
                                  Dahn, Felix

                                  Kampf um Rom

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                                   Felix Dahn

                                Ein Kampf um Rom

                               Historischer Roman

                                               Meinem lieben Freund und Kollegen
                                                     Ludwig Friedlnder zu eigen

                                     Motto:
 Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
 So ist's der Mut, der's unerschttert trgt.
                                                                         Geibel.


                                    Vorwort.

Die wissenschaftlichen Grundlagen dieser in Gestalt eines Romans gekleideten
Bilder aus dem sechsten Jahrhundert enthalten meine in folgenden Werken
niedergelegten Forschungen:
    Die Knige der Germanen. II. III. IV. Band. Mnchen und Wrzburg 1862-1866.
    Prokopius von Csarea. Ein Beitrag zur Historiographie der Vlkerwanderung
und des sinkenden Rmertums. Berlin 1865.
    Aus diesen Darstellungen mag der Leser die Ergnzungen und Vernderungen,
die der Roman an der Wirklichkeit vorgenommen, erkennen.
    Das Werk ist 1859 in Mnchen begonnen, in Italien, zumal Ravenna,
weitergefhrt, und 1876 in Knigsberg abgeschlossen worden.

    Knigsberg, Januar 1876.
                                                                     Felix Dahn.

                                  Erstes Buch.



                                  Theoderich.

                Dietericus de Berne, de quo cantant rustici usque hodie.


                                Erstes Kapitel.

Es war eine schwle Sommernacht des Jahres fnfhundertsechsundzwanzig nach
Christus.
    Schwer lagerte dichtes Gewlk ber der dunkeln Flche der Adria, deren
Ksten und Gewsser zusammenflossen in unterscheidungslosem Dunkel: nur ferne
Blitze warfen hier und da ein zuckendes Licht ber das schweigende Ravenna. In
ungleichen Pausen fegte der Wind durch die Steineichen und Pinien auf dem
Hhenzug, welcher sich eine gute Strecke westlich von der Stadt erhebt, einst
gekrnt von einem Tempel des Neptun, der, schon damals halb zerfallen, heute bis
auf drftige Spuren verschwunden ist.
    Es war still auf dieser Waldhhe: nur ein vom Sturm losgerissenes Felsstck
polterte manchmal die steinigen Hnge hinunter, und schlug zuletzt platschend in
das sumpfige Wasser der Kanle und Grben, die den ganzen Kreis der Seefestung
umgrteten.
    Oder in dem alten Tempel lste sich eine verwitterte Platte von dem
getfelten Dach der Decke und fiel zerspringend auf die Marmorstufen, - Vorboten
von dem drohenden Einsturz des ganzen Gebudes.
    Aber dies unheimliche Gerusch schien nicht beachtet zu werden von einem
Mann, der unbeweglich auf der zweithchsten Stufe der Tempeltreppe sa, den
Rcken an die hchste Stufe gelehnt, und schweigend und unverwandt in Einer
Richtung ber die Hhe hinab nach der Stadt zu blickte.
    Lange sa er so: regungslos, aber sehnschtig wartend: er achtete es nicht,
da ihm der Wind die schweren Regentropfen, die einzeln zu fallen begannen, ins
Gesicht schlug, und ungestm in dem mchtigen, bis an den ehernen Gurt wallenden
Bart whlte, der fast die ganze breite Brust des alten Mannes mit glnzendem
Silberwei bedeckte.
    Endlich stand er auf und schritt einige der Marmorstufen nieder: Sie
kommen, sagte er.
    Es wurde das Licht einer Fackel sichtbar, die sich rasch von der Stadt her
dem Tempel nherte: man hrte schnelle, krftige Schritte, und bald danach
stiegen drei Mnner die Stufen der Treppe herauf.
    Heil, Meister Hildebrand, Hildungs Sohn! rief der voranschreitende
Fackeltrger, der jngste von ihnen, in gotischer Sprache mit auffallend
melodischer Stimme, als er die lckenhafte Sulenreihe des Pronaos, der
Vorhalle, erreicht.
    Er hob das Windlicht hoch empor - schne, korinthische Erzarbeit am Stiel,
durchsichtiges Elfenbein bildete den vierseitigen Schirm, und den gewlbten
durchbrochenen Deckel - und steckte es in den Erzring, der die geborstne
Mittelsule zusammenhielt.
    Das weie Licht fiel auf ein apollinisch schnes Antlitz mit lachenden,
hellblauen Augen; mitten auf seiner Stirn teilte sich das lichtblonde Haar in
zwei lang flieende Lockenwellen, die rechts und links bis auf seine Schultern
wallten; Mund und Nase, fein, fast weich geschnitten, waren von vollendeter
Form, ein leichter Anflug goldhellen Bartes deckte die freundlichen Lippen und
das leicht gespaltene Kinn; er trug nur weie Kleider: einen Kriegsmantel von
feiner Wolle, durch eine goldne Spange in Greifengestalt auf der rechten
Schulter festgehalten, und eine rmische Tunika von weicher Seide, beide mit
einem Goldstreif durchwirkt; weie Lederriemen befestigten die Sandalen an den
Fen und reichten, kreuzweis geflochten, bis an die Kniee; die nackten,
glnzendweien Arme umzirkten zwei breite Goldreife: und wie er, die Rechte um
eine hohe Lanze geschlungen, die ihm zugleich als Stab und als Waffe diente, die
Linke in die Hfte gestemmt, ausruhend von dem Gang, zu seinen langsameren
Weggenossen hinunterblickte, schien in den grauen Tempel eine jugendliche
Gttergestalt aus seinen schnsten Tagen wieder eingekehrt.
    Der zweite der Ankmmlinge hatte, trotz einer allgemeinen
Familienhnlichkeit, doch einen von dem Fackeltrger vllig verschiednen
Ausdruck.
    Er war einige Jahre lter, sein Wuchs war derber und breiter, - tief in den
mchtigen Stiernacken hinab reichte das dicht und kurz gelockte braune Haar -
und von fast riesenhafter Hhe und Strke: in seinem Gesicht fehlte jener
sonnige Schimmer, jene vertrauende Freude und Lebenshoffnung, welche die Zge
des jngern Bruders verklrten: statt dessen lag in seiner ganzen Erscheinung
der Ausdruck von brenhafter Kraft und brenhaftem Mut: er trug eine zottige
Wolfsschur, deren Rachen, wie eine Kapuze, sein Haupt umhllte, ein schlichtes
Wollenwams darunter, und auf der rechten Schulter eine kurze, wuchtige Keule aus
dem harten Holz einer Eichenwurzel.
    Bedchtigen Schrittes folgte der dritte, ein mittelgroer Mann von gemessen
verstndigem Ausdruck. Er trug den Stahlhelm, das Schwert und den braunen
Kriegsmantel des gotischen Fuvolks. Sein schlichtes, hellbraunes Haar war ber
der Stirn geradlinig abgeschnitten: eine uralte germanische Haartracht, die
schon auf rmischen Siegessulen erscheint und sich bei dem deutschen Bauer bis
heut' erhalten hat. Aus den regelmigen Zgen des offnen Gesichts, aus dem
grauen, sichern Auge sprach besonnene Mnnlichkeit und nchterne Ruhe.
    Als auch er die Cella des Tempels erreicht und den Alten begrt hatte, rief
der Fackeltrger mit lebhafter Stimme:
    Nun, Meister Hildebrand, ein schnes Abenteuer mu es sein, zu dem du uns
in solch unwirtlicher Nacht in diese Wildnis von Natur und Kunst geladen hast!
Sprich - was soll's geben?
    Statt der Antwort fragte der Alte, sich zu dem Letztgekommnen wendend: Wo
bleibt der Vierte, den ich lud?
    - Er wollte allein gehen. Er wies uns alle ab. Du kennst ja seine Weise.
    Da kmmt er! rief der schne Jngling, nach einer andern Seite des Hgels
deutend.
    Wirklich nahte dorther ein Mann von hchst eigenartiger Erscheinung.
    Das volle Licht der Fackel beleuchtete ein geisterhaft bleiches Antlitz, das
fast blutleer schien; lange, glnzend schwarze Locken hingen von dem unbedeckten
Haupt wie dunkle Schlangen wirr bis auf die Schultern. Hochgeschweifte, schwarze
Brauen und lange Wimpern beschatteten die groen, melancholischen dunkeln Augen
voll verhaltner Glut, eine Adlernase senkte sich sehr scharfgeschnitten gegen
den feinen, glattgeschornen Mund, den ein Zug resignierten Grams umfurchte.
    Gestalt und Haltung waren so jugendlich: aber die Seele schien vor der Zeit
vom Schmerz gereift.
    Er trug Ringpanzer und Beinschienen von schwarzem Erz, und in seiner Rechten
blitzte ein Schlachtbeil an langem, lanzengleichem Schaft. Nur mit dem Haupte
nickend begrte er die andern und stellte sich hinter den Alten, der sie nun
alle vier dicht an die Sule, welche die Fackel trug, treten hie und mit
gedmpfter Stimme begann:
    Ich habe euch hierher beschieden, weil ernste Worte mssen gesprochen
werden, unbelauscht und zu treuen Mnnern, die da helfen mgen.
    Ich sah umher im ganzen Volk, mondenlang: - euch hab' ich gewhlt, ihr seid
die Rechten. Wenn ihr mich angehrt habt, so fhlt ihr von selbst, da ihr
schweigen mt von dieser Nacht.
    Der dritte, der mit dem Stahlhelm, sah den Alten mit ernsten Augen an:
Rede, sagte er ruhig, wir hren und schweigen. Wovon willst du zu uns
sprechen?
    Von unsrem Volk, von diesem Reich der Goten, das hart am Abgrund steht.
    Am Abgrund? rief lebhaft der blonde Jngling. Sein riesiger Bruder
lchelte und erhob aufhorchend das Haupt.
    Ja, am Abgrund, rief der Alte, und ihr allein, ihr knnt es halten und
retten.
    Verzeih' dir der Himmel deine Worte! - fiel der Blonde lebhaft ein -
haben wir nicht unsern Knig Theoderich, den seine Feinde selbst den Groen
nennen, den herrlichsten Helden, den weisesten Frsten der Welt? Haben wir nicht
dies lachende Land Italia mit all seinen Schtzen? Was gleicht auf Erden dem
Reich der Goten?
    Der Alte fuhr fort: Hrt mich an. Knig Theoderich, mein teurer Herre und
mein lieber Sohn, was der wert ist, wie gro er ist, - das wei am besten
Hildebrand, Hildungs Sohn. Ich hab' ihn vor mehr als fnfzig Jahren auf diesen
Armen seinem Vater als ein zappelnd Knblein gebracht und gesagt: Das ist starke
Zucht: - Du wirst Freude dran haben.
    Und wie er heranwuchs - ich habe ihm den ersten Bolz geschnitzt und ihm die
erste Wunde gewaschen! Ich habe ihn begleitet nach der goldnen Stadt Byzanz und
ihn dort gehtet, Leib und Seele. Und als er dieses schne Land erkmpfte, bin
ich vor ihm hergeschritten, Fu fr Fu, und habe den Schild ber ihn gehalten
in dreiig Schlachten. Wohl hat er seither gelehrtere Rte und Freunde gefunden
als seinen alten Waffenmeister, aber klgere schwerlich und treuere gewi nicht.
Wie stark sein Arm gewesen, wie scharf sein Auge, wie klar sein Kopf, wie
schrecklich er war unterm Helm, wie freundlich beim Becher, wie berlegen selbst
den Griechlein an Klugheit, das hatte ich hundertmal erfahren, lange ehe dich,
du junger Nestfalk, die Sonne beschienen.
    Aber der alte Adler ist flgellahm geworden!
    Seine Kriegsjahre lasten auf ihm - denn er und ihr und euer Geschlecht, ihr
knnt die Jahre nicht mehr tragen wie ich und meine Spielgenossen -: er liegt
krank, rtselhaft krank an Seele und Leib in seinem goldnen Saal dort unten in
der Rabenstadt. Die rzte sagen, wie stark sein Arm noch sei, jeder Schlag
seines Herzens mag ihn tten wie der Blitz und auf jeder sinkenden Sonne mag er
hinunterfahren zu den Toten. Und wer ist dann sein Erbe, wer sttzt dann dieses
Reich? Amalaswintha, seine Tochter, und Athalarich, sein Enkel: - ein Weib und
ein Kind.
    Die Frstin ist weise, sprach der dritte mit dem Helm und dem Schwert.
    Ja, sie schreibt griechisch an den Kaiser und redet rmisch mit dem frommen
Cassiodor. Ich zweifle, ob sie gotisch denkt. Weh' uns, wenn sie im Sturm das
Steuer halten soll.
    Ich sehe aber nirgends Sturm, Alter, lachte der Fackeltrger und
schttelte die Locken. Woher soll er blasen? Der Kaiser ist wieder vershnt,
der Bischof von Rom ist vom Knig selbst eingesetzt, die Frankenfrsten sind
seine Neffen, die Italier haben es unter unsrem Schild besser als je zuvor. Ich
sehe keine Gefahr, nirgends.
    Kaiser Justinus ist nur ein schwacher Greis, sprach beistimmend der mit
dem Schwert, ich kenne ihn.
    Aber sein Neffe, bald sein Nachfolger, und jetzt schon sein rechter Arm - -
kennst du auch den? Unergrndlich wie die Nacht und falsch wie das Meer ist
Justinian: - ich kenne ihn und frchte was er sinnt. Ich begleitete die letzte
Gesandtschaft nach Byzanz: er kam zu unsrem Gelag: er hielt mich fr berauscht:
- der Narr, er wei nicht, was Hildungs Kind trinken mag, - und fragte mich um
alles, genau um alles, was man wissen mu, um - uns zu verderben. Nun, von mir
hat er den rechten Bescheid gekriegt! Aber ich wei es so gewi wie meinen
Namen: dieser Mann will dies Land, dies Italien wieder haben und nicht die
Fuspur eines Goten wird er darin brig lassen.
    Wenn er kann, brummte des Blonden Bruder dazwischen.
    Recht, Freund Hildebad, wenn er kann. Und er kann viel. Byzanz kann viel.
    Jener zuckte die Achseln.
    Weit du's, wieviel? fragte der Alte zornig. Zwlf Jahre lang hat unser
groer Knig mit Byzanz gerungen und hat nicht obgesiegt. Aber damals warst du
noch nicht geboren, fgte er ruhig hinzu.
    Wohl! - kam jenem der Bruder zu Hilfe. - Aber damals standen die Goten
allein im fremden Land. Jetzt haben wir eine ganze zweite Hlfte gewonnen: wir
haben eine Heimat, Italien, wir haben Waffenbrder, die Italier.
    Italien unsre Heimat! rief der Alte bitter, ja, das ist der Wahn. Und die
Welschen unsre Helfer gegen Byzanz! Du junger Tor!
    Das sind unsres Knigs eigne Worte, entgegnete der Gescholtene.
    Ja, ja, ich kenne sie wohl, die Wahnreden, die uns alle verderben werden.
Fremd sind wir hier, fremd, heute wie vor vierzig Jahren, da wir von diesen
Bergen niederstiegen und fremd werden wir sein in diesem Lande noch nach tausend
Jahren. Wir sind hier ewig die Barbaren!
    Jawohl, aber warum bleiben wir Barbaren? Wessen Schuld ist das als die
unsre? Weshalb lernen wir nicht von ihnen?
    Schweig still, schrie der Alte, zuckend vor Grimm, schweig, Totila, mit
solchen Gedanken: sie sind der Fluch meines Hauses geworden. Sich mhsam
beruhigend fuhr er fort: Unsre Todfeinde sind die Welschen, nicht unsre Brder.
Weh, wenn wir ihnen trauen! O da der Knig nach meinem Rat getan und nach
seinem Sieg alles erschlagen htte, das Schwert und Schild fhren konnte, vom
lallenden Knblein bis zum lallenden Greis! Sie werden uns ewig hassen. Und sie
haben recht. Wir aber, wir sind die Toren, sie zu bewundern.
    Eine Pause trat ein: ernst geworden fragte der Jngling: Und du hltst
keine Freundschaft fr mglich zwischen uns und ihnen?
    Kein Friede zwischen den Shnen des Gaut und dem Sdvolk! Ein Mann tritt in
die Goldhhle des Drachen: er drckt das Haupt des Drachen nieder mit eherner
Faust: der bittet um sein Leben: der Mann erbarmt sich seiner schillernden
Schuppen und weidet sein Auge an den Schtzen der Hhle. Was wird der Giftwurm
tun? Hinterrcks, sobald er kann, wird er ihn stechen, da der Verschoner
stirbt.
    Wohlan, so la sie kommen, die Griechlein, schrie der riesige Hildebad,
und la dies Natterngezcht gegen uns aufzngeln. Wir wollen sie niederschlagen
- so! und er hob die Keule und lie sie niederfallen, da die Marmorplatte in
Splitter sprang und der alte Tempel in seinen Grundfugen erdrhnte.
    Ja, sie sollen's versuchen! rief Totila, und aus seinen Augen leuchtete
ein kriegerisches Feuer, das ihn noch schner machte. - Wenn diese undankbaren
Rmer uns verraten, wenn die falschen Byzantiner kommen - er blickte mit
liebevollem Stolz auf seinen starken Bruder - sieh, Alter, wir haben Mnner wie
die Eichen.
    Wohlgefllig nickte der alte Waffenmeister: Ja, Hildebad ist sehr stark;
obwohl nicht ganz so stark wie Winithar und Walamer und die andern waren, die
mit mir jung gewesen. Und gegen Nordmnner ist Strke gut Ding. Aber dieses
Sdvolk, fuhr er ingrimmig fort - kmpft von Trmen und Mauerzinnen herunter.
Sie fhren den Krieg wie ein Rechenexempel und rechnen dir zuletzt ein Heer von
Helden in einen Winkel hinein, da es sich nicht mehr rhren noch regen kann.
Ich kenne einen solchen Rechenmeister in Byzanz, der ist kein Mann und besiegt
die Mnner. Du kennst ihn auch, Witichis? - so fragend wandte er sich an den
Mann mit dem Schwert.
    Ich kenne Narses, sagte dieser, der sehr ernst geworden, nachdenklich.
Was du gesprochen, Hildungs Sohn, ist leider wahr, sehr wahr. hnliches ist mir
oft schon durch die Seele gegangen, aber unklar, dunkel, mehr ein Grauen als ein
Denken. - Deine Worte sind unwiderleglich: der Knig am Tod - die Frstin ein
halbgriechisch Weib - Justinian lauernd - die Welschen schlangenfalsch - die
Feldherrn von Byzanz Zauberer von Kunst, aber - hier holte er tief Atem - wir
stehen nicht allein, wir Goten. Unser weiser Knig hat sich Freunde, Verbndete
geschaffen in berflu. Der Knig der Vandalen ist sein Schwestermann, der Knig
der Westgoten sein Enkel, die Knige der Burgunden, der Heruler, der Thringe,
der Franken sind ihm verschwgert, alle Vlker ehren ihn wie ihren Vater, die
Sarmaten, die fernen Esthen selbst an der Ostsee senden ihm huldigend Pelzwerk
und gelben Bernstein. Ist das alles - -
    Nichts ist das alles, Schmeichelworte sind's und bunte Lappen! Sollen uns
die Esthen helfen mit ihrem Bernstein wider Belisar und Narses? Weh uns, wenn
wir nicht allein siegen knnen. Diese Schwger und Eidame schmeicheln, solang
sie zittern, und wenn sie nicht mehr zittern, werden sie drohen. Ich kenne die
Treue der Knige! Wir haben Feinde ringsum, offene und geheime, und keinen
Freund als uns selbst.
    Ein Schweigen trat ein, in welchem alle die Worte des Alten besorgt erwogen:
heulend fuhr der Sturm um die verwitterten Sulen und rttelte an dem morschen
Tempelbau.
    Da sprach zuerst Witichis, vom Boden aufblickend, sicher und gefat: Gro
ist die Gefahr, hoffentlich nicht unabwendbar. Gewi hast du uns nicht hierher
beschieden, da wir tatlos in die Verzweiflung schauen. Geholfen mu werden: so
sprich, wie meinst du, da zu helfen sei.
    Der Alte trat einen Schritt auf ihn zu und fate seine Hand: Wacker,
Witichis, Waltaris Sohn. Ich kannte dich wohl und will dir's treu gedenken, da
vor allen du zuerst ein mnnlich Wort der Zuversicht gefunden. Ja, ich denke wie
du: noch ist Hilfe mglich, und um sie zu finden habe ich euch hierher gerufen,
wo uns kein Welscher hrt. Saget nun an und ratet: dann will ich sprechen.
    Da alle schwiegen, wandte er sich zu dem Schwarzgelockten: Wenn du denkst
wie wir, so sprich auch du, Teja. Warum schwiegst du bisher?
    Ich schweige, weil ich anders denke denn ihr.
    Die andern staunten. Hildebrand sprach: Wie meinst du das, mein Sohn?
    Hildebad und Totila sehen nicht die Gefahr, du und Witichis, ihr sehet sie
und hoffet, ich aber sah sie lngst und hoffe nicht.
    Du siehst zu schwarz, wer darf verzweifeln vor dem Kampf? meinte Witichis.
    Sollen wir, das Schwert in der Scheide, ohne Kampf, ohne Ruhm untergehen?
rief Totila.
    Nicht ohne Kampf, mein Totila, und nicht ohne Ruhm, so wei ich,
antwortete Teja, leise die Streitaxt zuckend. Kmpfen wollen wir, da man es
nie vergessen soll in allen Tagen: kmpfen mit hchstem Ruhm, aber ohne Sieg.
Der Stern der Goten sinkt.
    Mir deucht, er will erst recht hoch steigen, rief Totila ungeduldig. Lat
uns vor den Knig treten, sprich du, Hildebrand, zu ihm wie du zu uns
gesprochen. Er ist weise: er wird Rat finden.
    Der Alte schttelte den Kopf: Zwanzigmal hab ich zu ihm gesprochen. Er hrt
mich nicht mehr. Er ist mde und will sterben, und seine Seele ist verdunkelt,
ich wei nicht, durch welchen Schatten. - Was denkst du, Hildebad?
    Ich denke, sprach dieser sich hoch aufrichtend, sowie der alte Lwe die
mden Augen geschlossen, rsten wir zwei Heere. Das eine fhren Witichis und
Teja vor Byzanz und brennen es nieder, mit dem andern steigen ich und mein
Bruder ber die Alpen und zerschlagen Paris, das Drachennest der Merowinger, zu
einem Steinhaufen fr alle Zukunft. Dann wird Ruhe sein, im Osten und im
Norden.
    Wir haben keine Schiffe gegen Byzanz, sprach Witichis.
    Und die Franken sind sieben wider einen gegen uns, sagte Hildebrand. Aber
wacker meinst du's, Hildebad. Sage, was rtst du, Witichis?
    Ich rate einen Bund, mit Schwren beschwert, mit Geiseln gesichert aller
Nordstmme gegen die Griechen.
    Du glaubst an Treue, weil du selber treu. Mein Freund, nur die Goten knnen
den Goten helfen. Man mu sie nur wieder daran erinnern, da sie Goten sind.
Hrt mich an. Ihr alle seid jung und liebt allerlei Dinge und habt vielerlei
Freuden. Der eine liebt ein Weib, der andre die Waffen, der dritte irgendeine
Hoffnung oder auch irgend einen Gram, der ihm ist wie eine Geliebte. - Aber
glaubt mir, es kmmt eine Zeit - und die Not kann sie euch noch in jungen Tagen
bringen -, da all diese Freuden und selbst Schmerzen wertlos werden wie welke
Krnze vom Gelag von gestern.
    Da werden denn viele weich und fromm und vergessen des was auf Erden und
trachten nach dem was hinter dem Grabe ist. Ich kann's nicht und ihr, mein' ich,
und viele von uns knnen's auch nicht. Die Erde lieb' ich mit Berg und Wald und
Weide und strudelndem Strom und das Leben darauf mit heiem Ha und langer
Liebe, mit zhem Zorn und stummem Stolz. Von jenem Luftleben da droben in den
Windwolken, wie's die Christenpriester lehren, wei ich nichts und will ich
nichts wissen. Eins aber bleibt dem Mann, dem rechten, wenn alles andre dahin.
Ein Gut, von dem er nimmer lt. Seht mich an. Ich bin ein entlaubter Stamm,
alles hab' ich verloren was mein Leben erfreute: mein Weib ist tot seit vielen
Jahren, meine Shne sind tot, meine Enkel sind tot: bis auf einen, der ist
schlimmer als tot: - der ist ein Welscher worden. Dahin und lang vermodert sind
sie alle, mit denen ich ein kecker Knabe und ein markiger Mann gewesen, und
schon steigt meine erste Liebe und mein letzter Stolz, mein groer Knig, mde
in sein Grab. Nun seht, was hlt mich noch im Leben? Was gibt mir Mut, Lust,
Zwang zu leben? Was treibt mich Alten wie einen Jngling in dieser Sturmnacht
auf die Berge? Was lodert hier unter dem Eisbart hei in lauter Liebe, in
strrigem Stolz und in trotziger Trauer? Was anders als der Drang, der
unaustilgbar in unsrem Blute liegt, der tiefe Drang und Zug zu meinem Volk, die
Liebe, die lodernde, die allgewaltige, zu dem Geschlechte, das da Goten heit,
und das die se, heimliche, herrliche Sprache redet meiner Eltern, der Zug zu
denen, die da sprechen, fhlen, leben wie ich. Sie bleibt, sie allein, diese
Volksliebe, ein Opferfeuer, in dem Herzen, darinnen alle andre Glut erloschen,
sie ist das teure, das mit Schmerzen geliebte Heiligtum, das Hchste in jeder
Mannesbrust, die strkste Macht in seiner Seele, treu bis zum Tod und
unbezwingbar.
    Der Alte hatte sich in Begeisterung geredet - sein Haar flog im Winde - er
stand wie ein alter hnenhafter Priester unter den jungen Mnnern, welche die
Fuste an ihren Waffen ballten.
    Endlich sprach Teja: Du hast recht, diese Flamme lodert noch, wo alles
sonst erloschen. Aber sie brennt in dir, - in uns, - vielleicht noch in hundert
andern unsrer Brder. Kann das ein ganzes Volk erretten? Nein! Und kann diese
Glut die Masse ergreifen, die Tausende, die Hunderttausende?
    Sie kann es, mein Sohn, sie kann es. Dank allen Gttern, da sie's kann.
Hre mich an. Es sind jetzt fnfundvierzig Jahre, da waren wir Goten, viele
Hunderttausende, mit Weibern und Kindern, in den Schluchten der Hmusberge
eingeschlossen.
    Wir lagen in hchster Not. Des Knigs Bruder war von den Griechen in
treulosem berfall geschlagen und gettet, und aller Mundvorrat, den er uns
zufhren sollte, verloren: wir saen in den Felsschluchten und litten so bittern
Hunger, da wir Gras und Leder kochten. Hinter uns die unersteiglichen Felsen,
vor uns und zur Linken das Meer, rechts in einem Engpa die Feinde in dreifacher
berzahl. Viele Tausende von uns waren dem Hunger, dem Winter erlegen:
zwanzigmal hatten wir vergebens versucht, jenen Pa zu durchbrechen. Wir wollten
verzweifeln. Da kam ein Gesandter des Kaisers und bot uns Leben, Freiheit, Wein,
Brot, Fleisch - unter einer einzigen Bedingung: wir sollten getrennt
voneinander, zu vier und vier, ber das ganze Weltreich Roms zerstreut werden,
keiner von uns mehr ein gotisch Weib freien, keiner sein Kind mehr unsre Sprache
und Sitte lehren drfen, Name und Wesen der Goten sollte verschwinden, Rmer
sollten wir werden. Da sprang der Knig auf, rief uns zusammen und trug's uns
vor in flammender Rede und fragte zuletzt, ob wir lieber aufgeben wollten
Sprache, Sitte, Leben unsres Volkes oder lieber mit ihm sterben? Da fuhr sein
Wort in die Hunderte, die Tausende, die Hunderttausende wie der Waldbrand in die
drren Stmme, aufschrieen sie, die wackern Mnner, wie ein tausendstimmiges,
brllendes Meer, die Schwerter schwangen sie, auf den Engpa strzten sie und
weggefegt waren die Griechen als htten sie nie gestanden, und wir waren Sieger
und frei.
    Sein Auge glnzte in stolzer Erinnerung, nach einer Pause fuhr er fort:
Dies allein ist, was uns heute retten kann wie dazumal: fhlen erst die Goten,
da sie fr jenes Hchste fechten, fr den Schutz jenes geheimnisvollen
Kleinods, das in Sprache und Sitte eines Volkes liegt wie ein Wunderborn, dann
knnen sie lachen zu dem Ha der Griechen, zu der Tcke der Welschen. Und das
vor allem wollt' ich euch fragen, fest und feierlich: fhlt ihr es wie ich so
klar, so ganz, so mchtig, da diese Liebe zu unsrem Volk unser Hchstes ist,
unser schnster Schatz, unser strkster Schild? knnt ihr sprechen wie ich: mein
Volk ist mir das Hchste und alles, alles andre dagegen nichts, ihm will ich
opfern was ich bin und habe, wollt ihr das, knnt ihr das!
    Ja, das will ich, ja, das kann ich! sprachen die vier Mnner.
    Wohl, fuhr der Alte fort, das ist gut. Aber Teja hat recht: nicht alle
Goten fhlen das jetzt, heute schon, wie wir und doch mssen es alle fhlen,
wenn es helfen soll. Darum gelobet mir, von heut' an unablssig euch selbst und
alle unsres Volkes, mit denen ihr lebt und handelt, zu erfllen mit dem Hauch
dieser Stunde. Vielen, vielen hat der fremde Glanz die Augen geblendet: viele
haben griechische Kleider angetan und rmische Gedanken: sie schmen sich,
Barbaren zu heien: sie wollen vergessen und vergessen machen, da sie Goten
sind - wehe ber die Toren!
    Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben, sie sind wie
Bltter, die sich stolz vom Stamme gelst und der Wind wird kommen und wird sie
verwehen in Schlamm und Pftzen, da sie verfaulen: aber der Stamm wird stehen
mitten im Sturm und wird lebendig erhalten, was treu an ihm haftet. Darum sollt
ihr euer Volk wecken und mahnen berall und immer. Den Knaben erzhlt die Sagen
der Vter, von den Hunnenschlachten, von den Rmersiegen: den Mnnern zeigt die
drohende Gefahr und wie nur das Volkstum unser Schild: eure Schwestern ermahnt,
da sie keinen Rmer umarmen und keinen Rmling: eure Brute, eure Weiber lehrt,
da sie alles, sich selbst und euch opfern dem Glck der guten Goten, auf da,
wenn die Feinde kommen, sie finden ein starkes Volk, stolz, einig, fest, daran
sie zerschellen sollen wie die Wogen am Fels. Wollt ihr mir dazu helfen?
    Ja, sprachen sie, das wollen wir.
    Ich glaube euch, fuhr der Alte fort, glaube eurem bloen Wort. Nicht um
euch fester zu binden - denn was bnde den Falschen? - sondern weil ich treu
hange an altem Brauch und weil besser gedeiht, was geschieht nach Sitte der
Vter - folget mir.

                                Zweites Kapitel.


Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Sule und schritt quer durch den
Innenraum, die Cella des Tempels, vorber an dem zerfallenen Hauptaltar, vorbei
an den Postamenten der lang herabgestrzten Gtterbilder nach der Hinterseite
des Gebudes, dem Postikum. Schweigend folgten die Geladenen dem Alten, der sie
ber die Stufen hinunter ins Freie fhrte.
    Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche, deren
mchtiges Gest wie ein Dach Sturm und Regen abhielt. Unter diesem Baum bot sich
ihnen ein seltsamer Anblick, der aber die gotischen Mnner sofort an eine alte
Sitte aus dem grauen Heidentum, aus der fernen nordischen Heimat gemahnte. Unter
der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens aufgeschlitzt, nur einen Fu
breit, aber mehrere Ellen lang, die beiden Enden des Streifens hafteten noch
locker am Grunde: in der Mitte war der Rasengrtel auf drei ungleich in die Erde
gerammte hohe Speere emporgespreizt, in der Mitte von dem lngsten Speer
gesttzt, so da die Vorrichtung ein Dreieck bildete, unter dessen Dach zwischen
den Speersulen mehrere Mnner bequem stehen konnten. In der so gewonnenen
Erdritze stand ein eherner Kessel, mit Wasser gefllt, daneben lag ein spitzes
und scharfes Schlachtmesser, uralt: das Heft vom Horn des Auerstiers, die Klinge
vom Feuerstein. Der Greis trat nun heran, stie die Fackel dicht neben dem
Kessel in die Erde, stieg dann, mit dem rechten Fu vorauf, in die Grube, wandte
sich gegen Osten und neigte das Haupt: dann winkte er die Freunde zu sich, mit
dem Finger am Mund ihnen Schweigen bedeutend. Lautlos traten die Mnner in die
Rinne und stellten sich, Witichis und Teja zu seiner Linken, die beiden Brder
zu seiner Rechten und alle fnf reichten sich die Hnde zu einer feierlichen
Kette. Dann lie der Alte Witichis und Hildebad, die ihm zunchst standen, los
und kniete nieder. Zuerst raffte er eine Handvoll der schwarzen Walderde auf und
warf sie ber die linke Schulter. Dann griff er mit der andern Hand in den
Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich. Darauf blies er in die
wehende Nachtluft, die sausend in seinen langen Bart wehte. Endlich schwang er
die Fackel von der Rechten zur Linken ber sein Haupt. Dann steckte er sie
wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin:
    Hre mich, alte Erde, wallendes Wasser, leichte Luft, flackernde Flamme!
Hret mich wohl und bewahret mein Wort: Hier stehen fnf Mnner vom Geschlechte
des Gaut, Teja und Totila, Hildebad und Hildebrand und Witichis, Waltaris Sohn.

Wir stehen hier in stiller Stunde,
Zu binden einen Bund von Blutsbrdern,
Fr immer und ewig und alle Tage.
Wir sollen uns sein wie Sippegesellen
In Frieden und Fehde, in Rache und Recht.
Ein Hoffen, Ein Hassen, Ein Lieben, Ein Leiden,
Wie wir trufen zu Einem Tropfen
Unser Blut als Blutsbrder.

    Bei diesen Worten entblte er den linken Arm, die andern taten desgleichen,
eng aneinander streckten sich die fnf Arme ber den Kessel, der Alte hob das
scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und den vier andern die
Haut des Vorderarmes, da das Blut aller in roten Tropfen in den ehernen Kessel
flo.
    Dann nahmen sie wieder die frhere Stellung ein, und murmelnd fuhr der Alte
fort:

Und wir schwren den schweren Schwur,
Zu opfern all unser Eigen,
Haus, Hof und Habe,
Ro, Rstung und Rind,
Sohn, Sippe und Gesinde,
Weib und Waffen und Leib und Leben
Dem Glanz und Glck des Geschlechtes von Gaut,
Den guten Goten.
Und wer von uns sich wollte weigern,
Den Eid zu ehren mit allen Opfern -

    Hier traten er, und auf seinen Wink auch die andern, aus der Grube und unter
dem Rasenstreifen hervor:

Des rotes Blut soll rinnen ungerchet
Wie dies Wasser unterm Waldwasen -

    Er erhob den Kessel, go sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn wie
das andre Gert heraus:

Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen
Dumpf niederdonnern und ihn erdrcken,
Wuchtig so wie dieser Wasen.

    Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschfte nieder und
dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne. Die fnf Mnner stellten
sich nun mit verschlungenen Hnden auf die wieder von Rasen gedeckte Stelle, und
in rascherem Ton fuhr der Alte fort: Und wer von uns nicht achtet dieses Eides
und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrder als echte Brder schtzt im
Leben und rcht im Tode und wer sich weigert, sein Alles zu opfern dem Volk der
Goten, wann die Not es begehrt und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein
auf immer den untern, den ewigen, den wsten Gewalten, die da hausen unter dem
grnen Gras des Erdgrundes: gute Menschen sollen mit Fen schreiten ber des
Neidings Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken
luten und Heidenleute Opfer schlachten, soweit Mutter Kind koset und der Wind
weht ber die weite Welt. Sagt an, ihr Gesellen, soll's ihm also geschehn, dem
niedrigen Neiding?
    So soll ihm geschehen, sprachen die vier Mnner ihm nach.
    Nach einer ernsten Pause lste Hildebrand die Kette der Hnde und sprach:
Und auf da ihr's wit, welche Weihe diese Sttte hat fr mich - jetzt auch fr
euch -, warum ich euch zu solchem Tun gerade hierher beschieden und zu dieser
Nacht - kommt und sehet. Und also sprechend erhob er die Fackel und schritt
voran hinter den mchtigen Stamm der Eiche, vor der sie geschworen. Schweigend
folgten die Freunde, bis sie an der Kehrseite des alten Baumes hielten und hier
mit Staunen gerade gegenber der Rasengrube, in welcher sie gestanden, ein
breites offenes Grab ghnen sahen, von welchem die deckende Felsplatte
hinweggewlzt war: da ruhten in der Tiefe, im Licht der Fackel geisterhaft
erglnzend, drei weie lange Skelette, einzelne verrostete Waffenstcke,
Lanzenspitzen, Schildbuckel lagen daneben. Die Mnner blickten berrascht bald
in die Grube, bald auf den Greis. Dieser leuchtete lange schweigend in die
Tiefe. Endlich sagte er ruhig: Meine drei Shne. Sie liegen hier ber dreiig
Jahre. Sie fielen auf diesem Berg, in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna.
Sie fielen in Einer Stunde, heute ist der Tag. Sie sprangen jubelnd in die
Speere - - fr ihr Volk.
    Er hielt inne. Mit Rhrung sahen die Mnner vor sich hin. Endlich richtete
sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel. Es ist genug, sagte er, die Sterne
bleichen. Mitternacht ist lngst vorber. Geht, ihr andern, in die Stadt zurck.
Du, Teja, bleibst wohl bei mir: - dir ist ja vor andern, wie des Liedes, der
Trauer Gabe gegeben - und hltst mit mir die Ehrenwacht bei diesen Toten.
    Teja nickte und setzte sich, ohne ein Wort, zu Fen des Grabes, wo er
stand, nieder. Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja gegenber
auf die Felsplatte. Die andern drei winkten ihm scheidend zu. Und ernst und in
schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur Stadt.

                                Drittes Kapitel.


Wenige Wochen nach jener nchtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom eine
Vereinigung statt, ebenfalls heimlich, ebenfalls unter dem Schutze der Nacht,
aber von ganz andern Mnnern zu ganz andern Zwecken.
    Das geschah an der appischen Strae nahe dem Cmeterium des heiligen
Kalixtus in einem halbverschtteten Gang der Katakomben, jener rtselhaften
unterirdischen Wege, die unter den Straen und Pltzen Roms fast eine zweite
Stadt bildeten. Es sind diese geheimnisvollen Rume - ursprnglich alte
Begrbnispltze, oft die Zuflucht der jungen Christengemeinde - so vielfach
verschlungen und ihre Kreuzungen, Endpunkte, Aus- und Eingnge so schwierig zu
finden, da nur unter ortvertrautester Fhrung ihre inneren Tiefen betreten
werden knnen. Aber die Mnner, deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen,
frchteten keine Gefahr. Sie waren gut gefhrt. Denn es war Silverius, der
katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian, der
unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen Stufen in
diesen Zweigarm der Gewlbe gefhrt hatte: und die rmischen Priester standen in
dem Rufe, seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis jener Labyrinthe
fortgepflanzt zu haben. Die Versammelten schienen auch sich hier nicht zum
erstenmal einzufinden: die Schauer des Ortes machten wenig Eindruck auf sie.
Gleichgltig lehnten sie an den Wnden des unheimlichen Halbrunds, das, von
einer bronzenen Hngelampe sprlich beleuchtet, den Schlu des niedrigen Ganges
bildete, gleichgltig hrten sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde
fallen und, wenn ihr Fu hier und da an weie, halbvermoderte Knochen stie,
schoben sie auch diese gleichgltig auf die Seite.
    Es waren auer Silverius noch einige andere rechtglubige Priester und eine
Mehrzahl vornehmer Rmer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen Kaiserreichs
anwesend, die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der hheren Wrden des
Staates und der Stadt geblieben.
    Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des Archidiakons,
der sich, nachdem er die Erschienenen gemustert und in einige der einmndenden
Gnge, in deren Dunkel man junge Leute in priesterlichen Kleidern Wache halten
sah, prfende Blicke geworfen hatte, jetzt offenbar anschickte, die Versammlung
in aller Form zu erffnen.
    Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu, der ihm gegenber
regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht hatte:
und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt, wandte er sich
gegen die brigen und sprach:
    Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes! Wieder einmal sind wir hier
versammelt zu heiligem Werk.
    Das Schwert von Edom ist gezckt ob unsrem Haupt und Knig Pharao lechzt
nach dem Blut der Kinder Israel. Wir aber frchten nicht jene, die den Leib
tten und der Seele nichts anhaben knnen, wir frchten vielmehr jenen, der da
Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer. Wir vertrauen im Schauer der
Nacht auf die Hilfe dessen, der sein Volk durch die Wste gefhrt hat, bei Tag
in der Rauchwolke, bei Nacht in der Feuerwolke. Und daran wollen wir halten und
wollen es nie vergessen: was wir leiden, wir leiden es um Gottes willen, was wir
tun, wir tun's zu seines Namens Ehre. Dank ihm, denn er hat gesegnet unsern
Eifer. Klein, wie des Evangeliums, waren unsre Anfnge, aber schon sind wir
gewachsen wie ein Baum an frischen Wasserbchen. Mit Furcht und Zagen kamen wir
anfangs hier zusammen: gro war die Gefahr, schwach die Hoffnung: edles Blut der
Besten war geflossen: - heute, wenn wir fest bleiben im Glauben, drfen wir es
khnlich sagen: der Thron des Knigs Pharao steht auf Fen von Schilf und die
Tage der Ketzer sind gezhlt in diesem Lande.
    Zur Sache! rief ein junger Rmer dazwischen, mit kurzkrausem, schwarzem
Haar und blitzenden, schwarzen Augen; ungeduldig warf er das Sagum von der
linken Hfte ber die rechte Schulter zurck, da das kurze Schwert sichtbar
wurde. Zur Sache, Priester! was soll heut' geschehn?
    Silverius warf auf den Jngling einen Blick, der lebhaften Unwillen ber
solch kecke Selbstndigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu verdecken
vermochte. Scharfen Tones fuhr er fort: Auch die an die Heiligkeit unsres
Zweckes nicht zu glauben scheinen, sollten doch den Glauben an diese Heiligkeit
bei andern nicht stren, um ihrer eignen weltlichen Ziele willen nicht. Heute
aber, Licinius, mein rascher Freund, soll ein neues hochwillkommenes Glied
unsrem Bunde eingefgt werden: sein Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der
Gnade Gottes.
    Wen willst du einfhren? Sind die Vorbedingungen erfllt? Haftest du fr
ihn? unbedingt? oder stellst du andre Brgschaft? so fragte ein andrer der
Versammelten, ein Mann in reifen Jahren, mit gleichmigen Zgen, der, einen
Stab zwischen den Fen, ruhig auf einem Vorsprung der Mauer sa. - Ich hafte,
mein Scvola; brigens gengt seine Person -
    Nichts dergleichen. Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbrgung und ich
bestehe darauf, sagte Scvola ruhig. - Nun gut, gut, ich brge, zhster aller
Juristen! wiederholte der Priester mit Lcheln. Er winkte in einen der Gnge
zur Linken.
    Zwei junge Ostiarii fhrten von da in die Mitte des Gewlbes einen Mann, auf
dessen verhlltes Haupt aller Augen gerichtet waren. Nach einer Pause hob
Silverius den berwurf von Kopf und Schultern des Ankmmlings.
    Albinus! riefen die andern in berraschung, Entrstung, Zorn.
    Der junge Licinius fuhr ans Schwert, Scvola stand langsam auf, wild
durcheinander scholl es: Wie? Albinus? der Verrter? Scheuen Blickes sah der
Gescholtene um sich, seine schlaffen Zge bekundeten angeborne Feigheit: wie
Hilfe stehend haftete sein Auge auf dem Priester. Ja, Albinus! sagte dieser
ruhig. Will einer der Verbndeten wider ihn sprechen? Er rede. - Bei meinem
Genius, rief Licinius rasch vor allen, braucht es da der Rede? Wir wissen
alle, wer Albinus ist, was er ist. Ein feiger, schndlicher Verrter! - der
Zorn erstickte seine Stimme. - Schmhungen sind keine Beweise, nahm Scvola
das Wort. Aber ich frage ihn selbst, er soll hier vor allen bekennen. Albinus,
bist du es, oder bist du es nicht, der, als die Anfnge des Bundes dem Tyrannen
verraten waren, als du noch allein von uns allen verklagt warst, es mit ansahst,
da die edeln Mnner, Bothius und Symmachus, unsre Mitverbndeten, weil sie
dich mutig vor dem Wterich verteidigten, verfolgt, gefangen, ihres Vermgens
beraubt, hingerichtet wurden, whrend du, der eigentliche Angeklagte, durch
einen schmhlichen Eid, dich nie mehr um den Staat kmmern zu wollen und durch
urpltzliches Verschwinden dich gerettet hast? Sprich, bist du es, um dessen
Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes gefallen?
    Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung. Der Angeschuldigte
blieb stumm und bebte, selbst Silverius verlor einen Augenblick die Haltung. Da
richtete sich jener Mann, der ihm gegenber an der Felswand lehnte, auf und trat
einen Schritt herzu; seine Nhe schien den Priester zu erkrftigen und er begann
wieder: Ihr Freunde, es ist geschehen was ihr sagt, nicht wie ihr's sagt. Vor
allem wisset: Albinus ist an allem am wenigsten schuldig. Was er getan, er tat's
auf meinen Rat. - Auf deinen Rat? - Das wagst du zu bekennen? - Albinus
war verklagt durch den Verrat eines Sklaven, der die Geheimschrift in den
Briefen nach Byzanz entziffert hatte. Der ganze Argwohn des Tyrannen war
geweckt: jeder Schein von Widerstand, von Zusammenhang mute die Gefahr
vermehren. Der Ungestm von Bothius und Symmachus, die ihn mutig verteidigten
war edel, aber tricht. Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen
Adels von Rom, zeigte, da Albinus nicht allein stehe. Sie handelten gegen
meinen Rat, leider haben sie es im Tode gebt. Aber ihr Eifer war auch
berflssig: denn den verrterischen Sklaven raffte pltzlich vor weitern
Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen, die Geheimbriefe des
Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten. Jedoch glaubt ihr, Albinus wrde
auf der Folter, wrde unter Todesdrohungen geschwiegen haben, geschwiegen, wenn
ihm die Nennung der Mitverschworenen retten konnte? Das glaubt ihr nicht, das
glaubte Albinus selbst nicht. Deshalb mute vor allem Zeit gewonnen, die Folter
abgewendet werden. Dies gelang durch jenen Eid. Unterdessen freilich bluteten
Bothius und Symmachus: sie waren nicht zu retten: doch ihres Schweigens, auch
unter der Folter, waren wir sicher. Albinus aber ward durch ein Wunder aus
seinem Kerker befreit wie Sankt Paulus zu Philippi. Es hie, er sei nach Athen
entflohen und der Tyrann begngte sich, ihm die Rckkehr zu verbieten. Allein
der dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtssttte bereitet,
bis da die Stunde der Freiheit naht. In der Einsamkeit seines heiligen Asyles
nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerhrt und, ungeschreckt von der
Todesgefahr, die schon einmal seine Locke gestreift hat, tritt er wieder in
unsern Kreis und bietet dem Dienste Gottes und des Vaterlands sein ganzes
unermeliches Vermgen. Vernehmt: er hat all sein Gut der Kirche Sankt Mari
Majoris zu Bundeszwecken vermacht. Wollt ihr ihn und seine Millionen
verschmhen?
    Eine Pause des Staunens trat ein: endlich rief Licinius: Priester, du bist
klug wie - wie ein Priester. Aber mir gefllt solche Klugheit nicht. -
Silverius, sprach der Jurist, du magst die Millionen nehmen. Das steht dir
an. Aber ich war der Freund des Bothius: mir steht nicht an, mit jenem Feigen
Gemeinschaft zu halten. Ich kann ihm nicht vergeben. Hinweg mit ihm! - Hinweg
mit ihm! scholl es von allen Seiten. Scvola hatte der Empfindung aller das
Wort geliehen. Albinus erblate, selbst Silverius zuckte unter dieser
allgemeinen Entrstung. Cethegus! flsterte er leise, Beistand heischend.
    Da trat der Mann in die Mitte, der bisher immer geschwiegen und nur mit
khler berlegenheit die Sprechenden gemustert hatte. Er war gro und hager,
aber krftig, von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl. Ein
Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum, Rang, und
Geschmack, aber sonst verhllte ein langer, brauner Soldatenmantel die ganze
Unterkleidung der Gestalt. Sein Kopf war von denen, die man, einmal gesehen, nie
mehr vergit.
    Das dichte, noch glnzend schwarze Haar war nach Rmerart kurz und rund um
die gewlbte, etwas zu groe Stirn und die edel geformten Schlfe geschoren,
tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen Augen geborgen, in
deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer versunkener Leidenschaften, aber
noch bestimmter der Ausdruck kltester Selbstbeherrschung lag. Um die scharf
geschnittenen bartlosen Lippen spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und
seine ganze Welt. Wie er vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick ber die
Erregten streifen lie, wie seine nicht einschmeichelnde, aber beherrschende
Redeweise anhob, empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewuter
berlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nhe ohne das Gefhl der
Unterordnung tragen.
    Was hadert ihr, sagte er kalt, ber Dinge, die geschehen mssen? Wer den
Zweck will, mu das Mittel wollen. Ihr wollt nicht vergeben? Immerhin! Daran
liegt nichts. Aber vergessen mt ihr. Und das knnt ihr. Auch ich war ein
Freund der Verstorbenen, vielleicht ihr nchster. Und doch - ich will vergessen.
Ich tu es, eben weil ich ihr Freund war. Der liebt sie, Scvola, der allein, der
sie rcht. Um der Rache willen - Albinus, deine Hand. - Alle schwiegen,
bewltigt mehr von der Persnlichkeit als von den Grnden des Redners. Nur der
Jurist bemerkte noch:
    Rusticiana, des Bothius Witwe und des Symmachus Tochter, die einflureiche
Frau, ist unsrem Bunde hold. Wird sie das bleiben, wenn dieser eintritt? Kann
sie je vergeben und vergessen? Niemals!
    Sie kann es. Glaubt nicht mir, glaubt euren Augen. Mit diesen Worten
wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengnge, dessen Mndung
bisher sein Rcken verdeckt hatte. - Hart am Eingang stand lauschend eine
verschleierte Gestalt: er ergriff ihre Hand: komm', flsterte er, jetzt
komm'. - Ich kann nicht! ich will nicht! war die leise Antwort der
Widerstrebenden. Ich verfluche ihn. Ich kann ihn nicht sehen, den Elenden! -
Es mu sein. Komm, du kannst und du willst es: - denn ich will es. Er schlug
ihren Schleier zurck: noch ein Blick, und sie folgte wie willenlos.
    Sie bogen um die Ecke des Eingangs: Rusticiana! riefen alle. - Ein Weib
in unserer Versammlung! sprach der Jurist. Das ist gegen die Satzungen, die
Gesetze.
    Ja, Scvola, aber die Gesetze sind um des Bundes willen, nicht der Bund um
der Gesetze willen. Und geglaubt httet ihr mir nie, was ihr hier sehet mit
Augen.
    Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus.
    Seht, Rusticiana verzeiht: wer will jetzt noch widerstreben? - berwunden
und berwltigt verstummten alle. Fr Cethegus schien das weitere jedes
Interesse verloren zu haben. Er trat mit der Frau an die Wand im Hintergrund
zurck. Der Priester aber sprach: Albinus ist Glied des Bundes. - Und sein
Eid, den er dem Tyrannen geschworen? fragte schchtern Scvola. - War
erzwungen und ist ihm gelst von der heiligen Kirche. Aber nun ist es Zeit, zu
scheiden. Nur noch die eilendsten Geschfte, die neuesten Botschaften. Hier,
Licinius, der Festungsplan von Neapolis: du mut ihn bis morgen nachgezeichnet
haben, er geht an Belisar. Hier, Scvola, Briefe aus Byzanz, von Theodora, der
frommen Gattin Justinians: du mut sie beantworten. Da, Calpurnius, eine
Anweisung auf eine halbe Million Solidi von Albinus: du sendest sie an den
frnkischen Majordomus, er wirkt bei seinem Knig gegen die Goten. Hier,
Pomponius, eine Liste der Patrioten in Dalmatien: du kennst die Dinge dort und
die Menschen: sieh zu, ob bedeutende Namen fehlen. Euch allen aber sei gesagt,
da, nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna, die Hand des Herrn schwer auf
dem Tyrannen liegt: tiefe Schwermut, zu spte Reue ber all seine Snden soll
seine Seele niederdrcken und der Trost der wahren Kirche bleibt ihm fern.
Harret aus noch eine kleine Weile: bald wird ihn die zornige Stimme des Richters
abrufen: dann kmmt der Tag der Freiheit. An den nchsten Iden, zur selben
Stunde, treffen wir uns wieder. Der Segen des Herrn sei mit euch. Eine
Handbewegung des Diakons verabschiedete die Versammelten: die jungen Priester
traten mit den Fackeln aus den Seitengngen und geleiteten die Einzelnen in
verschiedenen Richtungen nach den nur ihnen bekannten Ausgngen der Katakomben.

                                Viertes Kapitel.


Silverius, Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf, welche
in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian fhrten. Von da gingen sie
durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des Diakonus. Dort
angelangt berzeugte sich dieser, da alle Hausgenossen schliefen bis auf einen
alten Sklaven, der im Atrium bei einer halb herabgebrannten Ampel wachte. Auf
den Wink seines Herrn zndete er die neben ihm stehende silberfige Lampe an
und drckte auf eine Fuge im Marmorgetfel. Die Marmorplatten drehten sich um
ihre Achse und lieen den Priester, der die Leuchte ergriffen, mit den beiden
andern in ein kleines, niedres Gemach treten, dessen ffnung sich hinter ihnen
rasch und geruschlos wieder schlo. Keine Ritze verriet nun wieder, da hier
eine Tr.
    Der kleine Raum, jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz, einem Betschemel und
einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet, hatte in
heidnischen Tagen offenbar, wie die an den Wnden hinlaufenden Polstersimse
bezeugten, dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei Gsten gedient,
deren zwanglose Gemtlichkeit Horatius feiert. Zurzeit war hier das Asyl fr die
geheimsten geistlichen - - oder weltlichen - Gedanken des Diakonus. Schweigend
setzte sich Cethegus, auf ein gegenber in die Wand eingelegtes Mosaikgemlde
den flchtigen Blick des verwhnten Kunstkenners werfend, auf den niederen
Lectus. Whrend der Priester beschftigt war, aus einem Mischkrug mit
hochgeschweiften Henkeln Wein in die bereitstehenden Becher zu gieen und eine
eherne Schale mit Frchten auf den dreifigen Bronzetisch zu stellen, stand
Rusticiana Cethegus gegenber, ihn mit unwillig staunenden Blicken messend. Kaum
vierzig Jahre alt, zeigte das Weib Spuren einer seltenen, etwas mnnlichen
Schnheit, die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten
hatte; schon war hier und da nicht graues, sondern weies Haar in ihre
rabenschwarzen Flechten gemischt, das Auge hatte einen unsteten Blick und starre
Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel. Sie sttzte die Linke auf
den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend ber die Stirn, dabei
fortwhrend Cethegus anstarrend. Endlich sprach sie: Mensch, sage, sage, Mann,
welche Gewalt du ber mich hast? Ich liebe dich nicht mehr. Ich sollte dich
hassen. Ich hasse dich auch. Und doch mu ich dir folgen willenlos. Wie der
Vogel dem Auge der Schlange. Und du legst meine Hand, diese Hand, in die Hand
jenes Schurken. Sage, du Frevler, welches ist diese Macht?
    Cethegus schwieg unaufmerksam. Endlich sagte er, sich zurcklehnend:
Gewohnheit, Rusticiana, Gewohnheit.
    Jawohl, Gewohnheit! Gewohnheit einer Sklaverei, die besteht, seit ich
denken kann. Da ich als Mdchen den schnen Nachbarssohn bewunderte, war
natrlich; da ich glaubte, du liebtest mich, war verzeihlich: du ktest mich
ja. Und wer konnte - damals! - wissen, da du nicht lieben kannst. Nichts: kaum
dich selbst. Da die Gattin des Bothius diese wahnsinnige Liebe nicht
erstickte, die du wie spielend wieder anfachtest, war eine Snde, aber Gott und
die Kirche haben sie mir verziehen. Doch, da ich jetzt noch, nachdem ich
jahrzehntelang deine herzlose Tcke kenne, nachdem die Glut der Leidenschaft
erloschen in diesen Adern, da ich jetzt noch blindlings deinem dmonischen
Willen folgen mu - das ist eine Torheit zum Lautauflachen.
    Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten ber die Stirn. Der Priester
hielt in seiner wirtlichen Beschftigung inne und sah verstohlen auf Cethegus;
er war gespannt. Cethegus lehnte das Haupt rckwrts an den Marmorsims und
umfate mit der Rechten den Pokal, der vor ihm stand:
    Du bist ungerecht, Rusticiana, sagte er ruhig. Und unklar. Du mischest
die Spiele des Eros in die Werke der Eris und der Erinnyen. Du weit es, da ich
der Freund des Bothius war. Obwohl ich sein Weib kte. Vielleicht ebendeshalb.
Ich sehe darin nichts Besonderes und du: - nun dir haben es ja Silverius und die
Heiligen vergeben. Du weit ferner, da ich diese Goten hasse, wirklich hasse,
da ich den Willen und - vor andern - die Fhigkeit habe, durchzusetzen, was
dich jetzt ganz erfllt: deinen Vater, den du geliebt, deinen Gatten, den du
geehrt hast, an diesen Barbaren zu rchen. Du gehorchst daher meinen Winken. Und
du tust daran sehr klug. Denn du hast zwar ein sehr bedeutendes Talent, Rnke zu
schmieden. Aber deine Heftigkeit trbt oft deinen Blick. Sie verdirbt deine
feinsten Plne. Also tust du wohl, khlerer Leitung zu folgen. Das ist alles. -
Aber jetzt geh. Deine Sklavin kauert schlaftrunken im Vestibulum. Sie glaubt
dich in der Beichte, bei Freund Silverius. Die Beichte darf nicht gar zu lange
whren. Auch haben wir noch Geschfte. Gre mir Kamilla, dein schnes Kind, und
lebe wohl. Er stand auf, ergriff ihre Hand und fhrte sie sanft zur Tre. Sie
folgte widerstrebend, nickte dem Priester zum Abschied zu, sah nochmal auf
Cethegus, der ihre innere Bewegung nicht zu sehen schien, und ging mit leisem
Kopfschtteln hinaus.
    Cethegus setzte sich wieder und trank den Pokal aus.
    Sonderbarer Kampf in diesem Weibe, sagte Silverius und setzte sich mit
Griffel, Wachstafeln, Briefen und Dokumenten zu ihm. Nicht sonderbar. Sie will
ihr Unrecht gegen ihren Gatten gut machen, indem sie ihn rcht. Und da sie
diese Rache gerade durch ihren ehemaligen Geliebten findet, macht die heilige
Pflicht besonders s. Freilich ist ihr dies alles unbewut. - Aber, was gibt's
zu tun? Und nun begannen die beiden Mnner ihre Arbeit, solche Punkte der
Verschwrung zu erledigen, die allen Gliedern des Bundes mitzuteilen sie nicht
fr ratsam hielten. - Diesmal, hob der Diakonus an, gilt es vor allem, das
Vermgen des Albinus festzustellen und dessen nchste Verwendung zu beraten. Wir
brauchten ganz unabweislich Geld, viel Geld. - Geldsachen sind dein Gebiet,
sagte Cethegus trinkend. Ich verstehe sie wohl, aber sie langweilen mich.
    Ferner mssen die einflureichsten Mnner auf Sizilien, in Neapolis und
Apulien gewonnen werden. Hier ist die Liste derselben mit Notizen ber die
einzelnen. Es sind Menschen darunter, bei denen die gewhnlichen Mittel nicht
verfangen. Gib her, sagte Cethegus, das will ich machen, und zerlegte einen
persischen Apfel. - -
    Nach einer Stunde angestrengter Arbeit waren die dringendsten Geschfte
bereinigt und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach hinter
dem groen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermdet und sah mit Neid auf den
Genossen, dessen sthlernen Krper und unangreifbaren Geist keine spte Stunde,
keine Anspannung ermatten zu knnen schien. Er uerte etwas dergleichen, als
sich Cethegus den silbernen Becher wieder fllte.
    bung, Freund, starke Nerven und setzte er lchelnd hinzu, ein gutes
Gewissen: das ist das ganze Rtsel.
    Nein, im Ernst, Cethegus, du bist mir auch sonst ein Rtsel. - Das will
ich hoffen. - Nun, hltst du dich fr ein mir so unerreichbar berlegenes
Wesen? - Ganz und gar nicht. Aber doch fr gerade hinreichend tief, um andern
nicht minder ein Rtsel zu sein als - mir selbst. Dein Stolz auf
Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir selbst mit mir nicht besser als
dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig. - In der Tat, fuhr der Priester
ausholend fort, der Schlssel zu deinem Wesen mu sehr tief liegen. Sieh zum
Beispiel die Genossen unsres Bundes. Von jedem lt sich sagen, welcher Grund
ihn dazu gefhrt hat. Der hitzige Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber
ehrliche Rechtssinn einen Scvola: mich und die andern Priester - der Eifer fr
die Ehre Gottes.
    Natrlich, sagte Cethegus trinkend.
    Andere treibt der Ehrgeiz oder die Hoffnung, bei einem Brgerkrieg ihren
Glubigern die Hlse abzuschneiden, oder auch die Langeweile ber den geordneten
Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung durch einen der
Fremden, die allermeisten der natrliche Widerwille gegen die Barbaren und die
Gewhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. Bei dir aber schlgt
keiner dieser Beweggrnde an und -
    Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
Beweggrnde beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwrdiger Gottesfreund, ich kann
dir nicht helfen. Ich wei es wirklich selbst nicht, was mein Beweggrund ist.
Ich bin selbst so neugierig darauf, da ich es dir herzlich gern sagen und mich
- beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur entdecken knnte. Nur das Eine
fhl' ich: diese Goten sind mir zuwider. Ich hasse diese vollbltigen Gesellen
mit ihren breiten Flachsbrten. Unausstehlich ist mir das Glck dieser brutalen
Gutmtigkeit, dieser naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese
ungebrochnen Naturen. Es ist eine Unverschmtheit des Zufalls, der die Welt
regiert, dieses Land, - nach einer solchen Geschichte, - mit Mnnern wie - wie
du und ich - von diesen Nordbren beherrschen zu lassen. Unwillig warf er das
Haupt zurck, drckte die Augen zu und schlrfte einen kleinen Trunk Weines.
Da die Barbaren fort mssen, sprach der andere, darber sind wir einig. Und
fr mich ist damit alles erreicht. Denn ich will ja nur die Befreiung der Kirche
von diesen irrglubigen Barbaren, welche die Gttlichkeit Christi leugnen und
nur einen Halbgott aus ihm machen. Ich hoffe, da alsdann der rmischen Kirche
der Primat im ganzen Gebiet der Christenheit, der ihr gebhrt, unbestritten
zufallen wird. Aber solange Rom in der Hand der Ketzer liegt, whrend der
Bischof von Byzanz von dem allein rechtglubigen und rechtmigen Kaiser
gesttzt wird -
    Solange ist der Bischof von Rom nicht der oberste Bischof der Christenheit,
solange nicht Herr Italiens: und deshalb der rmische Stuhl, selbst wenn ein
Silverius ihn einnehmen wird, nicht das, was er werden soll: das Hchste. Und
das will doch Silverius.
    berrascht sah der Priester auf.
    Beunruhige dich nicht, Freund Gottes. Ich wei das lngst und habe dein
Geheimnis bewahrt, obwohl du es mir nicht vertraut hast. Allein weiter. Er
schenkte sich aufs neue ein: - dein Falerner ist gut abgelagert, aber er hat zu
viel Se. Du kannst eigentlich nur wnschen, da diese Goten den Thron der
Csaren rumen, nicht, da die Byzantiner an ihre Stelle treten: denn sonst hat
der Bischof von Rom wieder zu Byzanz seinen Oberbischof und einen Kaiser. Du
mut also an der Goten Stelle wnschen - nicht einen Kaiser - Justinian, -
sondern - etwa was? - Entweder - fiel Silverius eifrig ein - einen eignen
Kaiser des Westreichs - Der aber, vollendete Cethegus seinen Satz, nur eine
Puppe ist in der Hand des heiligen Petrus - - Oder eine rmische Republik,
einen Staat der Kirche - - In welchem der Bischof von Rom der Herr, Italien
das Hauptland und die Barbarenknige in Gallien, Germanien, Spanien die
gehorsamen Shne der Kirche sind. Schn, mein Freund. Nur mssen erst die Feinde
vernichtet sein, deren Spolien du bereits verteilst. Deshalb ein altrmischer
Trinkspruch: wehe den Barbaren!
    Er stand auf und trank dem Priester zu. Aber die letzte Nachtwache
schleicht vorber und meine Sklaven mssen mich am Morgen in meinem Schlafgemach
finden. Leb wohl. Damit zog er den Kukullus des Mantels ber das Haupt und
ging.
    Der Wirt sah ihm nach: Ein hchst bedeutendes Werkzeug! sagte er zu sich.
Gut, da er nur ein Werkzeug ist. Mge er es immer bleiben.
    Cethegus aber schritt von der Via appia her, wo die Kirche des heiligen
Sebastian den Eingang in die Katakomben bedeckt, nach Nordwesten dem Kapitole
zu, an dessen Fu am Nordende der Via sacra sein Haus gelegen war, nordstlich
vom Forum Romanum.
    Die khle Morgenluft strich belebend um sein Haupt.
    Er schlug den Mantel zurck und dehnte die breite, starke, gewaltige Brust.
Ja, ein Rtsel bist du, sprach er vor sich hin; treibst Verschwrung und
nchtlichen Verkehr wie ein Republikaner oder ein Verliebter von zwanzig Jahren.
Und warum? - Ei, wer wei warum er atmet? Weil er mu. Und so mu ich tun was
ich tue. Eins aber ist gewi. Dieser Priester mag Papst werden: er mu es
vielleicht werden. Aber eins darf er nicht. Er darf es nicht lange bleiben.
Sonst lebt wohl, ihr Gedanken, ihr kaum eingestandenen, die ihr noch Trume seid
und Wolkendnste: vielleicht aber ballt sich daraus ein Gewitter, das Blitz und
Donner fhrt und mein Verhngnis wird. Sieh, es wetterleuchtet im Osten. Gut.
Ich nehme das Omen an.
    Mit diesen Worten schritt er in sein Haus. Im Schlafgemach fand er auf dem
Zederntisch vor seinem Lager einen verschnrten und mit dem kniglichen Siegel
gepreten Brief.
    Er schnitt die Schnre mit dem Dolch auf, schlug die doppelte Wachstafel
auseinander und las:
    An Cethegus Csarius, den Princeps Senatus, Marcus Aurelius Cassiodorus
Senator.
    Unser Herr und Knig liegt im Sterben. Seine Tochter und Erbin Amalaswintha
wnscht Dich noch vor seinem Ende zu sprechen. Du sollst das wichtigste
Reichsamt bernehmen. Eile sogleich nach Ravenna.

                                Fnftes Kapitel.


Atembeklemmend lag bange Stimmung schwer und schwl ber dem Knigspalast zu
Ravenna mit seiner dstern Pracht, mit seiner unwirtlichen Weitrumigkeit.
    Die alte Burg der Csaren hatte im Lauf der Jahrhunderte schon so manche
stilwidrige Vernderung erfahren. Und seit an die Stelle der Imperatoren der
Gotenknig mit seinem germanischen Hofgesinde getreten war, hatte sie vollends
ein wenig harmonisches Aussehen angenommen. Denn viele Rume, die eigentmlichen
Sitten des rmischen Lebens gedient hatten, standen mit der alten Pracht ihrer
Einrichtung unbenutzt und vernachlssigt: Spinnweben zogen sich ber die
Mosaiken der reichen, aber lang nicht mehr betretenen Badgemcher des Honorius,
und in dem Toilettenzimmer der Placidia huschten die Eidechsen ber das
Marmorgesims der Silberspiegel in den Mauern. Dagegen hatten die Bedrfnisse
eines mehr kriegerischen Hofhalts manche Mauer niedergerissen, um die kleinen
Gemcher des antiken Hauses zu den weiteren Rumen von Waffenslen, Trinkhallen,
Wachtzimmern auszudehnen. Und man hatte anderseits durch neue Mauerfhrungen
benachbarte Huser mit dem Palast verbunden, daraus eine Festung mitten in der
Stadt zu schaffen. Es trieben jetzt in der piscina maxima, dem ausgetrockneten
Teich, blonde Buben ihre wilden Spiele und in den Marmorslen der Palstra
wieherten die Rosse der gotischen Wachen. So hatte der weitlufige Bau das
unheimliche Ansehen halb einer kaum noch erhaltnen Ruine, halb eines
unvollendeten Neubaus: und die Burg dieses Knigs erschien so wie ein Sinnbild
seines rmisch-gotischen Reiches, seiner ganzen politischen halbunfertigen,
halbverfallenden Schpfung. -
    An dem Tage aber, der Cethegus nach Jahren hier zuerst wieder eintreten sah,
lastete ein Gewlk von Spannung, Trauer und Dstre ganz besonders schwer auf
diesem Haus: denn seine knigliche Seele sollte daraus scheiden. -
    Der groe Mann, der von hier aus ein Menschenalter lang die Geschicke
Europas gelenkt, den Abendland und Morgenland in Liebe und Ha bewunderten, der
Heros seines Jahrhunderts, der gewaltige Dietrich von Bern, dessen Namen schon
bei seinen Lebzeiten die Sage sich ausschmckend bemchtigt hatte, der groe
Amalungenknig Theoderich sollte sterben.
    So hatten es die rzte, wenn nicht ihm selbst doch seinen Rten verkndet
und alsbald war es hinausgedrungen in die groe volkreiche Stadt. Obwohl man
seit lange einen solchen Ausgang der geheimnisvollen Leiden des greisen Frsten
fr mglich gehalten, erfllte doch jetzt die Kunde von dem drohenden Eintritt
des verhngnisvollen Schlages alle Herzen mit der hchsten Aufregung.
    Die treuen Goten trauerten und bangten: aber auch bei der rmischen
Bevlkerung war eine dumpfe Spannung die vorherrschende Empfindung. Denn hier in
Ravenna, in der unmittelbaren Nhe des Knigs hatten die Italier die Milde und
Hoheit dieses Mannes im allgemeinen zu bewundern und durch besondere Wohltaten
zu erfahren am hufigsten Gelegenheit gehabt. Ferner frchtete man nach dem Tode
dieses Knigs, der whrend seiner ganzen Regierung, mit einziger Ausnahme der
jngsten Kmpfe mit dem Kaiser und dem Senat, in welchen Bothius und Symmachus
geblutet, die Italier vor der Gewaltttigkeit und Rauheit seines Volkes
beschtzt hatte, unter einem neuen Regiment Hrte und Druck von Seite der Goten
zu befahren.
    Endlich aber wirkte noch ein anderes, Hheres: die Persnlichkeit dieses
Heldenknigs war so groartig, so majesttisch gewesen, da auch diejenigen, die
seinen und seines Reiches Untergang oft herbeigewnscht hatten, doch in dem
Augenblick, da nun diese Sonne erlschen sollte, sich niedriger Schadenfreude
nicht hingeben und ernsterer Erschtterung nicht erwehren konnten.
    So war die Stadt schon seit grauendem Morgen - da man zuerst vom Palast
Boten nach allen Winden hatte jagen und einzelne Diener in die Huser der
vornehmsten Goten und Rmer hatte eilen sehen - in hchster Erregung. In den
Straen, auf den Pltzen, in den Bdern standen die Mnner paarweise oder in
Gruppen beisammen, fragten und teilten sich mit, was sie wuten, suchten eines
Vornehmen habhaft zu werden, der vom Palaste herkam und sprachen ber die
ernsten Folgen des bevorstehenden Ereignisses. Weiber und Kinder kauerten
neugierig auf den Schwellen der Huser. Mit den wachsenden Stunden des Tages
strmte sogar schon die Bevlkerung der nchsten Drfer und Stdte, besonders
trauernde Goten, forschend in die Tore Ravennas. Die Rte des Knigs, voraus der
Prfectus Prtorio Cassiodorus, der sich in diesen Tagen um Aufrechterhaltung
der Ordnung hohes Verdienst erwarb, hatten solche Aufregung vorausgesehen,
vielleicht Schlimmeres erwartet.
    Seit Mitternacht waren alle Zugnge zum Palast geschlossen und mit gotischen
Wachen besetzt. Auf dem Forum des Honorius, vor der Stirnseite des Gebudes, war
ein Zug Reiter aufgestellt. Auf den breiten Marmorstufen, die zu der stolzen
Sulenreihe des Hauptportals hinauffhrten, waren starke Scharen gotischen
Fuvolks, mit Schild und Speer, in malerischen Gruppen gelagert.
    Nur hier konnte man, nach Cassiodors Befehl, Eintritt in den Palast erlangen
und nur die beiden Anfhrer des Fuvolks, der Rmer Cyprian und der Gote
Witichis durften die Erlaubnis dazu erteilen. Ersterer war es, der Cethegus
einlie. Wie dieser den altbekannten Weg zum Gemach des Knigs verfolgte, fand
er in den Hallen und Gngen der Burg die Goten und Italier, denen ihr Rang und
Ansehen Zutritt erwarben, in ungleichen Gruppen verteilt.
    Schweigend und traurig standen in der sonst so lauten Trinkhalle die jungen
Tausendfhrer und Hundertfhrer der Goten beisammen oder flsterten einzelne
besorgte Fragen, whrend hier und da ein lterer Mann, ein Waffengefhrte des
sterbenden Helden, in einer Nische der Bogenfenster lehnte, seinen lauten
Schmerz zu verbergen; in der Mitte des Saales stand, laut weinend, das Haupt an
einen Pfeiler drckend, ein reicher Kaufmann von Ravenna: der Knig, der jetzt
scheiden sollte, hatte ihm eine Verschwrung verziehen und seine Warenhallen vor
der Plnderung durch die ergrimmten Goten gerettet.
    Mit einem kalten Blick der Geringschtzung schritt Cethegus an dem allen
vorber. Er ging weiter.
    In dem nchsten Gemach, dem zum Empfang fremder Gesandten bestimmten Saal,
fand er eine Anzahl von vornehmen Goten, Herzogen, Grafen und Edeln beisammen,
die offenbar Beratung hielten ber den Thronwechsel und den drohenden Umschwung
aller Verhltnisse.
    Da waren die tapferen Herzoge Thulun von Provincia, der die Stadt Arles
heldenmtig gegen die Franken verteidigt hatte, Ibba von Liguria, der Eroberer
von Spanien, Pitza von Dalmatia, der Besieger der Bulgaren und Gepiden,
gewaltige, trotzige Herren, stolz auf ihren alten Adel, der dem Knigshaus der
Amaler wenig nachgab - denn sie waren aus dem Geschlecht der Balten, das bei den
Westgoten durch Alarich die Krone gewonnen hatte -, und auf ihre kriegerischen
Verdienste, die das Reich beschirmt und erweitert.
    Auch Hildebad und Teja standen bei ihnen.
    Das waren die Fhrer der Partei, die lngst eine hrtere Behandlung der
Italier, welche sie haten und scheuten zugleich, begehrt und die nur
widerstrebend dem milden Sinn des Knigs sich gefgt hatten. Wilde Blicke des
Hasses schossen aus ihrer Mitte auf den vornehmen Rmer, der da Zeuge der
Sterbestunde des groen Gotenhelden sein wollte. Ruhig schritt Cethegus an ihnen
vorber und hob den schweren Wollvorhang auf, der den nchsten Raum abschied,
das Vorzimmer des Krankengemaches. Eintretend begrte er mit tiefer Verbeugung
des Hauptes eine hohe knigliche Frau, die, in schwarze Trauerschleier gehllt,
ernst und schweigend, aber in fester Fassung und ohne Trnen vor einem mit
Urkunden bedeckten Marmortische stand: das war Amalaswintha, die verwitwete
Tochter Theoderichs.
    Eine Frau in der Mitte der Dreiiger war sie noch von auerordentlicher,
wenn auch kalter Schnheit. Sie trug das reiche dunkle Haar nach griechischer
Weise gescheitelt und gewellt. Die hohe Stirn, das groe, runde Auge, die
geradlinige Nase, der Stolz ihrer fast mnnlichen Zge und die Majestt ihrer
vollen Gestalt verliehen ihr gebietende Wrde und in dem ganz nach hellenischem
Stil gefalteten Trauergewand glich sie in der Tat einer von ihrem Postament
heruntergeschrittenen Hera des Polyklet.
    An ihrem Arme hing, mehr gesttzt als sttzend, ein Knabe oder Jngling von
etwa siebzehn Jahren, Athalarich, ihr Sohn, des Gotenreiches Erbe. Er glich
nicht der Mutter, sondern hatte die Natur seines unglcklichen Vaters Eutharich,
den eine zehrende Krankheit des Herzens in der Blte seiner Jahre in das Grab
gezogen hatte. Mit Sorge sah deshalb Amalaswintha ihren Sohn in allem ein
Ebenbild des Vaters werden und es war kaum mehr ein Geheimnis am Hofe von
Ravenna, da alle Spuren jener Krankheit sich schon in dem Knaben zeigten.
Athalarich war schn wie alle Glieder dieses von den Gttern stammenden Hauses.
Starke schwarze Brauen, lange Wimpern beschatteten ein edles, dunkles Auge, das
aber bald wie in unbestimmten Trumen zerflo, bald in geisterhaftem Glanz
aufblitzte. Dunkelbraune wirre Locken hingen in die bleichen Schlfe, in denen
bei lebhafter Erregung die feinen blauen Adern krampfhaft zuckten. Der edlen
Stirn hatte leiblicher Schmerz oder schwere Entsagung tiefe Furchen
eingezeichnet, befremdlich auf diesem jugendlichen Antlitz. Rasch wechselten
Marmorblsse und heies Rot auf den durchsichtigen Wangen. Die hoch
aufgeschossene aber geknickte Gestalt schien meistens wie mde in ihren Fugen zu
hangen und scho nur manchmal mit erschreckender Raschheit in die Hhe. Er sah
den eintretenden Cethegus nicht, denn er hatte, an der Mutter Brust gelehnt, den
griechischen Mantel klagend um das junge Haupt geschlagen, das bald eine schwere
Krone tragen sollte. -
    Fern von diesen beiden an dem offenen Bogen des Gemaches, der den Blick auf
die von den Gotenkriegern besetzten Marmorstufen gewhrte, stand, in
trumerisches Sinnen verloren, ein Weib - oder war es eine Jungfrau? - von
berraschender, blendender, berwltigender Schnheit: das war Mataswintha,
Athalarichs Schwester. Sie glich der Mutter an Adel und Hhe der Gestalt, aber
ihre schrferen Zge hatten ein feuriges leidenschaftliches Leben, das sich nur
wenig unter angenommener Klte barg. Ihre Gestalt, ein reizvolles Ebenma von
blhender Flle und feiner Schlankheit, mahnte an jene bezwungene Artemis in den
Armen des Endymion in der Gruppe des Agesander, die, nach der Sage, der Rat von
Rhodos hatte aus der Stadt verbannen mssen, weil diese marmorne hchste Einheit
schnster Jungfrulichkeit und schnster Sinnlichkeit die Jnglinge des Eilands
zu Wahnsinn und Selbstmord getrieben hatte. Der Zauber hchster reifer
Mdchenschnheit zitterte ber diesem Wesen. Ihr reichwallendes Haar war
dunkelrot mit einem schillernden Metallglanz und von so auerordentlicher
Wirkung, da er der Frstin, selbst bei diesem durch die prchtigen Goldlocken
seiner Weiber berhmten Volk, den Namen Schnhaar verschafft hatte. Ihre
Augenbrauen aber und die langen Wimpern waren glnzend schwarz und hoben die
blendend weie Stirn, die alabasternen Wangen leuchtend hervor. Die fein
gebogene Nase mit den zartgeschnittenen manchmal leise zuckenden Flgeln senkte
sich auf einen ppig schwellenden Mund. Aber das Auffallendste an dieser
auffallenden Schnheit war das graue Auge, nicht so fast durch die ziemlich
unbestimmte Farbe, wie durch den wunderbaren Ausdruck, mit dem es, meist in
trumerisches Sinnen verloren, manchmal in versengender Leidenschaft aufleuchten
konnte. In der Tat, wie sie da an dem Fenster lehnte, in der halb hellenischen,
halb gotischen von ihrer Phantasie erfinderisch zusammengewhlten Tracht, den
weien, hochgewlbten Arm um die dunkle Porphyrsule geschlungen und
hinaustrumend in die Abendluft, glich ihre verfhrerische Schnheit jenen
unwiderstehlichen Waldfrauen oder Wellenmdchen, deren allverstrickende
Liebesgewalt von jeher die germanische Sage gefeiert hat. Und so gro war die
Macht dieser Schnheit, da selbst die ausgebrannte Brust des Cethegus, der die
Frstin lngst kannte, bei seinem Eintritt von neuem Staunen berhrt wurde. -
    Doch wurde er sogleich in Anspruch genommen von dem letzten der im Gemach
Anwesenden, von Cassiodor, dem gelehrten und treuen Minister des Knigs, dem
ersten Vertreter jener wohlwollenden, aber hoffnungslosen Vershnungspolitik,
die seit einem Menschenalter im Gotenreich gebt wurde. Der alte Mann, dessen
ehrwrdige und milde Zge der Schmerz um den Verlust seines kniglichen Freundes
nicht weniger bewegte als die Sorge um die Zukunft des Reiches, stand auf und
ging mit schwankenden Schritten dem Eintretenden entgegen, der sich
ehrfurchtvoll verneigte. In Trnen schwimmend ruhte das Auge des Greises auf
ihm, endlich sank er seufzend an die kalte Brust des Cethegus, der ihn fr diese
Weichheit verachtete.
    Welch ein Tag! klagte er. - Ein verhngnisvoller Tag, sprach Cethegus
ernst; er fordert Kraft und Fassung. - Recht sprichst du, Patricius, und wie
ein Rmer, - sagte die Frstin, sich von Athalarich losmachend, sei gegrt.
Sie reichte ihm die Hand, die nicht bebte, ihr Auge war klar. Die Schlerin der
Stoa bewhrt an diesem Tage die Weisheit Zenos und die eigne Kraft, sprach
Cethegus.
    Sagt lieber, die Gnade Gottes krftigt ihre Seele wunderbar, verbesserte
Cassiodor. Patricius, begann Amalaswintha, der Prfectus Prtorio hat dich
mir vorgeschlagen, zu einem wichtigen Geschft. Sein Wort wrde gengen, auch
wenn ich dich nicht lngst schon kennte. Du bist derselbe Cethegus, der die
ersten beiden Gesnge der neis in griechische Hexameter bertragen hat! - 
Infandum renovare jubes, regina, dolorem. Eine Jugendsnde, Knigin, lchelte
Cethegus. Ich habe alle Abschriften aufgekauft und verbrannt an dem Tage, da
die bersetzung Tullias erschien. Tullia war das Pseudonym Amalaswinthas:
Cethegus wute das: aber die Frstin hatte von dieser seiner Kenntnis keine
Ahnung. Sie war in ihrer schwchsten Stelle geschmeichelt und fuhr fort: Du
weit, wie es hier steht. Die Atemzge meines Vaters sind gezhlt: nach dem
Ausspruch der rzte kann er, obwohl noch rstig und stark, jeden Augenblick tot
zusammenbrechen. Athalarich hier ist der Erbe seiner Krone. Ich aber fhre an
seiner Statt die Regentschaft und ber ihn die Mundschaft bis er zu seinen Tagen
gekommen. - So ist der Wille des Knigs, und Goten und Rmer haben dieser
Weisheit lngst schon zugestimmt, sagte Cethegus. - So taten sie. Aber die
Menge ist wandelbar. Die rohen Mnner verachten die Herrschaft eines Weibes -
und sie zog bei diesem Gedanken die Stirn in zornige Falten. Es widerstreitet
immerhin dem Staatsrecht der Goten wie der Rmer, begtigte Cassiodor, es ist
ganz neu, da ein Weib - - Die undankbaren Rebellen! murmelte Cethegus,
gleichsam fr sich. Wie man darber denken mag, fuhr die Frstin fort, es ist
so. Gleichwohl baue ich auf die Treue der Barbaren im ganzen, mgen auch
einzelne aus dem Adel Gelste nach der Krone tragen. Auch von den Italiern hier
in Ravenna, wie in den meisten Stdten, frchte ich nicht. Aber ich frchte -
Rom und die Rmer. Cethegus horchte hoch auf: sein ganzes Wesen war in
pltzlicher Erregung: aber sein Antlitz blieb eisig kalt.
    Rom wird sich niemals an die Herrschaft der Goten gewhnen, es wird uns
ewig widerstreben - wie knnte es anders! setzte sie seufzend hinzu. Es war,
als ob die Tochter Theoderichs eine rmische Seele htte.
    Wir frchten deshalb, - ergnzte Cassiodor, - da auf die Kunde von der
Erledigung des Throns zu Rom eine Bewegung gegen die Regentin ausbrechen knnte,
sei es fr Anschlu an Byzanz, sei es fr Erhebung eines eignen Kaisers des
Abendlandes.
    Cethegus schlug, wie nachsinnend, die Augen nieder. -
    Darum, fiel die Frstin rasch ein, mu, schon ehe jene Kunde zu Rom
eintrifft, alles geschehen sein. Ein entschlossener, mir treu ergebener Mann mu
die Besatzung fr mich - ich meine fr meinen Sohn - vereidigen, die wichtigsten
Tore und Pltze besetzen, Senat und Adel einschchtern, das Volk fr mich
gewinnen und meine Herrschaft unerschtterlich aufrichten, ehe sie noch bedroht
ist. Und fr dies Geschft hat Cassiodor - dich vorgeschlagen. Sprich, willst du
es bernehmen?
    Bei diesen Worten war der goldne Griffel aus ihrer Hand zur Erde gefallen.
Cethegus bckte sich, ihn aufzuheben. Er hatte nur diesen einen Augenblick fr
die hundert Gedanken, die bei diesem Antrag sich in seinem Kopfe kreuzten.
    War die Verschwrung in den Katakomben, war vielleicht er selbst verraten?
Lag hier eine Schlinge des schlauen und herrschschtigen Weibes? Oder waren die
Toren wirklich so blind, gerade ihm dies Amt aufzudringen? Und wenn dem so war,
was sollte er tun? Sollte er den Moment benutzen, sogleich loszuschlagen, Rom zu
gewinnen? Und fr wen? fr Byzanz? oder fr einen Kaiser im Abendlande? Und wer
sollte das werden? Oder waren die Dinge noch nicht reif? Sollte er fr diesmal -
aus Treulosigkeit - Treue ben? Fr all diese und manche andere Zweifel und
Fragen hatte er, sie zu stellen und zu lsen, nur den einen Moment, da er sich
bckte: sein rascher Geist brauchte nicht mehr: er hatte im Bcken das arglos
vertrauende Gesicht Cassiodors gesehen und entschlossen sprach er, den Griffel
berreichend: Knigin, ich bernehme das Geschft. - Das ist gut, sagte die
Frstin. Cassiodor drckte seine Hand. Wenn Cassiodor, fuhr Cethegus fort,
mich zu diesem Amte vorgeschlagen, so hat er wieder einmal seine tiefe
Menschenkenntnis bewhrt. Er hat durch meine Schale auf meinen Kern gesehen. -
Wie meinst du das? fragte Amalaswintha. - Knigin, der Schein konnte ihn
trgen. Ich gestehe, da ich die Barbaren - verzeihe! - die Goten nicht gern in
Italien herrschen sehe. - Dieser Freimut ehrt dich und ich verzeih' es dem
Rmer. - Dazu kommt, da ich seit Jahrzehnten dem Staat, dem ffentlichen
Leben keine Teilnahme mehr zuwandte. Nach vielen Leidenschaften leb' ich - ohne
alle Leidenschaft - nur einer spielenden Muse und leichten Gelehrsamkeit,
unbekmmert um die Sorgen der Knige, auf meinen Villen. - Beatus ille qui
procul negotiis, zitierte seufzend die gelehrte Frau. - Aber eben weil ich die
Wissenschaft verehre, weil ich, ein Schler Platons, will, da die Weisen
herrschen sollen, deshalb wnsche ich, da eine Knigin mein Vaterland regiere,
die nur der Geburt nach Gotin, der Seele nach Griechin, der Tugend nach Rmerin
ist.
    Ihr zu Liebe will ich meine Mue den verhaten Geschften opfern. Aber nur
unter der Bedingung, da dies mein letztes Staatsamt sei. Ich bernehme deinen
Auftrag und stehe dir fr Rom mit meinem Kopf.
    Gut, hier findest du die Vollmachten, die Dokumente, deren du bedarfst.
    Cethegus durchflog die Urkunden. Dies ist das Manifest des jungen Knigs an
die Rmer, mit deiner Unterschrift. Seine Unterschrift fehlt noch. Amalaswintha
tauchte die gnidische Rohrfeder in das Gef mit Purpurtinte, deren sich die
Amaler, wie die rmischen Imperatoren bedienten: Komm, schreibe deinen Namen,
mein Sohn. Athalarich hatte whrend der ganzen Verhandlung stehend und mit
beiden Armen vorgebeugt auf den Tisch gesttzt, Cethegus scharf beobachtet.
Jetzt richtete er sich auf: er war gewohnt, in seinen Formen die Rechte eines
Khronfolgers und eines Kranken zu gebrauchen: Nein, sagte er heftig, Ich
schreibe nicht. Nicht blo, weil ich diesem kalten Rmer nicht traue, - nein,
ich traue dir gar nicht, du stolzer Mann! - es ist emprend, da ihr, whrend
mein hoher Grovater noch atmet, schon an seiner Krone herumtappt, ihr Zwerge
nach der Krone des Riesen. Schmt euch eurer Fhllosigkeit. Hinter jenen
Vorhngen stirbt der grte Held des Jahrhunderts - und ihr denkt nur an die
Teilung seiner Knigsgewnder.
    Er wandte ihnen den Rcken und schritt langsam nach dem Fenster zu, wo er
den Arm um seine schne Schwester schlang und ihr schimmervolles glnzendes Haar
streichelte.
    Lange stand er so, sie achtete seiner nicht. Pltzlich fuhr sie auf aus
ihrem Sinnen: Athalarich, flsterte sie, hastig seinen Arm fassend und
hinausdeutend auf die Marmorstufen, wer ist der Mann dort? im blauen Stahlhelm,
der eben um die Sule biegt? Sprich, wer ist es? La sehn, sagte der Jngling
sich vorbeugend, der dort? ei, das ist Graf Witichis, der Besieger der Gepiden,
ein wackrer Held. Und er erzhlte ihr von den Taten und Erfolgen des Grafen im
letzten Kriege.
    Indessen hatte Cethegus die Frstin und den Minister fragend angesehen. La
ihn! seufzte Amalaswintha. Wenn er nicht will, zwingt ihn keine Macht der
Erde. Weiteres Fragen des Cethegus ward abgeschnitten, indem sich der dreifache
Vorhang auftat, der das Schlafgemach des Knigs von allem Gerusch des
Vorzimmers schied. Es war Elpidios, der griechische Arzt, der, die schweren
Falten aufhebend, berichtete, der Kranke, eben aus langem Schlummer erwacht,
habe ihn fortgeschickt, um mit dem alten Hildebrand allein zu sein: dieser wich
nie von seiner Seite.

                               Sechstes Kapitel.


Das Schlafgemach Theoderichs, schon von den Kaisern zu gleichem Zweck benutzt,
zeigte die dstre Pracht des spten rmischen Stils. Die berladenen Reliefs an
den Wnden, die Goldornamentik der Decke schilderte noch Siege und Triumphzge
der rmischen Konsuln und Imperatoren: heidnische Gtter und Gttinnen schwebten
stolz darber hin: berall in der Architektur und Dekoration waltete drckender
Prunk.
    Dazu bildete einen merkwrdigen Gegensatz das Lager des Gotenknigs in
seiner schlichten Einfachheit. Kaum einen Fu vom Marmorboden erhob sich das
ovale Gestell von rohem Eichenholz, das wenige Decken fllten. Nur der kstliche
Purpurteppich, der die Fe verhllte, und das Lwenfell mit goldnen Tatzen, ein
Geschenk des Vandalenknigs aus Afrika, das vor dem Bette lag, bekundete die
Knigshoheit des Kranken. Alles Gert, das sonst das Gemach erfllt, war
prunklos, schlicht, fast barbarisch schwer.
    An einer Sule im Hintergrund hing der eherne Schild und das breite Schwert
des Knigs, seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht. Am Kopfende des Lagers
stand, gebeugten Hauptes, der alte Waffenmeister, die Zge des Kranken sorglich
prfend: dieser, auf den linken Arm gesttzt, kehrte ihm das gewaltige, das
majesttische Antlitz zu. Sein Haar war sprlich und an den Schlfen abgerieben
durch den langjhrigen Druck des schweren Helmes, aber noch glnzend hellbraun,
ohne irgend graue oder weie Spuren. Die mchtige Stirn, die blitzenden Augen,
die stark gebogene Nase, die tiefen Furchen der Wangen sprachen von groen
Aufgaben und von groer Kraft, sie zu lsen und machten den Eindruck des
Gesichts kniglich und hehr: aber die wohlwollende Weichheit des Mundes
bekundete, trotz dem grimmen und leise ergrauenden Bart, jene Milde und
friedliche Weisheit, mit welcher der Knig ein Menschenalter lang fr Italien
eine goldne Zeit zurckgefhrt und sein Reich zu einer Blte erhoben hatte, die
damals schon Sprichwort und Sage feierten.
    Lang lie er mit Huld und Liebe das goldbraune Adlerauge auf dem riesigen
Krankenwart ruhen. Dann reichte er ihm die magre aber nervige Rechte. Alter
Freund, sagte er, nun wollen wir Abschied nehmen.
    Der Greis sank in die Knie und drckte die Hand des Knigs an die breite
Brust. Komm, Alter, steh' auf: mu ich dich trsten?
    Aber Hildebrand blieb auf den Knieen und erhob nur das Haupt, da er dem
Knig ins Auge sehen konnte. Sieh, sprach dieser, ich wei, da du, Hildungs
Sohn, von deinen Ahnen, von deinem Vater her tiefere Geheimkunde hast von der
Menschen Siechtum und Heilung, als alle diese griechischen rzte und lydischen
Salbenkrmer. Und vor allem: du hast mehr Wahrhaftigkeit. Darum frage ich dich,
du sollst mir redlich besttigen, was ich selbst fhle: sprich, ich mu sterben?
heute noch? noch vor Nacht?
    Und er sah ihn an mit einem Auge, das nicht zu tuschen war. Aber der Alte
wollte gar nicht tuschen, er hatte jetzt seine zhe Kraft wieder. Ja,
Gotenknig, Amalungen Erbe, du mut sterben, sagte er: die Hand des Todes hat
ber dein Antlitz gestrichen. Du wirst die Sonne nicht mehr sinken sehen.
    Es ist gut, sagte Theoderich, ohne mit der Wimper zu zucken. Siehst du,
der Grieche, den ich fortgeschickt, hat mir noch von ganzen Tag vorgelogen. Und
ich brauche doch meine Zeit.
    Willst du wieder die Priester rufen lassen? fragte Hildebrand, nicht mit
Liebe. - Nein, ich konnte sie nicht brauchen. Und ich brauche sie nicht mehr.
- Der Schlaf hat dich sehr gestrkt und den Schleier von deiner Seele genommen,
der sie solang verdunkelt. Heil dir, Theoderich, Theodemers Sohn, du wirst
sterben wie ein Heldenknig.
    Ich wei, lchelte dieser, die Priester waren dir nicht genehm an diesem
Lager. Du hast recht. Sie konnten mir nicht helfen. - Nun aber, wer hat dir
geholfen?
    Gott und ich selbst. Hre. Und diese Worte sollen unser Abschied sein! Mein
Dank fr deine Treue von fnfzig Jahren sei es, da ich dir allein, nicht meiner
Tochter, nicht Cassiodor es vertraue, was mich geqult hat. Sprich: was sagt man
im Volk, was glaubst du, da jene Schwermut war, die mich pltzlich befallen und
in dieses Siechtum gestrzt hat? - Die Welschen sagen: Reue ber den Tod des
Bothius und Symmachus. - Hast du das geglaubt? - Nein, ich mochte nicht
glauben, da dich das Blut der Verrter bekmmern kann. - Du hast wohlgetan.
Sie waren vielleicht nicht des Todes schuldig nach dem Gesetz, nach ihren Taten.
Und Bothius habe ich sehr geliebt. Aber sie waren tausendfach Verrter!
Verrter in ihren Gedanken. Verrter an meinem Vertrauen, an meinem Herzen. Ich
habe sie, die Rmer, hher gehalten als die Besten meines Volkes. Und sie haben,
zum Dank, meine Krone dem Kaiser gewnscht, dem Byzantiner Schmeichelbriefe
geschrieben: sie haben einen Justin und einen Justinian der Freundschaft des
Theoderich vorgezogen: mich reut der Undankbaren nicht. Ich verachte sie. Rate
weiter! Du, was hast du geglaubt? - Knig: dein Erbe ist ein Kind und du hast
ringsum Feinde. Der Kranke zog die khnen Brauen zusammen: Du triffst nher
ans Ziel. Ich habe stets gewut, was meines Reiches Schwche. In bangen Nchten
hab' ich geseufzt um seine innere Krankheit, wann ich am Abend beim Gastgelag
den fremden Gesandten den Stolz hchster Zuversicht gezeigt hatte. Alter, du
hast, ich wei, mich fr allzu sicher gehalten. Aber mich durfte niemand beben
sehen. Nicht Freund noch Feind. Sonst bebte mein Thron. Ich habe geseufzt, wann
ich einsam war und meine Sorge allein getragen. - Du bist die Weisheit, mein
Knig, und ich war ein Tor! rief der Alte. Sieh, fuhr der Knig fort, - mit
der Hand ber die des Alten streichend -, ich wei alles, was dir nicht recht
an mir gewesen. Auch deinen blinden Ha gegen diese Welschen kenne ich. Glaube
mir, er ist blind. Wie vielleicht meine Liebe zu ihnen war. Hier seufzte er und
hielt inne. Was qulst du dich. - Nein, la mich vollenden. Ich wei es, mein
Reich, das Werk meines ruhmvollen, mhevollen Lebens kann fallen, leicht fallen.
Und vielleicht durch Schuld meiner Gromut gegen diese Rmer. Sei es darum! Kein
Menschenbau ist ewig und die Schuld zu edler Gte - ich will sie tragen.
    Mein groer Knig! - Aber, Hildebrand, in einer Nacht, da ich so wachte,
sorgte und seufzte ber den Gefahren meines Reiches, - da stieg mir vor der
Seele auf das Bild einer andern Schuld! Nicht der Gte, nein, der Ruhmsucht, der
blutigen Gewalt. Und wehe, wehe mir, wenn das Volk der Goten sollte untergehn
zur Strafe fr Theoderichs Frevel! - Sein, sein Bild tauchte mir empor!
    Der Kranke sprach nun mit Anstrengung und zuckte einen Augenblick. Wessen
Bild? Wen meinst du? fragte der Alte leise, sich vorbeugend. Odovakar!
flsterte der Knig. Hildebrand senkte das Haupt. Ein banges Schweigen
unterbrach endlich Theoderich: Ja, Alter, diese Rechte - du weit es - hat den
gewaltigen Helden durchstoen, beim Mahl, meinen Gast. Hei spritzte sein Blut
mir ins Gesicht und ein Ha ohne Ende sprhte auf mich aus seinem brechenden
Auge. Vor wenigen Monden, in jener Nacht, stieg sein blutiges, bleiches,
zrnendes Bild wie eines Rachegottes vor mir auf. Fiebernd zuckte mein Herz
zusammen. Und furchtbar sprach's in mir: um dieser Bluttat willen wird dein
Reich zerfallen und dein Volk vergehn.
    Nach einer neuen Pause begann diesmal Hildebrand, trotzig aufblickend:
Knig, was qulst du dich wie ein Weib? Hast du nicht Hunderte erschlagen mit
eigner Hand und dein Volk Tausende auf dein Gebot? Sind wir nicht von den Bergen
in dies Land herabgestiegen in mehr als dreiig Schlachten, im Blute watend
kncheltief? Was ist dagegen das Blut des einen Mannes! Und denk': wie es stand.
Vier Jahre hatte er dir widerstanden wie der Auerstier dem Bren. Zweimal hatte
er dich und dein Volk hart an den Rand des Verderbens gedrngt. Hunger, Schwert
und Seuche rafften deine Goten dahin. Endlich, endlich fiel das trotzige
Ravenna; ausgehungert, durch Vertrag. Bezwungen lag der Todfeind dir zu Fen.
Da kmmt dir Warnung, er sinnt Verrat, er will noch einmal den grlichen Kampf
aufnehmen, er will zur Nacht desselben Tages dich und die Deinen berfallen. Was
solltest du tun? Ihn offen zu Rede stellen? War er schuldig, so konnte das nicht
retten. Khn kamst du ihm zuvor und tatest ihm abends, was er dir nachts getan
htte. Und wie hast du deinen Sieg bentzt! Die Eine Tat hat all dein Volk
gerettet, hat einen neuen Kampf der Verzweiflung erspart. Du hast all die Seinen
begnadigt, hast Goten und Welsche dreiig Jahre leben lassen wie im Himmelreich.
Und nun willst du um jene Tat dich qulen? Zwei Vlker danken sie dir in
Ewigkeit. Ich - ich htt' ihn siebenmal erschlagen.
    Der Alte hielt inne, sein Auge blitzte, er sah wie ein zorniger Riese. Aber
der Knig schttelte das Haupt.
    Das ist nichts, alter Recke, alles nichts! Hundertmal hab' ich mir dasselbe
gesagt, und verlockender, feiner, als deine Wildheit es vermag. Das hilft all'
nichts. Er war ein Held, der einzige meinesgleichen! - Und ich hab' ihn
ermordet, ohne Beweis seiner Schuld. Aus Argwohn, aus Eifersucht, ja - es mu
gesagt sein, aus Furcht - aus Furcht, noch einmal mit ihm ringen zu sollen. Das
war und ist und bleibt ein Frevel. - Und ich fand keine Ruhe hinter Ausreden.
Dstre Schwermut fiel auf mich. Seine Gestalt verfolgte mich seit jener Nacht
unaufhrlich. Beim Schmaus und im Rat, auf der Jagd, in der Kirche, im Wachen
und im Schlafen. Da schickte mir Cassiodor die Bischfe, die Priester. Sie
konnten mir nicht helfen. Sie hrten meine Beichte, sahen meine Reue, meinen
Glauben, und vergaben mir alle Snden. Aber Friede kam nicht ber mich, und ob
sie mir verziehen, - ich konnte mir nicht verzeihen. Ich wei nicht, ist es der
alte Sinn meiner heidnischen Ahnen: - aber ich kann mich nicht hinter dem Kreuz
verstecken vor dem Schatten des Ermordeten. Ich kann mich nicht gelst glauben
von meiner blutigen Tat durch das Blut eines unschuldigen Gottes, der am Kreuze
gestorben. - -
    Freude leuchtete ber das Antlitz Hildebrands: Du weit, raunte er ihm zu,
ich habe niemals diesen Kreuzpriestern glauben knnen. Sprich, o sprich,
glaubst auch du noch an Thor und Odhin? Haben sie dir geholfen?
    Der Knig schttelte lchelnd das Haupt: Nein, du alter, unverbesserlicher
Heide. Dein Walhall ist nichts fr mich. Hre, wie mir geholfen ward. Ich
schickte gestern die Bischfe fort und kehrte tief in mich selber ein. Und
dachte und flehte und rang zu Gott. Und ich ward ruhiger. Und sieh, in der Nacht
kam ber mich tiefer Schlummer, wie ich ihn seit langen Monden nicht mehr
gekannt. Und als ich erwachte, da schauerte kein Fieber der Qual mehr in meinen
Gliedern. Ruhig war ich und klar. Und dachte dieses: Ich habe es getan und
keine Gnade, kein Wunder Gottes macht es ungeschehen. Wohlan, er strafe mich.
Und wenn er der zornige Gott des Moses, so rche er sich und strafe mit mir mein
ganzes Haus bis ins siebente Glied. Ich weihe mich und mein Geschlecht der Rache
des Herrn. Er mag uns verderben: er ist gerecht. Aber weil er gerecht ist, kann
er nicht strafen dieses edle Volk der Goten um fremde Schuld. Er kann es nicht
verderben um des Frevels seines Knigs willen. Nein, das wird er nicht. Und mu
dies Volk einst untergehen, - ich fhl' es klar, dann ist es nicht um meine Tat.
Fr diese weih' ich mich und mein Haus der Rache des Herrn. Und so kam Friede
ber mich, und mutig mag ich sterben.
    Er schwieg. Hildebrand aber neigte das Haupt und kte die Rechte, welche
Odovakar erschlagen hatte.
    Das war mein Abschied an dich. Und mein Vermchtnis, mein Dank fr ein
ganzes Leben der Treue. - Jetzt la uns den Rest der Zeit noch diesem Volk der
Goten zuwenden. Komm, hilf mir aufstehen, ich kann nicht in den Kissen sterben.
Dort hangen meine Waffen. Gib sie mir! - Keine Widerrede -! Ich will. Und ich
kann.
    Hildebrand mute gehorchen. rstig erhob sich mit seiner Hilfe der Kranke
von dem Lager, schlug einen weiten Purpurmantel um die Schultern, grtete sich
mit dem Schwert, setzte den niedern Helm mit der Zackenkrone auf das Haupt und
sttzte sich auf den Schaft der schweren Lanze, den Rcken gegen die breite
dorische Mittelsule des Gemaches gelehnt.
    So, jetzt rufe meine Tochter. Und Cassiodor. Und wer sonst da drauen.

                               Siebentes Kapitel.


So stand er ruhig, whrend der Alte die Vorhnge an der Tr zu beiden Seiten
zurckschlug, so da Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr Einen ungeschiedenen Raum
bildeten. Alle drauen Versammelten - es hatten sich inzwischen noch mehrere
Rmer und Goten eingefunden - nherten sich mit Staunen und ehrfrchtigem
Schweigen dem Knig.
    Meine Tochter, sprach dieser, sind die Briefe aufgesetzt, die meinen Tod
und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?
    Hier sind sie, sprach Amalaswintha.
    Der Knig durchflog die Papyrusrollen.
    An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich,
der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn!
Cassiodor hat sie verfat - ich sehe es an den schnen Gleichnissen. Aber halt
- und die hohe klare Stirn verdsterte sich Eurem kaiserlichen Schutze meine
Jugend empfehlend. Schutze? Das ist des Guten zu viel. Wehe, wenn ihr auf
Schutz von Byzanz gewiesen seid. Freundschaft mich empfehlend ist genug von dem
Enkel Theoderichs. Und er gab die Briefe zurck. Und hier ein drittes
Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora, die edle Gattin Justinians? Wie! an
die Tnzerin vom Zirkus? Des Lwenwrters schamlose Tochter? Und sein Auge
funkelte. Sie ist von grtem Einflu auf ihren Gemahl, wandte Cassiodor ein.
- Nein, meine Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt
hat. Und er zerri die Papyrusrolle und schritt ber die Stcke zu den Goten im
Mittelgrund der Halle. Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein nach
meinem Tod?
    Ich werde unser Fuvolk mustern zu Tridentum.
    Kein Bessrer knnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch getan, den ich
dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer nichts zu
wnschen?
    Doch, mein Knig.
    Endlich! Das freut mich - sprich. - Heute soll ein armer Kerkerwart, weil
er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor schlug,
selbst gefoltert werden. Herr Knig, gib den Mann frei: das Foltern ist
schndlich und -
    Der Kerkerwart ist frei und von Stund an wird die Folter nicht mehr
gebraucht im Reich der Goten. Sorg dafr, Cassiodorus. Wackrer Witichis, gib mir
die Hand. Auf da alle wissen, wie ich dich ehre, schenk ich dir Wallada, mein
lichtbraun Edelro, zu Gedchtnis dieser Scheidestunde. Und kommst du je auf
seinem Rcken in Gefahr, oder - hier sprach er ganz leise zu ihm - will es
versagen, flstre dem Ro meinen Namen ins Ohr. - Wer wird Neapolis hten? Der
Herzog Thulun war zu rauh. - Das frhliche Volk dort mu durch frhliche Mienen
gewonnen werden.
    Der junge Totila wird dort die Hafenwache bernehmen, sprach Cassiodor.
    Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Gtterliebling! Ihm knnen
die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen! Er
seufzte und fuhr fort: Wer versichert uns Roms und des Senats? Cethegus
Csarius, sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, dieser edle Rmer. -
Cethegus? Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus. Ungern erhob der
Angeredete die Augen, die er vor dem groen Blick des Knigs rasch
niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele durchdrang,
ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. Es war krank, Cethegus, da ein Mann
von deiner Art sich solang vom Staat ferngehalten. Und von uns. Oder es war
gefhrlich. Vielleicht ist es noch gefhrlicher, da du dich - jetzt - dem Staat
zuwendest. - Nicht mein Wunsch, o Knig.
    Ich brge fr ihn, rief Cassiodor. - Still, Freund! Auf Erden mag keiner
fr den andern brgen! - Kaum fr sich selbst! - Aber, fuhr er forschenden
Blickes fort, an die Griechlein wird dieser stolze Kopf - dieser Csarkopf -
Italien nicht verraten.
    Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mute Cethegus tragen.
Dann ergriff der Knig pltzlich den Arm des nur mit Mhe noch fest in sich
geschlossenen Mannes und flsterte ihm zu: Hre, was ich dir warnend weissage.
Es wird kein Rmer mehr gedeihen auf dem Thron des Abendlands. Still, kein
Widerwort. Ich habe dich gewarnt. - - Was lrmt da drauen? fragte er, rasch
sich wendend, seine Tochter, die einem meldenden Rmer leisen Bescheid erteilte.
Nichts, mein Knig, nichts von Bedeutung, mein Vater! - Wie? Geheimnisse vor
mir? Bei meiner Krone! Wollt ihr schon herrschen, solang ich noch atme? Ich
vernahm den Laut fremder Zungen da drauen. Auf die Tren! Die Pforte, welche
die uere Halle mit dem Vorzimmer verband, ffnete sich.
    Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Rmern kleine fremd aussehende
Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wmsern aus Wolfsfell, mit spitz zulaufenden
Mtzen und langen zottigen Schafspelzen, die ber ihren Rcken hingen.
berrascht und bewltigt von dem pltzlichen Anblick des Knigs, der
hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz getroffen
auf die Kniee.
    Ah, Gesandte der Avaren. Das ruberische Grenzgesindel an unsern Ostmarken!
Habt ihr den schuldigen Jahrestribut? - Herr, wir bringen ihn noch fr diesmal
- Pelzwerk - wollne Teppiche - Schwerter - Schilde. - Da hangen sie, - dort
liegen sie. Aber wir hoffen, da fr nchstes Jahr - wir wollten sehn - Ihr
wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern nicht altersschwach geworden?
Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem Nachfolger knntet ihr die Schatzung
weigern? Ihr irrt, Spher! Und er ergriff wie prfend eines der Schwerter,
welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei
Hnden fest an Griff und Spitze: - ein Druck und in zwei Stcken warf er ihnen
das Eisen vor die Fe Schlechte Schwerter fhren die Avaren, sagte er ruhig.
Und nun komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben,
da du meine Krone tragen kannst: zeig ihnen, wie du meinen Speer fhrest.
    Der Jngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte ber sein
bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Grovaters und
schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die Gesandten an
die Holzpfeiler der Halle gelehnt, da er ihn sausend durchbohrte und die Spitze
noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte der Knig die Linke auf das Haupt
seines Enkels und rief den Gesandten zu: Jetzt geht, daheim zu melden, was ihr
hier gesehen.
    
    Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Avaren
aus. Gebt mir einen Becher Wein. Leicht den letzten! Nein, ungemischten! Nach
Germanen Art! - und er wies den griechischen Arzt zurck - Dank, alter
Hildebrand, fr diesen Trunk, so treu gereicht. Ich trinke der Goten Heil. Er
leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch.
    Aber da kam es ber ihn, pltzlich, blitzhnlich, was die rzte lang
erwartet: er wankte, griff an die Brust und strzte rcklings in die Arme
Hildebrands, der langsam niederknieend ihn auf den Marmorestrich gleiten lie
und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.
    Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der Knig regte
sich nicht, und laut aufschreiend warf sich Athalarich ber die Leiche.

                                 Zweites Buch.



                                  Athalarich.

                Wo wr' die sel'ge Insel wohl zu finden?
                                                         Schiller, Wilhelm Tell.
                                                           III. Aufzug. 2. Szene


                                Erstes Kapitel.

Nicht ohne Grund frchtete und hoffte Freund und Feind in diesem Augenblick
schwere Gefahren fr das junge Gotenreich. Noch waren es nicht vierzig Jahre,
da Theoderich im Auftrag des Kaisers von Byzanz mit seinem Volk den Isonzo
berschritten und dem tapfern Abenteurer Odovakar, den ein Aufstand der
germanischen Sldner auf den Thron des Abendlands erhoben, Krone und Leben
entrissen hatte. Alle Weisheit und Gre des Knigs hatte nicht die Unsicherheit
beseitigen knnen, die in der Natur seiner mehr khnen als besonnenen Schpfung
lag. Trotz der Milde seiner Regierung fhlten die Italier - und wir wollen uns
hten, solche Gesinnung zu verdammen - aufs tiefste die Schmach der
Fremdherrschaft. Und diese Fremden waren als Barbaren und Ketzer doppelt
verhat. Nach der Auffassung jener Zeit galten das westrmische und das
ostrmische Reich als eine unteilbare Einheit und, nachdem die Kaiserwrde im
Okzident erloschen, erschien der ostrmische Kaiser als der einzige rechtmige
Herr des Abendlands. Nach Byzanz also waren die Augen aller rmischen Patrioten,
aller rechtglubigen Katholiken von Italien gerichtet: von Byzanz erhofften sie
Befreiung aus dem Joche der Ketzer, der Barbaren, Tyrannen. Und Byzanz hatte
Macht und Neigung, diese Hoffnung zu erfllen. Waren auch die Untertanen des
Imperators nicht mehr die Rmer Csars oder Trajans: - noch gebot das Ostreich
ber eine sehr ansehnliche, den Goten durch alle Mittel der Bildung und eines
lang bestehenden Staatswesens unendlich berlegene Macht.
    An der Lust aber, diese berlegenheit zur Vernichtung des Barbarenreiches zu
gebrauchen, konnte es nicht fehlen, da das Verhltnis beider Staaten von
vornherein auf berlistung, Mitrauen und geheimen Ha gegrndet war. Vor ihrem
Abzug nach Italien hatte die Goten, in den Donaulndern angesiedelt, an Byzanz
ein fr beide Teile unerfreuliches Bundesverhltnis geknpft, das infolge des
Ehrgeizes ihrer Knige, mehr noch der Treulosigkeit der Kaiser, fast alle paar
Jahre in offnen Krieg zwischen den ungleichartigen Verbndeten umschlug:
wiederholt hatte Theoderich, obwohl in Zeiten der Ausshnung mit den hchsten
Ehren des Reiches, mit den Titeln Konsul, Patricius, Adoptivsohn des Kaisers
ausgezeichnet, seine Waffen bis vor die Tore der Kaiserstadt getragen.
    Um diesen steten Reibungen ein Ende zu machen, hatte Kaiser Zeno, ein feiner
Diplomat, das echt byzantinische Auskunftsmittel getroffen, den lstigen
Gotenknig mit seinem Volk dadurch aus der gefhrlichen Nachbarschaft zu
entfernen, da er ihm als ein Danaergeschenk Italien bertrug, das erst dem
eisernen Arm des Helden Odovakar entrissen werden mute.
    In der Tat, wie immer der Kampf zwischen den beiden deutschen Frsten enden
mochte: Byzanz mute immer gewinnen. Siegte Odovakar, so waren die Goten und ihr
furchtbarer Knig, denen man schne Provinzen und schwere Jahrgelder hatte
berlassen mssen, fr immer beseitigt. Siegte Theoderich, nun, so war ein
Anmaer, den man zu Byzanz niemals anerkannt hatte, gestrztund, gestraft. und
da Theoderich im Namen und Auftrag des Kaisers siegen und als Statthalter
herrschen sollte, durch eine ruhmvolle Eroberung das Abendland wieder mit dem
Ostreich vereinigt.
    Aber der Ausgang des feinen Planes war doch nicht der erwnschte. Denn als
Theoderich gesiegt und sein Reich in Italien gegrndet hatte, entfaltete sich
alsbald die ganze Groartigkeit seines Geistes und erwarb ihm eine Stellung, in
der, bei aller Hflichkeit in den Formen, doch jede Abhngigkeit von Byzanz
vllig verschwand.
    Nur wo es ihm diente, so, um die Abneigung der Italier zu schwchen, berief
er sich formell auf jenen Auftrag des Kaisers: in Wahrheit aber herrschte er
auch ber die Italier wie ber seine Goten nicht als Statthalter und im Namen
des Byzantiners, sondern kraft eignen Rechts, kraft seines Sieges, als Knig
der Goten und Italier. Dies fhrte natrlich zu Mihelligkeiten mit dem Kaiser,
die wiederholt in offnen Krieg zwischen den beiden Reichen aufloderten. Es war
also kein Zweifel, da man zu Byzanz sehr bereit war, dem Seufzen Italiens nach
Abwerfung des Barbarenjoches ein Ende zu bringen, so wie man sich stark genug
fhlte. Und die Goten hatten keine Bundesgenossen gegen diese innern und uern
Feinde. Denn Theoderichs Ruhm und Ansehen und seine Politik der Verschwgerung
mit allen Germanenfrsten hatten ihm doch nur eine Art moralischen Protektorats,
keine sichre Verstrkung seiner Macht verschaffen knnen.
    Es fehlte dem Gotenreich, das eine geniale Persnlichkeit allzuverwegen und
vertrausam mitten in das Herz der rmischen Bildungswelt gepflanzt hatte, der
unmittelbare Zusammenhang mit noch nicht romanisierten Volkskrften, es fehlte
der Nachschub an frischen germanischen Elementen, der das gleichzeitig
entstehende Reich der Franken immer wieder verjngt und wenigstens dessen
nordstliche Teile vor der mit der Romanisierung verbundenen Fulnis bewahrt
hatte, whrend die kleine gotische Insel, auf allen Seiten von den feindlichen
Wellen des rmischen Lebens umsplt und benagt, diesen gegenber von Jahr zu
Jahr zusammenschmolz.
    Solange Theoderich, der gewaltige Schpfer dieses gewagten Werkes lebte,
blendete der Glanz seines Namens ber die Gefahren und Blen seiner Schpfung.
    Aber mit Recht zitterte man vor dem Augenblick, da das Steuer dieses
gefhrdeten Schiffes in die Hand eines Weibes oder eines kranken Jnglings
bergehen sollte: Aufstnde der Italier, Einmischung des Kaisers, Abfall der
unterworfenen, Angriffe der feindlichen Barbarenstmme waren zu besorgen. Wenn
der gefhrliche Augenblick gleichwohl ruhig vorberging, so war dies vor allem
der unermdlich eifrigen und vorsorglichen Ttigkeit zu danken, die Cassiodor,
des Knigs Freund und langbewhrter Minister, schon seit Wochen entfaltet hatte
und jetzt, nach dem Tode Theoderichs, verdoppelte. Um die Italier in Ruhe zu
erhalten, ward sofort ein Manifest erlassen, das die Thronbesteigung
Athalarichs, unter Vormundschaft seiner Mutter, als eine bereits vollendete und
in aller Ruhe vollzogene Tatsache Italien und den Provinzen verkndete. Sofort
auch wurden in alle Teile des Reiches Beamte entsendet, die den Huldigungseid
der Bevlkerung entgegennehmen, aber auch im Namen des jungen Knigs eidlich
geloben sollten, da die neue Regierung alle Rechte und Freiheiten der Italier
und Provinzialen achten und in allen Stcken die Milde, ja Vorliebe des groen
Toten fr seine rmischen Untertanen zum Muster nehmen werde.
    Gleichzeitig wurde aber auch dafr gesorgt, da eine Furcht gebietende
Entfaltung der gotischen Heeresmacht an den Grenzen und in den wichtigsten oder
unruhigsten Stdten des Reiches ueren und inneren Gegnern die Lust zu
Feindseligkeiten vertreibe, whrend mit dem Kaiserhof das gute Vernehmen durch
Gesandtschaften und Briefe sehr verbindlicher Haltung befestigt oder erneuert
wurde.

                                Zweites Kapitel.


Neben Cassiodor war es nun aber vor allen ein Mann, der in jenen Tagen des
bergangs eine bedeutende und, wie es der Regentschaft schien,
hochverdienstliche Rolle spielte.
    Das war kein andrer als Cethegus.
    Er hatte das wichtige Amt eines Stadtprfekten von Rom bernommen. Er war,
sowie der Knig die Augen geschlossen, spornstreichs aus dem Palast und den
Toren von Ravenna nach der ihm anvertrauten Tiberstadt geeilt und dort vor aller
Kunde des Geschehenen eingetroffen.
    Sofort, noch eh' der Tag angebrochen, hatte er die Senatoren in dem
Senatus, d.h. dem geschlossenen Hallenbau Domitians nahe dem Janus Geminus,
rechtsab vom Severusbogen, versammelt, darauf das Gebude mit gotischen Truppen
umstellt, die berraschten Senatoren - von denen er gar manchen erst neuerlich
in den Katakomben gesehen und zur Vertreibung der Barbaren angefeuert hatte -
von dem bereits vollzognen Thronwechsel benachrichtigt und (nicht ohne einige
auf die von dem Saal aus deutlich sichtbaren Speere der Gotentausendschaft
gelinde hinweisende Worte) mit einer keinen Widerspruch duldenden Raschheit fr
Athalarich in Eid und Pflicht genommen.
    Dann verlie er den Senatus, wo er die Vter eingeschlossen hielt, bis er
in dem flawischen Amphitheater, wohin er eine Volksversammlung der Rmer
berufen, diese unter Beiziehung der starken gotischen Besatzung abgehalten und
die leicht beweglichen Quiriten durch eine meisterhafte Rede fr den jungen
Knig begeistert hatte. Er zhlte die Wohltaten Theoderichs auf, verhie gleiche
Milde von dessen Enkel, der brigens bereits von ganz Italien, den Provinzen und
den Vtern dieser Stadt anerkannt sei, meldete eine allgemeine Speisung des
rmischen Volkes mit Brot und Wein als den ersten Regierungsakt Amalaswinthens
an und schlo mit der Verkndung siebentgiger Zirkusspiele - Wettfahrten mit
einundzwanzig spanischen Viergespannen - mit welchen er selbst die
Thronbesteigung Athalarichs und den Antritt seiner Prfektur feiern werde.
    Da erhob tausendstimmiges Jubelgeschrei die Namen der Regentin und ihres
Sohnes, aber noch lauter den Namen Cethegus, das Volk verlief sich in heller
Freude, die eingesperrten Senatoren wurden nunmehr entlassen und die ewige Stadt
war fr die Goten erhalten. Der Prfekt aber eilte nach seinem Hause am Fu des
Kapitols, schlo sich ein und schrieb eifrig seinen Bericht an die Regentin.
    Jedoch ungestm pochte es alsbald an der ehernen Vortr des Hauses. Es war
Lucius Licinius, der junge Rmer, den wir in den Katakomben kennengelernt: er
schlug mit dem Schwertknauf gegen die Pforte, da das Haus drhnte. Ihm folgten
Scvola, der Jurist - er war unter den Eingesperrten gewesen - mit schwer
gefurchter Stirn und Silverius, der Priester, mit zweifelnder Miene.
    Vorsichtig lugte der Ostiarius an der Tre durch eine verborgne Luke in der
Mauer und lie, als er Licinius erkannte, die Mnner ein. Heftig strmte der
Jngling den andern voraus den ihm wohlbekannten Weg durch das Vestibulum, das
Atrium und dessen Sulengang in das Studierzimmer des Cethegus. Dieser, als er
die hastig nahenden Schritte vernahm, erhob sich von dem Lectus, auf den
hingestreckt er schrieb, und verschlo seine Briefe in einer Kapsula mit
silberner Kuppel. Ah, die Vaterlandsbefreier! sagte er lchelnd und trat ihnen
entgegen.
    Schndlicher Verrter! schrie ihn Licinius an, die Hand am Schwert - der
Zorn lie ihn nicht weitersprechen, er zckte halb das breite Eisen aus der
Scheide.
    Halt, erst la ihn sich verteidigen, wenn er kann, keuchte, dem
Strmischen in den Arm fallend, Scvola, der jetzt nachgekommen war. Es ist
unmglich, da er abgefallen von der Sache der heiligen Kirche, sprach
Silverius im Eintreten.
    Unmglich? lachte Licinius, wie? seid ihr toll oder bin ich's? Hat er
nicht uns, die Ritter, in ihren Husern festhalten lassen? Hat er nicht die Tore
gesperrt und den Pbel fr den Barbaren vereidigt? - Hat er nicht, sprach
Cethegus fortfahrend, die edeln Vter der Stadt, dreihundert an der Zahl, in
der Kurie wie soviel Muse in der Mausfalle gefangen, dreihundert hochadlige
Muse? - Er hhnt uns noch! Wollt ihr das dulden? rief Licinius. Und Scvola
erbleichte vor Zorn. Nun, und was httet ihr getan, wenn man euch htte handeln
lassen? fragte der Prfekt ruhig, die Arme auf der breiten Brust kreuzend. Was
wir getan htten? antwortete Licinius, was wir - was du mit uns hundertmal
verabredet! Sobald die Nachricht von dem Tod des Tyrannen eintraf, htten wir
die Goten in der Stadt erschlagen, die Republik ausgerufen und zwei Konsuln
ernannt - - Namens Licinius und Scvola, das ist die Hauptsache. Nun, und
dann? Was dann? - Was dann? die Freiheit htte gesiegt!
    Die Torheit htte gesiegt! herrschte Cethegus losbrechend den Erschrocknen
an. Wie gut, da man euch die Hnde band: ihr httet alle Hoffnung erwrgt, auf
immer. Seht her und dankt mir auf den Knieen! Er nahm Urkunden aus einer andern
Papyruskapsel und gab sie den Erstaunten. Da, lest. Der Feind war gewarnt und
hatte seine Schlinge meisterhaft um den Nacken Roms geschrzt. Wenn ich nicht
handelte, so stand in diesem Augenblick Graf Witichis mit zehntausend Goten vor
dem Salarischen Tor im Norden, morgen sperrte der junge Totila mit der Flotte
von Neapel im Sden die Tibermndung, und gegen das Grabmal Hadrians und das
Aurelische Tor war Herzog Thulun mit zwanzigtausend Mann von Westen her im
Anzug. Httet ihr heute frh einem Goten ein Haar gekrmmt, was wre geschehen?
    Silverius atmete auf. Die beiden andern schwiegen beschmt. Doch fate sich
Licinius: Wir htten den Barbaren getrotzt hinter unsern Mauern, sprach er,
mutig das schne Haupt aufwerfend. - Ja. So wie ich diese Mauern herstellen
werde - eine Ewigkeit, mein Licinius: wie sie jetzt sind - nicht einen Tag. -
So wren wir gestorben als freie Brger, sprach Scvola. Das httet ihr vor
drei Stunden in der Kurie auch gekonnt, lachte Cethegus achselzuckend.
Silverius trat mit offnen Armen, wie um ihn zu kssen, auf ihn zu; vornehm
entzog sich Cethegus: Du hast uns alle, du hast Kirche und Vaterland gerettet!
Ich habe nie an dir gezweifelt! sprach der Priester. Da ergriff Licinius die
Hand des Prfekten, die dieser ihm willig lie:
    Ich habe an dir gezweifelt, rief er mit schner Offenheit, vergib, du
groer Rmer. Dies Schwert, das dich heute durchbohren sollte, dir ist es fortan
fr ewig zu Dienst. Und bricht der Tag der Freiheit an, dann keine Konsuln, dann
salve, Diktator Cethegus! Und mit leuchtenden Augen eilte er hinaus. Der
Prfekt warf ihm einen befriedigten Blick nach. Diktator, ja, doch nur bis zur
vollen Sicherheit der Republik! sprach der Jurist und folgte ihm. Jawohl,
lchelte Cethegus, dann wecken wir Camillus und Brutus wieder auf und fhren
die Republik da fort, wo sie diese vor tausend Jahren gelassen. Nicht wahr,
Silverius? - Prfekt von Rom, sprach der Priester, du weit, ich hatte den
Ehrgeiz, die Sache des Vaterlands wie der Heiligen zu leiten: ich hab' ihn nicht
mehr seit dieser Stunde. Dein sei die Fhrung, ich folge. Gelobe nur das Eine:
Freiheit der rmischen Kirche - freie Papstwahl. - Jawohl, sagte Cethegus,
sowie nur erst Silverius Papst geworden. Es gilt. - Der Priester schied mit
einem Lcheln auf den Lippen, aber schwere Gedanken im Herzen. Geht, sagte
Cethegus nach einer Pause, den dreien nachblickend, ihr werdet keinen Tyrannen
strzen: - ihr braucht einen Tyrannen! Dieser Tag, diese Stunde wurden
entscheidend fr Cethegus: fast ohne seinen Willen ward er durch die Ereignisse
fortgetrieben zu neuen Stimmungen und Anschauungen, zu Zielen, die er sich
bisher nie mit solcher Klarheit vorgesteckt, oder doch nie als mehr denn Trume,
die er sich als Ziele eingestanden hatte.
    Er erkannte sich in diesem Augenblick als alleinigen Herrn der Lage: er
hatte die beiden groen Parteien der Zeit, die Gotenregierung und ihre Feinde,
die Verschwornen, vllig in seiner Hand. Und in der Brust dieses gewaltigen
Mannes wurde die Haupttriebfeder, die er seit Jahrzehnten fr gelhmt erachtet,
pltzlich wieder in mchtigste Ttigkeit gesetzt: der unbegrenzte Drang, ja das
Bedrfnis, zu herrschen, machte sich mit einem Male alle Krfte dieses reichen
Lebens dienstbar und trieb sie an zu heftiger Bewegung.
    Cornelius Cethegus Csarius war der Abkmmling eines alten und unermelich
reichen Geschlechts, dessen Ahnherr den Glanz seines Hauses als Feldherr und
Staatsmann Csars in den Brgerkriegen gegrndet: - man sagte, er sei ein Sohn
des groen Diktators gewesen. - Unser Cethegus hatte von der Natur die
vielseitigsten Anlagen und die gewaltigsten Leidenschaften und durch seine
gewaltigen Reichtmer die Mittel erhalten, jene aufs groartigste zu entfalten,
diese aufs groartigste zu befriedigen. Er empfing die sorgfltigste Bildung,
die damals einem jungen Adligen Roms gegeben werden konnte.
    Er bte sich bei den ersten Lehrern in den schnen Knsten. Er trieb zu
Berytus, zu Alexandrien, zu Athen in den besten Schulen mit glnzenden Erfolgen
das Studium des Rechts, der Geschichte, der Philosophie.
    
    Aber all das befriedigte ihn nicht. Er fhlte den Hauch des Verfalls in
aller Kunst und Wissenschaft seiner Zeit. Die Philosophie insbesondre vermochte
nur die letzten Reste des Glaubens in ihm zu zerstren, ohne ihm irgendwelche
Befriedigung in positiven Ergebnissen zu gewhren. Als er von seinen Studien
zurckkam, fhrte ihn sein Vater nach der Sitte der Zeit in den Staatsdienst
ein: rasch stieg der glnzend Begabte von Amt zu Amt.
    Aber pltzlich sprang er aus.
    Nachdem er die Staatsgeschfte zur Genge kennengelernt, mochte er nicht
lnger ein Rad in der groen Maschine des Reiches sein, das die Freiheit
ausschlo und obenein dem Barbarenknig diente. Da starb sein Vater, und
Cethegus warf sich, nun Herr seiner selbst und eines ungeheuern Vermgens
geworden, mit der Gewalt, mit welcher er alles verfolgte, in die wildesten
Strudel des Lebens, des Genusses, der Lste. Mit Rom war er bald fertig: da
machte er groe Reisen nach Byzanz, nach gypten, bis nach Indien drang er vor.
Da war kein Luxus, kein unschuldiger und kein schuldiger Genu, den er nicht
schlrfte. Nur ein sthlerner Krper konnte die Anstrengungen, die Entbehrungen,
die Abenteuer, die Ausschweifungen dieser Fahrten ertragen.
    Nach zwlf Jahren kehrte er zurck nach Rom.
    Es hie, er werde groartige Bauten auffhren; man freute sich, das ppigste
Leben in seinen Husern und Villen beginnen zu sehen, man tuschte sich sehr.
    Cethegus baute sich nur das kleine Haus am Fu des Kapitols, bequem und von
feinstem Geschmack, und lebte mitten in dem volkreichen Rom wie ein Einsiedler.
    Er gab unvermutet eine Schilderung seiner Reisen heraus, eine
Charakterisierung der wenig bekannten Vlker und Lnder, die er besucht. Das
Buch hatte unerhrten Erfolg; Cassiodor und Bothius warben um seine
Freundschaft, der groe Knig wollte ihn an seinen Hof ziehen. Aber pltzlich
war er aus Rom verschwunden. Das Ereignis, das ihn in jenen Tagen betroffen
haben mute, blieb allen Nachforschungen der Neugier, der Teilnahme, der
Schadenfreude verborgen.
    Man erzhlte sich damals, arme Fischer htten ihn eines Morgens am Ufer des
Tibers vor den Toren der Stadt, bewutlos und dem Tode nah, gefunden.
    Wenige Wochen spter tauchte er wieder an der Nordostgrenze des Reiches in
den unwirtlichen Donaulndern auf, wo der blutige Krieg mit Gepiden, mit Avaren
und Sclavenen raste. Dort schlug er sich mit todverachtender Tapferkeit mit
diesen wilden Barbaren herum, verfolgte sie mit erlesenen, von ihm besoldeten
Scharen freiwillig in alle Schlupfwinkel ihrer Felsen, schlief alle Nchte auf
der gefrornen Erde. Und als der gotische Feldherr ihm eine kleine Schar zu einem
Streifzug anvertraute, griff er statt dessen Sirmium an, die feste Hauptstadt
der Feinde, und eroberte sie mit nicht geringerer Feldherrnkunst als Tapferkeit.
Nach dem Friedensschlu machte er abermals Reisen nach Gallien und Spanien und
Byzanz, kehrte von da nach Rom zurck und lebte dort jahrelang in einer
verbitterten Mue und Zurckgezogenheit, alle kriegerischen, brgerlichen,
wissenschaftlichen mter und Ehren ausschlagend, die ihm Cassiodor aufdringen
wollte. Er schien fr nichts mehr Interesse zu haben als fr seine Studien.
    Vor einigen Jahren brachte er von einer Reise nach Gallien einen schnen
Jngling oder Knaben mit, welchem er Rom und Italien zeigte und vterliche Liebe
und Sorgfalt erwies. Es hie, er wolle ihn adoptieren: solange dieser sein
junger Gast um ihn war, trat er aus seiner Einsamkeit heraus, lud die adlige
Jugend Roms zu glnzenden Festen in seine Villen und war bei den
Gegeneinladungen. die er alle annahm, der liebenswrdigste Gesellschafter. Aber
sowie er den jungen Julius Montanus mit einem stattlichen Gefolge von Pdagogen,
Freigelassenen und Sklaven nach Alexandrien in die gelehrten Schulen entsendet
hatte, brach er pltzlich wieder alle Verbindungen ab und zog sich in seine
undurchdringliche Abgeschlossenheit zurck, grollend wie es schien mit Gott und
der ganzen Welt. Mit schwerer Mhe gelang es dem Priester Silverius und
Rusticianen, ihn aus seiner ablehnenden Ruhe heraus und zur Teilnahme an der
Katakombenverschwrung fortzuziehen. Er wurde, wie er ihnen sagte, Patriot aus
eitel Langweile. Und in der Tat, bis zu dem Tod des Knigs hatte er das
Unternehmen, dessen Leitung doch in seiner und des Diakons Hand lag, fast mit
Abneigung betrieben.
    Dies wurde jetzt anders. Der tiefste Zug seines Wesens, der Drang, in allen
mglichen Gebieten des Geistes sich zu versuchen, die Schwierigkeiten zu
berwinden, alle Nebenbuhler zu berflgeln, in jedem Lebenskreise, den er
betrat, zu herrschen, allein und ohne Widerstand und, sobald er den Siegeskranz
genommen, ihn gleichgltig wegzuwerfen und nach neuen Aufgaben auszuschauen,
hatte ihn bisher bei keinem Ziele volle Befriedigung finden lassen. Kunst,
Wissenschaft, Genu, Amtsehre, Kriegsruhm: alles hatte ihn gereizt, alles hatte
er wie kein andrer gewonnen und alles hatte ihn leer gelassen. Herrschen, der
erste sein, ber widerstrebende Verhltnisse mit allen Mitteln berlegner Kraft
und Klugheit siegen und dann ber knirschende Menschen ein ehernes Regiment
fhren, das allein hatte er unbewut und bewut von jeher erstrebt: nur darin
fhlte er sich wohl.
    In stolzen, vollen Atemzgen hob sich darum in dieser Stunde seine Brust:
er, der Eisigkalte, erglhte in dem Gedanken, da er ber die beiden groen
feindlichen Mchte der Zeit, Goten und Rmer, heute mit einem Zucken seiner
Wimper gebot: und aus diesem Wonnegefhl der Herrschaft stieg ihm mit
dmonischer Gewalt die berzeugung empor, da es fr ihn und seinen Ehrgeiz nur
noch Ein Ziel gab, welches das Leben der Mhe des Lebens wert machen knne, nur
noch Ein Ziel, ein sonnenfernes, jedem andern unerreichbares: - er glaubte gern
an seine Abkunft von Julius Csar und er fhlte das Blut Csars aufwallen in
seinen Adern bei dem Gedanken: - Csar, Imperator des Abendlands, Kaiser der
rmischen Welt! - - - -
    Als vor Monaten dieser Blitz zum erstenmal seine Seele durchzuckt hatte -
kein Gedanke - kein Wunsch - nur ein Schatten, ein Traum - erschrak er und
lchelte zugleich ber seine unermeliche Khnheit. Er Kaiser und
Wiederaufrichter des rmischen Weltreichs! Und Italien bebte unter dem Schritt
von dreimalhunderttausend gotischen Kriegern! Und der grte aller
Barbarenknige, dessen Ruhm die Erde erfllte, sa gewaltig herrschend zu
Ravenna. Und wenn die Macht der Goten gebrochen war, so streckten die Franken
ber die Alpen, die Byzantiner bers Meer die gierigen Hnde nach der
italienischen Beute, zwei groe Reiche gegen ihn, den einzelnen Mann! -
    Denn wahrlich, einsam stand er in seinem Volk! Wie genau kannte, wie bitter
verachtete er seine Landsleute, die unwrdigen Enkel groer Ahnen! Wie lachte er
der Schwrmerei eines Licinius oder Scvola, die mit diesen Rmern die Tage der
Republik erneuern wollten!
    Er stand allein.
    Aber gerade dies reizte seinen stolzen Ehrgeiz. Und gerade in diesem
Augenblick, da ihn die Verschworenen verlassen hatten, da seine berlegenheit
gewaltiger als je ihnen und ihm selbst klar geworden war, gerade jetzt scho in
seiner Brust was frher ein schmeichelnd Spiel seiner trumenden Stunden gewesen
mit Blitzesschnelle zum klaren Gedanken, zum festen Entschlu empor.
    Die Arme ber der mchtigen Brust gekreuzt, mit starken Schritten, wie ein
Lwe seinen Kfig, das Gemach durchmessend, sprach er in abgerissenen Stzen zu
sich selbst:
    Mit einem tchtigen Volk hinter sich die Goten hinaustreiben, Griechen und
Franken nicht hereinlassen: das wre nicht schwer, das knnte ein andrer auch.
Aber allein, ganz allein, von diesen Mnnern ohne Mark und Willen mehr gehemmt
als getragen, das Ungeheure vollenden, und diese Memmen erst wieder zu Helden,
diese Sklaven zu Rmern, diese Knechte der Pfaffen und Barbaren wieder zu Herren
der Erde machen: - das, das ist der Mhe wert. Ein neues Volk, eine neue Zeit,
eine neue Welt schaffen, allein, ein einziger Mann, mit der Kraft seines Willens
und der Macht seines Geistes: - das hat noch kein Sterblicher vollbracht: - das
ist grer als Csar: er fhrte Legionen von Helden! Und doch, es kann getan
werden, denn es kann gedacht werden. Und ich, der's denken konnte, ich kann's
auch tun. Ja, Cethegus, das ist ein Ziel, dafr verlohnt sich's zu denken, zu
leben, zu sterben. Auf und ans Werk, und von nun an: - keinen Gedanken mehr und
kein Gefhl als fr dies Eine.
    Er stand still vor der Kolossalstatue Csars aus weiem parischem Marmor,
die, das Meisterwerk des Arkesilaos und der edelste Schmuck, ja nach der
Familientradition von Julius Csar selbst dem Sohne geschenkt, das Heiligtum
dieses Hauses, gegenber dem Schreibdiwan stand:
    Hr' es, gttlicher Julius, groer Ahnherr, es lstet deinen Enkel, mit dir
zu ringen: es gibt noch ein Hheres, als du erreicht: schon fliegen nach einem
hheren Ziel als du, ist unsterblich und fallen, fallen aus solcher Hhe: das
ist der herrlichste Tod. Heil mir, da ich wieder wei, warum ich lebe.
    Er schritt an der Bildsule vorbei und warf einen Blick auf die auf dem
Tisch aufgerollte Militrkarte des rmischen Weltreichs:
    Erst diese Barbaren zertreten -: Rom! - Dann den Norden wieder unterwerfen
-: Paris! - Dann zum alten Gehorsam unter die alte Csarenstadt das abtrnnige
Ostreich zurckheischen -: Byzanz! Und weiter, immer weiter: an den Tigris, an
den Indus, weiter als Alexandros - und zurck nach Westen, durch Skythien und
Germanien, an den Tiber - die Bahn, welche dir, Csar, der Dolch des Brutus
durchschnitten. - Und so grer als du, grer als Alexander - o halt, Gedanke,
halt ein!
    Und der eisige Cethegus loderte und glhte; mchtig pochten seine Adern an
den Schlfen: er drckte die brennende Stirn an die kalte Marmorbrust Julius
Csars, der majesttisch auf ihn niederschaute.

                                Drittes Kapitel.


Aber nicht nur fr Cethegus wurde dieser Tag von entscheidender Bedeutung, auch
fr die Verschwrung in den Katakomben, fr Italien und das Reich der Goten.
    Hatten die Umtriebe der Patrioten, geleitet von mehreren Huptern, die ber
die Mittel, ja sogar ber die Zwecke ihrer Plne nicht immer einig waren, bisher
nur langsame und unsichre Fortschritte gemacht, so ward dies anders von dem
Augenblick an, da der weitaus begabteste Mann dieser Partei, da Cethegus die
Fhrung in die krftige Hand nahm.
    Unbedingt hatten sich die bisherigen Hupter des Bundes - sogar, wie es
schien, Silverius - dem Prfekten untergeordnet, der seine berlegenheit so
mchtig bewhrt und das Leben ihrer Sache gerettet hatte.
    Erst von jetzt an wurde der Geheimbund den Goten wahrhaft gefhrlich.
    Unermdlich war Cethegus beschftigt, die Macht und Sicherheit ihres Reiches
auf allen Seiten zu untergraben: mit seiner groen Kunst, die Menschen zu
durchschauen, zu gewinnen und zu beherrschen, wute er die Zahl bedeutender
Mitglieder und die Mittel der Partei von Tag zu Tag zu vermehren.
    Aber er wute auch mit kluger Vorsicht einerseits jeden Verdacht der
gotischen Regierung zu vermeiden, andrerseits jede unzeitige Erhebung der
Verschwornen zu verhindern. Denn ein leichtes wr' es freilich gewesen,
pltzlich an Einem Tage in allen Stdten der Halbinsel die Barbaren zu
berfallen, die Erhebung zu beginnen und die Byzantiner. die lngst hierauf
lauerten, zur Vollendung des Sieges ins Land zu rufen. Aber damit htte der
Prfekt seine geheimen Plne nicht hinausgefhrt. Er htte nur an die Stelle der
gotischen Herrschaft die byzantinische Tyrannei gesetzt.
    Und wir wissen, er verfolgte ein ganz andres Ziel.
    Um dies zu erreichen, mute er sich zuvor in Italien eine Machtstellung
schaffen, wie sie kein andrer besa.
    Er mute, wenn auch nur im stillen, der mchtigste Mann im Lande sein, ehe
der Fu eines Byzantiners es betrat, ehe der erste Gote fiel. Die Dinge muten
soweit vorbereitet sein, da die Barbaren von Italien, das hie von Cethegus
allein, mit mglichst geringer Nachhilfe von Byzanz, vertrieben wrden, so da
nach dem Siege der Kaiser gar nicht umhin konnte, die Herrschaft ber das
befreite Land seinem Befreier, wenn auch zunchst nur als Statthalter, zu
berlassen. Alsdann hatte er Zeit und Anla gewonnen, den Nationalstolz der
Rmer gegen die Herrschaft der Griechlein, wie man die Byzantiner verchtlich
nannte, aufzureizen.
    Denn obwohl seit zweihundert Jahren, seit den Tagen des groen Konstantin,
der Glanz der Weltherrschaft von der verwitweten Roma hinweg nach der goldnen
Stadt am Hellespont verlegt und das Zepter von den Shnen des Romulus auf die
Griechen bergegangen schien, obwohl das Ost- und das Westreich zusammen der
Barbarenwelt gegenber Einen Staat der antiken Bildung bilden sollten, so waren
doch auch jetzt noch die Griechen den Rmern verhat und verchtlich, wie in den
Tagen, da Flaminius das gedemtigte Hellas fr eine Freigelassene Roms erklrt
hatte: der alte Ha war jetzt durch Neid vermehrt. Deshalb war der Mann der
Begeisterung und der Hilfe ganz Italiens gewi, der nach Vertreibung der
Barbaren auch die Byzantiner aus dem Lande weisen wrde: die Krone von Rom, die
Krone des Abendlands war sein sichrer Lohn. Und wenn es gelang, das neugeweckte
Nationalgefhl wieder zum Angriffskrieg ber die Alpen zu treiben, wenn Cethegus
auf den Trmmern des Frankenreichs zu Aurelianum und Paris die Herrschaft des
rmischen Imperators ber das Abendland wieder aufgerichtet hatte, dann war der
Versuch nicht mehr zu khn, auch das losgerissene Ostreich zurckzuzwingen zum
Gehorsam unter das ewige Rom und die Weltherrschaft am Strand des Tibers da
fortzufhren, wo sie Trajan und Hadrian gelassen. -
    Doch um diese fernher leuchtenden Ziele zu erreichen, mute jeder nchste
Schritt auf dem schwindelsteilen Pfad mit grter Vorsicht geschehen: jedes
Straucheln mute fr immer verderben. Um Italien zu beherrschen, als Kaiser zu
beherrschen, mute Cethegus vor allem Rom haben: denn nur an Rom lieen sich
jene Gedanken knpfen. Deshalb wandte der neue Prfekt hchste Sorgfalt auf die
ihm anvertraute Stadt: Rom sollte ihm moralisch und physisch eine Burg der
Herrschaft werden, ihm allein gehrig und unentreibar. Sein Amt bot ihm dazu
die beste Gelegenheit: es war ja die Pflicht des Prfectus Urbi, fr das Wohl
der Bevlkerung, fr Erhaltung und Sicherheit der Stadt zu sorgen. Cethegus
verstand es meisterhaft, die Rechte, die in dieser Pflicht lagen, fr seine
Zwecke auszubeuten. leicht hatte er alle Stnde fr sich gewonnen: der Adel
ehrte in ihm das Haupt der Katakombenverschwrung, ber die Geistlichkeit
herrschte er durch Silverius, der die rechte Hand und der von der ffentlichen
Stimme bezeichnete Nachfolger des greisen Papstes war und dem Prfekten eine
diesem selbst befremdliche Ergebenheit an den Tag legte. Das niedre Volk aber
fesselte er an seine Person nicht nur durch vorbergehende Brotspenden und
Zirkusspiele aus seiner Tasche, sondern durch groartige Unternehmungen, die
vielen Tausenden auf Jahre hinaus Arbeit und Unterhalt - auf Kosten der
gotischen Regierung - erschafften.
    Er setzte bei Amalaswintha den Befehl durch, die Befestigungen Roms, die
seit den Tagen des Honorius durch die Zeit und durch den Eigennutz rmischer
Bauherren vielmehr als durch westgotische und vandalische Eroberer gelitten
hatten, vollstndig und rasch wieder herzustellen, zur Ehre der ewigen Stadt
und, - wie sie whnte, - zum Schutz gegen die Byzantiner.
    Cethegus selbst hatte - und zwar, wie die alsbald folgenden vergeblichen
Belagerungen durch Goten und Byzantiner bewiesen, mit genialem Feldherrnblick -
den Plan der groartigen Werke entworfen. Und er betrieb nun mit grtem Eifer
das Riesenwerk, die ungeheure Stadt in ihrem weiten Umfang von vielen Meilen zu
einer Festung ersten Ranges umzuschaffen. Die Tausende von Arbeitern, die wohl
wuten, wem sie diese reich bezahlte Beschftigung verdankten, jubelten dem
Prfekten zu, wenn er auf den Schanzen sich zeigte, prfte, antrieb, besserte
und wohl selbst mit Hand anlegte. Und die getuschte Frstin wies eine Million
Solidi nach der andern an fr einen Bau, an dem alsbald die ganze Streitmacht
ihres Volkes zerschellen und verbluten sollte.
    Der wichtigste Punkt dieser Befestigungen war das heute unter dem Namen der
Engelsburg bekannte Grabmal Hadrians. Dies Prachtgebude, von Hadrian aus
parischen Marmorquadern, die ohne anderes Bindungsmittel zusammengefgt waren,
aufgefhrt, lag damals einen Steinwurf vor dem Aurelischen Tor, dessen
Mauerseiten es weit berragte. Mit scharfem Auge hatte Cethegus erkannt, da das
unvergleichlich feste Gebude, in seiner bisherigen Lage ein Festungswerk gegen
die Stadt, sich durch ein einfaches Mittel in ein Hauptbollwerk fr die Stadt
verwandeln lie: er fhrte vom Aurelischen Tor zwei Mauern gegen und um das
Grabmal. Und nun bildete die turmhohe Marmorburg eine sturmfreie Schanze fr das
Aurelische Tor, um so mehr als der Tiber knapp davor einen natrlichen
Festungsgraben zog. Oben auf der Mauer des Mausoleums aber standen, zum Teil
noch von Hadrian und seinem Nachfolger hier aufgestellt, gegen dreihundert der
schnsten Statuen aus Marmor, Bronze und Erz: darunter der Divus Hadrianus
selbst, sein schner Liebling Antinous, ein Zeus Soter, die Pallas
Stdtebeschirmerin, ein schlafender Faun und viele andere.
    Cethegus freute sich seines Gedankens und liebte diese Sttte, wo er
allabendlich zu wandeln pflegte, sein Rom mit dem Blick beherrschend und den
Fortschritt der Schanzarbeiten prfend: und er hatte deshalb eine reiche Zahl
von schnen Statuen aus seinem Privatbesitz hier noch aufstellen lassen.

                                Viertes Kapitel.


Vorsichtiger mute Cethegus bei Ausfhrung einer zweiten, fr seine Ziele nicht
minder unerllichen Vorbereitung sein. Um selbstndig in Rom, in seinem Rom,
wie er es, als Stadtprfekt, zu nennen liebte, den Goten und ntigenfalls den
Griechen trotzen zu knnen, bedurfte er nicht blo der Wlle, sondern auch der
Verteidiger auf denselben. Er dachte zunchst an Sldner, an eine Leibwache, wie
sie in jenen Zeiten hohe Beamte, Staatsmnner und Feldherren hufig gehalten
hatten, wie sie jetzt Belisar und dessen Gegner Narses in Byzanz hielten. Nun
gelang es ihm zwar, durch frher auf seinen Reisen in Asien angeknpfte
Verbindungen und bei seinen reichen Schtzen tapfre Scharen der wilden
isaurischen Bergvlker, die in jenen Zeiten die Rolle der Schweizer des
sechzehnten Jahrhunderts spielten, in seinen Sold zu ziehen. Indessen hatte dies
Verfahren doch zwei sehr eng gezogne Schranken.
    Einmal konnte er auf diesem Wege, ohne seine fr andre Zwecke
unentbehrlichen Mittel zu erschpfen, doch immer nur verhltnismig kleine
Massen aufbringen, den Kern eines Heeres, nicht ein Heer. Und ferner war es
unmglich, diese Sldner, ohne den Verdacht der Goten zu wecken, in grerer
Anzahl nach Italien, nach Rom zu bringen. Einzeln, paarweise, in kleinen Gruppen
schmuggelte er sie mit vieler List und vieler Gefahr als seine Sklaven,
Freigelassenen, Klienten, Gastfreunde in seine durch die ganze Halbinsel
zerstreuten Villen oder beschftigte sie als Matrosen und Schiffsleute im Hafen
von Ostia oder als Arbeiter in Rom.
    Schlielich muten doch die Rmer Rom erretten und beschtzen und all seine
ferneren Plne drngten ihn, seine Landsleute wieder an die Waffen zu gewhnen.
    Nun hatte aber Theoderich wohlweislich die Italier von dem Heer
ausgeschlossen - nur Ausnahmen bei einzelnen als besonders zuverlssig
Erachteten wurden gemacht - und in den unruhigen letzten Zeiten seines Regiments
whrend des Prozesses gegen Bothius ein Gebot allgemeiner Entwaffnung der Rmer
erlassen.
    Letzteres war freilich nie streng durchgefhrt worden: aber Cethegus konnte
doch nicht hoffen, die Regentin werde ihm erlauben, gegen den entschiedenen
Willen ihres groen Vaters und gegen das offenbare Interesse der Goten eine
irgendwie bedeutende Streitmacht aus Italien zu bilden.
    Er begngte sich, ihr vorzustellen, da sie durch ein ganz unschdliches
Zugestndnis sich das Verdienst erwirken knne, jene gehssige Maregel
Theoderichs in edlem Vertrauen aufgehoben zu haben und schlug ihr vor, ihm zu
gestatten, nur zweitausend Mann aus der rmischen Brgerschaft als Schutzwache
Roms rsten, einben und immer unter den Waffen gegenwrtig halten zu drfen:
die Rmer wrden ihr schon fr diesen Schein, da die ewige Stadt nicht von
Barbaren allein gehtet werde, unendlich dankbar sein. Amalaswintha, begeistert
fr Rom und nach der Liebe der Rmer als ihrem schnsten Ziele trachtend, gab
ihre Einwilligung und Cethegus fing an seine Landwehr, wie wir sagen wrden,
zu bilden. Er rief in einer wie Trompetenschall klingenden Proklamation die
Shne der Scipionen zu den alten Waffen zurck, er bestellte die jungen Adligen
der Katakomben zu rmischen Rittern und Kriegstribunen, er verhie jedem
Rmer, der sich freiwillig meldete, aus seiner Tasche Verdoppelung des von der
Frstin bestimmten Soldes: er hob aus den Tausenden, die sich darauf
herbeidrngten die Tauglichsten aus; er rstete die rmeren aus, schenkte denen,
die sich besonders auszeichneten im Dienst, gallische Helme und spanische
Schwerter aus seinen eignen Sammlungen und - was das Wichtigste - er entlie
regelmig sobald als mglich die hinlnglich Eingebten mit Belassung ihrer
Waffen und hob neue Mannschaften aus, so da, obwohl in jedem Augenblick nur die
von Amalaswintha gestattete Zahl im Dienst stand, doch in kurzer Frist viele
Tausende bewaffnete und waffengebte Rmer zur Verfgung ihres vergtterten
Fhrers standen.
    Whrend so Cethegus an seiner knftigen Residenz baute und seine knftigen
Prtorianer heranbildete, vertrstete er den Eifer seiner Mitverschworenen, die
unablssig zum Losschlagen drngten, auf den Zeitpunkt der Vollendung jener
Vorbereitungen, den er natrlich allein bestimmen konnte. Zugleich unterhielt er
eifrigen Verkehr mit Byzanz. Dort mute er sich einer Hilfe versichern, die
einerseits in jedem Augenblick, da er sie rief, auf dem Kampfplatz erscheinen
knnte, die aber andrerseits auch nicht, ehe er sie rief, auf eigne Faust oder
mit einer Strke erschiene, die nicht leicht wieder zu entfernen wre.
    Er wnschte von Byzanz einen guten Feldherrn, der aber kein groer
Staatsmann sein durfte, mit einem Heere, stark genug, die Italier zu
untersttzen, nicht stark genug, ohne sie siegen oder gegen ihren Willen im
Lande bleiben zu knnen. Wir werden in der Folge sehen, wie in dieser Hinsicht
vieles nach Wunsch, aber auch ebenso vieles sehr gegen den Wunsch des Prfekten
sich gestaltete. Daneben war gegenber den Goten, die zurzeit noch unangefochten
im Besitz der Beute standen, um die Cethegus bereits im Geiste mit dem Kaiser
haderte, sein Streben dahin gerichtet, sie in arglose Sicherheit zu wiegen, in
Parteiungen zu spalten und eine schwache Regierung an ihrer Spitze zu erhalten.
    Das erste war nicht schwer. Denn die starken Germanen verachteten in
barbarischem Hochmut alle offenen und geheimen Feinde. wir haben gesehen, wie
schwer selbst der sonst scharfblickende, helle Kopf eines Jnglings wie Totila
von der Nhe einer Gefahr zu berzeugen war: und die trotzige Sicherheit eines
Hildebad drckte recht eigentlich die allgemeine Stimmung der Goten aus. Auch an
Parteiungen fehlte es nicht in diesem Volk.
    Da waren die stolzen Adelsgeschlechter, die Balten mit ihren weitverzweigten
Sippen, an ihrer Spitze die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza: die
reichbegterten Wlsungen unter den Brdern Herzog Guntharis von Tuscien und
Graf Arahad von Asta und andre mehr, die alle den Amalern an Glanz der Ahnen
wenig nachgaben und eiferschtig ihre Stellung dicht neben dem Throne bewachten.
    Da waren viele, welche die Vormundschaft eines Weibes, die Herrschaft eines
Knaben nur mit Unwillen trugen, die gern, nach dem alten Recht des Volkes, das
Knigshaus umgangen und einen der erprobten Helden der Nation auf den Schild
erhoben htten. Andrerseits zhlten auch die Amaler blind ergebene Anhnger, die
solche Gesinnung als Treubruch verabscheuten. Endlich teilte sich das ganze Volk
in eine rauhere Partei, die, lngst unzufrieden mit der Milde, die Theoderich
und seine Tochter den Welschen bewiesen, gern nunmehr nachgeholt htten, was,
wie sie meinten, bei der Eroberung des Landes versumt worden, und die Italier
fr ihren heimlichen Ha mit offener Gewalt zu strafen begehrten. Viel kleiner
natrlich war die Zahl der sanfter und edler Gesinnten, die, wie Theoderich
selbst, empfnglich fr die hhere Bildung der Unterworfenen, sich und ihr Volk
zu dieser emporzuheben strebten. Das Haupt dieser Partei war die Knigin.
    Diese Frau nun suchte Cethegus im Besitz der Macht zu erhalten; denn sie,
diese weibliche, schwache, geteilte Herrschaft, verhie, die Kraft des Volkes zu
lhmen, die Parteiung und Unzufriedenheit dauernd zu machen. Ihre Richtung
schlo jedes Erstarken des gotischen Nationalgefhls aus. Er bebte vor dem
Gedanken, einen gewaltigen Mann die Kraft dieses Volkes gewaltig zusammenfassen
zu sehen.
    Und manchmal machten ihn schon die Zge von Hoheit, die sich in diesem Weibe
zeigten, mehr noch die feurigen Funken verhaltener Glut, die zuzeiten aus
Athalarichs tiefer Seele aufsprhten, ernstlich besorgt. Sollten Mutter und Sohn
solche Spuren fter verraten, dann freilich mute er beide ebenso eifrig strzen
wie er bisher ihre Regierung gehalten hatte. Einstweilen aber freute er sich
noch der unbedingten Herrschaft, die er ber die Seele Amalaswinthens gewonnen.
Dies war ihm bald gelungen. Nicht nur, weil er mit groer Feinheit ihre Neigung
zu gelehrten Gesprchen ausbeutete, in welchen er von dem, wie es schien, ihm
berall berlegenen Wissen der Frstin so hufig berwunden wurde, da
Cassiodor, der oft Zeuge ihrer Disputationen war, nicht umhin konnte, zu
bedauern, wie dies einst glnzende Ingenium durch Mangel an gelehrter bung
etwas eingerostet sei.
    Der vollendete Menschenerforscher hatte das stolze Weib noch viel tiefer
getroffen. Ihrem groen Vater war kein Sohn, war nur diese Tochter beschieden:
der Wunsch nach einem mnnlichen Erben seiner schweren Krone war oft aus des
Knigs, oft aus des Volkes Munde schon in ihren Kinderjahren an ihr Ohr
gedrungen. Es emprte das hochbegabte Mdchen, da man es lediglich um ihres
Geschlechtes willen zurcksetzte hinter einem mglichen Bruder, der, wie
selbstverstndlich, der Herrschaft wrdiger und fhiger sein wrde. So weinte
sie als Kind oft bittere Trnen, da sie kein Knabe war.
    Als sie herangewachsen, hrte sie natrlich nur noch von ihrem Vater jenen
krnkenden Wunsch: jeder andre Mund am Hofe pries die wunderbaren Anlagen, den
mnnlichen Geist, den mnnlichen Mut der glnzenden Frstin. Und das waren nicht
Schmeicheleien: Amalaswintha war in der Tat in jeder Hinsicht ein
auergewhnliches Geschpf: die Kraft ihres Denkens und ihres Wollens, aber auch
ihre Herrschsucht und kalte Schroffheit berschritten weit die Schranken, in
welchen sich holde Weiblichkeit bewegt. Das Bewutsein, da mit ihrer Hand
zugleich die hchste Stellung im Reich, vielleicht die Krone selbst, wrde
vergeben werden, machte sie eben auch nicht bescheidener: und ihre tiefste,
mchtigste Empfindung war jetzt nicht mehr der Wunsch, Mann zu sein, sondern die
berzeugung, da sie, das Weib, allen Aufgaben des Lebens und des Regierens so
gut wie der begabteste Mann, besser als die meisten Mnner, gewachsen, da sie
berufen sei, das allgemeine Vorurteil von der geistigen Unebenbrtigkeit ihres
Geschlechts glnzend zu widerlegen.
    Die Ehe des kalten Weibes mit Eutharich, einem Amaler aus andrer Linie,
einem Mann von hohen Anlagen des Geistes und reichem Gemt, war kurz -:
Eutharich erlag nach wenigen Jahren einem tiefen Leiden - und wenig glcklich.
Nur mit Widerstreben hatte sie sich ihrem Gatten gebeugt. Als Witwe atmete sie
stolz auf. Sie brannte vor Ehrgeiz, dereinst als Vormnderin ihres Knaben, als
Regentin jene ihre Lieblingsidee zu bewhren: sie wollte so regieren, da die
stolzesten Mnner ihre berlegenheit sollten einrumen mssen. Wir haben
gesehen, wie die Erwartung der Herrschaft diese kalte Seele sogar den Tod ihres
groen Vaters ziemlich ruhig hatte ertragen lassen.
    Sie bernahm das Regiment mit hchstem Eifer, mit unermdlicher Ttigkeit.
Sie wollte alles selbst, alles allein tun.
    Sie schob ungeduldig den greisen Cassiodor zur Seite, der ihrem Geist nicht
rasch und krftig genug Schritt hielt. Keines Mannes Rat und Hilfe wollte sie
dulden.
    Eiferschtig wachte sie ber ihre Alleinherrlichkeit. Und nur Einem ihrer
Beamten lieh sie gern und hufig das Ohr; demjenigen, der ihr oft und laut die
mnnliche Selbstndigkeit ihres Geistes pries und noch fter dieselbe still zu
bewundern, der den Gedanken, sie beherrschen zu wollen, gar nie wagen zu knnen
schien: sie traute nur Cethegus. Denn dieser zeigte ja nur den Einen Ehrgeiz,
alle Gedanken und Plne der Knigin mit eifriger Sorge durchzufhren. Nie trat
er, wie Cassiodor oder gar die Hupter der gotischen Partei, ihren
Lieblingsbestrebungen entgegen; er untersttzte sie darin: er half ihr, sich mit
Rmern und Griechen umgeben, den jungen Knig mglichst von der Teilnahme am
Regiment ausschlieen, die alten gotischen Freunde ihres Vaters, die, im
Bewutsein ihrer Verdienste und nach alter Gewohnheit, sich manches freie und
derbe Wort des Tadels erlaubten, als rohe Barbaren allmhlich vom Hof entfernen,
die Gelder, die fr Kriegsschiffe, Rosse, Ausrstung der gotischen Heere
bestimmt waren, fr Wissenschaften und Knste oder auch fr die Verschnerung,
Erhaltung und Sicherung Roms verwenden: - kurz, er war ihr behilflich in allem,
was sie ihrem Volk entfremden, ihre Regierung verhat und ihr Reich wehrlos
machen konnte. Und hatte er selbst einen Plan, immer wute er seine
Verhandlungen mit der Frstin so zu wenden, da sich diese fr die Urheberin
ansehen mute und ihn zu dem Vollzug seiner geheimsten Wnsche als ihrer
Auftrge befehligte.

                                Fnftes Kapitel.


