
                          Ebner-Eschenbach, Marie von

                                     Bozena

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                           Marie von Ebner-Eschenbach

                                     Bozena

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Leopold Heienstein war der reichste und einer der geachtetsten Brger des
mhrischen Landstdtchens Weinberg. Ob auch einer der beliebtesten, das stand
dahin und machte die geringste seiner Sorgen aus. Witzbolde unter den
Eingeborenen meinten, ein Mann von Geist und Geschmack sei er jedenfalls, das
bringe schon sein Geschft mit sich - das ansehnliche Weingeschft nmlich, das
sich seit Generationen in seiner Familie forterbte und das er zu unerhrter
Blte gebracht hatte.
    Wie Leopold der einzige Sohn seines Vaters gewesen war, so wurde auch ihm
nur ein mnnlicher Sprosse, aber ein prchtiger Junge beschert, der den Ruhm des
alten Hauses glorreich fortzusetzen versprach.
    Ein Tchterchen, das seine Frau ihm in den spteren Jahren der Ehe gebar,
betrachtete Heienstein als ziemlich unwillkommene Zugabe zu seinem Glcke.
Denn, pflegte er zu sagen, der Sohn trgt Geld in das Haus, die Tochter trgt
Geld aus dem Haus.
    Auf eine Mitgift brigens, wenn auch auf eine sehr anstndige, kommt es
einem Manne wie Heienstein nicht an, und damit fertigt er dereinst das Mdchen
ab.
    Die Existenz dieses Kindes, dem Vater so gleichgltig, wurde fr die Mutter
eine Quelle unsglicher Freude; der letzten, welche die krnkliche Frau auf
Erden genieen sollte. Der Sohn war ihrer Sorgfalt, sobald dies nur halbwegs
anging, entzogen und nach Wien in eine Erziehungsanstalt gebracht worden.
Heienstein hatte geglaubt, ihn nicht frh genug aus der Kinderstube und den
Hnden der Weibsleute befreien zu knnen. Wie recht er daran getan, das wurde
ihm tglich durch den unheilvollen Einflu besttigt, den die abgttische Liebe
der Mutter auf die kleine Rosa ausbte. Die Unarten des Kindes erfllten ihn mit
einer Art von spttischer Befriedigung. Ihm selbst war die Unerbittlichkeit, mit
welcher er Mutter und Sohn einander entfremdete, manchmal grausam erschienen -
jetzt fand er sie auf das glnzendste gerechtfertigt.
    Da die arme Frau sich eben mit allen Krften ihres entschwindenden Lebens
an das einzige klammerte, das man ihr lie, daran dachte er nicht. Er war nicht
gewohnt, auf die Empfindungen andrer Rcksicht zu nehmen, am wenigsten auf die
seiner stillen Lebensgefhrtin. Was er tat, war wohlgetan, und der Eindruck, den
es hervorbrachte, gleichgltig. In sicherer Ruhe schritt er dahin, seiner selbst
gewi, nichts frchtend, nichts bereuend. Und so, in der Flle der
Zufriedenheit, traf ihn der schwerste Schlag, der ihn treffen konnte: er verlor
seinen Sohn. Der Knabe wurde so rasch hinweggerafft, da seine Eltern, die bei
der ersten Nachricht seiner Erkrankung herbeigeeilt kamen, ihn nicht mehr am
Leben trafen.
    Es dauerte lange, bis Heienstein an seinen Verlust glauben lernte. Die
Wirkung des ersten groen Unglcks, das der zuversichtliche Mann erfuhr, war
vernichtend.
    Fr wen habe ich gearbeitet? - Ich habe keinen Erben! - in dieser Klage
gipfelte sein Schmerz. Seine Hoffnungen waren zerstrt, seine Erinnerungen
vergllt. Wer blickt gern auf ein Leben voll Mhen zurck, wenn ihm die Frchte
derselben geraubt worden? Heienstein konnte, was sein Flei erworben, nicht
einem Namenstrger hinterlassen, demnach war der Lohn seines Fleies dahin.
    Mit wunderbarer Standhaftigkeit hingegen benahm sich die Mutter bei dem Tode
ihres Erstgeborenen. Keiner hatte es gehrt, wie sie mit dem letzten Kusse auf
seine Lippen ihm die Worte zugehaucht: Ich komme bald zu dir!
    Und von dem bleichen Toten hinweg wandte sie sich mit verdoppelter
Zrtlichkeit ihrem rosigen, lebensfreudigen Liebling zu. Bestndig von der
Ahnung naher Trennung erfllt, geizte sie mit jedem Augenblicke, den sie bei dem
Kinde zubringen, frohlockte ber jedes Lcheln, das sie ihm abgewinnen konnte,
warb um seine Liebkosungen und zagte und zitterte vor seinen Trnen.
    Rschen war schon zu dem vollen Bewutsein ihrer Wichtigkeit und der
Unverletzlichkeit ihres Willens gelangt, als sich pltzlich die Augen schlossen,
die mit verwhnender Liebe ber ihr gewacht hatten. Frau Heienstein entschwand
eines Morgens wie ein Schatten von der Wand; ohne vorhergegangene sichtbare
Krankheit, ohne die geringste Pflege in Anspruch, ohne Abschied genommen zu
haben von dem gefrchteten Manne und von dem geliebten Kinde. Bevor Herr Leopold
ahnte, da auch dieser Verlust ihn bedrohe, erfuhr er ihn.
    Und seltsam! Die demtige Frau, welcher er, solange sie lebte, nur eine sehr
oberflchliche Beachtung gegnnt hatte, wurde von ihm jetzt so bitter vermit,
als ob sie der Mittelpunkt all seiner Interessen gewesen wre. Das Gefhl des
Verlassenseins ergriff ihn, das keinen Menschen mit solcher Trostlosigkeit
berfllt wie den Egoisten, wenn die von ihm scheiden, deren Existenz er zu
seinen Gunsten ausbeutete. Nun machte er den Versuch, das einzige Geschpf, das
er auf Erden noch sein nannte, an sich heranzuziehen. Allein zwischen dem an
Widerspruch nicht gewhnten Vater und seinem eigensinnigen Tchterlein wollte
kein Band sich knpfen lassen. Der Trotz und der Ungehorsam des Kindes setzten
die Geduld Herrn Leopolds gar bald auf harte Proben. Er bestand sie nicht. Nach
einigen strmischen Auftritten, aus denen Rosa zwar hart mihandelt, aber als
Siegerin hervorging, erschrak ihr Vater vor seiner eigenen Heftigkeit und
berlie die fernere Erziehung des Wildfangs der Magd des Hauses, einer derben
und verllichen Person von zweiundzwanzig Jahren, mit Namen Bozena. Fr diese
uerte das Kind schon zu Lebzeiten seiner Mutter eine zrtliche Liebe, welche
die arme Verstorbene oft eiferschtig gemacht hatte. Rosa nannte die Dienerin,
wie sie es wohl von andern gehrt hatte, die schne Bozena und ertrug die
rauhe Behandlung, die sie zeitweis von ihr erfuhr, mit frhlicher
Standhaftigkeit.
    Die schne Bozena htte sich an Gre und Strke khnlich mit einem
Flgelmanne des Garderegiments Friedrich Wilhelms I. messen knnen. Dabei besa
sie ein ausdrucksvolles und gescheites Gesicht, in dem ein Paar rabenschwarze
Augen funkelten, die auch der mutigste Mann nicht ohne leises Grauen in Ungnaden
auf sich gerichtet sah. Das Schnste jedoch an der schnen Bozena war die Rte
ihrer Wangen und das blendende Wei ihrer Zhne. Allerdings konnten die Lippen,
hinter denen das prchtige Gebi zum Vorschein kam, etwas schwellend genannt
werden, und was die Nase betraf, so geschah ihr kein Unrecht, wenn man sie - wie
ein launiges Mitglied der Pabehrde ex officio getan - landesblich nannte.
Gegen alles Schmucke und Zierliche empfand Bozena Verachtung, aber mit der
Reinlichkeit nahm sie es genau; die Arbeit flog unter ihren Hnden, und so
blitzblankes Hausgert, einen so nett gedeckten Tisch, so sauber gehaltene
Stuben wie im Hause Heienstein fand man auf Meilen in der Runde nicht wieder.
    Mit dem Kinde, das ihr nun ausschlielich anvertraut war, ging sie um, wie
eine Brin mit einem jungen Hndchen umgegangen wre, fr das sie eine
mtterliche Zuneigung gefat htte. Wenn sie ihre Riesenfaust gegen die Kleine
ballte und sie mit einer Stimme anschrie, die aus der Brust eines Ogers zu
kommen schien, dann lachte das verwegene Ding, aber es gehorchte.
    Bozena war sich wohl bewut, das Kind und der Haushalt ihres Herrn knnten
schwerlich besser betreut werden, als es durch sie geschah, und lebte in ttiger
Ruhe dahin; sehr zufrieden mit ihrem Lose, ohne Furcht, da jemals eine
Vernderung eintreten knnte.
    Indessen wurde sie, noch vor Verlauf eines Jahres nach dem Tode der Frau,
welche sie so vollstndig ersetzen zu knnen meinte, aus ihrer Sicherheit
aufgeschreckt. Das Gercht, Herr Heienstein stehe im Begriffe, sich zum
zweitenmal zu verheiraten, verbreitete sich, und Neugierige, die durch Bozena
Bestimmteres darber zu erfahren hofften, trugen es ihr zu. Sie wurden zwar mit
ihrer Nachricht nicht viel besser empfangen als ein Zndfaden von einer Rakete,
aber so fest berzeugt, als Bozena zu sein vorgab, ihr Herr werde keine solche
Dummheit begehen, war sie doch nicht.
    Von Stunde an begann sie den Gebieter unter scharfer Aufsicht zu halten.
Trotz der grten Aufmerksamkeit vermochte sie jedoch nicht die geringste
Vernderung, weder in seiner Lebensweise noch in seiner Stimmung, wahrzunehmen.
Hchstens da sich die letztere in der jngsten Zeit noch um etwas
verschlechtert hatte. Und Bozena, deren Weise es sonst war, wenn sich eine Wolke
auf dem Gesichte ihrer Herrschaft zeigte, auf dem ihren sofort ein ganzes
Gewitter aufsteigen zu lassen, lchelte jetzt um so freundlicher, je finsterer
der Kaufmann erschien. Als dieser eines Abends mit ganz besonders verdrossener
Miene heimkam und, nachdem er Befehl gegeben, das fr ihn bereitstehende
Abendessen wieder abzutragen, sich in sein Zimmer begab, hatte Bozena Mhe,
ihren Jubel zu unterdrcken.
    Gute Nacht! rief sie Herrn Leopold mit ihrer sesten Stimme nach und
setzte fr sich triumphierend hinzu: Er hat ihn, den Korb!
    Sie schlief sehr gut in dieser Nacht und begab sich mit ausgezeichnetem
Frohmut am nchsten Morgen an die Arbeit. Es war Sonntag, und da gestern
besonders grndlich gescheuert worden war, gengte heute eine leichte Nachhilfe.
Bozena beschftigte sich eben mit Besen und Wischtchern im Speisezimmer, da
trat ihr Herr Heienstein entgegen, glatt rasiert und stattlich, das Gebetbuch
in der Hand.
    Mach fertig, sprach er, kleide Rosa an. Ich werde nach der Messe meine
Braut hierherbringen, damit sie das Haus und das Kind kennenlerne.
    Nur ein Knig, dem Krone und Zepter pltzlich entrissen wurden, wei, was
Bozena bei diesen Worten empfand. Ihr Blick zuckte an Heienstein wie ein Blitz
vom Wirbel bis zur Sohle hinab, und unter der Flle von Geringschtzung, die
sich auf ihre Lippen gelagert hatte, erschienen dieselben noch dicker als sonst.
    Braut? rief sie. Sie wollen wieder heiraten? ... Wozu denn?
    Herr Heienstein richtete sich, so hoch er konnte, der Riesin gegenber auf,
knpfte mit stolzer Entschlossenheit seinen neuen dunkelbraunen Winterrock
zusammen und erwiderte: Meine Tochter braucht eine Mutter, und ich brauche
einen Sohn.
    Damit verlie er wuchtigen Schrittes das Zimmer.

                                       2


Die Braut, die der angehende Greis sich erkoren hatte, war die Tochter eines
Professors am stdtischen Gymnasium. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich
in die Landeshauptstadt begeben, um dort eine Stelle als Erzieherin des Grafen
Karl von Rondsperg anzutreten. Zehn Jahre hindurch wurde diese Position unter
mancherlei Kmpfen siegreich von ihr behauptet. Nach dem Verlaufe jener Zeit war
- wie die Gouvernante auf das bestimmteste erklrte - die Erziehung der Zglinge
vollendet. Aller Schmuck der Bildung setzte die angeborenen Vorzge der jungen
Komtessen in das hellste Licht.
    Frulein Nannette hielt in Gegenwart der grflichen Eltern und einiger
hochgeborenen Angehrigen eine kleine Rede, in der sie den Satz verfocht, da
sagen zu sollen, was hier noch zu lehren sei, ihr die grte Verlegenheit
bereiten wrde. Helle Freudentrnen, welche ber die mnnlichen Wangen des
Vaters und ber die zarten Wangen der Mutter liefen, belohnten die Spenderin
einer so ehrenhaften Anerkennung. Durch den Anblick der hervorgebrachten Wirkung
berauscht, lie sich die Rednerin zu einem uneingeschrnkten Lobe der
opferfreudigen Untersttzung, welche ihren pdagogischen Bestrebungen von seiten
des edlen Elternpaares stets zuteil geworden sei, hinreien. Die Erschtterung
aller Gemter wurde dadurch noch erhht; und als Frulein Nannette mit den
Worten schlo, es bleibe ihr nun nichts mehr zu tun brig, als zu scheiden und
die Erinnerung an all das genossene Gute mit sich zu nehmen, baten der Graf und
die Grfin, sie mge ihnen das Herz nicht zerreien.
    O schne Stunde! unvergelicher Anblick! Alle Anwesenden umschlangen
Frulein Nannette in einer Umarmung und kten sie auf ihren Mausmund.
    Der Herr Graf aber begab sich stracks in sein Zimmer und lie aus der
Kanzlei Tinte und Papier holen. Er setzte unter dem Beistande seiner Gemahlin
und des Gutsverwalters ein Diplom in die Welt, das ein Wunder war an Auffassung,
Stil und pompser Sprache. Es lie sich kein einziger Schlupunkt darin
erblicken, die Stze flossen ineinander und auseinander, ein Redestrom so breit,
wie die Aufzhlung der Tugenden, Verdienste, Vorzge und Talente Frulein
Nannettens ihn erforderte.
    Und so gestaltete sich die Abreise der pltzlich allen teuer gewordenen
Hausgenossin zu einem wahren Familienfeste. Die heiligsten Schwre ewiger Liebe
und Dankbarkeit wurden ausgetauscht, und Vater, Mutter und Tchter einerseits,
Frulein Nannette andrerseits brachten es im Taumel ihrer Gefhle so weit, nicht
nur zu sagen, nein, auch zu glauben, die Zeit ihres Zusammenlebens sei eine
schne und glckliche gewesen.
    Die Erzieherin hatte beschlossen, ehe sie daran ging, sich einen neuen
Wirkungskreis zu schaffen, einige alte Verwandte zu besuchen, die ihr im
heimatlichen Stdtchen noch lebten. Sie kehrte denn nach Weinberg zurck an der
Spitze ihres groen Ruhmes, ihrer kleinen Pension und einiger Ersparnisse. Der
Nimbus, den der jahrelang gepflogene Umgang mit vornehmen Leuten ihr verlieh,
umstrahlte sie mit schier unheimlichem Glanze und imponierte besonders denen
unter ihren Mitbrgern die sich fr eingefleischte Demokraten hielten.
    Schon einige Tage nach Nannettens Ankunft - und etwa drei Vierteljahre nach
Frau Heiensteins Tode - begegneten einander auf der Promenade der reichste Sohn
und die gebildetste Tochter der Stadt.
    Sie drckte ihm ihre Teilnahme an seinem Verluste in Worten aus, die man so
geschmackvoll gewhlt noch nie vernommen hatte unter den Kastanienbumen der
stdtischen Anlagen. Sie gedachte auch mit Wehmut der freundschaftlichen
Beziehungen, in welchen sie in schnen Jugendtagen zu der edlen Verklrten
gestanden. Ihr grtes Mitgefhl jedoch erregte die Sorge, die dem
alleinstehenden Witwer aus dem Dasein einer Tochter erwuchs.
    O Herr Heienstein, welche Aufgabe fr Sie, dieses Dasein! Eine Aufgabe,
deshalb so gro fr einen Mann, weil sie eigentlich zu klein fr ihn ist. Wie
soll er dem erziehlichen Momente gerecht werden, das alles ist, Herr
Heienstein, alles!
    Sie legte auf dieses letzte Wort ein Gewicht, das zusammengeballt schien aus
der berzeugungskraft von tausend fanatischen Seelen, empfahl sich mit
bescheidener Wrde und enteilte mit so gleichmigen kleinen Schritten, da es
war, als rolle sie auf unsichtbaren Rdern ber den Kies des Weges dahin.
    Herr Heienstein blickte ihr eine geraume Weile nach und dachte: Das
erziehliche Moment, ja ja - das erziehliche Moment! Er wute freilich nicht, was
sie darunter gemeint hatte, aber die Worte prgten sich seinem Gedchtnis ein,
und zugleich erwachte in ihm ein gewisser Respekt vor dem erstaunlichen
Frauenzimmer, das solche Ausdrcke mir nichts, dir nichts gebrauchte, wie
gewhnliche Menschen Wasser oder Brot sagen.
    Er sah sie wieder, er besuchte sie ab und zu bei ihren alten Verwandten. Die
Ehrfurcht, welche von diesen dem Frulein gezollt wurde, und die demtige
Liebenswrdigkeit, mit der die Verehrte ihn behandelte, taten seinem stolzen
Herzen wohl. Er gewann die berzeugung, da er sich im Notfalle an Nannettens
spitzes Gesicht wrde gewhnen knnen. Leicht wurde ihm der Entschlu, sich ein
zweitesmal zu verheiraten, nicht, aber er fate ihn doch, dem Hause, dem
anzuhoffenden Erben zu Ehren, dessen Mutter zu werden die ber alles Lob
erhabene Dame Nannette ihm gerade gut genug schien.
    Feierlich trug er ihr denn eines Tages seine breite Rechte an, und sie legte
ihr Pftchen mit einer Eile hinein, die ihn fast bestrzt machte ob seines
raschen Glckes. Sein Wort war kaum verpfndet, als er sich von der Ahnung
ergriffen fhlte, er habe der Erhaltung seines Stammes ein schweres Opfer
gebracht. Die nchste Zukunft rechtfertigte diese Befrchtung; es war ein
unseliger Ehebund, den Herr Leopold mit Frau Heienstein II. schlo. Der Mann,
starr, unbeugsam, von dem Glauben an sich selbst durchdrungen; die Frau, von dem
Teufel der Hofmeisterei besessen, htte leichter auf das Atemholen als auf das
Spenden guter Lehren verzichtet. Sie unterzog das Benehmen ihres Gatten, seine
Art, zu gehen, zu gren, zu sprechen, zu essen, einer bestndigen Kritik und
suchte ihn in allen diesen Beziehungen durch ihre Ratschlge auf das
grndlichste zu reformieren.
    Der erstaunte Herr Heienstein lie sich dies alles eine Zeitlang ruhig
gefallen, er begriff nach und nach, was sie damals gemeint haben mochte, als sie
von dem erziehlichen Momente sprach, das alles sei.
    Er schwieg lange, pltzlich jedoch fuhr er empor und war im Zorne so
frchterlich, da Frau Nannette sich von dem Schrecken, den er ihr in diesem
Augenblicke einflte, nie mehr ganz erholte. Er erklrte ihr, er sei, ohne
jemals erzogen worden zu sein, zu Vermgen, Ansehen und hohen Jahren gekommen.
Er denke nicht daran, jetzt nachzuholen, was er, ohne den geringsten Schaden
davon zu verspren, in seiner Jugend versumt habe. Der Mensch lebe nicht, dem
zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten, mge sie gut oder bel sein,
aufgeben wolle. Er wies sie brigens an, ihre Erziehungsknste an seiner Tochter
zu ben, dazu habe er die Gouvernante geheiratet, dazu sei sie da.
    Dieser Befehl gehrte freilich zu der groen Menge derer, die leichter
gegeben als befolgt werden. In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie
ihr Herr Papa, sich einem fremden Willen zu unterwerfen. Das Kind, heimlich von
Bozena untersttzt, leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die
stiefmtterliche Autoritt und brachte es wirklich dahin, da Frau Nannette
gestand, es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und
Nihilisten, die sie bisher auf Tod und Leben bekmpft hatte, es gbe Kinder,
deren unbndigem Naturell gegenber selbst die bewhrtesten, von pdagogischen
Autoritten ersten Ranges als unbertrefflich anerkannten Erziehungsmethoden
sich ohnmchtig erwiesen.
    Am klglichsten jedoch scheiterten Frau Heiensteins Bemhungen, doch
wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen. Waren Herr
Leopold und seine Tochter naive Gegner, die sich nur krftig wehrten, wenn sie
angegriffen wurden, so galt es bei Bozena auf der Hut sein vor einer stets
kampfbereiten, hartnckigen Plnklerin, die auf jede Gelegenheit lauerte, die
Feindseligkeiten selbst zu erffnen. Frau Nannette war in allem, was die Leitung
eines Hauswesens betrifft, unerfahren wie ein Sugling, und es gab fr Bozena
Veranlassungen genug, ihre berlegenheit fhlen zu lassen, ob sie nun genau das
Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte oder eine
ungeschickte Anordnung wrtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam
blostellte.
    So hatte sich die Existenz Frau Heiensteins II. recht bedauerlich
gestaltet, und nicht wenig moralischer Mut gehrte dazu, um doch, wie sie es
tat, vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an
ihre ehemaligen Zglinge regelmig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden, in
denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von Gesang der Sphren in Haus und
Gemt die Rede war.
    Endlich jedoch trat ein Umstand ein, der die Stellung Dame Nannettens in dem
alten Heiensteinschen Familienneste vllig und gnstig vernderte.
    Bozena bemerkte mit schwer gebndigter Entrstung, da Herr Leopold seine
Gemahlin mit Rcksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann. Dinge, die bisher
fr ihn zu den gleichgltigsten gehrt hatten, ihre Stimmung und ihr Befinden,
schienen ihm wichtig geworden. Wie geht's der Frau? fragte er beim Kommen;
gebt acht auf die Frau, sagte er beim Gehen. Nur an seinem Arme durfte sie das
Haus verlassen. Der mrrische Kaufmann fand Koseworte fr seine Nannette, er
nannte sie seine liebwerte Oberhofmeisterin und seine alte graue Maus; er
empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der
Gebieterin und Mutter gegenber und drohte, jeden Widerstandsversuch auf das
unbarmherzigste zu bestrafen.
    Bozena rang mit der Verzweiflung; sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres
Appetits und fegte in ihrer Kche herum wie ein Wirbelwind. Die Anzahl der Koch-
und Speisegeschirre, die damals im Heiensteinschen Hause in Trmmer verwandelt
wurden, erreichte eine erstaunliche Hhe. Es versteht sich von selbst, da ein
rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wre, seine glhende Lava
still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen, als Bozena, den Ausbruch ihres
grenden Grolls zu unterdrcken.
    Nicht lange, und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine
Magd, die erste zornesbla, die zweite zornesrot, in einem Wortwechsel
begriffen, der nur seines Sngers bedurft htte, um unsterblich zu werden wie
jener der Kniginnen vor dem Dome zu Worms oder wie jener der gekrnten
Schwestern im Parke zu Fotheringhay.
    Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen
ingrimmigen auf die kecke Dienerin.
    Was unterstehst du dich?! rief er dieser zu und strzte ihr mit erhobener
Hand entgegen. Sie aber, hochaufgerichtet, den Kopf zurckgeworfen, die Arme in
die Seiten gestemmt, stand wie ein Fels. Herausfordernd blickte sie ihren Herrn
an, dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hnenhaften fast klein ausnahm,
und schleuderte der Gebieterin ber seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde,
in kurze Stze zusammengefate und mit Kraftworten gewrzte Kritik ihrer
Ttigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu.
    Jeder Versuch, den der Kaufmann machte, Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt
zu tun, verlieh derselben nur einen hheren Schwung, der Zorn der Riesin wuchs,
indem er tobte wie die flammende Lohe, vom selbsterzeugten Sturme angefacht.
    Endlich raffte Heienstein alle seine Kraft zusammen: Hinaus, Canaille! Aus
dem Zimmer - aus dem Hause - du bist entlassen! schrie er, bei jedem Satze neu
Atem holend.
    Ein wildes Gelchter antwortete ihm.
    Entlassen?! wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne: Nicht entlassen! ...
Oh - ich gehe selbst! Und gehe heut und gehe gleich!
    Der ungebndigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten
hervor und verkndigte jubelnd, was sie nicht aussprachen, die stolze
berzeugung: Ich gehe, und das Behagen, die Ordnung, die Wohlfahrt des Hauses
nehm ich mit!
    Von vorahnender Wollust der Rache berauscht, strmte Bozena dem Ausgange zu.
Sie hatte schon die Schwelle betreten, schon die Klinke erfat, als sie sich
pltzlich am Kleide ergriffen und zurckgehalten fhlte. Ohne sich umzusehen,
versuchte sie von sich zu schieben, was sie hinderte in ihrer triumphierenden
Flucht. Da berhrten ihre Finger seidenweiche Locken, da lag ihre Hand auf dem
Haupte eines Kindes. Schmerzdurchzuckt, als htte sie ein glhendes Eisen
berhrt, fuhr sie zusammen. Ein Laut, nicht Schrei, nicht Schluchzen, ein
qualerpretes Sthnen entrang sich den halbgeffneten Lippen der Riesin.
    Fort, du Range! rief sie dann, und die mchtig erwachte, zornig bekmpfte
Rhrung gab ihrer Stimme einen heiseren, unheimlichen Klang. Aber der
hartgewhnte Zgling Bozenas lie sich so leicht nicht einschchtern. Nur
heftiger zerrte Rosa ihre rauhe Freundin am Gewande und wiederholte ohne
Aufhren und in allen Tonarten: Bleib! Bleib doch! Bleib bei mir!
    Und Bozena, wie ein pltzlich ohnmchtig gewordener Simson, bi die Lippen
und rang die Hnde. Doch grte in ihr die aufrichtigste Wut gegen den Unband,
der sich zwischen sie und ihren Sieg drngte; gegen das undankbare Geschpf, das
sich an ihr Kleid hngte und sagte: Bleib! - anstatt zu sagen: Geh, befreie
dich! Oh, sie gibt nicht nach, die Rosa. Aber die Bozena noch weniger, das ist
gewi; sie reit sich los, sie geht, ohne einen Blick auf das eigensinnige Ding
zu werfen. - Tte sie's - wer wei, was noch geschhe? Sie tut es nicht! sie
will nicht! ... Und indem sie sagt: Ich will nicht - ist es geschehen.
    Du grundgtiger Gott! Da steht das Kind vor ihr im Nachthemdchen mit ganz
zerzausten Haaren, in denen noch ein Flaum aus dem Kissen wie eine Schneeflocke
liegt, und sieht dem Bilde des Christkindleins so hnlich, das Bozena auf dem
letzten Jahrmarkte gekauft hat. - Aus dem Bette ist die Kleine gesprungen, um
ihr nachzueilen, und stampft jetzt vllig ungeduldig den Boden mit ihren kleinen
nackten Fen und fragt zugleich schmollend und schmeichelnd: Wer gibt mir heut
mein Frhstck? Wer kleidet mich heut an?
    Nun war's vorbei mit Bozenas Herrlichkeit.
    Wer heut? wer morgen? wer je? ruft sie mit einem Ausbruch
leidenschaftlicher Klage - ihr Zorn, ihr Trotz, ihre Strke: alles dahin! Sie
hebt den Schtzling empor und pret ihn mit inbrnstiger Liebe an ihre Brust.
Ein letzter Kampf, und die Gewaltige beugt sich, das Kind immer in den Armen,
vor der Herrin, die sie verabscheute, beinahe bis zur Erde. Zum erstenmal im
Leben kam ein Wort der Vershnung aus ihrem Munde: Verzeihen Sie mir, Frau,
verzeihen Sie mir, Herr! - Behalten Sie mich! bettelte demtig, die sich
unentbehrlich und unersetzlich wute.
    Und man behielt sie. Aber Bozena mute das Eingestndnis, da sie sich vom
Hause Heienstein nicht trennen konnte, teuer bezahlen. Macht besitzen und
nicht mibrauchen ist Tugend - Frau Nannette besa diese Tugend nicht. Sie
ersparte der berwundenen Lwin keinen Futritt und keinen Nadelstich. Ihre
kleinlichen Nrgeleien wurden von Bozena mit Gre ertragen. Einmal zum
Bewutsein gekommen, da sie in unzerreibaren Fesseln lag, nahm sie die
Konsequenzen ihrer Schwche mit hochherziger Ergebung hin. Nur sehr
scharfsichtige Augen merkten, da sie leide. Ein alter Kommis des Kaufherrn, der
Bozena immer mit Auszeichnung behandelte und zum Lohne dafr ein Wohlwollen
geno, welches die Schne sonst nicht an das Mnnervolk verschwendete, fragte
sie um diese Zeit: Wie leben Sie? Und sie antwortete ohne Anmut, aber mit
Kraft: Wie soll ich leben? Ich fresse Galle und saufe Trnen.
    Es kam der Tag, an dem Herr Heienstein der Magd befahl, die Wiege vom
Bodenraum herabzuholen. Bozena gehorchte schweigend, aber nachts stand sie auf,
trat an das Bettchen, in dem ihr Liebling schlief und jammerte: O du armer
Wurm! Du armer Wurm, du!
    Und ein andrer Tag kam, an dem Herr Heienstein, steif wie eine Bildsule,
im Fenster des dunkel getfelten Speisezimmers lehnte und mit rotunterlaufenen
Augen auf den groen Platz hinausstarrte. Trotz der ueren Bewegungslosigkeit
war sein ganzes Wesen in Aufruhr, er murmelte unverstndliche Worte vor sich
hin, und sein fahles Angesicht trug den Ausdruck der grten Spannung.
Zusammengekauert auf einem der hochlehnigen Holzsthle sa Rosa. Sie hatte
mehrmals versucht, sich leise aus dem Zimmer zu schleichen, und war daran
ebensooft durch ein gebieterisches Du bleibst! das ihr der Vater zurief,
verhindert worden. Sie begann sich zu frchten vor ihm, vor der Stille, vor der
hereinbrechenden Dunkelheit; sie regte sich nicht mehr, sie zhlte, um sich die
Angst zu vertreiben, die Glser und Tassen auf dem altertmlichen Kredenzkasten,
erst stumm, dann halbflsternd, endlich halblaut singend nach einer
selbsterfundenen Melodie.
    Da wurde ein Gerusch vernehmbar, die Tr ffnete sich, und auf der Schwelle
stand Bozena, ein Licht in der Hand, das ihre Zge grell beleuchtete. Ein
sonderbares Gemisch von Empfindungen, von Freude und Sorge drckte sich in ihnen
aus. Heienstein war aus der Fenstervertiefung hervorgetreten an den groen
Speisetisch, auf den er seine beiden flachen Hnde legte. Die Knie zitterten
ihm, und pfeifend entrang der Atem sich seiner Brust.
    Bozena rief: Kommen Sie, Herr! Kommen Sie!
    Er sah die Botin unverwandt und mit fragenden, erwartungsvollen Blicken an
und keuchte endlich, ohne seine Stellung zu verndern: Es ist ein Sohn - rede!
- es ist ein Sohn!
    Was - Sohn! erwiderte Bozena - Sie sollen kommen, der Frau geht es
schlecht.
    Heienstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch
mden Schritten auf die Magd zu.
    Aber das Kind ... rief er, das Kind ist da - lebt?
    Ist da - - lebt, wiederholte sie.
    Ist ein Knabe!? setzte er hinzu, fast schreiend in bangender Qual.
    Ist ein Mdchen, sagte Bozena. Sie sagte es ruhig und beschwichtigend. Er
jedoch, auer sich, sinnverwirrt, meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme
klingen zu hren. Mit einer Verwnschung strzte er auf die Verknderin der
unwillkommenen Botschaft los, stie sie vor die Brust, da sie taumelte, und
ging - nicht zu seiner schwerkranken Frau, nicht zu dem neugeborenen Kinde,
sondern zurck in sein Gemach, dessen Tr er hinter sich zuwarf und verriegelte.
    Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie
betubt; der Leuchter entsank ihr. Aber schon in der nchsten Minute hatte sie
sich aufgerafft. Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelchter nach und
streckte ihrer kleinen Rosa, die auf sie zuflog, die Arme entgegen. Sie hob
ihren Liebling hoch empor auf ihren mchtigen Hnden und rief jauchzend: Er hat
keinen Sohn - er wird keine Tochter haben als dich - du bleibst die einzige ...
Die dort - sterben! flsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr, du lebst, du
wirst leben - und schn und reich und glcklich sein!

                                       3


Den Befrchtungen der rzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotze erholte sich
Frau Heienstein; und auch ihr Sprling, dem bei seinem Erscheinen die
Mglichkeit abgesprochen wurde, die Nacht zu berdauern, blieb am Leben. Ja, er
bekundete bei berwindung der Fhrlichkeiten, die jede Suglingsexistenz
bedrohen, eine Zhigkeit und Kraft, die alle Sachverstndigen in Erstaunen
setzte. Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula, und whrend ihre
Mutter wochenlang hilflos und ohnmchtig daniederlag und ihr Vater sich grollend
von ihrer Wiege abwendete, fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges, das
sich ihr hingab mit strmischem Entzcken. Die kleine Rosa begrte in dem
pltzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk, das der gute Storch fr sie,
und ganz allein fr sie gebracht hatte. Sie fate Posto an der Seite des gelben,
winzigen Geschpfes, das jmmerlich kreischend in seinen Kissen lag und so
erbrmliche Gesichter schnitt und die mageren Hndchen so sonderbar ballte und
ausstreckte.
    Es stirbt! es stirbt! rief sie, wenn sich die kleinen alten Zge
vernderten und verzerrten. Und wenn es die Augen aufschlug, sang sie ihm vor
und bewunderte es und wollte ihm bestndig etwas zu essen geben.
    Als Frau Heienstein wieder auf die Beine kam, war es ihre erste Sorge, ihre
Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und uerungsbedrftiger
Liebe. Durch die wird ihr nichts Gutes, meinte sie, und blieb immer darauf
bedacht, die beiden Kinder voneinander fern zu halten.
    Stets hinweggewiesen und fortgedrngt, kam Rosa dennoch wieder. Das wilde,
ungestme Ding sa oft stundenlang an der Tr des Zimmers, in dem Regula zunahm
an Hlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen, still wartend, bis
ihr endlich gestattet wurde einzutreten. Aber nur fr einen Augenblick? - du
hrst? - Und nur, um sie zu sehen - du verstehst? Zum Sehen sind uns die Augen
gegeben, nicht die Hnde. Keine Umarmung! - Derlei ganz unntige Kundgebungen
waren Frau Nannetten besonders verhat.
    Das gelbe Tchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der
Schwester heran: Mache es nicht wie die! Danke Gott, da du nicht bist wie
die! Das Entgegengesetzte von allem, was Rosa tat, das war das Rechte.
    Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen
gezhlt werden, seitdem sie aber ein Kind geboren, kam sie sich so merkwrdig
und wichtig vor, als ob sie die erste gewesen sei, der eine solche Tat berhaupt
gelungen war. Frher gehrte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz:
Kinder in die Welt setzen ist leicht, sie erziehen ist schwer. Jetzt geriet
sie in Zweifel, welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei.
Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter, die ihr ein solches
Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder: Regula, und die Mutter vor der
Gouvernante, die es so glnzend auszuntzen verstand. Schon in der Wiege hatte
das Kind die ersten dunkeln Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen. Mit
drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang. Einer Strafe
bedurfte es nie, mit Lob und Bewunderung wurde es gefhrt; diese bestndig
hervorzurufen war sein unablssiges Bemhen. Kein Kind war jemals so bestrebt,
seinen eigenen Willen durchzusetzen, wie Regula einen mtterlichen Befehl zu
erfllen; keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen wie sie nach guten
Lehren, und die Resultate derselben blhten als ausgesucht feine Manieren,
berraschend hfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor.
    Im fnften Jahre trug sie schon einen Schnrleib und sagte mit echtem
Pariser Akzente oui monsieur und non madame. Mit dem Widerspiel ihrer
eigenen Vollkommenheit, der unartigen Rosa, wollte sie natrlich nichts zu tun
haben, und diese gab es endlich auf, sich um ihre Liebe zu bewerben; sie kehrte
wieder zu ihrer schnen Bozena zurck, die sie mit offenen Armen aufnahm.
    So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt, und die beiden Parteien
standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenber. Einen scheinbaren
Mittelpunkt bildete der Hausvater. Nur einen scheinbaren; in der Tat vereinsamte
er immer mehr, die ganze Weiberwirtschaft war ihm im Grunde gleichgltig.
Empfand er berhaupt eine sympathische Regung fr eines seiner Kinder, so war es
fr die stille Regula. Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob, das ihre Mutter
ihrer Musterhaftigkeit spendete, gar zu bertrieben schien, so sagte er nur:
Brav - zu brav! Was nicht gegoren hat, ist, solange die Welt steht, noch nicht
Wein geworden. Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drckte,
sich steif aufrichtete und, dem Blicke des immer noch gefrchteten Mannes
ausweichend, erwiderte, sie sei bisher des Glaubens gewesen, des Rebensaftes
Klrung vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen, welche der
Erziehung einer jungen Dame vorstnden.
    Herr Heienstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttuschung, und
Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses, den Nannette allmhlich auf ihren
Gatten zu ben begann. Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem
wohlerzogenen Kinde nicht zu versagen. Sie verneigte sich so ehrerbietig vor
ihm, brachte ihm fortwhrend stumme Ovationen dar; ihre Haare waren immer so
glatt gekmmt, ihre Kleider immer so nett; sie sa und stand immer so gerade,
fiel niemals einem andern ins Wort, widersprach nie. Und dann - ihre Kenntnisse!
Ihr Wissen! Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft
verletzt, die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm. Es war doch hbsch,
wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte, als Esther gekleidet;
eine Verbeugung machte, so tief, da man im Zweifel sein konnte, ob sie sich auf
den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde, und dann begann:

Peut-tre on t'a cont la fameuse disgrce
De l'altire Vasthi dont j'occupe la place ...

Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien und, ohne auch nur einen
Augenblick zu stocken, die famose Tirade deklamierte:

Que mon coeur, chre Ismne, coute avidement
Un discours qui peut-tre a peu de fondement ...

 - Und so weiter!
    Mute Herr Heienstein da nicht sagen: Bravo, meine Regel, Bravo! Und
mute sein Blick sich nicht fragend und mibilligend auf die groe Tochter
richten, die von der Sprache, in der die Kleine sich so gelufig ausdrckte,
nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen, das heit soviel wie ihr
eigener Vater? Mute da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekmmertes: An der
erlebst du keine Freude, Eindruck auf ihn machen?
    Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhngigkeit, aber dies geschah auf Kosten der
Familiengemeinschaft und der Zusammengehrigkeit. Sie war gleichsam auerhalb
des Gesetzes erklrt, und man lie ihr diejenige Nachsicht zuteil werden, welche
aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt. Und Rosa, die bisher lachend
getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter, die heftigen Rgen des
Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte, begann nachdenklich zu werden. Ihre
Heiterkeit verschwand, ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gngen des
dstern alten Hauses, man sah die liebliche Gestalt des Fruleins Augentrost,
wie der Kommis sie nannte, nicht mehr treppauf treppab hpfen zur Wette mit
Hndchen und Ktzlein. Sie sa eingeschlossen in ihrer Stube, pflegte die Blumen
und Vgel, die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wren, oder
las Romane aus der Leihbibliothek des Stdtchens, in der sie sich im geheimen
abonniert hatte.
    Und gerade damals, wo sie einer Sttze am bedrftigsten gewesen wre, wurde
ihr von ihrer einzigen Beschtzerin keine geboten.
    Die schne Bozena war um diese Zeit, in der ihr Herzensliebling in die
Mdchenjahre, sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat, eine
lahmgelegte Kraft. Sie verbrauchte all ihre Seelenstrke fr sich, konnte an
andre nichts davon abgeben. Mit gewohnter Pnklichkeit verrichtete sie zwar
ihren Dienst, sie hatte ihn ja im kleinen Finger, aber das Herz war nicht mehr
dabei. Ihr Feuereifer brannte hell wie je, aber als eine stille Flamme, nicht
mehr funkensprhend nach allen Richtungen. Man sah sie jetzt nach beendeter
Arbeit mig dasitzen, die Hnde im Scho. Pltzlich angerufen, fuhr sie auf wie
aus einem Traume. Das seltsamste war, da sie begann, ihrer ueren Erscheinung
mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden. Die
haushlterische Bozena verwendete so manchen Gulden fr Schmuck und Tand. Ihr
lebhaftes Interesse fr die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen. Etwas
Groes ging vor in ihrem Innern, und auf die ganz erfllte Seele besaen von
auen kommende Eindrcke keine Macht.
    Worin die Ursache der merkwrdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen
war, das ahnte nur ein Mensch: Mansuet Weberlein, der Kommis. Ein stummes
Verstndnis, das allezeit tiefer ist als eines, das Worte braucht, um sich zu
offenbaren, herrschte zwischen den beiden. Bozena wute dem Alten Dank fr sein
einsichtsvolles Begreifen und fr sein rcksichtsvolles Schweigen; die
Gesellschaft des einzigen, der sie durchblickte, tat ihr wohl und wurde von ihr
aufgesucht. Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber, als sie und er selbst es
ahnte.
    Die Woche hindurch war Herr Mansuet auerhalb seines Glasverschlages in den
ebenerdigen Geschftslokalitten nicht zu erblicken, aber am Namenstage der
Faulenzer, wie er den Sonntag nannte, gnnte auch er sich eine kleine Erholung.
Da kam er gegen Abend staubig wie eine Ofenfigur aus seiner Hhle
hervorgekrochen und nahm Platz in einer der Mauernischen des Torweges, die wohl
ursprnglich zur Aufnahme einer Statue oder einer Blumenvase bestimmt sein
mochten. Er zndete seine Pfeife an und meinte nun, er schmauche im Freien.
Regelmig stellte sich Bozena bei ihm ein, er nickte ihr zu und sagte: Mu mir
ein bichen die Bummler ansehen. - Mu Ihnen ein bichen helfen, erwiderte
sie. In Wahrheit aber machten sich beide aus den Bummlern nichts.
    Gewhnlich erschien Bozena in ihren Hauskleidern, die Festgewnder legte sie
nach dem Kirchenbesuche ab, und sich nach beendetem Tagewerk noch einmal in
Staat zu werfen, war ihr nicht der Mhe wert. Auch in ihrer Einfachheit gefiel
sie ihren zahlreichen Anbetern nur zu wohl und hatte ohnedies genug zu tun, die
Zudringlichsten in respektvoller Entfernung zu halten.
    Herr Weberlein war nicht wenig erstaunt, als sich Bozena eines Sonntags
prchtig angetan zum Nachmittagsgeplauder einfand. Sie kam langsam, in Gedanken
versunken, die Treppe herab. Ihre rechte Hand glitt das Gelnder entlang, den
Rcken der linken hielt sie fest an den Mund gedrckt. Das runde Hubchen mit
den flatternden Bndern sa wundergut auf dem reichen Haar mit seinem
schwarzblauen Glanze. Eine Korallenschnur umfate den krftigen und
geschmeidigen Hals, ber die Brust war ein schneeweies Tuch gekreuzt. Kurze,
bauschige rmel lieen die wohlgeformten Arme frei. Ein Rock von broschiertem,
dunkelgrnem Damast fiel in schweren Falten bis zu den Kncheln nieder, eine
seidene Schrze, bunt gestickte Strmpfe und glnzende Schnallenschuhe
vervollstndigten den halb stdtischen, halb lndlichen nagelneuen Anzug.
    Der Tausend! sie war schn und majesttisch anzusehen in dieser Pracht, die
mchtige Gestalt. Weberlein betrachtete sie vergngt, kauerte sich tiefer in
seine Nische und murmelte: Sauber! Sauber!
    Bozena stand nun vor ihm und grte mit einem Anfluge von Verlegenheit.
Sapperlot, sprach der Alte, das ist ja schn von Ihnen, da Sie sich auch
einmal mir zu Ehren in Parade versetzt haben.
    Ihnen zu Ehren doch nicht, antwortete sie.
    Er schlug ein Schnippchen, als wollt er sagen: Sie haben gut leugnen, ich
wei, was ich wei. Bozenas Gesicht bedeckte sich mit hoher Rte, und sie sprach
leise, aber resolut: Es ist heut Tanz beim Grnen Baum, da geh ich hin.
    Der Blick, den Weberlein jetzt auf sie warf, bewies, da es mglich sei,
zugleich Mitleid und Verachtung auszudrcken. Sein unproportioniert groes Kinn
bewegte sich ein paarmal hin und her in der hohen, halbmilitrischen Krawatte,
in der es endlich zur Hlfte verschwand, und er rief: Sie sind, scheint mir -
nrrisch!
    Bozena erwiderte nichts. Sie hatte die Arme gekreuzt, lehnte sich an die
Wand und blickte stumm und trotzig vor sich nieder.
    Auf dem Platze wurde es immer lebendiger. Dem heien Sommertage war ein
erquickender Abend gefolgt; ihn zu genieen strmte die schne Welt der Stadt
der Promenade zu. Unter denen, die am Hause vorberkamen, dnkten sich nur
wenige zu vornehm, um dem Vertrauensmanne Herrn Heiensteins einen Gru
zuzurufen; so mancher blieb stehen und wechselte mit ihm einige Worte. Auch
Bekannte Bozenas kamen - stille Verehrer, die es nicht auszusprechen wagten, wie
begehrenswert ihnen die rstige Jungfrau mit ihrem Flei und Geschick und mit
ihren, wie man wute, ansehnlichen Sparpfennigen erschien; khne Bewerber, die
sie heimzufhren hofften, wenn nicht gleich, so doch sicherlich dann, wenn
einmal Frulein Rosa wegheiraten wrde aus dem vterlichen Hause. Auch einige
hbsche Mdchen, bestens geschmckt zum heutigen Tanze, fanden sich ein und
vergrerten den Halbkreis, der sich um Bozena gebildet hatte wie um eine
Audienz erteilende Knigin.
    So war schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Torwege versammelt.
Und jetzt trat aus dem gegenberliegenden, vom Kreishauptmann Grafen Khnwald
bewohnten Hause ein junger Mann, auf den sich sofort die allgemeine
Aufmerksamkeit richtete. Die Mdchen stieen einander an und kicherten, die
Mnner zuckten die Achseln; ein Schreiberlein in einem schbigen Rocke, den nur
der Umstand zum Sonntagsrocke stempelte, da er einst schwarz gewesen war, sagte
mit einem Ausdruck von schlecht verhehltem Neide: Da kommt Bernhard der Pfau!
    Dann wird auch die Grfin nicht weit sein, lie eine Mdchenstimme sich
vernehmen.
    Und wirklich, die sogenannte Grfin schritt eben ber den Platz. Sie war
eine stattliche Bauerntochter, die reichste und umworbenste aus dem nahen Dorfe,
das gleichsam die Vorstadt Weinbergs bildete. Begleitet von ihrer Sippe begab
sie sich zum Tanze. Der junge Mann nherte sich ihr und schien eine Frage an sie
zu stellen. Die Dorfgrfin nickte gndig und setzte ihren Weg fort, indessen er
auf das Haus Heienstein zuschritt.
    Ein schlanker Bursche war's, in der kleidsamen Montur eines herrschaftlichen
Bchsenspanners, im dunkelgrnen Rock mit Aufschlgen von Samt, silbernen
Wappenknpfen und Achselschnren, ein schmuckes Mtzchen auf den braunen,
dichten, kurz gehaltenen Locken. Seine Haltung war vornehm und frei, das Gesicht
fein geschnitten; Siegesgewiheit in jeder Miene und Bewegung, kam der Bursche
heran, und kindische Freude an sich selbst leuchtete ihm aus den Augen. Er
grte die Gesellschaft mit der herablassenden Freundlichkeit eines
gutsituierten Mannes gegen geringe Leute. Dem Kommis gegenber uerte er
einigen Respekt, die brigen neckte er, wute aber auch jedem etwas Angenehmes
zu sagen und jeden in das Gesprch zu ziehen. Nur eine Person in dem Kreise sah
er nicht, bemerkte er nicht - die ansehnlichste und auffallendste von allen:
Bozena.
    Und die war pltzlich verstummt. Sie hatte den Kopf an die Wand
zurckgelehnt und die Augen halb geschlossen. Von ihren Schlfen herab, die
Wangen entlang zog sich ein weier Streifen - das Erbleichen sehr rot gefrbter
Menschen. Verstohlen warf der Jger manchmal einen Blick nach ihr hin, und je
gequlter ihm der Ausdruck ihres Gesichtes erschien, desto lustiger wurde er,
desto bermtiger seine Laune. Mansuet Weberlein kmpfte mit einem nervsen
Zucken im Arme, verdrehte die Beine so, da seine einwrts gebogenen Fuspitzen
einander auf dem vorspringenden Mauersockel begegneten, und scho gegen Bernhard
den Pfau eine bissige Bemerkung nach der andern ab. Endlich rief er giftig:
Schad um Sie! Indessen Sie uns hier Spe vormachen, tanzt Ihnen ein
Tlpelpeter oder ein Lmmelhans Ihre Grfin weg!
    Der Jger wollte antworten, aber ein stmmiger Bursche kam ihm zuvor: Seine
Grfin? spttelte er, dem Bchsenspanner seine? ... Warum nicht gar?
    Ein hochmtiges Lcheln kruselte Bernhards Lippen: Oho, du Gescheiter,
nicht mehr lange Bchsenspanner. Im Herbst gibt mir mein Graf ein Revier,
sprach er.
    Die Buerin schiert sich was um dein Revier, entgegnete der Bursche; und
zu einem der Mdchen gewendet fgte er rasch hinzu: Wollen wir sie fragen,
Toni? - Und Toni antwortete eiligst Ja, und dem sich entfernenden Prchen
folgten andere Tanzlustige nach, und bald war die ganze Versammlung
auseinandergestoben. Auch der Jger empfahl sich jetzt auf das hflichste bei
Weberlein, nach einigen Schritten aber blieb er, als besnne er sich pltzlich,
stehen, wandte sich gegen Bozena und fragte wie jemand, der innerlich
widerstrebend eine Pflicht der Artigkeit erfllt: Kommen Sie nicht auch? Dann
eilte er den brigen nach mit groen Schritten und schlecht verhehlter
Besorgnis, da sie sich ihm vielleicht anschlieen knnte.
    Prosit! zischelte der Kommis zwischen den Zhnen, sonst haben Sie keine
Schmerzen?
    Aber wie ward ihm, als Bozena nun vor ihm stand und mit gepretem Tone und
niedergeschlagenen Augen sagte: Alsdann adje, Herr Weberlein.
    Nein! das kann nicht sein ... Das ist ja die bare Unmglichkeit! - In
Scharen waren sie oft gekommen, die allerbesten Tnzer der Stadt und des Dorfes,
und hatten gesagt: Erweisen Sie mir die Ehre, und: Machen Sie mir die Freude
... Und sie hatte geantwortet: Ich geh zu keinem Tanz. Und jetzt warf ihr ein
Laffe, ein Geck von oben herab eine Aufforderung hin, so leer, so gndig, so gar
nichts sagend als hchstens: Ein ganzer Bengel will ich doch nicht sein: und sie
lachte ihm nicht ins Gesicht, sie schwieg - sie folgte ihm, dem Laffen, dem
Gecken, demtig wie ein Hund seinem Herrn?! Donner und Wetter! Wenn der liebe
Gott vom Himmel gestiegen wre und es dem Kommis Weberlein erzhlt htte, dieser
wrde geantwortet haben: Verzeih mir's - Gott! aber das kann ich nicht
glauben. ... Und nun sah er's, nun mute er es sehen mit seinen eigenen Augen
und konnte seine eigenen Finger legen in die Wunden, die dem Stolze Bozenas
geschlagen worden. Er blickte vllig verstrt zu ihr empor und brachte nur ein
Wort heraus, nur das einzige Wort: Was?
    Sie schien ein Weilchen zu zgern, dann sprach sie mhsam und mit trockenen
Lippen: Ich mu wissen, wie es steht mit ihm und der Eva, und wandte sich, und
von weitem, in wohlberechneter Entfernung, folgte sie dem Jger.
    Herr Weberlein nahm eine boshafte und wegwerfende Miene an, mit abscheulich
menschenfeindlichen Blicken stierte er auf den Platz hinaus und kehrte ihm und
dem Treiben da drauen endlich ganz und gar den Rcken. Wie ein Alrunchen
hockte er in seiner Nische und zog in kurzen, raschen Zgen den Rauch aus seiner
Pfeife. Er schmauchte nicht mehr, er tobakelte und umgab sich mit kleinen
dichten Wolken, die ihn druend und unheilverkndend, als Zeichen seiner groen
inneren Erregtheit, umflogen.

