschnupft, und mit dem Kuckuck mte es zugehen,
wenn aus einem weiblichen Wickelkinde in mannbaren Jahren nicht ein Individuum
reif fr die Zwangsjacke werden sollte.
    Diese allseitige Schilderhebung hatte pltzlich des Kandidaten eigene
feindselige Position verndert; er lief spornstreichs in das andere Lager
hinber und brach fr sein weies Frulein die allerritterlichsten Lanzen. Es
gewhrt die Liebe gar oft ein schdlich Gut, wenn sie den Willen des Fordernden
mehr als sein Glck bedenkt, zitierte er und fand in der Bewunderung von Lydias
aufopferndem Streben wenigstens in dem Vater einen standfesten Verbndeten. Des
Doktoranden giftige Analyse der hehren Lilie reizte ihn aber Wort um Wort zu
weit gewaltigerem Zorn, als die Qualen der Eifersucht auf die liebliche Rose ihn
fertiggebracht haben wrden, und so mu es als ein Segen gepriesen werden, da
die Pathologie einer Fettleber wieder so mchtig in Peter Kurzen wurde, um ihn
schon am zweiten Osterabend in seine Doktorandenklause zurckzutreiben. Wer
wei, ob die Jnglingsstufe eines Glcklichen sonst nicht mit einem blutigen
Konflikt abgeschlossen htte.
    Gottlob! der Strefried war fort! Und nunmehr allein im trauten
Familienkreise, kam des Kandidaten eigenstes Anliegen an die Reihe der
Aussprache. Er erffnete dem Vater seinen freien und festen Entschlu und hoffte
im stillen stark, da der Vater ihm entgegnen wrde: Salve, mein Sohn! der
Greis wird allgemach mde, spute dich!
    Der Greis lchelte aber nur und sagte: Bene vixit, qui bene latuit!
Indessen, mein Sohn, die Stunde der Entscheidung hat noch nicht einmal
ausgehoben.
    Fr den Kandidaten aber hatte sie vernehmlich ausgeschlagen und fr sein
liebes Rschen, so schien es, auch. Sie umgaukelte ihren Mus wie der
allerzierlichste Schmetterling; hing sich im Garten an seinen Arm und flatterte
vor ihm her, als er, den Platz zu einem Tempelbau fr das Rohr der Zukunft
auszuwhlen, die Treppe zum Boden hinanstieg. Natrlich wollte Rschen es nicht
dulden, da um des dummen Rohres willen ihre lieben Tubchen aus dem Schlage
vertrieben wrden, und wenn ihr alter Dezem ihr handgreiflich demonstrierte, da
die lieben Tubchen ber dem warmen Kuhstall ja weit behaglicher logieren
wrden, da erklrte sie ihrem alten Dezem, da Kuhdunst sie bel mache und da
sie doch wahrhaftig um der langweiligen Sterne willen nicht auf den Besuch ihrer
Lieblinge verzichten knne. Und so stritten sie sich hin und her ber
Taubenschlag und Observatorium, wohl auch ber noch mehr dergleichen wichtige
Objekte; lachten aber dabei, gingen Hand in Hand und blickten sich wie die
allereintrchtigsten Menschenkinder in die Augen.
    So schied denn Dezimus, wie er hoffte, zum letzten Male als Feriengast, aus
dem Elternhause. Sein Gewissen war leicht, voll sein Herz, auch der Nerv,
welcher bisher beunruhigend auf sein Hirn gedrckt hatte, in das Gleichgewicht
gesetzt, seitdem er sich seinem frhesten Zusammenhange wieder eingefgt sah.
Frohgemuter als er ist schwerlich ein Kandidat seiner Amtsprfung
entgegengeschritten.

Wer aber berdchte den Lauf auch des glcklichsten Menschenlebens, ob es sein
eigenes oder das eines Vertrauten sei, ohne da in jedem Stufenjahr, ja auf
jeder Jahresstufe einer, an welchem sein Blick mit Anteil gehangen oder der,
wenn auch nur mittelbar, auf ihn eingewirkt hatte, seinem Gesichtsfelde entrckt
worden wre in das Schattenreich? Klagen und Fragen werden laut; wir fhlen eine
Lcke; rasch aber weht die Zeit; Klagen und Fragen verstummen; binnen Wochen
oder auch nur Tagen ist die Lcke ausgefllt, junges Licht verdrngt die
Schatten; bald ist es, als htten wir das, was war, nur getrumt. Das strkste
Menschenherz hat nur fr wenige Schmerzen die Kraft, sie treu bis in das Grab zu
tragen.
    Auch in des Hirtensohnes von Werben engumschriebenem Jugendkreise bewegte
sich, wie wir sahen, Stufe um Stufe ein Leichenzug, als dessen Zeuge er klagen
und fragen hatte hren, wohl auch bescheidentlich mitgeklagt und mitgefragt,
bis, wie ein Windeswechsel, ein Hochzeits- oder Kindtaufszug ihn verdrngte. Und
so sollte er auch seine Studienstufe nicht vollenden ohne solchen ebbenden und
flutenden Strom.
    Noch im Frhling traf ihn die Todeskunde von seines Freundes Martin junger
Frau. Sie war im ersten Kindbett erlegen; Dezimus hatte sie nicht gekannt; ihre
kleine Waise wute er an Frau Ottiliens Herzen mtterlich geborgen; so dauerte
ihn denn wohl der arme Witwer, er schrieb ihm auch einen herzlichen
Beileidsbrief, und dann war Lisbeth von Hartenstein zu den Schatten geweht -
vielleicht nicht blo fr ihn.
    Tiefer griff fr viele und auch fr Dezimus selbst, ebenso unerwartet, ein
anderes Scheiden whrend der sommerlichen Zeit.
    Sidoniens krzlicher Johannisbrief hatte des Persnlichen wiederum wenig
Neues gebracht. Sie sprach mit wachsender Anerkennung von ihrer Mutter und deren
Gatten, obgleich sie den letzteren noch immer nicht Vater nannte. Ihre frheren
Heimatsplne hatte sie niemals wieder erwhnt; sie mochten wohl mehr Scherz als
eine Fhlung gewesen sein.
    Eingnglich und mit geistvollem Humor behandelte sie dagegen das politische
Gestritt, das, durch den langer Hand vorbereiteten Sonderbundskrieg in nchster
Nhe gesteigert, ihr an Harmonien gewhntes Ohr als krauses Charivari
umschwirrte. Da gab es rings um die kleine Musikmeisterin, als der einzigen
standfesten Borussin, religise Freigeister, staatlich konservativ, staatliche
Radikale, schwrmend fr eine neue Religion; Liberale aller Grade; begeisterte
Polen, umstrzende Russen, italienische Verschwrer, Gro- und Klein-, Alt- und
Neuteutonen, Republikaner, Sozialisten und Kommunisten im widerspruchsvollsten
Miteinander und Gegeneinander. Aus der Ferne trug dann noch der franzsierte
Bruder Poet eine Klangfarbe hinein, die zwischen Trikolore und blutigem Purpur
schwankte, allemal aber ein wenig in das Hartensteinsche Wappengold schillerte.
    In meinem Mxchen ist der Junker vom Werdetag wieder aufgewacht, schrieb
die Schwester.
    Dezimus bewunderte an seiner jungen Freundin den hellen Sinn, der inmitten
eines betubenden Phrasenschwalls redliche Torheit so haarscharf von gemachter
Verwogenheit unterschied, ohne sich durch irgendwas oder irgendwen in der
eigenen Meinung, der Billigkeit gegen alle und der Liebe gegen einen einzigen
beirren zu lassen. Kritik und Neigung, die feindlichen Schwestern, gingen in
ihrer Natur eintrchtig Hand in Hand. Sie verstand den Menschen, hielt sich an
sein Ursprngliches und nicht an die verkehrten uerungen, durch welche er, in
eine schiefe Stellung gedrngt, berschssige Sfte ausgrte, leider aber auch
oftmals seine wesentlichste Essenz verflchtigte. Bei keinem Menschen aber mehr
als bei ihrem Max. ber denselben sagte sie indessen auch heuer weiter nichts,
als leider verstndlich genug:
    Paris verdirbt ihn; das heit die Pariserinnen, fr welche ein schner Mann
ein Genie ist, auch wenn er es nicht wie in seiner Art mein Mxchen wre. Wer
fragt beim Belvederischen Apoll nach seiner Leier? Bei aller Abgtterei, die der
deutsche Lord Byron mit sich treiben lt, glaube ich aber dennoch, da er
wahrhaft geliebt nur die einzige hat, fr die er kein Genie gewesen ist, und da
er eben darum sie vielleicht heute noch liebt. Das Schwanenlied mit seinem
Schmachten nach heilig khlem Frieden ist das rhrendste, was er gedichtet hat;
und wahrscheinlich das einzige, das sich in den Herzen dauernd einbrgern wird.
Ich habe beim ersten Lesen eine Melodie dazu gefunden, die in Paris entzcken
soll; notabene, wenn der Dichter sie selbst vortrgt. Als Ehemann wrde er
freilich rauhe Seide mit seinem Schwan gesponnen haben. Nun, was eine Frau zur
Verzweiflung brchte, eine Schwester hlt es aus ohne Herzensbankrott.
    Sidoniens Brief versetzte, wie immer, Dezimus in eine prfende Stimmung,
heute aber vornehmlich nach einer Seite hin, die er bisher so gut wie gar nicht
in Betracht gezogen hatte. Seine Grundanlage war die der stillen Forschung und
seine heimische Zone fr politische Strmungen ein schwach lodernder Herd. Auch
auf der Hochschule, welcher er angehrte, hatte das vorwaltend theologische
Element Aktion wie Reaktion wesentlich vom staatlichen Gebiet in das geistliche
gedrngt. Ein auerhalb stark bewegendes Zeitorgan mit radikalen Tendenzen hatte
innerhalb nur schwachen Widerhall gefunden und war kaum vermit worden, als es
polizeilich des Landes verwiesen wurde.
    Nun jedoch trafen die erregenden Schweizer Nachrichten zusammen mit denen
von dem blutigen Aufstande in Polen, zusammen aber auch mit dem ersten greren
parlamentarischen Versuch in unserem Vaterlande, der von den einen hoffnungsvoll
begrt, von den anderen vielfltig bemngelt, schlielich keinem einzigen zu
gengen schien, und an jeden ernsthaften Mann trat die Frage heran, wie er sich
inmitten der immer dichter zudrngenden staatlichen Probleme zu stellen, unter
welchem Banner er die Aufgabe zu erfllen habe, die auch dem Bescheidensten als
Brger und Patriot gestellt ist.
    Dezimus legte sich diese Frage zum ersten Male vor, und eben darum konnte er
zu einem zufriedenstellenden Abschlu, wie er ihn zwischen den theologischen
Parteien gefunden zu haben glaubte, nicht gelangen. Es fehlte ihm der
ausschlaggebende Drang des Moments: der Affekt. Vielleicht hat es unter den
Hunderten seiner jungen Kommilitonen keinen zweiten gegeben, dessen Natur, die
innerliche und die uerliche, so durchaus eine deutsche war wie die des
Hirtensohnes von Werben. In deutscher Weise glauben, denken, wollen, handeln war
ihm so eingeboren und unveruerlich wie Atemholen oder der Mutterlaut; in der
fremdartigsten Umgebung wrde ein fremdartiger bergu an ihm abgeglitten sein.
Auch schwrmen in deutscher Jugendweise eignete ihm wohl, das heit schwrmen
nicht blo fr ein individuelles, sondern auch fr ein zustndliches Ideal; aber
das schwarzrotgoldene Banner, fr welches die Jnglinge der ihm vorangehenden
Generation geschwrmt und gelitten hatten, war fr ihn kein solches Ideal. Der
Faden, der in ein deutsches Reich der Vergangenheit zurckleitete, war in der
Pfarre von Werben schwarzwei bersponnen worden, und ihn grauste vor den
blutigen Strmen, unter welchen allein er in ein deutsches Reich der Zukunft
hinbergeleitet werden konnte; die parlamentarischen Forderungen aber, welche
jene nmlichen Jnglinge jetzt als Mnner stellten, schlugen chaotisch
unverstndlich an sein junges Ohr. In Summa: der Kulturgipfel seiner Rasse, ja
vielleicht aller Rassen, ragte fr ihn in einem anderen Kreise als dem
staatlichen; in einem engeren fr den einzelnen, in einem weiteren fr die
Gesamtheit. Htte er wie Max von Hartenstein, als geborener Aristokrat und
Millionr in spe, inmitten einer Metropole zeitentzndender Ideen gestanden,
wohl mglich, da die der Gleichheit und Brderlichkeit einen lebhaften Anklang
in seinem Herzen gefunden htte. Als Sohn der misera plebs auf einem Dorfe durch
die Wohltaten hhergestellter, edler Menschen herangebildet, wendete sein Gemt
sich ab von dem demokratischen Schibboleth als einer Undankbarkeit und
berhebung. Wohl dnkte die Zeit ihm herrlich, und er hoffte auf ihre Erfllung,
wo kein verzweifelnder Vater sein Kind statt eines Huhnes oder Lammes als
Frnerzins in das Haus barmherziger Menschen zu tragen brauchte; wo kein
Richter, wie Ehren-Hecht, die bertretungen von hoch und gering, von arm und
reich mit ungleichem Mae ben liee; wo der Glaube eines Joachim von
Hartenstein und der Zweifel eines Thomas Zacharias sonder Acht und Bann laut
werden durften; fr solchen wrdigeren Zustand aber mitzuwirken, anders als im
persnlichen Dienst seines bescheidenen Heimatskreises, trug er kein
herzschwellendes Verlangen. Der Zgling Konstantin Blmels, des freiwilligen
Jgers von 1813, hatte gelernt, da es s sei, kmpfend fr das Vaterland zu
sterben; da es auch s sei, kmpfend fr einen konstitutionellen Staat zu
leben, - ei nun, Held Dezimus ist ja jung, vielleicht lernt er es noch.
    Der Inhalt von Sidoniens Brief klang noch in ihm nach, als Dezimus aus dem
Pfarrhause die Kunde erhielt, da die lebensvolle Frau, deren noch eben mit
wrdigender Anerkennung gedacht worden war, nicht mehr unter den Lebenden weile.
Kerngesund hatte Brigitte Zacharias sich in die ihr so vertraute Seeflut
gestrzt; als Leiche war sie an das Ufer gesplt worden; der Glcklichen eine,
die mit Bewutsein in ihrem Elemente leben und unbewut auch in ihrem Elemente
sterben.
    Und da wurde denn wieder einmal viel bngliches Fragen und Klagen vernommen;
denn ein bedeutender Platz war unausfllbar ledig geworden. Man fhlte die
Vereinsamung des Gatten, der mit dieser Frau in der seltensten Einigung
verbunden gewesen war; man fhlte die Schutzlosigkeit der verwaisten Tochter;
vor allem aber fhlte man die Qual des Greises, der das letzte, ja das einzige
menschliche Wesen, das er geliebt hatte, vor sich hinscheiden sah, ohne es so
glcklich gemacht zu haben, wie es in seiner Macht gestanden.
    Er hatte sich, nachdem die Schreckenskunde ihm von seiner Wirtschafterin
vorbuchstabiert worden war, in seiner Kammer eingeriegelt und lie keinen, der
ihm Trost zuzusprechen kam, vor sich, weder den alten treuen Blmel noch die
neuen Prediger seiner beiden anderen Gter noch selbst den Emeritus Beyfu, den
einzigen, welchem er, als einem Zeitgenossen, sich dann und wann vertraulich
nherte, und auch der einzige, gegen welchen er spterhin einmal seines
Verlustes erwhnte. Was hilft mir nun meine Gruft, wenn meine Brigitte nicht
drinnen schlft? hatte er gesagt. Ihm graute seit der Zeit vor dem Sterben,
nach welchem er in den Tagen seines Grimmes sich manchmal gesehnt hatte.
Vielleicht schwante ihm, da seine Brigitte sich in jener Welt vor dem
allerhchsten Throne wiederum eine Stufe hher stellen werde als er und da er
sich in Ewigkeit ohne dankbare Tochter behelfen msse; und in dieser Welt hatte
er doch wenigstens seine dankbare Scholle.
    Auch schritt er schon am dritten Tage die Raine seiner cker kreuz und quer
wie vor der Hiobspost. Er schritt rstig, wenn auch am Stock, und vor den Augen
einen grnen Schirm. Es war ihm nur ein schwacher Lichtschimmer geblieben. Wehe
aber dem, der sein Gebrechen ihm anzumerken schien und daraufhin wohl gar sich
eine Ruhepause vergnnt htte! Er kannte blindlings jeden Platz, der einem
Arbeiter angewiesen war, und whnte, fr einen Sehenden gehalten zu werden, wenn
er seine Stimme so laut erhob, da seine Befehle weit in die Aue hinein gehrt
wurden.
    Der Br brummt! hie es dann in der Gegend, und die Frner lachten sich in
die Faust, weil der alte Sprhund das faule Wesen doch nicht schnffeln konnte.
Er wute auch recht gut, da er auf Schritt und Tritt betrogen werde; er
witterte einen Dieb hinter jedem Zaun und legte aus Furcht vor Einbrechern sich
nicht zu Bett. Das Reichwerden hatte dem Mann keine schlaflosen Nchte gekostet,
aber das Reichsein kostete dem Greise die Ruhe Tag und Nacht. Er verfiel
sichtlich.
    Mutter Blmel fgte daher ihrem Trauerbriefe an Sidonie die unumwundene
Mahnung bei, ihren natrlichen Platz in der Nhe des Grovaters sobald als
mglich einzunehmen. Nicht nur aus Kindespflicht gegen den blinden Greis,
sondern auch zur Wacht ber ihr knftiges Erbe. Dringender denn je wurde die
Einladung in das Pfarrhaus wiederholt und Tag fr Tag auf einen zusagenden
Bescheid gehofft. Tag fr Tag jedoch vergebens.
    Auch Dezimus schickte sich an, Sidonien ein teilnehmendes Wort, ihrem
tapferen Sinne gem, zu sagen; unwillkrlich jedoch tnte es aus in einen
weicheren Klang, als er sich vorgesetzt hatte; denn whrend des Schreibens
berkam ihn zum ersten Male die Vorstellung, da - und wie bald vielleicht! - er
selbst einen gleichen Schmerz zu tragen haben werde, ja dem Gesetze der Natur
nach ihn unvermeidlich tragen msse, da seine Mutter ein Geschlecht vor der
geschiedenen vorauszhlte. Gottlob! da ein junger Mensch solche Vorgesichte des
Natrlichen nicht lange auszuhalten vermag! Aber mit einem Gefhl der Beschmung
erma Dezimus den Unterschied des Glcks im Empfangen und Empfinden der
Mutterliebe zwischen sich, der Waise, und dem leiblichen Kind; und dieses
Ermessen hauchte ber seine Worte eine Trnenspur. Auch wollte ihm tagelang
nicht gelingen, eine ahnungsvolle Wehmut zu bannen. Endlich aber griff er mit
wackerem Entschlu nach seiner Examenprparation und der Korrektur der ersten
Druckbogen seines Leitfadens, und ber Prparieren und Korrigieren verwehte das
bngliche Ahnen mit Mutter Brigitten zu den Schatten.
    Ein nachhaltigerer, weil allzu lebendiger Strenfried blieb der arme
Philipp, wennschon der Kandidat ihn nur noch selten zu Gesicht bekam. Die
bungsstunden hatten aufgehrt, auch darum, weil der Knabe im mathematischen
Gebiet weniger einer Nachhlfe bedurfte als in dem der verhaten alten Sprachen
und diese letztere jetzt von dem Professor selbst in verdoppeltem Mae geleistet
wurde. Whrend der groen Ferien jedoch war den beiden Heimatsgenossen dann und
wann ein gemeinschaftlicher Spaziergang - selbstverstndlich ohne Schenkenziel -
gestattet worden; eine Vergnstigung, die Lydias Frwort zu danken sein mochte
und die der ltere ihr auch aufrichtig dankte, wenngleich er mit dem jngeren
mehr denn jemals seine liebe Not hatte.
    Nach Hause sehnte sich derselbe zwar keineswegs; denn die Mama sa fern in
des verwitweten Martin Kinderstube, und die ausschlieliche Gesellschaft seiner
hartherzigen Schwester mutete ihn noch graulicher an als die des Horaz und des
Professor Hildebrand. berhaupt gengte ihm die stille Heimsttte von Werben
jetzt nicht mehr; ja, es gab kaum einen erreichbaren Platz, der seinem
Knabentrotz gengt haben wrde. Es war kein Zweifel, da er auch bei der
nchsten Versetzung nicht nach Prima aufrcken werde, und er wollte auch gar
nicht hinaufrcken; er wollte nichts, was er sollte; was er aber an Stelle des
Gesollten wollte, das wute er wohl selber nicht, und Dezimus wute es noch viel
weniger. Denn wenn der Junge nach Tollkopfsart sagte: Noch einen Winter in dem
Loche halte ich nicht aus! Lassen sie mich nicht gutwillig los, dann wei ich,
was ich tue! da dachte Dezimus: Ja, was kann er denn tun? Desperate Burschen
laufen heutzutage nicht wie zu Vater Klausens Zeiten unter die Soldaten, sondern
allenfalls von den Soldaten fort. Der arme Philipp war des Kandidaten einziges
Kmmernis in diesen frohgeschftigen Sommertagen.

Das Hauptexamen war glcklich bestanden, die wichtigste Stufe zum Altar der
Heimatskirche erklommen. Auch der Leitfaden lag zur berraschung fr Vater
Blmel bereit, zierlich gebunden, mit kleinen Himmelskrtchen durch schossen
und, was die Hauptsache war, gekrnt mit einem Vorwort von des greisen
Sternenmeisters eigener Hand. Dieser teuere Gnner hatte von Haus aus, als
Einfhrung in die Gelehrtenzunft, zu einem Versuch aus des Gnstlings eigener
Gedankenwelt geraten; der Gnstling aber sich mit dieser Zusammenstellung fr
Schlerkreise begngt. Einmal aus geziemender Bescheidenheit; zumeist jedoch aus
dem Verlangen, seinen Vater auf leichtfaliche Weise in eine Bahn zu locken,
welcher der dereinstige Verweser der vterlichen nebenbei keineswegs zu entsagen
gedachte. Eine zunftgeme Abhandlung ber die Meteorenschwrme, so luminse
Hypothesen er darin aufstellen mochte, wrde Konstantin Blmel, den Greis, noch
weniger als in jungen Jahren angemutet haben, whrend das vorliegende Zeugnis
einer der Schule nutzbringenden Ttigkeit recht eigentlich nach seinem Sinne
war.
    Dezimus nahm nach der Rckkehr aus der Provinzialhauptstadt, vor deren
Konsistorium das Examen geleistet worden war, sich nicht die Zeit, sich Lehrern
und Freunden zu empfehlen. Binnen kurzem mute er ja doch wiederkommen, um, je
nach des Vaters Entscheidung, Abschied zu nehmen fr immer oder seine
Lehrerttigkeit zu erweitern. Der Tag sollte aber nicht zur Rste gehen, ohne
da die frohe Botschaft den teuersten Menschen von Angesicht zu Angesicht
verkndet wurde, und darum gedachte der Kandidat, nunmehr ja ein gemachter Mann,
sich zum ersten Male den Luxus einer Heimfahrt per Eisenbahn zu gestatten.
    Auch das Lebewohl von Philipp wollte er sich und dem armen Jungen sparen.
Der morgende Tag brachte ihm wiederum ein kaum vermeidliches Scheitern; es
sollte nicht geschrft werden durch den Eindruck des eigenen Gelingens, durch
den Sprung in die Heimat die eigene Gefangenschaft nicht noch empfindlicher
gemacht. Als er jedoch aus dem Hause trat, um nach dem Bahnhofe zu gehen, kam
Philipp ihm entgegen. Er hatte des Freundes Rckkehr erfahren und ihm Glck
wnschen wollen. Nun gab er ihm das Geleit.
    Er war wortkarg, ja verbissen, wie sonst immer nur in Gegenwart seines
Kerkermeisters; er hielt die Lider gesenkt, schlug er sie aber einmal in die
Hhe, dann glimmte ein seltsam unheimliches Feuer in den schnen, blauen
Hartensteinschen Augen. Auch fand der Freund ihn bla und abgemagert; er mochte
harte Strafreden hren, harte Klausur haben aushalten mssen. Dezimus fragte
nicht danach. Zu helfen war hier nicht, und das Mitleid eines Glcklichen ist
ein so schwacher Trost.
    Im Vorbergehen trat er bei einem Uhrmacher ein, dem er am Morgen sein
stolzes Erbkleinodium zu einer leichten Reparatur bergeben hatte, und es ist
der Biograph verdienten Tadels gewrtig, weil er dieses einzigen Wertstckes
seines Helden erst bei so spter Gelegenheit Erwhnung tut. Denn der Werbensche
Erbsackseiger war ein vielbemerkter Gegenstand unter der Studentenschaft
gewesen, hier der Bewunderung, dort des Witzes; am hufigsten wohl des Neides,
da, wenn auch nicht ein Stutzer, so doch jeglicher Altertmler ein erkleckliches
Smmchen dafr geboten haben wrde.
    Umschlossen von einem standfesten Goldgehuse, nherte das Kunstwerk sich
der Kugelform und bildete demnach in des Trgers Westentasche eine Aufbauchung,
welche einem Uneingeweihten das Leidwesen von Peter Kurzens Doktorandenvorwurf
befrchten lassen durfte; dem Eingeweihten erhhte selbstverstndlich das
Gehuse des Pretiosums Wert; wurde nun aber gar auf der Rckseite ein
freiherrliches Wappen augenfllig, mit einer Krone darber, in deren Perlen
sieben kleine Diamanten eingelassen waren, so konnte der Hirtensohn, wenn er
sich etwa spterhin auf Reisen begeben sollte, sich dreist fr einen Baron
ausgeben, ja fr einen Krsus gehalten werden, falls er auch noch die kurze
Kette mit dem faustdicken Berlockenbndel daranhngte, die er, ein Feind alles
bermuts, bis jetzt in seiner Schieblade verborgen hielt. Auch schtzte Dezimus
sein nutzbringendes Pretiosum hoch, verga beim Aufziehen - jeden Morgen seine
erste Tat - niemals, der gromtigen Testatorin in Dankbarkeit zu gedenken; und
wenn er, ausnahmsweise, in der Nacht einmal aufwachte, lie er die Uhr
repetieren, lediglich aus dem Grunde, um sich durch den krftigen Schlag, dessen
kein heutiges Werk sich rhmen drfte, an die energischen Akzente der alten
Harfenknigin erinnern zu lassen. Die Kluge hatte den rechten Mann fr ihr
Erbstck gewhlt.
    Die unbedeutende Herstellung war von dem Meister versumt worden; binnen
einer Stunde htte sie erfolgt sein knnen; aber der Kandidat durfte keine
Minute zgern, wenn er den letzten Zug noch erreichen wollte. Er mute sich bis
zur Rckkehr von seinem Regulator trennen; fr einen an Pnktlichkeit gewhnten
Sternenschler und Musterjngling ein verdrieliches Ding. Aber halt! hatte -
leider Gottes! - Doktor Peter Kurze ihm nicht erklrt, da er nicht ermangeln
werde, sich morgen zum Ministeriumsschmause in der Pfarre einzustellen?
    Holen Sie, lieber Philipp, bitte, die Uhr vor Abend ab, und tragen Sie sie
zu Doktor Kurzen, der sie mir morgen nach Werben mitbringen wird, sagte der
Kandidat und erhielt ein williges Versprechen.
    Hastig ging es nun vorwrts; denn zufllig war auch Philipp heute ohne Uhr,
und ein eiliger Mensch ist ohne Uhr doppelt eilig. Whrend Dezimus sein Billett
lste, bemerkte er, da sein junger Freund an den Beamten eines anderen
Schalters eine Erkundigung richtete, deren Bescheid ihn auffllig verstrte. Was
hatte der Junge vor? Dezimus durfte sich mit Fragen nicht aufhalten, da die
Glocke zur Abfahrt lutete. Im Begriff in das Coupe zu steigen, fragte ihn
Philipp mit niedergeschlagenen Augen:
    Htten Sie wohl zehn Taler brig, um sie mir vorzuschieen? Und als er
nicht augenblicklich eine Antwort erhielt, setzte er dunkelerrtend und
stammelnd hinzu: Ich - ich bin - ich habe - eine Schuld - -
    Ich habe so viel nicht bei mir, versetzte Dezimus; aber in ein paar Tagen
bin ich zurck, und dann wollen wir die Sache in Ordnung bringen.
    Der Schaffner drngte zum Einsteigen. Philipp warf sich mit Ungestm in des
Freundes Arme.
    Behalten Sie mich lieb, guter Dezimus, schluchzte er und wendete sich dann
rasch ab, seine hervorstrzenden Trnen zu bergen. Er lief den Perron entlang,
als werde er gejagt.
    Dezimus war tief betreten. Wre der Zug nicht bereits im Rollen gewesen, er
wrde dem Knaben nachgeeilt sein, ihn ausgeforscht, ermutigt haben; er wre
morgen dann mit viel leichterem Herzen heimgereist. Ohne Zweifel trug der Arme
sich mit dem Plan, nach verfehltem Examen zu seiner Mutter und Martin zu
flchten. Und auch Schulden hatte der Unglcksmensch! Freilich kein Wunder, denn
der Vormund hielt ihn knapp, und er war nicht knapp gewhnt; auch mochte die
Mutter heuer nicht, wie sonst in der Ferienzeit, sein Beutelchen heimlich
gefllt haben. Dezimus nahm sich vor, des Knaben Lage noch einmal recht
ernstlich mit Vater Blmel und sogar mit Frulein Lydia zu besprechen. Seine
vorgeschrittene geistliche Wrde machte ihn schier verwegen.
    Das ist wohl etwas Groes, wenn ein Kandidat, reif zum Amt und obendrein als
gedruckter und honorierter Schriftsteller, zum ersten Male einkehrt in ein
pfarrliches Elternhaus, in welchem ihm eine sorgenlose Zukunft und kstlicher
Segen gesichert ist. Da gibt es Lachen und Weinen und Beten und Singen und
Hndedrcken und zrtliches Umfangen; da gibt es eine schlummerlose Nacht unter
Luftschlsserbauen und buntem Erinnern. Aber die glcklichste von allen ist doch
die Mutter! Wie gestern erlebt steht vor Hanna Blmels Seele die Stunde, wo sie
das arme nackte Dezemkind von ihres Konstantin Schoe nahm und es in ihres
Tchterchens Wiege legte mit dem Gelbnis, ihm eine Mutter zu werden. Dazumal
glnzte ihr Haar noch wie eitel Gold; heute ist es ein Silberscheitel, und
blhen die Wangen auch noch rosenrot, glatt und gleich sind sie nicht mehr,
sondern in hundert krause Greisenfltchen zusammengezogen. Aber ihr Ziel ist ja
auch erreicht und so froh erreicht. Wie oft begegnet ihr denn einer Mutter, die
im siebenten Jahrzehent, von acht Kindern nicht um ein einziges Herzeleid oder
gar ein Trauerkleid getragen htte? Die sechs Tchter glcklich in das Leben
gestellt hat und nun die siebente am allerglcklichsten gestellt wei, Herz an
Herz mit dem einzigen Sohn! So inbrnstigen Dankes voll wie in dieser Nacht hat
Hanna Blmel wohl noch nie an ihren Gott gedacht.
    Und die Herzenslust whrte noch den ganzen anderen Tag; und wie wurde sie
laut in Sang und Schwank, als gegen Mittag Peter Kurze zum Ministeriumsschmause
einsprang! Ein redlicher Freund war er, Peter Kurze, das mte der Feind ihm
lassen, wenn er einen htte. Sonder Falsch noch Neid! Beim eigenen
Doktorschmause war er nicht fideler gewesen. Freund Kandidat konnte vor lauter
Jokus es nicht ein einziges Mal zu einer eiferschtigen Wallung bringen.
    Wo hatte Peter Kurze denn aber die Uhr? Den Erbsackseiger? - Peter Kurze
wute von ihm nichts.
    Ach, nur zu natrlich, da Philipp in seiner Not das Abholen vergessen
hatte. Der arme Junge! Zwischen Mitleid und lustiger Torheit fehlte dem
Kandidaten das gewohnte Picken auf seiner Leberseite aber doch. Ein Mittelma
von Gewhnsamkeit - geniale Leute schimpfen sie Pedanterie - gehrt, so scheint
es, zu der Substanz eines Glcklichen.
    Just um dieser Substanz willen mute nun aber nach dem Jubeltag der
Werkeltag der Pflicht wieder in seine Rechte treten. Und da war es denn zunchst
Peter Kurze, der ein ernsthaftes Dilemma zu allseitigem Gehr brachte.
    Peter Kurze nannte sich Herr Doktor, laborierte aber, wie die Mehrzahl
junger Anfnger seines Zeichens, klglich am Patientenfieber, und gering war
zurzeit die Aussicht auf ein stillendes Labsal in seiner heimatlichen Provinz,
der er den Segen seiner Kunst doch vorzugsweise gegnnt haben wrde. In einer
anderen Provinz dahingegen hatten Miwachs, Hunger und Not eine bse Seuche
gezeugt, von welcher die Zeitbltter ein grauenvolles Gesamtbild entwarfen. Noch
grauenvollere Einzelnschilderungen waren in die Pfarre gedrungen durch Lydia,
die ein Kind dieser Gegend war und mit ihr noch in manchem Zusammenhange stand.
Von verschiedenen Universitten, und auch von der unseren, waren junge Mediziner
zu freiwilligem Helferdienst aufgerufen worden. Sollte Peter Kurze nun diesem
Rufe folgen?
    Sein vterlicher Freund Blmel sagte mit Entschiedenheit: Ja, und sein
brderlicher Freund Dezimus wenigstens nicht mit Entschiedenheit: Nein. Das
liebe Rschen sagte gar nichts, denn das liebe Rschen war gleich bei dem Worte
Typhus aus der Ratsstube gelaufen. Mutter Blmel aber sagte achselzuckend:
Ja, mein Junge, wenn du nur ein Tischchendeckedich in deinen Arzneikasten
packen knntest!
    Und da sa eben der Haken! Peter Kurze war Arzt mit Leib und Seele, und Arzt
sein heit das Gegenteil von einem Hasenfu. Er dachte nicht an
Ansteckungsgefahr, und er schmachtete nach einem ernsthaften Duell mit dem
Wrgeengel Tod. Aber wo blieb die Ehre der Wissenschaft? wo der Erfolg? und wo
der Lohn, dessen ein braver Arbeiter doch allemal wert ist, insofern er mit dem
Pflasterkasten nicht zugleich einen Brotschrank aufzuschlieen hatte? Erst wenn
die Hungerleider satt gemacht sind, kann der Vielfra ausgehungert werden,
sagte er und zog schlielich ab mit der Entscheidung, die Sache erst noch ein
paar Wochen mit anzusehen, ehe er in den saueren Apfel beie. Privatim versprach
er Freund Dezimus noch, den armen Philipp ins Gebet zu nehmen und umgehend ber
den Ausfall des Examens Bericht zu erstatten; sich auch gelegentlich nach der
Uhr umzutun.
    Nun aber saen im geistlichen Gemach Vater und Sohn allein sich gegenber
zum Ratschlu ber die beiden Wege, die vor dem letzteren geffnet lagen. Auf
jeden von ihnen zog ein Magnet, und jeder von ihnen bedingte einen schweren
Verzicht. Entweder Altersruhe fr den Vater und Rosenwonne fr den Sohn; dann
aber blieb die Chalderforschung ein Fragment. Oder die Chalderforschung
fortgesetzt bis zu einem znftigen Grad und statt der Rosenwonne Hangen und
Bangen. Und wie entschied der vterliche Berater?
    Ich fhle mich noch nicht fertig, und du bist es noch nicht, mein Sohn.
Lehre und lerne weiter wie bisher. Wenn es not tut, werde ich dich rufen.
    Was aber war das Hauptmoment bei dem Entscheid, das Moment, aus welchem der
Greis auch keineswegs ein Hehl machte? Nun eben die ersehnte Rosenwonne.
    Keine Jnglingstndelei, mein Sohn, aber auch keine Jnglingsehe.
Mannesreife - -
    Bei diesem Worte stockte er; denn die Tr wurde hastig aufgerissen, und wie
in des Sohnes erster Lebensstunde strzte ein verzweifelter Mensch in das
geistliche Gemach. Lydia, die stille, unbewegliche Lydia! Bleich wie ein Geist,
schauernd und bebend ber den ganzen schnen Leib, sank sie in den Stuhl, von
welchem Dezimus entsetzt in die Hhe gefahren war, und reichte ihm, keines
Wortes mchtig, ein Blatt, das sie zusammengeknittert zwischen ihren fliegenden
Hnden hielt. Ein Brief, an Dezimus adressiert, aber erbrochen. Philipps
knabenhafte Zge.
    Ich fliehe, Dezimus. Wohin? sage ich Ihnen nicht, weil Sie es nicht
verschweigen wrden, wenn Lydia Sie fragt. Ich will mich nicht langsam zu Tode
qulen lassen. Ich will leben oder meinetwegen auch sterben; aber ordentlich
sterben; wie ein Hartenstein, nicht wie ein Sklave. Ich schreibe in Ihrer Stube.
Wenn Sie den Brief finden, bin ich lange dort, wohin ich will. Dezimus, guter
Dezimus, ich habe Sie beraubt. Ich htte es keinem anderen getan; aber ich wei:
Sie schimpfen mich keinen Dieb. Ich konnte nicht anders. Den ganzen Sommer habe
ich gespart, bei Mama und den Schwestern gebettelt, nur bei Lydia nicht, weil
die mir doch nichts gegeben htte. Aber ich wei gar nicht, es wurde immer
wieder alle, und ich mute immer wieder von vorn anfangen. Nun habe ich alle
meine Sachen und Bcher heimlich verkauft, aber es reichte doch noch nicht. Und
Sie kommen nicht drum, lieber Dezimus. Lydia gibt es Ihnen wieder; der Schande
wegen. Aus Liebe fr mich htte sie es nicht getan. Und wenn wir uns einmal
wiedersehen, lohne ich es Ihnen tausendfach; denn dann kann ich es. Lange wirds
freilich dauern. Und vielleicht sehen wir uns auch gar nicht wieder. Aber dann
glauben Sie mir, Dezimus, da ich in meiner letzten Stunde an Sie gedacht habe
als an den, der auer meiner Mama es auf der Welt ganz allein mit mir gut
gemeint hat. Ach, meine liebe, liebe Mama! Aber sie hat ja nun die kleine Tili,
und sie wute ja, wie schrecklich unglcklich ich gewesen bin. Sobald ich
angekommen, schreibe ich ihr und Ihnen auch.
                                                                        Philipp.

    P. S. Die Uhr hat Aaron Kalb. Sie ist nur versetzt; fr zehn Taler kriegen
Sie sie wieder. Meine eigene habe ich verkauft um ein Lumpengeld, weil sie nur
von Silber war. Und ich knnte sie auf der Reise so gut brauchen. Ach! Wre ich
nur erst fort!
    Was war fr eine Lydia der Bruch mit dem Geliebten, was selbst der Tod des
Vaters gegen dieses Erleben! Angeklagt der hrtesten Lieblosigkeit, gehat von
dem Bruder den Gott als Kind an ihr Herz gelegt hatte; verzweifelnd in einen
Abgrund, vielleicht in den Tod durch sie getrieben dieses Kind, das einzig auf
ihren Schutz gestellt gewesen war!
    Mrderin! stand es geschrieben in ihren wahnsinnstarren Augen.
    Wo - wo soll ich ihn suchen? rang es sich aus ihrer Brust.
    Nicht Sie; berlassen Sie es mir, sagte Dezimus, selbst erschttert bis
auf den Grund; und sie darauf wie belebt:
    Ja, ja, gehen Sie mit mir. Ich bin so fremd in der Welt.
    Pastor Blmel aber und auch der Vormund, welcher whrend der letzten Worte
eingetreten war - das erstemal, da er diese geistliche Schwelle berschritt -,
widersprachen ihrem Vorhaben. Sie sei krperlich zu angegriffen, um einem
rastlos Eilenden zu folgen; die Rcksicht auf eine Frau knne ihn nur aufhalten
und hindern.
    Sie senkte das Haupt bis auf die Brust. Den, welchen er geliebt hat, lt
Gott ihn vielleicht finden - mich nicht! Laut gesprochen hat sie diese Worte
wohl kaum; aber Dezimus las sie in ihrer gemarterten Seele.
    Er vernahm nur Bruchstcke der Erluterungen, welche der Vormund nunmehr
ber das Entweichen seines Pfleglings gab. Hier war so wenig zu sagen wie zu
hren, nur Eile tat not, fliegende Eile! Der alte Herr hatte die Schilderung
seiner ngste, seines Harrens, Forschens und Suchens, der vergeblichen Anfragen
nach allen Seiten, auch seiner Fehlgriffe und falschen Schritte, die laut
machten, was geheimgehalten werden mute, bis zur endlichen Ersprung des
Briefes und dem Aufbruch nach Werben noch nicht vollendet, als Dezimus
reisegerstet in das Zimmer zurckkehrte. Nicht einmal den Abschied von seinem
irgendwo umherschweifenden Rschen hatte er sich gegnnt; der nchste Zug durfte
nicht verfehlt werden. Die gnstige Fgung, da die Mutter die Sparsumme des
kniglichen Patengeschenkes, deren er zum Zweck etlicher Anschaffungen bedrftig
geworden war, krzlich erhoben hatte, befreite ihn auch hinsichtlich des
wesentlichsten Reisebedrfnisses von zeitraubenden Weitlufigkeiten.
    Was darf ich Ihrem Bruder von Ihnen sagen, wenn es mir gelingen sollte, ihn
aufzufinden? fragte er, indem er zum Abschied Lydia die Hand reichte.
    Was das Herz Sie heit! hauchte Lydia und bedeckte in Angst und Qual dann
wieder das Gesicht mit ihren bebenden Hnden. Ihr Bruder, ihr Kind: ein
Landstreicher, ein Dieb! seine Spur erforscht von einem Fremden, den er geliebt
hatte und sie - sie gehat!
    Um die Mittagsstunde erreichte Dezimus die Universittsstadt. Er hatte
whrend der Fahrt mit so kaltem Blute, als er das seine abzudmpfen imstande
war, den sprenden Blick auf das Ziel gerichtet, das dem Flchtigen vorgeschwebt
haben konnte, und was ist solch ein anstrengendes Erstreben anderes als ein
Gebet um Erleuchtung von oben? Bei seiner Mutter oder einem der Geschwister war
der Knabe nicht, und den heimischen Militrdienst - so viel mute ihm klar sein
- verscherzte er durch sein heimliches Entweichen. Was kannte er aber, und was
gab es auer diesem Dienst Lockendes fr ihn in der Welt? Der Weg nach Ruland,
wohin sein Vetter Hilmar geflchtet, war langwierig und schwierig, die Grenze
unentdeckt kaum zu erreichen; ohne Empfehlung, ja ohne Legitimation die
bescheidenste Stellung nicht zu erwarten. Amerika? Aber da galt es zu arbeiten
mit Axt und Pflug, die Freiheit, die dort zu finden, war nicht die, welche ein
junger Brausekopf suchte. Die Fremdenlegion in Algier? Nein doch, nein! Der
Franzosenha lag allen Hartenstein seit Generationen im Blute, und Freund
Philipp gebrdete sich gern wie ein kleiner Marschall Vorwrts. Aber halt doch,
halt! Ein Werbeplatz fr die hollndischen Kolonien!
    Das war so eine von den luminsen Hypothesen wie die beim jngsten
Meteorenschwarm, und: jegliche Entdeckung ist einmal Hypothese gewesen, hatte
sein weiser Sternenvater gesagt.
    Wie Schuppen fiel es dem Freunde pltzlich von den Augen. Er sah des Knaben
glhende Blicke bei Bruder Steuermanns Wundermren von der Pracht des indischen
Himmels, der ppigkeit der Natur, dem wollstigen Schlrfen der eingewanderten
Nabobs. Mglich, da auch noch aus weniger redlichem Munde ihm ein Brillantfeuer
vorgespiegelt worden war oder da er irgendwo gelesen hatte von den zahlreichen
deutschen Landsleuten unter den geworbenen Truppen, von ihrem glnzenden Sold,
dem raschen Aufsteigen, den reichen Pensionen, den Schtzen, die um den Preis
des Lebens im Kampfe mit wilden Bestien und Vlkerstmmen aufzuraffen sein
sollten. Die Jugend nimmt manches Katzengold fr echt, und was fragt ein
freiheitsdurstiges Herz nach dem Freiheitspreis? Das indische Pfefferland war
jener Zeit immer noch das gelobte fr abenteuernde Naturen und verlorene Shne.
Die goldenen Berge, welche der arme Junge so hoffnungssicher in Aussicht
stellte, bestrkten die Eingebung, da es auch sein Kanaan gewesen sei.
    Je mehr dem Freunde nun aber diese jhe Vorstellung zur Gewiheit ward, um
so bnglicher schlug sein Herz. Auch er, der ltere, war im weiten Weltwesen ja
noch ein Kind. Der Zufall aber hatte gewollt, da er von einem leichtsinnig
verlockten Studenten, der als Deserteur sich wieder in das Vaterland
durchgeschlagen, die Wahrheit erfahren hatte ber den entwrdigenden Zustand des
hollndischen Fremdenkorps nicht blo fern in den Kolonien, sondern selbst auf
den heimischen Drill- und Einschiffungspltzen, und so htte er sich Flgel
anheften mgen, um den Verblendeten zu berholen und Lydias Bruder einem Elend
zu entreien, dem von zehnen neun physisch oder moralisch unterliegen.
    Sein erstes war, von dem Beamten jenes zweiten Schalters die Erkundigung zu
erfahren, welche Philipp neulich an ihn gerichtet hatte. Der Jngling war eine
auffllige Erscheinung, schn wie alle Hartenstein, mit Ausnahme Martins, und
dieser Aufflligkeit es zu danken, da der Beamte sich der Erkundigung noch
erinnerte: der schne junge Mensch hatte nach dem Preise eines Fahrbilletts bis
zur niederlndischen Grenzstation gefragt; zuerst nach dem der zweiten Klasse,
dann bescheidentlich nach dem der dritten, und die unerwartet hohe Summe auch
dieser dritten ihn sichtbar niedergeschlagen. Der Arglose ahnete nicht, da
diese Fragen zu einem Fingerzeig fr einen praktischeren Verfolger, als sein
gelehrter Vormund, werden konnten. Fr Dezimus wurden sie zum Beweis, wennschon
weder dieser Beamte noch irgendein anderer sich erinnerte, den aufflligen
jungen Mann bei der spteren Abreise wiedergesehen zu haben. Da er an jenem
Nachmittag nicht nach Hause zurckgekehrt war, vermutete Dezimus, da er zu Fue
bis zur nchsten, nur eine Meile entfernten Station gegangen sei und von da aus
den Nachtzug benutzt habe.
    Dezimus selbst blieben bis zum Abgang des westlichen Zuges zwei lange bange
Stunden. Um sie nicht vllig nutzlos hinzubringen, begab er sich zu dem
Pfandleiher und - und Kandidat, Kandidat! du fhlst dich zum Priester reif und
sndigst wider Gottes heiliges Gebot? Du lgst, lgst ohne Errten, lgst wie
gedruckt, da du in augenblicklicher Geldverlegenheit, im Begriff, eine kleine
Reise anzutreten, deinen jungen Freund beauftragt habest, ein Darlehn auf deine
Uhr aufzunehmen, und da du jetzt kmest, sie auszulsen?
    Da der Hne der Studentenschaft eine wohlbekannte Persnlichkeit war und
sein junger Freund ausdrcklich auf diese Persnlichkeit behufs der Auslsung
hingewiesen hatte, erlitt dieselbe keinen Anstand und war dem bsen Leumund,
soweit in der Eile oder leider berhaupt noch mglich Einhalt getan.
Einigermaen erleichtert trabte Dezimus, sein Pretiosum auf dem Herzen, nach dem
Bahnhofe zurck, und nun, du Glcklicher, leite dich dein Johannisstern!
    In der Nachmittagsstunde, in welcher er mit seinem Rschen einen
Superintendentenbesuch in der Stadt verabredet hatte, dampfte er in die Welt
hinein auf der Suche nach dem verlorenen Sohn. Er sah im Geiste das liebe Kind
daheim unruhig hin und wieder trippeln, wohl auch ein bichen schmollen und
schmlen, und dann sah er eine andere sich die Hnde wund ringen im bittersten
Seelenjammer; von der weiten Gotteswelt aber, die sich zum ersten Male vor ihm
auftat, sah er leider wenig, was - versteht sich in anderer Stimmung - sein
Neulingsauge erquickt haben wrde. Er htte sich, wie bei seinem ersten
Abenteuer eine Universitt, so heute beim zweiten eine Reise anders denken
knnen. Endlose Stoppel- oder Rbenfelder, wirres Bahnhofsdrngen und Treiben,
langweilige Gesichter, Gesellen ohne Reiselust wie er selbst, und bald sah er
nichts mehr, denn es kam die Nacht, und mit der Nacht kam endlich auch der
Genius, der selbst den Unruhigsten ruhig macht. Als des Schaffners Ruf: Station
Deutz! den Genius verscheuchte, rang sich das erste Morgengrauen durch den
Nebel, der ber dem Rheinstrom brtete.
    Der nordwrts fhrende Zug lie ihm so viel Zeit, um ber die Schiffbrcke
zu gehen und einen Blick auf den Torso des Domes zu werfen, dessen Herstellung
seit etlichen Jahren mit so viel Eifer betrieben wurde. Das Knigswort, das
dieses Werde rief, hatte in der Pfarre von Werben einen mchtigen Widerhall
gefunden. Es deutete gleich einem Meisterspruch auf einen weit greren und noch
weit unfertigeren Bau, fr welchen Hammer und Kelle zu rhren waren. Die
Erinnerungen seiner glorreichen Zeit und die Entsagungen, die ihnen folgten,
wurden in dem Greise jung; zum ersten Male empfing der Sohn aus dem Munde des
alten Christen die Lehre des alten Heiden, da es s sei, fr das Vaterland zu
sterben.
    Und dieses Lehrwort wachte an diesem Morgen in seiner Seele auf, als er in
dem Irren nach einem sein Vaterland fliehenden betrten Kinde den Strom
berschritt, der, von sich hebenden Dunstschleiern umflattert, glanzlos und doch
majesttisch, breit und ruhig zu seinen Fen wallte. Auch dieser Flu galt ja
als Symbol. In grenden Zeiten wirkt alles Bedeutende als ein Deutnis, und die
Zeit, in welcher Dezimus Frey ein Jngling hie, kennzeichnete ja durchweg ein
gleichsam dichterisches Ringen aus der Vorstellung in die Darstellung.
    Jhlings haftete sein Blick, starrte sein Schritt. Herr der Welt! Wer ist
die jugendlich schmchtige Gestalt, die, bleich wie ein Schatten, mit weiten,
bernchtigen Aug en, bebend und schwankend sich ber das Gitter beugt, so als
ob die nebelumwogten grauen Fluten sie zugleich lockten und schreckten? Der Hut
ist vom Kopfe in den Strom gesunken; der feuchte Morgenwind weht durch die
wirren, gelben Locken. Philipp! schreit Dezimus auf, und - der verlorene Sohn
taumelt halb ohnmchtig in seine ausgespannten Arme.
    Er zog ihn in das nchste Wirtshaus am Klnischen Ufer; ein warmer Trunk
belebte ihn, die beklommene Brust erleichterte ein Trnenstrom. Ach, dieses
ungesthlte Muttershnchen, wie bald wrde es den Heischungen der Macht, die es
Freiheit nannte, erlegen sein an jedem Orte, wo es sie wirklich gefunden htte,
nicht blo sie zu finden gewhnt!
    In der Verfolgungsangst und doch wieder der Seligkeit eines der Galeere
Entsprungenen hatte er sich keine Raststunde gegnnt, nur immer vorwrts
gedrngt von einem Haltepunkt zum anderen, bis er den Werbeplatz am Zuydersee
erreichte. Was er dort zu finden hoffte? Eine deutliche Vorstellung wird er
nicht gehabt haben. Aber einen bunten Schauplatz, einen lustigen Tummelplatz,
vielleicht so etwas von einem preuischen Paradeplatz, auf dem man sang: Ein
freies Leben fhren wir! Und statt dessen sah er das rohe Treiben und Drillen
der fremden Sldlinge - der Masse nach Deserteure, Vagabonden, Ausgestoene aus
dem Walle der Familie, der Heimat, der Gesellschaft; mancher mit einem
Kainszeichen auf der Stirn -, wurde er Zeuge einer krperlichen Zchtigung, die
ihm das Blut erstarren machte.
    Ein wohlmeinender Brger, mit dem er in einem Wirtshaus zusammentraf und den
der Anblick des schnen, betrten Jnglingsknaben rhrte, belehrte ihn, da nach
den neueren Bestimmungen kein Auslnder es im Kolonialdienst weiter als bis zum
Unteroffiziersposten bringen knne, - und der Knabe hatte von
Generalsepauletten, von Orden und Lorbeerkronen getrumt! Der wohlmeinende
Warner belehrte ihn fernerhin, da unbrtige Brschchen wie er fast ausnahmslos
schon den Einflssen des Klimas und seiner lockenden Bodenfrchte erliegen, da
aber selbst abgehrtete, entsagungsstarke Mnner sich nur in einem Bruchteil
gegen die Strapazen des Dienstes behaupten, - und das Brschchen hatte von
lustigen Elefantenritten, von Tigerjagden in Palmenwldern und einer
Nabobsheimkehr getrumt!
    Aus allen Himmeln gestrzt, entsetzt, verzweifelnd, kehrte der
freiheitslsterne Junge, wiederum ohne Atem zu schpfen, die Strae, die er
gekommen war, zurck. Die Luft war khl und seine Kleidung noch sommerlich, sein
Sparpfennig aufgezehrt. Hungernd, bernchtig, schauernd vor Frost, schaudernd
vor Angst und Scham stand er nun auf der Rheinbrcke von Kln zwischen der Wahl
- der Heimkehr, als Bettler und Vagabond? nein, der Heimkehr nicht; aber vor
der, als Bettler und Vagabond sich bis ber die Grenze zu einem Werbebureau fr
die franzsische Fremdenlegion durchzuschlagen oder durch einen Sprung in die
Tiefe seinem Elend rasch ein Ende zu machen. So stand er, kaum mehr fhig zu
einem Entschlu, und sehr mglich, da die Erschpfung den Taumelnden jedes
Entschlusses berhoben haben wrde, wenn der Stern der Glcklichen ihm nicht
einen Wegweiser mit stmmigen Armen entgegengefhrt htte.
    Dezimus erfuhr diese klgliche Robinsonade von vier Tagen erst nach und nach
in weit spterer Stunde. In der gegenwrtigen begngte er sich, zu dem
Ausgehungerten zu sagen: I! und nachdem er sich sattgegessen, zu dem
bermdeten: Nun schlaf! Und was htte auch ein weiserer Mentor, als der
Kandidat von Werben sich zu sein verma, diesem willenlosen Gottesgeschpf zur
Stunde Weiseres heien knnen als: i und schlaf?
    Nachdem das Gottesgeschpf aber ausgeschlafen hatte, lange und fest wie ein
Murmeltier, lie es sich sonder Skrupel noch Unterhandlungen nach dem Bahnhofe
von Deutz zurckfhren; alle seine Sorge warf es, zwar nicht auf den Herrn, aber
auf seinen lieben guten Dezimus, der wrde es wohlmachen. Der liebe, gute
Dezimus wollte und konnte zwar nichts versprechen als die Vergebung Schwester
Lydias nach vorausgegangener reumtiger Bue; dennoch whrte es nicht lange, und
das leichte Bsebubenblut wallte so frohgemut auf wie je. Was auch ber ihn
verhngt werden mochte, alles war besser als die Fuchtel von Harderwyk und der
Hunger auf der Rheinbrcke von Kln.
    Es war spt am Abend, als sie die heimische Pfarre erreichten, unangemeldet,
da Telegramme des Privatverkehrs es auf dieser Strecke zu jener Zeit noch nicht
gab. Die Bewohner hielten sich schonend zurck; nach flchtiger, freudiger
Begrung des Sohnes berlieen sie es diesem Glcklichen, seinen Findling in
die eigene Bodenkammer zu geleiten und in sein eigenes Bett zu verweisen, allwo
er sich denn wiederum in Blde des Schlummers des Gerechten oder des Murmeltiers
erfreute. Dezimus dagegen begab sich, so spt es war, nach dem Schlo.
    Dort hatten sich infolge der Schreckenspost die gesamte Familie und deren
nchste Freunde zusammengefunden: die Mutter mit ihrem kleinen Pflegling,
Martin, seine Schwestern und ihre Gatten, der Vormund und selber der alte, treue
Magister Klein waren herbeigeeilt, um gemeinsam mit dem anerkannten Haupte der
Familie, mit Lydia, zu beten, zu ratschlagen, je nachdem zu handeln, oder auch
nur zu weinen und verzweifelnd die Hnde zu ringen. In allen Zimmern des
Schlosses brannte noch Licht; ein jeder sa angstvoll wach in seinem Kmmerlein.
    Doch sah Dezimus nur Lydia. Als sie seine frohe Botschaft vernommen hatte,
fate sie seine beiden Hnde, neigte ihre Stirn zu ihnen herab, und heie
Trnen, die ersten, welche den Krampf des Herzens lsten, rannen auf sie nieder.
Ein vernehmliches Wort sprachen die zitternden Lippen nicht. Als sie das schne
Haupt aber wieder erhob, da stand in ihren Augen geschrieben: Du hast mir mehr
als das Leben gerettet, Freund.
    Keiner wute besser als Dezimus selbst, wie so gar gering sein Verdienst bei
dieser Rettung war, wie alles nur das Wirken jener heimlichen Macht, welche die
einen Zufall nennen, die anderen Stern, und die Glcklichsten Gottes Rat. Was er
im Leben aber noch von Menschenkreuz und Leid zu tragen haben mag, der
Dankesblick, der in dieser Nacht aus seines weien Fruleins Augen strahlte,
wird ihn bis in seine Sterbestunde beseligen.