Begreiflicherweise bedurfte es, um solchen Einflu zu gewinnen und zu pflegen,
hufigeren Aufenthalts am Hof, lngerer Abwesenheit von Rom als seine dortigen
Interessen vertrugen. Deshalb strebte er danach, in die Nhe der Knigin
Persnlichkeiten zu bringen, die ihm diese Mhe zum Teil ersparen knnten, die
ihn immer gut unterrichten und warm vertreten sollten. Die Frauen von mehreren
gotischen Edeln, welche grollend Ravenna verlieen, muten in der Umgebung
Amalaswinthens ersetzt werden und Cethegus trug sich mit dem Gedanken, bei
dieser Gelegenheit Rusticiana, die Tochter des Symmachus, die Witwe des
Bothius, an den Hof zu bringen. Die Aufgabe war nicht leicht. Denn die Familie
dieser als Hochverrter hingerichteten Mnner war in Ungnade aus der Knigsstadt
verbannt. Vor allem mute daher die Knigin umgestimmt werden fr sie.
    Dies freilich gelang alsbald, indem die Gromut der edeln Frau gegen das so
tief gefallne Haus wachgerufen wurde. Dazu kam, da sie an die niemals
vollbewiesene Schuld von zwei edeln Rmern nie von Herzen hatte glauben mgen,
deren einen, den Gatten Rusticianas, sie als groen Gelehrten und in manchen
Gebieten als ihren Lehrer verehrte. Endlich wute Cethegus zu betonen, wie
gerade diese Tat, sei es der Gerechtigkeit, sei es der Gnade, die Herzen all
ihrer rmischen Untertanen rhren msse. So war die Regentin leicht gewonnen,
Gnade zu erteilen. Viel schwerer ward die stolze und leidenschaftliche Witwe des
Verurteilten bewogen, diese Gnade anzunehmen. Denn Wut und Rachedurst gegen das
Knigshaus erfllten ihre ganze Seele, und Cethegus mute sogar frchten, ihr
unbeherrschbarer Ha knnte sich in der steten Nhe der Tyrannen leicht
verraten. Wiederholt hatte Rusticiana trotz all seiner sonst groen Gewalt ber
sie dieses Ansinnen zurckgewiesen.
    Da machten sie eines Tages eine sehr berraschende Entdeckung, die zur
Erfllung der Wnsche des Prfekten fhren sollte.
    Rusticiana hatte eine kaum sechzehnjhrige Tochter, Kamilla. Aus ihrem echt
rmischen Gesicht mit den edeln Schlfen und den schngeschnittenen Lippen
leuchteten dunkle, schwrmerische Augen: der eben erst vollendete Wuchs zeigte
feine, fast allzuzarte Formen, rasch und leicht und fein wie einer Gazelle waren
alle Bewegungen dieser schlanken Glieder. Eine reiche Seele mit schwungvoller
Phantasie lebte in dem lieblichen Mdchen. Mit aller Inbrunst kindlicher
Verehrung hatte sie ihren unglcklichen Vater geliebt: der Streich, der sein
teures Haupt getroffen, hatte tief in das Leben des heranblhenden Mdchens
geschlagen; ungestillte Trauer, heilige Wehmut, mit der sich die
leidenschaftliche Vergtterung seines Martyriums fr Italien mischte, erfllten
alle Trume ihres jungfrulichen Entfaltens.
    Vor dem Sturz ihres Hauses ein gern gesehener Gast am Knigshof war sie nach
dem Schicksalsschlag mit ihrer Mutter ber die Alpen nach Gallien geflohen, wo
ein alter Gastfreund den betrbten Frauen monatelang eine Zufluchtsttte bot,
whrend Anicius und Severinus, Kamillas Brder, anfnglich ebenfalls verhaftet
und zum Tode verurteilt, dann zur Verbannung aus dem Reich begnadigt, aus dem
Kerker sofort nach Byzanz an den Hof des Kaisers eilten, wo sie Himmel und Hlle
gegen die Goten in Bewegung setzten. Die Frauen waren, als sich der Sturm der
Verfolgung verzogen, nach Italien zurckgekehrt und lebten ihrem stillen Gram im
Huschen eines treuen Freigelassenen zu Perusia, von wo aus freilich Rusticiana,
wie wir gesehen, den Weg zu den Verschworenen in Rom wohl zu finden wute.
    Der Juni war gekommen, die Jahreszeit, in der vornehme Rmer noch immer, wie
zur Zeit des Horatius und Tibullus, die dumpfe Luft der Stdte zu fliehen und in
seine khlen Villen im Sabinergebirge oder an der Meereskste sich zu verstecken
pflegten. Mit Beschwerde trugen die verwhnten Edelfrauen den Qualm und Staub in
den heien Straen des engen Perusia, mit Seufzen der herrlichen Landhuser bei
Florentia und Neapolis gedenkend, die sie, wie all ihr Vermgen, an den
gotischen Fiskus verloren.
    Da trat eines Tages der treue Corbulo mit seltsam verlegenem Gesicht vor
Rusticiana. Er habe lngst bemerkt, wie die Patrona unter seinem unwrdigen
Dach zu leiden und mancherlei Ungemach schon durch seine Hantierung - er war
seines Zeichens Steinmetz - zu erdulden gehabt und so habe er denn an den
letzten Kalenden ein kleines, freilich nur ein ganz kleines, Gtchen mit einem
noch kleineren Huschen gekauft, droben im Gebirge bei Tifernum. Freilich, an
die Villa bei Florentia drften sie dabei nicht denken: aber es riesele doch
auch dort ein selbst unter dem Sirius nicht versiegender Waldquell, Eichen und
Kornellen gben breiten Schatten, um den verfallnen Faunustempel wuchre ppig
der Efeu und im Garten habe er Rosen, Veilchen und Lilien pflanzen lassen, wie
sie Domna Kamilla liebe und so mchten sie denn Maultier und Snfte besteigen
und wie andre Edelfrauen ihre Villa beziehen.
    Die Frauen, von dieser Treue des Alten gerhrt, nahmen dankbar seine Gte an
und Kamilla, die sich in kindlicher Gengsamkeit auf die kleine Vernderung
freute, war heiterer, belebter als je seit dem Tod ihres Vaters.
    Ungeduldig drngte sie zum Aufbruch und eilte noch am selben Tage mit
Corbulo und Daphnidion, dessen Tochter, voraus, Rusticiana sollte mit den
Sklaven und dem Gepck sobald als mglich folgen.
    Die Sonne sank schon hinter die Hgel von Tifernum, als Corbulo, Kamillens
Maultier am Zgel fhrend, aus den Waldhhen auf die Lichtung gelangte, von wo
aus man das Gtchen zuerst wahrnehmen konnte. Lngst hatte er sich auf die
berraschung des Kindes gefreut, wenn er ihr von hier aus das anmutig gelegene
Haus zeigen wrde.
    Aber erstaunt blieb er stehen: - er hielt die Hand vor die Augen, ob ihn die
Abendsonne blende, er sah umher, ob er denn nicht an der rechten Stelle: aber
kein Zweifel! da stand ja an dem Rain, wo Wald und Wiese sich berhrten, der
graue Markstein in Gestalt des alten Grenzgottes Terminus mit seinem spitz
zulaufenden Kopf: der rechte Ort war es, aber das Huschen nicht zu sehen:
vielmehr an seiner Stelle eine dichte Gruppe von Pinien und Platanen: und auch
sonst war die ganze Umgebung verndert: da standen grne Hecken und Blumenbeete,
wo sonst Kohl und Rben, und ein zierlicher Pavillon prangte, wo bisher
Sandgruben und die Landstrae sein bescheidnes Gebiet begrenzt hatten.
    Die Mutter Gottes steh mir bei und alle obern Gtter! rief der Steinmetz,
bin ich verzaubert oder die Gegend? Aber Zauber ist los! Seine Tochter reichte
ihm eifrig das Amulett, das sie am Grtel trug: aber Aufschlu konnte sie nicht
geben, da sie zum erstenmal das neue Besitztum betrat und so blieb nichts brig,
als das Maultier zur grten Eile zu treiben und springend und rufend
begleiteten Vater und Tochter den Trab des Grauchens die Wiesenhnge hinunter.
    Als sie nun nher kamen, fand Corbulo allerdings hinter der Baumgruppe das
Haus, das er gekauft: aber so verjngt, erneuert, verschnt, da er es kaum
erkannte.
    Sein Staunen ber die Umwandlung der ganzen Gegend stieg aufs neue zu
aberglubischer Furcht: offnen Mundes blieb er zuletzt stehen, lie die Zgel
fallen und begann eine wieder seltsam gemischte Reihe von christlichen und
heidnischen Ausrufen, als pltzlich Kamilla ebenso berrascht ausrief: Aber das
ist ja der Garten, wo wir gewohnt, das Viridarium des Honorius zu Ravenna,
dieselben Bume, dieselben Blumenbeete, und auch an jenem Teich, wie zu Ravenna
am Meeresufer, der Tempel der Venus! o wie schn, welche Erinnerung! Corbulo,
wie hast du das angefangen? Und Trnen freudiger Rhrung traten in ihre Augen.
- So sollen mich alle Teufel peinigen und Lemuren, wenn ich das angefangen
habe. Doch da kommt Cappadox mit seinem Klumpfu, der ist also nicht mit
verhext. Rede, du Zyklope, was ist hier geschehen?
    Der riesige Cappadox, ein breitschultriger Sklave, humpelte mit
ungeschlachtem Lcheln heran und erzhlte nach vielen Fragen und Unterbrechungen
des Staunens eine rtselhafte Geschichte. Vor drei Wochen etwa, wenige Tage
nachdem Cappadox auf das Gut geschickt war, es fr seinen Herrn, der auf lngere
Zeit in die Marmorbrche von Luna verreist war, zu verwalten, kam von Tifernum
her ein vornehmer Rmer mit einem Tro von Sklaven und Arbeitern und mit
hochbepackten Lastwagen an. Er fragte, ob dies die Besitzung sei, welche der
Steinmetz Corbulo von Perusia fr die Witwe des Bothius gekauft. Und als dies
bejaht wurde, gab er sich als den Hortulanus Prinzeps d.h. als Oberintendanten
der Grten zu Ravenna zu erkennen. Ein alter Freund des Bothius, der aus Furcht
vor den gotischen Tyrannen seinen Namen nicht zu nennen wage, wnsche, sich
insgeheim der Verfolgten anzunehmen und habe ihm den Auftrag gegeben, den
Aufenthalt derselben mit allen Mitteln seiner Kunst zu schmcken und zu
verschnern. Der Sklave drfe die beabsichtigte berraschung nicht verderben und
halb mit Gte, halb mit Gewalt hielt man den staunenden Cappadox auf der Villa
fest. Der Intendant aber entwarf sofort seinen Plan, und seine Arbeiter gingen
unverzglich ans Werk.
    Viele benachbarte Grundstcke wurden zu hohen Preisen hinzugekauft und nun
hob an ein Niederreien und Bauen, ein Pflanzen und Graben, ein Hmmern und
Klopfen, ein Putzen und Malen, da dem guten Cappadox Hren und Sehen verging.
Wollte er fragen und dreinreden, so lachten ihm die Arbeiter ins Gesicht. Wollte
er sich davonmachen, so winkte der Intendant und ein halb Dutzend Fuste hielten
ihn fest. Und - schlo der Erzhler - so ging's bis vorgestern morgen. Da
waren sie fertig und zogen davon.
    Anfangs war mir angst und bang, da ich die kostspieligen Herrlichkeiten aus
dem Boden wachsen sah. Ich dachte: am Ende, wenn Meister Corbulo das alles
bezahlen soll, dann weh ber meinen Rcken! Und ich wollte dir's melden. Aber
sie lieen mich nicht und obenein wut' ich dich fern von Haus. Und wie ich
nachgerade das unsinnig viele Geld des Intendanten versprte und wie der mit den
Goldstcken um sich warf wie die Kinder mit Kieseln, siehe, da beruhigte sich
allmhlich mein Gemte, und ich lie alles gehen wie es ging. Nun, o Herr, wei
ich wohl: du kannst mich dennoch in den Block setzen und prgeln lassen. Mit der
Rebe oder sogar mit dem Skorpion. Du kannst es. Denn warum? du bist der Herr und
Cappadox der Knecht. Aber gerecht, Herr, wre es kaum! bei allen Heiligen und
allen Gttern! Denn du hast mich gesetzt ber ein paar Kohlfelder und siehe, sie
sind geworden ein Kaisergarten unter meiner Hand.
    Kamilla war lngst abgestiegen und davongeschlpft, ehe der Sklave zu Ende.
Mit vor Freude hochklopfendem Herzen durcheilte sie den Garten, die Lauben, das
Haus: sie schwebte wie auf Flgeln, kaum konnte ihr die flinke Daphnidion
folgen. Ein Ausruf der berraschung des freudigen Schreckens jagte den andern:
so oft sie um eine Ecke des Weges, um eine Baumgruppe, bog, wieder und wieder
stand ein Bild aus jenem Garten von Ravenna vor ihrem entzckten Auge. Als sie
aber ins Haus gelangte und ein kleines Gemach desselben genau so bemalt,
ausgerstet, geschmckt fand wie jener Raum im Kaiserschlo gewesen war, in dem
sie die letzten Tage der Kindheit verspielt und die ersten Trume des Mdchens
getrumt, dieselben Bilder auf den bastgeflochtenen Vorhngen, die gleichen
Vasen und zierlichen Citruskstchen und auf dem gleichen Schildpattischchen ihre
kleine zierliche Lieblingsharfe mit den Schwanenflgeln, da, berwltigt von so
vielen Erinnerungen, und noch mehr von dem Gefhl des Dankes gegen so zarte
Freundschaft, sank sie schluchzend in freudiger Wehmut auf den weichen Teppichen
des Lectus zusammen. Kaum konnte sie Daphnidion beruhigen. Es gibt noch edle
Herzen, noch Freunde fr das Haus des Bothius, rief sie wieder und wieder. Und
sie sandte das innigste Gebet des Dankes gegen Himmel. -
    Als am Tage darauf die Mutter eintraf, war sie kaum weniger ergriffen von
der seltsamen berraschung.
    Sogleich schrieb sie nach Rom an Cethegus und fragte, welcher Freund ihres
Gatten wohl in diesem geheimnisvollen Wohltter zu suchen sei? Es war ihr eine
stille Hoffnung, an ihn selbst dabei zu denken. Aber der Prfekt schttelte
nachdenklich den Kopf ber ihren Brief und schrieb ihr zurck: er kenne niemand,
an den ihn diese zartfhlende Weise mahnen knne. Sie mge scharf jede Spur
beachten, die zur Lsung des Rtsels fhren knne.
    Es sollte sich bald genug enthllen. -
    Kamilla wurde nicht mde, den Garten zu durchstreifen und immer neue
hnlichkeiten mit seinem trauten Vorbild zu entdecken. Oft fhrten sie diese
Gnge ber den Park hinaus und in den anstoenden Bergwald. Dabei pflegte sie
die muntre Daphnidion zu begleiten, die ihr gleiche Jugend und treue
Anhnglichkeit rasch zur Vertrauten gemacht. Wiederholt hatte diese der Patrona
bemerkt, ein Waldgeist msse ihnen nachschleichen. Denn vielfach knacke es
hrbar in den Bschen und rausche im Grase hinter oder neben ihnen. Und doch sei
nirgends Mensch oder Tier zu sehen. Aber Kamilla lachte ihres Aberglaubens und
ntigte sie immer wieder in die grnen Schatten der Ulmen und Platanen hinaus.
    Eines Tages entdeckten die Mdchen, vor der Hitze tiefer und tiefer in die
Khle des Waldes flchtend, eine lebhafte Quelle, die reichlich und klar von
dunkeln Porphyrfelsen traufte. Doch sie rieselte ohne bestimmtes Rinnsal, und
mhsam muten die Durstenden die einzelnen Silbertropfen erhaschen. Wie
schade, rief Kamilla, um das kstliche Na! Da httest du die Tritonenquelle
sehen sollen im Pinetum zu Ravenna. Wie anmutig sprudelte der Strahl aus den
aufgeblasenen Backen des bronzenen Meergotts und fiel gesammelt in eine breite
Muschel von braunem Marmor, wie schade! Und sie gingen weiter.
    Nach einigen Tagen kamen beide wieder an die Stelle.
    Daphnidion, die voranschritt, blieb pltzlich laut aufschreiend stehen und
wies sprachlos mit dem Finger auf die Quelle. Der Waldquell war gefat. Aus
einem bronzenen Tritonenkopf sprudelte der Strahl in eine zierliche Muschel von
braunem Marmor. Daphnidion, jetzt fest an Geisterspuk glaubend, wandte sich ohne
weiteres zur Flucht: sie floh mit den Hnden vor den Augen, die Waldgeister
nicht zu sehen, was fr hchst gefhrlich galt, nach dem Hause zu, der Herrin
laut rufend, ihr zu folgen. Aber Kamilla durchzuckte der Gedanke: der Lauscher,
der uns neulich hierher gefolgt, ist gewi auch jetzt in der Nhe, sich an
unsrem Staunen zu weiden. Scharf sah sie umher: an einem wilden Rosenbusch
fielen die Blten von schwankenden Zweigen zur Erde. Rasch schritt sie auf das
Dickicht zu. Und sieh, aus dem Gebsch trat ihr mit Jagdtasche und Wurfspeer ein
junger Jger entgegen.
    Ich bin entdeckt, sagte er mit leiser, schchterner Stimme, anmutig in
seiner Beschmung.
    Aber mit einem Schreckensruf fuhr Kamilla zurck: Athalarich stammelte sie
- der Knig!
    Eine ganze Meerflut von Gedanken und Gefhlen wogte ihr durch Haupt und Herz
und halb ohnmchtig sank sie auf den Rasenhang neben der Quelle. Der junge Knig
stand in Schrecken und Entzcken sprachlos einige Sekunden vor der hingegossenen
zarten Gestalt: durstig sog sein brennendes Auge die schnen Zge, die edeln
Formen ein: flchtiges Rot scho zuckend wie Blitze ber sein bleiches Gesicht.
O sie - sie ist mein heier Tod - hauchte er endlich beide Hnde an das
pochende Herz drckend - jetzt sterben, sterben mit ihr.
    Da regte sie den Arm. Das brachte ihn zur Besinnung zurck. Er kniete neben
ihr nieder und sprengte das khle Na des Brunnens auf ihre Schlfe. Sie schlug
die Augen auf: Barbar - Mrder! schrie sie gellend, stie seine Hand zurck,
sprang auf und floh wie ein gescheuchtes Reh hinweg.
    Athalarich folgte ihr nicht. Barbar - Mrder, hauchte er in tiefstem
Schmerz vor sich hin. Und er verbarg die glhende Stirn in den Hnden.

                               Sechstes Kapitel.


Kamilla kam in so hoher Aufregung nach Hause, da Daphnidion sich's nicht nehmen
lie, die Domna msse die Nymphen oder gar den altehrwrdigen Waldgott Picus
selbst gesehen haben.
    Aber das Mdchen warf sich in wilder Bewegung in die Arme der erschrockenen
Mutter. Der Kampf verworrener Gefhle lste sich in einem Strom von heien
Trnen und erst spt vermochte sie, den besorgten Fragen Rusticianas Antworten
und Aufschlu zu geben.
    In der tiefen Seele dieses Kindes wogte ein schweres Ringen.
    Es war dem am Hofe zu Ravenna heranreifenden Mdchen nicht ganz entgangen,
da der schne, bleiche Knabe oft mit seltsamem, trumendem Blick die dunkeln
Augen auf ihr ruhen lie, da er wie mit Andacht dem Tonfall ihrer Stimme
lauschte. Aber niemals war diese Ahnung inneren Wohlgefallens ihr bestimmt ins
Bewutsein getreten; der Prinz, scheu und verschlossen, hatte die Augen
niedergeschlagen, wenn sie ihn ber einem solchen Blick ertappte und ihn
unbefangen fragend ansah: waren sie doch beide damals beinahe noch Kinder. Sie
wute nicht zu nennen, was in Athalarich vorging - kaum wute er es selbst - und
nie war es ihr eingefallen, nachzudenken, warum auch sie gern in seiner Nhe
lebte, gern dem khnen, von der Art aller andrer Gespielen abweichenden Flug
seiner Gedanken oder Phantasien folgte, gern auch schweigend neben dem
Schweigenden im Abendlicht durch die stillen Grten wandelte, wo er oft mitten
aus seinen Trumereien abgerissene, aber immer sinnige Worte zu ihr sprach,
deren Poesie, die Poesie schwrmerischer Jugend, sie so vllig verstand und
wrdigte.
    In das zarte Weben dieser knospenden Neigung schlug nun die Katastrophe
ihres ber alles geliebten Vaters.
    Und nicht nur sanfte Trauer um den Gemordeten, glhender Ha gegen die
Mrder ergriff die Seele der leidenschaftlichen Rmerin. Von jeher hatte
Bothius, selbst in der Zeit seiner hchsten Gunst am Hofe, ein hochmtiges
Herabsehen auf das Barbarentum der Goten zur Schau getragen, und seit seinem
Untergang atmete natrlich die ganze Umgebung Kamillas, die Mutter, die beiden
rachedrstenden Brder, die Freunde des Hauses nur Ha und Verachtung: nicht nur
gegen den blutigen Mrder und Tyrannen Theoderich, nein, gegen alle Goten und
vorab gegen Tochter und Enkel des Knigs, die seine Schuld zu teilen schienen,
weil sie dieselbe nicht verhindert. So hatte das Mdchen Athalarichs fast gar
nicht mehr gedacht. Und wann er genannt wurde oder wann, was ihr manchmal
begegnete, sein Bild im Traume vor ihre Seele trat, so gipfelte all ihr Ha
gegen die Barbaren in hchstem Abscheu gegen ihn. Vielleicht gerade deshalb,
weil im geheimsten Grund ihres Herzens jetzt eine widerstrebende Ahnung von
jener Neigung zitterte, die sie zu dem schnen Knigssohn gezogen. -
    Und nun - nun hatte es der Frevler gewagt, ihr argloses Herz mit tckischem
Streich zu treffen!
    Sie hatte, sowie sie ihn aus dem Dickicht schreiten sah, sowie sie ihn
erkannte, blitzschnell erfat, da er es war, der, wie die Fassung der Quelle,
so die Umgestaltung der ganzen Villa geschaffen. Er, der verhate Feind, der
Spro des verfluchten Geschlechts, an welchem das Blut ihres Vaters klebte, der
Knig der Barbaren! All die Freuden, mit welchen sie in diesen Tagen Haus und
Garten durchmustert, brannten jetzt wie glhend Erz auf ihrer Seele. Der
Todfeind ihres Volkes, ihres Geschlechts, hatte gewagt, sie zu beschenken, zu
erfreuen, zu beglcken. Fr ihn hatte sie Dankgebete zum Himmel gesandt. Er
hatte sich erkhnt, ihren Schritten zu folgen, ihre Worte zu belauschen, ihre
leisesten Wnsche zu erfllen: - und im Hintergrund ihrer Seele stand,
schrecklicher als all dies, der Gedanke, warum er das getan. Er liebte sie! Der
Barbar erkhnte sich, es ihr zu zeigen.. Der Tyrann Italiens, er wagte wohl gar
zu hoffen, da des Bothius Tochter -
    O es war zu viel! und schmerzlich schluchzend barg sie das Haupt in den
Kissen ihres Lagers, bis dumpfer Schlaf der Erschpfung auf sie niedersank.
Alsbald erschien der eilig herbeigerufene Cethegus bei den ratlosen Frauen.
Rusticiana hatte ihrem wie Kamillens erstem Gefhle folgen, sofort die Villa und
die verhate Nhe des Knigs fliehen und ihr Kind jenseit der Alpen bergen
wollen. Aber der Zustand Kamillas hatte bisher den Aufbruch verhindert und sowie
der Prfekt das Haus betrat, schien sich die Flamme der Aufregung vor seinem
kalten Blick zu legen. Er nahm Rusticianen allein mit sich in den Garten: ruhig
und aufmerksam hrte er daselbst, den Rcken an einen Lorbeerstamm gelehnt, das
Kinn in die linke Hand gesttzt, ihrer leidenschaftlichen Erzhlung zu.
    Und nun rede, schlo sie, was soll ich tun? Wie soll ich mein armes Kind
retten? wohin sie bringen?
    Cethegus schlug die Augen auf, die er, wie er bei angestrengtem Nachsinnen
pflegte, halb geschlossen hatte.
    Wohin Kamilla bringen? sagte er. An den Hof, nach Ravenna.
    Rusticiana fuhr empor: Wozu jetzt der giftige Scherz!
    Aber Cethegus richtete sich rasch auf.
    Es ist mein Ernst. Still - hre mich. Kein gndigeres Geschenk hat das
Schicksal, das die Barbaren verderben will, in unsren Weg legen knnen. Du
weit, wie vllig ich die Regentin beherrsche.
    Aber nicht weit du, wie vllig machtlos ich bin ber jenen eigensinnigen
Schwrmer. Es ist rtselhaft. Der kranke Jngling ist im ganzen Gotenvolk der
einzige, der mich, wenn nicht durchschaut, doch ahnt. Und ich wei nicht, ob er
mich mehr frchtet oder mehr hat. Das wre mir ziemlich gleichgltig, wenn der
Verwegene mir nicht sehr entschieden und sehr erfolgreich entgegenarbeitete.
Sein Wort wiegt natrlich schwer bei seiner Mutter. Oft schwerer als das meine.
Und er wird immer lter, reifer, gefhrlicher. Sein Geist berflgelt mchtig
seine Jahre. Er nimmt ernstlichen Teil an den Beratungen der Regentschaft.
Jedesmal spricht er gegen mich. Oft siegt er. Erst neulich hat er es gegen mich
durchgesetzt, da der schwarzgallige Teja den Befehl der gotischen Truppen in
Rom erhielt, in meinem Rom! Kurz, der junge Knig wird hchst gefhrlich. Und
ich hatte bisher nicht einen Schatten von Gewalt ber ihn. Zu seinem Verderben
liebt er Kamilla. Durch sie wollen wir den Unbeherrschbaren beherrschen.
    Nimmermehr! rief Rusticiana. Nie, solang ich atme. Ich an den Hof des
Tyrannen! Mein Kind die Geliebte Athalarichs! des Bothius Tochter! Sein
blut'ger Schatte wrde -
    Willst du diesen Schatten rchen? Ja! willst du die Goten verderben? Ja!
Also mut du wollen, was dahin fhrt. - Nie, bei meinem Eide! - Weib, reize
mich nicht. Trotze mir nicht. Du kennst mich! Bei deinem Eide! Wie? Hast du mir
nicht Gehorsam geschworen, blinden, unbedingten, wie ich dir Rache verheien?
Hast du's nicht geschworen auf die Gebeine der Heiligen, dich und deine Kinder
verflucht fr den Eidbruch? Man sieht sich vor bei euch Weibern. Gehorche oder
zittre fr deine Seele.
    Entsetzlicher! Soll ich all meinen Ha dir, deinen Plnen opfern?
    Mir? Wer spricht von mir? Deine Sache fhr' ich. Deine Rache vollend' ich:
Mir haben die Goten nichts zuleid getan. Du hast mich aufgestrt von meinen
Bchern. Du hast mich aufgerufen, diese Amaler zu vernichten. Willst du nicht
mehr? Auch gut! Ich kehre zurck zu Horatius und der Stoa! Leb wohl.
    Bleib, bleibe. Aber soll denn Kamilla das Opfer werden?
    Wahnsinn! Athalarich soll es werden. Sie soll ihn ja nicht lieben, sie soll
ihn nur beherrschen. Oder, fgte er, sie scharf ansehend, hinzu, frchtest du
fr ihr Herz? - Deine Zunge erlahme! Meine Tochter ihn lieben? eher erwrg'
ich sie mit diesen Hnden.
    Aber Cethegus war nachdenklich geworden.
    Es ist nicht um das Mdchen, sagte er zu sich selbst. Was liegt an ihr! Aber
wenn sie ihn liebt - und der Gote ist schn, geistvoll, schwrmerisch ... Wo
ist deine Tochter? fragte er laut.
    Im Frauengemach. Auch wenn ich wollte, sie wrde nie einwilligen, nie.
    Wir wollen's versuchen. Ich gehe zu ihr.
    Und sie traten ins Haus. Rusticiana wollte mit ihm in das Gemach. Aber
Cethegus wies sie zurck.
    Allein mu ich sie haben! sprach er und schritt durch den Vorhang. Bei
seinem Anblick erhob sich das schne Mdchen von den Teppichen, auf denen sie in
ratlosem Sinnen geruht. Gewhnt, in dem klugen, beherrschenden Mann, dem Freund
ihres Vaters, stets einen Berater und Helfer zu finden, begrte sie ihn
vertrauend wie die Kranke den Arzt.
    Du weit, Cethegus? - Alles. - Und du bringst mir Hilfe. - Rache
bring ich dir, Kamilla!
    Das war ein neuer, ein mchtig ergreifender Gedanke! Nur Flucht, Rettung aus
dieser qualvollen Lage hatten ihr bisher vorgeschwebt. Hchstens eine zornige
Abweisung der kniglichen Geschenke. Aber jetzt Rache! Vergeltung fr die
Schmerzen dieser Stunden! Rache fr die erlittene Schmach! Rache an den Mrdern
ihres Vaters! Ihre Wunden waren frisch. Und in ihren Adern kochte das heie Blut
des Sdens. Ihr Herz frohlockte ber Cethegus' Wort!
    Rache? wer wird mich rchen? du? - Du dich selbst! Das ist ser.
    Ihre Augen blitzten. An wem? - An ihm. An seinem Haus. An allen unsern
Feinden. - Wie kann ich das? Ein schwaches Mdchen? - Hre auf mich,
Kamilla. Nur dir, nur des edeln Bothius edler Tochter sag' ich, was ich sonst
keinem Weib der Erde vertrauen wrde. Es besteht ein starker Bund von Patrioten,
der die Herrschaft der Barbaren spurlos austilgen wird aus diesem Lande: das
Schwert der Rache hngt ber den Huptern der Tyrannen. Das Vaterland, der
Schatte deines Vaters beruft dich, es herabzustrzen.
    Mich? ich - meinen Vater rchen? sprich! rief hocherglhend das Mdchen,
die schwarzen Haare aus den Schlfen streichend. Es gilt ein Opfer. Rom fordert
es. - Mein Blut, mein Leben! wie Virginia will ich sterben. - Du sollst
leben, den Sieg zu schauen. Der Knig liebt dich. Du mut nach Ravenna. An den
Hof. Du mut ihn verderben. Durch diese Liebe. Wir alle haben keine Macht ber
ihn. Nur du hast Gewalt ber seine Seele. Du sollst dich rchen und ihn
vernichten.
    Ihn vernichten?! - Seltsam bewegt klang die leise Frage; ihr Busen wogte,
ihre Stimme bebte in der Mischung ringender Gefhle, Trnen brachen aus ihren
Augen, sie verbarg das Gesicht in den Hnden. - Cethegus stand auf Vergib,
sagte er. Ich gehe. Ich wute nicht, - - da du den Knig liebst.
    Ein Weheschrei des Zornes wie bei physischem Schmerz drang aus des Mdchens
Brust. Sie sprang auf und fate ihn an der Schulter:
    Mann, wer sagt das? Ich hasse ihn! Hasse ihn, wie ich nie gewut, da ich
hassen kann. - So beweis' es. Denn ich glaub' es dir nicht. - Ich will dir's
beweisen! rief sie. Sterben soll er! Er soll nicht leben!
    Sie warf das Haupt zurck, wild funkelten die blitzenden Augen, ihr
schwarzes Haar flog um die weien Schultern.
    Sie liebt ihn, dachte Cethegus. Aber es schadet nicht. Denn sie wei es noch
nicht. Sie hat ihn daneben. Und das allein wei sie. Es wird geh'n.
    Er soll nicht leben, wiederholte sie. Du sollst sehen, lachte sie, wie
ich ihn liebe! Was soll ich tun? - Mir folgen in allem. - Und was
versprichst du mir dafr? was soll er erleiden? - Verzehrende Liebe bis zum
Tod. - Liebe zu mir? ja, ja, das soll er! - Er, sein Haus, sein Reich soll
fallen.
    Und er wird wissen, da durch mich -? - Er soll es wissen. Wann reisen
wir nach Ravenna?
    Morgen! Nein, heute noch. Sie hielt inne und fate seine Hand: Cethegus,
sage, bin ich schn?
    Der Schnsten eine.
    Ha! rief sie, die losgegangenen Locken schttelnd. Er soll mich lieben
und verderben! Fort nach Ravenna! Ich will ihn sehen, ich mu ihn sehen! Und
sie strmte aus dem Gemach. - Sie sehnte sich mit ganzer Seele, bei Athalarich
zu sein.

                               Siebentes Kapitel.


Noch am nmlichen Tage wurde die kleine Villa verlassen und der Weg nach der
Knigsstadt angetreten.
    Cethegus schickte einen Eilboten voraus mit einem Brief Rusticianas an die
Regentin. Die Witwe des Bothius erklrte darin, da sie die durch Vermittelung
des Prfekten von Rom wiederholt angebotene Rckberufung an den Hof nunmehr
anzunehmen bereit sei. Nicht als eine Tat der Gnade, sondern der Shne, als ein
Zeichen, da die Erben Theoderichs dessen Unrecht an den Verblichenen gutmachen
wollten.
    Diese stolze Sprache war wie aus Rusticianas tiefstem Herzen, und Cethegus
wute, da solches Auftreten nicht schaden, nur alle verdchtige Auslegung der
raschen Umstimmung ausschlieen werde. Unterwegs noch traf die Reisenden die
Antwort der Knigin, die sie am Hof willkommen hie. In Ravenna angelangt wurden
sie von der Frstin aufs ehrenvollste empfangen, mit Sklaven und Sklavinnen
umgeben und in dieselben Rume des Palastes eingefhrt, die sie ehedem bewohnt.
Freudig begrten sie die Rmer.
    Aber der Zorn der Goten, die in Bothius und Symmachus undankbare Verrter
verabscheuten, wurde durch diese Maregeln, die eine stillschweigende
Verurteilung Theoderichs zu enthalten schienen, schwer gereizt. Die letzten
Freunde des groen Knigs verlieen grollend den verwelschten Hof. -
    Einstweilen hatten die Zeit, die Zerstreuungen der Reise und der Ankunft
Kamillas Aufregung gemildert. Und ihr Zorn konnte sich um so eher beschwichtigen
als ihr viele Wochen zu Ravenna verstrichen, ehe sie Athalarich begegnete. Denn
der junge Knig war gefhrlich erkrankt.
    Am Hof erzhlte man, er habe bei einem Aufenthalt zu Aretium - er wollte
dort, mit geringer Begleitung, der Bergluft, der Bder und der Jagd genieen -
in den Wldern von Tifernum in der Hitze der Jagd einen kalten Trunk aus einer
Felsenquelle getan und sich dadurch einen heftigen Anfall seines alten Leidens
zugezogen.
    Tatsache war, da ihn sein Gefolge an jener Quelle bewutlos niedergesunken
gefunden hatte.
    Die Wirkung dieser Erzhlung auf Kamilla war seltsam. Zu dem Ha gegen
Athalarich trat jetzt ein Zug von leisem Bedauern. Ja eine Art von
Selbstanklage. Aber andrerseits dankte sie dem Himmel, da durch diese Krankheit
eine Begegnung hinausgeschoben wurde, die sie jetzt in Ravenna nicht minder
frchtete als sie dieselbe, da sie noch fern von ihm in Tifernum war, lebhaft
herbeigewnscht hatte. Und wenn sie jetzt in den weiten Anlagen des herrlichen
Schlogartens einsam wandelte, hatte sie immer und immer wieder zu bewundern,
mit welcher Sorgfalt das kleine Gtchen des Corbulo diesem Muster nachgebildet
worden war.
    Tage und Wochen vergingen.
    Man vernahm nichts von dem Kranken, als da er zwar auf dem Weg der
Besserung, aber noch streng an seine Gemcher gebunden sei. rzte und Hofleute,
die ihn umgaben, priesen ihr oft seine Geduld und Kraft in den heftigsten
Schmerzen, seine Dankbarkeit fr jeden kleinen Liebesdienst, seine edle Milde.
Aber wenn sie ihr Herz ertappte, wie gern es diesen Lobesworten lauschte, sagte
sie heftig zu sich selbst: Und meines Vaters Ermordung hat er nicht gehindert!
und ihre Brauen zogen sich zusammen, und sie legte heimlich die geballte Faust
auf das pochende Herz.
    In einer heien Nacht war Kamilla nach langem friedlosem Wachen endlich
gegen Morgen in unruhigen Schlaf gesunken. Angstvolle Trume qulten sie. Ihr
war, als senke sich die Decke des Gemaches mit ihren Reliefgestalten auf sie
nieder. Gerade ber ihrem Haupte war ein jugendlich schner Hypnos, der sanfte
Gott des Schlafes, von hellenischer Hand gebildet, angebracht.
    Ihr trumte, der Schlafgott nehme die ernsteren, trauervollen Zge seines
bleichen Bruders Thanatos an.
    Langsam und leise senkte der Gott des Todes sein Antlitz auf sie nieder. -
Immer nher rckte er. - Immer bestimmter wurden seine Zge. - Schon fhlte sie
den Hauch seines Atems auf ihrer Stirn. - Schon berhrten fast feinen Lippen
ihren Mund. - Da erkannte sie mit Entsetzen die bleichen Zge, das dunkle Auge.
- Es war Athalarich - dieser Todesgott. - Mit einem Schrei fuhr sie empor.
    Die zierliche Silberlampe war lngst erloschen. Es dmmerte im Gemach.
    Ein rotes Licht drang gedmpft durch das Fenster von Frauenglas. Sie erhob
sich und ffnete es; die Hhne krhten, die Sonne tauchte mit den ersten
Strahlenspitzen aus dem Meer, auf das sie, ber den Schlogarten hinweg, freien
Ausblick hatte. Es litt sie nicht mehr in dem schwlen Gemach.
    Sie schlug den faltigen Mantel um die Schultern und eilte leise, leise aus
dem noch schlummernden Palast ber die Marmorstufen in den Garten, aus dem ihr
erfrischender Morgenwind von der nahen See her entgegenwehte. Sie eilte der
Sonne und dem Meere zu. Denn im Osten stie der Garten des Kaiserpalastes mit
seinen hohen Mauern unmittelbar an die blauen Wellen der Adria. Ein vergoldetes
Gittertor und jenseit desselben zehn breite Stufen von weiem hymettischem
Marmor fhrten hinab zu dem kleinen Hafen des Gartens, in welchem die schwanken
Gondeln mit leichten Rudern und dem dreieckigen lateinischen Segel von
Purpurlinnen schaukelten, mit silbernen Kettchen an den zierlichen Widderkpfen
von Erz befestigt, die links und rechts aus dem Marmorkai hervorragten. Diesseit
des Gittertors, nach dem Garten zu, fanden die Anlagen ihren Abschlu in einer
gerumigen Rundung, die von weit schattenden Pinien dicht umfriedet war. Ihre
Bodenflche, von ppigem, sorgfltig gezognem Graswuchs bedeckt, wurde von
reinlichen Wegen durchschnitten und von reichen Beeten stark duftender Blumen
unterbrochen. Eine Quelle, zierlich gefat, rieselte den Abhang hinab in das
Meer. Die Mitte des Platzes bildete ein kleiner, altersgrauer Venustempel, den
eine einsame Palme hochwipflig berragte, indes brennendroter Steinbrech in den
leeren Halbnischen seiner Auenwnde prangte. Vor seiner lngst geschlossenen
Pforte stand zur Rechten ein eherner neas. Der Julius Csar zur Linken war
schon vor Jahrhunderten zusammengestrzt. Theoderich hatte auf dem Postament ein
Erzbild des Amala errichten lassen, des mystischen Stammvaters seines Hauses.
Hier, zwischen diesen Statuen an den Eingangsstufen des kleinen Fanum geno man
des herrlichsten Blickes durch das Gittertor auf das Meer mit seinen buschigen
Laguneninseln und einer Gruppe von scharfkantigen malerischen Felsklippen, die
Nadeln der Amphitrite genannt.
    Es war ein alter Lieblingsort Kamillas.
    Und hierher lenkte sie jetzt die leichten Schritte, den reichen Tau von dem
hohen Grase streifend, wie sie mit leis gehobnem Gewand durch die schmalen
Wieswege eilte. Sie wollte die Sonne ber das Meer hin aufglhen sehen. Sie kam
von der Rckseite des Tempels, ging an dessen linker Seite hin und trat eben auf
die erste der Stufen, die von seiner Stirn zu dem Gitter hinabfhrten, als sie
rechts, auf der zweiten Stufe, halb sitzend, halb liegend, eine weie Gestalt
erblickte, die, das Haupt an die Treppe gelehnt, das Antlitz dem Meere zuwandte.
    Aber sie erkannte das braune, das seidenglnzende Haar: es war der junge
Knig.
    Die Begegnung war so pltzlich, da an Ausweichen nicht zu denken. Wie
angewurzelt hielt das Mdchen auf der ersten Stufe. Athalarich sprang auf und
wandte sich rasch. Eine helle Rte flammte ber sein marmorbleiches Gesicht.
Doch er fate sich zuerst von beiden und sprach:
    Vergib, Kamilla. Ich konnte dich nicht hier erwarten. Zu dieser Stunde. Ich
gehe. Und lasse dich allein mit der Sonne. Und er schlug den weien Mantel ber
die linke Schulter. Bleib, Knig der Goten. Ich habe nicht das Recht, dich zu
verscheuchen - und nicht die Absicht, fgte sie bei.
    Athalarich trat einen Schritt nher. Ich danke dir. Aber ich bitte dich um
eins, setzte er lchelnd hinzu, verrate mich nicht an meine rzte, an meine
Mutter. Sie sperren mich den ganzen Tag ber so sorgsam ein, da ich ihnen wohl
vor Tag entschlpfen mu. Denn die frische Luft, die Seeluft tut mir gut. Ich
fhl's. Sie khlt. Du wirst mich nicht verraten. Er sprach so ruhig. Er blickte
so unbefangen.
    Diese Unbefangenheit verwirrte Kamilla. Sie wre viel mutiger gewesen, wenn
er bewegter. Sie sah diese Unbefangenheit mit Schmerz. Aber nicht um der Plne
des Prfekten willen. So schttelte sie nur schweigend das Haupt zur Antwort.
Und sie senkte die Augen.
    Jetzt erreichten die Strahlen der Sonne die Hhe, auf der die beiden
standen. Der alte Tempel und das Erz der Statuen schimmerten im Morgenlicht. Und
eine breite Strae von zitterndem Gold bahnte sich von Osten her ber die
spiegelglatte Flut. Sieh, wie schn! rief Athalarich, fortgerissen von dem
Eindruck. Sieh die Brcke von Licht und Glanz.
    Sie blickte teilnehmend hinaus. Weit du noch, Kamilla? fuhr er langsamer
fort, wie in Erinnerungen verloren und ohne sie anzusehen, weit du noch, wie
wir hier als Kinder spielten? Trumten? Wir sagten: die goldne Strae, von
Sonnenstrahlen auf die Flut gezeichnet, fhre zu den Inseln der Seligen. -
    Zu den Inseln der Seligen! wiederholte Kamilla. Im stillen bewunderte sie,
mit welcher Zartheit und edlen Leichtigkeit er, jeden Gedanken an ihre letzte
Begegnung fernhaltend, mit ihr in einer Weise verkehrte, die sie vllig
entwaffnete. Und schau, wie dort die Statuen glnzen: das wundersame Paar,
neas und - Amala! Hre, Kamilla, ich habe dir abzubitten. Lebhaft schlug ihr
Herz. Jetzt wollte er der Ausschmckung der Villa, der Quelle gedenken. Das Blut
stieg ihr in die Wangen. Sie schwieg in peinlicher Erwartung. Aber ruhig fuhr
der Jngling fort: Du weit, wie oft wir, du die Rmerin, ich der Gote, an
diesem Ort in Wettreden den Ruhm und den Glanz und die Art unserer Vlker
priesen. Dann standest du unter dem neas und sprachst mir von Brutus und
Camillus, von Marcellus und den Scipionen. Ich aber, an meines Ahnherrn Amala
Schild gelehnt, rhmte Ermanarich und Alarich und Theoderich. Aber du sprachst
besser als ich. Und oft, wenn der Schimmer deiner Helden mich zu berstrahlen
drohte, lachte ich deiner Toten und rief: Das Heute und die lebendige Zukunft
ist meines Volkes!
    Nun, und jetzt? - Ich spreche nicht mehr so. Du hast gesiegt, Kamilla!
    Aber indem er so sprach, schien er so stolz wie nie zuvor. Und dieser
berlegne Ausdruck emprte die Rmerin. Sie war ohnehin gereizt durch die
unnahbare Ruhe, mit welcher der Frst, auf dessen Leidenschaft man solche Plne
gebaut, ihr gegenberstand. Sie begriff diese Ruhe nicht. Sie hatte ihn gehat,
weil er es gewagt, ihr seine Liebe zu zeigen. Und jetzt lebte dieser Ha auf,
weil er es vermochte, diese Liebe zu verbergen. Mit der Absicht, ihm weh zu tun,
sagte sie langsam: So rumst du ein, Knig der Goten, da deine Barbaren den
Vlkern der Menschlichkeit nachstehen?
    Ja, Kamilla, antwortete er ruhig, aber nur in einem: im Glck! Im Glck
des Geschickes wie im Glck der Natur. Sieh dort die Gruppe von Fischern, die
ihre Netze aufhngen an den Olivenbumen am Strande. Wie schn sind diese
Gestalten! In Bewegung und Ruhe, trotz ihrer Lumpen: lauter Statuen! Hier das
Mdchen mit der Amphora auf dem Haupt! dort der Alte, der den Kopf auf den
linken Arm gesttzt, im Sande liegt und hinaustrumt ins Meer. Jeder Bettler
unter ihnen sieht aus wie ein entthronter Knig. Wie sie schn sind! Und in sich
eins und glcklich! Ein Schimmer ungebrochenen Glcks liegt ber ihnen. Wie ber
Kindern! Oder edeln Tieren! Das fehlt uns Barbaren! - Fehlt euch nur das? -
Nein, uns fehlt auch Glck im Schicksal.
    Mein armes, herrliches Volk! Wir sind hier herein verschlagen in eine fremde
Welt, in der wir nicht gedeihen. Wir gleichen der Blume der hohen Alpen, dem
Edelwei, die vom Sturmwind vertragen ward in den heien Sand der Niederung. Wir
knnen nicht wurzeln hier. Wir welken und sterben. -
    Und mit edler Wehmut blickte er hinaus in die blaue Flut. Aber Kamilla hatte
nicht die Stimmung, diesen weissagerischen Worten eines Knigs ber sein Volk
nachzusinnen. Warum seid ihr gekommen? fragte sie mit Hrte. Warum seid ihr
ber die Berge gedrungen, die ein Gott als ewige Marken gesetzt hat zwischen
euch und uns. Sprich, warum? - Weit du, sprach Athalarich, ohne sie
anzublicken, wie mit sich selber und fr sich selber fortdenkend, weit du,
warum die dunkle Motte nach der hellen Flamme fliegt? Wieder, immer wieder! Von
keinem Schmerz gewarnt! bis sie verzehrt ist von der schnen, lockenden Feindin?
Aus welchem Grund! Aus einem sen Wahnsinn! Und solch ein ser Wahnsinn ist
es, ganz derselbe, der meine Goten aus den Tannen und Eichen hinweggezogen hat
zu Lorbeer und Olive. Sie werden sich die Flgel verbrennen, die trichten
Helden. Und werden doch nicht davon lassen. Wer will sie drum schelten? Sieh um
dich her. Wie tief blau der Himmel! wie tief blau das Meer! und darin spiegeln
die Wipfel der Pinien und die Sulentempel voll Marmorglanz! und fern da drben
ragen schn gewlbte Berge und drauen in der Flut schwimmen grne Inseln, wo
sich die Rebe um die Ulme schlingt. Und drber hin die weiche, die warme, die
kosende Luft, die alles erhellt. Welche Wunder der Formen, der Farben trinkt das
Auge und atmen die entzckten Sinne! Das ist der Zauber, der uns ewig locken und
ewig verderben wird.
    Die tiefe und edle Erregung des jungen Knigs blieb nicht ohne Eindruck auf
Kamilla. Die tragische Gewalt dieser Gedanken ergriff ihr Herz: aber sie wollte
nicht ergriffen sein. Sie wehrte sich gegen ihre weicher werdende Empfindung.
Sie sagte kalt: Ein ganzes Volk gegen Verstand und Einsicht vom Zauber
angezogen? und kalt und zweifelnd sah sie ihn an.
    Aber sie erschrak: denn wie Blitze loderte es aus den dunkeln Augen des
Jnglings und die lang zurckgehaltne Glut brach pltzlich aus den Tiefen seiner
Seele: Ja, sag' ich dir, Mdchen! rief er leidenschaftlich. Ein ganzes Volk
kann eine trichte Liebe, einen sen, verderblichen Wahnsinn, eine tdliche
Sehnsucht pflegen so gut wie - so gut wie ein einzelner. Ja, Kamilla, es gibt
eine Gewalt im Herzen, die strker als Verstand und Wille, uns sehenden Auges
ins Verderben reit. Aber du weit das nicht! Und mgest du's nie erfahren.
Niemals. Leb wohl!
    Und rasch wandte er sich und bog rechts vom Tempel in den dichten Laubgang
von rankendem Wein, der ihn sofort vor Kamilla wie vor den Fenstern des
Schlosses verbarg.
    Sinnend blieb das Mdchen stehen.
    Seine letzten Worte klangen seltsam fort in ihren Gedanken: lange sah sie
trumend ins offne Meer hinaus und mit wundersam gemischter Empfindung, mit
verwandelter Stimmung, kehrte sie endlich wieder dem Schlosse zu.

                                Achtes Kapitel.


Noch am nmlichen Tage fand sich Cethegus bei den Frauen ein. Er war in
wichtigen Geschften von Rom herbeigeeilt und kam soeben aus dem
Regentschaftsrat, der in des kranken Knigs Gemach gehalten wurde. Verhaltner
Zorn lagerte auf seinen herben Zgen.
    Ans Werk, Kamilla, sprach er heftig. Ihr sumt zu lang. Dieser vorlaute
Knabe wird immer herrischer. Er trotzt mir und Cassiodor und seiner schwachen
Mutter selbst. Er verkehrt mit gefhrlichen Leuten. Mit dem alten Hildebrand,
mit Witichis und ihren Freunden. Er schickt Briefe und empfngt Briefe hinter
unsrem Rcken. Er hat es durchgesetzt, da die Knigin nur noch in seiner
Gegenwart den Rat der Regentschaft beruft. Und in diesem Rat kreuzt er all unsre
Plne. Das mu aufhren. So oder so. - Ich hoffe nicht mehr, Einflu auf den
Knig zu gewinnen, sagte Kamilla ernst. - Weshalb? hast du ihn schon gesehen.
Das Mdchen berlegte, da sie Athalarich versprochen, seinen Ungehorsam nicht
an die rzte gelangen zu lassen. Aber auch sonst widerstrebte es ihrem Gefhl,
die Begegnung dieses Morgens zu entweihen, zu verraten.
    Sie wich daher der Frage aus und sagte: Wenn der Knig sich sogar seiner
Mutter, der Regentin, widersetzt, wird er sich nicht von einem jungen Mdchen
beherrschen lassen. - Goldne Einfalt! lchelte Cethegus und lie das Gesprch
ruhen, solang das Kind anwesend war. Aber insgeheim trieb er Rusticianen, zu
veranlassen, da ihre Tochter den Knig fortan hufig sehe und spreche.
    Dies ward mglich, da sich dessen Befinden jetzt rasch besserte. Und wie
uerlich, wurde er innerlich zusehends mnnlicher, fester und reifer: es war,
als ob das Widerstreben gegen Cethegus ihm Leib und Seele krftige.
    So verbrachte er bald wieder viele Stunden in den weiten Anlagen des
Gartens. Dort war es, wo ihn seine Mutter und die Familie des Bothius in den
Abendstunden hufig trafen.
    Und whrend Rusticiana die Huld der Regentin mit voller Freundschaft zu
erwidern schien und aufmerksam ihren vertrauenden Mitteilungen lauschte, um sie
wrtlich dem Prfekten wiedererzhlen zu knnen, wandelten die jungen Leute vor
ihnen her durch die schattigen Gnge des Gartens.
    Oft auch bestieg die kleine Gesellschaft eine der leichten Gondeln in jenem
Hafen und Athalarich steuerte wohl selbst eine Strecke ins blaue Meer hinaus,
nach einer der kleinen, grnbuschigen Inseln, die nicht weit vor der Bucht
lagen. Auf dem Heimweg aber spannte man die purpurnen Segel auf und lie sich
von dem frischen Westwind, der sich bei Sonnenuntergang zu erheben pflegte,
langsam und mhelos zurcktragen. -
    Oft waren es auch der Knig und Kamilla allein, die, nur von Daphnidion
begleitet, sich dieser Wanderungen im Grnen und auf den Wellen erfreuten.
    Wohl sah Amalaswintha darin die Gefahr, dadurch die Neigung ihres Sohnes,
die ihr nicht entgangen war, zu steigern. Aber vor allen andern Erwgungen
segnete sie dankbar den gnstigen Einflu, den dieser Umgang augenscheinlich auf
ihren Sohn bte: er wurde in Kamillas Nhe ruhiger, heiterer, und war dann auch
weicher gegen seine Mutter, der er sonst oft heftig und schroff gegenbertrat.
    Auch beherrschte er sein Gefhl mit einer Sicherheit, die bei dem reizbaren
Kranken doppelt befremdete: und endlich wrde die Regentin, im Fall sich diese
Liebe ernster geltend machte, sogar einer Verbindung nicht abgeneigt gewesen
sein, die den rmischen Adel vllig zu gewinnen und jedes Andenken einer
unseligen Bluttat auszulschen versprach. -
    In dem Mdchen aber ging eine wundersame Wandlung vor. Tglich mehr fhlte
sie ihren Groll und Ha schwinden, wie sie tglich klarer die edle Zartheit der
Seele, den schwungvollen Geist, das tiefe, poesiereiche Gemt des jungen Knigs
sich entfalten sah. Nur mit Anstrengung konnte sie gegen diesen wachsenden
Zauber sich immer wieder das Schicksal ihres Vaters als Talisman ins Andenken
zurckrufen: immer mehr kam sie dazu, unter den Goten und Amalern, die jenes
Schicksal herbeigefhrt, mit Gerechtigkeit zu unterscheiden: immer bestimmter
sagte sie sich, wie unbillig es sei, Athalarich um eines Unglcks willen zu
hassen, das er nur nicht verhindert hatte und wohl schwerlich htte verhindern
knnen. Lngst htte sie ihn am liebsten vllig freigesprochen: aber sie
mitraute dieser Milde: sie scheute sie wie eine schwarze Snde gegen Vater,
Vaterland und eigne Freiheit.
    Mit Zittern nahm sie wahr, wie unentbehrlich dies edle Menschenbild ihr
wurde, wie mchtig sie sich sehnte, diese melodische Stimme zu hren und in dies
dunkle, sinnige Auge zu blicken. Sie frchtete die frevelhafte Liebe, die sie
sich nur schwer noch verhehlen konnte, und die einzige Waffe, mit der sie sich
noch dagegen wehrte, der Vorwurf seiner Mitschuld an des Vaters Untergang,
wollte sie sich nicht entwinden lassen. So schwankte sie in wogenden Gefhlen,
desto unsichrer, je rtselhafter ihr Athalarichs geschlossene Sicherheit blieb.
Sie konnte ja nicht daran zweifeln, da er sie liebe, nach allem was geschehen -
aber doch!
    Nicht eine Silbe, nicht ein Blick verriet diese Liebe: jene uerung, mit
der er sie damals am Venustempel rasch verlassen, war das bedeutsamste, ja das
einzige bedeutsame Wort, das ihm entschlpfte.
    Sie ahnte nicht, was die hochwogende Seele des Jnglings durchgekmpft und
durchgelitten, bis seine Liebe zwar nicht erlosch, aber entsagte, und noch
weniger, in welch neuem Gefhl er die mnnliche Kraft solcher Entsagung
gefunden. Ihre Mutter, die ihn mit aller Schrfe des Hasses beobachtete und
darber das eigne Kind zu berwachen verga, schien noch mehr erstaunt ber
seine Klte. Aber Geduld, sprach sie zu Cethegus, mit dem sie oft hinter
Kamillas Rcken Beratung pflog, Geduld, bald, binnen drei Tagen, wirst du ihn
verwandelt sehen. - Es wre Zeit, meinte Cethegus; aber auf was vertraust
du? - Auf ein Mittel, das noch nie getuscht hat.
    Du wirst ihm doch kein Liebestrnklein brauen? lchelte der Prfekt. -
Allerdings, das werd' ich tun; das hab' ich schon getan. - Jener sah sie
spttisch an: Auch bei dir solcher Aberglaube, bei der Witwe des groen
Philosophen Bothius! In Liebeswahn sind alle Weiber gleich!
    Nicht Wahn und Aberglaube, sagte Rusticiana ruhig. Seit mehr als hundert
Jahren lebt das Geheimnis in unsrer Familie. Ein gyptisch Weib hat es dereinst
am Nil meine Ureltermutter gelehrt. Und es hat sich bewhrt. Kein Weib unseres
Hauses hat ohne Erhrung geliebt. - Dazu braucht's keinen Zauber, meinte der
Prfekt: ihr seid ein schnes Geschlecht. - Spare deinen Spott. Der Trank
wirkt unfehlbar, und wenn er bis heute nicht wirkte - - So hast du wirklich -
Unvorsichtige! wie konntest du unvermerkt? - Am Abend, wann er vom Spaziergang
oder von der Gondelfahrt mit uns zurckkommt, nimmt er einen Becher gewrzten
Falerners. Der Arzt hat es ihm verordnet: es sind Tropfen arabischen Balsams
darin. Der Becher steht immer bereit auf dem Marmortisch vor dem Venustempel.
Dreimal schon gelang es, den Trank hineinzuschtten. - Nun, meinte Cethegus,
es hat bis jetzt nicht sonderlich gewirkt. - Daran ist nur deine Ungeduld die
Ursache. Die Kruter mssen im Neumond gebrochen werden - ich wute das wohl.
Aber, gedrngt von deinen Mahnungen, versucht' ich's schon im Vollmond und du
siehst, es wirkte nicht. - Cethegus zuckte die Achseln. - Aber gestern nacht
trat Neumond ein. Ich war nicht mig mit meiner goldnen Schere und wenn er
jetzt trinkt - - Eine zweite Locusta! Nun, mein Trost sind Kamillas schne
Augen. Wei sie von deinen Knsten?
    Kein Wort zu ihr! Sie wrde das nie dulden. Stille, sie kommt. Das Mdchen
trat ein in lebhafter Erregung, die lieblichen Wangen gertet, eine Flechte des
dunklen Haares war losgegangen und spielte um den feinen Nacken.
    Saget mir, ihr, die ihr klug seid und menschenerfahren, sagt mir, was soll
ich denken? Ich komme aus dem Schiff. O, er hat mich nie geliebt! der
Hochmtige, er bemitleidet, er bedauert mich! Nein, das ist nicht das rechte
Wort. Ich kann es mir nicht deuten. Und in Trnen ausbrechend, barg sie das
Haupt am Halse der Mutter. - Was ist geschehen, Kamilla? fragte Cethegus. -
Schon oft, begann sie tiefaufatmend, spielte ein Zug um seinen Mund, sprach
eine Wehmut aus seinem Auge, als sei er der tief von mir Gekrnkte, als habe er
uns edel zu vergeben, als habe er mir ein groes Opfer gebracht - - Unreife
Knaben bilden sich immer ein, es sei ein Opfer, wenn sie lieben. Da blitzte
Kamillas Auge, sie warf den schnen Kopf zurck und wandte sich heftig gegen
Cethegus: Athalarich ist kein Knabe mehr und man soll ihn nicht verhhnen.
Cethegus schwieg, ruhig die Augen senkend. Aber Rusticiana fragte erstaunt:
Hassest du den Knig nicht mehr? - Bis zum Tode. Man soll ihn verderben,
nicht verhhnen.
    Was ist geschehen? wiederholte Cethegus. - Heute stand jener rtselhafte,
kalte, stolze Zug deutlicher als je auf seinem Antlitz. Ein Zufall uerte ihn
in Worten. Wir waren eben gelandet. Ein Kfer war ins Wasser gefallen: der
Knig bckte sich und zog ihn heraus: das Tierchen aber wehrte sich gegen die
mildttige Hand und bi mit den Zangen des Kopfes in den Finger, der ihn hielt.
Der Undankbare, sagte ich. - Oh, sprach Athalarich, bitter lchelnd, und er
setzte den Kfer auf ein Blatt: man verwundet die am meisten, die am meisten
fr uns getan. Und dabei flog sein Blick mit stolzer Wehmut ber mich dahin.
Doch rasch, als ob er zuviel gesagt, schritt er kalt grend hinweg. Ich aber,
und ihre Brust wogte, ihre fein geschnittenen Lippen schlossen sich - ich aber
trage das nicht mehr. Der Stolze! er soll mich lieben - oder sterben. - Das
soll er, sagte Cethegus kaum hrbar, eins von beiden.

                                Neuntes Kapitel.


Wenige Tage darauf wurde der Hof durch einen neuen Schritt des jungen Knigs zur
Selbstndigkeit berrascht: er selbst berief den Rat der Regentschaft, ein
Recht, das bisher nur Amalaswintha gebt. Die Regentin war nicht wenig erstaunt,
als ein Bote ihres Sohnes sie in dessen Gemcher beschied, wo der Knig bereits
eine Auswahl der hchsten Beamten des Reiches um sich versammelt habe, Goten und
Rmer, unter diesen Cassiodor und Cethegus.
    Dieser hatte zuerst beschlossen, auszubleiben, um nicht durch sein
Erscheinen das Recht anzuerkennen, das sich der Knabe herausnahm: ihm ahnte
nichts Gutes. Aber ebendeshalb besann er sich bald eines andern. Ich darf der
Gefahr nicht den Rcken, die Stirn mu ich ihr bieten, sprach er, als er sich
zu dem verhaten Gang anschickte. Er fand in dem Gemach des Knigs alle
Geladenen bereits versammelt. Nur die Regentin fehlte noch. Als sie eintrat,
erhob sich Athalarich - er trug eine langfaltige Abolla von Purpur, die
Zackenkrone Theoderichs glnzte auf seinem Haupt und unter dem Mantel klirrte
das Schwert - von seinem Thronsessel, der vor einer durch einen Vorhang
geschlossenen Nische stand, ging ihr entgegen und fhrte sie zu einem zweiten
hheren Stuhl, der aber zur Linken stand. Als sie sich niedergelassen, hob er
an: Meine knigliche Mutter, tapfre Goten, edle Rmer! Wir haben euch hierher
beschieden, euch unsern Willen kundzutun. Es drohten diesem Reiche Gefahren, die
nur wir, der Knig dieses Reiches, abwenden konnten.
    Solche Sprache hatte man aus diesem Munde noch nicht vernommen. Alle
schwiegen betroffen, Cethegus aus Klugheit: er wollte den rechten Augenblick
abwarten. Endlich begann Cassiodor: Deine weise Mutter und dein getreuer Diener
Cassiodor - - Mein getreuer Diener Cassiodor schweigt, bis sein Herr und Knig
ihn um Rat befragt. Wir sind schlecht zufrieden, sehr schlecht, mit dem, was die
Rte unsrer kniglichen Mutter bisher getan haben und nicht getan. Es ist
hchste Zeit, da wir selbst zum Rechten sehn.
    Wir waren dazu bisher zu jung und zu krank. Wir fhlen uns nicht mehr zu
jung und nicht mehr zu krank. Wir knden euch an, da wir demnchst die
Regentschaft aufheben und die Zgel dieses Reiches selbst ergreifen werden.
    Er hielt inne. Alles schwieg. Niemand hatte Lust, nach Cassiodors Beispiel
zu reden und dann zu verstummen.
    Endlich fand Amalaswintha, die diese pltzliche Energie ihres Sohnes
gleichsam betubt hatte, die Sprache wieder: Mein Sohn, dies Alter der
Mndigkeit ist nach den Gesetzen der Kaiser - - Nach den Gesetzen der Kaiser,
Mutter, mgen die Rmer sich richten. Wir sind Goten und leben nach gotischem
Recht. Germanische Jnglinge werden mndig, wann sie das gesammelte Volksheer
waffenreif erklrt.
    Wir haben deshalb beschlossen, alle Heerfhrer und Grafen und alle freien
Mnner unsres Volkes, so viele ihrer dem Rufe folgen wollen, aus allen Provinzen
des Reichs zur Heeresschau zu laden nach Ravenna. Mit dem nchsten Sonnwendfest
sollen sie eintreffen.
    berrascht schwieg die Versammlung.
    Das sind nur noch vierzehn Tage, sprach endlich Cassiodor. Wird es
mglich sein, in so kurzer Frist noch die Ladungen zu besorgen? - Sie sind
besorgt. Hildebrand, mein alter Waffenmeister, und Graf Witichis haben sie alle
bestellt. - Wer hat die Dekrete unterschrieben? fragte Amalaswintha, sich
ermannend. Ich allein, liebe Mutter. Ich mute doch den Geladnen zeigen, da
ich reif genug, allein zu handeln.
    Und ohne mein Wissen! sprach die Regentin. - Und ohne dein Wissen geschah
es, weil es sonst gegen deinen Willen geschehen mute.
    Er schwieg. Alle Rmer waren ratlos und wie betubt von der pltzlich
entfalteten Kraft des jungen Knigs. Nur in Cethegus stand sogleich der
Entschlu fest, jene Versammlung zu verhindern, um jeden Preis. Er sah den Grund
all seiner Plne wanken. gern wr' er mit aller Wucht seines Wortes der vor
seinen Augen versinkenden Regentschaft zu Hilfe gekommen: gern htte er schon
mehrere Male in dieser Verhandlung das khne Aufstreben des Jnglings mit seiner
ruhigen berlegenheit zu Boden gedrckt: - aber ihm hielt ein seltsamer Zufall
Gedanken und Zunge wie mit Zauberbanden gefesselt.
    Er hatte in der Nische hinter dem Vorhang Gerusch zu vernehmen geglaubt und
scharfe Blicke darauf geheftet: da bemerkte er unter dem Vorhang durch, dessen
Fransen nicht ganz bis zur Erde reichten, die Fe eines Mannes.
    Freilich nur bis an die Knchel. Aber an diesen Kncheln saen Beinschienen
von Erz eigentmlicher Arbeit. Er kannte diese Beinschienen, er wute, da sie
zu einer vollen Rstung gleicher Arbeit gehrten, er wute auch in unbestimmter
Gedankenverbindung, da der Trger dieser Rstung ihm verhat und gefhrlich:
aber es war ihm nicht mglich, sich zu sagen, wer dieser Feind sei. Htte er die
Schienen nur bis ans Knie verfolgen knnen! Gegen seinen Willen mute er die
Augen immer und immer wieder auf jenen Vorhang richten und raten und raten. Und
das bannte seinen Geist jetzt, - jetzt, da alles auf dem Spiele stand. Er zrnte
ber sich selbst, aber er konnte Gedanken und Blicke nicht von der Nische
losreien. Der Knig jedoch fuhr, ohne Widerstand zu finden, fort: Ferner haben
wir die edeln Herzoge Thulun, Ibbas und Pitza, die grollend diesen Hof
verlassen, aus Gallien und Spanien zurckgerufen. Wir finden, da allzuviele
Rmer, allzuwenig Goten uns umgeben. Jene drei tapfern Krieger werden mit Graf
Witichis die Wehrmacht unsres Reiches, die Festen und Schiffe untersuchen und
alle Schden aufdecken und heilen. Sie werden nchstens eintreffen. Sie mssen
sogleich wieder fort, sagte Cethegus rasch zu sich selbst. Aber seine Gedanken
fuhren fort: Nicht ohne Grund ist jener Mann dadrinnen versteckt.
    Weiter, hob der knigliche Jngling wieder an, haben wir Mataswinthen,
unsre schne Schwester, zurckbeschieden an unsern Hof. Man hat sie nach Tarent
verbannt, weil sie sich geweigert, eines betagten Rmers Weib zu werden. Sie
soll wiederkehren, die schnste Blume unsres Volkes, und unsren Hof
verherrlichen.
    Unmglich! rief Amalaswintha: Du greifst in das Recht der Mutter wie der
Knigin. - Ich bin das Haupt der Sippe, sobald ich mndig bin.
    Mein Sohn, du weit, wie schwach du warst noch vor wenigen Wochen. Glaubst
du wirklich, die gotischen Heermnner werden dich waffenreif erklren?
    Der Knig wurde rot wie sein Purpur, halb vor Scham, halb vor Zorn; eh' er
Antwort fand rief eine rauhe Stimme an seiner Seite: Sorge nicht darum, Frau
Knigin. Ich bin sein Waffenmeister gewesen: ich sage dir, er kann sich messen
mit jedem Feind: und wen der alte Hildebrand wehrfhig spricht, der gilt dafr
bei allen Goten. Lauter Beifall der anwesenden Goten besttigte sein Wort.
    Wieder gedachte Cethegus einzugreifen, aber eine Bewegung hinter dem Vorhang
zog seine Gedanken ab: Einer meiner grten Feinde ist es, aber wer?
    Noch eine wichtige Sache ist euch kundzutun, begann der Knig wieder, mit
einem flchtigen Seitenblick nach der Nische, der dem Prfekten nicht entging.
    Etwa ein Anschlag gegen mich? dachte er. Man wollte mich berraschen? Das
soll nicht gelingen! -
    Aber es berraschte ihn doch, als pltzlich der Knig mit lauter Stimme
rief: Prfekt von Rom, Cethegus Csarius! Er zuckte, aber rasch gefat, neigte
er das Haupt und sprach: Mein Herr und Knig. - Hast du uns nichts aus Rom zu
melden? Wie ist die Stimmung der Quiriten? Was denkt man dort von den Goten?
    Man ehrt sie als das Volk Theoderichs! - Frchtet man sie? - Man hat
nicht Ursach, sie zu frchten. - Liebt man sie? - Gern htte Cethegus
geantwortet: Man hat nicht Ursach', sie zu lieben. Aber der Knig selbst fuhr
fort:
    Also keine Spur von Unzufriedenheit? Kein Grund zur Sorge? Nichts
Besonderes, das sich vorbereitet.
    Ich habe nichts dir anzuzeigen. - Dann bist du schlecht unterrichtet,
Prfekt - oder schlecht gesinnt. Mu ich, der in Ravenna kaum vom Siechbett
ersteht, dir sagen, was in deinem Rom unter deinen Augen vorgeht? Die Arbeiter
auf deinen Schanzen singen Spottlieder auf die Goten, auf die Regentin, auf
mich, deine Legionre fhren bei ihren Waffenbungen drohende Reden.
Hchstwahrscheinlich besteht bereits eine ausgebreitete Verschwrung, Senatoren,
Priester an der Spitze: sie versammeln sich nachts an unbekannten Orten. Ein
Mitschuldiger des Bothius, ein Verbannter, Albinus, ist in Rom gesehen worden;
und weit du wo? im Garten deines Hauses. Der Knig stand auf. Die Augen aller
Anwesenden richteten sich erstaunt, erzrnt, erschrocken auf Cethegus.
Amalaswintha bebte fr den Mann ihres Vertrauens. Aber dieser war jetzt wieder
vllig er selbst. Ruhig, kalt, schweigend sah er dem Knig ins Auge.
    Rechtfertige dich! rief ihm dieser entgegen.
    Rechtfertigen? gegen einen Schatten? ein Gercht, eine Klage sonder Klger?
Nie! - Man wird dich zu zwingen wissen. Hohn zuckte um des Prfekten schmale
Lippen.
    Man kann mich ermorden auf bloen Verdacht, ohne Zweifel - wir haben das
erfahren, wir Italier! - nicht mich verurteilen. Gegen Gewalt gibt es keine
Rechtfertigung, nur gegen Gerechtigkeit. - Gerechtigkeit soll dir werden,
zweifle nicht. Wir bertragen den hier anwesenden Rmern die Untersuchung, dem
Senat in Rom die Urteilsfllung. Whle dir einen Verteidiger. - Ich verteidige
mich selbst, sprach Cethegus khl. Wie lautet die Anklage? Wer ist mein
Anklger? Wo ist er? - Hier, rief der Knig und schlug den Vorhang zurck.
    Ein gotischer Krieger in ganz schwarzer Rstung trat hervor.
    Wir kennen ihn. Es war Teja.
    Dem Prfekten drckte der Ha die Wimper nieder. Jener aber sprach: Ich,
Teja, des Tagila Sohn, klage dich an, Cethegus Csarius, des Hochverrats an
diesem Reich der Goten. Ich klage dich an, den verbannten Verrter Albinus in
deinem Haus zu Rom zu bergen und zuhehlen. Es steht der Tod darauf. Und du
willst dies Land dem Kaiser in Byzanz unterwerfen.
    Das will ich nicht, sprach Cethegus ruhig; beweise deine Klage. - Ich
habe Albinus vor vierzehn Nchten mit diesen Augen in deinen Garten treten
sehen, fuhr Teja zu den Richtern gewendet fort. Er kam von der Via sacra her,
in einen Mantel gehllt, einen Schlapphut auf dem Kopf. Schon in zwei Nchten
war die Gestalt an mir vorbeigeschlpft: diesmal erkannt ich ihn. Als ich auf
ihn zutrat, verschwand er, ehe ich ihn ergreifen konnte, an der Tr, die sich
von innen schlo. - Seit wann spielt mein Amtsgeno, der tapfre Kommandant von
Rom, den nchtlichen Spher? - Seit er einen Cethegus zur Seite hat. Aber ob
mir auch der Flchtling entkam, - diese Rolle fiel ihm aus dem Mantel: sie
enthlt Namen von rmischen Groen und neben den Namen Zeichen einer unlsbaren
Geheimschrift. Hier ist die Rolle. Er reichte sie dem Knig. Dieser las: Die
Namen sind: Silverius, Cethegus, Licinius, Scvola, Calpurnius, Pomponius. -
Kannst du beschwren, da der Vermummte Albinus war?
    Ich will's beschwren. - Wohlan, Prfekt. Graf Teja ist ein freier,
unbescholtener, eidwrdiger Mann. Kannst du das leugnen?
    Ich leugne das. Er ist nicht unbescholten: seine Eltern lebten in nichtiger
blutschnderischer Ehe: sie waren Geschwisterkinder, die Kirche hat ihr
Zusammensein verflucht und seine Frucht: er ist ein Bastard und kann nicht
zeugen gegen mich, einen edeln Rmer senatorischen Ranges. Ein Murren des
Zornes entrang sich den anwesenden Goten. Tejas blasses Antlitz aber wurde noch
bleicher. Er zuckte. Seine Rechte fuhr ans Schwert: So vertret' ich mein Wort
mit dem Schwert, sprach er mit tonloser Stimme. Ich fordere dich zum Kampf,
zum Gottesgericht auf Tod und Leben. - Ich bin Rmer und lebe nicht nach eurem
blutigen Barbarenrecht. Aber auch als Gote: - ich wrde dem Bastard den Kampf
versagen. - Geduld, sprach Teja und stie das halb gezckte Schwert leise in
die Scheide zurck. Geduld, mein Schwert. Es kmmt dein Tag. Aber die Rmer im
Saale atmeten auf.
    Der Knig nahm das Wort: Wie dem sei, die Klage ist genug begrndet, die
genannten Rmer zu verhaften. Du, Cassiodor, wirst die Geheimschrift zu
entziffern suchen. Du, Graf Witichis, eilst nach Rom und bemchtigst dich der
fnf Verdchtigen, durchsuchst ihre Huser und das des Prfekten. Hildebrand, du
verhafte den Verklagten, nimm ihm das Schwert ab. - Halt, sprach Cethegus,
ich leiste Brgschaft mit all meinem Gut, da ich Ravenna nicht verlasse, bis
dieser Streit zu Ende. Ich verlange Untersuchung auf freiem Fu: das ist des
Senators Recht.
    Kehr' dich nicht dran, mein Sohn, rief der alte Hildebrand vortretend,
la mich ihn fassen. - La, sprach der Knig, Recht soll ihm werden,
strenges Recht, doch nicht Gewalt. La ab von ihm. Auch hat ihn die Klage
berrascht. Er soll Zeit haben sich zu verteidigen. Morgen um diese Stunde
treffen wir uns wieder hier. Ich lse die Versammlung.
    Der Knig winkte mit dem Zepter: in hchster Aufregung eilte Amalaswintha
aus dem Gemach. Die Goten traten freudig zu Teja. Die Rmer drckten sich rasch
an Cethegus vorbei, vermeidend, mit ihm zu sprechen. Nur Cassiodor schritt fest
auf ihn zu, legte die Hand auf seine Schulter, sah ihm prfend ins Auge und
fragte dann: Cethegus, kann ich dir helfen? - Nein, ich helfe mir selbst,
sprach dieser, entzog sich ihm und schritt allein und stolzen Ganges hinaus.

                                Zehntes Kapitel.


Der heftige Schlag, den der junge Knig so unerwartet gegen den ganzen Grundbau
der Regentschaft gefhrt hatte, erfllte bald den Palast und die Stadt mit
Staunen, mit Schrecken oder Freude. Zu der Familie des Bothius brachte die
erste bestimmte Kunde Cassiodor, der Rusticianen zum Trost der erschtterten
Regentin beschied. Mit Fragen bestrmt erzhlte er den ganzen Hergang
ausfhrlich: und so bestrzt und unwillig er darber war, auch aus seinem
feindlichen Bericht leuchteten die Kraft, der Mut des jungen Frsten
unverkennbar hervor. Mit Begierde lauschte Kamilla jedem seiner Worte: Stolz,
Stolz auf den Geliebten - der Liebe glcklichstes Gefhl - erfllte mchtig ihre
ganze Seele.
    Es ist kein Zweifel, schlo Cassiodor mit Seufzen, Athalarich ist unser
entschiedenster Gegner: er steht ganz zu der gotischen Partei, zu Hildebrand und
seinen Freunden. Er wird den Prfekten verderben. Wer htte das von ihm
geglaubt! Immer mu ich daran denken, Rusticiana, wie so ganz anders er sich bei
dem Proze deines Gatten benahm.
    Kamilla horchte hoch auf.
    Damals gewannen wir die berzeugung, er werde zeitlebens der glhendste
Freund, der eifrigste Vertreter der Rmer sein. - Ich wei davon nichts,
sagte Rusticiana. - Es ward vertuscht. Das Todesurteil war gesprochen ber
Bothius und seine Shne. Vergebens hatten wir alle, Amalaswintha voran, die
Gnade des Knigs angerufen: sein Zorn war unauslschlich. Als ich wieder und
wieder ihn bestrmte, fuhr er zornig auf und schwur bei seiner Krone, der solle
es im tiefsten Kerker ben, der ihm noch einmal mit einer Frbitte fr die
Verrter nahe. Da verstummten wir alle. Nur Einer nicht. Nur Athalarich, der
Knabe, lie sich nicht schrecken, er weinte und flehte und hing sich an seines
Grovaters Knie.
    Kamilla erbebte. der Atem stockte ihr.
    Und nicht lie er ab, bis Theoderich in hchstem Zorn emporfuhr, ihn mit
einem Schlag in den Nacken von sich schleuderte und den Wachen bergab. Der
ergrimmte Knig hielt seinen Eid. Athalarich ward in den Kerker des Schlosses
gefhrt und Bothius sofort gettet.
    Kamilla wankte und hielt sich an einer Sule des Saales.
    Aber nicht umsonst hatte Athalarich gesprochen und gelitten.
    Tags darauf vermite der Knig an der Tafel schwer den Liebling, den er von
sich gebannt. Er gedachte, mit welch edlem Mut er, der Knabe, fr seine Freunde
gebeten, als die Mnner in Furcht verstummten. Er stand endlich auf von seinem
Abendtrunk, bei dem er lange sinnend sa, stieg selbst hinab in den Kerker,
ffnete die Pforte, umarmte seinen Enkel und schenkte auf seine Bitte deinen
Shnen, Rusticiana, das Leben.
    Fort, fort zu ihm! sprach Kamilla mit erstickter Stimme zu sich selbst und
eilte aus dem Saal.
    Damals, fuhr Cassiodor fort, damals mochten Rmer und Rmerfreunde in dem
knftigen Knig ihre beste Sttze sehen und jetzt - meine arme Herrin, arme
Mutter! und klagend schritt er hinaus.
    Rusticiana sa lange wie betubt. Sie sah alles wanken, worauf sie ihre
Racheplne gebaut: sie versank in dumpfes Brten. Lnger und lnger schon fielen
die Schatten der hohen, starken Trme in den Schlohof, auf welchen sie
hinausstarrte.
    Da weckte sie der feste Schritt eines Mannes im Saal, erschrocken fuhr sie
auf: Cethegus stand vor ihr. Sein Antlitz war kalt und finster, aber eisig
ruhig.
    Cethegus! rief die Bekmmerte und wollte seine Hand fassen, aber seine
Klte schreckte sie zurck. Alles verloren! seufzte sie, stehen bleibend.
Nichts ist verloren. Es gilt nur Ruhe. Und Raschheit, setzte er, umblickend im
Gemach, hinzu, Als er sich allein mit ihr sah, griff er in die Brustfalten
seiner Toga. Dein Liebestrank hat nicht geholfen, Rusticiana. Hier ist ein
anderer - strkrer. Nimm. Und rasch drckte er ihr eine Phiole von dunklem
Lavastein in die Hand. Mit banger Ahnung sah ihn die Freundin an: Glaubst du
auf einmal an Magie und Zaubertrank? Wer hat ihn gebraut? - Ich, sagte er,
und meine Liebestrnke wirken. - Du! - es durchlief sie ein eisiges Grauen.
Frage nicht, forsche nicht, sume nicht, sprach er herrisch. Es mu noch
heute geschehen. Hrst du? Noch heute.
    Aber Rusticiana zgerte noch und sah zweifelnd auf das Flschchen in ihrer
Hand. Da trat er heran, leise ihre Schulter berhrend: Du zauderst, sagte er
langsam. Weit du, was auf dem Spiele steht? nicht nur unser ganzer Plan! Nein,
blinde Mutter. Noch mehr. Kamilla liebt, liebt den Knig mit aller Kraft der
jungen Seele. Soll die Tochter des Bothius die Buhle des Tyrannen werden?
    Laut aufschreiend fuhr Rusticiana zurck: was in den letzten Tagen wie eine
bse Ahnung in ihr aufgestiegen, ward ihr gewi mit diesem Einen Wort: noch
einen Blick warf sie auf den Mann, der das Grausame gesprochen und hinwegeilte
sie, zornig die Faust um das Flschchen geballt.
    Ruhig sah ihr Cethegus nach. Nun, Prinzlein, wollen wir sehen. Du warst
rasch, ich bin rascher. - Es ist eigen, sagte er dann, die Falten seiner Toga
herabziehend, ich glaubte lngst nicht mehr, noch solche heftige Regung
empfinden zu knnen. Jetzt hat das Leben wieder einen Reiz. Ich kann wieder
streben, hoffen, frchten. Sogar hassen. Ja, ich hasse diesen Knaben, der sich
unterfngt, mit der kindischen Hand in meine Kreise zu tappen. Er will mir
trotzen - meinen Gang aufhalten, er stellt sich khn in meinen Weg: Er - mir!
wohlan, so trag' er denn die Folgen.
    Und langsam schritt er aus dem Gemach und wandte sich nach dem Audienzsaal
der Regentin, wo er sich absichtlich der versammelten Menge zeigte und durch die
eigne Sicherheit den bestrzten Herzen der Hofleute einige Ruhe wiedergab. Er
sorgte dafr, zahlreicher Zeugen fr all' seine Schritte an diesem
verhngnisvollen Tag sich zu versichern. Beim Sinken der Sonne ging er mit
Cassiodor und einigen andern Rmern, seine Verteidigung fr den nchsten Tag
beratend, in den Garten, in dessen Laubgngen er sich umsonst nach Kamilla
umsah.
    Diese war, sowie sie Cassiodors Bericht zu Ende gehrt, in den Hof des
Palastes geeilt, wo sie zu dieser Stunde den Knig mit den andern jungen Goten
seines Hofes beim Waffenspiel zu treffen hoffte. Nur sehen wollte sie ihn, noch
nicht ihn sprechen und ihm zu Fen ihr groes Unrecht abbitten. Sie hatte ihn
verabscheut, von sich gestoen, ihn als mit dem Blut ihres Vaters befleckt
gehat - ihn, der sich fr diesen Vater geopfert, der ihre Brder gerettet
hatte!
    Aber sie fand ihn nicht im Hof. Die wichtigen Ereignisse des Tages hielten
ihn in seinem Arbeitszimmer fest. Auch seine Waffengesellen fochten und spielten
heute nicht: in dichten Gruppen beisammenstehend, priesen sie laut den Mut ihres
jungen Knigs.
    Mit Wonne sog Kamilla dieses Lob ein: stolz errtend, selig trumend
wandelte sie in den Garten und suchte dort an allen seinen Lieblingssttten die
Spuren des Geliebten. Ja, sie liebte ihn: khn und freudig gestand sie sich's
ein: er hatte es tausendfach um sie verdient. Was Gote, was Barbar! Er war ein
edler herrlicher Jngling, ein Knig, der Knig ihrer Seele. Wiederholt wies sie
die begleitende Daphnidion aus ihrer Nhe, da diese nicht hre, wie sie wieder
und wieder den geliebten Namen selig vor sich hinsprach. Endlich am Venustempel
angelangt, versank sie in se Trume ber die Zukunft, die unklar, aber golden
dmmernd, vor ihr lag. Vor allem beschlo sie, dem Prfekten und ihrer Mutter
schon morgen zu erklren, nicht mehr auf ihre Mithilfe gegen den Knig zhlen zu
sollen. Dann wollte sie diesem selbst ihre Schuld abbitten mit innigen Worten
und dann - dann? sie wute nicht was dann werden solle: aber sie errtete in
holden Trumen.
    Rote, duftige Mandelblten fielen aus den nickenden Bschen: in dem dichten
Oleander neben ihr sang die Nachtigall, eine klare Quelle glitt rieselnd an ihr
vorber nach dem blauen Meer und die Wellen dieses Meeres rollten leise wie
ihrer Liebe huldigend zu ihren Fen.

                                Elftes Kapitel.


Aus solchem Sinnen und Sehnen weckte sie ein nahender Schritt auf den Sandwegen.
Der Gang war so rasch und so bestimmt der Tritt, da sie nicht Athalarich
vermutete. Aber es war der Knig: verndert in Haltung und Erscheinen,
mnnlicher, krftiger, fester. Hoch trug er das sonst zur Brust gebeugte Haupt
und das Schwert Theoderichs klirrte an seiner Hfte.
    Gegrt, gegrt, Kamilla, rief er ihr laut und lebhaft entgegen. Dein
Anblick ist der schnste Lohn fr diesen heien Tag.
    So hatte er noch nie zu ihr gesprochen.
    Mein Knig, flsterte sie erglhend. einen leuchtenden Blick noch warfen
die braunen Augen auf ihn: dann senkten sich die langen Wimpern. Mein Knig! so
hatte sie ihn nie genannt, solchen Blick ihm nie geschenkt. Dein Knig? sagte
er, sich neben ihr niederlassend, ich frchte, so wirst du mich nicht mehr
nennen, wenn du erfhrst, was alles heute geschehen.
    Ich wei alles. - Du weit? Nun dann, Kamilla, sei gerecht: schilt nicht,
ich bin kein Tyrann. Der Edle, dachte sie, er entschuldigt sich um seine
schnsten Taten.
    Sieh, ich hasse die Rmer nicht, der Himmel wei es - sie sind ja dein
Volk! - ich ehre sie und ihre alte Gre, ich achte ihre Rechte. Aber mein
Reich, den Bau Theoderichs, mu ich beschtzen, streng und unerbittlich, und weh
der Hand, die sich dawider hebt. Vielleicht, fuhr er langsamer und feierlich
fort, vielleicht ist dies Reich schon verurteilt in den Sternen - gleichviel,
ich, sein Knig, mu mit ihm stehen und fallen.
    Du sprichst wahr, Athalarich, und wie ein Knig.
    Dank dir, Kamilla! wie du heut gerecht bist oder gut! Solcher Gte darf ich
wohl anvertrauen, welcher Segen, welche Heilung mir geworden. Sieh, ich war ein
kranker, irrer Trumer: ohne Halt, ohne Freude, dem Tode gern entgegenwankend.
Da trat an meine Seele die Gefahr dieses Reichs, die ttige Sorge um mein Volk:
und mit der Sorge wuchs in meiner Brust die Liebe, die mchtige Liebe zu meinen
Goten, und diese stolze und bange und wachsame Liebe fr mein Volk, sie hat mein
Herz gestrkt und getrstet fr ... fr andres bitter schmerzliches Entsagen.
Was liegt an meinem Glck, wenn nur dies Volk gedeiht: sieh, der Gedanke hat
mich gesund gemacht und stark und wahrlich! des Grten knnt' ich jetzt mich
unterwinden.
    Er sprang auf, beide Arme wiegend und schwingend.
    O, Kamilla, die Ruhe verzehrt mich! O, ging es zu Ro und in
waffenstarrende Feinde! Sieh, die Sonne sinkt. Es ladet die spiegelnde Flut.
Komm, komm mit in den Kahn. Kamilla zgerte. Sie blickte um. Die Dienerin? Ach
la sie!! Dort ruht sie unter der Palme an der Quelle, sie schlft. Komm, komm
rasch, eh' die Sonne versinkt. Sieh die goldne Strae auf der Flut. Sie winkt!
- Zu den Inseln der Seligen? fragte das liebliche Mdchen mit einem
holdseligen Blick und leicht errtend.
    Ja, komm zu den seligen Inseln! antwortete er glcklich, hob sie rasch in
den Kahn, lste dessen Silberkette von den Widderkpfen des Kais, sprang hinein,
ergriff das zierliche Ruder und stie ab. Dann legte er das Ruder in die se zur
Linken: und im hintern Gransen des Schiffes stehend steuerte und ruderte er
zugleich, eine schne und malerische Bewegung, und ein echt germanischer
Fergenbrauch.
    Kamilla sa vorn, nahe dem Schnabel des Kahns, auf einem Diphros, dem
griechischen zusammenlegbaren Feldstuhl, und sah ihm in das edle Antlitz, das
von der rotschimmernden Abendsonne beleuchtet war: sein dunkles Haar flog im
Winde, und herrlich waren die raschen und krftigen Bewegungen des fein gebauten
Ruderers zu schauen. Beide schwiegen. Pfeilschnell scho die leichte Barke durch
die glatte Flut.
    Flockige, rosige Abendwlklein zogen langsam ber den Himmel, der leise Wind
fhrte von den Mandelgebschen des Ufers Wolken von Wohlgeruch mit sich, und
rings war Schimmer, Ruhe, Harmonie. Endlich brach der Knig das Schweigen und
sprach, dem Boot einen krftigen Druck gebend, da es gehorsam vorwrts scho:
Weit du, was ich denke? Wie schn mu es sein, ein Reich, ein Volk, viel
tausend geliebte Leben mit der starken Hand durch Wind und Wellen sicher
vorwrts zu steuern zu Glck und Glanz. - Was aber sannest du, Kamilla? Du sahst
so mild, es sind gute Gedanken gewesen. Sie errtete und blickte seitab in die
Flut.
    O sprich doch, sei offen in dieser schnen Stunde.
    Ich dachte, flsterte sie vor sich hin, das feine Kpfchen noch immer
abgewendet, wie schn mu es sein, von treuer, geliebter Hand, der man so ganz
vertraut, gesteuert werden durch die schwanke Flut des Lebens. - O Kamilla,
glaub' mir, auch dem Barbaren kann man sich vertraun. - - Du bist kein Barbar!
Wer zart empfindet und edel denkt und sich hochherzig berwindet und schweren
Undank mit Huld vergilt, ist kein Barbar, er ist ein edles Menschenbild, wie je
ein Scipio gewesen. Entzckt hielt der Knig im Rudern inne, das Schiff stand:
Kamilla! trum ich? sprichst du das? und zu mir?
    Mehr noch, Athalarich, mehr! ich bitte dich, vergib, da ich dich so
grausam von mir gestoen. Ach, es war nur Scham und Furcht. - Kamilla, Perle
meiner Seele - Diese, welche das Gesicht dem Ufer zuwandte, rief pltzlich:
was ist das? Man folgt uns. Der Hof, die Frauen, meine Mutter. So war es,
Rusticiana hatte, von des Prfekten furchtbarem Wink getrieben, ihre Tochter im
Garten gesucht. Sie fand sie nicht. Sie eilte nach dem Venustempel. Umsonst.
Umherschauend sah sie pltzlich die beiden, ihr Kind mit ihm allein, auf dem
Schiff, fern im Meer. Im hchstem Zorn flog sie an den Marmortisch, an dem die
Sklaven eben den Abendbecher des Knigs mischten, schickte sie die Stufen hinab,
eine Gondel zu lsen, gewann so einen unbelauschten Augenblick an dem Tisch und
stieg gleich darauf mit Daphnidion, die ihr zorniger Ausruf geweckt, die Stufen
hinab nach dem Schiff. Da bogen zur Rechten aus dem dichten Taxusgang der
Prfekt und seine Freunde, die ihr Lustwandeln ebenfalls an diese Stelle fhrte.
Cethegus folgte ihr die Stufen hinab und reichte ihr die Hand, in den Kahn zu
steigen. Es ist geschehen, flsterte sie ihm dabei zu und die Gondel stie ab.
In diesem Augenblick war es, da das junge Paar auf die Bewegung am Ufer
aufmerksam wurde: Kamilla stand auf, sie mochte erwarten, der Knig werde das
Schiff wenden. Aber dieser rief: Nein, sie sollen mir diese Stunde nicht
rauben, die schnste meines Lebens. Ich mu noch mehr von diesen sen Worten
schlrfen. O, Kamilla, du mut mir mehr, du mut mir alles sagen. Komm, wir
landen auf der Insel dort, da mgen sie uns finden. Und mchtig ausgreifend
drckte er mit aller Kraft auf das Ruder, da das Fahrzeug wie beflgelt
dahinscho.
    Willst du nicht weiter sprechen?
    O, mein Freund, mein Knig - dringe nicht in mich. Er sah nur ihr in das
liebliche Antlitz, in das leuchtende Auge, nicht mehr auf Weg und Ziel. Nun
warte dort auf der Insel - dort sollst du mir - -
    Ein neuer leidenschaftlicher Ruderschlag - da erdrhnte ein dumpfer Krach,
das Schiff war angeprallt und fuhr schtternd zurck.
    Himmel! rief Kamilla aufspringend und nach dem Schnabel des Schiffes
sehend: ein ganzer Schwall von Wasser sprudelte herein ihr entgegen.
    Das Schiff ist geborsten - wir sinken, sprach sie erbleichend. - Hierher
zu mir, la mich sehen, rief Athalarich vorspringend. Ah, das sind die Nadeln
der Amphitrite - wir sind verloren. Die Nadeln der Amphitrite - wir wissen, man
konnte sie von der Terrasse des Venustempels kaum erkennen - waren zwei schmale,
scharfzackige Klippen zwischen dem Ufer und der nchsten der Laguneninseln: sie
ragten kaum ber den Wasserspiegel, bei leisestem Wind gingen die Wellen ber
sie weg. Athalarich kannte die Gefahr dieser Stelle und hatte sie immer leicht
vermieden: aber diesmal hatte er nur in der Geliebten Augen geblickt.
    Mit einem Blick bersah er die Lage. Es gab keine Rettung.
    Ein Brett im Boden des leicht gezimmerten Gefhrts war durch den Anprall an
der Klippe zertrmmert, gewaltig drang das Wasser durch den Leck.
    Das Schiff sank von Sekunde zu Sekunde.
    Schwimmend mit Kamilla die nchste Insel oder das Ufer zu erreichen, konnte
er nicht hoffen, und das Ruderschiff Rusticianens hatte kaum erst abgestoen.
Mit Blitzesschnelle hatte er all' das berschaut, erwogen, eingesehen, und warf
einen entsetzten Blick auf das Mdchen. Geliebte, du stirbst, jammerte er
verzweifelnd, und ich, ich hab's verschuldet. Und er umfate sie strmisch.
Sterben? rief sie, o nein! nicht so jung, nicht jetzt sterben! Leben, leben
mit dir. Und sie klammerte sich fest an seinen Arm. Der Ton, die Worte
durchschnitten sein Herz.
    Er ri sich los, er sah nach Rettung ringsumher, umsonst, umsonst - immer
hher stieg das Wasser, immer rascher sank das Schiff. Er warf das Ruder weg.
Es ist aus, alles aus, Geliebte. La uns Abschied nehmen. - Nein! nicht mehr
scheiden! Mu es gestorben sein: - o dann hinweg alle Scheu, welche die
Lebendigen bindet - und glhend drckte sie das Haupt an seine Brust - o la
dir sagen, la dir noch gestehn, wie ich dich liebe, wie lange schon, seit -
seit immer. All' mein Ha war ja nur verschmte Liebe. Gott, ich liebte dich
schon, da ich whnte, ich msse dich verabscheuen. Ja du sollst wissen, wie ich
dich liebe. Und sie bedeckte ihm Augen und Wangen mit eiligen Kssen. O, jetzt
will ich auch sterben - lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Aber nein -
und sie ri sich von ihm los - du sollst nicht sterben - la mich hier,
springe, schwimme, versuch's, du allein erreichst die Insel wohl - versuch's und
la mich.
    Nein, rief er selig, lieber sterben mit dir als leben ohne dich. Nach so
langem, langem Sehnen endlich Erfllung! Wir gehren einander auf ewig von
dieser Stunde. Komm, Kamilla, Geliebte, la uns hinab.
    Schauer der Liebe und des Todes rieselten durcheinander. Er zog sie an sich,
umschlang sie mit dem linken Arm und stieg mit ihr auf den kaum noch Hand breit
ber Wasser ragenden Steuergransen: schon schickte er sich zum jhen Sprunge an
- da entrang sich beiden ein froher Schrei der Hoffnung.
    Blitzschnell bog vor ihren Augen um die schmale Landspitze, die unfern von
ihnen ins Meer ragte, ein Schiff mit vollen Segeln, das gerade auf sie loseilte.
    Das Schiff vernahm ihren Schrei, es erkannte jedenfalls die Lage des
sinkenden Kahns, vielleicht die Person des Knigs: vierzig Ruder, aus zwei
Stockwerken von Ruderbnken zugleich in die Flut getaucht, befrderten den Flug
des raschen Fahrzeugs, das brausend vor ganzem Wind mit allen Segeln daherscho.
Die Leute auf dem Deck riefen ihnen zu, auszuharren und bald - es war die
hchste Zeit - lag der Bauch der Bireme neben der Gondel, die augenblicklich
versank, nachdem das Paar durch die Lukenpforte des untern Ruderstockwerks an
Bord gerettet war. Es war ein kleines gotisches Wachtschiff, der goldene,
steigende Lwe, das Wappen der Amalungen, glnzte auf der blauen Flagge:
Aligern, ein Vetter Tejas, befehligte es.
    Dank euch, wackre Freunde, sprach Athalarich, da er wieder Worte gefunden,
Dank! ihr habt nicht euren Knig nur, ihr habt eure Knigin gerettet.
    Staunend sammelten sich Krieger und Matrosen um den Glcklichen, der die
laut weinende Kamilla in seinen Armen hielt. Heil unsrer schnen jungen
Knigin! jauchzte der rotblonde Aligern und die Mannschaft jubelte donnernd
nach: Heil, Heil unsrer Knigin! In diesem Augenblick rauschte der Segler an
dem Kahn Rusticianens vorbei: der Schall dieses Jubelrufs weckte die Unselige
aus der Erstarrung von Entsetzen und Betubung, die sie ergriffen, da die beiden
erschrockenen Rudersklaven die Gefahr des jungen Paares auf dem sinkenden Boot
entdeckt und zugleich erklrt hatten, es sei ihnen unmglich, sie rechtzeitig
aus den Wellen zu retten. Da war sie besinnungslos Daphnidion in die Arme
gefallen.
    Jetzt erwachte sie und warf einen irren Blick umher. Sie staunte: war es ein
Traumbild, was sie sah? oder war es wirklich ihre Tochter, die dort auf dem Deck
des Gotenschiffs, das stolz an ihr vorberrauschte, an der Brust des jungen
Knigs lag? und jauchzten wirklich dazu jubelnde Stimmen: Heil, Kamilla, unsrer
Knigin?
    Sie starrte auf die vorbergleitende Erscheinung, sprachlos, lautlos. Aber
das rasch fliegende Segelschiff war schon an ihrem Kahn vorber und dem Lande
nah. Es ankerte auerhalb der seichten Gartenbucht, eine Barke ward
herabgelassen, das gerettete Paar, Aligern und drei Matrosen sprangen hinein und
bald stiegen sie die Stufen der Hafentreppe hinan, wo, auer Cethegus und seiner
Begleitung, eine Menge von Leuten sich versammelt hatte, die vom Palast oder vom
Garten aus mit Schrecken die Gefahr des kleinen Schiffes wahrgenommen und jetzt
herbeieilten, die Geretteten zu begren. Unter Glckwnschen und Segensrufen
stieg Athalarich die Stufen hinan.
    Seht hier, sprach er, vor dem Tempel angelangt, sehet, Goten und Rmer,
eure Knigin, meine Braut. Uns hat der Gott des Todes zusammengefhrt, nicht
wahr, Kamilla? Sie sah zu ihm auf, aber heftig erschrak sie: die Aufregung und
der jhe Wechsel von Schrecken und Freude hatten den kaum Genesenen bermchtig
erschttert: sein Antlitz war marmorbla, er wankte und griff wie Luft schpfend
krampfhaft an seine Brust.
    Um Gott, rief Kamilla, einen Anfall des alten Leidens frchtend, dem
Knig ist nicht wohl. Rasch den Wein, die Arznei! Sie flog an den Tisch,
ergriff den Silberbecher, der bereit stand, und drngte ihn in seine Hand.
    Cethegus stand dicht dabei und folgte mit scharfem Blick jeder seiner
Bewegungen.
    Schon setzte er den Becher an die Lippen, aber pltzlich lie er ihn nochmal
sinken, er lchelte: du mut mir zutrinken, wie''s der gotischen Knigin ziemt
an ihrem Hof, und er reichte ihr den Pokal: sie nahm ihn aus seiner Hand.
    Einen Augenblick durchzuckte es den Prfekten siedend hei. Er wollte
hinzustrzen, ihr den Trank aus der Hand reien, ihn verschtten.
    Aber er hielt sich zurck. Tat er's, so war er unrettbar verloren. Nicht nur
morgen als Hochverrter, nein, sofort als Giftmrder angeklagt und berfhrt.
    Verloren mit ihm seine ganze Ideenwelt, die Zukunft Roms. Und um wen? - Um
ein verliebtes Mdchen, das treulos zu seinem Todfeind abgefallen. - - Nein,
sagte er kalt zu sich, die Faust zusammendrckend, sie oder Rom: - also sie! Und
ruhig sah er zu, wie das Mdchen, hold errtend, einen leichten Trunk aus dem
Becher nahm, den der Knig darauf tief schlrfend bis zum Grund leerte. Er
zuckte zusammen, da er ihn auf den Marmortisch niedersetzte. Kommt hinauf ins
Palatium, sprach er frstelnd, den Mantel ber die linke Schulter schlagend,
mich friert. Und er wandte sich.
    Da traf sein Blick auf Cethegus: er stand einen Augenblick still und sah dem
Prfekten eindringend ins Auge.
    Du hier? sagte er finster und trat einen Schritt auf ihn zu: da zuckte er
nochmal und strzte mit einem jhen Schrei neben der Quelle aufs Antlitz nieder.
    Athalarich! rief Kamilla und warf sich taumelnd ber ihn. Der alte Corbulo
sprang aus der Schar der Diener zuerst hinzu: Hilfe, rief er, sie stirbt -
der Knig!
    Wasser! rasch Wasser! sprach Cethegus laut. Und entschlossen trat er an
den Tisch, ergriff den Silberbecher, bckte sich, splte ihn schnell, aber
grndlich in der Quelle und neigte sich ber den Knig, der in Cassiodors Armen
lag, indes Corbulo das Haupt Kamillens auf seine Knie legte.
    Ratlos, entsetzt umstanden die Hofleute die beiden scheinbar leblosen
Gestalten.
    Was ist geschehen? Mein Kind! mit diesem Schrei drngte sich Rusticiana,
die soeben gelandet, an der Tochter Seite. Kamilla! rief sie verzweifelt, was
ist mit dir?
    Nichts! sagte Cethegus ruhig, sich prfend ber die beiden beugend. Es
ist nur eine Ohnmacht. Aber den jungen Knig hat sein Herzkrampf hingerafft. Er
ist tot.

                                 Drittes Buch.



                                 Amalaswintha.

                Amalaswintha verzagte nicht nach Frauenart, sondern krftig
                wahrte sie ihr Knigtum.
                                                       Prokop, Gotenkrieg, I. 2.


                                Erstes Kapitel.

Wie ein Donnerschlag aus heitrem Himmel traf Athalarichs pltzliches Ende die
gotische Partei, die an diesem nmlichen Tage ihre Hoffnungen so hoch gespannt
hatte. Alle Maregeln, die der Knig in ihrem Sinne angeordnet, waren gelhmt,
die Goten pltzlich wieder ohne Vertretung in dem Staat, an dessen Spitze jetzt
die Regentin ganz allein gestellt war.
    Am frhen Morgen des nchsten Tages stellte sich Cassiodor bei dem Prfekten
ein. Er fand diesen in ruhigem, festem Schlaf.
    Und du kannst schlafen, ruhig wie ein Kind, nach einem solchen Schlag! -
Ich schlief, sagte Cethegus, sich auf den linken Arm aufrichtend, im Gefhle
neuer Sicherheit. - Sicherheit! ja fr dich, aber das Reich!
    Das Reich war mehr gefhrdet durch diesen Knaben als ich. Wo ist die
Knigin? - Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie, sprachlos! Die ganze
Nacht.
    Cethegus sprang auf: das darf nicht sein, rief er. Das tut nicht gut. Sie
gehrt dem Staat, nicht dieser Leiche. Um so weniger, als ich von Gift flstern
hrte. Der junge Tyrann hatte viele Feinde. Wie steht es damit?
    Sehr ungewi. Der griechische Arzt Elpidios, der die Leiche untersuchte,
sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen. Aber, wenn Gift gebraucht
worden, meinte er, mte es ein sehr geheimes, ihm vllig fremdes sein. In dem
Becher, daraus der Arme den letzten Trunk getan, fand sich nicht die leiseste
Spur verdchtigen Inhalts. So glaubt man allgemein, die Aufregung habe das alte
Herzleiden zurckgerufen und dieses ihn gettet. Aber doch ist es gut, da man
dich von dem Augenblick, da du die Versammlung verlieest, immer vor Zeugen
gesehen: der Schmerz macht argwhnisch.
    Wie steht es um Kamilla? forschte der Prfekt weiter. - Sie soll von
ihrer Betubung noch gar nicht erwacht sein; die rzte frchten das Schlimmste.
- Aber ich kam, dich zu fragen: Was soll nun weiter geschehen? Die Regentin
sprach davon, die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen. - Das darf nicht
sein! rief Cethegus. Ich fordre die Durchfhrung. Eilen wir zu ihr. - Willst
du sie am Sarge ihres Sohnes stren? - Ja, das will ich! Deine zarte Rcksicht
bebt davor zurck? Gut, komme du nach, wenn ich das Eis gebrochen.
    Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven, ihn anzukleiden. Bald
darauf schritt er, in dunkelgraues Trauergewand gehllt, hinab zu dem Gewlbe,
wo die Leiche ausgestellt lag. Gebieterisch wies er die Wachen und die Frauen
Amalaswinthens hinweg, die den Eingang hteten und trat geruschlos ein.
    Es war die niedrig gewlbte Halle, in der ehedem die Leichen der Kaiser mit
Salben und Brennstoffen waren fr den Scheiterhaufen bereitet worden. Das
schweigende Gela, mit dunkelgrnen Serpentin getfelt, von kurzen dorischen
Sulen aus schwarzem Marmor getragen, war nie von der Tageshelle beleuchtet;
auch jetzt fiel auf die dstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der
Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln, die an dem
Steinsarkophag des jungen Knigs mit unstetem Schimmer flackerten.
    Dort lag er, auf einem tiefroten Purpurmantel, Helm, Schwert und Schild zu
seinen Hupten.
    Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken
gewunden. Die edeln Zge ruhten in ernster, bleicher Schne.
    Zu seinen Fen sa in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der Regentin,
das Haupt auf den linken Arm gesttzt, der auf dem Sarkophage ruhte: der rechte
hing erschlafft herab. Sie konnte nicht mehr weinen.
    Das Knistern der Pechflammen war das einzige Gerusch in dieser
Grabesstille. -
    Lautlos trat Cethegus ein, nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks. Aber
mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefhl wie ein Anflug von Mitleid
erstickt. Klarheit gilt es, sprach er zu sich selbst, und Ruhe. Leise trat er
nher und ergriff die herabgesunkene Hand Amalaswinthens. Erhebe dich, hohe
Frau, du gehrst den Lebendigen, nicht den Toten.
    Erschrocken sah sie auf: Du hier, Cethegus? Was suchst du hier?
    Eine Knigin.
    O, du findest nur eine weinende Mutter! rief sie schluchzend. - Das kann
ich nicht glauben. Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird zeigen, da
auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann.
    Das kann sie, sagte sie, sich aufrichtend: Aber sieh auf ihn hin. - Wie
jung, wie schn -! Wie konnte der Himmel so grausam sein. - Jetzt oder nie,
dachte Cethegus. Der Himmel ist gerecht, streng, nicht grausam.
    Wie redest du? was hatte mein edler Sohn verschuldet? Wagst du ihn
anzuklagen? - Nicht ich! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich
erfllt an ihm: Ehre Vater und Mutter, auf da du lang lebest auf Erden. Die
Verheiung ist auch eine Drohung. Gestern hat er gefrevelt gegen seine Mutter
und sie verunehrt in trotziger Emprung: - heute liegt er hier. Ich sehe darin
den Finger Gottes.
    Amalaswintha verhllte ihr Antlitz. Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge seine
Auflehnung herzlich vergeben. Aber diese Auffassung, diese Worte ergriffen sie
doch mchtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen Gewohnheit
des Herrschens. Du hast, o Knigin, die Untersuchung gegen mich niederschlagen
wollen und Witichis zurckberufen. Letzteres mag sein. Aber ich fordere die
Durchfhrung des Prozesses und feierliche Freisprechung als mein Recht.
    Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt. Weh mir, wenn ich es jemals mte.
Sage mir: ich wei von keiner Verschwrung! und alles ist abgetan. - Sie schien
seine Beteurung zu erwarten. Cethegus schwieg eine Weile. Dann sagte er ruhig:
Knigin, ich wei von einer Verschwrung.
    Was ist das? rief die Regentin und sah ihn drohend an. - Ich habe diese
Stunde, diesen Ort gewhlt, fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche fort,
dir meine Treue entscheidend zu besiegeln, da sie dir unauslschlich mge ins
Herz geschrieben sein. Hre und richte mich. - Was werd' ich hren? sprach
die Knigin wachsam und fest entschlossen, sich weder tuschen noch erweichen zu
lassen. Ich wr' ein schlechter Rmer, Knigin, und du mtest mich verachten,
liebte ich nicht vor allem andern mein Volk. Dies stolze Volk, das selbst du,
die Fremde, liebst. Ich wute, wie du es weit - da der Ha gegen euch als
Ketzer, als Barbaren in den Herzen fortglimmt. Die letzten strengen Taten deines
Vaters hatten ihn geschrt. Ich ahnte eine Verschwrung. Ich suchte, ich
entdeckte sie. - Und verschwiegst sie! sprach die Regentin, zrnend sich
erhebend. - Und verschwieg sie. Bis heute. Die Verblendeten wollten die
Griechen herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser
unterwerfen. - Die Schndlichen! rief Amalaswintha heftig. - Die Toren! Sie
waren schon soweit gegangen, da nur Ein Mittel blieb, sie zurckzuhalten: ich
trat an ihre Spitze, ich ward ihr Haupt. - Cethegus! - Dadurch gewann ich
Zeit und konnte edle, wenn auch verblendete Mnner von dem Verderben
zurckhalten. Allgemach konnte ich ihnen die Augen darber ffnen, da ihr Plan,
wenn er gelnge, nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen
wrde. Sie sahen es ein, sie folgten mir, und kein Byzantiner wird diesen Boden
betreten bis ich ihn rufe, ich - oder du.
    Ich! rasest du? - Nichts ist den Menschen zu verschwren! sagt Sophokles,
dein Liebling. La dich warnen, Knigin, die du die dringendste Gefahr nicht
siehst. Eine andre Verschwrung, viel gefhrlicher als jene rmische
Schwrmerei, bedroht dich, deine Freiheit, das Herrschaftsrecht der Amaler, in
nchster Nhe - eine Verschwrung der Goten.
    Amalaswintha erbleichte.
    Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn, da nicht deine Hand mehr das
Ruder dieses Reiches fhrt. Ebensowenig dieser edle Tote, der nur ein Werkzeug
deiner Feinde war. Du weit es, Knigin, viele in deinem Volk sind blutdrstende
Barbaren, raubgierig, roh: sie mchten dies Land brandschatzen, wo Vergil und
Tullius gewandelt. Du weit, dein trotziger Adel hat die bermacht des
Knigshauses und will sich ihm wieder gleichstellen. Du weit, die rauhen Goten
denken nicht wrdig von dem Beruf des Weibes zur Herrschaft. - Ich wei es,
sprach sie stolz und zornig. - Aber nicht weit du, da alle diese Parteien
sich geeinigt haben. Geeinigt gegen dich und dein rmerfreundlich Regiment. Dich
wollen sie strzen oder zu ihrem Willen zwingen. Cassiodor und ich, wir sollen
von deiner Seite fort. Unser Senat, unsre Rechte sollen fallen, das Knigtum ein
Schatte werden. Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen. Und Gewalt, Erpressung,
Raub ber uns Rmer hereinbrechen. - Du malst eitle Schreckbilder! - War ein
eitles Schreckbild, was gestern geschah? Wenn nicht der Arm des Himmels
eingriff, warst nicht du selbst wie ich der Macht beraubt? Warst du denn noch
Herrin in deinem Reich, in deinem Hause? Sind sie nicht schon so mchtig, da
der heidnische Hildebrand, der buerische Witichis, der finstre Teja in deines
betrten Sohnes Namen offen deinem Willen trotzen? Haben sie nicht jene
rebellischen drei Herzoge zurckberufen? Und deine widerspenstige Tochter und -
- Wahr, zu wahr! seufzte die Knigin.
    Wenn diese Mnner herrschen - dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und
edle Bildung! Leb wohl, Italia, Mutter der Menschlichkeit! Dann lodert in
Flammen auf, ihr weien Pergamente, brecht in Trmmer, schne Statuen. Gewalt
und Blut wird diese Fluren erfllen, und spte Enkel werden bezeugen: solches
geschah unter Amalaswintha, der Tochter Theoderichs.
    Nie, niemals soll das geschehen! Aber -
    Du willst Beweise? Ich frchte, nur zu bald wirst du sie haben. Du siehst
jedoch schon jetzt: auf die Goten kannst du dich nicht sttzen, wenn du jene
Greuel verhindern willst. Gegen sie schtzen nur wir dich, wir denen du ohnehin
angehrst nach Geist und Bildung, wir Rmer. Dann, wenn jene Barbaren lrmend
deinen Thron umdrngen, dann la mich jene Mnner um dich scharen, die sich
einst gegen dich verschworen, die Patrioten Roms: sie schtzen dich und sich
selbst zugleich.
    Cethegus, sprach die bedrngte Frau, du beherrschest die Menschen leicht!
Wer, sage mir, wer brgt mir fr die Patrioten, fr deine Treue?
    Dies Blatt, Knigin, und dieses! Jenes enthlt eine genaue Liste der
rmischen Verschwornen - du siehst, es sind viele hundert Namen: dies die
Glieder des gotischen Bundes, die ich freilich nur erraten konnte. Aber ich rate
gut. Mit diesen beiden Blttern geb' ich die beiden Parteien, geb' ich mich
selbst ganz in deine Hand. Du kannst mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst
als Verrter entlarven, der vor allem deine Gunst gesucht, kannst mich
preisgeben dem Ha der Goten - ich habe jetzt keinen Anhang mehr, sobald du
willst: ich stehe allein, allein auf dem Boden deiner Gunst.
    Die Knigin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen. Cethegus,
rief sie jetzt, ich will deiner Treue gedenken und dieser Stunde! Und sie
reichte ihm gerhrt die Hand.
    Cethegus neigte leise das Haupt. Noch eins, o Knigin. Die Patrioten,
fortan deine Freunde wie die meinen, wissen das Schwert des Verderbens, des
Hasses der Barbaren ber ihren Huptern hangen. Die Erschrocknen bedrfen der
Aufrichtung. La sie mich deines hohen Schutzes versichern: stelle deinen Namen
an die Spitze dieses Blattes und la mich ihnen dadurch ein sichtbar Zeichen
deiner Gnade geben.
    Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel, die er ihr reichte. Einen
Augenblick noch zgerte sie nachdenklich: dann aber schrieb sie rasch ihren
Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurck: Hier, sie sollen mir treu bleiben,
treu wie du.
    Da trat Cassiodorus ein: o Knigin, die gotischen Groen harren dein. Sie
begehren dich zu sprechen.
    Ich komme! Sie sollen meinen Willen vernehmen, sprach sie heftig: du
aber, Cassiodor, sei der erste Zeuge des Beschlusses, den diese ernste Stunde in
mir gereift, den bald mein ganzes Reich vernehmen soll: hier der Prfekt von Rom
ist hinfort der erste meiner Diener, wie er der treuste ist: sein ist der
Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron.
    Staunend fhrte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan. Langsam
folgte Cethegus. er hob die Wachstafel in die Hhe und sprach zu sich selbst:
Jetzt bist du mein, Tochter Theoderichs. Dein Name auf dieser Liste trennt dich
auf immer von deinem Volk. - -

                                Zweites Kapitel.


Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewlbe wieder zu dem Erdgescho des
Palastes aufgetaucht war und sich anschickte, der Regentin zu folgen, ward sein
Ohr berhrt und sein Schritt gefesselt durch feierliche, klagende Fltentne. Er
erriet, was sie bedeuteten.
    Sein erster Antrieb war, auszuweichen. Aber alsbald entschlo er sich zu
bleiben. Einmal mu es doch geschehen, also am besten gleich, dachte er. Man
mu prfen, wie weit sie unterrichtet ist.
    Immer nher kamen die Flten, wechselnd mit eintnigen Klagegesngen.
Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges, in welchen schon die
Spitze des kleinen Zuges einbog. Voran schritten paarweise sechs edle rmische
Jungfrauen in grauen Klageschleiern, gesenkte Fackeln in den Hnden. Darauf
folgte ein Priester, dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen
wurde. Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie, angefhrt von Corbulo,
und die Fltenblser. Dann erschien von vier rmischen Mdchen getragen, ein
offener, blumenberschtteter Sarg: da lag auf weiem Linnentuch die tote
Kamilla, in brutlichem Schmuck, einen Kranz von weien Rosen um das schwarze
Haar: ein Zug lchelnden Friedens spielte um den leicht geffneten Mund. Hinter
dem Sarg aber wankte, mit gelstem Haar, stier vor sich hinblickend, die
unselige Mutter, von Matronen umgeben, welche die Sinkende sttzten. Eine Reihe
von Sklavinnen schlo den Zug, der sich langsam in das Totengewlbe verlor.
    Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an. Wann starb
sie? fragte er ruhig. - Ach, Herr, vor wenigen Stunden! O die gute, schne
freundliche Domna! - Ist sie noch einmal erwacht zu vollem Bewutsein?
    Nein, Herr, nicht mehr. Nur ganz zuletzt schlug sie die groen Augen
nochmal auf und schien rings umher zu suchen. Wo ist er hin? fragte sie die
Mutter. Ach, ich sehe ihn, rief sie dann und hob sich aus den Kissen. Kind,
mein Kind, wo willst du hin? weinte die Herrin. Nun, dorthin, sagte sie mit
verklrtem Lcheln: nach den Inseln der Seligen! und sie schlo die Augen und
sank zurck auf das Lager und jenes holde Lcheln blieb stehen auf ihrem Mund -
und sie war dahin, dahin auf ewig! - Wer hat sie hier herabbringen lassen? -
Die Knigin. Sie erfuhr alles und befahl, die Tote als die Braut ihres Sohnes
neben ihm auszustellen und zu bestatten.
    Aber was sagt der Arzt? wie konnte sie so pltzlich sterben? - Ach der
Arzt sah sie nur flchtig; er hatte alle Gedanken bei der Knigsleiche und die
Herrin litt ja gar nicht, da der fremde Mann ihre Tochter berhre. Das Herz ist
ihr eben gebrochen: daran mag man wohl sterben! Aber still, sie kommen. Der Zug
ging in derselben Ordnung ohne den Sarg, zurck. Daphnidion schlo sich an. Nur
Rusticiana fehlte. Ruhig schritt Cethegus den einsamen Gang auf und nieder, sie
zu erwarten.
    Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf. Sie wankte und drohte
zu fallen. Da ergriff er rasch ihren Arm. Rusticiana, fasse dich!
    Du hier? O Gott, du hast sie auch geliebt! Und wir, wir beide haben sie
ermordet! Und sie brach auf seine Schulter zusammen. Schweig, Unselige!
flsterte er, sich umsehend.
    Ach, ich, die eigne Mutter, habe sie gettet. Ich habe den Trank gemischt,
der ihm den Tod gebracht.
    Gut, dachte er, sie ahnt also nicht, da sie getrunken, geschweige, da ich
sie trinken sah. Es ist ein grausamer Streich des Geschicks, sagte er laut;
aber bedenke, was sollte werden, wenn sie lebte? Sie liebte ihn! - Was werden
sollte? rief Rusticiana, von ihm zurcktretend.
    O, wenn sie nur lebte! Wer kann wider die Liebe? Wre sie sein geworden,
sein Weib - seine Geliebte, wenn sie nur lebte! - Aber du vergit, da er
sterben mute. - Mute? warum mute er sterben? auf da du deine stolzen Plne
hinausfhrst! O Selbstsucht ohnegleichen! - Es sind deine Plne, die ich
ausfhre, nicht die meinen; wie oft mu ich dir's wiederholen? Du hast den Gott
der Rache heraufbeschworen, nicht ich: was klagst du mich an, wenn er Opfer von
dir fordert? Besinne dich besser. Lebe wohl.
    Aber Rusticiana fate heftig seinen Arm: Und das ist alles? Und weiter hast
du nichts, kein Wort, keine Trne fr mein Kind? Und du willst mich glauben
machen, um sie, um mich zu rchen habest du gehandelt? Du hast nie ein Herz
gehabt. Du hast auch sie nicht geliebt - kalten Blutes siehst du sie sterben -
ha, Fluch - Fluch ber dich. - Schweig, Unsinnige. - Schweigen? nein, reden
will ich und dir fluchen. O, wt' ich etwas, das dir wre, was mir Kamilla war!
O, mtest du, wie ich, deines ganzen Lebens letzte, einzige Freude fallen
sehen, fallen sehen und verzweifeln. Wenn ein Gott ist im Himmel, wirst du das
erleben.
    Cethegus lchelte.
    Du glaubst an keine Macht im Himmel, die vergelte? wohlan, glaub' an die
Rache einer jammervollen Mutter! Du sollst erzittern! ich eile zur Regentin und
entdecke ihr alles! Du sollst sterben! - Und du stirbst mit mir.
    Mit lachenden Augen, wenn ich dich verderben sehe. Und sie wollte hinweg.
Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm. Halt, Weib. Glaubst du, man sieht
sich nicht vor mit deinesgleichen? Deine Shne, Anicius und Severinus, die
Verbannten, sind heimlich in Italien, in Rom, in meinem Hause. Du weit, auf
ihrer Rckkehr steht der Tod. Ein Wort - und sie sterben mit uns: dann magst du
deinem Gatten auch die Shne, wie die Tochter, als durch dich gefallen zufhren.
Ihr Blut ber dein Haupt. Und rasch war er um die Ecke des Ganges biegend
verschwunden.
    Meine Shne! rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen. -
    Wenige Tage darauf verlie die Witwe des Bothius mit Corbulo und Daphnidion
den Knigshof fr immer. Vergebens suchte die Regentin sie zu halten.
    Der treue Freigelassene fhrte sie zurck auf die verborgne Villa bei
Tifernum, die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte. Sie baute
daselbst, an der Stelle des kleinen Venustempels, eine Basilika, in deren Krypta
eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde.
    Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet fr das Heil ihres Kindes
unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus, dessen wahre Beteiligung an
Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte: nur das durchschaute sie, da er Mutter
und Tochter als Werkzeuge seiner Plne gebraucht und in herzloser Klte des
Mdchens Glck und Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
    Und kaum minder unablssig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen
Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel empor.
    Die Stunde sollte nicht ausbleiben, die ihr die Schuld des Prfekten ganz
enthllte und auch die Rache nicht, die sie dafr vom Himmel niederrief.

                                Drittes Kapitel.


Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zher und grimmiger Kampf gefhrt.
    Die gotischen Patrioten, obwohl durch den pltzlichen Untergang ihres
jugendlichen Knigs schwer betrbt und fr den Augenblick berwunden, wurden
doch von ihren unermdlichen Fhrern bald wieder aufgerafft. Das hohe Ansehen
des alten Hildebrand, die ruhige Kraft des zurckberufenen Witichis und Tejas
wachsamer Eifer wirkten unablssig. Wir haben gesehen, wie es diesen Mnnern
gelungen war, Athalarich zur Abschttelung der Oberleitung seiner Mutter zu
verhelfen. Jetzt gelang es ihnen leicht, unter den Goten immer mehr Anhang zu
finden gegen eine Regentschaft, in welcher der ihnen als Hochverrter verhate
Cethegus mehr als je in den Vordergrund trat. Die Stimmung im Heer, in der
germanischen Bevlkerung von Ravenna war gengend zu einem entscheidenden
Schlage vorbereitet. Mit Mhe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen
zurck, bis sie, durch wichtige Bundesgenossen verstrkt, desto sicherer siegen
knnten.
    Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun, Ibba und Pitza, die
Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurckberufen hatte.
Thulun und Ibba waren Brder, Pitza ihr Vetter.
    Ein andrer Bruder der ersteren, Herzog Alarich, war vor Jahren wegen
angeblicher Verschwrung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht verschollen.
    Sie stammten aus dem berhmten Geschlecht der Balten, das bei den Westgoten
die Knigskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand an Alter und
Ansehn. Ihr Stammbaum fhrte, wie der des Knigshauses, bis zu den Gttern
hinauf. Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhngigen Colonen und der Ruhm ihrer
Kriegstaten erhhten Macht und Glanz ihres Hauses. Man sagte im Volk, Theoderich
habe eine Zeitlang daran gedacht, mit bergehung seiner Tochter und ihres
unmndigen Knaben, zum Heile des Reiches den krftigen Herzog Thulun zu seinem
Nachfolger zu bestellen.
    Und die Patrioten waren jetzt, nach dem Tode Athalarichs, entschlossen, fr
den uersten Fall, das heit, wenn die Regentin von ihrem System nicht
abzubringen sei, jene Gedanken wieder aufzunehmen.
    Cethegus sah das Gewitter heranziehen: er sah, wie das gotische
Volksbewutsein, von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen, sich immer
heftiger gegen die romanisierende Regentschaft strubte.
    Mit Unmut gestand er sich, da es ihm an wirklicher Macht fehle, diese
Unzufriedenheit niederzuhalten. Ravenna war nicht sein Rom, wo er die Werke
beherrschte, wo er die Brger wieder an die Waffen gewhnt und an seine Person
gefesselt hatte; hier waren alle Truppen Goten, und er mute frchten, da sie
einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit offnem Aufruhr beantworten
wrden. So fate er den khnen Gedanken, mit Einem Zug sich aus den Netzen, die
ihn zu Ravenna umstrickten, herauszureien: er beschlo, die Regentin,
ntigenfalls mit Gewalt, nach Rom zu bringen, nach seinem Rom: dort hatte er
Waffen, Anhang, Macht. Dort war Amalaswintha ausschlielich in seiner Gewalt und
die Goten hatten das Nachsehen.
    Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein. Sie sehnte
sich hinweg aus diesen Mauern, wo sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin
erschien. Sie verlangte nach Rom, nach Freiheit und Macht. Rasch wie immer traf
Cethegus seine Maregeln. Auf den krzern Weg zu Lande mute er verzichten, da
die groe Via flaminia sowohl als die andern Straen von Ravenna nach Rom durch
gotische Scharen, die Witichis befehligte, bedeckt waren und daher zu frchten
stand, da ihre Flucht auf diesem Wege zu frh entdeckt und vielleicht
verhindert wrde. So mute er sich entschlieen, einen Teil des Weges zur See
zurckzulegen: aber auf die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu
einem solchen Zweck nicht zhlen.
    Zum Glck erinnerte sich der Prfekt, da der Nauarch Pomponius, einer der
Verschwornen, mit drei Trieren zuverlssiger, d.h. rmischer Bemannung an der
Ostkste des Adriatischen Meeres, zwischen Ancona und Teate, auf afrikanische
Seeruber Jagd machend, kreuzte. Diesem sandte er Befehl, in der Nacht des
Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen. Er hoffte vom Garten
des Palastes aus, unter dem Schutz der Dunkelheit und whrend kirchliche und
weltliche Festfeier die Stadt beschftigte, leicht und sicher mit Amalaswintha
die Schiffe zu erreichen, die sie zur See ber die gotischen Stellungen hinaus
bis nach Teate bringen sollten: von da aus war der Weg nach Rom kurz und
ungefhrdet.
    Diesen Plan im Bewutsein - sein Bote kam glcklich hin und zurck mit dem
Versprechen des Pomponius, pnktlich einzutreffen - lchelte der Prfekt zu dem
tglich wachsenden, trotzigen Ha der Goten, die seine Gnstlingsstellung bei
Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten. Er ermahnte diese, geduldig auszuharren
und nicht durch einen Ausbruch ihres kniglichen Zornes ber die Rebellen vor
dem Tag der Befreiung einen Zusammensto herbeizufhren, der leicht alle Plne
der Rettung vereiteln konnte.
    Das Epiphaniasfest war gekommen: das Volk wogte in dichten Massen in den
Basiliken, auf den Pltzen der Stadt. Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet
und gepackt bereit, ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs. Es war Mittag.
Amalaswintha und der Prfekt hatten soeben ihren Freund Cassiodor von dem Plan
unterrichtet, dessen Khnheit ihn anfangs erschreckte, dessen Klugheit ihn
alsbald gewann. Sie wollten gerade aus dem Gemach der Beratung aufbrechen, als
pltzlich der Lrm des Volkes, das vor dem Palast auf und nieder flutete, lauter
und heftiger anschwoll: Drohungen, Jubelrufe, Waffenklirren wild durcheinander.
    Cethegus schlug den Vorhang des groen Rundbogenfensters zurck: doch er sah
nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrngen in die offenen Tore des
Palastes. Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken.
    Aber schon stieg im Palatium das Getse die Treppen hinan, Zank mit der
Dienerschaft wurde hrbar, einzelne Waffenschlge, bald nahe, schwere Tritte.
Amalaswintha bebte nicht: fest hielt sie den Drachenknauf des Thronstuhls, auf
den Cassiodor sie zurckgefhrt.
    Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen. Halt, rief er,
unter der Tre des Gemaches hinaus, die Knigin ist fr niemand sichtbar.
    Einen Augenblick lautlose Stille.
    Dann rief eine krftige Stimme: Wenn fr dich Rmer, auch fr uns, fr ihre
gotischen Brder. Vorwrts!
    
    Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war
Cethegus, ohne Anwendung bestimmter Gewalt, von dem Andrang der Masse wie von
unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales
zurckgeschoben, und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron.
    Es waren Hildebrand, Witichis, Teja, ein baumlanger Gote, den Cethegus nicht
kannte, und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge Thulun, Ibba
und Pitza, in voller Rstung, drei prachtvolle Kriegergestalten. Die
Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron. Dann rief Herzog Thulun nach rckwrts
gewendet mit der Handbewegung eines gebornen Herrschers: Ihr, gotische Mnner,
harret noch drauen eine kurze Weile; wir wollen's in eurem Namen mit der
Regentin zu schlichten suchen. Gelingt es nicht - so rufen wir euch auf zur Tat
- ihr wit, zu welcher.
    Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurck und
verloren sich bald in den Gngen und Hallen des Schlosses.
    Tochter Theoderichs, hob Herzog Thulun an, das Haupt zurckwerfend, wir
sind gekommen, weil uns dein Sohn, der Knig, zurckberufen. Leider finden wir
ihn nicht mehr am Leben. Wir wissen, da du uns nicht gerne hier siehst.
    Wenn ihr das wit, sprach Amalaswintha mit Hoheit, wie knnt ihr wagen,
dennoch vor unser Angesicht zu treten? Wer gestattet euch, wider unsern Willen
zu uns zu dringen? - Die Not gebeut es, hohe Frau, die Not, die schon strkere
Riegel gebrochen als eines Weibes Laune. Wir haben dir die Forderungen deines
Volkes vorzutragen, die du erfllen wirst. - Welche Sprache! Weit du, wer vor
dir steht, Herzog Thulun? - Die Tochter der Amalungen, deren Kind ich ehre,
auch wo es irrt und frevelt. - Rebell! rief Amalaswintha und erhob sich
majesttisch vom Throne, dein Knig steht vor dir. Aber Thulun lchelte: Du
wrdest klger tun, Amalaswintha, von diesem Punkt zu schweigen. Knig
Theoderich hat dir die Mundschaft ber deinen Sohn bertragen, dem Weibe: - das
war wider Recht, aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe. Er
hat diesen Sohn zum Nachfolger gewnscht, den Knaben: - das war nicht klug. Aber
Adel und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch eines
Knigs, der sonst weise war. Niemals jedoch hat er gewnscht, und niemals htten
wir gebilligt, da nach jenem Knaben ein Weib ber uns herrschen solle, die
Spindel ber die Speere.
    So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Knigin? rief sie emprt.
Und auch du, Hildebrand, alter Freund Theoderichs, auch du verleugnest seine
Tochter?
    Frau Knigin, sprach der Alte, wollest du selbst verhten, da ich dich
verleugnen mu.
    Thulun fuhr fort: Wir verleugnen dich nicht - noch nicht. Jenen Bescheid
gab ich nur, weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen mut, da du ein
Recht nicht hast.
    Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst -
und weil es in diesem Augenblick zu bsem Zwiespalt im Reich fhren knnte,
wollten wir dir die Krone absprechen, so will ich dir die Bedingungen sagen,
unter denen du sie frder tragen magst.
    Amalaswintha litt unsglich: wie gern htte sie das stolze Haupt, das solche
Worte sprach, dem Henker geweiht. Und machtlos mute sie das dulden! Trnen
wollten in ihr Auge dringen: sie prete sie zurck, aber erschpft sank sie auf
ihren Thron, von Cassiodor gesttzt.
    Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten: Bewillige alles!
raunte er ihr zu, 's ist alles erzwungen und nichtig. Und heute nacht noch
kmmt Pomponius.
    Redet, sprach Cassiodor, aber schont des Weibes, ihr Barbaren. - Ei,
lachte Herzog Pitza, sie will ja nicht als Weib behandelt sein: sie ist ja
unser Knig.
    Ruhig, Vetter, verwies ihn Herzog Thulun, sie ist von edlem Blut wie
wir.
    Frs erste, fuhr er fort, entlt du aus deiner Nhe den Prfekten von
Rom. Er gilt fr einen Feind der Goten. Er darf nicht die Gotenknigin beraten.
An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis.
    Bewilligt! sagte Cethegus selbst, statt Amalaswinthas.
    Frs zweite erklrst du in einem Manifest, da fortan kein Befehl von dir
vollziehbar, der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet, da kein
Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gltig ist.
    Die Regentin fuhr zornig auf, aber Cethegus hielt ihren Arm nieder. Heute
nacht kommt Pomponius! flsterte er ihr zu. Dann rief er laut: Auch das wird
zugestanden.
    Das dritte, hob Thulun wieder an, wirst du so gern gewhren, als wir es
empfangen. Wir drei Balten haben nicht gelernt, in der Hofburg die Hupter zu
bcken: das Dach ist uns zu niedrig hier. Amaler und Balten leben am besten weit
voneinander - wie Adler und Falk. Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen
Marken. Die Nachbarn whnen, das Land sei verwaiset, seit dein groer Vater ins
Grab stieg. Avaren, Gepiden, Sklavenen springen ungescheut ber unsre Grenzen.
Diese drei Vlker zu zchtigen, rstest du drei Heere, je zu dreiig
Tausendschaften und wir drei Balten fhren sie als deine Feldherrn nach Osten
und nach Norden.
    Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hnde: - nicht bel! dachte Cethegus.
Bewilligt, rief er lchelnd.
    Und was bleibt mir, fragte Amalaswintha, wenn ich all' das euch
dahingegeben?
    Die goldne Krone auf der weien Stirn, sagte Herzog Ibba.
    Du kannst ja schreiben wie ein Grieche, begann Thulun aufs neue. Wohlan,
man lernt solche Knste nicht umsonst. Hier dies Pergament soll enthalten - mein
Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern.
    Er reichte es Witichis zur Prfung: Ist es so? Gut. Das wirst du
unterschreiben, Frstin. - So, wir sind fertig. Jetzt sprich du, Hildebad, mit
jenem Rmer.
    Doch vor ihn trat Teja, die Rechte am Schwert, zitternd vor Ha: Prfekt
von Rom, sagte er, Blut ist geflossen, edles, teures, gotisches Blut. Es weiht
ihn ein, den grimmen Kampf, der bald entbrennen wird. Blut, das du ben - der
Zorn erstickte seine Stimme.
    Pah, rief, ihn zurckschiebend, Hildebad - denn er war der baumlange Gote
- macht nicht soviel Aufhebens davon! Mein goldner Bruder kann leicht etwas
missen von berflssigem Blut. Und der andre hat mehr verloren, als er missen
kann. Da, du schwarzer Teufel, rief er Cethegus zu und hielt ihm ein breites
Schwert dicht vor die Augen, kennst du das?
    Des Pomponius Schwert! rief dieser erbleichend und einen Schritt
zurckweichend. Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken: Pomponius?
    Aha, lachte Hildebad, nicht wahr, das ist schlimm? Ja, aus der
Wasserfahrt kann nichts werden.
    Wo ist Pomponius, mein Nauarch? rief Amalaswintha heftig.
    Bei den Haifischen, Frau Knigin, in tiefer See.
    Ha, Tod und Vernichtung! rief Cethegus, jetzt fortgerissen vor Zorn, wie
geht das zu?
    Lustig genug. Sieh, mein Bruder Totila - du kennst ihn ja, nicht wahr? -
lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen. Dein Freund Pomponius, der
machte ihm seit einigen Tagen ein so bermtiges Gesicht und lie so dicke Worte
fallen, da es selbst meinem arglosen Blonden auffiel. Pltzlich ist er eines
Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen entwischt. Totila schpft
Verdacht, setzt alle Leinwand auf, fliegt ihm nach, holt ihn ein auf der Hhe
von Pisaurum, stellt ihn, geht zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und
fragt ihn, wohinaus?
    Er hatte kein Recht dazu, Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben haben.
    Doch, Vortrefflicher, er gab ihm eine. Wie der sah, da wir zu sieben
allein auf seinem Schiff, da lachte er und rief: Wohin ich segle? Nach Ravenna,
du Milchbart, und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom. Und dabei
winkte er seinen Leuten. Da warfen aber auch wir die Schilde vor und hui, flogen
die Schwerter aus den Scheiden. Das war ein harter Stand, sieben gegen dreiig.
Aber es whrte zum Glck nicht lang, da hrten unsre Bursche im nchsten Schiff
das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren Booten heran und erkletterten
wie die Katzen die Wandung. Jetzt waren wir die mehreren: aber der Nauarch - gib
dem Teufel sein Recht! - gab sich nicht, focht wie ein Rasender und stie meinem
Bruder das Schwert durch den Schild in den linken Arm, da es hoch aufspritzte.
Da aber ward mein Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib, da
er fiel wie ein Schlachtstier. Grt mir den Prfekten, sprach er sterbend,
gebt ihm das Schwert, sein Geschenk, zurck und sagt ihm, es kann keiner wider
den Tod: sonst htte ich Wort gehalten. Ich hab's ihm gelobt, es zu besttigen.
Er war ein tapfrer Mann. Hier ist das Schwert.
    Schweigend nahm es Cethegus.
    Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder fhrte sie zurck nach Ancona. Ich
aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den drei Balten
zusammen, gerade zur rechten Zeit.
    Eine Pause trat ein, in welcher die berwundnen ihre bse Lage schmerzlich
berdachten. Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern
Hoffnung auf die Flucht, die nun vereitelt war.
    Sein schnster Plan war durchkreuzt, durchkreuzt von Totila: tief grub der
Ha diesen Namen in des Prfekten Seele. Sein grimmiges Rachesinnen ward erst
durch den Ausruf Thuluns gestrt: Nun, Amalaswintha, willst du unterzeichnen?
oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Knigs berufen?
    Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder: er nahm die
Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin: Du mut, o
Knigin, sagte er leise, es bleibt dir keine Wahl. Cassiodor gab ihr den
Griffel, sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurck.
    Wohl, sagte er, wir gehn, den Goten zu verknden, da ihr Reich gerettet
ist. Du, Cassiodor, begleitest uns, zu bezeugen, da alles ohne Gewalt geschehen
ist.
    Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den gotischen
Mnnern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse. Als sie sich mit Cethegus allein
sah, sprang die Frstin heftig auf: nicht lnger gebot sie ihren Trnen.
Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn. Ihr Stolz war aufs tiefste
gebeugt. Schwerer als des Gatten, des Vaters, ja selbst als Athalarichs Verlust
traf diese Stunde ihr Herz. Das, rief sie laut weinend, das also ist die
berlegenheit der Mnner. Rohe, plumpe Gewalt! o Cethegus, alles ist verloren.
    Nicht alles, Knigin, nur ein Plan. Ich bitte um ein gndiges Andenken,
setzte er kalt hinzu, ich gehe nach Rom.
    Wie? du verlt mich in diesem Augenblick? Du, du hast mir all diese
Versprechungen abgewonnen, die mich entthronen, und nun scheidest du? O besser,
ich htte widerstanden, dann wr' ich Knigin geblieben, htten sie auch jenem
Rebellenherzog die Krone aufgesetzt.
    Jawohl, dachte Cethegus, besser fr dich, schlimmer fr mich. Nein, kein
Held soll mehr diese Krone tragen. - Rasch hatte er erkannt, da Amalaswintha
ihm nichts mehr ntzen knne - und rasch gab er sie auf. Schon sah er sich nach
einem neuen Werkzeug fr seine Plne um. Doch beschlo er, ihr einen Teil seiner
Gedanken zu enthllen, damit sie nicht auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre
Versprechungen widerriefe und dadurch Thulun die Krone zuwende. Ich gehe, o
Herrin, sprach er, doch ich verlasse dich darum nicht. Hier kann ich dir
nichts mehr ntzen. Man hat mich aus deiner Nhe verbannt und man wird dich
hten, eiferschtig wie eine Geliebte.
    Aber was soll ich tun mit diesen Versprechungen, mit diesen drei Herzogen?
    Abwarten, zunchst dich fgen. Und die drei Herzoge, setzte er zgernd bei
- die ziehn ja in den Krieg - vielleicht kehren sie nicht zurck.
    Vielleicht! seufzte die Regentin. Was ntzt ein vielleicht! Cethegus
trat fest auf sie zu: Sie kehren nicht zurck - sobald du's willst.
Erschrocken bebte die Frau: Mord? Entsetzlicher, was sinnst du? - Das
Notwendige. Mord ist das falsche Wort dafr. Es ist Notwehr. Oder Strafe.
Hattest du in dieser Stunde die Macht, du hattest das volle Recht, sie zu tten.
Sie sind Rebellen. Sie zwingen deinen kniglichen Willen. Sie erschlagen deinen
Nauarchen, den Tod haben sie verdient.
    Und sie soll'n ihn finden, flsterte Amalaswintha, die Faust ballend, vor
sich hin, sie soll'n nicht leben, die rohen Mnner, die eine Knigin gezwungen.
Du hast recht - sie sollen sterben. - Sie mssen sterben - sie, und, fgte er
ingrimmig bei, und - - der junge Seeheld!
    Warum auch Totila? Er ist der schnste Jngling meines Volks.
    Er stirbt, knirschte Cethegus, o, knnt' er zehnmal sterben.
    Und aus seinem Auge sprhte eine Glut des Hasses, die, pltzlich aus der
eisigkalten Natur brechend, Amalaswintha in Schrecken berraschte. Ich schicke
dir, fuhr er rasch und leise fort, aus Rom drei vertraute Mnner, isaurische
Sldner. Die sendest du den drei Balten nach, sobald sie in ihren Heerlagern
eingetroffen. Hrst du, du sendest sie, die Knigin: denn sie sind Henker, keine
Mrder. Die drei mssen an Einem Tage fallen. - Fr den schnen Totila sorge ich
selbst! Der Schlag wird alles erschrecken. In der ersten Bestrzung der Goten
eile ich von Rom herbei. Mit Waffen, dir zur Rettung. Leb' wohl.
    Er verlie rasch die Hilflose, an deren Ohr in diesem Augenblick von dem
Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug, die den
Erfolg ihrer Fhrer, die Besiegung Amalaswinthas feierten.
    Sie fhlte sich ganz verlassen.
    Da die letzte Verheiung des Prfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort
zur Beschnigung seines Abgangs war, ahnte sie mit banger Seele. Gramvoll
sttzte sie die Wange auf die schne Hand und verlor sich eine Weile finster in
ihren ratlosen Gedanken. Da rauschten die Vorhnge des Gemaches: ein
Palastbeamter stand vor ihr: Gesandte von Byzanz bitten um Gehr. Justinus ist
gestorben: Kaiser ist sein Neffe Justinian. Er bietet dir seinen brderlichen
Gru und seine Freundschaft.
    Justinianus! rief die ganze Seele der bedrngten Frau. Sie sah sich ihres
Sohnes beraubt, von ihrem Volk bedroht, von Cethegus verlassen: ringsumher hatte
sie in trbem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht, und aufatmend aus tiefer
Brust wiederholte sie jetzt: Byzanz - Justinianus!

                                Viertes Kapitel.


In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer, der von Florenz
heranzieht, rechts von der Strae die Ruinen eines ausgedehnten villenartigen
Gebudes.
    Efeu, Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trmmer berkleidet:
die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen, die
Erde ihrer Weingrten an den Hgelrndern aufzudmmen. Aber noch immer
bezeichnen die Reste deutlich, wo die Sulenhalle vor dem Hause, wo das
Mittelgebude, wo die Hofmauer stand. ppig wuchert das Unkraut auf dem
Wiesgrund, wo dereinst der schne Garten in Zier und Ordnung prangte: nichts
davon hat sich erhalten als das breite Marmorbecken eines lngst vertrockneten
Brunnens, in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt.
    Aber in den Tagen, von denen wir erzhlen, sah es hier viel anders aus. Die
Villa des Mcen bei Fsul, wie man das Gebude damals, wohl mit wenig Fug,
benannte, war von glcklichen Menschen bewohnt, das Haus von sorglicher
Frauenhand bestellt, der Garten von hellem Kindeslachen belebt. Zierlich war die
rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken Schften der korinthischen
Sulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich schmckend ber das flache Dach.
Mit weiem Sande waren die schlngelnden Wege des Gartens bestreut und in den
Nebengebuden, die der Wirtschaft dienten, glnzte eine Reinlichkeit, waltete
eine stille Ordnung, die nicht auf rmische Sklavenhnde raten lie.
    Es war um Sonnenuntergang.
    Die Knechte und Mgde kehrten von den Feldern zurck: die hoch mit Heu
beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt, schwankten heran:
von den Hgeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu, von groen
zottigen Hunden umbellt.
    Dicht vor dem Hoftor gab es die lebendigste Szene des bunten Schauspiels:
ein paar rmische Sklaven trieben mit tobenden Gebrden und gellendem Geschrei
die keuchenden Pferde eines grausam berladnen Wagens an: nicht mit
Peitschenhieben, sondern mit Stcken, deren Eisenspitzen sie den Tieren immer in
dieselbe wunde Stelle stieen. Nur ruckweise ging es trotzdem vorwrts. Jetzt
lag ein groer Stein vor dem linken Vorderrad, jeden Fortschritt unmglich
machend. Aber der wtige Italier sah es nicht.
    Vorwrts, Bestie, und Kind einer Bestie, schrie er dem zitternden Rosse
zu, vorwrts, du gotisches Faultier! Und ein neuer Stich mit dem Stachel und
ein neuer verzweifelter Ruck: aber das Rad ging nicht ber den Stein, das
gequlte Tier strzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureien. Darber
wurde der Treiber erst recht grimmig. Warte, du Racker! schrie er und schlug
nach dem Auge des zuckenden Rosses. - Aber nur einmal schlug er, im nchsten
Augenblick strzte er selbst wie blitzgetroffen unter einem mchtigen Streiche
nieder.
    Davus, du boshafter Hund! brllte eine Brenstimme und ber dem Gefallenen
stand schier noch mal so lang und gewi noch mal so breit wie der erschrockene
Tierquler ein ungeheurer Gote, einen derben Knttel wiederholt auf den Rcken
des Schreienden schwingend.
    Du elender Neiding, schlo er mit einem Futritt, ich will dich lehren,
umgehn mit einem Geschpf, das sechsmal besser ist als du. Ich glaube, du
Schandbub qulst den Hengst, weil er von jenseit der Berge ist. Noch einmal la
mich das sehn, und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe. Jetzt auf und
abgeladen: - du trgst alle Schwaden, die zuviel sind, auf deinem eignen Rcken
in die Scheuer. Vorwrts.
    Mit einem giftigen Blick stand der Gezchtigte auf und schickte sich hinkend
an, zu gehorchen.
    Der Gote hatte das zuckende Ro sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt
sorglich die geschrften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und Wasser.
    Kaum war er damit zu Ende, als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle
Knabenstimme rief: Wachis, hierher, Wachis! - Komme schon, Athalwin, mein
Bursch, was gibt's? - und schon stand er in der offnen Tre des Pferdestalles,
neben einem schnen Knaben von sieben bis acht Jahren, der sich heftig die
langen, gelben Haare aus dem erglhenden Antlitz strich und mit Mhe in den
himmelblauen Augen zwei Trnen des Zornes zerdrckte. Er hatte ein zierlich
geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es drohend gegen einen
schwarzbraunen Sklaven, der mit gebognem Nacken und mit geballten Fusten
trotzig ihm gegenberstand.
    Was gibt's da? wiederholte Wachis ber die Schwelle tretend.
    Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen, und sieh nur, zwei Bremsen
haben sich eingesogen oben an seinem Bug, wo er mit der Mhne nicht hinreichen
kann und ich nicht mit der Hand und der bse Cacus da, wie ich's ihm sage, will
mir nicht folgen: und gewi hat er mich geschimpft auf rmisch, was ich nicht
verstehe. Wachis trat drohend nher.
    Ich habe nur gesagt: sprach Cacus langsam zurckweichend, erst ess' ich
meine Hirse; das Tier mag warten; bei uns zu Lande kmmt der Mensch vor dem
Vieh. - So, du Tropf? sagte Wachis, die Bremsen erschlagend, bei uns kommt
das Ro vor dem Reiter zum Futter; mach vorwrts.
    Aber Cacus war stark und trotzig: er warf den Kopf auf und sagte: wir sind
hier in unserm Land - da gilt unser Brauch. - Eia, du verfluchter Schwarzkopf,
wirst du gehorchen? sprach Wachis ausholend. - Gehorchen? Nicht dir! Du bist
auch nur ein Sklave wie ich: und meine Eltern haben schon hier im Hause gelebt
als deinesgleichen noch Kh' und Schafe stahlen jenseit der Berge. Wachis lie
den Knttel fallen und wiegte seine Arme: Hre, Cacus, ich habe ohnehin noch
einen Span mit dir, du weit schon, was fr einen. Jetzt geht's in einem hin. -
Ha, lachte Cacus hhnisch, wegen Liuta, der Flachsdirn? Pah, ich mag sie
nicht mehr, die Barbarin. Sie tanzt wie eine Jungkuh. - Jetzt ist's aus mit
dir, sagte Wachis ruhig und schritt auf seinen Gegner zu. Aber dieser wandte
sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten, ri ein spitzes Messer aus der
Brustfalte des Wollrocks und warf es nach ihm: da sich Wachis bckte, sauste es
haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Tr. Na,
warte, du Mordwurm! rief der Germane und wollte sich auf Cacus werfen; da
fhlte er sich von hinten umklammert.
    Es war Davus, der die Gelegenheit der Rache scharf erpat hatte.
    Aber jetzt ward Wachis sehr zornig.
    Er schttelte ihn ab, packte ihn mit der Linken am Genick, erwischte mit der
Rechten Cacus an der Brust und stie nun mit Brenkraft seinen beiden Gegnern
die Kpfe zusammen, jeden Sto mit einem Ausruf begleitend, so, meine Jungen -
das fr das Messer - und das fr den Rckensprung - und den fr die Jungkuh -
und wer wei, wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert haben wrde,
htte sie nicht ein lautes Rufen gestrt.
    Wachis - Cacus - auseinander sag' ich! rief eine volle starke
Frauenstimme, und vor der Tr erschien ein stattliches Weib in blauem gotischem
Gewand. Sie war nicht gro und doch imposant: ihr schner Bau eher mchtig als
zart. Die goldbraunen Haare waren in reichen, doch einfachen Flechten um das
runde Haupt geschlungen, die Zge regelmig, aber eher fest als fein
gezeichnet. Geradheit, Tchtigkeit, Verlssigkeit sprachen aus den fast
allzugroen graublauen Augen: die unbedeckten vollen Arme zeigten, da sie der
Arbeit nicht fremd. An ihrem breiten Grtel, ber den das braune Untergewand von
selbstgewirktem Zeuge bauschte, klirrte ein Bund von Schlsseln: die Linke
stemmte sie ruhig in die Hfte und befehlend streckte sie die Rechte vor sich
hin.
    Eia, Rauthgundis, strenge Frau, sagte Wachis loslassend, mut du denn
berall die Augen haben?
    berall, wo mein Gesinde Unfug treibt. Wann werdet ihr lernen, euch
vertragen? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause. Aber du, Wachis, solltest
nicht auch der Hausfrau Verdru machen. Komm, Athalwin, mit mir. Und sie fhrte
den Knaben an der Hand mit fort.
    Sie ging in den Seitenhof und fllte aus einer Truhe Krner in ihr Gewand,
die Hhner und Tauben zu fttern, die sie sogleich dicht umdrngten.
    Athalwin sah eine Weile schweigend zu. Endlich sagte er: Du, Mutter, ist's
wahr? ist der Vater ein Ruber?
    Rauthgundis hielt inne in ihrem Tun und sah das Kind an: Wer hat das
gesagt?
    Wer? Ei, des Nachbars Calpurnius Neffe. Wir spielten auf dem groen
Heuhaufen seiner Wiese drben berm Zaun und ich zeigte ihm, wie weit das Land
uns gehre rechts vom Zaun - weit und breit - soweit unsre Knechte mhten und
fern der Bach schimmerte. Da ward er zornig und sagte: Ja, und all' das Land
gehrte frher uns, und dein Vater oder dein Grovater, die haben's gestohlen,
die Ruber.
    So? und was sagtest du drauf?
    Ei, gar nichts, Mutter. Ich warf ihn nur ber den Heuhaufen hinunter, da
er die Fe gen Himmel schlug. Aber jetzt, nachderhand, mcht' ich doch wissen,
ob's wahr ist.
    Nein, Kind, es ist nicht wahr. Gestohlen hat's der Vater nicht. Aber offen
genommen, weil er besser war und strker als diese Welschen. Und alle starken
Helden haben's immer so gemacht zu allen Zeiten. Und die Welschen in den Tagen,
da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach, am allermeisten. Aber nun komm,
wir mssen nach dem Linnen sehen, das auf dem Anger zur Bleiche liegt.
    Als sie nun den Stallungen den Rcken wandten und dem nahen Grashgel links
vom Hause zuschritten, hrten sie den raschen Hufschlag eines Rosses, das auf
der alten rmischen Heerstrae nahte. Rasch hatte Athalwin den Gipfel des Hgels
erreicht und blickte nach der Strae hin.
    Da sprengte ein Reiter auf einem mchtigen Braunen die Waldhhe herab auf
die Villa zu: hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze, die er schrg
ber dem Rcken trug.
    Der Vater, Mutter, der Vater! rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind den
Hgel hinab dem Reiter entgegen.
    Rauthgundis hatte jetzt auch die Hhe erreicht. Ihr Herz pochte. Sie legte
die Hand vors Auge, in die schimmernde Abendrte zu schauen: dann sagte sie
still glcklich vor sich hin: Ja, er ist's. Mein Mann!

                                Fnftes Kapitel.


Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an seinem
Fu hinan. Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor
sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran: lustig wieherte Wallada, das
edle Tier, einst Theoderichs Streitro, die Heimat und die Herrin erkennend und
schlug freudig mit dem langen wallenden Schweif.
    Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben. mein liebes Weib!
sprach er, sie herzlich umarmend. Mein Witichis! flsterte sie, an seiner
Brust erglhend, entgegen, willkommen bei den Deinen. - Ich hatte
versprochen, noch vor dem neuen Mond zu kommen - schwer ging's -
    Aber du hieltst Wort wie immer. - Mich zog das Herz, sagte er, den Arm
um sie schlingend. Sie schritten langsam dem Hause zu. Dir, Athalwin, ist,
scheint's, Wallada wichtiger als der Vater, lchelte er dem Kleinen zu, der
sorgfltig das Pferd am Zgel nachfhrte.
    Nein, Vater, aber gib mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir's selten
hier in dem Bauernleben - und den langen schweren Speerschaft mit Mhe
einherschleppend, rief er laut: he, Wachis, Ansbrand, der Vater ist da! - Jetzt
holt den Falernerschlauch aus dem Keller. Der Vaterhat Durst vom scharfen Ritt.
    Lchelnd strich Witichis ber den Flachskopf des Knaben, der jetzt an ihnen
vorber und voran eilte. Nun, und wie steht's hier drauen bei euch? fragte
er, auf Rauthgundis blickend. Gut, Witichis, die Ernte ist glcklich
eingebracht, die Trauben gestampft, die Garben geschichtet. - Nicht danach
frag' ich, sagte er, sie zrtlich an sich drckend, - wie geht es dir? -
Wie's einem armen Weibe geht, antwortete sie, zu ihm aufblickend, das seinen
herzgeliebten Mann vermit. Da hilft nur Arbeit, Freund, und tchtig Schaffen,
da man das weiche Herz betubt. Oft denk' ich, wie hart du dich mhen mut,
drauen, unter fremden Leuten, im Lager und am Hof, wo niemand dein in Treuen
pflegt. Da soll er wenigstens, denk' ich dann, kmmt er heim, sein Haus immer
wohl bestellt und traulich finden.
    Und das ist's, sieh, was mir all' die dumpfe Arbeit lieb macht und weihet
und veredelt.
    Du bist mein wackeres Weib. Mhst du dich nicht zuviel?
    Die Arbeit ist gesund. Aber der Verdru, die Bosheit der Leute, das tut mir
weh. Witichis blieb stehen. Wer wagt's, dir weh zu tun? - Ach, die welschen
Knechte und die welschen Nachbarn.
    Sie hassen uns alle. Weh uns, wenn sie uns nicht mehr frchten. Calpurnius,
der Nachbar, ist so frech, wenn er dich ferne wei, und die rmischen Sklaven
sind trotzig und falsch; nur unsre gotischen Knechte sind brav.
    Witichis seufzte. Sie waren jetzt vor dem Hause angelangt und lieen in dem
Sulengang sich vor einem Marmortisch nieder. Du mut bedenken, sagte
Witichis, der Nachbar hat ein Drittel seines Guts und seiner Sklaven an uns
abtreten mssen. - Und hat zwei Drittel behalten und das Leben dazu - er
sollte Gott danken! meinte Rauthgundis verchtlich.
    Da sprang Athalwin heran mit einem Korb voll pfeln, die er vom Baum
gepflckt; dann kamen Wachis und die andern germanischen Knechte mit Wein,
Fleisch und Kse und sie begrten den Herrn mit freimtigem Handschlag. Gut,
meine Kinder, seid gegrt. Die Frau lobt euch. Aber wo stecken Davus, Cacus und
die andern? - Verzeih, Herr, schmunzelte Wachis, sie haben ein schlecht
Gewissen.
    Warum? Weshalb? - Ei, ich glaube, - weil ich sie ein bichen geprgelt
habe - sie schmen sich. Die andern Knechte lachten. Nun, es kann ihnen nicht
schaden, meinte Witichis, geht jetzt zu eurem Essen. Morgen seh' ich nach
eurer Arbeit. Die Knechte gingen. Was ist's mit Calpurnius, fragte Witichis,
sich einschenkend. Rauthgundis errtete und besann sich: Das Heu von der
Bergwiese, sagte sie dann, das unsre Knechte gemht, hat er nachts in seine
Scheuer geschafft und gibt es nicht heraus. - Er wird es schon herausgeben,
mein' ich .... sagte er ruhig, trinkend. - Jawohl, rief Athalwin lebhaft,
das mein' ich auch. Und gibt er's nicht - mir noch lieber! Dann sagen wir Fehde
an und ich zieh' hinber mit Wachis und den reisigen Knechten, mit Waffen und
Wehr. Er sieht mich immer so giftig an, der schwarze Schleicher.
    Rauthgundis wies ihn zur Ruh' und schickte ihn schlafen. Wohl, ich gehe,
sagte er, aber, Vater, wenn du wiederkmmst, bringst du mir statt dieses
Steckens da ein richtig Gewaffen mit, nicht wahr? Und er hpfte ins Haus.
    Der Streit mit diesen Welschen endet nie, sagte Witichis, er vererbt sich
auf die Kinder. Du hast hier allzuviel Verdru damit. Desto lieber wirst du tun,
was ich dir vorschlage: komm mit nach Ravenna an den Hof.
    Hoch erstaunt blickte ihn das Weib an: Du scherzest! sagte sie unglubig.
Du hast das nie gewollt. In den neun Jahren, die ich dein bin, ist dir's nie
eingefallen, mich an den Hof zu fhren: ich glaube, es wei niemand in dem Volk,
da eine Rauthgundis lebt. Du hast ja unsere Ehe geheim gehalten, lchelte sie,
wie eine Schuld. - Wie einen Schatz, sagte Witichis, die Arme um sie
schlingend. - Ich habe dich nie gefragt, warum. Ich war und bin glcklich dabei
und dachte und denke: er wird wohl seinen Grund haben.
    Ich hatte meinen guten Grund: er besteht nicht mehr. Du magst nun alles
wissen. Wenige Monate, nachdem ich dich gefunden in deiner Felseneinsamkeit und
lieb gewonnen, kam Knig Theoderich auf den seltsamen Gedanken, mich seiner
Schwester Amalaberga, der Witwe des Thringerknigs, zu vermhlen, die gegen
ihre schlimmen Nachbarn, die Franken, Mannesschutz bedurfte. - Du solltest
dort die Krone tragen? sprach Rauthgundis mit strahlenden Augen. - Mir aber,
fuhr Witichis fort, war Rauthgundis lieber als Knigin und Krone, und ich sagte
nein.
    Es verdro ihn schwer, und er verzieh mir nur, als ich ihm sagte, ich wrde
wohl niemals freien. Konnt' ich doch damals nicht hoffen, dich je mein zu
nennen: du weit, wie lange dein Vater mitrauisch und eisern dich mir nicht
anvertrauen wollte. Als du nun aber doch mein geworden, da hielt ich's nicht fr
wohlgetan, ihm das Weib zu zeigen, um das ich seine Schwester ausgeschlagen.
    Aber warum hast du mir das verschwiegen, neun Jahre lang?
    Weil, sagte er, ihr herzlich in die Augen blickend, weil ich meine
Rauthgundis kenne. Du httest immer geglaubt, Wunder was ich an jener Krone
verloren. Jetzt aber ist der Knig tot und ich bin dauernd an den Hof gebunden.
Wer wei, wann ich wieder ruhen werde im Schatten dieser Sulen, im Frieden
dieses Daches.
    Und in kurzen Worten erzhlte er ihr den Sturz des Prfekten, und welche
Stellung er nunmehr einnahm bei Amalaswinthen. Aufmerksam hrte ihn Rauthgundis
an; dann drckte sie ihm die Hand: Das ist wacker, Witichis, da die Goten
allmhlich merken, was sie an dir haben. Und du bist heiterer, denk' ich, als
sonst.
    Ja, mir ist wohler, seit ich mit tragen darf an der Last der Zeit. Dabei
stehen und sie wuchtig drcken sehen auf mein Volk, war viel schwerer. Mich
dauert dabei nur die Regentin; sie ist wie eine Gefangene.
    Bah, warum hat das Weib gegriffen in das Amt der Mnner. Mir fiele das nie
ein.
    Du bist keine Knigin, Rauthgundis, und Amalaswintha ist stolz.
    Ich bin zehnmal so stolz wie sie. Aber so eitel bin ich nicht. Sie mu nie
einen Mann geliebt haben und seinen Wert und seine Art begriffen. Sie knnte
sonst nicht die Mnner ersetzen wollen.
    Am Hof sieht man das anders an. Komm nur mit an den Hof.
    Nein, Witichis, sagte sie ruhig, aufstehend, der Hof pat nicht fr mich.
Und ich nicht fr den Hof. Ich bin des dbauern Kind und gar unhfisch geartet.
Sieh diesen braunen Nacken, lachte sie, und diese rauhen Hnde. Ich kann nicht
die Lyra zupfen und Verslein lesen: schlecht taugt' ich zu den feinen Rmerinnen
und wenig Ehre wrdest du haben von mir.
    Du wirst dich doch nicht zu schlecht erachten fr den Hof? - Nein,
Witichis, zu gut. - Nun, man mte sich gegenseitig ertragen, wrdigen
lernen. - Das wrd' ich nie. Sie vielleicht mich, aus Furcht vor dir, ich
niemals sie. Ich wrd' ihnen tglich ins Gesicht sagen, da sie hohl, falsch und
schlecht sind.
    So willst du lieber deinen Mann entbehren, mondelang? - Ja, lieber ihn
entbehren, als in schiefer, schlimmer Stellung um ihn sein. O mein Witichis,
sagte sie, innig den Arm um seinen Nacken legend, denk nur, wer ich bin und wie
du mich gefunden.
    Wo die letzten Siedelungen unseres Gotenvolkes den Saum der Alpen umgrten,
hoch auf den Felsschroffen der Skaranzia, wo die junge Isara schumend aus den
Steinklften ins offne Land der Bajuvaren bricht, da steht meines Vaters stiller
dhof. Nichts kannt' ich da als die strenge Arbeit des Sommers auf den einsamen
Almen, des Winters in der rauchgeschwrzten Halle am Rocken mit den Mgden. Frh
starb die Mutter und den Bruder haben die Welschen erstochen. So wuchs ich
einsam auf, allein mit dem alten Vater, der so treu, aber auch so hart und
verschlossen wie seine Felsen. Da sah ich nichts von der Welt, die rechts und
links von unsern Bergen lag. Nur hoch von oben sah ich manchmal neugierig, wie
ein Saumro mit Salz oder Wein unten in der Talschlucht des Weges zog. Da sa
ich wohl manchen schimmervollen Sommerabend auf der zackigen Kulm des hohen Arn.
Und sah der Sonne nach, wie sie so herrlich niedersank weit drben berm Licus:
und ich dachte, was sie wohl alles gesehen den langen Sommertag, seit sie
aufstieg drben berm breiten nus. Und da ich wohl auch wissen mchte, wie's
aussieht ber dem Karwndel. Oder gar drben, hinter dem Brennusberg, wo der
Bruder hinberzog und nie mehr wiederkam. Und doch fhlte ich, wie schn es sei
droben in meiner grnen Einsamkeit, wo ich den Steinadler pfeifen hrte aus dem
nahen Horst und wo ich prchtige Blumen brach, wie sie nicht wuchsen unten in
der Ebene und auch wohl einmal des Nachts den Bergwolf vor meiner Stalltr
heulen hrte und mit dem Kienbrand scheuchte.
    Und auch in dem frhen Herbst, in den langen Wintern hatte ich Mue, still
in mich hineinzusinnen: wann um die hohen Tannen die weien Nebelschleier
spannen, wann der Bergwind die Felsblcke von unserem Strohdach ri und die
Schneestrze von den Schroffen donnernd niedergingen. So wuchs ich auf, fremd in
der Welt jenseit der nchsten Wlder, nur zu Hause in der stillen Welt meiner
Gedanken, und in dem engen Bauernleben.
    Da kamest du - ich wei es noch wie heute - und sie hielt an, in Erinnerung
verloren.
    Ich wei es auch noch genau, sagte Witichis. Ich fhrte eine
Hundertschaft zur Ablsung von Juvavia nach der Augustastadt am Licus - ich war
vom Weg und meinen Leuten abgekommen: lang war ich den schwlen Sommertag
pfadlos umhergeirrt - da sah ich Rauch aufsteigen berm Tannenhang und bald fand
ich das versteckte Gehft und trat ins Tor: da stand ein prchtig Mdchen am
Ziehbrunnen und hob den Eimer. -
    Und ich erschrak siedhei - zum erstenmal in meinem Leben! - als der groe,
brunliche Mann um die Hausecke bog mit dem krausen Bart und dem funkelnden
Helm.
    Ja, du wurdest blutrot bis in die Schlfe, und ich bat dich um einen Trunk
Wasser. Und niemals hat mein Auge ein schner Bild gesehen als wie du dich nun
niederbeugtest und mit den krftigen Armen den schweren Eimer auf den
Brunnenrand hobst und mir schpftest in dem Krbiskrug: reich fielen die dichten
goldbraunen Zpfe bers schwarze Mieder bis in die Knie und deine Wangen waren
pfirsichgleich: o wie wacker, frisch und blhend sahst du aus. Und wie wacker,
frisch und blhend bist du mir geblieben seither alle Zeit.
    Und darum, mein Witichis, auf da ich dir blhend bleibe, fhre mich nicht
an den Hof. Sieh hier schon im Tal, im Sdtal der Alpen, wird mir's oft zu
schwl und ich sehne mich nach einem Atemzug aus der Tannenluft meiner
Waldberge. Am Hofe aber in den engen Goldgemchern - da wrd' ich dir verkmmern
und verschmachten. La du mich hier - ich will schon fertig werden mit Nachbar
Calpurnius. Und du, das wei ich ja, du denkst doch auch im Knigssaal nach Haus
an Weib und Kind.
    Ja, wei Gott, mit sehnenden Gedanken. So bleibe denn hier und Gott behte
dich, mein gutes Weib. -
    Am zweiten Morgen darauf ritt Witichis wieder zurck, die Waldhhe hinan.
Der Abschied hatte ihn fast weich gemacht: mit Kraft hatte er den Ausdruck des
Gefhls gehemmt, das er sich, schlicht und streng von Art, zu zeigen scheute.
Wie hing des Wackern Herz an diesem kern'gen Weib und seinem Knaben!
    Hinter ihm drein trabte Wachis, der sich's durchaus nicht hatte nehmen
lassen, dem Herrn noch eine Strecke das Geleit zu geben. Pltzlich ritt er zu
ihm hinan. Herr, sagte er, ich wei was. - So? warum sagst du's nicht? -
Weil mich noch niemand darum gefragt hat. - Nun, ich frage dich drum. - Ja,
wenn man gefragt ist, mu man freilich reden. - Die Frau hat dir gesagt, da
Calpurnius so ein bser Nachbar ist? - Ja. Und was soll's damit? - Sie hat
dir aber nicht gesagt, seit wann?
    Nein. Weit du seit wann? - Nun, seit etwa einem halben Jahr. Da traf
Calpurnius einmal die Frau im Wald allein, wie sie beide glaubten. Aber sie
waren nicht allein. Es lag einer im Graben und hielt seinen Mittagsschlaf.
    Der Faulpelz warst du.
    Richtig erraten. Und da sagte Calpurnius etwas zur Frau.
    Was sagte er?
    Das hab' ich nicht verstanden. Aber die Frau war nicht faul, hob die Hand
und schlug ihm ins Gesicht, da es patschte. Das hab' ich verstanden. Und
seither ist der Nachbar ein schlimmer Nachbar und das wollt' ich dir sagen, weil
ich mir schon dachte, die Frau werde dich nicht rgern wollen mit dem Wicht.
    Aber es ist doch besser, du weit darum. Und sieh, da steht Calpurnius
gerade unter seiner Hoftr - siehst du dort - und jetzt fahr' wohl, lieber
Herr.
    Und damit wandte er sein Pferd und jagte im Galopp nach Hause.
    Witichis aber stieg das Blut zu Kopf. Er ritt an die Tr seines Nachbars,
dieser wollte sich ins Haus drcken, aber Witichis rief ihn in einem Ton, da er
bleiben mute.
    Was willst du mir, Nachbar Witichis, sagte er, blinzelnd zu ihm aufsehend.
    Witichis zog den Zgel an und schob sein Ro dicht neben jenen. Dann
streckte er ihm die geballte erzgepanzerte Faust hart vor die Augen: Nachbar
Calpurnius, sagte er ruhig, wenn ich dir einmal ins Gesicht schlage, stehst du
nie wieder auf.
    Calpurnius fuhr erschrocken zurck.
    Witichis aber gab seinem Rosse den Sporn und ritt stolz und langsam seines
Weges.