                                       4


Beim Grnen Baum hatte die Unterhaltung schon begonnen, aber noch war wenig
Wein getrunken worden, noch gab es keine ausgelassene Lustigkeit, noch hatte
kein Streit stattgefunden. Die Paare drehten sich langsam und mit
bewunderungswrdiger Ausdauer. Von Zeit zu Zeit ertnte ein lauter Jubelruf, ein
Bursche klatschte in die Hnde, hob seine Tnzerin hoch empor, lie sie dann
sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken, umfate sie von neuem, und
ruhig tanzten sie weiter mit denselben schlfrigen Gesichtern, mit denen sie
ihre Fronarbeit verrichteten.
    Bernhard trat oft in die Mitte der Stube, sah mit Wohlgefallen, wie viele
Mdchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten, winkte jedoch keine der
Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei. Eva war fr diesen Walzer versagt,
und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen.
    Bozena stand, alle Frauen und die meisten Mnner, die sie umgaben,
berragend, finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen,
sich an dem Tanze zu beteiligen, kurz ab. Sie sei nur gekommen, ein wenig
zuzusehen, msse gleich wieder heim. Die Musik schwieg, ein Tanz war zu Ende,
nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt, und jetzt hatte Bernhard die
Grfin erfat und wirbelte mit ihr durch die Stube. Nicht langsam und
mattherzig wie ihr frherer Partner, frisch, mit frhlicher Anmut und
Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte. Wie zwei Vgel schwebten sie, flogen
sie, als ob die Lfte sie trgen, jetzt im engen Kreise wie die Lerchen, jetzt
wie die Schwalben - dahingleitend in weiten Bogen. Er flsterte ihr etwas zu,
und die kokette Dorfschne blinzelte ihn herausfordernd an; fester drckte er
sie an sich, warf den Kopf zurck und schien zu fragen: Wer widerstnde mir?
Sie, nicht minder selbstbewut, aber weniger naiv, schlug die Augen nieder und
schien zu antworten: Ich - vielleicht!
    Bozena verwandte von den beiden keinen Blick, ihr Herz klopfte zum
Zerspringen, schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust. Oh, jung sein und
begehrenswert wie jene dort! Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen
werden wie sie, nur einmal, nur einen einzigen seligen Augenblick! Tu ein
Wunder, Gott, der du alles kannst! Befriedige diese drstende Sehnsucht, erlse
diese arme, ringende Seele, lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und
Scham! ...
    Zu so unerfllbaren Wnschen hatte Bozena sich verstiegen, als eine Stimme
sie anrief: Gr Gott! Evas Vater, ein alter schner Mann, war zu ihr
getreten, er deutete mit dem Mundstck seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr
fort: Das tanzt! das tanzt! Wohlgefllig betrachtete er sein Kind und sah dann
wieder die Angeredete an, als wollte er sie zur Bewunderung auffordern. Schon
drngte sich ein hartes Wort auf Bozenas Lippen, aber sie sprach es nicht aus,
vielmehr sprach sie, den Greis forschend ins Auge fassend: Ein schnes Paar!
Der Bauer verzog den Mund: Paar? wiederholte er, Paar? die zwei? - je nun,
auf dem Tanzboden - ja. Und Bozena atmete auf. Derselbe Ausdruck des
engherzigen Hochmuts, der in den welken Zgen des Alten wie versteinert lag -
das blhende Gesicht seiner Eva trug ihn auch. Die wird ihr nicht im Ernste eine
Nebenbuhlerin, der ist der Jger trotz aller seiner Vorzge zu gering! - Bozena
verlie die Wirtsstube, sie schritt ber den Hof einem kleinen Obstgarten zu,
von dem aus der Fusteig, der bis an die Stadtmauer fhrte, leicht zu erreichen
war. Auf eine Bank unter einem Apfelbaume lie sie sich nieder und versank in
ihre dsteren Gedanken. Eine kurze Zeit nur, und lebhafte, eilende Schritte
nherten sich. Sie blickte nicht zurck, sie wute, er ist es, er sucht sie auf.
Im nchsten Augenblicke war er bei ihr, setzte sich neben sie auf die Bank und
sprach schmeichelnd: Bozena! lt sich die Bse endlich finden?
    Sie antwortete ihm nicht. Er suchte, jedoch vergeblich, ihre Hand zu fassen.
Was hast du wieder? So sag doch ein Wort! - Was ist dir? sagte Bernhard mit
dem leicht erregten Unwillen verwhnter Menschen.
    Nun fuhr sie auf: Er fragt! er fragt noch! ... Wie? jetzt kann er kommen,
weil ich allein bin! Vor den Leuten kennt er mich nicht! ... Weit du was? Wie
du mit mir spielst, so spielt die Eva mit dir!
    Das hatte sie nicht sagen wollen, nicht gleich, nicht so, aber der Ingrimm,
der in ihr kochte, sprudelte die Worte heraus. Keuchend lehnte sie sich zurck
an den Stamm des Baumes, bi die Zhne bereinander und kreuzte die Arme ber
der gequlten Brust.
    Bernhard lachte gezwungen.
    Mit mir spielt niemand, entgegnete er. Die Eva wei recht gut, da mir's
nicht im Ernst zu tun ist um sie. - Und du - solltest wissen, da ich dich
liebhabe! rief er mit pltzlich ausbrechender Zrtlichkeit und wollte sie
umfassen.
    Sie stie ihn zurck und sprach, an allen Gliedern bebend: Seit einem Jahr
vergllt er mir mein Leben. Kt mich im geheimen und verleugnet mich vor den
Leuten ... Fort von mir! herrschte sie, als er statt aller Antwort die Zrnende
an sein Herz zu ziehen strebte: Es mu aus sein - hrst du? - ich verstelle und
verstecke mich nicht mehr. La mich in Frieden, wenn du dich meiner schmst!
    Bozena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit
ausgestrecktem Arme. Und mit diesem sthlernen Arme, das wute Bernhard wohl,
htte er vergeblich gerungen. So senkte er den Kopf auf ihn nieder, lehnte seine
Wange daran und sprach: Ich mag das Gerede der Klatschmuler nicht - es knnte
meinem Grafen zugetragen werden. Und der, du weit ja, meint, am besten wr's
fr mich, wenn ich die Kammerjungfer der Frau Grfin nhme. Aber ich mag sie
nicht! rief er, sich aufrichtend. Sie ist mir zuwider - ich hab nur eine gern
... La mich nur einmal Frster sein - und die ganze Welt soll schon sehen -
wen?! Es war ein Klang von warmer, berzeugender Empfindung in seinen Worten.
Er hatte sie lieb, die Bozena, gewi; er war stolz auf den uneingeschrnkten
Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens. Er freute sich der Gewalt, die ihm
ber die Gewaltige gegeben war. Sein unsicheres Wesen wurde von ihrem starken,
sein schwankender Wille von ihrem festen mchtig angezogen. Im Bewutsein ihrer
unbegrenzten Liebe ruhte er wie in einer goldenen Wolke, er fhlte sich durch
ihre Hingebung gehoben und verklrt. Schtzend umhllte sie ihn, ohne ihn je
gedemtigt zu haben, denn immer war sie bereit, sich ihm zu unterwerfen, und
alle Lust und alles Weh kam ihr von ihm. Ein Wort, und die Unbezwingliche lag zu
seinen Fen, die grere Seele beugte sich vor seiner Kleinheit, denn kraft
ihrer Liebe war er ihr Herr.
    Bozena hatte den Arm sinken lassen, der Jger schlang den seinen um ihren
Hals und prete seine Lippen auf die ihren. Ihr Zorn zerschmolz unter seinen
Kssen. Heie Trnen traten ihr ins Auge, und sie sprach wehmtig: Ich werde
niemals deine Frau! Du wirst dich niemals zu mir bekennen. Schweig! fiel sie
ihm ins Wort, da er widersprechen wollte. Dazu hast du nie den Mut! ... Ich bin
nur eine arme Magd, und du willst hher hinaus - wir sind nicht freinander ...
    Ich will dich, beteuerte Bernhard mit Ungestm, keine andere, weil sich
keine mit dir vergleichen kann. Meinst du, ich bin blind und seh das nicht? ...
Hab Geduld! ... Wirf mir nichts vor ... Wir kommen doch zusammen, aber jetzt
will ich nichts wissen, nichts hren, nichts fragen als nur: Hast mich lieb?
    Bozena legte die gerungenen Hnde in ihren Scho und seufzte schmerzlich
auf: Fragst nicht auch, ob Gott im Himmel lebt? ... O Jesus, ob ich ihn
liebhabe? Ich wollt, ich knnte sagen nein, oder ich wollt, ich knnte sagen
warum!
    Trotzig richtete sie sich auf und sprach, als trachte sie sich selbst zu
beruhigen ber die Natur ihrer Liebe: In dein hbsches Gesicht hab ich mich
nicht vergafft!
    Der Jger lachte und kte sie, und Bozena erduldete seine Liebkosungen,
aber sie erwiderte sie nicht.
    So bist du heute, grollte sie, und morgen ist alles wieder wie frher,
und morgen trittst du mir wieder aufs Herz. Oh, knnt ich frei sein! ... knnt
ich mich losmachen von dir!
    Er erschrak ber die Verzweiflung, die aus ihrer Stimme klang; zum ersten
Male tauchte die Mglichkeit, sie zu verlieren, vor ihm auf und erfllte ihn mit
tiefster Besorgnis, mit bitterstem Weh. Dich losmachen von mir? fragte er
vorwurfsvoll, das mchtest du?
    Wohl mcht ich's! antwortete sie, aber was hilft mir das? ... Bin ich
nicht wie verfangen im Dorngestrpp, es zerfleischt mich - und lt mich nicht
los ... Bernhard! Bernhard! Sie beugte sich vor, mit beiden Hnden griff sie in
sein Haar, zog seinen Kopf an ihre Brust und schaute in die Augen, die sich
bittend und voll heier Zrtlichkeit zu ihr erhoben. Bist mir denn treu?
schrie sie pltzlich auf.
    Das rief wieder die alte Bozena! das war wieder die echte alte Leidenschaft!
- Sie zitterte um ihn, er hatte sie wieder! Der funkelnde Blick des Jgers ruhte
fest in dem ihren, und seine Seele frohlockte. bermtig strich er mit Daumen
und Zeigefinger den Schnurrbart in die Hhe und sprach schmollend wie ein
berechnender, kluger, vollendeter Don Juan: Bist du denn mein?
    Schm dich! erwiderte sie und barg ihr Gesicht in ihre Schrze und
schluchzte laut.
    Er aber flehte, trstete, beteuerte. Kein Liebesschwur, den er nicht tat,
kein Schmeichelwort, das er nicht sagte. Und Bozena lauschte seiner sen Rede,
von neuem berwunden, von neuem berzeugt. Er wolle ein Ende machen! das gelobte
er, und sollt es ihn die Stelle kosten und seines Grafen Gnade! Von der Bozena
lt er nicht, er kennt ihren Wert, ihr gehrt er an in Glck und Not, im Leben
und im Tode. Nur sie vermag - - da fhrt er zusammen, hlt inne ... hinter den
Bschen des Zauns hat sich's geregt. Der Teufel! haben seine Worte einen Zeugen
gehabt? War ein Lauscher da? Bernhard springt empor und auf die Stelle los, von
der aus das Gerusch gekommen. Er ruft laut: Wer da? - keine Antwort, und
ringsum niemand zu erblicken. Sie sind allein.
    Etwas verlegen ber die Bestrzung, die er unwillkrlich hatte erblicken
lassen, kehrt der Jger zurck. In einen andern Menschen verwandelt,
gleichgltig und kalt stand er vor seiner Geliebten und sagte: Es ist spt -
ich mu fort.
    Sie bi die Zhne bereinander und ma ihn mit verachtungsvollen Blicken.
    O du! rief sie, wenn einer dort gestanden htt, und wr's der Stallbub
gewesen aus eurem Hause ... Und htte der gespat: Unser Jger geht mit der Magd
des Weinhndlers - vor dem Stallbuben httest du mich verleugnet! Jetzt httest
du's getan! ... Und wenn dich heut abends beim Tische der Hausoffiziere jemand
nach mir fragt, wirst du antworten: Ich kenne sie nicht! Gelt? schrie Bozena
mit vernichtendem Hohne und richtete sich hoch auf vor ihm, der mit finsterem
Gesichte zur Erde starrte und - schwieg.
    Ich Narr! Ich Narr! sthnte sie und wandte sich und rannte davon. Sie
schaute nicht - er rief sie nicht zurck, und dennoch hemmte sie bald die
Raschheit ihrer Schritte. Sie blieb stehen - sie lauschte - sie wartete und
setzte dann immer langsamer ihren Weg fort. Wie oft hatten sie sich schon so
getrennt, aber niemals hatte ein Abschied ihr das Herz zerrissen wie dieser.
Hatte sie doch nie so harte Worte zu ihm gesprochen, war ihm doch niemals so weh
durch sie geschehen. Wird er ihr je verzeihen? - Schon denkt sie nichts andres
mehr als: Wird er mir je verzeihen? ...
    Das macht: sie ist gefangen, ein Spielball in eines Knaben Hand - die groe
Bozena!

                                       5


Whrend Bozena in so schweren Herzenskmpfen rang, wurde auch ihr Schtzling von
seinem Schicksal ereilt. Zugleich glcklicher und unglcklicher als ihre
Getreue, hatte Rosa eine Neigung eingeflt, die sich nicht verbarg, die nur
allzu eifrig zur Schau getragen wurde, die aber so gut wie keine Hoffnung bot,
zu ihrem Ziele, dem Frieden einer erwnschten Ehe, zu gelangen.
    Seit einigen Monaten war in der Umgebung Weinbergs ein Ulanenregiment
einquartiert, dessen hbschester Leutnant den groen, sehr mittelmig
gepflasterten Platz des Stdtchens fr den geeignetsten Ort zu halten schien, wo
seinen Pferden die letzte, hchste Dressur beizubringen wre. Er kam heut auf
dem Mohrenkopf und morgen auf dem Schwarzbraun; er umkreiste den steinernen
Brunnen im Jagdgalopp, im spanischen Schritt, im kurzen und im langen Trabe. Er
jagte, die Hand am Schirme seines Kppchens, im Fluge wie ein Kosak, oder er
ritt feierlich und langsam wie der Cid unter Ximenens Altan an dem alten Hause
vorber. Und am Fenster stand Rosa voll Bewunderung und lchelte ihm zu. Seit
dem Augenblicke, da sie ihn zum ersten Male gesehen, hatte ein neues Leben fr
sie begonnen. Seltsam, seltsam war ihr's damals ergangen. So, meinte sie, so
rasch, so pltzlich und unwiederbringlich htte noch keine ihr Herz verloren,
nein, verschenkt - gern, glckselig verschenkt.
    Mit klingendem Spiele und flatternden Fhnlein war das Regiment auf einem
Marsche nach der neuen Garnison durch die Stadt geritten. Und Rosa, von dem
Schalle der lustigen Musik an das Fenster gelockt, hatte sich ergtzt an dem
bunten Schauspiel zu ihren Fen; Zug um Zug marschierte vorber, und manches
Auge richtete sich mit Wohlgefallen auf das Mdchen, das so bermtig auf die
staubbedeckten Reiter herabsah, als defilierten sie nur ihr zu Ehren und zum
Spae da vorbei.
    Endlich kam er herangeritten, nachlssig, mit schlaffen Zgeln, und trumte
vor sich hin. Nun schien das alte Haus seine Aufmerksamkeit zu erregen. Wie ein
verwitterter Aristokrat inmitten geschniegelter Emporkmmlinge nahm es sich mit
seinen etwas abgebrckelten Stukkaturen, seinen schweren Strebepfeilern und
tiefen Fensterbogen aus neben den blanken, charakterlosen Nachbarn. Der Offizier
sah an dem grauen Gemuer empor, wie berrascht von seiner altertmlichen
Schnheit. Als wecke es in ihm eine wehmtige Erinnerung, betrachtete er es
ernsthaft, ja traurig und doch fast liebevoll. Und jetzt begegnete sein Blick
dem der Rose am Fenster, dieser holden, trotzigen Rose, so schn, so frisch in
ihrer dsteren Umrahmung. Vier junge Augen ruhten ineinander mit unschuldigem
Erstaunen, mit selbstvergessenem Entzcken. Und das alte, ewig neue Wunder
vollzog sich; in zwei von Schmerz und Glck noch unberhrten Seelen erwachte die
Sehnsucht und mit Bangen die Ahnung all der Wonnen und all des Wehs, die sie
bestimmt waren einander zu bereiten, die Ahnung des groen Lebensgeheimnisses,
das Aufgehen des eigenen in einem fremden Dasein.
    Unwillkrlich hielt der Jngling sein Pferd an und stand regungslos mit
emporgewandtem Haupte, mit dem Ausdruck der seligsten Bewunderung auf seinem
Gesichte. Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, eine Stimme, die ihn
anrief: Schlfst du, Fehse? weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Er errtete
ber und ber und setzte sich wieder in Bewegung. Der Kamerad aber war der
Richtung, welche die Augen des Freundes genommen, mit den seinen gefolgt, er
lchelte und machte eine Bewegung, als wollte er sagen: Ja so - jetzt verstehe
ich!
    Und Rosa, bestrzt, beschmt, eilte vom Fenster hinweg mit dem Gefhl einer
ertappten Snderin. Wie peinlich war der Augenblick! Und doch - sie htte ihn
nicht tauschen mgen gegen alle frohen Stunden, die sie bisher erlebt.
    Das kindische Prchen flog in sein erstes Liebesabenteuer hinein wie junge
Vgel in das Feuer. Damals hatte ein sterreichischer Offizier alle mgliche
Zeit, seine Privatangelegenheiten zu besorgen. Wenn er, wie Fehse es tat, auch
tglich drei Meilen weit ritt, um an der Wand den Schatten seiner Angebeteten
oder am Fenster den Schimmer ihres Nachtlmpchens zu erblicken, der Dienst, der
ihm oblag, brauchte nicht darunter zu leiden.
    Spter wurde der Leutnant in ein dem Stdtchen nher gelegenes Dorf
versetzt, und nun begannen jene Fensterparaden auf dem Platze, die sehr bald
Rosas Freude ausmachten und Herrn Heienstein ein rgernis gaben.
    Frau Nannette nahm von alldem keine Notiz.
    Eine Sache, von der man sich nur Kenntnis verschaffen konnte, indem man aus
dem Fenster sah, fand sie fr angemessen zu ignorieren. Sie predigte nicht etwa
mit Worten allein, sie predigte durch ihr Beispiel. Sie pflegte zu unterlassen,
was Regula bleibenlassen sollte.
    Jawohl, bleibenlassen! Oder hat man jemals gehrt, da ein wohlerzogenes
Mdchen Lust und Zeit htte, aus dem Fenster zu sehen? Wenn dies der Fall, dann
mu Frau Nannette sich schmen und ihre Unwissenheit bekennen. Denn wahrlich,
ihr ist dergleichen niemals zur Kenntnis gekommen.
    Einen stillen, aber heien Bewunderer fanden die equestrischen bungen des
Leutnants an Mansuet Weberlein. Von seinem Kasten aus, in dem er hockte wie der
Frosch im Wetterglase, begleitete der Kommis die Versuche des Ulanen, Frulein
Augentrosts Aufmerksamkeit zu erwecken, mit seinen innigsten Sympathien. Er war
ein so begeisterter Anhnger des Militrs, da er jedem Unternehmen, gleichviel
ob es von dem ganzen Stande oder von einem einzelnen seiner Mitglieder in das
Werk gesetzt wurde, das beste Gedeihen wnschte.
    Wie es kam, da sich in Weberleins Seele kriegerische Neigungen
entwickelten, ist unerklrt geblieben. Er stammte aus einem friedfertigen
Geschlechte. Seine Ahnherren hatten als Kommis im Geschfte Heienstein gedient,
solange dasselbe berhaupt bestand, und sein Vater hatte ihn auferzogen in der
Furcht Gottes und der Militrpflicht. Und trotzdem! Als er achtzehn Jahre alt
und noch nicht viel ber drei Schuh in der vertikalen, aber schon bedenklich in
der schrgen Richtung gewachsen war, da kamen Werber aus Ungarn herber in die
Stadt. Mansuet entlief seinem vterlichen Hause und stellte sich.
    Er wurde ausgelacht und heimgeschickt. Aber von diesem Tage an galt er in
seiner Familie fr einen Haudegen und fhlte sich in einem gewissen Grade mit
dem Soldatenwesen verbunden.
    In gemtlichen Stunden sagte er zu seinen Vertrauten: Sehen Sie, jetzt wre
ich Hauptmann, wenn ich nmlich gedient, ich wre sogar Major, wenn man mich
nmlich dazu gemacht htte.
    Er wute den Militrschematismus auswendig und avancierte mit seinen
eingebildeten Kameraden in seinem eingebildeten Range. Wenn der hbsche Leutnant
Fehse am Hause vorberritt, da verfehlte Mansuet niemals, dem zweiten Kommis
zuzuflstern: Sehen Sie, der wre jetzt mein Subordinierter, wenn ich nmlich
gedient htte, bei den Ulanen nmlich, und zwar im zweiten Regimente.
    Die unschwer zu erratenden Absichten seines Subordinierten aus allen
seinen Krften zu frdern, empfand Weberlein den lebhaftesten Drang. Und eines
schnen Morgens, als Fehse wieder sein Pferd auf dem Platze tummelte, bemerkte
sein stiller Gnner, mit einer Hand auf den Schtzling deutend und mit der
andern dem Prinzipal einen Brief zur Unterschrift vorlegend: Ansprechendes
Exterieur, das des Herrn Leutnants. Scheinen hier einen Punkt der Anziehung
gefunden zu haben.
    Und als Heienstein schwieg, fuhr der Kommis mit einem diplomatischen
Lcheln fort: So frei gewesen, ber den Herrn Leutnant Erkundigungen
einzuziehen. Bei Grohndler Heller. Sind dort tglicher Gast. Gute Referenzen.
Sehr stimiert im Regimente, hchst anstndig.
    Kmmert das Sie? fragte Herr Heienstein in wegwerfendem Tone und schob
dem Kommis den unterzeichneten Brief hin.
    Weberlein legte einen zweiten vor und erwiderte: Sehr viel. Die
Anstndigkeit des Nebenmenschen kmmert mich immer sehr viel.
    Sie wollen sich vermutlich mit ihm in Verbindung setzen, bemerkte der
Prinzipal spttisch. Weberlein war einmal entschlossen, khn zu sein; er lie
sich nicht irremachen durch die majesttische Ironie Heiensteins. Er dachte:
Wetter! man mu etwas tun fr seine Freunde. Ein gutes Wort kann Wunder wirken;
es kann Mglichkeiten ins Auge fassen lassen, die sonst nicht erwogen worden
wren.
    Und so sprach er: In Verbindung - ich? - Nur insofern, als ich vermchte,
eine Verbindung mit andern Personen zu vermitteln, die ihm wahrscheinlich
erwnschter wre.
    Whrend dieser letzten Rede hatte der Haudegen seine Augen recht fest auf
das Blatt in seiner Hand gerichtet. Jetzt wandte er sie seinem Chef zu. Der sa
kerzengerade aufgerichtet und machte eine so eisige Miene, da Mansuet sich von
ihrem Anblick durch und durch erkltet fhlte und hstelnd, als frre ihn,
seinen Rock zuknpfte. Heienstein sah den Kommis von der Seite an, und jede
Falte auf seinem Gesichte, jedes Haar seiner emporgezogenen Augenbrauen schien
zu sagen: Dieser Mensch wird mich niemals verstehen!
    Der Tag verging. Herr Heienstein kam auffallend frh und in auffallend
schlechter Laune zum Abendessen. Die letztere wurde noch vermehrt, als er Rosas
Platz am Tische unbesetzt fand. Ein unerquickliches Gesprch entspann sich
zwischen dem Herrn und der Frau vom Hause.
    Wo ist Rosa?
    Wie allabendlich bei Heller.
    Wer gab ihr die Erlaubnis ...
    Die nimmt sie wohl selbst. Wer htte der etwas zu erlauben?
    Ich! schrie Heienstein.
    Du hast doch bis jetzt gegen diese Besuche nichts einzuwenden gehabt,
meinte Frau Nannette.
    Von nun an hab ich dagegen einzuwenden, war des Hausvaters kategorische
Antwort, und Bozena erhielt den Befehl, Rosa sofort abzuholen und nach Hause zu
bringen. Die Magd gehorchte, und Regel, die inzwischen ihre Suppe ausgelffelt
und ohne das leiseste Gerusch geschleckt hatte, kte ihren Eltern die Hnde,
verbeugte sich ehrfurchtsvoll und verlie das Zimmer.
    Das Ehepaar war allein.
    Er hatte die Brnner Zeitung, sie ihren Strickstrumpf zur Hand genommen.
Vor ihm stand eine Flasche Weines, vor ihr ein kleiner Arbeitskorb, in dem das
Knuelchen infolge der unglaublichen Geschwindigkeit, mit der sie strickte,
ruhelos umherhpfte. Die Bewegung dieses Knuelchens schien Herrn Heienstein
unangenehm zu sein, denn er sah es manchmal ber die Zeitung hinweg grimmig an.
    Eine Atmosphre des Unbehagens umgab die beiden alten Leute, und Frau
Nannette bemhte sich vergeblich, sie zu zerstreuen. Sie lchelte, nickte mit
dem Kopfe, sagte von Zeit zu Zeit: Ja, ja, und: Du lieber Gott, schon ein
Viertel nach neun! oder: Wie doch ein Tag so rasch vergeht! Sie versuchte
sogar durch ein kleines, gemtliches Ghnen die gezwungene Stimmung in eine
bequeme zu verwandeln. Alles umsonst!
    Endlich hielt sie im Stricken inne, und indem sie mit der Nadel einige
Brotkrmchen auf dem Tische in eine gerade Linie schob, teilte sie ihrem Manne
mit, als besnne sie sich dessen pltzlich - da sich ihr heute vormittags auf
der Promenade Leutnant von Fehse habe vorstellen lassen.
    Herr Heienstein uerte den Anteil, den er an dieser Nachricht nahm,
dadurch, da er halblaut zu lesen begann: Versteigerung der krntnerischen
Kammerfondsherrschaft Friesach samt der Fronleichnamsbruderschaft Metnitz ...
    Frau Nannette fuhr fort: Ein sehr gebildeter, sehr wohlerzogener junger
Mann ...
    An Gebuden, an Grundstcken, an Untertanen, an Zehenten, murmelte
Heienstein.
    Du hrst nicht, Lieber, sprach seine Gemahlin und setzte mit grerem
Nachdrucke hinzu: Von altem Adel, aus Hannover.
    In einem Tone, der deutlich sagte: Ich will auch nicht hren, und mit, wie
es schien, gesteigertem Interesse an seiner Zeitung las Heienstein: An
Untertansgiebigkeit, an unsteigerlichem Gelddienste 609 Gulden 23 3/4 Kreuzer
...
    Die Fehse sind so alt wie die Montmorency, rief nun Frau Nannette etwas
gereizt dazwischen und verga in der Aufregung, ihrer Rede die logische
Gliederung zu geben, die sie ihr sonst so gern verlieh. - So alt wie die
Montmorency, und er spricht das schnste Deutsch, das ich jemals hrte.
    An Kleinrechten, las Heienstein weiter, ein Paar Filzstiefel, ein Stck
Hechten, siebenundzwanzig Hendeln, zwei Faschingshhner - - einhundertundfnf
Pfund Harreisten ...
    Jetzt ri der Faden von Frau Nannettens Geduld. Mhsam, mit groer
Selbstberwindung knpfte sie ihn wieder zusammen.
    Sie beugte sich vor, tippte mit der Stricknadel auf den rmel ihres Mannes
und sprach: Es wre mir angenehm, wenn meine Regula fters Gelegenheit htte,
dieses ganz vortreffliche Deutsch sprechen zu hren. Das Kind ist so
bildungsfhig! Man sollte es nicht glauben, aber heute vormittags wechselte Herr
von Fehse einige Worte mit ihr, und schon nachmittags berraschte sie mich mit
der Anwendung einiger Imparfaits und Subjonctifs und mit einer weichen
Aussprache der Zischlaute, die mich entzckte. Gestatte demnach, lieber Mann
...
    Die Stricknadel fuhr schmeichelnd ber den Rockrmel, und bittende Augen
ruhten auf dem hartnckigen Leser. Dieser erhob den Kopf und lchelte seine
Ehehlfte an, spttisch, geringschtzig, herausfordernd.
    Frau Nannette fhlte augenblicklich ihre Lippen trocken werden und ihren
Hals sich zusammenschnren. Sie dachte, nicht ohne einen kleinen Schauder, da
es mglich sei, einen Menschen instndigst zu hassen durch ein ganzes Leben
hindurch wegen eines einzigen Lchelns, wenn es soviel Verachtung, soviel Hohn
ausdrcke wie dieses.
    Du wnschest also, sprach Herr Heienstein, wenn ich recht verstehe,
einen Montmorency - Gott, wie sprach der Mann diesen edlen Namen aus! - als
Sprachlehrer fr unsere Regel. Ich zweifle, ob diese Art in solcher Eigenschaft
zu fungieren pflegt, bei Weinhndlerstchtern.
    Jetzt wurde die Tre des Vorzimmers geffnet; die Stimme Rosas lie sich
vernehmen. Herr Leopold stand auf. Genug gescherzt! rief er, whrend seine
Tochter eintrat. Er wandte sich gegen sie und schleuderte ihr in drohendem Tone
die Worte zu: Herr Leutnant von Fehse wird mein Haus niemals betreten!
    Das Mdchen erbleichte und fragte ganz verwirrt ber diesen sonderbaren
Empfang: Warum, Vater? - Warum? - Was hast du gegen ihn?
    Nichts gegen ihn, nichts fr ihn, erwiderte Heienstein, und dabei soll's
sein Bewenden haben.
    Warum? wiederholte sie, er ist brav und gut, alle Welt liebt ihn.
    Du wohl auch? fuhr er sie mit grausamem Spotte an.
    Ja! antwortete Rosa hochaufatmend.
    Er sah sie an, und eine leise Regung des Erbarmens mit dem Kinde wurde
lebendig in seiner Seele. Streng, aber ohne Hrte sprach er: Schlag dir die
Lffelei aus dem Kopfe! Ich will nichts wissen von einem Herrn von Fehse. Du
hast gehrt, mein Haus betritt er nie.
    Doch, Vater! war die khne Antwort des Mdchens, er kommt morgen. Er will
bei dir um mich werben.
    Werben?! schrie Heienstein in aufloderndem Zorne. Werben?! Mit
flammendem Gesichte schritt er auf seine Tochter zu ...
    Frau Nannette lief es kalt ber den Rcken, und mit einem kleinen Schrei
sprang sie auf, floh in die Fensterecke und wnschte zu sein, was ihr Mann sie
einst genannt: eine Maus - um sich verkriechen zu knnen.
    Anders empfand die Tochter, die Schuldige, auf deren Haupt das Ungewitter
sich zu entladen drohte, das die funkelnden Augen des Vaters, seine zuckenden
Lippen, sein rchelnder Atem verkndeten. Furchtlos kreuzte sie die Arme und sah
ihn mit trotziger Entschlossenheit an. Sie war schn, und Bozena hatte doch
recht: sie glich ihrer Mutter. Selbst jetzt noch, in ihrem Zorne mahnte sie an
die sanfte Frau. - Jene htte das Haupt gebeugt, sie erhob's - jene htte den
Kampf vermieden, sie nahm ihn auf - und dennoch! und dennoch! ...
    Mitten in seiner Wut, in seiner Emprung ber den Widerstand, den sie zu
leisten wagte, kam es ihm: Ich hab das Mdel lieb! - Und wie Ekel an all der
Kriecherei und Heuchlerei um ihn her erfate es ihn und zog ihn mit Macht zu der
einzigen, die seinem Willen ihren Willen entgegensetzte.
    Es war totenstill im Zimmer. Frau Nannette zitterte unhrbar, und Vater und
Tochter standen einander lautlos gegenber. Endlich sprach Heienstein: Er will
kommen? Gut denn.
    Vater! rief Rosa, jubelnd ber diese unerwartete Antwort. Sie ergriff
seine Hand und wollte sie kssen. Er entzog sie ihr mit den Worten: Mache dir
keine Hoffnung, du Trin.

Heienstein empfing den Herrn Leutnant von Fehse mit aller mglichen Steifheit.
Als der Offizier, von Bozena geleitet, eintrat, erhob sich der Herr des Hauses,
ging ihm aber nicht entgegen. Er lie ihn herankommen, erwiderte seinen
militrischen Gru mit einem Kopfnicken, und als Fehse sich nannte, wies er ihm
schweigend einen groen Lehnstuhl an, der neben dem Schreibtische stand. Er
selbst setzte sich wieder auf seinen kleinen unbehaglichen Strohsessel. Gerade
aufgerichtet vor seinem Gaste, die Hnde auf die Knie gelegt, jede einleitende
Phrase verschmhend, erklrte er dem jungen Manne, er wisse, welch einen
ehrenvollen Antrag zu stellen der Herr Leutnant gekommen sei, und bedauere
lebhaft, da die obwaltenden Verhltnisse ihn zwngen, denselben abzulehnen.
    Fehse wurde abwechselnd bla und rot, richtete seine sanften blauen Augen
voll Treuherzigkeit auf den Kaufmann und erklrte seinerseits, da er Frulein
Rosa innigst liebe.
    Herr Heienstein schenkte dieser Versicherung unbedingten Glauben, und der
Offizier fhlte seine Hoffnung, da der Vater seiner Geliebten nicht
unerbittlich sein knne, wachsen. Er rief, er sei zwar noch sehr jung, bekleide
noch keine hohe Charge, habe kein Vermgen, aber er stamme aus einer geachteten
Familie, trage einen ehrenwerten Namen, besitze leidliche Fhigkeiten und hoffe
Karriere zu machen. ber seinen Ruf bei Vorgesetzten und Kameraden mge
Heienstein Erkundigungen einziehen, sein Oberst sei bereit, sie zu erteilen.
    Whrend er sprach, beobachtete der Geschftsmann ihn scharf. - Eines groen
Geistes Kind bist du nicht, dachte er, aber ein hbscher, anstndiger Bursche.
Fehses offenes Wesen machte einen gnstigen Eindruck auf den mitrauischen und
zurckhaltenden Kaufherrn, und der Gedanke an die Mglichkeit einer Vereinbarung
flog ihm durch den Sinn. Aus Liebe hat schon mancher grere Opfer gebracht, als
das wre, das der junge Edelmann um Rosas willen bringen mte, sagte sich
Heienstein.
    Er begann umstndlich und mit Bedacht dem Offizier zu erzhlen, seit wie
vielen Generationen das Geschft, an dessen Spitze er stehe, sich in seiner
Familie vom Vater auf den Sohn fortgeerbt habe. Ihm htte der Himmel seinen Sohn
genommen, aber seine ehrenwerte Firma msse doch fortbestehen, und so sei es
denn sein unabnderlicher Entschlu, die Hand seiner lteren Tochter nur
demjenigen Manne zu gewhren, der sich herbeiliee, den Namen Heienstein
anzunehmen und dereinst das Handlungshaus weiterzufhren.
    Das Gesicht Fehses verfinsterte sich, und als Heienstein mit den Worten
schlo: Wollen Sie auf diese Bedingung eingehen? antwortete er bebend vor
Entrstung: Was berechtigt Sie zu glauben, da ich meinen Namen weniger
hochhalte als Sie den Ihren? ... Ich bin brigens Soldat mit Leib und Seele und
will es bleiben mein Leben lang.
    Herr Heienstein zollte der klaren und mnnlichen Sprache des Offiziers, die
an Deutlichkeit nichts zu wnschen briglie und ihre Unterredung beendete,
seine Anerkennung. Er fgte, sich erhebend, hinzu, da er von einem Manne von so
korrekter Gesinnung auch ein korrektes Benehmen erwarte. Er uerte seine aus
seiner Hochachtung fr Herrn von Fehse entspringende berzeugung, da dieser
knftighin jede Gelegenheit, Rosa zu begegnen, meiden werde und unter der soeben
ausgesprochenen Verzichtleistung auf ihre Hand auch die Verzichtleistung auf
ihre Neigung verstehe.
    Keine von beiden! entgegnete der junge Offizier flammend und glhend. Ich
liebe Ihre Tochter und werde von ihr geliebt, ich werde alles daransetzen, sie
zu erringen!
    Und gleich darauf, seine Heftigkeit bereuend, flehte er: Machen Sie uns
nicht unglcklich!
    Verlieren Sie keine Worte, sprach Heienstein. Es drfte Sie spter
verdrieen, wenn Sie sich erinnern wrden, Herr Leutnant von Fehse, da Sie sich
vor einem Weinhndler umsonst gedemtigt haben. Er machte einige Schritte gegen
die Tr.
    Ich werde, rief Fehse auer sich, nie von Ihrer Tochter lassen! - und
seien Sie berzeugt: sie auch nicht von mir! ... Sie sollen bereuen, was Sie
heute tun. Merken Sie wohl: Ich habe Ihnen nichts versprochen. Ich habe kein
Wort zu halten als das Wort, das ich Ihrer Tochter gab! Heienstein stand eine
Weile in Gedanken versunken und blickte dem Enteilenden nach. Dann setzte er
sich an den Schreibtisch und verfate einen langen Brief, den er noch am selben
Tage eigenhndig der Post bergab.
    Rosa wurde fortan unter strenger Aufsicht gehalten. Zwei traurige Monate
hindurch durfte sie das Haus nicht verlassen und auer in Gegenwart Frau
Nannettens keinen Besuch empfangen. Dennoch gelang es Fehse einmal, ihr
Nachricht zu geben, und Bozena, die im Zimmer neben dem ihren schlief und der es
war, als habe sie ihren Liebling schluchzen gehrt, fand Rosa, als sie an ihr
Bett trat, im Schlafe weinend, wie sie es als Kind so oft getan. Und dabei hielt
sie ein beschriebenes, von Trnen durchntes Blttchen an ihre hochgertete
Wange gedrckt.
    Am nchsten Morgen fragte Bozena wohl: Was war das fr ein Brief? Aber sie
bekam eine ausweichende Antwort, und begngte sich damit.
    Wie mgen Sie die Rosa qulen? sagte sie zu ihrem Herrn. So eine erste
Liebelei, das ist wie Mrzenschnee ...
    So rein, meinte sie, und so vergnglich.
    Von Ahnungen und Trumen nhrt sich die junge Liebe, ist fern von ihrem
Gegenstand glcklich durch den Gedanken an ihn; wenn sie weint, so freut sie
sich ihrer Trnen, und wenn sie leidet, ist sie stolz auf ihren Schmerz ... Was
bedeutet die unschuldige Schwrmerei eines Kindes gegen die lodernde Hllenglut
im Herzen Bozenas?

                                       6


Heienstein erschien eines Tages in ungewhnlich guter Stimmung im
Familienzimmer. Er hatte zwei angenehme Nachrichten erhalten. Die erste lautete,
das Regiment des Leutnants von Fehse sei im Begriffe, in eine neue Garnison zu
marschieren; die zweite hatte ein Brief gebracht, die Antwort auf das Schreiben,
das er nach seiner Unterredung mit dem Offizier nach Wien geschickt.

    Sie lautete:
    
    Wohledler Herr!

Euer Wohledlen zeige ich hiermit an, da mein Sohn Joseph sich im Verlaufe der
nchsten Woche die Ehre geben wird, Euer Wohledlen persnlich aufzuwarten.
Derselbe ist vor wenigen Tagen aus England hier eingetroffen, allwo er die ihm
aufgetragenen Geschftsangelegenheiten zu gedeihlichem Abschlusse gebracht hat.
Meine angenehme Hoffnung ist es jetzo, da es ihm auch ressieren mge, sich die
Wohlgeneigtheit und die gute Gesinnung Euer Wohledlen und deren werter Familie
zu erwerben, und kann keineswegs umhin zu versichern, da mein innigster Wunsch
befriedigt wre, wenn mir heut ber ein Jahr die Gelegenheit geboten und die
Satisfaktion gewhrt wrde, in grovterlichem Kometenwein (grnes Siegel) die
Gesundheit des ersten Frohburg-Heienstein ausbringen zu drfen.
Der ich verharre, Euer Wohledlen dienstwilliger
                                                                      Frohburg.

Whrend der Mahlzeit sprach Heienstein wiederholt von seinem ehemaligen Jugend-
und jetzigen Geschftsfreunde Frohburg. Er lobte dessen wohlgeratene Kinder, er
lobte vor allen dessen zweitgeborenen Sohn Joseph, den er zum letztenmal vor
fnf Jahren in Wien gesehen hatte. Der Jngling war damals zwanzig Jahre alt und
berechtigte zu den schnsten Hoffnungen. In gut brgerlichen Verhltnissen
erzogen, zur Arbeit und Pflichterfllung angehalten, hatte er sich zu einem
tchtigen Manne herangebildet. Wohl dem Vater, der sich eines solchen Sohnes
rhmen darf, wohl der Frau, die er einst mit seiner Hand beglckt! - Heienstein
kndigte den bevorstehenden Besuch Josephs an und trug Frau Nannette auf, das
Gastzimmer zu seinem Empfange auf das beste herstellen zu lassen.
    Ich hoffe und wnsche, da er sich heimisch fhle bei uns! setzte er
hinzu, und die Drohung: Weh euch, wenn er sich nicht heimisch fhlt! klang aus
seinem Tone.
    Obwohl Frau Nannettens stummes Kopfnicken die einzige Antwort war, die er
erhielt, obwohl sich nicht die leiseste Einwendung gegen seine Behauptungen und
Befehle erhob, hatte er sich in eine Gereiztheit hineingeredet, die nur
hartnckiger Widerspruch erklrt haben wrde.
    Oder wurde sie vielleicht durch Rosas bleiches Gesicht hervorgerufen? -
durch den verhaltenen Schmerz, mit dem sie ihre Lippen bi? - durch die Blicke,
die sie ihm aus glhenden Augen zuwarf, die in der letzten Zeit dunkler geworden
schienen und in jenem feuchten und feurigen Glanze leuchteten, den vieles Weinen
jungen Augen verleiht? ... Las er die Gedanken von ihrer Stirn ab? Lag ihr Herz
offen vor ihm?
    Sie hatte ihn verstanden und schauderte. So wenig kannte sie der alte Mann?
Er meinte sie zwingen zu knnen zu einer ihr widerstrebenden Ehe? Wre ihr Herz
auch frei gewesen, niemals htte sie sich zwingen lassen. Und jetzt, da sie
liebte, da er es wute, glaubte er fr sie whlen zu knnen? ... Welch ein
Abgrund klaffte zwischen ihm und ihr, wie fremd stand sie mitten unter den
Ihren, wie allein im Vaterhaus! Mit welcher bitteren Qual empfand sie die
traurigste von allen Einsamkeiten, die unter Menschen, die uns die nchsten sein
sollten.
    Unzufrieden mit sich selbst verlie Heienstein das Gemach. Er hatte sich
bereilt. Er htte noch schweigen, noch nichts verraten sollen von seinen
Zukunftsplnen, htte einen Monat oder zwei ins Land gehen lassen sollen, bevor
er den Geschftsfreund an die lngst schon zwischen ihnen genommene Verabredung
mahnte. Er machte einen Gang durch die Stadt und besann sich, da im Kontor die
Arbeit seiner warte. Er begab sich in das Kontor und sah bald ein, da er
unfhig war, auch nur zwei zusammenhngende Zeilen niederzuschreiben. Endlich
versuchte er, sich mit Mansuet in ein Gesprch einzulassen. Aber der war
schweigsam und niedergeschlagen und gab nur einsilbige Antworten.
    Wissen Sie schon? die Ulanen marschieren, fragte der Chef unter anderm.
    Wei߫, brummte Mansuet und spitzte die Ohren, wie in die Ferne lauschend.
    Sie kommen schon hier vorbei! rief der zweite Kommis und sprang auf, man
hrt die Musik!
    Heienstein verlie das Kontor und stieg zum Zimmer seiner Tochter empor.
    Als er die Tr des weitlufigen Gemaches leise ffnete, sah er Rosa in der
Fensternische halb sitzend, halb liegend hingestreckt. Sie hatte die Arme ber
ihren Arbeitstisch geworfen und das Gesicht in die Linnen vergraben, die ihn
bedeckten. Ihr ganzer Krper bebte unter den Erschtterungen eines heftigen
Schluchzens, das sich schmerzlich emporrang aus der Tiefe ihrer Brust.
    Von einem flchtigen Mitleid ergriffen, blieb ihr Vater, ohne ein Zeichen
seiner Gegenwart zu geben, am Eingange stehen.
    Er war gekommen, um sie zu verhindern, dem Geliebten ein letztes Lebewohl
zuzuwinken, nun dachte er: Mag sie doch! - nachher ist ja ohnehin alles vorbei.
    Das Getrappel der Pferde ertnte auf dem Pflaster, die Klnge eines alten
Reiterliedes schallten durch die Luft. Lebewohl! Lebewohl, mein Lieb! sprachen
sie, riefen sie dem verstehenden, pochenden Herzen zu.
    Langsam richtete Rosa sich auf, sie ffnete das Fenster nicht, beugte sich
nicht hinaus. Mit dem Rcken an die Wand gelehnt, die Arme schlaff herabhngend,
stand sie regungslos, atemlos und starrte hinunter.
    Und jetzt stieg eine dunkle, heie Blutwelle in ihr Gesicht ... Jetzt war er
vorbeigekommen. - Und jetzt nickte sie ernsthaft und wiederholt, als htte ihr
jemand fragend zugewinkt und als antworte sie: Ja! - ja, gewi! Und wie
beteuernd prete sie beide Hnde an ihre Brust.
    Was soll's? War das eine Verabredung? ...
    Geruschvoll schlo Heienstein die Tre, deren Klinke er noch in der Hand
hielt.
    Rosa wandte sich, erblickte ihren Vater, und mit einem Schrei, mit
ausgebreiteten Armen strzte sie auf ihn zu. Sie warf sich vor ihm nieder und
umklammerte seine Knie, sie drckte ihre Lippen auf seine abwehrenden Hnde und
beschwor ihn mit Trnen und mit Schluchzen: Vater, Vater, gib mich ihm!
    Aber das bichen Mitleid, das er mit einem Geschpf empfinden konnte, das
sich ihm widersetzte, war erloschen. Da sie noch hoffte, da sie noch meinte
ihren Willen durchzusetzen, da sie es noch versuchte, das emprte ihn. Ist er
der Mann, der seine Entschlsse ndert? - hat er nicht so manchen, den er
bereilt gefat, zu seinem eigenen Nachteil ausgefhrt, blo deshalb, weil er
ihn einmal gefat hatte? Und sie traute ihm zu, er werde jetzt nachgeben, da es
sich um die Erfllung eines Lebenswunsches handelte, um das Gelingen sorgsam
vorbereiteter und lang gehegter Plne? Er hatte ihr wohl zuwenig Strenge
gezeigt, sie frchtete ihn nicht genug.
    Er lie sich nicht zu einem Zornesausbruch hinreien, er blieb nur dabei:
sie mu sich fgen. Der Sinn von allem, was er sagte, war: Mit dem Ungeliebten
wirst du leben, den Geliebten wirst du vergessen.
    Auch in ihr waren die weichen und sanften Empfindungen nicht die
vorherrschenden. In die Laune, zu bitten, kam sie selten. Heut galt es ihr
ganzes Lebensglck, und das alte Wort: Not lehrt beten, bewahrheitete sich an
ihr. Sie flehte demtig und inbrnstig; aber so wie er von seinem Entschlusse
nicht wich, so blieb auch sie bei dem ihren: Ich heirate keinen andern als
meinen Geliebten.
    Ich hab ein trauriges Leben, klagte sie. Du warst niemals gut gegen mich,
und die andern sind bs und falsch gewesen. Endlich hab ich mein Herz an einen
Fremden gehngt, kann ich dafr? Hat eure Gleichgltigkeit mich nicht dazu
gestoen? Sei du jetzt vterlich - verzeih mir - denke, wenn ich ein Unrecht
getan habe, es ist zur Hlfte dein. Verzeih mir, Vater, und la mich gewhren.
Du weit, ich war zeitlebens ein strrisches Geschpf. Und den braven Joseph
heie warten; ein paar Jahre nur, dann heiratet er die brave Regula. Die sagt ja
zu allem, was du befiehlst, die ist nicht widerspenstig wie ich. Belohne sie fr
ihren Gehorsam mit deinem ganzen Hab und Gut. Ich will nichts, ich verzichte auf
alles - nur deinen Segen gib - sag nur: ziehe hin ...
    Ins Elend! rief Heienstein. Weit du, was du verlangst? Kennst du den
Jammer einer armseligen Militrwirtschaft? das Herumzigeunern von Dorf zu Dorf
... Eine Ehe ohne eigenen Herd, einen Haushalt, den man nicht bestreiten,
Kinder, die man nicht erziehen kann? Und er - glaubst du, da er dich mchte,
wenn du ihm kmst ohne einen Heller? Ein Narr wre er, wenn er dich so nhme,
und gewissenlos dazu. Also: nein! Und kein Wort mehr darber: du gehorchst!
    Sie bewegte noch ihre Lippen, aber sie sprach nicht mehr. Ihre Trnen waren
versiegt, finster blickte sie ihren Vater an, der schon an der Tre stand. Da
schien ein pltzlich ausbrechendes Gefhl sie zu berwltigen. Sie eilte ihm
nach und warf sich an seine Brust. Er fragte: Bist vernnftig ... willst
gehorchen?
    Sie gab keine Antwort, sie trat weg von ihm, nachdem sie ihn noch einmal
innig gekt hatte.
    Eine Stunde spter lie sie ihn bitten, den Rest des Tages auf ihrem Zimmer
zubringen zu drfen, und die Erlaubnis dazu wurde ihr gewhrt.
    Frau Nannette lauerte und beobachtete und schlich mehrmals an Rosas Tre
vorbei und sah zufllig - sie wute wenigstens selbst nicht, wie es geschah -
durch das Schlsselloch. Rosa sa an ihrem kleinen Pulte und ordnete die
Gegenstnde, die in der Lade aufbewahrt waren.
    Im ganzen Hause herrschte einmal wieder dumpfe Gewitterschwle. Der Herr
grollte, Bozena ging mit verstrter Miene umher, Mansuet war in brbeiiger
Laune und hatte auf offener Strae einen Streit gehabt mit Bernhard dem Pfau.
Einen Streit, den der kleine Kommis mutwillig heraufbeschwor.
    Ohne allen Grund war er im Gesprche mit dem Jger immer anzglicher
geworden und hatte endlich etwas gemurmelt von einem erbrmlichen Wicht. Und
Bernhard hatte erwidert: Fhren Sie keine solchen Stichelreden, Sie haben kein
Savoirvivre. Worauf Mansuet rief: Das ist mir tuttegal! Wenn ich auch nicht
sage, was Sie sind, deswegen bleiben Sie's doch.
    Der Streit wrde sicherlich zu Ttlichkeiten gefhrt haben, wenn der
grfliche Kammerdiener, der demselben beiwohnte, den Jger nicht fortgezogen und
gesagt htte: La ihn, was kmmerst du dich um den alten Krakeeler!
    Frher als gewhnlich wurde heut zur Ruhe gegangen. Jeder der Hausbewohner
schien Eile zu haben, sich in seine Stube zurckzuziehen.
    Frau Nannette schritt in der ihren auf und nieder, seltsame Gedanken und
Hoffnungen bewegten sie.
    Sie war kurzsichtig, ihr Ehrgeiz zu wenig hochfliegend gewesen. Sie hatte in
dem Leutnant von Fehse nur einen bildenden Umgang gesehen, nur einen Reformator
fr Regulas vom Dialekt etwas angehauchte Aussprache. Und nun zeigte sich, da
er sie htte befreien, erlsen knnen von dem ewig strenden Einflu der
Stieftochter; er htte, geschickt untersttzt, diese vielleicht sogar dahin
bringen knnen, sich mit ihm zu verbinden, auch gegen den Willen ihres Vaters.
    Ein unvershnlicher Zwiespalt wre daraus entstanden. Heienstein htte sich
losgesagt von der verlorenen Tochter, und in alle Rechte, die Rosa einbte,
wrde Regula getreten sein.
    Frau Nannetten schwindelte, als alle diese Gedanken in ihr aufstiegen. So
nahe war, so erreichbar die Erfllung ihrer khnsten, verwegensten Wnsche
gewesen, und sie hatte nichts davon geahnt. Eine kostbare, einzige, nie
wiederkehrende Gelegenheit war versumt, ihrer Tochter die alleinige Herrschaft
ber das Haus und all seine reichen Gter fr die Zukunft zu sichern.
    Aufgeregt wie nie in ihrem Leben, bestieg sie ihr Lager und lschte das
Licht. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Sie lag sinnend und grbelnd, und
ihre Pulse hmmerten fieberhaft.
    Im Kamin heulte der Sturm, und drauen umraste er das Haus; warf Sand an die
Scheiben, da sie klirrten, prallte an das Tor, da es drhnte; ri Ziegel vom
Dach und schleuderte sie mit Gepolter auf die Strae. Frau Nannette hllte sich
in ihre Decke und flsterte mechanisch ihr Abendgebet.
    Wie ist ihr? Wird ihre sprde Phantasie beweglich und gaukelt ihr die
Verwirklichung ihrer Trume vor? ... Narrt sie die Einbildung, oder hrt sie
wirklich das Haustor knarren in seinen verrosteten Angeln? - Es ist geffnet
worden, mhsam, langsam - und alsbald schlgt der Sturm es wieder zu, und schwer
fllt es ins Schlo.
    Nannette erhebt sich und eilt ans Fenster. Die Nacht ist dunkel, von keinem
Stern erhellt. Die vier llampen, welche die Beleuchtung des Platzes zu besorgen
haben, verbreiten ein gar sprliches Licht. Sie lauscht, sie spht in die Nacht
hinaus, sie wnscht sich die Augen einer Eule, um die Finsternis durchdringen zu
knnen. Jetzt, jetzt sieht sie in die Lichtscheibe, die eine der Lampen auf den
Boden wirft, eine Gestalt treten - eine Gestalt im weien Reitermantel - sie
scheint eine zweite zu sttzen, zu leiten ... Einen Augenblick sind die beiden
klar und deutlich sichtbar, dann verschwinden sie im Dunkel. Nannette hat sie
erkannt ... Und ihr Gewissen ruft ihr zu: Verhindere Unheil - rette das Haus vor
Schmach. Auf! auf! den Mann geweckt - ein Wort, ein Ruf von ihm fhrt das
verirrte Kind zurck. Noch ist es Zeit - tu deine Pflicht!
    Was Pflicht! ... Ihrer Tochter die Wege bereiten, das ist ihre Pflicht! ...
    Minuten vergehen, schwerwiegende Minuten. Das Schicksal gnnt ihr noch eine
Frist, um ihre Kraft zusammenzuraffen zu einer guten Tat.
    Sie lt sie ungentzt vergehen.
    Ein leichter Wagen fliegt ber das Pflaster, Funken sprhen auf unter den
Hufen der Rosse. - In den Lften aber wird es still - still ringsumher - nichts
laut als nur der Schall, den jenes Gefhrte weckt und sein jagendes Gespann. Von
Fieberfrost geschttelt, horcht Nannette. Sie mchte den Sturm beschwren, da
er das Gerassel der Rder bertne, das den Vater wecken, ihre Hoffnungen noch
jetzt vernichten kann ...
    Grundlose Sorge! Der Sturm hat nur neuen Atem geschpft; er erhebt sich
strker als zuvor und verschlingt in seinem Toben das ohnmchtige Gerusch, das
die Erde ihm zusendet in sein luftiges Reich.

Am nchsten Morgen, als Bozena ihm das Frhstck auf sein Zimmer brachte, war
Heiensteins erste Frage: Wie geht es Rosa?
    Alles still bei ihr, sie schlft wohl noch, antwortete die Magd.
    Er zrnte: Schlft - um acht Uhr? Was fr Gewohnheiten! ... Hat die
Prinzessin soviel Zeit brig? Wecke sie. Schicke sie hierher.
    Eine Viertelstunde verging. Rosa kam nicht, Bozena brachte keinen Bescheid.
    Ist das Kind krank? - Unsinn! Man wird nicht krank wegen einer bekmpften
Laune. Das kommt in Romanen vor, nicht im Leben. Oder stellt sie sich vielleicht
krank? Das wre sehenswert!
    Mit raschen Schritten geht er ber den Gang, kleine Treppen auf und ab. Der
Weg von seinem Zimmer zu dem der Tochter scheint ihm endlos. - Ein rechtes
Winkelwerk, denkt er, dieses Haus. Er wrde den alten Kasten umgebaut haben,
wenn ihm der Himmel einen Sohn gelassen htte. Aber so! - Fr einen
Schwiegersohn unternimmt er dergleichen nicht. An die Stelle eines Kindes wird
der niemals treten, wenn er auch noch so ehrenvoll den Namen der allgeschtzten
Firma trgt.
    Heienstein biegt um die Ecke des schmalen Ganges, der zu Rosas Zimmer
fhrt, und staunt, die Tr nur angelehnt zu finden. Er tritt ein; Rosa ist nicht
da - das Bett ist unberhrt - die Lade des Pultes, in dem sie ihre kleinen
Reichtmer aufzubewahren pflegt, geffnet, doch scheint nichts darin zu fehlen,
und der Schlssel steckt. Heienstein schliet die Lade und zieht den Schlssel
ab. Nachlssig und vergelich wie immer! brummt er, dabei jedoch erfat ihn
eine unerklrliche Angst.
    Er eilte zu seiner Frau hinber; sie sa am Klavier und gab ihrer Tochter
Unterricht.
    Hast du Rosa schon gesehen? fragte er und bemhte sich, seinem Ausdruck
den Anschein der Gleichgltigkeit zu geben.
    Heute noch nicht, antwortete Frau Nannette obenhin, ergrnte wie der
Freiherr von Mnchhausen und wandte sich sofort wieder zu Regula, sie
beschwrend, dis und es, trotz ihrer scheinbaren hnlichkeit, niemals zu
verwechseln.
    Heienstein murmelte einen Fluch und schritt hinaus. Er ist wohl verrckt,
sich Gedanken zu machen. Wohin anders sollte Rosa gegangen sein als in die
Kirche, die Frhmesse zu hren, zu beten um Ergebung, Sanftmut, Geduld, die ihr
nottun, wahrlich! - Das ist's. Wie kam er nicht gleich darauf? ... Da man doch
immer die einfachste, natrlichste Erklrung zuletzt findet.
    Jetzt wird sie wohl zurckgekehrt sein, und wenn auch nicht, er will sie
erwarten in ihrem Zimmer und sie ohne Hrte empfangen. Er nimmt sich berhaupt
vor, in Zukunft milder gegen sie zu sein. Ihr Vorwurf gestern, so ungerecht er
war, hat ihm weh getan und fordert zum mindesten eine Widerlegung, eine
Zurechtweisung.
    Auf dem Gange rennt Bozena ihrem Herrn in den Weg; verstrt - bleich wie der
Tod.
    Fort! keucht sie - das Kind ist fort!
    Schweig, Nrrin! ruft er ihr zu, Rosa ist daheim - in ihrem Zimmer, mu
daheim sein - und zum zweiten Male tritt er in das Gemach.
    Bozena wei: es ist nicht - er irrt! und dennoch weckt die Zuversicht, die
ihr Herr zur Schau trgt, in ihr einen Schimmer von Hoffnung; er ist trgerisch;
wie bald, und er erlischt. Sie stehen in dem Gemache des Kindes und finden es
leer.
    Von neuem jammert Bozena: Sie ist fort! Und den alten Mann berfllt
pltzlich und mit Entsetzen die Gewiheit, da er seine Tochter verloren hat.
    Augenblicklich fordert seine Qual ein Opfer, an dem sie sich rchen kann.
Schumend, mit der blinden Wut eines Tieres dringt er auf Bozena ein und
schmettert sie zu Boden. Sie fllt hin wie ein Baum, sie wehrt sich nicht.
    So hast du sie gehtet? schreit er halb von Sinnen und wiederholt ohne
Aufhren: So hast du sie gehtet?
    Sie zuckt nicht unter seiner ehernen Faust, sie erhebt sich nicht, sie fhlt
nichts, sie wei nichts zu sagen als: So hab ich sie gehtet!
    Er fat ihre gerungenen Hnde und reit sie empor auf ihre Knie.
    Sie mute durch dein Zimmer - mute sie nicht? ... Und du liegst auf dem
Ohr - und hrst nichts, siehst nichts - hast geschlafen wie ein Klotz! ... Hast
geschlafen, whrend sie davonging - du! du! Die sich ihre Pflegemutter nannte
... Eine saubere Pflegemutter! Eine saubere Wrterin! Eine brave Magd!
    Bozena lag gebrochen und ohnmchtig vor ihm auf den Knien. Als er die Worte
sprach: Hast geschlafen ... hatten ihre Augen ihn mit der Scheu des Wahnsinns
angeblickt und sich dann gesenkt in verzweiflungsvoller Scham.
    Ein klgliches Wimmern und Sthnen entrang sich ihrer Brust. - Geschlafen?
das glaubte er? ...
    O der harte, rauhe Gebieter - der schonungslose Herr, vor dem alle zittern,
den sie unbarmherzig nennen, der das geringste Versehen wie einen
unverzeihlichen Fehler bestraft ... Nicht mit dem leisesten Verdacht streift er
ihre Schuld! Was sie getan hat, das traut er ihr nicht zu. Er klagt sie an, doch
er verunehrt sie nicht, wie er's sollte - wie sie es verdient, wie sie selbst
sich verunehrt hat!
    Was sie getan, er kann es nicht einmal im hchsten Zorn denken - sie ist
schlechter, als ein Mensch denken kann! ...
    Sorglosigkeit wirft er ihr vor. Einen Schlaf, den sie nicht mehr hat - den
Schlaf der Unschuld, der Ehrlichkeit und eines ruhigen Gewissens!
    Weh ber Bozena - sie hat sich selbst gerichtet - den Augenblick verschmerzt
sie nie!
    Angesichts ihrer malosen Verzweiflung gewann Heienstein einige Fassung. Er
ffnete Rosas Pult, er suchte nach einem Briefe, nach einem Abschiedswort, das
sie vielleicht fr ihn hinterlassen hatte. Er fand nur einen kleinen Zettel, den
er vorhin bersehen, und darauf stand: Ich gehe zu ihm ohne einen Heller.
    Das war ihre Antwort auf des Vaters: Glaubst du, er nhme dich ohne einen
Heller?
    Er knitterte das Blatt zusammen und warf es zur Erde. Bozena strzte sich
darauf - und las - und raffte sich empor, ri den Schrank auf und durchsuchte
ihn mit brennender Hast: Nichts! rief sie schmerzlich, o du guter Gott -
nichts fehlt als die Kleider, die sie auf dem Leibe trug, und ihr leichtes
Mntelchen ... So geht sie aus dem Vaterhause - so geht mein Kind, mein Leben,
mein alles hinaus in die weite Welt!
    Heienstein gebot ihr Schweigen. Er hat sich ermannt. Zwei Stunden spter
sa er im Postwagen und fuhr denselben Weg, den die Ulanen genommen.
    Wenn jemand nach mir fragen sollte, hatte er beim Abschied gesagt, ich
bin mit - wie schwer brachte er den Namen ber die Lippen! -, mit Rosa nach
Wien gefahren. Das ist alles, was ihr wit. Ihr versteht?
    Ihr versteht, sagte er, aber er sah dabei nur seine Frau an. Der
Verschwiegenheit seiner Magd war er gewi.