Eine schriftliche Weisung des Vormunds entbot am anderen Morgen den verlorenen
Sohn und seinen edlen Erretter - hrt, hrt! spottete das lustige Rschen -
nach dem Schlosse. Ein schwerer Gang fr den edlen Erretter, denn er ahnte mit
Fug, kein festliches Gewand werde dem verlorenen Sohne entgegengetragen und kein
gemstetes Kalb zu seinem Willkomm geschlachtet werden, dagegen ein strenger
Areopag den Spruch ber ihn fllen und das Los ber seine Zukunft werfen. Selbst
wenn Lydia nach den Erschtterungen der letzten Tage mit solch einer
Manifestation des Familienrechtes nicht einverstanden gewesen wre, wenn sie im
stillen Kmmerlein, wo ein Erlster betet, zu ihrem Bruder htte sagen mgen:
Ich vergebe dir, wrde sie ber Nacht inmitten eines bluts- und wahlverwandten
Kreises den hohen, feierlichen Grundton, auf welchen bei aller Abgeschlossenheit
ihr Vaterhaus gestimmt worden war, haben herabstimmen knnen?
    Auch Philipp mutmate eine widerwrtige Szene, und seine Stimmung war halb
trotzig, halb verzagt. An Ihnen, Dezimus, habe ich mich vergangen, das ist
richtig, sagte er. Sie aber haben mir vergeben, haben meinen dummen Streich
sogar vertuscht. Und was habe ich den anderen getan?
    Die Ungehrigkeit gegen meine Person war bei weitem die leichtere,
entgegnete Dezimus, wenngleich sie, nach dem Mae der Welt gemessen, schwer
genug in das Gewicht fallen mag. Das bittere Herzeleid aber, das Sie Ihrer
Mutter und Schwester angetan haben, kann Ihnen kein Mensch vergeben, bis Sie es
durch freudigen Gehorsam geshnt.
    O, meine Mama, die ist blo froh, da ich wieder da bin, versetzte der
Leichtfu mit obligater Torenzuversicht. Und Lydia, was fr ein Recht hat denn
Lydia ber mich? Und was kann sie mir am Ende denn auch tun? Legt sie mich noch
zehnmal an die Kette, reie ich mich noch zehnmal wieder los. Sie wird sich aber
wohl hten; denn mit dem Pastorwerden habe ich es - Gott sei Dank! - doch ein
fr allemal verschttet.
    Mit dem Soldatwerden aber auch, entgegnete Dezimus.
    Der Leichtfu seufzte und lie ein Weilchen den Kopf hngen. Sie sollen
mich wie Vetter Hilmar nach Ruland schicken - meinte er darauf. Ich wre von
selber hingegangen, wenn es nur nicht gar zu weit gewesen wre. Und dann wollte
ich doch fr mein Leben gern einmal eine groe Seereise machen.
    Das Wort verhallte in diesem Augenblick eindruckslos an des Freundes Ohr; in
dem Augenblick der Entscheidung aber wachte es pltzlich lebendig in dem Herzen
auf, wie ein Samenkorn, das ein Insekt in einen Bltenkelch getragen hat.
    Sie hatten den wenig bemerkten Eingang ber die Terrassen genommen. Im
Schlosse herrschte, ungeachtet der zahlreichen Insassen, Totenstille. Es galt
ein heimliches Gericht; die weibliche Dienerschaft war durch verschiedentliche
Auftrge fr die Morgenstunden entfernt worden; nur der alte Wagner, ein
Getreuer und Vertrauter aus der einstigen Heimat, zurckgeblieben, und sein auch
wohl das Verdienst, jene unzuverlssigen Zeuginnen beseitigt zu haben.
Schweigend mit zerwhlten Mienen ffnete er die Tr des Ahnensaales.
    Dezimus hatte ihn seit der Leichenfeier fr den Propst nicht wieder
betreten. Dessen Bild hing wie dazumal ber dem kleinen Betaltar; da, wo der
Sarg gestanden hatte, stand heute eine dunkelverhangene Tafel, an welcher der
Familienrat gehalten werden sollte. Die mnnlichen Mitglieder waren bereits
versammelt; die beiden Geistlichen im Ornat, der Obertribunalsrat und der
Kammerherr, die Gatten von Priszilla und Phbe, das weie Johanniterkreuz auf
den schwarzen Leibrock geheftet; Martin im Dienstanzug, den Helm unter dem Arm.
Alle standen mit den Gesichtern dem Bilde des Vaters zugekehrt und schienen den
Eintritt seines ungeratenen Sohnes nicht zu bemerken.
    Menschen aus einem Gusse - Martin etwa ausgenommen - waren sie ber die zu
treffende Entscheidung eines Sinnes und der Zweck der demonstrativen
Versammlung, neben dem persnlichen Gengen, wohl kaum ein anderer als der, der
unglcklichen Mutter in imponierender Weise eine harte Notwendigkeit erklrlich
zu machen. Denn ein so schwacher Menschenkenner, da er erwartet htte, durch
solch feierlichen Aktus einen Philipp zur Zerknirschung und zur Umkehr zu
bewegen, ein so schwacher Menschenkenner war doch wohl nur der alte, ehrliche
Professor Hildebrand.
    Philipp hatte beim berschreiten der Schwelle die Lippen trotzig
bereinandergebissen. Glut und Blsse wechselten auf seinem Gesicht. Er hielt
des Freundes Hand fest umklammert; die seinige war eiskalt. Aber nur die Frauen
waren es, vor deren Wiedersehen ihm bangte, die geliebte Mutter und die
Richterin Lydia. Als er daher gewahr wurde, da er es nur mit den Mnnern der
Familie zu tun haben sollte und er diese Mnner ihm so geflissentlich den Rcken
kehren sah, hatte er Mhe, ein Lachen zu unterdrcken, und drehte in Gedanken
dem hohen Gerichtshof eine echte, rechte Bsebubennase.
    Dezimus zog ihn in eine Fensternische, welche der Eingangstr zunchst und
der Versammlung zufernst lag; und da konnte der brave Martin es denn nicht
lnger ber das Herz bringen: er ging auf Dezimus zu, drckte ihm die Hand,
zuckte die Achseln, schttelte den Kopf, schlug mit einem Seufzer vor seinem
Nichtsnutz von Bruder die Augen nieder und kehrte dann schweigend zu dem
schweigenden Chor zurck.
    Noch dauerte es eine gute Weile, in welcher Dezimus nichts als das Ticktack
des Corpus delicti in seiner Westentasche vernahm. Endlich aber ffnete der alte
Wagner die Tr, und in den Saal wankte, von Lydia gesttzt, von ihren beiden
jngeren Tchtern gefolgt, die unglckliche Mutter, Martins Tchterchen auf dem
Arm. Sie sank wie gebrochen auf den ersten erreichbaren Sessel.
    Beim Erblicken dieses gramdurchwhlten, gtigen Mutterangesichts, der
weiten, leeren Augen, welche in den jngsten Tagen ihren Trnenborn erschpft zu
haben schienen, ri sich Philipp von des Freundes Hand und strzte mit einem
schrillen Aufschrei zu der Matrone Fen. So, den Kopf in ihren Scho vergraben,
blieb er liegen whrend der ganzen Verhandlung. Die Mutter hatte den einen Arm
um seinen Nacken geschlungen, als ob sie ihn festhalten wollte gegen den
Bannspruch der Gerechtigkeit; im anderen Arme lag die schlummernde Enkelin, ein
sprliches Wrmchen, das whrend der jachen Reise unpa geworden war und das die
treue Pflegerin in all ihrer Angst und Not nicht fr eine Stunde aus den Augen
gelassen haben wrde. Sie weinte auch jetzt nicht; nur dann und wann vernahm man
ein leises Wimmern, ohne da man unterschied, kam es aus des Kindes oder der
Matrone Brust.
    Die schweigende Gruppe unter dem Bilde hatte sich den Eintretenden
zugewendet; der Vormund schritt auf sie zu; die drei Schwestern neigten sich bis
zur Erde vor dem greisen Seelsorger und Vertreter des Vaters; sie kten seine
Hand, so wie sie beim Morgengru die des Vaters zu kssen gewohnt gewesen waren.
Die sonst so freundliche Mutter grte nicht einmal mit den Augen. Sie hatte
nicht daran gedacht, ihren Morgenanzug mit einem der Feierlichkeit
entsprechenden zu vertauschen. Lydia trug, wie noch immer seit ihres Vaters
Tode, ein Trauerkleid, und die beiden Schwestern hatten es ihr heute nachgetan.
Es handelte sich ja wieder um einen dsteren Akt im Ahnensaale.
    Der Professor bot Frau von Hartenstein den Arm, sie an den Ehrenplatz der
Gerichtstafel zu fhren. Sie schttelte schweigend das Haupt und rhrte sich
nicht aus ihrer mtterlichen Umstrickung. Priszilla und Phbe htten sich wohl
gern in ihrer Nhe gehalten, doch folgten sie gehorsam ihren Gatten an deren
Seite.
    Der Ehrenplatz blieb unbesetzt, da auch Lydia ihn ablehnte. Sie trat zur
Seite in einen zweiten Fensterbogen, von welchem aus sie die Schmerzensgruppe
der Mutter mit dem Sohn im Auge halten konnte. Dort stand sie aufrecht mit
gefaltenen Hnden, ohne sich zu regen; das, was um sie her laut ward, schien an
ihrem Ohr abzugleiten, ein innerlichster Vorgang sich zur Klarheit
durchzuringen, aber einer, unter welchem das gebeugte Haupt sich hob. Da der
uneingeweihte Kandidat dem Wink des ordnenden Vormunds an das untere Ende der
Tafel nicht Folge leistete, sondern in seinem dunkelumhllten Fensterwinkel
verharrte, wird die Versammlung der Eingeweihten ihm als geziemende
Bescheidenheit angerechnet haben.
    Magister Klein setzte sich an die Orgel; das alte Lutherlied Aus tiefer Not
schrei ich zu dir wurde angehoben; Lydia sang nicht mit, auch die am tiefsten
von der Not Bedrngten, Mutter und Sohn, waren nicht gestimmt zu einem Gebet mit
Sangesklang. Dann trat der Professor vor den Altar und hielt eine Ansprache ber
das Heilandsgebot: So dein Bruder an dir sndigt, so strafe ihn, und so er sich
bessert, vergib ihm. Gewilich das rechte Gebot in dieser Stunde und mit
bewegter Seele auch ausgedeutet, wie es dem Priester gebhrt: den Folgesatz an
der Spitze.
    Aber die schwere Aufgabe dieser Stunde war zur Erleichterung jedes einzelnen
unter die Berufenen verteilt worden, und der Folgesatz hatte einen Vordersatz,
dessen Klarlegung dem Rat vom obersten Gerichtshof, als Vertreter der weltlichen
Gerechtigkeit, sach- und fachgem zustand. Da dieser seine Aufgabe lsen werde
sonder Ansehn der Person, da er streng nach dem Gesetzeslaut deduzieren und
urteln werde, durfte von einem preuischen Richter selbst in einem Familienrat
vorausgesetzt werden.
    Er verlas aus dem Landrecht die Paragraphen, gegen welche der Angeklagte
gefrevelt hatte: durch die Aneignung fremden Eigentums, durch seine heimliche
Auswanderung vor erfllter militrischer Dienstpflicht, durch seine Flucht aus
der vormundschaftlichen Gewalt. Er verlas auch das Strafma, das auf diese
Vergehen gesetzt war, und das Ma war kein geringes.
    Dies vorausgeschickt, glaubte das rechtsbeflissene Mitglied der Familie sich
bei alledem - vielleicht nicht ohne gelinde Beugung seines staatlichen Gewissens
- zu dem Antrage befugt: in Betracht der Jugend des beltters, in
fernerweitigem Betracht, da durch den rechtzeitigen Eingriff eines Dritten die
strfliche Handlung hinsichtlich der beiden letzten Anklagepunkte beim Versuche
geblieben sei: die dem Staate zustehende Pflicht der Strafe in diesem besonderen
Falle auf die Familie zu bertragen; unter der selbstverstndlichen
Voraussetzung, da eine so glubig in sich gefestete Familie wie diese das Ma
der Bue dem des Vergehens adquat bemessen und die brgerliche Gesellschaft vor
fernerer Schdigung durch den jungen beltter schtzen werde.
    Dieser kriminalistischen Klarlegung, vorgetragen im allerernsthaftesten
Ernst, angehrt dagegen mit allseitig zerstreuten oder gleichgltigen Mienen,
folgte eine Pause atemloser Spannung fr die Mutter, ihren Sohn und dessen
Freund. Wem von ihnen wre auch nur einen Augenblick der Gedanke an die
materielle Statthaftigkeit eines Rechtsschutzes und Strafaktes von seiten des
Fiskus in den Sinn gekommen? Dahingegen die Frage, in welcher Weise die so
glubig in sich gefestete Familie solchen Rechtsschutz und Buakt fordern werde,
schwer die Herzen jener drei belastete. Die brigen Familienglieder waren ber
diese Frage schlssig geworden in einer schlummerlosen Nacht; auch die jungen
Schwestern hatten der Entscheidung zugestimmt, wennschon mit zerrttetem Herzen;
auch Lydia, und sie sogar mit gehobenem Herzen. Es handelte sich nur noch, dem
verlorenen Sohn, und vornehmlich seiner Mutter, den Beweis zu fhren, da um
seiner eigenen Existenz wie um der Ehre und Ruhe seiner Angehrigen willen keine
andere Wahl als die getroffene zu treffen war. Und diese Darlegung hatte der
Kammerherr von Behrmann, Phbes Gatte, bernommen. Nach dem Priester und Richter
war die Reihe an dem Kavalier.
    Welch eine Zukunft, so fragte er, bleibt einem jungen Edelmann, der
wohlbegabt und wohlgebildet, in zurechnungsfhigem Alter, von der Scheu vor
geistiger Anstrengung und christlicher Zucht sich so weit treiben lie, die
natrlichsten und heiligsten Bande schnde zu zerreien und als Abenteurer in
die Welt zu gehen? Der, um seiner eigenen Ruchlosigkeit zu frnen, unter
trgerischen Vorwnden sich die erforderlichen Mittel erschwindelt, seine
Habseligkeiten - gespendete Wohltat seiner schwesterlichen Versorgerin -
heimlich verschleudert, ja, sich sogar an dem Eigentum eines Fremden vergreift,
eines drftig von anstrengender Arbeit lebenden Heimatsgenossen, des Schtzlings
seiner edlen mtterlichen Ahnen? Selbst fr den Fall, da infolge vorbeugender
Manahmen, welche die Dankbarkeit diesem braven jungen Manne eingegeben hat, der
schmhliche Handel als Geheimnis in einem kleinen Kreise gewahrt bleiben sollte
- was im hchsten Mae zu bezweifeln ist -, selbst fr den Fall, da, verborgen
vor den Augen der Welt, sich eine Umkehr wirkende Bue htte ersinnen lassen -
was keinem seiner nchsten Angehrigen gelungen ist -, selber in diesen
gnstigsten Fllen: welche Laufbahn knnte in unserem Staate einer betreten,
oder in welcher knnte er sich behaupten, der in seinen eigenen Augen und in
denen, sei es auch nur eines Dutzend Menschen, ein Betrger ist, ja ein Dieb?
Der Jngling hat sich auf den im Blute der Hartenstein ererbten Soldatenberuf
gesteift: Leutnant von Hartenstein, kann einer dem Verbande eines Offizierkorps
angehren, den, sei es auch nur ein Dutzend Menschen, als Betrger kennen, ja
als Dieb?
    Der Leutnant von Hartenstein antwortete kleinlaut: Nein, und da er dabei
rasselnd an seinen Sbel schlug, geschah wohl weniger, um das Nein zu
verstrken, als es den Ohren des brderlichen Betrgers und Diebes unhrbar zu
machen. Der Kammerherr von Behrmann aber hatte das Nein gehrt und durfte sich
darauf berufen.
    Sein edler Vater, so fuhr er fort, hatte fr den Sohn den geistlichen
Beruf erwhlt. Des Sohnes strriges Widerstreben trieb ihn in die Snde. Gesetzt
den Fall, die Strafe der Snde wirke Reue, die Reue Besserung: kann einer als
Gottes Priester die Gebote, die auf den Gesetzestafeln geschrieben stehen,
verknden, der wei und von dem auch nur ein Dutzend Menschen wei, wie schwer
er selber gegen mehr als eines dieser Gebote gesndigt hat?
    Die beiden Priester der Versammlung schttelten schweigend die grauen
Hupter. Da sie redliche Priester und sich wohl bewut waren, da schon aus
manchem freiheitslsternen Adamssohne mit der Zeit ein um so eifermtigerer
Apostel geworden ist, galt ihre schweigende Verneinung gewilich nicht der Frage
im allgemeinen, sondern dem Zweifel an einer geistlichen Umkehr in diesem
besonderen Fall. Und in diesem besonderen Fall stimmte ihnen der werdende
Priester im Fensterwinkel aufrichtig, wenn auch nur in der Stille des Herzens
bei.
    Kann einer Richter sein, fuhr der Fragsteller fort, Hter des
gesellschaftlichen Rechts in irgendwelchem Amt, Verwalter der Autoritt oder des
Eigentums seines Staates, der nur vor eines Dutzend Menschen Augen und seinen
eigenen mit dem schimpflichsten Makel behaftet ist?
    Nein, dreimal nein! rief der Rat vom obersten Gericht mit der Energie
eines Mannes, der fr die Sicherheit von Knig und Vaterland einzustehen hat.
    Die Reihe der Erwgungen war mit diesem dreifachen Nein erschpft; von
irgendeinem theoretischen Berufe konnte bei des Jnglings unstetem Temperament
nicht die Rede sein und irgendein industrielles Gewerbe nicht in Betracht kommen
in einem Kreise, der von allen attischen Anschauungen keine so grndlich wie die
der schndenden Handarbeit in sich aufgenommen, der schndenden Handarbeit
selbst fr einen, den die Natur nun einmal absolut zum Geistarbeiter verdorben
hat. Das Korrektiv wrde schmhlicher als das bel, welches es herstellen
sollte, erschienen sein. Der ritterlichen Hand geziemte das Schwert, die Feder
und allenfalls noch - der Pflug.
    Freund Dezimus, der whrend der hochnotpeinlichen Argumentation wie auf
Kohlen gestanden und vielleicht mehr als Inkulpat selbst Blut und Essig
geschwitzt, hatte die sichere Hoffnung gehegt, da der kammerherrliche Schwager,
der in einer abgelegenen Provinz ein ihm eignendes Rittergut von migem Umfang
persnlich bewirtschaftete, abschlieend seine Bereitwilligkeit erklren werde,
den Bruder seiner Gattin als landwirtschaftlichen Eleven in seine Zucht zu
nehmen, und wenn die unglckliche Mutter berhaupt eines Rettungsplanes fhig
gewesen wre, wrde auch sie keinen anderen als diesen ins Auge gefat haben.
Ihr Eidam, der diese mtterliche Hoffnung mutmaen mochte, war daher beflissen,
ihr sie mit ausfhrlichen Grnden zu benehmen. Nicht nur da der zeitweilige
Dienst bei allerhchsten Personen, neben anderweitigen ritterschaftlichen
Obliegenheiten, ihn auerstand setzten, eine so schwere Verantwortung wie die
Korrektur und Rehabilitierung eines derartig verirrten Familiengliedes auf sich
zu laden, nicht nur, da die Zwitterstellung eines Blutsverwandten und
Untergebenen fast immer eine unhaltbare ist, da sie bei einem so zgellosen
Temperament zu einem gefhrlichen Beispiel fr die nchste Familie wie fr
Untergebene werden kann: welche Aussicht bot, selbst bei soliderer Anlage, die
konomische Laufbahn einem jungen Edelmann, der gnzlich ohne Vermgen war? Wohl
geziemte der Pflug einer ritterlichen Hand; aber der eigene Pflug mute es sein.
Konnte ein Hartenstein wie Hinz und Kunz lebenslang Verwalter oder allenfalls
Pchter eines Fremden sein? konnte er der von einem Privatmann besoldete Jger
oder allenfalls Unterfrster sein? Eine erneuernde Arbeit in Wald und Flur blieb
demnach gleichfalls von der Wahl ausgeschlossen.
    Und so lautete denn - wie leider schon oftmals nach einem jugendlichen
Tollkopfsstreich! - der Schiedsspruch, der, in der Stille der Nacht einmtig
gefat, nunmehr im Ahnensaale von Werben verkndet und einmtig besttigt wurde:
Das Exil! Nur fern von seiner Familie, seiner Heimat, seinem Staat und
Erdteil, von allem, an dem er bisher gehangen, nur als Fremdling in einer
fremden Zone, unter einer unfertigen Gesittung, konnte einer, der in seiner Ehre
also beschdigt, in seiner Sitte also gesunken war, den Raum finden, auf dem er
sich zu einem neuen Menschen umbildete. Fort in eine neue Welt! fort!
    Philipp hatte bei der letzten Ausfhrung den Kopf von der Mutter Schoe
emporgerichtet, seine Augen funkelten vor Lust und Ungeduld. Was wollten denn
diese trichten Schwtzer als sein eigenes glhendes Verlangen? War die Strafe,
die sie diktierten, denn etwas anderes als das Vergehen, dessen sie ihn
beschuldigten? Juchhei in eine neue Welt! Fort! fort! rief er gleichzeitig mit
dem Antragsteller.
    Der Brust der Mutter aber entrang sich bei diesem bannenden und jauchzenden
Fort! ein so markerschtternder Schrei, da der Redner in seinem Vortrag
innehielt und der Sohn den Kopf wieder in ihren Scho sinken lie. Alle Blicke
richteten sich nach der unglcklichen Frau; Priszilla und Phbe nherten sich
ihr mit berstrmenden Augen. Der Knabe war auch ihr Liebling gewesen; beide
waren junge Mtter; sie hatten den Streich vorgefhlt, und sie fhlten ihn jetzt
nach, der mit dem grausamen Fort! das zrtlichste Herz wie ein Todesstreich
durchzuckte, ohne da sie, ach! ihn abzuwehren vermochten.
    Nur Lydia war auf ihrem Platze verharrt; mit weitgeffnetem Blick starrte
sie auf die bewegte Gruppe; ihre Glieder bebten unter dem faltigen Trauerkleide,
selber ihre Lippen waren wei. Sie hatte den Schmerz der Trennung, die ihr
Rettung hie, nicht in dieser Muttertiefe geahnt; sie hatte das Opfer, das sie
selbst befreien sollte, mehr als das bedacht, welches sie auferlegte. Das ist
dein Werk! klagte der unerbittliche Genius in ihrer Brust sie an. Das Wort der
Erluterung, der Beschwichtigung, das Wort, welches die Strafe als eine Gnade
darstellen sollte, war ihr zugeteilt gewesen; da sie es nicht auszusprechen
vermochte, tat es der vterliche Freund an ihrer Statt.
    Er ging auf Frau von Hartenstein zu, ergriff ihre Hand und redete ihr zu
Gemt mit bewegtem, ja fast mit zrnendem Klang. Durfte sie ihm zutrauen, da er
ein Kind, an dem er Vaterstelle vertrat, einen Sohn Joachim von Hartensteins,
einen Knaben mit noch unentwickelten, selbst krperlichen Krften, in die Fremde
hinausstoen werde, in die Irre einer ungebndigten ueren Natur, in das
Wirrsal der wsten Gesellschaft, die jenseit des Ozeans den Boden fr neue
Kulturen dngt? Nimmer, nimmermehr! Der Port, in welchem ihr verirrtes Kind
landen sollte, war ein Friedensport, die Htte, die ihn bergen sollte, war eine
Htte der Liebe, die Arme, die ihn umfangen und leiten sollten, waren Vaterarme.
Kannte die Mutter ihn denn nicht, hie sie ihn denn nicht ihren Freund, den
treuen Mann, der in der Zeit der Drangsal Amt und Heimat verlie, um als
Sendbote seines ewigen Herrn das Licht des Heils in das Bereich
nachtumschatteter Seelen zu tragen? Wirkten nicht Weib und Kind, lehrend und
pflegend, frohbeglckt an seiner Seite? Hatte er nicht manchen Jnger aus seiner
deutschen Heimat zu gleichem Wirken sich nachgezogen? Nannten Kirche wie
Gelehrtenwelt seinen Namen nicht mit Stolz? Waren es nicht Festtage in der
Familie Joachim von Hartensteins, wenn aus dem Palmentale neue Kunde anlangte
von dem Gnadenwunder, das die Gebete und die Opfer heimischer Bekenner in immer
weiteren Kreisen falschgerichteter Seelen zeugten?
    Unser Vaterland, die Wiege des Protestantismus, hat sich in einer der
erhabensten Aufgaben von seinen Tochtervlkern schmachwrdig berholen lassen.
Noch wirken an der Sttte, auf welcher das Heil gezeugt, von welcher es in die
Welt hinausgetragen worden ist, die deutschen Sendboten, die es in jene
verdunkelte Sttte zurcketragen, unter fremder gide. Schon jedoch sind die
hchsten und hehrsten Herzen dafr erweckt, die Sumnis einzuholen. Bald wird
das Friedenskreuz auf preuischem Banner wehen und unter diesem zweifach
heiligen Zeichen der dem Vaterlande verlorene Sohn demselben wiedergewonnen
werden. Seine Strafe heit Liebe dulden und seine Bue Liebe ben lernen; sein
Exil ist der Boden, der jedes Christen teuerste Erdenheimat ist.
    Es war eine eingngliche Schilderung, welche nach diesen warmen Worten
Professor Hildebrand von dem ueren und inneren Gedeihen der englischen
Missionsstation in Palstina entwarf; wohl nur darum so eingnglich, um der
aufgeregten Mutter eine Pause der Sammlung zu gewhren. Denn weder ihr noch
irgendeinem seiner Hrer wurde etwas Unbekanntes mitgeteilt. Leider auch dem
nicht, auf welchen jenes Gedeihen eine Heilswirkung ben sollte. Wenn frherhin
der Vormund ber seines Zglings Stumpfsinn, ja seinen Abscheu vor vertiefenden
Lehrworten geklagt hatte, so war es zweifelhaft, was dem Kindskopfe grndlicher
widerstand, ob die Schulexpositionen der alten Heidendichter oder die Berichte
der neuen Heidenbekehrer, die ein Hauptthema der Unterhaltung in seinem Kerker
bildeten. Was fragte der Sausewind Philipp nach den Operationen der Gnade in
einer Berbernseele? was nach den Rudimenten von Sprache und Sage semitischer
Vlkerbrocken? Die Friedenshtte des Palmentales war ihm nur wiederum ein
Gefngnis, in welchem gesungen und gebetet wurde, abgeschieden von allem, was
auf Erden lacht und lockt, noch weit eindiger als der Ahnensaal von Werben oder
die Bcherklause der Gelehrtenstadt.
    Whrend des Professors Vortrag wachte der alte Unband denn auch merkbar in
ihm auf; er warf den Kopf in die Hhe, wollte aufspringen, murrte halb
unterdrckte Laute. Da die Mutter aber ihren Arm immer dichter um seinen Hals
schlang, ihm die Locken streichelte und in sein Ohr flsterte: Still, still,
mein Kind, ich verlasse dich nicht, wurde ein Ausbruch notdrftig gehindert,
bis der Redner geendet hatte. Zustimmungssicher berblickte er den Kreis seiner
Hrer; einer nach dem anderen neigte schweigend das Haupt; nur Lydia stand in
sich versunken, und die Matrone erhob sich zu einer Gegenrede von ihrem Platz.
    Eine Purpurwoge berflog ihr blasses, kindliches Gesicht; sie zitterte so
heftig, da sie die schlummernde kleine Enkelin, um sie nicht fallen zu lassen,
auf ihren Sessel niederlegte und mit beiden Armen den Sohn umklammerte. Sie rang
nach einem Wort, war aber so gewohnt, sich schweigend zu fgen, da sie den Sinn
nicht alsobald fand, und den Laut drngte alles, was Angst und Qual heit, in
die Brust zurck. Nach einer erwartungsvollen Pause fragte der alte Freund
daher, ob sie gegen das Rettungswerk, welches er nach bestem Wissen und
Gewissen, im Einverstndnis mit allen den Ihrigen zum Vorschlag gebracht, einen
Einwand zu erheben habe.
    Sie schttelte das Haupt. Nein, nein, prete sie hervor. Aber - aber, ich
verlasse meinen Sohn nicht, - ich gehe mit, wohin er geht.
    Die sanfte Frau sah danach aus, als ob sie zu dieser mtterlichen Heldentat
unwiderruflich entschlossen sei. Keiner hatte diesen Zug von Energie je an ihr
wahrgenommen. Eine lange Pause entstand. Die richtenden Mnner blickten
betroffen erst die Matrone, dann sich untereinander an. Wo blieb die Strafe und
wo die Bue des verlorenen Sohnes unter diesem Geleit? Die jungen Tchter warfen
sich an der Mutter Herz, entsetzt von der Vorstellung der Entbehrungen und
Gefahren, welche das zarte, teuere Leben bedrohten. Auch Martins Augen waren
feucht. Er nherte sich der Gruppe, hob sein Tchterchen von dem Sessel in die
Hhe und legte es in der Mutter Arm, whrend er mit dem seinen ihren bebenden
Leib umspannte.
    Und was soll aus diesem armen Wrmchen werden, wenn auch du von ihm gehst,
Mama? fragte er mit schluchzender Stimme.
    Die unglckliche Frau taumelte auf ihren Platz zurck. Zum ersten Male
entstrzte ein Trnenstrom ihren Augen. Im Arm das schwache, mutterlose Kind, an
der Hand den gechteten Sohn, schweiften ihre Blicke von jenem zu diesem und von
diesem zu jenem. Welches von beiden liebte sie mehr: das schuldige Kind oder das
unschuldige? Welches von beiden bedurfte der Liebe einer Mutter mehr? Ach,
bewahre doch Gott in Gnaden ein armes Frauenherz vor solcher Liebeswahl! Kein
Atemzug wehte durch die Schwle des Ahnensaals.
    Da nahte sich Lydia mit festen Schritten; das schne Haupt hoch
aufgerichtet, ein hehres Feuer in den Augen und auf den Wangen eine Purpurblte.
Nicht du, meine Mutter, sagte sie, indem sie die Hand der Witwe an ihr Herz
drckte. Dein Platz ist bei diesem Kind. Mit deinem Sohne gehe ich, und ich
gelobe dir, fortan mit deinen Augen ber ihn zu wachen.
    Die Mutter lehnte ihr Haupt an der Tochter Brust.
    Lydia! stammelte sie. Lydia, du mit ihm! du! - o, mein Joachim, hast du
es gehrt?
    In diesem unter sich so vertrauten Kreise ahnete keiner, da der Entschlu,
welchen Lydia mit solcher Ruhe uerte, nicht erst die Eingebung des Augenblicks
sei, sondern eine vorbedachte Selbstbefreiung von schwerem Druck, - keiner als
Dezimus, der einzige dem Kreise nicht Vertraute. Alle anderen sahen nur das
Opfer; die Mehrzahl neben dem moralischen Opfer auch das materielle, da es ja
den Verzicht auf das Werbensche Erbe in sich schlo; und gewi berechnete
mancher die Einbue, die auch ihn mittelbar bedrohte. Aber so natrlich erschien
alles, was dieses Mdchen Besonderes tat, so besonders alles, was ihm natrlich
war, und so unbedingt war die Schtzung ihrer adligen Natur, da auch nicht der
leiseste Einwand gegen ihr Vorhaben erhoben wurde. Der schwere Familienkonflikt
wrde heute wiederum wie beim Tode des Vaters durch das Opfer der Schwester
erledigt worden sein, wenn - ja, wenn nicht der gewesen wre, welchem es dazumal
einschlielich und heute ausschlielich gebracht wurde.
    Der aber, der trichte Knabe, gebrdete sich pltzlich, als ob der bse
Geist in ihn gefahren sei. In dem Geleit der Mutter, so aufrichtig es gemeint
war, hatte er eine gtige Tuschung gesehen, einen Einfall, der ihm das Wasser
in die Augen trieb, aber doch nicht viel mehr als eine Seifenblase. Wenn es auf
ihn selber angekommen wre, ei freilich, was htte er sich denn Besseres
wnschen knnen, als mit seinem Mtterchen eine Bufahrt um die halbe Welt zu
machen, an irgendeinem hbschen Platze es zum Aussteigen zu bereden und allda
seines jungen Lebens froh zu werden! Aber die anderen! Was sollte diese liebe,
gute, englische Mama unter Juden, Heiden und Trken? Weit eher, als da man sie
fort lie, lie man ihn ja los. Die ganze Geschichte war dummes Zeug.
    Nun jedoch, da Lydia an der Mutter Stelle trat, wurde die Geschichte
bitterer Ernst, und die lange verbissene Wut brach jhlings in dem Unband aus.
Er ri sich von der Mutter Hand, ballte die Fuste und stampfte mit den Fen.
Die Augen sprhten wie wilde Katzenaugen.
    Und ich gehe nicht mit! kreischte er mit berschnappender Fistelstimme.
Ich kann keine Heiden bekehren, und ich mag keine bekehren. Ich bin selber ein
Heide. Ja, ein Heide bin ich. Ein Heide! Ich will nicht beten und singen, zu
Hause nicht und im Gelobten Lande noch viel weniger. Schleppt mich nur hin; ich
laufe unter die Trken und werde Soldat. Sperrt mich nur in die Kajte, bindet
mich fest, beim Landen mt ihr mich doch losmachen, und ich springe ins Meer
und schwimme mich frei, lebendig oder tot!
    Welcher Umschlag in den Gemtern! Lydia stand starr und fahl wie ein
Gespenst; alles Mitleid der jungen Schwestern war verstummt, selbst die Mutter
blickte verzagt. Die Mnner zitterten oder knirschten vor Emprung.
    In die Zwangsjacke mit dem Besessenen! murmelten die geistlichen Freunde.
    In das Zuchthaus mit dem Bsewicht! riefen die weltlichen Schwger.
    Dann eine Pause stummer Ratlosigkeit. Philipp wischte sich den Schwei von
der Stirn und den weien Schaum von den Lippen. Die Tarantel hatte ausgebraust.
Wallt doch selbst in grauen Siedekpfen die wilde Wut einen Atems auf und ab,
und hat sie abgewallt, ist das Gehus bis auf weiteres entleert. Gegenwrtigen
kindischen Siedekopf aber gar, htte man fnf Minuten, nachdem er sich als Heide
proklamiert, ihn an Bord eines christlichen Missionsschiffes gefhrt, er wrde
gefolgt sein wie ein Lamm. Ja, er blickte schon wieder ganz wohlgemut dem
Freunde zu, dessen Gegenwart er seit einer Stunde vergessen hatte und den er
jetzt aus seinem Fensterwinkel auf die rat- und sprachlose Versammlung
zuschreiten sah. Sein lieber, guter Dezimus, er wrde ihn schon noch einmal aus
seiner argen Klemme ziehen!
    Die Blicke der weisen Richter waren denen des jungen Toren nicht ohne
Befremdung gefolgt. Was wollte Saul unter den Propheten?
    Wenn fr ein Problem, das Tag wie Nacht hindurch Hirn und Herz zerwhlt hat,
im Sturme des Affekts, jach wie ein Blitz, die Lsung uns durchzuckt, dann,
nicht wahr? dann nennen wir es Eingebung? Und wenn, wiederum im Sturme des
Affekts, die Eingebung einen zndenden Ausdruck findet, dann nennen wir diesen
Beredsamkeit? Wirkung und Wirksamkeit solcher Art war dem glcklichen Kandidaten
in dieser Stunde beschieden. Er hatte einen Einfall zu rechter Zeit, was allemal
ein Treffer ist in der Lebenslotterie; einen recht einfachen Einfall, ebenso
einfach wie der des Kolumbus, nicht da er Amerika entdeckte, sondern da er das
bewute Ei zum Stehen brachte.
    In Parenthese: Nach Frau Hanna Blmels Dafrhalten ein weit
verwunderlicheres Kunststck als die Entdeckung Amerikas, insofern das Ei weder
ausgelaufen noch ein hartgesottenes gewesen sein sollte.
    Diesen einfachen Einfall brachte der Kandidat nun aus eigener
Machtvollkommenheit der bestrmten und bestrzten Versammlung zu Gehr, aus
warmem Herzen mit warmem Wort, denn er sprach als Freund. Da er dabei nicht
ohne gewisse diplomatische Rcksichtsnahmen verfuhr, wird man hoffentlich seinem
redlichen Hirtensinn weder als Ironie noch als Achseltrgerei auslegen. Selber
von der Kanzel herab mu ein Redestck ja wohl dem Auditorium ohrgerecht
zubereitet werden, wie viel mehr in einem Ahnensaal.
    Unabsichtlich kunstgem nahm er seinen Ausgang von dem geringfgigsten
Punkt, will sagen von seiner eigenen Person. Er erzhlte denen, die es noch
nicht wuten, und just denen galt ja seine berredung, von seinem Bruder, einem
erprobten Seemann, der den kommenden Winter in einem bescheidenen Heimwesen auf
einer der friesischen Inseln auszuruhen gedenke, und da er, der Kandidat, im
Begriffe stehe, einer geschwisterlichen Einladung in dieses Heimwesen zu folgen.
Unumwunden richtete er darauf an die, welchen die Entscheidung ber seines
jungen Freundes Schicksal zustehe, die Bitte, ihm denselben als Begleiter auf
dieser Reise anzuvertrauen und, falls die Verhltnisse seinen Erwartungen
entsprechend gefunden werden sollten, ihn alldort fr eine Probezeit der Obhut
braver, einfacher Menschen und der geistigen Fhrung des Predigers der Insel,
dessen Name ja als der eines treuen Christen und bewhrten Pdagogen weit ber
den Kreis seiner nchsten Wirksamkeit hinaus bekannt sei, zu berlassen.
    (Erstes Zeichen rednerischen Erfolges: die beiden frommen Seelsorger neigten
bei diesem Passus vom Inselpastor zustimmend die Hupter.)
    Insofern nmlich der Jngling gewillt sei, sich dieser Probezeit ohne
Struben zu unterwerfen und - -
    Ja, ja, ich will! unterbrach ihn Philipp freuderot, indem er Anstalt
machte, sich seinem Erretter in die Arme zu strzen.
    Der aber wehrte ihn ab. Nicht an Ihnen ist zunchst die Entscheidung, und
es ist kein Freudenleben, das Sie erwartet, trichtes Kind, sagte er mit
Mentorwrde, fr welche Zurechtweisung er ein zustimmendes Neigen auch der
beiden schwgerlichen Hupter erntete.
    Ein unruhig neugieriges Verlangen, so fuhr er fort, prickelnd in den
Adern dieses Jnglings, den ich, ber seine Jahre hinaus, noch einen Knaben
nennen mchte, hat ihn in eine schwere Verirrung getrieben, und es ist im Kreise
dieser Berufenen entschieden worden, da unsere gesellschaftlichen Einrichtungen
einem derartig Verirrten seines Standes, selbst wenn er ein anderer geworden
wre, nicht den Raum gewhren, auf welchem er sich zu einem ntzlichen und
glcklichen Menschen heranbilden drfte. Mir, in meiner Stellung, gebricht wie
das Urteil so die Befugnis, solchem Entscheid zu widersprechen.
    (In Mienen und Gebrden allseitige Zustimmung des Mnnerkreises bei diesem
Zeugnis bescheidener Selbstschtzung.)
    Sollte aber nicht vielleicht fr eine derartig angelegte Natur der Beruf
des Seemanns in Betracht zu ziehen sein? Sollte - -
    Ja, ja, Seemann will ich werden! unterbrach ihn Philipp zum zweiten Male,
um zum zweiten Male zur Ruhe verwiesen zu werden.
    Der maritime Verkehr unseres Vaterlandes, so hob sein Frsprecher von
neuem an, je mehr und mehr auch von einem sachlichen Eifer beherrscht,
beschrnkt sich bis jetzt auf den Handel von Privaten. Die Sehnsucht des Volkes
aber drngt zu Schutz, Frderung und Forschung nach einer staatlichen Ausdehnung
dieses Verkehrs.
    (Seitens des Kammerherrn Zeichen der Mibilligung, von dem Redner leider
unbemerkt.)
    Und wenn diese Ausdehnung eines Tages errungen werden sollte, wrde dann
fr einen bereits seemnnisch Geschulten nicht auf eine angemessene Stellung im
vaterlndischen Dienst zu rechnen sein?
    (Die Nichtbereinstimmung mit dieser zweifachen Erwartung einer preuischen
Flotte und eines auf ihr bediensteten Schwagers wurde jetzt auch an dem hohen
Rat so augenfllig, da der Kandidat sich beeilte, eine sympathischere Saite
anzuschlagen.)
    Aber auch abgesehen von dieser zweifelhaften Zukunftsfrage, wie hufig ist
es ausgesprochen worden, und wem leuchtete es nicht ein, da das wagnisvolle
Ringen zwischen Ozean und Himmel wie kein anderer Beruf geeignet sei, einen
schwanken Menschen fest, einen schwachen stark zu machen; warum nicht auch
diesen Jngling, dem ein unbestimmter Drang in das Weite den Segen der Nhe
verkennen lt? Warum mit der Zeit ihn nicht auch reif fr das erhabene Amt, das
seine Freunde fr ihn erwhlten, wenn er auch heute noch nicht fhig ist, seine
heiligende Bedeutung zu fassen? Schon manchen unserer wirkungsvollsten
Missionare hat der Drang der Forschung, ja der Abenteuer unter die Heidenwelt
getrieben, bevor das Erbarmen mit deren geistiger Armut den Eifer des Apostels
in ihm zum Durchbruch brachte.
    Wenn aber auch dieser hchste Segen eine Frage der Zukunft bleiben mu, so
wrde der Gewinn fr die Gegenwart wohl in keiner Weise eine Frage sein. Ein
winterlicher Aufenthalt auf dem einsamen Eiland, unter den Eindrcken
elementarer Allgewalt, im ausschlielichen Umgang mit Menschen, die vertraut
sind den herben Entsagungen und Drohnissen des seemnnischen Berufs, wrde die
Entscheidung fr oder gegen diesen Beruf in dem Jngling zur Klarheit bringen,
wrde den Seinen, wie ihm selbst, zur Wahl eines anderen die Frist gewhren; der
zarte Krper wrde sich krftigen, uere Kenntnisse und innere Erkenntnis
wrden gefrdert, knabenhafte Einbildungen verscheucht werden, der bermut Grad
um Grad sich zu besonnenem Mannesmut abdampfen.
    Als der Kandidat mit diesen Worten seine Jungfernrede schlo, erntete er
einen groen Triumph. Der verlorene Sohn hing an seinem Halse, nannte ihn seinen
Retter, seinen einzigen Freund; Bruder Martin nannte ihn gar ein famoses Genie,
und die beiden Schwestern umschmeichelten ihn unter Lachen und Weinen, ohne da
ihre Herren Ehegemahle darob eiferschtig wurden. Die unglckliche Mutter aber
dankte ihm wie eine zum Tode Verurteilte fr die erwirkte Gnadenfrist.
    Ja, er soll mit Ihnen gehen, schluchzte sie. Handeln Sie fr ihn, als ob
er Ihr Bruder wre.
    Und endlich die weisen Richter, was blieb ihnen brig, als aus der Not eine
Tugend zu machen und ihren Herrgott im stillen zu preisen, weil ihnen einen
Winter lang vor dem bsen Buben Ruhe verschafft worden war? Keiner aber inniger
als der alte Familienfreund, der vier Jahre hindurch bei seinen
Vormundspflichten weit Unleidlicheres auszustehen gehabt hatte als der junge
Leichtfu bei seinen Mndelpflichten. Die Seemannsprobe unter der geistigen
Obhut des wohlberufenen Inselpfarrers war eine Erlsung fr den gottesgelehrten
alten Herrn. Er stellte daher, einer etwaigen weichmtigen Sinnesnderung
vorzubeugen, auch lediglich die Bedingung, da die Reise sobald als mglich
angetreten werde; und als Dezimus sich jede Stunde zu ihr bereit erklrte,
gleichviel ob Bruder Steuermann bereits in sein Winterquartier gerckt sei oder
nicht - Herr im Hause war ja doch die Steuerfrau -, wurde gleich der heutige
Abend zum Antritt der Bufahrt bestimmt. Diese wrde unter persnlicher Fhrung
des treuen Vormunds vonstatten gegangen sein, wenn nicht Frulein Lydia sich zu
seiner Stellvertretung erboten htte; ein Tausch, gegen welchen von keiner Seite
Einwand erhoben wurde und von Seite des Kandidaten Frey am wenigsten.
    Die unglckliche Lydia! Sie allein teilte die allgemeine Befriedigung nicht.
Wohl drckte auch sie Dezimus die Hand, wie man sie einem nothelfenden Freunde
zu drcken pflegt; aber die Purpurblte war auf ihren Wangen erloschen und auf
ihre Seele die Last zurckgewlzt, von welcher sie sich durch ein edles Opfer zu
erlsen gehofft hatte. Keiner im Kreise ihrer Gleichgesinnten ahnete diese Last.
Der einzige Fremde in diesem Kreise aber verstand und empfand sie wie einen
eigensten Schmerz.
    Im Pfarrhause feierte der Kandidat, der eine bngliche Schicksalsfrage so
befriedigend gelst hatte, einen zweiten auerordentlichen Triumph; wenn auch
nicht gerade als inspiriertes Genie, so doch als ein Held des Glcks. Vater
Blmel, der Vershner, wrdigte diese Lsung zwar als den ersten tatschlichen
Beweis, da der Sohn ber den Angelegenheiten im hohen Himmel und an demselben
nicht zum Simplex und Tolpatsch in den Nten des Menschenlebens geworden sei;
Mutter Hanna aber, die eines solchen Beweises lngst nicht mehr bedurfte, sah in
dem bsen Buben bereits den Admiral einer in Zukunft mglichen deutschen Flotte
oder doch zum allerwenigsten einen wackeren Schiffskapitn; das jedoch
keineswegs um seiner maritimen Begabung willen, sondern lediglich aus dem
Grunde, da die Hand ihres gesegneten Johanniskinds sich in seine Untaten
gemischt hatte; und Rschen - ja freilich, das liebe Rschen schmollte und
schmlte recht strudelkpfisch, bei Lichte besehen war aber auch dieses
Schmollen und Schmlen ein Triumph und ein recht ser Triumph.
    Dieser alte Dezem! Kaum in das Haus, wollte er schon wieder fort, und
Rschen hatte sich doch den ganzen langweiligen Sommer hindurch auf die
Kandidatenvakanz, und zum ersten Male seit vier Jahren auf eine lustige Weinlese
gefreut! Und wenn er noch ganz allein auf seine wste Insel gegangen wre! Aber
in Gesellschaft eines wunderschnen Fruleins - denn der dumme Junge zu dritt,
der zhlte fr Null - bei Nacht und Nebel in die weite Welt hinein zu dampfen,
schickte sich das? Schickte sich das ganz besonders fr einen Kandidaten pro
ministerio? Nein, es schickte sich nicht. Und darum wollte Rschen mit. Rschen
wollte endlich auch einmal eine Reise machen, das Meer sehen, eine groe Stadt
und was es etwa sonst noch Hbsches bei Wege zu genieen gab.
    Ja, das liebe Rschen wollte mit, absolut mit; und ihren alten Dezem, ei
nun, den hatte sie bald genug herum. Frs Leben gern htte er sie mitgenommen.
So als zehntes Korn, von Rosen und Lilien eingefat, oder als Dezemshuhn, von
Lerche und Schwan begleitet, was htte das fr einen Einzug in Mutter Stinens
Inselhause gegeben!
    Der Plan scheiterte aber leider an dem Nein des sonst so nachgiebigen Papa
Blmel, der seinen Liebling eine kleine Trin schalt; und als nun auch Leutnant
Martin sich die Vorstellung erlaubte, da eine so schne Dame wie Frulein Rose
doch eine gar zu gefhrliche Eskorte fr einen jungen Strfling wie Bruder
Philipp sein wrde, und weheleidig hinzusetzte, da er und seine beiden
Schwestern sich so herzlich auf ein zerstreuendes Zusammensein mit ihrer
liebenswrdigen Freundin gefreut htten, was blieb dem lieben Rschen da brig,
als zu lachen und ihrem alten Dezem zu erklren: whrend er mit dem schnen
Frulein Bupsalmen singe, werde sie, um sich seiner angemessen zu beschftigen,
es sich angelegen sein lassen, einem betrbten Witwer grndlich Trost zu
spenden.
    Zu welchem lobenswerten Vorsatz der alte Dezem seinen Segen gab.

Ach, es war durchaus keine Lustreise in des lieben Rschens Sinn, zu welcher die
drei jungen Menschen mitten in der Nacht aufbrachen. Eine hastige, stillernste
Fahrt durch Gegenden, in welchen, auch wenn die Sonne scheint, die schlummernde
Seele nicht erwacht und die bedrckte sich nicht erhebt. In keiner der
bedeutenderen Stdte wurde geweilt; umgehend lsten Dampf- und Postverbindung
sich ab. Mit schwerem Herzen durch Dunkel und Nebel nur immer voran!
    Aber nicht Lydia allein, auch Dezimus fhlte sich beklommen. Von seinem
Heldenstolze war eine klgliche Neige briggeblieben. Wie ein Experimentator,
ja, wie ein Abenteurer kam er sich vor, wie ein waghalsiger Spieler mit fremdem
Glck. Graue Dunstschleier umhllten das Inselhaus, das er als einen Hafen
geschildert hatte; und wenn das steuerlose Boot, das er in diesem Hafen bergen
wollte, nun als Wrack an die heimische Kste zurckgesplt wurde, wie sollte er
vor dem Chor der strengen Richter bestehen, wie vor Lydias ernster Seele?
    Nur der, welcher diese Zweifel um das Geratewohl einflte, empfand von
ihnen keine Regung. Nachdem er sich den Abschied von seinem Mtterchen aus dem
Sinne geschlagen, schaute er so wohlgemut drein wie seit seinen Kinderjahren
nicht mehr; bald genug aber drckte er, da es des Unterhaltenden weder zu sehen
noch zu hren gab, seine Guckaugen zu und lie sich in den Schlummer rtteln,
der Glckliche seines Schlags auf hartem oder weichem Polster, bei gutem oder
bsem Gewissen nicht lange auf sich warten lt.
    So ohne Zeugen, in stiller Nacht dem jungen Manne gegenber, dem sie so
Bedeutendes zu danken glaubte, bezwang Lydia endlich den in sich gekehrten,
mitteilungsscheuen Sinn. Dezimus war ihr seit Jahren ein Fremder geworden, und
schwerlich mochte sie ihn jemals in irgendeinem Sinne als ihresgleichen geachtet
haben. Nun jedoch, da er in einer entscheidenden Weise in ihr eigenstes Leben
eingegriffen hatte, erkannte sie sein Anrecht, ihren Nchsten zugezhlt zu
werden. Denn nur Vertrauen kann eine Guttat lohnen; und wie es einen Sprsinn
gibt fr die wahrhaftige Teilnahme, welcher der vernehmbare Ausdruck nicht
gengt oder nicht gelingt, so lste sich im Sagen und Verstandenfhlen das Band,
das ihre Brust zusammenschnrte, und sie redete, wie sie es seit ihrer groen
Schicksalswendung nicht mehr getan hatte, in vollen, freien Herzenstnen. So
gestand sie denn auch, was Dezimus von vornherein geahnt hatte, da der
Entschlu, ihren Bruder zu begleiten und sich dauernd aus allen heimischen
Verhltnissen zu lsen, nicht blo als Gewissensakt einen lockenden Zauber auf
sie gebt und da seine Vereitelung ihr einen tiefen Niederschlag bewirkt habe.
    Wie oft, sagte sie, ist es doch die nackte Selbstsucht, welche die
Aureole eines Opfers umschimmert! Ohne es mir deutlich einzugestehen, sehnte ich
mich nach einer vernderten Sphre, nach einem Anfang gnzlich neuen Lebens. Die
Aufgabe, welche ich meiner Familie gegenber zu erfllen hatte, wre berdies
mit diesem Neuanfang erfllt gewesen. Meine Schwestern sind versorgt, die Mutter
hat in Martins Hause den ihr gemesten Wirkungskreis. Den durch meine Schuld
verirrten Bruder glaubte ich in meines Vaters Sinne und trichterweise auch in
des Knaben eigenem beweglichen Sinne auf einen guten Weg zu fhren: ich durfte
einen Platz rumen, auf dem ich mich allezeit als Eindringling gefhlt habe.
    Dezimus erlaubte sich, diese letzte Auffassung als eine unrichtige zu
bezeichnen. Sie lie aber seinen Widerspruch nicht gelten.
    Ich mute, sagte sie, in jener uersten Bedrngnis es als eine gttliche
Fgung nehmen, die mir diese Ausflucht bot. Sie kostete mich mein Selbstgefhl;
aber ich hatte keine Wahl. Nach ihrer Mutter Tode steht Sidonie heute hlfloser
da als ich, und es ist mir nicht etwa Pflicht, nein, Wohltat, sie an meine
Stelle treten zu lassen und das, was sie aus meiner Hand ablehnen zu mssen
glaubte, dankbar aus der ihren anzunehmen. Das heit die Mittel, welche Philipps
von neuem zweifelhaft gewordene Existenz erfordert, whrend ich meinen eignen
Weg einschlage.
    Dezimus kannte die kleine Sidi gut genug, um voraus zu wissen, da sie auch
diese in eine zu erweisende Wohltat umgekleidete erwiesene Wohltat noch ablehnen
werde. Mu einer denn aber wahrlich nicht ein Johanniskind sein, der auf diesem
am Golde hngenden, nach Golde drngenden Erdenrund das seltene Schauspiel
geniet, zwei gleich bedrftige und keineswegs durch Sympathie verbundene
menschliche Wesen sich gegenseitig einen Goldhaufen zuschieben und gegenseitig
zurckschieben zu sehen? Eine Schimre ist das Gold leider Gottes nicht, aber
hier wurde es schlechthin zur Schikane.
    Whrend er lchelnd diese Betrachtung anstellte, war Lydia unvermerkt auf
die jammervollen Einzelnheiten bergegangen, welche ihr alter Lehrer ber die
Heimsuchung in seiner Provinz den Freunden hinterbracht hatte. Hier wre nun der
geeignetste Platz fr eine, die eine Lebensaufgabe sucht, gewesen; ungeschult,
wie sie in der Krankenpflege groen Stils indessen noch war, wrde sie fr die
gegenwrtige Not zu spt gekommen sein. Sobald sie aber zu einem einigermaen
befriedigenden berblick ber ihres Bruders neue Lage gekommen sein werde,
erklrte sie sich fest entschlossen, sich zur Diakonissin auszubilden und
dauernd ihren Beruf in diesem Amt zu finden. Was htte denn auch einer Lydia
angemessener sein knnen als solcher Entschlu?
    Dennoch war Dezimus auf diese Konsequenz ihres Planes, das Vorrecht an
Werben ihrer Cousine abzutreten, nicht gefat gewesen, und ein Krampf schnrte
pltzlich seine Brust zusammen. Er fand keinen stichhaltigen Einwand, und er
htte keinen finden knnen. Aber Lydia fhlte ihm an, da er nach solchem
Einwand ringe, und kam ihm mit einem ehrlichen Bekenntnis zuvor:
    Meine natrliche Aufgabe war, einigen wenigen viel zu sein. In
eigensinniger Verblendung habe ich diese Aufgabe verfehlt, und ich nehme es als
Bue hin, fortan allen Einflu auf des mir anvertrauten Kindes Schicksal seinen
besseren Freunden zu berlassen. Was knnte in solcher Lage nun aber gebotener
sein als das Streben, vielen etwas zu werden, und gbe es fr eine Frau, die der
Familienpflicht enthoben ist, wohl einen erfllenderen Beruf als den, welchen
wir, ziemlich hochtrabend, Samariterdienst nennen?
    Dezimus htte wohl einen erfllenderen Beruf gewut; aber durfte ein
dreiundzwanzigjhriger Kandidat der Gottesgelahrtheit dem allerschnsten
Frulein, das es fr ihn gab, unter vier Augen raten: Ja, einem einzigen alles
werden! Obendrein, da dieses allerschnste Frulein schon einmal an diesem
Alleswerden gescheitert war? - So sagte er denn nur kleinlaut, mit
niedergeschlagenen Augen, indem er das Blut in seine Wangen schieen fhlte:
Keinen fr eine, der das Ungemeine das Naturgeme ist.
    Warum, rief Lydia mit einem Eifer, ja mit einem Feuer, wie sie vielleicht
niemals geredet hatte, warum soll dem Weibe nicht naturgem sein, was es dem
Manne doch ist? Oder nennen Sie den Beruf des Arztes auch einen ungemeinen? Es
mssen mehr solche allgemeine Aufgaben uns erschlossen werden. Die Erfllung,
die Sie zu meinen scheinen, liegt nicht in unserer Gewalt; wofr wir aber die
zulngliche Kraft des Organs in uns erkennen, mssen wir auch das Recht haben,
uns auszubilden und das Ausgebildete zu verwerten. Ich bin von meinem Vater fr
ernste Lebenszwecke erzogen worden. Soll ich die letzten Jahre der Jugendkraft
ratlos und tatlos in einer Sinekure vertrumen? Darf ich es? Und wenn ich
drfte, ich vermchte es nicht. Nicht mehr. Seit der Stunde, wo mein harter
Wille einen schwachen Knaben an den Rand des Abgrunds trieb; seit ich erkannt
habe, da das, was ich fr meine Reife hielt, meine Unreife war, drngt eine
unwiderstehliche Gewalt mich aus meiner beengenden Stille heraus. Mir ist, als
senke sich ein dichter Schleier, der mir seit Jahren das wahrhaftige Leben
verhllte, und ich sehe keine Hlfe fr mich als die Hlfe einer Tat.
    Die Sonne war whrend dieser Rede aufgestiegen, eine goldigklare
Oktobersonne. Philipp erwachte von dem Schein, der ihm pltzlich in die Augen
fiel, und Lydia versank wieder in stilles Sinnen. Dezimus wechselte mit dem
Jnglinge gleichgltige Bemerkungen ber uere Eindrcke; sein Herz aber war
froh bewegt; auch ihm hatte sich der Schleier gesenkt, der ihm sein weies
Frulein seit Jahren verhllt hatte.
    Nach einer ruhigen berfahrt langten sie auf der Insel an. Die Brder waren
vor ein paar Tagen heimgekehrt; der timide Amerikaner, um - so hatte es die
regierende Steuerfrau dekretiert -, bevor er in das binnenlndische Hirtenhaus
bersiedelte, in krftigender Strandluft und Bekstigung sich von der lppischen
Seekrankheit grndlich auszuheilen.
    Die Freude des brderlichen Wiedersehens und Sichkennenlernens uerte sich,
je nach der Art, in starken, schwachen oder auch in gar keinen Lauten;
aufrichtig aber war das Willkommen, das die unbekannten Begleiter empfing. Diese
seefahrenden Insulaner sind Leute, die mit allerlei Volk umzugehen lernen, und
das saubere Haus am Strande war auf Gastlichkeit eingerichtet. Whrend der
Badezeit hatte es Herrschaften, die ebenso fein waren wie die gegenwrtigen,
wohl schon des fteren beherbergt. Im Winter jedoch und aus barer Freundschaft
noch nie; auch erklrte Mutter Stina, so wunderschne Menschenbilder wie diese
Hartensteinschen noch nie mit Augen gesehen zu haben, nicht einmal gemalt. Der
blde Bruder Friede aber, der, wenn auch etwas abgezehrt, an Leibeslnge seinem
ltesten kaum etwas nachgab, verwendete kaum die Augen von dem lieben prchtigen
Junkerchen und folgte ihm auf Schritt und Tritt, wie eine Neufundlnder Dogge
einem freundlichen Kinde folgt.
    Die Bedingungen zu Philipps Beherbergung erledigten sich daher zu
allseitiger Zufriedenheit, und da es der kernhaften Steuerfrau, samt
Steuermann, kein Hexenstck deuchte, neben ihren bis jetzt blo drei
persnlichen Buben einen freiherrlichen Wildfang zum Schiffsjungen zu
dressieren, verdient schwerlich der Erwhnung.
    Tiefer eingeweiht in des Wildfangs Vorgeschichte wurde der Inselpastor, ein
Mann so recht von Grund aus, wie er Lydia in ihrer gegenwrtigen Stimmung not
tat und fr ihr dringendstes Anliegen wie geschaffen. Als Sohn eines
Schiffskapitns mit nautischer Kenntnis vertraut, war es ihm leicht, den
Jngling auf den erwhlten Beruf hin zu prfen; als vormaliger festlndischer
Gymnasiallehrer und als unverheirateter Mann war es ihm ein wohltuender Wechsel,
sich ein paar Tagesstunden dem klassischen Unterricht zu widmen und seine Augen
wachsam auf eine junge Seele gerichtet zu halten. Philipp versprach seinem
Freunde Dezimus in die Hand, gehorsam und fleiig in seiner Verbannung
auszuhalten.
    Und da ich Ihnen die Hand darauf gegeben, so lautete seine Logik, halte
ich es auch. Lydia hatte ich nie etwas gelobt, warum htte ich ihr parieren
sollen?
    Es verschwand demnach von vornherein das kleinmtige Verzagen. Alles und
jedes lie sich an so, wie der Held des Glcks im entscheidenden Moment es
geschaut und geschildert hatte. Er hat sich weder auf seinen Scharfsinn, noch
auf seine Rhetorik etwas zugute getan, die Wochen aber, welche er an der Seite
seines weien Fruleins des frohen Gelingens Zeuge ward, hat er nicht aufgehrt,
zu den kstlichsten seines Lebens zu zhlen, denn es waren ewige Offenbarungen,
welche beider Seelen auf der stillen Insel eingegeben wurden.
    Sie, wie er, feierte den ersten weiten Ausblick in die Welt; sie, wie er,
fhlte zum ersten Male den starken Pulsschlag der Natur: denn sie standen am
Meer. Wohl waren es nicht die hesperischen Gestade, zwischen welchen Lydia nach
dem Palmentale zu segeln gehofft, nicht des Kreuz des Sdens, das Dezimus
sehnend sich im tropischen Ozean spiegeln sah. Es war ein kahler Strand, ein
nebelgrauer Himmel, eine nordische See. Aber doch die See! Und von allen
Natureindrcken wirkt keiner so berwltigend wie der des Meeres, weil es nicht
nur den hchsten Sinn, sondern jeglichen Sinn des Leibes und des Geistes
gefangennimmt.
    Wir sehen sein Lcheln und sein Zrnen wie die einer beseelten Kreatur, wir
hren den Rhythmus seiner Sprache, atmen seinen seltsam wrzigen Brodem, fhlen
die wogende Khle, mit der es uns umsplt. Und wie lockt es die Phantasie in
seine Tiefen, wie lockt es den forschenden Gedanken in alle erreichbare Fernen,
whrend es gleich dem unerreichbaren Firmament, das es widerstrahlt, das Ahnen
und Mahnen des Unendlichen im heimlichsten Seelengrunde aufstrt.
    Endlich aber: es ist unser eigen! Welches Gemt erschtterte nicht das
Ringen, unter welchem die schwache Eintagsfliege, Mensch, zum Herrn ber den
Leviathan sich setzt? sei es, da sein Kiel die Brandung durchfurcht, sei es,
da er mit Ameisenflei seine Scholle zum Schutz gegen Sturm und Woge umwallt.
Wie zeugt und hebt es jede Mannestugend und Kraft! Wer darf sagen, da er das
Geheimnis der Heimatliebe spre so wie der sprliche Menschenrest auf diesen
Inselbrocken, die einstmals blhender, fester Boden waren? Hunderttausende, die
er genhrt, hat die einbrechende Flut verschlungen, und die wenigen, die sie
verschonte, hat sie jede Stunde zu verschlingen die Macht. Und doch klammern sie
sich an ihn, schtzen, bebauen ihn, und aus paradiesischer ppigkeit lockt es
den Seefahrer an seine rauhe, umbrandete Kste wie in einen weichumfangenden
Mutterarm, und der sturmgepeitschte Wogenschlag hallt ihm wie ein Wiegenlied.
    Und all diese Schauer einer hehren, herben Gre empfanden Lydia und Dezimus
zu zweien so, als wren sie allein. O, was waren das fr Stunden am Strand, im
Boot, in dmmernder heiliger Frhe, bei glutdurchstrmtem Tagessinken, unter
dem nchtlich strahlenden Firmament! Wie weitete sich seine Brust, wie frbten
sich ihre lange bleichen Wangen! Diese reine Menschenblte, die unter rauhem
Frhlingssturme ihren Kelch zusammengezogen hatte, sie ffnete ihn zu
dftereichen Strmen, und die ernste Freundschaft, die sich in diesen Stunden
des Erwachens schlo, die wird wohl standhalten wie am mitternchtigen Horizonte
der Stern, der dem Piloten auf hoher See die Richtung gibt.

Freund Kandidat sa wieder im Giebelstbchen des Chalderhauses. Da der
Seelenvater sich wie zuvor schon der Sternenvater fr Zurcklegung auch des
Oberlehrerexamens entschieden hatte, war wider Hoffen und halb und halb auch
wider Verstehen die Rosenwonne in die Ferne gerckt. Indessen lie nachts die
Beobachtung gewisser Lieblingsphnomene, die am novemberlichen Himmel zu
schwrmen pflegen, und lie am Tage die Rckschau auf phnomenale
Meeresoffenbarungen es zu bengstigenden Schauern des Kandidatenfiebers nicht
gelangen. Unter sprhenden Weltenfunken und goldenen Erinnerungen, unter Trumen
von eitel Frieden und Freude flogen Tage und Wochen dem Glcklichen hin, als
jach das Schicksal geschritten kam, das mit ehernem Tritt Bahnen verschttet und
Bahnen bricht.
    Die mehrerwhnte bse Seuche hatte sich von ihrem ursprnglichen Herd auch
ber andere Teile des Vaterlandes, wo sie ein dichtgedrngtes Volk der
gengenden Nahrung entbehrend fand, ausgebreitet. Fr die Werbener Gegend war
man jedoch auer Sorge; unter den erquicklichen Luftstrmen ihres Tales und
seinen der Mehrzahl nach wohlhbigen Bewohnern hatte seit Menschengedenken
selbst keine Kinderkrankheit epidemisch Fu gefat. Die Cholera war vor Jahren
in den nachbarlichen Auenstdten und Drfern wie ein Wrgengel aufgetreten; an
der Werbener Flurmark machte sie halt. Im frommen Dank fr diese Gnade hatte man
dazumal in der Pfarre wie auch in diesem und jenem Bauernhofe, wo die Blmelsche
Sinnesart allmhlich Widerhall gefunden, fr die Heimgesuchten gearbeitet,
gesammelt, gespart, das Entbehrliche hingegeben, und also geschah es heuer
wieder. Tropfen leider auf einen heien Stein!
    Lydia sandte unter des Kurators Zustimmung den grten Teil der aufgesparten
Hlfte ihrer Rente in die bedrngten Gegenden; sie glaubte sich zu diesem
Eingriff in ihre eigene Ordnung berechtigt, da binnen kurzem ja das volle
Einkommen auf ihre Cousine bergehen werde.
    Denn das herzstrkende Zwischenspiel am Meer hatte Lydia in ihrem ernsten
Zukunftsplane nur gefestigt; Sidonie war durch Freund Blmel bereits davon
benachrichtigt, da jene unmittelbar nach Philipps Entscheidung ber seinen
Beruf, also zum Frhling, in die groe Diakonissenanstalt am Rhein eintreten
werde. Sie lebte zurzeit auf dem Schlosse wieder ganz allein. Die Geschwister
waren in ihre Heimsttten, die Mutter in Martins Haus zurckgekehrt.
    Pastor Blmel bekmpfte ihr Vorhaben nicht; doch bangte ihm vor dessen
Ausfhrung, weniger um ihretwillen als um seiner selber willen. Lydias
Verhltnis zu ihm und seinem Hause war seit der Heimkehr von der Insel ein
verndertes. Sie besuchte regelmig seine Kirche; von Mutter Hanna wurde sie in
ihrer Einsamkeit gleich einer Angehrigen gehegt, und auch Rschen gewhnte sich
an das In die Hhe blicken und Schweigenhren, wie sie es nannte; der Vater
aber liebte sie mehr denn je wie ein eigenes Kind, ja wie ein im Greisenalter
erflltes hehres Traumbild der Seele. In seinem Erinnerungskalender aus jener
Zeit steht, offenbar in bezug auf Lydia, die Bemerkung:
    Wie gewisse stark organisierte Krper sich erst vllig entwickeln nach
einem Fieber, das die in der Ruhe stauenden Sfte in Umschwung bringt, so gibt
es hochgerichtete Seelen, in denen erst durch einen Irrtum, ja durch ein Fehl
ein Gleichma der Wirkungen hergestellt wird. Hier wie dort ringt die
unterdrckte Natur sich aus ihrem Bann.
    Auch mit Dezimus war Lydia in Briefwechsel getreten. Der Austausch der immer
zufriedenstellenderen Nachrichten von der Insel gab den Anla dafr, wenn auch
nicht seinen einzigen Stoff. Da aber neben jenen Nachrichten die Auenwelt ihnen
wenig Erfahrungen zutrug, tauschten sie die immer reichlicher strmenden ihres
inneren Lebens gegeneinander aus, und Dezimus geno die volle Seligkeit, in die
Seele einer Freundin zu ergieen, was durch das Paradies der Brust in seinen
Sternennchten gewandelt war. Er htte schwerlich entscheiden knnen, welches
Kuvert er freudiger erbrach, das von einem ernsten Lydiabriefe oder das von
seines Rschens schelmischer Wochenepistel.
    Es war am Morgen des letzten Sonntags im Kirchenjahr, welcher dem Gedchtnis
der Verstorbenen geweiht ist, als Dezimus vor der erwarteten Familienpost einen
Brief von Lydia erhielt; schon ehegestern geschrieben, hatte ein Zufall die
Befrderung verzgert; leider verzgert, da er eine zur Eile drngende Kunde
enthielt: die Fieberseuche war in Talwerben ausgebrochen.
    Einer von den rmlingen des Eichsfeldes, welche im Frhling aus ihren
Drfern wandern, um tief in das Land hinein Arbeit zu suchen, hatte in Schlesien
greres Elend gefunden, als er daheim verlassen, und statt Winterbrot den bsen
Krankheitsstoff zurckgetragen. Bettelnd schleppte er sich mhselig den weiten
Weg entlang, bis er endlich vor der Schenke des Talgutes zusammenbrach und in
einer Scheune verschied. Unerfahrenheit in der Behandlung und Bestattung mochte
die Schuld getragen haben, da das Unheil mit der Hast und Vehemenz eines bsen
Zaubers sich von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf in der Aue verbreitete. Der zur
Leichenschau berufene Gerichtsaktuar, der Kster, ein paar Knechte und Mgde des
Gutshofes waren bereits erlegen. Ein panischer Schrecken hatte das Volk gepackt,
man scheute sich der dringendsten Handreichungen. Lydia durfte autodidaktisch
eine tchtige Vorschule zu dem erwhlten Berufe durchmachen. Auch rztliche
Hlfe tat not, da die aus den Nachbarstdten meistenteils erst gesucht wurde und
gebracht werden konnte, wenn Hlfe zu spt kam. Lydia forderte Dezimus daher
auf, so rasch als mglich einen jungen Mediziner fr den Dienst in ihrer Gegend
anzuwerben. Sie bot ihm bis zum Erlschen der Epidemie freie Station im Schlo
und neben seinen rztlichen Gebhren ein Salr aus ihren Mitteln. Noch fgte sie
hinzu, da Hochwerben bis jetzt verschont geblieben sei, der Vater aber seines
Amtes im Filial mit Jnglingseifer warte.
    Dezimus war entschlossen, noch heute zur Untersttzung seines Vaters und
seiner Freundin nach Hause zu eilen, sobald er nur des Auftrags der letzteren
sich entledigt htte. Die natrliche Wahl fiel auf Freund Kurzen, nicht blo
weil er ein Heimatsinteresse fr die Sache hatte, sondern auch weil er keinen
eifrigeren und tchtigeren jungen Mann seines Faches kannte und sein gutes
Zutrauen ihm noch krzlich von dem ersten klinischen Lehrer der Universitt
besttigt worden war, als er mit ihm bei seinem alten Chalder zusammentraf. Er
fand den Freund indessen weder in seinem unbehaglichen Dachgela noch in den
behaglicheren Lokalen, in welchen er seinen gesunden Appetit, zumal auf
flssiges Brot, zu stillen pflegte. Wo htte er ihn auerdem suchen sollen?
Auf Praxis leider nicht; denn seit netto sechs Monaten hatte Doktor Peter Kurze
in Blttern und Blttchen, zwanzig Meilen in der Runde, seine rztlichen Dienste
ausgeboten wie - sein eigenes Gleichnis - wie sauer Bier; jedweder rationellen
Kur, inklusive Zahnausziehen und Hhneraugenschneiden, wrde er sich mit
Hochgenu unterzogen haben: dennoch hatte sich, etwelche akademische
Kneipkumpane ausgenommen, die honoris causa behandelt werden muten, noch kein
einziges einer rationellen Kur bedrftiges Individuum in seine ausgespannten
Netze verfangen.
    Als nach langem, vergeblichen Umherirren Dezimus nach seiner Wohnung
zurckging, in der Absicht, seinen Auftrag schriftlich anzubringen, strmte ihm
von dorther der Gesuchte entgegen, indem er schon auf zwanzig Schritt Distanz
die groe Mr zu verknden begann, da heute, an dem jedes medizinische Herz
bewegenden Totenfeste - obschon fr seine eigene rztliche Person an jeglichem
wissenschaftlichen Verbrechen noch unschuldig wie ein neugeborenes Lamm -, der
Entschlu in ihm reif geworden sei, aus der Not eine Tugend zu machen und seine
Knste bei den Wasserpolacken an den Mann zu bringen. Er hatte seine akademische
Legitimation bereits in der Tasche; morgen in Tagesfrhe wollte er aufbrechen.
    Da, in der letzten Stunde stt er auf den Fortunatus aus der Heimatsaue,
der ihm statt der fernen Klientel, die den Bettelsack trgt, in nchster Nhe
eine andere mit gefllten Brotschrnken anbietet, dazu freie Station in einem
Edelhofe und ein ganz respektables Gehalt!
    Wie das Elend einer Menge dem einzelnen ja hufig zum Segen wird, so wird
die ansteckende Hungerseuche Doktor Peter Kurzen zu einem Schmaus. Er tut auf
offener Strae einen Freudensprung in die Luft, dann einen zweiten dem
hnenhaften Glcksboten an den Hals. Ade, Wasserpolackei! Morgen mit dem
Tagesgrauen ist der Retter in der Heimat! Er wrde es schon heute abend sein,
wenn er nicht zuvor seinen Pflasterkasten mit Sftchen und Plverchen fr die
erste Hlfe zu fllen htte; zum Zweck welcher Vorsichtsmaregel auch noch in
der Eile ein kleines freundschaftliches Bargeschft erledigt werden mu. In
Peter Kurzes Augen geno der Stipendiat und Legatar von Werben das Ansehn eines
Millionrs.
    Whrend Dezimus sein Bndel schnrte, wurde ihm ein zweiter Brief gebracht;
nicht der erwartete von Rosens, sondern wiederum von Lydias Hand. Er war mit
citissimo bezeichnet und enthielt nichts als die Worte: Kommen Sie ohne
Verzug! Selbst Datum und Unterschrift fehlten.
    Das Herz stockte in seiner Brust. Welches Unheil hatte diesen Ruf der
Todesangst eingegeben? Er htte sich Flgel anheften mgen und mute warten,
warten, warten bis zum Abend.
    Endlich brauste der Zug heran. Gegen die eine Stunde, welche die Dampffahrt
whrte, dnkten ihm die frheren sieben Wanderstunden ein Flug. In dunkler Nacht
erreichte er die Haltestelle; keuchend legte er den Rest des Weges zurck; die
Schritte stockten in dem vom Regen erweichten Boden. Kein Stern leuchtete am
Himmel, und im Herzen - ach, verhlle dich nicht auch du, Stern aller Bangenden
in dunkler Weltennacht!
    Des Eilenden Blicke haften an dem lieben Hause auf der Hhe, aus dessen
Fenstern je nher je mehr ein flackernder Lichtschimmer den Nebel durchdringt,
so als ob angstzitternde Menschen von Zimmer zu Zimmer irrten. Wer war da oben
krank, wer vielleicht - tot?
    Als er um die Friedhofsmauer bog, rollte von der Pfarre her ein Fuhrwerk ihm
entgegen. Doktor Brands wohlbekannte Chaise. Mit einem Satz war Dezimus am
Schlag, das fahle Laternenlicht fiel auf seine qualverzerrten Zge.
    Sie kommen zu spt, armer Freund, rief der alte Familienarzt ihm zu.
    Wer, wer? stie Dezimus hervor.
    Die Pferde zogen an, Dezimus, der sich an den Schlag geklammert hatte, wurde
zu Boden geschleudert; die Antwort verhallte.
    Er raffte sich auf und eilte nach der Pfarre. Die Haustr stand offen, doch
mochte sein Schritt gehrt worden sein, denn auf dem Treppenabsatz trat Rose ihm
entgegen. Die blhende, frhliche Rose, fahl wie ein Gespenst, mit glsernen
Augen, von Schauern geschttelt, auf den Wangen eiskalte Trnen und eiskalte
Schweitropfen auf der Stirn. Ja, krank auch sie, aber Gott sei gelobt, noch
lebend. Ohne einen Laut sank sie an seine Brust.
    Der Vater? flsterte er.
    Sie schttelte den Kopf.
    Die Mutter also, seine Mutter!
    An den Bruder geschmiegt, von seinem Arm umfangen, trat Rose in das
Krankenzimmer. Der Vater sa auf dem Bettrande, die Hnde der sterbenden Gattin
in den seinen. Ihre Augen waren geschlossen, die Zge friedvoll wie in der
ersten Stunde nach vollbrachter Erdenqual. Doch lebte sie noch und liebte auch
noch. Denn als sie das Nahen der Kinder sprte, schlug sie den Blick in die
Hhe, und ein letztes Lcheln flog ber ihr gutes Gesicht.
    Sie sanken vor dem Bett auf die Knie. Die Sterbende machte eine unruhige
Bewegung, indem sie auf ihren Trauring deutete, richtete dann einen flehenden
Blick zu ihrem Konstantin hinber und senkte mit dem Ausdruck freudiger
Erfllung die Lider, als der Vater die Rechte des Sohnes und die der Tochter
ineinander und die halberstarrten Mutterhnde auf die Hupter der Verlobten
legte.
    Und so im Segen tat das frhlichste Mutterherz seinen letzten Schlag. Eine
und die nmliche Minute hatte die Liebenden einander zu eigen gegeben und ihnen
die lteste Liebe geraubt. Dezimus fhlte nicht seinen groen Gewinn, er fhlte
nur seinen groen Verlust; den ersten von den Schmerzen, die ein Glcklicher
trgt bis in das Grab.