                               Sechstes Kapitel.


Zu Rom in seinem Arbeitszimmer lag, auf den weichen Kissen des Lectus behaglich
ausgestreckt, Cethegus der Prfekt.
    Er war guter Dinge.
    Die Untersuchung gegen ihn hatte mit Freisprechung geendet: nur im Fall
augenblicklicher Durchforschung seines Hauses, wie sie der junge Knig
angeordnet, aber sein Tod vereitelt hatte, wre Entdeckung zu befrchten
gewesen. Er hatte durchgesetzt, da die Befestigung von Rom fortgefhrt wurde,
mit Zuschssen aus seinen eignen Geldern, was seinen Einflu in der Stadt noch
hob. In der letzten Nacht hatte er Versammlung gehalten in den Katakomben: alle
Berichte lauteten gnstig. Die Patrioten wuchsen an Zahl und Reichtum.
    Der hrtere Druck, der seit den letzten Vorgngen zu Ravenna auf den
Italiern lastete, konnte die Zahl der Unzufriednen nur vermehren und, was die
Hauptsache war, Cethegus hielt jetzt alle Fden der Verschwrung in seiner Hand.
Unbedingt erkannten selbst die eiferschtigsten Republikaner die Notwendigkeit
an, bis zum Tag der Freiheit dem Begabtesten die Fhrung zu berlassen. -
    So vorgeschritten war die Stimmung gegen die Barbaren - bei allen Italiern,
da Cethegus den Gedanken fassen konnte, - sobald Rom vollends befestigt, ohne
Hilfe der Byzantiner loszuschlagen. Denn, wiederholte er sich immer wieder, alle
Befreier sind leicht gerufen und schwer abgedankt. Und mit Liebe pflegte er den
Gedanken, Italien allein zu befreien.
    So lag der Prfekt, legte Csars Brgerkrieg, in dem er geblttert, zur
Seite, sttzte das Haupt auf den linken Arm und sagte zu sich selbst: Die
Gtter mssen noch Groes mit dir vorhaben, Cethegus. So oft du strzest, fllst
du, heil wie eine Katze, auf die sichern Fe. Ah, wenn es uns wohl geht,
mchten wir uns mitteilen. Aber Vertrauen ist ein zu gefhrliches Vergngen und
das Schweigen ist der einzig treue Gott. Und doch bleibt man ein Mensch und
mchte ... -
    Da trat ein Sklave ein, der alte Ostiarius Fidus, berreichte schweigend
einen Brief auf flacher goldner Schale und ging. Der Bote wartet, sagte er.
    Gleichgltig nahm Cethegus das Schreiben.
    Aber sowie er auf dem Wachs, das die Schnre der Tafeln zusammenhielt, das
Siegel - die Dioskuren - erkannte, rief er lebhaft: Von Julius! zu guter
Stunde! lste eilig die Fden, legte die Tafeln auseinander und las - das kalte
bleiche Antlitz berflogen von einem sonst vllig fremden Hauch freudiger Wrme.
    Cethegus dem Prfekten sein Julius Montanus.
    Wie lange ist's, mein vterlicher Lehrer (- beim Jupiter, das klingt
frostig -), da ich Dir nicht den schuldigen Gru gesendet. Das letztemal
schrieb ich Dir an den grnen Ufern des Ilissos, wo ich in dem verdeten Hain
des Akademos die Spuren Platons suchte - und nicht fand. Ich wei wohl, mein
Brief war nicht heiter. Die traurigen Philosophen dort, in vereinsamten Schulen
wandelnd, zwischen dem Druck des Kaisers, dem Argwohn der Priester und der Klte
der Menge, sie konnten nichts in mir erwecken als Mitleid. Meine Seele war
dunkel, ich wute nicht weshalb.
    Ich schalt meinen Undank gegen Dich - den gromtigsten aller Wohltter - -
(so unertrgliche Namen hat er mir nie gegeben, schaltete Cethegus ein).
    Seit zwei Jahren reise ich, mit Deinen Reichtmern wie ein Knig der Syrer
ausgestattet, von Deinen Freigelassenen und Sklaven begleitet, durch ganz Asien
und Hellas, geniee alle Schnheit und Weisheit der Alten - und mein Herz bleibt
unbefriedigt, mein Leben unausgefllt. Nicht Platons schwrmerische Weisheit,
nicht das Goldelfenbein des Pheidias, Homeros nicht und nicht Thukydides boten,
was mir fehlte.
    Endlich, endlich hier in Neapolis, der blhenden gttergesegneten Stadt hab'
ich gefunden, was ich unbewut berall vermit und immer gesucht.
    Nicht tote Weisheit: warmes, lebendiges Glck (- er hat eine Geliebte! nun
endlich, du sprder Hippolyt, Dank euch, Eros und Anteros! -), o, mein Lehrer,
mein Vater! weit Du, welch ein Glck es ist, ein Herz, das Dich ganz versteht,
zum erstenmal Dein eigen nennen? (- ah, Julius, seufzte der Prfekt mit einem
seltnen Ausdruck weicher Empfindung, ob ich es wute! -) Dem Du die ganze
volle Seele offen zeigen magst? O, wenn Du's je erfahren, preise mich, opfre
Zeus dem Erfller endlich: zum erstenmal hab' ich einen Freund.
    Was ist das? rief Cethegus unwillig aufspringend mit einem Blick
eiferschtigen Schmerzes, der Undankbare!
    Denn, das fhlst Du wohl, ein Freund, ein Herzensvertrauter fehlte mir bis
jetzt. Du, mein vterlicher Lehrer -
    Cethegus warf die Tafeln auf den Schildpattisch und machte einen hast'gen
Gang durchs Zimmer. Torheit! sagte er dann ruhig, nahm den Brief auf und las
weiter -
    Du, so viel lter, weiser, besser, grer als ich - Du hast mir eine solche
Wucht von Dank und Verehrung auf die junge Seele geladen, da sie sich Dir nie
ohne Scheu ffnen konnte. Auch hrte ich oft mit Zagen, wie Du solche Weisheit
und Wrme mit tzendem Witze verhhntest: ein scharfer Zug um Deinen stolzen
festgeschlossenen Mund hat solche Gefhle in mir in Deiner Nhe stets gettet
wie Nachtfrost die ersten Veilchen (- nun, aufrichtig ist er! -). Jetzt aber
hab' ich einen Freund gefunden: offen, warm, jung, begeistert wie ich und nie
gekannte Wonne ist mein Teil. Wir haben nur Eine Seele in zwei Krpern: die
sonnigen Tage, die mondsilbernen Nchte wandeln wir miteinander durch diese
elyseischen Gefilde und finden kein Ende der geflgelten Worte. - Aber ich mu
ein Ende finden dieses Briefes. Er ist ein Gote (- auch noch, sagte Cethegus
ungehalten) und heit Totila. -
    Cethegus lie die Hand mit dem Brief einen Augenblick sinken, er sagte
nichts, nur die Augen schlo er einen Moment, dann las er ruhig nochmal:
    Und heit Totila!
    Als ich am Tage nach meiner Ankunft in Neapolis durch das Forum des
Neptunus schlenderte und an der Bogenwlbung eines Hauses die Statuen
bewunderte, die ein Bildhauer dort zum Kaufe ausgestellt, strzt urpltzlich aus
der Tr auf mich los ein graukpfiger Mann mit einer wollnen Schrze, ber und
ber mit Gips bestubt, in der Hand ein spitzes Gert: er packte mich an der
Schulter und schrie: Pollux, mein Pollux, hab' ich dich endlich!
    Ich dachte der Alte sei verrckt und sagte: Du irrst, guter Mann: ich heie
Julius und komme von Athen.
    Nein, schrie der Alte, Pollux heit du und kommst vom Olymp. Und eh' ich
wute, wie mir geschah, hatte er mich zur Tr hineingedreht. Da erkannte ich
denn allmhlich, waran ich mit dem Alten war: er war der Bildhauer, der die
Statuen ausgestellt.
    In seiner Werkhalle standen andre halbvollendete umher und er erklrte mir,
seit Jahren trage er sich mit der Idee einer Dioskurengruppe. Fr den Kastor
habe er vor kurzem ein kstlich Modell in einem jungen Goten gefunden. Aber
umsonst erflehte ich - fuhr er fort - all diese Tage vom Himmel einen Gedanken
fr meinen Pollux. Er soll dem Kastor gleichen, ein Bruder Helenas, ein Sohn des
Zeus wie er, volle hnlichkeit in Zgen und Gestalt mu da sein. Und doch mu
die Verschiedenheit so deutlich sein wie die Gleichheit: sie mssen
zusammengehren und doch jeder ganz eigenartig sein. Umsonst lief ich alle Bder
und Gymnasien Neapolis' ab: ich fand den Ledazwilling nicht. Da hat dich ein
Gott, Zeus selber hat dich mir ans eigne Fenster gefhrt: wie ein Blitz schlug's
in mich ein, da steht mein Pollux, wie er sein mu: und nicht lebendig la ich
dich aus dieser Halle, bis du mir deinen Kopf und deinen Leib versprochen.
    Gern sagte ich dem nrrischen Alten zu, andern Tages wiederzukommen. Und das
erfllt ich um so lieber als ich erfuhr, da mein gewaltttiger Freund Xenarchos
sei, der grte Bildner in Marmor und Erz, den Italien seit lange gesehn. Am
andern Tag kam ich denn wieder und fand meinen Kastor - es war Totila: - und ich
kann nicht leugnen, da mich die groe hnlichkeit selbst berraschte, wenn auch
Totila lter, hher, krftiger und unvergleichlich schner ist als ich.
Xenarchos sagt, wir seien wie Hellcitrus und Goldcitrus. Denn Totila ist heller
an Haar und Haut: und geradeso, schwrt der Meister, haben sich die beiden
Dioskuren geglichen und nicht geglichen. So lernten wir uns denn unter den
Gtterbildern Xenarchs kennen und lieben. wir wurden in Wahrheit Kastor und
Pollux, innig und unzertrennlich wie sie, und schon ruft uns das heitre Volk von
Neapolis bei diesem Namen, wann wir, Arm in Arm geschlungen durch die Straen
gehn.
    Unsre junge Freundschaft ward aber noch besonders rasch gereift durch eine
drohende Gefahr, die sie leicht in der Blte geknickt htte.
    Wir waren eines Abends, wie wir pflegten, zur Porta Nolana hinausgewandelt,
in den Bdern des Tiberius Khlung von des Tages Hitze zu suchen. Nach dem Bade
hatte ich in einer Laune spielender Zrtlichkeit Du wirst sie schelten - des
Freundes weien Gotenmantel umgeschlagen und seinen Helm mit den Schwanenflgeln
aufs Haupt gesetzt. Lchelnd ging er, meine Chlamys umwerfend, aufs den Tausch
ein und friedlich plaudernd schritten wir durch den Pinienhain im ersten Dunkel
der Nacht nach der Stadt zurck.
    Da springt aus dem Taxusgebsch hinter mir ein Mann auf mich her und ich
fhle kaltes Eisen an meinem Halse.
    Aber im nchsten Augenblick lag der Mrder zu meinen Fen, Totilas Schwert
in der Brust. Nur leicht verwundet beugte ich mich zu dem Sterbenden nieder und
fragte ihn, welcher Grund ihn habe zum Ha, zum Morde gegen mich treiben knnen.
    Er aber starrte mir ins Antlitz und hauchte: Nicht dich - Totila, den Goten
- und er zuckte und war tot. Man sah's an Tracht und Waffen - es war ein
isaurischer Sldner.
    Cethegus senkte den Brief und drckte die linke Hand vor die Stirn.
Wahnsinn des Zufalls, sagte er, wohin konntest du fhren!
    Und er las zu Ende.
    Totila sagte, er habe der Feinde viele am Hofe zu Ravenna. Wir zeigten den
Vorfall Uliaris, dem Gotengrafen zu Neapolis, an. Dieser lie die Leiche
durchsuchen und Nachforschungen anstellen - ohne Erfolg. Uns beiden aber hat
diese ernste Stunde die junge Freundschaft befestigt und mit Blut geweiht fr
alle Zeit. Ernster und heiliger hat sie uns verbunden. Das Siegel der Dioskuren,
das Du mir zum Abschied geschenkt, war ein freundlich Omen, das sich freundlich
erfllt hat. Und wenn ich mich frage, wem dank' ich all dies Glck? Dir, Dir
allein, der mich in diese Stadt Neapolis gesendet, in der ich all mein Glck
gefunden. So mgen Dir es alle Gtter und Gttinnen vergelten! Ach ich sehe,
dieser ganze Brief redet nur von mir und dieser Freundschaft - schreibe doch
bald wie es um Dich steht. Vale.
    Ein bitteres Lcheln zuckte um des Prfekten ausdrucksvollen Mund.
    Und wieder durchma er das Gemach in nur mit Mhe gehaltenen Schritten.
Endlich blieb er stehen, das Kinn in die linke Hand sttzend. - Wie kann ich
nur so - jugendlich sein, mich zu rgern. Es ist alles sehr natrlich, wenn auch
sehr einfltig. Du bist krank, Julius. Warte: ich will dir ein Rezept
schreiben. Und mit einem Anflug von grausamer Freude im Ausdruck, setzte er
sich auf den Schreiblectus, nahm eine Papyrusrolle aus der Bronzevase, ergriff
die gnidische Schilffeder und schrieb mit der roten Tinte aus einem Lwenkopf
von Achat, der an dem Lectus angeschraubt war:

                   An Julius Montanus Cethegus, der Prfekt
                                    von Rom.

    Deine rhrende Epistel aus Neapolis hat mir viel Spa gemacht. Sie zeigt,
da Du in der letzten Kinderkrankheit steckst. Hast Du sie abgetan, wirst Du ein
Mann sein.
    Die Krisis zu beschleunigen, verschreibe ich Dir das beste Mittel. Du suchst
sogleich den Purpurhndler Valerius Procillus, meinen ltesten Gastfreund in
Neapolis auf Er ist der reichste Kaufherr des Abendlandes, ein grimmiger Feind
der Kaiser von Byzanz, die ihm Vater und Brder gettet, ein Republikaner wie
Cato und schon deshalb mein vertrauter Freund. Seine Tochter Valeria Procilla
aber ist die schnste Rmerin unsrer Zeit und eine echte Tochter der alten, der
heidnischen Welt. Antigone oder Virginia wrden sich der Freundin freuen. Sie
ist nur drei Jahre jnger und folglich zehnmal reifer als Du. Gleichwohl wird
sie Dir der Vater nicht versagen, erklrst Du ihm, da Cethegus fr Dich wirbt.
Du aber wirst Dich beim ersten Anblick sterblich in sie verlieben.
    Du wirst das: obgleich ich es Dir vorhersage, und obgleich Du weit, da ich
es wnsche. In ihren Armen wirst Du alle Freunde der Welt vergessen: geht die
Sonne auf, erbleicht der Mond. brigens, weit Du, da Dein Kastor einer der
gefhrlichsten Rmerfeinde ist? Und ich habe einmal einen gewissen Julius
gekannt, der geschworen: Rom ber alles.
                                                                          Vale.

    Cethegus rollte den Papyrus zusammen, umschnrte ihn mit den Bndern von
rotem Bast, befestigte diese an der Schleife mit Wachs und drckte seinen
Amethystring mit dem herrlichen Jupiterkopf auf dasselbe. Dann berhrte er einen
aus dem Marmorgetfel hervorschauenden silbernen Adler: drauen an der Wand des
Vestibulums schlug ein eherner Donnerkeil auf den Silberschild eines
niedergeworfenen Titanen mit glockenhellem Ton.
    Der Sklave trat wieder ein.
    La den Boten in meinen Thermen baden, gib ihm Speise und Wein, einen
Goldsolidus und diesen Brief. Morgen mit Sonnenaufgang geht er damit zurck nach
Neapolis. - -

                               Siebentes Kapitel.


Mehrere Wochen darauf finden wir den ernsten Prfekten in einem Kreise, der sehr
wenig zu seinem hohen Trachten, ja zu seinem Alter zu passen schien.
    In dem seltsamen Nebeneinander von Heidentum und Christentum, das in den
ersten Jahrhunderten nach der Konstantiner Bekehrung das Leben und die Sitten
der Rmerwelt mit grellen Widersprchen erfllte, spielte besonders die
friedliche Mischung von Festen der alten und der neuen Religion eine auffallende
Rolle. Neben den groen Feiertagen des christlichen Kirchenjahres bestanden auch
noch grtenteils die frhlichen Feste der alten Gtter fort, wenn auch meist
ihrer ursprnglichen Bedeutung, ihres religisen Kernes beraubt.
    Das Volk lie sich etwa den Glauben an Jupiter und Juno nehmen und die
Kultushandlungen und die Opfer, aber nicht die Spiele, die Feste, die Tnze und
Schmuse, die mit jenen Handlungen verbunden waren; und die Kirche war von jeher
klug genug, zu dulden, was sie nicht ndern konnte.
    So wurden ja sogar die echt heidnischen Lupercalien, mit welchen sich derber
Aberglaube und wster Unfug aller Art verband, erst im Jahre
vierhundertsechsundneunzig - und nur mit Mhe - abgeschafft.
    Viel lnger natrlich behaupteten sich harmlose Feste wie die Floralien, die
Palilien und zum Teil haben sich ja manche von ihnen in den Stdten und Drfern
Italiens mit vernderter Bedeutung bis auf diese Stunde erhalten. So waren denn
die Tage der Floralien gekommen, die, frher auf der ganzen Halbinsel, als ein
Fest besonders der frhlichen Jugend, mit lauten Spielen und Tnzen gefeiert,
auch in jenen Tagen noch wenigstens mit Schmaus und Gelage begangen wurden.
    Und so hatten sich denn die beiden Lizinier und ihr Kreis von jungen Rittern
und Patriziern an dem Hauptfesttag der Floralien zu einem Symposion
zusammenbestellt, fr welches jeder der Gste, wie bei unsern Picknicks,
seinen Beitrag in Speisen oder Wein zu liefern hatte. Die Frhlichen
versammelten sich bei dem jungen Kallistratos, einem liebenswrdigen und reichen
Griechen aus Korinth, der sich im Genu knstlerischer Mue zu Rom
niedergelassen und nahe bei den Grten des Sallust ein geschmackvolles Haus
gebaut hatte, das als der Mittelpunkt heitern Lebensgenusses und feiner Bildung.
galt. Auer dem reichen Adel Roms verkehrten dort vornehmlich die Knstler und
Gelehrten, und dann auch jene Schichten der rmischer Jugend, denen ber ihren
Rossen und Wagen und Hunden wenige Zeit und Gedanken fr den Staat brigblieb
und die daher bis jetzt dem Einflu des Prfekten unzugnglich gewesen waren.
    Deshalb war es diesem sehr erwnscht, als ihm der junge Lucius Licinius,
jetzt sein glhendster Anhnger, die Einladung des Korinthers berbrachte. Ich
wei wohl, sagte er schchtern, wir knnen deinem Geist nicht ebenbrtige
Unterhaltung bieten und wenn dich nicht die alten Kyprier und Falerner locken,
die Kallistratos spenden wird, lehnst du ab.
    Nein, mein Sohn, ich komme, sagte Cethegus, und mich locken nicht die
alten Kyprier, sondern die jungen Rmer. -
    Kallistratos, der sein Hellenentum mit Stolz zur Schau trug, hatte sein Haus
mitten in Rom in griechischem Stil gebaut. Und zwar nicht in dem des damaligen,
sondern des freien, des perikleischen Griechenlands und dies machte im Gegensatz
zu der geschmacklosen berladung jener Tage den Eindruck edler Einfachheit.
Durch einen schmalen Gang gelangte man in das Peristil, den offenen, von
Sulengngen umschlossenen Hof, dessen Mittelpunkt ein pltschernder
Springbrunnen in braunem Marmorbecken bildete. Die nach Norden offne Sulenhalle
enthielt auer andern Gelassen auch den Speisesaal, der heute die kleine
Gesellschaft versammelt hielt. Cethegus hatte sich vorbehalten, nicht schon zu
der Cna, dem eigentlichen Schmause, sondern erst zu der Commissatio, dem
darauffolgenden nchtlichen Trinkgelag, zu kommen. Und so fand er denn die
Freunde in der vornehmen Trinkstube, wo lngst schon die zierlichen Bronzelampen
an den schildpattgetfelten Wnden brannten und die Gste, mit Rosen und Eppich
bekrnzt, auf den Polstern des hufeisenfrmigen Trikliniums lagerten. Eine
betubende Mischung von Weinduft und Blumenduft, von Fackelglanz und Farbenglanz
drang ihm an der Schwelle entgegen.
    Salve, Cethege! rief der Wirt dem Eintretenden entgegen. Du findest nur
kleine Gesellschaft.
    Cethegus befahl dem Sklaven, der ihm folgte, einem herrlich gewachsenen
jungen Mauren, dessen schlanke Glieder durch den Scharlachflor seiner leichten
Tunika mehr gezeigt als verhllt wurden, ihm die Sandalen abzubinden. Er zhlte
indessen: Nicht unter den Grazien, lchelte er, nicht ber die Musen.
    Geschwind, whle den Kranz, mahnte Kallistratos, und nimm deinen Platz da
oben auf dem Ehrensitz der mittleren Kline. Wir haben dich im voraus zum
Symposiarchen, zum Festknig gewhlt.
    Der Prfekt hatte sich vorgesetzt, diese jungen Leute zu bezaubern. Er
wute, wie gut er das konnte: und er wollte es heute. Er whlte einen Rosenkranz
und ergriff das elfenbeinerne Zepter, das ihm ein syrischer Sklave knieend
reichte. Das Rosendiadem zurechtrckend schwang er mit Wrde den Stab: So mach'
ich eurer Freiheit ein Ende!
    Ein geborner Herrscher, rief Kallistratos, halb im Scherz, halb im Ernst.
- Aber ich will ein sanfter Tyrann sein! mein erst Gesetz: ein Drittel Wasser -
zwei Drittel Wein. - Oho, rief Lucius Licinius und trank ihm zu, bene te! Du
fhrst ppig Regiment. Gleiche Mischung ist sonst unser Hchstes.
    Ja, Freund, lchelte Cethegus, sich auf dem Ecksitz der mittleren Kline,
dem Konsulsplatz, niederlassend, ich habe meine Trinkstudien unter den
gyptern gemacht, die trinken nur lautern. He, Mundschenk - wie heit er?
    Ganymedes - er ist aus Phrygien. Hbscher Wuchs, eh? - Also, Ganymed,
gehorche deinem Jupiter und stelle neben jeden eine Patera Mamertiner Wein -
doch neben Balbus zwei, weil er sein Landsmann ist. Die jungen Leute lachten.
    Balbus war ein reicher Gutsbesitzer auf Sizilien, noch sehr jung und schon
sehr dick.
    Pah, lachte der Trinker, Efeu ums Haupt und Amethyst am Finger - so trotz
ich den Mchten des Bacchus. - Nun, wo steht ihr im Wein? fragte Cethegus,
dem jetzt hinter ihm stehenden Mauren winkend, der ihm einen zweiten Kranz von
Rosen, diesmal um den Nacken, schlang.
    Settiner Most mit hymettischem Honig war das letzte. Da, versuch! so
sprach Piso, der schelmische Poet, dessen Epigramme und Anakreontika die
Buchhndler nicht rasch genug konnten abschreiben lassen und dessen Finanzen
sich doch stets in poetischer Unordnung befanden. Und er reichte dem Prfekten
was wir einen Vexierbecher nennen wrden, einen bronzenen Schlangenkopf, der,
unvorsichtig an den Mund gebracht, einen Strahl Weines heftig in die Kehle
scho. Aber Cethegus kannte das Spiel, behutsam trank er und gab den Becher
zurck. Deine trocknen Witze sind mir lieber, Piso, lachte er und haschte ihm
aus der Brustfalte ein beschriebenes Tfelchen.
    O gib, sagte Piso, es sind keine Verse - sondern - ganz im Gegenteil! -
eine Zusammenstellung meiner Schulden fr Wein und Pferde. -
    Je nun, meinte Cethegus, ich hab' sie an mich genommen - sie sind also
mein. Du magst morgen die Quittung bei mir einlsen: aber nicht umsonst - mit
einem deiner boshaftesten Epigramme auf meinen frommen Freund Silverius! - O
Cethegus, rief der Poet erfreut und geschmeichelt, wie boshaft kann man sein
fr vierzigtausend Solidi! Wehe dem heiligen Mann Gottes.

                                Achtes Kapitel.


Und im Schmause - wie weit seid ihr damit? fragte Cethegus, schon bei den
pfeln? sind es diese?
    Und er sah blinzelnd nach zwei Fruchtkrben von Palmenbast, die hoch
aufgehuft auf einem Bronzetisch mit elfenbeinernen Fen prangten. Ha
Triumph! lachte Marcus Licinius, des Lucius jngerer Bruder, der sich mit der
liebhaberischen Spielplastik der Mode abgab. Da siehst du meine Kunst,
Kallistratos! Der Prfekt nimmt meine Wachspfel, die ich dir gestern geschenkt,
fr echt. Ah wirklich? rief Cethegus wie erstaunt, obwohl er den Wachsgeruch
lngst ungern vermerkt. Ja, Kunst tuscht die Besten. Bei wem hast du gelernt?
Ich mchte dergleichen in meinem kyzikenischen Saal aufstellen.
    Ich bin Autodidakt, sagte Marcus stolz, und morgen schicke ich dir meine
neuen persischen pfel: - denn du wrdigst die Kunst.
    Aber das Gelag ist doch zu Ende? fragte der Prfekt, den linken Arm auf
das Polster der Kline sttzend.
    Nein, rief der Wirt, ich will es nur gestehn: da ich auf unsern Festknig
erst zur Trinkstunde rechnen durfte, hab' ich noch einen kleinen Nachschmaus zu
den Bechern gerstet. - O du Frevler, rief Balbus, sich mit der zottigen
Purpurgausape die fettglnzenden Lippen wischend, und ich habe so schrecklich
viel von deinen Feigenschnepfen gegessen! - Das ist wider die Verabredung!
rief Marcus Licinius. - Das verdirbt meine Sitten! sagte der frhliche Piso
ernsthaft. - Sprich, ist das hellenische Einfachheit? fragte Lucius Licinius.
- Ruhig, Freunde, trstete Cethegus mit einem Zitat: Auch unverhofftes Unheil
trgt ein Rmer stark.
    Der hellenische Wirt mu sich nach seinen Gsten richten, entschuldigte
Kallistratos, ich frchte, ihr kmt mir nicht wieder, bte ich euch
marathonische Kost. - Nun, dann bekenne wenigstens, was noch droht, rief
Cethegus, du Nomenklator, lies die Schsseln ab: ich werde dann die Weine
bestimmen, die dazu gehren.
    Der Sklave, ein schner lydischer Knabe, in einem bis an die Knie
aufgeschlitzten Rckchen von blauer pelusischer Leinwand, trat dicht neben
Cethegus an den Tisch von Zypressenholz und las von einem Tfelchen ab, das er
an goldnem Kettchen um den Hals trug: Frische Austern aus Britannien in
Thunfischbrhe mit Lattich. - Dazu Falerner von Fundi, sprach Cethegus ohne
Besinnen. Aber wo steht der Schenktisch mit den Pokalen? Rechter Trunk mundet
nur aus rechter Schale.
    Dort ist der Schenktisch! und auf einen Wink des Hausherrn fiel der
Vorhang zurck, der die eine Ecke des Zimmers, den Gsten gegenber, verhllt
hatte.
    Ein Ruf des Staunens flog von den Tischen.
    Der Reichtum der dort zur Schau gestellten Prunkgeschirre und der Geschmack
ihrer Anordnung war selbst diesen verwhnten Augen berraschend. Auf der
Marmorplatte des Tisches stand ein gerumiger silberner Wagen mit goldnen Rdern
und ehernem Gespann: es war ein Beutewagen, wie sie in rmischen Triumphen
aufgefhrt zu werden pflegten: und als kstliche Beute lagen darin Pokale,
Glser, Schalen jeder Gestalt und jedes Stoffes in scheinbarer Unordnung, doch
mit kunstverstndiger Hand, gehuft.
    Bei Mars dem Sieger, lachte der Prfekt, der erste rmische Triumph seit
zweihundert Jahren. Ein seltner Anblick! Darf ich ihn zerstren? - Du bist der
Mann, ihn wieder aufzurichten, sagte Lucius Licinius feurig. - Meinst du?
Versuchen wir's! - Also zum Falerner die Kelche dort von Terebinthenholz.
    Weindrosseln vom Tagus mit Spargeln von Tarent! fuhr der Lydier fort.
Dazu den roten Massiker von Sinuessa aus jenen amethystnen Kelchen.
    Junge Schildkrten von Trapezunt mit Flamingozungen -
    Halt an, beim heiligen Bacchus, rief Balbus. Das sind ja die Qualen des
Tantalus. Mir ist ganz gleich, aus was ich trinke, aus Terebinthen oder Amethyst
- aber dies Aufzhlen von Gtterbissen mit trocknem Gaumen halt' ich nicht mehr
aus. Nieder mit Cethegus dem Tyrannen, er sterbe, wenn er uns hungern lt. -
Mir ist, ich wre Imperator und hrte das getreue Volk von Rom. Ich rette mein
Leben und gebe nach. Tragt auf, ihr Sklaven. Da tnten Flten aus dem Vorgemach
und im Takte der Musik schritten sechs Sklaven, Efeu um die glnzend gesalbten
Locken, in roten Mnteln und weien Tuniken heran. Sie reichten den Gsten
frische Handtcher von feinstem sidonischen Linnen mit weichen Purpurfransen.
    Oh, rief Massurius, ein junger Kaufmann, der vornehmlich mit schnen
Sklaven und Sklavinnen handelte und in dem zweideutigen Ruhme stand, der feinste
Kenner solcher Ware zu sein, das weichste Handtuch ist ein schnes Haar - und
er fuhr dem eben neben ihm knieenden Ganymed durch die Locken. Aber,
Kallistratos, jene Flten sind hoffentlich weiblichen Geschlechts - auf mit dem
Vorhang - la die Mdchen ein.
    Noch nicht, befahl Cethegus. Erst trinken, dann kssen. Ohne Bacchus und
Ceres, du weit -
    Friert Venus, nicht Massurius.
    Da erscholl aus dem Seitengemach der Klang von Lyra und Kithara, und ein
trat ein Zug von acht Jnglingen in goldgrn schillernden Seidengewndern,
vorauf der Anrichter und der Zerleger: die sechs andern trugen Schsseln auf
dem Haupt: sie zogen im Taktschritt an den Gsten vorber und machten vor dem
Anrichttisch von Citrus Halt. Whrend sie hier beschftigt waren, erklangen vom
Mittelgrunde her Kastagnetten und Zymbeln, die groen Doppeltren drehten sich
um ihre erzschimmernden Sulenpfosten und ein Schwarm von Sklaven in der schnen
Tracht korinthischer Epheben strmte herein. Die einen reichten Brot in zierlich
durchbrochenen Bronzekrben: andre verscheuchten die Mcken mit breiten Fchern
von Strauenfedern und Palmblttern: einige gossen l in die Wandlampen aus
doppelhenkeligen Krgen mit anmutvollen Bewegung, indes etliche mit zierlichen
Besen von gyptischem Schilf von dem Mosaikboden die Brosamen fegten und die
brigen Ganymed die Becher fllen halfen, die jetzt schon eifrig kreisten.
    Damit stieg denn die Raschheit, die Wrme des Gesprchs und Cethegus, der,
wie berlegen nchtern blieb, vllig im Moment versunken schien, bezauberte
durch seine Jugendlichkeit die Jnglinge.
    Wie ist's, fragte der Hausherr, wollen wir wrfeln zwischen den
Schsseln? Dort neben Piso steht der Wrfelbecher. - Nun, Massurius, meinte
Cethegus mit einem spttischen Blick auf den Sklavenhndler, willst du wieder
einmal dein Glck wider mich versuchen? Willst du wetten gegen mich? Gib ihm den
Becher, Syphax! winkte er dem Mauren.
    Merkur soll mich bewahren! antwortete Massurius in komischem Schreck.
Lat euch nicht ein mit dem Prfekten - er hat das Glck seines Ahnherrn Julius
Csar geerbt.
    Omen accipio! lachte Cethegus, das nehm' ich an, mitsamt dem Dolch des
Brutus.
    Ich sag' euch, er ist ein Zauberer! Erst jngst hat er eine ungewinnbare
Wette gegen mich gewonnen an diesem braunen Dmon - Und er wollte dem Sklaven
eine Feige ins Gesicht werfen: aber dieser fing sie behende mit den glnzend
weien Zhnen und verzehrte sie mit ruhigem Behagen.
    Gut, Syphax, lobte Cethegus, Rosen aus den Dornen der Feinde! Du kannst
ein Gaukler werden, sobald ich dich freilasse.
    Syphax will nicht frei sein, er will dein Syphax sein und dein Leben retten
wie du seins.
    Was ist das - dein Leben? fragte Lucius Licinius mit erschrockenem Blick.
- Hast du ihn begnadigt? sagte Marcus.
    Mehr, ich hab' ihn losgekauft.
    Ja, mit meinem Gelde! brummte Massurius.
    Du weit, ich hab' ihm dein verwettet Geld sofort als Peculium geschenkt.
    Was ist das mit der Wette? erzhle, vielleicht ein Stoff fr meine
Epigramme, fragte Piso.
    Lat den Mauren selbst erzhlen - sprich, Syphax, du darfst.

                                Neuntes Kapitel.


Ohne Zgern trat der junge Sklave in das von den Tischen gebildete Hufeisen, den
Rcken zur Tre gewandt. sein funkelndes Auge berflog rasch die Versammlung und
haftete dann mit Glut auf seinem Herrn: alle bewunderten die jugendliche Kraft
und Schnheit der schlanken Glieder, deren tiefes Braun nur um die Hften ein
kostbarer Schurz von Scharlach verhllte.
    Leicht ist erzhlt, was schwere Schmerzen barg. Ich bin daheim im
Lieblingsland der Sonne; wo hundert Palmen die immer grne Oase beschatten,
auer uns nur dem Lwen bekannt und dem fleckigen Panther. Aber in einer
gtterverlassenen Nacht, da fand der Feind unser altes Versteck. Vandalische
Reiter waren's und keine Rettung. Rot und schwarz stieg der Rauch unsrer Zelte
durch die Zedernwipfel hinan, kreischend flohen Weiber und Kinder. Da traf mich
ein sausender Speer.
    Ich erwachte gebunden im Sklavenraum eines Griechenschiffs, das uns gekauft,
mich und viele Mnner und Weiber meines Stammes: ich hatte nichts gerettet als
meinen Gott, den weien Schlangenknig, ich trug ihn im Grtel geborgen. Sie
brachten uns nach Rom, da kaufte mich einer, dessen Namen verflucht sei.
    's ist unser Freund Calpurnius, unterbrach Cethegus.
    Und kein Stern soll ihm leuchten auf nchtlicher Fahrt, er soll verdursten
im heien Sand, knirschte der Maure mit aufloderndem Ha. Er schlug mich oft
um nichts und lie mich hungern. Ich schwieg und betete zu meinem Gott um Rache.
Er zrnte, da ich so ruhig seine Wut ertrug.
    Er wute nicht, da Syphax seinen Gott bei sich trug in Gestalt einer
Schlange. Da trat er eines Morgens an mein Lager und fand sie um meinen Hals
geringelt. Er erschrak: ich sagte ihm seine Zhne seien nicht tdlich, aber
seine Rache. Da ergrimmte er, schlug nach mir und sagte: Tte den Wurm! Umsonst
flehte ich und wand mich auf den Knieen vor ihm. Er schlug mich und schlug nach
dem Gott: und als ich den deckte mit meinem Leibe, schrie er noch wilder: Tte
das Tier. Wie konnt' ich gehorchen! Da rief er seine Sklaven und befahl: Nehmt
ihm die Bestie und kocht sie lebendig. Er soll seinen Gott fressen! Ich erschrak
zum Tode ber diesen Frevel. Und sie griffen mich und haschten nach der
Schlange. Aber der Gott gab mir die Kraft der Wut, die da gleich ist der Kraft
des pfeilwunden Tigers, und ich sprang unter sie mit gellendem Schrei.
    Nieder schlug ich den Verfluchten mit dieser Faust und gewann die Tre des
Hauses und sprang hinaus ins Freie und dreiig Sklaven hinter mir drein. Da galt
es das Leben.
    Die Gste lauschten gespannt, selbst Balbus setzte den Becher ab, den er
eben zu Munde fhrte.
    Ich laufe nicht schlecht: oft haben wir, drei Vettern und ich, die
windschnelle Antilope mde gejagt. Und die Sklaven waren langsam und schwer.
    Aber sie kannten die Stadt und ihre Straen und ich nicht. So war es ein
ungleich Spiel. Die Verfolger teilten sich in Scharen von drei, vier Mann und
gewannen mir durch Seitengassen und Durchgnge den Weg ab.
    Zum Glck hatte ich im Vorbeirennen an einer Schmiede einen schweren
Feuerhaken errafft: zwei, dreimal braucht' ich ihn, die Verfolger zu scheuchen,
zu treffen, die mir pltzlich von vorn entgegenkamen. Ich fhlte aber, lange
konnte das nicht mehr dauern: wie rasch ich war, wie langsam sie, zuletzt mute
ich doch erliegen.
    Da sandte mir der Gott, den ich fest mit der Linken an die Brust drckte,
ihn, - und sein schnes Auge funkelte, - meinen Herrn, den gewaltigen, der
mchtig ist wie der Lwe von Abaritana und klug wie der Elefant, der da gut ist
wie milder Regen nach langer Drre und herrlich wie -
    Jetzt erzhlst du schlecht, Syphax, ich will vollenden. Ich kam gerade von
den Schanzwerken am aurelischen Tor, dem Grabmal Hadrians.
    Deinem schnen, gttergeschmckten Lieblingsort, unterbrach Kallistratos.
    Und bog am Fue des Kapitols in das Forum Trajans: da stand eine gaffende,
schreiende Menge und sah der Menschenjagd neugierig zu: wie ein Pfeil scho der
Maure von dem Forum des Nerva heran, seine Verfolger weit hinter ihm. Aber
siehe, dicht neben mir bogen von links fnf, von rechts sieben der Sklaven des
Calpurnius auf das Forum ein, bereit, ihn aufzufangen, sowie er auf dem Platz
ankam. Der ist verloren! sagte neben mir eine bekannte Stimme, es war Massurius,
der aus dem Bade des Augustus trat.
    Wem gehrt er? fragte ich. Calpurnius ist unser Herr, antwortete der Sklave
neben mir. Dann wehe ihm, sprach Massurius zu mir, er hngt seine Strafsklaven
bis an den Hals gebunden in seinen Fischweiher und lt sie lebendig auffressen
von seinen Murnen und Hechten. - Ja, sagte der Sklave, Syphax hat ihn
niedergeschlagen, und der Herr rief im Aufstehen: zu den Murnen den Hund! wer
ihn einbringt, ist frei.
    Ich blickte den Platz hinab auf den Mauren, der jetzt gleich heran war. Der
ist zu gut fr die Fische, sagte ich, welch' herrlicher Wuchs! Und sieh, er
kmmt durch, ich wette.
    Denn eben hatte der Flchtling die erste Kette der Sklaven, die sich ihm an
der Mndung der Via julia entgegenwarf, durchbrochen und flog jetzt auf uns zu.
    Und ich wette tausend Solidi, er kmmt nicht durch: sieh' dort die Lanzen,
sprach Massurius. - Gerade vor uns standen fnf Sklaven mit Lanzen und
Wurfspeeren. Es gilt! rief ich, tausend Solidi.
    Da war er heran.
    Drei Speere sausten zugleich: aber wie ein Panther duckte der Flinke unter
ihnen weg und, pltzlich aufschnellend, sprang er in hohem Satz ber die Lanzen
der beiden brigen. Atemlos kam er dicht vor mir zu Boden: er blutete von
Steinen und Pfeilen und schon kam jetzt vom Forum julium heran das ganze Rudel.
Verzweifelnd sah er um sich und wollte nach rechts in die Friedenstempel-Strae,
die ihn gerade nach seines Herrn Hause zurckgefhrt htte. Da sah ich vor uns
das Portal der kleinen Basilika von Sankt Laurentius offen stehen. Dort hin,
rief ich ihm zu.
    In meiner Sprache! er kennt meine Sprache, rief Syphax.
    Er kennt, glaub' ich, alle Sprachen, meinte Marcus Licinius.
    Dorthin, wiederholte ich, dort ist Asyl. Wie der Blitz war er die Stufen
hinan, schon auf der letzten, da traf ihn ein Stein, da er strzte und sein
nchster Verfolger war oben und packte ihn. Aber glatt wie ein Aal rang er sich
aus seinem Griff, stie ihn die Stufen hinab und sprang in die Tre der Kirche.
    Da hattest du gewonnen, sagte Kallistratos.
    Ich wohl, aber er nicht. Denn die Priester von St. Laurentius, so
eiferschtig sie ihre Asylrechte wahren, so wenig haben sie Mitleid mit einem
Heiden. Einen Tag lang bargen sie ihn: als sie aber erfuhren, da er um der
Schlange willen seinen Herrn niedergeschlagen, da stellten sie ihm die Wahl,
Christ zu werden und den Gtzen aufzugeben, oder Calpurnius und die Murnen.
    Syphax whlte den Tod. Ich erfuhr es und kaufte dem Zornigen seine Rache ab
und das Leben dieses schlanken Burschen, des schnsten Sklaven in Rom.
    Kein schlechtes Geschft, meinte Marcus, der Maure ist dir treu.
    Ich glaube, sagte Cethegus, tritt zurck, Syphax. Da bringt der Koch sein
Meisterstck, so scheint's.

                                Zehntes Kapitel.


Es war eine sechspfndige Steinbutte, seit Jahren im Meerwasserweiher des
Kallistratos mit Gnselebern gemstet. Der vielgepriesene Rhombus kam auf
silberner Schssel, ein goldenes Krnchen auf dem Kopf.
    Alle guten Gtter und du, Prophete Jonas! lallte Balbus zurcksinkend in
die Polster, der Fisch ist mehr wert als ich selber. - Still, Freund, warnte
Piso, da uns nicht Cato hre, der gesagt: wehe der Stadt, wo ein Fisch mehr
wert als ein Rind. Schallendes Gelchter und der laute Ruf: Euge belle!
bertnte den Zornruf des Halbberauschten.
    Der Fisch ward zerschnitten und kstlich erfunden.
    Jetzt, ihr Sklaven, fort mit dem matten Massiker. Der edle Fisch will
schwimmen in edlem Na. Auf, Syphax, jetzt pat, was ich zu dem Gelage
beigesteuert. Geh' und la die Amphora hereinbringen, welche die Sklaven drauen
in Schnee gestellt. Dazu die Phialen von gelbem Bernstein.
    Was bringst du seltenes, aus welchem Land? fragte Kallistratos. Frag, aus
welchem Weltteil? bei diesem vielgereisten Odysseus, sagte Piso.
    Ihr mt raten. Und wer es errt, wer diesen Wein schon gekostet hat, dem
schenk' ich eine Amphora, so hoch wie diese.
    Zwei Sklaven, eppichbekrnzt, schleppten den mchtigen, dunkeln Krug herein:
von schwarzbraunem Porphyr und fremdartiger Gestalt, mit hieroglyphischen
Zeichen geschmckt und wohlvergipst oben an der Mndung.
    Beim Styx! kmmt er aus dem Tartarus? das ist ein schwarzer Gesell, lachte
Marcus.
    Aber er hat eine weie Seele - zeige sie, Syphax. Der Nubier schlug mit
dem Hammer von Ebenholz, den ihm Ganymedes reichte, sorgfltig den Gips
herunter, hob mit silberner Zange den Verschlu von Palmenrinde heraus,
schttete die Schicht l hinweg, die oben schwamm, und fllte die Pokale. Ein
starker berauschender Geruch entstieg der weien, klebrigen Flssigkeit. Alle
tranken mit forschender Miene.
    Ein Gttertrank! rief Balbus absetzend. - Aber stark wie flssiges
Feuer, sagte Kallistratos.
    Nein, den kenn' ich nicht! sprach Lucius Licinius.
    Ich auch nicht, beteuerte Marcus Licinius. - Aber ich freue mich, ihn
kennen zu lernen, rief Piso und hielt Syphax die leere Schale hin.
    Nun, fragte der Wirt, zu dem letzten, bisher fast ganz stummen Gast zu
seiner Rechten gewendet, nun, Furius, groer Seefahrer, Abenteurer,
Indiensucher, Weltumsegler, wird deine Weisheit auch zuschanden?
    
    Der Gefragte erhob sich leicht von den Kissen, ein schner athletischer Mann
von einigen dreiig Jahren, von bronzener wettergebrunter Gesichtsfarbe,
kohlschwarzen, tiefliegenden Augen, blendend weien Zhnen und vollem Rundbart
nach orientalischem Schnitt.
    Aber ehe er noch sprechen konnte, fiel Kallistratos rasch ein: Doch, beim
Zeus Xenios, ich glaube, ihr kennt euch gar nicht? Cethegus ma die fesselnde
Erscheinung mit scharfem Blick. Ich kenne den Prfekten von Rom, sagte der
Schweigsame. - Nun, Cethegus, und dies ist mein vulkanischer Freund, Furius
Ahalla, aus Korsika, der reichste Schiffsherr des Abendlandes, tief wie die
Nacht und hei wie das Feuer. er hat fnfzig Huser, Villen und Palste an allen
Ksten von Europa, Asien und Afrika, zwanzig Galeeren, ein paar tausend Sklaven
und Matrosen und -
    Und einen sehr geschwtzigen Freund, schlo der Korse. Prfekt, mir ist
es leid um dich, aber die Amphora ist mein. Ich kenne den Wein. - Und er nahm
ein Kibitzei und zerschlug es mit goldenem Lffel.
    Schwerlich, lchelte Cethegus spttisch.
    Doch. Es ist Isiswein. Aus gypten. Aus Memphis. Und ruhig schlrfte er
das goldrtliche Ei.
    Erstaunt sah ihn Cethegus an. Erraten, sagte er dann. Wo hast du ihn
gekostet? - Notwendig da, wo du. Er fliet ja nur aus Einer Quelle, lchelte
der Korse. - Genug mit euren Geheimnissen! Keine Rtsel unter den Rosen! rief
Piso. - Wo habt ihr beiden Marder dasselbe Nest gefunden? fragte Kallistratos.
    Nun, rief Cethegus, wisset es immerhin. Im alten gypten, im heil'gen
Memphis voraus, haben sich immer noch, dicht neben den christlichen Einsiedlern
und Mnchen in der Wste, glaubenszhe Mnner und namentlich Frauen erhalten,
die nicht lassen wollen von Apis und Osiris und besonders treu den sen Dienst
der Isis pflegen. Sie flchten von der Oberflche, wo die Kirche das Kreuz der
Askese siegreich aufgepflanzt, in die Tiefen, in den geheimen Scho der groen
Mutter Erde mit ihrem heiligen teuren Wahn. In einem Labyrinth unter den
Pyramiden des Cheops haben sie noch einige hundert Krge geborgen des mchtigen
Weines, welcher dereinst die Eingeweihten zu den Orgien der Freude, der Liebe
berauschte. Die Kunde geht geheim gehalten von Geschlecht zu Geschlecht, immer
nur Eine Priesterin kennt den Keller und bewahrt den Schlssel.
    Ich kte die Priesterin und sie fhrte mich ein: - sie war eine wilde
Katze, aber ihr Wein war gut: - und sie gab mir zum Abschied fnf Krge mit aufs
Schiff.
    Soweit hab' ich es mit Smerda nicht gebracht, sagte der Korse; sie lie
mich trinken im Keller, aber als Andenken gab sie mir nur das mit - und er
entblte den braunen Hals. - Einen Dolchstich der Eifersucht, lachte
Cethegus. Nun, mich freut, da die Tochter nicht aus der Art schlgt. Zu meiner
Zeit, das heit, als mich die Mutter trinken lie, lief die kleine Smerda noch
im Kinderrckchen. Wohlan, es lebe der heil'ge Nil und die se Isis. Und die
beiden tranken sich zu.
    Aber es verdro sie, ein Geheimnis teilen zu sollen, das jeder allein zu
besitzen geglaubt.
    Doch die andern waren bezaubert von der Laune des eisigen Prfekten, der
jugendlich wie ein Jngling mit ihnen plauderte und jetzt, da das beliebteste
Thema fr junge Herren unter den Bechern angeregt war - Liebesabenteuer und
Mdchengeschichten -, unerschpflich bersprudelte von Streichen und Schwnken,
die er meistens selbst erlebt. Alle hingen mit Fragen an seinen Lippen. Nur der
Korse blieb stumm und kalt.
    Sage, rief der Wirt und winkte dem Schnken, als gerade das Gelchter ber
eine solche Geschichte verhallt war, sag an, du Mann buntscheckiger Erfahrung:
- gyptische Isismdchen, gallische Druidinnen, nachtlockige Tchter Syriens und
meine plastischen Schwestern von Hellas: - alle kennst du und weit du zu
schtzen, aber sprich, hast du je ein germanisch Weib geliebt?
    Nein, sagte Cethegus, seinen Isiswein schlrfend, sie waren mir immer zu
langweilig.
    Oho, meinte Kallistratos, das ist zuviel gesagt. Ich sage euch, ich habe
an den letzten Calenden einen Wahnsinn gehabt fr ein germanisch Weib, die war
nicht langweilig.
    Wie, du, Kallistratos von Korinth, der Aspasia, der Helena Landsmann,
erglhst fr ein Barbarenweib? O arger Eros, Sinnenverwirrer, Mnnerbeschmer,
schalt der Prfekt.
    Ja, wenn du willst, war's eine Sinnesverwirrung: ich habe nie dergleichen
erfahren.
    Erzhle, erzhle, drngten die andern.

                                Elftes Kapitel.


Immerhin, sagte der Hausherr, die Polster glttend, obwohl ich keine
glnzende Rolle dabei spiele.
    Also an den vorigen Calenden etwa kam ich zur achten Stunde aus den Bdern
des Abaskantos nach Hause.
    Da steht auf der Strae niedergelassen eine Frauensnfte, vier Sklaven
dabei, ich glaube, gefangne Gepiden. Unmittelbar aber vor der Tre meines Hauses
stehen zwei verhllte Frauen, die Calantica ber den Kopf gezogen. Die eine trug
sklavisch Gewand, aber die andre war sehr reich und geschmackvoll gekleidet und
das Wenige, was von Wuchs und Gestalt zu sehen, war gttlich. Welch schwebender
Schritt, welch feiner Knchel, welch hochgewlbter Fu! Als ich nher herankam,
lieen sich beide rasch in die Snfte heben, und fort waren sie. Ich aber - ihr
wit, es steckt des Bildhauers Blut in allen Hellenen - ich trumte des Nachts
von dem feinen Knchel und dem wogenden Schritt.
    Mittags drauf, da ich die Tre ffne, aufs Forum zu gehn zu den
Bibliographen, wie ich pflege, seh ich dieselbe Snfte rasch von dannen eilen.
    Ich gestehe, ohne sonst besonders eitel zu sein, diesmal hoffte ich eine
Eroberung gemacht zu haben - ich wnschte es so sehr. Und ich zweifelte gar
nicht mehr, als ich, um die achte Stunde nach Hause kommend, wieder meine
Fremde, diesmal unbegleitet, an mir vorberschlpfen sah und nach ihrer Snfte
eilen. Folgen konnt' ich den raschen Sklaven nicht, so trat ich in mein Haus,
froher Gedanken voll. Da sagte der Ostiarius: Herr, eine verhllte Sklavin
wartet dein in der Bibliothek.
    Pochenden Herzens eile ich in das Gemach. Richtig! es war die Sklavin, die
ich gestern gesehen. Sie schlug den faltigen Mantel zurck: eine hbsche,
verschlagne Maurin oder Karthagerin - ich kenne den Schlag - sah mich mit
schlauen Augen an.
    Ich bitte um Botenlohn, sagte sie, Kallistratos, ich bringe dir gute Kunde.
    Ich fate ihre Hand und wollte ihr die dunkle Wange streicheln - denn wer
die Herrin begehrt, der ksse die Sklavin - aber sie lachte und sprach: Nein,
nicht Eros, Hermes sendet mich.
    Meine Herrin - hoch horchte ich auf - meine Herrin ist - eine
leidenschaftliche Freundin der Kunst. Sie bietet dir dreitausend Solidi fr die
Aresbste, die in der Nische neben der Tre deines Hauses steht.
    Laut lachten die jungen Leute, Cethegus mit ihnen.
    Ja, lacht nur, fuhr der Hausherr selbst einstimmend fort, ich aber lachte
damals nicht. Aus all meinen Trumen heruntergefallen, sprach ich verdrielich:
mir ist das Werk nicht feil. Die Sklavin bot fnftausend, bot zehntausend
Solidi; ich wandte ihr den Rcken und griff nach der Tr.
    Da sagte die Schlange: Ich wei, Kallistratos von Korinth ist unwillig, weil
er ein Abenteuer gehofft und fand ein Geldgeschft.
    Er ist Hellene, er liebt die Schnheit, er brennt vor Neugier, meine Herrin
zu sehn. Das war so richtig, da ich nur lcheln konnte.
    Wohlan, sprach sie, du sollst sie sehn. Und dann erneuere ich mein letzt
Gebot. Schlgst du's dann dennoch aus, hast du immerhin den Vorteil, deine
Neugier gestillt zu haben. Morgen um die achte Stunde kmmt die Snfte wieder.
Dann halte dich bereit mit deinem Ares.
    Und sie schlpfte hinweg. Unruhig blieb ich zurck.
    Ich konnte nicht leugnen, meine Neugier war sehr gespannt. Fest
entschlossen, meinen Ares nicht herzulassen und die Kunstnrrin doch zu sehen,
erwartete ich gierig die bestimmte Stunde. Die Stunde kam und die Snfte kam.
Ich stand lauschend an meiner offnen Tr. Die Sklavin stieg heraus.
    Komm, rief sie mir zu, du sollst sie sehn.
    Bebend vor Aufregung trat ich heran, der Purpurvorhang der Snfte fiel halb
zurck und ich sah -
    Nun, rief Markus, sich vorbeugend, den Becher in der Hand.
    Was ich nie wieder vergessen werde. Ein Gesicht, Freunde, von ungeahnter
Schnheit. Kypris und Artemis in Einer Person. Ich war wie geblendet. Ich kann
sie nicht schildern. Der Vorhang fiel zu. Ich aber sprang zurck, hob den Ares
aus der Nische, reichte ihn der Punierin, wies ihr Gold zurck und taumelte in
meine Tr, betubt, als htt' ich eine Waldnymphe gesehn.
    Nun, das ist stark, lachte Massurius. Bist doch sonst kein Neuling in den
Werken des Eros.
    Aber, fragte Cethegus, woher weit du, da diese Zauberin eine Gotin
war?
    Sie hatte dunkelrotes Haar und milchweie Haut und schwarze Augenbrauen.
    Alle guten Gtter! dachte Cethegus. Aber er schwieg und wartete.
    Keiner der Anwesenden sprach den Namen aus.
    Sie kennen sie nicht, sagte Cethegus zu sich. - Und wann war das? fragte
den Wirt.
    An den vorigen Calenden.
    Ganz richtig, rechnete Cethegus; da kam sie von Tarentum durch Rom nach
Ravenna. Sie ruhte hier drei Tage.
    Und so hast du, lachte Piso, deinen Ares eingebt fr einen Blick.
Schlechter Handel! diesmal waren Merkur und Venus im Bunde. Armer Kallistratos.
    
    Ach, sagte dieser, die Bste war gar nicht soviel wert. Es war moderne
Arbeit. Jon in Neapolis hat sie vor drei Jahren gemacht. Aber ich sag' euch,
einen Pheidias htt' ich hingegeben um jenen Anblick.
    Ein Idealkopf? fragte Cethegus, wie gleichgltig und hob den ehernen
Mischkrug, der vor ihm stand, scheinbar bewundernd, auf.
    Nein, das Modell war ein Barbar - irgendein Gotengraf - Watichis oder
Witichas - wer kann sich die hyperborischen Namen merken! sagte Kallistratos
seinen Bericht schlieend und einem Pfirsich die Haut abziehend.
    Nachdenklich schlrfte Cethegus aus seiner Schale von Bernstein.

                               Zwlftes Kapitel.


Ja, die Barbarinnen knnte man sich gefallen lassen, rief Markus Licinius,
aber der Orkus verschlinge ihre Brder! Und er ri den welken Rosenkranz vom
Haupt: - die Blumen ertrugen den Dunst des Gelages schlecht - und ersetzte ihn
durch einen frischen. Nicht nur die Freiheit haben sie uns genommen - sie
schlagen uns bei den Tchtern Hesperiens in der Liebe sogar aus dem Felde. Erst
neulich hat die schne Lavinia meinem Bruder die Tre verschlossen und den
fuchsroten Aligern eingelassen.
    Barbarischer Geschmack! meinte der Verschmhte achselzuckend und wie zum
Trost nach seinem Isiswein langend. Du kennst sie ja auch, Furius - ist es
nicht Geschmacksverirrung? - Ich kenne deinen Nebenbuhler nicht, sagte der
Korse. Aber es gibt schon Burschen unter diesen Goten, die einem Weib
gefhrlich werden mgen.
    Und da fllt mir ein Abenteuer ein, das ich jngst entdeckt, das aber
freilich noch ohne Spitze ist. - Erzhle nur, mahnte Kallistratos, die Hnde
in das laue Waschwasser steckend, das jetzt in korinthischen Erzschsseln
herumgereicht wurde, vielleicht finden wir die Spitze dazu.
    Der Held meiner Geschichte, hob Furius an, ist der schnste der Goten. -
Ah, Totila der junge, unterbrach Piso und lie sich den kameengeschmckten
Becher mit Eiswein fllen. Derselbe. Ich kenne ihn seit Jahren und bin ihm sehr
gut, wie alle mssen, die je sein sonnig Angesicht geschaut, abgesehen davon, -
und hier berflog des Korsen Zge ein Schatten ernsten Erinnerns, und er stockte
- da ich ihm sonst verbunden bin.
    Du bist, scheint's, verliebt in den Blondkopf, spottete Massurius, dem
Sklaven, den er mitgebracht, ein Tuch voll pizentinischen Zwiebacks zuwerfend,
um es mit nach Hause zu nehmen. Nein, aber er hat mir, wie allen, mit denen er
zu tun hat, viel Freundliches erwiesen, und gar oft hatte er die Hafenwache in
den italischen Seestdten, wo ich landete.
    Ja, er hat groe Verdienste um das Seewesen der Barbaren, sagte Lucius
Licinius. - Wie um ihre Reiterei, stimmte Markus bei, der schlanke Bursche
ist der beste Reiter seines Volks.
    Nun, ich traf ihn zuletzt in Neapolis: wir freuten uns der Begegnung, aber
vergebens drang ich in ihn, die frhlichen Abendgelage auf meinem Schiffe zu
teilen.
    O, diese deine Schiffsabende sind berhmt und berchtigt, meinte Balbus,
du hast stets die feurigsten Weine. - Und die feurigsten Mdchen, fgte
Massurius bei.
    Wie dem sei, Totila schtzte jedesmal Geschfte vor und war nicht zu
gewinnen. Ich bitte euch! Geschfte nach der achten Stunde in Neapolis! Wo die
Fleiigsten faul sind! Es waren natrlich Ausflchte. Ich beschlo ihm auf die
Sprnge zu kommen und umschlich abends sein Haus in der Via lata. Richtig:
gleich den ersten Abend kam er heraus, vorsichtig umblickend und, zu meinem
Staunen, verkleidet; wie ein Grtner war er angetan, einen Reisehut tief ins
Gesicht gezogen, eine Abolla umgeschlagen. Ich schlich ihm nach. Er ging quer
durch die Stadt nach der Porta Capuana zu. Dicht neben dem Tore steht ein dicker
Turm, darinnen wohnt der Pfrtner, ein alter patriarchenhafter Jude, dem Knig
Theoderich ob seiner groen Treue die Hut des Tores anvertraut.
    Vor dem Turme blieb mein Gote stehen und schlug leise in die Hand: da flog
eine schmale Seitentr von Eisen, die ich gar nicht bemerkt, geruschlos auf und
hinein schlpfte Totila geschmeidig wie ein Aal.
    Ei, ei, fiel Piso der Dichter eifrig ein, ich kenne den Juden und Miriam,
sein herrlich prachtugiges Kind! Die schnste Tochter Israels, die Perle des
Morgenlands, ihre Lippen sind Granaten, ihr Aug' ist dunkelmeeresblau und ihre
Wangen haben den roten Duft des Pfirsichs. - Gut, Piso, lchelte Cethegus -
dein Gedicht ist schn. - Nein, rief dieser. Miriam selbst ist die
lebendige Poesie. - Stolz ist die Judendirne, brummte Massurius dazwischen,
sie hat mich und mein Gold verschmht mit einem Blick, als habe man nie ein
Weib um Geld gekauft. - Siehe, sprach Lucius Licinius, so hat sich der
hochmt'ge Gote, der einherschreitet, als trg' er alle Sterne des Himmels auf
seinem Lockenhaupt, zu einer Jdin herabgelassen.
    So dacht' auch ich und ich beschlo, den Jungen bei nchster Gelegenheit
schwer zu verhhnen mit seinem Moschusgeschmack. Aber nichts da. Ein paar Tage
darauf mute ich nach Capua. Ich breche vor Sonnenaufgang auf, die Hitze zu
meiden. Ich fahre durch die Porta Capuana zur Stadt hinaus beim ersten Frhrot:
und als ich in meinem Reisewagen ber die harten Steine an dem Judenturm
vorberrassele, denk' ich neidvoll an Totila und sage mir, der liegt jetzt in
weichen Armen. Aber am zweiten Meilenstein vor dem Tor begegnet mir, nach der
Stadt zuschreitend, leere Blumenkrbe ber Brust und Rcken, in Grtnertracht,
wie damals - Totila. Er lag also nicht in Miriams Armen. Die Jdin war nicht
seine Geliebte, vielleicht seine Vertraute, und wer wei, wo die Blume blht,
die dieser Grtner pflegt. Der Glcksvogel! Bedenkt nur, auf der Via Capuana
stehen all' die Villen und Lustschlsser der ersten Familien von Neapolis und in
jenen Grten prangen und blhen die herrlichsten Weiber.
    Bei meinem Genius, rief Lucius Licinius, die bekrnzte Schale hebend,
dort leben ja die schnsten Weiber Italiens - Fluch ber den Goten! - Nein,
schrie Massurius, von Wein erglhend, Fluch ber Kallistratos und den Korsen,
die uns mit fremden Liebesgeschichten bewirten, wie der Storch aus Kelchglsern
den Fuchs. La endlich, Hausherr, deine Mdchen kommen, wenn du deren bestellt
hast: nicht hher brauchst du unsre Erwartung zu spannen. - Jawohl, die
Mdchen, die Tnzerinnen, die Psalterien! riefen die jungen Leute
durcheinander.
    Halt, sprach der Wirt, wo Aphrodite naht, mu sie auf Blumen wandeln.
Dies Glas bring ich dir, Flora! Er sprang auf und schleuderte an die getfelte
Decke eine kstliche Kristallschale, da sie klirrend zersprang.
    Sowie das Glas an die Balken der Decke schlug, hob sich das ganze Getfel
wie eine Falltr empor und ein reicher Regen von Blumen aller Art flutete auf
die Hupter der erstaunten Gste nieder, Rosen von Pstum, Veilchen von Thurii,
Myrten von Tarentum, Mandelblten bedeckten wie ein dichtes Schneegestber in
duftigen Flocken den Mosaikboden, die Tische, die Polster und die Hupter der
Gste.
    Schner, rief Cethegus, zog Venus nie auf Paphos ein.
    Kallistratos schlug in die Hnde. Da teilte sich beim Klang von Lyra und
Flte dem Triklinium gerade gegenber die Mittelwand des Gemachs: vier
hochgeschrzte Tnzerinnen, ausgesucht schne Mdchen, in persische Tracht, d.h.
in durchsichtigen Rosaflor gekleidet, sprangen zimbelnschlagend aus einem
Gebsch von blhendem Oleander.
    Hinter ihnen kam ein groer Wagen in Gestalt einer Fchermuschel, dessen
goldne Rder von acht jungen Sklavinnen geschoben wurden, vier Fltenblserinnen
in lydischem Gewand - Purpur und Wei mit goldgestickten Mnteln - schritten
vorauf: und auf dem Sitz des Wagens ruhte, von Rosen bergossen, in halb
liegender Stellung Aphrodite selbst, in Gestalt eines blhenden Mdchens von
lockender ppiger Schnheit, dessen fast einzige Verhllung der Aphroditen
nachgebildete Grtel der Grazien war.
    Ha, beim heiligen Eros und Anteros! schrie Massurius und sprang unsichern
Schrittes von der Kline herab unter die Gruppe.
    Verlosen wir die Mdchen! rief Piso, ich habe ganz neue Wrfel aus
Gazellenkncheln, weihen wir sie ein. La sie den Festknig verteilen, schlug
Marcus Licinius vor. Nein, Freiheit, Freiheit wenigstens in der Liebe, rief
Massurius und fate die Gttin heftig am Arme, und Musik, heda, Musik - -
    Musik, befahl Kallistratos.
    Aber ehe noch die Zymbelschlgerinnen wieder anheben konnten, wurde die
Eingangstre hastig aufgerissen und die Sklaven, die ihn aufhalten wollten, zur
Seite drngend, strmte Scvola herein, er war leichenbla.
    Hier also, hier wirklich find' ich dich, Cethegus? in diesem Augenblick!
    Was gibt's? sagte der Prfekt und nahm ruhig den Rosenkranz vom Haupt.
    Was es gibt? das Vaterland schwankt zwischen Scylla und Charybdis. Die
gotischen Herzoge Thulun, Ibba und Pitza -
    Nun? fragte Lucius Licinius.
    Sie sind ermordet!
    Triumph! rief der junge Rmer und lie die Tnzerin fahren, die er umfat
hielt.
    Schner Triumph! zrnte der Jurist. Als die Nachricht nach Ravenna kam,
beschuldigte alles Volk die Knigin, sie strmten den Palast: - doch
Amalaswintha war entfloh'n.
    Wohin? fragte Cethegus, rasch aufspringend.
    Wohin? auf einem Griechenschiff - nach Byzanz!
    Cethegus setzte schweigend den Becher auf den Tisch und furchte die Stirn.
    Aber das rgste ist - die Goten wollen sie absetzen und einen Knig
whlen. - Einen Knig? sagte Cethegus. Wohlan, ich rufe den Senat zusammen.
Auch die Rmer sollen whlen.
    Wen, was sollen wir whlen? fragte Scvola.
    Aber Cethegus brauchte nicht zu antworten. Lucius Licinius rief statt
seiner: Einen Diktator! fort, fort in den Senat.
    In den Senat! wiederholte Cethegus majesttisch. Syphax, meinen Mantel.
    Hier, Herr, und dabei dein Schwert, flsterte der Maure. Ich fhr' es
immer mit, auf alle Flle.
    Und Wirt und Gste folgten halb taumelnd dem Prfekten, der, allein vllig
nchtern, ihnen voran aus dem Hause auf die Strae schritt.

                              Dreizehntes Kapitel.


In einem der schmalen Gemcher des Kaiserpalastes zu Byzanz stand kurze Zeit
nach dem Fest der Floralien ein kleiner Mann von nicht ansehnlicher Gestalt in
sorgenschweres Sinnen versunken.
    Es war still und einsam rings um ihn.
    Obwohl es drauen noch heller Tag, war doch das Rundbogenfenster, das nach
dem Hofraum des weitlufigen Gebudes fhrte, mit schweren golddurchwirkten
Teppichen dicht verhangen: gleichkstliche Stoffe deckten den Mosaikboden des
Zimmers, so da kein Gerusch die Schritte des langsam auf und ab Wandelnden
begleitete.
    Gedmpftes, mattes Licht fllte den Raum.
    Auf dem Goldrund der Wnde prangte die lange Reihe der christlichen
Imperatoren seit Constantius in kleinen weien Bsten: gerade ber dem
Schreibdiwan hing ein groes mannshohes Kreuz von gediegenem Golde.
    So oft der einsam auf und nieder Schreitende daran vorbeikam, neigte er das
Haupt vor demselben: denn in der Mitte des Goldes war, von Glas umschlossen, ein
Splitter des angeblich echten Kreuzes angebracht.
    Endlich blieb er vor der Weltkarte stehen, die, den Orbis romanus
darstellend, auf purpurgesumtem Pergament eine der Wnde bedeckte: nach langem,
prfendem Blick seufzte der Mann und bedeckte mit der Rechten Gesicht und Augen.
    Es waren keine schnen Augen und kein edles Gesicht: aber vieles, Gutes und
Bses, lag darin.
    Wachsamkeit, Mitrauen und List sprachen aus dem unruhigen Blick der
tiefliegenden Augen: schwere Falten, der Sorge mehr als des Alters, furchten die
vorspringende Stirn und die magern Wangen.
    Wer den Ausgang wte! seufzte er noch einmal, die knochigen Hnde
reibend. Es treibt mich unablssig. Ein Geist ist in meine Brust gefahren und
mahnt und mahnt.
    Aber ist's ein Engel des Herrn oder ein Dmon? Wer mir meinen Traum deutete!
Vergib dreieiniger Gott, vergib deinem eifrigsten Knecht. Du hast die
Traumdeuter verflucht.
    Aber doch trumte Knig Pharao und Joseph durfte ihm deuten: und Jakob sah
im Traum den Himmel offen und ihre Trume kamen von dir. Soll ich? - darf ich es
wagen?
    Und wieder schritt er unschlssig auf und nieder, wer wei, wie lange noch,
wre nicht der Purpurvorhang des Eingangs leise gehoben worden.
    Ein goldschimmernder Velarius warf sich vor dem kleinen Mann zur Erde mit
auf der Brust gekreuzten Armen. Imperator, die Patrizier, die du beschieden.
    Geduld, sagte jener, sich auf die Kline mit dem Gestell von Gold und
Elfenbein niederlassend, rasch die Silberschuhe und die Chlamys.
    Der Palastdiener zog ihm die Sandalen mit den dicken Sohlen und den hohen
Abstzen an, welche die Gestalt um ein paar Zoll erhhten, und warf ihm den
faltenreichen, mit Goldsternen bersten Mantel um die Schulter, jedes Stck der
Gewandung kssend, wie er es berhrte: nach einer Wiederholung der fuflligen
Niederwerfung, die in dieser orientalischen Unterwrfigkeit erst neuerlich
verschrft worden war, ging der Velarius.
    Und Kaiser Justinianus stellte sich, den linken Arm auf eine gebrochne
Porphyrsule aus dem Tempel von Jerusalem gesttzt, die zu diesem Behuf nach
seiner Gre zurechtgesgt war, in seiner Audienzattitde dem Eingang
gegenber.
    Der Vorhang ging zurck und drei Mnner betraten das Gemach mit der gleichen
Begrungsform wie jener Sklave und doch waren sie die ersten Mnner dieses
Kaiserreichs, wie, mehr noch als ihre reichgeschmckten Gewnder, ihre
hochbedeutenden Kpfe, ihre geistvollen Zge bewiesen.
    Wir haben euch beschieden, hob der Kaiser an, ohne ihre demtige Begrung
zu erwidern, euren Rat zu hren - ber Italien. Ich habe euch alle ntigen
Kenntnisse ber die Dinge daselbst verschafft: die Briefe der Regentin, die
Dokumente der Patriotenpartei daselbst: drei Tage hattet ihr Zeit. Erst rede du,
Magister Militum.
    Und er winkte dem Grten unter den dreien, einer stattlichen, ganz in eine
reichvergoldete Rstung gekleideten Heldengestalt. Die groen, offenen,
hellbraunen Augen sprachen von Treue und Zuversicht, eine starke gerade Nase,
volle Wangen gaben dem Gesicht den Ausdruck gesunder Kraft, die breite Brust,
die gewaltigen Schenkel und Arme hatten etwas Herkulisches, der Mund aber zeigte
trotz des grimmen Rundbartes Milde und Gutherzigkeit.
    Herr, sprach er mit voller, aus tiefer Brust quellender Stimme, Belisars
Rat ist immer: greifen wir die Barbaren an. Soeben hab' ich auf dein Gehei das
Reich der Vandalen in Afrika zertrmmert mit fnfzehntausend Mann. Gib mir
dreiigtausend, und ich werde dir die Gotenkrone zu Fen legen.
    Gut, sprach der Kaiser erfreut, dies Wort hat mir wohlgetan. Was sprichst
du, Perle meiner Rechtsgelehrten Tribonianus?
    Der Angeredete war wenig kleiner als Belisar, aber nicht so breitschultrig
und die Glieder nicht so sehr durch stete bung entwickelt. Die hohe, ernste
Stirn, das ruhige Auge, der festgeschnittene Mund zeugten von einem mchtigen
Geist. Imperator, sagte er gemessen, ich warne dich vor diesem Krieg. Er ist
ungerecht.
    
    Unwillig fuhr Justinianus auf: Ungerecht! wiederzunehmen, was zum rmischen
Reich gehrt.
    Gehrt hat. Dein Vorfahr Zeno berlie durch Vertrag das Abendland an
Theoderich und seine Goten, wenn sie den Anmaer Odovakar gestrzt.
    Theoderich sollte Statthalter des Kaisers sein, nicht Knig von Italien.
    Zugegeben. Aber nachdem er es geworden - wie er es werden mute, ein
Theoderich konnte nicht der Diener eines Kleinern sein - hat ihn Kaiser
Anastasius, dein Ohm Justinus, du selbst hast ihn anerkannt, ihn und sein
Knigreich.
    Im Drang der Not. Jetzt, da sie in Not und ich der Strkere, nehm' ich die
Anerkennung zurck.
    Das eben nenn' ich ungerecht.
    Du bist unbequem und unbeholfen, Tribonian, und ein zher Rechthaber. Du
taugst trefflich, meine Pandekten zusammenzubauen. In Politik werd' ich dich nie
wieder befragen. Was hat die Gerechtigkeit mit der Politik zu tun!
    Gerechtigkeit, o Justinianus, ist die beste Politik.
    Bah, Alexander und Csar dachten anders.
    Sie haben erstens ihr Werk nicht vollendet und dann zweitens - er hielt
inne.
    Nun, zweitens?
    Zweitens bist du nicht Csar und nicht Alexander. - -
    Alle schwiegen. Nach einer Pause sagte der Kaiser ruhig: Du bist sehr
offen, Tribonianus.
    Immer, Justinianus.
    Rasch wandte sich der Kaiser zu dem dritten. Nun, was ist deine Meinung,
Patricius?

                              Vierzehntes Kapitel.


Der Angeredete verbannte rasch von seinen Lippen ein kaltes Lcheln, das ihm die
Moralpolitik des Juristen erweckt und richtete sich auf.
    Es war ein verkrppeltes Mnnchen, noch bedeutend kleiner als Justinian,
weshalb dieser im Gesprch mit ihm den Kopf noch viel mehr als ntig gewesen
wre, herabsenkte. Er war kahlkpfig, die Wangen von krankhaftem Wachsgelb, die
rechte Schulter hher als die linke und er hinkte etwas auf dem linken Fu,
weshalb er sich auf einen schwarzen Krckstock mit goldnem Gabelgriff sttzte.
Aber das durchdringende Auge war so adlergewaltig, da es von dieser
unansehnlichen Gestalt den Eindruck des Widrigen fernhielt, dem fast hlichen
Gesicht die Weihe geistiger Gre verlieh: und der Zug schmerzlicher Entsagung
und khler berlegenheit um den feinen Mund hatte sogar einen fesselnden Reiz.
Imperator, sagte er mit scharfer bestimmter Stimme, ich widerrate diesen
Krieg - fr jetzt.
    Unwillig zuckte des Kaisers Auge: Auch aus Grnden der Gerechtigkeit?
fragte er, fast hhnisch. - Ich sagte fr jetzt. - Und warum? - Weil das
Notwendige dem Angenehmen vorgeht. Wer sein Haus zu verteidigen hat, soll nicht
in fremde Huser einbrechen. - Was soll das heien? - Das soll heien: vom
Westen, von den Goten droht diesem Reiche keine Gefahr. Der Feind, der dieses
Reich verderben kann, vielleicht verderben wird, kmmt vom Osten.
    Die Perser! rief Justinian verchtlich.
    Seit wann, sprach Belisar dazwischen, seit wann frchtet Narses, mein
groer Nebenbuhler, die Perser?
    Narses frchtet niemand, sagte dieser, ohne seinen Gegner anzusehn, weder
die Perser, die er geschlagen hat, noch dich, den die Perser geschlagen haben.
Aber er kennt den Orient. Sind es die Perser nicht, so sind es andre, die nach
ihnen kommen. Das Gewitter, das Byzanz bedroht, steigt vom Tigris auf, nicht vom
Tiber.
    Nun, und was soll das bedeuten?
    Das soll bedeuten, da es schimpflich ist fr dich, o Kaiser, fr den
Rmernamen, den wir noch immer fhren, Jahr fr Jahr von Chosroes dem
Perserchan, den Frieden um viele Zentner Goldes zu erkaufen.
    Flammende Rte berflog des Kaisers Antlitz: Wie kannst du Geschenke,
Hilfsgelder also deuten!
    Geschenke! und wenn sie ausbleiben, eine Woche nur ber den Zahltag,
verbrennt Chosroes, des Cabades Sohn, deine Drfer. Hilfsgelder! und er besoldet
damit Hunnen und Sarazenen, deiner Grenze gefhrlichste Feinde.
    Justinian machte einen raschen Gang durchs Zimmer. Was also rtst du?
fragte er, hart vor Narses stehenbleibend. Nicht die Goten anzugreifen ohne
Not, ohne Grund, wenn man sich der Perser kaum erwehrt. Alle Krfte deines
Reiches aufzubieten, um diese schimpflichen Tribute abzustellen, die
schmhlichen Verheerungen deiner Grenzen zu verhindern, die verbrannten Stdte
Antiochia, Dara, Edessa wieder aufzubauen, die Provinzen wieder zu gewinnen, die
du im nahen Osten - trotz Belisars tapfrem Schwert - verloren, deine Grenzen
durch einen siebenfachen Grtel von Festungen vom Euphrat bis zum Araxes zu
schirmen. Und hast du dies Notwendige alles vollbracht - und ich frchte sehr,
du kannst es nicht vollbringen! - dann magst du versuchen, wozu der Ruhm dich
lockt.
    Justinianus schttelte leicht das Haupt. Du bist mir nicht erfreulich,
Narses, sagte er bitter.
    Das wei ich lngst, sprach dieser ruhig.
    Und nicht unentbehrlich! rief Belisar stolz. Kehre dich nicht, mein
groer Kaiser, an diese kleinen Zweifler! Gib mir die dreiigtausend und ich
wette meine rechte Hand, ich erobre dir Italien.
    Und ich wette meinen Kopf, sagte Narses, was mehr ist, da Belisar
Italien nicht erobern wird, nicht mit dreiig-, nicht mit sechzig-, nicht mit
hunderttausend Mann.
    Nun, fragte Justinian, und wer soll's dann knnen und mit welcher Macht?
    Ich, sagte Narses, mit achtzigtausend.
    Belisar erglhte vor Zorn: er schwieg, weil er keine Worte fand.
    Du hast dich doch bei allem Selbstgefhl sonst nie so hoch ber deinen
Gegner gestellt, sprach der Jurist.
    Und tu's auch jetzt nicht, Tribonian. Sieh, der Unterschied ist der:
Belisarius ist ein groer Held, der bin ich nicht. Aber ich bin ein groer
Feldherr - und siehe, das ist Belisarius nicht. Die Goten aber wird nur ein
groer Feldherr berwinden.
    Belisarius richtete sich in seiner ganzen stolzen Hhe auf und prete die
Faust krampfhaft um seinen Schwertknauf. Es war als wollte er dem Krppel neben
ihm den Kopf zerdrcken. Der Kaiser sprach fr ihn: Belisar kein groer
Feldherr! Der Neid verblendet dich, Narses.
    Ich beneide Belisar um nichts, nicht einmal, seufzte er leise, um seine
Gesundheit. Er wre ein groer Feldherr, wenn er nicht ein so groer Held wre.
Er hat noch jede Schlacht, die er verlor, aus zu viel Heldentum verloren.
    Das kann man von dir nicht sagen, Narses, warf Belisar bitter ein.
    Nein, Belisarius, denn ich habe noch nie eine Schlacht verloren.
    Eine ungeduldige Antwort Belisars ward abgeschnitten durch den Velarius,
der, den Vorhang aufhebend, meldete:
    Alexandros, den du nach Ravenna gesendet, o Herr, ist seit einer Stunde
gelandet und fragt -
    Herein mit ihm, herein! rief der Kaiser, hastig von seiner Kline
aufspringend. Ungeduldig winkte er dem Gesandten, von seiner Proskynesis sich zu
erheben: Nun, Alexandros, du kmmst allein zurck?
    Der Gesandte, ein schner, noch junger Mann, wiederholte: Allein.
    Es verlautete doch - dein letzter Bericht - wie verlieest du das
Gotenreich?
    In groer Verwirrung. Ich schrieb dir in meinem letzten Bericht, die
Knigin habe beschlossen, sich ihrer drei hochmtigsten Feinde zu entledigen.
Sollte der Anschlag milingen, so war sie in Italien nicht mehr sicher und bat
sich in diesem Fall aus, da ich sie auf meinem Schiff nach Epidamnus, dann
hierher nach Byzanz flchten drfe.
    Was ich mit Freuden bewilligte. Nun, und der Anschlag?
    Ist geglckt. Die drei Herzoge sind nicht mehr.
    Aber nach Ravenna kam das Gercht, der gefhrlichste unter ihnen, Herzog
Thulun, sei nur verwundet. Dies bewog die Regentin, da ohnehin die Goten in der
Stadt sich drohend vor dem Palaste scharten, auf mein Schiff zu flchten. Wir
lichteten die Anker, aber bald nachdem wir den Hafen verlassen, schon auf der
Hhe von Ariminum, holte uns Graf Witichis mit bermacht ein, kam an Bord und
forderte Amalaswinthen auf, zurckzukehren, indem er sich fr ihre Sicherheit
bis zu feierlicher Untersuchung vor der Volksversammlung verbrgte. Da sie von
ihm erfuhr, da jetzt auch Herzog Thulun seinen Wunden erlegen, und aus seinem
Anerbieten sah, da er und seine mchtigen Freunde noch nicht an ihre Schuld
glaubten, da berdies Gewalt zu frchten war, willigte sie darein, mit ihm
umzukehren nach Ravenna. Zuvor aber schrieb sie noch an Bord der Sophia diesen
Brief an dich und sendet dir aus ihrem Schatze diese Geschenke.
    Davon spter, sprich weiter, wie stehn die Dinge jetzt in Italien?
    Gut fr dich, o groer Kaiser. Das vergrerte Gercht von dem Aufstand der
Goten in Ravenna, von der Flucht der Regentin nach Byzanz durchflog das ganze
Land. Vielfach kam es schon zum Zusammensto zwischen Rmern und Barbaren. In
Rom selbst wollten die Patrioten losschlagen, im Senat einen Diktator whlen,
deine Hilfe anrufen. Aber alles wre verfrht gewesen, nachdem die Regentin in
den Hnden des Witichis: nur das geniale Haupt der Katakombenmnner hat es
verhindert.
    Der Prfekt von Rom? fragte Justinian.
    Cethegus. Er mitraute dem Gercht. Die Verschworenen wollten die Goten
berfallen, dich zum Kaiser Italiens ausrufen, ihn einstweilen zum Diktator
whlen. Aber er lie sich in der Kurie buchstblich die Dolche auf die Brust
setzen und sagte: nein.
    Ein mutiger Mann! rief Belisar.
    Ein gefhrlicher Mann! sagte Narses.
    Eine Stunde darauf kam die Nachricht von der Rckkehr Amalaswinthens und
alles blieb beim alten. Der schwarze Teja aber hatte geschworen, Rom zu einer
Viehweide zu machen, wenn es einen Tropfen Gotenblut vergossen. All das hab' ich
auf meiner absichtlich zgernden Kstenfahrt bis nach Brundusium erfahren. Aber
noch Besseres hab' ich zu melden. Nicht nur unter den Rmern, unter den Goten
selbst hab' ich eifrige Freunde von Byzanz gefunden, ja unter den Gliedern des
Knigshauses.
    Das wre! rief Justinian. Wen meinst du?
    In Tuscien lebt, reichbegtert, Frst Theodahad, Amalaswinthens Vetter.
    Jawohl, der letzte Mann im Haus der Amalungen, nicht wahr?
    Der letzte. Er und noch viel mehr Gothelindis, sein kluges, aber bses
Gemahl, die stolze Baltentochter, hassen aufs grndlichste die Regentin: er,
weil sie seiner malosen Habsucht, mit der er all' seiner Nachbarn Grundbesitz
an sich zu reien sucht, entgegentritt: sie, aus Grnden, die ich nicht
entdecken konnte: ich glaube, sie reichen in die Mdchenzeit der beiden
Frstinnen zurck - genug, ihr Ha ist tdlich. Diese beiden nun haben mir
zugesagt, dir in jeder Weise Italien zurckgewinnen helfen zu wollen: ihr gengt
es, scheint's, die Todfeindin vom Thron zu strzen: er freilich fordert reichen
Lohn.
    Der soll ihm werden.
    Seine Hilfe ist deshalb wichtig, weil er schon halb Tuscien besitzt - das
Adelsgeschlecht der Wlsungen hat den andern Teil - und spielend in unsre Hnde
bringen kann: dann aber, weil er, wenn Amalaswintha fllt, ihr auf den Thron zu
folgen Aussicht hat. Hier sind Briefe von ihm und von Gothelindis. Aber lies vor
allem das Schreiben der Regentin - ich glaube, es ist sehr wichtig.

                              Fnfzehntes Kapitel.


Der Kaiser zerschnitt die Purpurschnre der Wachstafel und las: An Justinian,
den Imperator der Rmer, Amalaswintha, der Goten und Italier Knigin!
    Der Italier Knigin, lachte Justinian, welch verrckter Titel!
    Durch Alexandros, Deinen Gesandten, wirst Du erfahren, wie Eris und Ate in
diesem Lande hausen. Ich gleiche der einsamen Palme, die von widerstreitenden
Winden zerrissen wird. Die Barbaren werden mir tglich feindseliger, ich ihnen
tglich fremder, die Rmer aber, soviel ich mich ihnen nhere, werden mir nie
vergessen, da ich germanischen Stammes. Bis jetzt habe ich entschlossenen
Geistes allen Gefahren getrotzt: jedoch ich kann es nicht lnger, wenn nicht
wenigstens mein Palast, meine frstliche Person vor der berraschung drngender
Gewalt sicher ist. Ich kann mich aber auf keine der Parteien hier im Lande
unbedingt verlassen.
    So ruf ich Dich, als meinen Bruder in der kniglichen Wrde, zu Hilfe. Es
ist die Majestt aller Knige, die Ruhe Italiens, die es zu beschirmen gilt.
    Schicke mir, ich bitte Dich, eine verlssige Schar, eine Leibwache - der
Kaiser warf einen bedeutsamen Blick auf Belisar - eine Schar von einigen
tausend Mann mit einem mir unbedingt ergebenen Anfhrer: sie sollen den Palast
von Ravenna besetzen: er ist eine Festung fr sich. Was Rom betrifft, so mssen
jene Scharen mir vor allem den Prfekten Cethegus, der ebenso mchtig als
zweideutig ist und mich in der Gefahr, in die er mich gefhrt, pltzlich
verlassen hat, fernhalten, ntigenfalls vernichten. Habe ich meine Feinde
niedergeworfen und mein Reich befestigt, wie ich zum Himmel und der eignen Kraft
vertraue, so werd' ich Dir Truppen und Fhrer mit reichen Geschenken und
reicherem Dank zurcksenden. Vale.
    Justinian drckte krampfhaft die Wachstafel in seiner Faust: leuchtenden
Auges sah er vor sich hin, seine nicht schnen Zge veredelten sich im Ausdruck
hoher geistiger Macht, und dieser Augenblick zeigte, da in dem Manne neben
vielen Schwchen und Kleinheiten Eine Strke, Eine Gre lebte: die Gre eines
diplomatischen Genies.
    In diesem Brief, rief er endlich strahlenden Blickes, halt' ich Italien
und das Gotenreich. Und in mchtiger Bewegung durchschritt er das Gemach mit
groen Schritten, jetzt sogar die Verbeugung vor dem Kreuz vergessend.
    Eine Leibwache - sie soll sie haben! Aber nicht ein paar tausend Mann,
viele Tausende, mehr als ihr lieb sein wird, und du, Belisarius, sollst sie
fhren.
    Sieh auch die Geschenke, mahnte Alexandros und wies auf einen kstlichen
Schrein von Thuienholz mit Gold eingelegt, den der Velarius hinter ihm
niedergestellt hatte. Hier ist der Schlssel. Er berreichte ein kleines
Bchschen von Schildpatt, das mit der Regentin Siegel geschlossen war.
    Es ist ihr Bild dabei, sagte er, wie zufllig mit lauterer Stimme.
    In dem Augenblick, da der Gesandte die Stimme krftiger erhoben, steckte
sich, leise und unbemerkt von allen auer ihm, der Kopf eines Weibes durch den
Vorhang, und zwei funkelnde schwarze Augen sahen scharf auf den Kaiser. Dieser
ffnete den Schrein, schob rasch alle Kostbarkeiten beiseite und griff hastig
nach einem unscheinbaren Tfelchen von geglttetem Buchs mit einem schmalen
Goldrahmen. Ein Ruf des Staunens entflog unwillkrlich seinen Lippen, sein Auge
blitzte, er zeigte das Bild Belisar: Ein herrliches Weib, welche Majestt der
Stirn! ja, man sieht die geborene Herrscherin, die Knigstochter! und
bewundernd sah er auf die edeln Zge.
    Da rauschte der Vorhang und die Lauscherin trat ein.
    Es war Theodora, die Kaiserin: ein verfhrerisches Weib. Alle Knste
weiblichen Erfindungsgeistes in einer Zeit des uersten Luxus und alle Mittel
eines Kaiserreichs wurden tglich stundenlang aufgeboten, diese an sich
ausgezeichnete, aber durch ein zgelloses Sinnenleben frh angegriffene
Schnheit frisch und blendend zu erhalten.
    Goldstaub lieh ihrem dunkelblauschwarzen Haar metallischen Glanz: es war am
Nacken mit aller Sorgfalt gegen den Wirbel hinaufgekmmt, den schnen Bau des
Hinterkopfs, den feinen Ansatz des Halses zu zeigen.
    Augenbrauen und Wimpern waren mit arabischem Stimmi glnzend schwarz
gefrbt: und so knstlich war das Rot der Lippen aufgetragen, da selbst
Justinian, der diese Lippen kte, nie an eine Untersttzung der Natur durch
phnikischen Purpur dachte. Jedes Hrchen an den alabasterweien Armen war
sorgfltig ausgetilgt und das zarte Rosa der Fingerngel beschftigte tglich
eine besondere Sklavin lange Zeit.
    Und doch htte Theodora, damals noch nicht vierzig Jahre alt, auch ohne all
diese Knste fr ein ganz auffallend schnes Weib gelten mssen.
    Edel freilich war dieses Antlitz nicht: kein groer, ja kein stolzer Gedanke
sprach aus diesen angestrengten, unheimlich glnzenden Augen: um die Lippen
schwebte ein zur Gewohnheit gewordenes Lcheln, das die Stelle der ersten
knftigen Falte ahnen lie: und die Wangen zeigten in der Nhe der Augen Spuren
mder Erschpfung.
    Aber wie sie jetzt mit ihrem sesten Lcheln auf Justinian zuschwebte, das
schwere Faltenkleid von dunkelgelber Seide zierlich mit der Linken aufhebend,
bte die ganze Erscheinung einen betubenden Zauber, hnlich dem sen
einlullenden Geruch von indischem Balsam, der von ihr duftete.
    Was erfreut meinen kaiserlichen Herrn so sehr? darf ich seine Freude
teilen? fragte sie mit ser, einschmeichelnder Stimme. Die Anwesenden warfen
sich vor der Kaiserin zur Erde, kaum minder ehrerbietig als vor Justinian.
    Dieser aber schrak bei ihrem Anblick, wie auf einer Schuld ertappt, zusammen
und wollte das Bild in der Busenfalte seiner Chlamys verbergen. Aber zu spt.
Schon haftete der Kaiserin scharfer Blick darauf.
    Wir bewunderten, sagte er verlegen, die - die schne Goldarbeit des
Rahmens. Und er reichte ihr errtend das Bild.
    Nun, an dem Rahmen, lchelte Theodora, ist beim besten Willen nicht viel
zu bewundern. Aber das Bild ist nicht bel. Gewi die Gotenfrstin? Der
Gesandte nickte. Nicht bel, wie gesagt. Aber barbarisch, streng, unweiblich.
Wie alt mag sie sein, Alexandros?
    Etwa fnfundvierzig.
    Justinian blickte fragend auf das Bild, dann auf den Gesandten. Das Bild
ist vor fnfzehn Jahren gemacht, sagte Alexandros wie erklrend.
    Nein, sprach der Kaiser, du irrst; hier steht die Jahrzahl nach Indiktion
und Konsul und ihrem Regierungsantritt: es ist von diesem Jahr.
    Eine peinliche Pause entstand.
    Nun, stammelte der Gesandte, dann schmeicheln die Maler wie - - Wie die
Hflinge, schlo der Kaiser. Aber Theodora kam ihm zu Hilfe.
    Was plaudern wir von Bildern und dem Alter fremder Weiber, wo es sich um
das Reich handelt. Welche Nachrichten bringt Alexandros? Bist du entschlossen,
Justinianus? - Beinahe bin ich es. Nur deine Stimme wollte ich noch hren und
du, das wei ich, bist fr den Krieg.
    Da sagte Narses ruhig: Warum, Herr, hast du uns nicht gleich gesagt, da
die Kaiserin den Krieg will? Wir htten unsre Worte sparen knnen. - Wie?
willst du damit sagen, da ich der Sklave meines Weibes bin? - Hte besser
deine Zunge, sagte Theodora zornig, schon manchen, der sonst unverwundbar
schien, hat die eigne spitze Zunge erstochen.
    Du bist sehr unvorsichtig, Narses, warnte Justinian.
    Imperator, sagte dieser ruhig, die Vorsicht hab' ich lngst aufgegeben.
Wir leben in einer Zeit, in einem Reich, an einem Hof, wo man um jedes mgliche
Wort, das man gesprochen oder nicht gesprochen hat, in Ungnade fallen, zugrunde
gehen kann. Da mir nun jedes Wort den Tod bringen kann, will ich wenigstens an
solchen Worten sterben, die mir selbst gefallen.
    Der Kaiser lchelte: Du mut gestehn, Patricius, da ich viel Freimut
ertrage.
    Narses trat auf ihn zu: Du bist gro von Natur, o Justinianus, und ein
geborner Herrscher: sonst wrde Narses dir nicht dienen. Aber Omphale hat selbst
Herkules klein gemacht.
    Die Augen der Kaiserin sprhten tdlichen Ha. Justinian ward ngstlich.
    Geht, sagte er, ich will mit der Kaiserin allein beraten. Morgen vernehmt
ihr meinen Entschlu.

                              Sechzehntes Kapitel.


Sowie sie drauen waren, schritt Justinian auf seine Gattin zu und drckte einen
Ku auf ihre weie niedre Stirn. Vergib ihm, sagte er, er meint es gut.
    Ich wei es, sagte sie, seinen Ku erwidernd. Darum, und weil er
unentbehrlich ist gegen Belisar, darum lebt er noch. - Du hast recht, wie
immer. Und er schlang den Arm um sie. Was hat er Besondres vor? dachte
Theodora. Diese Zrtlichkeit deutet auf ein schlechtes Gewissen.
    Du hast recht, wiederholte er, mit ihr im Gemach auf und nieder
schreitend. Gott hat mir den Geist versagt, der die Schlachten entscheidet,
aber mir dafr diese beiden Mnner des Sieges gegeben - und zum Glck ihrer
zwei. Die Eifersucht dieser beiden sichert meine Herrschaft besser als ihre
Treue: jeder dieser Feldherren allein wre eine stete Reichsgefahrund an dem
Tage, da sie Freunde wrden, wankte mein Thron. Du schrst doch ihren Ha?
    Er ist leicht zu schren: es ist zwischen ihnen eine natrliche Feindschaft
wie zwischen Feuer und Wasser. Und jede Bosheit des Verschnittenen erzhl' ich
mit groer Entrstung meiner Freundin Antonina, des Helden Belisar Weib und
Gebieterin. - Und jede Grobheit des Helden Belisar bericht' ich treulich dem
reizbaren Krppel. - Aber zu unsrer Beratung. Ich bin, nach dem Bericht des
Alexandros, so gut wie entschlossen zu dem Zug nach Italien.
    Wen willst du senden? - Natrlich Belisar. Er verheit mit dreiigtausend
zu vollbringen, was Narses kaum mit achtzigtausend bernehmen will.
    Glaubst du, da jene kleine Macht gengen wird?
    Nein. Aber Belisars Ehre ist verpfndet: er wird all seine Kraft aufbieten
und es wird ihm doch nicht ganz gelingen. - Und das wird ihm sehr heilsam
sein. Denn seit dem Vandalensieg ist sein Stolz nicht mehr zu ertragen. - Aber
er wird drei Viertel der Arbeit tun. Dann rufe ich ihn ab, breche selbst mit
sechzigtausend auf, nehme Narses mit, vollende im Spiel das letzte Viertel und
bin dann auch ein Feldherr und ein Sieger.
    Fein gedacht, sagte Theodora in aufrichtiger Bewunderung seiner
Schlauheit: dein Plan ist reif.
    Freilich, sagte Justinian seufzend stehen bleibend. Narses hat recht, im
geheimen Grund des Herzens mu ich's zugestehen. Es wre dem Reiche heilsamer,
die Perser abwehren, als die Goten angreifen. Es wre mehr sichere, weisere
Politik. Denn vom Osten kmmt einst das Verderben.
    La es kommen! Das kann noch Jahrhunderte anstehn, wann von Justinian nur
noch der Ruhm auf Erden lebt, wie Afrika, so Italien zurckgewonnen zu haben.
Hast du fr die Ewigkeit zu bauen? Die nach dir kommen, mgen fr ihre Gegenwart
sorgen: sorge du fr die deine. - Wenn man aber dann sprechen wird: htte
Justinian verteidigt, statt zu erobern, so stnd' es besser? Wenn man sagen
wird: Justinians Siege haben sein Reich zerstrt? - So wird niemand sprechen.
Die Menschen blendet der Glanz des Ruhms. Und noch Eins - und hier verdrngte
der Ernst der tiefsten berzeugung den Ausdruck listiger Beschwatzung von ihren
schmeichelnden Zgen.
    Ich ahn' es, doch vollende.
    Du bist nicht nur Kaiser, du bist ein Mensch.
    Hher als das Reich mu dir deiner Seele Seligkeit stehen. Auf deinem, auf
unserm Pfad zur Herrschaft, zu dem Glanz dieser Herrschaft mute mancher blut'ge
Schritt geschehn: manches Harte mute getan werden: Leben und Schtze so manchen
gefhrlichen Feindes muten - genug.
    Wohl bauen wir mit einem Teil dieser Schtze der heiligen, der christlichen
Weisheit jenen Siegestempel, der allein schon unsern Namen unsterblich machen
wird auf Erden. Aber fr den Himmel - wer wei, ob es gengt!
    La uns - und ihr Auge erglhte von unheimlichem Feuer - la uns die
Unglubigen vertilgen und ber die Leichen der Feinde Christi hin den Weg zur
Gnade suchen. Justinian drckte ihre Hand. Auch die Perser sind Feinde
Christi, sind sogar Heiden. - Hast du vergessen, was der Patriarch gelehrt?
Ketzer sind siebenmal schlimmer als Heiden! Ihnen ward der rechte Glaube
gebracht und sie haben ihn verschmht. Das ist die Snde wider den heiligen
Geist, die nie vergeben wird - auf Erden und im Himmel. Du aber bist das
Schwert, das diese gottverfluchten Arianer schlagen soll: sie sind Christi
verhateste Feinde: sie kennen ihn und leugnen dennoch, da er Gott. Schon hast
du in Afrika die ketzerischen Vandalen niedergeworfen und den Irrwahn dort in
Blut und Feuer erstickt: jetzt ruft dich Italien, Rom, die Sttte, wo der
Apostelfrsten Blut geflossen, die heil'ge Stadt: nicht lnger darf sie diesen
Ketzern dienen. Justinian, gib sie dem wahren Glauben wieder.
    Sie hielt inne. Der Kaiser blickte schwer aufatmend zu dem Goldkreuz empor.
Du deckst die letzten Tiefen meines Herzens auf: das ist es ja, was, noch
mchtiger als Ruhm und Siegesehre, mich zu diesen Kriegen treibt. Aber bin ich
fhig, bin ich wrdig, so Groes, so Heiliges zu Gottes Ehre zu vollenden? Will
er durch meine sndge Hand so Groes vollfhren? Ich zweifle, ich schwanke. Und
der Traum, der mir in dieser Nacht geworden, war er von Gott gesendet? und was
soll er bedeuten? treibt er zum Angriff oder mahnt er ab? Nun, hatte deine
Mutter Komito, die Wahrsagerin von Kypros, groe Weisheit, Ahnungen und Trume
zu deuten. -
    Und du weit, die Gabe ist erblich. Habe ich dir nicht auch den Ausgang des
Vandalenkriegs aus deinem Traume gedeutet?
    Du sollst mir auch diesen Traum erklren. Du weit, ich werde irre an dem
besten Plan, wenn ein Omen dawider spricht. Hre denn. Aber - und er warf einen
ngstlichen Blick auf sein Weib - aber bedenke, da es ein Traum war und kein
Mensch fr seine Trume kann.
    Natrlich, sie sendet Gott. - Was werd ich vernehmen? sagte sie zu sich
selbst.
    Ich war gestern nacht eingeschlafen, erwgend den letzten Bericht ber
Amala - ber Italien. Da trumte mir, ich ging durch eine Landschaft mit sieben
Hgeln. Dort ruhte unter einem Lorbeer das schnste Weib, das ich je gesehn. Ich
stand vor ihr und betrachtete sie mit Wohlgefallen. Pltzlich brach aus dem
Busch zur Rechten ein brllender Br, aus dem Gestein zur Linken eine zischende
Schlange gegen die Schlummernde hervor. Aufwachend rief sie meinen Namen. Rasch
ergriff ich sie, drckte sie an meine Brust und floh mit ihr: rckblickend sah
ich, wie der Br die Schlange zerri und die Schlange den Bren zu Tode bi.
    Nun, und das Weib?
    Das Weib drckte einen flchtigen Ku auf meine Stirn und war pltzlich
wieder verschwunden, und ich erwachte, vergebens die Arme nach ihr ausstreckend.
Das Weib, fuhr er rasch fort, ehe Theodora nachsinnen sollte, ist natrlich
Italien.
    Jawohl, sagte die Kaiserin ruhig. Aber ihr Busen wogte. Der Traum ist der
glcklichste. Br und Schlange sind Barbaren und Italier, die um die
Siebenhgelstadt ringen. Du entreiest sie beiden und lt sie sich gegenseitig
vernichten.
    Aber sie entschwindet mir wieder - sie bleibt mir nicht.
    Doch. Sie kt dich und verschwindet in deinen Armen. So wird Italien
aufgehn in deinem Reich.
    Du hast recht, rief Justinian aufspringend. Sei bedankt, mein kluges
Weib. Du bist die Leuchte meiner Seele. Es sei gewagt: - Belisar soll ziehn.
    Und er wollte den Velarius rufen. Doch hielt er pltzlich an. Aber noch
eins. Und die Augen niederschlagend, fate er ihre Hand.
    Ah, dachte Theodora, jetzt kommt's.
    Wenn wir nun das Gotenreich zerstrt und in die Hofburg von Ravenna mit
Hilfe der Knigin selbst eingezogen sind - was was soll dann mit ihr, der
Frstin, werden?
    Nun, sagte Theodora vllig unbefangen, was mit ihr werden soll? Was mit
dem entthronten Vandalenknig geworden. Sie soll hierher, nach Byzanz.
    Justinian atmete hoch auf. Mich freut es, da du das Richtige fandest.
    Und in wirklicher Freude drckte er ihr die schmale, weie, wunderzierliche
Hand.
    Mehr als das, fuhr Theodora fort. Sie wird um so leichter auf unsre Plne
eingehen, je sicherer sie einer ehrenvollen Aufnahme hier entgegensieht. So will
ich selbst ihr ein schwesterliches Schreiben senden, sie einzuladen. Sie soll im
Fall der Not stets ein Asyl an meinem Herzen finden.
    Du weit gar nicht, fiel Justinian eifrig ein, wie sehr du dadurch unsern
Sieg erleichterst. Die Tochter Theoderichs mu vllig von ihrem Volk hinweg zu
uns gezogen werden. Sie selbst soll uns nach Ravenna fhren.
    Dann kannst du aber nicht gleich Belisar mit einem Heere senden. Das wrde
sie nur argwhnisch machen und widerspenstig. Sie mu vllig in unsern Hnden,
das Barbarenreich von innen heraus gebrochen sein, ehe das Schwert Belisars aus
der Scheide fhrt.
    Aber in der Nhe mu er von jetzt an stehen.
    Wohl, etwa auf Sizilien. Die Unruhen in Afrika geben den besten Vorwand,
eine Flotte in jene Gewsser zu senden. Und sowie das Netz gelegt, mu Belisars
Arm es zuziehn.
    Aber wer soll es legen?
    Theodora dachte eine Weile nach; dann sagte sie:
    Der geistgewaltigste Mann des Abendlandes: Cethegus Csarius, der Prfekt
von Rom, mein Jugendfreund.
    Recht. Aber nicht er allein. Er ist ein Rmer, nicht mein Untertan, mir
nicht vllig sicher. Wen soll ich senden? Noch einmal Alexandros?
    Nein, rief Theodora rasch, er ist zu jung fr ein solches Geschft,
Nein. Und sie schwieg nachdenklich. Justinian, sprach sie endlich, auf da
du siehst, wie ich persnlichen Ha vergessen kann, wo es das Reich gilt und der
rechte Mann gewhlt werden mu, schlage ich dir selber meinen Feind vor: Petros,
des Narses Vetter, des Prfekten Studiengenossen, den schlauen Rhetor - ihn
sende.
    Theodora - rief der Kaiser erfreut, sie umarmend, du bist mir wirklich
von Gott geschenkt. Cethegus - Petros - Belisar: Barbaren, ihr seid verloren!

                              Siebzehntes Kapitel.


Am Morgen darauf erhob sich die schne Kaiserin vergngt von dem schwellenden
Pfhl, dessen weiche Kissen, mit blagelber Seide berzogen, mit den zarten
Halsfedern des pontischen Kranichs gefllt waren.
    Vor dem Bette stand ein Dreifu mit einem silbernen Becken, den Okeanos
darstellend, darin lag eine massiv goldne Kugel. Die weiche Hand der Kaiserin
hob lssig die Kugel und lie sie klingend in das Becken fallen: der helle Ton
rief die syrische Sklavin in das Gemach, die im Vorzimmer schlief. Mit auf der
Brust gekreuzten Armen trat sie an das Lager und schlug die schweren Vorhnge
von violetter chinesischer Seide zurck. Dann ergriff sie den sanften iberischen
Schwamm, der, in Eselmilch getrnkt, in kristallner Schale ruhte und bestrich
damit sorgfltig die Masse von ligem Teig, die Gesicht und Hals der Kaiserin
whrend der Nacht bedeckte.
    Dann kniete sie vor dem Bette nieder, das Haupt fast zur Erde gebeugt, und
reichte die rechte Hand hinauf.
    Theodora fate diese Hand, setzte langsam den kleinen Fu auf den Nacken der
Knieenden und schwang sich dann elastisch zur Erde. Die Sklavin erhob sich und
warf der Herrin, die jetzt, nur mit der Untertunika von feinstem Bast bekleidet,
auf dem Palmenholzrand des Bettes sa, den feinen Ankleidemantel von Rosagewebe
ber die Schultern.
    Dann verneigte sie sich, wandte sich zur Tre, rief Agave! und verschwand.
Agave, eine junge, schne Thessalierin, trat ein; sie rollte dicht vor die
Herrin den mit unzhligen Bchschen und Flschchen besetzten Waschtisch von
Citrusholz und begann, ihr Gesicht, Nacken und Hnde mit weichen, in
verschiedene Weine und Salben getauchten Tchern zu reiben.
    Darauf erhob sich diese vom Lager und glitt auf den bunten, mit Pardelfell
berzogenen Stuhl, die Kathedra.
    Das groe Bad erst gegen Mittag! sagte sie.
    Da schob Agave eine ovale Wanne von Terebinthenholz heran, auen mit
Schildpatt bekleidet, gefllt mit kstlich duftendem Wasser und hob die
zierlichen, glnzend weien Fe der Herrin hinein. Hierauf lste sie das Netz
von Goldfden, das die Nacht ber die blau glnzenden Haare der Kaiserin
zusammenhielt, so da jetzt die weichen schwarzen Wellen ber Schultern und
Brust wallen konnten. Sie schlang ihr noch das breite Busenband von Purpur um,
verneigte sich und ging mit dem Rufe: Galatea!
    Eine betagte Sklavin lste sie ab, die Amme und Wrterin und, leider mssen
wir hinzufgen, die Kupplerin Theodoras in der Zeit, da sie nur erst des
Akacius, des Lwenwrters im Zirkus flitterbehngtes Tchterlein und, fast noch
ein Kind, der schon tief verdorbne Liebling des groen Zirkus war. Alle
Demtigungen und Triumphe, alle Laster und Listen auf der Abenteurerin
wechselndem Pfad bis zum Kaiserthron hatte Galatea getreulich geteilt.
    Wie hast du geschlafen, mein Tubchen? fragte sie, ihr in einer
Bernsteinschale die aromatische Essenz reichend, welche die Stadt Adana in
Cilicien fr die Toilette der Kaiserin in groen Massen als jhrlichen Tribut
einzusenden hatte.
    Gut, ich trumte von ihm. - Von Alexandros? - Nein, du Nrrin, von dem
schnen Anicius. - Aber der Bestellte wartet schon lange drauen in der
geheimen Nische. - Er ist ungeduldig, lchelte der kleine Mund, nun, so la
ihn ein. Und sie legte sich auf dem langen Diwan zurck, eine Decke von
Purpurseide ber sich ziehend; aber die feinen Knchel der schnen Fe blieben
sichtbar.
    Galatea schob den Riegel vor den Haupteingang, durch welchen sie eingetreten
und ging dann quer durch das Gemach zu der Ecke gegenber, die durch eine eherne
Kolossalstatue Justinians ausgefllt war.
    Die scheinbar unbewegliche Last wich sofort zur Seite, sowie die Vertraute
eine Feder berhrte, und zeigte eine schmale ffnung in der Wand, welche durch
die Statue in ihrer gewhnlichen Stellung vollstndig verdeckt wurde: ein
dunkler Vorhang war vor den Spalt gezogen. Galatea hob den Vorhang auf und
herein eilte Alexandros, der schne junge Gesandte.
    Er warf sich vor der Kaiserin aufs Knie, ergriff ihre schmale Hand und
bedeckte sie mit glhenden Kssen.
    Theodora entzog sie ihm leise. - Es ist sehr unvorsichtig, Alexandros,
sagte sie, den schnen Kopf zurcklehnend, den Geliebten zur Ankleidung
zuzulassen. Wie sagt der Dichter? Alles dienet der Schnheit. Doch ist kein
erfreulicher Anblick, das Entstehen zu sehn, was nur entstanden gefllt.
    Allein ich hab' es dir bei der Abreise nach Ravenna verheien, dich einmal
in meiner Morgenstunde vorzulassen. Und du hast deinen Lohn reichlich verdient.
Du hast viel fr mich gewagt. - - Fasse die Flechten fester! rief sie Galatea
zu, die an die ihr allein zustehende Arbeit gegangen war, das prachtvolle Haar
der Gebieterin zu ordnen.
    - Du hast das Leben fr mich gewagt. - Und sie reichte ihm wieder zwei
Finger der rechten Hand.
    O Theodora, rief der Jngling, fr diesen Augenblick wrd' ich zehnmal
sterben.
    Aber, fuhr sie fort, warum hast du mir nicht auch von dem letzten Brief
der Barbarin an Justinian Abschrift zukommen lassen? - Es war nicht mehr
mglich, es ging zu rasch. Ich konnte von meinem Schiff keinen Boten mehr
senden: kaum gelang es gestern, nach der Landung, dir sagen zu lassen, da ihr
Bild bei den Geschenken sei. Du kamst im rechten Augenblick.
    Ja, was wrde aus mir, wenn ich die Trsteher Justinians nicht doppelt so
hoch besoldete als er? Aber Unvorsichtigster aller Gesandten, wie tppisch war
das mit der Jahrzahl!
    O schnste Tochter von Kypros, ich hatte dich mondenlang nicht mehr
gesehen. Ich konnte nichts denken als dich und deine berauschende Schnheit.
    Nun, da mu ich wohl verzeihen. Das schwarze Stirnband, Galatea! Du bist
ein besserer Liebhaber als Staatsmann. Deshalb hab' ich dich auch hierbehalten.
Ja, du solltest wieder nach Ravenna. Aber ich denke, ich schicke einen ltern
Gesandten und behalte den jungen fr mich. Ist's recht so? lchelte sie, die
Augen halb schlieend.
    Alexandros, khner und glhender werdend, sprang auf und drckte einen Ku
auf ihre roten Lippen.
    Halt ein, Majesttsverbrecher, schalt sie und schlug mit dem
Flamingofcher leicht seine Wange. Jetzt ist's genug fr heute. Morgen magst du
wiederkommen und von jener Barbarenschnheit erzhlen. Nein, du mut jetzt gehn.
Ich brauche diese Morgenstunde noch fr einen andern.
    Fr einen andern! rief Alexandros zurcktretend. So ist es wahr, was man
leise zischelt in den Gynceen, in den Bdern von Byzanz? Du ewig Ungetreue hast
-
    Eiferschtig darf ein Freund Theodoras nicht sein! lachte die Kaiserin. Es
war kein schnes Lachen. Aber fr diesmal sei unbesorgt - du sollst ihm selbst
begegnen. Geh.
    Galatea ergriff ihn an der Schulter und drehte den Widerstrebenden ohne
weiteres hinter die Statue und zur Tre hinaus.
    Theodora setzte sich nun aufrecht, das faltige Untergewand mit dem Grtel
schlieend.

                              Achtzehntes Kapitel.


Sogleich kam Galatea wieder zum Vorschein mit einem kleinen gebckten Mann, der
viel lter aussah als seine vierzig Jahre. Kluge, aber allzu scharfe Zge, das
stechende Auge, der bartlose, eingekniffne Mund - alles machte den Eindruck
unangenehmer Pfiffigkeit.
    Theodora nickte leicht auf seine kriechende Verbeugung; Galatea begann ihr
die Augenbrauen zu malen.
    Kaiserin, hob der Alte ngstlich an, ich staune ber deine Khnheit. Wenn
man mich hier she! Die Klugheit von neun Jahren wre durch einen Augenblick
vereitelt.
    Man wird dich aber nicht sehen, Petros, sagte Theodora ruhig. Diese
Stunde ist die einzige, da ich vor der zudringlichen Zrtlichkeit Justinians
sicher bin. Es ist seine Betstunde. Ich mu sie ausbeuten, so gut ich kann. Gott
erhalte ihm seine Frmmigkeit! Galatea, den Frhwein. Wie? Du frchtest doch
nicht, mich mit diesem gefhrlichen Verfhrer allein zu lassen? Die Alte ging
mit hlichem Grinsen und kam gleich zurck, einen Henkelkrug sen gewrmten
Chierweins in der einen Hand, Becher mit Wasser und Honig in der andern.
    Ich konnte heute unsre Unterredung nicht, wie gewhnlich, in der Kirche
veranstalten, wo du in dem dunkeln Beichtstuhl einem Priester tuschend hnlich
siehst. Der Kaiser wird dich noch vor der Kirchenzeit zu sich bescheiden und du
mut zuvor genau unterrichtet sein.
    Was ist zu tun?
    Petros, sagte Theodora, sich behaglich zurcklehnend und langsam das se
Getrnk schlrfend, das Galatea mischte, heute kam der Tag, der unsere
langjhrige Mhe und Klugheit lohnen und dich zum groen Mann machen wird.
    Zeit wr' es, meinte der Rhetor.
    Nur nicht ungeduldig, Freund. (Galatea, etwas mehr Honig.) Um dich fr das
heutige Geschft in die rechte Stimmung zu versetzen, wird es gut sein, dich an
das Vergangne, an die Entstehungsart unsrer - Freundschaft zu erinnern.
    Was soll das? Wozu ist das ntig? sagte der Alte unbehaglich.
    Zu mancherlei. Also. Du warst der Vetter und Anhnger meines Todfeindes
Narses. Folglich auch mein Feind. Jahrelang hast du im Dienste deines Vetters
mir entgegengearbeitet, mir wenig geschadet, dir selbst aber noch weniger
gentzt. Denn Narses, dein tugendhafter Freund, setzt seine Ehre und seine
Schlauheit darein, nie etwas fr seine Verwandten zu tun, da man ihn nie, wie
die andern Hflinge dieses Reiches, des Nepotismus zeihen knne.
    Aus lauter Vorsicht und eitel Tugend lie er dich unbefrdert. Du darbtest
und bliebst einfacher Schreiber. Aber ein feiner Kopf wie du wei sich zu
helfen. Du flschtest, du verdoppeltest die Steuerausschreiben des Kaisers. Die
Provinzen zahlten neben der von Justinian verlangten noch eine zweite Steuer,
die Petros und die Steuererheber untereinander teilten. Eine Weile ging das
vortrefflich. Aber einmal -
    Kaiserin, ich bitte dich -
    Ich bin gleich zu Ende, Freund. Aber einmal hattest du das Unglck, da
einer von den neuen Steuerboten die Gunst der Kaiserin hher anschlug als den
von dir verheinen Teil der Beute. Er ging auf deinen Antrag ein, lie sich die
Urkunde von dir flschen und - brachte sie mir.
    Der Elende, murrte Petros.
    Ja, es war schlimm, lchelte Theodora, den Becher wegstellend. Ich konnte
jetzt meinem boshaften Feind, dem Vertrauten des verhaten Eunuchen, den
schlauen Kopf vor die Fe legen, und ich mu gestehen: es lstete mich sehr
danach, sehr! Aber ich opferte die kurze Rache einem groen, dauernden Vorteil.
Ich rief dich zu mir und lie dir die Wahl, zu sterben oder fortan mir zu
dienen. Du warst gtig genug, das letztre zu whlen und so haben wir, vor der
Welt nach wie vor die heftigsten Feinde, insgeheim seit Jahren zusammen gewirkt:
du hast mir alle Plne des groen Narses im Entstehen verraten und ich hab es
dir wohl vergolten: du bist jetzt ein reicher Mann.
    O, nicht der Rede wert.
    Bitte, Undankbarer, das wei mein Schatzmeister besser. Du bist sehr
reich.
    Wohl, aber ohne Rang und Wrde. Meine Studiengenossen sind Patrizier,
Prfekten, groe Herren in Morgen- und Abendland: so Cethegus in Rom, Prokopius
in Byzanz.
    Geduld. Vom heutigen Tage an wirst du die Leiter der Ehren rasch erklimmen.
Ich mute doch immer etwas zu geben behalten. Hre: du gehst morgen als
Gesandter nach Ravenna.
    Als kaiserlicher Gesandter? rief Petros freudig.
    Durch meine Verwendung. Aber das ist nicht alles.
    Du erhltst von Justinian ausfhrliche Anweisungen, das Gotenreich zu
verderben, Belisar den Weg nach Italien zu bahnen.
    Diese Anweisungen - befolg' ich oder vereitl' ich?
    Befolgst du. Aber du erhltst noch einen Auftrag, den dir Justinian ganz
besonders ans Herz legen wird: die Tochter Theoderichs um jeden Preis aus der
Hand ihrer Feinde zu retten und nach Byzanz zu bringen. Hier hast du einen Brief
von mir, der sie dringend einladet, an meiner Brust ein Asyl zu suchen. -
    Gut, sagte Petros, den Brief einsteckend, ich bringe sie also sofort
hierher.
    Da schnellte Theodora wie eine springende Schlange vom Lager auf, da
Galatea erschrocken zurckfuhr.
    Bei meinem Zorn, Petros, nein. Dich send' ich deshalb. Sie darf nicht nach
Byzanz, sie darf nicht leben!
    Bestrzt lie Petros den Brief fallen. O Kaiserin, flsterte er - ein
Mord!
    Still, Rhetor, sprach Theodora mit heiserer Stimme und unheimlich
funkelten ihre Augen. Sie mu sterben.
    Sterben? O Kaiserin, warum?
    Warum? das hast du nicht zu fragen. Doch halt: - du sollst es wissen, es
gibt deiner Feigheit einen Sporn - wisse - und sie fate ihn wild am Arme und
raunte ihm ins Ohr: Justinian, der Verrter, fngt an, sie zu lieben.
    Theodora! rief der Rhetor erschrocken und trat einen Schritt zur Seite.
    Die Kaiserin sank auf die Kline zurck.
    Aber er hat sie ja nie gesehen! stammelte sich fassend Petros.
    Er hat ihr Bild gesehen: er trumt bereits von ihr, er glht fr dieses
Bild.
    Du hast nie eine Rivalin gehabt.
    Ich werde dafr wachen, da ich keine erhalte.
    Du bist so schn.
    Amalaswintha ist jnger.
    Du bist so klug, bist seine Beraterin, die Vertraute seiner geheimsten
Gedanken.
    Das eben wird ihm lstig. Und - sie ergriff wieder seinen Arm merke wohl:
sie ist eine Knigstochter! eine geborne Herrscherin, ich des Lwenwrters
plebejisch Kind. Und - so wahnwitzig lcherlich es ist! - Justinian vergit im
Purpurmantel, da er des dardanischen Ziegenhirten Sohn. Er hat den Wahnsinn der
Knige geerbt, er, selbst ein Abenteurer, er faselt von angebornen Majestt, von
dem Mysterium kniglichen Bluts. Gegen solche Grillen hab' ich keinen Schutz:
von allen Weibern der Erde frchte ich nichts: aber diese Knigstochter - -
    Sie sprang zrnend auf und ballte die kleine Hand.
    Hte dich, Justinian! sagte sie, durchs Gemach schreitend. Theodora hat
mit diesem Auge, mit dieser Hand Lwen und Tiger bezaubert und beherrscht: la
sehen, ob ich nicht diesen Fuchs im Purpur in Treue erhalten kann. Sie setzte
sich wieder.
    Kurz, Amalaswintha stirbt, sagte sie, pltzlich wieder kalt geworden.
    Wohl, erwiderte der Rhetor, aber nicht durch mich. Du hast der
blutgewohnten Diener genug. Sie sende; ich bin ein Mann der Rede. -
    Du bist ein Mann des Todes, wenn du nicht gehorchst. Gerade du, mein Feind
mut es tun: keiner meiner Freunde kann es ohne Verdacht.
    Theodora, mahnte der Rhetor sich vergessend, die Tochter des groen
Theoderich ermorden, eine geborne Knigin - -
    Ha, lachte Theodora grimmig, auch dich Armseligen blendet die geborne
Knigin. Narren sind die Mnner alle, noch mehr als Schurken! Hre, Petros, an
dem Tage, da die Todesnachricht aus Ravenna eintrifft, bist du Senator und
Patricius.
    Wohl blitzte des Alten Auge. Aber Feigheit oder Gewissensangst war doch
mchtiger als der Ehrgeiz. Nein, sagte er entschlossen, lieber lasse ich den
Hof und alle Plne.
    Das Leben lss'st du, Elender! rief Theodora zornig. Oh, du whntest, du
seiest frei und ungefhrdet, weil ich damals vor deinen Augen die geflschte
Urkunde verbrannt? Du Tor! es war die rechte nicht! Sieh her - hier halte ich
dein Leben.
    Und sie ri aus einer Capsula voller Dokumente ein vergilbtes Pergament. Sie
zeigte es dem Erschrocknen, der jetzt willenlos in die Kniee brach.
    Befiehl, stammelte er, ich gehorche.
    Da pochte man an die Haupttre.
    Hinweg, rief die Kaiserin. Hebe meinen Brief an die Gotenfrstin vom
Boden auf und bedenk es wohl: Patricius, wenn sie stirbt, Folter und Tod, wenn
sie lebt. Fort.
    Und Galatea schob den Betubten durch den geheimen Eingang hinaus, drehte
den bronzenen Justinian wieder an seine Stelle und ging, die Haupttr aufzutun.

                              Neunzehntes Kapitel.


Herein trat eine stattliche Frau, grer und von grberen Formen als die kleine,
zierliche Kaiserin, nicht so verfhrerisch schn, aber jnger und blhender, mit
frischen Farben und ungeknstelter Art.
    Gegrt, Antonina, geliebtes Schwesterherz! komm an meine Brust! rief die
Kaiserin der tief sich Verbeugenden entgegen.
    Die Gattin Belisars gehorchte schweigend.
    Wie diese Augengruben hohl werden! dachte sie, sich wieder aufrichtend.
    Was das Soldatenweib fr grobe Knchel hat! sagte die Kaiserin zu sich
selbst, da sie die Freundin musterte. -
    Blhend bist du wie Hebe, rief sie ihr laut zu, und wie die weie Seide
deine frischen Wangen hebt! Hast du etwas Neues mitzuteilen von - von ihm?
fragte sie und nahm gleichgltig spielend vom Waschtisch ein gefrchtetes
Werkzeug, eine spitze Lanzette an einem Stbchen von Elfenbein, mit welchem
ungeschickte oder auch nur unglckliche Sklavinnen von der zrnenden Herrin oft
zolltief in Schultern und Arme gestochen wurden.
    Heute nicht, flsterte Antonina errtend, ich hab' ihn gestern nicht
gesehn.
    Das glaub' ich, lchelte Theodora in sich hinein. O wie schmerzlich werd'
ich dich bald vermissen, sagte sie, Antoninens vollen Arm streichelnd. Schon
in der nchsten Woche vielleicht wird Belisarius in See stechen und du, treuste
aller Gattinnen, ihn begleiten. Wer von euren Freunden wird euch folgen?
    Prokopius, sagte Antonina und - setzte sie, die Augen niederschlagend,
hinzu - die beiden Shne des Bothius.
    Ach so, lchelte die Kaiserin, ich verstehe. In der Freiheit des
Lagerlebens hoffst du dich des schnen Jnglings ungestrter zu erfreuen und
indessen Held Belisarius Schlachten schlgt und Stdte gewinnt -
    Du errtst es. Aber ich habe dabei eine Bitte an dich. Dir freilich ward es
gut. Alexandros, dein schner Freund ist zurck: er bleibt in deiner Nhe und er
ist sein eigner Herr, ein reifer Mann. Aber Anicius, du weit es, der Jngling,
steht unter seines ltern Bruders Severinus strenger Hut. Nie wrde dieser, der
nur Rache an den Barbaren sinnt und Freiheitsschlachten, diese zarte -
Freundschaft dulden. Er wrde unsern Verkehr tausendfach stren. Deshalb tu' mir
eine Liebe: Severinus darf uns nicht folgen. Wenn wir an Bord sind mit Anicius,
halte den ltern Bruder in Byzanz zurck mit List oder Gewalt - du kannst es ja
leicht - du bist die Kaiserin.
    Nicht bel, lchelte Theodora. Welche Kriegslisten! Man sieht, du lernst
von Belisarius.
    Da erglhte Antonina ber und ber.
    O nenne seinen Namen nicht. Und hhne nicht! Du weit am besten, von wem
ich gelernt, zu tun, worber man errten mu.
    Theodora scho einen funkelnden Blick auf die Freundin.
    Der Himmel wei, fuhr diese fort, ohne es zu beachten, Belisar selbst war
nicht treuer als ich, bis ich an diesen Hof kam. Du warst es, Kaiserin, die mich
gelehrt, da diese selbstischen Mnner, von Krieg und Staat und Ehrgeiz erfllt,
uns, wenn sie einmal unsre Eheherrn, vernachlssigen, uns nicht mehr wrdigen,
wenn sie uns besitzen. Du hast mich gelehrt, wie es keine Snde, kein Unrecht
sei, die unschuldige Huldigung, die schmeichelnde Verehrung, die der tyrannische
Gemahl versagt, von einem noch hoffenden und deshalb noch dienenden Freunde
hinzunehmen. Gott ist mein Zeuge, nichts andres als diesen sen Weihrauch der
Huldigung, den Belisar versagt und den mein eitles, schwaches Herz nicht missen
kann, will ich von Anicius.
    Zum Glck fr mich wird das sehr bald langweilig fr ihn, sagte Theodora
zu sich selbst.
    Und doch - schon dies ist ein Verbrechen, frcht' ich, an Belisar. O wie
ist er gro und edel und herrlich. Wenn er nur nicht allzugro wre fr dies
kleine Herz. - Und sie bedeckte das Antlitz mit den Hnden.
    Die Erbrmliche, dachte die Kaiserin, sie ist zu schwach zum Genu wie
zur Tugend.
    Da trat Agave, die hbsche junge Thessalierin, ins Gemach mit einem groen
Strau herrlicher Rosen.
    Von ihm, flsterte sie der Herrin zu. - Von wem? fragte diese. Aber
jetzt sah Antonina auf, und Agave winkte warnend mit den Augen.
    Die Kaiserin reichte Antoninen den Strau, sie zu beschftigen, bitte,
stell' ihn dort in die Marmorvase.
    Whrend die Gattin Belisars den Rcken wendend gehorchte, flsterte Agave:
Nun, von ihm, den du gestern den ganzen Tag hier versteckt gehalten: von dem
schnen Anicius - setzte das holde Kind errtend bei.
    Aber kaum hatte sie das unvorsichtige Wort gesagt, als sie laut schreiend
nach ihrem linken Arme griff. Die Kaiserin schlug sie mit der noch blutigen
Lanzette ins Gesicht. Ich will dich lehren, Augen haben, ob Mnner schn sind
oder hlich, flsterte sie grimmig. Du lt dich in die Spinnstube sperren
auf vier Wochen - sogleich - und zeigst dich nie mehr in meinen Vorzimmern.
Fort!
    Weinend ging das Mdchen, ihr Haupt verhllend.
    Was hat sie getan? fragte Antonina sich wendend.
    Das Riechflschchen fallen lassen, sagte Galatea rasch, ein solches von
dem Teppich aufhebend. - Herrin, dein Haar ist fertig.
    So la die Ankleiderinnen ein und wer sonst im Vorsaal. - Willst du
einstweilen in diesen Versen blttern, Antonina? Es sind die neuesten Gedichte
des Arator, ber die Taten der Apostel, gar erbaulich zu lesen! Zumal hier, die
Steinigung des heiligen Stephanos! Aber lies und sprich sein Urteil.
    Galatea ffnete weit die Tre des Haupteingangs: ein ganzer Schwarm von
Sklavinnen und Freigelassenen wogte herein. Die einen besorgten das Hinausrumen
der gebrauchten Toilettegerte, andre rucherten mit Kohlenpfnnchen und
sprengten aus schmalhalsigen Flschchen Balsam durch das Gemach. Die meisten
aber waren um die Person der Kaiserin beschftigt, die jetzt ihren Anzug
vollendete. Galatea nahm ihr den Rosaberwurf ab. Berenike, rief sie, die
milesische Tunika mit dem Purpurstreif und der goldnen Falbel: es ist Sonntag
heute.
    Whrend die erfahrene Alte, die allein das Haar der Kaiserin berhren
durfte, die kostbare Goldnadel, mit der Venusgemme im Knopf, knstlich in die
Knoten des Hinterhauptes schob, fragte die Kaiserin: Was gibt es Neues in der
Stadt, Delphine?
    Du hast gesiegt, o Herrin! antwortete die Gefragte, mit den Goldsandalen
niederknieend. Deine Farbe, die Blauen, haben gestern im Zirkus gesiegt ber
die Grnen zu Ro und Wagen.
    Triumph! frohlockte Theodora, eine Wette von zwei Centenaren Gold, - es
ist mein. - Nachrichten? woher? aus Italien? rief sie einer eben mit Briefen
eintretenden Dienerin entgegen.
    Jawohl, Herrin, aus Florentia von der Gotenfrstin Gothelindis, ich kenne
das Gorgonensiegel: und von Silverius, dem Diakon.
    Gib, sagte Theodora, ich nehme sie mit in die Kirche. Den Spiegel,
Elpis. - Eine junge Sklavin trat vor mit einer ovalen drei Fu langen Platte
von glnzend poliertem Silber in einem reich mit Perlen besetzten Goldrahmen und
getragen von einem starken Fu von Elfenbein. Die arme Elpis hatte harten
Dienst. Sie mute whrend der Vollendung des Ankleidens die schwere Platte bei
jeder Bewegung der unruhigen Herrin sofort dermaen drehen, da diese sich
ununterbrochen darin beschauen konnte, und weh ihr, wenn sie einer Wendung zu
spt nachfolgte.
    Was gibt es zu kaufen, Zephyris? fragte die Kaiserin eine dunkelfarbige
libysche Freigelassene, die ihr eben die zahme Hausschlange, die in einem
Krbchen auf weichem Moose ruhte, zur Morgenliebkosung reichte.
    Ach, nicht viel Besondres, sagte die Libyerin, komm, Glauke, fuhr sie
fort, indem sie die blendend weie golddurchwirkte Chlamys aus der Kleiderpresse
nahm und sorgfltig auf den Armen ausgebreitet hielt, bis die Gerufene ihr sie
abnahm, mit Einem Wurf der Kaiserin in den schnsten Falten ber die Schulter
schlug, mit dem weien Grtel zusammenfate und das eine Ende mit einer
Goldspange, die einst die Taube der Venus, jetzt aber im Gegenteil den heiligen
Geist darstellte, ber der weien Achsel befestigte. Glauke, die Tochter eines
athenischen Bildhauers, hatte jahrelang den Faltenwurf studiert, war deshalb von
der Kaiserin um viele tausend Solidi angekauft worden und hatte den ganzen Tag
ber nur dies einzige Geschft.
    Duftige Seifenkugeln aus Spanien, berichtete Zephyris, sind wieder frisch
angekommen. Ein neues milesiches Mrchen ist erschienen, und der alte gypter
ist wieder da, setzte sie leiser hinzu, mit seinem Nilwasser. Er sagt, es
helfe unfehlbar. Die Perserknigin, die acht Jahre kinderlos - -
    Seufzend wandte sich Theodora ab, ein Schatte flog ber das glatte Gesicht.
Schick' ihn fort, sagte sie, diese Hoffnung ist vorber. -
    Und es war einen Augenblick, als wollte sie in trbes Sinnen versinken.
    Aber sich aufraffend trat sie, Galateen winkend, zu ihrem Lager zurck, nahm
den zerdrckten Eppichkranz, der auf ihrem Kopfkissen lag, und gab ihn der Alten
mit den geflsterten Worten: fr Anicius, schick' es ihm zu. - Den Schmuck,
Erigone! Diese, von zwei andern Sklavinnen untersttzt, trug mhsam die schwere
Kiste von Erz herbei, deren Deckel, in getriebnen Figuren die Werksttte des
Vulcanus darstellend, mit dem Siegel der Kaiserin an die Lade befestigt war.
Erigone zeigte, da das Siegel unverletzt und schlug den Deckel auf: neugierig
stellte sich da manches Mdchen auf die Fuspitzen, einen Blick von den
schimmernden Schtzen zu erhaschen.Willst du noch die Sommerringe, Herrin?
fragte Erigone. - Nein, sprach Theodora whlend, die Zeit dafr ist um. Gib
mir die schwereren, die Smaragden. Erigone reichte ihr Ohrringe, Fingerring und
Armband.
    Wie schn, sagte Antonina, von ihren frommen Versen aufsehend, steht das
Wei der Perle zu dem Grn des Steins!
    Es ist ein Schatzstck der Kleopatra, sagte die Kaiserin gleichgltig,
der Jude hat den Stammbaum der Perle eidlich erhrtet.
    Aber du zgerst lange, erinnerte Antonina, Justinians Goldsnfte harrte
schon als ich herauf kam.
    Ja, Herrin, rief eine junge Sklavin ngstlich, der Sklave vor der
Sonnenuhr sagte schon die vierte Stunde an. Eile, Herrin.
    Ein Stich mit der Lanzette war die Antwort. Willst du die Kaiserin mahnen?
Aber Antoninen flsterte sie zu: Man mu die Mnner nicht verwhnen: sie mssen
immer auf uns warten, wir nie auf sie.
    Meinen Strauenfcher, Thais. Geh, Jone, die kappadokischen Sklaven sollen
an meine Snfte treten.
    Und sie wandte sich zum Gehen. O Theodora, rief Antonina rasch, vergi
meine Bitte nicht.
    Nein, sagte diese, pltzlich stehenbleibend, gewi nicht! Und damit du
ganz sicher gehst, lchelte sie, leg' ich's in deine eigne Hand. Meine
Wachstafel und den Stift. Galatea brachte sie eilig. Theodora schrieb und
flsterte der Freundin zu: Der Prfekt des Hafens ist einer meiner alten
Freunde. Er gehorcht mir blind. Lies, was ich schreibe: An Aristarchos den
Prfekten Theodora der Kaiserin.
    Wenn Severius, des Bothius Sohn, das Schiff des Belisarius besteigen will,
halt' ihn, ntigenfalls mit Gewalt, zurck und sende ihn hierher in meine
Gemcher: er ist zu meinem Kmmerer ernannt. Ist's recht so, liebe Schwester?
flsterte sie.
    Tausend Dank, sagte diese mit leuchtenden Augen.
    Aber wie, rief die Kaiserin laut, pltzlich an ihren Hals fassend, und
die Hauptsache htten wir vergessen? Mein Amulett, den Mercurius! Bitte,
Antonina, dort liegt es. Hastig wandte sich diese, den kleinen goldnen Merkur,
den besten Geleitsmann, der an seidner Schnur an dem Bette der Kaiserin hing, zu
holen. Inzwischen aber strich Theodora schnell das Wort Severinus mit dem
Goldgriffel aus und schrieb dafr Anicius. Sie klappte das Tfelchen zusammen,
umschnrte und siegelte es mit ihrem Venusring.
    Hier das Amulett, sagte Antonina zurckkommend.
    Und hier der Befehl! lchelte die Kaiserin. Du magst ihn selbst im
Augenblick der Abfahrt an Aristarchos bergeben. Und jetzt, rief sie, jetzt
auf: in die Kirche.

                              Zwanzigstes Kapitel.


In Neapolis, derjenigen Stadt Italiens, ber welcher die zu Byzanz aufsteigenden
Wetterwolken sich zuerst entladen sollten, ahnte man nichts von einer drohenden
Gefahr. Da wandelten damals Tag fr Tag an den reizenden Hngen, welche nach dem
Posilipp fhren, oder an den Uferhhen im Sdosten der Stadt, in vertrautem
Gesprch, alle Wonnen jugendlich begeisterter Freundschaft genieend, zwei
herrliche Jnglinge, der eine in braunen, der andre in goldnen Locken: die
Dioskuren, Julius und Totila.
    O schne Zeit, da es die reine Seele, umweht von der frischen Morgenluft des
Lebens, noch unenttuscht und unermdet, trunken von der Flle stolzer Trume,
drngt, hinberzufluten in ein gleich junges, gleich reiches, gleich
berschwngliches Gemt. Da strkt sich der Vorsatz zu allem Edelsten, der
Aufschwung zu dem Hchsten, der Flug bis in die lichte Nhe des Gttlichen wird
in der Mitteilung gewagt, in der seligen Gewiheit, verstanden zu sein.
    Wenn der Bltenkranz in unsren Locken gewelkt ist und die Ernte unsres
Lebens beginnt, mgen wir lcheln ber jene Trume der Jnglingszeit und
Jnglingsfreundschaft; aber es ist kein Lcheln des Spottes; es ist ein Ausdruck
von jener Wehmut, mit der wir in nchterner Herbstluft der sen, berauschenden
Lfte des ersten Frhlings gedenken. -
    Der junge Gote und der junge Rmer hatten sich gefunden in der glcklichsten
Zeit fr einen solchen Bund und sie ergnzten sich wunderbar. Totilas sonnige
Seele hatte den vollen Schmelz der Jugend bewahrt: lachend sah er in die
lachende Welt: er liebte den Menschen und der Glanz seines wohlwollenden Wesens
gewann ihm leicht und rasch alle Herzen. Er glaubte nur an das Gute und des
Guten Sieg: traf er das Bse, das Gemeine auf seinem Pfad, so trat er es mit dem
heilig lodernden Zorn eines Erzengels in den Staub: durch seine sanfte Natur
brach dann, den Helden verratend, die gewaltige Kraft, die in ihr ruhte und
nicht eher lie er ab, bis das verhate Element aus seinem Lebenskreise getilgt
war. Aber im nchsten Augenblick war dann die Strung wie berwunden so
vergessen und harmonisch wie seine Seele fhlte er ringsum Welt und Leben. Stolz
und froh empfand er die Vollkraft seiner Jugend und jauchzend drckte er das
goldne Dasein an die Brust. Singend schritt er durch die wimmelnden Straen von
Neapolis, der Abgott der Mdchen, der Stolz seiner gotischen Waffenfreunde, wie
ein Gott der Freude, beglckend und beglckt.
    Der helle Zauber seines Wesens teilte sich selbst der stilleren Seele seines
Freundes mit. Julius Montanus, zart und sinnig angelegt, eine fast weibliche
Natur, frh verwaist und von Cethegus' hochberlegnem Geist eingeschchtert, in
Einsamkeit und unter Bchern aufgewachsen, von der trostlosen Wissenschaft jener
Zeit mehr belastet als gehoben, sah das Leben ernst, fast wehmtig an. Ein Zug
zur Entsagung und die Neigung, alles Bestehende an dem strengen Ma
bermenschlicher Vollendung zu messen, lag in ihm und mochte sich leicht bis zur
Schwermut verdstern. Zur glcklichen Stunde fiel Totilas sonnige Freundschaft
in seine Seele und erhellte sie bis in ihre tiefsten Falten so mchtig, da
seine edle Natur auch von einem schweren Schlage sich wieder elastisch
aufrichten konnte, den eben diese Freundschaft auf sein Haupt ziehen sollte.
    Hren wir ihn selbst darber an den Prfekten berichten:
    Cethegus dem Prfekten Julius Montanus.
    Die kaltherzige Antwort, die Du auf den warmgefhlten Bericht von meinem
neuen Freundschafts-Glck erteiltest, hat mir zuerst - gewi gegen Deine Absicht
- sehr wehe getan, spter aber das Glck eben dieser Freundschaft erhht,
freilich in einer Weise, welche Du weder ahnen noch wnschen konntest.
    Der Schmerz durch Dich hat sich bald in Schmerz um Dich verwandelt. Wollte
es mich anfangs krnken, da Du meine tiefste Empfindung als die Schwrmerei
eines kranken Knaben behandeltest und die Heiligtmer meiner Seele mit bittrem
Spott antasten wolltest - nur wolltest, denn sie sind unantastbar, - so ergriff
mich doch statt dessen bald das Gefhl des Mitleids mit Dir. Wehe, da ein Mann
wie Du, so berreich an Krften des Geistes, darbest an den Gtern des Herzens.
Wehe, da Du die Wonne der Hingebung nicht kennst und jene opferfreudige Liebe,
die ein von Dir mehr verspotteter als verstandner Glaube, den mir jeder Tag des
Schmerzes nher bringt, die caritas, die Nchstenliebe, nennt: Wehe Dir, da Du
das Herrlichste nicht kennst! Vergib die Freiheit dieser meiner Rede: ich wei,
ich habe noch nie in solchen Worten zu Dir gesprochen: aber erst seit kurzem bin
ich, der ich bin. Vielleicht nicht ganz mit Unrecht hat noch Dein letzter Brief
Spuren von Knabenhaftigkeit an mir gegeielt. Ich glaube, sie sind seitdem
verschwunden, und ein Verwandelter sprech' ich zu Dir. Dein Brief, Dein Rat,
Deine Arznei hat mich allerdings zum Manne gereift, aber nicht in Deinem Sinn
und nicht nach Deinem Wunsch. Schmerz, heiligen, luternden Schmerz hat er mir
gebracht, er hat diese Freundschaft, die er verdrngen sollte, auf eine harte
Probe gestellt, aber, der Gte Gottes sei's gedankt, er hat sie im Feuer nicht
zerstrt, sondern gehrtet fr immer.
    Hre und staune, was der Himmel aus Deinen Plnen geschaffen hat.
    Wie wehe mir Dein Brief getan - in alter Gewohnheit des Gehorsams befolgte
ich alsbald seinen Auftrag und suchte Deinen Gastfreund auf, den Purpurhndler
Valerius Procillus. Er hatte bereits die Stadt verlassen und seine reizende
Villa bezogen. Ich fand an ihm einen vielerfahrnen Mann und einen eifrigen
Freund der Freiheit und des Vaterlandes: in seiner Tochter Valeria aber ein
Kleinod.
    Du hattest recht prophezeit. Meine Absicht, mich gegen sie zu verschlieen,
zerschmolz bei ihrem Anblick wie Nebel vor der Sonne: mir war, Elektra oder
Kassandra, Cllia oder Virginia stehe vor mir. Aber mehr noch als ihre hohe
Schnheit bezauberte mich der Schwung ihrer unsterblichen Seele, die sich
alsbald vor mir auftat. Ihr Vater behielt mich sogleich als seinen Gast im Hause
und ich verlebte unter seinem Dach mit ihr die schnsten Tage meines Lebens. Die
Poesie der Alten ist der ther ihrer Seele.
    Wie rauschten die Chre des schylos, wie rhrend tnte Antigones Klage in
ihrer melodischen Stimme; stundenlang lasen wir in Wechselrede, und herrlich war
sie zu schauen, wann sie sich erhob im Schwunge der Begeisterung, wann ihr
dunkles Haar, in freie Wellen gelst, niederflo und aus ihrem groen runden
Auge ein Feuer blitzte nicht von dieser Welt.
    Und - was ihr vielleicht noch tiefen Schmerz bereiten wird - eine Spaltung,
die durch all ihr Leben geht, gibt ihr den hchsten Reiz. Du ahnst wohl, was ich
meine, da Du seit Jahren das Schicksal ihres Hauses kennst. Du weit wohl
genauer als ich, wie es kam, da Valeria schon bei ihrer Geburt von ihrer
frommen Mutter einem ehelosen, einsamen Leben in Werken der Andacht geweiht,
dann aber von ihrem reichen und mehr rmisch als christlich gesinnten Vater um
den Preis einer Kirche und eines Klosters, die er baute, losgekauft worden ist.
Aber Valeria glaubt, da der Himmel nicht totes Gold nehme fr eine lebendige
Seele: sie fhlt sich der Bande jenes Gelbdes nicht ledig, deren sie ewig, aber
nur in Furcht, nicht in Liebe, gedenkt.
    Denn Du hattest recht als Du schriebst: sie sei durch und durch ein Kind der
alten, der heidnischen Welt. Das ist sie, die echte Tochter ihres Vaters: aber
doch kann sie der frommen Mutter entsagend Christentum nicht abtun: es lebt
nicht in ihr als ein Segen, es lastet auf ihr als ein Fluch, als der
unentrinnbare Zwang jenes Gelbdes. Diesen wundersamen Zwiespalt, diesen
verhngnisvollen Widerstreit trgt die edle Jungfrau im Gemt: er qult sie,
aber er veredelt sie zugleich.
    Wer wei, wie er sich lsen wird? der Himmel allein, der ihr Schicksal
lenkt. Mich aber zieht dieser innere Kampf mit ernsten Schauern an: Du weit ja,
da in mir selbst der Christenglaube und die Philosophie in ungeklrter Mischung
durcheinander wogen. Zu meinem Staunen hat in diesen Tagen des Schmerzes der
Glaube zugenommen und fast will mich bednken, die Freude fhre zu der
heidnischen Weisheit, zu Christus aber der Schmerz und das Unglck.
    Aber hre wie der Schmerz ber mich gekommen.
    Anfangs, als ich diese Liebe in mir keimen sah, war ich froher Hoffnung
voll. Valerius, vielleicht schon frher von Dir fr mich gewonnen, sah meine
wachsende Neigung offenbar nicht ungern: vielleicht hatte er nur das an mir
auszusetzen, da ich seinen Traum von der Wiederaufrichtung der rmischen
Republik nicht eifrig genug teilte und nicht seinen Ha gegen die Byzantiner, in
denen er die Todfeinde seines Hauses wie Italiens sieht. Auch Valeria war mir
bald freundschaftlich geneigt und wer wei, ob nicht damals die Verehrung gegen
den Willen ihres Vaters und diese Freundschaft gengt htten, sie in meine Arme
zu fhren. Aber ich danke - soll ich sagen Gott oder dem Schicksal? - da es
nicht so kam: Valeria einer halb gleichgltigen Ehe opfern wre ein Frevel
gewesen. Ich wei nicht, welches seltsame Gefhl mich abhielt das Wort zu
sprechen, das sie in jenen Tagen gewi zu der Meinen gemacht htte. Ich liebte
sie doch so tief - aber so oft ich mir ein Herz fassen und bei ihrem Vater um
sie werben wollte, immer beschlich mich ein Gefhl, als tu' ich unrecht an dem
Gut eines andern, als sei ich ihrer nicht wrdig oder doch nicht die ihr vom
Schicksal zugedachte Hlfte ihrer Seele, und ich schwieg und bezhmte das
pochende Herz.
    Einstmals um die sechste Stunde - schwl brannte die Sonne rings auf Land
und Meer - suchte ich Schatten in der khlen Marmorgrotte des Gartens. Ich trat
ein durch das Oleandergebsch: da lag sie schlafend auf der weichen Rasenbank,
die eine Hand auf dem leise wogenden Busen, der linke Arm unter dem edeln Haupt,
das noch vom Frhmahl her der schne Asphodeloskranz schmckte. Ich stand bebend
vor ihr: so schn war sie noch nie gewesen, ich beugte mich ber sie und staunte
die edeln, wie in Marmor gebildeten Zge an: hei schlug mein Herz, ich beugte
mich ber sie, diese roten feingeschnittenen Lippen zu kssen.
    Da fiel mir's pltzlich zentnerschwer aufs Herz: es ist ein Raub, was du
begehen willst. Totila! rief unwillkrlich meine ganze Seele und still, wie ich
gekommen, schlich ich fort.
    Totila! Was war er mir nicht frher eingefallen?
    Ich machte mir Vorwrfe, den Bruder meines Herzens ber dem neuen Glck fast
vergessen zu haben.
    Deine Prophezeiung, Cethegus, dachte ich, soll sich nicht erfllen: diese
Liebe soll mich dem Freunde nicht entfremden. Er soll Valeria sehen, gleich mir
bewundern, meine Wahl lobpreisen, und dann, dann will ich werben, und Totila
soll glcklich sein mit uns.
    Andern Tages ging ich nach Neapolis zurck, ihn zu holen. Ich pries ihm den
Schimmer des Mdchens, aber ich vermochte es nicht ber mich, ihm von meiner
Liebe zu sprechen. Er sollte sie sehen und alles erraten. Wir fanden sie bei
unsrer Ankunft nicht in den Zimmern der Villa. So fhrte ich Totila in den
Garten - Valeria ist die eifrigste Pflegerin der Blumen - wir bogen, Totila
voran, aus einem dichten Taxusgang: da schimmerte uns ihre Erscheinung pltzlich
entgegen: sie stand vor einer Statue ihres Vaters und krnzte sie mit
frischgepflckten Rosen, die sie, hoch aufgehuft in der Busenfalte der Tunika,
mit der Linken auf der Brust zusammenhielt.
    Es war ein berraschend schnes Bild: die herrliche Jungfrau, in dem Grn
des Taxus gleichsam eingerahmt, vor dem weien Marmor, die Rechte anmutvoll
erhebend: und mchtig wirkte die Erscheinung auf Totila: mit einem lauten Ruf
des Staunens blieb er sprachlos, ihr gerade gegenber, stehen.
    Sie sah auf und zuckte erschrocken, wie blitzgetroffen, zusammen: die Rosen
fielen in dichten Flocken aus ihrem Gewand: sie sah es nicht: ihre Augen hatten
sich getroffen, ihre Wangen erglhten - ich sah mit Blitzesschnelle ihr Geschick
und mein Geschick entschieden.
    Sie liebten sich beim ersten Anblick.
    Schmerzlich, wie ein brennender Pfeil, durchdrang die Gewiheit meine Seele.
Aber doch nur einen Augenblick herrschte der Schmerz ungemischt in meiner Brust.
Sofort, wie ich die beiden betrachtete, die herrlichen Gestalten, empfand ich
neidlose Freude, da sie sich gefunden: denn es war, wie wenn die Macht, die der
Sterblichen Leiber bildet und Seelen, sie aus Einem Stoff freinander
geschaffen: wie Morgensonne und Morgenrte schimmerten sie ineinander und jetzt
erkannte ich auch das dunkle Gefhl, das mich wie ein Vorwurf von Valeria fern
gehalten, das mir seinen Namen auf die Lippen gefhrt hatte: sein sollte Valeria
werden nach Gottes Ratschlu oder dem Gang der Sterne und ich sollte nicht
zwischen sie treten.
    Erla mir, das Weitere zu berichten. Denn so selbstisch ist mein Sinn
geartet, so wenig Macht hat noch die heilige Lehre des Entsagens ber mich
gewonnen, da - ich schme mich, das zu gestehen - da mein Herz auch jetzt noch
manchmal schmerzlich zuckt, statt freudig zu schlagen fr das Glck der Freunde.
    Rasch und unscheidbar, wie zwei Flammen ineinander lodern, schlugen ihre
Seelen zusammen. Sie lieben sich und sind glcklich wie die seligen Gtter: mir
ist die Freude geblieben, ihr Glck zu schauen und ihnen beizustehen, es noch
vor dem Vater zu verbergen, der sein Kind wohl schwerlich dem Barbaren schenken
wird, solang er in Totila nur den Barbaren sieht.
    Meine Liebe aber und ihren Opfertod halt' ich vor dem Freunde tief
verborgen: er ahnt nicht und soll nie erfahren, was sein glnzend Glck nur
trben knnte. Du siehst nun, o Cethegus, wie weit ab von Deinem Ziel ein Gott
Deinen Plan gewendet. Mir hast Du jenes Kleinod Italiens bringen wollen und hast
es Totila zugefhrt. Meine Freundschaft hast Du zerstren wollen und hast sie in
den Gluten heiliger Entsagung von allem Irdischen befreit und unsterblich
gemacht. Du hast mich zum Manne machen wollen durch der Liebe Glck - ich bin's
geworden durch der Liebe Schmerz.
    Lebe wohl und verehre das Walten des Himmels.

                           Einundzwanzigstes Kapitel.


Wir unterlassen es, den Eindruck dieses Schreibens auf den Prfekten auszumalen,
und begleiten lieber die beiden Dioskuren auf einem ihrer Abendspaziergnge an
den reizenden Ufergelnden von Neapolis.
    Sie wandelten nach der frh beendigten Coena durch die Stadt und zur Porta
nolana hinaus, die in schon halb verwitterten Reliefs die Siege eines rmischen
Imperators ber germanische Stmme verherrlichte.
    Totila blieb stehen und bewunderte die schne Arbeit.
    Wer ist wohl der Kaiser, fragte er den Freund, dort auf dem Siegeswagen,
mit dem geflgelten Blitz in der Hand, wie ein Jupiter Tonans? - Es ist Marc
Aurel, sagte Julius und wollte weitergehen. - O bleib doch! Und wer sind die
vier Gefesselten mit den langwallenden Haaren, die den Wagen ziehn?
    Es sind Germanenknige. - Doch welches Stammes, fragte Totila weiter -
sieh da, eine Inschrift: Gothi extincti! Die Goten vernichtet!
    Laut lachend schlug der junge Gote mit flacher Hand auf die Marmorsule und
schritt rasch durch das Tor. Eine Lge in Marmor? rief er rckwrts blickend.
Das hat der Imperator nicht gedacht, da einst ein gotischer Seegraf in
Neapolis seine Prahlereien Lgen straft. - Ja, die Vlker sind wie die
wechselnden Bltter am Baume, sagte Julius nachdenklich; wer wird nach euch in
diesen Landen herrschen? Totila blieb stehen. Nach uns? fragte er erstaunt. -
Nun, du wirst doch nicht glauben, da deine Goten ewig dauern werden unter den
Vlkern?
    Das wei ich doch nicht, sagte Totila langsam fortschreitend. - Mein
Freund, Babylonier und Perser, Griechen und Makedonen und, wie es scheinen will,
auch wir Rmer hatten ihre zugemessene Zeit: sie blhten, reiften und vergingen.
Soll's anders sein mit den Goten?
    Ich wei das nicht, sagte Totila unruhig, ich habe den Gedanken nie
gedacht. Es ist mir noch nie eingefallen, da eine Zeit kommen knnte, da mein
Volk - - er hielt inne, als sei es Snde, den Gedanken auszudenken. Wie kann
man sich dergleichen vorstellen! ich denke daran so wenig wie - wie an den Tod!
    Das sieht dir gleich, mein Totila!
    Und dir sieht es gleich, dich und andre mit solchen Trumereien zu qulen.
    Trumereien! Du vergit, da es fr mich, fr mein Volk schon Wirklichkeit
geworden. Du vergit, da ich ein Rmer bin. Und ich kann mich nicht darber
tuschen, wie die meisten tun: es ist vorbei mit uns. Das Zepter ist von uns auf
euch bergegangen; glaubst du, es lief so ohne Schmerz, ohne Nachsinnen fr mich
ab, in dir, meinem Herzensfreund, den Barbaren, den Feind meines Volkes zu
vergessen?
    Das ist nicht so, beim Glanz der Sonne! fiel Totila eifrig ein. Find' ich
auch in deiner milden Seele den herben Wahn? Blick' doch nur um dich! Wann, sage
mir, wann hat Italien herrlicher geblht als unter unsrem Schilde? Kaum in den
Tagen des Augustus. Ihr lehrt uns Weisheit und Kunst, wir leihen euch Friede und
Schutz. Kein schneres Wechselverhltnis lt sich denken! Die Harmonie zwischen
Rmern und Germanen kann eine ganz neue Zeit erschaffen, schner als je eine
bestanden.
    Die Harmonie! aber sie ist nicht da. Ihr seid uns ein fremdes Volk,
geschieden durch Sprache und Glaube, durch Stammes- und Sinnesart und durch
halbtausendjhrigen Ha.
    Wir brachen frher eure Freiheit, ihr jetzt die unsre; zwischen uns ghnt
eine ewige Kluft. - Du verwirfst den Lieblingsgedanken meiner Seele.
    Er ist ein Traum! - Nein, er ist Wahrheit, ich fhl' es und vielleicht
kmmt noch die Zeit, dir's zu beweisen. Das Werk meines ganzen Lebens bau' ich
drauf. - So wr's auf einen edeln Wahn gebaut. Keine Brcke zwischen Rmern
und Barbaren! - Dann, sagte Totila heftig, begreif' ich nicht, wie du leben
kannst, wie du mich -
    Vollende nicht, sagte Julius ernst. Es war nicht leicht: es war die
schwerste der Entsagungen! Erst nach hartem Widerstreit der Selbstsucht ist sie
mir gelungen: aber endlich hab' ich aufgehrt, in meinem Volk allein zu leben.
Der heil'ge Glaube, der jetzt schon - und er allein vermag's - Rmer und
Germanen verbindet, der meinen widerstrebenden Verstand durch lauter Schmerzen -
Schmerzen, die Freuden sind - allmhlich immer mchtiger umschlingt, er hat mir
auch in diesem Zwiespalt Friede gebracht. In diesem Einen darf ich mich jetzt
schon rhmen, ein Christ zu sein: ich lebe der Menschheit, nicht meinem Volk
allein, ein Mensch, kein bloer Rmer mehr. Darum kann ich dich, den Barbaren,
lieben wie einen Bruder: sind wir doch Brger Eines Reichs: der Menschheit.
    Darum kann ich es ertragen, zu leben, nachdem ich mein Volk gestorben sehe.
Ich lebe der Menschheit: sie ist mein Volk!
    Nein, rief Totila lebhaft, das knnt' ich nimmermehr. In meinem Volk
allein kann ich und will ich leben: meines Volkes Art ist die Luft, in der
allein meine Seele atmen kann. Warum soll'n wir nicht dauern knnen, ewig: oder
doch solang diese Erde dauert? Was Perser und Griechen! Wir sind von besserem
Stoff. Weil sie dahinsiechten und versanken, mssen darum auch wir siechen und
versinken? Noch blhn wir in voller Jugendkraft! Nein, wenn ein Tag kmmt, da
die Goten sinken - mg' ihn mein Auge nicht mehr sehn. O all ihr Gtter, lat
uns nur nicht dahinkranken jahrhundertelang wie diese Griechen, die nicht leben
knnen und nicht sterben! Nein, mu es sein, so sendet ein furchtbar
Kampfgewitter und lat uns rasch und herrlich fallen, alle, alle und mich
voran!
    Der Jngling hatte sich in die wrmste Begeisterung gesprochen. Er sprang
empor von der Marmorbank auf der Strae, darauf sie sich niedergelassen, den
Lanzenschaft hoch gen Himmel erhebend.
    Mein Freund, sagte Julius, ihn liebevoll anblickend, wie schn steht dir
dieser Eifer! Aber bedenke, ein solcher Kampf wrde mit uns, mit meinem Volk
entbrennen und sollte ich -?
    Zu deinem Volke sollst du stehn mit Leib und Seele, das ist klar, wenn es
jemals zu solchem Kampfe kmmt. Du glaubst, das wrde unsrer Freundschaft
Eintrag tun? mit nichten! Zwei Helden knnen sich knochentiefe Wunden hau'n und
dabei doch die besten Freunde sein. Ha, mich wrd' es freuen, dich in einer
Schlachtreihe mir entgegenschreiten sehn mit Schild und Speer!
    Julius lchelte. Meine Freundschaft ist nicht so grimmiger Art, du wilder
Gote. - Diese Fragen und Zweifel haben mich lange und bitter geqult und all
meine Philosophen zusammen haben mir nicht den Frieden gebracht. Erst seit ich's
in Schmerzen erfahren, da ich dem Gott im Himmel allein zu dienen habe und auf
Erden der Menschheit und nicht Einem Volk -
    Gemach, Freund, rief Totila, wo ist denn die Menschheit, von der du
schwrmst? Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur Goten, Rmer, Byzantiner! Eine
Menschheit ber den wirklichen Vlkern, irgendwo in den Lften, kenn' ich nicht.
Ich diene der Menschheit, indem ich meinem Volke lebe. Ich kann gar nicht
anders! ich kann nicht die Haut abstreifen, darin ich geboren bin. Gotisch denk'
ich, in gotischen Worten, nicht in einer allgemeinen Sprache der Menschheit; die
gibt es nicht. Und wie ich nur gotisch denke, kann ich auch nur gotisch fhlen.
Ich kann das Fremde anerkennen, o ja. Ich bewundre eure Kunst, euer Wissen, zum
Teil euren Staat, in welchem alles so streng geordnet ist.
    Wir knnen vieles von euch lernen - aber tauschen knnt' ich und mcht ich
mit keinem Volk von Engeln. Ha, meine Goten! Im Grund des Herzens sind mir ihre
Fehler lieber als eure Tugenden.
    Wie ganz anders empfinde ich, und bin doch ein Rmer!
    Du bist kein Rmer! vergib, mein Freund, es gibt schon lange keine Rmer
mehr. Sonst wr' ich nicht der Seegraf von Neapolis! So wie du kann nur
empfinden, wer eigentlich kein Volk mehr hat. So wie ich mu jeder fhlen, der
eines lebendigen Volkes ist.
    Julius schwieg eine Weile. Und wenn dem so ist - wohl mir! Heil, wenn ich
die Erde verloren, den Himmel zu gewinnen. Was sind die Vlker, was ist der
Staat, was ist die Erde? Nicht hier unten ist die Heimat meiner unsterblichen
Seele! Sie sehnt sich nach jenem Reiche, wo alles anders ist als hier.
    Halt ein, mein Julius, sprach Totila, stehenbleibend, die Lanze auf den
Boden stoend. Hier, auf Erden, hab' ich festen Grund, hier la mich stehn und
leben, hier nach Krften das Schne genieen, das Gute schaffen nach Krften. In
deinen Himmel kann und will ich dir nicht folgen. Ich ehre deine Trume, ich
ehre deine heil'ge Sehnsucht - aber ich teile sie nicht. Du weit, fgte er
lchelnd hinzu, ich bin ein Heide, unverbesserlich, wie meine Valeria - unsere
Valeria. Zur rechten Stunde denk' ich ihrer. Deine erdenflcht'gen Trume lieen
uns am Ende des Liebsten auf Erden vergessen. Sieh, wir sind zur Stadt
zurckgekommen, die Sonne sinkt so rasch hier im Sden und ich soll noch vor
Nacht die bestellten Smereien in den Garten des Valerius bringen. Ein
schlechter Grtner, lchelte er, der seiner Blume verge. Leb wohl - ich
biege rechts hinab.
    Gre mir Valeria. Ich gehe nach Hause, zu lesen.
    Was liesest du jetzt? Noch Platon?
    Nein, Augustinus. Lebe wohl!

