
                                Rosegger, Peter

                      Die Schriften des Waldschulmeisters

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                                 Peter Rosegger

                      Die Schriften des Waldschulmeisters

                       Lebensbeschreibung des Verfassers,

                                 von ihm selbst

Einer, der vom Geschicke so hinausgestellt worden ist, da voraussichtlich, ja
schon bei seinen Lebzeiten, mythisch gestimmte Leute seine Lebensgeschichte
nachdichten und weiter erzhlen, ein solcher tut gut, wenn er ihnen zuvorkommt.
Am Ende wei doch jeder selbst am besten, was es mit ihm ist. Nur aufrichtig mu
er sein. Bei einem Poeten tut sich das selten ganz leicht, weil die Erinnerung
gerne ein wenig umgebogen wird durch eine zudringliche Phantasie.
    In dem Berichte, der hier folgt, wird das nicht so sein. Knapp und der
Wirklichkeit gem soll da mein unbedeutendes, aber nicht armes Menschenleben
aufgeschrieben werden. -
    Als ich mich auf dieser Erde fand, war ich ein Knabe auf einem schnen
Berge, wo es grne Matten gab und viele Wlder, und wo, so weit das Auge trug,
andere Berge standen, die ich damals aber noch kaum angeschaut haben werde. Ich
lebte mit Vater und Mutter und etlichen Knechten und Mgden in einem alten,
hlzernen Hause, und es gab in Hof und Stall, auf Feld und Wiese und im Walde
immer alle Hnde voll zu tun, und das Arbeiten vom frhen Morgen bis in die
spte Nacht war etwas ganz Selbstverstndliches, sogar schon bei mir; und wenn
ich auf dem Anger mit Steinchen, Erde, Holzstckchen usw. spielte, so hatte ich
immer Angst, des Vaters Stimme wrde mich jetzt und jetzt zu einer Arbeit rufen.
Ich habe das Spiel mit Hast getrieben, um es noch vor der Arbeit Rande zu
bringen, und ich habe die Arbeit mit Hast vollbracht, um wieder zum Spiele zu
kommen. Und so hat sich eine gewisse Eilfertigkeit in mein Wesen eingewachsen,
der - war es im Studium oder im Schaffen - die Geduld und Bedchtigkeit nicht
immer die rechte Wage hielt.
    Mein Geburtsjahr ist 1843. Den Geburtstag - 31. Juli - habe ich mir erst
spter aus dem Pfarrbuche zu Krieglach heraussuchen lassen, denn bei uns daheim
wurde nur mein Namenstag, Petri Kettenfeier, am 1. August, und zwar allemal
dadurch gefeiert, da mir meine Mutter an diesem Tage einen Eierkuchen buk.
    Unsere kleine Gemeinde, die aus etwa vierundzwanzig auf Hhen und in
Engtlern zerstreuten Bauernhusern bestand, hie Alpel, oder wie wir sagten:
die Alm; war von groen Wldern umgeben und durch solche stundenlange Wlder
auch getrennt von unserem Pfarrdorfe Krieglach, wo die Kirche und der Friedhof
standen. Mitten in diesen schwarzen Fichtenwldern, unweit von anderen kleinen
Gehften, die zerstreut lagen, und in denen es genau so zuging wie bei uns, lag
denn meine Heimat mit den Hochmatten, Wiesen und Feldlehnen, auf denen das
Wenige kmmerlich wuchs, was wir zum Leben brauchten.
    Krieglach liegt im Mrztale, an der Sdbahn, die damals schon erffnet war.
Wir waren nur drei Stunden von dieser Hauptverkehrsstrae entfernt, trotzdem
aber durch die schlechten Wege, und besonders durch unsere Unbeweglichkeit, fast
ganz von der Welt abgeschlossen.
    Mein Heimatshaus hie: beim Klupenegger. Mein Vater war auch in demselben
geboren, ebenso sein Vater, Gro- und Urgrovater; dann verliert sich der
Stammbaum. Die Geschwister meines Vaters waren als Hausbesitzer oder Dienstboten
in der Gegend zerstreut. Meine Mutter war die Tochter eines Kohlenbrenners,
dieser konnte den Bcherdruck lesen, was in Alpel zu jener Zeit etwas
Auerordentliches war. Er erteilte neben seinem Gewerbe auch Unterricht im
Lesen, aber es sollen wenig Lernbegierige zu seiner Htte gekommen sein. Seine
Tochter - die nachmals meine Mutter geworden - hatte die Kunst in unser Haus
mitgebracht. Die Geschwister meiner Mutter lebten als Holzleute und Khler in
den Wldern.
    Ich mochte fnf Jahre alt gewesen sein, als in Alpel die Mr ging, man hre
auf unseren hohen Bergen die Kanonenschsse der Revolution in Wien. Das war nun
wohl nicht mglich, doch aber ein Beweis, wie die Beunruhigung auch in unsere
stille Gegend gedrungen war. Was die Befreiung von Zehent und Abgaben, von Robot
und Untertnigkeit bei meinen Landsleuten fr einen Eindruck gemacht hat, wei
ich nicht; wahrscheinlich nicht den besten, denn sie waren sehr vom
Althergebrachten befangen. Mir kleinem Jungen aber hatte die Revolution etwas
Gutes gebracht.
    In einer Nachbarspfarre jenseits der nahen oberlndischen Grenze gerieten
der Pfarrer und der Schulmeister in Zwiespalt, der Neuerungen wegen. Der
Schulmeister hielt es so ein wenig mit der neuen Zeit. Als aber das Jahr 1849
kam, war der Pfarrer auf einmal wieder obenauf und verjagte den Schullehrer mit
Verweigerung eines entsprechenden Zeugnisses. Nun war der Schulmann ein
Bettelmann und kam als solcher auch in unsere Gemeinde Alpel. In dieser befanden
sich ein paar Bauern, die dem streitbaren Pfarrer nicht grn waren und den
Schulmeister aufnahmen. Der Schulmeister - sein Name war Michel Patterer - ging
umher und lehrte den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen. Er bekam dafr
das Essen und Tabaksgeld. Die Kinder folgten ihm von Haus zu Haus, und unter
ihnen war auch ich. Endlich wurde ihm ein bestimmtes Wohnhuschen angewiesen, wo
er im Jahre 1857 gestorben ist.
    Mein Schulbesuch war aber ein sehr mangelhafter; da war's die grere
Entfernung, oder ich wurde zu huslichen Arbeiten - besonders zum Schafe- und
Rinderhten, oder als Botengeher, oder zum Futterschtten in der Mahdzeit, oder
zum Garbentragen im Schnitt, oder zum Ochsenfhren bei Fuhrwerken, oder zum
Furchenaushauen beim Ackern - verwendet; dann wieder war's der ungestme Winter,
oder meine krperliche Schwchlichkeit und Krnklichkeit, die mich am Schulgehen
hinderten. Ich als der lteste unter meinen Geschwistern - wovon unser nach und
nach sieben kamen - war das Muttershnchen, und bei meiner Mutter fand ich
bisweilen sogar ein wenig Schutz, wenn ich mich der Schule entschlagen wollte;
denn die Schule war mir im Grunde recht zuwider, weil ich erstens das viele
Rechnen hate und zweitens die Buben, die mich gern hnselten, da ich meine
besonderen Wege ging und mich zu ihnen nicht schicken wollte. Indes, einen oder
zwei Kameraden hatte ich immer, an denen ich hing und mit denen ich auch die
Knabenwildheit redlich durchgemacht habe.
    Noch bei Lebzeiten des alten Schulmeisters war die Rede gewesen, ich tte
leicht lernen, htte den Kopf voll von allerlei Dingen, ich sollte studieren.
Unter Studieren verstand man gar nichts anderes, als nach Graz ins Seminar und
spter ins Priesterhaus gehen. Und es war richtig, ich war der eifrigste
Kirchengeher und aufmerksamste Predigthrer, als welcher ich das erste
Hochdeutsch vernahm; denn wir sprachen alle miteinander das Burische, nmlich
die sehr altertmliche Mundart der Vorfahren, die vor Jahrhunderten aus Schwaben
oder Oberbayern in unsere Gegend eingewandert sein sollen. Das Hochdeutsch des
Predigers - so schlicht es von heimischen Landeskindern auch vorgetragen wurde -
war wohl von den Wenigsten verstanden; fr mich hingegen hatten die Kanzelreden
einen groen Reiz, ich ahmte sie nach. Ich hielt, wo ich allein ging und stand,
laute Predigten aus dem Stegreif, ich ging auf Suche nach geistlichen Bchern,
schleppte sie - wenn ich dazu die Erlaubnis hatte - in mein Vaterhaus zusammen,
las dort die halben Nchte lang laut im Predigerton, auch wenn mir kein Mensch
zuhrte, und trieb allerhand mystische Phantastereien.
    Also fhrte mich meine Mutter zu Geistlichen umher und bat um Rat, wie ich
denn in die Studie zu bringen wre, da es nichts tt' kosten. Denn durch
Unglcksflle, Wetterschden, Feuer, Krankheiten waren wir verarmt. Aber die
geistlichen Herren sagten, wenn kein Vermgen da wre, so knnten sie keinen Rat
geben. Nur einer war, der Dechant von Birkfeld, welcher sich erbtig machte,
mich selbst im Latein zu unterrichten und spter fr mein Fortkommen was tun zu
wollen. Ich wurde also nach Birkfeld zu einem Bauer Waxhofer gebracht, wo ich
Pflege genieen und von da aus vierklassige Marktschule, sowie den zugesagten
Lateinunterricht des Dechants besuchen sollte. Allein einerseits die kecken
Jungen meines Wohnungsgebers, andererseits das Heimweh nach Vater und Mutter
setzten mir so sehr zu, da ich schon nach drei Tagen bei Nacht und Nebel
aufbrach und den fnf Stunden langen Berg- und Waldweg bis zu meinem Vaterhause
zurcklegte. In jenen Tagen ist mein Heimweh geboren worden, das mich seither
nicht verlie, auf kleineren Touren wie auf greren Reisen in Stadt und Land
mein bestndiger Begleiter war und eine Quelle meiner Leiden geworden ist. Es
war dasselbe Gefhl, das mich spter zu Weib und Kind zog und immer wieder
zurck nach den heimatlichen Bergen, als ihre steilen Hnge, ihre herbe Luft
meiner schwachen Gesundheit lngst schdlich und gefhrlich zu werden begannen.
    Nun, von Birkfeld zurckgekehrt, war ich entschlossen, mich dem Stande
meiner Vter zu widmen. Indes aber steigerte sich meine Neigung zum Schrifttum.
In Krieglach lebte eine alte Frau, welche die Hoffnung auf mein Weiterkommen
nicht aufgab und mir ihre Bcherschrnke zur Verfgung stellte. Da fand ich
Gedichte, Jugendschriften, Reisebeschreibungen, Zeitschriften, Kalender.
Besonders die illustrierten Volkskalender regten mich an. In einem solchen fand
ich eine Dorfgeschichte von August Silberstein, deren frischer, mir damals ganz
neuer Ton, und deren mir nher liegende Gegenstand mich zur Nachahmung reizte.
Ich war damals etwa fnfzehn Jahre alt. Ich versuchte nun auch, Dorfgeschichten
zu schreiben, doch fiel es mir nicht ein, meine Motive aus dem Leben zu nehmen,
sondern ich holte die Stoffe aus den Bchern. Ich schrieb nun selbst Kalender,
die ich auch eigenhndig illustrierte, Gedichte, Dramen, Reisebeschreibungen aus
Lndern, in denen ich nie war, alles nach alten Mustern. Erst sehr spt kam ich
darauf, da man aus dem uns zunchst umgebenden Leben die besten Stoffe holt.
    Wir hatten uns noch einmal angestrengt, da ich in eine geistliche Anstalt
kme, aber vergebens. Von jenen Herren, die spter wiederholt das Bedauern
ausdrckten, da ich keiner der Ihren wre, hat mir die Hand nicht einer
gereicht. Und ich glaube, es ist gut so. Denn schon meine Weltanschauung von
damals htte im Grunde nicht mit der ihren harmoniert. Ich war mit ganzer Seele
Christ. Vor mir stand der katholische Kultus gro und schn; aber meine Ideale
gingen andere Wege, als die politischen der Kirche.
    Durch das Wanken und Whnen, was ich denn werden solle, war mir endlich alle
Lust zum Bauernstande abhanden gekommen. Meine Krperbeschaffenheit war auch
nicht dazu geeignet, und so trat ich im Sommer 1860 bei dem Schneidermeister
Ignaz Orthofer Kathrein am Hauenstein in die Lehre. Bei demselben verblieb ich
fast fnf Jahre und wanderte mit ihm von Haus zu Haus, um den Bauern die Kleider
zu machen. Ich habe in verschiedenen Gegenden im kultivierteren Mrztale wie im
verlassenen Fischbacher Walde und im sogenannten Jackelland in mehr als 60
Husern gearbeitet, und diese Zeit und Gelegenheit war meine Hochschule, in der
ich das Bauernvolk so recht kennen lernen konnte.
    Nicht unerwhnt mag ich das Verhltnis lassen, in welchem ich damals zur
Familie Haselgraber in Kathrein am Hauenstein stand. Der alte Haselgraber
betrieb nebst einer kleinen Bauernwirtschaft und verschiedenen Gewerben auch
eine Krmerei und stand also im Verkehr mit der Welt. In seinem Hause, in
welchem ich wie daheim war, fand ich Bcher und Zeitungen, vor allem aber an
Haselgrabers Shnen und Tchtern gute Freunde, die wie ich ein Interesse an
Bchern und geistiger Anregung hatten, denen ich auch meine Dichtungen zu lesen
gab, teilweise sie ihnen widmete, und mit denen ich in langjhrigem
freundschaftlichsten Verkehr stand.
    Die Erinnerung an diese Menschen, die heute grtenteils begraben, teils in
der weiten Welt zerstreut sind, weckt jetzt noch das Gefhl der Dankbarkeit und
Wehmut in mir.
    Ich hatte in meiner Jugend das Glck, meist mit guten Menschen
zusammenzusein; darunter vor allen zu nennen meine Mutter, meinen Vater und
meinen Lehrmeister. Meine Mutter war die Gte, die Aufrichtigkeit, die
Wohlttigkeit, Arbeitsamkeit selbst. Mein Vater voll herzlicher Einfalt,
Redlichkeit, Duldung und echter Religiositt. Mein Lehrmeister war ein fleiiger
Handwerker, der auf sein Gewerbe was hielt und mich mit milder Hand zur
Arbeitsamkeit leitete. Fr sein Leben gern wollte er einen tchtigen
Schneidermeister aus mir machen, aber er mag wohl frh geahnt haben, da seiner
Liebe Mh' umsonst sein werde. Trotzdem hat er mit herzlicher Neigung zu mir
gehalten, bis ich ihm davonging.
    Ich hatte nie das Bestreben, meinem Handwerke fortzugehen, obwohl ich mit
meinen Leistungen nicht recht zufrieden sein konnte. Mich hat nmlich schon seit
meiner Kindheit her eine wunderliche Idee geleitet, oder mileitet. Sie
entsprang aus meiner Krnklichkeit und war geeignet, einerseits mich zu
verkmmern, anderseits mich zu erhalten. Mir war nmlich in allen meinen Zeiten
zumute, da mein Leben nur noch ein kurzes sein werde, und daher das Streben
nach einer besseren Stellung zwecklos. So habe ich stets in einer gewissen,
traumhaften Leichtsinnigkeit hingelebt, mit jedem nchsten Jahre den Tod, ja,
mit jedem sich anmeldenden Unwohlsein resigniert das Ende erwartend. Der Weg,
den ich machte, war demnach weniger ein Werk der Absicht, als des Zufalls - ich
sage lieber der Vorsehung.
    Auch whrend meiner Schneiderzeit hatte ich allerlei gedichtet und
geschrieben, und durch Lobsprche und Ratschlge veranlat, schickte ich eines
Tages eine Auswahl von Gedichten nach Graz an das Journal: Die Tagespost. Ich
war lstern, einmal zu sehen, wie sich meine Poesien gedruckt ausnhmen. Der mir
ganz fremde Redakteur des Blattes, Dr. Svoboda, verffentlichte richtig einiges,
war brigens aber der Ansicht, da mir das Lernen wohlttiger wre, als das
Gedrucktwerden. Er suchte mir durch einen warm und klug geschriebenen Aufsatz
Gnner, welche mich vom Gebirge ziehen und mir Gelegenheit zur weiteren
Ausbildung bieten mchten. Da war es vor allem der Groindustrielle Peter
Reininghaus in Graz, der mir allsogleich Bcher schickte und mich materiell
untersttzte, dann der Buchhndler Giontini in Laibach, welcher sich bereit
erklrte, mich in sein Geschft zu nehmen. Nun verlie ich vllig planlos, nur
vom Drange beseelt, die Welt zu sehen, mein Handwerk und meine Heimat, fuhr nach
Laibach, wo ich einige Tage deutsche, slowenische und italienische Bcher hin
und her schob, dann aber, von Heimweh erfat, fast fluchtartig nach Steiermark
zurckkehrte.
    Ich habe mir den Vorwurf zu machen, Wohlttern gegenber meine Dankbarkeit -
trotzdem ich sie tief empfand - nicht immer gengend zum Ausdruck gebracht zu
haben; so war's auch bei Giontini; das pltzliche Verlassen meiner neuen
Stellung sah nichts weniger als dankbar aus. Trotzdem hat Herr Giontini mir das
Ding nicht belgenommen, sondern seine Wohlgesinnung mir in manchem Schreiben
bewiesen und bis zu seinem Tode erhalten.
    Meine Absicht war, nun nach Alpel zurckzukehren, dort wieder Bcher zu
lesen und zu schreiben und die weite Welt - Welt sein zu lassen. Allein in Graz,
das ich auf der Rckfahrt berhrte, lie mich Dr. Svoboda nicht mehr fort. Nun
begann dieser Mann, dem ich meine Lebenswende verdanke, neuerdings tatkrftig in
mein Leben einzugreifen. Er suchte mir Freunde, Lehrer und eine Anstalt, an der
ich mich ausbilden sollte. Die Landesinstitute - aus denen spter mancher Tadel
laut wurde, da es mir an klassischer, an akademischer Bildung fehle - diese
Institute blieben vornehm verschlossen! Eine Privatanstalt war es, und zwar die
Akademie fr Handel und Industrie in Graz, die mich aufnahm, deren tchtige
Leiter und Lehrer den zweiundzwanzigjhrigen Bauernburschen in Arbeit und
geistige Pflege nahmen.
    Schon in den ersten Tagen meines Grazer Lebens bot mir der pensionierte
Finanzrat Frhauf in seiner Wohnung Unterstand und Pflege gegen ein lcherlich
billiges Entgeld. Reininghaus ist nicht mde geworden, mit Rat und Tat mir
beizustehen. In seinem Hause erlebte ich manche Freude, und an seiner Familie
sah ich ein Vorbild deutscher Huslichkeit. Spter nahm mich der Direktor der
Akademie fr Handel und Industrie, Herr Franz Dawidowsky, in sein
Erziehungsinstitut fr Studierende der Handelsakademie, wo ich unter dem
Deckmantel eines Haussekretrs ein frohes Heim geno. Drei Jahre war ich im
Hause dieses vortrefflichen Mannes, den ich wie einen Vater liebte und dessen
nobler Charakter gnstig auf meine etwas buerliche Engherzigkeit wirkte.
Gleichzeitig lernte ich an den Institutszglingen, es waren Deutsche, Italiener,
Englnder, Serben, Ungarn, Polen usw. - verschiedenerlei Menschen kennen, und so
ging der Erfahrungszuwachs gleichen Schrittes mit den theoretischen Studien
vorwrts.
    Meine weit jngeren Studienkollegen waren zumeist rcksichtsvoll gegen mich,
doch, wie ich frher das Gefhl gehabt, da ich nicht recht zu den Bauernjungen
passe, so war es mir jetzt, da ich auch nicht zu den Shnen der Kaufleute,
Bankiers und Fabrikanten gehre. Indes schlo ich Freundschaft mit einem
Realschler, spter Bergakademiker, mit einem oberlndischen Bergsohn, namens
August Brunlechner. Wir verstanden uns, oder strebten wenigstens, uns zu
verstehen; beide Idealisten, beide ein wenig sentimental, uns gegenseitig zu
Vertrauten zarter Jugendabenteuer machend und dann wieder uns zu ernster Arbeit
ermunternd, uns darin untersttzend - so hielten wir zusammen, und die alte
Freundschaft whrt heute noch fort.
    Ferner finde ich in der Liste meiner damaligen Freunde und Gnner die Namen
Falb (des bekannten Gelehrten und Reisenden, damaligen Religionsprofessors an
der Handelsakademie, der mir die Aufnahme an dieser Anstalt vermittelt hat),
ferner v. Rebenburg, Reicher, Oberanzmayr, Kleinoscheg, Fdransperg, Grein,
Friedrich, Steiner, Meyer usw. Die damaligen Theaterdirektoren Kreibig und
Czernitz gaben mir freien Eintritt in ihre Kunstanstalten; freundlich zog man
mich zu ffentlichen Vorlesungen, und so gedachte man meiner bei verschiedenen
Gelegenheiten. Mir kann also nichts gefehlt haben.
    Ich hatte aber noch gar nichts geleistet. Dr. Svoboda hat es eben
verstanden, durch wiederholte warme Notizen, durch Verffentlichung manches
meiner Gedichte das Interesse des Publikums fr mich warm zu erhalten.
    Das Studieren kam mir nicht leicht an, ich hatte ein ungebtes Gedchtnis
und fr kaufmnnische Gegenstnde eine Begriffssttzigkeit, wie man sie bei
einem Poeten nicht besser verlangen kann. Doch arbeitete ich mit Flei und
gelassener Ausdauer und nebenbei sehnte ich mich - nach Alpel. Die Sdbahn
schickte mir manche Freikarte, um mehrmals des Jahres dieses Alpel besuchen zu
knnen.
    Bemerken mchte ich den Umstand, da ich trotz meines oft krampfhaften
Anschmiegens an die engste Heimat doch stets, und wohl ganz unbewut, von einem
kosmopolitischen Geiste beseelt war, der aber allemal in die Brche ging, so oft
ich in Kriegszeiten die Volkshymne klingen hrte und die schwarzgelbe Fahne
flattern sah. Die ganze Welt, alle Vlker, alle Menschen liebte ich, sofern sie
meinem Vaterlande nicht feindlich waren.
    Andere Dinge gab es, an denen ich nicht so klar unterscheiden konnte, was
das Richtige war.
    So zum Beispiel in Sachen der Rckhaltslosigkeit und Offenheit. Als Knabe
hatte ich selbstverstndlich gar keine Meinung, lchelte jeden zustimmend an,
der eine Meinung dartat und konnte mich des Tages von mehreren, die verschiedene
Ansichten vertraten, berzeugen lassen. Diese Unselbstndigkeit dauerte ziemlich
lange. Und spter, als ich zu einer persnlichen und festen berzeugung gekommen
war, hatte ich lange nicht immer den Mut, dieselbe zu vertreten. Leuten, die oft
ganz das Gegenteil von meiner Ansicht behaupteten, konnte ich in mir nicht zu
nahe gehenden Dingen gleichgltig beistimmen, erstens um nicht unhflich zu
sein, zweitens um mich nicht Rohheiten auszusetzen, mit denen der Brutale den
weicher gearteten Gegner in jedem Falle schlgt.
    Von diesem Fehler ging ich allmhlich zu einer Tugend ber, die aber auch
mitunter wieder in einen Fehler auszuarten drohte. Ich wurde bei mir
nahestehenden Personen und in mir naheliegenden Sachen die Rckhaltslosigkeit
und Offenheit selbst. Ich war nicht mehr imstande, anders zu reden, als was in
mir lebte. So wurde ich oft rcksichtslos selbst gegen meine Freunde; es
schmerzte mich oft, wenn ich merkte, da ich ihnen weh getan, aber angeregt oder
gereizt, mute meine Meinung unverblmt ber die Zunge. Auch gegen meine
ffentlichen Widersacher htte ich rcksichtsvoller sein drfen, insofern sie es
mit ihrer Sache redlich gemeint haben. Da ich die Tckischen und Falschen
zornig bekmpft, ja manchmal empfindlich verwundet habe, das tut mir nicht leid.
    So bin ich zu jenem Freimute gelangt, der dem Literaten wohl anstehen mag,
dem Menschen im Verkehr mit Menschen aber nicht immer zur Zierde und zum
Vorteile gereicht.
    Ich bin schon frhe in den unverdienten Ruf eines liebenswrdigen Burschen
gekommen; selbstverstndlich hat sich von nun an dieser Ruf nicht mehr
gesteigert, wodurch meine innere Festigung, Selbstndigkeit und geistige
Spannkraft allerdings nur gewonnen hat.
    Indes behaupte ich nicht, da ich an einer einmal gefaten Ansicht nun immer
unumstlich festgehalten htte. Obschon meine Weltanschauung in Ganzen gleich
geblieben ist, so habe ich mich einer wirklich berzeugenden Macht niemals
verschlossen, habe mich im Laufe meiner Jahre, meiner Erfahrungen und Studien
verbessert und mich im Leben, in der Geschichte und Philosophie soviel
umgesehen, da ich nun von einem unumstlich fest berzeugt bin, nmlich von
der Fehlbarkeit aller menschlichen Erkenntnis.

    Also verrannen die Studienjahre und ich wute nicht, was aus mir werden
sollte. Im gnstigsten Falle konnte mich ein Grazer Kaufmann in sein Kontor
nehmen, und fr diesen Fall kam mir der Gedanke, da ich ohnehin nicht mehr
lange leben werde, wirklich recht bequem.
    Auf meinen Landausflgen war mir das Auge aufgegangen fr etwas, was ich
frher immer gesehen, aber niemals geschaut hatte, fr die lndliche Natur und
fr die Landleute. Ich hatte allerdings schon als Kind - und zwar ganz unbewut
- ein Auge fr die fr Landschaft. Wenn ich mich an die ersten Wanderungen mit
Vater und Mutter zurckerinnere, so wei ich nicht mehr, weshalb wir die Gnge
machten, oder was dabei vorfiel oder gesprochen wurde, aber ich sehe noch den
Felsen und den Bach und den Baumschlag und wei, ob es Morgens war, oder
Nachmittags. In dieser Zeit nun gegen Ende der Studien in der Handelsakademie -
kam mir Adalbert Stifter zur Hand. Ich nahm die Werke dieses Poeten in mein Blut
auf und sah die Natur im Stifterschen Geiste. Es ist mir spter schwer geworden,
Nachahmung meines Lieblingsdichters zu vermeiden und drften Spuren davon in den
lteren meiner Schriften wohl zu finden sein.
    Den Landleuten gegenber regte sich nun in mir ein lebhafter Drang, sie zu
beobachten, und sie wurden der Gegenstand meiner Dialektgedichte.
    Zahlreiche Proben davon brachte ich meinem Dr. Svoboda. Seine Beurteilung
war nicht ohne Strenge; doch verstand er es, meinen oft herabgedrckten Mut
allemal wieder zu wecken, was sehr not tat. Er verwies mich auf groe Vorbilder;
jedoch solche machten mich stets mutlos, whrend Leichteres, weniger Gelungenes
- wenn es berhaupt in meiner Richtung lag - mich reizte und belebte, Besseres
zu schaffen. Der Einflu Dr. Svobodas auf meine geistige Entwickelung ist ein
groer, obgleich mir sein hoher sthetischer Standpunkt lange Zeit
unverstndlich und kaum zu erreichen schien. Als er mir einst sagte, ich msse
ein in ganz Deutschland gelesener Schriftsteller werden, lachte ich ihm dreist
ins Gesicht, aber er lehrte mich Selbstzucht und die Selbstschtzung, den
Ehrgeiz - - damit hat er manches erreicht.
    Um jene Zeit suchte ich in Graz einen Verleger fr ein Bndchen Gedichte in
steierischer Mundart. Ich fand einen einzigen, der sich bereit erklrte, das
Bchlein herauszugeben, wenn mir Robert Hamerling dazu ein Vorwort schriebe.
Schon einige Monate frher hatte ich die Khnheit gehabt, mich selbst bei
Hamerling vorzustellen. Sein mildes Wesen und das Interesse, das er fr mich
zeigte, ermutigten mich, ihm die Gedichte vorzulegen und dafr um ein Vorwort zu
bitten. Und Robert Hamerling hat meinem Zither und Hackbrett, wie wir das
Bchlein nannten, einen Begleitbrief mitgegeben, der mir frs Erste bei dem
Verleger, Herrn Josef Pock in Graz, ein ganz anstndiges Honorar eintrug. Diesem
Vorworte ist es zu verdanken, da die Kritik dem Bchlein ihre Aufmerksamkeit
zuwandte, und Zither und Hackbrett hatte einen schnen Erfolg.
    Robert Hamerling war mir dieser ersten Tat ein treuer Freund geblieben. Sein
schlichtes Wesen, seine gtige bescheidene Art, zu leiten und zu raten, seine
liebreichen Gesinnungen, seine von jeder berschwenglichkeit freie, ich mchte
sagen, klassisch reine Weltanschauung war fr meine Schriften, aber noch mehr
fr die Ausbildung meiner Denkungsart von wesentlichen Folgen. Dieser stets
anregende, schpferische Geist, dieser beruhigende vershnende Charakter, dieses
stille, aber entschiedene Hinstreben nach dem Schnen und Guten ist fr mich in
meinen verschiedenen Lebenslagen von unschtzbarem Werte geworden.
    Ein freundlicher Zufall wollte es, da Zither und Hackbrett gerade in den
Tagen erschien (Juli 1869), als ich nach beendigten Studien die Handelsakademie
verlie, um nun eine Stelle zu suchen. Dr. Svoboda jedoch sagte: Jetzt suchen
Sie keine Stelle, jetzt mieten Sie sich ein lichtes Zimmer und studieren und
dichten, auch machen Sie Reisen, schauen die Welt an und schreiben darber. Sie
haben einen glcklichen Stil, werden Ihre Schriften in den Zeitungen abdrucken
lassen, und dann als Bcher herausgeben. Das Land Steiermark wird Ihnen ein
Stipendium verleihen, und Sie werden Schriftsteller sein.
    So ist es auch geworden. Schon fr die nchsten Monate zog ich mich in meine
Waldheimat zurck und schrieb ein neues Buch in steirischer Mundart: Tannenharz
und Fichtennadeln; spter das Buch Stoansteirisch. (Die Dialektwerke sind bei
Leykam in Graz verlegt.) Diesem folgte bald das beschreibende Werkchen:
Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande, spter erweitert unter dem Titel
Volksleben in Steiermark. Die Winterszeit verlebte ich in Graz, wieder bei
meinem alten Finanzrat Frhauf, besuchte Vorlesungen an der Universitt und
trieb fleiig Privatstudien. Im Sommer reiste ich. Ich bereiste Steiermark,
besonders Oberland, Obersterreich, Salzburg, Krnten und Tirol.
    Im Jahre 1870 machte ich eine Reise durch Mhren, Bhmen, Sachsen, Preuen
bis auf die Insel Rgen. Ging dann nach Hamburg, zur See nach den Niederlanden
und fuhr rheinaufwrts bis in die Schweiz. Ich hatte vor, die Schweiz genau zu
studieren, doch zog es mich mit solcher Macht nach der Steiermark zurck, da
mir der ausbrechende deutsch-franzsische Krieg eine willkommene Veranlassung
war, den unter meinen Fen brennend gewordenen Boden eiligst zu verlassen.
    Zwei Jahre spter bereiste ich Italien. Ich wollte auch nach Sizilien, doch
hat mich in Neapel das Heimweh derart bermannt, da ich umkehrte und bei Tag-
und Nachtfahrten den krzesten Weg nach Hause suchte. In den heimatlichen Tlern
lag der frostige Herbstnebel, aber ich stieg auf die Berge, in den Sonnenschein
hinauf und war glcklich. Die Alpenhhen waren meine Lust. Ich ging stets
allein, und diesen Wanderungen verdanke ich hohe Gensse.
    Im Jahre 1870 von meiner Reise durch Deutschland heimgekehrt, fand ich auf
meinem Tische eine Aufforderung des Pester Verlagsbuchhndlers Gustav Heckenast
(mit welchem ich schon frher in bezug auf seinen Freund Adalbert Stifter in
Briefwechsel gestanden), fr seinen Verlag ein Buch zu schreiben. Das Buch war
aber schon fertig und hie: Geschichten aus Steiermark. Heckenast lie es
sogleich drucken und ermunterte mich zu neuen literarischen Arbeiten. Ein Jahr
spter besuchte ich den fein gebildeten Weltmann auf seinem Landgut in Marth.
Er schlo sich freundlich an mich, ich mich innig an ihn, es entwickelte sich
zwischen dem vornehm denkenden Kunstmcen, dem verdienstvollen Begrnder der
deutsch-ungarischen Literatur und dem noch etwas unsicher tappenden steirischen
Poeten ein freundschaftliches Verhltnis, das bis zu Heckenasts Tode (1878)
whrte und, nebst vielfachen moralischen Vorteilen fr mich, meine materielle
Existenz als Schriftsteller begrndet hat. Ich lie bei Heckenast innerhalb 8
Jahren nicht weniger als 14 Bnde erscheinen, auerdem noch 6 Jahrgnge eines
Volkskalenders: Das neue Jahr, dessen Plan und Redaktion er mir bertragen
hatte. Zwei weitere Jahrgnge dieses Kalenders gab ich nach Heckenasts Tod beim
Hofbuchhndler Hermann Manz in Wien heraus. Heckenast war es auch, der mir den
Rat Dr. Svobodas, alle meine Bcher frher in Zeitschriften zu verffentlichen,
wiederholte. Mir war das hufige Auftauchen meines gedruckten Namens fast
peinlich, aber da ich sah, da es auch bei anderen der Fall war, die vielleicht
nicht so sehr auf den Ertrag der Ware angewiesen sein mochten, beruhigte ich
mich und gewhnte mich daran, wie sich das nachsichtsvolle Publikum daran
gewhnt hat.
    In jenen Jahren kam mir gar nichts leichter an, als literarisches Schaffen,
ja es war mir ein Bedrfnis geworden, alles was ich dachte und fhlte,
niederzuschreiben. Jedem kleinen Erlebnisse entkeimte ein Gedicht, jeder
bedeutendere Vorfall drngte sich mir zu einer Novelle auf und lie mir keine
Ruhe, bis die Novelle geschrieben war. Selbst in nchtlichen Trumen webten sich
mir Erzhlungsstoffe. Es war wohl auch einmal eine Zeit, da ich auf Jagd nach
Gedanken fr Gedichte, oder nach Stoffen fr Novelletten ausging; aber das war
immer das Unersprielichste. So auch taugten mir die Stoffe nicht, die ich in
Bchern las oder erzhlen hrte. Nur unmittelbar Erlebtes, oder was mir
pltzlich blitzartig durch den Kopf ging, das zndete und entwickelte sich.
    Hufig ist mir der Rat erteilt worden, Wald und Dorf zu verlassen, meine
Stoffe aus der groen Welt zu holen und durch philosophische Studien zu
vertiefen. Ich habe das versucht, habe aus den Studien schne Vorteile fr meine
Person gezogen, doch in meinen Bauerngeschichten haben sich die Spuren von
Bcherstudien niemals gut ausgenommen. Nur der Geist der Toleranz und
Resignation, den man aus der Geschichte der Menschen und ihrer Philosophie
ziehen kann, mag meinen Bchern zu statten kommen. Weiteres fand ich nicht
anwendbar, ja, es irrte und verwirrte mich und verflachte mich, wo es andere
vertieft. Jedem ist es nicht gegeben. Mir ist es auch nicht gelungen, der
sogenannten Welt genug Verstndnis und Geschmack abzugewinnen; vieles, worin die
gute Gesellschaft lebt und webt, kam mir flach, leer, ja geradezu abgeschmackt
vor. Und aus den gelehrten Bchern schreckte mich nur allzu oft der Dnkel und
die Menschlosigkeit zurck. Aus der Philosophie der modernen Naturgeschichte, so
anregend dieselbe auch wirken mag, ist fr Poeten nicht viel zu holen, und wo
ich mich mit meinen lndlichen Stoffen einmal dem Zeitgeist anbequemen wollte,
da kamen jene Produkte zustande, von denen mein literarisches Gewissen
behauptet, sie wren besser ungeschrieben geblieben. Andere haben gerade auf
diesem Felde Bedeutendes geleistet, aber ich, dessen Weltanschauung wenigstens
in Grundstrichen schon gezogen war, als ich aus meinen buerlichen Kreisen trat,
vermochte in der tausendstimmigen Klaviatur des Weltlebens den rechten Ton nicht
mehr zu finden.
    Es war mir auf solchen Wegen nicht wohl zu Mute, ein tiefes Unbefriedigtsein
begann ich zu fhlen, auch hier kam etwas wie Heimweh ber mich, und so habe ich
zu mir gesagt: Du kehrst zurck in jene groe kleine Welt, aus der so Wenige zu
berichten wissen, du erzhlst nicht, was du studierst, sondern was du erfahren
hast, du erzhlst es nicht in ngstlicher Anlehnung an sthetische Regeln,
erzhle es einfach, frei und treu. Und diesen Charakter, meine ich, soll nun die
Mehrzahl meiner Schriften tragen. Bei vielen habe ich scheinbar meine Person zum
Mittelpunkt gemacht, eine Form, von der sich freilich manche Beurteiler tuschen
lieen, wonach sie vielleicht die starke Selbstgeflligkeit eines Autors
betonten, der immer nur von sich selbst zu sprechen liebt.
    Ich hatte darauf gebaut, da die Leser in meinen betreffenden Erzhlungen
meine Person fr den Stab am Weinstock halten wrden. Was sich dran und drum
rankt, da ist die Sache. Ich erzhle von Menschen, die ich kannte, von
Verhltnissen, die zufllig auch die meinen waren, von Erfahrungen, die vor
meinen Augen gemacht worden sind und deren Wert an ihnen selbst liegen mu.
Meine Person darin lt sich, wenn man will, in den meisten Fllen durch eine
andere ersetzen. Ich selbst htte vielleicht eine fremde Figur als Trger
hingestellt, wenn ich Raffinement genug bese, etwas, was ich persnlich
erfahren oder was in mir geistig entstanden, einem anderen anzudichten. Die
Unmittelbarkeit und Wahrheit htte dadurch nicht gewonnen.
    Wer sich nach einer Richtung hin verkernt, der wird stets einer gewissen
Einseitigkeit in Stoff und Stil verfallen, und allmhlich wird man ihm
Manierirtheit zum Vorwurfe machen. Die Gefahr, manierirt zu werden, ist gerade
bei solchen Autoren, die man Originale nennt, vorhanden; ich suchte mich vor ihr
zu hten, indem ich sie mir stets vor Augen hielt. Man nebelt wohl lange
zwischen Extremen herum, bis man zur Einsicht kommt, da das Natrlichste das
Beste ist.
    Ich bin von der Kritik belobt worden. Besondere Anerkennung hat aber meine
groe Fruchtbarkeit gefunden; wo noch ein Weiteres getan wurde, da stand gerne
von Ursprnglichkeit und Waldfrische zu lesen. Glimpflicher ist wohl kaum
einer weggekommen, als ich, so da mir nach Heckenasts Tode einer meiner
Verleger ganz unwirsch schrieb: Machen Sie doch, da Sie endlich einmal ein
Buch fertig bringen, welches ordentlich verrissen wird, sonst mte ich fr die
Zukunft ihre Manuskripte ablehnen. Und der Mann hat, als das nchste Buch die
Rezensenten auch wieder so waldduftig und taufrisch anmutete, wirklich
abgelehnt.
    Allerdings haben kirchliche Fachbltter daran rgernis genommen, da ich in
meinen Schriften das allgemein Menschliche und Gute befrwortete, da ich die
Gebote Gottes hher stellte als die der Kirche, aber sie haben das genommene
rgernis auch redlich wieder gegeben, und zwar durch die niedrige Art und Weise
ihrer Angriffe. Auch andere Kreise und Stnde haben sich zeitweilig von meiner
rcksichtslosen Meinungsuerung hart verletzt gefhlt. So mitunter Advokaten,
rzte, Jger, Lehrer, Studenten und Professoren, auch Journalisten, Gewerbsleute
und Geldmnner - alle habe ich schon beleidigt, doch viele haben mir der
ehrlichen Absicht willen nicht blo die Irrtmer, sondern auch die Wahrheiten
wieder verziehen. Wer aber nicht vertrglich sein kann, wer keinen anderen
Standpunkt, als den eigenen gelten lassen will, das sind die theoriestarren
Parteifanatiker, die deshalb fr den Dichter auch gar nicht vorhanden sein
sollen.
    Nach dem Eintritt in die stdtischen Kreise, in die Welt, ist eine
bemerkenswerte Wandlung in mir vorgegangen. Ich war nmlich enttuscht. Ich
hatte dort eine durchschnittlich bessere Art von Menschen zu finden gehofft als
im Bauerntume, stie aber berall auf dieselben Schwchen, Zerfahrenheiten,
Armseligkeiten, aber auf viel mehr Dnkel und falschen Schein. Und diesen
geschulten und raffinierten Leuten konnte ich die Niedertracht viel weniger
verzeihen als dem Bauer. Es begann in mir eine Art von Mitrauen gegen die so
laut gepriesene Bildung und Hochkultur aufzukommen. Ich wendete mich schon darum
mit Vorliebe den Naturmenschen zu. Selbstverstndlich bin ich der Roheit auch im
Bauerntume ausgewichen so gut es anging, und habe an ihm nur das Menschliche und
Seelische in meinen Schriften zu fixieren gesucht. Das Elend, dem nicht zu
helfen ist, kann kaum Gegenstand eines poetischen Werkes sein. Meine
Schilderungen und meine Novellen aus dem Volksleben mgen sich hier und da
scheinbar widersprechen; der Grund liegt darin, da ich als Schilderer meine
Stoffe aus der Regel, als Novellist meine Stoffe aus den Ausnahmen gezogen habe.
Im Ganzen glaube ich die Ausdehnung und Bedeutung meines Gebietes erfat zu
haben und die enge Beschrnkung meines Talentes zu erkennen. Jenen, die mich
darum etwa bedauern, sei bemerkt, da ich mich in dieser Beschrnkung niemals
beengt, sondern stets frei, reich und zufrieden gefhlt habe.
    Was ich jedoch fortwhrend vermite, das ist die Schulung, den grndlichen
und systematischen Unterricht in der Jugend. Das lt sich nicht mehr nachholen.
In den Lehrbchern unbewandert, hat man oft das Einfachste und Wichtigste fr
den Augenblick des Bedarfes nicht zur Stelle. Ein Beispiel aus der Grammatik:
Ich kann ber keine Deklination und Konjugation, ber keine Wortbezeichnung und
ber keinen Satzbau wissenschaftlich Rechenschaft geben. Ich habe z.B. das Wort
Anekdote wohl schon dreihundertmal geschrieben und wei es heute noch nicht auf
den ersten Moment, ob man Anektode oder Anekdote schreibt. So fehlte mir auch
jene gewisse, fr schriftstellerische Arbeiten so vorteilhafte Gewandtheit, die
aus allen Werken und Schriften rasch das Frdernde und Passende herauszufinden
und zu verwerten wei; das Studium ging, ohne mir seine Form als Handhabe zu
berlassen, allerdings sachte in mein Blut ber, so da mitunter manches, was
ich aus mir selbst zu schpfen glaubte, fremden Ursprungs sein mag, whrend ich
nicht leugnen will, da anderes, was ich aus irgendwelchen Grnden mit fremdem
Siegel versah, aus mir selbst gekommen ist.
    In der ersten Zeit meiner schriftstellerischen Ttigkeit hat mich wohl auch
die Eitelkeit ein bichen geplagt. Die Rezensionen ber meine Arbeiten fochten
mich nur wenig an. Waren sie schmeichelhaft, so hielt ich's fr
selbstverstndlich, da man mit mir Rcksicht habe, da man mein Wollen
anerkenne und ermuntere. Waren die Rezensionen absprechend, so konnte es mich
auch nicht wundern, da man meine vielleicht schlerhaften, jedenfalls noch
unreifen Erzeugnisse bemngelte. Ich hatte ber mich keine Meinung, und so sehr
mich meine Dichtungen whrend ihres Entstehens begeisterten, so gleichgltig
waren sie mir, nachdem ich sie vom Halse hatte.
    Als aber spter verschiedenerlei Auszeichnungen kamen, Lobpreisungen vom
Publikum, schmeichelhafte Zuschriften und Ehren von bedeutenden
Persnlichkeiten, Huldigungen von Korporationen, Gemeinden usw., da drohte mich
einmal der Wirbel zu berkommen. Aber nur vorbergehend. Im Hinblick auf die
Geschichte wirklich hervorragender Mnner, die man nicht gefeiert, sondern
gelstert hat, in Anbetracht der verschiedenen Ursachen, Hflichkeitssitten, des
Lokalpatriotismus oder etwa eines versteckten Eigennutzes, wurde mir die
Inhaltslosigkeit eines solchen Gefeiertwerdens bald klar. Und wenn ich den Tag
erlebe, da jene, die den steirischen Dichter einst vergtterten, ihn vergessen
oder miachten werden, so kann mich das nicht mehr treffen. Liegt in meinen
Schriften Wert, so werden sie sich durchschlagen; liegt keiner drin, so ist das
rasche Vergessenwerden der natrliche und beste Verlauf.
    Selbstverstndlich freue ich mich offenmtiger Bezeugungen von Wohlwollen
und Ehren, solche sind mir stets eine Besttigung des wohltuenden Eindruckes,
den ich durch meine Schriften auf die Mitmenschen gemacht.
    Ich gestehe allerdings, da meine schriftstellerische Ttigkeit lngst nicht
mehr ohne Absicht ist; ich will mitarbeiten an der sittlichen Klrung unserer
Zeit. Habe ich Beifall, so wird er mich der Sache wegen freuen, wird mich der
Freunde und Sttze berechtigen, deren ich bedarf.

    Im Januar 1872 starb meine Mutter. Sie hatte noch Freude gehabt an meiner
neuen Lebensbahn, die sie aber nicht begriff. Das Heimatshaus war den Glubigern
verfallen, sie starb nach jahrelangem Siechtum in einem Ausgedinghuschen, das
einsam zwischen Wldern stand. Mein Vater zog spter ins Mrztal, wo ihm nach
mancherlei neuerlichen Drangsalen ein freundlicheres Daheim gegeben wurde.
    Einige Zeit nach dem Tode der Mutter hatte es den Anschein, als wenn ich das
Siechtum von ihr geerbt htte. Ich krnkelte, konnte auf keine hohen Berge
steigen und war schwerfllig in meinen Studien und Arbeiten. Heckenast lud mich
auf sein Landgut zur Erholung. Aber dort wurde mir trotz der allerbesten Pflege
und liebevollsten Behandlung noch bler, und schon nach wenigen Tagen mute ich
meinem Freunde gestehen, da ich Tag und Nacht keinen Frieden htte, da ich
heim msse ins Waldhaus. Da fuhr Heckenast selbst mit in die Steiermark herein
und um reiste, um mich zu zerstreuen, mit mir in Kreuz und Quer durch das schne
Land.
    In demselben Sommer war es, als mir auf dem Waldwege nach meiner Heimat
Alpel etwas Auerordentliches begegnete. Nmlich ein zwanzigjhriges Mdchen aus
Graz, das mit seiner Freundin eine Bergpartie nach Alpel machte, um das
Geburtshaus des Lieblingspoeten zu sehen. Sie glaubte mich auf einer Reise in
weiten Landen und hatte mich vorher auch nicht persnlich gekannt. Die Liebe hat
mich in meiner Jugend oft geneckt, und ich sie, wie es in meinen Schriften
sattsam zu sehen. Aber als sie pltzlich da war, wirklich erschien - da war sie
mir unerhrt neu und gewaltig. - Die Folge jener Begegnung auf dem Waldwege ist,
da ein Jahr spter (1873) im Waldkirchlein Mariagrn bei Graz Anna Pichler und
ich uns frs Leben die Hnde reichen.
    Nun kam fr mich eine glckliche Zeit. Ich war wieder gesund. Wir fhrten
ein ideal schnes husliches Leben in Graz. Anna war die echte Weiblichkeit und
Sanftmut, und ihre weiche heitere Seele regte mich zu den besten poetischen
Schpfungen an, deren mein begrenztes Talent berhaupt fhig war. In jenen zwei
Jahren sind auch Die Schriften des Waldschulmeisters entstanden. Nach einem
Jahre wurde uns ein Shnchen geboren, in welchem sich unser Glck zur
denkbarsten Hhe steigerte. Im zweiten Jahre kam ein Tchterlein, und zwlf Tage
spter ist mir mein Weib gestorben.

    Ich begann wieder zu reisen, aber allemal schon nach kurzer Zeit zog's mich
zu den Kindern zurck. Ich begann wieder zu krnkeln; zu greren Arbeiten
fehlte mir die Stimmung, und doch mute ich nach einer strengeren, zerstreuenden
Ttigkeit suchen. Nun fiel mir damals ein alter Lieblingsplan ein, eine
Monatsschrift fr das Volk herauszugeben, mit der Tendenz, den Sinn fr
Huslichkeit, die Liebe zur Natur, das Interesse an dem Ursprnglichen und
Volkstmlichen wieder zu wecken. Ich begrndete 1876 die Monatsschrift
Heimgarten und fand an der altrenommierten Firma Leykam in Graz einen
tchtigen Verleger. Mir gelang es, die meisten meiner literarischen Bekannten
und Freunde, als Robert Hamerling, Ludwig Anzengruber, Eduard Bauernfeld, Alfred
Meiner, Rudolf Baumbach, August Silberstein, Friedrich Schlgl, ja die besten
Autoren der Zeit berhaupt zu Mitarbeitern des neuen Blattes zu gewinnen, das
heute noch besteht, geleitet von meinem Sohne Hans.
    Zu einer weiteren Ttigkeit veranlaten mich verschiedene Krperschaften des
In- und Auslandes, die mich einluden, in ihren Kreisen Vorlesungen aus meinen
Werken in steirischer Mundart zu halten, womit ich schmeichelhafte Erfolge
erzielte. Das wirkte ermunternd auf meinen Gemtszustand. (An dreiig Jahre lang
hielt ich nachher solche Vorlesungen, die endlich wegen sich steigernder
Krnklichkeit aufgegeben werden muten.)
    Trotz der unterschiedlichen Obliegenheiten und Aufgaben war ich unstet und
haltlos. Die Freude an meinen wohlgearteten, gedeihenden Kindern hatte zu viel
Schmerz in sich. Den kleinen Haushalt fhrte mir eine meiner Schwestern. Vielen
Dank schulde ich den Eltern meiner verstorbenen Gattin, welche mir in dieser
harten Zeit liebevoll beigestanden sind. Auf tatkrftiges Anraten Heckenasts
entschlo ich mich 1877, unweit von dem mehr und mehr in Wald verfinkenden Alpel
mir und den Kindern ein neues Heim zu schaffen. Ich baute in Krieglach ein
kleines Wohnhaus, wo ich die Sommermonate zuzubringen pflege, whrend ich die
Winter stets in Graz verlebe.
    Die Sorgen und das Vergngen, sowie die kleinen krperlichen Arbeiten,
welche das neue Huschen verursachte, taten mir wohl. Im Jahre 1878 erfolgte der
Tod meines Freundes Gustav Heckenast, nach welchem ich meine Vereinsamung
neuerdings hart empfand. Ich hatte ihn jhrlich mehrmals in Preburg besucht,
wohin er bersiedelt war; er kam zu mir nach Steiermark, oder wir gaben uns in
Wien ein Stelldichein. Auch standen wir in lebhaftem Briefwechsel, und seine
Briefe enthalten Schtze von Herzlichkeit und Weisheit. In meiner Betrbnis ber
den neuen Verlust mied ich die Menschen und strebte am liebsten den finsteren
Wldern zu und schaute andererseits doch wieder nach Genossen und Freunden aus.
In der Haltlosigkeit eines unsteten Gemtes war mein Tun und Lassen nicht immer
zielbewut, woraus mir manches Leid entstand - mir und anderen. - Da nahm es
eine neue Wendung.
    In Krieglach lebte den Sommer ber die Familie Knaur aus Wien, die mir mit
groer Freundlichkeit entgegenkam und der ich gerne nahte. Die Anmut, sowie die
Vorzge des Geistes und des Herzens der Tochter Anna veranlaten in mir
neuerdings die Sehnsucht nach einem verlorenen Glcke. Anna wurde (1879) mein
Weib, und so hat sich der Kreis der Familie wieder geschlossen, dessen Wrme und
Frieden fr meine Existenz, sowie fr meine geistige Ttigkeit das erste
Bedrfnis ist.
    Das Bild eines neuen, freundlichen Lebens breitete sich vor meinen Augen
aus; ein zweites Shnlein und unlang hernach zwei Tchterlein kamen, und sie
erfllten mich mit neuen Zukunftstrumen.
    Im Jahre 1880 bewarb sich die bekannte Firma Hartleben in Wien um den Verlag
meiner Werke, die dann nach meinem Rckkauf der Heckenastschen Rechte ihr
bertragen wurden. Die in den ersten Jahren sich freundlich gestaltete
Verbindung mit Hartleben mute wegen Differenzen geschftlicher und
autorrechtlicher Natur 1893 gelst werden. In diesem Jahre schlo ich einen
Vertrag mit dem Hause L. Staackmann in Leipzig, das spter auch meine Bcher aus
dem Hartleben-Verlage erworben hat. So war ich auf ein ruhiges, sorgloses
Geleise gekommen, und in dem wahrhaft freundschaftlichen Verhltnisse, das
zwischen Staackmann und mir sich herausgebildet hat und das in den zwanzig
Jahren durch keinen Hauch getrbt worden ist, habe ich meine Arbeitsfreudigkeit
wieder gewonnen und meine reiferen Bcher geschrieben.
    In meinem ueren Leben hat sich nicht mehr viel Neues zugetragen. Den
Frieden eines behaglichen Heims wahren mir Frau und Kinder, und beleben mir
zeitweilig vier muntere Enkel.
    Also ist aus dem Waldbauernbbel der Guckinsleben, aus diesem der
Schneiderbub, aus diesem der Student, aus diesem der Schriftsteller, und aus
diesem endlich der Grovater geworden. Innerlich aber ist mir beinahe ganz so
wie in den fernen Jugendtagen. - -
    So weit ist meine Lebensgeschichte vor Jahren aufgeschrieben worden. Seither
haben sie viele andere nacherzhlt, und wohl mit unbefangenerem Blick und
grerem Geschick als ich tun konnte. Ich selbst habe noch das Buch Mein
Weltleben, ersten und nun auch zweiten Band, geschrieben, in dem an die Jugend
anknpfend tiefer grndende Abschnitte meines seitherigen Lebens dargestellt
werden.
    Immer von neuem drngt mich meine Seele zur Arbeit, und immer von neuem
mahnt mich mein erschpfter Krper zur Rast. Es ist aber schwer zu ruhen, wenn
man als Mensch noch so vieles zu tun, als Schriftsteller noch so Manches zu
sagen htte!
    Ich ging als Schriftsteller einen Weg, der, wie sich's zeigte, nicht viel
betreten war; ich fhlte mich auf demselben oft vereinsamt, aber ich bin nicht
umgekehrt.
    Mir scheint nicht alles was wahr ist wert, vom Poeten aufgeschrieben zu
werden; aber alles, was er aufschreibt, soll wahr und wahrhaftig sein. Und dann
soll er noch etwas dazugeben, was vershnt und erhebt; denn wenn die Kunst nicht
schner ist als das Leben, so hat sie keinen Zweck. Furchen ziehen durch die
cker der Herzen, da Erdgeruch aufsteige, dann aber Samen hineinlegen, da es
wieder grne und fruchtbar werde - so wollt ich's halten.
    Ich habe es mit meinen Mitmenschen ja gut gemeint. Allerdings, sie haben
mich oft verdrossen. Obgleich ich das Glck hatte, zumeist mit vortrefflichen
Charakteren umzugehen, so habe ich doch auch die Niedertrchtigkeit kennen
gelernt und gesehen, mit welcher Wollust die Menschen imstande sind, sich
gegenseitig zu peinigen - Schndlichkeiten und beltaten stets unter einem
schnen, wenn nicht gar geheiligten Deckmantel verhllend. Ich habe Zeiten
durchlebt, da ich es fr die grte Narrheit hielt, den Leuten Gutes tun zu
wollen. Aber, wenn ich ihr Elend sah und das berma ihrer Leiden, da dauerten
sie mich. Ich bin ja einer von ihnen. Ich sehe den Jammer einer
jahrtausendelangen Geschichte, den sie sich selbst im blinden Ringen nach
glcklicheren Zeiten gemacht haben. Aber ich sehe auch, da wir heute lange
nicht auf dem rechten Fleck stehen. Lieber nach vorwrts und ins Ungewisse
hineinstrmen, als hier stehen bleiben! Aber wenn ich sehe, wie im rasenden
Flug, oder sagen wir, in der rasenden Flucht nach vorwrts das Gemt zu
Schaden kommt, dieses unser grtes Gut, und ich keinen Ersatz dafr zu ahnen
vermag, so blase ich zur Rckkehr in die Wildnisse der Natur, zu jenen kleinen,
patriarchalischen Verhltnissen, in welchen die Menschheit noch am natrlichsten
gelebt hat. Und wenn das auch nicht geht, weil's nicht gehen kann, dann ....!
    Nein doch, ich vertraue der Zukunft. Es werden Strme kommen, wie sie die
Welt noch nicht gesehen; aber wenn wir die groen Anbilder und Tugenden der
Besten unserer Vorfahren und der Wenigen von heute, die Schlichtheit, die
Opferwilligkeit, den Familiensinn, den Frohsinn, die Liebe, die Treue, die
Zuversicht in die Zukunft hinberzutragen vermgen, um sie neu zu beleben und zu
verbreiten, dann wird es gut werden.
    Ich habe mein schwaches Talent nicht vergraben. Ich habe mich nicht betren
lassen von jener Lehre, da der Poet neben dem Schnheitsprinzipe keine Absicht
haben solle, und auch nicht von jener, die im Dichterwerk nur Zweck will, sei es
nach dem Moralischen oder dem Materiellen hin. Ich habe die Gestalt genommen,
wie sie das Leben gab, aber sie nach eigenem Ermessen beleuchtet. Ich habe die
hellsten Lichtpunkte dorthin fallen lassen, wo ich glaube, da das Schne und
Gute steht, damit entschwindende Gter wieder ins Auge und Herz der Menschen
dringen mchten. Des Niedrigen habe ich gespottet, das Verderbliche bekmpft,
das Vornehme geehrt, das Heitere geliebt und das Vershnende gesucht. Mehr kann
ich nicht tun.
    Soll es nun heute sein, oder in noch spteren Tagen, willig mag ich meinen
morschen Wanderstab zur Erde legen, willig meinen Namen verhallen lassen, wie
des heimkehrenden lplers Juchschrei verhallt im Herbstwind. Aber ich - ich
selbst mchte mich an dich, du liebe, arme, unsterbliche Menschheit klammern und
mit dir sein, durch der Jahrhunderte Dmmerung hin - und Weg suchen helfen - den
Weg zu jener Glckseligkeit, die das menschliche Gemt zu allen Zeiten geahnt
und gehofft hat.
                                                                 Peter Rosegger.

Weg nach Winkelsteg.
    Diese Worte standen am Holzarm. Aber der Regen hatte die altfrmigen
Buchstaben schier verwaschen und der Balken selbst wackelte im Wind.
    Ringsum ist struppiger Tannenwald; ber demselben stehen ein paar uralte
Lrchen empor, deren kahles Geste weit hineinragt in den Himmel. In der Tiefe
einer felsigen Schlucht braust Gewsser. Unzhligemale hat die alte Bergstrae
mittels schiefer, halb eingesunkener Holzbrcken ber diesen Alpenbach gefhrt,
bis da herein, wo der Bergwald rechts sich lichtet und zwischen den Wipfeln zum
erstenmale die Gletscher niederleuchten auf den Wanderer, der aus bevlkerten
Gegenden kommt.
    Der Wildbach giet von den Gletschern her. Die Strae aber wendet sich
links, milderen Waldgelnden zu, um nach den und Wildnissen endlich wieder in
belebte Ortschaften einzuziehen. Dem Flugebiet entlang zieht nur ein
verschwemmter steiniger Hohlweg, ber welchen der Sturm Fichtenstmme geworfen
hatte, die nun seit Jahrzehnten lehnen und dorren.
    Hier am Scheidewege auf dem Felsen stand ein hohes hlzernes Kreuz mit drei
Querbalken und den bildlich dargestellten Marterwerkzeugen, der heiligen
Leidensgeschichte, als: Speer, Schwammstab, Zange, Hammer und den drei Ngeln.
Das Holz war wettergrau und bemoost. Eng daneben stand der Balken mit dem Arme
und der Inschrift: Weg nach Winkelsteg.
    Dieses Zeichen wies den verwahrlosten steinigen Weg mit dem Geflle - gegen
das enge Hochtal, in dessen Hintergrunde die Schneefelder liegen. In fernster
Hhe, ber den licht sich hinziehenden Schneetchern ragt ein grauer Kegel auf,
an dessen Spitze Nebelflocken hngen.
    Ich sa auf einem Felsblock neben dem Kreuze und blickte zu jener grauen
Spitze empor. Das war der weit und breit berhmte und berchtigte graue Zahn -
das Ziel meiner Gebirgsreise.
    Als ich so dasa, hauchte jenes Gefhl durch meine Seele, von dem kein
Mensch zu sagen wei, wie es entsteht, was es bedeutet und warum es so sehr das
Herz beklemmt, gleichsam mit einem Panzer der Ergebung umgrtet, auf da es
gerstet sei gegen Etwas, das kommen mu. Ahnung nennen wir den wundersamen
Hauch.
    Ich htte vielleicht noch lnger geruht auf dem Steine und dem Tosen des
Wildwassers gelauscht; allein mir schien, als strecke sich Holzarm immer lnger
und lnger aus, und zum Mahnrufe wurden mir die Worte: Weg nach Winkelsteg.
    Und wahrhaftig, als ich mich erhob, da sah ich, da mein Schatten schon ein
gut Stck lnger war, als ich selbst. Und wer wei, wie weit ab es noch lag, das
letzte und kleinste Dorf Winkelsteg.
    Ich ging rasch und sah nicht viel um. Ich merkte nur, da die Wildnis immer
grer wurde. Rehe hrte ich rhren im Wald, Geier hrte ich pfeifen in der
Luft. Es begann zu dunkeln, und es war noch nicht Zeit zum Nachten. ber dem
Gebirge lag ein Gewitter. Ein halb ersticktes Murren war zu hren, und nicht
lange, so erhob sich ein Grollen und Rollen, als ob all die Felsen und
Eiswuchten des Hochgebirges tausend- und tausendfach aneinander prallten. Die
Bume ber mir bogen sich mchtig hin und her und in den breiten Blttern eines
Ahorn rauschten schon die groen eiskalten Tropfen.
    Das Gewitter ging bis auf diese wenigen Tropfen vorber. Weiter drin aber
mute es rger gewesen sein, denn bald brauste mir im Hohlweg ein wilder
Giebach mit Erde, Steinen, Eis- und Holzstcken entgegen. Ich rettete mich an
die Lehne hinan und kam mit groer Mhe vorwrts.
    ber der Gegend lag nun Nebel und an den sten der Tannen stieg er nieder
bis zu dem feuchten Heidekraut des Bodens.
    Als er gegen die Abenddmmerung ging und als die Waldschlucht sich ein wenig
weitete, kam ich in ein schmales Wiesental, dessen Lnge ich des Nebel wegen
nicht ermessen konnte. Die Matten waren bedeckt mit Eiskrnern; der Bach hatte
sein Bett berschritten und hatte die Brcke fortgerissen, die mich htte
hinbertragen sollen auf das jenseitige Ufer, von wo mir durch das Nebelgrauen
ein weies Kirchlein und die Bretterdcher einiger Huser zuschimmerten.
    Es war frostig kalt. Ich rief hinber zu den Leuten, die am Wasser
arbeiteten, Holzblcke auffingen und den Flu zu regeln suchten. Sie schrien mir
die Antwort zurck, sie knnten mir nicht helfen, ich msse warten, bis das
Wasser abgelaufen sei.
    Bis so ein Giewasser abluft, das kann die ganze Nacht whren. Ich wage es
und will durch den Flu waten. Aber als sie drben diese meine Absicht bemerken,
winken sie mir warnend ab. Und bald stemmt ein groer, hagerer, schwarzbrtiger
Mann eine Stange an und schwingt sich mittels derselben zu mir herber. Dann
huft er hart am Ufer einige Steine bereinander und legt auf dieselben das
Brett, welches die anderen ber die Fluten herberschieben. - Dann nahm er mich
an der Hand und sagte: Nur fest anhalten! und fhrte mich ber das schaukelnde
Brett an das andere Ufer.
    Whrend wir ber dem Wasser schwebten, hub das Aveglcklein an zu klingen
und die Leute zogen ihre Hte ab.
    Der groe schwarze Mann geleitete mich ber die knisternden Eiskrner zum
Drfchen hinan. So ist es, brummte er unterwegs, lt der Herrgott was
aufwachsen, haut's der Teufel wieder in die Erden hinein. Die Kohlpflanzen sind
hin bis auf Stammel; und das letzte Stammel auch. Der Hafer liegt auf dem
Hintern und reckt seine Knie gegen den Himmel hinauf.
    Das Wetter hat so viel Schaden getan? sagte ich.
    Das seht Ihr, versetzte er.
    Und weiter drauen, da hat's kaum getropft.
    Das glaube ich. 's ist allemal nur uns Winkelstegern vermeint. Vom heutigen
Tag an darf sich eins den ganzen Sommer ber wieder nicht satt essen, wollen wir
fr den Winter den Magen nicht in den Rauchfang hngen. So antwortete er.
    Das Dorf bestand aus drei oder vier greren hlzernen Husern, einigen
Htten, rauchenden Kohlsttten und dem Kirchlein.
    Vor einem der greren Huser, an dessen Tr ein breiter, von vielen Tritten
zerschleifter Antrittstein lag, blieb mein Begleiter stehen und sagte: Kehrt
der Herr bei mir ein? Ich bin der Winkelwirt. Er deutete bei diesen Worten auf
das Haus, als ob das sein Ichselbst wre.
    Bald hernach war ich in der Stube. Die Wirtin nahm mir gar behende die
Reisetasche und den feuchten berrock ab und brachte mir ein paar Strohschuhe
herbei. Nur gleich das nasse Leder und die Schliefschuhe anstecken; nur fein
gleich, fein gleich, ein nasser Schuh auf dem Fu luft zum Bader! Nicht lange,
so sa ich trocken und bequem an dem groen Tische unter dem Hausaltar und unter
Wandleisten, auf welchen der Reihe hin buntbemaltes Ton- und Porzellangeschirr
lehnte. Auf dem Glsergestelle war eine Unzahl von Kelchflschchen umgestlpt
und der Wirt fragte mich gleich, ob ich Branntwein begehre. Ich verlangte Wein.
    Ist wohl kein Trpfel im Keller gewesen, so lang' das Haus steht, sagte
der Wirt unmutig, aber Holzapfelmost htt' ich einen rechtschaffenen guten.
    Das war mir schon recht; doch als er in den Keller gehen wollte, trippelte
sein Weib herbei, nahm ihm hastig den Schlssel aus der Hand: Geh, Lazarus,
schneuz' dem Herrn das Licht; sein geschwind, Lazarus, wirst schon dein Trpfel
noch kriegen.
    Ein wenig brummend kam er zum Tisch zurck, reinigte den Docht der
Unschlittkerze, sah mich eine Weile so an und fragte endlich: Der Herr ist
zuletzt gar unser neuer Schulmeister? - Nicht? So, auf den grauen Zahn hinauf
geht die Wander? Wird morgen wohl nicht gehen. Ist auch diesen Sommer noch kein
Mensch hinaufgestiegen.
    Das mu einer im Frhherbst tun; zur andern Zeit ist kein Verla auf das
Wetter. - Nu, wie man halt schon so nachgrbelt; ich hab' gemeint, der Herr
drft' der neue Schulmeister sein. Es versteigt sich sonst wunderselten einer da
herein, der nicht herein gehrt. Auf den neuen Schulmeister warten wir schon
alle Tag. Der alte ist uns durchgegangen; - hat der Herr nichts gehrt?
    So, Lazarus, tu schn fein plaudern mit dem Herrn, sagte die Wirtin im
zrtlichen Tone zu ihrem Manne, als sie mir den Most und zugleich auch die
Abendsuppe vorsetzte.
    Das Weib war nicht mehr zu jung, aber es war das, was die Wldler
kugelrund nennen. Sie hatte ein zweifaches und unter demselben, um den vollen
Hals, eine Silberkette. Ihre uglein guckten klug und mild hervor, wenn sie
sprach, und wenn sie, mit jedem Winkel und Nagel des ganzen Hauses bekannt und
verwachsen, lustig in allen Ecken und Enden herumregierte. Wie im Scherze
regelte sie alles und redete mit dem Gast und lachte mit dem Gesinde in der
Kche und im Vorhause. Da jetzt der Schauer wieder alles zerschlagen, sei
freilich nicht gar lustig, meinte sie, aber besser sei es allerwege, das Eis
falle vom Himmel auf die Erde, als wenn es von der Erde auf den Himmel fiele und
da oben auch noch alles in Scherben schlge. Da htt' eins schon gar nichts mehr
zu hoffen. Und wie sie so die Sache auslegte, sprudelte die Frhlichkeit
ordentlich aus ihr hervor, und der ganze Kreis um sie war heiter; und jedes
schien sich so gehen zu lassen in dem, was es tat, empfand und sagte; aber es
ging doch alles nach der Schnur.
    Ihr habt eine treffliche Wirtin, sagte ich zum Wirt.
    Das wohl, das wohl, besttigte er leise und lebhaft, brav ist sie, meine
Juliana, aber halt - aber halt - Das Wort blieb ihm im Halse stecken, oder
vielmehr, er zerbi es, drckte und prete es hinab; auf sprang er und die Hnde
am Rcken geballt schritt er ber die Stube und wieder zurck und go sich ein
Glas Wasser in die Gurgel.
    Dann setzte er sich auf die Bank und war ruhig. Aber es war noch nicht ganz
gut, er hatte die Fuste geschlossen und starrte auf den Tisch. - Ich habe
einmal auf einem Jahrmarkt einen Araber gesehen, eine mchtig hohe Gestalt,
knochig, hager, rauh und lederbraun, schwarz und vollbrtig, glutugig, mit
langer, scharf gebogener Nase, schneeweien Zhnen, mit dichten Brauen und einem
weichen, wollartigen Haarfilze - vllig so sah der Mann aus, der jetzt schier
unheimlich vor mir brtete.
    s gibt kein Weibel mehr, so herzensgut und getreu, murmelte er pltzlich;
weitere Worte zermalmte er zwischen den Zhnen.
    Ich sah, der Mann war in einer peinlichen Stimmung; ich suchte ihn aus
derselben zu erlsen.
    Also durchgegangen, sagt Ihr, ist der alte Schulmeister?
    
    Da hob der Wirt seinen Kopf: Man kann just nicht sagen, da er
durchgegangen ist; es hat ihm nichts weh getan bei uns. Ich denk', wer fnfzig
Jahr in Winkelsteg Schullehrer, oder was wei ich, alles ist, der luft im
einundfnfzigsten nicht davon wie ein Rodieb.
    Fnfzig Jahre dahier Schullehrer! rief ich.
    Schullehrer und Arzt und Amtmann und eine Weil' auch Pfarrer ist er
gewesen.
    Und ein Halbnarr ist er auch gewesen! schrie einer vom Nebentische her, wo
sich mehrere schwarze Gesellen, etwa Holzer und Kohlenbrenner, bei
Schnapsglsern niedergelassen hatten. Ja freilich, rief die Stimme, da
drauen bei der Wacholderstauden ist er die lngste Zeit gehockt und hat mit dem
Wisch geschwtzt, und ich vermein', den Gimpeln hat er das Singen lehren wollen
nach Noten. Hat er wo einen scheckigen Falter erspht, so ist er ihm
nachgeholpert den ganzen halben Tag; - ein Halterbbl knnt' nicht kindischer
sein. Hat ihn 'leicht gar so ein Tier fortgelockt, hat der Alte nimmer
heimgefunden, ist liegen blieben im Wald.
    Zur Weihnachtszeit fliegen keine Falter herum, Josel, sagte der Wirt halb
berichtigend, halb verweisend, und da er in der Christnacht ist in Verlust
geraten, das wirst wissen.
    Der Teufel hat ihn geholt, den alten Sakermenter! grhlte eine andere
Stimme in dem finsteren Winkel der Stube am groen Kachelofen. Als ich
hinblickte, sah ich in der Dunkelheit die Funken eines Feuersteines sprhen.
    Mut nit, Schorschl, mut nit so reden! sagte einer der Khler, mut
bedenken, der alte Mann hat schneeweies Haar gehabt!
    Ja, und Hrner unter demselben, rief's vom Ofen her, 'leicht hat ihn
keiner so gekannt, den alten Schleicher, wie der Schorschl! Meint Ihr, er htt's
nit abgemacht gehabt mit den groen Herren, da wir keine was haben gewonnen
beim Lotterg'spiel (Lotterie)! Wesweg hat denn der Kranabetsepp gleich in der
zweiten Woch', da der Schulmeister ist weggewesen, einen Terno gemacht? Der
bucklig' Duckmauser selber hat freilich Geld gehabt; hat's vergraben, auf da,
was er selber nit braucht, die armen Leut' auch nit brauchen sollen. O - 'leicht
knnt' einer andere Geschichten erzhlen, wren nicht so gewisse Leut' in der
Stuben.
    Die Stimme schwieg; man hrte nur das Pauffen der rauchsaugenden Lippen und
das Zuklappen eines Pfeifendeckels.
    Der Wirt stand auf, warf seinen Lodenwams weg und ging in flatternden
Hemdsrmeln einige Schritte gegen den Ofen. Mitten der Stube stand er still So,
gewisse Leut' sind in der Stuben, sagte er gedmpft, Schorschl, dasselb'
deucht mich selber; aber nit beim redlichen Tisch sitzen sie vor aller Leut'
Augen; im stockfinsteren Winkel ducken sie sich, wie nichtsnutzige Schelm', -
Er brach ab, man merkte es, wie er sich Gewalt antat, gelassen zu bleiben; er
zog sich schier krampfhaft zusammen, aber er bleib stehen mitten in der Stube.
    Freilich, freilich, die Branntweinbrenner haben den Alten nicht leiden
mgen, sagte einer der Khler. Dann zu mir gewendet: Bester Herr, der hat's
gut gemeint! Gott trst' seine arme Seel'! - Hat noch die Orgel gespielt in der
heiligen Nacht, aber in der Christtagsfrh ist kein Gebetluten gewesen. Den
Reiter Peter - das ist halt unser Musikant - hatt' er in der Nacht noch
angeredet, da der sollt' die Musik fr den Christtag bernehmen; das ist sein
letztes Wort gewesen, und weg ist der Schulmeister. - Du heiliger Antoni, was
haben wir den Mann nicht gesucht! Spren hat man ihn nicht knnen, der Schnee
ist weit und breit, und gar im Wald drin, steinhart gewesen; hat jeden tragen,
so weit er hat wollen gehen. Ganz Winkelsteg ist auf gewesen, ist alle Wlder
abgegangen und alle Straen drauen im Land.
    Der Mann schwieg; ein Achselzucken und eine Handbewegung deuteten an, sie
htten den Schulmeister nicht gefunden.
    Und so haben wir Winkelsteger keinen Schulmeister, sagte der Wirt. Ich
fr mich brauch' keinen; ich hab' nichts gelernt und werd' nichts mehr lernen -
ich leb' so. Aber einsehen tu' ich's wohl, ein Schulmeister mu sein. Und so
sind wir Gemeindebauern und Holzleute halt zusammengestanden, da wir einen
neuen -
    Ich hatte in diesem Augenblick das Mostglas an den Mund gesetzt, um den Rest
des frischenden Trankes zu schlrfen. Und das war, als htte es dem Manne die
Sprache verschlagen. Er starrte nun auf das leere Glas, wollte dann sein
Gesprch wieder fortsetzen, schien aber kaum mehr zu wissen, wovon geredet.
    Ich denk' mir meinen Teil, versetzte einer der Kohlenbrenner, und ich
sag' dasselb', just und gerade dasselb' was der Wurzentoni sagt. Der alte
Schulmeister, sagt er, hat ein Stckel mehr verstanden, als Birnsieden, ein gut
Stckel mehr. Der Wurzentoni - nicht einmal, zehn- und hundertmal hat er den
Schulmeister gesehen aus einem kleinwinzigen Bchlein beten, und sind alles so
Sprchel drin gewesen und Zauber- und Hexenzeichen, lauter Hexenzeichen. Wr'
der Schulmeister im Wald wo gestorben, sagt der Wurzentoni, so htt' man den
Toten finden mssen, und htt' ihn der Teufel geholt, so wr' das Gewand
zurckgeblieben, denn das Gewand, sagt der Wurzentoni, ist unschuldig, ber das
hat der Teufel keine Gewalt, hat keine! - Ganz was anders ist geschehen, meine
Leut'! Der Schulmeister - verzaubert hat er sich, und so steigt er unsichtbar
Tag und Nacht in Winkelsteg herum - Tag und Nacht, zu jeder Stund'. Das ist,
weil er will wissen, was die Leut', in der Heimlichkeit tun und ber ihn reden,
und weil - -. Ich sag' nichts Schlechtes ber den Schulmeister, ich nicht. Wt
auch nicht was, bei meiner Treu, wt nicht was!
    Ei, tt der Teufel nicht mehr wissen, wie der schwarz' Kohlenbrenner,
hstelte die Stimme hinter dem Ofen, noch heut' tt der alt' Grauschdel die
Winkelsteger bei der Nasen herumfhren!
    Ein gereizter Lwe knnte nicht wtender aufspringen, als es jetzt der
derbe, finstere Wirt tat. Ordentlich sthnend vor Begier, strzte er hin in den
Ofenwinkel, und dort war ein angstvolles Aufkreischen.
    Da eilte die Wirtin Geh, Lazarus, wirst dich scheren mit diesem dummen
Schorschel da! Ist nicht der Mh' wert, da du desweg einen Finger krumm tust.
Geh, sei fein gescheit, Lazarus; schau, jetzt hab' ich dir dort dein Trpfel
hingestellt.
    Lazarus lie nach; der Schorschl huschte wie ein Pudel zur Tr hinaus.
    Lazarus hatte Haarlocken in der Faust. Knurrend schritt er gegen den Kasten,
auf welchem ihm sein Weib ein Glas Apfelmost gestellt hatte. Fast lechzend,
zitternd griff er nach dem Glase, fhrte es zum Mund und tat einen langen Zug.
Dann hielt er starren Auges ein wenig inne, dann setze er wieder an und leerte
das Glas bis auf den letzten Tropfen. Das mute ein frchterlicher Durst gewesen
sein. Langsam sank die Hand mit dem leeren Gef nieder; tief aufatmend glotzte
der Wirt vor sich hin.
    So verging die Zeit, bis die Wirtin zu mir kam und sagte: Wir haben ein
gutes Bett, da oben auf dem Boden; aber sag's dem Herrn fein g'rad heraus, der
Wind hat heut' ein paar Dachschindeln davongetragen und da tut's ein klein wenig
durchtrpfeln. Im Schulhaus oben wr' wohl ein rechtschaffen bequemes Stbel,
weil es fr den neuen Lehrer schon eingerichtet ist; und fein zum Heizen wr's
auch, und wir haben den Schlssel, weil mein Alter Richter ist und auf das
Schulhaus zu schauen hat. Jetzt, wenn sonst der Herr nicht gerade ungern im
Schulhaus schlft, so tt ich schon dazu raten. Ei beileib', es nicht
unheimlich, gar nicht; es ist fein still und fein sauber. Mich ducht, das ganze
Jahr wollt' ich darin wohnen.
    So zog ich das Schulhaus dem Dachboden vor. Und nicht lange nachher
geleitete mich ein Kchenmdchen mit der Laterne hinaus in die stockfinstere,
regnerische Nacht, den Htten entlang, an der Kirche hin ber den Friedhof, an
dessen Rande das Schulhaus stand. Das Rasseln des Schlssels an der Tr
widerhallte im Innern. Im Vorhause war es de und die Schatten der
Laternsulchen zuckten wie gehetzt an den Wnden hin und her.
    Da traten wir in ein kleines Zimmer, in dessen Tonofen helle Glut knisterte.
Meine Begleiterin stellte ein Licht auf den Tisch, schlug die braune Decke des
Bettes ber und zog aus dem Wandkasten eine Lade hervor, damit ich meine Sachen
dort unterbringe. Da rief sie auf einmal: Nein, das ist richtig, da wir uns
alle miteinander schmen mssen, jetzt liegen diese Fetzen noch da herum!
Sofort fate sie einen Armvoll Papierbltter, wie sie in der Lade wirr
herumlagen: Will euch gleich helfen, ihr verzwickelten Wische, in den Ofen
steckt' ich euch!
    Mut nicht, mut nicht, kam ich dazwischen, vielleicht sind Dinge dabei,
die der neue Lehrer noch brauchen kann.
    Verdrielich warf sie die Bltter wieder in die Lade. Es wre ihr in ihrer
Aufrumungswut sicher eine groe Lust gewesen, sie zu verbrennen, wie ja
unwissende Leute hufig das Verlangen haben, alles, was ihnen nutzlos dnkt,
sogleich zu vernichten.
    Der Herr kann des alten Schulmeisters Schlafhauben aufsetzen, sagte das
Mdchen hernach etwas schelmisch und legte eine blaugestreifte Zipfelmtze auf
das Kopfkissen des Bettes. Dann gab es mir noch einige Ratschlge wegen der
Trschlssel, sagte: So, in Gottesnamen, jetzt geh' ich! - und sie ging.
    Die uere Tr sperrte sie ab, an der inneren drehte ich den Schlssel um,
und nun war ich allein in der Wohnung des in Verlust geratenen Schulmeisters.
    Was war das fr ein sonderbares Geschick mit diesem Manne, und was waren das
fr sonderbare Nachreden der Leute? Und wie verschieden waren diese Nachreden!
Ein guter, vortrefflicher Mann, ein Narr, und gar einer, den zuletzt der Teufel
holt! -
    Ich sah mich in der Stube um. Da war ein wurmstichiger Tisch und ein brauner
Kasten. Da hing eine alte, schwarze Pendeluhr mit vllig erblindetem
Zifferblatte, vor welchem der kurze Pendel so emsig hin und her hpfte, als
wollte er nur hastig, hastig aus banger Zeit in eine bessere Zukunft eilen. -
Und meint ihr, ich htte von drauen herein nicht auch die Unruh der
Kirchturmuhr gehrt?
    Neben der Uhr hingen einige aus Wacholder geschnittene Tabakspfeifen mit
bermig langen Rohren; ferner eine Geige und eine alter Zither mit drei
Saiten. Sonst war berall das gewhnliche Hausgerte, vom Stiefelzieher unter
der Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand. Der Kalender war von
vorhergegangenem Jahre. Die Fenster waren bedeutend grer, als sie sonst bei
hlzernen Husern zu sein pflegen, und mit gepflochtenen Gittern versehen. In
diesen Gittern steckten verdorrte Birkenzweige.
    Da ich einen der blauen Vorhnge beiseite geschoben hatte, blickte ich
hinaus ins Freie. Es war finster, nur von einer Ecke des Kirchhofes her
schimmerte es wie ein verlorener Strahl des Mondes. Das war wohl das
Moderleuchten eines zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes. Der
Regen rieselte; es zog ein frostiger Windhauch durch die Luft wie gewhnlich
nach Hagelgewittern.
    Ich hatte die Alpenfahrt fr den nchsten Tag aufgegeben. Ich beschlo,
entweder in Winkelsteg schn Wetter abzuwarten, oder mittels eines Kohlenwagens
wieder davonzufahren. Brauen im Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft
wochenlang die feuchten Nebel, whrend drauen im Vorlande der helle
Sonnenschein liegt.
    Ehe ich mich ins Bett legte, whlte ich noch ein wenig in den alten Papieren
der Schublade herum. Da waren Musiknoten, Schreibbungen, Aufmerkbltter und
allerhand so Geschreibe auf grobem, grauem Papier. Es war teils mit Bleistift,
teils mit gelblichblasser Tinte, bald flchtig, bald mit Flei geschrieben. Und
da lagen zwischen Blttern geprete Pflanzen, entstaubte Schmetterlinge und eine
Menge Tier- und Landschaftszeichnungen, auch eine Karte von Winkelsteg, zumeist
gar recht unbeholfen gemacht. Aber ein Bild fiel mir doch auf, ein mit bunten
Farben bemaltes, komisches Bild. Es stellte einen alten Mann dar. Der kauerte
auf einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte Pfeife. Auf dem Haupte,
dessen Haare nach rckwrts gekmmt warn, hatte er eine plattgedrckte, schwarze
Kappe mit einem breiten, wagrecht hinausstehenden Schilde. Aber ein Knstler war
es doch, der das Bild gemacht; im Ausdruck des Angesichts war er zu spren. Aus
dem einen Auge, das ganz offen stand, blickte eine ernste und doch milde Seele
heraus; aus dem andern, das halb geschlossen nur so blinzelte, sah ein wenig
Schalkheit hervor. In einem Hause, aus dessen Fenstern lugen, ist's nicht gar
sonderlich arm und de. ber den, vom wohlwollenden Knstler vielleicht doch zu
rosig gehaltenen Wangen war es aber fast, als ob seinerzeit Wildbche Furchen
gerissen htten. Vllig spahaft hingegen nahm sich auf dem sonst glattrasierten
Gesichte der lange weie Spitzbart aus; er war unter dem vorgebeugten Kopfe wie
ein vom Kinne niederhngender Eiszapfen. Um den Hals war ein hellrotes Tuch
mehrfach geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknpft. Dann kam der Wall des
Rockkragens und der blaue Tuchrock selbst, ein Frack mit niederstrebenden
Taschen, aus deren einer der launige Knstler gar ein Zipfelchen hervorlugen
lie. Der Rock war eng zugeknpft bis hinauf unter dem Eiszapfen. Die Hofe war
grau, eng und sehr kurz; die Stiefel waren auch grau, aber weit und sehr lang. -
So kauerte das Mnnchen da und hielt mit beiden Hnden genuselig das lange
Pfeifenrohr, und schmauchte. Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch
....
    Der das Bild gemacht, ist ein groer Kauz gewesen; nach dem es gemacht, der
ist noch ein grerer gewesen. Einer oder der andere war sicher der alte
Schulmeister, der auf unerklrliche Weise verschwunden, nachdem er fnfzig Jahre
im Orte Lehrer gewesen. - Und unsichtbar stieg er in Winkelsteg herum, Tag und
Nacht - zu jeder Stund'!
    Ich stieg ins Bett und lag und sann. Ich ahnte freilich nicht, wer es
gewesen war, der das Haus gebaut und vor mir auf dieser Sttte geruht.
    Die Glut im Ofen knisterte matt und matter und war im Absterben. Drauen
rieselte der Regen, und doch lag eine Stille ber allem, so da mir war, als
hrte ich das Atemholen der Nacht. - Ich war im Einschlummern; da erhob sich
pltzlich ganz nahe ber mir ein lebhaftes Schallen, und mehrmals hintereinander
laut und lustig klang der Wachtelschlag. Ganz tuschend hnlich waren die Laute
dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde. Die alte Uhr war es gewesen, die
mir so seltsam die elfte Stunde verkndet hatte.
    Und der se Wachtelschlag hatte mein Sinnen und Trumen entfhrt hinaus auf
das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen, zu den blau leuchtenden
Blumenaugen, zu den gaukelnden Schmetterlingen - und so war ich eingeschlafen an
demselben Abende, im geheimnisvollen Schulhaufe zu Winkelsteg.

    Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte, so weckte mich der
Wachtelschlag wieder auf. Es war des Morgens zur sechsten Stunde.
    Im Stbchen atmete noch die weiche Wrme des Ofens; an den Wnden und auf
der Decke lag es bla wie Mondlicht. Und es mute die Sonne schon am Himmel
stehen; es war im Juli. Ich erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhnge
zurck. Die groen Scheiben waren grau angelaufen; nur hie und da lste sich
eine Tropfenperle und rollte hin und her zuckend nieder durch die unzhligen
Blschen und Trpfchen, hinter sich einen schmalen ziehend, durch welchen das
Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte.
    Ich ffnete das Fenster; frostige Luft ergo sich in das Zimmer. Der Regen
hatte aufgehrt; an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter
Eiskrner, mit niedergeschlagenen Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln
gemischt. An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter des Daches; die Fenster der
Kirche waren mit Brettern geschtzt. Einige Eschen standen am Platze, da tropfte
es nieder von den wenigen Blttern, die der Hagel verschont hatte. Noch ragte
dort das verschwommene Bild eines Rauchfanges; was weiter hin war, das deckte
der Nebel.
    Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr
hervorgeholt. Langsam zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der alten
Schwarzwlderuhr, welches durch zwei aneinanderschlagende Holzplttchen den
schmetternden Schlag der Wachtel so tuschend gab. Hernach whlte ich, da es mir
zum Frhstck noch zu zeitig war, eine Weile in den Papieren der Lade herum. Ich
bemerkte, da auer den Zeichnungen, Rechnungen und jenen Bogen, die zu
Pflanzenmappen dienten, alle beschriebenen Bltter eine gleiche Gre hatten und
mit roten Seitenzahlen versehen waren. Ich versuchte die Bltter zu ordnen und
warf zuweilen einen Blick auf deren Inhalt. Es waren tagebuchartige
Aufzeichnungen, die sich auf Winkelsteg bezogen. Die Schriften waren aber so
voll von eigenartigen Ausdrcken und regellos geformten Stzen, da Studium und
eine Art bersetzung ntig schien, um sie der Verstndlichkeit zuzufhren.
    Die Mhe duchte mir gleich anfangs nicht abschreckend, denn ich hoffte hier
Urkunden des so entlegenen Alpendrfchens und vielleicht gar aus dem Leben des
verschwundenen Schulmeisters zu finden. Indem ich emsig weiter ordnete und mit
dieser Arbeit schon vllig zur Rste kam, entdeckte ich pltzlich ein dickes
graues Blatt, auf welchem mit groen roten Buchstaben geschrieben stand: Die
Schriften des Waldschulmeisters.
    So hatte ich nun gewissermaen ein Buch zusammengestellt; und das Blatt mit
den roten Lettern legte ich aufs Geratewohl obenan, als des Buches berschrift.
    Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte Stunde verkndet und auf dem
Kirchturme luteten zwei helle Glcklein zur Messe. Der Pfarrer, ein schlanker
Mann mit blassem Angesichte, schritt von seinem Hause die kleine Steintreppe
heran zur Kirche. Einige Mnner und Weiber zogen ihm nach, entblten noch weit
vor der Tr ihr Haupt, oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor und besprengten
sich andchtig am Weihwasserkessel des Einganges.
    Ich ging zur Tr hinaus und ber den hgeligen Sandboden hin. Und ich ging,
weil die Orgel gar so freundlich klang, zur Kirche hinein. Da war es auf den
ersten Blick, wie es in jeder Dorfkirche ist - und doch ganz anders.
    Je rmer sonst so ein Kirchlein ist, je mehr Silber und Gold sieht man an
ihm funkeln; alle Leuchter und Gefe sind von Silber, alle Verzierungen und
Heiligenrcke und Engelsflgel und gar die Wolken des Himmels sind von Gold.
Aber es ist nur Schein. Ich kann jenem Bauersmann nicht Unrecht geben, der, als
er in der Kirche einmal Menerdienste verrichten mute und dabei in nhere
Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altren gekommen, ausrief: Wie unsere
Heiligen von weitem funkeln und vornehm sind, so meint man, was der tausend wir
fr Himmelsmnner haben, und wenn man sie in der Nhe anschaut, ist alles Holz.
    In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das anders. Freilich war auch da alles
aus Holz und grtenteils aus ganz gewhnlichem Fichtenholz, aber es war nicht
geschminkt mit Goldglanz, schreienden Farben, Geflunker und Gebnder und was
sonst solchen Zierat gibt; es war, wie es war, und wollte nicht anders sein.
    Die Kirchenwnde standen in mattem Grau und waren fast leer. In einer Ecke
des Schiffes klebten ein paar Schwalbennester, deren Bewohner heute auch bei dem
Gottesdienste bleiben und dem Herrn nach ihrer Art das Sanctus sangen. Den
Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die Kanzel und die Betsthle - man sah
es wohl - hatten heimische Zimmerleute ausgefhrt. Der Taufstein hatte auch sein
Lebtag keinen Steinmetz und der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen. Aber es war
Geschmack und Zweckmigkeit in allem. Der Altar war ein wrdevoll dastehender
Tisch, zu welchem drei breite Stufen emporfhrten. Er war bedeckt mit einfachen
weien Linnen, und in einem Gezelte aus weier Seide, zwischen sechs schlanken,
aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand das Heiligtum. Was mir aber am
meisten auffiel, was mich rhrte, fast erschreckte, das war ein nacktes groes
Kreuz aus Holz, welches ber dem Zelte ragte. Dieses Kreuz mochte nicht immer da
oben gestanden haben; es war wettergrau, der Regen hatte die Fasern
hervorgewaschen, die Sonne hatte Spalten gezogen. - Das war der Winkelsteger
Altarbild. Ich habe nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen
gehrt, als es dieses stille Kreuz tat auf dem Altare.
    Dann fiel mir noch ein Zweites auf, was fast abstach von der Armut und
Einfachheit, so in diesem Gotteshause herrschte, was aber die Stimmung und Ruhe
nur noch erhhte. An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster
mit Glasmalereien. Sie tauten ein rosiges Dmmerlicht ber den Altar.
    Der Priester verrichtete die Handlung; die wenigen Anwesenden knieten in den
Sthlen und beteten still; und die mild tnende, wie in Ehrfurcht leise
zitternde Orgel betete mit, war wie eine flehende Frsprache vor Gott fr die
arme Gemeinde, die seit gestern, da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet,
neuen Kummer trug.
    Als die Messe zu Ende war und die Leute sich erhoben, bekreuzten, die
Kniebeugung machten und davongingen, stieg ein hbscher junger Mann die
Chorstiege herab. Ich fragte ihn vor der Kirchtr, ob er es sei, der die Orgel
gespielt habe. Er neigte den Kopf. Er schritt gegen das Drfchen hinab; ich ging
mit ihm und suchte ein Gesprch anzufangen. Er sah mir mehrmals treuherzig ins
Gesicht, aber er sagte kein Wort; und er wendete sich bald und schritt abseits
gegen den Bach. Nachher habe ich erfahren, da er stumm ist.
    Und endlich sa ich im Wirtshause bei meinem Frhstck. Es bestand aus einer
Schale Milch mit gebranntem Kornmehl gewrzt. Das ist der Winkelsteger Kaffee.
    Und nun - was gedachte ich zu tun?
    Ich teilte der heiteren Wirtin meine Absicht und meinen Wunsch mit: das
ungnstige Wetter in Winkelsteg abzuwarten, im Stbchen des Schulhauses zu
wohnen und die Schriften des Schulmeisters zu lesen - wenn ich dazu Erlaubnis
htte.
    O mein Gott, ja, von Herzen gern! rief sie, wen wird der Herr denn irren,
da oben! Und das alte Papierwerk schaut sonst auch kein Mensch an - wt' nicht,
wer! Davon kann sich der Herr aussuchen, was er will. Der neue Schulmeister wird
schon selber so Sachen mitbringen. Glaub's aber dieweil noch gar nicht, da
einer kommt. Ja freilich mag der Herr oben bleiben und ich la ihm fein warm
heizen.
    So ging ich wieder hinauf zum Schulhause. Nun sah ich es von auen an. Es
war recht bequem und zweckmig gebaut, es hatte ein flaches, weit
vorspringendes Schindeldach, und es hatte in diesem Vorsprunge und in seinen
hellen Fenstern eine Art Verwandtschaft mit dem gutmtig schalkhaften
schildkppchenbedeckten Antlitze jenes Alten auf dem Bilde.
    Dann trat ich in das Stbchen. Es war bereits aufgerumt und im Ofen
knisterte frisches Feuer. Durch die hellen Fenster starrte zwar der dstere Tag
mit dem tief auf die Bergwlder hngenden Nebel herein, aber das machte das
Stbchen nur noch traulicher und heimlicher.
    Die Bltter, die ich am Morgen in Ordnung gebracht hatte, die rauh und grau
vergilbt waren und eng beschrieben, Zeile an Zeile, die nahm ich nun aus der
Schublade und setzte mich damit zum rein gescheuerten Tisch am Fenster, so da
das Tageslicht freundlich auf ihnen ruhen konnte.
    Und was hier ein seltsamer Mann niedergeschrieben hatte, das begann ich nun
zu lesen.
    Was ich las, das gebe ich hier, besonders dem Inhalte nach, schlecht und
recht wieder.
    Doch mute an der Urschrift in der Form manches gendert und geglttet, es
mute gestrichen, ja beigefgt werden, wie es zum Verstndnisse ntig, und so
weit es mir nach Durchforschung der Zustnde erlaubt und mglich war. Ferner
muten die absonderlichen Ausdrcke in Klarheit, die regellos hingeworfenen
Stze in Regeln und Zusammenhang gebracht werden. Indes sei bemerkt, da ltere
Sprachformen und Wendungen, die in den Blttern sich vorfanden, tunlichst
beibelassen wurden, um der Schrift von ihrer Eigenart zu wahren.
    - - - Das erste Blatt sagt nichts und alles; es enthlt vier Worte:

                      Die Schriften des Waldschulmeisters



                                 (Erster Teil)

                Lieber Gott!

Ich gre Dich und schreibe Dir eine Neuigkeit. Heute ist mein Vater gestorben.
Er ist schon zwei Jahre krank gewesen. Die Leut' sagen, es ist ein rechtes
Glck. Die Muhme-Lies sagt es auch. Jetzt haben sie den Vater schon
fortgetragen. Der Leib kommt in die Totenkammer, die Seel' geht durch das
Fegfeuer in den Himmel hinauf. Lieber Gott, und da htt' ich jetzt recht eine
schne Bitt'. Schick meinem Vater einen Engel entgegen, der ihn weist. Fr den
Engel leg ich mein Patengeld bei; es sind drei Groschen. Mein Vater wird recht
eine Freud' haben im Himmel, und fhr' ihn gleich zu meiner Mutter. - Ich gre
Dich tausendmal, lieber Gott, den Vater und meine Mutter.
                                                                Andreas Erdmann.

                                                     Salzburg, im 1797-ger Jahr,
                                                          am Apostel Simonitag.

    Dieser Brief ist zufllig erhalten geblieben, mit ihm hebe ich an. Ich wei
noch den Tag. Ich habe in meiner sehr groen Einfalt die drei Groschen wollen in
das Papier legen. Kommt selbunter die Muhme-Lies herbei, liest mit ihrem
Glasauge die Schrift und schlgt die Hnde zusammen. Du bist ein dummer Junge!
ruft sie aus, ein sehr dummer Junge! Eilends nimmt sie mein Patengeld, luft
davon und erzhlt meine Sach' im ganzen Hause, vom Torwartgela an bis hinauf
zum dritten Stock, wo ein alter Schirmmacher wohnt. Jetzt kommen die Leut' alle
miteinander zusammen in unser Zimmer herein, zu sehen, wie ein sehr dummer Junge
denn ausschaut.
    Gelacht haben sie, und so lang' haben sie gelacht, bis ich anfang' zu
weinen. Jetzund haben sie noch rger gelacht. Der alte Schirmmacher mit seinem
himmelblauen Schurz ist auch da; der hebt die Hand auf und sagt: Ihr
Herrschaften, das ist ein nrrisches Lachen; etwan ist er gescheiter, wie ihr
alle miteinand. Geh her zu mir, Bblein; heute ist dein guter Vater gestorben;
deine Muhme ist viel zu gescheit und ihr Haus zu klein fr dich, du
kleinwinziger Bub'. Geh mit mir, ich lehre dich das Regenschirmmachen.
    Was hat jetzo die Muhme gegreint berlaut! Aber das kann ich mir denken:
insgeheim ist es ihr recht gewesen, da ich mit dem Alten die zwei Treppen
hinaufgestiegen bin.
    Selbunter, wie mir mein Vater gestorben, werd' ich im siebenten Jahr gewesen
sein. Ich wei nur, da meine Eltern mit mir bis zu meinem fnften Jahr im
Waldland gelebt haben. Im Waldland am See. Felsberge, Wald und Wasser haben die
Ortschaft eingefriedet, in der mein Vater Salzwerksbeamter gewesen. Wie die
Mutter gestorben, hebt mein Vater krnkeln; hat seine Stelle aufgeben mssen,
ist mit mir zu seiner wohlhabenden Schwester in die Stadt gezogen. In einem
leichteren Amt hat er wieder arbeiten wollen, um seiner Schwester, die sich
stets der Tugend der Sparsamkeit beflissen, Dach und Nahrung redlich erstatten
zu knnen. Aber in der Stadt ist er krank Jahr und Tag; nur da er mir zur Not
das Lesen und Schreiben lehrt, sonst hat er gar nichts getan. Und es ist
gekommen, wie ich es im frhern aufgeschrieben habe.
    Bei dem alten Mann im dritten Stock bin ich mehrere Jahre gewesen. Wie er,
so habe auch ich einen himmelblauen Brustschurz getragen. Man erspart dadurch an
Gewand. In der ersteren Zeit bin ich mehrmals zur Muhme hinabgegangen auf
Besuch; aber sie hat mich fortweg und solange einen sehr dummen Jungen geheien,
bis ich nicht mehr hinabgegangen bin. Selbunter hat mein Meister einmal das Wort
gesagt: Gib acht, Andreas, da du nicht so gescheit wirst wie deine Frau
Muhme!
    Wir haben lauter blaue und rote Regenschirme gemacht, haben sie dann in
groen Bnden auf Jahrmrkte getragen und verkauft. Einen breiten Schirm haben
wir ber unsere Ware gespannt, und die Marktbude ist fertig gewesen. Und wenn
das Geschft so gut ist gegangen, da wir letztlich auch die Bude verkauft, so
sind wir allbeide in ein Wirtshaus gegangen und haben uns was gut sein lassen.
Ansonsten aber haben wir die Ware in Bnden wieder nach Hause getragen und
daheim eine warme Suppe genossen.
    Wie mein Meister ber die siebzig Jahre alt ist, wird ihm die Welt nicht
mehr recht; hat mssen eine andere haben - ist mir gestorben. Gestorben wie mein
Vater.
    Ich bin der Erbe gewesen. Zweithalb Dutzend Schirme sind da; die pack' ich
eines Tages auf und trag sie dem Markte zu. Auf demselbigen Markt hab' ich Glck
gehabt. Er ist in einem Tal nicht gar weit von der Stadt; Menschen in berflu,
aber die wenigsten werden sich zur Morgenfrhe gedacht haben, sie gehen auf den
Markt, da sie Regenschirme kauften.
    Kommt zur Mittagszeit jhlings ein Wetterregen; wie weggeschwemmt sind die
Leute vom Platz, und mit ihnen meine Schirme. Ein alleinziger ist mir noch
geblieben fr mich selber, da ich trocken bliebe mitsamt meinem gelsten Geld.
Was luft doch ber den Platz ein Mann daher, da alle Lachen spritzen! Meinen
Regenschirm will er kaufen.
    Htt' ich selber keinen! sage ich.
    Hab' schon manchen Schuster barfu laufen sehen, lachte der Mann, aber
hrst, Junge, wir richten uns die Sach' schlau ein. Bist du aus der Stadt?
    Ja, sag ich, aber kein Schuster.
    Das macht nicht. Ein Wagen ist dahier nichts zu haben; so gehen wir
zusammen, Bursche, und bentzen den Schirm gemeinsam; letzlich magst ihn
behalten oder das Geld dafr haben.
    Gottesschad' wr's um den feinen Rock, den er anhat, denk ich, und sag: So
ist es mir recht.
    Arm in Arm bin ich, Schirmmacherbursch mit dem vornehmen Herrn in die Stadt
gegangen. Wir haben unterwegs miteinander geplaudert. Er hat es so zu fgen
gewut, da ich ihm nach und nach all meine Umstnde und meine ganze
Lebensgeschichte erzhlt hab.
    Der Regen hrte auf; die Sonne scheint, ich trage den Schirm noch offen ber
der Achsel, da er trocknen mag. Wir kommen zur Stadt, da will ich zurckbleiben
- nicht schicksam, da ich mit einem so feinen Herrn durch die Stadt gehe. Er
hat mich aber freundlich eingeladen, nur mit ihm zu kommen. Er hat mich zuletzt
mit in sein Haus gefhrt, hat mir Speise und Trank vorsetzen lassen, hat mich
endlich gar gefragt, ob ich nicht bei ihm bleiben wolle, er stehe einer Bcherei
vor und bentige in ihr einen Handlanger.
    Was wei ich unfertiger Mensch mit der Schirmmacherei anzufangen? Ich werde
Handlanger in der Bcherei.
    Damalen hab' ich's gut gehabt. Mit meinem Herrn bin ich zufrieden gewesen;
der hat mir das Regenschirmdach reichlich erstattet; kein Lftlein hat mich
beleidigt unter seinem Dach. Aber die Handlangerarbeit hat mir nicht von statten
gehen wollen. Der helle Frwitz ist's gewesen; mit jedem Buch, das ich zur Hand
bekommen, htt' ich auch gleich Bekanntschaft machen mgen. Allerweile hab ich's
mit den Aufschriftblttern und Inhaltsverzeichnissen zu tun gehabt, und ich hab
das, was mir insonderheit erfahrungswert geschienen, gar zu lesen angefangen.
Auf das Zurechtstellen und Ordnen der Bcher hab ich vergessen.
    Was sagt mein Herr eines Tages zu mir? - Bursche, fr das Auswendige der
Bcher bist du nicht zu brauchen, du mut in das Inwendige hinein. Mir dnkt es
gut, da ich dich in einer Lehranstalt unterbringe.
    Ja freilich, ja freilich - das ist mein heimlich Verlangen.
    Es wird gelingen, dich in die dasige Gelehrtenschule1 zu stellen, du wirst
rechtschaffen und fleiig sein, wirst Untersttzung finden; es geht rasch
aufwrts und kehr' die Hand, wird's heien: Herr Doktor Erdmann!
    Ganz hei wird mir bei diesen Worten. Nicht gar lange nachher und mir ist
noch heier geworden. Mein Brotherr hat es durchgesetzt; ich bin in die
Gelehrtenschule gekommen und schnurgerade mitten hinein in das Innere der
Bcher. Aber in der Schule, da werden einem trutz die allerlangweiligsten Bcher
in die Hand gegeben; die kurzweiligen sind allesamt verboten. Dinge, die mich
auswendig und einwendig gar nichts angegangen, hab ich mssen in meinen Kopf
hineinpressen. Das ist eine Pein gewesen; denn damalen haben mir meine Jahre und
Lebensumstnde den Kopf schon hbsch vollgepfropft gehabt mit anderen Dingen.
    Eine siebenfltige Speiskarte ist mein Wochenkalender gewesen. Mein
Mittagstisch ist gestanden: Am Montag bei einem Lehrer; am Dienstag bei einem
Freiherrn; am Mittwoch bei einem Kaufmann; am Donnerstag bei einem
Schulgenossen, der ein reicher Tuchmacherssohn gewesen und mich zu sich in einen
Gasthof geladen hat. Am Freitag hab ich bei einem alten Obersten gegessen; am
Samstag bei sehr armen Leuten in einer Dachstube, denen ich dafr die Kinder im
Rechnen unterrichtet; und am Sonntag bin ich bei meinem Schutzherrn gewesen, dem
Vorsteher der Bcherei. Auch habe ich von all diesen Menschen Kleider an meinem
Leibe getragen.
    So ist es jahrelang gewesen. Da hat mich mein Dienstag-Tischherr fr sein
Shnlein zum Hauslehrer bestellt. Jetzo ist's schon besser gegangen. Zuerst habe
ich den armen Leuten in der Dachstube das Mittagsmahl nachgelassen, aber die
Pflicht empfunden, den Unterricht ihrer Kinder doch fortzusetzen. Ein weiteres
ist gewesen, da ich einmal meinen Frack anziehe - der ist sehr fein und
vornehm, ist auch fr mich nicht gemacht worden - und meine Muhme besuche. Meine
Muhme macht zierliche Bcklinge und nennt mich ihren lieben, sehr lieben Herrn
Vetter.
    Wie freudig ich auch anfangs d'rein gegangen bin in meinem Lernen, es ist
mir gar bald verleidet worden. Da habe ich vormalen immer gemeint, in einer
Gelehrtenschule wrde man Himmel und Erde erfassen, und alles was darin ist, im
schnen Zusammenhange erkennen lernen; sie tun ja so, als ob sie das alles inne
htten, die Herren Gelehrten, wenn sie in hoher Wrde ber die Gasse gehen. Das
hat mich sauber betrogen. Fr einen, der nur studiert, um ein lustiger Student
sein zu knnen; fr einen, der nur lernt, um dereinstmalen als Gelehrter zu
prangen oder als solcher sein Brot zu erwerben - fr so einen mag diese
Gelehrtenschule taugen. Fr einen nach wahrem Wissen und Erkennen Strebenden
aber ist sie ein erbrmlich Ding. Ein sehr erbrmlich Ding.
    Schne Gegenstnde sind auf dem Lehrplan gestanden. Schon in den unteren
Abteilungen haben wir Erdbeschreibung, Geschichte, Me- und Grenlehre,
Sprachlehre usw. gehabt. Die verkehrte Welt ist's gewesen. In der
Erdbeschreibung haben wir statt Lnder- und Vlkerkunde nur die Gre der
Frstentmer und ihrer Stdte vor Augen gehabt. In der Geschichte haben wir,
anstatt der naturgemen Entwicklung der Menschheit nachzuspren, spitzfindige
Staatenklgelei getrieben; der Lehrer hat allfort nur von hohen Frstenhusern
und ihren Stammbumen, Umtrieben und Schlachten geschwtzt; sonst hat der Wicht
nichts gewut. In der Melehre haben wir uns mit Beispielen abgeplagt, die weder
der Lehrer noch der Schler verstanden und im Leben selten vorkommen. Die
Sprachlehre ist schon gar ein Elend gewesen. Ach, die schne arme deutsche
Sprache ist zugerichtet, da einem das Herz mcht' brechen. Seit vielen Jahren
ist sie von der welschen belagert, ja hochnotpeinlich auf die Folter gespannt.
Und wollt's ein deutscher Bursche einmal versuchen, seine reinen Mutterlaute
wieder zu Ehren zu bringen, allsogleich taten die hochgelahrten Herren
herbeistrzen mit ihrem Griechisch und Latein, um mit dem toten Buchstaben der
toten Sprachen auch den deutschen Laut zu tten. Ich wei recht gut, welchen
Segen die Sprache des Homer und Virgil in sich trgt; davon zeugt unser
Klopstock und Schiller. Aber die gelehrten Phariser, von denen ich rede, gehen
auf den Buchstaben und nicht auf den Geist. Mit berflssigen Dingen pferchen
sie uns den Kopf voll. Die unsinnigsten Lehrstze, vor Jahrhunderten von
verkehrten Kpfen erfunden, mssen wir auswendig lernen; .... ja, wenn ich all
das Erbrmliche wollte beschreiben! - Und wer das drre Zeug nicht mag und kann,
der wird von den Lehrern mihandelt. Wir sind schutzlos; sie haben uns in ihrer
Gewalt. Beliebt es ihnen, Spe zu machen, so mssen die uns ergtzlich sein.
Haben sie Zahnschmerz, so mssen wir es entgelten. Ach, das ist ein bses
Gehetze und Geplage; fr unbemittelte Bursche schon gar ein Elend!
    Whrend ich in der Anstalt gewesen, haben sich zwei Schler ums Leben
gebracht. - Auch gut, hat der Leiter der Schule gesagt, was sich nicht biegt,
das mu brechen. Und das ist die Grabrede gewesen.
    Da ist am ersten Tage nach einem solchen Selbstmord, da ich daran komme, in
der lateinischen Sprache ber das Wesen der rmischen Knige vor meinen Lehrern
und Lerngenossen eine Rede zu halten. Ich komme geradewegs von der Bahre meines
unglcklichen Kameraden und hocherregten Gemtes besteige ich den Redestuhl.
Ich will vergleichen zwischen den Rmern und den Deutschen, rufe ich, die
alten Tyrannen haben den Krper geknechtet, die neuen knechten den Geist. Da
drauen in der finsteren Kammer, verlassen und aller Ehre beraubt, liegt einer,
zu Tode gehetzt ....
    Ich mag noch einige Worte gesagt haben; dann aber nahen sie und fhren mich
lchelnd vom Redestuhl herab. Der Erdmann ist verwirrt, sagte einer der
Lehrer, nicht deutsch, sondern lateinisch soll er sprechen. Demnchst wird er's
besser machen.
    Bin nach Hause getaumelt wie ein Narr. Heinrich, der Tuchmacherssohn, mein
Tisch- und Schulgenosse, eilt mir nach: Andreas, was hast du getan? was hast du
geredet?
    Zu wenig, zu wenig, sage ich.
    Das wird dich verderben, Andreas; kehre sogleich um und leiste den Herren
Abbitte.
    Da lache ich dem Freunde in das Gesicht. Er fat mich jedoch bewegt an der
Hand und sagt: Wahr ist es, bei Gott, es ist wahr, was du gesprochen. Wir
empfinden es alle, aber just deswegen werden dir die Herren das Wort nimmer
verzeihen.
    Das sollen sie auch nicht, entgegne ich in meinem Trotze.
    Heinrich schweigt eine Weile und geht neben mir her. Endlich sagt er: Ein
wenig klger mut du werden, Andreas; und jetzt geh' und fasse dich.
    Meine Hand zittert, da sie das schreibt; es ist aber alles schon vorbei.
    Ein Jahr vor dieser obigen Begebenheit hat mir mein Freund Heinrich die
Unterrichtsstelle vermittelt, und zwar in dem vornehmen Hause des Freiherrn von
Schrankenheim. Meine Aufgabe ist nicht gro, einen Knaben habe ich zu
unterrichten und fr die Lehrgegenstnde der Hochschule vorzubereiten. In diesem
Hause ist es mir gut ergangen und ich habe nicht mehr ntig gehabt, mein
Mittagsbrot an verschiedenen Tischen zu erbetteln. Mein Schler Hermann, ein
prchtiger, lernbegieriger Jngling hat mich lieb gehabt. So auch seine
Schwester, ein auerordentlich schnes Mdchen - ich bin von Herzen ihr Freund
gewesen.
    Aber, wie die Zeit so hingeht, da wird mir zuweilen kindisch zumute, wird
mir fortweg schwler und unbehaglicher in dem reichen Hause. Ein wenig
ungeschickt und linkisch bin ich immer gewesen - jetzund wird's noch rger. Ich
habe keinen festen Boden unter den Fen und zuweilen kein rechtes Vertrauen zu
mir selber. Die Leute im Hause wissen es alle, da ich ein blutarmer Junge bin,
und sie vergessen es keinen Augenblick; sie zeigen sich gar mitleidig und selbst
die Dienerschaft will mir oftmals Geschenke zustecken.
    Gerade mein Zgling hat Feingefhl, ist lustig und zutraulich zu mir; und
das Mdchen - o Gott, o mein Gott, das ist ein schnes, schnes Kind gewesen.
    Wenn ich des Abends gewandelt bin auer der Stadt und ber entlegene Wiesen,
oder an buschigen Lehnen hin, und es hat mir ein Bltenblatt um das Haupt
getanzt, oder es ist mir eine Heuschrecke ber den Fu gehpft, da hab' ich
oftmals bei mir gedacht, was es doch eine Glckseligkeit wre, schn und reich
zu sein. Die Zwerge von dem nahen Untersberg und den Kaiser Karl habe ich
angerufen in meiner Einfalt. Hei ist mir geworden in der Brust; geschwrmt habe
ich von Blumen und Sternen und ihren Augen. - Von wessen Augen? Da schrecke
ich auf - Jesus, was ist das? Andreas, Andreas, was soll daraus werden? -
    Dazumal bin ich achtzehn Jahre alt gewesen. Aus Rand und Band bin ich eines
Tages zu meinem Freunde Heinrich gelaufen - hab' ihm alles anvertraut. Heinrich
hat mich sonst am besten verstanden von allen Menschen. Aber diesmal hat er mir
den Rat gegeben, ich mge mich bezwingen; es ginge fast allen jungen Leuten so
wie mir, aber es ginge vorber. - Kaum um fnf Jahre lter als ich, hat er so
gesprochen.
    So bin ich ganz allein. Da denke ich bei mir: Gleichwohl jung an Jahren,
kann ich die Sache doch auch ruhig berlegen - trutz altkluger Leute. Da ich
arm bin, das versprt keiner so, als ich selber; da ich bescheidener Herkunft
bin, das treibt mich, aus mir selber etwas zu machen. Recht hat er, ich werde
mich bezwingen; aber nur, wenn ich vor meinen Lehrern stehe. Ich werde meine
eigenmchtig strebenden Neigungen der Weile bezhmen und mich mit Flei und
Ausdauer der Anstalt unterwerfen. Trotz all des Unsinnes und der
Ungerechtigkeit, so durchlaufen werden mu, man in ein paar Jahren Doktor,
hochweiser Magister.
    Und hochweise Magister drfen um Freiherrntchter freien. Ein Mann, werde
ich hintreten und um sie werben. -
    Noch habe ich meine Absicht in mir verschlossen; habe mich aber mit festem
Willen meinem Studium ergeben, bin unter meinen Genossen einer der ersten
gewesen. Prchtig ist es vorwrts gegangen und meinem Ziele nher und nher.
Schon sehe ich den Tag, an welchem ich, ein Mann von Stand und Wrde, die
Jungfrau freien werde. Im Hause haben sie mich alle lieb; der Freiherr ist nicht
adelsstolz und mag vielleicht gerne einen Gelehrten zum Tochtermann haben. Bin
wohl in Freude und Glck gewesen. Da haben mich meine Lehrer bei der
Hauptprfung - niedergeworfen.
    Schnurgerade bin ich nach Hause gegangen an demselbigen Tag, bin hingetreten
vor den Vater meines Zglings: Herr, ich habe groen Dank fr Ihre Gte zu mir.
Lnger kann ich in Ihrem Hause nicht bleiben.
    Er sieht mich sehr verwundert an und entgegnet nach einer Weile: Was wollen
Sie denn beginnen?
    Ich mu fortgehen von dieser Stadt.
    Und wo werden Sie hingehen?
    Das wei ich nicht.
    Der gute Mann hat mir mit ruhigen Worten gesagt, da ich berspannt und wohl
krank sein msse. Was mir geschehen, knne auch anderen geschehen; er wolle mich
pflegen lassen, und im Frieden seines Hauses wrde ich mich wieder erholen und
bers Jahr die Prfung gewi mit Glck bestehen.
    Hierauf habe ich meine Absicht, fortzugehen, noch bestimmter dargetan; ich
habe es wohl gewut, die Ursache meines Falles ist die deutsche Rede ber die
lateinischen Knige gewesen, und in solchen Verhltnissen wrde ich eine
Hauptprfung nimmer bestehen. Heinrich hat recht gehabt.
    Gut, mein eigensinniger Herr, ist der Bescheid des Edelmannes, ich
entlasse Sie.
    Bei wem soll ich mich verabschieden? Bei meinem jungen Zgling? Bei der
Jungfrau? Herrgott, fhre mich nicht in Versuchung! Sie ist noch gar so jung.
Sie hat mich freundlich und heiter entlassen. Ein Schlucker geht davon, ein
gemachter Mann kehrt wieder zurck. Mehr Trotz als Mut ist in mir gewesen.
    Meine alte Muhme habe ich noch besucht. Jetzund, wie ich nicht mehr im
feinen Frack, sondern in einem groben Zwilchrock vor ihr stehe und ihr meinen
Entschlu sage, da ich fort ginge, fort, vielleicht zur Rechten, vielleicht zur
Linken hin - - da hat nicht viel gefehlt, da ich wieder die ausdrucksvolle
Bezeichnung bekomme. Nein, ruft sie, nein, aber du bist ein - ein - recht
absonderlicher Mensch! Da ist er schier ein braver, rechtschaffener Mann
gewesen, und jetzt - ach, geh' mir weiter!
    Sie ist meine einzige Verwandte auf der Welt.
    Zu Heinrich bin ich endlich gegangen: Ich danke dir zu tausendmal fr deine
Lieb', du getreuer Freund, wie tut es mir weh, da ich sie dir nicht lohnen
kann. Du weit, was geschehen ist. Wie du mich hier siehst, so gehe ich davon.
Habe ich etwas Bedeutendes vollbracht, so werde ich wiederkehren und dir
vergelten.
    Es ist mir nicht mehr erinnerlich, ob ich ihm von ihr auch noch was gesagt
habe. Jung, sehr jung bin ich freilich gewesen, als ich meinen Fu hab' in die
weite Welt gesetzt.
    Heinrich hat mich eine weite Strecke begleitet. Am Scheidewege hat er mich
gezwungen, seine Barschaft anzunehmen. Brust an Brust haben wir uns ewige Treue
gelobt, dann sind wir geschieden.
    O, Heinrich! du goldgetreues Herz, du hast es gut mit mir gehalten. Und wie
habe ich es dir gelohnt, mein Heinrich, mein Heinrich! ....

    Die Sonne geht von Morgen gegen Abend; sie hat mir meinen Weg gewiesen.
Ade, Welt, ich gehe nach Tirol! hab ich gesagt; im Tirolerland tun sich
jetzund die Leut' zusammen gegen den Feind. Der Hllenmensch Bonaparte fhrt die
Franzosen ein, will uns das Vaterland zertreten ganz und gar.
    Nach etlichen Tagen steig' ich zu Innsbruck die Burgtreppen hinan. Mit dem
Andreas Hofer will ich reden! sag' ich zum Torwart.
    Wer wehrt dir's denn! sagt der und stt seinen Spie auf den Marmelstein,
da es gerade klingt. Ich geh' durch der Zimmer dreie oder vier, eines vornehmer
wie das andere; groe Spiegel an den Wnden, gldene Kronleuchter an den Decken,
und gar der Fuboden glnzt, wo nicht bunte Webematten gebreitet sind, wie Glas
und Edelholz. Bauernbursche gehen aus und ein, singen, pfeifen, poltern, rauchen
Tabak und sind in Alpentracht von den derben Ngelschuhen bis hinauf zu dem
spitzen Hahnenfederhut. Letztlich stehe ich in einer groen Stube; sitzen ein
paar buerliche Mnner am Schreibtisch, ein paar andere stehen daneben, laden
ihre groen Pfeifen mit Tabak, halten bayerische Geldnoten ber eine brennende
Kerze und znden sich damit das Rauchzeug an.
    Will mit dem Andreas Hofer sprechen, sage ich. Sollt' warten, heit's, er
tt gerad' regieren. Ich stelle mich an. Allerhand Leute gehen aus und ein. Ein
junges Menschenpaar ist mir noch im Kopf, das ist arg verzagt, wie es eintreten
soll. Da sie uns gerad erwischt haben mssen! knirscht der Bursche der Maid
zu, desweg sag' ich ja allemal: nur in keiner Htten nit!
    Ach, leider Gottes! sagt sie, und jetzt setzen sie uns den Strohkranz auf
oder tun uns was anderes an, da wir uns nimmer haben knnen. Der Sandwirt ist
so viel gestreng.
    Sie werden vorgerufen. Da hre ich drinnen aufbegehren: Luderei leid' ich
keine! Wer seid's denn? - Der und die. - Seid's nit etwan blutsverwandt? -
Ah, das nit. - Habt's euch wirklich gern? Freilich wohl. - Auf der Stell'
z'sammheiraten!
    Ich habe meiner Tage nicht so viel lustige Gesichter gesehen, als die
gewesen, womit das junge Menschenpaar jetzund ist heraus und davongelaufen. Die
sind arm allzwei, und dennoch geht's so leicht. Nun komme ich daran.
    Da steht ein Mann in Hemdrmeln mit einem gromchtigen Vollbart auf: Was
willst denn?
    Ich will zur Wehr gehen!
    Der brtige Mann - es ist der Hofer ber und ber - schaut mich an und nicht
allzu laut sagt er: Bist gleichwohl noch recht jung. Hast Vater und Mutter?
    Nimmermehr.
    Bist vom Land Tirol?
    Nicht, aber gleich von der Nachbarschaft her.
    Wohl ein Studiosus? Willst Geistlich werden?
    Zur Wehr mcht' ich gehen und frs Vaterland streiten.
    Nun greift er in den Ledergurt, zieht Silbergeld heraus, legt's auf den
Tisch: Da, Bursche, Gott gesegne's; magst nach Wien gehen und dich beim Karl
werben lassen. Bist ein unerfahrener Mensch. Bist auch unser Landsmann nicht.
    Ich mach' meine Begrung und will mich kehren.
    He, da! ruft er mir nach, schiebt mir das Silbergeld vor.
    Ich sage meinen Dank. Das Geld brauch' ich nicht.
    Jetzund, wie ich gesagt, hebt dem Mann das Aug' an zu glhen: Das ist
wacker, das ist brav, ruft er. Kannst schreiben? Brauch' einen Schreiber, der
eine gute Schrift und ein gutes Gewissen hat.
    Mein Gewissen ist auch fr einen Soldaten gut genug, sage ich finster.
    He, Seppli! ruft drauf der Hofer, weis' dem Mann Messer und Stutzen bei!
- Schau, das ist brav! er pret mir die Hand, Arbeit werden wir schon kriegen,
selbander.
    Ich bin Kriegsmann, Tirolerschtz'. Arbeit hat es bald gegeben.
    Die Franzosen und die Bayern und etwan auch die sterreicher hinten haben es
nicht gelitten, da in der Burg zu Innsbruck ein Bauer sollt' Knig sein. Mit
Haufen ist der frher von den Tirolern dreimal geschlagene Feind eingebrochen
ins Land. Der Stutzen ist mir besser in die Hand gegangen, als ich vermeint. All
Vergangenes hab ich vergessen, nur meinen Freund Heinrich htt' ich an der Seit'
mgen haben gegen den Feind. Eine welsche Fahne hab' ich genommen, und wie ich
die zweit' will holen, haben sie mich ertappt. Drei brtige Franzosen haben mir
wtenden Knaben lachend das Wehrzeug abgenommen .... Gefangen haben sie mich
dann davongeschleppt, durch das Bayern- und Schwabenland hinein in das
Frankenreich.
    Ich mag die Zeit nicht wieder beschreiben. Eine Hundenot ist es gewesen.
Eine Hundenot, nicht weil ich drei Jahr' lang gelegen bin in der Gefangenschaft
eines fremden Landes; sondern weil ich ein Emprer gegen mein eigen Land. Gegen
unseres Kaisers Willen - hat es geheien - htten sich die Tiroler erhoben, denn
von seiner Hand seien sie den Bayern zugeteilt gewesen. Deutsche Landsleute
selber haben es gesagt, und so ist mein Herzensunglck angegangen. - Anstatt ein
Heldenwerk hast du eine bse Tat vollfhren helfen, Andreas; als Emprer liegst
du in Ketten.
    Von einem groen Feldzug nach Ruland und ins Morgenland hinein wird
gesprochen. Selbunter werde ich, wie viele andere meiner Landsleute, frei. Viele
andere haben der Heimat zugestrebt. Ich wei von einer Heimat nichts; darf
nichts wissen. Blutarme Narren, wie ich einer bin, sind in der Heimat bler
daran als anderswo. Und als Emprer, der ich nun bin, kehre ich schon gar nicht
heim. Ich will das arge Fehl shnen, da ich gegen den groen Feldherrn rechtlos
die Waffen gefhrt, ich will mit seinen Scharen ziehen, um die Vlker des
Morgenlandes befreien und der Hut des Abendlandes unterordnen zu helfen. - Ein
groes Ziel, Andreas, aber ein weiter Weg! Die Deutschen haben uns den Weg
schwer gemacht, aber der Feldherr ist wie ein Blitz hingefahren in die
zerrissenen Vlkerfetzen, die keinen groen Gedanken gehabt und keine groe Tat.
Und das Heer der Russen haben wir vor uns hingeschoben ber die wilden Steppen
und endlosen Schneeheiden, viele Wochen lang. Aber zu Moskau hat der Russe den
Feuerbrand geschleudert zwischen sich und uns, mitten in seine eigene Hauptstadt
hinein. - Jetzund stehen wir tief im Lande des ewigen Winters, und sind ohne
Halt und Sttte und Mittel. Mensch und Schpfung allmitsamt ist unser Feind
gewesen. Da hat's der Feldherr gesehen, es geht bs' in die Brch', und wir
haben uns zur Umkehr gewendet. - Ach groer Gott! Die weiten Sturmwsten, die
hundert Eisstrme, die unendlichen Schneefelder, die gewesen sind zwischen uns
und dem Vaterland! - Wer marschieren kann und seine erstarrten Beine mag
abschleifen bis auf die Knie; wer dem sterbenden Gefhrten den letzten Fetzen
vom Leib mag reien, um sich selber zu decken; wer das warme Blut will saugen
aus seinen eigenen Adern und das Fleisch von gefallenen Rossen und getteten
Wlfen will verzehren; wer mit den Decken des Schnees sich kann erwrmen und mit
den Wellen des Wassers und mit den Schollen des Eises versteht zu ringen, und
obendrein den Schreck und den Gram und die Verzweiflung wei zu besiegen -
vielleicht, da er seine Heimat sieht.
    Erstarrt wie mein Leib ist meine Seel' und mein Gedanken - in einer Wildnis,
unter den schneebelasteten sten einer Tanne bin ich liegen geblieben ....
    Ein rucherig Holzgela, und ein lebendig Feuer, und ein langbrtiger Mann
und ein braunfrbig Mdchen haben mich umgeben, als ich erwacht bin auf einem
Lager von Moos. Eine Pelzhaut ist auf meinem Krper gelegen. Drauen hat es wie
ein Wasser oder wie ein Sturm. - Das sind gute, freundliche Augen gewesen, die
aus den zwei Menschen mich angeschaut haben. Der Mann hat des Feuers gepflegt;
das Mdchen hat mir Milch in den Mund geflt. In ihrer rauhen Sprache haben sie
Worte gewechselt; ich hab' kein einziges verstanden. An Heinrich habe ich
gedacht, an den lieben Laut seiner Worte .... Mein Leib hat mich geschmerzt; der
Mann hat ihn in ein nasses Tuch geschlagen. Das Mdchen hat mir ein kleines
Kreuz mit zwei Gegenbalken vor die Augen gehalten und dabei etwas gemurmelt wie
ein Gebet. - Sie betet den Sterbesegen, Andreas!
    Du liebes Freundeshaus in Feindesland, was in dir weiter mit mir gewesen
ist, das wei ich nicht mehr zu denken. Das braune Mdchen hat seine Hand
oftmals an meine Stirne gelegt. Wr's dazumal dazu gekommen, es wr' ein schnes
Sterben gewesen. Es hat sich anders zugetragen. Noch heute hr' ich den Schlag,
der die Httentr hat zertrmmert. Kriegsgefhrten sind eingedrungen, haben den
alten Mann mihandelt und das braunfrbige Mdchen von meinem Lager gestoen.
Mich haben sie davongetragen, hin durch den Sturm und hin durch die Wildnisse -
dem Heere nach.
    Mir aber ist gewesen, als tten sie mich schleppen aus der Heimat fort ....
Gottes ist die Welt berall. Aber die Gefhrten haben mich nicht zurckgelassen;
das hat mich doch wieder im Herzen gefreut. Fest und treu will ich sein, will zu
ihnen halten und meinem groen Feldherrn dienen.
    Am Rhein bin ich genesen. Und zur neuen Frhjahrszeit ein neues Leben hab'
ich in mir empfunden. Ein Bursch, der dreiundzwanzig Jahre zhlt, hab' ich
geglht fr das Hohe und Rechte, fr das Gemeinsame, fr die Menschenbrder
aller Himmelsstriche; hab' in Begeisterung mit meinen Scharen ausgerufen: Ein
Gott im Himmel und ein Herr auf Erden! Er ist der Befreier, der Frstenhader
mu enden. Die Stmme mssen ein groes einiges Volk werden! - Solche Gedanken
haben mich begeistert. Des Feldherrn finsteres Aug', wie ein Blitz in der Nacht,
hat uns alle entflammt. Gegen das Sachsenland sind wir gezogen, um dort den
Streit fr unseren Herrn auszukmpfen, und das schne deutsche Land unter seinen
Schutz zu stellen.
    Bei Ltzen hab' ich einem welschen Feldherrn das Leben geschtzt; vor
Dresden hab' ich dem Blcher das Ro niedergeschossen; bei Leipzig hab' ich
meinen Heinrich erschossen .... - - - - - - - - - - -
    Andreas! das ist sein Todesschrei gewesen. An dem hab' ich ihn erkannt.
Mitten aus der Brust ist der Blutquell gesprungen. - -
    Jetzt kommt mir die Besinnung. Mein Gewehr hab' ich um einen Stein
geschlagen, da es zerschmettert; waffenlos bin ich in die Schlacht gerast; mit
seinem eigenen Schwert hab' ich einem Franzosenfhrer den Schdel gespalten.
    Was hat's gentzt? Ich hab' doch gegen mein Vaterland gestritten, gegen die
Brder, die meine Sprache reden, whrend ich meine welschen Gefhrten kaum
verstanden. Und ich hab' meinen Heinrich erschossen. Ach, wie spt gehen mir die
Augen auf!
    - Bist ein unerfahrener Mensch. Geh' nach Wien zum Karl! - Du getreuer
Hofer, htt' ich deinen Wink befolgt! - Deine Fahne ist gut gewesen, und
herrlicher, als alle anderen im weiten Land. Von der Stund' an, da mir der
Glauben an sie aus dem Herzen gerissen worden, ist mein Unglck angegangen. Die
Lieb' zur freien Welt hat mich in die Gefangenschaft gebracht; mein freiwillig
Ben hat mich in Schuld gestrzt; die Treue zu meinem Feldherrn und die
Sehnsucht nach einem Groen und Gemeinsamen hat mich zum Verrter meines
Vaterlandes, zum Mrder meines Freundes gemacht. - Andreas, wenn schon die
Tugend dich dahin gefhrt, wohin erst htte dich bse Absicht gestrzt? - Den
treuen Fhrer hast du stolz abgelehnt, da hat dir Erfahrung und Fhrung
gemangelt. - Andreas! du hast dich dem Handwerk und der Wissenschaft und dem
Soldatenleben zugewendet; Elend, Wirrnis und Reue hast du geerntet. Fremde
Menschen haben dich gehegt und gepflegt wie einen Sohn und Bruder; sie sind
dafr mihandelt worden. Du bringst der Welt und den Menschen nichts Gutes;
Andreas, du mut in die tiefste Wildnis gehen und ein Einsiedler sein! - Im
Sachsenlande, unter dem Balken einer Windmhle hab' ich mir diese Wahrheiten
gesagt. Und danach bin ich davon, bin geflohen durch das Bhmen- und
sterreicherland, bin nach vielen Tagen in die Stadt Salzburg gekommen. Da in
dieser Stadt mich armen, kranken, herabgekommenen Gesellen noch wer erkennen
sollt' hab' ich nicht gefrchtet. Im Peters-Friedhofe liegt mein Vater begraben,
den Hgel hab' ich sehen wollen, ehe ich mir die Hhle suche in einer
verlassenen Waldschlucht der Heimat. Und wie ich so auf der kalten gefrorenen
Erden liege und weinen kann aus dem Herzen, ber mein noch so blutjunges und so
unglckseliges Leben, da kommt ein Herr zwischen den Grbern gegangen, frgt
nach meiner Kmmernis und schlgt die Hnde zusammen. Erdmann, ruft er aus,
Sie hier? Und wie sehen Sie aus! Kaum vier Jahre davon und kaum mehr zu
erkennen!
    Herr von Schrankenheim steht vor mir, der Vater meines einstigen Zglings.
    Ich bin mit ihm zwischen den Hgeln auf und ab gegangen, hab' ihm alles
erzhlt. Mit fast hartem Ernst drckt mir der Mann Geld in die Hand: Da,
schaffen Sie sich Kleider und kommen Sie dann in mein Haus. - Einsiedler werden,
pah, das ist kein Gedanke fr einen jungen, braven Burschen. Ihre Kleinmut
mssen Sie berwinden, ein weiteres wird sich geben.
    Mit groer Angst bin ich in sein Haus gegangen; denn die eine Narrheit hab'
ich noch nicht berwunden gehabt.
    Der Herr von Schrankenheim hat mich seinem Sohne vorgestellt. Das ist schon
ein recht hochgewachsener, zierlicher Herr geworden. Die Hnde am Rcken, hat er
eine stille Verbeugung vor mir gemacht und nach kurzer Weile noch eine, und ist
abgetreten. Hierauf hat mich der Vater in sein Arbeitsgemach gefhrt, hat mich
auf den weichsten Sessel niedersitzen geheien.
    Erdmann, hebt er nachher an zu reden, ist es Ihr wahrhaftiger Ernst, da
Sie in die Wildnis gehen und Einsiedler werden wollen?
    Das ist fr mich das Beste, antworte ich, ich tauge nicht unter die
Menschen, die in Lust und Freuden leben; mich haben die wenigen Jahre meiner
Jugend herumgeworfen in Irren und Wirren, von einem Land in das andere, und in
der Vlker Not. Herr, ich kenne die Welt und bin ihrer satt.
    Sie sind kaum an die vierundzwanzig Jahre und noch nicht auf der Hhe ihrer
Kraft; und Sie wollen verzichten auf die Dienste, die Sie den Mitmenschen wrden
leisten knnen?
    Da horche ich auf; das Wort fat mich an.
    Wenn Sie meinen, Sie haben bislang nur bles gestiftet, warum wollen Sie
sich aus dem Staube machen, ohne der Welt, dem Gemeinsamen auch das Gute zu
geben, das gewi in reichem Mae in Ihnen schlummert?
    Da erhebe ich mich von meinem Sitze: Herr, so weisen Sie mir die Wege
dazu!
    Wohlan, sagt der Herr von Schrankenheim, vielleicht kann ich es, wenn Sie
wieder Platz nehmen und mich anhren wollen. - Erdmann, ich wte eine tiefe und
wahrhaftige Einsiedelei, in welcher man den Menschen dienen und vielleicht
Groes fr das Gemeinsame wirken knnte. Weit von hier, drinnen in den Alpen,
dehnen sich zwischen Felsgebirgen groe Waldungen, in welchen Hirten, Schtzen,
Holzschlger, Kohlenbrenner beschftigt sind, in welchen auch andere Menschen
wohnen, wie sie sich etwa redlich zurckgezogen, oder unredlich geflchtet
haben, und die nun durch erlaubten oder unerlaubten Erwerb ihr Leben fristen.
Wohl wahr, es sind finstere Menschen, in deren Herzen das Unglck oder noch was
rgeres nagt. Sie haben weder einen Priester, noch einen Arzt, noch einen
Schullehrer in ihrer Nhe; sie sind ganz verlassen und abgesondert, und nur auf
ihre Unbeholfenheit und auf ihr eigenes ungezgeltes Wesen angewiesen. - Ich bin
der Eigentmer der Waldungen. Ich habe seit lngerer Zeit schon die Absicht,
einen Mann in diese Gegend zu senden, der die Bewohner derselben ein wenig
leite, ihnen mit redlichem Rate beistehe und die Kinder im Lesen und Schreiben
unterrichte. Der Mann tnnte sich gar sehr verdient machen. Es findet sich
wahrhaftig so leicht keiner dafr; es wre denn einer, der weltsatt in der
Einsamkeit leben und doch fr die Menschen wirken wolle. - Erdmann, was meinen
Sie dazu?
    Nach diesen Worten ist mir jhlings gewesen, als ob ich sogleich meine Hand
hinhalten und sagen mte: Ich bin der Mann dazu. Mit den Zustnden dieser alten
Welt zerfallen, will ich in der Wildnis eine neue grnden. Eine neue Schule,
eine neue Gemeine - ein neues Leben. Lasset mich heute noch hinziehen! - So ist
das Feuer doch nicht ganz tot; es sind aus der Asche Funken gestoben.
    Wir haben den Winter vor der Tr, redet der Herr weiter, Sie bleiben den
Winter ber in meinem Hause und pflegen reiflicher berlegung, und wenn wieder
der Sommer kommt, und es gefllt Ihnen mein Antrag noch, so gehen Sie in die
Wlder.
    So oft ich im Vorzimmer ein Kleid hab' rauschen gehrt, bin ich erschrocken,
und letztlich hab' ich den Herrn gebeten, er mge mich ber den Winter ziehen
lassen; mit den Schwalben wrde ich wieder kommen und seinen Vorschlag annehmen.
    Er hat sich's nicht nehmen lassen, mir die Mittel fr den Winter zu
spenden; dann aber bin ich geflohen. Im Vorsaale ist eine Frauengestalt
gestanden, an der bin ich vorbergehuscht wie ein Wicht.
    Einen Tag bin ich gewandert, bis ans Waldland an den See, wo meine Kindheit
und meine Mutter begraben liegt. Und hier im Ort hab' ich mir fr den Winter ein
Stbchen gemietet. Oftmals steige ich die Schneelehnen hinan und stehe unter
bemoosten Bumen, wo es mir ist, als sei ich einmal mit meiner Mutter, mit
meinem Vater gestanden; oftmals gehe ich ber den gefrorenen See und denke an
die Tage, in welchen ich im Kahn bei Vater und Mutter ber die weichen Wellen
gefahren bin. Das Abendrot ist auf den Bergen gestanden, der Sangschall einer
Almerin hat an die Wnde geschlagen. Mein Vater und meine Mutter haben auch
gesungen. Das ist voreh gewesen; voreh ....
    Ich bin in Frankreich auf der Festung gelegen; ich bin krank und sterbend in
den Wsten Rulands geirrt, und nun leb' ich in dir, du stilles, trautes
Stbchen am See. - Es wr' ja alles gut, die Zeit der Not versinkt wie ein
Traumbild; - nur du solltest nimmer aufgegangen sein unglckseliger Tag im
Sachsenland, du wirst mich ewig brennen. - Heinrich, ich frchte mich nicht vor
deiner Grabgestalt; nur ein einzigmal tritt zu mir; da ich dir sag': es ist in
Blindheit geschehen, ich kann nicht mehr anders - mit meinem Leben will ich's
lschen ....

    Nun ist es gut. Ich habe mich seit vielen Tagen geprft; habe mein Vorleben
erforscht und es in kurzen Worten hier aufgeschrieben, auf da es mir stets um
so klarer vor Augen liege, wenn neue Wirrnis und Trbsal ber mich kommen wird.
Ich denke wohl, da ich die Schule des Lebens vielleicht um ein Weniges besser
bestehen mag, als die Schule der Bcher und toten Lehrstze. Ich bin zur
Erkenntnis gekommen und mein Gemt ist ruhig geworden. Wie ich meine Erlebnisse
und Verhltnisse, meine Eigenschaften und Neigungen genau berdacht habe, so
glaube ich, es ist keine Vermessenheit, den Vorschlag des Freiherrn von
Schrankenheim anzunehmen.
    Bin ich von auen gleichwohl noch recht jung, von innen bin ich hochbetagt.
Von einem alten Mann ein guter Rat wohl den Waldleuten willkommen sein.

                                                                       Salzburg.
                                     Am Tage des heiligen Antoni von Padua 1814.

    Es ist richtig, ich gehe in den Wald. Ich bin ausgerstet und mit allem
fertig. Der Freiherr hat mir in allem seinen Beistand zugesagt. Sein Sohn
Hermann hat mich wieder mit einer freundlichen Verbeugung begrt. Der junge
Herr ist ein wenig bla; er wird viel lernen. Seine Schwester .... (Hier waren
in der Urschrift zwei Zeilen so vielfach durchstrichen, da sie vollstndig
unlesbar geworden sind.)
    Meiner Muhme soll es wohl gehen. Ich habe ihr nicht das Leid antun mgen,
das sie bei meinem Aussehen und Vorhaben empfunden htte; habe sie nicht mehr
besucht. Nun blst das Posthorn. Lebe wohl, du schne Stadt.

    Schon drei Tage auf der Reise. Das ist doch ein freundlicheres Wandern, wie
jenes auf den Wintersteppen.
    Vorgestern hat grnes Hgelland mit malerischen Gebirgsgegenden gewechselt.
Gestern sind wir in ein breites Tal gekommen. Heute geht es fort Berg auf und
ab, durch Wlder und Schluchten und an Felswnden hin. Jetzt wird die Strae
allweg schmaler und holperiger; zuweilen mssen wir aus dem Wagen steigen und
niedergebrochene Steinblcke beseitigen, da wir weiter fahren knnen. Gemsen
und Rehe sehen wir mehr, als Menschen. Die heutige Nachtherberge habe ich
schuldig bleiben mssen. Die Geldnote, die ich bei mir habe, knnen die Leute
dieser Gegend nicht wechseln. Ich htte dem Wirt ein Pfand gelassen, aber er hat
gemeint, wenn es sei, wie ich sage, da ich in die Wlder der Winkelwsser gehe
und alldorten verbleibe, so wrde sich wohl einmal eine Gelegenheit bieten, ihm
den geringen Betrag zuzuschicken. Es kme zuzeiten ein Bote aus jenen Waldungen
gegangen, der dies gerne besorge. - Die Geldnoten mu ich dem Herrn
zurckschicken und um kleine Mnzen bitten.

    An diesem vierten Tage bin ich ausgesetzt worden.
    Die Postkutsche ist ihren Weg weiter gerollt; ich habe noch eine Weile das
helle Horn klingen gehrt im Walde, darauf ist alles still gewesen und ich sitze
da bei meinem Bndel, mitten in der Wildnis.
    Durch die Waldschlucht rauscht ein Bach heraus, der die Winkel heien soll,
und dem entlang ein Fusteig geht. Er geht ber Gestein und Wurzeln, ist mit
drren Fichtennadeln vergangener Jahre best und sieht aus wie von wilden Tieren
getreten. Diesen Weg mu ich wandeln.
    Dort, durch die Wipfel sehe ich eine weie Tafel blinken, das ist ein
Schneefeld. - Und da drin sollen noch Menschen wohnen? - - -

    So weit hatte ich in den Schriften gelesen, da lutete es auf dem Turme zum
Zeichen der zwlften Stunde. Gleich darauf klopfte es ans Fenster: Die Wirtin
schicke mir einen Regenschirm, wenn ich zum Essen gehen wolle. - Es strmte der
Regen und in grauen Strhnen rieselte es vom Dache.
    Nach Tische las ich weiter.

                                   Im Winkel


So will ich alles aufschreiben. Fr wen, das wei ich nicht; etwan fr den
lieben Gott, wie vormaleinst das Brieflein, als mein Vater gestorben. All das
Seltsame und Bewegende, das ich erlebe, mt' mir das Herz zersprengen drft'
ich es nicht ausplaudern. Ich erzhle es dem Blatt Papier. Vielleicht findet
sich dereinst ein Mensch, dem ich's mag vertrauen, und sollt' er mich auch nur
zum halben Teil erkennen. Ihr stillen weien Bltter wollt jetzund meine Freunde
sein und teilnehmen an den Tagen, die mir nun kommen mgen. Ich trag' heute noch
ein dunkles Haar, und ihr seid grau zumal; etwan berlebt ihr mich weit und seid
mein zuknftig Geschlecht.

Ein Blttchen Papier kann lter werden,
Wie das frischeste Maiblatt auf Gottes Erden,
Wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall,
Wie das lockige Kind im lieblichen Tal
Ein Blttchen Papier wei und mild
Ist oft das treueste einzige Bild,
Das der Mensch zurcklt knftigen Zeiten,
Da ber seinen Staub die Urenkel schreiten.
Das Gebein ist zerstreut, der Grabstein verwittert,
Das Haus zerfallen, die Werke zersplittert;
Wer weist in der ewigen, groen Natur,
In der wir gewaltet, unsere Spur?
Neue Menschen ringen mit neuem Geschick,
Keiner denkt an die alten zurck.
Da ist ein Blatt mit seinen bleichen
Tintenstrichen oft das einzige Zeichen,
Von dem Wesen, das einst gelebt und gelitten,
Gelacht, geweint, genossen, gestritten;
Und der Gedanke, dem Herzen entsprossen
In Schmerz oder Lust und tollen Possen,
Sinkt hier nieder, und der Ewigkeit Ku
Verhrtet ihn zu einem ehernen Gu.
O, mge er gelutert in fernen Zeiten
Wieder in die Herzen der Menschen gleiten!

    Meine Ankunft hier ist an einem Samstag gewesen. Als ich am Winkelbach
hereingestolpert bin, ist mir schon hie und da so ein Waldteufel begegnet, wie
sie braun und brtig, voll Moos und Harz in ihren Lodenkitteln hier herumgehen.
Sie sind wie heimlose drrstige Baumstrnke, die nach einem frischen Erdboden
suchen, auf dem sie wieder wachsen und gedeihen mgen. Da sind sie gerne vor mir
stehen geblieben, haben mit Schwamm und Stein Tabakfeuer geschlagen und mich
finster oder verwundert angeschaut. Mancher Augen haben so Funken geworfen, wie
ihre Feuersteine. Andere sind wieder treuherzig und weisen mir den Weg. Ein sehr
derber und sehr stmmiger Bursche, der eine Rckentrage mit Sge, Axt, Mehlkbel
und anderen Dingen getragen hat, ist, als er mich des Weges schreiten sieht,
mitrauisch beiseite gestanden und hat gemurmelt: Gelobt sei Jesu Christ!
    In Ewigkeit, Amen! ist meine Antwort, und als er diese hrt, wird er
zutraulich und geht eine Strecke mit mir.
    Endlich ffnet sich ein wenig das Tal. Es ist ein kleiner Kessel, in welchen
aus verschiedenen Schluchten, und ber das Gewnde hernieder, das sich zu meiner
linken Hand erhebt, Wsser zusammenflieen. Diese bilden die Winkel. Hier ist
ein sehr dicker, oberseitig plattgehackter Baumstamm ber den Bach gelegt, auf
welchem der Fusteig hinberfhrt zu einem hlzernen Hause, das am Waldhange
steht. Das ist die Frsterschaft, das einzige grere Haus in diesen Wldern.
Weiterhin in den Grben und Hochtlern sind Hirten- oder Holzschlgerwohnungen,
und jenseits der bewaldeten Bergrcken, wo schon groe Blen geschlagen sind
und ein Kohlenweg angelegt ist, stehen Drfer von Khlerhtten.
    Dieses kleine Tal heien sie im Winkel. Es ist noch fast in der
Urtmlichkeit, nur da das stattliche Haus mit seiner kleinen, huslichen
Umgebung darin steht und der Fupfad und der Steg dahin fhrt.
    Das Frsterhaus nennen sie auch das Winkelhterhaus. Ich bin in dasselbe
gegangen, habe in dem Flur mein Bndel auf eine Truhe gestellt und mich selbst
daneben hingesetzt.
    Der Frster ist just mit Arbeitsleuten beschftigt, die ihre Rait, das
heit, ihren vierwchentlichen Arbeitslohn einheben, wie es bei den Holzleuten
so Herkommen ist.
    Der Frster, ein sehr herrischer und ein sehr rotbrtiger Mann, hat die
Leute rauh und kurz abgefertigt; und die Leute haben sich die Rauheit sehr gerne
gefallen lassen und gar artig schweigsam ihr Geld eingestrichen.
    Nachdem das Geschft geschlichtet worden, steht der Frster auf und reckt
seine stmmigen Glieder, die in echter und rechter Jgertracht stecken. So trete
ich jetzund zu ihm und berreiche ihm ein Schreiben, das ich von dem Eigentmer
der Wlder mitgebracht habe.
    In diesem Schreiben wird alles Wesentliche gestanden sein. Es ist mir eine
gut eingerichtete Stube angewiesen worden. Eine kernige Frau, die da ist und
umsichtig alles ordnet, wie es ihr scheint, da es ntig und gut, ist mit in die
Seiten gestemmten Armen jhlings vor meiner offen Tr stehen geblieben und hat
laut und hell gerufen: Jerum, jerum, so schaut ein Schulmeister aus?!
    Sie hat in ihrem Leben noch keinen Schulmeister gesehen.
    Ich bin bald eingerichtet, habe meine mitgebrachten Habseligkeiten in
Ordnung. Da tritt der Frster in meine Stube. Er hat schier hflich angeklopft.
Er besieht meine Wohnung und frgt: Ist sie Euch gut genug?
    Sie ist gut und wohnlich.
    Seid Ihr zufrieden?
    Ich hoffe, da ich es sein werde.
    So wird es recht sein.
    Darauf geht er mehrmals ber die Dielen auf und ab und die beiden Hnde in
die Hosentaschen gesteckt, bleibt er letztlich vor mir stehen:
    Und nun seht zu, wie Ihr anheben und fortkommen mgt. Ich gehe morgen davon
und komm nur jeden Samstag in das Winkel herein. Die brigen Tage habe ich in
anderen Gegenden zu schaffen, meine Wohnung ist in Holdenschlag, vier Wegstunden
von hier. - Gleich eine Schule aufrichten, lieber Mann, das schlagt Euch wohl
aus dem Kopfe. Erst mssen wir mit den Alten fertig werden. Ihr, ich sag's, das
sind Steinschdel! Und da Ihr's nur gleich wit, wir haben allerhand Leut' in
unseren Wldern. Nachweisen lt sich keiner was Arges, aber sie sind hergezogen
von Aufgang und Niedergang - wesweg, das wei der Herrgott. Zumeist sind es wohl
Bauersleut' von den vorderen Gegenden herein, die sich in die Wlder geflchtet
haben, um der Wehrpflicht zu entrinnen. Gibt auch Gesellen unter ihnen, denen
man in der dunklen Nacht nicht gerne begegnet. Wildschtzen sind sie alle.
Solange sie nur auf das Tier des Waldes schieen, lassen wir sie frei
herumgehen; das ist nicht zu ndern und man braucht ihrer Hnde Arbeit. Wenn sie
aber auch einmal einen Jger niederbrennen, dann lassen wir sie aus dem Wald
fhren. Beweibet sind meisten, aber jeder hat die Seine nicht vom Traualtar
geholt. Werdet Leute antreffen, die in diesem Jahrhundert noch keine
Kirchenglocke gehrt und keinen Chorrock gesehen haben. Werdet bald merken, was
das bei den Leuten fr Folgen hat. - Tut es, auf welche Weise Ihr glaubt, aber
Ihr mt vorerst die Leute kennen lernen. Und wenn Ihr dann meint, Ihr wrdet
auf sie einzuwirken vermgen, dann werden wir Euch darin untersttzen. Ihr seid
noch recht jung, mein Freund, gebt ach und seid gescheit! - Wenn Ihr wollt, so
nehmt Euch die erste Zeit einen Buben, der Euch mit der Gegend bekannt macht.
Und wenn Ihr was bentigt, so wendet Euch an mich. Gehabt Euch wohl!
    Nach diesen Worten ist er davongegangen. Das scheint es, ist nun mein Herr;
mge er auch mein Schtzer sein!
    Schon in der ersten Nacht habe ich in dem Strohbette sehr gut geschlafen.
Das Rauschen, das vom Bach heraufkommt, tut mir wohl. - Es ist der Brachmonat,
aber die Sonne kommt spt ber den Waldberg herauf, da sie freundlich in meine
Stube luget.
    Ich bin des Morgens hinaus in das Freie gegangen. Wie ist es da frisch und
grn und tauschimmernd, und an den Waldbergen, so weit sie von dem engen Tal aus
zu sehen, spinnt sich das bluliche Sonnentuch ber die Lehnen. Gegen die
Abendseite hin streben die Vesten der Felsen auf und oben am Rande stehen wie
Schildwachen verwittere Fichtenzwerge in die Blue des Himmels hinein. Der Rand
da oben soll aber noch lange die hchste Zinne nicht sein. Darber kmen erst
die Matten der Almen, wo jetzt in Struchen die roten Rosen blhen sollen;
hernach kmen wieder Felswnde, an denen das milde Edelwei prangt und die roten
Tropfen der Kohlrschen zittern, wie ich das als Studiosus auf Ausflgen
mehrmals gefunden habe. ber diesen Felsen legt es sich wohl hin in weiten
unwirtlichen Feldern des Schnees und des Eises, wie ich sie gestern als eine
weie Tafel schimmern hab' gesehen.
    Wenn ich in meinen Aufgaben hier unten glcklich bin, so will ich einmal
emporsteigen zu den Gletschern.
    Und ber den Gletschern ragt letzlich der graue Zahn, von dessen Spitze aus,
wie mir meine Wirtin hat gesagt, in weitesten Weiten das groe Wasser soll zu
sehen sein. Bin ich glcklich hierunten, so gnne ich mir, da ich von dem hohen
Berge aus einmal das Meer anschaue.
    Ich bin in Krieg und Sturm durch die halbe Welt gerast und hab' nichts
gesehen, als Staub und Stein; und jetzt im Frieden der Einsamkeit geht mir ein
Auge auf fr die Schpfung.
    Aber - Wildschtzen, Soldatenflchtlinge, Gesellen, denen man zur Nacht
nicht gerne begegnet! - Andreas, das wird ein heies Tagwerk geben!