                                       7


An diesem Tag gnnte sich Bozena keinen Augenblick der Ruhe. Kein Raum, vom
Keller bis zum Dachboden, in dem sie nicht nachsah mit kundigem Auge, nicht
ordnete mit flinker und geschickter Hand. Sie scheuerte und fegte, verfolgte
ihren verhatesten Feind, den Staub, bis in seine verborgensten Schlupfwinkel
und blickte des Abends zufrieden auf ihr vollendetes Werk.
    Es war ihr letztes Vermchtnis an das Haus, dem sie durch achtzehn Jahre
treu gedient.
    Sodann begab sie sich ins Kontor, zu Mansuet. Er war allein, die jngeren
Herren hatten schon Feierabend gemacht.
    Was steht zu Diensten? fragte der Kommis mit einer Gespreiztheit, die nach
Wrde aussehen sollte. Seit jenem Tanze beim Grnen Baum zeigte er sich etwas
zurckhaltend gegen Bozena.
    Ich habe Sie bitten wollen, antwortete die Magd, ihm ein Pckchen
reichend, das in Papier gewickelt und mit einem Wollfaden zugebunden war, mir
mein Sparkassenbuch aufzuheben.
    Er bemhte sich, sein Erstaunen zu verbergen, und sprach nachlssig: Wie
komme ich zu der Ehre? Ist Ihr Geld bei Ihnen nicht mehr sicher?
    Seien Sie schon so gut und heben Sie mir's halt auf, erwiderte sie und
streckte ihm die Hand entgegen, in die er seine langen Finger zgernd legte.
    Ich danke Ihnen im voraus, Herr Mansuet. Ich danke Ihnen berhaupt fr
alles.
    Fort war sie. Hatte ihn verlassen, bevor er Zeit fand, sie zurckzuhalten
und sich seine Bestrzung ber den bewegten Ton ihrer Stimme recht zum
Bewutsein zu bringen. Und jetzt erst besann er sich, jetzt erst fiel es ihm mit
banger Besorgnis auf das Herz, da sie reisemig gekleidet war, ein Bndel trug
und eine Geldtasche umgeschnallt hatte.
    Will auch die davongehen? murmelte er mit schmerzlicher Ironie vor sich
hin.
    Da mchte er zuvor doch ein Wort mit ihr reden.
    Er hatte ihre Stube niemals betreten, jetzt begab er sich dahin. Auf sein
Pochen erfolgte keine Antwort, dennoch trat er ein. Inmitten des Zimmers stand
ein gepackter Koffer; auf den Deckel hatte eine ungebte Hand den Namen Bozena
Ducha mit weier lfarbe gepinselt.
    Der Kommis stellte sich davor hin und betrachtete ihn mit wehmtigen
Blicken.
    Sie geht ihrem Kinde nach. Hat recht - ich versteh's, dachte Weberlein. Und
mich freut's, da sie's ber das Herz bringt, sich loszumachen von dem Hund, dem
Bernhard. Mich freut's sehr. Und eine heie Trne stieg ihm ins Auge.
    Er sah sich um in der hochgewlbten, weigetnchten Stube, in der alles
Reinlichkeit atmete. Hier also hat sie existiert, die Bozena. Da steht ihr
gewaltiges Bett mit seiner schneeigen Decke, daneben die buntbemalte Truhe, die
ihr Eigentum war, die sie mitgebracht hatte aus dem heimatlichen Dorfe. Im
Fenster ihr Arbeitstisch, auf dem Gesimse der Rosmarinstock, den sie aus einem
kleinen Zweige gezogen; ber der Tr das geschnitzte Christusbild, auf dessen
Haupt sie ber die Dornenkrone ein Blumenkrnzlein gelegt hat. Oh - die Bozena!
- Wenn sie das einem Menschen getan htte statt einem Gotte ... Wenn sie einem
Menschen die Dornen des Lebens in Blumen verwandelt htte ... einen Gott htte
der sich gefhlt.
    Mansuet lt sich auf einen Schemel nieder, sttzt den Ellbogen auf den
Koffer und den Kopf auf seine Hand und - trumt, so wach er ist - so alt er ist!
    Wie die Sachen stehen, htte ihn die Bozena wohl schwerlich genommen. Er ist
zu klein fr sie, sie ist zu gro fr ihn. Wenn er aber lnger geraten wre um
einen halben Schuh oder - einen ganzen - wenn er berdies schn geworden wre -
und das htte ja ohne Wunder der Fall sein knnen, es sind so viele Leute schn!
Dann ... Wer wei, was dann geschehen wre?
    Seinen eigentlichen Beruf wrde er gewi ergriffen haben - Soldat wre er
geworden, und ein Reiterstckchen wie jenes, das Fehse, der Sapperloter, heute
nachts ausgefhrt - das htt er auch getroffen, er traut sich's zu!
    Nur, da er sich nicht, so lieblich es auch ist, das Frulein Augentrost
mitgenommen htte ... Er wei eine andre - die htte er zu seiner Herrin
gemacht, der seine Lorbeeren zu Fen gelegt, die auf starken Armen durch das
Leben getragen ... An deren Herzen wrde er jetzt ruhen, ein seliger Mann!
    So schwrmt der kleine Mansuet von Liebe, Ruhm und Wonne und kauert neben
Bozenas Habseligkeiten wie ein armer Kter neben den zurckgelassenen Gewndern
seines Herrn.

Der schne Bernhard sa in seiner Stube und war mit der Abfassung eines Briefes
beschftigt, der ihm viel Mhe machte. Er legte die Feder weg, ergriff sie
wieder, er schien zu warten, da sie sich von selbst in Bewegung setze und das
Schreiben beende, das an eine angebetete Wilhelmine gerichtet war und von Liebe,
von einem feindlichen Geschicke, von Selbstverleugnung und Vertrauen sprach.
    Aber die Feder, deren gequlter Bart sich schon jmmerlich strubte, wollte
ihm den Gefallen nicht tun. Sie benahm sich im Gegenteil so widerspenstig, da
er sich bequemen mute, sie neu zu schneiden. Von dieser Beschftigung weg warf
er wohlgefllige Blicke im Zimmer umher. Es war mit allerlei Kram berladen, und
hingen nicht die zwei Gewehre, der Hirschfnger und die Saunadel an der Wand,
man knnte glauben, anstatt im Zimmer eines jungen Jgers in dem einer alten
Kammerjungfer zu sein. Dazu fehlen weder die Gitarre an blauem Bande noch die
Schattenrisse und Neujahrsbildchen in goldpapiernen Rhmchen noch so mancher
andre geschmacklose Tand aus Wachs und Porzellan.
    Die Feder war geschnitten, und so gut oder bel, als es ging, wurde der
Brief fortgesetzt. Ein elastischer und energischer Schritt, der sich auf der
Treppe vernehmen lie, strte den Jger auf das angenehmste in seiner
verdrielichen Ttigkeit. Rasch warf er den angefangenen Brief in die Tischlade,
sprang auf und begrte das hochgewachsene Weib, das jetzt ber die Schwelle
trat, mit den jubelnden Worten: Das htt ich mir nicht getraut zu hoffen, da
du heut wiederkommst!
    Freu dich nicht, antwortete Bozena, und er erschrak ber das dstere
Feuer, das aus ihren Augen leuchtete, und ber die Abscheu verratende Bewegung,
mit der sie ihn von sich wies.
    Zwei Schritte, und sie stand am Tische, legte ein seidenes Tuch, ein
Gebetbuch und einen Ring darauf und sagte: Ich komm nur, dir die Sachen
zurckzubringen, die du mir geschenkt hast. Es ist aus zwischen uns. Ich geh.
    Was ist der durch den Kopf gefahren? dachte Bernhard, nahm eine
gleichgltige Miene an und fragte: Du gehst? - und warum? - und wohin?
    Sie zuckte schweigend die Achseln; er ertrug den eiskalten Blick nicht, den
sie auf ihm ruhen lie, und wendete sich ab.
    rger und Verdru erfllten ihn. Sie ist ihm hinter irgendeine Liebelei
gekommen, gewi; deshalb zrnt sie und droht, ihn zu verlassen. Da sie es
wirklich tun knnte, das fllt ihm nicht im Traum ein.
    Eher lscht die Sonne aus als ihre Liebe zu ihm, eher verliert er den
Glauben an sich selbst als den an ihre Treue.
    Nur Vorsicht jetzt, nur unbefangen bleiben! - Am besten ist, er fngt sie in
ihrem eigenen Netz.
    Warte! ruft er ihr zu, so kommst du mir nicht fort. Wer bringt, mu
nehmen. Nimm auch du alles zurck, was du mir geschenkt hast.
    Er trat an seine Schublade und wollte sie ffnen, da erinnerte er sich des
Briefes an die angebetete Wilhelmine, der darin lag und dessen in groen
Lettern prangende Aufschrift dem scharfen Auge Bozenas schwerlich entgangen
wre. Er errtete und lie den schon ausgestreckten Arm sinken.
    Behalt's, sagte sie, ich werde keinen Liebsten mehr haben, dem ich es
schenken knnt!
    Wie seltsam hart klang ihre Stimme, welche Entschlossenheit sprach aus ihrem
Ton und welche wehmtige Trauer aus ihrem Gesicht, aus ihrer Haltung und ihrem
ganzen Wesen! Kann man zugleich so stark sein und so weich, die Seele eines
Helden besitzen und das Herz eines Weibes?
    Den Schwachen, der geherrscht hatte ber soviel Kraft, erfate zum erstenmal
ein Bangen, da diese sich gegen ihn erheben knnte.
    Und als er Bozena stumm und gelassen dem Ausgange zuschreiten sah, rief er
ihr zu: Bleib! ... Was hast du nur? ... Was hab ich dir denn getan?
    Nichts, erwiderte sie. La mich, ich hab Eile.
    Du bleibst! - ich will's - - ich bitte dich!
    Er folgte ihr, umschlang sie und drckte sie heftig an sich.
    Er sah, wie sie erbebte und unsglich litt, aber die Zrtlichkeit der
Selbstschtigen ist der Grausamkeit verwandt. Stumpf gegen Bozenas
widerstrebende Empfindung, drckte er Ku um Ku auf ihre Lippen und flsterte:
Ich hab dich lieb! ... Bleib bei mir, Bozena! ... Warum willst du nicht?
    Sie entrang sich seiner Umarmung; ihre Wangen flammten, und ihr Atem flog.
    Verstehst nicht? sagte sie, es ist aus. Ich bin jetzt von dir los und fr
immer, denn ich hab die Stunde verflucht, wo ich zum ersten und letzten Mal
durch dich glcklich war.
    Verflucht?!
    Durch Mark und Bein drang ihm dieses Wort, es verletzte ihn in seiner
Manneseitelkeit; er stie einen Schrei echten Schmerzes aus, und als sie den
vernahm, da wute sie, da ihr Herz doch nicht so ganz fr ihn gestorben war.
Eine sanfte Regung erwachte in ihr, ein bleicher Schimmer ihres einstigen
Gefhls. Und sosehr sie's drngt: nur fort! nur fort - hinweg! - stumm, wie sie
gewollt, kann sie doch nicht von ihm gehen.
    Sie fate ihn beim Arme, und indem sie den Nacken niederbeugte, um ihm in
das trotzig gesenkte Angesicht zu sehen, sprach sie gedmpft und rasch: Du hast
mich gehabt mit jedem Gedanken in meinem Hirn und mit jedem Hauch in meiner
Brust. Und was hast du aus mir gemacht? ... Weniger wert bin ich worden durch
dich - an Lug und Trug hast du mich gewhnt, und meine Schuldigkeit hab ich um
dich versumt ... Schweig! gebot sie, als er sie unterbrechen wollte, ich werf
dir nichts vor, dir nichts - alles, alles nur mir! Du kannst vielleicht nicht
anders ... Ich aber htte anders gekonnt, und ich hab zehnfach gefrevelt, denn
ich hab gefrevelt gegen meine Natur. Das geht so eine Weil - man ist ja wie
betrunken -, aber die Stunde kommt, wo man erwacht ... ... Mir ist sie gekommen
- frchterlich - und darum mu ich jetzt fort; und - darum, Bernhard, sag ich
dir jetzt Lebewohl.
    Und wieder wandte sie sich, und wieder strzte er ihr in den Weg. Alles in
ihm, seine Leidenschaft, seine Eitelkeit, sein Trotz emprten sich gegen die
Trennung von ihr.
    Ich la dich nicht! schrie er. Ich rufe das ganze Haus zusammen, laufe
hinber zu deinen Herrenleuten und sage ihnen, da du entfliehen willst!
    Das tust du nicht, sagte sie und war wieder vllig ruhig und gefat. Mit
ausgebreiteten Armen stellte sie sich vor die Tr. Ich binde und kneble dich,
wenn du mir drohst, bei meiner armen Seele: ich tu's. - Werd ich fertig mit dir
oder nicht, wenn ich will - was meinst? Willst du die Schande erleben, da sie
dich morgen so finden und hren, da dich ein Weib gebunden hat?
    Zornig und beschmt trat Bernhard zurck. Nein, mit Gewalt war gegen Bozena
nichts auszurichten, und doch: verlieren konnte er sie nicht! Zu kstlich war
ihr Besitz. Ist sie nur durch Gte und Demut wiederzugewinnen - wohlan, er bt
Gte und Demut!
    Er warf sich vor ihr nieder, er kte weinend den Saum ihres Kleides und
flehte mit gerungenen Hnden: Bleib bei mir, Bozena!
    Aber die Stimme, der sie sonst gefolgt wre, und htte sie aus dem Abgrund
der Hlle nach ihr gerufen, hatte ihren alten Zauber eingebt. Noch bewegte,
noch erschtterte ihr Klagen das Herz Bozenas, doch brach es ihren Willen nicht
mehr. Sie hatte auf den Schrei der Sehnsucht ihres Geliebten keine Antwort als
ein schmerzliches Leb wohl!.
    Da sah er zum letztenmal zu ihr empor - angstvoll - fragend - erwartungsvoll
- - und begriff endlich, da alles vorber war.
    Er sprang auf; keuchend und sthnend strzte er sich auf sein Bett und
whlte seinen Kopf in die Kissen. Bozena warf einen letzten Blick auf ihn und
verlie das Gemach.

In menschenfeindlichster Stimmung war Herr Heienstein nach drei Tagen von
seiner Fahrt zurckgekehrt. Als Frau Nannette ihm die Entweichung Bozenas
mitteilte, uerte er nicht das geringste Befremden. Er war und blieb schweigsam
und undurchdringlich. Nannette mute die raffinierten Knste, auf welche
neugierige Frauen sich verstehen, anwenden, um ihm nur eine drftige Kunde
seiner Erlebnisse zu entlocken. Alles, was sie schlielich erfuhr, bestand
darin, da Rosa anstndig untergebracht und das Regiment Fehses weitermarschiert
sei nach Ungarn.
    Er wird sie jetzt heiraten mssen, es bleibt nichts andres brig - sagte
Nannette und warf einen lauernden Blick auf ihren Mann.
    Dieser war damit beschftigt, Schriften zu ordnen, die er einem eisernen, in
die Wand eingelassenen Schrank entnommen, der zur Aufbewahrung von Wert- und
Familienpapieren diente. Aus einer groen Anzahl vergilbter Bltter hatte er den
Trauschein seiner ersten Frau und den Taufschein Rosas hervorgesucht und sie auf
dem Schreibtische ausgebreitet. Nannette bot sich an, den Rest in das Archiv,
wie sie groartig sagte, zurckzutragen, aber der undankbare Gatte belohnte
ihren guten Willen nur durch ein mrrisches: La gut sein!
    Er holte aus dem Schranke ein dnnes Pckchen, auf dessen Umschlag
geschrieben stand: Meiner Tochter Rosa mtterliches Erbe, und begab sich damit
zum Schreibtisch zurck. Frau Nannette schlich ihm nach auf Schritt und Tritt,
sie gab sich die erdenklichste Mhe, eine sanfte Duldermiene anzunehmen, und
wiederholte mit einem tiefen Seufzer, durch den trotz aller Anstrengung, ihn zu
unterdrcken, ein Laut des Jubels und Triumphes sich Luft machte: Er wird sie
jetzt heiraten mssen, es bleibt ihm nichts andres brig.
    Abfertigend, ohne sie anzusehen, erwiderte Heienstein: Natrlich.
    Dieses beunruhigte sie. Soll zuletzt noch alles glcklich enden fr die
ungeratene Tochter? Nannettens Angst vor einem solchen Ausgange berwand einen
Augenblick ihre Furcht vor ihrem Manne.
    Mit grimmiger und etwas spttischer Freundlichkeit sagte sie - und dabei
zitterte in ihrem linken Mundwinkel ein Nerv wie ein frierendes Kchlein im
Neste: Du verzeihst wohl? ... Du gibst wohl deinen Segen?
    Er fuhr auf. Ich?! donnerte er sie an und schlug mit der Faust auf den
Tisch, da das Zimmer drhnte und da Frau Nannette einer Ohnmacht nahe war.
    O Himmel! ... So wie jetzt hatte er ausgesehen in jenem unvergelichen
Zornesausbruch, in dem er das zarte Pflnzchen ihres Mutes so unbarmherzig
knickte, da es seitdem nur noch krnkliche Schlinge trieb ...
    Nannette empfand pltzlich eine ganz merkwrdige Schwche in den Knien und
glaubte wahrhaftig, sie werde umsinken. Das aber geschah nicht, denn ihr Mann
uerte den Wunsch, allein zu bleiben, durch ein bndiges: Hinaus! Und sie
trat sofort einen Rckzug an, der nichts an Eile und manches an Hoheit zu
wnschen briglie.
    In der nchsten Zeit hatte Heienstein hufig Unterredungen mit seinem
Rechtsfreunde, Herrn Doktor Paul Wenzel. Stundenlang und bei verschlossenen
Tren wurde da verhandelt; und durch niemand, nicht einmal durch die besorgte
Hausfrau, und unter keinerlei Vorwand, ob er nun in Gestalt eines kleinen
Imbisses, eines eben angelangten Briefes oder einer dringenden Nachfrage
erschien, durften die Herren in ihrer Arbeit unterbrochen werden.
    Da besann sich Nannette pltzlich, da die Frau des Advokaten eine
Jugendbekannte von ihr sei, da sie einstens intim liiert mit ihr gewesen war,
und sie empfand die nagendsten Gewissensbisse, die alte Freundin so lange
vernachlssigt zu haben. So setzte sie denn eines schnen Nachmittags ihre
Herbstkapotte mit den schottischen Bndern auf - ein Geschenk, das ihre
einstigen Zglinge ihr krzlich aus Wien zugesendet hatten, eine echte Lannoy!
-, hllte sich in ihren schwarzen Seidenmantel und wurde eine Viertelstunde
spter bei der Gattin des Advokaten angemeldet.
    Die gute Frau empfing sie in ihrem unbehaglichen und unbewohnten Salon mit
allen Zeichen der Ehrfurcht und mit einer Verlegenheit, die zu verbergen sie
nicht einmal versuchte, so gut wute sie, da es vergeblich sein wrde. Sie
bezeigte eine berschwengliche, mit einem gewissen Entsetzen vermischte Freude
ber den unerwarteten Besuch. Sie entschuldigte sich, da Frau von Heienstein
sie im Hauskleide treffe - aber eine Familienmutter, du guter Gott, mu berall
zugreifen ... Sie entschuldigte sich, da sie nicht ihr Leben damit zubringe,
auf den Besuch Frau von Heiensteins zu warten, sie entschuldigte sich, da
sie Kinder habe und da es heute nachts geregnet. Sie dankte endlich im stillen
Gott, als ihr Mann eintrat und sie von dem mhevollen Geschft erlste, ganz
allein mit der gebildetsten Frau der Stadt ein Gesprch fhren zu mssen, bei
welchem diese allerdings nicht zu Worte kommen konnte.
    Der Advokat war ein schner Greis mit fein modelliertem Kopfe, blassem
Gesichte und vornehmer Haltung. Seine Mitbrger schtzten ihn hoch, und die
Herrschaften auf den umliegenden Gtern sahen ihn als ein Orakel an. Was hat
der Wenzel gesagt? - Man mu den Wenzel fragen, sprachen die feudalen Herren,
sooft die Weisheit ihrer Verwalter nicht ausreichte, um irgendeinen Konflikt
zwischen dem herrschaftlichen Amte und den Untertanen zu lsen.
    In seinem Berufe war Wenzel ein Cato, im geselligen Verkehr jedoch und an
seinem eigenen Herde liebenswrdig und galant wie ein Abb des 18. Jahrhunderts.
Weich hatte das Leben ihn gefat, er empfand es dankbar und machte auch andern
das Leben so leicht, als er konnte.
    Seine viel jngere Frau verehrte in ihm einen Halbgott, und den Nimbus eines
solchen hatte sie verstanden ihm an seinem schlichten brgerlichen Herde zu
wahren. Die liebevolle Bewunderung eines demtigen Weibes ist erfinderisch, ihr
Gegenstand wandelte in einem Gemsegarten - unter Palmen.
    Bedchtig, als frchte er durch eine rasche Bewegung die Weihrauchwolke zu
zerstreuen, die ihn umflo, kam Wenzel auf Frau Heienstein zugeschritten, die
sich erhob und dem lieben, verehrten Freunde voll Rhrung ihr kleines rundes
Hndchen, das die Gestalt eines Lindenblattes hatte, entgegenstreckte.
    Ich wei, was Sie hierherfhrt, gndige Frau, sagte der Advokat, indem er
sie mit bescheidener Verbindlichkeit ntigte, ihren Platz in der Sofaecke wieder
einzunehmen. Ihr edles Herz ist bengstigt durch die harten Maregeln, die Ihr
Herr Gemahl gestern gegen seine unglckliche Tochter ergriffen hat.
    So ist es! rief Frau Heienstein und fhrte ihr Taschentuch an ihre
trockenen Augen. Sie verstehen mich, verehrter Freund. Raten Sie, helfen Sie.
Ich selbst bin machtlos. Mein vortrefflicher, angebeteter Mann gestattet mir
auch nicht ein Wort der Entschuldigung fr das irregeleitete Kind zu sprechen.
    Der Advokat bedauerte sie sehr, versetzte sich ganz in ihre traurige Lage,
und seine Frau vergo teilnehmende Trnen.
    Dieser gestrige Schritt, nahm Nannette wieder das Wort, diese ... dieses
... ich will sagen, dieser - Schritt -
    Was htte sie darum gegeben, fragen zu drfen, was fr ein Schritt das war?
Aber soviel will sie sich nicht vergeben. Da sie keinen Einflu auf ihren Mann
hat, gesteht sie ein; da sie sein Vertrauen nicht besitzt - nimmermehr. Und
Wenzel hilft ihr nicht. Er schttelt nur den Kopf und wiederholt: Er ist zu
hart, Ihr Herr Gemahl, zu hart.
    Nannette beschwrt ihn, sein mglichstes zu tun, um ihren durch seine
unbegreifliche Tochter so schwer gekrnkten Gatten zur Milde zu stimmen, und
rstet sich zum Aufbruche. Sie bittet, Nachsicht mit ihr zu haben, sie ist nur
gekommen, um sich auszusprechen, sie hofft, der Advokat und seine teuere Frau
werden ihr verzeihen, da sie es so unumwunden getan; eine Mideutung besorgt
sie von solchen Seelen nicht. Sie bedauert ihren ber alles geliebten Mann,
ihn zu tadeln erkhnt sie sich nicht. Sie geht, von dem Ehepaare bis an die
Treppe geleitet.
    Wie gut und lieb ist sie! sagte die Doktorin.
    Eine kluge Frau! sagte lchelnd der Doktor.
    Obwohl Nannette den Zweck ihres Besuches nicht vollkommen erreicht hatte und
die Maregeln, die Heienstein gegen seine Tochter ergriffen, ihr nach wie vor
ein Geheimnis blieben, war sie doch mit dem erreichten Resultate recht
zufrieden. Sie hatte erfahren, da ihr Mann unvershnlich ist, und sie hatte
eine einflureiche und hochachtbare Persnlichkeit berzeugt, da die
Stiefmutter keine Schuld daran trgt.
    Am Abend brachte der Postbote einige Briefe fr Herrn Heienstein, die
Nannette bernahm. Darunter befand sich einer von Rosa. Diesen behielt sie
zurck - aus Vorsicht. Er konnte auf den Gemtszustand ihres Mannes schdlich
wirken. Sie fhlte die Verpflichtung, sich mit seinem Inhalt bekannt zu machen.
Der Brief war mit dem Herzblut des Kindes geschrieben und manche Trne war auf
ihn gefallen.
    Nannette ist so ergriffen und erschttert, findet das leidenschaftliche
Einstrmen auf den beleidigten Vater so unpassend, da sie nicht daran denkt,
den Brief abzugeben, ja - ihn verbrennt.

                                       8


Der Groll Heiensteins gegen seine Tochter wurde durch die Zeit nicht
vermindert, eher sogar erhht. Er hatte Rosa nicht aufgegeben und aus seinem
Herzen gestrichen, nein, sie beschftigte ihn immer, er fhrte in Gedanken
fortwhrend Krieg mit ihr. Mit der vom Verstande nicht mehr streng gezgelten
Phantasie des Greises malte er sich ihr Vergehen in den dunkelsten Farben aus
und verwnschte sie der Schmerzen wegen, die sie nicht aufhrte ihm zu bereiten.
An der Ansicht, die er sich einmal von der Sache gebildet hatte, hielt er
hartnckig fest. - Rosa trug Schuld an dem Untergange des Hauses, sie hatte
Schande auf seinen Namen und auf sein graues Haupt gehuft, er durfte ihr
niemals vergeben - auch wenn er so schwach wre, es tun zu wollen.
    Ihre Schuld kann niemals gutgemacht und demnach auch nie vergeben werden,
war der Sinn der Antwort, die er Mansuet zurief, sooft dieser ein gutes Wort fr
seinen Liebling einlegte. Damit war in den Augen des alten Herrn jede weitere
Verhandlung abgeschnitten. Gegen dieses Argument, dessen schlagende Wirkung ihn,
sooft er es aussprach, mit der Gewalt einer eben erst entdeckten Wahrheit
ergriff, gab es keine Einwendung.
    Mansuet beobachtete mit tiefem Bedauern die sichtliche Vernderung, die mit
seinem Herrn vorging, und sagte zu Schimmelreiter, dem zweiten Kommis: Der
Prinzipal ist wie ein Herbsttag, nimmt ab an beiden Enden.
    Schimmelreiter besa ein schwaches Begriffsvermgen, aber ein starkes
Streben, die hohen und witzigen Gedanken des gescheiten Weberlein nachzudenken.
    An beiden Enden? wiederholte er; das heit, von unten und von oben?
    Mansuet sprach etwas wegwerfend: Das heit: physisch und moralisch.
    Sehen Sie, sehen Sie, rief Schimmelreiter, so hab ich's aufgefat!
    Fast noch weher als Heiensteins ohnmchtiger Trbsinn tat Mansuet Frau
Nannettens kaum noch verhehlter Triumph. Sie sah jetzt mit Ruhe der Zukunft
entgegen; die Gefahr, da ihre Stieftochter jemals wieder in ihre Kindesrechte
eingesetzt werden knnte, schien so gut wie berwunden. Rosas Flucht wurde fr
Nannette ein Abschnitt in der Zeitrechnung, nicht mehr noch weniger. Sie sagte:
Das war vor oder nach unserm Familienunglck, wie die Mohammedaner sagen vor
oder nach der Hedschra.
    Etwa anderthalb Jahre, nachdem Rosa und Bozena das alte Haus verlassen
hatten, in der Lichtmewoche, erhielt Mansuet einen Brief von seiner Freundin
aus einem Dorfe in der Nhe von Arad. Sie schrieb, da Rosa ein zartes Mdchen
zur Welt gebracht, das in der Taufe die Namen Leopoldine Rosa erhalten, das sein
Vater jedoch nie anders als Rschen nenne. Der Herr Oberleutnant sei herzensgut,
die junge Frau liebe ihn auch, wie sich's gehrt und wie er's verdient. Aber,
hie es in Bozenas Schreiben, sie hat sich gar verndert, und wenn der Herr
Heienstein nicht doch zuletzt ein Einsehen hat und ihr verzeiht, so drckt es
ihr das Herz ab, und es nimmt wahrhaftig und Gott kein gutes End mit ihr.
    Dieser Brief enthielt einen Einschlu von Rosas Hand, und in dem lag ein
Zettelchen. Die junge Frau bat den lieben, getreuen Herrn Weberlein - den auch
ihr Mann unbekannterweise herzlich gren lie - auf das innigste, dasselbe in
einer guten Stunde ihrem Vater zu bergeben.
    Mansuet wartete einen Tag, zwei Tage. Das dnne Blttchen brannte wie Feuer
auf seiner Brust. Er verbi den Schmerz und benahm sich gegen seinen Prinzipal
wie ein Liebhaber, der eine zrnende Schne um jeden Preis in eine bessere Laune
zu versetzen wnscht. Er htte sich auf seine Knie vor ihm niederwerfen mgen -
seine Stimme bebte, wenn er das Wort an seinen mrrischen Chef richtete, ein
Wink von diesem verlieh dem kleinen Kommis Flgel. Von seinen Gefhlen
berwltigt, erfate er pltzlich Heiensteins Hand, kte sie und prete sie
dann mit einer Gebrde voll unwillkrlicher Komik an seine Brust.
    Heienstein konnte sich eines Lchelns nicht erwehren und fragte: Was haben
Sie denn?
    Einen Brief! platzte Mansuet heraus, einen Brief von unserer Rosa!
wiederholte er, fast weinend - und hielt seinem Herrn das Zettelchen hin.
    Heienstein war bleich geworden bis an die Lippen, vergeblich rang er nach
Worten; rchelnd, als lge eine Faust an seiner Gurgel und wrge ihn, trat er
auf Mansuet zu, ri das Papier aus seinen zitternden Fingern und warf es vor
seinen Augen in das Feuer.
    Minuten vergingen, bis der vllig auer Fassung geratene Mann zu sprechen
vermochte, und dann brachte er mit wuterstickter Stimme die Drohung hervor:
Wagen Sie's noch einmal, sich zum Boten jener - Frau zu machen, und mit Schimpf
und Schande jag ich Sie aus dem Hause!
    Mansuet sah ihn mit einem sonderbaren Blicke an, und nach einer Pause, in
welcher er ruhig zu berlegen schien, sagte er: Gut.
    Ein Jahr danach um dieselbe Zeit erschien wieder ein Brief Bozenas und
enthielt abermals einen Einschlu Rosas. Bozena hatte sich dieses Mal sehr kurz
gefat; ihre Zeilen enthielten nur einen Gru an Herrn Weberlein und die
dringende Bitte, ihr mit umgehender Post einen Teil ihrer Ersparnisse
zuzusenden. Mansuet besorgte diesen Auftrag sofort, obwohl die Ausfhrung
desselben mehrere Morgenstunden in Anspruch nahm. Herr Heienstein hatte voll
Ungeduld soeben zum zehntenmal nach ihm gefragt, als er endlich eintrat, ganz
erhitzt, den Hut und den Oberrock mit Schnee bedeckt.
    Wo waren Sie? herrschte sein Chef ihn an, was fllt Ihnen ein,
davonzulaufen um die Mittagszeit, vor Expedition der Post?
    Mansuet begab sich schweigend in seinen Glasverschlag, warf dort einige
Zeilen auf einen Stempelbogen, den er mitgebracht hatte, trat dann zu Herrn
Heienstein, breitete das Blatt vor ihm auf dem Tische aus und sprach: Hier
meine schriftliche Kndigung. Will Sie nicht in die Notwendigkeit versetzen,
mich mit Schimpf und Schande aus dem Hause zu jagen. Und hier - er legte einen
Brief auf den Stempelbogen - ein heut morgens eingelangtes, an meinen Herrn
Prinzipal durch mich zu bermittelndes Schreiben.
    Heienstein sah abwechselnd den Kommis und das zusammengefaltete Blatt an,
auf dem er die Schrift seiner Tochter erkannt hatte. Wie ein elektrischer Schlag
durchzuckte es ihn, doch behielt er Ruhe genug, um erwidern zu knnen: Ich
verweigere die von Ihnen erbetene Entlassung. Sie befinden sich in meinem
Dienste und haben zu gehorchen.
    Er stand auf und wies dem Kommis seinen Platz an: Setzen Sie sich! ...
Setzen Sie sich! ... wiederholte er, und Mansuet folgte seinem Befehle.
Schreiben Sie! Mansuet nahm eine Feder zur Hand - Schreiben Sie: Der
Unterzeichnete verbittet sich in Zukunft jede weitere Belstigung ...
    Mansuet bebte am ganzen Krper, kalter Schwei trat ihm auf die Stirn, aber
er schrieb, und Heienstein fuhr fort zu diktieren: - Belstigung - durch
bersendung von Zuschriften, die an ihren Adressaten zu befrdern ihm die
Pflicht verbietet. Mansuet Weberlein, Kommis.
    Mansuet? rief dieser und sprang auf - ich soll das unterschreiben? ...
Sie glauben, ich werde das unterschreiben? - eine haarstrubende Lge?!
    Er fate sich mit beiden Hnden an den Kopf; sein Gesicht war kreidewei.
    Mit Wonne und Entzcken, schrie er so laut, da jedes seiner Worte
deutlich vernommen werden konnte in der nebenanliegenden Stube, in welcher Herr
Schimmelreiter arbeitete - mit Wonne und Entzcken erfllt mich jeder Beweis
der Erinnerung und des Vertrauens, den ich von ihr erhalte, von der armen Rosa.
Das ist die Wahrheit - die schreib ich - wenn Sie's erlauben, setzte er leiser
hinzu, sonst - auch das nicht; denn das zu verbieten haben Sie ein Recht.
Nmlich heute noch. Da liegt meine Kndigung. Er deutete auf die Schrift und
strzte wie ein Rasender hinaus und in sein Zimmer, wo er eifrig seinen
Kleiderschrank auszurumen begann.
    Eine Stunde lang herrschte im Kontor so tiefe Stille, da Schimmelreiter
angst und bange wurde. Was tut der alte Herr? - ist er eingeschlafen? - ist er
ohnmchtig geworden? Schimmelreiter htte gern nachgesehen, doch fehlte ihm der
Mut dazu. Endlich hrte er seinen Namen rufen und stand im nchsten Augenblicke
vor seinem Chef.
    Dieser hatte gertete Augen und sah merkwrdig alt und kummervoll aus. Er
reichte dem Kommis ein Bgelchen Papier und ersuchte ihn daraufzuschreiben:

Wird retourniert
Im Auftrage meines Prinzipals.
Schimmelreiter

Heienstein faltete und kuvertierte das Blatt selbst ber Rosas unerbrochenen
Brief und sprach: Die Adresse nun!
    Schimmelreiter setzte die Feder an und wartete.
    Wird's? rief jener, worauf warten Sie?
    Auf die Angabe der Adresse, erwiderte kleinlaut der Kommis.
    - Ja - so. Frau von Fehse - k.k. Oberleutnantsgattin, zu Sega bei Arad in
Ungarn. Haben Sie's?
    Zu dienen.
    Heienstein erhob sich: Auf die Post damit und sogleich!
    Aber der Befehl reute ihn, sobald er gegeben war. Mit einem mitrauischen
Blick nahm er seinem Untergebenen den Brief aus der Hand und steckte ihn zu
sich. Lassen Sie's, sprach er, ich gehe ohnehin aus - komme wohl an der Post
vorbei ...
    Schimmelreiter brachte Hut und Oberrock und blickte seinem Herrn nach, der
langsam und gebeugt im Schneegestber ber den Platz schritt.
    Dahin seine stolze Haltung ... Was ist aus dem Manne geworden? dachte er.
Als sich Mansuet nachmittags nach dem Kontor begab, um seine Filzschuhe zu
holen, die er dort stehengelassen hatte, und einige ihm gehrende Kostbarkeiten
aus seiner Lade zu sich zu nehmen: ein Federmesser, das Bozena ihm einst verehrt
- ein Beutelchen, das Rosa fr ihn gestrickt - endlich auch den neuesten
Militrschematismus, sah er seine Kndigung auf seinem Pulte liegen.
    Auf dem unteren Rande des Schriftstcks standen, ganz klein und verschmt,
von Heiensteins Hand geschrieben, die Worte: Kann nicht angenommen werden.
Bitte vielmehr den getreuesten Diener, geduldig in Gutem und blem bei mir
auszuharren. H.
    Mansuet brach in ein krampfhaftes Weinen aus und schluchzte:
    Mir verzeiht er, mir altem Esel! - Seinem armen Kinde nicht! ... O
Menschenherz!
    Der nchste Brief, den Mansuet von Bozena erhielt, brachte keinen Einschlu
mehr von Rosa. Die junge Frau war krank. Sie hatte vor der Zeit ein Knblein
geboren, das nur wenige Stunden lebte, und konnte sich seitdem nicht recht
erholen. Bozena lie sich zu keinem Worte der Klage herbei, sie zeigte dem alten
Gnner das letzte Ereignis in der kleinen Familie an und bat ihn, ihr auch den
Rest ihrer Ersparnisse zuzusenden.

                                       9


Der Sommer des Jahres 1847 kam heran. Im Hause Heiensteins wurde ein schnes
Fest, der sechzehnte Geburtstag Regulas, feierlich begangen. Die ganze Stadt
nahm daran teil mit alleiniger Ausnahme des Kommis Weberlein, der, von heftigen
Kopfschmerzen ergriffen, sich im Augenblicke, wo er zur Tafel gerufen wurde, zu
Bette legte. So mancher schne Toast ward ausgebracht auf das edle Elternpaar
der Gefeierten und auf die Gefeierte selbst. Den schnsten jedoch sprach Advokat
Wenzel, der Regula als die junge Hoffnung des alten Hauses und ihre Eltern als
den Stolz der Stadt so hoch und lange, als es auf Erden nur denkbar mglich,
leben lie.
    Man ging spt und uerst erhoben und gerhrt, in spter Nachtstunde,
nmlich um zehn Uhr, auseinander.
    Am folgenden Tage trat Heienstein eine Reise nach Wien an und kehrte von
dort nach dem Verlaufe einer Woche in ganz ungewhnlich munterer Stimmung und in
Begleitung Joseph Frohburgs zurck.
    Frau Nannette empfing den jungen Mann, als er nach sorgfltig gemachter
Toilette im Gesellschaftszimmer erschien, wo die Familie ihn erwartete, mit
jener aus Ha und Liebe, Neid und Wohlwollen gemischten Empfindung, die
berzrtliche Mtter dem zuknftigen Schwiegersohn entgegenbringen.
    Der also wird in den Besitz ihres teuersten Gutes treten, fr den hat sie
das vorzglichste der Geschpfe geboren und erzogen!
    Die gescheite Frau war zum erstenmal in ihrem Leben um eine Ansprache
verlegen, als Joseph Frohburg sich tief und ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte,
und Heienstein gewann Zeit, die Vorstellung und Bewillkommnung auf das
schlichteste zu besorgen, indem er sprach: Das hier ist meine Frau, und das
dort ist meine Tochter. La dir's bei uns gefallen, mein Junge.
    Gefallen!
    Joseph hatte den Blick zu Regula erhoben und sogleich wieder gesenkt. Der
erste Eindruck, den sie auf ihn hervorbrachte, war ein ungnstiger, Nannette
konnte sich das nicht verhehlen; aber sie trstete sich mit der Hoffnung, ihr
Geist werde ihn bezwingen.
    Zum Abendessen! rief Heienstein; ich habe wahrhaftig Appetit!
    Man begab sich in das Speisezimmer, und Joseph erhielt seinen Platz neben
Regula.
    Nannette selbst, die ihrer Tochter doch alles mgliche Gute zutraute, war
erstaunt ber die feine Weise, mit der sie auf den Ideengang des Gastes
einzugehen und dabei ihr Licht auf den Scheffel zu stellen verstand.
    
    Er sprach von Nestroys letzter Posse. Sie wute in seinen Bemerkungen
darber Anknpfungspunkte zu finden, die sachte hinberfhrten auf die Orestie
des schylus, ihre philosophische Bedeutung und ihren politischen Zweck. Er
sprach von der Lieblichkeit der Donauauen - sie schwebte von diesen nach den
Soziettsinseln und nannte den Namen jeder einzelnen. Er sprach von dem Tode
seiner Mutter, sie - von der Nadowessischen Totenklage. Er erzhlte von dem
Putsch der Schweizer Radikalen, sie lie ein Wort ber Huitzilopochtli, den
Kriegsgott der Azteken, fallen.
    Zuletzt wurde das Verstndnis zwischen dem jungen Prchen ein so
vollstndiges, da Rede und Gegenrede berflssig schien. Dem Gaste zum
mindesten, der von nun an schwieg.
    Beim Beginne des Abendessens hatte sein Blick noch manchmal scheu und
prfend auf der eckigen Gestalt Regulas geruht, auf ihrem gelben Gesichte und
den gleichfarbigen, an die Schlfe angeklebten Scheiteln, von denen auch nicht
ein Haar abstand; jetzt blieb er hartnckig auf das Tischtuch geheftet. Joseph
wurde bleicher und bleicher und mute endlich gestehen, da er sich unwohl
fhle.
    Heienstein hob sofort die Tafel auf und geleitete seinen Gast, der
aufzuatmen schien, als er das Speisezimmer im Rcken hatte, auf die fr ihn
bereit gehaltene Stube.
    Am frhen Morgen schon stand ein Postwagen vor dem Hause und Joseph in
Reisekleidern vor Heienstein.
    Verzeihen Sie mir, mein vterlicher Freund, sprach der junge Mann
treuherzig, aber - ich habe mir's berlegt, ich fhle noch keinen Beruf, mich
zu verheiraten. Ich glaube am ehrlichsten zu handeln, wenn ich es Ihnen gleich
eingestehe.
    Wozu die Eile? fragte Heienstein betroffen, lerne meine Regel besser
kennen. Sie gehrt zu der Sorte von Weibern, denen jeder Mann ohne Sorge sein
Lebensglck anvertrauen kann.
    Ich bin davon berzeugt, erwiderte Joseph, allein ob das ihre in meinen
Hnden gesichert wre, daran zweifle ich.
    Heienstein sah ihn an und schttelte den Kopf: Sei aufrichtig - sie
gefllt dir nicht, sagte er mit einem Ausdruck von so hoffnungsloser Trauer in
Stimme und Gebrde, da Joseph, davon ergriffen, die Hand des alten Mannes fate
und drckte. Dieser klopfte ihm auf die Schulter: Nun ja, ich habe Besseres fr
dich im Sinne gehabt. - Es hat aber nicht sein sollen.
    So endete Heiensteins letzter Versuch, den Traum seines Lebens zu
verwirklichen. Mansuet suchte vergebens ihn darber zu trsten, indem er ihn
versicherte, er fnde zehn fr einen Freier fr das Frulein Tochter und zwanzig
fr einen, die bereit wren, seinen Namen anzunehmen.
    Keinen mehr, dem ich ihn anbieten mchte! entgegnete Heienstein. Glauben
Sie, dazu sei mir leicht einer gut genug? - So mag er denn erlschen. Ich seh es
ein, der Mann, der mir recht wre, nimmt die Regel nicht!
    Er verfiel in einen dumpfen Trbsinn, aus dem ihn nur noch selten ein
Ausbruch des Zornes gegen die Zerstrerin alles dessen weckte, was er noch als
Glck zu empfinden vermocht htte. Mansuet wagte lngere Zeit hindurch nicht,
Rosas zu erwhnen. Er hatte zwar auf seine dringende Nachfrage, wie die junge
Frau sich befinde, beruhigende Antwort erhalten, aber Bozena hatte ihm zugleich
mitgeteilt, sie habe es ihrem jungen Herrn in die Hand geloben mssen, keine
Briefe mehr in das Heiensteinsche Haus zu schicken. Es sei genug gebettelt
worden, er selbst wolle nun von einer Vershnung nichts mehr hren.
    Das habe ich lngst gefrchtet, dachte Mansuet. Er ist k.k. Offizier, er
kann sich die fortgesetzten Demtigungen nicht gefallen lassen. Was jetzt
beginnen, du guter, lieber Gott? ... Wenn von hier aus keine Schritte geschehen,
dann ist's fr immer mit der Hoffnung auf eine Ausshnung vorbei. Wir sind so
weit gekommen, da uns nur mehr eine Person Hilfe schaffen knnte: - Frau
Nannette. Sie mte sich zur Vermittlerin machen zwischen Vater und Tochter. Sie
ist die Herrin des Hauses und ihres alternden Gatten. Er hat aufgehrt, ihr
Widerstand zu leisten, anfangs aus Gleichgltigkeit, spter aus Ohnmacht.
    Die Folge dieser Betrachtungen war, da sich Mansuet seiner Rosa zuliebe bis
zu einer Art demonstrativer Hflichkeit erniedrigte der verhaten Gebieterin
gegenber. Er lief nicht mehr davon, wenn er sie von weitem erblickte, er wandte
sich nicht ab, wenn er ihr begegnete. Er blieb stehen, machte Front und grte
sie feierlich. Er brachte es sogar einmal dahin, mit einem Grinsen, das um alles
in der Welt freundlich sein sollte, aber einfach - grlich war, zu sagen: Sehr
kalt heute? ... Belieben zu frieren? ...
    Weiter ging es nicht! - Nicht um den Maria-Theresia-Orden! Nicht um die
ewige Glckseligkeit!
    So versuchte er's denn doch, sich an Heienstein zu wenden, und erfuhr keine
heftige Abweisung mehr. Der alte Mann antwortete mit schmerzlichen Klagen, mit
tiefem Selbstbedauern, da er nicht verzeihen drfe - da seine Pflicht es ihm
verbiete.
    Mit unerschpflicher Geduld, mit einem Eifer, der sich nie verleugnete,
begann Mansuet immer von neuem, Vorstellungen zu machen, um Mitleid zu bitten -
es war und blieb vergeblich.
    Der alte Mann wurde nur ngstlich, versank nur tiefer in seine Grbeleien
und wiederholte melancholisch: Ich darf nicht, guter Mansuet. Seien Sie mir
nicht bse, aber - ich darf nicht.
    In solchem Zustande fand das Revolutionsjahr 1848 den einst so krftigen
Heienstein. Die Ereignisse der Mrztage rttelten ihn auf aus dem Traumleben,
das er seit einiger Zeit fhrte. Ein neues Interesse ergriff ihn. Zwei Monate
lang zhlte ihn die liberale Partei zu ihren Anhngern, vom 15. Mai an wurde er
ihr erbitterter Gegner.
    Mansuet hatte natrlich keinen Augenblick von etwas anderm gesprochen als
von Dreinschlagen, Einhauen und Niederreiten. Wie man dem Bckenrummel in Wien
unter weiland Kaiser Franz ein Ende gemacht, so htte man dieser Lumperei von
einer Revolution ein Ende machen sollen, die ganz allein durch ein paar
Landstnde und durch ein halbes Dutzend Studenten aus purem, verfluchtem
bermut angerichtet worden war.
    Schimmelreiter hingegen erklrte sich fr einen konstituierenden Reichstag,
mit einer Kammer als bergangsstadium zur europischen Republik. Er abonnierte
auf die Konstitution und schwor, erst seitdem er dieses Blatt halte, wisse er,
was es heie: ein politisches Bewutsein haben.
    Eines Tages las er im Gasthause einigen andchtigen Zuhrern aus seiner
Zeitung vor, wie man auf dem Leichname des Weltkinderspieles Nationalitt
zuletzt siegend die Fahne des alles vereinenden Weltbrgertums aufpflanzen
msse, da ri ihm Mansuet, der von ihm unbemerkt eingetreten war, das Blatt aus
der Hand und forderte ihn auf Degen - und auf Pistolen.
    Schimmelreiter erklrte, dieser Forderung nicht entsprechen zu knnen, und
durch volle vierzehn Tage hatte Mansuet fr ihn nur das Schweigen der
Verachtung. Es herrschte bittere Feindschaft zwischen den beiden, bis die
glorreichen Nachrichten aus Italien ihre Gemter besnftigten. Als Radetzky
siegreich in Mailand eingezogen war, zog auch die Vershnung in das Kontor ein,
und die zwei Sulen des Heiensteinschen Hauses ragten wieder in herzerhebender
Eintracht ruhig und friedlich nebeneinander.
    Im September dieses ereignisvollen Jahres kamen Bekannte Nannettens nach
Weinberg: Graf und Grfin Rondsperg, die Eltern ihrer ehemaligen Zglinge. Der
Graf hatte sein Gut verlassen infolge ziemlich ernster Konflikte, in die er mit
seinen Bauern geraten war.
    Diese Leute lieen sich's nicht nehmen, da eine nderung eingetreten sei in
dem Verhltnisse zwischen der Herrschaft und ihnen; nicht nur scheinbar, nicht
fr kurze Zeit wie der alte Graf meinte, sondern in Wirklichkeit und fr immer.
Er aber, dessen Vermgen seit Jahren schon zerrttet war, wollte nicht an den
Bestand einer Neuerung glauben, die seinen vlligen Ruin herbeifhren mute.
Doch wurde er es endlich mde, ihnen Vernunft zu predigen, diesen strrischen
Dummkpfen, die immer wieder auf die Behauptung zurckkamen: die
Patrimonialrechte seien aufgehoben. Zum erstenmal seit der Verheiratung seiner
Tchter - seit vollen vierzehn Jahren - verlie der Greis sein Schlo Rondsperg
und das undankbare Gesindel, seine Bauern.
    Fern von ihnen wollte er die Wiederkehr der alten Zeiten und die
Wiedereinfhrung der alten, einzig gesetzlichen Gesetze erwarten. Bis dahin
sollten die Leute nur sehen, wie sie fertig wrden ohne ihn.
    Gleich nach der Ankunft des Grafen und seiner Gemahlin in Weinberg begaben
sich Heienstein und Nannette nach dem Grnen Baum, in dem die Herrschaften
abgestiegen waren, und luden sie dringend ein, das unbehagliche Quartier im
Gasthofe mit einer Wohnung zu vertauschen, die ihnen Heienstein in seinem Hause
zur Verfgung stellte.
    Der Antrag wurde mit liebenswrdiger Freundlichkeit angenommen. Schon am
folgenden Tage zog das grfliche Ehepaar, begleitet von einem einugigen
Kammerdiener und einer gichtbrchigen Kammerjungfer, in die zu seinem Empfange
auf das beste geschmckten Rume ein. Und gewi betrat Karl V. das Haus Anton
Fuggers auf dem Weinmarkte zu Augsburg mit nicht geringerem Bewutsein einer von
ihm erwiesenen Gnade als Rondsperg das Haus des Kaufmanns Leopold Heienstein.
In seiner Art auch nicht minder gastfrei als der Nachkomme des Webermeisters zu
Graben gegen den Beherrscher der Hlfte der damals bekannten Welt bezeigte sich
der Weinhndler gegen den herabgekommenen Edelmann. Whrend dessen Anwesenheit
wurde das Haus von Besuchern nicht leer, und Heienstein empfing die Gste
seiner Gste mit derselben Zuvorkommenheit, die er diesen erwies. Frau Nannette
drckte abwechselnd ihre einstigen Zglinge, die Baronin von Waffenau und die
Prsidentin von Horsky, an ihr bewegtes Herz. Die erste kam von ihrem Gute
Haluschka, die zweite kam aus Wien, die erste brachte vier unglaublich wilde
Jungen im Alter zwischen sieben und zwlf Jahren mit, die zweite nur ihren
steifen, wortkargen Mann. Alle kamen, um die alten Leute zu sehen und der teuren
Ex-Erzieherin und ihrem edlen Gatten Dank- und Lobpreisungen darzubringen. Frau
Nannette war manchmal zumute, als ob ihr Flgel wchsen.
    Heienstein hingegen hatte wahre, wenn auch nicht ungetrbte Herzensfreude
nur an einem Gaste, an Ronald, dem Sohn des Grafen, dem die Aufgabe zugefallen
war, seinem Vater die Wege zur Rckkehr zu ebnen und die guten Beziehungen
zwischen Schlo und Dorf Rondsperg wiederherzustellen. Er fuhr ab und zu, und
seine Anwesenheit war fr Heienstein jedesmal ein schmerzliches Fest. Mit einer
Mischung von Neid und Wohlgefallen betrachtete er den schnen, ernsten Jngling
und dachte: Wrst du mein Sohn!
    Whrend im Reichstage zu Wien und im Parlamente zu Frankfurt die Abschaffung
des Adels beantragt wurde, genossen so einige seiner Mitglieder, nur, weil sie
diesem Stande angehrten, an den Flammen eines gutbrgerlichen Herdes ein daheim
lngst entbehrtes Behagen.
    Die Grfin nahm die Gastfreundschaft Heiensteins und die
Ergebenheitsbezeigungen Nannettens dankbar und demtig mit der Empfindung hin,
mehr zu empfangen, als sie je erwidern knnte. Der Graf lie sich alle
Ehrenbezeigungen huldvoll gefallen und belohnte sie - wie er berzeugt war,
reichlich - durch ein gelegentlich hingeworfenes Wort der Anerkennung.
    Im Frhjahr kam Ronald, um seine Eltern wieder nach Rondsperg abzuholen. Der
Graf lie sich berreden, seine Untertanen seien durch seine Abwesenheit den
ganzen Winter hindurch genug bestraft, und entschlo sich um so leichter in ihre
Mitte zurckzukehren, da ihm der Bauernrichter durch Ronald hatte sagen lassen,
das leere Schlo kme ihm und der getreuen Gemeinde vor wie eine groe Laterne
ohne Licht.
    Als man Abschied genommen hatte, wandte sich Ronald noch einmal zu
Heienstein, erfate seine beiden Hnde und sprach: Ich kann Ihnen niemals
vergelten, was Sie fr uns getan haben - doch gbe ich alles darum, es
wenigstens versuchen zu drfen.
    Nannette und Regula vernahmen diese Worte. Ihre Blicke begegneten einander
wie zwei Blitze. - Was meinst du? fragte der eine. - Es wre mein innigster
Wunsch, antwortete der andere. Ronald dreiundzwanzig Jahre - du siebenzehn. Er
vornehm, aber arm - du brgerlich, aber reich ... Sehr reich durch meine
Frsorge, mein Kind ...
    Ehrgeizige Gedanken stiegen in der Weinhndlerstochter auf. Ihre Mutter
jedoch bte sich in unbelauschten Stunden in allen mglichen Betonungen der
halblaut hingehauchten Worte: Meine Tochter, die Grfin Rondsperg.

Die Revolution ging indessen unaufhaltsam ihren Gang. Pbelunruhen in Wien,
Brgerkrieg in Ungarn, die Oktobertage, die Abreise der kaiserlichen Familie
nach Olmtz, die Desertion der Tschechen aus dem Reichstage und - parallel
laufend mit diesen Ereignissen: in Weinberg - Aufpflanzung einer schwarzgelben
Fahne auf dem Heiensteinschen Hause und Katzenmusik vor demselben;
unfreiwillige Entfernung einiger Brger aus dem Honoratiorenzimmer im Grnen
Baum, weil die Herren erklrt hatten, die Slovanka-Lipa sei ein Klub von
Spitzbuben; die Bildung einer slawo-germanischen Partei contra den Weltbrger
Schimmelreiter; die Entdeckung, Weinberg stehe auf tschechischem Boden, heie
eigentlich Winohrady, und es sei eine wahre Schande, da seit Generationen die
Landessprache daselbst nur mehr von Handwerkern und Dienstleuten gesprochen
werde. Endlich die Entsendung einer Deputation an Weberlein, die ihn als Pan
Tkadlecek ansprach und ihn aufforderte, seinen bhmischen Ahnen zu Ehren diesen
Namen, den sie gewi gefhrt htten, wieder anzunehmen.
    Mit edlem Freimute ersuchte Mansuet die Herren, sich zum Teufel zu scheren.
Er hatte andere Sorgen. Seine Seele, sein Herz, alle seine Gedanken befanden
sich auf den Schlachtfeldern in Ungarn, und mit leidenschaftlichem Interesse
verfolgte er die Nachrichten, die vom Kriegsschauplatze kamen, vor allen jedoch
- die Schicksale des zweiten Ulanenregimentes. Er wute, da es an der Thei im
Feuer gestanden und groe Verluste erlitten hatte, er erwartete mit Spannung,
mit Todesangst die offiziellen Meldungen, die verhngnisvollen Listen der
Verwundeten und Toten. Als die Nachricht der Kapitulation bei Vilagos kam,
grollte und jubelte er in einem Atem. Er liebte die Russen sehr, aber diesen
Sieg gnnte er ihnen doch nicht. So breit htten sich, meinte er, die zum Tanze
geladenen Gste nicht machen drfen. Auf den Platz des Hausherrn stellt sich
kein anstndiger convivus. ber die Meldung des Marschalls Paskiewitsch an
seinen Kaiser: Ungarn liegt zu Eurer Majestt Fen! krnkten sich zwei
Menschen in sterreich: die Hyne von Brescia und der Kommis Weberlein. Alles,
was die andern dabei empfanden, kam im Vergleiche zu der Empfindung dieser
beiden nicht in Betracht.
    An einem schnen Augustnachmittage befanden sich Heienstein und Mansuet
allein im Kontor, als der Mann eintrat, der fr den letzteren zur Zeit die
wichtigste Person auf Erden war: der Brieftrger.
    Er hatte dem Chef mehrere Briefe zu bergeben, dem Kommis nur die Wiener
Zeitung und ein zerknittertes und beschmutztes Schreiben, das Weberlein beiseite
warf, um sich in das Offizielle Journal zu versenken. Es bringt heute eine lange
Reihe von Namen, die Namen der in sechs Schlachten Verwundeten und Gefallenen
des kaiserlichen Heeres.
    Mansuet berfliegt sie alle, aber er sieht nur einen. Der scheint ihm rot
geschrieben mit jungem, frischem Blute, der leuchtet ihm entgegen, brennt ihm
wie Feuer in die Augen, da sie schmerzend bergehen, der Name ist: Wilhelm von
Fehse ...
    Er sieht den vor sich, der ihn trug, den schlanken Ulanen mit dem
Jnglingsgesicht. Er sieht ihn, Liebe und Leben atmend, auf seinem
schwanenhalsigen, breitschultrigen Schwarzbraunen den Platz umkreisen ... Und er
sieht ihn daliegen, bleich und kalt, auf zerstampfter, leichenbedeckter Erde,
unter den Hufen der ber ihn hinwegjagenden Rosse, mit durchschossener Brust ...
    Mansuets Knie wanken, er wendet behutsam seinen Stuhl und sinkt auf ihn
nieder, seinem Herrn den Rcken zukehrend.
    Das Zeitungsblatt, das seiner Hand entglitten, das auf den Tisch gefallen
ist, bedeckt er vorsichtig mit seinem Taschentuche. Dabei kommt ihm der Brief in
die Hand, den er achtlos beiseite geworfen hatte. Er betrachtet ihn einen
Augenblick -ein sonderbarer Umstand fllt ihm auf: der Brief trgt den Stempel
der k.k. Feldpost. Mansuet erffnet ihn - ein Blick auf das antiquierte Datum -
die fremden Zge - die Unterschrift ... O du gerechter Gott! sie lautet: Wilhelm
von Fehse.
    Weberlein vermag einen dumpfen Schmerzenslaut nicht zu unterdrcken,
Heienstein sieht ber das Blatt, in dem er liest, zu ihm hinber und fragt:
Was haben Sie?
    Oh - nichts ... antwortet der Kommis und meint seinen Herrn beruhigt zu
haben und bemerkt nicht, da dieser ihn beobachtet. Er liest:

    Geehrter Herr!
Ich zeige Ihnen, der Sie immer so teilnehmend gegen uns gewesen sind, im eigenen
und im Namen meines Tchterchens, den am Zwlften des vorigen Monats erfolgten
Tod meiner lieben Rosa an.

Ein Schleier verdunkelte Mansuets Augen, in seinem Kopfe brauste es, ihm war,
als schwnde ein Teil seines Bewutseins; er hrte nicht, da sich hinter ihm
jemand erhob, er bemerkte nicht, da eine Hand die Lehne seines Stuhls
umklammerte. Er bi die Zhne bereinander und fuhr im Lesen fort:

Sie ist in dem kleinen Badeorte Rosenau in Siebenbrgen, wohin ich sie bei
Beginn des Frhjahres auf Anraten unseres Regimentsarztes brachte, gestorben.
Ich mute sie im Juni dort verlassen, als wir uns um Pest konzentrierten. Sie
und mein Rschen blieben unter der Obhut Bozenas zurck, und durch diese habe
ich im Feld die Nachricht des Todes meiner Frau erhalten. - Solange es anging,
hielt Bozena meinen zerbrckelnden Haushalt mit krftiger Hand zusammen. Sie ist
jetzt die einzige Beschtzerin meines Tchterchens, aber eine treue
Beschtzerin, und kehre ich aus dem Feldzuge heim, so werden wir drei uns
weiterhelfen. In diesem Falle werde ich zu sorgen wissen fr das kleine Wesen,
an dem ich das Verbrechen gutzumachen habe, da ich es in dieses Dasein rief.
Sollte ich aber fallen, so empfehle ich Ihrer Frsprache bei Ihrem Herrn das
Kind und seine Pflegerin. ber zwei Grber hinweg wird er doch nicht grollen.
Ich wollte den Mann nicht wieder anrufen, aber ich habe schon mehrmals dem Tod
ins Auge geblickt, harte Kmpfe stehen uns noch bevor, das weckt ernste Gedanken
- und ich bitte fr das Kind.
    O Herr! Es ist Frevel und Wahnsinn zu krnken, was man liebt, wie es Frevel
und Wahnsinn ist, um jeden Preis besitzen zu wollen, was man liebt. Rosa war
ebensowenig danach angetan, den Strapazen des Lebens, das ich ihr anzubieten
hatte, mit dem nagenden Schmerze ber die Unvershnlichkeit ihres Vaters zu
widerstehen. Er und ich, wir haben sie gettet. Sie brauchen das dem alten Manne
nicht zu sagen, aber es ist die Wahrheit.