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Rasch eilte Totila durch die Straen der Vorstadt, die belebteren Teile der
Innenstadt meidend, nach der Porta capuana zu und dem Turm Isaks, des jdischen
Pfrtners. Der Turm, unmittelbar zur Rechten des Tores, mit starken Mauern und
massiv gewlbtem Dach erbaut, erhob sich in mehreren sich verjngenden Abstzen.
In dem hchsten Stockwerk, dicht an den zackigen Zinnen, waren zwei niedre, aber
breite Gelasse zur Wohnung des Trmers bestimmt.
    Dort hausten der alte Jude und Miriam, sein dunkelschnes Kind.
    In dem grern Gemach, wo an den Wnden in strenger Ordnung die groen
schweren Schlssel zu den Haupttren und den Nebenpforten des wichtigen
Torgebudes, dann das krumme Wchterhorn und der breite, hellebardengleiche
Speer des Pfrtners hingen, sa mit gekreuzten Beinen auf rohrgeflochtener Matte
Isak, der greise Turmwart: eine hohe, starkknochige Gestalt mit der Adlernase
und den buschigen, hochgeschweiften Brauen seiner Rasse.
    Er hielt einen langen Stab zwischen den Knieen, und aufmerksam hrte er den
Worten eines jungen, unansehnlichen Mannes, offenbar auch eines Israeliten, zu,
in dessen harten, nchternen Zgen der ganze Rechnerverstand des jdischen
Stammes lag.
    Sieh, Vater Isak, schlo er mit unschner, klangloser Stimme, meine Rede
ist keine eitle Rede und meine Worte kommen nicht aus dem Herzen allein, das
blind ist, sondern aus dem Kopf, der da ist sehend. Und hier hab' ich mit mir
gebracht Brief und Urkund fr jedes Wort meines Mundes: hier meine Bestallung
als Baumeister fr alle Wasserleitungen von Italien, jhrlich fnfzig Goldsoldi
und fr jedes neue Werk zehn Soldi besonders. Eben erst hab' ich wieder
hergestellt die zerfallene Wasserleitung dieser Stadt Neapolis; hier in diesem
Beutel sind die zehn Goldstcke, richtig bezahlt. Du siehst, ich kann ernhren
ein Weib; zudem bin ich Rachels, deiner Muhme, leiblicher Sohn. So la mich
nicht reden umsonst und gib mir Miriam, dein Kind, da sie bestelle mein Haus.
    Aber der Alte strich seinen grauen langen Kinnbart und schttelte langsam
das Haupt. Jochem, Sohn Rachels, mein Sohn - ich sage dir, la ab, la ab.
    Warum? was kannst du haben gegen mich? Wer mag reden wider Jochem in
Israel?
    Niemand. Du bist gerecht und still und fleiig und mehrest deine Habe und
dein Werk gedeiht vor dem Herrn. Aber hast du gesehn, da sich die Nachtigall
paart mit dem Sperling oder die schlanke Gazelle mit dem Lasttier? Sie passen
nicht zusammen! Und nun sieh dorthin und sage mir selbst, ob du passest fr
Miriam, mein Kind.
    Und er schob mit seinem langen Stock sachte den grnwollenen Vorhang zur
Seite, der das vordere Gemach abschlo.
    Leise silberne Tne waren schon herbergeklungen in das Gesprch der Mnner:
jetzt sah man in den einfachen aber geflligen Raum. An dem weiten
Rundbogenfenster, das ber die herrliche Neapolis, das blaue Meer und die fernen
Berge die freieste Aussicht bot, stand ein junges Mdchen, ein fremdartig
geformtes Saiteninstrument im Arm. Es war eine Erscheinung von berraschender
Schnheit. Glhend rot fiel das Licht der sinkenden Sonne noch in das
hochgelegene Gemach und bergo wie das weie Faltengewand so das edel
geschnittene Profil des Mdchens mit purpurnem Schimmer: es spielte auf dem
glnzend schwarzen Haar, das, halb hinter das feine Ohr zurckgestrichen, die
edeln Schlfe zeigte. Und wie dieser Sonnenglanz, so schien der Glanz der Poesie
die ganze Erscheinung zu umstrahlen, jede ihrer Bewegungen zu begleiten und
jeden trumerischen Blick aus diesen dunkelblauen Augen, die, in weiches Sinnen
versunken, ber die Stadt und das Meer hinschweiften. Dunkelmeeresblau hatte
diese Augen Piso, der Dichter, genannt. -
    Wie im halben Traum berhrten die Finger nur leise, leise die Saiten,
whrend von den halbgeffneten Lippen, geflstert mehr als gesungen, eine alte,
melancholische Weise klang:

An Wasserflssen Babylons
Sa weinend Judas Stamm: -
Wann kmmt der Tag, da Judas Stamm
Nicht mehr zu weinen hat? -

    Nicht mehr zu weinen hat! wiederholte sie trumend und neigte das Haupt
auf den Arm, der die Harfe auf der Fensterbrstung hielt.
    Sieh hin, sprach der Alte leise, ist sie nicht lieblich wie die Rose in
den Grten von Saron und die Hindin auf den Bergen von Hiram und ist kein Fehl
an ihrem Leibe?
    Ehe Jochem antworten konnte, scholl dreimal ein leises Klopfen an der
schmalen Eisenpforte unten. Miriam fuhr auf aus ihrem Sinnen, strich rasch mit
der Hand ber die Augen und eilte die enge Wendeltreppe hinunter.
    Jochem trat an das Fenster und sein Gesicht legte sich in grimmige Falten.
Ha, der Christ, der gottverfluchte, knirschte er und ballte die Faust. Schon
wieder der blonde Gote mit dem unbndigen Stolz! Vater Isak, ist das der
Edelhirsch, der dir zu deiner Hindin pat? - Sohn, rede nicht Hohnwort wider
Isak! Du weit ja, der Jngling hat sein Herz gesetzt auf ein Rmermdchen,
seine Seele denkt nicht an die Perle von Juda.
    Aber vielleicht die Perle von Juda an ihn!
    Mit Dank und Freuden, wie das Lamm denkt des starken Hirten, der es
entrissen dem Rachen des Wolfs. Hast du vergessen, wie bei der letzten Jagd,
welche die verdammten Rmer machten auf die Schtze und Goldhaufen von Israel,
und als sie niederbrannten die heil'ge Synagoge mit unheiligem Feuer, wie da
eine Rotte dieser bsen Buben mein armes Kind aufjagte auf der Strae, wie ein
Rudel Wlfe das weie Lamm, und zerrten ihr den Schleier vom Haupt und das
Busentuch von den Schultern: - wo war da Jochem, meiner Muhme Sohn, der sie
begleitete? Entflohen war er vor der Gefahr mit hurtigen Fen und lie die
Taube in den Krallen der Geier!
    Ich bin ein Mann des Friedens, sagte Jochem unbehaglich, meine Hand fhrt
nicht das Schwert der Gewalt.
    Aber Totila fhrt es, wie einst der Lwe Juda und der Herr ist mit ihm.
Allein, wie er des Weges kam, sprang er unter die Schar der frechen Ruber und
schlug den frechsten mit der Schrfe des Schwertes und verscheuchte die andern,
wie der Turmfalk die Krhen, und hllte sorglich den Schleier ber mein bebendes
Kind und sttzte ihren wankenden Schritt und fhrte sie heim, ungeschdigt, in
die Arme ihres alten Vaters. Das lohne ihm Jehova der Herr mit langem Leben und
segne alle Schritte seines Pfades.
    Nun wohl, sagte Jochem, seine Urkunden einsteckend, ich gehe, diesmal fr
lange Zeit. Ich reise ber das groe Wasser zu machen ein gro Geschft.
    Ein gro Geschft? Mit wem?
    Mit Justinianus, dem Kaiser ber Morgenland. Es ist eingestrzt ein Stck
der groen Kirche, die er baut der Weisheit des Herrn in der goldnen Stadt des
Konstantin. Ich hab' entworfen Plan und saubern Grundri, wieder aufzubauen das
Gebude.
    Heftig sprang der Alte auf und stie seinen Stab auf den Boden: Wie,
Jochem, Sohn Rachels, dem Rmer willst du dienen? Dem Kaiser, dessen Vorfahren
die heilige Zion verbrannt und in Asche gelegt den Tempel des Herrn? Und bauen
willst du an einem Haus des Unglaubens, du, der Sohn des frommen Manasse? Wehe,
wehe ber dich! - Was rufest du Wehe und weit nicht warum? Riechst du's dem
Goldstck an, ob es kommt aus der Hand des Juden oder des Christen? Wiegt es
nicht gleich schwer und glnzt es nicht gleich lieblich?
    Sohn Manasses, du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.
    Aber du selbst, dienst du nicht den Unglubigen? Seh ich nicht das
Wchterhorn an der Wand deines Hauses? fhrst du nicht die Schlssel fr diese
Goten und tust ihnen auf und zu die Pforten fr ihren Ausgang und Eingang und
htest die Burg ihrer Strke?
    Ja, das tu' ich, sagte der Alte stolz, und wachen will ich fr sie
treulich, Tag und Nacht, wie der Hund fr den Herrn, und solang Isak Odem hat,
der Sohn Ruben, soll kein Feind dieses Volkes schreiten durch dies Tor. Denn
Dank schulden die Kinder Israel ihnen und ihrem groen Knig, der weise war wie
Salomo und wie Gideons war sein Schwert! Dank wie unsre Vter dem groen Knig
Cyrus, der sie befreiet hat aus Babylon. Die Rmer haben gebrochen den Tempel
des Herrn und zerstreut sein Volk ber das Angesicht der Erde. Sie haben uns
verspottet und geschlagen und verbrannt unsre heiligen Sttten und geplndert
unsre Truhen und verunreinigt unsre Huser und gezwungen unsre Weiber berall in
ihren Landen und haben geschrieben gegen uns manch grausam Gesetz. Da kam dieser
groe Knig von Mitternacht, dessen Samen Jehova segne, und hat wieder aufgebaut
unsre Synagogen: und wenn sie die Rmer niederrissen, muten sie alles wieder
aufrichten mit eigner Hand und eignem Gelde, und er hat beschtzt den Frieden
unsrer Dcher und wer Einen schdigte aus Israel, der mute es ben, wie wer
einen Christen gekrnkt. Er hat uns gelassen unsern Gott und unsern Glauben und
hat beschirmt unsre Schritte auf den Straen unsres Handels und wir feierten das
Passah in Frieden und Freude, wie nicht mehr seit den Tagen, da der Tempel noch
stand auf den Hhen von Zion. Und als ein Groer unter den Rmern mir mit Gewalt
meine Sarah geraubt, mein Weib, lie ihm Knig Theoderich das stolze Haupt
abschlagen noch am selben Tage und gab mir wieder mein Weib unversehret. Und das
will ich gedenken, solange meine Tage dauern und will dienen seinem Volke treu
bis zum Tode und man soll wieder sagen, weit in allen Landen: treu und dankbar
wie ein Jude.
    Mgest du nicht Undank ernten von den Goten fr deinen Dank, sagte Jochem,
sich zum Gehen rstend: mir ist, einmal kmmt die Stunde fr mich, wieder um
Miriam zu werben, zum letztenmal. Vielleicht, Vater Isak, bist du dann minder
stolz. Und er schritt durch Miriams Gemach zur Treppe hinaus, wo er Totila
begegnete. Mit einer hlichen Verbeugung und einem stechenden Blick drckte
sich der Kleine an dem schlanken Goten vorbei, der beim Eintritt in die
Trmerwohnung sich tief bcken mute. Miriam folgte ihm auf dem Fu.
    Dort hngen deine Grtnerkleider, sagte sie, ohne die langen Wimpern
aufzuschlagen, und hier am Fenster hab' ich die Blumen bereitgestellt. Sie
liebt die weien Narzissen, sagtest du neulich. Ich habe weie Narzissen
besorgt. Sie duften lieblich. Und die melodische Stimme schwieg.
    Du bist ein gutes Mdchen, Miriam, sagte Totila, den Helm mit den
silberweien Schwanenflgeln abhebend und auf den Tisch setzend, wo ist dein
Vater? - Der Segen des Herrn ruhe auf deinen goldnen Locken, sprach der Alte,
in das Gemach tretend. - Gegrt, treuer Isak! rief Totila, warf den langen,
glnzendweien Mantel ab, der ihm von den Schultern flo, und hllte sich in
einen braunen berwurf, den ihm Miriam von der Wand reichte. Ihr guten Leute!
Ohne euch und eure verschwiegene Treue wte ganz Neapolis um mein Geheimnis.
Wie kann ich euch danken! - Dank? sagte Miriam, schlug die dunkelblauen Augen
auf und lie sie leuchtend auf ihm ruhen. Du hast voraus gedankt fr alle
Zeit.
    Nein, Miriam, sagte der Gote, den braunen, breitkrempigen Filzhut tief in
die Stirne ziehend, ich mein' es herzlich gut mit euch. Sage, Vater Isak, wer
ist der Kleine, den ich schon fter hier gesehen und eben wieder begegnet? Mir
ist, er hat sein Auge auf Miriam geworfen. Sprich offen, wenn es bei ihr nur am
Gelde fehlt - ich helfe gern. - Es fehlt an der Liebe, Herr, bei ihr, sagte
Isak ruhig. - Da kann ich freilich nicht helfen! Aber wenn sonst ihr Herz
gewhlt - ich mchte gern etwas tun fr meine Miriam. Und er legte freundlich
die Hand auf das glnzende schwarze Haar des Mdchens. Nur leise war die
Berhrung. Aber wie vom heien Blitz getroffen fiel Miriam pltzlich auf die
Kniee: die Arme ber dem Busen kreuzend, und das schne Haupt tief nach vorn
beugend: wie eine tauschwere Blume glitt sie zu den Fen Totilas nieder.
    Dieser trat bestrzt einen Schritt zurck.
    Aber im Augenblick war das Mdchen wieder auf: Verzeih, es war nur eine
Rose - sie fiel vor deinen Fu.
    Sie legte die Blume auf den Tisch und so gefat war sie, da weder ihr Vater
noch der Jngling des Vorfalls weiter achteten.
    Es dunkelt schon, eile Herr, sprach sie ruhig und reichte ihm den Korb mit
den Blumen. - Ich gehe. Auch Valeria schuldet dir reichen Dank: ich habe ihr
viel von dir erzhlt und sie fragt mich stets nach dir. Sie mchte dich lang
schon sehen. Nun, vielleicht geht das bald - heut' ist's wohl das letztemal, da
ich diese Vermummung brauche.
    Willst du sie entfhren, die Tochter von Edom? rief der Alte. Bring sie
nur hierher! hier ist sie wohl geborgen.
    Nein, fiel Miriam ein, nicht hierher, nein, nein!
    Weshalb nicht, du seltsames Kind? zrnte der Alte.
    Das ist kein Raum fr seine Braut - dies Gemach - es brchte ihr kein
Heil. - Beruhigt euch, sagte Totila, schon an der Tre, offne Werbung soll
der Heimlichkeit ein Ende machen. Lebt wohl. Und er schritt hinaus. Isak nahm
den Speer, das Horn und einige Schlssel von der Wand; er folgte, ihm zu ffnen
und die Abendrunde lngs allen Pforten des groen Torbaues zu machen.
    Miriam blieb oben allein.
    Lange Zeit stand sie unbeweglich mit geschlossenen Augen an derselben
Stelle. Endlich strich sie mit beiden Hnden ber Schlfe und Wangen und schlug
die Augen auf. Still war's im Gemach; durch das offene Fenster glitt der erste
Strahl des Mondlichts. Er fiel silbern auf Totilas hellen Mantel, der in langen
Falten ber dem Stuhl hing. Rasch flog Miriam auf den weien Schimmer zu und
bedeckte den Saum des Mantels mit heien Kssen. Dann ergriff sie den blinkenden
Schwanenhelm, der neben ihr auf dem Tische stand, sie umfate ihn mit beiden
Armen und drckte ihn zrtlich an die Brust. Dann hielt sie ihn eine Weile
trumend vor sich hin: endlich - sie konnte nicht - wiederstehen - hob sie ihn
rasch auf und setzte ihn auf das schne Haupt: sie zuckte als die Wlbung ihre
Stirn berhrte, dann strich sie die schwarzen Flechten aus den Schlfen und
drckte einen Augenblick den harten, kalten Stahl fest mit beiden Hnden an die
glhende Stirn, Dann hob sie ihn wieder ab und legte ihn, scheu umblickend, auf
seinen frhern Ort zu dem Mantel. Darauf trat sie ans Fenster und sah hinaus in
die duftige Nacht und das zauberische Mondlicht. Ihre Lippen regten sich wie im
Gebet: aber die Worte des Gebets klangen aus in der alten Weise:

An Wasserflssen Babylons
Sa weinend Judas Stamm:
Wann kmmt der Tag, der all dein Leid,
Du Tochter Zion, stillt?

                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Indessen Miriam schweigend aufsah zu den ersten Sternen, hatte Totilas rascher,
sehnsuchtbeflgelter Schritt alsbald die Villa des reichen Purpurhndlers, die
etwa eine Stunde vor dem Capuanischen Tor gelegen war, erreicht.
    Der Trstehersklave wies ihn an den alten Hortularius, den Freigelassenen
Valerias, dem die Sorge fr die Grten berlassen war. Dieser, der Vertraute der
Liebenden, nahm dem Grtnerburschen die Blumen und Smereien ab, die er
angeblich von dem ersten Blumenhndler von Neapolis brachte, und geleitete ihn
in sein gewhnliches Schlafgemach im Erdgescho, dessen niedrige Fenster in den
Garten fhrten: am andern Morgen noch vor Aufgang der Sonne - so wollte es die
Geheimlehre der antiken Grtnerei - mten die Blumen eingesetzt werden, auf da
das erste Sonnenlicht, das sie in dem neuen Boden trfe, das segenbringende der
Morgensonne sei. -
    Ungeduldig erwartete der junge Gote in dem engen Gemach bei einem Kruge
Weines die Stunde, da sich Valeria von ihrem Vater nach dem gemeinsamen
Nachtmahl verabschieden konnte.
    Immer wieder sah er zum Himmel auf, an dem Auftauchen der Sterne und dem
Gang des Mondes den Fortschritt der Nacht zu ermessen. Er schlug den Vorhang
zurck, der die Fensterffnung schlo; stille war's in dem weiten Garten. In der
Ferne pltscherte nur leise der Springbrunnen und Zikaden zirpten in den
Myrtengebschen: der warme ppige Sdwind strich in schwlem Hauch durch die
Nacht, stoweise ganze Wolken von Wohlgerchen aus Rosenbumen auf seinen
Fittichen mit sich fhrend: und weithin aus dem Pinienwldchen am Ende des
Gartens drang lockend und sinnaufregend der tiefgezogene heie Schlag der
Nachtigall.
    Endlich hielt sich Totila nicht lnger. Geruschlos schwang er sich ber die
Marmorbrstung des Fensters: kaum knisterte unter seinen raschen Schritten der
weie Sand der schmalen Wege, wie er, den Strom des Mondlichts meidend, unter
dem Schatten der Gebsche dahineilte. Vorber an den dunkeln Taxusgngen und den
Lauben von dichten Oliven, vorber an der hohen Statue der Flora, deren weier
Marmor geisterhaft im Mondlicht schimmerte, vorber an dem weiten Becken, wo
sechs Delphine den Wasserstrahl hoch aus den Nstern bliesen, rasch eingebogen
in den dicht verwachsenen Laubweg von Lorbeer und Tamarinden und nun, noch ein
Oleandergebsch durchdringend, stand er vor der Grotte aus Tropfstein, in der
die Quellnymphe ber einer dunkeln, groen Urne lehnte.
    Wie er eintrat, glitt eine weie Gestalt hinter der Statue hervor.
    Valeria, meine schne Rose! rief Totila und umschlang glhend die
Geliebte, die leise seinem Ungestm wehrte. La, la ab, mein Geliebter,
flsterte sie, sich seinem Arm entziehend. Nein, du Se, ich will nicht von
dir lassen. Wie lang, wie schmerzlich hab' ich dein entbehrt! Hrst du, wie
lockend und wirbelnd die Nachtigall ruft, fhlst du wie der warme Hauch der
Sommernacht, der berauschende Duft des Geiblattes Liebe atmet? Sie alle mahnen
und bedeuten, wir sollen glcklich sein! O la sie uns festhalten, diese goldnen
Stunden. Meine Seele ist nicht weit genug all' ihr Glck zu fassen: all' deine
Schnheit, all' unsre Jugend und diese glhende, blhende Sommernacht; in
mchtigen Wogen rauscht das volle Leben durch das Herz und will's vor Wonne
sprengen.
    O mein Freund! gern mcht' ich, wie du, aufgehn im Glcke dieser Stunden.
Ich kann es nicht. Ich traue nicht diesem berauschenden Duft, der ppigen
Schwle dieser Sommernchte: sie dauert nicht: sie brtet Unheil: ich kann nicht
glauben an das Glck unsrer Liebe.
    Du liebe Trin, warum nicht?
    Ich wei es nicht: der unselige Zwiespalt, der all mein Leben scheidet, bt
seinen Fluch auch hier. Gern mchte mein Herz sich trunken, wie du, diesem
Glcke hingeben. Aber eine Stimme in mir warnt und mahnt: es dauert nicht - du
sollst nicht glcklich sein.
    So bist du nicht glcklich in meinen Armen?
    Ja und nein! Das Gefhl des Unrechts, der Schuld gegen meinen edlen Vater
lastet auf mir. Sieh, Totila, was mich zumeist an dir beglckt ist nicht diese
deine jugendschne Kraft, selbst deine groe Liebe nicht. Es ist der Stolz
meines Herzens auf deine Seele, auf deine offne, lichte, edle Seele. Ich habe
mich gewhnt, dich klar und hell wie einen Gott des Lichts durch diese dunkle
Welt schreiten zu sehen: der edle Mut siegessichrer Kraft, der Schwung, die
freudige Wahrhaftigkeit deines Wesens ist mein Stolz: da alles Kleine, Dumpfe,
Gemeine versinken mu, wo du nahest, das ist mein Glck. Ich liebe dich wie eine
Sterbliche den Sonnengott, der ihr in Flle seines Lichts genaht. Und deshalb
kann ich an dir nichts Heimliches, Verstecktes dulden. Auch die Wonnen dieser
Stunden nicht - sie sind erlistet und es kann nicht lnger also sein.
    Nein, Valeria, und es soll auch nicht. Ich fhle ganz wie du. Auch mir ist
die Lge dieser Mummerei verhat, ich trage sie nicht lnger. Ich bin gekommen,
ihr ein Ende zu machen. Morgen, morgen werf ich diese Tuschung ab und spreche
zu deinem Vater offen und frei. - Dieser Entschlu ist der beste, denn -
    Denn er rettet dein Leben, Jngling! unterbrach pltzlich eine tiefe
Stimme und aus dem dunkeln Hintergrund der Grotte trat ein Mann und stie das
blanke Schwert in die Scheide.
    Mein Vater! rief Valeria berrascht, doch in mutiger Fassung. Totila
schlang seinen Arm um sie, sein Kleinod zu verteidigen.
    Hinweg, Valeria, fort von dem Barbaren! sprach Valerius, befehlend den Arm
ausstreckend.
    Nein, Valerius, sagte Totila, die Geliebte fester an sich drckend, ihr
Platz ist forthin an dieser Brust.
    Verwegner Gote!
    Hre mich, Valerius, und zrne uns nicht um dieser Tuschung willen. Du
hast es selbst gehrt, schon morgen sollte sie enden.
    Zu deinem Glck hab' ich's gehrt. Gewarnt von dem ltesten meiner Freunde,
wollt' ich doch kaum glauben, da meine Tochter - mich hintergeht. Als ich's
glauben mute, beschlo ich, da dein Blut deine List bezahlen sollte. Dein
Entschlu hat dein Leben gerettet. Jetzt aber flieh: du siehst ihr Antlitz
niemals wieder. -
    Totilo wollte heftig erwidern, aber Valeria kam ihm zuvor: Vater, sprach
sie ruhig, zwischen die Mnner tretend, hre dein Kind. Ich will meine Liebe
nicht entschuldigen, sie bedarf es nicht, sie ist gttlich und notwendig wie die
Sterne: die Liebe zu diesem Mann ist das Leben meines Lebens.
    Du kennst meine Seele: Wahrheit ist ihr ther und ich sage dir, bei meiner
Seele: nie werd' ich lassen von diesem Mann! - Und niemals ich von ihr, rief
Totila und ergriff ihre Rechte.
    Hochaufgerichtet stand das junge Paar, vom Licht des Mondes voll beleuchtet,
vor dem Alten: ihre edlen Zge und Gestalten trugen im Augenblick die Weihe
heiliger Begeisterung: und so schn war die Gruppe, da ein rhrendes,
erweichendes Gefhl davon sich unwillkrlich dem zrnenden Vater aufdrngte.
Valeria, mein Kind!
    O mein Vater! Du hast mit einer Liebe und Treue all meine Schritte
geleitet, da ich bisher die Mutter, die verlorne, zwar beklagte, aber kaum
vermite. Jetzt, in dieser Stunde, vermi ich sie zum erstenmal: jetzt, ich
fhl' es, bedrfte ich ihrer Frsprache. O so la ihr Andenken wenigstens fr
mich sprechen. La mich dir ihr Bild vor die Seele fhren und dich an den
Augenblick erinnern, da dich die Sterbende zum letztenmal an ihr Lager rief und
dir, wie du mir oft gesagt, mein Glck auf die Seele band als heiligstes
Vermchtnis. -
    Valerius drckte die linke Hand vor die Stirn; seine Tochter wagte die andre
zu fassen, er entzog sie ihr nicht: offenbar rang es gewaltig in des Alten
Brust. Endlich sprach er: Valeria, du hast ein mchtig Wort gesprochen, ohne es
zu wissen. Es wre unrecht, dir zu verschweigen, was du ahnungsvoll berhrt.
Erfahre, was deine Mutter in jener Sterbestunde mir auferlegt. Noch immer
drckte ihre Seele jenes Gelbde, das wir doch lange abgelst. Soll unser Kind
nicht die Braut des Himmels werden, sprach sie so gelobe mir wenigstens, die
Freiheit ihrer Wahl zu ehren. Ich wei wie rmische Mdchen, zumal die Tchter
unsres Standes, in die Ehe gegeben werden, ungefragt, ohne Liebe: ein solcher
Bund ist ein Elend auf Erden und ein Greuel vor dem Herrn. Meine Valeria wird
edel whlen - gelobe mir, sie dem Mann ihrer Wahl anzuvertrauen und keinem
sonst.
    Und ich gelobte es in ihre bebende Hand. - Aber mein Kind einem Barbaren
geben, einem Feind Italiens, nein, nein! Und mit heftiger Armbewegung ri er
sich von ihr los.
    Ich bin vielleicht so gar barbarisch nicht, Valerius, hob Totila an.
Wenigstens bin ich in meinem ganzen Volk der wrmste Freund der Rmer. Glaube
mir, nicht euch hasse ich; die ich verabscheue, sind eure wie unsre
verderblichsten Feinde - die Byzantiner!
    Das war ein glckliches Wort. Denn in dem Herzen des alten Republikaners war
der Ha gegen Byzanz die Kehrseite seiner Liebe zur Freiheit und zu Italien. Er
schwieg, aber sein Auge ruhte sinnend auf dem Jngling.
    Mein Vater, sprach Valeria, dein Kind wrde keinen Barbaren lieben. Lern'
ihn kennen: und schiltst du ihn dann noch barbarisch - so will ich nie die Seine
werden. Ich fordre nichts von dir als: lern' ihn kennen, entscheide du selbst,
ob meine Wahl edel sei oder nicht.
    Ihn lieben alle Gtter und alle Menschen mssen ihm gut sein - du allein
wirst ihn nicht verwerfen.
    Und sie fate seine Hand.
    O lerne mich kennen, Valerius, bat Totila, innig seine andre Hand
ergreifend. Der Alte seufzte. Endlich sprach er: Kommt mit mir zum Grabe der
Mutter. Dort ragt es unter den Zypressen. Da ruht die Urne mit ihrem Herzen.
Dort lat uns ihrer gedenken, der edelsten Frau, und ihren Schatten anrufen. Und
ist es echte Liebe und eine edle Wahl, so werd' ich erfllen, was ich gelobt.

                          Vierundzwanzigstes Kapitel.


Einige Wochen spter finden wir zu Rom in dem uns wohl erinnerlichen
Schreibgemach mit der Csarstatue Cethegus, den Prfekten und unsern neuen
Bekannten, Petros, des Kaisers oder vielmehr der Kaiserin Gesandten.
    Die beiden Mnner hatten unter lebhaftem Gesprch und wechselseitigem
Erinnern an frhere Zeiten - sie waren Studiengenossen, wie wir erfuhren - zu
einfachem Mahl einen Krug alten Massikers geleert und waren soeben aus dem
Speisesaal in das abgelegene Arbeitszimmer getreten, um jetzt ungestrt von den
bedienenden Sklaven Geheimeres zu bereden.
    Sobald ich mich berzeugt hatte, schlo Cethegus seinen Bericht ber die
letzten Ereignisse, da die Schreckensnachrichten aus Ravenna nur erst Gerchte
waren, vielleicht erdichtet, jedenfalls bertrieben, setzte ich der Aufregung
und dem Eifer meiner Freunde die grte Ruhe entgegen. Der Feuerkopf Lucius
Licinius mit seiner trichten Begeisterung fr mich htte bald alles verdorben.
Unablssig forderte er meine Diktatur, buchstblich setzte er mir das Schwert
auf die Brust und schrie, man msse mich zwingen, das Vaterland zu retten. Er
schwatzte so viel aus der Schule, da es nur ein Glck war, der schwarze Korse -
der es mit den Barbaren zu halten scheint, niemand wei recht, warum - nahm ihn
fr mehr berauscht als er war. Endlich kam die Nachricht, Amalaswintha sei
zurckgekehrt, und so beruhigte sich allmhlich Volk und Senat.
    Du aber, sagte Petros, hattest zum zweitenmal Rom vor der Rache der
Barbaren gerettet - ein unvergeliches Verdienst, das dir die ganze Welt,
zunchst aber die Regentin, danken mu. - Die Regentin - arme Frau! meinte
Cethegus achselzuckend, wer wei wie lange die Goten oder deine Gebieter zu
Byzanz sie noch werden auf dem Throne lassen. - Wie? da irrst du sehr! fiel
Petros eifrig ein. Meine Sendung hat vor allem den Zweck, ihren Thron zu
sttzen; und bei dir wollte ich eben anfragen, wie man das am besten knne,
setzte er pfiffig hinzu.
    Aber der Prfekt lehnte sein Haupt zurck an die Marmorwand und sah den
Gesandten lchelnd an: O Petros, o Petre, sagte er, warum so verdeckt? Ich
dchte doch, wir kennten uns besser.
    Was meinst du? fragte der Byzantiner befangen.
    Ich meine, da wir nicht umsonst Recht und Geschichte miteinander studiert
haben zu Berytus und Athen. Ich meine, da wir damals schon unzhlige Male als
Jnglinge, lustwandelnd und Weisheit austauschend, zu dem Ergebnis gelangten:
der Kaiser msse diese Barbaren austreiben aus Italien und wieder zu Rom
herrschen wie zu Byzanz. Und da nun ich noch denke wie dazumal, wirst wohl auch
du nicht ein andrer geworden sein. - Ich habe meine Ansicht der meines Herrn
zu unterwerfen, und Justinian - Erglht natrlich fr die Herrschaft der
Barbaren in Italien. - Freilich, sagte der Rhetor verlegen, es knnten Flle
eintreten -
    Petre, rief jetzt Cethegus, sich unwillig aufrichtend, keine Phrasen und
keine Lgen. Sie sind nicht angewandt bei mir. Sieh, Petros, es ist wieder dein
alter Fehler: du bist immer zu pfiffig, um klug zu sein. du meinst, es mu immer
gelogen sein, und hast nie den Mut zur Wahrheit. Man mu aber nur dann lgen,
wenn man in seiner Lge ganz sicher ist. Wie kannst du mich darber tuschen
wollen, da der Kaiser Italien wieder haben will? Ob er die Regentin strzen
oder halten will, hngt davon ab, ob er glaubt ohne oder mit ihr leichter ans
Ziel zu kommen. Wie er hierber denkt, das soll ich nicht erfahren. Aber sieh',
trotz all deiner Verschmitztheit, sobald wir noch einmal zusammengewesen, sag'
ich dir ins Gesicht, was dein Kaiser hierin vor hat.
    Ein boshaftes und bittres Lcheln spielte um des Gesandten Mund: Noch immer
so stolz, wie in der Dialektik zu Athen, sagte er giftig. - Jawohl und du
weit, zu Athen war ich immer der Erste, Prokopius der Zweite und erst der
Dritte warst du.
    Da trat Syphax ein:
    Eine verhllte Frau, o Herr, meldete er, sie wartet dein im Zeussaal.
    Sehr froh, diese Unterhaltung abgebrochen zu sehen, denn er fhlte sich dem
Prfekten nicht gewachsen, grinste Petros: Nun, ich wnsche Glck zu solcher
Strung.
    Ja, dir! lchelte Cethegus und ging hinaus.
    Hochmtiger, du sollst noch deinen Spott bereuen, dachte der Byzantiner.
    Cethegus fand in dem Saale, der von einer schnen Zeusstatue des Glykon von
Athen den Namen trug, eine in gotischer Tracht reich gekleidete Frau; sie schlug
bei seinem Eintritt die Kapuze des braunen Mantels zurck.
    Frstin Gothelindis, fragte der Prfekt berrascht, was fhrt dich zu
mir?
    Die Rache! erwiderte eine heisere, unschne Stimme und die Gotin trat
dicht an ihn heran. Sie zeigte scharfe, aber nicht hliche Zge: und man htte
sie sogar schn nennen mssen, wenn nicht das linke Auge ausgeflossen und die
ganze linke Wange durch eine groe Narbe entstellt gewesen wre: diese Wunde
schien jetzt frisch zu bluten, da dem leidenschaftlichen Weibe die Rte in die
Wangen scho, wie sie bei jedem Wort die Faust ballte. So tdlicher Ha loderte
aus dem einen grauen Auge, da Cethegus unwillkrlich von ihr zurcktrat.
    Rache? fragte er, an wem?
    An - davon spter. Vergib, sagte sie, sich fassend, da ich euch stre.
Dein Freund Petros, der Rhetor von Byzanz, ist bei dir, nicht wahr?
    Ja. Woher weit du -
    O, ich sah ihn vor der Coena durch deine Portikus eintreten, sagte sie
gleichgltig.
    Das ist nicht wahr, sprach Cethegus im Geiste: ich hab' ihn ja zur
Gartentr hereinfhren lassen. Also haben sich die beiden hier zusammenbestellt.
Ich soll das nicht ahnen. Aber was haben sie mit mir vor?
    Ich will dich nicht lange hier festhalten, fuhr Gothelindis fort. Ich
habe nur Eine Frage an dich. Antworte kurz ja oder nein. Ich kann das Weib - die
Tochter Theoderichs - strzen und ich will's: bist du darin fr mich oder gegen
mich?
    O, Freund Petros, dachte der Prfekt, jetzt wei ich bereits, was du mit
Amalaswinthen vorhast. Aber wir wollen sehen, wie weit ihr schon seid.
    Gothelindis, hob er ausholend an, du willst die Regentin strzen - das
glaub' ich dir gern - aber da du's kannst, bezweifle ich.
    Hre, dann entscheide ob ich's kann. Das Weib hat die drei Herzoge ermorden
lassen.
    Cethegus zuckte die Achseln: Das glauben manche Leute.
    Aber ich kann es beweisen.
    Das wre, meinte Cethegus unglubig. - Herzog Thulun, wie du weit, starb
nicht sofort. Er ward auf der milischen Strae berfallen, nahe bei meiner
Villa zu Tannetum: meine Colonen fanden ihn und brachten ihn in mein Haus. Du
weit, er war mein Vetter - ich bin aus dem Hause der Balten - er verschied in
meinen Armen.
    Nun, und was sagte der Kranke im Wundfieber?
    Nichts Wundfieber! Herzog Thulun traf noch im Strzen den Mrder mit dem
Schwert: er entkam nicht weit; meine Colonen suchten ihn und fanden ihn sterbend
im nchsten Walde: er hat mir alles gestanden.
    Cethegus drckte nur unmerklich die Lippen zusammen. Nun, was war er? was
hat er ausgesagt.
    Er war, sprach Gothelindis scharf, ein isaurischer Sldner, ein Aufseher
der Schanzarbeiten zu Rom, und sagte aus: Cethegus, der Prfekt, hat mich zur
Regentin, die Regentin zu Herzog Thulun gesendet.
    Wer hrte dies Gestndnis auer dir? fragte Cethegus lauernd.
    Niemand. Und niemand soll davon hren, wenn du zu mir stehest. Wenn aber
nicht, dann -
    Gothelindis, unterbrach der Prfekt, keine Drohung: sie ntzt dir nichts.
Du solltest einsehn, da du mich dadurch nur erbittern, nicht zwingen kannst.
Ich lasse es im Notfall zur offnen Anklage kommen: du bist als grimmige Feindin
Amalaswinthens bekannt: dein Zeugnis allein - du warst unvorsichtig genug, zu
gestehen, da niemand sonst das Gestndnis gehrt - wird weder sie noch mich
verderben. Zwingen kannst du mich zum Kampfe gegen die Regentin nicht: hchstens
berreden, wenn du mir's als meinen eignen Vorteil darstellen kannst. Und dazu
will ich selbst dir einen Verbndeten schaffen. Du kennst doch Petros, meinen
Freund?
    Genau, seit lange.
    Erlaube, da ich ihn zu dieser Unterredung herbeihole.
    Er ging in das Studierzimmer zurck. Petros, mein Besuch ist die Frstin
Gothelindis, Theodahads Gemahlin. Sie wnscht uns beide zu sprechen. Kennst du
sie?
    Ich? o nein; ich habe sie nie gesehen! sagte der Rhetor rasch.
    Gut; folge mir. Sowie sie in den Saal des Zeus traten, rief Gothelindis
ihm entgegen:
    Gegrt, alter Freund, welch berraschend Wiedersehn.
    Petros verstummte.
    Cethegus, die Hnde auf den Rcken gelegt, weidete sich an der Bestrzung
des Diplomaten von Byzanz. Nach einer peinlichen Pause hob er an: Du siehst,
Petros, immer zu pfiffig, immer unntige Feinheiten. Aber komm, la dich eine
entdeckte List mehr nicht so niederschlagen. Ihr beide habt euch also verbunden,
die Regentin zu strzen. Mich wollt ihr gewinnen, euch dabei zu helfen. Dazu mu
ich genau wissen, was ihr weiter vorhabt. Wen wollt ihr auf Amalaswinthens Thron
setzen? Denn noch ist der Weg fr Justinian nicht frei.
    Beide schwiegen eine Weile. Es berraschte sie sein klares Durchschauen der
Lage. Endlich sprach Gothelindis: Theodahad, meinen Gemahl, den letzten der
Amelungen.
    Theodahad, den letzten, der Amelungen, wiederholte Cethegus langsam.
Indessen berlegte er alle Grnde fr und wider. Er bedachte, da Theodahad,
unbeliebt bei den Goten, durch Petros erhoben, bald ganz in der Hand der
Byzantiner stehen und die Katastrophe durch Herbeirufung des Kaisers anders,
frher als Er wollte, herbeifhren wrde.
    Er bedachte, da er jedenfalls die Heere der Ostrmer mglichst lange
fernhalten msse und er beschlo bei sich, die gegenwrtige Lage und
Amalaswintha aufrecht zu halten, da sie ihm Zeit zu seinen Vorbereitungen
lieen. All das hatte er im Augenblick gedacht, erwogen, beschlossen. Und wie
wollt ihr nun eure Sache angehn? fragte er ruhig.
    Wir werden das Weib auffordern, zugunsten meines Gatten abzudanken, unter
Androhung, sie des Mordes anzuklagen.
    Und wenn sie's darauf wagt?
    So vollfhren wir die Drohung, sagte Petros, und erregen unter den Goten
einen Sturm, der ihr -
    Das Leben kostet, rief Gothelindis.
    Vielleicht die Krone kostet, sagte Cethegus. Aber gewi sie nicht
Theodahad zuwendet. Nein, wenn die Goten einen Knig whlen, heit er nicht
Theodahad.
    Nur zu wahr! knirschte Gothelindis.
    Dann knnte leicht ein Knig kommen, der uns allen viel unerfreulicher wre
als Amalaswintha.
    Und deshalb sag' ich euch offen: ich bin nicht fr euch, ich halte die
Regentin.
    Wohlan, rief Gothelindis grimmig, sich zur Tre wendend, also Kampf
zwischen uns, komm, Petros.
    Gemach, ihr Freunde, sprach der Byzantiner.
    Vielleicht ndert Cethegus seinen Sinn, wenn er dies Blatt gelesen.
    Und er reichte dem Prfekten jenen Brief, den Alexandros von Amalaswintha an
Justinian berbracht.
    Cethegus las: seine Zge verfinsterten sich.
    Nun, meinte Petros hhnisch, willst du noch die Knigin sttzen, die dich
dem Untergang geweiht? Wo warst du, wenn sie ihren Plan durchfhrte und deine
Freunde nicht fr dich wachten.
    Cethegus hrte ihn kaum Armseliger, dachte er, als ob es das wre! Als ob
die Regentin daran nicht ganz recht htte. Als ob ich ihr das verargen knnte!
Aber die Unvorsichtige hat bereits getan, was ich von Theodahad erst frchtete:
sie hat sich selbst vernichtet und all' meine Plne bedroht: sie hat die
Byzantiner schon ins Land gerufen und sie werden jetzt kommen, ob sie noch will
oder nicht. Solange Amalaswintha Knigin, wird Justinian ihren Beschtzer
spielen. Und nun wandte er sich scheinbar in groer Bestrzung an den
Gesandten, den Brief zurckgebend: Und wenn sie ihren Entschlu durchfhrte,
wenn sie auf dem Thron bliebe - bis wann knnen eure Heere landen?
    Belisar ist schon auf dem Wege nach Sizilien, sagte Petros, stolz darauf,
den Hochmtigen eingeschchtert zu haben, in einer Woche kann er vor Rom
liegen.
    Unerhrt, rief Cethegus in unverstellter Bewegung.
    Du siehst, sprach Gothelindis, welcher Petros inzwischen den Brief
gereicht, die du halten wolltest, will dich verderben. Komm ihr zuvor.
    Und im Namen des Kaisers, meines Herrn, fordre ich dich auf, mir
beizustehn, dies Gotenreich zu vernichten und Italien seine Freiheit
wiederzugeben. Man wei am Kaiserhof dich und deinen Geist zu schtzen und nach
dem Siege verheit dir Justinian: - die Wrde eines Senators zu Byzanz.
    Ist's mglich! rief Cethegus. Aber nicht einmal diese hchste Ehre treibt
mich dringender in euren Bund als die Entrstung ber die Undankbare, die zum
Lohn fr meine Dienste mein Leben bedroht. - Du bist doch gewi, fragte er
ngstlich, da Belisar noch nicht sobald landen wird?
    Beruhige dich, lchelte Petros, diese meine Hand ist's, die ihn
herbeiwinkt, wann es Zeit. Erst mu Amalaswintha durch Theodahad ersetzt sein.
    Gut, dachte Cethegus, Zeit gewonnen, alles gewonnen. Und nicht eher soll
der Byzantiner landen, bis ich ihn an der Spitze des bewaffneten Italiens
empfangen kann. - Ich bin der eure, sprach er, und ich denke, ich werde die
Regentin dahin bringen, deinem Gatten mit eigner Hand die Krone aufs Haupt zu
setzen. Amalaswintha soll dem Zepter entsagen.
    Nie tut sie das! rief Gothelindis.
    Vielleicht doch! Ihr Edelmut ist noch grer als ihr Herrscherstolz. Man
kann seine Feinde auch durch ihre Tugenden verderben, sagte Cethegus
nachsinnend. Ich bin meiner Sache gewi, und ich gre dich, Knigin der
Goten! schlo er mit leichter Verbeugung.

                          Fnfundzwanzigstes Kapitel.


Die Regentin Amalaswintha stand in der Zeit nach der Beseitigung der drei
Herzoge in einer abwartenden Haltung.
    Hatte sie durch den Fall der Hupter des ihr feindlichen Adels etwas mehr
freie Hand gewonnen, so stand doch die Volksversammlung zu Regeta bei Rom in
naher Aussicht, in der sie sich von dem Verdacht des Mordes vllig reinigen oder
die Krone, vielleicht das Leben, lassen mute. Nur bis dahin hatten ihr Witichis
und die Seinen ihren Schutz zugesagt. Sie spannte deshalb ihre Krfte an, ihre
Stellung bis zu jener Entscheidung nach allen Seiten zu befestigen.
    Von Cethegus hoffte sie nichts mehr: sie hatte seine kalte Selbstsucht
durchschaut; doch vertraute sie, da die Italier und die Verschwornen in den
Katakomben, an deren Spitze ja ihr Name stand, ihre rmerfreundliche Herrschaft
einem aus der rauhen Gotenpartei hervorgegangenen Knig vorziehen wrden.
Sehnlich wnschte sie das Eintreffen der vom Kaiser erbetenen Leibwache herbei,
um fr den ersten Augenblick der Gefahr eine Sttze zu haben: und eifrig war sie
bemht, unter den Goten selbst die Zahl ihrer Freunde zu vermehren.
    Sie berief mehrere der alten Gefolgsleute ihres Vaters, eifrige Anhnger des
Hauses der Amaler, greise Helden von groem Namen im Volk, Waffenbrder und
beinahe Jugendgenossen des alten Hildebrand, zu sich nach Ravenna, besonders den
weibrtigen Grippa, den Mundschenk Theoderichs, der dem Waffenmeister an Ruhm
und Ansehn kaum nachstand: sie berhufte ihn und die andern Gefolgen mit Ehren,
bertrug Grippa und seinen Freunden das Kastell von Ravenna und lie sie
schwren, diese Feste dem Geschlecht der Amaler sicher zu erhalten.
    Wenn die Verbindung mit diesen volkbeliebten Namen eine Art von Gegengewicht
wider Hildebrand, Witichis und ihre Freunde schaffen sollte - und Witichis
konnte die Auszeichnung der Freunde Theoderichs nicht als staatsgefhrlich
verhindern - so sah sich die Knigin auch gegen die Adelspartei der Balten und
ihrer Blutrcher nach einer Sttze um. Sie erkannte diese mit scharfem Blick in
dem edeln Hause der Wlsungen, nach den Amalern und Balten der dritthchsten
Adelssippe unter den Goten, reich begtert und einflureich in dem mittleren
Italien, deren Hupter dermalen zwei Brder, Herzog Guntharis und Graf Arahad,
waren. Diese zu gewinnen, hatte sie ein besonders wirksames Mittel ersonnen: sie
bot fr die Freundschaft der Wlsungen keinen geringern Preis als die Hand ihrer
schnen Tochter. -
    Zu Ravenna in einem reich geschmckten Gemach standen Mutter und Tochter in
ernstem, aber nicht vertraulichem Gesprch hierber.
    Mit hastigen Schritten, fremd ihrer sonstigen Ruhe, durchma die junonische
Gestalt der Regentin den schmalen Raum, manchmal mit einem zornigen Blick das
herrliche Geschpf messend, welches ruhig und gesenkten Auges vor ihr stand, die
linke Hand in die Hfte, die Rechte auf die Platte des Marmortisches gesttzt.
    Besinne dich wohl, rief Amalaswintha heftig, pltzlich stehen bleibend,
besinne dich anders. Ich gebe dir noch drei Tage Bedenkzeit.
    Das ist umsonst: ich werde immer sprechen wie heute, sagte Mataswintha,
die Augen nicht erhebend.
    So sage nur, was du an Graf Arahad auszusetzen hast.
    Nichts, als da ich ihn nicht liebe.
    Die Knigin schien dies gar nicht zu hren. Es ist doch in diesem Fall ganz
anders als damals, da du mit Cyprianus vermhlt werden solltest. Er war alt und
- was in deinen Augen vielleicht ein Nachteil - fgte sie bitter hinzu - ein
Rmer!
    Und doch ward ich um meiner Weigerung willen nach Tarentum verbannt.
    Ich hoffte, Strenge wrde dich heilen. Mondelang halt' ich dich ferne von
meinem Hof, von meinem Mutterherzen -
    Mataswintha verzog die schne Lippe zu einem herben Lcheln.
    Umsonst! ich rufe dich zurck -
    Du irrst. Mein Bruder Athalarich hat mich zurckgerufen.
    Ein andrer Freier wird dir vorgeschlagen. Jung, blhend schn, ein Gote von
edelstem Adel, sein Haus jetzt das zweite im Reich. Du weit, du ahnst
wenigstens, wie sehr mein rings bedrngter Thron der Sttze bedarf: er und sein
kriegsgewalt'ger Bruder verheien uns die Hilfe ihrer ganzen Macht: Graf Arahad
liebt dich und du - du schlgst ihn aus! Warum? Sage warum?
    Weil ich ihn nicht liebe.
    Albernes Mdchengerede. Du bist eine Knigstochter - du hast dich deinem
Hause, deinem Reiche zu opfern.
    Ich bin ein Weib, sagte Mataswintha, die blitzenden Augen aufschlagend,
und opfre mein Herz keiner Macht im Himmel und auf Erden. -
    Und so spricht meine Tochter! Sieh auf mich, trichtes Kind. Groes hab'
ich erstrebt und erreicht. Solange Menschen das Hohe bewundern, werden sie
meinen Namen nennen. Ich habe alles gewonnen, was das Leben Herrlichstes bietet
und doch hab' ich -
    Nie geliebt. Ich wei es, seufzte ihre Tochter.
    Du weit es?
    Ja, es war der Fluch meiner Kindheit. Wohl war ich noch ein Kind, als mein
geliebter Vater starb: ich wute es nicht zu sagen, aber ich konnte es
empfinden, damals schon, da seinem herzen etwas fehle, wenn er seufzend, mit
schmerzlicher Liebe, Athalarich und mich umfing und kte und wieder seufzte.
    Und ich liebte ihn darum desto inniger, da ich fhlte, er suchte Liebe, die
ihm fehlte. Jetzt freilich wei ich lngst, was mich damals unerklrlich
peinigte: du wardst unsres Vaters Weib, weil er nach Theoderich der nchste am
Thron: aus Herrschsucht, nicht aus Liebe, wardst du sein und nur kalten Stolz
hattest du fr sein warmes Herz.
    berrascht blieb Amalaswintha stehen: Du bist sehr khn.
    Ich bin deine Tochter.
    Du redest von der Liebe so vertraut - du kennst sie besser scheint's mit
zwanzig als ich mit vierzig Jahren - du liebst! rief sie schnell, und daher
dieser Starrsinn.
    Mataswintha errtete und schwieg.
    Rede, rief die erzrnte Mutter, gesteh' es oder leugne!
    Mataswintha senkte die Augen und schwieg: nie war sie so schn gewesen.
    Willst du die Wahrheit verleugnen? Bist du feige, Amelungentochter?
    Stolz schlug das Mdchen die Augen auf:
    Ich bin nicht feige und ich verleugne die Wahrheit nicht. Ja, ich liebe.
    Und wen, Unselige?
    Das wird mir kein Gott entreien.
    Und so entschieden sah sie dabei aus, da Amalaswintha keinen Versuch
machte, es zu erfahren.
    Wohlan, sagte sie, meine Tochter ist kein gewhnlich Wesen. So fordere
ich das Ungewhnliche von dir: dein Alles dem Hchsten zu opfern.
    Ja, Mutter, ich trage im Herzen einen hohen Traum. Er ist mein Hchstes.
Ihm will ich alles opfern.
    Mataswintha, sprach die Regentin, wie unkniglich! Sieh, dich hat Gott
vor Tausenden gesegnet an Herrlichkeit des Leibes und der Seele: du bist zur
Knigin geboren.
    Eine Knigin der Liebe will ich werden. Sie preisen mich alle um meine
Weibesschnheit: wohlan: ich hab' mir's vorgesteckt, liebend und geliebt,
beglckend und beglckt, ein Weib zu sein.
    Ein Weib! ist das dein ganzer Ehrgeiz!
    Mein ganzer. O wr' es auch der deine gewesen!
    Und der Enkelin Theoderichs gilt das Reich und die Krone nichts? Und nichts
dein Volk die Goten?
    Nein, Mutter, sagte Mataswintha ernst: es schmerzt mich beinahe, es
beschmt mich: aber ich kann mich nicht zwingen zu dem, was ich nicht fhle: ich
empfinde nichts bei dem Worte, Goten: vielleicht ist es nicht meine Schuld: du
hast von jeher diese Goten verachtet, diese Barbaren gering geschtzt: das waren
die ersten Eindrcke: sie sind geblieben. Und ich hasse diese Krone, dieses
Gotenreich: es hat in deiner Brust dem Vater, dem Bruder, mir den Platz
fortgenommen. Diese Gotenkrone, nichts ist sie mir von je gewesen und geblieben
als eine verhate, feindliche Macht.
    O mein Kind, weh mir, wenn ich das verschuldet htte! Und tust du's nicht
um des Reiches, o tu's um meinetwillen. Ich bin so gut wie verloren ohne die
Wlsungen. Tu's um meiner Liebe willen.
    Und sie fate ihre Hand. -
    Mataswintha entzog sie mit bittrem Lcheln: Mutter, entweihe den hchsten
Namen nicht. Deine Liebe! Du hast mich nie geliebt. Nicht mich, nicht den
Bruder, nicht den Vater.
    Mein Kind! Was htt' ich geliebt, wenn nicht euch!
    Die Krone, Mutter, und diese verhate Herrschaft. Wie oft hast du mich von
dir gestoen vor Athalarichs Geburt, weil ich ein Mdchen war und du einen
Thronerben wolltest. Denke an meines Vaters Grab und an -
    La ab, winkte Amalaswintha.
    Und Athalarich? Hast du ihn geliebt, oder vielmehr sein Recht auf den
Thron? O wie oft haben wir armen Kinder geweint, wenn wir die Mutter suchten und
die Knigin fanden.
    Du hast mir nie geklagt. Erst jetzt, da du mir Opfer bringen sollst.
    Mutter, es gilt ja auch jetzt nicht dir, nur deiner Krone, deiner
Herrschaft. Leg' diese Krone ab und du bist aller Sorgen frei. Die Krone hat dir
und uns allen kein Glck, nur Schmerzen gebracht. Nicht du bist bedroht: dir
wollt' ich alles opfern - nur dein Thron, nur der goldne Reif des Gotenreichs,
der Gtze deines Herzens, der Fluch meines Lebens: nie werd' ich dieser Krone
meine Liebe opfern, nie, nie, nie!
    Und sie kreuzte die weien Arme ber ihrer Brust, als wollte sie die Liebe
darin beschirmen.
    Ah, sagte die Knigin zrnend, selbstisches, herzloses Kind! Du gestehst,
da du kein Herz hast fr dein Volk, fr die Krone deiner groen Ahnen - du
gehorchst nicht freiwillig der Stimme der Ehre, des Ruhmes deines Hauses -
wohlan, so gehorche dem Zwang. Du sprichst mir die Liebe ab, so erfahre meine
Strenge. Zur Stunde verlt du mit deinem Gefolge Ravenna.
    Du gehst als Gast nach Florentia in das Haus des Herzogs Guntharis: seine
Gattin hat dich geladen. Graf Arahad wird deine Reise begleiten. Verla mich.
Die Zeit wird dich beugen.
    Mich? sprach Mataswintha, sich hoch aufrichtend: keine Ewigkeit!
    Schweigend blickte ihr die Knigin nach: die Anklagen der Tochter hatten
einen mchtigeren Eindruck auf sie gemacht als sie zeigen wollte.
Herrschsucht? sagte sie zu sich selbst. Nein, das ist es nicht, was mich
erfllt. Ich fhlte, da ich dies Reich schirmen und beglcken konnte, darum
liebte ich die Krone. Und gewi, ich knnte, wie mein Leben, so meine Krone
opfern, verlangte es das Heil meines Volks. Knntest du das, Amalaswintha?
fragte sie sich, zweifelnd die Linke auf die Brust legend.
    Sie ward aus ihrem Sinnen geweckt durch Cassiodor, der langsam und gesenkten
Hauptes eintrat.
    Nun, rief Amalaswintha, erschreckt von dem Ausdruck seiner Zge, bringst
du ein Unglck?
    Nein nur eine Frage.
    Welche Frage?
    Knigin, hob der Alte feierlich an, ich habe deinem Vater und dir dreiig
Jahre lang gedient, treu und eifrig, ein Rmer den Barbaren, weil ich eure
Tugenden ehrte, und weil ich glaubte, Italien, der Freiheit nicht mehr fhig,
sei unter eurer Herrschaft am sichersten geborgen: denn eure Herrschaft war
gerecht und mild. Ich habe fortgedient, obwohl ich meiner Freunde Bothius und
Symmachus, Blut flieen sah, wie ich glaube, unschuldig Blut: aber sie starben
durch offnes Gericht, nicht durch Mord. Ich mute deinen Vater ehren, auch wo
ich ihn nicht loben konnte. Jetzt aber -
    Nun, jetzt aber? fragte die Knigin stolz.
    Jetzt komme ich, von meiner vieljhrigen Freundin, ich darf sagen, meiner
Schlerin -
    Du darfst es sagen, sprach Amalaswintha weicher.
    Von des groen Theoderich edler Tochter ein einfach schlichtes Wort, ein Ja
zu erbitten. Kannst du dies Ja sprechen - ich flehe zu Gott, da du es knnest -
so will ich dir dienen treu wie je, solang es dieses greise Haupt vermag.
    Und kann ich's nicht?
    Und knntest du es nicht, o Knigin, rief der Alte schmerzlich, o dann
Lebewohl dir und meiner letzten Freude an dieser Welt.
    Und was hast du zu fragen?
    Amalaswintha, du weit ich war fern an der Nordgrenze des Reichs, als hier
der Aufstand losbrach, als jene furchtbare Kunde, jene furchtbare Anklage sich
erhob. Ich glaubte nichts - ich flog hierher von Tridentum. - Seit zwei Tagen
bin ich hier und keine Stunde vergeht, keinen Goten spreche ich, ohne da die
schwere Klage mir schwerer aufs Herz fllt. Und auch du bist verwandelt,
ungleich, unstet, unruhig - und doch will ich's nicht glauben. - Ein treues Wort
von dir soll all diese Nebel zerstreuen.
    Wozu die vielen Reden, rief sie, auf die Armlehne des Thrones sich
sttzend, sage kurz, was hast du zu fragen?
    Sprich nur ein schlichtes Ja: bist du schuldlos an dem Tode der drei
Herzoge?
    Und wenn ich es nicht wre - haben sie nicht reichlich den Tod verdient?
    Amalaswintha, ich bitte dich: sage ja.
    Du nimmst ja auf einmal groen Anteil an den gotischen Rebellen!
    Ich beschwre dich, rief der Greis auf die Kniee fallend, Tochter
Theoderichs, sage ja, wenn du kannst.
    Steh auf, sprach sie finster sich abwendend, du hast kein Recht, so zu
fragen.
    Nein, sagte der Alte ruhig aufstehend, nein, jetzt nicht mehr. Denn von
diesem Augenblick an gehr' ich der Welt nicht mehr an.
    Cassiodor! rief die Knigin erschrocken.
    Hier ist der Schlssel zu meinen Gemchern in dieser Knigsburg: du findest
darin alle Geschenke, die ich von dir und Theoderich erhalten, die Urkunden
meiner Wrden, die Abzeichen meiner mter. Ich gehe.
    Wohin, mein alter Freund, wohin?
    In das Kloster, das ich gegrndet zu Squillacium in Apulien. Fortan werd'
ich, fern den Werken der Knige, nur die Werke Gottes auf Erden verwalten:
lngst verlangt meine Seele nach Frieden, und jetzt hab' ich auf Erden nichts
mehr, was mir teuer. Noch einen Rat will ich dir scheidend geben: lege das
Zepter aus der blutbefleckten Hand: sie kann diesem Reiche nicht mehr Segen, nur
Fluch kann sie ihm bringen. Denke an das Heil deiner Seele, Tochter Theoderichs:
Gott sei dir gndig.
    Und ehe sie sich von ihrer Bestrzung erholt, war er verschwunden.
    Sie wollte ihm nacheilen, ihn zurckrufen, aber an dem Vorhang trat ihr
Petros, der Gesandte von Byzanz, entgegen.
    Knigin, sagte er rasch und leise, bleib' und hre mich. Es gilt ein
dringendes Wort. Man folgt mir auf dem Fu.
    Wer folgt dir?
    Leute, die es nicht so gut meinen mit dir als ich. Tusche dich nicht
lnger: die Geschicke dieses Reiches erfllen sich: du hltst sie nicht mehr
auf, so rette fr dich was zu retten ist: ich wiederhole meinen Vorschlag.
    Welchen Vorschlag?
    Den von gestern.
    Den der Schande, des Verrats! Niemals! Ich werde diese Beleidigung deinem
Herrn, dem Kaiser, melden und ihn bitten, dich abzurufen. Mit dir verhandle ich
nicht mehr.
    Knigin, es ist nicht mehr Zeit, dich zu schonen. Der nchste Gesandte
Justinians heit Belisar und kommt mit einem Heere.
    Unmglich! rief die verlassene Frstin. Ich nehme meine Bitte zurck.
    Zu spt. Belisars Flotte liegt schon bei Sizilien. Den Vorschlag, den ich
dir gestern als meinen Gedanken mitteilte, hast du als solchen verworfen.
Vernimm: nicht ich, der Kaiser Justinian selbst ist es, der ihn ausspricht als
letztes Zeichen seiner Huld.
    Justinian, mein Freund, mein Schtzer, will mich und mein Reich verderben!
rief Amalaswintha, der es schrecklich tagte.
    Nicht dich verderben, dich erretten! Wiedergewinnen will er dies Italien,
die Wiege des Rmischen Reichs: dieser unnatrliche, unmgliche Staat der Goten,
er ist gerichtet und verloren. Trenne dich von dem sinkenden Fahrzeug. Justinian
reicht dir die Freundeshand, die Kaiserin bietet dir ein Asyl an ihrem Herzen,
wenn du Neapolis, Rom, Ravenna und alle Festungen in Belisars Hnde lieferst und
geschehen lt, da die Goten entwaffnet ber die Alpen gefhrt werden.
    Elender, soll ich mein Volk verraten, wie ihr mich? Zu spt erkenne ich
eure Tcke! Eure Hilfe rief ich an und ihr wollt mich verderben.
    Nicht dich, nur die Barbaren.
    Diese Barbaren sind mein Volk, sind meine einzigen Freunde: ich erkenne es
jetzt, und ich stehe zu ihnen in Tod und Leben.
    Aber sie steh'n nicht mehr zu dir.
    Verwegner! fort aus meinen Augen, fort von meinem Hof.
    Du willst nicht hren? Merke wohl, o Knigin, nur unter jener Bedingung
brg' ich fr dein Leben.
    Fr mein Leben brgt mein Volk in Waffen.
    Schwerlich. Zum letztenmal frag' ich dich
    Schweig. Ich liefere die Krone nicht ohne Kampf an Justinian.
    Wohlan, sagte Petros zu sich selbst, so mu es ein andrer tun. - Tretet
ein, ihr Freunde, rief er hinaus. -
    Aber aus dem Vorhang trat langsam mit gekreuzten Armen Cethegus.
    Wo ist Gothelindis? wo Theodahad? flsterte Petros.
    Seine Bestrzung entging der Frstin nicht.
    Ich lie sie vor dem Palast. Die beiden Weiber hassen sich zu grimmig. Ihre
Leidenschaft wrde alles verderben.
    Du bist mein guter Engel nicht, Prfekt von Rom, sprach Amalaswintha
finster und von ihm zurckweichend.
    Diesmal vielleicht doch, flsterte Cethegus, auf sie zuschreitend. Du
hast die Vorschlge von Byzanz verworfen? Das erwartete ich von dir. Entla den
falschen Griechen.
    Auf einen Wink der Knigin trat Petros in ein Seitengemach.
    Was bringst du mir, Cethegus! Ich traue dir nicht mehr!
    Du hast, statt mir zu trauen, dem Kaiser vertraut und du siehst den
Erfolg.
    Ich sehe ihn, sagte sie schmerzlich.
    Knigin, ich habe dich nie belogen und getuscht darin: ich liebe Italien
und Rom mehr als deine Goten: Du wirst dich erinnern, ich habe dir dies niemals
verhehlt.
    Ich wei es und kann es nicht tadeln.
    Am liebsten sh' ich Italien frei. Mu es dienen, so dien' es nicht dem
tyrannischen Byzanz, sondern euch, der milden Hand der Goten. Das war von je
mein Gedanke, das ist er noch heute. Um Byzanz abzuhalten, will ich dein Reich
erhalten: aber offen sag' ich dir, du, deine Herrschaft lt sich nicht mehr
sttzen. Rufst du zum Kampfe gegen Byzanz, so werden dir die Goten nicht mehr
folgen, die Italier nicht vertrauen.
    Und warum nicht? Was trennt mich von den Italiern und von meinem Volk?
    Deine eignen Taten. Zwei unselige Dokumente, in der Hand des Kaisers
Justinian. Du selbst hast zuerst seine Waffen ins Land gerufen, eine Leibwache
von Byzanz!
    Amalaswintha erbleichte: Du weit -
    Leider nicht nur ich, sondern meine Freunde, die Verschworenen in den
Katakomben: Petros hat ihnen den Brief mitgeteilt: sie fluchen dir.
    So bleiben mir meine Goten.
    Nicht mehr. Nicht blo der ganze Anhang der Balten steht dir nach dem
Leben: - die Verschworenen von Rom haben im Zorn ber dich beschlossen, sowie
der Kampf entbrennt, aller Welt kund zu tun, da dein Name an ihrer Spitze stand
gegen die Goten, gegen dein Volk. Jenes Blatt mit deinem Namen ist nicht mehr in
meiner Hand, es liegt im Archiv der Verschwrung.
    Ungetreuer!
    Wie konnte ich wissen, da du hinter meinem Rcken mit Byzanz verkehrst und
dadurch meine Freunde dir verfeindest? Du siehst: Byzanz, Goten, Italier, alles
steht gegen dich. Beginnt nun der Kampf gegen Byzanz unter deiner Fhrung, so
wird Uneinigkeit Italier und Barbaren spalten, niemand dir gehorchen, und dies
Reich hilflos vor Belisar erliegen. Amalaswintha, es gilt ein Opfer: ich fordere
es von dir im Namen Italiens, deines und meines Volkes.
    Welches Opfer? ich bringe jedes.
    Das hchste: deine Krone. bergib sie einem Mann, der Goten und Italier
gegen Byzanz zu vereinen vermag und rette dein Volk und meines.
    Amalaswintha sah ihn forschend an: es kmpfte und rang in ihrer Brust:
Meine Krone! Sie war mir sehr teuer.
    Ich habe Amalaswinthen stets jedes hchsten Opfers fhig gehalten.
    Darf ich, kann ich deinem Rate trauen!
    Wenn der dir s wre, drftest du zweifeln. Wenn ich deinem Stolze
schmeichelte, drftest du mitrauen: aber ich rate dir die bittre Arznei der
Entsagung. Ich wende mich an deinen Edelsinn, an deinen Opfermut: la mich nicht
zuschanden werden.
    Dein letzter Rat war ein Verbrechen, sagte Amalaswintha schaudernd.
    Ich hielt deinen Thron durch jedes Mittel, solang er zu halten war, solang
er Italien ntzte: jetzt schadet er Italien, und ich verlange, da du dein Volk
mehr liebst als dein Zepter.
    Bei Gott! Du irrst darin nicht: fr mein Volk hab' ich mich nicht gescheut,
fremdes Leben zu opfern - sie verweilte gern bei diesem Gedanken, der ihr
Gewissen beschwichtigte -, ich werde mich nicht weigern, jetzt - aber wer soll
mein Nachfolger werden?
    Dein Erbe, dem die Krone gebhrt, der letzte der Amaler.
    Wie? Theodahad, der Schwchling?
    Er ist kein Held, das ist wahr. Aber die Helden werden ihm gehorchen, dem
Neffen Theoderichs, wenn du ihn einsetzest. Und bedenke noch eins: seine
rmische Bildung hat ihm die Rmer gewonnen: ihm werden sie beistehen: einen
Knig nach des alten Hildebrand, nach Tejas Herzen wrden sie hassen und
frchten.
    Und mit Recht, sagte die Regentin sinnend: aber Gothelindis Knigin!
    Da trat Cethegus ihr nher und sah ihr scharf ins Auge: So klein ist
Amalaswintha nicht, da sie klglicher Weiberfeindlichkeit gedenkt, wo es edler
Entschlsse bedarf. Du erschienst mir von jeher grer als dein Geschlecht.
Beweis' es jetzt. Entscheide dich!
    Nicht jetzt, sprach Amalaswintha, meine Stirne glht, und verwirrend
pocht mein Herz. La mir diese Nacht, mich zu fassen. Du hast mir Entsagung
zugetraut: ich danke dir. Morgen die Entscheidung.

                                 Viertes Buch.



                                   Theodahad.

                Nachbarn zu haben schien Theodahad eine Art von Unglck.
                                                        Prokop, Gotenkrieg I. 3.


                                Erstes Kapitel.

Am andern Morgen verkndete ein Manifest dem staunenden Ravenna, da die Tochter
Theoderichs zugunsten ihres Vetters Theodahad auf die Krone verzichtet und da
dieser, der letzte Mannesspro der Amelungen, den Thron bestiegen habe. Italier
und Goten wurden aufgefordert, dem neuen Herrscher den Eid der Treue zu
schwren.
    So hatte Cethegus richtig gerechnet.
    Das Gewissen der unseligen Frau fhlte sich durch manche Torheit, ja durch
blut'ge Schuld schwer belastet. edle Naturen suchen Erleichterung und Bue in
Opfer und Entsagung: durch ihrer Tochter und Cassiodors Anklagen war ihr Herz
mchtig bewegt worden und der Prfekt hatte sie in gnstiger Stimmung fr seinen
Rat gefunden. Weil er so bitter war, befolgte sie ihn: ja sie hatte, um ihr Volk
zu retten und ihre Schuld zu shnen, sich noch weitere Demtigungen vorgesteckt.
    Ohne Schwierigkeit vollzog sich der Thronwechsel.
    Die Italier zu Ravenna waren zu einer Erhebung keineswegs vorbereitet und
wurden von Cethegus auf gelegenere Zeit vertrstet. Auch war der neue Knig als
Freund rmischer Bildung bei ihnen bekannt und beliebt.
    Die Goten freilich schienen sich nicht ohne weiteres den Tausch gefallen
lassen zu wollen. Frst Theodahad war allerdings ein Mann - das empfahl ihn
gegenber Amalaswinthen - und ein Amaler: das wog schwer zu seinen Gunsten
gegenber jedem andern Bewerber um die Krone.
    Aber im brigen war er im Volke der Goten keineswegs hoch angesehen.
Unkriegerisch und feige, verweichlicht an Leib und Seele hatte er keine der
Eigenschaften, welche die Germanen von ihren Knigen forderten. Nur Eine
Leidenschaft erfllte seine Seele: Habsucht, unersttliche Goldgier. Reich
begtert in Tuscien lebte er mit allen seinen Nachbarn in ewigen Prozessen: mit
List und Gewalt und dem Schwergewicht seiner kniglichen Geburt wute er seinen
Grundbesitz nach allen Seiten auszudehnen und die Lndereien weit in der Runde
an sich zu reien: denn - sagt ein Zeitgenosse - Nachbarn zu haben schien dem
Theodahad eine Art von Unglck.
    Dabei war seine schwache Seele vollstndig abhngig von der bsartigen, aber
krftigen Natur seines Weibes.
    Einen solchen Knig sahen denn die Tchtigsten unter den Goten nicht gern
auf dem Throne Theoderichs. Und kaum war das Manifest Amalaswinthens bekannt
geworden, als Graf Teja, der kurz zuvor mit Hildebad in Ravenna angekommen war,
diesen sowie den alten Waffenmeister und den Grafen Witichis zu sich beschied
und sie aufforderte, die Unzufriedenheit des Volkes zu steigern, zu leiten und
einen Wrdigern an Theodahads Stelle zu setzen.
    Ihr wit, schlo er seine Worte, wie gnstig die Stimmung im Volke. Seit
jener Bundesnacht im Merkuriustempel haben wir unablssig geschrt unter den
Goten, und Groes ist schon gelungen: des edeln Athalarich Aufschwung, der Sieg
am Epiphaniasfeste, das Zurckholen Amalaswinthens, wir haben es bewirkt. Jetzt
winkt die gnstige Gelegenheit. Soll an des Weibes Stelle treten ein Mann, der
schwcher als ein Weib? Haben wir keinen Wrdigern mehr als Theodahad im Volk
der Goten?
    Recht hat er, beim Donner und Strahl, rief Hildebad. Fort mit diesen
verwelkten Amalern! Einen Heldenknig hebt auf den Schild und schlagt los nach
allen Seiten. Fort mit dem Amaler!
    Nein, sagte Witichis, ruhig vor sich hinblickend, noch nicht! Vielleicht,
da es noch einmal so kommen mu: aber nicht frher darf es geschehen als es
mu. Der Anhang der Amaler ist gro im Volk: nur mit Gewalt wrde Theodahad den
Reichtum, Gothelindis die Macht der Krone sich entwinden lassen sie wrden stark
genug sein, wenn nicht zum Siege, doch zum Kampf.
    Kampf aber unter den Shnen eines Volks ist schrecklich, nur die
Notwendigkeit kann ihn rechtfertigen. Die ist noch nicht da. Theodahad mag sich
bewhren: er ist schwach, so wird er sich leiten lassen. Hat er sich unfhig
erwiesen, so ist's noch immer Zeit.
    Wer wei, ob dann noch Zeit ist, warnte Teja.
    Was rtst du, Alter? fragte Hildebad, auf welchen die Grnde des Grafen
Witichis nicht ohne Wirkung blieben.
    Brder, sagte der Waffenmeister, seinen langen Bart streichend, ihr habt
die Wahl, darum die Qual. Mir sind beide erspart: ich bin gebunden. Die alten
Gefolgen des groen Knigs haben einen Eid getan, solang sein Haus lebt, keinem
Fremden die Gotenkrone zuzuwenden.
    Welch trichter Eid! rief Hildebad.
    Ich bin alt und nenn' ihn nicht tricht. Ich wei, welcher Segen auf der
festen, heiligen Ordnung des Erbgangs ruht. Und die Amaler sind Shne der
Gtter, schlo er geheimnisvoll.
    Ein schner Gttersohn, Theodahad! lachte Hildebad.
    Schweig, rief zornig der Alte, das begreift ihr nicht mehr, ihr neuen
Menschen. Ihr wollt alles fassen und verstehen mit eurem klglichen Verstand.
Das Rtsel, das Geheimnis, das Wunder, der Zauber, der im Blute liegt - dafr
habt ihr den Sinn verloren. Darum schweig' ich von solchen Dingen zu euch.
    Aber ihr macht mich nicht mehr anders mit meinen bald hundert Jahren. Tut
ihr, was ihr wollt, ich tue, was ich mu.
    Nun, sprach Graf Teja nachgebend, auf euer Haupt die Schuld. Aber wenn
dieser letzte Amaler dahin ... -
    Dann ist das Gefolge seines Schwures frei.
    Vielleicht, schlo Witichis, ist es ein Glck, da auch uns dein Eid die
Wahl erspart: denn gewi wollen wir keinen Herrscher, den du nicht anerkennen
knntest. Gehen wir denn, das Volk zu beschwichtigen und tragen wir diesen Knig
solang er zu tragen ist.
    Aber keine Stunde lnger, sagte Teja und ging zrnend hinaus.

                                Zweites Kapitel.


Am nmlichen Tage noch wurden Theodahad und Gothelindis mit der alten Krone der
Gotenknige gekrnt.
    Ein reiches Festmahl, besucht von allen rmischen und gotischen Groen des
Hofes und der Stadt, belebte den weiten Palast Theoderichs und den sonst so
stillen Garten, den wir als den Schauplatz von Athalarichs und Kamillas Liebe
kennengelernt. Bis tief in die Nacht whrte das lrmende Gelage. Der neue Knig,
kein Freund der Becher und barbarischer Festfreuden, hatte sich frhe
zurckgezogen.
    Gothelindis dagegen sonnte sich gern in dem Glanz ihrer jungen Herrlichkeit:
stolz prangte sie auf ihrem Purpursitz, die goldne Zackenkrone im dunkeln Haar.
Sie schien ganz Ohr fr die lauten Jubelrufe, die ihren und ihres Gatten Namen
feierten. Und doch hatte ihr Herz dabei nur Eine Freude: den Gedanken, da
dieser Jubel hinunterdringen msse bis in die Knigsgruft, wo Amalaswintha, die
verhate, besiegte Feindin, am Sarkophage ihres Sohnes trauerte.
    Unter der Menge von jenen Gsten, die immer frhlich sind, wenn sie bei
vollen Bechern sitzen, war doch auch so manches ernstere Gesicht zu bemerken:
mancher Rmer, der auf dem leeren Thron da oben lieber den Kaiser gesehen htte:
so mancher Gote, der in der gefhrlichen Lage des Reiches einem Knig wie
Theodahad nicht ohne Sorge huldigen konnte.
    Zu letzteren zhlte Witichis, dessen Gedanken nicht unter dem
kranzgeschmckten Sulendach der Trinkhalle zu weilen schienen. Unberhrt stand
die goldne Schale vor ihm und auf den lauten Zuruf Hildebads, der ihm gegenber
sa, achtete er kaum. Endlich - schon leuchteten lngst im Saale die Lampen und
am Himmel die Sterne - stand er auf und ging hinaus in das grne Dunkel des
Gartens.
    Langsam wandelte er durch die Taxusgnge dahin: sein Auge hing an den
funkelnden Sternen. Sein Herz war daheim bei seinem Weibe, bei seinem Knaben,
die er monatelang nicht mehr gesehen. So fhrte ihn sein sinnendes Wandeln an
den Venustempel bei der Meeresbucht, die wir kennen. Er sah hinaus nach der
flimmernden See - da blitzte etwas dicht vor seinen Fen im schwachen
Mondlicht: es war eine Rstung, daneben die kleine, gotische Harfe: ein Mann lag
vor ihm im weichen Grase, und ein bleiches Antlitz hob sich ihm entgegen.
    Du hier, Teja? Du warst nicht beim Fest.
    Nein, ich war bei den Toten.
    Auch mein Herz wei nichts von diesen Festen: es war daheim bei Weib und
Kind, sagte Witichis, sich zu ihm niedersetzend.
    Bei Weib und Kind, wiederholte Teja seufzend.
    Viele fragten nach dir, Teja.
    Nach mir! Soll ich sitzen neben Cethegus, der mir die Ehre nahm, und neben
Theodahad, der mir mein Erbe nahm?
    Dein Erbe nahm?
    Wenigstens besitzt er's. Und ber den Ort, wo meine Wiege stand, ging seine
Pflugschar.
    Und schweigend sah er lange vor sich hin.
    Dein Harfenspiel - es schweigt? Man rhmt dich unsres Volkes besten
Harfenschlger und Snger!
    Wie Gelimer, der letzte Knig der Vandalen, seines Volkes bester
Harfenschlger war. - - Aber mich wrden sie nicht im Triumph einfhren nach
Byzanz!
    Du singst nicht oft mehr?
    Fast niemals mehr. Aber mir ist, die Tage kommen, da ich wieder singen
werde.
    Tage der Freude?
    Tage der hchsten, der letzten Trauer.
    Lange schwiegen beide.
    Mein Teja, hob endlich Witichis an, in allen Nten von Krieg und Frieden
hab' ich dich erfunden treu, wie mein Schwert. Und obwohl du soviel jnger als
ich und nicht leicht der ltere sich dem Jngling verbindet, kann ich dich
meinen besten Herzensfreund nennen. Und ich wei, da auch dein Herz mehr an mir
hngt als an deinen Jugendgenossen.
    Teja drckte ihm die Hand: Du verstehst mich und ehrest meine Art, auch wo
du sie nicht verstehst. Die andern -! und doch: den einen hab' ich sehr lieb.
    Wen?
    Den alle lieb haben.
    Totila!
    Ich hab' ihn lieb wie die Nacht den Morgenstern. Aber er ist so hell: er
kann's nicht fassen, da andre dunkel sind und bleiben mssen.
    Bleiben mssen! Warum? Du weit, Neugier ist meine Sache nicht. Und wenn
ich dich in dieser ernsten Stunde bitte: lfte den Schleier, der ber dir und
deiner finstern Trauer liegt, so bitt' ich's nur, weil ich dir helfen mchte.
Und weil des Freundes Auge oft besser sieht als das eigene.
    Helfen? Mir helfen? Kannst du die Toten wieder auferwecken? Mein Schmerz
ist unwiderruflich wie die Vergangenheit. Und wer einmal gleich mir den
unbarmherzigen Rdergang des Schicksals versprt hat, wie es, blind und taub fr
das Zarte und Hohe, mit eherner grundloser Gewalt alles vor sich niedertritt,
ja, wie es das Edle, weil es zart ist, leichter und lieber zermalmt, als das
Gemeine, wer erkannt hat, da eine dumpfe Notwendigkeit, welche Toren die weise
Vorsehung Gottes nennen, die Welt und das Leben der Menschen beherrscht, der ist
hinaus ber Hilfe und Trost: er hrt ewig, wenn er es einmal erlauscht, mit dem
leisen Gehr der Verzweiflung den immer gleichen Taktschlag des fhllosen Rades
im Mittelpunkt der Welt, das gleichgltig mit jeder Bewegung Leben zeugt und
Leben ttet. Wer das einmal empfunden und erlebt, der entsagt einmal und fr
immer und allem: nichts wird ihn mehr erschrecken. Aber freilich - die Kunst des
Lchelns hat er auch vergessen auf immerdar.
    Mir schaudert. Gott bewahre mich vor solchem Wahn! Wie kamst du so jung zu
so frchterlicher Weisheit?
    Freund, mit deinen Gedanken allein ergrbelst du die Wahrheit nicht,
erleben mut du sie. Und nur, wenn du des Mannes Leben kennst, begreifst du, was
er denkt und wie er denkt. Und auf da ich dir nicht lnger erscheine wie ein
irrer Trumer, wie ein Weichling, der sich gern in seinen Schmerzen wiegt - und
damit ich dein Vertrauen und deine schne Freundschaft ehre, vernimm -, hre ein
kleines Stck meines Grams. Das grere, das unendlich grere behalt' ich noch
fr mich, sagte er schmerzlich, die Hand auf die Brust drckend - es kmmt
wohl noch die Stunde auch fr dies. Vernimm heute nur, wie ber meinem Haupte
der Stern des Unheils schon leuchtete, da ich gezeugt ward. - Und von all den
tausend Sternen da oben bleibt nur dieser Stern getreu. Du warst dabei - du
erinnerst dich - wie der falsche Prfekt mich laut vor allen einen Bastard
schalt und mir den Zweikampf weigerte: - ich mute es dulden: ich bin noch
Schlimmeres als ein Bastard. - -
    Mein Vater, Tagila, war ein tchtiger Kriegsheld, aber kein Adaling,
gemeinfrei und arm. Er liebte, schon seit der Bart ihm sprote, Gisa seines
Vaterbruders Tochter. Sie lebten drauen, weit an der uersten Ostgrenze des
Reichs, an dem kalten Ister, wo man stets im Kampfe liegt mit den Gepiden und
den wilden ruberischen Sarmaten und wenig Zeit hat, an die Kirche zu denken und
die wechselnden Gebote, die ihre Konzilien erlassen. Lange konnte mein Vater
seine Gisa nicht heimfhren: er hatte nichts als Helm und Speer und konnte ihrem
Mundwalt den Malschatz nicht zahlen und einem Weibe keinen Herd bereiten.
    Endlich lachte ihm das Glck. Im Krieg gegen einen Sarmatenknig eroberte er
dessen festen Schatzturm an der Alutha: und die reichen Schtze, welche die
Sarmaten seit Jahrhunderten zusammengeplndert und hier aufgehuft, wurden seine
Beute. Zum Lohn seiner Tat ernannte ihn Theoderich zum Grafen und rief ihn nach
Italien. Mein Vater nahm seine Schtze und Gisa, jetzt sein Weib, mit sich ber
die Alpen und kaufte sich weite schne Gter in Tuscien zwischen Florentia und
Luca. Aber nicht lange whrte sein Glck.
    Kaum war ich geboren, da verklagte ein Elender, ein feiger Schurke, meine
Eltern wegen Blutschande beim Bischof von Florentia. Sie waren katholisch -
nicht Arianer - und Geschwisterkinder: ihre Ehe war nichtig nach dem Recht der
Kirche und die Kirche gebot ihnen, sich zu trennen.
    Mein Vater drckte sein Weib an die Brust und lachte des Gebots. Aber der
geheime Anklger ruhte nicht -
    - Wer war der Neiding?
    O wenn ich es wte, ich wollte ihn erreichen und thronte er in allen
Schrecken des Vesuvius! Er ruhte nicht. Unablssig bedrngten die Priester meine
arme Mutter und wollten ihre Seele mit Gewissensbissen schrecken.
    Umsonst: sie hielt sich an ihren Gott und ihren Gatten und trotzte dem
Bischof und seinen Sendboten. Und mein Vater, wenn er einen der Pfaffen in
seinem Gehfte traf, begrte ihn, da er nicht wiederkam.
    Aber wer kann mit denen kmpfen, die im Namen Gottes sprechen! Eine letzte
Frist ward den Ungehorsamen gesteckt: htten sie sich bis dahin nicht getrennt,
so sollten sie dem Bann verfallen und ihr Hab und Gut der Kirche.
    Entsetzt eilte jetzt mein Vater an den Hof des Knigs, Aufhebung des
grausamen Spruches zu erflehen. Aber die Satzung des Konzils sprach zu klar und
Theoderich konnte es nicht wagen, das Recht der katholischen Kirche zu krnken.
Als mein Vater zurckkehrte von Ravenna, mit Gisa zu flchten, starrte er
entsetzt auf die Sttte, wo sein Haus gestanden: der Termin war abgelaufen, und
die Drohung erfllt: sein Haus zerstrt, sein Weib, sein Kind verschwunden.
    Rasend strmte er durch ganz Italien, uns zu suchen. Endlich entdeckte er,
als Priester verkleidet, seine Gisa in einem Kloster zu Ticinum: ihren Knaben
hatte man ihr entrissen und nach Rom geschleppt. Mein Vater bereitet mit ihr
alles zur Flucht: sie entkommen um Mitternacht ber die Mauern des
Klostergartens. Aber am Morgen fehlt die Berin bei der Hora: man vermit sie,
ihre Zelle ist leer. Die Klosterknechte folgen den Spuren des Rosses, - sie
werden eingeholt: grimmig fechtend fllt mein Vater: meine Mutter wird in ihre
Zelle zurckgebracht. Und so furchtbar drcken die Macht des Schmerzes und die
Zucht des Klosters auf die zermrbte Seele, da sie in Wahnsinn fllt und
stirbt. Das sind meine Eltern!
    Und du?
    Mich entdeckte in Rom der alte Hildebrand, ein Waffenfreund meines
Grovaters und Vaters: - er entri mich, mit des Knigs Beistand, den Priestern
und lie mich mit seinen eigenen Enkeln in Regium erziehen.
    Und dein Gut, dein Erbe?
    Verfiel der Kirche, die es, halb geschenkt, an Theodahad berlie: er war
meines Vaters Nachbar, er ist jetzt mein Knig!
    Mein armer Freund! Aber wie erging es dir spter? Man wei nur dunkles
Gerede - du warst einmal in Griechenland gefangen ... -
    Teja stand auf. Davon la mich schweigen; vielleicht ein andermal. Ich war
Tor genug, auch einmal an Glck zu glauben und an eines liebenden Gottes Gte.
Ich hab' es schwer gebt. Ich will's nie wieder tun. Leb wohl, Witichis, und
schilt nicht auf Teja, wenn er nicht ist wie andre.
    Er drckte ihm die Hand und war rasch im dunkeln Laubgang verschwunden.
    Witichis sah lange schweigend vor sich hin. Dann blickte er gen Himmel, in
den hellen Sternen eine Widerlegung der finstern Gedanken zu finden, die des
Freundes Worte in ihm geweckt. Er sehnte sich nach ihrem Licht voll Frieden und
Klarheit. Aber whrend des Gesprchs war Nebelgewlk rasch aus den Lagunen
aufgestiegen und hatte den Himmel berzogen: es war finster ringsum.
    Mit einem Seufzer stand Witichis auf und suchte in ernstem Sinnen sein
einsames Lager.

                                Drittes Kapitel.


Whrend unten in den Hallen des Palatiums Italier und Goten tafelten und
zechten, ahnten sie nicht, da ber ihren Huptern in dem Gemach des Knigs eine
Verhandlung gepflogen ward, die ber ihr und ihres Reiches Schicksale
entscheiden sollte.
    Unbeobachtet war dem Knig alsbald der Gesandte von Byzanz nachgefolgt und
lange und geheim sprachen und schrieben die beiden miteinander. Endlich schienen
sie handelseinig geworden und Petros wollte anheben, nochmal vorzulegen, was sie
gemeinsam beschlossen und aufgezeichnet. Aber der Knig unterbrach ihn. Halt,
flsterte der kleine Mann, der in seinem weiten Purpurmantel verloren zu gehen
drohte, halt - noch eins!
    Und er hob sich aus dem schn geschweiften Sitz, schlich durch das Gemach
und hob den Vorhang, ob niemand lausche.
    Dann kehrte er beruhigt zurck und fate den Byzantiner leise am Gewand.
    Das Licht der Bronzeampel spielte im Winde flackernd auf den gelben
vertrockneten Wangen des hlichen Mannes, der die kleinen Augen zusammenkniff:
Noch dies. Wenn jene heilsamen Vernderungen eintreten sollen - auf da sie
eintreten knnen, wird es gut sein, ja notwendig, einige der trotzigsten meiner
Barbaren unschdlich zu machen. - Daran hab' ich bereits gedacht, nickte
Petros. Da ist der alte halbheidnische Waffenmeister, der grobe Hildebad, der
nchterne Witichis. -
    Du kennst deine Leute gut, grinste Theodahad, du hast dich tchtig
umgesehen. Aber, raunte er ihm ins Ohr, einer, den du nicht genannt hast,
einer vor allen mu fort.
    Der ist?
    Graf Teja, des Tagila Sohn.
    Ist der melancholische Trumer so gefhrlich?
    Der gefhrlichste von allen! Und mein persnlicher Feind! schon von seinem
Vater her.
    Wie kam das?
    Er war mein Nachbar bei Florentia. Ich mute seine cker haben - umsonst
drang ich in ihn. Ha, lchelte er pfiffig, zuletzt wurden sie doch mein. Die
heilige Kirche trennte seine verbrecherische Ehe, nahm ihm sein Gut dabei und
lie mir's - billig - ab. Ich hatte einiges Verdienst um die Kirche in dem
Proze - dein Freund, der Bischof von Florentia kann dir's genau erzhlen.
    Ich verstehe, sagte Petros, was gab der Barbar seine cker nicht in Gte!
Wei Teja -?
    Nichts wei er. Aber er hat mich schon deshalb, weil ich sein Erbgut -
kaufte. Er wirft mir finstere Blicke zu. Und dieser schwarze Trumer ist der
Mann, seinen Feind zu den Fen Gottes zu erwrgen.
    So? sagte Petros, pltzlich sehr nachdenklich. Nun, genug von ihm: er
soll nicht schaden. La dir jetzt nochmal den ganzen Vertrag Punkt fr Punkt
vorlesen; dann unterzeichne.
    Erstens. Knig Theodahad verzichtet auf die Herrschaft ber Italien und die
zugehrigen Inseln und Provinzen des Gotenreichs: nmlich Dalmatien, Liburnien,
Istrien, das zweite Pannonien, Savien, Noricum, Rtien und den gotischen Besitz
in Gallien, zugunsten des Kaisers Justinian und seiner Nachfolger auf dem Throne
von Byzanz. Er verspricht, Ravenna, Rom, Neapolis und alle festen Pltze des
Reichs dem Kaiser ohne Widerstand zu ffnen.
    Theodahad nickte.
    Zweitens. Knig Theodahad wird mit allen Mitteln dahin wirken, da das
ganze Heer der Goten entwaffnet und in kleinen Gruppen ber die Alpen gefhrt
werde. Weiber und Kinder haben nach Auswahl des kaiserlichen Feldherrn dem Heere
zu folgen oder als Sklaven nach Byzanz zu gehen. Der Knig wird dafr sorgen,
da jeder Widerstand der Goten erfolglos bleiben mu.
    Drittens. Dafr belt Kaiser Justinian dem Knig Theodahad und seiner
Gemahlin den Knigstitel und die kniglichen Ehren auf Lebenszeit, und viertens
-
    Diesen Abschnitt will ich doch mit eigenen Augen lesen, unterbrach
Theodahad, nach der Urkunde langend. Viertens belt der Kaiser dem Knig der
Goten nicht nur alle Lndereien und Schtze, die dieser als sein Privateigentum
bezeichnen wird, sondern auch den ganzen Knigsschatz der Goten, der allein an
geprgtem Gold auf vierzigtausend Pfunde geschtzt ist. Er bergibt ihm ferner
zu Erb und Eigen ganz Tuscien von Pistoria bis Cre, von Populonia bis Clusium,
und endlich berweist er an Theodahad auf Lebenszeit die Hlfte aller
ffentlichen Einknfte des durch diesen Vertrag seinem rechtmigen Herrn
zurckerworbenen Reiches. Sage, Petros, meinst du nicht, ich knnte drei Viertel
fordern? - -
    Fordern kannst du sie, allein ich zweifle sehr, da sie dir Justinian
gewhrt. Ich habe schon die Grenzen, die uersten, meiner Vollmacht
berschritten.
    Fordern wollen wir's doch immerhin, meinte der Knig die Zahl ndernd.
Dann mu Justinian heruntermarkten oder dafr andre Vorteile gewhren.
    Um des Petros schmale Lippen spielte ein falsches Lcheln:
    Du bist ein kluger Handelsmann, o Knig. - Aber hier verrechnest du dich
doch, sagte er zu sich selbst.
    Da rauschten schleppende Gewnder den Marmorgang heran und eintrat ins
Gemach in langem schwarzem Mantel und schwarzem, mit silbernen Sternen bestem
Schleier Amalaswintha, bleich von Antlitz, aber in edler Haltung, eine Knigin
trotz der verlornen Krone: berwltigende Hoheit der Trauer sprach aus den
bleichen Zgen.
    Knig der Goten, hob sie an, vergib, wenn an deinem Freudenfeste ein
dunkler Schatte noch einmal auftaucht von der Welt der Toten. Es ist zum
letztenmal.
    Beide Mnner waren von ihrem Anblick betroffen.
    Knigin - stammelte Theodahad.
    Knigin! O wr' ich's nie gewesen. Ich komme, Vetter, von dem Sarge meines
edeln Sohnes, wo ich Bue getan fr all meine Verblendung, und all meine Schuld
bereut. Ich steige herauf zu dir, Knig der Goten, dich zu warnen vor gleicher
Verblendung und gleicher Schuld.
    Theodahads unstetes Auge vermied ihren ernsten, prfenden Blick.
    Es ist ein bler Gast, fuhr sie fort, den ich in mitternchtlicher Stunde
als deinen Vertrauten bei dir finde. Es ist kein Heil fr einen Frsten als in
seinem Volk: zu spt hab' ich's erkannt, zu spt fr mich, nicht zu spt, hoff'
ich, fr mein Volk. Traue du nicht Byzanz: es ist ein Schild, der den erdrckt,
den er beschirmen soll.
    Du bist ungerecht, sagte Petros, und undankbar.
    
    Tu nicht, mein kniglicher Vetter, fuhr sie fort, was dieser von dir
fordert. Bewillige nicht du, was ich ihm weigerte. Sizilien sollen wir abtreten
und dreitausend Krieger dem Kaiser stellen fr alle seine Kriege - ich wies die
Schmach von mir. Ich sehe, sprach sie, auf das Pergament deutend, du hast
schon mit ihm abgeschlossen. Tritt zurck, sie werden dich immer tuschen.
    ngstlich zog Theodahad die Urkunde an sich: er warf einen mitrauischen
Blick auf Petros.
    Da trat dieser gegen Amalaswintha vor: Was willst du hier, du Knigin von
gestern? Willst du dem Beherrscher dieses Reiches wehren? Deine Zeit und deine
Macht ist um. - Verla uns, sagte Theodahad, ermutigt. Ich werde tun was mir
gutdnkt. Es soll dir nicht gelingen mich von meinen Freunden in Byzanz zu
trennen. Sieh her, vor deinen Augen soll unser Bund geschlossen sein. Und er
zeichnete seinen Namen auf die Urkunde.
    Nun, lchelte Petros, kamst du noch eben recht, als Zeugin mit zu
unterzeichnen.
    Nein, sprach Amalaswintha mit einem drohenden Blick auf die beiden Mnner,
ich kam noch eben recht, euren Plan zu vereiteln. Ich gehe geradeswegs von hier
zum Heere, zur Volksversammlung, die nchstens bei Regeta tagt. Aufdecken will
ich daselbst vor allem Volk deine Antrge, die Plne von Byzanz und dieses
schwachen Frsten Verrat.
    Das wird nicht angehn, sagte Petros ruhig, ohne dich selbst zu
verklagen.
    Ich will mich selbst verklagen. Enthllen will ich all meine Torheit, all
meine blutige Schuld und gern den Tod erleiden, den ich verdient. Aber warnen,
aufschrecken soll diese meine Selbstanklage mein ganzes Volk vom tna bis zu den
Alpen; eine Welt von Waffen soll euch entgegenstehn, und retten werd' ich meine
Goten durch meinen Tod von der Gefahr, in die mein Leben sie gestrzt. Und in
edler Begeisterung eilte sie aus dem Gemach.
    Verzagt blickte Theodahad auf den Gesandten: lang fand er keine Worte:
Rate, hilf -, stammelte er endlich.
    Raten? Da hilft nur Ein Rat. Die Rasende wird sich und uns verderben, lt
man sie gewhren. Sie darf ihre Drohung nicht erfllen. Dafr mut du sorgen.
    Ich? rief Theodahad erschreckt; ich kann dergleichen nicht! Wo ist
Gothelindis? Sie, sie allein kann helfen.
    Und der Prfekt, sagte Petros - sende nach ihnen.
    Alsbald waren die beiden Genannten von dem Festmahle heraufbeschieden.
Petros verstndigte sie von den Worten der Frstin, ohne jedoch dem Prfekten
den Vertrag als Veranlassung des Auftritts zu nennen.
    Kaum hatte er gesprochen, so rief die Knigin:
    Genug, sie darf es nicht vollenden. Man mu ihre Schritte bewachen, sie
darf mit keinem Goten in Ravenna sprechen - sie darf den Palast nicht verlassen.
Das vor allem! Und sie eilte hinaus, vertraute Sklaven vor Amalaswinthens
Gemcher zu senden. Alsbald kehrte sie wieder. Sie betet laut in ihrer Kammer,
sprach sie verchtlich. Auf, Cethegus, la uns ihre Gebete vereiteln.
    Cethegus hatte, mit dem Rcken an die Marmorsulen des Eingangs gelehnt, die
Arme ber der Brust gekreuzt, diese Vorgnge schweigend und sinnend mit
angehrt. Er erkannte die Notwendigkeit, die Fden der Ereignisse wieder mehr in
seine Hand zu versammeln und straffer anzuziehen. Er sah Byzanz immer mehr in
den Vordergrund dringen: - das durfte nicht weiter angehn.
    Sprich, Cethegus, mahnte Gothelindis nochmals, was tut jetzt vor allem
not?
    Klarheit, sagte dieser sich aufrichtend. In jedem Bunde mu der Zweck,
der besondere Zweck jedes der Verbndeten klar sein: sonst werden sie stets sich
durch Mitrauen hemmen. Ihr habt eure Zwecke - ich habe den meinen. Eure Zwecke
liegen am Tage: ich habe sie euch neulich schon gesagt: du Petros, willst, da
Kaiser Justinian an der Goten Statt in Italien herrsche: ihr, Gothelindis und
Theodahad, wollt dies auch, gegen reiche Entschdigung an Rache, Geld und Ehren.
Ich aber - ich habe auch meinen Zweck: was hilft es, das zu verhehlen? Mein
schlauer Petros, du wrdest doch nicht lange mehr glauben, da ich nur den
Ehrgeiz habe, dein Werkzeug zu sein, und dereinst Senator in Byzanz zu werden.
Also auch ich habe meinen Zweck: all eure dreieinige Schlauheit wrde ihn nie
entdecken, weil er zu nahe vor Augen liegt. Ich mu ihn euch selbst verraten.
    Der versteinerte Cethegus hat noch eine Liebe: sein Italien. Drum will er,
wie ihr, die Goten fort haben aus diesem Land.
    Aber er will nicht, wie ihr, da Kaiser Justinianus unbedingt an ihre Stelle
trete: er will nicht die Traufe statt des Regens.
    Am liebsten mchte ich, der unverbesserliche Republikaner - du weit, mein
Petros, wir waren es damals beide mit achtzehn Jahren auf der Schule von Athen
und ich bin es noch: aber du brauchst es dem Kaiser, deinem Herrn, nicht zu
melden, ich hab' es ihm lange selbst geschrieben - die Barbaren hinauswerfen,
ohne euch hereinzulassen.
    Das geht nun leider nicht an: wir knnen eurer Hilfe nicht entbehren. Doch
will ich diese auf das Unvermeidliche beschrnken. Kein byzantinisch Heer darf
diesen Boden betreten, als um ihn im letzten Augenblick der Not aus der Hand der
Italier zu empfangen. Italien sei mehr ein von den Italiern dargebrachtes
Geschenk als eine Eroberung fr Justinian. Die Segnungen der Feldherrn und
Steuerrechner, die Byzanz ber die Lnder bringt, die es befreit, sollen uns
erspart bleiben: wir wollen euern Schutz, nicht eure Tyrannei.
    ber Petros' Zge zog ein feines Lcheln, das Cethegus nicht zu bemerken
schien; er fuhr fort: So vernehmt meine Bedingung. Ich wei, Belisarius liegt
mit Flotte und Heer nah bei Sizilien. Er darf nicht landen. Er mu heimkehren.
Ich kann keinen Belisar in Italien brauchen. Wenigstens nicht eher als ich ihn
rufe. Und sendest du, Petros, ihm nicht sofort diesen Befehl zu, so scheiden
sich unsre Wege. Ich kenne Belisar und Narses und ihre Soldatenherrschaft und
ich wei, welch' milde Herren diese Goten sind. Und mich erbarmt Amalaswinthens:
sie war eine Mutter meines Volks. Deshalb whlet, whlet zwischen Belisar und
Cethegus. Landet Belisar, so steht Cethegus und ganz Italien zu Amalaswintha und
den Goten: und dann la sehn, ob ihr uns eine Scholle dieses Landes entreit.
Whlt ihr Cethegus, so bricht er die Macht der Barbaren und Italien unterwirft
sich dem Kaiser als seine freie Gattin, nicht als seine Sklavin. Whle, Petros.
    Stolzer Mann, sprach Gothelindis, du wagst uns Bedingungen zu setzen,
uns, deiner Knigin? Und drohend erhob sie die Hand.
    Aber mit eiserner Faust ergriff Cethegus diese Hand und zog sie ruhig herab.
La die Possen, Eintagsknigin. Hier unterhandeln nur Italien und Byzanz.
Vergit du deine Ohnmacht, so mu man dich dran mahnen. Du thronst, solange wir
dich halten. Und mit so ruhiger Majestt stand er vor dem zornmtigen Weib, da
sie verstummte. Aber ihr Blick sprhte unauslschlichen Ha.
    Cethegus, sagte jetzt Petros, der sich einstweilen entschlossen, du hast
recht. Byzanz kann fr den Augenblick nicht mehr erreichen als deine Hilfe, weil
nichts ohne sie. Wenn Belisar umkehrt, so gehst du ganz mit uns und unbedingt?
    Unbedingt.
    Und Amalaswinthen?
    Geb' ich preis.
    Wohlan, sagte der Byzantiner, es gilt.
    Er schrieb auf eine Wachstafel in kurzen Worten den Befehl zur Heimkehr an
Belisar und reichte sie dem Prfekten: Du magst die Botschaft selbst
bestellen.
    Cethegus las sorgfltig: Es ist gut, sagte er, die Tafel in die Brust
steckend, es gilt.
    Wann bricht Italien los auf die Barbaren? fragte Petros.
    In den ersten Tagen des nchsten Monats. Ich gehe nach Rom. Leb' wohl.
    Du gehst? Und hilfst uns nicht das Weib - die Tochter Theoderichs
verderben? fragte die Knigin mit bittrem Vorwurf. Erbarmt dich ihrer
abermals?
    Sie ist gerichtet, sagte Cethegus, an der Tr sich kurz umwendend. Der
Richter geht - der Henker Amt hebt an. Und stolz schritt er hinaus.
    Da fate Theodahad, der sprachlos vor Staunen den Byzantiner hatte handeln
sehn, mit Entsetzen dessen Hand: Petros, rief er, um Gott und aller Heiligen
willen, was hast du getan? Unser Vertrag und alles ruht auf Belisar und du
schickst ihn nach Hause?
    Und lt diesen bermtigen triumphieren? knirschte Gothelindis.
    Aber Petros lchelte: der Sieg der Schlauheit strahlte auf seinem Antlitz.
Seid ruhig, sagte er, diesmal ist er berwunden, der Allberwinder Cethegus,
besiegt von dem verhhnten Petros. Er ergriff Theodahad und Gothelindis an den
Hnden, zog sie nahe an sich, sah sich um, und flsterte dann: Vor jenem Brief
an Belisar steht ein kleiner Punkt: der bedeutet ihm: all das Geschriebene ist
nicht ernst gemeint, ist nichtig. Ja, ja, man lernt, man lernt die Schreibekunst
am Hofe von Byzanz.

                                Viertes Kapitel.


Zwei Tage nach der nchtlichen Begegnung mit Theodahad und Petros verbrachte
Amalaswintha in einer Art von wirklicher oder vermeinter Gefangenschaft.
    So oft sie ihre Gemcher verlie, so oft sie einbog in einen Gang des
Palastes, jedesmal glaubte sie hinter oder neben sich Gestalten auftauchen,
hingleiten, verschwinden zu sehen, die ebenso eifrig bedacht schienen, all ihre
Schritte zu beobachten als sich selbst ihren Blicken zu entziehen: kaum zu dem
Grabe ihres Sohnes konnte sie unbewacht niedersteigen.
    Umsonst fragte sie nach Witichis, nach Teja: sie hatten gleich am Morgen
nach dem Krnungsfest in Auftrgen des Knigs die Stadt verlassen. Das Gefhl,
vereinsamt und von bsen Feinden umlauert zu sein, ruhte drckend auf ihrer
Seele.
    Schwer und dster hingen am Morgen des dritten Tages die herbstlichen
Regenwolken auf Ravenna herab, als sich Amalaswintha von dem schlummerlosen
Lager erhob. Unheimlich berhrte es sie, da, als sie an das Fenster von
Frauenglas trat, ein Rabe krchzend von dem Marmorsims aufstieg und mit heiserem
Schrei und schwerem Flgelschlag langsam ber die Grten dahinflog.
    Die Frstin fhlte schon daran, wie geknickt ihre Seele war durch diese Tage
von Schmerz, Furcht und Reue, da sie sich des finstern Eindrucks nicht erwehren
konnte, den ihr die frhen Herbstnebel, aus den Lagunen der Seestadt
aufsteigend, brachten. Seufzend blickte sie in die graue Sumpflandschaft hinaus.
    Schwer war ihr Herz von Reue und Sorge.
    Und ihr einziger Halt der Gedanke, durch freie Selbstanklage und volle
Demtigung vor allem Volk das Reich noch zu retten um den Preis ihres Lebens.
Denn sie zweifelte nicht, da die Gesippen und Blutrcher der drei Herzoge ihre
Pflicht vollauf erfllen wrden. In solchen Gedanken schritt sie durch die den
Hallen und Gnge des Palastes, diesmal, wie sie glaubte, unbelauscht, hinunter
zu der Ruhesttte ihres Sohnes, sich in den Vorstzen der Bue und Shne an
ihrem Volk zu befestigen.
    Als sie nach geraumer Zeit aus der Gruft wieder emporstieg und in einen
dunkeln Gewlbgang einlenkte, huschte ein Mann in Sklaventracht aus einer Nische
hervor - sie glaubte sein Gesicht schon oft gesehen zu haben - drckte ihr eine
kleine Wachstafel in die Hand und war seitab verschwunden.
    Sie erkannte sofort - die Handschrift Cassiodors -.
    Und sie erriet nun auch den geheimnisvollen berbringer: es war Dolios, der
Briefsklave ihres treuen Ministers. Rasch die Tafel in ihrem Gewande bergend
eilte sie in ihr Gemach. Dort las sie: In Schmerz, nicht in Zorn, schied ich
von Dir. Ich will nicht, da Du unbufertig abgerufen werdest und deine
unsterbliche Seele verloren gehe. Flieh aus diesem Palast, aus dieser Stadt:
dein Leben ist keine Stunde mehr sicher. Du kennst Gothelindis und ihren Ha.
Traue niemand als meinem Schreiber und finde Dich um Sonnenuntergang bei dem
Venustempel im Garten ein. Dort wird Dich meine Snfte erwarten und in
Sicherheit bringen, nach meiner Villa im Bolsener See. Folge und vertraue.
    Gerhrt lie Amalaswintha den Brief sinken: der vielgetreue Cassiodor! Er
hatte sie doch nicht ganz verlassen. Er bangte und sorgte noch immer fr das
Leben der Freundin. Und jene reizende Villa auf der einsamen Insel im blauen
Bolsener See! Dort hatte sie, vor vielen, vielen Jahren, als Gast Cassiodors, in
voller Blte der Jugendschnheit, Hochzeit gehalten mit Eutharich, dem edeln
Amalungen, und, von allem Schimmer der Macht und Ehren umflossen, ihrer Jugend
stolzeste Tage gefeiert.
    Ihr sonst so hartes, aber jetzt vom Unglck erweichtes Gemt beschlich
mchtige Sehnsucht, die Sttte ihrer schnsten Freuden wiederzusehen. Schon dies
Eine Gefhl trieb sie mchtig an, der Mahnung Cassiodors zu folgen: noch mehr
die Furcht - nicht fr ihr Leben, denn sie wollte sterben -, die Raschheit ihrer
Feinde mchte ihr unmglich machen, das Volk zu warnen und das Reich zu retten.
Endlich berlegte sie, da der Weg nach Regeta bei Rom, wo in Blde die groe
Volksversammlung, wie alljhrlich im Herbst, statthaben sollte, sie am Bolsener
See vorberfhrte. Also war es nur eine Beschleunigung ihres Planes, wenn sie
schon jetzt in dieser Richtung aufbrach. Um aber auf alle Flle sicher zu gehn,
um, auch wenn sie das Ziel ihrer Reise nicht erreichen sollte, ihre warnende
Stimme an das Ohr des Volks gelangen zu lassen, beschlo sie einem Brief an
Cassiodor, den auf seiner Villa anzutreffen sie nicht bestimmt voraussetzen
konnte, ihre ganze Beichte und die Enthllung aller Plne der Byzantiner und
Theodahads anzuvertrauen.
    Bei geschlossenen Tren schrieb sie die schmerzreichen Worte nieder: heie
Trnen des Dankes und der Reue fielen auf das Pergament, das sie sorgfltig
siegelte und dem treuesten ihrer Sklaven bergab, es sicher nach dem Kloster
Squillacium in Apulien, der Stiftung und dem gewhnlichen Aufenthalt Cassiodors,
zu befrdern.

                                     * * *

    Langsam verstrichen der Frstin die zgernden Stunden des Tages. Mit ganzer
Seele hatte sie des Freundes dargebotene Hand ergriffen. Erinnerung und Hoffnung
malten ihr um die Wette das Eiland im Bolsener See als ein teures Asyl: dort
hoffte sie Ruhe und Frieden zu finden. Sie hielt sich sorgsam innerhalb ihrer
Gemcher, um keinem ihrer Wchter Veranlassung zum Verdacht, Gelegenheit, sie
aufzuhalten, zu geben. Endlich war die Sonne gesunken.
    Mit leisen Schritten eilte Amalaswintha, ihre Sklavinnen zurckweisend und
nur einige Kleinodien und Dokumente unter dem weiten Mantel bergend, aus ihrem
Schlafgemach in den breiten Sulengang, der zur Gartentreppe fhrte. Sie
zitterte, hier wie gewhnlich auf einen der lauschenden Spher zu stoen,
gesehen, angehalten zu werden. Hufig sah sie sich um, vorsichtig blickte sie
sogar in die Statuennischen: alles war leer, kein Lauscher folgte diesmal ihren
Tritten. So erreichte sie unbeobachtet die Plattform der Freitreppe, die Palast
und Garten verband und weiten Ausblick ber diesen hin gewhrte. Scharf
berschaute sie den nchsten Weg, der zum Venustempel fhrte. Der Weg war frei.
    Nur die welken Bltter raschelten wie unwillig von den rauschenden Platanen
auf die Sandpfade nieder, gewirbelt von dem Winde, der fern, jenseits der
Gartenmauer, Nebel und Wolken in geisterhaften Gestalten vor sich her trieb: es
war unheimlich in dem ausgestorbenen Garten und seiner grauen Dmmerung.
    Die Frstin frstelte, der kalte Abendwind zerrte an ihrem Schleier und
Mantel: einen scheuen Blick warf sie noch auf die dstern, lastenden Steinmassen
des Palastes hinter sich, in dem sie so stolz gewaltet und geherrscht und aus
dem sie nun einsam, scheu, verfolgt wie eine Verbrecherin flchtete. Sie dachte
des Sohnes, der in den Tiefen des Palastes ruhte. - Sie dachte der Tochter, die
sie selbst aus diesen Mauern, aus ihrer Nhe verbannt hatte.
    Und einen Augenblick drohte der Schmerz die Verlassene zu berwltigen: sie
wankte, mhsam hielt sie sich aufrecht an dem breiten Marmorgelnder der
Terrasse: ein Fieberschauer rttelte an ihrem Leibe wie das Grauen der
Verlassenheit an ihrer Seele.
    Aber mein Volk! sprach sie zu sich selbst, und meine Bue - ich will's
vollenden. Gekrftigt von diesem Gedanken eilte sie die Stufen der Treppe hinab
und bog in den von Efeu berwlbten Laubgang ein, der quer durch den Garten
fhrte und an dem Venustempel mndete. Rasch schritt sie voran, erbebend, wann
zu einem der Seitengnge das Herbstlaub wie seufzend hereinwirbelte.
    Atemlos langte sie vor dem kleinen Tempel an und lie ringsum die suchenden
Blicke schweifen. Aber keine Snfte, keine Sklaven waren zu sehen, rings war
alles still: nur die ste der Platanen seufzten im Winde.
    Da schlug das nahe Wiehern eines Pferdes an ihr Ohr.
    Sie wandte sich: um den Vorsprung der Mauer bog mit hastigen Schritten ein
Mann. Es war Dolios. Er winkte, scheu umhersphend. Rasch eilte die Frstin auf
ihn zu, folgte ihm um die Ecke: und vor ihr stand Cassiodors wohlbekannter
gallischer Reisewagen, die bequeme und vornehme Carruca, von allen vier Seiten
mit verschiebbaren Gitterlden von feinem Holzwerk umschlossen, und mit dem
raschen Dreigespann belgischer Manni beschirrt.
    Eile tut not, o Frstin, flsterte Dolios, sie in die weichen Polster
hebend. Die Snfte ist zu langsam fr den Ha deiner Feinde. Stille und Eile,
da uns niemand bemerkt.
    Amalaswintha blickte noch einmal um sich.
    Dolios ffnete das Tor des Gartens und fhrte den Wagen vor dasselbe hinaus.
Da traten zwei Mnner aus dem Gebsch: der eine bestieg den Sitz des
Wagenlenkers vor ihr: der andre schwang sich auf eines der beiden gesattelt vor
dem Tore stehenden Rosse: sie erkannte die Mnner als vertraute Sklaven
Cassiodors: sie waren wie Dolios mit Waffen versehen. Dieser sperrte wieder
sorgfltig das Gartentor und lie die Gitterladen des Wagens herab. Dann warf er
sich auf das zweite der Pferde und zog das Schwert: Vorwrts! rief er.
    Und von dannen jagte der kleine Zug, als wr' ihm der Tod auf der Ferse.

                                Fnftes Kapitel.


Die Frstin wiegte sich in Gefhlen des Dankes, der Freiheit, der Sicherheit.
Sie baute schne Entwrfe der Shne.
    Schon sah sie ihr Volk durch ihre warnende Stimme gerettet vor Byzanz, vor
dem Verrat des eigenen Knigs: schon hrte sie den begeisterten Ruf des tapferen
Heeres, der den Feinden Verderben, ihr aber Verzeihung verkndete. In solchen
Trumen verflogen ihr die Stunden, die Tage und Nchte. Unausgesetzt eilte der
Zug vorwrts: drei-, viermal des Tages wurden die Pferde des Wagens und der
Reiter gewechselt, so da sie Meile um Meile wie im Fluge zurcklegten.
    Wachsam htete Dolios die ihm anvertraute Frstin: mit gezogenem Schwert
schtzte er den Zugang zum Wagen, whrend seine Begleiter Speisen und Wein aus
den Stationen holten. Jene geflgelte Eile und diese treue Wachsamkeit benahm
Amalaswinthen eine Besorgnis, deren sie sich eine Weile nicht hatte erwehren
knnen: ihr war, sie wrden verfolgt.
    Zweimal, in Perusia und in Clusium, glaubte sie, wie der Wagen hielt, dicht
hinter sich Rdergerassel zu hren und den Hufschlag eilender Rosse: ja in
Clusium meinte sie, aus dem niedergelassenen Gitterladen zurcksphend, eine
zweite Carruca, ebenfalls von Reitern begleitet, in das Tor der Stadt einbiegen
zu sehen.
    Aber als sie Dolios davon sprach, jagte der spornstreichs nach dem Tore
zurck und kam sogleich mit der Meldung wieder, da nichts wahrzunehmen sei;
auch hatte sie von da ab nichts mehr bemerkt: und die rasende Eile, mit der sie
sich dem ersehnten Eiland nherte, lie sie hoffen, da ihre Feinde, selbst wenn
sie ihre Flucht entdeckt und eine Strecke weit verfolgt haben sollten, alsbald
ermdet zurckgeblieben seien.
    Da verdsterte ein Unfall, unbedeutend an sich, aber unheilkndend durch
seine begleitenden Umstnde, pltzlich die hellere Stimmung der flchtenden
Frstin.
    Es war hinter der kleinen Stadt Martula.
    de baumlose Heide dehnte sich unabsehbar nach jeder Richtung: nur Schilf
und hohe Sumpfgewchse ragten aus den feuchten Niederungen zu beiden Seiten der
rmischen Hochstrae und nickten und flsterten gespenstisch im Nachtwind. Die
Strae war hin und wieder mit niedern, von Reben berflochtenen Mauern eingefat
und, nach altrmischer Sitte, mit Grabmonumenten, die aber oft traurig zerfallen
waren und mit ihren auf dem Wege zerstreuten Steintrmmern den Pferden das
Fortkommen erschwerten.
    Pltzlich hielt der Wagen mit einem heftigen Ruck und Dolios ri die rechte
Tre auf. Was ist geschehen, rief die Frstin erschreckt, sind wir in Feindes
Hand?
    Nein, sprach Dolios, der, ihr von je als verschlossen und finster bekannt,
auf dieser Reise fast unheimlich schweigsam schien, ein Rad ist gebrochen. Du
mut aussteigen und warten, bis es gebessert.
    Ein heftiger Windsto lschte in diesem Augenblick seine Fackel und
nakalter Regen schlug in der Bestrzten Antlitz. Aussteigen? hier? und wohin
dann? hier ist nirgend ein Haus, ein Baum, der Schutz bte vor Regen und Sturm.
Ich bleibe in dem Wagen. - Das Rad mu abgehoben werden. Dort das Grabmal, mag
dir Schutz gewhren.
    Mit einem Schauer von Furcht gehorchte Amalaswintha und schritt ber die
Steintrmmer, die ringsum zerstreut lagen, nach der rechten Seite des Weges, wo
sie jenseit des Grabens ein hohes Monument aus der Dunkelheit ragen sah. Dolios
half ihr ber den Graben.
    Da schlug von der Strae hinter ihrem Wagen her das Wiehern eines Pferdes an
ihr Ohr. Erschrocken blieb sie stehen.
    Es ist unser Nachreiter, sagte Dolios rasch, der uns den Rcken deckt,
komm.
    Und er fhrte sie durch feuchtes Gras den Hgel heran, auf dem sich das
Monument erhob. Oben angelangt setzte sie sich auf die breite Steinplatte eines
Sarkophags.
    Da war Dolios pltzlich im Dunkel verschwunden, vergebens rief sie ihn
zurck: bald sah sie unten auf der Strae seine Fackel wieder brennen: rot
leuchtete sie durch die Nebel der Smpfe: und der Sturm entfhrte rasch den
Schall der Hammerschlge der Sklaven, die an dem Rade arbeiteten.
    So sa die Tochter des groen Theoderich, einsam und todesflchtig, auf der
Heerstrae in unheimlicher Nacht; der Sturm ri an ihrem Mantel und Schleier,
der feine kalte Regen durchnte sie, in den Zypressen hinter dem Grabmal
seufzte melancholisch der Wind, oben am Himmel jagte zerfetztes Gewlk und lie
nur manchmal einen flchtigen Mondstrahl durch, der die gleich wieder folgende
Dunkelheit noch dsterer machte.
    Banges Grauen durchschlich frstelnd ihr Herz.
    Allmhlich gewhnte sich ihr Auge an die Dunkelheit und umhersehend konnte
sie die Umrisse der nchsten Dinge deutlicher unterscheiden: da - ihr Haar
strubte sich vor Entsetzen - da war ihr, als se dicht hinter ihr auf dem
erhhten Hintereck des Sarkophags eine zweite Gestalt: - ihr eigener Schatten
war es nicht -: eine kleinere Gestalt in weitem faltigem Gewand, die Arme auf
die Kniee, das Haupt in die Hnde gesttzt und zu ihr herunterstarrend.
    Ihr Atem stockte, sie glaubte flstern zu hren, fieberhaft strengte sie die
Sinne an zu sehen, zu hren: da flsterte es wieder: Nein, nein: noch nicht!
So glaubte sie zu hren. Sie richtete sich leise auf, auch die Gestalt schien
sich zu regen, es klirrte deutlich wie Stahl auf Stein.
    Da schrie die Gengstigte: Dolios! Licht! Hilfe! Licht! Und sie wollte den
Hgel hinab, aber zitternd versagten die Kniee, sie fiel und verletzte die Wange
an dem scharfen Gestein.
    Da war Dolios mit der Fackel heran, schweigend erhob er die Blutende: er
fragte nicht. Dolios, rief sie, sich fassend, gib die Leuchte: ich mu sehen,
was dort war, was dort ist.
    Sie nahm die Fackel und schritt entschlossen um die Ecke des Sarkophags: es
war nichts zu sehen: aber jetzt, im Glanze der Fackel, erkannte sie, da das
Monument nicht, wie die brigen, ein altes, da es sichtlich erst neu errichtet
war, so unverwittert war der weie Marmor, so frisch die schwarzen Buchstaben
der Inschrift. -
    Von jener seltsamen Neugier, die sich mit dem Grauen verbindet,
unwiderstehlich fortgerissen, hielt sie die Fackel dicht an den Sockel des
Monuments und las bei flackerndem Licht die Worte: Ewige Ehre den drei Balten
Thulun, Ibba und Pitza. Ewiger Fluch ihren Mrdern.
    Mit einem Aufschrei taumelte Amalaswintha zurck.
    Dolios fhrte die Halbohnmchtige zu dem Wagen. Fast bewutlos legte sie die
noch brigen Stunden des Weges zurck. Sie fhlte sich krank an Leib und Seele.
Je nher sie dem Eiland kam, desto lebhafter ward die fieberhafte Freude, mit
der sie es ersehnt, verdrngt von einer ahnungsvollen Furcht: mit Bangen sah sie
die Strucher und Bume des Weges immer rascher an sich vorberfliegen.
    Endlich machten die dampfenden Rosse halt.
    Sie senkte die Lden und blickte hinaus: es war die kalte, unheimliche
Stunde, da das erste Tagesgrauen ankmpft gegen die noch herrschende Nacht: sie
waren, so schien es, angelangt am Ufer des Sees: aber von seinen blauen Fluten
war nichts zu sehen; ein dstrer grauer Nebel lag undurchdringlich wie die
Zukunft vor ihren Augen: von der Villa, ja von der Insel selbst war nichts zu
entdecken. Rechts vom Wagen stand eine niedrige Fischerhtte tief in dem
dichten, ragenden Schilf, durch welches wie seufzend der Morgenwind fuhr, da
die schwankenden Hupter sich bogen.
    Seltsam: ihr war, als warnten und winkten sie hinweg von dem dahinter
verborgenen See.
    Dolios war in die Htte gegangen; er kam jetzt zurck und hob die Frstin
aus dem Wagen, schweigend fhrte er sie durch den feuchten Wiesengrund nach dem
Schilf zu.
    Da lag am Ufer eine schmale Fhre: sie schien mehr im Nebel als im Wasser zu
schwimmen.
    Am Steuer aber sa in einem grauen zerfetzten Mantel gehllt ein alter Mann,
dem die langen weien Haare wirr ins Gesicht hingen. Er schien vor sich hin zu
trumen mit geschlossenen Augen, die er nicht aufschlug, als die Frstin in den
schwankenden Nachen stieg und sich in der Mitte desselben auf einem Feldstuhl
niederlie.
    Dolios trat an den Schnabel des Schiffes und ergriff zwei Ruder, die Sklaven
blieben bei dem Wagen zurck.
    Dolios, rief Amalaswintha besorgt, es ist sehr dunkel, wird der Alte
steuern knnen in diesem Nebel, und an keinem Ufer ein Licht? - Das Licht
wrde ihm nichts ntzen, Knigin, er ist blind. - Blind? rief die
Erschrockene, la landen! kehr' um! - Ich fahre hier seit bald zwanzig
Jahren, sprach der greise Ferge, kein Sehender kennt den Weg gleich mir. -
So bist du blind geboren?
    Nein, Theoderich der Amaler lie mich blenden, weil mich Alarich, der
Baltenherzog, des Thulun Bruder, gedungen htte, ihn zu morden. Ich bin ein
Knecht der Balten, war ein Gefolgsmann Alarichs, aber ich war so unschuldig wie
mein Herr, Alarich der Verbannte. Fluch ber die Amalungen! rief er mit
zornigem Ruck am Steuer.
    Schweig! Alter, sprach Dolios.
    Warum soll ich heute nicht sagen, was ich bei jedem Ruderschlag seit
zwanzig Jahren sage? Es ist mein Taktspruch. - Fluch den Amalungen!
    Mit Grauen sah die Flchtige auf den Alten, der in der Tat mit vlliger
Sicherheit und pfeilgerade fuhr. Sein weiter Mantel und wirres Haar flogen im
Winde: ringsum Nebel und Stille, nur das Ruder hrte man gleichfrmig
einschlagen, leere Luft und graues Licht auf allen Seiten. Ihr war, als fhre
sie Charon ber den Styx in das graue Reich der Schatten. - Fiebernd hllte sie
sich in ihren faltigen Mantel.
    Noch einige Ruderschlge und sie landeten.
    Dolios hob die Zitternde heraus: der Alte aber wandte sein Boot schweigend
und ruderte so rasch und sicher zurck wie er gekommen. Mit einer Art von Grauen
sah ihm Amalaswintha nach, bis er in dem dichten Nebel verschwand.
    Da war es ihr, als hre sie den Schall von Ruderschlgen eines zweiten
Schiffes, die rasch nher und nher drangen. Sie fragte Dolios nach dem Grund
dieses Gerusches.
    Ich hre nichts, sagte dieser, du bist allzu erregt, komm in das Haus.
Sie wankte, auf seinen Arm gesttzt die in den Felsboden gehauenen Stufen hinan,
die zu der burghnlichen, hochgetrmten Villa fhrten: von dem Garten, der, wie
sie sich lebhaft erinnerte, zu beiden Seiten dieses schmalen Weges sich dehnte,
waren in dem Nebel kaum die Linien der Baumreihen zu sehen.
    Endlich erreichten sie das hohe Portal, eine eherne Tr im Rahmen von
schwarzem Marmor. Der Freigelassene pochte mit dem Knauf seines Schwertes: -
dumpf drhnte der Schlag in den gewlbten Hallen nach - die Tre sprang auf.
    Amalaswintha gedachte, wie sie einst durch dieses Tor, das die Blumengewinde
fast versperrt hatten, an ihres Gatten Seite eingezogen, war: sie gedachte, wie
sie die Pfrtner, gleichfalls ein jung vermhltes Paar, so freundlich begrt.
    Der finstersehende Sklave mit wirrem grauem Haar, der jetzt mit Ampel und
Schlsselbund vor ihr stand, war ihr fremd.
    Wo ist Fuscina, des frheren Ostiarius Weib? ist sie nicht mehr im Hause?
fragte sie.
    Die ist lang ertrunken im See, sagte der Pfrtner gleichgltig und schritt
mit der Leuchte voran. Schaudernd folgte die Frstin: sie mute sich die kalten
dunkeln Wogen vorstellen, die so unheimlich an den Planken ihrer Fhre geleckt.
Sie gingen durch Bogenhfe und Sulenhallen: - alles leer, wie ausgestorben, die
Schritte hallten laut durch die de: - die ganze Villa schien ein weites
Totengewlbe.
    Das Haus ist unbewohnt? ich bedarf einer Sklavin.
    Mein Weib wird dir dienen.
    Ist sonst niemand in der Villa?
    Noch ein Sklave. Ein griechischer Arzt.
    Ein Arzt - ich will ihn -
    Aber in diesem Augenblicke schollen von dem Portal her einige dumpfe
Schlge: schwer drhnten sie durch die leeren Rume. Entsetzt fuhr Amalaswintha
zusammen. Was war das? fragte sie, Dolios' Arm fassend. Sie hrte die schwere
Tre zufallen.
    Es hat nur jemand Einla begehrt, sagte der Ostiarius und schlo die Tre
des fr die Flchtige bestimmten Gemaches auf. Die dumpfe Luft eines lang nicht
mehr geffneten Raumes drang ihr erstickend entgegen: aber mit Rhrung erkannte
sie die Schildplattbekleidung der Wnde: es war dasselbe Gemach, das sie vor
zwanzig Jahren bewohnt: berwltigt von der Erinnerung glitt sie auf den kleinen
Lectus, der mit dunkeln Polstern belegt war.
    Sie verabschiedete die beiden Mnner, zog die Vorhnge des Lagers um sich
her zu und verfiel bald in einen unruhigen Schlaf.

                               Sechstes Kapitel.


So lag sie, sie wute nicht wie lange, bald wachend, bald trumend: wild jagte
Bild auf Bild an ihrem Auge vorber.
    Eutharich mit seinem Zug des Schmerzes um die Lippen: - Athalarich, wie er
auf seinem Sarkophag hingestreckt lag, er schien ihr zu sich herabzuwinken: -
das vorwurfsvolle Antlitz Mataswinthens - dann Nebel und Wolken und blattlose
Bume, drei zrnende Kriegergestalten mit bleichen Gesichtern und blutigen
Gewndern: und der blinde Fhrmann: in das Reich der Schatten. Und wieder war
ihr, sie liege auf der den Heide auf den Stufen des Baltendenkmals und als
rausche es hinter ihr und als beuge sich abermals hinter dem Steine hervor jene
verhllte Gestalt ber sie nher und nher, - beengend, - erstickend. Die Angst
schnrte ihr das Herz zusammen, entsetzt fuhr sie auf aus ihrem Traum und sah
hochaufgerichtet um sich: da - nein, es war kein Traumgesicht - da rauschte es,
hinter dem Vorhang des Bettes, und in die getfelte Wand glitt ein verhllter
Schatten.
    Mit einem Schrei ri Amalaswintha die Falten des Vorhangs auseinander - da
war nichts mehr zu sehen.
    Hatte sie doch nur getrumt? Aber sie konnte nicht mehr allein sein mit
ihren bangen Gedanken. So drckte sie auf den Achatknauf in der Wand, der
drauen einen Hammer in Bewegung setzte.
    Alsbald erschien ein Sklave, dessen Zge und Tracht hhere Bildung
verrieten. Er gab sich als den griechischen Arzt zu erkennen: sie teilte ihm die
Schreckgesichte, die Fieberschauer der letzten Stunden mit: er erklrte es fr
Folgen der Aufregung, vielleicht der Erkltung auf der Flucht, empfahl ihr ein
warmes Bad und ging, dessen Mischung anzuordnen.
    Amalaswintha erinnerte sich der herrlichen Bder, die, in zwei Stockwerken
bereinander, den ganzen rechten Flgel der Villa einnahmen. Das untere
Stockwerk der groen achteckigen Rotunde, fr die kalten Bder bestimmt, stand
mit dem See in unmittelbarem Zusammenhange: sein Wasser wurde durch Siebtren,
die jede Unreinheit abhielten, hereingeleitet. Das obere Stockwerk erhob sich,
als Verjngung des Achtecks, ber der Badstube des unteren, deren Decke - eine
groe, kreisfrmige Metallplatte, - den Boden des oberen warmen Bades bildete
und nach Belieben in zwei Halbkreisen rechts und links in das Gemuer geschoben
werden konnte, so da die beiden Stockwerke dann einen ungeteilten turmhohen
Raum bildeten, der zum Zweck der Reinigung oder zum Behuf von Schwimm- und
Taucherspielen ganz von dem Wasser des Sees erfllt werden konnte.
    Regelmig aber bildete das obere Achteck fr sich den Raum des warmen
Bades, in das vielfach verschlungene Wasserknste in hundert Rhren mit
zahllosen Delphinen, Tritonen und Medusenhuptern von Bronze und Marmor duftige,
mit len und Essenzen gemischte Fluten leiteten, whrend zierliche Stufen von
der Galerie, auf der man sich entkleidete, in das muschelfrmige Porphyrbecken
des eigentlichen Baderaumes hinabfhrten.
    Whrend sich die Frstin noch diese Rume ins Gedchtnis zurckrief,
erschien das Weib des Trsklaven, sie in das Bad abzuholen. Sie gingen durch
weite Sulenhallen und Bchersle, in welchen aber die Frstin die Kapseln und
Rollen Cassiodors vermite, in der Richtung nach dem Garten; die Sklavin trug
die feinen Badetcher, lflschchen und den Salbenkrug. Endlich gelangte sie in
das turmhnliche Achteck des Badepalastes, dessen smtliche Gelasse an Boden,
Wand und Decke durchaus mit hellgrauen Marmorplatten belegt waren. Vorber an
den Hallen und Gngen, die der Gymnastik und dem Ballspiel vor und nach dem Bade
dienten, vorber an den Heizstbchen, den Auskleide- und Salbgemchern eilten
sie sofort nach dem Caldarium, dem warmen Bade. Die Sklavin ffnete schweigend
die in die Marmorwand eingesenkte Tr.
    Amalaswintha trat ein und stand auf der schmalen Galerie, die rings um das
Bassin lief: gerade vor ihr fhrten die bequemen Stufen in das Bad, aus dem
bereits warme und kstliche Dfte aufstiegen. Das Licht fiel von oben herein
durch eine achteckige Kuppel von kunstvoll geschliffenem Glas: gerade am Eingang
erhob sich eine Treppe von Zedernholz, die auf zwlf Staffeln zu einer
Sprungbrcke fhrte: rings an den Marmorwnden der Galerie wie des Beckens
verkleideten zahllose Reliefs die Mndungen der Rhren, die den Wasserknsten
und der Luftheizung dienten.
    Ohne ein Wort legte das Weib das Badegert auf die weichen Kissen und
Teppiche, die den Boden der Galerie bedeckten und wandte sich zur Tre. Woher
bist du mir bekannt? fragte die Frstin sie nachdenklich betrachtend, wie
lange bist du hier?
    Seit acht Tagen. Und sie ergriff die Tre.
    Wie lange dienst du Cassiodor?
    Ich diene von jeher der Frstin Gothelindis.
    Mit einem Angstschrei sprang Amalaswintha bei diesem Namen auf, wandte sich
und griff nach dem Gewand des Weibes - zu spt: sie war hinaus, die Tre war
zugefallen und Amalaswintha hrte, wie der Schlssel von auen umgedreht und
abgezogen ward. Umsonst suchte ihr Auge nach einem andern Ausgang.
    Da berkam ein ungeheures, unbekanntes Grauen die Knigin: sie fhlte, da
sie furchtbar getuscht, da hier ein verderbliches Geheimnis verborgen sei:
Angst, unsgliche Angst fiel auf ihr Herz: Flucht, Flucht aus diesem Raum war
ihr einziger Gedanke.
    Aber keine Flucht schien mglich: die Tre war von innen jetzt nur eine
dicke Marmortafel, wie die zur Rechten und Linken: nicht mit einer Nadel war in
ihre Fugen zu dringen: verzweifelnd lie sie die Blicke rings an der Wand der
Galerie kreisen: nur die Tritonen und Delphine starrten ihr entgegen: endlich
ruhte ihr Auge auf dem schlangenstarrenden Medusenhaupt ihr gerade gegenber -
und sie stie einen Schrei des Entsetzens aus.
    Das Gesicht der Meduse war zur Seite geschoben, und die ovale ffnung unter
dem Schlangenhaar war von einem lebenden Antlitz ausgefllt.
    War es ein menschlich Antlitz?
    Die Zitternde klammerte sich an die Marmorbrstung der Galerie und sphte
vorgebeugt hinber: ja, es waren Gothelindens verzerrte Zge: und eine Hlle von
Ha und Hohn sprhte aus ihrem Blick.
    Amalaswintha brach in die Kniee und verhllte ihr Gesicht. Du - du hier!
    Ein heiseres Lachen war die Antwort. Ja, Amalungenweib, ich bin hier und
dein Verderben! Mein ist dies Eiland, mein das Haus! - es wird dein Grab! mein
Dolios und alle Sklaven Cassiodors, an mich verkauft seit acht Tagen.
    Ich habe dich hierher gelockt: ich bin dir hierher nachgeschlichen wie dein
Schatte: lange Tage, lange Nchte hab' ich den brennenden Ha getragen, endlich
hier die volle Rache zu kosten. Stundenlang will ich mich weiden an deiner
Todesangst, will es schauen, wie die erbrmliche, winselnde Furcht diese stolze
Gestalt wie Fieber schttelt und durch diese hochmtigen Zge zuckt: o ein Meer
von Rache will ich trinken.
    Hnderingend erhob sich Amalaswintha: Rache! Wofr? Woher dieser tdliche
Ha?
    Ha, du fragst noch? Freilich sind Jahrzehnte darber hingegangen und das
Herz des Glcklichen vergit so leicht. Aber der Ha hat ein treues Gedchtnis.
Hast du vergessen, wie dereinst zwei junge Mdchen spielten unter dem Schatten
der Platanen auf der Wiese vor Ravenna? Sie waren die ersten unter ihren
Gespielinnen: beide jung, schn und lieblich: Knigskind die eine, die andre die
Tochter der Balten. Und die Mdchen sollten eine Knigin des Spieles whlen: und
sie whlten Gothelindis, denn sie war noch schner als du und nicht so herrisch:
und sie whlten sie einmal, zweimal nacheinander. Die Knigstochter aber stand
dabei von wildem, unbndigem Stolz und Neid verzehrt: und als man mich zum
dritten wieder gewhlt, fate sie die scharfe, spitzige Gartenschere -
    Halt ein, o schweig, Gothelindis.
    - Und schleuderte sie gegen mich. Und sie traf; aufschreiend, blutend
strzte ich zu Boden, meine ganze Wange eine klaffende Wunde und mein Auge, mein
Auge durchbohrt. Ha, wie das schmerzt, noch heute.
    Verzeih, vergib, Gothelindis! jammerte die Gefangene. Du hattest mir ja
lngst verziehn.
    Verzeihen? ich dir verzeihen? Da du mir das Auge aus dem Antlitz und die
Schnheit aus dem Leben geraubt, das soll ich verzeihen? Du hattest gesiegt frs
Leben: Gothelindis war nicht mehr gefhrlich: sie trauerte im stillen, die
Entstellte floh das Auge der Menschen.
    Und Jahre vergingen.
    Da kam an den Hof von Ravenna aus Hispanien der edle Eutharich, der Amaler
mit dem dunkeln Auge und der weichen Seele: und er, selber krank, erbarmte sich
der kranken halb Blinden: und er sprach mit ihr voll Mitleid und Gte, mit der
Hlichen, die sonst alle mieden. O wie erquickte das meine drstende Seele! Und
es ward beraten, zur Tilgung uralten Hasses der beiden Geschlechter, zur Shne
alter und neuer Schuld - denn auch den Baltenherzog Alarich hatte man auf
geheime, unbewiesene Anklage gerichtet -, da die arme, mihandelte
Baltentochter des edelsten Amalers Weib werden sollte.
    Aber als du es erfuhrst, du, die mich verstmmelt, da beschlossest du, mir
den Geliebten zu nehmen: nicht aus Eifersucht, nicht, weil du ihn liebtest,
nein, aus Stolz, weil du den ersten Mann im Gotenreich, den nchsten Manneserben
der Krone, fr dich haben wolltest.
    Das beschlossest du und hast es durchgesetzt: denn dein Vater konnte dir
keinen Wunsch versagen: und Eutharich verga alsbald seines Mitleids mit der
Einugigen, als ihm die Hand der schnen Knigstochter winkte. Zur Entschdigung
- oder war es zum Hohne? - gab man auch mir einen Amaler: - Theodahad, den
elenden Feigling!
    Gothelindis, ich schwre dir, ich hatte nie geahnt, da du Eutharich
liebtest. Wie konnte ich -
    Freilich, wie konntest du glauben, da die Hliche die Gedanken so hoch
erhebe? O, du Verfluchte! Und httest du ihn noch geliebt und beglckt - alles
htt' ich dir verziehen. Aber du hast ihn nicht geliebt, du kannst ja nur das
Zepter lieben! Elend hast du ihn gemacht. Jahrelang sah ich ihn an deiner Seite
schleichen, gedrckt, ungeliebt, erkltet bis ins Herz hinein von deiner Klte.
Der Gram um deinen eisigen Stolz hat ihn frh gemordet: du, du hast mir den
Geliebten geraubt und ins Grab gebracht - Rache, Rache fr ihn.
    Und die weite Wlbung widerhallte von dem Ruf: Rache! Rache!
    Zu Hilfe! rief Amalaswintha und eilte verzweifelnd, mit den Hnden an die
Marmorplatten schlagend, den Kreis der Galerie entlang.
    Ja, rufe nur, hier hrt dich niemand als der Gott der Rache. Glaubst du,
umsonst hab' ich solang meinen Ha gezgelt? Wie oft, wie leicht htte ich schon
in Ravenna mit Dolch und Gift dich erreichen knnen: aber nein, hierher hab' ich
dich gelockt. An dem Denkstein meiner Vettern, vor Einer Stunde an deinem Bette,
hab' ich mit hchster Mhe meinen erhobenen Arm vom Streiche abgehalten: - denn
langsam, Zoll fr Zoll, sollst du sterben, stundenlang will ich sie wachsen
sehen, die Qualen deines Todes.
    Entsetzliche!
    O, was sind Stunden gegen die Jahrzehnte, die du mich gemartert mit meiner
Entstellung, mit deiner Schnheit, mit dem Besitz des Geliebten. Was sind
Stunden gegen Jahrzehnte! Aber du sollst es ben.
    Was willst du tun? rief die Gequlte, wieder und wieder an den Wnden nach
einem Ausgang suchend.
    Ertrnken will ich dich, langsam, langsam in den Wasserknsten dieses
Bades, die dein Freund Cassiodor gebaut. Du weit es nicht, welche Qualen der
Eifersucht, der ohnmchtigen Wut ich in diesem Hause getragen, da du Beilager
hieltest mit Eutharich, und ich war in deinem Gefolge und mute dir dienen! In
diesem Bade, du bermtige, habe ich dir die Sandalen gelst und die stolzen
Glieder getrocknet; - in diesem Bade sollst du sterben!
    Und sie drckte an einer Feder.
    Der Boden des Beckens im oberen Stockwerke, die runde Metallplatte, teilte
sich in zwei Halbkreise, die links und rechts in die Mauer zurckwichen: mit
Entsetzen sah die Gefangene von der schmalen Galerie in die turmhohe Tiefe zu
ihren Fen.
    Denk an mein Auge! rief Gothelindis, und im Erdgescho ffneten sich
pltzlich die Schleusentren und die Wogen des Sees schossen ungestm herein,
brausend und zischend, und sie stiegen hher und hher mit furchtbarer
Raschheit.
    Amalaswintha sah den sichern Tod vor Augen: sie erkannte die Unmglichkeit,
zu entrinnen oder ihre teuflische Feindin mit Bitten zu erweichen: da kehrte ihr
der alte, stolze Mut der Amalungen wieder: sie fate sich und ergab sich in ihr
Los. Sie entdeckte neben den vielen Reliefs aus der hellenischen Mythe in ihrer
Nhe rechts vom Eingang eine Darstellung vom Tode Christi: das erquickte ihre
Seele: sie warf sich vor dem in Marmor gehauenen Kreuze nieder, fate es mit
beiden Hnden und betete ruhig mit geschlossenen Augen, whrend die Wasser
stiegen und stiegen, schon rauschten sie an den Stufen der Galerie.
    Beten willst du, Mrderin? Hinweg von dem Kreuz! rief Gothelindis grimmig,
denk' an die drei Herzoge! Und pltzlich begannen alle die Delphine und
Tritonen auf der rechten Seite des Achtecks Strme heien Wassers auszuspeien:
weier Dampf quoll aus den Rhren.
    Amalaswintha sprang auf und eilte auf die linke Seite der Galerie:
Gothelindis, ich vergebe dir! tte mich, aber verzeih auch du meiner Seele.
Und das Wasser stieg und stieg: schon schwoll es ber die oberste Stufe und
drang langsam auf den Boden der Galerie. Ich dir vergeben? Niemals! Denk' an
Eutharich!
    Und zischend schossen jetzt von links die dampfenden Wasserstrahlen auf
Amalaswintha. Sie flchtete nun in die Mitte, gerade dem Medusenhaupt gegenber,
die einzige Stelle, wohin kein Strahl der Wasserrhren reichte.
    Wenn sie die hier angebrachte Sprungbrcke erstieg, konnte sie noch einige
Zeit ihr Leben fristen: Gothelindis schien dies zu erwarten und sich an der
verlngerten Qual weiden zu wollen. schon brauste das Wasser auf dem Marmorboden
der Galerie und besplte die Fe der Gefangenen; rasch flog sie die
braunglnzenden Staffeln hinan und lehnte sich an die Brstung der Brcke: Hre
mich, Gothelindis! meine letzte Bitte! Nicht fr mich - fr mein Volk, fr unser
Volk: - Petros will es verderben und Theodahad ... - ... -
    Ja, ich wute, dieses Reich ist die letzte Sorge deiner Seele! Verzweifle!
Es ist verloren! Diese trichten Goten, die jahrhundertelang den Balten die
Amaler vorgezogen, sie sind verkauft und verraten von dem Haus der Amaler:
Belisarius naht, und niemand ist, der sie warnt.
    Du irrst, Teufelin, sie sind gewarnt. Ich, ihre Knigin, habe sie gewarnt.
Heil meinem Volk! Verderben seinen Feinden und Gnade meiner Seele!
    Und mit raschem Sprung strzte sie sich hoch von der Brstung in die Fluten,
die sich brausend ber ihr schlossen.
    Gothelindis blickte starr auf die Stelle, wo ihr Opfer gestanden. Sie ist
verschwunden, sagte sie. Dann schaute sie in die Flut: obenauf schwamm das
Brusttuch Amalaswinthens. Noch im Tode berwindet mich dieses Weib, sagte sie
langsam: wie lang war der Ha und wie kurz die Rache!

                               Siebentes Kapitel.


Wenige Tage nach diesen Ereignissen finden wir zu Ravenna in dem Gemach des
Gesandten von Byzanz eine Anzahl von vornehmen Rmern, geistlichen und
weltlichen Standes versammelt: auch die Bischfe Hypatius und Demetrius aus dem
Ostreich weilten bei ihm.
    Groe Aufregung, aus Zorn und Furcht gemischt, sprach aus allen Gesichtern,
als der gewandte Rhetor seine Ansprache mit folgenden Worten schlo: Deshalb,
ihr ehrwrdigen Bischfe des Westreichs und des Ostreichs und ihr edeln Rmer,
hab' ich euch hierher beschieden. Laut und feierlich lege ich vor euch im Namen
meines Kaisers Verwahrung ein gegen alle Taten der Arglist und Gewalt, die im
geheimen gegen die hohe Frau verbt werden mgen.
    Seit neun Tagen ist sie verschwunden aus Ravenna: wohl mit Gewalt
hinweggefhrt aus eurer Mitte: sie, die von jeher die Freundin, die Beschtzerin
der Italier gewesen. Verschwunden ist am gleichen Tage die Knigin, ihre grimme
Feindin. Ich habe Eilboten ausgesandt, nach allen Richtungen, noch bin ich ohne
Nachricht; aber wehe, wenn ... -
    Er konnte nicht vollenden.
    Dumpfes Gerusch scholl von dem Forum des Herkules herauf, bald hrte man
hastige Schritte im Vestibulum, der Vorhang ward zurckgeschlagen und ins Gemach
eilte staubbedeckt einer der byzantinischen Sklaven des Gesandten: Herr, rief
er, sie ist tot! Sie ist ermordet!
    Ermordet! scholl es in der Runde.
    Durch wen? fragte Petros.
    Von Gothelindis auf der Villa im Bolsener See.
    Wo ist die Leiche? Wo die Mrderin?
    Gothelindis gibt vor, die Frstin sei im Bad ertrunken, unkundig mit den
Wasserknsten spielend. Aber man wei, da sie ihrem Opfer von hier auf dem Fue
nachgefolgt. Rmer und Goten eilen zu Hunderten nach der Villa, die Leiche in
feierlichem Zuge hierher zu geleiten. Die Knigin floh vor der Rache des Volks
in das feste Schlo von Feretri.
    Genug, rief Petros entrstet, ich eile zum Knig und fordre euch auf, ihr
edeln Mnner, mir zu folgen. Auf euer Zeugnis will ich mich berufen vor Kaiser
Justinian. Und sofort eilte er an der Spitze der Versammelten nach dem Palast.
    Sie fanden auf den Straen eine Menge Volks in Bestrzung und Entrstung hin
und her wogend: die Nachricht war in die Stadt gedrungen und flog von Haus zu
Haus.
    Als man den Gesandten des Kaisers und die Vornehmen der Stadt erkannte,
ffnete sich die Menge vor ihnen, schlo sich aber dicht hinter ihnen wieder und
flutete nach auf dem Wege in den Palast, von dessen Toren sie kaum abgehalten
wurde. Von Minute zu Minute stieg die Zahl und der Lrm des Volkes: auf dem
Forum des Honorius drngten sich die Ravennaten zusammen, die mit der Trauer um
ihre Beschtzerin schon die Hoffnung vereinten, bei diesem Anla die
Barbarenherrschaft fallen zu sehen: das Erscheinen des kaiserlichen Gesandten
steigerte diese Hoffnung und der Auflauf vor dem Palast nahm mehr und mehr eine
Richtung, die keineswegs blo Theodahad und Gothelindis bedrohte.
    Inzwischen eilte Petros mit seiner Begleitung in das Gemach des hilflosen
Knigs, den mit seiner Gattin alle Kraft des Widerstandes verlassen hatte: er
zagte vor der Aufregung der unten wogenden Menge und hatte nach Petros gesendet,
von ihm Rat und Hilfe zu erlangen, da ja dieser es gewesen, der mit Gothelindis
den Untergang der Frstin beschlossen und die Art der Ausfhrung beraten hatte.
er sollte ihm jetzt auch die Folgen der Tat tragen helfen. Als daher der
Byzantiner auf der Schwelle erschien, eilte er, beide Arme ausbreitend, auf ihn
zu: aber erstaunt blieb er pltzlich stehen: erstaunt ber die Begleitung, noch
mehr erstaunt ber die finster drohende Miene des Gesandten.
    Ich fordre Rechenschaft von dir, Knig der Goten, rief dieser schon an der
Tre, Rechenschaft im Namen von Byzanz fr die Tochter Theoderichs. Du weit,
Kaiser Justinian hat sie seines besondern Schutzes versichert: jedes Haar ihres
Hauptes ist daher heilig und heilig jeder Tropfe ihres Blutes. Wo ist
Amalaswintha?
    Der Knig sah ihn staunend an. Er bewunderte diese Verstellungskunst. Aber
er begriff ihren Zweck nicht. Er schwieg.
    Wo ist Amalaswintha? wiederholte Petros, drohend vortretend und sein
Anhang folgte ihm einen Schritt.
    Sie ist tot, sagte Theodahad, ngstlich werdend.
    Ermordet ist sie, rief Petros, so ruft ganz Italien, ermordet von dir und
deinem Weibe. Justinian, mein hoher Kaiser, war der Schirmherr dieser Frau, er
wird ihr Rcher sein: Krieg knd' ich dir in seinem Namen an, Krieg gegen euch,
ihr blutigen Barbaren, Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht.
    Krieg gegen euch und euer ganz Geschlecht! wiederholten die Italier,
fortgerissen von der Gewalt des Augenblicks und den alten, langgenhrten Ha
entzgelnd: und wie eine Woge brausten sie heran auf den zitternden Knig.
    Petros, stammelte dieser entsetzt, du wirst gedenken des Vertrages, du
wirst doch ... -
    Aber der Gesandte zog eine Papyrusrolle aus dem Mantel und ri sie mitten
durch. Zerrissen ist jedes Band zwischen meinem Kaiser und deinem
blutbefleckten Haus. Ihr selber habt durch eure Greueltat alle Schonung
verwirkt, die man euch frher gewhrt. Nichts von Vertrgen. Krieg!
    Um Gott, jammerte Theodahad, nur nicht Krieg und Kampf! Was forderst du,
Petros?
    Unterwerfung! Rumung Italiens! Dich selber und Gothelindis lad' ich zum
Gericht nach Byzanz vor den Thron Justinians, dort ... -
    Aber seine Rede unterbrach der schmetternde Ruf des gotischen Kriegshorns
und in das Gemach eilte mit gezogenen Schwertern eine starke Schar gotischer
Krieger, von Graf Witichis gefhrt.
    Die gotischen Fhrer hatten sofort auf die Nachricht von Amalaswinthens
Untergang die tchtigsten Mnner ihres Volks in Ravenna zu einer Beratung vor
die Porta romana beschieden und dort Maregeln der Sicherung und der
Gerechtigkeit beraten.
    Zur rechten Zeit erschienen sie jetzt auf dem Forum des Honorius, wo der
Auflauf immer drohender wurde: schon blinkte hier und dort ein Dolch, schon
ertnte manchmal der Ruf: Wehe den Barbaren!
    Diese Zeichen und Stimmen verschwanden und verstummten sofort, als nun die
verhaten Goten in geschlossenem Zug von dem Forum des Herkules her durch die
Via palatina anrckten: ohne Widerstand zogen sie quer durch die grollenden
Haufen und indessen Graf Teja und Hildebad die Tore und die Terrasse des
Palastes besetzten, waren Graf Witichis und Hildebrand gerade rechtzeitig im
Gemache des Knigs angelangt, die letzten Worte des Gesandten noch zu hren. Ihr
Zug stellte sich in einer Schwenkung rechts vom Thronsitz des Knigs, zu dem
dieser zurckgewichen war: und Witichis auf sein langes Schwert gesttzt, trat
hart vor den Griechen hin und sah ihm scharf ins Auge.
    Eine erwartungsvolle Pause trat ein.
    Wer wagt es, fragte Witichis ruhig, hier den Herrn und Meister zu spielen
im Knigshaus der Goten?
    Von seiner berraschung sich erholend entgegnete Petros: Es steht dir bel
an, Graf Witichis, Mrder zu beschtzen. Ich hab' ihn nach Byzanz geladen vor
Gericht.
    Und darauf hast du keine Antwort, Amalunge? rief der alte Hildebrand
zornig.
    Aber das bse Gewissen band dem Knige die Stimme.
    So mssen wir statt seiner sprechen, sagte Witichis. Wisse, Grieche,
vernehmt es wohl, ihr falschen und undankbaren Ravennaten: das Volk der Goten
ist frei und erkennt auf Erden keinen Herrn und Richter ber sich.
    Auch nicht fr Mord und Blutschuld?
    Wenn schwere Taten unter uns geschehn, richten und strafen wir sie selbst.
Den Fremdling geht das nichts an, am wenigsten unsern Feind, den Kaiser in
Byzanz.
    Mein Kaiser wird diese Frau rchen, die er nicht retten konnte. Liefert die
Mrder aus nach Byzanz.
    Wir liefern keinen Gotenknecht nach Byzanz, geschweige unsern Knig,
sprach Witichis.
    So teilt ihr seine Strafe wie seine Schuld und Krieg erklr' ich euch, im
Namen meines Herrn. Erbebt vor Justinian und Belisar.
    Eine freudige Bewegung der gotischen Krieger war die Antwort. Der alte
Hildebrand trat ans Fenster und rief zu den unten stehenden Goten hinab: Hrt,
ihr Goten, frohe Kunde: Krieg, Krieg mit Byzanz.
    Da brach unten ein Getse los, wie wenn das Meer entfesselt ber seine Dmme
bricht, die Waffen klirrten und tausend Stimmen jubelten: Krieg, Krieg mit
Byzanz!
    Dieser Widerhall blieb nicht ohne Eindruck auf Petros und die Italier: das
Ungestm solcher Begeisterung erschreckte sie: schweigend sahen sie vor sich
nieder. Whrend die Goten sich glckwnschend die Hnde schttelten, trat
Witichis ernst, gesenkten Hauptes, in die Mitte, hart neben Petros und sprach
feierlich: Also Krieg! Wir scheuen ihn nicht: - du hast es gehrt. Besser
offner Kampf als die langjhrige, lauernde, whlende Feindschaft. Der Krieg ist
gut: aber wehe dem Frevler, der ohne Recht und ohne Grund den Krieg beginnt. Ich
sehe Jahre voraus, viele Jahre von Blut und Mord und Brand, ich sehe zerstampfte
Saaten, rauchende Stdte, zahllose Leichen die Strme hinabschwimmen. Hrt unser
Wort: auf euer Haupt dies Blut, dies Elend. Ihr habt geschrt und gereizt
jahrelang: wir haben's ruhig getragen. Und jetzt habt ihr den Krieg
hereingeschleudert, richtend, wo ihr nicht zu richten habt, ohne Grund euch
mischend in das Leben eines Volkes, das so frei wie ihr: auf euer Haupt die
Schuld. Dies unsre Antwort nach Byzanz.
    Schweigend hrte Petros diese Worte an, schweigend wandte er sich und
schritt mit seinen italischen Freunden hinaus. Einige von diesen gaben ihm das
Geleit bis in seine Wohnung, unter ihnen der Bischof von Florentia.
    Ehrwrdiger Freund, sagte er zu diesem beim Abschied, die Briefe
Theodahads in der bewuten Sache, die ihr mir zur Einsicht anvertraut, mut du
mir ganz belassen. Ich bedarf ihrer und fr deine Kirche sind sie nicht mehr
ntig. - Der Proze ist lngst entschieden, erwiderte der Bischof, und die
Gter unwiderruflich erworben. Die Dokumente sind dein. -
    Darauf verabschiedete der Gesandte seine Freunde, die ihn bald mit dem
kaiserlichen Heer in Ravenna wiederzusehen hofften, und eilte in sein Gemach, wo
er zuerst einen Boten an Belisar abfertigte, ihn zum sofortigen Angriff
aufzufordern.
    Darauf schrieb er einen ausfhrlichen Bericht an den Kaiser, der mit
folgenden Worten schlo: Und so scheinst Du, o Herr, wohl Grund zu haben, mit
den Diensten Deines getreuesten Knechts zufrieden zu sein und mit der Lage der
Dinge. Das Volk der Barbaren in Parteien zerspalten: auf dem Thron ein verhater
Frst, unfhig und treulos: die Feinde sonder Rstung berrascht: die italische
Bevlkerung berall fr Dich gewonnen: es kann nicht fehlen: wenn keine Wunder
geschehen, mssen die Barbaren fast ohne Widerstand erliegen.
    Und wie so oft tritt auch hier mein erhabener Kaiser, dessen Stolz das
Recht, als Schirmherr und Rcher der Gerechtigkeit auf: - es ist ein geistvoller
Zufall, da die Triere, die mich trgt, den Namen Nemesis fhrt.
    Nur das Eine betrbt mich unendlich, da es meinem treuen Eifer nicht
gelungen, die unselige Tochter Theoderichs zu retten. Ich flehe Dich an, meiner
hohen Herrin, der Kaiserin, die mir niemals gndig gesinnt war, wenigstens zu
versichern, da ich allen ihren Auftrgen bezglich der Frstin, deren Schicksal
sie mir noch in der letzten Unterredung als Hauptsorge ans Herz legte, aufs
treueste nachzukommen suchte.
    Auf die Anfrage bezglich Theodahads und Gothelindens, deren Hilfe uns das
Gotenreich in die Hnde liefert, wage ich es, der hohen Kaiserin mit der ersten
Regel der Klugheit zu antworten: es ist zu gefhrlich, die Mitwisser unsrer
tiefsten Geheimnisse am Hof zu haben.
    Diesen Brief sandte Petros eilig durch die beiden Bischfe Hypatius und
Demetrius voraus. Sie sollten nach Brundusium und von da ber Epidamnus auf dem
Landwege nach Byzanz eilen. Er selbst wollte erst nach einigen Tagen folgen,
langsam die gotische Kste des Ionischen Meerbusens entlang fahrend, berall die
Stimmung der Bevlkerung in den Hafenstdten zu prfen und zu schren.
    Dann sollte er um den Peloponnes und Euba her nach Byzanz segeln: denn die
Kaiserin hatte ihm den Seeweg vorgeschrieben und ihm Auftrge fr Athen und
Lampsakos erteilt.
    Er berrechnete schon vor der Abreise von Ravenna mit vergngten Sinnen
immer wieder seine Wirksamkeit in Italien und den Lohn, den er dafr in Byzanz
erwartete.
    Er kehrte zurck, noch einmal so reich als er gekommen.
    Denn er hatte der Knigin Gothelindis nie eingestanden, da er mit dem
Auftrag, Amalaswintha zu verderben, ins Land gekommen. Er hatte ihr vielmehr
lange die Gefahr der Ungnade bei Kaiser und Kaiserin entgegengehalten und sich
nur mit Widerstreben durch sehr hohe Summen von ihr fr den Plan gewinnen
lassen, in welchem er sie doch nur als Werkzeug brauchte. Er erwartete in Byzanz
mit Sicherheit die versprochene Wrde des Patriziats und freute sich schon,
seinem hochmtigen Vetter Narses, der ihn nie befrdert hatte, nun bald in
gleichem Range gegenberzutreten.
    So ist denn alles nach Wunsch gelungen, sagte er selbstzufrieden, whrend
er seine Briefschaften ordnete: und diesmal, du stolzer Freund Cethegus, hat
sich die Verschmitztheit doch trefflich bewhrt. Und der kleine Rhetor aus
Thessalonike hat es doch weiter gebracht mit seinen kleinen, leisen Schritten,
denn du mit deinem stolzen, herausfordernden Gang. Nur mu noch dafr gesorgt
werden, da Theodahad und Gothelindis nicht nach Byzanz an den Hof entrinnen:
wie gesagt, das wre zu gefhrlich: vielleicht hat die Frage der klugen Kaiserin
eine Warnung sein sollen. Nein, dieses Knigspaar mu verschwinden aus unsern
Wegen.
    Und er lie den Gastfreund rufen, bei dem er gewohnt, und nahm Abschied von
ihm. Dabei bergab er ihm eine dunkle, schmale Vase von der Form derer, die zur
Aufbewahrung von Urkunden dienten: er versiegelte den Deckel mit seinem Ring,
der einen feingeschnittenen Skorpion zeigte, und schrieb einen Namen auf die
daran hngende Wachstafel. Diesen Mann, sagte er dem Gastfreund, suche auf
bei der nchsten Versammlung der Goten zu Regeta und bergib ihm die Vase: was
sie enthlt ist sein. Leb wohl, auf baldig Wiedersehen hier in Ravenna.
    Und er verlie mit seinen Sklaven das Haus und bestieg alsbald das
Gesandtenschiff: von stolzen Erwartungen hoch gehoben trug ihn die Nemesis
dahin.
    Und als sich nun sein Schiff dem Hafen von Byzanz nherte, von Lampsakos aus
hatte er - auch dies hatte die Kaiserin gewnscht - seine baldige Ankunft durch
einen kaiserlichen Schnellsegler, der eben abging, melden lassen, berflog des
Gesandten Auge erwartungsvoll die schnen Landhuser, die marmorwei aus den
Schatten immergrner Grten blinkten.
    Hier wirst du knftig wohnen, unter den Senatoren des Reichs, sprach
wohlgefllig Petros.
    Vor dem Einlaufen in den Hafen flog die Thetis, das prachtvolle Lustboot
der Kaiserin, ihnen entgegen, sowie es des Gesandten Galeere erkannte die
Purpurwimpel entrollend, und sie zum Halten anrufend. Alsbald stieg an Bord der
Galeere ein Bote der Kaiserin: es war Alexandros, der frhere Gesandte am Hof
von Ravenna.
    Er wies dem Trierarchen ein Schreiben des Kaisers, in das dieser einen
erschrockenen Blick warf: dann wandte er sich zu Petros: Im Namen des Kaisers
Justinian! Du bist wegen jahrelang fortgesetzter Urkundenflschung und
Steuerunterschlagung lebenslnglich zu den Metallarbeiten in den Bergwerken von
Cherson bei den ultziagirischen Hunnen verurteilt. Du hast die Tochter
Theoderichs ihren Feinden preisgegeben. Der Kaiser htte Dich durch Deinen Brief
fr entschuldigt erachtet: aber die Kaiserin, untrstlich ber den Untergang
ihrer kniglichen Schwester, hat Deine alte Schuld dem Kaiser entdeckt. Und ein
Brief des Prfekten von Rom an diesen hat dargetan, da Du mit Gothelindis
geheim der Knigin Verderben geplant. Die Kaiserin hat den Kaiser auch hierin
berzeugt. Dein Vermgen ist eingezogen: die Kaiserin aber lt Dir sagen -
hier flsterte er in des Zerschmetterten Ohr -, du habest in Deinem klugen
Brief ihr selbst den Rat erteilt, Mitwisser von Geheimnissen zu verderben.
Trierarch, Du fhrst den Verurteilten sofort an seinen Strafort ab.
    Und Alexandros ging auf die Thetis zurck.
    Die Nemesis aber drehte rauschend ihr Steuer, wandte dem Hafen von Byzanz
den Rcken und trug den Strfling fr immer aus dem Leben der Menschen.