                                 Urwaldfrieden


Mir ist es schon recht im Walde. Die wenigen Leute, die mich in den Wald gehen
sehen, lugen mir nach und knnen es nicht verstehen, da ich, ein junger
Bursche, so in der Einschicht herumsteige. Ei ja freilich, ich werde von Tag zu
Tag jnger und hebe an zu blhen. Ich genese. Das macht die urtmliche
Schpfung, die mich umwebt.
    Gefhlsschwrmerei treibe ich nicht. Wie er einzieht durch die Augen und
Ohren und all die Sinne, der liebe, der schne Wald, so mag ich ihn genieen.
Nur der Einsame findet den Wald; wo ihn mehrere suchen, da flieht er, und nur
die Bume bleiben zurck.
    Sie sehen den Wald vor Bumen nicht. Ja, noch mehr, oder zwar noch weniger,
sie sehen auch die Bume nicht. Sie sehen nur das Holz, das zum Zimmern oder
Verkohlen, das Reisig, das zum Besen dient. Oder sie machen die grauen Augen der
Gelehrtheit auf und sagen: Der da gehrt in diese Klasse, oder in diese - als
wie wenn die hundertjhrigen Tannen und Eichen lauter Schulbuben wren.
    Mir ist schon recht im Walde. Ich will, solange ich ihn geniee, von seinem
Zwecke, wie diesen Zweck die Gewinnsucht der Menschen versteht, kein Wort noch
gehrt haben; ich will so kindlich unwissend sein, als wr ich erst heute vom
Himmel gefallen auf das weiche, khle Moos im Schatten.
    Ein Netz von Wurzeln umgibt mich, teils saugt es aus der Erde seinen Bumen
die Muttermilch, teils sucht es den Moosboden und den Andreas Erdmann darauf mit
sich zu verflechten. Ich ruhe sanft auf den Armen des Netzes - auf Mutterarmen.
    Gerade empor ragt der braune Stamm der Fichte und reckt einen Kranz von
knorrigen sten nach allen Seiten. Die ste haben lange graue Brte - so hngen
die filzigen Flechtenfahnen nieder von Zweig zu Zweig. Wohl geglttet und
balsamtriefend ist die silberig schimmernde Tanne. In den rauhen, furchigen,
verschnrkelten Rinden der Lrchen aber ist mit den geheimnisvollen Zeichen der
Schrammen die ganze Weltlegende eingegraben, von dem Tage an, als der verbannte
Brudermrder Kain zum ersten Male unter dem wilden Astgeflechte der
Libanonlrche geruht hat, bis zur Stunde, wo ein anderer, auch ein Heimatloser,
den Wohlduft der weichen, hellgrnen Nadeln friedlich trinkt.
    Dunkel ist's wie in einem gotischen Tempel; der Nadelwald baut den
Spitzbogenstil. Obenhin ragen die hunderttausend Trmchen der Wipfel; dazwischen
nieder auf den schattigen Grund leuchtet, wie in kleinen Tfelchen zerschnitten,
die tiefe Himmelsblue. Oder es segeln hoch oben weie Wlklein hin und suchen
mich zu ersphen, mich, den Kfer im Waldfilz, und wehen mir einen Gru zu - von
.... Nein, sie ist geborgen unter stolzem Dach von Menschenhand; ihr Wolken habt
sie nicht gesehen, oder habt ihr sie? - Ach, sie wehen von fernen Oden und
Meeren.
    Da flstert es, da suselt es; es sprechen miteinander die Bume. Es trumt
der Wald.
    Eine schneeweie, groe Blte weht heran; blhen die Nadelwlder denn nicht
in den Blutstropfen ihrer purpurnen Zpfchen? Woher die weie Blte? Es ist ein
Schmetterling, der sich verirrt von seiner sonnigen Wiese und nun im Dunkel des
Waldes angstvoll gaukelt.
    Wer bricht aber in den verwachsenen Kronen die ste entzwei, da sie krachen
und prasseln und in drren Zweigen niedertnzeln? Ein Habicht braust dahin mit
einem grellen Pfiff und ein armes Waldhuhn mu sein Leben enden. Alle Wildtauben
sind auf und girren ihr Sterbegebet - da knallt es, und nieder inmitten des
schimmernden, wogenden Kranzes der Tauben strzt der getroffene Raubvogel.
Unterwegs zum Grab will seine Klaue noch ein Opfer haschen und in dem brechenden
Auge funkelt lange noch die Raubgier.
    All mein Lebtag hab' ich keine so merkwrdige Webematte gesehen, als dieses
bunte, wunderbare Flechtwerk des Moosbodens. Das ist ein Wald im Kleinen und in
dem Schoe seines Schattens ruhen vielleicht wieder Wesen, die wie ich das ewige
Gewebe der Schpfung betrachten. Hei, wie die Ameisen eilen und rennen, wie sie
mit ihren haardicken Armen der kleinen Dinge kleinste umklammern, mit ihrem
tzenden Saft alles Feindliche zu vergiften meinen; sie wollen gewi auch noch
die Welt gewinnen vor dem Jngsten Tag.
    Ein glnzender Kfer hat ihnen lange zugesehen, er denkt verchtlich ber
die mhsam Kriechenden, denn er selbst hat Flgel. Jetzt flattert er bermtig
empor und funkelnd kreist er hin, und pltzlich ist er umgarnt und gefesselt in
Stricken. Die Spinne hat an diesem Dinge schon lange still und emsig gearbeitet;
ein Schleier, wie zarter keiner geflochten wird auf Erden, ist des strahlenden
Kfers Leichenkleid geworden.
    Die Vglein im Geste wollen auch ihr Kunstwerk stellen, sie flechten, wo
das Reisig am dichtesten ist, aus Halmen und Zweigen ein Wiegenkrbchen fr ihre
liebe Jugend. Und wenn ihnen die Sonne just recht am Himmel steht, so singen und
jauchzen sie bei ihrer Arbeit, da es ihn allen Nadeln und Bumen wiederklingt,
sonst aber hocken sie im Nest und schnbeln und legen die zarten, buntstreifigen
Eier.
    Ob es denn wahr ist, da sich derselbe eine rote Faden fortspinnt durch alle
Geschlechter des Menschen und Tierreiches bis hinab zum allerkleinsten Wesen? Ob
denn alles nach dem einen und selben Gesetze geht, was der Knig Salomon getan
auf seinem goldenen Throne, und was die trge sich wlzende Raupe tut unter dem
Stein? Das mcht' ich wohl wissen.
    Husch, dort hpft ein Hase, bricht sich der gekrnte Hirsch Bahn durch das
Gestrppe. Jeglicher Strauch tut auch so geheimnisvoll, als ob er hundert Leben
und Waldgeister in sich verberge. Jetzund hre ich das Luten der Hummel. Wenn
in diesen Wldern einmal eine Kirche gebaut wrde und eine Glocke auf den Turm
kme - so mte sie klingen. - Auf dem Erdgrunde liegen die scharf geschnittenen
Schattengestalten und darber hin spinnen sich die Saiten des Lichtes. Und die
Finger des Waldhauches spielen in diesen Saiten.
    Ich trete hinaus in die Lichtung. Ein zitternder Lufthauch rieselt mir
entgegen, schmeichelt mit den Locken, kt die Wangen, da sie rten. Hellgrnes
Haidegebsch mit den roten Bltenglckchen der Beeren hier, und dunkelglnzendes
Preiselbeerkraut, der immergrne Lorbeer unserer Alpen fr den wrdigen Dichter
des Waldes, so einer zur Welt geboren wird. Die Waldbiene surrt herum auf den
Struchern und jedes Blatt ist fr sie ein gedeckter Tisch.
    Und ber dieser dmmernden, duftenden Flur erhebt sich ein schwarzer Strunk,
mit dem gehobenen Arm seines kahlen Astes trotzig dem Himmel drohend, weil
dieser durch einen nchtlichen Blitzstrahl ihm das Haupt gespalten. Und es
erhebt sich dort graues, zerklftetes Gestein, in dessen Spalten sich behendig
die Eidechse birgt, und die schimmernde Natter, und an dessen Fue die zierlich
durchbrochenen Bltter der Farnkruter, und die blauen, allfort gruschwankenden
Htchen der Enziane wuchern. Weiterhin, wo sich die Quelle befreit und aus ihrem
dunkelschattigen Grunde schimmert, wachsen an ihrem Ufer die tausend Herzen des
Sauerklees und der heilsamen Wildkresse, die der Hirsch so gerne pflckt und das
Reh, auf da sie ihre Lunge nicht verlasse zur Stunde der Flucht.
    An der Lehne neben Dornstrauch und wilden Rosen liegt vom Sturme hingeworfen
seit vielen Jahren das Gerippe einer Fichte, schier wei, wie Elfenbein. Hoch
ragen ihre Wurzeln auf, wie einst ihr Wipfel, und eine Schnecke hat sich verirrt
in einen starren Zweig der Wurzel hinaus und kann ihren Weg zum Erdreich kaum
finden.
    Wo kein Weg geht, dort geht der meine - wo es am steilsten ist, wo das
Gestrppe der Erlenbsche und Dornstrucher am dichtesten ist, wo die Hundsbeere
wchst, wo die Natter raschelt im gelben Buchenlaub des vergangenen Jahres.
Wildhhner erschrecken vor mir und ich vor ihnen, und meine Fe sind das
Elementarunglck der Ameisen, und mein vordringender Krper ist die Geiel
Gottes den Spinnen, deren Bau zugrunde geht an diesem Sommertage.
    Es ist eine Lust, so in die Wildnis zu dringen, ins Dmmerige und Ungewisse
hinein; was ich ahne, reizt mich mehr, als das, was ich wei; was ich hoffe, ist
mir lieber, als das, was ich habe. Vielleicht geht es anderen auch so.
    Ich stehe am Rand einer Wiese, die von jungem Fichtenwalde umfriedet ist. In
meiner nchsten Nhe, aus dem Dickicht, ist ein Tier aufgefahren, welches in
Sprngen ber die Wiese hinsetzt und am jenseitigen Rande stehen bleibt. Es ist
ein Reh. Dort steht es nun, hlt hoch seinen Kopf und lauert. Ich halte mich wie
ein Baumstrunk. Ich drste sonst nicht nach Blut, es wre denn bisweilen nach
dem der Trauben - aber jetzt folge ich einer angeborenen des Neigung des
Menschen, hebe meinen Wacholderstock, lege ihn an die Wange, wie ein Gewehr, und
ziele gegen die Brust des Wildes. Das steht dort, etwa hundertundzwanzig
Schritte von mir entfernt, und blickt zu mir herber. Es wei recht gut, da ein
Wacholderner nicht losgeht. Endlich hebt es zu grasen an. Ich setze den Stock
wieder zur Erde und trete weiter auf die Wiese hinaus. Das Reh hebt rasch sein
Haupt und ich meine, jetzt und jetzt werde es davonstieben. Aber es eilt nicht,
es leckt an seinem Hinterkrper, und mit seinem Fue graut es sich hinter den
Ohren - dann sieht es mich wieder an und beginnt zu grasen.
    Rehlein, sage ich, du vergissest den schuldigen Respekt gegen den
Menschen! Hltst du mich nicht fr fhig, dir gefhrlich zu werden? Mich
wundert's, hierzulande streifen Jger und Wildschtzen. Du scheinst sonst kein
heuriger Hase zu sein, stellst dich aber sehr unerfahren. Unter uns Leuten wrde
man ein solches Betragen Dummheit nennen.
    Das Tier grast ganz allmhlich gegen mich heran, hlt nicht selten ein, um
mich anzuschauen, wirft aber stets erschrocken den Kopf in die Hhe, so oft es
von irgendeiner andern Seite ein Gerusch hrt, und bereitet sich zum Sprunge.
Es mu was wittern, denn einmal macht es ein paar groe Sprnge, wodurch es mir
aber noch um mehrere Schritte nher kommt. Dann beruhigt es sich wieder und
grast mit Hast und Lust. Die Ohren sind immer gespitzt und das ganze Wesen ist
ein Bild ngstlicher Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft.
    Du weit es doch, sage ich - da du in Feindesland bist? Keine Minute
sicher vor dem Schu - das mu wohl recht bange machen.
    Ich rcke ihm allmhlich nher; das Reh beachtet es nicht und grast mir
entgegen. Oft hlt es ein und sieht mich an mit Ruhe und Vertrauen, whrend es
jeder anderen Richtung mit ngstlichem Mitrauen zu begegnen scheint.
    Mich freut es ungemein, sage ich, da du mir nicht abgeneigt bist. Es
lt sich nicht leugnen, da ich zu jenen Ungeheuern gehre, die auf zwei Beinen
gehen. Aber alle Zweibeinigen sind nicht gefhrlich. Ich schon gar nicht, ich
habe vorhin ein oder zwei Verslein gedichtet, wenn ich sie dir vorsagen darf
...
    Da machte das Tier im Schreck einen weiten Sprung abseits.
    Es wre nicht lang gewesen, sage ich bedauernd, da ich das Reh
verscheucht, aber es kommt mir grasend bald wieder nher.
    Es ist nicht schlau von dir, da du mich krnkest. Das Lied ist fr meinen
Schatz gemacht. Es lebt irgendwo eine, die ich im Grunde des Herzens lieb habe,
aber kein Mensch ahnt es, und sie selber auch nicht. Da habe ich ihr denn diese
Verse gedichtet. Sie mssen aber wieder vergessen werden. - Wie hltst du's in
solchen Sachen? -
    Das Tier tritt mir wieder um zwei Schritte nher und hebt zu schnuppern an.
Da wird mir ganz vorwitzig zumute.
    Liebes Reh! sage ich und halte ihm die Arme entgegen. Ich kann nicht
sagen, wie du mich anmutest. Htte ich was bei mir, ich schsse dich nieder. -
Nein, von mir frchte nichts. Ich schiee nimmer. Du atmest dieselbe Luft, wie
ich, dein kleines Auge sieht denselben Sonnenschein, wie ich - dein Blut ist so
warm wie das meine - warum soll ich dich umbringen? - Einmal habe ich zwar zu
mir gesagt: Bist ein niedertrchtiger Bursch'! - 's ist schon lange vorbei und
seither manches geschehen, was dafr, und manches, was dawider spricht. Aber aus
Passion bringe ich nichts um. In der Notwehr ist's was anderes, da achte ich
kein Leben, auer das meine; und wenn ich Hunger habe und eine Bchse, so
schiee ich dich doch nieder, da hilft dir alles nichts.
    Trotz alledem kommt das Rehlein immer nher auf mich zu. Ich stehe wie eine
Sule da und zehn Schritte vor mir das Tier und sieht mich an. Es ist mir schier
unheimlich. Das mu kein rechter Mensch sein, zu dem das Wild sich gesellt ....
    Du bist neugierig, sage ich, wie sich so einer von der Nhe anschaut.
Nun, betrachte mich nur recht. Aber diese Lappen aus Leinwand und Wollenzeug
gehren nicht dazu. In Wahrheit sehen wir anders aus. Und wenn du uns shest so
nackt und blo, wie du selber bist, alle Angst und Furcht mest du vor uns
verlieren. Von Haus aus knnen wir nicht schieen, knnen nicht so laufen wie
du, knnen uns nicht nhren von diesem Kraute, knnen nicht wohnen im Dickicht.
So armselig sind wir. Wir - so heit es - htten es wohl einmal gekonnt, aber in
dem Mae, als unsere Vernunft gewachsen, sei unser Krper abhngig geworden, sei
fein und empfindlich und verweichlicht und schwchlich geworden. Und wenn es so
fortgeht, lst sich der ganze Mensch in Geist auf; dieser wieder mu vergehen,
wie die Flamme stirbt, wenn Docht und l verzehrt ist. - Dann sind wir fertig
und ihr kommt an unsere Stelle.
    Der ganze, aschgraue Leib des Tieres ist schn, krftig und geschmeidig;
wenn es den Kopf recht hoch erhebt, ist es fast stolz und seine Augen sehen so
klug und gutmtig auf mich her.
    Ich wei nicht, sage ich, ob denn du auch immer suchest, ohne zu wissen,
was; ob du dich abmhest Tag und Nacht, um ein Gut zu erreichen, das dich dann,
wenn du es besitzest, doch nicht befriedigt. Ich wei nicht, ob der Ha es ist,
der dich belebt, der Ehrgeiz, der dich peitscht, die Liebe, die dich unglcklich
macht, die Lust, die dich ttet. Bei uns ist es so. - Nun stehen wir beide uns
gegenber und blicken uns an. Bedauere ich dich, oder bedauerst du mich? Du hast
und genieest voll, was du haben und genieen kannst; uns werden die sen
Freuden des Herzens von der Erbarmungslosigkeit des Verstandes und auch der
Vorurteile vergllt. Unser Fhlen artet in Denken aus, und das ist unser
Unglck. Wollen wir noch was Gutes haben, so mssen wir uns euch nhern. - Was?
Du schttelst das Haupt, du verneinst es, Reh? Du mchtest am Ende gar auch ein
Mensch sein? Nein, so weit bist du noch nicht vorgeschritten, da du unzufrieden
wrest. Deine Not ist der Jger, so wie die unsere - der Mensch. Uns drohen die
grten Gefahren von unseresgleichen. Ist dir das neueste Wochenblatt schon zu
Gesichte gekommen? Ei so, du liesest keine Bltter, du frissest sie. Ist auch
gesnder, nur vor Druckblttern hte dich, die sind giftig. Sie wren es nicht,
aber sie saugen das Gift aus dem Boden, auf dem sie stehen, aus der Luft, die
sie umweht, aus der Zeit, der sie dienen. - Gottlob, da sie in den
Winkelwldern nicht wachsen. Da wchst der Sauerklee, und das ist was fr dich,
und der Pilzling, das ist was fr mich. brigens, mein liebes Ricklein, wie
lange werden wir denn hier stehen bleiben? Wie steht's mit dem
Ausderhandfressen?
    Ich reie Gras aus dem Boden, ein Geschft, das mein Reh mit Kennerauge
verfolgt.
    - Knallt ein Schu. Ein kurzes Pfeifen ist durch die Luft gegangen, das Reh
hat einen Sprung gemacht - und luft nachher mit vollster Entfaltung seiner
Schnellkraft ber die Wiese und schnurgerade ins Dickicht hinein.
    Im nahen Gestmme verzieht sich langsam der schwefelige Rauch. Ich eile, den
Wildschtzen zu suchen, um ihn dem Gericht zu berliefern, weil er geschossen,
und um ihn freizubitten, weil er nicht getroffen. - - Ich sehe weder den
Schtzen noch das Reh, und ich bin rasend in dem Gedanken, das Reh knne mich
fr den Mitschuldigen, fr den Verrter oder gar fr den Meuchelmrder halten,
und ich will in seinen Augen weder ein schlechter Freund, noch ein schlechter
Schtze sein.
    - Was ntzt all das? Der Schwrmer hlt nicht vor; im Sptherbste, wenn mir,
wie ich es verhoffe, der Rehbraten auf den Tisch kommt, werden die
freundschaftlichen Gefhle sicherlich wieder erwachen, aber nicht aus dem Herzen
werden sie kommen, sondern aus dem Magen. -
    Der Mensch kann ein Schelm werden, und das ist bisweilen gut. Es hat ja
nicht gar lange angehalten. Bald ist wieder was anderes da.
    Das jauchzende Brllen eines Stieres hallt heran, oder das Schellen und
Meckern einer Ziege. Der Hirtenjunge hpft herbei. Mit den Wacholderstruchern
mag er nichts zu schaffen haben, die Nadeln stechen, die blauen Beeren sind
bitter. Aber Erdbeeren pflckt er in die Haube, oder was ihm lieber ist, in den
Mund. Dann pflckt er das schmale, spitzige Blatt vom Bocksbartkraut, fhrt es
zur Lippe und bringt durch dasselbe einen Pfiff hervor, der weithin hallt in den
Hngen und den in der Ferne andere Hirtenjungen wieder zurckgeben. Das ist dem
Vlklein des Waldes das Zeichen seiner Brderlichkeit.
    Durch das Himbeergestrppe windet sich ein Waldrauchsammler, der aus dem
Ameisenhaufen die Harzkrner hervorschafft. Aus diesen Harzkrnern bereitet er
den Weihrauch, das wundersame Korn, dessen Wolkenschleier der Sterblichen Augen
bezaubert, da sie hinsinken vor das Opferbrot und den Herrn sehen.
    Am Rain bei purpurnen Eriken, unter Brombeerlaub wuchert die Swurzel; das
ist des Hirtenknaben leckeres Gewrze, und auch die Sennin nascht gerne davon,
auf da sie eine klingende Stimme kriege zum Jodeln auf der Alm. Der Sennin -
merk' ich - geht es oft sonderbar, wohl hat sie viele, gar rechtschaffen viele
Worte auf der Zunge, aber das rechte fr ihre Herzenslust ist nicht dabei, und
so drckt sie sich denn anders aus und singt ein Lied ohne Worte, da sie hier,
so weit es klingt, den Jodler heien.
    Ich ziehe durch einen von Wildwssern des Kares ausgerissenen Hohlweg
abwrts. Bume und Strucher wlben ihn zu einer Laube. Ein khler Lufthauch
fchelt, da stehe ich am Ufer eines Waldsees. Finstere Gewnde und schlanke
braune Stmme des Urwaldes schlieen ihn ein. O, so still - so still ist's ber
dem See. Das verlorene Blatt einer Buche oder Eiche raschelt heran, ich hre
jenes ewige Klingen der tiefsten Lautlosigkeit.
    Es ist wo ein Glcklein im Weltenraum, wir wissen nicht im Erdengrund
hienieden, oder im Sternenkranze - das ruft uns allerwege. Und zur geruhsamen
Stund' erfat unsere Seele den traulichen Klang und sehnt sich .... und sehnt
sich - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Urwaldfrieden, du stille, du heilige Zuflucht der Verwaisten, Verlassenen,
Verfolgten - Weltmden; du einziges Eden, das dem Glcklosen noch geblieben! -
    Horch, Andreas! Hrst du noch das Klingen und Hallen des wortlosen Liedes?
Das ist das Jauchzen der Hirten in ihrem Paradiese. - Hrst du auch das ferne
Pochen und Schallen? Das ist der Holzhauer mit der Axt - der Engel mit dem
Schwerte.

                                 Bei den Hirten


Das Hirtenvolk ist das erste gewesen. Die Hirten sind von den Menschen, denen
man in diesen Waldbergen begegnen kann, die harmlosesten. So habe ich mit dem
Hirtenvolke angefangen.
    Hab' jetzund auch schon ein gut Stck Schferleben ausgekundschaftet. Bis
auf die zweie oben in der Miesenbachhtte sind sie aber nicht allhier daheim;
die Hirten sind nirgends recht daheim, sind Wandersleute. Zur Winterszeit leben
sie drauen in den vorderen Gegenden, hausen in Bauernhfen, denen sie
angehren. Sie leben zwar dort bei den Menschen, schlafen aber bei den Rindern
und Ziegen. Dann kommt das Frhjahr; die hren auf dem Felde gucken schon ein
wenig aus den grnen Hlsen hervor und gen Himmel auf, zu sehen, ob nicht die
Schwalben schon da sind. Die Frhlingsgiebche schwinden und trocknen. - Jetzt
tun sie ihren Viehstand aus dem Stall und ziehen selbander den Almen zu. Die
Khe tragen schellende Blechglocken, die Kalben und Stiere tragen grnende
Krnze, wie am Gottsleichnamstag die Menschenkinder.
    Bei dem Auftriebe zur Alm, wenn junge Leute und Rinder mitsammen wandern,
geht das Bekrnzen ohn' rgernis ab; wenn aber nach vielen Flitterwochen auf
lichten Hhen die Rinder zum Sptherbst wieder mit frischen Krnzen zurck ins
Tal kommen, so trgt nicht immer auch die Sennin den grnen Zweig noch im Haar.
Auf der Alm gibt es viel Sonne und wenig Schatten, und das frische Wasser mu
der Almbub' weiten Weges herbeischleppen - da verdorrt bigott nichts leichter
als so ein zart Strulein im Lockenhaar.
    Zur lieben Sommerszeit ist es da oben gut sein. So sind sie denn gut froh,
und ich - wahrhaftig und bei meiner Treu, ich bin's mit ihnen. Gram und Herzweh
sind wie Glashauspflanzen, die wollen in der frischen Alpenluft nicht gedeihen.
Gar der Alte, der sonst brumbeiige Ochsenhalter, der seine schwerfllige Schar
auf den Almen weidet, hat ein hlzern Pfeiflein bei sich, das trotz der
heisergewordenen Lunge des Alten noch rechtschaffen hell mag jauchzen. Allerweil
singen und blasen, sonst wird er mager, der arme, einsame Narr, und das chslein
nicht fett.
    Und in der Sennerei, da ist's gut bestellt; da ist hbsch alles beisammen.
An dem Herd mit der Flamme und den ruigen Tpfen sitzt die Huslichkeit. Vor
dem wackelnden Tisch an dem kindisch aufgeputzten Hausaltar kniet die Religion.
Und wo die Bettstatt steht, da htte Gott nichts Besseres mehr hinzustellen
vermgen. Aus rauhen Brettern ist das Bett gezimmert, mit Moos und Binsen
gefttert - weiter geht's mich nichts an. In der Nebenkammer stehen Kbel und
Tpfe; da ist das Milch- und Buttergeschft, dessen Ertrgnis dem Eigentmer der
Sennerei redlich zugeliefert wird.
    Die ganze Wirtschaft schlieen vier Holzwnde ein, in denen die Almerin
nchtlicherweile das Goldmnnlein klpfeln hrt; dieses Klpfeln bedeutet ihr
die Erfllung des Herzenswunsches. - Ich habe der glubigen Aga nicht sagen
mgen, da ich meine, das klpfelnde Goldmnnlein drft' ein fleiiger Holzwurm
sein. Was der tausend gingen auch den Holzwurm ihre Herzenswnsche an! Diese
werden aber doch erfllt; die einfltigen Leute da herum haben lauter Wnsche,
die erfllbar sind. Und wie die Maid in der Htte, so schlummert im Stall der
Hirtenbursche. Sein Wunsch ist: ausschlafen!
    Am Morgen, da schreit die helle Sonne zum Fenster herein. Sie schreit, es
sei Zeit! Da will die Sennin mit dem Kbel in den Stall, wo unter vier Fen die
weien Milch- und Butterbrnnlein flieen. Auf die Milch wartet schon die Flamme
des Herdes und auf die Suppe der Hirtenbursche. Er jodelt und jauchzt, da
vergeht die Zeit. Das Einfachste aber ist schon, wie's der Berthold macht: er
legt sich unter die Buche der Khe und trinkt das Frhstck gleich aus dem
Euter heraus.
    Just bei dem Berthold und der Aga in der Miesenbachhtte hab' ich meine
Erfahrungen gemacht. - Nimmt nach der Morgensuppe die Aga den Korb auf den
Rcken und stiegt hinab gegen die Futterwiese der Talmulde, auf da sie als
sorgsame Hausfrau ihrem vierfigen Gesinde den Tisch bereite, bei dem es sich
melken lt. Mahl hlt die Herde den ganzen Tag; schon zur Morgenfrhe leitet
sie der Berthold auf die taufrische Weide.
    Ich habe zu solcher Stunde einmal der Aga zugehrt. Sie trillert und singt
und ich schreibe mir so Sachen gerne auf:

Wan da Winkelboch va Milch wa,
Und da Hochkogl va Butta,
Und is Winkeltol vul Sterz dazua,
Ds war a Fressn, mei Bua!

    Der Berthold hrt's, besinnt sich nicht lange; auf ein so sachlich Lied
gehrt ein noch sachlicheres. Er steht auf der Wand und singt dem Mdchen zu:

Wan dei rot's Hor va Guld wa,
Und dei Krpfl vul Tola,
Und dei Miada vul Edlstoan,
Ds wa ma recht, ds kunt's toan!

    Und drauf sie:

Die Tola tatn dih juckn,
Die Edlstoan tatn dih druckn,
A guldanas Hor war olls z'viel zort
F dein borstadn Bort.

    Sie bleiben einander nichts schuldig im Schnaderhpfelgefecht.
    Wie es aber nur kommen mag, da im Waldland fr Lieb' und Zrtlichkeit nicht
so viele Worte wachsen wollen, als fr Spott und Posse? Ist schon die Lieb' da
unten nicht gar geschwtzig, so ist sie hier oben bei den Legfhren und
Kohlrschen stumm wie der Fisch im Wasser. Der Ku wird hier auch nicht so
abgeschckert, wie anderswo. Es ist, mchte ich sagen, als wie wenn sich das
warme Blut nicht Zeit nehme, bis an die Lippen heraufzusteigen zu einer Weile,
wo es anderwrtig so viel zu tun gibt. In die Arme fhrt alles hinaus und wei
sich so ein verliebter Bursche mit seiner Empfindung nicht anders zu helfen, so
fat er sein Mdchen, wie der Mller den Kornsack, und schwingt es hoch in die
Luft und tut ein Jauchzen dabei, da schier die Wolken auseinanderfahren, wenn
ihrer am Himmel stehen.
    Der Berthold macht es um kein Tpfelchen anders. - Es sind zwei junge,
blutarme Leute, auf der einsamen Alpenhh' sich selbst berlassen. Was ist da zu
beginnen? Je nun, je nun, ich denk', fr mich dieweilen noch gar nichts.

                              Bei den Waldteufeln


In dieser Wildnis gibt es Gewerbe, von denen ich keine Ahnung gehabt habe.
Buchstblich von der Erde, von dem Gestein heraus graben die Leute ihr Brot. Und
von den Bumen schaben sie es herab, und aus dem allebendigen Ameishaufen whlen
sie es hervor, und aus ungeniebaren Frchten zwingen sie es durch die
hundertfltigen Mittel ihrer Schlauheit. Da der Mensch doch so alles zu finden
und zu ntzen wei! Hat er aber schon alles gefunden und gentzt? Und die
Bedrfnisse, sind sie schon dagewesen, ehe die Mittel gefunden worden, oder sind
sie die Folgen der errungenen Dinge? - Wre das letztere der Fall, ich hielte
die tausenderlei Errungenschaften fr keinen Gewinn.
    Die verkommenen oder verwegenen Waldteufel stehen mit den Menschenscharen
drauen in engerer Verbindung, als man meint, und als sie es vielleicht selbst
ahnen mgen. Na doch, sie wissen es gar wohl. Da ist gleich der Wurzner. Seine
Lodenkutte geht ihm schier bis zu den Waden hinab; sein Hut ist ein wahres
Familiendach, das aber stellenweise schon durchlchert ist und bricht. Schon von
weitem kennt man ihn. Da oben im Gestein klettert er herum und whlt mit seinem
krummen Stecheisen die Speikwurzel hervor. Dabei brummt er denn gar zuweilen
sein schlecht Liedel:

Wan ih speikgrobn tua
Auf der Olm, do herobn,
Do denk ih gern auf d'Weibaleut.
Daroth's es, wo da Speik hinkimmt?
In's Trknlond fr d'Weibaleut,
Damit s' an bessern Gruchn kriagn,
Im Trknlond, de Weibaleut!

    Ich wei es noch nicht, ob es wahr ist, da Speik von hier in die Trkei
wandert. Aber sie glauben es und so ist es ihnen so viel als wahr. Dieses stolze
Bewutsein des Wurzners, da er die Frauenwelt des Morgenlandes in einen
besseren Geruch bringe, wird angefochten.
    Dort auf der Felswand steht ein alter Gefhrte, der hrt das Lied; er hkelt
die Messinghftchen seines Wamses auf und ffnet seinen Mund:

Wanst ollaweil auf die trkischn
Weibaleut denkst,
Du Loter, do hot's an Fodn.
Geh gwrz dih liaba selba
Mit Speik auf der Olm,
Kon da nit schodn.

    So necken sie sich, und das ist ihre harmlose Seite. Aber der Waldteufel hat
seinen Pferdefu. Der rechte Waldmensch hat einen doppellufigen Kugelstutzen;
der eine Lauf heit Gemsennot, der andere Jgertod. Knnt' er schreiben, mit
seinem krummen Messer htte er diese Namen in den Stahl gegraben; aber, er merkt
sich's im Kopf, das von Gemsennot und Jgertod.
    Lngst htt' er das Graben aufgegeben und wollt' ganz dem Wildern leben,
aber er vermeint, unter den Steinen und Wurzeln einmal einen vergrabenen Schatz
zu finden. Schatzgraben, Gold und Edelstein unter der Erde, das hat er im
Mrchen gehrt und kann es nimmermehr vergessen.
    Gold und Edelstein unter der Erde! Schatzgraben! - Das Mrchen hat recht;
der Wurzelgrber hat recht; der Ackersmann hat recht; der Bergknappe hat recht.
Aber der Schatzgrber hat nicht recht.
    Meine Wirtschafterin sagt, das traurigste Schatzgraben sei ihr gewesen, als
sie vorzeit ihren Schatz begraben.
    Das acht ich, da ich den Wurzner, oder den Pechschaber, oder den
Ameisenwhler nicht beleidige. So Leute heben gar mit dem Wettermachen an, da
all des Teufels ist. Blitz und Hagel kann die Wlder vernichten weit und breit.
Darum in den Alpengegenden die vielen schweren Gewitter, weil dahier die
Wettermacher daheim. Wie sie es aber anfangen, da die Nebel aufsteigen aus den
Schrnden und Wetterlchern, da die Taustubchen zu Wasser verdichten, da die
Tropfen zu Eiskrnern erstarren, da die Eiskrner zu Schloen sich kochen, da
aus den Wolken das Feuer sprht, da die flammenden Wurfspiee der Blitze
hinsausen durch die Nacht und da die ungeheuren Rollen der Donner sich wlzen,
bis endlich alles niederbricht zu den zitternden Menschen und Tieren der Erde -
wie sie das anfangen, das soll ein tiefes Geheimnis der wilden Gesellen sein;
ich habe es bislang nicht zu erfahren vermgen.
    Eines ist gewi. Der Bauer der vorderen Gegenden hat eine Art Ehrfurcht vor
den Wildlingen im Gebirge und liefert ihnen oft Lebensmittel gegen geringes
Entgelt; es ist doch allfort besser, im Beutel kein Gewinn, als auf dem Felde
Schaden.
    Wahrhaftig, das ist ein verhngnisvoller Wahn dieser Menschen, da sie durch
eigenes Wollen und eigne Kraft Dinge zu wirken vermeinen, von denen die
Schpfung den menschlichen Witz ausgeschlossen hat; und da sie dagegen Dinge
verabsumen, in denen sie durch eigenes Wollen und eigene Kraft Groes
hervorzubringen vermchten. - Es ist jedoch drauen, wo die Macht- und
Geistesstolzen wohnen, auch nicht besser, nur da dort andere und schdlichere
Irrtmer sind, denn sie werden mit bedeutenderen Mitteln und in grerem Mae
begangen als hier. - Glorreich, o Menschheit, sind deine Fortschritte, aber in
deinen ungeheuerlichen Vorurteilen bist du noch immer ein sehr erbrmlich Ding.
    Da oben hinter dem Bergrcken ist eine umwaldete Talmulde, die sie die
Wolfsgrube nennen. Vor kurzem bin ich in dieser Wolfsgrube gewesen. Ich komme
eben zurecht, wie sie einen Mann begraben, der weder Wurzner, noch Ameiswhler,
noch Pechschaber, noch Branntweinbrenner, noch ein Wilderer gewesen war. Aber
der allermerkwrdigste Waldteufel. Die Sache hab' ich teils selbst erfahren,
teils ist sie mir erzhlt und verbrgt worden.
    Gearbeitet hat er gar nichts. Das ist einer gewesen, der sich durch Essen
sein Brot erworben hat. Sie haben ihn allerwrts den Fresser genannt; einen
anderen Namen, halt ich, hat er gar nicht gehabt. Das soll ein ganz verkommener
Mensch gewesen sein, aber gewaltig stark am Leibe. Sein Haupthaar ist durch
Schwei und Harz zu einem unlslichen Filz verworren gewesen; da hat er keines
Hutes bedurft. Sein Bart ist gewesen wie aus verdorrten Fichtennadeln so
stachelig; seine mchtigbreite Brust wie bersponnen mit zehnfachem Spinnenweb;
da hat er den Brustlatz erspart. An seinen wuchtigen Fen hat sich eine vllige
Hornhaut gebildet; da ist ihm das Schuhwerk berflssig gewesen. Eine wste
Erscheinung! Ich hab' ihm noch vor einigen Tagen im Winkel begegnet. Hebt, wie
er mich sieht, eine Handvoll Sand vom Boden auf und will den Sand verschlingen,
wenn ich ihm eine kleine Gabe dafr wollt' reichen. - Oft ist er hinaus auf die
umliegenden Drfer auf Kirchtage gegangen, hat den Leuten was vorgefressen.
Nicht Werg und Bnder und derlei Dinge, wie es sonst Taschenspieler tun, hat er
verschlungen, sondern Tuchstcke, Leder und Glasscherben. Selbst Schuhngel, und
sie mgen noch so rostig gewesen sein, hat er verzehrt. Gerne hat er einen alten
Stiefel oder Filzhut zerissen, die Fetzen mit Essig und l bereitet und
gegessen. Das hat ihm Geld eingebracht und sein Beutel wie sein Magen haben wohl
verdaut. Unsereinem tt so ein Essen nicht taugen, hat der Rpel gesagt,
freilich wohl, ein Schnpslein mu dazu sein, das beit im Magen auch die
Kieselsteine klein. - Jahr und Tag hat er's getrieben, aber ein End' nimmt's mit
allem, und der Ostersonntag hat nicht viel grere Lng', wie der Charfreitag.
Just beim Schnpslein ist er gesessen in Kranabethannes Htte, und hat in seinem
bermut gesagt: Kiefel (kaue) dein Schwarzbrot nur selber, Hannes, ich trink'
den Branntwein und bei' das Glselein dazu. - Ist jetzund vom finsteren
Herdwinkel ein alter Wurzner hervorgekrochen: 's schwarz' Brot willst
verachten? du! Darauf der Fresser: Geh her, Wurzner, dich fre' ich mitsamt
deiner Krax (Rcktrage)! Hat der Alte ein Wrzlein hervorgezogen: Da tt ich
wohl was haben, groer Herr, das ist noch ein wenig strker, wie du! - Her
damit! schreit der Fresser, errafft das Wrzlein und steckt es in seinen
Schlund. - Bist hin! hat der Alte gekichert, ist davon in den Wald. - Steht
nicht lang an, springt der Fresser auf und hinaus auf den Anger. Dort strzt er
nieder und ist tot ber und ber. Da haben wir's wohl gewut, was das Ding
bedeutet. Den alten Wurzner hat kein Mensch gekannt - der Teufel ist's gewesen.
    Halb Tat, halb Mr, so hat es der Leute Aberglauben aufgefat und mir
erzhlt. Sie haben den Mann auch nicht hinausgetragen auf den Holdenschlager
Kirchhof. Im Moorboden der Wolfsgrube, wo nur die Binsengarbe wuchert und ihre
Glockenfhnlein wiegt, haben sie eine Grube gemacht. In dichtes Fichtengeste
haben sie den Mann geschlungen, mit einer Stange haben sie ihn an das Grab
gewlzt, bis er hinabgekollert.
    Zur selbigen Stund' ist eine kleine Schar von Betern ber die Moorheide und
durch die Wolfsgrube gezogen. Sie waren in einem Kare des Hochgebirgsstockes
gewesen, wo ein Kreuz stehen soll im Gestein. Diese kleine Schar ist an der
Grube stehen geblieben und hat laut fr den Toten ein Vaterunser gesprochen. Da
hat jhlings eine braune Kohlenbrennerin das Wort ergriffen und in ihrer Art
ausgerufen: Ihr Hascher, dem hilft euer fromm Gebet just so viel, wie dem Fisch
im Wasser ein trocken Pfaidlein tt nutzen. Der ist schon dort, wo die Hhner
hin pissen, das ist ja der Glasscherbenfresser!
    Nachher gilt das heilig Vaterunser fr unsern Viehstand daheim! sagen die
Beter und gehen davon.
    Ein einziger Mann, ein blasser, schwarzlockiger, niedergebeugter und seltsam
hastender Mann ist noch stehen geblieben an der Grube, hat hinabgestarrt, hat
eine Scholle auf den Leichnam im Reiserkleide geworfen, hat in der Runde
umhergeblickt und die Worte gesagt: Mit Erden werden sie ihn doch bedecken.
Seines guten Magens wegen wird ihn der Teufel nicht geholt haben; und etwan ist
sein Herz schlechter gewesen, als sein Magen.
    So die Grabrede. Und hierauf kommen ein paar Mnner und scharren Erdreich in
die Grube.
    Ich bin spter mit dem gebeugten, blassen Mann, den sie den Einspanig
nennen, wieder zusammengekommen. Da habe ich an ihn die Frage getan: Was ist
das mit dem Glasscherbenfresser? Das ist doch eine mrchenhafte Geschichte.
    Mrchenhaft ist das ganze Waldland, spricht der blasse Mann. Und der
Aberglauben ist dieser Leute geistiges Leben.
    Nach diesen Worten hat er sich gewendet und ist emsig von hinnen geholpert.
    Wie, Alter, bist nicht auch du selber ein Sohn des Waldlandes? Bist
wahrhaftig seltsam und mrchenhaft genug. - Den Einspanig, den Einsamen nennen
sie ihn, sonst wissen sie schier nichts von ihm zu sagen. -
    Auch mit den Pechern hab' ich schon Bekanntschaft gemacht. Der Pecher, das
ist schon auch ein wunderlicher Geselle. Man riecht ihn schon von weitem und man
sieht ihn glitzern durch das Dickicht. Die Hacke glitzert, mit der er das Harz
von den Bumen schabt; die Steigeisen glitzern, mit welchen er an den glatten
Stmmen emporklettert, wie eine Waldkatze, um den Baum auch an seiner Hhe
abzuernten, oder wenn keine Ernte ist, zu verwunden, auf das fr knftig das
Harz hervorquelle. Und die Lederhose glitzert, und der mit Pech vllig
berzogene Lodenspenser glitzert, und die Scheide des langen Messers an den
Lenden glitzert, und letztlich das Glutauge. Wenn eine Blte oder eine
niederfallende Tannennadel ihn streift, so bleibt sie kleben an seinem Arm, an
seinen Haaren, an seinem Bart. Wenn eine Fliege herumtanzt oder ein Falter, oder
eine Spinne - das Tierchen bleibt kleben an dem Manne; und bunt besetzt ist sein
Kleid mit kleinen aus dem Pflanzen- und Tierreiche, wenn er in Wald- und
Abenddunkel heim in seine Klause kehrt. Der Pecher verwundet die Bume arg und
bringt sie zuletzt um's Leben. Der Urwald ist dem Untergang verfallen. Die alten
Tannen und Fichten sind durch den Pecher zu Krppeln geworden; jetzt strecken
sie ihre langen Arme nach ihm aus, mchten den Todfeind am liebsten erschlagen.
    Aus dem Harze bereitet der Pecher durch das Verfahren des Abdunstens das
Terpentin und andere le, wie sie in den Waldgegenden gegen allerhand
Krankheiten und Gebrechen in groen Mengen verwendet werden. Ich habe schon
mehrmals zugesehen auf so einer Brennstelle, wie die schwarze Masse kocht und
brodelt, bis sie in geschlossene Tonbehlter kommt, aus welchen ihr zu
gewinnender Gehalt durch Rhren in die Zuber und Flaschen bergezogen wird. Mit
diesen Zubern und Flaschen in einem groen Korbe geht nun der Mann hausieren.
Der Holzschlger kauft Pechl gegen jegliche Verletzung, die er sich in seinen
Kmpfen mit dem Walde zuzieht. Der Kohlenbrenner kauft Pechl gegen Brandwunden;
der Kohlenfhrer fr sein Ro; der Branntweinbrenner fr sein Flein. Der
Wurzner kauft gegen Verrenkungen und gegen Bauchgrimmen, das er sich durch seine
meist ungekochte Nahrung zuzieht. Das Kleinbuerlein weiter drauen kauft Pechl
fr sein ganzes Haus und Vieh, gegen alle bsen Zustnde.
    Du Pechlmann! Mir nagt seit lang schon im Herzen ein kleinwinzig Kferlein
- wr's nicht zu tilgen mit deinem gallbitteren l? -
    In des Pechers Klause darf man sich nicht niedersetzen, man bliebe kleben.
Und gleich kmen die kleinen, ungewaschenen und zerzausten Rangen heran und
krabbelten empor und ritten gar auf den Nacken und man kme ihrer nicht mehr
los. - Das sind die lebendigen Snden der Alten, sagt meine Haushlterin. -
Besser lebendige, als wie tote, sage ich.
    Des Pechers Wohnung ist einfach genug. Unterhalb der nackte Erdboden,
oberhalb das schieferige Baumrindendach, seithalb die Wand aus rohen Stmmen
gezimmert und mit Moos verstopft. Der holperige Steinherd ist gleich als Tisch
eingerichtet. Unter der Bettstatt ist die Vorratskammer fr Erdpfel, Schwmme
und Holzbirnen. Der wurmstichige Kleiderschrank ist das allerheiligste des
Hauses, er bewahrt die geweihten Andenken der Voreltern, das Taufangebinde der
Kinder und den Wettermantel des Pechers, wenn er nicht am Leibe ist. Die Fenster
haben kaum so viel Glas, wie die Leut' sagen, der Fresser sich daran htte
satt essen knnen. Lappen und Strohpapier sind auch so gut wie Spiegelscheiben,
wenn einer kein sauberes Gesicht durchgucken lassen kann, meint der Pecher.
Wohl, der wei von Spiegelscheiben was, der ist nicht allfort im Wald gewesen.
Gar weit, weit in der Wienerstadt etwan ist er wachgestanden vor Spiegelscheiben
- hat ihm nicht gefallen, ist durchgegangen, ist eingefangen worden, ist
spierutengelaufen, ist wieder durchgegangen und in die Wildnis herein, - lt
sich nicht mehr fangen.
    Hinter dem Schrank hngt das Schiegewehr. Tritt einmal der herrschaftliche
Jger ins Haus und sieht er's, so ist's gut - eine Waffe mu sein, im Wald gibt
es Wlfe.
    Sieht er's nicht, so ist's besser.
    Bei des Pechers Hauswirtin ist's auch so; sieht man sie, so mu man
bedenken, da im vierzigsten Jahr bei niemandem ein neuer Frhling mehr
anbricht, da, wie das Sprichwort sagt, am Halse ein Kropf besser ist als ein
Loch, das einugig und nicht blind, und da ein wenig sbelbeinig weder Schande
noch Prahlerei ist. Sieht man sie nicht, so ist's besser.
    Wie ich aber schon wahrgenommen hab', bleibt an manchem Pecher zuweilen auch
ein junges kleben. Viele Landmdchen sind um ein gut Teil anders, wie die
Stadtfrulein.
    Die Stadtfrulein haben es zumeist nicht ungern, wenn ihre Liebhaber recht
schn wei und zart und schlank und gefgig sind, und zrtlich wie Tauben. Die
Landdirnen wieder mgen einen, der recht derb und rauh und struppig und eckig
und wild ist. Wenn eine die Wahl hat zwischen einem, der ihr schkernd die
Strmpferln stopfet, und einem andern, der sie anwettert mit jedem Wort - so
nimmt sie den Wetterer.
    Sie hat ihn ja doch im Sack. Wie geht das Lied, das der Pecher gern gern
singt?

Frs Pech hon ih mei Hackel,
Frs Haserl mei Bix;
Fr'n Jager a por dicke Fust,
Frs Mensch hon ih nix.
Nix is ollszweng, hot s' gsogt,
Hot mih ba da Tr ausgjogt;
Hiazt geh ih, und prgl an Jager o,
Da ih an Unterholtin ho.

    Mag sein, da nicht viel Schnes dran ist, indes wer einmal so ein Lied
singt, der tut dem Jger nichts. Wer mit finsteren Gedanken umgeht, der singt
kein heiter Lied.
    Unter den Waldteufeln der Gehobeltste, der Geschmeidigste und meines
Ermessens der Gefhrlichste ist schmeidigste und meines Ermessens der
Gefhrlichste ist der Branntweiner. Er trgt ein feineres Tuch wie die andern
und schneidet allwchentlich seinen Bart. Er trgt allerwege so ein Flschlein
mit sich herum, mit dem er vertraulich jedem aufwartet, der ihm in den Weg
kommt. Du, sagt er zum Wurzner, zum Pecher, wenn es heier Sommer ist, du,
ein khl, frisch Trpfel htt' ich da! Und wenn es kalter Winter ist: Du, los
(horch) auf, das hllisch Feuer htt' ich da!
    Wer trinkt, der ist ihm verfallen, der kommt ihm in die Schenke.
    Der Branntweiner erntet zweimal. Frs erste von den Ebereschen die roten
Beeren, von den Hagebutten, Wacholderstruchern, vom Heidekraut, von allem, was
hier Frchte hervorbringt. Der Branntweiner glaubt an den Geist der Natur, der
in allen Geschpfen lebt, und beschwrt ihn hervor aus den Frchten des Waldes,
und - wie jener Zauberer im Mrchen - hinein in die Flasche; - flugs den Stpsel
darauf, da er gefangen ist. Seine Brennerei ist ein frmlicher Zauberkreis
unter dem hohen, finsteren Tann, ein Kreis, wie ihn auch die Spinne zieht und
einwebt. Bald sind ein paar Fliegen da und zappeln im Netze. Die Waldleute, wie
sie herum- und ihren Geschften nachgehen, zuletzt aber kleben bleiben in der
Schenke - das sind der zweibeinigen Spinne die Fliegen, an denen der
Branntweiner nun seine zweite Ernte hlt.
    Jedes Weib rt dem Mann, er mge nicht den Weg ber den Tann nehmen, der sei
so finster und uneben, er sei auch weiter als jeder andere. Der Mann sieht's
ein, hat auch gar nichts auf dem Tann zu tun, aber - 's ist eben ein wandelbar
Ding, die Gesundheit - wie er so hinschreitet, da empfindet er jhlings ein
Drcken in der Gurgel, ein Grimmen im Bauch - ein schlimmes Grimmen, schier wie
die Magengicht. Pechl hat er keines bei sich, da wei er nur noch ein Mittel
und - er nimmt den Weg ber den Tann. - Das erste Glschen - sagt der Rpel -
lindert den Schmerz; das zweite macht warm ums Herz, das dritte macht noch
wrmer; das vierte macht den Beutel nicht mehr rmer; das fnfte tut erst die
Glieder spannen; bei dem sechsten wackeln schon die Tannen; bei dem siebenten
geht es glhhei durch den Leib; bei dem achten verlangt sich's nach dem Weib.
    Heimwrts wankend aber flucht der gute Mann ber das schlechte Weib, da
es ihm in diesem schaudervollen Nebel mit keinem Licht entgegenkommt; und wenn
er endlich den Hut tief und schief in die Stirne gedrckt, zur Htte
hereintorkelt, so wei das was Weib schon, was es geschlagen hat und was es noch
schlagen knnte, wenn es nicht sich nicht beeilte, sofort auf den Dachboden oder
anderswohin zu entkommen.
    Mich nrrischen Jungen stimmen meine Entdeckungsreisen heiterer, als ich's
je vermeint htte. Es liegt ein traurig Geschick ber diesem Vlklein, aber
dieses Geschick macht zuweilen ein unsglich spahaftes Gesicht. Ich halte diese
Waldleute auch nicht fr so verdorben. Verwahrlost und ungeschlacht sind sie. Es
liee sich vielleicht was aus ihnen machen; - nur Sauerteig mu dazu kommen, da
sie aus ihrer Versunkenheit einmal auflockern.
    Aussterben wird das Geschlecht nicht so leicht. Gerade in dem feuchten,
dunkeln Waldboden gedeihen die kleinen Rangen wie die Pilze. Die Jungen gehen
den Weg der Alten und tragen die Wurzelkrampe, oder den Hirtenstab, oder die
Pechhacke, oder die Holzaxt.
    Beim Pfarrer drauen in Holdenschlag ist bekannt, da die Waldkinder lauter
Mdchen sind. Die Knaben werden zumeist getauft mit dem Wasser des Waldes; sie
sind in kein Pfarrbuch geschrieben, auf da sie vergessen bleiben drauen im
Kreisamte und im Verzeichnisse der Wehrpflichtigen. Die Mnner hier sagen, die
Landesregierung und was dazu gehre, koste ihnen mehr, als sie ihnen wert wre,
und sie verzichten darauf. Das lasse ich gelten, aber die Regierung verzichtet
nicht auf die gesunden Winkelstegerleute.
    Die Mdchen, werden sie ein wenig flgge, gehen bald auch ins Ameisen- und
Wurzelgraben, ins Krutersammeln und sie wissen fr alles Absatz, und sie
pflcken die Erdbeeren und die Hagebutten- und Wacholderfrchte fr den
Branntweiner. Und die Jungen, denen noch das Hschen nicht trocken wird den
ganzen Tag, helfen schon auch den Branntwein trinken.
    Vor einiger Zeit habe ich einer Kinderschar zugesehen. Sie spielen unter
Lrchenbumen. Die niedergefallenen Lrchzapfen sind ihre Hirsche und Rehe,
denen sie grnes Reisig vorlegen zum Fressen. Andere laufen umher und spielen
hinter Gebsch Verstecken, Salzhalten, Geier austreiben, Himmel-und
Hllfahren, und wie sie die Schalkheiten und Leibesbewegungen alle heien. -
Man sieht ihnen gerne zu; sie sind zwar alle halbnackt, haben wohlgebildete und
gesunde Glieder, und ihre Spiele sind so kindlich heiter, wie ich anderwrts
noch nie Kinder spielen gesehen habe. - Hier ist die verwundbare Stelle des
Waldteufels, der am Ende ein gehrnter Siegfried ist!
    Ich habe den Kleinen unter den Lrchen fortwegs zugelchelt, aber sie haben
mich kaum angeblickt; nur da sich die Jngsten vor mir gefrchtet. Nach einer
Weile hab' ich es versucht, mich in ihre Spiele zu mengen; wie sich da die
meisten gleich verblfft zurckgezogen haben! Nur wenige geben sich mit mir ab;
wie ich aber von diesen wenigen im Wettlaufen und Haschen einige Male berlistet
werde, da kommen auch die anderen wieder herbei. Und bald bin ich in dem
tollschwirrenden Kreise dieser jungen Menschen ein guter und gern gesehener
Bekannter. Ich schwtz' ihnen manches vor, noch fter aber lasse ich mir von
ihnen erzhlen. Ich gehe zu den Kindern in die Schule, um die Schulmeisterei zu
lernen.
    Von oben durch einen Strick zur Hhe ziehen lassen sich die Waldleute nicht;
wer sie fr die Hhe gewinnen will, der mu ganz zu ihnen niedersteigen, mu sie
Arm in Arm und wohl auf weiten Umwegen emporfhren.

                                 Im Felsentale


An den Lehnen der Voralpe und an den Hngen des Hochzahn und seiner
Gletscherketten ziehen sich fort und fort die Waldberge hin in der Richtung
gegen Abend. Von oben gesehen, liegen sie da in der Blue, wie ich mir das Meer
denke, bergend in ihren Grnden die ewigen Schatten und die seltsamen Menschen.
    Eine Tagreise vom Tale der Winkel gegen Abend hin, fernab von der letzten
Klause, ist jene Stelle, von der die Waldleute sagen, da sie die Welt mit
Brettern verschlagen.
    Mit Steinen vermauert, wre besser gesagt. Senkrecht aufsteigende,
tiefklftige Wnde schlieen hier das Waldland ab. Es beginnt der Urstock der
Alpen, in welchem die Felsschichten nicht mehr liegen noch lehnen, sondern
fallrecht gegen Himmel ragen. Ein Meer von Schnee und Eis mit Klippen, an denen
ewige Nebel hngen, soll unabsehbar hingebreitet sein ber die Riesenburgen, die
da oben ragen und vormaleinst ein Eden gewahrt haben, das heute versteinert und
in Starrnis versunken ist. So die Sage. Da doch dieser wundersame Traum von
einer einstigen verlorenen Glckseligkeit die Herzen aller Vlker und
Volksschichten durchdmmert!
    Da jenseits des Alpenstockes wieder menschenbewohnte Gegenden beginnen, das
wollen mir viele Leute hier gar nicht glauben. Nur ein alter, schlau blinzelnder
Kohlenbrenner sagt, sein Grovater htte wohl einmal erzhlt, es seien da hinten
drben Menschenwesen, die so hohe und spitze Hte trgen, da, wenn sie des
Nachts auf den Bergen herumgingen, sie nicht selten damit einen Stern vom Himmel
stechen tten. Und der Herrgott mt des Abends jedmal sorgsam die Wolken
vorschieben, sonst htt' er lngst mehr kein einzig Sternlein an seinem Himmel.
    Der Schalk hat die Spitzhte der Tiroler gemeint.
    Wo nun dieses Waldland von dem Felsgebirge begrenzt wird, sind verrufene
Stellen. Dort hat man schon manchen toten Gemsjger gefunden, dem ein Krnlein
Blei durch die Brust gegangen. Auch bricht, sagen die Leute, aus einer der
zahlreichen Felsenhhlungen zuweilen ein Ungeheuer hervor, das alles
verschlingt, das aber im Gebirge einen unermelichen Schatz von Edelgestein
bewacht. Wenn das Waldland noch eine Weile besteht, so mu ein heldenhafter Mann
kommen, der das Ungeheuer besiegt und die Schtze hebt. Bislang ist noch kein
solcher dagewesen.
    Ich meine, ich wollte es erkennen und nennen, das Ungeheuer ...
    Den finsteren Sagen angepat ist jene Gegend. Sie ist ein totes Tal, in
welchem kein Finklein will singen, keine Wildtaube will glucken, kein Specht
will hacken, in welchem die Einsamkeit selbst ist eingeschlummert. Auf dem
grauen Sandmoosboden liegen zerstreut Felsblcke umher, wie sie von dem hohen
Gewnde niedergebrochen sind. Dort und da ist ein vorwitziges Fichtenbumchen
hinangeklettert auf einen solchen wettergrauen Klotz und blickt stolz um sich,
und meint, es sei nun besser, als die anderen, halb verkommenen Gewchse unten
auf dem Sandboden. - Wird nicht lange dauern, so wirst du verhungern und
verdursten auf dem drren Felsboden und herniederfallen. Hierum kann der Wald
nicht gedeihen, und steigt doch wo eine schlanke, kerzengerade Fichte empor, so
sind ihre Tage gezhlt. Jhlings kommt ein Sturmwind niedergefahren von den
Felsmulden und legt den schnen jungen Stamm mitsamt der losgelsten Wurzel fast
sanft hin ber den Boden. Und da tut er jetzund, als wollte er eine kleine Weile
sich nur ausrasten und bald wieder aufstehen mit seinen grnen Zweigen und
weiter wachsen; und indessen fallen ihm schon die Nadeln ab und es schrumpft und
springt die Rinde, und die Kfer lsen sie los, und nach einer Zeit liegt das
nackte, bleiche Gerippe da, das immer mehr und mehr in die Erde hinein versinkt,
aus der das Bumchen einst hervorgewachsen war.
    Und doch mu eine Zeit gewesen sein, in welcher der Wald hier glcklicher
gediehen ist; es ragt ja noch hier und da der graue, gespaltene Rest eines
gewaltigen Tannenbaumes empor, oder eines uralten Ahornes, in dessen Hhlen das
Wiesel wohnt, oder durch die der Fuchs den Eingang hat zu seiner unterirdischen
Behausung.
    Die Kiefer allein ist noch kampfesmutig, sie will die steilen Lehnen
hinanklettern zwischen den Wnden, will wissen, wie es da oben aussieht bei dem
Edelwei, bei den Alpenrosen, bei den Gemsen, und wie weit es noch hinauf ist
bis zum Schnee. Aber die gute Kiefer ist dich keine Tochter der Alpen, balde
fat sie der Schwindel und sie bckt sich angstvoll zusammen und kriecht mhsam
auf den Knien hinan, mit ihren geschlungenen, verkrppelten Armen immer weiter
vorgreifend und rankend, die Zapfenkpfchen neugierig emporreckend, bis sie
letztlich in den feuchten Schleier des Nebels kommt und in demselben planlos
umherirrt zwischen dem Gestein.
    Auf einem der niedergestrzten Felsblcke dieses letzten Tales des
Waldlandes steht ein Kreuz. Es ist unbeholfen aus zwei rohen Holzstcken
gezimmert; es hngt stellenweise noch die Rinde daran. Still steht es da in der
verlorenen de; es ist, wie die erste Kunde von dem Welterlser, welche der
heilige Bonifaz vormaleinst in den deutschen Wildnissen aufgepflanzt hat. Die
Eidechse schlpft auf dem Felsengrunde dahin; ein Reh trippelt heran mit seinen
schlanken Fen und blickt mit hochgehobenem Kopf und klugen Augen zu dem
Kreuzbilde empor. Es will ihm schier bednken, das Ding sei nicht so geradewegs
gewachsen auf dem Stein; es hebt ngstlich an, hin und her zu lugen, es schwant
ihm von jenem schrecklichen Wesen, das schlank wie ein Baum auf zwei Beinen
einherzieht und den knallenden Blitzstrahl schleudert nach ihm, dem armen, harm-
und wehrlosen Tiere. Des Entsetzens voll schlgt es seine Beine aus und eilt von
dannen.
    Ich habe schon mehrmals nach der Bedeutung jenes Kreuzes gefragt. Seit
Gedenken steht es auf dem Stein, kein Mensch kann sagen, wer es aufgestellt. Der
Sage nach sei es gar nicht aufgestellt worden. Alle tausend Jahre flg ein
Vglein in den Wald und das brchte ein Samenkorn mit aus unbekannten Landen.
Alle anderen Krner seien bislang verloren gegangen, oder man wisse nicht, sei
die Giftpflanze mit der blauen Beere, oder der Dornstrauch mit der weien Rose
oder ein anderes Schlimmes oder Gutes daraus entwachsen. Das letzte Korn aber
habe jenes Vglein auf den Klotz im Felsentale gelegt, und daraus sei das Kreuz
entsprossen. Man gehe zuweilen hin, um davor zu beten; manchmal habe das Gebet
daselbst schon Segen gebracht, manchmal aber sei auch ein Unglck darauf
gekommen. Man wisse also auch vom Kreuze nicht, ob es zum Heile oder zum Unheile
sei. Den Einspanig sehe man noch am ftesten im Felsentale und er verrichte
seine Andacht vor dem Bilde; aber man wisse auch vom Einspanig nicht, ob er
Gutes oder Schlimmes bedeute.
    Nach mehreren Tagen der Wanderung bin ich wieder einmal zurckgekehrt in
mein Haus an der Winkel. Mehrmals ber das Kreuz im Felsentale und den Einspanig
nachdenkend, hab' ich im Winkel ein weniges erfahren.
    Erstlich, wie ich eintrete in das Haus, wundere ich mich da, da meine
sonst recht gutmtige Hauswirtin heute gar aufgebracht ist. Die Sache soll so
gewesen sein: am Frsterhause geht der Einspanig vorber. Die Haushlterin
schaut just zur Tr hinaus und denkt: Ei, wenn sich nur mit diesem seltsamen
Menschen einmal ein kleines Plaudern anheben lie, da eins doch ein bichen was
von ihm erfahren knnt'. Und kaum er so zufllig sein Haupt gegen die Tr
wendet, ldt sie ihn artig ein, an der Bank ein wenig abzurasten. Er tut's, sie
bringt ihm eilig Milch und Brot herbei und frgt ihn in ihrer Weise: Ihr guter
Mann Gottes, wo kommt Ihr denn her?
    Von dem Felsentale hernieder, ist die Antwort.
    Ihr Nrrchen! ruft das Weib aus, das soll ja so viel eine bse Gegend
sein. Da oben im Felsental ist die Welt mit Brettern verschlagen.
    Darauf der Einspanig: Wo ist die Welt mit Brettern verschlagen? Gar auf
keinem Fleck. Die Berge gehen weit, weit zurck hinter den Hochzahn, dann kommen
die Hgellnder, dann kommen die Ebenen, dann kommt das Wasser. Viele tausend
Stunden breitet sich das Wasser, dann kommt wieder Land mit Berg und Tal und
Hgeln, und wieder Wasser, und wieder Land und Wasser und Land und Land -
    Hat ihn die Haushlterin unterbrochen: Jesus, Einspanig, wie weit denn
noch?!
    Bis heim, bis in unser Land, in unseren Wald, in das Winkel, in das
Felsental. - Ehrsame Frau, gibt Euch Gott Flgel und Ihr fliegt fort gegen
Sonnenuntergang, und fort und immerfort, der Nase und der Sonne nach, so kommt
Ihr eines Tages von Sonnenaufgang her geflogen gegen Euer friedsam Haus.
    Darauf die Hauswirtin: O du Fabelhans, fable wen andern an, ich bin die
Winkelhterin. Die Milch schenk' ich Euch und redlicher alter Leut' Wort dazu:
es ist ein Fleck, da ist die Welt mit Brettern verschlagen. So ist der alte
Glauben und in dem will ich leben und sterben.
    Der Mann soll darauf gesagt haben: Weib, Eueren alten Glauben hoch in
Ehren! Aber ich bin den Weg schon gegangen, gegen Niedergang hin und von Anfang
her.
    Und dieses Wort htte das Weib vollends erbittert; Du bist eine
Lugentafel! soll sie gerufen haben, auf dich hat der Teufel seinen
Heimatschein geschrieben!
    Und hierauf sei der Mann kopfschttelnd davongezogen.
    Das gute Weib mu schon schwer auf mich gewartet haben, um sich weiters Luft
zu machen. Als ich nach Hause komme, ruft sie mir ber den Gadern (Bretterzaun)
her entgegen: Mein Eid, mein Eid! Was es doch auf der lieben Erde Gottes fr
Leute gibt! Jetzund glauben sie gar nimmer ans End' der Welt! Ich aber sag:
unser Herrgott hat's recht gemacht, und ich bleib' bei meinem alten Glauben, und
die Welt ist mit Brettern verschlagen!
    Freilich, freilich Winkelhterin! gebe ich bei und steige ber die Bretter
des Hausgaderns: Wohl richtig - mit Brettern verschlagen!
    Und so bleiben wir beim alten Glauben!

                                Bei den Holzern


Da doch der Wald, wie er sich so hinbreitet ber Hhen und Tler - unabsehbar,
wie er daliegt, grn und dunkel und weiterhin duftig blauend am sonnigen
Sehkreis - der stille, unendliche Wald - da er doch auch seine Feinde hat!
    Wie ist das eine schne, suselnde, rauschende, brausende allebendige
Ringmauer, schtzend vor dem wsten Unfrieden drauen! Aber - Waldfried ist
gestorben.
    Im Forste braust der Sturmwind, schlgt manchem jungen Tannling den lustig
winkenden Arm weg, bricht manchem trotzigen Recken das Genick. Und in der Tiefe
rauscht und schumt in weien Gischten und Flocken - wie ein brandender
Wolkenstrom - der Wildbach, und whlt und grbt und nagt das Erdreich von den
Wurzeln, immer weiter und weiter hinein, da der wuchtige Baum zuletzt schier in
der Luft dasteht und sich oben mit starken Armen nur noch an den Nachbarn hlt,
um nicht zusammenzubrechen, endlich aber doch niederstrzt in das Grab, das ihm
jenes Wasser heimtckisch gegraben hat. Jenes Wasser, welches er durch seinen
Nebeltau gestrkt, durch seine dichte Krone vor dem Lechzen des Windes
geschtzt, durch seine Schatten vor dem zehrenden Kusse der Sonne bewahrt hat. -
Und auf den luftigen Wipfeln hackt der Specht, und unter den Rinden frit die
Borke, und das Sgerad der Zeit geht allerwege, und die Spne fliegen - im
Frhlinge als Blten, im Herbste als gedrrte Nadeln und Bltter.
    Es geht ewig zu Ende und im Ende keimt ewig der Anfang.
    Da naht nun der Mensch mit seiner Zerstrungsgier. Da schallt das Schlagen
und Pochen, da surrt die Sge, da klingt das Beil auf das Stemmeisen im dunkeln
Grunde; - wenn du oben hinblickst ber das stille Meer der Wipfel, so ahnst du
es nicht, welchen es angeht.
    Aber das Stemmeisen und der Keil dringen tiefer und tiefer; da schttelt
einer der Hundertjhrigen sein hohes Haupt, er wei doch gar nicht, was die
Menschlein wollen da unten, die kleinen, possierlichen Wesen - er kann nicht
begreifen und schttelt wieder das Haupt. Da geht ihm der Sto ins Herz; - unten
knistert es, schnalzt es, und nun wankt der Riese, knickt ein, rauschend und
pfeifend in einem weiten Bogen kreist er hin, mit wildem Krachen strzt er zu
Boden. Leer ist es in der Luft, eine Lcke hat der Wald. Hundert Frhlinge haben
ihn emporgehoben mit ihrer Liebe und Strenge; jetzt ist er tot, und die Welt ist
und bleibt ganz auch ohne ihn - den lebendigen Baum.
    Still stehen die zwei, drei Menschlein, sie sttzen sich auf den Beilstiel
und blicken auf ihr Opfer. Sie klagen nicht, sie jauchzen nicht, eine grausame
Kaltbltigkeit liegt auf ihren rauhen, sonnverbrannten Zgen; ihr Gesicht und
ihre Hnde sehen auch aus wie von Fichtenrinden. Sie stopfen sich ein Pfeiflein,
schrfen die Hacken und gehen wieder an die Arbeit. Sie hauen die ste von dem
hingestreckten Stamme, sie schrfen ihm mit einem breiten Messer die Rinde ab,
sie schneiden ihn vielleicht gar in klafterlange Stcke; - und nun liegt der
stolze Baum in nackten Kltzen.
    Der Holzhauer denkt nicht daran, kann nicht daran denken, nur da er sich,
wenn der Meisterknecht nicht zugegen, ein wenig auf den weien Stock mit den
Jahresringen setzt und wieder ein Pfeifchen stopft, oder - wie das bei den
Waldleuten schon eine absonderliche Gewohnheit ist - sich gar einen Ballen Tabak
in den Mund steckt, um einen halben Tag an ihm zu kauen. Das Tabakkauen ist dem
Holzschlger ein eigener Genu, es ist ihm, wie er sagt, das halbe Essen und
dreiviertel Arzenei.
    Die Baumstmme werden in diesen Gegenden zumeist zu Kohlen verwandelt und zu
diesem Zwecke zu Scheitern oder lngeren Stcken, Dreilingen (drei
hackenstiellangen Strnken) zerkleinert. Die Kohlen werden entweder zu Wagen,
oder wo der Weg zu elend ist, auf den Rcken der Pferde oder Halbpferde
hinausbefrdert zu den Hammerwerken der Vorgegenden. Nur die schnsten Stmme
werden als Bauholz verwendet. Die Buchen und Ahorne und andere Laubhlzer, wie
sie hier wachsen, werden am wenigsten bentzt, nur da sie ihr Laub fr Streu
und Lagersttten liefern; sonst bleiben sie sich selbst berlassen, bis sie
inwendig verfault, ausgehhlt, nach und nach absterben und zusammenbrechen. Dann
entstehen schwammartige Auswchse auf den vermodernden Strnken, und es kommt
der Pecher oder der Wurzner, schlgt die Auswchse los, mrsert sie platt, beizt
sie ein und bereitet so den Feuerschwamm.
    Der Holzhauer wei freilich nichts von der Schnheit der Wildnis. Dem
Holzhauer ist der Wald nichts anderes als dem Bauer das Feld, auf dem er erntet.
Aber er erntet fr andere. Wie ist das ein langes Tagwerk von der Morgenfrhe
bis zur Abenddmmer, eine einzige Ruhestunde nur zu Mittag. Whrend der
Waldteufel sein eigener Herr, ist der Holzhauer der Herren Knecht. - Was die
Nahrung anbelangt, so ist der Holzschlger ein Geschpf, das sich von Pflanzen
nhrt; auer er wre ein tchtiger Wilderer und liee sich nicht erwischen. Doch
schwelgt er in der Einbildung und nennt seine Mehlnocken gerne nach den Tieren
des Waldes. So geniet er zum Frhstck, zum Mittagsmahle, zum Abendbrot nichts
als Hirschen, Fchse, Spatzen, und wie er seine Mehlnudeln schon tauft. - Mich
hat ein junger Mann eines Freitags zu einem Hirschen eingeladen. Ei, denke
ich, der hlt den Fasttag nicht, das ist sicher der Evangelischen einer, die von
den Bauernkriegen her in den Alpen zurckgeblieben sein sollen. Aber jene
Hirschen sind harmlose Mehlkchlein gewesen.
    Achtzehn Groschen Arbeitslohn des Tages, das ist schon eine gute Zeit;
mancher Wldler hat sich davon ein Huschen, Weib und Kind und eine Ziege
angeschafft. Das ist dann ein eigener Herd, da kommt zu dem Mehlgerichte noch
eine fette Ziegenmilchsuppe, und zu der Suppe ein Huflein schreiender Rangen -
da geht's schon hoch her!
    Indes ist der Aufwand in der Waldhtte nicht bertrieben. Es wird zum Glcke
von braven Familienvtern nicht viel verlangt.

Jo, won ma's holt hot,
Kon ma lebn noch sein Gschmock,
Fr die Kinder a Brot
Und fr mih an Tabok!

heit ein Lied des Waldhuslers.
    Andere freilich, und wohl die meisten, ertrnken ihr Erworbenes und ihre
anspruchslose Zufriedenheit im Branntwein. Solche Junggesellen wohnen zusammen
zu Dutzenden in einer einzigen Htte, kochen ihr Mahl an einem gemeinsamen Herd,
der in der Mitte der Klause steht. An den Wnden ringsum sind die Strohlager
aufgestellt.
    In jeder Htte haben sie einen Goggen und einen Thomerl; der Gogg ist
ein Holz- und Eisengestell auf dem Herde, welches die Kochpfannen ber dem Feuer
hlt - es sind deren oft ein Halbdutzend um die Flammen aufgerichtet. Der
Thomerl ist ein Mensch, der aber auch Hansl oder Lippl, oder wie er will, heien
kann, aber gewhnlich einen gromchtigen Kopf, hohe Achseln und kurze Fe hat,
der die Hnde gerne bis zu den Knien hinabhngen lt und allweg grinst und
lchelt, ohne da er selbst wei, warum. Er ist das Stubenmdchen, der
Kchenjunge, der Holz- und Wassertrger, allfllig der Ziegenhirt, die
Zielscheibe fr ledige Spe und - die Hausehre. Jede ordentliche
Holzknechthtte mu einen Thomerl haben.
    Ferner sind in der Holzknechthtte in irgendeinem Winkel, unter irgendeiner
Diele stets geladene Kugelstutzen verborgen.
    Der Werktagsanzug der Holzschlger hat keinen ausgeprgten Grundzug; er ist
zum Teile ein zerfasertes Lodengewebe, zum Teile ein mattfarbiges
Strickwollenzeug, zum Teile eine hornhnliche Lederrinde, alles mehr oder minder
mit Harz berklebt, ausgiebig den inneren Menschen verdeckend. Das Wahrzeichen
aber ist der hohe, gelblich grne Hut mit dem Federbusche. Der Federbusch mu
wohl in Ordnung sein, daran hngt, wei Gott, eine Wilderer- oder
Liebesgeschichte oder ein saggerisch Raufen.
    Aber wenn einmal die Kirchweih kommt! - Die Kirchweih mu es sein, denn
Sonntage gibt's hier nicht, fehlt ja doch des Sonntags Herz - die Kirche.
    Zur Kirchweih ziehen sie hinaus zu den ferneren Orten, und da sind sie
angetan, diese rauhen Waldmenschen, mit Frack und Zylinder; - 's ist kaum zu
glauben. Aber der Frack ist ja aus grobem Loden, mit grnem Tuche verbrmt;
ganze Bumchen aus grnem Tuche geschnitten, prangen am Rcken ber den Schen
und an den rmeln, und groe Messingknpfe leuchten in die Ferne, und ein
mchtig hoher Stehkragen bildet die Feste um den Kopf, auf welchem nun der
ebenfalls aus groben Haaren, aber mit einem breiten grnen Bande und funkelnder
Messingschnalle, breitkrempige, oben weit ausgeschweifte Zylinder sitzt.
    Bis in die Alpenwildnis herein also die welsche Mode gedrungen!
    Zum grten Teile sind es gutmtige Menschen; gereizt aber knnen
unglaublich wild werden. Da hebt ihr Blut an zu brausen, wie ein Sturmwind im
Forst, und der kleinste Funken leidenschaftlicher Erregung wird zu einem
Waldbrande. Die Augen dieser Waldmenschen, so tief sie stecken mgen hinter den
Brauen, sind klar und glhend. Deutlich ist die Gutherzigkeit darin zu lesen und
der Jhzorn.
    Aber fromm sind sie, schier verdchtig fromm. Jeder hat sein
Weihwasserflschel und sein Anhngsel an der Brust; jeder betet seinen
Rosenkranz, mit Einschlieung aller armen Seelen im Fegfeuer, und zur Erlangung
von Geld und Gut, so nutzlos vergraben ist in der Erden. Und jeder hat in
seinem Leben zum mindesten ein Gespenst gesehen.
    Wie ich diese Leute bis jetzt kennen gelernt habe, ist ihnen ein blutiger
Raufhandel etwas Gewhnliches, schier Selbstverstndliches, ein Totschlag nichts
so Seltenes. Hingegen Diebsthle kommen nicht vor.
    So sind sie in den Hochwldern. Der Holzbauer wird geboren unter dem Baume,
sein Vater gibt ihm - mcht' ich schier sagen - fast eher den Axtstiel in die
Hand, als den Lffel, und anstatt nach dem Zulp greift der Kleine nach der
Tabakspfeife. Wer Tabak nicht zu kaufen vermag, der macht sich ihn aus
Buchenblttern.
    Just sonderliche Armut ist ihnen nicht angeboren. Die stille Freude kennen
sie kaum; sie fahnden nach gellender Lust. Selbst der Schmerz greift nicht recht
an. Wenn einer sich mit dem scharfen Beil in das Bein fhrt, so sagt er, es tt
ein bichen kitzeln. In wenigen Tagen ist alles wieder heil. Haut sich einer
unversehens einen Finger weg, so ist das zuwider, des - Tabakfeuerschlagens
wegen.
    Tannenharz und Pechl, und ein alter Beinbrucharzt und Zahnbrecher sind in
dieser waldschattigen Welt die ganze medizinische Fakultt.
    Heimweh ist, wenn sie hinauskommen, ihr Seelenleid. Heimweh die Heimatlosen?
- Das Leid heit Sehnsucht nach den Waldbergen, in welchen sie einmal den
Jahreslauf durchlebt.