Es - ist - die Wahrheit! schrie eine Stimme, deren Klang Mansuet mit Schaudern
erkannte, und ein schwerer Krper strzte zu Boden. Auf die Diele hingestreckt
lag Heienstein, mit dunkelrotem Gesichte, mit blulichen Lippen, mit
hervorgequollenen Augen. Er rang nach Worten, und nur unartikulierte Laute, nur
ein klgliches Lallen drang aus seinem schmerzvoll verzogenen Munde.
    Der eilends herbeigerufene Arzt konstatierte einen Schlaganfall. Nach
einigen Tagen war der Kranke auer Lebensgefahr, er vermochte wieder zu
sprechen, doch blieben seine Glieder gelhmt.
    In der dritten Nacht, die Mansuet allein am Bette seines Herrn durchwachte,
begann dieser pltzlich von seiner Tochter Rosa zu sprechen. Er erzhlte dem
Getreuen, anfangs stockend, dann hastig berstrzt, von dem Tage, an dem er, Wut
und Verzweiflung im Herzen, den Ulanen nachgefahren war. Wie er sie in der
Hauptstadt eingeholt und, von dem Obersten empfangen, diesem seine Klage
vorgebracht habe. Der Oberst hrte ihn mit einer Gelassenheit an, die ihn
entrstete, lie den Auditor rufen und ersuchte Heienstein, diesem die fatale
Geschichte gleichfalls mitzuteilen. Und der Kaufmann sah - oder glaubte zu
sehen -, wie seine beiden Zuhrer, whrend er sprach, einander lchelnd
zublinzelten.
    Was befehlen Sie, da nun geschehe? fragte der Auditor - Heienstein wute
nicht, ob ihn oder den Oberst.
    Der letztere schien sich zu besinnen und sagte dann nachlssig, zu dem
Klger gewendet: Wollen Sie, da der Leutnant Fehse unglcklich, da ihm der
Proze gemacht werde? Wollen Sie ihn auf die Festung bringen?
    Das knnen Sie, fgte der Auditor ernsthaft hinzu.
    Freilich! besttigte der Oberst; und Ihre Tochter nach Hause fhren -
triumphaliter.
    Ja, dieses Wort hatte er gebraucht, und spttisch gebraucht. Heienstein
besann sich dessen ganz genau, jetzt noch, und jetzt noch durch die Trnen, in
denen seine Augen schwammen, funkelte ingrimmiger Zorn.
    Der Oberst fuhr fort: Sie knnen das alles tun, aber glauben Sie mir:
lassen Sie es bleiben. Gehen Sie zu Ihrer Tochter, sie soll, wie ich hre, bei
der Frau des Regimentsarztes - einer sehr anstndigen Person - untergebracht
sein, und lesen Sie dem jungen Mdchen tchtig den Text. Ich will indessen den
Herrn Leutnant gehrig verreien. Und dann, bin ich der Meinung, ziehen wir
beide andere Saiten auf, halten das Maul und verheiraten die Leutchen in aller
Stille. Schicken Sie die Kaution, ich komme um die Heiratsbewilligung ein. Sie
kriegen einen prchtigen Kerl zum Schwiegersohn, und ich bekomme eine
bildhbsche und steinreiche Frau Leutnant ins Regiment, wir knnen beide
zufrieden sein.
    Wieder lchelte der Auditor, und Heienstein war berzeugt, man habe ihn zum
besten. Die reiche Weinhndlerstochter wurde als eine gute Beute angesehen,
einem armen Leutnant, der von der Gage lebt, wohl zu gnnen. Abgekartet war
alles zwischen diesen Leuten, und seine Tochter war vielleicht weniger ihr
Opfer, als ihre Mitschuldige ...
    Mansuet, sagte der alte Mann, als ich nach Hause fuhr, meinte ich immer
hinter mir herlachen zu hren, und ich dachte nicht mehr an Strafe fr mein
ungeratenes Kind, ich dachte Rache an ihm zu nehmen ... Und doch - er
schluchzte leise, und seine Stimme wurde immer schwcher -, htte sie damals
mein Erbarmen angefleht - htte sie sich damals an mich gewendet - mein Schmerz
war noch jung - mein Groll hatte sich mir noch nicht so in die Seele
eingefressen wie spter ... vielleicht htte ich verziehen ... Ich hoffe es von
mir, Mansuet, da ich verziehen htte! ...
    Der Kranke weinte bitterlich, und Weberlein trocknete ihm die Augen mit
einem Tuche und sagte: O ganz gewi, lieber Herr, ganz gewi!
    Aber sie schrieb nicht, sprach Heienstein, indem er tief aufseufzte. Sie
lie mich in dem Glauben oder in dem Wahne, da sie mit jenen Leuten
einverstanden sei, die meiner spotteten.
    Es hat niemand Ihrer gespottet, beschwichtigte Mansuet, am wenigsten der
Herr Oberst, so etwas kommt nicht vor bei einem braven Ulanen, Sie werden sich's
in der Aufregung nur eingebildet haben. Und was die Rosa betrifft, so meine ich
immer, da sie damals geschrieben hat. Bozena wenigstens berief sich in ihrem
ersten Briefe auf ein Schreiben, das die junge Frau an Sie gerichtet hatte,
gleich nach ihrer-gleich nach dem Unglck ...
    Nein, nein, sagte Heienstein, ich habe nichts bekommen: nicht ein
einziges Wort. Ich wartete einen Tag - zwei Tage ... Oh, sehnlich, Mansuet! ...
Dann war es aus. Der Advokat mute ihr schreiben, da sie enterbt und verstoen
sei. - Das wenige, das ihre Mutter hinterlassen hatte, schickte man ihr.
    Weberlein schttelte unglubig den Kopf: Nur das? Sie irren ... das htte
ja nicht einmal gereicht, die Leutnantskaution ...
    Es reichte auch nicht! flsterte Heienstein.
    So muten sie den armen Haushalt auf Schulden grnden. Grausam, grausam!
seufzte Mansuet, setzte sich auf einen Schemel neben Heiensteins Bett und
verschrnkte seine langen unruhigen Finger so frchterlich fest, als wollte er
sie brechen.
    Eine Zeitlang schwiegen die beiden Greise. Endlich wurde es Tag. Mansuet
stand auf, lschte die Lampe und beugte sich ber seinen regungslos daliegenden
Herrn. Der sah ihn fragend an: Das Kind - nicht wahr? - die elternlose Kleine
- sprach er.
    Freilich, Herr! an der wollen wir alles gutmachen! rief Mansuet. Ich bin
jetzt ruhig ber Sie, lieber Herr, und bitte um Urlaub. Ich will gehen, die
Bozena aufsuchen und ihren Pflegling ... wenn Sie es erlauben. In acht Tagen bin
ich wieder da.
    Gehen Sie, mein guter Mansuet - bringen Sie mir das Kind meiner Rosa, bat
Heienstein.
    Weberlein kte die Hand seines Gebieters, und Frau Nannette trat ein.
    Sie trug einen Schlafrock aus vergilbter Mousseline de laine und auf dem
Kopf ein Hubchen mit meergrnen Bndern. Ein fahler Anblick, dachte der Kommis.
    Frau, sagte Heienstein zu seiner Gattin, die zrtlich nach seinem
Befinden fragte, indem er nach Mansuet hinsah: Er will gehen, Bozena und
Rschen abzuholen. - Du hast doch nichts dagegen?
    Nannette bi sich auf die Lippen und antwortete mit der Versicherung, sie
wolle sogleich das Frhstck besorgen und freue sich, da ihr Mann gut
geschlafen habe, man sehe es an seinen frischen Augen. Mansuet meinte im
stillen, dies sei eine khne Behauptung, denn jene Augen waren eingesunken und
ihre mden Lider halb geschlossen.
    Ich nehme gleich hier von Ihnen Abschied, meine Gndigste, sprach
Weberlein, noch vor Mittag will ich fort.
    Wozu die Eile? erwiderte Nannette. Wozu berhaupt ... sie stockte -
Bozena findet ohne Sie ihren Weg.
    Ich empfehle mich, meine Gndigste! sagte Mansuet mit vor Zorn bebender
Stimme, und wie aus dem Rohr geschossen flog er zur Tr hinaus.
    Aber nachdem er seinen Koffer bereits aufgegeben und seinen Platz im
Poststellwagen bezahlt hatte, trat er, den breitkrempigen Hut  la Wallenstein
und einen auerordentlich groen Regenschirm in den Hnden, ohne sich anmelden
zu lassen, in Nannettens Gemach.
    Gndigste! sagte er, und jedes seiner Worte war scharf wie ein
Rasiermesser, ich hoffe in Blde die Enkelin des Herrn einfhren zu knnen in
ihr vterliches Haus. Dann wird dieselbe in die Rechte ihrer Mutter eingesetzt
werden. Durch Sie selbst, Gndigste. Aus Ehrgefhl, um der Achtung Ihrer
Mitbrger willen, um des Seelenfriedens Ihres Mannes willen werden Sie es tun.
    Nannettens Nase, immer das erste und meistens das einzige, das in ihrem
Gesichte errtete, brannte wie eine glhende Kohle.
    Ich werde tun, was meinem Gatten recht ist, sprach sie, nicht mehr, nicht
weniger.
    Alles, was Sie tun, ist recht, rief Mansuet nmlich ihm, verbesserte -
oder vielmehr verschlechterte - er sich und seine Sache.
    Was ich darf, wird geschehen.
    Was Sie wollen, wird geschehen!
    Wollen - drfen - fr mich, Herr Weberlein, eines und dasselbe. Nannettens
Busen hob sich, sie atmete schnell. Ich bitte, miverstehen Sie mich nicht. Mir
liegt, sprach sie nachdrcklich, an der Achtung der Menschen und an dem
Seelenfrieden meines Gatten. Aber - die wohlgeratene und die ungeratene Tochter,
es ist ein Unterschied. Ich sehe nicht ein, warum das Kind dafr belohnt werden
soll, da seine Mutter - davongelaufen ist.
    O Frau Prizipalin! rief Mansuet zugleich beschwrend und drohend, tun Sie
Ihre Schuldigkeit!
    Vor allem will ich meine Schuldigkeit tun gegen meine Tochter, erklrte
Nannette. Elternpflicht ist die erste Pflicht.
    Mansuet trat einige Schritte zurck.
    O Frau Prinzipalin! wiederholte er und fuhr nach kurzer Pause mit einem
wahrhaft teuflischen Lcheln fort: Wenn ich bedenke, wie viele groe Verbrechen
und wie viele kleine Schndlichkeiten schon im Namen der Elternpflicht begangen
wurden und tglich begangen werden, dann danke ich meinem Gott, da die Ntigung
zu solcher Pflichterfllung niemals an mich herangetreten ist und da ich
sterben darf ohne Progenitur!

                                       10


Vier Wochen nach Weberleins Abreise erschien ein Brief von ihm aus Arad. Er
meldete darin, da es ihm noch nicht gelungen sei, eine Spur von denen, die er
suchte, aufzufinden. Er bat, einen Aufruf an Bozena, der sie dringend zur
Rckkehr nach Weinberg auffordere, in allen sterreichischen Blttern zu
verffentlichen.
    Das wre doch ein Skandal! bemerkte Regel.
    Nannette ehrte die feinen Empfindungen ihrer Tochter, und sooft Heienstein
sagte: Den Aufruf, gute Frau, hast du dafr gesorgt, da der Aufruf in die
Zeitungen komme - durch Wenzel, nicht wahr? Du brauchst es ihm nur aufzutragen
... hast du es getan, Liebe? - so oft wandte sie verlegen den Kopf und
erwiderte: Morgen soll es geschehen.
    Und jedesmal nickte ihr Heienstein freundlich dankend zu und sagte: Wenn
der Aufruf gedruckt sein wird, mcht ich ihn lesen.
    Er uerte auch manchmal den Wunsch, sich mit Wenzel zu beraten - wegen
seines Testamentes. Aber der Arzt hatte nachdrcklich verboten, irgend jemand
vorzulassen, mit dem der Kranke von Geschften sprechen knnte, und Nannette
mute dem Advokaten den Eintritt verweigern - so weh es ihrem zartfhlenden
Herzen auch tat. brigens war es Heiensteins Sache nicht mehr, auf einem
Wunsche zu bestehen, derselbe war meist im Augenblicke vergessen, in dem er
entstanden war.
    Das Jahr neigte sich zum Ende und mit ihm das Leben des kranken Greises.
Seine Gedanken begannen in Verwirrung zu geraten, er unterschied nicht mehr
zwischen seinen Einbildungen und der Wirklichkeit. Tglich erzhlte er
Schimmelreiter, seine Enkelin werde nun bald kommen. Und gewhnlich gab er dem
Kommis die Versicherung, die bevorstehende Freude verdanke er seiner Frau, die
alles veranstaltet habe zu Bozenas Heimkehr.
    Und Bozena bringt mir das Kind, flsterte der Kranke geheimnisvoll. Meine
Frau hat einen Aufruf in die Zeitung setzen lassen, lesen Sie mir ihn vor, ich
ersuche Sie.
    Schimmelreiter hatte von einem Aufrufe nichts gehrt, denn der Brief
Mansuets war ihm vorenthalten worden. Ratlos, was er tun oder sagen sollte,
griff er dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte, denen der
Greis jedoch, von seinen Trumen befangen, keine Aufmerksamkeit mehr schenkte.
    Er lag ruhig, tage- und nchtelang, die Augen nach der Tr gerichtet, und
sagte von Zeit zu Zeit: War das nicht Bozenas Schritt? - Mir ist, als hrte ich
sie kommen.
    Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette: Es sollte ihr doch jemand
entgegengehen. Vielleicht wei sie nicht mehr den Weg.
    Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen
Tochter war Nannetten sehr peinlich, und Regel gab zu verstehen, da sie sich
verletzt fhle und gehofft habe, ihrem Vater mehr zu sein.
    Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenberg.
Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen, hatte aber trotzdem keine
Minute den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren. Er hatte geschrieben,
viele Erkundigungen eingezogen; viele Boten ausgesendet und schlielich so viel
erfahren, da er meine, dermalen die Vermutung aussprechen zu knnen, Bozena sei
mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen. Freilich drfte sie ohne einen Knopf
Geldes sein. Sie wird wohl, so schlo Mansuets seltsame Epistel, keine
andern Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden, die jedem Menschen
angewachsen sind. Da heit es h sagen zum rechten und hot zum linken Fu. Aber
finalemang, und wenn es schon nicht anders ist: Die Bozena hat's unternommen;
die Bozena bringt's zustande. Was mich bei der Sache bis aufs Blut beit und
wurmt, das ist, da die alte Schermaus (Hypudaeus arvalis, das schdlichste
Nagetier) am Ende doch recht behlt und da ich ebensogut getan htte, hinter
dem Ofen sitzenzubleiben, als mich hier an der Szamos und an der groen Kkl
herumzutreiben, bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der
Tasche hatte, da die Vgel, auf die ich fahnde, ausgeflogen sind.
    Schimmelreiter htete sich wohl, Frau Heienstein von dem Inhalte dieses
Briefes auch nur ein Wort zu verraten. Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit
dem Arzte gehabt, der uerst besorgt war und erklrte, die Krfte des Kranken
schwnden in bedenklicher Weise. Mit aller mglichen Schonung machte Nannette
ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt. Regula blieb dabei gefat
und stark. Wie immer bemht, ihre Mutter aufzurichten, sagte sie: Sonderbar,
eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen.
    Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen. Ruhelos wie ein Perpendikel
bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her. Regula
ersuchte sie mehrmals, sich nicht aufzuregen, was keinem Menschen ntze, ihr
selbst aber schdlich sei. Sie gab ihrer Mutter den Rat, ein wenig auszugehen,
frische Luft kalmiere die Nerven. Dieser Aufforderung Folge leistend, trat Frau
Heienstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und
Sorgfalt ihren Hut auf. Da kam die Magd hereingestrzt und rief sie zu dem
Kranken, den pltzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte.
    Nannette und ihre Tochter eilten nach Heiensteins Zimmer. Die Wrterin und
Schimmelreiter waren damit beschftigt, ihn zu laben ...
    Einen Blick auf die verfallenen Zge ihres Mannes, und Nannette rief
schaudernd der Magd und dem Diener zu: Den Arzt! ... Den Priester! ... Jene
rannten davon und lieen in der Bestrzung das Haustor geffnet stehen.
    Und in diesem Augenblicke kam ber den groen Platz geschritten eine hohe
Frauengestalt in schadhaften, die Spuren langer Wanderung tragenden Gewndern.
Sie hielt, sorgfltig in ein Tuch gehllt, ein schlafendes Kind in ihren Armen.
Mden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die
Treppe empor. Ihr Gesicht verklrte sich, als sie an dem dunkeln Getfel des
Eingangs hinaufblickte, ihr Auge grte die wohlbekannten Rume. Wie neu belebt
durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich, hochklopfenden
Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters. Drinnen das Hinundhereilen
hastiger Schritte, ein ngstliches Fragen und Flstern, das schwere chzen eines
Kranken. Sie stie die Tr auf und trat ein.
    Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das
fremde Weib, abwehrende Hnde streckten sich gegen sie aus, und pltzlich
kreischte eine dnne Stimme wie in Todesangst: Bozena!
    Bozena! wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe
des Zimmers, und von Nannette und Regel untersttzt, richtete eine
Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf.
    Herr! antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes ber ihn,
ber den Jammer seines Anblicks, und kniete an der Schwelle nieder.
    Nher - nher, flsterte er, und Bozena, ihre letzte Kraft aufbietend,
erhob sich, trat heran, setzte das Kind auf das Fuende des Bettes und brach
zusammen.
    Niemand dachte daran, ihr Hilfe zu bringen, wie versteinert standen alle.
    Der Kranke aber sah das Kindlein an, lange, lange - liebevoll. Es war klein
fr seine Jahre und von einem solchen Ebenma der Glieder, da jede seiner
Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut. Gesundheit
blhte auf seinen zarten, rosig angehauchten Wangen, und Flle des Lebens sprach
aus den leuchtenden Augen, mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen
Lachen und Weinen.
    Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf
seine Frau - unsglichen Dankes voll. Und Nannette erbebte bis ins Mark, als
dieser schon halb erloschene Blick sie traf und als der sterbende Mann zu ihr
sprach: Dieses Glck - ich danke es dir. Sei dafr gesegnet.
    Ein Schatten glitt ber sein Gesicht: Die Verwaiste! ... hauchte er, und
eine schwere Trne rollte ihm die Wange entlang. Pltzlich raffte er sich auf;
ein Funke der alten Kraft wurde lebendig in ihm, er erhob das Haupt und wandte
es gegen Regula ... Seine Hand, die so lange bewegungslos gewesen, deutete auf
das Kind. Deine heiligste Pflicht! rief er gebieterisch seiner bleichen
Tochter zu ... Verstehst du mich? ...
    Damit sank er zurck. Einmal noch hob sich seine Brust - und er hatte
ausgelitten.

                                       11


Der Poststellwagen, der Mansuet nach Weinberg zurckbrachte, fuhr im selben
Augenblick durch das Tor, in dem der stattliche Zug, der Heienstein zur letzten
Ruhesttte geleitete, sich nach dem Friedhof in Bewegung setzte. Als Weberlein
das alte Haus betrat, da hatten sie soeben seinen toten Herrn daraus
fortgefhrt.
    In grenzenloser Bestrzung vernahm der Kommis diese Kunde. Er war zu spt
gekommen! Er hatte dem Greise nicht mehr die Hand drcken, ihn nicht mehr fragen
knnen: Was ist geschehen fr Ihr Enkelkind?
    In wilder Eile rannte Mansuet nach dem Gottesacker. Die kirchliche Zeremonie
war noch nicht beendet, als er dort anlangte, er durchbrach die versammelte
Menge und drngte sich bis an die Stelle vor, von der herber er Lichter
schimmern und bluliche Weihrauchwolken in die klare Winterluft aufsteigen sah.
Noch war das Grab nicht geschlossen ber seinem Gebieter. Neben dem betenden
Priester, auf den Arm des Grafen Ronald gesttzt, stand Nannette, mit verstrtem
Angesicht und kaum fhig, sich aufrecht zu halten. An ihrer Seite Regula, ruhig,
steif, die herben Lippen fest geschlossen. Und hinter ihr, sie hoch berragend:
- Wer? ... O Himmel - gtiger: - Wer? Es ist die groe, es - war die schne
Bozena. An ihrer Hand ein kleines, holdes Geschpf - Mansuet mu alle Kraft
aufbieten, um nicht laut einen teuren Namen auszurufen. Rschen! tnt es in
seinem Innern mit wehmtigem Jubel.
    Whrend des Schlusses der traurigen Feier verwendete er kein Auge von dem
Kinde, und als alles vorber war und die anwesenden Bekannten sich um Nannette
und Regula drngten, um ihnen ihr Beileid zu bezeigen, nherte er sich Bozena,
bei der nur Schimmelreiter allein stehengeblieben war. Sie begrte ihn mit
einem ernsten Kopfnicken, und er, dem das Herz doch weich zum Schmelzen war,
pflanzte sich vor sie hin, starr und eckig wie eine Feuerkieke, und sagte,
nachdem er die Freundin lange betrachtet: Haben sich sehr verndert.
    Bin grau geworden, erwiderte Bozena, zog das kleine Rschen, das sich ganz
und gar eingewickelt hatte in die Falten ihres Rockes, aus seinem Verstecke
hervor und hob es in ihren Armen auf.
    Nicht gerade grau, vielmehr pfeffer- und salzfarbig, sprach Mansuet, und
als Bozena ihn darauf versicherte, er hingegen sehe gerade noch so aus wie vor
sieben Jahren, antwortete er gleichgltig: Die Leute behaupten's.
    Schimmelreiter hat spter oft erzhlt, Mansuet sei ihm damals merkwrdig
affektiert vorgekommen. Man habe ihm einen schweren Kampf zwischen Schmerz und
Freude und zugleich das Bestreben angesehen, nicht mehr davon zu verraten, als
er fr vereinbar hielt mit seiner Manneswrde.
    Ich bin aber, nahm Bozena nach einer Pause das Wort, noch so rstig wie
je, und ich bitte Sie, sagen Sie das der Frau. Was ihr zwei andere Mgde
leisten, das leiste ich allein und betreue nebstbei das Kind, es soll ihr keine
Ungelegenheit machen, solange ich da bin. Ich bitte Sie, Herr Mansuet, legen Sie
ein gutes Wort fr mich ein, damit man mich bei dem Kinde lt.
    Ganz berflssig, antwortete der Kommis, die Frau wird Sie gern behalten,
die kennt ihren Vorteil.
    Sie waren langsam hinter der Menge, die sich nach allen Richtungen verlief,
hergeschritten und traten nun aus dem Friedhofe. Mansuet schielte immerfort nach
dem Kinde, das ihn, das Kpfchen an Bozenas Hals geschmiegt, so schelmisch
anblinzelte, wie die Augen eines sechsjhrigen Mdchens nur immer vermgen.
    Werden Sie, fragte der Kommis, das Kind noch lange so herumschleppen?
und setzte, sich an Rschen wendend, mrrisch hinzu: Weit du wohl, da es eine
Schande ist, sich tragen zu lassen, wenn man so alt ist wie du?
    Es liegt viel Schnee, meinte Bozena entschuldigend, und sie ist nicht
schwerer als eine Puppe.
    Mag sein, entgegnete Mansuet. Was haben Sie nur an der aufgezogen?
    Klein ist sie, das ist wahr, sagte Bozena.
    Und stumm auch, sagte Mansuet.
    Da brach das Kind in schallendes Gelchter aus und rief, so laut es konnte:
Ich bin nicht stumm! - und gehen kann ich auch ... Und ich will jetzt laufen,
Bozena. Du kannst den kleinen schlimmen Mann auf den Arm nehmen, damit er wieder
gut wird.
    Bozena war sehr erschrocken ber diese unpassende uerung ihres Zglings
und gebot ihm Schweigen. Zu Mansuet aber sprach sie: Ich hoffe, Sie knnen
nicht bs sein auf ein dummes Kind.
    Worauf er groartig erwiderte: Lassen Sie sich nicht auslachen.
    Schimmelreiter jedoch kte wie verzckt das ber Bozenas Schulter
herabhngende Hndchen der Kleinen. Schweigend langte die Gesellschaft zu Hause
an. Unter dem Tore setzte Bozena ihre leichte Brde ab; sie blieb stehen,
kreuzte die Arme und hielt eine Weile die Augen stumm auf das gegenberliegende
Haus gerichtet.
    Wer wohnt jetzt dort? fragte sie endlich mit berwindung.
    Gar viele Leute, antwortete Mansuet, wir haben ja Wohnungsnot in
Weinberg. Der Kreishauptmann, der Herr Graf, ist im Jahre achtundvierzig
fortgekommen. Und unser Bekannter, sein Jger - Mansuet wandte den Kopf und
heftete den Blick so fest auf einen der steinernen Torpfeiler, als ob sich dort
etwas Unerhrtes begbe -, der hat die Kammerjungfer der Grfin geheiratet und
ein Revier gekriegt, hier in der Nhe ...
    Hier in der Nhe? wiederholte Bozena.
    Ist aber lngst nicht mehr da, hat selbstndig nicht gut getan, heit es,
fuhr Mansuet fort. So schickte ihn sein Graf auf eines der groen Gter, die er
in Bhmen besitzt. Dort lebt der Bernhard unter der Zucht des Oberfrsters, der
keinen Spa versteht ... verstehen soll. Soll! - das alles wei ich ja nur vom
Hrensagen ...
    In Bhmen also, sagte Bozena leise vor sich hin.
    Ja, ganz hoch oben. Es heit auch, er sei fter betrunken als nchtern,
aber ich will ihm nichts bles nachreden. Es heit, er prgle seine Frau; nun,
das ist ihre Sache. Ein Wunder wr's brigens nicht. Das verwhnte Jngferchen
pat auf keinen Fall fr ihn. Der htte ein tchtiges Weib gebraucht, das ihm
den Daumen aufs Auge setzt.
    Ein Bote von Frau Heienstein, der Mansuet und Schimmelreiter nach dem
Gesellschaftszimmer beschied, wo ihnen das Testament, von dem sie noch keine
Kenntnis hatten, vorgelesen werden sollte, unterbrach dieses Gesprch. Die
beiden Kommis empfahlen sich und folgten dem Rufe der Gebieterin.
    Als sie eintraten, fanden sie Nannette auf das eifrigste - Mansuet
behauptete auf das zudringlichste - bemht, den Grafen Ronald zurckzuhalten,
der sich verabschieden wollte. Sie gab ihm mit einem s-suerlichen Lcheln zu
verstehen, da es gefhllos wre, die Hinterbliebenen eines ihm befreundeten
Mannes in solcher Eile zu verlassen.
    Ronald lie sich endlich berreden und blieb, vermochte aber nicht zu
verbergen, wie unpassend ihm seine Anwesenheit im Hause in diesem Augenblicke
erschien.
    Man setzte sich um den Tisch. Doktor Wenzel verlas das Testament
Heiensteins.
    Der Verstorbene ernannte darin seine einzige Tochter, Regula Heienstein,
zur Universalerbin seines ganzen Vermgens. Die Nutznieung desselben verblieb
lebenslnglich seiner getreuen Gattin, Frau Nannette Heienstein. Einige
ansehnliche Legate waren ausgesetzt. Schimmelreiter war reichlich, Mansuet
frstlich bedacht. Ihm wurde berdies im ebenerdigen Gescho des Hauses eine
Wohnung fr die Dauer seiner ganzen Lebenszeit zur freien Verfgung gestellt.
Mit warmen Worten sprach Heienstein von dem treuesten Diener, er empfahl
seiner Frau und seiner Tochter, ihn hoch in Ehren zu halten und ohne seinen Rat
nichts Wichtiges zu beschlieen.
    Whrend Doktor Wenzel diesen Absatz des Testamentes salbungsvoll vortrug,
schien Mansuet immer kleiner zu werden und sank zuletzt so tief in sich
zusammen, da sein vornbergebeugter Kopf in eine Linie mit dem Tischrande zu
stehen kam und keiner von den Anwesenden sein Gesicht sehen konnte.
    Einige Verfgungen zugunsten der Armen der Stadt folgten, zuletzt kam die
Anordnung, das Geschft des Kaufmanns nach seinem Tode sogleich aufzulsen und
das Verbot, die Firma, unter was immer fr Bedingungen, zu veruern. Mit
Leopold Heienstein habe das Handlungshaus zu bestehen aufgehrt. Das Testament
war vor sieben Jahren verfat und seither auch nicht ein Wort daran gendert,
nicht das kleinste Kodizill beigefgt worden.
    Eine Stunde spter empfahl sich Graf Ronald bei den Damen. Mansuet und
Schimmelreiter begleiteten ihn bis an den Wagen und machten dann einen weiten
Spaziergang auf der Landstrae. Erst bei sinkender Nacht kamen sie heim. Sie
waren die ganze Zeit hindurch fast stumm nebeneinander hergegangen.
    Jetzt, als sie schon unter das Haustor traten, sprach Schimmelreiter: Ja,
ja, Sie sind nun eine glnzende Partie, und ich bin eine sehr annehmbare.
    Was sind Sie? fragte Mansuet.
    Eine annehmbare Partie, wiederholte Schimmelreiter und zupfte sich an dem
dnnen, borstigen, weitabstehenden Barte. Er sah mit seinem runden Gesichte,
seiner flachen Nase und seinen groen Augen einem Seehunde hnlicher denn je.
    Besonders Ihre fnfundfnfzig Jahre werden die Frauenzimmer locken, sprach
Weberlein wegwerfend.
    Ich wnsche mir keinen Backfisch! rief sein Kollege eifrig und fgte nach
einer Pause, whrend der Mansuet ihn spttisch von der Seite ansah, stockend und
in groer Verlegenheit hinzu: Diejenige, welche - ist bereits mittelalterlich.
    Aber schon im nchsten Augenblicke wollte er, wie Lazarillo, lieber
gestorben sein, als diese Rede ausgesprochen haben, denn er hrte neben sich ein
derart schneidendes So?! als htte eine Schlange es gezischt. Der kleine
Mansuet fuhr mit beiden Hnden in die Taschen seines Rockes, hob sich, so hoch
er konnte, auf den Fuspitzen empor und sagte dem groen Schimmelreiter trocken
in den Bart hinein: Beruhigen Sie sich! - Diejenige nimmt Sie nicht. Mit
diesen Worten wandte er sich und war so rasch verschwunden, als htte ihn der
Boden verschlungen.
    Whrend sich dieses zu ebener Erde ereignete, saen im dsteren Speisezimmer
des ersten Stockes Nannette und ihre Tochter beim Abendessen. Regula hatte
keinen Appetit und machte schon zum zweitenmal die Bemerkung, da Graf Ronald
ein angenehmer, aber doch gar stiller und schweigsamer junger Mann sei. Mit ihr
zum Beispiel habe er keine Silbe gesprochen.
    Nannette legte das Stckchen Brot, das sie eben im Begriffe war in den Mund
zu stecken, auf den Tisch, betrachtete es eine Weile tiefsinnig und sagte, indem
sie einen fast schalkhaften Blick auf ihre Tochter warf, nichts knnte mehr fr
ihn sprechen, als - da er nicht gesprochen habe.
    In ihrem Zimmer, im zweiten Geschosse des Hauses, sa Bozena bei einer
flackernden Kerze und nhte an einem Kinderkleidchen. Neben ihrem groen Bette
stand ein kleines, das einst Rosa gehrt hatte, als diese noch ein Kind war.
Jetzt schlief ihr verwaistes Tchterchen darin. Sie selbst aber, und ihrer
gedachte Bozena in dieser Stunde, sie schlief am Fue des Negoi, in einem
stillen Alpentale im fernen Grabe. Dort ruhte sie, umsungen von den
geheimnisvollen Liedern des Sturmes, umhllt von der schimmernden Decke des
Schnees, fr alle tot; nur lebend noch in der Erinnerung einer armen Magd und in
den Trumen eines schlafenden Kindes.

Mansuet hatte recht gehabt. Nannette htete sich wohl, Bozena zu entlassen.
    Sie war viel zu klug, um sich ber ihre geringe Befhigung zur Ausbung des
Hausfrauenberufes zu tuschen, und da Regel in diesem Punkte in ihre Futapfen
trat, wute sie ebenfalls. So konnte ihr nichts willkommener sein als Bozenas
ttige und umsichtige Hilfe. Und nicht nur praktischen, auch moralischen Vorteil
schaffte deren Gegenwart. Da Frau Heienstein das Kind und die Magd der
entlaufenen Stieftochter, die ihr eigener Vater verstoen, aufgenommen hatte,
erregte die Bewunderung der ganzen Stadt. Sich ein Verdienst aus einer Handlung
machen, die ihr zum Nutzen gereichte, wie entsprach das Nannettens Neigungen!
    Bozena trachtete der Frau das kleine Rschen soviel als mglich aus den
Augen zu schaffen, denn sein Anblick berhrte die Stiefgromutter sehr
unangenehm. Um keinen Preis jedoch htte Bozena zugegeben, da es auch nur
einmal heien knne, sie habe dem Kinde zuliebe das geringste im Dienste
Nannettens oder Regulas versumt. So traf es sich, da, infolge einer
schweigenden bereinkunft zwischen der Magd und ihrem alten Gnner, dieser sehr
oft die Stelle einer Wrterin und eines Hofmeisters bei der Kleinen versah. Er
weihte sie in die Geheimnisse des Lesens und Schreibens ein, lehrte sie die
Volkshymne singen, fhrte sie sonntags zur Kirche und war tglich in der
Mittagsstunde mit ihr auf der Promenade zu sehen. Und wie stolz schritt er da
neben ihr einher! So schreitet nur noch ein ruhmbedeckter Kanonier neben der
schnen Kchin seines Herzens. Der sechzigjhrige Mansuet lebte auf in der Liebe
zu Rschen; diese neue Leidenschaft stellte sogar seine alte Neigung fr Bozena
in den Schatten. Ja, ja - es ist nicht zu leugnen: allmchtig wirkt der Reiz der
Jugend, unwiderstehlich der Zauber der Anmut, er bezwingt selbst die gefeite
Seele, und: ein gebrechlich Wesen ist - der Mann.
    Woche um Woche verging, Monat um Monat. Im Hause Heienstein wurde es immer
stiller, denn seine Gebieterin krnkelte und siechte dahin. Tiefe Melancholie
hatte sich ihrer seit dem Tode ihres Mannes bemchtigt. Er zieht sie nach,
sagten die Leute. Sie nahm sichtbar ab; wenn man sie aber fragte, ob sie sich
krank fhle, erwiderte sie fast erschrocken, sie habe sich niemals besser
befunden. Der Arzt meinte, ihre Nerven seien angegriffen, der herannahende
Frhling, der hufige Aufenthalt in freier Luft werde sie herstellen. Der
Frhling kam, doch brachte er keine Vernderung im Befinden Nannettens herbei.
Sie litt an Schlaflosigkeit, sie fieberte.
    Eines Tages lie sie Doktor Wenzel rufen und ersuchte ihn, alle gesetzlichen
Schritte einzuleiten, um Regula, die im Begriffe stand, in ihr zwanzigstes Jahr
zu treten, grojhrig sprechen zu lassen. Nannette sah der Erfllung dieses
Wunsches mit einer Ungeduld entgegen, die wohl verriet, da sie keineswegs so
ruhig ber ihren Gesundheitszustand war, wie sie vorgab. Was sie qulte, war
aber nicht die Furcht vor dem Tode, sondern eine peinliche Erinnerung, von der
sie sich vergeblich loszumachen suchte. Sie wurde, was sie niemals gewesen war,
zerstreuungsbedrftig und zu gleicher Zeit auerordentlich fromm. Sie brachte,
trotz aller Warnungen des Arztes, der die grte Schonung empfahl, ihre Tage
damit zu, ihre Bekannten und die Kirchen zu besuchen. Erschpft oder aufgeregt
kehrte sie heim, niemals jedoch aufgeregter, als wenn sie aus dem Beichtstuhle
kam. An solchen Tagen wirkte der Anblick Rschens wie der eines Schrecknisses
auf sie. Niemand konnte sich das erklren, nur Bozena sagte zu Mansuet, sie
verstehe es wohl. Bozena war brigens die Vorsicht selbst; niemals kam ein Wort
ber ihre Lippen, das auch nur dem Schatten eines Vorwurfs gegen die Frau
geglichen htte.
    Der Arzt fand endlich einen Namen fr Nannettens Krankheit, er nannte es ein
Zehrfieber und erteilte seiner Patientin den Rat, nach der Schweiz zu reisen.
    Werde ich dort gesund? stehen Sie mir dafr? fragte sie und rief, als er
eine ausweichende Antwort gegeben hatte: Schon gut, schon gut. Lassen Sie mich
zu Hause ... Sie vollendete den Satz nicht, warf einen feindlichen Blick auf
den Arzt und entlie ihn.
    Er ging, durchdrungen von Bewunderung fr die starkmtige Frau, und sorgte
fr die Verbreitung ihres Ruhmes.
    Sobald Regula grojhrig erklrt worden war, erffnete ihre Mutter eine
lebhafte Korrespondenz mit der Freiin von Waffenau, in der viel von dem Grafen
Ronald die Rede war. Er selbst lie sich nicht blicken.
    Nebst den geselligen Verpflichtungen und den frommen bungen, die sie sich
auferlegt hatte, nahm die Abwickelung der Erbschaftsangelegenheit und die
Auflsung des Heiensteinschen Geschftes die Witwe in Anspruch. Sie entfaltete
eine staunenswerte Ttigkeit, sie wollte vom kleinsten Detail selbst Kenntnis
nehmen, sie lie sich tglich durch Wenzel Bericht erstatten, verhandelte mit
Mansuet, beriet sich mit Schimmelreiter, den sie zu ihrem Sekretr ernannt
hatte.
    Aber seltsam, all die Interessen die sie mit so groem Eifer betrieb,
fllten ihre Seele nicht aus. Ein rtselhaftes Etwas, ein Gedanke, nie
ausgesprochen, immer zurckgewiesen, immer wiederkehrend, ein qulender Mahner
und Bedrnger, hielt sie in seinem Banne. Mitten im Gesprche berkam es sie
pltzlich, fate sie mit unsichtbaren Hnden, und in ihrer Kehle erstarb der
Laut, auf ihrer Zunge das Wort. Ihr glanzloses Auge irrte unstet und ohne Blick
umher; in peinvolles Sinnen versunken, schien sie der Gegenwart und allem, was
sie umgab, entrckt.
    Einmal geschah es, da Nannette in einer Anwandlung dieser Art sich rasch
erhob, geschftig zu ihrem Schranke eilte, ihn ffnete und unbeweglich vor ihm
stehenblieb. Ihre Hnde sanken herab ...
    Mutter! rief Regula, nicht eben liebevoll, was ist Ihnen, was suchen
Sie?
    Nannette wandte sich ihr zu, wie traumverloren, mit dem Gesichte einer
Nachtwandlerin: Den Brief, flsterte sie, um ihn zu verbrennen. Aber - er ist
schon verbrannt.
    Welchen Brief, Mutter?
    Nannette legte den Finger auf ihren Mund, sah ngstlich um sich und sprach:
Schweigen! Schweigen!
    Kurze Zeit darauf fand Regula die bleiche Frau im Halbdunkel in der Mitte
des Zimmers stehen; regungslos wie eine Wachsfigur stierte sie vor sich nieder,
und ihre aufrechte Haltung bildete einen unheimlichen Gegensatz zu dem Ausdruck
tdlicher Erschpfung in ihrem Angesichte. Regula nherte sich ihr und fragte
mit leisem Grauen: Mutter, woran denken Sie?
    Die Angerufene erschrak, ein Schauer rieselte durch ihren Krper; als sie
das Auge erhob und ihre Tochter erkannte, beugte sie sich ganz nahe zu ihr und
sagte ihr ins Ohr: An den letzten Blick des Sterbenden.
    Beruhigen Sie sich, beruhigen Sie sich, Sie sind aufgeregt, ermahnte
Regula, fhrte Nannette zum Sofa und ntigte sie, sich zu setzen.
    Ich bin nicht aufgeregt, liebes Kind, erwiderte die Kranke in kaltem Tone
und verzog die Lippen zu einem schwachen Lcheln. Ich berlege nur, wie schade
es ist, da ich mich damals gegen die Reise Mansuets aussprach und da ich jenen
Aufruf nicht verffentlichen lie. Es wre dadurch nichts verdorben worden, es
wre trotzdem alles gekommen, wie es kam, und - wie edel htten wir gehandelt!
    Es kann uns auch jetzt niemand einen Vorwurf machen, meinte Regula.
    Nannette schwieg eine Weile, dann sagte sie: Und der Dank des Sterbenden,
mein Kind, - wre er dann nicht gerechtfertigt gewesen?
    Scheinbar, Mutter, sprach Regula. Sie begriff diese seltsame Reue nicht.
    Frau Heienstein legte ihre Hand auf die Hand ihrer Tochter. Scheinbar ...
Unterschtze nie den Wert des Scheines. Schein ist alles, was sich nicht
greifen, nicht mit Ziffern berechnen, nicht mit der Waage wgen lt. Ehre,
Ansehen vor der Welt - guter Name - wo lge da zwischen Schein und Wesen die
Grenze? - Scheine achtungswert - du bist es! fgte sie mit etwas erhobener
Stimme hinzu, und Regula wute ihr nichts zu antworten als: Sie sind so eigen,
Mutter!
    Es wurde immer schlimmer mit Nannette. Der Arzt erzhlte jedem, der es hren
wollte, im Vertrauen, sie werde schwerlich den Herbst berleben. Regula diese
traurige Mitteilung zu machen fehlte ihm teils der Mut, teils die Gelegenheit.
Sie wich ihm ngstlich aus, sie fragte ihn hchstens im Vorbeieilen: Es geht
besser, nicht wahr? und schlpfte hinweg, ohne seine Antwort abzuwarten. Ihr
lag vor allem daran, sich so lange als mglich ber das bevorstehende Unglck zu
tuschen, mute es kommen, so wollte sie davon berrascht werden. Sie war
sparsam mit ihren Gefhlen, sie frchtete - natrlich unbewut -, eine vor der
Zeit geweinte Trne knne auf Kosten der Anstandszhre vergossen worden sein,
die im entscheidenden Augenblicke nicht fehlen durfte.
    Die Zeit kam, in der Nannette das Zimmer nicht mehr verlie, es ging rasch
mit ihr zu Ende. Sie hatte sich in ihren letzten Lebenstagen ganz an Bozena
geschlossen, die kaum mehr von ihrer Seite weichen durfte. Wurde ein Besuch
vorgelassen, so war es der Kranken angenehm, die Dienerin vorstellen und sagen
zu knnen: Es ist unsere brave Bozena, sie hat die Enkelin meines Mannes
zurckgebracht. Sie wissen, das Kind seiner unglcklichen Tochter.
    Ein Jahr nach dem Tode Heiensteins kmpfte seine Witwe ihren letzten Kampf.
Der Arzt erklrte eines Abends, er werde die Nacht im Hause zubringen. Regula
schlich still und verstrt umher, immer nur bemht, sich zu fassen. Sooft sie an
das Bett ihrer Mutter trat, winkte diese sie hinweg: Denn, flsterte die
Kranke Bozena zu, es greift sie zu sehr an.
    Wie auf eine schweigende Verabredung versammelten sich die Hausgenossen
gegen zehn Uhr im Zimmer, das an Frau Nannettens Schlafgemach stie. Die Lampe
stand auf dem Tische, auf dem Kanapee sa Regel, hkelte an etwas sehr Feinem
und Kunstvollem und mute immerfort Maschen zhlen. Zu ihrer Rechten hatte der
Doktor Platz genommen, beide Arme auf die Lehnen seines Fauteuils gesttzt, und
betrachtete mit wohlgeflliger Aufmerksamkeit seine wie zur allgemeinen
Bewunderung ausgelegten dicken und reich beringten Finger.
    Der Geistliche, der der Kranken vor acht Tagen auf ihren ausdrcklichen
Wunsch die Sterbesakramente gereicht hatte, Mansuet, der gekrmmt wie ein
Sprenkel auf einem kleinen Ecksofa sa, und Schimmelreiter, der bereits ein
wenig schnarchte, hielten sich im Hintergrunde des Zimmers.
    Um Mitternacht hrte man Nannette laut und eifrig sprechen, der Arzt und der
Priester begaben sich zu ihr, kamen aber sogleich wieder zurck, weil die
Kranke, die bei vollem Bewutsein war, allein mit Bozena zu bleiben wnschte.
    Mansuet stellte leise dem Doktor eine Frage, auf welche dieser, fr alle
vernehmlich, antwortete: Vermutlich bis zum Morgen.
    Er setzte sich wieder in seinen Fauteuil und nickte ein. Die andern, selbst
der Geistliche, ein noch sehr junger Mann, der bis jetzt wacker mit dem Schlafe
gekmpft hatte, folgten seinem Beispiele.
    Es schlug ein Uhr, die Lampe begann dsterer zu brennen, im Nebenzimmer war
es still geworden. Regula lehnte sich zurck, sie kreuzte die Arme, sie schlo
die Augen. Kalte Schauer liefen ihr ber den Rcken.
    Ich sollte zu meiner Mutter, dachte sie, ich sollte ... Aber sterben sehen
ist frchterlich, sie hat es schon einmal erfahren. Und sie zgert und verfllt
endlich in einen unruhigen Schlummer, aus dem sie pltzlich auffhrt.
    Ihr gegenber steht Bozena, totenbleich.
    Meine Mutter stirbt! spricht das Frulein.
    Sie ist tot, antwortet die Magd mit leiser Stimme; kommen Sie. Sie fat
die Zitternde, Schwankende, und von ihr geleitet begibt sich Regula an das
Totenbett ihrer Mutter.
    Von den Schlfern war keiner erwacht.
    Weder der Arzt noch der Priester wollten es Wort haben, da sie im
entscheidenden Momente nicht auf ihrem Posten gewesen, und widersprachen denen
nicht, die zu erzhlen wuten, Nannette sei nach herzzerreiendem Abschied in
den Armen ihrer Tochter gestorben.

                                       12


Nun waren sie allein, die altgeborene Regel, die unverwstlich junge Bozena und
das immer frhliche Rschen; wohl selten wrfelt seine Majestt der Zufall
grere Kontraste zusammen. Beschirmend waltete der Geist Mansuets ber dem
seltsamen Kleeblatte. Der Alte war dem Frulein Heienstein freundlicher gesinnt
seit dem Heimgange Nannettens; weil sie nicht mehr unter dem schdlichen Einflu
ihrer Mutter stnde, meinte er; in der Tat aber nur deshalb, weil er sich jetzt
als Regels Beschtzer fhlte. Trotz all ihres Ernstes, all ihrer Weisheit
bedurfte sie seines Rates, holte ihn gern ein und befolgte ihn sogar.
    Sie hat Heiensteinsches Blut in den Adern, das mu sich nolens volens
dokumentieren! versicherte Mansuet eines Tages Bozena und dem Sekretr. Warten
Sie nur, geben Sie nur acht: nchstens tut sie etwas fr das Kind.
    Aber Schimmelreiter schttelte zweifelnd den Kopf, er sprach: Sie ist nicht
verpflichtet, etwas fr das Kind zu tun, also wird sie auch nichts tun. Wie
lautet Ihre werte Meinung? wandte er sich galant an Bozena.
    Diese antwortete in der bedachtsamen Weise, die sie seit ihrer Rckkehr
angenommen hatte: Ich hoffe auf ihre Gromut!
    Prosit! sagte Schimmelreiter, dem es infolge eifrigen Bestrebens gelungen
war, sich einige von Mansuets Redewendungen anzueignen. Leichter pressen Sie
Himbeersaft aus einer Zitrone als eine gromtige Regung aus dieser Seele.
    Bozena schwieg und lie sich auf keine weitere Errterung ein.
    Sie widerspricht mir nicht gern, erklrte spter der Sekretr
Schimmelreiter mit Selbstgefhl.
    Sie widerspricht berhaupt keinem Menschen mehr, dachte Mansuet. Mitraut
sie uns? oder ist ihr alles so gleichgltig geworden, da sie nicht einmal ein
Wort dafr einsetzen mag? Was geht in ihr vor? ... Gott mag es wissen!

Nach dem Tode der Frau Heienstein hatte Graf Ronald ihrer Tochter einen
teilnahmsvollen Brief geschrieben, aber gekommen war er nicht. All die Arbeit,
die er sich aufgebrdet, drfte ihn abgehalten haben, meinte Regel; mu er doch
die Geschfte der Beamten versehen, die man in Rondsperg entlassen hatte, weil
man sie nicht mehr besolden konnte.
    Er war jetzt Direktor, Rentmeister, Frster und Wirtschafter in einer
Person. Mit eisernem Fleie mhte er sich ab, um die Armut fernzuhalten von
seinem vterlichen Dache. Der alte Graf wollte nicht wissen, wie es um seine
Verhltnisse stand. Vermochte Ronald es einmal nicht zu verhindern, da ein
ungeduldiger Glubiger sich an den Greis drngte, dann wies ihn dieser an seinen
Sohn, der die Leitung der Geschfte allein bernommen habe. Den aber fragte er
mit einer gewissen Schadenfreude, wann endlich die Segnungen des von ihm
eingefhrten neuen Regimes eintreten wrden.
    Da sein Wohlstand fr immer entschwunden sei, daran vermochte er
ebensowenig zu glauben als an den Bestand der neuen Staatsordnung. Rondsperg war
ja ein Juwel, Rondsperg besa ja unerschpfliche Hilfsquellen. Sein Besitzer
konnte durch die Ungunst der Zeiten in augenblickliche Verlegenheiten geraten,
aber nicht in dauernde.
    Wre Ronald auch imstande gewesen, seinem Vater diesen beglckenden Wahn zu
rauben, er htte es nicht getan; dazu liebte er ihn viel zu sehr. So setzte er
denn unverdrossen seine vergebliche Arbeit fort. Ein Entschlu htte freilich
das bevorstehende Unheil wenigstens verzgern und dem Sohne einen Teil des
vterlichen Gutes retten knnen: man htte Rondsperg verpachten mssen. Aber bei
dem alten Grafen fand das Wort Verpachtung ebensoviel Anklang wie bei jedem
unumschrnkten Herrscher das Wort Konstitution. Ronald sprach es einmal aus
und - niemals wieder.
    Regula Heienstein war von diesen Verhltnissen genau unterrichtet. Der
ehemalige Direktor von Rondsperg hatte sich in Weinberg ein nettes Haus gebaut
und lebte dort in behaglichem Wohlstande. Er traf Schimmelreiter oft beim
Grnen Baum und sprach gern mit ihm von dem Schauplatze seiner einstigen
Taten. Er war ein gutmtiger Mann und bewahrte auch den gndigen Herrschaften,
die er fnfundzwanzig Jahre lang, soviel es irgend an ihm lag, bestohlen hatte,
ein freundliches Interesse. Dem Sekretr Regulas gegenber lie er es an zarten
Winken nicht fehlen, welch ein verdienstliches Werk es wre, den braven jungen
Grafen aus aller Not zu retten, indem man ihm zu einer reichen Heirat verhlfe.
    Ein Goldfischchen wie das Frulein Heienstein, das wre halt was fr ihn!
sagte der Direktor mit einem diplomatischen Lcheln.
    Ein adeliger, schner Mann, wie der Graf von Rondsperg, das wre was fr
sie! erwiderte der Sekretr und schmunzelte auf das verbindlichste.
    Die beiden Ehestifter machten einen berschlag der Kosten, die erforderlich
wren, um Rondsperg wieder ertragsfhig zu machen, die verpfndeten Grundstcke
einzulsen, die eingestrzten Wirtschaftsgebude aufzurichten, den fundus
instructus zu erneuern; und eine Stunde spter teilte schon der Herr Sekretr
seinem Frulein die Ergebnisse dieser Berechnungen mit. Sie nahm seinen Bericht
gleichgltig entgegen, wie etwas, das sie gar nicht kmmerte, begab sich aber
flugs an ihren Schreibtisch und begann sofort auf eigene Hand eifrigst zu
rechnen. Sie fand, zu ihrer lebhaften Befriedigung, da die Summe, um die sich's
handeln wrde, so ansehnlich sie auch war, doch kaum ein Viertel ihres mobilen
Vermgens betrug. Dieses Resultat versetzte sie in so gute und unternehmende
Laune, da sie noch selbigen Tages an Ronald schrieb, um ihm fr die Teilnahme
zu danken, die er ihr bei Gelegenheit des Todes ihrer unvergelichen Mutter
ausgesprochen hatte.
    Ihr Brief war mit all der Zurckhaltung verfat, die hchste Wohlerzogenheit
einer jungen Dame einem jungen Herrn gegenber auferlegt; der Stil wie
gedrechselt, die Schrift wie gestochen. Es war ein Muster von einem Briefe und
konnte nicht verfehlen, auf Ronald und seine Eltern, denen der Empfnger ihn
doch gewi mitteilen wrde, den besten Eindruck hervorzubringen. Eine Danksagung
drfte kaum ausbleiben, und Regula nimmt sich vor, dieselbe nicht unbeantwortet
zu lassen. Die Korrespondenz kommt in Gang, es folgt wohl einmal eine
persnliche Begegnung. Die Kapitalistin erkundigt sich freundlich nach den
Erfolgen der Ttigkeit des Landwirtes. Vertrauen belohnt ihre Teilnahme. Sie -
in ausnehmend delikater Weise - bietet Hilfe. Er - nicht minder delikat - zgert
anfangs und - gibt endlich nach: Unter einer Bedingung mein Frulein! ... die
Hand, von der ich annehme, mu mein werden! - O Herr Graf - Sie miverstehen -
Sie verkennen vielleicht die uneigenntzige Absicht ... - Kein Wort weiter,
Edelste! ... Sein Schnurrbart ruht auf ihren Fingerspitzen; - der Rest ist
Schweigen - Soll und Haben finden sich.
    Whrend Regula von der Eroberung Ronalds trumte, trumten alle spekulativen
Junggesellen und alle noch heiratsfhigen Witwer in Weinberg von dem Glck, die
Erbin heimzufhren. Der eine tat es mit mehr, der andere mit weniger Zuversicht;
doch kam jedem, wenn auch nur in einem Augenblicke des bermuts, der Gedanke,
die Heiensteinschen Reichtmer seien bestimmt, von ihm eingeheimst zu werden.
Regula sah sich bald von einem Heere huldigender Freier umschwrmt, die nichts
so emsig suchten als die Gelegenheit, ihr Beweise der Ehrfurcht und Bewunderung
zu geben und den heien Wunsch an den Tag zu legen, der Alleinstehenden ihren
Schutz angedeihen zu lassen und sich ritterlich zwischen sie und die
Fhrlichkeiten der bsen Welt zu werfen.
    Das korrekte Frulein empfing selbstverstndlich keine Herrenbesuche; nur an
drittem Orte war sie fr ihre mnnlichen Sklaven zu treffen. Um so eifriger
wurde sie von dem weiblichen Anhang ihrer Bewerber, von deren zrtlichen
Mttern, Schwestern und Basen belagert. Diese lieen es nicht fehlen an der
ausbndigsten Schmeichelei, und Regel sog dieses gefhrliche Gift mit immer
wachsendem Wohlgefallen ein. Wie scho jetzt ihre bereits von Frau Nannette
zrtlich gepflegte Eitelkeit in die Blte! Wie trugen die Verhltnisse dazu bei,
ihren Durst nach Lob zu erhhen! Sie war die unumschrnkte Herrin ihrer werten
Person, es galt nicht erst einen brbeiigen Vater, eine launische Mutter, einen
einflureichen Verwandten zu gewinnen, um sich der Ersehnten nahen zu drfen.
Kein Ausdruck der Ergebenheit ging unterwegs verloren, jedes berschwengliche
Wort gelangte unmittelbar an seine richtige Adresse, der Duft jedes
Weihrauchkrnleins, das ein frommer Beter um Regulas Minnesold zu verbrennen fr
gut fand, wurde von der Gttin selbst eingesogen.
    Ein Jahr nach dem Tode ihrer Mutter konnte Regula schon ebenso viele Briefe,
als seitdem Tage verflossen waren, in die Lade legen, in der sie ihre teuersten
Erinnerungen verwahrte. Und alle diese Briefe enthielten mehr oder minder
unumwunden ausgesprochene Heiratsantrge. Von ihren Bewerbern durfte keiner sich
rhmen, da sie ihm die leiseste Hoffnung gegeben, und keiner sich beklagen, da
sie ihm die khnste Hoffnung genommen habe. Sie hatte niemals an eine andere
Verbindung als an die mit dem Grafen Ronald gedacht, aber dennoch wollte sie von
ihren zahlreichen Freiern nicht einen missen. Eine volle Woche hindurch war sie
verstimmt, weil ein Witwer von fnfzig Jahren, der berdies Krautwurm hie,
unzufrieden mit der ausweichenden Antwort, die sie ihm erteilte, sich rasch
resolvierte und eine andere Wahl traf, die sofort Genehmigung fand.
    Frulein Regula hielt es mit dem Futter fr ihre Eitelkeit wie Voltaire mit
seinem Ruhme: Er hatte davon fr eine Million, aber er wollte noch fr einen
Sou.
    Seit der Erfahrung, die sie an Herrn Krautwurm gemacht hatte, wurde sie noch
vorsichtiger in der Behandlung ihrer Bewunderer. Dennoch gab es einen unter
ihnen, den sie mihandelte; zugleich der einzige, der Zutritt in ihr Haus
erhalten, da er im Laufe der Zeiten Rschens Unterricht in den sogenannten
deutschen Gegenstnden bernommen hatte. Er war ein blonder, hbscher junger
Mann mit dunkelblauen Augen und einem Vollbarte. Ihm war im Leben alles verkehrt
gegangen. Er war zum Poeten geboren und wurde Professor der Mathematik, er
schwrmte fr Schnheit und Gte und - verliebte sich in Regula. Ja, er
verliebte sich in sie. Was nicht einmal einem Geizhalse dem reichen Frulein
gegenber gelang - er brachte es zuwege, oder vielmehr ihn berfiel's, wie ein
reiendes Tier aus dem Busche den ahnungslosen Wanderer berfllt.
    Wie es mglich war, da dieses reizlose Geschpf eine brennende Leidenschaft
erregte - wer kann es begreifen? Der nicht, der meint, das Entstehen der Liebe
bedrfe eines andern Grundes als die Beschaffenheit des Herzens, dem sie
entspringt. Was gefiel dem Professor Ludwig Bauer an Regula? Ihre frostige
Hflichkeit? ihr wchsernes Gesicht? - Was trieb ihn zu ihr? Vielleicht nur das
Verhngnis, das zu manchem Menschen spricht: Hier ist eine Gelegenheit, tief
unglcklich zu werden - ergreife sie! Hier fliet ein Strom unsglicher Leiden -
strz dich hinein!
    Der junge Professor liebte das Frulein Heienstein mit einer grimmigen,
stets beleidigten und gekrnkten Liebe, die ihm alle Lebensfreude verdarb und
die er nur um so hartnckiger festhielt mit verbissener Treue. Um Regula tglich
sehen zu knnen, bot er sich an, ihrer kleinen Nichte Unterricht im Rechnen und
in der Grammatik zu gehen. Die Tante ging sehr gern auf diesen Vorschlag ein.
Sie frchtete ohnedies, es knne auffallen, da ein ungebildeter Kommis der
alleinige Fhrer des nun schon achtjhrigen Kindes auf den Pfaden der
Wissenschaft sei. Hingegen geriet ganz Weinberg in Bewunderung, als es bekannt
wurde: ein Professor des Gymnasiums bringe jetzt in eigener Person der kleinen
Waise die vier Spezies bei und fhre sie am Ariadnefaden seiner Weisheit durch
das Labyrinth der Endungen.
    Es ist erstaunlich! - Und was das kosten mag! Ja, Frulein Heienstein ist
eben jederzeit und immer, man kann nur sagen: groartig!
    Allabendlich Schlag sechs Uhr trat Professor Bauer in das Speisezimmer, wo
Rschens Lehrtisch in einer Fensternische aufgeschlagen war und wo sie ihn
seufzend erwartete, aber nicht seufzend aus Ungeduld. Sein erstes Wort lautete
regelmig: War Frulein Tante nicht da? Wird Frulein Tante nicht kommen? Und
kam sie nicht, dann hatte Rschen eine schlimme Stunde. Erschien sie aber, so
beeilte er sich zu sagen: Es ist gut, du warst sehr brav, du bist fertig.
    Ei, wie rasch sie in diesem gnstigen Falle ihren kleinen Lehrkram
zusammenrumte, sich in einen Winkel des Zimmers verkroch und auf ihre
Schreibtafel statt Ziffern Herren und Damen zeichnete, mit unfrmig groen
Kpfen und unglaublich dnnen Armen, an deren Enden fnf Stngelchen hingen, die
sich fr Finger ausgaben.
    Sobald Ludwig Bauer die von ihm Angebetete erblickte, wurde er entweder
mrrisch oder verlegen. Ein nicht erhrter Liebhaber ist selten liebenswrdig,
er tut gewhnlich das mglichste, um seine Sache zu verschlimmern. Von seinen
Gefhlen zu sprechen war dem Professor selten erlaubt, um Regulas stets zur
Abwehr bereite Tugend nicht unter die Waffen zu rufen. Versuchte er es aber,
sich angenehm zu machen, indem er interessante Dinge vorbrachte, die den
gebildeten Geist des Fruleins mit neuen Erkenntnissen schmcken sollten, dann
kam er meist am schlechtesten an. Regula empfand einen wahren Abscheu vor allem
Wissen, das sie nicht selbst besa, und hatte bei den Errterungen des
Professors eine Art, den Mund zu verziehen, zerstreute Blicke umherzuwerfen und
mit fast geschlossenen Lippen zu sagen: Warum nicht gar, die ihn jedesmal auf
das grausamste beschmte.
    Zu andern Zeiten wieder benahm sich Bauer hchst strmisch und ungebrdig.
Rschen konnte sich eines Tages nicht genug darber wundern, da ihre Tante so
gar keine Angst vor ihm zu haben schien, sondern sein heftiges Geznke mit Ruhe,
ja mit einem Lcheln der Befriedigung anhrte.
    Stimmen Sie sich herab, stimmen Sie sich herab, Bester! sagte sie.
    Sie sagte Bester zu einem Menschen, der schrecklich bse war - Rschen
konnte darauf schwren.
    Der Professor stand auf, machte einen Gang durch das Zimmer, trat vor Regula
hin, kreuzte die Arme und sprach: Ich bin Ihnen so gleichgltig wie der Hund,
der dort ber den Platz luft ... Sie haben kein Herz, Frulein!
    Regula warf einen Blick auf das Kind, das in der Ecke des Zimmers spielte,
und entgegnete in ermahnendem Tone: Sie wissen nicht, was Sie reden!
    Nicht? ... Bin ich Ihnen etwa nicht gleichgltig? ... Antworten Sie mir!
rief der arme Professor, in einem Atem flehend und drohend.
    Sie knnten es mir werden, wenn Sie so fortfahren - Freund, suselte das
Frulein und schlug zchtig die Augen nieder. Wre das nicht traurig? ...
Freundschaft ist so schn - denken Sie an Jean Paul ... Ich mchte Sie nicht
verlieren ...
    Frulein, Frulein! - o Frulein! war alles, was er hervorbrachte im
Sturme seiner Gefhle. Regula richtete sich kerzengerade auf, murmelte etwas von
Anmaung und Tyrannei, die sie sich verbitten msse, und machte eine
verabschiedende Handbewegung.
    Oh! sthnte Ludwig, gerade wie Othello: Oh! - Oh! - und strzte zur Tr
hinaus.
    Rschen hatte sich in ihrer Angst hinter einen der hochlehnigen Sessel
gekauert und erwartete, ihre Tante werde sich gleichfalls in Sicherheit zu
bringen suchen. Sie machte ihr schon Platz neben sich: Komm hierher! flsterte
sie, frchtend, der wtende Professor knnte wiederkehren.
    Aber fr das Kind war heut ein Tag der berraschungen. Statt besorgt zu
scheinen, sah die Tante dem Enteilenden mit einem triumphierenden Blicke nach
und versuchte sogar, ein Liedchen zu trllern; aber das milang ihr, denn sie
hatte weder Gehr noch Stimme oder vielmehr beides falsch und ungehorsam, und
wenn sie singen wollte: Der Eichwald brauset, die Wolken ziehen, geriet sie
jedesmal in die Melodie von: Robert - Robert, mein Geliebter!