                                Sein Brautstand


Eine jhe Bewegung unterbrach die heilige Stille, in welcher die Verlobten, die
kalten Segenshnde der Mutter und die warmen des Vaters auf ihren Huptern, dem
Entatmen lauschten. Rose war ohnmchtig zusammengesunken. Als Dezimus sie in
seine Arme nahm, um sie in ihre Kammer zu tragen, bemerkte er Lydia, die still
zu Fen des Sterbebettes gestanden hatte. Sie folgte ihm, um die gebotenen
Belebungsmittel anzuwenden; trstend flsterte sie ihm zu, da sie keinen Anfall
der herrschenden Krankheit befrchte, da diese unter anderen Symptomen
aufzutreten pflege. Sterben sehen ist schwer - und diese Mutter! sagte sie.
    Dezimus kehrte in das Totenzimmer zurck, als eben der Vater der treuen
Gefhrtin zum letzten Lebewohl die Hand drckte. Er war so ruhig wie alle Tage.
Ich komme bald, meine Hanna, sagte er leise, und Dezimus las in seinen
erschpften Zgen, da diese Zuversicht nicht trgen werde.
    Nimm auch du Abschied, wendete er sich darauf zu dem Sohn, du darfst
dieses Zimmer nicht wieder betreten.
    Whrend der Jngling die toten Lippen und Hnde kte, ffnete der Greis die
Fenster und drngte den Widerstrebenden dann aus der Tr, die er verschlo und
deren Schlssel er zu sich steckte.
    Es ist unsere Pflicht, sprach er, voranzugehen mit dem Beispiel der
strengen Vorsicht, die wir von anderen fordern mssen, selbst wenn sie, wie hier
wahrscheinlich, nicht vonnten wre.
    Whrend eines Ganges durch den Garten erzhlte er dem Sohne darauf den
leidvollen Vorgang, der erst in der vorigen Nacht mit einem Schttelfrost seinen
Anfang genommen und dessen Ende, ohne Schmerzgefhl, schon nach zwlf Stunden
eine Lhmung auf die sanfteste Weise vorbereitet hatte. Es war daher glaublich,
da, durch Sorgen und Mhen der letzten Tage beschleunigt, es lediglich der Lauf
der Natur war, der sich an der Greisin erfllt hatte. Wenn es aber auch der
Beginn der Epidemie gewesen wre, so gebhrte Gott zweifach Dank fr diese
rasche Erlsung ohne Qual und Angst, in Klarheit und Freudigkeit bis zum letzten
Augenblick. Sie hatte vollbracht! Des Greises Sorge galt der Tochter, die erst
vollbringen lernen sollte.
    Sie ist dein geworden, mein Sohn, frher, als ich gedacht, wolle Gott nicht
zu frh! sagte er, fhre sie an fester Hand treu durch das Leben!
    Mit dem Hndedruck, der statt des Dankesworts des Vaters Rede erwiderte,
betraten sie Rosens blumengeschmcktes Mdchenzimmer. Sie lag auf ihrem Bett in
Lydias Armen. Das Leben schien ihr in berma zurckgekehrt; das Gesicht
flammte, nach Atem ringend wendete sie sich ruhelos hin und wieder. Pltzlich
richtete sie mit starrem Blick den Kopf in die Hhe, und ein Blutstrom entquoll
ihrem Munde. So in Todesschmerz begann und in Todesngsten endete Dezimus Freys
Verlobungsstunde.
    Spt in der Nacht kehrte er mit Doktor Brand, den er zu Hlfe geholt, aus
der Stadt zurck. Die Geliebte lag einer Schlafenden gleich, doch mit nur
halbgeschlossenen Augen; Glut und Blutung waren gestillt; die Flammen auf den
Wangen erloschen. Sie gab auf keine Frage einen Laut, kein Zeichen des
Verstehens, sie regte sich nicht, atmete kaum merklich. Der alte Vater war auf
einem Stuhl an der Bettseite eingeschlummert. Lydia hatte die eine Hand auf die
Stirn der Kranken gelegt, mit der anderen hielt sie deren beide Hnde,
ineinandergefgt, umspannt. Sie glaubte an das Auflegen der Hnde. Man braucht
aber nicht so starken Glaubens wie Lydia zu sein, um die wohltuende Wirkung zu
spren, wenn durch innige Berhrung eines kraftvollen Menschen gleichsam ein
Strom warmen Lebens in einen Entkrfteten bergeht, oder ein khlender Hauch in
das Blut des Fieberglhenden.
    Der Doktor fand keine beunruhigenden Symptome. Er kannte Rosen seit ihrer
Geburt; ihre Lungen waren heil; der matte Puls deutete nicht auf Entzndung. Das
frohlebige Kind war ekel und krankenscheu; die schauervollen Schilderungen, die
ihr nicht hatten erspart werden knnen, die Furcht vor Ansteckung, der Anfall
der Mutter, Angst und Schmerz, das erste Totenbild im Leben hatten die
Nervengeister berreizt und einen abnormen Blutandrang bewirkt, dessen Ergieung
naturgem die Erschpfung folgte. Unbedingte Ruhe, zweckmige Kost und einige
leichte Tonika wrden den erschlafften Lebensgeist bald wieder aufrichten,
meinte Doktor Brand.
    Er hatte sich noch nicht aus der Pfarre entfernt, als, wie er verheien,
Doktor Kurze sich in dieser einstellte. Wenngleich ein Anfnger, konnte ihm als
Verwandten und Freunde des Hauses ein Einblick in den Zustand der Kranken nicht
verweigert werden. Und so gewhrte - wenn auch als Braut eines anderen, wie
leider, natur- und vernunftgem, seit Jahren vorauszusehen - Schnrschen den
heiersehnten ersten kritischen Fall, ber welchen Doktor Peter Kurze ein
rztliches Gutachten abzugeben hatte. Da Doktor Peter Kurze aber mit Leib und
Seele zu den Erstlingsjngern der neuen Schule zhlte, die beim Abweichen von
typischen Lebenserscheinungen das Pnktchen ber dem i zu ergrnden trachtete,
wollte er von des alten Kollegen seelisch gestrtem Lebensgeist nichts wissen
und suchte den Sitz des bels in Strungen eines leiblichen Organs und einem
uerlichen Motiv. Seine erste Frage war nach Quantitt und Qualitt des
entleerten Bluts, und als er von keiner Seite eine befriedigende Antwort
erhielt, da es ununtersucht beseitigt worden war, schttelte er mit energischer
Entrstung sein rztliches Haupt. Er machte darauf mit der Neuigkeit des
Beklopfens, Behorchens und anderer exakten Untersuchungen, allerdings nur bei
den Laien in der Krankenstube, einen bedeutenden Effekt. Lchelte nun der alte
Spiritualist ber den modernen Hokuspokus, mit welchem kein Hund aus dem Ofen
gelockt werde, so lachte der junge Naturalist ber die blutspeiende Seele und
die vor Olims Zeiten ausgeheckten Arkana, die nur den Apothekerkarren schmieren
helfen; nannte der Alte den Jungen - selbstverstndlich hinter seinem Rcken -
einen in der Wolle gewaschenen Scharlatan, so nannte der Junge den Alten -
ebenso selbstverstndlich hinter seinem Rcken - einen mrben Schlauch, an dem
kein neuer Flicken hafte. Und da mute es denn um der lieben Rose und derer
willen, die fr ihr Leben zitterten, als ein Segen betrachtet werden, da der
Antagonismus in Diagnose und Prognose sich nicht auch auf die Behandlungsweise
erstreckte. Khle Temperatur, kuhwarme Milch und Ruhe, anderes als der
spiritualistische skulap wute der materialistische auch nicht anzuraten, und
mit der Vorschrift: Keine Jammermienen! lachende Gesichter! - einer
Vorschrift, die doch auch nicht lediglich auf eine Strung deutet, die man
tastet, hrt und sieht, verlie Peter Kurze des geliebten Rschens Lager, um
unter Fhrung des ungeliebten Schlofruleins als Held auf sein erstes Kampffeld
vorzudringen.
    Rose lag unverndert, ohne merkbares Leiden, ohne Regung und Bedrfnis
irgendwelcher Pflege. Der alte Vater wich nicht aus ihrer Nhe; am Abend
bernahm Dezimus die Wacht. Der Tag war ihm auch uerlich ruhelos vergangen: er
hatte das Begrbnis anzuordnen, das schon am anderen Nachmittag stattfinden
sollte, auch die Trauerbotschaft in die Ferne mitzuteilen. Es war des Vaters
ausdrcklicher Wille, und er war berzeugt, darin nach dem seiner Hanna zu
handeln, da keines der Kinder oder Enkel um dieser Feier willen die infizierte
Gegend betrete.
    Fr die unheilvollen Folgen rechtmiger Handlungen gibt es keine
Verantwortung, sagte er und machte sich daher auch nicht die geringsten
selbstqulerischen Gedanken, den Ansteckungsstoff vielleicht in seine Familie
getragen zu haben. Eine Befriedigung des Gemts und der Sitte, die niemand Hlfe
und vielen Gefahr bringen konnte, rechnete er aber nicht zu jenen
obligatorischen Handlungen.
    Auch die Kranzbinderin der Gemeinde hatte der Mutter nicht den letzten
Schmuck reichen knnen, und als in der schweren Stunde ein Sonnenblick, den
Herbstnebel durchdringend, auf ihr Lager fiel und ein flchtiges Lcheln auf
ihre Lippen zauberte, da ahnete sie nicht, da er das frische Grab ihrer Mutter
beschien und da der wrmste Liebesstrahl aus ihrem Leben gewichen war.
    Dem Sarge folgte nur der greise Gatte, gesttzt auf den Sohn und hinter
beiden Lydia. Die angstzitternden Gemeindeglieder hielten sich in weitem Abstand
von der Grube. Keinen der Befallenen hatte der Wrgengel ja so hastig abgetan
wie die alte Pastorfrau. Doch fehlte es an Trnen, an aufrichtigen Trnen nicht.
Hanna Blmel hatte viel frher als ihr Konstantin und fast ohne Ausnahme die
Herzen seiner Pfarrkinder zu finden gewut.
    Vater, ich danke dir fr den Segen, den du mir fr Zeit und Ewigkeit in
diesem Weibe bescheret hast, sagte Konstantin Blmel mit fester Stimme, sprach
dann den Friedensspruch ber das Grab und stand, bis dasselbe gefllt war, in
stillem Gebet auf der Stelle, die er sich dicht daneben zur letzten Ruhestatt
vorbehalten. Wenige Schritte zur Seite lag der Hgel der armen Hirtenfrau,
welche Dezimus das Leben gegeben hatte; aber erst heute war ihm eine Mutter
versenkt worden.
    Das Opfer im Pfarrhause blieb das einzige der Obergemeinde; um so weiter
verbreitete sich die Epidemie in der Aue. Doktor Peter Kurze schwamm wie ein
Fischchen in seinem Element; er gnnte sich nur wenige Raststunden im Schlo;
diese wenigen aber wute er zu rhmen. Ein Komfort, wie er unter Frau Ottiliens
Walten zur huslichen Regel geworden, war fr Doktor Peter Kurzen ein entdecktes
Schlaraffenland, und da er in der unnahbaren Schwanenknigin, die er vor wenig
Monaten reif fr das Narrenhaus erklrt hatte, ber einen so praktischen,
unermdlichen Amanuensis zu verfgen haben werde, das htte Doktor Peter Kurze
sich noch viel weniger trumen lassen. Lydia schaltete mit angematen
Herrenrechten in der Untergemeinde Haus bei Haus, und Haus bei Haus lie man in
der Not den angematen Herrendienst sich gefallen. Peter Kurze zog aus dem
physiologischen Grundsatz von den angewandten Krften einen ihm neuen
psychologischen Beweis:
    Wie scharmant diese heilige Jungfrau latente Stoffe aus sich
herausarbeitet, sagte er zu seinem Freund, dem Kandidaten.
    Lydia dahingegen dachte still bei sich: Wie die Tchtigkeit in seinem Beruf
doch den gewhnlichsten Menschen zu adeln vermag!
    So blhten Ysop und Lilie friedfertig nebeneinander und wirkten
eintrchtig Hand in Hand. Bei Peter Kurzen aber datierte seit den Erstlingstagen
seiner rztlichen Praxis die Schwrmerei fr eine Sprungfedermatratze und ein
weibliches Ideal.
    Sooft er von seinen Rundgngen nach dem Schlosse zurckkehrte, sprach er in
der Pfarre vor, um nach dem herzigen Dinge, dem Rschen, zu sehen, dessen
ausschlieliche Behandlung er fr sein Leben gern in die Hand genommen htte, da
die andauernde Erschlaffung ihn zu beunruhigen begann. Smtliche innere Organe
hatte er nach exaktester Untersuchung - wie sein altmodischer Kollege ohne eine
solche - als heil erklren mssen; fr das Sprengen etwelcher berfllter
derchen machte er dagegen statt heimlich emprter Nervengeister den spirituosen
Inhalt eines zur Hlfte entleerten Flschchens verantwortlich, das von dem alten
Kollegen als vorbeugendes Mittel in das Haus gestiftet worden war und von
welchem das arme Kind im Glauben, da viel viel helfe, ber Gebhr Gebrauch
gemacht haben mochte. Das Blut, so viel dessen noch vorhanden, ist mit Gift
versetzt, erklrte er. Indessen nur guten Muts! Doktor Peter Kurze ist bei der
Hand, und wenn alle Strnge reien, wei er ein heroisches Korrektiv, fr dessen
Wirkung, natur- und vernunftgem, gutzusagen ist. Einstweilen gilt es, mit
gelinden Reizmitteln den Grad der Inertie auf Apathie oder Ansthesis zu
untersuchen und zunchst mit dem unverfnglichsten aller Reize, dem auf die
Lachmuskeln, eine Probe zu machen. Wenn freilich der kleine Schelm ber einen
Heidenspa nicht mehr lachte, dann stand es bedenklich um das arme Kind, und das
heroische Korrektiv mute ernsthaft in das Auge gefat werden.
    Auf diese Probe hin betrat Doktor Peter Kurze in der Vesperstunde des
Begrbnistages das Krankenzimmer, nachdem er sich auerhalb desselben wegen
seines notgedrungenen Fehlens bei der Trauerfeier entschuldigt hatte.
    Ich komme direkt von Ihrem groen Feinde Mehlborn, Papa Blmel, und quasi
als dessen Friedensgesandter an Sie, hob er mit seinen muntersten
Trompetentnen an. Nmlich und so, wie Vater Walbe sagt: Auf Befehl meiner
hohen Prinzipalin bin ich in die sagenhafte Brenhhle gedrungen, nach deren
Erforschung ich schon lngst ein naturwissenschaftliches Lstchen gehegt. Muhme
Timpel, die Wirtschaftsdame, hatte sich am Morgen gelegt, wie ich schwarz auf
wei geben kann, indessen nicht unter den Erscheinungen des Hungertyphus, au
contraire, im Gegenteil unter denen einer bervlligen Ladung von Wellfleisch
und Sauerkraut. Das schmaust und zecht anjetzo im Herrenhause, als stnde man
vor dem Jngsten Tag.
    Ist der Amtmann denn krank? fragte Pastor Blmel, indem er den Erzhler in
die Nebenstube winkte. Der drastische Erregungsversuch entheiligte ihm seines
Kindes Leidensstatt. Zu des Heilknstlers rztlichem wie zrtlichem Bedauern
hatte er sich auch als total unwirksam erwiesen.
    Krank! nichts weniger, antwortete der Doktor lachend. Aber rein aus dem
Huschen, sage ich Ihnen. Der Tod der Tochter mag ihm doch rger mitgespielt
haben, als er sich merken lie, und die unerlebte Seuchennot macht ihn nun
vollends toll und tricht. Gott wei, in welcher alten Scharteke er einmal von
dem schwarzen Tod, will sagen von der Pest, die vor soundso viel Jahrhunderten
auch in der Werbenschen Gegend reinen Tisch gemacht haben soll, gelesen hat;
Cholerageschichten neueren Datums kommen dazu kurzum, der alte Knabe bildet sich
steif und fest ein, das schwarze Gespenst sei wieder da und habe ihm, Johann
Mehlborn, zur Strafe fr seine Snden den Morbus in den Leib gejagt. Besagten
Morbus lt er sich nun absolut nicht ausreden, wennschon ihm keine Ader weh tut
und er lediglich vor Sterbensangst verfllt. Sein Leichnam ist heil wie der
eines bemoosten Hechts. Bis auf die Augen versteht sich. Denn die sind futsch,
insofern er es nicht auf eine Operation ankommen lt. Ich habe ihm den
Staarstich gratis angeboten. Was tte es, wenn er milng'? Blind ist er
sowieso; und wo fnde ich eine herrlichere Gelegenheit zu einem ersten Versuch?
Aber gegen diesen Mehlwurm ist ein Stier ein Lamm.
    Welches ist denn nun aber der Auftrag, den er dir an mich gegeben hat?
unterbrach mit merklichem Unwillen Pastor Blmel den Vortrag dieses
aufheiternden Erlebnisses.
    Da Sie zu ihm kommen und sein Herz entlasten sollen, Papachen, antwortete
der Doktor, in seinem natur- und vernunftgemen Vorhaben keineswegs irritiert.
Seit die Timpel ihm dummerweise den Heimgang der guten Mutter hinterbracht hat,
chzt er, ringt die Hnde und flennt wie ein geprgelter Bube. Wenn ich nur
hinan knnte! sthnt er ein ber das andere Mal; aber kann einer sich rhren,
der den Morbus im Leibe hat? Ich schlug ihm zur Herzensergieung und eventuellen
Abspeisung - in deren Folge bei derartigen Todeskandidaten regelmig die
Genesung einzutreten pflegt -, item, ich schlug ihm den werten Amtsbruder in
Bielitz vor. Aber da kam ich schn an, Papachen! Was wei so ein grner Junge -
er ist vorige Woche ein Sechziger geworden! - von Werbenschen Zeiten und
Mehlbornscher Not? Hat der Bielitzer die Brigitte nur mit Augen gesehen? hat er
der Rse und dem Hannes den Sermon gehalten? Nein, sein Werbenscher mute es
sein, sein Blmel mute es sein. Und wenn der 'runter kam und ihm seine Snden
vergab und ihm den Lebenslauf zu halten gelobte, dann mochte es seinethalben mit
dem schwarzen Morbus sein Bewenden haben.
    Konstantin Blmel, der Greis, bedachte sich keinen Augenblick, wenige
Stunden, nachdem er sein Weib bestattet hatte, das Krankenbett seines liebsten
Kindes zu verlassen und, erschpft von Gram und Sorge, wie er war, bei
anbrechender Nacht in das Tal hinabzusteigen, um der Einbildung eines alten
Toren genugzutun, des einzigen Menschen, der ihm im Leben feind geworden war.
Der Sohn mochte warnen, soviel er wollte, Freund Kurze mochte sich ob seiner
bel angebrachten Aufmunterung zehnmal einen Esel schimpfen - wer aber htte
natur- und vernunftgem einem Siebziger auch noch solchen Hitzkopf zutrauen
knnen? - Der Pastor hngte sein Chormntelchen um und schritt voran.
    Indessen schon unter der Tr knickte er zusammen; die jungen Mnner muten
ihn zu seinem stillen Kinde zurckfhren.
    Geh du an meiner Statt, sagte er zu Dezimus; und als dieser zgerte, Vater
und Braut, beide seiner Pflege bedrftig, um eines eingebildeten Kranken und
auch seines einzigen Feindes willen zu verlassen, rief der Alte, als ginge es,
wie Anno 13, fort von Weib und Kind in den Kampf: Tapfer voran, mein Sohn!
Recht trauern heit sich selbst berwinden.
    So machte der Kandidat sich denn auf den Weg zur ersten Probe in seinem
seelsorgerischen Amt. Freund Kurze versprach, whrend seiner Abwesenheit in der
Pfarre Wacht zu halten.
    Dezimus hatte seit seiner groen Erfahrung noch keine Viertelstunde gehabt,
in welcher seine Trnen unbeobachtet flieen durften; nun geno er diese Wohltat
auf dem abendlichen Gange. Im Kahn traf er mit Lydia zusammen, die in das Tal
ging, die Nacht bei einem schwerkranken Kinde zu durchwachen. Sie reichten sich
schweigend die Hnde und gingen dann schweigend nebeneinander hin. In Freude
oder Leid, mit Lydia fhlte Dezimus sich niemals zu zweien.
    Auf dem Talgute sah es wst und de aus. Dienstboten zur persnlichen
Abwartung hatte der Amtmann niemals gehalten; die alte Ausgeberin lag krank im
Oberstock; Knechte und Mgde taten sich gtlich auf Schlenderwegen; keiner
kmmerte sich um den blinden Greis. Sie machten sich lustig ber ihn und gnnten
ihm die Qual, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, da der liebe Herrgott nun
einmal mit so unverdienter Barmherzigkeit seine Geiel an dem erbarmungslosen
Geizkragen und Leuteschinder vorbergehen lie.
    Der alte Mann sa mutterseelenallein in seiner Brenhhle; im Ofen qualmte
ein halberloschenes Torffeuer, der Docht der zinnernen llampe blakte;
schwrzliche Dnste von Ru und Rauch zogen gleich Wolken durch die wochenlang
nicht gelftete Stube. Auf dem vielleicht ebenso lange nicht abgestubten Tische
standen eine Kanne kalten Kamillentees und ein Napf gleichfalls kalter
Roggensuppe; beides noch gestrige Krankentraktamente Muhme Timpels. Daneben lag
das Rezept, das Doktor Kurze verschrieben und fr das sich noch kein Bote
gefunden hatte. Es mochte wohl von dem Kaliber dessen der Muhme Timpel sein,
ber welches Doktor Kurze vorhin geuert hatte: Wre sie eine Dame gewesen,
wrde ich gesagt haben: Reinen Born getrunken! da sie eine alte Gromagd war,
verschrieb ich den Born mit Sirup braun gefrbt.
    Dezimus hatte seit seinen Knabenjahren den Amtmann nicht in der Nhe
gesehen. Htte er nicht gewut, da er keinem anderen als ihm gegenberstehe, er
wrde den behbigen Mann nicht wiedererkannt haben in der schier unheimlichen
Gestalt mit dem verfallenen Leib, dem eisengrauen, struppigen Haar und Bart, der
weien Nebeldecke ber den eingesunkenen, schwarzen Augen. Das ist der Mensch!
    Der Kandidat hatte von seiner Adoptivfamilie angenommen, das sachsenhfliche
schn vor dem guten Morgen oder guten Abend fortzulassen; als der Alte
daher einen ungewohnten Tritt und die kurze preuische Begrung hrte,
kreischte er vor Freude laut auf, und dann schluchzte er vor Rhrung wie ein
Kind:
    Sie kommen, Herr Pastor! Ach, Sie guter Herr Pastor, Sie armer Herr Pastor!
Wei der Herr, ich habe nicht zum Begngnis 'nauf gekonnt! Sie sehens ja, kann
ich mich rhren? Und was fr eine schne Predigt werden Sie ihr gehalten haben!
Und nun sind sie alle beieinander, die Frau Pastorin und meine Brigitte und
meine Rse und mein Hannes, alle beieinander, und ich, ich habe den Tod im Leibe
und mu auch fort. Herr Pastor, Herr Pastor, glauben Sie, da ich, wenn ich fort
bin, zu den Meinigen kommen werde?
    Ich glaube, da wir im jenseitigen Leben mit denen wiedervereinigt werden,
die wir hienieden treuliebend im Herzen getragen haben, versetzte Dezimus,
durch seine Erinnerungen bewegt. Im brigen ist es nicht Pastor Blmel, der vor
Ihnen steht, Herr Amtmann. Da er selbst fr den Weg sich krperlich zu erschpft
fhlte, sendete er mich, um ihm Ihre Wnsche zu hinterbringen. Ich bin Dezimus
Frey.
    Dezimus Frey! schrie der alte Mann auf und fuhr von seinem Stuhl in die
Hhe, als htte ihn eine Hornisse gestochen. Die Schwche lie ihn jedoch
alsobald zurcksinken, und so sa er eine lange Weile in sich gekehrt und nickte
und murmelte vor sich hin, indem er aufwachende Erinnerungen und Vorstellungen,
wie sonstmals die Wagnisse und Treffer einer Spekulation, an den Fingern
abzhlte. Dezimus Frey, - der Hirtendezem, - dem ich den Inspektor gelobt habe,
- der Knigspate, - den, den ich um ein Haar massakriert, - der, der kommt
gerade alleweile, wo ich den Tod im Leibe habe. - Gottes Finger! Gottes Finger!
- Rse, meine Rse! - Herrgott, ich schwerer Snder! - Und er ist am Ende schon
ordentlicher Pastor droben - -
    Noch nicht, Herr Amtmann, unterbrach ihn Dezimus. Und, so Gott will, noch
lange Zeit nicht.
    Aber doch Pastors Substitarius, gelt?
    Auch dazu bedrfte ich erst noch der Ordination. Ich bin erst Kandidat und
nur nach Werben gekommen, um meinem Pflegevater bei den jetzt so schweren
Obliegenheiten seines Amtes, soweit ich dazu berechtigt bin, beizustehen.
    Aber das ist ja Jacke wie Hose! Substitarius oder Kandidat! Pastors
Abgesandter, das ist die Sache! Und er kommt aus gutem Willen herunter und
frchtet sich nicht vor dem Gift in meinem Leib. Und abspeisen wird er mich, und
mir den Lebenslauf halten wird er. Und ich habe ihn windelweich geblut, und ich
htte ihn totgeschlagen in meiner Wut. Aber ich will alles wieder gleichmachen,
alles wieder gut; verlassen Sie sich auf mich, verehrlicher Herr Kandidat.
    Nennen Sie mich doch du und Dezimus, wie sonst, Herr Amtmann, sagte
Dezimus lchelnd, worauf der Alte jedoch mit Eifer entgegnete:
    Beileibe nicht! Beileibe nicht hre sagen zu einem, der einem zum
geistlichen Troste abgesandt ist und einem die letzte Ehre erweisen darf. Nur
wenns mir einmal so unversehens herausfhrt, da nehmen Sie mirs nicht fr ungut
um der alten Freundschaft willen, verehrlicher Herr Kandidat.
    Wieder sa er eine lange Weile in Gedanken versunken, wiegte den Kopf und
zhlte an den Fingern. Dann aber schlug er jhlings mit beiden Fusten auf den
Tisch, da Kanne und Napf aneinanderklirrten, und rief mit einer Stimme, die an
den alten Kraftmenschen Mehlborn erinnerte:
    Ja, so stimmts; so solls sein. So und nicht anders; so wahr ich Johann
Mehlborn heie! Alles soll dir zukommen, alles sollst du haben, Kandidat, alles!
Denn warum? Wen habe ich auerdem? Und was wird, wenn ich fort bin, aus dem
lieben Gut? Und du hasts um mich verdient. Denn warum? Was gehe ich dich an?
Habe ich wie ein Pate an dir gehandelt oder nur wie Knigs Prokurist? Wie ein
Sakermenter habe ich an dir gehandelt, und du handelst an mir wie ein
Christenmensch. Und du bist auch der Mann dazu, Kandidat. Was fr ein hbscher
Kerl du geworden bist! Komm doch einmal recht dicht an mich heran; mein Gesicht
ist bei Abend ein bichen blde geworden. Aber das hat nichts auf sich. Was ich
sehen will, sehe ich doch. Und schneiden lasse ich mich nicht. Partoutement
nicht. Aber eine Brille will ich mir anschaffen, wenn ich wieder gesund geworden
bin. Eine grne, wie die von Beyfuen. Grn strkt.
    Der Kandidat mute ganz nahe an seinen Stuhl treten, mute sich bcken,
drehen, sich betasten, bestreichen, der Lnge und Breite nach mit den
Fingerkncheln ausmessen lassen, genau wie eine Kreatur, die vom Rokamm
erhandelt wird.
    Ja, wei Gott, ein strammer Bursche bist du geworden, wiederholte der Alte
nach der Untersuchung. Einen Kopf hher wie mein seliger Hannes und noch einmal
so breit. Und schon einen Bart, und Haare so weich wie ein Seidenhase. Wie die
Haare, so's Gemt, stehts geschrieben. Und kein Finger tut dir weh, gelt?
Hundert Jahre kannst du werden und was vor dich bringen in deinem Leben. Denn
warum? Ein Rechenmeister bist du gewesen, wie du noch im Kittel liefst, und wie
mans so nennt, einen Turkel hast du gehabt vom Mutterleibe an. Und siehst du,
Kandidat, Glck haben ist im Menschenleben Numero eins und Grtze im
Oberstbchen Numero zwei. Und wenn dein Vater auch als ein Saufaus bis zum
Schafhirten heruntergekommen ist, ein richtiges Werbener Kind bist du doch und
heit anjetzo Herr Kandidat und drftest einen abspeisen, und wenns ein Knig
wre; und wenn einer keine eigenen Angehrigen hat, da ist einem der Pate doch
immer noch der nchste. Denn siehst du, Kandidat, meine Brigitte, die ist dir im
Seebade ertrunken. Htte sie ihre Schuldigkeit an mir getan, wre sie bei mir
geblieben, sie lebte heute noch und kriegte nun alles. Fr wen habe ich mich
geschunden und geplackt? Was habe ich nicht alles an sie gewendet: erst in der
Benehmichte und dann bei der Wirtschaft mit dem Windhund von Baron! Htte sie
mir gefolgt, - aber Strafe mu sein, so stehts geschrieben, und darum hat sie in
ihren jungen Jahren daran glauben mssen. Und hre, Kandidat, der zweite Mann,
den sie genommen hat, der ist dir noch zehnmal rger als der erste. Denn warum?
Der erste, das war doch blo ein Schwerenter, dahingegen der zweite, - na, es
wird dir nicht verborgen geblieben sein auf deiner hohen Schule, - der zweite,
das ist ein Freimaurer, so einer von der Zunft, die den Herrgott im Himmel
absetzen will; und meine Brigitte, sagen die Leute, hat ihm mit ihrer Feder bei
dem Geschfte geholfen. Und nun stelle dir einmal die Wirtschaft hienieden vor,
Kandidat, wenn den beiden und ihren Helfershelfern ihr Vorhaben gelungen wre:
keinen Schpfer im Himmel, keinen Vater, keinen Richter und zu guter Letzt
keinen Erbarmer! Der Erdenmensch ein Wurm, der auffrit, was er findet, und am
Ende selber von den Wrmern gefressen wird!
    Der alte Mann machte eine Pause; er faltete die Hnde, vielleicht betete er
zu dem Erbarmer fr seine Brigitte, die an die Wrmer geglaubt, und die nun die
Wrmer nagten. Der Kandidat machte einen schwachen Versuch, ihn ber die
freimaurerische Wirksamkeit Frau Brigittens und ihres zweiten Gatten trstlich
aufzuklren, da er heute aber durchaus nicht in lehrhafter Stimmung war, lenkte
er des alten Mannes Gedanken auf seine Enkelkinder, die jener vllig aus dem
Gedchtnis verloren zu haben schien, schlug jedoch mit den bloen Namen wie mit
einem Stock in einen Wespenschwarm. Der alte Mehlborn, wie er vor zwanzig Jahren
leibte und lebte, war jhlings wieder aufgewacht.
    Die, die! schrie er, die Hnde zu drohenden Fusten geballt, die sind
erst recht von der giftigen Couleur! Fr die ist das vierte Gebot nun vollends
ein Kinderspott. Meine Brigitte, die hat mir zum wenigsten doch alle Monate
einen Schreibebrief geschickt. Gelesen habe ich sie seit ihrer zweiten Heirat
nicht mehr, aber aufgehoben habe ich sie alle, eine ganze Kiste voll, Kandidat.
Aber die, die Brut! Fragt eines nur nach mir in meiner schweren Not? Da lassen
sie mich blind werden und sterben und verderben. Und sie, juchhei, oben hinaus!
Und wenn ich tot bin, da kommen sie und sacken ein. Aber prosit die Mahlzeit!
Nichts sollen sie haben, das blanke Nachsehen sollen sie haben; du sollst alles
haben, Kandidat. Grn und gelb sollen sie sich rgern, bersten vor Bosheit
sollen sie, Kandidat!
    Der Kandidat lie geduldig den aufgebrachten Grovater seinen Ingrimm
auspoltern, setzte sich und dachte an seine liebe stille Mutter im Grabe und
sein liebes stilles Rschen auf dem Krankenbett. So viel von der menschlichen
Naturgeschichte verstand allenfalls auch er, um zu wissen, da ein deutscher
Bauer, solange er noch einen Blutserben hat, sein Hab und Gut nicht einem
Fremden gnnt, und wenn der Fremde sein bester Freund und der Blutserbe sein
Erzfeind wre. Der schwarze Tod und die Patenerbfolge erledigten sich Hand in
Hand. Ohne Widerrede rckte er daher auch, wie der Alte es ihm hie, eine
schwere Eisentruhe unter seinem Stuhle hervor, setzte sie vor ihn auf den Tisch,
ffnete sie und reichte ihm das Kontobuch, das obenauf lag. Des Blinden
zitternde Finger bltterten darin, whrend er mit einem mitrauischen Schielen
sagte:
    Bei Heller und Pfennig wei ich, was drinne steht, und was im Kasten drinne
liegt, bei Heller und Pfennig wei ichs auch. Nur ber das Muteil bin ich nicht
ganz helle. Denn siehst du, Kandidat, das Muteil kann ich ihnen nicht
entziehen, so stehts einmal geschrieben im Gesetz. Aber keine hohle Nu kriegen
sie ber das Mu; das brige kriegst du, alles du, Kandidat. Und wenn wirs
miteinander ausgerechnet haben, dann lasse ich anspannen, und du fhrst heute
noch in die Stadt und holst die Gerichte. Aber nicht den alten Hecht. Ich htte
es fr die Langeweile bei ihm, denn er ist mein Justiz. Ich wende es aber dran:
du holst das richtige Amt. Denn siehst du, Kandidat, der Hecht, der ist ein
Fuchs. Der hat mir die Suppe mit der alten Exzellenz eingebrockt, und du, armer
Kerl, hast sie austtschen mssen. Wahrlichen Gott! ich htte dich
totgeschlagen, so war ich in der Wut. Aber nun kriegst du dafr auch deinen
Lohn, und wenn die Sonne aufgeht, ist alles baumfest gemacht, und der
dickschnuzige Absalon und seine bucklige Schwester sollen daran glauben lernen,
einen Muttervater wie Johann Mehlborn ber die Achsel anzugucken.
    Sie irren, Herr Amtmann, wendete Dezimus ein. Ihre Enkelin ist eine
vortreffliche Dame, sehr gescheut und gar nicht stolz. Sie wird ohne Sumen zu
Ihrer Pflege herbeieilen, sobald ich ihr schreibe, da Sie nach ihr verlangen.
    Ich verlange aber nicht nach ihr, dummer Junge, fuhr der Alte auf, und
das Schreiben sollst du unterwegs lassen! Das Mu sollst du mir ausrechnen, und
in die Stadt sollst du fahren und mir die Gerichte holen.
    Ich verstehe mich auf derartige Berechnungen nicht, Herr Amtmann,
versetzte Dezimus, und fr einen Stadtweg habe ich heute abend keine Zeit. Ich
mu nach Hause eilen, da Vater und Schwester krank liegen.
    Der alte Mehlborn zuckte bei den letzten Worten zusammen, als she er ein
Gespenst. Hatte eben noch der Br gebrummt, nun krmmte sich der Wurm.
    Die auch! die auch! chzte er. Das Rosenpatchen auch! Groer Gott, in
deine Hnde! die auch den schwarzen Tod!
    Wir frchten so Schlimmes nicht, Herr Amtmann. Nur die starke Erschtterung
- -
    Aber sie liegt doch krank, sie kann doch sterben, und sie wird auch
sterben, schon mir zum Schure wird sie sterben und vor mir hinaufgehen und mich
droben anklagen bei meiner Rse - und - und - und das wars ja eben, derhalben
ich den Herrn Pastor zu mir herunter gentigt habe, und was Sie nun als sein
Abgesandter anhren sollen, verehrlicher Herr Kandidat, da Sie, wenn Sie mir
den Lebenslauf halten, mich nicht vor der lieben Menschheit blamieren.
    So hrte denn Pate Kandidat als ehrwrdiger Beichtvater das Bekenntnis an,
das halb mit Reue und halb mit Selbstbeschnigung sich der alten Seele in ihrer
vermeintlichen Todesnot entrang. Habsucht, Geiz, Hartherzigkeit im allgemeinen
war es nicht, was ihn behelligte, und unerwartet Besonderes erfuhr der Sohn
Mutter Hannas auch nicht. Der Mann, der fr einen Millionr geschtzt wurde,
war, um zirka hundert Taler willen, seiner treuesten Freunde Feind geworden, und
ohne da er es sich eingestand, sein eigener zumeist, denn mit dem Respekt vor
sich selbst war es seitdem vorbei, mit dem vor allen andern Leuten aber auch;
denn was ich denk und tu, das trau ich anderen zu.
    Er hatte die Patenbchse aus der Hand seiner sterbenden Rse genommen, mit
dem Gelbnis, sie der Frau Pastorin zu dem bewuten Zwecke auszuhndigen, und
diese Aushndigung nun, die hatte er in der Rage vergessen. Er htte sie
freilich auch gar nicht ntig gehabt; denn was in der Wirtschaft erbrigt wird,
gehrt dem Ehemann und nicht der Frau; so steht es geschrieben im Gesetz; und
schwarz auf wei war auch nichts ber die Sache dagewesen. Wenn einer aber einen
in den letzten Zgen liegen sieht, verspricht er manchmal etwas, was ihn nach
der Zeit wurmt. Kurz und gut: der Amtmann hatte die Patentaler - beileibe nicht
etwa unterschlagen - nur auf Hypothek gegeben, jetzt aber wollte er sie
ausliefern, obendrein Zins auf Zins; aber freilich nur dritthalb Prozent, denn
mehr komme bei der konomie nicht heraus, und tue er ein briges mit einem
Dokument ber hundertfnfzig Taler. Das aber sollte der Kandidat noch diese
Nacht seiner Schwester aushndigen, ehe sie etwa auch noch daran glauben msse
und Johann Mehlborn am Ende als ein schwerer Snder von seiner Rosine vor Gottes
Thron empfangen werde.
    Er kramte whrend dieser Beichte unter den Papieren in seinem Kasten und
tastete trotz Blindheit und schwarzen Todes geschickt genug ein
Hypothekendokument hervor, von welchem der Kandidat nicht mit Unrecht vermutete,
da es auf schwachen Fen stehe, da Johann Mehlborn sich sonst wohl kaum so
leichten Herzens von ihm getrennt haben wrde. Er, der Kandidat, machte zwar den
Einwand, da er die Sache erst mit seinem Vater bereden und morgen dessen
Entscheidung bringen werde, da er aber sah, wie so gar eilig der Alte es hatte,
zwei Fliegen mit einem Schlage zu klappen, indem er gleichzeitig sein Gewissen
entlastete und sich eines verdrielichen Wertzeichens begab, steckte er das
Schriftstck ein.
    Mit merklich erleichtertem Herzen sagte der reuige Snder darauf:
    Und wie ichs mit dir vorgehabt, Kandidat, dabei bleibts. Denn warum? wer
solls kriegen? Und weit du, was meine Rse in ihrem letzten Stndlein fr mich
gesagt hat? Johann, hat sie gesagt, sooft du der armen Hirtenwaise etwas zugute
tust, wird es der liebe Heiland dir an Leib und Seele gesegnen. Und was einer in
seinem letzten Stndlein prophezeit, das kommt von oben. Der Herr wird mirs an
meinem Leiblichen gesegnen. Und darum sollst du alles haben, Kandidat, alles bis
auf das Mu.
    Der Kandidat riet ihm, die Angelegenheit zuvrderst zu beschlafen, dann
ruhig zu berlegen, bis eines seiner Enkelkinder, mit dem er sie besprechen
knne, in seiner Nhe sei. Nur eine Woche Geduld, Herr Amtmann, und ich brge
Ihnen dafr, da wenigstens Frulein Sidonie Ihnen zur Seite steht.
    Wenn sie die Erbschaft wittert, ja warum denn nicht! versetzte der Alte
mit hhnischem Gelchter. Was ein Rabe ist, fliegt nach Gold.
    Ich wiederhole Ihnen, Sie verkennen Ihre Enkelin, Herr Amtmann. Frulein
Sidonie ist weder hoffrtig noch verschwenderisch. Sie hat diese Jahre her
Klavierstunden gegeben, um ihrer seligen Mutter die Haushaltung zu erleichtern.
    Das war eine glckliche Wendung. Sie machte dem reichen Mann, der sein
einziges Kind hatte darben lassen, sichtbar einen bedeutenden Eindruck.
Stunden? Stunden fr Geld? fragte er.
    Fr Geld, Herr Amtmann.
    Aber was kann bei dem Fingerieren denn herauskommen, Kandidat?
    Frulein Sidonie ist sehr geschickt in ihrer Kunst; sie schlug ihren
jhrlichen Erwerb auf tausend Taler an.
    Wa-wa-was, tausend, tausend Taler?
    Sie wird aber keinen Augenblick anstehen, diesen eintrglichen Erwerb
aufzugeben, um dem Vater ihrer seligen Mutter - -
    Na, die Spielstunden, die mssen ihr freilich angerechnet werden im
Testament, unterbrach ihn der Alte. Fr dich bleibt dann immer noch genug und
satt, Kandidat. Aber mehr, als das Mu und die Stunden zu Kapital gemacht,
nicht. Denn siehst du, Kandidat, die Sache hat einen Haken. Das Mdchen ist
schief. Und wenn einer schief ist und wenn einer schielt, da traue ich ihm nicht
quer ber den Weg. Und Mnner kriegt sie, weil sie ausgewachsen ist, wohl zehne,
aber Nachkommenschaft keine. Und wenn an Nachkommenschaft nicht zu denken ist,
was wird da aus dem schnen Anwesen, das Johann Mehlborn sechzig Jahre lang sich
zusammengerackert? Grund und Boden wird um ein Dudeldei verschleudert, alles zu
bar gemacht fr den Bruder Luft und von dem Bruder Luft auer Landes
verjuchheit. Nein und ein Punktum dahinter: Nein! Die Wirtschaft mu
beieinanderbleiben; der Bruder Luft soll auch auf Umwegen nichts erlangen,
keinen Pfifferling ber das blanke Mu!
    Dezimus wendete ein, da Frulein Sidonie besser als er selbst imstande sein
werde, des Grovaters ungnstige Meinung ber seinen Enkelsohn zu zerstreuen,
und da sie fr ihre eigene Person gar wohl an die Grndung einer Familie denken
drfe, da ihr krperliches Gebrechen durchaus nicht so erheblich sei, als jener
es sich in den Jahren der Entfernung vorgestellt. Frulein Sidonie wre eine
gesunde und sehr hbsche Dame. Das aber waren gute Worte und keineswegs in den
Wind geredet. Der Grovater dachte schon gar nicht mehr an das Patenerbe, und
wenn er es auch nicht eingestand, brannte er vor Verlangen, sein Tochterkind zur
Stelle zu haben. Als Dezimus erklrte, da er sie morgenden Tages nach Werben
einladen werde, da hatte der alte Mann nur noch das einzige Bedenken, da das
Schweizerland erschrecklich weit gelegen sei und der schwarze Tod raschen Proze
mit einem Menschen mache. Der Kandidat suchte ihn auch darber zu beruhigen.
    Doktor Kurze versichert ja aber, da Sie von der bsen Krankheit gar nicht
befallen seien, Herr Amtmann, und Sie sehen auch wahrlich nicht danach aus, als
ob Sie dieselbe zu befrchten htten.
    Nicht, meinst du wirklich nicht, Kandidat? Aber siehst du, meine grausamen
Schmerzen!
    Wo tut es Ihnen denn weh, Herr Amtmann?
    Hier und da, ach du meine Gte, berall. Das Herzgespanne! das Kreuze - -
    Aber zum Aushalten ist es doch?
    Je nun, zum Aushalten wre es allenfalls. Aber die Beine, wie die steif
sind und eiskalt. Und hre nur, Kandidat, wie's mir im Bauche knurrt.
    Sie werden Hunger haben, Herr Amtmann.
    Na freilich, Mordhunger! Die Krankheit heit ja eben darum die
Hungerseuche. Denn wenn einer, der sie hat, was zu sich nimmt, drckt es ihm auf
der Stelle das Herz ab. Seit zwei Tagen ist kein Bissen ber meine Lippen
gekommen. Nur wie ichs gar nicht mehr aushalten konnte, hat mir die Timpeln ein
bichen von ihrem Tee und von ihrem Mehlmus geschickt. Ich konnte aber nicht
einen Lffel voll hinunterbringen, so wendete sich mir das Eingeweide um. Und
siehst du denn nicht, Kandidat, meine Hnde sind schon ganz schwarz.
    Der Lampenschatten fllt darauf, Herr Amtmann. Ei, nicht doch, Sie haben
sich beim Torfanlegen geschwrzt. Waschen Sie sich, und Sie werden sehen, da
sie rot wie alle Tage sind.
    Waschen, ja waschen! entgegnete der Alte in rgerlich weinerlichem Tone.
Wo soll ich denn Wasser hernehmen und Seife und eine Quehle? Kann ich denn
aufstehen? Habe ich denn einen, der nach mir fragt? Ja, wenn meine Rse noch
lebte oder mein Sidonchen wre schon da. Siehst du, Kandidat, wenn einer ein
Lump ist, da springen die Leute ihm bei und greifen ihm unter die Arme. Wenn
einer aber in Schwei und Plack etwas vor sich gebracht hat, da beschreien sie
ihn, wnschen ihm die schwere Not an den Hals, und ist sie da, lachen sich die
Neidhammel in die Faust. Du wirsts schon auch einmal erleben, Kandidat, wenn du
erst oben in deiner schnen Pfarre sitzest.
    Der geistliche Berater und Beichtiger ging in die Kche, holte warmes Wasser
und Waschzeug und reinigte dem reuigen Snder das Gesicht, das nicht weniger wie
die Hnde von Ru und Kohle geschwrzt war, dann aber lie er den Snder sich
die Hnde so lange seifen und reiben, bis wieder eine menschliche Farbe zum
Vorschein kam. Von Gram und Sorge bedrckt, wie er war, und wahrlich nicht
aufgerichtet durch die kindische Zerknirschung und selbstschtige Gromut einer
Greisenseele, die sich am Grabesrande whnt, muteten diese Handreichungen ihn
nahezu erheiternd an. Denn wenn eine rasche, mutige Tat, fr welche einem
Menschen - und auch nur dem glcklichsten - vielleicht ein- oder zweimal im
Leben die Herausforderung geboten wird, ihn aus seiner Bedrngnis ber sich
selbst erhebt, so sind es die gemeinen Erweisungen des Tageslaufs, welche das
gestrte Gleichgewicht mhlich wieder in die Richte bringen. Und ist denn dieses
Gleichgewicht am Ende nicht unser wahrhaftes Glck?
    Die Hnde waren rein; auch das Zimmer notdrftig gelftet und das qualmende
Ofenfeuer zum Lodern gebracht. Der Kandidat riet dem armen Hungerleider nunmehr
auf seine seelsorgerische Verantwortung hin, sich etwas Leibliches zugute zu
tun, erbat sich die Schlssel zu Keller und Speisekammer, die der Hausherr Muhme
Timpeln bei ihrer Erkrankung abgenommen, holte Brot und einen Schinken,
entdeckte glcklich auch noch eine Flasche alten Rheinweins, die whrend der
stolzen Magnatenzeiten in das Haus gestiftet und in einem Kellerwinkel vergessen
worden sein mochte. Und der arme Todeskandidat schlrfte den Labetrunk wie ein
lechzender Storch und verschlang die kstlichen Mundbissen wie ein
ausgehungerter Wolf.
    Ach, wie das gut tut! rief er ein ber das andere Mal sich auf den Magen
klopfend. Nun erzeige mir aber auch noch den Gefallen, Kandidat, und stelle die
Neigen hier unter meinen Stuhl, da keiner dazu kann und ich sie gleich bei der
Hand habe. Oder mchtest du etwa auch ein Hppchen?
    Dezimus dankte.
    Aber doch einen Schluck?
    Auf Ihr Wohl, Herr Amtmann! sagte Dezimus, indem er ihm das Glas aus der
Hand nahm. Der Alte bemerkte schmunzelnd, da es sich nicht leerer anfhlte, als
es ihm wieder zurckgereicht wurde.
    Noch mute der Kandidat die Eisenlade wieder sorgfltig schlieen und
verbergen, dann entkleidete er den taumelnden alten Mann, fhrte ihn an sein
Bett, und nachdem er ihm die dicke Federdecke bis an die Ohren gezogen, dies
kaum geschehen auch schon die ersten Laute eines Mehlbornschen Schlummers
vernommen hatte, schttelte er den Staub von seinen Fen und eilte
freiaufatmend seinem stillen Hause zu. Als er sich der Fhre nherte, hrte er
ein Posthorn schmettern; ein Wagen bog von der Stadtseite her in die Dorfgasse
ein. Wiederum ein Kranker, dem ein Arzt zu Hlfe gerufen worden ist, dachte
Dezimus seufzend.
    In der Pfarre ruhte der Vater bereits, und Peter Kurze sehnte sich laut
ghnend, nach des Tages Lasten auf seiner Sprungfedermatratze einen tiefen
Schlaf zu tun. Auch dem armen Brutigam fielen vor Erschpfung die Lider zu. Auf
die litauische Lene war ja Verla. Strickstrumpf und Kaffeetrank halten alte
Augen wach; das liebe Rschen war ja auch ihr Htschelkind, und leider verlangte
es nichts anderes als dann und wann mit einem matten Blick nach einem Tropfen
Wasser. Dezimus warf sich in seinen Kleidern auf das Sofa der offenen
Nebenstube. Der Tag, der im hehrsten Schmerzgefhl begonnen hatte, in Trbsal
und Trivialitt verlaufen war, endete mit einem Totenschlaf. Darf einer aber ein
Glcklicher heien, der mehr als einen solchen Tag erlebt?