                              Der schwarze Mathes


Im Hinterwinkel steht die unheimliche Htte. Ich bin vor kurzem in ihr gewesen
und hab' den Raufbold Mathes, den Menschen mit der herben Schale gesehen. Es ist
ein kleines, hageres Mnnchen, liegt hingestreckt auf einem Mooslager und hat
Arm und Kopf in Fetzen gewunden. Er ist arg verletzt.
    Die Fenster der Klause sind mit Lappen verdeckt; der Mann kann das Licht
nicht vertragen. Sein Weib, jung und anmutig, aber abgehrmt zum Erbarmen, kniet
neben ihm und netzt ihm mit Holzapfelessig die Stirn. Sein Auge starrt sie fast
leblos an, aber sein Mund mit den weien Zhnen ist, als wollte er lcheln. Der
Mann riecht stark nach Pechl.
    Als ich eintrete, hocken ein blasser, schwarzlockiger Knabe und ein
hellugiges Mdchen zu seinen Fen und diese Kinder spielen mit Moosflocken.
    Das wird ein Grtelein, sagt das Mdchen und da baue ich weie Rosen an!
    Der Knabe bildet aus Hlzlein ein Kreuz und ruft: Vater, jetzt wei ich es:
ich mache den Holdenschlager Freithof!
    Die Mutter erschrickt und verweist den Kleinen das gellende Geschrei; der
Mathes aber sagt: Je, schreien magst sie schon lassen; den Freithof wird auch
noch einer brauchen. Aber, eines, Weib, la dem Lazarus seinen Jhzorn nicht
gelten. Um des Herrgotts Willen, nur das nicht! Du schweigst? Du willst mein
Wort nicht halten? Meinst etwan, du verstndest es besser, als ich? du! ich sag'
dir's, Weib mach' mich nit wild!
    Die Lappen reit er von den Armen und will sich aufrichten. Das Weib sagt
ihm liebreiche Worte und schiebt ihn sanft zurck. Mehr noch aber schiebt die
Schwche und er sinkt auf das Lager.
    Die Kinder sind aus der Htte gewiesen worden, und auf dem sonnigen
Wiesenplane bin ich eine Weile bei ihnen gewesen und habe mich mit ihnen unter
Spielen und Mrchenerzhlen ergtzt.
    Ein paar Tage spter komme ich wieder hinauf. Da geht es dem Kranken ein gut
Teil schlechter. Er kann sich nicht mehr aufrichten, wenn die Wut kommt.
    Was ihm denn eigentlich fehle?
    So viel geschlagen ist er worden, hat mir das betrbte Weib mitgeteilt.
    Ich bin anfangs durch die Kinder eingefhrt worden und geniee im Hause des
Mathes einiges Vertrauen. Ich gehe fters hinauf; ich will allzumal auch das
Elend im Walde kennen lernen.
    Einmal, als der Mathes in einem ruhigen Schlummer liegt und ich neben dem
Lager sitze, atmet das Weib schwer auf, als trge sie eine Last. Dann sagt sie
die Worte: Ich getrau' mir's wohl zu sagen, auf der Welt gibt es keine bessere
Seel', als der Mathes ist. Aber wenn ein Mensch einmal so gepeinigt worden von
den Leuten, und so niedergedrckt und so schwarz gemacht, wie er, so mt' er
kein frisch' Trpfel Blut im Leib haben, wollt' er nicht wild werden.
    Und ein wenig spter fhrt sie fort: Ich wt' zu reden, ich hab' ihn von
Kindeszeit auf gekannt.
    So redet, habe ich entgegnet, in mir habt ihr einen Menschen vor Euch.
    Lustig ist er gewesen, wie ein Vglein in den Lften; hell zuckt hat alles
an ihm vor lauter Freud' und Lebendigkeit. Und er hat's damalen noch gar nicht
gewut, da er zwei gromchtige Meierhf' erben sollt'; htt's auch nicht
geachtet; am liebsten ist ihm die Erden Gottes gewesen, wie sie daliegt im
Sonnenschein. - Wartet nur, 's ist nicht allerweg' so fortgegangen.
    Und nach einer weiteren Weile fhrt das Weib fort: In seinem zwanzigsten
Jahr herum mag's gewesen sein, da ist er einmal mit einer Kornfuhr in die
Kreisstadt gefahren. Das Fuhrwerk hat ein berreiter (Gendarm zurckgebracht;
der Mathes ist nicht mehr heimgekommen.
    Oho! Heimgekommen schon! unterbricht sie der Kranke, und will sich heben.
- Es ist nichts Unrechtes, das du erzhlst, Weib, aber wissen wirst es nicht
recht, bist ja nicht dabeigewesen, Adelheid, wie sie mich erwischt haben. Ich
erzhl's selber. Wie ich in der Stadt mein Geschft fertig hab', geh' ich ins
Wirtshaus, da ich mir ein wenig die Zunge netz'. Auf dem Kornmarkt, mt' Ihr
denken, wird das Red'werk trocken, bis der letzte Sack vom Wagen geschwtzt ist.
- Wie ich in die Wirtsstuben tret', sitzen ihrer drei, vier Herren bei einem
Tisch, laden mich ein, da ich mich zu ihnen setz' und mit ihnen Wein trink'. -
Freundlich sind die Herren gewesen, eingeschenkt haben sie mir.
    Der Mann unterbricht sich, um Atem zu schpfen; sein Weib bittet ihn, da er
sich schone. Der Kranke hrt es nicht und fhrt fort: Von den Welschen haben
sie erzhlt, die in Ewigkeit keine Ruh' geben wollen, und von den Kriegszeiten
und dem lustigen Soldatenleben; und gleich darauf fragen sie wieder, wie das
Korn geraten, was der Scheffel koste. Ich bin lustig worden, hab' meine Freud'
gehabt, da sich mit weltfremden Leuten so schn ber allerhand plaudern lt.
Da hebt einer das Glas: unser Knig soll leben! - Wir stoen an, da schier die
Glser springen; ich schrei dreimal lauter als die andern: der Knig soll
leben! - Der Kranke bricht ab, es zittern ihm die Lippen. Nach einer Weile
murmelt er: Mit diesem Ruf ist mein Unglck angegangen. - Wie ich wieder fort
will, springen sie auf, halten mich fest: oho, Bursch, du bist unser! - Unter
die Werber bin ich geraten. Fortgefhrt haben sie den jungen, noch gar nicht
ausgewachsenen Menschen; - unter die Soldaten haben sie mich gesteckt und
verkauft bin ich gewesen.
    Mit den knochigen Fingern zerballt der Mathes eine Moosflocke.
    Grm' dich nicht, Weib, stt er hervor, bin schon besser. Mit meinen
letzten Worten will ich das Gezcht' noch niederschlagen. Das kann ich wohl
sagen: auf weitem breiten Feld bin ich nicht so wild gewesen, wie dazumal. -
Heim htt' ich mgen, heim hat's mich zogen mit schweren guldenen Ketten. Und
einmal, mitten in der strmischen Winternacht bin ich fort und heimzu geflohen.
Im Rainhusel hab' ich mich aufgehalten bei meiner alten Base. Und jetzt haben
mich meine eigenen Landsleute verraten. Auf einmal sind die berreiter da, da
sie mich fangen. Just, da ich noch aus dem Husel und in den Wald hinaufhusch'
und denk', wenn sie mich berlistet haben, so berlist' ich sie wieder. Zwei
groe Fanghunde haben umhergeschnuppert, aber ich bin durch den Bach gelaufen
und in demselben eine gut Lng' hinan, da die ser meine Spur haben verloren.
Und die berreiter im Husel haben alles durchstbert; ins Bettstroh und ins Heu
haben sie gestochen mit ihren Messern, die Hllteufel, und die ganze Htte
htten sie schier umgestrzt. Wie sie mich aber nicht haben gefunden, hat einer
sein Brennscheit meiner alten Base auf die Brust gesetzt: auf der Stell' sag',
wo er ist, oder ich schie dich nieder wie einen Hund! - Ja, da ist er gewesen,
und wo er jetzt ist, das kann ich nicht sagen. - Vor die Tr hinaus haben sie
drauf das Weibel geschleppt, drei Gewehrluf' sind auf ihre Brust gerichtet und
insgeheim haben sie ihr zugemunkelt: aber gleich schrei, so laut du kannst: geh
nur her, Hiesel, die berreiter sind lang' schon wieder davon! Willst es nicht
tun, wirst morgen begraben. Von all dem hab' ich im selbigen Augenblick nichts
gewut, wie ich so im Dickicht versteckt bin. Hab' aber lang gelauert und
gemeint, es wre hell erlogen, da sie mich fangen. Da hr' ich die Base rufen:
geh her, Hiesel, die berreiter sind lang' schon davon! - Ich spring' auf und
der Htte zu, da seh' ich das Weibel die Hnd' ber den Kopf zusammenschlagen,
da hr' ich schon das Lachen und ich steh' mitten drin unter den berreitern.
Herrgotts Kreuz! da bin ich wohl nach meinem Taschenfeitel gefahren! Hat mir
aber einer den Kolben an den Arm geschlagen. - Und ein paar Tag darauf geht's
ber mich los. - Die funfzig Rutenstreiche damalen haben den Teufel in mich
hineingeschlagen. - Mein zerfetzter Rcken ist mit Essig und Salz eingewrzt
worden, der Heilung wegen. Es hat Eil' gehabt. Der Welsche ist ins Land
gefahren, wie der bs' Feind. Da bin ich freilich auch in die Hitz' gekommen und
hab' drein gefeuert. Ein' einzige Pulverladung hab' ich noch gehabt, wie der
Feind ist zurckgeworfen; fr dieselbig' Kugel htt' ich noch wen andern gewut;
bei uns herben auf hohem Ro. Aber das nicht, das nicht! hab' ich mir gedacht,
Aug' in Aug' ist gescheiter. Und nachher bin ich wieder durchgegangen in die
Heimat.
    Und wenn Ihr Eure Heimat so geliebt, warum habt Ihr nicht fr sie streiten
wollen? unterbreche ich ihn, warum seid Ihr davongegangen?
    Mag sein, da es eine Schurkerei gewesen, sagt der Mathes, mag sein. Oder
'leicht - mag's auch nicht sein.
    Mag das sein, wie es will, ist meine Antwort, ich kenne einen Mann, der
hat nicht nur nicht fr sein Land gestritten, sondern gegen.
    Ich bin in meiner Heimat nicht verblieben, fhrt der Mathes fort, mein
Eigentum hab' ich im Stich gelassen und hab' mich, da sie mich nimmermehr
finden, in diese hinterste Wildnis verkrochen. - Gehetzt, gehetzt, Herr Jesus!
Und dahier bin ich erst das wilde Tier worden. Mein Weib, du weit es.
    Ein sthnender Aufschrei war es gewesen; aber die Worte sind wie im
Entschlummern gelallt. Er schweigt und schliet die Augen. Wie ein letztes
Auflodern und ein Verlschen.
    Fr einen Hascher haben ihn die Leut' gehalten, da er ist zurckgekommen,
setzt das Weib fort, Groschen und Pfennige haben sie zusammengeworfen in einen
Hut und ihn denselbigen Hut wollen schenken. Dafr htt' der Mathes bald ein
paar totgeschlagen; er will nichts geschenkt haben. Wie ihn darauf die Leut' zu
Dutzenden verfolgt, ist er auf einen Lrchenbaum geklettert, hat sich von einem
Wipfel auf den andern geschwungen wie eine Waldkatz; und da haben die Leut'
gesehen, da er doch wer ist. Aber das Hieselein haben sie ihn spottweise
geheien. - Nachher - ja freilich wohl - hat er sich ein Mdel ausgesucht -
    Das allerschnste im Wald! unterbricht sie der Kranke wieder, und ein
solcher Hoffartsteufel ist in ihm gewesen, da er - der Halbkrppel -
demselbigen Mdchen die Treu' nur versprochen, im Fall er kein schneres mehr
sollt' finden. Heiliges Kreuz, was ist da nicht gerauft worden! Andere haben das
Mdel auch haben wollen. Dem Vornehmsten und Saubersten hab' ich die Adelheid an
der Nase vorbei heimgefhrt, und eine Bravere htt' ich nimmer finden mgen.
    Wieder schweigt er und berlt sich dem Halbschlummer.
    Frchterliche Schlg' hat er oftmalen bekommen, sagt das Weib, aber auf
den Fen ist er geblieben, und da hat ihn einer herumschleudern mgen, wie der
Will'. Zu jedem Samstagabend hat er sein Messer geschrft fr das
Erlholzschneiden; aber oftmalen hab' ich gebeten: lieber Mann, um Christi
willen, la das Messerschrfen sein! - Allerweg hat's mir geschwant, einmal
werden sie ihn bringen auf der Tragbahr. - Und sonst, wenn er nchtern gewesen,
da hat's gar keinen besseren, fleiigeren und hilfreicheren Menschen gegeben im
ganzen Waldland, als den Mathes. Da hat er lustig sein und wie ein Kind lachen
knnen. Freilich ist ihm, weil er Soldatenflchtling, sein Heimatsgut drauen im
Land verfallen gewesen; aber mit bluteigenen Hnden hat er die Kinder ernhrt,
und gar fr andere Leut', die sich nichts mehr erwerben mgen, hat's noch
gelangt. Wegen seiner Redlichkeit und Verllichkeit haben sie ihn im Holzschlag
zum Meisterknecht gemacht. Und dennoch hat zum Sonntag der Wirt die Hnd' ber
den Kopf zusammengeschlagen, ist das Hieselein gekommen, das sie nun schon
allfort das schwarze Hieselein geheien haben. Ist es auch voll Gemtlichkeit
zur Tr hereingegangen, so ist doch darauf zu schwren gewesen, da es ohne
Raufen nicht abgeht. Er hat's nicht lassen mgen. Dasselb' ist aber wahr,
nchtern geworden, hat er jedem alles wieder abgebeten. - Zuletzt aber, du meine
heilige Mutter Gottes, da ist das Abbitten nicht mehr angegangen. - Die
Holzschlger sind all' zusamm' gekommen, da sie dem Raufer, gleichwohl er ihr
Meisterknecht, im Wirtshaus den Herrn einmal zeigen. Erstlich, wie sie sehen,
da er Branntwein trinkt, ein Glas ums andere, haben sie angefangen, ihn zu
necken und zu hhnen, bis er wild wird und drein fhrt. Sie sind all' ber ihn
her. Und zur selbigen Stund' hat ihn der Schutzengel verlassen; eine Hand frei,
fhrt er nach dem Messer, stt es dem Khler Bastian in die Brust. - Jetzt
haben sie den Mathes geschlagen, da er liegen geblieben auf der Erden. Zwei
Wurzner haben ihn heimgetragen.
    Drauf spricht er: Das aber sag' ich, da ich so nicht versterben mag.
Aufsteh' ich und geh' zum Gericht, und klag' andere an, da ich den Bastian hab'
erstochen. Von den hinterlistigen Werbern an, die mich aus meinem Jugendfrieden
in die blutige Welt geliefert haben, wo ich geschndet worden - - bis auf den
Khler Bastian, der mir mit Hohn und Spott selber noch das Messer aus der
Scheiden hat gelockt - - alle ruf' ich vor den Richterstuhl, alle mssen dabei
sein, wenn mir der Henker den Hals bricht.
    Das Weib kreischt auf; der Mann sinkt rchelnd auf das Moos zurck.
    Da hpfen und jauchzen die Kinder zur Tr herein. Sie zerren ein weies
Kaninchen bei den Ohren mit sich, lassen es in der Stube frei und der Knabe
verfolgt es. Das bedrngte Tier hpft zum Mooslager und dem Kranken ber die
Beine. Im Winkel bleibt es sitzen und schnuppert und sieht mit seinen groen
Augen angstvoll hervor. Der Knabe schleicht ihm bei und erwischt es bei den
Beinen. Da winselt es und beit den Verfolger in den Finger. - Wart du! wart
du, Rabenvieh! wtet der Knabe und wird glhrot im Gesicht, und seine Finger
graben sich krampfig in den Hals des Tieres - und ehe noch Mutter und Schwester
dazwischen kommen - ist das Kaninchen tot.
    Der Mathes schlgt sich die Hnde in das Gesicht und ruft: Jetzt lebt der
Zornteufel auch in meinen Kindern fort, das mu ich noch erfahren!
    Wenige Minuten hernach bricht der Mann in Tobsucht aus. Noch an demselben
Abend ist er gestorben.
    Den schwarzen Mathes haben sie im Wald eingescharrt. Das Weib hat unsglich
geweint auf dem Hgel, und als sie endlich von dannen gefhrt ist worden, da ist
der Einspanig gekommen und hat auf das Grab ein Tannenbumlein gepflanzt.

                                                 Am Tage der Geburt Mariens 1814

    Und so bin ich in den Winkelwldern herumgegangen. Ich bin im Hinterwinkel
gewesen und in den Miesenbachschluchten, und in den Karwldern und in den
Lautergrben und in der Wolfsgrube und im Felsentale und auf den Triften der
Almen, und drben in der Senke, wo der schne See liegt. Ich habe diese
wundersame Alpengegend kennen gelernt und zum groen Teile auch die Menschen,
die in ihr wohnen. Ich habe mich bei den Alten eingefhrt und mit den Jungen
bekannt gemacht. Es kostet Mhe und es gibt Miverstndnisse. Die besten dieser
Leute sind nicht so gut und die schlechtesten nicht so schlecht, als ich mir
vorzeiten gedacht habe. Ein paar Ausnahmen aber - deucht mir schier - gibt es
doch.
    Ich mu sogar ein wenig unredlich sein; sie drfen es nicht wissen, weshalb
ich da bin. Viele halten mich fr einen Flchtling und sind mir deshalb gewogen.
Ein Mensch, den diese Wldler gern haben mgen, mu von der Welt verachtet und
verbannt sein, mu schier so wild und glck- und sorglos sein, wie sie selbst.
Ich habe mich denn auch um eine Arbeit umsehen mssen. Ich flechte Krbe aus
Rispenstroh und Weiden, ich sammle und bereite Zunder, ich schnitze aus
Buchenholz Spielsachen fr Kinder. Ich habe mich schon so sehr in dem Zutrauen
der Leute befestigt, da sie mich das Schrfen der Arbeitswerkzeuge lehren, so
da ich den Holzschlgern die Beile und Sgen scharf zu machen verstehe. Das
bringt mir manchen Groschen ein und ich nehme ihn an - mu ja angewiesen sein
auf meiner Hnde Arbeit, wie alle hier. In meiner Stube sieht es bunt aus. Und
da sitze ich, wenn drauen schlecht Wetter oder der lange Herbstabend ist,
zwischen den Weidenbscheln und Holzstcken und den verschiedenen Werkzeugen,
und schaffe. Selten bin ich allein dabei; es plaudert mir meine Hauswirtin vor,
oder es sitzt ein Pecher oder Wurzner, oder Kohlenbrenner neben mir und
schmaucht sein Pfeifchen und sieht mir schmunzelnd zu, wie ich das alles anfange
und zu Ende bringe, und greift letztlich wohl gar selber an. Oder es sind Kinder
um mich, denen ich Mrchen erzhle, oder die mit den Schnittspnen spielen, bis
auch das Spielzeug in meiner Hand fertig ist. An Sonntagen sitzt gar der Frster
stundenlang bei mir und hrt meine Erfahrungen und Plne wegen der
Winkelwaldleute. Wir besprechen allerlei, und zuweilen schreibe ich einen langen
Brief an den Herrn des Waldes.
    Die Holzschlger, die frher drben in den Lautergrben gerodet haben,
ziehen sich immer mehr gegen das Winkel herber, und schon einige Male hab' ich
durch den stillen Wald das Donnern eines fallenden Baumes vernommen. Von der
Lauterkuppe schaut seit einigen Tagen eine blarote Tafel herab, die sich von
Tag zu Tag ausdehnt und in der Morgensonne fremd zwischen dem dunkeln Grne des
Waldes niederleuchtet.
    In den Schluchten der Winkel gegen die Strae hinaus arbeiten Steinbrecher
und Teichgrber; es wird ein Fahrweg angelegt, da die Kohlen und Holzstmme
besser hinausbefrdert werden knnen.
    Ich gehe gern zu den Arbeitern herum und sehe ihnen zu, und spreche mit
ihnen, auf da ich mir in den Dingen einige Erfahrungen sammle.
    Zuweilen aber sind die Leute doch ein wenig mitrauisch gegen mich und
begegnen mir mit ihren Vorurteilen. Ich trage gern ein Bchel von Wolfgang
Goethe mit mir herum, und wo so ein schnes lauschiges Pltzel ist, da setze ich
mich auf einen Rasen oder auf einen Stein und lese in dem Buche. Dabei bin ich
schon mehrmalen aus dem Hinterhalte beobachtet worden. Und da schleicht im Walde
das Gercht herum, ich sei ein Zauberer und htte ein Bchlein mit lauter
Zaubersprchen.
    Ich habe nachgedacht, ob mir dieser seltsame Nimbus fr meine Plne anfangs
nicht einigen Vorteil brchte. Gewi sind die Eltern leicht zu bewegen, ihre
Kinder von mir das Lesen lernen zu lassen, wenn ich ihnen sage: versteht einer
nur erst die Zaubersprche in dem Bchlein, so kann er teufelbeschwren,
schatzgraben, wettermachen, oder je nach Bedarf die Wettermacher unschdlich
halten nach Belieben. Ich denke, da selbst Erwachsene und gar Graukpfe ihre
Arbeitswerkzeuge fallen lassen und zu mir in die Schule gehen wrden. - Von mir
aber wre es schndlich und ich tte dadurch nur das Verkehrte erreichen von
dem, was ich will. Nicht, da die Leute lesen und schreiben lernen ist die
Hauptsache, sondern, da sie von den schdlichen Vorurteilen befreit werden und
ein reines Herz haben. Freilich knnte ich ihnen spter Bcher der Sittenlehre
unterschieben und sagen: da drin stehen die echten Zaubersprche, aber die
Getuschten htten kein Vertrauen mehr zu mir, und das bel wre grer, anstatt
kleiner.
    Nicht auf Umwegen wollen wir schleichen; eine gerade Strae hauen wir durch
das Urgestmme.
    Ich habe aus dem Buche den Leuten einige Male Lieder vorgelesen; den Mdchen
das Heiderslein und den Burschen das Christel gelehrt. Gleich haben sie -
ich wei gar nicht, woher - eine Weise dazu, und jetzt werden die Lieder im
Walde schon gesungen.

    Und so ist nun der Herbst gekommen. Der Himmel ist, wenn die Morgennebel in
den Tlern sich lsen, hell und rein und alle Wolken sind aufgesogen. Die
Nadelwlder sind dunkelbraun, die Laubhlzer sind gelb oder rot, und auf der
Talwiese grnt es frisch, oder es liegt auf derselben das Silber des Reifes. In
diesen Wldern ist der Herbst buntfarbiger und fast lieblicher, als der Lenz.
Der Frhling ist ein bermtiges Glitzern und Schillern, Singen und Jauchzen
allerwege; der Nachsommer hingegen ist, wie ein stiller, feierlicher Sonntag. Da
horcht und gehorcht nichts mehr der Erde; da lauscht alles ahnungsvoll dem
Himmel und der Atem Gottes suselt stimmungsvolle Lieder durch die goldenen
Saiten der milden Sonne.
    Der Himmel ist ja so redlich geworden, er hlt tagsber mehr, als er des
Morgens mit seinen nebeltrben Augen verspricht. Man schaut in sein blaues,
stilles Aug' ....
    Dort sitzt an einem Waldfeuer der Hirtenknabe. Er tut runde Dingelchen aus
dem Sack und schiebt sie in die Glut.
    Sage mir, Junge, woher hast du die Erdpfel?
    Er wird rot und sagt: Die Erdpfel, die - die hab' ich gefunden.
    Gesegne dir sie Gott, aber ein andermal finde sie nicht mehr, sondern gehe
die Winkelhterin an, wenn du Hunger hast; sie schenkt sie dir. - Geschenkte
schmecken nicht, gefundene tun's besser, ist auch das Salz schon dabei, gelt?
    Dort steht ein Strauch, der hat sich gestern abends mit einem Kettlein von
Tauperlen geschmckt; heute ist der Tau erstarrt und brennt der Pflanze schier
das Herze ab.
    Ich habe an einem solchen Nachsommertage einmal eine sehr alte Frau im Walde
sitzen gesehen. Diese Frau hat einst ein Kind gehabt. Das ist in die neue Welt
gegangen, ins heie Brasilien, um das Gold zu suchen. Der herbstliche
Gesichtskreis ist so grenzenlos klar, da die Mutter in die ferne Vergangenheit
vermag zu schauen, wo der Liebe Knabe steht. Sie schaut ihn an, sie lchelt ihm
zu, sie schlummert ein. Am andern Morgen sitzt sie noch auf dem Stein und hat
einen weien Mantel um. Der Schnee ist da, der Nachsommer ist vorbei. Und ber
das Wasser schifft ein Blatt Papier, das zieht gegen die heien Zonen
Sdamerikas. Einem sonnenverbrannten Mann gibt es Nachricht vom fernen Daheim:
Mutter im Walde gestorben. - Ein kleines Trnlein windet sich mhsam zwischen
den Wimpern hervor, die Sonne saugt es rasch auf und nach wie vor heit die
Losung: Gold! Gold!
    Kme noch ein einziger Brief zurck ins alte Mutterland, er mte erzhlen:
der Sohn im Golde erdrckt. -
    Was trume ich hier? Es ist der Weltlauf, der mich nichts angeht. Ich will
Frieden haben mitten im stillen Herbsten dieses Waldes.
    Dort oben in der Buchenkrone lset sich ein mdes Blttchen los, sinkt von
Ast zu Ast und tnzelt an unendlich zarten schillernden Spinnfden vorber und
hernieder zu mir auf den khlen Grund. - Die Menschen in der Ferne, mit denen
ich vormaleinst gelebt, was werden sie treiben? Das auerordentliche Mdchen
blht immer - immer - auch im Herbst; - im Sachsenland werden die drren Bltter
wehen ber Grbern ....
    Einsamkeit kann einsam Leid nicht bannen. - - Ich mu mich nach Dingen
umsehen, die mich zerstreuen und erheben und die mich nicht einseitig werden
lassen in meiner Umgebung.
    Ich habe begonnen, Pflanzenkunde zu treiben; ich habe mit meinen Augen aus
Bchern herausgelesen, wie die Eriken leben und die Heiderosen und andere; und
ich habe mit meinen Augen dieselben Pflanzen betrachtet, stunden- und
stundenlang. Und ich habe keine Beziehung gefunden zwischen dem toten Blatt im
Buche und dem lebendigen im Walde. Da sagt das Buch von der Genziane, diese
Pflanze gehre in die fnfte Klasse, unter dieser in die erste Ordnung, komme in
den Alpen vor, sei blaubltig, diene zur Medizin. Es spricht von einer Anzahl
Staubgefen, von Stempel und Fruchtknoten usw. Und das ist der armen Genziane
Tauf- und Familienschein. O, wenn so eine Pflanze ihre eigene, mit eitel Ziffern
gezeichnete Beschreibung selbst lesen knnte, sie mte auf der Stelle
erfrieren! Das ist ja frostiger, wie der Reif des Herbstes.
    Das wissen die Waldleute besser. Die Blume lebt und liebt und redet eine
wunderbare Sprache. Was wissen die nicht von der Schlsselblume, vom
Frauenschhlein, vom Muttergotteshuberl, vom Schneeglckel, vom Vergimeinnicht
fr schne Geschichten! So gaukeln die kleinen Blumenseelen im Gemte des
lplers umher. - Aber ahnungsvoll zittert die Genziane, naht ihr ein Mensch; und
mehr bangt sie vor dessen leidenschaftglhendem Hauche, als vor dem todeskalten
Kusse des ersten Schnees.
    So bin ich der nicht Verstehende und Unverstandene. Sinnlos und planlos
wirble ich in dem ungeheuren lebendigen Rade der Schpfung.
    Verstnde ich mich nur erst selbst. Kaum nach dem Fieber der Welt zur Ruhe
gekommen und mich des Waldfriedens freuend, drngt es schon wieder, einen Blick
in die Ferne zu tun, so weit des Menschen Auge kann reichen. - Dort auf der
blauen Waldesschneide mcht' ich stehen und weit hinaus ins Land zu anderen
Menschen sehen. Sie sind nicht besser wie die Wldler und wissen auch kaum mehr;
jedoch sie sterben und ahnen und suchen dich, o Herr! ....

                             Auf der Himmelsreiter


Eines schnen Herbstmorgens habe ich mich aufgemacht, da ich den hohen Berg
besteige, dessen hchste Spitze der graue Zahn genannt ist. - Bei uns im Winkel
herunten ist doch allzu viel Schatten, und da oben steht man im Lichtrunde der
weiten Welt. Es ist kein Weg, man mu gerade aus, durch Gestrppe und Gestruche
und Gerlle und Zirmgefilze.
    Nach Stunden bin ich zu der Miesenbachhtte gekommen. Das junge heitere Paar
ist schon davon. Die lebendige Sommerszeit ist vorbei; die Htte steht in
herbstlicher Verlassenheit. Die Fenster, aus der sonst die Aga nach dem Burschen
geguckt, sind mit Balken verlehnt; der Brunnen davon ist verwahrlost und sickert
nur mehr, und das Eiszpfchen am Ende der Rinne wchst der Erde zu. Die Glocke
einer Herbstzeitlose wiegt daneben, die lutet der versterbenden Quelle zu ihren
letzten Zgen.
    Das Gartenbeet, das die Sennin im Sommer so sorgsam gepflegt hat, auf
welchem lieblich die hellen Blten haben geflammt, wuchert jetzt wild,
halbverdorrt, zernichtet. O, wie sehnsuchtsvoll wartet im jungen Frhling unser
Auge auf die ersten Blumen des Gartens! Mit all unseren Mitteln stehen wir dem
Beete bei in seinem Keimen; wie schtzen wir es in seinem Grnen und Blten, und
mit welch' stolzer Freude bewundern wir sein hochzeitliches Prangen! - Nun aber
beginnt unsere Liebe fr den Garten mhlich zu erkhlen, wir reichen ihm nicht
mehr unsere Hnde. Allein prangt er weiter und wird eine wuchernde Wildnis von
unsglicher Schnheit. Aber umsonst - des Menschen Gemt ist satt geworden und
der Garten wuchert und verwuchert und verblat - unverstanden und unbeklagt.
    In meinem Grtlein wachsen brennende Nesseln und Hummeln summen darin. Ich
sollt' wohl irgendwen haben, der es bestellt! .... Geht hinweg, ihr bsen
Geschichten! Ein Narr knnt' einer werden, wollt' man dran denken ....
    Ich habe mich auf den Kopf des Wassertroges gesetzt und mein Frhstck
verzehrt. Das ist ein Stck Brotes aus Roggen- und Hafermehl gewesen, wie es
hier allerwrts genossen wird. Das ist ein Essen, wie es - buchstblich - den
Gaumen kitzelt, recht grobkrnig und voll Kleiensplitter. Drauen im Land, wo
Weizen wchst, tt' so ein Backwerk nicht schmecken; hier ist es ganz der
Gegenstand der Bitte: gib uns heut' unser tglich Brot! - Gibt aber auch Zeiten
in dieser Gegend, in welcher der Herrgott selbst mit dem Haferbrote kargt; da
kommt gedrrtes Stroh und Moos unter den Mhlstein. - Mir gesegne Gott das Stck
Brot und den Schluck Wasser dazu! Mit dieser Zubereitung ihr Herrenkche,
schmeckt alles gut.
    Nachher heb' ich an, weiter zu steigen. Zuerst bin ich ber das Kar
hingegangen, aus dessen Mulden berall verwaschene Steine hervorquellen.
Dazwischen stehen falbe Federgrasschpfe und Flechtengefilze. Einige zarte,
schneeweie Blmlein wiegen sich auch und blicken ngstlich um sich, als htten
sie sich gar sehr verirrt in die Felsende herauf und mchten gerne wieder
zurck. Von dem einst so schnen roten Meere der Alpenrosen stehen die spieigen
Struppen des Strauches. Ich steige weiter, umgehe einige Felswnde und die Kuppe
des Kleinzahn, dann schreite ich einer Kante entlang, die sich gegen den
Hauptgebirgsstock hinzieht. Da habe ich die augenblendenden Felder der Gletscher
vor mir, glatt, leuchtend wie Elfenbein, sich hinlegend in weiten, sanften
Lehnen und Mulden oder in schrndigen, vielgestaltigen Eishngen von Hhe zu
Hhe. Dazwischen ragen starre Felstrme auf, und dort in luftiger Ferne ber die
lichten Gletscher erhebt sich ein dunkelgrauer, scharfzackiger Kegel, weit
emporragend ber die hchsten Gipfel des Gebirges. Das ist mein Ziel, der graue
Zahn.
    Ein scharfkalter Luftstrom hat gerieselt von den Gletschern her und das
ganze unmebare Himmelsrund ist fast finsterblau gewesen, da ich ber den
grauen Zahn herber jenen Stern hab' erblickt, den wir zur ersten Morgen- oder
Nachtstunde so wundersam leuchten sehen und den sie die Venus heien. Es ist
aber doch die Sonne gestanden hoch in dem Gezelt. Die fernen Schneeberge und
Felshupter sind so klar und niedlich gewesen, da ich schier vermeint, sie
lgen wenige Bchsenschuweiten vor mir und wren aus gleiendem Zucker geformt.
    Gegen Morgen hin fllt die Gegend ab in den welligen Grund des Waldes. Und
die sonst so hochragenden Almweiden liegen tief wie in einem Abgrunde, und dort
und da liegt das graue Wrfelchen einer Almhtte. Von der Mitternachtsseite
heran ghnen die schauerlichen Tiefen des Gesenkes, in deren Schatten das
glanzlose Auge des Sees starrt.
    Nun bin ich ein paar Stunden den beschwerlichen und gefhrlichen Weg der
Kante entlang gegangen bis zu den Gletschern. Hier habe ich meine Steigeisen an
die Fe gebunden, das Rnzlein enger geschnallt und den Bergstock fester in die
Hand genommen. Der Bergstock ist ein Erbstck von dem schwarzen Mathes. Es ist
in diesem Stock eine Unzahl kleiner Einschnitte, die aber nicht andeuten, wie
oft etwan sein frherer Eigner den Zahn oder einen anderen Berg bestiegen,
sondern wie viele Leute er im Raufen mit diesem Knittel zu Boden geschlagen hat.
Ein unheimlicher Geselle! - und mir hat er emporhelfen mssen ber die weite,
glatte Schneelehne, hinweg ber die wilden Eisschrnde und letztlich hinan den
letzten steilen Hang auf die Spitze des Zahn. Hat's getreulich getan. Und wie
gerne htte ich von diesem hohen Berge aus dem nachgerufen in die Ewigkeit:
Freund, das ist ein guter Stock, wrst hoch mit ihm gekommen, httest ihn
verstanden! -
    Stehe ich jetzt oben? Geht's nicht mehr weiter?
    Wenn ich so ein Wesen tt' sein, das sich an den Sonnenfden knnt'
emporspinnen in das Reich Gottes ....
    Unter einem Steinvorsprung auf verwitterten Boden hab' ich mich hingesetzt,
hab' die Dinge betrachtet. Hart um mich sind die feinen zerbrckelten Zacken der
senkrecht liegenden Schiefertafeln gewesen. ber mir wogt vielleicht ein
scharfer Luftstrom hin; ich hre und fhle ihn nicht; mich schtzt der
Felsvorsprung, die hchste Spitze des Zahn. Auf meine Glieder legt sich die
freundliche Wrme des Sonnensternes. Die Ruhe und die Himmelsnhe tut wohl. Ich
sinne, wie das wre in der ewigen Ruh .... Und selig sein! - ewig zufrieden und
schmerzlos leben; nichts wnschen, nichts verlangen, nichts frchten und hoffen
durch alle Zeiten hin ... Ob das nicht doch ein wenig langweilig wird? Ob ich
mir nicht etwan doch einmal Urlaub nehmen mcht', da ich hier unten wieder
knnt' die Welt anschauen. Mein Gutsein dahier geht leichtlich in eine Nuschale
hinein. Aber ich meine, wenn ich einmal oben wr': herunten wollt' ich wieder
sein. 's ist ein Eigenes um irdisch Freud' und Schmerz!
    Nur eines wollt' ich mir bedenken; ginge ich auf Urlaub zurck. Ein gutes
Engelein mte mir seine Flgel mitleihen; wie wollt' ich fliegen ber die
weien Hhen und sonnigen Gipfel und Kanten, bis in die Ferne dort, wo die Sge
der Gebirgskette den lichten Himmel durchschneidet; und auf jenem letzten weien
Zhnchen wollt' ich ruhen und hinblicken in die Weiten des Flachlandes und zu
den Trmen der Stadt. Vielleicht knnte ich den Giebel des Hauses erblicken,
oder gar das Gefunkel des Fensters, an dem sie steht ....
    Und tt ich das Gefunkel desselbigen Fensters erblicken, dann wollt' ich
gern umkehren und zurck in den Himmel.
    Ob es wohl wahr ist, da man von dieser Spitze aus das Meer kann sehen? -
Meine Augen sind nicht klar, und dort in Mittag zittert das Graue der Erde mit
dem Grauen des Himmels ineinander. - Den festen Boden kenne ich; was Moder ist,
nennen sie fruchtbare Erde. Knntest du, mein Augenblick, nur ein einzigmal das
weite Meer erreichen! - -
    Als endlich die Sonne sich so hat gewendet, da der blaue Schatten ist
erschienen auf meiner steinigen Ruhestatt, da habe ich mich erhoben und bin
emporgestiegen auf den allerhchsten Punkt. Ich habe den Rundblick getan in die
ungeheuere Zackenkrone der Alpen.
    Und danach bin ich niedergestiegen an den Felshngen, den
Gletscherschrnden, den Schneefeldern; bin hingegangen auf dem langen Grat, bin
endlich wieder herabgekommen auf die weichen Matten. Da sind vor mir wieder die
Waldberge gewesen; aus den Tlern ist die Dmmerung gestiegen. Diese hat mir
fast wohlgetan; vor meinem berreizten Auge hat es noch lange geflimmert und
gefunkelt. Eine Weile habe ich die Hand davorgehalten. Und als ich meinen Blick
wieder vermocht zu heben, da hat auf den Hhen das Gold der untergehenden Sonne
geleuchtet.
    Wie ich zu der Miesenbachhtte komme, vor der ich des Morgens eine Weile
gesessen bin, veranstaltet der schalkhafte Zufall eine Begebenheit.
    Ich denke, da ich so vorbergehen will, just darber nach, wie freundlich
und heimatlich ein bewohntes Menschenhaus dem Wanderer entgegengrt, hingegen
aber, wie so eine leere verlassene Sttte gespensterhaft dasteht, schier wie ein
hochragender Sarg. Da hre ich von der Htte her pltzlich ein Gesthne.
    Meine Fe, sonst recht mde schon, sind auf einmal federleicht geworden,
haben davonlaufen wollen, aber der Kopf hat sie nicht fortgelassen, und die
Ohren haben angestrengt gelauscht, und die Augen haben gelugt. Unter einem
Winkel des Dachvorsprunges ist ein Pfauchen und Schnaufen, und da sehe ich gar
was recht Sonderbares. Aus der braunen Holzwand ist ein Menschenhaupt mit Brust,
zwei Achseln und einer Hand herausgewachsen, und allsamt ist es lebendig und
zappelt, und von innen hre ich, wie die Fe poltern.
    Aha, denke ich, ein Dieb, der sich da drin vielleicht die Taschen ein wenig
zu voll angestopft hat und beim Herauskriechen unselig stecken geblieben ist. -
Es ist ein junger Kopf mit krausem Haar, aufgestrichenem Schnurrbrtl, weiem
Hemdkragen und rotseidenem Halstuche, wie man das sonst Wldern selten findet.
    Wie er mich gewahr wird, schreit er hell: Du heiliges Kreuz, aber das ist
ein Glck, da da einer kommt. Erweiset mir die Guttat und helfet mir ein wenig
nach, es braucht ja nur ein klein Ruckel. Das ist schon ein verflixt Fenster
das!
    Ja, Freund, sage ich da mu ich dich frher wohl ein wenig ausfragen.
Wissen tt ich's, wer dich am leichtesten knnt' herauskriegen; der
Gevattersmann mit der roten Pfaid, der tt' dir schn sachte das Stricklein an
den Hals legen, ein wenig anziehen - gleich wrst in der freien Luft.
    Dummheiten, entgegnet er, als ob der ehrlich Christenmensch nicht kunnt
stecken bleiben, ist das Loch zu eng. Ich bin der Holzmeistersohn von den
Lautergrben und geh' heut ber die Alm in den Winkelegger Wald hinab. Wie ich
da an der Htten vorbeigeh', seh' ich die Tr angelweit offen, da sie der Wind
allfort hin- und herschlgt. 's ist nichts drin, denk' ich bei mir selber, gar
nichts drin, was der Mh' wert wre, da sie's forttrgen, aber eine offene Tr
in einem stockleeren Haus mag eins nicht leiden; ber den ganzen Winter hindurch
der Schnee hereinfliegen, das ist keine gute Sach'. Die Sennin mu es eilig
gehabt haben, wie sie ab ins Tal getrieben hat - das ist schon die Rechte, die
alles offen lt. - Nu, ich geh' darauf hinein, mach' die Tr zu und weil gar
kein Schlo ist, rammle ich von innen ein paar Holzstcke vor, steig' nachher
auf die Bank, will durchs Rauchfenster hinaus und verklemm mich da, da schon
des Teufels ist.
    Ich hab' dem Burschen aber noch nicht getraut und guck' ihm eine Weile zu,
wie er zappelt.
    Und stecken bleiben, meinst, wolltest nicht da unter dem Dach, bis morgen
ein paar Leut' kommen und dich kennen tten?
    Da knirscht er mit seinen Zhnen und macht die heftigsten Anstrengungen, aus
seiner bsen Lage zu entkommen.
    Mu morgen in aller Frh zu Holdenschlag sein, murmelt er.
    Was willst denn zu Holdenschlag? sage ich.
    Nu, mein Gott, weil eine Hochzeit ist! brummt er unwirsch.
    Und mut 'leicht wohl dabei sein?
    Er will nicht mehr antworten. Jessas und Anna, weil ich dazu gehr'! stt
er endlich heraus.
    Nachher freilich, nachher mssen wir schon trachten, da wir dich
loskriegen, sage ich, klettere an der Wand ein wenig empor und heb' an dem
Burschen zu zerren an, bis wir die zweite Hand heraus haben; dann geht's schon
leichter. Nicht lange darauf, so steht er am Boden, sucht seinen davongerollten
Spitzhut auf, schlingt sich die steif gewordenen Arme und Beine ein, blickt mit
hochrotem Gesicht nochmals empor zu dem Rauchfensterlein und ruft: Du
Hllsaggra, da hat's mich derwischt gehabt!
    Dann sind wir in der Dmmerung zusammen hinabgestiegen gegen den Winkelegger
Wald. Der Bursche hat nicht recht mit mir reden wollen. Ich habe versucht, meine
Bosheit gut zu machen, habe ihm versichert, da ich's ja gleich erkannt, er sei
kein Dieb.
    Und morgen wirst also zu Holdenschlag bei der Hochzeit sein? Bist zuletzt
gar der Brautfhrer, he?
    Der Brautfhrer, nein, derselb' bin ich nicht.
    'leicht htten sie's zu Holdenschlag auch allein gemacht, wrst da oben
stecken geblieben.
    Er zieht den Hut ber die Augen und blickt auf die Baumwurzeln, ber die wir
nun hinabsteigen.
    Allein, meint er endlich, nein, dasselb' glaub' ich nicht. Wisset, die
Sach' geht halt so zu, allein machen sie es schon deswegen nicht, weil - weil's
vllig so ausschaut, wie wenn ich der Brutigam wr'.
    Dieses Wort gehrt, bin ich stillgestanden, hab' den Burschen eine Weile
angestarrt und gedacht, wie das bse wre, wenn unten die Braut und die ganze
Hochzeit harren und harren tten und der Brutigam steckt oben im Rauchfenster
der Sennhtte. Der junge Mann hat mich hierauf hflich zu seinem Ehrentag
eingeladen. Er hat mich gefhrt; wir sind hinabgestiegen durch den finsteren
Wald bis zum engen Tal des Winkelegg.
    Ein Berg von ausgeschlten Holzblcken liegt da; das ist der Winkelegger
Wald, der auf einer langen Riese Stamm an Stamm herangerutscht gekommen ist.
Neben dem Holzhaufen stehen die drei schwarzen, gromchtigen Betten der Meiler,
ber denen langsam und still milchweier Rauch emporqualmt zu den Kronen der
Schirmtannen.
    Der Holzmeistersohn von den Lautergrben hat mich gentigt, mit ihm in die
Klause zu treten, die unter den Schirmtannen steht.
    In der Klause sind drei Menschen, zwei Hhner, eine Katze und die
Herdflamme. Sonst habe ich kein lebendiges Wesen gesehen.
    Ein junges Weib steht am Herd und legt Lrchengeste kreuzweise ber das
Feuer. Mein Begleiter sagt mir, dieses junge Weib sei seine Braut.
    Hinter dem breiten Kachelofen, der schier bis zur ruigen Decke der Stube
emporgeht, und der mich, den fremden Eindringling, mit sehr groen, grnen Augen
anglotzt, sitzt ein Mtterlein und zieht mit unsicheren Fingern die Buntriemen
durch ein neues Paar Schuhe, wobei es sich allfort die Augen wischt, die schon
recht abgestanden sein mgen, wie ein altes Fensterglas, das viele Jahre lang im
Rauche der Khlerhtte gestanden. Mein Begleiter sagt mir, dieses Weib sei die
Mutter seiner Braut, welche von den Leuten allerwege die Rukathel geheien
wird.
    Weiter hin, im dunkelsten Winkel, sehe ich eine derbe, mnnliche Gestalt mit
entbltem Oberkrper, die sich aus einem breiten Holzbecken mit solcher Gewalt
wscht und abreibt, da sie schnauft wie ein Lasttier.
    Das ist meiner Braut der Bruder, erklrt mir mein Begleiter, er ist der
Khler dahier und sie heien ihn den Ru-Bartelmei.
    Dann tritt der Holzmeistersohn zu seiner Braut und sagt ihr, da er da sei
und da er an mir jenen Menschen mitgebracht habe, der allweg in den Wldern
herumgehe und die hohe Gelehrsamkeit habe und der ihnen zum Hochzeitstag die
Ehre erweisen werde.
    Das junge Weib wendet sich wenig gegen mich und sagt: Schauet, da Ihr wo
niedersitzen mgt, 's geht halt so viel zerrissen zu, bei uns; wir haben nicht
einmal einen ordentlichen Sitzstuhl.
    Hierauf spricht der junge Mann eine Weile leise mit seiner Braut. Ich halte,
er hat ihr die Geschichte von der Sennhtte erzhlt, weil sie auf einmal
ausgerufen: Aber na, du bist doch ein rechter Nrrisch! Mut denn berall
hineingucken, oder bist es von eher so gewohnt worden, da oben bei der
Sennhtten?
    Der Bursche wendet sich zu seiner Schwiegermutter: Gebt her die Schuh', Ihr
lat ja doch die Lcher zur Hlfte aus; fr so feine Arbeit mgt Ihr nimmer
lugen.
    Ja, du Paul, dasselb' ist wohl wahr auch, keifelt die Alte gemtlich aus
ihrem zahnlosen Munde, aber hrst, Paul, mein Ahndl hat meiner Mutter die
Brautschuh eingeriemt, meine Mutter hat's mir getan; und ich, fr was wr' ich
altes Krckel denn auf der Welt, wollt' ich fr meine Annamirl nicht auch
einriemen.
    'leicht kriegt Ihr bald andere Arbeit, Mutterle, beim Heideln (Wiegen)
braucht Ihr nicht zu lugen, versetzt der Paul schalkhaft.
    Da hebt die Annamirl den Finger: Du!
    Und im dunkeln Winkel ist das vorige Pltschern und Schnaufen. Ein Mensch,
der einmal so angeschwrzt ist, wie der Ru-Bartelmei, der vermag sich nicht
mehr so leicht wei zu waschen vor der Welt, und sollte seine Schwester gar den
Holzmeistersohn von den Lautergrben heiraten.
    Und mein Holzmeistersohn zieht die Riemen in die Schuhe seiner Braut. Die
Alte, einmal zu den ersten Worten veranlat, kommt ins Schwtzen: Und vergi
mir's ja nicht, Annamirl, sagt sie, mut es auch probieren. Einmal wird's doch
anschlagen.
    Da ich den Patengroschen2 sollt' anbauen, Mutterle?
    Dasselb', ja. Und unter einer Zwieseltann' mut du in der Hochzeitsnacht
den Groschen vergraben. Das ist der Geldsamen, und wirst sehen, in drei Tagen
wird er blhen, und in drei Monaten kann er gleichwohl schon zeitig sein. Die
Vorfahren haben es auch so gemacht, aber allen ist's nicht gelungen. Gewesen
ist's so: mein Ahndl hat die Zeit versumt, meine Mutter hat die Zwieseltann'
nicht mehr gefunden und ich hab' einen unrechten Groschen in die Erden tan.
Deswegen, meine Tochter, merk' dir die Stund' und die Zwieseltann', und der
Groschen wird aufgehen und Geld genug wirst haben dein Lebtag lang.
    Die Annamirl ffnet eine alte Truhe und beginnt in den Kleidungsstcken und
anderen Gerten herumzukramen. Ich glaube, sie hat den Patengroschen gesucht.
    Der Khler im Winkel wscht und reibt sich. Mehrmals wechselt er das Wasser,
und immer wird es schier schwarz wie Tinte. Endlich aber bleibt es nur grau, da
lt der Ru-Bartelmei ab und trocknet sich; dann kleidet er sich an, setzt sich
auf die Trschwelle, und aufatmend sagt er: Ja, Leut', die eine Haut htt' ich
jetzt herunter und die andere ist noch ein wenig oben. Dieselbe aber, die noch
ein wenig oben, ist sehr rot geworden, ist stellenweise gar noch ein bichen
braun, und es soll doch immer noch der Ru-Bartelmei sein, der morgen seiner
Schwester zur Hochzeit geht.
    Ich werde eingeladen, da ich ber die Nacht in der Htte bleibe und die
Braut setzt mir gastlich eine Eierspeise vor, weil ich der gelehrte Mann, der,
kme die Zeit und htten die Kinder einen guten Kopf, leicht zu brauchen wre.
    Der Rauch hat die Hhner aus ihrer Abendruh' aufgetrieben; da kommen sie nun
zu mir auf das Tischchen und machen, zuckend, hohe Krgen ber den Topfrand in
meinen Kuchen hinein. Wollen sie zuletzt gar ihre Eier wieder zurckhaben?
    Auch die Alte kommt mir immer nher, tut zweimal den Mund auf und
unverrichteter Sache wieder zu, und murmelt dann in ihr blaues Halstuch hinein:
Ich red's doch nicht - 's wird gescheiter sein.
    Ich bin ihrer Furchtsamkeit zu Hilfe gekommen: Allfort wohlauf, Mutterle?
    Dank Euch Gott die Frag', entgegnete sie sogleich und rckt mir noch
nher, diemal ja, - unberufen. Was noch kommen wird, wei unsereins nicht. Und
da ich's nur daher red', wie ich's versteh': er ist ein gelehrsamer Mann, sagen
die Leut', nachher wird er das Wahrsagen wohl auch kennen? - Gar nicht? - Aber
das, htt' ich gemeint, sollt' so ein Mensch wohl lernen. Und von wegen dem
Lotterg'spiel, weil wir schon so weit bekannt sind: wei er keine Nummern?
    Jestl und Josef, schreit jetzt das junge Weib pltzlich auf, eilet,
eilet, Mutterle, mir deucht, das Ktzl ist ins Wasserschaff gekugelt!
    Da wackelt die Alte gegen den Winkel hin, in welchem frher der Bartelmei
gewesen; aber das Ktzlein ist schon fort, ist vielleicht gar nie im Wasser
gewesen. Die Annamirl wird sich der kindischen Fragen ihrer Mutter schmen, und
hat ihnen durch obige List ein Ende gemacht.
    Am andern Tag, als die Morgenrte durch den weien Kohlenrauch hat geglht,
sind von allen Seiten des Waldes her Leute gekommen. Schmuck und geschmeidig
sind alle gewesen, wie ich sie hier noch nie so gesehen. Sie bringen
Hochzeitsgaben mit. Der Pecher kommt mit dem glnzenden schwarzen Pechltopf:
Und er meint es wohl so: Fr die Brautleut' zur Gesundheit. Was will das Pechl
sagen? Habt ihr im Leben auch Pech zu tragen, mt Ihr ihm gleich das l der
Geduld zuteilen. Das will das Pechl sagen. Wurzner kommen mit Gesme und
duftenden Kruterbscheln; die Ameisgrber kommen mit Waldrauch; Kinder
bringen Wildobst in Fichtenrindenkrbchen; Holzhauer tragen Hausgerte herbei.
Der Schwamelfuchs, ein altes, verhckertes und verknorpeltes Mnnlein, schleppt
eine gromchtige Tonschssel heran, einen rechten Familientopf, wohl fr ein
ganzes Dutzend Esser. Andere bringen hlzerne Lffel dazu; wieder andere kramen
Mehl- und Schmalzkbel aus und ein Kohlenbrennerweib kommt ganz verlegen
hereingetorkelt und steckt der Braut ein sorgsam umwickeltes Pckchen zu. Als
diese, mit unbehilflichen Worten die Spenderin lobend, es ffnet, kommen zwei
wackergestopfte Kapauner zum Vorschein. Das erspht die alte Rukathl, die,
bereits auch festlich angezogen, erwartungsvoll an den Wnden herumschleicht,
und sie flstert zu ihrer Tochter: Weit wohl, Annamirl, wo die best' Brautgab'
hinkommen mu? Ja wohl in den khlen Erdboden hinein. Nachher kommt eine schne
Frau in guldenem Wagen gefahren, und an den guldenen Wagen sind zwei Ktzlein
gespannt, die graben mit ihren Pfoten die Brautgabe aus, und die Frau nimmt die
Gab' in ihre schneeweien Hnd' und fhrt dreimal um die Htten herum; nachher
kann kein Elend kommen in eueren heiligen Eh'stand. - So klingt das Mrchen von
der Freya noch fort im deutschen Walde.
    Die Annamirl schweigt eine Weile und dreht die schweren, suberlich
gerupften und gefllten Geflgel in der Hand um und um, als wren sie schon am
Bratspie, dann versetzt sie: Ich halt', Mutter, in der Erden kunnten sie
verfaulen, oder es fren sie die Ktzlein, und deswegen ist es, da ich sag':
wir essen sie selber.
    Zuletzt naht gar der feine Branntweiner mit seinem groen vollbauchigen
Plutzer, der gleich einen weingeistigen Geruch verbreitet in der ganzen Htte.
Das riecht der Ru-Bartelmei, der sofort herbeieilt, um zu sehen, wie so ein
Tonplunzer eigentlich gemacht und zugestopft ist.
    Aber da kommt die Annamirl dazwischen: Dank dir zu tausendmal Gott,
Branntweinhannes, das ist schon gar zu viel, das knnen wir nicht abstatten. Das
ist 'leicht das best' Brautgeschenk, und so tu' ich damit den alten Brauch.
    Behendig zieht sie den Stpsel aus dem Plutzer, giet den funkelnden,
rauchenden Branntwein bis auf den letzten Tropfen auf den Erdboden.
    Die Alte kichert und keift: Du Nrrisch du, allbeid' Ktzlein werden dir
rauschig; wird aber das ein Gehetz sein!
    Als alle beisammen sind, hat schon die Sonne zur Tr hereingeleuchtet. In
der Nacht ist ein Mahl gekocht worden, das die Leute nun mit gutem Appetit und
lustigen Worten verzehren. Ich habe ebenfalls davon genossen und habe mich unter
die Kinder gemacht, die da gewesen und denen ich von den Speisen in ihre
hlzernen Schsselchen gefat, auf da sie auch etwas bekommen.
    Darauf sind wir alle davongegangen. Bei den Kohlenmeilern bleibt ein
einziger alter Mann zurck, der mit seinem Eisenhaken lange vor der Tr steht,
ein kurzes, hochtrmiges Pfeiflein schmaucht und uns nachblickt, bis wir in dem
waldschattigen Hohlweg ihm verschwunden. Dann liegt nur noch die stille
Morgensonne auf den Schirmtannen.
    Viele Mnner des Hochzeitszuges haben sogar Schugewehre bei sich getragen;
aber nicht nach den Tieren zielen sie heute, in die freie Luft schieen sie
hinein, und sie halten es fr eine groe Feierlichkeit und Pracht, wenn es recht
knallt und hallt.
    Gesungen und gejauchzt wird, da der Sommertag zittert. Herzensfreudige
Lieder habe ich da gehrt; Schalkheiten werden getan, althergebrachte Spiele
unterwegs gehalten, und es ist schon Mittag, als wir zur Pfarrkirche von
Holdenschlag gelangen. Fnf Mnner kommen uns entgegen mit Trompeten, Pfeifen
und einer gewaltig groen Trommel. Mit einer wahren Festfreudenwut haut der
Trommelschlger drein; und das ist ein Gehetz und mchtiges Gelchter, als der
Schlgel pltzlich das so sehr gemarterte Fell durchbricht und in den Bauch
hineinschiet, um seinem Takte auf dem andern Felle noch rechtzeitig
nachzukommen. Ein Bursche schleicht lauernd um den Zug und will uns nach alter
Sitte die Braut entfhren, allein der Brauthter wacht. Er wacht eigentlich mehr
ber seinen Geldbeutel als ber die Braut; denn wre ihm diese abhanden
gekommen, der Entfhrer htte sie in ein entlegenes Gasthaus geschleppt und der
Brauthter htte mssen die Zeche zahlen.
    Der Brutigam geht neben der ersten Kranzjungfrau; erst nach der Trauung
gesellt er sich als Ehemann zu seiner Gattin, und nun geht der frhere
Brauthter mit der Kranzjungfrau, auf da gleich der Keim zu einer neuen
Hochzeit gelegt ist. Der Brauthter ist mir wohl bekannt, er heit Berthold, die
Kranzjungfrau heit Aga.
    In der Kirche wird Wein getrunken und der Herr Pfarrer hlt eine sehr
erbauliche Rede von dem Ehesakramente und den Absichten Gottes. Der gute alte
Herr hat sehr schn gesprochen, aber die Leute aus dem Walde verstehen sein
Hochdeutsch nicht recht. Erst im Wirtshause, als wir schon alle gegessen,
getrunken und Schabernack getrieben haben, ist fr die Leutchen die rechte
Predigt. Da erhebt der alte, brtige Rpel sein Weinglas und hebt an zu reden:
    Ich bin kein gelehrter Mann, hab' keinen Doktornzipf auf und keine Kutten
an. Tt' ich mein Weinglas nit haben zur Hand, bei meiner Treu', Leut' ich
brcht' kein gescheit Wrtl zustand. Da die Zung' mir wird gelst, wie es Moses
ist gewest, desweg' trink ich den Wein; fllt mir auch leichter ein schicksam
Wrtl ein. - Ich bin als der alte Bibelreiter bekannt; wr' ich Rittersmann, ich
ritt auf einem Schimmel durchs Land. Und in der Bibel, da hab' ich einmal ein
Sprchel erfragt, der Herrgott, das Kreuzkpfel, hat's selber gesagt: ist der
Mensch allein, sagt er, so tut er kein gut; aber sind ihrer viel, so tun sie
auch kein gut; so probier ich's halt justament zu zwein und zwein, und sperr'
sie paarweis' in die Htten ein. Aber schaut's, da wird gleich die Htten zu
klein. Sie brauchen gromchtiges Haus; zuletzt ists heilig Paradeis zu eng, sie
mssen in die weit' Welt hinaus. Mssen hinaus in den wilden Wald und auf
stockfremde Heiden, mssen leiden und meiden und zuletzt wieder scheiden. Da hat
der lieb' Herrgott seinen Sohn geschickt, da er sollt die Schflein weiden. Ich
hr' auf das Kreuz wohl drei Hammerschlg' klingen, zur Rechten, zur Linken, zu
Fen - da mcht' einem das Herz zerspringen. Darauf ist geronnen das
rosenfarbne Blut, das tut uns den Himmel erwerben. Dir bring' ich das Glas, o
Gotteslamm, fr dein heiliges Leiden und Sterben!
    Da ist es still gewesen in der ganzen, weiten Stube, und der alte Mann hat
das Glas ausgetrunken.
    Bald aber fllt er es zum zweitenmal und spricht: Ihm sei die Ehr', aber es
soll der Herr nun in Freuden auch bei uns sein, und darum laden wir zu diesem
Ehrentag auch den Herrn Jesus ein, wie auf der Hochzeit zu Kana in Galil, auf
da er uns mache das Wasser zu Wein, den ganzen Winkelbach, heut' und alle Tag'.
Und der Wein ist hell und rein, wei und rot zusammengossen, wie die zwei jungen
Herzen sein zusammengeschlossen in Lieb' und Ehr', und sonst keiner mehr. Der
Wein wird gewachsen sein bei Sonn- und Mondenschein zwischen Himmel und Erden,
so wie unsere Seel' von oben ist, und der Leib von der Erden. Und der se,
guldene Wein soll Braut und Brutigam zur Gesundheit sein.
    Das ist jetzt eine Lust und ein Geschrei, und die Pfeifen und Geigen klingen
drein, und der Braut gieen sie Wein auf ihren grnen Kranz.
    Jeder hebt nun sein Glas und bringt seinen Hochzeitsspruch, sein Brautlied
aus dem Stegreif dar. Zuletzt torkelt die alte Ru-Kath empor und mit
unglaublich heller Stimme singt sie:

Schneid Birnbam,
Schneid Buxbam,
Schneid birn-buxbam'ni Ladn,
Mei Schatz will a buxbamas Bettstadl habn!

    Das ist ihr Trinklied und Hochzeitsspruch gewesen. Wie's jetzt angegangen,
da hab' ich gemeint, der Hall und Schall drcke alle vier Wnde hinaus in den
ruhsamen Abend.
    Nach und nach ist es wohl wieder stiller geworden und die Leute haben ihre
Augen auf mich gelenkt, ob ich, der gelehrte Mann, denn keinen Brautspruch
wisse.
    So bin ich denn aufgestanden: Glck und Segen dem Brautpaar! Und wenn nach
fnfundzwanzig Jahren seine Nachkommen in den Ehestand treten, so wird es in der
Pfarrkirche am Stege der Winkel sein. Das mge kommen! Ich leere den Becher!
    So hat mein Brautspruch gelautet.
    Darauf ist ein Gemurmel und Geflster gewesen und einer der ltesten ist an
meinen Platz getreten und hat mich hflich gefragt, wie die Rede gemeint. -
    Die ganze Nacht hin hat in dem Wirtshause zu Holdenschlag die Musik
geklungen, haben die Hochzeiter getanzt und gesungen.
    Am anderen Morgen haben wir das Ehepaar aus seiner Kammer hervorgeholt. Dann
ist eine lange Weile der Brauthter gesucht und nicht gefunden worden. Wir
htten den Berthold zu einem uralten Hochzeitsspiele, dem Wiegenholzfhren,
bentigt.
    Wer htte gedacht, da der wildlustige Bursche in des Pfarrers Stube steht,
eine ganze Alpenglut auf seinen Wangen trgt und mit beiden Hnden die Krempen
seines Hutes zerpret.
    Der Pfarrer zu Holdenschlag - das mu ein scharfer Mann sein - geht wrdigen
Schrittes in der Stube auf und ab und sagt mit vterlicher Stimme die Worte:
Zhme dich, mein Sohn und bete, verlngere dein Abendgebet dreimal oder
siebenmal, wenn es ntig ist. Die Versuchung wird weichen. - Heiraten! Ein
Habenichts, wozu denn? Hast du Haus und Hof, hast du Gesinde, Kinder, da du ein
Weib brauchst? - Nun also! - Auf den Bettelstab heiraten, die Narrheit geht
nicht an. Wie alt bist du denn?
    Auf diese Frage errtet der Bursche noch mehr. Es ist eine schauderhafte
Bldheit, wenn einer sein Alter nicht wei. Und er wei es nicht. Um zehn Jahre
wird er nicht fehlen, wenn er auf geradewohl zwanzig sagt.
    Werde dreiig, erwerbe dir Haus und Hof, und dann komme wieder! ist des
Pfarres Bescheid. Darauf geht er in die Nebenstube, und der Berthold bleibt
stehen und ihm ist, als msse er noch was sagen - ein gewichtig Wort, das alle
Einwnde zu Boden wirft und der Herr beigeben mu: ei, das ist ganz was anders,
dann heiratet in Gottesnamen.
    Aber der Bursche wei kein Wort, das es vermchte zu deuten und hell zu
knden, warum er eins - ewig eins sein will mit Aga, dem armen Almmdchen.
    Da Herr Pfarrer nicht mehr zurckkehrt aus der Nebenstube, sondern in
derselben sein Frhstck verzehrt, wendet sich der Bursche endlich traurig der
Tr zu und steigt die Treppe nieder, auf der er vorher, wie auf einer
Himmelsleiter mit voller Zuversicht emporgestiegen war.
    Aber auf der grnen Erde angelangt, ist er ein anderer. Und es ist ein Arg'
gewesen, wie der Bursche sich an diesem zweiten Hochzeitstage bermtig toll
gebrdet hat.
    Am Nachmittage hat sich gepaart Mann und Weib, Bursch und Magd; der Andreas
Erdmann hat sich zum alten, brtigen Rpel gesellt, und so sind wir alle wieder
zurckgegangen in die Wlder der Winkel.

                                    Funoten


1 Hier scheint ein Irrtum obzuwalten; unseres Wissens hat zu jener Zeit in
Salzburg keine Gelehrtenschule bestanden. Vielleicht ist der wahre Name der
Anstalt absichtlich verhllt worden.
                                                                Der Herausgeber.

2 Taufmnze, so die Braut einst von ihrem Paten erhalten.


                      Die Schriften des Waldschulmeisters

                                 (Zweiter Teil)

                                                                           1815.

Vor mehreren Jahrhunderten sollen in der Gegend der Winkelwsser Menschen
gewohnt haben, die sich von Getreidebau, Viehzucht und Jagd ernhrt. - Die
Winkel ist vorsorglich eingedmmt, an ihren Ufern hin grnen gepflegte Wiesen
und ein Fahrweg fhrt hinaus zu den vorderen Gegenden. An den Bergen grnen
Felder. - So soll es gewesen sein. Unweit von dem Platze, wo jetzt das
Holzmeisterhaus steht, zeigt ein Mauerrest die Sttte, wo eine Kirche gestanden
haben soll. Zwar geht die Meinung, es sei keine Kirche gewesen, sondern ein
Gtzentempel, in welchem sie noch den Wuotan Met zugetrunken und Tiere geopfert,
so oft der Vollmondschein durch die Bltter der Linden gerieselt. Zur selben
alten Zeit sei jedes Jahr ein schneeweier Rabe niedergeflogen von den
Alpenwsten, und diesem habe man Korn auf die Steine gestreut, der Vogel habe
das Korn aufgepickt und hierauf sei er wieder von dannen geflogen. Einmal aber
habe man dem weien Raben keine Krner gestreut, weil ein Mijahr gewesen, und
weil ein Mann die Sache fr etwas Albernes ausgelegt habe. Darauf sei der Rabe
nicht mehr gekommen. - Aber kaum der Winter vorber, da seien von Sonnenaufgang
her wilde Vlkerscharen herangestrmt mit hlichen braunen Gesichtern,
blutroten Hauben und Roschweifen, auf wunderlichen Tieren reitend, seltsame
Waffen schleppend - und gar in die Winkelwlder hereingezogen. Diese Rotten
haben geplndert und die Bewohner zu Hunderten davongeschleppt, so da die
Gegend menschenleer geworden.
    Dann sind die Huser und der Tempel verfallen, das Wasser hat die Dmme und
Wege zerstrt und die Wiesen mit Schutt oder Gestein bergossen. Obstbume sind
verwildert; auf den Feldern sind Lrchenwlder gewachsen, die Lrchen aber durch
Tannen und Fichten verdrngt worden. Und es sind die finsteren, hundertjhrigen
Hochwlder entstanden.
    Es ist nicht zu bestimmen, ob der Kern der heutigen Waldleute von jenen vor
Jahrhunderten abstammt. Ich glaube vielmehr, so wie die alten Bewohner durch
eine an die Alpen brandende Welle wilder Zeiten fortgeschwemmt worden sind, so
sind nach vielen Jahren in den Strmen der Zeit Splitter anderer Stmme in diese
Wlder verschlagen worden. Man sieht es den Leuten ja an, da sie nicht auf
sicherem Boden der Heimat fuen, da sie aber geichwohl den Drang haben, sich in
den Waldboden einzuwurzeln und den Nachkommen ein gesichertes und geregeltes
Heim zu bereiten.
    Dennoch aber dmmert auch in diesen Menschen die Waldesgttermr der alten
Deutschen fort. Sie lassen im Herbste die letzten Frchte auf den Bumen, oder
behngen mit denselben ihre Kreuze und Hausaltre, um fr ein nchstes Jahr
Fruchtbarkeit zu erlangen. Sie werfen Brot in das Wasser, wenn eine
berschwemmung droht; sie streuen Mehl in den Wind, um druende Strme zu
sttigen - so wie die Alten den Gttern haben geopfert. Sie hren zur heiligen
Zeit der Zwlfen die wilde Jagd, so wie die Alten schaudernd Vater Wuotans Tosen
haben vernommen. Sie erinnern sich an Hochzeitsfesten der schnen Frau mit den
zwei Katzen, so wie die Alten die Freya haben gesehen. Und wenn die
Winkelwldler drauen in Holdenschlag einen begraben, so leeren sie den Becher
Metes auf sein Andenken. berall klingt und schimmert sie durch, die alte
germanische Sage und Sitte. Im Vordergrund aber tnt und webt Herrschendes das
hohe Lied vom Kreuze.
    Wohl die meisten der Winkelwldler mssen es empfinden, was hier fehlt; nur
die Wenigsten wissen es zu nennen. Aber jener Speiker hat es getroffen, als er
vor einem Jahre bei der Khlerhochzeit die Worte gesagt: Um uns schiert sich
kein Pfarrer und kein Herrgott. Dem Elend und dem Teufel sind wir verschrieben.
Fr uns ist auch ein Hundeleben gut genug; wir sind ja die Winkler!
    Aber der Speiker kann's noch erleben und mein Trinkspruch wird in Erfllung
gehen. Ich bin seit der Hochzeit wieder um ein Jahr jnger geworden. Die
Winkelwldler werden eine Kirche bekommen.
    Will ein Volk aus wilder Ursprnglichkeit sich aufbauen zu einer schnen,
ebenmigen Hhe, so mu der Gottestempel zu dem Baue das Erste sein.
    Darum beginne ich in den Winkelwldern mit der Kirche.
    Ich habe drngen und dringen mssen. Der Herr von Schrankenheim hat seinen
Palast mitten in der Stadt; da schallt zu jedem Fenster eine andere
Kirchenglocke herein, und zwischen den Fenstern auf zierlichen Gestellen prangen
hundert Bcher fr Herz und Geist. Wer ahnt es da, was in den fernen Wldern so
ein Klang und ein Predigtstuhl bedeutet! Endlich aber hat es der Gutsherr doch
eingesehen, und heute sind schon Mnner da, um die Baustelle zu prfen.
    Da drben neben dem Winkelhterhaus, schnurgerade vom Steg herauf, der ber
die Winkel fhrt, ist ein erhhter Felsgrund, sicher vor Gesenken, Lahnen und
Wildwasser. Er liegt zwischen dem Hinter- und Vorderwinkel, und von den
Lautergrben, dem Miesenbachtale und dem Karwasserschlag ist vllig die gleiche
Weite bis hierher zu dem erhhten Felsgrund. Das ist der rechte Platz fr das
Gotteshaus. Ich habe einen Plan eingereicht, wie ich mir denke, da so ein
Waldkirchlein sein soll.
    Das Kirchlein sei nicht gar zu klein, damit alle darin Platz haben, die
kummervollen und bedrftigen Herzens sind, wie es deren im Waldlande viele gibt
und frder geben wird. Es sei nicht gar zu niedrig, denn der hohe Wald und die
Felswnde haben den Sinn verwhnt und geweitet; und ist es auch, da die
Menschenwohnungen hier sehr gedrckt sind, so wird es dem Blicke doppelt wohl
tun, wenn er sich in der Wohnung Gottes erheben kann. In den Kirchen der Stdte
sollte stets ernste Dmmerung herrschen, damit sie dem licht- und genuvollen
Leben der Reichen und Groen einen Gegensatz darbieten; in dem Gotteshause des
Waldes aber mu lichte und milde Freundlichkeit lcheln, denn ernst und dmmerig
ist der Wald und des Wldlers Haus und Herz. So soll die Art der Gottesverehrung
das Leben ausgleichen und ergnzen; und was der Werktag und das Haus verweigert,
das soll der Sonntag und die Kirche bieten. Der Tempel soll die Schutzsttte in
den Strmen dieser Welt und er soll der Vorhof der Ewigkeit sein.
    Der Turm des Waldkirchleins sei schlank und luftig, wie ein aufwrts
weisender Finger, mahnend, drohend oder verheiend. Drei Glcklein mgen die
Dreizahl in der Einheit Gottes verknden und das dreitnige Lied singen von
Glaube, Hoffnung und Liebe. Einen recht guten Platz mchte ich der Orgel
bestimmen, denn der Orgelton mu den Armen im Geiste, so die Predigt nicht
verstehen, das Wort Gottes sein.
    Vergoldete Bilder und prunkende Zieraten in der Kirche sind verwerflich; die
Gottesehre soll nicht liebugeln mit Schtzen dieser Erde. Mit dem Einfachen und
durch das Einheitliche kann man am beredtsten und wrdigsten den Gott- und
Ewigkeitgedanken versinnlichen.
    Es mu aber noch des weiteren das Zweckmige bedacht werden. So habe ich
fr die Mauern der Trockenheit wegen Backsteine vorgeschlagen. Die Bnke und
Sthle mssen zum Ausruhen eingerichtet sein, denn der Sonntag ist ein Ruhetag.
Wenn whrend des Orgelklingens auch einmal einer einnickt, was weiter? Er trumt
in den Himmel hinber. - Fr den Fuboden sind die Steinplatten zu feucht und zu
kalt, dicke Lrchenbretter sind dazu geeignet. Fr das Dach sind des hufigen
Hagelschlages wegen weder Ziegeln, noch grere Bretterlatten anwendbar; dazu
sind kleine Lrchenschindeln am besten.
    Mein Plan ist angenommen worden.
    Es werden bereits Wege ausgeschlagen und Baustoffe herbeigeschafft. Im
lehmigen Binstal wird eine Ziegelei errichtet; an der Breitwand ist ein
Steinbruch angelegt worden.
    Die Waldleute stehen da und sehen den fremden Arbeitern zu. Sie haben auch
ihre Gedanken dabei.
    Eine Kirche wollen sie uns bauen, sagt einer, gescheiter, sie tten das
Geld den Armen teilen. Der Herrgott soll sich nur selber ein Haus bauen, wenn er
nicht unter freiem Himmel bleiben und im Winkelwald wohnen will.
    Was sie uns nur fr einen Kirchenheiligen einlegen werden?
    Den Huberti, denk' ich.
    Den Huberti? Je, der ist Weidmann gewesen, der hlt's nicht mit uns
Arbeitsleuten, der mag nur die Jger leiden. Ich sag', fr uns wren die
vierzehn Nothelfer recht.
    Geh', die tten uns zu viel kosten. Und der groe Christof ist auch dabei;
fr den wre ja gar keine Kirchtr weit genug.
    Wer verlorne Sachen finden will: Sankt Antoni tut Wunder viel! sagt Rpel,
der alte Borstenbart, bei dem sich jedes Wort im Gleichklang zum andern fgt, er
mag die Zunge wenden, wie er will.
    Andere wnschen zum Kirchenheiligen den Florian, der gegen das Feuer ist;
aber die am Wasser wohnen, mchten den Sebastian haben.
    Ein Weiblein hat gar nicht uneben bemerkt, in den ganzen Winkelwldern sei
kein Mensch, der die Orgel spielen knne, da wisse man doch, da als
Pfarrheilige nur Ccilia die rechte.
    Darauf entgegnet ein alter Hirt: So eine Red' ist keine Sach'. Die Leut'
knnen sich selbander helfen; aber auf das arme Vieh mt ihr denken! Der
heilige Erhart (das ist ein Viehpatron) geht uns schon herein in das Winkel.
    Danach ein anderer: Mit dem Vieh halt ich's nicht. Wir brauchen die Kirche
fr die Leut'. Und weil sich einer schon was kosten lt, so mu was Rechtes
werden. Ich bin kein Heid' und ich geh' in die Kirche und ich bin fr ein
sauberes Weibsbild.
    Versteht sich, alter Loter! schreit sein Weib, da du nur alleweil frs
schlechte Beispiel bist!
    Hast recht, Alte, fr euch mu eine sein, die mit gutem Beispiel
vorangeht.
    So rechten sie, halb im Spa und halb im Ernst. Den ganzen Himmel haben sie
durchstbert, und keinen Heiligen gefunden, der allen recht gewesen wre.
    Und es mu doch eines kommen, das allen recht ist. Ich habe darber schon
meine Gedanken.

    Die Waldberge lichten sich immer mehr und mehr, wie wenn es Tag wrde aus
der Dmmerung. Die Hhenschneiden werden schartig und es dehnt sich der Himmel.
Mancher Marder kommt um seinen hohlen Baum, mancher Fuchs um seine Hhle.
Unschuldige Vglein und raubgierige Geier werden heimatlos, da Wipfel um Wipfel
hinstrzt auf den feuchten Moosboden, den endlich wieder einmal die Sonne
bescheint. Winter und Sommer hindurch sind die Holzschlger ttig gewesen.
Drauen im Lande haben Holz und Kohlen in gutem Begehr gestanden.
    In diesem Sommer habe ich nicht mehr viele freie Zeit.

    Drauen ist Krieg, der, Gott wei es, nicht mehr enden will. Zu Holdenschlag
sind schon wieder die Hmmer geschlossen worden und es kommt kein Kohlenwagen in
den Wald. Die Holzarbeit ist eingestellt; die krftigsten Mnner streichen mig
umher. Da drben in den Lautergrben sollen vor kurz zwei Holzschlger eines
Beutels Tabak wegen bs gerungen haben.
    Ich habe den Mnnern den Rat gegeben, zu den Vaterlandsverteidigern zu
gehen. Davon wollen sie nichts hren. Sie haben keine Heimat, sie wissen von
keinem Vaterlande. Willkommen sind ihnen die Welschen, wenn sie Geld mitbringen
und eine bessere Zeit.
    Gott gebe die bessere Zeit und halte die Welschen fern!

    Fr mich ist es ein Glck, da ich khlen Blutes bin. Das wilde Jahr hat die
Sprossen meiner Leidenschaft gettet. Nun darf ich mein ganzes Streben auf das
eine Ziel lenken: aus diesen zerstreuten, zerfahrenen Menschen ein Gemeinsames,
ein Ganzes zu bilden. Ist dieses gelungen, so haben wir alle einen Halt. - Ich
werde ihnen und mir eine Heimat grnden. Vor allem kmmt es darauf an, den
Freiherrn zu stimmen, sonach mu auf die Waldleute eingewirkt werden.
    Eine bermige Kraft scheint mir dazu nicht ntig zu sein, wohl aber ein
zhes Bemhen. Diese Menschen sind wie Lehmkugeln; ein Ansto, und sie rollen
eine Weile fort. Weiter kommen sie selbst, nur geleitet mssen sie werden, da
sie einem und demselben Ziele zustreben. Glieder sind genug, aber sprde und
unschmiegsam selbander. Wenn nur erst die Kirche fertig ist, da die Gemeinde
ein Herz hat; dann machen wir uns an den Kopf und bauen das Schulhaus.

                                                                Im Herbste 1816.

    In einer der letzten Wochen bin ich mit einem Papierbogen zu allen Htten
des Waldes herumgegangen. Da habe ich die Hausvter nach dem Stande ihrer
Wirtschaft, nach der Zahl ihrer Familie, nach den Geburtsjahren und Namen der
Leute gefragt. Das Geburtsjahr kann zumeist nur nach Geschehnissen und
Zeitumstnden angegeben werden. - Der ist geboren im Sommer, in welchem das
groe Wasser gewesen; die ist zur Welt gekommen in demselbigen Winter, als man
Strohbrot hat essen mssen. Solche Ereignisse sind ragende Marksteine.
    Das Namensverzeichnis wird nicht gar zu mannigfaltig. Die Bewohner
mnnlicher Art heien Hannes oder Sepp, oder Berthold, oder Toni, oder Mathes;
die Leute weiblicher Gattung sind Kathrein benamset, oder Maria, welcher Name in
Mini, Mirzel, Mirl, Mili, Mirz, Marz umgewandelt und ausgesprochen wird. hnlich
geht es mit anderen Namen; und kommt einer von drauen, so mu er sich eine
Umwandlung nach den Zungen der Hiesigen sogleich gefallen lassen. Mich haben sie
einige Zeit den Andredl geheien; aber das ist ihnen ein zu groer Name fr
einen so kleinen Menschen, und heute bin ich nur mehr der Redl.
    Von Geschlechtsnamen wissen schon gar die wenigsten was. Viele mgen den
ihren verloren, vergessen, andere einen solchen nie gehabt haben. Die Leute
gebrauchen eine eigene Form, ihre Abstammung und Zugehrigkeit zu bestimmen.
Beim Hansl-Toni-Sepp! Das ist ein Hausname, und es ist damit angezeigt, da der
Besitzer des Hauses Sepp heit, dessen Vater aber Toni und dessen Grovater
Hansel genannt worden ist. - Die Kath-Hani-Waba-Mirz-Margaret! Da ist die Kathi
die Ururgromutter der Margaret. - Der Stamm mag doch schon lange in der
Waldeinsamkeit stehen.
    Und so wird eine Person oft durch ein halbes Dutzend Namen bezeichnet und
jeder schleppt die rostige Kette seiner Vorfahren hinter sich her. Es ist das
einzige Erbe und Denkmal.
    Das Wirrsal darf aber nicht so bleiben. Die Namen mssen fr das Pfarrbuch
vorbereitet werden. Zu den Taufnamen mssen Zunamen erfunden werden. Das wird
nicht schwer gehen, wenn man der Sache am Kern bleibt. Man benenne die Leute
nach ihren Eigenschaften, oder Beschftigungen oder Stellungen; das lt sich
leicht merken und fr die Zukunft beibehalten. Ich nenne den Holzarbeiter Paul,
der die Annamirl geheiratet, nicht mehr den Hiesel-Franzel-Paul, sondern kurzweg
den Paul Holzer, weil er die Holzstrnke auf den Riesen zu den Kohlsttten
befrdert und die Leute diese Arbeit holzen heien. Der Schwammschlager Sepp,
der seines Vaters Namen vergessen, soll auch nicht mehr anders heien als der
Schwammschlager, und er und seine Nachkommen mgen angehen, was sie wollen, sie
bleiben die Schwammschlager. Eine Htte in den Lautergrben nenne ich die
Brunnhtte, weil vor derselben eine groe Quelle fliet. Wozu den Besitzer der
Htte Hiesel-Michel-Hiesel-Hannes heien? Er ist der Brunnhtter und sein Weib
ist die Brunnhtter, und wenn sein Sohn einmal in die Welt hinausfhrt, Soldat
wird oder Fuhrmann oder was immer, er bleibt der Brunnhtter allerwegen. So
haben wir nun auch einen Sturmhanns; der hat oben auf der strmischen
Wolfsgrubenhhe sein Haus.
    Einen alten, sehr dickhalsigen Zwerg, den Kohlenfhrer Sepp, heien sie seit
lange schon den Kropfjodel. Da habe ich letztlich das Mnnlein gefragt, ob es
zufrieden sei, wenn ich es unter dem Namen Josef Kropfjodel in meinen Bogen
einschreibe. Er ist gerne dazu bereit. Ich habe ihm noch vorgestellt, da aber
auch seine Kinder und Kindeskinder Kropfjodel heien wrden. Da grinst er und
gurgelt: Zehnmal soll er Kropfjodel heien, mein Bub! Und ein wenig spter
setzt der Schelm bei: Den Namen, gottdank, den htten wir! - Ei, htten wir den
Buben auch!
    Drben im Karwasserschlag stehen drei buschige Tannen, die der
Holzschlger-Meisterknecht, der Josel-Hansel-Anton zu Schutz fr Mensch und Tier
hat stehen gelassen. Zu Lohn heit der Mann Anton Schirmtanner fr ewige Zeiten.
    Die neuen Namen finden Gefallen, und jeder, der einen solchen trgt, hebt
seinen Kopf hher und ist zuversichtlicher, selbstbewuter, als er sonst
gewesen. Nun wei er, wer er ist. Jetzund kommt es darauf an, dem neuen Namen
einen guten Klang zu erwerben und ihm Ehre zu geben.
    Schauderlich erschreckt hat mich nur der Almbursche Berthold. Einen Namen,
ruft er, fr mich? ich brauch' keinen Namen, ich bin ja niemand. Zu einem Weib
hat mich Gott nicht gemacht, und ein Mann sein, das erlaubt der Pfarrer nicht.
Die Ehe ist mir verwehrt, weil ich bettelarm bin. Heiet mich den Berthold
Elend! Ich brech' die Satzung und mein Fleisch und Blut verrat ich nicht!
    Nach diesen Worten ist er wie ein Wtender davon geeilt. Der einst so
lustige Bursche ist kaum mehr zu erkennen. Ich habe in den Bogen den Namen
Berthold geschrieben und ein Kreuz dazu gemacht.
    Auch noch ein anderer streicht in den Winkelwldern herum, von dem ich nicht
wei, ob und welchen Namen er trgt. Wenn doch, so kann's ein bser sein. Der
Mann weicht am liebsten den Leuten aus, vergrbt sich oft fr lange Zeit, und
man wei nicht wo, taucht zu seltsamen Stunden wieder auf, und man wei nicht,
warum. Es ist der Einspanig.