Ungefhr um dieselbe Zeit sah Mansuet den guten Schimmelreiter mit ganz
verstrtem Gesicht aus dem Zimmer Bozenas treten. Er nahm im Gehen eine neue
schwarze Krawatte von seinem Halse ab und ersetzte sie durch die dunkelgrau und
grn quadrillierte, die er gewhnlich trug. Als er an Weberlein vorber sollte,
machte er, um ihm auszuweichen, einen so groen Bogen, als die Breite des Ganges
irgend erlaubte. Aber das half ihm nichts. Sein Freund schritt resolut auf ihn
zu, nahm vertraulich seinen Arm und sprach: Na, wissen Sie's jetzt? Sie hat
nein gesagt, versteht sich?
    Schimmelreiter sah noch immer um sich mit Blicken, starr und glsern, wie
die eines Menschen, der eben einen groen Schrecken gehabt hat. Grenzenloses
Erstaunen, die hchste Bestrzung malten sich auf seinem runden Gesichte.
    Pltzlich blieb er stehen, fate Mansuets beide Hnde, und indem er sich zu
dem kleinen Manne niederbeugte, flsterte er ihm zu: Sie hat, denken Sie, sie
hat nein gesagt - denken Sie sich das!
    Und nun lie er Mansuets Hnde los und rang die seinen wie ein Trostloser.
    Der Alte redete ihm zu: Beschwichtigen Sie sich. Wissen Sie was? - Machen
Sie sich nichts daraus.
    Der abgewiesene Freier mute zugeben, da er nicht leicht etwas Klgeres tun
knnte. - Aber freilich, gleich das Klgste zu tun, wer trifft das so leicht?
berdies wrde die Sache damit noch nicht abgetan sein. Das Schlimmste kommt
nach! das Gerede der Leute. Alle Leute werden es erfahren! jammerte
Schimmelreiter.
    Was fllt Ihnen ein? fragte Mansuet. Die Bozena schwatzt nicht, und auer
ihr wei es niemand.
    Der Sekretr gestand, das Frulein wisse es, ihr habe er pflichtschuldig
gemeldet, er gehe mit dem Gedanken um, sich zu verndern. Freilich ohne ihr
mitzuteilen, auf wen seine Wahl gefallen sei.
    Dann ist ja alles vortrefflich! sagte Weberlein, dann gehen Sie gleich
und nehmen eine andere.
    Diese uerung rief, so brutal sie schien, durchaus keine Entrstung bei
Schimmelreiter hervor, er meinte vielmehr, das sei zu berlegen, kam jedoch
alsbald wieder auf die Katastrophe zurck, die jetzt seine ganze Seele erfllte.
    Aber, die Bozena! ... Begreifen Sie die Bozena? Begreifen Sie, da sie mich
ausgeschlagen hat? Sie htte doch wirklich ein Glck mit mir gemacht. So
eindringlich habe ich es ihr vorgestellt! - Es ntzte nichts. Sie wird niemals
heiraten, behauptet sie. Ich lasse nicht nach mit Fragen: Warum? warum? Ob sie
ihr Herz an einen gehngt hat, den sie nicht kriegen kann? - Ob sie gar so hoch
hinaus will? -Nein! nein! sagt sie. Was also hlt Sie ab? sag ich. Und sie
darauf: Ein unbersteigliches Hindernis. - Das immer bleiben wird? - Immer. - An
dem nichts zu ndern ist? - Nichts. Lassen Sie es jetzt gut sein, Herr Sekretr.
- Und ich htte es sollen gut sein lassen. Aber da reitet mich der Teufel, da
ich nicht schweigen kann, da ich noch frage: Wenn das unbersteigliche
Hindernis nicht wre, wrden Sie mich dann nehmen? - Glauben Sie es, oder nicht
... Sie antwortet mir: Wenn Sie es durchaus wissen wollen: auch dann nicht. Ja:
Auch dann nicht, hat sie gesagt. Und jetzt mchte ich wissen, sie ist ja gut,
tut niemandem gern weh - warum sie nicht lieber geschwiegen - warum sie nicht
lieber eine ausweichende Antwort gegeben hat?
    Jede andere htt's getan - aber sie? sie sagt nur die Wahrheit, aber die
ganze. Sie ist wahr wie der Tag, erwiderte Mansuet.

                                       13


So manche gutmtige Frau in Weinberg meinte, Frulein Regula sei freilich ein
Engel und Bozena freilich die bravste Magd unter der Sonne, aber dennoch knne
man das Schicksal des zwischen den beiden aufwachsenden Kindes nicht gerade ein
beneidenswertes nennen.
    Rschen flte gar vielen Leuten Mitleid ein, die sie an einem Fenster des
grauen Hauses stehen und sehnschtig herabblicken sahen zu den Kindern, die auf
dem Platze herumliefen und spielten. Ihr war Umgang mit Wesen ihres Alters nicht
gegnnt, und der Verkehr mit dem Kinde Mansuet entschdigte sie dafr doch
schwerlich. Bozena wagte einmal, ihr gndiges Frulein darauf aufmerksam zu
machen, wurde aber trocken abgewiesen. Regula vermochte nicht einzusehen, da
die Kleine einer andern als einer vernnftigen Umgebung bedrfe. Durchaus nicht.
Sie selbst habe sich als Kind immer nur in Gesellschaft von Erwachsenen bewegt,
und es sei ihr wohl bekommen.
    O Bozena! sagte Rschen einst, htt ich doch lange Beine!
    Was wrden sie dir ntzen, du Knirps? fragte Bozena.
    Ich liefe - liefe - und das Gesicht des Kindes war wie durchleuchtet von
der getrumten Wonne, liefe so schnell, wie die Vgel fliegen.
    Regula sah die Magd bedeutsam an und sprach halblaut: Die Natur ihrer
Mutter. Man kann sie nicht genug in acht nehmen.
    Dieses Wort schnitt Bozena ins Herz, aber sie verriet sich nicht. Sie neigte
das Haupt ehrerbietig vor ihrer Herrin: Sie werden das Kind behten, sagte
sie, es ist in Ihrem Schutze und geborgen.
    Das Frulein zuckte die Achseln und dachte, das unumschrnkte Vertrauen, das
die Leute in sie setzen, sei doch manchmal unbequem. Aufgebrdet, aufgedrungen
wurde ihr das Kind der Schwester, und der Ruf von Tugend und Gromut, den sie
geniet, zwingt sie, es bei sich zu behalten. Und in tiefinnerster Seele ist sie
ihm so unbeschreiblich abgeneigt! Alles an ihm mifllt ihr, strt sie, regt sie
auf. Sein Lachen und Singen greift ihr die Nerven an, seine Liebkosungen bringen
sie in Verlegenheit. La mich, das schickt sich nicht, sagt sie, wenn Rschen
ihr entgegenfliegt und ihr in die Arme strzen will.
    Mansuet nannte Regula das unmtterlichste Frauenzimmer das ihm jemals
vorgekommen sei, und meinte: Wenn die einmal ein Kind kriegt, und es fngt an
zu schreien, dann schickt sie um die Polizei.
    Das Leben im Hause der alten Jungfer von zweiundzwanzig Jahren lief ab wie
der Mechanismus einer Uhr, pnktlich und blutlos. In ihrer frostigen Atmosphre
konnte die Rede nicht sein von der freudigen und ungehemmten Entfaltung einer
jungen Seele.
    Arme Kinder haben die goldene Freiheit, reiche Kinder haben einen
vergoldeten Kfig; Rschens Kindheit wurde in einem Kfig verlebt, aber er war
von Eisen. Und dennoch war sie ein frhliches Rschen, und die Wahrheit erprobte
sich an ihr: Haben kann man das Glck, aber bekommen nicht. Sie war glcklich,
denn sie liebte, was sie umgab, und wute nicht, was Grollen sei. Sie liebte die
lieblose Tante, sie trieb Abgtterei mit der strengen Bozena und mit dem alten
Mansuet, und der vergalt's ihr redlich. Was die Magd betraf, so war Rschen ihr
teuerstes Gut; sie wrde ohne Zgern jedes Opfer fr sie gebracht, ihr Herzblut,
wenn es galt, tropfenweise fr sie vergossen haben, aber so, wie sie ihre
trotzige Rosa geliebt hatte, vermochte sie nicht mehr zu lieben. Das tiefste
Gefhl, welches sie jemals beseelt, das hatte die mit ins Grab genommen, die von
ihr gepflegt worden war, als sie selbst noch jung gewesen. Sie lie Rschen
niemals so derb an, wie sie deren Mutter angelassen hatte, aber dies geschah
nicht, weil sie mehr Liebe, sondern weil sie mehr Mitleid fr sie empfand.
    So wenigstens legten die beiden ehemaligen Kommis sich Bozenas stilles,
zurckhaltendes Benehmen aus. Sie aber waltete mit altem Fleie in den alten
Rumen, nur nicht mehr mit dem alten bermut. Wenn sie das Zimmer betrat, in dem
sie vor zwanzig Jahren ihren Herzensliebling triumphierend in ihren Armen
erhoben und ihm alle Herrlichkeit der Welt prophezeit hatte, da glitt ein
Schatten ber ihre Stirn.
    Ein Fremdling sa nun das Kind ihrer Rosa am Tische im Vaterhause und a das
Gnadenbrot aus ungndiger Hand. -
    Sechs Wochen, nachdem sich Schimmelreiter von Bozena einen so
wohlgeflochtenen Korb geholt hatte, erhielt er das Jawort einer minder
hartherzigen Schnen. Mit verklrten Augen, verjngt durch das Glck, stellte er
sich seinem Frulein als Brutigam vor. Regula erhhte seine Seligkeit noch
durch die huldvolle Annahme seiner Einladung, der Hochzeit beizuwohnen. Auch
Bozena erhielt von der Gebieterin die Erlaubnis, zugleich mit ihr bei dem Feste
zu erscheinen, das Schimmelreiter uerst prachtvoll auszurichten gedachte.
    Die von ihm Erwhlte war die Tochter eines kleinen Beamten; ein blonde
Jungfrau, von Mutter Natur mit so dauerhaften Reizen ausgerstet, da der Zahn
der Zeit durch vierzig volle Jahre fast vergeblich an ihnen genagt hatte.
    Sie sah bei der Trauung wirklich gar nicht bel aus, das mute ihr jeder
lassen - der es ihr nicht nehmen konnte. Ein paar Rivalinnen versuchten es
umsonst. Allgemein jedoch hie es, Schimmelreiter htte besser getan, Bozena zu
erwhlen, die wohl um einige Jhrlein lter, aber denn doch eine ganz andere
Person sei als die Beamtentochter.
    Zur kirchlichen Feier war die halbe Stadt gebeten, zu dem Gastmahle, das am
Abend beim Grnen Baum stattfand, nur eine kleine auserlesene Schar.
    Das junge Ehepaar empfing seine Gste in dem mit Blumen dekorierten und im
Glanze von vielen Kerzen prangenden Honoratiorensaale. Vier Kellner,
schwarzbefrackt, mit Rosen im Knopfloche, waren an der Tr postiert und
verneigten sich alle zugleich, sooft einer der Geladenen eintrat. Der erste, der
sich einfand, war Doktor Wenzel mit seiner Frau und seinem erstgeborenen Sohne.
Der Familie folgte auf dem Fue ein magerer Freiherr aus altadeligem Hause, aber
sehr herabgekommen in seinen Finanzen, der einstens ein wirklicher Attach
gewesen sein sollte, man wute nicht bei welcher Gesandtschaft. Er war einer von
Regulas hartnckigsten Freiern und fhlte sich glcklich, Schimmelreiters
Freundschaft errungen zu haben, nachdem er um die Mansuets vergeblich geworben.
- Sodann erschienen der ehemalige Direktor von Rondsperg und Herr Professor
Bauer, zuletzt die Angehrigen der Braut.
    Schimmelreiter ging von einem zum andern und dankte jedem fr die Ehre, die
er ihm erwies. Doktor Wenzel sprach angelegentlich mit der Neuvermhlten, die
vor Gemtsbewegung wie eine Ponie glhte, und lobte den Charakter ihres Mannes,
dann begab er sich zu diesem und lobte die Bescheidenheit und Anmut seiner
brutlichen Frau.
    Der Professor hatte heute seinen schchternen Tag, drckte sich an die Wnde
und wich schon von weitem jedem aus, der Miene machte, auf ihn zugehen zu
wollen. Manchmal warf er einen sehnschtigen Blick nach der Tr, fter jedoch
einen wtenden auf den Freiherrn. Dieser hatte seine schwarzgefrbten Haare in
kleine Locken brennen lassen, trug eine weie Krawatte und am roten Bande das
Kommandeurkreuz des Hausordens einer deutschen Miniaturfrstlichkeit. Er sah
ganz erschrecklich vornehm aus, und der schlichte Ludwig Bauer geriet darber in
Verzweiflung.
    Um acht Uhr erschien endlich Frulein Heienstein, gefolgt von Mansuet und
Bozena. Da auch dieser Zutritt gewhrt wurde in die vollkommen distinguierte
Gesellschaft, die Schimmelreiter an seinem Ehrentage um sich versammelte, wurde
dem Festgeber sehr hoch angerechnet; noch hher aber dem leutseligen Frulein,
das sich herablie, mit der Magd an einem Tische zu sitzen. Regula wurde
ehrfurchtsvoll empfangen und von Schimmelreiter an die Spitze der Tafel
geleitet, wo sie zwischen ihm und dem Freiherrn Platz nahm. Ihr gegenber am
unteren Ende des Tisches sa Bozena zwischen Mansuet und Wenzel jun., der
ungemein viel a, besonders Brot, und, sooft ihn jemand ansprach, aus Bestrzung
darber einen groen Bissen in den Mund steckte, bevor er den Versuch machte, zu
antworten. Die natrliche Folge war ein Erstickungsanfall, den der bescheidene
Jngling in aller Stille zu berwinden suchte.
    Dieser oft wiederholte Vorgang, den alle Anwesenden auer den Eltern Wenzel
bemerkten, trug nicht wenig zur Erhhung der allgemeinen Heiterkeit bei. Er
wirkte, so unbedeutend er war, befreiend auf die bisher etwas gedrckte Stimmung
der Braut. Immer freundlicher gestaltete sich das Fest, es herrschte bei dem
grten Anstand die grte Unbefangenheit. Jedermann schien zu denken: Da sitze
ich im schn geschmckten Saale, an reich gedeckter Tafel, esse die kstlichsten
Sachen, bin auf das beste gekleidet, befinde mich in zahlreicher und feiner
Gesellschaft und fhle mich dabei so heimisch, als befnde ich mich zu Hause in
meiner Stube.
    Da es bei einem Souper, an dem Doktor Wenzel teilnahm an Trinksprchen
nicht fehlte, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Es wurde auf das Wohl
der Neuvermhlten, auf das Wohl Regulas, auf das Wohl des Freiherrn, des
Direktors und des Professors getrunken. Schimmelreiter brachte ein Hoch aus auf
die Familie seiner geliebten Frau, der Freiherr eines auf die Frauen von
Weinberg, der Direktor eines auf Doktor Wenzel und seine Angehrigen und auf das
ganze weibliche Geschlecht. Nun neigte sich das Frulein zu Schimmelreiter und
flsterte ihm leise einige Worte zu. Er erhob sich wie elektrisiert und sprach:
Eine edle Dame mahnt mich, da wir bisher noch eines versumten, das uns ziemt
...
    Die Pause, die der Redner hier machte, bentzte der Professor, um
leuchtenden Auges und mit bewegter Stimme das Zitat zu bringen:

Willst du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur bei edlen Frauen an,

und Schimmelreiter fuhr fort: Nmlich auch die treue Dienerin des Hauses
Heienstein, Jungfrau Bozena, hochleben zu lassen. Auf ihr Wohl! rief er, und
dieser Toast fand lebhaften Anklang. Bozena verlie ihren Platz und ging mit dem
Glase in der Hand von einem zum andern, um mit ihm anzustoen. Dies wurde fr
jeden, der des Gesprches mit seinen Nachbarn satt war, das Signal, gleichfalls
aufzustehen. Der Herr Direktor begab sich zu Regula und fragte sofort, ob sie
Nachrichten von seinen Herrschaften habe. Er bedauerte ber die Maen seinen
lieben Grafen Ronald, nannte Rondsperg einen famosen Besitz ... das heit hm!
- freilich, es knnte alles wieder werden, wenn ... ja - wenn!
    Schimmelreiter schlpfte zu seiner Gattin hinber und sagte der Verschmten
ins Ohr, das Souper sei ausgezeichnet nobel gewesen, dann nherte er sich
Mansuet, dem er gestand, er glaube behaupten zu drfen, seine Kathi habe sich zu
der Verbindung mit ihm nicht nur aus Vernunft entschlossen, sondern auch aus
Liebe.
    In diesem Augenblicke lie sich im Nebenzimmer ein lauter Wortwechsel
vernehmen. Deutlich unterschied man die Rufe: Zurck! - Hier tritt man nicht
ein! ... - Geladene Gesellschaft. Und dazwischen wiederholte eine heisere
Stimme unablssig: Macht Platz! macht Platz, ihr Esel! - Was - geladen! Wten
sie, da ich da bin, ich wre auch geladen! Der Lrm wuchs, dumpfe Schlge
fielen - die Tr flog auf ... und ein Mann trat ein, den sogar die, die in
frheren Zeiten oft mit ihm verkehrt hatten, nicht gleich erkannten.
    Es muten einige Augenblicke vergehen, bevor ihnen zum Bewutsein kam, da
dieser dicke Geselle mit den schwimmenden Augen, dem roten aufgedunsenen
Gesichte, dem kurzen, keuchenden Atem kein andrer sei als - Bernhard, der
ehemals schne Jger, Bernhard der Pfau!
    Er sah, betroffen ber den Anblick der stattlichen Gesellschaft, scheu
umher, rckte den Hut ins Genick und sagte, wie um sich selbst Mut zu machen:
Man wird doch seine Bekannten besuchen drfen im Wirtshaus?
    Der Mensch ist berauscht, sagte der Freiherr halblaut.
    Regula stie einen leisen Schreckensruf aus, und die Herren und Frauen
eilten zu ihr, um sie zu beruhigen. So stand Bozena, die inzwischen ihre Runde
beendet hatte und wieder an ihrem Platze angelangt war, allein dem Eindringling
gegenber, Aug in Auge. Sie stand still - stumm und wie versteinert vor Grauen
und Schmerz.
    Ihr Leben war eine lange Bue gewesen fr eine kurze Verirrung, und nun trat
der Mensch, der sie verleitet hatte, vor sie hin, und ihr schien, als sei nichts
geshnt, als stiege ihre entwrdigte Vergangenheit verkrpert aus dem Dunkel des
Vergessens und riefe ihr drohend zu: Mich besiegst du nie, ich bin unsterblich,
bin unberwindlich! -
    Einen Augenblick zgerte der Jger, dann ging er frech auf die Schweigende
zu und rief: Bozenka! kennst mich denn nicht mehr?
    Sie senkte finster den Kopf, und er fuhr fort: Erst heute bin ich
angekommen - bin hier wegen des Nachlasses meiner Frau, die gestorben ist -
leider. Meine erste Frage war nach dir, natrlich, und wie ich hre, du bist da,
lauf ich hinber zu euch. Dort heit's: Beim Grnen Baum. Nun richtig! ... So
gr dich Gott, Bozenka. Und jetzt la uns plaudern!
    Er hatte, im Gehen etwas schwankend, einen Sessel herbeigeholt und setzte
sich an die Seite Bozenas, die, bla wie man sie niemals gesehen, auf ihren
Stuhl gesunken war.
    Schimmelreiter hatte indessen mit den Herren geflstert und schien eine
Abrede mit ihnen genommen zu haben. Er nherte sich jetzt und sagte
geschftsmig zu dem Jger: Alle Anwesenden sind meine Gste. Dies zur
Kenntnis.
    Potztausend, der Schimmelreiter! rief Bernhard. Servus, servus ... Alle
Anwesenden Ihre Gste? - Ich auch demnach - bin auch anwesend. Ein Glas her!
Schenk ein, altes Tintenfa!
    Der Sekretr lie sich nicht beirren, sondern fgte im frheren Tone hinzu:
Wei mich nicht zu besinnen, da ich Sie geladen htte, und dabei machte er
rasch nacheinander winkende Bewegungen mit den Hnden, als wollte er sagen:
Fort! fort! fort!
    Bernhard lachte bldsinnig, legte die Arme bis zu den Ellbogen auf den
Tisch, rckte nher zu Bozena heran, sah ihr von unten hinauf ins Gesicht und
sagte: Er mcht mich weg haben, der Alte, aber was hilft's? - Ich gehe nicht,
ich bleib bei dir, mein Herzel!
    
    Nun fuhr Mansuet auf ihn los: In welchem Tone erlauben Sie sich mit der
Jungfer zu reden? herrschte er ihn giftig an.
    Das ist der Mansuet, glaub ich, rief Bernhard spttisch. Bon soir, Herr
Mansuet, was kmmert Sie mein Ton? - Wenn ihr, er blinzelte Bozena vertraulich
zu, mein Ton nicht recht ist, wird sie's schon sagen. Nicht wahr, Bozenka, mein
Schatz?
    Mansuet hielt sich nicht lnger. Der Teufel ist dein Schatz, du
Trunkenbold! schrie er, und nun fort! und wenn du die Tre nicht findest,
fliegst du zum Fenster hinaus!
    Das Gesicht des Jgers flammte, er rief: Du Lump! Was geht's euch an, ihr
Lumpe, wie ich spreche mit meiner Geliebten?!
    Deiner Geliebten?! wetterte der kleine Kommis und hatte ihn im selben
Augenblicke am Kragen und zerrte ihn vom Sessel herab auf den Boden, deine
Geliebte?! ... Nimm das zurck, oder ich schlag dich tot, ich schlag dich tot!
    Bernhard tobte wie ein Rasender unter den Fusten Schimmelreiters, der ihn
gepackt hatte und ihm gleichfalls zurief: Nimm das zurck!
    Er wehrte sich mit allen seinen Krften und schrie dabei: Just nicht! Euch
zum Trotze nicht! Meine Geliebte, meine Geliebte! sie war's!
    Mansuet kannte sich nicht mehr. Bestie! kreischte er, ri ein Messer vom
Tische und strzte damit auf Bernhard zu ...
    Da erfate eine eiskalte Hand die seine und entwand ihm das Messer mit einem
Rucke ... Bozena stand zwischen dem Jger und seinen Angreifern.
    Lat ihn, sprach sie, ihre Stimme klang hart wie Metall. Lat ihn. Es ist
wahr.
    Ein dumpfer Schrei erhob sich. Bernhard stand langsam auf, warf
triumphierende Blicke im Zimmer umher und machte Miene, auf Bozena zuzueilen.
Doch sie, mit stummer Verzweiflung im Angesichte, mit einer Gebrde unsglicher
Verachtung, wies gebieterisch nach der Tr.
    Der Elende blieb erschrocken stehen, murmelte einige unverstndliche Worte,
zupfte seine Jacke zurecht und gehorchte.
    Eine lange Pause folgte, die Mnner warfen einander fragende Blicke zu, die
Frauen senkten die ihren zur Erde. Frau Doktor Wenzel traten Trnen in die
Augen; htte sie nur dem Rate ihres Herzens folgen drfen, sie wre hingetreten
zu Bozena und htte ihr die Hand gedrckt. Der Zweifel jedoch, ob ihr Mann dies
billigen wrde, hielt sie zurck, und sie sagte nur unwillkrlich: Arme
Bozena! Schimmelreiter starrte die Heldin des eben erlebten peinlichen
Auftritts mit offenem Munde so befremdet an, als she er sie heute zum
erstenmal. Seine Gattin vernahm, wie er leise vor sich hin sprach: Darum also
... O wie brav! Der Freiherr wandte sich mit den Worten: Une matresse femme,
ma parole d'honneur! zu Regula. Das Frulein aber, deren Nase wei wie Kreide
geworden, war eitel Entrstung und Unwille. Skandal! - Skandal! - Skandal!
wiederholte sie in einem fort, lie ihrem Lohnkutscher befehlen vorzufahren und
entfernte sich, ohne Abschied von irgend jemandem zu nehmen, mit der Familie
Wenzel, der sie Pltze in ihrem Wagen antrug. Ihre bestrzten Verehrer gaben ihr
das Geleite.
    Bozena stand noch immer wie angewurzelt auf derselben Stelle und schien von
allem, was vorging, nichts zu sehen und nichts zu hren.
    Mansuet trat zu ihr, berhrte ihren Arm und sagte sanft und unaussprechlich
traurig: Kommen Sie!
    Die Unglckliche zuckte zusammen, ein schwerer, schmerzlicher Seufzer hob
ihre Brust, und gesenkten Hauptes folgte sie ihrem alten Freunde.

                                       14


Ernst und von langer Dauer war die Unterredung, zu der am nchsten Tage Frulein
Heienstein Herrn Doktor Wenzel geladen hatte. Es wurde die gewichtige Frage
errtert, ob Bozena nach der gestrigen unerhrten Szene beim Grnen Baum im
Hause bleiben drfe.
    Eine Person, die ihre eigene Schande in der Wirtsstube ausruft, ist keine
passende Umgebung fr eine ehrsame junge Dame. Andrerseits ist es auch nicht
leicht, Bozena zu entlassen, weil sie der Familie durch so lange Jahre treu
gedient hat, sagt - weil sie mir sehr ntzlich ist, denkt Regula. Wir haben sie
schwer genug vermit all die Jahre hindurch!
    Mein gndiges Frulein, meinte nach reiflicher Erwgung der kluge und
praktische Doktor Wenzel, das gestrige Ereignis gehrt zu denen, die
genausoviel Bedeutung haben, als man ihnen beilegt.
    Bin ich nicht schuldig, ihm eine groe Bedeutung beizulegen? fragte
Regula, bin ich es nicht mir selbst schuldig? Bestimmt nicht die Strenge, die
ich einem Verbrechen gegenber ...
    Einem Vergehen - einem Vergehen! berichtigte lchelnd der Advokat.
     ... die ich einem schweren Vergehen gegenber ausbe, meinen eigenen
Wert? fuhr Regula fort, und Wenzel unterbrach sie von neuem und versicherte:
Keineswegs!
    Was werden die Leute sagen, wenn ich meinen Abscheu vor so offenbarer
Schande durch nichts - durch gar nichts bettige? Fllt nicht ein Teil von ihr -
es ist ein grauenhafter Gedanke! - auf mich selbst zurck? entgegnete Frulein
Heienstein, indem eine Gnsehaut sie berlief.
    Wenzel begann ein wenig ungeduldig zu werden, was sich bei ihm durch
verdoppelte Freundlichkeit uerte. Er ergriff Regulas Hand, kte sie und
sprach: Getrost! ... Seien Sie getrost! Es wird niemandem einfallen, Sie
verantwortlich zu machen fr eine Jugendsnde Ihrer bereits in Jahren stehenden
Dienerin. Sie waren vermutlich noch nicht geboren, als jene Snde begangen
wurde, versicherte der Advokat mit einem fast zrtlichen Blicke und stand auf,
das enthebt Sie - er suchte seinen Hut mit den Augen - jeder
Verantwortlichkeit.
    Glauben Sie wirklich? flsterte Regula.
    Der Doktor hatte seinen Hut ergriffen und machte rcklings einige Schritte
nach der Tr. Wirklich! wiederholte er mit seiner sesten Stimme, wirklich
und wahrhaftig, Gndigste. Sie nehmen sich in der ganzen Sache aus - unschuldig
wie eine weie Taube! - Und das arme Ding, die Bozena! - Du guter Gott ... Diese
Leutchen, das hat andere Ansichten als Sie, engelhaftes Frulein, ber gewisse
natrliche Vorgnge ...
    Doktor Wenzel! rief Regula streng und vorwurfsvoll nichts dergleichen in
meiner Gegenwart ... Ich mu bitten -
    Befehlen! befehlen! - Sie mssen immer befehlen, sprach der galante alte
Herr, und das Frulein gestand ihm zu, sie sehe ein, da er im Grunde recht
habe: Es knnte wohl sein und wre ziemlich natrlich, da es fr niedere
Menschenklassen auch niedrigere Klassen der Moralitt gbe. Zwischen dem Stande
einer Person und ihren Affinitten besteht sicherlich eine groe Harmonie.
Geburt und Begriffe, Delikatesse, Takt, Gewissen decken einander. Ich glaube
das. Ich begreife es sogar - und - wie schon Madame Stal-Holstein sagte:
Begreifen heit verzeihen. Nicht wahr, lieber Doktor?
    Wenzel kte noch einmal Regulas Hand, dankte ihr fr das edle Wort, das sie
eben gesprochen hatte, fhlte sich beglckt durch den gromtigen Entschlu, der
sich darin uerte, und schied, wie er sagte, gehoben und gerhrt.
    Auf dem Gange traf er Schimmelreiter samt Gattin und Bozena. Die
Neuvermhlten waren in voller Gala gekommen, um dem Frulein Heienstein fr die
Huld zu danken, die sie ihnen gestern durch ihre Anwesenheit beim Hochzeitsfeste
erwiesen hatte.
    Unterwegs trafen sie die Magd und vermochten sich, wie es schien, vom
Gesprche mit ihr gar nicht loszureien. Die kleine dicke Frau Kathi, deren
Gesicht bei Tageshelle glnzte, als htte sie es in l gebadet, hielt Bozenas
Rechte fest in ihren fetten, mit gestrickten Handschuhen bekleideten Hnden.
Dabei blickte sie mit dem Ausdruck berstrmender Liebe, Begeisterung und
Andacht zu der Riesin empor.
    Schimmelreiter umkreiste die Gruppe stolz und zrtlich wie ein Schwan sein
Nest und sagte alle Augenblicke zu Bozena: Verehrte Freundin!
    Es war also ausgemacht: Bozena blieb, aber ihre Stellung im Hause erlitt
eine Vernderung. Der geringste Lohn, den die Tugend fr mannigfache Entbehrung
ansprechen darf, ist wohl der, die Snde erinnern zu drfen an die
Unbersteiglichkeit der Kluft, die sie voneinander trennt.
    Alsbald ereignete sich etwas Seltsames, man knnte es fast ein Wunder nennen
Das Frulein verlor ihrer Dienerin gegenber die Sprache und das Augenlicht. Und
wenn Bozena noch so dicht vor ihr stand und wenn sie ihr ein Glas Wasser
darreichte oder einen Befehl einholen wollte, um die Antwort auf eine
eingetroffene Erkundigung bat, gleichviel: das Frulein war ihr gegenber mit
einer Blindheit geschlagen, vollstndiger als die Bileams, und mit einer
Stummheit, hartnckiger als die des Zacharias.
    Nach einiger Zeit freilich zeigten sich die blen Folgen dieses
Ignorierungssystems. Trotz des besten Willens, die unausgesprochenen Wnsche
ihrer Herrin zu erraten, gelang dies Bozena doch nicht immer, es gab so manches
Miverstndnis, und Regula entschlo sich endlich, andere Saiten aufzuziehen.
    Zuvor jedoch wollte sie, mute sie der Verirrten die Augen ffnen, mute
einen Funken ihrer eigenen leuchtenden Moral in die Finsternis werfen, in der
die Unselige wandelte.
    Das Frulein lie Bozena in den roten Salon bescheiden, auf dessen grtem
Kanapee sie Platz genommen hatte. Sie fand nach einem Blicke in den
Pfeilerspiegel, da sie sich gut ausnahm in dem stattlichen Raume, der
gewhnlich unbewohnt war und in dem es immer, niemand wute warum, nach pfeln
roch.
    Bozena, sprach die Dame zu der Eingetretenen nach einer Pause, in der sie
sich vergeblich bemhte, dem erstaunten, aber treuherzigen Blick zu begegnen,
den die Magd auf sie richtete, Bozena, ich war lange Zeit zweifelhaft, ob ich
Ihnen noch ferner gestatten soll und darf, bei mir zu bleiben. Ja - sehr
zweifelhaft.
    Die Rednerin wartete auf eine Einwendung, als keine erfolgte, fuhr sie fort:
Sie werden wissen warum? ... Wissen Sie warum?
    Bozena hatte die Augen gesenkt, ihre Lippen bebten leise, und sie antwortete
fast unhrbar: Ja.
    Man hat Pflichten gegen sich selbst, Bozena, nahm das Frulein wieder das
Wort, begreifen Sie das? ... Sie begreifen es vielleicht nicht - aber
gleichviel. Ich htte die meinen gegen mich nicht auer acht lassen sollen ...
und dennoch habe ich es getan, um eine Seele zu retten - die Ihre - begreifen
Sie das?
    Das Frulein hatte sich allmhlich in eine giftige und erbitterte Stimmung
hineingeredet, die durch Bozenas scheinbare Ruhe, vor allem aber durch ihr
Schweigen bedeutend erhht wurde. Sie murmelte etwas, das wie Klotz! klang,
und sagte dann laut mit beklommener Stimme, als wre der Hals ihr
zusammengeschnrt: Wenn ich soviel tue, werden Sie sich wohl bequemen, etwas zu
tun, hoff ich, Sie werden - hoffe ich, mein Vertrauen nicht mibrauchen ...
Was? unterbrach sie sich pltzlich selbst, was haben Sie gesagt?
    Nichts, gndiges Frulein, antwortete Bozena. Dunkelrote Flecken brannten
unter ihren Augen, und ihr Busen flog.
    Regula wiederholte, mit den Nasenflgeln zitternd: Nichts? - freilich ...
Ich mu Sie aber bitten, etwas zu sagen. Ich mu Sie bitten, mir das heilige
Versprechen zu gehen, da Ihr Lebenswandel in Zukunft ein - ein - sie suchte
nach einem bezeichnenden Worte, ein sittsamer sein wird.
    Bozena schwieg.
    Versprechen Sie! rief das Frulein - ihr Atem wurde immer krzer, immer
bissiger der Zug um ihren Mund -, ich fordere Ihr Versprechen, wie gesagt, Ihr
heiligstes, da Sie - da ...
    Regula hielt inne, schluckte einigemal hintereinander und sprach dann, wie
entschlossen, trotz allen inneren Widerstrebens den entscheidenden Schlag zu
fhren: Da Sie auer Verbindung bleiben ... da Sie sich nicht wieder
einlassen mit Ihrem - Geliebten.
    Das Frulein warf von der Seite einen raschen Blick nach ihrer Magd. Diese
hatte die Hand auf die Brust gedrckt, und auf ihrem Angesichte lag der Ausdruck
eines Schmerzes, den das Menschenwort nicht ausspricht, jenes Schmerzes, der
stumm zum Himmel schreit.
    Nein! Nein! ... Htte Regula gewut, was sie tat, sie htte es nicht getan,
nicht einmal sie, die herzlose Drahtpuppe!
    Frulein! rief Bozena, einen Augenblick fassungslos, auer sich. Bald
jedoch kehrte ihr die Macht der Selbstberwindung zurck. Mit gewaltig
erzwungener Ruhe in Ton und Haltung, mit einem Klang der Wahrheit, der das
eingefleischte Mitrauen htte berzeugen mssen, sprach sie: Es ist alles aus
zwischen ihm und mir, seit Jahren aus.
    Sonderbar und unbegreiflich! Regula empfand bei diesen Worten und der Art,
in der sie gesprochen wurden, die Beklemmung und das Unbehagen, die in den
Seelen engherziger Menschen die Ehrfurcht ersetzen. Von all den weisen Lehren,
die sie sich zurechtgelegt hatte, wollte ihr keine mehr einfallen. So blieb ihr
denn nichts brig, als ein Ende zu machen. Und einige unverstndliche Worte
murmelnd, entlie sie ihre Magd.
    Bozena sorgte dafr, da die Schranke, welche das Frulein zwischen sich und
ihr aufgerichtet hatte, niemals berschritten wurde. Ihr ganzes Benehmen gegen
die Herrin sagte deutlich: Du hben - ich drben. Du hast mit mir nichts gemein.
    Die Besorgnis jedoch, die Regula vor dem schdigenden Einflu der Gefallenen
empfand, beschrnkte sich auf ihre eigene Person; fr ihre Nichte schien sie von
ihm nichts zu befrchten. Das Kind befand sich nach wie vor unter Bozenas Obhut.
    Regula war eine eifrige Besucherin des Theaters, und sobald sie sich, von
Herrn oder Frau Wenzel geleitet, dahin begeben hatte, erschien Mansuet, um
Bozena und Rschen nach seinen Gemchern abzuholen. Der Alte war zu der
berzeugung gelangt, da der Unterricht, den Professor Bauer dem Kinde erteilte,
eigentlich gar kein Unterricht zu nennen war. Und das Mdchen wchst heran, soll
etwas lernen, soll auch Begriffe kriegen von Literatur. Er holte alte Hefte
herbei, in die er vor Zeiten Gedichte und Lieblingsstellen aus den Werken
vaterlndischer Autoren eingeschrieben hatte. Und whrend Bozena nhte und
Rschen eine Strickerei in den Hnden hielt, die schon ganz grau aussah, aber
durchaus nicht wachsen wollte, las er den beiden Damen vor.
    Zu den kstlichsten Bissen von Mansuets poetischem Schmause gehrte
Herkules am Scheidewege, Psychens Klagen und Amors Klage von Bergel, Die
ersten Genien der Menschen (liebenden Eltern geweiht) von Paul Lamatsch von
Warnemnde, Trinklied im Frhling (nach Hltys Trinklied im Winter):

Das Glas gefllt!
Kein Nord mehr brllt - und so weiter.

Letzter Wunsch von Charlemont, das so wunderschn begann:

Wenn sie einst naht, die dstre Abschiedsstunde,
Das Aug sich trbt und leise pocht das Herz,
Wenn banges Weh entschwebt dem starren Munde
Und jede Lust verdrungen hat der Schmerz ... und so weiter.

Oder gar Der Berggeist des weien Gebirges, Rschens Lieblingsballade, bei
welcher ihr so kstlich gruselte und bei deren letzten Strophen ihr kleines Herz
so laut pochte! - Sie rckte jedesmal ganz dicht an Bozenas Seite, wenn Mansuet
las:

Und die Sonne, blutig scheidend,
Sinket in der Berge Scho,
Und von wilden Peitschenschlgen
Widerhallt das ganze Schlo.

Da erbraust's wie Sturmestoben,
Rings erregend Angst und Graus,
Von vier Rossen fortgezogen,
Fhrt der Geist zum Schlo hinaus!

Hie es dann dem alten Freunde eine Freude machen, so deklamierte Rschen in
voller Begeisterung und mit merkwrdigem Tonfalle Osterreichs Thermopylen
(1809) von Charlemont. Wie glhten dabei ihre Wangen, wie glnzten die Trnen
in seinen Augen! Wie befriedigend endete nach einem solchen Hochgenu der Tag
fr den Greis und fr das Kind!
    Andere Male wieder wurde der historischen berlieferung ihr Recht. Mansuet
machte sein kleines Auditorium mit der ereignisreichen Geschichte der Kostka von
Postupitz bekannt. Er erzhlte, um in Rschen die Liebe zu den Wissenschaften zu
wecken und ihr einen Begriff zu geben von den Ehren, zu denen man durch sie
gelangen knne, von Johanna von Boskowitz, der berhmten btissin des
Zisterzienserinnenstiftes Maria Saal in Altbrnn. Im 16. Jahrhundert lebte sie
und war so gelehrt, da ihr die Philologen Opat und Kzel ihre bersetzung des
Neuen Testamentes widmeten. Auch Nachrichten aus dem Leben des groen
Kremsierers Johannes Benedikti, des weisen Bertholdus de Wischaw und des
Meistersngers Bliczkowsky wute Mansuet mitzuteilen. Ereignete es sich, da
Rschen dabei ein klein wenig schlfrig wurde, so beeilte sich der Alte, etwas
Lustigeres vorzubringen. Mit einem Sprunge versetzte er sich in das kniglich
stdtische Nationaltheater zu Brnn und zauberte Die Fee aus Frankreich, Die
Grafen Mombelli oder den Schwarzen Wundermann herbei, um seinen Liebling zu
ermuntern.
    Es waren kstliche Abende, diese bei Mansuet, am schnsten aber wurden sie,
wenn Bozena das Wort ergriff. So wie Bozena, meinte Rschen, knne niemand
sprechen, denn sie sprach ihr von ihren Eltern. Und auch Mansuet hrte sich
niemals satt an ihren Mitteilungen ber das geliebte Paar.
    Sagen Sie mir nur, fragte der Alte, wie war das, als der Herr Leutnant
fort mute ins Feld?
    Wie ich schon oft erzhlt habe: traurig war's, erwiderte Bozena. Der
Doktor hat es dem Herrn Leutnant schon gesagt gehabt: Sie mu sterben, und ich
hab es von selbst gewut ... Der Herr Leutnant hat sich beim Abschied sehr
zusammengenommen.
    Freilich, ein Soldat! murmelte Mansuet.
    Er hat sie ganz sanft gekt und nur gesagt: Leb wohl und schone dich. Sie
hat ihm auch das Herz nicht schwer machen wollen und von nichts gesprochen als
vom Wiedersehen. In ihm war alles wie eingefroren. Doch als er gehen will,
streckt sie auf einmal die Arme nach ihm aus, und da verliert er seine Fassung.
    Bozena hielt inne, machte eine Bewegung mit der Hand, als ob sie etwas von
sich abwehren wollte, und fuhr aufatmend fort: Ich meinte schon, sie knne ihn
nimmermehr lassen, er knne sich nimmermehr losreien ... Sie waren wie die
Kinder. Ach - so jung - so schn - so gut - und beide nur einen Schritt vom
Grabe!
    Rschen hatte ihren Kopf in Bozenas Scho gelegt, jetzt erhob sie ihn und
sagte mit seligem Lcheln: So gut waren sie, Bozena?
    Und dann? fragte Mansuet.
    Dann nichts mehr. Diese da - die Magd streichelte das Gesicht des Kindes -
hat er auf den Arm genommen und sie zrtlich gekt ...
    Weil er mich so liebgehabt hat! warf das Kind voll stolzer Zuversicht ein.
    Und sie mir zurckgegeben, schlo die Erzhlerin, und gesagt: Bozena - du
wirst sorgen!
    Ein langes Schweigen trat ein. Rschen schien eingeschlummert. Pltzlich
aber ffnete sie die schlaftrunkenen Augen und sprach, zu Bozena emporblickend:
Bei der Hochzeit meiner Eltern warst du gewi Brautjungfer!
    Mansuet und Bozena tauschten einen raschen Blick; der seine hatte den
Ausdruck der Bestrzung, der ihre war finster und verwirrt.
    Nicht wahr? lallte Rschen mit schwerer Zunge und senkte die mden Lider.
    Bozena beugte sich ber sie: Nein, Kind - nein.
    Warum nicht?
    Es htte sich nicht geschickt.
    Das Kind hauchte leise ein zweites Warum? und schlief schon fest, als es
kaum ausgesprochen war.
    O Herr Mansuet! begann Bozena nach einer Weile und ffnete dem Getreuen
zum erstenmal ihr verschlossenes Herz. - In der Nacht meine ich oft, die Worte
meines Herrn zu hren: Bozena, du wirst sorgen. Damals, wie er sie gesprochen
hat, da habe ich nur gedacht: Natrlich. - Und jetzt sind mir die Hnde
gebunden, jetzt ist alles verloren, ich kann fr niemand mehr sorgen, keinem
mehr helfen; denn ich bin - verachtet!
    Sie? rief Mansuet.
    Ja, ja, ich bin's! Wenn eines noch so hart ist gegen sich selbst - das
fhlt's doch! ... Ich hab das Unglck der Mutter auf dem Gewissen und das
Unglck des Kindes dazu! ... Ich kann nichts mehr tun fr das Kind ...
    Was wollten Sie denn tun, Bozena?
    Ihm helfen zu seinem Recht - was sonst?
    Wie? ... dem Frulein zum Trotz ...
    Nicht ihr zum Trotz! Mit ihrem Willen. Ich htt's von ihr erlangt ... Noch
ein paar Jahre, Herr Mansuet, und was ich ihr geraten htt, das htte sie getan.
Glauben Sie's oder nicht - noch ein paar Jahre, und gefhrt htt ich sie an
einem Haar! ... Gott straft mich schwer - ich bin hilflos und gebrochen und
werde zu dem Kinde meiner Rosa niemals sagen knnen an der Schwelle des
Vaterhauses: Tritt ein, du bist daheim.
    Mansuet betrachtete sie staunend. Das also hatte sie sich zugetraut? Darum
also die schweigende Unterwerfung, der widerspruchslose Gehorsam, die stndliche
Selbstverleugnung? ... Das alles war bewut, gewollt - war die Frucht ihrer
groen Liebe und ihrer groen Reue.
    Nein, denkt er, die Bozena lernt man nicht aus.
    Der alte Mansuet drckt die Hand an seine Stirn und spricht: Wer wei! ...
Wer wei! ...

                                       15


Jahr um Jahr verging. Rschen wuchs heran, krperlich und geistig gar seltsam
ausstaffiert - mit Regulas abgelegten Kleidern, mit Mansuets wunderlichem
Wissenskrame. Die rmste Genossin eines reichen Hauses, besa sie nichts zu
eigen; als Kind auch nicht ein Spielzeug, spter keine von all den kleinen
Herrlichkeiten, die, so wertlos und so wert gehalten, ein Mdchenzimmer
schmcken und ein Mdchenherz erfreuen.
    Mansuet sparte wie ein Hamster: Fr ihre Zukunft. Jetzt, meinte er,
brauche sie nichts. Und Bozena gab ihm von ganzem Herzen recht. Man tut ihr
nichts Gutes. Sie soll sich nur gewhnen zu entbehren. Aber Rschen entbehrte
nichts, weil sie niemals etwas besessen hatte und weil ihr jede Gelegenheit zum
Vergleiche mit andern fehlte. Sie hatte nur eine Sehnsucht und auch diese halb
unbewut: die Sehnsucht nach mehr Luft, mehr Sonnenschein, als sie im dstern
Hause geno.
    Bozena fand nie Zeit, sie spazierenzufhren, und Mansuet konnte sich
nachgerade nicht mehr entschlieen, seine Stube zu verlassen. Er wurde sehr alt
und etwas geschwtzig und wiederholte tglich dieselben Spe. Das Frulein
konnte nicht im Seidenkleide vorberrauschen, ohne da er sang: Das Schiff
streicht durch die Wellen: Fidolin! Fidolin!, Schimmelreiter nicht ber den
Platz schreiten, ohne da Mansuet deklamierte: Guter Mond, du gehst so stille,
und so weiter.
    Der Sekretr hingegen blhte wie ein Jngling. Er war unbeschreiblich
glcklich mit seiner Kathi und sang ihr Lob vor jedem, der es hren, und vor
jedem, der es nicht hren wollte.
    Frulein Regula vernderte sich wenig; nur die Haut ihres Gesichtes wurde
etwas gespannter, nur ihre Zhne wurden noch etwas lnger. Wenn auch die Zahl
ihrer Jahre zunahm, die Zahl ihrer Verehrer nahm nicht ab, denn der Reichtum,
besonders wenn er in stetem Wachsen begriffen ist, erhlt immer jung.
    Die Stadt Weinberg hatte indessen teilgenommen an den Segnungen des
aufblhenden Verkehrs. Seitdem ein stattlicher Bahnhof sich dicht vor den
Anlagen erhob, seitdem der Eisenstrang die Stadt im Halbbogen umkreiste, seitdem
Telegraphendrhte Nachrichten aus allen Richtungen der Windrose ber die Kpfe
der guten Weinberger hinbertrugen, war ein gewaltiger Andrang von fremden
Zuzglern entstanden, von unternehmenden Leuten, die ihr Glck versuchen wollten
in der im Aufschwunge begriffenen Stadt. Neue Huser wuchsen wie Pilze aus dem
Boden, Regula hatte drei bauen lassen, und im Gemeinderat wurde der Beschlu
gefat, die Gasse, in der sie sich - wei und glatt wie ungeheure Bogen Papiers
- erhoben, Heiensteingasse zu nennen.
    Sooft Regula an diesen ihren Schpfungen vorbeiging, tat es ihr jedesmal
leid, da die Piett ihr verbot, in einer derselben ihren Wohnsitz
aufzuschlagen. Wie stimmten die scharfen Ecken, die geraden Stiegen, die
getnchten Gnge dieser Bauwerke mit ihrem Geschmacke berein! Im alten Hause
hatte sie sich gefrchtet von Kindheit an. Es knisterte so seltsam in seinem
Holzgetfel, es war immer etwas laut in den Dielen, in den Decken. - Als htten
die grauen Wnde von dem Leben der Menschen, dessen jahrhundertlange Zeugen sie
waren, einiges in sich gesogen, vernahm man darin jene geheimnisvollen Stimmen
des Leblosen, welche die bang lauschende Seele mit leisem Grauen erfllen.
    Aber wie gern sie es auch getan htte, Regula verlie das Haus ihrer Vter
doch nicht, die Leute htten sie vielleicht deshalb tadeln, sie fr frivol oder
piettlos halten knnen.
    brigens, was dereinst geschieht, kann niemand wissen; vorlufig ist sie
entschlossen, aus dem Familienhause erst zu scheiden - als verheiratete Frau.
Da der Augenblick, in dem sie eine solche werden sollte, sehr nahe bevorstehe,
versichern der Direktor und der Sekretr auf das bestimmteste. Dem Grafen Ronald
liefe, wie man zu sagen pflegt, das Wasser bereits in den Mund, erklrte der
erste, er wisse nicht mehr, wo aus noch ein; die grte Wohltat wrde ihm der
erweisen, der ihn aufmerksam machte, wie nah die schnste Rettung liegt.
Schimmelreiter fragte ihn, ob er sich nicht selbst dieses Verdienst erwerben
wolle? ...
    Aber der Direktor bemerkte mit Feinheit, einen solchen Eingriff in ihre
Rechte drfte ihm die Freifrau von Waffenau fglich belnehmen.
    Der Verkehr zwischen Regula und jener vielbeschftigten Dame war nicht
besonders lebhaft. Man sah einander zweimal im Jahre. Im Frhling machte das
Frulein einen Besuch in Haluschka, im Sptsommer erwiderte ihn die Baronin. Da
kam sie mit ihrem Manne und mit zweien ihrer Shne - sie hatten deren sechs -
nach Weinberg. Alljhrlich wurden nmlich ein paar andere dieser Jnglinge auf
das Gymnasium gefhrt, um dort ihre Maturittsprfung zu machen. Sie fielen
regelmig durch. Die Freifrau sagte: Ei, ei, welche Schande!
    Der Freiherr sagte: Zum Gelehrten mu man halt geboren sein, die
Weinberger wiederholten ihren alten Witz, der Baron Waffenau sei mit vier
Pferden nach Weinberg gekommen und mit zwei Eseln abgefahren - und alles war
gut.
    Die Stunden, die der Vater mit seinen Shnen in dem Tempel der
Wissenschaften zubrachte, bentzte die Mutter, um ihre Vorrte an Zucker und
Kaffee einzukaufen und einen Besuch bei Regula abzustatten. Die Baronin war eine
mittelgroe Frau mit feinen Zgen, mit dunklen, immer noch feurigen Augen und
Leberflecken auf dem Gesichte; eine unvergleichliche Hausfrau und Gattin und
eine schwache Mutter. Sie war einst sehr schn gewesen, hatte aber keinen Wert
darauf gelegt. Die Sorgen fr ihren eigenen Herd nahmen sie vllig in Anspruch;
fremdes Elend fand, soweit ihre beschrnkten Mittel es erlaubten, bei ihr Hilfe,
aber kein Mitleid, nie war ber ihre Lippen ein anderes Trostwort gekommen als:
Es ist einmal so, und - je nachdem es pate: Sie sind selbst schuld, oder:
Wer kann dafr? Gar nicht zu begreifen, ja vllig unnatrlich schien es ihr,
da eine Frau sich fr anderes lebhaft interessieren knne als fr ihren Mann,
ihre Kinder und ihren Haushalt. Sogar ihren Eltern hatte sie sich allmhlich
entfremdet. Von Rondsperg sprach sie nur, um zu sagen, da sich dort alles
wohlbefinde. Wenn Regula sich die Bemerkung erlaubte, sie habe gehrt, Frau
Grfin Mutter seien unwohl gewesen, antwortete sie: Meine Mutter hat eben
wieder einen ihrer gewhnlichen Anflle von Schwche gehabt. Das hat nichts zu
bedeuten.
    Und im stillen dachte sie: Was kmmert's dich, neugierige alte Jungfer!
    Einige Tage nach dem Gesprche zwischen Schimmelreiter und dem Direktor kam
die Baronin, diesmal zweispnnig und allein, beim Grnen Baum angefahren. Sie
lie dort ihre Equipage einstellen, trug dem Kutscher auf, sich nicht zu
betrinken, die Pferde gut zu versorgen und fr drei Uhr nachmittags alles zur
Abfahrt bereit zu halten. Sodann begab sie sich zu Fue nach dem
Heiensteinschen Hause.
    Als sie bei dem Frulein eintrat, befand sich die Baronin in groer
Aufregung und gab sich keine Mhe, sie zu verbergen.
    Sie wisse wohl lngst, sagte sie gleich nach den ersten Begrungen zu
Regula, und es sei ja ein ffentliches Geheimnis, da die pekuniren
Verhltnisse ihrer Eltern nichts weniger als glnzend sind. Dennoch habe die
Mitteilung, die Ronald ihr gestern gemacht, sie traurig berrascht -: Rondsperg
mu verkauft werden, und zwar so bald als mglich, es gibt kein Mittel, der
Familie das Gut zu erhalten.
    Regula neigte ihr Haupt und sprach: Das ist ja schrecklich.
    Wohl! rief die Baronin, und ihre Stimme verriet eine tiefe Erschtterung,
besonders wenn man an unsere alten Eltern denkt ... Aber - was ist zu tun? -
Sie glauben mir, liebe Regula, wenn ich Ihnen sage, da ich nicht gekommen bin,
Ihnen vorzuklagen.
    Regula versicherte, sie sei davon berzeugt, und die Baronin fuhr fort:
Sondern vielmehr, um Ihnen einen Vorschlag zu machen, zu dem die Lage der Dinge
meinen Bruder zwingt: Wollen Sie Rondsperg kaufen, liebe Regula?
    Das Gesicht des Fruleins leuchtete auf im Triumph glcklich erfllter
Erwartung, und die Baronin beeilte sich hinzuzusetzen: Nmlich - unter einer
Bedingung!
    Hastig fiel ihr Regula ins Wort und meinte, bevor von Bedingungen die Rede
sein knne, mte man ihr Zeit lassen, den so unerwarteten Antrag in reifliche
Erwgung zu ziehen. Noch wisse sie nicht, ob sie berhaupt imstande sei, darauf
einzugehen.
    Ei! dachte die Baronin, willst du uns zappeln lassen - willst du uns in der
Khlwanne halten, mein Schatz? und sagte mit einem scharfen Blicke und mit ganz
verndertem Tone: Das versteht sich von selbst, einen solchen Entschlu fat
man nicht von heut auf morgen. Und jetzt sagen Sie mir - wo kaufen Sie Ihren
Kaffee? Ich war mit meinem letzten Gold-Java uerst unzufrieden!
    Die Baronin erwhnte der Angelegenheit, die sie nach Weinberg gefhrt hatte,
mit keinem Worte mehr, aber Regula kam darauf zurck. Dies geschah auf dem Wege
zum Gasthofe, wohin sie die Baronin begleitete. Beide Damen traten nun aus ihrer
Reserve und verstndigten sich bald so weit, da die Baronin sagen konnte, ihr
Bruder werde in den nchsten Tagen kommen, um mit Regula zu sprechen. Das
Frulein erwiderte, es werde sie freuen, obwohl sie eigentlich Herrenbesuche
nicht empfange. Die Freifrau blieb voll Verwunderung stehen und wollte in ihrer
Aufrichtigkeit schon ausrufen: Tun Sie's getrost! Aber sie besann sich; Regulas
Miene und affektierte Befangenheit machten einen befremdenden Eindruck auf sie.
Wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke: Die Weinhndlerin hlt sich fr
gefhrlich! - und forschend betrachtete sie das gelbe Frulein ... Ihr Reichtum
hat vielleicht doch schon einen oder den andern in Versuchung gefhrt. Ja, ja,
Geld beherrscht die Welt. Wre sie nur nicht gar so reizlos - die einfachste
Lsung all der Verlegenheiten lge nahe. Der arme Ronald darf im Grunde weniger
Ansprche machen als sie, und ein Ertrinkender greift sogar nach einer - Regula.
    Schweigend erreichte man das Tor des Gasthofes. Der Wagen der Baronin war
bereits angespannt, sie bezahlte ihre Rechnung, wechselte einige Worte mit dem
Wirte und wandte sich abschiednehmend zu Regula, der sie beide Hnde
entgegenstreckte. Das Frulein legte die Fingerspitzen hinein: die leichte, aber
nicht erlernbare Kunst, einem Menschen warm und herzlich die Hand zu drcken,
verstand sie nicht.
    Montag also kommt Ronald, sprach die Baronin. Helle Trnen standen ihr in
den Augen, als sie davonfuhr. Seit der Todeskrankheit ihres ltesten Sohnes
hatte sie nicht mehr geweint. Armer Ronald! seufzte sie, das Elend, nicht das
deine - das trgest du -, aber das Elend deiner Eltern oder - diese Frau! -
Armer Ronald - welche Wahl!
    Ihr schwesterliches Herz, das lange geschlafen hatte, war pltzlich erwacht.