Am anderen Morgen entschied der Vater dafr, das Dokument anzunehmen. Sein Wert
erschien auch ihm uerst fragwrdig; aber, meinte er, was kann es uns auf
ein Dankeswort ankommen, wenn der kindische alte Mann durch dieses
Scheingeschenk mit sich selber ausgeshnt wird?
    Dezimus machte den Versuch, sein Rschen durch die Mitteilung von dem
Patenlegat zu erheitern. Sie verblieb unbeweglich mit halb geschlossenen Lidern,
und als er die blassen Wangen streichelnd sie fragte, ob sie sich denn nicht auf
das kleine Treibhaus, das sie sich fr das Geld bauen wollten, ein wenig freue,
wendete sie, als ob sie kein Wort mehr hren mge, den Kopf nach der Wandseite.
Das bewegliche junge Herz schien gegen Wunsch wie Gram erschlafft. Dezimus
zitterte bei der Vorstellung, da das liebste Leben in solch geheimnisvoller
Stille entweichen knne. Er htte die welken Hnde nicht aus den seinen lassen,
die Blicke nicht von dem weien Rosenantlitz verwenden mgen.
    Aber der Vater gestattete ihm kein miges Weilen. La den Greis wachen,
sagte er, und wirke du an seiner Statt.
    Der Amtsbruder in Bielitz mute um seine Vertretung bei sakramentalen
Handlungen angegangen werden, in manches Kranken-, in manches Trauerhaus der
Untergemeinde war Ermutigung und Trost zu tragen. Ja, Vater Blmel ging so weit,
an die Vorbereitung zur Sonntagspredigt, des Sohnes erste Predigt, zu mahnen;
damit hatte er des Sohnes Kraft und guten Willen aber doch berschtzt.
    Der Abend dmmerte, als er das Gut betrat, in welchem er die dankbare
Annahme des Vermchtnisses melden sollte. Wie eilig er nun aber auch war, wie
tief von Weh und Angst erschttert, wie bnglich er sich in die stille
Leidenskammer der Geliebten sehnte: eine sonderbare Vernderung des
verwahrlosten Herrenhauses konnte ihm nicht entgehen. War es doch, als ob kleine
dienstfertige Wichtelmnnchen ber Nacht darin gewaltet htten. Die blinden
Fensterscheiben blinkten hell, die Spinneweben waren fortgefegt, die
Steinfliesen des Flurs geschwemmt und mit weiem Sand bestreut; aus
Kohlenpfannen wirbelten wrzige Wacholderdmpfe in die Hhe. Auch die Wohnstube
war gescheuert und gelftet, auf dem sauber gedeckten Tische Wein und ein
Vesperimbi aufgetragen. Der Amtmann gewaschen, gekmmt und rasiert, mit dem
guten Kirchenrock angetan, schien um ein Mandel Jahre verjngt, um seine breiten
Lippen spielte eine neckische Laune, die frherhin keineswegs zu seinen
Temperamentseigenschaften gezhlt hatte. Als Dezimus vom Flur her das Zimmer
betrat, verlie es jemand durch die Kammertr. Wer? war im Zwielicht nicht zu
unterscheiden. Das Rauschen eines Frauenkleides lie indessen darauf schlieen,
da Muhme Timpel die Anfechtung von Wellfleisch und Sauerkraut so glcklich
berwunden habe wie ihr alter Herr den Wrgengel der Hungerseuche, und da zum
Dank fr diese Gnade sie einen neuen, reinlichen Menschen angezogen.
    Dezimus richtete seinen Auftrag und sprach seine Befriedigung ber des Herrn
Amtmanns sichtliches Wohlbefinden aus, worauf der Herr Amtmann, indem er das
Glas, aus welchem er sich eben gestrkt hatte, aus der Hand setzte, lachend
erwiderte:
    Na ja, mein Junge, wie es so den Anschein hat, kannst du es noch zum
richtigen Pastor bringen, ehe du mir den Lebenslauf zu halten hast. Aber hre,
Kandidat, die Klughnse von Doktores, die sollen mir mit ihrem Mehlmus und
Kamillentee gewogen bleiben. Nicht heraus, hinein treiben sie das schwarze
Gespenst. Du bist mein Mann, Pate, mit deinem Schinken und deinem Wein! Aber
freilich, noch ein drittes mu dazukommen, wenn dem Morbus der Garaus gemacht
werden soll.
    Er blinzelte bei diesen Worten mit den Augen, die nicht mehr ganz scharf
sehen, und spannte mit den Ohren, die noch immer sehr scharf hren konnten, nach
der Kammertr, durch welche der Weiberrock verschwunden war. Pate Kandidat aber
lchelte und dachte: Jawohl, das Gemt, befreit von dem Druck eines
Handgelbnisses und eines unsicheren Dokuments.
    Der so wunderbar vom Tode Gerettete rieb sich seelenvergngt die Hnde.
Pltzlich jedoch schien eine unbehagliche Vorstellung ihm durch den Kopf zu
schieen. Er fragte, ob der Kandidat sich mit der Zitation des stdtischen
Gerichts auch nicht bereilt habe, und als die Frage verneint ward, kehrte die
joviale Stimmung ihm zurck.
    Siehst du, mein Junge, sagte er, es wre blo weggeschmissenes Geld.
Wofr brauche ich denn ein Testament? Du wirsts wohl gemerkt haben, es war
nchtens in meinem Oberstbchen nicht ganz helle. Die grausame Krankheit hatte
mir gar zu schmhlich mitgespielt. Und darum hattest du von wegen des
Beschlafens wieder einmal ganz recht. Heute bin ich auf dem richtigen Punkte.
Wozu brauche ich einen letzten Willen? Ich habe zwei leibliche Tochterkinder,
und das mit dem Mu - Pflichtteil nennens die Gerichte, ich konnte mich nur
nchtens nicht auf den gehrigen Titel besinnen - wre zuwider Gottes Ordnung in
der Heiligen Schrift. Meinst du nicht auch, Kandidat?
    Jedenfalls, Herr Amtmann, zuwider der Natur und einem gtigen Vaterherzen,
antwortete Dezimus.
    Der Amtmann drckte ihm, nach seiner Art gerhrt, die Hand. Eine ehrliche
Haut bist du, Kandidat, sagte er, das mu der Feind dir lassen. Eine
grundehrliche Haut. Und helle bist du auch, mordhelle, hast ein Einsehn in
jedwede Sache, wie sie schmeckt und riecht. Aber dein Schade solls nicht sein.
Verla dich auf den alten Mehlborn, wenn er auch nicht dein Pate ist. Denn was
verschlgt am Ende ein kniglicher Prokurist? Der alte Mehlborn hats gut mit dir
im Sinn.
    Er machte eine Pause, simulierte ein Weilchen, indem er, wie vorhin, nach
der Kammertr starrte, dann hob er von neuem an:
    Siehst du, Kandidat, es ist mir ber Nacht, wie man zu sagen pflegt, ein
Licht aufgesteckt worden. Mein Enkelsohn betreibt in der franzsischen
Hauptstadt die Wissenschaft und schreibt Lesebcher. Er hat die Kunst von seiner
Mutter, meiner Brigitte, geerbt; nur da das, was mein Enkelsohn macht, sich
reimt wie die Lieder, die im Gesangbuche stehen. Aber eine Snde ist das
Versemachen nicht und eine Schande auch nicht; und ein ganz hbsches Stck Geld
kommt bei dem Bcherschreiben heraus. Meinst du nicht auch, Kandidat?
    Unter Umstnden allerdings.
    Unter Umstnden blo, he? Wovon htten denn meine Brigitte und ihr
Professor gelebt und gut gelebt? Geld wie Heu, sage ich dir, wenn auch nicht
ganz so viel, wie sich bei der konomie herausschlagen lt. Aber die kann mein
Enkelsohn ja auch noch betreiben lernen, er ist ja noch ein junges Blut. Was
aber den Professor anbelangt, den Wittmann von meiner Brigitte, kein Gedanke an
einen Freimaurer bei ihm! der Beyfu ist ein Esel, da er mir den Freimaurer in
den Kopf gesetzt. Die Lesebcher, die der Professor schreibt, kann einer wie
Beyfu ja gar nicht verstehen. Und den Herrgott hat der Professor in seinen
Schriftstcken auch beileibe nicht abgesetzt. Nur einen anderen Mantel hat er
ihm umgehngt; grasgrn und himmelblau, statt nach der alten Mode Purpur und
Gold. Na, das ist seine Sache. Herrgott bleibt Herrgott. Die Hauptsache ist das
Gesetz. Was nun aber vollends mein Sidonchen - -
    Er machte von neuem eine Pause, und Dezimus stand vor Staunen starr und
stumm. Wer hatte dem blinden Greise dieses Licht aufgesteckt? Ein Traumgeist,
der Geist des Weins, oder blo das Frohgefhl der Genesung? Hatte Peter Kurze
ihn in die Kur genommen? oder etwa - etwa Lydia? Zuzutrauen wre die Absicht dem
weien Frulein sicherlich gewesen; aber die Wirkung, diese Wirkung einer Lydia
auf einen Johann Mehlborn? Des Kandidaten Blicke folgten denen des Amtmanns nach
der Tr. Er unterschied aber nichts als die blankgeputzte Messingklinke.
    Was aber mein Sidonchen anbelangt, fuhr der Alte fort, so hast du zum
dritten Male wahrgesprochen, Kandidat. Mein Sidonchen ist dir ein ganz
scharmantes Mdchen; rund und rot wie ein Borsdorferapfel, zum Anbeien, sag ich
dir, und von wegen des Schulterstcks, na, wei Gott, die Brille mte einer
aufsetzen, wenn er die Schiefigkeit bemerken sollte!
    Kicherte da nicht jemand hinter der Kammertr? Trichte Einbildung! es ist
ja alles muschenstill, und der ber Nacht bekehrte Grovater fhrt auch ganz
ungestrt in der Anpreisung seines Fleisches und Blutes fort: Zehn Mnner,
Kandidat, kann dir mein Sidonchen kriegen; ein Dutzend Wochenbetten wren nicht
zuviel fr sie; bis zur goldenen Hochzeit kann sie's bringen. Und hre,
Kandidat, gescheut ist dir mein Sidonchen, gescheut wie ein Advokat, und die
Worte kann sie dir setzen wie der allerschnste Pastor, und auf die Wirtschaft
versteht sie sich, da meine selige Rse dir nichts, egal gar nichts dagegen
gewesen ist. Eine Kserei will sie bei mir anlegen, so wie sie drauen in der
Schweiz schon manchen armseligen Hutmann, wie dein Vater einer war, Kandidat,
zum reichen Manne gemacht hat. Nur da drauen, auer dem Rindvieh, anstatt wie
bei uns Schafe, mehrenteils Ziegen gehalten werden und die Ziegen nicht so viel
Ftterung brauchen. Dafr haben wir aber die Wolle.
    Der Kandidat fate sich mit beiden Hnden nach der Stirn. Trumte er, oder
war hier ein Wunder geschehen? Sollte Sidonie geschrieben haben? Aber der blinde
Grovater htte den Brief ja nicht lesen knnen. Die Frage nach Lydia brannte
auf seinen Lippen, des Alten Redeflu lie sie aber nicht zum Ausdruck kommen.
    Und siehst du, mein Junge, fuhr er in einem Atemzuge fort, weil du doch
nun einmal halb und halb meine Pate bist und ich dir den Inspektor versprochen
und nicht gehalten habe, - denn warum? du wolltest ja nun einmal absolut auf den
Postor studieren, - und weil meine selige Rse dich mir, sozusagen, aufs Herz
gebunden hat, und weil ich dir nchtens, wo mich die Morbuslaune ein bichen
benebelt hatte, mit der Erbschaft einen Floh ins Ohr gesetzt habe;
desselbigengleichen aber auch, weil die Werbensche Pfarre ein eintrglicher
Posten ist und einer ganz bequem die Wirtschaft auf dem Talgute daneben
betreiben kann, und weil die paar Tausend Legation von dem rmischen Frulein
doch auch eine angenehme Zubue sind, kurz und gut, weil alles klappt und stimmt
wie gemaust, derhalben will ich dir mein Sidonchen zur Frau geben, und lieber
heute als morgen kann die Hochzeit sein.
    Dezimus, bei aller Betrbnis seiner Seele, hatte Mhe ein Lachgelst
niederzukmpfen, und noch war er zu einer schicklichen Gegenrede nicht gelangt,
als eine khle Frauenhand sich in die seine legte und eine wohlbekannte
klangfrische Stimme fragte:
    Nun, was sagen Sie zu dem Antrag, Johanniskind?
    Da stand er denn wie eingewurzelt mit stockendem Atem, so, als wre der
liebe Mond gleich einer Bombe zu seinen Fen niedergeplatzt. Gottlob! da es
halb Nacht in der Stube war und keiner bemerken konnte, wie der kalte
Angstschwei ihm von der Stirne tropfte.
    Der alte Mehlborn hatte nach seiner anstrengenden Werbung sich durch ein
Spitzglschen von seiner bewhrten Medizin gestrkt; - Johann Mehlborn stand
wahrlich in Gefahr, in alten Tagen zum Bacchusjnger auszuarten! - nun kicherte
er, sich die Hnde reibend, vor sich hin:
    Stockstumm vor Plsier steht er da, hihihi! wie der dumme Junge von Meien
steht er da, hihihi!
    Sie sagen nichts, und das ist genug gesagt, flsterte Sidonie, indem sie
langsam ihre Hand aus der seinen zog; Dezimus aber, der sich mhsam gefat
hatte, erwiderte:
    Ich beklage, gndiges Frulein, da diese Greisenschrulle vor Ihren Ohren
laut werden mute, und ich beschwre Sie, zu glauben - -
    Na, was tuschelt Ihr denn so heimlich miteinander? unterbrach der
Grovater die feierliche Beschwrung. Liebeswrtchen schon? hihihi!
    Nicht doch, Grovater, antwortete Sidonie mit ruhiger Stimme, wennschon
Lippen und Glieder leise zitterten. Der Schlaukopf hat es gemerkt, da du
deinen Spa mit ihm getrieben.
    Ich, einen Spa? einen Spa, ich? rief der Alte vllig verdutzt.
    Nun was denn sonst, Grovater? Habe ich dir denn nicht gesagt, da er schon
seit Jahren ein Schtzchen im Herzen trgt? Nicht? Ei was, da habe ich gedacht,
die Sache verstnde sich von selbst. Siehst du, Grovater, ein Kandidat, der
blo mit einer Herzallerliebsten von der hohen Schule abgeht, der kann sagen,
da er noch mit einem blauen Auge davongekommen ist; gewhnlich erfreut er sich
schon einer verlobten Braut. Habe ich nicht recht, Herr Kandidat?
    Soweit es meine Person betrifft, allerdings, gndiges Frulein, antwortete
Dezimus bewegt, ich habe seit Jahren eine Liebe im Herzen getragen, und die
Geliebte ist meine verlobte Braut geworden. Auf ihrem Sterbebette hat meine
Pflegemutter die Hand ihrer Tochter in die meine gelegt fr das Leben.
    Er atmete nach diesem Gestndnis auf wie erlst. Sidonie war betroffen ein
paar Schritte zurckgewichen; es war minutenlang in dem dunklen Zimmer kein
Atemzug zu hren. Jhlings jedoch schlug der alte Mehlborn mit beiden Fusten
auf den Tisch und stie mit der Naturkraft seiner guten Tage einen Fluch aus,
vor welchem eine andere nervenschwache Dame als die gegenwrtige bis zur
Ohnmacht erschrocken sein wrde. Das ist, schrie er, nachdem das Donnerwetter
ihm Luft gemacht, das ist ja egal wieder so ein hinterrckscher Streich wie
dazumal der mit der alten Exzellenz, das ist ja - -
    Nicht doch, Grovater, unterbrach ihn Sidonie, die sich gefat hatte. Es
ist eine Zuneigung und ein mtterlicher Plan von Kindesbeinen an. Wenn du in
letzter Zeit mehr mit unseren guten Freunden in der Pfarre zusammengekommen
wrest, wrdest du den Braten lngst gerochen haben.
    Sidonie lachte bei den Worten mit seltsam vibrierendem Klang; der Br war
aber einmal aufgewacht, und so brummte er sich unerschtterlich aus.
    Schwatz doch nicht so dummes Zeug, Sidonchen! Das ist ja alles nicht hotte
und nicht h. Wenn zwei miteinander in der Boje gelegen haben, zum Henker, das
ist ja egal, als ob Bruder und Schwester Mann und Frau werden wollten. Die
Geschichte mu auseinander. Ein Sterbebett ist doch nicht etwa Gottes Altar und
Brautstand noch lange kein Ehestand. Der Junge mte ja des Teufels sein,
Sidonchen. Die kleine Rse ist arm wie eine Kirchenmaus, und mit dir kriegt er
einmal ein Rittergut und eines in der Tasche obendrein.
    Sidonie lachte von neuem und natrlicher als vorhin.
    Ja, wenn er nur frher gewut htte, wie gut du es mit ihm vorhattest,
Grovater, sagte sie, trat an den Tisch, schenkte das Spitzglschen wieder
voll, und der Grovater, nachdem er es ausgeschlrft, streichelte ihrzrtlich
die Backen und sagte schmunzelnd, von einem lichtvollen Einfall durchzuckt:
    Weit du was, mein Sidonchen, weil du es bist, will ich ein briges tun.
Hre, die kleine Rse, so pauvre wie sie ist, die geben wir deinem Mxchen, und
er zieht mit ihr hinber und wirtschaftet als mein Verwalter in Bielitz. Du
nimmst den Kandidaten und bleibst hben bei mir. Und wenn dein Mxchen etwa - -
    Du hast recht, fiel Sidonie ein, das wre ein Vorschlag zur Gte, den wir
miteinander berlegen wollen, Grovater. Jetzt aber mut du durchaus ruhen. Das
viele Sprechen hat dich angegriffen; du siehst schon ganz bla aus und bist rauh
auf der Brust. Da um Gottes willen kein Rckfall kommt! Mit solch einer
Krankheit ist nicht zu spaen, Grovater!
    Der strrische alte Mann gehorchte wie ein Kind. Er lie sich von seinem
Sidonchen nach dem Kanapee fhren, streckte sich, wie sie es vorschrieb, der
Lnge lang aus und drckte die Augen zu. Bald verriet der schnarchende Atem,
da die ungewohnte Labe auch heute wieder ihre Schuldigkeit getan. Sidonie legte
ihren Arm in den des Kandidaten, und sie verlieen das Zimmer.
    Eine Weile gingen sie nebeneinander her und schwiegen sich aus. Ach, solch
ein armseliger Stmper ist ja der stolze Willensheld, Mensch genannt, da eine
unbehagliche Situation die wrmsten Affekte seiner Seele wettzumachen vermag. Wo
fnden wir den idealen Helden, welcher die Weihe des Ostermorgens Doktor Fausten
unverdrossen nachempfunden htte, wenn ebenso unverdrossen eine Brummfliege sich
auf seine Nase setzte? Dezimus Frey hatte gestern seine Mutter begraben, er
zitterte fr das Leben einer geliebten Braut, rings um ihn her wteten Tod und
Verderben, in diesen Minuten jedoch empfand er nichts, rein gar nichts als die
Verlegenheit des armen Schfersohnes, der einem reichen Edelfrulein ins
Angesicht einen Korb gegeben hat; eine Verlegenheit, die allerdings
Mrchenhelden fter empfinden werden als ein Kandidat der Theologie. Die Not
wurde aber immer romantischer, da das verschmhte Edelfrulein sich mit der
Unbefangenheit einer glcklichen Braut an des Schfersohnes Arm hngte und
zweiselig mit ihm im Mondenschein spazierte ber den Hof, durch den Garten,
lngs des murmelnden Flusses, bis zu dem friedlich ruhenden Nachen. Das Frulein
htte, frchten wir, bis zur Stadtbrcke mit dem Hirtensohne spazieren knnen,
ohne da ihm in der Schwle seines Intellekts ein wrdiges Wort oder auch nur
eine unwrdige Redensart zur Aufklrung und Entschuldigung gelungen wre.
    Das Frulein war es, welches, beherzter als er, endlich den Bann der
Stimmung brach, und - ja Laut scheucht Furcht - und mit dem ersten sonoren Klang
ihrer Rede, da wurde auch dem verlegenen Kandidaten wieder ganz frisch und
beherzt zumute; das aber um so mehr, da er lediglich zuzuhren und nur selten
ein Wrtchen dareinzugeben hatte.
    Menschen wie Sie, Dezimus, und ich, hob Sidonie an, drfen sich, denke
ich, ohne Verwirrung alles sagen und alles voneinander hren. Und so sage ich
Ihnen denn, was Sie ohnehin von vornherein durchschaut haben werden, da Papa
Mehlborns Antrag weder ein Scherz noch die Schrulle eines Greises gewesen ist,
sondern mein eigener, zwar rasch gefater, aber wohlbedachter Plan. Auf Ihre
Ablehnung war ich gefat und wrde sie Ihnen zugute gehalten haben, auch wenn
Sie - worauf ich allerdings nach dem Tone Ihrer Briefe keineswegs gefat war -
nicht bereits der hoffnungsvolle Ehestandskandidat einer anderen gewesen wren.
Die Wahrheit zu sagen, ich hatte Ihr Rschen von jeher Freund Kurzen zu gedacht.
So wenig ich nun aber Ihnen den Ungeschmack in der Lebenskunst zutraue, sich,
und wre es um zehn Rittergter willen, zum Mann einer Frau machen zu lassen,
die Ihnen mifiel oder einfach blo nicht gefiel, so wenig werden Sie meiner
Person die Abgeschmacktheit einer verliebten Laune zutrauen, auch wenn ich Ihnen
ehrlich gestehe, da Sie der einzige Mann sind, dem ich einen solchen Antrag
htte stellen lassen, ja eben darum nicht. Ich dachte mir aber, Dezimus, da
zwei gute Freunde, beide frei und klug, ohne Anlage zu leidenschaftlichen
Problemen, ungeplagt von dmonischen Strefrieden, beide dagegen anhangend einem
tief aus der Seele treibenden Lebenszweck, da diese beiden ihre Hnde
ineinanderlegen knnten, vertrauend jenem Gleichgewicht und jener
verstndnisvollen Selbstbewutheit, auf welchen letztlich die Befriedigung jedes
Zusammenlebens doch beruht. Sie, Dezimus, wrden durch die Verbindung mit mir
Ihrer beschrnkenden Lage entrckt, Ihnen die weiteste Umschau am Himmel und auf
Erden, die freieste Entwicklung gewhrt worden sein, dazu der Anteil, das
vllige Verstehen eines Nchstgestellten. Mir gewhrte sie ein starkes Herz und
eine feste Hand. Und sehen Sie, Freund, die arme kleine Sidi bedarf mehr denn
jemals eines starken Herzens und einer festen Hand, um ihr eine Gefahr abwenden
und ein Schicksal tragen zu helfen, denen sie ganz allein machtlos
gegenbersteht.
    Sie sprechen von Max? fragte Dezimus.
    Nun ja, von wem denn sonst? Ist er nicht mein Lebenszweck, wie die
Chalderweisheit der Ihrige ist? Ihr lebt hier, so scheint es, wie Crusoe auf
seiner Insel, sprt nichts von den Wettern, die ber dem Festlande brauen, und
von den Dmpfen, die unter demselben brten. Ich aber komme von solchem Herd,
und Max steht harsch an dem Krater, von welchem der Ausbruch droht. Nicht
Schwarzseherei, Hellblick, Hellblick der Liebe ist es, wenn ich ihn von den
speienden Flammen ergriffen und unter der Asche verschttet schaue. Noch in
dieser Nacht werde ich ihm schreiben, und weil die Beredsamkeit eine Gabe ist,
die er vor vielen besseren Gaben schtzt und auf sich wirken lt, werde ich ihn
mit so viel rhetorischem Aufwand, als einer Schwester zu Gebote steht,
beschwren, vor dem Ausbruch in unseren stillen Hafen zu flchten. Wenn er sich
in Bielitz einrichtete, soviel ihm beliebt als Grandseigneur, es wre ein
ableitender Wechsel. Wenn er sich einen eigenen Herd grndete, es wre, wie
schwach auch immer, eine Brgschaft der Stetigkeit. Mit den ueren Mitteln soll
nicht gekargt werden; der schwarze Tod hat mir trefflich in die Hnde gearbeitet
und kein anderer als Sie, Johanniskind, mich auf den Zaubertrank verwiesen, mit
dessen Darreichung die geheimnisvolle Wandlung vollzogen werden wird. Ich traue
mir zu, diesen halsstarrigen Greis zu regieren wie eine Gliederpuppe, mit List
oder Gewalt ihm den Schlssel seiner Eisentruhe zu entwinden. Was kommt es mir
darauf an, um einen vollebenden Zwanziger zu retten, einem absterbenden
Achtziger ein X fr ein U zu machen? Die Frage ist nur, wird mein Plan an dem
nicht scheitern, den er retten soll? Und wenn der Reiz ritterlicher
Sehaftigkeit den Unsteten heimwrts lockte, wrde er nicht bald wieder
zurckgetrieben werden in sein geniales Zigeunertum? Wrde selber die Liebe zum
Weibe imstande sein, ihn huslich zu bannen? Wird, wenn den Rhein herber die
Fanfaren schmettern, die ihm das, was er Freiheit nennt, verknden, wird er
dann, wie ein feuriges Ro, nicht jeden Zgel sprengen, und werden Sie dann,
Dezimus, mit Manneswillen und Manneskraft - fr ihn einstehen? - Nein, das lge
auer Ihrer Macht, - aber zu seiner Rettung fr mich eintreten, nicht als ein
Bruder, wie ich Trin einen Augenblick gewhnt, aber als - -
    Sein Freund und Ihrer, Sidonie, sagte Dezimus mit warmem Hndedruck.
    Sidonie erzhlte darauf, da sie alsobald nach ihrer Mutter Tode sich bewut
gewesen, wo fortan ihre Heimstatt und welcher Art ihre Werkstatt sei. Die
Neueinrichtung ihres Stiefvaters und ein Nervenleiden, das sie hart mitgenommen,
hatten die Ausfhrung verzgert. Bei ihrem endlichen Aufbruch vor ein paar Tagen
sei es auf eine berraschung im Blmelhause abgesehen gewesen. Als sie jedoch
beim gestrigen Eintreffen in der Stadt den Ausbruch der Epidemie, den Tod der
guten Pfarrmutter und Rosens Erkrankung erfahren, sei sie ohne Verzug nach dem
Talgute aufgebrochen und daselbst angelangt, als just der Kandidat die heroische
Kur an Papa Mehlborn vollbracht und zum Lohn dafr das Erbe der unartigen
Enkelkinder in Aussicht gestellt erhalten habe. Mit ergtzlicher Laune
schilderte sie nunmehr, wie sie die gnstige Konjunktur benutzt, um sich, in
Verbindung mit Traum- und Weingeistern, rasch in des alten, mrbe gewordenen
Eisenmannes Gemt und Hause festzusetzen, und mit welchen Engels- und
Teufelsknsten sie gesonnen sei, ihre Position zu behaupten.
    Greise sollen wie Kinder behandelt werden, sagte sie. Mein altes Kind
wird sich nicht ber sein pflegendes Mtterchen zu beklagen haben; er darf aber
niemals aufhren, sich vom Wrgengel bedroht zu whnen, und niemals bezweifeln,
da er sieht, was zu sehen er sich und anderen vorspiegelt.
    Sie waren der Fhre nahegekommen, als Sidonie, ihren Arm aus dem des
Begleiters ziehend, mit folgender Wendung abschlo:
    So, nun stehen wir, will es Gott, fr das Leben klar und fest uns zur
Seite; und mir erbrigt nur noch der Glckwunsch zu Ihrer Verlobung, Freund. Ein
redlicher Wunsch, aber leider nur ein Wunsch, denn die Zuversicht Ihres
Eheglckes habe ich nicht. Brummen Sie doch nicht so unwillig in Ihren krzlich
gesproten Bart, Kandidat! Als ob ich die Zrtlichkeit Ihrer gegenseitigen
Gefhle bezweifelte oder mir anmate, irgend etwas von irgendeiner erotischen
Gefhlsspezies zu verstehen, und mich nicht gern belehren liee, da eine
Gewohnheitsneigung, aus der Boje herausgewachsen, sich zu einer dergleichen
Spielart entwickeln knne. Das aber wei ich, da zum Dauerglck in der Ehe,
will sagen einer Ehe, die nicht blo auf die gemeine Plattheit hinausluft, mehr
gehrt als irgendeine Spielart der Liebe. Denke ich an den kurzen Wonnetraum von
Max und Lydia zurck, wie er, doch wahrlich einer reellen, raschen Herzensglut
entspringend, dennoch beim ersten Ansto in Groll und Zwietracht zerstob, halte
ich dagegen die in Kampf und Not unerschtterliche Befriedigung der auf keinen
lebhafteren Pulsschlag gegrndeten zweiten Ehe meiner Mutter, so sage ich:
Kontraste reizen; die Harmonie der Treue erwchst aus verwandten Elementen. Auf
die gleiche Sehweite kommt es nicht an, aber auf die gleiche Sehlinie kommt es
an. Was aber versteht Liebchen Rose von des Chalders Sternenziel? Was der
lichtsuchende Chalder von seines Rosenliebchens Erdenlust? Falter und Rose,
Mxchen und Rschen - Freund, wren Sie nicht bis ber die Ohren vernarrt, Sie
nennten den Einfall meines alten, neuen Herrn schlechthin lumins. Sie aber,
Sternengucker, trsteten sich, mten sich trsten, wrden sich trsten, nicht
etwa mit der kleinen Sidi, die Ihnen auer etwelchen Rittergtern nichts als
einen hellen Kopf auf einem ungleichen Schulterstck als Mahlschatz zubringen
wrde, sondern mit der zum Himmel strebenden, hehren Lilienblte, die ohne Sie
einsam im Mondschein des Klostergartens verduften wrde.
    Dezimus prallte schier entsetzt einen Schritt zurck; sein ganzes Wesen
protestierte gegen diese wenn auch nur scherzhaft gemeinte Weissagung. Lie der
kleine Kobold an seiner Seite ihn aber nur zu Worte kommen? Lachte er nicht so
ausgelassen, wie blo Kobolde einem verblfften Menschenkinde in das Gesicht zu
lachen imstande sind? Und schmetterte er dann nicht mit seiner metallhellen
Stimme sein musikalisches Capriccio unerschtterlich zu Ende?
    Aber so fahren Sie doch nicht gleich aus der Haut, Kandidat, wenn ein
alter, ehrlicher Kamerad Sie besser kennt als Sie sich selbst; hren Sie doch
ruhig erst den natrlichen Folgesatz: Lieben Sie Ihr Rschen, so zrtlich Sie es
fertigbringen, heiraten Sie es meinetwegen auch: das weie Frulein war, ist und
bleibt bei alledem Ihr Ideal. Indessen nur getrost. Sagte ich Ihnen bei einer
anderen Gelegenheit: ein gesunder Magen und ein gesunder Kopf vertragen
vielerlei, so sage ich Ihnen bei der heutigen: ein gesundes Herz vertrgt noch
mehr, ja sogar mehr zu gleicher Zeit. Eine Wiegenliebe wie die zu Ihrer Rose,
eine verstndige Freundschaft wie die zu der kleinen Sidi und ein hehres
Traumbild wie das der Schwanenjungfrau, Sie haben Platz fr alle drei und
bleiben ungestrt und unbeschwert, mglicherweise sogar als Ehemann, unser
mustergltiges Johanniskind.
    Damit schttelte sie ihm herzhaft die Hand und schlug dann lachend, so rasch
sie vermochte, den Rckweg ein. Der ungalante Korbverleiher dachte nicht daran,
ihr das Geleit zu geben.
    Dezimus, du Held des Glcks, sie nennen dich eine redliche Haut und preisen
dich ob deines ruhigen Bluts; das groe Wort Liebe ist dir niemals allzu
gelufig gewesen, sogar nicht gegen deinen besten Freund, und der bist auch du
am Ende doch wohl selbst; deine Phantasie hat selten mit Amoretten gegaukelt,
und zum Heroismus der Leidenschaft zum Weibe hast du bis dato keinen Drang
gefhlt; solange du von deinem Leben weit, hast du den Zug zu der holden
Schwesterblte gesprt wie dein natrlichstes Recht, und seit du dich als Mann
fhlst, wie deine natrlichste Pflicht; was du von Hangen und Bangen empfunden,
das hangte und bangte nach ihr. Und da kommt nun ein Menschenkind, lebenskundig
und wahrheitsmutig, wie du kein zweites kennst, nennt sich deinen braven
Kameraden und sagt dir auf den Kopf zu, da deine Liebe gar nicht die echte,
rechte Liebe sei; da du - schme dich, Dezimus! - ein leibhaftiger Don Juan,
noch ehe du ein Brutigam geworden, ein zweites und drittes Verhltnis
angebandelt habest, und am Ende kommen noch ein halbes Dutzend hinterdrein, denn
wo ist bei solcher Anlage ein Aufhren abzusehen? Zum allerrgsten aber hat
dieses kluge Menschenkind sich darauf gesteift, da du ein Traumbild umkreisest,
nicht blo in der Phantasie, wo es hingehrt und, dir wenigstens, nicht schaden
kann, sondern als leibhaftiger Mann ein leibhaftiges Weib, als sein
prdestiniertes anderes Ich!
    Aber so habe dich doch nicht wie ein Narr, Kandidat. Denke doch an deine
erste Sonntagspredigt! Du schreist dich ja heiser mit deinem Hol ber, hol
ber! Hat der alte Veit sich bereits auf das Ohr gelegt, so erweckt ihn nicht
die Posaune des Jngsten Gerichts. Du nimmst dann den Weg ber die Brcke und
lufst dir den Wirrwarr von Liebesgedanken aus dem Hirn. Welchem Menschen, der
sich gesunder fnf Sinne erfreut, fllt es ein, bei Seuchenzeiten, in rauher
Novemberluft durch den Flu zu schwimmen, um nichts und wieder nichts als eine
halbe Stunde frher bei der zu sein, die er wirklich liebt? Und sieh, da kommt
ja auch schon der alte Veit, fein gelassen, in deinem eigenen, bedchtigen
Hirtenschritt, in welchem ein Mensch sein Ziel am zuverlssigsten erreicht. Und
nun bist du jenseit, und wenn du auch wie ein Wetter durch die Dorfgasse fegst,
du hast bis zur Pfarre hinlnglich Weile, dir zu berlegen, ob ein Ideal in
Wahrheit ein so gefhrliches Wesen sei, wie man dir hat einreden wollen, ein
Wesen, das dich in deiner Herzenstreue beirren knnte?
    Und siehst du wohl, ehe du noch den Gottesacker erreichst, da bist du schon
wieder der alte Dezem aller Tage, ja wahrhaftig, du lachst! Was versteht solch
ein armes, verkmmertes Wesen, das keinen Nheren als einen Bruder lieben darf
und will, von eines Jnglings Rosenwonne? Was versteht die kleine Sidi, mit
ihrem altklugen Kopf und vorwitzigen Mund von einem Traumbild der Seele? Sind
die hohen Himmelslichter dort oben nicht auch deine Traumbilder gewesen, und
wrdest du sie als Ideale gehegt haben, wenn du sie mit deinen Armen umspannen
konntest wie die blhende Erde, in welcher dein Dasein wurzelte? Sei und bleibe
dein weies Frulein dir ein Ideal und eine Seelenschwester fr das Leben; die,
nach welcher deine Pulse schlagen, das ist die liebliche, geliebte Eine, die
Jugend dir und Jugenddrang verbunden, das ist dein Blumenkind, deine Rose!
    Sie lag noch so still, anteillos und doch ruhelos, wie er sie verlassen
hatte. In dieser Nacht aber htte keiner bei ihr Wache halten drfen als er
allein. Er setzte sich auf den Bettrand, schlang den einen Arm um ihren Hals und
umspannte mit der anderen Hand die beiden welken, khlen Kinderhnde. Und wie er
so eine Weile gesessen hatte, ihr Kpfchen an seiner Brust, da war es, als ob
ein Strom von seinem flutenden Leben in das ebbende hinberwogte. Sie schlug
einen Augenblick lchelnd wie sonst die Lider zu ihm in die Hhe, dann fielen
sie ihr zu, und sie schlummerte ein. Die heiersehnte Schlummerruhe,
Genesungsruhe! Er neigte die Lippen auf die wirren Locken ber ihrer Stirn, -
der erste Brutigamsku! Er sog ihren Odem ein, den gttlichen Lebenshauch! Er
htte das Klopfen seiner Pulse hemmen mgen, um sie nicht zu erwecken, und doch
laut jubeln aus voller Brust: Dich liebe ich, dich ganz allein!

Doktor Brand fand Rosen am anderen Morgen noch schlummernd; aber es war nicht
die erquickende Ruhe der Genesung, es war die betubende der Erschpfung. Fast
schien es, als ob die Schlummernde, ohne wieder zu erwachen, in den ewigen
Schlaf hinbergleiten werde, so matt schlug der Puls, so kaum hrbar schlichen
die Zge des Atems. Wohl oder bel mute der alte Symptomiker der Diagnose des
jungen Exaktikers zustimmen; der Blutverlust war strker gewesen, als er
angenommen, und nicht seelische berwltigung hielt den Krper im Bann, sondern
krperliche Erschlaffung die Seele. In welcher Weise aber den Verlust ersetzen,
da das liebe Kind die geringste Nahrung verschmhte, der Schlaf, statt zu
strken, abspannte und kein Heilmittel anschlug? Der alte Herr war am Ende mit
seinem Latein, und wie in derartigen kritischen Fllen, wo eben kein Rat mehr zu
geben ist, auch ein braver Medikus zu der Auskunft gelangen kann, den Patienten
aus seinem Gesichtsfelde zu verweisen, z.B. an die Homopathie, ber welche -
bei unkritischen Fllen - kein Sarkasmus beiend genug im Sprachschatze einen
Ausdruck findet; oder in ein entlegenes Bad, dessen Heilkrfte allerdings
innerhalb der eigenen Praxis nicht erprobt worden sind, wo aber, falls sie sich
an dem Patienten bewhren, die Genesung dem kundigen Berater zugute geschrieben
wird, falls sie sich dagegen nicht bewhren, ein Kurversto, Ditfehler,
Erkltung und so weiter die Schuld zu tragen hat, im allerschlimmsten Falle
jedoch der Patient wenigstens nicht unter des Beraters Augen die seinigen
schliet, - desselbigengleichen wollte auch Doktor Brand, obschon er skeptisch
die Achseln zuckte, gegen das heroische Korrektiv seines neubacknen Kollegen
nicht lnger Widerspruch erheben.
    Das Korrektiv, in einem Familienrate, dem auch Lydia beiwohnte, dargelegt,
hie: Transfusion fremden Bluts. Kein neues Mittel, allein selten angewendet.
Peter Kurze selbst hatte die Operation nur ein einziges Mal von dem Meister, zu
dessen Fen er gesessen - eine von den wenigen euphemistischen Redensarten,
deren Peter Kurze sich bediente -, vollziehen sehen, aber mit glorreichem
Erfolg. Er nannte sie, natur- und vernunftgem, den direktesten
Erneuerungsproze und wrde ihm die weiteste Verbreitung in Aussicht zu stellen
gewagt haben, insofern sich die Schwierigkeit berwinden liee, fr jedes
blutarme oder blutkranke Individuum ein blutreich gesundes aufzufinden, das sich
zur Teilung seines wertvollsten Lebensstoffes entschlsse. Denn von dem
Lebensstoff als Lebensmittel hchst wertvoller Vierfler wollte der
materialistische Doktor nichts wissen; der Mensch sei zwar auch eine warmbltige
Bestie, aber eine Bestie, die durch Vermittlung ihres spezifischen warmen Blutes
denkt. Hypothese zwar noch vorderhand, aber keineswegs eine irrationelle: mit
Hlfe frischen Lebenssaftes sei sogar ein Greisenleben wieder jung zu machen!
    Der Vortrag, mit Begeisterung zu Gehr gebracht, wurde nicht ohne
Begeisterung aufgenommen. In Vater Blmel dmmerte die Erwhnung des Verfahrens
bei einem seiner alten Heiden, deren Heilverstndnis er von den Neueren selten
bertroffen achtete; Lydia sah in dem Akt ein symbolisches Opfer, das ihrem
innersten Sinne entsprach; Dezimus aber stimmte voll beseligender Hoffnung zu.
Aus wessen Adern als den seinen htte der lebenspendende Quell in die der
Geliebten denn geleitet werden drfen?
    Noch in der Nacht dampfte Peter Kurze nach der Universittsstadt, um - des
ngstlich schwachen Papa Blmel mehr als berflssige conditio sine qua non! -
von dem Meister, zu dessen Fen Peter Kurze gesessen, ein Zeugnis einzuholen ad
eins: ber die Zulssigkeit der seltsamen Spende fr die bedrftige kranke
Tochter und ihre Ungefhrlichkeit fr den verleihenden gesunden Sohn. Ad zwei: -
Superlativ aller berflssigkeit! - ber Doktor Peter Kurzens Befhigung fr die
betreffende Operation.
    Schon am anderen Mittag kehrte er mit einer Siegermiene zurck. Er brachte
schwarz auf wei die absolute Erledigung aller berflssigen Bedenken
vornehmlich des ad zwei; brachte den erforderlichen Apparat und sogar zwei junge
Kollegen, welche des Meisterstcks Zeuge zu werden ein wissenschaftliches
Verlangen trugen. Er htte unverweilt zum Angriff schreiten mgen; da aber in
Rosens Zustand verschlimmernde Symptome sich nicht geuert hatten und die
Hoffnung nicht aufgegeben werden durfte, auch ohne das Wagnis eine Besserung
eintreten zu sehen, wurde auf Vater Blmels Verlangen die Operation auf Sonntag
nachmittag verschoben. Es war der des ersten Advent und des Sohnes erste Predigt
eine weihevolle Vorbereitung zu der lebenspendenden Tat.
    Das Gotteshaus war am Sonntagmorgen dicht gefllt, selbst die Untergemeinde
durch ihre gesunden Insassen mnniglich vertreten, Not lehrt ja beten, und die
quasi Probepredigt eines Pfarramtskandidaten lockt auch in Drangsalszeiten an,
zumal wenn der Prediger der Sohn des Gemeindehirten ist. Lydia sa im
Herrenstuhl, und sogar des Professor Zacharias wahlverwandte Stieftochter hatte
ihrem Kameraden zu Ehren die Scheu vor Kirchenluft berwunden. Als whrend des
Morgenliedes Auf, ermuntere dich, mein Geist der Kandidat mitten aus den
Frauenreihen heraus der kleinen Sidi hohen, hellen Diskant unterschied, htte
der krftige Zuruf seinen Geist wohl ermuntern knnen, falls er bnglich
bedrckt gewesen wre.
    Aber Dezimus war zu tief bewegt, um bnglich bedrckt zu sein. Hatten Mue
wie Stimmung zur Vorbereitung ihm auch gefehlt, nach einer Woche wie seiner
letzterlebten und ber einen Episteltext wie den des dreizehnten Kapitels des
Rmerbriefes, da lt sich frei aus dem Herzen heraus am allererwecklichsten
reden. War seine ganze Seele doch voll von dem einen: Die Liebe ist des
Gesetzes Erfllung und von dem anderen: Die Stunde ist da, aufzustehen vom
Schlaf. Ja, htte er auch nichts ber die Lippen gebracht als das Gebet fr
seine Mutter, die einzige der Obergemeinde, die in dieser Woche heimgegangen
war, dies Gebet wrde mehr Trnen haben flieen lassen als der kunstfertigste
Redebau.
    Beide denn auch mit Trnen in den Augen stieen Lydia und Sidonie unter der
Kirchpforte aufeinander, zum ersten Male seit ihrem harschen Bruch. Sie reichten
sich schweigend die Hnde und lebten fortan nebeneinander, wenn auch nicht wie
Schwestern, aber doch als so gute Basen, wie es einer Tochter Joachim von
Hartensteins und einer Zglingin der alten Harfenknigin gegeben sein konnte.
Das strittige Erbobjekt war durch Sidoniens dauernde bersiedlung in ihres
Grovaters Haus erledigt, und auch Lydia hatte in ihrer nchsten Umgebung eine
Aufgabe gefunden, die sie an auswrtigen Samariterdienst vorderhand nicht denken
lie.
    Die Sonne stand am Himmel so hoch und so leuchtend, wie sie am ersten Advent
zu steigen und zu leuchten vermag, als man sich im Pfarrhause zu der Tat
bereitete, vor welcher das Herz des rstigen Unternehmers strker als in seiner
bisherigen Praxis, ja als in seinem ganzen bisherigen Leben pochte. Der Wagehals
spielte mit seinem direkten Erneuerungsproze߫ hinsichtlich seines rztlichen
Renommees schlechthin va banque, fr seine Heimat mindestens. Das Verfahren war
unerlebt und unerhrt, in siebenfache mystische Dunstschleier gehllt. Blut ist
eben ein ganz besonderer Saft; es darf, nein, es mu vergossen werden im Kriege,
von der Justiz, auch durch die Chirurgie. Die Zahl der Werbenschen
Gemeindeglieder, zumal weiblichen Geschlechts, war nicht gering, die ohne
gelegentliche Abzapfung mittelst Schrpfkpfen oder Lanzette ihr Leben bedroht
erachtet haben wrde; aber den abgezapften Stoff, anstatt ihn in die Gosse zu
schtten, einem Nebenmenschen in den Leib zu filtrieren, das schien ein Frevel
wider die Natur, wenn nicht gar gegen den Heiligen Geist, und scheu von der
Seite, schier wie ein Schwarzknstler wurde der allbekannte Lustigmacher des
Pfarrhauses angesehen, als er sich verma, mit der geheimnisvollsten
menschlichen Flssigkeit wie mit einem Apothekersftchen umzuspringen;
dahingegen sein stillvergngter Kumpan, der Hirtendezem, bis dato immer noch ein
bichen ber die Achsel angesehen, gleich einem Opferlamm mit weheleidigen
Blicken betrachtet ward. Htte ihn whrend der Operation etwa der Schlag
gerhrt, seine braven Werbenschen Landsleute wrden einen neuen Mrtyrer in
ihren Kalender aufgenommen haben.
    Weder Neugierde noch Teilnahme sind vorherrschende Bauerneigenschaften, da
diese auerordentliche Begebenheit aber einmal direkt durch den Emeritus Beyfu,
indirekt durch dessen vertraute Freundin, die litauische Lene, ruchbar geworden
war, zogen Teilnehmende und Neugierige herbei, des verwogenen Bluthandels in der
Pfarre Zeuge zu werden, und die alte Lene hatte ihre liebe Not, den Zudrang der
Nachbarn und Einwohner im Vorgrtchen festzuhalten, whrend oben im Flur Freund
Beyfu, die Kantoren beider Gemeinden, der Amtsbruder von Bielitz nebst
Sidonien, die ja kein Blut sehen konnte, mit gespanntem Atem nach dem Resultat
im Krankenzimmer lauschten.
    Dahinein waren dem Doktor Brand zwei wissensdurstige stdtische Kollegen
gefolgt, im Verein mit den beiden, welche Doktor Peter Kurze aus der
Universittsstadt herbeigefhrt hatte, ein Fnfgericht, und wahrlich kein milde
gestimmtes, vor welchem ein junger Praktikus sich, sei es als Koryphe der
Zukunft, sei es als Scharlatan zu erweisen hatte. Der junge Praktikus
bezweifelte nicht entfernt das Natur- und Vernunftgeme der Operation an sich;
er bezweifelte ebensowenig, da ohne sie die Patientin ihrer Erschpfung erlegen
sein wrde. Erlag sie ihr trotz der Operation, so hie er ihr Mrder und -
Doktor Faust, suche dir eine Klientel unter den Wasserpolacken oder den
Antipoden!
    An eine Stuhllehne geklammert, stand im Hintergrunde der alte Vater zitternd
und bleich. Sein liebes Kind, sein jetzt ach! so weies Rschen sa
aufgerichtet, von Lydias Armen umschlungen, im Bett; das matte Kpfchen an der
Freundin Brust gelehnt, lie sie anteillos, wenn nicht bewutlos das
Erforderliche mit sich geschehen. Lydias Blicke hingen unverwendet an denen des
Freundes, als ob sie dringen wollten in den innersten Grund, dem der
lebenspendende Quell entsprang. Er hatte ruhig seinen Arm entblt und mit einer
wollstigen Empfindung die roten Tropfen aus seiner Schlagader strmen sehen.
Als nun aber auch der Geliebten die Pforte, durch die das Leben einziehen
sollte, geffnet ward, da erblate er, erbebte, und minutenlang, da kein Hauch
im Zimmer rege ward, lag vor seinen Augen ein schwarzer Flor.
    Aber der Schleier fiel; ein Schein wie vom Morgenrot flog ber das weie
Bltengesicht; die Lider weit geffnet, schauten die Augen fragend und halb
lchelnd im Kreise umher. Der Greis lag mit emporgehobenen Hnden auf seinen
Knien; Jairi Tchterlein war lebendig geworden! dem Verlobten war es, als htte
sich eine Ehe vollzogen.
    Ein Moment heiliger Stille, aber nur ein Moment! Der sieghafte Praktikant
winkte mit der Hoheit eines Souverns die gelehrte und bewegte Versammlung aus
dem Krankenzimmer, das whrend der Stunden eines erhofften, herstellenden
Schlummers nur von ihm selbst und der unschdlichen litauischen Lene betreten
werden durfte. Kein Laut der Freude, der Frage, nicht einmal ein Lobspruch des
genialen Wunderdoktors durfte in dem Gehrfelde der Patientin geuert werden.
Unten aber im geistlichen Gemach, da brach der Jubel aus, und war der Kandidat,
als er vor drei Monaten im Ahnensaale der Werben das Ei des Kolumbus zum Stehen
brachte, ob seines Blicks und seiner Rede wie ein Genie gepriesen worden, so
wurde er heute gefeiert, als htte er ein Heldenopfer vollbracht.
    Edler Freund! stand in Lydias strahlenden Augen geschrieben.
    Tapferer Kamerad! schmetterte die kleine Sidi mit einem starken
Hndedruck.
    Der Greis aber zog ihn an sein Herz und stammelte unter Trnen:
    In dieser Stunde, mein Sohn, hast du der fremden Frau die Liebe einer
Mutter heimgezahlt!
    Ein paar Unzen berschssiges Blut fr mehr als zwanzigjhrige Muttertreue!
Ach, wie oft sind es doch so leicht erkaufte Erfolge, die am hchsten
angerechnet und am reichsten gelohnt werden! Die wahren Opfer werden im
Verborgenen gebracht, und keiner zhlt sie, und keiner zahlt sie heim.
    Ein Glckspilz bist du, und ein Glckspilz bleibst du, alter Dezem! Wer
sich mit dir einlt, hat gewonnen Spiel! sagte mit einem Luftsprung Peter
Kurze, und nach des Glckspilzes Dafrhalten hatte Peter Kurze den Nagel wieder
einmal auf den Kopf getroffen.
    Die geliebte Rose erholte sich wie durch ein Wunder; Leib und Seele wachten
auf gleichzeitig zu Lebenslust und Todestrauer. Nun erst ward sie das Fehlen der
Mutter gewahr, nun erst flossen ihre Trnen und dmmerte das Ahnen, da in einer
kurzen Spanne sie vllig eine Waise sein werde. Denn der erste Todesschmerz, und
wenn der Verlust lngst berwunden wre, die sorglose Zuversicht zu dem Leben
hat er fr allezeit ausgelscht. Die Tochter wute, was der hinfllige
Greisenleib bedeute, und sie hatte von Kind auf dem Vater strker als der Mutter
angehangen. Ihre Zge trugen seitdem ein vertieftes, herzrhrendes Geprge;
Dezimus fand sie reizender denn je; Vater Blmel aber, der Blumist, sah in ihr
nicht mehr die zum Entfalten reife Zentifolienknospe, des Gartens kstlichste
Zier, und gottlob! auch nicht mehr die weie Rose mit dem lichtgelben Kelch, die
wir symbolisch auf unsere Grber pflanzen, er verglich sie jener lieblichen
Gattung, welche errtende Jungfrau genannt wird, weil nur ein verschmtes
Glhen aus der Tiefe heraus die zarte Hlle durchschimmert. Da er diesen Wandel
aber vornehmlich inneward, wenn er die Tochter in der Nhe ihres Verlobten sah,
erfllte sie ihn mit inniger Freude.
    Der Vater hatte nicht wie seine Gattin auf eine Vereinigung der beiden
Kinder gerechnet und sie auch kaum gewnscht. Er hielt geschwisterliche
Gewhnung weder fr den Grund, aus welchem brutliches Verlangen, noch fr den,
aus welchem die Wrde der Ehe erwchst. Wohl war ihm des Sohnes zrtlicheres
Bezeigen seit seinen Jnglingsjahren nicht entgangen, Rschen aber, sein
Sptling, war ber die gewhnliche Grenze hinaus ein Kind geblieben, und ihre
unverndert neckende Vertraulichkeit deutete nicht auf einen wrmeren
Herzschlag. Er verlngerte daher geflissentlich des Sohnes Entfernung vom Hause,
bis die Vernunft oder vielleicht eine andere Neigung das reine brderliche
Verhltnis zu seiner Tochter hergestellt haben wrde. Nun jedoch, da sie unter
dem Schatten des Todes seine Braut geworden war, da sie dem Liebenden ein neues
Leben zu danken hatte, ahnete er in der errtenden Mdchenblte das heimliche
Erwachen des Weibes, und seine letzte Erdensorge ward mit dieser Wahrnehmung
gescheucht: denn ist der Liebesschutz eines Gatten nicht allemal erfllender als
der der treuesten Brderlichkeit?
    Fast in gleichem Verhltnis wie die Kranke im Pfarrhause sich erholte,
erlosch die Seuche in der Auengegend, und da nach solchem Abschlu ein besonders
gnstiger Gesundheitszustand einzutreten pflegt, schlo gegen die Weihnachtszeit
hin auch Peter Kurzens erster Wettlauf in der rztlichen Arena ab. Er schied
nicht ganz leichten Herzens, aber mit dem Nimbus eines Doktor Eisenbart. Seine
Erfolge hatten in der Nachbarschaft Aufsehen gemacht und er selber weislich
dafr Sorge getragen, da sein Licht auch fr weitere Kreise nicht unter dem
Scheffel leuchte. Weit ber die heimische Provinz hinaus stand in
wissenschaftlichen Blttern und unterhaltenden Blttchen zu lesen von dem
pltzlichen Halt der Werbener Epidemie infolge des energischen Eingriffs und der
rationellen Behandlungsweise eines freiwillig zur Hlfe geeilten jungen Arztes
Soundso. Auch die wunderartige Rettung eines halb schon erstorbenen jungen
Mdchens durch die bisher selten gewagte bertragung fremden, krftigen Blutes
wurde an dieser Stelle in fachgem wissenschaftlicher Beleuchtung, an jener
Stelle in herzrhrend populrer dargestellt. Auf diese wirksamen Empfehlungen
hin fhlte Doktor Peter Kurze sich befugt, sich in der Universittsstadt, dem
geistigen Zentrum der Provinz, zunchst zwar nur als Praktiker niederzulassen,
unter gnstigen Konjunkturen sich aber auch als Dozent daselbst zu habilitieren.
Sattelfest auf jeglichem rztlichen Flgelro oder Gaul, leuchtete ihm die so
glorreich erprobte Blutmethode als demnchst zu kultivierendes Steckenpferd
verheiungsvoll vor. Er fhlte sich als gemachten Mann, als selbstgemachten
Mann, als den eigenen Schpfer seines Glcks.
    Als gemachten Mann aber auch noch in einem zarteren Sinne als dem
medizinisch chirurgischen. Eigentmlicher Rapport mit seinem zweiten Freund: von
nicht weniger als drei Huldgestalten umschwebt, und just den nmlichen wie jener
skrupulse Freund, sagte - aber ohne jeglichen Skrupel - Doktor Peter Kurze der
Heimatsaue Lebewohl! Numero eins: die alte Flamme, fr das Herz; Numero zwei:
ein weibliches Ideal, fr die Phantasie; unschtzbare Schtze eine jede in ihrer
Art. Aber ein gesetzter Mann denkt, wenn er liebt, an Httenbauen, und zum
Httenbauen eines doch immer noch lediglich von der Hoffnung zehrenden Doktors
der Medizin war, aus Brotschranks wie anderen Grnden, weder Flamme noch Ideal
leider angetan. Dahingegen die dritte, keine Huldgestalt in rationellem Sinn,
aber gescheut, pikant, interessant, als demnchstige Erbin mehrerer Rittergter,
zum Httenbauen fr einen dergleichen Doktor expre geschaffen schien. ber
seinen Erfolg hegte er nicht den geringsten Zweifel. Frulein Sidonie hatte sich
in Gelehrtenkreisen bewegt, wute daher eine aufgehende Leuchte der Wissenschaft
von einem Dreierlicht zu unterscheiden. Frulein Sidonie trug einen altadeligen
Namen, besa aber hinlnglich Ingenium, um ber verrottete Vorurteile erhaben zu
sein oder mindestens um Vorurteil gegen Vorurteil mathematisch abzumessen und
einzusehen, da ein ungleicher Schulterbau am Ende eine Freiherrnkrone und
mehrere Rittergter aufwiegt. Transfusion und Sidonie von Hartenstein! mit
diesem Feldgeschrei rckte Doktor Peter Kurze in die Arena des geistigen
Zentrums seiner Heimatsprovinz ein.

Im Frhling wurde es ein halbes Jahrhundert, da Konstantin Blmel sein erstes
theologisches Examen abgelegt hatte. Bis zu diesem Jubilum, falls er es
erlebte, gedachte er sein Amt dem Namen nach beizubehalten, dann sollte der Sohn
an seine Stelle treten. Den Sohn drngte es nach diesem Abschlu. Nicht sowohl
in seiner Kandidateneigenschaft als in der des Brutigams, dem das Amt eine
nicht mehr blo mit Freuden, sondern mit Bangen ersehnte Erfllung bringen
mute.
    Denn seltsam! die Rosenwandlung, welche dem Vater so befriedigend erschien,
sie erschien dem Verlobten je mehr und mehr befremdlich, und wenn der vllige
Besitz die Wandlung nicht rcklufig machte, so htte er schier verzweifeln
mssen. Die errtende Jungfrau, ach! war sein liebes Rschen nicht mehr! Nicht,
da sie sich unschwesterlich gegen ihn bezeigt htte; im Gegenteil, nur allzu
schwesterlich, ja im Grunde erst jetzt schwesterlich, da bisher doch immer mit
dem schelmischen bermute eines Htschelkindes zu rechnen gewesen war. Nun
zeigte sie ihm den Anteil einer mehr Verpflichteten als Berechtigten, sorgte fr
ihn mit nahezu dem Eifer ihrer seligen Mutter, ging ernsthaft wie eine Freundin
auf seine Bestrebungen ein, nannte ihn, Trnen in den Augen, ihren Lebensretter;
aber sie neckte ihn nicht mehr, widersprach ihm nicht mehr, umtndelte ihn nicht
mehr wie sonst, und wo war die Liebende, die hoffende Braut? Hatte sie sich
bisher hpfend an seinen Arm gehngt, sich die Hndchen streicheln lassen,
Wangen und Stirn ihm zum Ku gereicht, nun ging sie ehrbarlich an seiner Seite,
entzog ihm die Hand, entwand sich den Armen, die sie verlangend umfingen, und
ach! von Sichkssenlassen durfte gar nicht mehr die Rede sein.
    Anfnglich ehrte Dezimus diese Zurckhaltung als ein geziemendes
Traueropfer, oder er dachte wohl auch: sie hat dem Tode in das Auge gesehen und
mu erst wieder leben lernen; bemerkte er aber, wie sie in Gegenwart dritter zu
all ihrer frheren Munterkeit zurckkehrte, hrte er die Scherzreden, die sie
mit der kleinen Sidi wechselte, berlas er die je mehr und mehr sich wieder
freudig stimmenden Briefe, die sie an die Schwestern, an Philipp, Peter Kurzen
und sogar Freund Martin schrieb, dann mute er sich sagen, da eine natrliche,
wenn auch noch so leidvolle Erfahrung das Grundwesen eines Menschen auf die
Dauer nicht umwandele und da das heitere Blumenkind einzig und allein gegen ihn
verndert sei. Sollte das in Wahrheit der Umschlag geschwisterlicher in
brutliche Liebe sein?
    Die Cousinen Hartenstein trafen sich allabendlich in der Pfarre, und niemals
kamen sie, ohne dem Greise irgendeine Erquickung mitzubringen; die eine eine
schne Blume oder Frucht; die andere von dem guten Wein, der sich an Papa
Mehlborn dauernd als Spezifikum bewhrte. Lydia und der Vater unterredeten sich
dann erbaulich miteinander, whrend Sidonie in der Nebenstube auf dem
klangvollen Flgel der Harfenknigin musizierte. Zwar hatte sie ihren eigenen
nicht minder klangvollen sich aus der Schweiz nachschicken lassen; was aber ein
richtiger Musikant ist, verlangt nach dem Anklang in einem Menschenohr, und
weder das von Papa Mehlborn noch von Muhme Timpel waren akustisch auf ein Echo
angelegt. Auch Dezimus leistete seinen krftigen Ba, und Rschen trillerte wie
ein junger Pirol, wenn es, der Trauerzeit entsprechend, auch nur ernste Weisen
waren, die zum Vortrag kamen.
    Nach dem geistlichen Konzert wurde gelesen. Sidonie, die weitaus am
reichsten Gebildete des jugendlichen Kreises und mit allem Trefflichen wohl
versehen, hatte das Buch des Tages, den Kosmos, in das Haus gestiftet. Ihr
Kamerad trug vor, erluterte und schwelgte dabei in seinem eigensten Element;
der Greis bersetzte, nach seiner Art, die wahrnehmbare Welt symbolisch in die
des ahnenden Gemts; Lydia, die Hnde im Scho, sog mit groen Augen und der
Begierde eines drstenden Kindes ungekannte Lebensstoffe ein; Sidonie nickte
verstndnisvoll, whrend die Hnde wie auf einer Klaviatur sich dehnten und
drckten, Rose aber lchelnd mit den zierlichen Fingern Lppchen und Fdchen zu
Blttern und Blumen zusammendrehte und nur mit halbem Ohr auf die Wunder der
Welterscheinung lauschte, von denen sie sogar nur wenige mit ganzen Augen
betrachtet haben wrde. Wenn Peter Kurze Zeuge dieser abendlichen Unterhaltungen
gewesen wre, was er indessen nicht ward - mglicherweise weil ein gewisser Korb
ihn beschwerte, wahrscheinlichererweise weil er bereits anderweitigen Spuren
folgte -, angenommen aber, da Peter Kurze den Lektor so inmitten der drei
ungleichartigen Hrerinnen, die sich gleicherweise seine Freundinnen nannten,
htte sitzen sehen, wrde er ihn dem Hahn im Korbe oder, edler ausgedrckt, der
Perle im Golde verglichen, ein Uneingeweihter aber eine Braut unter den
Freundinnen schwerlich vermutet haben.
    Zwei von ihnen fhrte der Freund dann regelmig im winterlichen Abenddunkel
nach ihren Heimwesen zurck; Lydia bis an das Schlo, Sidonie die Terrassen
hinab zum Gute hinber; kehrte er aber dann beflgelten Schrittes sehnschtig
nach der Pfarre zurck, so hatte die, welche seine Braut hie, sich bereits zur
Ruhe gelegt und dem Vater ihren Gutenachtgru aufgetragen. Seufzend setzte der
Brutigam, bevor er sich in der Kammer des Vaters auf sein Bett warf, sich an
den Arbeitstisch, zerwhlte sich Hirn und Herz, aber die exegetische Abhandlung
rckte nicht vor und die ber die Sternschnuppen kam ihm gar nicht mehr in den
Sinn.
    So war es denn ein wunderliches Wesen, das in dem stillen Pfarrhause sich
umtrieb; aber froh und reich verlief unter demselben dem Greise der Winter, den
er mit ungetrbter Klarheit seinen letzten nannte, ja geflissentlich so nannte,
um die Kinder mit seinem Heimgange vertraut zu machen. Seine Krperkrfte
schwanden sichtbar, aber die des Geistes und selber die der Sinne blieben rege.
Schlummerte er auch oftmals ein, beim Erwachen fhlte er sich aufgefrischt zum
Geben und Empfangen. Sein Trachten ging dahin, den friedlichen Zustand, in
welchem er schied, ohne Unterbrechung fr seine Lieben zu befestigen.
    An einem Nachmittage bald nach Neujahr, als er mit dem Sohne zum Zweck von
dessen Sonntagspredigt das Evangelium von der Hochzeit von Kanaan mit der
herrlichen Epistelperikope des zwlften Rmerbriefes erluternd zusammengestellt
hatte, winkte er auch die Tochter an seine Seite, und indem er beider Hnde in
die seinen nahm, sagte er ohne weitere Einleitung:
    Und warm im Herzen von dieser ffentlich verkndeten apostolischen
Vorschrift, die fr den priesterlichen Stand wie fr den ehelichen eine goldene
Regel ist, verlies dann, mein Sohn, das gesetzliche Aufgebot und erflehe Gottes
Segen zu deiner Verbindung mit meinem lieben Kind.
    Beide Verlobte stieen einen Schrei aus. Er der hellen Freude, sie des
Erschreckens, ja schier des Entsetzens. Der Vater achtete weder des einen noch
des anderen, sondern fuhr in seiner natrlichen Gelassenheit fort:
    Da es mein Wunsch ist, als letzten Dienst in meinem Amt eure Hnde
ineinanderzulegen, vielleicht noch eine kurze Spanne eures Glckes Zeuge zu
sein, drfte gegen manche schwer wiegende Bedenken kaum in Betracht kommen. Aber
indem ich eure Vereinigung beschleunige, erleichtere ich euch die Trennung von
mir. Denn das ist ja eben der hchste Segen der Ehe, da sie die Brde des
Lebens erleichtert, weil sie die Tragkraft verdoppelt. Indessen hat, neben der
des Gemts, noch eine zweite weltliche Erwgung diesen Entschlu in mir gereift.
Strbe ich, bevor ihr Mann und Frau geworden, wrde die friedliche Ordnung eurer
Gegenwart fr lngere Zeit unterbrochen. Es gbe ein Rennen und Laufen, das in
Trauertagen doppelt strend ist. Entweder mtest du, Dezimus, bis nach deiner
Ordination die Pfarre verlassen und das Amt, das du im wesentlichen verwaltest,
einem anderen anvertrauen; oder Rose mte im ersten Herzeleid zu einer ihrer
Schwestern bersiedeln, da ihr ber meinen Begrbnistag hinaus nicht unter einem
Dache leben drftet.
    Und warum, rief Rose und schttelte das Strudelkpfchen so unwirsch wie in
ihren frhlichsten Tagen, warum, Vterchen, sollen Bruder und Schwester nicht
wie bisher unter einem Dache leben drfen?
    Weil sie Bruder und Schwester nicht mehr sind, sondern Brutigam und Braut,
mein Kind, versetzte der Vater, und weil jeder Mensch, aber ein Diener des
Amts zumeist, sich den gemeingltigen Gesetzen der Sitte und Schicklichkeit zu
fgen hat.
    Aber welchem vernnftigen Menschen fllt denn so etwas - so etwas Albernes
ein? eiferte Rose. Und blo um der dummen Bauern willen sollen wir die
Trauerzeit um unsere Mutter mit einem Feste unterbrechen?
    Wir werden kein Fest feiern, mein Tchterchen. Ich lege in Gegenwart
unserer lieben Abendgste eure Hnde still ineinander, und deine verklrte
Mutter wird segnend im Geiste unter uns sein.
    Der Vater sagte das wohl und sagte es mit berzeugung. Im Herzensgrunde
jedoch hatte der Vorwurf der Tochter Einla gefunden. Nicht da er ihn bei sich
selbst unerwogen gelassen, aber da er ihn von ihr nicht erwartet htte. Er
blickte mit bewundernder Liebe auf sein zartsinniges, treues Kind, und als er
gar Trnen in seinen Augen gewahrte, sagte er, nach einer sinnenden Pause, mit
jener Kindesunschuld, die sich bis zum Grabesrand in diesem seltenen Menschen
der gereiftesten Weisheit verbunden hat:
    Wer sollte es nicht wrdigen, wenn ein feiner weiblicher Sinn vor der
hchsten Erfllung bangt, solange einem berechtigten Empfinden nicht sein
Gengen ward? Kennen wir denn aber nicht unseren Dezimus? Er wird in deiner
kindlichen Treue eine Brgschaft mehr fr sein eigenes Glck gewahren und sich,
auch als dein Gatte, mit der Liebe einer Schwester begngen, solange der Trauer
um eine Mutter nicht ihr Recht geschehen ist.
    Dezimus legte schweigend seine Hand in die dargebotene des Greises. Er tat
es mit niedergeschlagenen Augen, und wennschon er im Leben nicht selten mit
verrterischen Blutwogen zu schaffen gehabt hat, so ber und ber in Karmin
getaucht wird sein ehrliches Gesicht schwerlich je zuvor oder je nachdem gewesen
sein, aber auch sein Herz selten peinvoller geschlagen haben.
    Rose hatte whrend des Vaters letzten Worten wie versteinert gesessen.
Jhlings berfiel sie ein Zittern; sie sprang auf, und die Hnde vor das Gesicht
geschlagen, floh sie aus dem Zimmer. Der Vater lchelte still vor sich hin. Dem
Brutigam lag eine Zentnerlast auf dem Herzen.
    Zu seiner Erleichterung trat im nmlichen Augenblick der Emeritus Beyfu
ein, behufs einer amtlichen Anfrage, da er der Ksterpflicht nicht gleichzeitig
mit der des Schulregenten entsagt hatte. Sein alter Herr teilte ihm die gefate
Entschlieung mit. Es lag ihm daran, seine Gemeinde ber die Beweggrnde des
immerhin aufflligen Schrittes vorbereitend aufzuklren, und fr derlei
Vorbereitungen war der Adlatus Beyfu just der rechte Mann. Mutter Hanna hatte
ihn allezeit die wandelnde Glocke genannt.
    Rose kehrte in das Zimmer erst zurck, nachdem die beiden Freundinnen
eingetroffen waren; sie setzte sich in den Ofenwinkel und sprach an dem Abend
kein Wort. Der Brutigam stand ebenso schweigsam im Fensterbogen. Er starrte zum
Himmel empor, an dem doch, so dick war der Nebel, kein einziges Sternchen zum
Durchbruch kam. Der Vater teilte auch seinen lieben Abendgsten das Vorhaben
mit, das seinem Leben einen beruhigenden Abschlu geben sollte. Da Rose ihre
Bedenken nicht von neuem laut werden lie, blieben sie unerwhnt, und es
befremdete Dezimus einigermaen, da Lydia, die fr alles Edle und Schickliche
doch so feine Organe hatte, jene Bedenken nicht vorauszusetzen, sondern das
Verlangen nach der vterlichen Weihe fr den Bund der Herzen das natrlichste zu
finden schien. Das musikalische, fr Miklnge daher uerst scharfe Ohr der
kleinen Sidi dahingegen sprte die durch diesen Akkord gestrte Harmonie bald
genug heraus, war auch ber die Urheberschaft der Strung nicht im Zweifel. Dem
Vater sagte sie zwar nur in trockenem Ton, da ihm eine recht lange Frist
gegnnt sein werde, sich des Glckes seiner Kinder zu erfreuen, da
Todesvorbereitungen gewhnlich in Lebensverlngerungen umschlgen; whrend des
Heimwegs, der heute zu verfrhter Stunde, weil ohne geistliches Konzert samt
Weltbetrachtung, angetreten ward, spottete sie jedoch nach Herzenslust ber die
hochzeitliche Stimmung, die im Schmollwinkel ausgeschwiegen worden sei.
    Die kluge Sidi hatte, wenn sie spottete, immer einen Zweck und fast immer
einen so guten, da Lydia ihm zugestimmt haben wrde, insofern sie ihn unter
solcher Verkappung erkannt htte. Sie erkannte ihn auch heute nicht. Rosens
Widerstreben war ihr wohl nicht entgangen, aber das leichtherzige Kind gewann
dadurch in ihrer Schtzung, wie es schon in der des Vaters gewonnen hatte, und
so wendete sie mit vorwurfsvollem Tone ein:
    Mu denn nach dunkler Nacht das Auge sich nicht erst an das Sonnenlicht
gewhnen lernen?
    Dezimus drckte ihr fr dieses gute Wort die Hand; Sidonie zuckte nur
schweigend die Achseln, als sie den Weg aber allein mit dem Freunde fortsetzte,
sagte sie unmutig:
    Wenn diese Idealisten doch nur das Urteilen bleiben lassen wollten! Alles
wird nach dem eigenen Gefhlsmastabe bemessen; nichts nach dem der Natur, der
Individualitt. Zu stark wre fr dieses frohe Auge das Licht des Glcks? Zu
schwach ist es ihm. Das Leben ist mchtiger als der Tod. Rose denkt nicht an
ihre Mutter!
    Sie merkte zu spt, da sie die wundeste Stelle im Herzen des Freundes
berhrt habe, und lenkte daher begtigend ein:
    Das liebe Mdchen, mit Staunen haben wir alle es bemerkt, hat sich redlich
Mhe gegeben, sich Ihrem Wesen, Freund, anzubilden. Nicht weil sie Ihre Braut
geworden, dies Verhltnis dnkte ihr von klein auf das natrliche, aber weil sie
Ihnen das Leben zu danken glaubt und sie das Leben liebt. Nun mssen aber auch
Sie sich Mhe geben, sich ihrem Wesen anzupassen; das heit nicht nur es sich
spielerisch gefallen zu lassen, sondern ernsthaft darauf einzugehen. Rose ist
durchaus nicht das Kind, fr das sie sich gibt und fr das sie genommen wird.
Sie ist eine fertige Natur und kann ein Charakter werden. Sie wei, was sie
will, wei, warum sie lacht und weint, mit dem Lockenkpfchen nickt und es
schttelt. Und eben in dieser bewuten Ursprnglichkeit, in dieser
Wechselwirkung von Kindersinn und berlegung wirkt sie auf jedermann so reizend.
Allezeit ein Kind sein macht lppisch, allezeit berlegt sein unausstehlich. Bei
alledem ist ihr Grundwesen die Freude, und diesem natrlichen Freudensinn mssen
Sie auch bei dem gegenwrtigen Anla Rechnung tragen, Dezimus. Ihr gegenseitiges
Verhltnis ist ja nicht auf eine sich berstrzende Leidenschaft angelegt, so
wie etwa mein Max eine groe Liebe versteht. Wie oft mgt ihr beide euch in
aller Seelenruhe euer Verhltnis als Mann und Frau ausgemalt haben, kaum viel
anders als das von Bruder und Schwester. Aber die Hochzeit hat die Kleine sich
jederzeit als ein besonderes Fest gedacht, in ihrem beschrnkten Kreise sie
niemals anders als hohes Fest gefeiert. Die Hochzeit ist im Frauenleben der
trennende goldene Schnitt, der leuchten soll weithinaus in ein nur allzuoft
graues, trbseliges Einerlei. Was bedeutet der Braut nicht schon das frohe
Schaffen der Aussteuer? die Wahl des Hochzeitskleides, der Gedanke an Schleier
und Kranz, in dem auch die Hlichste einen Schnheitstriumph feiert! Nehmen Sie
ihr aber auch noch Sang und Klang des Polterabends und Hochzeitsschmauses, und
aus dem goldenen Schnitt wird ein bleierner oder bestenfalls einer, der sich von
dem abgebleichten Metall der Altargefe nicht unterscheidet. Ja, wer wei, hat
sich Ihr bewegliches Brutchen nicht gar auf eine Hochzeitsreise gespitzt! Es
geht nicht, Freund, so ohne Zier und Lust; ein Sterbebett im Hintergrunde und
eines im Spiegel vorgehalten, die Kinderstube, in der die Wiege gestanden hat,
nunmehr die Hochzeitskammer. Papa Blmel wrde freilich diese unklassische
Auffassung vom goldenen Schnitte nicht gelten lassen. Sie mssen ihn hinzuhalten
suchen; ich will Ihnen treulich darin beistehen. Ich kenne aus alter wie neuer
Erfahrung die Zhigkeit eines Greisenlebens. Lassen Sie nur erst die
Frhlingssonne scheinen und im Garten die Blumenkinder sprieen, dann wallen
auch im Herzen die stockenden Sfte wieder auf, der umnebelte Hochzeitsstern
wird golden blinken, und die Kranzjungfern Lydia und Sidi werden mit Peter
Kurzen und Held Martin den lustigen Brautreigen fhren.
    Hatte das kluge Mdchen recht? War es wirklich nur das? Und konnte es dem
Liebenden ein Trost sein, wenn es wirklich nur verkmmerte Freude war, welche
den starken Trieb des Weibes also im Banne hielt? Nein, ach nein! Er ahnete es
ja nicht erst seit heute, da es ein anderes war; ein greres oder geringeres;
die Wirkung des unerklrlichen Rosenwandels. Mochte Lydia den Ernst der Stimmung
zu hoch anschlagen, Sidonie schlug ihn zu niedrig an. Hier klaffte eine Lcke,
und welches Geheimnis auch auf ihrem Grunde brtete, die Stunde drngte, er
durfte sein Auge nicht lnger vor dem schneidenden Lichtstrahl verschlieen.
    Stundenlang nach der Trennung von Sidonien war er im dicken Nebel, der
Himmel und Flu umhllte, den Uferpfad hin und wieder geschritten, Zweifel und
Fragen auf und ab wlzend wie den Stein des oliden: da der Schwei seinen
Gliedern entflo, von schrecklicher Mhe gefoltert. Mitten in der Nacht kehrte
er heim. Der Vater war lngst zur Ruhe gegangen, und eben das hatte er gewollt.
Er htte heute kein Wort mehr aus seinem Munde, den Blick seiner Augen nicht
ertragen. Aber im Wohnzimmer brannte noch die Lampe, und schon auf der Treppe
kam Rose ihm entgegen, mit dem Finger auf dem Munde und einem Wink, bei ihr
einzutreten. Sie sah so bla aus wie jngst auf dem Krankenlager; ein Zug fast
von Trotz dehnte die Lippen, die sich sonst so anmutig kruselten, als ob sie in
einem gewaltsamen Entschlu die Zhne aufeinanderpresse. ber den Augen jedoch
lag ein feuchter Flor; sie hatte geweint.
    Ich habe dich erwartet, Dezimus, sagte sie ruhig, indem sie auf einen
Stuhl dem ihren gegenber deutete, weil ich dir heute noch etwas sagen mu. Es
wird dir wehe tun; aber irremachen wollen darfst du mich nicht, denn ndern kann
ich es nicht, wahrhaftig nicht.
    Sie sann ein Weilchen, den Blick am Boden, dann fuhr sie fort:
    Dezimus, wir mssen dem Vater den Willen tun. Er ist so schwach, und wir
wissen jetzt, wie rasch ein Leben endet. Er mu im Glauben an unser Glck die
Augen schlieen oder ganz allmhlich an eine andere Auffassung gewhnt werden.
Darum verknde nur das Aufgebot. Drei Wochen sind eine lange Frist. Es wird sich
bis dahin ein Aufschub ersinnen lassen. Im uersten Falle werde ich wieder
krank. Mir ist schon jetzt, als wrde ich es ohne Lge. Es rckt dann die
Fastenzeit heran, in der er nicht leicht eine Ehe schlieen wrde; es kommt der
Frhling, der ihn krftigen wird, - wenn nicht - nun, du verstehst dies wenn
nicht. Wir ersparen ihm die Wahrheit, oder er knnte sie ertragen; die Wahrheit,
Dezimus, da, seit ich deine Braut geworden bin, ich wei, da ich deine Frau
nicht werden kann.
    Hast du mich denn nicht mehr lieb, Rose? fragte er; nein, er hauchte es,
oder vielleicht dachte er die Frage auch nur; aber Rose hatte sie verstanden.
Sie mochte die Tiefe seiner Bewegung nicht geahnt, den Grad seiner Wrme nach
dem der ihren bemessen haben. Mglich, da sie bis dahin auch mehr das, was sie
selber aufgab, als die Entsagung, die sie forderte, in Betracht gezogen hatte.
Nun, da sie seine Erschtterung inneward, sagte sie mit herzlicherem Klang als
zuvor:
    Ich habe dich noch lieb, Dezimus, mehr denn jemals lieb, ja im Grunde liebe
ich dich erst jetzt; denn erst jetzt wei ich, was du wert bist, und da es
keine bessere Liebe gibt als die deine zu mir. Sieh, seitdem ich mich auf mich
selbst besinne, dachte ich nicht anders, als da wir von Natur zueinander
gehrten; ich freute mich auf die Zukunft, die der Vergangenheit glich, und
fhlte mich als deine Verlobte, lange bevor ich es war. Denn in der Stunde, da
ich es ward, fhlte ich nur den eisigen Tod, und dann fhlte ich tagelang
nichts, gar nichts, bis du mir mit deinem Blute das Leben wiedergegeben hattest
und ich nun pltzlich wute, wie ich dich liebte, wie tief ich dich liebte, -
aber nicht als dein verlobtes Weib. Es war eine Blutesliebe geworden, eine
Geschwisterliebe, und nicht wahr, guter Dezimus, du wrdest mir das Leben
erkauft haben, auch wenn du wutest, welchen Preis du dafr zu zahlen hattest?
    Er sagte nicht ja, obgleich er es htte sagen drfen. Nach einer Pause
fragte er so leise wie vorhin: Liebst du einen anderen, Rose?
    Das schelmische Lcheln ihrer frheren Tage flog ber ihre Lippen. Einen
anderen? versetzte sie. Nrrischer Dezem, ei, wen denn wohl? Peter Kurzen oder
Held Martin? Schme dich doch, Dezimus, du beleidigst dich und mich mit derlei
Rivalen! Und dennoch, setzte sie nach einer nachdenklichen Pause hinzu, und
dennoch knnte ich am Ende mit jedem von ihnen leichter fertig werden als mit
dir. Denn ber sie lachte ich mich hinweg; aber mit dir ist es mir heiliger
Ernst; dir knnte ich nichts Halbes geben, heute mindestens nicht mehr geben.
    Sie hielt betroffen inne, da sie ihn mit einem Trnenstrom kmpfen sah; dann
aber, immer wrmer und wrmer werdend, fuhr sie mit der ihr eignenden holden
Beweglichkeit fort:
    Ich werde nie einen Menschen, wie du bist, wiederfinden. Ich habe dich
lieber als alle anderen Menschen, als meine Schwestern alle zusammengenommen.
Nur meinen Vater habe ich ebenso lieb wie dich; aber wie lange werde ich meinen
lieben Vater noch haben? Dezimus, ich blicke zu dir auf wie - zu meinem
Schutzengel wrde ich sagen, wenn ich die fromme Lydia und nicht Rose Blmel
wre, die an Schutzengel nicht glaubt, nur an gute Menschen wie du. Sieh,
Dezimus, ich wte mir nichts Schneres auszudenken, als mein Leben lang um dich
zu sein, hier in der Pfarre oder anderwrts, wo es dir gefiele, als dein Kind,
als deine Schwester, deine Freundin, deine Versorgerin, als - ach, lchele doch
nur ein einziges Mal, Dezimus - als deine demtige Magd, nur nicht als deine
Frau. Erst seit dein Blut in meinen Adern fliet - oder wre es, da der Tod
mich reif gemacht? -, erst seit ich deine Braut bin, wei ich, was es heit,
eines Mannes Weib zu sein, und ich wei auch, was es heit, eine Snde begehen
wider den Heiligen Geist. Ich wrde den Himmel auf Erden an deinem Herzen haben,
und wenn ich dich von mir weise und habe auch meinen Vater nicht mehr, ach, dann
bin ich ja das allerverlassenste arme Kind auf der ganzen Welt. Und dennoch,
etwas, etwas Heimliches, das ich nicht nennen kann - es mu doch wohl mit dem
Dmon, an den des Vaters alte Heiden geglaubt, seine Richtigkeit haben, Dezimus!
-, ja, ein Dmon strubt sich und bumt sich gegen meinen Willen wie gegen einen
Frevel an der Natur. Du weinst, Dezimus? Ach, weine doch nicht! Ich bin ja deine
Trnen gar nicht wert. Nein, so traurig darfst du mich nicht ansehn, Dezimus.
Hast du mich denn wirklich so sehr lieb? Das habe ich mir ja gar nicht gedacht.
Du bildest es dir am Ende nur ein. Du wirst eine andere finden, die besser ist
als ich; die wirst du heiraten und glcklich werden und mir es noch einmal
danken, da ich dich nicht so geliebt habe, wie sie dich liebt. Oder hre,
Dezimus, wer wei, ob es bei mir nicht ein Nervenspuk ist, den die Krankheit
zurckgelassen hat, oder das Todesgesicht? Die selige Mutter hat mich ja immer
einen Querkopf gescholten! dein Blut in meinen Adern kann versickern. Der Mensch
wird alle paar Jahr ein neuer, sagt Peter Kurze. Ich glaube es freilich nicht;
aber es kann ja sein; du mut nur Geduld mit mir haben, Dezimus. Ich kann dich
ja wieder lieb haben lernen wie sonst, wo ich so gern deine Frau geworden wre,
so lieb, wie ich dich lieb haben mchte. Aber wahrlich, wahrlich, Dezimus,
niemals mit einer bessern Liebe als in dieser Stunde, wo ich ohne Neid und Groll
eine Stimme im Innersten sagen hre: Es ist sein alter Johannissegen, der ihn
vor dir und vor sich selbst bewahrt.
    Dezimus reichte ihr stumm die Hand und schlich in die Kammer, wo der Vater
schlief. Und da hat er in dieser Nacht wohl einen guten Kampf gekmpft, aber
keinem Menschen ist es eingefallen, ihn ob seines Sieges als Helden zu preisen.
Und ob ihm sein schweigendes Brutigamsopfer eines Tages heimgezahlt werden
wird? - Ach, was fragt ein Mensch nach dem Glck, das er gewinnen kann, in dem
Augenblicke, wo er das, was er besa, verlor? Dezimus hatte seine Rose niemals
schner gesehen, sie niemals so hei geliebt wie in dieser Nacht.
    Der Morgen kam, der Vater erwachte. Dem armen Dezimus wurde es pltzlich
wieder schwarz vor den Augen. Denn in dem Kampfe, den er auszukmpfen hatte, da
schien die Proklamation, welche ihm fr den Sonntag aufgegeben worden war,
freilich nur ein geringfgiges Hindernis. Wenn aber einer eine schwere Last
bergan zu tragen hat, da hemmen die Steinbrocken, die auf seinem Wege verstreut
liegen, den strauchelnden Schritt mehr als der jache Felsenvorsprung, der sich
in weitem Bogen umgehen lt. Tag und Nacht rang Dezimus mit dem Entschlu, dem
Vater die Wahrheit zu bekennen. Aber der Greis war in diesen Tagen so
sterbensmatt; htte eine starke Erregung gewagt werden drfen? oder welche
schonende Tuschung wre zu ergrbeln gewesen?
    So legte Dezimus sich denn am Sonnabend nieder mit dem Vorsatz, morgen nach
der Predigt zu verknden: Es sind entschlossen in den heiligen Ehebund zu
treten und so weiter und darauf des Himmels Segen zu seiner Verbindung mit Rose
Blmel zu erflehen. Fest jedoch stand es in ihm, nach dieser bewuten, groben
Unwahrheit mit dem priesterlichen Amte abzuschlieen, sobald er die mden
Greisenaugen zugedrckt haben wrde.
    Einer Nacht ohne Schlaf folgte gegen Morgen ein Halbschlummer ruhelos wie
jene. Die hlichen Zweifel des Wachens verkehrten sich in Schwindelngste des
Traums. Von der Kanzel fallen nennt der Volksmund das kirchliche Aufgebot.
Brutigam und Braut stehen auf einem hohen Gerst. Er sieht sie straucheln,
sinken, will sie halten, taumelt und strzt mit einem gellen Schrei ihr nach in
die Tiefe. ber dem Schrei wachte er auf. Der Greis stand an seinem Bette.
    Du sollst nicht lgen, mein Sohn, sagte er ruhig, und das kirchliche
Aufgebot wurde nicht verkndet.