                                Achtes Kapitel.


Wir haben Cethegus, den Prfekten, seit seiner Abreise nach Rom aus den Augen
verloren.
    Er hatte daselbst in den Wochen der erzhlten Ereignisse die eifrigste
Ttigkeit entfaltet: denn er erkannte, da die Dinge jetzt zur Entscheidung
drngten; er konnte ihr getrost entgegensehen.
    Ganz Italien war einig in dem Ha gegen die Barbaren: und wer anders
vermochte es, der Kraft dieses Hasses Bewegung und Ziel zu geben, als das Haupt
der Katakombenverschwrung und der Herr von Rom.
    Das war er durch die jetzt vllig ausgebildeten und ausgersteten Legionare
und durch die nahezu vollendete Befestigung der Stadt, an der er in den letzten
Monaten Nachts wie Tages hatte arbeiten lassen. Und nun war es ihm zuletzt noch
gelungen, wie er glaubte, ein sofortiges Austreten der byzantinischen Macht in
seinem Italien, die Hauptgefahr, die seinen ehrgeizigen Plnen gedroht,
abzuwenden: durch zuverlssige Kundschafter hatte er erfahren, da die
byzantinische Flotte, die bisher lauernd bei Sizilien geankert, sich wirklich
von Italien hinweggewandt und der afrikanischen Kste genhert habe, wo sie die
Seeruberei zu unterdrcken beschftigt schien.
    Freilich sah Cethegus voraus, da es zu einer Landung der Griechen in
Italien kommen werde: er konnte derselben als einer Nachhilfe nicht entbehren.
    Aber alles war ihm daran gelegen, da dies Auftreten des Kaisers eben nur
eine Nachhilfe bleibe: und deshalb mute er, ehe ein Byzantiner den italischen
Boden betreten, eine Erhebung der Italier aus eigner Kraft veranlat und zu
solchen Erfolgen gefhrt haben, da die sptere Mitwirkung der Griechen nur als
eine Nebensache erschien und mit der Anerkennung einer losen Oberhoheit des
Kaisers abgelohnt werden konnte.
    Und er hatte zu diesem Zweck seine Plne trefflich vorbereitet.
    Sowie der letzte rmische Turm unter Dach, sollten die Goten in ganz Italien
an einem Tag berfallen, mit einem Schlag alle festen Pltze, Burgen und Stdte,
Rom, Ravenna und Neapolis voran, genommen werden. Und waren die Barbaren ins
flache Land hinausgeworfen, so stand nicht mehr zu frchten, da sie bei ihrer
groen Unkunde in Belagerungen und bei der Anzahl und Strke der italischen
Festen diese und damit die Herrschaft ber die Halbinsel wieder gewinnen wrden.
    Dann mochte ein byzantinisches Bundesheer helfen, die Goten vollends ber
die Alpen zu drngen: und Cethegus wollte schon dafr sorgen, da diese Befreier
ebenfalls keinen Fu in die wichtigsten Festungen setzen sollten, um sich ihrer
spter unschwer wieder entledigen zu knnen.
    Dieser Plan setzte nun aber voraus, da die Goten durch die Erhebung
Italiens berrascht wrden. Wenn der Krieg mit Byzanz in Aussicht oder gar schon
ausgesprochen war, dann natrlich lieen sich die Barbaren die in Kriegsstand
gesetzten Stdte nicht durch einen Handstreich entreien. Da nun aber Cethegus,
seit er die Sendung des Petros durchschaut hatte, bei jeder Gelegenheit
Justinians Hervortreten aus seiner drohenden Stellung erwarten mute, da es kaum
noch gelungen war, Belisar wieder abzuwenden von Italien, beschlo er, keinen
Augenblick mehr zu verlieren.
    Er hatte auf den Tag der Vollendung der Befestigungen Roms eine allgemeine
Versammlung der Verschworenen in den Katakomben anberaumt, in der das mhsam und
erfindungsreich vorbereitete Werk gekrnt, der Augenblick des Losschlagens
bestimmt und Cethegus als Fhrer dieser rein italischen Bewegung bezeichnet
werden sollte. Er hoffte sicher, den Widerstand der Bestochenen oder
Furchtsamen, die nur fr und mit Byzanz zu handeln geneigt waren, durch die
Begeisterung der Jugend zu berwltigen, wenn er diese sofort in den Kampf zu
fhren versprach.
    Noch vor jenem Tag kam die Nachricht von Amalaswinthens Ermordung, von der
Verwirrung und Spaltung der Goten nach Rom und ungeduldig sehnte der Prfekt die
Stunde der Entscheidung herbei. Endlich war auch der einzige noch unfertige Turm
des aurelischen Tores unter Dach: Cethegus fhrte die letzten Hammerschlge: ihm
war dabei, er hre die Streiche des Schicksals von Rom und von Italien drhnen.
    Bei dem Schmause, den er darauf den Tausenden von Arbeitern in dem Theater
des Pompejus gab, hatten sich auch die meisten der Verschworenen eingefunden,
und der Prfekt benutzte die Gelegenheit, diesen seine unbegrenzte Beliebtheit
im Volk zu zeigen. Auf die jngeren unter den Genossen machte dies freilich den
Eindruck, welchen er gewnscht hatte; aber ein Huflein, dessen Mittelpunkt
Silverius war, zog sich mit finstern Mienen von den Tischen zurck.
    Der Priester hatte seit lange eingesehen, da Cethegus nicht blo Werkzeug
sein wollte, da er eigene Plne verfolgte, die der Kirche und seinem
persnlichen Einflu sehr gefhrlich werden konnten. Und er war entschlossen,
den khnen Verbndeten zu strzen, sobald er entbehrt werden konnte; es war ihm
nicht schwer geworden, die Eifersucht so manches Rmers gegen den berlegenen im
geheimen zu schren.
    Die Anwesenheit aber zweier Bischfe aus dem Ostreich, Hypatius von Ephesus
und Demetrius von Philippi, die in Glaubensfragen ffentlich mit dem Papst, aber
geheim mit Knig Theodahad, in Untersttzung des Petros, in Politik
verhandelten, hatte der kluge Archidiakon benutzt, um mit Theodahad und mit
Byzanz in enge Verbindung zu treten.
    Du hast recht, Silverius, murrte Scvola im Hinausgehen aus dem Tor des
Theaters, der Prfekt ist Marius und Csar in Einer Person. - Er verschwendet
diese ungeheuren Summen nicht umsonst, man darf ihm nicht zu sehr trauen,
warnte der geizige Albinus. - Lieben Brder, mahnte der Priester, sehet zu,
da ihr nicht einen unter euch lieblos verdammet. Wer solches tte, wre des
hllischen Feuers schuldig. Freilich beherrscht unser Freund die Fuste der
Handwerker wie die Herzen seiner jungen Ritter: es ist das gut, er kann dadurch
die Tyrannei zerbrechen ... -
    Aber dadurch auch eine neue aufrichten, meinte Calpurnius.
    Das soll er nicht, wenn Dolche noch tten, wie in Brutus' Tagen, sprach
Scvola.
    Es bedarf des Blutes nicht. Bedenket nur immer: sagte Silverius, je nher
der Tyrann, desto drckender die Tyrannei: je ferner der Herrscher, desto
ertrglicher die Herrschaft. Das schwere Gewicht des Prfekten ist aufzuwiegen
durch das schwerere des Kaisers.
    Jawohl, stimmte Albinus bei, der groe Summen von Byzanz erhalten hatte,
der Kaiser mu der Herr Italiens werden. - Das heit, beschwichtigte
Silverius den unwillig auffahrenden Scvola, wir mssen den Prfekten durch den
Kaiser, den Kaiser durch den Prfekten niederhalten. Siehe, wir stehen an der
Schwelle meines Hauses. Lat uns eintreten. Ich habe geheim euch mitzuteilen,
was heute abend in der Versammlung kundwerden soll. Es wird euch berraschen.
Aber andre Leute noch mehr.
    Inzwischen war auch der Prfekt von dem Gelage nach Hause geeilt, sich in
einsamem Sinnen zu seinem wichtigen Werke zu bereiten. Nicht seine Rede
berdachte er: wute er doch lngst was er zu sagen hatte und, ein glnzender
Redner, dem die Worte so leicht wie die Gedanken kamen, berlie er den Ausdruck
gern dem Antrieb des Augenblicks, wohl wissend, da das eben frisch aus der
Seele geschpfte Wort am lebendigsten wirkt.
    Aber er rang nach innerer Ruhe: denn seine Leidenschaft schlug hohe Wellen.
    Er berschaute die Schritte, die er nach seinem Ziele hin getan, seit zuerst
dieses Ziel mit dmonischer Gewalt ihn angezogen: er erwog die kurze Strecke,
die noch zurckzulegen war: er berzhlte die Schwierigkeiten, die Hindernisse,
die noch auf diesem Wege lagen und erma dagegen die Kraft seines Geistes, sie
zu berwinden: und das Ergebnis dieses prfenden Wgens erzeugte in ihm eine
Siegesfreude, die ihn mit jugendlicher Aufregung ergriff.
    Mit gewaltigen Schritten durchma er das Gemach.
    Die Muskeln seiner Arme spannten sich wie in der Stunde beginnender
Schlacht: er umgrtete sich mit dem breiten, siegreichen Schwert seiner
Kriegsfahrten und drckte krampfhaft dessen Adlergriff, als gelte es, jetzt
gegen zwei Welten, gegen Byzanz und die Barbaren, sein Rom zu erkmpfen. Dann
trat er der Csarstatue gegenber und sah ihr lange in das schweigende
Marmorantlitz. Endlich ergriff er mit beiden Hnden die Hften des Imperators
und rttelte an ihnen: lebwohl, sagte er, und gib mir dein Glck mit auf den
Weg. Mehr brauch' ich nicht.
    Und rasch wandte er sich und eilte aus dem Gemache und durch das Atrium
hinaus auf die Strae, wo ihn schon die ersten Sterne begrten.
    Zahlreicher als je hatten sich die Verschwornen an diesem Abend in den
Katakomben eingefunden: waren doch durch ganz Italien die Ladungen zu dieser
Versammlung als zu einer entscheidungsvollen ergangen. So waren auf den Wunsch
des Prfekten besonders alle strategisch wichtigen Punkte vertreten: von den
starken Grenzhterinnen Tridentum, Tarvisium und Verona, die das Eis der Alpen
schauen, bis zu Otorantum und Consentia, welche die laue Welle des Ausonischen
Meeres besplt, hatten sie alle ihre Boten zugesendet, jene berhmten Stdte
Siziliens und Italiens mit den stolzen, den schnen, den weltgeschichtlichen
Namen: Syrakus und Catana, Panormus und Messana, Regium, Neapolis und Cum,
Capua und Beneventum, Antium und Ostia, Reate und Narnia, Volsinii, Urbsvetus
und Spoletum, Clusium und Perusia, Auximum und Ancon, Florentia und Fsul,
Pisa, Luca, Luna und Genua, Ariminium, Csena, Faventia und Ravenna, Parma,
Dertona und Placentia, Mantua, Cremona und Ticinum (Pavia), Mediolanum, Comum
und Bergamum, Asta und Pollentia: dann von der Nord- und Ostkste des Ionischen
Meerbusens: Concordia, Aquileja, Jadera, Scardona und Salona.
    Da waren ernste Senatoren und Decurionen, ergraut in dem Rat ihrer Stdte,
deren Hupter ihre Ahnen seit Jahrhunderten gewesen: kluge Kaufleute,
breitschultrige Gutsherrn, rechthaberische Juristen, spttische Rhetoren: und
namentlich eine groe Anzahl von Geistlichen jedes Ranges und jedes Alters: die
einzige fest organisierte Macht und Silverius unbedingt gehorsam.
    Wie Cethegus, noch hinter der Mndung des schmalen Ganges verborgen, die
Massen in dem Halbrund der Grotte bersah, konnte er sich eines verchtlichen
Lchelns nicht erwehren, das aber in einen Seufzer auslief. Auer der
allgemeinen Abneigung gegen die Barbaren, die doch bei weitem nicht stark genug
war, schwere politische Plne mit Opfern und Entsagungen zu tragen - welch'
verschiedene und oft welch kleine Motive hatten diese Verschwornen hier
zusammengefhrt!
    Cethegus kannte die Beweggrnde der einzelnen genau: hatte er sie doch durch
Bearbeitung ihrer schwchsten Seiten beherrschen gelernt. Und er mute zuletzt
noch froh darum sein: echte Rmer htte er nie, wie diese Verschworenen, so
vllig unter seinen Einflu gebracht.
    Aber wenn er sie nun hier alle beisammen sah, diese Patrioten, und bedachte,
wie den einen die Hoffnung auf einen Titel von Byzanz, den andern plumpe
Bestechung, einen dritten Rachsucht wegen irgendeiner Beleidigung oder auch nur
die Langeweile oder Schulden oder ein schlechter Streich unter die Unzufriedenen
gefhrt: und wenn er sich nun vorstellte, da er mit solchen Bundesgenossen den
gotischen Heermnnern entgegentreten sollte - da erschrak er fast ber die
Vermessenheit seines Planes.
    Und eine Erquickung war es ihm, als die helle Stimme des Lucius Licinius
seinen Blick auf die Schar der jungen Ritter lenkte, denen wirklich
kriegerischer Mut und nationale Begeisterung aus den Augen sprhte: so hatte er
doch einige verlssige Waffen. -
    Gegrt, Lucius Licinius, sprach er, aus dem Dunkel des Ganges
hervortretend. Ei, du bist ja gerstet und gewaffnet, als ging es von hier
gegen die Barbaren.
    Kaum bezwing ich das Herz in der Brust vor Ha und vor Freude, sagte der
schne Jngling. Sieh, alle diese hier hab' ich fr dich, fr das Vaterland
geworben.
    Cethegus blickte grend umher:
    Auch du hier, Kallistratos - du heitrer Sohn des Friedens?
    Hellas wird ihre Schwester Italia nicht verlassen in der Stunde der
Gefahr, sagte der Hellene und legte die weie Hand auf das zierliche Schwert
mit dem Griff von Elfenbein. Und Cethegus nickte ihm zu und wandte sich zu den
andern: Marcus Licinius, Piso, Massurius, Balbus, die, seit den Floralien ganz
von dem Prfekten gewonnen, ihre Brder, Vettern, Freunde mitgebracht hatten.
Prfend flog sein Blick ber die Gruppe, er schien einen aus diesem Kreise zu
vermissen. Lucius Licinius erriet seine Gedanken: Du suchst den schwarzen
Korsen, Furius Ahalla?
    Auf den kannst du nicht zhlen. Ich holte ihn von weitem aus, aber er
sprach: Ich bin ein Korse, kein Italier: mein Handel blht unter gotischem
Schutz: lat mich aus eurem Spiel. Und als ich weiter in ihn drang - denn ich
gewnne gern sein khnes Herz und die vielen Tausende von Armen, ber die er
gebeut - sprach er kurz abweisend: Ich fechte nicht gegen Totila.
    Die Gtter mgen wissen, was den tigerwilden Korsen an jenen Milchbart
bindet, meinte Piso.
    Cethegus lchelte, aber er furchte die Stirn. Ich denke, wir Rmer
gengen, sprach er laut: und das Herz der Jnglinge schlug.
    Erffne die Versammlung, mahnte Scvola unwillig den Archidiakon, du
siehst, wie er die jungen Leute beschwatzt; er wird sie alle gewinnen.
Unterbrich ihn: rede.
    Sogleich. Bist du gewi, da Albinus kommt?
    Er kommt; er erwartet den Boten am appischen Tor.
    Wohlan, sagte der Priester, Gott mit uns! Und er trat in die Mitte der
Rotunde, erhob ein schwarzes Kreuz und begann: Im Namen des dreieinigen Gottes!
Wieder einmal haben wir uns versammelt im Grauen der Nacht zu den Werken des
Lichts. Vielleicht zum letztenmal: denn wunderbar hat der Sohn Gottes, dem die
Ketzer die Ehre weigern, unsere Mhen zu seiner Verherrlichung, zur Vernichtung
seiner Feinde gesegnet. Nchst Gott dem Herrn aber gebhrt der hchste Dank dem
edeln Kaiser Justinian und seiner frommen Gemahlin, die mit ttigem Mitleid die
Seufzer der leidenden Kirche vernehmen: und endlich hier unsrem Freund und
Fhrer, dem Prfekten, der unablssig fr unsres Herrn, des Kaisers Sache, wirkt
... -
    Halt, Priester! rief Lucius Licinius dazwischen, wer nennt den Kaiser von
Byzanz hier unsern Herrn? wir wollen nicht den Griechen dienen statt den Goten!
Frei wollen wir sein!
    - Frei wollen wir sein, wiederholte der Chor seiner Freunde.
    Frei wollen wir werden! fuhr Silverius fort. Gewi. Aber das knnen wir
nicht aus eigner Macht, nur mit des Kaisers Hilfe. Glaubt auch nicht, geliebte
Jnglinge, der Mann, den ihr als euren Vorkmpfer verehrt, Cethegus, denke
hierin anders. Justinian hat ihm einen kstlichen Ring - sein Bild in Karneol -
gesendet, zum Zeichen, da er billige, was der Prfekt fr ihn, den Kaiser, tue
und der Prfekt hat den Ring angenommen: sehet hier, er trgt ihn am Finger.
    Betroffen und unwillig sahen die Jnglinge auf Cethegus. Dieser trat
schweigend in die Mitte. Eine peinliche Pause entstand.
    Sprich, Feldherr! rief Lucius, widerlege sie! Es ist nicht wie sie sagen
mit dem Ring.
    Aber Cethegus zog den Ring kopfnickend ab: Es ist wie sie sagen: der Ring
ist vom Kaiser und ich hab' ihn angenommen.
    Lucius Licinius trat einen Schritt zurck.
    Zum Zeichen? fragte Silverius.
    Zum Zeichen, sprach Cethegus mit drohender Stimme, da ich der
herrschschtige Selbstling nicht bin, fr den mich einige halten, zum Zeichen,
da ich Italien mehr liebe als meinen Ehrgeiz. Ja, ich baute auf Byzanz und
wollte dem mchtigen Kaiser die Fhrerstelle abtreten - darum nahm ich diesen
Ring. Ich baue nicht mehr auf Byzanz, das ewig zgert: deshalb hab' ich diesen
Ring heute mitgebracht, ihn dem Kaiser zurckzustellen. Du, Silverius, hast dich
als den Vertreter von Byzanz erwiesen: hier, gib deinem Herrn sein Pfand zurck:
er sumt zu lang: sag' ihm, Italien hilft sich selbst.
    Italien hilft sich selbst! jubelten die jungen Ritter.
    Bedenket, was ihr tut! warnte mit verhaltnem Zorn der Priester. Den
heien Mut der Jnglinge begreif' ich, - aber da meines Freundes, des gereiften
Mannes, Hand nach dem Unerreichbaren greift, - befremdet mich. Bedenket die Zahl
und wilde Kraft der Barbaren! Bedenket, wie die Mnner Italiens seit lange des
Schwertes entwhnt, wie alle Zwingburgen des Landes in der Hand ... -
    Schweig, Priester, donnerte Cethegus, das verstehst du nicht! Wo es die
Psalmen zu erklren gilt und die Seele nach dem Himmelreich zu lenken, da rede
du: denn solches ist dein Amt; wo's aber Krieg und Kampf der Mnner gilt, la
jene reden, die den Krieg verstehen. Wir lassen dir den ganzen Himmel - la uns
nur die Erde. Ihr rmischen Jnglinge, ihr habt die Wahl. Wollt ihr abwarten,
bis dieses wohlbedchtige Byzanz sich doch vielleicht Italiens noch erbarmt ihr
knnt mde Greise werden bis dahin - oder wollt ihr, nach alter Rmer Art, die
Freiheit mit dem eignen Schwert erkmpfen? Ihr wollt's, ich seh's am Feuer eurer
Augen. Wie? man sagt uns, wir sind zu schwach, Italien zu befreien? Ha, seid ihr
nicht die Enkel jener Rmer, die den Weltkreis bezwangen? Wenn ich euch aufrufe,
Mann fr Mann, da ist kein Name, der nicht klingt wie Heldenruhm: Decius,
Corvinus, Cornelius, Valerius, Licinius - wollt ihr mit mir das Vaterland
befreien?
    Wir wollen es! Fhre uns, Cethegus! riefen die Jnglinge begeistert.
    Nach einer Pause begann der Jurist: Ich heie Scvola. Wo rmische
Heldennamen aufgerufen werden, htte man auch des Geschlechts gedenken mgen in
dem das Heldentum der Klte erblich ist. Ich frage dich, du jugendheier Held
Cethegus, hast du mehr als Trume und Wnsche, wie diese jungen Toren, hast du
einen Plan? -
    Mehr als das, Scvola, ich habe und halte den Sieg. Hier ist die Liste fast
aller Festungen Italiens: an den nchsten Iden, in dreiig Tagen also, fallen
sie, alle, auf Einen Schlag, in meine Hand.
    Wie? dreiig Tage sollen wir noch warten? fragte Lucius.
    Nur so lange, bis die hier Versammelten ihre Stdte wieder erreicht, bis
meine Eilboten Italien durchflogen haben. Ihr habt ber vierzig Jahre warten
mssen!
    Aber der ungeduldige Eifer der Jnglinge, den er selbst geschrt, wollte
nicht mehr ruhen: sie machten verdrone Mienen zu dem Aufschub - sie murrten.
    Blitzschnell ersah der Priester diesen Umschlag der Stimmung. Nein,
Cethegus, rief er, solang kann nicht mehr gezgert werden! Unertrglich ist
dem Edeln die Tyrannei: Schmach dem, der sie lnger duldet, als er mu. Ich wei
euch bessern Trost, ihr Jnglinge! Schon in den nchsten Tagen knnen die Waffen
Belisars in Italien blitzen.
    Oder sollen wir vielleicht, fragte Scvola, Belisar nicht folgen, weil er
nicht Cethegus ist?
    Ihr sprecht von Wnschen, lchelte dieser, nicht von Wirklichem. Landete
Belisar, ich wre der erste, mich ihm anzuschlieen. Aber er wird nicht landen.
Das ist's ja, was mich abgewendet hat von Byzanz: der Kaiser hlt nicht Wort.
    Cethegus spielte ein sehr khnes Spiel. Aber er konnte nicht anders.
    Du knntest irren und der Kaiser frher sein Wort erfllen, als du meinst.
Belisar liegt bei Sizilien.
    Nicht mehr. Er hat sich nach Afrika, nach Hause gewendet. Hofft nicht mehr
auf Belisar.
    Da hallten hastige Schritte aus dem Seitengange, und eilfertig strzte
Albinus herein:
    Triumph, rief er, Freiheit, Freiheit!
    Was bringst du? fragte freudig der Priester.
    Den Krieg, die Rettung! Byzanz hat den Goten den Krieg erklrt.
    Freiheit, Krieg! jauchzten die Jnglinge.
    Es ist unmglich! sprach Cethegus, tonlos.
    Es ist gewi! rief eine andre Stimme vom Gange her - es war Calpurnius,
der jenem auf dem Fu gefolgt - und mehr als das: der Krieg ist begonnen.
Belisar ist gelandet auf Sizilien, bei Catana: Syrakus, Messana sind ihm
zugefallen, Panormus hat er mit der Flotte genommen, er ist bergesetzt nach
Italien, von Messana nach Regium, er steht auf unserm Boden.
    Freiheit! rief Marcus Licinius.
    berall fllt ihm die Bevlkerung zu. Aus Apulien, aus Calabrien flchten
die berraschten Goten, unaufhaltsam dringt er durch Bruttien und Lucanien gen
Neapolis.
    Es ist erlogen, alles erlogen! sagte Cethegus mehr zu sich selbst als zu
den andern.
    Du scheinst nicht sehr erfreut ber den Sieg der guten Sache. Aber der Bote
ritt drei Pferde zu Tod. Belisar ist gelandet mit dreiigtausend Mann. - Ein
Verrter, wer noch zweifelt, sprach Scvola. - Nun la sehen, hhnte
Silverius, ob du dein Wort halten wirst. Wirst du der erste von uns sein, dich
Belisar anzuschlieen?
    Vor Cethegus Auge versank in dieser Stunde eine ganze Welt, seine Welt. So
hatte er denn umsonst, nein, schlimmer als das, fr einen verhaten Feind alles
getan, was er getan.
    Belisar in Italien mit einem starken Heere und er getuscht, machtlos,
berwunden! Wohl jeder andre htte jetzt alles weitere Streben ermdet
aufgegeben. In des Prfekten Seele fiel nicht ein Schatten der Entmutigung. Sein
ganzer Riesenbau war eingestrzt: noch betubte der Schlag sein Ohr und schon
hatte er beschlossen, im selben Augenblick ihn von neuem zu beginnen: seine Welt
war versunken, und er hatte nicht Mue ihr einen Seufzer nachzusenden: denn
aller Augen hingen an ihm. Er beschlo, eine zweite zu schaffen.
    Nun! was wirst du tun? wiederholte Silverius.
    Cethegus wrdigte ihn keines Blicks. Zu der Versammlung gewendet sprach er
mit ruhiger Stimme: Belisar ist gelandet: Er ist jetzt unser Haupt: ich gehe in
sein Lager. Damit schritt er dem Ausgang zu, gemessenen Ganges, gefaten
Angesichts, an Silverius und dessen Freunden vorber.
    Silverius wollte ein Wort des Hohnes flstern: aber er verstummte, da ihn
der Blick des Prfekten traf: Frohlocke nicht, Priester, schien er zu sagen,
diese Stunde wird dir vergolten.
    Und Silverius, der Sieger, blieb erschrocken stehn.

                                Neuntes Kapitel.


Die Landung der Byzantiner war allen, Goten wie Italiern, gleich unerwartet
gekommen.
    Denn die letzte Bewegung Belisars nach Sdosten hatte alle Erwartungen von
der kaiserlichen Flotte in die Irre gelenkt. Von unsern gotischen Freunden war
nur Totila in Unteritalien: vergeblich hatte er als Seegraf von Neapolis die
Regierung zu Ravenna gewarnt und um Vollmachten, um Mittel zur Verteidigung
Siziliens gebeten. Wir werden sehen, wie ihm alle Mittel genommen wurden, das
Ereignis zu verhindern, das sein Volk bedrohte, das gerade in die lichten Kreise
seines eignen Lebens zuerst verhngnisvolle Schatten werfen und die Bande des
Glckes zerreien sollte, mit welchen ein freundliches Schicksal diesen Liebling
der Gtter bisher umwoben hatte.
    Denn in Blde war es der unwiderstehlichen Anmut seiner Natur gelungen, das
edle, wenn auch strenge Herz des Valerius zu gewinnen. Wir haben gesehen, wie
mchtig die Bitten der Tochter, das Andenken an die Scheideworte der Gattin, die
Offenheit Totilas schon in jener Stunde der nchtlichen berraschung auf den
wrdigen Alten gewirkt.
    Totila blieb als Gast in der Villa: Julius, mit seiner gewinnenden Gte,
wurde von den Liebenden zu Hilfe gerufen und ihren vereinten Einflssen gab der
Sinn des Vaters allmhlich nach. Dies war jedoch bei dem strengen Rmertum des
Alten nur dadurch mglich, da von allen Goten Totila an Sinnesart, Bildung und
Wohlwollen den Rmern am nchsten stand, so da Valerius bald einsah, er knne
einen Jngling nicht barbarisch schelten, der besser als mancher Italier die
Sprache, die Weisheit und die Schnheit der hellenischen und rmischen Literatur
kannte und wrdigte, und, wie er seine Goten liebte, so die Kultur der alten
Welt bewunderte.
    Dazu kam endlich, da im politischen Gebiet den alten Rmer und den jungen
Germanen der gemeinsame Ha gegen die Byzantiner verband. Wenn der offnen
Heldenseele Totilas in den tckischen Erbfeinden seiner Nation die Mischung von
Heuchelei und Gewaltherrschaft unwillkrlich wie dem Lichte die Nacht verhat
war, so war fr Valerius die ganze Tradition seiner Familie eine Anklage gegen
das Imperatorentum und Byzanz. Die Valerier hatten von jeher zu der
aristokratisch-republikanischen Opposition wider das Csarentum gezhlt. Und so
mancher der Ahnen hatte schon seit den Tagen des Tiberius die
alt-republikanische Gesinnung mit dem Tode gebt und besiegelt. Niemals hatten
diese Geschlechter im Herzen die bertragung der Weltherrschaft von der
Tiberstadt nach Byzanz anerkannt: in dem byzantinischen Kaisertum erblickte
Valerius den Gipfel aller Tyrannei: und um jeden Preis wollte er die Habsucht,
den Glaubenszwang, den orientalischen Despotismus dieser Kaiser von seinem
Latium fernhalten. Es kam dazu, da sein Vater und sein Bruder bei einer
Handelsreise durch Byzanz von einem Vorgnger Justinians aus Habsucht waren
festgehalten und, wegen angeblicher Beteiligung an einer Verschwrung, unter
Konfiskation ihrer im Ostreich belegenen Gter, hingerichtet worden, so da den
politischen Ha des Patrioten mit aller Macht persnliche Schmerzen verstrkten.
Er hatte, als Cethegus ihn in die Katakombenverschwrung einweihte, eifrig den
Gedanken einer Selbstbefreiung Italiens ergriffen, aber alle Annherungen der
kaiserlichen Partei mit den Worten abgewiesen: lieber den Tod, als Byzanz!
    So vereinten sich die beiden Mnner in dem Entschlu, keine Byzantiner in
dem schnen Lande zu dulden, das dem Goten kaum minder teuer war als dem Rmer.
    Die Liebenden hteten sich, den Willen des Alten schon jetzt zu einem
bindenden Wort zu drngen; sie begngten sich fr die Gegenwart mit der Freiheit
des Umgangs, die Valerius ihnen belie, und warteten ruhig ab, bis der Einflu
allmhlicher Gewhnung ihn auch mit dem Gedanken an ihre vllige Vereinigung
befreunden wrde. So verlebten unsre jungen Freunde goldene Tage.
    Das Liebespaar hatte neben seinem eigensten Glcke die Freude an der
wachsenden Neigung des Vaters zu Totila: und Julius geno jene weihevolle
Erhebung, die fr edle Naturen in dem berwinden eigner Schmerzen um des Glckes
geliebter Herzen willen liegt.
    Seine suchende, von der Weisheit der alten Philosophie nicht befriedigte
Seele wandte sich mehr und mehr jener Lehre zu, die den hchsten Frieden im
Entsagen findet.
    Eine sehr entgegengesetzte Natur war Valeria.
    Sie war der Ausdruck der echt rmischen Ideale ihres Vaters, der an der
frhe verstorbnen Mutter Stelle ihre ganze Erziehung geleitet und im geistigen
und sittlichen Gebiet die Ergebnisse des antiken heidnischen Geistes ihr
angeeignet hatte. Das Christentum, dem ihre Seele bei dem Eintritt in das Leben
durch eine uere Ntigung war zugewendet und spter ebenso durch ein
uerliches Mittel wieder war entrissen worden, erschien ihr als eine
gefrchtete, nicht als eine verstandene und geliebte Macht, die sie gleich wohl
nicht aus dem Kreise ihrer Gedanken und Gefhle zu scheiden vermochte. Als echte
Rmerin sah sie auch nicht mit bangem Zagen, sondern mit freudigem Stolz die
kriegerische Begeisterung, die im Gesprch mit ihrem Vater ber Byzanz und seine
Feldherrn aus der Seele Totilas leuchtete, den knftigen Helden verkndend.
    Und so trug sie es mit edler Fassung, als den Geliebten seine Kriegerpflicht
pltzlich abrief aus den Armen der Liebe und Freundschaft. Denn sowie die Flotte
der Byzantiner auf der Hhe von Syrakus erschienen war, loderte in dem jungen
Goten der Gedanke, der Wunsch des Krieges unauslschlich empor. Als Befehlshaber
des unteritalischen Geschwaders lag ihm die Pflicht ob, die Feinde zu
beobachten, die Kste zu decken. Er setzte rasch seine Schiffe instand und
segelte der griechischen Seemacht entgegen, Erklrung heischend ber den Grund
ihres Erscheinens in diesen Gewssern.
    Belisar, der den Auftrag hatte, erst nach einem Ruf von Petros feindlich
aufzutreten, gab eine friedliche und unanfechtbare Auskunft, die Unruhen in
Afrika und Seerubereien mauretanischer Schiffe vorschtzend. Mit dieser Antwort
mute sich Totila begngen: aber in seiner Seele stand der Ausbruch des Krieges
fest, vielleicht nur deshalb, weil er ihn wnschte. Er traf daher alle
Anstalten, schickte warnende Boten nach Ravenna und suchte vor allem, das
wichtige Neapolis wenigstens von der Seeseite her zu decken, da die
Landbefestigung der Stadt whrend des langen Friedens vernachlssigt und der
alte Uliaris, der Stadtgraf von Neapolis, nicht aus seiner stolzen Sicherheit
und Griechenverachtung aufzurtteln war.
    Die Goten wiegten sich berhaupt in dem gefhrlichen Wahn, die Byzantiner
wrden gar nie wagen, sie anzugreifen: und ihr verrterischer Knig bestrkte
sie gern in diesem Glauben. Die Warnungen Totilas blieben deshalb unbeachtet und
es wurde dem eifrigen Seegrafen sogar sein ganzes Geschwader abgenommen und in
den Hafen von Ravenna zu angeblicher Ablsung beordert: aber die Schiffe, welche
die abgesegelten ersetzen sollten, blieben aus.
    Und Totila hatte nichts als ein paar kleine Wachtschiffe, mit welchen er,
wie er den Freunden erklrte, die Bewegungen der zahlreichen Griechenflotte
nicht beobachten, geschweige denn aufhalten konnte. Diese Mitteilungen bewogen
den Kaufherrn, die Villa bei Neapolis zu verlassen und seine reichen Besitzungen
und Handelsniederlassungen bei Regium, an der Sdspitze der Halbinsel,
aufzusuchen, um die wertvollste Habe aus dieser Gegend, fr die Totila den
ersten Angriff der Feinde besorgte, nach Neapolis zu flchten und berhaupt
seine Anordnungen fr den Fall eines lngeren Krieges zu treffen. Auf dieser
Reise sollte Julius ihn begleiten, und auch Valeria war nicht zu bewegen, in der
leeren Villa zurckzubleiben: von Gefahr war, wie Totila versichert hatte, fr
die nchsten Tage nichts zu frchten.
    So reisten denn die drei, von einigen Sklaven begleitet, nach der Hauptvilla
bei dem Passe Jugum nrdlich von Regium ab, die, unmittelbar am Meere gelegen,
ja zum Teil mit jenem schon von Horatius gescholtnen Luxus in das Meer selbst
wagend hinausgebaut war.
    Valerius traf die Dinge in schlechter Ordnung. Seine Institoren hatten,
sicher gemacht durch lange Abwesenheit des Herrn, bel gewirtschaftet: und mit
Unwillen erkannte dieser, da seine prfende, ordnende, strafende Ttigkeit,
nicht tage-, sondern wochenlang in dieser Gegend notwendig sein werde.
    Unterdessen mehrten sich die drohenden Anzeichen. Totila schickte warnende
Winke: aber Valeria erklrte, ihren Vater in der Gefahr nicht verlassen zu
knnen: und dieser verschmhte es, vor den Griechlein zu flchten, die er noch
mehr verachtete, als hate.
    Da wurden sie eines Tages durch zwei Boote berrascht, die fast gleichzeitig
in den kleinen Hafen der Villa einliefen: das eine trug Totila, das andre den
Korsen Furius Ahalla. Die Mnner begrten sich berrascht, doch erfreut als
alte Bekannte und wandelten miteinander durch die Taxus- und Lorbeergnge des
Gartens zu der Villa hinan. Hier trennten sie sich: Totila gab vor, seinen
Freund Julius besuchen zu wollen, indes den Korsen ein Geschft zu dem Kaufherrn
fhrte, mit dem er seit Jahren in einer fr beide Teile gleich vorteilhaften
Handelsverbindung stand.
    Mit Freuden sah daher Valerius den klugen, khnen und stattlichschnen
Seefahrer bei sich eintreten und nach herzlicher Begrung wandten sich die
beiden Handelsfreunde ihren Bchern und Rechnungen zu.
    Nach kurzen Errterungen erhob sich der Korse von den Rechentafeln und
sprach: So siehst du, Valerius, aufs neue hat Mercurius unser Bndnis gesegnet.
Meine Schiffe haben dir Purpur und kstlichen Wollstoff aus Phnikien und aus
Spanien zugefhrt: und deine kstlichen Fabrikate des verflossenen Jahres
verfhrt nach Byzanz und Alexandria, nach Massilia und Antiochia. Ein Centenar
Goldes Mehrgewinn gegen das Vorjahr! Und so wird er steigen und steigen von Jahr
zu Jahr, solang die wackern Goten den Frieden schirmen und die Rechtspflege im
Abendland. Er schwieg wie abwartend.
    Solang sie schirmen knnen! seufzte Valerius, solang diese Griechen
Frieden halten. Wer steht dafr, da uns nicht diese Nacht der Seewind die
Flotte Belisars an die Kste treibt!
    Also auch du erwartest den Krieg? Im Vertrauen: er ist mehr als
wahrscheinlich, er ist gewi.
    Furius, rief der Rmer, woher weit du das?
    Ich komme von Afrika, von Sizilien. Ich habe die Flotte des Kaisers
gesehen: so rstet man nicht gegen Seeruber. Ich habe die Heerfhrer Belisars
gesprochen: sie trumen Nacht und Tag von den Schtzen Italiens. Sizilien ist
zum Abfall reif, sowie die Griechen landen.
    Valerius erbleichte vor Aufregung. Furius bemerkte es und fuhr fort: Und
deshalb vor allem bin ich hierher geeilt, dich zu warnen. Der Feind wird in
dieser Gegend landen, und ich wute, da deine Tochter dich begleitet.
    Valeria ist eine Rmerin.
    Ja, aber diese Feinde sind die wildesten Barbaren. Denn Hunnen, Massageten,
Skythen, Avaren, Sclavenen und Sarazenen sind es, die dieser Kaiser der Rmer
loslt auf Italien. Wehe, wenn dein minervengleiches Kind in ihre Hnde fiele.
    Das wird sie nicht! sagte Valerius, die Hand am Dolch. Aber du sprichst
wahr - sie mu fort in Sicherheit. - Wo ist in Italien Sicherheit? Bald werden
die Wogen dieses Krieges brausend zusammenschlagen ber Neapolis, ber Rom, und
kaum sich an Ravennas Mauern brechen. - Denkst du so gro von diesen Griechen?
Hat doch Griechenland nie etwas anderes nach Italien geschickt als Mimen,
Seeruber und Kleiderdiebe! - Belisarius aber ist ein Sohn des Sieges.
Jedenfalls entbrennt ein Kampf, dessen Ende so mancher von euch nicht erleben
wird! - Von euch, sagst du? wirst du nicht mit kmpfen?
    Nein, Valerius! Du weit, in meinen Adern fliet nur korsisch Blut, trotz
meines rmischen Adoptivnamens: ich bin nicht Rmer, nicht Grieche, nicht Gote.
Ich wnsche den Goten den Sieg, weil sie Zucht und Ordnung halten zu Wasser und
zu Land und weil mein Handel blht unter ihrem Zepter: aber wollt' ich offen fr
sie fechten, der Fiskus von Byzanz verschlnge, was irgend von meinen Schiffen
und Waren in den Hfen des Ostreichs liegt, drei Viertel all' meines Guts. Nein,
ich gedenke mein Eiland so zu befestigen - du weit ja, halb Korsika ist mein -,
da keine der kmpfenden Parteien mich viel belstigen wird: meine Insel wird
eine Friedensinsel sein, whrend rings die Lnder und Meere vom Krieg erdrhnen.
Ich werde dies Asyl beschirmen wie ein Knig seine Krone, wie ein Brutigam die
Braut und deshalb - seine Augen funkelten, und seine Stimme bebte vor Erregung
deshalb wollte ich jetzt heute ein Wort aussprechen, das ich seit Jahren auf
dem Herzen trage - Er stockte.
    Valerius sah voraus, was kommen werde, und sah es mit tiefem Schmerz: seit
Jahren hatte er sich in dem Gedanken gefallen, sein Kind dem mchtigen Kaufherrn
zu vertrauen, eines alten Freundes Adoptivsohn, dessen Neigung er lange
durchschaut. So lieb er in letzter Zeit den jungen Goten gewonnen, er wrde doch
den langjhrigen Handelsgenossen als Eidam vorgezogen haben. Und er kannte den
unbndigen Stolz und die zornige Rachsucht des Korsen: er frchtete im Fall der
Weigerung die alte Liebe und Freundschaft alsbald in lodernden Ha umschlagen zu
sehen: man erzhlte dunkle Geschichten von der jhzornigen Wildheit des Mannes
und gern htte Valerius ihm und sich selbst den Schmerz einer Zurckweisung
erspart.
    Aber jener fuhr fort: Ich denke, wir beide sind Mnner, die Geschfte
geschftlich abtun. Und ich spreche, nach altem Brauch, gleich mit dem Vater,
nicht erst mit der Tochter. Gib mir dein Kind zur Ehe, Valerius: du kennst zum
Teil mein Vermgen - nur zum Teil: denn es ist viel grer als du ahnst. Zur
Widerlage der Mitgift geb' ich, wie gro sie sei, das doppelte ... -
    Furius! unterbrach der Vater.
    Ich glaube wohl ein Mann zu sein, der ein Weib beglcken mag. Jedenfalls
kann ich sie beschtzen, wie kein andrer in diesen drohenden Zeiten: ich fhre
sie, wird Korsika bedrngt, auf meinen Schiffen nach Asien, nach Afrika; an
jeder Kste erwartet sie nicht ein Haus, ein Palast. Keine Knigin soll sie
beneiden. Ich will sie hoch halten: hher als meine Seele. Er hielt inne, sehr
erregt, wie auf rasche Antwort wartend.
    Valerius schwieg, er suchte nach einem Ausweg: es war nur eine Sekunde: aber
der Anschein nur, da sich der Vater besinne, emprte den Korsen. Sein Blut
kochte auf, sein schnes bronzefarbenes Antlitz, eben noch beinahe weich und
mild, nahm pltzlich einen furchtbaren Ausdruck an: dunkelrote Glut scho in die
braunen Wangen. Furius Ahalla, sprach er rasch und hastig, ist nicht gewhnt,
zweimal zu bieten. Man pflegt meine Ware aufs erste Angebot mit beiden Hnden zu
ergreifen -: nun biete ich mich selbst -: ich bin, bei Gott, nicht schlechter
als mein Purpur -
    Mein Freund, hob der Alte an, wir leben nicht mehr in der Zeit alten,
strengen Rmerbrauchs: der neue Glaube hat den Vtern fast das Recht genommen,
die Tchter zu vergeben. Mein Wille wrde sie dir und keinem andern geben, aber
ihr Herz ... -
    Sie liebt einen andern! knirschte der Korse, wen? Und seine Faust fuhr
an den Dolch, als sollte der Nebenbuhler keinen Augenblick mehr atmen. Es lag
etwas vom Tiger in dieser Bewegung und im Funkeln des rollenden Auges. Valerius
empfand, wie tdlich dieser Ha, und wollte den Namen nicht nennen. - Wer kann
es sein? fragte halblaut der Wtende. Ein Rmer? Montanus? Nein! O nur - nur
nicht er - sag' nein, Alter, nicht Er ... - Und er fate ihn am Gewande.
    Wer? wen meinst du?
    Der mit mir landete - der Gote: doch ja, er mu es sein, es liebt ihn ja
alles: Totila!
    Er ist's! sagte Valerius und suchte begtigend seine Hand zu fassen.
    Doch mit Schrecken lie er sie los: ein zuckender Krampf rttelte den
ehernen Leib des starken Korsen: er streckte beide Hnde starr vor sich hin, als
wollte er den Schmerz, der ihn qulte, erwrgen. Dann warf er das Haupt in den
Nacken und schlug sich die beiden geballten Fuste grausam gegen die Stirn, den
Kopf schttelnd und laut auflachend.
    Entsetzt sah Valerius diesem Toben zu, endlich glitten die gepreten Hnde
langsam herab und zeigten ein aschenfahles Antlitz. Es ist aus, sagte er dann
mit bebender Stimme. Es ist ein Fluch, der mich verfolgt: ich soll nicht
glcklich werden im Weibe. Schon einmal - hart vor der Erfllung! Und jetzt -
ich wei es -, Valerias Seelenzucht und klare Ruhe htte auch in mein wild
schumendes Leben rettenden Frieden gebracht: ich wre anders geworden - -
besser. Und sollte es nicht sein - hier funkelte sein Auge wieder -, nun, so
wr' es fast das gleiche Glck gewesen, den Ruber dieses Glcks zu morden. Ja,
in seinem Blute htte ich gewhlt und von der Leiche die Braut hinweggerissen -
und nun ist Er es!
    Er, der einzige, dem Ahalla Dank schuldet und welchen Dank - - - Und er
schwieg, mit dem Haupte nickend und wie verloren in Erinnerung. Valerius, rief
er dann pltzlich sich aufraffend, ich weiche keinem Mann auf Erden - ich htt'
es nicht getragen, hinter einem andern zurckzustehen - doch Totila! - Es sei
ihr vergeben, da sie mich ausschlgt, weil sie Totila gewhlt. Leb wohl,
Valerius, ich geh' in See, nach Persien, Indien - ich wei nicht, wohin - ach,
berallhin nehm' ich diese Stunde mit. Und rasch war er hinaus, und gleich
darauf entfhrte ihn sein pfeilgeschwindes Boot dem kleinen Hafen der Villa. -
    Seufzend verlie Valerius das Gemach, seine Tochter zu suchen. Er traf im
Atrium auf Totila, der sich schon wieder verabschiedete. Er war nur gekommen, zu
rascher Rckreise nach Neapolis zu treiben.
    Denn Belisar habe sich wieder von Afrika abgewendet und kreuze bei Panormus:
jeden Tag knne die Landung auf Sizilien, in Italien selbst erfolgen und trotz
all' seines Dringens sende der Knig keine Schiffe. In den nchsten Tagen wolle
er selbst nach Sizilien, sich Gewiheit zu schaffen. Die Freunde seien daher
hier vllig unbeschtzt: und er beschwor den Vater Valerias, sofort auf dem
Landwege nach Neapolis heimzukehren. Aber den alten Soldaten emprte es, vor den
Griechen flchten zu sollen: vor drei Tagen knne und wolle er nicht weichen von
seinen Geschften, und kaum war er von Totila zu bestimmen, eine Schar von
zwanzig Goten zur notdrftigsten Deckung anzunehmen. Mit schwerem Herzen stieg
Totila in seinen Kahn und lie sich an Bord des Wachtschiffes zurckbringen.
    Es war dunkler Abend geworden, als er dort ankam, ein Nebelschleier
verhllte die Dinge in nchster Nhe.
    Da scholl Ruderschlag von Westen her, und ein Schiff, kenntlich an der roten
Leuchte an dem hohen Mast, bog um die Spitze eines kleinen Vorgebirges.
    Totila lauschte und fragte seine Wachen: Segel zur Linken! was fr Schiff?
was fr Herr?
    Schon angezeigt vom Mastkorb: - hallte es wieder - Kauffahrer - Furius
Ahalla - lag hier vor Anker.
    Fhrt wohin?
    Nach Osten - nach Indien! -

                                Zehntes Kapitel.


Am Abend des dritten Tages seit Totila die gotische Bedeckung geschickt, hatte
Valerius endlich seine Geschfte beendet und auf den andern Morgen die Abreise
festgesetzt. Er sa mit Valeria und Julius beim Nachtmahl und sprach von den
Aussichten auf Erhaltung des Friedens, die des jungen Helden Kriegesdurst doch
wohl unterschtzt habe: es war dem Rmer ein unertrglicher Gedanke, da
Griechen das teure Italien in Waffen betreten sollten. Auch ich wnsche den
Frieden, sprach Valeria, nachsinnend - und doch - Nun? fragte Valerius.
Ich bin gewi, du wrdest, vollendete das Mdchen, im Krieg erst Totila so
lieben lernen, wie er es verdient: er wrde fr mich streiten und fr Italien.
- Ja, sagte Julius, es steckt in ihm ein Held und Greres als das. - Ich
kenne nichts Greres, antwortete Valerius.
    Da erschollen auf dem Marmorestrich des Atriums klirrende Schritte und der
junge Thorismuth, der Anfhrer der zwanzig Goten und Totilas Schildtrger, trat
hastig ein.
    Valerius, sprach er schnell, la die Wagen anschirren, die Snften in den
Hof - ihr mt fort.
    Die Drei sprangen auf: Was ist geschehn - sind sie gelandet? - Rede,
sprach Julius, was macht dich besorgt? - Fr mich nichts, lachte der Gote,
und euch wollt ich nicht frher schrecken als unvermeidlich. Aber ich darf
nicht mehr schweigen - gestern frh splte die Flut eine Leiche ans Land ... -
    Eine Leiche? - Einen Goten von unsrer Schiffsmannschaft - es war Alb, der
Steuermann auf Totilas Schiff. Valeria erbleichte, aber erbebte nicht. Das
kann ein Zufall sein - er ist ertrunken. - Nein, sagte der Gote fest, er ist
nicht ertrunken: es stak ein Pfeil in seiner Brust. - Das deutet auf einen
Kampf zur See! Nicht auf mehr! meinte Valerius. Aber heute -
    Heute? fragte Julius. - Heute sind alle Landleute ausgeblieben, die sonst
tglich von Regium hier durch nach Colum gehen. Auch ein Reiter, den ich auf
Kundschaft nach Regium schickte, ist nicht zurckgekommen. - Beweist noch
immer nichts, sprach Valerius eigensinnig. - Sein Herz strubte sich gegen den
Gedanken einer Landung der Verhaten solang als mglich - oft schon hat die
Brandung die Strae gesperrt.
    Aber als ich selbst soeben auf der Strae nach Regium vorging und das Ohr
auf die Erde legte, hrte ich die Erde zittern unter dem Hufschlag von vielen
Rossen, die in rasender Eile nahen. Ihr mt fliehn.
    Jetzt griffen Valerius und Julius zu den Waffen, die an den Pfeilern des
Gemaches hingen, Valeria legte schwer atmend die Hand aufs Herz: Was ist zu
tun? fragte sie.
    Besetzt den Engpa von Jugum, befahl Valerius, in den die Strae lngs
der Kste verluft: er ist schmal; er ist lange zu halten. - Er ist schon
besetzt von acht meiner Goten, ich fliege hin, sobald ihr zu Pferde sitzt, die
Hlfte meiner Schar deckt eure Reise: eilt.
    Aber ehe sie das Gemach verlassen konnten, strzte ein gotischer Krieger,
mit Schlamm und Blut bedeckt, herein: flieht, rief er, sie sind da! - Wer
ist da, Gelaris? fragte Thorismuth. - Die Griechen! Belisar! der Teufel! -
Rede, befahl Thorismuth. - Ich kam bis in den Pinienwald von Regium, ohne
etwas Verdchtiges zu spren, freilich auch ohne einer Seele auf der Strae zu
begegnen. Als ich an einem dicken Baumstamm vorbeireite, eifrig vorwrts
sphend, fhle ich einen Ruck am Halse, als risse mir ein Blitz den Kopf von den
Schultern und im Nu lag ich unter meinem Tier am Boden ... -
    Schlecht gesessen, o Gelaris! schalt Thorismuth. - Jawohl, eine
Rohaarschlinge ums Genick und eine Bleikugel an den Kopf geschnellt, da fllt
auch ein besserer Reitersmann als Gelaris, Genzos Sohn. Zwei Unholde -
Waldschraten oder Alraunen acht' ich sie hnlich - setzten aus dem Busch ber
den Graben, banden mich auf mein Pferd, nahmen mich zwischen ihre kleinen,
zottigen Gule - und hui ... -
    Das sind die Hunnen Belisars! rief Valerius.
    Jagten sie mit mir davon. Als ich wieder ganz zu mir gekommen, war ich in
Regium, mitten unter den Feinden, dort erfuhr ich denn alles. Die Regentin ist
ermordet, der Krieg ist erklrt, die Feinde haben Sizilien berrascht, die ganze
Insel ist zum Kaiser abgefallen - - - Und das feste Panormus?
    Fiel durch die Flotte, die in den Hafen drang: die Mastkrbe waren hher
als die Mauern der Stadt: von den Masten schossen und sprangen sie herab. -
Und Syrakus? fragte Valerius. Fiel durch Verrat der Sizilianer - die Goten
der Besatzung sind ermordet: in Syrakus ist Belisarius eingeritten unter einem
Blumenregen, als scheidender Konsul des Jahres - denn es war am letzten Tage
seines Konsulats - Goldmnzen streuend, unter Hndeklatschen alles Volks. -
Und wo ist der Seegraf? wo ist Totila? - Zwei seiner drei Schiffe sind in den
Grund gebohrt vom Schnabelstoe der Trieren. Sein Schiff und noch eins: er
sprang ins Meer mit voller Rstung - und ist - noch nicht - aufgefischt.
    Da sank Valeria schweigend auf das Lager.
    Der Griechenfeldherr, fuhr der Bote fort, landete gestern in dunkler
strmischer Nacht bei Regium: die Stadt hat ihn mit Jubel aufgenommen; er ordnet
nur sein Heer, dann soll's im Fluge nach Neapolis gehen: seine Vorhut, die
gelbhutigen Reiter, die mich eingebracht, muten sogleich wieder umkehren und
den Pa gewinnen. Ich sollte ihnen Fhrer dahin sein. Ich fhrte sie weit ab -
nach Westen - in den Meeressumpf - und - entsprang ihnen im Dunkel - des Abends
aber - sie schickten mir - Pfeile nach - und einer traf - ich kann nicht mehr.
- Und klirrend strzte der Mann zu Boden.
    Er ist verloren! sprach Valerius, sie fhren vergiftetes Gescho! Auf,
Julius und Thorismuth, ihr geleitet mein Kind auf der Strae gen Neapolis: ich
gehe in den Pa und decke euch den Rcken. Vergebens waren die Bitten Valerias:
Gesicht und Haltung des Alten nahmen einen Ausdruck eisernen Entschlusses an.
Gehorcht! befahl er den Widerstrebenden, ich bin der Herr dieses Hauses, der
Sohn dieses Landes, und ich will die Hunnen Belisars fragen, was sie zu tun
haben in meinem Vaterland. Nein, Julius! Dich mu ich bei Valeria wissen - lebet
wohl.
    Whrend Valeria mit ihrer gotischen Bedeckung und mit den meisten der
Sklaven spornstreichs auf der Strae nach Neapolis hinwegeilte, strmte Valerius
mit Schild und Schwert einem halben Dutzend Sklaven voran, zum Garten der Villa
hinaus, nach dem Engpa zu, der nicht weit vor dem Anfang seiner Besitzungen die
Strae nach Regium berwlbte.
    Der Felsenbogen zur Linken, im Norden, war unbersteiglich, und zur Rechten,
nach Sden, fielen jene Wnde senkrecht in das tiefe Meer, dessen Brandung oft
die Strae berflutete. Die Mndung des Passes aber war so schmal, da zwei
nebeneinanderstehende Mnner sie mit ihren Schilden wie eine Pforte schlieen
konnten: so durfte Valerius hoffen, den Pa auch gegen groe bermacht lang
genug zu decken, um den raschen Pferden der Fliehenden hinlnglichen Vorsprung
zu gewhren. Whrend der Alte den schmalen Pfad, der sich zwischen dem Meere und
seinen Weinbergen nach dem Engpa hinzog, durch die mondlose Nacht vorwrts
eilte, bemerkte er zur Rechten, drauen, in ziemlicher Entfernung vom Lande, im
Meer den hellen Strahl eines kleinen Lichtes, das offenbar von dem Mast eines
Schiffes niederleuchtete. Valerius erschrak: sollten die Byzantiner zur See
gegen Neapolis vorrcken? Sollten sie Bewaffnete in seinem und des Engpasses
Rcken ans Land werfen wollen? Aber wrden sich dann nicht mehrere Lichter
zeigen? Er wollte die Sklaven fragen, die auf seinen Befehl, aber schon mit
sichtlichem Widerwillen, ihm aus der Villa gefolgt waren.
    Umsonst: sie waren verschwunden in dem Dunkel der Nacht. Sie waren dem Herrn
entwischt, sobald dieser ihrer nicht mehr achtete. So kam Valerius allein an dem
Engpa an, dessen hintere Mndung zwei der gotischen Wachen besetzt hielten,
whrend zwei andere den stlichen, dem Feinde zugekehrten Eingang ausfllten und
die brigen vier in dem innern Raum hielten. Kaum war Valerius dicht hinter die
beiden vordersten Wchter getreten, als man pltzlich ganz nahes Pferdegetrappel
vernahm: und alsbald bogen um die letzte Krmmung, welche die Strae vor dem Pa
um eine Felsennase machte, zwei Reiter im vollen Trabe. Beide trugen Fackeln in
der Rechten: es warfen nur diese Fackeln Licht auf die nchtliche Szene, denn
die Goten vermieden alles, was ihre kleine Zahl verraten konnte. Beim Barte
Belisars! schalt der vorderste der Reiter, in Schritt bergehend, hier wird
der Katzensteig so schmal, da kaum ein ehrlich Ro drauf Platz hat - und da
kmmt noch ein Hohlweg oder -, halt, was rhrt sich da? Und er hielt sein Pferd
an und bog sich, die Fackel weit vor sich streckend, vorsichtig nach vorn: so
bot er dicht vor dem Eingang, in dem Licht seiner Kienfackel ein bequemes Ziel.
    Wer ist da? rief er seinem Begleiter nochmals zu.
    Da fuhr ein gotischer Wurfspeer durch die breiten Panzerringe in seine
Brust. Feinde, weh! schrie der Sterbende und strzte rcklings aus dem Sattel.
Feinde, Feinde! rief der Mann hinter ihm, schleuderte die verderbliche Fackel
weit von sich ins Meer, warf sein Pferd herum und jagte zurck, whrend das Tier
des Gefallenen ruhig stehenblieb bei der Leiche seines Herrn.
    Nichts hrte man jetzt in der Stille der Nacht als den Hufschlag des
enteilenden Rosses, und, zur Rechten des Passes, den leisen Schlag der Wellen am
Fue der Felswand. Den Mnnern im Engpa schlug das Herz in Erwartung. Jetzt
bleibt kalt, ihr Mnner, mahnte Valerius, lasse sich keiner aus dem Passe
locken. Ihr in der ersten Reihe schliet die Schilde fest aneinander und streckt
die Lanzen vor: wir in der Mitte werfen. Ihr drei im Rcken reicht uns die
Speere und habt acht auf alles.
    Herr, rief der Gote, der hinter dem Passe auf der Strae, stand, das
Licht! das Schiff nhert sich immer mehr.
    Hab' acht und ruf' es an, wenn -
    Aber schon waren die Feinde da, deren Vorhut die beiden Spher gebildet
hatten, es war ein Trupp von fnfzig hunnischen Reitern, mit einigen Fackeln.
Wie sie um die Krmmung des Weges bogen, erhellte sich die Szene mit
wechselndem, grellem Licht neben tiefem Dunkel.
    Hier war es, Herr! sprach der entkommene Reiter, seht euch vor. -
Schafft den Toten zurck und das Ro! sprach eine rauhe Stimme, und der
Anfhrer, eine Fackel erhebend, ritt im Schritt gegen den Eingang vor.
    Halt rief ihm Valerius auf lateinisch entgegen, wer seid ihr und was
wollt ihr? - Das habe ich zu fragen! entgegnete der Fhrer der Reiter in
derselben Sprache. - Ich bin ein rmischer Brger und verteidige mein Vaterland
gegen Ruber.
    Der Anfhrer hatte unterdessen im Licht seiner Fackel die ganze rtlichkeit
besehen: sein gebtes Auge erkannte die Unmglichkeit, links oder rechts den
Engpa zu umgehen und zugleich die Enge seiner Mndung. Freund, sagte er etwas
zurckweichend, so sind wir Bundesgenossen. Auch wir sind Rmer und wollen
Italien von seinen Rubern befreien. Also gib Raum und la uns durch. Valerius,
der in jeder Weise Zeit gewinnen wollte, sprach: Wer bist du und wer sendet
dich? - Ich heie Johannes: die Feinde Justinians nennen mich den Blutigen,
und ich fhre die leichten Reiter Belisars. Alles Land von Regium bis hierher
hat uns mit Jubel aufgenommen: hier ist das erste Hemmnis; lngst wren wir
weiter, htt' uns nicht ein Hund von einem Goten in den dicksten Sumpf gefhrt,
drin je ein guter Gaul versank. Kstliche Zeit ging uns verloren. Halt' uns
nicht auf! Leben und Habe ist dir gesichert, und reicher Lohn, wenn du uns
fhren willst. Eile ist der Sieg. Die Feinde sind betubt: sie drfen sich nicht
besinnen, bis wir vor Neapolis stehen, ja vor Rom. Johannes sprach Belisar, zu
mir, da ich's dem Sturmwind nicht befehlen kann, vor mir her durch dieses Land
zu fegen, befehl ich's dir. Also fort und lat uns durch -. Und er spornte sein
Pferd.
    Sag Belisar, solange Genius Valerius lebt, soll er keinen Fubreit vorwrts
in Italien. Zurck, ihr Ruber! - Verrckter Mensch! du hltst es mit den
Goten gegen uns? - Mit der Hlle - wenn gegen euch.
    Der Fhrer warf nochmals prfende Blicke nach rechts und links: Hre,
sprach er, du kannst uns hier wirklich eine Weile aufhalten. Nicht lang.
Weichst du, so sollst du leben. Weichst du nicht, so la ichdich erst schinden
und dann pfhlen! Und er hob die Fackel, nach einer Ble sphend.
    Zurck, rief Valerius. Schie', Freund! Und eine Sehne klirrte, und ein
Pfeil schlug an den Helm des Reiters. Warte! rief dieser und spornte sein Tier
zurck. Absitzen, befahl er, alle Mann! Aber die Hunnen trennten sich nicht
gern von ihren Rossen. Wie, Herr? absitzen! fragte einer der nchsten. Da
schlug ihm Johannes mit der Faust ins Gesicht. Der Mann rhrte sich nicht.
Absitzen! donnerte er noch mal; wollt ihr zu Pferde in das Mauseloch
schlpfen? Und er selbst schwang sich aus dem Sattel: Sechs steigen auf die
Bume und schieen von oben. Sechs legen sich auf die Erde, kriechen an den
Seiten der Strae vor und schieen im Liegen. Zehn schieen stehend, auf
Brusthhe. Zehn hten die Pferde; die andern zwanzig folgen mir mit dem Speer,
sowie die Sehnen geschwirrt. Vorwrts. Und er gab die Fackel ab und ergriff
eine Lanze.
    Whrend die Hunnen seinen Befehl vollzogen, musterte Johannes noch einmal
den Pa. Ergebt euch! rief er. - Kommt an, riefen die Goten.
    Da winkte Johannes und zwanzig Pfeile schwirrten zugleich.
    Ein Wehschrei und der vorderste Gote zur Rechten fiel; einer der Schtzen
auf den Bumen hatte ihn in die Stirn getroffen. Rasch sprang Valerius mit dem
vorgehaltenen Schild an seine Stelle. Er kam gerade recht, den wtenden Anprall
des anstrmenden Johannes aufzuhalten, der mit der Lanze in die Lcke rannte. Er
fing den Lanzensto mit dem Schilde und schlug nach dem Byzantiner, der nahe vor
dem Eingang zurckprallte, strauchelte und niederfiel; die Hunnen hinter ihm
wichen zurck.
    Da konnte sich's der Gote neben Valerius nicht versagen, den feindlichen
Fhrer unschdlich zu machen: er sprang mit gezcktem Speer aus dem Engpa einen
Schritt vorwrts. Aber das hatte Johannes gewollt: blitzschnell hatte er sich
aufgerafft, den berraschten Goten von der Straenwand zur Rechten des
Felsenpasses hinabgestoen, und im selben Augenblick stand er an der rechten,
schildlosen Seite des Valerius, der die wieder vordringenden Hunnen abwehrte,
und stie diesem mit aller Kraft das lange Persermesser in die Weichen.
    Valerius brach zusammen: aber es gelang den drei hinter ihm stehenden Goten,
Johannes, der schon in das Innere des Passes gedrungen war, mit ihren
Schildschnbeln wieder zurck- und hinauszustoen. Er ging zurck, einen neuen
Pfeilregen zu befehlen.
    Schweigend deckten die beiden Goten wieder die Mndung, der dritte hielt den
blutenden Valerius in seinen Armen.
    Da strzte die Wache von der Rckseite in den Engpa: Das Schiff! Herr das
Schiff! sie sind gelandet: sie fassen uns im Rcken! Flieht, wir wollen euch
tragen - ein Versteck in den Felsen. -
    Nein, sprach Valerius, sich aufrichtend, hier will ich sterben; stemme
mein Schwert gegen die Wand und -
    Aber da schmetterte von der Rckseite her laut der Ruf des gotischen
Heerhorns: Fackeln blitzten, und eine Schar von dreiig Goten strmte in den
Pa: Totila an ihrer Spitze: sein erster Blick fiel auf Valerius: Zu spt, zu
spt! rief er schmerzlich. Aber folgt mir! Rache! hinaus!
    Und wtend brach er mit seinem speeretragenden Fuvolk aus dem Pa. Und
schrecklich war der Zusammensto auf der schmalen Strae zwischen Felsen und
Meer. Die Fackeln erloschen in dem Getmmel, und der anbrechende Morgen gab nur
ein graues Licht. Die Hunnen, obwohl an Zahl den khnen Angreifern berlegen,
waren durch den pltzlichen Ausfall vllig berrascht: sie glaubten, ein ganzes
Heer der Goten sei im Anmarsch: sie eilten, ihre Rosse zu gewinnen und zu
entfliehen; aber die Goten erreichten mit ihnen zugleich die Stelle, wo die
ledigen Tiere hielten: und in wirrem Knuel strzte Mann und Ro die Felsen
hinab.
    Umsonst hieb Johannes selbst auf seine fliehenden Leute ein: ihr Schwall
warf ihn zu Boden, er raffte sich wieder auf und sprang den nchsten Goten an.
Aber er kam bel an: es war Totila, er erkannte ihn. Verfluchter Flachskopf,
schrie er, so bist du nicht ersoffen?
    Nein, wie du siehst! rief dieser und schlug ihm das Schwert durch den
Helmkamm und noch ein Stck in den Schdel, da er taumelte. Da war aller
Widerstand zu Ende. Mit knapper Not hoben ihn die nchsten seiner Reiter auf ein
Pferd und jagten mit ihm davon. Der Kampfplatz war gerumt.
    Totila eilte nach dem Hohlweg zurck. Er fand Valerius, bleich, mit
geschlossenen Augen, das Haupt auf seinen Schild gelegt. Er warf sich zu ihm
nieder und drckte die erstarrende Hand an seine Brust. Valerius, rief er,
Vater! scheide nicht! scheide nicht so von uns. Noch ein Wort des Abschieds.
Der Sterbende schlug matt die Augen auf.
    Wo sind sie? fragte er. Geschlagen und geflohn. - Ah, Sieg! atmete
Valerius auf; ich darf im Siege sterben. Und Valeria - mein Kind - sie ist
gerettet?
    Sie ist es. Aus dem Seegefecht, aus dem Meer entkommen, eilte ich hierher,
Neapolis zu warnen, euch zu retten. Nahe der Strae, zwischen deinem Hause und
Neapolis, war ich gelandet; dort traf ich sie und erfuhr deine Gefahr; eins
meiner Schiffsboote nahm sie auf und fhrt sie nach Neapolis: mit dem andern
eilte ich hierher, dich zu retten - ach, nur zu rchen! Und er senkte das Haupt
auf des Sterbenden Brust.
    Klage nicht um mich, ich sterbe im Sieg! Und dir, mein Sohn, dir dank' ich
es. Und wohlgefllig streichelte er die langen Locken des Jnglings. Und auch
Valerias Rettung. O dir, dir, ich hoffe es, auch Italiens Rettung. Du bist der
Held, auch dieses Land zu retten - trotz Belisar und Narses. Du kannst es - du
wirst es und dein Lohn sei mein geliebtes Kind. - Valerius! Mein Vater! -
Sie sei dein! Aber schwre mir's, - und er richtete sich empor mit letzter
Kraft und sah ihm scharf ins Auge - schwre mir's beim Genius Valerias: nicht
eher wird sie dein, als bis Italien frei ist und keine Scholle seines heiligen
Bodens mehr einen Byzantiner trgt.
    Ich schwr' es dir, rief Totila, begeistert seine Rechte fassend, ich
schwr's beim Genius Valerias!
    Dank, dank, mein Sohn; nun mag ich getrost sterben - gre sie und sage
ihr: dir hab' ich sie empfohlen und anvertraut: sie - und Italien. Und er legte
das Haupt zurck auf seinen Schild und kreuzte die Arme ber der Brust - und war
tot.
    Lange hielt Totila schweigend die Hand auf seiner Brust.
    Ein blendendes Licht weckte ihn pltzlich aus seinem Trumen: es war die
Morgensonne, deren goldne Scheibe prchtig ber den Kamm des Felsgebirges
emportauchte: er stand auf und sah dem steigenden Gestirn entgegen. Die Fluten
glitzerten in hellem Widerschein, und ein Schimmer flog ber alles Land.
    Beim Genius Valerias! wiederholte er leise mit innigster Empfindung und
hob die Hand zum Schwur dem Morgenlicht entgegen. Wie der Tote fand er Kraft und
Trost und Begeisterung in seinem schweren Gelbde: die hohe Pflicht erhob ihn.
Gekrftigt wandte er sich zurck und befahl, die Leiche auf sein Schiff zu
tragen, um sie nach dem Grabmal der Valerier in Neapolis zu fhren.

                                Elftes Kapitel.


Whrend dieser drohenden Ereignisse waren wohl freilich auch die Goten nicht
vllig mig geblieben. Doch waren alle Maregeln kraftvoller Abwehr gelhmt, ja
absichtlich vereitelt durch den feigen Verrat ihres Knigs.
    Theodahad hatte sich von seiner Bestrzung ber die Kriegserklrung des
byzantinischen Gesandten alsbald wieder erholt, da er sich nicht von der
berzeugung trennen konnte und wollte, sie sei doch im Grunde nur erfolgt, um
den Schein zu wahren und die Ehre des Kaiserhofes zu decken. Er hatte ja Petros
nicht mehr allein gesprochen: und dieser mute doch vor Goten und Rmern einen
Vorwand haben, Belisar in Italien erscheinen zu lassen. Das Auftreten dieses
Mannes war ja das lngst verabredete Mittel zur Durchfhrung der geheimen Plne.
Den Gedanken, Krieg fhren zu sollen - von allen ihm der unertrglichste! -,
wute er sich dadurch fernzuhalten, da er weislich berlegte, zum Kriegfhren
gehren zwei. Wenn ich mich nicht verteidige, dachte er, ist der Angriff bald
vorber. Belisar mag kommen - ich will nach Krften dafr sorgen, da er auf
keinen Widerstand stt, der des Kaisers Stimmung gegen mich nur verschlimmern
knnte. Berichtet der Feldherr im Gegenteil nach Byzanz, da ich seine Erfolge
in jeder Weise befrdert, so wird Justinian nicht anstehn, den alten Vertrag
ganz oder doch zum grten Teil zu erfllen.
    In diesem Sinne handelte er, berief alle Streitkrfte der Goten zu Land und
zur See aus Unteritalien, wo er die Landung Belisars erwartete, hinweg, und
schickte sie massenhaft an die Ostgrenze des Reiches nach Liburnien, Dalmatien,
Istrien und gen Westen nach Sdgallien, indem er, gesttzt auf die Tatsache, da
Byzanz eine kleine Truppenabteilung nach Dalmatien gegen Salona gesendet und mit
den Frankenknigen Gesandte gewechselt hatte, vorgab, der Hauptangriff sei von
den Byzantinern zu Lande, in Istrien, und von den mit ihnen verbndeten Franken
am Rhodanus und Padus zu befahren.
    Die Scheinbewegungen Belisars untersttzten diesen Glauben: und so geschah
das Unerhrte, da die Heerscharen der Goten, die Schiffe, die Waffen, die
Kriegsvorrte in groen Massen in aller Eile gerade vor dem Angriff
hinweggefhrt, da Unteritalien bis Rom, ja alles Land bis Ravenna entblt und
alle Verteidigungsmaregeln in den Gegenden vernachlssigt wurden, auf die
alsbald die ersten Schlge der Feinde fallen sollten.
    An dem Dravus, Rhodanus und Padus wimmelte es von gotischen Waffen und
Segeln, whrend bei Sizilien, wie wir sahen, sogar die ntigsten Boote zum
Wachtdienst fehlten.
    Auch das ungestme Drngen der gotischen Patrioten besserte daran nicht
viel. Witichis und Hildebad hatte sich der Knig aus der Nhe geschafft, indem
er sie mit Truppen und Auftrgen nach Istrien und nach Gallien entsandte: und
dem argwhnischen Teja leistete der alte Hildebrand, der nicht ganz den Glauben
an den letzten der Amaler aufgeben wollte, zhen Widerstand.
    Am meisten aber ward Theodahad gekrftigt, als ihm seine entschlossene
Knigin zurckgegeben wurde. Witichis war alsbald nach der Kriegserklrung der
Byzantiner mit einer gotischen Schar vor die Burg von Feretri gezogen, wo
Gothelindis mit ihren pannonischen Sldnern Zuflucht gesucht, und hatte sie
bewogen, sich freiwillig wieder in Ravenna einzufinden, unter Verbrgung fr
ihre Sicherheit, bis in der bevorstehenden groen Volks- und Heeresversammlung
bei Rom ihre Sache nach allen Formen des Rechts untersucht und entschieden
werde. Diese Bedingungen waren beiden Parteien genehm: denn den gotischen
Patrioten mute alles daran gelegen sein, jetzt, bei dem Ausbruch des schweren
Krieges, nicht durch Parteiung in der Oberleitung gespalten zu sein.
    Und wenn der gerade Gerechtigkeitssinn des Grafen Witichis wider jede
Anklage das Recht voller Verteidigung gewahrt wissen wollte, so sah auch Teja
ein, da, nachdem der Feind die schwere Beschuldigung des Knigsmordes auf das
ganze Volk der Goten geschleudert, nur ein strenges und feierliches Verfahren in
allen Formen, nicht eine strmische Volksjustiz auf blinden Argwohn hin, die
Volksehre wahren knne.
    Gothelindis aber blickte jenem Verfahren mit khner Stirn entgegen: mochten
die Stimmen innerer berzeugung auch gegen sie sprechen, sie glaubte ganz sicher
zu sein, da sich ein gengender Beweis ihrer Tat nicht erbringen lasse. - Hatte
doch nur ihr Auge das Ende der Feindin gesehen. - Und sie wute wohl, da man
sie ohne volle berfhrung nicht strafen werde.
    So folgte sie willig nach Ravenna, flte dem zagen Herzen ihres Gatten
neuen Mut ein und hoffte, war nur der Gerichtstag berstanden, alsbald im Lager
Belisars und am Hofe von Byzanz Ruhe von allen weitern Anfechtungen zu finden.
Die Zuversicht des Knigspaares ber den Ausgang jenes Tages wurde nun noch
dadurch erhht, da die Rstungen der Franken ihnen den Vorwand gegeben hatten,
auer Witichis und Hildebad auch noch den gefhrlichen Grafen Teja mit einer
dritten Heerschar in den Nordwesten der Halbinsel zu entsenden: mit ihm zogen
viele Tausende gerade der eifrigsten Anhnger der Gotenpartei, - so da an dem
Tag bei Rom eine von ihren Gegnern nicht allzu zahlreich besuchte Versammlung
sich einfinden wrde. - Und unablssig waren sie ttig, sowohl ihre persnlichen
Anhnger als alte Gegner Amalaswinthens, die mchtige Sippe der Balten in ihren
weitverbreiteten Zweigen, in mglichst groer Anzahl zur Entscheidung jenes
Tages heranzuziehen. So hatte das Knigspaar Ruhe und Zuversicht gewonnen. Und
Theodahad war von Gothelindis bewogen worden, selbst als Vertreter seiner
Gemahlin gegen jede Anklage unter den Goten zu erscheinen, um durch solchen Mut
und den Glanz des kniglichen Ansehens vielleicht von vornherein alle
Widersacher einzuschchtern.
    Umgeben von ihren Anhngern und einer kleinen Leibwache verlieen Theodahad
und Gothelindis Ravenna und eilten nach Rom, wo sie mehrere Tage vor dem fr die
Versammlung anberaumten Termin eintrafen und in dem alten Kaiserpalast
abstiegen.
    Nicht unmittelbar vor den Mauern, sondern in der Nhe Roms, auf einem freien
offnen Felde, Regeta genannt, zwischen Anagni und Terracina, sollte die
Versammlung gehalten werden. Frh am Morgen des Tages, da sich Theodahad allein
auf die Reise dorthin aufmachen wollte und von Gothelindis Abschied nahm, lie
sich ein unerwarteter und unwillkommener Name melden: Cethegus, der whrend
ihres mehrtgigen Aufenthalts in der Stadt nicht erschienen: er war vollauf mit
der Vollendung der Befestigungen beschftigt.
    Als er eintrat, rief Gothelindis entsetzt ber seinen Ausdruck: Um Gott,
Cethegus! welch ein Unheil bringst du?
    Aber der Prfekt furchte nur einen Augenblick die Stirn bei ihrem Anblick,
dann sprach er ruhig: Unheil? fr den, den's trifft. Ich komme aus einer
Versammlung meiner Freunde, wo ich zuerst erfuhr, was bald ganz Rom wissen wird:
Belisar ist gelandet.
    Endlich, rief Theodahad. Und auch die Knigin konnte eine Miene des
Triumphs nicht verbergen.
    Frohlockt nicht zu frh! Es kann euch reuen. Ich komme nicht, Rechenschaft
von euch und eurem Freunde Petros zu verlangen: wer mit Verrtern handelt, mu
sich aufs Lgen gefat machen. Ich komme nur, um euch zu sagen, da ihr jetzt
ganz gewi verloren seid.
    Verloren? - Gerettet sind wir jetzt!
    Nein, Knigin. Belisar hat bei der Landung ein Manifest erlassen: er sagt,
er komme, die Mrder Amalaswinthens zu strafen; ein hoher Preis und seine Gnade
ist denen zugesichert, die euch lebend oder tot einliefern.
    Theodahad erbleichte. Unmglich! rief Gothelindis.
    Die Goten aber werden bald erfahren, wessen Verrat den Feind ohne
Widerstand ins Land gelassen.
    Mehr noch. Ich habe von der Stadt Rom den Auftrag, in dieser strmischen
Zeit als Prfekt ihr Wohl zu wahren. Ich werde euch im Namen Roms ergreifen und
Belisar bergeben lassen.
    Das wagst du nicht! rief Gothelindis, nach dem Dolche greifend.
    Still, Gothelindis, hier gilt es nicht, hilflose Frauen im Bad ermorden.
Ich lasse euch aber entkommen - was liegt mir an eurem Leben oder Sterben! -
gegen einen billigen Preis.
    Ich gewhre jeden! stammelte Theodahad.
    Du lieferst mir die Urkunden deiner Vertrge mit Silverius - schweig! lge
nicht! ich wei, ihr habt lang und geheim verhandelt. Du hast wieder einmal
einen hbschen Handel mit Land und Leuten getrieben! Mich lstet nach dem
Kaufbrief.
    Der Kauf ist jetzt eitel! die Urkunden ohne Kraft! Nimm sie! sie liegen
verwahrt in der Basilika des heiligen Martinus, in dem Sarkophag, links in der
Krypta! Seine Furcht zeigte, da er wahr sprach.
    Es ist gut, sagte Cethegus. Alle Ausgnge des Palastes sind von meinen
Legionaren besetzt. Erst erhebe ich die Urkunden. Fand ich sie am bezeichneten
Ort, so werd' ich Befehl geben, euch zu entlassen. Wollt ihr dann entfliehn, so
geht an die Pforte Marc Aurels und nennt meinen Namen dem Kriegstribun der
Wache, Piso. Er wird euch ziehen lassen. Und er ging, das Paar ratlosen ngsten
berlassend.
    Was tun? fragte Gothelindis mehr sich selbst als ihren Gemahl. Weichen
oder trotzen? - Was tun?! wiederholte Theodahad unwillig. Trotzen? das heit
bleiben? Unsinn! Fort von hier sobald als mglich; kein Heil als die Flucht! -
Wohin willst du fliehn? - Nach Ravenna zunchst - das ist fest! Dort erheb
ich den Knigsschatz. Von da, wenn es sein mu, zu den Franken. Schade, schade,
da ich die hier verborgnen Gelder preisgeben mu. Die vielen Millionen Solidi!
- Hier? auch hier, fragte Gothelindis aufmerksam, in Rom hast du Schtze
geborgen. Wo? und sicher? Ach, allzusicher! In den Katakomben! Ich selber
wrde Stunden brauchen, sie alle aufzufinden in jenen finstern Labyrinthen. Und
die Minuten sind jetzt Leben oder Tod. Und das Leben geht doch noch ber die
Solidi! Folge mir, Gothelindis. Damit wir keinen Augenblick verlieren; ich eile
an die Pforte Marc Aurels.
    Und er verlie das Gemach. Aber Gothelindis blieb berlegend stehn. Ein
Gedanke, ein Plan hatte sie bei seinen Worten erfat: sie erwog die Mglichkeit
des Widerstands.
    Ihr Stolz ertrug es nicht, der Herrschaft zu entsagen. Gold ist Macht,
sprach sie zu sich selber, und nur Macht ist Leben. Ihr Entschlu stand fest.
Sie gedachte der kappadokischen Sldner, die des Knigs Geiz aus seinem Dienst
verscheucht hatte; sie harrten noch herrenlos in Rom, der Einschiffung gewrtig.
Sie hrte Theodahad hastig die Treppe hinuntersteigen und nach seiner Snfte
rufen. Ja, flchte nur, du Erbrmlicher! sprach sie, ich bleibe.

                               Zwlftes Kapitel.


Herrlich tauchte am nchsten Morgen die Sonne aus dem Meer: und ihre Strahlen
glitzerten auf den blanken Waffen von vielen tausend Gotenkriegern, die das
weite Blachfeld von Regeta belebten.
    Aus allen Provinzen des weiten Reiches waren die Scharen herbeigeeilt,
gruppenweise, sippenweise, oft mit Weib und Kind, sich bei der groen Musterung,
die alljhrlich im Herbste gehalten wurde, einzufinden.
    Eine solche Volksversammlung war das schnste Fest und der edelste Ernst der
Nation zugleich: ursprnglich, in der heidnischen Zeit, war ihr Mittelpunkt das
groe Opferfest gewesen, das alljhrlich zweimal, an der Winter- und
Sommersonnenwende, alle Geschlechter des Volkes zur Verehrung der gemeinsamen
Gtter vereinte: daran schlossen sich dann Markt- und Tauschverkehr,
Waffenspiele und Heeresmusterung: die Versammlung hatte zugleich die hchste
Gerichtsgewalt und die letzte Entscheidung ber Krieg und Frieden und die
Verhltnisse zu andern Staaten.
    Und noch immer, auch in dem christlichen Gotenstaat, in welchem der Knig so
manches Recht, das sonst dem Volke zukam, erworben, hatte die Volksversammlung
eine hchst feierliche Weihe, wenn auch deren alte heidnische Bedeutung
vergessen war: und die Reste der alten Volksfreiheit, die selbst der gewaltige
Theoderich nicht angetastet, lebten unter seinen schwchern Nachfolgern
krftiger wieder auf.
    Noch immer hatte die Gesamtheit der freien Goten das Urteil zu finden, die
Strafe zu verhngen, wenn auch der Graf des Knigs in dessen Namen das Gericht
leitete und das Urteil vollzog. Und oft schon hatten germanische Vlker selbst
ihre Knige wegen Verrates, Mordes und andrer schwerer Frevel vor offner
Volksversammlung angeklagt, gerichtet und gettet. In dem stolzen Bewutsein,
sein eigner Herr zu sein und niemand, auch dem Knig nicht, ber das Ma der
Freiheit hinaus zu dienen, zog der Germane in allen seinen Waffen zu dem Ding,
wo er sich im Verband mit seinen Genossen sicher und stark fhlte und seine und
seines Volkes Freiheit, Kraft und Ehre in lebendigen Bildern und Taten vor Augen
sah.
    Zur diesmaligen Versammlung aber zog es die Goten mit besonders starken
Grnden. Der Krieg mit Byzanz war zu erwarten oder schon ausgebrochen, als die
Ladung nach Regeta erging: das Volk freute sich auf den Kampf mit dem verhaten
Feind und freute sich, zuvor seine Heeresmacht zu mustern: diesmal ganz
besonders sollte die Volksversammlung zugleich Heerschau sein. Dazu kam, da
wenigstens in den nchsten Landschaften den meisten Goten bekannt wurde, dort zu
Regeta sollte Gericht gehalten werden ber die Mrder der Tochter Theoderichs:
die groe Aufregung, die diese Tat erweckt hatte, mute ebenfalls mchtig nach
Regeta ziehn.
    Whrend ein Teil der Herbeigewanderten in den nchsten Drfern bei Freunden
und Bekannten eingesprochen, hatten sich groe Scharen schon einige Tage vor der
feierlichen Erffnung auf dem weiten Blachfeld selbst, zweihundertachtzig
Stadien (gegen sechsunddreiig rmische Meilen zu tausend Schritt) von Rom,
unter leichten Zelten und Htten oder auch unter dem milden freien Himmel
gelagert. Diese waren mit den frhsten Stunden des Versammlungstages schon in
brausender Bewegung und ntzten die geraume Zeit, da sie die alleinigen Herrn
des Platzes waren, zu allerlei Spiel und Kurzweil.
    Die einen schwammen und badeten in den klaren Fluten des raschen Flusses
Ufens (oder Decemnovius, weil er nach neunzehn rmischen Meilen bei Terracina
in das Meer mndet), der die weite Ebene durchschnitt. Andere zeigten ihre
Kunst, ber ganze Reihen von vorgehaltenen Speeren hinwegzusetzen oder, fast
unbekleidet, unter den im Taktschlag geschwungenen Schwertern zu tanzen, indes
die Raschfigsten, angeklammert an die Mhnen ihrer Rosse, mit deren
schnellstem Lauf gleichen Schritt hielten und, am Ziele angelangt, mit sichrem
Sprung sich auf den sattellosen Rcken schwangen.
    Schade, rief der junge Gudila, der bei diesem Wettlauf zuerst an das Ziel
gelangt war und sich jetzt die gelben Locken aus der Stirne strich, schade, da
Totila nicht zugegen! Er ist der beste Reiter im Volk und hat mich noch immer
besiegt; aber jetzt, mit dem Rappen, nehm' ich's mit ihm auf. - Ich bin froh,
da er nicht da ist, lachte Gunthamund, der als der zweite herangesprengt war,
sonst htte ich gestern schwerlich den ersten Preis im Lanzenwurf
davongetragen. - Ja, sprach Hilderich, ein stattlicher, junger Krieger in
klirrendem Ringpanzer, Totila ist gut mit der Lanze. Aber sichrer noch wirft
der schwarze Teja: der nennt dir die Rippe vorher, die er treffen wird. -
Bah, brummte Hunibad, ein lterer Mann, der dem Treiben der Jnglinge prfend
zugesehn, das ist doch all nur Spielerei. Im blutigen Ernste frommt dem Mann
zuletzt doch nur das Schwert: wann dir der Tod von allen Seiten so dicht auf den
Leib rckt, da du nicht mehr ausholen kannst zum Wurf. Und da lob ich mir den
Grafen Witichis von Fsul!
    Das ist mein Mann! War das ein Schdelspalten, im Gepidenkrieg! Durch Stahl
und Leder schlug der Mann als wr' es trocken Stroh. Der kann's noch besser als
mein eigner Herzog, Guntharis, der Wlsung, in Florentia. Doch was wit ihr
davon, ihr Knaben. - Seht, da steigen die frhesten Ankmmlinge von den Hgeln
nieder: auf! ihnen entgegen!
    Und auf allen Wegen strmte jetzt das Volk heran: zu Fu, zu Ro und zu
Wagen. Ein brausendes, wogendes Leben erfllte mehr und mehr das Blachfeld. An
den Ufern des Flusses, wo die meisten Zelte standen, wurden die Rosse abgezumt,
die Gespanne zu einer Wagenburg zusammengeschoben und durch die Lagergassen hin
flutete nun die stndlich wachsende Menge.
    Da suchten und fanden und begrten sich Freunde und Waffenbrder, die sich
seit Jahren nicht gesehn. Es war ein buntgemischtes Bild: die alte germanische
Gleichartigkeit war in diesem Reiche lang geschwunden. Da stand neben dem
vornehmen Edeln, der sich in einer der reichen Stdte Italiens niedergelassen,
in den Palsten senatorischer Geschlechter wohnte und die feinere und ppigere
Sitte der Welschen angenommen hatte, neben dem Herzog oder Grafen aus Mediolanum
oder Ticinum, der ber dem reichvergoldeten Panzer das Wehrgehnge von
Purpurseide trug, neben einem solchen zieren Herrn ragte wohl ein rauher,
riesiger Gotenbauer, der in den tiefen Eichwldern am Margus in Msien hauste
oder der in dem Tann am rauschenden nus dem Wolf die zottige Schur abgerungen
hatte, die er um die mchtigen Schultern schlug, und dessen rauher erhaltene
Sprache befremdlich an das Ohr der halbromanisierten Genossen schlug. Und wieder
friedliche Schafhirten aus Dakien, die, ohne Acker und ohne Haus, mit ihren
Herden von Weide zu Weide wanderten, ganz in derselben Weise noch, welche die
Ahnen vor tausend Jahren aus Asien herbergefhrt hatte. Da war ein reicher
Gote, der in Ravenna oder Rom eines rmischen Geldwechslers Kind geheiratet und
bald Handel und Verkehr gleich seinem rmischen Schwager zu treiben und seinen
Gewinn nach Tausenden zu berechnen gelernt hatte. Und daneben stand ein armer
Senne, der an dem brausenden Isarkus die magern Ziegen auf die magre Weide
trieb, und dicht neben der Hhle des Bren seine Bretterhtte errichtet hatte.
    So verschieden war den Tausenden, die sich hier zusammenfanden, das Los
gefallen, seit ihre Vter dem Ruf des groen Theoderich nach Westen gefolgt
waren, hinweg aus den Tlern des Hmus.
    Aber doch fhlten sie sich als Brder, als Shne Eines Volkes: dieselbe
stolzklingende Sprache redeten sie, dieselben Goldlocken, dieselbe schneeweie
Haut, dieselben hellen blitzenden Augen und - vor allem - das gleiche Gefhl in
jeder Brust: als Sieger stehen wir auf dem Boden, den unsre Vter dem rmischen
Weltreich abgetrotzt, und den wir decken wollen, lebendig oder tot.
    Wie ein ungeheurer Bienenschwarm wogten und rauschten die Tausende
durcheinander, die sich hier begrten, alte Bekanntschaften aufsuchten und neue
schlossen und das wirre Getreibe schien nimmer enden zu wollen und zu knnen.
    Aber pltzlich tnten von dem Kamm der Hgel her eigentmliche, feierlich
gezogene Tne des gotischen Heerhorns: und augenblicklich legte sich das Gesumme
der brausenden Stimmen. Aufmerksam wandten sich aller Augen nach der Richtung
der Hgel, von denen ein geschlossener Zug ehrwrdiger Greise nahte. Es war ein
halbes Hundert von Mnnern in weien, wallenden Mnteln, die Hupter
eichenbekrnzt, weie Stbe und altertmlich geformte Steinbeile fhrend: die
Sajonen und Fronwrter des Gerichts, welche die feierlichen Formen der
Erffnung, Hegung und Aufhebung des Dings zu vollziehen hatten.
    Angelangt in der Ebene begrten sie mit dreifachem, langgezogenem Hornruf
die Versammlung der freien Heermnner, die, nach feierlicher Stille, mit
klirrenden Waffen lrmend antworteten.
    Alsbald begannen die Bannboten ihr Werk. Sie teilten sich nach rechts und
links und umzogen mit Schnren von roter Wolle, die alle zwanzig Schritt um
einen Haselstab, den sie in die Erde stieen, geschlungen wurden, die ganze
weite Ebene, und begleiteten diese Handlung mit uralten Liedern und Sprchen.
    Genau gegen Aufgang und Mittag wurden die Wollschnre auf mannshohe
Lanzenschfte gespannt, so da sie die zwei Tore der nun vllig umfriedeten
Dingsttte bildeten, an denen die Fronboten mit gezckten Beilen Wache hielten,
alle Unfreien, alle Volksfremden und alle Weiber fernzuhalten.
    Als diese Arbeit vollendet war, traten die beiden ltesten unter die
Speertore und riefen mit lauter Stimme:

Gehegt ist der Hag
Altgotischer Art:
Nun beginnen mit Gott
Mag gerechtes Gericht.

    Auf die hiernach eingetretne Stille folgte unter der versammelten Menge ein
anfangs leises, dann lauter tnendes und endlich fast betubendes Getse von
fragenden, streitenden, zweifelnden Stimmen.
    Es war nmlich schon bei dem Zug der Sajonen aufgefallen, da er nicht, wie
gewhnlich, von dem Grafen gefhrt war, der im Namen und Bann des Knigs das
Gericht abzuhalten und zu leiten pflegte. Doch hatte man erwartet, da dieser
Vertreter des Knigs wohl whrend der Umschnrung des Platzes erscheinen werde.
Als nun aber diese Arbeit geschehen, und der Spruch der Alten, der zum Beginn
des Gerichts aufforderte, ergangen und doch immer noch kein Graf, kein Beamter
erschienen war, der allein die Erffnungsworte sprechen konnte, ward die
Merksamkeit aller auf jene schwer auszufllende Lcke gelenkt. Whrend man nun
berall nach dem Grafen, dem Vertreter des Knigs, fragte und suchte, erinnerte
man sich, da dieser ja verheien hatte, in Person vor seinem Volk zu
erscheinen, sich und seine Knigin gegen die erhobnen schweren Anklagen zu
verteidigen.
    Aber da man jetzt bei des Knigs Freunden und Anhngern sich nach ihm
erkundigen wollte, ergab sich die verdchtige Tatsache, die man bisher, im
Gedrng der allgemeinen Begrungen, gar nicht wahrgenommen, da nmlich auch
nicht Einer der zahlreichen Verwandten, Freunde, Diener des Knigshauses, die
zur Untersttzung der Beschuldigten zu erscheinen Recht, Pflicht und Interesse
hatten, in der Versammlung zugegen war, wiewohl man sie vor wenigen Tagen
zahlreich in den Straen und in der Umgegend Roms gesehen hatte.
    Das erregte Befremden und Argwohn: und lange schien es, als ob an dem Lrm
ber diese Seltsamkeit und an dem Fehlen des Knigsgrafen der rechtmige Anfang
der ganzen Verhandlung scheitern solle. Verschiedene Redner hatten bereits
vergeblich versucht, sich Gehr zu verschaffen. -
    Da erscholl pltzlich aus der Mitte der Versammlung ein alles bertnender
Klang, dem Kampfruf eines furchtbaren Ungetmes vergleichbar. Aller Augen
folgten dem Schall: und sahen im Mittelgrund des Platzes, an den Rcken einer
hohen Steineiche gelehnt, eine hohe ragende Gestalt, die in den hohlen, vor den
Mund gehaltnen Erzschild mit lauter Stimme den gotischen Schlachtruf ertnen
lie. Als sie den Schild senkte, erkannte man das mchtige Antlitz des alten
Hildebrand, dessen Augen Feuer zu sprhen schienen.
    Begeisterter Jubel begrte den greisen Waffenmeister des groen Knigs,
den, wie seinen Herrn, Lied und Sage schon bei lebendem Leib zu einer mythischen
Gestalt unter den Goten gemacht hatten. Als sich der Zuruf gelegt, hob der Alte
an: Gute Goten, meine wackern Mnner. Es ficht euch an und will euch befremden,
da ihr keinen Grafen seht und Vertreter des Mannes, der eure Krone trgt.
    Lat's euch nicht Bedenken machen! Wenn der Knig meint, damit das Gericht
zu stren, so soll er irren. Ich denke noch die alten Zeiten und sage euch: das
Volk kann Recht finden ohne Knig, und Gericht halten ohne Knigsgrafen. Ihr
seid alle herangewachsen in neuer bung und Sitte, aber da steht Haduswinth, der
Alte, kaum ein paar Winter jnger denn ich: der wird's mir bezeugen: beim Volk
allein ist alle Gewalt: das Gotenvolk ist frei!
    Ja, wir sind frei! rief ein tausendstimmiger Chor.
    Wir whlen uns unsern Dinggrafen selbst, schickt der Knig den seinen
nicht, rief der graue Haduswinth, Recht und Gericht war, eh' Knig war und
Graf. Und wer kennt besser alten Brauch des Rechts als Hildebrand, Hildungs
Sohn? Hildebrand soll unser Dinggraf sein.
    Ja! hallte es ringsum wider, Hildebrand soll unser Dinggraf sein.
    Ich bin's durch eure Wahl: und achte mich so gut bestellt, als htte mir
Knig Theodahad Brief und Pergament darber ausgestellt. Auch haben meine Ahnen
Gericht gehalten den Goten seit Jahrhunderten. Kommt, Sajonen, helft mir ffnen
das Gericht.
    Da eilten zwlf von den Frondienern herzu. Vor der Eiche lagen noch die
Trmmer eines uralten Fanums des Waldgottes Picus: die Sajonen suberten die
Stelle, hoben die breitesten der Steine zurecht und lehnten links und rechts
zwei der viereckigen Platten an den Stamm der Eiche, so da ein stattlicher
Richterstuhl dadurch gebildet ward. Und so hielt, von dem Altar des
altitalischen Wald- und Hirtengottes herab, der Gotengraf Gericht.
    Andere Sajonen warfen einen blauen weitfaltigen Wollmantel mit breitem,
weiem Kragen ber Hildebrands Schultern, gaben ihm den oben gekrmmten
Eschenstab in die Hand und hingen links zu seinen Hupten einen blanken
Stahlschild an die Zweige der Eiche.
    Dann stellten sie sich in zwei Reihen zu seiner Rechten und Linken auf: der
Alte schlug mit dem Stab auf den Schild, da er hell erklang, dann setzte er
sich, das Antlitz gegen Osten und sprach: Ich gebiete Stille, Bann und Frieden!
Ich gebiete Recht und verbiete Unrecht, Hastmut und Scheltwort und Waffenzcken,
und alles, was den Dingfrieden krnken mag. Und ich frage hier: ist es an Jahr
und Tag, an Weil' und Stunde, an Ort und Sttte, zu halten ein frei Gericht
gotischer Mnner?
    Da traten die nchststehenden Goten heran und sprachen im Chor: Hier ist
rechter Ort, unter hohem Himmel, unter rauschender Eiche, hier ist rechte
Tageszeit, bei klimmender Sonne, auf schwertgewonnenem gotischem Erdgrund, zu
halten ein frei Gericht gotischer Mnner.
    Wohlan, fuhr der alte Hildebrand fort, wir sind versammelt, zu richten
zweierlei Klage: Mordklage wider Gothelindis, die Knigin, und schwere Rge
wegen Feigheit und Saumsal in dieser Zeit hoher Gefahr wider Theodahad, unsern
Knig. Ich frage ... -
    Da ward seine Rede unterbrochen durch lauten, schallenden Hornruf, der von
Westen her nher und nher drang.

                              Dreizehntes Kapitel.


Erstaunt sahen die Goten um und erblickten einen Zug von Reitern, welche die
Hgel herab gegen die Gerichtssttte eilten. Die Sonne fiel grell blendend auf
die waffenblitzenden Gestalten, da sie nicht erkenntlich waren, obwohl sie in
Eile nahten.
    Da richtete sich der alte Hildebrand hoch auf in seinem erhhten Sitz, hielt
die Hand vor die falkenscharfen Augen und rief sogleich: Das sind gotische
Waffen! - Die wallende Fahne trgt als Bild die Wage: - das ist das Hauszeichen
des Grafen Witichis! Und dort ist er selbst! An der Spitze des Zugs. Und an
seiner Linken die hohe Gestalt, das ist der starke Hildebad! Was fhrt die
Feldherrn zurck? ihre Scharen sollten schon weit auf dem Weg nach Gallien und
Dalmatien sein!
    Ein Brausen von fragenden, staunenden, grenden Stimmen erfolgte.
    Indes waren die Reiter heran und sprangen von den dampfenden Rossen. Mit
Jubel empfangen, schritten die Fhrer, Witichis und Hildebad, durch die Menge
den Hgel heran, bis zu Hildebrands Richterstuhl.
    Wie? rief Hildebad noch atemlos, ihr sitzt hier und haltet Gericht, wie
im tiefsten Frieden: und der Feind, Belisar, ist gelandet!
    Wir wissen es, sprach Hildebrand ruhig, und wollten mit dem Knig
beraten, wie ihm zu wehren sei.
    Mit dem Knig! lachte Hildebad bitter.
    Er ist nicht hier, sagte Witichis umblickend, das verstrkt unsern
Verdacht. Wir kehrten um, weil wir Grund zu schwerem Argwohn erhielten. Aber
davon spter! fahrt fort, wo ihr haltet. Alles nach Recht und Ordnung! still,
Freund! Und den ungeduldigen Hildebad zurckdrngend, stellte er sich
bescheiden zur Linken des Richterstuhles in die Reihe der andern.
    Nachdem es wieder stiller geworden, fuhr der Alte fort: Gothelindis, unsre
Knigin, ist verklagt wegen Mordes an Amalaswintha, der Tochter Theoderichs. Ich
frage: sind wir Gericht zu richten solche Klage?
    Der alte Haduswinth, gesttzt auf seine lange Keule, trat vor und sprach:
Rot sind die Schnre dieser Malsttte. Beim Volksgericht ist das Recht ber
roten Blutfrevel, ber warmes Leben und kalten Tod. Wenn's anders gebt ward in
letzten Zeiten, so war das Gewalt, nicht Recht. Wir sind Gericht, zu richten
solche Klage.
    In allem Volk, fuhr Hildebrand fort, geht wider Gothelindis schwerer
Vorwurf: im stillen Herzen verklagen wir alle sie darob. Wer aber will hier, im
offnen Volksgericht, mit lautem Wort, sie dieses Mordes zeihen?
    Ich! sprach eine helle Stimme: und ein schner, junger Gote, in glnzenden
Waffen, trat von rechts vor den Richter, die rechte Hand auf die Brust legend.
    Ein Murmeln des Wohlgefallens drang durch die Reihen: Er liebt die schne
Mataswintha! - Er ist der Bruder des Herzogs Guntharis von Tuscien, der
Florentia besetzt hlt. - Er freit um sie! - Als Rcher ihrer Mutter tritt
er auf!
    Ich, Graf Arahad von Asta, des Aramuth Sohn, aus der Wlsungen
Edelgeschlecht, fuhr der junge Gote mit einem anmutigen Errten fort. Zwar bin
ich nicht versippt mit der Getteten: allein die Mnner ihrer Sippe, Theodahad
voran, ihr Vetter und ihr Knig, erfllen nicht die Pflicht der Blutrache; ist
er doch selbst des Mordes Helfer und Hehler.
    So klag' ich denn, ein freier unbescholtner Gote edeln Stammes, ein Freund
der unseligen Frstin, an Mataswinthens, ihrer Tochter, Statt. Ich klag' um
Mord! Ich klag' auf Blut!
    Und unter lautem Beifall des Volkes zog der stattliche schne Jngling das
Schwert und streckte es gerad vor sich auf den Richterstuhl.
    Und dein Beweis? sag' an ... -
    Halt, Dinggraf, scholl da eine ernste Stimme. Witichis trat vor, dem
Klger entgegen. Bist du so alt und kennst das Recht so wohl, Meister
Hildebrand, und lt dich fortreien von der Menge wildem Drang? Mu ich dich
mahnen, ich, der jngere Mann, an alles Rechtes erstes Gebot? Den Klger hr'
ich, die Beklagte nicht.
    Kein Weib kann stehen in der Goten Ding, sprach Hildebrand ruhig.
    Ich wei: doch wo ist Theodahad, ihr Gemahl und Mundwalt, sie zu
vertreten?
    Er ist nicht erschienen.
    Ist er geladen?
    Er ist geladen! Auf meinen Eid und den dieser Boten, sprach Arahad:
tretet vor, Sajonen. Zwei der Fronwrter traten vor und rhrten mit ihren
Stben an den Richterstuhl.
    Nun, sprach Witichis weiter, man soll nicht sagen, da im Volk der Goten
ein Weib ungehrt, unverteidigt verurteilt werde; wie schwer sie auch verhat
sei, - sie hat ein Recht auf Rechtsgehr und Rechtsschutz. Ich will ihr Mundwalt
und ihr Frsprecher sein.
    Und er trat ruhig dem jugendlichen Anklger entgegen, gleich ihm das Schwert
ziehend.
    Eine Pause der ehrenden Bewunderung trat ein. So leugnest du die Tat?
fragte der Richter. Ich sage: sie ist nicht erwiesen! - Erweise sie! sprach
der Richter zu Arahad gewendet.
    Dieser, nicht vorbereitet auf ein frmliches Verfahren und nicht gefat auf
einen Widersacher von Witichis' groem Gewicht und krftiger Ruhe, ward etwas
verwirrt. Erweisen? rief er ungeduldig. Was braucht's noch Erweis? Du, ich,
alle Goten wissen, da Gothelindis die Frstin lang und tdlich hate. Die
Frstin verschwindet aus Ravenna: gleichzeitig die Mrderin: ihr Opfer kmmt in
einem Hause Gothelindens wieder zum Vorschein - tot: die Mrderin aber flieht
auf ein festes Schlo. Was braucht's da noch Erweis?
    Und ungeduldig sah er auf die Goten rings umher.
    Und darauf hin klagst du auf Mord im offnen Ding? sprach Witichis ruhig.
Wahrlich, der Tag sei fern vom Gotenvolk, da man nach solchem Anschein Urteil
spricht. Gerechtigkeit, ihr Mnner, ist Licht und Luft! Weh, weh dem Volk, das
seinen Ha zu seinem Recht erhebt. Ich selber hasse dieses Weib und ihren
Gatten: aber wo ich hasse, bin ich doppelt streng mit mir.
    Und so edel und so schlicht sprach er dies Wort, da aller Goten Herzen dem
treuen Manne zuschlugen.
    Wo sind die Beweise? fragte nun Hildebrand. Hast du handhafte Tat? hast
du blickenden Schein? hast du gichtigen Mund? hast du echten Eid? heischest du
der Verklagten Unschuldseid?
    Beweis! wiederholte Arahad zornig. Ich habe keinen als meines Herzens
festen Glauben.
    Dann, sprach Hildebrand -
    Doch in diesem Augenblick bahnte sich ein Sajo vom Tore her den Weg zu ihm
und sprach: Rmische Mnner stehen am Eingang. Sie bitten um Gehr: sie wissen,
sagen sie, alles um der Frstin Tod.
    Ich fordre, da man sie hre, rief Arahad eifrig, nicht als Klger, als
Zeugen des Klgers.
    Hildebrand winkte und der Sajo eilte, die Gemeldeten durch die neugierige
Menge heraufzufhren. Voran schritt ein von Jahren gebeugter Mann in hrener
Kutte, den Strick um die Lenden: die Kapuze seines berwurfs machte seine Zge
unkenntlich: zwei Mnner in Sklaventracht folgten. Fragende Blicke ruhten auf
der Gestalt des Greises, dessen Erscheinung bei aller Einfachheit, ja Armut, von
seltner Wrde geadelt war.
    Als er angelangt war vor dem Richterstuhl Hildebrands, sah ihm Arahad dicht
ins Antlitz und trat mit Staunen rasch zurck.
    Wer ist es, fragte der Richter, den du zum Zeugen stellest deines Wortes?
Ein unbekannter Fremdling? - Nein, rief Arahad und schlug des Zeugen Mantel
zurck, ein Name, den ihr alle kennt und ehrt: Marcus Aurelius Cassiodorus.
    Ein Ruf allgemeinen Staunens flog ber die Dingsttte.
    
    So hie ich, sprach der Zeuge, in den Tagen meines weltlichen Lebens:
jetzt nur Bruder Marcus. Und eine hohe Weihe lag in seinen Zgen - die Weihe
der Entsagung.
    Nun, Bruder Marcus, forschte Hildebrand, was hast du uns zu melden vom
Tode Amalaswinthens? Sag' uns die volle Wahrheit und nur die Wahrheit.
    Die werd' ich sagen. Vor allem wit: nicht Streben nach menschlicher
Vergeltung fhrt mich her: nicht den Mord zu rchen bin ich gekommen, die Rache
ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! - Nein, den letzten Auftrag der
Unseligen, der Tochter meines groen Knigs, zu erfllen, bin ich da. Und er
zog eine Papyrusrolle aus dem Gewande. Kurz vor ihrer Flucht aus Ravenna
richtete sie diese Zeilen an mich, die ich, als ihr Vermchtnis an das Volk der
Goten, mitzuteilen habe: Den Dank einer zerknirschten Seele fr Deine
Freundschaft. Mehr noch als der Hoffnung der Rettung labt das Gefhl unverlorner
Treue. Ja, ich eile auf Deine Villa im Bolsener See: fhrt doch der Weg von da
nach Rom, nach Regeta, wo ich vor meinen Goten all' meine Schuld aufdecken und
auch ben will. Ich will sterben, wenn es sein mu, aber nicht durch die
tckische Hand meiner Feinde: nein, durch den Richterspruch meines Volkes, das
ich Verblendete ins Verderben gefhrt. Ich habe den Tod verdient: nicht nur um
des Blutes willen der drei Herzoge, die, alle sollen es erfahren, durch mich
starben: mehr noch um des Wahnes willen, mit dem ich mein Volk zurckgesetzt um
Byzanz. Gelange ich lebend nach Regeta, so will ich warnen und mahnen mit der
letzten Kraft meines Lebens: frchtet Byzanz! Byzanz ist falsch wie die Hlle,
und ist kein Friede denkbar zwischen ihm und uns.
    Aber warnen will ich auch vor dem Feind im Innern.
    Knig Theodahad spinnt Verrat: er hat an Petros, den Gesandten von Byzanz,
Italien und die Gotenkrone verkauft: er hat getan, was ich dem Griechen
weigerte. Seht euch vor, seid stark und einig. Knnt' ich sterbend shnen, was
ich lebend gefehlt.
    In tiefer Stille hatte das Volk die Worte vernommen, die Cassiodor mit
zitternder Stimme gesprochen, und die jetzt wie aus dem Jenseits herberzutnen
schienen.
    Auch als er geendet, wirkte noch der Eindruck des Mitleids und der Trauer
fort in feierlichem Schweigen.
    Endlich erhob sich der alte Hildebrand und sprach: Sie hat gefehlt: sie hat
gebt. Tochter Theoderichs, das Volk der Goten verzeiht dir deine Schuld und
dankt dir deine Treue.
    So mg' ihr Gott vergeben, Amen! sprach Cassiodor. Ich habe niemals die
Frstin an den Bolsener See geladen: ich konnt' es nicht: vierzehn Tage zuvor
hatt' ich all' meine Gter verkauft an die Knigin Gothelindis.
    Sie also hat ihre Feindin, fiel Arahad ein, seinen Namen mibrauchend, in
jenes Haus gelockt. Kannst du das leugnen, Graf Witichis?
    Nein, sprach dieser ruhig, aber, fuhr er zu Cassiodor gewendet fort,
hast du auch Beweis, da die Frstin daselbst nicht zuflligen Todes gestorben,
da Gothelindis ihren Tod herbeigefhrt?
    Tritt vor, Syrus, und sprich! sagte Cassiodor, ich brge fr die Treue
dieses Mundes. Der Sklave trat vor, neigte sich und sprach: Ich habe seit
zwanzig Jahren die Aufsicht ber die Schleusen des Sees und die Wasserknste des
Bades der Villa im Bolsener See: niemand auer mir kannte dessen Geheimnisse.
Als die Knigin Gothelindis das Gut erkauft, wurden alle Sklaven Cassiodors
entfernt und einige Diener der Knigin eingesetzt: ich allein ward belassen.
    Da landete eines frhen Morgens die Frstin Amalaswintha auf der Insel, bald
darauf die Knigin. Diese lie mich sofort kommen, erklrte, sie wolle ein Bad
nehmen, und befahl mir, ihr die Schlssel zu allen Schleusen des Sees und zu
allen Rhren des Bades zu bergeben und ihr den ganzen Plan des Druckwerks zu
erklren. Ich gehorchte, gab ihr die Schlssel und den auf Pergament
gezeichneten Plan, warnte sie aber nachdrcklich, nicht alle Schleusen des Sees
zu ffnen und nicht alle Rhren spielen zu lassen: das knne das Leben kosten.
    Sie aber wies mich zrnend ab und ich hrte, wie sie ihrer Badsklavin
befahl, die Kessel nicht mit warmem, sondern mit heiem Wasser zu fllen.
    Ich ging, besorgt um ihre Sicherheit, und hielt mich in der Nhe des Bades.
    Nach einiger Zeit hrte ich an dem mchtigen Brausen und Rauschen, da die
Knigin dennoch gegen meinen Rat, die ganze Flut des Sees hereingelassen:
zugleich hrte ich in allen Wnden das dampfende Wasser zischend aufsteigen, und
da mir obenein dnkte, als vernehme ich, gedmpft durch die Marmormauern,
ngstlichen Hilfschrei, eilte ich auf den Auengang des Bades, die Knigin zu
retten. Aber wie erstaunte ich, als ich an dem mir wohlbekannten Mittelpunkt der
Knste, an dem Medusenhaupt, die Knigin, die ich im Bad, in Todesgefahr whnte,
vllig angekleidet stehen sah.
    Sie drckte an den Federn und wechselte mit jemand, der im Bade um Hilfe
rief, zornige Worte. Entsetzt und dunkel ahnend, was da vorging, schlich ich,
zum Glck noch unbemerkt, hinweg.
    Wie, Feigling? sprach Witichis, du ahntest, was vorging, und schlichst
hinweg?
    Ich bin nur ein Sklave, Herr, kein Held: und htte mich die grimme Knigin
bemerkt, ist stnde wohl nicht hier, sie anzuklagen. Gleich darauf erscholl der
Ruf, die Frstin Amalaswintha sei im Bad ertrunken.
    Ein Murren und Rufen drang tosend durch das versammelte Volk.
    Frohlockend rief Arahad: Nun, Graf Witichis, willst du sie noch
beschtzen? - Nein, sprach dieser ruhig, das Schwert einsteckend, ich
schtze keine Mrderin. Mein Amt ist aus. Und mit diesem Wort trat er von der
linken auf die rechte Seite, zu den Anklgern, hinber.
    Ihr, freie Goten, habt das Urteil zu finden und das Recht zu schpfen,
sprach Hildebrand, ich habe nur zu vollziehen, was ihr gefunden. So frag' ich
euch, ihr Mnner des Gerichts, was dnkt euch von dieser Klage, die Graf Arahad,
des Aramuth Sohn, der Wlsung, erhoben gegen Gothelindis, die Knigin? Sagt an:
ist sie des Mordes schuldig?
    Schuldig! schuldig! scholl es mit vielen tausend Stimmen, und keine sagte
nein.
    Sie ist schuldig, sagte der Alte aufstehend. Sprich, Klger, welche
Strafe forderst du um diese Schuld?
    Arahad erhob das Schwert gerade gegen Himmel: Ich klagte um Mord. Ich
klagte auf Blut. Sie soll des Todes sterben.
    Und ehe Hildebrand seine Frage an das Volk stellen konnte, war die Menge von
zorniger Bewegung ergriffen, alle Schwerter flogen aus den Scheiden und blitzten
gen Himmel auf, und alle Stimmen riefen: Sie soll des Todes sterben! -
    Wie ein furchtbarer Donner rollte das Wort, die Majestt des Volksgerichts
vor sich her tragend, ber das weite Gefild, da bis in weite Ferne die Lfte
widerhallten. -
    Sie stirbt des Todes, sprach Hildebrand aufstehend, durch das Beil.
Sajonen, auf, und sucht, wo ihr sie findet.
    Halt an, sprach der starke Hildebad vortretend, schwer wird unser Spruch
erfllt werden, solang dies Weib unsres Knigs Gemahlin. Ich fordre deshalb, da
die Volksgemeinde auch gleich die Klagen prfe, die wir gegen Theodahad auf der
Seele haben, der ein Volk von Helden so unheldenhaft beherrscht. Ich will sie
aussprechen, diese Klagen. Merkt wohl, ich zeihe ihn des Verrates, nicht nur der
Unfhigkeit, uns zu retten, uns zu fhren.
    Schweigen will ich davon, da wohl schwerlich ohne sein Wissen seine Knigin
ihren Ha an Amalaswintha khlen konnte, schweigen davon, da diese in ihren
letzten Worten uns vor Theodahads Verrat gewarnt. Aber ist es nicht wahr, da er
den ganzen Sden des Reiches von Mnnern, Waffen, Rossen, Schiffen entblt, da
er alle Kraft nach den Alpen geworfen hat, bis da die elenden Griechlein ohne
Schwertstreich Sizilien gewinnen, Italien betreten konnten? Mein armer Bruder
Totila mit seiner Handvoll Leuten allein steht ihnen entgegen. Statt ihm den
Rcken zu decken, sendet der Knig auch noch Witichis, Teja, mich nach dem
Norden. Mit schwerem Herzen gehorchten wir: denn wir ahnten, wo Belisar landen
werde. Nur langsam rckten wir vor, jede Stunde den Rckruf erwartend. Umsonst.
Schon lief durch die Landschaften, die wir durchzogen, das dunkle Gercht,
Sizilien sei verloren und die Welschen, die uns nach Norden ziehen sahen,
machten spttische Gesichter. So waren wir ein paar Tagemrsche an der Kste
hingezogen. Da traf mich dieser Brief meines Bruders Totila:
    Hat denn, wie der Knig, so das ganze Volk der Goten, so mein Bruder mich
aufgegeben und vergessen? Belisar hat Sizilien berrascht. Er ist gelandet.
Alles Volk fllt ihm zu. Unaufhaltsam dringt er gegen Neapolis. Vier Briefe hab'
ich an Knig Theodahad um Hilfe, geschrieben. Alles umsonst. Kein Segel
erhalten. Neapolis ist in hchster Gefahr. Rettet, rettet Neapolis und das
Reich!
    Ein Ruf grimmigen Schmerzes ging durch die Tausende gotischer Mnner.
    Ich wollte, fuhr Hildebad fort, augenblicklich mit all unsren
Tausendschaften umkehren, aber Graf Witichis, mein Oberfeldherr, litt es nicht.
Nur das setzte ich durch, da wir die Truppen Halt machen lieen und mit wenigen
Reitern hierher flogen zu warnen, zu retten, zu rchen. Denn Rache, Rache heisch
ich an Knig Theodahad: nicht nur Torheit und Schwche, Arglist war es, da er
den Sden den Feinden preisgegeben. Hier dieser Brief beweist es. Viermal hat
ihn mein Bruder gemahnt, gebeten. All umsonst. Er gab ihn, er gab das Reich in
Feindeshand. Weh uns, wenn Neapolis fllt, schon gefallen ist. Ha, er soll nicht
lnger herrschen, nicht leben soll er lnger, der das verschuldet hat. Reit ihm
die Krone der Goten vom Haupt, die er geschndet, nieder mit ihm! Er sterbe!
    Nieder mit ihm! Er sterbe! donnerte das Volk in mchtigem Echo nach.
    Unwiderstehlich schien der Strom ihres Grimmes zu wogen und jeden zu
zerreien, der ihm widerstehen wollte. Nur Einer blieb ruhig und gelassen
inmitten der strmenden Menge. Das war Graf Witichis. Er sprang auf einen der
alten Steine unter dem Eichbaum und wartete, bis sich der Lrm etwas gelegt.
Dann erhob er die Stimme und sprach mit jener schlichten Klarheit, die ihm so
wohl anstand: Landsleute, Volksgenossen! Hrt mich an! Ihr habt unrecht mit
eurem Spruch. Wehe, wenn im Gotenstamm, des Ehre und Stolz die Gerechtigkeit
gewesen seit der Vter Zeit, Ha und Gewalt des Rechtes Thron besteigen.
Theodahad ist ein schwacher, schlechter Knig! Nicht lnger soll er allein des
Reiches Zgel lenken! Gebt ihm einen Vormund wie einem Unmndigen! Setzt ihn ab
meinetwegen. Aber seinen Tod, sein Blut drft ihr nicht fordern! Wo ist der
Beweis, da er verraten hat? Da Totilas Botschaft an ihn gelangt? Seht ihr, ihr
schweigt: htet euch vor Ungerechtigkeit, sie strzt die Reiche der Vlker.
    Und gro und edel stand er auf seinem erhhten Boden, im vollen Glanz der
Sonne, voll Kraft und edler Wrde.
    Bewundernd ruhten die Augen der Tausende auf ihm, der ihnen an Hoheit und
Ma und klarer Ruhe so berlegen schien. Eine feierliche Pause erfolgte. Und ehe
noch Hildebad und das Volk Antwort finden konnte gegen den Mann, der die
lebendige Gerechtigkeit schien, ward die allgemeine Aufmerksamkeit nach dem
dichten Walde gezogen, der im Sden die Aussicht begrenzte, und der auf einmal
lebendig zu werden schien.

                              Vierzehntes Kapitel.


Denn man hrte von dort her den raschen Hufschlag nahender Pferde und das
Klirren von Waffen: alsbald bog eine kleine Schar von Reitern aus dem Wald: aber
weit ihnen allen voraus jagte auf kohlschwarzem Ro ein Mann, der wie mit dem
Sturmwind um die Wette ritt.
    Weit im Winde flatterte seine Helmzier: ein mchtiger schwarzer Roschweif,
und seine eignen langen, schwarzen Locken: vorwrts gebeugt trieb er das
schaumbespritzte Ro zu rasender Eile und sprang am Sdeingang des Dings sausend
vom Sattel.
    Alle wichen links und rechts zurck, die der grimme, tdlichen Ha sprhende
Blick seines Auges aus dem leichenblassen, schnen Antlitz traf. Wie von Flgeln
getragen strmte er den Hgel hinan, sprang auf einen Stein neben Witichis,
hielt eine Rolle hoch empor, rief wie mit letzter Kraft: Verrat, Verrat! und
strzte dann wie blitzgetroffen nieder. Entsetzt sprangen Witichis und Hildebad
hinzu: sie hatten kaum den Freund erkannt: Teja, Teja! riefen sie, was ist
geschehen? rede! - Rede! wiederholte Witichis, es gilt das Reich der Goten!
    Wie mit bermenschlicher Kraft richtete sich in diesem Wort der sthlerne
Mann wieder empor, sah einen Augenblick um sich und sprach dann mit hohler
Stimme:
    Verraten sind wir. Goten, verraten von unserm Knig. Ich erhielt Auftrag
vor sechs Tagen, nach Istrien zu ziehen, nicht nach Neapolis, wie ich gebeten.
Ich schpfe Verdacht, doch ich gehorche und gehe unter Segel mit meinen
Tausendschaften. Ein starker Weststurm bricht herein, verschlgt zahllose kleine
Schiffe von Westen her bis zu uns. Darunter den Mercurius, den raschen Keles -
das leichte Postschiff Theodahads. Ich kannte das Fahrzeug wohl, es gehrte
einst meinem Vater. Wie das unsrer Schiffe ansichtig wird, will es entfliehen.
Ich, argwhnisch, jage ihm nach und hole es ein. Es trug diesen Brief an Belisar
von des Knigs Hand: Du wirst zufrieden sein mit mir, groer Feldherr. Alle
Gotenheere stehen in dieser Stunde nordstlich von Rom, ohne Gefahr knntest Du
landen. Vier Briefe des Seegrafen von Neapolis habe ich zerstrt, seine Boten in
den Turm geworfen.
    Zum Dank erwart' ich, da Du den Vertrag genau erfllst und den Kaufpreis in
Blde bezahlst. Teja lie den Brief sinken, die Stimme versagte ihm.
    Ein chzen und Sthnen der Wut zog durch die Versammlung.
    Ich lie umkehren, sogleich landen, ausschiffen und jage hierher seit drei
Tagen und drei Nchten unausgesetzt. Ich kann nicht mehr. Und taumelnd sank er
in Witichis' Arme.
    Da sprang der alte Hildebrand empor auf den hchsten Stein seines Stuhles:
weit berragte er die ganze Menge: er ri dem Trger, der die Lanze mit des
Knigs kleiner Marmorbste auf der Querstange trug, den Schaft aus der Hand und
hielt ihn vor sich in der Linken, in der Rechten hob er sein Steinbeil:
Verkauft, verraten sein Volk fr gelbes Gold? Nieder mit ihm, nieder, nieder!
Und ein Beilschlag zertrmmerte die Bste. Dieser Akt war wie der erste
Donnerschlag, der ein lange brtendes Gewitter entfesselt. Nur dem Wten
emprter Elemente war das Strmen vergleichbar, welches nun das in seinen
Grundtiefen aufgewhlte Volk durchbrauste. Nieder, nieder, nieder mit ihm!
hallte es tausendfach wieder unter betubendem Klirren der Waffen.
    Und darauf erhob abermals der alte Waffenmeister seine eherne Stimme und
sprach feierlich: Wisset es, Gott im Himmel und Menschen auf Erden, sehende
Sonne, und wehender Wind, wisset es, das Volk der Goten, frei und alten Ruhmes
voll und zu den Waffen geboren, hat abgetan seinen ehemaligen Knig Theodahad,
des Theodis Sohn, weil er Volk und Reich an den Feind verraten.
    Wir sprechen dir ab, Theodahad, die goldne Krone und das Gotenreich, das
Gotenrecht und das Leben. Und solches tun wir nicht nach Unrecht, sondern nach
Recht. Denn frei sind wir gewesen allewege unter unsern Knigen und wollten eh'
der Knige missen als der Freiheit. Und so hoch steht kein Knig, da er nicht
um Mord, Verrat und Eidbruch zu Recht stehe vor seinem Volk.
    So sprech' ich dir ab Krone und Reich, Recht und Leben. Landflchtig sollst
du sein, echtlos, ehrlos, rechtlos. Soweit Christenleute zur Kirche gehen und
Heidenleute zum Opferstein. Soweit Feuer brennt und Erde grnt. Soweit Schiff
schreitet und Schild scheinet. Soweit Himmel sich hht und Welt sich weitet.
Soweit der Falke fliegt den langen Frhlingstag, wann ihm der Wind steht unter
seinen beiden Flgeln. Versagt soll dir sein Halle und Haus und guter Leute
Gemeinschaft und alle Wohnung, ausgenommen die Hlle. Dein Erb und Eigen teil'
ich zu dem Gotenvolk. Dein Blut und Fleisch den Raben in den Lften.
    Und wer dich findet, in Halle und Hof, in Haus oder Heerstrae, soll dich
erschlagen, ungestraft, und soll bedankt sein dazu von Gott und den guten Goten.
Ich frage euch, soll's so geschehn?
    So soll's geschehn! antworteten die Tausende und schlugen Schwert an
Schild.
    Kaum war Hildebrand herabgestiegen, als der alte Haduswinth seine Stelle
einnahm, das zottige Brenfell zurckwarf und sprach: Des Neidknigs wren wir
ledig! Er wird seinen Rcher finden. Aber jetzt, treue Mnner, gilt es, einen
neuen Knig whlen. Denn ohne Knig sind wir nie gewesen. Soweit unsre Sagen und
Sprche zurckdenken, haben die Ahnen einen auf den Schild gehoben, das lebende
Bild der Macht, des Glanzes, des Glckes der guten Goten. Solang es Goten gibt,
werden sie Knige haben: und solang sich ein Knig findet, wird ihr Volk
bestehn. Und jetzt vor allem gilt's, ein Haupt, einen Fhrer zu haben. Das
Geschlecht der Amelungen ist glorreich aufgestiegen, wie eine Sonne: lang hat
sein hellster Strahl, Theoderich, geleuchtet: aber schmhlich ist's erloschen in
Theodahad. Auf, Volk der Goten, du bist frei! frei whle dir den rechten Knig,
der dich zu Sieg und Ehre fhrt. Dein Thron ist leer: mein Volk, ich lade dich
zur Knigswahl!
    Zur Knigswahl! sprach diesmal feierlich und machtvoll der Chor der
Tausende.
    Da trat Witichis auf den Dingstein, hob den Helm vom Haupt und die Rechte
gen Himmel: Du weit es, Gott, der in den Sternen geht, uns treibt nicht
frevler Kitzel des Ungehorsams und des bermuts: uns treibt das heilige Recht
der Not. Wir ehren das Recht des Knigtums, den Glanz, der von der Krone
strahlt: geschndet aber ist dieser Glanz, und in der hchsten Not des Reiches
ben wir des Volkes hchstes Recht. Herolde sollen ziehen zu allen Vlkern der
Erde und laut verknden: nicht aus Verachtung, aus Verehrung der Krone haben wir
es getan.
    Wen aber whlen wir? Viel sind der wackern Mnner im Volk, von altem
Geschlecht, von tapfrem Arm und klugem Geist. Wohl mehrere sind der Krone
wrdig. Wie leicht kann es kommen, da einer diesen, der andre jenen vorzieht?
Aber um Gott, nur jetzt keinen Zwist, keinen Streit! Jetzt, da der Feind im
Lande liegt! Drum lat uns schwren vorher feierlich: wer das Stimmenmehr
erhlt, sei's nur um Eine Stimme, den wollen wir alle als unsern Knig achten,
unweigerlich, und keinen andern. Ich schwre es - schwrt mit mir.
    Wir schwren! riefen die Goten.
    Aber der junge Arahad stimmte nicht ein. Ehrgeiz und Liebe loderten in
seinem Herzen: er bedachte, da sein Haus jetzt, nach dem Fall der Balten und
der Amaler, das edelste war im Volk: er hoffte, Mataswinthens Hand zu gewinnen,
wenn er ihr eine Krone bieten konnte: und kaum war der Schwur verhallt, als er
vortrat und rief: Wen sollen wir whlen, gotische Mnner? bedenkt euch wohl!
Vor allem, das ist klar, einen Mann jungkrftigen Armes wider den Feind. Aber
das allein gengt nicht. Weshalb haben unsre Ahnen die Amaler erhht? Weil sie
das edelste, das lteste, Gtter entstammte Geschlecht waren. Wohlan, das erste
Gestirn ist erloschen, gedenkt des zweiten, gedenkt der Balten!
    Von den Balten lebte nur Ein mnnlicher Spro, ein noch nicht wehrhafter
Enkel des Herzogs Pitza - denn Alarich, der Bruder der Herzoge Thulun und Ibba,
war seit langen Jahren gechtet und verschollen. - Arahad rechnete sicher, man
werde jenen Baltenknaben nicht whlen und vielmehr des dritten Gestirns
gedenken. Aber er irrte. Der alte Haduswinth trat zornig vor und schrie:
    Was Adel! was Geschlecht! sind wir Adelsknechte oder freie Mnner? Beim
Donner! werden wir Ahnen zhlen, wenn Belisar im Lande steht? Ich will dir
sagen, Knabe, was ein Knig braucht.
    Einen tapferen Arm, das ist wahr, aber nicht das allein. Der Knig soll ein
Hort des Rechts, ein Schirm des Friedens sein, nicht nur der Vorkmpfer im
Schwertkampf. Der Knig soll haben einen immer ruhigen, immer klaren Sinn, wie
der blaue Himmel ist, und wie die lichten Sterne sollen darin auf- und
niedergehen gerechte Gedanken. Der Knig soll haben eine stete Kraft, aber noch
mehr ein stetes Ma: er soll nie sich selbst verlieren und vergessen in Ha und
Liebe, wie wir wohl drfen, wir unten im Volk. Er soll nicht nur mild sein den
Freunden, er soll gerecht sein dem Verhatesten, selbst dem Feind. In dessen
Brust ein klarer Friede wohnt bei khnem Mut und edles Ma bei treuer Kraft, -
der Mann, Arahad, ist kniglich geartet und htt' ihn der letzte Bauer gezeugt.
    Lauter Beifall folgte dem Wort des Alten und beschmt trat Arahad zurck.
Aber jener fuhr fort: Gute Goten! ich meine, wir haben einen solchen Mann! Ich
will ihn euch nicht nennen: nennt ihr ihn mir.
    Ich kam hierher aus fernem Hochgebirg aus unsrer Mark gegen die Karanthanen,
wo der wilde Turbidus schumend die Felsen zerstubt. Da leb' ich mehr, als
sonst ein Menschenalter ist, stolz, frei, einsam. Wenig erfahr' ich von der
Menschen Hndeln, selbst von des eignen Volkes Taten, wenn nicht ein Salzro
halbverirrt des Weges kommt. Und doch drang mir bis in jene de Hhe der
Waffenruhm Eines vor allen unsern Helden, der nie das Schwert zu ungerechtem
Streit erhob und es noch niemals sieglos eingesteckt. Seinen Namen hrt' ich
immer wieder, wenn ich fragte: Wer wird uns schirmen, wenn Theoderich schied?
Seinen Namen hrt' ich bei jedem Sieg, den wir erfochten, bei jedem weisen Werke
des Friedens, das geschehn. Ich hatt' ihn nie gesehen. Ich sehnte mich danach,
ihn zu sehen. Heute hab' ich ihn gesehen und gehrt. Ich habe sein Aug' gesehen,
das klar und milde wie die Sonne. Ich hab' sein Wort gehrt; ich hab' gehrt,
wie er dem Feind selbst, dem verhaten, zu Recht und zu Gerechtigkeit verhalf.
Ich hab' gehrt, wie er allein, da uns alle der blinde Ha fortri mit dunkler
Schwinge, klar blieb und ruhig und gerecht. Da dacht' ich mir in meinem alten
Herzen: Der Mann ist kniglich geartet, stark im Kampf und gerecht im Frieden,
hart wie Stahl und klar wie Gold. Goten: der Mann soll unser Knig sein. Nennt
mir den Mann!
    Graf Witichis, ja Witichis, heil Knig Witichis!
    Whrend dieser brausende Jubelruf durch das Gefilde hallte, hatte ein
erschtternder Schreck den bescheidnen Mann ergriffen, der gespannt der Rede des
Alten gefolgt war und erst ganz zu Ende von der Ahnung ergriffen ward, da er
der so Gepriesne sei.
    Als er nun aber seinen Namen in diesem tausendstimmigen Jauchzen erschallen
hrte, berkam ihn vor allen andern Gedanken das Gefhl: Nein, das kann, das
soll nicht sein.
    Er ri sich von Teja und Hildebad, die freudig seine Hnde drckten, los,
und sprang hervor, das Haupt schttelnd und, wie abwehrend, den Arm
ausstreckend. Nein! rief er, nein, Freunde! nicht das mir! Ich bin ein
schlichter Kriegsmann, nicht ein Knig. Ich bin vielleicht ein gutes Werkzeug,
kein Werkmeister! Whlt einen andern, einen Wrdigern!
    Und wie bittend streckt er beide Hnde gegen das Volk.
    Aber der donnernde Ruf: Heil Knig Witichis! ward ihm statt aller Antwort.
Und nun trat der alte Hildebrand vor, fate seine Hand und sprach laut: La ab,
Witichis! wer war es, der zuerst geschworen, unweigerlich den Knig
anzuerkennen, der auch nur eine Stimme mehr htte? Siehe, du hast alle Stimmen
und willst dich wehren?
    Aber Witichis schttelte das Haupt und prete die Hand vor die Stirn. Da
trat der Alte ganz nah zu ihm und flsterte in sein Ohr: Wie? mu ich dich
strker mahnen? Mu ich dich mahnen jenes mchtigen Eides und Bundes, da du
gelobtest: Alles zu meines Volkes Heil. Ich wei, - ich kenne deine klare Seele,
-: dir ist die Krone mehr eine Last als eine Zierde: ich ahne, da dir diese
Krone groe, bittre Schmerzen bringen wird. Vielleicht mehr als Freuden: deshalb
fordre ich, da du sie auf dich nimmst.
    Witichis schwieg und drckte noch die andre Hand vor die Augen. Schon viel
zu lang whrte dem begeisterten Volk das Zwischenspiel. Schon rsteten sie den
breiten Schild, ihn darauf zu erheben, schon drngten sie den Hgel hinan, seine
Hand zu fassen: und fast ungeduldig scholl aufs neue der Ruf: Heil Knig
Witichis.
    Ich fordre es bei deinem Bluteid! - willst du ihn halten oder brechen?
flsterte Hildebrand. Halten! sprach Witichis und richtete sich entschlossen
auf.
    Und nun trat er, ohne falsche Scham und ohne Eitelkeit, einen Schritt vor
und sprach: Du hast gewhlt, mein Volk, wohlan, so nimm mich hin. Ich will dein
Knig sein!
    Da blitzten alle Schwerter in die Luft und lauter scholl's: Heil Knig
Witichis!
    Jetzt stieg der alte Hildebrand ganz herab von seinem Dingstuhl und sprach:
Ich weiche nun von diesem hohen Stuhl. Denn unserm Knig ziemt jetzt diese
Sttte. Nur einmal noch lat mich des Grafenamtes warten.
    Und kann ich dir nicht den Purpur umhngen, den die Amaler getragen, und ihr
goldenes Zepter reichen, - nimm meinen Richtermantel und den Richterstab als
Zepter, zum Zeichen, da du unser Knig wardst um deiner Gerechtigkeit willen.
Ich kann sie nicht auf deine Stirne drcken, die alte Gotenkrone, Theoderichs
goldnen Reif. So la dich krnen mit dem frischen Laub der Eiche, der du an
Kraft und Treue gleichst.
    Mit diesen Worten brach er ein zartes Gewinde von der Eiche und schlang es
um Witichis' Haupt: Auf, gotische Heerschar, nun warte deines Schildamts.
    Da ergriffen Haduswinth, Teja und Hildebad einen der altertmlichen breiten
Dingschilde der Sajonen, hoben den Knig, der nun mit Kranz, Stab und Mantel
geschmckt war, darauf, und zeigten ihn auf ihren hohen Schultern allem Volk:
Sehet, Goten, den Knig, den ihr selbst gewhlt: so schwrt ihm Treue.
    Und sie schworen ihm, aufrecht stehend, nicht knieend, die Hnde hoch gen
Himmel hebend, nun die Waffentreue bis in den Tod.
    Da sprang Witichis von dem Schild, bestieg den Dingstuhl und rief: Wie ihr
mir Treue, so schwr' ich euch Huld. Ich will ein milder und gerechter Knig
sein: des Rechtes walten und dem Unrecht wehren: gedenken will ich, da ihr frei
seid, gleich mir, nicht meine Knechte: und mein Leben, mein Glck, mein alles,
euch will ich's weihen, dem Volk der guten Goten. Das schwre ich euch bei dem
Himmelsgott und bei meiner Treue.
    Und den Dingschild vom Baume hebend, rief er: Das Ding ist aus. Ich lse
die Versammlung.
    Die Sajonen schlugen sofort die Haselstbe mit den Schnren nieder, und bunt
und ordnungslos wogte nun die Menge durcheinander. Auch die Rmer, die sich
neugierig, aber scheu, aus der Ferne dieses Walten einer Volksfreiheit mit
angesehen, wie sie Italien seit mehr als fnfhundert Jahren nicht gekannt,
durften sich nun unter die gotischen Mnner mischen, denen sie Wein und Speisen
verkauften.
    Witichis schickte sich an, mit den Freunden und den Fhrern des Heeres nach
einem der Zelte sich zu begeben, die am Ufer des Flusses aufgeschlagen waren.
    Da drngte sich ein rmisch gekleideter Mann, wie es schien, ein
wohlhabender Brger, an sein Geleit und forschte eifrig nach Graf Teja, des
Tagila Sohn.
    Der bin ich: was willst du mir, Rmer? sprach dieser sich wendend.
Nichts, Herr, als diese Vase berreichen: seht nach: das Siegel, der Skorpion,
ist unversehrt. - Was soll mir die Vase? ich kaufe nichts dergleichen. - Die
Vase ist Euer, Herr. Sie ist voller Urkunden und Rollen, die Euch zugehren. Und
mir ist es vom Gastfreund aufgetragen, sie Euch zu geben. Ich bitt' Euch,
nehmt.
    Und damit drngte er ihm die Vase in die Hand und war im Gedrnge
verschwunden. Gleichgltig lste Teja das Siegel und nahm die Urkunden heraus,
gleichgltig sah er hinein. Aber pltzlich scho ein brennend Rot ber seine
bleichen Wangen, sein Auge sprhte Blitze und er bi krampfhaft in die Lippe.
Die Vase entfiel ihm, er aber drngte sich in Fieberhast vor Witichis und sprach
mit fast tonloser Stimme: Mein Knig! - Knig Witichis - eine Gnade!
    Was ist dir, Teja? um Gott? Was willst du?
    Urlaub! Urlaub auf sechs - auf drei Tage! Ich mu fort. - Fort, wohin? -
Zur Rache! Hier lies - der Teufel, der meine Eltern verklagte, in Verzweiflung,
Tod und Wahnsinn trieb - er ist es - den ich lngst geahnt: hier ist sein
Anzeigebrief an den Bischof von Florentia, mit seiner eignen Hand - es ist
Theodahad! -
    Er ist's, es ist Theodahad, sagte Witichis, vom Briefe aufsehend. Geh
denn! Aber, zweifle nicht: du triffst ihn nicht mehr in Rom: er ist gewi lngst
entflohn. Er hat starken Vorsprung. Du wirst ihn nicht einholen.
    Ich hole ihn ein, ob er auf den Flgeln des Sturmadlers se.
    Du wirst ihn nicht finden.
    Ich finde ihn, und mte ich ihn aus dem tiefsten Pfuhl der Hlle oder im
Schoe des Himmelsgottes suchen.
    Er wird mit starker Bedeckung geflchtet sein, warnte der Knig.
    Aus tausend Teufeln hol' ich ihn heraus. Hildebad, dein Pferd! Leb' wohl,
Knig der Goten. Ich vollstrecke die Acht.

                                 Fnftes Buch.



                                   Witichis.

                Die Goten aber whlten zum Knig Witichis, einen Mann, zwar
                nicht von edlem Geschlecht, aber von hohem Ruhm der Tapferkeit.
                                                    Prokopius, Gotenkrieg I. 11.


                                Erste Abteilung.

                                Erstes Kapitel.

Langsam sank die Sonne hinter die grnen Hgel von Fsul und vergoldete die
Sulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin schaltete.
    Die gotischen Knechte und die rmischen Sklaven waren beschftigt, die
Arbeit des Tages zu beschlieen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse von der
Weide ein. Zwei andre Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder von dem Anger
auf dem Hgel nach den Stllen, indes der Ziegenbub mit rmischen Scheltworten
seine Schutzbefohlnen vorwrts trieb, die genschig hier und da an dem salzigen
Steinbrech nagten, der auf dem zerbrckelten Mauerwerk am Wege grnte. Andre
germanische Knechte rumten das Ackergert im Hofraum auf: und ein rmischer
Freigelassener, gar ein gelehrter und vornehmer Herr, der Obergrtner selbst,
verlie mit einem zufriedenen Blick die Sttte seiner blhenden und duftenden
Wissenschaft.
    Da kam aus dem Rostall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken. Vergi mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in den
Trinkkbel zu werfen. Wachis hat's noch besonders aufgetragen! Da er dich nicht
wieder schlagen mu, wenn er heimkommt. Und er warf die Tr zu. Ewiger Verdru
mit diesen welschen Knechten! sprach der kleine Hausherr mit wichtigem Stolz.
Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins Lager gefolgt, liegt alles auf mir:
denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl gut fr die Mgde, aber die Knechte
brauchen den Mann. Und mit groem Ernst schritt das Bblein ber den Hof.
    Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt, sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weie Stirn. Woher soll er auch
kommen? Mit nchster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen mich noch
immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlffel. Und verchtlich ri er an
dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. Sie drften mir keck ein
Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich nichts ausrichten und sehe
nichts gleich.
    Und doch sah er so lieblich, einem zrnenden Eros gleich, in seinem
kniekurzen, rmellosen Rckchen von feinstem weiem Leinen, das die liebe Hand
der Mutter gesponnen und genht und mit einem zierlichen roten Streifen
durchwirkt hatte.
    Gern lief' ich noch auf den Anger und brchte der Mutter zum Abend die
Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber ich
mu noch Rundschau halten, ehe sie mir die Tore schlieen, denn: Athalwin, hat
der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in acht, und wahre mir
die Mutter! Ich verla mich auf dich! Und ich gab ihm die Hand drauf. So mu ich
Wort halten.
    Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses vorber,
durchmusterte die Nebengebude zur Rechten und wollte sich eben nach der
Rckseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der jungen Hunde zur
Linken auf ein Gerusch an dem Holzzaun, der das Ganze umfriedete, merksam
wurde.
    Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte, denn auf dem Zaune
sa oder ber denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war ein groer,
alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie ihn die Berghirten
trugen: als Mantel hing eine mchtige Wolfsschur unverarbeitet von seinen
Schultern nieder, und in der Rechten trug er einen riesigen Bergstock mit
scharfer Stahlspitze, mit welchem er die Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun
hinaufsprangen. Eilends lief der Knabe hinzu. Halt, du landfremder Mann, was
tust du auf meinem Zaun? - willst du gleich hinaus und herab?
    Der Alte stutzte und sah forschend auf den schnen Knaben. Herunter, sag'
ich! wiederholte dieser. - Begrt man so in diesem Hof den wegmden Wandrer?
- Ja, wenn der wegmde Wandrer ber den Hinterzaun steigt. Bist du was Rechtes
und willst du was Rechtes, - da vorn steht das groe Hoftor sperrangelweit
offen: da komm herein.
    Das wei ich selbst, wenn ich das wollte. Und er machte Anstalt, in den
Hof hereinzusteigen.
    Halt, rief zornig der Kleine, da kommst du nicht herab! Fa, Griffo! Fa,
Wulfo! Und wenn du die zwei Jungen nicht scheust, so ruf' ich die Alte! Dann gib
acht! He Thursa, Thursa, leid's nicht!
    Auf diesen Ruf scho um die Ecke des Rostalles ein riesiger, grauborstiger
Wolfshund mit wtendem Gebell herbei und schien ohne weiteres dem Eindringling
an die Gurgel springen zu wollen.
    Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenber, so
verwandelte sich seine Wut pltzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemtlich hereinstieg. Ja,
Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen, sagte er. - - Nun sage mir,
kleiner Mann, wie heit du? - Athalwin hei' ich, versetzte dieser, scheu
zurcktretend, du aber, - ich glaube, du hast den Hund behext - wie heit du?
- Ich heie wie du, sagte der Alte freundlicher. Und das ist hbsch von dir,
da du heiest wie ich. Sei nur ruhig, ich bin kein Ruber! fhr' mich zu deiner
Mutter, da ich ihr sage, wie tapfer du deine Hofwehr verteidigt hast.
    Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
freudig springend voran.
    Das korinthische Atrium der Rmervilla mit seinen Sulenreihen an den vier
Wnden hatte die gotische Hausfrau mit leichter nderung in die groe Halle des
germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn war sie zu
festlicher Bewirtung nicht bestimmt, und Rauthgundis hatte fr diese Zeit ihre
Mgde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer Reihe saen rechts die
gotischen Mgde mit sausender Spule; ihnen gegenber einige rmische Sklavinnen
mit feineren Arbeiten beschftigt. In der Mitte der Halle schritt Rauthgundis
auf und nieder und lie selbst die flinke Spule auf dem glatten Mosaik des
Estrichs tanzen, aber dabei auch nach rechts und links stets die wachen Blicke
gleiten.
    Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war ber die Kniee
heraufgeschrzt und hing gebauscht ber dem Gurt von sthlernen Ringen, der
ihren einzigen Schmuck, ein Bndel von Schlsseln, trug. Das dunkelblonde Haar
war rings an Stirn und Schlfen zurckgekmmt und am Hinterkopf in einen
einfachen Knoten geschrzt. Es lag viel schlichte Wrde in der Gestalt, wie sie
mit ernst prfendem Blick auf und nieder schritt.
    Sie trat zu der jngsten der gotischen Mgde, die zuunterst in der Reihe sa
und beugte sich zu ihr. Brav, Liuta, sprach sie, dein Faden ist glatt, und du
hast heut' nicht so oft ausgesehen nach der Tr wie sonst. Freilich, fgte sie
lchelnd hinzu - es ist jetzt kein Verdienst, da doch kein Wachis zur Tr
hereinkommen kann. Die junge Magd errtete. Rauthgundis legte die Hand auf ihr
glattes Haar: Ich wei, sagte sie, du hast mir im stillen gegrollt, da ich
dich, die Verlobte, dieses Jahr ber tglich morgens und abends eine Stunde
lnger spinnen lie als die andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war
dein eigner Gewinn. Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen,
ist dein; ich schenk' es dir zur Aussteuer: so brauchst du nchstes Jahr, das
erste deiner Ehe, nicht zu spinnen.
    Das Mdchen fate ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. Und dich
nennen sie streng und hart! war alles, was sie sagen konnte. - Mild mit den
Guten, streng mit den Bsen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier walte, ist meines
Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heit es genau sein.
    Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Tr sichtbar: der Knabe wollte
rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile unbemerkt
dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mgde Arbeit prfte, lobte
und schalt und neue Auftrge gab.
    Ja, sprach der Alte endlich zu sich selbst, stattlich sieht sie aus, und
sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch! wer wei alles? Da war Athalwin
nicht mehr zu halten: Mutter, rief er, ein fremder Mann, der Thursa behext
und ber den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann's nicht begreifen.
    Da wandte sich die stattliche Frauengestalt wrdevoll dem Eingang zu, die
Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne Tr
brach, abzuwehren. Was fhrst du den Gast hierher? Du weit, der Vater ist
nicht hier. Fhr' ihn in die groe Halle. Sein Platz ist nicht bei mir.
    Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz, sprach der Alte
vortretend.
    Vater! rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und nicht
ohne Mibehagen sah Athalwin auf die Gruppe. Du bist also der Grovater, der da
oben in den Nordbergen haust? Nun gr Gott, Grovater! Aber warum sagst du denn
das nicht gleich? Und warum kommst du nicht durchs Tor wie andre ehrliche
Leute?
    Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Hnden und sah ihr scharf ins Auge.
Sie sieht glcklich aus und gedeihend, brummte er vor sich hin.
    Da fate sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle. Alle
Spindeln ruhten auer Liutas - aller Augen musterten neugierig den Alten.
    Ob ihr wohl spinnen wollt, frwitzige Elstern? rief sie streng. Du,
Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, du kennst den
Brauch, du spinnst eine Spule mehr, - ihr andern macht Feierabend. Komm, Vater!
Liuta, rst' ein laues Bad und Fleisch und Wein. -
    Nein! sprach der Vater, der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und Trunk
am Wasserfall. Und was das Essen anlangt - drauen, vor'm Hinterzaun, am
Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab' ich mein Speltbrot und
meinen Schafkse, den bringt mir. - Wieviel habt ihr Rinder im Stall und Rosse
auf der Weide? Es war seine erste Frage.
    Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden, und der kleine Athalwin
war kopfschttelnd ber den Grovater zu Bett gegangen, da wandelten Vater und
Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. Ich hab' nicht Luft genug
da drinnen, hatte der Alte gesagt.
    Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten. Mittendrein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer Wirtschaft
auf, wie sie ihm Gert oder Gebude nahelegten: und in seinem Ton lag keine
Zrtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein Kind musterte.
    La doch endlich Roggen und Rosse, lchelte Rauthgundis, und sage mir,
wie's dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
herabgefhrt hat von den Bergen zu deinen Kindern? - Wie's mir gegangen? Nun:
halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist's nicht so hbsch warm,
wie hier im Welschtale. Und er sagte das wie einen Vorwurf. Und warum ich
herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier zerfallen auf dem
Firnjoch. Und da wollt' ich mir einen andern kaufen hier unten.
    Da hielt sich Rauthgundis nicht lnger: mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief: Und den Zuchtstier hast du nicht nher gefunden als
hier? Lge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein eigen Kind. Du
bist gekommen, weil du gemut, weil du's doch endlich nicht mehr ausgehalten vor
Heimweh nach deinem Kinde.
    Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: Woher du's nur weit! Nun
ja! ich mute doch mal selbst sehen, wie's um dich steht, und wie er dich hlt,
der Herr Gotengraf.
    Wie seinen Augapfel, sprach das Weib selig. - So? und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind? - Er steht beim Heer in des
Knigs Dienst.
    Ja, das ist's ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen Knig? Doch -
sage: warum trgst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem Welschtal
kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fnf Jahren, die trug Gold handbreit: da
dacht' ich: so trgt's deine Tochter, und freute mich, und nun -
    Rauthgundis lchelte: Soll ich Gold tragen fr meiner Mgde Augen? Ich
schmcke mich nur, wenn Witichis es sieht. - So? mg' er's verdienen! Aber du
hast doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier unten? - Mehr
als andre, truhenvoll. Witichis brachte groe Beute vom Gepidenkrieg. - So
bist du ganz glcklich? - Ganz, Vater, aber nicht wegen der Goldspangen. -
Hast du ber nichts zu klagen? Sag's mir nur, Kind! Was es auch sei, sag's
deinem alten Vater, und er schafft dir dein Recht.
    Da blieb Rauthgundis stehen. Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
von dir zu sprechen, nicht von mir zu hren. Wirf ihn doch weg, den
unglckseligen Irrwahn, als mte ich elend werden, weil ich zu Tal gezogen. Ich
glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgefhrt.
    Nur sie! rief der Alte hastig, mit dem Stock aufstoend. Und du nennst
einen Wahn, was deines Vaters tiefstes, inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist's ein
Wahn, da sich's schwer atme hier unten? Ein Wahn, da unsre hochgewachsenen,
weien Goten klein und braun geworden hier unten im Tal? Ist es ein Wahn, da
alles Unheil von jeher von Sden hergekommen, von diesem weichen, falschen Tal?
Woher kommen die Bergstrze ber unsre Htten? von Sden her. Von wo kommt der
giftige Wind, der Mensch und Vieh verdirbt? Von Sden. Warum strzt mir Kuh und
Schaf, wann sie am Sdhang grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das
erstemal von unserm Berge nach Bolsanum herabkam, in der schwlen Stadt? Ein
Bruder von dir stieg auch herab, trat in des Knigs Theoderich Waffenschar zu
Ravenna: erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht
mehr was, der je hier in den Sden herabstieg auch nur auf einen Winter? Wo hat
unser groer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit Steuern und
Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Vter von all' dem gewut?
    Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle ppigkeit, alle Unkraft,
alle List? Von hier: aus dem Welschtal, aus dem Sden, wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewrm, und einer dem andern die Luft
vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein frisches Kind
herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was Gutes und Klares, ich
leugn' es nicht; und htte er sich droben bei mir ein Gehft gebaut, ich htte
ihm gern mein Kind und das Joch der besten Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da
herunter mute er sie fhren ins heie Sumpftal. Und er selbst bckt den Kopf in
goldnen Slen zu Rom und in der Rabenstadt. Wohl hab' ich mich lang gewehrt -
    Aber endlich gabst du nach -
    Was wollt' ich machen? War doch mein kernfrisches Mdel ganz herzenssiech
geworden nach dem Unglcksmann.
    Und zehn Jahre hat der Unglcksmann dein Kind beglckt. - Wenn's nur auch
wahr ist! - Vater! - Und wahr bleibt. Es wre das erstemal, da Glck von
Sden kme. Sieh, mein Abscheu ist so gro vor der Ebne, da ich die sieben Jahr
nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe. Wenn ich es jetzt doch
getan, hat's schweren Grund.
    Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?
    Freilich! doch mein banges Herz! Ein bses Zeichen ist geschehen. Du denkst
doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm Hause? Ich
pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren wardst. Und prchtig,
wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du fortzogst freilich, fand ich,
er sehe krank und traurig. Aber die andern sahen es nicht und lachten mich aus.
    Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grn. Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wtig, wie ich's selten gehrt da
droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Tor treten - ist der Stamm
vom Blitz zerspalten, und die Krone hat der Giebach mit sich fortgerissen -
nach Sden.
    Schad' um den lieben Baum! Doch kann dich das ngstigen?
    Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den armen
Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, da er nicht verunehrt und elend
am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen war. Und ich nahm mir's
sehr zu Herzen, und ich sann und sann mit schweren Sorgen ber deinen Mann, und
meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter. Und ich sah ins Feuer, drin der
Stamm verkohlte.
    So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Mnnern und schnen Frauen, in Glanz und Pracht
gekleidet. Du aber standest vor der Tr, im Bettlerkleid, und weintest bittre
Trnen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: Wer ist das Weib? ich kenne
sie nicht! - Und es lie mich nicht mehr droben in den Bergen. Herab zog's mich:
ich mute sehen, wie mein Kind gehalten ist im Tal und berraschen wollt' ich
ihn - deshalb wollt' ich nicht durchs Tor ins Haus.
    Vater, sprach Rauthgundis zornig, dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken. Dein Mitrauen -
    Mitrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und in
dem Traumgesicht hat sich's mir deutlich gemeldet: dir droht ein Unglck! Weich'
ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge! Nur auf kurze Zeit.
Glaub' mir, du wirst es bald wieder schn finden in der freien Luft, wo man ber
aller Herren Lnder hinwegsieht.
    Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals. - Hat er nicht dich verlassen?
Ihm ist Hof- und Knigsdienst mehr als Weib und Kind. So la ihm seinen Willen.
    Vater, sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, kein Wort
mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, da du so reden kannst von
Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er liebt
mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
    Und wenn er fr recht hlt, fern von mir zu schaffen, zu wirken, so ist es
recht. Er fhrt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll kein Wort,
kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.
    Der Alte schwieg. Aber sein Mitrauen schwieg nicht. Warum, hob er nach
einer Pause wieder an, wenn er am Hof so wichtige Geschfte hat, warum nimmt er
dich nicht mit? Schmt er sich der Bauerntochter? und zornig stie er seinen
Stock auf die Erde.
    Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, da er mich vom Berg ins Tal der
Welschen gefhrt - und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten unter
sie fhrt!
    Du sollst's auch nicht tun! Aber er soll's wollen. Er soll dich nicht
entbehren knnen. Aber des Knigs Feldherr wird sich des Bauernkindes schmen.
    Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hoftor, vor dem sie eben standen. Auf, aufgemacht! rief er, mit
der Streitaxt an die Pfosten schlagend. - Wer ist da drauen? fragte der Alte
vorsichtig. - Aufgemacht! so lang lt man einen Knigsboten nicht warten!
    Es ist Wachis, sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
zurckschiebend, was bringt dich so pltzlich zurck?
    Du bist es selbst, die mir ffnet! rief der treue Mann, o Gru und Heil,
Frau Knigin der Goten! Der Herr ist zum Knig des Volks gewhlt. Diese meine
Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er lt dich gren: und
entbittet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du aufbrechen.
    In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf ihren
Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. Nun, fragte sie endlich
sich losmachend, Vater, was sagst du nun?
    Was ich sage? Jetzt ist das Unglck da, das mir geahnt! Ich gehe noch heute
Nacht zurck auf meinen Berg.

                                Zweites Kapitel.


Whrend die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem Halbkreis
das mchtige Heerlager Belisars die hart bedrngte Stadt Neapolis.
    Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich das
Heer der Byzantiner von der uersten Sdostspitze Italiens bis vor die Mauern
der pathenopeischen Stadt gewlzt, ohne Widerstand zu finden. Denn, dank den
Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in jenen Gegenden zu
finden.
    Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
den die Griechen stieen: die rmische Bevlkerung von Bruttien mit den Stdten
Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und Thurii, von
Calabrien mit den Stdten Gallipolis, Tarentum und Brundusium, von Lucanien mit
den Stdten Vella und Buxentum, von Apulien mit den Stdten Acheruntia und
Canusium, Salernum, Nuceria und Camps, und viele andre Stdte nahmen Belisar
mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des rechtglubigen Kaisers Justinian die
Befreiung von dem Joche der Ketzer und Barbaren verkndete. Bis an den Aufidus
im Osten, bis an den Sarnus im Sdwesten war Italien den Goten entrissen, und
erst an den Wllen von Neapel brach sich der Ungestm dieser feindlichen Wogen.
    Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes des
Blutigen. Diesem tapfern Fhrer war die Via Nolana anvertraut und die Aufgabe,
die Strae nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten Wiesenflchen, auf den
Saatfeldern fleiiger Goten, tummelten die Massageten und die gelben Hunnen ihre
kleinen, hlichen Gule. Daneben lagerten leichte persische Sldner, in
Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen; dann schwere armenische Schildtrger,
Makedonen mit zehn Fu langen Sarissen (Lanzen) und groe Massen thessalischer
und thrakischer, aber auch sarazenischer Reiter, zu verhater Unttigkeit in
diesem Belagerungskampf verurteilt und ihre Mue nach Krften ausfllend mit
Streifzgen ins Innere des Landes.
    Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
erfllt: Belisars groes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit dem
Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache, die Belisar
selbst bewaffnete und besoldete, und zu der nur die erlesensten Leute, die sich
dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet, zugelassen wurden: - aus
ihr gingen Belisars Schler und beste Heerfhrer hervor - in reichvergoldeten
Helmen mit roten Rohaarkmmen, den besten Brust-und Beinharnischen, ehernen
Schilden, dem breiten Schwert und der partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten
den Kern des Fuvolks achttausend Illyrier, die einzige gute Truppe, die das
Griechenreich noch selbst stellte; hier aber lagerten auch unter dem Befehl
ihrer Stammesfrsten die avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch
germanischen Scharen, wie Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld
werben mute, den Mangel der kriegsfhigen Mannschaft zu decken. Hier auch die
ausgewanderten und die vielen tausend bergegangenen Italier.
    Endlich das sdwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen die
Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in Vorrat: hier
wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die das neu von den
Vandalen zurckeroberte Afrika stellte: maurische, numidische Reiter, libysche
Schleuderer durcheinander.
    Aber vereinzelt waren Abenteurer und Sldner fast aus allen Barbarenstmmen
der drei Erdteile vertreten: Bajuwaren von der Donau, Alamannen vom Rhein,
Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann wieder Anten vom Dniester,
Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen, Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus
Asien und Afrika. So bunt zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die
Kriegsmacht, mit der Justinian die gotischen Barbaren vertreiben und Italien
befreien wollte. Den Befehl ber die Vorposten hatten immer und berall die
Leibwchter Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta
Capuana fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt
und schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten Werke
gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern verteidigen sollten.
    Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte bei
seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu bergeben. Aber auch er htte der
berlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange widerstehen
knnen, wre nicht ein glcklicher Umstand ihm zu Hilfe gekommen. Das war die
unzeitige Rckkehr der griechischen Flotte nach Byzanz. Als nmlich Belisar,
nachdem er sein gelandetes Heer in Regium eine Nacht geruht und gemustert hatte,
den allgemeinen Aufbruch mit der Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl,
sandte ihm sein Nauarchos Konon einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des
Kaisers, wonach die Flotte sofort nach der Landung nach Nikopolis an der
griechischen Kste zurcksegeln sollte, angeblich, neue Verstrkungen
herberzuholen, in Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen,
mit den kaiserlichen Lanzentrgern nach Italien zu fhren, der die
Siegesschritte Belisars beobachten, berwachen, ntigenfalls hemmen und, als
Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mitrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zhneknirschend mute Belisar seine Flotte
im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und nur mit
vielen Bitten erlangte er, da ihm der Nauarch vier Kriegstrieren, die noch bei
Sizilien kreuzten, zu senden versprach.
    So hatte denn Belisar, als er sich anschickte, Neapolis zu belagern, die
Stadt zwar von Nordost, Ost und Sdost mit seiner Landmacht eng einschlieen
knnen: - den Westen, die Strae nach Rom, durch Castellum Tiberii gedeckt,
hielt Graf Uliaris mit hchster Kraft frei: - aber den Hafen von Neapolis und
seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu sperren vermocht.
    Anfangs zwar trstete er sich damit, da ja auch die Belagerten keine Flotte
htten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel Vorteil wrden
ziehen knnen. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und die Khnheit eines
Gegners in den Weg, den er spter noch mehr frchten lernen sollte. Das war
Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der Leiche des alten Valerius mit
Julius die letzte Ehre erwiesen und die ersten Trnen Valerias getrocknet, als
er mit rastloser Ttigkeit an der Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts
zu schaffen.
    Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
Geschwader hatte Knig Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas Vorstellungen,
Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die Arnusmndung bewachen
sollte. So besa Totila von Anfang nichts als drei leichte Wachtschiffe, von
denen er zwei bei Sizilien verloren hatte: und er war nach Neapolis gekommen, an
jedem Widerstand zur See verzweifelnd. Aber da er das Unglaubliche vernahm, da
die byzantinische Flotte nach Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine
Hoffnung. Und nun ruhte er nicht, bis er auf groen Fischerbooten,
Kaufmannsschiffen, Hafenkhnen und in der Eile notdrftig seetchtig gemachten
Wracks der Werften sich eine kleine Flottille von etwa zwlf Segeln gebildet,
die freilich weder einem Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff
Trotz bieten konnte, aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst vllig
abgeschnittene Stadt von Baj, Cum und andern Stdten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Ksten zu beobachten
und mit unaufhrlichen Angriffen zu qulen, indem Totila mit einer kleinen Schar
oft im Sden, im Rcken der griechischen Lager, landete, sich ins Land schlich,
bald hier, bald da einen Trupp der Feinde berfiel und zersprengte und solche
Unsicherheit verbreitete, da sich die Byzantiner nur in starken Abteilungen und
nie zu weit von ihren Lagern zu entfernen wagten, whrend diese Erfolge die hart
bedrngte, von steten Wachdiensten und Kmpfen angegriffene Mannschaft des
Uliaris immer wieder ermutigten.
    Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, da die Lage schon jetzt
eine hchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der Stadt
erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil seiner Boote
dazu, tglich eine Anzahl von wehrunfhigen Einwohnern aus Neapolis aufwrts
nach Baj und Cum zu schaffen, wobei er die Anforderung der Reichen, da diese
Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden sollten, streng zurckwies und
ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens
hatte Totila wiederholt und immer dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz
von Julius auf diesen Schiffen zu flchten: noch wollte sie sich von dem Sarge
ihres Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort, in
dem vterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.

                                Drittes Kapitel.