Die Zeit, die so vieles vollbringt, hatte dem Professor Bauer im Hause Regulas
die Stellung eines Hausfreundes gesichert, das heit, er brauchte sich nicht
mehr immer mihandeln zu lassen, er durfte manchmal selbst mihandeln. Die
schchternen Tage kamen bei ihm seltener, um so hufiger die melancholischen und
die rabiaten. Er qulte Regula oft mit seiner Eifersucht. Sie jedoch hatte sich
an seine brbeiige Anbetung gewhnt und htte sie nicht mehr entbehren mgen.
Es ist doch sehr schmeichelhaft, einen Menschen nach Willkr froh oder traurig
machen, sein Herz stellen zu knnen wie eine Uhr, zu wissen: Diese
Anhnglichkeit ist wie ein gutes Gewehr, sie versagt nie.
    Der Professor schmollte, zrnte, verlor tausendmal die Geduld, aber er fand
sie immer wieder, denn er liebte und war treu. Zur Verzweiflung brachte ihn
Regula, wenn sie ihm ihre Freundschaft anbot und sagte, sie wolle leben und
sterben wie ihre Ideale: die Kniginnen Elisabeth von England und Christine von
Schweden. Der Professor schttelte grimmig sein Haupt und erinnerte an die
Grafen Essex und Monaldeschi. Das Frulein wurde ernstlich bse und erklrte
diese beiden Herren fr Lgen der Geschichte. Hierauf entbrannte regelmig ein
heier Kampf; Ludwig Bauer schleppte alle mglichen Geschichtswerke herbei, die
Zeugnis fr die in Frage gestellten Existenzen ablegen sollten. Regula wies die
Zumutung von sich, dergleichen zu lesen; man schied voll gegenseitigen
Unwillens, und es war vorgekommen, da Professor Bauer sich durch volle drei
Tage im alten Hause nicht blicken lie wegen der Grafen Essex und Monaldeschi.
    Als er von dem bevorstehenden Besuche des Grafen Ronald hrte, geriet er in
groe Unruhe.
    Er fragte so lange: Was will er? Was hat er hier zu suchen? bis Regula
abweisend sprach: Vous m'ennuyez, cher professeur!
    Die Vorbereitungen, die zu dem Empfange des seltenen Gastes getroffen
wurden, schmerzten den tglichen auf das tiefste. Er ging, wie er pflegte, wenn
ihm das Herz gar zu schwer war, zu Bozena und sprach: Ich bitte Sie - was fllt
ihr ein? Jetzt wird das Silbergeschirr auf der Kredenz aufgestellt ... Eben bin
ich dem Hausknechte begegnet, der Teppiche aus dem Keller herauftrug ... Und die
berzge werden von den Kronleuchtern herabgenommen ... Hat man je dergleichen
gesehen? ... Was soll das alles heien, sagen Sie mir um Gottes willen?!
    Regula wute sehr gut, da der Professor bei Bozena ber sie klagen ging,
aber das kmmerte sie gar nicht, obwohl es ihr sonst schrecklich war, wenn auch
nur eine Grille etwas anderes zirpte als ihr Lob. Sie war berzeugt, diese
Klagen spricht die Liebe, und die Verschwiegenheit hrt sie an; sie sterben
innerhalb der vier Mauern der Stube Bozenas. Bei der ist ihre Herrin in guten
Hnden, niemals wird die Dankbarkeit dieses Weibes gegen sie erlschen. Bozena
wrde sich Lieber die Zunge abbeien als ein Wort des Tadels gegen sie
aussprechen, eher zugrunde gehen als nicken, wenn jemand ein ungnstiges Urteil
ber sie fllt: Regula hatte ihre Verllichkeit hundertmal erprobt.

Der Tag, an dem Graf Ronald in Weinberg eintreffen sollte, erschien, und
Frulein von Heienstein, wie die Hflichkeit ihrer Mitbrger sie nannte,
empfing zur festgesetzten Stunde ihren Gast im roten Salon.
    Sehr willkommen, Graf Rondsperg, sprach sie und verfertigte eine ihrer
vortrefflichen Verbeugungen, durch welche sie Ehrfurcht vor dem Begrten und
Selbstgefhl, gemildert durch mdchenhafte Bescheidenheit, auszudrcken wute.
    Wie schn er geworden ist! dachte sie dabei fast bestrzt und lud ihn mit
einer steifen Bewegung zum Sitzen ein.
    In der Tat, er hatte sich in den Jahren vlliger mnnlicher Reife gar
herrlich entwickelt. Noch lag der Hauch der Jugend auf seinem Angesichte, aber
aus seinem ganzen Wesen sprach energische Entschlossenheit und die Ruhe
selbstbewuter Kraft.
    Vollkommene Unbefangenheit vermag in vielen Fllen auch die erfahrenste
Weltlufigkeit zu ersetzen. Unbeirrt durch Regulas Zierereien, verstand es der
einfache Ronald, das Gesprch allmhlich auf das zu lenken, was ihm so wichtig
und so schmerzlich war: auf die Ursachen, die ihn zwangen, sich seines Gutes zu
entuern. Sodann setzte er dem Frulein die Vor-und Nachteile auseinander, die
ihr aus der Erwerbung Rondspergs erwachsen wrden. Er wies ihr nach, wie die fr
den Kauf verwendete Summe sich erst in Jahren, dann aber sicher und reichlich
verzinsen wrde.
    Regula war ihm mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt.
    Erlauben Sie! fiel sie ihm jetzt in das Wort, wenn ich die beiden nach
Ihrer Angabe zur Entlastung und Instruierung Rondspergs erforderlichen Summen
addiere, so ergibt sich der Preis, den Sie fr das Gut fordern. Gesetzt, ich
schlsse den Kauf, was bliebe dann Ihnen?
    Nichts, sagte Ronald mit groer Gelassenheit, aber glauben Sie nicht, da
ich Ihnen Rondsperg ohne Ursache so wohlfeil berliee. Meine Uneigenntzigkeit
ist eine scheinbare. Man mu dem allzu billigen Verkufer mitrauen, er
beabsichtigt vielleicht, sich bezahlt zu machen durch - Unbezahlbares.
    Regula war im Begriffe auszurufen: Zu rasch! das kommt zu rasch! als ein
verstohlener Blick auf Ronald sie veranlate, diese Worte vorlufig noch zu
unterdrcken. Auf seinen Lippen schwebte ein trauriges Lcheln, das sie
befremdete. Sie schwieg und war in Verlegenheit und hatte sonderbarerweise den
Wunsch, noch verlegener werden zu mssen.
    Ronald fuhr fort: Sehen Sie, verehrtes Frulein, als mir mein Vater vor
sechs Jahren Rondsperg bergab, tat er's im Glauben, damit ein unschtzbares
Geschenk zu machen, und als ein solches nahm ich es an. Htte ich dem alten
Manne sagen sollen: Du gibst, was dir kaum mehr gehrt, dein Eigentum ist dir
unter den Hnden zerronnen. Dein Geschenk ist eine Last; brde sie mir nicht
auf?
    Konflikt der Pflichten, murmelte Regula und bemhte sich, einen
tiefsinnigen Ausdruck anzunehmen.
    Auch Sie haben Ihren Vater geliebt! rief Ronald treuherzig, htten Sie
vermocht, ihn aus einer beglckenden Tuschung zu reien? ... Einen Greis, der,
in seinen Anschauungen befangen, die Wahrheit kaum mehr zu fassen vermchte
oder, wenn er es vermchte, unter ihrer Wucht zusammenbrche?
    Regula schlug die Augen nieder und seufzte: Was ist Wahrheit?
    Ronald hatte sich nicht unterbrechen lassen, er sprach weiter: Nein, dacht
ich; bleib in deinem Wahn und sinke sanft von ihm gewiegt in den Scho der
ewigen Ruhe, dem du so nahe stehst ... Ich meinte es durchsetzen und ihm
Rondsperg noch erhalten zu knnen bis an sein Ende - ich habe mich getuscht. Es
ist unmglich, das Gut zu behaupten, ohne meine Schwestern, ohne Menschen, die
uns Vertrauen geschenkt haben, zu benachteiligen ... So suche ich denn einen
Kufer fr Rondsperg, und da ich einen edlen Kufer brauche, bin ich gekommen,
um es Ihnen anzubieten.
    Edel mu seine Gattin sein, sagte Regula bei sich. Sie zog ihr Taschentuch
hervor, um nur irgend etwas zu tun; sie richtete ihren Blick auf das schn
gestickte R.H. in der Ecke desselben und sah im Geiste eine Grafenkrone sich
neunzackig darber erheben.
    Ronald schien eine Antwort zu erwarten, ein Zeichen der Aufmunterung, und
Regula fragte endlich: Inwiefern brauchen Sie ihn edel?
    Weil ich ihm zumute, erwiderte Ronald, einen Besitz zu erwerben, den er
nicht antreten drfte, solange meine Eltern leben. Mein Vorschlag lautet: Sie
kaufen Rondsperg, lassen aber den Kaufvertrag ein Geheimnis bleiben zwischen uns
und den von uns bestellten Zeugen. Ich verwalte vorlufig den Besitz fr Sie und
bergebe Ihnen dereinst statt des verwahrlosten ein wohlgeordnetes Gut ... Sie
werden nicht viele Jahre warten ... Ich wrde Ihnen ein treuer Verweser sein -
es gibt nichts, das ich nicht fr die tun mchte, der meine Eltern es verdanken,
da sie sterben drfen auf ihrer heimatlichen Scholle.
    Regula fragte sich, ob diese letzten Worte nicht beinahe ein Eheversprechen
enthielten - wenn man es so nehmen wollte? Sie sann und sann. Ganz so, wie sie
sich's gedacht, war die Sache nicht gekommen. Eigentlich schlug ihr der Graf
einen guten Handel vor - unter einer sentimentalen Bedingung. Das letztere tut
er im Vertrauen auf den Ruf, den sie geniet. Regula berlegt, da ihr Ruf von
Edelmut und Seelengre sie schon manchen Gulden gekostet hat. Diesmal trgt er
etwas ein - viel sogar. Es ist ein Zukunftskauf, der ihr angeboten wird, aber
ein glnzender. Sie kennt Rondsperg durch den Direktor so genau! ... Nur ist ihr
mit dem Kauf allein nicht gedient - als Grfin von Rondsperg gedenkt sie dort zu
residieren. Ronald sieht sie fragend an, wre jetzt nicht der Moment gekommen
fr sie - die Hand auszustrecken, fr ihn - die gromtige zu ergreifen?
    Was sagen Sie, mein Frulein? spricht er.
    Ich sage - ja, lispelt sie und reicht ihm die zitternde Rechte.
    Er erfat und drckt sie herzhaft: Ich danke Ihnen!
    Eine Pause tritt ein. Sein Haupt neigt sich leise. Nun erhebt es sich
wieder, und er fhrt in entschlossenem Tone fort: Die gemtliche Seite unserer
Angelegenheit wre abgetan; die geschftliche kommt an die Reihe.
    Schon abgetan? ruft Regula unwillkrlich.
    Ronald betrachtete sie erstaunt, und sie scho bestrzte Blicke umher, denen
es nur darum zu tun war, dem seinen auszuweichen. Wahrlich, sie hate ihn
grimmig in diesem Augenblick!
    Sie fragt sich: Hat mich dieser Graf zum besten? Verbirgt sich Hohn hinter
seiner scheinbaren Offenheit? Sie sinnt bereits auf Rache, aber vor allem mu
ihre Verwirrung ihm verborgen werden. Regula lchelt sauers und spricht: Das
Geschftliche bitte ich abzumachen mit meinem Rechtsfreunde, Doktor Wenzel.
    Er ist auch der meine, erwiderte Ronald, und wenn Sie erlauben, will ich
sogleich zu ihm.
    Sie trfen ihn vermutlich auf dem Wege hierher, er wird mit uns speisen.
    Um so besser, wenn ich mich mit ihm in Ihrer Gegenwart besprechen darf. Und
wann gedenken Sie nach Rondsperg zu kommen, mein Frulein?
    Was soll ich dort?
    Es kennenlernen. Sie mssen Rondsperg gesehen haben, bevor Sie es kaufen;
darauf bestehe ich.
    Er fuhr mit der Hand ber seine Stirn und setzte nach kurzem Schweigen
hinzu: Sie werden ber die Verwahrlosung erschrecken, die Ihnen dort auf
Schritt und Tritt begegnet. Ich wre nicht gern Zeuge Ihrer ersten unangenehmen
berraschung. Gestatten Sie mir, einige Tage nach Ihnen einzutreffen, um Sie in
Ihrem neuen Eigentume zu begren.
    Regula horchte hoch auf. Alle ihre entschwundenen Hoffnungen kehrten im
Fluge zurck. Vielleicht zgert er nur noch zu sprechen; er kann es ja kaum tun,
ehe sie ihren knftigen Wohnsitz sieht und sich mit ihm zufrieden erklrt.
    Und Regula flstert schchtern: Unter welchem Vorwande knnte ich
erscheinen?
    Es bedarf keines Vorwandes. Sie werden eine Einladung von meiner Mutter
erhalten. Meine Mutter kennt unsere Lage genau! Ronald sprach rasch und mit
einer Ergriffenheit, deren vllig Herr zu werden er nicht vermochte. Obwohl sie
sich nicht darber ausgesprochen hat, wei sie, weshalb ich hier bin. Was meinen
Vater betrifft, so war es lngst sein Wunsch, Sie nach Rondsperg zu bitten. Wir
hielten ihn davon ab, meine Mutter und ich. Der Unterschied zwischen der
Gastfreundschaft die wir einst in Ihrem Hause genossen, und der, die wir Ihnen
zu bieten haben, wre zu gro gewesen.
    O Herr Graf! sprach Regula geschmeichelt, kein Wort weiter. Ich komme,
sobald die Frau Grfin mich dazu auffordert. Es sei mir jedoch gestattet, meine
kleine Nichte und eine Dienerin mitzubringen ... denn so ganz allein - das
knnte auffallen ... Meinen Sie nicht auch?
    Sie war in der heitersten Laune. Als ihre Tischgste, Doktor Wenzel,
Professor Bauer und der Direktor, eintraten, hatten ihre Wangen ein belebtes
Gelb, das den Professor entzckte. Niemals war sie ihm angenehmer und, wie er
sagte, bedeutender erschienen, ihre Augen strahlten frmlich vor Klugheit, und
sie sprach gescheite Sachen. O wie hate er den Reichtum der sie unabhngig und
zugleich fr so viele begehrenswert machte! Er htte ihre Huser verbrennen, in
ihren Geldschrank einbrechen und seinen Inhalt in alle Winde streuen mgen. Er
war berzeugt, da sie freinander geboren waren und da nichts zwischen ihnen
stand als dieser abscheuliche Reichtum. Wenn Regula zuzeiten gndig sagte: Ja,
mein Freund, ich ermesse die Tiefe der Neigung, die Sie mir weihen, whnte er
sich dem Inbegriff aller Seligkeiten nher. Ludwig Bauer glich der Kohle, die
sich in einen Eisblock verliebte und meinte, der weine vor innerer Rhrung, weil
ihre Nhe ihn tauen machte.
    Das Diner fiel vortrefflich aus. Der Tisch war tadellos gedeckt, ein
Bedienter in einfacher, gar nicht geschmackloser Livree servierte behend und
geruschlos die feinen Gerichte, die milden und feurigen Weine. Echter
Heiensteiner! rief der Direktor nach jedem Trunke begeistert aus.
    Die Herren machten der Mahlzeit alle Ehre - den Professor ausgenommen, der
sich sonst eines guten Appetits erfreute, aber heute nicht essen konnte. Er
verschlang nur Ronald - nmlich mit den Augen. Ihm schwante Bses.
    Und Ronald dachte: Dieser Mann der Wissenschaft scheint sehr aufgeregt; er
ist gewi im Begriffe, eine Entdeckung zu machen.
    Der Professor jedoch machte keine andere Entdeckung als die immer neue
seiner Liebe zu Regula.

                                       16


Die Eisenbahnfahrt dauerte nur wenige Stunden. Schon um zwlf Uhr mittags waren
die Reisenden auf der Station angelangt, wo der Wagen aus Rondsperg ihrer
wartete - eine grne Kalesche auf Schneckenfedern, mit schmalem Kutschbock, der
in der Luft zu schweben schien. Freundlich grinsend begrte der Kutscher die
Damen und hob sie in den Wagen. Mit Hilfe zweier Volontrs, die ihre Dienste
angeboten hatten, band er sodann den Koffer des Fruleins und die Reisetaschen
ihres Gefolges auf das Trittbrett fest und schwang sich auf seinen luftigen
Sitz. Die Volontrs forderten eine unverschmte Entlohnung fr ihre Mhewaltung,
Regula machte ein saures Gesicht, murmelte etwas von idyllischen Zustnden,
bezahlte, und die Equipage setzte sich in eine halb wiegende, halb schaukelnde
Bewegung, die Rschen entzckte. Trotz der Abmahnungen ihrer Tante stand sie
auf, kniete auf dem Rcksitze des Wagens nieder, lehnte sich an den Kutschbock
und begann ein eifriges Gesprch mit dem Rosselenker. Er war ein alter Mensch
mit krummem Rcken, trug einen weitlufigen Rock aus grobem grauem Tuch und auf
dem Kopf einen hohen Zylinder, den er trotz des schnen Wetters unter den Schutz
eines berzugs aus Wachsleinwand gestellt hatte, dessen Bndchen ihm gemtlich
um die Nase baumelten.
    Regula hatte sich anfangs sehr unwirsch ber die Hitze geuert, sich aber
doch nicht entschlieen knnen, den grnen Gazeschleier zu lften, unter dem sie
beinahe erstickte. Zuletzt kam sie in so ble Laune, da sie gar nicht mehr
sprach, den Fcher dicht vor das Gesicht hielt und mit geschlossenen Augen sich
in die Ecke des Wagens drckte, whrend Bozena wie eine japanische Zofe einen
groen Sonnenschirm ber dem Haupte der Herrin ausgespannt hielt.
    Rschen schwatzte indessen eifrig mit dem Kutscher weiter. Den Gegenstand
ihres Gesprchs bildeten die zwei Braunen, die in bequem zottelndem Trabe das
Gefhrt hgelauf, hgelab zogen. Sie waren beide tief eingesattelt und hatten
lange, abstehende Ohren, die sie unaufhrlich bewegten. Ihre Namen waren Kocka
und Myska (Katze und Maus), und Florian hatte sie gewartet von ihrem ersten
Lebenstage an bis zu dem ehrwrdigen Matronenalter, in dem sie jetzt standen. Er
erzhlte seiner aufmerksamen Zuhrerin, sie seien Schwestern, die eine sechzehn
Jahre - Rschen rief: Gerade wie ich! -, die andere siebenzehn Jahre alt, und
beide besen erwachsene Kinder. Als so klug schilderte er seine Zglinge, da
man wohl begriff, warum er es fr berflssig hielt, ihnen irgendwelche Leitung
oder Ermahnung angedeihen zu lassen. Die spinnen so fort, sagte er, wenn
drauf ankommt, ganze Tog, hoben Weg in die F! Lustig tanzten die Zgel auf
den Kruppen der Braunen, als htten sie nur den Zweck, ihnen die Fliegen zu
verscheuchen. Wenn Myska, was regelmig geschah, sooft es bergab ging,
stolperte, rief Florian mit geheuchelter Verwunderung: Oho?!
    Rschen meinte, die Fahrt habe kaum begonnen, als sie sich schon ihrem Ende
nahte. Man war am Ausgange eines Wldchens aus Laub- und Nadelholz angelangt.
Florian richtete sich so gerade auf, als die Beschaffenheit seines Rckens es
erlaubte, deutete mit der Peitsche auf ein groes, viereckiges Gebude, das
inmitten der Felder vor einem langgestreckten Dorfe lag, und sprach, die Brust
von Stolz geschwellt, das Haupt auf die Seite geneigt, ber die Achseln zu
Rschen: Rondsperg!
    Nun wurde ein schmaler Feldweg eingeschlagen, der sich so wunderlich krmmte
und wand, da es schien, als fhre er statt in die Nhe des Reisezieles weitab
von ihm. Kocka und Myska wuten das aber besser. Sie stieen einander mit den
Kpfen an und lieen ein gedmpftes Wiehern vernehmen, ohne bermut, aber voll
Zufriedenheit. Jedes Kind mute verstehen, da sie sagten: Wir sind zu Hause!
    Jetzt fuhr der Wagen ber eine Hutweide, auf der einige Khe ihr Futter
suchten, aber nicht fanden, wie ihre eingefallenen Flanken und ihre
schlotternden Euter bewiesen. Florian rang mit sich selbst, ob er etwas oder
nichts sagen sollte. Nach einer Weile entschlo er sich zu ersterem und erklrte
in bedauerndem Tone: Herrschaftliche Viech! -
    Doch rasch, als glte es, den unliebsamen Eindruck, den seine Worte
hervorgebracht haben mochten, schleunigst zu verwischen, streckte er den Arm mit
der Peitsche aus, beschrieb einen Bogen, der den halben Horizont umfate, und
sprach: Herrschaftliche Grund!
    Ein unabsehbares Heer aufgescheuchter, mit den Flgeln schlagender Gnse
begrte die Ankmmlinge mit lautem Geschnatter. Ohne sich davon beirren zu
lassen, liefen die Braunen ber eine breite, gelnderlose Brcke, welche die
Ufer eines seichten, sanft dahingleitenden Bchleins miteinander verband, und
einer Allee von berstndigen, meist gipfeldrren Pappeln zu, an deren Ende die
Einfahrt zum Schlosse sichtbar wurde. Es war dies ein gemauerter Bogen zwischen
zwei steinernen Sulen, auf denen verwitterte Unholde hockten, die unfrmigen
Tatzen auf Wappenschilder gesttzt, deren Embleme nicht mehr sichtbar waren. Die
Pferde lenkten ein, der Wagen rasselte ber das Pflaster des Schlohofes und
hielt unter der Einfahrt. Nachdem Florian aus allen Krften mit seiner Peitsche
geschnalzt hatte, erschien ein Diener in einem flatternden Zwilchkittel, ffnete
den Wagenschlag und half den Damen beim Aussteigen. Bozena machte sich, von
Florian auf das bereitwilligste untersttzt, mit der Bagage zu schaffen, Regula
und Rschen traten in die Halle. An beiden Seiten derselben befanden sich hohe
verhangene Glastren; eine Doppeltreppe, dem Eingange gegenber, fhrte zu dem
ersten Geschosse empor. Die Bildhauerarbeit an der Steinrampe und die
Stukkaturen an den Wnden waren so oft bertncht worden, da es kaum mehr
mglich war, ihre ursprnglichen zierlichen Formen zu erkennen.
    Vom Korridor her kamen der Graf und die Grfin herbei und blieben, ihre
Gste erwartend, auf dem obersten Treppenabsatze stehen. Regula beschleunigte
ihre Schritte nicht; langsam stieg sie hinan, warf schrge Blicke um sich und
dachte: rmlich! ... rmlich! - Voll peinlicher Ungeduld folgte Rschen der
Tante und flsterte ihr zu: Sie warten, die alten Leute warten!
    Endlich vor dem Paare angelangt, machte Regula eine tiefe Reverenz, der Graf
erwiderte sie freundlich mit entbltem Haupte, die Grfin verbeugte sich
mehrmals nacheinander; rasch und, wie es schien, unwillkrlich bewegten sich
ihre Lippen. -Wehmtig ergriffen von dem Anblick der alten Frau, trat Rschen
auf sie zu und kte ihre Hand. Der Graf bot der Tante seinen Arm, die Grfin
nahm den der Nichte, und so geleiteten sie ihre Gste zu den ihnen bestimmten
Gemchern. An der Schwelle blieb der Hausherr stehen und sprach: Es ist alles
zu Ihrem Empfange bereit, treten Sie ein, meine Damen.
    Die Hausfrau stammelte einige Worte der Entschuldigung und bat,
vorliebzunehmen.
    Unzufrieden unterbrach sie ihr Gemahl: Ohne Komplimente! Nicht wahr, meine
Damen? - Lassen Sie sich's bei uns gefallen. In einer halben Stunde wird die
Tischglocke das Zeichen zur Tafel geben. Auf Wiedersehen!
    Die Zimmer, welche die Ankmmlinge bezogen, waren gro und kahl: sie boten
die Aussicht auf den Teich des Dorfes und auf einen Teil des verwilderten Parks.
Ein kleineres, an das Rschens anstoendes Zimmer war fr Bozena bestimmt.
    Regula lie sich von dieser ankleiden und fragte spttisch: Wie gefllt es
Ihnen hier? - Ein hbsches Haus? - Ein hbscher Park?
    Dabei rieb sie sich die Hnde mit Mandelkleie und sagte zu sich selbst: Das
wird anders werden.
    Sie hatte ihre Toilette eben beendet, als eine heisere Glocke ertnte und
derselbe alte Diener, der sie am Wagen begrt hatte, die Meldung brachte, die
Suppe sei aufgetragen.
    Der Lakai war jetzt mit einem Frack nach der Fasson des Rondsperger
Schneiders angetan. Er hatte ein weies Tuch um den Hals geschlungen und trug
Gamaschen, aber keine Handschuhe. Die Wappenknpfe, die auf seiner Kleidung
angebracht waren, mochten wohl einmal versilbert gewesen sein.
    Mit einer gewissen nachlssigen Grazie geleitete der Edle, sich von Zeit zu
Zeit umsehend, ob sie ihm auch folgten, die Damen in den Salon. Der lag in der
Mitte des Gartenflgels, hatte fnf Fenster und den Umfang einer mig groen
Reitschule. An den Wnden lieen sich die Spuren einer uerst feinen und zarten
Malerei entdecken und Reste von Vergoldung an der wei lackierten Einrichtung im
Stile des Kaiserreichs. ber einem Kanapee, auf dem sechs Personen bequem Platz
gefunden htten, hing das Brustbild der Mutter des alten Grafen. Sie war als
Hebe gemalt und nur mit einer roten Echarpe aus durchsichtigem Stoff bekleidet.
Regula, deren Auge sich zufllig zuerst auf sie gerichtet hatte, dachte mit
stillem Entsetzen: Die Hebe wird verbrannt! - Und doch war dieses Bild das
einzige in dem ganzen Gemache, das nicht mit grausamer Beredsamkeit von Verfall
sprach. Die blauen Seidenberzge der Mbel, so matt und glanzlos und so
vielfach geflickt, die kunstvoll geschnitzten Trophen ber den Fenstern und
Tren, die einst kostbare Vorhnge getragen hatten und jetzt so nutzlos in ihren
eisernen Haken hingen, an den Pfeilern die halb erblindeten Spiegel, die traurig
all diese verblichene Pracht widerstrahlten, wie deutlich bezeugten sie den
Gegensatz, der hier herrschte zwischen einst und jetzt!
    Am Eingange des Saales stand das greise Ehepaar, wie es im Treppenhause
gestanden hatte. Er zufrieden und selbstbewut; sie kummervoll und beschmt. In
respektvoller Entfernung hielt sich ein groer alter Mann mit derben Zgen, das
dichte graue Haar ber der Stirn zu einer Schnecke zusammengedreht, einen
goldenen Siegelring auf dem knochigen Zeigefinger. Er wurde von dem Hausherrn
als mein Burggraf vorgestellt, und man begab sich zu Tische. Die Grfin selbst
servierte eine safrangelbe Suppe, und Peter trug mit groer Geschftigkeit die
gefllten Teller umher und schien sich nichts daraus zu machen, wenn sein heier
Inhalt seine Daumen umsplte.
    Ein burischer Gesell, Peters Gehilfe, den dieser seit langem mit wenig
Geduld und wenig Glck in die Geheimnisse seines Berufes einzufhren suchte,
schlich hinter ihm her. Peter kommandierte ihn mit Blicken, Winken und
halblauten Anrufungen, wovon eine - sie lautete: Du Ro! - vom Grafen berhrt
wurde, die Grfin in Schrecken versetzte, Regulas Indignation erweckte und den
Burggrafen ergtzte.
    Auf dem Tische stand prachtvolles Obst in Schalen aus Sevresporzellan und
dazwischen ein Bronzeaufsatz; wunderbare Arbeit aus der besten Florentiner Zeit,
ein Kunstwerk von hohem Werte.
    Regula nahm sich vor, heute noch an Wenzel zu schreiben, im Kaufvertrage sei
der Punkt, der von der Erwerbung des Schlosses samt Mobiliar handelt, ganz
besonders zu betonen.
    Und sie sprach: Ein bewunderungswrdiger Tafelschmuck! - Die Figuren sind
vorraffaelisch gedacht und knnten wohl von Donatello oder von Bruneleschi
ausgefhrt sein, wenn nicht gar von Ghiberti - ja, ich wrde es sogar wagen, sie
Benvenuto Cellini zuzuschreiben.
    Sie sind Kennerin! antwortete der Graf vergngt. Ich hatte keine Ahnung
von dem Werte dieses Dings. Ein Schurke von Antiquar, der hier herumreist und
die Schlsser unter dem Vorwande bestiehlt, er wolle Einkufe machen fr
Sabatier in Paris, hat viele tausend Francs dafr geboten. Aber wir pflegen
nicht Handel zu treiben, und ich gab Befehl, den Mann an die Luft zu setzen.
Unter anderm - sprach der Greis lebhaft zum Burggrafen -: Ist es geschehen?
Ich verga bisher, danach zu fragen: Ist es geschehen?
    Der Burggraf verneigte sich und erwiderte: Sozusagen, grfliche Gnaden.
    Whrend die Suppe gegessen wurde, stand Peter mit verschrnkten Armen am
Kredenztische und warf unverschmte Blicke auf die beiden Fremden. Dabei dachte
er: Nun, ihr Weinhndlerinnen, gefllt es euch bei uns? Habt ihr in eurem Leben
schon etwas dergleichen gesehen? ... Was sagt ihr dazu?
    Dann servierte er weies ausgekochtes Rindfleisch auf silberner Schssel und
Kohlrben in einer blauen Kasserolle mit abgebrochenem Henkel.
    Der Hausfrau standen Schweitropfen auf der Stirn, der Hausherr war in der
muntersten Laune, und als Peters Adlatus eine der Sevresschalen fallen lie und
diese zerbrach, sagte der Graf: Es tut nichts; mein Peter repariert das wieder.
Nicht wahr, Peter?
    Peter zog den Mund so schief, als wollte er sich in das Ohr beien, und
antwortete: Jo.
    Der Graf sprach mehrmals von Ronald, doch geschah dies immer in gereiztem
Tone. Er stellte selten eine Behauptung auf, ohne hinzuzufgen: Mein Sohn ist
andrer Meinung. Er bedauerte, da Ronald nicht anwesend sei, um den Damen die
Honneurs von Rondsperg zu machen - aber: Mein Sohn ist niemals da, wo er sein
sollte.
    Er kommt morgen, warf die Grfin ein.
    Ohne Notiz von den Worten seiner Frau zu nehmen, erklrte der Greis seinen
Gsten, warum er sie nicht begleiten knne bei den kleinen Ausflgen in die
Umgebung, die er ihnen zu unternehmen riet. Er hatte die Grenzen des Parks seit
dem Jahre achtundvierzig nicht mehr berschritten, denn er wollte sich nicht der
Mglichkeit aussetzen, einem Bauern zu begegnen, der sich vielleicht besnne, ob
er den Hut vor ihm abziehen solle, oder gar einem, der ein Gewehr auf dem Rcken
trge. Wenn man zu alt ist, die Anarchie zu bekmpfen, mu man zum mindesten
gegen sie protestieren. Mein Sohn freilich vertrgt sich mit ihr, setzte er
achselzuckend hinzu.
    Nach dem Speisen begab man sich in den Garten. Der Kaffee wurde auf der
Terrasse getrunken, die den Gartenflgel des Schlosses umgab und zu der man
durch die Halle und eine Salle  terrain gelangte, welche einst, ihrer khlen
Lage und freundlichen Aussicht wegen, als Sommerspeisesaal gedient hatte.
    Von der Terrasse aus berblickte man einen Teil des Parks, der allen
Anforderungen, die Jean Jacques Rousseau an einen solchen stellt, auf das
vollstndigste entsprach. Ringsum dehnte sich das fruchtbare, wohlgepflegte
Land. Da war jedes Fleckchen ausgentzt, jeder Wegrain mit Obstbumen bepflanzt.
Schwerlich htte ein Maler sich hier seine Motive geholt; die charakterlosen
Hgel in der Nhe, die grne Bergesreihe, die den Horizont mit einer fast
geraden Linie abschlo, konnten auf Schnheit keinen Anspruch machen, aber
herzerfreuend wie die Gromut, wie die Dankbarkeit war der Anblick des
tausendfachen Segens, mit dem dieser Boden die Sorgfalt lohnte, die ihm zuteil
wurde von Menschenhand.
    Der Graf blieb neben Regula stehen und sah sie erwartungsvoll an. Sie
schwieg und - schwieg.
    Er sprach endlich mit Ungeduld: Was sagen Sie zu meiner Aussicht?
    Regula liebte es nicht, interpelliert zu werden. Mit steifer Haltung und
einem bsen Lcheln antwortete sie: Wenn ich gleich Ihnen, Herr Graf, mit
Polykrates sprechen drfte: Dies alles ist mir untertnig, wrde ich ohne
Zweifel finden, da Ihre Aussicht schn sei.
    Rschen hatte sich stumm neben die Grfin gesetzt und versank ganz und gar
in Bewunderung. - So groe Weizenfelder, das ist ja eine Pracht! Und wie der
Wind spielend darbergleitet und sanfte Wellen sich bilden, die jetzt wie Silber
schimmern und jetzt wie Gold. Der Schatten einer Wolke kommt geflogen und
spiegelt sich in diesem Meere von hren. Neben den gelben Feldern stehen grne,
dazwischen farbenprchtige Mohnblumenbeete, sie wrden einen Garten schmcken!
An der Ecke der Parkmauer, wo der Weg in das Dorf fhrt, erheben sich drei
uralte Linden, ihre Zweige sind so dicht verschlungen, da sie zusammen nur eine
Krone bilden - eine Riesenkuppel ber dem heiligen Johannes aus Stein, der sein
graues Haupt zu dem Kreuz in seinem Arm demutvoll niederbeugt.
    Die vom Acker heimkehrenden Weiber, mit schweren Grasbndeln auf dem Rcken,
steigen, so mde sie sind, doch die Stufen des Standbildes hinan und kssen den
halbverlschten Namen Jesu auf seinem Sockel. Desgleichen tun die alten Bauern,
und ihre aufgeklrteren Shne entblen zum mindesten das Haupt vor dem
Schutzpatron des Dorfes. - Die Sonne neigt sich zum Untergange, immer einsamer
wird es auf den Wegen, nur einzelne Nachzgler kommen noch langsam
einhergeschritten. An ihnen vorbei galoppiert eine Schar kleiner Jungen mit
nackten Beinen; sie reiten die Pferde von der Hutweide nach Hause unter Hurra
und lautem Geschrei ...
    Rschen mchte mit ihnen jauchzen, so seelenvergngt fhlt sie sich. Sie
sieht die Augen der Grfin mit dem Ausdruck so innigen, so mtterlichen
Wohlgefallens auf sich gerichtet. Ach, knnte sie etwas tun fr die arme alte
Frau! ... Aber sie kann nichts tun, als sich zu ihr neigen und sagen: Wie schn
ist es bei Ihnen!
    Die Greisin streichelt ihr sanft die Wange - der alte Herr blickt schalkhaft
zu ihr hinber und droht ihr mit dem Finger: Oh - o diese Augen! Werden die
noch Unheil genug in der Welt anrichten? ... Sehen Sie mich nicht an, Frulein
von Fehse - sehen Sie mich nicht an!

Am nchsten Morgen, in aller Gottesfrhe, war Rschen schon im Garten, und zu
Mittag lag schon - niemand wute, durch welche Zauberknste - das Kindervolk im
ganzen Umkreise des Schlosses in ihren Fesseln. Die zwei Jngsten des Maiers
und das Allerjngste des Schmiedes und die Smtlichen des Grtnergehilfen
liefen hinter ihr her wie Hndlein. Eine kleine, kugelrunde Anitschka mit kurzem
Nschen und roten Pausbacken pflanzte sich vor dem Schlotore auf, als Rschen
darin verschwunden war, und lie sich so wenig wie eine treue Schildwache von
ihrem Posten vertreiben. Sobald der Gegenstand ihrer Leidenschaft wieder
erschien, machte sie eine dicke Lippe, ergriff eine Falte von Rschens Kleid und
watschelte so resolut neben ihr her, als hiee es nun: Durch Not und Tod!
    Whrend Rschen die Jugend bezwang, eroberte Bozena das Alter. Gleich bei
ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie des alten Grafen Gunst errungen. Er
erklrte sie sofort fr eine der gescheitesten Personen, die ihm jemals
vorgekommen seien. Sie mute sich nachmittags auf der Terrasse einfinden und die
Aussicht bewundern. Zufllig - dieser Zufall traf immer ein, sobald der Greis
zehn Worte mit einem fremden Menschen gewechselt hatte - kam das Gesprch auf
die Ereignisse des Jahres achtundvierzig. Bozena erzhlte, durch seine Fragen
gedrngt, von ihrem Aufenthalte in Ungarn, von ihrer Wanderung durch das kaum
niedergeworfene Land. Der Graf - honneur aux dames! - forderte sie auf, sich zu
setzen, und als Bozena diese Zumutung, als knne sie nur im Scherze gemeint
sein, lchelnd ablehnte, nahm der alte Herr seinen Hut ab und legte ihn neben
sich auf die Bank.
    Beim Abendessen sprach er mit Regula mehrmals von ihrer Magd: Eine Libussa,
Ihre - wie heit sie? ... Eine Frstin Libussa! ... Eine solche Dienerin macht
der Herrin Ehre. Auf Ihr Wohl, mein Frulein!
    Er leerte ein Glas sauern Landweins mit einem solchen Behagen, als verwandle
er sich auf seiner Zunge in den edelsten Johannisberger.
    Regula hatte den Nachmittag ihrer Korrespondenz gewidmet. Sie schrieb einen
langen Brief an Wenzel und einen nicht viel krzeren an Mansuet. Dem letzteren
trug sie Gre auf an alle ihre Bekannten und Verehrer. In der langen Liste der
angefhrten Namen fehlte nur der des Professors Bauer. Von diesem Getreuen
erwartete sie schon mit der morgigen Post einen Brief, den zu beantworten sie
sich vornahm.
    Ihr letzter Gedanke, als sie ihr Haupt auf das Kissen ihres drftigen Lagers
legte, war an ihn: Was wird er sagen, wenn er von meiner Verlobung hrt? ... Der
Arme - vielleicht erschiet er sich!

Es war Sitte auf Schlo Rondsperg, um neun Uhr zur Ruhe zu gehen. Drei Stunden
vor Mitternacht mute der Graf geschlafen haben, sonst hatte er, seiner Meinung
nach, nicht geschlafen. Um zehn Uhr durfte eigentlich kein Licht mehr im Hause
brennen. So war denn auch heute alles still und dunkel, als Ronald langsam in
den Schlohof ritt. Nur an einem Fenster schimmerte noch ein matter Lichtschein
wie der von einer verdeckten Lampe. Zu diesem blickte Ronald eine Weile sinnend
und zgernd empor, dann fate er einen raschen Entschlu, bergab seinen Klepper
- einen Sohn der Myska - dem herbeieilenden Florian und trat einige Minuten
spter, nach leisem Pochen, in das Schlafzimmer seiner Mutter.
    Die alte Frau sa noch angekleidet vor dem Arbeitstischchen im Fenster. Vor
ihr auf dem Nhkissen lag ein zerlesenes Buch: Albachs Heilige Anklnge. - Bei
dem Anblick ihres Sohnes fuhr sie erschrocken zusammen; er bemerkte es wohl und
sprach beklommen: Sie sind noch auf, gute Mutter ...
    Ich werde sogleich Nacht machen - wollte nur noch - wie entschuldigend
wies sie auf das Buch, ein wenig beten.
    Der Vater schlft?
    Seit einer Stunde. Sie wagte nicht, ihn anzusehen; ein Gefhl peinlicher
Furcht hatte sie ergriffen, das echt weibliche Gefhl der Furcht vor der
Entscheidung. O ging er wieder! ... O sprch er nicht! dachte sie und sagte: Es
ist spt.
    Ronald blieb trotz dieses Winkes. Er holte einen Stuhl aus der Ecke des
Zimmers und setzte sich seiner Mutter gegenber.
    Wir haben Gste? fragte er.
    Ja. Und - die kleine Waise, fgte sie mit Lebhaftigkeit hinzu, welch ein
holdes Geschpf! ... Ein Herzenslabsal, dieses Kind ...
    So? entgegnete Ronald zerstreut und suchte vergebens nach Worten. Auch er
hatte die Augen gesenkt und sah die Hnde seiner Mutter in ihrem Scho beben;
und diese welken, hilflosen Hnde raubten ihm den Mut, brachten ihn um seine
Entschlossenheit.
    Mutter und Sohn wandelten seit Jahren fast stumm nebeneinander. Was am
schwersten auf ihnen lastete, darber durften sie nicht sprechen, denn es htte
zur Klage gefhrt ber den Gatten, den Vater, und Sorglosigkeit zu heucheln
vermochten sie nicht.
    Bei ihrem Manne und bei der Tochter, die in ihrer Nhe lebte, hatte die
Grfin es endlich aufgegeben, Verstndnis zu suchen; allzu verschieden von ihr
waren sie geartet. Durch mehr als vierzig Jahre konnte sie es tglich erfahren:
Sie lieben mich, aber sie kennen mich nicht. Von der zweiten, ihrer
Lieblingstochter, war sie durch die Verhltnisse getrennt. Jahre verflossen,
ohne da sie ihres Anblicks froh wurde, Monate, ohne da Nachrichten von ihr
eintrafen. Alle an seine Frau gerichteten Briefe gingen durch des Grafen Hnde,
er bemerkte es mibilligend, wenn die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter
zuzeiten etwas lebhafter wurde.
    Eine glckliche Frau hat nichts zu schreiben, meinte er, und glcklich zu
sein ist die Pflicht einer jeden, die einen braven Mann hat.
    Es war endlich dahin gekommen, da die Grfin nur noch mit Bangen dem
Erscheinen der Briefe entgegensah, nach denen sie doch zugleich so sehnschtig
verlangte.
    Ronald sa mit gekreuzten Armen da, starrte vor sich hin und dachte: Knnt
ich ihr's ersparen!
    Zu drckend wurde dieses Schweigen; die alte Frau unterbrach es mit der
Frage: Du gehst doch morgen auf die Jagd?
    Er nickte wie geqult: Gewi - gewi.
    Seine Stimme klang so seltsam; die Grfin blickte besorgt zu ihm empor und
sah in sein bekmmertes Gesicht. Jeder seiner Zge verriet den Kampf seines
Innern - ein bitterer Vorwurf gegen sich selbst, gegen ihr feiges Zagen vor dem
eingestandenen Leid regte sich in ihr. Du armes Kind, dachte sie, und das
Mitleid mit dem Sohne gab der Schwachen Kraft, mit einemmal das Schwerste und
mit wenigen Worten alles zu sagen: Ronald - Lieber - sprich getrost. Wann
mssen wir wegziehen von hier?
    Aufatmend ergriff er mit beiden Hnden die Hand, die sie ihm reichte, und
rief: Niemals, gute Mutter! Sie werden Rondsperg nie verlassen!
    Wie kann das sein, da wir's doch nicht behaupten knnen?
    Der Kauf wird nur unter der Bedingung geschlossen, da Sie hier fortleben
genau wie bisher.
    Die Greisin schttelte bedenklich den Kopf: Wenn diese Bedingung angenommen
wurde, dann hast du sie teuer bezahlt ... Er wollte verneinen. Leugne nicht,
sprach sie, es kann nicht anders sein ...
    O Mutter, fiel er ihr mit erzwungener Heiterkeit ins Wort, Frulein
Heienstein verzichtet gern auf das Glck, in unserm alten Neste zu wohnen.
    Es wird mehr von ihr verlangt als nur das. Sie darf die Rechte, die sie
erwirbt, nicht geltend machen, wenn wir hier - wie du sagst - fortleben sollen
wie bisher.
    Auch dazu ist sie bereit.
    Weil ihr Vorteil es ihr rt. Nicht wahr? ... Nicht wahr? wiederholte sie
angstvoll. Du hast dein Eigentum verschleudert, damit zwei alte Leute ihre
letzten Jahre in altgewohnter Weise hindmmern knnen!
    Verschleudert? Was du nur denkst? Darber mache dir keine Sorgen.
    Sie seufzte schmerzlich: Unser Alter zehrt deine Jugend auf ... Stnd es
bei mir, das sollte nicht geschehen. Drft ich sprechen, ich wrde dich
anflehen, Kind: Vergeude nicht lnger dein Leben! - Geh, tausendmal gesegnet -
grnde dir eine Zukunft und la zusammenstrzen, was morsch und reif zum
Untergang ist - der Wechsel alles Irdischen verlangt sein Recht.
    Er wollte sich der Rhrung erwehren, die ihn ergriff, und entgegnete: Wie
beredt ist meine Mutter heute geworden! Und wozu? - Um zu sagen, was sie nicht
sagen darf.
    Ein leuchtendes Lcheln verklrte ihre Zge: Beredt - ja. Bin ich nicht wie
eine alte Harfe mit zerrissenen Saiten, die auf einmal zu klingen beginnt? Es
ist ein Wunder - ein gar vergngliches. Weil mir aber die Zunge gelst ist, so
hre, Sohn, deine stumme Mutter sieht und zhlt jeden Schweitropfen auf deiner
lieben Stirn, jeden unterdrckten Widerspruch, jedes still und freudig gebrachte
Opfer ...
    Pltzlich beugte sie sich nieder und prete ihre Lippen auf seine Hand.
    Im selben Augenblick lag er auf seinen Knien und schlo mit ehrfurchtsvoller
Zrtlichkeit die gebrochene Gestalt in seine Arme ...
    Und Sie, Mutter? flsterte er, leiden Sie nicht auch?
    Schweig, mein Kind! mahnte sie und zog sein Haupt an ihre Brust. Und an
diesem schweren Tage war ihnen beiden leichter ums Herz als seit langer Zeit.