Wochen vergingen ohne in die Augen springende Vernderung; der Vater schien
seinen Plan vergessen zu haben, und wer htte ihn daran erinnern sollen! In der
Gemeinde hatte sich die Sage verbreitet, der Pastor habe, da er sich merklich
krftiger fhle, die Trauung verschoben, bis er sie zum Frhling in seiner
Kirche zu vollziehen imstande sei. Mglich, da Rose des beflissenen Adlatus
Einblserin gewesen ist; vermutlicher indessen Frulein Sidonie.
    In der Pfarre wurde die Weltbetrachtung fortgesetzt; Sidonie spielte ihre
Fugen. Dezimus dankte es Lydia, da sie, ihre Sangesscheu vor fremden Ohren
berwindend, jetzt regelmig an seiner Statt den Vater durch ein Beethovensches
Gellertlied oder eines von seinem alten Bach erquickte. Nie hatte er einen
reineren, edleren Alt gehrt. Ohne da ein aufklrendes Wort gefallen wre,
verstanden beide Freundinnen den Grund von des Brutigams traurigen Augen.
Sidonie, wenig von der heimlichen Lsung berrascht und sie noch weniger
beklagend, dachte: Er mu durch! suchte ihn mit Ernst und Scherz zu
zerstreuen, brachte ihm gute Bcher, Karten, kleine optische Instrumente, machte
ihm Freude, wo sie konnte. Mehr aber, wahrhaft wohl, tat ihm Lydia, die,
ahnungslos von seiner Erfahrung betroffen und in seine Seele betrbt, ihn mit
einer leisen, schwesterlichen Gte umspann und in deren Blicken geschrieben
stand: Ich wei, was Sehnsucht heit, mein Freund. Zu ihrem von Tage zu Tage
wachsenden Verstndnis seiner wissenschaftlichen Interessen gesellte sich nun
noch ein herzliches Mitleid, wie seinerseits der gewohnten hohen Verehrung sich
eine dankbare Rhrung verband, um ihre gegenseitige Freundschaft zu einer
vollstndigen zu machen. Oftmals aber schmerzte es ihn, da von all dieser Gte
er allein der Empfangende war, und um die arme Rose, die ihre Brautkrone doch so
tapfer der Wahrhaftigkeit geopfert hatte - die Billigkeit dieser Einsicht hatte
die Krnkung dem Verschmhten, Gott sei Dank, nicht geraubt -, um sie kmmerte
sich keiner als er allein.
    Freilich sah Rose nicht danach aus, als ob ihr eine Zukunft verschttet
worden wre. Ein neuer, seltsamer Geist schien in ihr aufgewacht. Oder wre es
der ihres Einst gewesen, der mit dem reifenden Todesgesichte um ein heimlich
Werdendes rang? Wallende Unruhe wechselte mit grbelndem Versinken; manchmal war
es, als fhle sie sich selbst ngstlich den Puls, manchmal, als drnge es sie,
sich einem Menschen an die Brust zu werfen. Die ernste Lydia nannte ihren
Zustand Gewissensbangen, die kluge Sidi dagegen einfach Langeweile ob Fugen und
Weltbetrachtung. Das Rosenkind wei, was es will, wenn es am wenigsten es zu
wissen scheint, war heute wiederum ihr Satz.
    Ob die kluge Sidi sich aber heute nicht wiederum tuschte? Ob das Rosenkind
wirklich wute, nach was es verlangte? Und was verlangte es denn? Sich freuen,
gefallen, geliebt werden wie einst? Oder was mehr? War die querkpfige Laune
verflogen? das Blut des Bruders in ihren Adern versickert? Bereute sie den
heimlichen Bruch? Hatte die beste Liebe der natrlichen Liebe wieder Raum
gegeben? Dezimus, wenn er ihren lchelnden Blicken begegnete, wenn sie ihm
herzlich die Hand reichte, die er freiwillig nicht mehr zu berhren wagte, der
arme, trichte Dezimus hoffte wieder nach armer, trichter Liebhaber Art.
    In diese lauernde Stimmung drang nun aber, sonderbar belebend, ein Hauch von
dem prickelnden Atem der Zeit, und wie Sidonie es gewesen war, welche die
Weltbetrachtung gegen die Todesbetrachtung auf die Tagesordnung gebracht hatte,
so war sie es jetzt wieder, welche fr die Streitfragen der Herzen in denen der
Politik einen Ableiter fand. So zurckgezogen sie gegenwrtig lebte, sie hatte
bis vor kurzem in einem regen Verkehr gestanden, stand noch mehrfltig und zumal
mit ihrem Stiefvater Zacharias in einem Briefwechsel, der sich nicht mit
Intimitten befate; sie hielt die bedeutendsten Zeitbltter und Publikationen
auch des Auslandes, und was der Hauptfaktor war, bei starker Erhaltsamkeit der
Gesinnung besa sie einen scharfen Sinn fr das Schrende und Treibende im
Einzelleben wie im allgemeinen. Allerorten witterte sie Grung und glimmende
Glut, zumeist aber dort, wo das Herz schlug, in dem das ihre pulste.
    Fr den Augenblick zwar wute sie Max fern. Der Brief, in welchem sie ihn zu
dem Herrenleben in Bielitz einlud, hatte sich mit einem gekreuzt, in welchem er
ihr einen Winteraufenthalt in Andalusien meldete. Lange freilich wrde es ihn,
dem holdesten Himmel zum Trotz, unter maurischen Schnheitsresten nicht dulden;
seine Zone war die der Aktualitt. Die Schwester war indessen schon froh genug,
ihn fern zu wissen in einer Gegenwart, wo sie nun einmal, mochte es ein
Nebelbild sein, bedrohliche Dmpfe dem Krater entsteigen sah.
    Die Stoffe, die sie am Tage gesammelt hatte, die trug sie am Abend nun
hinauf in die stille Pfarre, und der sie am gierigsten verschlang, der sie
einsog wie einen belebenden Wein, das war der friedliche, sterbensmatte Greis.
Er konnte den Moment kaum erwarten, in welchem seine kundige, junge Freundin das
Zimmer betrat; er lauschte, fragte, las in krftigeren Stunden mit der regsten
Neubegier; und wie ein erfahrener Landmann, wenn er in weitem Abstand Blitze
zngeln sieht, am Zuge der Wolken und Wechsel der Winde, am Fluge der Vgel und
manchem anderen tierischen Instinkt sorglich die Niederschlge berechnet, die
seine Heimatsflur erquicken oder bedrohen knnen, so sphete und spannte der
alte Freiheitskmpfer von 1813 nach der elektrischen Spannung, welche, sich
entladend, in seinem Preuenlande eine Saat, die er selbst mit ausgestreut hatte
und deren Reife er nicht mehr erleben sollte, je nachdem befruchten oder
vernichten wrde.
    Patriotische Erinnerungen und Erwartungen lieen, so schien es, ihn den
Zwiespalt zweier junger Herzen vergessen.
    Noch war es indessen ja nur die Schwle vor dem Orkan, welche der
Empfngliche sprte; noch ahnete keiner, an welcher Stelle und in welcher Weise
der atmosphrische Strom sich entladen werde. Als Sidonie jedoch eines Abends
die Neuigkeit von dem Ableben des alten Dnenknigs brachte, als sie mit
apodiktischer Beweisfhrung dartat, da sein Nachfolger die strittige
Nationalittenfrage zugunsten des Gesamtstaates lsen werde, ja von seinem
Standpunkte aus lsen msse, da steigerte sich in dem Greise das bngliche
Vorgefhl zu einem prophetischen Gesicht. Er sah den Funken in seinem Volke
niederschieen, nicht wie schon manchmal als einen kalten Schlag; und wie
entfernt und beschrnkt auch immer der Herd, groe Geschicke sah er sich auf ihm
entznden. Sidonie lchelte ber den aufgeregten alten Herrn. Mochte er recht
haben! Der Kampf um einen Fetzen deutschen Landes, um eine Handvoll deutscher
Sklaven war keiner, fr welchen ihr Max weder zum Rebellen noch eventuell zum
Patrioten ward. Die zndende Idee vertrat ihm auch an dieser Stelle Deutschlands
Feind.
    In dem Sohne dagegen zitterte des Vaters Erregung nach. Schon whrend seiner
Universittszeit hatte der Schmerzensschrei der Herzogtmer wie in den Herzen
der Kommilitonen so auch in dem seinen einen starken Widerhall gefunden. Er
hatte dem alten, redlichen Vater Jahn endlosen Beifall klatschen helfen, als
dieser bei Gelegenheit eines Sngerfestes in der Umgegend die deutsche Jugend im
Binnenlande aufrief, sich zu scharen unter dem Banner der durch einen
schmachwrdigen Knigsbrief bedrohten deutschen Brder diesseit und jenseit des
Eiderflusses, und als darauf in tausendstimmigem Chorus Schleswig-Holstein
meerumschlungen gesungen wurde, da erscholl der Ba des Hnen der
Studentenschaft so donnermig wie vor der Zeit noch nie und nach der Zeit nicht
wieder. Er, der Hne, hatte sogar es ganz plausibel gefunden, als Vater Jahn
darauf ffentlich seine Mibilligung aussprach, da jenes herrliche deutsche
Lied in Klang gesetzt worden sei zu eitlem Prahl; auf die Weise Flieg, Kfer,
flieg! msse das heiligste Anliegen seines Volkes schon dem Kinde an der
Mutterbrust durch die Ohren in das Gemt dringen und ihm das Eingeweide
umwenden.
    Feuerfangen wie Stroh und wie Strohfeuer verflackern ist aber nicht eines
Glcklichen Art. Dezimus hatte nach jenem beweglichen Sngerfeste oftmals ber
die Bruderschaft an der Eider nachgedacht, und wenige Streitfragen der Zeit
waren ihm so verstndlich geworden wie diese. Zwar schtzte er auch die
Inseldnen als deutsche Brder, aber doch nur als Halbbrder, und da vollbrtige
Geschwister den halbbrtigen im Erbe, auch der Liebe, vorangehen, jene
halbbrtigen sich berdies wie recht feindliche Stiefbrder gebrdeten, fhlte
er aus dem Herzen der vollbrtigen heraus ein gutes Recht gekrnkt. Als er nun
aber bei seinem krzlichen Inselaufenthalt einen Teil dieser rechten Brder
kennen lernte und so kernhafte, tchtige Menschenbrder unter ihnen, als er
anschaulich in dem Kstenstreifen, um den es sich handelte, die Pforte in das
Weltweite erkannte, deren kein zum Leben berufener Staat entraten kann, da
brannte ihn die Schmach, die ein kleines einiges Volk seinem groen uneinigen
Volke anzutun wagte, und er erma die Gefahr fr einen dem letzteren
unentbehrlichen Besitz. Mute dieser Besitz, muten Recht und Ehre in blutigem
Streit erobert werden, diesen Streit htte er ausfechten helfen mgen; in seiner
gegenwrtigen Stimmung aber mehr denn je. Oft, ach, wie oft, sehnte er sich aus
seiner Schwle heraus nach einer erfrischenden Tat!
    Wie es denn nun aber in Fragen um das Allgemeine oftmals ein Persnliches
ist, welches den Anteil schrft, ja sogar ihm eine vernderte Richtung gibt, so
war es an jenem Abend der Gedanke an Philipp, der sorgenvoll aus Lydias Seele in
die ihres Freundes zog. War er es doch, welcher den Jngling in den Umkreis des
glimmenden Herdes gefhrt hatte; die Verantwortung fr sein Schicksal fiel auf
ihn. Er sprte, wie das Hartensteinsche Blut in dem Jngsten des Geschlechtes
aufschumte, wie es ihn hinri zu Torheit und bermut; er sah ihn ergriffen,
verzehrt von den Flammen. Und so spukte der tote Dnenknig in dem friedlichen
binnenlndischen Pfarrhause gleich einem drohenden Gespenst.
    Zum Glck spuken Gespenster jedoch nicht ber Nacht, wenigstens nicht in
einem Pfarrhause wie dem Blmelschen. Am anderen Tage fhlte ein jeder, da er
mit seinen Befrchtungen weit ber das Ziel hinausgeschossen habe und da nicht
mit Feuer und Schwert erledigt zu werden brauche, was mit Feder und Tinte zu
erledigen ist. Der alte Dnenknig war tot, was wute die kleine Sidi von den
Staatsgedanken des neuen?
    Um so friedfertiger, als man gestern kriegerisch gestimmt gewesen, vertiefte
man sich heute statt in die Politik der Neuen Rheinischen Zeitung in die Physik
des greisen Humboldt; und da war es denn eine Anspielung von ihm, welche, um der
grndlichen Lydia genugzutun, den Vorleser zu der Verdeutlichung des optischen
Grundsatzes, da jeder Mensch seinen eigenen Regenbogen sehe, veranlate. Das
fhrte Vater Blmel nun hinwiederum recht behaglich in sein Lieblingsgebiet, die
Gesetze der sichtbaren Natur auf die der unsichtbaren zu bertragen. Sidonie,
die whrend dergleichen Transfigurationen nicht immer streng bei der Sache
war, summte vor sich hin: Zart Gebild wie Regenbogen wird auf dunklem Grund
gezogen, Rose aber sog den Duft einer Hyazinthe ein, lchelnd mit halboffenem
Munde, so als ob auch ihr ein heiteres Gebilde sich auf dunklem Grunde male, und
als ob auf ihren Lippen der Ruf schwebe, sieh, die liebe Sonne ist wieder
durchgebrochen!
    Dezimus gedachte des Tages, wo ihm der Vater das Wunder der bunten
Himmelsbrcke als eine Tat der gttlichen Vershnung erklrt hatte und er,
hinauslaufend, um noch eine Spur aus der himmlischen Werkstatt zu entdecken,
sein weies Frulein wie einen Engel der Verheiung stehen sah. Und bei diesem
Erinnern berkam ihn so vllig wie noch nie das Bewutsein dessen, was er diesem
herrlichen Wesen schuldig geworden war; nicht blo durch die Wirkung, welche es
auf ihn gebt, sondern mehr noch durch die, welche ihm gestattet worden war,
dagegen auszuben. Und das ist ja wohl das Hchste, was ein Mensch dem anderen
danken kann. Seine Blicke hingen an dem edlen Gebilde, das auch ihm sich auf
dunklem Grunde erhob; er sah, wie sie die Brcke der Vershnung, die aus dem
eigensten Gemte heraus in den Himmel fhrt, dem Greise gedankenvoll nachbaute,
wie sie verstndnisvoll mit einem innigen Blicke ihm die Hand drckte. Dann aber
sah er sie, erbleichend, pltzlich auf ihrem Stuhle zurcksinken: die Tr ihr
gegenber war leise geffnet worden, und in ihrem Rahmen stand, wie von der
unerwartetsten Erscheinung gebannt, die Blicke auf sie geheftet, ein schlanker,
bleicher Mann, die unerwartetste Erscheinung auch fr sie. Max! jubelte
Sidonie auf, indem sie sich in seine Arme strzte, Max!
    Ja, Max! Lnger als vier Jahre waren es, da er den Groll des Titaniden in
diesem Raume ausgestrmt; lnger als vier Jahre, da er mit neuen
Titanengelsten gegen den alten Himmel gestrmt, Menschen nach seinem Bilde
gedichtet und - wohl mehr denn der ursprngliche Prometheus - genossen und sich
gefreut als geweint und gelitten hatte. Die Bchse der Pandora hatte sich auch
ber seinem Haupte ergossen; die Jnglingsblte, das Erbe eines kampfgesthlten
Geschlechts, war auf dem Antlitz des Mannes verwelkt; die bleiche Farbe, das
erweiterte Auge, die gedehnten Zge sprachen von der Mde, die der berreizung
folgt, und dennoch, ja darum erst recht, war er der schnste Mann, welchen alle
in dieser Minute auf ihn gerichteten Blicke jemals geschaut hatten oder schauen
wrden, und darum erst recht war er, wie man es so nennt, ein interessanter
Mann.
    Menschen aus einem Gusse wie Lydia, oder nach seiner Art auch Held Dezimus,
werden schwerlich, sogar von schmeichelnden Biographen, als interessante Leute
aufgefhrt werden. In Max von Hartensteins Anlage und Schicksal, ja bis auf den
uerlichen Habitus hinab, lag jedoch wie selten in einem jenes zwiefltige oder
zwiespaltige Etwas, das als Zauber der Interessantheit wirkt. Er war nach Geblt
und Neigung Edelmann und nach Gesinnung Demokrat; er fhlte sich einen Dichter
und lebte wie ein Kind der Welt; er wute sich und stellte sich dar als den
Erben einer Million und darbte wohl manchmal um das tgliche Brot; er betrat den
heimischen Boden als ein Fremdling und den Kreis der Gleichgestellten nahezu mit
dem Stigma des Ausgewiesenen, aber mit den Ansprchen und dem Gebaren des Herrn;
er trug noch das strenge Trauerkleid um seine Mutter, aber von einem Schnitt,
wie im weiten Umkreis seines knftigen Dominiums noch kein Kleiderschnitt
gesehen worden war. Und wie trug er das Kleid! Wie lieen dem blondlockigen
Germanen mit dem tiefblauen, treuherzigen Hartensteinschen Blick und Ton die
flssigen Allren, die spielenden Apers eines Eingewohnten von Paris; wie
verstand er, wenn er wollte, und heute wollte er es, jedem zu sagen, was ihm zu
hren gefiel, wie kaum merklich zu schmeicheln, wre es auch nur mit einem
Augenaufschlag, einer Bewegung der Hand. Und doch war er zum Komdienspiel zu
grndlich Stimmungsmensch und zur Koketterie zu selbstbewut und stolz.
    Er war seiner berraschung alsobald Herr geworden und grte nun rund im
Kreise mit vollkommener Unbefangenheit. Nachdem er sich vor Vater Blmel
ehrerbietig wie vor einem Patriarchen verbeugt, zog er die Hand, die Lydia ihm
schweigend gereicht hatte, ebenso schweigend an seine Lippen und hielt sie ein
paar Sekunden an denselben fest. Etwas anders nanciert, nicht ganz so ernsthaft
oder vielleicht ritterlich war die Berhrung der rosigen Fingerspitzen ihrer
Nachbarin, der erste Handku, mit welchem irgendein Mensch das Pfarrrschen
ehrte; selber ihr alter Dezem war in den Tagen seiner Rosenwonne auf solche
Galanterie nicht verfallen; und wer in aller Welt hatte vor diesem
aristokratischen Demokraten das Pfarrrschen jemals gndiges Frulein
tituliert, wer sich so ausdrucksvoll gewundert, wie bis zum Nichtwiedererkennen
in den Jahren der Trennung eine freundliche Gnnerin grer und schner - das
letzte Epitheton wurde nur mit den Augen gelchelt - geworden sei? Auch der Herr
Kandidat wrde mit dem biderben Handschlag, den er erntete, wohl zufrieden
gewesen sein, wenn die nachfolgende Gratulation zu seinem Verlobungsglck ihm
nur nicht wie ein Stich durch die Brust gefahren wre. Endlich aber die kleine
Sidi, die lie der prchtige Mensch gar nicht aus dem Arm, nicht von seiner
Hand. Er streichelte ihre blassen Wangen, ihren schlichten Scheitel, blickte und
nickte ihr zu wie eine Mutter ihrem kranken Kind, und alles das so einfach, als
ob das Gehrige auch immer das Natrliche wre.
    Er erzhlte darauf, da er in die Heimat gekommen sei, um unter den
Auspizien seiner Schwester ein tchtiger Landwirt zu werden, da er sich auf
ihre berraschung gefreut und, als er sie nicht in ihrer Werkstatt, den armen
alten Grovater aber bereits schlummernd gefunden, er der Lockung nicht habe
widerstehen knnen, sie im Kreise der Freunde aufzusuchen.
    Welche wohlgelungene berraschung nicht blo fr die Eine, der sie galt!
diese Eine aber strahlte wie eine Selige; kaum da sie die Augen von ihrem
Liebling verwendete, heute in Wahrheit ihrem Bertrand de Born! Denn auch des
Greises Puls schlug in einem lebhafteren Takt, und der betrbte Kandidat des
Predigtamts sah seinen Jovisstern leuchten wie in der Schlerzeit; die aber,
welche als seine Braut von dem Gaste beglckwnscht worden war, die noch vor
einer Stunde so trumerisch prfend zu dem brderlichen Verlobten
hinbergeschielt hatte, die funkelte und sprhte jetzt wie ein gestreicheltes
Ktzchen, tndelte zierlich mit dem Teegeschirr und hatte - wo nahm sie es nur
auf einmal her? - fr jedes heiter neckende Wort ein heiter neckendes Gegenwort.
Das frische Blut, das aus einem fremden Herzen dem ihren eingeimpft worden, war
nach langem Stauen in Flu gekommen, das kindliche Gesicht bis unter die ppigen
Locken mit seinem Purpur bergieend. Die verschmte Mdchenblte hatte sich
wiederum zur Zentifolienknospe umgewandelt, die unter dem ersten Sonnenstrahl
die Hlle sprengen wird.
    Nur Lydia schien von dem allseitigen Zauber unberckt, sie, die doch
zweifellos die einzige war, welche der Zauberer des Berckens wert geachtet, und
ebenso zweifellos die einzige, fr welche ein jeder im Kreise die Bezauberung am
natrlichsten gefunden haben wrde. Ihr greiser Freund lauschte mit einem
Ausdruck froher Hoffnung zu ihr hinber; ihr junger Freund mit einem der scheuen
Furcht, ber deren Beweggrund er sich keine Rechenschaft htte geben knnen; sie
aber war wieder das unnahbare Klosterfrulein geworden; wie das Rschen
pltzlich zur Rose aufzubrechen schien, so hatte sie den geffneten Lilienkelch
zusammengezogen. Sie blickte ernst vor sich hin, sprach nur, wenn sie eine
Antwort zu geben hatte, und als die Stunde des gewhnlichen Aufbruchs gekommen
war, erhob sie sich vor den anderen, um heimzukehren. Dezimus wollte sie
begleiten; Sidonie aber sagte lachend:
    Fr heute, Freund, sind Sie Ihres Ritterdienstes quitt. Unser Weg fhrt ja
am Schlosse vorber. Verzgern Sie Papa Blmel, der ber Gebhr aufgeregt worden
ist, den Abendsegen nicht.
    Lydia legte ruhig ihren Arm in den, welchen Max ihr bot; Sidonie hing sich
in den anderen. Rose flatterte wie ein Schmetterling ihnen bis an die Haustr
voran und kehrte nicht wieder in das Wohnzimmer zurck; Dezimus hatte das
Nachsehen, ein schmhlich ausgestochener Held. Er sang dem Vater das Abendlied,
schlo keine Wimper in der Nacht und fhlte am Morgen sich doch, als erwache er
aus einem wsten Traum. Wie gestern die kriegerische Wallung, war heute die
zauberische Blendung gescheucht. Aber die Augen taten ihm weh und das Herz wie
kaum je.
    Rose hatte an diesem Tage zu schaffen wie die Maus in sieben Wochen. War das
aber ein Wunder? Rose war ja an die Stelle der Hausfrau gerckt und es Mutter
Hanna gleichzutun sicherlich nichts Kleines. Die alte Lene mute frische
Teekringel backen, obgleich der Vorrat noch nicht aufgezehrt war; ei nun, er
mochte etwas abschmeckend geworden sein; dem Brutigam fehlte dafr nur das
wrdigende Organ; ihm mundete frherhin alles und jetzt leider nichts. Reine
Gardinen wurden aufgesteckt. Zuverlssig waren die alten bestubter gewesen, als
sie dem Brutigam vorgekommen, Sterngucker haben fr Mullwolken selten den
richtigen Blick; wem aber htte es auffallen drfen, da blhende Hyazinthen und
Tazetten mit Myrten und Geranien zu zierlichen Gruppen geordnet wurden? Hatte
das liebe Rschen ihre Umgebungen nicht allezeit gern geputzt? Die Lust zum
Putzen war ihr nur in den Schattenmonden eingeschlummert. Aber sieh doch! hat
sie sich selbst heute zum ersten Male nicht wieder geputzt? Gott behte; sie
trgt ja ihr tgliches Trauerkleid, und wenn die schwarze Krause den schlanken
Hals etwas weniger knapp umschliet, die natrlichen schwarzen Lckchen etwas
zierlicher sich ringeln, so ist das zuflliges Geraten oder, wenn ja ein bichen
Kunst mit unterlief, das allererfreulichste Zeichen. Sich hbsch machen, heit
bei einem siechenden Kinde genesen sein und bei einem gesunden doch wahrhaftig
nicht etwa eine Snde!
    Lydia stellte zu gewohnter Stunde sich ein.
    Aber wo bleibt denn Sidi? fragte Rose und sphete aus dem Fenster,
wenngleich es so rabendunkel war, da weder auf dem Talwege noch irgendeinem
anderen ein lebendes Wesen htte erspht werden knnen; und nach einer
Viertelstunde fragte und sphete sie von neuem, obschon der Mond noch immer
nicht aufgegangen war. Sidonie kam nicht; das geistliche Konzert unterblieb;
Rose erklrte sich fr heiser, dem Kandidaten war die Kehle zugeschnrt. Auch
der Kosmos wurde heute nicht aufgeklappt, da Lydia es angemessen fand, der
Freundin nicht zuvorzueilen, und auch kein anderer ein lebhaftes Verlangen nach
einem Horizont, der ber den beider Werben hinausreichte, zu tragen schien.
Dagegen sang Lydia, ehe sie sich entfernte, zum ersten Male das Novalislied, das
sie ihrem Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen gesungen hatte:
    Wenn alle untreu werden, so bleib ich dir doch treu.
    Als Dezimus sie nach dem Schlosse zurckfhrte, fragte sie ihn, welchen
Eindruck Max auf ihn gemacht habe, und er bekannte ihr aufrichtig den Zauber,
den diese auergewhnliche Persnlichkeit mehr denn je auf ihn und die Seinen
ausgebt. Sie erwiderte im Augenblick nichts; aber er dankte ihr schon die
Frage; es war das erstemal, da sie den Namen des einst so tiefgeliebten Mannes
vor ihm oder irgendeinem anderen ausgesprochen hatte. Liebte sie ihn noch, oder
liebte sie ihn wieder? Nach einer langen Stille sagte sie:
    Es ist etwas Seltsames um solch ein Wiedersehen. Man merkt an ihm erst das
Wirken der Zeit. Mir ist, als ob eine Binde von meinen Augen gefallen wre.
    Sie ahnete wohl nicht, da sie mit diesen Worten dem Freunde ein Rtsel
aufgegeben hatte. Denn die Zeit vershnt, und die Zeit verlscht.
    Rose war heute ausnahmsweise noch nicht in ihr Stbchen gegangen. Sie stand
wieder am Fenster und schaute in das Tal hinab, das jetzt vom Mond beleuchtet
ward. Wie langweilig diese Lydia ist, sagte sie mit krauser Stirn, ein Ghnen
unterdrckend. Htte Sidonie nicht ein bichen Leben in die langen Winterabende
gebracht, sie wren nicht zum Aushalten gewesen.
    Als sie Dezimus zur guten Nacht die Hand reichte, fragte sie:
    Glaubst du, Dezimus, da Lydia den Baron noch liebt?
    Das war ja eben die Frage, die ihm so mchtig in Kopf und Herzen herumging;
aufrichtig aber, wie er nun einmal war, auch wenn er mit seiner Aufrichtigkeit
sich selbst ein Leides tat, antwortete er, da er das allerdings nicht wissen
knne, aber ihre Liebe zu ihm ebenso natrlich finden wrde wie die seine zu
ihr.
    Er - sie? Ach warum nicht gar! rief Rose unmutig. Es ist Torheit, was man
von alter Liebe sagt. Was im Herzen gestorben ist, wacht nicht wieder auf. Und
wie viele mag er in der Zwischenzeit angebetet haben! Sie ist ja auch viel zu
alt fr ihn.
    Sie ist zwei Jahr jnger als er.
    Aber steif wie eine Gromutter.
    Das liebe Rschen war keineswegs, wie die kluge Sidi behauptete, ihrer
Stimmungen allezeit Herr, sonst wrde sie die heutige fein fr sich behalten
haben; denn wehe tun wollte sie ihrem armen Dezem gewilich nicht.
    Am nchsten Sonntag, dem, an welchem das dritte Aufgebot und nach ihm die
Trauung stattgefunden haben wrde, war Max mit seiner Schwester in der Kirche.
Er hatte seinen Platz dem Herrenstuhl gegenber gewhlt, wo er von Lydia bemerkt
werden mute, sobald sie den Blick der Kanzel zuwendete. Sie wendete, nach ihrer
Gewohnheit, whrend der Predigt ihn kaum von der Kanzel ab, der Prediger htte
aber nicht die leiseste weltliche Strung ihrer Andacht wahrnehmen knnen. Wenn
die alte Liebe wieder aufgewacht war, mute der heilige Ort den gebhrenden Bann
ausben.
    Unter der Kirchpforte stie das Geschwisterpaar mit dem nominellen Brautpaar
zusammen und geleitete es zu einer Staatsvisite in die Pfarre.
    Der Herr Baron wunderte sich, da er das gndige Frulein nicht in der
Kirche bemerkt habe, worauf das gndige Frulein mit einem allerliebsten
Schelmenblinzeln erwiderte, der Herr Baron habe eben mit dem Rcken gegen den
Pfarrstuhl gelehnt gestanden. Das htte der Herr Baron sich nun fr knftige
Kirchbesuche gesagt sein lassen knnen. Leider hatte es jedoch bei diesem ersten
Besuche sein Bewenden. Es wre der Werbenschen Erbgruft nur ein Erinnerungszoll
dargebracht worden, uerte der Herr Baron.
    berhaupt drckte in dem Baron der Umschlag aus einer interessant
gemtlichen in eine interessant ironische Stimmung sich deutlich aus. Er
beglckwnschte Pastor Blmel ber das Wunder der Toleranz, das sein Beispiel in
der Gemeinde gewirkt habe. Wie msse dem standfesten Onkel Propst im Chore der
himmlischen Heerscharen zumute sein, wenn er seine Tochter mit so seelenruhiger
Andacht einem unionistischen Gottesdienste beiwohnen she? Schreite die
Freisinnigkeit in gleicher Progression fort, knne die einstmalige
Seelenfreundin des Professor Hildebrand es noch zur Adeptin von Papa Zacharias
bringen.
    Pastor Blmel erwiderte ruhig, da er diese Befrchtung nicht hege, und
lenkte das Gesprch auf ein Gebiet, wo er seinen Gast mehr als in dem eines
glubigen Herzens zu Hause halten durfte: auf das der Politik; indessen auch auf
dieses nur so weit, als es die vaterlndische Grenze nicht berhrte. Er bat um
eine nhere Erklrung der Reformbankette, die in den Zeitblttern ja nahezu als
eine Existenzfrage des franzsischen Staates behandelt wrden, war aber nach
erhaltener Aufklrung merklich enttuscht, da er hinter dem ungestmen
Verlangen, ein Mahl zu halten und beliebige Toaste auszubringen, eine
karbonaristische Verschwrung oder andere dergleichen Heimlichkeit, welche die
Regierung ausgewittert, vermutet hatte. Worauf denn Herr von Hartenstein
lchelnd erwiderte, es sei in Frankreich nichts Neues, mit Explosivstoffen in
der Form von Knallbonbons eine Feuersbrunst zu entznden. Im teuren Vaterlande
walte die entgegengesetzte Manier ob. Wenn die Mine bis zum Platzen vollgeladen
sei, leite man sie in derchen und Kanlchen ab, und der erste beste Landregen
sple sie in den Strom der Zeit.
    Nun, Konstantin Blmel wute von einer vaterlndischen Mine, und er hatte
sie selbst mit laden helfen, die gar wuchtig einen Kolo ber den Ozean
geschleudert hatte! Doch verlautbarte er diese Erinnerung nicht, sondern
erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Amtmann Mehlborn. Der Pulsschlag
seines Entzckens hatte sich whrend dieser Sonntagsvisite indessen bedeutend
ermigt.
    Am anderen Tage fand Rose es dringlichst angemessen, da der amtliche
Stellvertreter des Vaters diese Visite erwidere, fhlte sich selbst auch
hinlnglich zu einem Spaziergang bei so prachtvollem Winterwetter gekrftigt,
begleitete den vterlichen Stellvertreter demnach ein Endchen und bekam bei Wege
ein unwiderstehliches Gelste, zu sehen, wie Freundin Sidi sich in der alten
Brenhhle ihr Nest eingerichtet habe.
    Ei nun, frwahr traulich genug. Zunchst gab es gar keine Hhle mehr,
sondern ein sauberes Wohngela und in dem Gela keinen brummenden Bren, sondern
einen gemtlichen alten Herrn, der ganz fidel hinter seinem Spitzglschen sang:
Gestern abend war Vetter Michel da, und dann seine Augen zutat und schlief.
Die Augen seiner Hterin aber, die klugen Sidiaugen, die hatten noch nie in
einer reineren Freude gestrahlt. Zum ersten Male hatte sie einen Menschen, vor
dem sie ihre reichen Gaben unter keinem anderen Zwang als dem der natrlichsten
Liebe entfalten durfte, den sie hegen und pflegen durfte, den sie zu halten
hoffte fr das Leben. Denn auch er war glcklich neben ihr und durch sie.

Wer liebte nicht das Neue? wer bedrfte seiner nicht? Wer aber htte jemals mehr
unter seinem Banne gestanden als der Dichter Hartenstein? Er lebte und webte im
Wechsel. Der Wechsel war sein Element, sein tgliches Brot. Der erwnschteste
Zustand htte ihn auf die Dauer bedrckt, der unerwnschteste Umschlag ihn
momentan aufgeschnellt. Paris mit seiner unerschpflichen Mannigfaltigkeit war
ihm daher der gedeihlichste Boden und die Ebbe und Flut seiner ueren Mittel,
die ihn zwischen den verschiedenartigsten Existenzen auf und nieder trieb, fr
seine Schaffenskraft das vielleicht notwendige Ferment. Allezeit im Salon, wrde
er aufgehrt haben ein Dichter zu sein; allezeit in der Mansarde, wre er es
wahrscheinlich niemals geworden. Auch die Einsamkeit wurde dann und wann zu
einem ersehnten Wechsel. Auf Alpengipfeln, am Meeresstrand, oder wie diesen
Herbst unter einem sdenprchtigen Himmel, ganz allein, da dehnte sich die
Brust, schwellte sich die Knstlerseele - drei, vier Wochen lang, dann aber zog
es ihn wieder in das Gewhl wie in ein Heim.
    Dieser Aufenthalt mitten im Winter, in nchterner Landschaft, auf Papa
Mehlborns emsigem Wirtschaftshof htte daher, so scheint es, der widerwrtigste
sein mssen, den er erwhlen konnte. Aber es war etwas Neues; er nannte ihn ein
Idyll. Die Erwartung des grovterlichen Ablebens, das, gegen ihren Glauben,
seine Schwester ihm als bevorstehend dargestellt hatte, eine brderliche
Wallung, vielleicht eine momentane Geldklemme hatten ihn hergetrieben; nun hielt
das Wohlgefhl zrtlicher Frsorge, mit welchem zum ersten Male seit seiner
Kindheit ein Mensch ihn umspann, ihn fest; die materielle Flle, das Ansehn der
Sehaftigkeit machten sich geltend, hohe Kulturbestrebungen, im nchsten
Zusammenhange mit seinen bisherigen literarischen Tendenzen, tauchten auf.
Mglich, da auch die Wiedereroberung seiner frhesten, einzigen wahrhaft
Schnen, auf welche unerwartet sein erster Blick gefallen war, ihn lockte, da
nebenbei das deutsche Pfarrtchterchen ihm zu einem kleinen Roman allerliebst
genug dnkte. Einem Dichter ist Frauengunst ja der Kastalische Quell, und hat
denn nicht der alte Meister, welchem der junge bescheidentlich nachstrebte, die
angenehme Empfindung einer gleichzeitigen Doppelliebe zu rhmen gewut?
    So war er denn allen Ernstes gewillt, in dem stattlichen Grafenschlosse von
Bielitz, dessen Erbe zu werden er jeden Tag erwarten durfte, sich huslich
einzurichten und a priori den Herrn in ihm zu spielen. An dem nervus rerum
gebrach es nicht; Sidonie war vollstndig Meisterin der Lage, der alte
brbeiige Mehlborn ein stillvergngter Knabe geworden, seitdem seine junge
Pflegemutter ihm die Milch des Alters nicht ausgehen lie. Er nippte, zippte und
nahm seinen Herrgott fr einen frommen Mann. Wiederholt hatte Dezimus seinem
guten Kameraden diese Behandlungsweise vorgehalten: Sie schlfern Ihr altes
Kind mit Mohnsftchen ein und erziehen es zum Idioten, hatte er gesagt, sie
aber lachend erwidert:
    Zum Idealisten erziehe ich es, und die guten Genien der Jugend wecke ich
auf. Htte ich mein Papachen bei seinem Dnnbier belassen, fhlte es sich blind
und elend, wre mitrauisch und mivergngt, keifte am Tage mit widerborstigen
Frnern und grauelte sich nachts vor Raubmrdern und dem Gespenst des schwarzen
Todes. Nun ich ihm stndlich ein Glschen von dieser braven Liebfrauenmilch
einschenke - selbstverstndlich unter der Etikette Werbensches Gewchs -, glaubt
er, liebt, hofft, vertraut, sieht mit Augen seine Felder sprieen, an seines
Sidonchens problematischem Schulterstck zwei goldene Engelsfittiche leuchten
und schlummert von vierundzwanzig Stunden netto zwanzig wie der Gerechte in
Abrahams Scho. Wer ein Achtziger werden will, kann sich nichts Besseres
wnschen.
    Indem Sidonie auf diese Weise Genien der Jugend, die in Papa Mehlborn bis
dahin geschlummert hatten, zum Leben erweckte, war sie indessen vorsichtig und
auch gutmtig genug, die Dmonen des Alters, die von Kindesbeinen an in ihm rege
gewesen waren und selten grndlich einzuschlfern sind, nicht
heraufzubeschwren. Die vielwerte Eisentruhe blieb unverrckt unter Papachens
Bett, ihr Schlssel tags in Papachens Rocktasche, nachts unter seinem Pfhl.
Sein Sidonchen hatte noch keinen Blick in die Truhe getan. Ihr gengten die
Wirtschaftsertrge, nach welchen Papachen wenig mehr fragte, und gewisse
Stempelbogen, zu deren Kontrasignatur - unter der Rubrik Rechnungen, Quittungen
und so weiter - sie sonder jeglichen Gewissensskrupel Papachen die Hand fhrte.
Die grojhrige Enkelin und Erbin des unzurechnungsfhigen Greises erfreute sich
eines weittragenden Kredits, bedurfte desselben aber auch nach Ankunft ihres
Bruders in tglich wachsendem Mae.
    Er hatte Bedrfnisse der mannigfaltigsten Art, eine allezeit offene Hand,
auch groe philanthropische Projekte, fr welche bis zum reellen Erbantritt
wenigstens die Einleitungen getroffen wurden. Sidonie nahm alles auf ihre Kappe;
ihres Bruders Kredit blieb unangetastet, sein Name stand unter keinem Wechsel;
er war der Schpfer, sie der Handlager. Da sollten die Lasten der weien
Sklaven nicht etwa abgelst, sondern einfach aufgehoben werden, den
freiwilligen Arbeitern Huser gebaut, gegen welche die der Grabesstrae von
Werben armselige Htten waren, und dergleichen vieles. Der Baum eines Volkes
treibt von unten herauf, sagte er, und wer htte etwas dagegen sagen knnen?
Seine Wurzeln mssen gedngt und begossen werden. Wo Max von Hartenstein
lebte, mute menschenwrdig zu leben sein; war er ein Egoist, so war sein
Egoismus gromtiger Natur. Ja, er trug sich allen Ernstes mit dem Entwurf eines
Phalansteriums auf seinem einstigen Grund und Boden, nachdem er fr die
Errichtung eines solchen in berseeischen Zonen seit seinen Pariser Tagen
geschwrmt und schriftstellerisch gewirkt, sogar gedichtet hatte. In der
Neuordnung des Eigentums sah er die groe Frage der Zukunft und in der
republikanischen Freiheit, der sozialen Gleichheit nur ihre Vorlufer.
    Vorderhand mute man sich freilich begngen, das eigene Leben menschenwrdig
auszugestalten. Die Einrichtung des Herrensitzes, Anschaffungen, Bestellungen,
anzuknpfende Verbindungen lieen es auch fr die unermdliche Intendantin zu
regelmigen Pfarrbesuchen nicht mehr kommen. Um so erfreulicher waren die
berraschungen, wenigstens fr Freundin Rose. Sidonie war beflissen, sie in ihre
Nhe zu ziehen, sie zu sich einzuladen, sich auf ihren Fahrten in Stadt und
Umgegend von ihr begleiten zu lassen, und der Vater gnnte seinem Liebling diese
Erholung, bevor binnen kurzem sich wiederum ein Trauerschleier ber ihren
Jugendtag breiten wrde. Auch das peinliche Zusammensein der dem Namen nach noch
immer Verlobten erhielt dadurch eine fr beide Teile wohlttige Unterbrechung.
    Denn, ohne es auszusprechen, hatte der Vater von der ersten Stunde ab nicht
nur die Lsung des Verhltnisses, das seine Kinder ein paar Monate hindurch
geqult hatte, klar erkannt, sondern auch ehrend und verstehend deren Grund; und
wenn er die Getrennten dennoch vereint in seiner Nhe hielt, so geschah es in
der Hoffnung, da sie sich stillschweigend wieder in jenes geschwisterliche
Verhltnis zurckleben wrden, das sie mehr als zwei Jahrzehnte beglckt hatte.
Er achtete den Sohn fr stark genug, diese schwere Probe zu bestehen, und gnnte
ihm die Befriedigung, seinem vterlichen Wohltter bis zu seiner letzten Stunde
eine Sttze zu sein. Nach derselben mochte er frei aus seinem Gemte heraus die
Entscheidung ber seine Zukunft treffen. Sein Vgelchen lie er fr ein Weilchen
fliegen!
    Und da waren es fr das Pfarrrschen wohl goldene Stunden, wenn es, in
seidene Wagenpolster gedrckt oder im lustigen Schlitten, den der schne, junge
Baron hinter den beiden Damen lenkte, ein zierlicher Jockey zu Pferde
vorantrabend, in der Gegend umherschwrmte, Stunden, wie sie das Pfarrrschen
wohl fr eine Mrchenprinze getrumt, einen wirklichen Menschen sie aber noch
niemals hatte durchkosten sehen. Es mochte der weltlustigen jungen Seele
bednken, als ob das Schicksal sie recht irrtmlich in den Scho einer still in
sich begngten geistlichen Familie getragen habe.
    Indem Sidonie die Freundin auf diese Weise ihrer heimischen Sphre
entfremdete, nahm sie den Bruch des Verlbnisses als ein fait accompli und als
des Brutigams gutes Glck. Htte sie sein Glck aber auch in Rosens Besitz
gesehen, wrde sie schwerlich angestanden haben, es auf diesen Bruch ankommen zu
lassen, insofern das Wohlbefinden ihres Bruders auch nur auf Momente dadurch
gefrdert wurde. Es galt, ihn mit starken Reizen an die Heimat zu fesseln.
Lydias Wiedergewinn wrde der am strksten wirkende gewesen sein. Aber die Kluge
zweifelte nicht blo an dem aus ihm erblhenden Segen, sondern einfach an seinem
Gelingen, und so wurde die leicht zu gewinnende liebliche Rose, cote que cote,
als Gegenreiz in den Vordergrund geschoben. Dieses von Grund aus gtige, recht
und billig denkende Mdchen, das einst seine unglckliche Verwandtin eine
Jesuitin der Familienpflicht gescholten hatte, es fand jetzt jedes Mittel gut
und gerecht fr einen Liebeszweck, dem sie sich blind wie einem Schicksalszwang
unterwarf. Ach, der rmste, den sie ein Johanniskind nannten! Htte Freund Peter
Kurze ihn gegen Ende des Winters gesehen, er wrde ihn nicht, wie zu seinem
Anfang, als Hahn im Korbe beneidet haben. Verlassen hatte ihn die Braut,
verlassen sein Kamerad; ohne das Recht des Eingriffs und doch ohne die Freiheit
zur Flucht sah er, in der beschmendsten Lage, ratlos und tatlos ein Verhngnis
herantreiben, dem er sich mit seiner letzten Kraft htte entgegenstemmen mgen,
und er wrde an sich selbst und an aller Menschenhoheit und Treue haben
verzweifeln mssen, htte nicht sein weies Frulein fest und ermutigend ihm zur
Seite gestanden. Ja, Lydia war ihm geblieben, Lydia und Konstantin Blmel, der
herrliche Greis, der sich noch niemals so vterlich ihm zugeneigt hatte wie
jetzt, da es galt, die Wunden zu verbinden, die sein liebstes Kind ihm schlug;
die Wunden, welche der Sohn um jeden Preis dem Auge des Vaters - ach nein, jedem
Auge - htte entziehen mgen.
    Der alte Vater erkannte mit Reue seinen Irrtum, als er dem flgellahmen
Vgelchen den Kfig ffnete. Er hatte seinem Liebling den kleinen Finger
bewilligt, und der Liebling herzhaft beide Hnde ergriffen. Der alte Vater, so
todesgewi er war, er htte jetzt leben mgen, leben mit Jugendkrften, um den
Flatterling wieder einzufangen, das betrte Kind zu berwachen, das strauchelnde
zu leiten und es, wrdig seiner selbst, nicht mehr, wie er eine kurze Zeit
gehofft, dem Gatten am Herzen, aber dem Bruder an der Hand zurckzulassen.
    Der Greis so wenig wie der Jngling war erfahren in den Vorspiegelungen,
unter welchen eine Leidenschaft sich unbewut in die Herzen schmeichelt, und
noch minder waren es beide in den bewuten Kunstgriffen, die jenem natrlichen
Rnkespiel in die Hand arbeiten. Aber sie sahen mit Blicken, welche die Liebe
schrfte, die einfache Liebe, die sie verstanden. Und da konnte ihnen denn nicht
entgehen, da Max Rosen niemals beflissener entgegenkam, den Zauber seiner
Persnlichkeit niemals verfhrerischer zur Geltung brachte, die Wichtigkeit
seiner philanthropischen Plne, die Vorzge seiner gesellschaftlichen Stellung
niemals geschickter hervorhob, als wenn er Rosen in Lydias Gegenwart sah. Nicht
die leichte Eroberung, die schwere war sein Ziel, ohne Zweifel sein ernsthaftes
Ziel, und seine grbliche Tuschung nur die, da er in tndelnder Laune auf
Eigenschaften zu wirken hoffte, welche eine reine Seele nicht einmal begreift,
eben darum aber - so widerspruchsvoll geht es in den Phantasien solcher
Pseudoidealisten zu -, eben weil sie jede niedrige Regung ausschlo, ihm diese
reine Seele zu der begehrenswertesten machte. Denn htte Lydia das lockende
Spiel verstanden und ihm nicht widerstanden, wrde sie ihm der Mhe des Spiels
noch wert erschienen sein?
    Nicht mehr ungetrbt der Sohn, wohl aber der Vater hoffte noch, da auch die
sonst so scharfsichtige Rose dieses Rnkespiel durchschaue und da sie mit
unberhrtem Herzen sich nur von der glnzenden Neuheit der Weltfreude blenden
lasse. Indessen auch dieser dmonischen Blendung mute gesteuert werden, und
wenn den Bitten nur wiederum Bitten, der Mahnung Liebkosung, der Warnung ein
Schelmenlcheln entgegengesetzt wurden, so blieb endlich nur das Gewicht der
vterlichen Autoritt, um die Wagschale in die Richte zu bringen.
    Die jenseitigen Wiesen, ber die im Herbst der Flu getreten, waren
zugefroren, auf weiter Strecke eine Eisbahn bildend, welche Max, ein gewandter
Schlittschuhlufer, wie als echter Hartenstein der gewandteste Reiter, Schtze
und Fechter, tglich benutzte, - vielleicht weil sie aus den Fenstern des
Schlosses berschaut werden konnte. Auch die Pfarrkinder waren vom Vater zu
dieser bung angehalten worden, und Rose hatte sie erst aufgegeben, als ihr
Dezem auf die Universitt zog und sie nun die Schlittschuh sich eigenhndig
anschnallen und ohne jeglichen Zeugen ihre Kunststckchen htte machen mssen.
Jetzt aber wachte pltzlich die alte Lust in ihr wieder auf, und Tag fr Tag
wurden ein paar frohe Stunden auf dem glatten Spiegel vergaukelt. Da Freundin
Sidoniens Gesundheit ihr nicht gestattete, als Eismutter am Ufer auf und ab zu
spazieren, wurde Freund Dezimus um seinen Anstandsschutz ersucht, und er - ja,
was bleibt denn solch einem Quasibrutigam brig, wenn sein Quasibrutchen nach
langer Siechenhaft das Bedrfnis krftigender Luftbewegung fhlt? - was, als
erst dem Brutchen und dann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen und
bescheidentlich nebenher zu schleifen, wenn die beiden anderen Hand in Hand
kunstvolle Kreise und Achten ziehen?
    Eines Nachmittags kehrte er mit Rosen von solcher Leistung zurck; er
schweigsam und mutlos wie alle Tage, aber auch sie nicht mit den purpurnen
Wangen und freudeblitzenden Augen wie bisher; sie frstelte und lie das
Kpfchen hngen. Der Baron war nicht auf dem Eise gewesen, weder er noch seine
Schwester hatten den Tag ber etwas von sich sehen oder hren lassen.
    Der Vater war im Begriff, mit zitternder Hand die Adresse auf einen Brief zu
schreiben; sie lautete an seine Tochter Erika, deren Mann vor kurzem als
Bauinspektor in eine nher gelegene Stadt versetzt worden war. Der Greis sah
auffllig bleich aus, doch klang seine Stimme ruhig, als er den Sohn bat, den
Brief, den er zu eiliger Bestellung empfohlen hatte, heute noch nach der Post zu
tragen.
    Das trifft sich gut, Dezimus! rief Rose pltzlich belebt. Du gehst mit
mir ber das Gut und holst mich dort auf dem Rckwege wieder ab. Ich habe
Sidonien ein Stickmuster versprochen, das ich ihr heute noch bringen mchte.
    Rasch wollte sie auf und davon; der Vater aber uerte mit Entschiedenheit,
da es zu einem Besuch auf dem Gute zu spt am Tage sei. So legte sie denn Hut
und Pelzpelerine ab, indem sie die Lippen ganz allerliebst zu einem
Kinderschippchen verzog und sich knapp auf die Kante des Stuhls, nach welchem
der Vater, dem seinen gegenber, deutete, niederlie. Den Sohn, der sich
entfernen wollte, bat er, so lange zu verziehen, bis er seiner Tochter eine
Erffnung gemacht haben werde.
    Du hast dir, so hob er darauf zu Rosen gewendet an, seit Jahren einen
Besuch bei deiner Schwester gewnscht. Heute willfahre ich diesem Wunsche. Ich
habe Erika geschrieben, da sie dich am bernchsten Tage zu erwarten hat.
Dezimus wird die Freundlichkeit haben, dich zu begleiten und bis zum Sonntag
zurckgekehrt sein.
    Rose lachte anfnglich ber den wunderlichen Einfall; als sie jedoch des
Vaters unzerstrbaren Ernst erkannte, wurde sie bla, streichelte ihm die Wangen
und sagte mit ihren schmeichelndsten Tnen: Wie kannst du nur daran denken,
Vterchen, da ich dich verlassen wrde jetzt, wo du deiner kleinen Rose doch
ein wenig mehr als in frherer Zeit bedrftig bist?
    Ich fhle mich entschieden krftiger als noch vor kurzem, versetzte der
Vater. Und habe ich denn nicht meinen Dezimus? Stiee mir aber whrend seiner
Abwesenheit ein Rckfall zu, wrde die gute Lydia mir gewi nicht fehlen.
    Aber welchen Grund kannst du haben, mich fortzuschicken und eine Fremde an
meine Stelle zu setzen? fragte Rose gereizt, wie neuerdings immer, wenn Lydias
lobend erwhnt wurde.
    Da du den Grund nicht fhlst, wrdest du ihn auch nicht verstehen,
antwortete der Vater so streng, wie er noch nie zu seinem Liebling geredet
hatte. So sage ich denn einfach: ich will!
    Und wenn ich sage: ich will nicht? rief Rose mit dem Ton der Schelmerei,
aber einem Blick voll Trotz.
    Konstantin Blmel war ein milder Vater und gegen sein jngstes Kind zweifach
mild. Aber solch ein dreister Widerspruch war noch aus keines Kindes Munde vor
ihm laut geworden. Erst whrend dieser wenigen Silben wurde ihm vllig der
Unsegen klar, der in seinem nchsten Herzen Wurzel geschlagen hatte. Mit den
groen, tiefen Augen, welche die Macht seines Gemts immer noch viel
eindringlicher als seine guten Worte ausdrckten, blickte er schweigend in die
ihren, bis sie sie schamrot niederschlug. Dann aber sagte er mit leise bebender
Stimme:
    Widerrufe dieses Wort, mein Kind. Ich mchte dir die Bitternis ersparen,
mit welcher du in naher Stunde dich erinnern wrdest, dem letzten Liebeswillen
deines Vaters getrotzt zu haben.
    Sie brach in einen Trnenstrom aus, glitt zu seinen Fen nieder und
schmiegte sich an seine Knie wie ein Kind. Ich will ja, Vater, schluchzte sie,
will alles, was du willst. Ach, was kann ich denn aber dafr, da ich hier so
glcklich bin?
    Bei diesen Worten wurde hastig die Tr geffnet. Sidonie wankte in das
Zimmer, schattenbleich, die arme, gebrechliche Gestalt wie geknickt. Sie wrde
zu Boden gestrzt sein, wenn Dezimus sie nicht in seinen Armen aufgefangen
htte.
    In Frankreich - Revolution! stammelte sie. Max - fort - ohne Lebewohl! -
    Rosens Kopf war an des Vaters Brust gesunken. Er hielt ihn mit beiden Armen
umschlungen. Seines Kindes Hand sollte ihm die Augen schlieen.