                                                                    Im Mai 1817.

    In diesem Winter habe ich eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt. Die
Ursache derselben ist das Unglck des Markus Jger, den ein Wildschtze
angeschossen hat. Der Jger ist drben in einer Htte der Lautergrben gelegen.
Ich gehe mehrmals zu ihm hinber, weil der Brand in die Wunde zu kommen droht,
und weil sonst niemand ist, der den Kranken pflegen will und kann. Anstatt da
die Leute hier eine Wunde mit lauem Wasser und gezupften Linnen rein halten
tten, kleben sie allerlei Schmieren und Salben hinein. Das mu schon eine
krftige Natur sein, die sich trotz solcher Hemmnisse aufrafft. Ich habe recht
zu tun gehabt, da mir der Jger nicht unterlegen ist.
    Als ich das letztemal bei ihm bin, ist ein strmischer Mrztag. Auf dem
Rckwege sind die Pfade schauderhaft verschneit und verweht. Stellenweise ist
mir der Schnee bis zur Brust emporgegangen. Viele Stunden habe ich mich so
fortgekmpft, aber es bricht die Nacht herein und ich habe das Winkeltal noch
lange nicht erreicht. Eine unsgliche Ermdung kommt ber mich, der ich zwar
lange widerstehe, die endlich aber nicht mehr zu berwinden ist. Da habe ich
schon gar nichts anders mehr gemeint, als da ich so mitten im Schnee wrde
umkommen mssen, und da sie mich im Frhjahr finden und an der neuen Kirche im
Winkel vorber nach Holdenschlag tragen wrden. - Dahier im Waldesfriedhof mcht
ich liegen. Aber noch lieber darauf stehen.
    Erst nach Wochen habe ich es erfahren, da ich nicht erfroren bin, da mir
an demselbigen Abende zwei Holzhauer auf Schneeleitern entgegengekommen sind,
mich bewutlos gefunden und ins Winkelhterhaus getragen haben. Als ich nachher
viele Tage lang in der schweren Krankheit gelegen, sollen sie sogar einmal den
Bader von Holdenschlag zu mir gerufen haben. Und der Bote, der den Arzt geholt,
htte, wie er mir seither selbst erzhlt, den Auftrag gehabt, gleich auch mit
dem Totengrber zu reden. Der Totengrber htte gesagt: Wenn mir der Mann nur
das nicht antte, da er jetzt strbe; 's ist ja kein Loch zu machen in dieser
steinhart gefrornen Erden!
    Es freut mich recht, da ich dem guten Mann die Mhe hab' ersparen mgen.
    Als die Gefahr der Krankheit vorbei, hat mich erst ein recht hartnckiges
Augenleiden verfolgt, das noch nicht ganz gehoben ist. Ich mu noch eine lange
Zeit in der Stube verbleiben, wohl so lange, bis drauen das Tauen eingetreten
und das Wildwasser vorbei. Mir ist gar nicht einsam. Ich schnitze in Holz, ich
will mir eine Zither zusammenleimen oder so etwas, da ich mich in der Tonkunst
be, bis in der Kirche die Orgel fertig sein wird.
    Es sind oft Leute gekommen, die sich neben mir auf die Bank gesetzt und
gefragt haben, ob ich schon recht gesund sei. Die Ru-Annamirl, die jetzund mit
den Ihren in das Holzmeisterhaus der Lautergrben gezogen ist und nach der neuen
Ordnung Anna Maria Ru heit, hat mir in der vorigen Woche drei groe Krapfen
herbergeschickt. Dieselben sind von denen, die zur Festfreude gebacken worden,
da ein kleinwinziger Ru angekommen ist. Sie haben den Kleinen mit Krapfen
getauft.
    Auch die Witwe des schwarzen Mathes ist einmal zu mir gekommen. Sie hat mich
in groem Kummer gefragt, was mit ihrem Buben, dem Lazarus zu machen, der habe
die wilde Wut. Die wilde Wut, das sei, wenn einer ber den geringsten Anla in
Zorn ausbreche und alles bedrohe. Der Lazarus sei so; er habe das in noch
hherem Grade, als es sein Vater gehabt; Schwester und Mutter seien in Gefahr,
wenn der Knabe nur erst krftiger wrde. Ob es gegen ein solches Elend denn gar
kein Mittel gbe. Was kann ich der bedrngten Frau raten? Eine stete,
gleichmige Beschftigung und eine liebreiche, aber ernsthafte Behandlung sei
dem Knaben angedeihen zu lassen, habe ich vorgeschlagen.
    Unter allen Menschen der Winkelwlder dauert mich dieses Weib am meisten.
Ihr Mann ist nach einem unglckseligen Leben gewaltsam erschlagen und ehrlos
begraben worden. Dem Kinde steht nichts Besseres bevor. Und das Weib,
vormaleinst an bessere Tage gewhnt, ist so weichherzig und milde.
    Ehgestern kommt ein Knabe zu mir, der einen Vogelkfig mit sich schleppt.
Der Junge ist so klein, da er mit seinem Hndchen gar die Trklinke nicht
erreichen kann und eine Weile zaghaft klpfelt, bis ich ihm ffne. Er steht noch
in der Tr, als er anhebt: Ich bin der Bub' vom Markus Jger, und mein Vater
schickt mich her - der Vater schickt mich her ...
    Der Schlingel hat die Ansprache auswendig gelernt und bleibt stecken und
wird rot und will sich wieder von dannen wenden. Ich habe Mhe, bis ich es
erfahre, da sein Vater mir sagen lasse, er sei vllig geheilt und mir wnsche
er dasselbe, und er komme demnchst zu mir, um sich zu bedanken, und er schicke
zwei bermtige Schopfmeisen, und er mchte mir, da ich, wie er wisse, noch
nicht in das Freie gehen knne, das ganze Frhjahr in die Stube senden.
    Was fange ich mit den kleinen Tieren an? sie flattern, wenn man ihnen nahe
kommt, wirr im Kfig umher und zerstoen sich vor Angst die Kpfchen an den
Spangen. Ich lasse sie in unseres Herrgotts Vogelkfig, in den Mai
hinausfliegen.
    Und als endlich die Zeit erfllt, da bin ich eines frhen Morgens auch
selber hinausgetreten in den freien Mai. - Der Haushahn krht, der Morgenstern
guckt hellugig ber den dunkeln Waldberg. Der Morgenstern ist ein guter
Geselle; der leuchtet getreulich, so lange es noch dunkel ist, und tritt
bescheiden in den Hintergrund, sobald die Sonne kommt.
    Leise schleiche ich durch das Haustor, da ich die Leute nicht wecke, die
haben sich nicht wochenlang so ausgerastet, wie ich; denen liegt noch der
gestrige Tag auf den Augenlidern, die der heutige schon wieder wach begehrt.
    Im Walde ist bereits das zitternde, rieselnde Erlsen aus tiefer Ruhe. Wie
ist eines Genesenen erster Ausgang so eigen! Man meint, der ganze Erdboden
schaukelt mit einem - schaukelt sein wiedergeborenes Kind in den Armen. O du
heiliger Maimorgen, gebadet in Tau und Wohlduft, durchzittert und durchklungen
von ewigen Gottesgedanken! - Wie gedenke ich dein und deines Mrchenzaubers, der
sich zu dieser Stunde von der Glocke des Himmels und von den Kronen des Waldes
niedergesenkt hat in meine Seele!
    Und dennoch habe ich zur selbigen Stunde ein seltsam Weh empfunden. - Mir
ist die Jugend gegeben und ich lebe sie nicht. Was ist mein Zweck? Was bedeute
ich? - Kurz vor diesen Tagen bin ich seit Ewigkeit her ein Nichts gewesen; kurz
nach diesen Tagen werde ich ein Nichts sein in Ewigkeit hin. Was soll ich tun?
Warum bin ich an dieser kleinen Stelle und zu dieser kurzen Zeit mir meiner
bewut worden? Warum bin ich erwacht? Was mu ich tun? -
    Da habe ich mir's von neuem gelobt, zu arbeiten nach allen meinen Krften,
und auch zu beten, da mir so schwere, herzverbrennende Gedanken nicht mehr
kommen mchten.
    Als die Sonne aufgeht, stehe ich noch am Waldessaume. Unten rauscht das
Wasser der Winkel und aus dem Rauchfange des Hauses steigt ein blulich
Schleierband auf und im Kirchenbaue hmmern die Maurer.
    Meine Hauswirtin hat es gleich wahrgenommen, da ich des Morgens nicht in
der Stube, und hat gezetert ber meinen Leichtsinn. Und als sie erst gar
erfhrt, da ich in der khlen Frhe auf feuchtem Moosboden geruht, da fragt sie
mich ganz ernsthaft, ob es mir denn zu schlecht sei in ihrem Haufe, oder ob ich
sonst was auf dem Herzen htte, da ich mir so ans Leben wolle; ja, und ob ich
nicht wisse, da der, welcher sich so auf den Tauboden des Frhjahrs hinlege,
dem Totengrber das Ma gebe! -

                                                               Sonnenwende 1817.

    Das ist ein seltsamer Waldgang gewesen, und ich ahne, er lt sich nicht
verantworten im Himmel und auf Erden. Wo in den schattigen Felsschluchten des
Winkelegger Waldes das Wsserlein rieselt, da bleibe ich stehen. - Hier auf
diesen Wellen lasse deine Gedanken schaukeln ohne Zweck und Ziel. Du kennst die
Mr vom Lethestrom der Griechen. Das ist ein eigen Wasser gewesen, wer davon
getrunken, hat der Vergangenheit vergessen; die Wellen des Waldbchleins sind
ein noch eigeneres Wasser, wessen Seele auf denselben schaukelt, und trge er
auch den Winter im Haar, der findet wieder die lngst vergangene Zeit seiner
Kindheit und Jugend. - Sollte nicht der Lethe fr mich besser taugen?
    Ich gehe tiefer hinein in die Wildnis und ruhe im Moose und lausche der
immerdar klingenden Ruhe. Manches erst aufgeblhte Blmlein wiegt nah' an meiner
Brust und will leise anklopfen an der Pforte meines Herzens. Und mancher Kfer
krabbelt ngstlich heran, er hat im Dickicht der Grser und der Moose etwan den
Weg verloren zu seinem Liebchen. Jetzund hebt er seinen Kopf empor und frgt
nach dem rechten Pfad. Wei ich ihn selber? - Sag' du uns an, wo wird die
Sehnsucht gestillt, die mit uns ist auf allen Wegen? - Eine Spinne lt sich
nieder vom Geste; sie hat sich emporgerungen zur Hhe, und nun sie oben ist,
will sie wieder unten sein auf der Erden. Sie spinnt Fden, ich spinne Gedanken.
Wer ist der Weber, der aus losen Gedankenfden ein schnes Kleid wei zu weben?
-
    Wie ich noch so trume, rauscht es im Dickicht. Es ist kein Hirsch, es ist
kein Reh; es ist ein Menschenkind, ein junges, glhendes Weib, erregt und
angstvoll, wie ein verfolgtes Wild. Es ist Aga, das Almmdchen. Sie eilt auf
mich zu, erhascht meine Hnde und ruft: Weil Ihr's nur seid, weil ich Euch nur
finde! Dann schaut sie mich an, und es stockt ihr der Atem, und sie vermag den
Aufruhr in ihr nicht niederzudmpfen. Es hat einen bsen Schick! schreit sie
wieder, aber ein ander Mittel wei ich nimmer. Der bs' Feind stellt mir nach,
mir und ihm gleichwohl auch. Wir frchten die Leut' jetzund, aber Euch bin ich
zugelaufen; Ihr seid fromm und hochgelehrt! Ihr helft uns, da wir nicht
versinken allbeid', ich und der Berthold! Wir wollen in Ehren und Sitten leben,
gebt uns den Eh'spruch!
    Ich wei anfangs nicht, was das bedeutet, und als sie es klar tut, sage ich:
Habt Ihr den treuen Willen, so wird Euch der Ehesegen von der Kirche nicht
vorenthalten werden.
    Mein Gott im Himmel! schreit das Mdchen, mit der Kirche heben wir nichts
mehr an, die versagt uns die Ehe, weil wir nichts haben. Aber wenn der Herrgott
bs' auf uns tt' werden, das wre arg! - Das Gewissen lt mir keine Ruh', und
zu tausendmal bitt' ich Euch, schenket uns den Segen, den jeder Mensch kann
schenken. Ihr seid wohl selber noch jung, und habt Ihr ein Lieb, so werdet Ihr's
wissen, es gibt kein Lsen und Lassen. Wir leben in der Wildheit zusammen, weil
wir uns lassen mgen; wir haben keine Seel', die unser Freund wollt' sein und
uns das Glck wollt' wnschen von Herzen. Ein gutes Wort mchten wir hren, und
wenn nur einer tt' kommen und sagen: wollet mit Gottes Willen und Segen
einander verbleiben bis zum Tod! So ein einzig Wort und wir wren erlst von der
Snd' und ein Eh'paar vor Gott im Himmel!
    Diese Sehnsucht nach Befreiung von der Snde, dieses Ringen nach dem
Rechten, nach der menschlichen Teilnahme, nach dem Frieden des Herzens - wen
htte das nicht zu rhren vermgen!
    Ihr herzgetreuen Leut'! rufe ich aus, und reck' die Arme: der Herrgott
mg' mit Euch sein, ich wnsche es Euch!
    Da ist schon auch der Bursche neben dem Mdchen gekniet. Und so habe ich mit
meinen Worten etwas getan, was von mir gar nicht zu verantworten ist im Himmel
und auf Erden. Ich habe eine Trauung vollzogen mitten im grnen Wald.

                                                    Am Peter- und Paulitag 1817.

    Doch seltsam, was in diesem Jungen steckt, in des schwarzen Mathes Sohn. Er
hat das Herz seiner Mutter und das Blut seines Vaters. Nein, er hat ein noch
greres Herz als seine Mutter und ein dreimal wilderes Blut, als sein Vater.
Dieser Knabe wird ein Heiland oder ein Mrder.
    Die alte Ru-Kath siecht seit Monaten. Die Leute sagen, es fehle ihr an
gesundem Blut. Das hat auch der kleine Lazarus gehrt, und gestern ist er zu mir
gekommen mit einem hlzernen Tpfel und dem groen Seitenmesser seines Vaters
und hat mich aufgefordert, ich mge aus seiner Hand Blut ablassen und es der
Ru-Kath schicken.
    Er glht im Gesicht, ist aber sonst ruhig. Ich verweise ihm sein Ansinnen.
Er schiet davon. Und bald danach hat er im Hofe des Winkelhterhauses eine
Taube erwrgt - aus Zorn, aus Liebe - ich mag es nicht entscheiden.
    Ich trete hinaus zu dem toten Tiere. Lazarus, sage ich, jetzt hast du
eine Mutter umgebracht. Siehst du die armen, hilflosen Jungen dort? Hrst du,
wie sie weinen?
    Bebend steht der Knabe da, bla wie Stein, und ringt nach Luft und zerbeit
sich die Unterlippe. Ich drehe ihm den eingezogenen Daumen aus und giee Wasser
auf seine Stirn.
    Ich fhre ihn in seine Htte zurck. Dort fllt er erschpft auf das Moos
und sinkt in einen tiefen Schlaf.
    Es mu was geschehen, um das Kind zu retten. Wie, wenn es zu mir nhme, sein
Vater und sein Bruder wre, es zhmte und leitete nach meinen Krften, es
unterrichtete und zur Arbeit anhielte und in aller Weise seine Leidenschaft zu
tten suchte?
    Etwan hat der Knabe doch zu viel Blut ... meinen die Leute.

                                                                 Hundstage 1817.

    Der Sturmhanns hat ein Hndlein, ein gar possierlich Tier, wei recht klug
dreinzuschauen und freundliche Augen zu machen und anhnglich schweifzuwedeln,
da man meint, man msse es frei liebhaben, wie ein Menschenkind. Und da ich ihm
in die Nhe gekommen bin - schwapp! hab' ich eins in den Waden. - Wie dieser
Hund, so sind auch die Hundstage. Das ist ein Glitzern und Sonnenleuchten des
Morgens und ein Vogelzwitschern und alle Blumen heben ihre Kpfeln zur Hhe und
gren und lachen dich an. Und die Sonne streichelt dich und kt dich und die
Sonne umarmt die Welt mit glhender Lieb' - wer wollte da nicht hinausstreichen
in den wohligen Schatten der Wlder? Du wandelst frei dahin und schauest zur
grnen Erde und denkst: du lieber, du holder Tag! - Da sind auf einmal die
finsteren Wolken ber dir und der Sturm reit dir den Hut vom Haupt und der
Regen schlgt dir rasend ins Gesicht - birg dich rasch - es kommt auch Eis
gesaust.
    Die Hundstage. Kann denn auch die Natur untreu sein? Der Mensch ist's, der
ihr Bses zeiht, weil sein Denken unvernnftig und seine Weisheit mangelhaft
ist. Es gibt nichts Bses und nichts Gutes, auer in dem Herzen des einen
Wesens, dem der freie Wille gegeben ist.
    Wenn wir uns den freien Willen abstreiten knnten, dann wren wir alles
Gewissens los. Im Walde gibt es manchen, dem das recht wre.

                                                              Am Jakobitag 1817.

    Heute bin ich wieder im Hinterwinkel, im Hause des Mathes gewesen. Das Weib
trostlos. Seit zwei Tagen ist der Knabe Lazarus verschwunden.
    Das Schreckliche ist geschehen. In seinem Jhzorn hat er einen Stein nach
der Mutter geschleudert. Als das geschehen, hat er einen grausen Schrei getan
und ist davongegangen.
    Auf der Grabsttte des Mathes hat man gestern frische Spuren zweier Knie
entdeckt.
    Wir haben Leute aufgeboten, da sie den Knaben suchen. In einer dar Htten
ist er nicht. Es wird auch an den Abgrnden und Bchen nachgesprt.
    Er hat mich nicht treffen wollen! jammert die Mutter, und das ist ein
kleiner Stein gewesen, aber auf dem Herzen liegt mir ein groer. Einen greren
htt' er nimmer nach mir schleudern mgen, als da er davon ist.

                                                               Drei Tage spter.

    Keine Spur von dem Knaben. Wohl eine andere Spur haben die Leute gefunden:
groe Pfoten mit vier und fnf Zehen. Wlfe und Bren gibt es in der Gegend.
    Es geht das Gercht, drben in den Lautergrben habe ein Holzhauer gestern
die halbe Nacht mit einem Bren gerungen, bis es dem Manne endlich gelungen sei,
seinen Arm dem Tiere in den Rachen zu stoen, da es daran erstickt. Ich bin
heute in den Lautergrben gewesen, dort wissen sie nichts von der Mr.
    Dagegen hat mich einer von dort gefragt, ob es wohl wahr, da im Winkel
drben, ganz nahe am Hause ein Rudel Wlfe den Erdmann gefressen htte.
    Das sei nicht wahr, habe ich geantwortet.
    Aber der Mann behauptet, er wisse das zwar ganz bestimmt. Die Leute tten es
allerwrts erzhlen, und hundert Schritte vom Kirchenbaue hintan sehe man das
Blut auf dem Sandboden und Fetzen von der Bekleidung.
    Ich entgegne, da ich das Blut auch gesehen habe, da dasselbe aber von
einem Lmmlein herrhre, welches die Winkelhterin gestern abends eben fr den
Erdmann ausgeweidet habe; da den Erdmann also nicht die Wlfe aufgefressen
htten, sondern da der Erdmann das Lmmlein aufgegessen habe, und da besagter
Erdmann ich selber sei.
    Der Mann ist darauf recht verlegen und meint, er habe mich nicht erkannt,
sonst htte er das Gercht nicht nacherzhlt, ihm mge ihm nur verzeihen, da
die Sache nicht wahr ist.

                                                   Am Petri-Kettenfeiertag 1817.

    Das ist wie ein knatterndes Lauffeuer durch den Wald gegangen. Im
Karwasserschlag wissen sie es, in Miesenbach wissen sie es, in den Lautergrben
wissen sie es; und ich im Winkel wei es, da es die bereits alle wissen, was
doch erst heute morgens geschehen ist.
    Das Tchterlein des Mathes besucht zuweilen die Grabessttte des Vaters und
bepflanzt sie mit Hagebuttenstruchern. Heute zur Frhe, wie es wieder hinkommt,
leuchtet ihm etwas entgegen. Auf dem Hgel ragt ein Stab und daran flattert ein
Papier. Das Mdchen luft heim zur Mutter, diese luft zu mir in das
Winkelhterhaus, da ich kommen und sehen mge, was das sei.
    Es ist sehr merkwrdig. Eine Nachricht ist es von dem Knaben. Auf dem Papier
stehen in fremden Zgen die Worte:
    Meine Mutter und meine Schwester! Habt keinen Groll und keine Sorge. Ich
bin in der Schule des Kreuzes.
                                                                       Lazarus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Leute richten ihre Blicke auf mich. Der Knabe kann nicht lesen und nicht
schreiben, fast niemand kann es im Walde. Die Leute meinen, ich sei hochgelehrt,
ich msse von allem wissen.
    Ich wei von nichts.

                                                               Allerseelen 1817.

    Das ist ein lautloses Auf- und Niedergehen der Menschen.
    Ein Trpflein sammelt sich am hohen Zweig des Baumes, sickert hinaus auf die
letzte Nadel, wiegt sich und glitzert und funkelt, oft grau, wie Blei, oft rot,
wie Karfunkel. Kaum noch hat es die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in
sich gespiegelt, so zieht ein Lufthauch und das Trpflein lst sich von dem
wiegenden Tannenzweig und fllt nieder auf den Erdengrund. Und der Erdboden
saugt es ein und keine Spur ist mehr von dem funkelnden Sternchen.
    So auch lebt des Waldes Kind und so vergeht es.
    Drauen ist es anders. Drauen erstarren die Tropfen in dem frostigen Hauch
der Sitte, und die Eiszapfen klingeln aneinander und im Niederfallen klingeln
sie und ruhen, eine Weile noch der Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd, auf dem
Erdboden, bis sie zerflieen und vertauen, wie der Gedanke an einen lieben
Toten.
    Drauen sind ja die Friedhfe nicht fr die Toten, sondern fr die
Lebendigen. Der Lebende feiert dort das Andenken an seine Vorfahren und er
feiert seine knftige Friedhofsruhe. Fr den Lebenden ist das Rosenbeet und die
Inschrift. Der Lebende empfindet in seinem Gemte die Ruhe, wenn er an den
Schlfer denkt, der von Drangsal erlst ist. Der Lebende fhlt das Hinabsinken
des Toten und hofft fr jenen die Urstnd. - Niemand geht unbelohnt ber
Friedhofserde; diese Schollen khlen die Leidenschaften und erwrmen die Herzen,
und nicht allein des Todes Frieden steht auf den Blumenhgeln geschrieben,
sondern auch des Lebens Wert.
    Der Wald legt Ruhe, wohin Ruhe gehrt. Dort hat der tote Schlfer kein
Nachtlicht, wie der lebendige keines gehabt. Das ewige Licht leuchte ihnen!
ist das einzige Begehren. Die Sptherbstsonne lchelt matt und verspricht ihren
ewigen Glanz, und der nchste Frhling sorgt fr Blumen und Krnze.
    Nicht der toten Leiber wird im Walde gedacht, sondern ihrer lebenden Seelen
Wehe, wenn diese sndig verstorben im Fegefeuer schmachten!
    Als der hungernde Hans seinem hungernden Nachbar auf der Au das Stck Brot
hat gestohlen und darauf war verstorben, da war der Urwald noch nicht gestanden.
Der Leib war verwesen, der Hans vergessen, die Seel' ist im Fegfeuer gelegen.
Die Au ist zum Walde, der Wald ist zur Wildnis geworden; die Wlfe heulen und
kein Mensch ist weit und breit; an den Hngen des Gebirges wogen Sommerlfte und
Winterstrme, und mit jeder Minute ein Krnlein Sand; und mit jedem Jahrhundert
eine Bergeswucht rollt in die Tiefe der Schluchten. Und die arme Seele liegt im
Feuer. Wieder kommen Menschen in die Einden und die Hochwlder fallen, und
Htten und Huser erstehen und eine Gemeinde wird gebildet - die Seele aus
alten, lngst untergegangenen Sonnen liegt in den Gluten des Fegfeuers und ist
verlassen und vergessen.
    Aber ein Tag geht auf im Jahre, solch' vergessenen Seelen zum Troste.
    Als Christus der Herr am Kreuz ist gestorben und nur noch der letzte Tropfen
Blut in seinem Herzen ist gewesen, da hat ihn sein himmlischer Vater gefragt:
Mein lieber Sohn, die Menschheit ist erlst; wem willst du den letzten Tropfen
deines rosenfarbenen Blutes zukommen lassen? - Da hat Christus der Herr
geantwortet: Meiner lieben Mutter, die am Kreuze steht; auf da ihre Schmerzen
sollen gelindert sein. - O nein, mein Kind Jesus, hat darauf die Mutter Maria
geantwortet, wenn du den bitteren Tod willst leiden fr die Menschenseelen, so
mag ich die Mutterpein auch noch ertragen, ist sie gleichwohl so gro, da sie
nicht das Meer kann lschen, und wr' die ganze Erden ein Grab, sie nicht kunnt
begraben. Ich schenke den letzten Tropfen deines Blutes den vergessenen Seelen
im Fegfeuer, auf da sie einen Tag haben im Jahr, an dem sie von dem Feuer
befreit sind.
    Und so sei - nach der Sage Deutung - Allerseelentag entstanden. An diesem
Tage sind auch die verlassensten und vergessensten Seelen von ihrer Pein befreit
und stehen im Vorhofe des Himmels, bis der letzte Stundenschlag des Tages sie
wieder in die Flammen ruft.
    Das ist im Walde der Sinn und Gedanke des Festes Allerseelen, und manche
gute Tat wird gebt auf die Meinung, den abgeschiedenen Seelen die Feuerspein zu
lindern.
    ber den einsamen Grbern aber brauen die Sptherbstnebel, und junger Schnee
verbirgt des Hgels letzten Rest, und darauf haben etwa die Klauen eines Hhers
ein Kettchen gezogen - als einziges Zeichen des Lebens, das hier oben noch
waltet - des unauflslichen Bandes Deutung: um Leben und Tod ist eine ewige
Kette gewunden.
    Heute mu ich oft an den Lucas denken. Ein Brenner, der in den Lautergrben
begraben liegt. Dem Holzmeister Luzer ist in einer Nacht ein Ziegenbock
gestohlen worden, unweit von der Lucas-Htte haben sie hernach vom Tiere Haut
und Eingeweide gefunden. Da ist's offenbar: der Lucas ist der Dieb. Und wie im
Walde schon berall die Lssigkeit herrscht, so klagen sie den Brenner nicht an
und so kann er sich nicht rechtfertigen. Gleichwohl hat er gemerkt, wie er bei
den Leuten im Arg steht. Und einmal hat er ausgerufen: Httet ihr mir meine
Hnde abgehauen, httet ihr mir das Augenlicht genommen, ich wollte zufrieden
sein. Aber ihr habt mir meine Ehre weggenommen - - jetzt ist's vorbei. Die
Leute haben gesagt: Mag er sich winden und wenden wie er will, den Ziegenbock
hat er doch gestohlen. Ist der Lucas darber nrrisch geworden. Diebe mu man
hngen, soll er gesagt haben - und hat man ihn nachher an dem Aste einer Fhre
gefunden. Von jeher haben sich Selbstmrder ihren Grabplatz selber gewhlt; so
haben sie den Lucas zwischen den roten Wurzeln der Fhre verscharrt.
    Erst vor wenigen Wochen hat er sich ereignet, da ein arbeitsloser Holzmann
auf dem Totenbett das Gestndnis abgelegt, er wre es, der dem Luzer den Bock
davongetrieben hatte. - Ich werde heute doch noch zum Grabe des Lucas in die
Lautergrben gehen. -
    Dann gibt es in den Winkelwldern noch ein Grab, das die Leute wissen und
verachten. Und dennoch ist es an diesem Tage des Gedchtnisses nicht einsam
gewesen.
    Das Tchterlein des schwarzen Mathes hat am Grab des Vaters wieder ein Blatt
gefunden.
    Mir geht es wohl. Ich denke an meine Mutter, an meine Schwester und an
meinen Vater. Lazarus.
    Das ist die Botschaft. Die einzige Botschaft von dem verschwundenen Knaben
seit vielen Tagen. Die Schriftzge sind dieselben, wie auf dem ersten Blatte.
    Keine Menschenspur geht auer der des Mdchens zum Grabe hin, keine davon.
Pfade von Fchsen und Rehen und anderen Tieren ziehen in Zick und Zack durch den
winterlichen Wald.

                                                          Am Katharinentag 1817.

    Es ist ein Brief geschrieben worden, da der Knabe um Gottes und der Mutter
willen zurckkehren mge in die Htte. Der Brief ist gut verwahrt ber dem Grabe
an dem Kreuzlein befestigt worden. Bis zum heutigen Tage ist er noch dort,
niemand hat ihn erbrochen.

                                                                 Weihnacht 1817.

    Heute habe ich Heimweh nach den Glockenklngen, nach in Wehmut erlsenden
Orgeltnen. Ich sitze in meiner Stube und spiele Krippenlieder auf der Zither.
Meine Zither hat nur drei Saiten; eine vollkommenere habe ich mir nicht zu
schaffen gewut.
    Die drei Saiten sind mir genug; die eine ist meine Mutter, die andere mein
Weib, die dritte mein Kind. Stets in seiner Familie begeht man die Weihnacht.
    Nur wenige der Waldleute gehen mit Spanlunten hinaus nach Holdenschlag zur
nchtlichen Feier. Es ist auch gar zu weit. Die brigen bleiben in ihren Htten;
aber schlafen wollen sie doch nicht. Sie sitzen beisammen und erzhlen sich
Mrchen. Sie haben heute einen sonderartigen Drang, aus ihrer Alltgigkeit
herauszutreten und sich eine eigene Welt zu schaffen. Mancher bt alte,
heidnische Sitten aus und vermeint durch dieselben einem unsglichen Gefhle des
Herzens zu gengen. Mancher strengt seine Augen an und blickt hin ber die
nchtigen Wlder und meint, er msse irgendwo ein helles Lichtlein sehen. Er
horcht nach Feierglockenklingen und lieblichen Engelsstimmen. Aber nur die
Sterne leuchten ber den Waldbergen, heute wie gestern und immer. Ein kalter
Lufthauch weht ber den Wipfeln; Eisflmmchen flimmern nieder von den Kronen und
zuweilen schttelt ein Geste seine Schneelast ab.
    Aber anders berhrt in dieser Nacht das Flimmern und das Fallen des Schnees,
und die Menschengemter zittern in sehnsuchtsvoller Erwartung des Erlsers.
    Ich habe ein einfltig Christbumlein, wie man sie in nordischen Lndern
haben soll, zusammengerichtet und dasselbe der Anna Maria Ru in die
Lautergrben geschickt. Ich denke, die Kerzenflammen mssen freundlich spiegeln
in den uglein ihres Kleinen. Vielleicht, da gar ein Funke ins junge Herz
hineinzuckt und dort nimmer verlischt.
    In der Htte der Witwe kann kein Christbaum sein. Auf dem Grabe des Mathes
liegt sehr viel Schnee; das Briefgehuse aus Reisig hat eine hohe Haube. Der
flehende Brief der Mutter an das Kind mu verderben, ohne erbrochen und gelesen
worden zu sein.

                                                                      Mrz 1818.

    In einem Winkel der Karwsser drben hat sich der Berthold eine Klause
erworben. Er ist zu den Holzleuten gegangen.
    Die Aga hat gestern ein Kindlein geboren. Es ist ein Mdchen. Sie haben es
nicht nach Holdenschlag getragen. Ich bin geholt worden, da ich es taufe. Ich
bin kein Priester und darf dem Kirchenkalender keinen Namen stehlen. Waldlilie
habe ich das Mdchen geheien und mit dem Wasser des Waldes habe ich es getauft.

                                                                    Ostern 1818.

    Wann wird der Engel kommen, der den Stein hinwegwlzt?
    Jerum, jerum, unser Herrgott ist gestorben! Aber wie ich schon sag', es
erfhrt ein's halt nichts in dieses Hinterland herein. Schau, schau, ist eh'
nimmer jung gewesen, hab' schon mein Lebtag von ihm gehrt. Hat halt doch auch
einmal fort mssen. Uh, wem bleibt's aus! - Das hat der alte Schwammelfuchs
gesagt, als er erfahren, da zu Holdenschlag am Charfreitag von der Kanzel
verkndet worden, unser Herrgott sei gestorben zu Jerusalem.
    In ernster und in hchster Verwunderung meint es der Alte, der doch zu jedem
Abendgebete die Worte sagt: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuziget,
gestorben.
    Es ist Zungengebet. Das wahre Gebet betet nur das Herz in seiner Not, in
seiner Freude, aber die Leute werden sich desselben nicht bewut. In Untiefen
begraben liegt noch das Ding, das wir wahre Gottesehre oder Frmmigkeit heien.
    Die Leute eilen in der Osternacht oder am Morgen in den freien Wald hinaus,
znden Feuer an, lassen Schiepulver knallen und sphen in der Luft nach dem
ppstlichen Segen, der am Ostermorgen von der Zinne der Peterskirche zu Rom
ausgestreut werde nach allen vier Winden.
    Es ist immer das unbewute Sehnen und Ringen. Man merkt, es liegt etwas
begraben in den Herzen, was nicht tot ist. Wann aber wird der Engel kommen, der
den Stein hinwegwlzt?

                                                        Am Sankt-Markustag 1818.

    Der Schnee ist geschmolzen. Drben im Gesenke donnern noch die Lahnen. Vor
einem Jahre haben wir einige Obstbume gepflanzt; diese grnen jetzt ganz frisch
und der Edelkirschbaum treibt fnf schneeweie Blten.
    Der Kirchenbau hat wieder begonnen. Die Maurer haben sich auch schon an den
Pfarrhof gemacht. Der wird ein stattliches Haus nach dem Plane des Waldherrn.
Warum mu der Pfarrhof denn grer sein als etwan das Schulhaus? Das Schulhaus
soll ja fr eine ganze Familie und fr eine Schar junger Gste eingerichtet
sein; der Pfarrhof herbergt nur einen oder ein paar einzelne Menschen, deren
Welt sich nicht nach auen breitet, sondern im Innern vertieft.
    Aber der Pfarrhof soll das Heim und die Zuflucht sein fr alle Rat- und
Hilfebedrftigen; eine Freistatt fr Verfolgte und Schutzlose - und auch der
Mittelpunkt der Gemeinde.
    Als Neues in der Jahreszeit kehrt stets das Alte wieder, die Leute leben in
ihrer gewohnten Beschftigung und unbewuten Armut fort.
    Ich kann nicht mehr so im Walde herumgehen, um mit den Leuten zu verkehren,
von ihnen zu lernen und ihnen dafr anderweitig zu ntzen. Ich kann nicht mehr
flechten und schnitzen, nicht mehr so in der Schpfung leben und Baum- und
Blumenkunde treiben und das Erdreich aussphen, was etwan aus demselben fr uns
zu holen wre. Ich mu stetig dem Baue sein; die Arbeiter und Vorarbeiter gehen
auf meinen Rat. Ich mu viel nachdenken und Bcher und fremde Erfahrungen zu
Hilfe ziehen, da wir nicht auf Irrwege geraten.
    Mir behagt aber die Sache bei all der Anstrengung und ich werde jnger und
krftiger.
    Gestern ist der Dachstuhl aufgesetzt worden. Viele Menschen sind dabei
anwesend gewesen; jeder will zur Kirche sein Scherflein beitragen. Die Witwe des
Mathes und ihre Tochter arbeiten auch im Bau. Sie sprechen kein Wort mehr von
dem Knaben. Aber letzthin hat das Weib ein Steinchen mit aus ihrer Htte
gebracht und die Worte gesagt: Ich mchte gern, da dieses Sandkorn unter dem
Altar liege.
    Es ist der Stein, den der Knabe nach der Mutter geworfen.

                                                                 Pfingsten 1818.

    Das erste Fest der neuen Kirche. Aber nicht in derselben, sondern vor
derselben. Gestern ist das Turmkreuz aufgerichtet worden. Es ist von Stahl und
vergoldet - ein Geschenk des Freiherrn.
    Eine groe Menge Leute hat sich versammelt; es gibt doch viele Bewohner in
den Wldern.
    Von Holdenschlag aber soll kein Mensch dagewesen sein, nicht einmal der
Pfarrer. Letztlich gnnen sie uns etwan gar die neue Kirche nicht? - Wohl aber
ist jenseits des Winkelbaches der Einspanig gesehen worden. Er schleicht und
lauert, zerrt sein aschenfarbig Lodentuch ber das bewstete Haupt; hastet am
Bache hin und wieder und endlich hinein in das Dickicht. - Das ist ein seltsamer
Mensch; mehr und mehr zieht er sich zurck von den Leuten und nur an bedeutsamen
Tagen wird er gesehen. Niemand wei, wer er ist, von wannen er kommt und was er
webt, das wei kein Weber.
    Auch der Holzmeister nimmt an dem Feste teil, ist ganz auerordentlich
aufgeziert und hat gar seinen roten Vollbart gekmmt. In der Hand hat er einen
beknopften Stock getragen, da merke ich gleich, es geht nicht gewhnlich. Und
richtig, er hlt eine Rede, in welcher er sagt, da er heute im Namen des
Waldherrn der neuen Gemeinde die neue Kirche bergebe.
    Das Kreuz trgt ein krftiger Mann an den Arm gebunden hinauf. Es ist Paul,
der junge Meisterknecht aus den Lautergrben. Von dem Turmfenster, durch das er
heraussteigt, ist ein sehr einfaches Gerste an dem beinahe senkrechten
Schindeldach empor bis zur Spitze. Gelassen klettert der Trger an den Balken
hinan. Zur Spitze angekommen, steht er frei aufrecht und lst sich das Kreuz vom
linken Arm. - In der Menschenmasse ist es still, und ringsum kein Laut, als ob
noch die Urwildnis wre an den Ufern der Winkel. Jeder hlt den Atem an, als
wre ein unbewachter Hauch imstande, dem Manne auf schwindelnder Hhe das
Gleichgewicht zu stren.
    Der Paul htet seinen Blick und seine Bewegungen sind langsam und
regelmig. Ich vermeine schon ein Zucken und Wenden zu bemerken, das nicht zur
Sache gehrt, schon fat mich der Schreck - da senkt sich das Kreuz in seinen
Grund und steht fest. In demselben Augenblick strauchelt der Mann - da schallt
herunten in meiner Nhe ein Schrei. Aber Paul steht oben.
    Der Schrei ist aus dem Munde der Anna Maria gekommen. Sie ist bla und ohne
noch einen Laut zu tun, setzt sie sich auf einen Stein.
    Und jetzund wird's erst lustig. Der Paul zieht ein Glas hervor, hebt es,
leert es und schleudert es nieder auf den Boden. Es zerspringt in tausend
Scherben und die Leute ringen untereinander um diese Scherben, um solche fr
ihre Enkel zu erhaschen und dereinst sagen zu knnen: sehet, das ist ein Teil
des Glases, aus dem bei der Aufrichtung unseres Kirchturmkreuzes getrunken
worden.
    Noch steht der Paul auf hoher Spitze, Arm in Arm mit dem Kreuze; da kommt im
Turmfenster der graubrtige Kopf unseres Fabelhans-Rpel zum Vorscheine. Der
zwinkert so gewaltig mit den weien Augenbschen, da man es gar herunten
bemerken kann, und hebt so an zu reden:
    Weil ich mich nicht auf die Spitz' getrau, so ich zu diesem Fenster
herausschau. Auf der Spitz' steht ein junger Mann, dem steht das Trinken an; das
Reden aber mir Alten. Will euch doch keine Predigt halten; dafr wird unten die
Kanzel gebaut und dieselb' einem rechtschaffenen Pfarrer vertraut. Neben der
Kanzel werdet ihr einen Taufstein erblicken; dem hab' ich nichts mehr zu
schicken; aber es gibt Leut' in der Pfarr', die brauchen so ein Waschtrog alle
Jahr'; der Taufbrunn' darf nicht zu klein, im Holzhauerland mu das ein starker
Brunnen sein. Aber gleich daneben tut der Beichtstuhl steh'n, da tragen sie alle
Snden hinein, sind sie gro oder klein. Gott wird sie verzeih'n; der
Beichtvater aber soll die Ohren verschlieen, der kann die Snden von sich
selber wissen. Dann ist der Hochaltar, da schttet man seinen Kummer aus und
geht wieder frisch und jung nach Haus. Und der liebe Gott wird zwlf Engel
senden, die werden die Gemeinde bewachen an allen Enden. Da hr' ich, was auf
dem Turm das Glcklein spricht, und seh' leuchten das heilige Kreuz im
Sonnenlicht, wie ein Wegweiser, ein gttliches Zeichen, da wir allzusamm' mit
Gottes Gnad' den Himmel erreichen. - Und weil ich heut' auf diesem Turm schon
die Glocken mu sein, so ruf' ich es weit ins Land hinein, da es hallt und
schallt ber Berg und Wald, bis hin in die schne Stadt, wo unser braver Herr
seinen Wohnsitz hat. Ich und wir all' und die ganze Gemein' bedanken uns wohl
von Herzen fein fr's Gotteshaus zur schnen Zier! und der Engel soll uns leiten
all' zur himmlischen Tr. - Das ist mein armer Gru; und noch tt' ich meinen
zum Schlu: eh'vor wir selbander im Himmel uns freu'n, wollen wir auf Erden noch
lustig sein!
    In den Herzen haben die Worte gezndet, und ich htte gleich meinen eigenen
Schutzengel mgen schicken, da er dem Herrn in der Stadt den lieblichen
Dankesgru gebracht.
    Als hierauf der Paul glcklich vom Turme zurckkommt auf den festen
Erdengrund, hat ihn sein Weib mit beiden Armen empfangen: Gott gibt dich mir
mit eigenen Hnden zurck!
    Darauf gehen sie dem Hause zu, das heute eine laute Schenke geworden ist.
Und siehe die Fgung, da ist der Paul nach wenigen Stunden auf dem breiten,
ebenen und grundfesten Boden des Wirtshauses nicht mehr so sicher gestanden, wie
oben auf der Spitze.
    Das erhhte Kreuz aber hat seinen Arm huldreich ausgebreitet ber die Kirche
und ber das Wirtshaus.

                                                             Einige Tage spter.

    Es wird aber nicht wahr sein, was man ber den Sohn unseres Waldherrn redet.
Der junge Herr soll es toll treiben. Es haben auch der Reichtmer allzuviel auf
ihn gewartet, als er in dieser Welt ist angekommen. Ei freilich lt sich mit
klingendem Namen und klingender Mnze im Leben etwas machen!
    Aber ich habe dem guten Hermann ja gesagt, woher das Brot kommt und was
Arbeit heit. Freilich, das eine hat mir nicht gefallen wollen, da er niemals
auf die Arbeiter des Feldes und auch niemals auf die Blumen des Frhlings und
auf die Bltter des Herbstes hat geachtet.
    Doch nein, Hermann, du kannst so sehr nicht irren. An deiner Seite steht ja
der heiligste, treueste Schutzgeist, den die Erde und der Himmel geboren hat. -
    Komme doch einmal herein in unseren schnen, stillen Wald!

                             Morgenrot und Edelwei


                                                                 Im Sommer 1818.

Zuweilen ist mir im Winkel hier doch gar recht einsam zu Herzen. Ich wei nun
aber ein Mittel dagegen; ich gehe zu solchen Stunden hinaus in die noch grere
Einsamkeit des Waldes; und ich bin in derselben sogar schon nchtlicher Weile
gewesen und habe die schlummernde Schpfung betrachtet und Ruhe empfunden.
    Nacht liegt ber dem Waldlande. Der letzte Atemzug des vergangenen Tages ist
verweht. Die Vglein ruhen und trumen und dichten knftige Lieder. Aber die
Kuze krchzen und ste seufzen in ihren Stmmen. Die Welt hat ihr Auge
geschlossen, aber ihr Ohr tut sie auf, der ewigen Klage der Menschen. Wozu? Ihr
Herz ist Felsgestein und nimmer zu wrmen. Nein, sie wrmt ja mit ihrer Ruhe und
mit ihrem Blick. - Oben drngt sich Gestirn an Gestirne, es tanzt seinen Reigen
und freut sich des ewigen Tages. - Auch dem Walde naht der Morgen wieder, schon
winken ihm die Zweige.
    Es naht der junge Knig auf Wolkenrossen vom Aufgang her geritten und bohrt
seine glutlodernden Lanzen in das Herz der Nacht, und diese strzt nieder in
dmmernde Schluchten, und von felsiger Zinne rieselt das Blut.
    Alpenglhen nennen es die Leute, und wenn ich ein Dichter wre, ich wollte
es besingen.
    Zu dieser Jahreszeit wre es auf dem grauen Zahn gut sein. Zur Nachtszeit,
whrend unten in den Tlern die Menschen ausruhen von Mhsal, und trumen von
Mhsal, und sich strken zu neuer Mhsal - stehen da oben die ewigen Tafeln in
stiller Glut, und um Mitternacht reicht ber dem Zahn ein Tag dem andern die
Hand.
    O, das ist ein schnes Licht! hat der alte Rpel einmal ausgerufen, das
leuchtet hinaus in die weite Fern', das leuchtet mir hinein in mein tiefes Herz,
das leuchtet mir hinauf zu Gott dem Herrn!
    In meiner Seele ist zuweilen eine so seltsame Empfindung; Sehnsucht nach dem
Weiten, nach dem Unbegrenzten ist nicht ganz der rechte Name dafr; Durst nach
dem Lichte mchte ich sie heien. - Mein armes Auge, du vermagst der drstenden
Seele nicht genug zu tun; du wirst in dem Meere des Lichtes noch ertrinken und
sie wird nicht gesttigt sein.
    Ich bin dieser Tage wieder auf dem Zahn gewesen. Bald werde ich ja an den
Glockenstrick geknpft sein, wenn andere Leute Feiertag haben. Es sei, der
Glockenstrick ist ein langer Atem, der sagt mit jedem Zug den Menschen was Gutes
und lobet Gott.
    Ich habe von dem hohen Berge aus nach den Niederungen geschaut, aber das
Meer hab' ich nicht gesehen. Ich habe gegen Mitternacht geschaut bis zu den
fernsten Kanten hin, von da aus man vielleicht das Flachland knnt' sehen, und
die Stadt und den Giebel des Hauses, und das Gefunkel der Fenster ...
    Und wie lang' mtest du fliegen, du Blick meines Auges, bis hin ins
Sachsenland zum Grabe! ...
    Der scharfe Wind hat meine Gedanken abgeschnitten. Da bin ich wieder
niederwrts gestiegen.
    An einem berhang des Grates habe ich etwas Freundliches gefunden.
    Das habe ich am Gestade des fernen Sees von meiner Ahne schon gehrt, und
das habe ich von den Menschen dieses Waldlandes wiederholt vernommen, da in der
Sonne d'rin die heilige Jungfrau Maria am Spinnrade sitzt. Sie spinnt Wolle von
schneeweien Lmmlein, wie sie im Paradiese weiden. Da ist ihr einmal, als sie
bei dem Spinnen eingeschlummert und vom Menschengeschlechte hat getrumt, ein
Flcklein der Wolle auf die Erde gefallen, ist hngen geblieben an einem hohen
und Felsen, und die Leute haben es gefunden und Edelwei geheien.
    Zwei Sternchen davon hab' ich abgepflckt und sie an meine Brust getan. Das
eine, das ein wenig rtlich leuchtet, sei Heinrichrot genannt, das andere,
schneeweie, das ... lasse ich bei seinem alten Namen.
    Als ich gegen Abend zu den Wldern und Geschlgen niederkomme, stt mir was
unsglich Liebliches zu. Da sehe ich unweit meines Fusteiges eine Schichte
frischgrnen Grases; es duftet mir einladend entgegen, und so denke ich, da ich
hinschreite dazu und meine ermdeten Glieder darauf ein wenig rasten lasse. Und
wie ich nun zur Grasschichte komme, sehe ich darin ein Kindlein schlafen. Ein
bltenzartes, herziges Kindlein, in Linnen gewickelt. Ich bleibe stehen und
wahre meinen Atem, da er nicht in Verwunderung ausbreche und so das Wesen
wecke. Ich vermag kaum zu denken, wie es komme, da dieses hilflose, blutjunge
Menschenkind zu dieser Stunde an dieser entlegenen Stelle sei. Da klrt es sich
schon auf. Von der Talmulde wankt eine Grasladung heran und unter derselben
schnauft die Aga, die fr ihre Ziegen Futter sammelt, und das Kind ist ihr
Tchterlein - meine Waldlilie.
    Das Weib ladet hierauf den Grasvorrat auf ihren Rcken und das Kind auf ihre
Brust, und wir gehen zusammen dem Tale zu.
    Ich bin an demselben Abende in ihre Klause eingekehrt und hab' Ziegenmilch
getrunken. Der Berthold ist spt vom Holzschlage heimgekommen. Die Leutchen
fhren ein kmmerliches Leben; aber sie sind guten Mutes, und die junge
Waldlilie ist ihre Glckseligkeit.
    Als der Berthold an meiner Brust das Edelwei sieht, sagt er, mit dem Finger
drohend: Ihr, gebt acht, das ist ein gefhrlich Kraut!
    Ich verstehe ihn nicht, da setzt er bei: Das Edelwei htt' schier meinen
Vater gettet und das Edelwei will mir die Lieb' zu meiner schon verstorbenen
Mutter vergiften.
    Wie so, wie so, Berthold? frage ich.
    Da erzhlt er mir folgende Geschichte: Auf der andern Seite des Zahn, vom
Gesenke hinaus, ist ein Forstjunge gewesen, der hat ein Sennmdchen lieb gehabt.
Aber das ist gottlos stolz gewesen und hat eines Tages zum Forstjungen gesagt:
Bist mir ja recht und ich mag dein werden, aber eine Gewhrschaft mut du mir
geben von deiner treuen Lieb'. Bist ein flinker Bursch; schlagst mir's ab, wenn
ich ein Edelwei verlang' von der hohen Wand herab?
    Mein Leben, ein Edelwei sollst du haben! jauchzt der Bursch, denkt aber
nicht daran, da sie die hohe Wand die Teufelsburg heien, weil sie unbesteigbar
ist, weil an ihrem Fu Martertafeln stehen, von Wurznern und Gemsjgern zeugend,
die herabgestrzt. Und die Sennin bedenkt es nicht, das sie eine neue
Martertafel begehrt.
    Aber dasselb' ist wohl wahr, da einem die Lieb' toll den Kopf verrckt. Der
Forstjunge hat sich aufgemacht noch an demselbigen Tag.
    Er besteigt das niedrigere Gewnde, ber welches der Holzhauer mit seiner
Kraxa noch wandeln mu; er erklettert Hnge, an denen der Wurzner seinen Speik
aussticht; er schwingt sich ber Schrnde und Klippen, denen kaum mehr der
Gemsjger traut. Und er erreicht endlich jene schaudervollen Stellen an der
Teufelsburg, die unter sich den zerrissenen Abgrund, ber sich das senkrecht
aufsteigende Getrme haben.
    Auf einem nchsten Felsvorsprung ist ein Gemslein gestanden, das hat lustig
sein Haupt erhoben und spottend auf den Burschen herbergeschaut. Es ist nicht
geflohen, da oben ist das Wild der Jger und der Mensch das hilflose Wild. Das
Gemslein scharrt mit dem Vorderfu, da fliegen weie Flaumschppchen auf. -
Edelwei.
    Der Bursche wei wohl, er hat seine Auge zu wahren, da das Rad in dem
Haupte nicht anhebt zu kreisen. Er wei wohl: blickt er empor am Gewnde, so ist
er der Abschied vom Himmelslicht, und senkt er sein Auge niederwrts, so schaut
er in sein Grab.
    Nicht die Gemse, der Boden, auf dem sie steht, ist heute sein Ziel.
Einstemmt er den Alpenstock und windet sich und schwingt sich. Blau und grau
wird es um sein Auge. Funken tauchen auf und kreisen und vergehen. Nichts sieht
er mehr als das Lcheln der Sennin, da schleudert er den Stock von sich, da hebt
er an und hpft und springt in weiten Stzen. Und die Gemse macht sich auf und
setzt wild ber sein Haupt, und der Forstjunge sinkt hin auf das weie Bett ins
Edelwei.
    Am zweiten Tage nachher hat der Oberfrster bei den Leuten nachfragen
lassen, ob der Forstjunge nicht gesehen worden sei. Am dritten Tage haben sie
das Sennmdchen gesehen im Walde laufen mit gelsten Haaren. Und an dem Abende
desselben Tages ist der Forstjunge auf einen Stock gesttzt durch das Tal
geschritten.
    Wie er herabgekommen von der Teufelsburg, das hat er keinem Menschen
erzhlt, noch vielleicht erzhlen knnen. Edelwei hat er bei sich getragen -
einen Strau an der Brust - einen Kranz auf dem Haupte; schneewei, edelwei
sind seine Haare gewesen.
    Und das Sennmdchen, das sich in seinem bermut an dem braunen Lockenkopf
versndigt, hat jetzund das Weihaupt geliebt und gepflegt, bis es selbst ein
solches geworden in spten Jahren. -
    Fast schn hat der Berthold diese Geschichte erzhlt und letztlich
beigesetzt, da er von dem Forstjungen und der Sennin das Kind sei.

                                                                 Im Herbst 1818.

    Wenn ich in den Wldern herumgehe zu groen und kleinen Leuten, und von den
ersteren lerne und die letzteren lehre, so sehne ich mich oftmals zurck zum
Steg der Winkel. Da haben die letzten Jahre her die Leute um das Winkelhterhaus
mit Axt und Hammer so herumgearbeitet und ich habe selber zuweilen ein wenig
meine Hand daran gelegt. Und nun ich die Augen einmal aufmache und die Dinge
betrachte, sehe ich, da wir ein Dorf haben.
    Neben dem Hause sind ein paar Htten aufgerichtet worden, anfangs nur fr
die Bauarbeiter, und nun werden sie zu stndigen Husern eingerichtet. Und da
ist der Martin Grassteiger, ein Kohlenbrenner, aus den Lautergrben
herbergekommen und hat zwei solche Htten um eine ganz erkleckliche Summe
erkauft und zur Verwunderung der Leute gleich bar ausbezahlt. Aus den
pechschwarzen Kohlen werden funkelnde Taler gemacht, hat die alte Ru-Kath
einmal gesagt. Und mit blanken Talern hat der Grassteiger die Htten bezahlt,
und nun ist er ein ansehnlicher Mann.
    Der Pfarrhof ist der Vollendung nahe und die Kirche ebenfalls, und danach
kommt das Schulhaus dran; - o Gott, ich erlebe eine sehr groe Freude in diesen
Wldern.
    Gestern zur Abendstunde haben wir die Kirche zum erstenmal zugesperrt. Es
ist der Baumeister, der Tischler aus Holdenschlag, der Holzmeister dabei
gewesen, aber ich wei nicht, wie es gekommen, da, wie wir auseinander
gegangen, der Schlssel mir in den Hnden ist verblieben. Ja so - ich bin der
Schulmeister. Ich wei es selber kaum, da ich es bin, und da schreibt mir
letztlich der Waldherr, er sei mit meinem schulmeisterlichen Wirken im Walde
recht zufrieden. Was tue ich denn? Geschichten erzhle ich den Kindern, und
weise ihnen mancherlei Kleinigkeiten des Waldes, die sonst zeitlebens kein
Mensch hier noch beachtet hat, mit denen aber die Kinder tolles Wesen treiben
und ihre Freude haben.
    Die vordersten Fenster in der Kirche, zwischen welchen der Altar kommt, sind
mir nicht ganz recht. Die Scheiben sind so hell, und das tut mir zuweilen im
Auge weh. Und es schaut die Waldlehne und der Holzschlag herein. Ei, das wre
was rechtes fr den Sonntagsbeter, da tt' er im Gedanken allfort Holz hacken,
statt seine arme Seele demtig dem lieben Gott vorzufhren, und er tt die
geschlagenen Stmme zhlen und die Stcke und die Reisighaufen und solche Dinge,
um deren Anzahl er sich sonst die ganze Woche nicht kmmert. Da mu das Gebet
schon wie ein Blutquell aus dem Herzen strmen, wenn der Gedanke dabei nicht
durchzugehen trachtet, und weil das nicht immer ist, so mu man die Kirche wie
eine Burg bewahren, da der Sonntag nicht hinaus und der Werktag nicht herein
kann.
    Die beiden Fenster mssen mit Glasmalereien versehen werden, und das will
ich besorgen. Ich habe mir rotes, gelbes, blaues und grnes Papier kommen lassen
und arbeite nun schon seit Tagen als Bildschnitzer bei verschlossenen Tren.
    ber den Kirchenheiligen sind die Leute noch nicht einig geworden. Aber ich
habe darber meine Gedanken. Stellen wir gar keinen auf. Leute, habe ich
gesagt, stellen gar keinen auf. Jeder soll sich den seinen denken nach
Belieben. Die Heiligen sind unsichtbar und im Himmel; wir knnen sie nur aus
schlechtem Holz nachmachen, und das tte sie leicht verdrieen.
    's mag wohl richtig sein, haben einige auf diesen Vorschlag geantwortet,
und wir ersparen die Unkosten.
    Den Altartisch hat ein Vorhacker vom Karwasserschlag gezimmert. Der
Vorhacker ist ein armer Mann mit reichem Kindersegen; er hat aber fr die
Kirchenarbeit kein Entgelt genommen. - Auf eine gute Meinung tu' ich's, hat er
gesagt, fr die Meinigen tu' ich's, auf da mir keines stirbt und keines mehr
dazukommt.
    Der liebe Gott mu nicht recht verstanden haben; kaum ist der Altartisch
fertig, rckt dem Vorhacker der neunte Bub auf die Welt.
    Um zu zeigen, da es eine Ehre ist fr den Wald, wenn so ein armer Mann ein
gemeinntziges Werk vollbringt, so nennen wir den Vorhacker, weil er auch einer
ist, der seinen Namen nicht wei, - den Ehrenwald. - Der Name reicht fr seine
neun Buben und fr weiteres.
    Der Franz Ehrenwald ist ein geschickter und strebsamer Kopf. Weil ihm der
Altartisch gelungen ist, so will er sich nun ganz auf das Zimmer- und
Tischlerhandwerk verlegen. Er hat sich schon eine Unzahl Werkzeuge gesammelt und
zwei Krbe voll von Hobeln, Reifmessern, Bohrern, Sgen, Beilen, Stemmeisen und
Dingen verschafft, die er gar nicht anzufassen wei und sein Lebtag nicht
brauchen wird. Aber die Werkzeugkrbe sind sein Stolz, und seine Buben knnen
ihm keinen greren rger verursachen, als wenn sie in ihren eigenmchtigen
Tischlerarbeiten ihm etwan einen Bohrer verschleppen oder ein Messer schartig
machen. Sie mgen nur brav das Handwerk lernen, die zwei Krbe werden ja einmal
ihre Erbschaft sein.
    Ich habe mehrere Plne fr Wohnhuser gezeichnet, wie sie gebaut werden
sollen, da sie dauerhaft, licht, luftig, leicht heizbar, fr die Lebensweise
der Leute geeignet und geschmackvoll sind. Nach solchen Plnen hat der Franz
Ehrenwald bereits mehrere Huser begonnen. Eines davon gehrt dem Meisterknecht
Paul in den Lautergrben. Die Bauten sind nicht kostspielig, da der Waldherr das
Holz dazu umsonst gibt; auch sollen sie, sagt man, steuerfrei bleiben.
    So fngt das Geschft des Meisters Ehrenwald gut an; er mu sich Gehilfen
nehmen und seine Buben werden ihm bald zu wenig sein. Auch geht er bereits mit
einem Plan fr sein eigenes Haus um. Letztlich, als ich einmal unten am Bache
stehe und Forellen fische, kommt er sachte, ich wei gar nicht von woher, auf
mich zu und lispelt mir geheimnisvoll ins Ohr: Glaubt mir, mein neues Haus wird
saggrisch toll, saggrisch toll wird's! Kein Mensch sonst ist in der Nhe
gewesen und die Fische sind auch in der Winkel taub. Aber saggrisch toll -
flstert er leise - wunderprchtig wird sein Haus! Der Mann ist schier kindisch
vor Stolz; er ist auf seinem Fahrwasser; frher ist es gar keinem eingefallen,
da man auch in den Winkelwldern stattliche Wohnungen bauen knne.

                               Auf dem Kreuzwege


                                                                 Im Herbst 1818.

Oben, in der de des Felsentales steht ein hlzernes Kreuz. Es ist dasselbe,
welches emporgewachsen sein soll aus dem Samenkorne des Vgleins, das alle
tausend Jahre in den Wald fliegt.
    Ich bespreche mich mit dem Frster und einigen der ltesten. Hernach frage
ich den alten Bartkopf und Fabelhans Rpel, der sonst auch just kein wichtig
Geschft hat, ob er mit mir gehen wolle hinauf in die Karwsser und in das
Felsental, und ob er mir das bemooste Kreuz wolle herabtragen helfen in das
Winkel.
    Und so gehen wir an einem hellen Herbstmorgen davon.
    Beiden ist uns unsglich wohl gewesen. Dem schattendunkeln Winkelbach haben
wir Dank gesagt fr sein Schumen und Rauschen. Dem Wiesengrn haben wir Dank
gesagt, da es Wiesengrn ist, dem Taue und den Vglein und dem Reh und dem
ganzen Wald haben wir Dank gesagt. - Wir steigen ber glatten Waldboden, wir
steigen ber verwittertes Geflle und bemoostes Gestein. Die Bume sind alt und
tragen lange Brte, mit jedem steht der Fabelhans auf brderlichem Fue. Auf den
Weben der Moose begegnen uns Kfer, Ameisen, Eidechsen; wir gren sie alle, und
lustflunkernde Schmetterlinge laden wir ein, da sie mit uns kommen sollten zum
Kreuze. Die kleine bunte Welt hat davon nichts wissen wollen.
    Mein Gefhrte ist ein sehr seltsamer Kauz. Wer ihn nicht kennt, der kann ihn
nicht glauben. Aber unter den Waldmenschen gibt es einmal die wunderlichsten
Leute. Drauen in der durchgebildeten und abgeschliffenen Welt nennt man solche
Erscheinungen Dichter; hier heien sie Halbnarren.
    Der Rpel ist so ein Halbnarr. Sie heien ihn auch den Fabelhans, weil er
allfort was zu fabeln wei; und sie heien ihn den Reim-Rpel, weil er - und das
ist die Merkwrdigkeit - nicht zehn Worte sprechen kann, ohne zu reimen. Es ist
eine tollwitzige Gewohnheit. Seine ganze Lebensgeschichte hat er mir unterwegs
in Reimen erzhlt. Die Reime haben zwar gottslsterlich geholpert; aber wer soll
auf so steinigem Waldboden nicht holpern und stolpern? - Ich will es doch
versuchen, mir seine Geschichte einzuprgen.
    Ein Ksterbblein bin ich gewesen, hebt er an, drauen in Holdenschlag
steht's noch zu lesen. Wenn ich den Strick hab' geschwungen und die Glocken
haben geklungen, hab' ich den Takt gesungen und den Schwenkel nachgeahmt mit
meiner Zungen. Beim Ministrieren hab' ich dem Pfarrer Wein in den Kelch
gegossen; aber unter dem Wasserkrglein hat er gleich gezuckt; kaum ein
Trpflein, ist er schon davongeruckt. Wasser und Wein als Fleisch und Blut, das
ist unser hchstes Gut, aber wer in den Kelch zu viel Wasser tut, der verdirbt
das rosenfarben' Christiblut. - Als ich von der Kirchen bin fortgekommen, hat
mich ein Schmied in die Lehr' genommen. Der Blas'balg hat mit Gleichma
angefangen und der Hammer ist taktfest mitgegangen, und der Ambo hat geklungen,
sind die Funken gesprungen, und alles hat sich gefgt und gereimt, als wr' es
gehobelt gewesen und geleimt. Gerade meinem Meister hat's nicht angepat, da hat
er mich nach dem Takt beim Schopf gefat. Und schaut, bei diesen taktfesten
Dingen, Klingen, Singen und Springen, hab' ich zum stillen Feierabendfrieden ba
angefangen, Reime zu schmieden. Aber, wie auch geschmiedete Reime geraten, es
sind keine Hufeisen, sind keine Spaten, und der Eisenschmied hat den Reimschmied
bald verjagt hinaus in den Wald. - Im Wald hab' ich Moos gezupft und Wurzeln und
Kruter gerupft, bin federleicht geworden und mit dem Reh gesprungen, bin lustig
geblieben, hab' mit den Vglein gesungen. Der Frster, ein Vetter von mir, hat
gedacht, ich kunnt bei dem Lungern gar leicht verhungern, und hat mich zum Jger
gemacht. - Wie ich die erste Bchs hab' umgehangen, haben die Tier' im Wald ein
Freudenfest begangen. Ich hab' nach dem Wild geschossen und die blaue Luft
getroffen, da bin ich dem Reh auf Versfen nachgeloffen. Das ist gar stehen
geblieben: ich kunnt nach Belieben mich setzen auf seinen Rcken; auf so
ungleichem Bein', das sehe es ein, knne das Gehen nicht glcken. - Das tat sich
dem Frster nicht schicken, und von meinem Jagen und schieen will er gar nichts
mehr wissen. - Bin eine Weil' in der Welt herumgegangen, hab' allerlei
angefangen; mit allerhand Herren tt ich verkehren; teils haben sie mir
gutherzig den Dienst aufgesagt, teils haben sie mich davongejagt. - Und schaut,
so schleift es fort und so werd' ich alt, und so holper' ich wieder zurck in
den Wald; und das ist mein Aufenthalt. Und wenn ich wo Leute find', die
gutherzig und lustig sind, so mach' ich mich bescheiden und mit Freuden daran,
und singe sie an; und singe zur Tauf' und Hochzeit und anderer Lustbarkeit um
ein Stcklein Brot; ist's auch schwarz und trocken, gesegne mir's Gott! Bin ich
gesund und wird mir die Zungen nicht lahm im Mund, so leid' ich keine Not. Und
ist es Zeit, so kommt der Herr Tod, ich bin bereit und gehe heim, und das ist
der allerbeste Reim. Und hr' ich singen und posaunenklingen, so steh' ich
wieder auf. Und das ist des Reim-Rpels Lebenslauf.
    Ich mchte den Mann die wilde Harfe oder den Waldsnger heien, oder den
evangelischen Sperling; er set nicht und erntet nicht und bettelt nicht, und
die braven Winkelwlder ernhren ihn dennoch, whrend drauen im weiten Land die
Snger hungern.
    Nach vielen Stunden sind wir endlich hinaufgekommen in das Felsental. Als
wir am zerrissenen Gewnde hingehen, in deren Klften das Grauen schlummert, und
als wir mitten in den niedergebrochenen Kltzen das Kreuz ragen sehen, teilt mir
mein Begleiter mit, es tt' ihm scheinen, als husche dort eine Menschengestalt
zwischen den Steinen. Ich aber habe auer uns zweien niemanden bemerkt.
    Vor dem Kreuze stehen wir still. Auf dem Felsklotz ragt es, wie es vor
Jahren geragt, wie es nach der Menschen Sagen seit unerdenklichen Zeiten
gestanden. Wetterstrme sind ber ihn hingezogen und haben die Rinde gelst von
dem Holze; sie sind dem Kreuzbilde nicht weiter gefhrlich worden. Aber die
milden Sonnentage haben Spalten gesprengt an den Balken. - Das Himmelsauge wlbt
sich in lichter Blue ber den verlorenen Weltwinkel. Die niedergehende Sonne
blitzt schrge hinter dem Gefelse hervor und spinnt in den uralten, kahlstigen
Baumrunen und bescheint den rechten Arm des Kreuzes. Ein braunes Wrmchen
kriecht ber den Balken dem sonnigen Arme zu, doch kaum es den Arm erreicht, ist
die Glut erloschen. - Ein Kieferschabkfer luft an dem Stamme empor und eilt
unter das letzte Rindenschppchen, um etwan die Puppe einer Ameise zu erhaschen.
- Dem ist das bestrahlte Kreuz ein Gottesreich; dem ist es ein Tummelplatz
seines Strebens und Genieens.
    Unserer Gemeinde mge es das erstere sein!
    Es ist gut, da kein Mensch wei, wer den Pfahl im Felsentale gezimmert und
aufgestellt hat. Denn niemals sollen sich unter den Anbetenden jene Hnde
falten, die das Bild der Gottheit geschnitzt haben. Von dem Berge Sinai herab
hat Moses die Gesetztafeln geholt, dem Volke als wahres Bild Gottes. Erst als
die Israeliten aus ihrem eigenen Geschmeide und mit eigenen Hnden ein Bild
geformt, ist ein Gtzenbild daraus geworden.
    Als wir auf den Fels gestiegen, um den Kreuzpfahl abzulsen, hat der Rpel
sein Gesicht bedeckt mit beiden Hnden. Wir brechen den Altar im Felsenkar!
ruft er in Erregung, bei wem soll nun im Sturme beten der Baum und das
verfolgte Reh am Waldsaum?
    Mir selbst haben die Hnde gezittert, als wir das Kreuz ausheben und auf
unsere Schultern nehmen. Ich habe es so getragen, da der Querbalken an meinem
Nacken gelegen, wie ein Joch; der Rpel hat den Stamm nachgeschleppt.
    Und so gehen wir mit der Last hin zwischen den Kltzen und zwischen den
Baumrunen. Als wir zu dem Hange kommen, da bricht die Abenddmmer an.
    Die ganze Nacht sind wir mit dem Kreuze gegangen her durch die Waldungen. In
den Schluchten und Engpssen ist es ganz grauenhaft finster gewesen und an manch
alten Stamm hat unser Pfahl gestoen. Wo der Weg ber Hhen geht, da rieselt
durch das Geste das Mondlicht, und wir schreiten hin ber die weien Tafeln und
Herzen, die auf dem Boden liegen.
    Mehrmals haben wir das Kreuz auf die Erde gestellt und uns den Schwei
getrocknet; gar wenig haben wir mitsammen gesprochen. Nur einmal hat der Rpel
den Mund aufgetan und folgende Worte gesagt: Das Kreuz ist schwer und herb;
mag's nur tragen, bis ich sterb'. Aber tun sie mich begraben, mcht ich ein
grnes Bumlein haben, das nicht zusammenbricht auf mein Gebein, das aufwchst
gegen Himmel im Sonnenschein!
    Da ist es bei so einem Ablasten, da neben uns eine dunkle Gestalt ber den
Weg huscht. Sie streckt eine Hand aus, deutet auf einen breiten Stein und dann
ist sie verschwunden. Wir haben beide diese Erscheinung bemerkt, aber wir haben
kein Wort gesagt, und erst, als wir auf der Wiese der Karwsser das Kreuz wieder
aufrecht auf die Erde stellen, so da dessen scharfer Schatten ruhesam ber dem
tauigen Grasgrunde liegt, sagt der Alte: Wie in den bitteren Leidenstagen der
Herr das Kreuz auf den Berg hat getragen, und wie er mit seinen schweren Lasten
auf einem Stein hat wollen rasten, da tritt aus dem Haus ein Jud' heraus, und
sagt: der Stein gehrt mein. Und der Herr schwankt weiter in seiner Pein. - Und
selbiger Jud' kann nicht sterben und ruhen, mu heut' noch wandern von Landen zu
Landen, von einem Jahrtausend zum andern, in glhenden Schuhen. - Dann nach
einer kleinen Weile fhrt der Rpel fort: Und weil in der heutigen Nacht wir
mit dem Kreuze gehen, so haben wir gar den ewigen Juden gesehen. Er hat uns
geladen ein zur Ruh' auf den Stein, das wre gewesen nicht unsere Rast, aber die
Ruhe sein.
    In der Kohlstatt der hinteren Lautergrben haben uns vier Mnner aus dem
Winkeltale erwartet. Diese nehmen uns das Kreuz ab, legen es auf eine
grnsprossige Bahre und tragen es davon.
    Wie wir herauskommen zu unserem Tale, da bricht der Tag an. Und es klingt
und zittert ein Ton durch die Luft, der nicht vergleichbar ist mit
Menschengesang und Saitenspiel und aller Musik auf Erden. Schon jahrelang habe
ich diesen Ton nicht gehrt, wei ihn kaum mehr zu deuten. Wir alle stehen still
und horchen; es ist die Glocke von unserer neuen Kirche.
    Whrend wir im Felsentale gewesen, sind die Glocken angekommen und erhht
worden.
    Wie ich an diesem Morgen das Glcklein gehrt, da hab' ich es nicht lassen
mgen, habe laut gerufen: Leute, jetzt sind wir nimmer allein! Alle Gemeinden
drauen luten zu dieser Stunde; wir haben mit ihnen den gleichen Morgengru,
den gleichen Gedanken. Wir sind nicht mehr stumm, wir haben unsere gemeinsame
Zunge auf dem Turm, die in Freude und in Trbsal spricht, was wir empfinden,
aber nicht vermgen zu sagen. Und der ewige Gottesgedanke, der berall weht und
webt, aber nirgends fabar und in keinem Bilde und durch kein Wort voll und ganz
ausgedrckt werden kann, im klingenden Reife der Glocke allein nimmt er Gestalt
an fr unsere Sinne und wird fabar unserem Herzen. Und so bringst du uns, du
ser Glockenklang, trostreiche Botschaft von auen und von innen und von oben!
    Die Mnner haben mich angestaunt, da ich rede, und was es denn viel zu
reden gbe, wenn Kirchenglocken luten; das hre man drauen zu Holdenschlag
doch alle Tage. Nur der gute Rpel ist beiseite geeilt und hinter die
Erlenbsche hinauf, auf da er unbeschadet von meiner heiseren Rede den reinen
Glockenton hat hren knnen.
    Vor der Kirche sind sehr viele Menschen versammelt, um die Glocken zu
vernehmen und das Kreuz zu sehen. Jenes Kreuz, das entsprossen ist aus dem
Samenkorne, so das Vglein hat gebracht, welches alle tausend Jahre einmal durch
den Wald fliegt.

                                                                 Kirchweih 1818.