                                       17


Ronald kam von der Jagd zurck. An seiner Waidtasche hingen zwei Hasen und ein
Dutzend Rebhhner und Wachteln. Er ging die Hgellehne, die zum Schlosse fhrte,
langsam hinauf, denn die Sonne stand im Scheitel, und die Hitze war gro. Sein
Hund zottelte hinter ihm her mit weit aus dem Maule hngender Zunge. Nun waren
sie am Pfrtchen in der Parkmauer angelangt, das auf die Felder fhrte. Whrend
Ronald den Schlssel aus der Tasche zog und sich bemhte, das vom letzten Regen
her noch stark verrostete Schlo zu ffnen, hatte sich der Hund hingelegt,
keuchend, mit fliegenden Flanken, den Kopf auf den ausgestreckten Vorderpfoten,
und verwandte kein Auge von seinem Herrn, der nun, im Begriffe, die Tr
aufzustoen, lchelnd zu ihm niederblickte, als wollte er sagen: Ist dir's
recht, da wir heimgekommen sind? Und Herr und Hund sahen einander an mit
inniger Freundschaft und mit einem Ausdruck so voll von Rhrung, da er sich
beinahe komisch ausnahm in den Angesichtern zweier solcher Recken. Dann gingen
sie durch verwachsene Laubgnge ber Wege, von Disteln und Hasenkraut
berwuchert, dem Hause zu.
    Ronald hatte die Terrasse erreicht und schritt dem Saal zu, der zwischen ihr
und der Halle lag. Auf der Schwelle, die Klinke der halbgeffneten Tr in der
Hand, blieb er pltzlich stehen und winkte seinem Hunde, der sogleich, wie zu
Stein geworden, sich nicht mehr regte, nicht einmal mehr keuchte, sondern seinen
Herrn mit derselben atemlosen Aufmerksamkeit anblickte, mit welcher dieser das
Bild betrachtete, das sich ihm darbot.
    Mitten im Saale auf einem Schemel sa Rschen und erzhlte einem Auditorium
von sechs kleinen Personen eine, wie es schien, bewegliche Geschichte. Ihre
Stimme hob sich hell und laut bis zu einem Ausrufe, dem eine Pause hchster
Spannung folgte, dann sank sie zu geheimnisvollem Geflster herab. Was sie
erzhlte, verstand Ronald kaum, er lauschte auch nicht ihren Worten, er lauschte
nur dieser holden Stimme, ganz ergriffen von ihrem Klang, in dem eine Flle von
Empfindungen nach Ausdruck zu ringen schien. Rschen sa von ihm abgewandt, er
konnte ihr Gesicht nur zum Teile sehen, nur den Umri ihrer zarten Wange, nur
die dunkelblonden Zpfe des reichen Haares, die ber ihre Schultern fielen, und
die Lckchen in ihrem schlanken Nacken.
    Das Publikum der Erzhlerin hingegen war eitel Neugier. Die eine der
Zuhrerinnen hatte den Zeigefinger in den Mund gesteckt, so tief es ging, ri
die Augen und blies die Backen auf und hrte zu aus allen ihren Krften. Eine
andere prete das Kinn an die Brust, glhte ber und ber, hielt beide Fuste
fest geballt, und die trotzige Ungeduld ihrer Mienen sprach: Weiter! Weiter! -
Was kommt jetzt?
    Anitschka, im hchsten Staate, mit buntem, turbanhnlich um den Kopf
gewundenem Tuche und breiter Halskrause, sa steif und feierlich neben ihrem
Abgotte. Ihr dreijhriges Schwesterchen und noch ein zweites leichtsinniges
Wesen in gleichem Alter hockten auf dem Boden und teilten ihre Aufmerksamkeit
zwischen der Rednerin und einem goldgrn schimmernden Rosenkfer, den sie in
einem Schchtelchen mitgebracht hatten und nun auf der Diele herumspazieren
lieen.
    Ronald blieb eine Weile in der Betrachtung dieser Gruppe versunken, bald
jedoch, als wrde er beschmt inne, da er hier die unwrdige Rolle eines
Lauschers spiele, zog er vorsichtig einen seiner schwerbestiefelten Fe nach
dem andern zurck und trat von der Tre weg, die er unhrbar wieder schlo. Dann
wendete er sich rasch und - - stand Aug in Auge mit Bozena.
    Sie war hinter ihm durch den Gang gekommen, ohne da er sie bemerkt hatte.
    Die beiden maen einander mit den Blicken. Fast drohend schien der ihre zu
fragen: Was hast du hier zu lauschen?
    Mit harmlosem Erstaunen schien der seine zu sagen: Warum mignnst du mir
den holden Anblick?
    Ronald legte grend die Hand an seinen Hut. Sie sind Bozena, sprach er,
wir haben uns vor zehn Jahren am Grabe Ihres Herrn gesehen.
    Bozena bejahte.
    Und die Mrchenerzhlerin dort ist das kleine Mdchen, das Sie damals vom
Friedhof hinweg in Ihren Armen trugen. Nicht wahr?
    Ja, Herr Graf.
    Wie ist die hold und lieblich geworden! sprach er mehr zu sich selbst als
zu ihr.
    Das Gesicht der Magd wurde immer finsterer; sie warf den Kopf in den Nacken,
sah Ronald wieder an wie frher, mit dem mitrauisch forschenden Blick, und
schritt an ihm vorber in den Saal.
    Ronald gab seine Jagdbeute in der Kche ab und wanderte nach seinen Zimmern.
Auf dem Schreibtische, neben den hochaufgestapelten Wirtschaftsbchern und
Rechnungen, fand er neu angelangte Briefe, alle dringenden, alle gleichen
Inhalts. Ihr sollt bald erledigt werden, dachte er und ergriff die Feder, um den
Auszug aus der Gutsbeschreibung zu beenden, die er fr Regula entworfen hatte.
Die Arbeit wollte nicht vom Fleck gehen; lcherlich zu sagen, denn - wer knnte
diese optische Tuschung erklren? - ber die Katastralmappe, auf die er von
Zeit zu Zeit einen Blick werfen mute, sah er ganz deutlich kleine braune Locken
fliegen, wie man sie doch nur, natrlich gekruselt und seidenweich, im Nacken
eines Mdchen schimmern sieht ... Und auf dem lnglichen Viereck, das
kyrillische Buchstaben als Wiese bezeichneten, lagen Rosen - Rosen die Flle
... Eine Knospe darunter, die aufgeblhten alle an Schnheit berstrahlend,
wunderbar in sich geschlossen, den grnen Kelch in zartes Moos gehllt. Sie
schien sich leise zu regen, ihr duftendes Blttergefge sich zu lsen, sich
atmend zu entfalten unter seinem Blicke ... Wie kindisch doch und strend, solch
ein miges Spiel der Phantasie! - Am strendsten aber und wirklich unertrglich
ist ein Vorwurf, den er sich machen mu. Seine Mutter hat gestern zu sprechen
begonnen von einem jungen Geschpf, einem Kinde, dessen Anwesenheit fr sie ein
wahres Herzenslabsal sei, und er, nur mit dem beschftigt, was er selbst zu
sagen hatte, schenkte ihr kein Gehr. Ein Unrecht, das er sogleich gutmachen
will.
    Er hat sich rasch umgekleidet und schreitet durch die Halle; hei strmt die
Luft ihm entgegen, die Hitze ist drckend, ein schweres Gewitter steigt am
Horizonte auf; wie dichter bleigrauer Qualm trmen die Wolken sich bereinander,
dazwischen schieen Blitze ihre glhenden Pfeile.
    Ein Knecht rennt ber den Hof und ruft Ronald zu: Das kommt! Das kommt!
    Ronald stieg die Treppe empor und begab sich nach dem Zimmer seiner Mutter.
Er fand sie nicht allein, das Frulein von Fehse leistete ihr Gesellschaft; sehr
angenehme, wie es schien, denn beide lachten herzlich. Die Wnde haben Ohren,
aber keine Zungen, sonst htten die alten ihre Bewunderung ausgesprochen ber
den ihnen vllig fremd gewordenen Schall, der heute so munter an sie anprallte.
    Die Grfin stellte Ronald ihrer kleinen Freundin vor. Diese wurde etwas
verlegen, als sie hrte, da er sie heute schon gesehen und beinahe in
Versuchung geraten war, sie zu belauschen, und sagte: Das wre nicht recht
gewesen. Er wisse das wohl, meinte Ronald, deshalb sei es auch nicht geschehen.
Sie sprachen angelegentlich zusammen, von Weinberg, von dem alten Hause, in dem
Rschen aufgewachsen, von Bozena und Mansuet. So unbefangen auch ihr Auge dem
seinen begegnete, es lag etwas in ihrem ganzen Wesen, das sagte: Wie weit bist
du mir jungem Kinde berlegen und lssest mich's doch nicht empfinden! - Ihn
aber mache der Anblick dieses anmutigen Rschens gar nachdenklich: Fr wen bist
du erblht in Dunkel und Stille? Welche Hand ist bestimmt, dich einst zu
pflcken? O wr sie stark, dich zu behten im rauhen Leben ... O wr sie zart,
den Schimmer nicht abzustreifen, der wie Himmelsabglanz dein Wesen verklrt, ja,
stark und zart, und bewahrte dir die Unschuld deiner Seele!
    Das Gewitter war immer nher gekommen und stand nun senkrecht ber dem
Schlosse; keine Pause mehr zwischen dem Aufleuchten des Blitzes und dem Rollen
des Donners. Die Grfin und Rschen waren an das Fenster getreten und blickten
hinaus, als pltzlich ein harter, rasselnder Schlag niederfuhr, der das Haus bis
in seine Grundmauern erschtterte. Der Graf strzte mit den Worten herein: Das
hat eingeschlagen! Ronald eilte aus dem Zimmer, und sein Vater rief ihm nach:
Im Gartenflgel war's! ... Nein - nein! hrte man ihn schon aus der Ferne
antworten. - Doch! schrie der Graf, im Gartenflgel! Und so rasch er konnte,
gefolgt von seiner Frau und von Rschen, lief er in den Saal hinber. An der
Altantre angelangt, schlug der Greis die Hnde laut zusammen und jammerte:
Meine Linden brennen! ... Der Sturm erhebt sich - kein Tropfen fllt vom
Himmel, wir haben so lange Drre gehabt ... Meine Linden sind verloren!
    In der Tat, der groe Ast des mittleren der Bume, der wegstrebend aus der
gemeinsamen Krone einen buschigen Bogen ber die Strae bildete, stand in
Flammen. Knechte und Landleute hatten sich um die Linden versammelt, blickten
hinauf, schttelten die Kpfe und teilten einander mit: Dort oben brennt's.
Jetzt aber drngte sich ein Mann durch die Gruppe der migen Zuschauer, erstieg
den Sockel der Johannesstatue und schwang sich von da aus in die Zweige, in
denen er verschwand. Bald sah man ihn in der halben Hbe des vom Sturme
gerttelten Baumes auf einem Ast stehen und gegen den brennenden wuchtige
Beilhiebe fhren, um ihn vom Stamme zu trennen.
    Wer ist der Narr? fragte der Graf mit schlecht verhehlter Besorgnis.
    Es ist Ronald, antwortete die Grfin, kaum des Wortes mchtig. Eine kleine
Hand streckte sich nach der ihren aus, Sttze bietend und - suchend, und die
alte Frau blieb, an Rschen gelehnt, in stummer, von dem Kinde treulich
geteilter Angst im Fenster stehen.
    Die Leute unten hatten inzwischen Feuerhaken herbeigeholt und zerrten aus
allen Krften an den ihnen erreichbaren Zweigen des brennenden Astes. Das Feuer
griff immer weiter um sich, beleckte schon das drre Holz am Stamme, loderte
schon zu Ronalds Fen empor ... Da strmte, wie aus pltzlich geffneten
Schleusen, ein Platzregen aus den Wolken nieder, und fast zugleich strzte
rauchend und prasselnd der gewaltige Ast unter weithin vernehmbarem Gekrache zur
Erde. Die Heldenschar am Fue der Linde machte sich ber ihn her und lschte die
aufzngelnden Flammen, die noch um den Leichnam ihres Opfers kmpften.
Erstaunliche Ttigkeit entfalteten dabei der Burggraf, Kutscher Florian, vor
allen jedoch - Meister Peter.
    Von dem Augenblicke an, da der Regen zu strmen begann, war der Graf
ungeduldig geworden.
    Da haben wir's! rief er, der Himmel lscht selbst, was er angezndet hat
... Warum mir meine schnste Linde ruinieren? ... Er wandte sich um - - und sah
mitten im Saale, mglichst fern von Fenstern und Tren, eine schwarz verhllte
Gestalt auf einem Sessel sitzen. Whrend die Anwesenden das Schauspiel an der
Parkmauer mit leidenschaftlichem Interesse verfolgten, mute sie sich, von ihnen
unbemerkt, eingefunden haben.
    Frulein Heienstein? fragte der Graf.
    Jawohl, antwortete eine Stimme unter der seidenen Mantille hervor, die
ihre Eigentmerin sich um den Kopf gewickelt hatte. Aber - sprechen Sie nicht!
Der geringste Luftzug knnte einen Blitzstrahl herbeilocken.
    Der Graf versicherte, das Gewitter sei vorbergezogen, und bat sie, sich zu
developpieren.
    Die Grfin und Rschen halfen ihr bei dieser Operation, denn allein
vermochte sie sich nicht zu helfen. Sie war noch zu angegriffen und stammelte
nur mit bleichen Lippen: Ich glaubte, mich in das grte Gemach des Hauses
flchten und mich in Seide isolieren zu sollen ... wegen der gefhrlichen
Elektrizitt, Herr Graf, welche jetzt ber unserer Atmosphre schwebt.
    Bravo, bravo, mein Frulein, sagte der Greis, das ist Vorsicht - deren
Verwandtschaft mit der Weisheit wir kennen.
    Jetzt kam der Burggraf, pustend und sich den Schwei von der Stirn wischend:
Keine Gefahr mehr! ... Wir haben alles gerettet!
    Ihr habt! Ihr habt! - Der liebe Herrgott hat! - Ihr habt nichts getan als
Unsinn, mir meinen Baum verstmmelt ... Gibt es denn keine Feuerspritze? Hat
keiner von den Dummkpfen an eine Feuerspritze gedacht? rief der Graf zornig -
in diesem Augenblicke war das nchstliegende Auskunftsmittel ihm selbst
eingefallen.
    Die Feuerspritze ist noch nicht zurck von dem Waldhof, wohin sie gestern
geschickt wurde, weil ein paar leere Bauernscheunen brannten - ganz
unntigerweise - ich hab es gleich gesagt, versetzte der Burggraf.
    Sein Herr fuhr ihn an: Da haben Sie etwas Sauberes gesagt! ... Aber lassen
Sie das jetzt gut sein. Kmmern Sie sich auch ein wenig um mich - sorgen Sie
dafr, da endlich aufgetragen werde. Meine ganze Hausordnung ist gestrt ... Wo
bleibt Peter?
    Trotz aller Eile, mit der man nun das Auftragen des Mittagsmahles betrieb,
wurde es vier Uhr, bevor die Herrschaften sich zu Tische setzen konnten. Der
Gewitterregen war in einen dichten, anhaltenden Landregen bergegangen, man
mute den Rest des Tages im Zimmer zubringen, was die ble Laune des Grafen
nicht wenig erhhte.
    Er hatte Ronald mit den Worten empfangen: Trop de zle, mein guter Ronald -
trop de zle, und sah ihn, schmollend wie ein Kind, entweder verdrielich oder
gar nicht an. Der Nachmittag drohte langweilig zu werden; die Gesellschaft hatte
sich in den groen Saal begeben. Regula dachte im stillen darber nach, ob
Ronald sie wohl verstehe. Der Graf vertiefte sich in die erstaunlichen
Kombinationen eines Kapuzinerspieles, auch die Grfin und Ronald schwiegen. Da
sagte Rschen, die bisher ganz still und nachdenklich gewesen war, pltzlich:
Es war schrecklich, das Gewitter!
    Haben Sie Angst gehabt? fragte Ronald.
    O sehr, erwiderte Rschen, um Sie!
    Regula warf ihrer Nichte einen mibilligenden Blick zu, der Graf jedoch hob
den Kopf empor, und ein schalkhaftes Lcheln erhellte sein altes Gesicht. Seine
Liebe zu seinen Kindern kam ihm augenblicklich zum Bewutsein, sobald andere
ihnen Teilnahme zeigten. Mit unnachahmlicher Liebenswrdigkeit sagte er zu
Rschen: Erlauben Sie, mein Frulein, da ich Ihnen im Namen dieses Landjunkers
ohne Lebensart ergebenst danke!
    Seine Verstimmung war wie durch Zauber verschwunden, er machte Frulein
Heienstein frmlich den Hof, was sie entzckte, und bat sie endlich, eine
Partie Bzique mit ihm zu spielen: Um die Ehre natrlich. Ronald knne
indessen der Grfin und Rschen etwas vorlesen. Etwas Heiteres, etwas von
Kotzebue. Nur mit deinen Klassikern verschone die Damen!
    Der Graf und Regula gingen an den Spieltisch, der in einer Ecke des Saales
stand, und Ronald erkundigte sich nach Frulein Rschens Geschmack in der
Literatur. Die Schlerin Mansuet Weberleins legte arglos ihre Kenntnisse an den
Tag, und welch eine drollige Rarittensammlung kam da zum Vorschein! Ronald
konnte sich nicht genug wundern. Dieses reichbegabte, begeisterungsfhige
Geschpf hatte in die lichte Zauberwelt der Poesie niemals einen Blick getan;
fremd geblieben war ihr alles Schne, was je gesungen und gesagt worden.
    Nach kurzem Besinnen holte Ronald ein stattliches Buch herbei; vielgelesen
gab es Zeugnis von der Freundschaft, in welcher sein Besitzer zu ihm stand. Es
enthielt einfache und hehre Gesnge aus uralter Zeit. Teils las, teils erzhlte
Ronald dem freudig blickenden Mgdlein von den Kmpfen herrlicher Helden um
ein zauberisches Weib, um eine Stadt, die mit dem Urbilde der Schnheit das
Verderben in ihre Mauern aufgenommen; vom unvershnlichen Ha der Menschen und
der Gtter - aber auch von Vaterlandsliebe, huslicher Tugend, von Kindes- und
Gattentreue. Er las, wie der tapferste all der Knigsshne, die hinauszogen, um
ihren bedrngten Herd zu verteidigen, Abschied nahm von seiner Gattin und von
seinem lieben Kinde, wie er es gekt und sanft in den Armen gewiegt ... Ein
tiefes Atmen, ein leises Schluchzen unterbrach Ronald. Rschen, die ihn eben
noch mit leuchtenden Augen angesehen hatte, sa nun da mit gesenkten Lidern,
bebenden Lippen und rang mit ihren Trnen.
    Die Grfin legte den Arm um sie, Ronald sprang bestrzt empor ...
    Double Bzique! rief der Graf triumphierend und lachte aus vollem Herzen:
Sie htten das verhindern knnen, mein Frulein!
    Aber das Frulein war zerstreut gewesen. Sie hatte, statt ihr Aufmerksamkeit
auf das Spiel zu konzentrieren, Ronalds verwnschtem Tik-tak-tak zugehrt, wie
der Graf, den Silbenfall des Hexameters nachahmend, sagte.
    O Herr Graf! sprach Regel, ihre Karten auf den Tisch legend,
verunglimpfen Sie nicht den traulichen Snger von Chios!
    Sie wnschte, da Ronald weiterlese, aber dieser entschuldigte sich und sah
dabei so verlegen, ja fast verstrt aus, da Frulein Heienstein der Behauptung
des Grafen, eine gelehrte Dame wie sie imponiere seinem Sohne viel zu sehr,
allen Ernstes Glauben schenkte.
    Rschen blieb den Rest des Abends schweigsam; sie hatte einen mchtigen
Eindruck empfangen, einen Blick in eine neue Welt getan, Gestalten, von
unsterblichem Leben erfllt, gro in Tugend und Schuld, an sich vorberwandeln
gesehen. Und aus dem Bilde voll Erhabenheit und Glanz war, umstrahlt von der
Majestt des Schmerzes, ein liebes, schnes Menschenpaar hervorgetreten und
hatte sie an eine Erinnerung aus frhen Kindertagen gemahnt, die in ihr noch
dmmerte.
    Es hat Sie allzusehr ergriffen, sagte Ronald zu Rschen, den Abschied des
Kriegers von Frau und Kind wollen wir nicht mehr lesen.
    Im Gegenteil, noch oft, sehr oft! erwiderte sie.
    Ronalds Gedanken beschftigten sich noch lange mit ihr und kamen auch immer
wieder auf eine vorlufig noch fiktive Persnlichkeit, auf den Mann zurck, der
sie einst heimfhren sollte. Wird er seines Glckes wert sein? - Wird er es zu
ermessen verstehen? ... Der Beneidenswerte! - nicht das Leben nur darf er sie
kennenlehren, auch dessen verklrtes Bild, die Poesie. Wei unter Hunderten
einer, was das bedeutet? Was es bei ihr bedeuten wrde?

Im Laufe des nchsten Vormittags suchte Ronald das Frulein Heienstein im
Garten auf, wo sie sich nach Bozenas Angabe befand, um ihr die inzwischen
beendete Gutsbeschreibung zu bergeben und um mit ihr die Angelegenheiten
Rondspergs zu besprechen. Regula versuchte mehrmals, der Unterhaltung einigen
Schwung zu verleihen, aber es wollte nicht gelingen. Einmal wurde Ronald sogar
frchterlich zerstreut und antwortete auf ihre Bemerkung, es gebe nichts
Trumerischeres als einen sonnigen Sommertag, besonders nach einem Regentag:
Achthundert Joch, mein Frulein! Ein paar Minuten frher waren sie Rschen und
Anitschka begegnet, die groe Strue von Wiesenblumen trugen. Rschen hatte den
ihren emporgehalten und Ronald im Vorbereilen zugerufen: Fr Ihre Mutter!
    Er wanderte weiter an Regulas Seite, und in einiger Entfernung von ihnen
ging sein Vater mit dem Burggrafen im Garten spazieren; er hatte Ronald und das
Frulein wohl bemerkt, schien ihnen aber sorgfltig auszuweichen. Eine bse
Vorbedeutung! Ronald wute, wenn der alte Herr es vormittags vermeidet, mit ihm
zu sprechen, so geschieht es, weil er etwas gegen ihn auf dem Herzen hat. Vor
Tische darf aber keine unangenehme Errterung stattfinden, das wre gegen alle
Regeln der Hygiene. rgern darf man sich ohne Schaden fr die Gesundheit erst
nachmittags.
    Bis dahin versparte sich denn auch heute der Greis das Aussprechen seines
Verdrusses; der tckische Anstifter desselben, sein Gnstling, wurde
ausnahmsweise zum schwarzen Kaffee auf die Terrasse geladen. Und kaum hatte sich
die Gesellschaft um den runden Tisch versammelt, als der Graf auch schon seinem
ihm gegenbersitzenden Sohne zurief: Unter anderm! Mir ist gemeldet worden, da
die Bauern Tag und Nacht an der Grenze jagen. Weit du davon?
    Nein, Vater, erwiderte Ronald und sah dabei den Burggrafen strafend an,
was der mit dreister Gelassenheit ertrug.
    Mein guter Sohn kmmert sich um derlei Lappalien nicht, spttelte der
Graf. Was liegt ihm daran? ... Warum sollte der Bauer nicht jagen? - Es freut
auch ihn, und seine Freude wiegt die des Edelmanns auf. Vor Gott sind wir alle
gleich. Deshalb nehmen wohl die Hannaken, wie ich ebenfalls hre, die Pfeife
nicht mehr aus dem Munde, wenn sie mit dir sprechen.
    Den Anfang seiner Rede hatte der alte Herr an die ganze Gesellschaft, ihren
letzten Satz an seinen Sohn allein gerichtet; es war ein direkter Angriff, den
Ronald mit lchelnder Ruhe hinnahm und mit dem offenen Gestndnis beantwortete:
Es kommt freilich vor.
    Der Graf schttelte sich, wie durchfrstelt von Widerwillen. Zu meiner
Zeit, fuhr er fort, steckte der Bauer, wenn er mich von weitem sah, auf die
Gefahr hin, in Flammen aufzugehen, die brennende Pfeife in seine Tasche. Dir -
klopft er sie einmal auf der Nase aus.
    Dies sollte im Scherze gesprochen sein, kam aber um so bitterer heraus, je
mehr der Graf sich bemhte, die in ihm grende Entrstung hinter seinem Spotte
zu verbergen.
    Die Grfin erbebte leise, Regula verzog den Mund und dachte: Wie kann man
sich das bieten lassen? Der Burggraf kicherte untertnig, und Rschen erschrak
und erbleichte ... Was wird geschehen? - Wird Ronald zornig auffahren gegen
seinen Vater? ... Angstvoll scho ihr Blick zu ihm hinber und traf ein ernstes,
aber unbewegtes Angesicht, auf dem ihr Auge ruhen blieb so voll Mitgefhl, so
voll Bewunderung, da der Mann unter diesem begeisterten Kinderblicke errtete
und den seinen senkte.
    Es war eine schwle Sekunde, und allen gereichte es zur Erquickung, einen
Wagen in den Hof rollen und Peter melden zu hren: Frau Baronin kummen.
    Meine Thilde! rief der Graf lebhaft und erhob sich, um die Tochter zu
begren, deren sonore Stimme sich bereits in der Halle vernehmen lie.
    Gleich bei ihrem Erscheinen erklrte die Baronin, sie kme heute weder um
Papas noch um Mamas, sondern nur um Regulas willen, auf welche sie auch zuerst
zuging und der sie flchtig einen Ku auf die Wange gab.
    Ronald und ich, rief die Freifrau, wollen diese Stdterin mit unserer
Landwirtschaft bekannt machen, fr die sie sich auerordentlich interessiert.
    Der Graf dachte zwar, davon habe er bis jetzt nichts bemerkt, aber es freute
ihn immer, wenn sich jemand geneigt zeigte, die Herrlichkeiten Rondspergs in
Augenschein zu nehmen.
    Auf den Wunsch der Baronin mute ohne Verzug angespannt werden; sie lachte,
als ihre Mutter sie bat, doch ein wenig von ihrer Fahrt auszuruhen. Was tut man
denn beim Fahren anderes als ruhen? Sie hatte keine Zeit zu verlieren,
bermorgen in aller Gottesfrhe mute sie wieder fort; denn: Wir nehmen die
Sommerbirnen ab und fangen schon Montag an, das Korn zu schneiden.
    Whrend die Baronin von der bevorstehenden Ernte sprach, hrte sie nicht
auf, Rschen zu beobachten, und zwar mit einem Interesse und einem Wohlwollen,
das ihr ein fremdes Wesen nicht leicht einflte.
    Sie hatte dem Unglck ihres Bruders heie Trnen gezollt, damit war aber
auch die Sentimentalitt abgetan; nun hie es, sich eine Rson machen, sich in
das Unvermeidliche fgen. Ronald kann nichts Gescheiteres tun, als in den sauren
Apfel beien und die Weinhndlerin heiraten. Wenn die einmal ihre Schwgerin
ist, wird Thilde sie schon dahin bringen, ihre allerliebste Nichte so gromtig
auszustatten, da sie ohne weiteres auf das Glck Anspruch machen darf, eine
Schwiegertochter der Baronin Waffenau zu werden.
    Das kann sich alles finden, dachte die praktische Frau und mahnte zum
Aufbruch.
    Auf Wiedersehen, Papa, auf Wiedersehen, Mama, auf Wiedersehen, Kleine! Sie
fuhr schmeichelnd mit der Hand ber Rschens Scheitel. Mich wundert, sagte sie
zu sich selbst, da die kluge Regula dieses bezaubernde Ding mitgenommen hat.
Ronald ist zwar sehr verstndig, aber - er ist ein Mann; und ihn so geradezu
herausfordern zum Vergleiche ... Ich htt es an ihrer Stelle nicht gewagt.
    Sie nahm Regulas Arm und fhrte sie hinweg. Frulein Heienstein aber fand,
die Baronin erweise Hflichkeiten, die sie fglich ihrem Bruder berlassen
sollte.
    Ein hoher Jagdwagen war vorgefahren; die beiden Damen installierten sich
darin, Ronald schwang sich auf den Vordersitz und ergriff die Zgel. Florian
wurde, zu seiner groen Unzufriedenheit, daheim gelassen. Er htte sich so gern
zum Cicerone des Stadtfruleins gemacht, weil der junge Herr Graf gar nicht
verstand, den Leuten, wie sich's gehrt, Sand in die Augen zu streuen.
    Das Ziel, nach dem Ronald lenkte, war ein ansehnlicher, zu Rondsperg
gehrender Hof, der von ziemlicher Hhe aus die Gegend beherrschte. Nach einer
Viertelstunde raschen Fahrens hielt der Wagen vor einem Gebude, das ehemals ein
Schlchen gewesen und spter in einen Schttkasten umgewandelt worden war.
Leere Scheunen und Stlle schlossen sich hufeisenfrmig an ihn an. In der Mitte
des Hofes stand ein Kastanienbaum, in dessen Schatten ein alter Hahn mit
gichtisch zuckenden Beinen und zerzaustem Gefieder seinen ihn umgebenden Harem
bewachte. Ein paar Schritte weiter befand sich ein Ziehbrunnen, neben dem einige
Holzrinnen, die ein Knabe mit Wasser zu fllen beschftigt war, auf dem Boden
lagen. Dieser Junge wurde herbeigerufen und ihm die Hut der Pferde anvertraut.
    Gib acht auf Kocka und Myska! rief ihm die Baronin zu und hpfte leicht
wie ein sechzehnjhriges Mdchen aus dem Wagen.
    Regula zeigte sich beim Aussteigen so unbeholfen, hatte so gar keine Ahnung,
wohin sie den Fu setzen sollte, da Ronald sich gentigt sah, sie in seine Arme
zu nehmen und aus dem Wagen zu heben, was er denn auch ohne Umstnde tat und was
ihr recht zu sein schien. Dann geleitete er sie durch das offene Tor der Scheune
zu einem mit Erlen bewachsenen Platze, der eine weite Fernsicht gewhrte.
    Von hier aus, sagte Ronald, berblicken Sie so ziemlich die Rondsperger
Flur. Die Wiese dort unten, hinter dem breiten Gerstenfeld ... Mein Gott,
Frulein, wohin sehen Sie denn? Links - noch weiter - so! ... Die Wiese dort,
die Pappeln auf jener Hgelkette, zu deren Fen Sie das Schlo sehen ... sehen
Sie es?
    Regula versicherte, sie nehme es ganz deutlich wahr.
     ... und das Flchen drben im Tale, das stellenweise herberschimmert, wo
seine Ufer sich verflachen, bilden die Grenzen Ihres Reiches. Hier, mein
Frulein, bergebe ich Ihnen Rondsperg. Die gerichtlichen Schritte macht Doktor
Wenzel, unser beiderseitiger Vertrauensmann. Fr Sie und mich ist der Kauf mit
diesem Handschlage geschlossen.
    Er reichte ihr die Hand, und seine Schwester bemerkte, da er leicht
erblate, als Regulas Hand in die seine sank. Frulein Heienstein blickte ihn
dabei an, schmachtend-erwartungsvoll, und sah so komisch aus, da die Baronin
ein Lachen verbeien mute, obwohl sie in einer Stimmung war - einer Stimmung!
... Sie htte alle Welt prgeln mgen.
    Regula warf Kennerblicke um sich, fragte vor einer Stechapfelstaude, ob dies
nicht Enzian sei; verwechselte Schierlings- mit Eibischblte und Hirse mit Raps
und erklrte zuletzt, sie msse gestehen, da sie die umliegenden Felder schn
finde.
    Sie sind leider verpachtet auf Jahre hinaus, rief die Baronin,
parzellenweise verpachtet und - unter welchen Bedingungen! ...
    Sie lief in Verzweiflung zwischen der Scheune und einem Hhnerstalle hin und
her. Das ist der gute Papa gewesen, sehen Sie - der gute Papa! Ganz Rondsperg
verpachten, was uns vor Jahren noch htte retten knnen - o eher sterben! ...
Aber hie und da einen abgelegenen Acker an einen Glubiger, warum nicht? - Dann
aber auch um ein Stck Brot! ...
    Ronald fiel seiner Schwester ins Wort. Es bietet sich jetzt die
Gelegenheit, sagte er, den grten Teil der Pchter mit geringen Opfern
abzufinden. Sie mssen es tun, Frulein. Ich rate Ihnen, diesen Ihren besten Hof
einzulsen und, wenigstens solange ich noch hier als Ihr Bevollmchtigter
fungiere, in eigener Regie zu behalten.
    Ich werde tun, was Sie mir raten, Herr Graf, sprach Regula und trat an
seine Seite, und als die beiden nebeneinander standen, dachte die Baronin: Es
ist doch nicht mglich! - Nein, es ist doch nicht mglich!
    Auch wollte ich Ihnen ankndigen, fuhr Regula fort, da mein Sekretr mit
der ersten Rate des Kaufschillings morgen frh hier eintrifft und ...
    Aber, liebste Regula! unterbrach sie die Baronin, was fllt Ihnen ein,
den Mann hierherzubestellen? Seine Ankunft wrde Aufsehen in Rondsperg machen.
Er darf nicht kommen. Ronald mu Ihren Schimmel - sie nahm sich niemals Zeit,
Schimmelreiters ganzen Namen auszusprechen - auf der Station erwarten, das Geld
in Empfang nehmen, den berbringer aber bitten, um Gottes willen wieder
heimzufahren. Wenn der Burggraf zehn Worte mit dem Sekretr tauscht, so kommt er
euch hinter euren frommen Betrug und rapportiert ihn Papa in einer Weise, die an
uns allen zusammen nicht ein gutes Haar lt!
    Ein alter Schfer, der den Tieren, die er trieb, hnlich sah, kam mit seiner
kleinen Herde den Berg herauf und wnschte guten Nachmittag. Whrend Ronald
sich mit ihm in ein Gesprch einlie, spazierte Thilde von einem Gebude zum
andern, ffnete die Tren, sah in die Fenster hinein und rief: Diese Mauer
strzt nchstens zusammen - hier braucht's einen neuen Dachstuhl - der Stall mu
eingerissen werden! ... Prickelt es einem nicht in allen Fingern? Mchte man
nicht gleich selbst Hand anlegen?
    Jetzt kam auch das Weib des Schfers herbei und begrte die Baronin mit
groen Freudenbezeugungen, brach aber sofort in heftiges Schluchzen aus und
klagte unter bestndiger Anrufung des gttlichen Heilands und der svat
panenka Maria: Da ich meine gndigen Herrschaften so selten sehe! Dreizehn
Jahr - dreizehn Jahr sind der Herr Vater und die Frau Mutter nicht mehr bei uns
gewesen ... Es ist ihnen hier zu traurig ... Freilich, wie sieht es auch aus!
    Die Baronin trstete sie: Sei ruhig, Liborka! Es wird anders werden. Nicht
wahr? sprach sie zu ihrem Bruder, der sich genhert hatte, nchstens schickst
du Maurer und Zimmerleute herauf?
    Ronald erwiderte, dies knne, mit Erlaubnis Frulein Heiensteins, schon
morgen geschehen. Frulein Heienstein aber freute sich darber sehr, erkundigte
sich nach den Ziegelpreisen und legte beachtenswerte Kenntnisse im Baufache an
den Tag.

Die Heimfahrt wurde unter tiefem Schweigen zurckgelegt. Die Baronin gab sich
ihren Betrachtungen hin und das Ergebnis derselben war: Ronald hat ganz recht,
in den sauren Apfel zu beien. Wenn meine Wirtschaft in einem solchen Zustand
wre wie die seine und mt ich, um ihr aufzuhelfen, die Frau des Teufels werden
- ich nhm den Teufel, wei Gott!
    Ronald dachte an ein Paar braune Augen, an einen leuchtenden Blick. Er
dachte: Rschen, Rschen, wie wird es dir ergehen in dieser argen Welt, du Herz
voll Mitleid, du Seele voll Begeisterung?
    Regula hingegen sagte zu sich selbst: Dieser arme Graf, man mu ihn bedauern
... Er kann nicht sprechen - aus Delikatesse ... Ich werde - es ist schrecklich
- die ersten Schritte tun mssen!
    Die Sonne stand schon ziemlich tief, als die Equipage in der Nhe des Parks
anlangte; die Baronin schrie pltzlich auf: Unerhrt! Da steht Papa mit Rschen
unter den Linden - auerhalb seiner vier Mauern, auerhalb seines freiwilligen
Kerkers ... ein Ereignis! Das ist ja ein Ereignis! rief sie dem Grafen zu, vor
dem jetzt der Wagen hielt.
    Jawohl, aber - der alte Herr deutete auf seine Begleiterin - wo es Feen
gibt, da geschehen Zeichen und Wunder. Sie befehlen, der Sterbliche gehorcht.
Jetzt jedoch bitte ich euch, mich aufzunehmen. Thilde, rume mir den Platz und
ergreife die Zgel. Mein Sohn wird die Ehre haben Ihnen auf dem Heimwege seinen
Schutz angedeihen zu lassen, oder vielmehr, ich empfehle ihn dem Ihren! sagte
er zu Rschen.
    Die Baronin hatte sich beeilt auszusteigen und half ihrem Vater in den
Wagen. Dann besann sie sich einen Augenblick und wollte schon sagen: Fahr zu,
Ronald, ich will Rschen geleiten. Aber als sie zu ihm hinaufblickte, ergriff
sie ein menschlich Rhren. Es war ein solcher Glanz des Glckes ber sein
Gesicht verbreitet, da sie dachte: Er hat der Bitternisse genug, mag er auch
einmal eine Freude haben! ... Und schon sa sie auf dem Bock und nahm die Zgel
aus Ronalds Hand. Mit einem Satze sprang er herab, die Baronin trieb die Pferde
an, und rasch rollte der Wagen lngs der Mauer des Parks.
    Ronald sah ihm nach, und ihm war zumute, als entfhre dieser enteilende
Wagen alle seine Sorgen und als stnde er nun allein und frei auf der Erde mit
dem Lieblichsten, das sie trug, und ihn berkam eine Empfindung der Seligkeit,
wie er sie nicht mehr gekannt seit seiner Knabenzeit; seit den Tagen unbewuter
Wonne, wo man sich noch nicht wundert, da man glcklich ist.
    Nicht minder froh als er schien Rschen, und als er fragte: Wohin nun?
Welchen Weg nehmen wir? antwortete sie, ohne sich zu besinnen: Den weitesten!
    Das mein ich auch, rief er, am liebsten fhrt ich Sie ber jene Berge
dort!
    Er glitt rasch mit der Hand ber die Augen. Wie wr's, was denken Sie, wenn
wir so zusammen wandern gingen, weit - weit, und erst heimkehrten in unzhlig
vielen Jahren ... Da klopfen ein Paar uralte Leute an der Pforte des Schlosses:
Wer ist's? fragt eine Stimme, die wir nicht kennen. Ronald und Rschen, die
eines schnen Abends spazierengegangen sind und lnger, als sie anfangs dachten,
verweilten auf dem Weg ...
    Traurige Heimkehr! sagte Rschen. Ihre Mutter tot - Bozena tot - und wir
so alt! ...
    Gut denn! Wenn Sie sich vor einer groen Reise frchten, so wird nur eine
kleine unternommen. Wir gehen durchs Dorf, in den Hain, ber die Hutweide zu den
Pappeln, denselben Weg von dort an, den Sie gekommen sind. Ist das recht?
    Es ist recht. Sie mssen aber nicht glauben, da ich mich vor einer groen
Reise frchte. Schon als kleines Kind bin ich aus Siebenbrgen nach Weinberg
gereist, durch ganz Ungarn.
    Ja - auf Bozenas Arm.
    Und auch zu Fue.
    Was hilft's, da Sie eine so tapfere Reisende sind, wenn Sie nicht mit mir
reisen wollen? Ronald blieb stehen und fragte pltzlich: Wissen Sie, da ich
Ihr Vater sein knnte?
    Rschen antwortete, ohne ihren Blick von dem seinen abzuwenden: Ich kann
mir meinen Vater nur denken, wie ich ihn zum letztenmal gesehen habe ... Sie
stockte.
    Erinnern Sie sich seiner?
    O ganz deutlich - und doch ... Sie hielt von neuem inne.
    Rschen, was denken Sie jetzt?
    Ob Sie ihm nicht hnlich sehen? - Er war auch jung wie Sie und war ...
Fragen Sie nur Bozena und Mansuet, die haben ihn gekannt.
    Sie schritten weiter, langsam und ernst und dabei glcklich wie Kinder.
Bauersleute gingen und fuhren an ihnen vorber, und mit jedem tauschte Ronald
einen Anruf oder einige Worte.
    Im Dorf hatte man bereits Feierabend gemacht. Vor einem hbschen Hause, das
sich durch den Anschein von Wohlhabenheit vor seinen Nachbarn auszeichnete,
saen drei Mnner auf einer Bank: Grovater, Vater und Enkel. Als Ronald sich
ihnen nherte, nahm der Greis die Pelzmtze vom Kopfe und erhob sich; der Mann
blieb sitzen, zog aber den breitkrempigen Hut grend ab. Der Jngling hatte die
Arme gekreuzt, rhrte sich nicht und blickte gleichgltig vor sich hin.
    Ronald sagte zu Rschen: Ein Beispiel fr viele. An die Art des Greises war
mein Vater gewhnt.
    Er dankte dem Grue der Mnner, trat dicht vor den Jngling und streifte ihm
ruhig das Kppchen ab.
    Nicht meinetwegen, sprach er, aber deinetwegen. Hut ab, mein Junge, wenn
dein Vater und dein Grovater ihre Hupter entblen, sonst stehst du einst mit
dem Hut in der Hand vor deinen Kindern.
    Der Bursche blickte trotzig zu ihm auf und schien von der Lehre wenig
erbaut. Aber der Grovater sagte zu seinem Enkel: Es ist dir recht geschehen.
    Ein junges Weib, das am Zaune ihres Gartens stand, ri die Augen weit auf,
als sie Ronald vertraulich mit Rschen plaudernd daherkommen sah, und rief ihm
zu: Aha! Das ist die Braut aus der Stadt. Sie stemmte beide Hnde in die
Seiten und betrachtete das Mdchen mit Wohlgefallen: Meiner Treu, eine Hbsche
haben Sie sich ausgesucht.
    Was fllt Euch ein? erwiderte er, das ist nicht meine Braut. Die wrde
mich ja nicht nehmen, die wartet auf einen Jngeren.
    Sie soll sich nicht versndigen! sprach das Weib und schien sehr
aufgelegt, Rschen eine wohlgemeinte Zurechtweisung zu erteilen. Aber Ronald kam
ihr zuvor und sagte scherzend: Die Frau meint mir's gut!
    An einem der letzten Huser des Dorfes eilte Rschen rasch vorbei - denn,
sagte sie, hier wohnt Anitschka, wenn sie mich sieht, will sie wieder mit. An
der Hand habe ich sie nach Hause fhren mssen, sie wre sonst nicht gegangen.
    Wie? fragte Ronald, Sie waren heute schon hier?
    Eben - mit Ihrem Vater.
    Armer Vater, dachte er, heute verga er seines langjhrigen Grolles, heute,
da sich das letzte Band gelst hat zwischen ihm und den Bewohnern seines
Rondsperg. Er hat, ohne es zu wissen, Abschied von ihnen genommen.
    Am Ausgange des Dorfes befand sich ein Hain, aus dichtem Gebsch gebildet,
das einzelne Buchen und Birken berragten. Ein klares Wsserchen schlang sich
durch das Gehlz, lngs seines Ufers fhrte ein Fusteig zu einem freien Platze
empor. Eine Hgellehne umschlo, eine mchtige Eiche beherrschte die grne
Bucht. Die alte Riesin streckte drohend einen abgestorbenen Zweig in die Lfte
hinaus; ihre dunkel belaubten ste verschlangen sich wie zu Schutz und Trutz.
Finster stand sie da mit ihrem zerklfteten Stamm und ihrem breiten, von manchem
Sturm arg mitgenommenen Wipfel inmitten des ppigen, strotzenden Anwuchses, und
sie schien zu sagen: Solche wie ihr hab ich schon viele kommen und -
verschwinden gesehen.
    Zu ihren Fen, unter einem schindelgedeckten Dache, erhob sich ein
Standbild der heiligen Anna, die ein Buch in der Hand hielt, aus dem sie eine
auerordentlich kleine Jungfrau Maria lesen lehrte. Die Figuren waren aus Holz
und von einem einheimischen Knstler bunt bemalt. Auf den Blttern des
aufgeschlagenen Buches stand das Abc; demjenigen treu nachgebildet, das der
Schulmeister von Rondsperg seiner Jugend vorschrieb.
    An den Bergesabhang nebenan war ein Kapellchen angebaut. Es hatte einen
niedrigen dreieckigen Giebel und wlbte sich ber einen Brunnen voll reinsten
Wassers. Rschen schpfte sogleich daraus mit der hohlen Hand. - Nein! so wie
dieser hatte sie noch nie ein Trunk gelabt. Sie kniete am Rande des Brunnens und
sah hinein. Ruhig und dunkel schimmerte der Wasserspiegel, und von der Tiefe
herauf drangen, sich regelmig wiederholend, glucksende Laute.
    Ein leises Lftchen erhob sich und rauschte wie Gesang in den Wipfeln der
Buchen und Birken und wie ein dumpfes Brausen in dem Gezweig der Eiche. Die
kecken Vglein, die darin hausten, fielen mit lustigem Gezwitscher ein und
umflogen geschftig die traulich sichere Wohnsttte, die ihnen der alte Baum in
dem Gewirre seiner ste bot.
    Rschen hatte sich auf eine der Wurzeln gesetzt, die wie gepanzerte
Schlangen aus dem Boden ragten; glckselig schaute sie vor sich hin. Eine
schlanke, blaue Glockenblume, hoch emporgeschossen aus dem Moose, schien ihre
besondere Bewunderung zu erregen; Ronald wollte sie brechen. Lassen Sie die
Blume leben! rief Rschen, es sind noch nicht einmal alle ihre Glocken
aufgeblht, und - sehen Sie nicht, wie sie sich freut, da sie dastehen darf im
khlen Schatten auf ihrem samtenen Teppich? ... Aber - fragte sie pltzlich mit
einem forschenden Blick, warum so traurig?
    O Frulein Rschen! antwortete Ronald, ich bin es lange nicht so sehr,
als ich Ursache dazu htte ... Eine trichte Behauptung - nicht wahr? beeilte
er sich hinzuzufgen, als er sah, wie bei diesen Worten die Heiterkeit auf ihrem
Gesichte erlosch. Es kann kein groes Leid sein, das nicht einmal vermag, uns
recht traurig zu machen. Und berdies - wer hat nicht seine Sorgen?
    Ich, sprach Rschen, habe bis jetzt noch keine Sorgen gehabt.
    Jetzt aber haben Sie welche? versetzte er und beugte sich lchelnd nher
zu ihr. Ein sanfter Vorwurf lag in ihren Augen, und der Seherblick der Liebe las
mit innigem Entzcken Rschens Antwort darin und alle ihre unausgesprochenen
Gedanken. Sie sagten in ihrer stummen Sprache: Wie kannst du so fragen? Weit du
nicht, da fortan deine Sorgen die meinen sind? ... Seit jetzt - seit dem
Augenblick, wo ich dich bewundert habe in deiner Gte, du starker Mann.
Pltzlich ist's gekommen und wird immer bleiben, die Empfindung stirbt nicht,
die uns beide zueinander zieht. Kann ich aufhren, das Edle zu lieben? Kannst du
aufhren zu beschtzen, was sich dir so vertrauensvoll hingegeben hat?
    In gar lieblicher Gestalt tritt die Versuchung an ihn heran, doch er mu ihr
widerstehen. Der Traum des Kindes ist zu schn, um Wirklichkeit zu werden ...
Ein Wort wrde den Zauber zerstren. Soll er es sprechen?
    Rschen hatte sich erhoben. Wir vergessen ja, da wir heute noch heim
wollen! sagte sie.
    Er ging voran, bog mit beiden Hnden die Zweige auseinander, die den
schmalen, steil aufwrts steigenden Pfad berdeckten, und bahnte so seiner
Begleiterin den Weg. Sie folgte schweigend. Hinter ihr schlugen die Zweige
wieder zusammen, und wenn er anhielt und sich umwandte, sah er sie dastehen
unter dem grnen, lebendigen Gewlbe wie ein Heiligenbild in laubgeschmckter
Nische. So bist du mein, dachte er, so bin ich allein mit dir abgeschlossen von
der ganzen Welt.
    Tiefe Stille senkte sich ber den Hain, leise nur zwitscherte noch hie und
da ein silbernes Stimmchen in den Wipfeln, bewegte sich ein Blatt an den
hngenden Zweigen der Birken; ein rosenroter Schimmer fiel durch das Dickicht,
es lichtete sich immer mehr, Ronald und Rschen traten in das Freie. - Der
Himmel war mit runden, flockigen Wolken berzogen, die im Widerschein der
untergehenden Sonne leuchtend das Firmament bedeckten wie ein ungeheures
purpurnes Vlies.
    Rschen breitete die Arme aus: Schn! rief sie, wunderbar schn!
    Ich bin so glcklich, Frulein Rschen, begann Ronald etwas unsicher und
zgernd, da es Ihnen hier gefllt. Rondsperg ist vielleicht bestimmt, Ihr
zuknftiger Aufenthalt zu werden.
    Sie sah ihn mit schmerzlichem Erstaunen an, der Ton, in dem er diese Worte
gesprochen hatte, klang so seltsam, fremd und khl.
    Es ist doch etwas Ernstes an dem, was ich vorhin im Scherze zu Ihnen
sagte, fuhr er fort. Ich mu wandern, liebes Rschen, wer wei wie bald - wer
wei wie weit ... ber die Berge, die Ihnen von den Linden aus so fern
erschienen sind. Ich gehe einer ungewissen Zukunft entgegen und darf niemandem
sagen: Teile sie mit mir. Aber das Schicksal ist mir doch gnstig ... Sie sollen
ja daheim sein an dem Orte, den ich von meiner Kindheit an geliebt habe, und ich
werde an Rondsperg nicht denken knnen, ohne zugleich an Sie zu denken ... Das
wird mir die Seele erhellen - immer und berall!
    Rschen war sehr bla geworden, ihr Herz klopfte rasch und bang, tausend
Fragen drngten sich auf ihre Lippen, doch sprach sie nur die eine aus: Sie
wollen fort?
    Nicht heute noch morgen, antwortete er hastig und beklommen, und da ich
gehe, ist ein Geheimnis, das nur Sie erfahren, weil ich vor Ihnen keines haben
will und weil ich Ihnen alles Gute zutraue, demnach auch Verschwiegenheit.
    Bestrzt erhob ihr Blick sich zu ihm, er hatte den seinen abgewendet und
eilte rasch vorwrts, sie hielt Schritt mit ihm, in wenigen Minuten war die
Allee erreicht.
    Wir sind so frhlich ausgegangen und kommen nun so traurig heim, sagte
Ronald, und ich bin schuld daran ...
    Es tut nichts, erwiderte Rschen, traurig sein ist auch gut.
    Sie sind es nie gewesen ... niemals - sagten Sie nicht?
    Sie schttelte den Kopf und lchelte ihn mit feuchten Augen an.
    O Rschen! sprach er ...
    Willkommen! rief eine Stimme, und aus dem Schlohofe trat ihnen der alte
Graf entgegen, den Hut auf dem Ohr, gerade aufgerichtet, mit Augen so frisch und
hell wie die eines Jnglings. Erbarmungslos lie er seinen Blick auf dem
Gesichte seines Sohnes ruhen und weidete sich an dessen Verwirrung mit
herzlichstem Ergtzen.
    Nun, mein Frulein, sagte er zu Rschen, ich hoffe, Sie haben meine
Begleitung bitter vermit?
    Ja - nein - - ja, stotterte sie in grter Verlegenheit und entfloh in das
Haus.
    Ich lege mich Ihnen zu Fen! rief der Greis ihr nach und klopfte mit
einer pltzlichen Anwandlung von Zrtlichkeit seinem Sohn auf die Schultern:
Nicht bel, die kleine Person - - Was sagst du? - Flt dir Aversion ein? ...
Schade!
    Er lachte, und als Ronald stockend erwiderte: Was denken Sie, lieber
Vater? sprach er: Nichts - was sollte ich denken? - ein alter Mann - wer
kmmert sich heutzutage um die Gedanken eines alten Mannes? ...
    Er sah Ronald an, und es ward ihm weich und liebevoll zumute wie lange
nicht. Basta ... Lassen wir das gut sein ... und wieder klopfte er ihm auf die
Schulter. Wir verstehen uns! Er war davon berzeugt.
    Dieses Mal aber hatte er seltsamerweise recht.

Rschen wurde aus dem Schlafe, in den sie gesunken war, sobald sie ihr Haupt auf
das Kissen gelegt hatte, durch melodische Klnge geweckt, die leise und lieblich
durch das offene Fenster hereinschwebten. Aus einem Zimmer des Erdgeschosses
stiegen sie zu der Schlummersttte des jungen Mdchens empor. Eine Geige sang in
ihrer wortlosen Sprache ein beredtes Lied ... Kein Lied der Sehnsucht und der
werbenden Liebe! - Wie innig und hei auch seine Tne erklangen, sie sprachen
nicht von den ungestmen Wnschen der Menschenbrust, sie sprachen von
berwundenem Schmerz, von gebndigter Leidenschaft, von Frieden und von seliger
Erhebung ber alles Erdenweh.
    Rschen lauschte, aufrecht sitzend auf ihrem Lager, mit halbgeffneten
Lippen, mit gefalteten Hnden. Wie durchsichtig schimmerte ihr Angesicht im
Mondenschein. Sie hrte nicht, da eine Tr aufgestoen worden, da jemand sich
nherte, sie zuckte zusammen, als eine wohlbekannte Hand sie berhrte, und - lag
im nchsten Augenblicke weinend in den Armen Bozenas. Diese schlo das Kind an
ihre Brust und sprach ihm beruhigend zu, bis Rschen in den sen und tiefen
Schlummer fiel, der sich so rasch auf mde junge Augenlider senkt.
    Bozena beugte sich ber die Schlafende: Armes Kind, streckst du die Hand
nach dem Gute deiner Feindin aus? ... Was hat der Himmel mit dir vor? - Will er
sie strafen durch dich, oder mut auch du zugrunde gehn, damit drben noch eine
steht, die Klage fhrt ber sie vor Gottes Thron? ... ber sie - und ber mich!
    Bozena rang die Hnde: O htt ich noch meine alte Kraft!
    Im Nebenzimmer hatte sich indessen folgendes begeben: Regula erhob sich,
nachdem sie eine Weile dem Spiele Ronalds gelauscht, aus ihrem jungfrulichen
Bett, zog ihre gelben Pantoffel an und trat an den Tisch, auf dem in einem Glase
eine Rose stand, die die Baronin von Waffenau ihr verehrt hatte. Diese Rose nahm
Regula und warf sie zum Fenster hinaus, das sie mglichst geruschlos geffnet
hatte. Sie dachte dabei an Des Sngers Fluch. Sodann schlpfte sie wieder
unter ihre Decke und schlief unter den Klngen von Ronalds Geige ein. Gegen
Morgen trumte sie, Napoleon I. sei angekommen und werbe um ihre Hand.

                                       18


Fremdes Eigentum! dachte Ronald, als er um die Mittagszeit, von der
Eisenbahnstation zurckkehrend, auf welcher er Schimmelreiter erwartet hatte,
ber die Rondsperger Grenze ritt. Ein Fusteig fhrte durch die Felder, den
schlug er ein. Das Korn stand dicht und mannshoch, vom Winde bewegt, beugten
sich die Halme, als ob sie grten, und trauliches Geflster erhob sich in ihren
goldig schimmernden Wogen. Wie bald, und ich werde nicht mehr dein pflegen
drfen, du mtterliche Erde, dachte Ronald.
    Wer liebt den Boden nicht, den er bebaut! Dem Landmann war zumute, als er so
dahinritt zwischen seinen Feldern, wie einem Herrscher, der scheiden mu von
seinem treuen Volke. -
    Baronin Thilde hatte soeben ihre anspruchslose Dinertoilette beendet, da
pochte es an ihre Tr, und Ronald trat ein. Sie empfing ihn mit der Frage: Nun,
das Geld erhalten?
    Ja.
    Auf dem Heimwege den Notar gesprochen? Mit den Pchtern unterhandelt?
    Mit zweien schon abgeschlossen.
    Ja, ja, es ist unglaublich, was man auf dem Lande mit barem Gelde
ausrichten kann, sagte die Baronin seufzend.
    Sie lie sich genau Bericht erstatten ber die Bedingungen, die vereinbart
worden waren, und begleitete Ronalds Auseinandersetzung mit den Ausdrcken ihrer
Zufriedenheit.
    Ist recht. - Gebhrt ihm. - Gebhrt dir. - Der Nutzen gleich gro fr beide
Teile. - Das sind Geschfte, wie ich sie liebe und wie unsereins sie machen
darf.
    Whrend des Gesprches ordnete sie auf dem Tisch die eben bentzten
Gegenstnde aus ihrer Reisetoilette, nachdem sie jeden sorgfltig mit einem
Rehfellchen abgewischt hatte, und fuhr fort: Nimm dich nur vor dem Burggrafen
in acht. Ich habe dem alten Spion anvertraut, du httest ein billiges Anlehen
gemacht, das dich in den Stand setzt, alle die Einlsungen und Bauten, die im
Werke sind, durchzufhren. Das mag er getrost rapportieren, das schadet nicht.
Da man Schulden machen msse, leuchtet dem guten Papa immer ein. - Nun aber
denk auch an dich, mein Sohn! und daran, dich selbst sicherzustellen.
    Wie meinst du das?
    Die Speiseglocke sandte ihre schrillen Tne durch das Haus, und die
Geschwister beeilten sich, ihrem Rufe zu folgen. Der Graf forderte Pnktlichkeit
von seinen Kindern, nicht er wollte sie - sie sollten ihn im Speisesaal
erwarten. Es lief niemals ohne Rge ab, wenn dieses Gesetz auch nur minutenlang
bertreten wurde.
    Hast du denn mit ihr gesprochen? fragte die Baronin im raschen
Weiterschreiten.
    Mit wem?
    Nun - mit ihr - mit der dame de vos penses ...
    Was fllt dir ein? antwortete Ronald, seine Stimme war bewegt, wie drfte
ich ... Ein solches Glck ist nicht fr mich.
    Er blieb pltzlich stehen, erfate die Hand seiner Schwester und prete sie
so gewaltig, da Thilde einen Ausruf des Schmerzes nicht unterdrcken konnte.
    Nun hre! rief die Baronin, in der das Blut der Rondsperg aufwallte, mit
heftigem Unwillen, Gott danken auf ihren Knien kann sie jede Stunde - die ...
    Sie bogen eben um die Ecke des Ganges und erblickten Regula und Rschen, die
ihnen entgegenkamen, ebenfalls auf dem Wege nach dem Speisesaal begriffen.
    Man begrte einander, und die Baronin bot Frulein Heienstein den Arm.
    Nein! dachte sie, kostbar wirst du dich nicht machen, meine Beste, schn
bitten wirst du, da man dich aufnehme, denn das Glck - ach, die Mnner sind
doch unbegreiflich! - ist ganz und gar auf deiner Seite.
    Seien Sie barmherzig, Regula, flsterte sie dem Frulein zu. Unser Recke
ist schchtern, wagt es nicht, seine Gefhle auszusprechen - man mu ihm zu
Hilfe kommen.
    Regula erwiderte: O Baronin! Ihr Gesicht glnzte von jener kalten Freude,
die befriedigte Eitelkeit allen eines tieferen Gefhls Unfhigen gewhrt.
    Schchtern ist er allerdings ber die Maen! sagte sie zu sich selbst. Er
hat nicht einmal gewagt, die Rose aufzuheben, die gestern abends aus meinem
Fenster flog. Sie lag am Morgen noch auf derselben Stelle, auf die Regula sie
geworfen hatte, und es blieb dem Frulein nichts brig, als hinzuschleichen und
das inzwischen verwelkte, verrterische Symbol ihrer Huld - wieder abzuholen.
    Ronald hatte - vermutlich um nicht unhflich zu erscheinen im Vergleiche mit
seiner Schwester - Rschen seinen Arm geboten. Die kleine Hand, die sich auf
denselben legte, zitterte so sehr, sah so schutzbedrftig aus, da es unmglich
gewesen wre, sie nicht mit der freigebliebenen Linken zu erfassen, sie nicht zu
drcken, treuherzig und warm. Und dann war es wieder unmglich, die freudige
Bestrzung zu sehen, die die Augen des Mdchens aussprachen, ohne mit innigster
Teilnahme zu fragen: Was ist Ihnen, liebes Rschen?
    Es erfolgte keine Antwort. Sehr bengstigend - - und doch auch wieder sehr
natrlich. Man war ja mechanisch weitergeschritten, man trat ja schon in den
Saal, wo der Graf und die Grfin soeben von Frulein Heienstein
bekomplimentiert wurden. Arm in Arm und Hand in Hand stand das junge Paar vor
dem alten.
    Der Vater warf einen triumphierenden Blick auf seinen Sohn - wie aus dem
Traum erwachend lie Ronald den Arm pltzlich sinken und stammelte einige
unverstndliche Worte. Die Grfin aber zog Rschen, die in lieblicher Verwirrung
auf sie zueilte, an ihr Herz.
    Zu Anfang des Mittagessens trug der alte Graf die Kosten der Unterhaltung
fast allein. Er erzhlte Anekdoten, denen man gleich anmerkte, da sie einer
bedenklichen Pointe zusteuerten, sobald er sich der jedoch nherte, hielt er
inne mit gespielter Verwirrung und sprach: Die Ehrfurcht, die ich fr Sie hege,
meine Damen, verbietet mir, Ihnen das Ende dieser Geschichte zu erzhlen.
    Er berbot sich an Liebenswrdigkeit gegen Regula und sagte ihr sogar etwas
Schmeichelhaftes ber die Farbe ihres Kleides, die er - da sein Geschmack ein
ausgezeichneter war - abscheulich fand; er gab sich Mhe, sie zu bereden, ein
Glschen Wein zu trinken, sie lehnte es ab mit einem obligaten Schreckensrufe.
Als der Braten kam, wurde Frulein Heienstein gelehrt und brachte mancherlei
wissenschaftliche Dinge zur Kenntnis der Gesellschaft. Sie befli sich einer
besonderen Vornehmheit in jeder ihrer Bewegungen und steckte keinen Bissen in
den Mund, ohne dabei ein Gesicht zu machen, das ihre Verachtung einer so
untergeordneten Beschftigung, wie es die Ernhrung des leiblichen Menschen ist,
an den Tag legte. Sie war ganz Geist, ganz Verstand und bediente sich nur der
gewhltesten Ausdrcke; sie sagte Kossaten statt Halbbauern und Pretia rerum
statt Preise der Lebensmittel.
    Nachmittags hatte Ronald einen Auftrag seines Vaters auszufhren,
entschuldigte sich und fuhr davon. Die Grfin begab sich mit Regula und Rschen
nach der Terrasse, die Baronin, die ihnen folgen wollte, wurde von ihrem Vater
zurckgehalten da er mit ihr zu sprechen wnschte.
    Wir werden die Ehre haben, Sie bald einzuholen, meine Damen, und hoffen Sie
dann in gnstiger, huldvoller Stimmung zu finden, sprach der alte Herr und
zwinkerte dabei Regula schalkhaft zu. Sie fand es angemessen, die Augen
niederzuschlagen - sie verstand ihn ja so wohl! Ronald hatte sich seinem Vater
anvertraut und ihm die Frderung seiner Herzensangelegenheit bertragen. Der
Graf will sich nun mit seiner Tochter beraten, in welcher Weise dies am besten
geschhe. Das alles liegt auf der Hand. Die Entscheidung naht - morgen
vermutlich wird die Verlobung gefeiert. Regula kann nicht umhin, mit dem grten
Erbarmen an Ludwig Bauer zu denken. In den letzten drei Tagen hatte er dreimal
geschrieben. Es tut ihr leid um ihn - aber wer kann helfen? Der Augenblick, in
dem man die Hand nach einer Grafenkrone ausstreckt, ist nicht der, in dem man in
Versuchung kommt, Frau Professor zu werden. Regulas Wege sind gewiesen, und
Ehrgeiz ist und bleibt die Leidenschaft groer Seelen.
    Nun, Thilde! fragte der Graf, indem er sich auf seinen mit gesteiftem
Kattun berzogenen Diwan niederlie, was habe ich dir zu sagen?
    Nun, lieber Papa, erwiderte die Baronin, die sich an seine Seite gesetzt
hatte und sofort eifrig an ihrer Hkelei zu arbeiten begann, wenn Sie das nicht
selbst wissen -
    Er lachte, lehnte sich behaglich zurck und sprach: Sag einmal an, Thilde,
was sind von jeher meine Ansichten gewesen ber den Wert der Gabel im
Stammbaume? Was halte ich davon?
    Nicht viel, erwiderte die Baronin und sah ihren Vater verwundert an. Ja,
sagte sie zu sich selbst, wenn sich's nur um die Gabel handelte - ich sehe aber
nicht einmal eine Zinke.
    Ich bin fr das englische Prinzip! rief der Graf. Der Mann gibt seiner
Frau mit seinem Namen auch seine Ahnen.
    Jawohl, Papa, das ist Ihre Ansicht.
    Und so habe ich denn nichts gegen eine Verbindung deines Bruders mit dem
kleinen Frulein von Fehse einzuwenden, fuhr der Graf fort, es ist mir
gleichgltig, da ihre Mutter aus brgerlichem Hause stammte. Der Adel ihres
Vaters macht alles wieder gut.
    O Gott, der arme Papa! dachte die Baronin und lie in stummer Bestrzung die
Arbeit in ihren Scho sinken.
    Du kannst mit der Tante sprechen, sagte der alte Herr in einem Tone, als
ob er seiner Tochter die huldvollste Vergnstigung erwiese. Heiraten einleiten
ist Weibersache. Mein guter Ronald, obwohl rechtschaffen verliebt, tut den Mund
nicht auf. Wenn man ihn sich selbst berlt, findet er Mittel, sich die Sache
am Ende gar noch auszureden. Lauter Vernunft, lauter berlegung und kein
Entschlu, das sind die Liebhaber von heute. Was meinst du, Thilde? fragte er
etwas ungeduldig nach einer Pause, in welcher er vergeblich auf ein Wort der
Zustimmung gewartet hatte.
    Die Baronin war - ein seltener Fall - ratlos und auer Fassung. Wie es kam,
wute sie nicht, aber es kam, es ging ihr pltzlich auf, deutlich und
berzeugend: Der unpraktische Papa versteht diesmal seinen unpraktischen Sohn.
Ronald hat die Torheit begangen, sich in die kleine rosige Fee zu verlieben.
Thilde erklrte sich jetzt alles: seine erregte Antwort von vorhin, seinen
leidenschaftlichen Hndedruck. An eine Verbindung mit dem Frulein Heienstein
hat er nie gedacht, er hat Rondsperg ohne jeden eigenntzigen Vorbehalt
verkauft. Die Baronin irrte sich, wie schon so oft, in ihm, indem sie meinte,
das Vernnftige erscheine auch ihm einmal als das Selbstverstndliche. Sie ist
voll Unmut gegen ihn und doch - welch ein Wirrsal von Gefhlen in ihrer Brust!
-, doch auch wieder stolz auf diesen trichten Bruder mit seiner verwnschten
Selbstlosigkeit, mit seiner Gromut, die an Tollheit grenzt. Das Abscheulichste
ist das Klgste in gar vielen Fllen und wr's in diesem ganz gewi. Wie hatte
sie es ihrem edlen Ronald zutrauen knnen? - Sie begreift sich nicht! Sie fhlt
sich beschmt ber ihre Kurzsichtigkeit, sie ist entsetzt ber den voreiligen
Wink, den sie Regula gab. Diese denkt nichts andres, als Grfin Rondsperg zu
werden - das ist ausgemacht. Sie wird sich bitter rchen, wenn ihre Hoffnungen
nicht in Erfllung gehen, die kalte Kreatur, und sie kann es - Ronald ist in
ihren Krallen.
    Die Baronin war eine zu starke Seele, um durch ihre Mienen zu verraten, was
in ihr vorging. Ihr Vater las darin nichts von ihrer Angst und ihrer Bestrzung,
aber gar ernst sah die Tochter aus, und ihr langes Schweigen verdro ihn. In
gereiztem Tone wiederholte er den letzten Satz seiner unbeantwortet gebliebenen
Rede: Was meinst du, Thilde?
    Sie erwiderte langsam und zgernd: Ach - Papa - es ist schwer ...
    Der alte Herr fuhr auf: Was ist schwer? - Einem Menschen ankndigen, da
man beabsichtigt, ihm eine Ehre zu erweisen? ... Die Weinhndlerin hat sich wohl
in ihren khnsten Trumen nicht bis zu einer Verbindung mit unserm Hause
verstiegen. Ich meine, sie wrde, um eine solche zu ermglichen, alle denkbaren
Opfer bringen. Nun - Opfer fordern wir gerade nicht, aber sie kann etwas tun fr
ihre Nichte. Ronald braucht nichts von seiner Frau, aber seine Frau braucht
etwas fr sich. Sie wird bei uns nicht einziehen wollen wie Griseldis bei
Percival von Wales. Und so wnsche ich denn, fgte der Graf freundlich und fast
bittend hinzu, da meine kluge Thilde die Sache mit der alten Tante in Ordnung
bringe, und zwar gleich; wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn du uns durchaus
morgen schon verlassen willst.
    Die Baronin hatte ihre Hkelei wieder aufgenommen und schien ganz vertieft
in ihre Arbeit. Jetzt erhob sie den Kopf und sprach: Lieber Papa, das geht
nicht so schnell.
    Ihr Vater stand mit einer zornigen Gebrde auf. Er machte, leise und
ungeduldig vor sich hinsummend, einige Gnge durch das Zimmer, blieb dann
pltzlich stehen und sprach: Du legst groen Eifer fr das Wohl deines Bruders
an den Tag.
    Was ich irgend kann, will ich fr ihn tun.
    So tu es gleich, sagte er, etwas besnftigt.
    Unmglich - rgern Sie sich nicht, Papa! rief sie, als er wieder Miene
machte aufzufahren, aber ich werde morgen noch hierbleiben, und dann wollen wir
sehen.
    Wollen wir sehen, spttelte er giftig und mit der Absicht, zu verletzen.
Du sprichst wie ein Minister ... Meine Kinder drfen sich nicht oft rhmen oder
- beklagen, da ich Ansprche an sie stelle. Wenn es aber einmal geschieht, dann
lassen sie mich fhlen, da es nie geschehen sollte!
    Der arme Papa - der arme Papa! dachte die Baronin wieder. Sie legte ihre
Arbeit zusammen. Ganz und gar mit ihren eigenen Sorgen beschftigt, fiel ihr
nicht ein, dem heftigen Ausfall ihres Vaters die geringste Beachtung zu
schenken. Sie hatte sich erhoben und schritt dem Ausgange zu.
    Wohin? rief der Graf.
    Ich will einen Boten nach Haluschka senden, damit sie mich dort nicht
umsonst erwarten, antwortete sie und verlie das Zimmer.
    Der alte Herr blieb sehr unzufrieden zurck; ein Verdacht steigt in ihm auf.
Die Baronin hat vielleicht die Nichte der Millionrin einem ihrer Shne
bestimmt, aber das soll sich die kluge Thilde aus dem Kopf schlagen. Daraus wird
nichts. Der Graf wnscht seinen Enkeln alles mgliche Gute, aber ein Rschen
verdient keiner von ihnen, denn sie sind doch nur - tlpelhafte Krautjunker.
    Er ging noch lange in seinem Zimmer auf und ab und sann ber einen Entschlu
nach, den er gefat hatte und ohne Verzug ins Werk zu setzen gedachte.