Nach mehr als dreiigjhriger politischer Windstille ber dem Vaterlande
schossen mit Sturmesjagd nun Wochen dahin, in welchen jeder Tag, jede Stunde in
erschtterte Herzen eine erschtternde Kunde trug. Der Orkan tobte bis in die
bescheidenste Htte. Reiche wankten, Throne und alte Ordnungen strzten zusammen
wie die Luftschlsser im Gesichtsfelde von Werben. Die Nte des Einzelnen werden
in solchen Zeiten geringschtzig bersehen; aber sie drcken nicht minder als in
stillen Tagen, und nur die Freuden der stillen Tage sind schal geworden.
    War es nun die wehende Frhlingsluft, die Freude ber sein in uerster
Stunde ihm zurckgegebenes Kind, oder war es jener allerorten die Geister bis
zum berschwang reizende Gewitterstrom, der auch den mrben Greisenleib
elektrisch belebte? Vater Blmel schttelte wie durch ein Wunder Todesschwche
und Todesschwanen ab. Er hatte zum vorbestimmten Termin sein Entlassungsgesuch
und das fr des Sohnes Ordination eingereicht; nach dem Osterfest sollte diese
statthaben. Er dachte aber allen Ernstes daran, die Kanzel wieder zu besteigen
und mit dem ewigen Wort gegen den Dmon der Emprung zu Felde zu ziehen. Der
Sohn war ihm lngst nicht feurig genug; er paktierte viel zu viel mit den
Forderungen des Tages. Sagte der Jngling: Alles Recht mu erstritten werden,
und die Freiheit ist das hchste Recht! so sagte der Greis: Jedes Recht mu
mhsam erarbeitet werden; was im Taumel gezeugt wird, reift nicht zu dauernder
Geburt. Die Freiheit mu erst als Pflicht erkannt worden sein, bevor sie als
Recht gefordert werden darf.
    Es war ein theoretischer Streit; in der Praxis wrden Vater und Sohn gar
nicht weit auseinander gegangen sein.
    Rose hielt sich tapfer. Ihre Wangen glhten und ihre Augen funkelten nicht
mehr; aber nur ein Liebender htte ihr anspren knnen, da mit dem Meteor,
welches an ihrem Horizonte fr kurze Wochen aufgestiegen, mehr als ein
Freudenrausch verschwunden war. Sie sprach nie von Max, es sei denn mit
Sidonien, die sie nach wie vor besuchte; aber sie ging sichtlich mit
berwindung; nur weil das Fernbleiben aufgefallen sein wrde. Auch der Vater und
Bruder oder Brutigam schwiegen den gefhrlichen Flchtling geflissentlich tot;
im Herzen des Brutigams aber leibte und lebte er als sein einziger Feind, denn
er hatte mit einem Glck, das ihm mehr wert war als sein eigenes, ein schndes
Spiel getrieben. Ja, er hate sein einstiges Idol, und wenn er mit ihm nicht
auch die hate, welche jenes Spiel abgekartet, ohne Bedenken Freundin und Freund
in dasselbe eingesetzt hatte, so geschah es um der groen Liebe willen, die sie
zu dem Frevel getrieben, und weil sie litt, wie eine Mutter leidet um den
verlorenen Sohn.
    Das mutige Mdchen war ein zitterndes, hnderingendes Weib geworden; auch
krperlich krank. Lydia, welche das Talgut berhaupt selten und seit Maxens
Anwesenheit niemals betreten hatte, teilte jetzt ihre Zeit zwischen ihm und der
Pfarre. Sie pflegte Sidonien, ermutigte sie, soweit ihr wahrhaftiger Sinn es
zulie, und erleichterte ihr die Sorge fr den blinden, blden alten Mann. Peter
Kurze wrde einen Luftsprung getan haben, htte er gesehen, wie die Energien
dieser Schwanenjungfrau sich in Taten umsetzten!
    Eines Abends sagte sie zu Dezimus, der seinen treulosen Kameraden nicht
wiedergesehen hatte, seitdem dieser so tief aus seinen Himmeln gestrzt worden
war: Versuchen Sie es doch einmal, Freund, Sidonien ein wenig aufzurichten. Sie
sind ihr sympathischer als ich. Vielleicht gelingt es Ihnen, sie zur Annahme
eines Arztes zu bewegen; wenngleich ihr Zustand mehr zu denen gehren mag, die
Doktor Kurzen so unliebsam sind, weil sie sich nur mit Seelenohren aushorchen
lassen.
    Als Dezimus am anderen Morgen Sidoniens Zimmer betrat, fand er sie in
fiebernder Erregung, mit glhenden Wangen auf und nieder schreitend. Da sie ihm
Leides zugefgt, schien ihr gar nicht in den Sinn zu kommen. Nach kurzem Zaudern
gestand sie ihm, sie habe ihren Bruder in der verwichenen Nacht gesehen,
heimlich, flchtig auf der Durchreise nach Berlin! Und der Schlu, den sie aus
dieser heimlichen, eiligen Reise zog, hie: auch hier, auch bei uns Revolution!
    Dezimus wollte ihr diese Folgerung ausreden. Sie lie in ihrer Unrast ihn
aber gar nicht zu Worte kommen. Anhebend mit einem Versuch zum Spott, steigerten
sich ihre Vorstellungen zu den grausamsten Wahngebilden.
    Da bin ich nun, rief sie, in den Ideen aller menschenmglichen Freiheit
und Neuheit herangewachsen, erst in Rom bei der atheistischen Harfenmuhme, dann
in der Schweiz bei der parlamentarischen Mutter, unter dem Konvivium der
trikoloren und blutroten Fahnenschwenker aller Vlkersorten; und ich sehe ja
auch weit deutlicher als diese Maulhelden samt und sonders, was uns gebricht und
was wir brauchen, um fertig zu werden. Und doch sitze ich hier und ringe mir die
Hnde wund um mein altes Preuen, so wie ich es als Vtererbe berkommen habe,
und hassen, ja, schlechthin hassen mchte ich die, welche es in Trmmer schlagen
wollen um eines Neubaus willen, der nicht mehr mein altes Preuen ist. Die Kopie
eines greren hben, eines reicheren drben, ein Mischmasch von Pfuscherstil,
o, ich kenne die Schablonen! Und mitten unter diesen Zerstrern steht der
Mensch, den ich liebe, mehr, tausendmal mehr als mich selbst. Mein Max ein
Verschwrer, ein Rebell! Ein Hartenstein siegend auf der Barrikade oder - oder
fallend auf dem Schafott!
    Sie kreischte die letzten Worte, die Augen stierten, als she sie ihres
Bruders blutiges Haupt. Und ich kann ihn nicht retten - nicht retten -,
flsterte sie tonlos, von einem Schauder geschttelt.
    Lydia war whrend der letzten Reden leise eingetreten; entsetzt von dem
Unheil, das sie sah und verknden hrte, hatte ihr Fu unter der Tr gestarrt.
Das kranke, gebrechliche Geschpf bemerkte sie und strzte auf sie zu mit
Blicken, in welchen das Rasen des Fiebers und der Todesangst funkelte.
    Du, du httest ihn retten knnen, rief sie unter konvulsivischem
Schluchzen. Denn dich hat er geliebt, dich allein. Du kannst es noch heute,
denn er liebt dich noch heute. O, liebe ihn, Lydia, liebe ihn, und er ist
gerettet.
    Du bist krank, Sidonie, entgegnete Lydia erschttert. Du whnst Gefahren,
die nicht sind. Wenn aber wirklich eines anderen Liebe einen Menschen retten
knnte vor sich selbst, mte der, fr welchen du zitterst, nicht durch deine
groe Liebe gerettet worden sein?
    Sidonie lachte auf in gellendem Hohn. Ich, ich? eine verkrppelte
Schwester? Ja, wenn ich ein Weib wre, ein schnes Weib, ein Schwan wie du,
Lydia, wie du! Nur Leidenschaft siegt ber Leidenschaft. Rufe ihn zu dir, sage
ihm, ich liebe dich - -
    Du phantasierst, Sidonie, unterbrach sie Lydia pltzlich mit eisiger Ruhe,
du weit - -
    Ich wei, du liebst ihn nicht, du liebst ihn nicht mehr. Aber sage es ihm
nur. Halte ihn auf, halte ihn hin ein paar Tage, ein paar Wochen lang, bis der
Krater ausgespieen, und er ist gerettet.
    Lydia wendete sich schweigend von ihr ab.
    Du hast ihn niemals geliebt! schrie die Unglckliche, indem sie erschpft
zu Boden sank und in einen Trnenstrom ausbrach.
    Lydia richtete sie empor, fhrte sie nach ihrem Ruhebett, setzte sich an
ihre Seite und fate nach ihrer Hand. Sidonie entzog sie ihr, um ihr Gesicht zu
bedecken.
    Geht, geht! rief sie nach einer Pause. Lat mich allein! Ihr beide wit
nicht, was Lieben ist. Geht, geht! haltets miteinander nach eurer Art!
    Sie wollten sich entfernen. Sidonie winkte sie zurck.
    Schicken Sie mir Rosen, Dezimus, schluchzte sie. Und du, Lydia, du kannst
ja beten. Ach bete, bete, da ein anderer barmherziger sei als du.
    Lydia neigte schweigend ihr Haupt bis zur Brust hinab, drckte dem armen
Mdchen die Hand, und dann lieen sie es allein. Im Hofe stieen sie auf Doktor
Brand, den Lydia heimlich hatte herbeirufen lassen; nachdem sie ihm das
Erforderliche mitgeteilt hatte, verlie sie mit Dezimus das Gut. Beide waren bis
in den Herzgrund erschttert. Nachdem sie eine lange Weile schweigend
nebeneinander gegangen waren, hob Lydia an:
    Es waren Wahngebilde der Fieberangst! Aber wie vor einem Rtsel stehe ich
vor einer Liebe, welche solche Angst gebiert, und ist es ein Mangel oder eine
Gnade, da ich diese Liebe nicht einmal begreife? Auch ich habe meinen Vater
ber alle andere geliebt, aber ich habe an ihn geglaubt wie an keinen anderen.
Die elementarste Menschenliebe, die einer Mutter, sagt man, mache blind; diese
Schwester aber sieht die Irrungen dessen, welchen sie liebt, schrfer, als ein
Feind sie sehen knnte, und dennoch liebt sie ihn. Groen Sinnes, denkend und
handelnd nach einem anderen Gesetz als er, ausgebeutet, versumt, verlassen von
ihm, frevelt sie um seinetwillen lachenden Mutes und stirbt vielleicht an der
Qual dieses unberwindlichen Zwangs. Htte ich sie tuschen sollen, Dezimus,
vielleicht vom Tode befreien durch ein erheucheltes Wort?
    Nein, so beantwortete sie sich die Frage selbst, bevor er sie gleichfalls
mit Nein zu beantworten gewagt hatte. Nein; ich halte sie hher als sie den,
welchen sie liebt, und ich halte auch ihn noch zu hoch, um zu glauben, da er
durch eine Lge gerettet werden knnte.
    Wieder ging sie eine Weile stillsinnend an seiner Seite, dann hob sie von
neuem an, indem sie ruhig mit einem groen Blick zu ihm in die Hhe sah:
    Ja, Freund, ich habe diesen Mann geliebt so, wie seine Schwester verlangt,
da ich ihn heute zu lieben heucheln soll; geliebt weit ber die Stunde hinaus,
in der ich erkannt hatte, da er nicht mein Leitstern durch das Leben werden
konnte und ich nicht der seine. Jahrelang hat der warme Puls sich gegen das
kalte Erkennen emprt, habe ich lieber an mir selber gezweifelt als an dem, der
sich in einer Wallung vielleicht berechtigten Zorns von mir getrennt hatte. Die
Ferne blendet, Dezimus. Denn als er mir pltzlich wieder gegenberstand, war er
ein anderer fr mich geworden, der, - der er war. Ich wute, da ich an diesen
Mann nimmer htte glauben lernen und da die Liebe ohne Glauben eine Tuschung
ist. Wenn ich aber Ihnen, Freund, nach jenem unfreiwilligen halben Gestndnis,
dessen Zeuge Sie wurden, dieses ganze freiwillig mache, so geschieht es, weil
ich Sie mit Erfahrungen ringen sehe, welche den meinigen gleichen. Mgen Sie es
nun als einen Vorwurf nehmen oder als einen Trost: auch Ihnen ist eine Liebe
ohne Glauben wider die Natur, und Ihr Puls wird eines Tages ruhig schlagen, wenn
Ihr Herz sich vielleicht am hchsten hebt.
    Er drckte die Hand, die sie ihm reichte, mit stummem Dank an seine Brust;
dann trennten sie sich. Und was hatte er aus jenem Bekenntnis so Ergreifendes
herausgehrt, da kein Dankeslaut ihm voll genug erschien? Nichts als das eine
Wort: Ich liebe Max nicht mehr. Aber solch ein Wort durchzuckt wie ein
Sternenstrahl den Nebel!
    Im brigen fand er in seiner Herzensstimmung weder mit Lydias brutlicher
noch mit Sidoniens schwesterlicher Leidenschaft einen verwandten Zug. Wen das
Leben zwischen Gte und Liebe so warm gebettet hat wie ihn, dem wird ein
einzelner Mensch nicht zum zwingenden Idol; die Gefhle verteilen sich; und eine
Neigung, die aus der Wiege herauswchst, berckt das Herz nicht mit der Passion
fr ein Zauberbild. Er hatte seine Rose geliebt so, wie sie eben war, und so wie
er selbst eben war, hatte er geglaubt, von ihr geliebt zu werden. Erwies sich
dieser Glaube als ein Wahn, nun wohlan! Er war kein Max, welchem ein ungeteiltes
Verlangen zum Sporn des Verlangens wird. Er forderte ein Herz fr ein Herz, ein
ganzes Leben fr ein ganzes Leben, und wurde es ihm versagt, nun - so wute er
zu entsagen.
    Sehrlblich, Freund Dezimus, hchstvernnftig! Nur mit Verlaub: dein
Biograph wrde es heldenhafter gefunden haben, wenn du zu dieser lblichen
Vernunft gelangt wrest schon vor der Stunde, wo dein weies Frulein dir die
Erffnung machte, es liebe seinen Einstgeliebten nicht mehr.
    Als Dezimus in die Pfarre zurckkehrte, erwartete ihn der nachstehende
Brief:
    Lieber Dezimus!
    Ich habe Ihnen die Hand darauf gegeben, da ich nichts ohne Ihre
Einwilligung unternehmen will, und ein Wort ein Mann! Nun sehen Sie, die See
luft mir nicht davon, aber einen Krieg gibts nicht alle Tage, und weil die
Leute hier alle sagen, es ginge los, darum bitte ich Sie: lassen Sie mich mit
ins Feld wider den Dnenknig. Unser Herr Pastor hat die Sache von der Kanzel
herab einen guten Kampf genannt, nur da er freilich nicht von Blutvergieen
dabei gesprochen hat. Was aber ein guter Kampf ist, das ist auch wert, da ein
bichen Blut darin vergossen wird. Nun sehen Sie, lieber Dezimus, ich verstehe
von den alten Traktaten kein Sterbenswort, und was hat mir der neue Dnenknig
getan? Und unser preuischer Knig kriegt die Herzogtmer doch gewi auch nicht.
Ich denke aber so: der dumme Streich, den ich nun einmal gemacht habe, wird
immer noch eher durch ein paar Tropfen Blut als durch ein Meer voll Salzwasser
abgewaschen; und nachher kann ich mich mit Ehren vor allen Menschen wieder sehen
lassen als ein richtiger Hartenstein, und, wer wei, am Ende verdiene ich mir
noch einen Orden. Denn Courage habe ich, das knnen Sie mir glauben, Courage wie
ein Lwe!
    Ihr Bruder, der Amerikaner nmlich, will auch mit; das heit, wenn er das
Fieber bis dahin los wird, das ihn ganz erschrecklich schttelt. Der arme
Pechvogel! Zu Schiffe die Seekrankheit, zu Lande das Schttelfieber, und im
Felde am Ende das Kanonenfieber! Nein, nein! Er ist ja Ihr Bruder, Dezimus. Der
Witz fuhr mir nur so heraus. Im Gegenteil, ich denke: im Feuer, da glckts ihm;
und weil er ein alter, preuischer Dreijhriger ist, machen sie ihn gewi bald
zum Feldwebel und geben ihm die Litze. Der Steuermann, der wrde wohl gar gleich
Offizier. Fr sein Leben gern mchte er auch mit. Aber seine Frau lt ihn
nicht. Sie denkt, er wird totgeschossen. Als ob das Wasser Balken htte! In drei
Wochen sticht er in See und holt aus der Havanna, glaube ich, eine Ladung Tabak,
und wenn bis dahin kein Krieg wird, nimmt er mich mit. Viel lieber als in die
Teerjacke mchte ich aber erst ein Weilchen in den bunten Rock.
    Und darum, lieber Dezimus, bitte, sprechen Sie mit Lydia. Wenn die ja sagt,
brauchen wir den Vormund gar nicht erst zu fragen. An meine Mama schreibe ich
selbst. Da die aber nichts dawider hat, wei ich voraus. Umgekehrt wie Ihre
Schwgerin Stina frchtet sie die Haifische zehnmal mehr als die Kanonen. Also,
mein guter, lieber Dezimus, ich verlasse mich wieder einmal ganz auf Sie und bin
und bleibe zu Wasser und zu Lande, auf Leben und Tod
                                                                             Ihr
                                                    dankbarer getreuer Philipp.

    Das gab nun wiederum eine neue Gedankenwende. Dezimus stimmte seinem jungen
Freunde ohne Bedenken zu. Brannte ihm selbst doch der Boden unter den Fen, und
htte er doch kaum einen Kampf gewut, in dem er sich freudiger aus seiner
heimischen Zwitterstellung befreit htte. Der Vater dahingegen stimmte mit Lydia
in dem Zweifel berein, ob der Kampf, falls er entbrannte, eine Revolution zu
nennen sei oder, wie die Erhebung von 1813, die Verteidigung eines
unveruerlichen Rechts, und nicht an dem weltfremden Greise und Weibe war es,
diese Frage zu entscheiden. Als aber ihr Knig im Namen Deutschlands sie
entschieden hatte, da hat selbst die Mutter ohne Zagen dem Jngling zugerufen:
Shne dein Unrecht in einem Kampfe um das Recht! Denn Soldatenblut ist ein
Erbe auch von Mann auf Weib, und eine zrtliche Ottilie, die an einem
Masernbette zittert, grtet ihrem Sohne das Schwert wie die tapferste
Rmermutter.
    Als dieser mtterliche Zuruf geschah, erdrhnte die stille Landschaft noch
von dem Donnerschlage des achtzehnten Mrz. Wenn es aber wahr ist, da ein
absterbender Baum, dessen Wurzeln mit Blut begossen werden, junge Triebe zu
sprieen beginnt, so glich der Greis, welcher mit seiner Liebe diese Landschaft
ein Menschenalter hindurch beschattet hatte, einem solchen Baum. Das Blut, das
in der Mrznacht geflossen war, hatte seine Wurzeln begossen. In seinem
Vaterlande, in Preuen eine Emprung nicht nur versucht, - sondern gelungen!
    Eine lange Weile lag er von dem Niedersturz wie zerschmettert: die Kinder
hielten ihn fr entseelt. Pltzlich jedoch richtete er sich empor, in Blicken,
Worten, Schritten ein Jngling. Dezimus, vor seinem Stuhl auf den Knien liegend,
las in seinen Augen den Vorwurf: Was zauderst du, Trumer? Eile, wohin in
dieser Stunde ein Mann gehrt!
    Als nun aber der Sohn, nicht lnger bedenklich, die Ordre vorwies, welche,
gleichzeitig mit der Schreckensbotschaft eingetroffen, ihn als Reservisten zu
seinem Regimente einberief, da htte er wahrlich nicht daran denken drfen, als
stellvertretender, demnchst zu ordinierender Pfarrer gegen sie zu reklamieren!
(Er dachte indessen an nichts weniger als an Reklamieren.) Der Vater aber, um
ihm zu beweisen, wie entbehrlich fortan seine Aushlfe geworden sei, ordnete fr
den nchsten Morgen die kirchliche Andacht an, mit welcher der Freund der Blumen
und des Sonnenscheins alljhrlich Frhlingsanfang zu feiern pflegte. Bei dieser
Gelegenheit wollte er sich - nunmehr er der Stellvertreter des Sohnes - seiner
Gemeinde wieder vorstellen, und unmittelbar nach dem Gottesdienst sollte, ohne
erweichenden Abschied, der Sohn aufbrechen unter die Fahne.
    Ein Windsto hat die erlschende Flamme wieder angefacht. Wenn du
heimkehrst, mein Sohn, wird sie niedergebrannt sein. Sammeln die Flammen der
Liebe sich denn aber nicht zu neuvereintem Leben auf dem ewigen Herd, von dem
sie sich ergossen haben?
    Also sprach der Greis am Abend in der Kammer, in welcher er zum letzten Male
mit dem Sohne schlafen sollte, legte ihm die Hnde auf das Haupt und dann sich
zur Ruhe. Bald schlummerte er friedlich wie ein Kind bis in den Morgen hinein.
    Und wie scheiden wir? fragte Dezimus, als er vor dem Kirchgang Rosen zum
Abschied die Hand reichte.
    Sie kmpfte ihre Trnen nieder und antwortete lchelnd: Nun, ich denke, du
scheidest wie ein guter Bruder, der seiner trichten kleinen Schwester das Leid,
das sie ihm angetan hat, vergibt und ihr die Freiheit dankt, die sie ihm
wiedergegeben.
    Rose, hast du Max geliebt?
    Geliebt? rief sie und schttelte trotzig das Kpfchen. Lieben einen, der
uns als Lockvogel fr eine andere am Faden zappeln lt? Nein, nein, nicht
geliebt! Nur froh bin ich gewesen - um hohen Preis - aber ohne Reue!
    Der Vater trat bei diesen Worten ein. Er hatte zum erstenmal seit seiner
friedlichen Amtsfhrung das Eiserne Kreuz an den Talar geheftet, und so, als
Freiwilligen von 1813, fhrte der Reservist von 1848 ihn auf die Kanzel, die er
nicht wieder zu betreten gemeint hatte. Dort oben aber hielt der Greis ber den
Paulusruf: Wachet, stehet im Glauben, seid mnnlich und seid stark jene
wunderbare Frhlingspredigt von der Treue im Wandel und Gottes Odem im Sturme
der Zeit, die eines grosinnigen Knigs Herz erweckt haben wrde, die jedoch
auch in den Herzen seiner einfachen Hrer gezndet hat wie ein Prophetenwort und
nicht vergessen worden ist bis zur Stunde der endlichen Erfllung. Fr den Sohn
war es das letzte priesterliche Wort aus Vatermunde, und niemals wieder ist ein
Priesterwort ihm so tief in die Seele gedrungen.
    Zwischen den Grbern der Mtter stand wie bei seinem ersten Scheiden aus der
Heimat Lydia. Sie haben kein Wort gesprochen, aber Auge in Auge haben sie eine
lange Weile die Hnde ineinander gehalten. Die Treue im Wandel!
    Als Dezimus sein Bataillon, das zu dem Korps in den Marken gezogen worden
war, erreichte, hatte es eben den Befehl erhalten, in die Herzogtmer
einzurcken.

                                Die Mannesstufe


Beim Sturm auf das Danewerk wurde Dezimus durch den Arm geschossen, was nicht
leicht von einem Menschen fr einen besonders glckhaften Aufschritt zur
Mannesstufe erachtet werden wird und von ihm selber am wenigsten dafr erachtet
worden ist, whrend, mit den Augen des Historikers, will sagen des Biographen
angesehen, es immerhin eine Schicksalsgunst genannt werden mu, wenn einer, der
als loyaler Waffentrger gute Miene zum bsen Spiel zu machen hat, das klgliche
Ende eines braven Anfangs, zu welchem er selber, soviel an ihm war, mitgewirkt,
hinter der Bhne erleben darf. Alles, was Politik heit, gehrt indessen nicht
zu der Geschichte eines Glcklichen jener Zeit.
    Allseitig wird dahingegen es als ein Treffer anerkannt werden, da zu den
akademischen Kommilitonen, die mit ihm unter die Fahne gerufen worden waren,
auch Peter Kurze als freiwilliger Assistenzarzt seines Bataillons gehrte und
da dieser treue Kumpan es war, welcher den Verwundeten nach einem rckwrts
gelegenen Lazarett geleitete und ihn allda der Pflege eines nicht minder treuen
und geschickten Kumpans berantwortete, der nmlich Bruder Friedens, des timiden
Amerikaners.
    Der arme Pechvogel war das Fieber nicht rechtzeitig los geworden, um als
Bursche zugleich mit dem lieben Junkerchen, an das er sein ganzes gutes Herz
gehngt hatte, in das Feld zu rcken. Sobald die Laune aber einen Tag ber den
gewohnten Termin ausgesetzt hatte, rckte er seinem lieben Junkerchen nach.
    Schon whrend der berfahrt stellte der Schtteldmon sich indessen wieder
ein; mhsam und langsam schleppte er sich voran, und da war es denn wieder
einmal Bruder Dezems Johannisstern, der auch dem armen Pechfriede zugute kam.
Denn schauernd und klappernd, wei wie eine Wand, seines Endes gewrtig, hockte
er am Chausseegraben, als das Bataillon der Universittsstadt, den Flgelmann
Frey an der Spitze, und mit ihm Hlfe in der Not, die Strae dahergezogen kam.
    Freund Peter Kurze erbarmte sich des armen Teufels mit einer gehrigen Dosis
Chinin, steckte ihn auf einem Trainkarren unter und erzielte an dem ersten
Patienten seiner militrischen Praxis einen seiner rhmenswertesten Erfolge auch
auf dem bisher wenig kultivierten Gebiete der Psychologie. Natur- und
vernunftgem wrde der vierzigjhrige blde Friede mit seinem dreitgigen
Schttelfrost zum Sturmlaufen so wenig der rechte Mann gewesen sein, wie mit der
obligaten Wrgenot zum Heringsfang; zum geduldigen Krankenwrter aber war er
wie gemacht; und da bei dem eiligen Aufbruch nach langjhriger Friedenspause
die Sanittskolonne just nicht ausgiebig bestellt war, erschien Doktor Peter
Kurzen, dem die Organisation eines Feldlazaretts wesentlich oblag, der blde
Friede als ein erwnschter Lckenber, dem armen Pechfriede aber Doktor Peter
Kurze als endlicher Pfadfinder in Fortunas Zauberreich.
    Zur Zeit, als sein liebes Junkerchen, heil und munter wie jede Kreatur in
ihrem Element, berschumend von Heldenmut, allerseits wohlangesehen und
wohlgelitten, mit der Zastrowschen Freischar im Vordrang nach Jtland begriffen
war, sa demnach sein projektierter alter Bursche, ebenso heil und munter wie
eine Kreatur in ihrem Element, ebenso heldenmtig in seinem Dienst, ebenso
wohlangesehen und wohlgelitten in Doktor Peter Kurzens Lazarett, verband neben
manchen anderen Wunden seines lieben Bruders zerschossenen Arm, legte khlende
Umschlge auf seine Stirn, wachte nachts an seinem Bett und leistete, nachdem er
seiner Pflege entrckt war, einem weit bedeutenderen Blessierten noch weit
bedeutendere Dienste. Nach dem Waffenstillstand hat er dann seinen lieben
Herrn - dazumal Obersten -, in dessen persnlichen Dienst er getreten war, nach
seiner Garnison, der der Werbenschen Heimat zunchst gelegenen Festungsstadt,
begleitet, hat alldort unwissentlich in seines lieben Bruders Dezimus erstem
mnnlichen Stufenjahr eine ziemlich problematische Rolle gespielt und
schlielich durch seines lieben Herrn, nunmehro Generals, Verwendung den
Posten eines Lazarettinspektors in einer schnen Stadt am Rhein erlangt, allwo
er heute noch lebt; nach langem Migeschick einer der Glcklichsten, deren in
dieser Chronik von glcklichen Leuten Erwhnung geschah; und, was Doktor Peter
Kurzens wissenschaftliche Errungenschaft bei dem Falle anbelangt, der
handgreifliche Beleg, da einem Individuum, dem der Sauerstoff der Meerluft
Wrgen und der der Strandluft Schtteln erweckt, der Stickstoff eines
Krankenhauses die Atmosphre ist, in der es gedeiht.
    Nachdem er des Wundfiebers Herr geworden, hatte Peter Kurze des Freundes
Migeschick an Vater Blmel gemeldet und in jenes Namen angefragt, ob whrend
der voraussichtlich lange whrenden Frist bis zu erneuter Kriegstchtigkeit des
Sohnes Assistenz im friedlichen heimischen Pfarrhause gewnscht werde. Umgehend
und so diktatorisch, wie er noch keine aus Vatermunde vernommen, erhielt Dezimus
die Weisung, da solche Assistenz nicht gewnscht werde. Der Vater wirke so
rstig wie jemals in seinem Amt. Sobald er sich eines Beistandes bedrftig
fhle, verspreche er, den Sohn zu rufen. Derselbe solle sich grndlich
ausheilen, am ratsamsten in der krftigenden Seeluft der Insel. Wenn er nach
seiner Herstellung sich arbeitsfhig fhle, ohne bereits wieder waffenfhig zu
sein, hoffe der Vater, da er, um keinenfalls mit etwas Halbem abzuschlieen,
die aufgeschobene Ordination nachholen, dann aber unverweilt seine frhere
Lehrerstelle wieder einnehmen und, aller bindenden Verpflichtungen ledig, sich
noch einmal auf sein Lieblingsstudium hin einer Selbstprfung unterziehen werde.
    Dezimus hatte seit Jahren nicht mehr an einen Wechsel des Berufes gedacht;
htte das Geschick, an das er sich gebunden fhlte, ihm aber auch diese Freiheit
gestattet, nicht mit einem Sprunge wrde er die Wendung vollzogen haben. Ob er
sich auf der Kandidaten- oder Pfarrersstufe noch einmal zu den Fen eines
Katheders niederlie, in der Absicht, es eines Tages zu besteigen: was htte es
im Grunde verschlagen? Nur wertvolle Zeit htte es ihm erspart. Aber Glcklichen
mit seinem Pulsschlag eignet es nun einmal, allerwege reinen Tisch zu machen.
    Wenn der Vater nun pltzlich die aufgegebene Perspektive wieder erffnete,
wenn er mit solcher Dringlichkeit beflissen war, den Sohn von der Heimat
fernzuhalten, so hat dieser die bewegende Ursache wohl geahnet und die
liebreiche Schonung tiefgerhrt empfunden. Max war in die Heimat zurckgekehrt;
die ffentlichen Bltter hatten es gemeldet, Privatnachrichten Freund Kurzens es
besttigt; da aber weder des Vaters noch Lydias Briefe es erwhnten, da
Sidonie ihm gar nicht schrieb und Rose, die frher so plauderlustige, nur
flchtige Zettel ber des Vaters Ergehen, das bezeichnete deutlich genug die
peinvolle Stellung, welche dem Liebenden oder auch nur dem Bruder erspart werden
sollte.
    Ob Max von Hartenstein tatschlich an einem der revolutionren Ausbrche
jener Zeit teilgenommen hat, ist fr Dezimus wenigstens niemals an den Tag
gekommen. Zu denen, welche man die intellektuellen Urheber derselben nannte, hat
er unbestritten gehrt, und unbestritten wrde die Geschichte der Stufenjahre
dieses Glcklichen sehr viel spannender als die seines bescheidenen Nebenbuhlers
zu lesen sein, welch ein zwiespltig interessanter, modern romantischer Zauber
diesen Helden umwittern! In die Jugendgeschichte des Hirtensohnes von Werben
gehrt indessen lediglich, da der gleichzeitige Erbe eines alten ritterlichen
Namens und des steinreichen Bauers Johann Mehlborn, nachdem er die uerste
Schattierung republikanischer Freiheit und sozialistischer Gleichheit ffentlich
vertreten hatte - wie in dem demokratischen Klub der Hauptstadt, so im
Frankfurter Vorparlament, dem er sich zugesellt -, sich nicht abhalten lie, als
Kandidat fr das allgemeine Parlament aufzutreten, wennschon er in seinen
extremen Bestrebungen von der gemigten Mehrheit jener Vorversammlung
berstimmt worden war.
    Er tat es in seiner Heimat, wo der Kavalier mit altem Namensklang und
splendider Hand leichteren Erfolg zu haben glaubte als der Volkstribun in der
Hauptstadt, nahm zu diesem Zweck seinen Herrensitz von neuem in dem stattlichen
Bielitz, und wohl ist es denkbar, da der Frhling, den er dort verbrachte, dem
fr erregende Kontraste so Empfnglichen der genuvollste seines Lebens gewesen
ist. Wie aber htte er in irgendwelcher Stimmung und in dieser spannendsten
zumal, des Reizes galanter Huldigung und weiblicher Hingabe entbehren knnen?
Zwei schne Frauen, beide begehrenswert, standen ihm gegenber. Die eine liebte
ihn nicht mehr, die andere - vielleicht! - noch nicht. Reiz und Reizung hier und
dort. Und wenn die andere ihn vor kurzem wirklich noch nicht geliebt haben
sollte, war das ein Grund, da sie jetzt ihn nicht dennoch lieben sollte? Jede
Lcke der Heimatsbriefe, welche ein ahnender Sinn auszufllen hatte, deutete auf
das Glck zweier Liebenden.
    Der Aufenthalt in der reinen Luft und der heuer selbst whrend der
gewhnlichen Badesaison lndlichen Stille der Insel hatte Dezimus krperlich
gestrkt, der Verkehr mit dem trefflichen Pfarrherrn ihn geistig gefrdert; und
wie es in dem Schwebezustand einer krperlichen und geistigen Herstellung hufig
eine mechanische Ttigkeit ist, welche das Gleichgewicht der Krfte am
sichersten wiederherstellt, so war es die Geduldsprobe des Schreibenlernens mit
der linken Hand, welche gegenwrtig den Genesenden von dem schweren Zwiespalt
der Zeit und dem kaum minder schweren seines persnlichen Lebens heilsam
ablenkte.
    Ehe er im Sptsommer die Insel verlie, um sich zum Zweck der Ordination
nach der Hauptstadt seiner Provinz zu begeben, brachte ein Brief Freund Kurzens
ihm sehr versptet die Kunde, da der rote Hartenstein nicht nur in der
Kandidatur fr das deutsche Parlament, sondern auch spterhin bei einer Nachwahl
fr die preuische Nationalversammlung grndlich durchgeplumpst sei. Zwei
Kapazitten der Gelehrtenrepublik waren aus der Urne hervorgegangen. Rote und
Schwarzweie, so schlo der Getreue, schreien unisono Zeter ber den
unverbesserlichen deutschen Gusto fr den znftigen Zopf. Die ersteren wollen an
dem heimlichen Spukedinge, das sie zur Volksseele aufgeschraubt haben, schier
verzweifeln. Als ob man nicht Respekt haben mte vor dem gesunden Augenlicht
einer Nation, die bisher nicht einmal der Wahl ihrer Nachtwchter gewrdigt
worden ist und nun im Handumdrehen ber das Regiment eines - Notabene erst
nolens volens zusammenzukleisternden - - gewaltigen Reiches entscheiden soll,
wenn sie sich an die einzigen hlt, die sie in aller Jmmerlichkeit niemals im
Stiche gelassen haben: an die Mnner der Wissenschaft, an uns! Auch an dich,
alter Dezem, wird einmal die Reihe kommen. An Doktor Peter Kurzen ist sie
bereits gewesen. Htte der Bruchteil jener edlen Volksseele, welcher im
Werbenschen Fleisch geworden ist, den Helden des einfarbigen, zwei- oder
dreifarbigen deutschen Zukunftsstaates zu stellen gehabt - beim ewigen skulap!
Transfusion ist die Losung auch fr Dame Germania! - kein anderer als jener
Meister der Bluts-, staatsmnnisch ausgedrckt: Stammverschmelzung, wrde auf
das Schild gehoben worden sein. Auf zwanzig Stimmzetteln hat sein stolzer Name
geprangt; der des roten Junkers nur auf zehn, auf denen obendrein die
Handschrift der kleinen Sidi unverkennbar gewesen sein soll. Im brigen ist er,
der rote Junker nmlich, wieder einmal ber alle Berge.
    Diesem Briefe folgte whrend des Freundes Inselaufenthalt nur noch einer von
Lydia, in welchem sie ihm mitteilte, da sie am Erntedankfeste zum ersten Male
und mit freudiger berzeugung das Abendmahl aus der Hand seines Vaters zu
empfangen gedenke. Wre der Termin fr seine Ordination nicht bereits
festgesetzt gewesen, wrde der Sohn diesen Freudentag des Greises mitgefeiert
haben als einen eigenen Freudentag.
    Lnger als eine Woche blieb er von nun ab ohne Kunde aus der Heimat. Jener
Termin war unerwartet einige Tage frher, als er ihn dorthin gemeldet hatte,
anberaumt worden; sptere Briefe mochten ihn daher noch auf der Insel gesucht
und nicht mehr vorgefunden haben.
    Er hatte seit Monaten nur Lokalbltter zu Gesicht bekommen; nun erst, im
Zentrum der Provinz, erfuhr er, wie kindisch aufgeregt es auch in diesem
gemtlichsten aller Landesteile, ja im unmittelbaren Umkreis von Werben
zugegangen war. Hatte man es, gottlob! bis zum Blutvergieen auch nirgendwo
kommen lassen, wie viele betrte Exzedenten bten den Frevel, einen Adler
abgerissen, ein Steueramt geplndert, die einberufene Landwehr aufgewiegelt zu
haben, mit langjhriger Festungshaft oder im glcklichsten Fall mit der Flucht
ber das Meer! Und bei der Mehrzahl dieser Ausschreitungen wurde der rote
Hartenstein als heimlicher Anstifter genannt. Dezimus sah in seinem einstigen
Idol jetzt einen Feind; dennoch strubte seine ganze Seele sich dagegen, ihn
verantwortlich zu machen fr den Jammer und das Elend, das in unzhlige Familien
getragen worden war. Von der Mutter eines seinen Eltern bekannten und werten
Arztes, eines bis dahin unbescholtenen, gebildeten, wohlsituierten Mannes, der
einen seinem letzten Zwecke nach durchaus unverstndlichen Bauernaufstand
angefacht hatte, wurde erzhlt, da sie sich vor Kummer die alten Augen blind
geweint habe. Und alles das, was wenigstens den Vater bis auf den Herzgrund
erschttert haben mute, hatte man dem Sohne verschwiegen. Aus Schonung - oder
warum sonst?
    Die bnglichste Ahnung bermannte ihn. Abgesehen von seiner Verwundung wrde
er schon durch den geschlossenen Waffenstillstand seiner militrischen
Verpflichtung enthoben worden sein. Des Vaters Widerspruch durfte ihn nicht
lnger bannen. In der Nacht, die seiner Ordination folgte, brach er nach der
Heimat auf. Ach, mit welch anderen Empfindungen war er nach seiner vorjhrigen
Prfung in das liebe Haus zurckgekehrt! Wie de war es darin fr ihn geworden!
Nichts ihm geblieben als noch fr etliche Wochen oder Monde die Vatertreue eines
Greises und nichts fr alles Verlorene ihm gegeben als - freilich das Hchste! -
der Blick in Lydias hohe, reine Freundesseele.
    Frh am Morgen erreichte er die Werbensche Flur. Die Ernte war eingebracht,
das Leben auf den Feldern hatte aufgehrt. Sobald er jedoch die Friedhofspforte
erreichte, umfing ihn dichtes Drngen und Treiben. Er brauchte nicht zu fragen,
was es bedeute. Neben dem Hgel der Mutter, die er geliebt hatte, war eine Grube
ausgehhlt. Er erreichte das Haus nur noch zu rechter Zeit, um die treueste
Segenshand zum letzten Male zu kssen, den Deckel auf den Sarg seines Vaters zu
heben und dann den Friedensspruch ber sein Grab zu sprechen.

Erst durch die Kanzelrede des Pfarrers von Bielitz erfuhr er den
wunderherrlichen Ausgang dieses teueren Lebens. Niemand hatte ihn, seitdem der
Greis die winterliche Abspannung so glcklich berwunden, in dieser Krze
vorausgesehen. Rstig wartete er seines Amtes, hielt mit der unerschpflichen
Flle seiner Liebe den schwersten Gemtsprfungen stand. Am Sonnabend morgen
befiel ihn pltzlich eine Ohnmacht; er erholte sich von dieser; doch mag er das
nahende Ende vorgefhlt haben, denn er begann einen Brief mit den Worten: Komm,
mein Sohn, den Vater zu vertreten - -. Nach diesem Satze entglitt die Feder
seiner Hand; man drang in ihn, sich zu schonen, allein er bestand darauf, wie
alljhrlich am Erntedankfeste, das Vershnungsmahl zuerst sich selbst aus des
geistlichen Freundes Hand reichen zu lassen, dann es seiner Gemeinde
auszuteilen. Und ohne Zeichen von Schwche schritt er am Morgen zum Gotteshause,
nahm erst selbst die weihende Speisung und darauf in seine Hand den Kelch, um
ihn der vterlich geliebten Freundin zu reichen, welche, an der Seite seiner
Tochter, sich zum ersten Male in seiner Gemeinde dem Tische des Herrn nahte.
Noch sprach er die Spendeformel mit sicherer Stimme, dann sank er zu Fen des
Altars nieder - entseelt.
    So in Herrlichkeit mgest auch du einmal heimgehen, du Glcklicher, wenn
deine Stunde gekommen ist!
    Dezimus hatte bis jetzt Rosen nur flchtig aus der Ferne gesehen, whrend
der Grablegung unter der Gartenpforte; dann whrend des kirchlichen Aktes im
vergitterten Pfarrstuhl; beide Male an Lydias Seite. Nun erst, nachdem alles
vollbracht, fiel es ihm auf, keines der anderen Geschwister gegenwrtig zu
finden, mit Ausnahme von Erikas Gatten, der aber auch unmittelbar von der Kirche
zum Bahnhof eilte, da seine Frau im Kindbett lag und er nicht ber Nacht vom
Hause fern sein mochte. Rose hatte in der berwltigung des Schlages die Anzeige
zu machen vergessen, und als Lydia sie nachtrglich erlie, war es fr die
entfernter Lebenden zu spt geworden, der Trauerfeier beizuwohnen.
    Die Kleine ist in einem unzurechnungsfhigen Zustande, meinte Schwager
Bauinspektor; wohl begreiflich bei der Last, die sie sich auf das Herz geladen.
Du tust mir leid, armer Bruder! Brauchst du Beistand, rechne auf uns. Damit
ging er.
    Dezimus entfloh den lstigen Beileidsbezeigungen, die ihn umschwirrten. Er
suchte Rosen. Im geistlichen Gemach, wo vor wenig Stunden der Sarg gestanden
hatte, kniete sie vor des Vaters Stuhl, das Gesicht in ihre Hnde begraben. Auf
dem Schreibtisch unter dem Kruzifix lag lorbeerumkrnzt das Eiserne Kreuz, das
Martin von Hartenstein dem Sarge des Veteranen vorangetragen hatte; daneben das
Blatt mit den letzten Zgen einer zitternden Hand:
    Komm, mein Sohn, den Vater zu vertreten.
    Lange stand Dezimus unbemerkt an Rosens Seite, und als sie darauf seine Nhe
sprte, starrten ihre Augen in unheimlicher Irre, als ob sie ihn nicht
erkennten. Er zog sie in die Hhe; schauernd und zitternd lag sie an seinem
Herzen, bis endlich ein Trnenstrom den Krampf der Seele lste. Er hat mir
nicht mehr den Kelch der Vershnung gereicht, aber lieb hat er mich gehabt bis
zum letzten, schluchzte sie, wird er mich auch liebhaben dort, dort, wo er nun
- alles wei?
    Ewig! sagte Dezimus, und dann fhrte er sie hinauf in das einstige
Familienzimmer, unter die verdorrten Blumenstcke und die lange abgewelkten
Krnze ihrer Freudenzeit, und Hand in Hand feierten sie das Trauerfest ihrer
Verwaisung. Sie sprachen nur von ihm oder schwiegen in der Erinnerung an ihn.
Keine Frage ber ihr gegenwrtiges Verhltnis oder das zu einem anderen wurde
laut. In Dezimus' Herzen aber hallte das letzte Vaterwort wider, und dieses Wort
bedeutete: Bleib und hilf meinem liebsten Kind!
    Und da er bleiben werde, wurde als selbstverstndlich auch in beiden
Gemeinden angenommen. Am Morgen hatten sie ihren alten Pastor hinausgetragen, am
Nachmittag kamen sie, ihren neuen Pastor willkommen zu heien: die Kantoren, die
Schulzen, der Pchter, die groen Hofbesitzer, alle voll Preis des
Abgeschiedenen, aber auch voll guten Zutrauens in den, welcher ihn ersetzen
sollte; alle jedoch nebenbei mit einem Etwas auf dem Herzen, das sich
befremdlich in Mienen, Achselzucken und halben Redensarten kundtat und immer
noch eher zu der Kondolation als zu der Gratulation zu stimmen schien. Seltsam!
whrend der Trauerfeier war es Dezimus kaum aufgefallen, und jetzt fiel es ihm
pltzlich ein: das Augenverdrehen und Kopfnicken und Schtteln und die Blicke,
die nach dem vergitterten Pfarrstuhl geworfen wurden beim Erwhnen der schweren
innerlichen Anfechtungen in des Greises letzten Lebenstagen. Waren die
Zeitzustnde gemeint, des Sohnes Verwundung - oder - was sonst?
    Etwas deutlicher drckte sich der alte Thrnhard aus, der bereits zu Vater
Klausens Zeiten die Schulzenwrde bekleidet hatte. Sie dauern mich, Herr
Pastor; grausam dauern Sie mich, sagte er seufzend, nachdem er eben erst
schmunzelnd des Herrn Pastors grausames Glck hervorgehoben hatte, in so jungen
Jahren und obendrein in seinem eignen Orte, in eine so schne Stelle gerckt zu
sein. Und da der ehrwrdige Herr Pflegevater in seinen alten Tagen das noch
erleben mute!
    Was erleben? htte Dezimus fragen mgen, aber die Kehle war ihm
zugeschnrt.
    Der Emeritus Beyfu, als Respektsperson aus Bakelzeiten und als wandelnde
Glocke der Gemeinde, glaubte noch weniger ein Blatt vor den Mund nehmen zu
mssen. Danken Sie Ihrem Schpfer, Herr Pastor, da Sie noch so mit einem
blauen Auge davongekommen sind, meinte er. Die Menschheit wird alle Tage
schlechter! aber, hren Sie, sehen Sie, ich habe dem Pudelkopf sein Lebtage
nicht getraut. Schon da sie im kurzen Kittelchen und gestickten Hschen, Tag fr
Tag ein frisches Bukett im Schrzenbunde wie eine Bachstelze in meine Schulstube
gewippt kam, da habe ich zu meiner Frau gesagt: Julchen, habe ich gesagt, die
wird ihrem Manne einmal was zu raten aufgeben! Na, bis zum Manne ist es - Gott
sei Dank! - nicht gekommen. Aber, hren Sie, sehen Sie, Herr Pastor, wenn zweie
miteinandergehen, und es geht nachhero wieder auseinander, na, das kann einer
alle Tage passieren sehen. Liebesstand ist nicht Ehestand. Wenn der Liebste aber
fr seine Liebste sein Blut vergossen hat und es um ein Haar bis zum Aufgebote
gelangt ist, und nur die Gesundheit kommt dazwischen und nachhero die Fasten und
nachhero der Krieg: mir nichts, dir nichts, blo, weil er sich Herr Baron
tituliert, sich mit einem so nichtswrdigen Rebellen einzulassen, dem der
heilige Ehestand ein Kinderspott ist, dem alten ehrwrdigen Papachen ein
Schnippchen zu schlagen, mit dem buckligen Frulein, das seinen leiblichen
Grovater, um ihn nach Herzenslust bemopsen zu knnen, in alten Tagen zum
Saufaus macht, unter einer Decke zu spielen, alle Abende, - na, ich will nichts
weiter verraten, aber hren Sie, sehen Sie, Herr Pastor, nehmen Sie mirs nicht
bel, aber da steht einem der Verstand stille.
    Die Pein der Gegenrede wurde dem armen Dezimus durch den eintretenden Martin
und den Rckzug des Emeritus erspart. Seit dem Frhling in die unferne
Festungsstadt versetzt, von welcher aus er mit blanker Klinge, aber gottlob!
ohne Blutvergieen, die kleinen Unruhen der Umgegend hatte zerstreuen helfen,
war der brave Leutnant eilend herbeigekommen, dem Veteranen die letzte Ehre zu
erweisen, und hatte schon am Grabe geweint wie ein rechter Held, der sich seiner
Trnen nicht zu schmen braucht. Weinend strzte er sich auch jetzt dem Freunde
in die Arme.
    Das war ein guter Mann, schluchzte er. Auf Ehre! der Tod meines Vaters
ist mir nicht so nahe gegangen wie der seine; schon um des lieben Mdchens,
deiner Rose willen. Aber sie soll gercht werden, als ob sie meine leibliche
Schwester wre. Du darfst es nicht, weil du ein Geistlicher bist, und dir nimmt
es am Ende auch kein Mensch bel, wenn du ihn nicht forderst. Du bist ja kein
Offizier, nicht einmal bei der Landwehr. Aber ich, ich! Verla dich auf mich!
Wie lange drstet mich schon nach dieses Halunken Blut! Du denkst gewi wegen
Lydias. Aber nein, Dezimus, nein. Lydias wegen tut er mir eher leid. Es ist
gewi nicht leicht, mit ihr auszukommen; sie will zu hoch mit allen Menschen
hinaus, und am Ende ist sie es doch gewesen, die ihm den Laufpa gegeben hat.
Ich habe in der Geschichte niemals ganz klar gesehen. Aber unseren alten Namen
so schmhlich in den Kot zu treten! Der rote Hartenstein wird er in den nobelen
Zeitungen geschimpft, und die Lumpenblttchen heben den roten Hartenstein in den
Himmel.
    Wo ist Max? unterbrach ihn Dezimus, dem wahrlich die Geduld, zuzuhren in
dieser Stunde, herzlich schwer ankam.
    Ja, wenn ichs wte, Freund! Seitdem der Cavaignac mit dem Pariser Plebs
reinen Tisch gemacht hat, scheint es ihm in Bielitz nicht mehr recht geheuer
vorgekommen zu sein. Wo es aber einberufene Landwehren aufzuhetzen, ein Zeughaus
zu plndern gibt und dergleichen, da wird der rote Hartenstein gewi nicht weit
um die Ecke stehen. Es heit, sie fahnden auf ihn. Und wenn sie ihn faten! Es
wre schauderhaft! Ein Hartenstein im Zuchthaus Wolle haspelnd wegen
Hochverrats! Eher schiee ich ihn nieder. Einmal dachte ich schon ganz gewi,
ich htte ihn am Kragen. Es war bei dem sogenannten Doktorputsch; du wirst wohl
von ihm gehrt haben. So ein Pflasterkasten! Was meinst du, Dezimus, wenn am
Ende Peter Kurze auch noch anfinge, die Republik auszurufen! Aber dieses
Hartensteinsche Genie mu Doktor Faustens Zaubermantel in Pacht genommen haben;
der Blondkopf, den ich statt seiner erwischte, war ein armer Hungerleider von
Schneider.
    Deine Voraussetzung ist eben eine irrige gewesen, Freund, entgegnete
Dezimus. Ein so gescheiter Mensch wie dein Vetter lt sich nicht auf derlei
kindische Versuche ein.
    Nicht, etwa nicht? eiferte der Leutnant. Denke doch nur an den Napoleon
in Straburg und dann noch einmal mit dem Adler in Boulogne! War der etwa auf
den Kopf gefallen? Sie sagen ja, er setzt es am Ende doch noch durch! Und
bedenke doch nur Maxens Wut! Von der Offiziersliste gestrichen zu werden! Ein
Hartenstein! Und warum? Um ein paar lumpiger Verse willen, die kein Mensch
gelesen htte, wenn man nicht solches Wesen darum gemacht. Da kann einer
freilich zum Mordbrenner werden. Ich selber, wenn ich an die Schande denke, die
dadurch auf die Familie geworfen worden ist, da wendet sich mir das Eingeweide
um. Ich habe seitdem auch von keinem Menschen wieder ein Gedicht gelesen, und
ich danke meinem Schpfer, da ich kein Dichter bin. Weil Max aber einmal einer
ist, hat er mir aus dem Grunde am Ende immer leid getan. Und zweitens, Dezimus,
da er sich in Rschen verliebt hat, das kann ich ihm, auf Ehre! auch nicht so
belnehmen. Sie ist dir gar zu reizend! Freilich war sie deine Braut. Aber,
siehst du, dein Freund, wie ich, war Max am Ende nicht, und solche Geschichten
sind schon unter leiblichen Brdern passiert. Und wenn er ihr, sei nicht bse,
lieber Junge, wenn er ihr, ich meine nur so, ein bichen besser gefallen hat als
du, das solltest du dem armen Dingelchen auch nicht so sehr zur Last legen,
Freund. Ich finde dich schner, schon weil du einen halben Kopf grer bist als
Max, aber - de gustibus non est disputandum, so sagen ja wohl wir Lateiner.
    Dezimus machte einen schwachen Versuch zu lcheln; der unwiderlegliche
Wortfhrer schpfte Atem und geriet darauf allmhlich in die blutdrstige
Stimmung, von der er ausgegangen war, zurck. Aber siehst du, Dezimus, fuhr er
fort, ein schlechter Kerl ist der Max doch. Warum heiratet er Rschen nicht?
Und wenn er zehnmal den Namen Hartenstein trgt, seine Mutter war eine Mehlborn,
und wer mit blutroten Demokraten auf Duzbrderschaft steht, der kann sichs doch
wahrhaftig nur zur Ehre anrechnen, wenn eine Pastorstochter ihn nimmt. Und denke
ich daran, da werde ich fuchswild. Aber ich finde ihn schon noch, und wo ich ihn
finde, - na, verla dich auf mich! Es ist wahrhaftig auch an der Zeit, da einer
von uns etwas fr dich tut. Was sind wir dir nicht alles schuldig geworden! Erst
beim Magister, wie ich noch ein recht dummer Junge war und du mir so geduldig
nachgeholfen hast, und dann wegen Philipps, den du so klug und nobel aus der
Patsche gezogen hast. Denke doch nur, im Militrwochenblatte hat er mit Ruhm
erwhnt gestanden! Der Erste ist er oben auf der Schanze gewesen, zum Leutnant
haben sie ihn schon gemacht! Und unsereiner mu whrend der Zeit in dem
verdammten Festungsneste auf Wache ziehen und allerhchstens einen verrckten
Pflasterkasten mit seinem Raubgesindel, ohne einen Schu Pulver zu tun, zu
Paaren treiben. Zum Haarausraufen, sag ich dir, ist es, zum Kopfeinrennen!
Knnte man am Ende aber nicht an aller Naturphilosophie zum Narren werden, wenn
man erlebt, da das grte Genie in einer Familie ihren guten Namen dermaen an
den Pranger stellt, und der verlorene Sohn der Familie bringt ihn wieder zu
Ehren wie ein Held!
    Nach dieser Bemerkung drckte er dem Freunde zum Abschied die Hand, da das
verdammte Festungsnest nicht ber Nacht einem republikanischen Handstreich
ausgesetzt werden durfte, ohne da ein Hartenstein zur Stelle gewesen wre, um
ihn abzuschlagen.
    In Dezimus Freys Hirn sah es so wst aus wie in seinem Herzen dunkel. Er
htte heute kein Wort mehr hren, keinen Menschen mehr sehen knnen, Rosen am
wenigsten. Und wie dankte er Lydia ihr schonendes Zurckhalten! Ihm war, als
msse er vor der Reinen selbst in Gedanken sein Angesicht verbergen.
    Und dann kam die Nacht; und wie der Strahl eines Springquells, der so hoch
steigt, wie er tief gefallen ist, und wiederum so tief fllt, als er hoch
gestiegen, so rastlos trieben Gram und Grimm in seiner Seele auf und ab.
    Frh am Morgen ging er hinunter zu Sidonien. Bei seinem unerwarteten
Eintritt flog eine Blutwelle ber ihre abgezehrten Wangen. Sie reichten sich
nicht wie sonst die Hand, sondern standen sich eine Weile schweigend wie Feinde,
die sich messen, Aug in Auge gegenber.
    Wo ist Ihr Bruder? fragte Dezimus endlich.
    Da, wo Helden wie Sie und Ihr Freund Martin ihn nicht finden werden, falls
sie Lust haben sollten, sich von ihm das Lebenslicht ausblasen zu lassen,
antwortete sie mit einem Ausdruck hmischen Zorns, der ihre klaren Zge widrig
verzerrte.
    In der nchsten Minute hatten sie indessen schon den gewohnten Ausdruck
wiedergewonnen. Die Lippen lachten, aber die Augen blickten ernst unter einem
Trauerflor. Verzeihen Sie mir, sagte sie ruhig. Sie knnen sich nicht denken,
wie es mich seit Monaten aufbringt, in jedes Tropfes und in jedes Heuchlers
Mienen die Frage zu lesen: Wo ist Ihr Bruder, der rote Hartenstein? Ich wei,
Sie spielen keine Rolle; ich wte aber auch wahrlich keine, welche zu spielen
Sie ein Recht htten.
    Ich habe das Recht, im Namen eines Vaters, der seine Tochter unter meinem
Schutze zurckgelassen hat, zu fragen, ob es lediglich ein Spiel war, welches
mit dem Frieden eines Herzens und der Ehre eines Hauses getrieben worden ist,
oder ob - -
    Ist es Ihre Schutzbefohlene, die diese Frage Ihnen auf die Lippen gelegt
hat? unterbrach ihn Sidonie mit dem vorigen hhnischen Klang.
    Wrde ich die Frage an Sie richten, wenn ich sie ihr nicht htte ersparen
wollen?
    Vortrefflich! Htten Sie ihr die Frage indessen nicht erspart, wrden Sie
wissen, da sie das Spiel lediglich mit sich selbst getrieben hat.
    Will das sagen, da sie Ihren Bruder nicht geliebt?
    Geliebt? Natrlich hat sie ihn geliebt.
    Und er sie?
    Natrlich auch das.
    Und mit dem Vorsatz der Treue?
    Sidonie lachte. Das ist mehr, Verehrtester, als ich anzugeben oder auch nur
anzunehmen imstande bin. Entscheiden Sie daher nach eigenem Ermessen. Ist die
Zeit, in die wir geraten sind, eine, in welcher ein Max an Httenbauen denken
knnte?
    Also ein Spiel! Hat mein Vater es geahnt?
    Er mu doch wohl, weil er dem Amoroso schlechthin sein Haus verboten hat.
Allerdings wre es weiser gewesen, das nicht zu tun; da er es aber einmal getan,
htte sein sonst so kluges Tchterchen klger gehandelt, wenn es nicht heimlich
- -
    Dezimus lie sie den Satz nicht vollenden. So habe ich nichts weiter zu
hren, sagte er und wendete sich zum Gehen.
    Sidonie aber schritt ihm nach, legte ihre Hand auf seine Schulter und
sprach: Bleiben Sie, Dezimus! Ich habe Ihre Freundschaft verloren, vielleicht
verscherzt. Indessen eine Viertelstunde knnten Sie fr den Kameraden, der Ihnen
einmal etwelche Rittergter in den Scho werfen wollte, doch fglich brig
haben, wenn nicht zu seiner Rechtfertigung, so doch Ihnen selbst vielleicht zu
Rat und Hlfe. Setzen Sie sich, Dezimus. Sie sehen bernchtig aus. So. Glauben
Sie mir, ich erkenne die ganze Milichkeit Ihrer Lage. Lassen Sie uns bedenken,
wie sie zu erleichtern wre. Ihnen die abgeschmackte und abgestandene Partie
eines Freund-Gemahls im Hintergrunde des ungetreuen Liebhabers zuzumuten oder
zuzutrauen, fllt mir nicht ein. Aber zu Ihrer Schutzbefohlenen in ein
geschwisterliches Verhltnis, wie Sie es zwanzig Jahre lang gewohnt gewesen
sind, zurckzutreten, das brchten Sie fertig, und es wrde Ihren fernerweitigen
gemtlichen Bedrfnissen auf die Dauer auch kaum hinderlich sein, da ber kurz
oder lang, ich meine aber ber kurz, sich zuverlssig einer finden wrde, der
das just nicht bequeme Hteramt aus Ihren Hnden nhme. Und wer wei, ob dieser
eine nicht schlielich dennoch der wre, dem Sie es heute - nun dreist heraus! -
voreilig aufntigen mchten.
    Bei Gott im Himmel nicht! rief Dezimus aufspringend. Sein Opfer ihm
entwinden will ich und werde ich; ihn wissen lassen, da, wenn die bukolische
Laune ihn gelegentlich wieder anfliegen sollte, heute ein anderer sein Hausrecht
wahrt als der vertrauende, edle Greis, dem es so schnde mit Fen getreten
worden ist.
    Ich glaube Ihnen, sagte Sidonie mit einem warmen Blick.
    So ist es in Ihrer Natur, so verstehe ich Sie. Und nun geben Sie mir einmal
die Hand und zwingen sich, auch den zu verstehen, dem Sie feind geworden sind.
Ich meine sein Ideal. Denn auch er hegt ein Ideal, und zwar eines, das dem
Ihrigen durchaus nicht schnurstracks entgegenluft. Nur da Sie ein Ganzer im
kleinen sind, und er ist ein Halber im groen. Er hat einmal gesagt, in jedem
Menschen stecke ein Faustschicksal. Das sage ich nicht. In Menschen Ihres
Schlags steckt es keineswegs. Aber in dem meines Bruders, da steckt es. Die Idee
fliet aus Gott, zur Verwirklichung bietet Satanas die Hand. Meines Max Ideal
ist: Freiheit fr sich selbst und fr alle anderen Gleichheit. Er fhlt den
Widerspruch nicht einmal. Ohne Zweifel wrde es ihm wie eine hchst strfliche
Beschrnkung seines Freiheitsrechtes vorkommen, wenn die Tagelhner von Bielitz
und Werben, deren menschenunwrdiges Dasein ihn emprt, eines Tages in seinen
menschenwrdigen Salon rckten und sagten: Herr Bruder, nimm du einmal zur
Ausgleichung unter unseren Schindeldchern frlieb, und wir wollen uns zwischen
deinen Gtterbildern gtlich tun. Oder: Das Versemachen und Redenhalten wollen
wir uns bis auf weiteres selbst besorgen; greife du einmal freundlichst zu Hacke
und Kelle und hilf uns, aus den Steinen dieses Schlosses, das wir niederzureien
beabsichtigen, die Huserchen bauen, von welchen, zum Dank fr deine guten
Lehren, dir eines, nicht besser und nicht schlechter als die anderen, berlassen
werden soll. Derlei praktische Konsequenzen zieht aber ein Schwrmer nicht;
oder, wenn Sie so wollen, er macht mit der Praxis den Anfang nach seiner Manier,
indem er sein Geld zum Fenster hinauswirft. Immer noch besser, als wenn es in
Papa Mehlborns Eisentruhe verrostete. Lassen wir also sein sacr feu auslodern!
Weisheit oder Torheit, jeder Mensch bedarf eines Glaubens, um dessentwillen ihm
das Leben lebenswert und das Sterben sterbenswert erscheint. Die Zeit ist nicht
fern, wo er nicht mehr an seine Artikel glauben und einsehen wird, da jedes
Philosophem, welches so flach ist, da die groe Menge es zu fassen vermag, dem
Funken gleicht, den eine Katze aus der Herdasche auf den Heuboden trgt und da
- -. Aber Sie werden ungeduldig. Zur Sache denn. Held Martin, der mit seinem
gezckten Pistol bis in meinen stillen Winkel gedrungen ist, ist ein Narr, wenn
er Max zutraut, an den albernen Aufwieglungen dieser Gegend teilgenommen zu
haben. Er betreibt das Geschft en gros, hat aber nichts anderes gesagt und
getan als hundert andere, auf welche zu fahnden zurzeit noch keiner Regierung
eingefallen ist, lebt unangefochten in Wien, Berlin oder Frankfurt, wo der
elektrische Strom sich just am anziehendsten entladet. Der Sinn steht ihm so
hoch wie je; er glaubt noch hartnckig an den Aufschwung der Bewegung und ist
blind dafr, da sie mit Riesenschritten niederwrts steigt. Wie still wird es
bald geworden sein nach dem wsten Gets! Wie still dann zeitweise auch in ihm!
Alle meine Hoffnung beruht darauf, da nach der unnatrlichen berreizung die
natrlichen Reize in ihm zur Geltung kommen; zu oberst das Idyll, das er so
jhlings abgebrochen hat. Sparen Sie ihm Ihre Rose bis zu diesem Wendepunkte
auf. Mit ihrem rcksichtslosen Realismus, mit ihren wohlbewut verfhrerischen
Impulsen ist sie das Naturchen, das wie kein zweites fr ihn pat. Sie haben mir
diese Taxierung schon wiederholentlich belgenommen. Es hilft aber alles nichts:
eine Frau, die nicht reizen will, reizt auch nicht, und Rose hat bisher jeden
Mann gereizt, und auerdem - liebt sie Max; ja, tuschen Sie sich nicht, sie
liebt ihn heute noch. Die Frage ist nur, wo und wie Sie Ihren anvertrauten
Schatz bis auf weiteres bergen sollen? Wren Sie nicht ihr Brutigam gewesen,
oder wren Sie wenigstens nicht ein Landpastor, sagte ich einfach: leben Sie zu
zweien weiter wie bisher zu dreien. Fr den Idealisten wie fr die Realistin
steht ja doch ein heimlicher Sozius als Schutzwehr zwischeninne. Aber Sie sind
nun einmal, leider Gottes! dem Namen nach ihr Brutigam gewesen, sind nun
einmal, leider Gottes! der Hirt einer Bauernherde geworden, und wer wirken will,
mu-traurig, aber unerllich! - sich der Borniertheit anbequemen. Keiner she
in Rosen wieder wie einstmals Ihre Schwester; sie wrde unter Achselzucken und
Nasermpfen bestenfalls zu Ihrer Haushlterin herabgezogen werden, und Sie
selbst stnden auf einem verlorenen Posten. Nun sagte ich am liebsten: Schicken
Sie das Kind zu mir. Es wre mir ein Trost fr Auge und Herz, das kluge, holde
Geschpf um mich zu haben, und an einem Nektar, welcher die kopfhngende
Seelenblume auffrischt wie die Liebfrauenmilch mein altes Vterchen, sollte es
ihr nicht fehlen. Ich bin zum Schwestersein geboren, und Musik und ein voller
Beutel sind fr eine Rose gar sympathetische Medien. Aber da ist nun wieder
einmal der liebe Bruderstolz, richtiger ausgedrckt die moralische Rankne. Das
Haus der kleinen Sidi ist dem ehrenfesten Hirtensohn zur Hhle geworden, in
welcher das Drachengift ausgebrtet worden ist. Und da wei ich denn freilich
keinen besseren Rat als: bringen Sie Rosen zu der von ihren Schwestern, die
materiell am behaglichsten lebt. Lange aushalten wird sie es als Einschiebsel in
dieser huslichen Beschrnkung nicht, dafr ist sie zu selbstherrlich gewhnt
und nicht zum geringsten verwhnt durch den, welchen sie ihren alten Dezem
nannte. Aber es handelt sich ja auch nur um ein Interim. Der eine oder der
andere wird sie in die Freiheit locken, und von dem einen oder dem anderen wird
sie sich locken lassen - wiederum zu einem selbstherrlichen Regiment.
    Dezimus entfloh ohne Gegenwort. Sidonie hatte l in die Flammen gegossen,
die sie beschwichtigen wollte. Was sie mit klaren Worten ausgesprochen, mit
halben ihn hatte ahnen lassen, ihre Voraussetzungen und Voraussagungen, das
Ziel, nach dem sie deutete, den Weg, auf den sie ihn wies, eines wie das andere
widerstand seinem innerlichsten Sinn. Nein, die Tochter Hanna und Konstantin
Blmels war nicht die berechnende Buhlerin, als welche die Schwester Maxens von
Hartenstein sie sah und mit eigenntziger Vorliebe sehen wollte. Mochte die
Leidenschaft sie verirrt haben, bis an den Rand eines Abgrundes verirrt, sie war
fhig und wert, durch die ernste Treue eines Mannes erhoben zu werden, gerettet
vor sich selbst, vor den Umstrickungen eines Schwelgers und dem Geifer der Welt.
Der aber, welcher, seitdem er von seinem Leben wute, ihr als seinem nchsten
Menschen angehangen hatte, war gewillt, in einem anderen Sinne als vor einem
Jahr sein Herzblut mit ihr zu teilen.
    Im Wirbelkampf auf und ab wogender Gedanken ging er mit heftigen Schritten
den Talweg auf und ab. Oftmals hob er halb in Sehnsucht, halb in Schmerz den
Blick zu Lydias Fenstern empor; er htte ihr sagen mgen Entscheide du! Aber
nein! Nur er allein hatte aus innerstem Gemt in diesem Widerstreit zu
entscheiden, und bevor er den Spruch ber seine Zukunft ihr zur Billigung
vortrug, hatte er ein Wort aus einem anderen Munde als dem ihren zu vernehmen.
Ihn graute vor diesem Wort, sein Fu starrte, sooft er ihn hob, um in das Haus
zurckzukehren, das jetzt das seine hie.
    Endlich entschlossen, war er bereits die ersten Weinbergsstufen
hinangestiegen, als ihm mit raschen Stzen von oben herab einer, den er am
wenigsten erwartet hatte, sein Freund Kurze, entgegenkam. Dem Armen mute die
Kehle wohl jmmerlich trocken geworden sein, denn er bi erst in eine Traube,
die er sich im Vorberrennen vom Stocke ri, ehe er, die Hlsen vor sich
hinblasend, dem Bergansteigenden zurief, da er ihn aus den Pfarrfenstern habe
kommen sehen, und weil er nur noch zehn Minuten verziehen drfe, ihm
entgegengesprungen sei. Er habe ihm eine Welt von Mitteilungen zu machen.
Dezimus solle ihn daher auf dem Dorfwege bis zur Schenke, wo sein Pferd
untergestellt sei, begleiten.
    Nach einem kraftvollen, Beileid und Glckwunsch zum Amtsantritt
vereinigenden Hndedruck erzhlte er dann, da sein Bataillon, auf dem
Rckmarsch vom Kriegsschauplatz, gestern in der Nachbarstadt einquartiert worden
sei, um heute zur Verstrkung der Festungsgarnison weiterzurcken.
    Mit den Donnerwettern ber unsere Retirade, meinte er, wollen wir den
Zeitungshelden nicht ins Handwerk pfuschen. Die Ohren gellen mir davon, und die
Zeit ist edel; das Schlimmste vom Schlimmen aber, da wir wohl in den
Friedensstand zurckgekehrt, aber nicht demobil gemacht worden sind. Wenn nur
wenigstens nicht die Feldzulage aufhrt! Na, wer wei, ob in der Festung nicht -
en passant - ein Coup zu machen ist? In unserem Gelehrtennest ist der
Gesundheitszustand zurzeit von klglicher Erfreulichkeit. Man munkelte davon,
da in der Festung etwelche angenehme Choleraflle eingeschleppt worden seien.
Ist dir etwas davon zu Ohren gekommen, Alterchen?
    Dezimus verneinte, und Peter Kurze seufzte: Schadel! fuhr aber darauf mit
natur- und vernunftgemer Munterkeit in seiner Welt von Mitteilungen fort.
    Gleich nach dem Einmarsch sich zu einem Pfarrbesuch aufmachend, hatte er
zuerst vom Schenkwirt, bei dem er abgestiegen, dann ergnzend von Freund Martin,
dem er auf dem Wege nach der Pfarre begegnete, den Tod des prchtigen alten
Herrn samt allem, was drum und dran hing, haarklein erfahren und sich darum
gern von Martin bereden lassen, die Nacht, statt in dem Hause der Trbsal, auf
der erprobten Sprungfedermatratze des Schlosses zuzubringen; heute morgen hatte
er nun aber bereits lnger als eine Stunde in Gesellschaft des armen Rschens
auf den sein Filial inspizierenden, neubackenen Herrn Pfarrer gewartet.
    Das herzige Dingelchen, deine Rose! rief er aus. Und wie ihr die Trauer
steht! Nicht einmal das Weinen entstellt sie! Mag einer in der Welt herumkommen,
so weit er will, solch ein Schtzchen findet er nicht wieder. Und siehst du,
alter Freund, wie ich so den verweinten, schwarzen Blitzugelchen
gegenbergesessen habe und den abgehrmten Grbchenbckchen, die vorig Jahr noch
weier aussahen wie heute und durch Peter Kurzens Kunst doch wieder zu
Rosenknspchen aufgeblht sind, da ist es mir wie eine Rakete durch das Hirn
geschossen oder meinetwegen durch das urkrftige Pumpwerk, Herz genannt:
Transfusion! probatum est! Peter Kurze wird zum zweitenmal ihr Doktor werden,
will sagen, unter heurigen hygienischen Umstnden - ihr Gemahl! - Na, so reie
doch deine Augen nicht wie Scheuntore auf, als sprche ich chaldisch, Pastor
von einem Tag! Du nimmst sie doch nicht; denn warum? du hast sie schon einmal
gehabt, und es steht geschrieben: du sollst auf ein neues Kleid nicht einen
alten Lappen setzen, oder meinetwegen auch umgekehrt, keinen neuen Lappen auf
ein altes Kleid. Und sie pat zu einer Pfarrersfrau auf dem Lande auch ganz und
gar nicht; dahingegen fr einen Doktor mit tchtiger Praxis, in einer munteren
Stadt ist sie wie gemaust. Und ich brauche so bald als mglich eine Frau; denn
da der Feldchirurgie so schnde der Garaus gemacht worden ist, gehe ich damit
um, meine Kunst vorzugsweise dem schnen Geschlechte zuzuwenden. Ein rentables
Geschft und ein angenehmes; aber einem Junggesellen fehlt der Kredit: heiraten
tue ich sowieso, warum also nicht die, die mir von jeher am besten gefallen hat
und heute noch am besten gefllt? Weil sie eine Liebschaft gehabt hat? Na, habe
ich etwa keine Liebschaften gehabt? Ich sage dir, so eine Heilige, der das Herz
nicht einmal mit dem Kopfe davongelaufen ist, so eine Vernunftsbille, kann mir
gestohlen werden. Weil ein dicknsiger Junker sie im Stiche gelassen? Nun just
darum ist es an Peter Kurzen, zu zeigen, wo heute die wahre Humanitt zu suchen
ist. Einen Strich durch den Handel gemacht und fortan reinen Tisch gehalten.
Romane mssen sein. Weit besser gelebt als gelesen. Das kurze lustige Endchen
grner Jugend um Gottes willen nicht vor der Zeit auslaufen lassen in eine
altersgraue Chaussee! Im biederen deutschen Vaterlande aber spielt das
Schlukapitel am Altar. Oder etwa, weil Hinz und Kunz und Marthe und Mieke die
Kpfe zusammenstecken und sich Schelmenworte in die Ohren flstern? Was fragt
Peter Kurze nach Hinz und Kunz und Marthen und Mieken, auer wenn sie auf der
Nase liegen und er sie wieder auf den Strumpf bringen mu. Freilich, sie ist arm
wie eine Kirchmaus, und das ist allerdings ein Grund und ein sehr stichhaltiger
Grund. Aber bin ich nicht im Handumdrehen und - just durch diese meine erste Kur
zum Doktor Eisenbart geworden? Verstehe ich etwa keine Liquidation zu schreiben?
Habe ich mir nicht bereits ein rundes Smmchen zurckgelegt? Siehst du,
Alterchen, ich habs mit diesem und jenem Goldfisch probiert; zuletzt sogar mit
der kleinen, schiefen Krte, deinem guten Kameraden. Aber, wei der Six! keiner
bi an. Na, ich habe mich an den Krben nicht lahm getragen, und heute danke ich
meinem Herrgott, da er sie mir aufgebrdet; ich mag keine Reiche, als deren
untertniger Diener ich ersterben mte. Mich verlangt nach einem drallen,
blitzugigen Weibchen, das zu mir sagt: Peter Kurze, ich habe ein bichen an
Schwindel und Herzweh laboriert, aber du hast mich wieder gesund gemacht, Peter
Kurze, ich danke dir!
    Dezimus lchelte, so wenig lcherlich ihm zumute war. Und glaubst du im
Ernst, guter Junge, fragte er, da Rose Blmel dieses Habdank dir sagen kann
und wird?
    In Dreiteufels Namen, ich meine, in Gott Hymens Namen, warum sollte sie
nicht? versetzte Kurze, laut lachend zwar, aber mit dem Selbstbewutsein, das
dem Meister gestattet ist. An der Partie, wie ich dir eben weitlufig
demonstriert, ist doch vernunftgem nichts auszusetzen, und an der Person, na,
was knnte sie an der wohl auszusetzen haben? Sieh mich doch an, altes Haus!
Steht mir die Uniform nicht wie dem schmucksten Leutnant von der Garde? Und wenn
ich erst hoch zu Rosse unter ihrem Fenster Parade machen werde -: Zu Pferd, zu
Pferd, da ist der Mann erst was wert! Nur ein bichen Geduld; mit der Zeit
pflckt man Rosen. Heute freilich, heute, - na, geradezu abgewiesen hat sie mich
auch heute nicht.
    Wie - was - du httest heute - einen Tag, nachdem ihr Vater - -
    Just darum heute schon. Was der Tod niedergeworfen hat, mu rasch durch das
Leben wieder aufgerichtet werden.
    Und - und - was hat sie dir geantwortet?
    Sprich mit meinem Bruder, dem ich fortan Gehorsam schuldig bin, Peter, hat
sie gelispelt und die Augen dabei niedergeschlagen, und ich, na, ich htte um
ein Haar laut auf ihr ins Gesicht gelacht. Gehorchen ihrem alten Dezem, den sie
seit zwanzig Jahren wie ein Kind seinen Hampelmann am Fdchen regiert! Da sie
ihn indessen einmal abwechslungshalber zu ihrem Vormund erhoben hat, halte ich
hiermit bei dieser Respektsperson kurz und bndig um ihrer Mndel zierliches
Hndchen an und hoffe, sie sagt ebenso kurz und bndig - -
    Nein! antwortete Dezimus kurz und bndig.
    Peter Kurze prallte drei Schritte zurck. Wie, - was - nein? schrie er
auf, verblfft, wie er es vielleicht zum erstenmal im Leben war. Nein! Nein!
Hre, Dezimus, nimm mirs nicht bel, aber, beim skulap! du bist nicht bei
Trost. Meine ich doch Wunder, aus welcher Patsche ich dich ziehe! An wen hab ich
denn bei der Geschichte gedacht? Na, natur- und vernunftgem, in erster Hand
freilich an mich selbst; und in zweiter, ebenso natur- und vernunftgem, an das
herzige Rschen, aber zu dritt, als guter Freund, doch an dich! Mein' ich doch,
da du mir vor lauter Dankbarkeit an den Hals springen wirst! Und nun rundweg:
nein! Oder - solltest du etwa selber -? Na, freilich in dem Falle trete ich
zurck. Das mu ich jedoch sagen, Freund: Peter Kurze ist kein Zimperling, aber
eine derartige Retourkutsche wre mehr, als Peter Kurze fertigbrchte.
    Den Grund werde ich dir ein andermal sagen, wenn er dir bis dahin nicht von
selbst klar geworden sein sollte, versetzte Dezimus. Sieh, da hlt der Wirt
schon dein Pferd bereit. Es ist hohe Zeit. Gehab dich wohl!
    Damit schlug er stracks den Pfarrweg ein.
    Freund Kurze schaute ihm kopfschttelnd nach. Dieser gelassene,
mustervernnftige Kumpan! Ob er ihm nicht htte eine Eisblase auf den
Gehirnkasten verordnen sollen! Erst nach dem jener hinter der Friedhofspforte
verschwunden war, schwang er, noch immer kopfschttelnd, sich hoch zu Ro, um -
ohne Fensterparade - seiner Truppe nachzusprengen.
    Dezimus fand Rosen wie gestern im geistlichen Gemach, dem rechten Ort fr
das, was er auszusprechen hatte. Sie sa in des Vaters Stuhl, den Blick auf das
lorbeerumkrnzte Kreuz gerichtet, das sie wieder unter dem Rahmen befestigt
hatte. Wenn ich ein Bild von ihm htte aus der Zeit, da wir Kinder waren,
Dezimus! sagte sie mit dem weichsten Klang, in dem er sie jemals hatte reden
hren. Nun sehe ich ber dem Gekreuzigten immer nur sein liebes Haupt so, wie
ich es im Sarge gesehen habe, und Tag und Nacht hre ich eine Stimme klagen:
Mein Kind, mein Kind, warum hast du mir das getan?
    Dezimus setzte sich an ihre Seite und ergriff ihre Hand. Rose, fragte er
nach einer Pause, hat der Vater um deine - deine Liebe gewut?
    Sie neigte schweigend den Kopf.
    Und im Glauben an die - Zukunft sie - anfnglich wenigstens - gebilligt?
    Nein! antwortete sie mit fester Stimme. Er hat, weil ich nicht fort von
hier wollte, Sidonien und - ihm den Verkehr mit unserem Hause und noch
entschiedener mir den mit dem ihren untersagt, ich aber, ich - -
    Ich wei das, still davon! unterbrach sie Dezimus und sa dann, ebenso wie
sie, eine lange Weile in Gedanken versunken. Ja, dieses Kind, das die Reue so
tief, wie nur der Tod sie aufwhlt, hegte, das so ernsthaft Leid trug, das Kind
des Mannes, dessen ganzes Leben auf Vershnung gerichtet gewesen, es war es
wert, dem Leben vershnt zu werden mit dem hchsten Opfer, welches der Sohn
dieses Mannes zu bringen imstande war.
    Rose, hob er von neuem an, ein mal, ein einziges Mal la mich einen Blick
bis in den Grund deines Herzens tun, und was er mir enthllt, soll dann zwischen
uns unberhrt bleiben fr das Leben.
    Frage! sagte sie mit einem Augenaufschlag so gro und entschlossen, da
auch ein Zweifelmtigerer als Dezimus an der Wahrhaftigkeit ihres Willens nicht
gezweifelt haben wrde.
    Nun denn, fragte er, du hast Max geliebt, aber hast du auch an seine
Liebe geglaubt?
    Ja, Dezimus, so fest wie er an die meine.
    Und an seine Treue?
    Nein. Er hat sie mir niemals versprochen, und ich habe niemals gefordert,
was ich wute, das er nicht halten wrde.
    Und hast ihn dennoch geliebt?
    Dennoch! rief sie, und ein Strahl entzckter Erinnerung flog ber ihr
blasses Gesicht. Ich liebte ihn schon damals, als ich zu stolz war, es dir und
mir selber einzugestehen. Ich hatte ihn geliebt auf den ersten Blick, das heit
seit jenem Winterabend; denn vor Jahren, da war ich noch ein Kind. Und als ich
ihn wiedersah, liebte ich ihn wieder. Und she ich ihn von neuem, ich glaube, -
nein, ich wei es, ich liebte ihn von neuem. Dezimus, Dezimus! setzte sie mit
einem Anflug schwermtiger Schelmerei hinzu, es ist etwas an dem, was unsere
litauische Lene von den Liebestrnken der alten Heiden erzhlt. Aber - es sind
nicht die besten Menschen, die diesem Zauber verfallen, und darum wirst du,
Dezimus, ihn nicht einmal begreifen.
    Er wute genug. Er htte ihr wie vorhin zurufen mgen: Hre auf! Sie aber
fuhr unerschrocken in ihrer Beichte fort:
    Ja, Dezimus, she ich ihn wieder, ich liebte ihn wieder. Allein ich will
ihn nicht wiedersehen, niemals wiedersehen. Ich mchte vor ihm fliehen bis an
das Ende der Welt; ich mchte, da es auch fr uns Klster gebe. Er hat mich
zuviel gekostet. Zuerst dich, Dezimus, und deinen treuen Bruderglauben, und dann
meinen Vater. Ach, wie viele Kinder haben denn solch einen Vater? Und er ist
betrogen von mir, vielleicht voll Jammer um mich in den Himmel gegangen!
Dezimus, es ist zu schn, einmal ganz glcklich gewesen zu sein! Aber alles, was
ich von Freuden genossen habe, gbe ich darum, wenn ich um meinen Vater trauern
knnte reinen Herzens wie du.
    Er war ein Friedenbringer auf Erden und hat nicht aufgehrt, es zu sein,
sagte Dezimus innig bewegt. Du wirst in Frieden um ihn trauern lernen, meine
Schwester.
    Glaubst du? rief sie sichtbar belebt. Ja vielleicht, wenn ich eine so
rechtschaffene Frau wrde, wie unsere Mutter es war, und so viel Gutes tte wie
sie. Und darum, setzte sie mit niedergeschlagenen Augen hinzu, hat Peter mit
dir gesprochen, Dezimus?
    Ja.
    Und was hast du ihm geantwortet?
    Nein!
    Nein, Dezimus? Ihm gengt, was ich ihm zu geben habe.
    Vielleicht; aber es gengt mir nicht fr dich. Auch in der Liebe macht
Geben seliger denn Nehmen. Du wrdest ihn niemals lieben lernen, und dein Herz
hat noch nicht ausgelebt, Rose.
    Er stand auf und machte ein paar Gnge durch das Zimmer. Sie blickte
betreten bald zu ihm hinber, bald in ihren Scho. Vor ihr stehen bleibend
fragte er darauf: Wrdest du jetzt noch wie einst gern und zufrieden neben mir
leben knnen, Rose, die Schwester neben dem Bruder und die teueren Eltern im
Geiste zwischen uns?
    Neben dir, rief sie, bei dir, mit dir, allezeit um dich! Und so
glcklich, wie ich es auf Erden noch werden knnte; vielleicht wieder ganz so
glcklich wie einst!
    So gib mir deine Hand, die Schwester dem Bruder. Wir wollen miteinander
leben als die, fr welche die reinste Erdenliebe uns gebildet hat.
    Sie reichte ihm die Hand, sagte jedoch dabei, anfnglich zaghaft, dann je
mehr und mehr entschlossen: Aber wir drfen ja nicht, Dezimus, du weit ja, der
selige Vater hat es verboten, um der dummen Bauern willen verboten, damals
schon, als ich noch sein schuldloses Kind war. Und dann - dann, Dezimus, wenn er
nun wiederkme, der, den ich niemals wiedersehen will? Nein, Dezimus, hier darf
ich nicht bleiben! Bringe mich fort von hier, wohin du willst, und wenn es zu
einer der Schwestern wre, die alle das Haus voll Kinder haben und alle
bitterbse auf mich sind, weil ich mich so schmhlich an dir vergangen habe, und
mich alle wegen meines Leichtsinns scheel ansehen wrden und nicht ein bichen
Geduld mit mir haben, wie du so viel. Und erst ihre Mnner und deren Sippschaft!
Schrecklich, schrecklich! Tausendmal lieber unter Stockfremde, die nichts von
mir wissen. Wenn du es aber willst, Dezimus, gehe ich auch zu den Geschwistern.
    Weder unter Fremde noch zu den Geschwistern, wir bleiben beieinander, Rose,
aber - nicht hier.
    Wo du willst, Dezimus; auf einer wsten Insel meinetwegen, nur beieinander
und nur nicht hier. Denkst du etwa noch auf die Sterne zu studieren und mich zu
deiner Schwester Studentin zu machen, wie wir es uns ausgemalt haben, als - ach!
als ich noch dein liebes Rschen war und du mein alter Dezem warst?
    Nein, mein Rschen, das denke ich nicht, entgegnete Dezimus lchelnd. Es
wre ein weitaussehendes Brot. Ich bleibe, was ich bin, aber nicht hier. Was
meinst du zu einem Tausch mit Schwester Luisens Mann? Er hat sich lngst ein
eintrglicheres Amt ersehnt, und bei dem groen Hausstand tut es ihm not. Wir
sind nur zwei, fr uns reicht es zu. Ganz so freundlich wie in unserem Tal wird
es freilich in der preuischen Heide nicht sein; aber es ist weit entlegen.
Niemand hat uns dort gekannt; niemand wird etwas anderes in uns sehen als das,
was wir von heute ab einzig wieder sind, die Geschwister des bisherigen
Pfarrerpaares. Dort, in unserer lieben Eltern Heimat, wirst auch du, mein
Rschen, um deinen Vater in Frieden trauern lernen.
    Sie war bei den letzten Worten zu seinen Fen niedergeglitten und bedeckte
seine Hnde mit Kssen und Trnen. Dezimus, Dezimus! schluchzte sie, dich
konnte ich aufgeben, von dir mich abwenden, um eines willen, eines - -
    Still, still! unterbrach er sie. Nie wieder zwischen uns ein Wort von -
dem!
    Er zog sie in die Hhe, setzte sich an ihre Seite, und ihre Hand ergreifend
fuhr er fort: Glckauf also im Heidedorf, mein Rschen! Aber der Winter kann
ber diesem Wechsel vergehen, und kaum wiedergefunden, mchte ich dich ungern
aus den Augen verlieren. Da wei ich denn keinen besseren Rat, als da du die
Zwischenzeit auf dem Schlosse verbrchtest, bei - Lydia.
    Er sprach den Namen sehr leise. Alles, was in seinem Entschlusse Opfer hie,
wurde mit dem Namen ja angedeutet.
    Auch Rose zuckte zusammen. Bei Lydia! rief sie mit gerunzelter Stirn. Und
nach einer Pause: Mu es sein, Dezimus?
    Wenn du Vertrauen zu mir hast: ja!
    Nun denn, so will ich. Aber - aber, wird auch sie wollen, Dezimus?
    Sie wird es, sagte er mit Zuversicht.
    Er ging zu Lydia gehobenen Hauptes, aber mit bebendem Schritt. Sie allein in
dem Wandel, der sich um ihn vollzogen, hatte zu ihm gestanden in wandelloser
Treue; von dieser Einzigen sich zu lsen, dnkte ihm sich lsen von seinem
Stern. Auch sie erbleichte, als er ihr seinen Entschlu mitteilte; ihre Augen
fllten sich mit Trnen, und lange, nachdem er ausgeredet hatte, schwieg sie
noch still. Dann aber sagte sie mit schner Freude: Ich wre dieser Wahl fr
Sie vielleicht nicht fhig gewesen, Freund. Aber sie ist die wrdigste, die Sie
treffen konnten, und fern oder nah, wir bleiben, was wir uns geworden.
    Und als er darauf sie bat, seine Schwester in ihre Obhut zu nehmen, da
stutzte sie zwar einen Augenblick, sagte aber auch dann, indem sie ihm die Hand
reichte, mit Freudigkeit: Ich werde sie zu lieben suchen so, wie Sie meinen
Bruder geliebt.