In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die hchsten Freuden
und die hchsten Schmerzen ihrer Liebe.
    Hufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
besuchen mute. In der Turmstube des alten Isak hielt er tglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Mnner
begrt und das schlichte Mahl von Frchten und Wein auf den Tisch gestellt,
hinunterzuschlpfen in das enge Grtlein, das dicht hinter der Turmmauer lag.
Der Raum war ursprnglich ein kleiner Hof im Tempel der Minerva, der
Mauerbeschtzerin, gewesen, der man gern an den Haupttoren der Stdte einen
Altar errichtete.
    Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
alte, mchtige Olivenstamm, der einst die der Gttin geweihte Statue beschattet
hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle Hand hier
gepflegt und oft fr die Braut des Geliebten gebrochen hatte. Gerade gegenber
dem riesigen lbaum, dessen knorrige Wurzeln ber die Erde hervorstarrten und
eine dunkle ffnung in den Erdgeschossen des alten Tempels zeigten, war von dem
Christentum ein groes, schwarzes Holzkreuz angebracht ber einem kleinen
Betschemel, der aus einer Marmorstufe des Minervatempels gebildet war: - man
liebte, die Sttten des alten Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die
alten Gtter, die jetzt zu Dmonen geworden, durch die Sinnbilder des
siegreichen Glaubens zu verscheuchen.
    Unter diesem Kreuz sa das schne Judenmdchen oft stundenlang mit der alten
Arria, der halbblinden Witwe des Unterpfrtners, die, nach dem frhen Tod von
Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblhen der kleinen Miriam mit ihren Blumen
in dem den Gestein der alten Mauern berwacht hatte. Da hatte diese viele Jahre
lang still lauschend zugehrt, wie die fromme Alte in fleiigem Gebet zu dem
Gott der Christen flehte: und unwillkrlich war so mancher Strahl der mildern,
hellern Liebeslehre des Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.
    Jetzt, da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedrftig gemacht, vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rhrung nahm
Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschlo mit Dank und Liebe und Mitleid
das herrliche Geschpf, dessen mchtige Liebe zu dem jungen Goten sie lngst
erkannt und beklagt, aber nie gegenber der scheuen Jungfrau berhrt hatte.
    Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten fhrten: ihr
edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, ber die duftigen
Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie trumend stehen, die linke
Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem Betschemel, ihr den Rcken
wendend, und betete laut. Sie wrde die Nahende nicht bemerkt haben, wenn nicht
geflgeltes Leben pltzlich den stillen Hof beseelt htte: denn in den breiten
Zweigen der Olive nisteten die schnsten weien Tauben, der einsamen Miriam
einzige Gespielinnen. Als diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen
sahen, erhoben sie sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwrmend; eine
lie sich auf des Mdchens linke Schulter nieder, die andre auf das feine Gelenk
der Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lchelnd ausstreckte.
    Du bist's, Miriam! deine Tauben verknden dich! sprach Arria sich wendend.
Und das schne Mdchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam, die Vgel nicht
zu verscheuchen; die Abendsonne fiel durch die Bltter der Olive auf ihre
pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.
    Ich bin's, Mutter! sagte Miriam, sich zu ihr setzend. Und ich hab' eine
Bitte. Wie lautet, fragte sie leiser, dein Spruch vom Leben nach dem Tode,
dein Glaubensspruch? - ich glaube an die Gemeinschaft. - -
    An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges
Leben. - Wie kmmst du auf diese Gedanken.
    Ei nun, sagte Miriam, mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der Snger
von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht tglich Pfeile und Steine in
die Straen? Aber ich will noch Blumen pflcken! sprach sie wieder aufstehend.
    Arria schwieg einen Augenblick. Jedoch der Seegraf war heute schon da: mir
ist, ich htte seine helle Stimme gehrt.
    Miriam errtete leicht. Sie sind nicht fr ihn, - sprach sie dann ruhig -
fr sie. - Fr sie? - Ja, fr seine Braut. Ich habe sie heute zum erstenmal
gesehen. Sie ist sehr schn. Ich will ihr Rosen schenken. - Du hast sie
gesprochen? Wie ist sie geartet?
    Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den Palast
der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Snfte gehoben, sie ward
in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Sule ihres Hauses.
    Nun, ist sie seiner wrdig?
    Sie ist sehr schn. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,
seufzte Miriam, nicht glcklich. Ich will ihr Rosen schenken. - Mutter, sagte
sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr setzend,
was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die Christen dann
beisammen leben? Nein, nein! fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten, das
kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder - und sie seufzte. Mutter, in
den Bchern Mosis steht nichts davon, da die Menschen erwachen aus dem Tode. O
und es wre auch so schrecklich nicht, sprach sie, die Rosen zusammenfgend,
endlich ausruhn! Ganz ausruhn! In ser, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom
Leben! Denn gibt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
Wunsch? Ich kann's nicht denken.
    Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und sttzte das Haupt auf das
Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer nicht.
    Den Seinen hat der Herr, sprach Arria feierlich, die selige Sttte
bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch drsten. Es wird auch nicht auf sie
fallen die Sonne, oder irgendeine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie leiten zu
dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Trnen von ihren Augen.
    Alle Trnen von ihren Augen, sprach Miriam nach. Rede weiter. Es klingt
so gut.
    Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten ber sie breiten: sie werden
vergessen Ha und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf Erden.
Und ich habe viel gebetet, Miriam, fr dich: und auch deiner wird sich der Herr
erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.
    Aber Miriam schttelte leise das Haupt. Nein, Arria, da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was deiner
Seele Leben ist? Wie kannst du abtun dein tiefstes Sein und doch dieselbe
bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen, was ich liebe? Ach, nur das, da
wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und htt' ich zu whlen: hier alle Seligkeit
des Himmels und sollte abtun meines Herzens einzig Gut: oder behalten meines
Herzens Liebe mit all' ihrer ewigen Sehnsucht, - ich neidete den Seligen ihren
Himmel nicht. Ich whlte meine Liebe und mein Weh.
    Kind, sprich nicht so! lstre nicht. Sieh, was geht ber Mutterliebe?
nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die Liebe, die
das Mdchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. Mutterliebe ist ein
ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein Jucundus, mein Jucundus! Mchtest
du bald wiederkommen, da ich dich noch schauen kann hienieden, eh' meine Augen
volle Nacht bedeckt. Denn droben im Himmelreich wird auch die Mutterliebe
untergehen in der ewigen Liebe Gottes und der Heiligen. Und doch mcht ich ihn
noch einmal fassen und umfangen und mit den Hnden betasten sein geliebtes
Haupt. Und hre nur, Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd' ich ihn
wiedersehen.
    Du darfst mir nicht sterben, Arria. - Nein, so mein' ich's nicht! hier
auf Erden noch mu ich ihn wiedersehen. Ich mu ihn wiederkommen sehen des
Weges, den er gegangen.
    Mutter, sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet, wie
magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreiig Jahren
verschwunden!
    Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht mglich, da der Herr all'
meiner Trnen nicht geachtet, all' meiner Gebete. Was war er fr ein braver
Sohn! Mit seiner Hnde Arbeit ernhrte er mich, bis er erkrankte und Axt und
Schaufel nicht mehr fhren konnte: und wir litten Not. Da sprach er: Mutter, ich
kann's nicht mehr mit ansehen, da du darbest. Du weit, in den Gngen des alten
Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind Schtze der Heidenpriester vergraben:
der Vater drang einmal hinein und brachte eine goldene Spange zurck. Ich will
hineinschlpfen, so tief ich kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde,
und Gott wird mich beschtzen. - Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer:
und ich wute wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behten.
    Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann erhob
sich mein Jucundus und drang in die Hhlung dort unter den Wurzeln der Olive.
Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.
    Er ist noch immer nicht zurckgekommen.
    Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, da ich nicht denke: heut'
fhrt ihn Gott zurck. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in gyptenland?
und doch haben Jakobs Augen ihn wiedergesehen. Und mir ist, heut' oder morgen
sehe ich ihn wieder. Denn heute nacht im Traum hab' ich ihn gesehen, wie er im
weien Gewand heraufschwebte aus der Hhlung dort: und beide Arme breitete er
aus: und ich rief ihn beim Namen, und wir waren vereint auf ewig. Und so wird's
werden: denn der Herr erhret das Flehen der Betrbten, und wer ihm traut, wird
nicht zuschanden werden.
    Und die Alte erhob sich, drckte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Huschen.
    Allmhlich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Grtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten die
Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. Welch mchtiger Glaube!
welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so? Ist der Mann, der dort am
Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der Messias? Ist er aufgefahren gen
Himmel und sorget fr die Seinen, wie ein Hirt, der seine Lmmer weidet? - - -
Ich aber zhle nicht zu seiner Herde! An jenem Trost hat Miriam keinen Teil.
Mein Trost ist meine Liebe mit all ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst
geworden. Und ich sollte einst dort oben ber den Sternen hinschweben, ohne
diese Liebe? Dann wr' ich nicht Miriam mehr! Oder soll ich sie mit
hinauftragen, und wieder zurckstehen? und wieder durch alle Ewigkeit die
Rmerin an seiner Seite sehen? Sollen sie dort wohnen und wandeln in der Flle
des Glanzes und ich im trben Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten
sehen den Saum seines weien Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine
Blumen hier, erblhen am Sonnenblick der Liebe, duften und glhen eine kurze
Weile, bis sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und
verwehen in ewige Ruhe, nachdem der weiche, se, unselige Drang nach dem Lichte
gebt ... - -
    Gute Nacht, Miriam, lebe wohl! rief eine melodische Stimme.
    Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weien Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der entgegengesetzten
Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem weien Mantel, der silbern
im Mondlicht glnzte, nach, lang, lang, bis er verschwand in fernen Schatten.

                                Viertes Kapitel.


Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
Erfolge, ihre Verluste und prften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.
    Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas Admiralschiff, eines morschen Murnenfngers, wo
der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel gedeckt, schlief. Was ist?
rief Totila auffahrend, noch im Traum, der Feind? wo? - Nein, mein Junge,
diesmal ist's noch Uliaris, nicht Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim
Strahl, wird's nicht mehr dauern. - Uliaris, du blutest - dein Kopf ist
verbunden! - Bah, war nur ein Streifpfeil! Zum Glck kein giftiger. Ich holt'
ihn mir heut' nacht. Du mut wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als
je seit gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, grbt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht, Neapolis!
Gestern abend hat er eine Schanze auf dem Hgel ber uns vollendet und wirft uns
Brandpfeile auf die Kpfe. Ich wollt' ihn heute nacht aus seinem Bau werfen,
ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen und ich gewann nichts damit als
diesen Schu vor meinen grauen Kopf.
    Die Schanze mu weg, sagte Totila nachsinnend.
    Den Teufel auch, aber sie will nicht!
    Allein mehr. Die Brger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
Tglich schiet Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem Aufruf zur Freiheit
herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon fliegt hier und da
ein Steinwurf von den Dchern auf meine armen Burschen. Wenn das wchst - -! -
Wir knnen nicht mit tausend Mann vierzigtausend Griechen drauen abhalten und
dreiigtausend Neapolitaner drinnen: drum meine ich - und sein Auge blickte
finster -
    Was meinst du?
    Wir brennen ein Stck der Stadt nieder! Die Vorstadt, wenigstens ... -
    Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten. Ich wei ein besser Mittel - sie hungern: ich habe
gestern vier Schiffsladungen l und Korn und Wein hereingefhrt, die will ich
verteilen. - l und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein! Den fordre ich
fr meine Goten, die trinken schon lang Zisternenwasser, pfui Teufel! - Gut,
durstiger Held, ihr sollt den Wein fr euch haben. - Nun? Und noch keine
Botschaft von Ravenna? von Rom? - Keine! Mein fnfter Bote ist gestern fort.
- Gott hau' ihn nieder, unsern Knig.
    Hre Totila, ich glaube nicht, da wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen!
    Ich auch nicht! sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher Wein.
    Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: Goldjunge, du bist echt und
dein Ckuber auch. Und mu ich hier umkommen, wie ein alter Br unter vierzig
Hunden, mich freut's doch, da ich dich dabei so gut kennengelernt: dich und
deinen Ckuber. Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg der graue Gote vom
Verdeck.
    Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn, und sie labten sich
herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des Kastells
lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hgelschanze wehte die blaue
gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rcken der Feinde gelandet und hatte
das Werk in khnem Anlauf genommen.
    Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Hchst erwnscht trafen ihm
zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sizilien her auf der Hhe von Neapolis
ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis dringen und den
Seerubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am Abend des gleichen Tages
die vier mchtigen Trieren heran und legten sich an der Einfahrt des Hafens vor
Anker. Belisar selbst eilte mit seinem Gefolge an die Kste und freute sich, die
Segel von der Abendsonne vergoldet zu sehen: Die aufgehende Sonne sieht sie in
den Hafen der Stadt fahren trotz jenem Tollkopf, sprach er zu Antonina, die ihn
begleitete, und wandte seinen Schecken zurck nach dem Lager.
    Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen - Prokopius,
sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an Justinian -
da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Fhrer der Leibwchter,
und rief: Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind genommen.
    Wtend sprang Belisar aus den Decken und rief: Der soll sterben, der das
sagt.
    Besser wre es, meinte Prokopius, der strbe, der es getan. - Wer war
es? - Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem leuchtenden Haar.
- Totila! sprach Belisar, schon wieder Totila.
    Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
schlaftrunken unter Deck. Pltzlich, um Mitternacht, wird's lebendig ringsum,
als wren hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht. - Hundert
Schiffe! Zehn Nuschalen hat er! - Im Augenblick und lang, eh' wir vom Strand
zu Hilfe kommen knnen, sind die Schiffe geentert, die Leute gefangen, eine der
Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen war, in Brand gesteckt, die andern
drei nach Neapolis gefhrt.
    Sie sind noch frher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,
sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. Nun
hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unertrglich werden. Jetzt mu
ein Ende werden. Er drckte den prchtigen Helm auf das majesttische Haupt:
Ich wollte der Stadt, der rmischen Einwohner schonen: es geht nicht lnger.
Prokopius, geh und entbiete hierher die Feldherren Magnus, Demetrius und
Constantianus, Bessas und Ennes, und Martinus, den Geschtzmeister; ich will
ihnen zu tun geben vollauf. Sie sollen ihres Sieges nicht froh werden, die
Barbaren, sie sollen Belisar kennenlernen.
    Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
Martinus, der groe Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die lange
im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte kein Blut sehen
und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und mechanischen Studien
hatten ihn eines Tages dahin gefhrt, eine neue Wurfmaschine von furchtbarer
Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu erfinden; er legte den Plan Belisar vor
und dieser, entzckt, lie ihn gar nicht mehr in sein Studierzimmer zurck,
sondern schleppte ihn sofort zum Kaiser und zwang ihn, Geschtzmeister des
Magister Militum per Orientem, d.h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen
glnzenden Sold und war kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue
Kriegsmaschine herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
grlichen Zerstrungswerkzeuge, welche die Wlle der Festen, die Tore der
Burgen niederschmetterten, unlschbares Feuer in die Stdte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er hatte
wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er in
unermdlichem Flei sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelst, so dachte er
mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger Miene erschien er
deshalb vor Belisar.
    Martine, Zirkeldreher, rief dieser ihm zu, jetzt zeige deine Kunst! Wie
viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir? -
Dreihundertfnfzig, Herr! - Gut! Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem Kastell, die
Mauerbrecher gegen die Wlle! Sie mssen nieder und wren sie Diamant. Vom
Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf, in die Straen der
Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick aus, vierundzwanzig Stunden
lang! La die Truppen sich ablsen. La alle Werkzeuge spielen.
    Alle, Herr? sprach Martinus. Auch die neuen? Die Pyroballisten, die
Brandgeschosse? - Auch die! die zumeist! - Herr, sie sind grlich! du
kennst noch ihre Wirkung nicht. - Wohlan! Ich will sie kennenlernen und
erproben. - An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
Justinian einen Schutthaufen erobern? Die Seele Belisars war edel und gro.
    Er war unwillig ber sich, ber Martinus, ber die Goten. Kann ich denn
anders? zrnte er, diese eisenkpfigen Barbaren, dieser tolldreiste Totila
zwingen mich ja. Fnfmal hab' ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist Wahnsinn!
Nicht dreitausend Mann stecken in den Wllen. Beim Haupte Justinians! warum
stehen die dreiigtausend Neapolitaner nicht auf und entwaffnen die Barbaren?
    Sie frchten wohl deine Hunnen rger als ihre Goten, meinte Prokop.
Schlechte Patrioten sind sie! Vorwrts Martinus! In einer Stunde mu es brennen
in Neapolis.
    In krzerer Zeit, seufzte der Geschtzmeister, wenn es denn doch sein
mu. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann und die
Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf ich ihn
bringen?
    Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jdisch aussehenden Mann
herein. Ah, Jochem, der Baumeister! sprach Belisar. Ich kenne dich wohl, von
Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward daraus? - Mit
Eurer Gunst, Herr: nichts. - Warum nichts?
    Mein Plan belief sich nur auf eine Million Zentenare Goldes: das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche gekostet,
desto heiliger und gottgeflliger ist sie. Ein Christ forderte das Doppelte und
erhielt den Auftrag.
    Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?
    Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich nderte ein wenig, nahm die
Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.
    Du kennst Neapolis genau? Von auen und innen?
    Von auen und innen. Wie meinen Geldsack.
    Gut, du wirst dem Strategen die Geschtze richten gegen die Wlle und in
die Stadt. Die Huser der Gotenfreunde mssen zuerst nieder. Vorwrts! mache
deine Sache gut! sonst wirst du gepfhlt. Fort! - Die arme Stadt! seufzte
Martinus. Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyroballisten, sie sind hchst
genau - und sie gehen so leicht - ein Kind kann sie loslassen! Und sie wirken
allerliebst.
    Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Ttigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen herab, wie
die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreiig Rossen, Kamelen,
Eseln, Rindern bespannt, lngs den Mauern hingezogen und auf der ganzen Linie
verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris auf die Wlle und suchten,
Gegenmaregeln zu treffen. Scke mit Erde wurden an den von den Mauerbrechern
bedrohten Stellen herabgelassen: Feuerbrnde bereitgehalten, die Maschinen, wann
sie nahten, in Brand zu stecken; siedendes Wasser, Pfeile, und Steine gegen die
Bespannung und die Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen
Feinde, als sie bemerkten, wie die Maschinen, weit auer der gewohnten
Schuweite und den Belagerten vllig unerreichbar, Halt machten.
    Aber Totila lachte nicht.
    Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten. Noch war kein Gescho entsandt.
    Nun? spottete der junge Agila neben Totila, wollen sie uns von da aus
beschieen? Doch lieber gleich von Byzanz her bers Meer! Es wre noch
sicherer! Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfndiger Stein ihn
und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus hatte die
Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, da sie vllig
widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen berhageln lassen muten.
    Entsetzt sprangen die Goten von den Wllen herab und suchten Schutz in den
Straen, den Husern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von Pfeilen,
Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln, sausten und pfiffen im sichern
Bogenschu auf ihre Kpfe: ganze Felstrmmer kamen geflogen und schlugen
krachend durch Holzwerk und Getfel der festesten Dcher, whrend im Norden,
gegen das Kastell unaufhrlich der Sturmbock mit seinen zermrbenden Sten
donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse buchstblich die Luft
verfinsterte, betubte das prasselnde Niederfallen der Steine, das brechende
Geblk, die zerschmetterten Zinnen und der Weheschrei der Getroffenen das Ohr
mit furchtbarem Lrm. Erschrocken flchtete die zitternde Bevlkerung in die
Keller und Gewlbe ihrer Huser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.
    Aber noch hatte die bebende Stadt das rgste nicht erfahren.
    Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohlgetrocknetem Holz,
Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefllt. Da kam zischend und dampfend ein
seltsames Gescho gefahren, traf in das Holzwerk, und im Augenblick, da es
niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und verbreitete sich, von
dem Schiffsmaterial genhrt, mit Windeseile. Jubelnd begrten drauen die
Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten eifrig die Geschosse nach
der Stelle, das Lschen zu hindern.
    Belisar ritt zu Martinus heran. Gut, rief er, Mann der Zirkel, gut! Wer
hat das Gescho gerichtet? - Ich, sprach Jochem, o Ihr sollt zufrieden sein
mit mir. Gebt ach! Seht Ihr da, rechts von der Brandsttte, das hohe Haus mit
den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der grten Freunde
des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.
    Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft, und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.
    Da sprengte Prokop heran und rief: Belisarius, dein Feldherr Johannes lt
dich gren: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt nieder. Und
so war es, und bald standen vier, sechs, zehn Huser in allen Teilen der Stadt
in vollen Flammen.
    Wasser! rief Totila, durch eine brennende Strae nach dem Hafen sprengend,
heraus, ihr Brger von Neapolis! Lscht eure Huser. Ich kann keinen Goten von
dem Wall lassen. Schafft Fsser aus dem Hafen in alle Straen! Die Weiber in die
Huser! - was willst du, Mdchen? la mich - Du bist's, Miriam? Du hier? Unter
Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?
    Dich, sprach das Mdchen. Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie ist
gerettet.
    Valeria! um Gott, wo ist sie? - Bei mir. In unserm dichtgewlbten Turm:
dort ist sie sicher. Ich sah die Flammen aufsteigen. Ich eilte hin. Dein Freund
mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr in die Kirche.
Ich rief ihn an und fhrte sie unter unser Dach. Sie blutet. Ein Stein hat sie
verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne Gefahr. Sie will dich sehen. Ich
kam, dich zu suchen!
    Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!
    Und rasch fate er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken.
    Er aber hielt schtzend mit der Linken den breiten Schild ber ihr Haupt,
und im Sturm sprengte er mit ihr durch die dampfende Strae nach der Porta
Capuana.
    O jetzt - jetzt sterben - sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!
betete Miriam.
    Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und
ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwcht vom Blutverlust, aber gefat
und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand Miriam am
Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. - -
    Kaum hatte sich Totila berzeugt, da die Verwundung ganz leicht, als er
aufsprang und rief: Du mut fort! sogleich! in dieser Stunde! In der nchsten
vielleicht erstrmt Belisar die Wlle. Ich habe alle meine Schiffe nochmals mit
Flchtenden gefllt: sie bringen dich nach Cajeta, von da weiter nach Rom. Eile
dann nach Tagin, wo ihr Gter habt. Du mut fort! Julius wird dich begleiten.
    Ja, sprach dieser, denn wir haben Einen Weg.
    Einen Weg? wohin willst du?
    Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht lnger
mit ansehen. Du weit es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen euch, fr eure
Feinde: Meine Mitbrger fechten unter Belisar: soll ich gegen sie, soll ich
gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.
    Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.
    Mein Freund, sagte diese, mir ist: der Glckstern unsrer Liebe ist
erloschen fr immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
genommen, so fllt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.
    So traust du unserm Schwerte nicht?
    Ich traue eurem Schwert, - nicht eurem Glck! Mit den strzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Leb wohl, zu
einem Abschied fr lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Tagin.
    Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Pltze in einer der Trieren
zu sichern.
    Valeria erhob sich vom Lager: da eilte Miriam herzu, ihr die glnzenden
Sandalen unter die Fe zu binden.
    La, Mdchen! du sollst mir nicht dienen, sprach Valeria. - Ich tue es
gern, sagte diese flsternd. Aber gnne mir eine Frage. Und mit Macht traf
ihr blitzendes Auge die ruhigen Zge Valerias. Du bist schn und klug und stolz
- aber sage mir, liebst du ihn? - du kannst ihn jetzt verlassen! - Liebst du ihn
mit heier, alles verzehrender, allgewaltiger Glut, liebst du ihn mit einer
Liebe wie -
    Da drckte Valeria das schne, glhende Haupt des Mdchens wie verbergend an
ihre Brust: Mit einer Liebe wie du? Nein, meine se Schwester! Erschrick
nicht! Ich ahnt' es lngst nach seinen Berichten ber dich. Und ich sah es klar
bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein Geheimnis ist wohl gewahrt
bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine nicht, bebe nicht, du ses Kind.
Ich liebe dich sehr um dieser Liebe willen. Ich fasse sie ganz. Glcklich, wer,
wie du, in seinem Gefhl ganz aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein
feindlicher Gott den vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach
der Ferne blickt. Und so seh' ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen,
finstern Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht
lassen, da deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wre es sein Glck geworden, die duftige
Rose deiner schnen Liebe zu entdecken: denn Valeria, - frcht' ich - wird die
Seine nie. Doch leb' wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke dieser Stunde. Gedenke
mein als einer Schwester und habe Dank, Dank fr deine schne Liebe.
    Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache berwltigte die
Scheu ihres Herzens: reich flossen die Trnen ber die glhendroten Wangen: und
heftig prete sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das Haupt an der
Freundin Brust.
    Da hrte man Julius kommen, Valeria abzurufen.
    Sie muten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren innigen
Augen wagte Miriam auf der Rmerin Antlitz. Dann sank sie rasch vor ihr nieder,
umfate ihre Kniee, drckte einen brennenden Ku auf Valerias kalte Hand und war
im Nebengemach verschwunden.
    Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.
    Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.
    Sie kte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung die
trauliche Sttte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch entschlossen
Julius in einer gedeckten Snfte nach dem Hafen, wo sie noch von Totila kurzen
Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg. Alsbald drehte sich dieses
mit mchtiger Wendung und rauschte zum Hafen hinaus.
    Totila sah ihnen wie trumend nach.
    Er sah Valeriens weie Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer dichter in
den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Sule und verga einen
Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.
    Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Trumen.
    Komm, Feldherr, rief ihm dieser zu, berall such' ich dich: Uliaris will
dich sprechen. - Komm, was starrst du hier in die See unter klirrenden Pfeilen?
    Totila raffte sich langsam auf: Siehst du, sagte er, siehst du das
Schiff? - Da fahren sie hin! -
    Wer? fragte Thorismuth.
    Mein Glck und meine Jugend, sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
suchen.
    Dieser teilte ihm mit, da er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu fhren,
angetragen, angenommen habe. Ich werde nie bergeben! Aber wir mssen Ruhe
haben, unsre Wlle zu flicken und zu sttzen. Kmmt denn nirgends Entsatz? hast
du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom Knig?
    Keine.
    Verflucht! ber sechshundert von meinen Goten sind vor den hllischen
Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr besetzen!
Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann htte!
    Nun, sprach Totila nachsinnend, die kann ich dir schaffen, denk' ich. In
dem Castellum Aurelians, auf der Strae nach Rom, liegen vierhundertfnfzig Mann
Goten. Sie haben bisher erklrt, vom Knig Theodahad den unsinnigen, aber
strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu verstrken. Aber jetzt in dieser
hchsten Not! - Ich selbst will hin, whrend des Waffenstillstandes, und alles
aufbieten, sie zu holen.
    Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurck, und die
Strae ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.
    Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurck
bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.
    Whrend Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
hinausjagte, war der alte Isak, der unermdlich auf den Wllen ausgeharrt hatte,
die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause zurckgekehrt,
die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu laben. Als Miriam Wein
und Brot gebracht hatte und ngstlich dem Bericht Isaks von den Fortschritten
der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, unsteter Schritt auf der Treppe und
Jochem stand vor dem erstaunten Paar.
    Sohn Rachels, wo kommst du her zu bler Stunde, wie der Rabe vor dem
Unglck? Wie kommst du herein? zu welchem Tor? - Das la du meine Sorge sein.
Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: - zum
letztenmal in diesem Leben.
    Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen? fragte Isak unwillig,
die Stadt brennt, und die Straen liegen voll Leichen.
    Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straen? Weil die
Mnner von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt ist Zeit zu freien.
Gib mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich allein kann's.
Und er griff nach Miriams Arm.
    Du mich retten? rief diese, mit Ekel zurcktretend. Lieber sterben!
    Ha, Stolze! knirschte der grimmige Freier, du lieest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen? La sehen, ob er dich retten wird, der
Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren will ich ihn
durch die Straen schleifen und spucken in sein bleich Gesicht.
    Hebe dich hinweg, Sohn Rachels, rief Isak, aufstehend und den Spie
fassend. Ich merke, du hltst zu denen, die da drauen liegen! Aber das Horn
ruft, ich mu hinab; das jedoch sag' ich dir: noch mancher unter euch wird
rcklings fallen, eh' ihr steigt ber diese morschen Mauern.
    Vielleicht, grinste Jochem, fliegen wir drber wie die Vgel der Luft.
Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: la diesen Alten, la den verfluchten
Christen: - ich sage dir, der Schutt dieser Wlle wird sie bald bedecken. Ich
wei, du hast ihn getragen im Herzen: - ich will dir's verzeihen, nur werde
jetzt mein Weib. Und wieder griff er nach ihrer Hand. - Du mir meine Liebe
verzeihn? Verzeihn, was so hoch ber dir wie die leuchtende Sonne ber dem
schleichenden Wurm? Wr ich's wert, da ihn je mein Auge gesehen, wenn ich dein
Weib wrde? Hinweg; hinweg von mir!
    Ha, rief Jochem, zu viel, zu viel! Mein Weib - du sollst es nimmer
werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen, und den Christen will ich
dir aus dem blutenden Herzen reien, da es zucken soll in Verzweiflung. Auf
Wiedersehen.
    Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.
    Miriam, von bangen Gefhlen bedrngt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja fr ihn: und es drngte
sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fues in die nahe Basilika
Sankt Mari, aus der man an Friedenstagen oft die Jdin mit Flchen verscheucht
hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu fluchen.
    Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Sulenganges und verga in heiem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei Gott.
-
    Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Krften die
zertrmmerten Mauerstellen, rumten den Schutt und die Toten aus dem Wege und
lschten die Brnde. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab, whrend Belisar vor
seinem Zelte seine Heerfhrer versammelt hielt, des Zeichens der bergabe auf
dem Kastell des Tiberius harrend. Ich glaub' es nicht! flsterte Johannes zu
Prokop. Wer solche Streiche tut, wie ich von jenem Alten gesehen, gibt die
Waffen nicht ab. Es ist auch besser so: da gibt's einen tchtigen Sturm und dann
eine tchtige Plnderung.
    Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte trotzig
seinen Speer unter die harrenden Vorposten.
    Belisar sprang auf. Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre Fahne auf
den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute.
    Nach allen Seiten eilten die Anfhrer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstrten Bogen des Aqudukts, welchen
Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da rief ihn eine
leise Stimme.
    Schon dmmerte es so stark, da er nur mit Mhe den Rufenden erkannte. Was
willst du, Jude? rief Johannes eilig. Ich habe keine Zeit! Es gilt harte
Arbeit! Ich mu der erste sein in der Stadt.
    Das sollt Ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn Ihr mir folgt.
    Dir folgen? weit du einen Weg ber die Mauer durch die Luft?
    Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn Euch zeigen,
wenn Ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mdchen zur Beute zusprecht, das ich
fordre.
    Johannes blieb stehen: Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg? - Hier!
sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. - Wie? die Wasserleitung?
woher weit du? - Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann, gebckt,
durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf diesem Wege
aus der Stadt. Die Leitung mndet in einem alten Tempelhaus an der Porta
Capuana; nimm dreiig Mann und folge mir.
    Johannes sah ihn scharf an. Und wenn du mich verrtst?
    Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lge ich, so stot mich nieder.
- Warte! rief Johannes und eilte hinweg.

                                Fnftes Kapitel.


Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und ungefhr
dreiig entschlossenen armenischen Sldnern, die auer ihren Schwertern kurze
Handbeile fhrten. Wenn wir drin sind, sprach Johannes, reiest du, Perseus,
das Ausfallpfrtchen auf, rechts von der Porta Capuana, im Augenblick, da die
andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten. Auf dies Zeichen strzen von auen
meine Hunnen auf die Ausfallpforte. Aber wer htet den Turm an der Porta? Den
mssen wir haben.
    Isak, ein groer Freund der Edomiten, der mu fallen.
    Er fllt, sprach Johannes und zog das Schwert: Vorwrts! Er war der
erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. Ihr beiden, Paukaris und
Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht - nieder mit ihm!
    Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebckt tastend, bei vlliger
Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach, sorgfltig jeden Lrm
ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie vorwrts.
    Pltzlich rief Johannes mit halber Stimme: Fat den Juden! Nieder mit ihm!
- Feinde! Waffen! - - Nein, lat! rief er rasch, es war nur eine Schlange, die
vorber rasselte! Vorwrts.
    Jetzt zur Rechten! sprach Jochem, hier mndet die Wasserleitung in einen
Tempelgang.
    Was liegt hier? - Knochen - ein Skelett!
    Ich halt's nicht lnger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe! seufzte
einer der Mnner.
    Lat ihn liegen! vorwrts! befahl Johannes. Ich sehe einen Stern. - Das
ist das Tageslicht in Neapolis, sagte der Jude - nun nur noch wenige Ellen. -
    Johannes' Helm stie an die Wurzeln eines hohen lbaums, die sich im Atrium
des Tempelhauses breit ber die Mndung des Tempelgangs spannten.
    Wir kennen den Baum.
    Den Wurzeln ausweichend, stie er den Helm hell klirrend an die Seitenwand:
erschrocken hielt er an. Aber er hrte zunchst nur den heftigen Flgelschlag
zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild verscheucht aus den Zweigen der Olive
flogen.
    Was war das? fragte ber ihm eine heisere Stimme. Wie der Wind in dem
alten Gestein whlt! Es war die Witwe Arria. Ach Gott, sprach sie, sich
wieder vor dem Kreuze niederwerfend: erlse uns von dem bel und la die Stadt
nicht untergehen, bis da mein Jucundus wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur
und seine Mutter nicht mehr findet. O la ihn wieder des Weges kommen, den er
von mir gegangen: zeig ihn mir wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen,
aufsteigend aus den Wurzeln des Baumes.
    Und sie wandte sich nach der Hhlung. O! dunkler Gang, darin mein Glck
verschwunden, gib mir's wieder heraus! Gott, fhr' ihn mir zurck auf diesem
Wege. Sie stand mit gefalteten Hnden gerade vor der Hhlung, die Augen fromm
gen Himmel gewendet.
    Johannes stutzte. Sie betet! sagte er, soll ich sie im Gebet erschlagen?
- Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhren und sich wenden. Das dauert zu
lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen! Und rasch hob er sich aus den
Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den halberblindeten Augen nieder; sie
sah aus der Erde steigen eine schimmernde Mannesgestalt.
    Ein Strahl der Verklrung spielte um ihre Zge. Selig breitete sie die Arme
aus. Jucundus! rief sie.
    Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.
    Ohne Weheruf, ein Lcheln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: - Miriams
Blumen.
    Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. Wo ist das Pfrtchen? -
Hier links, ich gehe zu ffnen! Perseus wies die Krieger an. - Wo ist die
Treppe zum Turm! - Hier rechts, sprach Jochem - es war die Treppe, die zu
Miriams Gemach fhrte, wie oft war Totila hier hereingeschlpft! - still, der
Alte lt sich hren.
    Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Gerusch vernommen: er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe: Wer ist da unten? bist du's, Miriam, wer
kommt? fragte er.
    Ich, Vater Isak, antwortete Jochem, ich wollte Euch nochmal fragen ... -
und er stieg katzenleise eine Stufe hher. Aber Isak hrte Waffen klirren.
    Wer ist bei dir? rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er die
Bewaffneten hinter Jochem kauern. Verrat, Verrat! schrie er, stirb,
Schandfleck der Hebrer! Und wtend stie er Jochem, der nicht zurck konnte,
die breite Partisane in die Brust, da dieser rcklings hinabstrzte. Verrat!
schrie er noch einmal.
    Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang ber die Leiche hinweg,
eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von Byzanz. Da krachten
unten Beilschlge: das Pfrtchen fiel, von innen eingeschlagen, hinaus, und mit
gellendem Jauchzen jagten - schon war es ganz dunkel geworden - die Hunnen zu
Tausenden in die Stadt.
    Da war alles aus.
    Ein Teil strzte sich mordend in die Straen, ein Haufe brach die nchsten
Tore ein, den Brdern drauen Eingang schaffend.
    Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Huflein aus dem Kastell herbei: er
hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben, umsonst: ein Wurfspeer streckte
ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert treuen Goten,
die ihn noch umgaben.
    Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wllen flattern sahen, erhoben
sich - unter Fhrung alter Rmerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des Syrers
- ein eifriger Anhnger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward, da er sie
hemmen wollte, erschlagen - auch die Brger von Neapolis: sie entwaffneten die
einzelnen Goten in den Straen und schickten, glckwnschend und dankend und
ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem
glnzenden Stab umgeben, zur Porta Capuana hereinritt.
    Aber finster furchte er die majesttische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten, sprach er: Fnfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst lag
ich lngst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, da das dem Kaiser an Recht
und mir an Ruhm entzieht? Fnfzehn Tage lang hat sich eure Feigheit, eure
schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen lassen. Die Strafe
fr diese fnfzehn Tage seien nur fnfzehn Stunden - Plnderung. Ohne Mord: -
die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers - ohne Brand: denn die Stadt ist
jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der Fhrer der Goten? Tot?
    Ja, sprach Johannes, hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.
    Den meine ich nicht! sprach Belisar. Ich meine den jungen, den Totila.
Was ward aus ihm? Ich mu ihn haben.
    Herr, sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
vortretend, wenn Ihr mein Haus und Warenlager von der Plnderung ausnehmt, will
ich's Euch wohl sagen.
    Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht dich
sprechen. - Erbarmen! Gnade! schrie der Gengstigte. Der Seegraf eilte mit
wenigen Reitern whrend der Waffenruhe hinaus, Verstrkung zu holen vom
Castellum Aurelians: er kann jeden Augenblick zurckkehren.
    Johannes, rief Belisar, der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
mssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt? das Tor
besetzt?
    Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen knnen, sprach
Johannes.
    Auf! Blitzesschnell! wir mssen ihn hereinlocken!
    Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet auf
die Wlle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht meinen
Leibwchtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein! dreihundert Mann in
der Nhe des Tors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie er das Fallgitter hinter
sich hat, lt man's nieder. Ich will ihn lebend fangen. Er soll nicht fehlen
beim Triumphzug in Byzanz.
    Gib mir das Amt, mein Feldherr, bat Johannes. Ich schuld' ihm noch
Vergeltung fr einen Kernhieb. Und er flog zurck zur Porta Capuana, lie die
Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine Maregeln.
    Da drngte sich eine verschleierte Gestalt heran: Um der Gte Gottes
willen, flehte eine liebliche Stimme, ihr Mnner, lat mich heran! Ich will ja
nur seine Leiche, o gebt acht! sein weier Bart! o mein Vater. Es war Miriam,
die der Lrm plndernder Hunnen aus der Kirche nach Hause gescheucht hatte. Und
mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere zurck und nahm das bleiche
Haupt Isaks in ihre Arme.
    Weg, Mdel! rief der nchste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
Sldner von Byzanz: - Garizo hie er. Halt uns nicht auf! wir mssen den Weg
subern! In den Graben mit dem Juden!
    Nein, nein! rief Miriam und stie den Mann zurck.
    Weib! schrie dieser zornig und hob das Beil.
    Aber die Arme schtzend ber des Vaters Leiche breitend und mit leuchtenden
Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: - wie gelhmt hielt der Krieger
inne: Du hast Mut, Mdel! sagte er, das Beil senkend. Und schn bist du auch,
wie die Waldfrau der Luisacha. Was kann ich dir Liebes tun? du bist ganz
wundersam anzuschauen. - Wenn der Gott meiner Vter dein Herz gerhrt, bat
Miriams herzgewinnende Stimme, hilf mir die Leiche dort im Garten bergen - das
Grab hat er sich lange selbst geschaufelt neben Sara, meiner Mutter, das Haupt
gegen Osten. - Es sei! sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das
Haupt, er fate die Knie der Leiche: wenige Schritte fhrten sie in den kleinen
Garten: da lag ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wlzte ihn weg, und sie
senkten die Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. -
    Ohne Worte, ohne Trnen starrte Miriam in die Grube: sie fhlte sich so arm
jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte darber.
Komm! sagte er dann. Wohin? fragte Miriam tonlos. Ja, wohin willst du? -
Das wei ich nicht! - Hab Dank, sprach sie und nahm ein Amulett vom Halse und
reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumnze vom Jordan, aus dem Tempel.
    Nein! sagte der Mann und schttelte das Haupt.
    Er nahm ihre Hand und legte sie ber seine Augen.
    So, sagte er, das wird mir gut tun mein Leben lang. Jetzt mu ich fort,
wir mssen den Grafen fangen, den Totila. Leb' wohl.
    Dieser Name schlug in Miriams Herz: - noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schlpfte sie aus dem Grtchen. Sie wollte zum Tore
hinaus auf die Strae: aber das Fallgitter war gesenkt, an den Toren standen
Mnner mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie um sich.
    Ist alles vollzogen, Chanaranges? - Alles, er ist so gut wie gefangen. -
Horch, vor dem Wall, - Pferdegetrappel - sie sind's, zurck, Weib.
    Drauen aber sprengten einige Reiter die Strae heran gegen das Tor.
    Auf! auf, das Tor, rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein Ro
heran. Ich wei nicht, ich traue nicht! rief er, die Strae war wie
ausgestorben und ebenso drben das Lager der Feinde: kaum ein paar Wachtfeuer
brennen.
    Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. Der Bursch blst ja
grlich! sprach Thorismuth zrnend. Es wird ein Welscher sein, meinte
Totila. Gebt die Losung, rief's herab auf lateinisch. Neapolis, antwortete
Totila entgegen. Hrst du's? Uliaris hat die Brger bewaffnen mssen. Auf das
Tor! ich bringe frohe Kunde, fuhr er fort zu den oben Aufgestellten,
vierhundert Goten folgen mir auf dem Fu: und Italien hat einen neuen Knig.
    Wer ist's? fragte es leise drinnen. Der auf dem weien Ro, der erste.
Da sprangen die Torflgel auf, gotische Helme fllten den Eingang. Fackeln
glnzten, Stimmen flsterten.
    Auf mit dem Fallgitter, rief Totila, dicht heranreitend. Sphend blickte
Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. Sie haben gestern getagt zu Regeta,
fuhr Totila fort, Theodahad ist abgesetzt, und Graf Witichis ... -
    Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ro den Sporn
geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe der
Krieger. Flieh, rief sie, Feinde ber dir! die Stadt ist gefallen! Aber sie
konnte nicht vollenden: ein Lanzensto durchbohrte ihre Brust.
    Miriam! schrie Totila entsetzt und ri sein Pferd zurck.
    Doch Thorismuth, der lngst Argwohn geschpft, zerhieb, rasch entschlossen,
mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende Seil, an dem das Tor
auf und nieder ging, da es drhnend vor Totila niederschlug.
    
    Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. Auf das Gitter!
Hinaus auf sie! rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.
    Mirim, Miriam, rief er im tiefstem Schmerz. Da schlug sie nochmal die
Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklrten Blick: -
dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. Fr dich! hauchte sie
und fiel zurck. - Da verga er Neapolis und die Todesgefahr. Miriam, rief er
nochmals, beide Hnde gegen sie ausbreitend. -
    Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das edle
Tier hochbumend zurck. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da fate
Thorismuth nach Totilas Zgel, ri das Pferd herum und gab ihm einen Schlag mit
der flachen Klinge, da es hinwegscho. Auf und davon, Herr, rief er, ja, sie
mssen flink sein, die uns einholen. Und brausend sprengten die Reiter auf der
Via Capuana den Weg zurck, den sie gekommen; nicht weit verfolgte sie Johannes
im Dunkel der Nacht und des Wegs unkundig. Bald begegnete ihnen die
heranziehende Besatzung vom Kastell Aurelians: auf einem Hgel machten sie Halt,
von wo man die Stadt mit ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen
Wachtfeuer auf den Wllen, liegen sah.
    Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betubung auf.
Uliaris! seufzte er, Miriam! Neapolis, - wir sehen uns wieder. Und er
winkte zum Aufbruch gen Rom.
    Aber von Stund' an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben fr
immerdar.
    Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
rief er, vom Pferde springend, mit wtiger Stimme: Wo ist die Dirne, die ihn
gewarnt? Werft sie vor die Hunde. Und er eilte zu Belisar, das Migeschick zu
melden.
    Aber niemand wute zu sagen, wohin der schne Leichnam geraten. Die Rosse
htten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wute es besser: Garizo, der
Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend Kind, auf seinen
starken Armen davongetragen in das nahe Grtchen, hatte die Steinplatte von dem
kaum geschlossenen Grabe gewlzt und die Tochter sorglich an des Vaters Seite
gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.
    Aus der Ferne scholl das Getse der geplnderten Stadt, in der die
Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar die
Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert unter sie
fahrend, Einhalt schuf. -
    Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, da er nicht wagte, wie er so
gern gewollt, sie zu kssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und brach
eine Rose, die neben dem Grabe blhte, und legte sie ihr auf die Brust. Dann
wollte er fort, seinen Teil an der Plnderung zu nehmen. Aber es lie ihn nicht
fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht ber, an seinen Speer
gelehnt, Totenwacht am Grabe des schnen Mdchens.
    Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
den ihn die Mutter daheim an der Luisacha gelehrt. Aber es war ihm nicht genug:
andchtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als die Sonne
emporstieg, schob er sorgfltig den Stein ber das Grab und ging.
    So war Miriam spurlos verschwunden.
    Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzhlte,
schnheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
wieder aufgefahren gen Himmel.

                               Sechstes Kapitel.


Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu Regeta.
    Und Totila stie schon bei Formi auf seinen Bruder Hildebad, den Knig
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die Besatzung
der Stadt zu verstrken, bis er selbst mit einem greren Heere zum Entsatz
herbeieilen knne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die Brder nichts andres
tun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta, zurckziehen, wo Totila seinen
traurigen Bericht von den letzten Stunden von Neapolis erstattete. Der Verlust
der dritten Stadt des Reiches, des dritten Hauptbollwerks Italiens, mute den
ganzen Kriegsplan der Goten verndern.
    Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren gegen
zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja eigenmchtig
zurckgefhrt, waren im Augenblick die ganze verfgbare Macht: bis die starken
Heere, die Theodahad weit weg nach Sdgallien und Noricum, nach Istrien und
Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur schnellen Rckkehr aufgefordert,
einzutreffen vermochten, konnte ganz Italien verloren sein.
    Gleichwohl hatte der Knig beschlossen, sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zuflu der Italier auf mehr als die dreifache bermacht angeschwollenen Heere
der Feinde bis zum Eintreffen der Verstrkungen Widerstand zu leisten. Aber
jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab Witichis den Plan,
sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war ebensoweit von
Tollkhnheit wie von Zagheit entfernt.
    Ja, der Knig mute seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren Entschlu
abringen. Whrend in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in dem Lager vor Rom
sich der Schmerz und der Grimm der Goten in Verwnschungen ber den Verrter
Theodahad, ber Belisar, ber die Italier Luft machte, whrend schon die kecke
Jugend hier und da anhob, auf das Zaudern des Knigs zu schelten, der sie nicht
gegen diese Griechlein fhren wolle, deren je vier auf einen Goten gingen,
whrend der Ungestm des Heeres schon ber den Stillstand grollte, gestand sich
der Knig mit schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurckzuweichen und
selbst Rom vorbergehend preiszugeben.
    Tag fr Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
allein fhrte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und Kampfgenossen -,
von allen Seiten strmten die Welschen zu seinen Fahnen: von Neapolis bis Rom
war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche bermacht zu gewhren und
die kleineren Stdte an der Kste ffneten dem Feind mit Jubel die Tore.
    Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flchteten in das Lager des
Knigs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis Cum und
Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das starke
Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische, sarazenische und
maurische Reiter, bei Formi. Das Gotenheer erwartete und verlangte eine
Schlacht vor den Toren Roms.
    Aber lngst hatte Witichis die Unmglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zhlen konnte, im offnen Feld
entgegenzutreten. Eine Zeitlang hegte er die Hoffnung, die mchtigen
Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
berflutung halten zu knnen, aber bald mute er auch diesen Gedanken aufgeben.
    Die Bevlkerung Roms zhlte, dank dem Prfekten, mehr waffenfhige und
waffengebte Mnner denn seit manchem Jahrhundert: und stndlich berzeugte sich
der Knig, von welcher Gesinnung diese beseelt waren. Schon jetzt hielten die
Rmer kaum noch ihren Ha wider die Barbaren zurck: es blieb nicht bei
feindlichen und hhnischen Blicken: schon konnten sich Goten in den Straen nur
in guter Bewaffnung und groen Scharen blicken lassen: tglich fand man
vereinzelte gotische Wachen von hinten erdolcht.
    Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, da diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mchtigen Huptern:
den Spitzen des rmischen Adels und des rmischen Klerus. Er mute sich sagen,
da, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das Volk von Rom sich
erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine gotische Besatzung erdrcken
wrde.
    So hatte Witichis den schweren Entschlu gefat, Rom, ja ganz Mittelitalien
aufzugeben, sich nach dem festen und verlssigen Ravenna zu werfen, hier die
mangelhaften Rstungen zu vollenden, alle gotischen Streitkrfte an sich zu
ziehen und dann mit einem gleichstarken Heere den Feind aufzusuchen.
    Er war ein Opfer, dieser Entschlu.
    Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust, und es
war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch draufloszuschlagen,
zurckweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht rhmlich war
es fr den Knig, der um seiner Tapferkeit willen auf den Thron des feigen
Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit schimpflicher Flucht begann:
er hatte Neapolis verloren in den ersten Tagen seiner Herrschaft: sollte er
jetzt freiwillig Rom, die Stadt der Herrlichkeiten, sollte er mehr als die
Hlfte von Italien preisgeben? Und wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes
willen, - wie mute das Volk von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestm,
ihrer Verachtung der Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu
erzwingen? Denn ein germanischer Knig hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als
zu befehlen und zu gebieten. Schon mancher germanische Knig war von seinem
Volksheer wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er
frchtete ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im
Lager zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.
    Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
Auf, Knig der Goten, rief eine leidenschaftliche Stimme, jetzt ist nicht
Zeit zu schlafen! - Ich schlafe nicht, Teja, sprach Witichis, seit wann bist
du zurck? Was bringst du? - Eben schritt ich ins Lager, der Tau der Nacht ist
noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot. - Wer? - Der Verrter und die
Mrderin! - Wie? du hast sie beide erschlagen? - Ich schlage keine Weiber.
Theodahad, dem Schandknig, folgte ich zwei Tage und zwei Nchte. Er war auf dem
Weg nach Ravenna, er hatte starken Vorsprung. Aber mein Ha war noch rascher als
seine Todesangst. Schon bei Narnia holte ich ihn ein: zwlf Sklaven begleiteten
seine Snfte: sie hatten nicht Lust, fr den Elenden zu sterben: sie warfen die
Fackeln weg und flohn.
    Ich ri ihn aus der Snfte und drckte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und fhrte zugleich einen
heimtckischen Sto nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit drei
Streichen. Einen fr das Reich: und zwei fr meine Eltern. Und ich hing ihn an
seinem goldenen Grtel auf, an der offenen Heerstrae, an einem drren
Eibenbaum: da mag er hangen, ein Fra fr die Vgel des Himmels, eine Warnung
fr die Knige der Erde.
    Und was ward aus ihr?
    Sie fand ein schrecklich Ende! sprach Teja schaudernd.
    Als ich von hier nach Rom kam, wute man nur, da sie verschmht, den
Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine kappadokische
Leibwache zusammen und verhie den Mnnern goldne Berge, wenn sie zu ihr halten
und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona sich werfen wollten.
    Die Sldner schwankten und wollten erst das verheine Gold sehen. Da
versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie verschwunden. Wie
ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden. - - Nun? - Sie hatte
sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Fhrer, einen dort vergrabnen Schatz
zu holen. Sie mu sich in diesem Labyrinth verirrt haben, sie fand den Ausgang
nicht mehr. Suchende Sldner trafen sie noch lebend: ihre Fackel war nicht
herabgebrannt, sondern fast vllig erhalten: sie mute alsbald erloschen sein,
nachdem sie die Hhlung beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange
Todesangst, Verzweiflung haben dieses bse Weib zermrbt: sie starb, sowie sie
ans Tageslicht gebracht war.
    Schrecklich! rief Witichis. - Gerecht! sagte Teja. Aber hre weiter.
    Eh' er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
gotische Fhrer ins Zelt: Wei er's? fragte Totila. - Noch nicht, sagte
Teja. - Emprung! rief Hildebad! Emprung! Auf, Knig Witichis, wehre dich
deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Fe. -
    Was ist geschehn? fragte Witichis ruhig.
    Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich emprt. Er ist gleich nach
deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein lterer Bruder, der stolze
Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die Wlsungen viel
Anhang gefunden, haben die Goten berall aufgerufen gegen dich zum Schutz der,
Knigslilie, wie sie sie nennen: Mataswintha sei die Erbin der Krone. Sie haben
sie als Knigin ausgerufen. Sie weilte in Florentia, fiel also gleich in ihre
Gewalt. Man wei nicht, ist sie Guntharis' Gefangene oder Arahads Weib. Nur das
wei man, da sie avarische und gepidische Sldner geworben, den ganzen Anhang
der Amaler und ihre ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all dem groen Anhang der
Wlsungen, bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernknig: sie wollen
Ravenna gewinnen!
    O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften! rief Hildebad
zornig. Ich will dir diese Knigin der Goten samt ihrem adeligen Buhlen in
einem Vogelkfig gefangen bringen.
    Aber die andern machten besorgte Gesichter. Es sieht finster her! sprach
Hildebrand. Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: im Rcken das
schlangenhafte Rom, - all' unsre Macht noch fnfzig Meilen fern - und jetzt noch
Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner schlag' in dieses
Land.
    Aber Witichis blieb ruhig und gefat wie immer. Er strich mit der Hand ber
die Stirn. Es ist vielleicht gut so, sagte er dann. Jetzt bleibt uns keine
Wahl. Jetzt mssen wir zurck. - Zurck? fragte Hildebrand zrnend. - Ja!
Wir drfen keinen Feind im Rcken lassen. Morgen brechen wir das Lager ab und
gehn ... - Gegen Neapolis vor? sagte Hildebad. Nein! Zurck nach Rom! Und
weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der Brand der Emprung mu zertreten sein,
eh' er noch recht entglommen. - Wie? du weichst vor Belisar zurck? - Ja, um
desto strker vorzugehen, Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurck,
den tdlichen Pfeil zu schnellen. - Nimmermehr! sprach Hildebad, das kannst
- das darfst du nicht.
    Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter:
Ich bin dein Knig. Du hast mich selbst gewhlt. Hell klang vor andern dein
Ruf: Heil Knig Witichis! Du weit es, Gott wei es: nicht ich habe die Hand
ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das Haupt gedrckt: nehmt
sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr anvertraut. Aber solang ich sie trage,
traut mir und gehorcht: sonst seid ihr mit mir verloren.
    Du hast recht, sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. Vergib mir!
Ich mach' es gut im nchsten Gefecht.
    Auf, meine Feldherrn, schlo Witichis, den Helm aufsetzend, du, Totila,
eilst mir in wichtiger Sendung zu den Frankenknigen nach Gallien: ihr andern,
fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang geht's nach Rom.

                               Siebentes Kapitel.


Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die jungen
Ritter: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus, den Feisten,
Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus, dem Prfekten, in vertrautem
Gesprch.
    Das also ist die Liste der blinden Anhnger des knftigen Papstes
Silverius, meiner schlimmsten Argwhner? Ist sie vollstndig? - Sie ist es. Es
ist ein hartes Opfer, rief Lucius Licinius, das ich dir bringe, Feldherr.
Htt' ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht, ich htte jetzt
schon Neapolis mit belagert und bestrmt, statt da ich hier die Katzentritte
der Priester belausche und die Plebejer marschieren und in Manipeln schwenken
lehre. - Sie lernen's doch nie wieder, meinte Marcus.
    Geduldet euch, sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken, die er in der Hand hielt. Ihr werdet euch bald genug und lang
genug mit diesen gotischen Bren balgen drfen. Verget nicht, da das Raufen
doch nur Mittel ist, nicht Zweck.
    Wei nicht, zweifelte Lucius.
    Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht, sprach Cethegus;
wir mssen diese Rmer wieder an Schild und Schwert gewhnen, sonst - der
Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten die jungen
Rmer.
    La ihn ein! sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel bergend.
Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger, einen
gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Prfekten Brust.
    Julius! sprach dieser kalt zurcktretend. Wie sehn wir uns wieder! Bist
du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?
    Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
rauchenden Neapolis. - Ei, grollte Cethegus, hast du mit deinem blonden
Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Rmer gut! Nicht wahr, Lucius?
- Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in diesem Krieg, dem
unseligen. Weh denen, die ihn entzndet.
    Cethegus ma ihn mit kalten Blicken. Es ist unter meiner Wrde und ber
meiner Geduld, einem Rmer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten. Wehe, da
ein solcher Abtrnniger, mein Julius. Schme dich vor diesen deinen
Altersgenossen. Seht, rmische Ritter, hier ist ein Rmer ohne Freiheitsdurst,
ohne Zorn auf die Barbaren!
    Aber ruhig schttelte Julius das Haupt. Du hast sie noch nicht gesehen, die
Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen. Wo sind
denn die Rmer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben, seine Fesseln
abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kmpft mit den Goten, nicht
wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.
    Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden: Ich mu allein mit diesem Philosophen disputieren.
Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.
    Und die Kriegstribunen gingen, mit verchtlichen Blicken auf Julius.
    Ich mchte nicht hren, was die von dir reden! sagte Cethegus ihnen
nachsehend. - Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht fremden
Gedanken. - Er ist Mann geworden, sagte Cethegus zu sich selbst.
    Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen, fhren
mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entfhren aus dieser schwlen
Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lge. Ich bitte dich, mein Freund, mein
Vater: folge mir nach Gallien. - Nicht bel, lchelte Cethegus. Ich soll
Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen! Wisse: ich war es, der
sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht, den du verfluchst. - Ich
dacht' es wohl, sprach Julius schmerzlich. Aber wer befreit uns von den
Befreiern, wer endet diesen Kampf?
    Ich, sprach Cethegus ruhig und gro. Und du, mein Sohn, sollst mir dabei
helfen. Ja, Julius, dein vterlicher Freund, den du so kalt und nchtern
schiltst, hat auch eine begeisterte Schwrmerei, wenn auch nicht fr
Mdchenaugen und gotische Freundschaften. La diese Knabenspiele jetzt, du bist
ein Mann. Gib mir die letzte Freude meines den Lebens und sei der Genosse
meiner Kmpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom, Freiheit, Macht! Jngling,
knnen dich diese Worte nicht rhren? Denk dir, fuhr er, wrmer werdend, fort,
diese Goten, diese Byzantiner - ich hasse sie wie du - die einen durch die
andern erschpft, aufgerieben, und ber den Trmmern ihrer Macht erhebt sich
Italien, Rom in alter Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hgel thront wieder
der Herrscher ber Morgen- und Abendland: eine neue rmische Weltherrschaft,
stolzer, als sie dein csarischer Namensvetter getrumt, verbreitet Zucht, Segen
und Frucht ber die Erde ... -
    Und der Herrscher dieses Weltreichs heit Cethegus Csarius!
    Ja - und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
dich dies Ziel nicht lockt!
    Julius sprach bewundernd: Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
deine Wege, sie sind nicht gerade. Ja, wren sie gerade, bei Gott, ich teilte
deinen Gang.
    Ja, rufe die rmische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
zu: Rumt das heilige Latium!, fhre einen offnen Krieg gegen die Barbaren und
gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und fallen! - Du weit
recht gut, da dieser Weg unmglich ist. - Und deshalb - ist's dein Ziel! -
Tor, erkennst du nicht, da es gewhnlich ist, aus gutem Stoff ein Gebilde
fertigen, da es aber gttlich ist, aus dem Nichts, nur mit eigner
schpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen. - Gttlich? durch List und
Lge? Nein. - Julius, - La mich offen sprechen, deshalb bin ich gekommen.
    O knnt' ich dich zurckrufen von dem dmonischen Pfade, der dich sicher in
Nacht und Verderben fhrt. Du weit, - wie ich dein Bild verehre und liebe. Es
will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten, Rmer von dir
flstern.
    Was flstern sie? fragte Cethegus stolz.
    Ich mag's nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
Landung, du wirst dabei genannt, wie der Dmon, der alles Bse schafft. Sage
mir, schlicht und treu, da du frei bist von dunkeln -
    Knabe! fuhr Cethegus auf, willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh' du die Mittel schiltst.
    Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Groe
will, mu das Groe tun, nennen's die Kleinen gut oder schlecht. - Nein und
dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu dem nur
Frevel fhren. Hier scheiden sich unsre Pfade.
    Julius, geh' nicht! Du verschmhst, was noch nie einem Sterblichen geboten
ward. La mich einen Sohn haben, fr den ich ringe, dem ich die Erbschaft meines
Lebens hinterlassen kann. - Fluch und Lge und Blut kleben daran. Und sollt'
ich sie schon jetzt antreten: - ich will sie nie! Ich gehe, da sich dein Bild
nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um Eins: wann der Tag
kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all' des Blutes und des frevlen
Trachtens und des Zieles selbst, das solche Taten fordert, - - dann rufe mir:
ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und will dich losringen und loskaufen
von den dmonischen Mchten und sei's um den Preis meines Lebens.
    Leichter Spott zuckte zuerst um des Prfekten Lippe, aber er dachte: Er
liebt mich noch immer. Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk vollendet: la
sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des Erdkreises
ausschlgt. - Wohl, sagte er, ich werde dich rufen, wenn ich dein bedarf.
Leb' wohl. Und mit kalter Handbewegung entlie er den Heibewegten.
    Aber als die Tre hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Prfekt ein kleines
Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es lang. Dann wollte
er es kssen. Aber pltzlich flog der hhnische Zug wieder um seine Lippen.
Schme dich vor Csar, Cethegus, sagte er, und legte das Medaillon wieder in
die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius sehr hnlich.

                                Achtes Kapitel.


Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den Sonnenball
trgt, gefllt mit persischem Duftl. Ein gotischer Krieger steht drauen,
Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr unscheinbar aus. Soll er die
Waffen ablegen? Nein, sagte Cethegus, wir frchten die Barbaren nicht. La
ihn kommen. Der Sklave ging und Cethegus legte die Rechte an den Dolch im Busen
seiner Tunika.
    Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze ber den Kopf geschlagen: er
warf sie jetzt zurck.
    Cethegus trat erstaunt einen Schritt nher. Was fhrt den Knig der Goten
zu mir?
    Leise! sprach Witichis. Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
verhandeln. Du weit: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in Rom
eingezogen. Du weit noch nicht, da wir Rom morgen wieder rumen werden.
    Cethegus horchte hoch auf.
    Das befremdet dich? - Die Stadt ist fest, sagte Cethegus ruhig. Ja,
aber nicht die Treue der Rmer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar. Ich
habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrcken zu lassen.
    Vorsichtig schwieg Cethegus, er wute nicht, wo das hinaus sollte. Weshalb
bist du gekommen, Knig der Goten? - Nicht um dich zu fragen, wie weit man den
Rmern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, da wir ihnen so wenig trauen
knnen, die doch Theoderich und seine Tochter mit Wohltaten berhuft; sondern
um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem
Frommen.
    Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
beneidete. Er htte es gern verachtet. Wir werden Rom verlassen: und alsbald
werden die Rmer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann's nicht
hindern. Man hat mir geraten, die Hupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzufhren.
    Cethegus erschrak und hatte Mhe, das zu verbergen.
    Dich vor allen, den Princeps Senatus. - Mich! lchelte Cethegus. - Ich
werde dich hier lassen. Ich wei es wohl: du bist die Seele von Rom.
    Cethegus schlug die Augen nieder. Ich nehme das Orakel an, dachte er.
    Aber eben deshalb la ich dich hier. Hunderte, die sich Rmer nennen,
wollen die Byzantiner zu ihren Herren, - du, du willst das nicht. Cethegus sah
ihn fragend an.
    Tusche mich nicht! Wolle mich nicht tuschen. Ich bin der Mann
verschlagner Knste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist zu
stolz, um Justinian zu dienen. Ich wei, du hassest uns. Aber du liebst auch
diese Griechen nicht und wirst sie nicht lnger hier dulden als du mut. Deshalb
la ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich wei, du liebst die
Stadt.
    Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. Knig der
Goten, sagte er, du sprichst klar und gro wie ein Knig, ich danke dir. Man
soll nicht sagen von Cethegus, da er die Sprache der Gre nicht versteht. Es
ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Krften rmisch erhalten.
    Gut, sagte Witichis, sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tcke: ich
wei viel von deinen schlauen Plnen: ich ahne noch mehr: und ich wei, da ich
gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lgner. Ich wute, ein
mnnlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen entwaffnet einen Feind,
der ein Mann.
    Du ehrst mich, Knig der Goten.
    Ich will dich warnen: weit du, wer die wrmsten Freunde Belisars? - Ich
wei es: Silverius und die Priester. - Richtig. Und weit du, da Silverius,
sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofsstuhl von Rom besteigen
wird?
    So hr' ich.
    Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzufhren. Ich werd' es nicht tun. Die
Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der Pfaffen
stoen. Ich frchte die Mrtyrer.
    Aber Cethegus wre den Priester gern losgeworden. Er wird gefhrlich auf
dem Stuhl Petri, meinte er.
    La ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden. - Wohlan, sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend, ich
habe hier die Namen seiner wrmsten Freunde zufllig beisammen. Es sind wichtige
Mnner.
    Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
gefhrlichsten Feinde als Geiseln mitfhren.
    Aber Witichis wies ihn ab. La das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen. Was
ntzt es, ihnen die Kpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir fr Rom brgen.
    Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.
    Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verla dich drauf: er wird
auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst nach
hartem Kampf: aber gewi. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um Rom.
    Einen zweiten? fragte Cethegus ruhig, mit wem?
    Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne: Mit dir, Prfekt von Rom!
    Mit mir! Und er wollte lcheln, aber er konnte nicht.
    Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht wrdig. Ich wei
es, fr wen du die Trme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht fr uns und
nicht fr die Griechen! fr dich! Ruhig! Ich wei, was du sinnest, oder ich ahn'
es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom kmpfen und kein Rmer?
Aber hre: La nicht einen zweiten jahrelangen Krieg unsre Vlker hinraffen.
    Wenn wir die Byzantiner niedergekmpft, hinausgeworfen aus unserm Italien, -
dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur Schlacht
unsrer Vlker, - zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir wollen's um Rom
entscheiden.
    Und in des Knigs Blick und Ton lag eine Gre, eine Wrde und Hoheit, die
den Prfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfltigen Schlichtheit
des Barbaren. Aber es war ihm, als knne er sich selbst nie mehr achten, wenn er
diese Gre nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu erwidern fhig sei. So
sprach er ohne Spott: Du trumst, Witichis, wie ein gotischer Knabe.
    Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
einzige Rmer, den ich wrdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten sehen
im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes wrdig. Du bist lter als ich, wohlan:
ich gebe dir den Schild voraus!
    Seltsam seid ihr Germanen, sagte Cethegus unwillkrlich: was fr
Phantasien!
    Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: Phantasien? Wehe dir, wenn du
nicht fhig bist, zu fhlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja recht
behlt! Er lachte zu meinem Plan sprach: Das fat der Rmer nicht! Und er riet
mir, dich gefangen mitzufahren. Ich dachte grer von dir und Rom. Aber wisse:
Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein oder so feig, mich nicht zu
fassen, - in Ketten fhren wir dich aus deinem Rom. Schmach dir, da man dich
zwingen mu zur Ehre und zur Gre.
    Da ergrimmte Cethegus. Er fhlte sich beschmt. Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es rgerte ihn, da er es nicht verhhnen konnte.
    Es rgerte ihn, da man ihn mit Gewalt ntigte, da man seiner freien Wahl
mitraut habe. Wtender Ha gegen Tejas Miachtung wie gegen des Knigs brutale
Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrcke rangen in ihm, er htte gern
den Dolch in des Germanen breite Brust gestoen. Fast htte er vorhin aus
soldatischem Ehrgefhl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt durchzuckte ihn
ein davon sehr verschiedenes, unschnes Gefhl der Schadenfreude. Sie hatten ihm
nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn gering erachtet: nun sollten sie
gewi betrogen sein! Und mit scharfem Blick vortretend fate er des Knigs Hand.
Es gilt, rief er.
    Es gilt, sprach Witichis, fest seine Hand drckend.
    Mich freut es, da ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hte mir
unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf. Und er ging.
    Nun, sprach Teja drauen mit den andern Goten rasch vortretend, soll ich
das Haus strmen?
    Nein, sagte Witichis, er gab mir sein Wort.
    Wenn er's nur hlt!
    Da trat Witichis heftig zurck. Teja! dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht! Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist
ein Held.
    Er ist ein Rmer. Gute Nacht! sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und er
ging mit seinen Goten andren Weges.
    Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch mit
Teja. Am bittersten mit sich selbst.

                                     * * *

    Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der hchsten Stufe der Marmortreppe des
stolzen Gebudes herab, die von den Groen des Heeres besetzt war, hielt der
Knig eine schlichte Ansprache an die Rmer. Er erklrte, da er auf kurze Zeit
die Stadt rumen und zurckweichen werde. Bald aber werde er wiederkehren.
    Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohltaten
Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
heranrcke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder heranrckten:
der Rmer wieder an die Waffen gewhnte Legionare und ihre starken Mauern
machten langen Widerstand mglich.
    Zuletzt forderte er den Eid der Treue und lie sie nochmals feierlich
schwren, da sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten. Die Rmer zgerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid.
    Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
slavischen Amphitheater vorbei zog eine groe Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu seinem
Nachfolger gewhlt.
    Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien der
Bischofswrde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben sangen in
sen und doch weihevollen Weisen.
    Endlich nahte die Snfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
Schiffe nachgebildet. Die Trger gingen langsam, Schritt fr Schritt, nach dem
Takt der Musik, von ringsum drngendem Volk umwogt, das nach dem Segen seines
neuen Bischofs verlangte.
    Silverius spendete unablssig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts und
links hin nickend.
    Eine groe Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Sldnern schlo
die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes gelangt war.
    Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
die alle Mndungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen, prachtentfaltenden
Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Rmer die Ankunft ihres
Seelenhirten um so freudiger begrten, als seine Stimme ihre Gewissenszweifel
wegen des zu leistenden Eides lsen sollte.
    Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen, als
der Arm eines turmlangen Goten, ber die Brstung der Snfte hereinlangend, ihn
an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.
    Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Strung wandte Silverius das strenge
Gesicht, aber uneingeschchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend: Komm,
Priester, du sollst hinauf zum Knig.
    Silverius htte es angemessener gefunden, wenn der Knig zu ihm
heruntergekommen wre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen Mienen zu
lesen. Denn er rief: 's ist nicht anders! duck' dich, Pffflein!
    Und damit drckte er einen der die Snfte tragenden Priester an der Schulter
nieder: die Trger lieen sich nun auf die Kniee herab, und seufzend stieg
Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.
    Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
vor, an den Rand der Treppe, und sprach: Ihr Mnner von Rom, diesen hier haben
eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl: er sei Papst,
sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue fr mich abgenommen
hat. Schwre, Priester!
    Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.
    Aber sogleich wieder gefat, wandte er sich mit salbungsvollem Lcheln zu
dem Volk, dann zum Knig. Du befiehlst? sprach er.
    Schwre, rief Witichis, da du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
verdankt; in allen Stcken uns zu frdern, unsre Feinde aber zu schdigen.
Schwre Treue den Goten.
    Ich schwre, sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. Und so fordre
ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lsen, euch, ihr Rmer,
umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu schwren, wie
ich geschworen habe.
    Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge nicht
lnger, und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: Wir schwren Treue den
Goten.
    Es ist gut, Bischof von Rom, sprach der Knig. Wir bauen auf euren
Schwur. Lebt wohl, ihr Rmer! Bald werden wir uns wiedersehen. Und er schritt
die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.
    Jetzt bin ich nur begierig ... - sagte Teja.
    Ob sie es halten? meinte Hildebad.
    Nein. Gar nicht. Aber wie sie's brechen. Nun, der Priester wird's schon
finden.
    Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus, die
Stadt ihrem Papst und dem Prfekten berlassend, whrend Belisar in Eilmrschen
auf der Via Latina nahte.

                                Neuntes Kapitel.


In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Tore waren
geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche Wachen, in den
Straen klirrte es von Zgen reisiger Goten und bewaffneter Sldner: denn die
Wlsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese Stadt geworfen und sie
einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes gegen Witichis gemacht.
    In der schnen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden Brder.
    Herzog Guntharis von Tuscien, der ltere, war ein gefrchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen die
Gter des mchtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und Hintersassen
bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne Schranken und Herzog
Guntharis war entschlossen, sie vllig zu gebrauchen.
    In voller Rstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetfelte Zimmer, indes der jngere Bruder in schmucker
Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem Citrustisch lehnte, der
von Briefen und Pergamenten bedeckt war.
    Entschliee dich, mach' vorwrts, mein Junge! sprach Guntharis: es ist
mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des strrigen Kindes oder
ich - hrst du? - ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr. Ich wei
besser als du umzuspringen mit einem launischen Mdchenkopf.
    Bruder, das wirst du nicht.
    Beim Donner, das werd' ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versume
das Glck unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist der
Augenblick, den Wlsungen endlich die erste Stelle im Volk zu schaffen, die
ihnen gebhrt und von der Amaler und Balten sie seit Jahrhunderten
ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib, kann niemand dir die
Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon schtzen auf deinem Haupt
gegen diesen Bauernknig Witichis.
    Aber nicht zu lange mehr darf's whren. Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna: doch ich frchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns, zufallen,
das heit, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien, nachdem Neapolis und
Rom verloren: die mchtige Festung mssen wir haben. Deshalb mu sie dein Weib
sein, eh' wir vor die Rabenmauern ziehen: sonst wird ruchbar, da sie mehr unsre
Gefangene als unsre Knigin.
    Wer wnscht das mehr, heier als ich? aber ich kann sie doch nicht
zwingen? - Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten oder
bsen. Ich gehe, die Wachen auf den Wllen zu verstrken. Bis ich zurck bin,
will ich Antwort!
    Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem Garten
auf, Mataswintha zu suchen.
    Der Garten war von einem kunstverstndigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldhnlichen Abschlu, der, frei von
Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrn noch erhalten hatte. Diese
blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbsche durchrieselte ein klarer Bach, mit
anmutigem Gewoge.
    Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurckgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und warf wie
trumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die Wellen, mit leise
geffneten Lippen der Blte nachsehend, die rasch die klaren Wellen entfhrten.
    Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mdchen in maurischer
Sklaventracht, eifrig beschftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an welchem
nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam sphte die anmutfeine Kleine
manchmal, ob die Trumende ihre heimliche Arbeit nicht gewahre.
    Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.
    Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drckte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie die
Blumen ihr Haupt berhrten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit schmollend
aufgeworfnen Lippen: Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des Auras, was denkest
du wieder? Bei wem bist du?
    Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: Bei ihm! flsterte sie.
    Weie Gttin, das trag' ich nicht mehr! rief die Kleine aufspringend, es
ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle nur, auch
die eigne Schnheit vergit du - ber dem unsichtbaren Mann: schau' doch nur
einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von den dunkeln Veilchen
und weien Anemonen sich hebt.
    Dein Kranz ist schn! sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend, welch se Blumen! Grt ihn von mir.
    Ach, meine armen Blumen! rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
wagte nicht, weiter zu schelten. Sag' mir nur, rief sie, sich wieder
niederlassend, wie all dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele Tage, wir
wissen nicht recht, Knigin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder Gewalt: haben
den Fu nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten Garten gesetzt und
wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer still und selig, als mte
das alles so sein.
    Es mu auch alles so sein.
    So? und wie wird es enden?
    Er wird kommen und wird mich befreien.
    Nun, Weililie! du hast einen starken Glauben. Wren wir daheim im
Mauretanierland und she ich dich nachts zu den Sternen blicken, so sagte ich
wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich begreife das
nicht - und sie schttelte die schwarzen Locken - Ich werde dich nie
begreifen.
    Doch, Aspa! du wirst und sollst, sprach Mataswintha sich aufraffend und
zrtlich den weien Arm um den braunen Nacken schlingend, deine treue Liebe
verdient lngst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.
    In der Sklavin dunkles Auge trat eine Trne. Lohn? sprach sie. Aspa ward
geraubt von wilden Mnnern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist eine Sklavin.
Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich gekauft wie man eine
Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar. Und bist so schn wie die
Gttin der Sonne und sprichst von Lohn? Und sie schmiegte das Kpfchen an der
Herrin Busen.
    Du bist meine Gazelle! sagte diese, und hast ein Herz wie Gold. Du sollst
alles wissen, was niemand wei, auer mir. Hre also. Ich hatte eine Kindheit
ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge Seele nach Weichheit,
nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben, einen Thronerben hei
gewnscht und sicher erwartet: - und mit Widerwillen, mit Klte und Hrte
behandelte sie das Mdchen. Als Athalarich geboren war, nahm die Hrte ab, aber
die Klte nahm zu: dem Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich
htte es nicht empfunden, htte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz
gesehen: ich fhlte, wie auch er litt unter der kalten Hrte seiner Gattin: und
oft drckte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Trnen an die Brust.
    Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern Teil
des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn sie mich zu
strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah ich, wie meine
Wrterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten, herzten und kten: und
nach gleicher Wrme verlangte mit aller Macht mein Herz.
    So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!
    Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
im stillen Knigsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe, die
ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wrtern entrinnen konnte,
eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies Sehnen wuchs, je lter ich
ward: in Gegenwart der Mutter mute ich all meine Gefhle zusammenpressen: sie
verachtete es, wenn ich sie zeigte.
    Und wie ich vom Kind zum Mdchen heranwuchs, merkte ich wohl, da die Augen
der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie bedauerten
mich: und das tat mir weh. Und fter und fter flchtete ich zum Grabe des
Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward verklagt, da ich dort
weinte und ganz verstrt zurckkme.
    Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
sprach von verchtlicher Schwche.
    Aber dawider emprte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot. Da berraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich war
doch kein Kind mehr: und fhrte mich in den Palast zurck: und schalt mich
schwer: und drohte, mich zu verstoen fr immer: und fragte im Scheiden zrnend
den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde gestraft.
    Das war zuviel.
    Namenlos elend beschlo ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur Strafe
leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wute nicht wohin:
am liebsten in das Grab zu meinem Vater.
    Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals an
das geliebte Grab zu langem, trnenreichem Abschied. Schon gingen die Sterne
auf, da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch die dunkeln
Straen der Stadt an das faventinische Tor. Glcklich schlpfte ich an der Wache
vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf der Strae fort, gradaus in die
Nacht, ins Elend.
    Aber auf der Strae kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
ihm vorber wollte, schritt er pltzlich heran, sah mir ins Antlitz und legte
die Hand leicht auf meine Schulter: Wohin, Jungfrau Mataswintha, allein, in so
spter Nacht?
    Ich erbebte unter seiner Hand, Trnen brachen aus meinen Augen, und
schluchzend rief ich: In die Verzweiflung!
    Da fate der Mann meine beiden Hnde und sah mich an, so freundlich, so
mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Trnen mit seinem Mantel und sprach in
weichem Ton der tiefsten Gte: Und warum? Was qult dich so?
    Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich in
sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mchtig. Weil mich die
eigne Mutter hat, weil's keine Liebe fr mich gibt auf Erden. - Kind! Kind! Du
bist krank, sagte er, und redest irr. Komm, komm mit mir zurck! Du? warte nur!
du wirst noch eine Knigin der Liebe werden.
    Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich fr diese Worte, diese
Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte und zitterte.
Es mute ihn rhren; oder er dachte, es sei die Klte.
    Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und fhrte
mich langsam zurck durchs Tor, auf unbelebten Straen, durch die Stadt nach dem
Palast.
    Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das Haupt,
das er mir sorglich verhllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg und trocknete
mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte, gelangten wir an die
Tre der Palasttreppe: er ffnete sie, schob mich sanft hinein: dann drckte er
mir die Hand. Gut sein, sagte er, und ruhig. Dein Glck wird dir schon kommen.
Und Liebe genug. Und er legte leise die Hand auf mein Haupt, schlo die Tre
hinter mir und stieg die Treppe hinab.
    Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Tr und konnte nicht fort. Mein Fu
versagte, mein Herz pochte.
    Da hrt' ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:
    Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schlo, mein Freund? Er aber
antwortete: Du bist's, Hildebrand? Du verrtst sie nicht! Es war das Kind
Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und frchtete den
Zorn ihrer Mutter. - Mataswintha! sprach der andre, die wird tglich schner.
Und mein Beschtzer sprach - und sie stockte und flammend Rot scho ber ihre
Wangen ... -
    Nun, fragte Aspa, sie gro ansehend, was sagte er?
    Aber Mataswintha drckte Aspas Kpfchen nieder an ihre Brust. Er sagte,
flsterte sie - er sagte: - die wird das schnste Weib auf Erden!
    Da hat er recht gesagt, sprach die Kleine, was brauchst du da rot zu
werden? Ist's doch so! Nun aber weiter! Was tatest du?
    Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Trnen der Trauer, der Wonne,
der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein Himmel in
mir auf: er war mir gut, das fhlte ich, und er nannte mich schn. Ja, jetzt
wut' ich es: ich war schn, und ich war selig darber: ich wollte schn sein:
fr ihn! O wie glcklich war ich! seine Begegnung brachte Glanz in mein Dunkel,
Segen in mein Leben. Ich wute jetzt, man konnte mir gut sein, man konnte mich
lieben! Sorglich pflegte ich des Leibes, den er gelobt. Die se Macht in meinem
Herzen breitete eine milde Wrme ber mein ganzes Wesen: ich ward weicher und
inniger: und selbst der Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich,
seit ich nur sanfte Liebe ihrer Hrte entgegengab: und tglich wurden alle
Herzen gtiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.
    Und all' das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe ich
nur fr ihn. Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende Brust.
    Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine Liebe
von so karger Kost?
    Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn nie
htte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach, mein
Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort erscheinen mochte,
war ich auf den Villen.
    So weit du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
Vergangenheit.
    Wie htt' ich forschen knnen! glhende Scham htte mich verraten! Lieb'
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
Zukunft wei ich.
    Von eurer Zukunft? lchelte Aspa.
    An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von Knig
Theoderich fremde Kruter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen lie und vom
Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafr, da sie ihm als
Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles eingetroffen aufs
Haar: sie braute Salben und mischte Trnke: das Waldweib nannte man sie laut:
aber leise: die Wala, das Zauberweib. Und wir alle am Hof wuten - auer den
Priestern, die htten es gewehrt -, da jede Sommersonnenwende, wann sie kam,
der Knig sich das Jahr vorhersagen lie. Und kam sie von ihm heraus, so riefen
sie, das wute ich, meine Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie
aus: und nie blieb noch aus, was sie verkndet.
    Da, in der nchsten Sonnenwende, fate auch ich mir ein Herz, lauerte der
Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot ihr
Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.
    Aber sie lachte und zog ein Flschchen von Bernstein hervor und sprach:
Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mchtig Blut von einem reinen Knigskind.
    Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hnde und sang endlich tonlos:
Den du hltst im Herzen hoch, der gibt dir grten Glanz und grtes Glck,
schafft dir allerschrfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein Gatte nicht. Und
damit war sie hinaus.
    Das ist wenig trstlich, - soviel ich's fasse.
    Du kennst der Alten Sprche nicht: sie sind alle so dmmmer-dunkel: sie
fgt jeder Verheiung eine Drohung bei, fr alle Flle: ich aber halte mich an
das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfllt sich, wie man sie fat: ich
wei: er wird mein und bringt mir Glanz und Glck: den Schmerz daneben will ich
tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.
    Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der Hexe
hin hast du ausgeschlagen all' die Knige und Frsten, vom Vandalen- und
Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst Germanus,
den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf ihn?
    Und harr' auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
lebt ein Vgelein, das singt mir alle Tage: er wird dein, er mu dein werden.
Ich wei es sternengewi߫, schlo sie, das Auge zum Himmel aufschlagend und in
die frhere Trumerei versinkend.
    Rasche Schritte tnten von der Villa her. Ah, rief Aspa, dein schmucker
Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mhe!
    Ich will dem Spiel ein Ende machen heut'! sprach Mataswintha, sich
erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen; lag jetzt eine zornige Strenge,
die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine seltsame
Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit in dem
Mdchen. Aspa staunte oft ber das verhaltne Feuer in ihrer Herrin. Du bist wie
die Gtterberge in meiner Heimat, sagte sie: Schnee auf dem Gipfel: Rosen um
den Grtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft ber Schnee und Rosen
strmt.
    Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem schnen
Weibe mit einem Errten, das ihm wohl anstand. Ich komme, sagte er, Knigin
... -
    Aber herb unterbrach sie ihn. Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
endlich diesem schnden Spiel von Gewalt und Lge ein Ende zu machen.
    Nicht lnger will ich's tragen. Dein kecker Bruder berfllt mich pltzlich,
die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in meinen
Gemchern, nennt mich in einem Atem seine Knigin und seine Gefangene und hlt
mich wochenlang in unwrdiger Haft. Er bringt mir den Purpur und nimmt mir die
Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit deiner eiteln Werbung, die
dich nie zum Ziele fhrt. Ich habe dich verschmht in der Freiheit: glaubst du,
gefangen, in deiner Zwanggewalt, wird dich, du Tor, das Kind der Amaler erhren?
Du schwrst, du liebest mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, la
mich frei. Oder zittre, wenn mein Befreier naht. Und drohend trat sie auf den
Bestrzten zu, der keine Worte finden konnte.
    Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.
    Auf, Arahad, rief er, komm zu Ende. Wir mssen fort, sogleich. Er naht,
er dringt mit Macht heran. - Wer? fragte Arahad hastig. - Er sagt, er kommt
sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernknig, und unsre Vorposten geschlagen
bei Castrum Sivium.
    Wer? fragte jetzt Mataswintha eifrig.
    Nun, antwortete Guntharis zornig, jetzt magst du's erfahren: es ist doch
nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fsul.
    Witichis! hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.
    Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend, zum
Knig der Goten erhoben.
    Er! er mein Knig! sprach Mataswintha wie im Traume.
    Ich htte dir's gesagt, schon da ich dich als Knigin begrte; aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbste, bekrnzt. Das war mir verdchtig. Spter
sah ich's: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.
    Mataswintha schwieg und suchte die glhende Rte zu verbergen, die ihr
Antlitz berflog.
    Nun, rief Arahad, was ist zu tun?
    Wir mssen fort. Wir mssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
Feste, hlt ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles Volk der
Goten unser. Auf, Knigin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in einer Stunde
gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen. Und die Brder eilten
hinweg.
    Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:
    Ja, fhrt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Hhe wird
mein Knig auf euch niederstoen und mich retten aus eurer Gewalt. Komm, Aspa,
der Befreier naht.

                                Zehntes Kapitel.


Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rcken gewendet, so berief Papst
Silverius - es war am Tage nach seinem Eide - die Spitzen der Priesterschaft,
des Adels, der Beamten und der Brgerschaft der Stadt in die Thermen des
Caracalla zu einer Beratung ber Heil und Gedeihen der Stadt des heiligen
Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.
    Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
Belisarius, den Feldherrn des rechtglubigen Kaisers Justinian, des einzig
rechtmigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlssel der ewigen Stadt zu
berreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und der Glubigen
gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.
    Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lchelnden
Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so zu
lsen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter deren Eindruck sie
den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig durch: und der Papst
selbst, Scvola, Albinus und Cethegus wurden als die Gesandten gewhlt.
    Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit angehrt
und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach: Ich bin gegen
den Beschlu. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb apostolische
Lsungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe nicht geschworen. Aber
um der Stadt willen. Das heit: uns ohne Not dem gerechten Zorn der Goten
aussetzen, die wohl einmal wiederkommen knnen und dann solch offnen Abfall
nicht mit apostolischer Lsung entschuldigen werden. Lat uns gebeten oder
gezwungen werden von Belisar: wer sich wegwirft, wird mit Fen getreten.
    Silverius und Scvola tauschten bedeutsame Blicke.
    Solche Gesinnung, sprach der Jurist, wird dem Feldherrn des Kaisers gewi
sehr gefallen, kann aber an dem Beschlu nichts ndern. Du gehst also nicht mit
uns zu Belisar?
    Cethegus stand auf: Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch, sagte er und
ging hinaus.
    Als die brigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scvola: Das
gibt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die bergabe erklrt! - Und er
geht selbst in die Hhle des Lwen. - Er soll sie nicht mehr verlassen. Du
hast doch die Anklageakte aufgesetzt? - Schon lngst. Ich frchtete, er werde
die Gewalt in der Stadt an sich reien: und er geht selbst zu Belisar! Er ist
verloren, der Stolze. - Amen! sagte Silverius. Und so mag jeder untergehen,
der in weltlichem Trachten dem heiligen Petrus widerstreitet. bermorgen um die
vierte Stunde machen wir uns auf.
    Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen.
    Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete. Gleich brechen wir auf, rief er dem Sklaven zu,
der auf dem vordersten Rosse sa, ich hole nur mein Schwert.
    Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. Heut'
kam der Tag, rief ihm Lucius entgegen, auf den du uns solang vertrstet! -
Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser Geschick, unsere
Treue? fragte Marcus. - Geduld! sprach Cethegus mit erhobenem Zeigefinger und
schritt in sein Gemach.
    Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: Ist das
uerste Eisentor der Moles Hadriani fertig? fragte er. - Fertig, sprach
Lucius Licinius. - Ist das Getreide aus Sizilien in dem Kapitol geborgen? -
Geborgen. - Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am Kapitol vollendet,
wie ich befahl? - Vollendet, antwortete Marcus. - Gut. Nehmt diese Rolle.
Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt verlassen, und erfllt jedes
ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein Leben und das eure -: es gilt Rom! Die
Stadt Csars wird eure Taten sehen. Geht: auf Wiedersehen!
    Und aus seinen Augen sprhte Feuer in die Herzen der jungen Rmer. - Du
sollst zufrieden sein! - Du und Csar! riefen sie und eilten hinweg. Mit
einem Lcheln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit spielte,
sprang Cethegus in seinen Wagen. Heiliger Vater^, sagte er zu sich selbst,
ich bin noch in deiner Schuld fr die letzte Versammlung in den Katakomben: ich
will sie zahlen! - Die Via latina hinab! rief er rasch dem Sklaven zu, und la
die Rosse jagen, was sie knnen.
    Der Prfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl. -
    Er hatte in seinem unermdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging jetzt
mit all' seiner Umsicht an die Ausfhrung.
    Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
traf, deren Fhrer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen jngeren
Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten lie. Im Lager angekommen,
fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern lie sich sofort nach dem Zelt
des Rechtsrats Prokopius von Csarea fhren.
    Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule gewesen:
und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mchtig angezogen. Aber nicht die
Wrme der Freundschaft fhrte den Prfekten vor allem zu diesem Mann: dieser
Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer politischer Vergangenheit, wohl
auch der Vertraute seiner Plne fr die Zukunft.
    Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.
    Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die geknstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Fhigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu fhlen,
unter den Schnrkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte. Heller Verstand
lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich leuchtenden Auge glnzte die
Freude an allem Guten.
    Nachdem Cethegus Staub und Mhsal der Reise in einem sorgfltigen Bad
abgesplt, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt fhrte, mit
ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der wichtigsten Truppenteile,
der bedeutendsten Heerfhrer weisend und mit ein paar Worten deren Eigenart,
Verdienste und oft bunt zusammengesetzte Vergangenheit erluternd.
    Da waren die Shne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
aus rohem Sldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne Bildung, mit
dem ganzen Eigendnkel selbstgemachter Mnner: - sie betrachteten sich als
Belisars unentbehrliche Sttzen und ihn vollersetzende Nachfolger.
    Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Knigsgeschlecht der Iberier,
der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Ha gegen die persischen berwinder
Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und Dienste in des Kaisers Heer
genommen hatte.
    Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Fhrer der Reiterei,
Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Fhrer des Fuvolks, Ennes, der isaurische
Huptling und Heerfhrer der Isaurier Belisars, Aigan und Askan, die Fhrer der
Massageten, Alamundarus und Knig Abocharabus, die Sarazenen, Ambazuch und
Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und Artabanes, die Armenier - der Arsakide
Phaza war mit dem Rest der Armenier in Neapolis zurckgelassen worden -
Azarethas und Barasmenes, die Perser, Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle
kannte und nannte Prokopius, karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen,
aber geistvollen Tadel spendend.
    Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
Stdteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: Und wessen
ist das Seidenzelt dort auf dem Hgel, mit den goldnen Sternen und dem
Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?
    Dort, sprach Prokop, wohnt seine unberwindliche Kstlichkeit, des
rmischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
erleuchte.
    Des Kaisers Neffe, nicht?
    Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein hchstes und
einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns zu rgern
und dafr zu sorgen, da wir nicht so leicht siegen. Er ist Belisarius
gleichgestellt, versteht vom Krieg so wenig wie Belisar von den Purpurschnecken,
und soll Statthalter von Italien werden.
    So, sprach Cethegus.
    Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars haben.
Wir gaben nicht nach. Zum Glck hat Gott in seiner Allweisheit jenen Hgel zur
Lsung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier aufgeworfen: nun lagert
der Prinz zwar links, aber hher als Belisarius. - Und wessen sind die bunten
Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer wohnt darin? - Dort, seufzte
Prokop, ein sehr unglckliches Weib: Antonina, Belisars Gemahlin. - Sie
unglcklich? die Gefeierte, die zweite Kaiserin? warum? - davon ist nicht gut
reden in offner Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekhlt
sein.

                                Elftes Kapitel.


Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.
    Das ist ein afrikanisches Beutestck aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es aus
Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserknigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.
    Du bist mir ein praktischer Gelehrter! lchelte Cethegus. Wie bist du so
anders geworden seit den Tagen von Athen.
    Das will ich hoffen! sprach Prokop und zerschnitt selbst - er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt - die dampfende Hirschkeule vor ihm. Du mut
wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser werden. Drei
Jahre hrte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker zu Athen, - und
studierte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der Philosophie. Nach
lblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mute auch die Theologie beigezogen
werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darber nachzudenken, ob Christus, als
Gott Vater, zugleich seiner eignen jungfrulichen Mutter Vater, also sein eigner
Grovater sei. Nun, ber all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht
zu verachtender Verstand abhanden zu kommen.
    Zum Glck ward ich sterbenskrank und die rzte verboten mir Athen und alle
Bcher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen Thukydides in
meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.
    Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Taten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit Staunen, da
der Menschen Tun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre Tugenden und Frevel
eigentlich doch viel anziehender und denkwrdiger seien als alle Formeln und
Figuren heidnischer Logik - von der christlichen Logik vollends zu schweigen!
    Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straen schlenderte, kam
pltzlich ber mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte ber einen
groen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und war erbaut
auf den Trmmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand ein zerfallner
Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.
    Da ergriff mich pltzlich der Gedanke: Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wten das Rechte von dem hchsten Wesen.
    Und das ist doch unmglich: das hchste Wesen hat, wie es scheint, gar kein
Bedrfnis, von uns erkannt zu werden - ich htte es auch nicht, an seiner Statt!
- und es hat die Menschen geschaffen, da sie leben, tchtig handeln und sich
wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln, Genieen und Sichumtreiben
ist eigentlich alles, worauf es ankommt. Und wenn einer forschen und denken
will, so soll er der Menschen Leben und Treiben erforschen.
    Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glnzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schn und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten und die
Fahnen flogen und die Rlein sprangen. Und ich dachte mir: Die wissen, warum
sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.
    Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein Brger
von Ephesos auf die Schulter und sprach: Ihr scheint nicht zu wissen, wer das
war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, der zieht in den
Perserkrieg. - Gut, sagte ich, Freund! Und ich ziehe mit! Und so geschah's zur
selben Stunde.
    Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und Geheimschreiber.
Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage mach' ich Weltgeschichte
oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich Weltgeschichte. - Und
welches ist deine bessere Arbeit? - Freund, leider das Schreiben! Und das
Schreiben wre noch besser, wenn die Geschichte besser wre. Denn ich bin
meistens gar nicht einverstanden mit dem was wir tun: und tu's nur mit, weil's
doch besser ist, als gar nichts tun oder philosophieren. Bringe den Tacitus,
Sklave! rief er zur Zelttr hinaus.
    Den Tacitus?
    Ja, Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mut wissen: ich
nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. - Zum Beispiel dieses
lrmende Stck Weltgeschichte, das wir hier auffhren, dieser Gotenkrieg ist
ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht, erst sollten wir die Perser
abwehren, eh' wir die Goten angreifen.
    Narses! was treibt mein kluger Freund?
    Er beneidet Belisar und lt sich's selbst nicht merken. Auerdem macht er
Kriegs- und Schlachtenplne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert ehe wir
landeten.
    Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
Belisar vor?
    Das will ich dir sagen, sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. Mein
Unglck ist, da ich nicht Geschichtsschreiber Alexanders oder Scipios geworden.
Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie - - und Theologie! -
genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit Fleisch und Blut.
Da widern mich diese spindeldrren Kaiser und Bischfe und Feldherrn an, die
alles mit dem Verstand erklgeln; wir sind ein verkrppeltes Geschlecht
geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur Belisarius, der Biedre, ist noch
ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er knnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er
ist nicht dumm; er hat Verstand; aber nur den Naturverstand des edeln, wilden
Tieres zu seinem Beutefang, zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die
Heldenschaft!
    Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den mchtigen Schenkeln, mit denen er die strksten Hengste zwingt.
Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust, dreinzuschlagen, durch alle
seine Feldherrnplne braust. Mich freut's, wenn ich ihn in der Schlacht mitten
unter die Feinde jagen sehe und kmpfen, wie ein schumender Eber haut.
    Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, da mir das gefllt; denn sonst wr's
nicht auszuhalten: in drei Tagen wr' er in Stcke gehauen. Im Gegenteil; ich
halte ihn zurck: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt. Und er lt sich
meine Verstndigkeit gefallen, weil er wei, da sie nicht Feigheit ist. Hab'
ich ihn doch mehr als einmal mit meiner Laienklugheit aus einer Verlegenheit
ziehen mssen, in die ihn der Trotz seines Heldentums gebracht! Die lustigste
dieser Geschichten ist die von Horn und Tuba.
    Welche von beiden blsest du, o mein Prokopius?
    Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!
    Aber was war's mit Horn und Trompete?
    Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben muten, weil
es die Strae beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsre heroischen
Kpfe bel daran zerstoen: und mein zorniger Herr schwor, bei dem Schlummer
Justinians - das ist nmlich sein hchstes Heiligtum -, er werde nie vor dieser
Burg Anglon zum Rckzug blasen lassen. Nun wurden aber unsre Vorposten sehr oft
aus der Festung berfallen: wir, im hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer
aus der Burg brechen sehen, nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fue des
Berges. Ich riet nun, da wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum
Rckzug geben lassen sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.
    Aber da kam ich bel an!
    Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, da man an einem darauf
geleisteten Schwur nicht makeln drfe! Und so muten sich denn unsre armen
Burschen von den Persern unversehens berrumpeln lassen! Bis ich auf den
scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er solle, um die Unsern
zum Rckzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem Horn, statt mit der Tuba,
blasen lassen.
    Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.
    Und wenn wir nun lustig die Hrner zum Angriff schmettern lieen, liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Totlachen, jene
mutigen Klnge so schnde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians Schlummer
und Belisars Eid blieben ungeschwcht, unsre Vorposten wurden nicht mehr
abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich ihn immer
spottend aus fr seine Heroentaten. Aber im stillen erwrme und erfreue ich mein
tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!
    Nun, meinte Cethegus, bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot.
    Prokop nickte bedchtig: Kann auch nicht leugnen, da ich groes
Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.
    Wie? Warum?
    Dumm sind sie, da sie, anstatt hbsch langsam, Schritt fr Schritt, im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brdern, sich gegen uns vorzuschieben - sie
wren unaufhaltsam! - in dieses Italien sich ohne allen Verstand vereinzelt
hereingedrngt haben, wie ein Stck Holz mitten in einen glimmenden Herd. Daran
werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du wirst es sehen. - Ich hoffe,
es zu sehen. Und was dann? fragte Cethegus ruhig.
    Ja, antwortete Prokop verdrielich, was dann! Das ist das rgerliche!
Dann wird Belisar Statthalter von Italien - denn mit dem Schneckenprinzen dauert
es kein Jahr - und er verliegt hier seine schnste Kraft, whrend es Arbeit
vollauf gbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein Hofhistoriograph nur
zu schreiben haben, wie viele Schluche Wein wir jhrlich vertilgen.
    Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
aus Italien?
    Freilich! Im Perserland blhn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.
    Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen fr
seinen Plan gefunden zu haben. Und so beherrscht also sein Verstand Prokopius
den Lwen Belisar, sagte er laut. - Nein! seufzte Prokop, vielmehr sein
Unverstand, sein Weib. - Antonina! Sage, weshalb nanntest du sie unglcklich.
    Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schne
Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur Tugend.
Die Zirkusdirne hat gewi noch nie einen Stachel des Gewissens empfunden. Aber
ich glaube, sie ertrgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer nchsten Nhe zu
haben, das sie verachten mte. Sie ruhte nicht, bis es ihr gelungen, durch ihr
hllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu wecken. Gewissensqual empfindet
diese ber ihr Spiel mit ihren Verehrern: denn sie liebt ihren Mann, sie betet
ihn an.
    Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht gengen?
    Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner Liebe.
Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen, Blumen,
Geschenken sich erschpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung zu entbehren.
Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht wohl bei all dem
Getndel.
    Und ahnt Belisar? -
    Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen rmischen Kaiserreich, der es
nicht wei, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wre sein Tod. Und auch
deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von Italien werden.
Im Lager, im Getmmel des Krieges, da fehlen dem gefall, schtigen Weib die
Schmeichler und auch die Mue, sie zu hren. Denn, gleichsam zur freiwilligen
Bue fr jene sen Verbrechen der heimlichen Gedichte und Blumen - grberer
Schuld ist sie gewi nicht fhig - berbietet Antonina alle Frauen an
Pflichtstrenge; sie ist Belisars Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die
Beschwerden und Gefahren des Meeres, der Wste, des Krieges mit ihm: sie
arbeitet mit ihm Tag und Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre
schnen Augen liest! - Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner
Feinde am Hofe zu Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager tut sie gut, da wo auch
seine Gre allein gedeiht.
    Nun, sprach Cethegus, wei ich genug, wie die Dinge hier stehen. La mich
offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien wieder fort
haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du weit, ich war von
jeher Republikaner ... - - -
    Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an: Das
sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren. Aber da du's
noch bist - find' ich sehr - sehr - unhistorisch. Aus diesem italischen
Gesindel, unsern hchst liebwerten Bundesgenossen gegen die Goten, willst du
Brger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr gut als zur Tyrannis!
    Ich will darber nicht streiten! lchelte Cethegus. Aber vor eurer
Tyrannis mcht' ich mein Vaterland bewahren.
    Kann dir's nicht verdenken! lchelte Prokop, die Segnungen unsrer
Herrschaft sind - erdrckend!
    Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz gengt zunchst.
    Jawohl, und dieser wrde Cethegus heien!
    Wenn's sein mu, - auch das!
    Hre, sprach Prokop ernsthaft, ich warne dich dabei nur vor einem. Die
Luft von Rom heckt stolze Plne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht gern
der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts mehr mit der
Weltherrschaft Roms.
    Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung Knig Theoderichs.
Historikus von Byzanz, meine rmischen Dinge kenne ich besser als du. La dich
jetzt einweihen in unsre rmischen Geheimnisse; dann verschaffe mir morgen frh,
eh' die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gesprch mit Belisar und - sei eines
groen Erfolges gewi. Und nun begann er dem staunenden Prokop mit raschen
Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der jngsten Vergangenheit und seine
Plne der Zukunft zu entwerfen, sein letztes Ziel wohlweislich verhllend.
    Bei den Manen des Romulus! rief Prokop, als er geendet hatte. Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe hast
du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf la uns noch
einen Krug herben Sallustius leeren!
    Frh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurckkam.
    Nun, hast du ihm alles gesagt? fragte der Historiker.
    Nicht eben alles! sprach Cethegus mit feinem Lcheln: man mu immer noch
etwas zu sagen brig behalten.

                               Zwlftes Kapitel.


Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfllt.
    Das Gercht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
vergoldeten Snfte voranflog, ri die Tausende von Soldaten mit Krften der
Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren Zelten, von
Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, da die Anfhrer die
Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurckhalten konnten; meilenweit waren
ihm die Glubigen entgegengeeilt und geleiteten jetzt, mit Haufen des Landvolks
der Umgegend gemischt, seinen Zug ins Lager. Lngst hatten sich Bauern und
Soldaten an der Eselinnen Statt, die seine Snfte trugen, eingespannt: -
vergebens hatte sich die Bescheidenheit des Papstes dagegen gestrubt - und
unter unaufhrlichem Jubelruf: Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen
Petrus! wlzte sich der Strom der Tausende heran, ber die Silverius
unermdlich Segen sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scvola und Albinus,
dachte kein Mensch.
    Belisar sah von seinem Zelthgel aus mit ernsten Augen das mchtige
Schauspiel. Der Prfekt hat recht! sprach er dann: dieser Priester ist
gefhrlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, la die byzantinische
Leibwache an meinem Zelt ablsen, sowie die Unterredung beginnt: sie sind
allzugute Christen. La die Hunnen aufziehn und die heidnischen Gepiden.
    Damit schritt er in sein Zelt zurck, wo er alsbald, von seinen Heerfhrern
umgeben, die rmische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen Areobindos hatte Prokop
von der Notwendigkeit einer Rekognoszierung berzeugt, die nur heute und nur von
ihm vorgenommen werden konnte.
    Umwogt von einem glnzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt. Groe Massen Volkes drngten nach, aber sowie der Papst mit
Scvola und Albinus die Mndung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
sperrten die Wachen mit gefllten Lanzen den Weg und lieen weder Priester noch
Soldaten folgen.
    Lchelnd wandte sich Silverius zu dem Fhrer der Schar und hielt ihm eine
schne Rede ber den Text: Lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret ihnen
nicht. Aber der Germane schttelte den zottigen Kopf und wandte ihm den Rcken:
der Gepide verstand kein Latein, auer dem Kommando.
    Da lchelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar sa auf einem Feldsessel: darber war
eine Lwenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schne Antonina auf einem
Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des heiligen Petrus einen
Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem Anblick der weltklugen Zge des
Silverius zog sich ihr Herz zusammen.
    Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.
    Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm - er
mute sich mhsam dazu aufrichten - wie segnend beide Hnde auf die Schultern.
Er wollte ihn leise niederdrcken auf die Kniee: - aber eichenfest blieb der
Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mute dem Stehenden den Segen erteilen.
    Ihr kommt als Gesandte der Rmer? begann Belisar.
    Ich komme, unterbrach Silverius, im Namen des heiligen Petrus, als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu bergeben. Diese
guten Leute, fuhr er fort, auf Scvola und Albinus weisend, haben sich mir
angeschlossen wie die Glieder dem Haupt. Unwillig wollte Scvola einfallen - so
hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! - aber Belisar winkte ihm,
zu schweigen.
    Und so heie ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Glubigen wider die Ketzer! Erhhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz Jesu
Christi und vergi nie, da es die heilige Kirche war, die dir die Wege gebahnt
und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum Werkzeug gewhlt, die
Goten in trichte Sicherheit zu wiegen und blinden Auges aus der Stadt zu
fhren: ich bin es gewesen, der die schwankende Stadt, die Brger fr dich
gewonnen und die Anschlge deiner Feinde vernichtet hat. Der heilige Petrus ist
es, der dir mit meiner Hand die Schlssel seiner Stadt berreicht, auf da du
sie ihm beschirmest und beschtzest. Vergi niemals dieser Worte. Und er
reichte ihm die Schlssel des asinarischen Tores.
    Ich werde sie nie vergessen! sprach Belisar und winkte Prokop, der den
Schlssel aus der Hand des Papstes nahm. Du sprachst von Anschlgen meiner
Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?
    Da sprach Silverius mit Seufzen: La ab, Feldherr, zu fragen.
    Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschdlich und der Kirche steht nicht
an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu kehren.
    Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtglubigen Kaiser die
Verrter zu entdecken, die unter seinen rmischen Untertanen sich bergen, und
ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.
    Silverius seufzte: die Kirche drstet nicht nach Blut. - Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen, sprach Scvola. Und der
Jurist trat vor und berreichte Belisar eine Papyrusrolle. Ich hebe Klage gegen
Cornelius Cethegus Csarius, den Prfekten von Rom, wegen Majesttsbeleidigung
und Emprung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift enthlt die Klagepunkte und
die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine Tyrannei gescholten. Er hat sich
der Landung kaiserlicher Heere nach Krften widersetzt. Er hat endlich noch vor
wenig Tagen, er allein, dafr gestimmt, die Tore Roms dir nicht zu ffnen.
    Und welche Strafe beantragt ihr? fragte Belisar in die Schrift blickend.
    Nach dem Gesetz den Tod, sprach Scvola. - Und seine Gter verfallen nach
dem Gesetz, sprach Albinus, halb dem Fiskus, halb den Klgern. - Und seine
Seele der Barmherzigkeit Gottes, schlo der Bischof von Rom.
    Wo ist der Angeklagte? fragte Belisar.
    Er verhie, dich aufzusuchen; aber ich frchte, sein bses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen.
    Du irrst, Bischof von Rom, sprach Belisar, er ist schon hier.
    Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklgern stand Cethegus der Prfekt. berrascht fuhren die Anklger
auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige Schritte vor, bis
er zur Rechten Belisars stand.
    Cethegus hat mich frher aufgesucht als du, fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort: und er ist dir zuvorgekommen - auch im Anklagen. Du stehst als
schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du verklagst.
    Ich als Beschuldigter? lchelte der Papst. Wo wre ein Klger oder ein
Richter fr den Nachfolger des heiligen Petrus?
    Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.
    Und der Klger? fragte Silverius.
    Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: Der Klger bin ich! Ich
habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten Majestt des
Kaisers und des Hochverrats am rmischen Reich geziehen. Ich beweise sofort
meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der Stadt Rom und einen
groen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreien und - lcherlich zu
sagen! - ein Priesterreich zu grnden in dem Vaterlande der Csaren. Und schon
hat er den nchsten Versuch getan zur Ausfhrung dieses - soll ich sagen: seines
Wahnsinns oder seines Verbrechens? Hier berreiche ich einen Vertrag, - hier
steht die Unterschrift seiner Hand - den er mit Theodahad, dem letzten Frsten
der Barbaren, geschlossen. Der Knig verkauft darin fr ewige Zeiten fr die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger, fr
den Fall, da Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der Stadt und das
Weichbild von Rom und dreiig Meilen in der Runde. Es sind aufgezhlt alle
Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung, Steuern, Zlle und
selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem Datum drei Monate alt. Also
im selben Augenblick, da der fromme Archidiakon, hinter Theodahads Rcken, die
Waffen des Kaisers herbeirief, schlo er hinter des Kaisers Rcken, einen
Vertrag, der diesem die Frchte seiner Anstrengung rauben und den Papst fr alle
Flle sichern sollte. Ich berlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie
solche Klugheit zu wrdigen sei. Fr die Erwhlten des Herrn gilt als besondre
Klugheit der Schlangen Moral: - unter uns Laien ist solches Tun ... -
    Der schndlichste Verrat! fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Prfekten Hand. - Hier sieh, Priester, deinen Namen: kannst
du noch leugnen?
    Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung, lag auf den Zgen aller Gesichter; am meisten aber war Scvola,
der kurzsichtige Republikaner, berrascht von diesen Herrscherplnen seines
gefhrlichen Verbndeten. Er hoffte, Silverius werde die Verleumdung siegreich
niederschlagen.
    Die Lage des Papstes war in der Tat hchst gefhrlich, die Anklage schien
unwiderleglich, und das zornlohende Antlitz Belisars htte manch' tapfres Herz
erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, da er kein
unebenbrtiger Gegner des Prfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht eine
Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde aus dem
Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen niedergeschlagen, wie aus
Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den blitzenden Augen Belisars hielt er ein
unerschtterlich ruhiges Angesicht entgegen. Er fhlte, da er in dieser Stunde
den Gedanken seines Lebens verfechten mute: dies gab ihm khne Kraft, keine
Wimper zuckte ihm.
    Wie lange wirst du noch schweigen? fuhr ihn Belisar an.
    Bis du fhig und wrdig bist, mich zu hren. Du bist besessen von
Urchitophel, dem Dmon des Zornes.
    Sprich! Verteidige dich! sagte Belisar, sich setzend.
    Die Klage dieses gottlosen Mannes, hob Silverius an, bringt nur ein Recht
der heiligen Kirche noch frher ans Licht, als sie es in dieser unruhigen Zeit
geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit dem
Barbarenknig geschlossen.
    Eine Bewegung der Entrstung ging durch die Reihen der Byzantiner.
    Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben, habe
ich mit dem Knig der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt, verhandelt.
Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht, ein uraltes Recht
des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.
    Ein uraltes Recht? fragte Belisar unwillig.
    Ein uraltes Recht! wiederholte Silverius, das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde ntigen sie, in diesem Augenblick
damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers, hret es, ihr
Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche von Theodahad hat
einrumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr Eigentum: der Gote hat
es nur besttigt.
    An demselben Ort, wo des Prfekten tempelschnderische Hand diese
Besttigung entwendet, htte er auch die Urkunde finden knnen, die ursprnglich
unser Recht begrndet hat. Der fromme Kaiser Constantinus, der sich zuerst von
den Vorgngern Justinians der Lehre des Heils zugewandt, hat auf Bitten seiner
gottseligen Mutter Helena, nachdem er alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der
Heiligen, besonders des heiligen Petrus, unter seine Fe getreten, zur
dankbaren Anerkenntnis solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, da
Krone und Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom
mit ihrem Weichbild und die benachbarten Stdte und Marken durch eine feierliche
Schenkungsurkunde fr ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen bertragen, mit
Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen Kronrechten irdischer
Herrschaft, auf da die Kirche auch einen weltlichen Boden habe zur leichteren
Vollfhrung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese Schenkung ist durch eine
rechtsgltige Urkunde in aller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna ist jedem
gedroht, der sie anstreitet. Und ich frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den
Kaiser Justinian, ob er diese Rechtshandlung seines Vorgngers, des in Gott
seligen Kaisers Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier,
umstoen und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will?
    Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Wrde und aller
Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher Wirkung.
Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch ber den verrterischen
Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fhlten sich jetzt durch den
pltzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst wie verurteilt.
    Der Kern Italiens schien unwiderbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte ber den
jngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester als
Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der Bekmpfung
oder die Schmach der Niederlage von sich abwlzen wollte: Prfekt von Rom, was
hast du zu erwidern?
    Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen verneigte
sich Cethegus und begann: Der Angeklagte beruft sich auf eine Urkunde.
    Ich knnte, glaub' ich, ihn in groe Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der Christenheit
nennt, nicht wie ein gehssiger Anwalt begegnen. Ich rume ein, die Urkunde
existiert.
    Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.
    Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mhe der Vorlage derselben, die
ihm sonst sehr schwer fallen drfte, erspart, und die Urkunde selbst mitgebracht
in meiner tempelschnderischen Hand. Er zog ein vergilbtes Pergament aus dem
Sinus und sah lchelnd bald in dessen Zeilen, bald auf des Papstes, bald auf
Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.
    Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen, mit Zuziehung noch schrferer Juristen, als ich es leider nur
bin, - so meines jungen Freundes Salvius Julianus, - bis auf jeden Buchstaben
nach ihrer formellen Gltigkeit geprft. Vergebens. - Selbst der Scharfsinn
meines verehrten und gelehrten Freundes Scvola knnte keinen Mangel
herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle Klauseln hchster
unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte haarscharf gewahrt; und in
der Tat: ich htte den Protonotarius des Kaisers Constantin kennen mgen, er mu
ein Jurist ersten Ranges gewesen sein. Er hielt inne: - hhnisch ruhte sein
Auge auf dem Antlitz des Silverius, der sich den Schwei von den Schlfen
wischte.
    Also, fragte Belisar in hchster Aufregung: die Urkunde ist formell ganz
richtig - daher beweiskrftig?
    Jawohl! seufzte Cethegus, die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
Schade nur, da ... -
    Nun? unterbrach Belisar.
    Schade nur, da sie falsch ist.
    Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
Anwesenden traten einen Schritt nher zu dem Prfekten. Nur Silverius wankte
einen Schritt zurck.
    Falsch? fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. Prfekt, -
Freund, - kannst du das beweisen?
    Sonst htte ich mich gehtet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brche,
Wurmstiche, Flecken jeder Art, alles, was man von Ehrwrdigkeit verlangen kann,
- so da es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben zu erkennen. Gleichwohl
stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so groem Aufwand von Kunst, als manche
Frauen sich den Schein der Jugend geben, lgt sie die Heiligkeit des Alters. Es
ist echtes Pergament aus der alten, von Constantin begrndeten, noch heute
bestehenden kaiserlichen Pergamentfabrik zu Byzanz.
    Zur Sache, rief Belisar.
    Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, - und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein! - da bei diesen Pergamenten ganz unten -
links, am Rande - durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch Angabe der
Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird. Nun
gib wohl acht, o Feldherr!
    Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten Jahre
von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel schlieen
lie, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der Erhebung von
Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die richtigen Konsuln dieses
Jahres, Dalmatius und Xenophilos.
    Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklren, - aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder gegen seine Kirche getan! - da man in jenem Jahre,
also im Jahre dreihundertfnfunddreiig nach der Geburt des Herrn, schon ganz
genau wute, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und des Knigs
Theoderich Konsul sein wrde; denn seht, hier unten am Rande der Stempel besagt:
der Schreiber hatte ihn nicht beachtet - er ist auch wirklich sehr schwer
wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das Licht hlt - so etwa,
siehst du, Belisar? und er hatte blindlings drei Kreuze darauf gemalt; ich aber
habe diese Kreuze mit meiner - wie hie es doch? - tempelschnderischen, aber
geschickten Hand weggewischt und siehe, da steht eingestempelt: VI Indiktion:
Justianinus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner Herrschaft.
    Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man fr ihn bereit
gestellt.
    Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
Constantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also erst vor
einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. Gesteh, o
Feldherr, da hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des bernatrlichen
beginnt, da hier ein Wunder der Heiligen geschah, und verehre das Walten des
Himmels. Er reichte Belisar die Urkunde.
    Das ist auch ein tchtig Stck Weltgeschichte, heilige und profane, was wir
da erleben! sagte Prokop zu sich selbst.
    Es ist so, beim Schlummer Justinians! frohlockte Belisar. Bischof von
Rom, was hast du zu erwidern?
    Mhsam hatte sich Silverius gefat; er sah den Bau seines Lebens vor seinen
Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete er:
    Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
wie ihr sagt, so bin ich getuscht, wie ihr.
    Wir sind aber nicht getuscht, lchelte Cethegus.
    Ich wute nichts von jenem Stempel, ich schwre es bei den Wunden Christi.
- Das glaub' ich dir ohne Schwur, heiliger Vater, fiel Cethegus ein. - Du
wirst einsehn, Priester, sprach Belisar, sich erhebend, da ber diese Sache
die strengste Untersuchung ... -
    Ich verlange sie, sprach Silverius, als mein Recht.
    Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir bergeb' ich die Person des Bischofs. Du
wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz fhren.
    Ich lege Verwahrung ein, sprach Silverius. ber mich kann niemand richten
auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtglubigen Kirche. Ich verlange, nach
Rom zurckzukehren.
    Rom siehst du niemals wieder! Und ber deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber auch
deine Genossen, Scvola und Albinus, die falschen Mitanklger des Prfekten, der
sich als des Kaisers treusten, klgsten Freund erwiesen, sind hoch verdchtig.
Justinian entscheide, wieweit sie unschuldig. Auch sie fhrt in Ketten nach
Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hintertr des Zeltes, nicht durchs Lager.
Vulkaris, dieser Priester aber ist des Kaisers gefhrlichster Feind. Du brgst
fr ihn mit deinem Kopf.
    Ich brge, sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte Hand
auf des Bischofs Schulter legend. Fort mit dir, Priester! zu Schiff! Er stirbt,
eh' er mir entrissen wird.
    Silverius sah ein, da weiteres Widerstreben nur seine Wrde gefhrdende
Gewalt hervorrufen werde. Er fgte sich und schritt neben dem Germanen, der die
Hand nicht von seiner Schulter lste, nach der Tr im Hintergrund des Zeltes,
die eine der Wachen auftat.
    Er mute hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht an:
aber er hrte, wie dieser ihm zuflsterte: Silverius, diese Stunde vergilt
deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!

                              Dreizehntes Kapitel.


Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von seinem
Sitze, eilte auf den Prfekten zu, umarmte und kte ihn: Nimm meinen Dank,
Cethegus Csarius! Ich werde dem Kaiser berichten, da du ihm heute Rom gerettet
hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.
    Aber Cethegus lchelte: Meine Taten belohnen sich selbst.
    Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschpft. Er verlangte nach
Erholung und Labung und entlie seine Heerfhrer, von denen keiner ohne ein Wort
der Anerkennung an den Prfekten das Zelt verlie. Dieser sah seine
berlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es tat ihm wohl, in einer
Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen Byzantiner gedemtigt zu
haben. Aber er wiegte sich nicht mig in dieser Siegesfreude. Dieser Geist
kannte die Gefhrlichkeit des Schlafes auf Lorbeer: Lorbeer betubt.
    Er beschlo, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige bergewalt, die er
in diesem Augenblick ber den Helden von Byzanz unverkennbar besa, jetzt, unter
ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den lang
vorbereiteten Hauptstreich zu fhren. Whrend er mit solchen Gedanken dem Zug
der Heerfhrer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte er nicht, da
zwei Augen mit eigentmlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es waren Antoninas Augen.
Die Vorgnge, deren Zeugin sie gewesen, hatten einen seltsam gemischten Eindruck
auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie den Abgott ihrer Bewunderung, ihren
Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu helfen und zu wehren, in den Schlingen
eines andern, des klugen Priesters, liegen und nur durch die berlegne Kraft
dieses dmonischen Rmers gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten
verletzter Stolz diese Demtigung mit schmerzlichem Ha gegen den bermchtigen
empfunden.
    Aber dieser Ha hielt nicht vor und unwillkrlich trat, wie immer gewaltiger
sich die Macht seiner berlegenheit entfaltete, Bewunderung an des Verdrusses
Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch das Eine: ihren
Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar und die Kirche
verdunkelt. Und daran knpfte sich unzertrennlich der ngstliche Wunsch, diesen
Mann nie zum Feind, immer zum Verbndeten ihres Gatten zu haben. Kurz, Cethegus
hatte an dem Weibe Belisars eine geistige Eroberung von grter Wichtigkeit
gemacht: und er sollte es, noch dazu, sofort merken.
    Mit gesenkten Augen trat das schne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er sah
auf: da errtete sie ber und ber und reichte ihm eine zitternde Hand. Prfekt
von Rom, sagte sie, Antonina dankt dir. Du hast dir ein groes Verdienst
erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute Freundschaft halten.
    Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurckgeblieben, diesen Vorgang: Mein
Odysseus berzaubert die Zauberin Circe, dachte er.
    Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte,
und welche Gewalt er dadurch ber Belisar gewonnen. Schne Magistra Militum,
sagte er, sich hoch aufrichtend, deine Freundschaft ist der reichste Lorbeer
meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich bitte dich und Prokop,
meine Zeugen, meine Verbndeten zu sein in der Unterredung, die ich jetzt mit
Belisar zu fhren habe.
    Jetzt? sagte Belisar ungeduldig. Kommt, lat uns erst zu Tische gehen und
im Ckuber den Sturz des Priesters feiern. Und er schritt zur Tre.
    Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, da sie nicht ihrem Herrn
zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: Mu es denn jetzt
gerade sein?
    Es mu, sagte Cethegus, und er fhrte Antonina an der Hand nach ihrem Sitz
zurck.
    Da schritt auch Belisar wieder zurck. Nun so sprich, sagte er, aber
kurz.
    So kurz als mglich. Ich habe immer gefunden, da gegenber groen Freunden
oder groen Feinden Aufrichtigkeit das strkste Band oder die beste Waffe.
Danach werd' ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte: mein Tun lohnt sich
selbst, so wollt' ich damit ausdrcken, da ich dem falschen Priester die
Herrschaft ber Rom nicht eben um des Kaisers willen entrissen.
    Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken ber diese allzu khne
Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.
    Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, mitrauisch ber das
Einverstndnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. Nein, Prokop, sagte er
zu Belisars Erstaunen: unsre Freunde hier wrden doch allzubald erkennen, da
Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lcheln Justinians
befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht fr den Kaiser gerettet.
    Fr wen sonst? fragte Belisar ernst.
    Zunchst fr Rom. Ich bin ein Rmer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des Kaisers.
Ich bin Republikaner, sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.
    ber Belisars Antlitz flog ein Lcheln: der Prfekt schien ihm nicht mehr so
bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: Unbegreiflich. Aber Antoninen gefiel
dieser Freimut.
    Zwar sah ich ein, da wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen knnen. Leider auch, da unsre Zeit nicht ganz reif ist, mein
Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Rmer mssen erst
wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht mu aussterben, und ich erkenne, da
Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz findet gegen die
Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen - einstweilen.
    Nicht bel! dachte Prokop, der Kaiser soll sie solang schtzen, bis sie
stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.
    Das sind Trume, mein Prfekt, sagte Belisar mitleidig, was haben sie fr
praktische Folgen?
    Die, da Rom nicht mit gebundenen Hnden, ohne Bedingung, der Willkr des
Kaisers berliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum Diener.
Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger wrde! - Die Stirn des Helden
faltete sich. - Deshalb will ich dir die Bedingungen nennen, unter denen die
Stadt Csars dich und dein Heer in ihre Mauern aufnehmen wird.
    Aber das war Belisar zu viel. Zrnend sprang er auf, sein Antlitz glhte,
sein Auge blitzte. Prfekt von Rom, rief er mit seiner rollenden Lwenstimme,
du vergit dich und deine Stellung. Morgen brech' ich auf mit meinem Heer von
siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern, einzuziehen in die Stadt,
ohne Bedingung?
    Ich, sagte Cethegus ruhig. Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher, besser
als das meine, ihre Strke erkennen. Er zog ein Pergament hervor und breitete
es auf dem Zelttische aus.
    Belisar warf einen gleichgltigen Blick darauf, aber sofort rief er: Der
Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. -
    Sieh her, diese Grben sind ja jetzt ausgefllt, diese Trme eingefallen,
hier die Mauer niedergerissen, diese Tore wehrlos. Dein Plan stellt sie alle
noch in furchtbarer Strke dar. Er ist veraltet, Prfekt von Rom.
    Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Grben, Tore sind
hergestellt. - Seit wann? - Seit Jahresfrist. - Von wem? - Von mir.
Betroffen sah Belisar auf den Plan.
    Antoninas Blick hing ngstlich an den Zgen ihres Gatten.
    Prfekt, sagte dieser endlich, wenn dem so ist, so verstehst du den
Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehrt ein Heer, und deine leeren Wlle
werden mich nicht aufhalten.
    Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einrumen, da mehr als
zwanzigtausend Mann Rom - nmlich dies mein Rom hier auf dem Plan - ber Jahr
und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermgen. Gut: so wisse denn, da jene
Werke in diesem Augenblick von fnfunddreiigtausend Bewaffneten gedeckt sind.
    Sind die Goten zurck? rief Belisar. Prokop trat erstaunt nher.
    Nein, jene fnfunddreiigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe seit
Jahren die lang verweichlichten Rmer zu den Waffen zurckgerufen und unablssig
in den Waffen gebt. So habe ich zur Zeit dreiig Kohorten, jede fast zu tausend
Mann, schlagfertig.
    Belisar bekmpfte seinen Unmut und zuckte verchtlich die Achseln.
    Ich geb' es zu, - fuhr Cethegus fort -, diese Scharen wrden in offner
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich: von
diesen Mauern herab werden sie ganz tchtig fechten. Auerdem hab' ich aus
meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und abasgische Sldner
geworben und allmhlich in kleinen Abteilungen ohne Aufsehen nach Ostia, nach
Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst? hier sind die Listen der dreiig
Kohorten, hier der Vertrag mit den Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen
stehen. Entweder du nimmst meine Bedingung an - dann sind jene
fnfunddreiigtausend dein, dein ist Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von
dem du sagtest, es sei von furchtbarer Strke, und dein ist Cethegus. Oder du
verwirfst meine Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf
der Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du mut Rom belagern, viele Monde
lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie zurck:
sie ziehen in dreifacher bermacht zum Entsatz der Stadt heran, und nichts
errettet dich vom Verderben als ein Wunder.
    Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel, donnerte Belisar, und ri,
seiner nicht mehr mchtig, das Schwert aus der Scheide. Auf, Prokop, in des
Kaisers Namen! Ergreife den Verrter! Er stirbt in dieser Stunde!
    Entsetzt, unschlssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina ihrem
Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.
    Seid ihr mit im Bunde? schrie der Ergrimmte. Wachen, Wachen herbei!
    Aus jeder der beiden Tren traten zwei Lanzentrger in das Zelt: aber noch
zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken Arm den
starken Prokop, als wr' er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit dem Schwert zu
furchtbarem Sto ausholend, strzte er auf den Prfekten los.
    Aber pltzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
Brust streifte.
    Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den kalten
Blick durchbohrend auf den Wtenden gerichtet, war Cethegus stehen geblieben,
ein Lcheln unsglicher Verachtung um die Lippen.
    Was soll der Blick und dieses Lachen? fragte Belisar innehaltend.
    Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.
    Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jhzorns fr immer
verderben sollte. Wenn dein Sto traf, warst du verloren.
    Ich! lachte Belisar. Ich sollte meinen du.
    Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Lwen? Da einem Helden deiner Art zuallererst der feine Einfall kommen
werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das vorauszusehen war
nicht schwer. Dagegen hab' ich mich geschtzt. Wisse: seit diesem Morgen ist
infolge eines versiegelten Auftrages, den ich zurcklie, Rom in den Hnden, in
der Gewalt meiner blindergebnen Freunde. Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und
alle Tore und Trme der Umwallung sind besetzt von meinen Isauriern und
Legionaren. Meinen Kriegstribunen, todesmutigen Jnglingen, hab' ich diesen
Befehl hinterlassen fr den Fall, da du ohne mich vor Rom eintriffst. Er
reichte Prokop eine Papyrusrolle.
    Dieser las: An Lucius und Marcus, die Licinier Cethegus der Prfekt. Ich
bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rchet mich! Ruft sofort
die Goten zurck. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren als die
Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann. bergebt die Stadt
eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.
    Du siehst also, fuhr Cethegus fort, da dir mein Tod die Tore Roms nicht
ffnet, sondern fr immer sperrt. Du mut die Stadt belagern: oder mit mir
abschlieen.
    Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
khnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb. Dann
steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und fragte:
Welches sind deine Bedingungen fr die bergabe?
    Nur zwei. Erstens gibst du mir Befehl ber einen kleinen Teil deines
Heeres. Ich darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.
    Zugestanden. Du erhltst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fuvolks
und eintausend sarazenische und maurische Reiter. Gengt das?
    Vollkommen. Zweitens.
    Meine Unabhngigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der Beherrschung
Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhren. Deshalb bleibt das
ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf dem linken aber das
Kapitol, die Umwallung im Sden bis zum Tore Sankt Pauls einschlielich, bis zum
Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier und Rmer; von dir aber wird der
ganze Rest der Stadt auf dem linken Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Tor
im Norden bis zum appischen Tor im Sden.
    Belisar warf einen Blick auf den Plan. Nicht bel gedacht! Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drngen oder den Flu
absperren. Das geht nicht an.
    Dann rste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
Mauern Roms.
    Belisar sprang auf. Geht! lat mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
meine Entscheidung.
    Bis morgen, sagte dieser. Bei Sonnenaufgang kehr' ich nach Rom zurck,
mit deinem Heer oder - allein.

                                     * * *

    Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein durch
das asinarische Tor.
    Endloser Jubel begrte den Befreier, Blumenregen berschttete ihn und
seine Gattin, die auf einem zierlichen weien Zelter an seiner Linken ritt. Alle
Huser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Krnzen angetan.
    Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Wllen und dem Kapitol, von denen, den alten
rmischen Adlern nachgebildet, die Banner der stdtischen Legionare, nicht die
Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.
    Am asinarischen Tor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurckgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
Rappen, Cethegus der Prfekt erschienen war. Lucius staunte ber die
Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte, strenge
Verschlossenheit war gewichen: er erschien grer, jugendlicher: ein leuchtender
Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung und seiner Erscheinung.
Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von dem der purpurne Roschweif
niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber war ein kostbares Kunstwerk aus
Athen und zeigte auf jeder seiner Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von
getriebenem Silber, jedes einen Sieg der Rmer darstellend.
    Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck berstrahlte, wie Belisar, den kaiserlichen
Magister Militum selbst, so das glnzende Gefolge von Heerfhrern, das sich,
gefhrt von Johannes und Prokop, hinter den beiden anschlo. Und dies
berstrahlen war so augenfllig, da sich, sowie der Zug einige Straen
durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge mitteilte und der Ruf Cethegus!
bald so laut und lauter als der Name Belisar ertnte.
    Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater die
sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum Verweilen
gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur langsam
durchschreiten konnte.
    Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn stand darauf
geschrieben. Whrend Antonina die Aufschrift las, hrte sie einen Alten, der
wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen der jungen
Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. Also, mein Gajus, der
Finstre mit dem verdrielichen Gesicht auf dem Rotscheck ... - Ja, das ist
Belisarius, wie ich dir sage, antwortete der Sohn. So? Nun - aber der
stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick, der auf dem
Rappen, das ist gewi Justinianus selbst, sein Herr, der Imperator? -
Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach zu Byzanz und
schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, unser Cethegus, mein Cethegus, der
Prfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja, das ist ein Mann. Licinius, mein
Tribun, sagte neulich: wenn der nicht wollte, Belisar she nie ein rmisch Tor
von innen.
    Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.
    Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme instand gesetzt war. Hier
verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerfhrern seinen Beistand zu
leihen, die Truppen teils in den Husern der Brger und den ffentlichen
Gebuden, teils vor den Toren in Zelten unterzubringen.
    Wenn du dich von den Mhen - und Ehren! - dieses Tages erholt, Belisarius,
erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerfhrer zum Mahl in meinem
Hause.
    Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Snften, in denen Antonina und Belisar
getragen wurden, die Heerfhrer gingen zu Fu.
    Wo wohnt der Prfekt? fragte Belisar beim Einsteigen in die Snfte.
Solang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts - auf dem Kapitol.
    Belisar stutzte. Der kleine Zug nherte sich dem Kapitol.
    Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wlle, die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Strke
wiederhergestellt.
    Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den engen
Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges Eisentor,
das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.
    Marcus Licinius rief die Wachen an.
    Gib die Losung! sprach eine Stimme von innen.
    Csar und Cethegus! antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die Torflgel
auf: ein langes Spalier der rmischen Legionare und der isaurischen Sldner ward
sichtbar, letztere in Eisen gehllt bis an die Augen und mit Doppelxten
bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze der Rmer, mit gezcktem Schwert
in der Hand, Sandil, der isaurische Huptling, an der Spitze seiner Landsleute.
Einen Augenblick blieben die Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck
dieser Machtentfaltung von Granit und Eisen berwltigt.
    Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges: und, von Fackeltrgern und Fltenspielern begleitet,
nahte Cethegus, ohne Rstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie ihn der Wirt eines
Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand von Purpurseide. So trat er
lchelnd vor und sprach: Willkommen! und Fltenspiel und Tubaschall verknde
laut: da die schnste Stunde meines Lebens kam: Belisar, mein Gast im Kapitol.
    Und unter schmetterndem Klang der Trompeten fhrte er den Schweigenden in
die Burg.

                              Vierzehntes Kapitel.


Whrend dieser Vorgnge bei den Rmern und Byzantinern bereiteten sich auch auf
Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.
    In Eilmrschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo sie
eine kleine Besatzung zurcklieen, mit ihrer gefangenen Knigin nach Ravenna
aufgebrochen. Wenn sie diese fr uneinnehmbar geltende Feste vor Witichis, der
heftig nachdrngte, erreichten und gewannen, so mochten sie dem Knig jede
Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken Vorsprung und
hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia noch eine gute Weile
aufzuhalten. Aber sie bten jenen Vorsprung beinahe vllig dadurch ein, da die
auf der nchsten Strae nach Ravenna gelegenen Stdte und Kastelle sich fr
Witichis erklrten und so die Emprer ntigten, auf groem Umweg im rechten
Winkel zuerst nrdlich nach Bononia (Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und
dann erst stlich nach Ravenna zu marschieren.
    Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten und
nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Toren entfernt waren, von dem Heer
des Knigs nichts zu sehen. Guntharis gnnte seinen stark ermdeten Truppen den
Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages und schickte nur eine kleine
Schar Reiter unter seines Bruders Befehl voraus, den Goten in der Festung ihre
Ankunft zu verknden.
    Aber schon in den ersten Morgenstunden des nchsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar flchtend ins Lager zurck. Bei Gottes
Schwert, rief Guntharis, wo kommst du her?
    Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die uersten Werke der Stadt erreicht
und Einla begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst mich
zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen lie. Der erklrte
trotzig, morgen wrden wir seine und der Goten in Ravenna Entscheidung erfahren:
wir sowohl wie das Heer des Knigs, dessen Spitzen sich bereits von Sdosten her
der Stadt nherten.
    Unmglich! rief Guntharis rgerlich.
    Mir blieb nichts brig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen unseres
Freundes begriff. Die Nachricht von der Nhe des Knigs hielt auch ich fr eine
leere Drohung des Alten, bis meine im Sden der Stadt schwrmenden Reiter, die
nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten, pltzlich von feindlichen Reitern
unter dem schwarzen Grafen Teja von Tarentum mit dem Ruf: Heil Knig Witichis!
angegriffen und nach scharfem Gefecht zurckgeworfen wurden.
    Du rasest, rief Guntharis. Haben sie Flgel? ist Florentia aus ihrem Wege
fortgeblasen?
    Nein! aber ich erfuhr von vicentinischen Bauern, da Witichis auf dem
Kstenweg ber Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt. - Und Florentia lie er
im Rcken, unbezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen. - Florentia ist
gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im Sturme nahm. Er
rannte mit eigener Hand das Marstor ein - der wtige Stier!
    Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Unglcksbotschaften; aber
rasch fate er seinen Entschlu. Er brach sofort mit all seinen Truppen gegen
die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.
    Der berfall milang.
    Aber die Emprer hatten die Befriedigung, zu sehen, da die Festung, deren
Besitz den Brgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht geffnet
hatte. Im Sdosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der Knig gelagert.
Des Herzogs Guntharis gebter Blick erkannte alsbald, da auch die Smpfe im
Nordwesten eine sichere Stellung gewhrten, und rasch schlug er hier ein
wohlverschanztes Lager auf.
    So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestme Freier um eine sprde
Braut, hart an beide Seiten der gotischen Knigsstadt gedrngt, die keinem ein
gnstiges Gehr schenken zu wollen schien.
    Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten bestehend,
aus dem nordwestlichen und aus dem sdstlichen Tor der Festung, dem Tor des
Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene in das Lager der Wlsungen,
diese zu den Kniglichen, den verhngnisvollen Entscheid von Ravenna.
    Dieser mute sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerfhrer, Guntharis und
Witichis, hielten ihn, in merkwrdiger bereinstimmung, streng geheim und
sorgten eifrig dafr, da kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte. Die
Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter Bedeckung von
Heerfhrern, die jede Unterredung mit den Heermnnern verwehrten, nach den Toren
der Stadt zurckgebracht.
    Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug. Bei den Emprern kam es zu einem heftigen Streit zwischen den
beiden Fhrern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von Herzog Guntharis
mit seiner schnen Gefangenen, die, wie es hie, nur durch Graf Arahad vor dem
Zorne seines Bruders geschtzt worden war. Darauf versank das Lager der Rebellen
in die Ruhe der Ratlosigkeit.
    Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenber. Die erste Antwort, die Knig Witichis auf die Botschaft erlie, war
der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.
    berrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag. Man hatte gehofft, in Blde die Tore der starken Festung sich
freiwillig auftun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen seine
sonst so leutselige Art gab der Knig niemand, auch seinen Freunden nicht,
Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Grnden dieses
zornigen Angriffs.
    Schweigend, aber kopfschttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rstete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig zurckgeschlagen.
Vergebens trieb der Knig seine Goten immer wieder aufs neue die steilen
Felswlle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal, der erste, die Sturmleitern: vom
frhen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer gestrmt ohne Fortschritte
zu machen: die Festung bewhrte ihren alten Ruhm der Unbezwingbarkeit.
    Und als endlich der Knig, von einem Schleuderstein schwer betubt, aus dem
Getmmel getragen wurde, fhrten Teja und Hildebrand die ermdeten Scharen ins
Lager zurck.
    Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trbe und
gedrckt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen, als
die berzeugung, da die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die gotische
Besatzung von Ravenna hatte neben den Brgern auf den Wllen gefochten; der
Knig der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor der besten Festung
seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur Rstung gegen Belisar zu
finden gehofft!
    Das Schlimmste aber war, da das Heer die Schuld des ganzen Unglckskampfes,
die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den Knig schob. Warum hatte man die
Verhandlung mit der Stadt pltzlich abgebrochen? Warum nicht wenigstens die
Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem Heere mitgeteilt? Warum
scheute der Knig das Licht?
    Mimutig saen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl Gesang der
alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Fhrer durch die
Zeltgassen schritten, hrten sie manches Wort des rgers und des Zornes wider
den Knig.
    Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen Schlappe
und wollte sofort zum Knig; aber da dieser noch bewutlos unter Hildebrands
Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine unwilligen
Fragen.
    Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in den
Zgen, da Hildebad erschrocken von seinem Brenfell, das ihm zum Lager diente,
aufsprang und auch Teja hastig fragte: Was ist mit dem Knig? Seine Wunde?
Stirbt er?
    Der Alte schttelte schmerzlich sein Haupt: Nein: aber wenn ich richtig
rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wr' ihm besser, er strbe.
    Was meinst du? was ahnest du?
    Still, still, sprach Hildebrand traurig, sich setzend, armer Witichis! Es
kommt noch, frcht' ich, frh genug zur Sprache. Und er schwieg.
    Nun, sagte Teja, wie lieest du ihn? - Das Wundfieber hat ihn
verlassen, dank meinen Krutern. Er wird morgen wieder zu Ro knnen. Aber er
sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Trumen - ich wnsche ihm, da es nur
Trume sind, sonst: weh dem treuen Manne.
    Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
Stunden lie Witichis die drei Heerfhrer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu ihrem
Staunen in voller Rstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert sttzen
mute; seitwrts auf einem Tisch lag sein kniglicher Kronhelm und der heilige
Knigsstab von weiem Eschenholz mit goldner Kugel. Die Freunde erschraken ber
den Verfall dieser sonst so ruhigen, mnnlich schnen Zge. Er mute innerlich
schwer gekmpft haben. Diese kernige, schlichte Natur aus Einem Gu konnte ein
Ringen zweifelvoller Pflichten, widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.
    Ich hab' euch rufen lassen, sprach er mit Anstrengung, meinen Entschlu
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu untersttzen. Wie gro ist unser
Verlust in diesem Sturm?
    Dreitausend Tote, sagte Teja sehr ernst. Und ber sechstausend
Verwundete, fgte Hildebrand hinzu.
    Witichis drckte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: Es geht nicht
anders. Teja, gib sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.
    Wie? Was? riefen die drei Fhrer wie aus Einem Munde.
    Es geht nicht anders, wiederholte der Knig. Wie viele Tausendschaften
fhrst du uns zu, Hildebad? - Drei, aber sie sind todmde vom Marsch. Heut'
knnen sie nicht fechten.
    So strmen wir wieder allein, sagte Witichis nach seinem Speer langend.
    Knig, sagte Teja, wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen, und heute hast du neuntausend weniger ... -
    Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,
mahnte der alte Waffenmeister.
    Wir mssen Ravenna haben!
    Wir werden es nicht mit Sturm nehmen! sagte Teja.
    Das wollen wir sehen! meinte Witichis.
    Ich lag vor der Stadt mit dem groen Knig, warnte Hildebrand: er hat sie
siebzigmal umsonst bestrmt: wir nahmen sie nur durch Hunger - nach drei
Jahren. -
    Wir mssen strmen, sagte Witichis, gebt den Befehl. Teja wollte das
Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. Bleib, sagte er, wir drfen ihm nichts
verschweigen. Knig! die Goten murren: sie wrden dir heut' nicht folgen: der
Sturm ist unmglich.
    Steht es so? sagte Witichis bitter. Der Sturm ist unmglich? Dann ist nur
eins noch mglich: der Weg, den ich gestern schon htte einschlagen sollen -
dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm dort Krone und
Stab!
    Geh ins Lager der Emprer, lege sie dem jungen Arahad zu Fen: er soll sich
mit Mataswintha vermhlen; ich und mein Heer, wir gren ihn als Knig. Und er
warf sich erschpft aufs Lager.
    Du sprichst wieder im Wundfieber, sagte der Alte. Das ist unmglich!
schlo Teja.
    Unmglich! Alles unmglich? der Kampf unmglich? und die Entsagung? Ich
sage dir, Alter: es gibt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna. Er
schwieg.
    Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.
    Endlich forschte der Alte: Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch ein
Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.
    Nein, sagte Witichis, hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst htt'
ich's euch lngst gesagt: aber es konnte zu nichts fhren. Ich hab's allein
erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor dem Heer.
    Der Alte nahm die Rolle und las: Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Fasul!
    Die Frechen! rief Hildebad dazwischen.
    Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die Goten
und die Brger dieser Stadt erklren den beiden Heerlagern vor ihren Toren, da
sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk der unvergelichen
Wohltaten des groen Knigs Theoderich, bei diesem Herrscherstamm ausharren
werden, solang noch ein Reis desselben grnt. Wir erkennen deswegen nur
Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur der Knigin Mataswintha
werden wir diese festen Tore ffnen und gegen jeden andern unsre Stadt bis zum
uersten verteidigen.
    Diese Rasenden, sagte Teja. Unbegreiflich, versetzte Hildebad.
    Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: Ich begreife es
wohl. Was die Goten anlangt, so wit ihr, da Theoderichs ganze Gefolgschaft die
Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem Knig geschworen,
seinem Stamm nie einen fremden Knig vorzuziehen: auch ich hab' diesen Eid
getan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite, nicht an die Spindeln, nicht
an die Weiber, gedacht: darum mut' ich damals fr Theodahad stimmen: darum
konnt' ich nach dessen Verrat Witichis huldigen. Der alte Graf Grippa von
Ravenna nun und seine Gesellen glauben sich auch an die Weiber des Geschlechts
durch jenen Eid gebunden: und verlat euch darauf, diese grauen Recken, die
ltesten im Gotenreich und Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stcke
hauen, Mann fr Mann, eh' sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten.
Und, bei Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur
dankbar, sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strau
vor ihren Wllen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha zu
rchen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter gehalten:
und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen, die Tore zu
sperren.
    Wie immer dem sei, fiel der Knig ein, ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos werden und
zu den Wlsungen bergehn, in deren Gewalt die Frstin ist. Mir blieben nur zwei
Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen - oder nachgeben: jenes haben wir gestern
vergebens versucht, und ihr sagt, man knne es nicht wiederholen. So erbrigt
nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau freien und die Krone tragen;
ich will der erste sein, ihm zu huldigen und mit seinem tapfren Bruder sein
Reich zu schirmen.
    Nimmermehr! rief Hildebad, du bist unser Knig und sollst es bleiben. Nie
beug' ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. La uns morgen hinberrcken gegen
die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und das Knigskind,
vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Tore aufspringen sollen, in unsre
Zelte tragen.
    Und wenn wir sie haben? sagte Teja, was dann? Sie ntzt uns nichts, wenn
wir sie nicht als Knigin begren. Willst du das? Hast du nicht genug an
Amalaswintha und Gothelindis? Nochmals Weiberherrschaft?
    Gott soll uns davor schtzen! lachte Hildebad.
    So denke ich auch, sprach der Knig, sonst htt' ich lngst diesen Weg
ergriffen.
    Ei, so la uns hier liegen und warten bis die Stadt mrbe wird.
    Geht nicht, sagte Witichis, wir knnen nicht warten. In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Hgeln steigen und nacheinander mich, Herzog Guntharis
und die Stadt bezwingen: dann ist's dahin, das Reich und Volk der Goten. Es gibt
nur zwei Wege: Sturm -
    Unmglich, sprach Hildebrand.
    Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.
    Die beiden jungen Mnner zauderten.
    Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den Knig der
alte Hildebrand: Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den einzigen. Du mut
ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das Herz. Witichis sah ihn
fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der Weichheit des felsharten
Alten.
    Geht ihr hinaus, fuhr dieser fort, ich mu allein sprechen mit dem
Knig.

                              Fnfzehntes Kapitel.


Schweigend verlieen die beiden Goten das Zelt und schritten drauen, den
Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin und
wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den Knig zu ermahnen und zu
drngen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Knigs.
    Was kann nur der Alte sinnen? fragte Hildebad, stillhaltend, weit du's
nicht? - Ich ahn' es, seufzte Teja, armer Witichis! - Zum Teufel, was
meinst du? La, sagte Teja, es wird bald genug auskommen.
    So verging geraume Zeit.
    Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Knigs, der sich der Reden
Hildebrands mchtig zu erwehren schien.
    Was qult der Eisbart den wackern Helden? rief Hildebad ungeduldig. Es
ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm.
    Aber Teja hielt ihn an der Schulter.
    Bleib, sagte er. Es mu wohl sein.
    Whrend sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lrm von Stimmen aus dem obern
Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemhten sich vergebens, einen starken Goten
zurckzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen Rittes bedeckt, sich
gegen das Zelt des Knigs drngte.
    La mich los, rief er, guter Freund, oder ich schlage dich nieder.
    Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.
    Es geht nicht. Du mut warten. Die groen Heerfhrer sind bei ihm im Zelt.
    Und wren alle groen Gtter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt, ich mu zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann Knig. La
los, rat' ich dir.
    Die Stimme kenn' ich, sagte Graf Teja, nhertretend - und den Mann.
Wachis, was suchst du hier im Lager?
    O Herr, rief der treue Knecht, wohl mir, da ich Euch treffe. Sagt diesen
guten Leuten, da sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht
niederzuschlagen. Ich mu gleich zu meinem armen Herrn.
    Lat ihn los: sonst hlt er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei dem
Knig?
    Fhrt mich nur gleich zu ihm. Ich bring' ihm schwarze, schwere Kunde von
Weib und Kind.
    Von Weib und Kind? fragte Hildebad erstaunt. Ei, hat Witichis ein Weib?
    Die wenigsten wissen es, sagte Teja. Sie verlie fast nie ihr Gut, kam
nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch. Ich
wei nicht ihresgleichen.
    Da habt Ihr recht, Herr, wenn Ihr je recht gehabt, sprach Wachis mit
erstickter Stimme. Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber la mich
hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fu. Ich mu ihn vorbereiten.
    Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt und folgte ihm mit
Hildebad.
    Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem Lager
des Knigs sitzen, das Kinn mit dem mchtigen Bart in die Hand und diese auf das
Steinbeil gesttzt. So sa er unbeweglich und richtete fest die Augen auf den
Knig, der, in hchster Aufregung, mit hastigen Schritten, auf und nieder ging
und im Sturm seiner Gefhle die Eintretenden gar nicht bemerkte: Nein! nein!
niemals! rief er, das ist grausam! frevelhaft! unmglich!
    Es mu sein, sagte Hildebrand, ohne sich zu rhren.
    Nein, sag' ich, rief der Knig und wandte sich.
    Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder.
    Wachis, rief erschreckend der Knig, was bringst du? Du kmmst von ihr!
Steh auf - was ist geschehen?
    Ach Herr, jammerte dieser immer noch knieend, Euch sehen, zerreit mein
Herz! Ich kann nichts dafr! Ich hab's vergolten und gercht nach Krften.
    Da ri ihn Witichis bei den Schultern auf: Rede, Mensch, was ist zu rchen?
Mein Weib -?
    Sie lebt, sie kommt hierher, aber Euer Kind ...
    Mein Kind, sprach er erbleichend, Athalwin, was ist mit ihm -?
    Tot, Herr - ermordet!
    Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequlten Vaters
Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Hnden, teilnehmend traten Teja und
Hildebad nher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die Gruppe.
    Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hnde
seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei groe Trnen
standen auf den braunen Wangen des Helden: er schmte sich ihrer nicht.
    Ermordet! sagte er, mein schuldlos Kind! von den Rmern!
    Die feigen Teufel, rief Hildebad.
    Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.
    Calpurnius! sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.
    Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und dein
Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, da er nun ein
Knigssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug! Nun wolle er bald
ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und wilde Riesen. Da kam der
Nachbar von Rom zurck. Ich merkt' es wohl, da er noch finsterer sah und
neidischer als je und htete dir Haus und Stall. Aber das Kind hten - wer htte
daran gedacht, da Kinder nicht mehr sicher!
    Witichis schttelte schmerzlich das Haupt.
    Der Knabe konnte nicht erwarten, da er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all die Tausende von gotischen Heermnnern und da er Schlachten
solle in der Nhe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund an, und sagte:
ein Knigssohn msse ein eisernes tragen, zumal in Kriegszeiten. Und ich mute
ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
    Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen frh
davon. Und fragte sie, wohin? so lachte er: auf Abenteuer, lieb' Mutter! und
sprang in den Wald. Dann kam er mittags md und zerrissenen Gewandes heim: und
ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte nur, er habe Siegfried
gespielt.
    Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es war,
wie ich gedacht. Ich hatte ihm einst warnend eine Hhle im schroffen Felsgeklft
gezeigt, das steil ber den Giebach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten.
    Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Bi sei
tdlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der Beiwurm in
den nackten Fu gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert und wollte mitten
darunter springen. Mit Mhe und schwer erschrocken hielt ich ihn damals ab.
    Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, da ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im Steingeklft,
unter Dornen und Gestrpp: da holte er einen mchtigen Holzschild hervor, den er
sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte. Und eine Krone war frisch drauf
gemalt.
    Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Hhle.
    Ich sah mich um: da lag das lang mchtige Gewrm zu halben Dutzenden von
frhern Schlachten her mit zerhauenen Huptern umhergestreut: ich folgte, und so
besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stren, wie er so heldenmtig focht! Er
trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwrfen aus ihrem Loch, da sie sich
zngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn sprang, warf er
blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich mitten entzwei. Da
rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber sah gar trotzig drein und
rief: Sag's nur der Mutter nicht! denn ich tu's doch! bis der letzte der Drachen
tot ist! Ich sagte, ich wrde ihm sein Schwert nehmen. Dann fecht' ich mit dem
hlzernen, wenn dir das lieber ist! rief er. Und welche Schmach fr einen
Knigssohn!
    Da nahm ich ihn die nchsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide. Das vergngte ihn sehr: und nchstens, dacht' ich, brechen wir ja
auf.
    Aber eines Morgens war er mir wieder entschlpft und ich ging allein an die
Arbeit. Den Rckweg nahm ich den Flu entlang, gewi, ihn an der Felshhle zu
finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehng seines Schwertes, zerrissen, an
den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten auf der Erde. Erschrocken sah
ich umher und suchte, aber -
    Rascher, weiter, rief der Knig.
    Aber? fragte Hildebad.
    Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich groe Fuspuren
eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.
    Sie fhrten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und unten -
    Witichis wankte.
    Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt.
    Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich wei es nicht, im Flug war
ich unten. - Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut berstrmt -
    Halt ein, sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes Hildebad
des armen Vaters Hand fate, der sthnend auf sein Lager sank.
    Mein Kind, mein ses Kind, mein Weib! rief er.
    Ich fhlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Flu brachte ihn
nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. Du bist
herabgefallen, mein Kind, klagte ich.
    Nein, sagte er, nicht gefallen, geworfen. Ich war starr vor Entsetzen.
Calpurnius, hauchte er, trat pltzlich um die Felsecke, wie ich auf die Vipern
einhieb, Komm mit mir, sagte er und griff nach mir. Er sah bs aus und falsch.
Ich sprang zurck. Komm, sagte er, oder ich binde dich. Mich binden! rief ich.
Mein Vater ist der Goten Knig und der deine. Wag es und rhr mich an! Da ward
er ganz wtig und schlug nach mir mit dem Stock und kam nher; ich aber wute,
da in der Nhe unsre Knechte Holz fllten, und schrie um Hilfe und wich zurck
bis an den Rand der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute muten
mich gehrt haben: ihre Axtschlge ruhten pltzlich. Doch pltzlich
vorspringend, sagte er: Stirb, kleine Natter! und stie mich ber den Fels.
    Teja bi die Lippen. O der Neidling, rief Hildebad. Und Witichis ri sich
mit einem Schrei des Schmerzes los.
    Mach's kurz, sagte Teja. - Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf, in
ihrem Scho. Ein Gru an dich war sein letzter Hauch.
    Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt?
    Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus, nach
rechts.
    Ich verstand sie: dort stand des Mrders Haus.
    Und ich waffnete alle deine Knechte und fhrte sie hinber zur Rache: und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in unsrer
Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der Hand, hinter
der Leiche. Vor dem Tor der Villa legten wir den Knaben nieder.
    Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ro zu Belisar. Aber sein
Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten eben zu
Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf. Dann brachen wir
ein.
    Wir haben sie alle erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt ber den
Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht haltend,
auf ihr Schwert gesttzt, und sprach kein Wort. Und mich schickte sie tags
darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf, sowie sie die
kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren, durch die Emprer vom
nchsten Wege abgesperrt, so kann sie stndlich da sein.
    Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
diese Krone bringt. Und nun, rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes den
Alten an, willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?
    Hildebrand stand langsam auf: Nichts ist untragbar, was notwendig ist. Auch
der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne zu fragen,
wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir mssen. Aber ich hre
Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.
    Witichis wandte sich von ihm zur Tr.
    Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rauthgundis, sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust drckend.
    Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: - - und die Gatten
hielten sich umfangen.
    Schweigend verlieen die Mnner das Zelt.

                              Sechzehntes Kapitel.


Drauen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurck: Du qulst den Knig
umsonst, sagte er. Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht. Jetzt am
wenigsten.
    Woher weit du ...? - unterbrach der Greis. - Still: ich ahn' es: wie ich
alles Unglck ahne. - Dann wirst du auch einsehen, da er mu. - Er, er
wird's nie tun. - Aber - du meinst sie selbst? - Vielleicht! - Sie wird,
sagte Hildebrand.
    Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib, schlo Teja.
    Whrend in den nchsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verlie, geschah es, da die
Vorposten der kniglichen Belagerer und die Auenwachen der gotischen Besatzung
von Ravenna, den eingetretenen tatschlichen Waffenstillstand benutzend, in
mannigfachen Verkehr traten.
    Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
Brgerkriege vor.
    Die Belagerer klagten, da die Besatzung in der hchsten Not des Reiches dem
gewhlten Knig der Goten seine Knigsburg verschlossen. Die Ravennaten
schmhten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gnne, was ihr gebhre.
    Einer solchen Unterredung hrte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu, der die Runde auf den Wllen machte. Pltzlich trat er vor und rief
zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren Knig lobten und rhmten:
    So? Ist das auch edel und kniglich gehandelt, da er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so
leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, da Mataswintha
Knigin sei! Nun, kann er deshalb nicht Knig bleiben? Ist's ein zu hartes
Opfer, mit dem schnsten Weib der Erde, mit der Frstin Schnhaar, von deren
Reiz die Snger singen auf den Straen, Thron und Lager zu teilen? Muten lieber
soviel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstrmen! La
sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.
    Diese Worte des Alten machten den grten Eindruck auf die Goten vor den
Wllen.
    Sie wuten nichts zu erwidern zu ihres Knigs Verteidigung. Von seiner Ehe
wuten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
Anwesenheit im Lager wenig gendert: denn, wahrlich, nicht gleich einer Knigin
war sie eingezogen.
    In groer Erregung eilten sie zurck ins Lager und erzhlten, was sie
vernommen, wie der Eigensinn des Knigs ihre Brder hingeopfert. Darum also hat
er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht, riefen sie.
    Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den Knig
schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Knige mit einem Freimut der
Rede, der die Byzantiner entsetzte.
    Hier wirkten der Verdru ber den Rckzug von Rom, die Schmach der
Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brder, der Zorn ber sein
Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den Knig zu erregen, der
deshalb nicht minder mchtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.
    Nicht entging diese Stimmung den Heerfhrern, wann sie durch die Gassen des
Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber
sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.
    Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten,
hielt sie der alte Waffenmeister zurck.
    Lat es nur noch anschwellen, sagte er: wenn's genug ist, werd' ich's
dmmen. Die einzige Gefahr wre, murmelte er halblaut vor sich hin -
    Da uns die drben im Rebellenlager zuvorkmen, sagte Teja.
    Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. berlufer erzhlen,
da sich die Frstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu tten als Arahad
die Hand zu reichen.
    Pah, meinte Hildebad, daraufhin wrd' ich's wagen.
    Weil du das leidenschaftliche Geschpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie
hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende bses
Spiel machen.
    Witichis ist ein andrer Freier als jener Knabe von Asta, flsterte Teja.
Darauf vertrau' ich auch, meinte Hildebad. Gnnt ihm noch einige Tage Ruhe,
riet der Alte. Er mu seinem Schmerz sein Recht antun: eh' ist er zu nichts zu
bringen. Strt ihn nicht darin: lat ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem
Weibe. Ich werde sie bald genug stren mssen.
    Aber der Greis sollte bald gentigt sein, den Knig frher und anders als er
gemeint, aus seinem Schmerz aufzurufen.
    Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
Byzantinern bergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
Solche Flle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo wenige
Germanen unter dichter Bevlkerung lebten und hufige Mischheiraten
stattgefunden hatten, hufiger vor.
    Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht ntig
gewesen, und man hatte der Bestimmung fast vergessen.
    Pltzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.
    Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus
mehr als Einem Grunde wollte er vorlufig noch diese Stadt zum Sttzpunkt all'
seiner Bewegungen in Italien machen.
    Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie
zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, Burgen
und Stdte zu bernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen
vertrieben oder erschlagen hatten oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten,
einfach zum Kaiser der Romer, wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen
waren.
    Solche Vorflle ereigneten sich, besonders seit der gotische Knig in vollem
Rckzug und nach Ausbruch der Emprung die gotische Sache halb verloren schien,
fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung
byzantinischer Truppen vor den Toren ergaben sich viele Schlsser und Stdte an
Belisar.
    Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Ntigung abwarteten, um,
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung
zu finden, war dies fr den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleine
Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Fhrung der
berlufer, die der Gegend und der Verhltnisse kundig waren, auszusenden. Und
diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rckzug der Goten, wagten sich
weit ins Land; jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt fr weitere
Unternehmungen.
    Eine solche Streifschar hatte jngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das
bei Csena, ganz in der Nhe des kniglichen Lagers, eine Felshhe oberhalb des
groen Pinienwaldes krnte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner
Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefhrlichen Fortschritte der
Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen
nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschftigen wollte - er hoffte
auf eine friedliche Lsung des Knotens -, beschlo er, gegen diese kecken
Streifscharen einen zchtigenden Streich zu tun.
    Spher hatten gemeldet, da, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die
neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Csena, diese
wichtige Stadt, im Rcken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.
    Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der
Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen
Csena aufbrachen.
    Der berfall gelang vollkommen.
    Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fu des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hlfte seiner Reiter auf alle
Seiten des Waldes, die andre Hlfte lie er absitzen und fhrte sie leise die
Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Tor ward berrascht und die
Byzantiner, von einer berlegenen Macht berfallen, flohen nach allen Seiten den
Fels hinab in den Wald, wo der groe Teil von den Berittenen gefangen wurde. Die
Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.
    Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend ber das Flchen am Fu des
Felsens zurck, ber das nur eine schmale Brcke fhrte. Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anfhrer,
nach dem Glanz der Rstung zu schlieen.
    Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann - sein
Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht
der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.
    Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an. Gib dich gefangen, tapferer Mann! rief er dem einsamen Krieger
zu, dein Leben sichr' ich dir.
    Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nchsten Moment sprang er
wtend vor und wieder zurck; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem
Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurck.
    Hildebrand ergrimmte. Drauf! schrie er, vorspringend, jetzt keine Gnade
mehr! Zielt mit den Speeren. - Er ist gefeit gegen Eisen! rief einer der
Goten, ein Vetter Tejas, dreimal hab' ich ihn getroffen - er ist nicht zu
verwunden.
    Meinst du, Aligern? lachte der Alte grimmig, la sehen, ob er auch gegen
Stein gefeit ist.
    Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige,
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den
Byzantiner.
    Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Mnner sprangen rasch hinzu
und lsten ihm den Helm.
    Meister Hildebrand, rief Aligern erstaunt, das war kein Byzantiner. -
Und kein Italier, sagte Gunthamund. Sieh die Goldlocken - das war ein Gote!
meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen.
    Fackeln her, rief er - Licht! - - Ja, sprach er finster, seinen
Steinhammer wieder aufhebend, das war ein Gote. Und ich - ich hab' ihn
erschlagen, fgte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft.
    Nein, Herr, rief Aligern, er lebt. Er war nur betubt! Er schlgt die
Augen auf.
    Er lebt? fragte der Alte mit Grauen, das wollen die Gtter nicht! - Ja,
er lebt! wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. Dann weh ber
ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Gtter der Goten in meine Gewalt! Bind'
ihn auf dein Ro, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen
Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!
    Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie fr
diesen Gefangenen rsten sollten.
    Einen Bund Stroh fr heute nacht, sagte der, und fr morgen frh - einen
Galgen. Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Knigs und berichtete den
Erfolg seines Zuges.
    Wir haben unter den Gefangenen, schlo er finster, einen gotischen
berlufer. Er mu hngen, ehe die Sonne morgen niedergeht. - Das ist sehr
traurig, sagte Witichis seufzend. - Ja, aber notwendig. Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerfhrer auf morgen. Willst du den Vorsitz fhren? -
Nein, sagte Witichis, erla mir's: ich bestelle Hildebad an meiner Statt. -
Nein, sagte der Alte, das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im
Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht. Witichis sah ihn an: Du
siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind deiner Sippe? - Nein,
sprach Hildebrand. - Wie heit der Gefangene? - Wie ich, Hildebrand. -
Hre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber
hte dich vor bertriebener Strenge. Vergi nicht, da ich gern begnadige.
    Das Wohl der Goten fordert seinen Tod, sagte Hildebrand ruhig, und er
wird sterben.

                              Siebzehntes Kapitel.