    Sonntag ist!
    Der erste Sonntag in den Winkelwldern. Die Glocken haben es schon im
Morgenrot verkndet, und da sind die Leute herbeigekommen aus dem Hinterwinkel,
aus dem Miesenbacheck, von den Lautergrben, von den Karwassern und aus allen
Klausen und Hhlen der weiten Wlder. Heute sind sie nicht Holzer oder
Kohlenbrenner, oder was sie eben sonst sein mgen, heute zum erstenmal schmelzen
sie zusammen in eins, in einen Krper und heien: die Gemeinde.
    Die Kirche ist fertig. ber dem Altartische ragt das Kreuz aus dem
Felsentale; es steht hierorts so anspruchslos und schier so stimmungsvoll, wie
es dort in der Einsamkeit gestanden. Unter den Leuten werden uerungen gehrt,
das sei das wahchaftige Kreuz des Heilandes. Wenn sie Trost und Erhebung in
diesem Gedanken finden, dann ist es, wie sie sagen.
    Das Gezelt des Heiligsten ist ein Geschenk des Freiherrn; die Kerzenleuchter
und das Speisegitter hat der Ehrenwald geschnitzt. Wer doch die zwei schnen
Altarfenster mit den Glasmalereien gespendet hat? werde ich gefragt. Es ist gut,
da die Fenster so hoch sind, sonst mte man es wohl merken, da ber den
Glastafeln nur buntes Papier klebt. Die beiden Fenster stellen in einem grnen
Dornenkranze mit roten und weien Rosen die zwei Gesetztafeln Moses vor. ber
dem Altare und dem Kreuze ist ein Rundfenster mit dem Auge Gottes und den
Worten: Ich bin der Herr, dein Gott, der dich befreit aus der Knechtschaft.
Mache dir kein geschnitztes Bild, um es anzubeten.
    Der Pfarrer von Holdenschlag, der hier gewesen, um die Weihe und den
Gottesdienst zu vollziehen, hat mir bedeutet, die obigen Worte paten nicht. Du
sollst allein an einen Gott glauben! msse es heien. Ich antwortete, da ich
die angewendeten Worte in einer sehr alten Bibel gelesen htte.
    Der Schulmeister von Holdenschlag hat die Orgel gespielt, die einen sehr
reinen, ich mchte sagen, innigen Klang hat. Die Freuden und Schmerzen, die der
Mund nicht kann sagen, sie sprudeln aus Musik, wie ein Bronnen in der Sonnen!
sagt der alte Waldsnger.
    Wie ich mich auf der Zither gebt habe, so be ich mich nunmehr auf der
Orgel. Jeder liebliche Ton ist ein Eimer, der niedersteigt in das Herz des
Andchtigen und die Seele emporhebt zum Altare Gottes.
    Der Pfarrer von Holdenschlag hat eine Predigt gehalten ber die
Bedeutsamkeit der Kirchweih und der Pfarrkirche und ber das Leben des Menschen
vom Taufstein bis zum Grabe. Da fllt mir ein, da wir noch keinen Friedhof
haben. Kein Mensch hat daran gedacht oder denken wollen, so oft auch die Rede
vom Taufstein gewesen. - Meine ganze Andacht ist weg, und whrend hernach bei
der Messe der Schleier des Weihrauches aufsteigt, habe ich immer daran denken
mssen, wohin wir doch den Friedhof legen werden. Und nach dem Hochamte, da
alles herausstrmt auf den Platz zu den Verkaufsbuden der Hausierer, um die
Schtze und Knste zu betrachten, die nun die Welt der neuen Gemeinde im Winkel
hereinzusenden beginnt, steige ich den Hang hinan bis zur sanften Hebung, ber
die sich der finstere Hochwald hinzieht gegen das Gewnde. Dort lege ich mich
auf die abgefallenen Fichtennadeln des Bodens. Ich bin schier abgespannt von den
ungewohnten Erregungen des Ereignisses und versuche des Friedhofes wegen, wie
sich's hier oben ruhen lt.
    Vom Platze herauf hre ich das Geschrei der Marktleute und das Gesurre der
Menge.
    Vielen ist aber die Kirche nicht recht, weil noch kein ordentliches
Wirtshaus dabei steht. Ei, der Branntweiner Hannes ist ja doch da, der hat sich
unter Eschen ein Tischchen aufgeschlagen und groe Flaschen und kleine
Kelchglser darauf gestellt. Was wr' das fr eine steintrockene Kirchweih,
wenn wir nicht trinken tten! sagen die Leute, und der Bursche will auch seiner
Maid ein Glschen zahlen. Und der Teufel ist ein frommer Mann, der will jede
neue Kirche nachmachen, aber es wird halt immer ein Wirtshaus daraus. Der
Schenktisch ist sein Hochaltar, die lose Wirtin sein Priester, das Glserklingen
sein Glocken- und Orgelspiel, des Wirts Sckel sein Opferstock, die Spielkarten
sind sein Gebetbuch, und wenn einer im Rausch und Zank niedergeschlagen wird, so
ist das sein Opferlamm.
    Das ist der Schatten von der Kirche. Und der Arbeiter legt sich nach der
heien Woche nur zu gerne in den Schatten.
    Bei dem Mittagsmahle, das wir selbander im Winkelhterhause eingenommen, hat
es der Holzmeister schon erzhlt, der Grassteiger will um Erlaubnis einkommen,
da er eine Schnapsschenke errichten drfe.
    Den Wirt htten wir schon, aber wo steckt unser Pfarrer?
    's wird auch keiner hereinwollen in diesen mit Brettern verschlagenen
Weltwinkel, meint der Holdenschlager.
    Gelt, Hochwrden! schreit die Winkelhterin ins Gesprch hinein,
wahrhaftig, das sag' ich hundertmal. Fort mcht' ich von dieser Einden, heut'
lieber wie morgen. Es ist nichts anzuheben in diesem Winkel. Wie wr' es
unsereinem so handsam gewesen, da ein's an Sonntagen ein wenig Branntwein
ausgeschenkt htt', aber halt ja, der Grassteiger ist der Hahn im Korb!
    He, lacht der Pfarrer, Wirtshuser! Wird noch ein belebter Ort werden,
dieses Winkel - Winkel - ei, die Gemeinde hat ja noch gar keinen Namen?!
    ber den Namen der Gemeinde ist nicht blo nachgedacht, es ist ein solcher
sogar schon bestimmt worden. Wie soll die Waldpfarr' heien? Den Leuten wre die
Errterung dieser Frage eine willkommene Veranlassung gewesen, bei dem neuen
Wirt zusammenzukommen und die Gemeinde mit Schnaps zu taufen. Aber wir taufen
mit Wasser. Unser Wasser heit die Winkel; ber die Winkel fhrt dahier seit
unvordenklichen Tagen ein Steg; wenn ihn das Wasser fortgerissen, haben ihn die
Leute wieder aufgebaut, weil er hier, am Kreuzpunkte der Talschluchten und der
Waldpfade unentbehrlich ist. Den Platz um das Winkelhterhaus nennen sie kurzweg
am Steg.
    Am Steg, am Winkelsteg, steht die neue Kirche. Und Winkelsteg, so heit sie,
und so heit die Gemeinde. Unser Waldherr Schrankenheim hat's unterschrieben.
    Wie unsere Kirchweih eingelutet worden, so wird sie ausgelutet. Da hat
sich an diesem Tage noch etwas sehr Erregendes zugetragen. Die Holdenschlager
Herren und der Frster sind fortgewesen; am Winkelsteg ist es wieder still. Es
dunkelt schon frh und im Hochgebirge liegt der Nebel. Es ist bereits finster,
da ich zu meinen Glocken gehe. Heute zum ersten Male brennt das rote mplein am
Altare, das nun fortan das ewige Licht geheien werden wird, und nimmer
verlschen soll, so lange das Gotteshaus steht. Das ist die Wacht vor dem Herrn.
    Wie ich in die Kirche trete, sehe ich in dem matten Schein am Speisegitter
eine Gestalt. Da kniet noch ein Mensch und betet. Wenn einer so lange leben mu
in dem Elende des Tages, so wird hernach vllig Sonntag zu kurz, da man bei dem
lieben Gott eingekehrt ist, oder bei sich selber. - So denke ich und stehe eine
Weile still und trete endlich vor, da ich den Beter aufmerksam mache auf das
Absperren der Kirche. Wie mich aber die Gestalt bemerkt, rafft sie sich auf und
will fliehen. - Zuletzt ist es gar kein Beter, sage ich, und fasse den
Davoneilenden und sehe ihm ins Gesicht. Ein junger Bursche ist's.
    Was wirst du rot, Schelm! rufe ich.
    Ich bin kein Schelm, antwortet er, und Ihr seid auch rot; das ist von der
Ampel. Da sehe ich ihn recht an. Wer wird es gewesen sein? Der Lazarus ist's
gewesen, der verschollene Sohn der Adelheid.
    Ich habe die Hnde ber dem Kopf zusammengeschlagen und ein Geschrei erhoben
mitten in der Kirche.
    Junge, was ist das mit dir um Gottes willen, wo bist du gewesen? Wir haben
dich gesucht, deine Mutter hat dich ausgraben wollen aus dem Gestein der Alpen.
Und wie bist du heute da, Lazarus! Ja, das ist schon gar aus aller Weis'!
    Der Knabe ist dagestanden und hat auf meine Worte gar nichts geantwortet -
nicht ein Wrtlein.
    Darauf habe ich gelutet. Lazarus ist neben mir gestanden; seine Bekleidung
ist eine Wollendecke, seine Haare gehen ihm ber die Achseln hinab, sein Antlitz
ist bla. Er sieht mir zu, er hat noch keine Glocke luten gesehen. Und was ich
empfinde! Jetzt hab' ich eine hellklingende Zunge, jetzt kann ich das Ereignis
ja verknden hin in die Berge.
    Endlich kommt meine Haushlterin: was denn das Luten bedeute, ein
halbdutzendmal habe sie schon den englischen Gru߫ gebetet und ich hre noch
nicht auf!
    Da lasse ich den Glockenstrick wohl fahren und deute auf den Jungen: Seht,
endlich ist er da. Habt Ihr das Luten denn nicht verstanden? Der Lazarus ist
gefunden.
    Besser als jegliche Glocke wei solche Mr ein Weib zu verknden. Kaum eilt
die Winkelhterin rufend davon, sind ich und der Lazarus schon von Menschen
umringt. Ich wei kaum, wie ich die Sache erzhlen soll, und der Junge murmelt
ein- um das andere Mal: Paulus, und sonst sagt er kein Wort.
    Wir fragen ihn, wer Paulus sei? Statt auf die Frage zu antworten, versetzt
er mit seltsam scheuem Blick: Er hat mich hergefhrt zum Kreuz. Und laut und
angstvoll ruft er: Paulus! Seine Zunge ist unbeholfen, seine Stimme
fremdartig.
    Wir fhren ihn ins Haus; die Hauswirtin stellt ihm zu essen vor. Traurig
blickt er auf den Eierkuchen, wendet den Kopf nach allen Seiten und immer wieder
zurck auf den Kuchen und rhrt keinen Bissen an.
    Allmiteinander reden wir ihm zu, da er essen mge. Seine mageren Hnde
strecken sich aus dem Lodenberwurf hervor und nach der Speise aus, aber sie
zucken wieder zurck und der Junge zittert und hebt endlich an zu schluchzen.
Spter bittet er um ein Stck Brot, das er mit Heihunger verschlingt. Dabei
fallen ihm die schwarzen Locken ber die Augen herab, er streicht sie nicht zur
Seite. Zuletzt taucht er das Brot in den Wasserkrug und it mit gesteigerter
Gier und trinkt das Wasser bis auf den letzten Tropfen.
    Wir stehen herum und wir sehen ihm zu und wir schtteln unsere weisen
Hupter und wollen fragen und fragen; und der Junge hrt nichts und starrt in
die Spanlunte, die an der Wand leuchtet, oder zum Fenster hinaus in die
Dunkelheit.
    Noch in derselben Nacht haben ich und der Grassteiger den Knaben
hinaufgefhrt in den Hinterwald zu seiner Mutter Htte. Ein paarmal hat er uns
davon und die Lehnen hinanklettern wollen in den Wald. Stumm wie ein Maulwurf
und scheu wie ein Reh ist er gewesen.
    Wir kommen zu des schwarzen Mathes Haus, die schwarze Htte genannt. Da
liegt alles in tiefer Ruh. Das Brnnlein flstert vor der Tr; das Geste der
Tannen chzt ber dem Dache. In der Nacht hrt man auf solche Dinge; am Tage
ist, wenn einer so sagen drfte, das stete Tnen des Lichtes, da wird
dergleichen selten beachtet.
    Der Grassteiger hlt den Knaben an der Hand. Ich stelle mich an ein Fenster
und rufe hinein durch die Papierscheibe: Adelheid, wacht ein wenig auf!
    Da ist drinnen ein kleines Gerusch und ein verzagtes Fragen, wer denn
drauen.
    Der Andreas Erdmann von Winkelsteg ist da und noch zwei andere! sage ich.
Erschreckt aber nicht. In der neuen Kirche hat sich ein Wunder zugetragen. Der
Herr hat den Lazarus erweckt!
    In der Htte leckt mehrmals ein roter Schein an den Wnden, wie matte Blitze
zu sehen. Das Weib hat an der Herdglut einen Span angeblasen.
    Sie leuchtet uns zur Tre herein, aber als sie den Knaben sieht, fllt der
Span zu Boden und verlischt.
    Da ich endlich wieder ein Licht zuwege bringe, lehnt das Weib an dem
Trpfosten und Lazarus liegt auf dem Angesichte. Er wimmert. Der Grassteiger
hebt ihn empor und tut ihm die Locken aus dem Antlitz. Die Adelheid steht fast
regungslos im Nachtkleide; nur in ihrer Brust ist Unruhe. Sie legt die beiden
Hnde ber die Brust, sie wendet sich gegen die Wand und lechzt nach Atem, ich
habe gemeint, sie bricht uns zusammen. Letztlich wendet sie sich zum Knaben und
sagt: Bist wohl einmal da, Lazarus? - Und zu uns: Tut euch ab dort auf der
Bank, will gleich eine Suppe kochen! - Und wieder zum Knaben: Zieh' die nassen
Schuh' aus, Bub!
    Er hat gar keine Schuhe an den Fen; Sohlen aus Baumrinden hat er
angebunden.
    Das Weib geht zum Bette, weckt das Mdchen, es mge schnell aufstehen, es
sei der Lazarus gekommen. Das Mdchen hebt an zu weinen.
    Die Suppe steht fertig auf dem Tisch; der Knabe starrt mit seinen groen
Augen den Tisch und die Mutter an. Und jetzt erst bricht das Mutterherz los:
Mein Kind, du kennst mich nimmer! Ja, ich bin alt geworden ber die hundert
Jahr'! Wo bist mir gewesen diese ewige Zeit! Jesus Maria! Sie reit das Kind an
ihre Brust.
    Lazarus lt es geschehen und starrt zur Erde; ich merke wohl, wie seine
Lippen zucken, aber er sagt kein Wort. Er mu Bedeutsames erfahren haben; seine
Seele liegt unter einem Banne.
    Als er hierauf seinen Lodenberwurf austut, um auf das frisch bereitete
Lager zu steigen, langt er aus diesem bertuch eine Handvoll grauer Krner und
streut sie mit einem Wurf ber den Fuboden hin. Kaum das geschehen, hebt er an,
sich zu bcken und die Krner, Steinchen sind es, wieder aufzulesen. Er zhlt
sie in seiner Hand und sucht dann in allen Fugen und Winkeln, und hebt mit
Sorgfalt jedes der Krnchen, und zhlt und sucht wieder, und sucht mit
Gelassenheit eine lange Weile auf dem Estrich der Htte, bis er das letzte Stck
hebt und ihm die Zahl in der Hand voll ist. Und selbunter haben wir den Jungen
zum ersten Male lcheln gesehen. Danach tut er die Steinlein wieder in die
Tasche seines berwurfes und geht zu Bette.
    Er schlft bald ein.
    Wir sind noch lange am Herd gestanden bei der Spanlunte und haben unsere
Gedanken ausgesprochen ber das Seltsame, wie es mit und in diesem Kinde ist.

                                                               Christmonat 1818.

    Der Knabe Lazarus mu in einer wunderbar mchtigen Schule gewesen sein. Von
seinem Jhzorne ist kaum eine Spur mehr, nur geht, wenn er erregt ist, ein
kurzes, blitzartiges Zucken durch sein Wesen. Er wird auch wieder frhlich und
heiter. Von seinem Leben im Jahre seiner Abwesenheit will er nichts Rechtes
aussagen. Paulus htte ihm verboten, mehr zu reden, als ntig. Zuweilen erzhlt
er aber doch, nur sind die Worte unklar und verwirrt, schier wie Traumrednerei.
Er spricht von einem Felsenhause und von einem guten, ernsten Manne, und von
Bubungen, und von einem Kreuzbilde.
    Lebhaft und bestimmt werden seine Worte nur, wenn er in der Lage ist, seine
und des Mannes Ehre irgendwie verteidigen zu mssen.
    In der Gemeinde wird viel dem Wunderknaben gesprochen. Einige glauben,
Lazarus sei bei einem Zauberer in der Lehre gewesen und werde noch groe Dinge
vollbringen.
    Der alte Waldsnger sagt, er tte meinen, nun msse bald der Messias
erscheinen; Lazarus sei der neue Vorlufer, Johannes der Tufer, der sich in der
Wste genhrt von Heuschrecken und wilden Schnecken.
    Gott walte es. Ein ttiger und herzenswarmer Pfarrer wre fr Winkelsteg der
Messias. Aber es ist, wie der Holdenschlager gesagt hat, es will keiner herein
in die verlorenen Waldtler.
    Ich bin der einzige, der die Kirche verwaltet, lutet, Orgel spielt, singt
und vorbetet, wenn Sonntag ist. Die Tuflinge und Toten mssen nach Holdenschlag
wie vor und eh.

                                                                Im Hornung 1819.

    Was geht das mich an? Gar nichts geht's mich an. Aber ich bringe es doch
nicht aus dem Kopf, was mir der Frster von dem jungen Herrn erzhlt hat.
    Mit Verweichlichung seines Krpers sei es angegangen, mit losen, lockeren
Spielen, Gelagen, Schlemmereien und Ausschweifungen gehe es weiter. Bah, wir
sind Freiherr, wir sind Millionr, wir sind ein schner junger Mann, also
dreinfahren! - So hat's der Frster ausgelegt. - Ei, der wird's so genau nicht
wissen.
    Hermann soll in der Hauptstadt sein, weit von daheim und von seiner
Schwester. Ja, selbunter wre freilich alles mglich. - Gott schtze dich,
Hermann! Es wre auch nicht schn von mir, dem Schulmeister, wenn sein erster
Schler ein ...
    Heb' dich weg, du hliches Wort! Hermann ist ein braver, junger Mann. Was
wei der Frster.

                                                               Im Frhjahr 1819.

    Die Gegend altert schnell. Die Berge werden grau und kahl; der Wald wird
verbrannt; in allen Tlern rauchen Kohlsttten.
    Mit Mhe hab' ich es durchgesetzt, da sie da oben an der Hebung einen
kleinen Schachen stehen lassen. Der soll das letzte und bleibende Stck Urwald
sein und unter seinem Schatten sollen die toten Winkelsteger ruhen.
    Der Pfarrhof ist fertig. Die Pfarre ist lngst ausgeschrieben. Einen Lacher
tun sie, wenn sie es lesen: Das mag eine saubere Seelsorge sein in diesem
Winkelsteg; der Meopferwein besteht aus Holzpfelmost, die Hostie aus
Hafermehl. - Je, wenn in Winkelsteg der Pfarrer verhungert, so ist er selber
schuld, warum speist er nicht Baumrinden; die Waldkatzen kommen ja auch davon.
    Winkelsteg ist bs' verschrien; es wre aber so arg nicht. Ich kriege fr
das, da ich die Kirche versorge und zuweilen auf den Predigtstuhl steige, um
den Leuten zur Erbauung vorzulesen, reichlich Mehl und Wildbret. Die Leute
sagen, es sei schade, da ich nicht Pfarrer geworden.

    Von der Herrschaft des Waldes sind Messengelder geschickt worden, da in der
Gemeinde Winkelsteg ein Gottesdienst gestiftet und gebetet werde auf eine gute
Meinung. Es hat sich die Tochter des Hauses vermhlt.

    - - - Gott sei Dank, da mein Krper und mein Geist hier so reichlich
Beschftigung findet. Dieser Einspanig gibt Nachdenken.
    fter und fter wird er im Orte gesehen, gebckt, wie ein leibhaftig
Fragezeichen, gebckt und krumm, so geht er einher. Noch immer aber weicht er
den Leuten aus; und wer ihm doch nahe zu kommen wei, um eine Frage an ihn zu
stellen, dem gibt er eine Antwort, die drei Fragen gebiert. Auch in der Kirche
ist er schon gesehen worden, ganz zu hinterst in der Nische, wohin der
Beichtstuhl kommen soll.
    Der alte Rpel hlt das Wesen ganz entschieden fr den ewigen Juden. - Nun,
so viel mag ich selber glauben: der Einspanig ist ein Teil desselben. Der ganze
ewige Jude hat meines Glaubens viele Millionen Kpfe.

                                                                 Im Sommer 1819.

    Da htten wir nun auf einmal einen Pfarrer, und zwar einen so seltsamen, und
der so geheimnisvoll ist, wie unser Altarbild, das Kreuz aus dem Felsentale.
    Am letzten Tage des Heumonats, zur Mittagszeit ist es gewesen. Ich gehe in
die Kirche, um die Gebetglocke zu luten. Da steht der Einspanig auf der
obersten Stufe des Altars, und bt die Frmlichkeiten des Messelesens.
    Ich sehe ihm eine Weile zu. Er liest die Messe, wie sie der Holdenschlager
nicht vollendeter darbringt. Als er aber damit fertig ist, ernsthaft von den
Stufen niedersteigt und mit niedergeschlagenen Augen dem Ausgange zuwandelt, da
ist es doch meine Pflicht, da ich ihn anhalte und zur Rede stelle.
    Herr, sage ich, Ihr tretet in dieses Gotteshaus, wie es ja jeder darf,
der aufrichtigen Herzens ist; aber Ihr steiget zu dem Allerheiligsten empor und
bet Dinge, die nicht jedem zustehen. Ich bin der Hter dieses Hause und habe
Euch zu fragen, was Euer Treiben bedeutet?
    Er ist dagestanden und hat mich mit groer Gelassenheit angeblickt.
    Guter Freund, sagt er hierauf mit einer Stimme, die wie eingerostet tnt:
Die Frage ist kurz und leicht; die Antwort ist lang und schwer. Weil Ihr aber
das Recht habt, sie zu verlangen, so habe ich die Pflicht, sie zu geben.
Bestimmet den Tag, an welchem Ihr hinaufgehen wollt zu den drei Schirmtannen in
der Wolfsgrube.
    Wozu? sage ich.
    Die Antwort liegt nicht auf dem Wege. Unter den Schirmtannen mgt Ihr sie
erfahren.
    Wohl, sage ich, wenn es so ist, so will ich mich am nchsten Sonnabend um
die dritte Nachmittagsstunde bei den drei Schirmtannen in der Wolfsgrube
einfinden.
    Er neigt den Kopf und geht davon.
    Ich will von diesem Vorfalle einstweilen den Leuten nichts melden. Das ist
ein Narr! wrden sie aufschreien allmiteinander.
    Mag ja sein. Ich werde zu den Schirmtannen gehen und vielleicht Nheres ber
den Mann erfahren. Finde ich so viele und so schne Narrheit in ihm, wie in dem
alten Rpel, so bin ich zufrieden. Sollte es in Winkelsteg schon mit Pfarrhof
und Schulhaus nicht gehen, so bringe ich doch etwan einen lustigen Narrenturm
zuweg.
    Und das ist auch gut.

                           Die Antwort des Einspanig


                                                                      Am Morgen.

Im Tannenwalde herrscht tiefe Trauer; wie Totenklage, wie Grabesschauer, so
weht's durch der Wildnis umnachtete Mauer. Dahingestreckt am Waldessaum ins
Leichenbett aus moosigem Flaum, gemordet liegt der urlteste Baum. - O, sehet
den Mrder ber die Steppe fahren, er rast in Verzweiflung mit fliegenden
Haaren, verfolgt und gegeielt von rchenden Scharen. - Den armen Mrder, o lat
ihn ziehen, ihm ist's gegeben, Unheil zu sprhen. Und neu aus dem Tode wird
Leben blhen.
    Nicht der alte Rpel ist es, der mich ansteckt, da ich schon am frhen
Morgen solche Zeilen schreibe, sondern eine innere Bewegung, die mich bei der
Kunde von dem Sturme erfat, hat sich in Worten Luft gemacht.
    In dieser Nacht hat ein Sturm gehaust. In Winkelsteg haben wir nichts
versprt; nur ein schweres Getose ist gehrt worden von Mitternacht her. Im
Schachen des Gottesackers ist kein Wipfelchen geknickt.

                                                                       Am Abend.

    Wie ich aber nun, da ich in den neuen Geschlgen drben Geschfte habe, ber
die Lauterhhe geh', ist mir der Weg zehnfach verlegt durch wild zerzauste,
zersplitterte, in Kreuz und krumm gefallene Bume. Ein starker Harzduft weht in
den Grben; zahllose Waldvgel flattern heimatlos umher, denn ihre Nester sind
zerrissen. Hier und da machen sich schon Holzhauer an das Geflle, da sie die
Stmme gltten und schlen. In den Holzhauerhtten soll das eine frchterliche
Nacht gewesen sein. Einigen hat es den Dachstuhl zerrissen, da am Morgen die
treibenden Wolken des Himmels hineingeschaut auf den Feuerherd und die wirren
Strohsttten. Bei den Khlern im Karwasser ist ein abgerissener Fichtenstamm auf
einen Meiler gefallen, so da das Feuer herausgebrochen ist und die
hingepeitschten Flammen schier einen Waldbrand erzeugt htten. Der Berthold soll
wie wtend mit dem Dmpfen des Feuers gearbeitet haben und dabei mit seinem
linken Fu zu Schaden gekommen sein.
    Manch wste Scharte ist den Wldern geschlagen, und als ich am Nachmittage
zu den Schirmtannen in der Wolfsgrube komme, sehe ich, da die mittlere geknickt
ist. Sie ist von den dreien die grte und wohl die lteste gewesen.
    Auf dem hingestreckten Stamm, der sein Geste tief in den Erdboden gebohrt
hat, sitzt der Einspanig.
    Er hat sich ein Wollentuch um die Schultern gelegt, und ber das Tuch wallen
die Strhne des schwarzen Haares mit seinen vielen grauen Fden. Die Beine hlt
der Mann bereinander geschlagen, darauf sttzt er seinen Ellbogen, und auf
diesen das gesenkte Haupt mit dem blassen Antlitz.
    Da ich nahe, erhebt er sich.
    Ihr kommt doch, sagt er, und ich htte beinahe nicht kommen knnen. Die
Sturmnacht hat meine Behausung gesperrt; sie hat einen Felsklotz vor den Ausgang
gewlzt. Und nach einem schweren Atemzug sagt er das trbselige Wort:
Vielleicht wre es besser gewesen, diese Nacht htte mich in der Felsenhhle
begraben fr alle Zeit, als da ich Euch heute die Antwort gebe. Da ich sie aber
gebe, so gebe ich sie Euch am liebsten. Ich habe Rechtschaffenes von Euch gehrt
und freue mich der Gelegenheit, Euch nher zu kommen. Meine Antwort, junger
Mann, ist eine schwere Last; helfet sie mir tragen, wie Ihr ja auch die Mhsal
der anderen Waldbewohner auf Euch geladen habt. Ich wei wohl, Ihr versteht
Priesteramt zu vertreten; so seid mein Beichtvater und erlset mich von einem
Geheimnis, von dem ich nicht wei, ist es eine schwarze Taube oder ein weier
Rabe. - Wenn es aber wre, da Ihr mich nicht solltet begreifen knnen ...
    Er hat eingehalten; in seinem Blick ist etwas wie Mitrauen gelegen.
    Ich versetze hierauf, da ich ihn nach nichts fragen wolle, als nach der
Ursache seines Gebarens am Altare unserer Kirche.
    Da fragt Ihr mich ja nach allem! ruft er mhsam lachend aus; da fragt Ihr
mich nach meinem Lebenslauf, nach meinem Seelenweh, nach meinem Teufel und nach
meinem Gott. - Gut, gut, kommt nur her und setzet Euch zu mir auf diesen Stamm.
Besser schickt sich keine Sttte fr meine Antwort, als eine aus Vernichtung
gebaute. So setzet Euch!
    Mir wird schier unheimlich. Im Tann ist es still, da man das trge chzen
des Gestes vernehmen kann; oben aber fliegt das Gewlke dahin von einem Gewnde
zum andern.
    Ich setze mich neben den Mann, in dessen Augen und Worten aber viel mehr
Kraft liegt, als man in dem gebckten, sich schwer schleppenden Einspanig htte
vermuten knnen.
    Ja, der Einspanig geheien, weil er nie in Gesellschaft eines zweiten
gesehen worden. Jetzund sitzt das Zweispan auf dem Stamme, die Frage und die
Antwort.
    Wisset, was das ist, ein Herrenkind? frgt der Mann jh und starrt mir ins
Gesicht. - In einem Palast geboren, in einer goldenen Wiege gewiegt werden. Der
rauhe Erdboden ist verdeckt mit weichen Geweben; die brennenden Sonnenstrahlen
und Wetterwolken des Himmels sind verhllt mit schweren Seidenvorhngen; fr
jeden leisen Wunsch eine Dienerschar; - eine Gegenwart voll Ebenma und
hundertfach gehteten Behagens; eine Zukunft voll Genu und hoher Wrden: das
heit Herrenkindschaft. Auch ich bin ein Herrenkind gewesen, und als solches
rmer wie ein Bettelknab'. Ich habe es aber zur Zeit nicht gewut, und erst als
ich der Jahre zwlf oder vierzehn gezhlt, ist mir die schreckliche Frage
erwacht: Mensch, wo hast du deine Mutter? - Meine Mutter hat mir das Leben
gegeben und das Sonnenlicht; - ihr eigenes war's gewesen - bei meiner Geburt ist
sie gestorben.
    Meinen Vater habe ich selten gesehen; er ist auf Jagden oder auf Reisen,
oder in der groen Stadt Paris, oder in Bdern. Meine Liebe, fr Vater und
Mutter mir ins Herz gegeben, verschwende ich an meinen Hofmeister, der stets um
mich ist als Lehrer und Gesellschafter und der mich sehr lieb hat. Er ist ein
mildfreundlicher, heiterer Mann und sehr fromm und gut. Oft, wenn er in unserer
Hauskirche die Messe gelesen, hat er ein verklrtes Antlitz gehabt, wie der
heilige Franz Xaver auf dem Altare. Und hat gesagt, da er eine Eingebung htte:
ich sei zu groen Dingen erkoren. Daraus habe ich seine auerordentliche Liebe
zu mir wahrgenommen.
    Und nun soll ich eines Tages diesen Freund verlieren. Da ist zur selben Zeit
nmlich ein Gesetz herausgekommen und in den Lndern regt sich die Verfolgung
gegen den Orden, dem jener Mann angehrt. Mein Hofmeister mu fort, spricht aber
die Zuversicht aus, da wir nach berstandener Trbsal uns wiedersehen wrden.
    Und siehe, das Wort ist ber alles Erwarten schnell in Erfllung gegangen.
Nach wenigen Monaten schon ist mein Erzieher wieder im Hause. Er ist, wie er
sagt, aus dem Orden getreten.
    Ich bin zum Jnglinge herangewachsen. Meinen Hofmeister liebe ich wie einen
lteren Bruder. Oft habe ich ihn insgeheim um seine Ruhe beneidet. In mir hat
sich zur selbigen Zeit ein Unstetes zu regen begonnen. Im Hause ist es mir zu
eng, im Freien nicht weit genug; ist es still, so verlangt mir nach Lrm, und
habe ich Lrm, so sehne ich mich nach Stille. Mein Drang ist gewesen wie ein
blinder, heihungeriger, pfadloser Mann auf der Heide.
    Da sagt mir einmal mein Erzieher: Das, lieber Freund, ist der Fluch der
Kinder der Welt. Das ist die rasende Sehnsucht, die trotz aller Gter und
Gensse der Erde keine Sttigung finden kann, auer sie flieht in die Burg, die
Christus gegrndet hat auf Erden.
    - Wenn du zu mir sprichst - entgegne ich - du weit doch, da ich ein Christ
bin.
    - Das bist du nur in der Gesinnung - sagt er - aber dein Leib ist es, der so
wild nach Erfllung lechzt. Deinen Leib mut du in die Burg Gottes einfhren.
Mein lieber Freund, alle Tage bete ich zu Gott, da er dich so glcklich werden
lassen mge, als ich es bin, da du wie ein Bruder Jesu werdest.
    Von diesem Tage an, als mein Hofmeister so gesprochen hat, empfinde ich die
Last und das Unstete in mir doppelt schwer; aber als ich mich ernstlich prfe,
sehe ich, da es mir unmglich wre, der Welt zu entsagen.
    - Du hast mich nicht verstanden, sagt hierauf mein Erzieher einmal, und es
wundert mich, da du nach den Jahren der Erziehung deinen Freund so miverstehen
kannst. Wer sagt dir, da du den Freuden der Welt entsagen solltest? Die Freuden
der Welt sind ein Geschenk Gottes; aber sie nicht genieen seiner selbst willen,
sondern zu Gottes Ehre, das ist es, was uns wahre Befriedigung gewhrt.
    So geht mir nun ein neues Leben auf; mein sittliches Gefhl, das mich sonst
zurckgehalten, eifert mich jetzt an, da ich all den verlangenden Sinnen meines
Wesens Sttigung verschaffe. In Freude und Genu Gott dem Herrn dienen - so gibt
es keinen Zwiespalt mehr.
    Mein Freund lchelt und lt gewhren. Die Welt ist schn, wenn man jung,
und auch gut, wenn man reich ist. Ich lasse sie mir sehr gut sein; ich will
ihren Becher leeren, ehe ich am Altare den Kelch trinken soll.
    Und nach wenigen Jahren habe ich den Freudenbecher geleert bis zum
Bodensatz. Da ekelt mich, da bin ich satt und bersatt. Und die Welt langweilt
mich.
    Und nun, da ich mittlerweile auch grojhrig geworden, hat mein Freund
wieder ein Wort gesprochen, und auf seinen Rat habe ich mich entschlossen. Ich
trete der Gemeinschaft bei und tue das Gelbde. Mein Vermgen fllt dem Vereine
zu und ich leiste das Gelbnis des unbedingten Gehorsams.
    Und nun - - da ist eines Tages ein Mdchen zu mir gekommen, das ich frher
oft gesehen. Jetzt darf ich es nicht kennen. Es bittet mich, da ich es mit dem
Kinde nicht verlassen mge; es bittet um Gottes willen. Allein - ich bin
bettelarm, darf mich auch fr sie an niemand andern wenden, mich bindet der
Gehorsam.
    Wenige Tage danach ist das Mdchen als Leiche aus einem Teiche gezogen
worden. - Schmerzerfllt klage ich an der Brust meines Freundes, dieser schiebt
mich sanft von sich und sagt: Gott hat alles wohl gemacht! -
    Nach diesen Worten ist der Mann, den sie den Einspanig nennen, wie
erschrocken zusammengefahren. Ein Hher ist ber unseren Huptern
dahingeflattert. Hierauf greift der Einspanig rasch nach meiner Hand und ruft:
    Heute noch bin ich vermhlt mit ihr. In jeder Nacht steht sie mit dem Kinde
vor meinem Lager. Der Orden hat einen schnen Stern, das ist der Marienkult.
Mancher Jngling, der entsagen mu, blickt liebeglhend auf zu der Jungfrau mit
dem Jesukinde. Mir aber wird das Bildnis zum Gespenst, ich sehe in demselben das
betrogene Mdchen.
    Ich bin zum Priester geweiht worden und habe statt meiner weltlichen Titel
und Wrden nichts als den Namen Paulus erhalten. Ich bin vorbereitet worden,
viel eher, als ich und mein Vater es geahnt haben.
    Ich habe Natur und Vermgen geopfert und meinen eigenen Willen; und nur
eines habe ich noch besessen, das Vaterland. Auch daran kommt die Reihe. Es wird
erklrt, unsere Vereinigung sei nach dem bestehenden Gesetze des Bodens im Lande
verlustig. Fast war ich zu schwach gewesen, meine Heimat und meinen betagten
Vater zu verlassen; allein, da gibt es kein Auflehnen des Herzens. Wir sind
Mrtyrer zur Ehre Gottes; und so sehr bin ich Schwrmer, da mir dieser Gedanke
Entschlossenheit gibt, mich von allem loszureien.
    Wir sind nach Welschland gezogen. Zu Rom habe ich die Grber der Apostel und
Mrtyrer besucht; und habe gewhnt, in dem Lande ein still beschauliches Leben
fhren zu knnen. Aber bald werden wir ausgesandt zur Arbeit. Ich wei kaum mehr
durch welche Vermittlung, aber auf einmal sehe ich mich versetzt in eines der
Lnder, die gegen Abend liegen, an den Hof des Knigs. Vielleicht ist es meine
Abkunft, vielleicht die Erziehung, die ich genossen, vielleicht auch meine
Gelehrsamkeit oder eine gewisse Klugheit, die ich mir nach und nach angeeignet,
oder es kann meine Krpergestalt gewesen sein, die schn genannt war - oder all
das zusammen oder noch ein anderes, was mich befrdert hat, ich wei es nicht.
    Ich habe nach einiger Zeit ein einflureiches Amt in der Staatskanzlei
erhalten. Und mein Wahlspruch ist gewesen: Sei ein geheimes Rad.
    Geschmeidigkeit, Sanftmut, Heiterkeit und Duldsamkeit sind die Tugenden,
deren ich mich zu befleiigen gehabt habe. So bin ich der Freund des Hofes
geworden, der gerne gesehene Gesellschafter, der gesuchte Ratgeber; und wenn ich
in der Schlokapelle meine Messe gelesen habe, so sind die hohen Frauen vor dem
Altare auf den Knien gelegen. Endlich bin ich Beichtvater des Knigs geworden.
    Die Welt lchelt und mir gefllt ihr Lcheln wieder. Leicht trage ich das
Gelbde der Armut, denn ich wohne im Knigspalast. Treu bleibe ich dem Gelbde
der Entsagung, denn was ich geniee, das geniee ich Gott zuliebe.
    Da bricht eine bewegte Zeit an. In der Welt wtet die Emprung; auch in
unserem Lande grt ein Aufruhr. fter als sonst versammelt der Knig die Groen
des Reiches um sich, und angelegentlicher wird die Beichte, die er an jedem
dreiigsten Tag mir ablegt.
    Da kommt eines Tages an mich ein Befehl; er ist mit groem Siegel
verschlossen. Als ich ihn gelesen, lehnt sich etwas in mir auf. Nein, so kann
ich nicht handeln, so mein Amt nicht mibrauchen.
    Zur selben Zeit erhalte ich die Nachricht von dem Tode meines Vaters. Das
bringt mich zu mir selbst. Kindesliebe, Schmerz, Sehnsucht, Heimweh,
Schuldbewutsein und Reue graben in meinem Gehirne.
    Da kommt pltzlich der Befehl, ich wrde mich einschiffen nach Ostindien!
    Das schmettert mich vollends nieder. Anstatt ins Vaterland, soll ich in
einen fernen Weltteil reisen, Warum? Zu welchen Zwecken? Wer frgt? - Die erste
Satzung lautet: Gehorsam!
    Hier hat der Mann seine Erzhlung unterbrochen. Mit den Fingern ist er sich
ber seine hageren Wangen gefahren bis herab zu den Bartstoppeln des Backens.
Sein Auge, in welchem Unruhe und Mdigkeit gelegen, hat sich schwermtig empor
zur Hhe gewendet. Da oben haben die finsteren Wolkenlasten nicht mehr
hingejagt, sondern angefangen, sich an den Felswnden niederzusenken. Tiefe
Stille und Dmmerung ist gelegen ber dem Waldkessel der Wolfsgrube.
    Und endlich fhrt der Einspanig fort: Vier ewige Sommer habe ich mit
einigen Gefhrten in dem heien Indien verlebt. Die Beschwerden sind gro
gewesen. Nur in der Erfllung des Berufes habe ich einigen Trost gefunden. Nicht
mehr fr besondere Vorteile eines Bundes haben wir gearbeitet, sondern fr die
gemeinsame Sache der Menschen, die Gesittung. Wir haben den Hindus den Pflug
gegeben, auf ihren Berghhen haben wir das Kreuz gepflanzt. Wir predigen ihnen
die Gotteslehre der Selbstaufopferung und Liebe. Anfangs haben sie Mitrauen und
Verfolgung gegen uns, endlich aber ffnen sie ihr Herz. Als Boten des Himmels
haben sie uns verehrt.
    Bereits haben wie in Dekan eine christliche Gemeinde zustande gebracht, da
kommen abendlndische Scharen, Englnder und Franken, bekriegen Teile des Landes
und unterjochen sie. Da handelt es sich nicht mehr um die christliche Liebe,
sondern um Reis und Gewrze. Und vorbei ist es gewesen mit dem Glauben der
Hindus an unsere Lehre. Ermorden haben sie uns wollen. Auf ein frnkisches
Schiff haben wir uns geflchtet und sind zurckgekehrt nach Europa.
    Nun sehe ich endlich mein Vaterland wieder. Eine andere Zeit ist. Das Volk
ist lau und droht mit dem Abfalle. Wir werden planmig verteilt in Stadt und
Land.
    Da ich mich am Knigshofe nicht bewhrt habe, ich auch auf den Reisen
verwildert und aus dem Geleise der gesellschaftlichen Verhltnisse gekommen bin,
und da an mir ferner mehr Gewissensskrupel als Klugheit zu merken ist, so trifft
mich das Los: ich werde den Volksmissionren zugeteilt. Kaum kann ich meine
Geburtsstadt und das Grab meines Vaters besuchen, ehe ich fort mu in das
Gebirge. Mit drei Genossen wandere ich von Gegend zu Gegend, um in bestimmten
Pfarrkirchen sogenannte Missionen abzuhalten. Bei mchtigen Herren sind wir die
Heiteren, Geschmeidigen, Duldsamen gewesen; bei den wilden Vlkern die Apostel
der Kultur, die strengen und liebevollen Lehrer des Christusglaubens. Hier aber,
bei dem verkncherten, trgen, leichtsinnigen und noch dazu durch neue
Grundstze verdorbenen Landvolke mssen wir erscheinen als Warner, als Richter
der Snde.
    Anfangs, da kommen sie mit bermut und Neugierde zur Kirche herein, um die
Wanderprediger zu sehen; aber als sie die dumpfen Worte von der Not der Seelen,
von der Gefahr der Welt, von der Sterbestunde und von dem schrecklichen Gericht
hren, da heben sie an zu erbleichen. Bald liegen sie zerknirscht vor dem
schwarzverhllten Altare, drngen sich zu unseren Beichtsthlen.
    Vor jeder Kirche haben wir ein hohes, kahles Kreuz aufgestellt. Christus ist
fr euch gekreuzigt worden, jetzt kreuziget euch selbst in Abttung und Bue.
    Ich bin in Eifer geraten, der mich fortgezogen hat in dem was unseres Amtes
gewesen, und der mich fortgerissen hat in eine Schwrmerei, die ich bislang an
mir nicht gekannt habe. - Mein bestndiger Ruf: Tuet Bue! -
    Wie lebendig und lustig es im Dorfe auch gewesen ist, wo wir eingezogen: es
wird bald still in den Gassen und de auf den Feldern und Wiesen.
    Der Roggen verdorrt, unser Weizen reift. - Aber wenn die Stunden der
Begeisterung vorber, so ist eine de in mir und ein Dmon, der mich fortweg
abwenden will von dem heiligen Beruf. Ich habe diesen Dmon fr den Teufel
gehalten. Es wird aber was anderes gewesen sein. - Nicht wahr, jetzt kommt schon
die Nacht?
    Fast verwirrt hat mich der Mann angeblickt, als htte er von mir die
Beantwortung seiner Frage erwartet.
    Die Nacht kann das noch nicht sein, habe ich entgegnet, der Nebel legt
sich so ber den Wald.
    Ja, ja, fhrt der seltsame Erzhler wie trumend fort, es kommt die
Nacht. Junger Freund, Ihr werdet sehen, es kommt die finstere Nacht.
    Nun ist es eine Weile so still, da man vermeint, den Nebel spinnen zu hren
in dem Geste der Tannen. Nachher erzhlt der Mann weiter:
    In einem groen Dorfe ist es gewesen. Ich sitze noch spt abends im
Beichtstuhl. Die Kirche ist endlich leer geworden und die Ampel des Altars legt
ihren Schein schon an die Wnde. Ein einziger Mann steht noch neben dem
Beichtstuhl und scheint unentschlossen, ob er sich nhern oder auch die Kirche
verlassen soll.
    Ich winke ihm. Er schrickt zusammen, tritt nher und sinkt auf die Knie vor
dem Schuber des Beichtstuhles. Sein Bekreuzen ist ein krampfhaftes Zucken der
rechten Hand ber das Gesicht. Er sagt nicht das bliche Gebet; in wirren und
hastigen Worten teilt er mir sein Bekenntnis mit. Dann faltet er die Hnde so
fest ineinander, da sie zittern, und stammelt die Bitte um Lossprechung. - Ich
will dem Gengstigten Worte des Trostes sagen. Aber unwirsch stoe ich mein
eigen Herz zurck.
    Und wie er stumm so dakniet, entgegne ich in ruhiger Weise: das Unrecht
knne ihm nicht verziehen werden vor Gott, solange es nicht gutgemacht.
    - Gutmachen, das kann ich nicht mehr, versetzt er, mein Nachbar ist
fortgezogen; ich wei nicht wohin. Er nicht ist nicht zu finden.
    - So wandert, ihn zu suchen; besser die Fe abgehen bis auf die Knie, als
da die Seele ewig verloren gehe.
    - Aber mein Weib, meine Kinder! ruft er.
    - Um so mehr Seelen strzet Ihr mit Euch in das Verderben!
    - Ich will fasten, beten, will Almosen geben zehnfach mehr, als was ich
betrogen.
    Dem Betrogenen selbst mt ihr das unrechte Gut zurckgeben!
    Da schreit er fiebernd: ist der Herr nicht am Kreuz gestorben? Mord und
Totschlag werden verziehen, und mir kann meine Verirrung nicht vergeben sein? -
Der Mann ist nimmer zu finden!
    Sein Widerspruch bringt mich in eine Erregung. Strenge den Unbufertigen!
lehrt die Satzung.
    - Makelt nicht mit dem gerechten Gott! rufe ich. Dreimal hher ist der
Himmel, seit er durch das Kreuzopfer ist erkauft worden, und neunmal tiefer die
Hlle, seitdem die Menschen drei Ngel geschlagen durch Christi Hnd' und Fe.
    ber diese meine Worte ist ein Aufsthnen, dann ein Fluchwort. Ich hre den
Schall der Tritte eines Davoneilenden. - Ich bin in der nchtigen Kirche allein.
    Ich trete aus dem Beichtstuhl, knie hin vor den hochragenden Altar und bete
fr den Verstockten. Und wie ich so emporblicke zu dem Bilde der Knigin der
Beichtiger, da ist es mir, als trete sie pltzlich hervor aus der Nische - aus
dem Teiche sie, mit dem Kinde in blutrotem Schein.
    Der Tre eile ich zu. Siehe, da ist der Ausgang verschlossen.
    Ich habe die Sperrstunde nicht wahrgenommen. Die Kirche ist entlegen vom
Orte; das nchste Haus ist die Totenkammer. Da hrt es keiner, wie man auch
rufen mag.
    Eingeschlossen in den dsteren Raum, in welchem ich von dem leidigen Teufel
so oft gesprochen und von der ewigen Hllenpein. - Dort im Gezelt der ewige
Gott; jetzo bist du mit ihm allein.
    Nein, ich habe es nicht vermocht, hinzublicken auf den Altar; das rote Licht
schwebt auf mich zu. Ich verkrieche mich wieder in den Beichtstuhl.
    So bin ich dagesessen mit erregten Sinnen. Jetzt und jetzt mu sich der
Vorhang bewegen und eine kalte Hand hereinlangen. Aber es bleibt still.
    Sonst knien sie da drauen vor dem Schuber, die armen Snder, und erforschen
das Gewissen; und jetzt erforscht es der Beichtiger selbst. Habe zurckgeblickt
auf mein Leben. Wie ist es so bewegt, wie bin ich arm und einsam gewesen! Und so
hart! - Und in dem Teiche ist ein Herz verloschen. - Das einzige, das mich lieb
gehabt in der weiten Welt ... Was ist gemeint gewesen mit meinen hohlen Taten? -
Wenn ich vor Gottes Richterstuhl stehe? Wird auch nur eine Seele sein, die sagt:
Er hat mich gerettet? -
    Und als es in mir so schreit, da ist pltzlich ein Sthnen vor dem Schuber
des Beichtstuhles, als kniete jener Mann noch davor. Ich fahre empor, aber -
still ist es, das Mondlicht rinnt durch das Fenster. -
    An wem liegt die Schuld, als an mir? - Wie viele Jahre sind mir noch
gegeben? O Gott, fhre mich weg von deinem Altare, dem ich ein unwrdiger Diener
gewesen. Und von den Menschen fhre mich weg. Fhre mich zu einer einsamen
Sttte, wo ich mich selbst erlsen kann!
    Diese Sehnsucht hat sich wie Tau gelegt auf mein Gemt; ruhiger ist es
geworden und meine Augen sind gesunken.
    Jetzt aber hre ich pltzlich von auen eine Stimme, die Pater Paulus! ruft.
Endlich befreit! denke ich und will mich erheben. In demselben Augenblick hre
ich aufschreien: Jesus Maria! da ist er, da hngt er am Strick!
    Ich tue einen Schrei, der in dem Kirchenschiffe gellt und von dem ich selbst
erschrocken bin. Da ist drauen noch ein Klageruf und ich hre, wie sich die
Leute eilig wieder davonmachen. Der Aufschrei in der Kirche, mein Hilferuf, hat
sie verscheucht. Ich bin allein. Erregt, da mir der Atem stockt. Mitternacht
schlgt es. Und wie? Drauen hngt einer am Strick?
    Auf mein Angesicht bin ich gefallen: Heiliger Gott, bewahre mich vor
Selbstmord!
    Aber jetzo steigt pltzlich eine Ahnung in mir auf. Wie, wenn es der Mann
ist, dem ich zur spten Abendstunde die Lossprechung verweigert, den ich in die
Verzweiflung zurckgestoen habe? Wenn er hingegangen ist und sich das Leben
genommen hat?! - In derselben Stunde, guter Freund, habe ich Schreckliches
ausgestanden. Der Selbstmrder, wie er mich angrinst mit starrem Auge! - Und aus
den Tiefen des Teiches ...! Und all die unerlsten Seelen kommen, denen ich die
Verdammung gepredigt. Und inmitten steht das hohe Kreuz und eine Stimme hre ich
rufen: Du hast die Liebe gettet!
    chzend ist der Mann hingesunken auf das Geste des Baumes. Kaum habe ich es
vermocht, ihn wieder aufzurichten. Nebelfeuchtes Wildfarnkraut reie ich ab und
lege es auf seine heie Stirne.
    Erzhlet ein andermal zu Ende, sage ich, und gehen wir heute in unsere
Wohnungen, es kommt wahrhaftig schon die Nacht.
    Er hat sich aufgerichtet, ist mit den Zipfeln seines Mantels sich ber die
Augen gefahren.
    Heute ist der Frieden in mir, sagt er hierauf ruhig, aber so oft ich an
dieselbe Stunde denke, stockt mein Blut. Nun jetzo wird es schon besser. - Wie
ich meine Augen wieder auftue, da schaut das Morgenrot zu den Fenstern herein.
Wie ein gtiges Lcheln liegt es auf dem Altare und auf dem Bilde der Mutter
Maria. - Ich habe mich aufgerichtet und ein Gelbnis getan, und da ist mir
gewesen, als msse alles anders werden.
    Bald danach haben die Schlssel der Kirchentre gerasselt; Leute kommen. Sie
brechen in ein Frohlocken aus, als sie mich sehen, und fhren mich an der Hand
in das Freie. Sie erzhlen, wie sie mich gesucht, wie sie wohl einen Schrei
gehrt in der Kirche, wie sie aber gemeint htten, es sei eine Geisterstimme.
Sie fhren mich abseits vom Kirchhofe, denn dort ist an einem eisernen
Grabkreuze der Selbstmrder gehangen.
    Ich habe mich nachher in mein Zimmer verschlossen und bin in demselben
verblieben den ganzen Tag. Ich htte an dem Tage eine Predigt halten sollen ber
die Bue und die Erbarmungen Gottes. Ein anderer meiner Genossen hat es fr mich
getan. Die Leute sollen sich erzhlt haben, ich sei die Nacht ber absichtlich
in der Kirche geblieben und htte Offenbarungen gehabt.
    Spt abends, als ringsum alles geschlafen, habe ich auf ein Blatt Papier die
Worte geschrieben: Lebt wohl, meine Brder. Forscht nicht nach mir.
    Und dann habe ich genommen, was mein, und bin aus dem Hause gegangen und aus
dem Dorfe, und die Landstrae entlang die ganze Nacht.
    Planlos ist mein Wandern. Ich berlasse mich dem Zufall. Ich habe nichts zu
verlieren; nur aus dem Bereiche der belebteren Gegenden trachte ich
fortzugelangen. Ich habe meine Richtung gegen das Gebirge genommen.
    Als der Morgen graut, bin ich zwischen Waldbergen; ein Bach rauscht mir
entgegen. Ich trinke aus dem Wasser und ruhe auf einem Stein. Da kommt so ein
Waldmensch des Weges, der zieht seine Kopfbedeckung ab vor meinem priesterlichen
Kleide. Ich erhebe mich und bitte den Mann, da er mir den Weg weise, ich wollte
weit hinein ins Gebirg, bis dorthin, wo der allerletzte Mensch wohnt.
    - Der allerletzte Mensch, der wird wohl der Kohlenbrenner, der Ru-Bartelmei
sein, hat der Mann geantwortet.
    - So weiset mir den Weg zum Ru-Bartelmei und bedeckt Euer Haupt.
    - Habt Ihr mit dem Khler was zu schaffen? frgt er dreister, da wir schon
auf dem Wege sind, Ihr, der Khler ist 'leicht schwarz an Leib und Seel'; den
mgt Ihr nimmer wei waschen. Schlechter wie andere wird er auch nicht sein. Was
wollt Ihr ihm denn?
    Ich glaube, ich habe dem Frager von einer weitlufigen Verwandtschaft was
gesagt. Da bleibt er stehen und sieht mich an: Verwandtschaft! tt' mich wohl
freuen! Der Ru-Bartelmei bin ich halt selber.
    Ich gehe mit dem Manne ber Berge und durch Schluchten. Bis zur Mittagszeit
sind wir bei seinem Hause.
    Drei Tage bleibe ich bei den Leuten. Schwarz sind sie freilich. Bei einem
Volke des Morgenlandes ist schwarz die Farbe der Tugend und der Seligen; sie
malen dafr den Teufel wei. - Ich habe das, in der Meinung, ihm ein Geflliges
mitzuteilen, dem Kohlenbrenner gesagt. Der aber guckt seltsam aus seiner
Hutkrempe hervor und entgegnet: Wird doch nicht sein. Nachher wre ja der
Pfarrer auf der Gasse ein Engel und in der Kirche ein -. Diese grobe Rede hat
mich wohl gestoen.
    Am dritten Tage, nachdem ich und der Bartelmei viel und ber vieles
miteinander gesprochen und uns gegenseitig Teile aus unserer Lebensgeschichte
erzhlt (die seine ist kohlschwarz und die meine noch schwrzer), da frage ich
ihn, ob er mein Freund sein wolle. Ich htte vor, in der Wildnis zu leben und zu
arbeiten fr meine Seele, und wolle redlich bestrebt sein, in der Einsamkeit
Gutes zu stiften, da man unter Menschenscharen auch mit bestem Willen nicht
immer das Rechte frdere. Als Freund habe er mich gegen Entgeltung mit den
allernotwendigsten Bedrfnissen zu versehen, des weiteren aber mich als
Geheimnis zu bewahren.
    Der Mann hat sich lange besonnen; dann sagt er: So, ein Einsiedler wollt Ihr
werden? Und da soll ich der Rab' sein, der Euch das Brot vom Himmel bringt?
    Ich erklre, da ich mir das Brot selbst suchen wolle, da man aber auch
Kleidungsstcke und andere Dinge bedrfe, und da ich nicht ermangeln wrde, mit
meiner kleinen Habe dafr zu danken.
    So ist er bereit, mir zu dienen. Nur msse ich ihm auch einmal eine
Geflligkeit erweisen, und vielleicht eine ganz absonderliche. Er habe schon
auch sein Anliegen.
    Ich habe das Khlerhaus verlassen, und der Bartelmei hat mich gefhrt noch
weiter in die Wildnis hinein. Bis in das Felsental bin ich hinaufgekommen; da
sind gar keine Menschen mehr, da ist nur der Urwald und das starre Gewnde. Und
hier ist es mir recht gewesen; in einer verborgenen Hhle, an der eine Quelle
vorbeirieselt, habe ich mich eingerichtet. Im Felsentale ist ein hlzernes Kreuz
gestanden, das seiner Tage auch ein verlorener Waldmensch aufgerichtet haben
mag. Das ist mein Vershnungsaltar. Ein Kreuz ohne Heiland, wie ich es sonst den
bedrngten Seelen vorgehalten, war mir endlich selber geworden.
    Und so, junger Freund, habe ich nun gelebt in der Einsamkeit, habe mit den
Wurznern und Pechern gearbeitet. Und so ist Jahr um Jahr verflossen. Von
Entbehrung will ich nicht reden, schwerer ist mir das Gefhl des Verlassenseins
geworden, und die Sehnsucht nach den Menschen hat mich oft hart gepeinigt. Nur
der Gedanke, da Entsagung meine Shne ist, hat mich getrstet. Oft bin ich
hinaus in die Tler gegangen, wo Menschen wohnen in lieber Geselligkeit. Ich
habe mich gelabt mit dem Bewutsein ihrer Gewissensruhe und Zufriedenheit und
bin wieder zurckgekehrt in das ewig einsame Felsental zu meiner Hhle und zu
dem stillen Kreuze auf dem Steingrunde.
    Der Kampf in mir aber ist, statt geringer, grer und schwerer geworden, und
zuweilen kommt mir der Gedanke: was ist das fr ein Leben in lahmer
Tatlosigkeit, in der man niemandem ntzt, sich selber doch verzehrt? Kann das
Gottes Wille sein?
    Zurckkehren in den Orden, das wre unmglich. In der offenen Welt leben
unter dem Schilde eines abtrnnigen Priesters, das wre ein zu groes rgernis
an der treuen Berufserfllung im allgemeinen. Was bleibt mir brig, als fr das
Vlklein des Waldes nach Krften wohlttig zu wirken? Aber ich wei es nicht
anzufassen. Mit trockenen Predigten stiftet man nicht immer das Wahre. Den
Teufel habe ich ja so lange gerufen, bis er mir selber gekommen. Gott und die
christliche Liebe lehren? Damit bin ich schlecht gefahren. So habe ich gar keine
Neigung mehr, den Menschen mit Worten zu dienen.
    Wo ich Kinder sehe, da gehe ich auf sie zu, da ich ihnen ein Liebes knnte
erweisen; aber sie haben sich vor mir gefrchtet. Ich bin gemieden und nirgends
gern gesehen, selbst in der Htte des Bartelmei nicht mehr. Ich bin auch so
seltsam, so unheimlich; zuletzt hat mir vor mir selber gegraut. Ein Verbannter
lebe ich im Felsentale und zwischen dem Gestein lechze ich nach Wohltun. Und ich
bin doch wieder davongeschlichen gegen die Wsser hinaus.
    Dem altersschwachen Weiblein habe ich die Holzschleppe vom Rcken genommen,
auf da ich sie in seine Klause trage. Dem Hirten habe ich die Herde von dem
gefhrlichen Gewnde abgeleitet. Und im Winter, wenn gar keine Menschen sind
weit und breit, habe ich mit drren Samen und wilden Frchten die Vglein
gefttert und die Rehe. Geweint habe ich ber diesen meinen armseligen
Wirkungskreis und vor dem Kreuze habe ich gebetet: Herr, vergib! und nur einmal
la mich was Gutes vollenden!
    Und so habe ich, in der Absicht, etwas Rechtes zu vollbringen, den Jungen
aus dem Hinterwinkel zu mir genommen. Ich hatte gehrt, da er von seinem Vater
die Tobsucht geerbt haben soll. Ich habe bedacht, da, wie der Mathes daran
zugrunde gegangen, so auch der Lazarus daran zugrunde gehen msse, knne durch
eine entsprechende Zucht dem bel nicht gesteuert werden. Auch habe ich bedacht,
da ein schwaches, weichherziges Weib nimmer imstande ist, dem gefhrdeten Kind
die strenge Leitung, die ntig ist, angedeihen zu lassen. Da habe ich eines
Tages im Walde den Knaben am Grabe seines Vaters getroffen. Er hat erbrmlich
geweint und ist nicht von mir geflohen wie andere Kinder. Und als ich ihn frage,
was ihn denn so sehr betrbe, da antwortet er, er htte einen Stein geschleudert
nach seiner Mutter, und so wolle er jetzt sterben.
    Ich entgegne ihm, er mge getrost sein; ich htte auch einmal so einen Stein
geschleudert gegen Menschen, aber nun wre ich in die Wildnis gegangen, da ich
Bue tue und einen besseren Mann aus mir mache. Und ich frage ihn, ob er es auch
so halten wolle. Der Knabe hat mich flehend angeblickt und ja gesagt.
    So habe ich ihn mit mir genommen in das Felsental und in mein Haus. ber ein
Jahr habe ich ihn bei mir behalten, auf da ich ihn an strenge Ordnung hielte
und seine wilden Anflle zu unterdrcken suchte. Tglich haben wir vor dem
Kreuze gemeinsam unsere Andacht verrichtet. Und ich habe dem Knaben die
Geschichte von dem Gekreuzigten erzhlt, habe ihm mit aller Wrme eines
sehnenden Herzens dargestellt die Liebe, Geduld und Sanftmut des Heilandes, und
ich habe gemerkt, wie das Gemt des Knaben davon ergriffen worden ist. Es ist ja
ein herzensguter Junge.
    Wir haben zusammen gearbeitet, haben Waldfrchte, Kruter und Schwmme
gesammelt zu unserer Nahrung. Hirsche und Rehe haben wir nicht geschossen, wie
der Lazarus einmal vorgeschlagen. Sthle und Fumatten flechten wir fr unsere
Felsenwohnung und fr den Branntweiner, der sie an den Mann zu bringen wei.
Viel Brennholz sammeln wir auf vor unserem Eingang. Gehe ich in die Lautergrben
oder in die Winkelwlder hinaus, so bleibt der Knabe willig im Felsenhause und
arbeitet allein. Gerne hat er mir von seiner kleinen Schwester erzhlt, aber nie
ein Wort von seiner Mutter, gleichwohl er im Traume oft genug von ihr gesprochen
hat. Ich habe es ihm angemerkt, wie sehr das Gewissen seiner Tat ihn hat
gepeinigt.
    Auf da der Knabe sich in Geduld und Sanftmut be, habe ich ein Mittel
erfunden, das, wie seltsam und einfltig es auch aussehen mag, doch eine
schtzbare Wirkung in sich trgt. Ich fasse einen Rosenkranz aus grauen
Steinperlen zusammen, und diesen Rosenkranz mu mir der Lazarus allabendlich
abbeten, ehe er zu Bette geht. Aber nicht mit dem Munde abbeten, sondern mit den
Fingern und mit den Augen. Er mu nmlich alle Perlen von der Schnur streifen,
da sie auf den Erdboden hinkollern; und nun ist seine Aufgabe, da er die in
alle Winkel gerollten Kgelein mhsam wieder zusammensuche und auflese. Anfangs
hat er bei dieser mhsamen Arbeit sein Zucken wohl bekommen, aber da er dadurch
dem Geschfte hinderlich statt frderlich ist, so hat er es nach und nach mit
mehr und mehr Fassung verrichtet, trotzdem das Suchen oft stundenlang dauert,
bis er die letzte und allerletzte Perle findet. Und endlich hat er es mit einer
Ruhe und Selbstberwindung getan, die verehrungswrdig ist. - Kind, sage ich
einmal, das ist das schnste Gebet, da du Gott und deiner Mutter zu Liebe tun
kannst, und damit erlsest du deinen Vater. Da blickt mich der Junge mit seinen
groen Augen glckselig an.
    Wir haben nicht gar viel miteinander geredet, aber um so gewichtiger und
berlegter ist jedes gesprochene Wort gewesen. Er scheint mich lieb gehabt zu
haben, er hat jeden Wunsch meiner Augen zu erfllen gesucht. Nach meiner Weisung
hat er mich den Bruder Paulus geheien.
    Wohl, es ist eine gewagte Art gewesen, wie ich den Knaben zu mir gerissen
und geschult habe; aber ich mag hoffen, da er glcklich auf einen besseren Weg
geleitet ist. - O, mein Freund, wie oft habe ich mir gesagt: einem, und wenn
auch nur einem Menschen mut du von allen Seelengaben, die dem Priester zu
Gebote stehen sollen, die Gabe der Selbstbeherrschung eigen machen, dann bist du
erlst.
    Ich habe mich im Laufe des Jahres oft nach der Mutter des Knaben umgesehen;
und so sehr ich mich selbst an den Knaben gewhnt, habe ich doch den Tag
ersehnt, an welchem ich dem armen Weibe das verschollene Kind wieder zurckgeben
kann, wie ein Stck reinen Goldes nach der Luterung.
    Da finden wir eines Abends das Kreuz nicht mehr auf dem Steingrunde. Es war
unser Gottesaltar gewesen und das Zeichen der Entsagung und Selbstbeherrschung.
Und nun starrt uns die moderige Grube an, aus dem es emporgeragt.
    Wer hat mir auch dieses Einzige noch weggenommen? Soll es Kohlen geben oder
eine Herdflamme in der Htte? Ist der weite Wald nicht mehr gro genug, legen
sie die Hand noch an das Kreuz? Was hat es ihnen getan? Oder schnitze einer den
Heiland dazu? Oder hat es ein Kranker, ein Sterbender holen lassen, auf da er
davor bete?
    So habe ich an jenem Tage gefragt und gegrbelt. Und am Abend noch eile ich
durch das steinige Tal und meine, irgendwo msse mein Gotteszeichen liegen. Ich
laufe in den Wald hinab, den Fusteig hin, da sehe ich zwei Mnner, die das
Kreuz auf den Schultern tragen.
    Und nun ist es mir eingefallen, es kommt in die neue Kirche am Steg, die
Wldler stellen es auf den Altar. Sie verehren es, wie ich es verehre; auch sie
wollen Entsagung und Aufopferung lernen; auch sie sind Menschen, die streben und
ringen nach dem Rechten, wie ich. Da ist in mir eine Freude erwacht, die mir
schier das Herz hat zersprengt. Um den Hals fallen htte ich Euch mgen, Euch,
der ganzen Gemeinde. Ich gehre ja zu Euch - ein Pfarrkind.
    Dann sagt er noch: Jetzo ist keine Zeit mehr zum Reden. Ich bin ja auch zu
Ende. Kurze Zeit danach habe ich den Lazarus fortgefhrt aus diesem Felsentale
und hinaus zur neuen Kirche, auf da er vor dem Kreuze bete. Ich habe ihn von
Herzen gesegnet, denn ich habe wohl gewut, da er mir nicht mehr zurckkehren
wird in das Felsenhaus.
    Und allein habe ich weiter gelebt, wohl verlassener als je, und doch
beruhigter, und mein Herz hat sich gehoben, als wollte der Bann anheben zu
schwinden. fter und fter bin ich hinausgegangen zur neuen Kirche, in der mein
Kreuz steht. Und die Menschen haben mich nicht mehr gemieden; Almosen haben sie
mir gereicht, auf da ich beten mge vor Gott ihr Seelenheil. Daraus habe ich
wohl mit Beschmung ersehen, da sie mich fr besser halten, als ich selber.
    Ich bin auch wieder in das Haus des Bartelmei gegangen, in dem sie mehr von
mir wissen, als in den anderen Htten. Des Khlers Mutter, die Kath, ist schon
seit Jahren krank, die bittet mich, da ich um Gottes Erbarmung Willen doch
einmal eine Messe fr sie lese zu einem glcklichen Sterben. Das habe ich dem
alten Weiblein gerne versprochen und die Messe habe ich gelesen, und zwar vor
meinem Kreuze in der Kirche am Steg.
    So weit hat der Mann erzhlt.
    Wir schweigen beide eine gute Weile. Endlich habe ich die Worte gesagt: Wie
sich das schon wunderbar fgt im Lebenslaufe, so ist das vielleicht Euere letzte
Messe in unserer Kirche nicht gewesen.
    Ich habe Euch die schuldige Antwort gegeben, versetzt der Einspanig, was
daraus fr Euch, fr mich erwchst, davon kann heute noch nicht gesprochen
werden.
    Mit diesen Worten hat er sich von dem Holzstamme erhoben. Und wie er nun so
aufgerichtet vor mir steht, da ist er jnger und grer, als er sonst
geschienen. Einen tiefen Atemzug hat er getan, und pltzlich hat er heftig meine
Hnde gefat in die seinen und mit bebender Stimme gerufen: Ich danke Euch, ich
danke Euch!
    Und hierauf ist er hastig davongegangen.
    Er schreitet aufwrts in der Richtung gegen das Felsental. Ich schreite
abwrts in die Lautergrben und gegen Winkelsteg.
    Meine Schuhe stoen oftmals an Gestein und Geflle. Eine nebelfeuchte,
finstere Nacht liegt ber den Wldern.
    So ist mein Mitrauen gegen den Einsiedler glcklich zuschanden geworden.
    Wenn einer auf die Welt verzichtet, sie mag ihm sein, was sie will, und
jahrelang in der Wildnis lebt unter unerhrten Entbehrungen und mit eisernem
Willen die Wnsche seiner Seele bekmpft - dem ist es ernst. - Zu welchem Zwecke
wre er auch in die Wlder gegangen, lange ehvor am Steg noch ein Kirchenstein
gelegen, zu welchem Zwecke htte er sich gemieden gemacht von den Leuten und
seinem Wohlttigkeitsdrang nur im Verborgenen zu gengen gesucht? - Und vor mir
armem Mann hat er die Fasern seines Herzens entwirrt, da ich hineinsehe in sein
Inneres, wie es auch dasteht in der Schuld.
    Oft habe ich mir gedacht, der erste Seelsorger in Winkelsteg darf kein
Gerechter sein, sondern ein Ber. Nicht ein Mann sei es, der nie gefallen,
sondern einer, der aus dem Falle ist aufgestanden. In der Tiefe und Finsternis
der Wldler mu er stehen und sich zurechtfinden knnen, auf da er diesen
Menschen vorauszugehen wei hinan zur lichten Hhe.

                                                                 Im Sommer 1819.

    Das ist sauber! das ist possierlich! das ist schon gar zu lustig, jetzund!
    Ich habe heute den ganzen Tag gelacht und geweint.
    Es wird nur eine scherzhafte Mr sein, aber sie wird allenthalben ernsthaft
erzhlt. Und bei dem, was bislang schon zu hren gewesen, kann es ja mglich
sein.
    Verspielt soll er uns haben, der schlechte Mensch!
    Verspielt, uns samt und sonders, die ganzen Winkelwlder mit Stock und
Stein, mit Mann und Maus und mit dem Andreas Erdmann, verspielt am grnen Tisch
in einer einzigen Nacht. Und verspielt an einen Juden.

                                                             Einige Tage spter.

    Sei es, wie es sei, wir wollen an unserem Tagwerk weiter arbeiten. Ich bin
heute in dem Miesenbachwald gewesen, um die Bume zu besehen, die fr den
Schulhausbau bestimmt sind. Sie mssen im Christmonat gefllt werden; das ist
fr Bauholz die beste Schlagzeit; ber den Sommer knnen sie trocknen und im
nchsten Herbst mu der Bau aufgefhrt werden.
    Als ich an der Schwarzhtte vorbergehe, tritt der Einspanig heraus. Er hat
den Lazarus besuchen wollen; der Knabe ist aber nicht daheim, der ist jetzt
Ziegenhirt bei den Holzern im Vorderwinkel. Adelheid soll den Einspanig anfangs
bittere Vorwrfe gemacht haben; hierauf aber habe sie ihr Gesicht in die Schrze
verborgen und schluchzend ausgerufen: Ich wei es wohl, Ihr habt Euch das
Himmelreich verdient mit meinem Kinde!
    Ich und der Einspanig sind mitsammen gegen Winkelsteg gegangen. Leute, die
uns begegnen, lachen sich die Hlse dick ber die Geschichte, da wir verspielt
seien. Der alte Rpel sagt, er schneide dem Moisi zu Ehr' seinen Bart nicht
mehr.
    Ja, Ja, sage ich zu meinem Begleiter, so sind wir jetzund jdisch, und in
unseren neuen Tempel kriegen wir einen polnischen Rabbi herein. So suberlich
hat uns der junge Herr Judas Schrankenheim verraten.
    Da bleibt der Einspanig stehen und starrt mich an. Vom Fu bis zum Kopf und
wieder vom Kopf bis zum Fu starrt er mich an und sagt endlich: Ihr seid mir
sonst nicht dumm vorgekommen, Erdmann. Und da wir wieder einige Schritte
gegangen sind, versetzt er: Ein ordentlicher Mensch sollte so alberne Dinge
nicht glauben. Wie kann uns denn der junge Herr Schrankenheim verspielt haben?
Mit dem besten Willen nicht. Er ist nicht Herr ber die Gter seines Vaters und
noch gar nicht grojhrig.
    Da glotz' ich einmal drein.
    Eine Bergeslast ist mir vom Herzen gefallen; aber im zweiten Augenblick bin
ich wieder erschrocken. Ich hab' ja noch gestern vor aller Leute Ohren den
jungen Herrn einen schlechten Menschen geheien.
    Das wird mich noch in der Ewigkeit martern. Aber, wenn ich ein Ehrenmann
bin, dann mach' ich's gut. Ein lockerer Vogel mag er ja sein; doch redlich und
hochherzig bist du, Hermann, und das mssen die Leute wissen. An drei Sonntagen
nacheinander verknde ich es von der Kanzel: unser junger, zuknftiger Herr,
Hermann von Schrankenheim, ist redlich und brav. Gott erhalte ihn! - Und das
Schmachwort bitte ich dir ab bis zu meinem Tode.
    Der Einspanig ist bei mir eingekehrt. Eines meiner Stubenfenster geht gegen
die Kirche und den Pfarrhof hinber. An demselben sitzen wir und verfallen in
ein Gesprch, das zwei Stunden lang dauert.
    Wir knnen jetzt, wenn schn Wetter, die Zeit schon nach Stunden messen; der
Franz Ehrenwald hat an die Mittagsseite des Turmes eine Sonnenuhr gemalt.
    Als der Einspanig fort ist, schreit die Haushlterin: Wie nrrisch, jetzt
hat uns der Kuckuck den auch wiederum ins Haus getragen.
    Der Kuckuck? entgegne ich bermtig, ja wohl, dieser Mann ist selber wie
der Kuckuck, hat kein Nest, mu ruhelos von einem Baum zum andern flattern, ist
berall gemieden und nirgends daheim. Aber im Lenz hren wir ihn doch gern, denn
er bringt uns ja das Frhjahr, und er ist ein Wahrsager und zhlt uns die
Lebensjahre vor.
    Ja, schreit das Weib, und fabelt uns himmelblau an, wie mich damalen; und
ist ihm die Welt leicht nicht mit Brettern verschlagen, so ist es sicherlich
sein Kopf. Geht mir weg mit Eurem Einspanig!
    Wenn die gute Winkelhterin wte, was ich in einer Stunde darauf dem
Freiherrn fr einen Brief geschrieben habe!

                                                                    Im Mai 1820.

    Hier im Walde ist Tag und Nacht, ist Winter und Sommer, ist Friede und Not,
ist Sorge und zuweilen ein wenig Behagen im Ausruhen von der Arbeit. So schleppt
es sich fort. Der Wagen der Zeit hat bei uns das vierte Rad verloren, da geht es
zuweilen schief und unschn, aber es geht.
    Drauen, sagt man, wollen sie wieder die Welt umkehren. Von Krieg wird
gesprochen. Um uns Winkelsteger kmmert sich kein Mensch mehr. Aber ich erlebe
eine Freude. Mehrere junge Winkelsteger wollen sich freiwillig anwerben lassen
zu den Soldaten. Das ist ein Anzeichen ihres erwachten Bewutseins, da sie ein
Vaterland und eine Heimat haben, die sie verteidigen mssen. - Es ist eine
erste, schne Frucht der jungen Gemeinde.
    Das Wldermorden ist fr eine Zeit eingestellt; drauen sind die Hmmer
geschlossen. Viele heben jetzt an, die Geschlge zu roden und daraus cker zu
machen. Aus Holzschlgern und Kohlenbrenner werden Ackersleute. Das ist gut; der
Holzschlger vernichtet, aber der Bauer richtet auf.
    Von der Herrschaft ist auf mein Drngen ein Schreiben gekommen. Anders, als
ich vermeint. Jetzt sei nicht die Zeit fr Kirchen- und Pfarrergeschichten; wir
sollten uns behelfen.
    Das ist ein sehr weiser Rat. Aber die Leute wollen nicht mehr in die Kirche
gehen. Wenn es keine Mess' und keine Predigt gibt, sagen sie, still beten
kann eins auch unter dem grnen Baum. Sie stellen sich aber nicht unter den
grnen Baum, sondern in die Branntweinschenke.
    Die Herde zerstreut sich wieder, wenn kein Hirte ist.
    Der Frster ist auch davon, da er in anderen Gegenden zu walten hat. So bin
ich allein mit meinen Winkelstegern, wie Moses mit den Israeliten allein ist
gewesen in der Wste.
    Die Gebote sind verkndet, aber die Leute bauen wieder an dem goldenen Kalb.
Und Manna fllt nicht mehr vom Himmel.

                                                                 Pfingsten 1820.

    Heute ist der Einsiedler aus dem Felsentale in unserer Kirche vor dem Altare
gestanden, hat die Messe gelesen.
    Das Kirchengerte haben wir aus Holdenschlag, wie es dort in der Pfarrkammer
gelegen und nicht mehr bentzt worden ist. In das Mekleid haben die Muse
Lcher gefressen, aber die Spinnen haben diese Lcher wieder zugewoben.
    Ich habe die Orgel gespielt. Die Kirche ist just so gro, da man es vom
Chor aus noch sehen kann, wenn dem Priester am Altare Tropfen im Auge stehen.
    Die Leute haben wenig gebetet und viel geflstert. - Dieser Einspanig, das
ist zuletzt ja der zweite heilige Hieronymus.
    Und der Waldsnger hat mir nach dem Gottesdienst die Worte gesagt: Habt Ihr
den ewigen Juden gesehen? Er hat in den Leidenstagen fr den Heiland das Kreuz
getragen heut' hinauf nach Golgatha. Er ist erlst, hosianna!
    Ich habe dem Einsiedler diese Worte mitgeteilt und beigesetzt: Lat Euch
die Rede freuen; der Mann ist voll des heiligen Geistes!

                                                    Am Feste Allerheiligen 1820.

    In Welschland haben sie Hndel. Ansonsten ist es blinder Lrm gewesen und
unsere Vaterlandsverteidiger sind wieder zurckgekommen. Es geht in das alte
Geleise und wir stecken dem Wagen der Zeit das vierte Rad wieder an.
    Ich habe die Leute veranlat, da sie unter sich ein Oberhaupt whlen, auf
da jemand sei, der Verordnungen erteile, Streitigkeiten schlichte und die
Gemeinde zusammenhalte.
    Sie haben den Martin Grassteiger gewhlt und nennen ihn nun den Richter.
    Und bei derselben Versammlung hat der neue Richter den von dem Waldherrn
anerkannten, zuknftigen Schullehrer der Gemeinde Winkelsteg vorgestellt.
    Dieser Schullehrer bin denn ich. Die Leute sagen, das htten sie lngst
schon gewut, da ich der Schulmeister sei. Der Grassteiger sagt, es msse alles
auch Form Rechtens geschehen.

    Wenige Tage nach dem obigen lt der Richter durch mich die Pfarrerwahl
ausschreiben. Darber lacht alles. - Sollen wir aus den Pechhackern und
Kohlenbrennern einen whlen? 's wird aber keiner taugen. Studiert ist fr uns
Winkler gleich einer genug, aber so nrrische Gewohnheiten haben unsere Mnner,
keine Huserin mgen sie nit leiden.
    So machen sie ihre Spe, wissen aber recht gut, auf wen es abgesehen ist.
    Und sie haben ihn auch gewhlt.
    Wir sollen uns selber behelfen, hat der Waldherr gesagt; so haben wir uns
selber beholfen.
    Der Einsiedler aus dem Felsentale ist Pfarrer von Winkelsteg.

                                                                   Martini 1820.

    Die Ru-Kath ist gestorben.
    Sie ist neunzig Jahre alt geworden. Ihr letzter Wille ist, da man ihrer
Leiche feste, ngelbeschlagene Schuhe anziehe; sie wrde den Weg aus der
Ewigkeit oftmals zurckmachen mssen auf die Erde, um zu sehen, wie es ihren
Kindern und Kindeskindern fortan gehe.
    Die Ru-Kath ist die erste, die sie in die Walderde unseres neuen Friedhofes
hinabtun werden.

    Auf zwei Stangen haben sie zwei Mnner herbergetragen aus den Lautergrben.
Der weie, noch harzduftende Tannenbrettersarg ist mit Erlstrauchbndern auf der
Bahre befestigt gewesen. Der Ru-Bartelmei und sein Schwestermann Paul Holzer
mit einem Knblein sind hinter den Trgern dreingegangen. Sie haben laut gebetet
und stets auf die Wurzeln der Bume geblickt, ber die sie geschritten. Auch die
Trger haben sehr behutsam gehen mssen, denn der Boden mit dem Sptherbstreif
ist jetzt gar schlpfrig.
    Vor Jahren soll es gewesen sein. Da haben sie von den Almen einen Hirten
herabgetragen, um ihn drauen auf dem Holdenschlager Kirchhof zur Ruhe zu
bringen. Wie sie sich da oben an den schmalen Steigen der Miesenbachwnde
herauswinden, strauchelt einer der Trger und und der Sarg rollt ber den Hang
und strzt in den Abgrund, so da nicht ein Splitterchen davon mehr gesehen
worden ist.
    Das soll den Leuten sehr arg gewesen sein, und der Totengrber zu
Holdenschlag hat doch bezahlt werden mssen.
    Wir Winkelsteger haben keinen Totengrber. Wir knnen ihn nicht ernhren.
Wenn doch einmal einer stirbt, so tut er's nicht eher, als bis sein letzter
Groschen vertan ist. So mssen eben ein paar Holzerburschen her und die Grube
ausschaufeln. Sie verlangen nichts dafr, sie sind froh, wenn sie aus der Grube
frisch und gesund wieder hervorkriechen mgen.
    Whrend der Totenmesse ist der Sarg ganz allein vor der Kirche auf der
harten Erde gestanden. Da kommt ein Vglein geflogen, hpft auf den Sargdeckel
und pickt und pickt, und flattert wieder davon.
    Der Rpel hat es gesehen; und das sei, habe es ihn nicht betrogen, der Vogel
gewesen, der alle tausend Jahr' einmal in den Wald kommt geflogen.
    Nach der Messe haben wir die Ru-Kath hinaufgetragen zum bereiteten Grab.
Die Angehrigen blicken starr in die Grube.
    Nach der Einsegnung hat der Pfarrer eine kurze Rede gehalten. Ich habe mir
nur davon gemerkt, da wir durch den Tod der Unsern an Gleichmut gewinnen fr
die Widerwrtigkeiten dieses Lebens, und einen ruhigen, ja vielleicht freudigen
Hinblick auf unser eigenes Sterben. Jede Stunde sei ja ein Schritt dem
Wiedersehen zu; und bis uns jene Pforte der Vereinigung wird aufgetan, leben
unsere Heimgegangenen fort im heiligen Frieden unseres Herzens.
    Er kann's auslegen. Wie es unsereins wohl auch empfindet, aber man wei die
Worte nicht dazu. Er hat die Sach' nicht verlernt, und ist er gleich jahrelang
oben im Felsental gewesen.
    Jetzt ist noch ein anderer gekommen. Der Rpel schiebt sich sachte vor, da
machen ihm die Leute Platz: Schauen, was der Rpel heut' wei!
    Und als der Waldsnger auf dem Erdhgel steht und den Spatenstiel als Stock
in der Hand hlt, da er auf dem lockeren Grund nicht strauchelt, und als er
einen Blick hinabtut auf den Schrein, da hebt er an zu reden, wie hier
aufgeschrieben:
    Geboren ist sie worden vor neunzig Jahren. Ihr Lebtag ist sie mit keinem
Rlein gefahren. Mit ihren Fen ist sie gegangen talab und bergauf ihren
ganzen mhseligen Lebenslauf. Sie ist beigesprungen den Leuten in Kummer und
Nten, und dabei hat sie hundert Paar Schuh' zertreten. Und andere hundert Paar
Schuh' tt sie wagen, um ihren Kindern das Brot auf den Tisch zu tragen. Und
weitere hundert Paar Schuh' sind zerrissen auf Schmerzenswegen, die sie hat
wandeln mssen. Fr Tanz und sonstige Lustbarkeiten frwahr, tt' sie brauchen
nicht ein einziges Paar. Dann hat sie angezogen die letzten Schuh' und ist
fortgegangen in die ewige Ruh'. Die heiligen Engel taten ihre Seele fhren wohl
durch das Fegefeuer bis zu den himmlischen Tren. Und unter der Erde tut ruhen
der arme Leib in seiner hlzernen Truhen. - Schlaf' wohl, Kathrin, in deiner
neuen Wiegen, wir werden bald an deiner Seiten liegen; bis der Herr uns tut
wecken zu seinen heiligen Scharen, auf da wir mit Leib und Seel' in den Himmel
mgen fahren!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Der Rpel wre der Pfarrer fr die Winkelsteger! hat nun der Mann gesagt,
den sie den Einspanig geheien.
    Ja, wenn er nicht unter ihnen aufgewachsen wre!
    Als wir, der Pfarrer und ich, mit der Schaufel einige Erdschollen auf den
Sarg geworfen, tritt der Ru-Bartelmei ganz betrbt zu uns und frgt, was uns
seine Mutter denn getan habe, da wir ihr noch in das Grab die Kltze
nachschleuderten? Da haben wir es ihm dargelegt, da das einen letzten
Liebesdienst bedeute, und da Erde die einzige Gabe sei, die man einem Toten zu
Lieb' knne reichen.
    Darauf hebt der Bartelmei an und schaufelt Erde hinab, bis man keine Ecke
mehr sieht von dem weien Schrein und die Leute ihm die Schaufel aus der Hand
nehmen, auf da sie die Grube schlieen.
    Nach dem Begrbnisse sind sie in das Wirtshaus des Grassteigers gegangen und
haben sich mit Branntwein erfrischt ... so wie auch die Alten ihren Toten haben
nachgetrunken.
    Gott zhlt seine Leute auch in Winkelsteg und da darf ihm keines fehlen.
    Kaum ist auf dem Friedhofe das Grblein zugemacht, wird in der Kirche das
Taufbecken aufgetan. Der erste Tote und der erste Tufling an einem Tage - aus
einer Familie.
    Auf demselben Waldweg, den heran vor ein paar Stunden der Sarg ist
geschwankt, haben zwei Weiber ein neugebornes Kind herbergetragen aus den
Lautergrben.
    Das Kind ist eine Enkelin der Ru-Kath und gehrt der Anna Maria.
    Es klopft an die Kirchentr, tt' bitten um die Taufe und heien mcht' es
gern: Katharina.
    Wir haben alle Heiligen des Himmels zur Auswahl und der Name der Gromutter
wird ihm nicht versagt sein.