Als Ronald gegen Abend in den Schlohof fuhr, sa Bozena auf einer Bank unter
einer der Kugelakazien. Sobald er sie erblickte, hielt er an, bergab Florian
die Zgel, sprang vom Wagen und eilte auf sie zu. Sie hatte sich erhoben und
blieb, ihn erwartend, ruhig stehen.
    Das ist ja eine Gnade, sagte Ronald, da Sie nicht wie gewhnlich vor mir
davonlaufen. Was haben Sie gegen mich, Bozena? Seien Sie aufrichtig, mit mir
kann man's sein.
    Und mit mir soll man's sein, antwortete Bozena. Obwohl mir's niemand
gesagt hat, Herr Graf, wei ich ja, weshalb wir hierhergekommen sind.
    Kein Wunder, sprach er. Alle Leute - meinen Vater ausgenommen - kennen
meine Verhltnisse.
    Also! rief Bozena, und der Ernst, mit dem sie ihn angesehen hatte,
verwandelte sich in Strenge: Betren Sie mir das kleine Mdchen nicht.
    O weh! erwiderte Ronald, und indes er sich bemhte zu scherzen, zuckte es
schmerzlich ber sein Gesicht, das kleine Mdchen hat mich betrt. Ich bin ein
ganzer Narr geworden, der oft das Gegenteil von dem tut, was er tun mchte.
    Sie scho einen finster funkelnden Blick nach ihm und sprach: Wenn's so ist
-
    Seien Sie ruhig, fiel er ihr ins Wort, Sie knnen dennoch ruhig sein. Ich
hab bung in der Kunst, zu mir selbst zu sagen: Mchtest das wohl gern? - Du
sollst es nicht haben. - Als ich dieses Rschen neulich sah, da wut ich, bei
meiner Treu, zugleich: Nach dem hast dich dein Leben lang gesehnt, und: Es soll
nicht blhen an deiner Brust! - Glauben Sie mir, setzte er nach einer kleinen
Pause hinzu, ich hab mein Herz in der Hand. Er ballte dabei die Faust, als ob
er darin etwas zerdrcken wollte.
    Das ist schon gut, sagte Bozena, machen Sie aber auch dem Kind das Herz
nicht schwer.
    Ich will ja nicht! rief er, aber gestern ... Ich sage Ihnen alles, Bozena
- gestern war ein Augenblick, in dem ich dachte: Warum soll ich mein Glck von
mir weisen? Ich hab ein Recht auf Glck so gut wie ein andrer. Da wollt ich
schon zu Ihnen gehen - denn Rschen gehrt Ihnen; Sie sind so gut die Mutter des
Mdchens, als ob Sie es geboren htten - und Ihnen sagen: Trauen Sie mir's zu,
da ich ein Weib ernhren kann? Ich wei, was es heit sich plagen, man wird mir
auftun, wo ich anklopfe. Ich wollt Ihnen sagen: Sie sind schon einmal mit einem
armen Paare in die Welt gezogen ...
    Bozena schttelte den Kopf: Weil ich's schon einmal getan habe, tu ich's
nicht wieder, Herr Graf.
    Und ich bin auch nicht gekommen, Sie darum zu bitten, sprach Ronald. Ich
habe mir den schnen Traum aus dem Sinn geschlagen. Ich darf an mich nicht
denken, solange meine Eltern leben, und mir sagen: Wenn sie tot sind, wirst du
anfangen glcklich zu sein - das geht auch nicht. Auf Grber pflanzt man
Zypressen, nicht Myrten. Ich mag auf den Tod meiner Eltern nicht warten.
    Bozenas Augen senkten sich, und sie sagte: Brav.
    So heit es Abschied nehmen. Er brauchte alle Kraft der Selbstberwindung,
um mit fester Stimme sagen zu knnen: Ich werde sie vielleicht gar nicht mehr
sehen. Wie ich hre, fhrt Ihr Frulein schon bermorgen nach Weinberg zurck.
Und ich komme ohnedies spt nach Hause und bin auch wieder fort beim ersten
Morgengrauen.
    Damit wird Frulein Heienstein schlecht zufrieden sein, sagte Bozena. Er
fragte jedoch mit solcher Unbefangenheit was dem Frulein an ihm lge, und
sagte, als sie entgegnete Das wissen Sie nicht? so vorwurfsvoll und doch mit
einem so unwillkrlichen Lcheln: Aber Bozena! da sie ihm pltzlich mit den
Worten: Nichts fr ungut! ihre Hand reichte.
    Ronald hielt sie fest: Glauben Sie mir?
    Ich glaube Ihnen.
    Nun denn. Ich habe Rschen unaussprechlich lieb, aber jetzt, hier, ohne da
sie es hrt, sage ich ihr: Lebe wohl.
    Sie schttelten einander die Hnde und traten beide in das Haus.

                                       19


Am nchsten Tage, um zehn Uhr morgens, stand der alte Graf vor dem Spiegel und
warf einen letzten Blick auf sein Ebenbild, das ihm daraus wohlgefllig
entgegenlchelte. Die Grfin hielt sich auf einige Schritte Entfernung und
betrachtete ihn mit wehmtiger Freude.
    Der Frack mit dem hohen Kragen und den Schwalbenschwnzen, den er trug,
stammte aus den dreiiger Jahren und htte besser in ein Museum als in eine
Garderobe gepat. Nicht viel grerer Jugend durften sich das schwarze
Beinkleid, die weie Weste und Krawatte rhmen, die der Greis angetan hatte.
    Etwas gelblich, meine Atours! sagte er, indem er die Falten seiner
Krawatte zurechtstrich, aber es schadet nicht. Frulein Heienstein wird das
als eine zarte Rcksicht ansehen - auf ihren Teint, den ich nicht in Schatten
stellen will. Nun mein Amtszeichen! rief er und trat vor seine Gemahlin hin.
Die Grfin steckte ihm ein Struchen mit winziger Masche in das Knopfloch des
alten Fracks, aus dem ein farblos gewordenes Band des Leopoldordens hervorragte.
Ihre Finger zitterten dabei, und fast wre er rgerlich geworden ber ihre
Ungeschicklichkeit. Doch er nahm sich zusammen, zog die Luft durch seine
geschlossenen Zhne und sagte nur: Kommt der Peter noch nicht?
    Er ging wieder an den Spiegel und glttete sein dichtes, wie Silber
schimmerndes Haar.
    Trotz der abgetragenen, ja rmlichen Kleider, die seine abgemagerte Gestalt
in scharfen Falten umschlotterten, hatte er ein gar adeliges Aussehen.
    Seine alte Frau folgte ihm mit ihren Blicken, wie er so rasch und aufrecht,
Ungeduld in jeder Miene, im Zimmer hin und her schritt. Sie dachte an die Zeiten
zurck, da ihr dieser Mann als der hchste aller Menschen erschienen war, an das
lange Leben, das sie an der Seite des einzig und ewig Geliebten - vertrauert.
Sie dachte, wie sich am Ende doch alles habe ertragen lassen, weil er, wenn auch
selbst oft lieblos, doch auf ihre Liebe immer vertraut hatte. In dieser Stunde
aber flammte ihre ganze Seele in einer Empfindung des Dankes gegen ihn auf; ging
er doch hin, um die lieblichste Braut fr seinen Sohn zu werben! Konnte, wenn er
es tat, der Erfolg zweifelhaft sein? Das Glck, nach dem der bescheidene Ronald
die Hand nicht auszustrecken wagt, sein Vater wird es ihm erringen. Und dann -
dann hilft Gott weiter! denkt die fromme alte Frau.
    Peter erschien und meldete, die Freile liee bitten.
    Die Grfin sagte: Ich warte hier auf dich - ihr Gemahl nickte beistimmend,
ergriff seinen Hut und seine Handschuhe und trat mit wichtiger Miene seinen Weg
an.
    Regula war, als der Besuch des Grafen ihr angekndigt worden, mit einem
Briefe an Bauer beschftigt gewesen. Derselbe begann also:

Sie wissen, lieber Freund, wie tief ich Houwald immer bewundert habe:

Und Segen flo auf ihre Tritte,
Wie Himmelstau auf Blumen drauf -

das - so - sollte mein Leben sein! ... Aber -

Begrt der Mensch nicht weinend seine Welt? -

Gibt es etwas, das uns bestimmt, Bester - wenn nicht - die Verhltnisse ... Die
lieben mich gewi, die mich verstehen!! Verstehen Sie die Opfer, die man seinem
besseren Selbst bringt? ... Achten Sie mich!! ... O Freund! - bleiben Sie es!
...

Da meldete Peter seinen Herrn, und im Taumel ihres Triumphes wollte Regula mit
den Worten schlieen: Ich bin die Braut des Grafen Ronald von Rondsperg. Als sie
aber Ich bin niedergeschrieben hatte, legte sie die Feder hin. Aberglubische
Besorgnisse hielten sie zurck von der Verkndigung einer noch nicht vollzogenen
Tatsache.
    Sie erhob sich von dem Sessel in der Fensternische, nahm Platz auf dem
Kanapee und gab sich der angenehmsten Erwartung hin. Ihr Herz hpfte wie ein
junges Lmmlein.
    Als angehende Grfin von Rondsperg wird sie also nach Weinberg, der getreuen
Stadt, zurckkehren. Sie wird mit namenlosem Jubel empfangen werden, sie wird
keine Neider haben; vielmehr wird sich in ihr jeder geehrt fhlen, und ein Fest
wird es geben, als ob die gesamte Bevlkerung in den Grafenstand erhoben worden
wre. Sie nimmt sich vor, huldvoll und herablassend zu sein und so leutselig,
als ob sich nichts verndert htte in ihrem Verhltnisse zu ihren Bekannten.
Diese werden entzckt und ihre Anbeter verliebter sein als je. Wenn sie in die
Stadt gefahren kommt mit vier Pferden, feurig und schnaubend wie Drachen, werden
die Hte der Mnner fliegen, und die Frauen werden knicksen, und jeder wird
fragen: Haben Sie unsere Grfin gesehen? Einmal kommt es noch zu einer
ffentlichen Ovation ...
    Da pocht es an der Tr. Sie ruft: Herein! Der Graf steht auf der Schwelle.
    Oh - Herr Graf, stammelt Regula sich erhebend, in pontificalibus? ... Was
bedeutet ...?
    Der Greis verneigt sich und weist schmunzelnd auf das Struchen in seinem
Knopfloch.
    Beinahe wie ein Freiwerber, spricht das Frulein leise, erschrickt aber
sofort ber diese unpassende uerung. Wirklich, sie wei nicht mehr, was sie
sagt, sie mu sich zusammennehmen.
    Der alte Herr stellte sich in Positur, drckte die Abstze aneinander, hielt
mit beiden an die Brust gepreten Hnden seinen Hut vor sich, neigte das Haupt
und sprach mit heiterer Feierlichkeit: Ich komme, Frulein Heienstein, im
Namen meines Sohnes, um bei Ihnen in aller Form und schuldigen Ehrfurcht
anzuhalten um die Hand ihrer Nichte, des Fruleins Rosa von Fehse.
    Hlle und Tod, was ist das?! - Regula hatte sich lchelnd vorgebeugt, um die
lieblichste Botschaft zu vernehmen, und erhielt einen Schlag ins Gesicht. Sie
fuhr zusammen und trat, keines Wortes mchtig, einen Schritt zurck.
    Der Graf war kein Menschenkenner; er hielt ihr stummes Entsetzen fr
sprachlose berraschung und dachte nur: Diese alte Jungfer sieht sogar in der
Freude widerwrtig aus. Er gnnte ihr einige Augenblicke, um sich zu erholen von
dem unerwarteten Glck, das er ihr verkndigt hatte, und hub dann mit herzlicher
Selbstzufriedenheit wieder an: Nun, mein Frulein? Wird es mir gestattet sein,
meinem Sohne eine gute Botschaft zu bringen?
    In einem Tone, der ihn durch seinen gereizten und feindlichen Klang
befremdete, erwiderte Regula: Darf ich fragen, ob Sie als Bevollmchtigter
Ihres Sohnes, mit seinem Wissen und Willen, kommen, Herr Graf?
    Ohne sich zu besinnen, mit der grten Unbefangenheit, rief der Greis:
Jawohl, mein Frulein! Und ich kann nicht glauben, da es Sie in Erstaunen
setzt. Ihrem Scharfsinn ist nicht entgangen, was mein guter Ronald so wenig zu
verbergen vermag: seine Liebe zu Frulein Rosa.
    Regula stie ein: Oh! hervor, das dem Greis trotz all seiner Zuversicht
bedenklich erschien. Sollte die Weinhndlerin Ronalds Bewerbung um ihre Nichte
doch nicht mit unbedingtem Entzcken aufnehmen?
    Augenblicklich, beim ersten Zweifel emprte sich sein Stolz.
    Ich htte nicht gedacht, mein Frulein, so lange als Bittsteller vor Ihnen
stehen zu mssen, sprach er.
    Das Frulein wies ihm einen Stuhl an und nahm Platz auf dem Kanapee. Sie
hatte allmhlich die Herrschaft ber sich wiedererlangt und sagte, so ruhig sie
konnte: Ich gestehe Ihnen, Herr Graf, da mich diese Bewerbung um die Hand
eines Kindes befremdet ... Er wollte Einsprache tun, sie lie ihn nicht zu
Worte kommen:  ... und da ich bisher noch nicht daran gedacht habe, Rosa zu
verheiraten.
    Um so mehr Grund, jetzt daran zu denken! rief der Graf. Die Gelegenheit,
die sich bietet, ist nicht zu verschmhen. Einen brillanteren Mann als meinen
Ronald knnen Sie fr Ihre Nichte finden, aber keinen braveren. - brigens kommt
es mir nicht zu, meinen Sohn zu loben.
    Mir gegenber, sprach Regula scharf und spttisch, hiee das wohl Eulen
nach Athen tragen. Ich kenne seinen Wert.
    Nun, dann zgern Sie nicht lnger, sagte der Greis munter. Legen Sie die
Hnde der jungen Leute ineinander, die nur gar zu gern sich in die Arme fallen
mchten.
    So? hauchte Regula.
    Nein! - Da eine solche Schmach ihr widerfahren knne, htte sie niemals fr
mglich gehalten. Man hat sie unter falschen Vorspiegelungen hierhergelockt und
berfllt sie nun mit der Zumutung, ihre Ansprche aufzugeben, zurckzutreten
vor einer andern - und vor wem? Vor einem Geschpf, das von ihrer Gnade lebt,
das betteln ginge ohne sie!
    Der Graf denkt: Sie schweigt lange. Sie meint vermutlich, es sei anstndig,
nicht merken zu lassen, wie geehrt sie sich fhlt. Gnnen wir ihr dieses
unschuldige Vergngen! Nach einer kleinen Weile hebt er wieder an: Fassen Sie
einen fr uns gnstigen Entschlu, verehrtes Frulein! Tun Sie's in einer Weise,
die Ihrer wrdig ist und wrdig des Rufes Ihrer Gromut und Freigebigkeit.
    Freilich - auf diese war es abgesehen! sagt Regula zu sich selbst. Mein Geld
wollt ihr, nicht mich.
    Ihr unruhig umherschweifender Blick fllt auf den Brief, den sie eben
geschrieben hat, und wie ein Blitz durchzuckt es sie ... Das ist's - da liegt
die Lsung. Geschehe, was wolle, strafe sich's, wie's mag - was liegt an der
Zukunft? Der groe Augenblick fordert sein Recht!
    Verstndigen wir uns, Herr Graf, spricht Regula; handelt es sich nur um
meine Einwilligung zu der Verbindung der jungen Rosa mit Ihrem Sohne, oder
erwarten Sie, da meine Gromut und Freigebigkeit dieselbe ermgliche?
    Mein Frulein! rief der Greis auffahrend.
    Regula setzte mit erzwungener Gleichgltigkeit hinzu: Wenn das letztere der
Fall wre, mte ich Ihnen zu meinem Bedauern erklren, da ich nichts fr meine
Nichte tun kann. Ich habe nhere Verpflichtungen, ich bin - verlobt.
    Er war unfhig, die unangenehme berraschung, in die diese Nachricht ihn
versetzte, zu verbergen, und htte jedes Wort, mit dem er an die Freigebigkeit
des Fruleins appelliert hatte, mit einem Tropfen seines Herzblutes
zurckerkaufen mgen.
    Ich wnsche Ihnen und Ihrem Herrn Brutigam Glck! sagte er sarkastisch
lchelnd, wre Ihnen aber dankbar, wenn Sie mir die Erlaubnis geben wollten,
auch meinem Sohne Glck wnschen zu drfen - zu Ihrer Einwilligung ...
    Regula unterbrach ihn: Ich versage sie nicht, Herr Graf. Es kann mir nur
lieb sein, meine Nichte in eine Familie treten zu sehen, in welcher auf irdische
Gter ein so geringer Wert gelegt wird, denn diese - sind ihr nicht zuteil
geworden.
    Verlieren Sie darber kein Wort, mein Frulein! rief der Graf.
Geldheiraten zu schlieen war in unserm Hause niemals Brauch, und heute noch
darf, trotz der Ungunst der Zeiten, der Eigentmer von Rondsperg eine Braut nach
seinem Herzen whlen.
    Regula erbebte vom Wirbel bis zur Sohle. Der Gegner selbst hatte ihr den
vergifteten Pfeil in die Hand gedrckt, den sie nur abschnellen brauchte, um
tdlich zu treffen und sich zu befreien von dem lechzenden Durst nach Rache, der
in ihrem Innern so qualvoll brannte und Befriedigung heischte. Eine Sekunde lang
zgerte sie ... Ihr Wort war verpfndet, aber ein Narr, der Betrgern Wort hlt,
Regula ist nicht gewillt, das Unrecht zu beschtzen, sondern - es zu entlarven!
    Ihr Sohn ist nicht mehr Eigentmer von Rondsperg, sagte sie gepret und
stammelnd, er hat es mir verkauft.
    Der alte Mann sprang auf, starrte sie an - stumm, verstndnislos.
    Regula erhob sich gleichfalls und wiederholte jetzt bestimmter, mit fester
Stimme: Er hat es mir verkauft. Rondsperg ist mein - seit gestern.
    Er taumelte zurck unter diesem Schlage - er war totenbleich, der Atem
stockte in seiner Brust.
    Erschrocken, aber nicht gerhrt betrachtete ihn Regula. Fassung, Herr
Graf, sprach sie kalt.
    So bin ich Ihr Gast? ... In Rondsperg Ihr Gast?! schrie der Greis, und
schmerzlich verband sich die Heftigkeit des Zornes, der Entrstung, der
Beschmung, die in ihm rangen, mit dem Bewutsein seiner Hilflosigkeit.
Pltzlich raffte er alle Kraft zusammen, richtete sich auf und strzte aus dem
Zimmer.
    Regula war von einem nervsen Zittern ergriffen worden, das ihre Glieder
klglich schttelte. Es dauerte lange, bis sie vermochte, an den Tisch im
Fenster zu treten und den begonnenen Satz: Ich bin ... zu Ende zu schreiben.
Er schlo jetzt anders, als sie es vor einer Weile im Sinne gehabt, und zwar:
Ich bin die Ihre. Regula Heienstein.
    Sie rief Bozena und trug ihr auf, den Brief sofort durch einen Boten nach
der Bahnhofstation zu befrdern. Er konnte um fnf Uhr nachmittags in Bauers
Hnden sein.
    Frau Professor also? ... Dies das Ende ... Frau Professor Bauer! Regula
brach in unaufhaltsames Weinen aus.

Die Baronin von Waffenau erwartete an der Seite ihrer Mutter in banger Besorgnis
den Erfolg der Unterredung des Grafen mit Regula. Als der Greis jetzt erschien,
verriet ihr ein Blick auf sein verstrtes Gesicht, was geschehen war.
    Oh, die Schlange, sie hat uns verraten! rief Thilde.
    Diese Worte brachten den Grafen noch mehr auer sich.
    Sie euch - Ihr mich! keuchte er; die Stimme versagte ihm, er stampfte
heftig mit dem Fue und brachte mhsam die Worte hervor: Ronald - her -
hierher.
    Ich will um ihn schicken, sprach die Baronin in beruhigendem Tone. Regen
Sie sich nicht so auf, Papa. Was geschehen ist, ist geschehen, weil es mute,
weil es anders nicht mglich war.
    Zu ihrer Mutter sagte sie leise: Verlieren Sie nicht den Mut, Mama, ich
komme gleich wieder, und eilte, einen besorgten Blick auf die Eltern werfend,
hinweg.
    Der Greis hatte sich auf den Rohrsessel vor seinem Schreibtisch geworfen,
die Grfin trat zu ihm.
    Karl, sprach sie flehend und legte die Hand auf seine Schulter. Er bumte
sich auf, als ob der Verrat ihn berhrt htte, und schleuderte ihre Hand von
sich.
    Du hast alles gewut! Warst einverstanden mit dieser - Brut ... Still!
fuhr er sie an, als sie antworten wollte, und die arme Frau wankte
eingeschchtert und bebend zu ihrem vorigen Platz zurck.
    Wuchtige Schritte erdrhnten im Gange; der Burggraf erschien.
    Ah! rief ihm sein Herr mit unheimlichem Gelchter entgegen, wissen Sie
schon? Rondsperg ist - verkauft, verkauft!
    Der Alte schlug schallend die Hnde zusammen: Hatt ich mir's doch gedacht!
    Ja, fuhr der Graf fort, jawohl! Meine Kinder verkaufen mir das Dach ber
dem Kopf, zum Dank dafr, da ich es ihnen geschenkt habe. Ich lebe hier, in
meinem Rondsperg, von einer Krmerin Gnaden - mache vor ihr die lcherliche
Figur eines alten Narren, der in fremdem Hause den Herrn spielt. Aber was liegt
daran? Die Schmach ihres Vaters wird meinen Kindern - bezahlt. Fr Geld ist ja
alles feil, das Vtererbe, das uns den Namen gegeben hat, die Grber der Ahnen -
alles zu haben fr Geld... Auf die Trommel damit! Die Millionrin kauft, und
mein Sohn macht ein brillantes Geschft.
    Die Baronin, die inzwischen zurckgekehrt war, trat unerschrocken auf ihren
Vater zu. Sie trug ein riesiges Wirtschaftsbuch in den Armen, das sie vor ihn
auf den Schreibtisch hinlegte.
    Es ist jetzt nicht mehr Zeit, zu verhehlen und zu schonen, Papa. Die ganze
Wahrheit wird Ihnen weniger weh tun als die halbe, sagte sie und schlug das
Buch auf. ffnen Sie die Augen, seien Sie gerecht gegen den besten Sohn. Hier
steht, in Zahlen ausgedrckt, die Geschichte seines langen, fruchtlosen Kampfes.
Sie knnen auch leicht sehen, was ihm bleibt bei dem brillanten Geschfte, das
er mit Frulein Heienstein abgeschlossen hat.
    Der Burggraf spannte hastig seine Brille auf die Nase und fiel wie ein
Raubvogel ber das Buch her.
    Es war sein grter Verdru, da ihm konsequent der Einblick in Ronalds
Buchfhrung verweigert worden war. Jetzt endlich lag der Gegenstand seiner
Neugier vor ihm, jetzt konnte er sich und andere berzeugen, da die Leitung der
Rondspergschen Gter in einer Reihe von Migriffen bestanden hatte, seitdem sie
ihm und seinem Freunde, dem Direktor, entzogen worden war. Er nahm auf einen
Wink des Grafen Platz neben ihm, und die beiden begannen eifrigst zu rechnen und
zu lesen. Der Graf, der seit Jahren nur noch in den Trumen seiner sanguinischen
Einbildungen gelebt hatte, mutete pltzlich seinem Verstande eine gewaltige
Anstrengung zu. Er rang seine Gemtsbewegung nieder und rief die schlummernden
Krfte seines Urteilsvermgens wach, um mit kaltem Blute beweisen zu knnen:
Soviel habe ich gegeben - und so wird's mir gedankt!
    Blatt um Blatt wurde umgeschlagen. Von Zeit zu Zeit sprach der Graf: Wie? -
Der Acker nicht mit einbezogen? - Wie? Der Wald kommt gar nicht vor? Und
jedesmal erhob sich die Baronin und bewies aus dem Buche mit Scharfsinn und
raschem berblick: An Zahlungs Statt angenommen von dem und dem. - Versetzt fr
soundsoviel.
    Wohl glhten ihr die Augen wie im Fieber, wohl war sie rot wie eine
Mohnblume, doch blieb die innere Ruhe, die trotz aller ueren Lebhaftigkeit sie
niemals verlie, ihr auch jetzt treu.
    Fast zwei Stunden vergingen, die Zge des Grafen wurden immer gespannter,
ihr Ausdruck immer dsterer, und kalter Schwei trat auf seine Stirn.
    Hingegen schien das Interesse des Burggrafen an dem Studium der
Wirtschaftsrechnungen allmhlich zu erlschen. Er richtete sich unter
verschiedenen Ahs und Ohs aus seiner gebckten Stellung auf, rieb seine
lange Nase mit dem ringgeschmckten Zeigefinger und erhob sich endlich. Seine
farblosen borstigen Haare, durch die er fortwhrend wider den Strich gefahren
war, standen jedes einzeln in die Hhe; er wandte sich zu der Baronin und sagte
mit einer Mischung von Frechheit, Bosheit und Beschmung: Das Papier ist
geduldig.
    Der Baronin wallte einen Augenblick die Galle ber. Sie wissen recht gut -
begann sie mit zorniger Stimme, aber sie migte sich sogleich, senkte den Blick
auf die Hkelei, an der sie unermdlich arbeitete, und murmelte: Wer mit Ihnen
streiten wollte, Tropf!
    Als sie nach einer Weile wieder emporsah, war der Platz, an dem der Burggraf
gestanden hatte, leer. Der lndliche Intrigant hatte sich leise
davongeschlichen.
    Der Graf aber sa steif und stumm in seinen Sessel zurckgelehnt. Seine
rechte Hand lag auf dem offenen Buche, die linke hing schlaff herab. Weder seine
Frau noch seine Tochter wagten ihn anzusprechen. Dumpfe Stille herrschte im
Gemache.
    Da schlug es zwlf Uhr vom Kirchturm, und das Mittagsglcklein sandte seine
hellen Tne durch das geffnete Fenster herein, sie schienen zu sprechen: Ruh
aus, gequltes Menschenvolk! Ein Augenblick der khlen Rast am heien Tage ist
dir gegnnt. - Die Baronin legte ihre Hand an die brennende Stirn, die Grfin
betete leise. Jetzt: O Himmel sei uns gndig! - sachte war die Tr geffnet
worden, Ronald trat ein. Er sah seine Mutter und seine Schwester fragend an,
bestrzt ber den Ausdruck von Todesangst in ihren Zgen.
    Sie haben mich rufen lassen, Vater, sprach er.
    Bei dem Laute seiner Stimme fuhr der Greis empor, schwankte, als htte
Schwindel ihn ergriffen. Seine Augen schlossen, seine Lippen bewegten sich.
Ronald, sagte er mit bebender, gebrochener Stimme. Er breitete die Arme nach
seinem Sohne aus: Ronald - verzeihe mir!
    Es war der Wunsch des Grafen, Rondsperg sogleich zu verlassen und sich nach
Haluschka zu begeben, wo seine Tochter ihn und seine Frau einstweilen aufnehmen
sollte. Mit Mhe brachte man ihn dahin, die Abreise auf den morgigen Tag zu
verschieben, damit der Freiherr von Waffenau von der Ankunft seiner
Schwiegereltern verstndigt werden und Anstalten zu ihrer Aufnahme treffen
knne. Ronald schickte sich an, sofort nach Haluschka zu fahren, um seinem
Schwager die Lage der Dinge auseinanderzusetzen. Am folgenden Morgen wollte er
wieder zurck sein. Die Baronin schrieb in seinem Auftrage an Regula und teilte
ihr mit, da Ronald am nchsten Tage, um zwlf Uhr mittags, zur frmlichen
bergabe von Rondsperg bereit sein werde.
    Der Tag verging mit eifrigen Vorbereitungen zur Abfahrt; dem alten Herrn
schien der Boden unter den Fen zu brennen, die Grfin beschftigte sich mit
dem Packen ihrer Habseligkeiten. Sie ging still und lautlos im Zimmer umher mit
ihrem gewohnten Ausdruck geduldigen Sichfgens in das Unvermeidliche. Ihre
Kammerjungfer sa in einem Lehnsessel, seufzend unter der Last ihrer Gicht und
ihres Fettes, und jammerte, da sie sich der Gebieterin nicht ntzlich machen
konnte. Neben dem Koffer kniete Rschen, legte Stck fr Stck hinein und
benetzte die Hand der Grfin, die es ihr reichte, mit ihren Trnen. Die alte
Frau versuchte nicht, sie zu trsten, aber wenn das Kind gar zu bitterlich
weinte, strich sie ihr sanft ber Haare und Wangen und sagte mit ihrer
ngstlichen und hilflosen Stimme: Nur Mut, nur Mut!
    Regula hatte indessen den Brief der Baronin erhalten und einen zweiten Boten
nach der Eisenbahnstation expediert. Er war der Trger eines Telegrammes, das an
Doktor Wenzel gerichtet war und denselben in Begleitung der Herren Weberlein und
Schimmelreiter nach Rondsperg beschied. Die Anwesenheit des Advokaten htte bei
der bernahme des Gutes vollkommen gengt, aber Regula empfand in diesem
schwierigen Augenblick das Bedrfnis, sich mit ihren Getreuen zu umgeben. Sie
wurde etwas ruhiger, als diese Vorkehrung getroffen war, doch nagte eine
Empfindung an ihr, die sie bisher nicht gekannt hatte, die ihr immer als das
grte aller Schrecknisse erschienen war, die Empfindung: Es gibt Menschen, die
mich nicht bewundern, die mich anklagen, mich vielleicht geringschtzen!
    Sie berlegte die Motive ihrer Handlungsweise, rechtfertigte jedes,
erschpfte sich in Beweisen, da sie das Notwendige, das Richtige getan - und
dennoch war ihr die Brust wie zusammengeschnrt und dennoch wollte der Druck
nicht weichen, der beklemmend und schwer auf ihr lastete.
    Eine gedmpfte Stimme, die sie leise ansprach, weckte sie aus ihrem Sinnen.
Sie erhob den Kopf.
    Neben ihr stand Bozena.
    Ihre Lippen bebten, sie war totenbla, leidenschaftliche, aber unterdrckte
Erregung verriet sich in ihrem ganzen Wesen. Die Herrschaften lassen packen,
sagte sie. Es heit, sie wollen Rondsperg fr immer verlassen.
    Mgen sie, erwiderte Regula mit scheinbarer Gleichgltigkeit. Ich habe
Rondsperg gekauft, bin hier die Herrin und kann niemanden, der nicht gern mein
Gast ist, zwingen, es zu sein. Sie wollen fort, ich werde sie nicht bitten zu
bleiben.
    Tun Sie es doch, Frulein, sprach Bozena. Die pltzliche Abreise der
alten Herrschaften wrde gegen Sie, Frulein, bses Blut machen.
    Regel stie ein kleines hhnisches Gekicher hervor, das Bozena nicht
irrezumachen vermochte; sie fuhr fort: Niemand wei, wie sehr Sie beleidigt
worden sind -
    Wissen Sie's?
    Ja, Frulein, ich lebe in Ihrer Nhe und hab offene Augen. Die andern - die
Menschen, die Sie nicht kennen, werden sagen: Sie hat sich eingebildet, der
junge Graf werde sie heiraten, und weil er ihr das Rschen vorzieht, jagt sie
aus Rache seine Eltern aus dem Hause.
    Wahr - wahr! denkt Regula; ihre schlimmsten, geheimsten Befrchtungen, eben
erst mhsam zum Schweigen gebracht, gewinnen eine Stimme, die aus fremdem Munde
doppelt schrecklich klingt. Bozena, ruft sie zugleich entrstet und unsicher,
wie drfen Sie es wagen ...
    's ist meine Schuldigkeit, da ich Sie warne, spricht die Magd. Was
wissen Sie von der Bosheit der Menschen? ... Die grte Freude der Menschen ist
lstern, die Besten zu lstern, denn bei den Schlechten, da zahlt sich's nicht
aus. Sie, Frulein, sind - nach Gebhr - Bozena neigte ihr Haupt bei diesen
letzten Worten, bisher nur geachtet und geehrt worden. Geben Sie acht, was
geschieht, wenn es einmal heit: Sie hat's nicht verdient - sie hat uns um
unsere Achtung und Ehrfurcht betrogen!
    Niemand wird das sagen, rief Regel und streckte die kalten Hnde zitternd
aus.
    Das und noch viel Schlimmeres, verlassen Sie sich drauf, fuhr Bozena hart
und unerbittlich fort. Pltzlich wird jeder etwas wissen. Der eine: Die ltere
Schwester hat im Elend sterben mssen, damit ihr alles zukomme, der
Erbschleicherin ...
    Still! kreischte das Frulein.
    Bozena jedoch, ruhiger und ruhiger werdend, je furchtbarer Regels Aufregung
wuchs, sprach weiter, langsam und nachdrcklich: Ein andrer steht auf und sagt:
Auf dem Totenbette hat ihr der alte Herr das Kind seiner armen Rosa empfohlen
und hat ihr mit seinem letzten Hauch zugerufen: Deine heiligste Pflicht! ... Sie
hat sie nicht erfllt, hat dem Kind nicht gegeben, was ihm gebhrt.
    Regula machte einen verzweifelten Versuch, sich aufzuraffen: Gebhrt?
wiederholte sie, ihm gebhrt nichts. Was ich fr das Kind getan habe, geschah
aus Gnade und gutem Willen, Jeder billig Denkende sieht das ein. An dem Urteil
der bsen Zungen, der Verleumder - braucht mir nichts zu liegen.
    In welchem Widerspruch standen diese Worte mit dem Ausdruck, in dem sie
gesprochen wurden!
    Frulein, sagte Bozena warnend und eindringlich. Sie wissen es nicht, Ihr
Haus ist auf Ungerechtigkeit erbaut. Das ist ein Grund, so schmal - er trgt Sie
nur, solange Sie geradeaus gehen ... Biegen Sie einmal vom rechten Weg ab - um
die Breite eines Haares, so strzt unter Ihnen alles zusammen! ... Sie brauchen
den Schutz Gottes ... geben Sie dem Kind, nicht was ihm vor den Menschen,
sondern was ihm vor Gott gebhrt. Tun Sie's, weil Sie gromtig sind und brav!
Tun Sie's von selbst, Frulein, sonst mt ich Sie dazu zwingen - - zu Ihrem
Besten, gutes Frulein!
    Ihre Augen funkeln - sie schlgt sie nieder; ihre ganze Gestalt strebt empor
- aber Bozena beugt sich. Regula wirft ihr unter den herabgesenkten Brauen einen
mitrauischen Blick zu, sie wei nicht, ob ihre Magd schmeichelt oder droht.
Diese fhrt fort, Nachdruck legend auf jede Silbe: Um Ihretwillen ist Ihre
Schwester verstoen worden ...
    Weil sie's verdient hat, nicht um meinetwillen! ruft das Frulein.
    Doch - um Ihretwillen! Rosa ist um die Verzeihung ihres Vaters bestohlen
worden. Das wei ich, Frulein, denn, gefoltert von Gewissensqualen, hat es mir
Ihre Mutter in ihrer Todesstunde anvertraut. Der Brief ...
    Schweigen Sie! schreit Regula, ich wei nichts; ich will nichts wissen
von einem Briefe - ich kann's beschwren: ich habe keinen Brief gesehen ... und
- wer hat ihn gesehen?
    Niemand, antwortet Bozena mit kalter Ruhe, denn er ist unterschlagen
worden und - verbrannt.
    Ha! Regula atmete auf, befreit von einer Zentnerlast. So gibt es auch
keinen unterschlagenen Brief! ... Wer kann beweisen, da es einen gab? Wer wird
es glauben?
    Die Magd stand da, umflossen von einer wunderbaren, stillen stolzen
Majestt; ihre groe Gestalt schien noch zu wachsen, ihr ganzes Wesen atmete
Macht, und wie Erz klang ihre Stimme, als sie sprach: Beweisen kann ich es
nicht, aber ich werde es sagen und - mir wird man glauben!
    Mit schrecklicher Wucht fielen diese Worte auf die Seele Regulas. Ja, der
wird man glauben!
    Deutlich und lebendig in jedem Zuge erhob sich vor ihr ein lngst
vergessenes Bild. Sie sah ihre Magd zwischen Mansuet und den Jger treten und
hrte sie sprechen: Es ist wahr! ... Bozena htte damals nicht lgen, sie
htte nur schweigen brauchen, und der Jger wre als Verleumder gebrandmarkt
gewesen; an ihr - htte keiner gezweifelt. Aber sie sprach, sie gab der Wahrheit
die Ehre. Ja, der wird man glauben! ... Und ein zweites Bild tauchte auf vor
Regula. Sie erblickte sich auf dem schmalen Pfade, von dem Bozena gesprochen,
hoch ber allen Menschen und von allen vergttert. Und nun ein unseliger
Schritt, aus Rache getan, im Zorn beleidigter Eitelkeit, und der Glanz, der sie
umgab, erlischt, und sie sinkt, sinkt immer tiefer in einen Abgrund - grlich,
schauerhaft: Die Verachtung der Menschen! ... Alles verlt sie - der zuerst,
der sie so redlich geliebt und ihren Reichtum so redlich gehat hat ... Schon
gehat, bevor er wute, da sie ihn einem Verbrechen dankte.
    Bozena, sthnt Regel, ihre Zhne schlagen zusammen, ihre Hnde greifen
sttzesuchend umher, Bozena, was soll ich tun? Was verlangen Sie? Sie denkt
nur noch an Rettung, an Rettung um jeden Preis.
    Mhsam ihre Fassung bewahrend, pochenden Herzens, antwortet Bozena demtig
und zgernd: Ich habe meinem Frulein nichts vorzuschreiben, aber wre ich Sie,
ich wrde zu den alten Leuten sagen: Bleibt, Rondsperg gehrt eurem Sohn, dem es
Rschen zur Morgengabe bringt.
    Regula lachte grell auf und brach dann in ein krampfhaftes Schluchzen aus.
Pltzlich schien ein schwacher Hoffnungsschimmer in ihr aufzuleuchten.
    Bozena, sprach sie - oh, mit gar geringer Zuversicht und zitternd wie
Espenlaub: Wenn ich - Sie - bte - zu schweigen?
    Die Magd erwiderte kein einziges Wort, aber sie bumte sich mit einer
Gebrde auf, so wild, so stolz, so voll grimmigen Hohnes, da Regula, keinen
Ausweg vor sich sehend, wimmerte: Nein, nein, ich bitte Sie nicht - - ich will
tun - was Sie verlangen ...
    Da stieg ein Schrei malosen Jubels aus Bozenas Brust. Engel, rief sie
jauchzend, Erlserin! ... meine ewige Seligkeit dank ich Ihnen und meinen
zeitlichen Frieden! Sie warf sich vor der Herrin nieder und berhrte den Boden
mit ihrer Stirn; ihr ganzer Krper bebte, mit Anstrengung rang sich der Atem aus
ihrer Brust. Erlserin! Erlserin! wiederholte sie weinend und frohlockend, im
Taumel eines an Schmerz grenzenden Entzckens.
    Regula meinte einen Augenblick, da ihre immer so ruhige und zurckhaltende
Dienerin wahnsinnig geworden sei.
    Bozena richtete sich auf die Knie empor, sie erhob den Kopf und die Arme,
als bringe sie dem Himmel ein Opfer dar, und rief: Das Glck des Kindes fr das
Glck der Mutter ... Herr! Herr! Sie htte getauscht! Nimm du es an und nimm
damit die Snde von mir!

                                       20


Als Professor Bauer den Brief Regulas erhielt, machte er alle Stadien eines mit
dem Jawort der Geliebten berraschten Liebhabers durch. Vor allem traute er
seinen Augen nicht, dann traute er ihnen und geriet in ein dithyrambisches
Entzcken, aus dem er in elegische Rhrung berging und sich fragte: Verdiene
ich auch ein solches Glck? Im heien Drang seines mitteilungsbedrftigen
Herzens eilte er hinber zu Mansuet, ihm das groe Ereignis zu verknden. Auf
halbem Wege jedoch besann er sich eines andern, machte pltzlich kehrt, rannte
ebenso schnell nach Hause zurck, als er davongerannt war, stopfte in grter
Hast seinen schwarzen Anzug und einige Wsche in einen Reisesack und strmte
nach dem Bahnhofe, wo er eben noch Zeit hatte, ein Billett zu dem in der
Richtung nach Rondsperg abgehenden Zug zu lsen. In der ersten halben Stunde der
Fahrt hielt sich seine Stimmung auf ihrer schwindelnden Hhe, in der zweiten
begann sie zu sinken, und in der dritten scho - wie eine schwarze Schlange, die
die Fhigkeit abzufrben bese - der Zweifel trbend ber das spiegelglatte
Meer seiner Wonne.
    Enthalten die Worte: Ich bin die Ihre, auch wirklich ein Eheversprechen?
... Lassen sie sich auch wirklich dem Sinn und Geiste nach mit: Ich will Sie
heiraten, bersetzen? Sind sie nicht etwa nur als bloe Hflichkeitsform zu
betrachten wie sie oft angewendet wurde von unsern grten Dichtern - wie etwa
Schiller an Cotta schreibt: Der Ihrige - Schiller? ... Regulas klassische
Bildung, die ihn so oft zur Bewunderung hinri, erweckt ihm in diesem
Augenblicke Grauen.
    Der Zug hlt in der Station fr Rondsperg, der Kondukteur reit den Schlag
des Waggons auf: Eine Minute Aufenthalt! ... Nein, Bauer steigt nicht aus! -
Er fhrt weiter - wohin ist ihm gleichgltig, nur weiter, nur hinweg! ... Die
Lokomotive lt einen scharfen Pfiff vernehmen, er gellt: Feigling! O Schmach,
das gilt ihm ... Der Kondukteur steckt sein zorniges Gesicht in den Wagen: Ist
kein Passagier fr Hullein da? ... Der Professor schnellt bestrzt empor. Aber
zum Teufel, so steigen Sie doch aus! Sind Sie denn taub? fhrt ihn der
Eisenbahnbedienstete mit der Hflichkeit seines Standes fr Insassen der zweiten
Wagenklasse an. In grter Verlegenheit, wie ein ertappter Schulknabe, beeilt
sich Bauer, schleunigst zu gehorchen. Er steht auf dem Boden; eine mitleidige
alte Frau wirft ihm seine im Wagen vergessene Reisetasche zu - der Zug braust
davon. Er blickt ihm nach und denkt, er htte nie geglaubt, da ein gesetzter
Mann und Professor in eine zugleich so traurige und lcherliche Lage kommen
knne. Was nun beginnen? Bauer ist ratlos. Da hilft ihm einer der
menschenfreundlichen Volontrs, die vor wenigen Tagen durch ihre Habgier Regulas
Entrstung erweckten, indem er die Frage an den Professor stellt, ob er nach dem
Stdtchen fahren wolle, das eine halbe Stunde weit von der Station und auf dem
Wege nach Rondsperg liegt. Bauer bejaht es - jetzt ist sein Plan gemacht; er
wird im Stdtchen bernachten und sich's dort berlegen, ob er umkehren oder
weiterreisen solle. Unter dem Beistande des Volontrs, gegen den er sich in
Danksagungen erschpft, besteigt der Professor einen scheppernden Einspnner,
der ihn und seine Effekten um zehn Uhr abends vor dem Tore des Goldenen
Schwan, des ersten Hotels in K., absetzt. Nach einem sehr frugalen Abendessen
begibt sich Bauer in das ihm angewiesene Zimmer, wo er die Nacht,
zusammengekauert in einem sehr kurzen und sehr hohen Bett, zubringt; seine
langen Glieder darin auszustrecken wre unmglich gewesen. An Schlaf denkt Bauer
nicht. Er gert allmhlich in eine begeistert resignierte, ber Erdenweh und
Erdenlust erhabene Stimmung. Wunderbar hat das Schicksal ihn gefhrt, man mchte
sagen, fast gegen seinen eigenen Willen, aus seiner kleinen Studierstube bis
hierher in das katafalkhnliche Bett im Gastzimmer Nr. 3 des Goldenen Schwan
zu K. Nimm mich auf deine Flgel, Fatum! denkt der Professor, und das Fatum
scheint bestimmt zu haben, ihn schlafend seinem Ziele entgegenzutragen, denn
trotz aller Aufgeregtheit nickt Bauer fest und fester ein, und als er erwacht,
schlgt es eben neun Uhr vom Rathausturme. Bauer kleidet sich an und begibt sich
in den Speisesaal zum Frhstck. Auf der Schwelle bleibt er stehen wie
angewurzelt, vor berraschung zur Salzsule verwandelt. Er hat im Zimmer, in
einem lebhaften Gesprche mit dem Wirte begriffen, die Herren Wenzel, Weberlein
und Schimmelreiter erblickt.
    Ah! auch berufen! auch berufen! spricht der Advokat in seiner freundlichen
Weise, das ist allerliebst. Sie haben doch noch keinen Wagen bestellt? - Und
wenn, sagen Sie ihn wieder ab. Sie fahren mit uns nach Rondsperg ...
    Fatum! Fatum! Der Professor tauscht Hndedrcke mit den Freunden,
protestiert gegen ihre Einladung und nimmt sie, natrlich, an. Er kann ja
unterwegs noch aussteigen, er kann selbst noch, am ersehnten Ziele angelangt,
die Flucht ergreifen, sich bescheiden zurckziehen, wenn seine Anwesenheit
unerwnscht sein sollte ...
    Inzwischen aber trgt ihn der mit krftigen Pferden bespannte Wagen des
Wirtes zum Goldenen Schwan im raschen Trabe immer nher zu dem Orte, wo die
Geliebte weilt. Seine Reisegefhrten beobachten alle ein, wie ihm scheint,
ostensibles Schweigen. Nur von Zeit zu Zeit nickt Wenzel und sagt, auf die
Felder deutend, zwischen denen der Weg luft: Herrliche Frucht! Und Mansuet
besttigt und fgt hinzu: Prchtiger Boden! Der Sekretr enthlt sich eines
jeden Zeichens der Teilnahme. Stolz und aufrecht sitzt er da wie das
personifizierte Selbstbewutsein und scheint zu sagen: Was liegt mir an alledem?
Er nahm, besonders gegen Bauer und Mansuet, Mienen an von einer Feierlichkeit,
von einer mitleidigen Herablassung - nicht zu beschreiben!
    Bauer dachte: Wahrlich, neben diesem Schimmelreiter nhme Csar sich aus wie
ein Hanswurst!
    Und nun rollen sie bereits ber das Pflaster des Schlohofes. Vor dem Tore
steht Bozena und ruft ihnen zu: Kommen Sie - kommen Sie - es ist die hchste
Zeit! ber die Anwesenheit des Professors scheint sie sich besonders zu freuen;
dieser hat ihr nur gleich zu folgen, whrend die andern drei Herren gebeten
werden, einen Augenblick zu verziehen.
    Wie sehen Sie denn aus? fragt Mansuet die Magd, Sie leuchten ja wie die
liebe Sonne.
    Bozena antwortet ihm nicht, sie eilt mit Bauer, dessen Hand sie erfat hat,
die Treppe hinauf. Wenzel und Mansuet sehen einander befremdet an. - Ein
sonderbarer Empfang! ... Was hat das zu bedeuten? - Das Haus ist wie
ausgestorben, im Hofe steht die Britschka der Baronin Waffenau und ein bepackter
Wagen. Jetzt ffnet sich die Stalltr in der Ecke gegenber, Kocka und Myska
kommen heraus mit gesenkten Kpfen und herabhngenden Ohren und stellen sich von
selbst jede an ihren Platz an die Deichsel. Florian folgt in Hemdrmeln, seinen
Rock auf dem Arme; er wirft brummend und gestikulierend das Kleidungsstck auf
den Bock und beginnt die Strnge einzulegen.
    Wenzel, gefolgt von seinen Begleitern, tritt den Alten mit der Frage an:
Wer reist denn ab?
    Aber Florian verschmht zum erstenmal in seinem Leben die Gelegenheit, sich
beredsam zu zeigen, und antwortet nur mit einem trotzigen Kopfschtteln, das
deutlich sagt: Von mir erfahrt ihr nichts!
    Da schlgt Wenzel vor, hinaufzugehen und eine mitleidige Seele aufzusuchen,
die sie bei dem Frulein anmelde. Der Wirtskutscher hat ihre Mantelscke,
berrcke und Regenschirme auf den nackten Boden deponiert und ist
davongefahren. Schimmelreiter, der sonst so anspruchslose, fhlt sich verletzt.
Man htte Lust umzukehren, spricht er, ist das eine Art? ... Einen kommen
lassen, so weit her, und sich dann um einen nicht kmmern - sehr kurios,
wirklich!
    Die Herren treten in die Halle und zgern wieder, sie wissen nicht, wohin
sich wenden. - Vom Korridor her lassen sich endlich Schritte vernehmen, und die
Stiege herabgeschlichen kommt ein kleiner, stiller Zug. Voran Peter, mit
Reiseeffekten beladen, in auerdienstlichem Phantasieanzug, den anzulegen er der
Gelegenheit entsprechend fand, vermutlich wegen des Inkognitos. Ihm folgt die
Grfin, von Ronald geleitet. Der Widerschein ihrer klaren Seele liegt fast wie
ein Schimmer von Heiterkeit auf ihrem ehrwrdigen Angesicht. So gebt wie von
ihr, wird die Demut zur Wrde, die Geduld zur Unberwindlichkeit. Ein zweites
Paar erscheint; der Graf, gesttzt auf den krftigen Arm seiner Tochter. - Er
trennt sich schwer von seinem Rondsperg! Ein jeder Schritt, den er vorwrts tut,
scheint ihn zu schmerzen. Seine Kraft ist gebrochen, ber Nacht hat er sich
verwandelt, er scheint nun auch, was er ja lngst gewesen: ein armer, alter
Mann!
    Die Stadtherren entblen ihre Hupter, als die Herrschaften sich ihnen
nhern. Ihr Gru wird erwidert, aber kein Wort mit ihnen gesprochen. Der Graf
drngt zur Eile: Nur fort! nur fort! flstert er kaum hrbar seiner Tochter
zu.
    In diesem Augenblicke ertnt der Klang einer lieben, angstvollen Stimme.
Rschen kommt die Treppe herabgeflogen, wirft sich abwechselnd dem Grafen und
der Grfin in die Arme und weint und beschwrt sie, die sich ihrer vergeblich zu
erwehren suchen: Bleiben Sie, um Gottes willen, bleiben Sie!
    Lassen Sie uns, liebes Kind, sagt die Baronin bewegt und in Gefahr, ihre
Fassung zu verlieren.
    Aber nun steht Regula vor ihr am Arme eines freudetrunkenen Mannes, des
Herrn Professor Bauer, und auch diese beiden sprechen wie aus einem Munde:
Bleiben Sie!
    Nimmermehr, entgegnet der Graf, im fremden Hause!
    In dem Ihres Sohnes, Herr Graf, spricht Regula feierlich, whrend der
glckverklrte Bauer in Bewunderung zerschmilzt - und dort an der Tr des Saales
eine hohe Gestalt steht, deren Blick unverwandt auf ihr ruht, als wollte er sie
unter seinem Banne halten. Aber Bozena kann zufrieden sein, das Frulein
wiederholt sogar ihre Worte: Rondsperg gehrt Ihrem Sohne, dem es meine Nichte
zur Morgengabe bringt.
    Oh! riefen Mansuet, Wenzel und Schimmelreiter.
    O liebe Regula! rief die Baronin.
    O Rschen! rief Ronald.
    Der Graf und die Grfin schwiegen. In ihren wunden Seelen vollzog sich der
bergang vom Schmerz zur Freude nicht so rasch.
    Die Demtigung bleibt, dachte der Greis, aber er blickte auf seinen Sohn, er
blickte auf das holde Rslein und sprach mit tiefer Verbeugung zu Frulein
Heienstein: Ich danke Ihnen!
    Die Grfin ging auf Regula zu, und diese, von einer ihr fremden Regung
ergriffen, drckte ihre Lippen auf die Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Dem
Grafen aber sagte sie: Zu dem, was jetzt geschieht, war ich - eigentlich -
immer entschlossen, aber Sie begreifen, da ich diesen Entschlu nicht
ankndigen durfte ohne die Einwilligung meines Verlobten ...
    Ihres Verliebten! platzte Bauer heraus, den manchmal ein satanisches
Gelste ergriff, am unpassendsten Orte den schlechtesten Witz zu machen. Sie
hatten nur einen Fehler in meinen Augen: Ihren Reichtum - ich bin selig, da er
sich ein wenig vermindert hat!
    Schn! vortrefflich! sprach Doktor Wenzel gerhrt und wollte einige
wohlgesetzte Worte hinzufgen, aber Mansuet vereitelte diesen Vorsatz. Er wurde
- wie Bozena sagte, wenn sie spter von den Begebenheiten dieses Tages erzhlte
- der reine Narr. Der erste Ku, den Manneslippen auf den Mund der sprden
Regula drckten, sie erhielt ihn nicht von ihrem Brutigam, sondern von ihrem
alten Kommis; er wurde nicht durch heies Flehen gewonnen unter dem duftenden
Fliederstrauche, beim Gesang der Nachtigallen - er wurde ihr ffentlich geraubt,
und zwar unter einem solchen Ausbruch von Wonne, Begeisterung und Entzcken, da
Regula nicht einmal zu zrnen vermochte. Ach, dies alles tat so wohl nach den
schweren Trumen dieser Nacht, in denen sie Bauer gesehen hatte, sie verlassend
und ihr Rbchen schabend, und Mansuet, auf Fledermausflgeln sie umschwirrend in
immer engeren Kreisen und ihr dabei zukrchzend: An den Pranger! An den
Pranger!
    Bauer hatte bei dem Kusse Mansuets ein wenig die Stirn gerunzelt, Regula
lchelte ihn auf das seste an und hauchte: Lieben Sie mich, Ludwig, achten
Sie mich!
    Nun nherte sich Schimmelreiter und pries seine Herrin in gehaltener und
wrdevoller Weise. Dann aber schlo er also: Gndiges Frulein haben mir
dereinst die Ehre erwiesen, meiner Vermhlung beizuwohnen, erlauben Sie nun auch
...
    Er beschirmte seinen Mund mit der Hand und sagte ihr einige Worte ins Ohr.
    Regula schlug die Augen nieder, errtete und sprach: So? - Ei, ei! - Ich
gratuliere!
    Als auch Ronald und Rschen dem edlen Frulein gehrig gedankt hatten,
eilten sie, einem gemeinsamen Gefhle folgend, zu Bozena, die sich in ihre Stube
zurckgezogen hatte. Die jungen Leute fanden sie in die Betrachtung eines
kleinen armseligen Bildchens versunken, das einst in Arad von einer
kunstbegeisterten Dilettantin gemalt worden war und Rosa vorstellen sollte.
    Ronald hielt bei Bozena frmlich um sein Rschen an, in Worten so warm und
gut, da sie ihrer niemals verga. Lange verweilte das Brautpaar bei der
Getreuen. Den Kopf an ihre Brust gelehnt, von ihrem Arm umschlungen, sa das
Kind neben ihr, als wollte es zum letztenmal den Schutz genieen, in dem es
durch sein ganzes Leben so sicher geruht hatte. Ronald blickte die beiden an,
glcklich, selig - er sagte: Gott segne Sie, Bozena! und wute doch nicht,
wieviel er ihr verdankte.

Die Stadt Weinberg war in freudiger Aufregung an dem Tage, an dem Regula als
Braut Ludwig Bauers in ihr Haus zurckkehrte. Allenthalben hie es: Sie htte
einen Grafen haben knnen und whlt einen armen Gelehrten. Welcher Edelmut!
Welche Bescheidenheit!
    Regula Bauer, geborene Heienstein, blieb zeitlebens der Gegenstand der
Bewunderung ihrer Vaterstadt und ihres Gatten. Sie fhlt tiefer als wir alle,
aber sie will es nicht zeigen, pflegte er mit bedeutsamer Miene zu sagen. Seine
Ehrfurcht vor dieser geheimnisvollen Gefhlstiefe wuchs von Jahr zu Jahr, und
Regula gewhnte sich nachgerade, den Mann, der sie so vllig verstand und zu
schtzen wute, als einen Halbgott anzusehen.
    Schimmelreiter und seine Kathi bekamen nach sechsjhriger Ehe das
allerschnste Kind, das seit Menschengedenken in Weinberg geboren ward. Ein
blondes Mgdlein mit einem Madonnenangesicht, mit Augen so blau wie der Himmel
und so tief wie das Meer. Der Engel von Weinberg wurde sie spter genannt.
    Mansuet bersiedelte nach Rschens Vermhlung ganz und gar nach Rondsperg.
Er sa stundenlang auf der Terrasse, lie sich von der Sonne bescheinen und
behauptete, er fhle tglich mehr ihre verjngende Kraft. Der alte Graf leistete
ihm fleiig Gesellschaft, sie bewunderten zusammen die Aussicht und sprachen von
dem Jahre achtundvierzig.
    Bozena erbat und erhielt ihre Entlassung aus dem Dienste der Frau Professor
Bauer und nahm gleichfalls ihren Aufenthalt in Rondsperg. Sie wiegte noch eine
dritte Generation auf ihren Armen, und dieses kleine Volk kannte sie, die man
einst die schne, die groe genannt, nur als - die gute Bozena.