Frh am andern Morgen wurde der Gefangene verhllten Hauptes hinausgefhrt auf
eine Wiese, im Norden, an der kalten Ecke des Lagers, wo sich die Heerfhrer
und ein groer Teil der Heermnner versammelt hatten.
    Hre, sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz?
    Er ist das Haupt des Dings.
    Barbaren sind und bleiben sie! Tu' mir den Gefallen, Freund - ich schenke
dir dafr diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten. Sag' ihm: ich wisse, da
ich sterben mu. Aber er mge doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hrst
du? - meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen. Er mge mir heimlich
eine Waffe senden. Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der das
Gericht bereits erffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der Alte lie
zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen feststellen, wie man sich
des Gefangenen bemchtigt, darauf diesen selbst vorfhren. Noch immer bedeckte
ein Wollsack sein Haupt und seine Schultern. Eben sollte dieser abgenommen
werden, als Gunthamund sich zu Hildebrand drngte und in sein Ohr flsterte.
    Nein, sagte dieser, die Stirn runzelnd. Ich la ihm sagen: die Schmach
fr sein Geschlecht sei seine Tat, nicht seine Strafe. Und laut fuhr er fort:
Zeigt das Antlitz des Verrters! Er ist Hildebrand, der Sohn des Hildegis!
    Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.
    Sein eigner Enkel! - Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut! rief Hildebad aufspringend. Nur gerecht,
aber gegen alle, sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde stoend. Armer
Witichis! flsterte Graf Teja.
    Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.
    Was kannst du fr dich vorbringen, Sohn des Hildegis? fragte Hildebrand.
    Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gertet, nicht von
Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zgen: sein langes, gelbes Haar flog
im Wind. Die Menge war von Mitgefhl ergriffen. Schon der Bericht seines
todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines Namens, endlich jetzt
seine Jugend und Schnheit sprachen mchtig fr ihn. Er lie sein Auge flammend
die Reihen durchfliegen und mit Stolz auf dem Alten haften.
    Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Rmer,
kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine Rmerin,
die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab' ich nie als mir verwandt
empfunden. Seine Strenge hab' ich verachtet wie seine Liebe. Seinen Namen hat er
mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter entrissen. Ich aber entlief
ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, Flavus Cloelius habe ich mich von je
genannt. Rmisch waren meine Freunde, rmisch von jeher meine Gedanken, rmisch
mein Leben. All' meine Freunde gingen zu Belisar und Cethegus: sollt' ich
zurckbleiben? Ttet mich, ihr knnt' es und ihr werdet's. Aber gesteht, da es
Mord ist, nicht Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen
gefangenen Rmer. Denn rmisch ist meine Seele.
    Schweigend, mit gemischten Empfindungen, hrte die Menge diese Verteidigung.
    Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprhte Blitze, seine Hand
zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. Elender! schrie er, du bist eines gotischen
Mannes Sohn, das rumst du ein. So bist du denn ein Gote: und wenn du dich als
Rmer fhlst, verdienst du schon dafr, zu sterben. Sajonen, fort mit ihm, an
den Galgen.
    Da trat der Gefangene nochmal an die Schranken der Stufe. So sei
verflucht, schrie er, du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, da all eure
Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt ihr werden aus
diesem schnen Land und keine Spur soll von euch knden.
    Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hlle ums Haupt
und fhrten ihn ab nach einem Hgel, wo ein starker Eibenbaum aller seiner
Zweige und Bltter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von ihm nach dem
Lager abgelenkt, aus dem Lrm und Hufschlag eilender Rosse nahte.
    Es war ein Zug Reiter mit dem kniglichen Banner, Witichis und Hildebad an
der Spitze. Haltet ein, rief der Knig von weitem, schont den Enkel
Hildebrands: Gnade, Gnade!
    Aber der Alte wies nach dem Hgel.
    Zu spt, Herr Knig, rief er laut, es ist aus mit dem Verrter. So geh'
es jedem, der seines Volks vergit. Erst kommt das Reich, Knig Witichis, und
dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.
    Gro war der Eindruck dieser Tat Hildebrands auf das Heer, grer noch auf
den Knig. Witichis fhlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede Forderung
des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefhl, da jetzt jeder Widerstand viel
schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurck. Und Hildebrand benutzte seinen
Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit Teja in das Zelt des Knigs.
    Schweigend, Hand in Hand saen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art der
Amulette an blauem Bande: die kleine rmische Bronzelampe verbreitete nur trbes
Licht. Als Hildebrand dem Knig die Hand reichte, sah ihm dieser ins Antlitz:
ein Blick sagte ihm, da Hildebrand mit dem festen Entschlu eingetreten sei,
jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden Preis.
    Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des bevorstehenden
Seelenringens durchschauert.
    Frau Rauthgundis, hob der Alte an, ich habe Hartes mit dem Knig zu
reden. Es wird Euch krnken, es zu hren.
    Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmigen, festen Zgen eine edle
Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, leise die
Linke auf seine Schulter.
    Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hlfte dieser
Hrte.
    Frau, mahnte der Alte nochmal.
    La sie bleiben, sprach der Knig, frchtest du, ihr ins Angesicht deine
Gedanken zu sagen? - Frchten? nein! und sollt' ich einem Gott ins Antlitz
sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich tt's ohne Furcht: Wisse
denn ... -
    Wie? du willst? Schone, schone sie, sprach Witichis, den Arm um seine Frau
schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn gro und fest an: Ich wei alles, mein
Witichis. Wie ich gestern abend durchs Lager wandelte, unerkannt, im Schutz der
Dmmerung, hrte ich die Heermnner an den Feuern auf dich schelten und diesen
Alten hoch erheben. Ich lauschte und hrte alles, was dieser fordert und was du
weigerst.
    Und du hast mir nichts gesagt? - Hat es doch keine Gefahr. Wei ich doch,
da du dein Weib nicht verstoen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um jenes
zauberschne Mdchen. Wer will uns scheiden? La diesen Alten drohn: ich wei ja
doch, es hngt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem Herzen.
    Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.
    Er furchte die Stirn: Nicht mit dir hab' ich zu rechten. Witichis, ich
frage dich vor Teja: du weit, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir verloren -
Ravenna ffnet dir nur Mataswinthens Hand. - Willst du diese Hand fassen oder
nicht?
    Da sprang Witichis auf. Ja, unsre Feinde haben recht! Wir sind Barbaren! Da
steht vor diesem fhllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an Treue
unerreicht, vor ihm steht die Asche unsres gemordeten Kindes, und er will von
diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. Nie, niemals!
    Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt, sprach der Greis. Sie wollten erzwingen, was ich fordere.
Ich hielt sie mit Mhe ab.
    La sie kommen! rief Witichis, sie knnen mir nur die Krone nehmen, nicht
mein Weib.
    Wer die Krone trgt, ist seines Volkes, Nicht mehr sein eigen.
    Hier, - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand, - noch einmal geb' ich euch und zum letztenmal die Krone zurck.
Ich habe sie nicht verlangt, wei Gott. - Sie hat mir nichts gebracht als diese
Aschenurne. - Nehmt sie zurck: - lat Knig sein wer will und Mataswintha
frein.
    Aber Hildebrand schttelte das Haupt. Du weit, das fhrt zum sichersten
Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
wrden Arahad nie anerkennen. Du bist's allein, der noch alles zusammenhlt.
Fllst du weg, so lsen wir uns auf, ein Bndel losgebundener Ruten, die Belisar
im Spiele bricht. Willst du das?
    Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen fr dein Volk? sprach Teja
nhertretend.
    Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft? -
Rauthgundis, sprach dieser ruhig, ich ehre dich vor allen Frauen hoch, und
Hohes fordre ich darum von dir. -
    Hildebrand aber begann: du bist die Knigin dieses Volkes. Ich wei von
einer Gotenknigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen lasteten auf
ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Gtter zrnten den Goten. Da
fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des Meeres, und sie
rauschten zur Antwort:

Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.

    Und Swanhild wandte den Fu nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Gttern
und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.
    Rauthgundis blieb nicht unbewegt. Ich liebe mein Volk, sprach sie, und
seit von Athalwin nur diese Locke brig, sie wies auf die Kapsel, glaub' ich,
gb' ich mein Leben fr mein Volk. Sterben will ich - ja, rief sie, aber leben
und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein.
    In andrer Liebe! rief Witichis, wie redest du mir so? Weit du's denn
nicht, wie ewig dies gequlte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens schlgt?
Hast du's denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, wie ewig unsre
Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reit mir das Herz aus der Brust,
setzt mir ein andres ein: dann etwa la' ich von dieser Seele. Ja, wahrlich,
rief er den beiden Mnnern zu, ihr wit nicht was ihr tut und kennt euren
Vorteil schlecht. Ihr wit nicht, da meine Liebe zu diesem Weib und dieses
Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. Sie ist mein guter Stern. Ihr wit
nicht, da ihr zu danken ist, ihr allein, wenn etwas euch an mir gefllt. An sie
denk' ich im Getmmel der Schlacht und ihr Bild strkt meinen Arm. An sie denk'
ich, an ihre Seele, klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn's gilt, im Rat
das Edelste zu finden. - O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie
hinweg und ein Schatte ohne Glck und Kraft ist euer Knig.
    Und in leidenschaftlicher Erregung schlo er Rauthgundis in die Arme. Sie
war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, der sein
Gefhl gern scheu in sich verschlo, so von ihr, von seiner Liebe gesprochen.
Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.
    Aufs mchtigste erschttert sank sie an seine Brust: Dank, Dank, Gott, fr
diese Schmerzensstunde, flsterte sie, ja, jetzt wei ich, dein Herz, deine
Seele sind ewig mein.
    Und bleiben dein, sagte Teja leise, wenn auch eine andre seine Knigin
heit! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.
    Das schlug tief in Rauthgundis' Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
mit groen Augen auf Teja.
    Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
fhren.
    Wer will, wer kann an eure Herzen rhren? sprach er. Ein Schatte ohne
Glck und Kraft - das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und brichst
deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als ein Schatte.
    Seinen Eid? fragte Rauthgundis erbebend. Was hast du geschworen?
    Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hnde.
    Was hat er geschworen? wiederholte sie.
    Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
Wenige Jahre sind's. Da schlo ein Mann, in mitternchtiger Stunde, mit vier
Freunden einen mchtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen geritzt, und
er tat einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, dem flackernden Feuer
und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes Blut zu einem Bund von Brdern
auf immer und ewig und alle Tage.
    Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glck und Glanz des Geschlechtes der Goten.
Und wer von den Brdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit allen Opfern,
des rotes Blut solle rinnen ungercht wie dies Wasser unter den Waldwasen. Auf
sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn erdrcken. Und wer
vergit dieses Eides und wer sich weigert, alles zu opfern dem Volk der Goten,
wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn mahnt, der soll verfallen sein auf
immer den dunkeln Gewalten, die da hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen
mit Fen schreiten ber des Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein
spurlos in die Tiefe: - oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und
verdammt soll sein seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name,
so weit Christenleute Glocken luten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit
der Wind weht ber die weite Welt.
    So ward geschworen in jener Nacht von fnf Mnnern: von Hildebrand und
Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fnfte? Witichis, Waltaris
Sohn.
    Und - rasch streifte er dem Knig das Gewand ber den linken Knchel zurck.
Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht verwischt.
Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er damals, als er noch
nicht Knig war.
    Und als ihn die Tausende von gotischen Mnnern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben, da tat er einen zweiten Schwur: Mein Leben, mein Glck, mein
Alles, euch will ich's weihn, dem Volk der Goten, das schwr' ich euch beim
hchsten Himmelsgott und bei meiner Treue. Nun, Witichis, Waltaris Sohn, Knig
der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu dieser Stunde. Ich frage
dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein Alles, dein Glck und dein Weib,
dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe drei Shne verloren fr dies Volk.
    Und habe meinen Enkel, den letzten Spro meines Geschlechtes, geopfert,
gerichtet fr die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du das
gleiche tun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos unter den
Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?
    Witichis wandte sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.
    Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: Halt ein. La
ab von ihm. Es ist genug, schon lngst. Er tut, was du begehrst. Er wird nicht
ehrlos und eidbrchig an seinem Volke, um sein Weib.
    Aber Witichis sprang auf und umfate sie, als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreien.
    Geht jetzt, sprach sie zu den Mnnern, lat mich allein mit ihm.
    Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zgerte.
    Geh nur, ich gelobe es dir: sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
legend, bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.
    Nein, sprach Witichis, ich stoe mein Weib nicht von mir, nie.
    Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein Herz
nie von mir lsen: ich wei es, es bleibt mein, seit heute mehr denn je. Geht,
was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trgt keinen Zeugen.
    Schweigend verlieen die Mnner das Zelt, schweigend gingen sie miteinander
die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.
    Gute Nacht, Teja, sagte er, jetzt ist's getan.
    Ja, doch wer wei, ob wohlgetan. Ein edles, edles Opfer: noch viele andre
werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: umsonst. Doch
gilt's die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Leb wohl.
    Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht.

                              Achtzehntes Kapitel.


Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhlltes Weib aus dem
Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Ro am
Zgel fhrend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. Einen
Pfeilschu hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bndel hinter sich auf dem Sattel,
an dem die schwere Streitaxt hing.
    Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.
    Endlich hatten sie eine Waldhhe erreicht: hinter ihnen die breite
Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die
Strae, die nach der Via Aemilia im Nordwesten fhrte.
    Da hielt das Weib den Zgel an.
    Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, da sie dich frei und ledig
findet. Leb wohl, mein Witichis. - Eile nicht so hinweg von mir, sagte er,
ihre Hand drckend. - Wort mu man halten, Freund, und bricht das Herz darob.
Es mu sein. - Du gehst leichter, als ich bleibe. Sie lchelte schmerzlich.
Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhhe: Du hast noch ein Leben vor dir. -
Was fr ein Leben! - Das Leben eines Knigs fr sein Volk, wie dein Eid es
gebeut. - Unseliger Eid. - Es war recht, ihn zu schwren: es ist Pflicht,
ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldslen von Rom, wie ich dein
in meiner Htte tief im Steingeklft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn
Jahre der Lieb' und Treu, und unsern sen Knaben.
    O mein Weib, mein Weib, rief der Gequlte und umschlang sie mit beiden
Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrckt. Sie beugte das Haupt ber ihn und
legte die Rechte auf sein braunes Haar.
    Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: Herr, pat auf,
ich wei Euch guten Rat, hrt Ihr nicht?
    Was kannst du raten?
    Kommt mit, auf und davon! werft Euch auf mein Pferd und reitet frisch davon
mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Lat ihnen doch, die Euch so qulen, da
Euch die hellen Tropfen im Auge stehen, lat ihnen doch den ganzen Plunder von
Kron' und Reich. Euch hat's kein Glck gebracht: sie meinen's nicht gut mit
Euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag'
ich! Und ich wei Euch ein Felsennest, wo Euch nur der Adler findet oder der
Steinbock.
    Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
der Mhle? Leb wohl, Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des
Kindes Stirnlocken sind darin und eine, flsterte sie, ihn auf die Stirn
kssend und das Medaillon umhngend, und eine von Rauthgundis. Leb wohl, du
mein Leben!
    Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.
    Da trieb sie das Pferd an: Vorwrts, Wallada, und sprengte hinweg: Wachis
folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.
    Da hielt sie, ehe die Strae sich ins Gehlz krmmte: - nochmals winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.
    Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschlge der eilenden Rosse. Erst
als diese verhallt, wandte er sich.
    Aber es lie ihn nicht von der Stelle.
    Er trat seitab der Strae: dort lag jenseit des Grabens ein groer moosiger
Felsblock: darauf setzte sich der Knig der Goten, und sttzte die Arme auf die
Kniee, das Haupt in beide Hnde. Fest drckte er die Finger vor die Augen, die
Welt und alles drauen auszuschlieen von seinem Schmerz.
    Trnen drangen durch die Hnde, er achtete es nicht. Reiter sprengten
vorber, er hrte es kaum. So sa er stundenlang regungslos, so da die Vgel
des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.
    Schon stand die Sonne im Mittag.
    Endlich - hrte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.
    Ich wut' es wohl, sagte dieser, du bist nicht feig entflohn. Komm mit
zurck und rette das Reich. Als man dich heut' nicht in deinem Zelte fand, kam's
gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glck verzweifelnd, dich
davongemacht.
    Bald drang's in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
Ausfall, sie wollen zu Belisar bergehn. Arahad buhlt bei unserm Heer um die
Krone. Zwei, drei Gegenknige drohn. Alles fllt in Trmmer auseinander, wenn du
nicht kommst und rettest.
    Ich komme, sagte er, sie sollen sich hten! Es brach das beste Herz um
diese Krone; sie ist geheiligt, und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm, Teja,
zurck ins Lager.

                               Zweite Abteilung.



                                Erstes Kapitel.

Im Lager angelangt, fand Knig Witichis alles in hchster Verwirrung; gewaltsam
ri ihn die drngende Not des Augenblicks aus seinem Gram und gab ihm vollauf zu
tun.
    Er traf das Heer in voller Auflsung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten. Deutlich erkannte er, da der Fall der ganzen gotischen Sache die
Folge gewesen wre, htte er die Krone niedergelegt oder das Heer verlassen.
    Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.
    Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschlieen. Andre
zu den Emprern sich wenden, andre Italien verlassend ber die Alpen flchten.
Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die fr eine neue Knigswahl sprachen: und
auch hierin standen sich die Parteien waffendrohend gegenber.
    Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des Knigs
Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklrt, wenn Witichis wirklich
entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrchige Knig wie Theodahad
geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von Witichis denke. Sie
hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wlsungenlager besetzt und drohten, jeden
Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt zurckzuweisen, whrend auch bereits Herzog
Guntharis von der Verwirrung Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager
der Kniglichen anrckte.
    berall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
Scheltworte, erhobene Waffen: - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten des
Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein Zelt,
schmckte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf Boreas, das
mchtige Schlachtro, und sprengte, gefolgt von Teja, der die blaue Knigsfahne
Theoderichs ber ihn hielt, durch die Gassen.
    In der Mitte des Lagers stie er auf einen Trupp von Mnnern, Weibern und
Kindern - denn ein gotisches Volksheer fhrte auch diese mit sich - der sich
drohend gegen das Westtor wlzte.
    Hildebad lie die Seinen mit gefllten Speeren in die Tore treten.
    Lat uns hinaus, schrie die Menge, der Knig ist geflohen, der Krieg ist
aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten. - Der Knig ist kein
Tropf wie du, sagte Hildebad, den Vordersten zurckstoend. - Ja, er ist ein
Verrter, schrie dieser, er hat uns alle verlassen und verraten um ein paar
Weibertrnen.
    Ja, schrie ein andrer: er hat dreitausend von unsern Brdern
hingeschlachtet und ist dann entflohn.
    Du lgst, sprach eine ruhige Stimme, und Witichis bog um die Lagerecke.
    Heil dir, Knig Witichis! schrie der riesige Hildebad, seht ihr ihn da!
Hab' ich's nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war's, da du kamst -
sonst ward es schlimm.
    Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: Heil dir,
Knig, und der Krone auf deinem Helm. - Reitet durch das Lager, Herolde, und
kndet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: Heil Knig Witichis, dem
Vielgetreuen.
    Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. -
    Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
donnernde Ruf: Heil Knig Witichis, und von allen Seiten stimmten die jngst
noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.
    Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes ber die Tausende. Und Teja
sprach hinter ihm leise: Du siehst, du hast das Reich gerettet.
    Auf, fhr' uns zum Sieg! rief Hildebad, denn Guntharis und Arahad rcken
an: sie whnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu berraschen! heraus auf sie!
sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die Emprer. -
Nieder die Emprer! donnerten die Heermnner nach, froh, einen Ausweg ihrer
tieferregten Leidenschaft zu finden.
    Aber der Knig winkte mit edler Ruhe: Stille! nicht noch einmal soll
gotisch Blut flieen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
Hildebad, tu' mir auf das Tor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
Gegnern. Du, Graf Teja, hltst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du aber,
Hildebrand - er rief's mit erhobener Stimme, - reit an die Tore von Ravenna
und knde laut: sie sollen sie ffnen. Erfllt ist ihr Begehr, und noch vor
Abend ziehen wir ein: der Knig Witichis und die Knigin Mataswintha.
    So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, da das Heer sie mit lautloser
Ehrfurcht vernahm.
    Hildebad ffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Emprer im
Sturmschritt Heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Tor ffnete.
    Knig Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
Hinter ihm schlo sich das Tor.
    Er sucht den Tod, flsterte Hildebrand. Nein, sprach Teja, er sucht und
bringt das Heil der Goten.
    Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben den
wlsungischen Brdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Fhrer avarischer
Pfeilschtzen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand vor die kleinen,
blinzenden Augen und rief: Beim Rosse des Rogotts, das ist der Knig selbst!
jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Shne der Steppe, zielt haarscharf und der
Krieg ist aus. Und er ri den krummen Hornbogen von der Schulter.
    Halt, Chan Warchun, sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine
Schulter legend. Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst den
Grafen Witichis Knig: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden, der im
Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte. Hinweg mit
dir und deiner Schar aus meinem Lager.
    Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: Hinweg, sogleich! wiederholte
Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: Mir gleich!
Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber -
Kinderherzen.
    Indessen war Witichis herangeritten, Guntharis und Arahad musterten ihn mit
forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten Wrde eine
ernste Hoheit: die Majestt des hchsten Schmerzes.
    Ich komme, mit euch zu reden, zum Heile der Goten. Nicht weiter sollen
Brder sich zerfleischen. Lat uns zusammen einziehen in Ravenna und zusammen
Belisar bekmpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide sollt am nchsten
stehen an meinem Thron.
    Nimmermehr! rief Arahad leidenschaftlich. Du vergit, sprach Herzog
Guntharis stolz, da deine Braut in unsern Zelten ist.
    Herzog Guntharis von Tuscien, ich knnte dir erwidern, da bald wir in
euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr, und, o
Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also sprechen. Aber
mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen solltest - du wirst
zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind wir ihm gewachsen. Gib
nach!
    Gib du nach! sprach der Wlsung, wenn dir's ums Gotenvolk zu tun. Lege
diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk? - Ich kann's -
ich hab's getan. Hast du ein Weib, o Guntharis?
    Ein teures Weib habe ich. - Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib. Ich
hab's geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen zu freien.
    Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: dann hast du sie nicht
geliebt.
    Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengro:
Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
erschrockenen Jngling: Schwatze mir nicht von Liebe, lstre nicht, du
trichter Knabe! Weil dir ein Paar rote Lippen und weie Glieder in deinen
Trumen vor den Blicken glnzen, sprichst du von Liebe? Was weit du von dem,
was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines sen Kindes! Eine Welt von
Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist wund: in mir liegen Schmerz
und Verzweiflung mit Mhe gebndigt: reizt sie nicht, lat sie nicht
losbrechen.
    Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.
    Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann so
adelige Streiche tun. Ich wei, es ist kein Falsch an dir. Ich wei, wie Liebe
bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk geopfert? Das ist
viel.
    Bruder! was sinnest du? rief Arahad, was hast du vor? - Ich habe vor,
das Haus der Wlsungen an Edelmut nicht beschmen zu lassen. Edle Geburt,
Arahad, heischt edle Tat!
    Sag' mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
ja dein Leben, als dein Weib?
    Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt' ich die Krone
Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
anzuerkennen. Drei, vier Gegenknige wrden gewhlt, aber, bei meinem Wort, Graf
Arahad wrde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir ab, vom blutenden
Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk' auch du des Gotenvolks. Verloren ist
das Haus der Wlsungen, wenn die Goten verloren. Die edelste Blte des Stammes
fllt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an die Wurzel legt. Ich habe mein Weib
dahingegeben, meines Lebens Krone: gib du die Hoffnung einer Krone auf.
    Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein Knig.
Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob und an seine
Brust zog.
    Bruder! Bruder! was tust du an mir! welche Schmach! rief Arahad. Ich
rechn' es mir zur Ehre! sprach Guntharis ruhig. Und zum Zeichen, da mein
Knig nicht Feigheit sieht, sondern eine Edeltat in der Huldigung, erbitt' ich
mir eine Gunst. Amaler und Balten haben unser Geschlecht zurckgedrngt von dem
Platz, der ihm gebhrt im Volke der Goten. - In dieser Stunde, sprach
Witichis, kaufst du ihn zurck: die Goten sollen nie vergessen, da
Wlsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart hat. - Und des zum Zeichen
sollst du uns das Recht verleihen, da die Wlsungen der Goten Sturmfahne dem
Heer vorauftragen in jeder Schlacht. - So sei's, sagte der Knig, ihm die
Rechte reichend, und keine Hand wird sie mir wrdiger fhren. - Wohlan, jetzt
auf zu Mataswintha, sprach Guntharis.
    Mataswintha! rief Arahad, der bisher wie betubt der Vershnung zugesehen,
die alle seine Hoffnungen begrub. Mataswintha! wiederholte er. Ha, zur
rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr knnt mir die Krone nehmen: - sie fahre hin,
- nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die Geliebte zu beschtzen. Sie hat
mich verschmht: ich aber liebe sie bis zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder
beschirmt, der sie zwingen wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will
ich sie beschtzen, wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaten Feindes zu
werden. Frei soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der
Erde. Und rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhngtem Zgel
seinem Lager zu.
    Witichis sah ihm besorgt nach. La ihn, sprach Herzog Guntharis, wir
beide, einig, haben nichts zu frchten. Gehen wir die Heere zu vershnen, wie
die Fhrer.
    Whrend Guntharis zuerst den Knig durch seine Reihen fhrte und diese
aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden taten, und darauf
Witichis den Wlsungen und seine Anfhrer mit in sein Lager nahm, wo die
Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein Wunderwerk des Knigs
angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im Vordertreffen eine kleine
Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen Gefolgen und sprengte mit ihnen nach
seinem Lager zurck.
    Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten
unwillig erhob. Zrne nicht, schilt nicht, Frstin! diesmal hast du kein Recht
dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfllen. Flieh, du mut
mir folgen. Und im Ungestm seiner Aufregung griff er nach der weien, schmalen
Hand.
    Mataswintha trat einen Schritt zurck und legte die Rechte an den breiten
Goldgrtel, der ihr weies Untergewand umschlo: Fliehen? sagte sie, wohin
fliehen?
    bers Meer! ber die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
Freiheit droht hchste Gefahr.
    Von Euch allein droht sie. - Nicht mehr von mir! Und ich kann dich nicht
mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es, konnte grausam
sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun -
    Aber nun? sprach Mataswintha erbleichend.
    Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
Feinde im Knigslager und in Ravenna, alle sind darin einig. Bald werden sie
dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann's nicht denken!
Diese Seele, diese Schnheit entweiht als Opfer in ungeliebtem Ehebund.
    La sie kommen, sagte Mataswintha, la sehen, ob sie mich zwingen! Und
sie drckte den Dolch, den sie im Grtel trug, an sich. - Wer ist er, der neue
Zwingherr, der mir droht.
    Frage, nicht! rief Arahad, dein Feind, der dein nicht wert, der dich
nicht liebt; der - folge mir! - flieh, schon kommen sie! Man hrte von drauen
nahenden Hufschlag.
    Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?
    Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hnde fallen, der Fhllosen,
die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die Krone!
Folge mir ... -
    Da ward der Trvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat ein.
Zwei Gotenknaben mit ihm, in weier Seide, festlich gekleidet.
    Sie trugen ein mit einem Schleier verhlltes Purpurkissen. Er trat bis an
die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie die
Knaben, einen grnen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine Stirne
war dster, - als er sprach: Ich gre dich, der Goten und Italier Knigin!
    Mit erstauntem Blick ma sie ihn. Teja erhob sich, trat zurck zu den
Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grnen Rautenkranz und
sprach: Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und lade dich
zur Hochzeit und zur Krnung - die Snfte steht bereit.
    Arahad griff ans Schwert.
    Wer sendet dich? fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand
am Dolch. Wer sonst, als Witichis, der Goten Knig. Da leuchtete ein Strahl
der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob beide Arme gen
Himmel und sprach: Dank, Himmel, deine Sterne lgen nicht: und nicht das treue
Herz. Ich wut' es wohl. Und mit beiden schimmernden Hnden ergriff sie das
bekrnzte Diadem und drckte es fest auf das dunkelrote Haar. Ich bin bereit.
Geleite mich, sprach sie, zu deinem Herrn und meinem. Und mit kniglicher
Wendung reichte sie Graf Teja die Linke, der sie ehrerbietig hinausfhrte.
    Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die Hand
am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und legte ihm
die Hand auf die Schulter: Was nun? fragte er, die Rosse stehen und harren:
wohin? - Wohin? rief Arahad auffahrend - wohin? Es gibt nur noch Einen Weg:
wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner und der Tod?

                                Zweites Kapitel.


Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles Fest
auf den Fora und in dem Knigspalast zu Ravenna.
    Die Brger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in gemischten
Scharen durch die Straen und fuhren durch die Lagunenkanle - denn Ravenna war
damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie heute Venedig - die
riesigen Krnze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern, die von allen Zinnen und
Dchern niederwehten: denn es galt, die Vermhlung des gotischen Knigspaares zu
feiern.
    Am frhen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
den Toren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der Knig und die
Knigin erschienen auf milchweien Rossen: abgestiegen waren sie vor allem Volk
unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte Witichis seiner Braut
die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat mit dem entblten linken
Fu in den Goldschuh des Knigs.
    Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht geschlossen.
Darauf bestieg das Paar einen mit grnen Zweigen geschmckten Wagen, der von
vier weien Rindern gezogen ward; der Knig schwang die Geiel und sie fuhren,
gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schlo sich an die halb heidnische,
germanische, eine zweite, die christliche Feier: der arianische Bischof erteilte
seinen Segen ber das Paar in der Basilika Sancti Vitalis und lie es die Ringe
wechseln.
    Rauthgundens wurde nicht gedacht.
    Noch war die Kirche nicht mchtig genug, ihre Forderung der Unauflslichkeit
einer kirchlich geschlossenen Ehe berall durchzusetzen: vornehme Rmer und
vollends Germanen verstieen noch hufig in voller Willkr ihre Frauen. Und wenn
gar ein Knig aus Grnden des Staatswohls und ohne Einspruch der Gattin das
gleiche beschlo, erhob sich kein Widerstand. -
    Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Grten ein
groes Festmahl gerstet war.
    Das ganze Gotenheer und die ganze Bevlkerung der Stadt fand hier, dann auf
den Fora des Herkules und des Honorius und in den nchsten Straen und Kanlen
auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, whrend die Groen des
Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Knigspaar in der Gartenrotunde oder
in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem rmischen Palast anbringen
lassen, tafelten.
    So wenig die Lage des Landes und des Knigs Stimmung zu rauschenden Festen
passen mochten - es galt, die Ravennaten mit den Goten und die verschiedenen
Parteien der Goten unter sich zu vershnen: und man hoffte, in Strmen des
Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen hinwegzusplen.
    Am besten bersah man den Knigstisch und die festlichen Tafeln, die sich
ber den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
Mataswinthens bestimmten kleinen Gela, dessen einziges Fenster auf die Rotunde
vor dem Garten und, ber den Garten hin, bis auf das Meer ausblicken lie.
    In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmckend zu schalten und zu walten,
hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste ausgebeten. Denn diese
ernsten, finstern Rmer wissen ebensowenig wie die rauhen Goten, dem schnsten
Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in Afrika, im Land der Wunder, lernt
man das.
    Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwlen, phantastischen
ppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre Gemach wie zu einem
kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wnde und Decke waren von glnzend weien
Marmorplatten gefgt.
    Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
Gehngen von dunkelroter Seide verhllt, die in schweren Falten von den Wnden
niederflo, sich ber die Getfeldecke wie ein Rundbogen wlbte und den
Marmorboden so dicht verhllte, da jeder Tritt lautlos drber hinglitt und
alles Gerusch sich im Entstehen brach. Nur an der Fensterbrstung sah man den
schimmernd weien Marmor sich prachtvoll von der Glut der Seide heben.
    Das Fenster von weiem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber Seide
verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strmte aus von einer Ampel, die
von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit goldnen Flgeln
schwebte aus einem Fllhorn von Blumengewinden: in den Fen trug sie eine
flache Schale aus einem einzigen groen Karneol, der, ein Geschenk des
Vandalenknigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als ein seltenes Wunder
galt.
    Und in dieser Schale glhte ein rotes Flmmchen, genhrt von stark duftendem
Zederl. Ein gebrochenes, trumerisches Dmmerlicht ergo sich von hier aus ber
das phantastische Doppelpfhl, das, halb von Blumen verschttet, darunter stand.
Aspa hatte sich das brutliche Lager als die aufgeschlagnen Schalen einer
Muschel gedacht, die an der innern Seite zusammenhngen, zwei ovale
muschelfrmige Klinen von Citrusholz erhoben sich nur wenig von dem Teppich des
Bodens. ber die weien Kissen und Teppiche hin war eine Linnendecke von
orangegoldnem Glanz gegossen.
    Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Flle von Blumen, welche die
Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem Geschmack ber
das ganze Gemach verstreut und ber die Wnde, Decken, Vorhnge, die Tre und
das Lager verteilt hatte.
    Ein Bogen von starkduftigen Geiblattranken berwlbte laubenartig die
einzige Tre, den schmalen Eingang. Zwei mchtige Rosenbume standen zu Hupten
des Lagers und streuten ihre roten und weien Blten auf die Teppiche. Die Ampel
hing, wie erwhnt, aus einem kunstvoll gewundnen Fllhorn von Blumen herab. Und
berall sonst, wo eine Falte, eine Biegung der Teppiche das Auge zu verweilen
lud, hatte Aspa eine seltene Blume glcklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der
Oleander Italiens, die sizilische Myrte, das schne Rhododendron der Alpen und
die glhenden Iriazeen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: alle lauschten je am
gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. -
    Schon standen die Sterne am Himmel.
    Es dmmerte drauen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der veilchendunkeln
Schale entzndet und war nur noch beschftigt, hier und da eine Falte zu
gltten, indes sie eine rmische Sklavin anwies, in den Silberkrgen auf dem
Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu khlen, eine andre, das Gemach mit
Balsam zu durchsprengen.
    Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So! rief Aspa,
eine volle Libation ber das Lager spritzend.
    La ab, mahnte die Rmerin, es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
betubt: die Rose und das Geiblatt berauschen fast die Sinne: mir wrde
schwindeln hier.
    Ah, lachte Aspa, wie singt der Dichter: Nchternen nimmer nahet, das
Glck: nur in seligem Rausche. La uns jetzt das Fenster schlieen. - Nur ein
wenig noch la mich lauschen, bat eine dritte junge Sklavin, die dort lehnte.
Es ist zu schn! Komm, Frithilo, sprach sie zu einer gotischen Magd, die neben
ihr stand, du kennst ja all' die stolzen Mnner und Frauen: sage, wer ist der
zur Linken der Knigin mit dem goldnen Schuppenpanzer? er trinkt dem Knig zu.
- Herzog Guntharis von Tuscien, der Wlsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta
... - wo mag der sein zu dieser Stunde?
    Und der Alte neben dem Knig, mit dem grauen Bart?
    Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht die
Frstin an. Wie sie lacht und errtet! Nie war sie so schn. - Ja, aber auch
der Brutigam - welch' herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der Nacken des
Neptun. Aber er sieht nicht frhlich - vorhin starrte er lange sprachlos in
seinen Becher und furchte die Stirn: - die Knigin sah es: - bis der alte
Hildebrand, gegenber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf. Was hat der Mann zu
seufzen? neben diesem Gtterweib.
    Nun, sprach die Gotin, er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz. Er
denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und Menschen, die
er verstoen.
    Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
urpltzlich fuhr Aspa zwischen die Mdchen: Willst du wohl schweigen mit dem
dummen Gerede, Barbarin! Mach', da du fortkommst! Ein solches Wort: - eine
Silbe, da es die Knigin hrt, und du sollst der Afrikanerin gedenken.
    Frithilo wollte erwidern. Still, rief eine der Rmerinnen. Die Knigin
bricht auf. - Sie wird hier heraufkommen. - Der Knig bleibt noch. - Nur
die Frauen folgen ihr. - Sie geben ihr das Geleit bis hierher, sprach Aspa.
Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.
    Bald nahte der Zug, von Fackeltrgern und Fltenblsern erffnet. Darauf
eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder jungen
Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und Hildiko, die
Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen den Zug.
    An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an
die jungen Mdchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Grtel verschenkend.
    Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
zurck. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, lieen sich als
Ehrenwache vor der Tre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche fr sie bereitet
lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Mnner, die den
Brutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt' es die gotische Sitte.
    Mataswintha berschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens. Aspa,
rief sie, das hast du schn gemacht - zauberisch! -
    Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme ber die Brust und beugte den Nacken.
Sie an sich ziehend, flsterte die Braut:
    Du kanntest mein Herz und seine Trume! Aber, fuhr sie aufatmend fort,
wie schwl! Deine glhenden Blumen berauschen.
    In Glut und Rausch nahen die Gtter! sprach Aspa.
    Wie schn jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Gttin Flora
flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darber ihre
schnsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier erlebe. Es
durchrieselt mich hei. - Es ist schwl. - Nehmt mir den schweren Prunk ab. Und
sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.
    Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei wallte
das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lsten die Spange, die in Gestalt
einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit seinen reichen
Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der Mantel fiel und zeigte
die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem rmellosen wallenden
Unterkleid von weier persischer Seide. Ihre schimmernden Arme umzirkten zwei
breite, goldne Armreife: - Erbstcke aus dem alten Schatz der Amalungen: grne
Schlangen von Smaragden waren darin eingelegt.
    Mit Entzcken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
schlichten.
    Wie schn du bist! wie zauberschn! - wie Astaroth, die Liebesgttin - nie
warst du so schn, wie in dieser Stunde. Mataswintha warf einen raschen Blick
in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fhlte, da Aspa recht hatte: und sie
errtete.
    Geht, sagte sie, lat mich allein mit meinem Glck. - Die Sklavinnen
gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch ffnete, wie um ihren
Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der unten vom Schein
der Hngelampen im Garten voll beleuchtet war.
    Er! Wieder er. Wohin entflieh' ich vor ihm, dem sen Tod?
    Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenber, glnzte
im Ampellicht eine weie Marmorbste. Sie kannte sie wohl: Aspa hatte den
Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht. Heute
aber schlang sich ein Kranz von weien und roten Rosen um sein Haar. Und wieder
du! flsterte die Braut, s erschrocken, und legte die weie Hand vor die
Augen. Und schlie' ich die Augen und wend' ich sie nach innen, so seh' ich
wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten Herzen. Ich werde noch untergehn
in diesem Bilde! Ach, und ich will's! rief sie, die Hand fallen lassend und
dicht vor die Bste tretend: ich will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend
kam, hab' ich zu dir aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus
deinen klaren, groen Zgen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat
dieses Ahnen, dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfllt! Wie er einst dem
weinenden Kinde die Trnen getrocknet und die Ratlose nach Hause gefhrt, so
wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
seinem Herzen. Und durch all' diese den Jahre, durch all' die letzten Monate
voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefhl: Es wird! Dir wird
geschehen, wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher an der
starken Brust. Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des Himmels: - es
ward. Ich bin sein! Dank, glhenden, seligen Dank, wer immer du bist,
beglckende Macht, die ber den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser,
mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich will's verdienen, dieses
Glck. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich bin schn: ich wei es, da
ich's bin: ich wei es ja durch ihn: - ich will's fr ihn sein. La mir, Himmel,
diese Schne. Sie sagen: ich habe einen mchtigen, schwungvollen Geist. O gib
ihm Flgel, Gott, da ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhhen.
Aber, o Gott, la mich auch abtun meine Fehler, den sprden, stolzen, leicht
gereizten Sinn, den Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbndigen Drang nach
Freiheit ... - O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmtiger Geist: ihm sich
zu beugen ist edelster Ruhm. Gib dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig' an
ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis, rief sie und sank
fortgerissen vom Gefhl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und zu der
Bste aufblickend mit schwimmenden Augen - ich bin dein. Tu, wie du willst mit
meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh', da du glcklich bist, glcklich durch
mich.
    Und sie beugte das schne Haupt vor, nach den gefaltenen Hnden.
    Doch pltzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht flo ins Gemach. An der
offenen Tre stand der Knig: drauen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten
und Ravennaten mit hellen Fackeln.
    Dank, meine Freunde, sprach der Knig mit ernster Stimme. Dank, fr das
Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht, und er wollte die Tre schlieen.
    Halt, sprach Hildebrand, mit der Hand die Tre wieder ffnend, so da
Mataswintha sichtbar ward, hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das Weib,
die heut' wir vermhlt, sind glcklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet Witichis
und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Ku.
    Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglhend die Augen nieder.
    Unschlssig stand der Knig in der Tr. Du kennst der Goten Brauch, sprach
Hildebrand laut, so tu danach.
    Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,
fhrte sie schnell einen Schritt vorwrts und berhrte mit den Lippen ihre
Stirn. Mataswintha zuckte.
    Heil euch! rief Hildebrand. Wir haben gesehen den brutlichen Ku. Wir
bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil Knig Witichis und seinem schnen
Weib, der Knigin Mataswintha.
    Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,
Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannertrger) des Knigs, Graf
Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mdchen vor der
Tre des Brautgemachs, welche Witichis nun schlo.
    Sie waren allein.
    Witichis warf einen langen, prfenden Blick durch das Gemach. Das erste, was
Mataswintha tat, war - sein Ku brannte auf ihrer Stirn -, da sie unwillkrlich
so weit als mglich von ihm hinwegglitt. So war sie - sie wute nicht wie - in
die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster, gelangt. Witichis mochte es
bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die Hnde auf das mchtige, breite und
fast brusthohe Schwert gesttzt, das er, aus dem Wehrgehng genommen, in der
Scheide, wie einen Stab, in der Rechten fhrte.
    Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf Mataswintha
gerichtet. Knigin, sprach er und seine Stimme drang ernst und feierlich aus
seiner Brust, sei getrost! Ich ahne, was du frchtend fhlst in zarter
Mdchenbrust. Es mute sein. Ich durfte dein nicht schonen. Das Wohl des Volks
gebot's: ich griff nach deiner Hand: sie mu mein sein und bleiben. Doch hab'
ich schon in allen diesen Tagen dir gezeigt, da deine Scheu mir heilig. Ich
habe dich gemieden - und wir sind jetzt zum erstenmal allein. Auch diese
geprete bange Stunde htt' ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst,
glaube ich, die alte Sitte des Brautgeleits. Und du weit, in unserm Fall liegt
alles daran, sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat und die Rte in
deinen Wangen aufflammen sah, - lieber htt' ich im desten Berggeklft dieses
mde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht: Hildebrand und Graf
Grippa und Herzog Guntharis hten diese Schwelle. Sonst ist kein Ausgang aus
diesem Gemach.
    Wollt' ich dich verlassen, es gbe Lrm und Spott und Streit: und neuen
Zwist vielleicht. Du mut mich diese Nacht in deiner Nhe dulden.
    Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch den
Purpurmantel, den er, hnlich dem Mataswinthens, ber der Schulter trug, warf er
ab.
    Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.
    Witichis drckte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
Mdchens. Komm, Mataswintha, sprach er. Verharre nicht in unvershntem Zorn.
Es mute sein, sag' ich dir. La uns, was sein mu, edel tragen und nicht durch
Kleinheit uns verbittern. Ich mute deine Hand nehmen - dein Herz bleibt frei.
    Ich wei, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du immerdar den
Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, Knigin der Goten!
    Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.
    Nicht lnger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank
zugleich zu seinen Fen nieder, da Witichis berrascht zurcktrat.
    Nein, weiche nicht zurck, du Herrlicher! rief sie. Es ist doch kein
Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang und
Furcht und Unrecht, das du mir getan. O Witichis, wohl hat man mich gelehrt, -
das Weib soll immer klug verbergen, was es fhlt, soll sich bitten lassen, und
erweichen und nur gentigt geben, was es aus Liebe gibt, auch wenn ihr ganzes
Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... - Hinweg mit diesen niedrigen Plnen
armer Klugheit! La mich tricht sein! Nicht tricht! Offen und gro, wie deine
Seele!
    Nur Gre kann dich verdienen, nur das Ungewhnliche. Du sprichst von Zwang
und Furcht? Witichis, du irrst! - Es brauchte keines Zwangs! - gern ... -
    Staunend hatte sie Witichis eine Zeitlang angesehen.
    Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. Das ist schn und gro,
Mataswintha, da du feurig fhlest fr dein Volk, die eigene Freiheit ohne Zwang
ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer darum nicht
niedriger an. Tat ich doch desgleichen! Nur um des Gotenreiches willen griff ich
nach deiner Hand und nun und nie kann ich dich lieben.
    Da erstarrte Mataswintha.
    Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
sie starrte ihn mit groen, offnen Augen an. Du liebst mich nicht? du kannst
mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein Gott? Sag',
bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schnste Weib der Erde genannt?
    Aber der Knig beschlo, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. Ja, du bist Mataswintha, und teilst
meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Knigs, aber nicht
das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben ist auf ewig
einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von mir gerissen: und
dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis, mein Weib, mein treues
Weib im Leben und im Tod!
    Ha! rief Mataswintha, wie von Fieber geschttelt und beide Arme erhebend,
und du hast es gewagt ... -
    Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den Knig.
Du wagst es! rief sie nochmals - Hinweg, hinweg von mir!
    Still, sprach Witichis, willst du die Lauscher drauen herbeirufen? Fasse
dich, ich verstehe dich nicht.
    Und rasch zog er das mchtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
Doppelpfhl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
aneinanderstieen.
    Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.
    Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.
    Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, - ich bleibe links. So teile, wie
ein Schwertschnitt, diese Nacht fr immer unser Leben!
    Aber in Mataswinthens Busen wogten die mchtigsten Gefhle, furchtbar
ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glhender Ha. Die Stimme versagte
ihr. Nur fort, fort aus seiner Nhe, konnte sie noch denken. Sie eilte gegen
die Tr.
    Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.
    Du mut bleiben. Da zuckte sie zusammen: das Blut scho in ihr auf,
bewutlos sank sie nieder.
    Ruhig sah Witichis auf sie herab. Armes Kind, sprach er, der schwle Duft
in diesem Gela hat sie ganz verwirrt! Sie wute nicht, was sie sinnlos sprach!
    Was ist deine kleine, mdchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens
Herzzerreiung und die meine.
    Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfhl zur Rechten des
Schwertes.
    Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
zur Linken und lehnte den Rcken an das Lager.
    Lang sa er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
Haargeflecht gedrckt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es kam kein
Schlaf in seine kummervollen Augen. -
    Mit dem ersten Hahnenschrei verlie die Brautwache ihren Posten, von
Fltenblsern abgeholt. Gleich darauf schritt der Knig aus dem Gemach, in
voller Rstung.
    Die Flten hatten auch Mataswintha geweckt.
    Aspa, die sich leise heranschlich, hrte pltzlich einen dumpfen Schlag. Sie
eilte in das Gemach. Da stand die Knigin, auf des Knigs langes Schwert
gesttzt, und starrte vor sich zur Erde.
    Der Areskopf lag zertrmmert zu ihren Fen.

                                Drittes Kapitel.


Im friedlichen Licht des spten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
Kloster, die am Fu des Apenninus nordstlich von Perusia und Asisium, sdlich
von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des kleinen Fleckens
Tagin, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des Jenseits einzulsen.
    Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgefhrt, umfriedete
mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grnem Laubwerk. An
den vier Seiten desselben liefen khle Bogengnge hin mit Apostelstatuen und
Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmckt. All' dies Bildwerk hatte
den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren sinnbildliche Darstellungen aus
der heiligen Schrift, zumal aus der Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch
jener Zeit.
    Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen von
diesen hohen und starken Mauern. Zypressen und Thuien herrschten vor in den
Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen ward. Die
strenge Klosterordnung duldete die Vglein nicht: der Nachtigall ses Rufen
sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stren.
    Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng
kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem Freunde
Valerius den ganzen Plan der ueren und inneren Einrichtung seiner Stiftung
entworfen - hnlich der Regel des Mnnerklosters, das er selbst zu Squillacium
in Unteritalien gegrndet - und dessen Ausfhrung berwacht hatte. Und sein
frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter Geist
drckte sich denn im grten wie im kleinsten dieser Schpfung aus. Die zwanzig
Jungfrauen und Witwen, welche hier als Religios lebten, verbrachten in Beten
und Psalmensingen, in Bue und Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkttiger
christlicher Liebe, indem sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Htten
aufsuchten und ihnen Seele und Leib trsteten und pflegten.
    Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck, wenn
durch die dunkeln Zypressengnge hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte, in
dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt die weie
enganschlieende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von den gyptischen
Isispriestern berkommen. Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen
Buchsgebschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust. Immer
gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei jeder Begegnung
aneinander vorber. Denn das Gesprch war auf das Unerlliche beschrnkt.
    In der Mitte des Gartens flo ein Quell aus dunklem Gestein, von Zypressen
berragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.
    Es war ein stilles, schnes Pltzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
Laube und verbargen beinahe vllig ein finsteres, rohes Steinrelief, das die
Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.
    An diesem Quell sa, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
schne, jungfruliche Gestalt in schneeweiem Gewand, das eine goldne Spange
ber der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in weichen Wellen
zurckgelegt, umflocht eine fein geschlungene Efeuranke: - - Valeria war's, die
Rmerin.
    Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden, seit
die Sulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestrzt. Sie war bleicher und
ernster geworden in diesen einsamen Rumen. Aber ihr Auge leuchtete noch in
seiner ganzen stolzen Schnheit.
    Sie las mit groem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureien, die
feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkrlich, und zuletzt ward die
Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

    - - Und er vermhlte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. -
    Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
    Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmndige Knblein,
    Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
    Schweigend betrachtete Hektor mit lchelndem Blicke den Knaben.
    Aber Andromache trat mit trnenden Augen ihm nher,
    Drckt' ihm zrtlich die Hand und begann die geflgelten Worte:
    Bser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knbleins
    Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
    Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich tten,
    Alle mit Macht einstrmend auf dich. Dann wr' mir das beste,
    Da mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
    Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
    Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
    Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... -

    Sie las nicht weiter: die groen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
versagte; sie neigte das blasse Haupt.
    Valeria, sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich ber ihre
Schulter. Trnen ber dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: die Ilias! Kind!
ich gab dir doch die Evangelien.
    Verzeih mir, Cassiodor. Es hngt mein Herz noch andern Gttern an als
deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen Mauern
weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an die letzten
Fden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen Grauen und Liebe
ratlos schwankt der Sinn.
    Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
Wohlan, so zieh' hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre zurck
zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glck zu finden.
    Sie aber schttelte das schne Haupt. Es geht nicht mehr. Feindlich ringen
in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege - ich verliere immer.
    Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mchte, Erdenlust und
Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.
    Weh' denen, fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, welchen das
Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu den
Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines der beiden
froh.
    In dir, mein Kind, sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, walten freilich
unvershnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter Sinn. Dein Vater,
ein Rmer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen Welt, khn, sicher,
selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend, wenig, allzuwenig, frcht'
ich, ergriffen von dem Geist unsres Glaubens, der nur im Jenseits unsre Heimat
sucht - in der Tat, Valerius, mein Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ.
Und daneben deine Mutter, fromm, sanft, aus einem Mrtyrergeschlecht, den Himmel
suchend und der Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in
dich ... -
    Nein, sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt krftig zurckwerfend,
ich fhle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu.
Die Mutter war viel krank und starb schon frh. Unter meines Vaters Augen wuchs
ich auf; Iphigenia und Antigone und Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia
waren die Freundinnen meiner Jugend. Nicht viele Priester sah man in des
Kaufherrn Haus und wenn er abends mit mir sa und las, so waren's Livius und
Tacitus und Vergilius, nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran
bis in mein siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn
auch die Tugenden, die der Vater pries und bte, sie galten nur dem Staat, dem
Haus, den Freunden. Glcklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine Seele.
    Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.
    Ich war glcklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern mit
ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele.
Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher sorgfltig
verborgen hatte, da die Mutter in schwerer Krankheit mich schon vor meiner
Geburt durch ein Gelbde dem ehelosen Leben im Kloster geweiht, wenn Gott sie
und ihr Kind am Leben erhalte, und da mein Vater, dem dieser Gedanke
unertrglich, spter mich vom Himmel eingelst, indem er, freilich mit
Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter hinzugeben, Kirche und
Kloster hier gebaut.
    So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermgens! Darber kannst du
dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu binden
und zu lsen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelbdes gebilligt. Du bist
frei! - Aber ich fhle mich nicht frei! Nicht mehr seit jener Stunde! Was auch
du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in meinem Herzen spricht eine Stimme:
der Himmel nimmt nicht totes Gold statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal
lt sich nicht abkaufen, was einmal ihm verwirkt war. Die finstre, ernste,
drohende Macht jenes heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und
geblieben ist, die in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein
zwingend Herrschaftsrecht ber meine Seele und lt nicht davon. Ich bin ihr
verfallen. Ihr gehr' ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher doch.
Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener goldnen Welt
meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch immer von innen
meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will, immer ziehen wieder
die Wolkenschatten ber meine Seele. Sie drohen im Hintergrunde aller Freuden:
wie dort das finstre Martyrbild hinter den roten Rosen.
    Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest.
    Ich hasse es nicht. Ich frchte es. Wohl war eine Zeit, - und ein Strahl
der Freude flog ber ihre Zge da glaubte ich den dunkeln Schatten fr immer
besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen Goten
lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschlo, als so viel Jugend,
Schnheit, Liebe und Glck mich umfluteten, da whnte ich wohl, fr immer sei
jener Bann gelst. Aber es whrte nicht lang.
    Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
ich zwischen ihn und mich gebaut und immer nher drangen seine Schlge. Der
Krieg bricht aus, mein teurer Vater fllt und nimmt einen verhngnisvollen Eid
des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen und
ich mu flchten aus meiner Vaterstadt. Sie fllt dem Feinde zu. Nur das Opfer
eines kstlichen Lebens rettet mir den Geliebten. Die Woge des Krieges
verschlgt ihn fern von mir.
    Und wie ich erwache aus der Betubung dieses Streichs, - find' ich mich
hier, in diesem groen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst sehen,
der Himmel begngt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch die Leiche,
die hinein gehrt.
    Valeria! Du solltest Kassandra heien.
    Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!
    Du weit, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergit ber
dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag' ich dir, du qulst
dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelst, so bist du frei.
    Die Seele lst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
wirst erfllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage - nie werd' ich glcklich,
nie werd' ich Totilas, und diese Sttte wird ... -
    Und wenn's so wre? Hngst du denn noch gar so fest an Glck und Hoffnung?
Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je frher du dich
losmachst, desto grerem Weh' entrinnst du. Ich habe die Welt und ihre falschen
Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und treulos erfunden. Nichts
auf Erden fllt die Seele aus, die nicht von dieser Erde ist. Wer das erkennt,
der sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der Snde. Erst in der Welt
jenseits des Grabes ist deine Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... -
    Nein, nein, Cassiodor, rief die Rmerin, meine ganze Seele verlangt nach
Glck auf dieser schnen Erde! Ihr gehr' ich an! Auf ihr fhl' ich mich
heimisch. Blauer Himmel, weier Marmor, rote Rosen, linde, duftgefllte
Abendluft: - wie seid ihr schn!
    Das will ich einatmen mit entzckten Sinnen! Wer das geniet, ist glcklich!
Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein Bild in meiner
bangen Seele! Nebel, Schatten - graues Ungewi allein liegt jenseit des Grabes.
Wie spricht Achilleus?

    Trste mich doch nicht ber den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
    Lieber ja mcht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
    Fr den bedrftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
    Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.

    So empfind' auch ich. Weh dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint. O
wie gern, wie gern wr' ich glcklich in dieser schnen Welt, in meinem schnen
Heimatland: wie frcht' ich das Unheil, das doch unaufhaltsam nher dringt, wie
hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten unhrbar, doch
unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar nahenden Schatten meines
Lebens!
    Da drang vom Eingang her ein heller, krftig lust'ger Schall, ein fremder
Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
widertnten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der gotischen
Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.
    Aus dem Wohngebude aber eilte der alte Pfrtner herbei. Herr, rief er,
keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lrmen und verlangen Fleisch und
Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Fhrer: - da ist er schon -
    Totila! jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
schimmernder Rstung, vom weien Mantel umwallt, waffenklirrend, heranschritt.
    O du bringst Luft und Leben! - Und neues Hoffen und die alte Liebe, rief
Totila. Und sie hielten sich umschlungen.
    Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben! - Ich komme
geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Hfen der Frankenknige. O
Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben sie's! Da
kmpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre Germanenart. Nahe ist
der Rhenus und Danubius, und ungezhlte Germanenstmme wohnen dort in alter
ungebrochner Kraft: - wir dagegen sind wie ein vorgeschobner, verlorner Posten,
ein einzelner Felsblock, den rings feindliches Element benagt.
    Doch desto grer, sprach er, sich aufrichtend, ist der Ruhm, hier, mitten
im Rmerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.
    Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und Lorbeer
begrten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fhlte klar: wenn mein
edles Volk sich siegreich erhlt in diesem edlen Land, dann wird die Menschheit
ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.
    Valeria drckte dem Begeisterten die Hand.
    Und was hast du ausgerichtet? fragte Cassiodor.
    Viel! - Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
einzufallen. Die Gtter - vergib mir, frommer Vater -, der Himmel war mit mir
und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen seine
Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.
    Wo lieest du Julius?
    Ich geleitete ihn bis in seine schne Heimatstadt Avenio. Dort lie ich ihn
unter blhenden Mandelbumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie mehr den
Platon, meist den Augustinus in der Hand und trumt und trumt vom ewigen
Vlkerfrieden, vom hchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl ist es schn in
jenen grnen Tlern: - doch neid' ich ihm die Mue nicht. Das Hchste ist das
Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, fr dieses Volk der Goten zu kmpfen
und zu ringen. berall, wo ich des Rckwegs kam, trieb ich die Mnner zu den
Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich auf dem Wege nach Ravenna. Ich
selber fhre eine vierte dem wackern Knig zu. Dann geht es endlich vorwrts
gegen diese Griechen, und dann: Rache fr Neapolis! Und mit blitzenden Augen
hob er den Speer - er war sehr schn zu schauen.
    Entzckt warf sich Valeria an seine Brust. O sieh, Cassiodor, das ist meine
Welt! meine Freude! mein Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe und
die Seele in Lieb' und Ha bewegt - fllt das die Menschenbrust nicht aus?
    Jawohl: im Glck und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum Himmel
fhrt.
    Mein frommer Vater, sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich drckend,
mit der Rechten an seine Schulter rhrend, schlecht steht mir an, mit dir, dem
ltern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist mein Herz geartet. Wenn
ich je zweifeln knnte an eines gtigen Gottes Walten, so ist es, wann ich
Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich der edeln Miriam Auge brechen
sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: lebt denn kein Gott?
    Im Glck, im Sonnenschein fhl' ich den Gott und seine Gnade wird mir
offenbar. Er will gewi der Menschen Glck und Freude: - der Schmerz ist sein
heiliges Geheimnis - ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rtsel klar.
Einstweilen aber la uns auf der Erde freudig das Unsre tun und keinen Schatten
uns allzulang verdunkeln.
    In diesem Glauben, Valeria, la uns scheiden. Denn ich mu fort zu Knig
Witichis mit meinen Reitern.
    Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?
    Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!
    Ich wei, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen ernsten
Mauern fhren darf ins sonnige Leben. La dich indes nicht allzusehr verdstern.
Es kommt der Tag des Sieges und des Glcks: und mich erhebt's, da ich zugleich
das Schwert fr mein Volk und meine Liebe fhre.
    Inzwischen war der Pfrtner mit einem Schreiben an Cassiodor wiedergekommen.
    Auch ich mu dich verlassen, Valeria, sprach der.
    Rusticiana, des Bothius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.
    Dahin fhrt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
Valeria!
    Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
Trmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller Rstung
sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine Reiter hinter ihm
traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die blaue Fahne flatterte lustig
im Winde: alles war voll Leben, Kraft und Jugend.
    Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.
    Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
unwillkrlich sprachen sich ihre Gefhle aus in den Worten ihres Homeros:

    Siehest du nicht wie schn von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
    Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhngnis,
    Wann auch ihm in des Kampfes Gewhl das Leben entschwindet.
    Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.

    Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurck.

                                Viertes Kapitel.


Inzwischen hatte Knig Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst und
Ttigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.
    Whrend jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt grere und kleinere
Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an die
Grenzen gesendet hatte, arbeitete der Knig unablssig daran, das ganze groe
Heer, das allmhlich bis auf einhundertundfnfzig Tausendschaften gebracht
werden sollte, auszursten, zu waffnen, zu gliedern und zu ben.
    Denn die Regierung Theoderichs war eine uerst friedliche gewesen: nur die
Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine Truppenmassen, hatten mit Gepiden,
Bulgaren und Avaren zu tun gehabt, und in den mehr als dreiig Jahren der Ruhe
waren die kriegerischen Ordnungen eingerostet.
    Da hatte der tchtige Knig, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
untersttzt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in Ravenna
ungeheure Vorratsspeicher angelegt und zwischen der dreifachen Umwallung der
Stadt endlose Reihen von Werksttten fr Waffenschmiede aller Art aufgeschlagen,
die Tag und Nacht unablssig zu arbeiten hatten, den Forderungen des
kampfbegierigen Knigs, des massenhaft anschwellenden Heeres zu gengen. Ganz
Ravenna ward ein Kriegslager. Man hrte nichts als die Hammerschlge der
Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und Waffenlrm der sich benden
Heerscharen.
    In diesem Getse, in dieser rastlosen Ttigkeit betubte Witichis, so gut es
gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag entgegen, da
er sein schnes Heer zum Angriff gegen den Feind fhren knne. Doch hatte er bei
allem Drange, im Kampfgewhl sich selber zu verlieren, seiner Knigspflicht
nicht vergessen, und durch Herzog Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten
an Belisar gesendet mit den migsten Vorschlgen.
    So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen Blick
und Gedanken fr seine Knigin, der er auch, wie er meinte, kein greres Gut
als die ungestrteste Freiheit zuwenden konnte.
    Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dmon
erfllt, von dem Dmon unersttlicher Rache. In Ha bergeschlagene Liebe ist
der giftigste Ha.
    Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
dieses Mannes hoch zu den Sternen erhht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre Liebe,
war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang der Sonne,
hatte sie die Erfllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann erwartet.
    Und nun mute sie sich gestehen, da er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
und nicht erwidert: da sie, obwohl seine Knigin, mit dieser Liebe wie eine
Verbrecherin dem verstoenen und doch ewig allein in seinem Herzen wohnenden
Weibe gegenberstehe. Und er, auf den sie als Retter und Befreier von unwrdigem
Zwang gehofft, er hatte ihr die hchste Schmach angetan: eine Ehe ohne Liebe. Er
hatte ihr die Freiheit genommen und kein Herz dafr gegeben. Und warum? was war
der letzte Grund dieses Frevels?
    Das Gotenreich, die Gotenkrone!
    Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu
verderben. Htte er meine Liebe nicht erwidert - ich wre zu stolz, ihn darum
zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behngt mich, wie zum Hohne, mit dem
Namen seines Weibes, fhrt diese Liebe bis hart an den Gipfel der Erfllung und
stt mich dann achtlos hinunter in die Nacht unaussprechlicher Beschmung. Und
warum? warum das alles. Um einen eiteln, leeren Schall: Gotenreich! Um einen
toten Reif von Gold. Weh ihm, und wehe seinem Gtzen, dem er dies Herz
geschlachtet. Er soll es ben. An seinem Gtzenbilde soll er's ben. Hat er
mir ohne Schonung mein Idol, sein eigen Bild, meine schne Liebe mit Fen
getreten, - wohlan, Gtze gegen Gtze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu
sehen, diese Krone zerstckt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um
den er die Blte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine
Bste. Und wenn er verzweifelnd, hnderingend vor den Trmmern steht, will ich
ihm zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Gtzen aus.
    So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der nicht
nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glck dem Vaterland geopfert.
    Vaterland, Gotenreich: - der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen fr ihre
Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres Einen
Gefhls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache fr die
Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre hchste,
grimmige Lust. O htte sie, wie jene Marmorbste, mit Einem Streich, dies Reich
zerschmettern knnen!
    Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze dmonische
Klugheit. Sie wute ihren tdlichen Ha und ihre geheimen Rachegedanken so tief
vor dem Knig zu verbergen, - so tief wie sie sich selbst die geheime Liebe
verbarg, die sie noch immer fr den grimmig Verfolgten im tiefsten Busen trug.
    Auch wute sie dem Knig ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn auch in
feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie, da sie dem
gehaten Knig nur dann schaden, seine Sache nur dann verderben konnte, wenn sie
in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht, mit ihren Strken wie mit ihren
Blen genau vertraut war.
    Ihre hohe Stellung machte ihr leicht mglich, alles, was sie wissen wollte,
zu erfahren: schon aus Rcksicht auf ihren groen Anhang konnte man der
Amalungentochter, der Knigin, Kenntnis der Lage ihres Reiches, ihres Heeres
nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen Nachrichten, die
er selbst erfuhr. In wichtigeren Fllen wohnte sie selbst den Beratungen bei,
die in den Gemchern des Knigs gehalten wurden.
    So war Mataswintha ber die Strke, Beschaffenheit und Einteilung des
Heeres, die nchsten Angriffsplne der Feldherren und alle Hoffnungen und
Befrchtungen der Goten so gut wie der Knig selbst unterrichtet. Und sehnlich
wnschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und so verderblich
wie mglich zu verwerten.
    Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen. Naturgem
richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten neutralen, im Herzen
aber ausnahmslos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer Umgebung, mit denen sie
leichten und unverdchtigen Verkehr pflegen konnte.
    Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, - da war keiner, dessen
Tatkraft und Klugheit sie das tdliche Geheimnis htte vertrauen mgen, da die
Knigin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten wolle. Diese feigen
und unbedeutenden Menschen - die Tchtigeren waren lngst zu Cethegus oder
Belisar gegangen - waren ihr weder des Vertrauens wrdig, noch schienen sie
Witichis und seinen Freunden gewachsen.
    Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den Knig und die Goten selbst zu
erkunden, welchen unter allen Rmern sie fr ihren gefhrlichsten, bedeutendsten
Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen hrte sie immer nur
Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen einzigen. Und der sa ihr
unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus, der Prfekt. Es war ihr
unmglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen. Keinem ihrer rmischen Sklaven
wagte sie einen so verhngnisvollen Auftrag, als ein Brief nach Rom war,
anzuvertrauen.
    Die kluge und mutige Numiderin, die den Ha ihrer angebeteten Herrin gegen
den rohen Barbaren, der diese verschmht, vollauf teilte, ungeschwcht bei ihr
durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu Cethegus zu
finden. Aber Mataswintha wollte das Mdchen nicht den Gefahren einer Wanderung
durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und schon gewhnte sie sich an
den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom zu verschieben, ohne inzwischen
in ihrem Eifer in Erforschung der gotischen Plne und Rstungen zu erkalten.
    So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurck von dem Kriegsrat, der
drauen im Lager, im Zelt des Knigs, war gehalten worden. Denn seit die
Rstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs gewrtig
waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu sein, seine
Gemcher im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung mitten unter seinen
Kriegern aufgeschlagen.
    Langsam, das Vernommene ihrem Gedchtnis einprgend und ber die Verwertung
nachsinnend, wandelte die Knigin, nur von Aspa begleitet, durch die uersten
Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur Linken, die weien Zelte zur
Rechten. Sie mied das Gedrnge und den Lrm der innern Gassen des Lagers.
    Whrend sie bedchtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich hier
um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhrte und nie gesehene
Knste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen der Zuschauer zu
schlieen.
    Aspa zgerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
junger, schlanker Bursch: nach der blendend weien Haut des Gesichts und der
bloen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein Kelte,
wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete wirklich
Wunderdinge auf seiner einfachen Bhne. Bald sprang er in die Hhe, berschlug
sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf die Fe, bald auf die
Hnde, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen mit sichtlichem Behagen zu
verspeisen und dafr Mnzen auszuspeien: dann verschluckte er einen fulangen
Dolch und zog ihn spter wieder aus seinen Haaren hervor, um ihn mit drei, vier
andern scharfgeschliffenen Messern in die Luft zu werfen und eins nach dem
andern mit nie fehlender Behendigkeit am Griff aufzufangen, wofr ihn Gelchter
und Rufe der Bewunderung von Seiten seiner Zuschauer belohnten.
    Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.
    Sie sah nach der Herrin und bemerkte, da ihr Weg gesperrt war von einer
Schar italischer Lasttrger und Troknechte, welche die Gotenknigin offenbar
nicht kannten und gerade an ihr vorbei, ber den Weg hin, nach dem Wasser zu,
lrmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen Gegenstand, den Aspa nicht
wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu werfen.
    Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
Tisch einen gellenden Schrei ausstie; Aspa wandte sich erschrocken und sah den
Gallier in ungeheurem Satz ber die Kpfe der Zuschauer weg wie einen Pfeil
durch die Luft auf die Italier losschieen. Schon stand er mitten in dem Haufen
und schien, sich bckend, einen Augenblick unter ihnen verschwunden.
    Aber pltzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
der Italier strzte von seinen Faustschlgen nieder.
    Im Augenblick war Aspa an der Knigin Seite, die sich schnell aus der Nhe
der Schlgerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen blieb, mit
dem Finger auf die Gruppe weisend.
    Und seltsam in der Tat war das Schauspiel.
    Mit unglaublicher Kraft und noch grerer Gewandtheit wute der Gaukler das
Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner anspringend, sich
wendend und duckend, weichend, dann wieder pltzlich vorspringend und den
nchsten am Fu niederreiend oder mit krftigem Faustschlag vor Brust oder
Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.
    Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke hielt
er, wie etwas bergend und schtzend, dicht an die Brust. So whrte der ungleiche
Kampf minutenlang. Der Gaukler ward nher und nher von der wtenden, lrmenden
Menge dem Wasser zugedrngt. Da blitzte eine Klinge. Einer der Troknechte,
zornig ber einen schweren Schlag, zuckte ein Messer und sprang den Gaukler von
hinten an. Mit einem Schrei strzte dieser zusammen: die Feinde ber ihn her.
    Auf! reit sie auseinander! helft dem Armen, rief Mataswintha den Kriegern
zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen, ich befehle es!
die Knigin!
    Die Goten eilten nach dem Knuel der Streitenden: aber noch ehe sie
herankamen, sprang der Gaukler, der sich fr einen Moment von allen Feinden
losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon, gerade auf
die beiden Frauen zu - verfolgt von den Italiern, welche die wenigen Goten nicht
aufzuhalten vermochten.
    Welch ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe: ein
Stck seiner gelben Haare schleifte am Rcken, und siehe, unter der gelben
Percke kam schwarzes glnzendes Haar zum Vorschein und der weie Hals verlief
in eine bronzebraune Brust.
    Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.
Schtze mich, rette mich, weie Gttin! schrie er und brach zusammen vor
Mataswinthas Fen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste schwang
sein Messer. -
    Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel ber den Gefallenen: Zurck!
sprach sie mit Hoheit, lat ab von ihm. Er steht im Schutz der Gotenknigin.
Verblfft wichen die Troknechte zurck. So? rief nach einer Pause der mit dem
Dolch, straflos soll er ausgehn, der Hund und Sohn eines Hundes? und fnf von
uns liegen am Boden halbtot? und ich habe fortan drei Zhne zu wenig? Und keine
Strafe? - Er ist gestraft genug, sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde
am Halse deutend. Und all das um einen Wurm, schrie ein zweiter, um eine
Schlange, die aus seinem Ranzen schlpfte, und die wir mit Steinen warfen. -
Da seht! er hat die Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm. -
Schlagt ihn tot, schrien die andern.
    Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Knigin
Gehorsam, die Italier unsanft zurckstoend und einen Kreis um den Gefallnen
schlieend. Aspa blickte scharf zu und pltzlich sank sie mit gekreuzten Armen
neben dem Gaukler nieder.
    Was ist dir, Aspa? steh auf! sprach Mataswintha staunend. O Herrin!
stammelte diese, der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines Volkes. Er
betet zu dem Schlangengott! Sieh' hier seine braune Haut unter dem Halse. Braun
wie Aspa, - und hier - hier, eine Schrift; Schriftzeichen eingeritzt ber seiner
Brust: die heilige Gemeinschrift meiner Heimat, jubelte sie. Und, mit dem
Finger deutend, hob sie an zu lesen.
    Der Gaukler scheint verdchtig. - Warum diese Verstellung? sprach
Mataswintha. Man mu ihn in Haft nehmen.
    Nein, nein, o Herrin, flsterte Aspa. Weit du, wie die Inschrift lautet?
- Kein Auge als meines kann sie dir deuten. - Nun?, fragte Mataswintha. Sie
lautet, flsterte Aspa leise: Syphax schuldet ein Leben seinem Herrn,
Cethegus, dem Prfekten. Ja, ja ich erkenne ihn, das ist Syphax, Hiempsals
Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Gtter senden ihn zu uns.
    Aspa, sprach Mataswintha rasch, ja, ihn senden die Gtter: die Gtter der
Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und folgt damit
meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem Dienst.

                                Fnftes Kapitel.


Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht von
Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette ihres
verwundeten Landsmannes, der unter ihren Hnden, ihren Krutern und Sprchen
sich rasch erholte.
    Knig Witichis selbst hatte diesmal die Knigin abgeholt mit dem ganzen
Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat gehalten
werden. Das Eintreffen der letzten Verstrkungen war auf heute angekndet: und
auch Guntharis und Hildebad wurden zurckerwartet mit der Antwort Belisars auf
das Friedensanerbieten.
    Ein verhngnisvoller Tag! sagte Witichis zu seiner Knigin. Bete zum
Himmel um den Frieden.
    Ich bete um den Krieg, sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.
Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache? - Nach Rache nur noch ganz
allein und sie wird mir werden.
    Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerfhrern
erfllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen Gru.
Sind die Gesandten zurck? fragte der Knig, sich setzend, den alten
Hildebrand, so fhrt sie ein.
    Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhnge und Herzog
Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.
    Was bringt ihr? Frieden oder Krieg? fragte Witichis eifrig. Krieg! Krieg,
Knig Witichis! riefen beide Mnner mit Einem Munde. Wie? Belisar verwirft die
Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich, eindringlich, meine Vorschlge
mitgeteilt?
    Herzog Guntharis trat vor, und sprach: Ich traf den Feldherrn im Kapitol
als Gast des Prfekten und sprach zu ihm: Der Gotenknig Witichis entbietet dir
seinen Gru.
    In dreiig Tagen kann er mit hundertfnfzig Tausendschaften wehrhafter Goten
vor diesen Toren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese ehrwrdige Stadt
wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut getrnkten Gefilde nie
geschaut.
    Der Knig der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sizilien abzutreten und ihm in jedem seiner
Kriege mit dreiigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort Rom und
Italien rumt, das uns gehrt nach dem Recht der Eroberung wie nach dem Vertrag
mit Kaiser Zeno, der es Theoderich berlie, wenn er den Odovaker strzen knne.
So sprach ich, deinem Auftrag gem.
    Belisar aber lachte und rief: Witichis ist sehr gndig, mir die Insel
Sizilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke ihm
dafr die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war abgezwungen,
und das Recht der Eroberung, - nun das spricht jetzt fr uns. Kein Friede, als
unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die Waffen, und das ganze Volk
zieht ber die Alpen und sendet Knig und Knigin als Geiseln nach Byzanz.
    Ein Murren der Entrstung ging durch das Zelt.
    Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rcken und
schritten hinaus. Auf Wiedersehen in Ravenna, rief er uns nach. Da wandt' ich
mich, sprach Hildebad, und rief: Auf Wiedersehen vor Rom! Auf, Knig Witichis,
jetzt zu den Waffen. Du hast das uerste versucht an Friedensliebe und Schmach
geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezgert und gerstet! Jetzt fhr' uns
an, zum Kampf.
    Da tnten Trompetenste aus dem Lager: man hrte den Hufschlag eilig
nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila in
glnzenden Waffen, vom weien Mantel umwallt. Heil meinem Knig, Heil dir
Knigin, sprach er huldigend. Mein Auftrag ist erfllt: ich bringe dir den
Freundesgru des Frankenknigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde von Byzanz,
dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer wird nicht gegen die
Goten in Italien einrcken. Graf Markja von Mediolanum, der bisher die
Kottischen Alpen gegen die Franken gedeckt, ward dadurch frei mit seinen
Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im Rckweg hab' ich aufgerafft, was ich
irgend von waffenfhigen Mnnern fand und die Besatzungen der Burgen an mich
gezogen. Ferner:
    Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein Knig: ich fhre dir
sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu tummeln in
den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: fhr' uns zum Kampf, zum
Kampf nach Rom.
    Hab' Dank, mein Freund, fr dich und deine Reiter.
    Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
ihr Feldherren, wie viele fhrt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet auf!
    Ich fhre drei Tausendschaften Fuvolk, rief Hildebad. Ich vierzig
Tausendschaften zu Fu und zu Ro mit Schild und Speer, sprach Herzog
Guntharis. Ich vierzig Tausendschaften zu Fu: Bogenschtzen, Schleuderer,
Speertrger, sagte Graf Grippa von Ravenna. Ich sieben Tausendschaften mit
Messer und Keule, zhlte Hildebrand. Und dazu Totilas sechs Tausendschaften
Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften Tejas mit der Streitaxt - wo ist
er? ich vermisse ihn hier! - Und ich habe meine Scharen zu Fu und zu Ro auf
fnfzig Tausendschaften erhht, schlo der Knig.
    Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften, schrieb der
Protonotar, die Pergamentrolle dem Knig berreichend.
    Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes ber des Knigs ernstes
Angesicht. Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Mnner: Belisar, sollen
sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr noch Rast, um
aufzubrechen?
    Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
Frage vernommen. Sein Auge sprhte Blitze, er bebte vor Zorn. Rast? Keine
Stunde Rast mehr: auf zur Rache, Knig Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Fhr' uns sofort zum Kampf!
    Was ist geschehn?
    Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschlo, wie du weit, seit
lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und fern.
Der junge Graf Arahad nur - er suchte wohl den Tod - berfiel mit seiner kleinen
Gefolgschaft die bermacht; er fiel im tapfersten Gefecht. Verzweifelt
widerstand das Huflein gotischer Mnner in der Burg. Denn alles wehrlose Volk
der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen Land in Tuscien, Valeria
und Picenum war hierher geflchtet vor dem Feind, wohl viele Tausend. Endlich
zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die Tore zu ffnen. Der Hunne schwor
allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht zu vergieen. Er zog ein und befahl den
Goten sich in der groen Basilika Sankt Zenos zu versammeln. Das taten sie, ber
fnftausend Kpfe, Greise, Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als
sie alle beisammen ... - Teja hielt schaudernd inne.
    Nun? fragte Mataswintha, erblassend.
    Da schlo der Hunne die Tren, umstellte das Haus mit seinem Heer und -
verbrannte sie alle fnftausend, samt der Kirche.
    Und der Vertrag? rief Witichis.
    Ja, so schrien auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen. Der
Vertrag, lachte der Hunne, sei erfllt: kein Tropfe Blutes sei vergossen.
Ausbrennen msse man die Goten aus Italien wie die Feldmuse und schlechtes
Gewrm. Und so sahen die Byzantiner zu, wie fnftausend Goten, Greise, Weiber,
Kranke, Kinder - Knig Witichis, hrst du's? Kinder! - elend erstickten und
verbrannten. Solches geschieht und du - du sendest Friedensboten! Auf, Knig
Witichis, rief der Ergrimmte, das Schwert aus der Scheide reiend, wenn du ein
Mann bist, brich jetzt auf zur Rache. Die Geister der Erwrgten ziehen vorauf: -
Fhr' uns zum Kampf! zur Rache fhr' uns an!
    Fhr' uns zum Kampf! zur Rache fhr' uns an! widerhallte das Zelt vom Ruf
der Goten.
    Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.
    So soll's sein. Das uerste geschah. Und unsre beste Rstung ist unser
Recht: jetzt auf, zum Kampf.
    Und er reichte seiner Knigin die Pergamentrolle, die er in der Hand hielt,
die ber seinem Stuhl hngende Knigsfahne, das blaue Bandum, zu ergreifen.
    Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand, als seine war: - doch
zaget nicht. Ihr wisset: bermtige Zuversicht ist meine Sache nicht, doch
diesmal sag' ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg, ein
groer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht auf,
sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!
    Nach Rom, widerhallte das Zelt. Nach Rom!

                               Sechstes Kapitel.


Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die Stadt
zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung bertragen.
    Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner vorausgeschickten
Streifscharen, die durch den bergang der Italier alles flache Land, auch alle
Festen und Burgen und Stdte, bis nahe bei Ravenna, gewonnen, hatten in ihm die
Zuversicht erzeugt, da der Feldzug bald beendigt und nur das Erdrcken der
ratlosen Barbaren in ihrem letzten Schlupfwinkel brig sei.
    Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Sden der Halbinsel: Bruttien,
Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die Valeria
durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas und
Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die unter Fhrung
des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des Massageten schman
standen, vorausgesetzt worden, Tuscien zu unterwerfen.
    Bessas rckte vor das sturmfeste Narnia: fr die damaligen Belagerungsmittel
war die Burgstadt fast uneinnehmbar: - sie thront auf hohem Berge, dessen Fu
der tiefe Nar umsplt. Die beiden einzigen Zugnge, vom Osten und vom Westen,
sind ein enger Felsenpa und die hohe, alte, von Kaiser Augustus gebaute,
befestigte Brcke. - Aber die rmische Bevlkerung berwltigte die halbe
gotische Hundertschaft, die hier lag, und ffnete den Thrakiern des Bessas die
Tore. Dem Constantinus erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und
Perusia. Auf der stlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein
andrer Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
zweier byzantinischer Heerfhrer, des Magister Militum fr Illyrien, Mundus, und
seines Sohnes Mauritius, die gleich im Anfang des Krieges bei Salona in
Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gercht, Salona besetzt und
durch ihre groe bermacht die geringen gotischen Scharen zum Rckzug auf
Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien war darauf den Byzantinern
zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir sahen, die Hunnen Justinians
schon durch Picenum und bis in die milia.
    Die Friedensvorschlge des Gotenknigs hielt Belisar daher fr Zeichen der
Schwche. Da die Barbaren zum Angriff bergehen knnten, fiel ihm nicht ein.
Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast des
Prfekten zu heien; im freien Felde mute sein bergewicht bald wieder
hervortreten.
    
    Der Prfekt lie das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzu groer
Zuversicht.
    Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
frchtest, hatte dieser stolz geantwortet.
    Nein, erwiderte dieser. Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
Schauspiel, man darf es nicht versumen. In der Tat, Cethegus htte eine
Demtigung des groen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog, gern
gesehen.
    Belisar hatte sein Heer aus den nrdlichen Toren der Stadt gefhrt und
wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern und
neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zuflu von Italiern, die zu
seinen Fahnen geeilt waren, machte das ntig. Auch Ambazuch, Bessas und
Constantinus hatte er mit dem grten Teil ihrer Truppen wieder in dies Lager
herangezogen: sie lieen in den von ihnen gewonnenen Stdten nur kleine
Besatzungen zurck.
    Dunkle Gerchte von einem anrckenden Gotenheer hatten sich in das Lager
verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. Sie wagen es nicht,
hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. Sie liegen in Ravenna und zittern vor
Belisarius.
    Spt in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
lie die Ampel brennen. Ich kann nicht schlafen, sagte er: in den Lften
klirrt es wie Waffen und riecht's wie Blut. Die Goten kommen. Sie rcken wohl
durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.
    Da rauschten seine Zeltvorhnge zurck, und Syphax strzte atemlos an sein
Lager.
    Ich wei es schon, sagte Cethegus aufspringend, was du meldest: die Goten
kommen. - Ja Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das salarische Tor. Ich
hatte das beste Ro der Knigin, aber dieser Totila, der den Vortrab fhrt, jagt
wie der Wind durch die Wste. Und hier im Lager ahnt niemand etwas.
    Der groe Feldherr, lchelte Cethegus, hat keine Vorposten ausgestellt.
- Er verlie sich ganz auf den festen Turm an der Aniusbrcke1 aber ... -
    Nun? der Turm ist fest. - Ja, aber die Besatzung, rmische Brger aus
Neapolis, ging zu den Goten ber, als sie der junge Totila, der Fhrer des
Vortrabs, anrief. Die Leibwchter Belisars, welche sich widersetzten, wurden
gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und die Brcke
ist in der Goten Hand.
    Es wird hbsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind? - Keine
Ahnung. Herr: ich wei es so genau wie Knig Witichis selbst. Hier die Liste
ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Knigin.
    Cethegus sah ihn forschend an. Geschehen Wunder, die Barbaren zu
verderben?
    Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschne Weib will ihres Volkes
Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.
    Du irrst: sagte Cethegus, sie liebte ihn schon als Mdchen und kaufte
seine Bste.
    Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbste ward zerschlagen in
der Brautnacht.
    Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.
    Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles. Sie
liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und Mataswintha will
mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa alles schreiben in den
Zauberzeichen unsres Stammes. Und ich wrde diese Sonnenknigin zu meinem Weibe
nehmen, wenn ich Cethegus wre.
    Ich auch, wenn ich Syphax wre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
Ein listig, rachedrstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch, Belisar,
Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht deine Freiheit:
- ich brauche dich noch.
    Meine Freiheit ist - dir dienen. Eine Gunst: la mich morgen neben dir
fechten.
    Nein, mein hbscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: -
nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nhe und
Strke. Lege mir die Rstung an und gib den Plan der salarischen Strae dort aus
der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Fhrer meiner Isaurier,
Snadil. Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den Plan. Also
dorther, von Nordwesten, kommen sie, die Hgel herab. Wehe dem, der sie dort
aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Talgrund, in dem wir lagern. Hier wird
die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns, sdstlich, zieht sich unsre
Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen werden wir unfehlbar geworfen: die
Brcken werden nicht zu halten sein. Darauf eine Strecke flachen Landes - welch'
schnes Feld fr die gotischen Reiter, uns zu verfolgen! - Noch weiter rckwrts
endlich ein dichter Wald und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell
Hadrians ... - Marcus, rief er dem Eintretenden entgegen, meine Scharen
brechen auf. Wir ziehn hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich fragt, dem
sagst du: wir ziehn zurck nach Rom.
    Nach Hause? ohne Kampf? fragte Marcus erstaunt, du weit doch: es steht
der Kampf bevor?
    Eben deswegen! Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. Weit du's schon, Prfekt?
flchtendes Landvolk meldet, ein Huflein gotischer Reiter naht: die Tollkhnen
retten in ihr Verderben: sie whnen die Strae frei bis Rom. Und er fuhr fort
sich zu rsten.
    Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
furchtbares Heer von Barbaren, warnte Prokop.
    Eitle Schrecken! Sie frchten sich, diese Goten. - Witichis wagt gar nicht,
mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom, die Aniobrcke
durch einen Turm geschtzt: Martinus hat ihn gebaut nach meinem Gedanken: - der
allein hlt der Barbaren Fuvolk mehr als eine Woche auf - mgen auch ein paar
Gule durch den Flu geschwommen sein.
    Du irrst, Belisarius! ich wei es gewi: das ganze Heer der Goten naht,
sprach Cethegus. So geh nach Hause, wenn du es frchtest. - Ich mache
Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen das Fieber
geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: - ich ziehe mit deiner Gunst nach Rom
zurck.
    Ich kenne dieses Fieber, sagte Belisar - das heit: - an andern. Es
vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh' ab,
wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.
    Cethegus verneigte sich und ging. Auf Wiedersehen, sprach er, o
Belisarius. Gib das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern, sprach er im Lager
laut zu Marcus. Und meinen Byzantinern auch, setzte er leiser bei.
    Aber Belisar hat ... -
    Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd. Whrend er aufstieg, sprengte ein
Zug rmischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anfhrer vorauf.
    Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
dem Flu? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser hchsten Gefahr?
Cethegus beugte sich vor. Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte dich nicht: du
siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?
    Flchtige Bauern sagen, sprach Calpurnius ngstlich, es sei gewi mehr
als eine Streifschar. Es sei der Knig der Barbaren, Witichis selbst, im raschen
Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer: Widerstand ist
dann ... - Wahnsinn - Verderben. Ich folge dir, ich schliee mich dir an.
    Nein, sagte Cethegus herb, du weit, ich bin aberglubisch: ich reite
nicht gern mit den Furien verfallnen Mnnern. Dich wird die Strafe fr deinen
feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit dir zu
teilen.
    Doch flstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmhe manchmal einen
bequemen Mord nicht, sprach Calpurnius grimmig.
    Calpurnius ist nicht Cethegus, sprach der Prfekt, stolz davonsprengend.
Gre mir einstweilen den Hades! rief er.

                                    Funoten


1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber statt des
Anio.


                               Siebentes Kapitel.

Verfluchtes Omen! knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar: Befiehl den
Rckzug, rasch, Magister Militum. - Warum, Vortrefflicher? - Es ist der
Gotenknig selbst. - Und ich bin Belisar selbst, sagte dieser, den
prachtvollen Helm mit dem weien Roschweif aufsetzend. Wie konntest du deinen
Posten im Vordertreffen verlassen? - Herr, um dir das zu melden. - Das
konnte wohl kein Bote? Hre, Rmer, ihr seid nicht wert, da man euch befreit.
Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurck mit dir ins Vordertreffen.
    Du fhrst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwchter Antallas
und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte: Er mu tapfer sein, hrt ihr? Weicht er -
nieder mit ihm! So lehrt man Rmer Mut.
    Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
geht die Sonne auf. Sie mu unser ganzes Heer auf jenen Hgeln finden.
    Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht auf,
dem Feind entgegen.
    Feldherr, es ist wie sie sagen, meldete Maxentius, der treueste der
Leibwchter, zahllose Goten rcken an.
    Sie sind zwei Heere gegen uns, meldete Salomo, Belisars Hypaspistenfhrer.
    Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.
    Und der Schlachtplan? fragte Bessas.
    Im Angesicht des Feindes entwerf' ich ihn, whrend des Calpurnius Reiter
ihn aufhalten. Vorwrts, gebt die Zeichen, fhrt Phalion vor. Und er schritt
aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerfhrer, die Hypaspisten,
Prtorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle gebend, verteilend,
empfangend.
    In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hgel! Man nahm sich
nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der pltzliche Aufbruch brachte
vielfache Verwirrung. Fuvolk und Reiter gerieten in der dunkeln, mondlosen
Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der bermacht der vordringenden
Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.
    Es waren nur zwei nicht sehr breite Straen, die gegen die Hgel fhrten: so
gab es manche Stockung und Hemmung. Viel spter als Belisar gerechnet, langte
das Heer im Angesicht der Hgel an: und als die ersten Sonnenstrahlen sie
beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab fhrte, von allen Hhen gotische
Waffen blitzen.
    Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius Halt
und sandte Belisar Nachricht.
    Dieser sah ein, da Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge strmen
knne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen Fuvolks ab,
um auf der breitern Strae zu strmen. Den linken und den rechten Flgel fhrten
Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im Mitteltreffen seine Leibwachen
als Rckhalt heran. Calpurnius, froh des Wechsels im Plan, stellte seine Reiter
unter den steilsten Abfall der Hgel, links seitab der Strae, von wo kein
Angriff zu befrchten schien, den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm
abzuwarten und die fliehenden Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier
aufzunehmen.
    Oben auf den Hhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich Teja,
zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: - sein beiltragendes Fuvolk
war noch weit zurck: - er hatte sich ausgebeten, ohne Befehlfhrung, berall,
wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen. Darauf war Hildebrand eingetroffen
und hierauf der Knig mit der Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen
und Tejas Leuten wurden noch erwartet.
    Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurckgeflogen.
    Knig, sagte er, unter jenen Hgeln steht Belisar.
    Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
vorzurcken. Dulde nicht die Schmach, da er uns zuvorkommt im Angriff.
    Vorwrts! rief Knig Witichis, gotische Mnner vor! In wenigen Minuten
hatte er den Rand der Hgel erreicht und bersah das Talgefild vor ihm.
Hildebad - den linken Flgel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier im
Mitteltreffen, die Strae herunter, vor. Ich halte rechts seitab der Strae,
bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.
    Das wird's nicht brauchen, sagte Totila, sein Schwert ziehend. Ich brge
dir, sie halten meinen Ritt diesen Hgel herab nicht auf.
    Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurck, fuhr der Knig fort, nehmen
das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glnzt: was brig
ist, knnen eure Reiter, Totila und Teja, ber die Ebene jagen bis Rom.
    Ja, wenn wir erst den Pa gewonnen haben, dort in den Waldhgeln, hinter
dem Flu, sagte Teja, mit dem Schwert hinberdeutend.
    Er ist noch unbesetzt, scheint's: ihr mt ihn mit den Flchtigen zugleich
erreichen.
    Da tritt der Bannertrger, Graf Wisand von Vulsinii, der Bandalarius des
Heeres, an den Knig heran. Herr Knig, Ihr habt mir eine Bitte zu erfllen
zugesagt. - Ja, weil du bei Salona den Magister Militum fr Illyrien, Mundus,
und seinen Sohn vom Ro gestochen.
    Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich mchte denselben Speer
auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur fr heute, das Banner ab und la mich
den Magister Belisar aufsuchen. Sein Ro, der Rotscheck Phalion oder Balian,
wird so sehr gerhmt: und mein Hengst wird steif. Und du kennst das alte
gotische Reiterrecht: wirf den Reiter und nimm sein Ro.
    Gut gotisch Recht! raunte der alte Hildebrand.
    Ich mu die Bitte gewhren, sprach Witichis, das Banner aus der Hand
Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. Guntharis ist nicht zur Stelle,
so trage du es heute, Totila.
    Herr Knig, entgegnete dieser, ich kann's nicht tragen, wenn ich meinen
Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll. Witichis winkte Teja.
    Vergib, sagte dieser: heut' denk' ich beide Arme sehr zu brauchen. -
Nun, Hildebad. - Danke fr die Ehre: ich hab's nicht schlechter vor als die
andern! - Wie, sagte Witichis, fast zrnend, mu ich mein eigner
Bannertrger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?
    So gib mir die Fahne Theoderichs, sprach der alte Hildebrand, den
mchtigen Schaft ergreifend. Mich lstet weitern Kampfes nicht so sehr. Aber
mich freut's, wie die Jungen nach Ruhme drsten. Gib mir das Banner, ich will's
heute wahren wie vor vierzig Sommern. Und er ritt sofort an des Knigs rechte
Seite.
    Der Feinde Fuvolk rckt den Berg hinan, sprach Witichis, sich im Sattel
hebend. Es sind Hunnen und Armenier, sagte Teja, mit seinem Falkenauge
sphend, ich erkenne die hohen Schilde! Und den Rappen vorwrts spornend rief
er: Ambazuch fhrte sie, der eidbrchige Brandmrder von Petra.
    Vorwrts, Totila, sprach der Knig, und aus diesen Scharen - - keine
Gefangnen.
    Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mndung der
aufsteigenden Strae auf der Hhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick musterte
er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam bergauf rckten.
Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu Sto und Wurf.
    Sie drfen nicht zum Werfen kommen, rief er seinen Reitern zu. Er lie sie
die leichten Schilde auf den Rcken binden und befahl, im Augenblick des
Anpralls die langen Lanzen, statt, wie blich, in der Rechten, in der Linken,
der Zgelhand, zu fhren, den Zgel einfach um das Handgelenk geschlungen und
ber die Mhne weg die Lanze aus der rechten in die linke Faust werfend. Dadurch
trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht gedeckte Seite der Feinde. Sowie
der Sto angeprallt - sie werden ihm nicht stehen! - werft die Lanze im Armriem
zurck, zieht das Schwert und haut nieder, was noch steht.
    Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links berflgelnd,
auf beiden Seiten neben der Strae auf.
    Er selbst fhrte den Keil auf der Strae. Er beschlo, den Feind die Hlfte
des Hgels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen beide Heere dem
Zusammensto entgegen.
    Ruhig rckte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwrts.
    Lat sie nur dicht heran, Leute, sagte er, bis ihr das Schnauben der
Rosse im Gesicht sprt. Dann, - und nicht eher, - werft: und zielt mir tief, auf
die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab' ich noch alle Reiter
geschlagen.
    Aber es kam anders.
    Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
donnernde Lawine vom Berg herab ber die erschrocknen Feinde einzubrechen. Wie
der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, drhnende Masse
heran: und eh' die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die Wurfspeere nur zu
heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der schildlosen Seite
durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als wren sie nie gestanden.
    Blitzschnell war das geschehen: und whrend noch Ambazuch seiner zweiten
Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die Speere
einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe berritten, die dritte
auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch Widerstand leistend
gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu kamen, die Schwerter zu
ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog zurck und rief seinen wankenden
Scharen Mut zu.
    Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
strzte in die Kniee und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten entgegen.
Nimm Lsegeld, rief er, ich bin dein.
    Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
Tejas Stimme: Denk' an Burg Petra.
    Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die letzte
Reihe der Armenier, Bessas mit fortreiend, entsetzt auseinander, - das
Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten Knig
Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.
    Sieh', jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
stehen, gegen Totila, sagte der Knig zu dem alten Bannertrger. Totila wendet
sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die Strae
hinunter, ihm zu Hilfe.
    Ah, rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und ber den Felsrand
sphend, wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwchtern
Belisars?
    Witichis beugte sich vor. Calpurnius! rief er mit gellendem Schrei.
    Und siehe, urpltzlich sprengte der Knig, keinen Pfad suchend, gerade wo er
stand, hinab die Felshhe auf den Verhaten. Die Furcht, er mchte ihm
entrinnen, lie ihn alles vergessen. Und als htte er Flgel, als htte der Gott
der Rache ihn herabgefhrt ber Gebsch und spitze Felsspalten und Schroffen und
Grben sauste der Knig hinunter.
    Einen Augenblick fate den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt hatte
er noch nie geschaut. Aber im nchsten Moment schwang er die blaue Fahne und
rief: Nach! nach eurem Knig! Und das berittene Gefolge voran, das Fuvolk,
springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach das Mitteltreffen der
Goten pltzlich steil von oben auf die hunnischen Reiter.
    Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
sein Ohr schlge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.
    Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
maurische Leibwchter zur Rechten fiel ihm in den Zgel: Halt, Tribun! sagte
Antallas, auf Totilas Reiter deutend - dort ist der Feind! Ein Schmerzenschrei
ri ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da strzte der zweite der
Leibwchter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken klirrend vom Pferd, unter dem
Schwerthieb eines Goten, der pltzlich wie vom Himmel gefallen schien. Und
hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und wogte es den steilen Felshang
hinab, der doch pfadlos schien: und die Reiter waren von diesem pltzlich von
oben gekommenen Feind in der Flanke umfat, whrend sie gleichzeitig in der
Stirnseite mit den Geschwadern Totilas zusammenstieen.
    Calpurnius erkannte den Goten. Witichis! rief er entsetzt und lie den Arm
sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden durch den Fall
des hunnischen Leibwchters zur Linken, setzte es in wilden Sprngen davon.
    Der maurische Leibwchter zu seiner Rechten warf sich wtend auf den Knig
der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. Nieder,
Tollkhner! schrie er. Aber im nchsten Augenblick hatte ihn das Schwert des
Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen schien, was
ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm Witichis nach.
Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die, entsetzt vor diesem Anblick,
auseinanderstoben.
    Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz hinter
den strksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor ihn nicht aus
dem Auge und lie nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter seinen Reitern barg,
wie rasch er floh, - er entging nicht dem Blicke des Knigs, der alles erschlug,
was sich zwischen ihn und den Mrder seines Sohnes drngte.
    Knuel auf Knuel, Gruppe auf Gruppe lste sich vor dem furchtbaren Schwert
des rchenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt von dem
Flchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder zu schlieen.
Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte Bannertrger mit Reitern und
Fuvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in zwei Teile gespalten.
    Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flchtlinge zu verfolgen. Der Teil
zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte genommen und
vernichtet.
    Der grere Teil zur Linken floh zurck auf Belisar.
    Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, ber das Schlachtfeld. Er
hatte einen groen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte Bahn hauen
mssen. Aber ein Dmon schien Boreas, des Goten Ro, zu treiben; nher und nher
kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flchtling den Ruf, zu stehen und zu
fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da brach es unter ihm zusammen.
Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis vor ihm, der vom Sattel gesprungen
war. Er stie ihm, ohne ein Wort, mit dem Fu das Schwert hin, das ihm
entfallen. Da fate sich Calpurnius mit dem Mut der Verzweiflung.
    Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
Aber mitten im Sprung strzte er rcklings nieder.
    Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der Knig setzte den
Fu auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann seufzte er
tief auf: Jetzt hab' ich die Rache. O htt' ich mein Kind.
    Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungnstige Erffnung des Kampfes mit
angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verlie ihn nicht, als er Ambazuchs
und Bessas' Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter durchbrochen und
geworfen sah.
    Er erkannte jetzt die bermacht und berlegenheit des Feindes. Allein er
beschlo, auf der ganzen Linie vorzurcken, eine Lcke lassend, um den Rest der
fliehenden Reiter aufzunehmen.
    Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drngten, Witichis voran, Totila
und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend, den
Flchtlingen jetzt so ungestm nach, da sie mit ihnen zugleich die Linie
Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.
    Das durfte nicht sein. Belisar fllte diese Lcke selbst durch seine
Leibwache zu Fu und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und zu
wenden.
    Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Fhrers sie alle
ergriffen htte. Sie scheuten das Schwert des Gotenknigs hinter sich mehr als
den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten sie, als
wollten sie ihr eignes Fuvolk niederreiten, im vollen Galopp heran.
    Einen Augenblick - ein furchtbarer Sto: - ein tausendstimmiger Schrei der
Angst und Wut, - ein wirrer Knuel von Reitern und Fuvolk minutenlang: -
darunter einhauende Goten: - und pltzlich ein Auseinanderleben nach allen
Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. -
    Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
durchbrochen. - Er befahl den Rckzug ins Lager.
    Aber es war kein Rckzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis und
Tejas Fuvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die Byzantiner
sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am Widerstand, und mit
groer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurck. Gleichwohl htten sie
dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern erreicht, htte nicht ein
unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.
    So siegesgewi war Belisar ausgezogen, da er das ganze Fuhrwerk, die Wagen
und das Gepck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm nachgetrieben wurden
nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen Straen zu folgen befohlen
hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen und schwer zu entfernenden
Krper stieen nun berall die weichenden Truppen, und grenzenlose Hemmung und
Verwirrung trat ein.
    Soldaten und Troknechte wurden handgemein: die Reihen lsten sich zwischen
den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust und sie fingen
an, das Gepck zu plndern, ehe es in die Hnde der Barbaren falle. berall ein
Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen das Krachen der Lastwagen, die
zerbrochen wurden, und das Blken und Brllen der erschrocknen Herden.
    Gebt den Tro preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
Herden! befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter Ordnung mit
dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer unentwirrbarer, immer dichter
wurde der Knuel: - nichts schien ihn mehr lsen zu knnen.
    Da zerri ihn die Verzweiflung.
    Der Schrei, die Barbaren ber uns! erscholl aus den hintersten Reihen. Und
es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fuvolk war jetzt in die Ebene
hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen Knuel.
    Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
Schrei der Angst - der Wut - des Schmerzes der Angegriffenen, der Leibwachen,
die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht konnten: - der
Zertretenen und Zerdrckten - und pltzlich strzte der grte Teil der Wagen,
mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die darauf und dazwischen
zusammengedrngt waren, mit donnerndem Krachen in die Grben links und rechts
neben der Hochstrae.
    So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergo sich der Strom der
Flchtigen nach dem Lager. -
    Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fuvolk, ohne Mhe mit den
Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewhl seine
Ziele treffend, whrend Belisar mit Mhe die unaufhrlichen Angriffe der Reiter
Totilas und des Knigs abwehrte. Hilf, Belisar, rief Aigan, der Fhrer der
massagetischen Sldner, aus dem eben gesprengten Knuel heranreitend, das Blut
aus dem Gesicht wischend: meine Landsleute haben heut' den schwarzen Teufel
unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht. Hilf: dich frchten sie sonst
mehr als den Teufel!
    Mit Knirschen sah Belisar hinber nach seinem rechten Flgel, der aufgelst
ber das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.
    O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfll' ich schlecht mein Wort!
    Und die weitere Deckung des Rckzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
berlassend - denn das hgelige Terrain, das jetzt erreicht war, schwchte die
Kraft der verfolgenden Reiter -, sprengte er mit Aigan und seiner berittenen
Garde querfeldein mitten unter die Flchtenden.
    Halt! donnerte er ihnen zu, halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
Belisar streitet?
    Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!
    Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majesttische,
das lwengewaltige Antlitz.
    Und so mchtig war die Macht dieser Heldenpersnlichkeit, so gro das
Vertrauen auf sein sieghaftes Glck, da in der Tat alle, welche die hohe
Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten, und mit
einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder entgegenwandten.
An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.
    Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. Heia, das
ist fein, da ihr einmal des Laufens mde seid, ihr flinken Griechlein. Ich
konnt' euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen seid ihr uns berlegen.
Lat sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht ihr, Burschen!
    Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist's mit dem?
    Herr, das mu ein Knig sein unter den Welschen, kaum kann man sein zornig
Auge tragen.
    Das wre! Ah - das mu Belisarius sein! Freut mich, schrie er ihm hinber,
da wir uns treffen, du khner Held. Nun spring vom Ro und la uns die Kraft
der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn. Sieh, auch ich bin ja
zu Fu. Du willst nicht? rief er zornig. Mu man dich vom Gaule holen? Und
dabei schwang er in der Rechten wiegend den ungeheuren Speer.
    Wende, Herr, weich aus, rief Aigan, der Riese wirft ja junge Mastbume.
- Wende, Herr, wiederholten seine Hypaspisten ngstlich.
    Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezckt, ruhig dem Goten um eine
Pferdelnge nher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad' gegen
Belisars Brust.
    Aber grad', ehe er traf, - ein krftiger Hieb von Belisars kurzem
Rmerschwert und drei Schritte seitwrts fiel der Speer harmlos nieder.
    Heil Belisarius! Heil, schrien die Byzantiner ermutigt und drangen auf die
Goten ein.
    Ein guter Hieb, lachte Hildebad grimmig. La sehen, ob dir deine
Fechtkunst auch gegen den hilft. Und sich bckend hob er aus dem Ackerfeld
einen alten, zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst langsam hin
und her, hob ihn dann ber den Kopf mit beiden Hnden und schleuderte ihn mit
aller Kraft auf den heransprengenden Helden: - ein Schrei des Gefolges: -
rcklings strzte Belisar vom Pferd.
    Da war es aus.
    Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe! schrien sie, als die
hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager zu.
Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Tore Roms.
    Umsonst war's, da sich die Lanzen- und Schildtrger todesmutig den Goten
entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr retten.
    Den ersten tdlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestrmt war, fing der
treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein gotischer
Reiter endlich vom Ro, der erst nach Hildebad Belisar erreicht und sieben
Leibwchter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum durchzudringen. Mit
dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb am Leben. Und er war einer
der wenigen, welche den ganzen Krieg durchkmpften und berlebten -, Wisand, der
Bandalarius.
    Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Rowart), wieder auf
den Rotschecken gehoben und rasch von der Betubung erholt, erhob umsonst den
Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hrten nicht mehr und wollten nicht hren.
Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Flchtigen: er wurde fortgerissen
von ihren Wogen bis ans Lager.
    Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Tor, die nachdringenden
Goten aufzuhalten. Die Ehre ist hin, sagte er unwillig, lat uns das Leben
wahren. Mit diesen Worten lie er die Lagertore schlieen, ohne Rcksicht auf
die groen Massen der noch Ausgeschlossenen.
    Ein Versuch des ungestmen Hildebad, ohne weiteres einzudringen, scheiterte
an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und den
Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt khlte er sich einen
Augenblick von der Hitze.
    Da bog Teja, der lngst, wie der Knig und Totila, abgesessen, prfend und
das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.
    Die verfluchte Holzburg, rief ihm Hildebad entgegen. Da hilft nicht
Stein, nicht Eisen.
    Nein, sagte Teja, aber Feuer! Er stie mit dem Fu in einen
Aschenhaufen, der neben ihm lag. Das sind die Wachtfeuer, samt dem Reisig, von
heute nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Mnner, steckt die Schwerter
ein, entzndet das Reisig! werft Feuer in das Lager!
    Prachtjunge, jubelte Hildebad, flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft. Rasch waren die Wachtfeuer
wieder entfacht, Hunderte von Brnden flogen in das trockne Sparrenwerk der
Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel. Der dichte Qualm, vom
Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins Gesicht und machte die
Verteidigung der Wlle unmglich. Sie wichen in das Innere des Lagers.
    Wer jetzt sterben drfte! seufzte Belisar. - Rumt das Lager! Hinaus zur
Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Brcken hinter uns!
    Aber der Befehl, das Lager zu rumen, zerri das letzte Band der Zucht, der
Ordnung und des Mutes. Whrend unter Tejas drhnenden Axthieben die verkohlten
Torbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm der schwarze Held,
wie ein Feuerdmon, der erste, durch das prtorische Tor ins Lager sprang,
rissen die Flchtenden alle Tore, auch die seitwrts aus dem Lager nach Rom zu
fhrten, die Port prinzipalis rechts und links, auf einmal auf und strmten in
wirren Massen nach dem Flu. Die ersten erreichten noch sicher und unverfolgt
die beiden Brcken; sie hatten groen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar
aus dem brennenden Lager herausgedrngt.
    Aber pltzlich - neues Entsetzen! - schmetterten die gotischen Reiterhrner
ganz nahe.
    Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wuten,
sogleich wieder zu Pferd geworfen und fhrten nun ihre Reiter von beiden Seiten,
links und rechts vom Lager her, den Flchtenden in die Flanken.
    Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagertor gesprengt und eilte nach der
einen Brcke zu, als er von links und rechts die verderblichen Reitermassen
heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann die Fassung nicht.
Vorwrts im Galopp an die Brcken! befahl er seinen Sarazenen, deckt sie! -
    Es war zu spt: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, - die beiden
schmalen Brcken waren unter der Last der Flchtenden eingebrochen und zu
Hunderten strzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzentrger,
Justinians Stolz, in das sumpfige Gewsser.
    Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd in
die schumende und blutig gefrbte Flut. Schwimmend erreichte er das andere
Ufer. Salomo, Dagisthos, sagte er, sowie er drben gelandet, zu seinen
raschesten Prtorianern, auf, nehmt hundert aus meinen Reiterwachen und jagt
was ihr knnt nach dem Engpa. berreitet alle Flchtigen. Ihr mt ihn vor den
Goten erreichen, hrt ihr? ihr mt! Er ist unser letzter Strohhalm.
    Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.
    Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
Goten waren wie die Byzantiner durch den Flu eine Weile aufgehalten. Aber
pltzlich rief Aigan: Da sprengt Salomo zurck! - Herr, rief dieser
heranjagend: alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpa. Er ist schon besetzt
von den Goten.
    Da, zum ersten Male an diesem Tage des Unglcks, zuckte Belisar zusammen.
Der Engpa verloren? - Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers. Dann
fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh' das Schwert - la mich
nicht lebend fallen in Barbarenhand.
    Herr, sagte Aigan, so hrt' ich Euch nie reden.
    So war's auch noch nie. La uns absteigen und sterben. Und schon hob er
den rechten Fu aus dem Bgel, vom Ro zu springen, da sprengte Dagisthos heran
-: Getrost, mein Feldherr! - Nun? - Der Engpa ist unser - rmische Waffen
sind's, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Prfekt! Er hielt ihn geheim
besetzt.
    Cethegus? rief Belisar. Ist's mglich? Ist's gewi?
    Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit. Das war es. Denn
eine Schar gotischer Reiter, von Knig Witichis gesendet, den Flchtenden am
Engpa vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Flu durchschritten, den
Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den verhngnisvollen Pa
erreicht. Aber eben als sie dort einmnden wollten, brach Cethegus an der Spitze
seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht hervor und warf die berraschten
Goten nach kurzem Gefecht in die Flucht.
    Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag! rief Belisar. Auf,
nach dem Engpa! Und mit besserer Ordnung und Ruhe fhrte der Feldherr seine
gesammelten Scharen an die Waldhgel.
    Willkommen in Sicherheit, Belisarius, rief ihm Cethegus zu, seine
Schwertklinge subernd. Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich wute
wohl, da du mir kommen wrdest.
    Prfekt von Rom, sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand reichend:
du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich danke dir.
    Die frischen Truppen des Prfekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
den Pa besetzt, die zerstreut heranflchtenden Byzantiner durchlassend und
Angriffe der ersten ermdeten Verfolger, die ber den Flu gedrungen, - sie
hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich - in der gnstigen Stellung ohne
Mhe abwehrend.
    Vor Einbruch der Dunkelheit nahm Knig Witichis seine Scharen zurck, auf
dem Schlachtfeld ihres Sieges zu bernachten, whrend Belisar mit seinen
Feldherren einstweilen im Rcken des Passes, so gut es gehen wollte, die
aufgelsten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen, ordneten.
Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er zu Cethegus
heran und sprach: Was meinst du, Prfekt von Rom? Deine Truppen sind noch
frisch. Und die Unsern mssen ihre Scharte auswetzen. La uns hervorbrechen noch
einmal - die Sonne geht noch nicht gleich unter - und das Los des Tages wenden.
    Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: Wahrlich, ein
schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersttlicher! So schwer
ertrgst du's, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein, Belisarius! dort
winken die Zinnen Roms: dahin fhre deine todesmatten Vlker. Ich halte diesen
Pa, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will ich sein, wenn mir das gelingt.
    Und so war's geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umstnden
weniger als je den Prfekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er nach und
fhrte sein Heer nach Rom zurck, das er mit dem Einbruch der Nacht erreichte.
    Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der Schlacht
in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles verloren. Endlich
erkannte ihn Antonina, die ngstlich auf den Wllen seiner harrte. Durch das
pincianische Tor lie man ihn ein; es hie seitdem Porta belisaria.
    Feuerzeichen auf den Wllen zwischen dem flaminischen und dem pincianischen
Tor verkndeten die Erreichung Roms dem Prfekten, der nun, in guter Ordnung und
von den ermdeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze der Nacht seinen Rckzug
bewerkstelligte.
    Nur Teja drngte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Hgelland, wo
heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.

                                Achtes Kapitel.


Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
Stadt, die es in sieben Lagern umschlo.
    Und nun begann jene denkwrdige Belagerung, die nicht minder das
Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
entfalten sollte.
    Mit Schrecken hatten die Brger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. Sieh' hin, o Prfekt, sie
berflgeln alle deine Mauern. - Ja! in die Breite! la sehen, ob sie sie in
der Hhe berflgeln. Ohne Flgel kommen sie nicht herber.
    Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurckgelassen, acht
hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu entreien
und zumal das wichtige Salona wiederzugewinnen; durch Sldner, in Savien
geworben, sollten sie sich verstrken.
    Auch die gotische Flotte sollte - gegen Tejas Rat! - dort, nicht gegen den
Hafen von Rom, Portus, wirken.
    Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Wlle, die
Mauern Aurelians und des Prfekten, umgrtete nun der Knig mit
einhundertundfnfzig Tausendschaften.
    Rom hatte damals fnfzehn Haupttore und einige kleinere.
    Von diesen umschlossen die Goten den schwcheren Teil der Umwallung, den
Raum, der von dem flaminischen Tor im Norden (stlich von der jetzigen Porta del
Popolo) bis zum prnestinischen Tor reicht, vollstndig mit sechs Heerlagern;
nmlich die Wlle vom flaminischen Tor gegen Osten bis ans pincianische und
salarische, dann bis an das nomentanische Tor (sdstlich von Porta pia), ferner
bis gegen das geschlossene Tor, die Porta clausa, endlich sdlich von da das
tiburtinische Tor (heute Porta San Lorenzo) und das asinarische, metronische,
latinische (an der Via latina), das appische (an der Via appia) und das
Sankt-Pauls-Tor, das zunchst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren
auf dem linken Ufer des Flusses.
    Um aber zu verhten, da die Belagerten durch Zerstrung der milvischen
Brcke den Angreifern den bergang ber den Flu und das ganze Gebiet auf dem
rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein siebentes
Lager auf dem rechten Tiberufer: auf dem Felde Neros, vom vatikanischen Hgel
bis gegen die milvische Brcke hin (unter dem Monte Mario). So war die
milvische Brcke durch ein Gotenlager gedeckt und die Brcke Hadrians bedroht,
sowie der Weg nach der Stadt durch die Porta Sancti Petri, wie man damals
schon, nach Prokops Bericht, das innere Tor Aurelians nannte. Es war das nchste
an dem Grabmal Hadrians. Aber auch das Tor von Sankt Pankratius rechts des
Tibers war von den Goten scharf beobachtet.
    Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen dem
pankratischen und dem Petrus-Tor, berwies Witichis dem Grafen Markja von
Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der Franken
zurckgerufen worden war. Aber der Knig selbst weilte oft hier, das Grabmal
Hadrians mit scharfen Blicken prfend.
    Er hatte kein einzelnes Lager bernommen, sich die Gesamtleitung
vorbehaltend, vielmehr die sechs brigen an Hildebrand, Totila, Hildebad, Teja,
Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager lie der Knig mit einem
tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem hohen Wall zwischen
Graben und Lager aufhufen und diesen mit Pfahlwerk verstrken, - sich gegen
Ausflle zu sichern.
    Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
nach den Toren und Regionen Roms. Belisar bertrug das prnestinische Tor im
Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte flaminische,
dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefhrlicher Nhe lag, Constantinus,
der es durch Marmorquadern, aus rmischen Tempeln und Palsten gebrochen, fast
ganz zubauen lie.
    Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
unter den ihm von Cethegus eingerumten Teilen der Festung Rom der schwchste.
    Den Westen und Sden hielt eiferschtig, unentfernbar und unentbehrlich, der
Prfekt.
    Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen - oder nun belisarischen - Tor, dem schwchsten Teil der
Umwallung, lie er sich nieder, zugleich Ausflle gegen die Barbaren planend.
Die brigen Tore berwies er den Fhrern des Fuvolks Peranius Magnus, Ennes,
Artabanes, Azarethas und Chilbudius.
    Der Prfekt hatte alle Tore auf dem rechten Tiberufer, die neue Porta
aurelia an der lischen Brcke bei dem Grabmal Hadrians, die Porta septimiana,
das alte aurelische Tor, das nun das pankratische hie, und die Porta
portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Tor Sankt Pauls. Erst das nchste
Tor weiter stlich, das ardeatinische, stand unter byzantinischer Besatzung:
Chilbudius befehligte hier.
    Gleich unermdlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
die Belagerten in Plnen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit handelte
es sich nur um Maregeln, welche die Bedrngung der Rmer, ohne Sturm, vor dem
Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.
    Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
auszubrsten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen ab,
welche die Stadt speisten. Belisar lie vor allem, als er dies wahrnahm, die
Mndungen innerhalb der Stadt verschtten und vermauern. Denn, hatte ihm
Prokop gesagt, nachdem du, o groer Held Belisarius, durch eine solche
Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, knnte es den Barbaren
einfallen, - und kaum schimpflich scheinen, - auf dem gleichen Heldenpfad sich
nach Rom hinein zu krabbeln.
    Den Genu des geliebten Bades muten die Belagerten entbehren: kaum reichten
die Brunnen in dem vom Flu entlegenen Stadtteilen fr das Trinkwasser aus.
    Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Rmern auch
das Brot abgeschnitten. - Wenigstens schien es so. Denn die smtlichen
Wassermhlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das Cethegus aus
Sizilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms zwangsweise hatte in die
Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der Pchter und Colonen, dieses
Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.
    Lat die Mhlen durch Esel und Rinder drehen! rief Belisar. Die meisten
Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius, sprach Prokop, sich
nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als wir brauchen,
sie zu schlachten. Sie knnen unmglich erst Mhlen drehen und dann noch Fleisch
genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen.
    So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
zhlend, zugleich einen Gedanken gehabt ... -
    Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Mgliche bersetzen mu.
Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen.
    Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmhle herstellten, welche die
Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: Das Brot der Schiffsmhle wird
lnger die Menschen erfreuen, als deine grten Taten. Dies so gemahlene Mehl
schmeckt nach - Unsterblichkeit. Und wirklich ersetzten die von Belisar
erdachten, von Martinus ausgefhrten Schiffsmhlen den Belagerten whrend der
ganzen Dauer der Einschlieung die gelhmten Wassermhlen.
    
    Hinter der Brcke nmlich, die jetzt Ponte San Sisto heit, auf der Senkung
des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und legte Mhlen ber
deren flaches Deck, so da die Mhlenrder durch den Flu, der aus dem
Brckenbogen mit verstrkter Gewalt hervorstrmte, von selbst getrieben wurden.
    Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
berlufer schilderten, zu zerstren. Balken, Holzfle, Bume warfen sie
oberhalb der Brcke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Flu und
zertrmmerten so in Einer Nacht wirklich alle Mhlen. Aber Belisar lie sie
wieder herstellen und nun oberhalb der Brcke starke Ketten gerade ber den Flu
ziehen und so auffangen, was, die Mhlen bedrohend herabtrieb.
    Nicht nur seine Mhlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
sollten auch verhindern, da die Goten auf Khnen und Flen den Flu herab und,
ohne die Brcke, in die Stadt drngen.
    Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.
    Er lie hlzerne Trme bauen, hher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
vier Rdern von Rindern gezogen werden sollten. Dann lie er Sturmleitern in
groer Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher, die je eine
halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzhligen Bndeln von Reisig und
Schilf sollten die tiefen Grben ausgefllt werden.
    Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser im
Westen und Sden die Verteidigung der Stadt berwachend, Ballisten und Wurfbogen
auf die Wlle, die auf groe Entfernung balkenhnliche Speergeschosse
schleuderten, mit solcher Kraft, da sie einen gepanzerten Mann vllig
durchbohrten. Die Tore schtzten sie durch Wlfe, d.h. Querbalken, mit
eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer niederschmettern lie, wann
sie dicht bis an das Tor gelangt waren. Und endlich streuten sie zahlreiche
Fuangeln und Stachelkugeln auf den Vorraum zwischen den Grben der Stadt und
dem Lager der Barbaren.

                                Neuntes Kapitel.


Trotz alledem, sagten die Rmer, htten lngst die Goten die Mauern erstiegen,
wre nicht des Prfekten Egeria gewesen.
    Denn es war merkwrdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten -:
Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So oft
Teja oder Hildebad in khnem Handstreich ein Tor zu berrumpeln, eine Schanze
wegzunehmen gedachten: - Cethegus sagte es vorher, und die Angreifer stieen auf
das Zweifache der gewhnlichen Besatzung der Punkte. So oft in mchtigem
berfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte: - Cethegus schien es
geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde Brander und Feuerkhne
entgegen.
    So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, da
sie, trotz unablssiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
Fortschritte gemacht.
    Lange trugen sie diese Unflle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
Plne, mit ungebeugtem Mut. Aber allmhlich bemchtigte sich nicht blo der
groen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln fhlbar zu
werden begann, - auch des Knigs klarer Sinn wurde von trber Schwermut
verdstert, als er all seine Kraft, all seine Ausdauer, all seine Kriegskunst
wie von einem bsen Dmon vereitelt sah. Und kam er von einem fehlgeschlagenen
Unternehmen, von einem verunglckten Sturm, matt und gebeugt, in sein
Knigszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner schweigsamen Knigin mit einem
ihm unverstndlichen, aber grauenvoll unheimlichen Ausdruck auf ihm, da er sich
schaudernd abwandte.
    Es ist nicht anders, sagte er finster zu Teja, es ist gekommen, wie ich
vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glck von mir gewichen, wie die
Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als lge ein Fluch auf meiner Krone. Und diese
Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie mein
lebendiges Unglck.
    Du knntest recht haben, sprach Teja. Vielleicht ls' ich diesen
Zauberbann. Gib mir Urlaub fr heut' nacht.
    Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom Johannes,
der Blutige, von Belisar Urlaub fr diese Nacht. Belisar schlug es ab. Jetzt
ist nicht Zeit zu nchtlichen Vergngen, sagte er.
    Wird kein gro Vergngen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten Mauern
und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspren, der zehnmal schlauer ist als wir
beide.
    Was hast du vor? fragte Belisar, aufmerksam werdend.
    Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon alles ganz
recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und haben nichts dabei
gewonnen. Wir erschieen sie wie Knaben die Dohlen vom Hinterhalt und knnen
ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all dies vollbringt? Nicht, wie es
sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch des Kaisers Heer: sondern dieser
eisige Rmer, der nur lachen kann, wenn er hhnt. Der sitzt da oben im Kapitol
und verlacht den Kaiser und die Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich
selber am meisten. Woher wei dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle
Gotenplne so scharf, als se er mit im Rat des Knigs Witichis? Durch sein
Dmonium, sagen die einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen
Raben, der hren und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den
schickt er alle Nacht ins Gotenlager. Das mgen die alten Weiber glauben und die
Rmer, nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube den Raben zu kennen und das
Dmonium. Gewi ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst holen; la
uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser Quelle schpfen
knnen.
    Ich habe das lngst bedacht, aber ich sah kein Mittel.
    Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
verdammt schwer; denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein Schatte. Aber
tagelang ist Syphax fern: - und dann gelingt es eher. Nun, ich habe erspht, da
Cethegus so manche Nacht die Stadt verlie, bald aus der Porta portuensis,
rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls, links vom Tiber im Sden, die
er beide besetzt hlt. Weiter wagten ihm die Spher nicht zu folgen. Ich aber
denke heute nacht - denn heute mu es wieder treffen, - ihm so nicht von den
Fersen zu weichen. Doch mu ich ihn vor dem Tore erwarten: seine Isaurier lieen
mich nicht durch; ich werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Grben
zurckbleiben.
    Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Tore zu beobachten. - Deshalb hab'
ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er htet das paulinische,
ich das portuensische Tor; verla dich drauf - bis morgen vor Sonnenaufgang
kennt einer von uns das Dmonium des Prfekten. Und wirklich: einer von ihnen
sollte es kennen lernen.
    Gerade gegenber dem Sankt-Pauls-Tor, etwa drei Pfeilschsse von den
uersten Grben der Stadt, lag ein mchtiges altertmliches Gebude, die
Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren letzte
Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von Bourbon vllig
verschwanden. Ursprnglich ein Tempel des Jupiter Stator, war der Bau seit zwei
Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch stand die bronzene
Kolossalstatue des brtigen Gottes aufrecht: man hatte ihm nur den flammenden
Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafr ein Kreuz hineingeschoben: im
brigen pate die breite und brtige Gestalt gut zu ihrem neuen Namen.
    Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll ber der
ewigen Stadt und go sein silbernes Licht ber die Mauerzinnen und ber die
Ebene, zwischen den rmischen Schanzen und der Basilika, deren schwarze Schatten
nach dem Gotenlager hin fielen.
    Eben hatte die Wache am Sankt-Pauls-Tor gewechselt.
    Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten, und nur sechs kamen herein. Der
siebente wandte der Pforte den Rcken und schritt heraus ins freie Feld.
    Vorsichtig whlte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
Fuangeln, Wolfsgruben, Selbstschsse vergifteter Pfeile, die hier berall
umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt Verderben
gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich ihnen leicht aus.
Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfltig, den Schatten der Mauervorsprnge
suchend und oft von Baum zu Baum springend.
    Als er aus dem uersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
Schatten einer Zypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er eilte
nun mit raschen Schritten der Kirche zu.
    Htte er nochmal umgeblickt, er htte es wohl nicht getan.
    Denn, sowie er den Baum verlie, tauchte aus dem Graben eine zweite Gestalt
hervor, die in drei Sprngen ihrerseits den Schatten der Zypresse erreicht
hatte. Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das Glck dem
jngeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein Geheimnis. Und
vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.
    Aber pltzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
Erde verschlungen. Es war hart an der uern Mauer der Kirche, die doch dem
Armenier, als er sie erreicht, keine Tr oder ffnung zeigte.
    Kein Zweifel, sagte der Lauscher, das Stelldichein ist drinnen im Tempel:
ich mu nach.
    Allein an dieser Stelle war die Mauer unbersteiglich.
    Tastend und suchend bog der Spher um die Ecke derselben. Umsonst, die Mauer
war berall gleich hoch. - Im Suchen verstrich ihm fast eine Viertelstunde.
    Endlich fand er eine Lcke in dem Gestein: mhsam zwngte er sich hindurch.
Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken dorischen
Sulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der rechten Seite her bis
an das Hauptgebude gelangte.
    Er sphte durch einen Ri des Gemuers, den ihm die Zugluft verraten hatte.
Drinnen war alles finster. Aber pltzlich wurde sein Auge von einem grellen
Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen hellen Streifen
in der Dunkelheit: - er rhrte von einer Blendlaterne her, deren Licht sich
pltzlich gezeigt hatte.
    Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Trger
derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Prfekten, der hart vor der
Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm stand eine
zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar schimmernd das
Licht der Laterne fiel.
    Die schne Gotenknigin, bei Eros und Anteros! dachte der Lauscher: kein
schlechtes Stelldichein, sei's nun Liebe, sei's Politik! Horch, sie spricht.
Leider kam ich zu spt, auch den Anfang der Unterredung zu hren.
    Also: merk' es dir wohl! bermorgen auf der Strae vor dem Tor von Tibur
wird etwas gefhrliches geplant. - Gut: aber was? frug des Prfekten Stimme.
- Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch nicht mehr
mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich hier wieder zu
sehen: denn ... - Sie sprach nun leiser.
    Perseus drckte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine Schwertscheide
an das Gestein, und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.
    Horch! rief eine dritte Stimme - es war eine Frauenstimme, die der
Trgerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen Blendlichts
gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des Schalles gekehrt hatte.
Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer Tracht.
    Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an. Er
fhlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert.
    Alles still, sagte die Sklavin. Es fiel wohl nur ein Stein auf den
Erzbeschlag drauen.
    Auch in das Grab vor dem portuensischen Tor geh' ich nicht mehr. Ich
frchte, man ist uns gefolgt. - Wer? - Einer, der niemals schlft, wie es
scheint: Graf Teja. Des Prfekten Lippe zuckte.
    Und er ist auch bei einem rtselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
bloe Scheinangriff gilt dem Sankt-Pauls-Tor. - Gut! sagte Cethegus
nachdenklich. Belisar wrde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie liegen
irgendwo, - aber ich wei nicht, wo - frcht' ich, im Hinterhalt, mit bermacht,
Graf Totila fhrt sie.
    Ich will ihn schon warnen! sagte Cethegus langsam.
    Wenn es gelnge ...! - Sorge nicht, Knigin! Mir liegt an Rom nicht
weniger denn dir. Und wenn der nchste Sturm fehlschlgt, - so mssen sie die
Belagerung aufgeben, so zhe sie sind. Und das, Knigin, ist dein Verdienst. La
mich in dieser Nacht - vielleicht der letzten, da wir uns treffen, - dir mein
ganzes staunendes Herz enthllen. Cethegus staunt nicht leicht und nicht leicht
gesteht er's, wenn er staunen mu. Aber dich - bewundere ich, Knigin. Mit welch
totverachtender Khnheit, mit welch' dmonischer List hast du alle Plne der
Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel tat Belisar, - mehr tat Cethegus, - das
meiste: Mataswintha.
    Sprchst du wahr! sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. Und wenn die
Krone diesem Frevler vom Haupte fllt ... - -
    War es deine Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
Knigin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen Monaten -
darfst du nicht als gefangene Gotenknigin nach Byzanz. Diese Schnheit, dieser
Geist, diese Kraft mu herrschen - nicht dienen, in Byzanz. Darum bedenke, wenn
er nun gestrzt ist - dein Tyrann, - willst du nicht dann den Weg gehn, den ich
dir gezeigt?
    Ich habe noch nie ber seinen Fall hinaus gedacht, sagte sie dster.
    Aber ich - fr dich! Wahrlich, Mataswintha, - und sein Auge ruhte mit
Bewunderung auf ihr, - du bist - wunderschn. Ich rechn' es mir zum grten
Stolz, da selbst du mich nicht in Liebe entzndet und von meinen Plnen
abgebracht hast. Aber du bist zu schn, zu kstlich, nur der Rache und dem Ha
zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, - dann nach Byzanz!
    Als mehr denn Kaiserin: - als berwinderin der Kaiserin!
    Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich ertrge
den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um kluger Zwecke
willen? Nein: ich konnt' es nur, weil ich mute. Die Rache ist jetzt meine Liebe
und mein Lebe und ... - -
    Da scholl von der Fronte des Gebudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
laut und schrillend der Ruf des Kuzchens, einmal - zweimal rasch nacheinander.
    Wie staunte Perseus, als er den Prfekten eilig an die Kehle der Bildsule
drcken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geruschlos in zwei Hlften
auseinander schlug. Cethegus schlpfte in die ffnung: die Statue klappte wieder
zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf die Stufen des Altars.
    Also war's ein Zeichen! Es droht Gefahr: dachte der Spher; aber wo ist
die Gefahr? und wo der Warner? Und er wandte sich, trat vor und sah nach links,
nach der Seite der Goten.
    Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
Mauren Syphax, der vor der Eingangstr des Hauptgebudes in einer leeren Nische
Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der gotischen, Seite hin,
gespht hatte.
    Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht.
    Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
leise sein Schwert aus der Scheide zog.
    Ha, lachte Perseus, bis die beiden miteinander fertig sind, bin ich in
Rom, mit meinem Geheimnis.
    Und in raschen Sprngen eilte er nach der Mauerlcke des Vorhofs, durch die
er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts und nach
links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt erst ganz
entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in den Tempelhof. Er
konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu tten.
    Da pltzlich schrie er laut: Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Rmer!
rettet die Knigin! dort rechts an der Mauer, ein Rmer!
    Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. Dort! rief dieser: ich schtze die
Frauen in der Kirche! Und er eilte in den Tempel.
    Steh' Rmer! rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.
    Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lcke,
durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht wieder
hindurchzwngen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung auf die
Mauerkrone: und schon hob er den Fu, sich jenseits hinabzulassen: da traf ihn
Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rcklings strzte er nieder, samt seinem
erlauschten Geheimnis. -
    Teja beugte sich ber ihn: deutlich erkannte er die Zge des Toten. Der
Archon Perseus, sagte er, der Bruder des Johannes. Und sofort schritt er die
Stufen hinan, die zur Kirche fhrten. An der Schwelle trat ihm Mataswintha
entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne. Einen Moment maen
sich beide schweigend mit mitrauischen Blicken.
    Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum, sagte endlich die Frstin.
Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.
    Seltsam whlst du Ort und Stunde fr deine Gebete. La sehen, ob dieser
Rmer der einzige Feind war.
    Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle. Nach
einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in der Hand.
Ich fand nichts als - diese Sandale am Altar, dicht vor dem Apostel. Es ist ein
Mannesfu.
    Eine Votivgabe von mir, sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
Fu, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.
    Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott? - Ich verehre, was da
hilft. - In welchem Fue stak der Dorn. Syphax schwankte einen Augenblick.
Im rechten, sagte er dann, rasch entschlossen.
    Schade, sprach Teja, die Sandale ist auf den linken geschnitten.
    Und er steckte sie in den Grtel. Ich warne dich, Knigin, vor solcher
nchtlichen Andacht.
    Ich werde tun, was meine Pflicht, sagte Mataswintha herb.
    Und ich, was meine. Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurck zum
Lager: schweigend folgte die Knigin und ihre Sklaven.

                                     * * *

    Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.
    Was du sagst, ist kein Beweis, sagte der Knig. - Aber schwerer Verdacht.
Und du sagtest selbst, die Knigin sei dir unheimlich.
    Gerade deshalb ht' ich mich, nach bloem Verdacht zu handeln. Ich zweifle
manchmal, ob wir an ihr nicht unrecht getan. Fast so schwer wie an Rauthgundis.
- Wohl, aber diese nchtlichen Gnge? - Werd' ich verhindern. Schon um
ihretwillen.
    Und der Maure? Ich trau' ihm nicht. Ich wei, da er tagelang abwesend:
dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Spher.
    Ja, Freund, lchelte Witichis. Aber der meine. Er geht mit meinem Wissen
in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten verraten.
    Und noch keine hat gentzt! Und die falsche Sandale?
    Ist wirklich ein Votivopfer. Aber fr Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Knigin sich
langweilend, in einem Gewlbe der Kirche herumgestbert und da unten allerlei
Priestergewnder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten. Aber spter, den
Zorn des Apostels frchtend, wollt' er ihn beschwichtigen, und opferte, in
seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz
genau: mit goldnen Seitenstreifen und einem Achatknopf, oben mit einem C -. Du
siehst, es trifft alles zu. Er kannte sie also: sie kann nicht von einem
Flchtenden verloren sein. Und er versprach, als Beweis die dazu gehrige
Sandale des rechten Fues zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen
Plan verraten, der all unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre
Hnde liefern soll.

                                Zehntes Kapitel.


Whrend der Gotenknig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand Cethegus, in
frhester Stunde nach dem belisarischen Tor beschieden, vor Belisar und
Johannes.
    Prfekt von Rom, herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, wo warst
du heute nacht?
    Auf meinem Posten. Wohin ich gehre. Am Tor Sankt Pauls.
    Weit du, da in dieser Nacht einer der besten meiner Anfhrer, Perseus der
Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem verschwunden
ist?
    Tut mir leid. Aber du weit: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer zu
berschreiten.
    Ich habe aber Grund zu glauben, fuhr Johannes auf, da du recht gut
weit, was aus meinem Bruder geworden, da sein Blut an deinen Hnden klebt. -
Und beim Schlummer Justinians! brauste Belisar auf, das sollst du ben.
Nicht lnger sollst du herrschen ber des Kaisers Heer und Feldherrn. Die Stunde
der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so gut wie vernichtet. Und la
sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das Kapitol fllt.
    Steht es so? dachte Cethegus, jetzt sieh dich vor, Belisarius. Doch er
schwieg.
    Rede! rief Johannes. Wo hast du meinen Bruder ermordet? Ehe Cethegus
antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwchter Belisars, herein.
Herr, sagte er, drauen stehn sechs gotische Krieger. Sie bringen die Leiche
Perseus, des Archonten. Knig Witichis lt dir sagen: er sei heut' nacht vor
den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er sendet ihn zur ehrenden
Bestattung.
    Der Himmel selbst, sprach Cethegus, stolz hinausschreitend, straft eure
Bosheit Lgen. Aber langsam und nachdenklich ging der Prfekt ber den Quirinal
und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. Du drohst, Belisarius? Dank fr den
Wink! La sehn, ob wir dich nicht entbehren knnen.

                                     * * *

    In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und ihm
raschen Bericht ablegte. Vor allem, Herr, schlo er nun, la also deinen
Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist, ist Syphax
fern: - und gib mir gtigst deinen rechten Schuh.
    Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen fr dein freches
Lgen, lachte der Prfekt. Dieses Stck Leder ist jetzt dein Leben wert, mein
Panther. Womit willst du's lsen?
    Mit wichtiger Kunde. Ich wei nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrder. Es sind: Teja, Totila
und Hildebad.
    Jeder allein genug fr den Magister Militum, murmelte Cethegus
vergnglich.
    Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schne Falle
gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, da Belisar selbst morgen
zum tiburtinischen Tor hinausziehen will, um Vorrte aufzutreiben.
    Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen; er fhrt nur vierhundert Mann.
    Es werden nun die drei Eidbrder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen. - Das verdient wirklich den Schuh! sagte
Cethegus und warf ihm denselben zu.
    Knig Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf das
Tor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich eile nun
also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, da er drei Tausend mit
sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.
    Halt! sagte Cethegus ruhig, nicht so eilfertig! Du meldest nichts.
    Wie? fragte Syphax erstaunt. Ungewarnt ist er verloren!
    Man mu dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer ins
Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.
    Ei, sagte Syphax mit pfiffigem Lcheln, solches gefllt dir? Dann bin ich
lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme Witwe
Antonina!
    Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
Ostiarius: Kallistratos von Korinth.
    Immer willkommen.
    Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.
    Ein Hauch anmutiger Rte von Scham oder Freude frbte seine Wangen: es war
ersichtlich, da ihn ein besonderer Anla herfhrte.
    Was bringst du des Schnen noch auer dir selbst? so fragte Cethegus in
griechischer Sprache.
    Der Jngling schlug die leuchtenden Augen auf: Ein Herz voll Bewunderung
fr dich: und den Wunsch, dir diese zu bewhren. Ich bitte um die Gunst, wie die
beiden Licinier und Piso, fr dich und Rom fechten zu drfen.
    Mein Kallistratos! was kmmern dich, unsern Friedensgast, den
liebenswrdigsten der Hellenen, unsre blutigen Hndel mit den Barbaren? Bleibe
du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der Schnheit.
    Ich wei es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
eisernen Rmer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart - aber doch
leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle Sitte
verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heit Rom, und Rom heit mir
Cethegus. So fa ich diesen Kampf und so gefat, siehst du, so geht er wohl auch
den Hellenen an.
    Erfreut lchelte der Prfekt. Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt Rom
gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites Romani wie
Licinius.
    In Taten will ich dir danken! Aber eins noch mu ich dir gestehn - denn ich
wei: du liebst nicht berrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie teuer dir
das Grabmal Hadrians und seine Zier von Gtterstatuen ist. Neulich hab' ich
diese marmornen Wchter gezhlt und zweihundertachtundneunzig gefunden. Da
macht' ich denn das dritte Hundert voll und habe meine beiden Letoiden, die du
so hoch gelobt, den Apollon und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu
einem Weihgeschenk.
    Junger lieber Verschwender, sprach Cethegus, was hast du da getan!
    Das Gute und Schne, antwortete Kallistratos einfach.
    Aber bedenke - das Grabmal ist jetzt eine Schanze -
    Wenn die Goten strmen - - Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
innern Mauer. Und soll ich frchten, da je Barbaren wieder den Lieblingsplatz
des Cethegus erreichen? Wo sind die schnen Gtter sichrer als in deiner Burg?
Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster Tempel. Mein Weihgeschenk
sei zugleich ein glcklich Omen.
    Das soll es sein, rief Cethegus lebhaft, und ich glaube selber: dein
Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen -
    Du hast mir schon dafr erlaubt, fr dich zu kmpfen. Chaire! lachte der
Grieche und war hinaus.
    Der Knabe hat mich sehr lieb, sagte Cethegus, ihm nachsehend. Und mir
geht's wie andern Menschentoren: - mir tut das wohl. Und nicht blo, weil ich
ihn dadurch beherrsche.
    Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums, und ein Tribun der
Milites ward gemeldet.
    Es war ein junger Krieger mit edeln, aber ber seine Jahre hinaus ernsten
Zgen. In echt rmischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im rechten
Winkel, an die gerade, strenge Stirn: in dem tief eingelassenen Auge lag
rmische Kraft und - in dieser Stunde - entschlossener Ernst und rcksichtsloser
Wille.
    Siehe da, Severinus, des Bothius Sohn, willkommen, mein junger Held und
Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen - woher kommst du?
    Vom Grabe meiner Mutter, sagte Severinus mit festem Blick auf den Frager.
    Cethegus sprang auf. Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines Bothius
Weib!
    Sie ist tot, sagte der Sohn kurz. Der Prfekt wollte seine Hand fassen.
Severinus entzog sie.
    Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie - ohne ein Wort fr mich?
    Ich bringe dir ihr letztes Wort - es galt dir!
    Wie starb sie? an welchem Leiden? - An Schmerz und Reue. - Schmerz -
seufzte Cethegus, das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir galt
ihr letztes Wort! - sag' an, wie lautet es?
    Da trat Severinus hart an den Prfekten, da er sein Knie berhrte, und
blickte ihm bohrend ins Auge. Fluch, Fluch ber Cethegus, der meine Seele
vergiftet und mein Kind.
    Ruhig sah ihn Cethegus an. Starb sie im Irrsinn? fragte er kalt.
    Nein, Mrder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, da ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzhlte uns den Hergang. Der
alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion sttzten sie. Spt erst erfuhr ich,
schlo sie, da mein Kind aus dem tdlichen Becher getrunken. Und niemand war
da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie trinken wollte. Denn ich war noch im
Boot auf dem Meere und Cethegus noch in dem Platanengang. Da rief der alte
Corbulo erbleichend: Wie? der Prfekt wute, da der Becher Gift enthielt? -
Gewi, antwortete meine Mutter. Als ich ihn im Garten traf, sagt ich es ihm: es
ist geschehen. Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz: Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er stand
dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank. - Er sah zu, wie sie trank?
fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein Leben gellen wird.
    Er sah zu, wie sie trank! wiederholten der Freigelassene und sein Kind. O so
sei den untern Dmonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott, in der
Hlle, Rache, meine Shne, auf Erden fr Kamilla! Fluch ber Cethegus! Und sie
fiel zurck und war tot.
    Der Prfekt blieb unerschttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika. Du aber - fragte er nach einer Pause - was
tatest du?
    Ich aber kniete nieder an der Leiche und kte ihre kalte Hand und schwor
ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Prfekt von Rom: Giftmischer,
Mrder meiner Schwester - du sollst nicht leben.
    Sohn des Bothius, willst du zum Mrder werden um die Wahnworte eines
lppischen Sklaven und seiner Dirne? Wrdig des Helden und des Philosophen!
    Nichts von Mord. Wre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren: -
er dnkt mir heute sehr vortrefflich! - rief' ich dich zum Zweikampf, du
verhater Feind. Ich aber bin ein Rmer und suche meine Rache auf dem Wege des
Rechts. Hte dich, Prfekt, noch gibt es Richter in Italien. Lange Monate hielt
mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. - Erst heute habe ich Rom, von
der See her, erreicht: und morgen erheb' ich die Klage bei den Senatoren, die
deine Richter sind - dort finden wir uns wieder.
    Cethegus vertrat ihm pltzlich den Weg an die Tre.
    Aber Severinus rief: Gemach, man sieht sich vor bei Mrdern. Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet: - Sie werden mich mit den Liktoren suchen,
komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.
    Ich wollte dich nur, sagte Cethegus wieder ganz ruhig, vor dem Wege der
Schande warnen. Willst du den ltesten Freund deines Hauses um der Fieberreden
einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen, - tu's: ich
kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist mein Anklger
geworden: aber du bleibst Soldat und mein Tribun. Du wirst gehorchen, wenn dein
Feldherr befiehlt.
    Ich werde gehorchen.
    Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
mu die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr fr den lwenkhnen Mann: - ich
mu ihn treu gehtet wissen. Du wirst morgen, - ich befehl' es, - den Feldherrn
begleiten und sein Leben decken.
    Mit meinem eignen.
    Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.
    Bau' du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat. Nach
beiden Kmpfen lstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: - - vor dem Senat.
    Auf Nimmerwiedersehn, sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
Syphax, rief er laut, bringe Wein und das Hauptmahl. Wir mssen uns strken:
- auf morgen.

                                Elftes Kapitel.


Frh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten geschftige
Bewegung.
    Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: - - aber
nicht alles. Sie hatten von dem Gelbde der drei Mnner gegen Belisar erfahren
und den frheren Plan eines bloen Scheinangriffs gegen das Sankt-Pauls-Tor, um
von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber nicht hatten sie
erfahren, da der Knig, in nderung jenes Planes eines bloen Scheinangriffs,
fr diesen Tag der Abwesenheit des groen Feldherrn einen in tiefstes Geheimnis
gehllten Beschlu gefat hatte: es sollte ein letzter Versuch gemacht werden,
ob nicht gotisches Heldentum doch dem Genius Belisars und den Mauern des
Prfekten berlegen sei. Man hatte sich im Kriegsrat des Knigs nicht ber die
Wichtigkeit des Unternehmens getuscht: wenn es wie alle frheren, vereinzelten
Angriffe - achtundsechzig Schlachten, Ausflle, Strme und Gefechte hatte Prokop
whrend der Belagerung bis dahin aufgezhlt - scheiterte, so war von dem
ermdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu erwarten.
Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, ber den Plan gegen
jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.
    
    Daher hatte auch Mataswintha nichts vom Knig erfahren, und selbst ihres
Mauren Sprnase konnte nur wittern, da auf jenen Tag etwas Groes gerstet
werde; - die gotischen Krieger wuten selbst nicht was.
    Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geruschlos aufgebrochen und hatten sich sdlich von der valerischen Strae bei
dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hgelfalte Belisar vorbeikommen mute,
in Hinterhalt gelegt: sie hofften mit ihrer Aufgabe bald genug fertig zu sein,
um noch wesentlich an den Dingen bei Rom teilnehmen zu knnen.
    Whrend der Knig mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen innerhalb
der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil seiner
Leibwchter umgeben, zum tiburtinischen Tor hinaus. Prokop und Severinus ritten
ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug sein Banner, das bei
allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten hatte. Constantinus, dem
er an seiner Statt die Sorge fr den belisarischen Teil von Rom bertragen,
besetzte alle Posten lngs der Mauern doppelt, und lie die Truppen hart an den
Wllen unter den Waffen bleiben. Er bersandte den gleichen Befehl dem Prfekten
fr die Byzantiner, die dieser fhrte.
    Der Bote traf ihn auf den Wllen zwischen dem paulinischen und dem appischen
Tor. Belisar meint also, hhnte Cethegus, whrend er gehorchte, mein Rom ist
nicht sicher, wenn er es nicht behtet: ich aber meine: Er ist nicht sicher,
wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm, Lucius Licinius, flsterte er diesem
zu, wir mssen an den Fall denken, da Belisar einmal nicht wiederkehrt von
seinen Heldenfahrten: dann mu ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.
    Ich kenne die Hand.
    Vielleicht gibt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom belassenen
Leibwchtern: in den Thermen des Diokletian oder am tiburtinischen Tore. Sie
mssen dort in ihrem Lager erdrckt sein, ehe sie sich recht besinnen. Nimm
dreitausend meiner Isaurier und verteile sie, ohne Aufsehen, rings um die
Thermen her: auch besetze mir vor allem das tiburtinische Tor. - Von wo aber
soll ich sie fortziehen? - Von dem Grabmal Hadrians, sagte Cethegus nach
einigem Besinnen. Und die Goten, Feldherr! - Bah! das Grabmal ist fest, es
schtzt sich selbst. Erst mssen vom Sden her die Strmenden ber den Flu: und
dann diese eisglatten Wnde von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
Freude. Und zudem, lchelte er, sieh nur hinauf: da oben steht ein Heer von
marmornen Gttern und Heroen: sie mgen selber ihren Tempel schirmen gegen die
Barbaren. Siehst du, - ich sagte es ja - es geht nur hier gegen das
Sankt-Pauls-Tor, schlo er, auf das Lager der Goten deutend, aus welchem eben
eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.
    Licinius gehorchte und fhrte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die Hlfte
der Deckung, ab: von dem Grabmal ber den Flu und den Viminalis hinab gegen die
Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen Tor lste er dann auch
durch dreihundert Isaurier und Legionre ab.
    Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Tor, wo jetzt Constantinus
als Vertreter Belisars hielt. Ich mu ihn aus dem Wege haben, dachte er, wenn
die Nachricht eintrifft. - Sobald du die Barbaren zurckgeworfen, sprach er
ihn an, wirst du doch wohl einen Ausfall machen mssen? Welche Gelegenheit,
Lorbeeren zu sammeln, whrend der Feldherr fern ist! - Jawohl, rief
Constantinus, sie sollen's erfahren, da wir sie auch ohne Belisarius schlagen
knnen.
    Ihr mt aber ruhiger zielen, sagte Cethegus, einem persischen Schtzen
den Bogen abnehmend. Seht den Goten dort, den Fhrer zu Pferd! Er soll fallen.
Cethegus scho; der Gote fiel vom Ro, durch den Hals geschossen. Und meine
Wallbogen, ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche? ein Tausendfhrer
der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht! Und er richtete den Wallbogen,
zielte und scho: durchbohrt war der gepanzerte Gote an den Baum genagelt.
    Da sprengte ein sarazenischer Reiter heran: Archon, redete er Constantinus
an, Bessas lt dich bitten, Verstrkungen an das Vivarium, das prnestinische
Tor: die Goten rcken an.
    Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. Possen: sagte dieser, der
einzige Angriff droht an meinem Tore von Sankt Paul: und das ist gut gehtet:
ich wei es gewi: la Bessas sagen: er frchte sich zu frh. brigens, im
Vivarium habe ich noch sechs Lwen, zehn Tiger und zwlf Bren fr mein nchstes
Zirkusfest! Lat sie einstweilen los auf die Barbaren! Es ist auch ein
Schauspiel fr die Rmer dann!
    Aber schon eilte ein Leibwchter den Mons Pincius herab: Zu Hilfe, Herr, zu
Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Tor! Unzhlige Barbaren!
Ursicinus bittet um Hilfe!
    Auch dort? fragte sich Cethegus unglubig.
    Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Tor! rief ein zweiter Bote des Ursicinus.
    Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wit, sie steht unter Sankt
Peters besonderem Schutz: das reicht! sprach, beruhigend Constantinus. Cethegus
lchelte: Ja, heute gewi: denn sie wird gar nicht angegriffen.
    Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. Prfekt, rasch aufs Kapitol, von wo
ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich aus allen
Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Tore Roms.
    Schwerlich! lchelte Cethegus. Aber ich will hinaus. Du aber, Marcus
Licinius, stehst mir ein fr das tiburtiner Tor. Mein mu es sein, nicht
Belisars! Fort mit dir! Fhre deine zweihundert Legionare dorthin!
    Er stieg zu Pferd und ritt zunchst gegen das Kapitol zu, um den Fu des
Viminal. Hier traf er auf Lucius und seine Isaurier. Feldherr, sprach ihn
dieser an, es wird ernst da drauen. Sehr ernst! Was ist's mit den Isauriern?
Bleibt es bei deinem Befehl?
    Habe ich ihn zurckgenommen? sagte Cethegus streng. Lucius, du folgst mir
und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rckt unter eurem Huptling Asgares
zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Tor.
    Er glaubte an keine Gefahr fr Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein in
diesem Augenblick die Goten wirklich beschftigte. Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll, dachte er, die Byzantiner nur abhalten, ihres
bedrohten Feldherrn vor den Toren zu gedenken.
    Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
Ebene berschauen konnte. Sie war erfllt von gotischen Waffen. Es war ein
herrliches Schauspiel. Aus allen Lagertoren wogte die ganze Streitmacht des
gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgrtend. Der Angriff
sollte offenbar gegen alle Tore zugleich unternommen werden und war nach Einem
Gedanken entworfen.
    Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschtzen und Schleuderer, in leichten Plnklerschwrmen, die Zinnen und
Brustwehren von Verteidigern zu subern. Darauf folgten Sturmbcke, Widder,
Mauerbrecher aus rmischen Arsenalen entnommen oder rmischen Mustern, wiewohl
oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und Rindern bespannt, bedient
von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur mit breiten Schilden sich und
die Bespannung gegen die Geschosse der Belagerten decken sollten. Dicht hinter
ihnen schritten die zum eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen
Gliedern, mit voller Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern
gerstet, und lange, schwere Sturmleitern schleppend. In groer Ordnung und Ruhe
rckten diese drei Angriffslinien berall gleichmigen Schrittes vor: die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenrumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hrner.
    Sie haben etwas von uns gelernt, rief Cethegus in kriegerischer Freude.
Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg. - Wer ist es
wohl? fragte Kallistratos, der, in reicher Rstung, neben Lucius Licinius
hielt. Ohne Zweifel, Witichis, der Knig, sagte Cethegus. - Das htte ich dem
schlichten Mann mit den bescheidnen Zgen nie zugetraut. - Diese Barbaren
haben manches Unergrndliche.
    Und vom Kapitol herab ritt er nun, ber den Flu nach der Umwallung am
pankratischen Tor, wo der nchste Angriff zu drohen schien und bestieg mit
seinem Gefolge den dortigen Eckturm.
    Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als htte ihn der Blitz des Zeus vergessen
in der Gigantenschlacht, forschte der Grieche.
    Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rckt gegen das pankratische
Tor, antwortete der Prfekt.
    Und wer ist der Reichgerstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis. - Das ist Herzog Guntharis, der
Wlsung, sprach Lucius Licinius. Und sieh', auch drben auf der Ostseite der
Stadt, berm Flu, soweit man schauen kann, gegen alle Tore, rcken Sturmreihen
der Barbaren, sagte Piso.
    Aber wo ist der Knig selbst? fragte Kallistratos.
    Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hlt er,
oberhalb des pankratischen Tors, erwiderte der Prfekt. Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurck, hinter
der Linie, sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. Sollte er nicht mit
kmpfen? meinte Massurius. Wre gegen seine Weise. Aber la uns vom Turm auf
den Wall hinab: das Gefecht beginnt, schlo Cethegus. Hildebrand hat den
Graben erreicht. - Dort stehen meine Byzantiner, unter Gregor. Die
Gotenschtzen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen Tor werden leer. Auf,
Massurius, schicke meine abaskischen Jger und von den rmischen Legionren die
besten Pfeilschtzen dorthin: sie sollen auf die Rinder und Rosse der Sturmbcke
zielen.
    Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdru bemerkte
Cethegus, da die Goten berall Fortschritte machten. Die Byzantiner schienen
ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen von den Wllen,
indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung vordrangen. Schon hatten
sie an mehreren Stellen den Graben berschritten und Herzog Guntharis hatte
sogar schon Leitern angelegt an den Wllen bei dem portuensischen Tore, whrend
der alte Waffenmeister einen starken Widderkopf herangeschleppt und denselben
durch ein Schirmdach gegen die Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits
donnerten die ersten Ste laut durch das Getmmel des Kampfes gegen die Balken
des pankratischen Tors. Dieser wohlbekannte Ton erschtterte den Prfekten, der
eben hier anlangte: Offenbar, sagte er zu sich selbst, machen sie jetzt
bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.
    Und wieder ein drhnender Sto. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend an.
Das darf nicht lange whren! rief Cethegus zrnend, entri dem nchsten
Schtzen Bogen und Kcher und eilte auf den Mauerkranz an dem Tore: Hierher,
ihr Schtzen und Schleuderer! Mir nach! rief er, schafft schwere Steine bei.
Wo ist der nchste Ballist? Wo die Skorpionen? das Schirmdach mu entzwei.
    Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schtzen, die eifrig durch die
Schiescharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. Es ist umsonst,
Haduswinth, schalt der junge Gunthamund, zum drittenmal leg' ich vergeblich
an! es wagt ja keiner nur die Nase ber die Brustwehr. - Geduld, sagte der
Alte, halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon einer, den der Frwitz
plagt. Auch mir leg' einen Bogen bereit. Nur Geduld. - Die hat man leichter
mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig Jahren.
    Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
in die Ebene: da sah er den Knig, in der weiten Ferne, unbeweglich, im Zentrum
stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das strte und
beunruhigte ihn. Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, da der Feldherr
nicht fechten soll? Komm, Gajus, rief er dem jungen Schtzen zu, der ihm khn
gefolgt war, deine jungen Augen sehen scharf, blick' mit mir ber die Zinne
hier - was treibt der Knig dort? Und er beugte sich ber die Brustwehr, Gajus
folgte, eifrig sphend, seinem Beispiel.
    Jetzt, Gunthamund! rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
beiden Spher fuhren zurck.
    Gajus strzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Prfekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand ber die
Stirn.
    Du lebst, mein Feldherr? rief Piso, heranspringend.
    Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Gtter brauchen mich noch:
nur die Haut ist geritzt, sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.

                               Zwlftes Kapitel.


Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr verboten, sich
am Kampf zu beteiligen: die Barbaren sollen dich mir nicht tten und auch dich
nicht erkennen: - du bist unersetzlich als Sklave Mataswinthens und Kundschafter
des Knigs Witichis, hatte Cethegus gesagt.
    Wehe, wehe, schrie er so berlaut, da es seinem Herrn, auffiel, der des
Mauren kluge Ruhe kannte, welch ein Unglck! - Was ist geschehen? -
Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall fhren aus dem
salarischen Tor und stie sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mhe rettete man ihn auf den Wall. Dort
fing ich den Sinkenden auf: er ernannte den Prfekten zu seinem Vertreter. Hier
ist sein Feldherrnstab.
    Das ist nicht mglich! schrie Bessas, der auf Syphax' Ferse folgte. Er
hatte in Person selbst neue Verstrkungen verlangen wollen und kam eben recht,
die Nachricht zu hren. Oder er war schon sinnlos, als er's tat.
    Htte er dich bestellt, jedenfalls, sprach Cethegus, ruhig das Zepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges dankend.
Mit einem wtenden Blicke sprang Bessas von der Brstung und eilte davon. Folg'
ihm, Syphax, und beacht' ihn wohl, flsterte der Prfekt.
    Da eilte ein isaurischer Sldner herbei: Verstrkung, Prfekt, ans
portuensische Tor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt. Da sprengte
Cabao, der Fhrer der maurischen berittnen Schtzen heran: Constantinus ist
tot. Vertritt du Constantinus.
    Belisar vertret' ich, sprach Cethegus stolz: fnfhundert Armenier ziehet
ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Tor.
    Hilfe, Hilfe ans appische Tor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen! meldete ein persischer Reiter, die Vorschanze ist halb verloren:
vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmglich wr's, sie wieder
zu nehmen!
    Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt seinem
Kriegstribun: Auf, mein Jurist: beati possidentis! - Nimm hundert Legionre und
halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe kommt. -
    Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Fen tobte das
Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kmmerte mehr die
rtselhafte Ruhe, in welcher der Knig im Hintergrund unbeweglich stand. Was
hat er nur vor?
    Da drhnte von unten ein furchtbar krachender Sto und lauter Siegesjubel
der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprngen war er unten.
    Das Tor ist eingestoen! riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen. Ich
wei es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms. Und den Schild fester
andrckend, trat er hart an den rechten Torflgel, in dem in der Tat ein breiter
Ri klaffte; und schon stie der Widder an die splitternden Platten neben der
ffnung. Noch ein solcher Sto und das Tor liegt ganz, sagte Gregor, der
Byzantiner. Richtig, deshalb darf es nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor
und Lucius: stellt euch, Milites! die Speere gefllt! Fackeln und Brnde! zum
Ausfall! Winke ich, so ffnet das Tor und werft Widder und Schirmdach und alles
in den Graben.
    Du bist sehr khn, mein Feldherr! rief Lucius Licinius, entzckt neben ihn
springend.
    Ja, jetzt hat die Khnheit Vernunft, mein Freund!
    Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Prfekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben -: da erscholl vom Rcken her ein Lrm, grer
selbst als der der strmenden Goten: Wehegeschrei und Pferdegetrappel: - und
Bessas drngte sich heran: er fate den Arm des Prfekten: seine Stimme
versagte.
    Was hemmst du mich in diesem Augenblick? rief dieser und stie ihn zurck.
- Belisars Truppen, stammelte entsetzt der Thraker, stehen schwer geschlagen
vor dem tiburtinischen Tor: - sie flehen um Einla: - wtende Goten hinter ihnen
- Belisar ist in einem Hinterhalt gefallen: - er ist tot.
    Belisar ist gefangen! schrie ein Trmer vom tiburtinischen Tor, atemlos
heraneilend. Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem nomentanischen und
vor dem tiburtinischen Tor! scholl's aus der Tiefe der Strae. Belisars Fahne
ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche! - La das tiburtinische Tor
ffnen, Prfekt! drngte Bessas, deine Isaurier stehen pltzlich dort. Wer hat
sie dorthin geschickt?
    Ich! sagte Cethegus, berlegend.
    Sie wollen nicht ffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine - Belisars -
Leiche!
    Cethegus zauderte - er hielt das Schwert halb erhoben - er schwankte. Die
Leiche, dachte er, rett' ich gern. Da flog Syphax heran. Nein! er lebt
noch! rief er seinem Herrn ins Ohr, ich hab' ihn gesehen von der Zinne: er
regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen Reiter brausen heran:
- Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!
    Gib Befehl, la das tiburtiner Tor ffnen! mahnte Bessas. Aber des
Prfekten Auge blitzte: sein Antlitz berflog jener Ausdruck stolzer, khner
Entschlossenheit, der es mit dmonischer Schnheit verklren konnte. Er schlug
mit dem Schwert an den zertrmmerten Torflgel vor sich: Auf, zum Ausfall. Erst
Rom: dann Belisar! Rom und Triumph! Das Tor flog auf.
    Die strmenden Goten, schon des Sieges sicher, htten alles eher erwartet
als dies Wagnis der, wie sie whnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren ohne
Fechtordnung um das Tor herum zerstreut, wurden vllig berrascht und durch den
Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter ihnen klaffenden Graben
geworfen.
    Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.
    Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit seinem
Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber gleichzeitig fast
stie ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel in den Graben. Cethegus
zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine, die krachend auf den Alten
strzte.
    Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen, befahl Cethegus. Rasch
loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die siegreichen Rmer
zurck in die Wlle. Da rief Syphax dem Prfekten entgegen: Gewalt, Herr,
Aufruhr und Emprung! Die Byzantiner gehorchen dir nicht mehr! Bessas rief sie
auf, das tiburtinische Tor mit Gewalt zu ffnen. Seine Leibwchter drohen,
Marcus Licinius anzugreifen und deine Legionre und Isaurier zu schlachten durch
die Hunnen.
    Das ben sie! rief Cethegus grimmig. Wehe, Bessas! Ich will's ihm
gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein, nimm
sie alle! alle! du weit, wo sie stehn: fasse die Leibwchter des Thrakers von
Porta Clausa her im Rcken. Und stehn sie nicht ab, - so hau' sie nieder, ohne
Schonung, Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!
    Lucius Licinius zauderte. Und das tiburtinische Tor? - Bleibt
geschlossen. - Und Belisar?
    Bleibt drauen. - Teja und Totila sind schon heran. - Desto weniger
kann man ffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!
    Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Tores anzuordnen. Das
whrte sehr geraume Zeit. Wie ging es, Syphax? fragte er leise. Lebt er
wirklich? - Er lebt noch. - Tlpel, diese Goten!
    Da kam ein Bote von Lucius. Dein Tribun lt melden: Bessas gibt nicht
nach: - schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Tor geflossen. Und
Asgares und deine Isaurier zgern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem Ernst. -
Ich will ihnen meinen Ernst zeigen! rief Cethegus, warf sich aufs Pferd,
verlie diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind davon.
    Weit war sein Weg: ber die Tiberbrcke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
ber das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die Thermen
des Titus rechts lassend, ber den Esquilin hinaus, endlich durch das
esquilinische Tor an das tiburtinische Auentor: - ein Weg vom uersten Westen
an den uersten Osten der weitgestreckten Stadt.
    Hier, hinter dem Tore, standen die Leibwchter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und Isaurier
des Prfekten unter Marcus Licinius an der Torwache zu berwltigen und das Tor
mit Gewalt zu ffnen, whrend die zweite Fronte mit gefllten Speeren der Masse
der andern Isaurier gegenberstand, die Lucius vergeblich zum Angriff
befehligte.
    Sldner, rief Cethegus, das schnaubende Ro dicht vor deren Linie
anhaltend, wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar? - Dir, Herr, sprach
Asgares, ein Anfhrer, vortretend, aber ich dachte. - Da blitzte das Schwert
des Prfekten, und tdlich getroffen strzte der Mann. Zu gehorchen habt ihr,
eidbrchige Schurken, nicht zu denken!
    Entsetzt standen die Sldner. Aber Cethegus befahl ruhig: Die Speere
gefllt! Zum Angriff! mir nach! Und die Isaurier gehorchten ihm und nun, - ein
Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.
    Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Tores, her ein
furchtbares, alles bertubendes Geschrei: Wehe, Wehe, alles verloren! Die
Goten ber uns! Die Stadt ist genommen!
    Cethegus erbleichte und blickte zurck. Da sprengte Kallistratos heran, Blut
flo ihm ber Gesicht und Hals. Cethegus, rief er, es ist aus! Die Barbaren
sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen. - Wo? fragte der Prfekt tonlos. Am
Grabmal Hadrians! - O mein Feldherr! rief Lucius Licinius, ich habe dich
gewarnt.
    Das war Witichis! sagte Cethegus, die Augen zusammendrckend.
    Woher weit du das! staunte Kallistratos. Genug, ich wei es. Es war ein
furchtbarer Augenblick fr den Prfekten.
    Er mute sich sagen, da er, rcksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom bersehen hatte. Er bi die Zhne in
die Unterlippe.
    Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblt! Cethegus hat Rom ins Verberben
gestrzt! rief Bessas an der Spitze der Leibwchter.
    Und Cethegus wird es retten! rief dieser, sich hoch im Sattel aufrichtend.
Mir nach, alle Isaurier und Legionare. - Und Belisar? flsterte Syphax. -
Lat ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt mir! Und im Sturmflug
sprengte er zurck, des Weges, den er gekommen. Nur wenige Berittene konnten ihm
folgen: im Lauf eilte sein Fuvolk, Isaurier und Legionare, nach.

                              Dreizehntes Kapitel.