                      Die Schriften des Waldschulmeisters



                                 (Dritter Teil)

                                                 Im Jahre 1830. Zur Winterszeit.

Die sechzehn Jahre her, seit ich in den Winkelwldern bin, wei ich keinen
solchen Schnee, als in diesem Jahre. Schon seit Tagen kommt mir kein Einziges
mehr in die Schule. Die Fenster meiner Stube sehen aus wie Schiescharten. Wenn
es noch ein wenig so fortgeht, so sind wir allmiteinander verschneit. Zweimal
des Tages wird von mir bis zum Pfarrhofe ein Pfad ausgeschaufelt, der an der Tr
des Grassteigerhauses vorbergeht.
    In dem Grassteigerhause haben wir, der Pfarrer und ich, unser
gemeinschaftliches Mittagsmahl. Das Frhstck bereitet sich jeder in seiner
Wohnung. Am Abende kommen wir stets zusammen, entweder im Pfarrhofe oder bei mir
im Schulhause.
    Wie es nur denen in den Grben und Karwssern gehen wird! Da drben ist ein
Schneegestber noch viel wster, als im Winkel. Es liegen um diese Zeit in den
Husern viele kranke Leute, und es werden sich keine Wege machen und erhalten
lassen, da sie einander beispringen knnten. Und ber die Lauterhhe zu kommen,
ist schon gar eine Unmglichkeit. Die Markstangen, die an den Steigen stecken,
gehen kaum mehr aus dem Schnee hervor, die Lasten auf den Bumen reien die ste
ab und brechen die Stmme. Des Schneiens ist kein Ende. Keine Flocken fallen
mehr, es ist ein schweres, undurchsichtiges Staubwirbeln. Und die Hauben der
Geste und Pfhle, und die Dachgiebel bauen sich hher von Minute zu Minute.
    Wenn ein Wind kommt, so rettet das vielleicht den Wald, kann aber zu unserem
Verderben sein. Eine Stunde Sturm ber die lockeren Schneelehnen her, und wir
sind eingedeckt.
    Der Pfarrer hat alle Waldarbeiter, denen nur beizukommen ist, gedungen, da
sie Pfade herstellen in die Lautergrben, Karwsser, und daselbst von einer
Htte zur andern. Einmal sind sie richtig hinbergekommen, aber die Rckkehr ist
doch wieder die neue Mhe. Die verschneiten Leute drben werden doch vorgesorgt
sein; sie haben ihre Welt ja in ihren Htten.
    In einer Klause des Karwasserschlages soll wohl schon seit fnf Tagen die
Leiche eines alten Mannes liegen.
    Der Pfarrer hat sich heute Schneeleitern an die Fe gebunden, um bei den
Kranken Besuche zu machen. Aber der Schnee ist zu locker, der Mann hat wieder
umkehren mssen. Nun macht er Pakete zusammen, sie sind aus der Speisekammer
unseres Wirtes und sollen durch krftige Holzhauer in die Lautergrben zu den
Kranken getragen werden.
    Das sind kurze Tage und doch so lang. Ich habe meine Zither, habe die neue
Geige, die mir der Pfarrer zu meinem jngstvergangenen Namenstage hat bringen
lassen, ich habe andere Dinge, die mir sonsten Zerstreuung geboten haben. Aber
jetzt mutet mich nichts an. Stundenlang gehe ich in der Stube auf und ab und
denke nach, was dieser Winter noch fr Folgen haben kann. Es gibt Htten genug
in den Grben, wo die Leute mit ihren Schaufeln nicht gewesen sind. Wir wissen
nicht, wie es in denselben aussieht.
    Auf da ich mich von der drckenden Tatlosigkeit erlse, habe ich heute die
Lade unter der Ofenbank aufgemacht und meine alten Tagebuchbltter
herausgenommen, um nachzuschlagen, was die Gemeinde seit ihrem Bestehen fr
Schicksale gehabt.
    Da sehe ich, es ist seit zehn Jahren nichts mehr geschrieben worden. - Zwei
Dinge mgen die Ursache gewesen sein, da ich die Aufzeichnungen unterbrochen
habe. Erstens ist das Bedrfnis nicht mehr in mir gewesen, meine Gedanken und
meine Empfindungen aufzuschreiben, da ich an unserem Pfarrer einen Freund
gefunden habe, dem ich mich unverhohlen mitteilen kann, wie er sich mir
mitteilt, und mir seine seltsame Lebensgeschichte dargelegt, ehe er mich noch
gekannt hat. Das ist einer der wenigen, die durch Drangsale gelutert edel und
rein aus den Wirren und Irren der Welt hervorgehen. Die Wldler lieben ihn von
Herzen; er leitet sie nicht durch Worte blo, sondern mehr durch seine Taten.
Seine Sonntagspredigten erhrtet er an den Wochentagen durch Beispiele. Er
opfert sich auf, er ist den Leuten alles. Seine Haare sind nicht mehr schwarz,
wie vormaleinst im Felsentale, sein Gesicht ist ernst und immer gtig. Die
Betrbten blicken ihm in die Augen und empfinden Trost.
    Gerne erzhlt er, wenn wir auf der Bank oder um den Tisch beisammensitzen,
von der weiten, schnen Welt, von fremden, merkwrdigen Lndern, von den Wundern
der Natur. Pfeifenfeuer gehen dabei aus, denn alles hrt ihm zu mit Ohren und
Mund. Nur die alte Frau aus dem Winkelhterhause erklrt des Pfarrers
Erzhlungen fr vorwitzige Fabeleien; ein ordentlicher Priester, meint sie,
msse hbsch von Himmel und Fegfeuer reden, und nicht allweg von der Erden. Sie
horcht aber zu und es gefllt ihr doch.
    Vor mehreren Jahren hat die kirchliche Behrde unsere Pfarrerfrage einmal
aufgetischt, hat unsern Vater Paul nicht anerkennen wollen, sondern einen neuen
hereinzustellen Miene gemacht. Hei! da haben die Winkelsteger zu toben
angefangen und die Sache ist beim alten belassen worden. Dagegen aber wird
Winkelsteg drauen nicht als Gemeinde und Seelsorge anerkannt, sondern als eine
Niederlassung von Halbwilden und verkommenen Menschen, wie sie das frher
gewesen.
    Mir hat das anfangs sehr wehe getan, wir htten uns so gerne der
Allgemeinsame angeschlossen, aber da sie uns zurckdrngen, so sage ich schier
am liebsten: um so besser, so lassen sie uns frder in Ruh und wir knnen
ungefhrdet und unbeschrnkt - wie sie es drauen nicht knnen, noch wollen -
dem Ziele einer Mustergemeinde zustreben.
    Die zweite Ursache der Vernachlssigung meines Tagebuches ist die viele und
mannigfaltige Arbeit, die mein Beruf mir auferlegt.
    Anfangs ist es der Bau des Schulhauses gewesen, der mir keine Ruhe gelassen.
Es ist denn alles hergestellt worden, wie ich es fr die wichtige Sache am
zweckmigsten halte.
    Das Haus ist von Meister Ehrenwald aus Holz aufgefhrt. Das Holz regelt
Wrmezustand besser, als der Stein, auch zerstreut es mehr die Dnste und gibt
frische Luft. Dann ist mir darum zu tun gewesen, den Leuten einen zweckmigen
und geschmackvollen Holzbau als Muster aufzustellen. Es ist zu meiner Freude die
leichte, zierliche und doch haltfeste Art meines Schulhauses und seine bequeme
Einteilung und Einrichtung schon vielfach nachgeahmt worden. Meine Fenster,
Tren, Maurer- und Schlosserarbeiten werden bereits von der ganzen Umgebung als
mustergltig betrachtet.
    Um das Haus ist ein Garten und ein gerumiger Spielplatz mit Werkzeugen fr
krperliche bungen angelegt. Das Haus ist zum Schutze gegen die Unbill der
Witterung ringsum mit einem breiten Vordache versehen, aber so, da es dem
Lichte des Innern nicht Eintrag tut. In der Schulstube ist vor allem auf die
Gesundheit der Kinder Rcksicht genommen worden. Die Bnke stehen nicht zu dicht
aneinander und die Tischlden sind hoch, damit sich die Schler das gebckte
Sitzen nicht angewhnen. Bei dem Lesen lasse ich den Schler aufstehen, damit er
das Buch von den Augen in entsprechender Entfernung halten kann. Die Fenster
sind so verteilt, da das Licht den Lernenden von der linken Seite oder von
rckwrts kommt. Zum Ablegen der berkleider ist ein Vorkmmerchen eingerichtet,
auf da bei schlechtem Wetter uns die Ausdnstung nicht schdlich werde. Den
Wrmegrad der Stube suche ich immer mit jenem von drauen in einem gewissen
Verhltnisse zu halten, damit die Ein-und Austretenden nicht ein zu jher
Wechsel treffe.
    Was meine Wohnung im Schulhause anbelangt, so ist sie nicht gro, aber sehr
traulich. Und tausendmal traulicher noch macht sie mir jene Winterfahrt durch
Ruland, der ich zuweilen wie eines wilden Traumes gedenke. - Wohl, ich bin seit
jenem Traume um viele Jahre jnger geworden; wie mich die Strme der Welt zu
Boden geschlagen, so habe ich mich aufgerichtet an der Ursprnglichkeit des
Waldes.
    Ein weit schwereres Amt als die Schulangelegenheiten und eine weit grere
Pflicht ist mir die berwachung der geistigen Gesundheit der mir Anvertrauten.
Klugheit und fr ihren eigenen Vorteil zu denken und zu handeln, lernen sie
leicht; aber sich dem Ganzen anzupassen, da ihr Dasein mit jenem der
Mitmenschen und jenem der Auenwelt im allgemeinen stimme, das findet sich viel
schwerer. Es ist einmal so. Das erste und allererste Lebenszeichen, welches in
dem jungen Menschenkinde die aufkeimende Seele von sich gibt, ist die
Offenbarung der Selbstliebe. Ob Menschenliebe daraus wird oder Selbstsucht, das
entscheidet die Anlage und die Erziehung. Wer Kinder zu starken und rechten
Menschen machen will, der pflege in ihnen die harmlosen Freuden, den Mut, das
Gerechtigkeitsgefhl und die Wahrheitsliebe. - Mehr braucht es nicht, mchte ich
fast sagen.




                              Waldlinie im Schnee


                                                                 Im Winter 1830.

Uns ist ein Stein vom Herzen. Das Unwetter hat sich gelegt. Ein ganz leichter
Wind ist gekommen, hat die Bume sachte von ihren Lasten erlst. Ein paar
mildwarme Tage sind gewesen, da hat sich der Schnee gesetzt und man kann mit
Fuleitern gehen, wohin man will.
    Es hat sich in dieser Zeit aber doch etwas zugetragen drben in den
Karwssern. Der Berthold, dessen Familie von Jahr zu Jahr wchst und von Jahr zu
Jahr weniger zu essen hat, ist ein Wilderer geworden. Der Holdenschlager
versteht es besser, als unsereiner, der ein weichmtiger Spiegelfechter ist sein
Lebtag lang. Arme Leute drfen nicht heiraten, sagt der Holdenschlager. Nun,
nach Sitte und Brauch haben sie nicht geheiratet, aber vor mir sind sie gekniet
im Walde ... und - jetzt hungern sie allmiteinander.
    Meinetwegen? Nein, nein, mein Segen bedeutet ja nichts. O Herrgott, dein ist
die Macht und mich lasse nicht noch einmal versinken in Schuld!
    Ist also ein Wilderer geworden, der Berthold. Das Holzen wirft viel zu wenig
ab fr eine Stube voll von Kindern. Ich schicke ihm an Lebensmitteln, was ich
vermag; aber das gengt nicht. Fr das kranke Weib eine krftige Suppe, fr die
Kinder ein Stck Fleisch will er haben und schiet die Rehe nieder, die ihm des
Weges kommen. Dazu tut die Leidenschaft das ihre, und so ist der Berthold, der
vormaleinst als Hirt ein so guter, lustiger Bursch gewesen, durch Armut, Trotz
und Liebe zu den Seinigen, und durch Torheit anderer recht sauber zum Verbrecher
herangewachsen.
    Einmal schon bin ich bittend vor dem Frster gelegen, da er es dem armen
Familienvater um Gottes willen ein wenig, nur ein klein wenig nachsehen mge, er
werde sich gewi bessern und ich wolle mich fr ihn zum Pfande stellen. Bis zu
diesen Tagen hat er sich nicht gebessert; aber das Geschehnis dieser wilden
Wintertage hat ihn laut weinen gemacht, denn seine Waldlilie liebt er ber
alles.
    Ein trber Winterabend ist es gewesen. Die Fenster sind mit Moos vermauert;
drauen fallen frische Flocken auf alten Schnee. Berthold wartet bei den Kindern
und bei der kranken Aga nur noch, bis das lteste Mdchen, die Lili, mit der
Milch heimkehrt, die sie bei einem nachbarlichen Klausner im Hinterkar erbetteln
mu. Denn die Ziegen im Hause sind geschlachtet und verzehrt; und kommt die Lili
nur erst zurck, so will der Berthold mit dem Stutzen in den Wald hinauf. Bei
solchem Wetter sind die Rehe nicht weit zu suchen.
    Aber es wird dunkel und die Lili kehrt nicht zurck. Der Schneefall wird
dichter und schwerer, die Nacht bricht herein und Lili kommt nicht. Die Kinder
schreien schon nach der Milch, den Vater verlangt schon nach dem Wild; die
Mutter richtet sich auf in ihrem Bette. Lili! ruft sie, Kind, wo trottest
denn herum im stockfinsteren Wald? Geh' heim!
    Wie kann die schwache Stimme der Kranken durch den wsten Schneesturm das
Ohr der Irrenden erreichen?
    Je finsterer und strmischer die Nacht wird, je tiefer sinkt in Berthold der
Hang zum Wildern und desto hher steigt die Angst um seine Waldlilie. Es ist ein
schwaches, zwlfjhriges Mdchen, es kennt zwar die Waldsteige und Abgrnde,
aber die Steige verdeckt der Schnee, den Abgrund die Finsternis.
    Endlich verlt der Mann das Haus, um sein Kind zu suchen. Stundenlang irrt
und ruft er in der sturmbewegten Wildnis; der Wind blst ihm Augen und Mund voll
Schnee; seine ganze Kraft mu er anstrengen, um wieder zurck zur Htte gelangen
zu knnen.
    Und nun vergehen zwei Tage; der Schneefall hlt an, die Htte des Berthold
wird fast verschneit. Sie trsten sich berlaut, die Lili werde wohl bei dem
Klausner sein. Diese Hoffnung wird zunichte am dritten Tag, als der Berthold
nach einem stundenlangen Ringen im verschneiten Gelnde die Klause vermag zu
erreichen.
    Lili sei vor drei Tagen wohl bei dem Klausner gewesen und habe sich dann
beizeiten mit dem Milchtopf auf den Heimweg gemacht.
    So liegt meine Waldlilie im Schnee begraben, sagt der Berthold. Dann geht
er zu anderen Holzern und bittet, wie diesen Mann kein Mensch noch so hat bitten
gesehen, da man komme und ihm das tote Kind suchen helfe.
    Am Abende desselben Tages haben sie die Waldlilie gefunden.
    Abseits in einer Waldschluch, im finsteren, wildverflochtenen Dickichte
junger Fichten und Gezirme, durch das keine Schneeflocke vermag zu dringen, und
ber dem die Schneelasten sich wlben und stauen, da das junge Gestmme
darunter chzt, in diesem Dickichte, auf den drren Fichtennadeln des Bodens,
inmitten einer Rehfamilie von sechs Kpfen ist die liebliche, blasse Waldlilie
gesessen.
    Es ist ein sehr wunderbares Ereignis. Das Kind hat sich auf dem Rckweg in
die Waldschlucht verirrt, und da es die Schneemassen nicht mehr hat berwinden
knnen, sich zur Rast unter das trockene Dickicht verkrochen. Und da ist es
nicht lange allein geblieben. Kaum ihm die Augen anheben zu sinken, kommt ein
Rudel von Rehen an ihm zusammen, alte und junge; und sie schnuppern an dem
Mdchen und sie blicken es mit milden Augen vllig verstndig und mitleidig an,
und sie frchten sich gar nicht vor diesem Menschenwesen, und sie bleiben und
lassen sich nieder und benagen die Bumchen und belecken einander, und sind ganz
zahm; das Dickicht ist ihr Winterdaheim.
    Am andern Tage hat der Schnee alles eingehllt. Waldlilie sitzt in der
Finsternis, die nur durch einen Dmmerschein gemildert ist, und sie labt sich an
der Milch, die sie den Ihren hat bringen wollen, und sie schmiegt sich an die
guten Tiere, auf da sie im Froste nicht erstarre.
    So vergehen die bsen Stunden des Verlorenseins. Und da sich die Waldlilie
schon hingelegt zum Sterben und in ihrer Einfalt die Tiere hat gebeten, da sie
getreulich bei ihr bleiben mchten bis es aus ist; da fangen die Rehe jhlings
ganz seltsam zu schnuppern an und heben ihre Kpfe und spitzen die Ohren und in
wilden Stzen durchbrechen sie das Dickicht und mit gellendem Pfeifen stieben
sie davon.
    Jetzt arbeiten sich die Mnner durch Schnee und Gestruche herein und sehen
mit lautem Jubel das Mdchen, und der alte Rpel ist auch dabei und ruft: Hab'
ich nicht gesagt, kommt mit herein zu sehen, vielleicht ist sie bei den Rehen!
    So hat es sich zugetragen; und wie der Berthold gehrt, die Tiere des Waldes
htten sein Kind gerettet, da es nicht erfroren, da schreit er wie nrrisch:
Nimmermehr! mein Lebtag nimmermehr! Und seinen Kugelstutzen, mit dem er seit
manchem Jahre Tiere des Waldes gettet, hat er an einem Stein zerschmettert.
    Ich habe es selber gesehen, denn ich und der Pfarrer sind in den Karwssern
gewesen, um die Waldlilie suchen zu helfen.
    Diese Waldlilie ist schier mild und wei wie Schnee und hat die Augen des
Rehes in ihrem Haupte.

                                                                 Im Winter 1830.

    Von dem Sohne unseres Herrn wollen die Gerchte nicht schweigen. Wenn es
auch nur zur Hlfte wahr ist, was von ihm gesagt wird, so ist das ein toller
Mensch. So fhrt kein Vernnftiger drein.
    Ich will mir's doch anmerken und demnchst seinem Vater schreiben. Hermann
mge einmal in unseren Wald hereinkommen und sehen, wie es allhier aussieht und
wie arme Leute leben.
    Solche Gebirgsreisen knnen auch von Nutzen sein.

                                                                    Winterszeit.

    Der Lazarus Schwarzhtter sieht des Grassteigers Tchterlein Juliana gern.
Das Tchterlein mag auch den Burschen leiden; so gucken sie zusammen. Jetzt hat
aber der Pfarrer das Zusammengucken so junger Leute verboten. Gut, er hat das
Recht zu predigen; sie gucken zusammen und vermeinen dazu auch ein Recht zu
haben, ein Recht, von dem der Lazarus erklrt hat, da sie nimmer davon lassen
wollen.
    Wohlan, denkt sich der Pfarrer, vor dem Altar gebe ich dem Lazarus, was ich
selber nicht habe.

                                                               Weihnachten 1830.

    In der heiligen Christnacht sind die Leute schon wieder von allen Seiten
herbeigekommen. Die von den Spanlunten abgefallenen Glhkohlen sind lustig
hingeglitten ber die Schneekruste wie Sternschnuppen.
    Viele Wldler sind in ihrem Begehr nach der mitternchtigen Feier ein gut
Stck zu frh dran. Da die Kirche noch nicht aufgesperrt und im Freien es kalt
ist, so kommen sie zu mir in das Schulhaus. Ich schlage Licht, und da ist bald
die ganze Schulstube voll Menschen. Die Weiber haben weie, bandartig
zusammengelegte Tcher um das Kinn und ber die Ohren hinaufgebunden. Sie
huschen recht um den Ofen herum und blasen in die Finger, um das Frostwehen zu
verblasen.
    Die Mnner halten sich fest in ihren Lodengewndern verwahrt. Sie behalten
die Hte auf den Kpfen, sitzen auf den Tischbrettern der Schulbnke und besehen
mit wichtigtuender Bedchtigkeit die Lehrgegenstnde, welche die Jngeren den
lteren erklren. Einige gehen auch ber den Boden auf und ab und schlagen bei
jedem Schritte die gefrornen Schuhe aneinander, da es klappert. Fast alle
rauchen aus ihren Pfeifen. Der Urwald ist auszurotten, aber das Tabakrauchen
nimmer.
    Ich kleide mich rasch an; ich soll in der Kirche doch der erste sein.
    Jhlings klopft es sehr stark an der Tr. Die Waldleute klopfen nicht, wer
ist es also? Eine weie Schafwollenhaube guckt herein, und unter der Haube
steckt ein alter Runzelkopf mit weien Lockenstrhnen. Alsogleich erkenne ich
den Waldsnger. Heute trgt er einen gar langen Rock, der bis zu den Waden
hinabgeht und mit Messinghkelchen zugeknpft ist. Darber hngt ein Schnappsack
und eine Seitenpfeife, und auf einen Hirtenstab sttzt sich der Alte und seinen
braunen, weltumfassenden Hut hlt er in seinen Hnden. Dieser Hut ist seine
Htte und sein Heim und seine ganze Welt. Ein guter Hut, denkt er, ist das beste
im Weltgetmmel, und der Erde Hut nennen sie den Himmel.
    Was hocket ihr denn da, ihr Brenhuter! ruft der Rpel laut und lustig,
drauen scheint schon lang' die Sonnen! - Gelobt sei der Herr, und ich bring'
auch die wundersame Mr, die sich heut' zugetragen hat drunten in der
Bethlehemstadt. Hrt ihr keine Schalmei und kein Freudengeschrei? So luget zum
Fenster hinaus, taghell beleuchtet ist jedes Haus!
    Die Leute stecken ihre Kpfe richtig zu den Fenstern; aber da ist nichts als
der finstere Wald und der Sternenhimmel. - Was sollten sie ansonsten denn noch
sehen?
    Der Alte guckt schmunzelnd nach links und nach rechts, wie viel er wohl
Zuhrer habe. Sonach stellt er sich mitten in die Stube hin, pocht mit dem
Stocke mehrmals auf den Fuboden und hebt so an zu reden:
    Da steh ich allein drauen auf der Heid, und schau' schlfrig herum weit
und breit, und treib meine Schflein zusamm'; hab' dabei gehabt ein
wutzerlfeist's Lamm. Und wie ich das anschau eine Weil, da hr ich ein G'hetz
und ein G'schall, grad hoch in der Luft, es ist wahr, und sie musizieren sogar.
Ich hab nit g'wut, was das bedeut't, und wer denn da tobt voller Freud. Die
Lmmlein sein g'sprungen drauf eins nach dem andern auf; das feiste hat so
lieblich plrrt, wie es das Wunder hat g'hrt. Drauf seh' ich - hab g'meint, 's
ist ein' Mr - kleine Bub'n fliegen in Lften umher. - Ein Engel fliegt grad auf
mich zua, den frag ich: was gibt's denn heut, Bua? Da schreit er gleich lustig
und froh: Gloria in excelsis Deo! - Das kunnt ich, mein Eid, nicht versteh'n:
Geh', Bbel, mut deutsch mit mir red'n; ich bin ein armer Hirt in der G'mein,
und die Lmmlein knnen auch nit Latein. - So mach' sich der Hirt nur geschwind
auf und geh' er nach Bethlehem drauf, dort wird er finden ein neugebor'n
Kindelein; ja gar ein wunderschn Kind liegt zwischen Esel und Rind. Nicht in
einem Knigssaal, nur in einem Ochsenstall liegt unser eing'fatschter Gott, der
uns hilft aus aller Not.
    Das ist des alten Sngers Botschaft, die er whrend der Weihnachtszeit in
allen Husern verkndet.
    Wir haben ihm einen kleinen Botenlohn gegeben, da sagt er noch ein paar
heitere Sprche und humpelt wieder zur Tr hinaus.
    Die Leute sind ganz schweigsam und andchtig geworden; und erst als die
Kirchenglocken zu luten anheben, werden sie wieder lebendiger und verlassen,
unbeholfen in Worten und Gebrden, die Stube.
    Ich habe das Licht ausgelscht, das Haus verlassen und bin in die Kirche
gegangen. Das ist die Nacht, in welcher vom Orient bis zum Okzident die Glocken
luten. Ein Freudenruf schallt durch die Welt und die Lichter strahlen wie ein
Diamantgrtel um den Erdball. - Auch in unserer Kirche ist es licht, wie am
hellen Tage, nur zu den Fenstern schaut die schwarze Nacht herein. Jeder hat ein
Stck Kerze, oder gar einen ganzen Wachsstock mitgebracht, denn in der
Christnacht mu er seinen Glauben und sein Licht haben. Die Leute drngen sich
zum Kripplein, das heute an der Stelle des Beichtstuhles aufgerichtet worden
ist. Ich habe vor mehreren Jahren aus Linden- und Eschenholz die vielen kleinen
Figuren geschnitzt und sie zur Versinnlichung der Geburt Christi
zusammengestellt. Es ist der Stall mit der Krippe, mit dem Kindlein mit Maria
und Josef, mit Ochs und Esel, es sind die Hirten mit den Lmmlein, die heiligen
Knige mit den Kamelen; es sind ferner spahafte Gestalten und Gruppen, wie sie
Freude, Wohltun und Liebe zum Christkinde nach der Leute Auffassung ausdrcken
sollen. In der Luft hngen die Engel und die Sterne und im Hintergrunde ist die
Stadt Bethlehem.
    Was der Rpel wei zu sagen in Worten, das will ich durch diese Bilder
erzhlen. Und die Leute erbauen sich ba an dieser Darstellung. Aber sie halten
sie, Gott sei Lob, eben nur wie ein Bild, von dem sie wissen, da es nichts
bedeuten und nichts wirken kann, als die Erinnerung.
    Mit einem Heiligenbilde auf dem Hochaltare wre das anders; das htten sie
Jahr um Jahr und in allen Lebenslagen vor Augen, das tten sie wohl zum Herrgott
selber machen.
    Auf dem Chore ist in dieser Nacht Unheil gewesen. Der Pfarrer stimmt schon
das ambrosianische Loblied an, ich sitze an der Orgel und ziehe zur hohen
Festfreude alle sechs Stimmenzge auf - da platzt jhlings der Blasebalg und die
Orgel sthnt und pfaucht und gibt keinen einzigen klingenden Ton. Meiner Tage
bin ich nicht in solcher Verlegenheit gewesen, als in dieser Stunde. Ich bin der
Schulmeister, der Choraufseher, ich mu Musik machen; und die Musik ist ja
eigentlich das Fest und ohne Musik gibt es in der Kirche gar keine Christnacht.
Aller Leut' Herzen hpfen, aller Leut' Ohren spitzen sich der Musik entgegen, da
schrft mir der Teuxel jetzt den Blasbalg auf. Ich habe meinen Kopf in die Hnde
genommen, htte ihn am liebsten zum Fenster hinausgeworfen. Vergebens hpfen
meine Finger alle zehn ber die Tasten hin; taubstumm ist das ganze Zeug und wie
maustot.
    Der Paul Holzer, sein Weib und die Adelheid von der Schwarzhtte, die auf
dem Chore neben mir sitzen, merken wohl meine Pein, aber sie rcken nur so her
und hin und hsteln und ruspern sich und heben an in hellen Stimmen zu singen:
Herrgott, dich loben wir all!
    Das ist mir wie l ins Herz gegangen.
    Aber das Lied wird bald aus sein und danach kommt das Hochamt, und da mu
Musik, Chormusik sein um alle Welt.
    Holpert der alte Rpel die Treppe herauf: Schulmeister! Will schon heut'
die Orgel schweigen, so nimm die Geigen!
    O Gott, Rpel, die ist zu Holdenschlag beim Leimen!
    
    Und kunnt ich auch die Geigen nicht zuwege bringen, so tt ich bei meiner
Treu die Kirchenlieder auf der Zither singen!
    Fr dieses Wort habe ich den Alten so strmisch umarmt, da er erschrocken
ist. Ich eile und hole die Zither, und bei dem Hochamte klingt auf dem Chor ein
Saitenspiel, wie es in dieser und etwan auch in einer andern Kirche niemalen so
gehrt worden ist. Die Leute horchen, der Pfarrer selber wendet sich ein wenig
und tut einen kurzen Blick gegen mich herauf.
    Und so ist mitten in der langen Winternacht zu Winkelsteg das Christfest
gefeiert worden. Leise zittern und wiegen die Saitentne; sie singen dem
neugeborenen Jesukindlein das Wiegenlied und dem Menschen den Frieden. Und sie
schrillen und wecken das schlafende Kind, ehe der falsche Herodes kommt; und sie
trillern ein Wanderliedchen fr die Flucht nach gypten.
    Ich spiele den Megesang, spiele Lieder, wie sie meine Mutter gesungen, und
mein Nhrvater, der gute Schirmmacher, und im Hause des Freiherrn die Jungfrau
...
    Und letztlich wei ich selber nicht mehr, was ich kindischer Mann der
Gemeinde und dem heiligen Kind hab' vorgespielt in dieser Christnacht.
    Ich werde den Winkelstegern noch so verrckt, wie der Reim-Rpel.
    Nach dem Mitternachtsgottesdienst hat der Pfarrer durch mich die rmsten der
Gemeinde, die Alten, die Bresthaften, die Verlassenen, zu sich in den Pfarrhof
rufen lassen.
    Je! da ist es noch heller, wie in der Kirche! Da ist mitten in der Stube ein
Baum aufgewachsen, und der blht in Flammenknospen an allen sten und Zweigen.
    Da gucken die alten Mnnlein und Weiblein gottswunderlich drein, und kichern
und reiben sich die Augen ber den nrrischen Traum. Da auf einem Baum des
Waldes Lichter wachsen, das haben sie all ihrer Tage noch nicht gesehen.
    - Jenes Wundervglein von den tausend Jahren, sagt der Pfarrer, sei wieder
durch den Wald geflogen, habe ein Samenkorn in den Boden gelegt und dem sei
dieses Bumchen mit den Flammenblten entsprossen. Und das sei der dritte Baum
des Lebens. Der erste sei gewesen der Baum der Erkenntnis im Paradiese; der
zweite sei gewesen der Baum der Aufopferung auf Golgatha; und dieser dritte Baum
sei der Baum der Menschenliebe, der uns das Golgatha der Erde wieder zum
Paradiese gestalte. Im brennenden Dornbusch habe Gott vormaleinst die Gebote
verkndet, und in diesem brennende Busche wiederhole er es heute: du sollst den
Nchsten lieben, wie dich selbst!
    Hierauf hat der Pfarrer die Kleidung und Nahrung verteilt, wie die Gaben
bestimmt gewesen und die Worte gesagt: Nicht mir danket, das Christkind hat's
gebracht!
    Du mein, du mein! rufen die Leute zueinander, jetzund steigt uns das
Christkind schon gar in den Bald herein! Ja, weil wir halt eine Kirche haben und
so viel einen guten Herrn Pfarrer!
    Der Rpel, auch einer der Beschenkten, ist allein kindischer, wie die andern
allmitsammen. Er eilt um den Baum herum, als tte er das Christkind suchen im
Gezweige. - Aber mein! schreit er endlich, die Sonn darf nicht bs auf mich
werden, ich wei kein Licht auf der Erden, wei keins zu nennen, das so hell tt
brennen, wie dieser Wipfel mit seinem Gipfel! Seid fein still und lauscht! Hrt
ihr, wie's in den Zweigen rauscht? Wie Spatzen fliegen die Engelein und bauen
ein Nest frs Christkind zum heiligen Fest. Der Weie dort, der Kleine - Flgel
hat er noch keine - der wr' jetzt schier herabgefallen. Geh, lass' dir ein paar
Steigeisen teilen vom Schmied, ich will sie schon zahlen. Schau, ich hab heut'
ein warm Jpplein kriegt, und in jedem Sckel ein Taler liegt. - Und kommet, ihr
Engel, nur auch bald zu allen anderen Bumen in unserem Wald, auf da ihr ttet
anznden die Lichterkronen zu tausend Millionen!
    Keinen Lffel voll hat der alte Rpel gegessen, als die andern beim
Grassteiger warme Suppe genieen. Und als Stroh in die Stube getragen und ein
Lager bereitet ist worden, da die Leutchen nicht in der Nacht zu ihren fernen
Htten wandern mssen, da ist der Rpel hinausgegangen unter den freien Himmel
und hat die Sterne gezhlt und jedem einen Namen gegeben. Und der aufgehende
Morgenstern hat den Namen Vater Paul erhalten.

    Der Pfarrer hat sich mehrmals an den Waldherrn gewendet, auf da den
Kleinbauern hier - die sich den schlechten Boden mit vieler Mhe nutzbar gemacht
haben - dieser Boden gegen Entgelt zu eigen berlassen werden mge. Es ist aber
kein Bescheid zurckgekommen. Es heit, der alte Herr sei auf Reisen und der
junge in der Hauptstadt, und die Welt sei zu weit und die Hauptstadt zu laut,
als da so ein Wort aus dem Walde gehrt werden knne.
    Wir Winkelsteger bleiben denn Lehensleute.

                                                      Am 14. des Eismonats 1831.

    Heute habe ich die Nachricht von dem Tode meiner Base, der Muhme-Lies,
erhalten. Sie hat mich zu ihrem Erben eingesetzt. Alte Jugendbekannte, die sich
seit zwanzig Jahren nicht mehr um mich gekmmert haben, beglckwnschen mich zur
Erbschaft. Ich wei aber noch nichts Nheres. Wie viel kann die alte Frau denn
besessen haben? Wohl war sie reich gewesen, hat aber alles in Glcksspielen
versetzt.
    Und wenn nur ein Groschen ist, und wenn gar nichts ist - bei meiner Seel',
so freut es mich doch, da sie meiner gedacht hat. Sie hat mir es stets
wohlgemeint. Jetzt hab ich gar keinen Verwandten mehr auf dieser Welt.

                                                                    Ostern 1831.

    In den Winkelwldern mssen die kirchlichen Feste und Darstellungen das
ersetzen, was sie drauen in der Welt die Kunst nennen.
    So wie ich nach meinem armen Knnen fr die Weihnachtszeit ein Kripplein
aufgestellt, so hat nun der Ehrenwald mit seinen Shnen ein Grab Christi
geschaffen.
    Da stehen im Seitenschiffe der Kirche vier hohe, mit Bildern aus der
Leidensgeschichte gezierte Bretterbogen, wie Eingangspforten, die von der
vordersten bis zu der hintersten immer enger und dunkler werden. Und im
dmmerigen Hintergrunde ist in einer Nische die Grabesruh Jesu, und darber der
Tisch fr das Heiligste, umgeben von einem Kranze bunter Lampen. An beiden
Seiten des Grabes stehen zwei rmische Kriegsknechte zur Wacht. Bei der Feier
der Auferstehung verschwindet der Leichnam und in dem Lampenkranze erhebt sich
das Bild des auferstandenen Heilandes mit den Wundmalen und mit der Fahne.
    Ein tiefer Sinn liegt in der ganzen Begehung. - Die Fastenzeit schreitet
vor, wird ernster und ernster; die Musik verstummt wochenlang, die Bildnisse
verhllen sich. Es naht die Charwoche, der wrdevolle Palmsonntag, der
geheimnisvolle Grndonnerstag, der dstere, tiefbetrbte Charfreitag, der stille
Samstag. In der Ruhe liegt ein Ahnen und Sehnen, und leise mahnt des Propheten
Wort: Sein Grab wird herrlich sein! - Noch einmal verdstert sich das
Gotteshaus, wie Golgatha in der Finsternis; aber die roten und grnen Lampen
glhen, die Festkerzen strahlen - da erschallt hell und freudevoll der Ruf: Er
ist auferstanden! - Jetzt klingen die Glocken, klingt die Musik, knallen die
Bller; und die Fahnen, rot wie brennendes Feuer, wehen, und die Menschenschar
zieht in das Freie, und ihre Lichter flammen in Abenddmmerung hin durch den
Wald.
    In den Stdten haben sie einen noch viel greren, einen schweren Prunk.
Aber wo nehmen sie die Stimmung und wo nehmen sie die wahre, hoffende Freude an
der Auferstehung, die in der glubigen Armut liegt! Inneren Frieden suchend,
schleichen sie abseits an der Kirchhofsmauer hin und murmeln mit dem unseligen
Doktor: Die Botschaft hr' ich wohl ...

                                                                 Lenzmonat 1831.

    Ich hebe bereits an, aus der Erbschaft Bauten aufzufhren. Ich baue mir in
Winkelsteg ein groes, schnes Haus, grer wie der Pfarrhof. Den Plan dazu hab'
ich schon fertig. Aber ich selber will darin nicht wohnen, so lang' in die
Schulmeisterei mag betreiben. Einmal dem siechen Reutmann im Karwasserschlag
gebe ich im Hause eine Stbchen; und die alte, kinderlose Brunnhtterin aus den
Karwssern fhre ich hinein und die kranke Aga; dann fhre ich den Markus Jger
herbei, der erblindet ist, und den Josef Ehrenwald, den ein fallender Baum
geschdigt hat. Und andere und andere, und so wird das groe Haus nach und nach
voll werden. Es torkeln viele mhselige Leute herum in den Winkelwldern.
    Einen Arzt und frische Arzneien stelle ich ihnen auch her, das heit, wenn
das Geld auslangt. Dann nehme ich possierliche Leute auf, die viel Musik machen
und ansonsten allerhand unterhaltlich Spiel treiben. Ein Armenhaus mu man nicht
auch noch mit Einsamkeit und Trbsal umgeben; die lustige Welt soll ihm zu allen
Fenstern hereinlugen und sagen: ihr seid auch noch mein und ich lass' euch nicht
fahren!
    Den Baugrund fr dieses Haus brauche ich heute noch nicht zu zahlen, denn
ich baue einstweilen mein Schlo nur so in die Luft hinein. Die Erbschaft ist
noch nicht da. Aber es heit, meine Base htte im Glcksspiel groe Summen
gewonnen.

    Dem alten Rpel werde ich in meinem Armenhause das freundlichste Kmmerlein
weisen. Der arme Mann ist schier ganz verlassen. Seine Sprche lohnen die Leute
kaum mehr mit einem Stck Brot. Sie haben vergessen, wie sie vormaleinst zu
festlichen Stunden so oft von den heiterfrommen Liedern erbaut worden sind, wie
sie gelacht und geschluchzt haben dabei, und wie sie so oft zu einander gesagt
haben: 's ist, wie wenn der heilige Geist aus ihm tt' reden.
    Freilich wohl ist bei dem Alten heute nicht mehr viel zu holen und er wird
schon recht kindisch. Jetzund hat er sich aus Baumsten einen Reifen gebogen und
in demselben eitel Strohhalme wie Saiten aufgezogen. Das ist seine Harfe, er
lehnt sie an seine Brust, legt die Finger auf die Halme und murmelt seine
Gesnge.
    Es ist doch ein rhrender Mensch, wenn er so dasitzt auf einem Stein im
Waldesdunkel, gehllt in seinen fahlfarbigen, weiten Mantel, umwuchert von
seinem langen, schneeweien Bart, von seinen schimmernden Lockenstrhnen, die
voll und wild ber die Achsel wallen. Sein starres, tautrbes Auge richtet er zu
den Wipfeln empor und singt den Vglein, von denen er es gelernt.
    Die Tiere des Waldes frchten sich nicht vor ihm; zuweilen hpft ein
Eichhrnchen nieder vom Geste auf seine Achseln und macht ein Mnnchen und sagt
ihm was ins Ohr.
    Seine Worte werden immer unverstndlicher, so wie seine Lieder. Er pat
seine Gesnge auch nicht mehr den Menschen und ihren Gelegenheiten an. Er singt
tolle Liebes- und Kindeslieder, als trume er seine Jugend. Wenn der Weibart
zur Sommerszeit unbeweglich auf einer Bergeshhe sitzt, so meint man von weitem
ein Struchen Edelwei zu sehen.
    Dann laufen Kfer und Ameisen an seinem Rock und krabbeln an seinem Bart
empor; und Hummeln umkreisen sein Haupt, als ob wilder Honig drin wre.

    Der Pfarrer hat mir eine Besorgnis mitgeteilt.
    Er sagt, es sei mglich, da ich ein reicher Mann wrde. Und als reicher
Mann zge ich fort in die Welt, um all die Wnsche mir zu erfllen, die ich in
der Einsamkeit ausgeheckt und grogepflegt htte. Ganz selbstlos sei kein
Mensch.
    Diese uerung hat mir eine ruhelose Nacht gekostet.
    Ich habe mein Herz erforscht und wahrhaftig einen Wunsch in demselben
gefunden, der weit ber die Winkelwlder hinausgeht.
    Aber mit Gut und Geld ist er nicht zu erfllen. Sie ist vermhlt ...
    Was lsterst du, Andreas? Dein Wunsch ist ja erfllt. Sie ist glcklich.

                                                     Am 24. des Lenzmonats 1831.

    Heute haben sie in den Lautergrben den Sturmhans von der Wolfsgrubenhhe
tot gefunden. Es ist an der Leiche der Bart versengt. Die Leute sagen, eine
blaue Flamme, die aus dem Mund hervorgestiegen, habe ihn gettet. Sie erklren
es sich so: der Sturmhans habe sehr viel Wacholderbranntwein getrunken, habe
sich dann etwan eine Pfeife anznden wollen, und anstatt des Tabaks habe der
Atem Feuer gefangen und dem Manne die Seele herausgebrannt.
    Gut zur Hlfte wird das wohl richtig sein.

                                                               Am 1. April 1831.

    Heute ist mir meine Erbschaft behrdlich zugewiesen worden.
    Sie besteht aus drei Groschen und einem Brief von der Muhme-Lies.
    Der Brief liegt bei:

                Lieber Andreas!
    Ich bin alt und krank und hilflos. Du bist, Gott wei wo, im Gebirge. In
meiner Krankheit denke ich ber alles nach. Ich habe Dir wohl Unrecht getan und
bitte Dich um Verzeihung. Dieses Geld drckt mich am meisten, es ist Dein
Patengeschenk; Du hast es seiner Tage fr Deinen Vater in den Himmel schicken
wollen. Ich habe es Dir damals genommen. Nimm das Andenken zurck, Andreas, und
verzeihe mir. Ich will ja ruhig sterben. Gott segne Dich, und eines mu ich Dir
noch sagen: wenn Du im Gebirge bist, so gehe nicht mehr zurck. Alles ist eitel.
In guten Tagen sind mir meine Freunde getreu gewesen; jetzt lassen sie mich in
der Armut sterben.
    Ich ksse Dich viel tausendmal, mein lieber einziger Blutsverwandter. Wenn
mich Gott in den Himmel nimmt, so will ich Deine Eltern gren.
    Deine bis in den Tod
                                                                  liebende Muhme
                                                                         Elise.

                                                              Fronleichnam 1831.

    Seit drei Jahren schon sammeln wir Geld fr einen Traghimmel. Aber wir
Winkelsteger knnen uns den Himmel nicht kaufen. Wir mssen uns selber einen
machen.
    Der alte Schwamelfuchs hat aus grnenden Birkenstruen ein tragbares Zelt
gebaut, auf da wir zu diesem Feste das Hochwrdigste nach gebhrender Weise aus
der Kirche in das Freie tragen knnen.
    Das ist ein feierlicher Umgang gewesen im Sonnenschein. Und die Leute, von
dem harten Winter endlich befreit, haben hellen Lobgesang gesungen. Im Walde
haben wir geruht und der Pfarrer hat mit dem Heiligsten den Segen gegeben nach
allen vier Gegenden des Himmels hin.
    Es ist noch nicht erhrt worden, da mitten im Gottesdienst ein weltlicher
Mensch so seine Stimme htt' erhoben. Der alte Rpel hat's getan, voll Seele wie
in seinen besten Zeiten, und das ist sein Fronleichnamsspruch gewesen:
    Klinget alle Glckelein, singet alle Vgelein; der groe Gott kommt aus
himmlischen Tren, geht im grnen Wald spazieren. Er rastet s auf dem grnen
Rasen, wo die Hirschlein und Rehlein grasen. Er sagt sein erstes, mchtiges
Wort, da steigen alle Blmlein aus der Erden hervor. Er spricht sein zweites mit
hellem Schall, das weckt jeglich Samenkorn im Tal. Und ruft er sein drittes
Wort, da mssen die Donner schweigen und die Blitze sich neigen, und vor seinem
Hauch sind die bsen Schloen in Wasser zerflossen. O, dir sei Preis und Ehr',
du gromchtiger Herr! Und wirst du einstmals dein letztes Wort sprechen, so
werden die Berge beben und die Felsen brechen; werden die Himmel krachen, werden
die Toten erwachen; wird das Feuer die Welt vernichten. Zu dieser lieblichen
Stund' im grnen Wald sei gebeten, o Gott, in Brotesgestalt: tu' uns gndiglich
richten!
    Der alte Mann wei immer noch ans Herz zu stoen mit seinen Worten.
Erschttert und gehoben sind wir, besonders der Pfarrer und ich, wieder
zurckgekehrt zur Kirche. Und das grne Birkengezelt mit den weien Tragsulen
wird ber dem Altare stehen, bis seine tausend Bltterherzen werden verwelkt
sein.

    Endlich ist die Antwort wegen der Grundablsung in unserem Pfarrhofe
eingelangt.
    Der Gutsherr gibt dem Pfarrer zu verstehen, er mge sich als gewissenhafter
Seelsorger, der er sei, nicht auch noch weltliche Sorgen aufbrden.
    Des Weiteren steht nichts zu lesen.


                         Von einem sterbenden Waldsohne

                                                                 Im Winter 1831.

Wer htte das vorzeiten von dem Einsiedler im Felsentale gedacht! Die
Tatlosigkeit nach dem bewegten Leben, die Abgeschiedenheit von den Menschen
htte ihn zum Narren machen knnen!
    Es ist wunderbar gekommen. Nur die groen Sorgen und kleinen Leiden eines
Waldpfarrers und der einfrmige und doch so vielseitige und vielbedeutende
Zustand einer Waldgemeinde in der Ursprnglichkeit und Abgeschlossenheit ist das
Rechte fr ihn, das ihn gerettet hat.
    Nun hat er sich hineingelebt in die Verhltnisse, kennt jedes seiner
Pfarrkinder inwendig wie auswendig und leitet es mit seinen Beispielen.
    Es wtet jetzt eine bse Seuche in den Winkelwldern; es wird uns der
Friedhof zu klein und wir knnen schier die Totengrber nicht auftreiben; die
krftigsten Mnner liegen auf dem Krankenbette.
    Der Pfarrer ist Tag und Nacht nicht daheim, sitzt in den entlegensten Htten
bei den Kranken, sorgt fr Seelentrost und auch fr leiblich Wohl, hat ihm
gleichwohl der Freiherr geraten, sich nicht mit weltlichen Dingen zu befassen.
    Letztlich, da er doch einmal daheim in seinem warmen Bett schlft, klopft es
jhlings ans Fenster.
    's ist eine rechte Grobheit, Herr Pfarrer! ruft es drauen in der
pechfinsteren Nacht. Ein Versehgang ist in die Lautergrben hinber. Wir wissen
uns nicht zu helfen. Steht uns bei; mein Bruder will versterben!
    Wer ist denn drauen? fragt der Pfarrer.
    Die Anna Maria Holzer bin ich. Der Bartelmei will uns verlassen.
    Ich komme, sagt der Pfarrer, wecket nur auch den Schulmeister, da er die
Laterne und das Heiligste bereite. Das Luten soll er lassen, es schlft ja
alles.
    Das Weib hat mich aber doch gebeten, da ich die Zgenglocke lute, auf da
auch andere Leute fr den Sterbenden beten mchten. Und als der Pfarrer danach
zwischen den Husern hingeht und das Weib mit der Laterne und dem Glcklein
vorauswandelt, da knien an den Haustren schlaftrunkene Menschen und beten.
    Es ist eine strmische Winternacht; der Wind saust ber die Lehnen und
pfeift durch das kahle, gefrorne Geste der Bume. Schneestaub wirbelt heran und
verlegt den Weg und stiebt in alle Falten der Kleider.
    Das Weib eilt mit Hast voran und die roten Scheintafeln der Laternen zucken
auf dem Schneegrunde hin und her und das Glcklein schrillt unablssig, aber die
Tne verklingen im Sturmwind und die Menschen des Drfleins sind wieder zur Ruhe
gegangen, und auch ich bin, nachdem ich den Zweien eine Weile nachgeblickt, in
meine Stube zurckgekehrt.
    Ich will es aber niederschreiben, was dem Pfarrer in derselbigen Nacht
begegnet ist. Es ist durch kein Beichtsiegel verschlossen.
    Als unser Vater Paul an dem Bette des Kranken steht, sagt dieser: Gedenkt
es der Herr Pfarrer noch, wie er in die Karwsser gekommen ist? Gedenkt er's? 's
ist lang vorbei; wir beid' haben seither wohl was erfahren, sind eisgrau
geworden, bei meiner Treu!
    Der Pfarrer ermahnt den alten Kohlenbrenner, sich durch angestrengtes Reden
aufzuregen.
    Und kann er sich erinnern, was ich damalen hab' gesagt: ich htt' auch mein
Anliegen und kunnt 'leicht einmal von einem geistlichen Herrn eine groe
Geflligkeit brauchen. Dieselb' Zeit ist jetzt da. Ich lieg' auf dem Todbett.
Den Ehrenwald-Franz hab' ich schon angeredet, da er mir die Truhen zimmert. Und
mit meinem Leib tt's nachher in Richtigkeit sein; - aber mit meiner Seel'!
Pfarrer, verzeih' mir's Gott, die ist dir schwarz wie der Teufel.
    Der Pfarrer sucht zu snftigen und zu trsten.
    Warum denn? frgt der Bartelmei, bin ja gar nicht verzagt. Wei
gleichwohl, da alles recht mu werden. - Was macht denn der Herr Pfarrer fr
Geschichten mit seiner weien Pfaid? Nein, das brauch' ich nicht; wir tun die
Sach' kurzweg ab. Wenn einer so auf dem letzten Stroh liegt, ist man zu nichts
mehr aufgelegt. Tu' sich der Herr nur setzen. - Das sag' ich aber gleich, mit
dem Glauben steht's bei mir schlecht; glauben tu' ich, wenn ich's recht will
sagen, an gar nichts mehr. Der Herrgott ist selber schuld, da ich so bin
herabgekommen. Er hat auf mich schn sauber vergessen. Er hat mir's versagt, und
er htt's in seiner Allmchtigkeit wahrhaftig bei meiner Seel' leicht tun mgen!
- Ich mag davon ja wohl reden. Selbunter, wie die Sepp-Marian ist gestorben, die
ein wenig mein ist gewesen, hab' ich an ihrem Todbett gesagt, Marian, hab' ich
gesagt, wenn du jetzund mut verlschen, du junges Blut, und ich allein sollt
verbleiben meiner Tage lang, so ist das die grte Grausamkeit von Gott im
Himmel oben. Aber wissen mcht' ich's, Marian, und vor meinem Tode mcht' ich's
wissen, was es mit der Ewigkeit ist, von der sie sagen allerweg, da sie kein
End' htt', und da die Menschenseel' in ihr tt' fortleben. Es ist nichts
Rechtes zu erfahren, und da sollt' einer fremder Leut' Reden glauben und etwan
wissen die auch nichts. Und jetzt, Marian, hab' ich gesagt, wenn du doch wohl
fort mut, und du bist in der Ewigkeit weiter, gleichwohl wir dich begraben
haben, so tu' mir die Freundschaft und komm', wenn du kannst, mir noch einmal
zurck, und wenn's auch nur ein Viertelstndlein ist, und richt' mir's aus,
damit ich wei, wie ich dran bin. - Die Marian hat's versprochen, und wenn sie
kann, so wird sie's halten, davon bin ich berzeugt gewesen. - Darauf, wie sie
verstorben, hab' ich viele Nchte nicht schlafen mgen, hab' immer gemeint,
jetzt und jetzt wird die Tr aufgehen, wird die Marian hereinsteigen und sagen:
Ja, Bartelmei, magst es wohl glauben, 's ist richtig, 's ist eine Ewigkeit
drben und du hast eine unsterbliche Seel'! - Was meint der Herr Pfarrer, ist
sie gekommen? - Nicht ist sie gekommen, gestorben und tot und weg ist sie
gewesen. Und seither - ich kann mir nicht helfen - glaub' ich schon an gar
nichts mehr.
    Er schweigt und horcht dem Tosen des Wintersturmes. Der Pfarrer soll eine
Weile in die flackernde Spanflamme gestarrt und endlich die Worte gesagt haben:
    Zeit und Ewigkeit, mein lieber Bartelmei, ist nicht durch einen Heckenzaun
getrennt, ber den man hin-und herhpfen kann, wie man will. Der Eingang in die
Ewigkeit ist der Tod; im Tode streifen wir alles Zeitliche ab, denn die Ewigkeit
ist so gro, da nichts Zeitliches in ihr bestehen kann. Darum ist der
Verstorbenen auch dein vorwitzig Wort ausgelscht gewesen und alle Erinnerung an
das zeitliche Leben. Frei von allem Erdenstaub ist sie in Gott eingegangen.
    
    Tu' er das lassen, Herr Pfarrer, unterbricht ihn der Kranke, es drckt
mich auch gar nicht. Ist das, wie es ist, es wird schon recht sein. - Aber einen
andern Haken hat's; mit mir selber bin ich noch nicht in der Ordnung. Ich bin
nicht gewesen, wie ich htt' sein sollen, aber ich mcht' gern meine Sach', und
andere tuen auch gern ihre Sach' richtig stellen. Lang' hab' ich nicht mehr
Zeit, das merk ich wohl, und desweg hab' ich den Pfarrer aufschrecken lassen aus
dem warmen Bett, und will ihn zu tausendmal bitten, da er's wollt vermitteln.
Jetzt - 's ist zwar heimlich geblieben, aber sagen will ich's wohl: ein arger
Wildschtz bin ich gewesen; viel Rehe und Hirschen hab' ich dem Waldherrn
gestohlen.
    Hier bricht der Khler ab.
    Und weiter? fragt der Pfarrer.
    So! und ist ihm das noch nicht genug? ruft der Alte, aufrichtig, Herr
Pfarrer, sonst wei ich nichts. - Meine Bitt' wr' halt nachher die, da mir der
Herr Pfarrer bei dem Waldherrn mein Unrecht wollt' abbitten. - Htt's wohl lang'
selber schon getan, hab' mir aber allfort gedacht, eine Weil wartest noch zu;
knntest 'leicht wieder was brauchen vom Wald herein, mtest spter noch einmal
abbitten, wr' mir unlieb. Tu's nachher mit einem ab. - Allzulang' hab' ich
gewartet; jetzt kann ich nimmer. Der Waldherr ist, wer wei wo, zu weitest weg.
Aber gelt, der Herr Pfarrer ist so gut und gleicht's bei ihm aus mit einer
christlichen Red' und tut sagen, ich htt's wohl bereut, knnt' es aber nicht
anders mehr machen. - Jetzt, gewesen ist's halt so: Kohlenbrennerei gibt wohl
ein Stckel Brot, aber wenn einer zum Feiertag einmal so einen Bissen Fleisch
dazu wollt' beien, so mu man schnurgrad mit der Bchs hinaus in den Wald. Man
kann's nicht lassen, und wenn sich einer noch so lang' spreizt, 's ist gar
schad', man kann's nicht lassen. - Wenn sie mich etwan einmal erwischt htten,
die Jger, so wr' jetzund das Gered' nicht vonnten, und ich mt' dem Herrn
Pfarrer nicht so schmerzlich zu Gnaden fallen. - Ei, der Tausend, jetzt hab' ich
mich dennoch wohl angestrengt; es steigen mir die ngsten auf.
    Sie haben ihn mit kaltem Wasser gelabt. Der Pfarrer hat seine Hnde gefat,
hat ihn mit guten Worten versichert, da er bei dem Waldherrn Verzeihung
erwirken werde. Danach hat er dem Kranken die Lossprechung erteilt.
    Bedank' mich, bedank' mich fleiig, sagt drauf der Bartelmei mit schwacher
Stimme, nachher wr' ich so weit fertig, und - Pfarrer, jetzt tt's mich bei
meiner Seel' schon selber freuen, wenn es wahr wr', dasselb' von der Ewigkeit,
und wenn ich nach der unruhevollen Lebenszeit und nach dem bitteren Tod schn
langsam knnt' in den Himmel einrcken. Wr' wohl eine rechtschaffen bequeme
Sach', das!
    So hat sich in dem armen, schwerkranken Mann das Bedrfnis und die Sehnsucht
nach Glauben und Hoffen ausgesprochen. Unser Herr Pfarrer hat ihn dann gefragt,
ob er die heilige Wegzehrung empfangen wolle.
    Nicht vonnten, ist die Antwort gewesen.
    Mut doch, Bruder, mut doch, meint die Anna Maria, einem Geistlichen,
der mit dem heiligen Leib unverrichteter Sach' mu zurckkehren, tanzen die
Teufel nach bis zur Kirchentr!
    Du nrrisch Weibmensch, du! schreit der Bartelmei, jetzund
Kindergeschichten erzhlen, da dich der Herr Pfarrer recht mag auslachen. - 's
wr mir doch all doch eins und gern mcht' ich das Teigblttlein verschlucken,
da der Herr unangefochten knnt' nach Haus gehen, aber ich halt' nichts drauf,
und da, hab' ich oftmalen gehrt, wr's eine gromchtige Snd', wollt' einer in
vorwitziger Weis' das heilige Sakrament empfangen.
    Auf dieses Wort hat der Pfarrer des Kranken Hand gedrckt. Hochmtig,
Bartelmei, mut du desweg nicht werden, jetzt in deinen alten Tagen, aber das
sag' ich dir, du denkest schon das Rechte. Du bist Ber, du glaubst an Gott und
an der Seele ewiges Leben; ob du dir's gestehen magst oder nicht, ob du das
heiligste Brot zu dir nimmst oder nicht, rein ist dein Herz und dein ist die
Seligkeit!
    Da soll sich der alte Mann hoch emporgerichtet haben; die Hnde htte er
ausgebreitet, mit nassen Augen htte er gelchelt und gerufen: Jetzt hab' ich
das Rechte gehrt. Der Pfarrer mag so gut sein und mir die Wegzehrung reichen.
Nachher mag er kommen, der Knochenhans - Jesus, Jesus! was ist das? die Marian!
schreit der Bartelmei jhlings. Dann richtet er die Augen nach der Spanflamme
und flstert: Ja, Mdel, wie steigst denn du daher heut' in der finsteren
Nacht? Marian! Botschaft bringst mir? - Botschaft?
    Immer hher richtet er sich auf, immer wiederholt er das Wort Botschaft!
endlich sinkt er zurck und schlummert.
    Nach einer Weile schlgt er die Augen auf und sagt mit matter Stimme: Bin
ich kindisch gewesen, Schwester? Ein b'sunderlicher Traum! Es steigt mir das
Geblt so auf. Ich verspr's, lang' wird's nimmer dauern; es kommt mir schon zum
Herzen. - Ich mu euch beht' Gott sagen, allen miteinander. Hab' auf deine
Kinder acht, Schwester, da sie dir nicht in den Wald laufen mit der Bchs. -
Fr die Truhen ist der Ehrenwald schon bezahlt. - Und tut mich fleiig waschen;
will nicht als der kohlschwarze Ru-Bartelmei in den Himmel eingehen.
    Als das Morgenrot durch die Fensterlein schimmert, ist der Mann tot. Sie
ziehen ihm sein Sonntagsgewand an und legen ihn auf das Brett. Seiner Schwester
Kinder besprengen ihn mit Wasser des Waldes.
    Gestern haben wir ihn begraben.

                                                         Zur Faschingszeit 1832.

    Das geht toll zu. Das ganze Grassteigerhaus wollen sie umkehren; ber den
Kirchplatz johlen sie hin und treiben Unfug.
    Im Pfarrhofe liegt ein Bauernknecht, dem haben sie den Kinnbacken
zerschmettert.
    Faschingsonntag ist das. An die Seuche wird nicht gedacht. In das Wirtshaus
kommen sie zusammen und trinken Branntwein; sie sind heiter und lachen und
necken sich. Es rten sich die Gesichter, da will jeder sticheln und spotten,
aber keiner mehr geneckt sein. Eines krummen Wortes, eines scheelen Blickes,
oder auch eines Mgdleins wegen entsteht ein Streit. Es setzt Backenstreiche mit
flacher Hand - das ist zu wenig; sie schlagen mit den Fusten drein - ist auch
zu wenig; sie brechen Stuhlfe, schwingen sie mit beiden Armen wtend, lassen
sie niedersausen auf die Kpfe. Das ist genug. Streckt sich einer auf den Boden.
Die Unterhaltung ist aus.
    Seid gescheit, Leutchen, hab' ich beim Grassteiger unten einmal gesagt,
wollt ihr an den Ruhetagen so wst sein, so weicht der Segen von euerer Arbeit
und es kommt noch eine bse Zeit ber Winkelsteg.
    Da tut sich ein Meisterknecht aus dem Schneetale hervor: Weil wir Wildlinge
sind, desweg bleiben wir arme Teufel! Glaub's schon auch. Recht hat er, der
Schulmeister; gerauft wird nimmer, und ich sag' dir's, Grassteigerwirt, wenn
noch einmal ein Raufhandel geschieht in deinem Haus, so komm ich mit einem
Zaunstecken und klieb euch allen die Schdel auseinand!
    Es steckt einmal so in den Leuten. Nur da bei solchen Hndeln der Lazarus
nicht mittut, das ist mein Trost. Sie wollen wohl mit ihm anhkeln, aber da
macht er sich aus dem Staub. Es zuckt zuweilen in ihm, aber er dmpft wacker
nieder. Er ist ein Mann durch und durch. Auch ist die Juliana ein Schutzengel
und hilft ihm getreulich, da er sich beherrsche.
    Der Frster hat den Lazarus wollen auf das flache Land hinaus befrdern;
wenn einer einmal ein so seltsames Geschick habe, wie dieser junge Mensch, meint
er, so msse auch ganz was Besonderes aus ihm werden. Aber der Lazarus will
nicht fort vom Wald. Er wird ein braver Mann und zu etwas Besserem knnte er es
auch drauen nicht bringen, und wollt' ihn gleich Kaiser und Knig an seinen
Thron setzen.
    Ein gutes Zeichen ist, da er keinen Branntwein trinkt. Der Branntwein ist
l ins Feuer und so geschehen die bsen Hndel.
    Wir Gemeindehupter trinken nie einen Tropfen davon. Nun, um so mehr bleibt
fr die anderen.
    Der Pfarrer hat schon mehrmals scharf vor diesen Getrnken gewarnt.
Letztlich hat er in seinem Zorn den Branntwein einen Hllenbrunnen, ein Gift fr
Leib und Seele, und die Branntweinbrenner und Schenker mit heller Stimme
Giftmischer geheien.
    Der alte Grassteiger hat an seiner Nase hinabgelugt, und nicht lange danach
hat er bekannt werden lassen, da bei ihm frischer Obstmost angekommen sei.
    Der Kranabethannes aber hat es so glatt nicht abgehen lassen. Mit einem
greren Stock, als er sonst gewhnlich bei sich trgt, ist er vor zwei Tagen im
Pfarrhofe erschienen.
    Er klopft an die Tr; und selbst als der Pfarrer schon zweimal vernehmlich
herein ruft, klopft er noch ein drittesmal. Schwerhrig ist er nicht; er will
nur zeigen, da, wenn gleich ein Waldteufel, er bei den Herren doch Schick und
Anstand zu halten wei, und wre es auch vor seinem Feind, den er heute
niederschmettern will.
    Endlich in der Stube, bleibt er eng an der Tr stehen, pret die Hutkrempe
in die Faust und murmelt in seinen fahlen Stoppelbart: Htt' ein Wrtel zu
reden mit dem Herrn Pfarrer.
    Der Pfarrer bietet ihm freundlich einen Stuhl.
    Htt' ein kleines Anliegen, sagt der Mann und bleibt auf seinem Flecken
stehen, bin der Branntweinbrenner vom Miesenbachwald, ein armer Teufel, der
sich seinen Brotgroschen hart mu erwerben. Arbeiten mag ich gern, so lang' mir
altem Manne Gott das Leben noch schenkt, wiewohl mich die Leute schon
niederdrucken mchten und mir die Kundschaften abzwicken.
    Setzet Euch, sagt der Pfarrer, Ihr seid erhitzt, seid etwan recht
gelaufen?
    Gar nicht. Hbsch stad bin ich gegangen und hab' unterwegs gedacht bei mir
selber, da keine Gerechtigkeit mehr ist auf der Welt, und bei keinem Menschen
mehr - bei gar keinem, er mag noch so heilig ausschauen. Was ist denn das fr
ein Pfarrer, der einem armen Familienvater seiner Gemeinde das letzt' Stckel
Brot aus der Hand und schlgt? - Ist und trgt schon die ehrlich' Arbeit nichts,
recht, so mu einer halt stehlen, rauben; wird wohl besser sein, als wenn ein
armer, abgematteter so ein Trpfel Branntwein in den Mund tut; - ist ja der
Hllbrunnen das!
    Der Mann schnauft sich aus; der Pfarrer schweigt; er wei, da er den Sturm
vertoben lassen mu, will er bei ruhigem Wetter sen.
    Und wer den Hllbrunnen braut, fhrt der Mann fort, der mu wohl mit dem
Teufel bekannt sein. Die Leut' schauen mich auch richtig fr so einen an. Sollen
recht haben. Aber wenn ich schlecht bin, aus mir selber bin ich's nicht. Und wer
mir mein Geschft verdorben, der wird wohl anderweitig fr mich sorgen, Herr
Pfarrer, umsonst bin ich nicht da!
    Der Branntweiner vergit ganz seine gewohnte Geschmeidigkeit und nimmt
schier eine bedrohliche Stellung an.
    Wenn Ihr der Branntweiner vom Miesenbachwald seid, sagt der Pfarrer in
seiner Gelassenheit, so freut es mich, da ich Euch sehe. Da Ihr so selten nach
Winkelsteg herauskommt, so habe ich schon zu Euch gehen wollen. Wir mssen
miteinander reden. Ihr gebt den Winkelwldlern keinen Branntwein mehr, da seid
Ihr ein Ehrenmann, ein groer Wohltter der Gemeinde. Ich danke Euch, Freund! -
Und auch Euere Umsicht ist sehr zu loben. Es ist doch wahr, da Ihr jetzt mit
den Krutern und Harzen und Wurzeln Arzneien, le und kostbaren Balsam bereitet
und drauen im Lande dafr Abzugsquellen suchet. Ich gehe Euch nach meinen
Krften und Erfahrungen gerne dabei an die Hand. Ei gewi, das ist ein guter
Griff, den Ihr gemacht habt, und in wenig Jahren seid Ihr ein wohlhabender
Mann.
    Da wei der Branntweiner gar nicht, wie ihm geschieht. Er hat gar keinen
Griff gemacht, hat niemals an Balsam und l-Erzeugung gedacht; aber die Sache
kommt ihm auf der Stelle so vernnftig und falich vor, da er dem Pfarrer nicht
widerspricht und schmunzelnd als angehender Balsam-Erzeuger den Kopf wiegt.
    Und solltet Ihr, lieber Freund, vorlufig etwas fr Weib und Kind bentigen
- mein Gott, zu Anfang behilft man sich, wie man kann - so mag ich gerne, gerne
mit einer Kleinigkeit dienen. Ich bitt' Euch recht, mich ganz als Euren Freund
zu kennen!
    Der Hannes hat ein unverstndliches Wort gebrummt, ist aus dem Hause
gestolpert, hat seinen Knittel ber den Rain geschleudert.

                                                         In der Fastenzeit 1832.

    Die kirchliche Behrde fngt wieder an. Ihr ist unser Pfarrer noch immer
nicht rechtmig genug; sie will ihm die Kirche verschlieen.
    Die Kirche, die wir gebaut haben mit Mhe und Sorgen.
    Es ist still genug in unserer Kirche; Vater Paul hlt den Gottesdienst in
den Krankenstuben und auf dem Friedhofe. Die Leute kommen nur mehr in den Srgen
zur Pfarrkirche heraus. Die Seuche ist zur Sterb geworden. Die Schule ist
schon seit Monaten geschlossen.
    Es geht die Sage, der Pfarrer wre schuld an der Seuche, da er das
Branntweintrinken abgesagt. Der Branntwein sei das allersicherste Mittel gegen
Ansteckungen.
    Der Hannes lauert. Erst jetzt lehnt sich sein Stolz auf gegen den Pfarrer,
dessen Schalkheit und Milde er vor wenigen Wochen unterlegen ist.
    Es ist ein immerwhrender Kampf gegen das Geschick und gegen die Bosheit.
Wer ausharrt im Ringen und in seiner inneren berzeugung, der erlangt das Ziel.
Das ist ein schnes Wort, aber ich habe es noch nicht recht erproben knnen.

                                                               Am 22. Mrz 1832.

    Heute ist unser Pfarrer gestorben.

                                                               Zwei Tage spter.

    So hat sich noch keiner selbst erlst, wie dieser Mann - dieser seltsame
Mann, der an einem Frstenhof regiert, in Indien gepredigt und in der Hhle des
Felsentales gebt hat.
    Alle Irrpfade des Priestertums hat er durchwandeln mssen, bis er das Wahre
gefunden: den Armen im Geiste ein Helfer und Freund zu sein.
    Er hat sich in den Husern der Kranken seinen Tod geholt. Die Verlobung des
Lazarus Schwarzhtter mit der Juliana Grassteiger hat er gesegnet. Ein kleines
Unwohlsein hat ihn von der Feierlichkeit weg auf seine Stube gerufen. Er hat sie
nicht mehr verlassen. Und ein guter, getreuer Hirt, hat er uns in seiner letzten
Stunde noch das Bedeutsamste gelehrt, das Sterben. Wie ein lchelndes Kind ist
er entschlummert. Wir, die wir es gesehen, frchten keiner mehr das Sterben; und
wir haben uns gelobt, nach seinem Vorbilde streng unsere Pflichten zu erfllen.

    Und ich kann's nicht glauben. Ohne Ruh' und Rast schau ich zum Fenster
hinaus, ob er nicht des Weges kommt in seinem braunen Rock. Er hat sich schon
ein wenig sttzen mssen; ist wohl doch gebeugt gewesen unter seinen weien
Haaren.
    Ohne Ruf' und Rast geh' ich am Pfarrhofe vorber; es ist kein Klopfen mehr
an den Fensterscheiben, es lchelt kein freundliches Gesicht mehr heraus.
    Da stehe ich still und meine, ich msse laut seinen Namen rufen.
    Und ich kann es nicht glauben, da er dahin ist.

    Bei dem Leichenbegngnisse ist der Holdenschlager Pfarrer dagewesen. Er hat
sich ba gewundert ber die allgemeine Trauer, die in den Winkelwldern
herrscht.
    Selbst der Branntweiner Hannes ist zum Grabe gekommen und hat eine Scholle
hinabgeworfen. Nur der alte Rpel ist nicht zu sehen gewesen; der hat wohl im
Urwaldfrieden das Grablied gesungen. Zu Winkelsteg haben die Glocken gesprochen.
    Und als letztlich auch die Glocken stumm geworden, da sind die Leute still
davongezogen in ihre armen, zerstreuten Wohnungen.
    Nur ich allein stehe noch da und starre hinab auf den falben Tannensarg. Vor
achtzehn Jahren habe ich den Mann das erstemal gesehen. Er ist am Grabe
gestanden, das sie in der Wolfsschlucht dem Glasscherbenfresser gegraben. Seit
zwlf Jahren ist er Pfarrer zu Winkelsteg gewesen. Die Leute wissen es nicht und
messen es nicht, wie viel sie ihm zu verdanken haben. Heute blicke ich nieder
auf seinen Schrein; ja, das ist der Schlupunkt zu der Antwort Einspanig.
    Wie ich darber noch sinne, kommt die alte Haushlterin des
Winkelhterhauses, meine ehemalige Wirtin, herbeigewackelt. Sie guckt auch in
die Grube, fhrt sich mit der Hand ber das Gesicht, tappt nach meinem Arm und
sagt: Gott geb' ihm den ewigen Frieden! Das ist ein braver Mann gewesen. Aber
ein Fabelhans auch! Wie ein Vogel ist sein Sinn herumgeflogen in der weiten
Welt, und auf keinem Fleck, hat er gesagt, wr' die Welt mit Brettern
verschlagen. Und jetzt - gucket einmal recht hinab, Schulmeister! Da unten ist
sie - Gott geb' ihm den ewigen Frieden - da unten ist sie mit Brettern
verschlagen.
    Das Wort ist gesagt und hastig humpelt sie auf ihren Krcken davon.
    Und sie hat halt doch endlich recht, die Alte. So unbegrenzt der menschliche
Geist auch fliegen mag in den Weiten, sein letztes Ziel wird umschlossen von den
Brettern des Sarges. - Glcklicher Schlfer, dir ist ein unendlicher Raum jetzt
die Truhe. Noch nicht lang', und dir war zu eng die unendliche Welt. -
    Groer Dichter, vergib, da ich dein Wiegenlied zur Grabschrift wandle.

                                                                    Ostern 1832.

    Die Seuche ist erloschen. Man sieht viele blasse, abgehrmte Gesichter
umherwandeln.
    In den Mulden der Waldberge und in den Spalten der Felsen schieen
Wildwasser zur Tiefe. Der Wasserfall ber die Breitsteinerwand ist meines
Erlebens noch nie so gro und schn gewesen, als jetzt. Aber es ist gar kein
Fallen, es ist ein lindes Niederschweben von der Hhe, aus der Ferne gesehen.
Doch wer die Wassermassen in der Nhe betrachtet! Das ist ein gar gewaltiges
Losreien und wuchtiges Niederstrzen, da der Erdboden klingt. Warum erhebt
sich unsere Seele zu einem Wohlbehagen, wenn man die Wirkung einer groen Kraft
sieht? - Im Miesenbachgraben und in den Karlehnen donnern die Schneelahnen. Hoch
ber den Firnen blaut der Himmel.
    Da wir in der Kirche keine Auferstehungsfeier haben, so drngt es die Leute,
das Osterfest in anderer Weise zu begehen.
    Der Charsamstag ist vorbei; das Turmkreuz der Kirche schimmert im Abendrot
viel glhender als sonst. Es wird heute aber nicht Nacht; ein neues Leben steht
auf. Die Leute gehen im Festkleide aus ihren Wohnungen hervor. Ein neuer Tag
bricht an am Abende und Festfeuer leuchten auf den Hhen. - Wer von diesen
Menschen wei es denn, da auch die alten Deutschen zu solcher Jahreszeit der
Gttin des Frhlings Freudenfeuer angezndet?
    Wem nur dieser Einfall ist beigekommen? Da oben auf dem Bhel steht ein
alter, einzelner Fichtenstamm; den haben sie vom Fu bis zur Wipfel mit drrem
Gezweige, Moos und Stroh umflochten.
    Wenige Schritte seitwrts haben sich die Leute um ein kleines Feuer
versammelt und singen Lieder. Weiber mit verdeckten Handkrben sind auch dabei
und Kinder spielen mit gefrbten Eiern.
    Es ist schon spt in der Nacht; der Lazarus will mit der Lunte gehen, da er
die Osterkerze in Brand stecke, da huscht durch den finsteren Wald der alte
Rpel herbei, reit seine Binsenhaube vom Haupte und sagt: Gelobt sei Jesu
Christ, der am Kreuz gestorben ist!
    Wir sind alle hellverwundert, da der Alte wieder einmal unter die Leute
geht, und ich will ihn sogleich einladen, da er sich zu mir und dem Grassteiger
setze, wo wir einen Mostkrug stehen haben.
    Dank fr die Ehr'! sagt der Rpel und zieht seine Strohharfe unter dem
Rock hervor, und in die Flamme hineinstarrend, hebt er an zu reden:
    Komm just von Jerusalem her. Alle drei Kreuz auf dem Berg Kalvari stehen
leer. Christi Leib haben sie gelegt in ein neues Grab, die Seel' ist gefahren
zur Hllen hinab. Die Altvter tten warten schon hart. Dem Abraham hat das
Feuer versengt den langen Bart; der Moses ist schon tausend Jahr im Rauchfang
gesessen und hat auf seine zehn Gebot vergessen. Der Adam, der vorwitzig' Mann,
und die Eva haben gehabt kein Rcklein nit an - die tt' das Feuer wohl
saggrisch beien. Das Paradies ist ihnen schon lang' verheien, und durch die
Leidensnot und den bittern Tod tt's ihnen jetzt Christus erlauben. - So hat
mir's der recht' Schcher erzhlt, dem linken tt' ich's nit glauben.
    Nu, Rpel, sagen die Leut', wenn du sonst nichts mehr weit, so bist auch
grad kein heiliger Geist.
    Unbekmmert um diesen Spott, fhrt der Alte fort: Am heutigen Morgen sind
unsere lieben Frauen zum Felsengrab gegangen schauen. Ist ein Junggesell
gesessen auf dem Stein; die Magdalena gucket schon vorwitzig drein, kreiselt ihr
gldenes Lockenhaar fein und denkt: wie alt mag er sein? - Mit Verlaub, schne
Frauen, der liebe Herr Jesus ist nit hie, der ist auferstanden schon in
allerfrh! Da haben die Frauen fr die frhliche Mr ein Trinkgeld wollen geben
Gott zu Ehr; aber der Junggesell ist gelaufen zum Himmel hinein; ich tt's auch
- tten mich tragen meine alten Bein'.
    Wieder schweigt der alte Rpel. Da aber keiner die Anspielung auf ein
Trinkgeld verstanden hat, so fhrt er fort: Der Herr Jesus geht spazieren im
Wald, tt' sich ausruhen von bitteren Leiden; ein Hirtenknab' steht auf stiller
Heid, der tt' weie Schflein weiden. Tt' weiden die Schflein und weinen
dabei, gar bitterlich, bitterlich weinen. Da fragt ihn Herr Jesus: was weinst du
mein Kind, es tut ja die Sonnen scheinen! - Ja freilich, sie scheint auf den
Rasen grn, der mir meinen Vater tut decken; und der Heiland ist gestern am
Kreuze gestorben, wer wird mir den Vater wecken? - Da spricht der liebe Herr
Jesus: Mein Kind! siehst du die Felsen beben? Der Herr ist erstanden, wird
wecken dereinst die Toten zum ewigen Leben.
    Der alte Mann schweigt und starrt in die Flamme. Sein Haar und Bart ist im
Scheine des nchtlichen Feuers rot wie Alpenglhen.
    Und der Schein des Feuers fllt in Bndern hin durch das Gestmme auf die
frischen Grber des nahen Kirchhofes.
    Eine schwere Stille ruht ber der Versammlung; als erwarte sie schon diese
Osternacht die Auferstehung der Toten.
    Da richtet sich jhlings der Kopf des Alten wieder auf, anmutig zart gleiten
seine Finger ber die Saiten aus Stroh; wie Schalkheit zuckt es in seinen Zgen,
und als wollte er seine frhere Rede ergnzen, sagt er mit fast kecker Stimme:
Der Hirtenknab', der junge Tropf, schttelt unglubig seinen groen Kopf. Da
langt ihm der Herr die Hand hin zumal, und weist ihm sein heiliges Wundenmal;
just so frwahr, und das Wundmal ist gro, wie ein Groschenstck gar ...
    berzeugend genug streckt der Greis die hohle Hand aus, und mancher legt
richtig ein Wundmal hinein - einen guten Pfennig oder ein Groschenstck. Ich
htte ihm diesmal nichts geschenkt. Was hat er denn so fromme Sprchlein zu
singen, wenn er sie nachher allemal wieder mit einem losen Frevel zerstrt! -
    Der Alte bedankt sich fr die kleinen Gaben, dann ist er im Walde
verschwunden. Man wundert sich, da er neuerdings wieder so lebendig wird.
    Der Grassteiger hat den armen Mann suchen lassen, um ihn fr die Ostern an
seinen Tisch zu fhren. Der Rpel ist nicht gefunden worden.
    So geht's immer tiefer in die Nacht; zum groen Glck eine recht laue Nacht,
denn keiner, auch von den erst Genesenen, keiner ist zu bewegen gewesen, nach
Hause zu gehen.
    Der Stand eines Sternbildes weist die Mitternacht, den Beginn des
Ostertages. Da fhrt ein Flmmchen in den strohumwundenen Baum, und die
Osterkerze lodert hoch ber dem Waldtale gegen den Sternenhimmel auf.
    Nun jubeln die Kinder, die Weiber und die Mnner; aber weiterhin, als Hall
und Schall vermag zu dringen, leuchtet die Feuersule und verkndet dem
Waldlande ringsum den Ostertag.
    Und zur selbigen Stunde haben die Weiber ihre Handkrbe aufgedeckt, auf da
die Gottesgaben darin, Brot, Eier und Fleisch, der liebe Osterhauch mag
befcheln. Und so ist unserem Festbrote die Weihe zuteil geworden, die der Vater
Paul uns fr diese Ostern nimmer vermag zu spenden.
    Erst gegen Morgen ist die Osterkerze, deren hochstrebende Flamme sie gar in
den Miesenbachgrben sollen gesehen haben, verlodert zusammengebrochen.
    Dann sind wir von dem nchtlichen Osterfeste heimgekehrt in unsere Htten.