Noch von keinem Menschen war der Hirtendezem so dankbar als glckbringendes
Johanniskind verehrt worden wie von Schwester Luischen und ihrem Manne bei dem
Vorschlage des mtertausches; auch machte dieser, da Lydia als Patronin von
Werben mit ihm einverstanden war, nur bei dem jenseitigen Konsistorium einige
Weitlufigkeiten, und man hatte sich bis zu deren Erledigung, etwa zu Anfang des
nchsten Jahres, zu allseitiger strenger Heimlichhaltung verpflichtet. War doch
des rgerlichen Getrtsches in Gemeinde und Umgegend bergenug laut geworden.
    Ein Liebling der Pfarreingesessenen, wie ihre lteren Schwestern, war das
neckische Rschen von jeher nur bei den besonderen Gelegenheiten gewesen, wo sie
kam, einer Mieke und Marthe den kunstvoll gewundenen Brautkranz um den Zopf zu
legen, oder einem Hinz und Kunz den Totenkranz auf den Sarg. Bauern lieben
gesetzte Leute. Ihre rcksichtslose Leidenschaft hatte die Abneigung dann zu
einem rgernis gemacht und der jhe Tod des Vaters das rgernis nahezu zu einem
Mord. Die Schande hat ihm das Herz abgedrckt, hie es. Nun jedoch, da man die
heillose Kreatur, anstatt sich in den hintersten Weltwinkel zu verkriechen, als
Gesellschafterin der unantastbaren Schlodame unter den Augen der Gemeinde
weiterleben sah, dmpften die schwarzen Gesichte sich in ein zweifelhaftes
Nebelgrau ab; bald vielleicht wrden sie sich vollstndig verzogen haben. Hatte
im Jahre der Demokratie die adlige Herrschaft auch viel von ihrem Nimbus
eingebt, so war durch Lydias aufopfernde Wirksamkeit whrend der krzlichen
Elendszeit nahezu ein Heiligenschein um die unsere gewoben worden; und wahre
Gte wirkt ja allerwrts wie ein reinigender Quell.
    Rose bezeigte sich tapfer und Lydia milde wie ein Engel. Wohl miteinander
werden konnte es indessen den beiden ungleichartigen Naturen, deren Geschick
sich so eigenartig in den Herzen der nchsten Menschen verschlang, keineswegs,
und wohl zumute war auch keineswegs dem Freunde, der ihnen diese Prfungszeit
auferlegt hatte; wohl nicht einmal, wenn er auer ihrer Nhe war. Denn das soll
keiner glauben, da das Bewutsein, recht zu tun um schweren Preis, uns von
vornherein wie ein Johannissegen erquicke. Erst wenn die Wolken sich gelichtet
haben, baut der Friedensbogen sich auf. Es waren die ersten Monate
unberwindlichen Mimuts, die Dezimus durchlebte. Bei dem bewuten kurzen
Interim konnte ihm ein Frohgefhl heimatlichen Wirkens nicht kommen; es lohnte
sich kaum, Beziehungen anzuknpfen, die sich nicht befestigen sollten, ein
Samenkorn auszustreuen, dessen Aufgehen nicht einmal er gewahren durfte und von
dem er nicht wute, ob sein Nachfolger es in seinem Sinne pflegen werde. Zum
ersten Male seit Jahren und strker denn jemals wachte der alte Sternengenius in
ihm auf, und in mancher schlummerlosen Nacht rang er mit dem Versucher, der ihn
von der Kanzel im nordischen Heidewinkel auf die Warte des Chalders lockte.
    Dazu der Zwiespalt im Weltwesen. In ruhigen Zeiten nimmt man Exaltationen
gleich denen, welche in diesem Sommerhalbjahr von Land zu Land aufloderten,
nahezu fr Krankheiten, ber welche der Irrenarzt zu befinden hat; und diese
Erinnerungen werden in beruhigten Zeiten aufgezeichnet. Gesagt sei darum nur,
da fr den jungen Pfarrer von Werben dieses Halbjahr der Tat eine reifende
Schule gewesen war. Er blickte jetzt nicht mehr von fern auf ein
unverstndliches oder gleichgltiges Treiben, er sah die Wetter ber ihm brauen
und unter ihm sich entladen. Nach Anlage, Erziehung und Schicksal stand er auf
einer mittleren Hhe, auf der er jedoch mit aller ihm eignenden Standhaftigkeit
sich behauptet haben wrde. Er bedurfte, um sich frei zu fhlen, nur eines
bescheidenen Raumes, aber innerhalb desselben reiner Luft und eines klaren
Lichtes. Hatte nun bisher der Orkan hei von Sdwesten getobt, so erhob sich von
Tage zu Tage frostiger von Nordosten her der Gegenstrom. Schweres, graues
Novembergewlk trbte die kurze Tageshelle; wer mochte sagen, ob der
Niederschlag noch einmal als zndendes Gewitter oder als dmpfendes
Schneegestber erfolgen werde?
    Wenn nun aber schon er, der fest und mig Gerichtete, an einer befreienden
Klrung verzweifelte, wie tief mute Sidonie, deren Neigung und berzeugung so
weit auseinanderstrebten, unter diesen wechselnden Strmungen leiden? Er hatte
sie nicht wiedergesehen, war aber zu lange ihr Freund gewesen, um nicht zu
spren, unter welchen Kmpfen sie die Skala der Widersprche eines starken
Geistes, welchen die Liebe schwach macht, durchzitterte; und bei aller
innerlichen Entfremdung fehlte ihr anregendes Wesen ihm wie ein Gewrz, an
welches der Gaumen sich gewhnt hat. Sie siechte auch krperlich und verlie ihr
Haus nicht mehr. Dem alten Kinde, zu dessen Wrterin sie sich aufgeworfen hatte,
wirkte der Gttertrank nur noch als Opiat; bei jeder Augenwende konnte der
Halbschlummer in den ewigen hinbergeglitten sein; von den Menschen, mit denen
die Mitteilsame im vorigen Winter so anmutend verkehrt hatte, war auch ihr nur
Lydia treu geblieben, aber Lydias Gegenwart zog ihr das Herz zusammen, whrend
die der einzigen, die es ihr flott gemacht haben wrde, weil auch sie liebte,
trotz allem und allem liebte, Rosens Gegenwart, ihr versagt war. Wohin Dezimus
blicken mochte, in sich wie auer sich, sah er Unruhe und Mibehagen.
    Und der lange drohende, lange ersehnte Niederschlag erfolgte denn endlich
auch so, wie des jungen Mdchens feinsprender Sinn ihn schon vor Monden
verkndet hatte - ohne Blitzesznden. Fast scheint es, als ob auch in der
geistigen Natur die elektrische Spannung beim Nahen der winterlichen Sonnenwende
nicht so mchtig ist, als wenn im Frhling Tag und Nacht sich gleichen. Die
furchtbleichen Hupter richteten sich trotzig empor, die siegflammenden Wangen
entfrbten sich. Viele, die wild gewesen waren, wurden zahm, manche, die zahm
gewesen waren, wild; nur wenige blieben sich unerschtterlich treu; da aber Max
von Hartenstein, der Dichter und Rhetor der Revolution, zu den Getreuen seines
Glaubens jetzt um so ritterlicher stehen werde, hat keiner seiner Freunde oder
Feinde bezweifelt. Auch Sidonie sah in ihm jetzt einen seiner Heimat Verlorenen;
sie grbelte Tag und Nacht ber eine gesicherte Neugestaltung seines Lebens,
htte unverweilt sich mit ihm in der Ferne vereinigen mgen und war doch an den
Schlummerstuhl des blden Greises gefesselt. Im Schlosse von Werben glaubte man,
da Max sich in das Ausland gerettet habe.
    Der Schlag, der in der Hauptstadt gefallen war, zitterte in den Provinzen
nur mig nach; in unserer Gegend war es berhaupt fast ausschlielich die
Festungsstadt, als Enklave rings von erregten Kleinstaaten umgeben, in welchen
die Schrungen von vornherein einen lebhafteren Anklang gefunden. Hatten doch
schwarzsehende Kannegieer schon im Sommer dem sogenannten Doktorputsch eine
gefhrliche Wichtigkeit zugemessen, indem sie, als sein Ziel, einen Handstreich
auf diesen festen Platz ausgewittert. Unbestritten grte in der niederen
Brgerschaft ein gewisses, unruhiges Treiben, gedmpft allein durch das
geschickte und energische Auftreten des kommandierenden Generals.
    Da ein Teil der Besatzung der Armee in den Marken zugeteilt worden war,
hatte man neuerdings zur Verstrkung der Garnison die Reservisten und jngsten
Landwehrklassen der umliegenden Bezirke einberufen, und es gehrte, wie es bei
solchem schematischen Verfahren wohl zu geschehen pflegt, der Reservist Frey zu
diesen Einberufenen, obgleich er als ordinierter Pfarrer von allen
Mordgeschften entbunden gewesen wre, selbst wenn er den zum Regieren der
Mordwaffen erforderlichen Arm nicht in der Binde getragen htte. Er hatte sich
seit Wochen einen Ausflug nach der Festungsstadt vorgenommen, bevor er in sein
neues Amt bersiedelte; er glaubte dem redlichen Freund Kurze die Mitteilung
dieser geplanten Lebenswendung schuldig zu sein, gedachte, von seinen
kriegerischen Kameraden Abschied zu nehmen, Martin und seine gtige Mutter noch
einmal wiederzusehen, da er ja einen wie den anderen vielleicht fr immer aus
den Augen verlor; vor allem aber verlangte ihn, seinem Bruder, der in der Krze
seinen lieben Herrn, anjetzo General, in dessen neue Garnison begleiten wrde,
noch einmal die Hand zu drcken. Die Einberufung beschleunigte nun die
Ausfhrung dieses Plans. Es mutete Held Dezimus pltzlich an, den Schematismus
zu bergipfeln und anstatt sich schriftlich abzumelden, es persnlich an Ort und
Stelle zu tun. Mglich, da sogar eine Art von loyaler Demonstration - um ihrer
Wohlfeilheit willen verschmt! - im Hintergrunde schimmerte. Die Einberufung war
nirgendwo mit patriotischem Hochgefhl begrt worden, die gehorsame
Folgeleistung des verwundeten Pfarrherrn drfte etwa murrenden Wehrkameraden
daher immerhin ein wackeres Beispiel geben. Kurz und gut, Held Dezimus war
gewillt, fr ein paar Tage seine Milaune gemtlich und patriotisch zu
zerstreuen.
    Als er am Nachmittag aus der Stadt, wo er die Vorkehrungen fr seinen
Ausflug getroffen hatte, zurckkehrte, strzte ihm die litauische Lene, die
seine Haushlterin geworden war, mit verstrten Mienen entgegen. Der schandbare
Junker war wieder da! Ja, er hatte die Schandbarkeit so weit getrieben, um
frank und frei auch auf dem diesseitigen Ufer spazieren zu gehen, am Hnengrabe
vorbei, die Gartenmauer entlang, ber den Gottesacker, wo er eine lange Weile
vor dem frischen Hgel des alten Pfarrers still gestanden, durch das Dorf und
unterhalb der Schloterrassen bis zum Fhrboot, in welchem er auf Mehlbornschen
Grund zurckgekehrt war.
    Die alte Lene hatte dem dazumal scharmanten Junker mehr als erlaubt
goldene Brcken gebaut, solange sie an ihn als ihres Herzblttchens Zuknftigen
geglaubt; nun er das Herzblttchen so schandbarerweise in Verruf gebracht hatte,
war die Hlle nicht hei genug fr den Teufelsbraten geheizt. Auch hatte, ihrer
Darstellung zufolge, der Hllenkandidat sich bereits zu einem richtigen
Ruberhauptmann umgemodelt, trug statt der zierlichen Locken von ehedem einen
wilden Haarwuchs, statt des blonden Schnurrbrtchens auf der Oberlippe einen
fuchsroten, struppigen Vollbart, und was er auf dem Leibe hatte, war der
Wstigkeit des Hauptschmuckes entsprechend. Aber die alte Lene litt an blden
Augen und nicht blo im Traume mitunter an feindlichen Erscheinungen. Ihrem
jungen Herrn wollte diese neueste Erscheinung nicht recht einleuchten. Selbst
Sidonie hatte, da sie keine Kunde von ihm oder ber ihn erhalten, ihren Bruder
auer Landes in Sicherheit geglaubt. Sollte sie die Gefahr fr ihn so wesentlich
berschtzt haben? Indessen ging Dezimus die Sache doch im Kopfe herum, und so
begab er sich nach dem Schlosse, sie mit den Freundinnen zu beraten.
    Rose kam ihm nicht wie sonst, wenn sie seinen Schritt auf der Treppe
erlauscht hatte, entgegengesprungen. Auch im Wohnzimmer sa Lydia ruhig lesend
allein. Doch besttigte sie die feindliche Erscheinung. Max war gesehen worden,
zwar nicht von ihr selbst, aber von dem alten Wagner und, am entscheidendsten,
von Rosen, als er, eine lange Weile am Ufer auf und ab schlendernd, sich mit
etlichen begegnenden Landleuten und auch mit dem alten Fhrmann unterhalten
hatte; durchaus gegen seine bisherige hflich ablehnende Gewohnheit. Denn der
volksfreundliche Dichter besa die feinen, empfindlichen Sinnesnerven
geistreicher Kpfe; er konnte den gemeinen Mann - selbstverstndlich nur
buchstblich genommen - nicht riechen. Wo aber eine reale Antipathie der idealen
Sympathie in das Gehege kommt, behlt leider gewhnlich, und nicht blo bei fr
Gleichheit schwrmenden Aristokraten, die Antipathie die Oberhand.
    Kein Zweifel demnach: Max wollte bemerkt sein, wollte zeigen, da er nicht
so kompromittiert sei, als selbst seine Schwester angenommen, da er sich
vollkommen sicher fhle und vielleicht sogar die Absicht hege, das lndliche
Herrenleben fortzufhren. Lydia konnte nicht verhehlen, da Rosen, trotz der
Herrschaft, die ihr ber das bewegliche Temperament gelinge, eine starke
Erregung anzuspren gewesen sei; sie riet, das arme Kind aus der beunruhigenden
Nhe zu entfernen, bis der Grund jenes geflissentlichen Gebarens sich aufgeklrt
haben werde.
    Denn, so sagte sie, in seltener bereinstimmung mit Sidonien, warum
sollte fr diesen unsteten Geist ein endliches Bedrfnis der Treue undenkbar
sein? Warum sollte er nach der alle Krfte berspannenden Aufregung in
huslicher Herzlichkeit nicht Frieden suchen und finden? Rose liebt ihn, so wie
er ist, und so wie sie ist, das heit viel charaktervoller, als ich das
anmutsvolle Kind bisher beurteilt hatte, wte ich kein geeigneteres weibliches
Wesen, um ihn nicht nur zu reizen, sondern auch dauernd zu fesseln. Fr sie
selbst und auch fr Sie, Freund, wre dieser Abschlu aber jedenfalls weit
natrlicher als der, welchen Sie hochherzig in das Auge gefat haben.
    Sie schlug nun vor, da Rose ihren Bruder auf seiner kleinen Reise begleiten
und einige Zeit bei Frau von Hartenstein, die sie wiederholt freundlich zu sich
eingeladen hatte, verweilen solle.
    Dezimus ging in Rosens Zimmer; der Abend dmmerte. Sie lag auf dem Sofa, die
Augen halb geschlossen, die Lippen halb geffnet, die Wangen flammend wie im
Fieber. Du weit es? rief sie ihm entgegen und - aufgewachte Erinnerungen,
aufgewachtes Verlangen, aufgewachte Hoffnung - nur nicht aufgewachte Furcht
klang aus dem Vibrieren ihrer Stimme. Hatte er Lydias Vorschlag ihrer Wahl
anheimgeben wollen, so sprach er ihn jetzt aus als unumstlichen Entschlu.
    Sie machte jach eine abwehrende Bewegung, sann aber dann eine Weile nach und
sagte endlich: Ja, ja! bringe mich fort! Freiwillig versprach sie auch, da die
Reise erst am bernchsten Tage angetreten werden konnte, sich nicht aus dem
Schlosse und Lydias Nhe zu entfernen.
    Htte Sidonie ihr Gebaren zu deuten gehabt, sie wrde gesagt haben: Es
heit hoffen, nicht verzichten. Der kleine Schlaukopf hat gelernt, wie ein Max
zu fesseln ist.
    Lydia und Dezimus dahingegen sagten: Sie kmpft gegen einen natrlichen
Zauber, aber mit dem Willen, ihn zu besiegen.
    Beide hatten vielleicht recht. Im Wogen der Leidenschaft tauchen Dmonen und
Genien nebeneinander in die Hh und wieder unter. In den Krisen, die sie
aufwirbelt, entscheidet aber ohne Wahl ihr Erstgeborener, der Affekt.
    Der folgende Tag verging ohne Behelligung und ohne Spur von dem feindlichen
Zauberer. Hielt er sich zurck? Hatte er die Gegend wieder verlassen? War er -
eine Phantasmagorie des Hasses und der Sehnsucht - vielleicht gar nicht
dagewesen? Um nicht schlechthin in das Blaue hinein zu handeln, war Dezimus nahe
daran, geradenweges Sidonien zu befragen, ob ihr Bruder die Absicht hege, sich
in der Heimat niederzulassen. Nach besserem Besinnen verschob er indes die Frage
bis nach seiner Rckkehr. Er gnnte unter allen Umstnden der armen Rose einen
zerstreuenden Wechsel, und hatte die Gefahr sich verzogen, war eine Heimholung
ja leicht bewerkstelligt.
    Sie fuhren ab. Rose lachte, und Dezimus lachte selbst ber die Figur, welche
er in seinem Reisekostm spielte. Weil eine scharfe Luft wehte und der
verbundene Arm sich nicht bequemlich in den wrmenden Paletot fgen wollte,
hatte er ber den langen schwarzen Pfarrerrock den kurzen, bunten Soldatenmantel
gehngt und dementsprechend im Coupe den hohen, steifen, schwarzen Hut mit der
handlichen Feldmtze vertauscht, die er zufllig in der Tasche des Mantels fand.
Zahlreiche Wehrleute fllten von Station zu Station den Zug, da der morgende Tag
der der Gestellung war. Der Nachmittag war vorgerckt, bevor das Ziel erreicht
ward.
    Als man das dunkle Festungstor passiert hatte, fand man den Bahnhof
militrisch besetzt, der umgebende Wall war mit Kanonen bepflanzt, aus dem
Inneren der Stadt hrte man Schsse fallen.
    Auf dem Perron wirres Treiben und Drngen; Angst und Entsetzen krchzten wie
Raben in der Luft! Eine Revolte, so hie es, sei ausgebrochen, mit Hlfe der
renitenten Landwehr die schwache Besatzung berrumpelt worden. Barrikaden, lange
Zeit heimlich vorbereitet, ragten im Handumdrehen huserhoch aufgetrmt; das
Blut flsse in Strmen; der Belagerungszustand sei erklrt. Die Reisenden,
welche in der Stadt hatten einkehren wollen, eilten ohne Aufenthalt weiter nach
der nchsten Station; die Fremden, die in der Stadt geherbergt hatten, drngten
fliehend nach den abgehenden Zgen. Sie wurden streng gemustert, und wenn sie
der Legitimation entbehrten, polizeilich zurckgehalten. Der Pfarrer von Werben
und seine Schwester waren die einzigen zurckbleibenden Passagiere, und da er
sich weislich mit einem Pa fr sich und sie versehen hatte, durften sie
ungehindert sich in den Wartesaal, dem einzig gestatteten Ein-und Ausgang,
verfgen, von dort aus aber ihre Schritte lenken, wohin ihnen beliebte.
    Zu den ungeheuerlichen Gerchten, welche auf dem Bahnhofe gespukt hatten,
stimmte indessen verwunderlich wenig die de der Strae, welche die Geschwister
jetzt betraten. Nur aus der Ferne fiel dann und wann noch ein Schu. Ortsfremd,
wie er war, hielt Dezimus es fr geraten, Rose in einem dem Bahnhofe zunchst
gelegenen Gasthause unterzubringen, whrend er selbst ber die Lage der Dinge
Erkundigung einzog.
    Der Wirt stand vor der Torfahrt, wie er lachend sagte, als einziger
huslicher Insasse, mit Ausnahme seiner Frau, die vor Schrecken krank zu Bett
liege. Die Gste seien entflohen, fr Kellner und Mgde sei kein Halten gewesen.
Die liebe Neugier habe sie samt und sonders auf den Tummelplatz des Skandals im
Inneren der Stadt getrieben.
    Whrend er die Herrschaften in das erste beste Zimmer zu ebener Erde fhrte,
erklrte er indes zu ihrer Beruhigung die sogenannte Revolte fr einen
erbrmlichen Krawall und auch diesen fr so gut wie unterdrckt. Nur aus bermut
werde noch hier und dort ein Gewehr abgefeuert. Die Zahl der Gefallenen auf
seiten der Truppen sei kaum nennenswert, auf seiten des Pbels leider Gottes!
weit geringer als, um des guten Exempels willen, zu wnschen wre: Die
militrische Ttigkeit beschrnke sich lediglich noch darauf, die Huser nach
dem Gesindel, das sich in sie geflchtet habe, zu durchstbern; vor allem nach
den wohlbekannten Rdelsfhrern. Ist es nicht wie ausgestorben? fragte er
lachend, da er die Herrschaften an das Fenster treten sah. Die Vorsichtigen
haben sich in ihren Wohnungen abgesperrt, die Vorwitzigen sind ausgeflogen
dorthin, wo sie etwas Schreckliches zu hren und zu sehen vermuten. Im
Mittelpunkte der Stadt, der in seiner Bauart an und fr sich schon einem Gekrse
gleicht, mag es ein schnes Schieben und Drngen geben! Nichts geht dem Plebs
ber das Totgedrcktwerden!
    Dezimus unterbrach den mitteilsamen Herrn mit der Frage nach dem
Bataillonsbureau, in dem er sich zu melden hatte. Die Strae lag, nahe
erreichbar, abseiten des Gewhls. Auf die weitere Frage nach der Wohnung der
Frau von Hartenstein prallte der leichtherzige Herr Wirt erschrocken zurck. Er
hatte ein argloses Zutrauen zu seinem geistlich gekleideten Gaste gehegt, da
Pfarrer und Hoteliers gemeinhin konservative Gesinnungsgenossen sind, - nun
musterte er ihn mit den bedenklichsten Mienen.
    Von Hartenstein! rief er, nachdem er sich physiognomisch beruhigt hatte.
Von Hartenstein, sagen der Herr? Aber das ist gerade ja der, auf welchen man,
als den Urheber des Unternehmens, fahndet! Und klug und verwogen wre der Patron
schon dazu! So ein fester Sttzpunkt, halben Wegs zwischen Frankfurt und Berlin,
der Plan war, wei der Deixel, nicht ohne! Wenn der Streich morgen, am
Stellungstage, mit geschulten Leuten unternommen worden wre, kein Zweifel, da
man mit Kanonen darein htte fegen mssen, und die halbe Stadt wre zu einem
Trmmerhaufen zusammengeschossen worden. Unser Herr Kommandant lt, Gott sei
Dank! nicht mit sich spaen. Heute ist er in Dienstgeschften auswrts, und weil
man ihn morgen wieder auf seinem Posten wute, hat man - ein Heidenglck diese
Dummheit! - die Ladung vorzeitig zum Platzen gebracht. Denn mit unserer
Gassenbande allein brauchte freilich nicht viel Federlesens gemacht zu werden.
Die Hauptsache ist nur, dem roten Hartenstein endlich den Garaus zu machen!
    Dezimus erklrte, da nicht dieser Hartenstein es sei, nach dessen Wohnung
er gefragt, sondern ein junger Offizier vom *sten Regiment, der erst vor kurzem
hierher versetzt worden sei, und da Herr Goldmann noch nicht die Ehre hatte, den
Betreffenden zu kennen, entfernte er sich, das Adrebuch herbeizuholen.
    Rose hatte sich whrend des Wirtes Rede an eine Stuhllehne geklammert; ihre
Glieder flogen, das Gesicht, das sie dem Fenster zugekehrt hielt, war
schattenbleich, die Zhne schlugen wie im Fieberfrost aneinander. Dezimus suchte
sie zu beruhigen, wennschon ihm selbst nichts weniger als ruhig zumute war.
    So glaube doch solcher Wirtshauskannegieerei nicht, Kind, sagte er. Wie
wre diesem vermeintlichen Urheber solch ein Tollmannsstreich zuzutrauen? Und
wissen wir denn nicht am besten, an welchem Orte derselbe zu suchen ist?
    Der Wirt trat wieder ein. Er brachte Licht, denn es war in der Zwischenzeit
dmmerig geworden, und den Wohnungsanzeiger. Der Leutnant von Hartenstein war
noch nicht darin aufgenommen. Dezimus meinte, da er sich im Bataillonsbureau
nach ihm erkundigen werde, und legte, nachdem der Wirt, um nach seiner kranken
Frau zu sehen, sich entschuldigend zurckgezogen hatte, sein Soldatenzeug ab. Er
gedachte seine dienstliche Angelegenheit so rasch als mglich abzutun und mit
Rosen heute noch heimzukehren; wenn auch leider wahrscheinlich erst mit dem
Abendzuge, da der nachmittgige binnen einer halben Stunde abging. Wie
verwnschte er seine loyale Demonstration!
    Nimm mich mit, Dezimus! prete Rose hervor, indem sie sich an seinen Arm
klammerte.
    In ein Militrbureau? entgegnete er lchelnd. In kurzem bin ich zurck
und bleibe dann bei dir, oder fhre dich, wenn du es wnschest, zu Frau von
Hartenstein. Soll ich dir ein Zimmer im oberen Stock, wo es ruhiger ist, geben
lassen?
    Es ist ja auch hier ruhig, versetzte sie, pltzlich gefat. Ich schliee
die Tr. Geh nur, geh!
    Dezimus ging. Rose ffnete das Fenster und sah ihm nach, bis er in einer
Seitengasse verschwand. Es war noch Zwielicht, aber die Straenlaternen wurden
bereits angezndet. Ringsum Seelenstille. Rose zitterte noch immer. Frchtete
sie sich? O, gewi nicht. Die kleine Rose war nicht furchtsamer Art, und was
htte sie auch fr sich selbst zu frchten gehabt? Sie zitterte fr einen
anderen, sie sphete nach ihm, htte - vor ihm fliehen? - nein, htte mit ihm
fliehen, ihn retten mgen um jeden Preis. Sie dachte nur an ihn; es war, als ob
sie seine Gegenwart wittere. Und doch ringsumher kein Mensch.
    Pltzlich hrte sie Tritte. In der Ferne kam eine Patrouille die Strae
entlang. An ihrer Spitze ein Offizier, dessen gezogenen Sbel sie im Lampenlicht
blitzen sah. Sonst niemand.
    Aber da - da - aus einem Quergchen einbiegend, eine Gestalt, - der, nach
dem sie gespht! Nicht der visionre Ruberhauptmann mit rotem, struppigem Haar
und Bart, ein elegant gekleideter Tourist, geht er raschen, aber sicheren
Schrittes dicht unter ihrem Fenster hin dem Bahnhofe zu. Wenige Schritte, und
das Kommando mu ihn berholen. Max! rief sie, Max!
    Er blickte in die Hhe; bei der doppelten Beleuchtung von auen und innen
wurde auch sie augenblicks erkannt. In der nchsten Minute stand er ihr im
Zimmer gegenber.
    Ist hier ein Ausgang nach der entgegengesetzten Seite? fragte er ohne
merkliche Aufregung, whrend sie besonnen die Kerzen auf dem Tische ausblies und
das Fenster schlo.
    Das Zimmer hatte nur die Tr, durch die er eingetreten war; Rose flog, sie
zu sperren. Der Riegel war eingerostet, der Schlssel steckte von auen. Indem
sie, um ihn abzuziehen, die Tr leise ffnete, prallte sie gegen den
eindringenden Offizier. Martin, gottlob, Martin!
    Sie war im jachen Ansto auf der ueren Schwelle zu Boden gestrzt; er wie
ein Rasender an ihr vorber in das Zimmer gerannt, deren Tr er hinter sich in
die Angel schlug. Von drauen herein hallten die Tritte des Kommandos. Atemlos
lauschte sie, auf ihren Knien liegend. Es marschierte vorber dem Bahnhofe zu.
Wie erlst sprang sie auf, wollte in das Zimmer zurck, - da trat der Wirt aus
der gegenberliegenden Tr.
    Der Offizier der Patrouille ist in das Haus getreten, rief er lachend;
vermutet wohl gar bei mir den roten Hartenstein? Ein dicker Irrtum, mein Herr
Leutnant; im Hotel Goldmann sucht kein Verschwrer Unterkommen.
    Es ist ein Kriegskamerad, der meinen am Fenster stehenden Bruder erkannt
hat und fr einen Moment bei ihm eingetreten ist, versetzte Rose mit
vollkommener Ruhe. Ihren roten Hartenstein sollen sie brigens, hrte ich
recht, entdeckt haben. Ich kam, Sie um ein paar Streichhlzer zu bitten, Herr
Wirt. Der Windzug hat uns die Lichter ausgeblasen. Und dann: ein Beefsteak fr
meinen Bruder. Aber, bitte, recht bald. Er hat Eile.
    Damit folgte sie dem Wirt in die jenseitige Schenkstube.
    Drben im Fremdenzimmer standen whrenddessen Martin und Max sich auf
Armeslnge gegenber, der eine mit gezcktem Degen, der andere mit gespanntem
Terzerol. Ein rascher Degenhieb schlug es ihm aus der Hand.
    Kanaille! schrie Martin und drang in sinnloser Wut auf seinen Verwandten
ein, der ruhig wie eine Sule stand, ein zweites Terzerol ihm entgegenstreckend.
    Eine Minute lang ging kein Atemzug durch den Raum, und in dieser Minute war
Martin seiner Vernunft wieder so weit mchtig geworden, um zu sagen: Spare dir
den Mord, du hast genug auf dem Gewissen. Entkommen kannst du nicht; drauen
steht meine Mannschaft. Aber siehst du, du heit einmal von Hartenstein, und ich
mchte doch nicht, da ein Hartenstein als Zuchthusler endigt. Darum warte, bis
ich sie abgefhrt, und dann - flieh!
    Sobald Sie mir Genugtuung gegeben haben, werde ich tun, was mir beliebt,
entgegnete Max mit eisiger Klte. Dort am Boden liegt mein Pistol; die
Straenlaterne gibt hinlnglich Licht. Whlen Sie Ihren Platz. Schieen Sie.
    Hier im Zimmer? du bist verrckt! sagte Martin. Mach, da du fortkommst,
mit der Person oder ohne sie. Ich habe die Wache am Bahnhof. Ich drcke meine
Augen zu. Damit wendete er sich nach der Tr.
    Nun denn, rief der andere mit erhobener Stimme, auf die Kanaille eine
Memme! Ein Hasenfu, der sich nicht schiet!
    Martin zitterte vor Zorn; aber der Zorn, der andere blind macht, ihn machte
er klar. Ich bin im Dienst, sagte er, als ob er mit sich selbst berlege, doch
mit lauter Stimme. Nicht jetzt und nicht hier! Morgen in Werben - nein, nicht
in Werben, der Skandal soll der Familie erspart werden. Halben Wegs zwischen
dort und hier. In H. Ein stilleres Nest gibts im Winter nicht. Punkto zwlf im
Mordtal jenseit der Ruine. Sekundanten brauchen wir nicht. Ich fnde keinen
gegen einen wie - du, und einen, den du fndest, knnte ich nicht akzeptieren.
Schieest du mich nieder, nun, so hast du deine Rolle wrdig ausgespielt. Fllst
du - -
    Ich bitte, sich ber diese Eventualitt nicht zu beunruhigen, unterbrach
ihn Max mit einem Wink nach der Tr. Auf Wiedersehen morgen um die
Mittagsstunde im Mordtal jenseit der Ruine.
    Martin ging. Unter der Tr rief er noch zurck: Hre, Max, verliere keine
Zeit. Das Hotel kann jede Minute durchsucht werden. Kommts heraus, werde ich
infam kassiert. Aber - du bist einmal ein Hartenstein.
    Kaum fnf Minuten waren seit der verhngnisvollen Begegnung hingegangen. Als
Martin hastig die Torfahrt durchschritt, trat Rose aus dem Schenkzimmer.
Erschleuderte auf die Person einen verchtlichen Blick; den Zeigefinger auf
den lchelnden Lippen nickte sie ihm zu wie ihrem allerzrtlichsten Freund.
    Gott sei Dank, da sie ihn haben, Herr Leutnant! rief der Wirt, der Rosen
gefolgt war.
    Wen? fragte der Leutnant barsch.
    Den roten Hartenstein, wen denn sonst?
    Der Leutnant strzte mit einer grimmigen Gebrde aus dem Tor.
    Unser Beefsteak, Herr Wirt, so rasch als mglich, drngte Rose, und Herr
Goldmann rannte die Treppe hinan, um seine Frau mit der Freudenpost, da sie den
roten Hartenstein htten, wieder flott und, in Abwesenheit der Kchin, fr die
Bereitung des Beefsteaks fhig zu machen.
    Rose zog den Schlssel von ihrer Zimmertr, trat ein und schlo hinter sich
ab. Weder sie noch Max sprach ein Wort. Sie schlang aus ihrem Trauerschal eine
Binde, in welche sie seinen Arm legte, stlpte ihm ihres Bruders Feldmtze auf,
hngte ihm seinen Militrmantel um; dem Himmel Dank! die Psse steckten in der
Tasche. Und da der verrterische Vollbart, den ein Pfarrer nicht zu tragen
pflegt, abrasiert worden, auch das war ein Glck. Sie gab ihm seinen Hut in die
Hand, so wie ihr Bruder den seinigen vorhin getragen hatte; sie dachte an jede
Kleinigkeit, - nur an ihren alten Dezimus dachte sie nicht. Sie zndete sogar
vor dem Fortgehen die Kerzen wieder an, damit der Wirt das Zimmer noch fr
besetzt halte. Das erste Signal wurde eben gegeben, als sie an Maxens Arm den
Bahnhof betrat. Whrend sie die Billette lste, zeigte er die Psse dem
nmlichen Polizisten, welchem Dezimus sie vor noch nicht einer Stunde gezeigt
hatte.
    Kurios, wie das Lampenlicht tuscht, dieser Pastor ist mir vorhin einen
halben Kopf grer vorgekommen! dachte der Polizist, whrend die beiden eben
noch Zeit hatten, ein unbesetztes Coup aufzufinden und zu besteigen. Der
wachthabende Offizier stand, ihnen den Rcken zuwendend, am entgegengesetzten
Ende des Zugs.
    In der Stadt hat man noch tagelang nach dem roten Hartenstein geforscht.
Niemand hat je bezweifelt, da er der Urheber der Emeute gewesen ist, aber
niemand hat auch je ergrndet, wie er aus den geschlossenen Toren hat entkommen
knnen.

Des Reservisten Frey dienstliche Meldung war so rasch, als er vorausgesetzt,
erledigt worden. Wenn Sie jemals wieder unter die Fahne berufen werden, Herr
Pfarrer, hatte sein Kommandeur lchelnd gesagt, wird es als Feldgeistlicher zu
einem ernsthafteren Kampfe als dem heutigen sein.
    Er dachte nicht mehr an Bruder und Freunde, sondern nur, Rosen womglich
noch mit dem Nachmittagszuge heimzugeleiten. Als er mit Sturmesschritten das
Hotel erreichte, hrte er ihn von der entgegengesetzten Seite heranbrausen; es
war also noch Zeit zum Fortkommen. Hastig betrat er sein Zimmer; Rose war nicht
darin, auch sein Soldatenzeug fehlte. So hatte sie sich dennoch in das obere
Stock geflchtet. Er ging in die Gaststube. Vom Perron schallte das erste
Signalluten.
    Die junge Dame hat etwas liegen lassen? fragte der Wirt. Warum haben Sie
sie nicht ruhig hier gelassen? Ich sah oben aus dem Fenster meiner Frau, wie Sie
sie nach dem Bahnhofe fhrten, und bemhte mich vergeblich, Ihnen zuzurufen, da
Sie es nicht ntig htten. Der Spuk ist zu Ende, der rote Hartenstein
eingefangen. Die junge Dame, - sie sprach von Ihnen als von einem Bruder, ich
wrde sie weit eher fr Ihre Frulein Braut gehalten haben, so zrtlich
schmiegte sie sich ja an Ihren Arm, - hat mir den glcklichen Fang selbst
mitgeteilt, auch schien sie nicht im entferntesten besorgt zu sein. Holen Sie
sie zurck; noch ist es Zeit, oder wenn nicht, so hoffe ich, da Sie zum
wenigsten ber Nacht mein Haus beehren.
    