Drauen vor dem tiburtinischen Tore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein Bote
hatte die gotischen Reiter von dem berflssigen Gefechte abgerufen. Sie sollten
hier innehalten und alle verfgbare Mannschaft um die Stadt und ber den Flu
eilig an das aurelische Tor senden, durch welches man soeben in die Stadt
gedrungen sei: dort brauche man alle Krfte. Die Reiter jagten, rechtsum
schwenkend, nach jenem Tor, wo sich jetzt alles zusammendrngte: aber ihr
eigenes Fuvolk, strmend an den zwischenliegenden fnf Toren: der Porta clausa,
nomentana, salaria, pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange,
da sie zu der Entscheidung zu spt kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen
war.
    Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Prfekten: dem
vatikanischen Hgel gegenber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen Tor
gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und berall, auer im Sden, wo
der Flu decken sollte, durch neue Wlle geschtzt, ragte die moles Hadriani,
ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art Hofraum umgab das
eigentliche Gebude: vor der ersten, ueren Deckungsmauer im Sden flo der
Tiber. Auf den Zinnen dieser Auenmauer, in dem Hofraum und auf den Zinnen der
Innenmauer lagerten sonst die Isaurier, die der Prfekt zu bler Stunde
hinweggezogen hatte, seinen Plan gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der
Innenmauer aber standen die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren
drittes Hundert das Geschenk des Kallistratos vervollstndigt hatte.
    Der Knig der Goten hatte sich fr heute in der Mitte des groen
Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten Tiberufer,
um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem pankratischen (alten
aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Tor, wo sonst nur Graf Markja von
Mediolanum lagerte, eine zurckgenommene, abwartende Stellung gewhlt. Er baute
seinen Plan darauf, da der allgemeine Sturm gegen alle Tore notwendig die
Krfte der Belagerten werde zersplittern mssen: und sowie an irgend einem Punkt
durch Hinwegziehung der Verteidiger eine Ble entstehen wrde, gedachte er, sie
sofort zu bentzen.
    In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen. Er hatte allen Anfhrern Auftrag gegeben, ihn schleunig
herbeizurufen, wo sich eine Lcke der Verteidigung zeige.
    Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt, die mig stehen sollten, whrend die Genossen
berall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie auf einen Boten,
der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.
    Da bemerkte endlich des Knigs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
Zinnen der Auenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen und die
dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er hin: sie wurden
nicht abgelst, die Lcken nicht ersetzt. Da sprang er aus dem Sattel, gab
seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den stolzen Bug, sprach:
Nach Hause, Boreas! und das kluge Tier lief geradeaus in das Lager zurck.
Jetzt, vorwrts meine Goten! vorwrts, Graf Markja! rief der Knig, dort ber
den Flu - die Mauerbrecher lat hier zurck: nur die Schilde und die
Sturmleitern nehmt mit. Und die Beile. Voran! Und im Lauf erreichte er den
steilen Uferhang an der sdlichen Biegung des Flusses und eilte den Hgel hinab.
    Keine Brcke, Knig, und keine Furt? fragte ein Gote hinter ihm.
    Nein, Freund Iffamer, schwimmen! und der Knig sprang in die gelbe
schmutzige Flut, da sie zischend hoch ber seinem Helmbusch zusammenschlug. In
wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die vordersten seiner Leute
mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen Auenmauer des Grabmals und die
Mnner blickten fragend, besorgt hinauf. Leitern her! rief Witichis, seht ihr
nicht? Die Verteidiger fehlen ja! Frchtet ihr euch vor hohen Steinen? Rasch
waren die Leitern angelegt, rasch die Auenwlle erstiegen, die wenigen Wachen
hinabgestrzt, die Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Auenmauer in
den Hof hinabgelassen.
    Der Knig war der erste in dem Hofraum.
    Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Tore hierher geeilt,
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein paar Isauriern:
und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und Pfeilen auf die nur
vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch ihre Ballisten und
Katapulten wirkten verheerend. Schickt um Hilfe, um Hilfe zu Cethegus! rief
oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog davon.
    Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. Was tun?
fragte Markja an seiner Seite. Warten, bis sie sich verschossen haben, sagte
dieser ruhig. Es kann nicht lange mehr whren. Sie werfen und schieen viel zu
hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr Steine denn Pfeile. Und
die Speere bleiben aus. - Aber die Ballisten, die Katapulten - - Werden uns
bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum Sturm. Seht, der Hagel wird sehr
sprlich. So, nun die Leitern bereit und die Beile. - Jetzt, rasch mir nach.
Und in schnellem Anlauf rannten die Goten ber den Hof.
    Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der zweiten,
der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber waren alle
Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum Schu in die Weite
gespannt, konnten sie nicht ohne groe Mhe und lange Zeit zu senkrechtem Schu
gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und erbleichte. Wurfspeere her! Speere!
Speere! oder alles ist hin! - Alle verschossen, keuchte trostlos neben ihm
der dicke Balbus.
    Dann ist's vorbei! seufzte Piso, den rechten Arm todmde senkend. Komm,
Massurius, la uns fliehn, mahnte Balbus. Nein, lat uns hier sterben, rief
Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm ber den Rand der Mauer.
    Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: Cethegus!
Cethegus, der Prfekt!
    Und er war's; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der eben
die Hand auf die Brustwehr sttzte, sich heraufzuschwingen, die Hand samt dem
Arme ab. - Der Mann schrie und strzte.
    O Cethegus, sagte Piso, du kommst zu rechter Zeit! - Ich hoffe es,
sprach dieser und stie die Leiter um, die vor ihm angelegt stand. Witichis war
darauf gestanden, - behend sprang er hinab. Aber jetzt Geschosse her, Speere,
Lanzen. Sonst hilft alles nichts, rief Cethegus. Kein Gescho mehr weit und
breit, antwortete Balbus. Du kommst, hofften wir, mit deinen Isauriern? -
Die sind noch weit, weit hinter mir! rief Kallistratos, der eben als der erste
nach Cethegus wieder erschien.
    Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und es
wuchs die dringendste Gefahr.
    Wild blickte Cethegus um sich. Geschosse, rief er, mit dem Fue stampfend,
es mssen Geschosse herbei! Da fiel sein Auge auf die riesige Marmorstatue
Zeus', des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne stand. Ein Gedanke
durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu und schlug mit einem
Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem Donnerkeil in ihrer Faust herab.
Zeus, rief er, leih mir deinen Blitz! - Was hltst du ihn so mig? Auf!
zerschlagt die Statuen: und schleudert sie den Feinden auf die Kpfe. Und
rascher, als er dies gesagt, ward sein Beispiel befolgt. Mit xten und Beilen
fielen die gengstigten Verteidiger ber die Gtter und Heroen her, und im
Augenblick waren all die herrlichen Gestalten zertrmmert.
    Es war ein grauenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
Reiterstatue, Ro und Reiter mitten auseinander: da strzte eine lchelnde
Aphrodite in die Kniee: da flog der schne Marmorkopf eines Antinous vom Rumpfe
und sauste, von zwei Hnden geschleudert, auf einen gotischen Bffelschild. Und
weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und Trmmer von Marmor und
Erz, von Bronze und Gold. Krachend und drhnend schlugen die gewaltigen Lasten
von Stein und Metall von den Zinnen herab und zerschmetterten die Helme und
Schilde, die Panzer und die Glieder der strmenden Goten und die Leitern selber,
die sie trugen.
    Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstrung, das sein
Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwlf, fnfzehn, zwanzig Leitern
standen leer von den hart aufeinander folgenden Mnnern, die sie kurz zuvor
ameisendicht besetzt hatten: ebenso viele lagen zerbrochen am Fu der Mauer:
berrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel wichen die Goten einen
Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas zum Sturm: und wieder
sausten die zentnerschweren Lasten hernieder.
    Unseliger, was hast du getan? jammerte Kallistratos und starrte auf die
Trmmer.
    Das Notwendige! antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus dem
Erretter, ber den Wall. Siehst du, wie das traf? - zwei Barbaren auf Einen
Schlag - und zufrieden blickte er hinab.
    Da hrte er den Korinther rufen: Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
Apoll!
    Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil gegen
das Haupt des Latoniden schwang. Narr, sollen die Goten herauf? fragte der
Barbar und holte wieder aus.
    Nicht meinen Apollon! wiederholte der Helene und umschlang den Gott
schtzend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.
    Das ersah auf der nchsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle die
Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog und traf
den Griechen mitten in die Brust. Ach - Cethegus! seufzte er und starb. Der
Prfekt sah ihn fallen und prete die Brauen zusammen. Rettet die Leiche und
seine beiden Gtter verschont! sprach er kurz - und stie die Leiter um, auf
der Markja gestanden: mehr konnte er nicht sagen und nicht tun: denn schon rief
ihn eine neue, die drohendste Gefahr.
    Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
Metalltrmmer nach neuen Mitteln sphend. Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Gtter und Heroen,
abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Whrend er sann und
sphte, schlug das schwere Marmorfugestell eines Mars gradivus dicht neben ihm
auf die Erde, prallte nochmal empor und traf dabei an eine Mauerplatte. Und
siehe, diese Platte, die ein Quader von hrtestem Stein geschienen hatte,
zersprang zerbrckelnd in kleine Stcke von Mrtel und Lehm: und an ihrer Stelle
wurde sichtbar eine schmale Holzpforte, die, von jener Masse nur locker
verkleidet und verdeckt, den Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang
gedient hatte, wenn sie an dem groen Gebude arbeiteten und nachbesserten.
    Kaum ersah Witichis die Holztr, als er jubelnd ausrief: Hierher, hierher,
ihr Goten! Beile zur Hand! Und schon schlug seine eigne Streitaxt donnernd an
die dnnen Bretter, die nichts weniger als stark schienen.
    Verhngnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Prfekten Ohr! er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte. Das ist Eisen gegen Holz! Bei Csar!
sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab, die an der
Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch llampen beleuchteten
Innenraum des Grabmals fhrte.
    Da drhnte ein Schlag lauter als alle frheren, ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie Cethegus
auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend nach innen in
den Hof und Knig Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.
    Mein ist Rom! jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus der
Scheide ziehend. Du lgst, Witichis! zum erstenmal im Leben! rief Cethegus
grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel stoend gegen des
Goten Brust, da dieser berrascht einen Schritt zurcktrat.
    Diesen Schritt benutzte der Prfekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle, die ganze enge Pforte fllend. Wo bleiben die Isaurier! rief er.
    Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
erkannte. So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom. Und nun war das
Anspringen an ihm. Cethegus, bemht die ganze ffnung der Pforte zu
verschlieen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem kurzen
Rmerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken. Der Sto des
langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug von Cethegus
abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend, tief in seine rechte
Brust.
    Der Prfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er fiel
nicht. Rom! Rom! sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch aufrecht.
    Witichis war einen Schritt zurckgetreten, um in neuem Ansprung dem
gefhrlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte ihn
oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden Faun, der
bereits mit abgehauenen Fen auf dem Walle lag, auf den Knig herab; er traf
die Schulter und Witichis strzte nieder. Graf Markja, Iffamer und Aligern
trugen ihn aus dem Gefecht.
    Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen; schtzende Arme eines Freundes fingen ihn auf: - aber er
erkannte diesen nicht mehr: sein Bewutsein schwand.
    Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
entzckte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner Isaurier,
die jetzt - endlich - im Sturmschritt eintrafen und, von den Liciniern gefhrt,
in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres Knigs erschtterten Goten
strzten. Sie drngten sie siegreich zu einer (einstweilen von den
eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen) Bresche der ersten Mauer unter
groem Blutvergieen hinaus.
    Der Prfekt sah die letzten Barbaren flchten: - da schlossen sich abermals
seine Augen. Cethegus! rief der Freund, der ihn im Arme hielt, Belisar im
Sterben: und so bist auch du verloren? Cethegus erkannte jetzt die Stimme
Prokops. Ich wei nicht, sprach er mit letzter Kraft, aber Rom, - Rom ist
gerettet! Und damit vergingen ihm die Sinne.

                              Vierzehntes Kapitel.


Nach der Anspannung aller Krfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner Abwehr, der
mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst beendet war, trat bei
Goten und Rmern eine lange Pause der Erschlaffung ein. Die drei Fhrer Belisar,
Cethegus und Witichis lagen wochenlang an ihren Wunden darnieder.
    Aber noch mehr wurde die tatschliche Waffenruhe veranlat durch die tiefe
Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen befallen hatten,
nachdem der mit hchster Anstrengung angestrebte Sieg in dem Augenblick, da er
bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.
    Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes getan: ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Plne, der gegen Belisar und der
gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch Knig
Witichis in seinem steten Mute die Gedrcktheit des Heeres nicht teilte, so
erkannte er dafr desto klarer, da er seit jenem blutigen Tage das ganze System
der Belagerung ndern mute.
    Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schtzt ihn auf dreiigtausend
Tote und mehr als ebenso viele Verwundete: sie hatten sich im ganzen Umkreis der
Stadt mit uerster Todesverachtung den Geschossen der Belagerten ausgesetzt und
am pankratischen Tor und bei dem Grabmal Hadrians waren sie zu Tausenden
gefallen.
    Da nun auch in den achtundsechzig frheren Gefechten die Angreifenden immer
viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger gelitten hatten,
so war das groe Heer, das Witichis vor Monden gegen die ewige Stadt gefhrt,
furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, da schon seit geraumer Zeit Seuchen
und Hunger in ihren Zelten wteten. Bei dieser Entmutigung und Abnahme seiner
Truppen mute Witichis den Gedanken, die Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben,
und seine letzte Hoffnung - er verhehlte sich ihre Schwche nicht - bestand in
der Mglichkeit, der Mangel werde den Feind zur bergabe zwingen. Die Gegend um
Rom war vllig ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei
die Entbehrung lnger wrde ertragen oder welche sich aus der Ferne wrde
Vorrte verschaffen knnen. Schwer fehlte den Goten die an der Kste von
Dalmatien beschftigte Flotte. -
    Der erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Prfekt.
    Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewutlos weggetragen,
lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf, halb Ohnmacht war.
    Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren, der am Fuende des Lagers auf der Erde kauerte und
kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm gerollt.
    Die Holzpforte! war des Prfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
die Holzpforte mu fort - ersetzt durch Marmorquadern ... -
    Danke, danke dir, Schlangengott! jubelte der Sklave, jetzt ist der Mann
gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet. Und er
warf sich mit gekreuzten Armen nieder und kte das Lagergestell seines Herrn. -
Er wagte nicht, dessen Fe zu berhren. Du mich gerettet? - Wodurch?
    Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: Du siehst, starker
Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, da er sie wieder aufschlgt. Bis
du geholfen, erhltst du keine Krume Brot und keinen Tropfen Milch. Und wenn er
die Augen nicht wieder aufschlgt - an dem Tage, da sie ihn verbrennen,
verbrennt Syphax mit: aber du, o groer Schlangengott, desgleichen. Du kannst
helfen: also hilf: oder brenne. So sprach ich, und er hat geholfen.
    Die Stadt ist sicher - das fhl' ich, sonst htte ich nicht entschlafen
knnen. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?
    In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... - - Tod? Diesmal hat dein
Gott noch geholfen, Syphax. La die Tribunen ein.
    Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor ihm;
sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. Rom dankt
euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie - wie Rmer. Mehr, Stolzeres kann ich
euch nicht sagen. Und er bersah wie nachsinnend die Reihe, dann sagte er:
Einer fehlt mir - ah mein Korinther! Die Leiche ist gerettet. Denn ich empfahl
sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt ihm als Denkmal eine schwarze
Platte von korinthischem Marmor an die Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des
Apollo ber die Aschenurne und schreibt darauf: Kallistratos von Korinth ist
hier fr Rom gestorben; er hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet. Jetzt
geht, bald sehen wir uns wieder - auf den Wllen. Syphax, nun sende mir Prokop.
Und bring einen groen Becher Falernerwein. - Freund, rief er dem
eintretenden Prokopius entgegen, mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch
flstern hren: Prokop hat den groen Belisar gerettet. Ein unsterblich
Verdienst! Die ganze Nachwelt wird dir's danken - so brauch ich's nicht zu tun.
Setze dich hierher und erzhle mir das Ganze ... - Aber halt: erst schiebe die
Kissen zurecht, da ich meinen Csar wieder sehen kann. Sein Anblick strkt mehr
als Arzneien. Nun sprich.
    Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.
    Cethegus, sagte er dann, ernsten Tones, Belisar wei alles. - Alles?
lchelte der Prfekt, das ist viel. - La den Spott und versage Bewunderung
nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist - Ich? Nicht da ich wte. -
Sowie er zum Bewutsein kam, hat ihm Bessas natrlich sofort alles mitgeteilt,
hat ihm haarklein erzhlt, wie du befohlen, das Tor gesperrt zu halten, als
Belisar in seinem Blute davor lag, den wtigen Teja auf den Fersen: da du
befohlen, seine Leibwchter niederzuhauen, die mit Gewalt ffnen wollten: jedes
Wort von dir hat er berichtet, auch deinen Ausruf: Erst Rom, dann Belisar: und
hat deinen Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius
sprach: er hat recht getan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Rstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank. Und in dem Bericht an den
Kaiser hat er mir die Worte diktiert: Cethegus hat Rom gerettet und nur
Cethegus! Schick' ihm den Patriciat von Byzanz!
    Ich danke: ich habe Rom nicht fr Byzanz gerettet. - Das brauchst du mir
nicht erst zu sagen, unattischer Rmer.
    Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?
    Still. Er wei nichts davon. Und soll es nie erfahren.
    Syphax, Wein. - So viel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
schwach. Nun, wie war der Reiterspa?
    Freund, das war kein Spa. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.
    Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
Tlpel sind sie samt und sonders.
    Du sprichst, als wr' es dir sehr leid, da Belisar nicht umgekommen.
    Recht wr ihm geschehn. Ich hab' ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.
    Hre, sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, du hast dir ein Recht
erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Frher, wenn du des Mannes
Heldentum herabzogst ... - Dachtest du, ich sprche aus Neid gegen den tapfern
Belisar! Hrt es, ihr unsterblichen Gtter.
    Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ... -
    La mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, mu
man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur die
Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist meine
Weisheit, und nenn' es meine Feigheit, wenn du willst. Also - euer berfall -
mach's kurz! Wie ging's?
    Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, - alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futterholen -, da wandten wir die Rosse allmhlich wieder
gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, die wir aufgetrieben,
in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes und ich an seiner
Seite. Pltzlich, wie wir aus dem Dorf ad aras Bacchi ins Freie kommen, jagen
aus den Gehlzen zu beiden Seiten der valerischen Strae von links und rechts
gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, da sie uns stark berlegen waren und riet
die Flucht mitten durch sie hindurch auf der Strae nach Rom zu versuchen. Aber
Belisar meinte: Viele sind es, doch nicht allzu viele, und sprengte gegen die
Angreifer zur Linken, ihre Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir bel an:
die Goten ritten besser und fochten besser als unsre mauretanischen Reiter: und
ihre Fhrer, Totila und Hildebad - jenen erkannte ich an den langflatternden
gelben Haaren und diesen an der ungeschlachten Gre -, hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst. Wo ist Belisar und sein Mut? schrie der lange Hildebad
vernehmlich durch das Klirren der Waffen.
    Hier! antwortete dieser unverzglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
hielt er schon dem Riesen gegenber. Der war nicht faul und hieb ihm mit seinem
wuchtigen Beil auf den Helm, da der goldene Kamm mit dem weien Rohaarbschel
zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf den Kopf des Pferdes
niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem tdlichen Streiche aus: da
war der junge Severinus, des Bothius Sohn, heran und fing den Hieb mit dem
runden Schilde auf. Aber das Beil des Barbaren drang durch den Schild und flog
noch tief in den Hals des edeln Jnglings. Er strzte - Prokop stockte in
schmerzlichen Gedanken.
    Tot? fragte Cethegus ruhig.
    Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
dem Gefecht. Doch starb er schon, so hrt' ich, eh' er das Dorf erreichte. -
Ein schner Tod! sagte Cethegus. Syphax, einen neuen Becher Wein!
    Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stie nun in groem Zorn
mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines Harnisches,
da er der Lnge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf, aber der junge
Totila -
    Nun?
    Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwchter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannertrger, wollte ihn decken,
aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er ri ihm die Fahne aus der
erschlafften Hand und warf sie dem nchsten Goten zu. Laut auf schrie Belisar
vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge Totila ist rasch wie der
Blitz, und zwei scharfe Hiebe trafen, eh' er sich's versah, des Feldherrn beide
Schultern: der wankte im Sattel und sank langsam vom Pferd, das im selben
Augenblick ein Wurfspeer traf und niederwarf. Gib dich gefangen, Belisar! rief
Totila.
    Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu schtteln,
da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte ihn auf mein
eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der fnfzig
Leibwchter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getmmel flchtend nach der
Stadt hin brachte. - Und du?
    Ich focht zu Fu weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsre Nachhut eintraf,
- die Vorrte in der Mitte hatten wir preisgegeben -, das Gefecht gegen Totila
zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die zweite Schar der
gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der schwarze Teja herzu,
durchbrach unsern rechten Flgel, der ihm zunchst stand, von vorn, durchbrach
dann meine eigene gegen Totila gerichtete Front von der Flanke und zersprengte
unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab das Gefecht verloren, ergriff ein ledig
Ro und eilte dem Feldherrn nach. Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen
Flucht erkannt und jagte uns wtend nach. An der fulvischen Brcke holte er die
Bedeckung ein; Johannes und ich hatten mehr als die Hlfte der noch brigen
Leibwchter an der Brcke aufgestellt, den bergang zu wehren, unter Principius,
dem tapfern Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
dreiig, zuletzt auch die beiden treuen Fhrer, von dem Schwerte des Teja
allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blte von Belisars Leibwchtern: darunter
viele meiner nchsten Waffenfreunde, Alamundarus der Sarazene, Artasines der
Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha und Chorsamantes die
Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der Vandale, Juphrut der Maure,
Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber ihr Tod erkaufte unsre Rettung.
Wir holten hinter der Brcke unser hier zurckgelassenes Fuvolk ein, das dann
noch die feindlichen Reiter so lang beschftigte, bis das Tiburtinische Tor
sich, - spt genug! - dem wunden Feldherrn ffnete. Dann eilt' ich, als wir ihn
auf einer Snfte Antoninens Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie
es hie, die Stadt genommen sei, und fand dich dem Tode nah.
    Und was hat jetzt Belisar beschlossen?
    Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewhrt, den sie verlangten,
ihre vielen Toten zu bestatten.
    Cethegus fuhr auf von den Kissen. Er htte ihn verweigern sollen! Keine
unntze Verzgerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen Stiere; nun
haben sie sich die Hrner stumpf gestrmt: jetzt sind sie md' und mrbe.
    Jetzt kam die Zeit fr einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
Die Hitze drauen in der glhenden Ebene werden ihre groen Leiber schlecht
ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. - Denn der Germane
mu saufen, wenn er nicht schnarcht oder prgelt. Nun braucht man nur ihren
vorsichtigen Knig noch ein wenig einzuschchtern. Sage Belisar meinen Gru: und
mein Dank fr sein Schwert sei mein Rat: Er solle noch heute den gefrchteten
Johannes mit achttausend Mann durch das Picenum gegen Ravenna schicken: die
flaminische Strae ist frei und wird wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die
Besetzungen aller Festungen hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt
Ravenna, als die Barbaren Rom. Sowie aber der Knig Ravenna, seinen allerletzten
Hort, bedroht sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein
Heer hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein. - Cethegus, sprach Prokop aufspringend, du bist
ein groer Feldherr. - Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und gre mir den
groen Sieger Belisar.

                              Fnfzehntes Kapitel.


An dem letzten Tage des Waffenstillstandes konnte Cethegus bereits wieder auf
den Wllen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare und Isaurier
mit lautem Zuruf begrten. Sein erster Gang war zu dem Grabmal des
Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen Kranz von Lorbeern
und von Rosen nieder. Whrend er von hier aus die Verstrkung der Befestigungen
anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben von Mataswintha.
    Es lautete lakonisch genug: Mach' bald ein Ende. Nicht lnger kann ich den
Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzigtausend Mnnern meines Volks hat mir
die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich anzuklagen. Whrt das
noch lnger, so erlieg' ich. Der Hunger wtet furchtbar in dem Lager. Ihre
letzte Hoffnung ist eine groe Zufuhr von Getreide und Vieh, die aus Sdgallien
unter Segel ist. An den nchsten Calenden wird sie auf der Hhe von Portus
erwartet. Handle danach - aber mach' rasch ein Ende.
    Triumph, sprach der Prfekt, die Belagerung ist aus. Unsre kleine Flotte
lag bisher fast mig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden. Diese Knigin
ist die Erinnys der Barbaren. Und er ging selbst zu Belisar, der ihn mit edler
Groheit empfing. -
    In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
pincianischen Tore hinaus, dann links nach der flaminischen Strae schwenkend.
Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit raschen Segeln nach
Populonium, wo sich ein kleines rmisches Geschwader gesammelt hatte. Der Kampf
um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche
darauf etwa, machte der Knig, der sein Schmerzenslager zum erstenmal verlie,
in Begleitung seiner Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den
sieben vormals menschenwimmelnden Lagern waren vllig verdet und aufgegeben:
auch die brigen vier waren nur noch sprlich bevlkert. Todmde, ohne Klage,
aber auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und Fieber
verzehrt, vor ihren Zelten.
    Kein Zuruf, kein Gru erfreute den wackern Knig auf seinem
schmerzensreichen Gang: kaum da sie die mden Augen aufschlugen bei dem Schall
der nahenden Schritte.
    Aus dem Innern der Zelte drang das laute Sthnen der Kranken, der
Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man die
hinlngliche Zahl von Gesunden, die ntigsten Posten zu beziehen. Die Wachen
schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder auf der
Schulter zu tragen.
    Die Heerfhrer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Tor; im Wallgraben
lag ein junger Schtz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad rief ihm zu: Beim
Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja gesprungen, was ziehst du
keine andre auf? - Kann nicht, Herr, die Sehne sprang gestern bei meinem
letzten Schu. Und ich und die drei Bursche neben mir, wir haben die Kraft
nicht, eine neue aufzuziehen. Hildebad gab ihm einen Trunk aus seiner
Lederflasche: Hast du auf einen Rmer geschossen? - O nein, Herr, sagte der
Mann, eine Ratte nagte dort an der Leiche. Ich traf sie glcklich und wir
teilten sie zu viert.
    Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer? fragte der Knig. Tot, Herr.
    Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
Marmorgrab.
    Und dein Vater Iffamuth? - Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das giftige
Wasser aus den Pftzen. Der Durst, Knig, brennt noch heier als der Hunger. Und
es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel. Ihr seid alle aus dem
Athesistal? Ja, Herr Knig, vom Iffinger Berg. O welch' kstlich Quellwasser
dort daheim!
    Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken. Seine Zge verfinsterten sich noch mehr. He, du, Arulf! rief er ihm
zu, du scheinst nicht Durst zu leiden? - Nein, ich trinke oft, sprach der
Mann. Was trinkst du? - Das Blut von den Wunden der Frischgefallnen. Anfangs
ekelt's sehr: aber man gewhnt's in der Verzweiflung.
    Schaudernd schritt Witichis weiter. Schick' all meinen Wein ins Lager,
Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen. - All' deinen Wein? O Knig, mein
Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krge. Und
Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich strken.
    Und wer strkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!
    Komm mit nach Hause, mahnte Totila, des Knigs Mantel ergreifend. Hier
ist nicht gut sein.
    Im Zelt des Knigs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
schnen Marmortisch, der auf goldnen Gefen steinhartes verschimmeltes Brot
aufwies und wenige Stcke Fleisch. Es war das letzte Pferd aus den kniglichen
Stllen, sagte Hildebad, - bis auf Boreas. - Boreas wird nicht geschlachtet!
- mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rcken gesessen.
    Und er sttzte das mde Haupt auf die beiden Hnde: eine neue schwere Pause
trat ein. Freunde, hob er endlich an, das geht nicht lnger also. Unser Volk
verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschlu ist schwer und schmerzlich gereift
-.
    Sprich's noch nicht aus, o Knig! rief Hildebad. In wenig Tagen trifft
Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
Guten.
    Er ist noch nicht da! sprach Teja.
    Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist, ermutigte Totila, wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
eintrifft, mit den Besatzungen, die der Knig aus den Festen von Ravenna bis Rom
weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu fllen?
    Auch Ulithis ist noch nicht da, sprach Teja. Er soll noch in Picenum
stehen. Und kommt er glcklich an, so wird der Mangel im Lager noch grer.
    Doch auch die Rmerstadt mu fasten! meinte Hildebad, das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. La sehn, wer's lnger aushlt!
    Oft hab' ich's berdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nchten,
fuhr der Knig langsam fort.
    Warum? warum das alles so kommen mute? Nach bestem Gewissen hab' ich immer
wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns: und ich
kann's nicht anders finden, als da Recht und Treue auf unsrer Seite stehen. Und
wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen lassen.
    Du am wenigsten, sagte Totila.
    Und an keinem schwersten Opfer! seufzte der Knig. Und wenn nun doch, wie
wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und allgewaltig,
warum lt er all dies ungeheure, unverdiente Elend zu? Warum mssen wir
erliegen vor Byzanz?
    Wir drfen aber nicht erliegen, schrie Hildebad. Ich habe nie viel
gegrbelt ber unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen liee, mte man
Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen zerschlagen.
    Lstre nicht, mein Bruder! sprach Totila. Und du, mein edler Knig, Mut
und Vertrauen.
    Ja, es waltet ein gerechter Gott dort ber den Sternen. Drum mu zuletzt die
gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung, bis ans Ende.
    Aber der Tiefgebeugte schttelte das Haupt. Ich gestehe es euch, ich habe
aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit, nur
einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, da wir all dies schuldlos leiden.
Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so mu verborgne Schuld an mir,
an eurem Knig haften. Wiederholt, erzhlen unsre Lieder aus der Heidenzeit, hat
sich ein Knig fr sein Volk selbst den Gttern geopfert, wenn Unsieg, Seuche,
Miwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er hat die verborgne Schuld auf sich
genommen, die auf den Volksgenossen zu lasten schien und sie durch Tod gebt,
oder indem er ohne die Krone ins Elend ging, ein friedloser Landflchtiger. -
Lat mich die Krone abtun von diesem Haupt ohne Glck noch Stern. Whlt einen
andern, dem Gott nicht zrnt: whlt Totila, oder -
    Das Wundfieber faselt noch aus dir! unterbrach ihn der alte Waffenmeister.
Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen! Nein, ich will's euch
sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der Vter alte Kraft mit der Vter
altem Glauben verloren habt und nun keinen Trost wit fr eure Herzen. Mich
erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht. - Und seine grauen Augen leuchteten in
seltnem Glanze ber die Freunde hin. Alles, was hier auf Erden erfreut und
schmerzt, ist kaum der Freude noch des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es
hier unten an: ein treuer Mann gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttod
sterben, nicht den Strohtod. Den treuen Helden aber tragen die Walkren aus dem
blutigen Feld auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit
vollen Bechern ihn begren. Dann reitet er alltglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und Skaldensang in
goldner Halle beim Abendlicht. Und schne Schildjungfrauen kosen mit den Jungen:
und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den alten Helden der Vorzeit. Und
ich werde sie alle wiederfinden, die starken Gesellen meiner Jugend, den khnen
Winithar und Herrn Waltharis von Aquitanien und Guntharis, den Burgunden. Und
schauen werd' ich auch ihn, dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den
Geaten, und aus grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Rmer schlug, von
dem noch die Snger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild
und Speer meinem Herrn, dem Knig mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten und
alles ihres Wehs.
    Ein schn Gedicht, alter Heide, lchelte Totila. Wenn uns aber das nicht
mehr trstet fr wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch, Teja, du
finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie fehlt uns dein
Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein trstender Harfenschlag,
du liederkundiger Snger?
    Mein Wort, sagte Teja aufstehend, mein Wort und Gedanke wre euch
vielleicht schwerer zu tragen als all' dies Leid. La mich noch schweigen, mein
sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir Antwort gebe.
Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite daran hlt. Und er
schritt aus dem Zelte.
    Denn drauen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rtselhafter Lrm von
rufenden, fragenden Stimmen erhoben.
    Die Freunde sahen ihm schweigend nach. Ich wei wohl, was er denkt, sagte
der alte Hildebrand endlich. Denn ich kenne ihn vom Knaben auf:
    Er ist nicht wie andre. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und Strke. Es
ist fast zu schwer fr ein Menschenherz. Und glcklich, - glcklich macht es
nicht, wie er zu denken. Mich wundert, da er singt und Harfe schlgt dabei.
    Da ri Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhnge auf: sein Antlitz war noch
bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme war ruhig
wie sonst, da er sprach: Brich das Lager ab, Knig Witichis. Unsre Schiffe sind
bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf Odoswinths Kopf ins Lager
geschickt. Und sie lassen auf den Wllen Roms, vor den Augen unsrer Wachen, von
den gefangenen Goten die erbeuteten Rinder schlachten. Groe Verstrkungen aus
Byzanz unter Valerian und Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine
segelreiche Flotte aus Byzanz in den Tiber gefhrt. Denn der blutige Johannes
hat das Picenum durchzogen ... -
    Und Graf Ulithis?
    Er hat Ulithis geschlagen und gettet, Ancona und Ariminum genommen. Und -
    Ist das noch nicht alles? rief der Knig.
    Nein, Witichis! Eile tut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch wenige
Meilen von der Stadt.

                              Sechzehntes Kapitel.


Am Tage nach dem Eintreffen dieser fr die Goten so verhngnisvollen Nachrichten
hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief entmutigtes Heer aus
den vier noch brigen Lagern herausgezogen.
    Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschlieung gewhrt. So viel Mut
und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.
    Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wllen vorber, an denen ihr Glck
und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die hhnenden Worte, die
Rmer und Romer (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen herab zuriefen. Ihr
Zorn und ihre Trauer waren zu gro, um durch solchen Spott getroffen zu werden.
    Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Tore brechend, die
Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurckgewiesen. Denn Graf Teja
fhrte die gotische Nachhut.
    So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Strae durch Picenum in raschen
Mrschen (obwohl den von den Feinden besetzten Pltzen Narnia, Spoletium und
Perusium ausgewichen werden mute) nach Ravenna, wo Witichis zur rechten Zeit
eintraf, die gefhrliche Stimmung der Bevlkerung, die auf die Kunde von dem
Unglck der Barbaren schon mit dem drohenden Johannes in geheime Verhandlungen
getreten war, zu unterdrcken.
    Johannes zog sich bei der Annherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurck. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit den
thrakischen Speertrgern und mit Kriegsschiffen.
    Der Knig fhrte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele Mannschaften in
Festungen verteilt. Eine Tausendschaft lie er unter Gibimer in Clusium in
Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine halbe in Tudertum unter
Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter Graf Wisand, dem tapfern
Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in Caesena und Monsferetrus je eine
halbe. Hildebrand entsandte er nach Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach
Ticinum, da auch der Nordosten der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien
aus drohende Truppen gefhrdet wurde.
    Er tat dies brigens noch aus andern Grnden.
    Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
einer Einschlieung nicht wieder sobald durch die groe Strke des Heeres dem
Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um fr den nmlichen Fall die Belagerer
auch vom Rcken, und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu knnen. Sein
Plan war zunchst, die seinem Hauptsttzpunkt Ravenna drohende Gefahr
abzuwenden, und sich mit seinen zerrtteten Streitkrften auf die Verteidigung
zu beschrnken, bis fremde Hilfstruppen, langobardische und frnkische, die er
erwartete, ihn in den Stand setzen wurden, wieder das offne Feld zu halten.
    Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten, erfllte sich nicht. Er begngte sich, sie durch
beobachtende Truppen einzuschlieen, und zog ohne weiteres gegen die Hauptstadt
und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. Habe ich das Herz zum Tode
getroffen, sagte er, werden sich die geballten Fuste von selbst ffnen.

                                     * * *

    Und so dehnten sich alsbald um die Knigsstadt Theoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von der
Hafenstadt Classis an bis zu den Kanlen und Zweigarmen des Padus, die im Westen
besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.
    Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz der
Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche Regierung
Theoderichs ber sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des Krieges verschwunden.
    Aber gleichwohl. Welche andern Eindruck mu damals die immer noch
volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als heute,
wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straen, den leeren Pltzen, den einsam
schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch anhaucht als drauen, vor den
Mauern der Stadt, wo sich weithin die de Sumpflandschaft der Padusniederungen
dehnt, bis sie in den Schlamm des weit zurckgetretenen Meeres auslaufen.
    Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschftiges Leben
wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adriaflotte tief schaukelnd sich
wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem Schilf und Riedgras
verwilderte Bffel grasen; versumpft die Straen, versandet der Hafen,
verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: - nur ein riesiger runder
Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein erhaltnen, einsamen Basilika
San Apollinare in Classe fuori, die, von Witichis begonnen, von Justinian
vollendet, nun eine Stunde fern von aller Menschenwohnung auf der sumpfigen
Ebene trauernd ragt.
    Die starke Seefestung galt fr uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefhrdung Italiens durch die Barbaren,
die Kaiser zur Residenz gewhlt. Die Sdostseite deckte das damals noch bis an
und in ihre und der Hafenstadt Mauern splende Meer.
    Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches Netz
von Kanlen, Grben und Smpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in welchem sich
der Belagerer rettungslos verstricken mute. Und diese Mauern! noch jetzt
erfllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre ungeheure Dicke und - weniger
ihre Hhe als - die Anzahl von starken Rundtrmen, die von ihren Zinnen noch
heute aufsteigen, trotzten vor der Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem
gewaltsamen Angriff. Nur durch Aushungerung hatte nach fast vierjhrigem
Widerstand der groe Theoderich diese letzte Zuflucht Odoakars bezwungen.
    Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen. Krftig ward sein Angriff abgewiesen, und die Belagerer muten
sich begngen, die Festung enge zu umschlieen und, wie einst der Gotenknig,
durch Mangel zur bergabe zu ntigen. Dem aber konnte Witichis getrost
entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in diesem seinem
Hauptbollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorrte aller Art, namentlich
aber Getreide, in auerordentlicher Menge in besonders von ihm (mit Benutzung
und in den Rumen des ungeheuren Marmorzirkus des Theodosius) erbauten
Kornspeichern von Holzgezimmer aufgehuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade
gegenber dem Palast und der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Knigs
Stolz, Freude und Trost. Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch
das von den Feinden durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom fhren knnen: und
bei einiger Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel fr die Bevlkerung
und das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
dahin aber war das Eintreffen eines frnkischen Hilfsheeres infolge der aufs
neue angeknpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser Entsatz mute
notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeifhren.
    Dies wuten - oder ahnten doch - Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
und rastlos sphten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall der
Stadt zu beschleunigen. Der Prfekt suchte natrlich vor allem seine geheime
Verbindung mit der Gotenknigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber einmal war
der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle Ausgnge der Stadt
sorgfltig berwachten. Und dann schien auch Mataswintha wesentlich verndert
und keineswegs mehr so bereit und willfhrig, sich als Werkzeug gebrauchen zu
lassen, wie ehedem.
    Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demtigung des Knigs erwartet. Das
lange Hinzgern ermdete sie: und zugleich hatten die groen Leiden ihres Volkes
in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschttern.
    Dazu kam endlich, da die traurige Verwandlung in dem sonst so krftigen und
gesundfreudigen Wesen des Knigs, der stille, aber tiefe und finstre Gram, der
ber seiner Seele lag, mchtig an ihrem Herzen rttelte. Wenn sie auch mit der
ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern Stolz gekrnkter Liebe ihn
verklagte, da er ihr Herz verworfen und doch, um der Krone willen, mit Gewalt
ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie ihn dafr auch mit der ganzen
leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu hassen glaubte und zum Teil auch
wirklich hate, so war doch dieser Ha nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn
nun von dem schweren Unglck der gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all'
seiner Plne - an dem ihr heimtckischer Verrat so groen Anteil trug, - tief,
bis zur krankhaft-schwermtigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf ihre
aus Hrte und Glut seltsam gemischte Natur.
    Sie htte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzcken sein Blut
flieen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst zerstren
sehen, - das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug aber endlich
wesentlich bei, da sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine Vernderung in des
Knigs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben glaubte. Spuren von Reue,
dachte sie, von Reue ber die Gewaltsamkeit, mit welcher er in ihr Leben
eingegriffen hatte.
    Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkrlich gemildert
hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des Entgegenkommens,
den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren Formen anerkannte und
lohnte. Grund genug fr Mataswinthens beweglich flutende Gedanken, die Antrge
des Prfekten, selbst wenn diese manchmal noch durch des klugen Mauren
Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.
    Doch hatte der Prfekt aus dieser Quelle schon whrend des Zuges gegen
Ravenna erfahren, was spter auch sonst bekannt wurde, da die Goten Hilfe von
den Franken erwarteten. Unverzglich hatte er deshalb seine alten Verbindungen
mit den Vornehmen und Groen, die an den Hfen zu Mettis (Metz), Aurelianum
(Orleans) und Suessianum (Soissons) im Namen der merowingischen Schattenknige
herrschten, wieder angeknpft, um die Franken, deren damals sprichwrtlich
gewordne Falschheit gute Aussicht auf Gelingen solcher Versuche gewhrte, von
dem gotischen Bndnis wieder abzuziehen.
    Und als die Sache durch diese Freunde gehrig vorbereitet war, hatte er an
Knig Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn dringend
gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem Scheitern der
Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen. Diesen Brief hatten
reiche Geschenke an seinen alten Freund, den Majordomus des schwachen Knigs,
begleitet: und sehnlich erwartete der Prfekt von Tag zu Tag die Antwort auf
denselben: um so sehnlicher, als das vernderte Benehmen Mataswinthens die
Hoffnung auf raschere berwltigung der Goten abgeschnitten hatte.
    Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
an einem fr die Helden in und auer Ravenna gleich verhngnisvollen Tage.

                              Siebzehntes Kapitel.


Hildebad, ungeduldig ber das lange Migliegen, hatte aus der ihm zu besonderer
Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf
das byzantinische Lager gemacht, anfangs in ungestmem Anlauf rasche Vorteile
errungen, einen Teil der Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken
verbreitet.
    Er htte unfehlbar noch viel grern Schaden angerichtet, wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all' seine Feldherrnschaft und all'
sein Heldentum zugleich entfaltet htte. Ohne Helm und Harnisch, wie er vom
Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden Vorposten,
dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch uerste persnliche
Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht. Darauf aber hatte
er seine beiden Flanken so geschickt verwendet, da Hildebads Rckzug ernstlich
bedroht war und die Goten, um nicht abgeschnitten zu werden, all' ihre
errungenen Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurckeilen muten.
    Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur Hilfe
herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin, nachher
Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als Krieger,
seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig einsog.
Wirklich, Belisarius, schlo der Prfekt, Kaiser Justinian kann dir das nicht
vergelten.
    Da sprichst du wahr, antwortete Belisar stolz: er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft. Fr seinen Feldherrnstab knnte ich nicht tun, was ich fr
ihn schon getan habe und noch immer tue. Ich tu's, weil ich ihn wirklich liebe.
Denn er ist ein groer Mann mit allen seinen Schwchen. Wenn er nur Eins noch
lernte: mir vertrauen. Aber getrost: - er wird's noch lernen.
    Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten berbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz sprang
Belisar, aller Mdigkeit vergessen, vom Polster auf, kte die purpurnen
Schnre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und ffnete das Schreiben mit den
Worten: Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun wird er mir die Leibwchter
senden und den lang geschuldeten Sold, den ich erwarte, und das vorgeschossene
Gold.
    Und er begann zu lesen.
    Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Zge
verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
schwerem Krampf zu heben: die beiden Hnde, mit welchen er das Schreiben hielt,
zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte, stie
Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das kaiserliche Schreiben
auf die Erde und strzte auer sich aus dem Gezelt, eilend; folgte ihm seine
Gattin.
    Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen, sagte Prokop, den Brief
aufhebend. La sehn: wohl wieder ein Stcklein kaiserlichen Dankes, - und er
las: Der Eingang ist Redensart, wie gewhnlich - aha, jetzt kommt es besser:
    Wir knnen gleichwohl nicht verhehlen, da wir, nach Deinen eignen frheren
Berhmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese Barbaren erwartet
htten, und glauben auch, da eine solche bei grerer Anstrengung nicht
unmglich gewesen wre. Deshalb knnen wir Deinem wiederholt geuerten Wunsche
nicht entsprechen, Dir Deine brigen fnftausend Mann Leibwchter, die noch in
Persien stehen, sowie die vier Zentenare Goldes nachzusenden, die in Deinem
Palaste in Byzanz liegen.
    Allerdings sind beide, wie Du in Deinem Briefe ziemlich berflssigermaen
bemerkst, Dein Eigentum: und Dein in demselben Brief geuerter Entschlu, Du
wolltest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschpftheit des kaiserlichen Sckels
aus eignen Mitteln zu Ende fhren, verdient, da wir ihn als pflichtgetreu
bezeichnen. Da aber, wie Du in gleichem Briefe richtiger hinzugefgt, all' Dein
Hab' und Gut Deines Kaisers Majestt zu Diensten steht und kaiserliche Majestt
die erbetene Verwendung Deiner Leibwchter und Deines Goldes in Italien fr
berflssig halten mu, so haben wir, Deiner Zustimmung gewi, anderweitig
darber verfgt und bereits Truppen und Schtze, zur Beendung des Perserkriegs,
Deinem Kollegen Narses bergeben. - Ha, unerhrt! unterbrach sich Prokop.
    Cethegus lchelte: Das ist Herrendank fr Sklavendienst.
    Auch das Ende scheint hbsch, fuhr Prokopius fort. - Eine Vermehrung
Deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wnschbar, als man uns
wieder tglich vor Deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.
    Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Zepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: gefhrliche Gedanken und
ungeziemende Worte.
    Du siehst, wir sind von Deinen ehrgeizigen Trumen unterrichtet.
    Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, Dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern Dich, da
die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nchsten stehn.
    Das ist schndlich! rief Prokop. Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!
sagte Cethegus. Das heit die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.
    Recht hast du, schrie Belisar, der, wieder hereinstrmend, diese Worte
noch gehrt hatte. Oh, er verdient Aufruhr und Emprung, der undankbare,
boshafte, schndliche Tyrann.
    Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zugrunde! beschwor ihn
Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte seine Hand zu fassen.
    Nein, ich will nicht schweigen, rief der Zornige, an der offenen Zelttr
auf und nieder rennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und viele andre
Heerfhrer mit Staunen lauschend standen. Alle Welt soll's hren. Er ist ein
undankbarer, heimtckischer Tyrann! Ja du verdientest, da ich dich strzte! Da
ich dir tte nach dem Argwohn deiner falschen Seele, Justinianus!
    Cethegus warf einen Blick auf die drauen Stehenden: sie hatten offenbar
alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den Eingang und
zog die Vorhnge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie trat wieder zu
ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem Zeltbett auf die Erde
geworfen, schlug die geballten Fuste gegen seine Brust und stammelte: O
Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu viel, zu viel! Und pltzlich
brach der gewaltige Mann in einen Strom von hellen Trnen aus. Da wandte sich
Cethegus verchtlich ab: Leb wohl, sagte er leise zu Prokopius, mich ekelt
es, wenn Mnner heulen.

                              Achtzehntes Kapitel.


In schweren Gedanken schritt der Prfekt aus dem Zelt und ging, das Lager
umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Tor des Honorius. Es war auf der
Sdseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg fhrte zum Teil
am Meeresstrand entlang.
    So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der groe Gedanke, der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschftigte, so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefhlsberschwenglichen Gemtsmenschen, und
die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade jetzt auf ihm lastete, - doch
ward seine Merksamkeit, wenn auch nur vorbergehend, auf das auergewhnliche
Aussehen der Landschaft, des Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.
    Es war Oktober: - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
gendert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
Gewlk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dnstereichen
Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt pltzlich - es war gegen Sonnenuntergang -
bemerkte Cethegus im Osten, ber dem Meer, am fernsten Horizont, eine einzelne
rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen sein mute.
    Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
Strahlen. Kein Lufthauch kruselte die bleierne Flut des Meeres.
    Keine noch so leise Welle splte an den Strand. In der weitgestreckten Ebene
regte sich kein Blatt an den Olivenbumen. Ja, nicht einmal das Schilf in den
Sumpfgrben bebte.
    Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein fremdartiger,
erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drckend ber Land und Meer zu liegen
und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen unruhig gegen die Bretter
der Planken, an welchen sie im Lager angebunden waren. Einige Kamele und
Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht, whlten den Kopf in den Sand. -
    Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich. Das ist schwl: wie vor dem Wind des Todes in den Wsten gyptens, sagte
er zu sich selber. - Schwl berall - auen und innen. Auf wen wird sich der
lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft entladen?
    Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, Herr, wr' ich daheim,
ich glaubte heute: der Gifthauch des Wstengottes sei im Anzug und er reichte
ihm einen Brief.
    Es war die Antwort des Frankenknigs! Hastig ri Cethegus das groe,
prunkende Siegel auf.
    Wer hat ihn gebracht?
    Ein Gesandter, der, nachdem er den Prfekten nicht getroffen, sich zu
Belisar hatte fhren lassen. Er hatte den nchsten Weg - den durchs Lager -
verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.
    Er las begierig: Theudebald, Knig der Franken, Cethegus dem Prfekten
Roms. Kluge Worte hast Du uns geschrieben. Noch klgere nicht der Schrift
vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgetan. Wir sind nicht bel
geneigt, danach zu tun. Wir nehmen Deinen Rat und die Geschenke, die ihn
begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglck gelst. Dies, nicht unsre
Wandlung, mgen sie verklagen.
    Wen der Himmel verlt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold fr das Hilfsheer in mehreren
Zentenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis.
    Wir behalten diese Schtze als Pfand, bis sie uns die Stdte in Sdgallien
abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits vorbereitet
und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit gefhrlichem
Murren die Langeweile des Friedens tragen wrde, sind wir gewillt, unsre
siegreichen Scharen gleichwohl ber die Alpen zu schicken. Nur anstatt fr:
gegen die Goten.
    Aber freilich, auch nicht fr den Kaiser Justinianus, der uns fortwhrend
den Knigstitel vorenthlt, sich auf seinen Mnzen Herrn von Gallien nennt, uns
keine Goldmnzen mit eigenem Brustbild prgen lassen will und uns noch andre
hchst unertrgliche Krnkungen unsrer Ehre angetan. Wir gedenken vielmehr,
Unsre eigene Macht nach Italien auszudehnen.
    Da wir nun wohl wissen, da des Kaisers ganze Strke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine groe Zahl alter und neuer
Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu fhren hat: - so werden wir diesem
Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen, wobei wir ihm ein
Heer von hunderttausend Frankenhelden zu Hilfe senden und uns dafr nur einen
kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin abtreten lassen werden.
    Wir halten fr unmglich, da ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
Falls Du zu diesem Plane mitwirken willst, verheien wir Dir eine Summe von
zwlf Zentenaren Goldes und werden, gegen eine Rckzahlung von zwei Zentenaren,
Deinen Namen in die Liste unsrer Tischgenossen aufnehmen. Der Gesandte, der Dir
diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern Antrag Belisar mitzuteilen.
    Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.
    Jetzt fuhr er auf. Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: - in dieser
Stimmung: - er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Frankenkriegern! Er darf nicht leben. -
    Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er pltzlich
stehen: Tor, der ich war! lchelte er kalt. Heibltig noch immer? Er ist ja
Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wre, wie wenn der Mond sich
gegen die Erde empren wollte, als ob der zahme Haushund pltzlich zum grimmigen
Wolfe wrde. Er nimmt nicht an! Aber nun la sehen, wie wir die Niedertracht und
Gier dieses Merowingen nutzen. Nein, Frankenknig, und er lchelte bitter auf
den zusammengeknitterten Brief, solang Cethegus lebt, - nicht einen Fubreit
von Italiens Boden.
    Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern. Und
einen dritten -: nun blieb er stehen -: und ber seine mchtige Stirn zuckt' es
hin. Ich hab' es! frohlockte er. Auf, Syphax, rief er, geh und rufe mir
Prokop. -
    Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen. Nein, lchelte er triumphierend, ihn
aufhebend, nein, Frankenknig, nicht so viel Raum, als dieser Brief bedeckt,
sollst du haben von Italiens heiliger Erde.
    Bald erschien Prokop. Die beiden Mnner pflogen ber Nacht ernste, schwere
Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkhnen Plnen des Prfekten und
weigerte sich lange, darauf einzugehen.
    Aber mit berlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand, noch
eh' er ausgesprochen, mit siegender berredung nieder und lie nicht eher ab,
seine unzerreibaren und dichten Fden um den Widerstrebenden zu ziehen, bis dem
Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. -
    Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. Cethegus, sagte
er aufstehend, ich bewundere dich.
    Wr' ich nicht Belisars, - ich mchte dein Geschichtschreiber sein.
    Interessanter wre es, sagte der Prfekt ruhig, aber schwerer.
    Doch graut mir vor der tzenden Schrfe deines Geistes. Sie ist ein Zeichen
der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige Giftblume auf einem
Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenknig durch sein eigen Weib zugrunde
gerichtet ... -
    Ich mute dir das jetzt sagen. Leider hab' ich in letzter Zeit wenig von
meiner schnen Verbndeten gehrt.
    Deine Verbndete! Deine Mittel sind ... - Immer zweckmig.
    Aber nicht immer ...! - Gleichviel, ich gehe mit dir: - noch eine Strecke
Weges, weil ich meinen Helden aus Italien forthaben will, sobald als mglich. Er
soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich gehe nicht weiter
mit dir als bis ... -
    Zu deinem Ziel, das versteht sich.
    Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
langweilt sich hier aufs tdlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz nicht
nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten zu
verderben.
    Eine gute schlechte Frau.
    Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Emprung Belisars fr mglich
halten?
    Knig Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
einen viel schrferen Kopf, der's doch einen Augenblick fr mglich hielt. Und
du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den Franken im
Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: - er greift nach jedem
Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: - versichre dich nur Antoninens. -
    Das la meine Sorge sein. Bis Mittag hoff' ich als Gesandter in Ravenna
einzuziehn.
    Wohl: - dann vergi mir nicht, die schne Knigin zu sprechen.

                              Neunzehntes Kapitel.


Und mittags ritt Prokop in Ravenna ein.
    Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
des Frankenknigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben, und Cethegus hatte ihn
diktiert.
    Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den Knig
der Goten und seine Knigin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des Knigs
hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck unausgesetzten Unglcks
zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verdstern. Die Ermordung seines einzigen
Kindes, das herzzerfleischende Losreien von seinem Weibe hatten ihn schwer
erschttert: - aber er hatte es getragen fr den Sieg der Goten. Und nun war
dieser Sieg hartnckig ausgeblieben.
    Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat seiner
Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei dem Zug nach
Rom hatte ihm nie das Glck gelchelt.
    Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit dem
Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rckzug geendet. Neue
Unglcksschlge, Nachrichten, die betubend wie Keulenschlge auf den Helm in
dichter Folge sich drngten, mehrten seine Niedergeschlagenheit und steigerten
sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.
    Fast ganz Italien, auerhalb Ravenna, schien Tag fr Tag verloren zu gehen.
Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet, unter Mundila,
dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich gewannen deren
gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da aus fast ganz Ligurien.
Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der Bischof dieser Stadt, selbst:
von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum, Novaria. Andrerseits ergaben sich die
entmutigten Goten in Clusium und dem halbverfallnen Dertona den Belagerern und
wurden gefangen aus Italien gefhrt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von
den Byzantinern erobert, ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft milia
durch Johannes den Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und
Mediolanum wieder zu nehmen, scheiterten.
    Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Knigs weiches Gemt.
    Denn inzwischen wtete der Hunger in den weiten Landschaften milia,
Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Mnner, Rinder und Rosse.
    Die Leute flchteten in die Berge und Wlder, buken Brot aus Eicheln und
verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus der
mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fnfzigtausend
Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien, dem Hunger
und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch Lebenden dem Grabe zu:
wie Leder ward die Haut und schwarz, die glhenden Augen traten aus dem Kopf,
die Eingeweide brannten. Die Aasvgel verschmhten die Leichen dieser Pestopfer:
aber von Menschen ward das Menschenfleisch gierig gegessen. Mtter tteten und
verzehrten ihre neugebornen Kinder. In einem Gehft bei Ariminum waren nur noch
zwei rmische Weiber brig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwrgen vermochten, ttete die
werwlfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der frheren Opfer ans
Licht.
    Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
Die letzteren, die groe Summen fr das zugesagte Hilfsheer empfangen hatten,
verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestm zur Eile, zur Erfllung der
versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten des Knigs wurden
zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei Antwort kam von diesen
Hfen. Der Langobardenknig Audoin aber lie sagen: er wolle nichts entscheiden
ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin. Dieser jedoch sei mit groem Gefolge
auf Abenteuer ausgezogen.
    Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: - er sei mit Narses
eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und Volke
raten, welche Beschlsse sie ber dies Land Italia fassen sollten.
    Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor die
Mauern gefhrt hatte und whrend der Einschlieung befehligte. Aber es zerri
dem Knig das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Mhe und verwundet
sich durch die Reihen beider einschlieenden Heere in das drei Tagreisen
entfernte Ravenna schlich) der heldenmtige Graf Wisand der Bandalarius die
folgenden Worte sandte: Als Du mir Auximum anvertrautest, sagtest Du: ich
sollte damit die Schlssel Ravennas, ja des Gotenreiches hten. Ich sollte
mnnlich widerstehen, dann wrdest Du bald mit all' Deinem Heer zu unsrem
Entsatz heranziehen. Wir haben mnnlich widerstanden Belisar und dem Hunger. Wo
bleibt Dein Entsatz? Wehe, wenn Du recht gesprochen und mit unsrer Feste jene
Schlssel in der Feinde Hnde fallen. Deshalb komm und hilf: - mehr um des
Reichs, als unsrer willen.
    Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner Soldat
der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete - mit Blut war der kurze Brief
geschrieben: - Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das aus den Steinen
wchst. Lnger als fnf Tage knnen wir uns nicht mehr halten. Der Bote fiel
auf der Rckkehr mit der Antwort des Knigs in die Hand der Belagerer, die ihn
im Angesicht der Goten vor den Wllen von Auximum lebendig verbrannten.
    Ach und der Knig konnte nicht helfen!
    Noch immer widerstand das Huflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
durch Zerstrung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten Brunnen,
der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von Menschen und
Tieren und Kalklsungen vergiftete. Sturmangriffe schlug Wisand immer noch
blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwchters entging einmal Belisar
hierbei dem ganz nahen Tode.
    Endlich fiel zuerst Csena, die letzte gotische Stadt in der milia, und
dann Fsul, das Cyprianus und Justinus belagerten. Mein Fsul! rief der
Knig, als er es erfuhr: - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und dicht dabei
lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. Die Hunnen hausen wohl an
meinem zerstrten Herd!
    Als aber die gefangene Besatzung von Fsul den Belagerten in Auximum in
Ketten vor Augen gefhrt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da ntigten den Bandalarius seine
verhungerten Scharen zur bergabe.
    Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.
    Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien gefhrt. Ja, so tief
gesunken war Mut und Volksgefhl der endlich Bezwungenen, da sie unter Graf
Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen unter
Belisars Fahnen.
    Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen Belagerer
dieser Feste zurckgefhrt in das Lager vor Ravenna, wo er Cethegus den bisher
anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.
    Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenknigs hafte, auf dem so
schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Milingens keiner Schwche,
keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig an dem guten
Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine einfache Gottesfurcht
in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des Himmels erblicken konnte, so
kam er immer wieder auf den qulenden Gedanken, es sei um seiner unvergebenen
Sndenschuld willen, da Gott die Goten zchtige: eine Vorstellung, welche die
Anschauungen des die Zeit beherrschenden Alten Testaments ihm nicht minder
nahelegten als viele Zge der alten germanischen Knigssage.
    Diese Gedanken verfolgten unablssig den tchtigen Mann und nagten Tag und
Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstqulerischen Grbeln
jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er den ihn
verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden knne. Lngst htte er die
Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher Schritt in diesem Augenblick
nicht ihm und andern als Feigheit htte erscheinen mssen. So war ihm auch
dieser Ausweg - der nchste und liebste - aus seinen qulenden Gedanken
verschlossen. Gebeugt sa jetzt oft der sonst so stattliche Mann, blickte lange
starr und schweigend vor sich hin, nur manchmal das Haupt schttelnd oder tief
aufseufzend.
    Der tgliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
hilflosen Erduldens eines niederdrckenden Geschickes blieb, wie wir gesehen,
nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht darin getuscht
zu haben, da seit geraumer Zeit sein Auge milder als sonst, mit Wehmut, ja mit
Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so drngte sie teils uneingestandene
Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden Herzen, teils Reue und Mitleid
mchtiger als je zu dem leidenden Knig.
    Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
vereint. Die Bevlkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen angefangen,
whrend die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und aus Calabrien und
Sizilien reiche Vorrte bezogen, Mangel zu leiden. Nur die Reichen vermochten
noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen. Des Knigs mildes Herz nahm
keinen Anstand, aus dem berflu seiner Magazine, die, wie gesagt, die doppelte
Zeit bis zu dem Eintreffen der Franken auszureichen versprachen, auch an die
Armen der Stadt wohlttige Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen
Tausendschaften versorgt hatte: auch hoffte er auf eine groe Menge von
Getreideschiffen, welche die Goten in den oberen Padusgegenden auf diesem Flusse
zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.
    Um aber jeden Mibrauch und alles berma bei jenen Spenden fernzuhalten,
berwachte der Knig selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn einmal
mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte sich neben
ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris gestellt und ihm
geholfen, die Krbe mit Brot verteilen. Es war ein schner Anblick, wie das
Paar, er zur Rechten, die Knigin zur Linken, vor der Kirchenpforte standen und
ber die Stufen hinab dem segenrufenden Volk die Spende reichten.
    Whrend sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der drngenden, flutenden
Volksmasse, - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten vor den
Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengestrmt, - auf der
untersten Stufe der Basilika seitwrts ein Weib in schlichtem, braunem, halb
ber den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib drngte nicht mit den andern die
Stufen hinan, um auch Brot fr sich zu fordern: sondern lehnte, vorgebeugt, den
Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen hohen Sarkophag gesttzt,
hinter der Ecksule der Basilika und blickte scharf und unverwandt auf die
Knigin.
    Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen sich
stieen und drngten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemht hufte sie mit mildem
Blick und mit den beiden weien Hnden ttig das duftende Gebck. -
    Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Knigs, das, sanft und freundlich
gerhrt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. - Hei scho ihr das Blut in die
Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.
    Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war diese
verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.
    Sie hatte, whrend sie den Korb fllte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
einem Bffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim Arme
gefat und mit sanfter Gewalt hinweggefhrt hatte. Komm, hatte er gesagt,
hier ist kein guter Ort fr dich. Und wie im wachen Traum hatte das Weib
geantwortet: Bei Gott, sie ist wunderschn.
    Ich danke dir, Mataswintha! sprach der Knig freundlich, als die fr heute
bestimmten Spenden verteilt waren.
    Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Knigin in ihr gesehen und
angesprochen. Wie beglckte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer
lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewuten Seele! Offenbar hatte
sie sich zum Teil seine wrmere Stimmung durch ihr werkttiges Mitleid mit den
Armen erworben. O er ist gut, sagte sie, halb weinend vor Erregung, ich will
auch gut sein.
    Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
Flgels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa
geschftig entgegen. Ein Gesandter aus dem Lager, flsterte sie der Herrin
eifrig zu. Er bringt geheime Botschaft vom Prfekten einen Brief, von Syphax'
Hand, in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ... -
    La, rief Mataswintha, die Stirne furchend, ich will nichts hren, nichts
lesen. Aber wer sind diese?
    Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemcher
fhrte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke, Goten und
Italier durcheinander, in Lumpen gehllt - eine Gruppe des Elends.
    Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
verscheuchen. - Man soll sie nicht verscheuchen! sprach Mataswintha,
nhertretend.
    Brot, Knigin! Brot, Tochter der Amalungen! riefen mehrere Stimmen ihr
entgegen. Gib ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir trgst und hole ... - -
Brot! Brot! Knigin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben in der
Stadt.
    Vor des Knigs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
her, warum wart ihr nicht dort?
    Ach Knigin, wir knnen nicht durchdringen, jammerte eine hagere Frau.
Ich bin alt, und meine Tochter hier ist krank, und jener Greis dort ist blind.
Die Gesunden, die Jungen stoen uns zurck. Drei Tage haben wir's umsonst
versucht: wir dringen nicht durch. - Nein, wir hungern, grollte der Alte. O
Theoderich, mein Herr und Knig, wo bist du? Unter deinem Zepter hatten wir
vollauf. - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu kurz. Aber dieser
Unglcksknig ... -
    Schweig, sprach Mataswintha, der Knig, mein Gemahl und hier flog ein
wunderschnes Rot ber ihre Wangen - tut mehr als ihr verdient. Wartet hier,
ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa.
    Und rasch schritt sie hinweg. Wohin eilst du? fragte die Sklavin staunend.
    Und Mataswintha schlug den Schleier ber ihr Antlitz, als sie antwortete:
Zum Knig!
    Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Trsteher, der sie
mit Befremden erkannte, zu verweilen. Ein Abgesandter Belisars habe geheime
Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald verlassen.
    Da ffnete sich die Tre: - und Prokop stand zgernd auf der Schwelle.
Knig der Goten, sprach er, sich nochmals wendend, ist das dein letztes
Wort? - Mein letztes, wie's mein erstes war, sprach der Knig voller Wrde. -
Ich gnne dir noch Zeit: - ich bleibe noch bis morgen in Ravenna. - - Von
jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als Gesandter. - Ich
wiederhole: fllt die Stadt mit Sturm, so werden alle Goten, die hher als
Belisars Schwert, gettet - er hat's geschworen! Weiber und Kinder als Sklaven
verkauft - du begreifst: Belisar kann keine Barbaren brauchen in seinem Italien
- dich mag der Tod des Helden locken: aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird
vor Gottes Thron - - Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir, leb
wohl. Und so mchtig wurden diese Worte gesprochen, da der Byzantiner gehen
mute, so ungern er es tat. Die schlichte Wrde dieses Mannes wirkte stark auf
ihn. Aber auch auf die Lauscherin.
    Als Prokop die Tre schlo, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat
bewundernd einen Schritt zurck, geblendet von so viel Schnheit. Ehrerbietig
begrte er sie. Du bist die Knigin der Goten! sagte er, sich fassend, du
mut es sein.
    Ich bin's! sagte Mataswintha, htt' ich das nie vergessen. Und stolz
rauschte sie an ihm vorber.
    Augen haben diese Germanen, Mnner und Weiber, sagte Prokop im
Hinausgehen, wie ich sie nie gesehen.

                              Zwanzigstes Kapitel.


Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.
    Witichis hatte alle Gemcher, welche die Amalungen, Theoderich, Athalarich,
Amalaswintha bewohnt (sie lagen im Mittelbau des weitlufigen Palastes)
unberhrt gelassen und einige auch frher schon von ihm, wenn er die Wache am
Hofe hatte, bewohnte Rume im rechten Flgel bezogen. Er hatte die Gold-und
Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen kniglichen
Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern Eisenfen, auf welchem sein Helm, sein
Schwert und mehrere Urkunden lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgert
standen in dem einfachen Gela.
    Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschpft, mit dem Rcken gegen
die Tr in einen Stuhl geworfen und sttzte das mde Haupt in beiden Hnden auf
den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht
bemerkt.
    Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte mchtig. Sie konnte ihn nicht ansprechen:
sie konnte nicht nhertreten.
    Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt an
der Tre stehen. Du hier, Knigin? sprach er staunend und trat ihr einen
Schritt entgegen. Was kann dich zu mir fhren?
    Die Pflicht - das Mitleid - sagte Mataswintha rasch. Sonst htte ich
nicht - - ich habe eine Bitte an dich.
    Es ist die erste, sagte Witichis. - Sie betrifft nicht mich fiel sie
schnell ein - Ich bitte dich um Brot fr Arme, Kranke, welche -
    Da reichte ihr der Knig schweigend die Rechte hin. -
    Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und htte es doch, o
wie gerne, getan. So fate er selbst ihre Hand und drckte sie leicht.
    Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
ein Herz fr dein Volk und seine Leiden. Ich htte das nie geglaubt: ich habe
hart von dir gedacht.
    Httest du von jeher anders von mir gedacht: - es wre vielleicht manches
besser.
    Schwerlich! Das Unglck heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt - du hast
ein Recht, es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf deren
Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmglich: die bermacht der
Feinde durch den Abfall der Italier allzugro. Es bleibt nur noch ein letztes:
ein freier Tod.
    La mich ihn mit dir teilen, rief Mataswintha, und ihre Augen leuchteten.
- Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von
Byzanz. Man wei, da du gegen deinen Willen meine Knigin geworden ... - Du
kannst dich laut darauf berufen.
    Nimmermehr! sprach Mataswintha begeistert.
    Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: Aber die
andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! Belisar
hlt, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch fr sie: - eine einzige!
Denn - alle Mchte der Natur verschwren sich gegen mich. Der Padus ist
pltzlich so seicht geworden, da zweihundert Getreideschiffe, die ich
erwartete, nicht rasch genug den Flu herabgebracht werden konnten: die
Byzantiner haben sie aufgefangen!
    Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenknig geschrieben: er soll seine
Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, so
kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. Auch du
kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen.
    Ich will mit dir -, mit euch sterben.
    In wenig Wochen knnen die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost. Doch, das mahnt mich an
deinen Wunsch: - Hier ist der Schlssel zu dem Haupttor der Speicher. Ich trag'
ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: - er verwahrt meine letzte
Hoffnung. Er schliet das Leben von vielen Tausenden ein. Es war meine einzige
Mhewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich wundert, fgte er schmerzlich
hinzu, da nicht die Erde sich aufgetan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist,
diese meine Bauten zu verschlingen.
    Und er nahm den schweren Schlssel aus dem Brustlatz seines Wamses. Ht'
ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha.
    Ich danke dir, Witichis - Knig Witichis -, sagte sie, verbessernd, und
griff nach dem Schlssel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.
    Was ist dir, fragte der Knig, den Schlssel ihr in die Rechte drckend, -
sie steckte ihn in den Grtel ihres weiseidnen Unterkleides - du zitterst?
Bist du krank? setzte er besorgt hinzu.
    Nein - es ist nichts. - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie
heute morgen ... - Vergib mir, Knigin, sagte Witichis, sich abwendend.
Meine Blicke sollten dich nicht krnken. Ich hatte viel, recht viel Gram in
diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich all dies Unglck
verdient haben knnte ... - seine Stimme wurde weich.
    Dann? o rede? bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
an dem Sinn seines unausgesprochenen Gedankens.
    Dann hab' ich, unter all' den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
nicht Strafe sei fr eine harte, harte Tat, die ich an einem herrlichen Geschpf
begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert -. Und unwillkrlich sah
er im Eifer seiner Rede auf die Hrerin.
    Mataswinthens Wangen erglhten: sie fate, sich aufrecht zu halten, nach der
Lehne des Stuhles neben ihr. Endlich - endlich erweicht sein Herz und ich - was
habe ich ihm getan! dachte sie, und Er bereut -
    Ein Weib, fuhr er fort, das unsglich um mich gelitten, mehr als Worte
sagen knnen. - Halt ein! flsterte sie so leise, da er es nicht vernahm.
Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, milder,
weiblicher als je zuvor - dann rhrtest du mein Herz mit Macht: und Trnen
drangen in meine Augen. -
    O Witichis! hauchte Mataswintha.
    Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
mich dann so ganz, so herzerschtternd an -
    An wen? fragte Mataswintha und wurde leichenbla.
    Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
Rauthgundis, die Seele meiner Seele. Wie lange hatte er den geliebten Namen
nicht mehr laut gesprochen! Jetzt berwltigte ihn bei diesem Klang die Macht
des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein
Gesicht mit beiden Hnden.
    Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzhnlich durch die Gestalt
der Knigin zuckte, ihr schnes Antlitz sich medusenhaft verzerrte. Doch hrte
er einen dumpfen Schlag und wandte sich.
    Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
durchbrochene Rcklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, whrend die
Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt,
das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus dem Scheitelband, ber ihre
Schultern: ihre scharf geschnittenen Nstern flogen.
    Knigin! rief er hinzueilend, sie aufzuheben, was hat dich befallen?
    Aber ehe er sie berhren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
richtete sich hoch auf: Es war eine Schwche, sagte sie, die jetzt vorbei: -
leb wohl! Wankend erreichte sie die Tr und fiel drauen bewutlos in Aspas
Arme.

                                     * * *

    Unterdessen hatte sich das unheimliche, drohende Ansehen der ganzen Natur
noch gesteigert.
    Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war der
Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die Nacht ber aus
dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen unbeweglich, wie Verderben
brtend, ber dem Meere stand und die Hlfte des Horizonts bedeckte.
    Aber im Sden brannte die Sonne mit unertrglich stechenden Strahlen aus dem
unbewlkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt: sie
setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus.
Kein Lftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der jene Wolkenschicht
heraufgefhrt, war pltzlich gefallen. Unbeweglich, bleigrau lag das Meer: die
Zitterpappeln im Schlogarten standen regungslos.
    Allein in die tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe
geraten. An dem heien Sand der Kste hin flatterten Schwalben, Mven und
Sumpfvgel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der Erde hinstreichend
und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd
aus den Husern: die Pferde rissen sich in den Stllen los und schlugen,
ungeduldig schnaubend, drhnenden Hufes um sich; klglich schrieen Katzen, Esel
und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schumten sich drei zu
Tode, in wtenden Anstrengungen, zu entkommen. -
    Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte alsbald unter den Horizont zu
sinken.
    Auf dem Forum des Herkules sa ein Brger von Ravenna auf der Marmorstufe
vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte Rebenzweig
ber seiner Tr zeigte, in seinem Hause selbst von seinem Gewchs. Er blickte
nach dem drohenden Wettergewlk. Ich wollte, es kme Regen, seufzte er. Kmmt
nicht Regen, so kmmt Hagel und zerschlgt vollends, was an Wachstum drauen die
Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben.
    Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde? flsterte sein Sohn, ein
rmischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde.
    Ich wollte, der Orkus verschlnge sie alle miteinander, Griechen und
Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da kmmt der lange
Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn er heute
nicht trinken wollte da die Steine bersten mchten vor Trockenheit.
    Hildebad hatte die nchste Wache abgelst und schlenderte nun langsam heran,
den Helm im linken Arm, die lange Lanze lssig ber der Schulter. Er schritt an
der Weinschenke vorbei, zu groem Befremden ihres Herrn, bog in die nchste
Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm - er hie der
Turm des Aetius -, in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schner junger Gote
auf und nieder schritt. Lange, hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern:
und das zarte Wei und Rot seines Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben
ihm ein fast mdchenhaftes Ansehn.
    He, Fridugern, rief ihm Hildebad hinauf, huiweh! Blitzjunge, hltst du's
noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer - uf!
    Ich habe die Wache, Hildebad! sagte der Jngling sanft.
    Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
strmen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute kein
Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem
Herkulesplatz hat alten Wein und junge Tchter: - la uns beide zu Munde
fhren.
    Der junge Gote schttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
Ich habe Dienst und keinen Sinn fr Mdchen. Durst habe ich freilich: - schicke
mir einen Becher Wein herauf.
    Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut ber den
Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
gebrochen, wenn du hier einer Rmerdirne in die Kohlenaugen guckst. O lieber
Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts fr ungut. Mir kann's ja recht sein.
Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch lter werden. Ich schicke dir
vom roten Massiker heraus: - da kannst du dann allein Allgunthens Minne
trinken.
    Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser flsterte: All' Heil,
Allgunthis! und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze wieder auf die
Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen Schrittes. Von ihr
sinnen und trumen darf ich wenigstens, sagte er, das wehrt kein Dienst. Wann
werd' ich sie wohl wiedersehn? Und er schritt weiter: und blieb dann
gedankenvoll im Schatten des mchtigen Turmes stehn, der schwarz und drohend auf
ihn niedersah. -
    Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie fhrten in der
Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und lieen ihn zur Porta Honorii hinaus.
Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet
hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom Knig kam: und mimutig verlie der
Gesandte die Stadt. Des Prfekten feiner Plan war, so schien es, an der
schlichten Wrde des Gotenknigs gescheitert. -
    Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht khler geworden. Da
erhob sich vom Meere pltzlich ein starker Windsto aus Sden: er schob die
schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten jetzt dicht
und schwer ber der Stadt.
    Aber auch das Meer, der Sdosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine zweite,
gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die
erste geschlossen. Der ganze Himmel ber Meer und Land war jetzt ein schwarzes
Gewlbe.
    Hildebad ging, weinmde, nach seinem Nachtposten an der Porta Honorii: Noch
immer auf Wache, Fridugern? rief er dem jungen Goten hinauf. Und noch immer
kein Regen! Die arme Erde! Wie sie drsten mu! sie dauert mich! Gute Wache!
    In den Husern war es unleidlich schwl: denn der Wind kam aus den heien
Sandwsten Afrikas.
    Die Leute drngten sich, gengstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels,
hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Straen oder lagerten sich
in Gruppen in den Vorhallen und Sulengngen der Basiliken. Auf den Stufen von
Sankt Apollinaris drngte sich viel Volk zusammen. Und es ward, obwohl erst
Sonnenuntergangszeit, doch vllig dunkle Nacht.

                                     * * *

    Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Knigin, mit
todesbleichen Wangen, in schwerer Betubung. Aber ohne Schlaf. Die
weitgeffneten Augen starrten in die Dunkelheit.
    Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ngstliche Fragen gesprochen und
zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.
    Unwillkrlich kehrten in ihrem eintnigen Denken die Worte wieder: Witichis
- Rauthgundis - Mataswintha! Mataswintha - Rauthgundis - Witichis!
    Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhrlichen Kreislauf
dieser Worte unterbrechen zu knnen.
    Da pltzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach, und
im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, wie
sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend ber die bebende
Stadt.
    Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. Sie
trug nur noch das weiseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen ihres
Haares ber die Schultern und lauschte.
    Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.
    Ein Windsto ri heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
fhrte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden Augenblick
von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhrlich rollte der Donner, selbst
das furchtbare Geheul des Sturmes berdrhnend. Der Kampf der Elemente tat ihr
wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gesttzt und mit der Rechten langsam
ber die Stirne streichend.
    Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
geschlossenen Glaskugel brannte.
    Knigin, du ... - Aber, bei allen Gttern, wie siehst du aus! Wie eine
Lemure. Wie die Rachegttin!
    Ich wollte, ich wre es, sagte Mataswintha - es war das erste Wort seit
langen Stunden, - ohne den Blick vom Fenster zu wenden.
    Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schlo das Fenster. O
Knigin, die Frommen unter deinen Mgden sagen: das sei das Ende der Welt, das
da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu richten die
Lebendigen und die Toten. Huh, welch' ein Blitz! Und noch kein Tropfen Regen.
Nie hab' ich solch ein Unwetter gesehen. Die Gtter zrnen schwer.
    Wehe, wem sie zrnen. O, ich beneide sie, die Gtter. Sie knnen hassen und
lieben, wie's ihnen gefllt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder liebt.
    Ach, Herrin, ich war auf der Strae: ich komme gerade zurck. Alles Volk
strmt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu vershnen. Ich bete zu
Kairu und Astarte - Herrin, betest du nicht auch?
    Ich fluche! Das ist auch gebetet.
    Oh, welch ein Donnerschlag! schrie die Sklavin und strzte zitternd in die
Kniee. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren Schultern. Der
Blitz und Donner war so stark gewesen, da Mataswintha aus den Kissen gesprungen
und ans Fenster geeilt war.
    Gnade, Gnade, ihr groen Gtter! erbarmt euch der Menschen! flehte die
Afrikanern.
    Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben ber die elende Menschheit!
    Ha das war schn! Hrst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der Strae?
Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Gtter, wenn ein Himmelsgott oder
Himmelsgtter sind - nur um eins beneid' ich euch -: um die Macht eures Hasses,
um euren raschen, geflgelten, tdlichen Blitz! Ihr schwingt ihn mit der ganzen
Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn: und ihr lacht dazu: - der
Donner ist euer Gelchter! Ha, was war das?
    Ein Blitz und ein Donner, der alle frhern bertraf, zuckte und krachte.
Aspa fuhr vom Boden auf.
    Was ist das fr ein groes Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenber? Der
Blitz hat wohl gezndet: - brennt es?
    Nein, Dank den Gttern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur beleuchtet.
Es sind die Kornspeicher des Knigs.
    Ha, habt ihr fehlgeblitzt, ihr Gtter? So schrie die Knigin. Auch die
Sterblichen fhren den Blitz der Rache.
    Und sie sprang vom Fenster hinweg, - und das Gemach war pltzlich dunkel.
    Knigin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden? rief Aspa. Und
sie tastete an den Wnden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst nach
ihrer Herrin.

                                     * * *

    Unten auf der Strae wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
frommer Zug.
    Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen. Und
durch das Brllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte,
feierlich ergreifende Weise:

dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:
malo mori quam foedari: major vis amoris est.

Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:

parce, judex, contristatis, parce pecatoribus,
qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus.

    Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die nchsten Aufseher der
Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.
    Auf den Stufen der Basilika, gerade der Tr der Speicher gegenber, sa das
Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, die Hnde
nicht gefaltet, aber ruhig im Scho liegend. Der Mann in der Sturmhaube stand
neben ihr.
    Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
Blitzes. Du wieder hier, Landsmnnin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft genug
mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?
    Ich bin fremd. Doch hab' ich Obdach. - Komm mit in die Kirche und bete
mit uns.
    Ich bete hier. - Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?
    Gott hrt mich doch. - Bete doch fr die Stadt. Sie frchten, es komme
das Ende der Welt.
    Ich frchte es nicht, wenn es kommt.
    Und bete fr unsern guten Knig, der uns Brot gibt alle Tage. - Ich bete
fr ihn.
    Da tnte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich an
der Basilika kreuzten.
    Ei, so donnre, bis du springst, schalt der Fhrer der einen Schar, aber
brumme mir nicht in meinen Befehl.
    Haltet an. Wisand, du bist's? Wo ist der Knig? Auch in der Kirche?
    Nein, Hildebad, auf den Wllen.
    Recht so, da gehrt er hin! Vorwrts, Heil dem Knig. Und die Schritte
verhallten.
    Da kam ein rmischer Lehrer mit einigen seiner Schler vorbei. Aber,
Magister, mahnte der jngste, ich dachte, du wolltest in die Kirche? Warum
fhrst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?
    Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
Ich sage dir, je weniger ich Dcher und Mauern um mich wei, desto wohler ist
mir. Ich fhr' euch auf die groe, freie Wiese in der Vorstadt. Ich wollte, wir
htten Regen. Wre der Vesuvius nahe genug, wie in meiner Heimat, ich dchte,
Ravenna werde heut' ein zweites Herculaneum. Ich kenne solche Luft, wie sie
heute - ich traue nicht! Und sie gingen vorber.
    Willst du nicht mit mir gehn, Frau? sprach der Mann in der Sturmhaube zu
der Gotin. Ich mu sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: sonst
kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich nicht allein
lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir.
    Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh' nur, ich komme nach. Ich
mu noch was zu Ende denken -, zu Ende beten. Und die Frau blieb allein. Sie
prete beide Hnde fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel:
leise nur bewegten sich ihre Lippen.
    Da war es ihr, als she sie in den Hochgngen, Galerien und Oberhallen des
gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenber lagen,
aus dem steinernen Rundbau des Zirkus ragend, ein Licht auftauchen und hin und
wieder, auf- und abwrts wandeln. Es mute wohl eine Tuschung durch die Blitze
sein. Denn jedes frei getragene Licht htte der Wind in den nach auen offenen
Galerien verlscht.
    Aber nein: es war doch ein Licht.
    Denn in regelmigen Zwischenrumen wechselte sein Aufleuchten und sein
Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gngen mit ihren
verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen wrde. Scharf sah die Frau nach
dem wechselnden Licht und Schatten ... - -
    Aber pltzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor.
    Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde - und
schwankte, - stark, - von der Linken zur Rechten. -
    Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. -
    Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das Licht
und verschwand pltzlich. -
    Aber auch die Frau auf der Strae stie einen leisen Angstruf aus. Denn
jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! - Ein leises
Zucken: und pltzlich zwei, drei starke Ste: als hebe sich wellenfrmig der
Boden von der Linken zur Rechten.
    Aus der Stadt her tnte Angstgeschrei. Aus den Tren der Basilika strzte in
Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. - Noch ein Sto! - Die Frau
hielt sich mit Mhe aufrecht.
    Und fernher, von der Auenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
Krachen, wie von massenhaft strzenden, schweren Lasten.
    Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.

                           Einundzwanzigstes Kapitel.


Whrend die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie
einen Augenblick den Speichern den Rcken. Aber rasch wandte sie sich diesen
wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Tre zugefallen. Scharf blickte
sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur
ihr Ohr hrte etwas sacht an der Auenmauer des Gebudes dahinrascheln. Und sie
glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.
    Halt, rief die Frau, wer jammert da?
    Still, still, flsterte eine seltsame Stimme, die Erde hat darber - vor
Abscheu - sich geschttelt, gebebt. Die Erde bebt - die Toten stehen auf. - Es
kommt der jngste Tag, - der deckt alles auf. - Bald wird er's wissen. - Oh. -
Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von Gewndern - und Stille.
    Wo bist du? bist du wund? rief die Frau tastend.
    Da zuckte ein heller Blitz, - der erste seit dem Erdsto - und zeigte vor
ihren Fen liegend, eine verhllte Gestalt. Weie und dunkelblaue
Frauenkleider. - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.
    Aber rasch sprang diese bei der Berhrung auf und war mit einem Schrei im
Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer grnen Schlange von
Smaragden, die in ihrer Hand zurckgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit
dieser unheimlichen Erscheinung.

                                     * * *

    Und wieder tnten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. Hildebad,
Hildebad, zu Hilfe! rief Wisand. Hier bin ich: - was ist? wohin soll ich?
fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. An das Tor des Honorius! Dort
ist die Mauer eingestrzt und der dicke Turm des Atius liegt in Trmmern. - Zu
Hilfe, in die Lcke!
    Ich komme: - - armer Fridugern!

                                     * * *

    In dem gleichen Augenblick strmte drauen im Lager der Byzantiner Cethegus
der Prfekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rstung, der
purpurdunkle Roschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch
aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. Auf! was sumst du, Feldherr
Justinians? Die Mauern deiner Feinde strzen von selber ein.
    Offen liegt vor dir des letzten Gotenknigs letzte Burg. - Und du? was tust
du in deinem Zelt? - -
    Ich verehre die Gre des Allmchtigen! sagte Belisar mit edler Ruhe.
Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. - Ein Betschemel
und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Tun die wilde Glut des Prfekten das Paar
gestrt. Das tu' morgen. - Nach dem Sieg. Jetzt aber: strme!
    Jetzt strmen! sprach Antonina, welcher Frevel!
    Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschttert und erschreckt. Denn Gott
der Herr spricht in diesen Wettern!
    La ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Atius und ein
gutes Stck Mauer ist eingestrzt. Ich frage dich, willst du strmen?
    Er hat nicht unrecht, meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. -
Aber es ist finstre Nacht. - -
    Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
leuchten die Blitze.
    Du bist ja pltzlich sehr kampfeseifrig, zgerte Belisar.
    Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kmpfen. Die Barbaren sind verblfft.
    Sie frchten Gott und vergessen darber ihrer Feinde.
    Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
Belisar, meldete der erste, der Erdsto hat deine Zelte am Nordgraben
umgestrzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben! - Hilfe, Hilfe!
meine armen Leute! rief Belisar und eilte aus dem Zelte. Cethegus, berichtete
Marcus, auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten
verschttet. Aber ungeduldig, den Helm schttelnd, frug der Prfekt: was ist
mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Atiusturm? hat der Erdspalt es
nicht verringert? - Ja, das Wasser ist verschwunden - der Graben ist ganz
trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind's: sie sthnen und wimmern
unter der Verschttung und schreien um Hilfe.
    La sie schreien! sprach Cethegus. - Der Graben ist wirklich trocken? So
la zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Sldnern, die noch leben.
    Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhrlich rasten, eilte der
Prfekt zu seinen Schanzen, wo seine rmischen Legionare und der Rest der
Isaurier unter Waffen standen. Rasch bersah er sie: es waren viel zu wenige, um
mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wute, da ein gnstiger Erfolg
alsbald Belisar mit fortreien wrde. Lichter, Fackeln her! rief er und trat
mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner rmischen Legionare.
Vorwrts, befahl er, die Schwerter heraus!
    Aber kein Arm rhrte sich.
    Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Fhrer, auch
die Licinier, auf den dmonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an
sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu
seinem Zweck.
    Nun, habt ihr auf mich zu hren, oder auf den Donner? rief er.
    Feldherr, mahnte ein Centurio vortretend, sie beten. Denn die Erde bebt.
    Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Rmer, seht:
der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bumt sich,
sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. Roma! Roma aeterna!
    Das zndete. Es war eines jener csarischen Worte, welche die Mnner und die
Waffen fortreien.
    Roma! Roma aeterna! riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
rmischen Jnglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner
und Sturm, folgten sie dem Prfekten, dessen dmonischer Schwung sie mit
fortri. Die Begeisterung lieh ihnen Flgel. Rasch waren sie ber den breiten
Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. - Cethegus der erste am
jenseitigen Rand. - Die Fackeln hatte der Sturm gelscht. Im Finstern fand er
den Weg. Hierher, Licinius, rief er, mir nach! hier mu die Lcke sein.
    Und er sprang vorwrts, rannte aber gegen einen harten Krper und taumelte
zurck. Was ist das? fragte Lucius Licinius hinter ihm, eine zweite Mauer? -
Nein, sprach eine ruhige Stimme von drben, aber gotische Schilde. - Das
ist der Knig Witichis, sagte der Prfekt grimmig und ma mit bitterem Ha die
dunkeln Gestalten. Er hatte auf berraschung gezhlt. Seine Hoffnung war
getuscht. Htt' ich ihn, sprach er grimmig in sich hinein, er sollte nicht
mehr schaden.
    Da wurden von rckwrts viele Fackeln sichtbar, und die Trompeten
schmetterten. Belisar fhrte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop
erreichte den Prfekten: Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wlle auf?
    Ja, lebendige Wlle. Da stehen sie, und der Prfekt deutete mit dem
Schwert. Unter den noch fallenden Trmmern, diese Goten! -
    Nun wahrlich! rief Prokop: si fractus illabatur orbis, impavidos ferient
ruinae! Das sind mutige Mnner.
    Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
heran. Einen Augenblick, - nur die Fhrer eilten noch, Befehle erteilend hin und
wieder, - einen Augenblick noch, und ein furchtbares Morden mute beginnen.
    Da erglhte pltzlich der ganze Horizont ber der Stadt. Eine Flammensule
scho hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel
zu regnen. Im roten Licht glnzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher
Anblick.
    Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.
    Feuer! Feuer! Witichis! Knig Witichis, schrie jetzt ein Reiter, der von
der Stadt herjagte, es brennt.
    Das sehen wir. La brennen, Markja! Erst fechten, dann lschen.
    Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
Myriaden Funken durch die Luft.
    Die Speicher brennen! schrien Goten und Byzantiner.
    Witichis versagte die Stimme, zu fragen. Der Blitz mu schon lange im
Innern gezndet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da sieh',
sieh' hin. -
    Ein strkerer Sto des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
riesengro. Die Flammen flogen auf die nchsten Dcher. Zugleich schien der
hlzerne Dachfirst des hohen Gebudes jetzt hinabzustrzen. Denn nach einem
schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war
ein Flammenmeer.
    Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: - matt sank sein Arm
herunter.
    Cethegus sah's: Jetzt, rief er, jetzt zum Sturm!
    Nein, haltet ein! rief mit Lwenstimme Belisarius. Der ist ein Feind des
Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurck ins Lager alle: jetzt
ist Ravenna mein - und morgen fllt's von selbst.
    Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurck. Cethegus knirschte. Er
allein war zu schwach. Er mute nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte
die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken
festzusetzen.
    Und er sah voraus, da sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden.
Grollend fhrte er die Seinen zurck.
    Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.

                          Zweiundzwanzigstes Kapitel.


Der Knig hatte den Schutz der Mauerlcke am Turm des Atius Hildebad bertragen
und war sofort auf die Brandsttte geeilt.
    Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlschen: - aber nur aus Mangel
an Nahrung. Der ganze Inhalt, der Speicher, samt deren Brettergersten, und dem
Dach, alles was durch Feuer zerstrbar, war bis auf den letzten Splitter und das
letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ru- und rauchgeschwrzten Steinmauern
des ursprnglichen Marmorbaus, des Zirkus des Theodosius, starrten noch gen
Himmel.
    Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mute
sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzndet haben
mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich ber alle Innenrume des Holzbaus
schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlcken
herausschlugen, war alle Hilfe zu spt. Krachend war bald darauf der Rest des
Holzbaues zusammengestrzt: die Einwohner hatten vollauf zu tun, die nchsten,
teilweise schon vom Feuer ergriffenen Huser zu retten. Dies gelang mit Hilfe
des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem
Blitz und Donner ein Ende machte.
    Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewlk
zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des
Marmorrundbaues.
    Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der Knig lange Zeit diesen
Ruinen gegenber an einer Sule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den
Mantel auf der mchtig arbeitenden Brust zusammendrckend. Im Anblick dieser
Trmmer war ein schwerer Entschlu in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in
seinem Innern.
    Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. O, was wird jetzt aus uns! -
O, wie war das Brot so wei, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier
erhielt. - O, was werden wir jetzt essen?
    Bah, der Knig mu aushelfen. - Ja, der Knig mu Rat schaffen. - Der
Knig?
    Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen? - Hat er doch selbst nichts
mehr. - Das ist seine Sache. - Er allein hat uns in all die Not gebracht. -
Er ist an allem schuld. - Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser
bergeben. - Jawohl, ihrem rechtmigen Herrn! - Fluch den Barbaren! - Sie
sind an allem schuld. - Nicht alle, nein, der Knig allein. Seht ihr's denn
nicht? Es ist die Strafe Gottes! - Strafe? wofr? Was hat er verbrochen? Er
gab dem Volke von Ravenna Brot! - So wit ihr's nicht? Wie kann der
Eheschnder die Gnade Gottes haben? Der sndige Mann hat ja zwei Weiber
zugleich! Der schnen Mataswintha hat ihn gelstet. Und er ruhte nicht, bis sie
sein eigen war. - Sein ehlich Weib hat er verstoen.
    Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
sie erkannten seinen Schritt.
    Da ist der Knig! Wie finster er blickt, riefen sie durcheinander und
wichen zur Seite. O, ich frchte ihn nicht. Ich frchte den Hunger mehr als
seinen Zorn. Schaff' uns Brot, Knig Witichis. Hrst du's, wir hungern! sprach
ein zerlumpter Alter und fate ihn am Mantel. Brot, Knig! - Guter Knig,
Brot! - Wir verzweifeln! - Hilf uns! Und wild drngte sich die Menge um
ihn.
    Ruhig, aber krftig machte sich Witichis frei. Geduldet euch, sprach er
ernst. Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen. Und er eilte nach seinem
Gemach.
    Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein rmischer Arzt.
    Herr, sprach dieser mit besorgter Miene, die Knigin, deine Gemahlin ist
sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht
wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?
    Nicht jetzt, sorgt fr sie. Sie reichte mir, fuhr der Arzt fort, mit
grter Angst und Sorge diesen Schlssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am
meisten zu beschftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie
lie mich schwren, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von hchster
Wichtigkeit.
    Mit einem bittern Lcheln nahm der Knig den Schlssel und warf ihn zur
Seite. Er ist es nicht mehr. - Geht, verlat mich und sendet meinen Schreiber.

                                     * * *

    Eine Stunde spter lie Prokop den Prfekten in das Zelt des Feldherrn
eintreten.
    Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hastigen Schritten auf und nieder
ging, entgegen: Das kommt von deinen Plnen, Prfekt! Von deinen Knsten! von
deinen Lgen! Ich hab' es immer gesagt: vom Lgen kommt Verderben: und ich
verstehe mich nicht darauf! O, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck' ich in
Not und Schande!
    Was bedeuten diese Tugendreden? fragte Cethegus seinen Freund.
    Dieser reichte ihm einen Brief. Lies. Diese Barbaren sind unergrndlich in
ihrer groartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.
    Und Cethegus las mit Staunen: Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
getan:
    Da die Franken mich verraten haben. Da Du im Bund mit den Franken das
Westreich deinem undankbaren Kaiser entreien willst. Da Du uns Goten freien
Abzug ber die Alpen ohne Waffen anbietest.
    Darauf habe ich Dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab
und rumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres groen Knigs: eher
fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So
spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns
emprten. Aber was ich immer dunkel gefhlt, hab' ich heut' nacht unter den
Flammen meiner Vorrte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen
erliegen die Goten. Ich bin das Unglck meines Volkes. Das soll nicht lnger
also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht
mehr. Du erhebst Dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren
Mann. Er ist unser Feind wie Deiner. Wohlan: sttze Dich, statt auf ein Heer der
falschen Franken: auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue Dir
bekannt. Mit jenen sollst Du Italien teilen: mit uns kannst Du es ganz behalten.
La mich den Ersten sein, der Dich begrt wie als Kaiser des Abendlands so als
Knig der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, Du trittst einfach an meine
Stelle. Ich selber setze Dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
Justinian soll sie Dir entreien. Verwirfst Du diesen Antrag: so mache Dich
gefat auf einen Kampf, wie du noch keinen gekmpft. Ich breche dann mit
fnfzigtausend Goten in Dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch Dein ganzes
Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Whle. Witichis.
    Einen Augenblick war der Prfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte
er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine Blick
beruhigte ihn wieder ganz. Er ist ja Belisar, sagte er sich abermals. Jedoch
gefhrlich ist es immer, mit dem Teufel zu spielen. Welche Versuchung! -
    Er gab den Brief zurck und sagte lchelnd: Welch ein Einfall! Wozu doch
die Verzweiflung fhrt.
    Der Einfall, meinte Prokop, wre gar so bel nicht, wenn ... -
    Wenn Belisar nicht Belisar wre, lchelte Cethegus.
    Spart euer Lachen, schalt dieser. Ich bewundre den Mann. Und es darf mich
nicht mehr beleidigen, da er mich der Emprung fhig hlt. Hab' ich es ihm doch
selber vorgelogen. Und er stampfte mit dem Fu. Ratet jetzt und helft! Denn
ihr habt mich in diese leidige Wahl gefhrt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag'
ich nein: - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet ansehen. Und mu obenein
bekennen, da ich die Emprung nur erlogen.
    Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
Pltzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschnend
ber sein Gesicht: so kann ich sie beide verderben! Er war in diesem
Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher
machen. Du kannst vernnftigerweise nur zwei Dinge tun, sagte er zaudernd.
    Rede: ich sehe weder eins noch das andre.
    Entweder wirklich annehmen -
    Prfekt, rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
erschrocken seinen Arm. Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb dir dein
Leben.
    Oder, fuhr dieser ruhig fort, zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
einziehn in Ravenna. Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenknig nach Byzanz
schicken.
    Das ist glnzend! rief Prokop. Das ist Verrat! rief Belisar.
    Es ist beides, sagte Cethegus ruhig.
    Ich knnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.
    Das ist auch nicht ntig. Du fhrst den gefangenen Knig nach Byzanz. Das
entwaffnete Volk hrt auf, ein Volk zu sein.
    Nein, nein, das tu' ich nicht.
    Gut. So la dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich gehe
nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fnfzigtausend Goten in Verzweiflung
kmpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten
Heeres loben!
    Es ist eine furchtbare Wahl, zrnte Belisar.
    Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. Belisar, sprach er mit
gemtvoller, tief aus der Brust geschpfter Stimme: du hast mich oft fr deinen
Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im
Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?
    Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
sarkastischen Prfekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte.
    Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
in diesem Augenblick durch meinen Rat bewhren. Glaubst du mir, Belisarius? Und
er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm treuherzig die Rechte,
und sah ihm tief ins Auge.
    Ja, sagte Belisar, wer knnte solchem Blick mitrauen.
    Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mitrauischern Herrn gehabt
als du. - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Krnkung deiner Treue.
    Das wei der Himmel.
    Und nie hat ein Mann, - hier fate er ihn an beiden Hnden - herrlichere
Gelegenheit gehabt, das schndeste Mitrauen zu beschmen, sich aufs
glorreichste zu rchen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du
trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie
jetzt in Hnden. Zieh' in Ravenna ein, la dir von Goten und Italiern huldigen
und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebnes Heer,
die Goten, die Italier - wahrlich, du bist unantastbar. Justinian mu zittern zu
Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der
du all' dies in Hnden hast, - du legst all' die Macht und all' die Herrlichkeit
deinem Herrn zu Fen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie
auf Erden erprobt.
    Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.
    Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist gro
gedacht. O Justinian, du sollst vor Scham vergehn!
    Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Tre.
    Armer Witichis, flsterte Prokop ihm zu; er wird diesem Musterstck von
Treue aufgeopfert. - Jetzt ist er verloren.
    Ja, sagte Cethegus, er ist verloren, gewi. Und drauen vor dem Zelt
warf er den Mantel ber die linke Schulter und sprach: Aber gewisser noch du
selber, Belisar.

                                     * * *

    In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerstet entgegen.
    Nun, Feldherr, fragte er, die Stadt ist noch nicht bergeben. Wann geht's
zum Kampf?
    Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und grte dich zu
reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab. - An wen? - An
den Kaiser und die Kaiserin. - Nach Byzanz? - Nein, zum Glck sind sie ganz
nah, in den Bdern von Epidaurus. Eile dich. In fnfzehn Tagen mut du zurck
sein, nicht einen halben spter. Italiens Schicksal harrt auf deine
Wiederkunft.

                                     * * *

    Sowie Prokop mndlich die Antwort Belisars dem Gotenknig berbracht, berief
dieser in seinen Palast die Fhrer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine
Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und
forderte ihre Zustimmung.
    Wohl waren sie anfangs mchtig berrascht: und ein Schweigen des Staunens
folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rhrung auf den
Knig blickend: Die letzte deiner Knigstaten, Witichis, ist so edel, ja edler
als alle deine frheren. Dich bekmpft zu haben werd' ich ewig bereuen. Ich habe
mir lange geschworen, es zu shnen, indem ich dir blindlings folge. Und
wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: denn du opferst das Hchste:
eine Krone. Soll aber ein andrer als du Knig sein, - leichter mgen die
Wlsungen einem Fremden, einem Belisar als einem Goten nachstehn. Und so folg'
ich dir und sage: ja, du hast gut und gro gehandelt.
    Und ich sage nein! und tausendmal nein! rief Hildebad. Bedenkt, was ihr
tut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!
    Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns getan, Quaden und
Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Rmer gidius? sagte
Witichis ruhig, ja was andres, als was unsre glorreichsten Knige und selbst
Theoderich getan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafr
Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm.
Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als
Theoderich.
    Ja, wenn es Justinian wre, fgte Guntharis bei. Nie unterwarf' ich mich
dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. - Kannst du das
leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?
    Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das einzige, was
mir an ihm gefallen hat.
    Und das Glck ist mit ihm, wie mit mir das Unglck war. Und wir bleiben im
reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten
gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.
    Und fast alle Versammelten stimmten bei.
    Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen, rief Hildebad. - Von je
hab' ich die Zunge ungefger, als die Axt gefhrt. - Aber ich fhl' es deutlich:
ihr habt unrecht. - Htten wir nur den schwarzen Grafen hier: der wrde sagen
knnen, was ich nur spre. Mgt ihr's nie bereuen! Mir aber sei's vergnnt, aus
diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter
Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben
Hieben kommt man weit.
    Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gesprch wohl noch
umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag.
Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat.
Es steht zu frchten, da einige seiner Heerfhrer mit ihren Truppen von einer
Emprung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdchtigen
Quartiere von Ravenna, mssen von den Goten und den verlssigen Anhngern
Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fllt.
    Htet euch, warnte Hildebad, da ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen, 's ist, wie wenn der
Waldbr auf das Seil steigt - er fllt doch ber kurz oder lang. Lebt wohl -
mg' es besser ausfallen als ich ahne.
    Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird
wohl mit diesem Rmer-Gotenstaate sich vershnen. Der schwarze Teja aber, denk'
ich, zieht mit mir davon.

                                     * * *

    Am Abend durchlief die Stadt das Gercht von einer Kapitulation. Die
Bedingungen waren ungewi. Aber gewi war, da Belisar auf Verlangen des Knigs
groe Vorrte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die
Armen verteilt wurden. Er hat Wort gehalten! sagten diese und segneten den
Knig.
    Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Knigin und erfuhr, da sie
sich langsam wieder beruhige und erhole. Geduld: sprach Witichis aufatmend -
auch sie wird bald frei und meiner ledig.
    Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
innern Stadt nach der Mauerlcke am Turm des Atius wandte. Ein langer Reiter
voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tchern und
Mnteln verhllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark
gersteten Mnner.
    Auf mit dem Notriegel! rief der Fhrer, wir wollen hinaus.
    Du bist es, Hildebad? rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab Befehl
zu ffnen. Weit du schon, die Stadt wird morgen bergeben. Wo willst du hin?
    In die Freiheit! rief Hildebad und gab seinem Ro die Sporen.

                          Dreiundzwanzigstes Kapitel.


Mehrere Tage waren vergangen, bis die Knigin Mataswintha sich aus den wirren
Fieberphantasien und aus dem von wilden Trumen gequlten Schlummer, der auf
dieselben gefolgt war, erhoben hatte.
    Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Auenwelt und den gewaltigen
Entscheidungen gegenber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefhl ihrer ungeheuern frevelhaften
Taten.
    Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
die Fackel in der Hand, durch die Nacht gestrmt war, in zerstrende Reue, in
Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge Tat getan,
hatte sie der Erdsto in die Kniee geworfen: und ihr von allen Leidenschaften
erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten Frevels erwachendes Gewissen
glaubte, die Erde wolle sich ber ihre Untat empren: sie sah die Rache des
Himmels hereinbrechen ber ihr schuldiges Haupt.
    Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
ihre Hand entzndet, riesengro emporsteigen sah, als sie das tausendstimmige
Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien jede Flamme an ihrem
Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu verfluchen. Sie verlor das
Bewutsein: sie brach zusammen unter den Folgen ihrer Tat.
    Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmhlich des Geschehenen
wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den Knig vllig
gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue ber ihre Tat, zitternde Scheu,
je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfllte sie ganz.
    Um so mehr, als sie selbst wute und von allen Seiten vernahm, wie der
Untergang der Speicher den Knig zur Ergebung an seine Feinde zwingen werde.
    Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemchern sich zu erkundigen, beschwor sie
die staunende Aspa, um keinen Preis den Knig vor ihr Antlitz treten zu lassen:
obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und hufig arme Leute
aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden auffordern lie, sich bei ihr zu
melden. Sie pflegte dann eigenhndig die fr sie und ihren Hof bestimmten
Speisen und mit maloser Freigebigkeit Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu
verteilen.
    Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem Mantel
und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade gebeten hatte, sie
mchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes die Gunst einer
Unterredung ohne Zeugen gewhren.
    Es gelte des Knigs Heil: es gelte zu warnen vor ttigem, berfhrbarem
Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha gewhrte
eifrig die Bitte. -
    Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, was
auch nur mit dem Vorwand seiner Rettung an sie trat. Auf Sonnenuntergang
bestellte sie das Weib. -
    Die Sonne war gesunken. Der Sden kennt fast keine Dmmerung. Es war finster
beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte. Die
Knigin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur achten Stunde Schlummer
gefunden. Eben erst erwacht, sei sie sehr schwach. Gleichwohl solle die Bittende
vorgelassen werden, da es dem Knig gelte.
    Ist das aber auch gewi wahr? forschte die Sklavin. Nicht unntz mcht'
ich meine Herrin mhen: - es war Aspa - wenn Ihr nur Gold damit erlisten
wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben, als Ihr begehrt: - nur schont
meine Herrin. Gilt es dem Knig wirklich?
    Es gilt dem Knig! Seufzend fhrte Aspa die Frau in das Gemach
Mataswinthens.
    Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
leichtes, weies Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des groen Gemaches von
dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die goldene Ampel, die ber
demselben in die Wand eingelassen war, brannte bereits mit mattem Licht. Sie
blieb auf dem Rand des Lagers mde sitzen. Tritt nher, sprach sie. Es gilt
dem Knig? warum zgerst du? Rede.
    Das Weib deutete auf Aspa. Sie ist verschwiegen und treu. - Sie ist ein
Weib. Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mdchen.
    Amalungentochter - ich wei: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich zu
ihm gefhrt. (Wie wunderschn sie istobzwar todesbla!) Doch, Gotenknigin bist
du: seine Knigin - ob du ihn auch nicht liebst: - sein Reich, sein Sieg mu dir
das Hchste sein.
    Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. So denkt jede Bettlerin im
Gotenvolk! seufzte sie.
    Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Grnden.
    So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
warnen. Hre mich. Und sie trat nher, scharf auf die Knigin blickend. Wie
seltsam, sprach sie zu sich selbst. Welche hnlichkeit der Gestalt.
    Verrat! Noch mehr Verrat? - So ahnst auch du Verrat? - Gleichviel. Von
wem? Von Byzanz? Von auen? Von dem Prfekten?
    Nein, sprach das Weib kopfschttelnd. Nicht von auen. Von innen. Nicht
von einem Mann. Von einem Weib.
    Was redest du? sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. Wie kann ein
Weib -
    Dem Helden schaden? Durch hllische Bosheit des Herzens! Nicht mit Gewalt.
Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtckischem Gift oder, wie schon
geschehen - mit heimtckischem Feuer.
    Halt ein! Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurck an den
Mosaiktisch, sich daran lehnend.
    Aber das Weib folgte ihr, leise flsternd: Wisse das Unglaubliche, das
Schndliche! Der Knig glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe sein Korn
verbrannt. Ich aber wei es besser. Und auch Er soll es wissen. Wissen, gewarnt
durch deinen Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die Bosheit. Ich sah in jener
Nacht eine Fackel durch die Speichergnge eilen, und ein Weib hat sie
hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du willst hinweg? Nein, hre
nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen. Den Namen? Ich wei ihn nicht.
Aber sie brach vor mir zusammen und entkam mir: doch verlor sie als Wahrzeichen,
als Erkennungszeichen - diese Schlange von Smaragd.
    Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
Armreif erhebend.
    Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
nackten Arme. - Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhlle. Ihr rotes Haar
flutete nieder, und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken Arm
deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.
    Ah! schrie das Weib laut auf. Beim Gott der Treue! Du! Du selber bist's!
    Seine Knigin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch ber dich! Das soll er
wissen!
    Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
zurck. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als sie
eintrat, war die Knigin schon allein. Der Vorhang des groen Eingangs rauschte.
Die Bettlerin war verschwunden.

                          Vierundzwanzigstes Kapitel.


Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
Heerfhrer in den Palast des Knigs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
nheren Bedingungen und die Formen der bergabe.
    Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen. Die
beiden Hauptwnsche, um deren willen das Volk den ganzen schweren Kampf
getragen, wrden erreicht: sie wrden frei sein und im ungeteilten Besitz des
fruchtbaren Sdlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war. Das war weitaus
mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit dem Abzug von Rom und
dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu erwarten war. Und die Hupter
der Sippen und sonst die einflureichsten Mnner im Heere, die jetzt von dem
bevorstehenden Schritt Belisars verstndigt wurden, billigten vollstndig die
beschlossenen Bedingungen.
    Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna stehende
Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die Unmglichkeit ein,
in der ausgesogenen Landschaft auer den Truppen Belisars mit dessen Vorrten
auch noch das gotische Heer und die Bevlkerung zu versorgen: und so bewilligte
er die Forderung Belisars, da die Goten, in Gruppen von Hunderten und
Tausenden, zu allen Toren der Stadt hinausgefhrt und in allen Richtungen nach
ihren Heimsttten entlassen wrden.
    Belisar frchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge Verrat,
den man vorhatte, ruchbar wrde: und er wnschte deshalb die Verteilung des
aufgelsten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von Ravenna, so hoffte er
etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu dmpfen. Und Tarvisium,
Verona und Ticinum, die letzten festen Pltze der Goten in ganz Italien, konnten
dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen sie gewendeten Macht widerstehen.
    Die Ausfhrung dieser Maregeln erforderte mehrere Tage Zeit.
    Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschlo
Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Hlfte in das
byzantinische Lager verlegt, die andre Hlfte in den Quartieren der Stadt
verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnckigen Anhngern
Justinians zu brechen.
    Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
meisten wunderte, war, da nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den Zinnen
des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzentrger Belisars dort oben bei ihr
Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.
    Gegen einen etwaigen Versuch des Prfekten, sich wie in Rom durch Besetzung
der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte Belisar vorsichtige
Maregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und lchelte. Er tat nichts
dagegen.
    Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glnzender Rstung
in das Zelt Belisars.
    Er traf nur Prokop. Seid ihr bereit? fragte er. Vollstndig. - Welches
ist der Moment? - Der Augenblick, in dem der Knig im Schlohof zu Pferde
steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht.
    Wieder einmal alles? lchelte der Prfekt. Eins habt ihr mir doch noch
briggelassen. Es wird nicht ausbleiben, da die Barbaren, sowie unser Plan
gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern werden. Mitleid
und Rachedurst fr ihren Knig knnten sie zu sehr wilden Taten.
    Die ganze Begeisterung fr Witichis und die Entrstung gegen uns wrde nun
im Keim erstickt, und die Goten shen sich nicht von uns, sondern von ihrem
Knig verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen wrde, er habe die Stadt
nicht an Belisar als Gotenknig und Rebellen gegen Justinian, sondern einfach an
den Feldherrn Justinians bergeben. Jene Emprung Belisars, die ja auch wirklich
ausbleibt, erscheint dann den Goten als eine bloe von ihrem Knig ersonnene
Lge, die Schande der Ergebung ihnen zu verhllen.
    Das wre vortrefflich; aber Witichis wird das nicht tun.
    Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?
    Er hat nur einmal unterschrieben.
    Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf da auch Belisar, lchelte er,
das wertvolle Schriftstck besitze.
    Prokop blickte hinein. - Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich kein
gotisch Schwert mehr fr ihn. Aber -
    La die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig, im
Drang des Augenblicks, ohne zu lesen -
    Oder?
    Oder, vollendete Cethegus finster, er unterschreibt spter. Unfreiwillig.
- - Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug nicht begleite.
Meinen Glckwunsch an Belisar.
    Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht gerstet
und blickte dster vor sich hin.
    Eile, Feldherr, mahnte Prokop, Ravenna harrt ihres Besiegers. Der Einzug
-
    Nichts von Einzug, sprach Belisar grimmig. Ruf' die Soldaten ab. Mich
reut der ganze Handel.
    Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.
    Belisar! rief Prokop entsetzt, welcher Dmon hat dir das eingeblasen?
Ich! sagte Antonina stolz, was sagst du nun? Ich sage, da groe
Staatsmnner keine Frauen haben sollten! rief Prokop rgerlich. Belisar
entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab' ihn unter Trnen
... -
    Versteht sich, brummte Prokop, die kommen stets zu rechter Zeit. -
Unter Trnen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
schwarzem Verrat befleckt sehen.
    Und ich will's nicht sein. Lieber reit' ich besiegt im Orkus ein, denn also
als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
abgegangen. - Also ist's noch Zeit.
    Nein, sagte Cethegus herrisch, von der Tr ins Zelt schreitend. Zum Glck
fr dich ist's nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen an den
Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glck gewnscht, da sein Feldherr
ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg beendet.
    Ah, Prfekt, rief Belisar. Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
Eifer?
    Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
Glcke zwingen mu. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein Italien
zerfleischt. Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch jetzt der
dmonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu entgehen vermochte.
Wag' es, versuch' es jetzt! Tritt zurck, enttusche Witichis und opfre einer
Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein Heer. Siehe zu, ob dir das
Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas Seele diese Schuld! Horch, die
Trompeten rufen: rste dich! Es bleibt dir keine Wahl! Und er eilte hinaus.
    Bestrzt sah ihm Antonina nach. Prokop, fragte sie dann, wei es der
Kaiser wirklich schon?
    Und wenn er es noch nicht wte, - zu viele sind schon in das Geheimnis
eingeweiht. Nachtrglich erfhrt er jedenfalls, da Ravenna und Italien sein
war, und - da Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur da er sie
erlangt und - abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian.
    Ja, sagte Belisar seufzend, er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl.
    So geh, sprach Antonina eingeschchtert. Mir aber sei's erlassen, bei
diesem Einzug dich zu begleiten: - es ist ein Schlingenlegen, kein Triumph!

                                     * * *

    Die Bevlkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren ber die nheren
Bestimmungen, war doch gewi, da der Friede geschlossen und den langen und
schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.
    Und die Brger hatten in aufatmender Freude ber diese Erlsung die Trmmer,
die das Erdbeben auf sehr viele Straen geworfen, hinweggerumt und ihre
befreite Stadt festlich geschmckt. Laubgewinde, Fahnen und Teppiche zierten die
Straen, das Volk drngte sich auf den groen Fora, in den Lagunenkanlen und in
den Bdern und Basiliken in freudiger Bewegung, begierig, den Helden Belisar und
das Heer zu sehen, die so lange ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren
berwunden hatten.
    Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend ein,
whrend die in schwachen Zahlen berall zerstreuten gotischen Posten mit
Schweigen und mit Widerwillen die verhaten Feinde in die Residenz Theoderichs
einrcken sahen.
    In dem ebenfalls reichgeschmckten Knigspalast versammelten sich die
vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemchern des Knigs. Dieser
bereitete sich, als die fr den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte, die
kniglichen Kleider anzulegen: - mit Befriedigung, denn es war ja das
letztenmal, da er die Abzeichen einer Wrde tragen sollte, die ihm nur Schmerz
und Unheil gebracht.
    Geh', Herzog Guntharis, sprach er zu dem Wlsung, Hildebad, mein
ungetreuer Kmmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine Stelle:
die Diener werden dir im Knigsschatz die goldene Truhe zeigen, die Krone, Helm
und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs verwahren. Ich werde sie heute
zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem Helden abzuliefern, der sie nicht
unwrdig tragen wird. Was gibt es dort fr Lrm!
    Herr, ein Weib, antwortete Graf Wisand, eine gotische Bettlerin. Sie hat
sich schon dreimal herangedrngt. Sie will ihren Namen dir nur nennen! Weise sie
hinaus! -
    Nein, sagt ihr, ich will sie hren: - heute abend soll sie im Palast nach
mir fragen.
    Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
Prfekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
bergeben, die der Gotenknig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
unverdchtigen Hand, glaubte er, wrde jener die Urkunde argloser nehmen.
    Witichis begrte die Eintretenden. Bei dem Anblick des Prfekten flog ber
sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glnzte, ein dunkler
Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: Du hier, Prfekt von Rom? Anders hat
dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst auch damit zufrieden
sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein Justinianus wird dein Rom
beherrschen.
    Und soll es nicht, solange ich lebe.
    Ich komme, Knig der Goten, fiel Bessas ein, dir den Vertrag mit Belisar
zur Unterschrift vorzulegen.
    Ich hab' ihn schon unterschrieben. - Es ist die fr meinen Herrn
bestimmte Doppelschrift.
    So gib, sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners Hand
nehmen.
    Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: Witichis,
rief er, der Knigsschmuck ist verschwunden.
    Was ist das? fragte Witichis. Hildebad allein fhrte die Schlssel
davon.
    Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
Schriftzge von Hildebads Schreiber.
    Der Knig nahm und las: Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie von mir
holen. Die Rune H - fr Hildebad.
    Man mu ihn verfolgen, sagte Cethegus finster, bis er sich fgt. Da
eilten Johannes und Demetrius herein. Eile dich, Knig Witichis, drngten sie.
Hrst du die Tubatne? Belisar hat schon die Porta des Stilicho erreicht.
    So lat uns gehn, sprach Witichis, lie sich von den Dienern den
Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die Schultern
werfen und drckte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des Schwertes
reichte man ihm ein Zepter. Und so wandte er sich zur Tr.
    Du hast nicht unterschrieben, Herr, mahnte Bessas.
    So gib, und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. Die
Urkunde ist sehr lang, sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. Eile,
Knig, mahnte Johannes.
    Zum Lesen ist nicht mehr Zeit, sagte Cethegus gleichgltig und reichte ihm
die Schilffeder von dem Tisch. Dann auch nicht mehr zum Schreiben, antwortete
der Knig. Du weit: ich war ein Knig nach Bauernart, wie die Leute sagten.
Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen: gehen wir. Und
lchelnd gab er die Urkunde an den Prfekten und schritt hinaus. Die Byzantiner
und alle Anwesenden folgten.
    Cethegus drckte das Pergament zusammen: Warte nur, flsterte er grimmig,
du sollst doch noch unterschreiben. Langsam folgte er den andern.
    Die Halle vor dem Gemach des Knigs war bereits leer.
    Der Prfekt schritt hinaus auf den gewlbten Bogengang, der im Viereck den
ersten Stock des Palastes umgab, und dessen byzantinisch-romanische Rundbogen
den freien Blick in den weiten Hofraum gewhrten. Derselbe war von Bewaffneten
dicht gefllt. An allen vier Toren standen die Lanzentrger Belisars. Cethegus
lehnte hinter einem Bogenpfeiler und sprach, dem Gang der Ereignisse folgend,
mit sich selbst: Nun, Byzantiner genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen!
Freund Prokop ist vorsichtig Da! - Witichis erscheint im Portal! Seine Goten
sind noch weit hinter ihm auf der Treppe. Des Knigs Pferd wird vorgefhrt. -
Bessas hlt dem Knig den Bgel. - Witichis tritt heran, er hebt den Fu. -
Jetzt ein Trompetensto. - Die Treppentre des Palastes fllt zu und schliet
die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reit Prokop das Gotenbanner nieder.
- Johannes fat seinen rechten Arm, brav Johannes. - Der Knig ruft: Verrat,
Verrat! Er wehrt sich mchtig. - Aber der lange Mantel hemmt ihn. - Da, da, er
strauchelt. - Er strzt zu Boden. - Da liegt das Reich der Goten. - - -

                                     * * *

    Da liegt das Reich der Goten! Mit diesen Worten begann auch Prokop die
Stze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: Ein wichtig Stck
Weltgeschichte hab' ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun nachts
hier ein.
    Als ich heute das rmische Heer seinen Einzug halten sah in die Tore und
Knigsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder Zahl
oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.
    Es gibt eine hhere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.
    An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten berlegen: und sie haben es
nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen in
Ravenna schmhten heute ihre Mnner laut ins Angesicht, als sie die kleinen
Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden Truppen sahen.
Summa: in gerechtester Sache, in heldenmtigster Anstrengung kann ein Mann, kann
ein Volk doch erliegen, wenn bermchtige Gewalten entgegentreten, die durchaus
nicht immer das bessere Recht fr sich haben.
    Mir schlug das Herz im Bewutsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
heute niederri und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die Fahne
des Unrechts erhob ber dem Banner des Rechts.
    Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare Notwendigkeit
beherrscht die Geschicke der Menschen und der Vlker.
    Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht was wir ertragen,
erleben und erleiden - wie wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die sein
Banner herabri, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen fr die kommenden
Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: - da liegt das Reich der Goten.

                          Fnfundzwanzigstes Kapitel.


Und so schien es.
    Auf das glcklichste war, dank den Maregeln Prokops, der Streich gelungen.
Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten fiel und der
Knig ergriffen ward, sahen sich die berraschten Goten berall im Schlohof, in
den Straen und Lagunen der Stadt, im Lager von weit berlegenen Krften
umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen berall entgegen: fast ausnahmslos
legten die Betubten die Waffen nieder: - die wenigen, welche Widerstand
versuchten, - so die nchste Umgebung des Knigs -, wurden niedergestoen.
Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf Wisand, Graf Markja und die mit ihnen
gefangenen Groen des Heeres wurden in getrennten Gewahrsam gebracht, der Knig
in den Zwinger Theoderichs: einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.
    Belisars Zug von dem Tore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde nicht
gestrt. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen der Stadt, und
nahm sie in Eid und Pflicht fr Kaiser Justinianus. Prokopius wurde mit den
goldenen Schlsseln von Neapolis, Rom und Ravenna nach Byzanz gesendet. Er
sollte ausfhrlichen Bericht erstatten und fr Belisar Verlngerung des Amtes
erbitten bis zur demnchst zu erwartenden vlligen Beruhigung Italiens und
hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die Ehre des Triumphes, unter Auffhrung
des gefangenen Knigs der Goten im Hippodrom.
    Denn Belisar sah den Krieg fr beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
Glauben. Doch frchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes ber
den gebten Verrat. Er sorgte daher dafr, da ber die Art des Falles der Stadt
vorlufig keine Kunde durch die Tore drang: und er suchte eifrig im Geiste nach
einem Mittel, den gefangenen Knig selbst als ein Werkzeug zur Dmpfung des etwa
neu auflodernden Nationalgefhls zu verwerten. - Auch bewog er Belisar,
Hildebad, der in der Richtung nach Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit
den persischen Reitern verfolgen zu lassen.
    Vergebens versuchte er, die Knigin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und lie niemand vor. Auch die
Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen hingenommen.
Der Prfekt bestellte ihr eine Ehrenwache - um sich ihrer zu versichern. Denn er
hatte noch groe Plne mit ihr vor.
    Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Knigs und schrieb ihr dabei:
Mein Wort ist gelst. Knig Witichis ist vernichtet. Du bist gercht und
befreit. - - Nun erflle auch Du meine Wnsche.
    Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop beraubt,
den Prfekten zu sich in den rechten Flgel des Palastes, wo er sein Quartier
aufgeschlagen. Unerhrte Meuterei! rief er dem Eintretenden entgegen. - Was
ist geschehen?
    Du weit, ich habe Bessas mit den lazischen Sldnern in die Schanze des
Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, da der
Geist dieser Truppen unbotmig - ich rufe sie ab und Bessas ... - - Nun? -
Weigert den Gehorsam. - Ohne Grund? Unmglich!
    Lcherlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
abgelaufen. - Nun? - Bessas erklrt, seit letzter Mitternacht htt' ich ihm
nichts mehr zu befehlen.
    Schndlich. Aber er ist im Recht.
    Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
Gesuch. Natrlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue zum
Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. bermorgen kann die Nachricht da
sein.
    Vielleicht schon frher, Belisar. Die Leuchtturmwchter von Classis haben
schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. Es
soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann lst
sich der Knoten von selbst.
    Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwchter sollen die Schanze
strmen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... -
    Da eilte Johannes atemlos herein. Feldherr, meldete er, der Kaiser!
Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis.
    Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen Mhen, das
fast vollendete Gebude seiner Plne gerade vor der Bekrnung niederwerfen?
    Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: mein Kaiser? Woher weit du? -
Er selbst kommt, dir fr deine Siege zu danken. Solche Ehre ward noch keinem
Sterblichen zuteil. Das Schiff von Ariminum trgt die kaiserliche Prsenzflagge.
Purpur und Silber. Du weit, das bedeutet, da der Kaiser an Bord.
    Oder ein Glied seines Hauses! verbesserte Cethegus in Gedanken, aufatmend.
    Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen, mahnte Belisar.

                                     * * *

    Sein Stolz und seine Freude wurden enttuscht, als ihnen auf dem Wege nach
Classis die ersten ausgeschifften Hflinge begegneten und im Palast Quartier
forderten, nicht fr den Kaiser selbst, sondern fr dessen Neffen, den Prinzen
Germanus.
    So sendet er doch den ersten nach ihm selbst, sprach Belisar, sich selber
trstend im Weitergehen zu Cethegus. Germanus ist der edelste Mann am Hof.
Unbestechlich, gerecht und unverfhrbar rein. Sie nennen ihn: die Lilie im
Sumpf. Aber du hrst mich nicht!
    Vergib, ich bemerke dort im Gedrnge, unter den eben Gelandeten, meinen
jungen Freund Licinius.
    Salve Cethege! rief dieser, sich Weg zum Prfekten bahnend.
    Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin? fragte
er flsternd.
    Das Abschiedswort: Nike (Victoria)! und diesen Brief, flsterte der Bote
ebenso leise. - Aber, und seine Stirne furchte sich - schicke mich nie mehr
zu diesem Weibe. - Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es wird nie mehr
ntig sein.
    Damit hatten sie die Steindmme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
geschmckten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
zusammenstrmenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.
    Cethegus fate ihn scharf ins Auge. Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
geworden, sagte er zu Licinius. Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn vergiftet,
weil sie ihn nicht verfhren konnte.
    Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
ihn ehrfurchtsvoll begrte. Gegrt auch du, Belisarius, erwiderte er ernst.
Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Prfekt? Wo Bessas? Ah,
Cethegus, sagte er, dessen Hand ergreifend, ich freue mich, den grten Mann
Italiens wiederzusehen. Du wirst mich alsbald zu der Enkelin Theoderichs
begleiten. Ihr gebhrt mein erster Gang. Ich bringe ihr Geschenke Justinians und
meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in ihrem eigenen Reich. Sie soll eine
Knigin sein am Hofe zu Byzanz.
    Das soll sie, dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: Ich
wei: du kennst die Frstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt.
    Eine rasche Glut flog ber des Prinzen Wange. Leider nicht ihr Herz. Ich
sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein inneres Auge
nichts mehr als ihr Bild gesehen. - Ja, sie ist das schnste Weib der Erde,
sagte der Prfekt, ruhig vor sich hin sehend. Nimm diesen Chrysopras zum Dank
fr dieses Wort, sagte Germanus und steckte einen Ring an des Prfekten Finger.
    Damit traten sie in das Portal des Palastes.
    Jetzt, Mataswintha, sprach Cethegus zu sich selbst, jetzt hebt dein
zweites Leben an. Ich kenne kein rmisch Weib - Ein Mdchen vielleicht
ausgenommen, das ich kannte! - das solcher Versuchung widerstehen knnte. Soll
diese rohe Germanin widerstehen? -
    Sowie sich der Prinz von den Mhen der Seefahrt einigermaen erholt und die
Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an der Seite
des Prfekten in dem Thronsaal des groen Theoderich im Mittelbau des Palastes.
    An den Wnden der stolz gewlbten Halle hingen noch die Trophen gotischer
Siege. Ein Sulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
vierten erhob sich der Thron Theoderichs.
    Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerfhrern im
Mittelgrund.
    Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
Stadt Ravenna und von dem abendlndischen Rmerreich. An dich, Magister Militum,
dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es selbst der
Versammlung vor. So befahl Justinianus.
    Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, kte das Siegel,
erhob sich wieder, ffnete und las:
    Justinianus, der Imperator der Rmer, Herr des Morgen- und des Abendreichs,
Besieger der Perser und Sarazenen, der Vandalen und Alanen, der Lazer und
Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen und zuletzt der
Goten, an Belisa den Consularen, ehemals Magister Militum.
    Wir sind durch Cethegus den Prfekten von den Vorgngen unterrichtet, die
zum Fall von Ravenna gefhrt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, Dir
mitgeteilt werden. Wir aber knnen seine darin ausgesprochene gute Meinung von
Dir und Deinen Erfolgen wie von Deinen Mitteln mitnichten teilen: und wir
entheben Dich Deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir befehlen
Dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurckzukehren, um Dich vor
unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem Vandalenkrieg knnen
wir Dir um so weniger gewhren, als weder Rom noch Ravenna durch Deine
Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch bergabe, Ravenna durch Erdbeben, den
Zorn Gottes ber die Ketzer und hchst verdchtige Verhandlungen, deren Unschuld
Du, des Hochverrats angeklagt, vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir,
eingedenk frherer Verdienste, nicht ohne Gehr Dich verurteilen wollen, - denn
Morgenland und Abendland sollen uns fr ferne Zeiten feiern als den Kaiser der
Gerechtigkeit - sehen wir von der Verhaftung ab, die Deine Anklger beantragt.
Ohne Ketten - nur in den Fesseln Deines Dich selbst anklagenden Gewissens -
wirst Du vor unser kaiserliches Antlitz treten.
    Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht mit
den Hnden: das Schreiben entfiel ihm.
    Bessas hob es auf, kte es und las weiter: Zu Deinem Nachfolger im
Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna bertragen wir dem Archon
Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den Italiern
erhobenen hchst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so eifrigen Logotheten
Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien ernennen wir den
hochverdienten Prfekten von Rom, Cornelius Cethegus Csarius. Unser Neffe,
Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgerstet, haftet mit seinem Haupt dafr,
Dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der Hhe von Ariminum zu bringen, auf
welcher Dich Areobindos nach Byzanz fhren wird.
    Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den Saal
zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und schritt auf
Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. Er stand
unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Sule gelehnt, und starrte zur
Erde.
    Der Prinz fate seine Rechte. Es schmerzt mich, Belisarius, der Trger
solcher Botschaft zu sein. Ich bernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund milder
als einer der vielen Feinde, die sich dazu drngten, ausfhren kann. Aber ich
verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre deiner frhern auf.
Nie htte ich von dem Helden Belisar solch Lgenspiel erwartet. Cethegus hat
sich ausgebeten, da sein Bericht an den Kaiser dir vorgelegt werde. Er ist
deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war die Kaiserin, die Justinians
Ungnade gegen dich entzndet hat. Aber du hrst mich nicht. - Und er legte die
Hand auf seine Schulter.
    Belisar schttelte die Berhrung ab. La mich, Knabe - du bringst mir - du
bringst mir den echten Dank der Kronen.
    Vornehm richtete sich Germanus auf. Belisar, du vergissest, wer ich bin und
wer du bist.
    O nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Wchter. Ich gehe sofort auf
dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande.

                                     * * *

    Erst spt konnte sich der Prfekt von dem Prinzen losmachen, der in vollstem
Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persnlichen Wnsche mit ihm
besprach.
    Er eilte, sowie er in seinen Gemchern, die er ebenfalls im Palaste bezogen,
allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der Kaiserin zu
lesen.
    Er lautete: Du hast gesiegt, Cethegus.
    Als ich Dein Schreiben empfing, gedacht' ich alter Zeiten, da Deine
Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und Kriegen
handelten, sondern von Kssen und Rosen ... -
    Daran mssen sie immer erinnern, unterbrach sich der Prfekt.
    Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als Deine
Jugendschnheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wnschen des alten
Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer Jugend,
der sen. Und ich erkannte wohl, da Antoninens Gemahl allzu fest in Zukunft
stehn wrde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn - wie Du geschrieben
- dem Kaiser in die Ohren: Allzu gefhrlich sei ein Untertan, der ein solches
Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben knne. Keinen Feldherrn drfe man lange
solcher Versuchung aussetzen. Was er diesmal gegaukelt, knne er ein andermal im
Ernst versuchen. Diese Worte wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle
meine, d.h. Deine Forderungen, gingen durch.
    Denn Mitraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden -
der Theodoras. Dein Bote Licinius ist hbsch - aber unliebenswrdig: er hat nur
Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt keine Jugend
mehr wie die unsre war. Du hast gesiegt, Cethegus - weit Du noch den Abend, da
ich Dir diese Worte flsterte? - Aber vergi nicht, wem Du den Sieg verdankst.
Und merke Dir, Theodora lt sich nur solang sie selber will als Werkzeug
brauchen. Vergi das nie.
    Gewi nicht, sagte Cethegus, das Schreiben sorgfltig zerstrend, du bist
eine zu gefhrliche Verbndete, Theodora, - nein, Dmonodora! - la sehn, ob du
unersetzbar bist. Geduld: - in wenig Wochen ist Mataswintha in Byzanz. - Was
bringst du? fragte er den eintretenden Syphax, der glnzende Waffen trug.
    Herr, ein Abschiedsgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: Dein Freund hat meinen Dank verdient. Da,
nimm meine goldne Rstung, den Helm mit dem weien Roschweif und den runden
Buckelschild und schicke sie ihm als letzten Gru Belisars.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel.


Der Rundturm, in dessen tiefen Gewlben Witichis gefangen sa, lag an dem
rechten Eckflgel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als Knig gewohnt
und geherrscht hatte.
    Der Turm bildete mit seiner Eisentr den Abschlu eines langen Ganges, der
von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch eine schwere
Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen Hofpforte gegenber lag im
Erdgescho auf der linken Seite des Hofes die kleine Wohnung Dromons, des
Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes. Sie bestand aus zwei kleinen
Gemchern: das erste, von dem zweiten durch einen Vorhang getrennt, war ein
bloes Vorzimmer. Das zweite Gemach gewhrte durch ein logenartiges Fenster den
Ausblick auf den Hof und den Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung:
ein Strohlager im Innengemach und zwei Sthle und Tische im uern nebst den
Schlsseln an den Wnden waren ihr ganzes Gert.
    Und auf der Holzbank an jenem Fenster sa Tag und Nacht, unverwandt den
Blick auf die Mauerlcke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
Knigs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. -
    Es war Rauthgundis.
    Niemals lie ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. Denn dort, sagte
sie sich, dort hngt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht. Auch
wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der sie
beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war, als ob der
Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten knne.
    Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
geworden.
    Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten Schatten
ber den Hof und diesen linken Flgel des Palastes.
    Dank dir, gtiger Himmelsherr, sprach sie. Auch deine schweren Schlge
treiben zum Heil.
    Wr' ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie ich
mir ausgesonnen, - nie htte ich von dem Gang des Elends hier vernommen. Oder
doch viel zu spt. Aber mich zog die Sehnsucht nach der Todessttte des Kindes,
in die Nhe unsres Ehehauses, - das zwar rumte ich - -: wute ich denn, ob
nicht sie, seine Knigin, dort einsprechen wrde? So hausten wir in der
Waldhtte nahe bei Fsul.
    Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Milingens die andre
jagte, und als die Sarazenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen leuchten
sah bis in mein Versteck, da war's zu spt nach Norden zum Vater zu entrinnen;
die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was flchtete mit gelbem Haar,
den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg hierher - nach der
Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen wollen. Als flchtige
Bettlerin kam ich hier an, nur sein Ro Wallada und sein Knecht, nun sein
Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.
    Aber ihm zum Heil, - von Gott hierher gezwungen, - ob ich schon nicht wollte
- ihn zu retten, zu befreien von scheulichem Verrat des eignen Weibes! Und aus
seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte nicht mehr mit ihm leben
- aber - aber ich, - Rauthgundis! - darf ihn retten. -
    Da rasselte ihr gegenber die eiserne Hofpforte.
    Ein Mann mit Licht trat heraus, ging ber den Hof und trat alsbald in das
Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.
    Nun? sprich! rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das erste
Gemach entgegeneilend.
    Geduld - Geduld - la mich erst die Lampe niederstellen. So! - Nun, also:
er hat getrunken. Und es hat ihm wohlgetan.
    Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. Was tut er? fragte sie
dann.
    Er sitzt immer schweigend in der nmlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
den Rcken gegen die Tr gewandt, das Haupt in beide Hnde gesttzt. Er gibt mir
keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst gar nicht zu
regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angetan. Aber heute, wie ich
ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: Trink, lieber Herr, es kommt
von treuen Freunden: - da blickte er auf. So traurig, so zum sterben traurig war
der Blick und das ganze Antlitz. Und tat einen tiefen Zug und nickte dankend mit
dem Haupt und seufzte tief, tief, da es mir durch die Seele schnitt.
    Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Hnden.
    Wei Gott, was er Bses mit ihm vorhat! brummte der Alte leise vor sich
hin.
    Was sagst du?
    Ich sage, du mut jetzt auch einmal tchtig essen und trinken. Sonst
verlassen dich die Krfte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau.
    Ich werde sie haben. - So nimm wenigstens einen Becher Wein. - Von
diesem? Nein, der ist fr ihn allein. - Und sie trat in das innere Gemach
zurck, wo sie ihren alten Platz einnahm.
    Der Krug reicht ja noch lang, fuhr der alte Dromon fr sich fort. Und ich
frchte: wir mssen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da kmmt
Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst ... -
    Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Knigin die Sturmhaube und
seinen Mantel mit Gewndern Dromons vertauscht. Gute Botschaft bring' ich,
sprach er im Eintreten. Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich pochte
vergeblich.
    Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen.
    Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh' ich? Das ist ja
alter, kstlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?
    Womit? wiederholte der Alte, mit dem edelsten Golde der Welt! Und seine
Stimme bebte vor Rhrung. Ich erzhlte ihr, da der Prfekt ihn absichtlich
Mangel leiden lasse, da er elend werde. Seit vielen Tagen hat man mir gar keine
Speise fr ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein Gewissen, nur dadurch erhalten,
da ich den andern Gefangnen an dem ihren abbrach. Das wollte sie nicht. Sie
sann nach und fragte dann: Nicht wahr, Dromon, die reichen Rmerinnen bezahlen
immer noch das gelbe Haar der Germaninnen so hoch? Und ich, in meiner Einfalt
nichts ahnend, sage ja.
    Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schnen, goldbraunen
Flechten und Zpfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der Wein bezahlt.
    Da strzte Wachis in das nchste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Kssen. O Herrin - rief er mit
versagender Stimme - goldne, goldtreue Frau!
    Was treibst du, Wachis? steh auf und erzhle.
    Ja, erzhle, sprach Dromon hinzutretend, was rt mein Sohn?
    Wozu brauchen wir seinen Rat? sprach die Frau. Ich, ich allein will es
vollenden.
    Sehr ntig brauchen wir ihn. Der Prfekt hat aus allen jungen Ravennaten,
nach dem Muster der rmischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
Paulus auch eingereiht. Zum Glck hat er diesen Legionaren die Bewachung der
Stadttore anvertraut. - Die Byzantiner liegen drauen im Hafen, seine Isaurier
hier im Palast.
    Die Tore nun, fuhr Wachis fort, werden zur Nacht sorgfltig gesperrt.
Aber die Mauerlcke am Turme des Atius ist immer noch nicht ausgebaut. Nur die
Wachen stehen dort.
    Wann trifft meinen Sohn die Wache?
    In zwei Tagen: die dritte Nachtwache.
    Allen Heiligen sei Dank. Viel lnger durft' es nicht whren: - ich frchte
... - Und er stockte.
    Was? sprich, mahnte Rauthgundis entschlossen. Ich kann alles hren.
    Es ist am Ende besser, du weit es. Denn du bist klger und findiger als
wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich frchte: sie haben's schlimm mit
ihm vor.
    Solange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
    Aber seit der fortgebracht und der Prfekt, der schweigsam kalte Dmon, Herr
im Palast ist, hat's ein gefhrlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn selbst im
Kerker.
    Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im Gang
gelauscht. Er mu aber wenig ausrichten. Denn der Herr gibt ihm, glaub' ich, gar
keine Antwort. Und wenn der Prfekt herauskommt, blickt er so finster wie - wie
der Knig der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte ich keinen Wein und keine
Speisen fr ihn als ein kleines Stck Brot. Und die Luft da unten ist so
moderdumpf wie im Grabe.
    Rauthgundis seufzte tief.
    Und gestern, als der Prfekt heraufkam - er sah grimmiger als je darein -
da fragte er mich ... -
    Nun? sprich es aus, was es auch sei!
    Ob die Foltergerte in Ordnung seien. Rauthgundis erbleichte, aber sie
schwieg. Der Neiding! rief Wachis, was hast du - Sorget nicht, eine Weile
hat's noch gute Wege.
    Clarissime, antwortete ich, - und es ist die reine Wahrheit - die Schrauben
und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze saubere Qualzeug
liegt in schnster Ordnung alles beisammen. - Wo? fragte er. Im tiefen Meer. Ich
selbst hab' es, schon auf Knig Theoderichs Befehl, hineingeworfen. Denn wisset,
Frau Rauthgundis: euer Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich
gerettet, da die Gerte an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein
Bitten das Foltern vllig abgetan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
Glieder. Und darum wag' ich mit Freuden meinen Hals fr ihn. Und will auch,
wenn's nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber lange drfen
wir nicht sumen. Denn der Prfekt bedarf nicht meiner Zangen und Schrauben,
wenn er einem das Mark aus dem Leibe qulen will. Ich frcht' ihn, wie den
Teufel.
    Ich ha' ihn, wie die Lge, sagte Rauthgundis grimmig.
    Darum mssen wir rasch sein, eh' er seine schwarzen Gedanken vollfhren
kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten Knig. Ich wei nicht, was er noch
weiter von dem armen Gefangnen will. Also hrt und merkt euch meinen Plan. In
der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den Nachttrunk
bringe, schliee ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen Mantel ber und fhre
ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
    Von da kmmt er ungehindert bis an das Tor des Palastes, wo ihn die Torwache
um die Losung fragt. Diese werd' ich ihm sagen.
    Ist er auf der Strae, dann rasch an den Turm des Atius, wo ihn mein Paulus
die Mauerlcke passieren lt. Drauen im Pinienwald, im Hain der Diana, wenige
Schritte vor dem Tore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf Wallada hebt.
Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis. Er flieht am
sichersten allein.
    Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden. Du
nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab' ihm nur Unglck gebracht. Ich will ihn
nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die Freiheit tritt.

                                     * * *

    Der Prfekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefhle der Macht.
    Er war Statthalter von Italien: in allen Stdten wurden auf seine Anordnung
die Befestigungen geflickt und verstrkt, die Brger an die Waffen gewhnt. Die
Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise Gegengewicht zu halten. Ihre
Heerfhrer hatten kein Glck, die Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum
machten keine Fortschritte.
    Und mit Vergngen vernahm Cethegus, da Hildebad, dessen Schar sich durch
Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhht, Acacius, der ihn mit tausend
Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurckgeschlagen hatte. Eine
starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus entgegenrckte,
verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu Totila - und ntigte ihn,
sich in das noch von den Goten unter Thorismuth besetzte Kastell von Castra Nova
zu werfen. Hier hielten ihn die Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber
nicht, den festen Bau zu nehmen, und schon sah der Prfekt die Stunde kommen, da
ihn Acacius zu Hilfe rufen wrde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen
konnte, zu vernichten.
    Es freute ihn, da die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung sich
offen vor ganz Italien als unfhig erwies, den letzten Widerstand der Goten zu
brechen. Und die Hrte der byzantinischen Finanzverwaltung, die Belisar berall,
wo er einzog, mit sich fhren mute - er konnte die auf Befehl des Kaisers
gebte Aussaugung nicht hindern -, erweckte oder steigerte in den Stdten und
auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die Ostrmer. Cethegus htete sich
wohl, wie Belisar getan, den rgsten bergriffen der Beamten Justinians zu
wehren. Er sah es mit Freude, da in Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen
die Bedrcker in offnem Aufruhr emporloderte.
    Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht verchtlich, ihre
Tyrannei verhat genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen werden, frei zu
sein und der Befreier, der Beherrscher hie Cethegus.
    Dabei verlie ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von
Unterschtzung seiner Feinde, -, der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch nicht
ausgetreten, knne nochmal aufflammen, geschrt durch die Entrstung des Volkes
ber den gebten Verrat.
    Schwer fiel dem Prfekten ins Gewicht, da die tiefstgehaten Fhrer der
Goten, da Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen worden.
Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, trachtete er so
eifrig, dem gefangnen Gotenknig die Erklrung zu entreien, er habe sich und
die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung unterworfen, und er fordre die
Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand aufzugeben.
    Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen lag,
sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher, schon um
fremde Frsten und Sldner zu gewinnen und anzuziehen, von hchster Bedeutung.
Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte Hoffnung, ihre geschwchte
Kraft durch fremde Waffen zu ergnzen. Und viel lag dem Prfekten daran, jenen
als unermelich reich von der Sage gepriesenen Hort nicht in die Hnde der
Byzantiner fallen zu lassen, deren Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein
wichtiger Bundesgenosse seiner Plne war: sondern ihn sich selbst zu sichern, -
auch seine Mittel waren ja nicht unerschpflich.
    Aber all' sein Bemhen schien an der Unerschtterlichkeit seines Gefangnen
zu scheitern.

                         Siebenundzwanzigstes Kapitel.


Die Maregeln zur Befreiung des Knigs waren getroffen.
    Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
einzuprgen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ro Dietrichs von Bern
ihrer warten sollte.
    Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
gewhrt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurckgekehrt. Aber
sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstrzte und sie ber die
Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, schlug die Brust
mit den Fusten und raufte sein graues Haar. Lange fand er keine Worte.
    Rede, gebot Rauthgundis und prete die Hand auf das wild pochende Herz,
ist er tot?
    Nein, aber die Flucht ist unmglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor einer
Stunde kam der Prfekt und stieg zu dem Knig hinab. Wie gewhnlich schlo ich
ihm selbst die beiden Tren, die Gangtr und die Kerkerpforte, auf - da - -
Nun? Da nahm er mir die beiden Schlssel ab: er werde sie fortan selbst
verwahren. - Und du gabst sie ihm? knirschte Rauthgundis. Wie konnt' ich sie
weigern! Ich wagte das uerste. Ich hielt sie zurck und fragte: O Herr,
vertraust du mir nicht mehr? Da warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und
Seele wie ein Messer trennen knnen.
    Von jetzt an - nicht mehr! sprach er und ri mir die Schlssel aus der
Hand.
    Und du lieest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?
    O Herrin, du tust mir weh und unrecht! Was httest du an meiner Stelle tun
knnen? Nichts andres!
    Erwrgt htt' ich ihn mit diesen Hnden! Und nun? Was soll jetzt geschehn?
    Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen.
    Er mu frei werden. Hrst du, er mu!
    Aber Herrin! Ich wei ja nicht wie.
    Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. Erbrechen wir die
Tren mit Gewalt. Dromon wollte ihr die Axt entwinden.
    Unmglich! Dicke Eisenplatten!
    So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
Gangtr erschlag' ich ihn mit diesem Beil.
    Und dann? Du rasest! La mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
nutzlosen Wacht.
    Nein, ich kann's nicht denken, da es heut' nicht werden soll. Vielleicht
kommt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht - sprach sie nachsinnend.
Ah, schrie sie pltzlich, gewi, das ist's. Er will ihn ermorden! Er will
sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh' ihm, wenn er kommt! Die
Schwelle jener Gangtr will ich hten wie ein Heiligtum, besser als meines
Kindes Leben. Und weh' ihm, wenn er sie beschreitet. Und sie drckte sich hart
an die Halbtr des Gemaches Dromons und wog das schwere Beil.
    Aber Rauthgundis irrte.
    Nicht um seinen Gefangenen zu tten, hatte der Prfekt die Schlssel an sich
genommen. Er war mit denselben in den linken, den Sdbau des Palastes
geschritten. Spt am Nachmittag trat Cethegus - er kam aus dem Kerker des Knigs
- in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung des Fiebers
wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, da Aspa nur mit
trnenerfllten Augen noch auf ihre Herrin sah.
    Zerstreue, sprach Cethegus, schnste Tochter der Germanen, die Wolken,
die auf deiner weien Stirn lagern und hre mich ruhig an.
    Wie steht es mit dem Knig? Du lssest mich ohne Nachricht. Du versprachst,
ihn freizugeben nach der Entscheidung. Ihn ber die Alpen fhren zu lassen. Du
hltst dein Wort nicht.
    Ich habe das versprochen: - unter zwei Bedingungen.
    Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfllt. Morgen kommt der
kaiserliche Neffe Germanus zurck von Ariminum - dich nach Byzanz zu fhren: -
du gibst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit Witichis war erzwungen
und nichtig.
    Ich sagte dir schon: nein, niemals!
    Das tut mir leid - um meinen Gefangenen.
    Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
Wege nach Byzanz.
    Niemals.
    Reize mich nicht, Mataswintha! Die Torheit des Mdchens, das so teuren
Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, berwunden. Dasselbe
Geschpf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber ehrst du noch
wirklich den Mdchentraum, so rette den einst Geliebten.
    Mataswintha schttelte das Haupt.
    Ich habe dich bisher als eine Freie, als Knigin behandelt. Erinnere mich
nicht, da du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen Prinzen
Gemahlin - bald seine Witwe - und Justinian, Byzanz, die Welt liegt dir zu
Fen. Tochter Amalaswinthens - solltest du nicht die Herrschaft lieben?
    Ich liebe nur ... -! Niemals!
    So mu ich dich zwingen!
    Sie lachte: Du? mich? zwingen?
    Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zugrunde
gerichtet!) Die zweite Bedingung nmlich ist: da der Gefangene diesen
leergelassenen Namen ausfllt - er ist der Name des Schatzschlosses der Goten -
und diese Erklrung unterschreibt. Er weigert sich mit einem Trotz, der anfngt,
mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm - ich, der Sieger, - er hatte noch
kein Wort fr mich. Nur das erstemal, da erhielt ich einen Blick fr den er
allein den stolzen Kopf verlieren mte.
    Nie gibt er nach.
    Das fragt sich doch. Auch Felsen zermrbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
ich kann nicht lange mehr warten.
    Heute frh kam Nachricht, da der tolle Hildebad in wtigem Ausfall Bessas
so schwer geschlagen, da er kaum die Einschlieung noch aufrecht hlt. berall
flackern gotische Erhebungen empor. Ich mu fort und ein Ende machen und diese
Funken auslschen mit dem Wasser der Enttuschung, besser als mit Blut. Dazu mu
ich des gefangenen Knigs Erklrung und Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir
also: wenn du bis morgen mittag nicht des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist
und mir nicht vorher die Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit
von dir selbst bezeugt, so werd' ich den Gefangenen - - ich schwre es dir beim
Styx, - werd' ich den Gefangenen -
    Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von ihrem
Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. Du wirst ihn doch nicht tten?
    Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
tten.
    Nein, nein! schrie Mataswintha auf.
    Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
sagen: dir, dieser hnderingenden Verzweiflung wird er glauben, da es ernst. Du
vielleicht rhrst ihn: mein Anblick hrtet seinen Trotz. Er whnt vielleicht
noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du wirst ihm sagen, in
wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier die Schlssel - du sollst
deine Stunde frei whlen - zu seinem Kerker.
    Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthas Seele durch ihr Auge.
    Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig lchelnd schritt er hinaus.

                          Achtundzwanzigstes Kapitel.


Bald, nachdem der Prfekt die Knigin verlassen, war es dunkel geworden ber
Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewlk bedeckt, das heftiger Wind
aus dem Neumond vorberjagte, so da kurzes, Ungewisses Licht mit desto tieferem
Dunkel wechselte.
    Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der brigen Gefangenen
vollendet und kam mde und traurig in sein Vorgemach zurck. Er fand kein Licht
brennend. Mit Mhe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer reglos an der
Halbtr lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die Gangtr geheftet.
    La mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entznden: und
teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst. - Nein, kein
Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was drauen im Hof, im
Mondlicht naht. - Nun so komm wenigstens hier herein und ruhe auf dem Dreifu.
Hier ist Brot und Fleisch. - Soll ich essen, whrend er Hunger leidet? - Du
wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen Abend?
    Was ich denke? wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: Ihn! Und
wie wir so oft gesessen in dem Sulengang vor unserm schnen Hause, wann der
Brunnen pltscherte in dem Garten und die Zikaden zirpten auf den Olivenbumen.
Und die khle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. Und ich schmiegte mich
an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben gingen die Sterne. Mit
Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen Atemzgen des Kindes, das
eingeschlafen war auf meinem Scho, die Hndchen, wie weiche Fesseln, um den Arm
des Vaters geschlungen. Jetzt trgt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln trgt
er, - die schmerzen ... - - Und sie drckte die Stirn an das Eisengitter, fest
und fester, bis sie selbst Schmerz empfand.
    Herrin, was qulst du dich? Es ist doch nicht zu ndern!
    Ich will es aber ndern! Ich mu ihn retten und - Ah, Dromon, hierher! Was
ist das? flsterte sie und wies in den Hof.
    Der Alte sprang geruschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
weie Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber scharf, fiel
das Mondlicht darauf.
    Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten, sprach der
Alte bebend. Gott und die Heiligen schtzet mich! Und er bekreuzte sich und
verhllte das Haupt.
    Nein, sprach Rauthgundis, die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
Jetzt ist's verschwunden - Dunkel ringsum - Sieh, da bricht der Mond durch - da
ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangtr. Was schimmert da rot im
weien Licht? Ah, das ist die Knigin - ihr rotes Haar! Sie hlt an der Gangtr.
Sie schliet auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!
    Wei Gott, es ist die Knigin! Aber ihn ermorden! Wie knnte sie!
    Sie knnte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr nach!
Ein Wunder tut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!
    Und sie trat aus der Halbtr in den Hof, das Beil in der Rechten, vorsichtig
den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen schleichend. Dromon
folgte ihr auf dem Fue.
    Inzwischen hatte Mataswintha die Gangtr aufgeschlossen und ihren Weg erst
viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Hnden tastend,
zurckgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht erschlo sie auch
diese.
    Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. Er sa,
den Rcken gegen die Tre gewandt, das Haupt auf die Hnde gesttzt, reglos auf
einem Steinblock.
    Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.
    Da sprte Witichis an dem Windzug, da die Pforte geffnet worden. Er hob
das Haupt. Aber er sah nicht um.
    Witichis - Knig Witichis - stammelte endlich Mataswintha - ich bin's.
Hrst du mich?
    Aber der Gefragte rhrte sich nicht.
    Ich komme, dich zu retten - fliehe! Freiheit!
    Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.
    O sprich! - oh sieh nur auf mich! - Und sie trat ein. Gern htte sie
seinen Arm berhrt, seine Hand gefat. Sie wagte es noch nicht. Er will dich
tten - qulen. Er wird es tun, - wenn du nicht fliehst.
    Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, nher zu treten. Du sollst aber
fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein - durch mich! Ich flehe
dich an - fliehe! Du hrst mich nicht! Die Zeit drngt! Einst sollst du alles
wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die Schlssel der
Kerkerpforte und der Gangtr! flieh! Und nun fate sie seinen Arm, wollte ihn
emporreien.
    Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Fen. - Er war an den
Steinblock festgeschlossen.
    O, was ist das? rief sie und fiel in die Kniee.
    Stein und Eisen, sagte er tonlos. La mich. Ich gehre dem Tode. Und
hielten mich auch diese Bande nicht - ich folgte dir doch nicht! Zurck in die
Welt? Die Welt ist eine groe Lge. Alles ist Lge.
    Du hast recht! sterben ist besser. La mich sterben mit dir. Und verzeih'
mir. Denn auch ich habe dir gelogen.
    Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht.
    Aber du mut mir noch vergeben, ehe wir sterben.
    Ich habe dich gehat - ich habe gejubelt ber deinen Niedergang - ich habe -
o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. Und doch
mu ich deine Verzeihung haben - und mt' ich sie mir erstehlen. Vergib mir -
reiche mir die Hand zum Zeichen, da du mir verzeihst.
    Aber Witichis war in sein Brten zurckgesunken.
    O, ich flehe dich an - verzeihe mir, was immer ich dir mag getan haben.
    Geh' - warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
nicht schlimmer!
    Nein, ich bin bser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
denn: ich habe dich gehat, ja, aber nur, weil du mich von dir gestoen! Du
lieest mich nicht dein Leben teilen, - verzeihe mir. - Gott, ich will ja nur
mit dir sterben drfen. Reich' mir einmal noch die Hand, zum Zeichen, da du mir
verzeihst. Und sie streckte knieend, flehend, beide Hnde zu ihm empor.
    Der Knig, erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
Herzensgte, regte sich in ihm und bertnte den eignen dumpfen Schmerz.
Mataswintha, sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, geh', es erbarmt
mich dein. La mich allein sterben. Was immer du an mir getan - geh hin: - ich
habe dir verziehn.
    O Witichis! hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.

                          Neunundzwanzigstes Kapitel.


Aber heftig fhlte sie sich hinweggerissen. Nachtbrennerin, nie soll er dir
vergeben! Komm, Witichis, mein Witichis. Folge mir! Du bist frei. Der Knig
sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betubung geweckt. Rauthgundis! Mein
Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab' dich wieder. Und tief
aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die Arme aus. Sein Weib flog
an seine Brust und sie weinten beide se Trnen der Liebe und der Freude.
    Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie strich
sich langsam die roten, losgegangenen Haare aus der Stirn und blickte auf das
Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, hell beleuchtete.
    Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr wrd' er folgen in Freiheit und Leben. Aber
er mu ja bleiben! Und sterben - mit mir.
    Sumt nicht lnger! mahnte von der Kerkertre her die Stimme Dromons.
    Ja, rasch fort, mein Leben! rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen
Schlssel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine ffnung
suchend.
    Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus? fragte der Gefangene, halb in seine
Betubung zurcksinkend.
    Ja, hinaus in die Luft und Freiheit, rief Rauthgundis und warf die
losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. Hier Witichis, eine Waffe! Ein Beil!
Nimm!
    Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte krftig damit aus: Ah!
die Waffe tut dem Arm, der Seele wohl!
    Das wute ich, mein tapfrer Witichis! rief Rauthgundis, kniete nieder und
schlo die Kette auf, die seinen linken Fu an den Steinblock gefesselt hielt.
Nun schreite aus! Denn du bist frei.
    Witichis tat, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
Schritt gegen die Tre.
    Und sie darf seine Ketten lsen! flsterte Mataswintha.
    Ja, frei! sprach Witichis, hoch aufatmend. Ich will frei sein und mit dir
gehen.
    Mit ihr will er gehen! rief Mataswintha und warf sich dem Gatten in den
Weg. Witichis - leb wohl - geh'! - Nur sage mir nochmal - da du mir vergibst.
    Dir vergeben? rief Rauthgundis. Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
zerstrt. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels - ihre Hand hat
deine Speicher verbrannt!
    O so sei verflucht! rief Witichis. Hinweg von dieser Schlange der Hlle!
Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er ber die Schwelle, gefolgt
von Rauthgundis.
    Witichis! rief Mataswintha sich aufraffend. Halt! Halt an! Hre mich nur
noch einmal! Witichis!
    Schweig! sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. Du wirst ihn verderben.
    Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr mchtig, ri sich los und folgte die
Stufen hinauf in den Gang.
    Halt! rief sie, Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du mut mir
verzeihn. Da brach sie ohnmchtig zu Boden.
    Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.
    Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes geweckt.
    Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb gegrtet, aus seinem
Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof
blickten.
    Wachen, rief er, unter die Speere! Auch Soldaten waren merksam geworden.
Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die Gangtre
durchschritten und, gerade dieser gegenber, die Gemcher Dromons erreicht, als
sechs isaurische Sldner laut lrmend in den Gang hineinstrmten.
    Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbtr, sprang auf die schwere eiserne
Gangtre zu, warf sie klirrend ins Schlo, drehte den Schlssel um, und zog ihn
heraus. Die sind geborgen und unschdlich! flsterte sie.
    Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem groen
Ausgang zu, der aus dem Schlohof auf die Strae fhrte. Mit geflltem Speer
trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurckgeblieben, ihnen entgegen.
Gebt die Losung, rief er. Rom und? -
    Rache! sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.
    Laut schreiend fiel der Sldner, und warf noch den Speer den Flchtigen
nach: er durchbohrte den letzten der drei - Dromon.
    ber die Marmorstufen des Palastes auf die Strae hinabspringend, hrten die
Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisentre schlagen,
auch einen lauten Befehlruf hrten sie noch. Syphax! mein Pferd!
    Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.
    Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln, und Reiter
flogen nach allen Toren der Stadt.
    Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen bringt!
rief Cethegus - sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes schwingend. Nun
auf, ihr Shne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und Massageten. Jetzt
reitet, wenn ihr je geritten!
    Aber wohin, Herr? fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem Palasttor
sprengend.
    Das ist schwer raten. Aber alle Tore sind geschlossen und besetzt. Sie
knnen nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus.
    Zwei groe Mauerbreschen sind's.
    Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
Ist nicht dort -?
    Der Mauersturz am Turme des Atius.
    Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern! - - -

                                     * * *

    Glcklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
Sohn des Dromon, die nur halb ausgefllte Mauerlcke durcheilt und in dem nahen
Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. Wallada
nahm die Gatten auf den Rcken. -
    Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. Mein Weib!
mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will ich's noch
einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir lassen, du Seele meiner
Seele.
    Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen Nacken,
o du mein alles.
    Vorwrts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben.
    Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses war
erreicht. Wachis trieb sein bumendes Pferd in die dunkle Flut. Das Tier scheute
und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. Er geht sehr tief, sehr reiend.
Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht zu brauchen. Die Gule
mssen schwimmen und stark recht abwrts wird's uns reien. Und es sind Felsen
im Flu. Und das Mondlicht wechselt so oft und tuscht. - Ratlos prfte er am
Ufer hin und her.
    Horch, was war das? fragte Rauthgundis. Das war nicht der Wind in den
Steineichen.
    Pferde sind's, sagte Witichis. Sie nahen in Eile. Ja, wir sind verfolgt.
Waffen klirren. Da - Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf Leben und Sterben.
Aber leise!
    Und er fhrte sein Pferd am Zgel in die Flut.
    Kein Bodengrund mehr. Die Gule mssen schwimmen, halte dich fest an der
Mhne, Rauthgundis. Vorwrts, Wallada!
    Schnaubend, zitternd, blickte das Tier in die schwarze Flut - die Mhne flog
wirr kopfber - die Vorderfe vorgestreckt, den Hinterbug zurckgehemmt.
    Vorwrts, Wallada! Und leise rief Witichis dem treuen Ro ins Ohr:
Dietrich von Bern! Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfhrig in die
Flut.
    Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur
Seite Syphax, eine Fackel hebend. Hier, im Ufersand, verschwindet die Spur, o
Herr.
    Sie sind im Wasser! Vorwrts, ihr Hunnen!
    Aber die Reiter zogen die Zgel an und rhrten sich nicht.
    Nun, Ellak? was zgert ihr? Sofort in die Flut!
    Herr, das knnen wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in flieend Wasser
reiten, mssen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir mssen erst
zu ihm beten.
    Betet nachher, wenn ihr drben seid, solang ihr wollt, nun aber -
    Da fuhr ein strkerer Windsto ber den Flu und verlschte alle Fackeln.
Hochauf rauschte die Flut.
    Du siehst, o Herr, Phug zrnt.
    Still! saht ihr nichts? Da unten, links?
    Der Mond war aus dem jagenden Gewlk getaucht. - Er zeigte Rauthgundis
helles Untergewand: - den braunen Mantel hatte sie verloren.
    Zielt rasch, dorthin.
    Nein, Herr! Erst ausbeten. -
    Da war es wieder dunkel am Himmel. - Mit einem Fluch ri dem Hunnenhuptling
Cethegus Bogen und Kcher von der Schulter.
    Nun rasch vorwrts! rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
gewonnen hatte, zurck - ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt.
    Halt, Wallada! rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
sich an der Mhne haltend. Da ist ein Fels! Stoe dich nicht, Rauthgundis. -
    Ro, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reiend zog.
    Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Flche des Stroms und
die Gruppe am Felsen.
    Sie sind es! rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
hielt, zielte und scho. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte Pfeil von
der Sehne.
    Rauthgundis! rief Witichis entsetzt. - Denn sie zuckte zusammen und sank
nach vorwrts auf die Mhne des Rosses, aber sie klagte nicht.
    Bist du getroffen? - Ich glaube. La mich hier. Und rette dich. -
Niemals! La dich sttzen.
    Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!
    Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis in
sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.
    La mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier. - - Nein, ich lasse dich nie
mehr! Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
hellem Mondlicht stand die Gruppe.
    Gib dich gefangen, Witichis! rief Cethegus, sein Ro bis an den Bug in das
Wasser spornend.
    Fluch ber dich, du Lgner und Neiding.
    Da schwirrten zwlf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Ro Theoderichs
und versank fr immer in die Tiefe.
    Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. Bei dir! - hauchte noch
Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. - - Mit dir!
    Umschlungen verschwanden sie im Flu.
    Jammernd rief drben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. Er
erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.
    Schafft die Leichen ans Land! befahl Cethegus dster, sein Ro wendend.
Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.
    Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen und
die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie Meer.

                                     * * *

    Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
zurckgekehrt, bereit, demnchst Mataswintha nach Byzanz zu fhren.
    Diese war aus ihrer Betubung erst durch die Hammerschlge der Werkleute
geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangtr durchbrachen, die
eingesperrten Sldner zu befreien. Man fand die Frstin auf den Kerkerstufen
zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemcher hinaufgetragen, wo
sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber mit starr geffneten Augen
lag.
    Gegen Mittag lie sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und drohend,
sein Antlitz von eisiger Klte. Er trat dicht an ihr Lager. Mataswintha sah ihm
ins Auge.
    Er ist tot! sagte sie dann ruhig.
    Er wollte es nicht anders. Er - und du. Dir Vorwrfe machen ist zwecklos.
Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das Geschrei
von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut treiben. Schwere
Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm Flucht und Tod bereitet. Das
mindeste, was du zur Shne tun kannst, ist: meinen zweiten Wunsch erfllen.
Prinz Germanus ist gelandet, dich abzuholen. Du wirst ihm folgen.
    Wo ist die Leiche?
    Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und - das Weib.
    Mataswinthens Lippe zuckte. Noch im Tode! Sie starb mit ihm?
    La diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begren?
    Ich werde bereit sein.
    Gut. Wir wollen pnktlich sein.
    Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmcken:
Diadem, Purpur, Seide.
    Sie hat den Verstand verloren, sagte Cethegus im Hinausgehen. Aber die
Weiber sind zh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie knnen fortleben mit aus der
Brust gerissenem Herzen.
    Und er ging den ungeduldigen Prinzen zu vertrsten.
    Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Mnner zur
Knigin zu entbieten.
    Germanus eilte mit raschem Fue ber die Schwelle ihres Gemaches. Aber
gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schn, so prachtvoll hatte er die
Gotenfrstin nie gesehen.
    Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
gelst, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern bis ber
den Rcken flo. Das Unterkleid, von schwerster weier Seide mit goldnen Blumen
durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn Brust und Scho bedeckte
der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war marmorwei, ihr Auge loderte in
geisterhaftem Glanz. Prinz Germanus, rief sie dem Eintretenden entgegen, du
hast mir von Liebe geredet? Aber weit du, was du geredet? Lieben ist sterben.
    Germanus sah fragend auf Cethegus.
    Dieser trat vor. Er wollte sprechen.
    Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:
    Prinz Germanus, sie rhmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
wo man sich bt in spitzer Rtsel Ratung. Auch ich will dir eine Rtselfrage
stellen: - sieh' zu, ob du sie lsest. La dir nur helfen dabei von dem klugen
Prfekten, der sich so ganz auf Menschengemter versteht. Was ist das? Weib und
doch Mdchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es nicht zu deuten? Hast recht.
Der Tod nur lst alle Rtsel.
    Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
blitzte. Mit beiden Hnden stie sie sich's tief in die Brust.
    Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rckwrts hinzu.
Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert aus
der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst gesendet.
    Es war des Schwert des Knigs Witichis.