    Von diesen Tagen an, Andreas, wirst du nicht mehr jnger. - Jnger? wer hat
dich gelehrt so ungereimt zu schwtzen? Zhl' deine Eisfden auf dem Haupte,
zhle sie, wenn du kannst, du alter Mann!
    Ich meine, der Pfarrer hat mich mitgenommen.

                                                                       Mai 1832.

    Von unserem jungen Herrn hrt man groe Dinge. Und diesmal sind sie amtlich
erhrtet. Hermann hat die Gter des Vaters bernommen und ist demnach unser
Herr.
    Als Angebinde hat er den Winkelstegern alle rckstndigen Arbeitsleistungen
und die Grundeinzahlungen auf zehn Jahre hinaus nachgesehen. Das ist ein guter
Anfang. Die Winkelsteger wissen ihre Dankbarkeit nicht anders zum Ausdrucke zu
bringen, als da sie in der Kirche eine zwlfstndige Andacht halten, um fr die
Gesundheit des jungen Herrn zu beten.
    Hermann soll krnklich sein.
    Gestern ist der Berthold zu mir gekommen. Seit jenem Tage, da er sein
vermites Kind unter den Tieren des Waldes gefunden, wildert er nicht mehr,
sondern arbeitet mit Flei und Schick in den Holzschlgen, und seine Kinder
erwerben sich ihr Brot durch Sammeln von Waldfrchten.
    Der Mann hat mir gestern ein Bndel gedrrter Bltter gebracht; dieselben
wchsen nur drben im Gesenke und besen eine wunderbare Heilkraft, die auch
der jahrelang krnkelnden Aga die Gesundheit wieder gegeben htte. Die Lili habe
die Bltter gesammelt und getrocknet, und da sei es ihnen beigefallen, dieselben
dem jungen, gndigen Herrn Schrankenheim zu schicken; es sei kein Zweifel, da
er bei entsprechendem Gebrauche des Krautes genesen wrde. Ob ich nicht so
freundlich sein wolle, die Arznei zu bermitteln?
    Ich habe es dem Berthold zugesagt.

                                    Alpenrot


                                                              Fronleichnam 1832.

Der Waldsnger ist nun auch verstummt. Sein ganzes Leben und Sterben ist
angelegt wie ein rosenprangender Dornstrauch in der Wildnis.
    Ich habe seine wunderlichen Worte so gerne aufgeschrieben und bin gegen
seine Sprche ein paarmal ganz pharisisch worden! Als ob eine solche Einfalt
freveln knnte! Er hat eben Himmel und Erde vermengt, wie das jeder Dichter tut.
Und Humor ist lange noch kein Frevel. - Nun lege ich in diesen Blttern sein
Ende nieder.
    Der Kropfjodel hat auf der Breitsteinalm eine Hirtenhtte. Und in dieser
Hirtenhtte hat er zur Sommerszeit zwei bermtige Shne, welche die Rinder
versorgen und zu ihrem Zeitvertreib allerhand Tollheiten begehen. In letzter
Zeit hat sich der Rpel bei ihnen aufgehalten und ihnen durch seine Lieder und
Strohharfenspiele Spa gemacht. Der Alte ist zeitweilig verwirrt und
schwachsinnig gewesen. Und das ist den Jugen just ein rechtes Spielzeug.
Allerwege ist der Alte der Bock, auf dem sie reiten; und er lt es nicht
ungerne geschehen; es freut ihn schier, da er bei Teppen noch Anwert hat,
sagt er, zu gescheuten Leuten tauge er nimmer.
    Des Abends ist der Rpel stets in die Htte gekommen, hat was zu essen
erhalten und die Nachtruhe auf dem Heuboden.
    Da ist es eines frhen Morgens, da der alte Rpel vor der Htte auf einem
taufeuchten Stein sitzt. Er spielt auf der Strohharfe und wendet seine matten
Augen empor gegen das Morgenglhen der Felsen. Gellt ihm jhlings ein wster
Schrei in das Ohr. Er schrickt empor, da stehen die Jodelbuben neben ihm und
lachen. Der Alte blickt sie gutherzig an und lchelt auch ein wenig.
    Tust strohdreschen, Rpel? frgt der Veit und deutet auf die sonderlichen
Saiten.
    Und schon so zeitig! sagt der Klaus.
    Der Alte wendet sich: Ihr wisset das von der Morgenstund? Dann legt er die
Hnde an die Lippen und lispelt den Burschen vertraulich ins Ohr: Sie hat Gold
im Mund!
    Geh! entgegnet der Klaus spottend, du, da heit sie sich ja die Zhn
aus! - Die Hirten erheben ber diesen ihren Einfall ein Lachen.
    Da oben habt ihr's ja, das Gold, da oben! Der Alte deutet zitternd gegen
die glhenden Wnde.
    Ja, du Rpel, das ist wahr! sagt der Veit ernsthaft, das ist richtig Gold;
geh nur hinauf und schabe es herab.
    Der Greis blickt befremdet drein.
    Da kriegst du einen ganzen Korb voll Gold zusammen, und etwan mehr noch!
sagt der Klaus, da kannst du dir ein goldenes Schlo bauen und einen goldenen
Tisch kaufen und einen goldenen Wein und eine goldene Harfe und eine goldene
Frau!
    Eine goldene Harfe! murmelt der Rpel und seine Augen leuchten auf. Dann
fhrt er sich mit der Hand ber die Stirne. - Er hat das vom goldenen Morgen
zuerst selber gesagt, gleichnisweise. - Und jetzt sollte es wirklich so sein?
    Und das Zeug da gibst du des Grassteigers Esel in die Krippe! ruft der
Veit.
    Bei diesem Spott auf seine Harfe soll es wie der Schatten einer Wolke ber
des Alten Antlitz gezogen sein.
    Du, Veit! droht er, mein Harfenspiel, das legt dir nichts vor dein Ziel.
Das la du in Ruh!
    Das Wort reizt den Burschen. So spielt man auf dieser Harfe! ruft der Veit
und fhrt mit der Hand ber die Saiten, da es rauscht und alle Halme springen.
Dann sind sie davongelaufen.
    Der Alte sitzt noch eine Weile und bewegt sich nicht. Er starrt auf die
zerrissene Harfe, er wischt mit beiden Hnden die Augen, er will sich aus dem
Traume helfen; er kann es nicht glauben, da es wahrhaftig sei. Sein Alles und
Einziges haben sie ihm zerstrt - sein Saitenspiel. Erst als oben in den Felsen
schon der helle Sonnenschein liegt, erhebt er sich. Den Astreifen mit dem
Strohgewirre hat er sich umgehangen, zu den beleuchteten Wnden hat er
emporgestarrt, und mit schweren Schritten ist er davongewankt, hinan gegen die
Schroffen, ber die der Wasserfall niederrieselt, im Sonnenleuchten zu sehen wie
flssiges Gold ...
    An dem Abende desselben Tages ist es, da die beiden Hirten wieder lustig um
den Herd ihrer Htte wirten, wie sie es gewohnt. Sie kochen Mehlklchen, welche
sie Fuchsen nennen, da sie fuchsbraun gerstet sind. Die Herde ist von ihren
Weiden geholt und in Sicherheit des Stalles gebracht.
    Lustig sind die Jodelbuben allerwege, aber zum Feierabend am lustigsten. Ist
der alte Harfner in der Htte, so necken sie diesen; ist er nicht da, so necken
sie sich selbander. Der Harfner ist heute noch nicht da, so hpft der Klaus wie
ein Affe dem Veit auf die Achseln, reitet auf dessen Nacken und ruft: Esel, wer
reitet?
    Einer ber dem andern.
    So treiben sie es. Dann verzehren sie ihre Mehlfuchsen und mit dem
Pfannenru streichen sie sich Schnurrbrte an. Nach einem Schnurrbart geht ihr
Sinn, und ein Mgdlein mchten sie kssen, weil das - nach dem Sprichwort - den
Bartwuchs frdert. - Der alte Rpel knnt' aus seinem Bart Silbersaiten spinnen
fr die Harfe.
    Heute ist der Alte noch nicht da; hat ihn etwan doch der Spa am Morgen
verdrossen? - Die Burschen mgen davon nicht reden. Eine gelinde Reue verspren
sie, und ein Stck Mehlfuchs tun sie in eine Holzschssel und tragen die
Holzschssel auf den Heuboden und stellen sie auf die Lagersttte des Alten.
Dabei fat sie schon wieder der Schalk; sie verrammeln das Lager mit Rechen und
Heustangen. - Und nun wird der Alte kommen und sich die Rase anrennen und
rechtschaffen brummen und zuletzt auf den Mehlfuchs stoen. Und der Mehlfuchs
wird ihn fr alles vershnen.
    Die Burschen haben in derselbigen Nacht prchtig geschlafen. Und als sie
erwachen, sind in den Wandfugen schon die goldenen Saiten des Morgens gezogen.
    Das Lager des Alten aber und das Mehlgericht ist noch unversehrt und
verrammelt mit Rechen und Heustangen.
    Der Klaus geht zu der Herde; der Veit geht in das Freie. Und das ist heute
wiederum eine Morgenfrhe! Frisch und klar und tauig die Almen und Wlder, der
Himmel reingekt von der Morgenluft. Und hoch auf den Zinnen des nahen
Felsgewndes leuchtet die Sonne. Ein Vglein wirbelt bermtig auf dem Giebel
der Htte, und der Brunnen pltschert emsig in den Trog.
    Der Veit geht zum Brunnen. Die lpler waschen sich des Morgens Hnde und
Gesicht so gerne am kalten Quell. Das schwemmt alle Schlfrigkeit hinweg und
macht Auge und Herz heiter - heiter wie der junge Tag. Veit kraut mit den
Fingern emsig sein wirres Haar zurecht und hlt die beiden Hnde unter die
sprudelnde Rinne. Wohl tut die rieselnde Khle, Veit! Aber da spinnt sich im
Wsserlein heran ein blutroter Faden und er schwimmt und schlingelt und ringelt
sich in der hohlen Hand. Erschrocken zieht der Bursch die Arme zurck und starrt
in die Rinne, auf der ein zweites, drittes Fdchen und Fserchen heranschwimmt,
und er starrt in den Trog, wo die Fdchen und Fasern sich winden und einigen und
teilen und lsen.
    Veit eilt in den Stall: Klaus, komm', es sind heut' so Dinger im Wasser!
    Klaus kommt und sieht und sagt halblaut: Das ist Blut!
    So ist da oben eine Gemse ins Bchl gestrzt, versetzt Veit.
    Aber, da der Rpel nicht da ist! sagt der Klaus, und ein wenig spter
setzt er bei: der tt's leicht kennen, ob es Gemsenblut kann sein.
    Der Veit ist bla; Klaus, sagt er, steig' mit hinauf in die Schlucht!
    Sie sind dem Wsserlein entlang gegangen; es rieselt wieder klar.
    Tiefer und tiefer steigt die Sonne nieder an den stillen Felsen; hher und
hher und mit jedem Schritte hastiger steigen die beiden Burschen empor und
zwngen sich durch enge Schluchten, wie sie das Wasser in wildem Wettertoben
gerissen, oder in ruhigem Zeitlaufe gehhlt hat. Die Burschen sagen kein Wort zu
einander, sie winden sich durch taunasses Himbeergestruche und Knieholz; sie
klettern an den schroffen Wnden hin; sie hren ein Rauschen. Sie kommen der
Stelle nahe, wo das Wasser wie ein Goldband ber die sonnige Wand strzt.
    Da ist ein Strohhalm, sagt der Klaus jhlings. Es sind zwei
aneinandergeknpfte Halme. Und daneben liegt der Reifen aus Tannengeste. An den
Gestrppen des Hanges hngt mancher Halm zerrissen und zerknittert, und darunter
in der Tiefe des Grundes -
    In der Tiefe ist der alte Mann gelegen.
    Der Kopf ist zerschmettert; in der linken Hand hlt er starr gepret den
Zweig eines Alpenrosenstrauches. ber die Rechte rieselt das Wasser.
    So haben sie ihn gefunden. Wer kann es sagen, wie der alte Mann verunglckt
ist? Etwan hat er da oben nach dem Golde des Alpenglhens gefahndet, auf da er
sich eine neue, goldene Harfe erwerbe. Und da ist der mhselige Greis gestrzt.
Noch im Fallen hat er sich halten wollen am Rosenstrauche, dessen Zweig mit
einem glhenden Rslein ihm in der Hand geblieben. - Und das ist des Waldsngers
Ende.
    An diesem Fronleichnamsfeste haben wir ihn in die Erde gelegt. Gar viel
Leute sind nicht dabei gewesen. Aber die Waldvgel auf den Wipfeln des Schachens
haben ihrem Sangesbruder ein helles Schlummerlied gesungen.
    So arm hat keiner geschienen in den Winkelwldern als dieser Mann, und so
reich ist keiner gewesen. Das allwaltende, allumfassende und unfabare heilige
Sngertum des Volkes hat in diesem Manne seine Verkrperung gefunden.
    Auf Vater Paulus' Grab steht ein Kreuz aus dem Holze einer uralten Tanne.
Auf des Sngers Hgel pflanze ich einen jungen Baum.

                                                                      Juli 1832.

    Mit den Jodelbuben haben wir ein Elend. Sie wollen oben in der Almhtte
nicht mehr bleiben; sie sollen in den Nchten immer Klopfen und Sthnen auf dem
Heuboden vernehmen. Mitten im Sommer mu der Kropfjodel abtreiben und die Htte
sperren. Der Veit will sich an keiner Quelle mehr waschen. Er sieht in jedem
Brunnen Blutstropfen, die sich anklagend an seine Hand wollen legen, an dieselbe
bermtige Hand, welche die Harfe des Alten zerbrochen.

                                                                 Im Herbst 1834.

    Die Schule ist auf einige Wochen geschlossen. Die Kinder helfen bei der
Ernte; diese ist spt reif geworden und mu nun noch vor dem Frost gewonnen
werden. Oben auf den Felsenhhen gibt es schon Schneestrme.
    Ich htte doch wieder einmal hinaufsteigen mgen auf den hohen Berg, auf da
ich knnte hinausblicken. Ich lebe gar so vereinsamt in mich hinein. Die Alten
sind mir weggestorben; die Jungen habe ich erzogen, aber nicht zu meinen
Genossen. Ich bin ihr Schulmeister. Den Schulmeister lassen sie in Frieden
ziehen, und wenn er, alt und grau, auf seinem einschichtigen Bnklein sitzt, so
werden sie meinen, ein Schulmeister msse so sitzen.
    Der neue Pfarrer ist ein junger Mann, der schickt sich besser fr sie; der
tut mit im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Als er sich letztlich aus der
Kreisstadt das neue Mebuch verschrieben, hat er auch Spielkarten kommen lassen.
    Der Lazarus und sein Weib, die Juliana, sind Besitzer des Grassteigerhofes;
sie setzen das Wirtshaus fort, handeln mit Tabak und allerhand Kleinigkeiten.
Gar auslndische Kleiderstoffe sind bei dem Grassteiger zu haben. Es gibt Leute
in der Gemeinde, die nicht mehr mit den Loden- und Zwilchjacken vorliebnehmen,
die was Besonderes am Leibe haben wollen; so zum Probieren, sagen sie heute
noch. Aber ich achte, es ist Untreue!
    Manchmal durchstreifen, wie voreh, Hscher unsere Gegend, um Schwrzer und
Soldatenflchtlinge einzufangen.

                                                                    Sommer 1835.

    Ich erzhle die Dinge wieder nur meinen geduldigen Blttern; sie bewahren
die Geschehnisse lnger in Erinnerung, als ich und ganz Winkelsteg. Es ist mir
wie eine Pflicht geworden, unsere Schicksale aufzuzeichnen. Dereinst werden
andere Menschen sein; sie sollen auch von uns wissen.
    Zuweilen kommt Hagel und groes Wasser und vernichtet die Ernten und
schleudert die strebsamen Ackerbauwirte in der Entwicklung ihres Wohlstandes auf
Jahre zurck.
    So auch wieder in diesem Jahre. Die Leute drren nun das Stroh, bringen es
in die Mhle - es sind deren ein halb Dutzend im Tale - und das wird Brot fr
den Winter sein.

    In meinem Leben ist kein Wettersturm und kein Sonnenschein.
    Aber ich will mein Frhjahr und meinen Sommer haben, und jetzt habe ich zu
meiner Wanduhr eine Vorrichtung gemacht. Die Metallschelle des Schlagwerkes habe
ich weggetan und dafr aus zwei Blttchen und einer Feder ein Ding
zusammengetan, das zu jeder Stunde den Wachtelschlag nachahmt. Hier in der
Gegend hrt man die Wachtel kaum alle drei Jahre einmal; aber in meiner Stube
bleibt es nunmehr Sommer zu allen Jahreszeiten. Die Kinder und ich haben eine
rechte Freude daran.

    Da drauen im Holdenschlager Graben, durch den jetzt eine neugebaute Strae
zieht, dort, wo die Winkelsteger Gemeinde begrenzt ist, haben unsere Bauern ein
Wetterkreuz setzen lassen. Es hat drei Querbalken, an denen die bildlichen
Leidenswerkzeuge des Herrn ragen. Das Kreuz wird als Schutz gegen bse Wetter
hoch verehrt. Der uralte Schwamelfuchs aber meint, dasselbe sei mehr schdlich
als ntzlich; es lasse die bsen Wetter, die ja alle vom Zahn herabkmen, nicht
weiter, und so msse es sich ber Winkelsteg entleeren.

    Auf die Meinung des Schwamelfuchs hin haben die Bauern das Wetterkreuz
richtig niederreien lassen. Hingegen haben nahe an derselben Stelle die
Holdenschlager ein ganz hnliches aufgestellt, auf da die Gewitter hier gebannt
und nicht hinaus auf ihre Felder gelangen knnen.
    Jetzt sind die Winkelsteger in doppelter Verlegenheit und ich, ihr Lehrer,
mit ihnen.
    Schulhalten und nichts als Schulhalten, und die Hirngespinste unter diesen
Filzhten sind nicht umzubringen. Schulhalten! Es ist viel, und dennoch ist es
ein tatenloses Leben. Wie ist das anders gewesen zur Zeit, als wir die Gemeinde
erweckt haben! - Es gbe auch heute noch genug und bergenug zu schaffen und zu
erschaffen; aber der alte Pfarrer ist gestorben, der neue schiebt mich beiseite
und soll letzthin gesagt haben, es gbe Wichtigeres zu tun, als was so ein
Abc-Jger plane.
    Ich bin so alt noch nicht und tte noch arbeiten. Ein paar Stunden
schulhalten, Schreibbogen linieren, Federn und ein saures Gesicht schneiden, ein
wenig Brennholz klieben und die paar Geschftchen in der Kirche, das macht
meinen Kopf leer und meine Zeit nicht voll.
    Der Schlaf ist bald satt, und wenn ich, bis die lange Nacht vergeht, im
Bette mig liege, so ist das noch das Allerschlechteste. Da kommen mir Gedanken
zum Nrrischwerden - alte Zeiten - bltenzarte Gesichter und totenblasse - ja
zum Nrrischwerden. Und dann hre ich eine Stimme: ich htte meinen Weg
verfehlt, knnte in Glanz leben und sehr glcklich sein ... Aufspringe ich vom
Lager, die Geige reie ich von der Wand und hebe an zu scharren an den Saiten,
auf da ich die Gespenster wieder verscheuche.
    Und die Saiten, die wissen mir besseren Trost; sie flstern, ich mge
zufrieden sein, ich htte das Glck gehabt, ersprielich fr die Menschen zu
arbeiten, ich htte den Hang, stets der Vollkommenheit meines eigenen Wesens
zuzustreben, ich htte die Herrlichkeit der Schpfung um mich, ich htte die
Geister groer Menschen in meinen Bchern versammelt. Ich wrde noch manches
nach meinen Krften wirken und dereinst mit Befriedigung die Augen schlieen.
    Ich habe mir wieder, wie seiner Tage einmal, aber ernstlicher vorgenommen,
in meinen freien Stunden des Sommers mich mit der Pflanzenwelt abzugeben, sie
wissenschaftlich zu zerlegen und zu betrachten. Aber wie geht es mir dabei? Da
habe ich heute ein Pflnzlein gefunden, gepflckt und hier auf meine Mappe
gelegt.
    Mich reut der Mord. Es ist so frisch und hold gestanden am Rain und hat
seine kleinen Arme ausgestreckt, den lieben Sonnenschein zu umarmen. O, zrne
mir nicht, du liebholdes Wesen, du bist in deiner Jugend gestorben, es hat dir
ein Menschenauge gelchelt, es hat dich ein Menschenherz geliebt ...
    Und so geht es mir. Zu schluchzen hab' ich angefangen, ich altes Kind. Und
das heit Pflanzenkunde treiben? - Andreas, fr die Wissenschaft bist du ganz
und gar nicht zu brauchen, du bist ein Trumer.
    Letztlich habe ich wieder einmal das Zeichnen versucht, habe eine Karte von
den Winkelwldern gemacht. Htte ich nur auch die Mekunst gelernt; das gbe
jetzt ein anregendes und ntzliches Geschft. Denn diese Gegend mu nun doch
auch der Welt zurechtgelegt werden.

                                Waldlilie im See


                                                         Maria Himmelfahrt 1835.

Jhlings ist was Unvorhergesehenes gekommen.
    Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben von meinem einstigen Schler,
unserm jetzigen Herrn.
    Hermann schreibt mir, da er jene Kruter, die ich ihm von einem Holzer
gesandt, richtig verwendet habe und seither eine Linderung in seinem krnklichen
Zustande empfinde. Dieser Umstand habe ihn auf den Gedanken gebracht, das
Gebirge, welches er bisher ohnehin noch nicht kenne, zu besuchen und in der
milden Frhherbstzeit einige Tage daselbst zuzubringen. Er beabsichtige ganz
allein zu reisen, denn die Menschen, namentlich die Stdter, seien ihm unsglich
zuwider; das sei wohl eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes, aber er
knne sich derselben nicht entschlagen. An der Welt habe er sich krank genossen;
in der Ursprnglichkeit der Alpen, in ihren Wildnissen wolle er Heilung suchen.
- Er erinnere sich noch an mich, seinen ehemaligen Lehrer; er erinnere sich auch
meiner Verdienste um die Winkelwldler, und er bitte mich nun, ihm im Gebirge
ein Fhrer zu sein und mich an dem bestimmten Tage in der Ortschaft Grabenegg
einzufinden.
    Grabenegg, eine gute Tagereise von hier entfernt, ist keine Ortschaft; es
sind nur einige Steinschlagerhtten, die an der Zillerstrae stehen und von
einem dort auslaufenden Berggraben den Namen haben.
    Ich habe mich denn an dem bestimmten Tag in Grabenegg eingefunden, habe dort
den Waldherrn erwartet, der in einem gemieteten Wagen auch richtig angekommen.
Dann bin ich mit ihm weiter gegen das Hochgebirge gefahren.
    Der Herr hat mich vllig erschreckt; ich habe ihn schier nicht mehr erkannt,
aber er hat mich auf den ersten Blick als den Andreas begrt. Sein Gru ist
hflich gewesen, und der arme Mann ist lebenssatt.
    Bis zum ersten Felsentore fhrt der Fahrweg. Hier hat der Herr das Fuhrwerk
zurckgeschickt und wir sind auf rauhen Steigen, wie sie das Hochwild getreten,
in die Wildnis hineingegangen, auf deren Hhen die Eisfelder liegen. Der Herr
ist vorangeschritten, fast finster und trotzig, zuweilen mit der Begier des
Jgers, der dem Hirsch auf der Fhrte ist. Ich habe nicht gewut, wohin und was
der Mann will; er auch nicht. Ich habe gewaltige Angst gehabt, da wir fr die
Nacht kein Obdach finden knnten, habe dem Herrn dieses Bedenken mitgeteilt, er
hat darber eine Lache geschlagen und ist weiter gestrmt.
    Da ist mir jhlings der Gedanke beigefallen: Andreas, du wanderst mit einem
Irren! - Wre der graue Zahn vor mir niedergestrzt, so sehr htte mein Herz
nicht erschrecken knnen, als vor diesem Gedanken.
    Ich habe gefleht und gewarnt, ich habe ihn nicht zu halten vermocht; nur an
Hngen ist er stehen geblieben, hat einen Blick in den Abgrund getan, um sofort
wieder weiter zu eilen. Alle Glieder haben ihm gezittert, groe Tropfen sind ihm
auf der Stirne gestanden, als er in der Abenddmmerung an einer Felsenquelle
zusammengebrochen ist.
    Ich habe in derselbigen Stunde meinem lieben Gott alles, alles versprochen,
wenn er uns ein Obdach finden liee. Er hat mich erhrt. Unweit der Quelle habe
ich in der Kluft zweier Wnde eine Klause entdeckt, wie solche gerne von
Gemsjgern aufgerichtet und zum Schutze bentzt werden.
    Und unter diesem Dache, mitten in den Schauern der Wildnis ist ein Feuer
angemacht und dem Freiherrn aus Moos und Strauchwerk eine Ruhesttte bereitet
worden.
    Wir verzehren, was wir bei uns haben, und trinken Wasser. Als das Mahl
vorber ist, lehnt sich der Herr aufatmend an die Mooswand und haucht: Das ist
gut, das ist gut!
    Und nach einer Weile richtet er sein Auge auf mich und sagt: Freund, ich
danke Ihnen, da Sie bei mir sind. Ich bin krank. Aber hier werde ich genesen.
Das ist ja das Wasser, von dem der angeschossene Hirsch trinkt? - Ich hab' es
toll getrieben - toll! Ist kein Spielzeug, der Mensch. Schlielich bin ich zum
Glcke den rzten entkommen. Ich mag in keinem Metallsarg liegen, er riecht nach
Prunk, nach erknstelten Trnen - pfui!
    Zu meinem Troste ist er bald eingeschlummert. Ich habe die ganze Nacht
gewacht und auf Mittel gesonnen, den armen, kranken Mann unter Menschen zu
bringen. Wir sind weit ab; wollen wir nach Winkelsteg, so mssen wir ber das
Gebirge.
    Am andern Morgen, als ich bereits ein neues Feuer angemacht habe und als
schon Sonnenstrahlen durch die Fugen blicken, erwacht der Mann, bersieht
anfangs wie staunend seine Lage und sagt: Guten Morgen, Andreas!
    Hierauf hebt er sogleich an, sich reisefertig zu machen.
    Ich will auf den hohen Berg steigen, den sie den grauen Zahn heien, sagt
er, ich will diese Welt einmal von oben ansehen. Begleiten Sie mich und machen
Sie, da wir noch einen oder zwei Mnner mitbekommen. Haben Sie keine Sorge
meinetwegen. Gestern ist ein bser Tag gewesen. Wie gehetzt bin ich durch die
wsten Gegenden gezogen, ohne Ziel. Mir selber htte ich entrinnen mgen, wie
ich denen da drauen entronnen bin. Der ganze Jammer meines Elends war ber mich
gekommen. Aber diese Luft heilt mich - oh, diese reine heilige Luft!
    Als wir aus der Klause treten, mssen wir die flachen Hnde ber die Augen
halten. Es ist ein mchtiges Leuchten. Die ste des Tanns allein verschleiern
noch das Licht, in den Schatten des Geflechtbodens zittern Tautropfen. Viele
davon trinken schon von den glhenden Quellen der durch das Geste rieselnden
Sonne. Auf den Wipfeln jauchzen die Vogelscharen. Eichhrnchen hpfen herum und
lugen nach Morgenbrot und Gespielen.
    Da lchelt Hermann.
    Wir schreiten weiter. Wie lichtes Nebelgrau schimmert es uns zwischen den
Stmmen entgegen. Ein fast lauer Lufthauch zieht. Da lichtet sich jhlings der
Wald und jeder Baum am Rande streckt seine Arme aus - weist lautlos vor
Ehrfurcht, ein wunderbares Bild.
    Ein stiller See liegt da, weit hingedehnt, blau, grn, schwarz - wer kennt
die Farbe? An den Ufern der Morgenseite erhebt sich ber graues Gestein der
dunkle Bergwald, mild umschleiert von den Lichtfden der Sonne. An dem
gegenberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand, hinter der sich
Hhen und Hhen, Hnge und Hnge schichten, bis hinan zu den hchsten Riffen und
Zinnen und Zacken am Saume des blauen Himmels. Mannigfaltig und herrlich ber
alle Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem Halbrund. Hier unten
noch Lehnen, Rasen und samtgrne Filze der Wacholderstrucher. Dann die
milchweien Fden der niederstrzenden Wasserflle, deren Tosen von keinem Ohr
vernommen in den Rumen der Lfte verhallt. Dann die Gerllfelder, die
Schuttrisen, jedes Steinchen klar gezeichnet in der reinen Luft; dann Klfte mit
Schatten, mit Schrnden, mit Schnee; dann verwitterte Felsgestalten, wild und
hochragend, dmonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe.
    Ein Steinadler schwingt sich im Blau, jetzt wie ein schwarzer Punkt, jetzt
wie ein silbernes Blttchen umkreist er eine Felsenspitze. Und in den hintersten
Hhen aufgerichtet, sanft lehnend, lichte Gletscher und rtlich leuchtende
Tafeln der Wnde, in welchen der Griffel der Zeit stetig meielt, um einzugraben
in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur ...
    Ich sehe es noch, sehe alles noch vor meinen Augen - es ist der See im
Gesenke mit dem Bergstocke des grauen Zahn.
    Ich habe hnliches schon geschaut, und dennoch hat mich die Herrlichkeit
fast erschreckt. Der Freiherr aber steht da wie ein Stein. Seine Augen haben
sich verloren in dem unendlichen Bilde; seine Lippen saugen bebend die Seeluft
ein.
    Danach sind wir hinabgestiegen zu den Ufern des Sees. Hier pltschert das
Wasser an den stumpfkantigen Steinen.
    Der See kann auch wild sein, hat hier der Herr bemerkt, sehen Sie, wie
weit den Hang hinan die Steine glatt geschwemmt sind?
    Aus diesen Worten habe ich ersehen, da Hermann ein verstndiges Auge fr
die Natur besitzt. - Freilich, freilich kann dieser See ein wster Geselle
werden, so mild und lieblich er heute ruht. - - - Und jetzt kommt jhlings das
Wundersame. Dort unten, wo das Gebsche der Wilderlen in den See taucht - dort
guckt ein Menschenhaupt aus dem Wasser hervor! Es hebt sich das Haupt und von
den braunen, langen Locken und von dem blhenden Antlitz rieseln die Tropfen der
Flut. Hals und Nacken sind ein wenig sonnengebrunt, aber die sanftgebauten,
wiegenden Achseln schimmern durch das Wasser wie schneeweier Marmor. Ein
junges, schnes Weib, eine Wasserjungfrau! Wei Gott, ein Dichter knnt' einer
werden! So was Schnes! - Und es hat sich noch mehr zugetragen.
    Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich und hat sich dem Bilde genhert; in
demselben Augenblick ist die Gestalt untergesunken und nur die Erlen haben
gefchelt ber dem Wasser und sonst haben wir nichts mehr gesehen.
    Hermann starrt mich an. Ich starre in den See. Der wirft im Lufthauche
leicht wuppende Reifen, ist hier spiegelglatt, dort zitternd. Und das Haupt
taucht nicht mehr hervor.
    Minuten vergehen. Ich sphe mit Herzklopfen nach dem badenden Wesen, wer
wei, ob es schwimmen kann? Mir fhrt es durch den Kopf: Wie, wenn sich das
Mdchen aus Schamgefhl im Wasser vergrbt?
    Nach einer Weile der Angst und Not habe ich das atemlose Kind aus den Wellen
hervorgezogen. - Mit der wenigen Erfahrung, die uns zu Gebote steht, haben wir
sein Leben wieder erweckt, sein siebzehnjhriges Leben. Und siehe das wildscheue
Wesen! Kaum erwacht und von unseren Hnden bekleidet, hat ihm die Angst Kraft
geliehen, ist es aufgesprungen und hingeflohen am Waldhange.
    Der Herr hlt sich den Kopf mit beiden Hnden. Andreas! ruft er, mein
bel kehrt wieder; ich habe Erscheinungen, eine Fee habe ich gesehen!
    Das ist keine Fee, gebe ich ihm zur Antwort, das ist die Tochter jenes
Holzers, der dem gndigen Herrn die Kruter geschickt hat.
    Die Waldlilie ist es gewesen.

                                                             Einige Tage spter.

    Heute ist der Herr mit dem Schimmel des Grassteiger davongefahren.
    Aus der Besteigung des Zahns ist nichts geworden. Als uns am See die
Waldlilie entschwunden gewesen, hat Hermann gesagt: Mein Schicksal ist
gekommen; ich steige nicht auf den Berg. Fhren Sie mich in Ihr Winkelsteg,
Andreas.
    Und in Winkelsteg ist er drei Tage verblieben, hat unsere Einrichtungen
betrachtet und zum Teile belobt, hat viel von unserem Wasser getrunken. Die
Leute haben es nicht glauben wollen, da das der Waldherr sei; ein Weiblein hat
gemeint, der Waldherr msse einen goldenen Rock tragen, und dieser Mann hat
einen aus braunem Tuche. Sein Gesicht ist wie mit Asche bestreut, aber unter der
Asche merke ich Funken. Vor wenigen Tagen habe ich gesagt, er sei lebenssatt;
heute meine ich schier, er sei lebenshungrig. Es ist recht seltsam. Gestern hat
er den Berthold zu sich gerufen, da er ihm das Heilkraut bezahle.
    Der alte Rotbart ist lngst im Ruhestand, so ist der Berthold Frster in den
Winkelwldern geworden und wohnt nun mit den Seinen im Winkelhterhause. In
wenigen Tagen wird die kirchliche Trauung des Frsters mit dem Weibe Aga still
vollzogen werden. So hat es der Herr angeordnet. Zu tausendmal freut es mich:
Hermann hat eine kerngesunde Seele; ein Kranker kann so rasch und sicher nicht
handeln. Aber ein absonderlicher Mensch ist er doch. Ehe er davonfhrt, kommt er
zu mir in das Schulhaus, zieht mich zu sich auf eine Bank nieder und sagt:
Schulmeister! sie hat ihr Magdtum hher gehalten, als ihr Leben; htte ich denn
geglaubt, da es ein solches Weib gibt auf Erden? Sie, Erdmann, haben voreinst
die Welt von unten herauf kennen gelernt. Ich habe die Welt von oben hinab
durchschaut. Wir sind ihrer beide satt. Mir ist nichts Auerordentliches
widerfahren, Erdmann, ich habe nur gelebt - bis an die Grenzen des Wahnsinns.
Ich gehre auch herein in diesen Wald - Andreas - ich gehre auch herein! Aber
ich mu wieder zu meinem alten Vater. Gott bewahre, da ich sie mit mir nehme!
Glckselig, da sie die Welt nicht kennt! Ihnen vertrau' ich sie, Schulmeister.
Hat sie das Bedrfnis, einiges zu lernen, so lehren Sie sie; hat sie das
Bedrfnis nicht, so ehren und bewachen Sie sie wie eine wilde Lilie im Wald. -
Und bewahren Sie das Geheimnis, Schulmeister. Wenn ich genesen kann, so werde
ich wiederum kommen.
    Und nachdem er mit seinen mchtigen Worten die groen nderungen vollzogen
hat, ist er mit dem Knecht und dem Schimmel des Grassteigers gegen Holdenschlag
gefahren.

    Andere hat das Leben, wie es unser junger Herr gefhrt, zugrunde gerichtet;
ihn hat es zum Sonderling gemacht. Sein tief angelegtes Wesen ist zwar
erschttert, aber nicht gestrzt worden.
    An demselben Tage, als des Morgens Hermann von hier abgereist ist, sind drei
Steckbriefe angekommen. - - Der junge, gndige Herr von Schrankenheim, seit
lngerer Zeit schon an Schwermut leidend, sei in Verlust geraten. Aller
Wahrscheinlichkeit nach sei er in das Gebirge gezogen, denn er habe sich mit
Kleidern versehen, wie sie Bergreisende tragen. - Und nun sind die Kleider, ist
mein ganzer lieber Zgling Hermann beschrieben gewesen, so genau wie ein
entsprungener Strfling.
    Gut, er wird ja zurckkehren. Er hat seine Waldbesitzungen bereist, was
weiter? Sollt' er denn just in der Weise der Reichen reisen? Sollte ein
Schrankenheim denn niemals aus seinen Schranken treten drfen.
    Das ist einmal ein Herr fr Winkelsteg, Gott sei Dank!
    Und mir ist Heil widerfahren, ist ja doch der Berthold und seine Familie
gerettet. Ich habe die Leute so schwer auf meinem Gewissen getragen.
    Die unklaren Worte unseres Waldherrn, die er mir bei seinem Abschiede
gesagt, sind zum Teile klar geworden. Die Waldlilie besucht das Schulhaus, und
wir ben uns im Lesen und Schreiben und allem, was daranhngt, so weit ich
selber Bescheid wei. Sie ist gar fleiig und gelehrig, kann selbstndig denken
und wird von Tag zu Tag noch schner.
    Frs erste in sie in ihren Namen hineingewachsen und hat etwas von einer
Lilie an sich; so schlank und wei und mild, und doch versprt man auf ihren
runden Wangen den Ku der Sonne. Frs zweite ist ihr von den Rehen jener
Winternacht was geblieben, die anmutige Behendigkeit und das Auge ...
    Du, Andreas! Siehst du jeden deiner Schler so genau an?
    Ja, sie gefllt aber allen.
    Sie gefllt den Armen, den sie beizustehen wei. Manchen Traurigen hat sie
schon getrstet durch ihre warmherzigen Worte; manchen Verzagten hat sie
erheitert durch ihren liebholden Gesang. Und es ist zu herzig, alle Kinder von
Winkelsteg kennen die Waldlilie und hngen ihr an. Tt' nur der Pfarrer noch
leben, der hat an so Leuten seine Freude gehabt.
    Und ritterlich ist das Mdchen; trutz wilder Tiere und bser Leute steigt
sie im Gebirge umher, um Frchte und Pflanzen zu sammeln. Es steht ja
geschrieben auf ihrer Stirne: Machtlos ist vor dir alles Bse!
    Letztlich bringt sie mir eine blaue Enziane mit hochroten Streifen, wie
solche nur drben im Gesenke wachsen.
    Bist du wieder am See gewesen, Lilie? frage ich. Da wird sie rot wie die
Enzianstreifen und luft davon.
    Etwan hat sie es gar nicht gewut, da ich einer jener Mnner bin, von denen
sie in ihrem Wildbade berrascht worden, vor denen sie sich in ihrer Not in die
Tiefe des Sees geflchtet, und von denen sie der eine ans trockene Land gezogen
hat?
    Der Vorfall mu ihr wie ein Traumbild sein, er mge nie mehr erwhnt werden.
    Aber von dem Waldherrn, der ihre Familie aus Not und Armut gezogen, spricht
sie mit Freude und Begeisterung.

                                                          Zur Auswrtszeit 1837.

    Es hat sich erfllt. Die Anzeichen sind in der Luft. gelegen seit jenem Tage
im Vorsommer, an welchem Hermann, wie neu erwacht zum gesunden Manne, in
Winkelsteg wieder angekommen ist und als sein erstes mich nach der Waldlilie
gefragt hat.
    Er findet keinen Gefallen mehr an den lauten, schwelgenden Kreisen, von so
vielen die Welt genannt, aber nichts weniger, als die Welt bedeutend. Den
Wendepunkt hat er berstanden. Er ist eingetreten in das gereifte Leben, in
welchem man nach der Schnheit der Schpfung und nach dem inneren Werte des
Menschen frgt. - Die Waldlilie ist eine wundersam schne Jungfrau geworden, und
meine Mhe um die Ausbildung ihrer Seelenanlagen ist herrlich belohnt.
    So hat es sich erfllt. Der Schrankenheimer hat seine Schranken
durchbrochen. Vor zwei Tagen, am Feste der Himmelfahrt des Herrn, ist in unserer
Kirche der Waldherr mit der Waldlilie getraut worden.
    Hermann hat drben am See im Gesenke ein Sommerhaus bauen lassen wollen, um
mit seiner Gattin alljhrlich einige Frhherbstwochen daselbst zu wohnen. Aber
die Waldlilie hat ihn gebeten, das zu unterlassen. Sie liebe jene Gegend, aber
sie knne den See nicht besuchen.
    Sie haben uns verlassen und sind davongezogen in die schne Stadt Salzburg.

                                                                 Im Winter 1842.

    In Einde und Einfrmigkeit vergehen die Jahre; warum nennt mich niemand den
Einspanig?
    Die junge Frau hat sich seither doch besonnen, am See im Gesenke steht das
Sommerhaus. Da geht es in den Wochen des Frhherbstes gar lebendig zu, und die
Bergwnde bewachen das Familienglck unseres Herrn.
    Der Frster, Vater Berthold mit seinem Weibe wohnt jahraus, jahrein in dem
Hause am See, und die Geschwister der Frau von Schrankenheim drfen auf ein
besseres Los hoffen, als jenes, von dem ihnen an der Wiege ist gesungen worden.
    Der alte Herr von Schrankenheim hat noch zwei Enkel gesehen, ehe er zu
Salzburg im Winter des Jahres 1840 verstorben ist.
    Winkelsteg hat durch das Haus im Gesenke nichts gewonnen. Dorthin ist eine
gute Strae gebaut worden, von dort aus werden die Wlder bewacht und die
Arbeiten geleitet. Dorthin kommen die Besuche fremder Herrschaften, dort werden
die groen Jagden angestellt. Das Haus in dem voreh so den und verrufenen
Gesenke ist das Herrenhaus; und Winkelsteg bleibt die arme Bauern- und
Holzschlgergemeinde, und die Zustnde zu Winkelsteg werden nicht besser, und
der Schulmeister zu Winkelsteg ...
    La das gut sein, Schulmeister.
    Vor einiger Zeit habe ich mir aus vielen Papierbogen ein Schreibebuch
zusammengeheftet und es zum Schutz mit Deckeln aus weiem Lindenholze versehen.
In demselben fhre ich nun ein heimliches Leben, von dem niemand was wei1.

                                                                 1. August 1843.

    Heute nacht ist dem Reiterbauer in den Karwssern ein Knblein geboren
worden. Sie haben es zur Taufe gebracht. Da der Pfarrer auf einige Tage verreist
und das Kind schwchlich ist, so habe ich ihm die Nottaufe gegeben. Auf den
Wunsch des Vaters bin ich gleich auch der Pate gewesen. Die drei lieben
Herrgottsgroschen, meine Erbschaft von der Muhme, vormaleinst auch mein
Patengeschenk, jetzund soll sie der kleine Peter haben.

                                                                 Im Sommer 1847.

    Als ich in den Wald gekommen bin, habe ich die Menschen zerstreut,
verkommen, ungezhlt gefunden. Heute sehe ich ein neues Geschlecht.
    Um die Kirche steht ein Dorf. Um das Dorf stehen Apfel- und Birnbume und
tragen Frchte; in allen Winkeln ist versucht worden, aus Wildlingen Edelbume
zu ziehen; groenteils ist es gelungen.
    Zum Sonntag kommen schmucke Menschen aus allen Grben. Die Mnner tragen in
ihrer Eigenart schwarze Knielederhosen und grne Strmpfe; die Weiber bauschige
Samtspenser und wunderspahafte Drahthauben mit Vergoldung und Bnderwerk. Das
ist keine Kleidung mehr, wie sie im Walde wchst. Sonst haben sie die Leinwand
von ihren Flachsckern, den Loden von ihren Schafen, das Schuhleder von ihren
Rindern, die Felle und Pelze von ihrem Wildstande getragen; heute streichen
Hausierer in den Winkelwldern um, schleppen wertvolle Rohstoffe fort und lassen
Prunk und Flitter dafr da. Zum Probieren, aus Spa߫ haben die Leute anfangs
die neuen unzweckmigen Dinge genommen, heute haben sie sich hineingelebt und
der Spa ist Ernst geworden.
    Die Jungen sind wohl weit vielseitiger, als die Alten, aber auch weit
anspruchsvoller; auch haben sie mir zu wenig Sinn und Ehrfurcht fr das Alte,
aus dem sie hervorgegangen sind. Nur den Tabak rauchen sie und den Branntwein
trinken sie noch, wie es die Alten haben getan.
    Was kann der alte Schulmeister allein machen? Ach, lebte mein Pfarrer noch!

    Der kleine Reiter Peter, mein Patenkind, ist ein ganz netter Junge; aber es
ist ein Unglck mit ihm geschehen, er hat durch einen Fall aus dem Bette die
Stimme verloren.
    Gerne wollte ich ihm die meine berlassen, fr mich hat sie keinen Anwert
mehr. Des alten Schulmeisters Stimme ist heiser geworden, da wird nicht mehr auf
sie geachtet.

                                                               Im Frhjahr 1848.

    Ich wei nicht, wie das fr mich nun werden wird. Ob es nicht am besten
wre, ich nhme auf einige Wochen Urlaub und ginge davon.
    Drauen zieht das Kriegsvolk, in den Stdten verrammeln sie die Gassen und
die Straen und reien die Palste ein. Eben deswegen kommt sie ja. Die Frau des
Feldherrn kommt, Hermanns schne Schwester, die mich so hat nrrisch gemacht.
    Im Hause am See ist kein Platz mehr, so flchtet sie sich mit ihren Kindern
zu uns.
    Das Winkelhterhaus wird fr sie eingerichtet. Wie danke ich Gott, da unser
Winkelsteg ihr eine Zuflucht bieten kann in dieser Zeit!
    Ich will denn doch nicht weggehen. Will bleiben und sehr stark sein und mich
nicht verraten. Ich will ihr einmal recht ins Auge schauen, ehe ich sterbe.
    Ich sehe es wohl, Gott meint es gut mit mir. Ihr Auge wird die dunkelnden
Waldberge lichten, ihr Atemhauch wird die Alpenluft mildern und weihen. Und
zieht sie auch wieder davon, Winkelsteg, wo sie geweilt, wird meine Heimat sein.
    Vor den Eingang des Hauses bauen wir einen schnen, hohen Bogen aus
Tanngezweige, und wir bekrnzen den Altar in der Kirche.
    Alles wird fein bereitet, aber kein Mensch denkt daran, da die Steine aus
dem Wege geschafft werden mssen. Solche Frauen haben zartere Fe als
unsereiner im Gebirge.

    Jetzund klaube ich schon einen Tag und zwei Nchte an den Steinen des Weges.
Die Leute la ich lachen und es ist nur gut, da der Mond scheint.

                                                             Einige Tage spter.

    Jetzt sind sie da. Sie und die zwei Kinder und die Dienerschaft. Da htte
ich freilich die Seine nicht wegzurumen gebraucht; sie sind mit Ro und Wagen
gekommen.
    Bei der Ankunft sind schier alle Winkelsteger auf dem Platze versammelt
gewesen. Der Pfarrer hat eine Begrung gehalten; ich habe mich in das Schulhaus
verkrochen. Aber ich bin im Herzen erschrocken; just vor meinem Fenster sind sie
ausgestiegen, und da hab' ich gemeint, sie wollten zu mir herein.
    Ich habe sie sehr gut gesehen; sie ist ja noch jnger geworden. Kaum aus dem
Wagen gehoben, luft sie einem Falter nach. - Das ist aber ihre jngste Tochter
gewesen. Sie selber ...
    Bei meiner Treu, ich htt' sie nicht mehr erkannt.

    Sie hat alte Spiegel mit goldenen Rahmen, aber so treu ist keiner, da er,
wie mein Herz, ihr herrliches Bild so bewahrt htte bis auf den heutigen Tag.
    Das Bild ist jetzt verloschen und meine Jugend wie Nebel zergangen.

                                                                Brachmonat 1848.

    Gestern bin ich den ganzen Tag im Gebirge herumgestiegen, bin gar auf dem
Zahn gewesen. Unterwegs hab' ich mich zehnmal gefragt: warum steigst du hinauf,
du altes Kind? - Oben wird die Antwort sein, hab' ich gedacht. Ich habe
Alpenkrone gesehen, ich habe in die blauende Tiefe des Gesenkes geblickt, wo an
der schwarzen Tafel des Sees das Herrenhaus liegt, ich habe gegen Mittag hin
mein Aug' angestrengt, mein schon recht schwaches Aug' aber - es ist gar
umsonst. So oft ich hinauf mag klettern, das Meer hab' ich noch immer und immer
nicht geschaut.
    Man soll es sehen knnen, heit es, aber an einem klaren Wintertag. -
Jetzund hab' ich sonst nichts mehr zu wnschen, so will ich das eine noch.
    Bei meinem Herabsteigen habe ich einen Strau von Alpenrosen, Edelwei,
Kohlrslein, Speik, Arnika und anderen Blumen und Pflanzen gesammelt, hab' ihn
vornehm auf meinen Hut gesteckt, wie ein tollverliebter Bursch. Fr wen trgst
du den Buschen heim? - Ich? fr Weib und Kind. - Hei, du verrckter Alter, du!
    Aber, wenn ich weg von ihr bin, wie da oben auf der Alm, so sehe ich doch
wieder, da sie hold ist. - Einen Alpenblumenstrau wird sie von mir nehmen, ich
will ja recht artig und nicht zudringlich sein. - Htt' ich nur eine einzige
Ader von dem alten Rpel, wie wollt' ich ein Lied hersagen, das sich zum Strau
tt' schicken! - So meine Gedanken; es ist schrecklich, wie ich noch bermtig
bin.
    Wie ich herabkomme zur Lauterhhe, wo der Schirmtanner ein Kreuz hat setzen
lassen und wo heute auf dem Waldanger des Holzmeisters Rinder grasen und lustig
dabei schellen, setz' ich mich zur Rast unter einen Baum. Ich gucke auf einen
arg verwsteten Ameisenhaufen hin. Nur wenige der Tiere kriechen ratlos herum
auf der Trmmersttte ihres Fleies.
    Ich merke es, ein Ameisengrber ist dagewesen, hat den herrlich
eingerichteten Staat zerstrt und beraubt. Mit den geraubten Eiern fttert er
gefangene Vgel, die frei sein sollten im Himmelslichte, die aber in der
Gefangenschaft schmachten ihr Lebtag lang, weil sie das Unglck haben, die
Lieblinge der Menschen zu sein. Es ist die Sage, da ber den Grabhgel eines
Ameisengrbers keine Ameise geht.
    Aus dergleichen Gedanken weckt mich ein Zupfen an meinem Hut; ich wende
mich, um zu sehen, wer mich neckt. - Eine braune Kuh steht da und zerkaut meinen
Alpenstrau.
    Bin aufgefahren, hab' das vorwitzige Rind mit meinem Stab wollen zchtigen,
da fllt es mir ein: gutes Tier, etwan machen meine Blumen dir mehr Vergngen,
als ihr; so gesegne dir sie Gott! Sie trinkt dafr deine gute Milch.
    Als ich zum spten Abend in das Dorf herabkomme, sind ihre Fenster hell
beleuchtet.

    Einen Spa mu man auch haben.
    Einer von den Bedienten der Frau, der Jakob, ist ein Kreuzkpfel. Knnen tut
er alles; er kann musizieren, kann schneidern und schustern und kann zeichnen;
gar Komdie spielen kann er. Die Frau mu aber solche Dinge nicht recht leiden
mgen, denn der Jakob kommt allerweg zu mir in das Schulhaus her, wenn er seine
Knste ben will. Da hab' ich meine Kurzweil und mu oft nrrisch lachen.
    Ich habe dem Jakob einen Pfeifenkopf geschnitzt, dafr schenkt er mir
allfort den besten Tabak. So schnitzen, sagt er, das knne er nicht. Die
Hflichkeit hat mir noch kein Mensch gesagt, wie der Jakob. Auch macht er mir
allerhand Schwnke vor; auf dem Kopf kann er stehen, bauchreden kann er,
wahrsagen kann er und Karten aufschlagen. Meiner Tag' hab' ich keinen so
geschickten Menschen gesehen. Aber eines habe ich ihn gebeten, in Gegenwart der
Schulkinder mge er nicht allzu viel so Knste treiben; 's ist mir lieber.
    Letztlich hat mich der Jakob gar gezeichnet. Auf Ehre, ich hab' nicht sitzen
wollen, aber er hat mich herumgekriegt, bis ich all meinen Staat um mich getan
und dort auf dem Holzblock Platz gefat habe. Er hat mich gezeichnet und mit
Farben bemalt, da es eine Herrlichkeit ist. Das rote Halstuch ist gar zum
Sprechen getroffen.
    Das Bild hat er mir geschenkt. Ich guck' es heimlich an; aber die
Schulkinder drfen mir's nicht sehen!
    Will's wohl fleiig verstecken.

    Hab' gemeint, ich werd' mich recht an ihre Kinder machen. Aber sie sprechen
eine welsche Sprache, und die versteh' ich nicht. Der junge Herr ist fortweg bei
Pferden und Hunden; das Mdchen mchte sich auf den Wiesen umhertreiben bei den
Blumen und Ksern. Aber das wird ihr verwiesen. Sie ist schon vllig zu gro, um
glckselig sein zu drfen.

    Dieser Tage ist Hermann - verzeih' mir's Gott, da ich ihn allfort noch so
nenne - vom Gesenke herbergekommen, um seine Schwester zu besuchen. Die Frau
hat sich krank gemeldet. Der Jakob sagt, die beiden htten kein rechtes
Zusammensehen. Die Gndigste erkenne keine Schwgerin an, die nach Tannenpech
rieche.
    Heute hat die Frau eine Tafel gegeben und dazu den Pfarrer und den
Grassteiger eingeladen. Mir ist ein Stck Braten und ein Glas Wein ins Haus
geschickt worden. Zum Glck geht ein Bettelmann vorbei, da mir die Speisen
nicht verdorben sind.
    So sind heute zwei Bettelmnner abgespeist worden.
    Bei der Tafel sei von mir gesprochen worden, sagt der Jakob. Die Frau habe
erzhlt, ich htte als armer Student in dem Hause ihres Vaters eine Weile das
Gnadenbrot genossen, dann sei ich aus der Schule davongegangen und als Vagabund
zurckgekehrt; dann htte mich ihr Vater um Gottes willen in den Wald getan und
mir das Brot gegeben.
    So weit du's nun, Andreas Erdmann; aber kein graues Haar desweg, es tte
die weien entstellen.

                                                                    August 1848.

    Nun sind sie wieder fort. Jakob hat mir ein schwarzes Beinkleid und einen
weien Handschuh dagelassen.

                                                                      Juli 1852.

    Die Grundablsungen sind bewilligt worden. Die meisten Bauern von Winkelsteg
sind nun ihre eigenen Herren. 's ist ihnen vom Herzen zu gnnen. Aber ihre Augen
sind schlechter geworden; jeder sieht mich nicht, wenn ich des Weges an ihm
vorberkomme.

    In diesem Sommer bin ich wieder auf dem Berg gewesen. Hab' schon gemeint,
ich sehe es gegen Mittag hin. Ist aber nur ein Nebelstreifen gelegen.
    Ich habe mir bei dieser Bergfahrt, ich wei nicht, durch das grelle Licht
der Weiten, oder durch einen scharfen Wrmewechsel, wieder das bse Augenleiden
zugezogen, das viele Wochen gewhrt und mich an meinem Berufe gehindert hat.

    Ich denke, dem stummen Peter Reiter sollte man ein wenig Musik lehren. Er
mu doch was haben, um sein Herz auszulegen. Es ist unglaublich, wie das weh
tut, wenn man alles in sich verschlieen mu.

                                                                           1853.

    Der Peter hat Schick; er spielt schon auf der Zither und auf der Geige.
Spter mu er mir an die Orgel. Die Winkelsteger werden auch in Zukunft noch ihr
Melied haben wollen. Ich werde nicht immer sein.

    Der Grassteiger, oder wie sie ihn jetzt heien, der Winkelwirt ist mir gut,
und er ist gegen jeden gut; ganz Winkelsteg hat an ihm einen Freund. Aber seine
alte Krankheit will sich wiederum melden. Wenn ihn zuweilen etwas erregt, so mu
er gar sehr mit sich kmpfen. Ich hab' gesagt, er sollt' wieder anheben mit den
Rosenkranzkgelchen; tten aber vielleicht nicht mehr viel helfen; es ist Gefahr
vorhanden, da er ins Trinken kommt. Der ginge zu Grund', wenn er nicht eine so
brave Frau htt'. Die Juliana wei mit ihm umzugehen, ihr zu Lieb' leidet er den
bittersten Durst.

    Der Branntweiner Schorschl - der Hannes ist schon tot - wirft mir dann und
wann die Fenster ein. Er hlt mich fr seinen grten Feind, weil ich die Kinder
vor dem Branntwein warne.
    Die Fenster verklebe ich mit Papier. Die Kinder warne ich vor Schdlichem,
so lang' ich lebe.

                                                                           1855.

    Der Pfarrer ist uns ausgetauscht worden gegen einen blutjungen. Der
Blutjunge sagt, die Seelsorge sei arg vernachlssigt, und will das Krumme auf
einmal gerade machen. Er ordnet Betstunden, Bu- und Bittgnge an. Seine
Predigten sind scharf wie Lauge. Fr manche mags taugen. Aber - es gibt so viele
wunde Herzen.
    Seit der neue Pfarrer da ist, bin ich in der Schule schier berflssig
geworden. Er fllt die Stunden mit Glaubensunterricht aus.
    Die Kinder haben mehr Fhigkeit, als ich je erfahren - den ganzen
Katechismus kennen sie auswendig.
    Der Kaiser und der Papst sollen miteinander ein eigenes Gesetz fr das
Seligwerden herausgegeben haben, und seit ewigen Zeiten ist zu Winkelsteg nicht
so viel vom Teufel gesprochen worden als jetzt.

                                                                24. August 1856.

    Heute ist ffentliche Schulprfung gewesen. Der Dechant von der Kreisstadt
ist da. In Glaubenssachen ist er sehr zufrieden. Was das brige anbelangt, hat
er den Kopf geschttelt. Beim Kommen hat er mich artig gegrt, beim Fortgehen
hat er mich nicht gesehen.
    
    
    Oft sitze ich eine lange Weil' da oben im Schachen unter den alten Bumen.
Dieser Schachen ist noch brig geblieben, von den groen Wldern, ber dessen
Grnden sich die Gemeinde breitet, als ein in die Kette der Menschheit
eingereihtes Glied.
    Ich mag unter dem Schachen sitzen, so lange ich will, kein Mensch ruft mich.
    Wenn die Toten nur nicht gar so fest schliefen!

    Ich bin ein alter Spher. Meine Augen sind krank und md' und gucken doch
zuweilen was aus.
    Durch den Bretterzaun habe ich es gesehen, wie der Reiter Peter das
Schirmtannermdchen an der Hand gefat und nicht mehr lassen hat wollen. Durch
tausend Gebrden hat er ihr was erzhlt, das Blut ist ihm in die Wangen
gestiegen, aber das Mdchen hat fortweg gesagt: Nein, Peter, nein.
    Da hat der Junge jhlings die Geige bei der Hand und spielt der Rosa ein
Stck vor, das ich ihm nicht gelehrt hab'. Wundersam ist es gewesen, wie ich es
meiner Tag nimmer htt' gemeint, da der Peter spielen knnt'.
    Ja, und so lange hat er's getrieben, bis ihm die Rosa ist an den Hals
gefallen: Hr' auf, mir tut's zu weh! Peter, ich hab' dich ja gern.
    's ist ein Gescheer mit den jungen Leuten. Hat so ein Bursch' keine Stimm'
zum Schwtzen, so hebt er seine Liebschaften gar mit der Geige an.

                                                           Zur Winterszeit 1857.

    So ein Tagebuch ist doch ein treuer Freund. Was man ihm auch anvertrauen
mag, es vergit nichts und plaudert nichts aus. Wenn ich diese Schriften
durchsehe, so kann ich es gar nicht glauben, da ich das alles mit erlebt und
geschrieben habe. Es sind wunderliche Geschichten.
    Ich bin doch einmal wer gewesen! Aus einem alten Mann bin ich ein junger
geworden; aus einem jungen wieder ein alter, halbblinder, dem bei dem Meliede
schon die Noten tanzen auf dem Blatt. Die Leut' haben mich beiseite geschoben
...
    Mein Gott, anderen geht es auch nicht besser. Ich verlang' ja nichts; ich
hab' mein Teil getan und bin's zufrieden.

                                                                           1864.

    Und seit fnfzig Jahren bin ich nicht mehr aus diesen Wldern gekommen.
    Und die Waldleute entstehen, leben und vergehen, dahier und steigen in ihrem
ganzen Lebenslauf nicht ein einzigmal auf den Berg, wo man die Herrlichkeit kann
sehen, und am hellen Wintertag das Meer.
    Das Meer! Wie wird es da leicht und weit im Herzen! Dort zieht ein Kahn,
steht ein Jngling darin, der winkt -
    Heinrich! Was ist das? -

    Der Narr! Versitzt seine Lebenszeit im Winkel und htt' ein Schiffer werden
sollen!

                                                            Heiliger Abend 1864.

    Die Laufbahn ist kurz. Vom Winkelhterhause bis hinab zu der Kirchhofsmauer
rutschen sie auf ihren Brettchen und Schlittchen dahin ber den gefrorenen
Schnee. Und wie sie dabei lrmen und die Sache beeifern! - Ich warte auf den
Reiter Peter, er kommt mit seiner Geige, da wir zusammen das neue Krippenlied
versuchen. Einstweilen gucke ich den lustigen Kindern zu und schreibe.
    Pelzhauben haben sie auf, die Kleinen und eine ganze Weile haben sie zu
trippeln und zu schnaufen, bis sie mit ihrem Fahrzeug oben ankommen - und unten
sind sie in zehn Augenblicken. Lange Mh' und kurze Freud'!
    Der Peter kommt mit der Weihnachtsprobe. Schlaf' s, schlaf' in heiliger
Ruh'! Das Lied soll morgen -

                                Das letzte Blatt


    - morgen -
    Mit diesem Worte enden die Schriften.
    Zwei lange Regentage hatte ich gelesen. Aus dem vorigen Jahrhundert hatte
ich mich durch ein merkwrdiges Leben herangelesen bis zu dem letztvergangenen
Weihnachtsfeste.
    - morgen -
    Der Kopf war mir hei und schwer, ich blickte nach der Tr. Der Mann mu ja
hereintreten und weiter schreiben, was am nchsten Morgen gekommen, wie es
weiter gewesen war. Denn das ist kein Abschlu und kein Abschied, das ist ein
hoffender Blick in die Zukunft, ein Morgenstern.
    Fast wie eine berzeugung empfand ich's: der Schulmeister lebt. In der
Fremde wird er wandern und irren, der arme Mann mit der groen Sehnsucht, die
keinen Namen hat. Es ist die Sehnsucht, die wir alle empfinden, ob seichter, ob
tiefer, die Sehnsucht nach dem Ganzen, Allgemeinsamen, nach dem Wahren aber
Unfabaren, in dem unsere drngende, strebende, bangende Seele Ruhe und Erlsung
zu finden hofft.
    Mir war, als mte ich auf und davon und den alten, guten, kindlichen Mann
suchen allerwege. - Was war das fr ein groes Streben und Ringen gewesen! Ein
vergebliches Aufraffen nach den Zielen der Gesellschaft; ein krampfhaft
unterdrcktes Auflodern jugendlicher Leidenschaft, ein verzweifeltes
Hineinstrzen in die Wirren des Lebens, ein begeisterter Flug durch die Welt,
ein furchtbares Erwachen aus Tuschung, ein Fliehen in die den der Wildnis, ein
stilles, stetes Wirken in Ergebung und Aufopferung, ein groes Gelingen, eine
tiefe Befriedigung. Da naht das Alter, ein junges Volk und neue Verhltnisse
bieten keine Gelegenheit zu Taten mehr; ein betrbtes Zurckziehen in sich
selbst, Verlassenheit und Einsamkeit, Zweifeln, Grbeln und Trumen und ein
stilles Ergeben und Versickern. In Alter, Unbehilflichkeit und Einfalt ist er
ein Kind geworden; ein in Trumen lchelndes, glckliches Kind. Aber die
Sehnsucht und das Ahnen des Jnglings ist ihm geblieben. Und ein groer Lohn ist
ihm geworden, ein Entgelt, das uns mit seinen Schicksalen vershnt; ein Entgelt,
wie es die Welt nimmer gibt und geben kann, wie es nur aus treuer Erfllung des
Lebens entsteht: der Frieden der Seele.
    Die Wachtel der Uhr schlug achtmal. Ich verschlo die Bltter sorgsam in die
Lade und ging hinab gegen das Wirtshaus. Es dunkelte schon; eine frostige Trbe
lag allerseits und eine scharfe Luft strich durch den feinrieselnden Regen.
    Der Lazarus stand vor der Haustr, wendete sein Gesicht nach allen
Himmelsgegenden und sagte: 's wird anders werden. Er sagte es zu sich selbst.
Er hatte gewi keine Ahnung, da der junge, fremde Mensch, der ihm nun nahte,
seine ganze Geschichte wisse.
    Der Wirt war an demselben Abend recht redselig, aber ich war schweigsam und
begab mich bald wieder in mein Schulhaus zur Ruhe.
    Wie sah ich nun alles ganz anders an, als vor zwei Tagen. Fast daheim war
ich in diesem Alpendrfchen, in welchem ich gleichsam mit dem Schulmeister jung
gewesen und alt geworden.
    Und der Mann, der die Gemeinde gegrndet und grogezogen mit seinem
Lebensmark, sollte fremd sein und vergessen?
    Nein, er ist berall zu verspren. Unsichtbar steigt er in Winkelsteg herum
Tag und Nacht, zu jeder Stund'! - hatte nicht so der Kohlenbrenner gesagt?
    Der nchste Morgen war so hell, da er mir durch das geschlossene Augenlid
drang. Als ich es ffnete, sah ich einen lichten, klaren Wintertag.
    Ich sprang auf. Es hatte geschneit; die weie Hlle lag ber dem ganzen
Tale, auf allen Dchern und Bumen. Der Himmel war rein.
    Bald war ich gerstet zu meiner Alpenfahrt.
    Heut' wohl! sagte die Wirtin, heut' ist es sein auf der Hh', wenn den
Herrn der Schnee nicht irrt. Wer Geduld hat, sag' ich fort, der erwartet alles
auf der Welt, gar ein schn' Wetter in Winkelsteg. Mitnehmen mu der Herr halt
wen. Dann zu ihrem Manne: Du, leicht will sich der Reiter Peter einen feinen
Fhrerlohn verdienen?
    Der Reiter Peter, sage ich, der ist mir schon recht; das Schwtzen
unterwegs ist mir ohnehin zuwider.
    Ei, der Herr wei es schon, da der Peter nicht schwtzt; ja, der ist fein
still, hat er die Geigen nicht bei sich.
    Der Peter war jener stumme, junge Mann, der mir vor zwei Tagen nach der
Messe an der Kirchtr begegnete. So stieg ich denn mit dem Patenkind des
Schulmeisters, mit allem Ntigen wohl versorgt, das Gebirge hinan.
    Der Schnee war weich und leuchtete in der Morgensonne, und hub an zu
schmelzen. Bald standen die niedergedrckten Pflanzen und Blumen wieder auf, und
die Vgel sangen und hpften in dem Geste und schttelten die Flocken von den
Bumen. Frisch und neulebendig grnte es zwischen dem rosig angehauchten Wei,
und in einer groen Klarheit lagen die Waldberge. Es war in einer wundersamen
Weise der Sommer vermhlt mit dem Winter.
    Wir gingen an dem Schachen des Friedhofes vorber; der Peter zog seinen Hut
vom Kopfe und trug ihn solange in der Hand, bis wir vorbei waren. Die alten
Bume flochten hoch ber den wenigen Grbern die ste und Kronen so ineinander,
da es war wie in einem gotischen Dome. Wohl legte sich ber den Wipfeln noch
der Schneeschleier hin, im Schatten auf den Grbern aber prangte frisches Gras
und Moosgeflechte, und darber ragten und lehnten an den Stmmen, oder lagen
verwahrlost hingestreckt die grauen, bild- und inschriftlosen Holzkreuze.
    Ich wollte mir die Ruhesttte des Pfarrers Paulus und des Reim-Rpels zeigen
lassen. Der Peter sah mich fragend an; davon wute der junge Mann nichts.
    Spter kamen wir auf einen Bergsattel.
    Wir sind auf der Lauterhhe? fragte ich meinen stillen Gefhrten. Er
nickte bejahend mit dem Kopfe. Ich dachte an den zerstrten Ameishaufen, an das
Rind, das den Alpenstrau fra, an die Schirmtannen da hinten, an den
Schirmtanner, und pltzlich fragte ich den Peter: Die Schirmtanner-Rosel, die
kennst du?
    Er wurde rot wie eine Alpenrose.
    Von diesem Bergsattel aus hatte sich gegen Mitternacht hin eine ganz neue
Gegend aufgetan; Tler und Waldberge zogen sich in tiefer Klarheit hin; links
erhoben sich Felswnde, die weit ber die Wlder weg einen schrndig
durchbrochenen Wall bildeten. In dieser Richtung hin dachte ich mir die Gegenden
der Lautergrben, Karwsser, der Wolfsgrube und des Felsentales.
    Der Weg fhrte talab; wir aber bogen links ein und stiegen durch
Fichtenwald, Zirmgestruche immer hher empor bis zu den Almblen, die sich
hinanziehen gegen die ragenden Felsmassen.
    Die Schneehlle war hier zwar etwas dichter und sprder, hinderte aber nicht
sonderlich im Wandern. Ein paar Htten standen da, aus deren Dachfugen Rauch
hervordrang und in deren Stllen die Rinder schellten. Diese muten heute Heu
fressen, aber nach dem Schnee sollen gute, warme Tage kommen. In welchem Fenster
dieser Htten wohl der Meisterknecht Paul gesteckt sein mochte?
    Wir schritten weiter; bald merkte ich, da mein Begleiter selbst den Weg
nicht kenne. Der Schnee war hier schon fast geschmolzen in der Sonne. Wir gingen
den Felsen zu, stiegen an den Mulden empor, wie ich mich erinnerte, da der
Schulmeister gegangen war, und endlich kamen wir auf das Grat.
    Das Bild war unvergleichlich. Der Schulmeister hat es geschildert.
    Wir gingen dem Grat entlang, ruhten dann ein wenig, um uns mit Brot und
Fleisch zu laben und die Steigeisen an die Fe zu schnallen. Hierauf gingen wir
langsam ber das Gletscherfeld hinan gegen den Kegel.
    Die Luft war auerordentlich rein und ruhig; ich empfand in mir eine Frische
und ein Wohlbehagen zum Aufjauchzen. Je nher wir der Spitze kamen, je flinker
frderten wir unsere Schritte; auch der Peter war lustig geworden.
    Nun waren wir oben, standen auf der Spitze des Zahn. Mir war zumute, als
wre ich schon frher mehrmals auf dieser Hhe gewesen. Um uns lag in einer
unendlichen Ruhe - wie der Schulmeister sagt - die Krone der Alpen.
    Selbst dort hinter den weiten Wldern, im sonnendurchwobenen Mittag ragten
die Kanten und Spitzen eines fernsten Gebirgszuges noch deutlich, und darber
hinaus, schnurgerade hingezogen lag ein schimmerndes Band - das Meer!
    Mir war zumute, als mte ich fortrasen hinab von Fels zu Fels und hin ber
Berg und Tal, den Schulmeister zu suchen, ihm zuzurufen: Kommet und sehet!
    In lauter Begeisterung und in stiller Versunkenheit habe ich wohl lange
hinausgestarrt. Dann stiegen wir einige Schritte niederwrts unter den
Steinvorsprung, wohl denselben, an welchem der Mann vor fnfzig Jahren gesessen
war und getrumt hatte.
    Hier war noch ein wenig Schnee. Wir setzten uns auf trockene Kltze und
hielten Mahlzeit. Der Peter spielte mit seinem Stock im Schnee; er zeichnete
Buchstaben hin; ich meinte, er wolle mir etwa seine Gedanken und Empfindungen
aufschreiben. Aber er zerstrte die Zeichen wieder und es war nur loses Spiel.
    Mein Auge schweifte hinaus, flog von einem Berg zum andern, bis zu den
fernsten, italischen Hhen. Es glitt hin, es trank vom Meere. ber den Wassern
sah ich das Lichtwogen der mittgigen Sonne ...
    Pltzlich gellte neben mir ein Schrei. Der Bursche war emporgesprungen und
wies mit beiden Hnden auf den hgeligen Schneeboden hin.
    Ich forschte nach der Ursache, da waren noch des Jungen Buchstabenreste, da
war aufgewhlter Flaum, da war -
    Es war grauenhaft zu sehen. Von der Schneehlle halb blogelegt starrte ein
Menschenhaupt hervor.
    Nur wenige Augenblicke war der Bursche schreckerstarrt, tatlos dagestanden;
dann eilte er, die Erscheinung von der Schneehlle vollends zu befreien. Mit
Fieberhast arbeitete er, und als ein ganzer Menschenkrper dalag, da verbarg er
sein Gesicht, sank mir in die Arme und wimmerte.
    Da lag ein mumienhafter Mann, gerollt in einen braunen Mantel, die Zge
eingetrocknet, die Augen tief gehhlt, die wenigen Locken des Hauptes wirr - - -
    Kennst du ihn? fragte ich den Burschen.
    Er neigte traurig den Kopf.
    Ist es der Schulmeister? rief ich aus.
    Der Peter neigte das Haupt. -
    Als wir endlich einige Fassung gewonnen hatten, huben wir an, den Toten
nher zu betrachten. Er war sorgsam in den Mantel geschlagen, an die Schuhe
waren Steigeisen geschnallt, daneben lag ein Bergstock. In dem halb offenen
Ledertschchen fanden sich einige verdorrte Brotkrumen und ein
zusammengeknlltes feuchtes Papier. Nach diesem griff ich und zog es
auseinander. Da standen Worte, Worte in schiefen, regellosen Zeilen, mit
Bleistift unsicher hingedrckt.
    Die Worte sind leserlich und lauten:
    Christtag. Ich habe bei Sonnenuntergang das Meer gesehen und das Augenlicht
verloren. - - -
    So hatte er sein Ziel geschaut. Als Erblindeter hatte er das Blatt
beschrieben, das letzte Blatt zu seinen Schriften. Dann hatte er sich wohl
hingelegt auf den Steinboden, hatte die eisige Winternacht erwartet und war in
derselben gestorben.
    Wir bauten aus Steinen einen Wall um den Toten und wlbten ihn notdrftig
ein. Dann stiegen wir nieder zu den Almen und den krzeren Weg ber Miesenbach
nach Winkelsteg.
    Des andern Morgens zur frhen Stunde stiegen ihrer viele empor gegen den
grauen Zahn, und ich mit ihnen. Der alte Schirmtanner war auch dabei, der wute
vieles von dem Schulmeister zu erzhlen und seine Worte stimmten mit den
Schriften berein.
    Und so trugen wir den alten Andreas Erdmann, der in der trockenen, kalten
Alpenlust fast zur Mumie vertrocknet war, herab in das Tal der Winkel zur
Pfarrkirche, die unter seinem Walten erbaut worden war; trugen ihn auf den
Friedhof, den er selbst angelegt hatte im Schatten des Waldes.
    Die Nachricht, der alte Schulmeister sei aufgefunden worden, hatte sich bald
verbreitet in den Winkelwldern, und alles strmte herbei zum Begrbnisse, und
alles pries den guten Mann. Der Winkelwirt weinte wie ein Kind. Der hat meinen
verlassenen Vater gesegnet auf dem Todbett! rief er. Den Peter mute der
Schirmtanner von der Bahre hinwegfhren.
    Der Frster vom Herrenhaus war da. Ganz in der Nhe des Grabes wuchs eine
Waldlilie.
    Der Branntweiner Schorschl hielt einigen, die am Friedhofseingange standen,
eine Rede; er habe nichts, gar nichts gegen den Schulmeister gehabt, doch der
Schulmeister sei eigensinnig gewesen. Das eine sei zu bedenken: htte der
Schulmeister ein Flschel Wacholderbranntwein bei sich gehabt, er wre nicht
erfroren.
    Zur Abendstunde unter Fackelschein ist der gute, alte Mann in die Erde
gesenkt worden.

    Die Schriften, zu denen ich in so eigentmlicher Weise gekommen bin, habe
ich mir von der Gemeinde Winkelsteg erbeten, auf da ich sie der ffentlichkeit
bergebe, als Zeugenschaft von einem armen, reichen, fruchtbaren und selbstlosen
Leben in der Verborgenheit des Waldes.
    In schmerzlicher Bewegung habe ich das letzte Blatt mit den Bleistiftworten
zu den Schriften gelegt. Schlage nach, mein Leser, es wird dir ein Umstand nicht
entgehen: das erste Blatt ist von einem Kinde an das Jenseits gerichtet. Und von
demselben Kinde wird nach der Erfllung der Zeit das letzte Blatt gleichsam aus
dem Jenseits herbergesandt, uns Ringenden auf Erden als des Vermchtnisses
Siegel mit der Inschrift:
    Entsagung und Ergebung!

                                    Funoten


1 Dieses Schreibebuch ist in den Schriften nicht vorgefunden worden.
                                                                Der Herausgeber.