    Ein grausamer Blitz der Hellsicht hatte whrend dieser Rede des armen
Dezimus Hirn durchzuckt. Was er dem Wirt geantwortet hat, ist ihm nicht bewut
geblieben. In solchen Momenten spricht und handelt im Menschen die Maschine.
Atemlos erreichte er die Rampe, die zu dem Bahnhoffhrte, halb besinnungslos
rttelte er an der geschlossenen Gittertr; der Zug hatte sich in Bewegung
gesetzt, in der nchsten Minute pfiff er durch das dunkle Festungstor. Er war zu
spt gekommen, zu spt! Aber wrde die Erinnerung an seine Mannesjahre die eines
Glcklichen gewesen sein, wenn er in der Wut des Wahnsinns den Verfolgten fnf
Minuten frher unter die Augen getreten wre?
    Du suchst deine Rose. Armer Junge, sie ist auf und davon - mit ihm! So
flsterte Martin, der ihn bemerkt hatte und zu ihm heraus auf die Rampe getreten
war, in sein Ohr.
    Er zog darauf des Freundes Arm in den seinen, und whrend er ihn in dem
rckwrts liegenden stillen Hofe auf und nieder fhrte, ergo er sein
aufgeregtes, bervolles Herz gewohnterweise in behaglichen Strmen.
    Siehst du, Dezimus, sagte er, seinen Vortrag noch einmal zusammenfassend,
siehst du, du kannst dir von meiner Wut gar keine Vorstellung machen. So mu es
in Spanien einem Stier zumute sein, vor dessen Augen sie in einem fort mit einem
roten Lappen wedeln. Wo ich hinhrte, schimpften sie auf den roten Hartenstein,
wo ich hinsah, stberten sie nach dem roten Hartenstein; die Kerle von meiner
Kompagnie glotzten oder schielten mich auf den roten Vetter Hartenstein an, und
wie ich die beiden braven Jungen dicht hinter mir fallen sah, - ja, wrs auf dem
Felde der Ehre gewesen, gegen einen Feind, vor dem man Respekt hat, was kann
einem am Ende Schneres passieren? aber in einem Straenkrawall gegen solch
verruchtes republikanisches Gesindel, - da hab ich mirs geschworen, da ich ihr
junges Blut an dem roten Hartenstein rchen wollte. Und wie ich ihn nun auf
einmal aus dem Fleischergchen biegen sehe, es war beinahe schon dunkel, aber
in solcher Bosheit erkennt einer einen, den er sucht, in pechrabenschwarzer
Nacht, siehst du, Freund, da htte ich ihn niederstechen mgen wie einen tollen
Hund, wrde Schande halber am Ende ihn aber doch haben entwischen lassen, wenn
ich nicht unter der Tr auf dein Rschen gestoen wre. Das liebe, herzige Ding
entfhrt, verfhrt, zugrunde gerichtet durch den nichtswrdigen Patron, siehst
du, Dezimus, da fuhr mir die Kanaille so heraus, die ein Hartenstein freilich
nicht auf sich sitzen lassen kann, und wenn er zehnmal eine ist.
    Dezimus war whrend der langatmigen Auseinandersetzung seiner selbst so weit
Herr geworden, um dem Aufgebrachten den Irrtum in betreff Rosens aufzuklren,
worauf der gute Junge, pltzlich besnftigt, mit einem Seufzer sagte: Ja, htte
ich das vorher gewut, um so lieber htte ich ihn entwischen lassen und ihm die
Kanaille ganz gewi erspart.
    Aber geschehen war nun einmal geschehen; einem Hartenstein durfte
Satisfaktion nicht verweigert und der Hasenfu von einem Leutnant nicht
eingesteckt werden. Und darum, alter Freund, fuhr er fort, es tut mir leid um
dich, und es schickt sich eigentlich fr einen Geistlichen auch nicht, aber
einer, ein einziger mu am Ende um die Affre doch wissen und wenigstens von
weitem dabei zugegen sein. Einer von uns beiden bleibt ganz gewi, wer wei, am
Ende bleiben wir alle zwei, und wir knnen in dem eindigen Walde doch nicht wie
die Kadaver von angeschossenem Wild verenden und liegen bleiben? Weil aber so
manches darum und daran hngt, womit du, als Vertrauensmann der Hartensteinschen
Familie, dich allein befassen kannst, darf dieser eine kein anderer sein als
du.
    Dezimus reichte ihm zusagend die Hand. Es wrde ihm nicht beigekommen sein,
diesem Hartenstein sein blutiges Vorhaben auszureden, auch wenn er selbst in
dieser Stunde es fr einen Frevel erachtet htte. Er schrfte ihm nur ein, auch
fr einen rztlichen Zeugen Sorge zu tragen, und verwies ihn an den
zuverlssigen beiderseitigen Freund Kurze. Dann aber strmte er fort, um allein
zu sein. Allein mit den tobenden Geistern der Hlle in seiner Brust, mit seinem
Ha, seiner Rache, seiner Wut.
    Die Tore waren gesperrt; er durfte mit seiner bsen Genossenschaft nicht
hinaus in das einsame Freie. Aber auch auf den Straen war es ja still und am
stillsten da, wo es den Tag ber am geruschvollsten getost hatte. Er rannte sie
auf und ab, kreuz und quer, stundenlang unter dem sternenlosen, nebelnden
Novemberhimmel, ber dem mit Blut bespritzten Boden. Er dachte nicht daran, da
in manchem Hause, an dem er vorberstrich, bittere Trnen flossen, Herzen in
Todesngsten schlugen. Wenn aber das Merkmal der Mnnlichkeit das sein sollte,
da es dem Jngling gelingt, die Sturmgeister des Blutes wie Feinde vor sich
niederzuwerfen, so ist Dezimus Frey erst in diesen nchtigen Stunden ein Mann
geworden. Und ob man den Mann zum Glcklichen erklre, weil er ber jene Geister
ein Sieger ward, oder zum Sieger, weil er ein Glcklicher war, sein Mannesglck
wurzelte in diesen nchtigen Stunden.
    Als er vor Abgang des Abendzuges nach dem Bahnhofe zurckkehrte, war der
Sicherheitswchter des Tages abgelst worden von einem, der sich ber die
mangelnde Legitimation nicht zufrieden geben wollte. Die blauen Augen, das
blonde Haar, wenn es sich just auch nicht lockte, stimmten zu dem Signalement
des roten Hartenstein; die Brgschaft, welche der wachthabende Leutnant von
Hartenstein fr den ihm befreundeten Pfarrer eines Hartensteinschen Gutes
bernahm, verdoppelte das Mitrauen; der in der Binde ruhende Arm, die
Totenblsse, der Angstschwei auf seiner Stirn steigerten das Mitrauen zum
gegrndeten Verdacht, und so wrde der friedliche Pfarrherr von Werben, zum Lohn
fr seine loyale Demonstration, die Nacht als roter Hartenstein in den
Kasematten verbracht haben, htte sein guter Stern nicht, zum Empfang des mit
dem erwarteten Zuge zurckkehrenden Generals, seinen Kommandeur auf den Bahnhof
gefhrt, dessen Zeugnis sich denn der brgerliche Wchter der Sicherheit wohl
oder bel beugen mute.
    Hatte auf seinem Abendgange Dezimus sich nun mit den innerlichen
Sturmgeistern notdrftig auseinandergesetzt, so galt es nunmehr, whrend der
nchtlichen Heimfahrt mit dem nchternen Hausgeist Vernunft zu einem Ziel zu
gelangen. Was sollte und wollte er zunchst? Die Flchtigen suchen. Aber wo sie
finden vor dem unseligen Geschehnis des morgenden Tages? Bei Sidonien, bei
Lydia? Gewi nicht. Die Gefahr des Entdeckt- und Aufgehaltenwerdens war in der
Heimat grer als anderwrts, abgesehen von der Schwierigkeit, morgen bei hellem
Tage unbemerkt den Ort des Stelldicheins zu erreichen. In dessen Nhe wrden sie
ohne Zweifel weilen.
    Und da war denn der Zug, mit dem er fuhr, ein Eilzug, der, gegen sein
Erwarten, Winters in dem stillen Badedorfe nicht anhielt. Hatte die Fahrt dem
Ungeduldigen bereits eine Ewigkeit gednkt, so mute er nun noch bis zu der
nchsten Stadt dampfen und von da aus nahezu eine Meile zu Fu rckwrts
wandern. Er kannte und liebte die Gegend, sie war ja sein Heimatstal. Wie so
manchesmal hatte er singend und pfeifend die maifrischen Buchenwlder
durchstreift, wenn nach einer lustigen Fahrt die Kommilitonen der nachbarlichen
Universitten auf der Ruine Pfingsten feierten; wie so manchesmal als
stillvergngter Gesell inmitten der lautvergngten, an der Tafel des einzigen
Wirtshauses im Badedorfe kommersiert! Heute ist es nebeldicke Novembernacht, der
Wald, dessen Saum entlang er schreitet, streckt die entlaubten ste wie drre
Gerippenarme ihm entgegen; in diesem Walde aber soll, wenn es Mittag geworden,
ein blutiges Werk vollbracht werden, an welchem er teil hat wie an einem
eigensten Geschick, und wenn er an das Tor des Gasthauses klopft, geschieht es,
um ein verzweifelndes Weib zu finden, das nach einer mutigen Liebestat unter
Todesschauern ringt.
    Aber wahrlich, selbst bis zum Verzweifeln mute er klopfen und rtteln,
bevor der Hausknecht das Tor endlich ffnete und den seltenen Wintergast mit
schlaftrunkenen Augen anstarrte. Dieser forderte ein Zimmer - das er nicht
betrat, einen Imbi - den er nicht berhrte. Wie verloren warf er die Frage hin,
ob das Haus von Gsten stark besetzt sei? Leider war es seit Wochen nur von den
Eingesessenen besetzt, eine Auskunft, die kurz darauf Herr Strobel, der
Scheffelwirt, besttigte.
    Herr Strobel begrte den Ankmmling wie einen alten Bekannten; er hatte den
Hnen der Studentenschaft in gutem Gedchtnis behalten, obschon dieser niemals
mit Sbel und Sporen geklirrt, auch weniger Seidel ausgestochen hatte als der
bescheidenste Knirps. Auch von seinem kriegerischen Migeschick und dem so frh
errungenen geistlichen Amte erwies sich Herr Strobel durch das Kreisblttchen
unterrichtet.
    Diesem wackeren Manne band der junge geistliche Herr nunmehr das Mrlein
auf, welches er beiwege sich mhsam ausgediftelt hatte. Denn welche Kunst ist so
schwer, da in der Not nicht auch ein Stmper sie betreiben lernte? Aus Zufall
war ihm zu Ohren gekommen, da ein alter Schulfreund mit seiner jungen Frau auf
der Hochzeitsreise in dem freundlichen Badeorte zu bernachten beabsichtigte.
Der Wunsch des Wiedersehens war natrlich erwacht, aber durch Amtsgeschfte
gestern nachmittag abgehalten, hatte der Pfarrer erst den Nachtzug benutzen
knnen, um das junge Paar wenigstens noch am Frhstckstische zu begren.
    Leider, wie schon gesagt, war er falsch berichtet; seit Wochen weder ein
junges noch altes Paar, noch selbst ein einzelnes Individuum mnnlichen oder
weiblichen Geschlechts im Goldenen Scheffel eingekehrt, auch, wie Herr Strobel
wahrheitsgem versichern durfte, kein zweites Logierhaus, in welches die
Herrschaften sich verirrt haben konnten, im Orte vorhanden. Da aber ein so
auerordentlicher Fall, wie zur Winterszeit die Einkehr in einer Privatwohnung,
nicht ohne das grte Aufsehen zu erregen, htte vor sich gehen knnen, brauchte
Herr Strobel kaum zu erwhnen, erwhnte es aber doch.
    Sein Gast bedauerte die zwecklose nchtliche Beunruhigung. Die Freunde waren
nicht im Ort: sehr natrlich! Er hatte sich pltzlich besonnen - ein trstliches
Merkmal, wie weit ein Novellist durch bung es in der Erfindungskunst zu bringen
vermag -, da in einem unfernen Pfarrhause ein zweiter, allerdings lterer
Schulfreund heimse, dem der erste ohne Zweifel sein Frauchen prsentiert haben
werde; ihn alldort aufzusuchen, war der dritte nun um so lieber bereit, da er
sich der Hoffnung nicht entschlagen mochte, das junge Paar zu einem Abstecher in
sein eignes freundliches Pfarrhaus zu bewegen. Weil aber nach dem Frhzug bis
zum Abendzug kein anderer hier im Orte anhalte, das Wetter mild sei und, wenn
nur der Nebel sich senke, die Gegend sogar im Winter einen angenehmen
Reiseeindruck biete, beabsichtige er eine Wagenfahrt in Vorschlag zu bringen und
bte daher Herrn Strobel, ihm fr den Nachmittag seine Equipage zur Verfgung zu
stellen, der zweifelhaften Witterung halber den Wagen geschlossen. Bei nherer
Prfung empfahl es sich auch, den Umweg durch das Dorf zu vermeiden. Die
Fuwanderung konnte die junge Frau ermdet haben. Das Gefhrt solle daher in der
Mittagsstunde, aber ja recht pnktlich! auf der Landstrae bereithalten an der
Stelle, wo das Mordtal, durch welches der nchste Weg nach dem Pfarrdorfe ja
fhre, auf jene Strae mnde. Den Fahrpreis war der Mieter selbstverstndlich
bereit, auch wenn das Geschirr unbenutzt bliebe, zu entrichten; Weitlufigkeiten
zu ersparen, sogar im voraus. Das letztere wre nun durchaus berflssig
gewesen, der Herr Pastor hatte Kredit; es wurde schlielich aber doch mit dem
Versprechen der Geduld im Fall eines Wartestndchens angenommen.
    Wie der Wind jagte nunmehr der fabulierende Held von dannen auf die Suche
nach seinem glcklichen jungen Paar; zunchst allerdings nicht in das Mordtal,
das zum Pfarrdorfe fhrte, sondern stracks nach dem Bahnhofe. Er blickte durch
die trben Scheiben in das einzige Wartezimmer; der Docht einer Hngelampe
kohlte, ein Kellner schlief auf zwei Sthlen ausgestreckt. Tor, der er gewesen!
In diesem ffentlichen Raume ein unglckliches Paar auf der Flucht
vorauszusetzen oder in diesem unheimlich den nach einem glcklichen auf der
Hochzeitsreise Kundschaft einziehen zu wollen! Jedes weitere Auskunftsuchen war
berdies verdchtigend.
    So machte er denn einen Gang durch die bergansteigende einzige Dorfgasse;
die kleinen Huser, vor welchen im Sommer geputzte Kindergste sich tummelten,
lagen schlummerstill; nur ein Hahn krhte hier, eine Kuh brummte dort, dann und
wann brannte eine Morgenlampe; eine schwache Rauchsule wirbelte aus dem
Schornstein in den Nebel. Alles so friedlich wie daheim, und wie unfriedlich
mochten daheim die Herzen schlagen, wenn vielleicht schon in der Nacht die
Hscher auf den feindlichen Mann gefahndet hatten, nach welchem er selbst wie
betrt in der Irre umhersphte.
    Ja, in der Irre! Denn Schritt um Schritt war es ihm wie Schuppen von den
Augen gefallen. Wrde der Verfolgte hier, im nchsten Bereich der Verfolger,
eine Zuflucht gesucht haben, da er von der rckwrts liegenden Station aus auf
fremdem Gebiet mit weit geringerer Entdeckungsgefahr den Platz der Entscheidung
erreichen konnte? Schieben sich doch in diesem Talwinkel gar mancher Herren
Lnderchen ineinander, deren Grenzen ein preuischer Gendarm nicht so ohne
weiteres zu berschreiten wagt. Auf dem jenseitigen Ufer war er mindestens einen
Tag lang geborgen, - aber die letzte Hoffnung erloschen, ihn dort vor der
verhngnisvollen Stunde aufzufinden.
    In dieser beklemmenden Erkenntnis hatte Dezimus die Berglehne erreicht, von
welcher er manchesmal einen erquickenden Blick in das grne Tal getan hatte.
Heute lag es im ersten schwachen Morgendmmer wei in grau. Der Nebel
verdunstete in phantastischen Gebilden, die oberen Regionen klrten sich; ein
leiser Reiffrost berzog die entlaubten ste mit glitzernden Kristallen. Jenseit
warf die schmale Mondsichel einen fahlen Schimmer ber das schwrzliche Gemuer
der Ruine; ostwrts, da wo die Heimat lag, leuchtete noch der Morgenstern. Ein
erquickendes Landschaftsbild auch heute fr ein Auge, das hoffnungsfroh darauf
geschaut htte.
    Und warum zuckte des Beschauers Auge, warum schlug sein Herz jhlings
hoffnungsfroh? Was bedeutete das Lichtchen drben zwischen dem schwarzen
Gemuer, als da der alte Burgschenke, der Sommers so manches Fa in seinem
Verlies verzapfte, auch nicht aus demselben gewichen wre, und wenn ein
Gletscherwall sich rings um dasselbe gezogen htte! Wie manchen akademischen
Witz ber des alten Kilian Kellertreue und die romantischen Abenteuer seiner
beiden einzigen Winterkumpane, Mops und Mietz, hatte Dezimus belachen hren und
mit belacht. Der alte Kilian kochte seinen Morgenkaffee, weiter nichts! Und
dennoch erleuchtete das Flmmchen auf dunklem Grund den Beschauer pltzlich wie
eine Vision, wie ein Blinken seines treuen Johannissterns. Dort oben, dort
oben! rief er laut auf.
    Er nahm sich nicht Zeit zu dem Umwege durch das Dorf, setzte, als wre er
selbst ein Verfolgter auf der Flucht, den steilen Abhang hinunter, quer durch
die Wiesen bis zum Ufer, von wo ein Kahn an den Fu des Burgfelsens trug. Beim
bersetzen fragte er den Fhrmann, ob dann und wann wohl noch ein Fremder den
alten Kilian besuche? Der Fhrmann hatte seit diesem Monat keinen mehr
hinbergerudert.
    Auf dem jenseitigen Ufer schlug Dezimus statt des sich windenden Fahrweges
den steilen Fupfad ein mit Siebenmeilenschritten und keuchender Brust. Es war
licht geworden, ein leiser Lufthauch, die Nebel scheuchend, verhie einen klaren
Sonnenaufgang, einen blauen Himmel ber der dsteren Tat.
    Schon der Ringmauer nahe, stockte der eilende Schritt. Vom Fu zum Gipfel
war der Pfad von der Ruine aus zu bersehen; einer, der nicht entdeckt sein
wollte, konnte sich lngst zwischen den weitlufigen Trmmern verborgen oder von
der entgegengesetzten Seite entfernt haben. Dezimus seufzte laut auf, als ob es
sein Schutzgeist wre und nicht sein Feind, der vor ihm geflchtet.
    Und wirklich war er von oben bemerkt und erkannt worden, denn der alte
Burgwirt stand schon auf der Lauer vor dem halbzerfallenen Tor, schwenkte seine
Pudelmtze und schrie ihm das Salve entgegen, das er seinen Lieblingsgsten
abgelauscht hatte. Dann aber schttelte er dem Ankmmling herzhaft die Hand und
rief: Das nenne ich Glck! (Er drckte den schnen Begriff mit einer durchaus
nicht schn zu nennenden akademischen Hyperbel aus.) Seit dem Reformationsfeste
kein Gesicht und an Sankt Kathrinen ihrer zwei!
    Ihr habt schon Gste, Freund? fragte Dezimus mit klopfenden Pulsen.
    Nur einen! antwortete der Alte. So was dergleichen wie ein Maler kommt er
mir vor. Er stellte sich ein wie Nikodemus in der Nacht; von jener Seite. Aus
dem Reiche, denk ich mir, denn ein Landeskind ist er nicht. Herr Wirt und Hren
Sie hat er mich tituliert; das erste Mannsen, das wie ein geziertes Berlinsches
Mamsellchen den alten Kilian per Herr und Hren Sie traktiert. Und Wein hat er
sich bestellt. Bier ist fr so einen zu kommun. Na, der alte Kilian kann auch
mit Wein aufwarten und an Sankt Kathrinen mit schmackhafterem Wein als Bier. Er
hat sich gestern abend auf einer Futour im Nebel verirrt und will nun den
Sonnenaufgang hier oben genieen. Und dazu kanns allenfalls Rat werden, denn der
Nebel ist weg. Aber gestiegen, und ohne Nieselwetter gehts heute nicht ab. Wie
er Sie den Berg ransteigen sah, sagte er: Noch einer, der die Sonne hier oben
aufgehen sehen will. Ntigen Sie ihn herein, Herr Wirt, und bringen Sie uns ein
Frhbrot und Wein.
    Auf des Alten Erkundigung wrmte Dezimus nun die Fabel - leider war es im
wesentlichen ja keine - aus dem Goldenen Scheffel wieder auf, nur da er das
zweiselige Prchen in einen ledigen Freund verwandelte; worauf der Alte
schmunzelnd erwiderte: Na, warten Sie ihn nur getrost hier oben ab. Ists ein
alter Bruder Studio, geht er der Ruine nicht vorbei, und der alte Kilian
schreibt in seinen Kalender: An Sankt Kathrinen drei Mann hoch oben auf der
Burg!
    Sie werden sich mit zweien begngen mssen, Herr Wirt, der Gesuchte ist
gefunden, sagte hinter ihnen eine Stimme mit wohlbekanntem musikalischen Klang.
    Max von Hartenstein war unbemerkt in den Torrahmen getreten, Dezimus Frey
folgte ihm in das Verlies. Er zitterte; jener war ruhig wie ein Bild von Stein.
Der alte Kilian wunderte sich, da zwei alte Freunde, die sich suchen und
finden, zum Salve sich nicht einmal die Hnde schtteln. Aber einer aus dem
Reich, der Hren Sie zum alten Kilian sagt, und ein weiland Kamel, das den
Pastorrock auf dem Leibe trgt, die haben eben ihre absonderlichen Mucken.
    Sie suchen Ihre Schwester? fragte Max.
    Zunchst allerdings sie, antwortete Dezimus.
    Nun, sie wird, hoffe ich, gestern abend wohlbehalten im Schlosse von Werben
eingetroffen sein. Wir haben uns auf der vorletzten Station getrennt.
    Es kam Dezimus nicht in den Sinn, diesem stolzen Menschen in irgendeiner
Lage eine Unwahrheit zuzutrauen. Max hatte Rose berechenbar heimlich verlassen.
Sie ahnete sein blutiges Vorhaben nicht. Die ganze Konstellation war verrckt.
    Der Wirt hatte das Frhstck gebracht. Max entkorkte die Flasche, kostete,
forderte eine zweite, bot Dezimus ein Glas, das dieser ablehnte, und trank dann
selbst in durstigen Zgen, ohne da es ihn zu erregen schien. Darauf sagte er:
    Sie wrden mich verbinden, Herr Pfarrer, wenn Sie dieses Blatt bis auf
weiteres an sich nhmen. Es ist nicht wahrscheinlich, da ich Werben in der
Krze wiedersehe, und das Leben kann wohlfeil werden in dieser Zeit. Fr den
Fall meines Todes geben Sie diese Zeilen meiner Schwester.
    Er nahm bei den Worten von dem Tische im Fenster ein Blatt Papier, faltete
es und schrieb mit Bleistift An Sidonie darauf. Mir fehlt eine Oblate,
setzte er hinzu. Aber auch unverschlossen wei ich, da Sie vor dem genannten
Termin keinen Einblick nehmen werden. Nach jenem Termin steht er Ihnen frei.
    Dezimus barg das Blatt in seiner Brieftasche. In einer spteren Zeit ist ihm
der Inhalt mitgeteilt worden. Er lautete:
    Ich erwarte von meiner gtigen Schwester, da sie ihre Freundin Rose Blmel
in jedem Sinne als die rechtmige Witwe ihres Bruders betrachten wird.
                                                                           Max.

    Und nun wren wir wohl fertig miteinander, Herr Pfarrer, sagte Max.
    Seine frostige Ruhe, die Ironie in Miene und Klang hatten in Dezimus das
Feuer der Verfolgung unter den Zweifelgrad hinabgedmpft; die Gleichgltigkeit,
mit welcher er des Mdchens erwhnte, das so gromtig, die tiefste Krnkung
vergessend, mit Hintenansetzung von allem, was es hochzuhalten hatte, ihn der
dringendsten Gefahrentrissen, emprte ihn. Aber er dachte an dieses Mdchen und
an die beiden anderen, die mit ihm um diesen Mann leiden wrden, und so zwang er
sich zu dem Worte, das, er wute es, in den Ohren dieses Mannes wie eine
Narrenrede verhallen wrde.
    Nein, Herr von Hartenstein, sagte er, der Zweck, um dessentwillen ich
auch Sie gesucht, ist noch nicht einmal berhrt.
    Eh bien! Was mchten Sie?
    Sie beschwren, bei allem, was Sie wert und heilig achten, von der Tat
dieses Tages abzustehen.
    Sie wissen darum? fuhr Hartenstein auf. Und wer noch auer Ihnen?
    Keiner, mindestens durch mich; und, bei Gott! in keinem anderen Auftrag als
dem meines Herzens habe ich - -
    Ich wei die Ehre zu schtzen, unterbrach ihn Max mit einem schnden
Lcheln, und ich sage Dank dafr, da der eifrige Levit von mir, dem Heiden,
voraussetzt, er werde eher als der glubige Bekenner die linke Wange bieten,
wenn die rechte den Streich empfangen hat.
    Sie irren, Herr von Hartenstein. Es war nicht priesterlicher Eifer, es war
einfach die Freundschaft fr die Ihnen nchststehenden Menschen, die mich zu
Ihnen trieb statt zu dem anderen, den ich im Bann unberwindlicher Vorurteile
befangen wute.
    Und was berechtigte Sie, rief Max, indem eine Blutwoge sein marmorbleiches
Gesicht berflog, was berechtigte Sie zu der Annahme, da ich, ich diese
Vorurteile, wie Sie es nennen, nicht hege? Meinen Sie, da ich die Sache der
misera plebs, fr die ich meine Existenz in die Schanze geschlagen, so
verstanden habe, um im Sinne des Plebs ein Schimpfwort fr ein Scherzwort zu
nehmen und nicht vielmehr des Volkes Schranken so weit hinauszurcken, da es
wie wir fr sein Recht und seine Ehre den Einsatz des Lebens nicht zu hoch
erachte?
    Dezimus blickte eine Weile betreten zu Boden; dann erwiderte er, aber
kleinlauter als vorhin: Ein ungemeines Streben in ungemeiner Zeit zieht keine
Alltagskonsequenzen. Ihre Freunde, Herr von Hartenstein, werden es schwerlich
verstehen und sicherlich es Ihnen nicht vergeben, wenn der Tribun sich dem
Kavalier zum Opfer stellt. Retten Sie sich fr die Sache, um derentwillen Sie,
wie Sie sagen, Ihre Existenz in die Schanze geschlagen haben.
    Ich habe keine Freunde, an deren Verstndnis mir gelegen wre, entgegnete
Max mit einem geringschtzigen Achselzucken, und die Sache, die ich die meine
nannte, ist ber meine Lebenszeit hinaus eine verlorene. Das Volk - es bleibt
bei dem Weidetier.
    Wills Gott, nicht! rief Dezimus. Solange die Menschheit whrt, wird der
Kampf fr die Menschlichkeit gefhrt werden, wenn auch mir anderen Waffen als
den heutigen. Wollen Sie die Flinte in das Korn werfen, weil - lassen Sie mich
Sie an die Stunde erinnern, in der ich den frhesten Blick in Ihre Seele getan
-, weil Ihre ersten Bltentrume nicht reiften? Sie haben auf unberechenbare
Jahre hinaus mit Ihrem Vaterlande gebrochen, wollen Sie mit einem Mord von ihm
scheiden? Suchen Sie ein neues, ein nach freieren Satzungen bereits geordnetes,
mit dem Bewutsein einer selbstberwindenden, einer hochherzigen Tat. Fliehen
Sie, Herr von Hartenstein! Die Stunde drngt, nein, die Minute; gelstet es Sie,
in Handschellen mit Ihrer Jugend abzuschlieen?
    Seien Sie ruhig, Freund, versetzte Max lchelnd. Ich werde keine
Handschellen tragen.
    Sie wollen sterben, Max! Warum nicht leben? Nicht lebend shnen, was Sie
vielleicht noch nicht einmal einen Irrtum nennen; was aber, nachdem der Irrtum
zu einem Verhngnis geworden ist, nicht fr Sie allein, Sie, wie Sie sich auch
stellen mgen, als ein Frevel gemahnen wird? Der Tod scheint nur unreifen
Geistern eine shnende Tat. Leben Sie, eilen Sie. Sie haben meinen Pa; tauschen
wir die Kleider; fliehen Sie nach der Insel; berufen Sie sich bei meinem Bruder
auf mich. Er rudert Sie nach Helgoland. Ihre Schwester, die jede Stunde von
ihrem traurigen Posten erlsen kann, wird Ihnen folgen und - -
    Und - Rose? fragte Max mit einem lauernden Seitenblick.
    Soweit die Macht eines Bruders ber die Schwester reicht, bei Gott im
Himmel! niemals! antwortete Dezimus, und sein Ton mochte den Ernst seines
Willens nicht bezweifeln lassen, denn Max reichte ihm die Hand, und ber seinen
Augen lag ein feuchter Nebel.
    Sie sind ein seltener Mensch, Dezimus, in Wahrheit ein Glcklicher, sagte
er mit weichem Klang. Ich danke Ihnen, Sie haben mir den Glauben wiedergegeben,
dessen letzten Rest ich gestern verloren hatte.
    Den Glauben an die natrliche Gutheit der misera plebs? versetzte Dezimus,
und diesmal war er es, welcher lchelte. Wahren Sie sich diesen Glauben, Herr
von Hartenstein, auch wenn er in bezug auf mich sich nicht vllig zutreffend
erweisen sollte. So wenig wie es der Priester war, der sich bekehrend in Ihre
Nhe drngte, so wenig ist es der Sohn des armen Hutmanns Ihrer Heimat, der aus
natrlichem Drang an die Kraft Ihres Gemtes appelliert. Es ist der Zgling des
Mannes, dessen liebstes Kind Sie hher gehalten hat als Ehre und Herzensfrieden,
obgleich es wute, da Ihre Neigung nur eine Wallung war. Und es ist der Freund
einer anderen, welcher mit dem Leben eines Bruders das des Mannes auf dem Spiele
steht, dem sie einst ihr reines Herz geffnet hatte.
    Lydia! rief Max. Er machte einen Gang durch das Zimmer.
    Dezimus trat an das Fenster. Die Sonne war, ohne da sie es bemerkt hatten,
klar aufgestiegen, schon jedoch wieder von auf und ab wallenden Dnsten
umschleiert. Der Tag wrde in Regen enden, in Trnen ahnete Dezimus.
    Max war an seiner Seite stehen geblieben. Es kann nicht sein, Freund,
sagte er. Das Blut ist strker als die Logik Ihrer Gromut. Schon das gestrige
Unternehmen, dessen unzeitige, kindische Ausfhrung Sie wenigstens nicht auf
meine Rechnung setzen sollen, hat meinen Namen zum Spott gemacht. Soll ich nun
noch unter dem Gelchter meiner Zeitgenossen aus der Arena flchten, in die ich
mit vollen Backen zum Kampf geladen habe? Ich wrde vor dem gestrigen Begegnis
versucht haben, nach Sddeutschland zu entkommen, wo eine nochmalige Erhebung
fr eine wenn auch nicht soziale, doch politische Neuerung Deutschlands nicht
vllig undenkbar ist. Nach jenem Begegnis habe ich von der Hand eines beherzten
Weibes, welches, wre mir die Frist gegnnt, das meine werden wrde, mich
entfhren lassen, nicht zu schmhlicher Flucht, sondern zu einer Rettung der
Ehre, dem einzig geziemenden Abschlu, der mir brigblieb. Es mu geschehen.
Aber, Freund, Lydia wird um keinen Bruder Leid zu tragen haben, und falle ich -
so oder so -, mgen Sie ihr sagen, da das Leben wenig Wert mehr fr mich hatte,
seit sie ihr reines Herz vor mir verschlieen mute.
    Lydia! Warum hatte Dezimus diesen teuersten Namen aufgerufen, warum die
schwerste Versuchung fr sich selbst heraufbeschworen? Sprach sie: Nimm die
Schmach auf dich, Max, ich teile sie mit dir, er wrde sich gerettet haben fr
sie, um ihretwillen, vielleicht - nein gewi.
    Schieben Sie die Tat auf, bis Lydia ber sie entschieden haben wird,
erwarten Sie ihre Weisung auf der Insel. Sein Herz krampfte, whrend er diese
Worte sprach, und seine Blicke wurzelten am Boden, whrend er die Antwort
erwartete.
    Nein! lautete sie nach kurzem Zgern. Sie liebt mich nicht mehr, und ihr
Mitleid liee mich nur noch tiefer sinken, als ich mich gesunken fhle. Ist es
aber mglich, so lassen Sie ihr das Schicksal dieses Tages verborgen bleiben.
    Der letzte, schwerste Vershnungsklang war machtlos verhallt. Lydias hehres
Bild vor der Seele schieden sie.
    Am Bahnhofe traf Dezimus mit Martin und dem getreuen Doktor Kurze zusammen.
Nachdem er bei dem beleidigten Feinde gescheitert war, machte er noch einen
Versuch, den beleidigenden Freund umzustimmen; er erinnerte daran, wie dieser
mit dem unantastbaren Ehrenruf, nachdem er noch gestern die Feuerprobe auf das
tapferste bestanden, so viel leichter als sein allseitig und auch von ihm
geschmhter Gegner die Hand zur Vershnung bieten, ja sogar dem Zusammentreffen
aus dem Wege gehen knne. Er erinnerte auch - wennschon er ber diese
Eventualitt im Innersten beruhigt war - bei einer traurigen Mglichkeit an den
Jammer seiner Mutter, an die Verwaisung seines Tchterchens, und gewi blieb das
zrtliche Vater- und Sohnesherz bei diesem Mahnen nicht ungerhrt.
    Ich habe mein Testament gemacht und dich zum Vormund meiner kleinen Tili
ernannt, Dezimus, sagte er mit Trnen in den Augen. Aber es gibt nun einmal
einen Punkt, auf welchem auch der Schwache unbeugsam ist, und je schwcher,
hufig desto mehr.
    So brachen sie denn nach dem Mordtale auf, das Freund Kurze wie seine
Tasche zu kennen versicherte. Er hatte auf einer Lichtung desselben whrend der
pfingstlichen Burgkommerse an mancher kameradschaftlichen Paukerei mit Nadel und
Heftpflaster teilgenommen, hin und wieder wohl auch mit Schlger und Rapier. Er
war beileibe kein Feind von derlei Entladungen eines berschssigen Bluts; weder
im Spa noch sogar im Ernst. Das gegenwrtige bitter ernsthafte Vorhaben
erklrte er jedoch, natur- und vernunftgem, fr einen Raptus der Absurditt.
    Denn, so sagte er beiwege zu Freund Dezimus, whrend der sonst so
mitteilsame Martin stillschweigend voranschritt, denn Numero eins: Blut wscht
einen Flecken von der Ehre ab, aber Blut wehrt ihn auch ab. Gibt mir mein Bruder
einen Knuff, gebe ich ihm wieder einen, und er und ich sind so gut wie vorher.
Demgem knnen Brudershne sich schon einmal einen dummen Jungen anbrummen,
ohne gleich loszuknallen. Der dumme Junge erstickt im natrlichen Blut. Numero
zwei: bei jeglichem rgernis entscheidet die Prsenz. Mssen Kanaille und
Hasenfu gewrtig sein, Tag fr Tag oder allenfalls auch nur dann und wann mit
den Kpfen gegeneinander zu rennen, na, so schieen sie sich wieder zu
Ehrenmnnern zurecht oder meinetwegen auch tot. Wissen sie aber von vornherein,
da sowieso, selbigen Tags einer von ihnen auf Nimmerwiedersehen ins Zuchthaus
transportiert wird oder bestenfalls ber das Weltmeer echappiert, item, da
Kanaille und Hasenfu quasi nicht mehr freinander vorhandene Individuen sind,
warum soll einer dem anderen zuvor mit Teufelsgewalt das Lebenslicht ausblasen
oder, was noch weniger angenehm sein wrde, es sich von ihm ausblasen lassen?
Narren sind sie alle beide, diese Hartensteine, der rote wie der blaue.
Indessen, ich habe die Hoffnung, sie zu kurieren, noch nicht aufgegeben. Woran
die Weisheit zuschanden geworden ist, das hat schon manchmal ein Jokus zustande
gebracht. La mich nur machen, alter Dezem.
    Trotz dieser trstlichen Versicherung entwarf er indessen mit der ihm eignen
praktischen Umsicht das Programm fr jeglichen mehr oder minder schwierigen Fall
und fhlte sich, der redlichsten Teilnahme unbeschadet, durchaus con amore bei
dem verzwickten Handel.
    In der Waldlichtung wartete Max bereits. Er hatte als Beleidigter keine
weitere Bedingung als die des gleichzeitigen Feuergebens zu stellen, eine
Bedingung, welcher Martin mit einem Kopfneigen zustimmte. Dezimus drckte erst
dem Freunde, dann dem Feinde die Hand; nur dem letzteren mit einem
Abschiedsgefhl, und wahrlich! mit einem wehe tuenden. Dann nahm er seinen Platz
auerhalb des erwhlten freien Raums.
    Peter Kurze dahingegen stellte sich in dessen Mitte. Er reckte sich,
rusperte sich und begann darauf in seiner kommentwidrigen vierfltigen
Eigenschaft als Medikus, Unparteiischer und Sekundant beider Parteien - denn der
priesterliche Hne, der sich mit musefahlem Angesicht dort an die alte
Hagebuche lehnte, zhlte lediglich fr eine geistige Natur - recht weidlich
die Narrenkappe zu schtteln und die Narrengeiel ber das natur- und
vernunftwidrige wie auch nebenbei brudermrderische Vorhaben zu schwingen.
    Der Wahrheit die Ehre! Peter Kurzens Rede war ein satirisches Musterstck,
wie er kein zweites geleistet hat. Auch blickte er, nachdem er geendet, mit
siegesstolzer Zuversicht von einem der feindlichen Hartensteine auf den anderen.
Der Dichter lchelte; um so grimmiger schaute der Leutnant drein. Das war nicht
der Mann, der sich eine bitter ernsthafte Sache von einem Bajazzo verpfuschen
lie! Da jedoch zu einer Rckwrtsbewegung, wie der Mittelsmann sie empfohlen,
denn auf eine Handreichung hatte er von vornherein bescheidentlich verzichtet,
weder der Lchelnde noch der Grimmige Anstalt machte, da auch von auen her kein
willkommnes Hindernis in die Szene sprang, keine Feuerkugel vom Himmel fiel,
kein Spaziergnger des Weges kam, kein Forsthter, nicht einmal ein Gendarm,
raunte er dem Freunde unter der Hagebuche zu: Vor derartigem Bldsinn erbleicht
sogar dein Johannisstern!
    Dann aber setzte er sich in Positur, ma die Schritte ab, reichte mit einer
Verbeugung einem jeden seine Waffe, fhrte ihn an seinen Platz und zhlte ohne
Zagen: Eins - zwei - drei!
    Die Schsse fielen. Max, der in die Luft gefeuert hatte, brach leblos
zusammen.
    Ist er tot? schrie Martin auf. Er sah so sterbensfahl aus wie der, welcher
am Boden lag. Der Doktor zuckte schweigend die Achseln.
    Die Kugel war nahe der Schulter in die Brusthhle gedrungen. Kurze legte den
blutstillenden Verband an und entfernte sich darauf, um, wie verabredet, die
diplomatischen Manahmen zu treffen, die kaum weniger als der rztliche Dienst
eines Meisters Kunst erheischten.
    Er eilte nach dem Ausgang des Tales, wo der Wagen pnktlich eingetroffen
war, prsentierte sich dem Kutscher als der vom Mieter erwartete Freund, der
vorangegangen sei, um fr einen pltzlich erkrankten Begleiter einiges
Erforderliche im Dorfe einzuholen. Als Ortsunkundiger bat er den Kutscher, indem
er ihm ein Trinkgeld in die Hand drckte, diese Besorgungen fr ihn abzutun:
Wein und einen Imbi aus dem Wirtshause, Hofmannsche Magentropfen aus der
Apotheke, vom Kaufmann eine Flasche Klnisches Wasser; kurzum, er schickte ihn
von Pontius zu Pilatus, indem er versprach, in der Zwischenzeit die Leinen
gewissenhaft festzuhalten. Kaum aber, da der Mann aus der Gehrweite war,
schwang Peter Kurze sich auf den Bock, um ber Stock und Stein nach der Lichtung
zu jagen.
    Hier hatte whrenddessen der Verwundete ohne Zeichen des Lebens am Boden
gelegen, den Kopf an Dezimus' Brust, dessen Hand gepret auf den Verband der
Wunde. Martin an seiner Seite kniend, kte seine Hnde, weinte wie ein Kind.
Bei Gott im Himmel! schluchzte er, ich habe es nicht gewollt. Ich hatte auf
den Oberarm gezielt, und ich treffe das Daus in der Karte. Warum hat er auch in
die Luft gefeuert und dabei gezuckt, da ich die Brust treffen mute. In meinem
Leben kann ich dem armen Rschen nicht wieder in die Augen sehen.
    Als der Doktor mit dem Wagen zurckkehrte und den Verband erneuert hatte,
wurde der Kopf des Verwundeten mit verschiedentlichen Taschentchern umwunden,
das Gesicht obendrein durch ein breites schwarzes Pflaster unkenntlich gemacht,
des Pastors Feldmtze ihm ber die Ohren gezogen, der Soldatenmantel ihm
bergehngt und, auf diese Weise umgewandelt in Bruder Frieden, den blden
Amerikaner, der beim gestrigen Straenkampfe in der Festung zufllig einen Schu
wegbekommen hatte, der rote Hartenstein in den Wagen gehoben.
    Und nun machen Sie sich aus dem Staube! sagte der Doktor zu Martin. Sie
haben Ihre Heldentat getan. Das Weitere ist unsere Sache!
    Martin ging. Wie einst sein Vater hatte er die Ehre der Hartenstein mit
blutiger Hand gercht. Da er aber, wie sein Vater, deshalb ein krankes Herz
durch das Leben tragen werde, wird fr den Sohn nicht zu befrchten sein.
    Der Verwundete ruhte in Dezimus' Armen. Freund Kurze, nachdem er sorgfltig
die Gardinen geschlossen hatte, fhrte den Wagen Schritt fr Schritt nach der
Haltestelle, versprach dem Kutscher, als dieser zurckkehrte, ein doppeltes
Trinkgeld, wenn er zur Schonung seines kopfleidenden guten Freundes ein gleich
langsames Tempo beibehalte, und nahm dann seinem Pflegling gegenber auf dem
Rcksitze Platz.
    Wie der alte Kilian prophezeit hatte, war das Wetter in einen Landregen
umgeschlagen, die Dmmerung daher noch frher als sonst im Sptherbst
hereingebrochen; die Strae menschenleer. Wohin nun aber mit dem vielleicht
sterbenden Mann? Wo Rast fr ihn suchen, selbst im gnstigsten Falle lange
whrende, heimliche Rast? Wo die sorgsame Pflege fr ihn finden, deren er
unumgnglich bedurfte? Eine weite Fahrt wrde er nicht berstanden haben. Selbst
Werben war im Grunde zu weit. Welche Wahl blieb aber auer Werben? Auch hatten
beide Freunde von Haus aus an keine andere Zuflucht als die des Talgutes
gedacht. Bei nherer berlegung muten sie sich jedoch sagen, da dort, bei den
Seinen, der Verfolgte zuerst gesucht und unvermeidlich entdeckt werden wrde.
Wohin aber sonst?
    Aufs Schlo mit ihm! rief pltzlich der Doktor mit dem Trompetenton der
Unwiderleglichkeit. Bei seiner feindlichen Exbraut vermutet den roten
Hartenstein nicht die feinste Schnffelnase. Still wie in einem Kloster!
Matratzen und Verpflegung ideal! Dort oder nirgend ist er geborgen! Dort oder
nirgend leistet Peter Kurze sein rztliches Meisterstck! Aufs Schlo mit ihm!
    Wie Dolchspitzen hatte des armen Dezimus Brust ein jeder dieser natur- und
vernunftgemen Stze mit den Erinnerungen, die sie weckten, und nur allzu
naheliegenden Folgerungen durchzuckt. Er schwieg eine lange Weile, kmpfte
schwere Seufzer nieder und sagte dann, auch seiner Natur und Vernunft gem:
Ja, auf das Schlo!
    Vor der Station, von welcher aus er gestern abend seine Fuwanderung
angetreten hatte, verlie er den Wagen, da er, wenn er den Nachmittagszug
benutzte, einen mehrstndigen Vorsprung gewann, um in der Heimat Rat und Hlfe
vorzubereiten. Und von allen Martern, die er seit vierundzwanzig Stunden zu
bestehen hatte, ist die Unheilsbotschaft an die beiden Frauen wahrlich nicht die
am wenigsten martervolle gewesen.
    Rose hatte, als sie am verwichenen Abend allein, aufgelst in Schmerz und
Angst auf das Schlo zurckkehrte, die Geschehnisse dieses Tages und ihren
Anteil an ihnen ohne Hehl der Freundin mitgeteilt und war von dieser um ihrer
gromtigen Tat willen aufrichtig bewundert worden. Sie selbst wre des gleichen
Entschlusses ja fhig gewesen, allein schwerlich der gleichen praktischen
Durchfhrung. Von dem bevorstehenden Zweikampf hatte Rose keine Ahnung. Sie wie
Lydia schwankte, ob es Absicht oder unfreiwillige Versptung, wenn nicht gar
eine verhngnisvolle Begegnung gewesen war, da Max, als er auf der letzten
auerpreuischen Station das Coup ohne Vorwand verlassen hatte, nicht dahin
zurckkehrte. Mit Zittern und Zagen hatten sie im Geiste ihn umherirren sehen,
verfolgt, erkannt, verhaftet, gefangen; aber dann auch wieder hoffnungsvoll, ihn
geborgen und unentdeckt den Hafen erreichen, von welchem das nchste Schiff ihn
in die Freiheit trug.
    Und nun zu hren, da er, von allen Seiten bedroht, als ein zum Tode
Verwundeter in seine Heimat gefhrt werde! Rose stand vernichtet, starr und
stumm. Seit gestern fhlte sie sich nicht mehr als die verlassene Geliebte, die
mutvoll gegen ihr Begehren und die Schmach der Mideutung kmpft. Sie hatte
gehandelt wie ein zur Treue verpflichtetes Weib, bekannte ihre Liebe ohne Scheu,
war froh gewillt, Gefahr und Verbannung mit dem Gechteten zu teilen. Hher denn
jemals vor sich selbst gestellt, strzte eine Minute sie in den Abgrund alles
Entsetzens.
    Aber auch Lydia stand erschttert wie eine Liebende. Selbst wenn sie nicht
die Tat eines Bruders zu shnen, nicht der Gromut dieses Mannes das Leben eines
Bruders zu danken gehabt htte, wrde es kaum einen Preis gegeben haben, der ihr
fr seine Rettung zu hoch erschienen wre. Denn wenn die Sehnsucht der Liebe in
einem Herzen auch erlischt, das Mitleid der Liebe bleibt lebendig bis zum
letzten Atemzuge. Dezimus hatte ja nicht daran gezweifelt, da sie ohne Besinnen
ihn bergen und pflegen werde; sie htte nicht Lydia sein mssen, wenn das
unbedingt Menschliche ihr nicht hher gestanden htte als die bedingte Natur,
die gemeinhin dem Weibe eignet. Und dennoch, als er sie jetzt so freudig, ohne
jegliches Bedenken dessen, was sie fr sich selbst auf das Spiel setzte, in
seinen Vorschlag willigen sah, krampfte in seinem Herzen eine Empfindung, der er
sich schmte einen Namen zu geben. Er fhlte den Puls des Weibes fr den
Einstgeliebten schlagen.
    Man hatte allerdings schon am Morgen auch auf dem Schlosse nach Max
geforscht; eine Haussuchung, wie sie auf dem Talgute und auch in Bielitz
stattgefunden, war, auf Lydias Wort hin, jedoch unterblieben. Sie hoffte, da es
bei dieser Nachfrage sein Bewenden haben oder da sie einer spteren zu begegnen
wissen werde.
    Rose jedoch widersprach ihr mit pltzlich aufgewachter Energie.
    Nein! rief sie. Es wird bei dieser ersten nicht sein Bewenden haben, und
je eifriger du dich einer Haussuchung widersetzest, um so mehr wirst du dich
verdchtig machen. Er ist hier so wenig wie auf dem Talgute zu verbergen. Schon
da er bei der Ankunft, wenn auch im Dunkeln, durch das Dorf und ber den Hof
gefahren werden mu, da er in seinem Zustande nicht die Terrassen hinangetragen
werden knnte; da die Schenke dem Gute gegenberliegt und von ihr aus jeder
ungewohnte Ein- und Ausgang beobachtet werden kann; da die Fenster des
Schlosses von allen Seiten zu bersehen sind und es in ihm wohl eine
zusammenhngende Zimmerflucht, aber keinen einzigen Schlupfwinkel gibt, keine
Seitentreppe oder Hintertr! Und was machte wohl Bruder Frey auf dem Schlosse
der Hartenstein? Was brauchte der unschuldige Hirtenfriede mit so viel
Heimlichkeit darin gepflegt zu werden? So dumm wre nicht der dmmste Bauer,
wieviel weniger ein geschulter Polizist, um nicht am ersten Tage hinter dem
versteckten Hutmannssohn den verfolgten Herrensohn auszuwittern.
    Alle diese Einwendungen hatten auch fr Dezimus einen einleuchtenden Grund.
Aber der Seitenblick, mit welchem Rose dabei die sinnende Schlobesitzerin
streifte, bekundete noch einen heimlichen Vorbehalt, und - keineswegs edel, aber
leider wahr! - da dieser Vorbehalt in seinem Herzen einen lauten Widerhall
fand.
    Nein, Dezimus! fuhr Rose fort, mit schmeichelnden Tnen die
Rcksichtslosigkeit umhllend, deren nur der Egoismus weiblicher Liebe fhig
ist, nein! du hast um meinetwillen, um seinetwillen Groes getan und geduldet:
aber du hast nichts getan, weil alles umsonst, wenn du nicht auch das Letzte
tust: wenn du ihn nicht dorthin bringst, dort birgst, wo er allein geborgen ist,
wo keiner ihn sucht, wo dein Bruder mit Recht hingehrt, - wenn du ihn nicht
aufnimmst in deine stille, abgelegene Pfarre!
    In die Pfarre! Ein preuischer Hochverrter verborgen in einer preuischen
Pfarre! Minutenlang herrschte atemloses Verstummen. Des weien Fruleins Blicke
hingen mit nicht minderer Spannung als die des glhenden Weibes an des jungen
Pfarrherrn Lippen.
    Ein Samariterdienst, der Ihnen das priesterliche Amt kosten wrde, Freund,
sagte Lydia endlich mit leise zitternder Stimme. Als er aber dennoch das Haupt
zustimmend neigte, da drckte sie ihm die Hand mit einem Freudenblick, der allen
Zweifel und Vorbehalt aus seiner Seele scheuchte und ihm alle Qualen seines
qualvollsten Lebenstags lohnte.
    Eine Stunde spter trug der Pfarrer den Hochverrter in das Haus, dessen
hchster Schmuck seit einem Menschenalter das schwarzweie Kreuz ber dem des
Erlsers gewesen, und bettete ihn zur Pflege in dem stillen Gartenzimmer, wo
einstmals der mutterlose Hirtenknabe in die Wiege des eigenen Kindes gebettet
worden war. Dazumal hatte die Junisonne hoch am Himmel gestanden; heute strmte
und ergo sich der Novemberstrom. Aber, von Nacht und Nebel verhllt, war es
doch die nmliche Leuchte, welche das Samenkorn, in jener Stunde ausgestreut,
zur Reife brachte.

Und in diesem stillen Gartenzimmer haben die drei liebenden Frauen den
Verwundeten gepflegt, zwar nicht heil, aber doch allmhlich zum Leben. Nie hat
ein Mensch geahnet, da es der Feind des Hauses war, der unter einem Brudernamen
in Todesqualen rang. Selbst die litauische Lene nicht. Denn wenn auf ihre blden
Augen auch guter Verla war und auf ihre treue Seele der beste, die Zunge lief
ihr dann und wann davon, wenn sie mit ihrer guten Freundin Beyfu vertraulich
Zwiesprach hielt, und ganz unversehens wrde die Sturmglocke im Dorfe gelutet
haben. Es war daher klglich gehandelt, da ihr Htschelkind sie von vornherein
in ihr eigenstes Revier, die Kche, verwies und Lydia ihren alten Wagner, der an
und fr sich schweigsamer Natur war und auf seines Fruleins Verlangen stumm wie
ein Fisch, in die Krankenstube versetzte, um die Dienste zu erweisen, fr welche
Frauenhnde nicht ausreichten und dem Pfarrer die Zeit gebrach.
    Doktor Peter Kurzen gelang eine schwierige Operation, indem er die Kugel aus
der Brust lste, und eine treffliche Kur, indem er die verletzten Gewebe
ausheilte. Beider Darstellung hat - wenn der interessante Fall auch in eine
andere Zeit und Zone verlegt werden mute - dem rztlichen Rufe, welcher just
vor einem Jahre in dem nmlichen Raume begrndet worden war, wesentlichen
Vorschub geleistet. Unter den friedlicheren politischen Auspizien wurde Doktor
Peter Kurze just um diese Zeit seiner militrischen Pflichten quitt. Zu seiner
hchsten Befriedigung, da in der Festungsstadt die erhoffte Cholera morbus sich
als Illusion erwiesen hatte und die wenigen Opfer der Emeute seinem Tatendurst
auch nicht annhernd zu gengen vermochten. Bevor er in das geistige Zentrum
der Provinz zurckkehrte, machte er daher in dem befreundeten Pfarrhause von
Werben Station, um den Ansprchen seiner bedeutenden Klientel in jener Gegend
gerecht zu werden. Diese Klientel beschrnkte allerdings zurzeit sich auf einen
einzigen Fall, zhlte materiell jedoch fr zehn, ja fr hundert. Sidonie wrde,
wenn verlangt, die Rettung ihres Max mit dem demnchstigen Erbe eines
Rittergutes gelohnt haben. Aber Doktor Peter Kurze war ein bescheidener Mann.
    ber die rztliche Behandlung hinaus hatte nebenbei zwischen der
schwchlichen Korbverleiherin und dem rstigen Korbtrger sich ein literarisches
Verhltnis eingefdelt, das zunchst zwar nur den Zweck hatte, verdchtigende
Spuren von dem Krankenzimmer im Werbenschen Pfarrhause abzulenken, beiden
Praktikanten aber zu einem Quell erheiterndster Laune wurde. Schon in den
nchsten Tagen bekam man in der einen Zeitung zu lesen:
    Zuverlssigen Nachrichten zufolge ist der bekannte Max von Hartenstein am
25. huj. in Lausanne gesehen worden. Wem es daher, schon aus Grnden der
Vernunft, nicht einleuchten sollte, da ein Mann, sagen wir ein Agitator, von
seinem Kaliber an dem kindischen Putsch in X. keinen Teil gehabt haben kann, dem
wrde es doch schon aus rumlichen Grnden unbezweifelbar werden.
    Einige Zeit spter stand in dem Blatte einer anderen Farbe:
    Einsender hat in einem lauschig stillen Winkel am herrlichen Lemansee die
Bekanntschaft des berhmten Dichters Max von Hartenstein gemacht und das Glck
gehabt, eines Blicks in seine jngste Schpfung Pandora gewrdigt zu werden,
welches groartige Epos, in ottave rime abgefat, an Schwung und Farbenglut sich
dreist mit den hchsten Leistungen der Byronschen Muse messen darf und
eigentmliche Streiflichter auf eine Zeit fallen lt, ber welche Pandorens
Bchse wieder einmal die Flle ihres Unsegens ausgegossen hat.
    Wenn diese und hnliche Artikel im Werbenschen verbreitet wurden, dann
lachte Sidonie wie in alten glcklichen Siditagen, und die brigen Wchter im
Krankenzimmer lchelten, denn sie wuten, wessen Phantasie die Dichtung
entsprungen war und welche Hand sie unter die Druckerpresse befrdert hatte.
    Peter Kurzen war bei derlei Fickfackereien so wohl zumute wie einem
Schmerlchen im klarsten Bachwasser. Er verhhnte seinen Freund Dezimus, der ber
den Rudimenten der diplomatischen Kunst wie ein Abc-Schtze stockerte und unter
den Praktiken, zu denen sie den Diplomaten ntigt, sich krmmte wie die Bauern,
wenn sie in den Turm kriechen sollen. Und doch war im Grunde Peter Kurze keine
weniger ehrliche Haut als sein geistlicher Freund. Erzhlt man denn aber nicht,
da einzelne Individuen einen Giftstoff, von welchem ein Partikelchen der groen
Mehrzahl den Tod bringen wrde, in zehnfltiger Dosis als Arznei, ja als
Leckerbissen und sogar als Schnheitsmittel zu sich nehmen und bei dieser Dit
gesund und krftig ein Patriarchenalter erreichen?
    Der junge Pfarrer von Werben war leider jedoch ein solcher Arsenikschlecker
nicht. Leib und Seele siechten an den Konsequenzen seiner Samaritertat wie an
vergiftetem tglichen Brot.
    Wenn er von der Kanzel herab das Grundgebot vom Ja, ja, nein, nein
verkndet hatte oder das von der Obrigkeit, die Gewalt ber einen jeden haben
soll, und auf dem Heimwege erkundigte sich ein wibegieriger Familienvater nach
den nheren Umstnden von seines Bruders verwunderlicher Blessurgeschichte -
Peter Kurze hatte dieselbige in Kurs gesetzt -, oder eine teilnehmende
Gemeindemutter fragte nach dem Befinden des armen, guten Friede, dem sie ein
selbstbereitetes Pflaster gar zu gern eigenhndig mit einem die Heilung
bedingenden heimlichen Spruch auf seine Wunden gelegt htte, dann trat kalter
Angstschwei auf das Pfarrers Stirn, und der Bescheid wrgte wie Wurmsamen in
seiner Kehle. Wohlwollende Amtsbrder warnten ihn ob seines bedenklichen
Aussehens. Sie meinten, er habe sich nach seiner Verwundung nicht hinlnglich
geschont, und rieten zu einer ernsthaften Erholungskur. Erwiderte er nun auf
solchen Rat, da er sich eine Luftvernderung vorgesetzt habe, indem er seinen
Bruder nach dessen Genesung auf die Insel zurckgeleite, so sagte ihm der
heimliche Strefried im Herzen, da diese Antwort wiederum nichts als ein
diplomatischer Kunstgriff sei. Und ach! wie ernsthaft war sie doch gemeint; wie
aus tiefster Seele schmachtete er nach den reinigenden Elementen und ach! wie
sehnschtig nach den hohen, stillen Sternen, deren Priesteramt kein
Samariterdienst entweiht!
    Auch Lydia leistete ja verstohlen Samariterdienst, auch sie pflegte dem
Namen nach den armen Hirtenfriede, der sich fern am Rhein in der Abwartung
seines lieben Herrn, nunmehro Generals, so behaglich fhlte, wie im Leben noch
nie. Aber Lydia war nicht falsch gestellt, indem sie es tat; sie bte des Weibes
natrliche Pflicht, nicht eine Ausnahmspflicht, welche der Alltagspflicht
widersprach. Selber Lydias Beispiel konnte dem armen Pfarrherrn das Herz nicht
erleichtern.
    Noch weniger jedoch als der Samariter schien der, welcher verwundet am Wege
gelegen hatte, der Tat der Barmherzigkeit froh zu sein. Nachdem Max Fieberwahn
und Lethargie so weit berwunden hatte, um seine Erinnerungen mit dem Bewutsein
der Gegenwart verknpfen zu knnen, da las Dezimus oftmals in seinem dsteren
Blick und den zusammengezogenen Brauen den Vorwurf: Warum hast du mir nicht den
Abschlu, der mir ziemte, gegnnt?
    Seine Plne waren gescheitert, sein Rausch ernchtert; er war ein
Gechteter, sein Name gebrandmarkt bei denen, die, aller Theorie zum Trotz, er
allein fr seinesgleichen hielt, ber die sich zu erheben, ber die eines Tages
zu herrschen er getrumt hatte. Und dann: er war ein Siechling geworden; er, dem
niemals eine Ader weh getan, der das, was Schonung heit, in keiner Weise
gekannt hatte, ein hinflliger Mann, - wie er ahnete, fr kurze Lebensfrist.
    Als standfester Philister knnen Sie es wie Papa Mehlborn zum Achtziger
bringen, als roter Hartenstein, oder meinetwegen auch nur als blauer, gebe ich
Ihnen keine zwei Jahr, hatte Doktor Peter Kurze erklrt; Max von Hartenstein
aber war einer, dem viel leben mehr gilt als lange leben. Er hatte wie ein
Knstler sich an dem Anblick seiner eigenen Schnheit geweidet, nun zeigte der
erste Blick in den Spiegel, den Rose ihm vorhielt, eine verfallene Gestalt,
hohle Augen und abgezehrte Zge, die er kaum fr die seinigen halten mochte; ihn
graute vor der Zukunft dieses wandelnden Gerippes. Auch die Gromut, deren
Gegenstand er sich fhlte, drckte ihn. Er war eine Natur zum Geben, nicht zum
Empfangen. An die Aushlfe seiner Schwester hatte er sich von Kind ab als an
etwas Selbstverstndliches gewhnt; er schenkte ihr, indem er von ihr nahm; sie
dankte ihm, nicht er ihr, wenn er sie fr sich sorgen lie. Und nun diese
Hingebung dulden zu mssen von Lydia, die ihn verschmht hatte, deren Wimper
nicht zuckte, deren Hand nicht zitterte, wenn sie den Verband auf seine Wunden
legte, eine barmherzige Schwester und - weiter nichts! von dem Sohn der misera
plebs, dem der reiche Mann sein einziges Lamm geraubt hatte und der als Entgelt
seine Existenz auf das Spiel setzte und sein Gewissen belastete! Wahrlich, es
war eine grausame Rache, die sie genommen, indem sie dieses Dasein der Schmach
gefristet hatten.
    So war denn keiner froh als Sidonie und mit ihr natrlich Rose, denn Lydia
war nur ruhig, voll frommen Dankes fr eine gelingende gute Tat. Rose aber, Rose
war selig, denn Rose liebte, und wenn sie sich auch schwerlich darber tuschte,
da ihr nicht die hchste Empfindung zum Lohne ward, wenn ihr holdes Getndel
dem Genesenden auch nur ein flchtiges Lcheln erweckte, schon dieses Lcheln
war ein Gewinn, denn sie allein zauberte es auf die bleichen Lippen. Und gibt es
denn nicht auch weibliche Naturen, denen ein erobertes Glck schwerer wiegt als
eines, das ohne Kampf in unsere Arme luft? Sie war des Sieges ber ihre
Nebenbuhlerin in seinem Herzen gewi. Liebte er Lydia noch, sie liebte ihn nicht
mehr, und eine Geliebte, die nicht liebt, wird zum Schemen. Sie aber, Rose, sie
liebte, und darum fhlte sie sich liebenswert. Sie war es ein paar Wochen lang
fr den Flatterling gewesen, und sie wrde es wieder sein, unentwegt sein, wenn
sie ganz die Seine geworden und treu zu dem Unglcklichen stand, nachdem der
Glckliche ihr entflohen war. So rechnete die kleine Rose, und die kleine Rose
war allezeit eine geschickte Rechnerin gewesen, wo es just nicht auf ideale
Ziffern ankam. Die kluge Sidi aber sagte:
    Mein Mxchen hat seine Meisterin gefunden und ist, gottlob! auf dem besten
Wege, aus einem Freiheitshelden ein Pantoffelheld zu werden. Gut Heil dem armen
Jungen zu der Chance! Ihnen aber, Kamerad, seinem moralischen Gegenfler,
zweimal gut Heil! Mu man doch wahrlich ein Johanniskind sein, wenn sogar unsere
Missetaten uns zum Segen gereichen sollen. Als Tugendheld wren Sie lebtags ein
Sklave geblieben; als Hehler und Helfershelfer eines Verschwrers kommen Sie zur
Freiheit und zu Ihrem Ideal. Aber so werden Sie doch nicht rot, junger
geistlicher Herr. Ich meine ja nur die lieben Sterne!
    So drngten alle und alles fort aus diesem Zwitterzustand, fort in reine
Luft; das aber um so mehr, da die Zeit sich nherte, in welcher der Wechsel der
mter verabredet worden war und ein Aufschub kaum ermglicht werden konnte, ohne
neue Menschen in das Geheimnis zu ziehen. Wie eine Heilsbotschaft wurde es daher
aufgenommen, als in der Weihnachtszeit Meister Kurze den Ausspruch tat, da er
nunmehr eine Translokation gestatten drfe, wenn auch natur-und vernunftgem
nicht in einem Atemzug, sondern mit einer Kunstpause in der Mitte, zu welcher
aus diplomatischen wie rztlichen Motiven Mutter Stinas Inselhaus sich empfehle.
Man rstete sich demnach zur Reise.
    Sidonie hatte nicht anders angenommen, als da sie ihren Bruder begleiten
werde, um sich im Leben nie wieder von ihm zu trennen: so zuversichtlich
rechnete sie auf den Befreier Tod; und kein Tag, keine Stunde verging, wo sie
ihn nicht hinter des Greises Schlummerstuhle lauern sah, wo sie das Ohr nicht an
des Greises Brust lehnte, nach dem letzten Atemzuge lauschend. Immer aber regte
sich wieder das wunderbare Geheimnis, Leben genannt, und die Maschine taktierte
weiter, lange nachdem der rastlose Arbeitsgeist, der sie achtzig Jahre regiert,
sich abgenutzt hatte.
    Am Silvestermorgen ging Dezimus Frey zum letzten Male in die Stadt seiner
Ephorie, und wenn es in diesen Aufzeichnungen gelungen ist, das Wesen seiner
ersten Lebensstufen deutlich zu machen, bedarf es keiner Schilderung des
Kampfes, den dieser mit allem Heimatlichen abschlieende Gang ihm kostete. Der
altbefreundete Superintendent war lngst vertraulich in den mtertausch
eingeweiht; nun erbat sein junger Amtsbruder, zum Zweck einer Erholungsreise,
sich eine geistliche Stellvertretung bis zur Ankunft des neuen Pfarrers und
lste darauf einen Pa nach der Insel, ausgestellt auf seinen Namen, den seiner
Pflegeschwester und seines kranken Bruders. Und das war Dezimus Freys letzte
bewute Lge.
    Heimgekehrt empfing ihn Sidonie mit der Kunde, da ihr Grovater
eingeschlummert sei fr immer. Lachende Erben beim Augenschlu eines
Mammonsnarren sind keine Seltenheit; diese Erben lachten nicht; erlsender aber
ist kein Augenschlu empfunden worden als der dieses alten betrten Kindes von
seiner jungen Hterin. Noch eine mahnende Besprechung mit seiner Schwester unter
vier Augen, eine zweite mit dem Genesenden, aus beider Munde ein entschlossenes
Ich will!, dann fgte Dezimus Frey in Konstantin Blmels geistlichem Gemach
Maxens und Rosens Hnde ineinander und sprach des Priesters Segen ber ihren
Bund.
    Ein wunderliches Dreiblatt von Verschmhten und Verschmhenden, Lydia,
Sidonie und Peter Kurze, war des Bundes Zeuge und unterzeichnete ein Dokument
ber den geistlichen Akt, das im Schloarchiv niedergelegt wurde, da das
Kirchenregister an dem gechteten Hartenstein und seinen Hehlern und
Helfershelfern nicht zum Verrter werden durfte. Solches aber geschehen,
entkleidete Dezimus Frey sich des priesterlichen Ornats und richtete an seine
vorgesetzte Behrde seinen Verzicht auf das geistliche Amt. Als Beweggrund
nannte er mit voller Wahrheit das Verlangen, sich dem Studium der Astronomie zu
widmen.
    Sobald es Abend geworden war, der letzte Abend dieses schweren
Kampfesjahres, bestieg er mit der, welche seine Schwester, und dem, welcher sein
Bruder hie, den Wagen, welcher sie nach der nrdlichen Bahnstation fhrte. Dort
im Coup stie - seinerseits unter einem Schrei der berraschung - Doktor Peter
Kurze mit den Geschwistern zusammen, setzte die Reise auch in ihrer Gesellschaft
fort, da er - wie mit weitschallendem Posaunenton verkndet ward - den Ruf in
ein holsteinisches Lazarett, behufs einer eine Meisterhand heischenden
Amputation, erhalten hatte.
    Es mute mit dieser Operation indessen nicht allzu drngende Eile haben,
denn der Operateur dampfte wohlgemut an der Lazarettstadt vorbei, segelte auch
ebenso wohlgemut mit den Freunden nach der Insel hinber, der er erst acht Tage
darauf, nachdem er seinem Patienten ein zuversichtliches Gut Heil! zugerufen
hatte, den Rcken kehrte. Er schwelgte in dem Plane, sich in der
Universittsstadt zu habilitieren und mittelst seiner auf Mehlbornschem Acker
erwachsenen goldenen Ernte eine Privatklinik zu grnden, die sich gewaschen
haben sollte. Was, das Gewaschensein nmlich, nach seiner unmageblichen
Meinung, nicht von jeder Klinik zu rhmen sei. Seinem zweitbesten Freunde
vertraute er auerdem, da er sich krzlich in ein allerliebstes Wittweibchen
verschossen habe, auf geneigtes Gehr rechne, unter allen Umstnden aber
entschlossen sei, fortan nur noch auf Witwen - natur- und vernunftgem der
handlichsten Spezies des schnen Geschlechts - zu reflektieren.
    Max erholte sich sichtbar unter dem Wehen der Meerluft und dem Gefhle der
Freiheit. Rose triumphierte. Er war weich und bewegt, oftmals mit Trnen in den
Augen. Leise begann er wieder sich des Lebens zu freuen, und dieses Leben dankte
er ihr.
    Nach Ablauf einer Woche kam Sidonie, und Lydia begleitete sie zum letzten
Lebewohl.
    Lydia und Dezimus standen am Strande allein, als das Boot abstie, in
welchem Bruder Klaus die Freunde nach Helgoland ruderte. Der erste Sonnenschein
des Jahres rang sich durch den Inselnebel, den Fliehenden und denen, welche
ihnen nachblickten, das Symbol eines neuen Lebens.
    Als der letzte Schimmer des weien Segels verschwunden war, da stand die
treue Weltenmutter glorreich leuchtend ber ihren Huptern, und Dezimus Frey
hielt an seinem Herzen das Weib, welches seinen Jugendtrumen als Leitstern
vorgeschwebt hatte und seinen Mannesjahren die Erfllung bringen sollte.

Bis zu diesem Abschlu, mein Konstantin, bin ich gelangt, whrend der Wochen,
die wir auf dem unwirtlichen Eiland hinbrachten in Erwartung des Phnomens, an
welchem wir die Entfernung unserer Erde von der alten, guten Sonnenmutter zu
ermessen hoffen. Morgen ist die entscheidende Stunde; es regnet, am Horizonte
brauen dichte Nebel, die Gefhrten blicken beklommen, noch vertraue ich aber
meinem bewhrten Johannisglck.
    Und nun lege ich die Feder aus der Hand, mit welcher ich die Erinnerungen an
dieses Glck als ein Vatererbe fr dich niedergeschrieben habe. Die Tatsachen
sind treu. Wie aber eine Landschaft, die sich uns im Morgengold eingeprgt hat,
verwandelt scheint, wenn wir im Nachmittagsschatten auf sie niederschauen, so
mag auch die Farbe, ber Menschen und Dingen von dazumal, sich im Gedchtnis
nachmittgig verwandelt haben, und wenn es dich etwa bednken sollte, da das
Licht mit ungebhrlichem Glanze auf die Gestalt des Helden gefallen sei, - ei
nun, mein Konstantin, es sind nur die besten Autoren, die heller als ihre Helden
leuchten, und wem wird ein Fnkchen Eitelkeit wohl so gern verziehen werden als
dem Vater, der seinem Sohne ein Erinnerungsbild hinterlassen mchte?
    Es sind nur die Stufenjahre der Jugend, die ich vollenden konnte; nicht mit
Unrecht aber hat man gesagt, da die ersten beiden Jahrzehnte, die sen
zweiundzwanzig, wie der Dichter sie nennt, die Hlfte eines Manneslebens
umfassen, und wenn es Methusalems Alter erreichen sollte. Die andere Hlfte, die
mit Lydia beginnt und den Sternen, mag, soweit du sie nicht miterlebt, deine
Mutter dir ergnzen. Drcke auch aus meiner Seele heraus die Segenshand an dein
Herz, die so warm in der meinen gelegen und dich so treu bis heute geleitet hat.
    Aber es war nicht gemtlicher Zeitvertreib, nicht die erquickende Rckschau
in blaue Fernen allein, die mich trieben, deinen Blick auf das gute Heimland zu
lenken, dem du Korn auf Korn entsprossen bist. Wie es einem Geschichten
erzhlenden Vater ziemt, lag mir eine Lehre im Sinn, die ich dir zurufen wollte
just aus der antipodischen Zone, in die ich seit Monden und auf Monde hinaus
mich gebannt, um eines Lichtmomentes willen, den ein Wolkenschatten verdunkeln
kann.
    Es ist nahezu ein Postulat geworden, da die Zeit, in der du zu reifen
berufen bist, den idealen Lebensgehalt verkmmern lt. In dir erfahren wirst du
es nicht. Einem Sohne Lydias verkmmert nicht sein Ideal. Glaube es aber auch
nicht, wenn du es hrst oder liest. Die Ideale wandeln und wechseln, erhellen
und verdunkeln sich wie die Ideen, das Ideale whrt und webt ewig wie die Idee.
Du kennst nunmehr den Mann, den diese Zuversicht bis in seine Todesstunde
beseligt hat. Und wenn es dir nicht gegeben sein sollte, die unlschbare Flamme
in Ausnahmsgeistern leuchten zu sehen und glimmen selber da, wo ihr
geflissentlich Hohn gesprochen zu werden scheint, so wirst du ihren warmen Strom
doch spren in jedem guten Menschenherzen. Die Gte, deren Namen selbst unsere
Sprache von Gott entnommen hat, ist das reinste Ideal.
    Es sind Feiglinge, mein Sohn, und sie waren es seit Jahrtausenden, die da
sagten und sagen: Nichts lieben und nichts glauben, nichts erstreben noch
ersehnen als die Ruhe des Nichts heie weise sein und einzig Erdenglck.
Schwchlinge und rmlinge! Die rmsten unter uns! Sie kennen unseren Reichtum
nicht einmal, unseren Reichtum selbst in der Traurigkeit, die kein Menschenglck
und keine Menschenweisheit lst, weil sie das ewige Erbteil ist, das den
Menschen erst zum Menschen macht.
    Kmpfe darum mutig, mein Sohn, und scheue der Wunden nicht, um das, was du
in dir trgst, zu behaupten im Gestritt der Welt. Denn nur dieses Eigenste ist
dein Glck. Das holde Gestirn, an dem wir die Sonnenkraft ermessen, es hat auch
ber deiner Wiege gestanden und wird dich leiten durch das Leben, bis es als
Abendstern dir leuchten wird dort hinber, wo wir mit reiferen Sinnen das
Wandelbare zu erfassen und mit tieferem Sinn das Unwandelbare zu ergrnden
hoffen.
